Spitzensport und Migration: Theoretische Überlegungen zu Lebensmittelpunktversetzungen von Spitzensportlern / von Marc Kukuk
Abstract
Veröffentlichungen der Universität ohne VL-DOI. Spitzensport und Migration : Theoretische Überlegungen zu Lebensmittelpunktversetzungen von Spitzensportlern / von Marc Kukuk. Paderborn, 2016
Full text
Spitzensport und Migration Theoretische Überlegungen zu Lebensmittelpunktversetzungen von Spitzensportlern Der Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Paderborn zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie (Dr. phil.) vorgelegte Dissertation von Marc Kukuk Paderborn, 25. November 2015
Spitzensport und Migration 1 Inhaltsverzeichnis Vorwort ............................................................................................................................................... 4 I Einführung ............................................................................................................................... 7 1 Problemstellung ..................................................................................................................... 7 1.1 Forschungsfrage und Forschungsziele ..................................................................................................... 14 1.2 Forschungsstand ............................................................................................................................................... 16 1.2.1 Migration in der sportwissenschaftlichen Forschung ...................................................................... 17 1.2.2 Zusammenfassung der Befundlage und Forschungsdefizite ....................................................... 32 1.3 Anlage und Aufbau der Arbeit ..................................................................................................................... 35 II Theoretische Überlegungen ................................................................................................ 40 2 Referenzpunkte: Begriffe und Theorien der Migrationssoziologie .............................. 40 2.1 Migration: ein schillernder und vielschichtiger Begriff ....................................................................... 41 2.2 Theoretische Ansätze zur Erklärung von Migration ............................................................................ 48 2.2.1 Makrotheoretische Erklärung von Migration ...................................................................................... 51 2.2.2 Mikrotheoretische Erklärung von Migration ....................................................................................... 58 2.2.3 Mesotheoretische Erklärung von Migration........................................................................................ 65 2.3 Zusammenfassung: Erklärungsgehalt für Migrationsprozesse im Spitzensport ...................... 73 2.3.1 Erklärungskraft und Erklärungsmängel der vorgestellten Theorien für den Bereich des Spitzensports ................................................................................................................................................... 75 2.3.2 Folgerungen für eine theoretische Erklärung von Migration im Spitzensport ...................... 83
Spitzensport und Migration 2 3 Ebenen einer Theorie der Migration im Spitzensport .................................................... 84 3.1 Migrationsbedingungen auf der Makroebene des Spitzensports ................................................. 88 3.1.1 Codierung: Zur Bedeutung von Sieg und Niederlage ..................................................................... 89 3.1.2 Zweifach schrankenloser Siegescode .................................................................................................... 93 3.1.2.1 Meritokratische Schrankenlosigkeit: Hyperinklusion ................................................................ 94 3.1.2.2 Territoriale Schrankenlosigkeit: Nationalität versus Transnationalität ............................... 98 3.1.3 Zwischenresümee ....................................................................................................................................... 103 3.2 Migrationsbedingungen auf der Mesoebene des Spitzensports................................................ 107 3.2.1 Programmierung: Zur Bedeutung von Organisationen und Mitgliedschaftsbedingungen ............................................................................................................................................................................ 108 3.2.1.1 Gefahr der Exklusion: Mitgliedschaftsbedingungen in Spitzensportorganisationen 110 3.2.1.2 Standortofferten: Raum- und Zeitbezüge der Organisation des Spitzensports ......... 114 3.2.2 Strukturanalyse: Sportartspezifische Migrationsbedingungen ................................................. 119 3.2.2.1 Methodische Hinweise ....................................................................................................................... 119 3.2.2.2 Hier und da und hier und dort: Fußball als Beispiel einer Sportart mit Ligabetrieb.. 121 3.2.2.2.1 Organisatorische Rahmenbedingungen des Ligabetriebs ............................ 121 3.2.2.2.2 Mitgliedschaftsbedingungen im professionellen Fußball ............................. 125 3.2.2.2.3 Folgerungen für Lebensmittelpunktverortungen von professionellen Fußballspielern ............................................................................................................... 133 3.2.2.3 In 365 Tagen einmal um die Welt: Tennis als Beispiel einer Sportart mit Turnierbetrieb ........................................................................................................................................ 134 3.2.2.3.1 Organisatorische Rahmenbedingungen des Turnierbetriebs ...................... 135 3.2.2.3.2 Mitgliedschaftsbedingungen im professionellen Tennis ............................... 139 3.2.2.3.3 Folgerungen für Lebensmittelpunktverortungen von professionellen Tennisspielern ................................................................................................................. 145 3.2.2.4 Dem Schnee hinterher: Ski alpin als Beispiel einer Sportart mit Weltcupbetrieb ....... 148 3.2.2.4.1 Organisatorische Rahmenbedingungen des Weltcupbetriebs ................... 148 3.2.2.4.2 Mitgliedschaftsbedingungen im professionellen Ski Alpin .......................... 153 3.2.2.4.3 Folgerungen für Lebensmittelpunktverortungen von professionellen Skirennläufern ................................................................................................................. 157 3.2.3 Zwischenresümee ....................................................................................................................................... 158
Spitzensport und Migration 3 3.3 Migrationsbedingungen auf der Mikroebene des Spitzensports ............................................... 163 3.3.1 Nutzbarmachung spitzensportrelevanter Standortofferten: strategische Implikationen ............................................................................................................................................................................ 164 3.3.2 Umgang mit Mobilität und Migration im Spitzensport: implizite Herausforderungen .. 179 3.3.3 Zwischenresümee ....................................................................................................................................... 186 4 Integration der theoretischen Überlegungen: Reflexionen auf Basis der Migrationsbedingungen .................................................................................................... 190 III Schluss .................................................................................................................................. 204 5 Fazit und Ausblick .............................................................................................................. 204 5.1 Zusammenführung der theoretischen Überlegungen .................................................................... 205 5.2 Schlussfolgerungen und Konsequenzen............................................................................................... 209 Literaturverzeichnis....................................................................................................................... 216 Abkürzungsverzeichnis................................................................................................................. 246 Tabellenverzeichnis ....................................................................................................................... 247 Abbildungsverzeichnis ................................................................................................................. 248
Spitzensport und Migration 4 Vorwort Viele sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten mit einem spitzensportlichen Themenbezug haben autobiografische Züge. Forscher und Forscherinnen stoßen im Rahmen ihrer eigenen Sportausübung auf Phänomene, die sie intrinsisch motiviert näher ergründen wollen und in ein Forschungsproblem und eine Forschungsfrage übersetzen. Einer solchen Genese der Produktion von Wahrheiten folgt die hier vorliegende Arbeit nicht. Dem Titel der Arbeit ist zu entnehmen, dass das Forschungsthema zwei Bereiche erfasst, die sich in einer wie auch immer gearteten Weise überschneiden, aneinander bedingen und sich irgendwie gegenseitig beeinflussen: Spitzensport und Migration. Nun ist meine persönliche Spitzensportkarriere in drei Worten schnell erzählt: Es gibt keine! Etwas, aber auch nur geringfügig anders, gestalten sich meine biografischen Erfahrungen mit Migration. Immerhin bin ich während meines Studiums aus dem Elternhaus ausgezogen, um danach fast wieder dorthin zurückzukehren. Meinen aktuellen Lebensmittelpunkt bewohne ich nach einem dreimonatigen Intermezzo in einer anderen Wohnung am selben Ort bereits zum zweiten Mal. Insgesamt würde ich mich als sehr ortsgebunden beschreiben, meine Heimat, meine Vereine und mein soziales Umfeld sind mir wichtig. Was ich mir von einem erfüllten Leben wünsche, finde ich dort. Darum gründet mein Antrieb, mich mit dem Thema der Migration im Spitzensport auseinanderzusetzen in einem Kontrast der Biografien. Mit einer spitzensportlichen Karriere – so die Ausgangsthese der vorliegenden Arbeit – gehen außergewöhnlich hohe Mobilitäts- und Migrationsanforderungen einher, die eine Ortsgebundenheit konterkarieren und mit meinen spärlichen Erfahrungen nicht zu vergleichen sind. Was junge Menschen dazu bewegt, die damit einhergehenden
Spitzensport und Migration 5 Konsequenzen auf sich zu nehmen, möchte ich auf den folgenden Seiten aus einer analytischen Distanz genauer ergründen. Was es bedeutet, auf ein Ziel über Jahre hinweg hinzuarbeiten – die Basis für spitzensportlichen Erfolg –, habe ich beim Verfassen der vorliegenden Dissertation selbst erleben können. Begleitet von Höhen und Tiefen, Fortschritten und Rückschritten konnte ich Schritt für Schritt immer weiter in das Thema hineintauchen. Am Ende gar mit höchstmöglicher Fokussierung und der Notwendigkeit, andere mir wichtige Lebensbereiche temporär schweifen zu lassen, sodass ich mich in zeitlicher, sachlicher und sozialer Hinsicht vollends auf den Abschluss des angefangen Projekts Dissertation konzentrieren konnte. Dies wäre mir ohne ein Unterstützungsumfeld, das mir auf direkte und indirekte Weise behilflich war, nicht möglich gewesen. Mein Dank gilt den beiden Gutachtern meiner Dissertation: Prof. Dr. Heiko Meier, der nicht nur den notwendigen Anstoß zum Einstieg in das Thema geliefert hat, sondern mich auch mit enormen und von mir geschätzten Vertrauen gefördert und gefordert hat, und Prof. Dr. Sabine Radtke, für die es keine Frage war, das Vorhaben zu begleiten und stets ihre Hilfe anzubieten. Konstruktive Kritik und Denkanstöße kamen von ihnen ebenso wie von meiner Kollegin Cindy Adolph-Börs, die mir eine wichtige Austauschpartnerin war, sowie von meinem Kollegen Dr. Lars Riedl, der mir ein wichtiger Strukturgeber meiner Gedanken war. Den Studentischen Hilfskräften der Sportsoziologie an der Universität Paderborn, Julia Grote, Anna Kötting, Julia Schönlau und Daniel Pöche, sei auch gedankt. Mit vielen kleinen Hilfen haben sie einen wichtigen Beitrag an der Entstehung der nachfolgenden Seiten geleistet. Meiner Familie gilt ein spezieller Dank. Mein Vater und meine Mutter haben die notwendigen Rahmenbedingungen für meine wissenschaftliche Entfaltung geschaffen. In der Phase der Fertigstellung der Dissertation hat Diethard Lange wie
Spitzensport und Migration 6 selbstverständlich seine Betreuungsaufgaben ausgeweitet und mir so zeitliche Freiräume geschaffen. Einen wesentlichen Beitrag haben Franz Happe und Gaby Lange-Happe durch die Bereitstellung einer entspannten und produktiven Arbeitsumgebung in ‚Schreibhausen‘ geleistet. Zu guter Letzt möchte ich einen Dank aussprechen, der so groß ist, dass er ‚bis zum Mond und zurück‘ geht. Dieser herzliche Dank gilt meiner Frau Britta Kukuk und meinen Kindern Kian und Maja. Alle drei haben mich stets liebevoll in meinem Vorhaben bestärkt, mussten erhebliche Verzichtsleistungen auf sich nehmen und mir gezeigt, was wirklich wichtig für mich ist. Dringenberg im November 2015 Marc Kukuk
Spitzensport und Migration 7 I Einführung 1 Problemstellung Robert Lewandowski wechselt von Borussia Dortmund zum FC Bayern München, Toni Kroos vom FC Bayern München zu Real Madrid, Angel di Maria von Real Madrid zu Manchester United und Shinji Kagawa von Manchester United (zurück) zu Borussia Dortmund. Das mediale Sommerloch zwischen zwei Spielzeiten im Fußball wird alljährlich mit einer eigenen Spannung aufgeladen, wenn sich das Transferkarussell dreht und es heißt: Welcher Spieler 1 wechselt zu welchem Fußball-Klub 2 ? Aus Sicht der Fußball-Klubs ist es gängige Praxis, das Personal, d. h. die Spieler regelmäßig aus sportlichen und wirtschaftlichen Gründen auszutauschen. Das führt beispielsweise dazu, dass in der Saison 2014/2015 in der Bundesliga nur ca. 7 Prozent der Spieler für einen Fußball-Klub ihrer Geburtsstadt spielen, d. h. die dominierende Mehrheit der Fußballspieler wird aus anderen Orten rekrutiert. 3 Was aber bedeutet dies für die Spieler? Zuvorderst ist herauszustellen, dass für sie räumliche Mobilität eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt des Profi-Fußballs zu sein scheint. Relativ kurze Vertragslaufzeiten und Ad-hoc-Wechsel kurz vor Ende der Transferperioden verhindern dabei regelmäßig eine langfristige Planbarkeit von Lebensmittelpunktverortungen im Profifußball. 1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird an dieser Stelle und im Folgenden bei personenbezogenen Substantiven das generische Maskulinum verwendet. Dieses versteht sich als geschlechtsneutral und bezieht Personen jeglichen Geschlechts ein, sofern es nicht anders angegeben ist. 2 Da der Begriff Fußball-Klub keine Rechtsform impliziert, erhält er in dieser Arbeit den Vorzug vor der Bezeichnung Fußball-Verein, der als Organisationstypus im professionellen Fußball kaum mehr eine Rolle spielt, und dem Begriff Fußball-Unternehmen, der im Zusammenhang der Kommerzialisierung des Profifußballs häufig negativ konnotiert wahrgenommen wird. 3 Eigene Berechnung anhand von Kicker-Online Daten (vgl. Kicker Online, 2014)
Spitzensport und Migration 14 stellung sozialer und familiärer Bindungen gegenüber – so könnte man die empirisch gewonnenen Erkenntnisse subsummieren (vgl. Rüger, Feldhaus, Becker & Schlegel, 2011; Schier, 2009b; Schneider et al., 2002; Schwedes, 2013). Entscheidungen für oder gegen einen Umzug von Spitzensportlern sind somit immer in den wettkampfsportlichen Kontext einzubetten. Der Umfang, die benötigten zeitlichen und finanziellen Ressourcen und die unter Umständen damit einhergehenden psychischen und physischen Folgen von Migration sind somit relevante Parameter des Alltags- und Karrieremanagements im Spitzensport, die einer genaueren, tiefergehenden Betrachtung zu unterziehen sind. Denn in dieser Hinsicht gilt auch für den speziellen Bereich des Spitzensports, was der britische Migrationsforscher King (2002) mit Blick auf neue Migrationsformen im Allgemeinen bemerkt: "There is a tendency for migration not to be documented if it is not seen as problematic" (S. 101). 1.1 Forschungsfrage und Forschungsziele Vor dem Hintergrund, dass im Spitzensport verhältnismäßig häufig große räumliche Distanzen zwischen Wohnorten, Trainingsorten und Wettkampforten zu überwinden sind, ist zu untersuchen, welche spezifischen Bedingungen im Spitzensport Migrationsprozesse evozieren. Daher wird folgender Forschungsfrage nachgegangen: Wie lassen sich Migrationsprozesse im Spitzensport erklären? Herauszustellen ist in diesem Zusammenhang nicht nur wie erstens das im Spitzensport herrschende Leistungsprinzip Migrationserfordernisse hervorruft, sondern zweitens auch wie (a) sportartspezifische Strukturbedingungen wie der Wettkampftyp (Weltcup, Turnier- oder Ligenbetrieb), (b) die organisatorische Einbettung der Athleten (Vereins- oder Kaderzugehörigkeit) sowie (c) die Trainingsbedingungen (Trainer, Trainingspartner, Trainingsinfrastruktur) Ortsbindungen
Spitzensport und Migration 15 und Ortswechsel beeinflussen. Dabei ist auf Disparitäten in den einzelnen Sportarten besonderes Augenmerk zu widmen. Denn es ist anzunehmen, dass sich die Mobilitätserfordernisse der Sportarten unterscheiden. Insofern sind mit den Inklusionsbedingungen des Spitzensports und den Strukturbedingungen der Sportarten zwei präjustierende Einflussfaktoren auf die migrationsbeeinflussenden Options- und Gestaltungsspielräume der Athleten in den Blick zu nehmen. Hierbei geht es nicht nur um die Analyse der Bedeutung von sportartspezifischen Kristallisationspunkten wie beispielsweise Trainingsgruppen, Sportinternaten, Leistungszentren oder Stützpunkten und des Zugangs der Sportlerinnen und Sportler hierzu, die an der Peripherie dieser Kristallisationspunkte heimisch sind (vgl. Hohmann, 2005). Darüber hinaus sind auch die strukturellen Vorgaben des Sportsystems zu beleuchten, das mit wachsendem Leistungsniveau immer höhere Mobilitätsansprüche stellt (vgl. mit Blick auf Fußball Lanfranchi & Taylor, 2001). Dabei bilden einerseits die Perspektive der Lebensführung und andererseits die Perspektive des Lebenslaufs jeweils analytische Ebenen (vgl. Baur, 1989, 1998), um verschiedene Arten von Mobilität differenziert erfassen und einordnen zu können. Mit Hilfe der beiden analytischen Ebenen lässt sich die räumliche Mobilität in der alltäglich-praktischen Lebensorganisation von der räumlichen Mobilität im Lebenslauf entflechten. Mit der Bearbeitung dieser Forschungsfrage wird das übergeordnete Ziel verfolgt, erstmals systematisch Migrationsprozesse im Spitzensportsystem Deutschlands theoretisch zu erklären und Migrationsbedingungen sportartenübergreifend sichtbar werden zu lassen. Das Wissen über solche grundlegenden Mechanismen ist notwendige Basis eines praxisbezogenen Orientierungs- und Handlungswissens zur Entwicklung von migrationsunterstützenden Rahmenbedingungen für die Akteure im Spitzensport.
Spitzensport und Migration 16 1.2 Forschungsstand Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Migration und Mobilität erfolgt mittlerweile multidisziplinär. Viele Forschungsdisziplinen finden ihren eigenen Zugang zu diesem Thema. Ende der 1960er Jahre identifiziert Clifford Jansen (1969; zitiert nach King, 2002) die verschiedenen disziplinspezifischen Sichtweisen: 5 In der Geografie werden die Umweltveränderungen in der Ankunfts- und Herkunftsregion von Migranten untersucht, wozu neben städtebaulichen Siedlungsaspekten auch demografische Veränderungen zählen. Auch die sich hieraus ergebenden politischen Folgen bleiben in der Politikwissenschaft nicht unentdeckt und es werden Kontroll- und Restriktionsmöglichkeiten von Migration – verstanden als Wohnortwechsel über Ländergrenzen hinweg – untersucht und diskutiert. Die Frage nach den Migrationsmotiven bedarf dahingegen eher einer psychologischen Herangehensweise. Darüber hinaus ist Migration ein Thema der Geschichtswissenschaft, der Literaturwissenschaft, der Rechtswissenschaft, der Philosophie und vielen anderen Wissenschaftsdisziplinen. Selbstverständlich ist Migration auch ein wichtiges Thema der Soziologie, die sich mit der wechselseitigen Beeinflussung von migrationsbeeinflussenden sozialen Strukturen und dem Migrationsverhalten der Individuen beschäftigt. Im Folgenden wird der aktuelle Stand der einschlägigen sportsoziologischen Migrationsforschung herausgearbeitet. Prononciert werden dabei insbesondere sportwissenschaftliche Befunde zur Migration von professionellen Sportlern im internationalen Raum. 5 Jansen weist wohlweislich darauf hin, dass diese Auflistung als nicht erschöpfend zu betrachten ist und somit nur die augenfälligsten und wichtigsten disziplinären Zugänge zur Migrationsforschung beinhaltet.
Spitzensport und Migration 17 1.2.1 Migration in der sportwissenschaftlichen Forschung In der sportbezogenen Migrationsforschung liegt der Fokus der deutschen Sportwissenschaft eindeutig auf dem Aspekt der sozialen Integration bzw. Desintegration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Insbesondere wird die integrative Wirkung des vereins- und verbandsorganisierten Sports analysiert. Die wissenschaftlichen Untersuchungen über Integrationsmechanismen sind häufig evaluatorisch angelegt und zielen auf den Freizeit- und Breitensport ab (vgl. z.B. Braun & Finke, 2010; Braun & Nobis, 2011; Bröskamp, 2011; Kleindienst-Cachay, Cachay & Bahlke, 2012; Rulofs, 2009). Auch die Untersuchungen von Kalter (2002; 2003; 2005) über Migranten im ligenförmig organisierten Fußball thematisieren die Herausforderungen, die durch Migration und ethnische Differenz entstehen, indem er Diskriminierungen von Zugewanderten untersucht. Beim Ausloten der Integrationspotentiale des Sports infolge der Massenmigration der Nachkriegszeit stehen Prozesse der ethnischen und kulturellen Pluralisierung im Vordergrund (vgl. Bröskamp, 2009, S. 138). Der vorgelagerte Migrationsprozess an sich wird im Rahmen all dieser Arbeiten jedoch nicht thematisiert, sondern als gesetzt angesehen. Die Beantwortung der Frage, wie sich Migrationsprozesse im Spitzensport erklären lassen, ist in der deutschsprachigen sportwissenschaftlichen Forschung hingegen nicht explizit herausgearbeitet. Nichtsdestotrotz lassen sich aus vorhandenen, quantitativ angelegten Athletenbefragungen zu sozialen Bedingungen der Talentförderung vereinzelte Hinweise sezieren, die andeuten, inwiefern der Wohnort von Spitzensportlern karrierewirksamen Einfluss haben kann. In stenografischer Art seien diese Hinweise wie folgt genannt: In ihrer Befragung von 199 deutschen Teilnehmern der Olympischen Spiele 2004 und 2006 konnten Emrich, Fröhlich, Klein & Pitsch (2008) Unterschiede in der Erfolgsquote von Schülern an Eliteschulen des Sports feststellen. Internatsschüler
Spitzensport und Migration 18 haben signifikant häufiger Medaillen gewonnen als extern wohnende Tagesschüler. 6 Eine weitere Erkenntnis dieser Befragung ist, dass Teilnehmer an olympischen Winterspielen mit höherer Wahrscheinlichkeit Schüler an Eliteschulen des Sports sind bzw. waren als Teilnehmer an olympischen Sommerspielen. Darüber hinaus können die Autoren innerhalb der Gruppe der Wintersportler einen statistischen Zusammenhang von Medaillengewinnen mit dem Besuch einer Eliteschule des Sports ermitteln, der demzufolge eine nahezu notwendige Bedingung für wintersportlichen Erfolg darstellt. Erklärt wird dies vor allem damit, dass Wintersportler größtenteils abhängig sind von der an Eliteschulen lokal bereitgestellten Trainingsinfrastruktur. So befinden sich oftmals Eliteschulen mit Wintersportbezug in direkter räumlicher Nähe von Bobbahnen, Eissporthallen oder Skisprunganlagen, ohne die beispielsweise wettkampfmäßiges Training im Bobfahren, Rennrodeln, Skeleton, Eisschnelllauf, Eiskunstlauf und Skispringen nicht möglich wäre (vgl. auch Emrich, Fröhlich, Klein & Pitsch, 2009). Die hier angedeutete Abhängigkeit des sportlichen Erfolgs von den infrastrukturellen Rahmenbedingungen wurde von Flatau & Emrich (2011) anhand des empirischen Materials obiger Befragung dezidiert analysiert. Die Autoren unterscheiden dabei Sportarten anhand ihrer Sachkapitalspezifität und ihrer Standortspezifität. Dies ist insofern interessant, als sie herausfinden, dass die Talententwicklung an Eliteschulen des Sports dann vorteilhaft sei, wenn die Ausübung von Sportarten einerseits an investitionsintensive technische Voraussetzungen (wie beispielsweise eine Radrennbahn, künstliche Wildwasserkanäle, Bobbahnen oder Skisprungschanzen) und andererseits an geografische Standortbedingungen (wie 6 Dabei konnte allerdings nicht geklärt werden, ob es sich hierbei um einen Selektions- oder einen Sozialisationseffekt handelt; denn denkbar ist auch, dass die später erfolgreichen Athleten aufgrund ihres besseren Leistungsvermögens in ein Internat gezogen sind.
Spitzensport und Migration 19 beispielsweise niedrige Wintertemperaturen und Berge für Ski alpin oder Wasserflächen für Segeln und Surfen) gebunden ist. Als Kernergebnis dieser Untersuchung lässt sich festhalten, dass eine hierarchisch-zentralistische Organisation der Talententwicklung insbesondere in den Sportarten effektiv und effizient sei, die sich durch eine hohe Sachkapitalspezifität oder eine hohe Standortspezifität auszeichnen. Dahingegen scheint in Sportarten, die weder von hohen Sachkapitalinvestitionen noch von geografischen Einflussfaktoren abhängig sind, eine dezentrale Talententwicklung zielführend. Auch die Befunde von Fessler (2002) zu den Wegezeiten zum Training von D- Kaderathleten in Baden-Württemberg bestätigen derartige sportartspezifische Diskrepanzen: In Sportarten wie Faustball, Handball, Hockey, Kanu und Schießen erreichen über 80 Prozent der Athleten ihren Trainingsort innerhalb von höchstens zehn Kilometer einfache Wegstrecke. Fessler schlussfolgert, dass „diese Sportarten ihre Sportler primär aus dem örtlichen Umfeld rekrutieren ('Hochburgen') und auch Vereinswechsel von Kaderathleten zu weiter entfernten Vereinen selten sind“ (S. 63). In Sportarten wie Tischtennis, Fußball, Tennis und Ringen gebe es hingegen auffallend hohe Entfernungen zum Trainingsort, weshalb hier zur Fortsetzung leistungssportlicher Karrieren Vereinswechsel notwendig würden. Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass Hohmann (2005) in seiner ausführlichen Analyse von Aspekten der Talententwicklung feststellt, dass eine „mangelnde Verfügbarkeit von spitzensportlichen Anforderungen genügenden, hochwertigen bzw. hoch qualifizierten Trainingsstätten, -geräten und -partnern außerhalb der Olympia- und Bundesstützpunkte […] die meist aus der entfernteren Peripherie der Stützpunkte stammenden Athleten bereits frühzeitig vor das Problem des Wohnortwechsels stellt“ (S. 267, Hervorh. im Orig.).
Spitzensport und Migration 20 Dass von zentralen Fördereinrichtungen eine Sogwirkung ausgehe, erkennt auch Weber (2003) in ihrer qualitativen Studie zur Bedeutung von Familie im Spitzensport. Weber analysiert die familialen Reaktionen auf die an jugendliche Sportler herangetragenen Umzugserwartungen und bekommt ein uneinheitliches Ergebnis. Die Reaktionen der Eltern „reichen von strikter Ablehnung bis hin zu wohlwollender Befürwortung“ (S. 222). Und auch bei tatsächlich erfolgten sportinduzierten Migrationen werden die Folgewirkungen der Segregation des Familienverbandes nicht nur unkritisch durch die Eltern beurteilt. Mit der Abkopplung vom Elternhaus seien häufig zahlreiche Bedenken und Befürchtungen verbunden. Auf der Basis umfangreicher Einzelfallanalysen in den Sportarten Gewichtheben, Rhythmische Sportgymnastik, Tennis und Zehnkampf haben Bette, Schimank, Wahlig & Weber (2002) Karriereverläufe von Spitzensportlern untersucht. Ziel der Untersuchung war es, typische biographische Muster von Nachwuchsathleten herauszuarbeiten. Die Fallrekonstruktion erfolgte mittels einer qualitativen Herangehensweise, bei der auf Interviews mit Athleten, Elternteilen und Trainern zurückgegriffen wurde. 7 Die Betrachtung etwaiger Migrationsakte war hierbei zwar thematisch nicht mit den Interviewleitfäden abgedeckt. Die migrationsspezifischen Befunde sind daher als Nebenprodukte des eigentlichen Untersuchungsziels zu werten und werden daher von den Autoren nicht systematisch herausgearbeitet und analysiert. Nichtsdestotrotz lassen sich aus dem ausführlich dargestellten empirischen Material Bezüge zur Bedeutung des Wohnorts wie folgt extrahieren: Beim Gewichtheben der Männer seien zwar Vereinswechsel an der Tagesordnung. Ähnlich wie im Fußball würden auf diese Weise „Angebot und 7 Das Sample umfasste jeweils fünf Einzelfalluntersuchungen pro untersuchter Sportart. Insgesamt wurden 20 Athleten, 19 Elternteile und 17 Trainer befragt. Ergänzt wurde das Datenmaterial durch weitere 13 Interviews mit ehemaligen Spitzensportlern sowie Spitzensportlern, die vor Erreichen der Spitze ausgestiegen sind.
