Genossenschaftliche Erziehung als Grundlage zum Neubau des Volkstums und des Menschentums / Thesen nebst Einleitung von Paul Natorp
Abstract
UB Digital. Genossenschaftliche Erziehung als Grundlage zum Neubau des Volkstums und des Menschentums / Thesen nebst Einleitung von Paul Natorp. Berlin : Springer, 1920
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Universitätsbibliothek Paderborn Genossenschaftliche Erziehung als Grundlage zum Neubau des Volkstums und des Menschentums Natorp, Paul Berlin, 1920 urn:nbn:de:hbz:466:1-35829
p f. 11 Genossenschaftliche Erziehung als Grundlage zum Neubau des Volkstums und des Menschentums Thesen nebst Einleitung von Paul Natorp Verlag von Julius Springer ■Berlin ■1920
Genossenschaftliche Erziehung als Grundlage zum Neubau des Volkstums und des Menschentums Thesen nebst Einleitung von Paul Natorp Verlag von Julius Springer • Berlin • 1920
Vorbemerkung. Die nachstehenden Thesen haben der Reichsschulkon¬ ferenz, die in Berlin (11.—19. Juni 1920) tagte, als Bericht über den inneren Ausbau der Einheitsschule vorgelegen. Eine eingehende Begründung gibt des Verfassers Buch: „Sozialidealismus. Neue Richtlinien sozialer Er¬ ziehung" (Berlin, Julius Springer, 1920). Ein Sonderdruck der Thesen schien erwünscht, weil sie, in ihrer Grundsätz¬ lichkeit, weit über die Kreise der Schulkonferenz hinaus, überhaupt unabhängig von jeder zurzeit möglichen öffent¬ lichen Beratung und Beschlußfassung, die Beachtung aller derer fordern dürfen, die auf die innere Erneuerung des Volkstums und des Menschentums sinnen und für sie zu arbeiten entschlossen sind. Meine Aufstellungen werden nicht jedem sogleich über¬ zeugend sein. Sie fordern ein gründliches Umdenken, zu dem zwar die Erfahrungen jedes Tages auffordern, aber noch immer nur wenige sich aufzuraffen scheinen. Die Einleitung möchte dieses Umdenken erleichtern, indem sie einige Vor¬ aussetzungen allgemeinster Art, vom Grundsätzlichen das Grundsätzlichste, in freierer Weise entwickelt. Das hier Ge¬ sagte wurde ähnlich in der Schulkonferenz gesprochen und hat dort wohl einige Aufmerksamkeit gefunden; es möchte von allen gehört werden, die über die schwere Gefahr, in der wir alle schweben, sich im klaren sind und nach Ret¬ tung ausblicken. Es ist ernst, was ich zu sagen habe, und wird, so fern ihm alle Bitterkeit liegt, doch manchem nicht munden. Um so notwendiger ist, daß es gesagt wird. Marburg, im Juni 1920. Paul Natorp.
Einleitung. 11 bryo, vor der eignen Keimkraft dessen, was zum Leben drängt. Es sei die umgekehrte Welt, meinte einer (den ich sehr hochachte), wenn die Alten von den Jungen, die Jungen von den Jugendlichen, die von den Knaben, der Knabe vom Kind, das Kind vom Säugling, der Säugling vom Embryo lernen sollte, denn so sei es erst folgerichtig. Ich nehme das Wort auf, ganz bis zur letzten Konsequenz. Genau so ist es: die urlebendige Keimkraft, die gottsei dank nicht umzu¬ bringen ist, sie allein kann uns retten, genau auf die müssen wir zurück, und in der Tat von ihr lernen, das Einzige, das Dringlichste, was es für die Erziehung zu lernen gibt: die Unbefangenheit freien eigenen Wachsens. Ein Harnack be¬ kannte sich zu der Definition der „Bildung", daß sie sei der „Weg zur Naivität". Das weist uns zurück auf das vielleicht tiefste Wort, das dem Erzieher gesagt ist: Daß wir werden müssen wie die Kinder, dann, nur dann werde das Himmel¬ reich unser sein. Kindlichkeit, das ist alles, was wir brauchen; die aber lernen wir, wenn wir noch zu lernen fähig sind, von dem, das sich wie keiner sonst darauf versteht: vom Kinde. Statt dessen hörte man es auf der Konferenz wie aus feindlichen Lagern schallen: Hie Theorie, hie Praxis! Wir haben hier nicht Theorie zu treiben, sondern praktische Fragen praktisch zu lösen, sagten die Einen. Das kommt mir vor, wie wenn einer sagte: Ich will meinen Arm rühren, aber nicht meinen Kopf. Als ob je der Arm sich anders rührte, als der Kopf ihn sich rühren heißt! Von der anderen Seite aber wurde dann die Schule der Theorie gegen, und natürlich über die der Praxis gestellt. Das mutet mich an, als spräche man von Schulen für Menschen mit Köpfen ohne Hände, und anderen für solche mit Händen ohne Köpfe. Kopf und Hand, Theorie und Praxis gehören doch wohl untrenn¬ bar zusammen, muß das immer noch gesagt werden? Aber auch was Kopf und Hand, Hand und Kopf vereint leisten, ist zuletzt Maschinenwerk. Es beherrscht die Mittel, die ganze Welt der Mittel, aber bestimmt zuletzt nicht den Zweck. Es bereitet den Boden, schärft das Werkzeug, um
12 Einleitung. dem werdenden Pflänzchen Luft und Licht in der rechten Weise zuzuführen, aber zuletzt kommt es auf etwas an, das beide auch vereint nicht zuwege bringen: auf die Keimkraft des Samens. Der braucht freilich geeigneten Boden und braucht vielleicht auch die Hilfe des Werkzeugs, um sich gerade hier und jetzt auf die gewünschte Weise am reichsten und fruchtbringendsten zu entfalten. Aber das alles betrifft nur die Mittel und die Mittel zu den Mitteln, es ist und bleibt mittelbar, vermittelnd. Wir müssen von beiden zu¬ rück auf den Grund der allein schöpferischen Unmittelbar¬ keit, anders hilft nichts. Darum bin ich gegen alle Über¬ tätigkeit, die es am Ende doch nicht „tut". Nicht tun, son¬ dern sein, das ist, worauf es ankommt. „Da, wo du bist, sei alles, immer kindlich, so bist du alles, bist unüberwind¬ lich." Das ist, was wir vom Kinde lernen müssen, und das Kind in uns selbst dazu erwecken, dann werden wir wieder fähig werden, das Kind zu lenken, wie es allein gelenkt werden kann: kindlich. Solche Kinder, und sei's mit weißem Haar, leben noch unter uns, ich denke an einen besonders 1), der mit ganz Pestalozzischem Wagemut, schon ein Siebziger, sich soeben rüstet zu einem neuen Probeversuch mit der so sehr neuen, nämlich uneingeschränkt kindlichen Bildungs weise des Kindes, und sich durch keine noch so hohe Wahrscheinlichkeit des Mißlingens darin irremachen läßt. Ich weiß aber, daß ge¬ rade in unserer Jugend dieser Drang jetzt lebendig geworden ist in einem erstaunlichen Grade. Das hatte schon vor dem Krieg begonnen, es ist durch seine furchtbaren Eindrücke und die noch ernsteren der nachfolgenden Jahre noch sehr gesteigert worden, es sproßt jetzt aus dem scheinbar ver¬ dorrten Boden überall hervor. Ja, recht eigentlich aus dem Boden: „Erde" lautet das Schlagwort. Es handelt sich um Siedelungen, kleinsten Maßstabes. Ich höre von Zeit zu Zeit davon, denn da diese Jugend zu mir einiges Vertrauen hat, *) Langermann.
