Oskar Schürer (1892-1949) / J. Adolf Schmoll gen. Eisenwerth, Darmstadt, Kunstgeschichtliches Institut der Technischen Hochschule
Abstract
UB Digital. Kunst im Osten und Norden / Oskar Schürer (1892-1949) / J. Adolf Schmoll gen. Eisenwerth, Darmstadt, Kunstgeschichtliches Institut der Technischen Hochschule. In: Kunst im Osten und Norden. Jg.3.1949. 1949
Full text
Universitätsbibliothek Paderborn Kunst im Osten und Norden Mitteilungen d. Arbeitsgemeinschaft Kunst im Osten und Norden Oskar Schürer (1892-1949) Schmoll, Josef A. Marburg, Lahn, 1949 - 1955[?] urn:nbn:de:hbz:466:1-37409
J.A.Schmoll gen .Eisenwerth : Oskar Schürer (1892-1949). In: Kunst im Osten und Norden .Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft Kunst im Osten und Norden . Marburg .Jg.1949,o.S.
Aus :"Kunst im Osten und Norden "-Mitteilungen der Nord -und Ost -Abteilung beim 'Forschungsinstitut¬ für Kunstgeschichte ',Marburg a.d.Lahn ,-1949. Gruppe I:Kunstwissenschaft und Kunstpflege Untergruppe 9:Einzelne Gelehrte S1:Schürer Oskar (1392-1949 ) Am 29 .^pril 1949 verstarb nach langem ,schwerem Leiden in einer Heidelberger Klinik der Ordinarius für Kunstgeschichte an der technischen Hochschule - Darmstadt ,Prof .- ^r.Oskar Schü¬ rer . Der am 22 .Oktober 1892 als Spross einer alten Augsburger Bür¬ gerfamilie und einer rheinischen Mutter zu Augsburg Geborene stand erst im 56 .Lebensjahre .Er wurde aus einem breit ange¬ legten Lebenswerk gerissen ,dessen Umfang erst nach seinem Tode ganz bewusst werden dürfte . Schürers Persönlichkeit ,von starker "irkung gerade auf die jüngere Generation ,wurde bestimmt durch eine tiefe Mensch¬ lichkeit ,durch eine seltene expressive Erlebnisfähigkeit und durch die dichterische ' Wortgewalt seiner künstlerischen - Deu¬ tungen . Seine drei ersten Veröffentlichungen kennzeichnen ,sein Wesen : 192Ö promovierte er bei ^ichard Hamann in Marburg mit der "Saugesohichte der Klosterkirche Haina "(bei Kassel ),einer exakt stilgeschichtlichen Bauuntersuchung . Im gleichen Jahre erschienen drei schmale Gedichtbände von ihm bei Kurt Wolff .In ihnen hat er sein Kriegserlebnis ,das ihn mit elementarer vvucht angepackt hatte ,aus der nun gewon¬ nenen pazifistischen "icht zu formen versucht ,Oskar °chürer wird damals als eine grosse Hoffnung der jungen expressioni¬ stischen Lyrik bezeichnet . Als 1926 seine Doktorarbeit über die Zisterzienserkirche Haina im Druck erschien ,erfolgte fast gleichzeitig seine erste Veröffentlichung über Pablo Picasso (die ein Jahr spä¬ ter in die ^uchreihe "Junge Kunst "aufgenommen wurde ).Es war eine der ersten grundsätzlichen Deutungen des Phänomens Pi¬ casso in deutscher Sprache . In Oskar Schürer rangen die dichterische - °egabung ,die Fähig¬ keit zu erlebnisstarker ^ormdeutUng ,der Drang zum wissen¬ schaftlichen "ahrheitsbilde miteinander ,sich gegenseitig nicht ausschliessend ,sondern sich aneinander höher treibend . -lachst als Kritiker ,Schriftsteller ,Lehrer und x 'orscher in Dresden tätig ,lebte er seit 1924 acht entscheidende Jahre in Prag .Hier und von hier aus drang er immer tiefer in das We¬ sen osteuropäischer Möglichkeiten und Gefährdungen ein .Frucht dieser Jahre ist das grosse Prag -Buch ,das ihn rasch über Deutschland hinaus bekannt machte ("Prag -Kultur ,Kunst ,Ge¬ schichte ",Wien 1935 u.1935 ,München 1939 u.1940 ,Wien 1947 , demnächst in 6.Aufläge in Stuttgart ),^as ^uch schildert das Schicksal der Goldenen Stadt in einer so weitherzigen Objek ^ tivität ,dass ihm begeistertes Lob (aber natürlich auch na¬ tional -beschränkte Kritik )von deutscher und tschechischer