Spitzensport und Migration 21 Nachfrage des kleinen Marktes für Gewichtheberleistungen ausgeglichen“ (S. 118). Diese Wechsel seien aber eher selten mit Wohnortwechsel verbunden. Denn im Gewichtheben würden mit dem „Ferntraining“ (S. 139), dem selbstständigen Abarbeiten von detaillierten Trainingsplänen, große räumliche Distanzen zwischen den Wohnorten von Athlet und Trainer überbrückt. Insofern seien in dieser Sportart höchstens längere Anfahrtszeiten zu wenigen Bundesligawettkämpfen die Folge der relativ häufigen Vereinswechsel. In der Rhythmischen Sportgymnastik sind die leistungssportlichen Organisationsstrukturen sehr zentralistisch angelegt. Unabdingbar scheint es, an einem Stützpunkt zu trainieren, um sportlich erfolgreich zu sein. Bette et al. (2002) sprechen angesichts der räumlichen Allokation von einem „indirekten Wechseldruck“ (S. 50), dem sich die Athletinnen beugen müssen, um sich sportlich weiterzuentwickeln. Liegt der Wohnort nicht unmittelbar am Stützpunkt, so seien entweder alltägliche Transportleistungen der Eltern vonnöten, die als sehr belastend für Athleten und Eltern empfunden werden, oder es müsse ein Wohnortwechsel in Kauf genommen werden. Dass zugunsten der Karriere der Wohnort gewechselt werden müsse, sei insbesondere im Gruppenklassement der Fall, da hier geeignete Athletinnen aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengezogen werden. Als Vorteile für diese Zentralisierung der Leistungselite werden die Optimierung eines qualifizierten Trainings, die Stimulation durch leistungsstarke und leistungshomogene Trainingspartner sowie Möglichkeiten der steuernden Einflussnahme auf den schulischen Qualifikationsprozess genannt. Nicht selten stünde mit solchen Umzugsentscheidungen auch die sportliche Karriere auf dem Spiel. Als Lockmittel für den Umzug würden den Athletinnen bisweilen Teilnahmen an internationalen Wettkämpfen und deren
Spitzensport und Migration 22 Eltern Hilfen bei der Vermittlung von Wohnungen und Arbeitsstellen angeboten. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Betrachtung der Sportart Tennis. Die untersuchten Karriereverläufe von Tennisspielerinnen zeigen auf, dass auch hier lange Fahrtstrecken für qualitativ hochwertige Trainingsbedingungen und Trainingspartnerinnen an Stützpunkten toleriert oder ein Umzug in Erwägung gezogen werden müsse. Dies führte mitunter soweit, dass eine Athletin im Alter von 13 Jahren das Elternhaus verlassen hat, um mit einer gleichaltrigen Freundin in die Nähe eines Landesleistungszentrums zu ziehen. Für die Fortentwicklung der persönlichen leistungssportlichen Karriere wurde dieser Umzug von der Athletin und ihrer Mutter als alternativlos bewertet (vgl. S. 268). Darüber hinaus sind im Tennis nicht nur Wohnortwechsel bedeutend. Die Sportart prägen sehr hohe Anforderungen an räumlicher Mobilität im Allgemeinen, da die Sportart weltweite, jährliche Turnierzyklen institutionalisiert hat. Die Teilnahme am Turnierbetrieb habe Kosten im wirtschaftlichen als auch im sozialen Bereich zur Folge. Zu bedenken sei, dass die Auslandsaufenthalte im Tenniszirkus Reisekosten generieren, die beispielsweise durch Gewinnprämien wieder eingespielt werden müssten. Das Reisen von Turnier zu Turnier erschwere daneben das Ausüben von Hobbys sowie den Aufbau von Freundschaften und Paarbeziehungen. Im Falle des Zehnkampfs lassen die Befunde von Bette et al. leider keine profunden Rückschlüsse auf etwaige Wohnortwechsel der Athleten zu. Dies muss jedoch nicht bedeuten, dass Migration in dieser Sportart keine Rolle spielt. Vielmehr legen einzelne Interviewpassagen die Vermutung nahe, dass Umzüge im Karriereverlauf derart internalisiert sind, dass sie von den interviewten Athleten nicht zur Sprache kommen und somit nicht
Spitzensport und Migration 23 problematisiert werden – auch dann nicht, wenn sie explizit danach gefragt werden, inwieweit Sport ihren Lebensmittelpunkt ausmache (vgl. S. 225). Fasst man obige Forschungsergebnisse der angeführten quantitativen und qualitativen Erhebungen zusammen, so lässt sich die Bedeutung des Wohnorts im Spitzensport in Anlehnung an Freitag (1997) wie folgt stichpunktartig zuspitzen: 1. Standortvorteile nutzen können, da es in der Nähe bestens geeignete Trainingsstätten, -geräte und -partner gibt 8 oder 2. Standorte aufsuchen müssen, was bedeutet, dass das Elternhaus früh verlassen werden muss, um sich an einem Stützpunkt niederzulassen 9 oder 3. auf Spitzensport verzichten. Mehr als diese akzentuierte Erkenntnis eines wie auch immer gearteten, vagen Migrationsdrucks im Spitzensport geht aus den obigen Athletenbefragungen nicht hervor. Insofern sind die Überlegungen von Bröskamp (1998) erhellend, der ganz spezifisch das Migrationsverhalten und die Migrationsbedingungen von Spitzensportlern analysiert. Bröskamp erkennt, dass sich die Wanderungsbedingungen von Spitzensportlern von solchen der Massenmigration unterscheiden und nur einer Elite mit besonderen Privilegien vorbehalten sind. Einerseits sei beispielsweise in Deutschland die Vergabe der Staatsbürgerschaft an Spitzensportler „auffällig unkompliziert, zumal auf diese Weise die Startberechtigung für deutsche Nationalmannschaften gleich inbegriffen“ (S. 4) sei. Bröskamp notiert weiterhin, dass immer dann, wenn ein Staat symbolische Reputation mit dem Sport 8 Hierbei sind sportartspezifische Unterschiede zu beachten. Entsprechend der Ergebnisse von Flatau und Emrich (2011) fällt die Wahrscheinlichkeit für diesen Fall bei niedriger Sachkapitalspezifität bzw. niedriger Standortspezifität höher aus. Überdies reduziert sich bei Sportarten wie dem Gewichtheben, in denen ein Ferntraining möglich ist, die Notwendigkeit eines Wohnortwechsels. 9 Ein solcher sportinduzierter Wohnortwechsel setzt die Priorität des Sporttreibens an oberste Stelle und ist somit eine bewusste biografische Entscheidung für die Leistungssportkarriere mit allen Konsequenzen u. a. der Inkaufnahme weiterer sportinduzierter Wohnortwechsel.
Spitzensport und Migration 30 game“ (S. 806). Die Erfüllung dieser Möglichkeit sorgt unter anderem für Zufriedenheit bei den Migrierten, was sich an der Freude am Spiel und der Bindung zum Team ausdrücke. Daneben blenden die Autorinnen auch die negative Seite der Sportmigration nicht aus ihrer Beobachtung aus, denn immerhin müssten die Spielerinnen für die Liebe zum Spiel auch opferbereit sein und sich beispielsweise häufig mit einem Leben in kleineren Städten – und eben nicht glamourösen Hauptstädten –, niedrigen Gehältern, geringen Vertragslaufzeiten sowie insbesondere mit der Aussicht auf Nicht-Sesshaftigkeit und unsicheren Zukunftsperspektiven arrangieren (vgl. S. 816 sowie Agergaard & Botelho, 2011). Die starke Betonung des sportlichen Wertes bei Migrationsentscheidungen findet ihre Bestätigung auch in einer Studie von Tiesler (2012) über Migrationsmuster portugiesischer Spielerinnen, wonach Migration „für die Ambitioniertesten de facto eine Notwendigkeit“ darstelle (S. 106). Welche Konsequenzen die Migration in ein anderes Land bedeuten kann, haben erstmalig Maguire & Stead (1996) thematisiert und dabei herausgestellt, dass migrierende Spitzensportler bisweilen ihre Familien, ihre Kultur und Teile ihrer sozialen Identität für ihre Karriere aufgeben müssten (vgl. auch Stead & Maguire, 2000). Wie dies von Fußballspielern erlebt und bewertet wird, haben Molnar & Maguire (2008) im Rahmen von teilstrukturierten Interviews mit ungarischen Fußballprofis, die mindestens ein Jahr Auslandserfahrung aufweisen, untersucht. Aus einer figurationstheoretischen Perspektive, die sie als „migration figurations“ (S. 75) beschreiben, generieren sie detailreiche Erkenntnisse im Geflecht des globalen Fußballmarkts. Auf der Makroebene finden sie Bestätigung für klassische ökonomische Theorien, wonach die Migration der ungarischen Spieler durch ein Ungleichheitsgefüge zwischen dem Heimat- und den Zielländern initiiert werde. Die direkte Aussicht auf eine besseres Einkommen und indirekt wirkende finanzielle Faktoren wie eine attraktivere Liga, bessere Infrastruktur und Trainingsmög-
Spitzensport und Migration 31 lichkeiten sowie höhere mediale Aufmerksamkeit seien leitend bei den Migrationsentscheidungen – aber eben nicht das allein wirkende Motiv. Denn bei einer Betrachtung der Mikroebene wird deutlich, dass eine Kombination von Push- und Pull-Faktoren die Migrationsmotive in komplexer Weise vermengen. Welche Faktoren herausgearbeitet werden, zeigt Tabelle 1. Molnar und Maguire weisen ferner darauf hin, dass die Vermengung und Bedeutungszuweisung der einzelnen Faktoren von Individuum zu Individuum variieren und sich zusätzlich jeweils im Zeitverlauf verändern. Tabelle 1: Push- und Pull-Faktoren ungarischer Fußballmigranten. Eigene Darstellung auf der Basis von Molnar & Maguire (2008). Push Pull Lokal - Geringe Qualität und Reputation der ungarischen Liga - Veraltete Fußballinfrastruktur - Unsichere Beschäftigung/unbeständige Vergütung als Fußballspieler in Ungarn - Freunde - Familie - Heimatliebe Global - Einsamkeit - Kommunikationsschwierigkeiten - Berufliche Herausforderungen - Persönliche Herausforderungen - Höhere Qualität und Reputation der Liga - Besser entwickelte Fußballinfrastruktur - Höherer sozialer Status - Erheblich höheres Einkommen Auf der Mesoebene der „migration figurations“ wurde die Rolle von Spielervermittlern analysiert. Die Erkenntnis lautet hier: Die untersuchten Spieler sind bei Migrationsvorhaben Agenten, Klub-Managern oder Bekannten mit Verbindungen zum professionellen Fußballmarkt ausgeliefert. Die Spieler selbst hätten zwar Vorstellungen und Wünsche, wohin die Reise gehen soll. Aber „in reality, they have little control over this process and host countries are often selected for them by representative units of football networks“ (S. 83). Wenngleich die Rahmenbedingungen der ungarischen Fußballspieler als sehr spezifisch und nicht verallgemeinerbar einzuschätzen sind, liefert diese Studie erste ertragreiche Eindrücke, inwiefern die Sportlermigration von Interdependenzen auf Makro-, Meso- und Mikroebene strukturiert wird.
Spitzensport und Migration 32 1.2.2 Zusammenfassung der Befundlage und Forschungsdefizite Den Forschungsstand bilanzierend, lassen sich im Hinblick auf die Fragestellung der Arbeit zur Erklärung von Migrationsprozessen im Spitzensport folgende Befundlage sowie daraus resultierende Forschungsdefizite identifizieren: (1) In Deutschland hat die Erforschung der Sportmigration keine Tradition. Zwar existieren einige Studien, welche die Strukturen des Spitzensports analysieren und hinsichtlich Zentralisierungsversus Dezentralisierungsdebatten Fragen nach Wohnortwechsel aufwerfen. Die Strukturen werden dabei allerdings nicht spezifisch auf etwaige Migrationsentscheidungen untersucht. Wider Erwarten werden zudem auch psycho-soziale Komponenten der Migration nicht behandelt; selbst in der psychologisch orientierten Forschung zum Karrieremanagement und zum Drop-out von Spitzensportlern (vgl. grundlegend Alfermann, 2010; Hackfort, 2001) werden Migrations- bzw. Mobilitätsherausforderungen weder empirisch noch theoretisch abgebildet. (2) Die Migrationsforschung im Feld des Spitzensports hat sich außerhalb Deutschlands etabliert. Im Fokus der Wissenschaftstreibenden stehen globale, makrosoziologische Aspekte internationaler Sportmigration. Hierbei konzentriert sich die Forschung weitestgehend auf die kommerzialisierten Sportspiele und in der breiten Masse auf die Sportart Fußball. Als Quintessenz dieser meist quantitativ angelegten, Migrationsströme beobachtenden Untersuchungen lässt sich herausstellen, dass die sportinduzierten Wanderungen komplexen, multidimensionalen und dynamischen Prozessen unterworfen sind, die in den Kontext von globalen Machtverhältnissen und Ungleichheiten in der Attraktivität der Wettkampfligen eingeordnet werden müssen. Wenngleich im Rahmen dieser Untersuchungen beispielsweise Push- und Pull-Faktoren konzeptualisiert werden, muss insgesamt konstatiert werden, dass der Rückgriff auf allgemeine, nicht im Kontext des Sports entwickelte Migrationstheorien nur unzureichend erfolgt.
Spitzensport und Migration 33 (3) Untersuchungen zu mikrosoziologischen Aspekten der Sportlermigration sind rar gesät. Wie Migrationsentscheidungen unter den Bedingungen des Spitzensportsystems präjustiert und gefällt werden, wie Spitzensportler die strukturell vorgeformten Options- und Gestaltungsspielräume strategisch zur Karriereentwicklung nutzen und wie es ihnen schließlich gelingt, den Anforderungen einer (hoch-)mobilen Lebensweise zu begegnen, sind Forschungsfragen, deren Beantwortung bislang noch in den Kinderschuhen steckt. (4) Noch unergiebiger ist die Erforschung der Rolle vermittelnder Instanzen, die man auf der Mesoebene der Sportmigration verorten kann: Verbände, Vereine, Vermarktungsagenturen, Vermittler, Agenten, Scouts und nicht zuletzt Trainer. Inwiefern diese als „gatekeepers“ (Agergaard & Ryba, 2014, S. 235) fungieren und welche Bedeutung sie für Migrationsentscheidungen von Spitzensportlern haben, ist weitestgehend unerforscht. Dass deren Einfluss nicht zu unterschätzen ist, zeigt zumindest die ausgeprägte Entscheidungsgewalt von Spielervermittlern ungarischer Fußballspieler (Molnar & Maguire, 2008). Darüber hinaus sind keine einschlägigen Untersuchungen bekannt, sodass dieses Forschungsfeld genügend Platz für ergänzende und tiefergehende empirische und theoretische Arbeiten bietet. (5) Sportmigration lässt sich nicht ausschließlich mit ökonomischen Theorien abbilden. Aus dem skizzierten Forschungsstand wird ersichtlich, dass Geld allein nicht ausreicht, um das Migrationsverhalten im Spitzensport zu erklären. Ein „following-the-money“ (Maguire & Pearton, 2000, S. 761) mag zwar für einige Akteure in dem Feld als Hauptmotiv für einen Wechsel gelten; als monokausale Erklärung ist das Streben nach finanziellem Gewinn aber längst nicht haltbar – und daher als nur ein Aspekt neben einer komplexen und disjunkten Vielfalt an Entscheidungseinflüssen zu betrachten. Insbesondere zu Beginn einer spitzensportlichen Karriere dürfte dieser Faktor überhaupt keinen Erklärungswert haben,
Spitzensport und Migration 34 da ein hoher Verdienst noch gar nicht absehbar ist. Andere Faktoren spielen eine wichtigere Rolle, nämlich solche, die primär mit den Möglichkeiten zur Entwicklung der sportlichen Leistung und nicht zuletzt der Wettbewerbslogik des Siegens im Sport im Einklang stehen. Darüber hinaus ist der Einfluss von Freunden, Familie und Lebenspartnern (und Kindern) nicht zu verachten. In den Beschreibungen der Migrationstypen schlägt sich die Vermengung der Migrationsmotive zwar nieder. Aber da die Migrationstypen allesamt explorativen Charakter haben, kann die Liste beliebig erweitert oder umgeformt werden. Ohnehin sind die Erträge der einzelnen Forschungsarbeiten zweifellos sehr wertvoll, weil sie profunde und detaillierte Erkenntnisse im Feld der Sportmigration generieren. Eine ganzheitliche Sichtweise auf Sportmigration ist aber kaum erkennbar. Vielmehr handelt es sich bei den bisherigen Untersuchungen um einzelne Puzzlesteine, die ausschnitthaft und willkürlich einzelne Facetten der Sportlermigration empirisch-phänomenologisch illustrieren. Indessen besteht ein Theoriedefizit hinsichtlich der Integration der Besonderheiten des Spitzensports. So bleibt offen, warum Migrationsströme im Spitzensport quantitativ herausragen, welchen Einfluss die organisationalen Rahmenbedingungen und die Mitgliedschaftsbedingungen im Spitzensport haben und wie es zu den typischen Bündelungen an Migrationsmotiven von Spitzensportlern kommt. Diese drei Fragen verweisen darauf, dass sich Sportmigration augenscheinlich in Einzelaspekten von außersportlicher Migration unterscheidet und eigene Gesetzmäßigkeiten aufweist. Die Forschung über Migrationsprozesse im und durch Sport befindet sich somit noch in der Anfangs- und Findungsphase. Vornehmlich wurden Teilaspekte behandelt, die sich auf einen Grenzüberschritt als relevantes Kriterium der Migration beziehen. Dieser Forschungsstrategie ist ein Vorgehen inhärent, das in der Migrationsforschung als „methodologische[r] Nationalismus“ (Glick Schiller, 2014, S. 158; vgl. auch Wimmer & Glick Schiller, 2003) entlarvt wurde und bei der mo-
Spitzensport und Migration 35 niert wird, dass durch die Orientierung an Nationalstaatsgrenzen in der Migrationsforschung die ethnische Perspektive zu sehr in den Vordergrund gerückt werde. Binnenmigrative Aspekte, Wohnortwechsel innerhalb eines Nationalstaates, geraten nicht in den Blick der Forscher, obwohl diese Form der Migration quantitativ weitaus häufiger vorkommen dürfte als die Migration über Nationalstaatsgrenzen hinweg. 11 Zudem können aufgrund der eingeengten Perspektive auf den professionalisierten und verberuflichten Sport – und insbesondere auf Fußball – keine verallgemeinerbaren Aussagen auf die Migration in Bezug auf Sportarten gemacht werden, in denen die Verberuflichung nicht so weit fortgeschritten ist. Ebenso gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, inwieweit Migration bereits für Nachwuchsleistungssportler relevant ist, obwohl dies beispielsweise die Befundlage der Athletenbefragungen an Eliteschulen des Sports nahelegt. Folglich lässt sich konstatieren, dass es neben einer weiteren empirischen Erkundung des Forschungsfelds vor allem einer tiefergehenden theoretischen Fundierung bedarf, um die komplexen Prozesse der Sportmigration erklären, verstehen und deuten zu können und damit einen ersten Schritt zu unternehmen, um das Theoriedefizit zu tilgen. 1.3 Anlage und Aufbau der Arbeit Eine Grundlegung zur theoretischen Erklärung der Migration von Spitzensportlern ist das Anliegen dieser Arbeit. Die vorzunehmenden Überlegungen folgen der Prämisse, dass das Spitzensportsystem andere Mobilitätsbedingungen evoziert als außersportliche Gesellschaftsbereiche wie beispielsweise Wirtschaft oder Politik. Aus diesem Grund lassen sich die Erkenntnisse aus der breiten, außer- 11 Diese Tendenz spiegelt sich im Übrigen auch in der breiten, außersportlichen Migrationswissenschaft wider. Alltägliche, banale und scheinbar unproblematische Migrationsprozesse sind quasi unerforscht (King, 2002).
Spitzensport und Migration 36 sportlichen Migrationswissenschaft, speziell aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Arbeitsmigration, nur bedingt auf den spezifischen Bereich des Spitzensports übertragen – und genau deshalb sind auch eigene, die speziellen Rahmenbedingungen des Spitzensports integrierende Theoriegebäude vonnöten. Um eine möglichst umfassende Sichtweise anzustreben, werden sich die zu entwickelnden theoretischen Überlegungen mit migrationsbeeinflussenden Faktoren auf der Makro-, Meso- und Mikroebene des Spitzensports auseinandersetzen müssen. Diese Systematik drängt sich auf, da – wie der aktuelle Forschungsstand zutage gefördert hat – spezifische Wirkmechanismen der Sportmigration auf allen drei Ebenen zu beobachten sind. Allerdings sind die empirisch gewonnenen Erkenntnisse bislang noch nicht zu einer einheitlichen Theorie verschmolzen worden. Da bei der theoretischen Erklärung der Migration von Spitzensportlern es allerdings fahrlässig wäre, elaborierte Theorien, Modelle und Konzepte zur Migration außerhalb des Sports zu ignorieren, bilden diese den Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen. Die Besonderheiten des Spitzensports werden dann an diesen theoretischen Referenzpunkten sukzessive gespiegelt. Dabei wird zu reflektieren sein, inwiefern die Muster außersportlicher Migration konvergent zu den Mustern der Sportmigration sind. Eine ähnliche Vorgehensweise haben erstmalig Elliott & Maguire (2008) in einem Artikel eingeschlagen, indem sie ihre sportsoziologische Perspektive per „thinking outside of the box“ (S. 482) Forschungsergebnissen zu Motiven, Mechanismen und Effekten internationaler Migration hochqualifizierter Fachkräfte gegenübergestellt haben. Die Botschaft dieses Artikels, dass es unverkennbare Gemeinsamkeiten und charakteristische Unterschiede gäbe, soll in dieser Arbeit konstruktiv genutzt werden. Hierzu wird das Hauptaugenmerk auf die Identifizierung struktureller Divergenzen zwischen außersportlicher Migration und Sportmigration zu richten sein. Denn exakt diese
Spitzensport und Migration 37 bilden den Nährboden für die eigenen theoretischen Überlegungen zur Erklärung der Sportmigration. Somit folgt die Bearbeitung der Forschungsfrage einem explikativen Ansatz, der problemorientiert und theoriegeleitet unterschiedliche Ansätze aus der Migrationswissenschaft und der Sportwissenschaft integriert. Dies liegt darin begründet, dass nicht auf lediglich eine universalistische Theorie zurückgegriffen werden kann – zumal es die Theorie der Migration nicht gibt. Deshalb wird es die Aufgabe sein, sich mit einem ausgewählten Kanon an Theorien auseinanderzusetzen, die jeweils spezifische Teile der Sportmigration behandeln (entweder Migration oder Spitzensport oder sofern vorhanden die Synthese beider: Sportmigration) und somit zum Erkenntnisgewinn beitragen (vgl. zur Explikation Kornmeier, 2011, S. 62). Damit „ein möglichst breites und in sich differenziertes Spektrum der sozialen Realität eingefangen werden kann“ (Münch, 2002, S. 11), erscheint es legitim eine „Komplementaritätsperspektive“ (Kneer & Schroer, 2009, S. 11) im Umgang mit Theorien einzunehmen und verschiedene theoretische Ansätze zu kombinieren. Die Chance dieser Vorgehensweise liegt darin, die Theorien so zu nutzen, dass ihre jeweils unterschiedlichen Ausschnitte bzw. Perspektiven sich gegenseitig ergänzen und blinde Flecken möglichst minimiert werden. Die Gefahr liegt im Eklektizismus, bei dem willkürlich Einzelaspekte zu einem heterogenen Erklärungszusammenhang zusammengefügt werden. Deshalb muss bei der Bestückung des soziologischen „Werkzeugkastens“ (Schimank, 2007, S. 335), d. h. der Auswahl der theoretischen Bezüge zur Explikation der Sportmigration, zwingend darauf geachtet werden, dass die Auswahl nicht beliebig und planlos erfolgt und am Ende ein Aussagensystem entsteht, das logisch, konsistent und überprüfbar ist. Vor diesem Hintergrund fügt sich die theoretische Erklärung der Migration von Spitzensportlern folgender Struktur:
Spitzensport und Migration 38 Der in Kapitel 1 erfolgten Darlegung der Problemstellung, der Forschungsfrage und der Forschungsziele sowie des aktuellen Forschungsstands folgen nunmehr die theoretischen Überlegungen zur Lebensmittelpunktverortung von Spitzensportlern. Der erste Schritt hierzu wird in Kapitel 2 getätigt. In dem Kapitel werden zunächst grundlegende Begriffsbestimmungen vorgenommen und sich bereits elaborierten migrationssoziologischen Theorien gewidmet. Da migrationssoziologische Analysen sich schon seit längerem mit der Migration als einen komplexen Gegenstand auseinandersetzen, wurden infolgedessen vielfältige Erklärungsansätze der Migration entwickelt, die jeweils unterschiedliche Ausschnitte fokussieren. Das Ziel dieses Kapitels ist es, einen Überblick über gängige Theorien zu verschaffen, indem diese der Makro-, Meso- und Mikroebene zugeordnet erörtert und schließlich auf deren Beiträge für die Erklärung von Migrationsprozessen im Spitzensport hin überprüft werden. In einem zweiten Schritt werden in Kapitel 3 über einen systemtheoretischen Zugang spezifische Besonderheiten des Spitzensports und deren migrationsbeeinflussende Wirkung erörtert. Das Kapitel untergliedert sich in drei Unterkapitel, die sich jeweils mit den Migrationsbedingungen der zu unterscheidenden Ebenen auseinandersetzen. Auf der Makroebene wird dabei das distinkte Sportsystem und dessen Logik analysiert und hinsichtlich seiner migrationsbeeinflussenden Faktoren hinterfragt. Auf der Mesoebene erfolgt die Bestimmung der Rolle vermittelnder Instanzen zwischen dem Spitzensportsystem und den Spitzensportakteuren. Hierzu werden Organisationen (Verbände, Vereine, Fördereinrichtungen) und ihre Strukturen hinsichtlich ihrer intermediären Funktion betrachtet und deren migrationsbeeinflussende Wirkmechanismen reflektiert. Zuvorderst rücken dabei die Inklusionsbedingungen des Spitzensports und die Strukturbedingungen von
Spitzensport und Migration 39 Sportarten als zwei wirkmächtige und präjustierende Einflussfaktoren auf die Options- und Gestaltungsspielräume der Spitzensportler in den Blick. Auf der Basis eines strukturanalytischen Zugriffs werden dabei raum-zeitliche Verortungen von Spitzensportlern auf der Ebene einzelner Sportarten abgeleitet. Die Strukturanalyse hat eine zentrale Stellung und ermöglicht es, sich mit Details und Einzelaspekten zu beschäftigen, die dafür sorgen, dass sich die theoretischen Überlegungen nah am konkreten Gegenstand orientieren. Sie sorgt dafür, dass das notwendige Abstraktionsniveau theoretischer Überlegungen durch eine faktenbasierte substanzielle Tiefenschärfe komplementiert wird. Auf der Mikroebene kommen die Spitzensportler mit ihren typischen Karriereverläufen, Strategien und ihren sozialen Beziehungen in den Analysefokus. Hierbei wird zu eruieren sein, in welchem Spannungsfeld zwischen vorgegebenen Bedingungen und wählbaren Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten Migrationsentscheidungen zu fällen sind. Darauf aufbauend werden in einem vierten Schritt, Kapitel 4, die migrationsrelevanten Bezüge systematisiert, konsolidiert und mit den Referenztheorien der allgemeinen Migrationssoziologie abgeglichen. Das Ziel ist eine Reflexion der vorher in den Kapiteln 2 und 3 herauskristallisierten Überlegungen sowie eine Überführung in einen integrierenden Erklärungszusammenhang der Migration im Spitzensport. Eine zusammenfassende Schlussbetrachtung wird in Kapitel 5 geleistet. Hierin werden nicht nur die wichtigsten Erkenntnisse zur Erklärung von Migrationsprozessen im Spitzensport zusammengetragen, sondern es wird auch ausblickhaft auf künftige Forschungsmöglichkeiten im Feld der Sportmigration und Sportlermobilität eingegangen.