Einleitung. 13 so kommt sie zu mir. Jedesmal wieder ergreift mich schon der Blick des Auges und gibt mir die unmittelbare Gewi߬ heit: Hier ist etwas und „tut" nicht nur. Und wenn ich dann höre, wie man es angreift, wie man der immer neuen Schwierigkeiten mehr und mehr Herr wird, oft Fragen, über die wir uns am Studiertisch die Köpfe zerbrachen, auf die gradeste Weise glatt löst, dann fasse ich Vertrauen: hier wird etwas, denn hier arbeiten Kopf und Arm aus innerstem Kern einer Wuchskraft, die tiefer gegründet ist als beide. Das hängt sich nicht an die große Glocke, das wirbt nicht, „organisiert" nicht. Äußere Einrichtung und Einfügung muß ja auch sein; auch das macht man, soweit es nötig ist. Die Behörden, im Siedlungswesen, wo sie es recht machen, haben es eher von solchen gelernt, vordem, als Assessoren u. dgl., wußten sie es nicht. Solche junge Siedler wissen dann auch ihrer Umgebung, den Bauernschaften, sich trefflich anzuglie¬ dern, sich zu verständigen, wohltätig auf sie zurückzuwirken. Das sind Dinge, die wenig bekannt sind, sie wollen es gar nicht sein, sie scheuen die Öffentlichkeit, die täppische Hand verallgemeinernder sich so nennender „Organisation", die in Wahrheit nur plumpe Mechanisierung ist. Es gehört zu den ernstesten Forderungen heutiger Erziehungspolitik, daß man solche Probeversuche in keiner Weise beengt oder gar un¬ möglich macht, eher ermutigt. Seien sie noch so spärlich (es mögen heute nicht 1000, vielleicht kaum 100 junge Men¬ schen diesen Weg mit aufweisbarem Erfolg schon betreten haben) — aber ich halte sie fast für die einzige, jedenfalls für eine der sichersten Hoffnungen für die geforderte gänz¬ liche Neugründung der Erziehung, und mit ihr der wirtschaftlichen, der staatlichen Ordnungen auf dem allein tragfähigen Grunde der Genossenschaf t schaffender Arbeit. Das hat noch mit unsäglichen Schwierigkeiten zu ringen, fast alles ist ja dagegen verschworen; um so mehr bedarf es des sicheren Schutzes, denn hier ist zartestes kei¬ mendes Leben — ein Embryo der Zukunft. Nahe liegt ja der Einwand, den man stets wieder ver-
14 Einleitung. nimmt: dazu gehören ganz besondere, seltene Fähigkeiten, dazu gehört — Genie! Ganz recht, das ist Genie. Aber was heißt das eigentlich? Das ist mir kürzlich sehr deutlich geworden an einem Manne, den ich als einen der echtesten Künstler in unserer an solcher Echtheit armen Zeit schätze. Bei dem beklagten sich die Schüler, er mache es ihnen auch gar zu schwer, er verlange ja, daß sie ganz wieder von vorn anfangen sollen. „Ja, fangt ihr denn nicht jeden Tag ganz wieder von vorn an?" lautete die ganz schlichte gegebene Antwort. Wer es aber erfahren hat, wie dieser Mann Tag um Tag in seiner Kunst sich übt, wie er da buchstäblich stets wieder vom Elementarsten beginnt, vom einfachen Auf¬ setzen des Fingers auf die Taste, um den einzelnen Ton recht zum Tönen zu bringen, der erkennt, daß jene Antwort nicht bloß eine glückliche Eingebung des Augenblicks, sondern der zusammengefaßte Ausdruck seiner Lebensarbeit und Künstlererfahrung war. So stets wieder ganz von vorn an geübt, tritt dann ein solcher Künstler abends auf und spielt seinen Beethoven oder was es sonst sei, daß man sich an den Kopf greift und fragt, woher kommt das, und meint, es könne nur eine Art Eingebung von oben sein — und doch ist es das Ergebnis eines gewissenhaft stets aufs Ele¬ mentarste zurückgreifenden Studiums; eines Studiums frei¬ lich, das alle noch so hochgetriebene Technik, alles was In¬ telligenz und Wille erzwingen, schlechterdings unterordnet der reinen Hingabe an den letzten, einfachsten Grund, aus dem alles lebendig hervorwachsen muß, wenn es echt sein soll. So verstehe ich es, daß Bildung der Weg zur Naivität sei. Nichts als das ist eben, was man „Genie" nennt. Das aber müßte doch jeder können. Es gehört dazu nichts als, um das gute deutsche Wort zu brauchen: Glauben. Oder heiße es Ernst, der rückhaltlose Ernst des Kindes. So aber darf man getrost glauben an das „Volk von Genies", wie einer gesagt hat; d. h. glauben an — den Glauben. Damit ist der Erziehung der Weg gewiesen. Die echten Pestalozziseelen, die es stets gegeben hat und auch heute
Einleitung. 15 nooh gibt, treffen das von selbst und bauen von diesem letzten Grunde aus. Das hat sich bewährt an Schwach¬ sinnigen, an Fürsorgezöglingen, an Verbrechern, an Irren. Ich lasse mich nicht abbringen von dem einfachen Schluß, das müsse doch wohl auch an den Gesunden möglich sein. Aber welcher Weg führt denn dahin? wird man, nun schon fast ungeduldig, fragen. — Ich meine, es sei schon ge¬ sagt: einzig die Genossenschaft unmittelbarer Arbeit. Einzig auf diesem Grunde ist von jeher gesunde Erziehung erwachsen, stets Hand in Hand mit gesunder Wirtschaft, gesundem politischen Aufbau. Nur auf diesem Boden löst sich, einfach und vollständig, das schwerste Problem der Er¬ ziehung, wie der Wirtschaft und des Staates: das Pro¬ blem des Führertums. Ein Vertrauensverhältnis des Füh¬ renden und Geführten, freiwillige Gefolgschaft, erwächst allein aus der Unmittelbarkeit brüderlichen Zusammenarbeitens. Ein Volk ist nur, wo das ist: von der Gefolgschaft ist das Volk benannt. Man redet von Volksschule. Oft schon habe ich mich gefragt: Sind wir denn ein Volk? Sind wir es aber nicht, wie könnten wir eine Schule haben, die wahrhaft die Schule des Volkes wäre! Es ist offenbar, sie