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Laudatio auf Armin Sandig / J. A. Schmoll gen. Eisenwerth

Schmoll, Josef A.

Abstract

UB Digital. Laudatio auf Armin Sandig / J. A. Schmoll gen. Eisenwerth. In: Jahrbuch .... Jg.7. 1993, S. 299-302

Full text

Universitätsbibliothek Paderborn Jahrbuch ... Laudatio auf Armin Sandig Schmoll, Josef A. Göttingen, 1.1987 - urn:nbn:de:hbz:466:1-37387 J.A.Schmoll gen .Eisenwerth : Laudatio auf Armin Sandig [zur Verleihung des Friedrich-Baur-Preises für Bildende Kunst]. In: Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Bd.7(1993),S.299-302. J . A . SCHMOLL GEN . EISENWERTH Laudatio auf Armin Sandig Der Friedrich -Baur -Preis für Bildende Kunst , vergeben durch die Bayerische Akademie der Schönen Künste , wird in diesem Jahr dem Maler Armin San¬ dig überreicht . Es war ein guter Gedanke , diesen Preis wieder einem aus Oberfranken stammenden Künstler zu geben , da der Sitz der den Preis stif¬ tenden Firma in Oberfranken liegt . Mit Armin Sandig wird ein Maler ausge¬ zeichnet , der zwar früh seine Heimat verließ , um in der Fremde , wenn auch durchaus in Deutschland - nämlich in Hamburg - , Anerkennung zu finden . Aber er fühlt sich doch seiner Herkunft nach als Oberfranke . Sandig wurde 1929 in Hof geboren . Nach einigen Jahren in München übersiedelte er nach Hamburg . Man darf an den etwas süffisanten Vers von Goethe und Schiller erin¬ nern , den sie in den frechen »Zahmen Xenien « auf den Dichter Jean Paul Friedrich Richter formulierten , der 1736 in Wunsiedel bei Hof geboren wur¬ de und sein Leben bis auf halb unglückliche , kurze Zeit in Weimar , in seiner oberfränkischen Heimat zubrachte : »Richter in London ! was war ' er ge¬ worden ! Doch Richter in Hof ist, halb nur gebildet , ein Mann , dessen Talent euch ergötzt .« Nun , Sandig hat Hof verlassen , lebte zwar nicht in London , aber doch am deutschen Hafen dorthin , nämlich in Hamburg , immerhin einer Welt¬ stadt . Der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Lande und so fand Sandig bisher in seiner ursprünglichen Heimat nicht die Anerkennung , die ihm Hamburg entgegenbrachte . Denn hier ist der junge Künstler bald be¬ kannt und gefördert worden . Schon 1957 wurden Arbeiten von Sandig in der renommierten Hamburger Kunsthalle ausgestellt , übrigens im gleichen Jahr , in dem ihm immerhin auch die »Freunde junger Kunst « in München 299 J.A.Schmoll gen .Eisenwerth eine Einzelschau einräumten !Es folgten zahlreiche Ausstellungen an vielen Orten der Bundesrepublik ,über fünfzig bis heute ,darunter tatsächlich auch einige in fränkischen Landen :1970 in der Galerie Defet Nürnberg ,1988 , 1990 und 1992 in der »Galerie Traude Sauer «in Schweinfurt . Zuletzt konnte Sandig 1992 als »Botschafter «der Freien Akademie der Künste Hamburg bei der Freien Akademie der Künste Leipzig (die unter der Hamburger Patenschaft dort 1992 gegründet wurde )im Leipziger Opern¬ haus eine große Auswahl seiner Arbeiten zeigen ,zusammen mit einer Kol¬ lektion von Gemälden des sächsischen Malers Hartwig Ebersbach .