Spitzensport und Migration 46 Seitenblick in die Mobilitätsforschung, die sich in einem übergreifenden Verständnis mit der Beschreibung und Analyse von Bewegungen in Zeit (Frequenzen) und Raum (Distanzen) beschäftigt (vgl. Tully & Baier, 2006). Hier lässt sich Migration als eine Form räumlicher Mobilität deklinieren, wobei eher dauerhafte und weniger dauerhafte Wohnortwechsel auf der einen Seite sowie eher große räumliche Distanz überwindende und eher kleinräumige Distanz überwindende Wohnortwechsel auf der anderen Seite zu unterscheiden sind. Dauerhafte Wohnortwechsel werden als residenzielle Mobilität bezeichnet und in der Regel dichotom zu zirkulärer Mobilität behandelt. Umzüge innerhalb einer Gemeinde oder Region (intranationale Migration oder auch Binnenmigration) werden ebenso der residenziellen Mobilität zugeordnet wie die Versetzung des Lebensmittelpunkts in ein anderes Land (internationale Migration). Bei zirkulärer Mobilität bleibt der Wohnsitz hingegen erhalten und fungiert als Ausgangs- und Endpunkt beispielsweise fürs Fernpendeln und auch für berufsbedingte und touristische Reisen (vgl. Rüger et al., 2011; Ruppenthal, 2010; Tully & Baier, 2006; Wagner, 1989). Werden mindestens zwei Wohnsitze respektive Behausungen zum Übernachten – die wie z. B. Tourbusse oder Wohnwagen auch einen mobilen Charakter haben können – alternierend benutzt, spricht man von multilokales Wohnen (vgl. Hilti, 2009, 2013) oder auch von residenzieller Multilokalität (vgl. Weichhart & Rumpolt, 2015). Die Besonderheit von residenzieller Multilokalität liegt in einer „halbnomadischen Lebensform“ (Weichhart, 2009, S. 3), die darin begründet ist, dass ein Wohnstandort nicht aufgegeben wird, obwohl dieser Standort aus subjektiver Perspektive der Betroffenen als defizitär für die Existenzsicherung bzw. Bedürfnisbefriedigung klassifiziert wird. Strategischen Abwä-
Spitzensport und Migration 47 gungsentscheidungen folgend wird dann mindestens ein weiterer Wohnsitz nutzbar gemacht und für einen Teil der Lebenszeit eingenommen, um die Defizite des ersten Wohnsitzes bzw. der anderen Wohnsitze auszugleichen. 13 Eine weitere Dichotomisierung ist die Unterscheidung von temporär versus permanent. Temporäre Migration findet in Intervallen statt und ist durch das Kriterium der zwischenzeitlichen Rückkehr gekennzeichnet. Demgegenüber findet bei der permanenten Migration keine Rückkehr zur Herkunftsdestination statt. Zwischen diesen beiden Polen lassen sich aber noch viele weitere Möglichkeiten verorten. Ein besonderes Mischungsverhältnis temporärer und permanenter Migra- 13 Das Konzept des multilokalen Wohnens integriert somit den von Treibel (2008a) beschriebenen zweiten Zugang, wonach mindestens zwei Orte für Individuen als relevant beachtet werden, und das Lebensmittelpunkt-Konzept von Oswald, bei dem benannt wird, was den Lebensmittelpunkt von Individuen ausmacht. Multilokales Wohnen ist dabei jedoch als ein wesentlich offeneres Konzept zu verstehen, das internationale, intranationale, temporäre, permanente, zirkuläre und residenzielle Mobilitätsformen in ihrem jeweils spezifischen Mischungsverhältnis in den Blick nimmt. Abbildung 2: Differenzierungen und Dichotomisierungen von Migrations- und Mobilitätsformen. Eigene Darstellung.
Spitzensport und Migration 48 tion ergibt sich beispielsweise beim Nomadismus, der sich durch eine Nicht-Sess- haftigkeit und eine Vielzahl an nacheinander eingerichteten Wohnstandorten, also Umzüge in Serie von A nach B nach C usw., auszeichnet. Der Nomadismus als eine Mobilitätsform, die zwischen temporärer und permanenter Migration eingeordnet werden kann, zeigt ebenso wie das multilokale Wohnen, das als eine kreative Mischform von residenzieller, zirkulärer sowie temporärer und permanenter Migration angesehen werden kann, dass die in Abbildung 2 dargestellten Dichotomisierungen einen begrenzten heuristischen Wert haben, um divergente Spielarten der Migration in der globalisierten Moderne zu erfassen (vgl. kritisch zu den Dichotomisierungen King, 2002). Vielmehr sind sie als Pole anzusehen, die eine Vielfalt an ausdifferenzierten Migrations- und Mobilitätsformen aufspannen. Aber insbesondere aufgrund dieser polartigen Eigenschaften eignen sie sich, der Theorie zur Erklärung von Migrationsprozessen im Spitzensport eine Silhouette zu geben, um spezifische Migrationsbedingungen auf einem gewissen Abstraktionsniveau grundlegend einordnen und verstehen zu können. Migration lässt sich in dieser weitgefassten Sichtweise mit Sparacio & Klückmann (2015) beschreiben als „ein auf (zumindest vermutete) Präsenz abzielendes Bewegungsphänomen: Migration ist Mobilität und hat eine wie auch immer definierte Form der Präsenz zur Folge. Aber sie ist gleichzeitig mehr als Mobilität und mehr als Präsenz, sie ist deren jeweiliger Spezialfall“ (S. 28). 2.2 Theoretische Ansätze zur Erklärung von Migration Migrationssoziologische Analysen haben ihren Ursprung in den 1920er Jahren in den USA. Im europäischen Raum findet seit den 1980er Jahren eine deutliche Zunahme an empirischer und gleichfalls theoretischer Analyse von Wanderungen statt (vgl. zur Forschungstradition im Überblick Bade, 2002; Hahn, 2012; Schmitter
Spitzensport und Migration 49 Heisler, 2008). Beim Vergleich der einschlägigen Forschungsarbeiten lässt sich das Gros der Untersuchungen auf zwei Kernfragen reduzieren: (1) Warum migrieren Menschen und wie verändern sich die Beweggründe im Zeitverlauf? (2) Was passiert mit den Migranten in der Aufnahmegesellschaft und welche wirtschaftlichen, politischen und sozialen Konsequenzen gibt es? Der Fokus wurde zunächst auf die, vermeintlich gesellschaftlich relevantere, zweite Frage gelegt. Im Mittelpunkt stehen Analysen, die sich vornehmlich mit Aspekten und Folgen internationaler Migration befassen (vgl. z.B. Brücker, 2003; Düvell, 2006; Freisl, 1994; Geisen, 2005; im Überblick Han, 2000, 2006; Hillmann, 2007; King, 2002). Diese Untersuchungen schließen oftmals Fragen zu Formen sozialer Integration oder Desintegration und deren politischen Konsequenzen mit ein (vgl. insbesondere Bommes & Krüger-Potratz, 2008; Oswald, 2007; Treibel, 2008b). Sie beschäftigen sich also mit Phänomenen, die aus bereits erfolgten Migrationsentscheidungen hervorgehen. Nach wie vor ist dieser Strang der Migrationssoziologie derjenige, der am meisten Aufmerksamkeit erfährt; für diese Arbeit ist er aber eher nebensächlich. Bis dato findet sich eine weit entwickelte und ausdifferenzierte Vielfalt an Migrationstheorien. Im Kontext dieser Arbeit zu beachten ist, dass die Migrationsforschung sich bis in die 1990er Jahre auf historische Wanderungsbewegungen wie die massenhafte Einwanderung in die USA während des 19. Jahrhunderts oder die Gastarbeiterwanderungen innerhalb Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentrierte. Hierdurch verfestigte sich ein enges Verständnis von Migration, das sich „meist automatisch als ein zeitlich dauerhaftes und räumlich größere Distanzen sowie internationale Grenzen überschreitendes soziales Phänomen“ (Ette & Sauer, 2010, S. 18) konzeptualisierte. Diese Form der Migration be-
Spitzensport und Migration 50 traf in der Regel weniger privilegierte, kapitalschwache Menschen, die von geringer in höher entwickelte Nationalstaaten wanderten, um dort Arbeit zu finden. Die ersten Theoretisierungsversuche von Wanderungsbewegungen sind von diesen Vorstellungen der Arbeitsmigration geprägt, was zu einer Entwicklung von ökonomisch avisierten Erklärungsmodellen führte, die im Wesentlichen auf den Annahmen dieser Migrationsform beruhen. Dies gilt es bei der Auswahl der im Folgenden näher zu beleuchtenden Theorien zu beachten. Die Auswahl erfolgt anhand von drei Kriterien: Erstens sollen die Theorien ein breites Spektrum an unterschiedlichen Erklärungsansätzen zu Ursachen und Bedingungen von Migration abdecken. Zweitens soll sich das Spektrum nicht auf internationale Migration beschränken, sondern ausdrücklich auch Erklärungsansätze für intranationale Migration bereithalten. Drittens sollen die ausgewählten Erklärungsansätze ein Mindestmaß an Erklärungskraft für den Bereich der Sportmigration bereithalten, weshalb einschlägige Armuts- oder Flüchtlingstheorien und Überlegungen zu erzwungener Migration nicht berücksichtigt werden. Der Übersicht halber werden die ausgewählten Theorien in makrotheoretische, mikrotheoretische und mesotheoretische Ansätze sortiert behandelt. Makrotheoretische Ansätze nehmen Migration auf einer Aggregatebene in den Blick. Sie befassen sich mit Migration als Kollektivphänomen und identifizieren und interpretieren Strukturbedingungen als Determinanten der Migration. Im Fokus dieser Ansätze stehen regionale Disparitäten, die sich beispielsweise in unterschiedlichen Lohnniveaus und Arbeitslosenquoten sowie ungleicher Siedlungsdichte ausdrücken können. Zudem werden Faktoren wie Arbeitsmarktentwicklung, Anziehungskraft urbaner Zentren und zu überwindende Distanzen betrachtet, um Migrationsströme regelhaft erklären zu können. Mikrotheoretische Ansätze sind akteurzentriert und fokussieren das individuelle Verhalten in der Entscheidungsfin-
Spitzensport und Migration 51 dung. Sie berücksichtigen die Bedeutung persönlicher Informationen und subjektiver Bewertungen und zielen auf die Abbildung von Gesetzmäßigkeiten im Abwägungs- und Optimierungsprozess von Migrationsentscheidungen. Mesotheoretische Ansätze hingegen analysieren, inwiefern Migrationsentscheidungen in institutionelle und organisationale Kontexte sowie soziale Netzwerke eingebettet sind. Die mesotheoretischen Ansätze rücken – auch wenn sie sachlogisch zwischen Makro- und Mikroebene sinnvoller aufgehoben scheinen – aus Gründen ihrer zeithistorischen Entstehungsgeschichte an das Ende der Betrachtungen, denn sie sind vergleichsweise jüngeren Ursprungs und können als Reaktion auf unzureichende Reichweiten sowie auf Lücken und eine unvollständige Integration der theoretischen Ansätze der Makro- und Mikroebene gesehen werden (vgl. Düvell, 2006; Ette & Sauer, 2010; Han, 2000, 2006; Haug & Sauer, 2006; Kalter, 1997, 2000; Kley, 2009; Kraler & Parnreiter, 2005). 2.2.1 Makrotheoretische Erklärung von Migration In vielen Theorieüberblicken zur Migration markieren die „Laws of Migration“ vom Demografen und Kartografen Ravenstein (1972a), die in den 1880er Jahren veröffentlicht wurden, den Startpunkt für die Wanderungsforschung. Ravenstein hat auf Basis britischer Zensusdaten der Jahre 1871 und 1881 Migrationsakte nach Distanz, zeitlichen Dimensionen und nach Geschlecht analysiert und daraus folgende Gesetzmäßigkeiten abgeleitet, die sich mit Düvell (2006), Geis (2005), Han (2000) und Kley (2009) sinngemäß wie folgt übersetzen und zusammenfassen lassen: Die meisten Migrationsvorgänge erfolgen über eine kurze Entfernung. Es erfolgt in Richtung großer Handels- und Industriezentren ein Absorptionsprozess und in die entgegengesetzte Richtung ein Dispersionsprozess – letzterer hat allerdings ein geringeres Ausmaß.
Spitzensport und Migration 52 Die hieraus entstehenden Lücken, werden von Migranten aus entlegeneren Gebieten gefüllt. Jeder Wanderungsstrom erzeugt einen Gegenstrom (von geringerer Stärke). In der Stadt Geborene migrieren seltener als die vom Land. Frauen migrieren mehr als Männer jedoch über kürzere Distanzen. Wenngleich die Wanderungsgesetze von Ravenstein in den sozialhistorischen Kontext der Industrialisierung und Urbanisierung Englands einzubetten sind und es diesbezüglich zu Problemen bei der Verallgemeinerung seiner Gesetze kommt, erweisen sie sich über die Zeit hinweg als relativ stabil und spiegeln sich in Teilen auch heute noch in Aggregatdaten wider (Kley, 2009, S. 27). Ravenstein stellt für die Begründung dieser statistischen Beobachtungen eine Reihe an plausiblen Vermutungen an, wie „schlechte oder unterdrückende Gesetze, hohe Besteuerung, unangenehmes Klima, geringe soziale Übereinstimmung und sogar Zwang“. Eine Migrationsursache hebt er aber besonders deutlich hervor: das in den meisten Menschen vorhandene Verlangen, „sich selbst in materieller Hinsicht zu ‚verbessern‘“ (Ravenstein, 1972b, S. 83), sodass er als weiteres Gesetz hinzufügt: Migration wird hauptsächlich von ökonomischen Faktoren beeinflusst. Obwohl vielfach kritisiert wird, dass Ravensteins Beobachtungen streng genommen nicht die Qualität von Gesetzen hätten (vgl. Haug & Sauer, 2006; Kley, 2009), werden diese rückblickend als ‚Klassiker‘ eingestuft und gelten als Wegbereiter für später entwickelte Gravitationsmodelle sowie für ökonomisch orientierte Migrationstheorien. Gravitationsmodelle betrachten die Distanzen von Wanderungen und gehen auf den Versuch zurück, das physikalische newtonsche Gravitationsmodell für die Anziehungskraft zweier Körper auf das Migrationsverhalten zwischen zwei Orten zu übertragen. Mit Hilfe von Formeln wird dabei das erwartete Migrationsvolumen
Spitzensport und Migration 53 errechnet. Das Grundmodell wurde von Zipf (1946) entwickelt und in der Folge von Dodd (1950) verfeinert. Die Gravitationsmodelle postulieren hinsichtlich der Stärke von Migrationsströmen eine Wanderungsbeziehung zwischen der Entfernung und dem Bevölkerungsvolumen zweier Orte: Es wandern mehr Menschen von einem bestimmten Ort zu einem anderen, je größer die Orte sind. Und es wandern weniger Menschen von einem bestimmten Ort zu einem anderen, je weiter sie voneinander entfernt sind. Gravitationsmodelle sind in der Lage, statistische Zusammenhänge von Migrationsströmen formelhaft zu beschreiben. Im Sinne eines Black-Box-Modells hinterfragen sie jedoch nicht die dahinter liegenden Mechanismen von Migration (Kalter, 2000, S. 442). Dies gelingt auch dann nicht, wenn – wie z. B. von Stouffer (1940; 1960) vorgeschlagen – weitere Variablen wie Möglichkeiten (opportunities), intervenierende Möglichkeiten (intervening opportunities) und Konkurrenz zu anderen Migranten (competing migrants) zusätzlich betrachtet werden. Die Modelle zeigen zusammengenommen in ihrer Einfachheit zwar eindrucksvoll auf, inwiefern isoliert betrachtete strukturelle Gegebenheiten die Migrationswahrscheinlichkeit und die Migrationsentfernung beeinflussen. Sie können jedoch keinen fundamentalen Beitrag für die Erklärung von Migrationsprozessen leisten, weshalb sie im Rahmen dieser Arbeit nicht umfänglich herausgearbeitet werden. Makroökonomisch orientierte Migrationstheorien beschäftigen sich mit dem von Ravenstein angesprochenen Aspekt der materiellen Verbesserung. Folgt man der Argumentation der makroökonomischen Ansätze, so sind regionale Lohndifferenzen ursächlich für Migration. Kalter (2000) bringt das zugrunde liegende Prinzip wie folgt auf den Punkt: „Arbeitskräfteangebot und Arbeitskräftenachfrage bestimmen im Gleichgewicht den Preis des Produktionsfaktors Arbeit, das Lohnniveau. Dieses Gleichgewicht ist aber zunächst nur regionaler Art. Als Reaktion auf unterschiedliche Lohnniveaus in verschiedenen Regionen treten Wanderungen auf. Erwerbstätige migrieren von Gebieten mit niedrigen Lohnniveaus in Gebiete
Spitzensport und Migration 54 mit höheren Durchschnittslöhnen und bewirken somit – da Zuwanderungen zu einer Senkung des Niveaus und Abwanderungen zu einer Anhebung des Niveaus führen – das Zustandekommen eines globalen Gleichgewichtsprozesses.“ (S. 445) Es ist offensichtlich, dass es sich bei dieser Argumentationskette um eine idealtypische Konstruktion handelt. Sie impliziert stillschweigend Bedingungen wie Vollbeschäftigung, rationales Handeln auf der Basis vollständiger Information, Konkurrenz zwischen den Marktteilnehmern und kostenneutrale Durchführung der Migration, die einer empirischen Überprüfung nicht standhalten würden (Kraler & Parnreiter, 2005, S. 332). Trotz aller Kritik an diesem klassischen ökonomischen Modell, erweist sich in der empirischen Überprüfung ein hohes Lohnniveau nichtsdestotrotz als Magnet für Zuwanderer. Hingegen bestätigt sich die Auswanderungshypothese aus Regionen mit niedrigem Lohnniveau nicht. Vieles weist darauf hin, dass Emigration in diesen Regionen gerade durch das niedrige Lohnniveau behindert wird, da die Menschen sich einen Wohnortwechsel nicht leisten können. Das gleiche Bild ergibt sich, wenn man statt der Lohnniveaus Arbeitslosenquoten als Migrationsantreiber betrachtet. In diesem keynesianischen Denkmodell wird davon ausgegangen, dass Wanderungen von Regionen mit hoher Arbeitslosenquote in Regionen mit niedriger Arbeitslosenquote und prosperierendem Arbeitsmarkt zur Maximierung der Einkommenserwartungen erfolgen. Die empirische Überprüfung zeigt hier in die äquivalente Richtung, dass Orte mit niedriger Arbeitslosenquote vermehrt von Zuwanderung, Orte mit hoher Arbeitslosenquote aber eben nicht übermäßig von Auswanderung betroffen sind. Im Gegenteil: Die Befunde einer neueren Studie deuten darauf hin, dass mit steigender regionaler Arbeitslosenquote die relativen Emigrationsraten zurückgingen und somit unvorteilhafte ökonomische Bedingungen vor Ort mit einem Trend zur Immobilität gekoppelt seien (Windzio, 2004). Neben der Vermutung, dass sich die Menschen Migration hier schlichtweg nicht leisten können oder aber institutio-
Spitzensport und Migration 55 nelle Barrieren, individuelle Trägheit und Informationsdefizite einem Wohnortwechsel entgegenstehen, lässt sich auch anführen, dass Migration oftmals im Zusammenhang mit Erwerbstätigkeit steht, wie dies beispielsweise bei unternehmensinternen Versetzungen an einen anderen Standort der Fall ist (vgl. im Überblick Kalter, 2000, S. 445-447). Die Betrachtung ökonomischer Einflussfaktoren hat schließlich auch zu abstrakter formulierten und mit wenigen Grundannahmen auskommenden Erklärungsmodellen geführt: die makroökonomischen Push- und Pull-Modelle. Diese haben die theoretische Auseinandersetzung mit Migration über eine lange Zeit maßgeblich beeinflusst und erfreuen sich dabei unkritischer Popularität, wenngleich sie streng genommen keinen eigenständigen theoretischen Ansatz bilden, sondern „im Prinzip nur eine suggestive Sprechweise“ (Kalter, 2000, S. 447) widerspiegeln. Bei den Push- und Pull-Modellen liegt die Hauptaufgabe darin, abstoßende Faktoren (push) und anziehende Faktoren (pull) zu identifizieren und gegenüberzustellen. Deren simultane Analyse entscheidet schließlich, ob ein etwaiges Migrationspotenzial zu einer Versetzung des Lebensmittelpunkts führt oder nicht. Zu den Push- Faktoren zählen alle Bedingungen, die eine unbefriedigend empfundene Situation am Herkunftsort bedingen. Diese können nach verbreiteter Lesart z. B. Krieg, religiöse oder politische Verfolgung, wirtschaftliche Krisen, Einkommensungleichheiten, Umweltkatastrophen oder klimatische Bedingungen sein. Die Pull-Fakto- ren sind diejenigen Faktoren, welche die Zielregion attraktiv erscheinen lassen, z. B. politische Stabilität, Aussicht auf Erwerbsmöglichkeiten, hohe Löhne und einträgliche Sozialleistungen (Düvell, 2006, S. 81; Geis, 2005, S. 28-29; Han, 2000, S. 13-15; Oswald, 2007, S. 70-71). Push- und Pull-Modelle sind als Ordnungsversuch bei einer Abwägung von Wanderungsgründen anzusehen. Weil neben Lohndifferenzen mit sozialen Kosten (Auswirkungen auf Familie, Partnerschaft, Freunde) zunehmend auch eine Reihe
Spitzensport und Migration 62 nutzen beschreiben, den ein Individuum seinem Wohnort beimisst. Die place utility ist rein subjektiver Natur und wird mit den eigenen Ansprüchen und Bedürfnissen (aspiration level) bezüglich des Ortsnutzens abgeglichen. Entsteht ein Missverhältnis, d. h. die place utility deckt die Ansprüche und Bedürfnisse nicht mehr ab, entsteht Unzufriedenheit und es drängt sich die Notwendigkeit einer Veränderung auf. Dafür, dass ein Zufriedenheitsstatus in Unzufriedenheit übergeht, können einerseits eine abgenommene place utility, also eine Senkung des subjektiv wahrgenommen Ortsnutzens, und andererseits gesteigerte Ansprüche und Bedürfnisse, die vor allem im Zusammenhang mit einschneidenden Lebenslaufereignissen wie Ausbildung, Beruf, Heirat, Geburt von Kindern auftreten, verantwortlich sein (Lebenslaufansatz). Die daraus resultierende Notwendigkeit einer Veränderung kann, muss aber nicht zwangsläufig in einer Migration münden, wie Brown & Moore (1970) ergänzend herausarbeiten. Neben der Verlagerung des Lebensmittelpunkts an einen anderen Ort lässt sich auch an den vorgenannten Stellschrauben drehen, indem die place utility durch eine aktive Veränderung der Umgebung oder das aspiration level durch eine Anpassung der Ansprüche und Bedürfnisse nivelliert werden. Der Migrationsprozess an sich beginnt mit der Suche nach Ortsalternativen, die ein höheres Level an place utilities besitzen respektive versprechen. Oder mit Wolperts Worten: „Thus, the flow of population reflects a subjective place-utility evaluation by individuals“ (1965, S. 162). Wolpert weist ausdrücklich darauf hin, dass die Strategien der Suche nach einem geeigneten neuen Wohnort der Feldtheorie entsprechend durch den Horizont des individuellen Aktionsraums und Informationen durch Massenmedien, Reisen, Freunde und Verwandte eingerahmt werden. Deshalb ist die Entscheidungsfindung nicht immer optimal und es spiegeln sich in ihr subjektive Verzerrungen und eine begrenzte Rationalität der Individuen wider. Den letzten Punkt ergänzend lässt sich hinzufügen, dass Migrati-
Spitzensport und Migration 63 onsentscheidungen nicht durch das Prinzip des Maximierens hervorgerufen werden. Solange jemand mit der jetzigen Situation zufrieden ist, wird nicht zwingend nach besseren Alternativen gesucht (Kalter, 2000, S. 455-456). Dies findet auch in einer Untersuchung von Speare (1974) Bestätigung, der einen Index zur Zufriedenheit bzw. Unzufriedenheit als verlässlichen Prädiktor für die Bereitschaft zur Migration herausarbeiten konnte. Der Zufriedenheitsansatz ist für eine entscheidungstheoretische Migrationsanalyse in dreierlei Hinsicht bereichernd: Erstens stellt er erstmalig die jeweils individuellen räumlichen Präferenzen auf der Basis subjektiver Bewertungen in den Vordergrund und zeigt auf, dass sich seriöse Gedanken über einen möglichen Wohnortwechsel erst beim Übergang einer Unzufriedenheitsschwelle manifestieren. Zweitens berücksichtigt er, dass bei Migrationsentscheidungen auch andere Handlungsalternativen als ein Wohnortwechsel zielführend für die Befriedigung der jeweiligen Ansprüche sein können. Und drittens enthält er implizit Korrekturen der mikroökonomischen Ansätze, die in möglichst realistischen Annahmen über Abwägungsüberlegungen in unterschiedlichen Entscheidungsschritten bestehen. Eine Bündelung verschiedener Ansätze findet sich in der Werterwartungstheorie, die de Jong und Fawcett (1981) erstmalig auf Migration bezogen haben und insbesondere von Kalter (1997; 2000) unter dem Aspekt der Subjective Expected Utility (SEU-Modell) migrationsspezifisch aufgearbeitet wurde. 15 Das charakteristische am SEU-Modell ist die Verquickung von subjektiven Migrationsfaktoren mit ökonomischen Migrationsfaktoren. Klassische makrotheoretische Determinanten wie Lohnniveau und Klima werden ebenso berücksichtigt wie die individuelle Bewertung von Handlungsalternativen. Im Sinne eines Rational-Choice-Ansatzes 15 Grundsätzliche Überlegungen zum SEU-Modell (Theorie des subjektiv erwarteten Nutzens) und somit zur Implementierung subjektiver Elemente in Rational-Choice-Theorien hat Esser (1991a; 1991b) vorgelegt.
Spitzensport und Migration 64 wird Migration als instrumentelles Verhalten ausgelegt, bei dem Ziele und Zwecke verfolgt werden, die bestimmten Wertvorstellungen unterliegen. Bei der Abwägung einer gegebenen Menge von Handlungsalternativen erstellt das Individuum eine innere Rangliste von (Lebens-)Zielen, wobei vorausgesetzt wird, dass das Individuum selektiert, insofern als es höherrangige Ziele zu erreichen versucht (vgl. Kathmann, 2015, S. 78). Folglich handelt es sich bei dem SEU-Modell wie beim Humankapitalansatz um eine Kosten-Nutzen-Analyse, bei der angenommen wird, dass eine Entscheidung jeweils den größten persönlich erwarteten Gesamtnutzen repräsentiert. Bezieht man dieses Grundmodell auf Migrationsentscheidungen, so können als Handlungsalternativen entweder die grundlegende Entscheidung Bleiben/Umziehen oder die Entscheidung für ein bestimmtes Ziel der Migration, d. h. an welchen Ort der Umzug erfolgen soll, in die Modellierung eingehen. In der formalen Sprache der Mathematik ausgedrückt, verkörpert der subjektiv erwartete Nutzen folgende Eigenschaften: 𝑆𝐸𝑈(𝑖)=∑𝑝𝑖𝑗 ∗𝑈𝑗 Für den beschreibenden Term auf der rechten Seite bezeichnet 𝑈𝑗 die Nutzeneinschätzung und 𝑝𝑖𝑗 die Wahrscheinlichkeit, eine Zielsituation j durch eine Handlung i zu erreichen. Es ist dabei bedeutsam, dass beide Multiplikatoren, also die Summe der Nutzeneinschätzungen und der Wahrscheinlichkeit, auf subjektiven Bewertungen und Erwartungen basieren. Kosten für die jeweilige Handlungs- oder Ortsalternative werden als negative Nutzeneinschätzung 𝑈𝑗 berücksichtigt und haben somit relativierenden Einfluss auf die Entscheidung. Schlussendlich ist maßgeblich, dass diejenige Handlungsalternative i gewählt wird, die den maximalen Wert ergibt, d. h. den höchsten subjektiven Nutzen verspricht. In der migrationsspezifischen Anwendung heißt dies hinsichtlich der Entscheidung Bleiben/Umziehen: Liegt der SEU-Wert für eine Verlagerung des Lebensmittelpunkts über dem der Sesshaftigkeit, wird migriert (Kalter, 2000, S. 456-458).