kann heute bestenfalls nur sein die Schule zum Volk. Oder man redet von Einheitsschule. Wo aber — weiß Gott — keine Einheit ist, wie kann es da eine Einheitsschule geben, es sei denn, als Schule zur Einheit! An der fehlt es ja so von Grund aus, daß sie nur eben ganz vom Grunde aus täglich neu geschaffen werden kann. Dieser Grund aber, es ist kein anderer als der der Genossenschaft der Arbeit. Das setzt freilich sehr viel voraus. Es setzt voraus den Abbau eines sehr großen Teiles unserer Industrie, unseres Handels und Verkehrs, unserer ganzen groß- und industrie¬ städtischen sich so nennenden „Kultur", die wir heute schwerer als je, bis zum kaum mehr Erträglichen empfinden als schreiendste Unkultur. Nie hat sich das mir so auf¬ gedrängt wie diesmal, wenn ich wieder durch die Steinwüste pilgerte, die sich Berlin nennt. Ich empfand: Ich könnte
16 Einleitung. da nicht leben, es wäre denn (wenn ich jünger wäre) als Fabrikarbeiter. Doch brauche ich davon erst zu reden? Schreien nicht die Steine? Abbauen! Abbauen! Aber dagegen empört sich alles. Man rechnet uns vor: „Wir brauchen" — 50°/ 0 oder wieviel — Lohnarbeiter u.s.f. Wir brauchen? Wer braucht? — Die Gesellschaft! — Hoffent¬ lich eine Gesellschaft, die die 50 (oder wieviel) Prozent Lohn¬ arbeiter einschließt — wirklich dauernd als „Lohnarbeiter", als —' Proletariat? Das ist ein für allemal dahin und kann und darf nicht wiederkehren, dieser Begriff muß weg, daran hilft uns nichts vorbei. Es muß ermöglicht werden, und es ist an sich durchaus möglich, die Arbeit, nicht zu erhalten, aber auf neuem Boden so zu gründen, daß sie mit Freuden, ihrer selbst wegen, getan wird. Es gibt keine noch so un¬ menschlich scheinende Arbeit, die nicht an sich der Ver¬ menschlichung fähig wäre. Die Fachleute der Industrie sollten nichts so ernstlich und gründlich heute studieren, als wie das zu erreichen ist. Man sollte Probefabriken eigens dazu gründen. Es genügt nicht die Einsicht zu schulen, daß z. B. die Arbeit gesellschaftlich notwendig ist; oder nur den Willen zu üben, die Lust der Bewältigung des Schwierigsten zu wecken und zu stählen. Auf den gesunden Rhythmus des Arbeitens kommt es an, der aber fließt nur aus einer solchen Gestaltung des ganzen Lebens der Zusammen¬ arbeitenden, in das die Arbeit sich, fördernd für den Ar¬ beitenden selbst, natürlich einfügt. Eine Arbeit, die dessen durchaus unfähig wäre, darf es gar nicht geben, oder sie müßte als ein Opfer angesehen werden, das nur freiwillig gebracht wird, nicht um klingenden Lohn und äußere Ge¬ nießungen, sondern um die Achtung vor sich selbst und den Dank derer, für die sie getan wird, so wie die Opfertat des Freiwilligen im Feld. Wo nicht Brüderschaft innerlich ge¬ gründet ist, die auch solches Opfers wert und darum fähig ist, da darf es nicht sein. Es darf einer sich opfern, aber keiner geopfert werden. Aber wie himmelweit sind wir davon heute entfernt!
Einleitung. 17 Unendlich viel wäre darüber zu sagen. Es bleibe un¬ gesagt, denn es bleibt wirklich ungesagt dem, der es sich nicht selbst sagt. Es sagt es sich selbst aber nur — höchster Geist. Geist und Arbeit, Arbeit und Geist (auf diesen Kehr¬ reim muß ich immer zurückkommen), die zwei müssen sich zusammenfinden, anders ist kein Heil. Es gibt in der Tat keine Arbeit, die nicht an sich geistig, also der Vergeistigung fähig — und keinen Geist, der so geistig wäre, daß er nicht stets sich, Antäus gleich, zu stärken nötig hätte aus dem ge¬ sunden Erdgrunde der unmittelbaren Arbeit. Hier scheuen nun viele zurück vor dem Gespenst eines einseitigen „Realismus". Wo bleibt das „Ideale", wo die eigentlich „humane" Kultur, die oberhalb all der rohen Materialität der äußeren Arbeit schwebt? Wo bleibt unsere .hochentwickelte sprachliche, unsere historische Bildung, wo Kunst, wo Religion? Sei denn ein kurzes Wort auch darüber nicht gespart. Nicht vor Überschätzung dieser Bildungsstücke ist zu warnen, sie können gar nicht überschätzt werden. Was zuerst die Sprache betrifft, so teile ich ganz und gar nicht die Auf¬ fassung, die manche heute verfechten, als sei sie nichts als ein Apparat zur äußeren Übertragung von einer zur anderen Stelle, etwas wie elektrische Leitung, Funkspruch, mit einem Wort, Apparat. Dazu wird sie freilich unentrinn¬ bar, wenn unter einer allgemeinen Schwächung des Lebens, wie der, unter der heute alles darniederliegt, eben auch sie der ursprünglichen Lebenswärme so gut wie ganz verlustig geht. Aber das muß nicht sein und darf, wenn es leider jetzt so ist, nicht so bleiben. Aussprache, Eröffnung, Selbst¬ darstellung, was kann es Innerlicheres, Unmittelbareres geben? Diese Unmittelbarkeit der Erschließung von Seele zu Seele, die müssen wir wieder gewinnen. Sie kann aber nur wieder¬ gewonnen werden aus der lebendigen Zusammenarbeit. Da spricht alles, da spricht auch das Schweigen. An Mutter und Säugling lernt sich verstehen, was Sprache ist und ver¬ mag. Sprache ist ja nicht allein der Lufthauch, den die Natorp, Genossenschaftliche Erziehung. 2