13 S1.02 ~ eite zuteil wurde .Im.Prag -^uch hat Schürer einen ganz nexierr-l'ypus urbaner Kult - Urgeschichte geschaffenen dessen Zentrum der begriff der °tadt als Lebensorganismus steht . •Jeben Prag fesselte ihn 'sodann im böhmischen x, - aum die alte - staufische Grenzfeste Eger .Es entstehen eine & eihe von Untersuchungen ,die von der prachtvollen Doppelkapelle auf der Burg Eger ausgehen und in Grabungen und in einer Ge¬ samtdarstellung der Pfalzanlage gipfeln ("Die Doppeika - polle der Kaiserpfalz Eger ",1928 ;"Romanische ^'oppelkapol - lf i-eine typengeschichtliche Untersuchung ",Marburger Jt -..rbuch 1929 ;"Geschichte von - °urg und Pfalz Eger "» Mün¬ chen 1934 )-Mit der zuletztgenannten Arbeit hatte er sich 1932 bei Paul P. rankl an der Universität Halle /Saale habi¬ litiert .• ■ loch einmal führte ihn der "eg nach Osten :1934-1937 un¬ tersuchte er zusammen mit - ^rich ^iese die deutsche Kunst in der Zips ,einer alten deutschen Siedler -Enklave am Puss der Hohen Tatra .Die veröffentlichung der - ^xpeditions er - gebnisse (Brünn 1933 )kam der Heuentdeckung einer ostdeut¬ schen Kunstprovinz gleich . Als - ^oze-nt in Halle und seit 1937 an der Universität Mün¬ chen wandte er sich wieder stärker der Kunst seiner enge¬ ren Heimat zu .1934 erschien in der - keine "Deutsche bau¬ ten "sein - °and über "Augsburg ",schon äusserlich das Be¬ kenntnis zur Stadt als ^esamtkunstwerk .ausdrückend .Augs¬ burg ,"die heimliche Königin unter den deutschen ^tädten ", wurde jetzt ,nach dem Erlebnis der Gestaltgefährdungen im Osten ,zum eigentlichen Erlebnis der Gestaltbewältigung . Seine geliebte Vaterstadt und ihre architektonische Krö¬ nung durch das v ,erk des °tadtbaumeisters ^lias Holl (1573 -•1646)wurden in Schürers Deutung ein Denkmal klassisch •r Lebensformung deutschen Bürgertums ("Augsourg ",Burg bei Magdeburg 1934 ;"Gesinnung der Augsburger Architektur ", Ansprache am Tag aller - "- ugsburger 1936 ;"Elias Holl ,der •Hugsburger Stadtwerkmeister ",Schriften des Deutschen Mu¬ seums ,Berlin 1933 ;"Augsburg ",Bildband 1940 ). Das einzelne Bauwerk ,die Bauten einer Generation ,die Stadt als Ganzes wurden durch Schürer seit den Erlebnissen von Prcig und Augsburg immer wieder wachstumsmässig und ge¬ schichtlich durchblutet empfunden .Weben seinen verstreu¬ ten Aufsätzen über Krakau und Ranzig ,« > ien und Frankfurt , Nürnberg und "ürzburg ,Braunschweig und Metz entsteht wie¬ der ein geschlossenes Buch über eine otstdt im Grenzschick - srl :,:as alte Metz '(München 1944 ).Sein grosser Plan ,ein "Liropäisches Städtebuch "zu schreiben (oder gar eine sol¬ ch Buchreihe ),wurde ihm durch die schwere Erkrankung aus de ;•Hand genommen.Noch zuletzt erhob er seine malmende 3oimme zur rechten Erkenntnis der gestaltenden Kräfte im Sern unserer alten ^tädte bei allen Prägen des Neuaufbaus "Unsere alten Städte -gestern und heut® "in :Zeitschrift für Kunstgeschichte 1947 ).