Spitzensport und Migration 65 Ein Vorteil des SEU-Modells ist die Ermöglichung der Integration von Makrofaktoren in eine auf der Mikroebene angesiedelten Entscheidungstheorie – wie es Gardner (1981) schon seit langem gefordert hat. Da es im Kern bei dem SEU- Modell um das Prinzip der Nutzenmaximierung nach rationalen und individualistischen Leitgedanken von Einzelpersonen geht, ist es für den Fall nicht gut geeignet, wenn es um komplexe, interdependierende Migrationsentscheidungen mehrerer Beteiligter geht. Geht man davon aus, dass bei Migrationsentscheidungen nicht der individuelle Akteur der alleinige Entscheidungsträger ist, sondern vielmehr die Entscheidung in den Kontext der Familie zu stellen ist (vgl. Stark, 1991), bietet das SEU-Modell keine Möglichkeit, gemeinsame Entscheidungen als eine Haushaltsentscheidung abzubilden. Neben dem empirisch erwiesenen Fakt, dass in den meisten Fällen der weibliche Partner gegenüber der Karriereentwicklung seines männlichen Pendants zurücksteckt (vgl. Abraham & Schönholzer, 2009; Becker et al., 2011; Becker & Tippel, 2012; Rüger et al., 2011), dürfte im vorliegenden Kontext auch interessant sein, unter welchen Prämissen in Familien Entscheidungen getroffen werden, wenn ein sportlich talentiertes (minderjähriges!) Kind karrierebedingt einen Umzug – etwa in ein Sportinternat, in die Nähe eines Stützpunkts oder eines Nachwuchsleistungszentrums – in Erwägung zieht. 2.2.3 Mesotheoretische Erklärung von Migration In einem vielbeachteten Aufsatz über neue Formen der Migration kritisiert der britische Migrationsforscher King (2002) vor dem Hintergrund sich diversifizierender Migrationsarrangements die eingefahrenen Wege der Erforschung von Migration. Unter anderem fordert er die scientific community eingehend dazu auf, Migration konsequenterweise mehrperspektivisch im Rahmen einer “double embeddedness of migration" (King, 2002, S. 101) zu betrachten: Auf der Mikroebene müsse Migration zwingend in den Lebenslauf der Migranten eingebettet analy-
Spitzensport und Migration 66 siert werden; gleichzeitig müsse auf der Makroebene die Einbettung der Migranten in gesellschaftliche Bedingungsgefüge und soziale Prozesse der jeweiligen Herkunfts- und Zielregionen ergründet werden. Zweifelsfrei ist seine Kritik berechtigt. Denn einesteils können die makrotheoretischen Erklärungsansätze, die auf der Aggregatebene Muster sowie Korrelationen zwischen einzelnen Faktoren und Migrationsströmen aufzudecken in der Lage sind, die tatsächlichen Beweggründe für einen Wechsel des Lebensmittelpunkts nicht ursächlich erklären, weil sie vom Kollektiv auf das Individuum schließen und damit handlungstheoretische Annahmen und die jeweils konkrete Reflexion der Situation der Individuen vernachlässigen. Andernteils ist Letzteres zwar Bestandteil der mikrotheoretischen Erklärungsansätze. Diese berücksichtigen aber nicht den Aspekt der wechselseitigen Konstitution von sozialem Handeln und sozialen Strukturen. Sie haben ihre blinden Flecken im interagierenden Handeln mit anderen Individuen in sozialen Netzwerken und bieten keine Möglichkeit, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Erklärungsebenen zu berücksichtigen. In dieser Hinsicht lohnt sich die Auseinandersetzung mit neueren Migrationstheorien, die sich auf der Mesoebene ansiedeln lassen und denen man eine – wenn auch noch fragmentarische - Überbrückungsfunktion von Makro- und Mikroebene (und umgekehrt) zuschreiben könnte (vgl. Faist, 1997; Haug & Sauer, 2006, S. 22). Leitend für mesotheoretische Erklärungsansätze ist dabei die Annahme, dass Individuen in Organisationen, Gruppen oder Netzwerke eingebunden sind und diese Einbindung den Migrationsprozess beeinflusst. Insbesondere die Anwendung der beiden bestehenden Ansätze Netzwerktheorie und Sozialkapital auf den Gegenstandsbereich der Migration hat die theoretische Auseinandersetzung neuerdings befruchtet. Die beiden genannten Ansätze werden nachfolgend expliziert, wobei deutlich werden sollte, dass sie eng miteinander verwoben sind.
Spitzensport und Migration 67 Der besondere Erklärungsgehalt der Betrachtung von Migrationsnetzwerken besteht darin, den Einfluss von persönlichen Beziehungen in Migrationsprozessen zu bemessen. Dabei sind sowohl die Bleiben/Umziehen-Entscheidung, die Zielortentscheidung, der Wohnortwechsel an sich und die Möglichkeiten der Integration von sozialen Prozessen geprägt, bei denen sich Individuen auf Informationen und Hilfe ihres sozialen Netzwerks, bestehend aus Familienangehörigen, Freunden, Bekannten und ferner nützliche Kontakte zu Organisationen oder fremden Personen, bedienen. Die Gesamtheit aller sozialen Beziehungen eines Individuums, die ihm bei einer Migration behilflich sind, wird als Migrantennetzwerk bezeichnet. Darauf aufbauend lässt sich die Gesamtheit aller Migrantennetzwerke einer bestimmten Gruppe als Migrationsnetzwerk aggregieren. Anwendung findet dieses Konzept in Gruppen mit gemeinsamen geografischen, ethnischen oder nationalen Bezügen. Der Wirkmechanismus von Migrationsnetzwerken liegt vor allem in der Nutzung sozialen Kapitals begründet. Die entscheidende Frage für den Migranten lautet dabei: Welchen Zugriff habe ich auf die materiellen und immateriellen Ressourcen der Mitglieder meines Migrantennetzwerks (vgl. Elrick, 2008, 2009)? Entsprechend der Sozialkapitaltheorie 16 gibt es verschiedene Mechanismen der Nutzbarmachung sozialen Kapitals, für die die vier Begriffe Werte, Solidarität, Reziprozität und Vertrauen maßgeblich sind (Portes, 1995, 1998). Haug & Sauer (2006) verdeutlichen diese vier Wirkmechanismen folgendermaßen: 16 Es existieren verschiedene Betrachtungen zum sozialen Kapital, die sich auf verschiedenen Ebenen verorten lassen. Die einflussreiche Sozialkapitaltheorie von Putnam (1993; 1995) stellt lokale Vergemeinschaftungen wie Vereine und kirchliche Gruppen als Generatoren sozialen Kapitals ins Zentrum seiner Betrachtung und zieht daraus makrotheoretische Schlussfolgerungen für den kollektiven Wert von Sozialkapital für Gesellschaften. Lin (1999) nimmt einen mesotheoretischen Blick ein und fokussiert sich vornehmlich auf die Beziehungsmuster im Netzwerk von Familien und Freunden und wie über solche Beziehungen Ressourcen mobilisiert werden können. Für eine mikrotheoretische Fundierung sozialen Kapitals steht der weit verbreitete Ansatz von Bourdieu (1983). Soziales Kapital nach Bourdieu meint die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die auf gegenseitiges Kennen und Anerkennen beruhen und die ein
Spitzensport und Migration 68 „Im ersten Fall sind es allgemeine moralische Prinzipien, die durch Sozialisation erworben wurden. Sie können zu nicht rein ökonomisch orientiertem Handeln führen, was von Vorteil für andere Mitglieder einer (ethnischen) Gemeinschaft ist. Im zweiten Fall besteht eine Identifikation mit den Zielen und Bedürfnissen der Gruppe, was zu solidarischen Handlungen führt. Dieses gruppenorientierte Handeln ist zu unterscheiden von wertorientiertem Handeln, da es durch ein Gruppenbewusstsein hervorgerufen werden kann. Im dritten Fall werden im Rahmen eines reziproken Tauschs Ressourcen an Mitglieder des sozialen Netzwerks vergeben, wobei durchaus ein Eigeninteresse besteht, und im vierten Fall führt die Erwartung von Belohnungen bzw. die Androhung von negativen Sanktionen bei einem Vertrauensbruch zu einem vertrauensvollen Miteinander unter den Netzwerkpartnern.“ (S. 24) Ein Migrant kann innerhalb seines Netzwerks über Werte, Solidarität, Reziprozität und Vertrauen den Zugriff auf die Ressourcen der einzelnen Netzwerkmitglieder sichern. Das soziale Kapital kann bei einem Migrationsvorhaben eingesetzt werden, um Informationen über den Arbeitsmarkt und den Wohnungsmarkt, finanzielle oder tatkräftige Unterstützung beim Umzug, eine vorübergehende Bereitstellung von Wohnraum oder Hilfen bei der Eingliederung am neuen Lebensmittelpunkt zu erhalten. Die Bedeutung von sozialen Netzwerken bei anstehenden Migrationsentscheidungen hat Ritchey (1976) hypothesenartig verdeutlicht: In der Informationshypothese drückt sich eine kanalisierende Funktion von entfernt lebenden Verwandten und Freunden aus, die einerseits die Migrationsabsicht befördern und andererseits die Migration an diesen Ort lenken, da über die zu erwartenden Bedingungen am Zielort konkrete Vorstellungen über Handlungs- und Optionsspiel- Individuum zu seinem eigenen Nutzen transformieren kann. Hierzu bedarf es Investitionen in das Beziehungsgefüge durch eine beständige Pflege der Kontakte (zum Vergleich Putnam vs. Bourdieu vgl. Braun, 2003). Da es sich bei Spitzensportlern um eine „Öffentlichkeitselite“ (Braun, 1999, S. 36) handelt, dürfte im Übrigen auch gelten, was Bourdieu Adligen zuschreibt: „Weil sie bekannt sind, lohnt es sich, sie zu kennen. Sie haben es nicht nötig, sich allen ihren ‚Bekannten‘ selbst bekanntzumachen, denn es gibt mehr Leute, denen sie bekannt sind, als sie selber kennen“ (Bourdieu, 1983, S. 193). Demzufolge dürfte die Anhäufung von sozialem Kapital Spitzensportlern relativ einfach fallen, da deren Beziehungsarbeit sehr ertragreich ist und sich in der Logik des Anerkennens bewegt.
Spitzensport und Migration 69 räume gebildet werden können. Darüber hinaus kommt in der Erleichterungshypothese zum Ausdruck, dass von den am Zielort lebenden Verwandten und Freunden vielfältige Hilfen in Anspruch genommen werden können und diese den Migrations- und den sich anschließenden Integrationsprozess vereinfachen. Ebenso können sich soziale Netzwerke aber auch migrationshemmend auswirken, was die Affinitätshypothese sichtbar macht. Denn diese umschreibt, wie potenzielle Migranten durch eine starke lokale Verwurzelung und einem engen Kontakt zu ortsansässigen Verwandten und Freunden einer Migration entgegenstehen. Eine ambivalente Wirkrichtung von sozialen Netzwerken wird auch in Anbetracht der Analyse von Hugo (1981) ersichtlich, der den vorgenannten Hypothesen zusätzlich noch die Konflikt- und Ermutigungshypothese zur Seite gestellt hat. Folgt man seiner Konflikthypothese, so befruchten intrafamiliäre Konflikte und Friktionen innerhalb des lokalen Netzwerks eine Migrationsentscheidung insofern als ein Ausbruch aus diesem Netzwerk angestrebt wird. Die Ermutigungshypothese befördert eine Migrationsentscheidung wiederum deshalb, weil Verwandte oder Freunde zu einer Versetzung des Lebensmittelpunkts anraten, z. B. um von einer besseren Bildungs- oder Erwerbsmöglichkeiten profitieren zu können (vgl. Haug, 2008, S. 589). Nun ließe sich mit Pohjola (1991) argumentieren, inwiefern die Einbindung in ein lokales soziales Netzwerk Migration behindert oder begünstigt. Schlussendlich ist dies aber immer am konkreten Fall zu bemessen. Allgemeine theoretische Ableitungen sind nicht möglich, da „keine direkte Ursachenkette von sozialen Netzwerken und Migration zu finden“ (Haug & Sauer, 2006, S. 23) ist. Mit Blick auf bestehende Migrationsnetzwerke lassen sich dessen ungeachtet auffällige Muster bei internationaler Migration feststellen. So haben Individuen mit persönlichen Kontakten zu entfernt wohnenden Migranten selbst eine höhere Migrationswahrscheinlichkeit. Es wird davon ausgegangen, dass Migrationsnetzwerke finanzielle
Spitzensport und Migration 70 wie soziale Kosten und Risiken von Migrationsakten senken und den Einfluss harter Makrofaktoren wie Lohnunterschiede oder Arbeitslosenquoten aufwiegen. Neben der Überwindung ökonomischer Barrieren können Migrationsnetzwerke auch politische und institutionelle Hindernisse überwinden helfen. Dies wird z. B. bei Familiennachzügen besonders deutlich, die sich häufig einer Regulierung durch Obrigkeiten entziehen. Darüber hinaus haben Migrationsnetzwerke einen Selbstverstärkungseffekt, wonach mit jedem weiteren Mitglied das Netzwerk um neue potenzielle Migranten erweitert wird und schließlich ein Kettenmigrationsprozess ins Rollen kommen kann (vgl. Haug, 2008; Massey et al., 1993; Massey et al., 1998). Festzuhalten bleibt, dass die Handlungs- und Optionsspielräume bei einer Migration durch soziale Netzwerke und soziale Abhängigkeiten in jeweils spezifischer Art und Weise erweitert oder eingeschränkt werden können. Hierauf weisen auch Elliott & Maguire (2008) bei ihrer Suche nach Analogien zwischen Arbeitermigration und Sportlermigration hin: „In this respect the significance of social relationships and human interdependence is crucial when considering the mechanics of the various migratory movements that are occuring globally" (S. 489). Demzufolge sind soziale Netzwerke und das in ihr inhärente Sozialkapital als struktur- und ressourcengebende Elemente bei der Erklärung von Migrationsprozessen nicht zu vernachlässigen. Wie sich dieses genau ausformt, welche Bedeutung und Wirkung das Sozialkapital innerhalb des Migrationsprozesses tatsächlich hat, sind Fragen, die allerdings bisher kaum elaboriert sind (Gamper, 2015, S. 354). Neben der Bedeutung sozialer Netzwerke ist für eine mesotheoretische Erklärung von Migration grundsätzlich auch die Rolle von Organisationen, die auf den Migrationsprozess einwirken, zu überprüfen. Salt (2001) verweist in diesem Zusammenhang beispielsweise auf eine sich zunehmend professionalisierende Migrationsindustrie: Profitorientierte Organisationen übernehmen Dienstleistungen zur
Spitzensport und Migration 71 Erleichterung der Migration, wie z. B. den Transport der Migranten durch Reiseagenturen, Umzugsunternehmen oder illegal agierende Schlepper sowie die Arbeitsplatz- und Wohnungssuche durch Vermittlungs- und Arbeitsagenturen. Die Möglichkeit der Nutzbarmachung von Leistungen derartiger Organisationen entwickelt sich zunehmend als ein wichtiges Element bei der Umsetzung von Migrationsvorhaben. Wenn man so will, können diese auch als funktionales Äquivalent des persönlichen sozialen Netzwerks fungieren. Vor allem sogenannte Relocation-Agenturen sind darauf spezialisiert, den gesamten Prozess eines Umzugs zu begleiten. Das Angebot solcher Agenturen, die sich vor allem im globalisierten Wirtschaftssystem etabliert haben, deckt alle erdenklichen formalen, administrativen bis hin zu integrativen Maßnahmen im Zusammenhang mit einer Wohnortverlagerung ab. Anstatt des sozialen Kapitals kommt hierbei der Einsatz ökonomischen Kapitals zum Tragen. Mittlerweile gibt es sogar auf Sportlermigration fokussierte Relocation-Agenturen (vgl. Müller, 2009, S. 129) – was als Indiz dafür gewertet werden kann, dass Sportlermigration eine quantitativ bedeutsame Marktrelevanz besitzt. Insgesamt ist die Rolle als Vermittler und Katalysator der Migrationsindustrie nur unzureichend thematisiert und untersucht (Chiavacci, 2012; Krissman, 2005). Während die Bedeutung von Schlepperorganisationen beispielsweise für die irreguläre Immigration in die USA herausgehoben wurde (Cornelius, 2005), sind legal agierende Relocation-Agenturen noch nicht in den Fokus der Migrationsforschung gerückt. Der Migration von Hochqualifizierten im Kontext organisationaler Arbeitsstrukturen wie beispielsweise von multinationalen Unternehmen wird erst in jüngerer Vergangenheit Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. z.B. Kolb, Murteira & Peixeto, 2004; Peixoto, 2001). Davor wurde Arbeitsmigration „häufig unter der Frage der Integration in die Aufnahmegesellschaft thematisiert und das Problem der geringer Qualifizierten oder ethnisch Diskriminierten bei der Analyse der globalen
Spitzensport und Migration 78 lyse von Migration geht bis dato allerdings kaum über die Einbindung in den sozialen Nahraum hinaus. Die Analyse der Einwirkung von Organisationen wie Verbände, Vereine und Vermittlungsagenturen, die als die ‚üblichen Verdächtigen‘ ebenfalls auf der Mesoebene anzusiedeln sind, stellt eine weitere Herausforderung für die Migrationsforschung dar. 17 Fasst man die Erklärungskraft des Gros der Migrationstheorien zusammen, so muss gewürdigt werden, dass diese (internationale) Migration vor der Perspektive von (relativer) Armut und Arbeitslosigkeit zufriedenstellend erklären können. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Faktor Erwerbsarbeit. Nicht arbeitsbedingte Migrationsformen fallen weitestgehend aus dem Raster der Betrachtung heraus. Aber wenngleich die aufgeführten theoretischen Erklärungsmodelle auch für binnenmigrative Wanderungen gelten müssten, basieren auch deren Grundannahmen (meist stillschweigend) auf den Implikationen von Wanderungen über Nationalstaatsgrenzen hinweg. Universalistische Theorien mit dem Anspruch, alle erdenklichen Migrationsformen, Migrationsgründe und strukturellen Rahmenbedingungen abzudecken, existieren dahingegen nicht. Zwar wird neuerdings auch der Mesoebene in der Migrationstheorie Beachtung geschenkt, um Schwächen von mikro- und makrotheoretischen Migrationsansätzen auszugleichen, aber auch dies hat nicht zur Entwicklung eines umfassenden, vollständigen Erklärungsmodells geführt. 18 Als Theorien, die den Anspruch einer hohen Reichweite verfolgen, sind sie obendrein blind – oder präziser: nicht scharf genug – für Spezialfälle 17 Die Rolle von Vermittlern verdeutlicht sich beispielsweise in den Befunden von Meyer (2001), der feststellt, dass Migrationswege von Hochqualifizierten in der Regel durch Vermittler beeinflusst werden. Diese müssen aber nicht zwangsläufig professionellen Status haben, wie etwa Agenten, Headhunter oder Karriereberater. Denn daneben können persönliche Vermittler aus dem familiären Umfeld, dem Freundes- und Kollegenkreis mit Migrationserfahrung mobilisierend und brückenbildend für eine Folgemigration wirken. 18 Darüber hinaus ist auch die Kritik von Haug & Sauer (2006) zum Theorie-Empirie-Bezug zu beachten, wonach einerseits die Annahmen klassischer Migrationsansätze teilweise empirisch nicht nachvollziehbar sind und andererseits die empirische Migrationsforschung das Spektrum an Kombinationsmöglichkeiten der Theorien nicht nutzt.
Spitzensport und Migration 79 wie z. B. Entsendungen im Rahmen multinationaler Unternehmen oder Auslandssemester von Studierenden und letztlich auch nicht für die Migration von Spitzensportlern. Mit Blick auf die Sportlermigration lassen sich dieser grundsätzlichen Kritik spezifische Überlegungen zu den fünf Punkten Strukturbedingungen und Handlungsorientierungen, Lebenslauf und Lebensführung, Häufigkeit und Dichte, geografische und politische Bezüge sowie Infrastruktur und Personal anschließen: (1) Strukturbedingungen und Handlungsorientierungen Die elaborierte Migrationstheorie hebt insgesamt auf stark ökonomische (Angebot/Nachfrage) und politische (Rechte, Restriktionen, Vertreibung, Anwerbung) Aspekte ab. Will man die Sportmigration analysieren, so sind insbesondere aber die Strukturbedingungen des Spitzensports zu beachten. Als ein Sozialbereich, der sich aus einem spezifischen Set an Normen, Werten und Regeln (bis hin zu einer eigenen Sportgerichtsbarkeit), spezifischen Handlungsorientierungen mit freiwillig auferlegten Zwängen und Beschränkungen sowie spezialisierter Organisationen wie Sportbetonte Schulen, Sportvereine, Sportverbände zusammensetzt, unterscheidet sich dieser in struktureller Hinsicht beispielsweise vom Arbeitsmarktsystem, welcher das zentrale Bezugsmuster traditioneller Migrationstheorien darstellt. Diesbezüglich sind spitzensportspezifische Prägungen und Wirkungen auf das Migrationsverhalten anzunehmen, die integraler Bestandteil einer Theorie der Erklärung von Migration im Spitzensport sein müssen. Nicht zuletzt deuten die in Kapitel 1.2 zusammengefassten Befunde auf die besondere Bedeutung der Wettbewerbslogik des Siegens hin – eine Einflussgröße, die im Sport handlungsleitend, außerhalb des Sports jedoch völlig unbedeutend ist.