18 Einleitung. Stimme hervorruft. Sie ist nicht erschöpft in dem, was für Grammatik und Wörterbuch erfaßlich ist. Zur Sprache ge¬ hört der ganze Rhythmus, in dem Seele und Seele im Gegen¬ einander schwingen und aus der Zweiheit, in die sie aus Ein¬ heitsgrund sich gespalten haben, zum Einheitsgrund wieder Zusammengehn. Das Kind im frühsten Alter ist der beste Lehrmeister der Sprachkunde, weil es im lebendigen Sprach¬ schaffen noch mitten inne steht, das dagegen auf weiterer Stufe, je höher hinauf, desto mehr, zu erlahmen pflegt. Jugend begreift das, jeder echte Künstler begreift es und jubelt auf, wenn nur dies Thema einmal angerührt wird, denn er emp¬ findet sofort, was wir Kunst nennen, ist ja gar nichts andres als die ungehemmte Entfaltung dieser echten, unmittelbaren Seelensprache. Will sie etwas andres sein, so wird sie sofort Künstelei. Die Alten kannten gar nicht das, was uns „Kunst" heißt. Techne, Ars, besagt ganz etwas andres: Herrschaft über die Mittel. Was wir „Kunst" nennen, ist nichts als das Ringen zurück nach etwas, das sie unmittelbar und selbstverständlich hatten. Uns wird erst Kunst, was ihnen Natur war. So hatten die Alten auch keine „Geschichte" in unserm Sinne, die dagegen uns zu unsrer Erziehung unent¬ behrlich ist. Ich verstehe aber Geschichte nicht als Ein¬ sargung, sondern als Wiedererweckung dessen zum Leben in uns, was ewiges Leben in sich trägt und nur darum wert und fähig ist uns wieder lebendig zu werden. Es ist auch Sprache; Sprache über die Jahrtausende hinweg. Nicht nur die Sonne Homers lächelt, seine Menschen leben und reden noch uns, oder es hätte keinen Sinn uns mit ihnen zu be¬ schäftigen. Der Rückgang auf den Urgrund der Unmittel¬ barkeit, auf den Erdgrund, fordert auch das Zurückgreifen auf alles was je unmittelbar, ursprünglich aus dem gleichen Grunde hervorgesprossen ist, daß wir uns daran erholen und die Freude am eignen Wachsen stärken. Auch das ist Stärkung der Gemeinschaft des Wachstums, der „Bildung", aus dem gemeinsamen Grunde der „Naivität". Lassen Sie mich endlich noch an das Letzte rühren, an
Einleitung. 19 das Letztletzte: Religion. Nun, wo das ist, das ich soeben, nicht dargelegt, aber vielleicht ein wenig fühlen gemacht habe, da ist Religion. Da ist Offenbarung, ist Erlösung, ist Schöpfung, ist Gotteskindschaft, ist alles. Aber wer das hat, der mag davon nicht Worte machen, es will gelebt sein und nicht — man verzeihe das harte Wort — gepaukt. Es lebt, am tiefsten vielleicht, im Schweigen. Fragt die Quäker. Auch das aber fließt natürlich aus jenem Urgrund der Un¬ mittelbarkeit, auf den alles hier Gesagte nur zurückführen wollte. Ich sprach von Ehrfurcht: Ehrfurcht vor der Arbeit und dem Arbeiter, Ehrfurcht vor der Jugend, vor dem Chaos, vor dem Embryo. Man hat darauf erwidert: Liebe, ja; aber Ehrfurcht, das sei zu viel verlangt. Muß ich also erst Goethe verteidigen, von dessen „drei Ehrfurchten" doch eine die ist vor dem, was unter uns ist? „Ehrfurcht", ein Wort unsrer Sprache, dem, soviel ich weiß, keine andre ein gleiches zur Seite zu stellen hat. Es weist in unüberbietbarer Inhalts¬ fülle hin auf die schließliche Koinzidenz des Letzten in der Höhe, dem die Ehre gebührt, und des Letzten in der Tiefe, das lediglich zu fürchten wäre, dürften wir nicht gewiß sein, auch es stammt aus der Höhe und strebt zu ihr zurück. In der Mitte zwischen beiden liegt die Liebe, die sich nicht unternoch über-, sondern gleichordnet. So bleibt sie gewiß im Recht, aber nicht auf Kosten der Ehrfurcht. Wenn wir so in liebender Ehrfurcht, ehrfürchtiger Liebe wirken, dann wirken wir recht und wird dem Wirken der Erfolg nicht fehlen. 2*
„Einheitsschule". Ihre Aufgabe und deren Lösbarkeit. 27 lieh sein durch das genaue Zusammenwirken eines wissen¬ schaftlich streng durchgearbeiteten Aufbauplanes mit einem starken und einmütigen Einsatz aller Kräfte unmittelbarer Arbeitsleistung, der vor allem den guten Willen, aber auch ein nicht geringes Maß von Einsicht aller Zusammenarbei¬ tenden voraussetzt. Dieser gute Wille aber und diese Ein¬ sicht wird nur dann zu erzielen sein, wenn jeder Beteiligte sich allgemein überzeugen kann und in der Ausführung auf Schritt und Tritt die Erfahrung macht, daß er selbst dabei eine innere Bereicherung und Lebensfreude gewinnt, wie nie zuvor, und zum erstenmal seines Menschseins bei der Arbeit und aus ihr heraus froh werden kann. Darauf ist also mit jedem tauglichen Mittel hinzuarbeiten. Das allein dazu taug¬ liche Mittel ist aber der enge persönliche Zusammenschluß rein und gleich gesinnter Genossen zu solchem Neuaufbau zunächst in engsten Kreisen, wozu vor allem wissenschaft¬ lich genügend geschulte Kräfte, in erster Linie Studierende .und Studierte, sich bereit finden müssen. Erfahrung lehrt, daß es an dieser Bereitschaft von ihrer Seite ebensowenig mangelt, wie an dem entgegenkommenden Willen in den Besten der Arbeiterschaft. Wäre ein kraftvoller Anfang erst einmal gemacht, so würde er durch den unausbleib¬ lichen günstigen Erfolg von selbst weiter wirken und so nach und nach den vollständigen Umbau der ganzen Wirt¬ schaft nicht nur möglich machen, sondern zwingend herbei¬ führen. 6. Politischer Aufbau. So gewiß aber die soziale Er¬ ziehung sich nur von unten auf, durch unmittelbare persön¬ liche Zusammenarbeit recht gestalten kann, bedarf sie, eben damit diese in nötiger Allgemeinheit erreicht wird, einer einsichtigen und der Durchsetzung ihrer Absichten sicheren staatlichen Lenkung und Überwachung. Diese setzt aber einen in sich gesunden Aufbau auch der politischen Ord¬ nungen der Gesellschaft voraus. Den dargelegten Grund¬ sätzen gemäß müßte sich der staatliche Aufbau in den fol¬ genden drei Stufen vollziehen.