- Hamburg verlieh dem dreißigjährigen Künstler 1960 das begehrte Lichtwark -Stipendium und 1972 den angesehenen Edwin -Scharff -Preis .Im glei¬ chen Jahr wurde Sandig ordentliches Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg .Der Stadtstaat verlieh ihm 1980 den Professorentitel und seit diesem Jahr amtiert er auch als Präsident der Freien Akademie der Künste Hamburg .1980 wurde er außerdem mit dem Preis des Interna¬ tionalen Zeichenwettbewerbs in Nürnberg ausgezeichnet .Damit erhielt er eine der höchsten Anerkennungen ,die in Deutschland für Zeichenkunst vergeben werden .Sandig hat als Zeichner begonnen und mit Zeichnun¬ gen ,Illustrationen und Druckgraphik früh seinen Ruf begründet .Bekannte Kunsthistoriker würdigten seine Arbeiten .Otto Stelzer schrieb schon 1959 das Vorwort für die Mappe mit vier Radierungen Sandigs ,die in Braun¬ schweig bei Schmücking herauskam .Wolfgang Stubbe ,langjähriger Leiter der Graphiksammlung der Hamburger Kunsthalle ,nahm Sandig in seine damals renommierte Darstellung »Graphik des 20 .Jahrhunderts «,Berlin 1961,auf .Will Grohmann leitete die Edition von 21 Lithographien Sandigs ein ,die 1962,ich zitiere »zu /mit /aus einem Text von Helmut Heißenbüttel « -dem Dichter -erschienen .Alfred Hentzen ,Leiter der Kestner Gesellschaft und deren Galerie in Hannover und später Direktor der Hamburger Kunst¬ halle ,schrieb 1961 zu Sandigs Kassette mit 10 Farbradierungen »Deklina¬ tion der Aquatinten «einen Text.Max Bense ,Franz Roh ,Walter Jens und Helmut Heißenbüttel schrieben Texte und bei anderen Gelegenheiten ein¬ führende Worte zu Sandigs Arbeiten .Diese Auswahl möge genügen ,um zu dokumentieren ,welche Beachtung die Produktion des Graphikers Armin Sandig fand .Daneben wuchs das farbige Werk in Aquarellen und Gemäl¬ den .Früh wurden auch Sandigs Collagen bekannt ,phantasievolle Kompo¬ sitionen aus einer Mischung von Malerei und eingeklebten Fragmenten aus 300 Laudatio auf Armin Sandig Zeitschriftenbildern .Steltzer erwähnt sie in seinem zweimal aufgelegten Buch über »Kunst und Photographie «1966 . Vielleicht teilt Sandig die »ostoberfränkische Skurrilität «mit Jean Paul ausWunsiedel -der noch einmal genannt sei -jene stille doch weitausgrei¬ fende Betrachtung der Welt aus der Spannung von »Schulmeisterlein Wutz «und »Titan «im verwirrenden Wirbel der Bilder-und Gedankenket¬ ten ?Von hier ist es nur ein Sprung in das Arsenal und in das Universum der Formgestalten von Paul Klee ,dem sich Sandig als Autodidakt wohl zu¬ erst und am nächsten als Vorbild und geistigem Lehrer,nämlich Jahre nach dem Tode Klees ,anvertraute .Als Kriegs -und Nazizeit zu Ende gingen ,war Sandig sechzehn .Die zuvor »Entarteten «hatten Konjunktur und Paul Klee zählte zu den großen Meistern internationalen Ruhms von geheimnisvoller Wirkung mit seinen reinen Linien und Farben und den darin verwobenen , oft skurrilen Figuren ,die Humor ,Kritisches und Ängste verkörperten .San¬ dig konnte hier anknüpfen aus eigener Empfindung und er gehörte nicht zu den Nachahmern Klees ,die es natürlich auch gab .Das Illustrative ,das ihn durchaus beschäftigte ,wurde von Sandig immer mehr zurückgedrängt . Dann reiften die Bilder,in denen kaum noch Figürliches eine Rolle spielte , dafür Atmosphärisches ,farbiges Licht,schimmernde Flächen ,transparente Gebilde ,halb konstruktiv ,halb schwebend . Er hatte seine eigene Phase des »Informellen «,jener spontanen Malerei , die nur aus der Farbsubstanz gestaltete .Aber Sandig gehörte zu keiner der Gruppierungen des »Informell «,weder zu den in Frankfurt sich um 1950 fin¬ denden wie K.O.Götz ,Sonderborg ,Bernard Schultze ,noch zum »Jungen Westen «um Emil Schumacher .Er blieb schon früh als Einzelgänger ,auch in Hamburg ,einer Stadt ,die man nicht vorrangig und traditionellerweise als künstlerisch sehr tragend ansehen kann wie etwa Paris ,Berlin ,München , Dresden .Hamburg forderte das Einzelgängerische eher noch heraus .Der Mann aus Hof in Hamburg :im hochgelegenen Atelier mit Blick zur Alster . Da entstehen aquarellartig wirkende Gemälde mit Farben ,die halbdurch - sichtigwäßrig schillern .Heißenbüttel schrieb 1967 ,als sich diese Art von Bil¬ dern bei Sandig festigte ,sie ließen an flüchtige Blicke durch ein Aquarium denken .Ein schönes Bild,bei dem man allerdings die Fische nicht mitsehen darf ,die zum Aquarium gehören .Es sind sozusagen leere Aquarien .Man kann auch an tauende Eiswürfel erinnern ,die eine durchsichtige Wand bil¬ den ,oder an helle Fensterscheiben ,an denen Regen herunterfließt . 301 J.A.Schmoll gen .Eisenwerth Meeresluft ,die Nähe der Nordsee ,das wäßrige Element der Hafen¬ stadt ,scheinen ihren Niederschlag in diesen Visionen gefunden zu haben . So finden sich auch Bilder mit Titeln ,die die Küstenlandschaft unmittelbar evozieren wie »Dünen von Tocha «(Nordwestspanien ),»Schleusentor « und »Seezeichen «,Gemälde aus dem Jahre 1989,die nur Andeutungen der Topographie bieten ,aber Elementares ,Licht und Atmosphäre der Meeresnähe .-Von dieser Art ist unter den heute hier gezeigten Bildern kaum etwas zu bemerken .Vielmehr neben gleichsam immer wieder in der Fleckenmanier des Tachismus spontan ausgeführten Bildern -wie den bei¬ den am Podium provisorisch aufgestellten -vorwiegend figürliche und figürlich -assoziative Gemälde ,denen sich Sandig immer wieder und beson¬ ders auch in den letzten Jahren zugewendet hat .Das skurrile ,ja groteske Element herrscht vor,nicht ohne kritische ,melancholische oder gar düstere Untertöne ,aber vielfach gemischt mit dem Humor des philosophischen Be¬ trachters der Welt und ihrer seltsamen Wesen .Schon die Titel lassen dies anklingen :»Wolkenkuckucksheim «,»Tandem zu Fuß«,»Schneemänner mit Vogel «,»Verwirrungen der Gruppe «.Hintergründiges spielt immer hinein und will aus dem Gewebe der Linien und Farben entwirrt sein .Landschaftli¬ ches und Figürlich -Gestalthaftes sind Metaphern und Sinnzeichen für eine Deutung der Welt ,die sich selbst ,d.h.in unseren Köpfen ,fragwürdig ge¬ worden ist.Daß Armin Sandig mit seinem Werk solche Zweifel an unserer Existenz nicht verhehlt ,sondern sichtbar macht und -wenn auch oft spiele¬ risch -anklingen läßt und mit seiner Phantasie durchdringt ,wobei sein spöttisches Lächeln versöhnlich anmutet ,macht das Besondere seiner Kunst aus ,für die wir ihm danken dürfen ,denn er verbindet in seltener Wei¬ se das Dunkle und sogar Erschreckende mit dem Heiteren . 302