Spitzensport und Migration 80 (2) Lebenslauf und Lebensführung Spitzensportkarrieren beziehen sich auf einen begrenzten Abschnitt im Lebenslauf, der grob von der Jugendzeit bis ins mittlere Erwachsenenalter reicht. Innerhalb dieses Abschnitts sind Spitzensportler darauf fokussiert, ihr körperliches Leistungsoptimum zu erreichen bzw. zu erhalten und in Wettkämpfen auf die Probe zu stellen, um Siege und Rekorde einzufahren. Siege und Rekorde haben dabei einen hohen symbolischen Wert, weshalb z. B. ein Weltmeisterschaftstitel ein alles überstrahlendes Lebensziel eines Athleten darstellen kann (vgl. Digel, 2013). In der alltäglichen Lebensführung gilt es, auf dieses Ziel hinzuarbeiten und entsprechende Investitionen zu tätigen. Insofern dürfte im Spitzensport auch die humankapitaltheoretische Erklärung von Sjaastad (1962) ein Stück weit greifen: Es ist davon auszugehen, dass talentierte junge Spitzensportler einen hohen Anreiz haben dürften, für erfolgversprechende Rahmenbedingungen der Karriereentwicklung zu migrieren, um die bisher in den Sport gesteckten Investitionen entsprechend ‚verzinsen‘ zu können. Während allerdings im außersportlichen Berufsleben die Verzinsung entsprechend ausgehandelter oder zu antizipierender zukünftiger Entlohnung als monetärer Faktor bei der Kosten-Nutzen-Analyse relativ gut einzukalkulieren ist, ist die Kalkulation eines sportlichen Erfolgs weitaus schwieriger, weil dieser von einer undurchsichtigen Vielzahl an Kontextfaktoren abhängig und daher kaum prognostizierbar ist. (3) Häufigkeit und Dichte Im Sport existiert eine abgestufte Systematik des Leistungsvergleichs, die etwa im Ligensystem oder mit der Unterscheidung regionaler, landesweiter, kontinentaler und weltweiter Wettkämpfe sichtbar wird. Immer dann, wenn mit zunehmenden (oder abnehmenden) Leistungsniveau eine andere Stufe erreicht wird, ändern sich in der Regel auch wichtige Kontextbedingungen wie z. B. der Zugang zu Förderstrukturen oder die Attraktivität und Begehrlichkeit für Vereine und Trainer. Die-
Spitzensport und Migration 81 ses System ist meritokratisch höchst selektiv und durchlässig, sodass häufige Veränderungen anstehen, die auch mit nicht-dauerhaften Versetzungen des Lebensmittelpunkts im Zusammenhang stehen. Als Besonderheit des Spitzensports wirkt sich außerdem die begrenzte Zeitspanne, in der aufgrund biologischer Voraussetzungen körperliche Höchstleistungen realisierbar sind, auf die Häufigkeit und insbesondere Dichte von Migrationsentscheidungen aus. Im Spitzensport komprimieren sich Mobilitätsfragen auf einen Zeitraum von circa zwei Jahrzehnten. Die Taktung, in denen zukunftsweisende Entscheidungen getroffenen werden, ist hier eine ganz andere als in außersportlichen Kontexten. Während Nicht-Spitzensportler auch mit 40 Jahren noch aufgrund eines beruflichen Aufstiegs migrieren und dies als (ökonomisch) sinnvolle Investition bewerten können, ist die Zeitspanne, in denen Spitzensportler etwas erreichen können, nicht so ausgedehnt. Innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne gilt es, das Optimum, d. h. möglichst viele sportliche Erfolge und deren ökonomische Verwertung zu erreichen. Deshalb sind Spitzensportler mit einer potenziellen Häufigkeit und Dichte an migrativen Entscheidungen konfrontiert, die im außersportlichen Kontext ihresgleichen sucht. Dies gilt es zudem in Einklang zu bringen mit weiteren Mobilitätsanforderungen, die im Rahmen von Reisen zu Trainingslagern und Wettkämpfen entstehen. (4) Geografischer und politischer Bezug Spitzensport ist gekennzeichnet durch eine Simultanität globaler, nationaler und regionaler Verankerungen (vgl. Riedl & Cachay, 2002). Spitzenleistungen auf höchstem Niveau werden nur im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz sichtbar. Gleichzeitig sind Spitzensportler immer auch in einen nationalen oder regionalen Kontext eingebunden. Dabei sind bestimmte geografische und (sport-)politische Restriktionen, die mit der Nationalstaatszugehörigkeit verbunden sind, zu beachten. Einige Sportarten sind beispielsweise nur in Regionen mit
Spitzensport und Migration 82 geografischen Besonderheiten (z. B. Ski alpin, Segeln) möglich, andere wiederum nahezu überall auf der Welt. Politische Implikationen im Spitzensport sind beispielsweise im Zusammenhang mit dem Container-Denken nationalstaatlicher Grenzziehungen denkbar. In einer dem Sport eigentümlichen Art und Weise interdependieren die Nationalstaatszugehörigkeit mit der Möglichkeit spitzensportlichen Erfolg erringen zu können, da Wettkampfteilnahmen in der Regel über die Zugehörigkeit zu einem nationalen Sportverband geregelt werden. Geografische Abhängigkeiten und nationale Zugehörigkeiten sind deshalb als spezifische Ortsverflechtungen bei einer Erklärung von Migrationsprozessen im Spitzensport einzubeziehen. Das von Wolpert (1965) eingebrachte Konzept der place utilities bekommt für den Spitzensport insofern eine besondere Bedeutung, da der Ortsnutzen in Form spitzensportbezogener Standortofferten eine Standortspezifität aufweist, die in Bezug zu Möglichkeiten der Leistungsentfaltung gesetzt werden muss. (5) Infrastruktur und Personal Sportlicher Erfolg unterliegt auch einer Sachkapitalspezifität, d. h. Erfolg ist – je nach Sportart – abhängig von der Erreichbarkeit und Nutzbarmachung kostenintensiver Trainings- und Wettkampfinfrastruktur. Daneben sind personelle Verflechtungen zu beachten, z. B. Trainer-Athlet-Beziehungen, Kaderzusammensetzungen, Teamgefüge, Trainingsgruppen, die ein gemeinsames Agieren an einem Ort erfordern und somit Mobilität evozieren. Alles in allem dürfte im Rahmen dieser fünf spitzensportspezifischen Überlegungen deutlich geworden sein, dass Migrationsmuster im Spitzensport Kontextbedingungen unterliegen, die sich innerhalb der klassischen Migrationstheorie nur sehr bedingt abbilden lassen, weil sie anderen Kausalitäten folgen, sich auf einen begrenzten Lebenslaufabschnitt fokussieren, in der Regel nicht auf Dauer ausge-
Spitzensport und Migration 83 legt sind, eigentümlichen geografischen und politischen Besonderheiten unterliegen und von netzwerkartigen, infrastrukturellen und personellen Verflechtungen unterminiert werden. 2.3.2 Folgerungen für eine theoretische Erklärung von Migration im Spitzensport Bedenkt man diese spitzensportspezifischen Kontextbedingungen, so dürfte deutlich geworden sein, dass selbst eine Synthese verschiedener existierender theoretischer Ansätze die spezifischen Begebenheiten des Sportsystems nicht zufriedenstellend abdecken könnte und damit systematisch blinde Flecken in der Migrationsforschung produzieren würde. Was aber ist für die Entwicklung einer Theorie der Erklärung von Migration im Spitzensport vor diesem Hintergrund zu beachten? Diese Frage lässt sich mit einer näheren Betrachtung von zwei grundlegenden Aspekte bearbeiten: Zuvorderst müssen die spitzensportspezifischen Kontextbedingungen detailliert auf ihre migrative Wirkung hin hinterfragt und in einen Erklärungszusammenhang überführt werden. Die Erklärungen dürfen dabei nicht auf einer Ebene verhaftet bleiben, sondern sie müssen mehrperspektivisch die Makro-, Meso- und Mikroebene erfassen. Somit werden Strukturaspekte ebenso ins Auge gefasst wie soziale Bedingungen der organisatorischen und netzwerkartigen Einbettung sowie die individuelle Rezeption, Beurteilung und Entscheidung. Dabei gilt es vornehmlich zu klären, inwiefern die Bedingungen im Spitzensportsystem die Migrationsentscheidungen präjustieren. Eine besondere Herausforderung werden dabei zu erwartende fließende Übergange zwischen Migration, verstanden als Lebensmittelpunktversetzung, und anderen Formen der Mobilität darstellen. Denn es wird davon
Spitzensport und Migration 84 ausgegangen, dass Spitzensportler generell einer hochmobilen Lebensweise ausgesetzt sind. Eine eindeutige Kennzeichnung von Migration wird durch längere und kürzere Präsenzzeiten an diversen spitzensportrelevanten Orten im nationalen und internationalen Raum erheblich erschwert. Neben der leitenden Betrachtung residenzieller Mobilität müssen deshalb auch zirkuläre, temporäre, permanente, intranationale und internationale Formen und ihre diversen Mischungsverhältnisse beachtet werden. Die theoretische Erklärung von Migration im Spitzensport ist vor diesem Hintergrund kein triviales Unterfangen. Die Migrationsformen und Migrationsentscheidungen scheinen angesichts der spitzensportspezifischen Kontextbedingungen weitaus komplexer und multikausaler zu sein, als dies die vereinfachte Perspektive auf Arbeitsmigration zu suggerieren vermag. Was mitunter anhand neuerer phänomenologischer Untersuchungen für die allgemeine Migrationsanalyse gefordert wird, gilt somit für die Sportmigration im besonderen Maße: „Neben den einfachen Fällen gibt es weit mehr Grenzfälle und Übergangsphänomene, für deren Erklärung die gängigen Klassifikationsschemata nicht ausreichen. Es ist daher ein Set an Zusatzkriterien nötig, um Migrationsmotive und -anlässe zu erklären“ (Oswald, 2007, S. 73). Das Herausarbeiten solcher Zusatzkriterien in Form von Migrationsbedingungen auf der Makro-, Meso- und Mikroebene des Spitzensports wird im nachfolgenden Kapitel vogenommen. 3 Ebenen einer Theorie der Migration im Spitzensport Begibt man sich auf die Suche nach den von Oswald (2007, S. 73) gemeinten Zusatzkriterien, die einer Theorie der Migration im Spitzensport zugeführt werden können, ist ein detailliertes Eintauchen in die für den Spitzensport typischen Inklusions- und Strukturbedingungen vonnöten, die Einfluss auf die migrativen Op-
Spitzensport und Migration 85 tions- und Gestaltungsspielräume der Spitzensportler nehmen. Grundlegend verbirgt ich dahinter „die Annahme, dass Sport in vielerlei Hinsicht anders funktioniert als andere Gesellschaftsbereiche“ (Thiel, Seiberth & Mayer, 2013, S. 33). Und erst indem die Spezifika des Sozialbereichs Spitzensport aufgezeigt werden, kann eingeschätzt werden, inwiefern spitzensporttypische Bedingungen präjustierend auf Migrationsprozesse einwirken. Dieses Vorgehen wird in den Unterkapiteln 3.1, 3.2 und 3.3 realisiert, wobei die Bedingungen gemäß ihrer Ebenenverortung herausgearbeitet und analysiert werden. Die Herausarbeitung dieses spitzensporttypischen Bedingungsgefüges auf der Makro-, Meso- und Mikroebene stellt damit die konzeptionelle Grundlage dar, Migrationsprozesse im Feld des Spitzensports verstehend und erklärend einordnen zu können. Da das bloße Herausschälen der spitzensporttypischen Migrationsbedingungen allein noch keinen theoretischen Erklärungsgehalt bietet, werden diese anschließend in Kapitel 4 in einen Erklärungszusammenhang gebracht, der als ein Versuch einer Integration der Erklärungsansätze von Migration unter den besonderen Bedingungen des Spitzensports einzuordnen ist. Obzwar hierbei Eigenheiten und Grenzziehungen zu Migrationsprozessen außerhalb des Spitzensports deutlich werden sollten, sei bereits an dieser Stelle vorweggenommen, dass es ein äußerst schwieriges Unterfangen ist, die komplexen und heterogenen Elemente des Spitzensports konsistent in eine einheitliche und übergreifende Theorie zu überführen. Eine ähnliche Problematik machen Weichhart & Rumpolt (2015) für die Entwicklung einer Theorie residenzieller Multilokalität aus. Sie konstatieren, dass solch eine Theorie „sowohl die gesamtgesellschaftlichen Entstehungsbedingungen (Globalisierung, postfordistische Ökonomie, Mobilitätserfordernisse etc.) als auch die subjektiven Entscheidungsprozesse und Handlungsmuster der Akteure erfassen und erklären können [müsse]. Überdies müsste sie in der Lage sein, die materiellen Rahmenbedingungen und ermöglichenden Voraussetzungen einer multilokalen Lebensweise einzubeziehen. Eine derartige ‚Super-Theorie‘
Spitzensport und Migration 86 ist derzeit nicht in Sicht und es wird sie aller Voraussicht nach auch nie geben.“ (S. 47) Auch wenn diese Feststellung dogmatisch anmutet, muss im Rahmen dieser Arbeit postuliert werden, dass der Bereich der Sportmigration eine ähnlich dimensionierte Herausforderung ist. Zwar wird mit dem Spitzensport ein spezifischer, abgrenzbarer und damit varianzeinschränkender Bereich fokussiert, dieser funktioniert aber nicht unabhängig von gesamtgesellschaftlichen Einflüssen und es müssen für den Spitzensport ebenfalls Entstehungsbedingungen einerseits und Entscheidungsprozesse und Handlungsmuster andererseits vor dem Hintergrund standort- und sachkapitalspezifischer Rahmenbedingungen und Spitzenleistungen ermöglichenden Bedingungen ergründet werden. Die Umsetzung dieses Vorhabens geschieht dabei nicht rein deskriptiv-phänomenologisch, sondern sie basiert auf theoretisch-konzeptionellen Vorannahmen, die in der sportsoziologischen Auseinandersetzung mit dem Spitzensport ausgearbeitet wurden. Im Sinne einer „multiperspektivischen Betrachtungsweise“ (Weichhart & Rumpolt, 2015, S. 51) werden bei der Herausfilterung des migrationswirksamen spitzensportlichen Bedingungsgefüges divergente theoretische Perspektiven eingenommen. Insbesondere bei dem vorliegenden Ansatz, nach migrationswirksamen Bedingungen auf drei unterschiedlichen Ebenen zu suchen, müssen sich fast zwangsläufig systemanalytische, strukturanalytische und handlungsanalytische Zugänge in erkenntnistheoretischer Manier miteinander verschränken: Um den im Spitzensport handlungsleitenden Leistungsimperativ zu begründen, ist eine systemtheoretische Perspektive, die sich mit den Inklusionsbedingungen in diesem gesellschaftlichen Teilsystem auseinandersetzt, hilfreich. Die Systemtheorie bildet auch die analytische Klammer für die folgenden Schritte, bei denen die Spitzensportorganisationen mit ihren Inklusionsbedingungen hinsichtlich ihres Einflusses auf Migration untersucht werden. Um die konkreten strukturellen Bedingungen spitzensportlicher Organisation aufzudecken, ist darüber hinaus eine
Spitzensport und Migration 87 deskriptive Strukturanalyse vonnöten, welche sich mit den vorherrschenden Wettkampf-, Trainings- und Förderstrukturen auseinandersetzt. Und um den Umgang der Spitzensportler mit den je spezifischen migrationsbeeinflussenden Options- und Gestaltungsspielräumen der Akteure zu analysieren, ist eine akteurzentrierte Herangehensweise angebracht, welche das Entscheidungsverhalten der Spitzensportler skizzieren soll. Dabei sei angemerkt, dass es nicht darum geht, herauszustellen, welche theoretischen Konzepte anderen vorzuziehen sind. Leitend ist vielmehr die Vorstellung, dass eine „gleichberechtigte Berücksichtigung komplementärer Theorien einen Erkenntnismehrwert“ (Weichhart & Rumpolt, 2015, S. 51) produziert. Dies stellt insofern kein unumgängliches Problem dar, als die genannten Zugänge innerhalb der Sportsoziologie elaboriert sind und komplementär zueinander vielfältige Einsichten und Erkenntnisse zutage gebracht haben (vgl. im Überblick Thiel et al., 2013, S. 136-170). Um die Fragestellung nach der Erklärung von Migrationsprozessen im Spitzensport stringent beantworten zu können, gilt es schließlich, diese Einsichten und Erkenntnisse sukzessive als Einflussgrößen auf Migrationsprozesse zu interpretieren. Einschränkend sei angemerkt, dass bei den folgenden Überlegungen und Systematisierungen mit dem Spitzensportsystem ein Handlungsbereich untersucht wird, der als Teil einer globalen medialen Aufmerksamkeit und Kommerzialisierung zwar starke Internationalisierungstendenzen aufweist, in seiner strukturierten Verfasstheit aber insbesondere durch nationalstaatliche Differenzen geprägt ist (Digel, 2001). Um einerseits in einem handhabbaren, pragmatischen Bezugsrahmen argumentieren zu können und andererseits nicht zu sehr abstrahieren zu müssen, wird deshalb im Rahmen der vorliegenden Analyse das spitzensportliche Bedingungsgefüge innerhalb Deutschlands mit seinen endogenen Strukturen und deren Auswirkungen auf das migrative Handeln der Akteure fokussiert. Die
Spitzensport und Migration 94 mit Blick auf den Leistungsaspekt, und andernteils territorial, d. h. mit Blick auf den Ortsbezug. 3.1.2.1 Meritokratische Schrankenlosigkeit: Hyperinklusion Wer am Spitzensport teilnimmt, unterwirft sich dem Siegescode und richtet seine ganze Lebensführung konsequent an der „Kommunikation körperlicher Leistungsfähigkeit“ (Stichweh, 1990, S. 380) aus. Die Inklusion in das System des Spitzensports verlangt von den Athleten die totale Hingabe. Da das Sportsystem seine Elite nach dem Leistungsprinzip auswählt, kann man von einem meritokratisch ausgerichteten System sprechen, wie Bette (2004) verdeutlicht: „Die Belohnungs- und Huldigungsrituale des Wettkampfsports bestätigen die Einschätzung von der Individualisierbarkeit des einzelnen durch Leistung. Die Rangdifferenzen finden anschließend in der unterschiedlichen Wertigkeit von Medaillen und Edelmetallen ihren Niederschlag. Und Sieger stehen oben auf dem Podest, und nicht unten. Damit hebt das Sportsystem den einzelnen oder die siegreiche Gruppe aus der Masse der Angetretenen heraus, macht individuelle Leistung öffentlich und unterstreicht so die symbolische Ordnung eines in extremer Weise meritokratisch ausgerichteten Systems.“ (S. 57-58) Mit Bette & Schimank (2006b) lässt sich dieser Sachverhalt weiter spezifizieren. Sie verweisen darauf, dass der Siegescode eine „graduelle sachliche Leistungsdifferenz“ (S. 39) 24 in eine sozial polarisierende Festlegung überführt, die in Form von hierarchisch angeordneten Ranglisten ordinal skaliert und kommuniziert wird. Damit stehen die Akteure des Spitzensports in einem Konkurrenzverhältnis zueinander. Verstärkt sich ein spitzensportlicher Akteur, dann führt dies zwangsläufig zu einer relativen Verschlechterung der Konkurrenten – falls sie sich nicht 24 Die graduelle Differenz der Leistung kann mit Hilfe moderner Messverfahren sehr genau dokumentiert werden, was vor allem für die sogenannten CGS-Sportarten (z. B. Hochsprung, Gewichtheben und Schwimmen, d. h. Sportarten, in denen der Leistungsvergleich auf den Maßeinheiten Zentimeter, Gramm und Sekunde beruht) relevant ist. Auf die Spitze getrieben bedeutet dies, dass Unterschiede im Hundertstelsekundenbereich Wettkampfteilnehmer in Sieger und Verlierer selektieren können, wie dies beispielsweise nicht selten beim Bobfahren und im Ski alpin vorkommt.
Spitzensport und Migration 95 ebenfalls verstärken. Die Einordnung der eigenen Leistung geschieht also immer im Verhältnis zur Leistung der konkurrierenden Athleten, wodurch die Berechenbarkeit des Siegens erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Gewinnen ist damit nicht nur das erstrebenswerte, sondern rigoroserweise auch ein äußerst knappes Gut. Selbst wenn den Zweit- und Drittplatzierten noch die symbolische Erhöhung auf dem Treppchen gebührt, Vergleichsmöglichkeiten kein singulärer Akt sind, sondern regelmäßig wiederkehren sowie auf unterschiedlichen Ebenen (z. B. nationale, kontinentale und internationale Meisterschaften) existieren, bleiben am Ende immer mehr Verlierer übrig als Gewinner. Das spitzensportliche Wettkampfsystem produziert in dieser Hinsicht einen Flaschenhalseffekt, bei dem die Mehrheit der Spitzensportler nicht als Sieger gefeiert werden kann. Sie sind Opfer der Verknappung und müssen sich auf den nächsten Versuch, den nächsten Wettkampf vertrösten. Die strikte Auslegung des Siegescodes erfährt allenfalls eine gewisse Kompensation durch eine subjektive Bedeutungszumessung von Ranglistenplätzen jenseits der Nummer eins. Trotz des faktischen Nicht-Gewin- nens kann die Leistung in subjektiver Sichtweise für den Einzelnen einen gewissen Wert darstellen. Aber im Prinzip geht es auch hierbei immer um die Frage: Wie weit ist die erbrachte Leistung von der (eigenen oder absoluten) Spitzenleistung entfernt. Im Spitzensport ist somit institutionalisiert, dass regelmäßig nur eine Minderheit der Inkludierten tatsächlich den Positivwert der binären Codierung erreicht. Aber genau weil „nicht alle gewinnen können, aber immer viel mehr Akteure gewinnen wollen, als tatsächlich können“ (S. 40) ergibt sich der Reiz sportlicher Wettkämpfe und die Fortführung der Bemühungen gezielter Leistungsoptimierung der Akteure. Leistung erweist sich somit als das zentrale Kriterium der Inklusion in das Spitzensportsystem. Wer keine Leistung (mehr) erbringt, erfüllt nicht die Zutritts- und Bleibekriterien des Spitzensports und dem steht der Dropout aus der Spitzensportkarriere, die Exklusion aus dem System, bevor (vgl. Albert, 2010). Die alles
Spitzensport und Migration 96 bestimmende Maxime ist deshalb die Steigerung, der Erhalt oder die Wiederherstellung des sportlichen Leistungsniveaus. Hierzu müssen die Athleten opferbereit sein und auf vieles verzichten können, weshalb man von einer Hochkostensituation sprechen kann. Die Athleten sind biografisch derart auf den Spitzensport fixiert, dass sie in sachlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht als Gefangene des Systems bezeichnet werden können und alles andere unterordnen: Die zeitliche Dimension zeigt sich vor allem in der Anzahl und Ausdehnung der Trainingseinheiten und der Wettkämpfe. Aber auch Regeneration, ärztliche Betreuung sowie der Umgang mit Medien, Wirtschaftspartnern und Publikum sowie nicht zuletzt die zurückzulegenden Wege vertilgen die zur Verfügung stehenden Zeitbudgets. Die sachliche Dimension ist darin zu sehen, dass Wettkampf und Training zur Herstellung hoher körperlicher Leistung die dominierenden und subjektiv bedeutendsten Themen für die Athleten darstellen. Die Spezialisierung in einer Sportart verläuft dabei parallel zu einer Marginalisierung anderer, nicht-sportbezogener Aktivitäten. Die soziale Dimension ist gekennzeichnet durch eine Engführung des Bekanntenkreises und eine Konzentration der sozialen Beziehungen auf das sportliche Umfeld. Kurzum: Alles dreht sich nur noch um den Sport (Bette et al., 2002, S. 308-311). Fasst man diesen theoretischen Bezug zu den Inklusionsbedingungen zusammen, so lässt er sich als eine Variante der Hyperinklusion in ein Funktionssystem subsummieren – ein Begriff, den Bette et al. sowie Riedl & Cachay zeitgleich (2002) unter Rückgriff auf Inklusions- und Exklusionsüberlegungen von Göbel und Schmidt (1998) in die systemtheoretische Betrachtung des Spitzensports eingeführt haben. Ein Spitzensportler ist den Autoren folgend hyperinkludiert, wenn es kaum Lebensbereiche gibt, die nicht im Organisationskontext des Sports stehen.
Spitzensport und Migration 97 Die Inklusion in das Spitzensportsystem ist demzufolge der Inklusion in anderen Funktionssystemen übergeordnet. Das Spitzensportsystem ist damit ein „Sozialzusammenhang, der die ihn tragenden Individuen mit Haut und Haaren einverleibt" (Bette et al., 2002, S. 311-312). 25 Als Folge ist eine eigentümliche Selektivität an Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten der Spitzensportler auszumachen, die durch einen streng auf den Siegescode fokussierten Aufmerksamkeitshorizont gekennzeichnet ist. Eine Vereinnahmung der Zeitbudgets durch den Spitzensport führt zu einer Vernachlässigung anderer Lebensbereiche und geht so beispielsweise auf Kosten von Schule, Ausbildung, Beruf, Familie und Freunde. Der Spitzensport mit all seinen Spezifika wird damit von den Spitzensportlern als Ersatzlebenswelt bzw. -realität wahrgenommen und akzeptiert – eine Lebenswelt im Zeichen des Gewinnens. Zusammengenommen heißt das, dass der Athlet so stark in das System Sport und seine Handlungslogik eingebunden ist, dass er seine Aufmerksamkeit und Energie nur auf dieses richtet und entsprechend andere Inklusionsbezüge darunter leiden und vernachlässigt werden müssen. Der Siegescode steht über allem und kanalisiert die Wahrnehmung der Options- und Gestaltungsspielräume der Spitzensportler in nur eine Richtung: Erfolg! 25 Mit gleichem Ergebnis, aber einem anderen theoretischem Zugang lässt sich das Spitzensportsystem auch als totale Institution (Heinilä, 1982; mit Blick auf die Sportart Tennis Schwägerl, 2009) oder noch zutreffender als gierige Institution (grundlegend Coser, 1974; Coser & Egger de Campo, 2015) beschreiben. Der Begriff der totalen Institution geht auf Goffman (1973) zurück und meint den beschränkenden und allumfassenden Charakter von physisch-materiellen Institutionen wie z. B. Altersheime, Internate oder Gefängnisse. In gierigen Institutionen wirken dahingegen maßgeblich symbolische Barrieren, um die Innenwelt von der Außenwelt zu trennen. Gierige Institutionen werden auch nicht durch äußere Zwänge zusammengehalten, sondern beruhen vielmehr auf freiwilliger Fügsamkeit und erscheinen für ihre Mitglieder hoch attraktiv. Gierige Institutionen zeichnen sich darüber hinaus dadurch aus, dass deren Mitglieder Bindungen zu anderen Institutionen und Akteuren schwächen oder ganz trennen. Als eindringliche Beispiele von gierigen Institutionen lassen sich Sekten oder Klosterorden anführen (Coser & Egger de Campo, 2015, S. 11-16).
Spitzensport und Migration 98 Obwohl die Hyperinklusion auf freiwilliger und selbstbestimmter Basis erfolgt, droht jederzeit die Gefahr der Exklusion, nämlich dann, wenn die aus der Konkurrenzlogik erwachsenen Ansprüche nicht (mehr) erfüllt werden können. Die Hyperinklusion in das Sportsystem ist vor diesem Hintergrund als informelle Zutrittsbarriere anzusehen, ohne die der Zugang zu leistungsermöglichenden Ressourcen (Trainer, Infrastruktur, medizinische Betreuung, wissenschaftliche Beratung etc.) nicht im erforderlichen Maße gewährt wird. Welche radikalen Auswirkungen der Siegescode haben kann, zeigen die nicht selten vorkommenden Fälle der Gesundheitsgefährdung durch Doping (vgl. z.B. Bette, Kühnle & Thiele, 2012) oder Playing-Hurt (vgl. z.B. Mayer, 2010), bei denen ethische und teilweise auch rechtliche Grenzen überwunden werden. Die ständige Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit mit allen erdenklichen Mitteln steht dabei für die Schrankenlosigkeit des Siegescodes in der ersten Lesart. 3.1.2.2 Territoriale Schrankenlosigkeit: Nationalität versus Transnationalität In zweiter Lesart ist die Schrankenlosigkeit des Spitzensportsystems in der Überwindung territorialer Grenzen zu sehen. Da immer nur einer gewinnen kann und der Zweite bereits der erste Verlierer ist, ist der Spitzensport auf Konkurrenz, Überbietung und Rekord ausgerichtet – und zwar im globalen Maßstab. Die Handlungslogik permanenter Optimierung und Überbietung führt dazu, dass Rekorde nicht den Endpunkt der zu erbringenden Leistung darstellen, denn auch Rekorde gilt es wieder zu brechen (Riedl & Cachay, 2002, S. 44-46). Diese Art der Leistungsüberbietung ist prinzipiell orts- und zeitunabhängig, weil es nicht um einen Sieg im direkten Duell mit einem Gegner geht. Sieht man von diesem „Meta-Wettkampf“ (Cachay & Thiel, 2000, S. 139) einmal ab, reduziert sich das Wettkampfgeschehen im Kern auf einen orts- und zeitabhängigen Vergleich: Spitzensportler kommen zu einer definierten Zeit an einen
Spitzensport und Migration 99 definierten Ort, um sich im direkten sportlichen Wettkampf zu messen. Und wer zur definierten Zeit am definierten Ort der nach sportlichen Kriterien bewertete Beste ist, geht als Sieger hervor. Die Orientierung am Siegescode macht nur in diesem Konkurrenzverhältnis Sinn. Dabei ist es ganz egal, „wer zu welchem Zeitpunkt und an welchem Ort eine Sportart im Rahmen leistungssportlicher Situationen betreibt: Er will seinen Gegner besiegen und die eigene Niederlage vermeiden“ (Bette & Schimank, 2006b, S. 39). Weil der Siegescode einen universellen Geltungsanspruch hat und nicht an Ländergrenzen halt macht, drängt er auf eine Globalisierung. Grundsätzlich bezieht er alle mit ein, die sich nach sportlichen Kriterien messen möchten und dazu fähig sind. Gegenüber systemfremden Zuteilungskriterien wie Reichtum, Alter oder Nationalität ist er immun. Eine territoriale Eingrenzung des Siegescodes ist ebenso nicht vorgesehen (Bette & Schimank, 2006b, S. 43). Darum ist das Bezugssystem immer die internationale Konkurrenz. Hierzu hat sich ein weltumspannendes Wettkampfsystem mit über die Kontinente verteilten Austragungsorten strukturell herausgebildet. Für ambitionierte Athleten bedeutet dies eine Vielzahl an Transitionen von Wettkampf zu Wettkampf, von Turnier zu Turnier, von Spiel zu Spiel in relativ kurzen Abständen und über große Distanzen, bei denen sie ihre Leistungsfähigkeit „stets aufs Neue unter Beweis stellen und bereits erzielte Resultate immer wieder bestätigen“ (Thiel et al., 2013, S. 137) müssen. In einem Netz an Wettkämpfen, die so organisiert sind, dass sie höchste Leistungsniveaus ansprechen und intervallartig Möglichkeiten international vergleichender Leistungsüberbietung (z. B. Kontinentalmeisterschaften, Weltmeisterschaften, Olympische Spiele) anbieten, herrschen Selektionskriterien, die (bis auf wenige Ausnahmen) gnadenlos durch das Leistungsprinzip definiert werden. Eine zusätzliche Zuspitzung der Leistungsanforderungen erfahren Spitzensportler im
Spitzensport und Migration 100 Rahmen der internationalen Konkurrenz dann, wenn „immer mehr Leistungsanbieter auf dem Wettbewerbsmarkt erscheinen […] [und] es für den einzelnen immer schwerer [wird], sich durchzusetzen“ (Bette & Schimank, 2006b, S. 43). Zur Erhöhung der Partizipations- und Erfolgschancen macht es insofern Sinn, sich an Orte zu begeben, welche die besten Möglichkeiten zu sportlicher Höchstleistung versprechen. Riedl & Cachay (2002) beobachten diesbezüglich in Teamsportarten eine ortsspezifische Konzentration auf Ligen und Vereine bzw. Klubs, die das höchste sportliche Leistungsniveau – und in der Konsequenz auch die höchsten Spielergehälter – bieten. Dies ist insbesondere als eine Folge des Bosman-Urteils von 1995 zu sehen, welches das Wegfallen von Ausländerbeschränkungen und festgelegter Transfersummen nach Ablauf von Spielerverträgen bedeutete. Denn für den Ligenbetrieb im Teamsport ist ab diesem Zeitpunkt die Nationalität als formale Inklusionsbedingung in einem Fußball-Klub weitestgehend obsolet und für Spielerverpflichtungen rücken damit rein sportliche Eigenschaften in den Vordergrund. Vor diesem Hintergrund wird von einem „vermutlich noch lange nicht abgeschlossenen Globalisierungsschub im Sportsystem […] [ausgegangen, der durch] Entterritorialisierungsprozesse gekennzeichnet [sei], die vor allem auf der Ebene der Wettkampforganisation und der Ebene der Spielerrekrutierung zum Tragen kommt“ (S. 46). Anachronistisch anmutend ist, dass dabei die bedeutendsten Wettkämpfe (Olympische Spiele, Welt- und Kontinentalmeisterschaften) als verbandsorganisierte Länderwettkämpfe inszeniert werden, bei denen Teams und Individualsportler qua Wettkampfordnung einer (und nur einer) Nation zugeordnet werden. 26 Das Meritokratieprinzip des Sports wird diesbezüglich zuweilen ausgehebelt, da hinter der Vergabe von Startplätzen häufig komplexe Auslesemechanismen stecken, 26 So gibt es beispielsweise beim Vorliegen einer doppelten Staatsbürgerschaft kein zweifaches Startrecht.