28 Thesen. Es muß erstens ein durchaus souveräner Zentralrat das Ganze des Gemeinlebens, sowohl nach seinen wirtschaftlichen Unterlagen wie nach seiner inneren, seelisch-geistigen Ge¬ staltung, wie auch der dieses beides (gleichsam Leib und Seele des sozialen Körpers) miteinander vermittelnden und in fester Wechselbeziehung erhaltenden rechtlich-politischen Formung in sicherer Hand haben und als sein eigentlicher Schöpfer und König in der Weise nicht bloß ursprünglich, sondern immer neu und neu gestalten, daß er, selbst ohne unmittelbar gesetzgebende oder ausführende Gewalt, doch auf beide den entscheidenden Einfluß übt, indem kein auf irgend eine dieser drei wesentlichen sozialen Funktionen be¬ zügliches Gesetz oder eingreifendere neue Verwaltungsma߬ nahme ohne seine Vorberatung und sachkundigste Durch¬ arbeitung ergehen darf. Es muß zweitens eine eigene politische, d. i. gesetz¬ gebende und ausführende Behörde bestehen, welche allein über die zu erlassenden Gesetze und Verwaltungsmaßnahmen. Beschluß faßt und für ihre Ein- und Durchführung die Ver¬ antwortung trägt. Es muß drittens das unmittelbare Arbeitsleben der Ge¬ meinschaft innerhalb der so gegebenen, aber stets nur all¬ gemeinen Anweisungen in der freiesten möglichen Einzelaus¬ führung sich in übrigens nicht beschränkter Selbständigkeit entfalten können. Die lebendige Kraft dieser drei sozialen Arbeiten und der lebendige Grund ihres Zusammenschlusses zur innigsten Einheit liegt an sich in jedem Einzelnen. Alle drei sind schon in der Unmittelbarkeit des Arbeitslebens der Idee nach stets miteinander wirksam und in ihr lebendig eins. In der Mittelbarkeit der Arbeitsanordnung (2) treten sie zwar schärfer auseinander, um aber in der neuen Un¬ mittelbarkeit der geistigen Führung (1) sich wieder zur Ein¬ heit des schaffenden Grundes zurückzufinden. Darum können und müssen an allen drei Organisationen (der unmittelbaren Arbeit, der rechtlich-politischen Arbeitsregelung und der gei¬ stigen Führung) grundsätzlich alle teil haben, jeder aber vor-
Innerer Ausbau der Einheitsschule. 29 waltend, berufsmäßig, an einer der drei und einem be¬ stimmten Teile dieser einen, nur mitbestimmend, durch Ver¬ treterwahl, an der ganzen und an allen dreien, nach keiner anderen Maßgabe als der der in der Ausübung selbst sich beweisenden Fähigkeit. Normal wird ein jeder im heran¬ reifenden Alter seine Zeit und Kraft ganz dem unmittel¬ baren Wirken zu widmen haben, mit zunehmender Reifung am Anordnen und Entfalten, im Alter der Vollendung am Führen und Raten, je nach dem Maße und der Art seiner bewiesenen Befähigung, teilnehmen. Alle Rede von Unter- und Überwertigkeit, niederer und höherer Art der Arbeit, also auch (qualitativ) niederer und höherer Begabung und Bildung würde damit ihren Sinn verlieren. Alle Arbeit ist gleich not und recht, wo sie eben not ist und recht ver¬ richtet wird. Die Auswahl der Befehlenden und der geistig Führenden aus den unmittelbar Arbeitenden, sonst das schwerste politische Problem, würde sich unter unseren Vor¬ aussetzungen leicht und glatt vollziehen, weil für jeden die Aussicht bestände, bei zulänglicher Leistung zu leitender Stellung da, wo er für sie und sie für ihn taugt, in natür¬ lichem Aufstieg zu gelangen. Der leidige Streit um Ehren- und Rangstellung würde ebenso verschwinden, wie bei ge¬ rechter Austeilung der Arbeiten und des Arbeitsertrags der Habgier der Einzelnen durch den Wegfall aller Anreize wie aller Gelegenheiten zur Übervorteilung der Boden weg¬ gezogen wäre. III. Innerer Ausbau der Einheitsschule. 1. Die Bildung der frühen Kindheit. Der (in I, 3 ge¬ forderte) Anschauungsgrund der Bildung ist zu legen in einer solchen Erziehung der frühen Kindheit, welche dahin strebt, das Kind in der ihm natürlichen, völlig unbefangenen, naiven Haltung zu seiner Umgebung und zum eigenen Selbst eher festzuhalten als daraus herauszureißen; es zu erhalten in der reinen Unmittelbarkeit gegenwärtigster Aufnahme und Gegen-
30 Thesen. Wirkung und damit zugleich vollen Lebendigkeit des Gefühls ihres ungetrennten Einsseins. In der fast unausgesetzten Übung der Sinne (namentlich des Auges) und der Hand, und der beständigen Begleitung beider mit durchaus konkretem (d. h. nie dem Gegenstande sich äußerlich gegenüberstellendem, sondern ganz in ihn eingesenktem) Denken und Wollen, wol¬ lendem Denken, denkendem Wollen, gründet und stärkt sich unablässig und in gleich erfüllter Gegenwärtigkeit die Fas¬ sungskraft des Verstandes, die Wirkenskraft des Willens, die Schaffenskraft der Phantasie, und, diese alle durchdringend und durchglühend, die Versenkungs- und Verinnerlichungskraft des Gefühls, wie sie ganz ungeschwächt fast nur diesem Alter eigen ist. Realkenntnis und Realhandlungsfähigkeit entfaltet sich so in einem sicheren, natürlichen Rhythmus dieser Kräfte aller in ihrem ungetrennten Zusammenwirken. Solche Rhythmisierung und Harmonisierung, in der das ganze kindliche Leben wie in freischwingendem Melos („Spiel") sich hinlebt, ist freilich heute, durch die arge äußere Ver¬ renkung und innere Krankheit unseres ganzen Lebens, zu etwas Seltenem, fast Unmöglichem geworden, und es wäre überhaupt keine Hoffnung sie je wiederherzustellen, wäre sie nicht an sich dem Kinde natürlich und wäre nicht eben darum auch dem in noch so ungesunder Umgebung Aufge¬ wachsenen doch die Ahnung davon und die Sehnsucht dahin immer noch lebendig. Sie kann bei einmal gewecktem Ver¬ ständnis und redlichem Willen sehr wohl in uns wieder zum Leben geweckt werden, so daß wir zu einer Leitung des Kindes, die ihm eben seine Kindheit zu erhalten bestrebt ist, wieder tauglich werden. Jedenfalls sollen wir wissen, daß dies die Aufgabe ist, daß ohne diese Vorbedingung keine menschenwürdige Erziehung je wieder möglich sein wird. Sie fordert aber ein sehr ernstes Studium in strenger, selbstver¬ leugnender eigener Übung, die nicht anders als im unmittel¬ baren Zusammenleben mit dem Kinde gewonnen, in bestän¬ diger Selbstberichtigung gefestigt und zur erforderlichen Höhe entwickelt werden kann.