19 S1 .03 Wie er im Leben und in seinen ^tädtestudien immer wieder die Gronzerlebnisse aufsuchte und gestaltete ,so erforschte er auch in den Gebieten der Malerei und Plastik die ^ormpreoleme an Grenzschwellen .Das war es auch ,was ihn an der modernen Kunst fesselte und was ihn zur frühen Deutung Picassos trieb .Hierher gehören seine Aufsätze :"Per ßildraum in den späten werken des Hans von Marees "Zs .für Ästhetik u.allgemeine KunstwLasenschaft 1934 )i"Wohin ging Dürers ledige "anderfahrt ?"(Zs .für Kunstge¬ schichte 1937 )?"Deutsche Landschaftsmalerei um 1500 "(Fest¬ schrift Richard Hamann 1939 )»"Zu D.D.Friedrichs Gemälde "Böh¬ mische Landschaft "(Festschrift Erich Gierach 1941 );"Mönch am Meer .von C.D.Friedrich "(Kunst 1,1948 ). Aus dem tiefen Erleben der 'Formgefährdungen und -bewegungen und aus der Einsicht in die Mehrschichtigkeit jedes Kuristwerks ,und besonders jener an den Grenzen zweier Epochen ,ging auch eine seiner gerundetsten Darstellungen 'hervor ,die Monographie "Michael Fächer "(Bielefeld -Leipzig 1939 )••Hoch die letzte abgeschlossene Studie Oskar °chürers handelt von den ^'ormproblemen in der ^ndphase der Entwicklung des spätgotischen Schnitzaltars :"Der Al¬ tar zu Babenhausen /Hessen "(Veröffentlichung in Vorbereitung ). Alle seine - ^inzelstudien galten zuletzt der Gewinnung einer gros¬ sen Sicht über den symbolischen Kern und die *'orms Chi cht ungen im einzelnen Kunstwerk und über das Gesamt Schicksal der abendländi¬ schen Kunst .In seinen drei Heden "Vom inneren Aufbau "(Stutt¬ gart T946),insbesondere in seiner "Bede an die Künstler "wird diese Schau ,die 'in Ausschnitten schon in seinen früheren Aufsät¬ zen über Picasso ,Marees ,0.- ^.Friedrich und Dürer aufleuchtet ,in grossen Umrissen sichtbar .Ihrer endgültigen Klärung war seine letzte Kraft gewidmet .Seine aus dieser gewonnenen Schau eich ihm ergebende Diagnose der künstlerischen Zeitkrisc näherte sich in vielem den letzten ,entscheidenden bedanken hierübci .wie sie von Wilhelm Pinder ,Theodor .Hetzer ,Adama van Scheltema und Hans Sodlmayr ausgesprochen wurden .Oskar Schürers bis zuletzt kraft¬ volle ,enthusiastische Natur ,aber auch seine tiefe Leidensfähig¬ keit trug einen starken Glauben an die Unverwüstlichkeit echter , schöpferischer Kräfte ,die aus der Zeitkrise in eine «eltwende zu führen fähig sind .In dieser Lebensgläubigkeit beruhte wohl ein Geheimnis seiner ausserordentlichen persönlichen ^trahlungskraft , von der jeder berührt wurde .der den wahrhaft grossen ,auch körper¬ lich mächtigen Mann als sprachgewaltigen Redner und mitreissen¬ den Lehrer ,oder als gütigen Menschen des Älltags kennenlernen durfte ,der für alle Nöte seiner Mitmenschen ein offenes Ohr hatte .Er konnte grimmigen bajuvarisch -schwäbischen Humor entfal¬ ten ,wenn er anlassende ßeschänktheit oder dürftige Fadheit aus den Bezirken der Wissenschaft oder der Kunst verwies ,far die ihifi blutvolles Erleben die Voraussetzung war .In diesem «'eiste fasste er auch die Wissenschaft als "Lebenskraft 11 auf ,wie es ^oethe for¬ mulierte .Daher war es eine schöne und sehr sinnvolle Ehrung für ihn ,als er noch auf seinem qualvollen Krankenlager in diesem Frühjahr die Ernennung zum korrespondierenden Mitglied der Goethe Akademie der Universität See Paulo /Brasilien erhielt "wogen sei¬ nes im goethisohen Sinne geführten Lebenswerkes ,". J.Adolf Schmoll gen .3isenwerth ,Darmstadc ,Kunstgeschieh11iches Institut der Technischen Hochschule )