Spitzensport und Migration 101 die dafür sorgen, dass die Anzahl an Sportlern pro Nation begrenzt wird. Dieser Quotierung wird zunehmend in Form des Athleten-Tourismus, einem gezielten Wechsel der Staatsbürgerschaft, gestalterisch begegnet, um das Problem großer nationaler Konkurrenz beim Gerangel um Startplätze zu umgehen. 27 Die eigentümliche Ambivalenz zwischen Stilisierung der Nationalität auf der einen Seite und sprichwörtliche Entgrenzung oder gar Entwertung der Nationalität auf der anderen Seite scheint typisch für das „sporting global village“ (Maguire et al., 2002, S. 26), das sich als ein geografisch-räumlich diffuser bzw. de-lokalisierter transnationaler Raum skizzieren lässt. Wenngleich der globale Sport immer noch unter dem Einfluss der westlichen Hegemonie steht, wird er zunehmend multilokaler und multikultureller. Der Spitzensport ist in dieser Hinsicht ein soziales System, das quer zu Grenzziehungen von Nationalstaaten liegt. Betroffen von Wanderungen entlang der Wettkampforte innerhalb eines Landes, eines Kontinents oder im globalen Maßstab sind nicht nur die Sportler, sondern auch die anderen Akteure im Spitzensportsystem. Der die Spitzensportler umgebende Konvoi besteht beispielsweise in den extrem nomadisch konstituierten Sportarten Tennis, 27 Exemplarisch sei hier zuvorderst die Sportart Tischtennis genannt, die von chinesisch-stämmigen Athleten dominiert wird. Die Berichterstattung zur Europameisterschaft der Frauen liest sich wie folgt: "Bei den Frauen verlor die zweifache niederländische Europameisterin Li Jiao (2007 und 2011) gegen die Portugiesin Fu Yu. Diese wird im Halbfinale der Schwedin Li Fen gegenüberstehen, der besten Europäerin auf der Weltrangliste (Platz 11). Das andere Halbfinale wird vollständig deutsch sein und zwischen Shan Xiaona und Han Ying ausgetragen werden" (L´equipe, 2013, zitiert nach Bréville, 2014). Der Biathlet Michael Rösch (Belgien), der Reiter Björn Nagel und die Reiterin Katharina Offel (beide Ukraine) sind Beispiele dafür, dass deutsche Athleten unter anderer Flagge als der ihres Geburtslands Deutschland starten, um bessere Chancen im Kampf um das knappe Gut der Startplätze zu haben. Bei der Handball-Weltmeister- schaft 2015 sind für die Mannschaft Katars insgesamt sieben Spieler angetreten, die zuvor schon Nationalspieler in anderen Landesverbänden waren. Im Handball gilt die Regel, dass nach einer dreijährigen Wartefrist für einen anderen Verband gestartet werden darf. In anderen Sportarten (z. B. im Fußball) sind die Regeln bei einem Verbandswechsel deutlich strikter. International geltende sportartspezifische Regeln domestizieren in dieser Hinsicht den Siegescode (noch) ein Stück weit; identifizierte Schlupflöcher in diesem Regelwerk werden aber resolut und trotz nicht unerheblicher persönlicher, außersportlicher Konsequenzen für die Lebensführung und den Lebenslauf, wie dies beim Wechsel der Staatsbürgerschaft der Fall ist, genutzt.
Spitzensport und Migration 102 Golf oder Motorsport aus annähernd immer denselben Personenpool aus Trainern, Verbandsfunktionären, Managern, Medienvertretern, Schiedsrichtern, Konkurrenten, Sportmedizinern und Physiotherapeuten. Solche sportinduzierten Wanderungen können deshalb mitunter einen Tourneecharakter aufweisen (vgl. Bröskamp, 1998; Maguire et al., 2002). Aber auch schon vor Betreten des transnationalen Raums – also vor Beginn der internationalen Karriere – stehen die Sportler frühzeitig der Notwendigkeit gegenüber, die Lebensmittelpunkte zu verändern, um von besseren Rahmenbedingungen für die Karriereentwicklung profitieren zu können und „dort zu leben, wo die bestmöglichen Trainingsbedingungen gegeben sind“ (Thiel et al., 2013, S. 153). Entsprechend des sich langsam entwickelnden Leistungsniveaus und unberechenbarer Perspektiven der Talententwicklung ist zu erwarten, dass hier zunächst kleinräumige Migrationsakte im intranationalen Raum bevorzugt werden. Obige Ausführungen dürften deutlich gemacht haben, dass im Spitzensport nationale und transnationale Bezüge je eine eigentümliche Rolle spielen. Die eineindeutige Nationenzugehörigkeit, die als Inklusionsbedingung an verbandlich organisierten Wettkämpfen gefordert ist, forciert einerseits tendenziell ein doing nationality und zementiert damit nationalstaatliches Container-Denken. Mit entsprechender Symbolik, Nationalhymnen und Flaggen wird dies auch hörbar und sichtbar kommuniziert. Andererseits macht der Siegescode vor territorialen Grenzen nicht halt. Für ihn existieren keine Schranken, die politisch-administrative Einheiten sichtbar voneinander trennen. Weil territorial begrenzte Spitzenleistungen nicht mit dem universalistischen Konkurrenzprinzip zu vereinbaren sind, sind transnationale Strömungen als konstitutives Element des Systems nicht von der Hand zu weisen. Hierauf haben sich die hyperinkludierten Spitzensportler entsprechend einzustellen.
Spitzensport und Migration 103 3.1.3 Zwischenresümee Betrachtet man den Spitzensport makroperspektivisch aus Sicht der funktionalen Differenzierung, so ist er als ein eigenständiges System auszumachen, das seinen Kommunikationszusammenhang über den binären Code Sieg/Niederlage sinnhaft strukturiert. Der Siegescode gilt dabei exklusiv für das Spitzensportsystem, kein anderes gesellschaftliches Teilsystem reduziert die Beobachtung der Gesellschaft auf die binäre Logik des Siegens und Verlierens. Dies hat für Spitzensportler spezifische Inklusionsbedingungen zur Folge, die auf einer zweifachen Schrankenlosigkeit des Siegescodes gründen: (1) Um im hierarchisch aufgebauten Wettkampfsystem an die Spitze zu kommen, müssen die Athleten „über eine außergewöhnliche, anderen zumindest potentiell überlegene sportliche Leistungsfähigkeit verfügen […], die nur durch jahrelanges intensives Training und entsprechende Wettkampfpraxis erlangt werden kann“ (Riedl, Borggrefe & Cachay, 2007, S. 163). Wettkampf, Training und Regeneration erweisen sich damit als die bestimmenden Einheiten, um die Inklusion in das Spitzensportsystem zu ermöglichen und aufrechtzuerhalten. Denn wie in keinem anderen Teilsystem werden die angestrebten Positionen (möglichst oben auf dem Treppchen) und die angestrebten Belohnungen (möglichst die Goldmedaille sowie Gratifizierungen finanzieller Art – und zwar systemlogisch genau in dieser Reihenfolge) nach dem meritokratischen Prinzip verteilt. Askriptive Faktoren wie Hautfarbe, Alter oder Nationalität spielen bei dem sportspezifischen Verteilungsmechanismus keine Rolle. Das Sportsystem hat einen universalistischen Geltungsanspruch, der die maßgeblichen Akteure, die Spitzensportler, in ein Konkurrenzverhältnis setzt, das angesichts der artifiziellen Bedeutung der agonalen Leistung sowie der Verknappung der Ruhmesoptionen vor enorme Herausforderungen stellt. Aus dieser Konkurrenzlogik potenzieren sich Ansprüche an die individuelle Leistungsfähigkeit, die
Spitzensport und Migration 110 Was lässt sich daraus folgern? Allgemein lässt sich sagen, dass Organisationen auf Mitgliedschaften 29 basieren. Organisationen schließen nur die höchst selektiv von Ihnen ausgewählten Mitglieder ein; alle anderen werden ausgeklammert (Luhmann, 1997, S. 844). Der Zugang als Mitglied einer Organisation ist mit Selektionshürden verbunden, die „je nach Attraktivität der Mitgliedschaft mehr oder weniger scharf konditioniert werden. [….]. Wer also Mitglied einer Organisation wird, bindet sich an die Anerkennung der Mitgliedschaftsnormen, verpflichtet sich zur Akzeptanz der organisationalen Vorgaben, muss Weisungen befolgen und Verantwortung übernehmen, andernfalls wird er ausgeschlossen.“ (Teubert, 2009, S. 55) 3.2.1.1 Gefahr der Exklusion: Mitgliedschaftsbedingungen in Spitzensportorganisationen Überträgt man diese theoretischen Überlegungen auf die Mitgliedschaftsbedingungen in Spitzensportorganisationen, so lässt sich dies zunächst sportartenübergreifend wie folgt darlegen: Die Organisationen, in denen Inklusion und Exklusion im Spitzensport maßgebend geregelt wird, sind Vereine, Verbände und Förderungseinrichtungen wie Olympia-, Bundes- und Landesstützpunkte. Die Inklusion in diese Organisationen erfolgt gewöhnlich über formale Mitgliedschaften in spitzensportlichen Wettkampfeinheiten. Diese können vereinsgebunden sein, z. B. Vereinsteams, die im Ligabetrieb um Meisterschaften spielen; bei Individualsportarten werden die Athleten zumeist in leistungshomogene Trainingsgruppen gebündelt. Es gibt aber auch die Form der verbandsgebundenen Mitgliedschaft, die parallel zur Vereinsmitgliedschaft existieren kann. Verbände inkludieren ihre Athleten in eigenen 29 Mitgliedschaften sind in diesem Kontext im Sinne der organisationssoziologischen Perspektive von Luhmann (2000, S. 110-122) so zu verstehen, dass Personen, denen eine organisationsspezifische Rolle zugeschrieben werden kann, Mitglieder sind. In einem Sportverband trifft dies beispielsweise auf angegliederte Kaderathleten, auf hauptamtliche Mitarbeiter oder auf Funktionäre zu.
Spitzensport und Migration 111 Auswahlmannschaften und lassen diese durch zusätzliche Trainingsmaßnahmen und Wettkämpfe Förderprivilegien zukommen, die darauf ausgerichtet sind, die Erfolgswahrscheinlichkeit im internationalen Vergleich zu erhöhen. Auf der höchsten Hierarchieebene findet dies in den Nationalmannschaften seinen Niederschlag, die eine Auswahl der leistungsstärksten Athleten der jeweiligen sportartspezifischen nationalen Verbände präsentieren. 30 In allen Trägerorganisationen des Spitzensports gelten zentrale Eintritts- und Bleibekriterien, die nur – wie in Kapitel 3.1.2.1 aufgezeigt wurde – über Hyperinklusion zu erfüllen sind. Es müssen jederzeit sportliche Höchstleistungen erbracht werden oder zumindest für die Zukunft zu erwarten sein (vgl. im Überblick Borggrefe, Cachay & Riedl, 2009, S. 52-56; Riedl et al., 2007, S. 166-167; Teubert, 2009, S. 56-58). Der Zugang zu Wettkampfeinheiten erfolgt dabei nach festgelegten Leistungskriterien und Normwerten. Innerhalb der verbandlichen Inklusion kommt der Vergabe von Kaderplätzen eine zentrale Stellung zu. Zu unterscheiden ist zwischen Bundeskadern, zumeist A-, B- und C-Kader, und Landeskadern, zumeist D- Kader. A-Kader-Mitglieder repräsentieren das internationale Leistungsniveau und sind deckungsgleich mit den Nationalmannschaften. Sie profitieren von Fördermaßnahmen an Olympiastützpunkten und Bundesstützpunkten. In den anderen Kadern finden sich tatsächlich oder vermeintlich talentierte Athleten, die an das internationale Leistungsniveau herangeführt werden sollen. Der Status der Kadermitgliedschaft muss über das Leistungskriterium ständig neu bekräftigt werden. Es „müssen also frühzeitig positiv auffällige und nachfolgend jährlich normge- 30 Oftmals herrscht eine nicht auf dem ersten Blick zu erkennende strukturelle Parallelität von einerseits Auswahlmannschaften von Verbänden und andererseits Vereinsmannschaften (vgl. Riedl & Cachay, 2002, S. 56-58). In Mannschaftssportarten erschien lange Zeit die Nationalmannschaft als Spitze der Hierarchie, weil in ihr die besten Spieler spielen. Da im Klub-Fußball nunmehr international rekrutiert werden kann und auch wird, scheint sich diese Hierarchie in puncto Leistungsvermögen zunehmend zu verschieben. Entsprechende Friktionen zwischen den jeweiligen Organisationen sind dabei inbegriffen.
Spitzensport und Migration 112 recht gesteigerte Leistungen bzw. Erfolge präsentiert werden, die stets am rechten Rand der je altersbezogenen Verteilung liegen“ (Emrich, Güllich & Pitsch, 2005, S. 86). Für die Spitzensportler bedeutet dies das Gegenteil einer komfortablen Situation: Sie stehen in einem äußerst labilen Mitgliedschaftsverhältnis zu ihren Organisationen, das nicht auf Dauer gestellt ist und durch Ungewissheiten aufgrund beinflussbarer und nicht beeinflussbarer Umstände geprägt ist. Selbst wenn die Athleten gewillt sind, Leistungen zu erbringen, ist dies – sei es aus Verletzungsgründen, weil die Konkurrenz übermächtig ist, oder durch Zufall – nicht immer möglich. Die Spitzensportorganisationen fungieren diesbezüglich rigoros als ‚verlängerter Arm‘ des Siegescodes und selektieren ihre Mitglieder streng nach den Vorgaben des Leistungsimperativs. Inkludiert wird und inkludiert bleibt, wer fortwährend sportliche Leistungen in Wettkampf und Training nachweisen kann. Wer die sportliche Leistungsfähigkeit nicht kontinuierlich demonstrieren kann, fällt durch das Beobachtungsraster. Er wird exkludiert, weil er nicht mehr in den systemeigenen Kommunikationszusammenhang der Produktion potenzieller Sieger passt. All diese Aspekte lassen sich komprimiert als ein prekäres Inklusionsverhältnis auffassen – ein Begriffspaar, das im weiteren Verlauf der Arbeit noch von Bedeutung sein wird. Beachtet man die Verquickung der Inklusion in einen Verein und über die Kaderzugehörigkeit in einen Verband, so ergeben sich für die Spitzensportler Herausforderungen des Managements verschiedener Mitgliedschaften. So sind im Hinblick auf Mobilitätserfordernisse auch organisatorische Arrangements zu beachten, die mit einer räumlichen Inkongruenz zusammenhängen: „Ist zum Beispiel ein Verein zugleich als Landes- oder Bundesstützpunkt anerkannt, können die dort inkludierten Athleten weiterhin am Stützpunkt tragenden Verein trainieren und müssen somit keine weiteren Fahrwege auf sich nehmen. Gleiches gilt für Wettkampfeinheiten, die zentral am Olympiastützpunkt organisiert sind und dort trainieren. Ist der Stützpunkt hingegen
Spitzensport und Migration 113 ‚übervereinlich‘ organisiert, erfolgt das Training zusätzlich zum Training im Heimatverein und erfordert weitere zeitliche Investitionen.“ (Teubert, 2009, S. 56-57) Angesichts solch diversifizierter struktureller Besonderheiten der Mitgliedschaften in Spitzensportorganisationen scheint es sehr verzwickt, essentielle Erkenntnisse für Migrationsprozesse abzuleiten. Nichtsdestotrotz dürfte deutlich geworden sein, dass die zwingend notwendige organisationale Bindung an Wettkampfeinheiten auch Wohnstandortsüberlegungen nach sich ziehen. Migration im Spitzensport lässt sich bis hierin nur äußerst pauschal in der Frage, warum Spitzensportler migrieren, erklären: Nämlich weil sie sich vollständig an den Systemvorgaben ausrichten müssen. Gibt der Organisationskontext Spitzensport Lebensmittelpunktversetzungen vor, ist Migration die einzige Möglichkeit, Bestandteil von diesem zu bleiben. Die Frage danach, wie der Organisationskontext Spitzensport Migration präjustiert, ist damit aber noch nicht geklärt. Zur Klärung dieser Frage müssen die Strukturbedingungen des Spitzensports in einer gegenständlichen Herangehensweise analysiert werden. Leitend ist dabei die Frage nach der körperlichen Präsenz der Spitzensportler in raum-zeitlicher Perspektive in Bezug auf spitzensportbezogene Standortofferten. Oder einfacher formuliert: Welche Orte müssen von Spitzensportlern aufgesucht werden, um Erfolge generieren zu können? Hinter dieser Frage verbirgt sich ein ebenso triviales wie fundamentales Faktum, das aus der Time-Space-Structured-Theory nach Hägerstrand (1975) hervorgeht: Der Mensch ist unteilbar und kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein! Die Anerkennung der körperlichen Existenz und der räumlichen Unteilbarkeit sowie von räumlichen manifesten Gegebenheiten hat eine simple Konsequenz; Raum und Zeit müssen als zusammenhängende Dimension einer Entität gesehen werden. Da das Beamen von einem Ort zu einem anderen Science-Fiction, aber nicht ge-
Spitzensport und Migration 114 sellschaftliche Realität ist, und sportliche Wettkämpfe nur per körperlicher Präsenz und nicht per E-Mail oder Videokonferenzen ausgetragen werden, gilt in dieser Hinsicht die Feststellung von Bette (2004): „Menschen bleiben aber bei aller Abstraktheit gesellschaftlicher Kommunikation und bei aller Technisierung des Personentransports an Körper und Raum gebunden" (S. 100). Stellt man in Rechnung, dass Spitzensportler die Kommunikation körperlicher Leistungsfähigkeit anstreben, so müssen sie physisch mobil sein, da die Voraussetzungen dafür nicht überall in der Welt in gleicher Qualität gegeben sind; die strukturellen Gegebenheiten für die Leistungsoptimierung sind über die Erdoberfläche ungleich verteilt (vgl. Weber, 2003, S. 213; Weichhart, 2009, S. 2; Werlen, 2000, S. 167-201). Zu eruieren ist vor diesem Hintergrund, welche Standortofferten für Spitzensportler von Bedeutung sind, wie diese auf verschiedene geografische Orte verteilt sind, welche Distanzen zwischen ihnen liegen und inwiefern es eines (zeitlichen) Transaktionsaufwands bedarf, die Distanzen zu überbrücken. Die generelle Bedeutung der Raum- und Zeitbezüge organisationaler Strukturbedingungen des Spitzensports lässt sich anhand der Bedeutung von Wettkampf, Training und Regeneration herausstellen. Dies wird im Folgenden Kapitel geleistet. Die raum-zeit- lichen Dimensionierungen lassen sich nur auf einer konkreteren Ebene, der Ebene einzelner Sportarten, herausarbeiten. Inwieweit sich die raum-zeitlichen Strukturbedingungen konkret unterscheiden, wird aus diesem Grund anhand einer Strukturanalyse verschiedener Sportarten in den sich anschließenden Kapiteln dargelegt. 3.2.1.2 Standortofferten: Raum- und Zeitbezüge der Organisation des Spitzensports Wie schon angedeutet, operationalisieren innerhalb des sportlichen Wettkampfs sportartübergreifende und sportartspezifische Regeln den Siegescode. Sie sind
Spitzensport und Migration 115 der normative Orientierungsmaßstab, mit dem die Bedingungen der Leistungserbringung abgesteckt werden. Sie schränken die Handlungsmöglichkeiten im Wettkampfgeschehen ein. Sie zeigen auf, was erlaubt ist und was nicht (Bette & Schimank, 2006b, S. 45). Aufgestellt, verwaltet und durchgesetzt wird dieses Regelwerk von nationalen und internationalen Spitzenfachverbänden. Diesen obliegt auch die Durchführung der Wettkämpfe, d. h. sie kümmern sich um die administrative Organisation der Bedingung der Möglichkeit des Leistungsvergleichs. Um den Leistungsvergleich auf Dauer zu stellen, sind hierin auch graduelle und serielle Bedingungen der Bestimmung von Siegern verankert. Die „graduelle sachliche Differenz“ (Schimank, 1988, S. 185) des Wettkämpfens erfolgt insbesondere „durch die Ausweisung von verschiedenen Leistungsniveaus, wie Olympische Spiele, Weltmeisterschaften, Europameisterschaften, nationale Meisterschaften und regionale Meisterschaften, aber auch durch die Einführung von Turnieren, Sportligen oder Weltmeisterschaftsserien, bei denen auf Basis mehrerer Wettkämpfe oder Spiele am Ende ein Gesamtsieger ermittelt wird.“ (Thiel et al., 2013, S. 139) Da solche Wettkämpfe jeweils einen im Rahmen der sportverbandsinternen Vergabepraktiken zur Ausrichtung solcher Wettkämpfe teils festen, teils verhandelbaren Raumbezug haben, d. h. die Durchführung der Wettkämpfe ist an einen oder mehrere bestimmte oder zu bestimmende Austragungsorte gebunden 31 , sind Spitzensportler zwingend darauf angewiesen, die Wettkampforte auch aufzusuchen. Eng mit dieser Raumdimension verknüpft ist infolge der Serialisierung noch eine zweite Dimension bedeutend: die Zeitdimension. Denn das Produzieren von Siegern und Verlierern durch das Spitzensportsystem ist nicht nach Abschluss eines dieser ortsfixierten Wettkämpfe beendet, sondern es startet jedes Mal wieder von neuem. Für die Durchführung von Wettkämpfen haben sich Turnusse der serienmäßigen Wiederholung etabliert: Beispielsweise wechseln sich im 31 Das Kräftespiel der verhandelnden Akteure bei der Vergabe von internationalen Sportevents analysiert Digel (2013, S. 360-364) unter Demokratiegesichtspunkten kritisch.
Spitzensport und Migration 116 Fußball alle zwei Jahre Weltmeisterschaften und Europameisterschaften als Verbandswettbewerbe ab. Im Klub-Fußball bestimmen dahingegen alljährlich durchgeführte nationale Meisterschaften und Pokale die zeitliche Fixierung der Wettkämpfe, flankiert von kontinentalen Vergleichen wie Champions-League und Europa-League. Die zeitliche und räumliche Festlegung der Wettkämpfe manifestiert sich in einem Wettkampfkalender, der im Spitzensport nationale und internationale Wettkampforte und -termine umfasst. Der Wettkampfkalender strukturiert somit das raum-zeitliche Handeln der Akteure. Und je nachdem, ob die Wettkämpfe regelmäßig ligenförmig (z. B. Fußball, Handball, Hockey, Basketball), turnierförmig (z. B. Tennis, Golf, Reiten, Taekwondo) oder in Form von Weltcup-Serien (z. B. Ski alpin, Bahnradfahren, Eisschnelllauf, Orientierungslauf, Rennrodeln, Rudern, Turnen) organisiert sind, können die Orts- und Zeitbindungen der Spitzensportler ganz unterschiedlich ausfallen (vgl. Borggrefe, 2013, S. 58-59). Die Teilnahme an Wettkämpfen strukturiert damit die körperliche Präsenz der Athleten in einem spezifischen Verhältnis von Raum und Zeit. Als zweite strukturierende Variable ist neben dem Wettkampfkalender das Training im Hinblick auf die Options- und Gestaltungsspielräume der Athleten in Rechnung zu stellen. Borggrefe (2013) veranschaulicht dies wie folgt: „Anhand des Wettkampfkalenders erfolgt dann jeweils eine spezifische Trainingsplanung und -periodisierung, d. h., es wird festgelegt, in welchen Trainingsphasen mit welchen Intensitäten und Umfängen trainiert wird und wann beispielsweise Lehrgänge oder Trainingslager stattfinden. Ziel einer solchen Trainings- und Wettkampfperiodisierung ist es, die Athleten auf die jeweiligen Wettkampfhöhepunkte in optimaler Weise vorzubereiten.“ (Borggrefe, 2013, S. 59) In einem engen Wechselverhältnis zu Wettkampf und Training ist schließlich als dritte strukturierende Variable die Regeneration zu nennen. Regeneration ist zu-
Spitzensport und Migration 117 nächst vor allem aus trainingswissenschaftlicher, medizinischer und psychologischer Perspektive von Bedeutung. 32 Aus der Mobilitätsperspektive interessiert jedoch die raum-zeitliche Einordnung der Regeneration. Denn es wird davon ausgegangen, dass Regeneration in spezifischen Räumen stattfindet. Dies wird besonders deutlich, wenn man sogenannte passive Regenerationsmaßnahmen betrachtet, zu denen Massagen, Entmüdungsbäder, Saunagänge und insbesondere ausreichend Schlaf gehören. In zeitlicher Hinsicht ist dabei entscheidend, dass die passive Regeneration einen Gegenpol zu Wettkampf und Training darstellt, also nicht gleichzeitig zu Belastungen durch Wettkampf und Training stattfinden kann, weil Regeneration gezielte Pausen von diesen erfordert. Und auch in räumlicher Hinsicht ist es der Regeneration zuträglich, Abstand vom Wettkampf- und Trainingsgeschehen (mit Ausnahme aktiver Regenerationsmaßnahmen) zu bekommen. In diesem Sinne ist auch das ‚Nichts-Tun‘ als Verzichtsleistung im Sinne einer Investition zur Herstellung künftiger Belastbarkeit zu verstehen (Emrich et al., 2005, S. 80). 33 Zu beachten ist, dass Spitzensportler zwischen Wettkampf- und Trainingsort nicht völlig frei switchen können. Auch für sie gilt, dass ihr „Aktionsradius durch tagesrhythmisch strukturierte Regenerationserfordernisse (Schlafen, Essen Körperpflege) eingegrenzt ist“ (Weichhart, 2009, S. 2). Insofern ist die Bedeutung des 32 Zum Regenerationsmanagement im Spitzensport läuft derzeit ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, in dem die genannten Perspektiven abgedeckt werden. Es wird dabei nach Regenerationsstrategien gesucht, die eine schnelle und effiziente Erholung von intensiven Trainings- und Wettkampfbelastungen ermöglichen und somit Überlastungssyndromen oder Verletzungen vorbeugen (vgl. Meyer, Ferrauti, Kellmann & Pfeiffer, 2015; Meyer, Kellmann, Ferrauti & Faude, 2013). 33 Im Rahmen dieses Argumentationszusammenhangs gilt die Wahl des Campo Bahia als Basisquartier der deutschen Fußballnationalmannschaft zur Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien medial vermittelt als strategischer Clou der verantwortlichen Funktionäre. Das Quartier lag abseits der Wettkampfstätten, der Trainingsplatz war drei Kilometer entfernt. Die Spieler wurden nicht in Hotelzimmern, sondern zu fünft oder sechst in Blockhütten untergebracht. Einer der Spieler, Benedikt Höwedes, spricht in einem Zeitungsinterview den Erholungswert an: „Mit dem Pool und der Bar in der Mitte haben wir den optimalen Ort, um zusammenzukommen. Und wer keine Lust auf Gesellschaft hat, zieht sich in sein Zimmer zurück.“ (Wallrodt & Wolff, 2014).