Innerer Ausbau der Einheitsschule. 31 2. Familie und Kindergarten. Die natürliche Stätte einer solchen Erziehung der frühen Kindheit, normal bis zum 6. Jahre, ist die Familie. Da aber diese fast nur im Aus¬ nahmefall noch in solcher Kraft besteht, daß sie, zumal unter den heutigen Erschwerungen, dieser hohen Forderung noch so wie ehedem genügen könnte, so kommt es darauf an, nicht einen gleichwertigen Ersatz dafür zu schaffen, denn sie ist unersetzlich, aber zu ihrer Erneuerung und Stärkung die erforderlichen äußeren Hilfen zu bieten. Die einzige brauch¬ bare Hilfe dazu ist der Kindergarten. Dieser müßte aber, soweit das irgend unter den gegebenen Umständen erreich¬ bar ist, in den Dorfschaften, in den Arbeitervierteln der Industriestädte, überhaupt in allen Lebenskreisen, und zwar in Anlehnung an bestehende oder zu schaffende Berufsver¬ einigungen, sich an Gruppen wirtschaftlich enger verbundener Familen so anschließen, daß alle für diese Aufgabe taug¬ lichen und verfügbaren Kräfte der Familien selbst an dieser beteiligt werden, so der Sinn und die Übung der gedachten Erziehungsweise in die Familie selbst zurückfließt und da¬ mit die künstliche Hilfe des Kindergartens mit der Zeit mehr und mehr wieder entbehrlich wird. Anders aber als in der familienartigen Gemeinschaft eines vollen, besonders auch auf Gemeinschaft der wirtschaftlichen Arbeit gestützten Zu¬ sammenlebens ist eine gesunde Bildung des frühen Alters nicht möglich. Denn sie erfordert eben die Gemeinschaft des vollen unmittelbaren Lebens, die Gemeinschaft der Arbeit wie der Ruhe, des freien Spiels und der Feier. In diesem allen muß die Erziehung unverwandt gerichtet sein und bleiben nicht auf rasche Emportreibung der Kräfte, die der Erwachsene braucht, sondern auf die Erhaltung des Segens der Kindheit, solange er irgend erhalten bleiben kann. Die Kräfte, welche die Aufgaben des späteren Alters fordern, erwachsen damit von selbst, da das Kind, gerade je kindlicher es seine Kräfte entwickeln darf, um so kraftvoller in seine ganze Umgebung und damit eben in die Aufgaben des reiferen Alters, von denen es allenthalben umgeben ist und mit denen es fort
82 Thesen. und fort in lebendigster Wechselbeziehung steht, hinein¬ wachsen wird. Gelingt es auch nur in einer einzigen Gene¬ ration eine solche Erziehung der frühen Kindheit in ge¬ nügendem Umfang wieder zu erwecken, so wird das nächste Geschlecht die Aufgabe schon sehr viel leichter finden, weil dann viel mehrere sein werden, die den Segen solcher Er¬ ziehung an sich selbst erfahren haben und darum willens und imstande sein werden, sie an dem heraufwachsenden neuen Geschlecht zu üben und wiederum ihm die Fähigkeit dazu zu übermitteln. Man darf freilich nicht daran denken eine solche Erziehung der Kindheit von heute auf morgen durch gesetzgeberische oder Verwaltungsmaßregeln allgemein einführen zu wollen, muß aber um so mehr jede sich bietende Gelegenheit ergreifen, sie in freiwilligen Probeversuchen aus¬ studieren und die nötigen Erfahrungen darüber sammeln zu lassen. An Willen und Fähigkeit dazu fehlt es in dem jüngeren Geschlecht nicht. Es bedarf aber, wenn daraus etwas Förder¬ liches entstehen soll, dringend der äußeren Hilfen und Mög¬ lichkeiten. Solche zu schaffen, wäre heute eine der dring¬ lichsten Aufgaben unserer Kulturpolitik. 3. Sprache und Zeichen. In solcher Gemeinschaft un¬ mittelbarer Erziehung bildet sich im kindlichen Geiste mit der Sachwelt zugleich und als deren Wiederspiegelung eine zweite, die Sprachwelt, die sich als stets lebendig bleibende Schöpfung in natürlichem Kreislauf aus der Arbeit heraus- und in sie wieder hineinbildet, ganz von ihr durchdrungen wird und wiederum sie durchdringt. Alles kommt hier darauf an, daß sich das Zeichen nie vom Bezeichneten löst und zu toter Dinglichkeit verhärtet. Das wird nur dann vermieden, wenn Sprache und Sache nicht bloß (wie etwa nach Comenius Forderung) stets streng parallel gehen (was scheinbar starre, festbleibende Ordnungen beider voraussetzt), sondern in leben¬ diger Beweglichkeit immer innigst eins sind und bleiben. In der Richtung der Empfänglichkeit (Rezeptivität) ergibt sich daraus anschauende Erkenntnis, d. h. mehr und mehr sich regelnde und gestaltende innere Darstellung dessen was ist t
Innerer Auabau der Einheitsschule. 39 und vorgeht. In der Gegenrichtung der eigenen Rückwirkung (Spontaneität) entfaltet sich in gleicher Weise das über den ursprünglich blinden Betätigungsdrang sich erhebende eigent¬ liche Wollen, das sich ebenso zu regeln und zu gestalten strebt, die sichere Richtungnahme auf das, was sein soll oder hervorgehen soll. Alles kommt aber auf dieser Stufe darauf an, daß dieses beides nicht in Erstarrung fällt und eben da¬ mit unter sich der ursprünglich so innigen Einheit verlustig geht. Diese Gefahr ist dann am größten, wenn zwischen beiden die Atempause (I, 4) ausfällt, die selbst in der Sprache, wo diese nicht den Charakter der Ursprünglichkeit ganz verloren hat, sich überall wohlverständlich ausspricht. Denn es spricht in ihr auch der Rhythmus, die schwingende Harmonie des Tonfalls, der Akzent, es spricht auch die Pause, und in diesem allen das „Gefühl", welches dann