Spitzensport und Migration 118 Lebensmittelpunkts als ein Ankerpunkt und Zuhause nicht zu unterschätzen. Ihm kommt eine regulierend-strukturierende Rolle zu. Er ist nicht nur Regenerationsstätte, sondern dem Athleten werden mit dem Standort der Wohnung bestimmte leistungssportbezogene Nutzungspotenziale eröffnet und gleichzeitig andere Nutzungspotenziale wiederum eingeschränkt. Die Strukturdynamiken, die sich aus der raum-zeitlichen Allokation 34 von Wettkampf, Training und Regeneration ergeben, sind sehr komplex. Die maßgebliche Orientierungsgrundlage für eine raum-zeitliche Verortung bildet dabei immer der Wettkampfkalender; Training und Regeneration werden darauf abgestimmt. Da diese Orte in der Regel nicht kongruent sind, ist bei der Überwindung von Distanzen zwischen Wettkampf, Training und Regeneration ein Transaktionsaufwand ins Kalkül zu ziehen. Den Transaktionsaufwand gilt es vor allem in Hinblick auf Transaktionskosten in der Zeitdimension zu minimieren. Im Spitzensport muss die begrenzt zur Verfügung stehende Zeit möglichst optimal genutzt werden. Zeit, die nicht im Sinne des Siegescodes genutzt wird, gilt als vergeudete Zeit. Weil der Athlet stets daran arbeiten muss, noch mehr Zeit in den Sport zu investieren, steht er hohen Opportunitätskosten alternativer Zeitverwendung gegenüber (vgl. Becker, 1987; Emrich & Güllich, 2005; Emrich et al., 2005). Längere Auszeiten kann sich unter den heutigen Konkurrenzverhältnissen kein Spitzensportler leisten, weshalb beispielsweise auch bei Verletzungen unter Zeitdruck daran gearbeitet wird, den Trainings- und Wettkampfbetrieb schnellstmöglich wieder aufnehmen zu können (vgl. Mayer, 2010; Mayer & Thiel, 2014; Schnell, Mayer, Diehl, Zipfel & Thiel, 2014). Angesichts disparater Standortofferten haben sich von Sportart zu Sportart ungleichförmige organisationale Strukturarrangements herausgebildet, 34 Der Begriff der raum-zeitlichen Allokation ist im Rahmen der Time-Space-Structured-Theory entwickelt worden. Er bezeichnet zum einen die exklusive „Belegung“ von Raum als endliche Ressource und zum anderen den unwiederbringlichen „Verbrauch“ von Zeit (vgl. Hägerstrand, 1975; Kramer, 2012).
Spitzensport und Migration 119 die durch die Orts- und Zeitfixierung der Wettkämpfe bedingt werden. Eines haben sie aber immer gemeinsam: die Steigerung der Erfolgswahrscheinlichkeit. 3.2.2 Strukturanalyse: Sportartspezifische Migrationsbedingungen Vor dem Hintergrund der Strukturdynamiken wird davon ausgegangen, dass in Abhängigkeit von der jeweils betrieben Sportart die Mobilitäts- und Migrationsarrangements ganz unterschiedlich aussehen. Als strukturformatierend sind dabei in erster Linie zwei Dimensionen auszumachen: die organisatorischen Rahmenbedingungen des jeweiligen Wettkampftyps sowie die Mitgliedschaftsbedingungen der Athleten. Im Folgenden werden diese beiden Dimensionen anhand dreier unterschiedlich organisierter Sportarten detailliert untersucht und auf deren Migrationserfordernisse hin hinterfragt. In strukturanalytischer Herangehensweise werden hierzu die Sportarten Fußball, Tennis und Ski alpin en détail in den Blick genommen. 3.2.2.1 Methodische Hinweise Die Auswahl dieser Sportarten ist nicht willkürlich. Sie folgt der theoretischen Überlegung, möglichst das Spektrum unterschiedlicher serieller Gestaltung von Wettkämpfen abzudecken – und zwar derjenigen Wettkämpfe, die in den Sportarten jeweils im Laufe eines Jahres im Wettkampfkalender quantitativ überwiegen und kontinuierlich ausgetragen werden. Gemeint sind: in Form von Ligen organisierte Fußballspiele; in Form von Turnieren zusammengeführte Tennis-Matches; in Form eines Weltcups ausgetragene Ski alpin-Rennen. Wenngleich Sonderfälle wie Kontinentalmeisterschaften, Weltmeisterschaften und Olympische Spiele für die Spitzensportler in allen drei Sportarten subjektiv einen höheren Stellenwert haben dürften, erfolgt eine Konzentration der Analyse auf diese Wettkampfformen, weil davon ausgegangen wird, dass das ‚Alltagsgeschäft‘ von Ligaspielen,
Spitzensport und Migration 126 der Fußball-Bundesliga ist über das Lizenzierungsverfahren der DFL dazu verpflichtet, ein Nachwuchsleistungszentrum (NWLZ) zu unterhalten, an dem Fußballtalente auf eine spitzensportliche Karriere vorbereitet werden und per Ausbildungsvertrag gebunden werden. Wenngleich damit im gesamten Bundesgebiet mindestens 36 NWLZ optional zur Verfügung stehen, kann man dennoch nicht von einer dezentralen Talentförderung sprechen. Nicht immer besteht die Möglichkeit, in einem vertretbaren Rahmen für das Training an die NWLZ zu pendeln. Da Fußballspieler durch die NWLZ bereits im Jugendalter adressiert werden, ist an diesen deshalb entweder ein Internat angebunden oder es wird die Möglichkeit des Wohnens in Gastfamilien eingerichtet. Flankierend dazu ist es möglich, von verbandlichen Maßnahmen des DFB zu profitieren, wenn talentierte jugendliche Fußballspieler in die Junioren-Auswahlmannschaften des DFB gelangen. Die quantitativ überwiegende Basisarbeit, die für die Lebensmittelpunktverortung ausschlaggebend ist, ist in diesen Fällen dennoch den NWLZ zuzuschreiben. Spätestens wenn die Talente in den Lizenzspielerstatus übergehen, erfolgt die formale Einbindung professioneller Fußballspieler über ein Angestelltenverhältnis zu ihrem Fußball-Klub; die Organisationszugehörigkeit wird per Arbeitsvertag festgelegt. 37 Die Verträge regeln u. a. die Höhe der Vergütung und die Dauer der Beschäftigung. Aber obschon die Vergütung von Fußballspielern unverhältnismäßig hoch ist 38 , ist deren Beschäftigungssituation in der Zeitdimension als prekär zu bezeichnen. 37 Daneben existiert die Möglichkeit über den nationalen Fachverband (in Deutschland der DFB) in die Nationalmannschaft berufen zu werden. Dies ist aber weniger für die Lebensmittelpunktverortung relevant als für erweiterte Anforderungen an die räumliche Mobilität bei anstehenden Länderspielreisen. 38 Da es keine Veröffentlichungspflicht der Verträge gibt und die Inhalte der Verträge meist wohlgehütete Geheimnisse zwischen Spielern, Beratern und Fußball-Klubs darstellen, kann über die Höhe der Vergütungen nur spekuliert werden. Es kursieren durchaus Insiderinformationen in den Medien und Hochrechnungen anhand der Marktwerte der Spieler. Aktuelle Übersichten der Gehälter in der Fußball-Bundesliga, die auf Quellen und Berechnungsmethoden basieren, finden sich unter http://fussball-geld.de/gehalt-der-bundesliga (Randerath, 2015). Hieran wird deutlich, dass selbst
Spitzensport und Migration 127 Die Verträge von Fußballspielern sind stets zeitlich befristet. Dies ist sogar in der ‚Lizenzordnung Spieler‘ des Ligaverbands vorgeschrieben: „Verträge müssen nach Inkrafttreten eine Mindestlaufzeit bis zum Ende eines Spieljahres haben. Die Höchstlaufzeit eines Vertrages soll fünf Jahre nicht überschreiten“ (§ 5, Abs. 1 in Ligaverband, 2015b). 39 Und wenngleich die durchschnittlichen Vertragslaufzeiten seit dem Bosman-Urteil leicht gestiegen sind und nunmehr bei knapp unter drei Jahren liegen (vgl. Feess, Frick & Muehlheusser, 2004), zeigt dieser Befund auch eindringlich, dass die Spieler im Verlauf ihrer Spitzensportkarriere relativ häufig vor Wechselentscheidungen – und damit auch vor Migrationsentscheidungen – stehen. Dies gilt es auch vor dem Hintergrund von Leistungsdifferenzen zwischen den Teams der Bundesliga zu beachten. Ein Fußballspieler kann entweder unattraktiv für das eigene Team werden, wenn er dem geforderten Leistungsniveau nicht standhalten kann. Oder andersherum: Ein Fußballspieler kann attraktiv für andere Teams werden, wenn er sich durch Leistung ausweist. Dies gibt zwar nur höchst unvollständig die Mechanismen des Transfermarktes und die Transferstrategien der Fußball-Klubs wieder, bei dem weitaus diffizilere Faktoren eine Rolle spielen. Aufwendige Modellierungen hierzu hat Vöpel (2006; 2011) vorgenommen. Er weist darauf hin, dass es in der Praxis oft schwierig sei, die Leistungsfähigkeit einzuschätzen. Jede Personalentscheidung in einem Fußball-Klub werde aufgrund von Informationsdefiziten unter Unsicherheit getroffen. 40 So zeigt sich schließlich Ersatzspieler von Mannschaften in den unteren Tabellenregionen der Fußball-Bundesliga regelmäßig mehr als das Dreifache des durchschnittlichen Brutto-Jahresarbeitslohns von 31.981 € (Quelle: Statista, 2015) erhalten. 39 Die Befristungspraxis steht aktuell zur Debatte. Nach einem Urteil des Arbeitsgerichts Mainz vom 19. März 2015 (3 Ca 1197/14) müssen auch Verträge von Fußballprofis dem Teilzeit- und Befristungsgesetz entsprechen. Ein Berufungsverfahren steht noch aus. Sollten höhere Instanzen die Rechtskräftigkeit des Urteils bestätigen, hat dies einschränkende Auswirkungen auf die Anzahl der möglichen Befristungen, was mitunter weitreichende Konsequenzen für Spieler und Fußball-Klubs haben dürfte. 40 Inneneinsichten der Transferstrategien einzelner Fußball-Klubs bietet die ethnografische Untersuchung von Müller (2009).
Spitzensport und Migration 128 immer auch der Faktor Zufall für die Unwägbarkeiten des Erfolgs verantwortlich. Um der Informationsfülle bei Personalentscheidungen zu begegnen und damit Komplexität und ergo zufällig richtige oder falsche Entscheidungen zu reduzieren, beschäftigen sich im professionellen Fußball spezialisierte Kräfte wie Scouts, Kaderplaner, Manager und Berater mit der Beobachtung von Spielern und der Anbahnung von vertraglichen Bindungen. Die Aufgabe dieser Personen ist die Herstellung einer stimmigen Passung vom Leistungsvermögen der Fußballspieler einerseits sowie den Ansprüchen und Leistungen der Fußball-Klubs andererseits. In der Konsequenz bedeutet dies: Migrationsentscheidungen im Fußball sind eng mit dem jeweils aktuellen Leistungsvermögen und der Dynamik auf dem Transfermarkt verbunden. Und nur in absoluten Ausnahmefällen dürfte bei einem Wechsel des Fußball-Klubs der aktuelle Lebensmittelpunkt beibehalten werden können, nämlich dann wenn die Trainingsstätte des neuen Fußball-Klubs vom Wohnort aus durch tägliches Pendeln mit vertretbarem Transaktionsaufwand zu erreichen ist, z. B. bei einem Wechsel von Schalke 04 zu Borussia Dortmund. 41 Eine über mehrere Jahre ausgeübte Sesshaftigkeit ist für Fußballspieler daher Utopie und nur in absoluten Ausnahmefällen machbar, nämlich dann, wenn eine jahrelange vertragliche Bindung an einen Fußball-Klub aufrechterhalten werden kann. Aber selbst dann erfolgt die Mitgliedschaftsbindung an den Fußball-Klub den Regeln der im Fußball üblichen Vertragspraxis entsprechend in zeitlichen Ver- 41 Der Versuch, größere Distanzen fliegend zu überwinden und damit die für das Pendeln benötigte Zeit zu minimieren, wäre eine denkbare Möglichkeit für die Verringerung der zeitlichen Transaktionskosten. Demgegenüber steht aber ein überproportionaler Anstieg finanzieller Transaktionskosten. Zudem wird diese Lösung gesellschaftlich nicht akzeptiert. Dies mussten sowohl Jens Lehmann in der Saison 2008/09 feststellen, als er regelmäßig per Helikopter von seinem Wohnsitz am Starnberger See zum Training beim VFB Stuttgart flog, als auch Jürgen Klinsmann in seiner Rolle als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft mit Wohnsitz in den USA.
Spitzensport und Migration 129 satzstücken (Kettenverträge), sodass Lebensmittelpunktversetzungen fortwährend in der gesamten Spitzensportlerkarriere im Erwartungshorizont der Fußball- Spieler zumindest hintergründig mitschwingen. Beim Aufkommen etwaiger Migrationsgedanken in Form von Wechselabsichten dürften aufgrund der Überbietungslogik politisch-administrative Grenzen dem Prinzip der territorialen Schrankenlosigkeit nach keine Rolle spielen. Hierzu leistet auch der Wegfall von Ausländerbeschränken durch das Bosman-Urteil seinen Betrag, weil für die Kaderzusammensetzung der Fußball-Klubs die Nation des Spielers nicht mehr ausschlaggebend ist. Fußball-Klubs müssen formal nicht mehr beachten, welche Staatsbürgerschaft ein Spieler hat; sie konzentrieren sich auf sportliche und ökonomische Passungen als Selektionskriterien. 42 Fußball-Klubs können ihre Spieler international rekrutieren. Dies wird in der Fußball-Bundesliga und in den anderen europäischen Top-Ligen auch zur Genüge praktiziert (vgl. Frick, 2008). Eine Besonderheit der Mitgliedschaftsbedingungen im professionellen Fußball ist, dass ein Wechsel von einem Fußball-Klub zu einem anderen nur innerhalb eines festgelegten Zeitraums anberaumt werden kann. Für einen Zeitraum von zwölf Wochen nach einer Saison und von vier Wochen im Januar öffnet sich jeweils das Transferfenster. Insbesondere gegen Ende dieser Zeiträume entwickelt sich oftmals eine hohe Dynamik an Transferentscheidungen. Da die Kader in den Fußball-Klubs aus ökonomischen und sportlich-funktionalen Gründen nicht unnötig aufgebläht werden, hat eine Verpflichtung eines Spielers A in der Regel auch den Verkauf eines anderen Spielers B zur Folge; parallel dazu gilt es für den abgebenden Fußball-Klub von Spieler A wiederum Ersatz zu finden. Da 42 Dass teilweise auch Charaktereigenschaften und kulturelle Passungen als Auswahlkriterien angeführt werden (vgl. Müller, 2009), kann unter der sportlichen Passung subsummiert werden, da diese Eigenschaften im Hinblick auf die Förderung der mannschaftlichen Integration beurteilt werden.
Spitzensport und Migration 130 dies höchst selten Spieler B ist, wird ein weiterer Fußball-Klub mit seinem Spieler C in die Transferdynamik mit hineingerissen. Damit ist das Transferkarussell in Gang gesetzt und wird erst mit Ende der Transferperiode abrupt angehalten. So ist Fußball die Sportart, in der nationale, vor allem aber auch internationale Wanderungen womöglich am häufigsten vorkommen. Vor diesem Hintergrund analysieren Lanfranchi & Taylor (2001) in einer international und historisch vergleichenden Perspektive die Entwicklung der fußballspezifischen Migration als eine spezifische Form der Arbeitsmigration. Als zentrales Ergebnis stellen sie fest, dass seit den 1990er Jahren Wanderungen für Fußballspieler erforderlich sind, wenn sie in der Karriereleiter aufsteigen wollen: “Emphasis on the 'global' dimension of migration is almost exclusively directed to those in the necessary part of the profession. To the majority of these players, mobility has become a necessary part of the profession. To reach the top, it is essential to move to the leading clubs in the most prestigious leagues. With few exceptions, the world's best footballers today are migrants.” (S. 229) Darüber hinaus schreiben sie einer speziellen Gruppe von Fußballmigranten einen besonderen Status zu, der sie von Arbeitsmigranten aus anderen Berufsfeldern unterscheide und z. B. die Integration erleichtere. Bei dieser Gruppe handele es sich um Sportstars, die sich durch eine hohe Präsenz in Medien und Werbung sowie eine öffentliche Wertschätzung auszeichnen. Von den Fußballprofis wird somit höchstes fußballerisches Können gepaart mit einem hohen Maß an Mobilitäts- und Migrationsbereitschaft verlangt (vgl. Bröskamp, 2009). 43 Es sollte hierbei 43 Als ein extremes, aber durchaus typisches Beispiel für den Fußball lässt sich hier der Karriereverlauf des österreichischen Torhüters Alexander Manninger anführen, der innerhalb von 18 Profijahren aufgrund von Vereinswechseln 14 Wohnortwechsel durchgeführt hat. Manninger spielte dabei nacheinander in folgenden Stätten: Salzburg, Steyr, Graz, London, Florenz, Barcelona, Turin, Bologna, Siena, Salzburg, Siena, Udine, Turin, Augsburg, wobei sein erster sportsysteminduzierter Wohnortwechsel im Alter von 18 Jahren erfolgte. Das bedeutete für ihn: im Schnitt alle 15,4 Monate ein neuer Lebensmittelpunkt. Nicht unberechtigt wird er deshalb als „Nomade des Fußballs“ bezeichnet. Dass er sich der Programmstruktur des Fußballs dabei unterordnen musste, zeigt sich, weil er betont, dass es seine Idee gewesen wäre „öfter länger an einem Ort zu bleiben“ (Marx, 2013). Umzugsmeister innerhalb der Bundesliga ist der Fußballspieler
Spitzensport und Migration 131 aber nicht vorschnell der Schluss gezogen werden, dass einem Elitespieler sprichwörtlich die ganze Welt offensteht. Es stehen zwar flächenmäßig gut verteilte ‚Hotspots‘ (attraktive Vereine auf allen Kontinenten), also eine prinzipielle Optionsvielfalt an Arbeitgebern zur Verfügung. Aber in diesem Zusammenhang ist auch auf ein für Sportspielmannschaften spezifisches Rekrutierungsmuster hinzuweisen, wonach es eine Tendenz dahingehend gibt, dass sich die Weltelite der Topstars im Fußball auf wenige prestigereiche Vereine zu verdichten scheint. Diese Beobachtung erklärt Vöpel (2013) mit dem „Zidane-Clustering-Theorem“, das besagt, dass Spieler gleicher Qualität sich in Fußball-Klubs clustern. 44 Begründet wird dies mit den Erfolgsaussichten der Teams, die immer vom schwächsten Element der Einheit abhängig seien. Anzustreben sei deshalb eine homogene Zusammenstellung der Teams, bei der Spieler mit hoher Qualität gegenseitig voneinander profitieren. Nebenbei bemerkt: Hierin verbirgt sich die Gefahr, dass ökonomische Machtverhältnisse im Klub-Fußball das Prinzip der Chancengleichheit unterwandern. Dies drückt sich in einer sportlichen Dominanz finanziell gut ausgestatteter Fußball- Klubs aus. Dass Geld eben doch Tore schießt, konnten Untersuchungen bestätigen (vgl. im Überblick Frick, 2005; aus einer soziologischen Ungleichheitsperspektive Wilkesmann, 2014). Es sei der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen, dass auch andere Modelle existieren, die einer solchen Überlagerung des sportlichen Wettbewerbs durch einen parallel stattfindenden Finanzwettbewerb präventiv Michael Spies. Er spielte als einziger Spieler seit Bestehen der Bundesliga für sieben Bundesliga-Klubs. Mit Stuttgart, Karlsruhe, Hamburg, Rostock, Dresden und Wolfsburg war er sowohl im Norden, Süden, Westen, Osten als auch in der Mitte Deutschlands als Fußballspieler tätig. In einem Artikel der ZEIT heißt es: „Irgendwann hatte er akzeptiert, dass Umzüge zu seinem Beruf dazugehören. Er wollte auf die erste Liga nicht mehr verzichten, auf die Annehmlichkeiten, den Ruhm und auch auf das Geld“ (Schmid, 2015). 44 Die Bezeichnung rührt daher, da im Anschluss an die Verpflichtung von Zinedine Zidane auch David Beckham zu Real Madrid wechselte. Zusammen mit Luis Figo, Roberto Carlos, Ronaldo und Raúl sorgten sie zu Beginn des Jahrtausends als ‚die Galaktischen‘ für Erfolg und Furore (Vöpel, 2013; Vöpel & Steinhardt, 2006).
Spitzensport und Migration 132 entgegenzusteuern versuchen. In der Major League Soccer (MLS), der höchsten Spielklasse in Nordamerika, gibt es ein ausgeklügeltes Bündel an Maßnahmen zum Erhalt der Chancengleichheit. Hierzu gehören unter anderem Gehaltsobergrenzen (Salary Caps) für den gesamten Kader und für einzelne Spieler. Darüber hinaus werden verschiedene Auswahlverfahren (Drafts) durchgeführt, bei denen die Fußball-Klubs nach einer vorgegebenen Systematik aus einem Spielerpool auswählen dürfen. 45 Letzteres ist insofern interessant, als die Spieler sich vollends der Entscheidungsgewalt der MLS – mit dem als Franchise-Geber eine vertragliche Verpflichtung besteht – ausliefern und Lebensmittelpunktverortungen per Zuteilung quasi despotisch vorgegeben werden. 46 Glaubt man aktuellen Medienberichten über Spielerverpflichtungen im europäischen Spitzenfußball, so herrscht vor diesem Hintergrund selbst im hochkommerzialisierten Fußball nicht unbedingt ein Following-the-money, sondern erfolgsversprechende Agglomerationen von Elite-Spielern und Elite-Trainern wirken als Pull-Faktoren: Sie sorgen für eine Sogwirkung, die weitere erfolgshungrige Spieler anzieht. Obwohl z. B. der FC Bayern München aktuell nicht die absolut höchsten Spielergehälter bezahlt, zieht es Elite-Spieler im doppeldeutigen Sinne des Wortes nach München, weil hier aktuell die Aussichten auf sportlichen Erfolg mit am größten zu sein scheinen. Ein namhafter und erfolgreicher Trainer kann sich für einen Fußball-Klub somit als Standortvorteil erweisen. Der Siegescode behält hier Überhand gegenüber ökonomischer Nutzenmaximierung. 47 45 Zumeist sind Drafts nach dem Inverse Order Picking-Verfahren organisiert. Dieses Verfahren sichert den Klubs nach Maßgabe des Tabellenplatzes der vorhergehenden Saison in aufsteigender Reihenfolge aus einem Spielerpool zu wählen. Der Letzte der Vorsaison darf sich damit den vermeintlich besten Spieler aussuchen. Draft-Rechte können aber auch getauscht oder veräußert werden (Daumann, 2015, S. 169-170, vgl. kritisch S. 188). 46 Übertragen auf die Fußball-Bundesliga lässt sich dies süffisant in einem Vergleich der ZEIT zusammenfassen: „Als müsste Mario Götze zum SC Paderborn gehen“ (Wimalasena, 2015). 47 Und auch gegenüber emotionalen lokalen Bindungen an einen Ort oder an einen bestimmten Fußball-Klub. Wie sonst wäre es beispielsweise zu erklären, dass Lukas Podolski, der sich selbst als ‚Kölsche Jung‘ bezeichnet, nicht beim 1. FC
Spitzensport und Migration 133 3.2.2.2.3 Folgerungen für Lebensmittelpunktverortungen von professionellen Fußballspielern Als Kernergebnis der Analyse des Ligabetriebs sowie der Mitgliedschaftsbedingungen im professionellen Fußball lässt sich festhalten, dass diese die raum-zeit- liche körperliche Präsenz der spitzensportlichen Fußballspieler in einer typischen Ausprägung strukturieren. Es ergeben sich Mobilitätsarrangements und Migrationserfordernisse, die sich wie folgt kennzeichnen lassen: Das Ligasystem im Fußball führt dazu, dass die Athleten – zumindest für die Dauer ihrer Verträge – an permanent einem Ort in nahräumlicher Distanz zum Trainingsort bzw. der Heimspielstätte sedentär, also sesshaft, sind und von dort aus Wettkampfmobilität arrangieren. Lebensmittelpunktverortungen im Fußball sind in Lebenslaufperspektive an das Angestelltenverhältnis zum jeweiligen Fußball-Klub gekoppelt. Mit jedem Wechsel eines Profifußballspielers zu einem neuen Klub steht in der Regel auch ein Wohnortwechsel, ein residenzieller Wechsel an. In der kurzen Spanne einer Fußballerkarriere ist die Sesshaftigkeit allerdings oftmals nur von relativ kurzer Dauer, die jeweils von den Vertragslaufzeiten diktiert wird. Mit einer längerfristigen oder gar dauerhaften Beibehaltung des Wohnsitzes können professionelle Fußballspieler während ihrer aktiven Karriere nicht planen. Im Gegenteil: Nicht selten werden sie mit sehr kurzfristigen Migrationsentscheidungen konfrontiert, vor allem wenn sich das Transferkarussell gegen Ende der Wechselperioden immer schneller dreht, stehen sie vor der Herausforderung, sich ad-hoc um ein neues Zuhause kümmern zu müssen. Köln spielt? Zugegeben: Diese rhetorische Frage ist sehr tendenziös gestellt (vgl. ebenso kritisch Dobbert, 2011). Um von dem Einzelfall auf verallgemeinerbare Muster zu schließen, bedarf es einer detaillierteren Untersuchung zum Verhältnis zwischen sportlichen, ökonomischen und subjektiv-emotionalen Faktoren bei Transferentscheidungen aus Spielersicht. Da die Argumentation in dieser Arbeit darauf beruht, Spitzensportler in ihrer Inklusionsrolle im Spitzensportsystem zu betrachten, wird theoriegeleitet dem Hyperinklusionsgedanken folgend die Dominanz sportlicher Kriterien vorausgesetzt.
Spitzensport und Migration 134 Synchron dazu sind im Rahmen der Lebensführung Belastungen in Form zirkulärer Mobilität zu bewältigen, die durch Reisen zu Trainingslagern und Auswärtsspielen strukturell vorgegeben sind und auch die temporär sesshaften Fußballspieler insgesamt zu einem mobilen Leben zwingen. 3.2.2.3 In 365 Tagen einmal um die Welt: Tennis als Beispiel einer Sportart mit Turnierbetrieb Eine Eigentümlichkeit des Tennis ist es, dass die Sportart zum überwiegenden Teil in einem Turniersystem ausgetragen wird. Dies liegt darin begründet, dass die Leistung nicht absolut gemessen werden kann, sondern nur – wie im Fußball – relativ zum Gegner. 48 Charakteristisch für Tennisturniere ist das K.-o.-System. Bei diesem Turnierformat werden weniger Spiele für die Ermittlung des Siegers benötigt als beispielsweise im Round Robin-System. Dadurch können Tennisturniere mit einem relativ großen Starterfeld ausgetragen werden. Im K.-o.-System treffen in jeder Spielrunde jeweils zwei Athleten aufeinander. Der Sieger ist zur Teilnahme an der nächsten Spielrunde berechtigt; der Verlierer scheidet aus. Dies führt schließlich in der letzten Spielrunde eines Turniers zum Finale, bei dem der Gesamtsieger des Turniers ermittelt wird. 49 Auf höchster Leistungsebene bestehen für Spitzentennisspieler zahlreiche Möglichkeiten verpflichtender und freiwilliger Turnierteilnahmen. Die erspielten Ergebnisse werden in eine Weltrangliste überführt, welche die Turnierergebnisse der jeweils zurückliegenden 52 Wochen mit 48 Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf das Einzel. Das Spielen im Doppel hat die Besonderheit, dass es eine Verschränkung der raum-zeitlichen Präsenz der Doppelpartner voraussetzt, die es erforderlich macht, Mobilitätsarrangements in Wettkampf und Training – in Grundzügen ähnlich wie im Teamsport Fußball - aufeinander abzustimmen. 49 Aufgrund des Duellcharakters und der Tatsache, dass aus N>2 Teilnehmern die jeweils Besten ermittelt werden, bestünde in der Sportart Tennis grundsätzlich auch die Option, das Round Robin-System anzuwenden. Der Versuch, dies auf internationaler Ebene zu implementieren, wurde jedoch nach wenigen Wochen aufgrund von Umsetzungsproblemen aufgegeben. Das K.-o.-System ist im Tennis die quantitativ und qualitativ alles überragende Wettkampfform und wirkt sich nachhaltig auf das Alltagsgeschäft der Tennisspieler aus (vgl. Schwägerl, 2009).