in der eigenen Gefühls¬ sprache des Gesangs und Tonspiels sich besonders entwickelt. Dies alles, und zwar nicht jedes als einzelnes, sondern in ungelöstem Verein, will sich aussprechen, spricht sich in der Lebendigkeit des Zusammenlebens ganz unwillkürlich, fast unablässig aus und schafft einen wechselseitigen Austausch, durch den die Gemeinschaft selbst sich fort und fort lebendig erhält und sich in wachsender intensiver Kraft zugleich ex¬ tensiv weiter und weiter auszubreiten fähig wird. Daraus entwickelt sich auf weiterer Stufe ganz von selbst auch das Bedürfnis der Schrift und sonstiger für das gesprochene Wort stellvertretenden Bezeichnung. Solche Stellvertretung darf aber ja nicht verfrüht werden. Alles kommt vielmehr darauf an, die Sprache unerschütterlich fest beim Sachgehalt des Aus¬ gesprochenen zu erhalten. Eine überaus wichtige Hilfe dazu bietet von einem frühen Stadium der Entwicklung an das plastische und zeichnerische Nachbilden, welches selbst die ursprünglichste, unmittelbarste, daher gerade dem Kindesalter nächstliegende Art des über das flüchtige Wort hinausreichen¬ den Ausdrucks und mitteilenden Austausches ist. Dies ist daher im Kinde zu pflegen, nicht bloß der offenbar großen Vorteile wegen, die es der ferneren Ausbildung des theoretisch- Natorp, Genossenschaftliche Erziehung. 3
84 Thesen. technischen wie auch des tätigen und des frei-künstlerischen Vermögens bietet, sondern ganz unmittelbar als ein dem Kinde selbst natürliches, zur gesunden Entwicklung und zum vollen Genuß seines kindlichen Daseins unerläßliches Nährmittel seines Geistes und Gemütes. Noch besondere Wichtigkeit hat dieses Element der frühesten Bildung durch die feste Beziehung der Erkenntnis auf die räumliche und auch zeit¬ liche Ordnung der Dinge und Vorgänge, welche zugleich der Aktivität den sicheren Bezug und damit die Klarheit und Reinheit der Entschließung mitteilt, von der auch die Wir¬ kenskraft des Willens wesentlich mitbedingt ist. Vollends die sonst leicht ins Unbestimmte schweifende Phantasie des Kindes gelangt so allein zu einer Gewöhnung in sicheres Gestalten, die sich dann dem Künstlerischen mehr und mehr nähern wird. Aber auch die Gefühlskraft des Kindes bedarf gerade in ihrer innerlichen Stärke um so mehr des Haltes an der Gestalt. Diese hat zwar hier nur die Bedeutung des Symbols, denn sie beruht auf einem „Gedenken", welches zu dem letzten inneren Grunde der Seele stets nur von irgendeinem (ihm gegenüber) Äußeren den Weg suchen kann, und, um bei diesem Suchen nicht zu verirren, die Stationen des Weges fest im Sinn behalten muß. Daß die Heiligung der Arbeit in der Gemeinschaft, ihre nicht bloß intellektuelle und ethische, sondern auch künstlerische und religiöse Durchdringung an der hier geschilderten zweieinigen Entfaltung der Sach- und Sprachwelt des frühen Kindesalters wesentlich hängt, ergibt sich aus allem Gesagten. 4. Schulbildung. Auf einer zweiten Stufe der Bildung muß dagegen eine gewisse Scheidung nach den Hauptrich¬ tungen der Entwicklung platzgreifen. Sie darf es, wenn auf der ersten Stufe der Einheitsgrund der Bildung so sicher gelegt ist, daß seine Erschütterung, bei rechter Gestaltung des weiteren Bildungsganges, nicht mehr -zu besorgen ist. Bedingend dafür ist, außer der für uns jetzt selbstverständ¬ lichen Fortdauer der Gemeinschaft der Bildungsarbeit, der beständige Ausgang von unmittelbarer Anschauung und die
Innerer Ausbau der Einheitsschule. 35 stete Wiederzurückwendung zu ihr. Eben dazu bedarf es für eine bestimmt begrenzte mittlere Stufe der eigenen Or¬ ganisationsform der Schule. Ihre Eigentümlichkeit besteht in der vielseitigen Entfaltung der Bildungsarbeit nach ihren möglichen Richtungen in reichster Verzweigung, bei der aber der Einheitszusammenhang dieser Richtungen in keinem Augenblick geschwächt werden darf, vielmehr nur um so strenger betont werden muß. Dies erfordert eine planmäßige Führung dieser ganzen, vielseitig gegliederten Bildungsarbeit, die eben dahin zu streben hat, daß der mit der zunehmenden Differenzierung wachsenden Gefahr des Auseinanderfallens durch gleichzeitig wachsende Konzentration entgegengewirkt wird. Für die Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Aus¬ breitung und Konzentration zu sorgen ist die Sache der Führenden, die dazu durch ebenso tiefgegründete Erkennt¬ nis wie Willensenergie ausgerüstet sein und auch für die künstlerische und religiöse Ausgestaltung der Bildung leben¬ diges Verständnis mitbringen müssen. Wir rechnen für diese zweite Stufe der Bildung eine Periode von 12 Jahren, normal vom 6.—18. Lebensjahr, die sich in zwei je 6jährige Unter¬ stufen zerlegt. Für die erstere darf die Differenzierung sich nur erst auf die großen Hauptrichtungen der Bildung er¬ strecken, wobei die Gemeinsamkeit des ganzen Erziehungs¬ werks noch so viel wie irgend möglich gewahrt bleiben muß; während in der zweiten die Sonderentwicklung je nach einer der Hauptrichtungen auch gesonderte Schulwege erfordert. Diese Spaltung darf keinesfalls vor dem 12. Lebensjahre er¬ folgen, weil früher die vorwiegende Begabungsrichtung eines jeden kaum je, mit hinreichender Sicherheit erkannt werden kann, daß die Entscheidung über den ganzen künftigen Schul- und Lebensweg darauf gebaut werden dürfte. Durch die Gemeinsamkeit des Unterbaues wird zugleich erreicht, daß auch nach eingetretener Spaltung der Übertritt in eine andere Schulart (bei etwa nachträglich hervorgetretener be¬ sonderer Begabung nach anderer Richtung) eher möglich bleibt. Allgemein muß bei der äußeren Scheidung der Schul- 3*
3Ii Thesen. wege die innere Einheit der Bildung stets so weit gewahrt bleiben, daß die noch so vielverzweigte Arbeit der sämt¬ lichen parallelen Schulen nicht aufhört ein organisches Ganzes auszumachen. 5. Realistische und humanistische Bildung. Die Grund¬ richtungen, nach denen, jenachdem die eine oder die andere von ihnen voransteht (doch ohne daß darum eine der andern ganz ausfallen dürfte), die Differenzierung der Bildung so¬ wohl innerhalb der gemeinsamen Grundschule als besonders in der dann folgenden Scheidung sich zu vollziehen hat. sind zuoberst: die sachwissenschaftliche (realistische) und die an die Sprachbildung sich besonders eng anschließende geisteswissenschaftliche (humanistische) Bildung. Innerhalb jeder von beiden scheidet sich wieder die vorwaltende Rich¬ tung auf die unmittelbar am Stoff zu übende Arbeit und die auf die wissenschaftlich-technische Leitung und freie Weiterentwicklung dieser Arbeit abzielende. Die unmittel¬ bare Arbeit auf der humanistischen Seite ist vorzugsweise die der Erhaltung und Uberlieferung des gegebenen geistigen Gutes durch Lehre und Erziehung zumal auf deren unteren Stufen. Dazu gehört aber auch die ganze mehr reproduktiv und mitteilend gerichtete Arbeit des Schrifttums, der Künste und der Religionspflege. Die Grenzen gegen die neuschöpfe¬ rische Arbeit sind dabei natürlich fließende; schon aus dieser Rücksicht darf von einer unüberbrückbaren Scheidung zwi¬ schen niederem und höherem Bildungsgange nicht die Rede sein. 6. Die realistische Bildung. Die in voller Weite ver¬ standene realistische Bildung erwächst auf dem Grunde der schon auf der Stufe der Kindheit aus der Unmittelbarkeit der Anschauung und der auf das Stoffliche der Umwelt ge¬ richteten Arbeit gesohöpften Erkenntnis eben dieser Umwelt. Die Arbeit an der Natur nimmt auf dieser zweiten Stufe mehr und mehr die Form der in weiter Verzweigung plan¬ mäßig auf Bewältigung ganzer zusammenhängender Auf¬ gabenbereiche gerichteten Technik an. Von dieser muß aber
Verlag von Julius Springer in Berlin W 9 Im Frühjahr 1920 erschien: Sozial-Idealismus Neue Richtlinien sozialer Erziehung Von Paul Natorp Preis M. 12,— Die Schrift liefert zu des Verfassers „Sozialpädagogik" die Ergänzung, welche durch den tiefgreifenden Wandel der ganzen äußeren und inneren Lage unseres Volkes und die Krise der abendländischen Kultur über¬ haupt gefordert war. Sie behandelt nicht die Volkserziehung im gemeinen Sinne einer irgendwie gearteten und ausgedehnten Beteiligung der breiten Volksmassen an dem geistigen Besitz der Höher- und Höchstgebildeten; sondern, von der Überzeugung geleitet, daß die menschliche Bildung in allen Höhen und Tiefen zuletzt ein unteilbares Ganzes ausmacht, führt sie diese menschliche Bildung zurück auf den Einheitsgrund alles Geisti¬ gen, der eine sich auf alle erstreckende und sie innerlich einende, das ist soziale Erziehung, überhaupt nur zu einer sinnvollenAufgabe macht. .. Psychologie der Weltanschauungen, von Karl Jasper», a. o. Professor an der Universität Heidelberg. 1919. Preis M. 22.—.*) Lehrbuch der Geschichtsphilosophie, von Dr. Georg Mehlis, Professor an der Universität Freiburg i. Br. 1915. Preis M. 20.— ; gebunden M. 23,—.*) Deutsche Philosophie. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Dr. Paul Przygodda. Zweiter Band. (Von J. G. Fichte bis E. v. Hartmann.) 1916. Preis M. 8.^; gebunden M. 10,60.*) *) Hierzu Teuerungszuschläge
Verlag von Julius Springer in Berlin W9 Aufsätze ZUr deutschen Revolution. Von Hans von Heutig. 1919. Preis M. 2,60.*) Strafrecht Ulld Auslese. Eine Anwendung des Kausalgesetzes auf den rechtbrechenden Menschen. Von Dr. Hans von Heutig. Mit 14 graphischen Darstellungen. 1914. Preis M. 6,—.*) Üher psychologische Berufs -Eignungsprüfungen für Verkehrsberufe. Eine Begutachtung ihres theoretischen und praktischen Wertes erläutert durch eine Untersuchung von Straßenbahnführem. Von Dr. phil. et med. Alex Schackwitz, Assistent am Institut für gerichtliche Medizin der Universität Kiel. Mit einer Abbildung. 1920. Preis M. 38,—. Die Experimentalpsychologie im Dienste des Wirt¬ schaftslehens. Von Privatdozent Dr. Walther Moede. Zweite, verbesserte Auflage mit Erweiterung durch Teil II: Rationalisie¬ rung der Arbeits-, Anlern- und Absatzverfahren. In Vorbereitung. DaS neue ArheitSrecht Systematische Einführung von Prof. Dr. jnr. Walter Kaskel. 1920. Preis M. 32,— ; gebunden M. 39.60. Wahl und Aufgaben der Betriebsräte, der Arbeiterräte und der Angestelltenräte sowie der Betriebsobleute. Gemeinverständ¬ liche Erläuterung des Betriebsrätegesetzes und seiner Wahlordnimg. Von Dr. Hermann Schulz, Geheimer Regierungsrat. Zweite, verbesserte und erweiterte Auflage. 1920. Preis M. 11,—. :) Hierzu Teuerungszuschläge
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