Spitzensport und Migration 135 einem festgelegten Punkteschlüssel berücksichtigt. Der Punkteschlüssel richtet sich nach der Kategorie eines Turniers, die wiederum maßgeblich abhängig von dem zu erspielenden Preisgeld ist, und selbstverständlich nach der Anzahl der erreichten Runden bei diesen Turnieren (vgl. Schwägerl, 2009, S. 78-83). 3.2.2.3.1 Organisatorische Rahmenbedingungen des Turnierbetriebs Der genuine Orientierungsmaßstab für Spitzentennisspieler ist die Weltrangliste. Um in dieser möglichst weit nach oben zu kommen, stehen sie nicht nur einer Vielzahl an Gegnern, sondern insbesondere einer rigiden sportlichen Programmstruktur gegenüber. Im Turnierbetrieb hat sich ein komplexes Organisationskonstrukt ausdifferenziert, das sich aktuell wie folgt darstellt: Für die Erstellung der Weltrangliste der Tennisspieler zeichnet sich die Association of Tennis Professionals (ATP) verantwortlich. 50 Diese wurde ursprünglich als Spielergewerkschaft gegründet, um Spielerinteressen bei der Planung und Vermarktung von konkurrierenden Turnierserien einbringen zu können. Der ursprünglich gewerkschaftliche Gedanke ist aber immer mehr in den Hintergrund gerückt, sodass die hauptsächliche Funktion der ATP heute in der Organisation der ATP World Tour, der führenden Turnierserie im Tennissport, zu sehen ist. In den einzelnen Turnieren können unterschiedlich viele Weltranglistenpunkte erzielt werden. Die ATP differenziert drei verschiedene Turnierwertigkeiten und bezeichnet diese als ATP World Tour Masters 1000, ATP World Tour Masters 500 und ATP World Tour Masters 250, wobei die Zahlen die jeweils maximal zu erreichenden Weltranglistenpunkte angeben. 50 Das organisationale Pendant für Tennisspielerinnen ist die Women’s Tennis Association (WTA).
Spitzensport und Migration 142 Wettbewerbe wie Davis Cup und bei Kooperationen der Turnierveranstalter mit nationalen Verbänden z. B. bezüglich einer Wildcardvergabe. Vor allem aber – und nur unter Voraussetzung der ersten beiden Gründe – gilt drittens, dass das Hervorbringen von (viel Geld verdienenden) Spitzentennisspielern hochgradig attraktiv für For-Profit-Organisationen ist. Vor diesem Hintergrund wurden privatwirtschaftlich agierende Akademien ins Leben gerufen, um Spieler anzusprechen, die nicht in die verbandlich organisierten Kaderstrukturen inkludiert sind; sei es, weil sie es nicht wollen (da sie sich z. B. von privaten Trainern ein individuelleres oder qualifizierteres Training versprechen), weil sie es nicht sollen (da es z. B. Friktionen zwischen den Eltern und Verbandsfunktionären gibt) oder weil sie es nicht können (da z. B. Aufnahmekriterien seitens der Verbände nicht erfüllt werden). Sintemal im Tennis eine mitgliedschaftliche Bindung an einen Verein oder nationalen Verband eine Kann-Bestimmung, aber keinesfalls eine Muss-Bestimmung ist, sind ergo auch alternative Wege der Karriereentfaltung möglich: „Tennisakademien, meist von ehemaligen Spitzenspielerinnen/Spitzenspielern oder international erfahrenen Tennistrainern geführt, offerieren spezifische Programme, die auf die Bedürfnisse der zahlungskräftigen Kunden zugeschnitten werden. Auch eine Vielzahl etablierter Spitzenspielerinnen und - spieler arbeitet mit Einrichtungen dieser Art zusammen. [….]. Tennisakademien setzen nach eigenen Angaben auf eine kontinuierliche und langfristige Arbeit mit den ihnen anvertrauten, ambitionierten Jugendlichen.“ (Schwägerl, 2009, S. 102) Private Anbieter sind in der Lage den Markt erfolgreich zu bedienen, da einesteils die Sportart Tennis eine geringe Standortspezifität und zudem eine einigermaßen geringe Sachkapitalspezifität aufweist, und andernteils die Nachfrage angesichts exorbitanter Verdienstmöglichkeiten für die Tennis-Weltelite gegeben ist. Exemplarisch für das Bestreiten eines solchen alternativen Weges jenseits verbandlicher Förderung steht in Deutschland der Tennisprofi Thomas Haas. Als einer der erfolgreichsten deutschen Tennisspieler migrierte er mit 13 Jahren von Hamburg an
Spitzensport und Migration 143 die renommierte Nick Bollettieri Tennis Academy nach Bradenton, USA. Bis heute hat er dort seinen Hauptwohnsitz. Die Finanzierung seiner Ausbildung an der Tennisakademie erfolgte über einen Sponsorenpool. Diesem wurde eine Beteiligung von 15 Prozent an den späteren Einnahmen des Tennistalents zugesichert. 54 Damit hat sich die Wette auf zukünftigen sportlichen (und finanziellen) Erfolg als Finanzierungsquelle von Sporttalenten etabliert – und in diesem Fall auch für beide Seiten gelohnt. 55 Die Tennisakademien – das zeigt das Beispiel der Nick Bollettieri Tennis Academy – sind wie die Bundesstützpunkte ortsfixiert. In beiden Ausbildungsvarianten gehört eine raum-zeitliche Bindung zur Programmstruktur. Die Lebensmittelpunktverortung zu Trainingszwecken an die jeweiligen Fördereinrichtungen wird strukturell unvermeidlich vorausgesetzt. In diese Argumentation ist auch der Befund der Befragung von Nachwuchstennisspielern von Bette et al. (2002) einzuordnen, der besagt, dass „auch im Tennis die Nachwuchsspieler und -spielerinnen aufgrund der Zentralisierung der Bundeskadermitglieder zu einem Umzug gezwungen [sind], wenn sie bezüglich ihrer persönlichen Leistungsentwicklung weiter vorankommen möchten." (S. 275) Allerdings gilt dies vor allem für die Phase der Talententwicklung mit dem Ziel der Optimierung des Trainingsumfeldes: Ist der Sprung in die internationale Konkurrenz geschafft und der Athlet kann mittels Gewinnprämien und Sponsoring 54 Die biografischen Daten entstammen der Homepage von Thomas Haas (e|motion management gmbh germany, 2013), dem Wikipedia-Eintrag zu ‚Tommy Haas‘ (Wikipedia, 2015a) sowie dem Spielerprofil auf der Homepage der ATP (ATP Tour, 2015b). In den Medien kursiert neben dem Hauptwohnsitz Bradenton mit Los Angeles noch eine zweite Angabe, die darauf zurückzuführen ist, dass die Frau von Thomas Haas eine amerikanische Filmschauspielerin ist und ihrerseits strukturell an die Produktionsorte in Hollywood gebunden ist. 55 Eine weitere, von deutschen Spielern wie z. B. Benjamin Becker bereits in Anspruch genommene Alternative ist ein Stipendium an einem US-amerikanischen College. Solche Stipendien scheinen höchst attraktiv für Tennistalente zu sein, weshalb bereits spezialisierte Vermittleragenturen diesen Markt erschlossen haben. Aufgrund der Ortsfixierung der Anbieter, der Colleges, ist auch hier Migration zur Optimierung der Rahmenbedingungen vonnöten.
Spitzensport und Migration 144 seine Aufwendungen gegenfinanzieren, so kann man betriebswirtschaftlich davon sprechen, dass der Break-Even Point erreicht ist: Der Tennisspieler hat sich von seinen Förderinstitutionen emanzipiert. 56 Die Emanzipation institutioneller Mitgliedschaften mündet in einer individualisierten Verantwortlichkeit des Athleten für den Fortgang seiner Karriere. Vereine und Verbände sind dann nicht mehr die maßgebliche Instanz der Steuerung der Athleten. Sie haben lediglich für die Infrastruktur und Wettkampfgelegenheiten in Form der Ausrichtung von Turnieren zu sorgen. Als „selbständige Gewerbetreibende“ (Bette et al., 2002, S. 334) bewegen sich die Tennisspieler dann innerhalb dieser Gelegenheitsstrukturen und kämpfen mit der Konkurrenz um Turniersiege, Preisgelder und Werbeeinnahmen. 57 Sie stehen dann aber unter dem Druck, die durch Turniermobilität verursachten Kosten für Flüge, Hotels und Personal wieder einspielen zu müssen (vgl. Bette et al., 2002, S. 295). Angesichts dessen reduziert sich der Begriff Individualsportart für Tennisspieler, die den Break-Even Point erreicht haben, nicht allein auf den innersportlichen Be- 56 Schwägerl (2009, S. 19) geht davon aus, dass hierzu der Bereich der Position 220 bis 80 in der Weltrangliste angestrebt werden muss. Spieler, die sich längerfristig in den Top-50 der Weltrangliste halten können, dürften für ein finanziell sorgenfreies Leben vorsorgen können. Allzu oft werde aber nicht beachtet, dass viele der Spieler in den unteren Bereichen der Weltrangliste am Existenzminimum leben würden – zumal die ihnen abverlangte Mobilität auch hohe Kosten verursacht. 57 Es sei aus formaler Sicht darauf hingewiesen, dass für die Teilnahme an ATP-Turnieren unterschiedliche Formen der institutionellen Anbindung an die ATP erforderlich sind, die abhängig von der Position auf der Weltrangliste sind. Die aktive ATP-Mitgliedschaft ist in zwei Subgruppen differenziert: ‚Division one player‘ (Top-200) sowie ‚Division two player‘ (Platz 201 bis 500). Alle Spieler verpflichten sich dazu, die Regeln der ATP einzuhalten. Mit der ‚Division one player‘-Mitgliedschaft sind insgesamt mehr Verpflichtungen verbunden, wie die Teilnahme an ATP-Schulungen und sportmedizinischen Untersuchungen. Gehört man zur Top-30, bekommt man den Status des ‚Commitment Players‘ zugewiesen. Dieser ist mit zusätzlichen Pflichten (Pflichtstarts, Medientermine, Sponsorentermine, Teilnahme am Rahmenprogramm von Turnieren, loyales Verhalten gegenüber den Funktionären) aber auch mit Privilegien (Startrechte, Bonuszahlungen) verbunden. Formal muss ein Spieler das Commitment Agreement nicht unterzeichnen, er verzichtet damit aber auf sämtliche Privilegien seitens der ATP (vgl. ATP Tour, 2015a, S. 9-16).
Spitzensport und Migration 145 reich des Duellierens auf dem Tennisplatz, sondern dehnt sich auch auf die sportliche Peripherie aus: Turnierplanung und -angelegenheiten, Training, Vermarktung, Reisemanagement etc. können und müssen eigenverantwortlich und individuell organisiert werden. Dies unterscheidet Tennis auch von Mannschaftssportarten, bei denen man sich dem organisationalen Gefüge des jeweiligen Klubs unterordnen muss. Diesen Vorzug hebt der Tennisspieler Roger Federer in einem Interview hervor: „Das Coole an meinem Job ist ja: Ich bin mein eigener Boss und kann machen, was ich will. Nicht wie ein Fußballer, der einfach irgendwohin transferiert wird oder dem man verbieten kann, sich in eine Hängematte zu legen, weil es nicht zum Image des Vereins passt.“ (Ziauddin, 2007) Bei entsprechendem sportlichen Erfolg und steigenden finanziellen Möglichkeiten führt dies in der Regel zu einer Optimierung des direkten Spielerumfelds, die darin besteht, ein eigenes Betreuungsteam zu akquirieren. Dieses setzt sich beispielsweise aus Trainern, Physiotherapeuten, Ärzten, aber auch Familienmitgliedern oder Freunden zusammen, die zu regelmäßigen Begleitern bei den Reisen von Turnier zu Turnier werden. 3.2.2.3.3 Folgerungen für Lebensmittelpunktverortungen von professionellen Tennisspielern Die Teilnahme am weltumspannenden Turnierbetrieb im Tennis erfordert ein unvergleichliches Maß an Mobilität. Innerhalb von gut zehn Monaten ist die körperliche Präsenz von Spitzentennisspielern in usuell über 20 Turnieren in verschiedenen Ländern und Kontinenten gefragt. Die am internationalen Wettbewerb um die Spitze der ATP-Weltrangliste teilnehmenden „Spitzensportler sind im wahrsten Sinne des Wortes 'global player'“ (Bette et al., 2002, S. 337). An Turnierreisen inklusive zahlreicher Übernachtungen in Hotels und Appartements an mehr als der Hälfte der Tage eines Jahres haben sich die Sportler sukzessive mit steigendem Leistungsniveau und damit verbundener geografischer Ausdehnung des
Spitzensport und Migration 146 Wettkampfradius gewöhnen müssen. In strategischer Hinsicht sollten dabei Reisestrapazen möglichst minimiert werden, damit diese sich nicht mindernd auf die sportliche Leistungsfähigkeit auswirken. Ein sedentäres Leben steht für professionelle Tennisspieler nicht zur Debatte; sie halten sich nur sehr selten über längere Zeit an einem Ort auf. So spielt vor allem in der Turnierphase die Home-Base eine weitestgehend untergeordnete Rolle. Für die Zeit der Turnierpause scheint es hingegen angebracht, eine Home-Base zu bewohnen, die es erlaubt, Regeneration, Saisonvorbereitung und sonstige Verpflichtungen des Spitzensportlerlebens (Sponsorentermine, Medientermine etc.) in Einklang zu bringen. Lenkt man den Blick auf die Frage, wo Spitzentennisspieler ihre Home-Base einrichten, kann man schlussfolgern, dass sie diese Entscheidung gewissermaßen autonom gegenüber institutioneller Vereinnahmungen treffen können, sofern sie den Break-Even Point erreicht haben. 58 Der tennisspezifische Mix an Migrationsformen lässt sich wie folgt skizzieren: In ihrer Lebensführung besteht die Notwendigkeit des Reisens zu den Turnieren. Dies lässt sich auf der einen Seite als zirkuläre Mobilität beschreiben; nämlich dann, wenn die Home-Base jeweils als Ausgangs- und Endpunkt angesteuert 58 Für die Top-Stars der Tennisszene könnten vor diesem Hintergrund auch noch andere strategische Überlegung zu vermuten sein: Da in der Sportart Tennis relativ hohe Erträge zu erspielen sind, könnten auch Steuergründe die Wahl der Home-Base beeinflussen. Immerhin sind Spitzentennisspieler regelmäßig in der Forbes-Liste ‚The World’s Highest- Paid Athletes‘ mit Jahreseinnahmen im zweistelligen US$-Millionenbereich (Einnahmen aus Sport und Vermarktung) zu finden. Eine Ad-hoc-Analyse der aktuellen Top-10 der Weltrangliste zeigt, dass ein serbischer und ein tschechischer Spieler Monte-Carlo (Monaco) als Wohnsitz angeben. Ein französischer Spieler ist in die Schweiz migriert. Beide Zielländer sind neben ihren landschaftlichen Vorzügen bekannt für niedrige Steuersätze von Spitzenverdienern (die Angabe der Wohnsitze basiert auf den offiziellen Angaben der ATP unter http://www.atpworldtour.com/en/players; Stand: 12.10.2015). Es fällt darüber hinaus auf, dass alle Spieler der Top-10 in den beiden Kontinenten leben, in denen die Mehrzahl der hochrangigen Turniere stattfinden, nämlich in Europa und Nordamerika. Ein japanischer Spieler ist aus der Turnierperipherie in eines der Zentren, nach Florida, USA, migriert. Die Ad-Hoc-Analyse hat ebenfalls ergeben, dass die Top-10-Athleten der Weltrangliste Wohnsitze angibt, von denen aus mit geringem zeitlichen Aufwand Flughäfen mit Anschluss an das internationale Liniennetz zu erreichen sind. Ein guter Flughafenanschluss der Home-Base scheint in dieser Hinsicht funktional für die Spieler zu sein, da für die tennisspielenden ‚global Player‘ das Flugzeug das wichtigste Verkehrsmittel darstellen dürfte.
Spitzensport und Migration 147 wird. Da aber zwischen vielen Turnieren eine Heimkehr häufig nicht funktional oder nicht realisierbar ist, finden auch direkte, nomadenhafte Transfers von Turnier zu Turnier statt. Dies ist dann auf der anderen Seite eine äußerst kleinteilige Form temporärer Migration, bei der vereinfachend davon gesprochen werden kann, dass sich die Lebensmittelpunktverortung in wochenweisen Zyklen ändert und deshalb äußerst flüchtig ist. Dabei können Spitzentennisspieler weitestgehend eigenverantwortlich handeln; für sie besteht die Möglichkeit, institutionell unabhängig von regionaler oder nationaler Verbandszugehörigkeit zu agieren. Restriktionen, die der Turnierkalender und die Beziehung zur ATP als zentrale Organisation vorgeben, strukturieren da- bei raum-zeitliche Fixpunkte, die jeweils körperliche Präsenz erfordern. In Lebenslaufperspektive gilt es, diesen Status mittels intensivem Training und dem Erspielen von Ranglistenpunkten erst einmal zu erreichen. Hier ist der Zentralisierung der Trainingsangebote – sei es durch verbandliche Maßnahmen unter der Führung des DTB oder durch Maßnahmen privater Tennisakademien – Tribut zu zollen. Da diese Maßnahmen infrastrukturgebunden sind, sind zur Optimierung der Trainingsmöglichkeiten Lebensmittelpunktverlagerungen in Form permanenter Migration zwingend in Erwägung zu ziehen. Es gilt schon im Jugendalter dorthin zu migrieren, wo die Erfolgsaussichten am vielversprechendsten erscheinen. Synchron dazu sind Turnierreisen als Mobilitätserfordernis zusätzlich in Rechnung zu stellen. Die Verortung der Home-Base mit Erreichen des Break Even-Points ist dahingegen nicht so stark an die Trainingsinfrastruktur gekoppelt. Trainingsorte koinzidieren dann räumlich weitestgehend mit den Wettkampforten. Die Home-Base fungiert als Anlaufstelle für Pausen in der Turnierphase, weshalb eine gute Anbindung an das internationale Flugliniennetz von Vorteil ist, und in erster Linie für die längere Pause zum Jahresende. Metaphorisch ließe sich die Home-Base für
Spitzensport und Migration 148 Spitzentennisspieler als Nest bezeichnen, das angeflogen wird, um Ruhe, Erholung und das Zusammensein mit der Familie genießen zu können. Von dort aus fliegen die Athleten immer wieder in die weite Tenniswelt hinaus. 59 3.2.2.4 Dem Schnee hinterher: Ski alpin als Beispiel einer Sportart mit Weltcupbetrieb Ski alpin ist wie Tennis eine Individualsportart, d. h. einzelne Sportler konkurrieren mit allen anderen Teilnehmern des Wettbewerbs. Die Leistungserbringung der Sportler hängt hier nicht von der Leistungsstärke von Teammitgliedern (wie im Fußball) oder direkten Wettkampfgegnern (wie im Fußball und im Tennis) ab. Sie determiniert sich ausschließlich aus der eigenen Performance, eine vorgegebene Strecke in kürzester Zeit zurückzulegen. Einzeln stattfindende Rennen werden da- bei zu einem übergeordneten Wettkampf gebündelt mit dem Ziel, einen Gesamtsieger nach einer Serie von Rennen zu ermitteln. Auf höchster Leistungsebene hat sich hierzu das Weltcupsystem etabliert, das wiederum den Alltag der Athleten in gradueller und serieller Hinsicht maßgeblich strukturiert. 3.2.2.4.1 Organisatorische Rahmenbedingungen des Weltcupbetriebs Die Wettkämpfe im Ski alpin sind als Veranstaltungsserie tourneeartig organisiert, weshalb man auch von einem Weltcup-Zirkus spricht. Der Weltcup besteht aus Rennen in Europa, Nordamerika und neuerdings auch in Asien. Der alpine Skiweltcup geht offiziell vom 1. Juli bis 31. März; die Rennen sind aber saisonal an das Winterhalbjahr der nördlichen Hemisphäre gebunden (vgl. Tabelle 4). Charakteristisch am Ski alpin ist ein Nebeneinander von verschiedenen Bewerben: 59 In dem bereits zitierten Artikel von Die Weltwoche über Roger Federer heißt es: „Das eigene Heim suggeriert Freizeit und Müßiggang; ein fremdes Bett erinnert ihn daran, dass er einen Job zu erledigen hat“ (Ziauddin, 2007).
Spitzensport und Migration 149 Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom, City Event, Kombination. 60 Diese werden von der Fédération Internationale de Ski (FIS) geregelt und koordiniert. Die FIS ist auch für die Vergabe der Austragungsorte im Weltcup und deren terminliche Strukturierung verantwortlich. Organisator der einzelnen Rennen sind entweder nationale Skiverbände oder ein ihnen angeschlossener Verein. Die FIS legt die Regeln fest, nach denen die Sieger ermittelt werden. Im Weltcup werden Sieger einzelner Rennen gekürt; die besten 30 Fahrer erhalten nach einem vorgegebenen Schema jeweils Weltcuppunkte. Gesamtweltcupsieger ist, wer am Ende einer Saison über alle Bewerbe hinweg am meisten Weltcuppunkte erringen konnte. Zusätzlich werden noch Trophäen und Prämien für die Punktbesten der einzelnen Bewerbe vergeben (vgl. FIS, 2015a). Betrachtet man nun exemplarisch den Wettkampfkalender der Saison 2015/2016 in Tabelle 4 als maßgeblichen Strukturgeber für die Spitzensportler, so lassen sich drei Besonderheiten herausfiltern: (1) Die Wettkämpfe finden saisonal begrenzt in einer Zeit von Ende Oktober bis Ende März statt. (2) In diesen fünf Monaten bzw. 21 Wochen finden 45 Bewerbe statt. Im Durchschnitt bestünde somit alle 3,3 Tage die Möglichkeit der Wettkampfteilnahme. Mit wenigen Ausnahmen verdichten sich die einzelnen Bewerbe auf die Wochenenden. (3) Die Teilnahme an allen Wettkämpfen erfordert das Aufsuchen von 23 Weltcuporten in drei Kontinenten und 14 verschiedenen Ländern. 60 Der Begriff Bewerb entspricht der Terminologie der federführenden Fédération Internationale de Ski (FIS), für die eine Disziplin einen Zweig ausmacht, der wiederum mehrere Bewerbe enthalten kann. Die FIS definiert dies in ihrer Wettkampfordnung wie folgt: „Eine Disziplin ist ein Zweig eines Sports und kann einen oder mehrere Bewerbe enthalten. Zum Beispiel ist Langlauf eine FIS Disziplin, während der Langlauf Sprint ein Bewerb ist“ (FIS, 2015a, S. 2). Im allgemeinen Sprachgebrauch wird aber auch z. B. ein Slalomrennen als Disziplin bezeichnet.
Spitzensport und Migration 150 Tabelle 4: Weltcupbewerbe 2015/2016 im Ski alpin der Herren (zusammengestellt auf Basis der offiziellen FIS-Angaben auf http://www.fis-ski.com/alpine-skiing/events-and-places/calendar; Stand: 09.10.2015). Termin Land Ort Bewerb 25.10.2015 Österreich Sölden Riesenslalom 15.11.2015 Finnland Levi Slalom 28.11.2015 Kanada Lake Louise Abfahrt 29.11.2015 Super-G 04.12.2015 USA Beaver Creek Abfahrt 05.12.2015 Super-G 06.12.2015 Riesenslalom 12.12.2015 Frankreich Val d’Isere Riesenslalom 13.12.2015 Slalom 18.12.2015 Italien Gröden Super-G 19.12.2015 Abfahrt 20.12.2015 Italien Alta Badia Riesenslalom 21.12.2015 Parallel-Riesenslalom 22.12.2015 Madonna di Campiglio Slalom 29.12.2015 Italien Santa Caterina Valfurva Abfahrt 06.01.2016 Kroatien Zagreb-Sljeme Slalom 09.01.2016 Schweiz Adelboden Riesenslalom 10.01.2016 Slalom 15.01.2016 Schweiz Wengen Abfahrt 16.01.2016 Abfahrt 17.01.2016 Slalom 22.01.2016 Österreich Kitzbühel Super-G/Kombination 23.01.2016 Abfahrt 24.01.2016 Slalom 26.01.2016 Österreich Schladming Slalom 30.01.2016 Deutschland Garmisch-Partenkirchen Abfahrt 31.01.2016 Riesenslalom 06.02.2016 Südkorea Jeongseon Abfahrt 07.02.2016 Super-G 13.02.2016 Japan Yuzuwa Naeba Riesenslalom 14.02.2016 Slalom 19.02.2016 Frankreich Chamonix Abfahrt/Kombination 20.12.2016 Abfahrt 23.02.2016 Schweden Stockholm City Event 27.02.2016 Österreich Hinterstoder Super-G 28.02.2016 Riesenslalom 05.03.2016 Slowenien Kranjska-Gora Riesenslalom 06.03.2016 Slalom 12.03.2016 Norwegen Kvitfjell Abfahrt 13.03.2016 Super-G 16.03.2016 Schweiz Sankt Moritz Abfahrt 17.03.2016 Super-G 18.03.2016 Team/Mixed 19.03.2016 Riesenslalom 20.03.2016 Slalom Für die Mobilitätsarrangements hat dies weitreichende Folgen. Ersichtlich ist, dass der Wettkampfkalender im Sommerhalbjahr, genauer von April bis September – anders als in den Ganzjahressportarten Fußball und Tennis – eine lange Pause
Spitzensport und Migration 151 enthält. Der Wettkampfkalender ermöglicht damit relativ große Zeiträume für Lehrgänge und Trainingslager, die für eine intensive Saisonvorbereitung genutzt werden. Charakteristisch für diesen Zeitraum ist, dass er nicht durch Wettkampftermine unterbrochen wird. Da Ski alpin an die Standortspezifizität hoher und steiler Berge sowie niedriger Temperaturen gebunden ist (Flatau & Emrich, 2011, S. 105), ist dabei jedoch die geografisch-klimatische Bedingung zu beachten, dem Schnee zu folgen. Den terminlichen und geografisch-klimatischen Rahmenbedingungen sich anpassend, wechseln die Trainingsorte (Training-Bases) im Ski alpin häufiger, wie eine exemplarische Saisonvorbereitung der deutschen Skirennläufer zeigt: Nach Abschluss der Saison besteht im April zunächst die Möglichkeit des Urlaubs und des Trainings am Heimatort. Ab Anfang Mai treffen sich die Athleten an Stützpunkten, um dort Leistungstests zu absolvieren und die konditionellen Grundlagen mittels Ausdauertraining und Kraftausdauertraining zu verbessern. In dieser Phase stehen beispielsweise Ausdauercamps auf dem Rennrad sowie Kraft-, Stabilisations- und Schnelligkeitstraining auf dem Programm. Diese sind zwar prinzipiell ortsunabhängig, finden in der Regel aber zentral organisiert an Stützpunkten statt. Techniktraining im Schnee wird bis Juni eher selten absolviert. Die Phase des intensiven Schneetrainings erstreckt sich vielmehr auf den Zeitraum von Juli bis Saisonbeginn. In den Sommermonaten werden hierzu mehrwöchige Trainingslager in den Gletschergebieten der Alpen und auf der Südhalbkugel in den Skigebieten Neuseelands, Chiles oder Argentiniens abgehalten. 61 Innerhalb der 61 Die hier grob skizzierte Saisonvorbereitung basiert auf mehreren Quellen: Hoberg (2010), Heising (2006) sowie einem Radiointerview mit der Rennläuferin Viktoria Rebensburg (Deutschlandfunk, 2015). Individuelle Abweichungen sind bei einzelnen Athleten und Trainingsgruppen möglich. Beispielsweise sind Speedfahrer (Fokussierung auf Abfahrt und Super-G) auf längere und steilere Pistenabschnitte angewiesen, die in den Gletschergebieten der Alpen mit Sommerbetrieb nicht vorzufinden sind – gleichwohl aber z. B. in Chile und Argentinien. Technikfahrer (Fokussierung auf Slalom und Riesenslalom) könnten hingegen auch die Bedingungen genügen, die ihnen die im Sommer betriebenen Gletscherskigebiete in Europa bieten.