Untersuchung einer kraftschlüssigen
Verbindung von Keramiklaufrad und
Metallwelle in Kleingasturbinen
Zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Ingenieurwissenschaften
-Dr.-Ing.-
von der Fakultät V – Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
genehmigte Dissertation
von
Dipl.-Ing. Ulf Heinrich
aus Gräfenhainichen
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. H. Siekmann
Berichter: Prof. Dr.-Ing. H. Pucher
Berichter: Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. L. Dorn
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 20. Juni 2002
Berlin 2002
D83
Vorwort
Diese Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher Mit-
arbeiter am Fachgebiet Verbrennungskraftmaschinen an der TU Berlin, unter-
geordnet dem Institut für Land- und Seeverkehr der Fakultät V -Verkehrs- und
Maschinensysteme, und wurde im Rahmen eines von der Deutschen For-
schungsgemeinschaft geförderten Forschungsprojekts durchgeführt.
Herrn Prof. Dr.-Ing. H. Pucher spreche ich für die Überlassung des The-
mas, für die gewährte fachliche und persönliche Unterstützung bei der Durch-
führung der Arbeit sowie für die Übernahme des Hauptreferats meinen ganz
besonderen Dank aus.
Herrn Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. L. Dorn danke ich für die Übernahme des
Koreferats und die vielen wertvollen Hinweisen.
Herrn Prof. Dr.-Ing. H. Siekmann danke ich für seine spontane Bereit-
schaft zur Übernahme des Vorsitzes im Promotionsausschuss.
Danken möchte ich auch allen Mitarbeitern und Kollegen des Instituts, so-
wie den Studierenden, die durch Ihre Arbeit und vielseitige Unterstützung
maßgeblich zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen haben. Namentlich er-
wähnen möchte ich an dieser Stelle Herrn Dr.-Ing. B. Schenk, welcher meine
Arbeit mit wertvollen Hinweisen unterstützte.
Meinen Familienangehörigen danke ich für die breite Unterstützung meiner
Arbeit und die ermunternden Worte in all den Jahren.
U. Heinrich
Inhaltsverzeichnis
Formelzeichen .................................................................................................................. I
1 Einleitung ..................................................................................................................... 1
1.1 Keramische Werkstoffe ................................................................................. 2
1.2 Zum Fügen von Keramik mit Metall ....................................................... 4
1.3 Keramikwelle-Metallnabe-Verbindung .................................................. 5
2 Zielsetzung ................................................................................................................... 11
3 Welle/Nabe-Verbindung ...................................................................................... 13
3.1 Einsatzbedingungen ........................................................................................ 14
3.2 Funktionsprinzip ............................................................................................... 17
3.3 Konstruktionsvarianten .................................................................................. 19
3.4 Verwendete Werkstoffe ................................................................................. 21
3.5 Fertigung und Montage der Teile .............................................................. 25
4 Experimentelle Untersuchungen .................................................................... 33
4.1 Methodik .............................................................................................................. 33
4.2 Torsionsprüfung ................................................................................................ 35
4.2.1 Torsionsprüfstand .............................................................................. 35
4.2.2 Probenaufnahme ................................................................................ 37
4.2.3 Versuchsdurchführung und Messdatenerfassung ................ 38
4.3 Axiale Belastungstests ................................................................................... 41
4.3.1 Auspressen der Keramikwelle ..................................................... 42
4.3.2 Einpressen der Segmente mit Keramikwelle ......................... 43
4.3 Neutronendiffraktometrie ............................................................................. 43
4.4 Ultraschalluntersuchung ................................................................................ 45
InhaltsverzeichnisII
5 Numerische Berechnungsmethoden ............................................................... 47
5.1 Spannungs- und Temperaturfeldberechnung mit der Finite-Ele-
mente-Methode .................................................................................................. 47
5.1.2 Diskretisierung der Geometrie ...................................................... 48
5.1.2 Randbedingungen und Lasten ....................................................... 50
5.1.3 Reibmodell ............................................................................................ 52
5.1.3 Kriechmodell ........................................................................................ 54
5.2 Zuverlässigkeit keramischer Bauteile ...................................................... 60
5.2.1 Versagensverhalten monolithischer Keramik ........................ 60
5.2.2 Theorie zum Zuverlässigkeitsnachweis .................................... 61
5.2.3 Lebensdauerberechnung .................................................................. 64
5.2.4 Postprozessor CERTUB .................................................................. 65
6 Ergebnisse...................................................................................................................... 67
6.1 Vergleich der Konstruktionsvarianten I und II .................................... 67
6.2 Bestimmung der Randbedingungen ......................................................... 71
6.1.1 Experimentelle Spannungsbestimmung .................................... 72
6.1.2 Reibungskoeffizienten und Scherspannungen ....................... 74
6.3 Variierung der Geometrie ............................................................................. 77
6.4 Rechnungs-Messungs-Vergleich ............................................................... 79
6.5 Zeitstandversuche ............................................................................................. 80
6.6 Bruchmechanische Bewertung ................................................................... 82
6.7 Auslegung der Verbindung für den 3K-Warner Rotor .................... 85
7 Zusammenfassung und Ausblick ..................................................................... 91
Literatur ............................................................................................................................... 93
Formelzeichen
Lateinische Buchstaben
Formelzeichen Einheit Physikalische Größe
Am
2Fläche
A gleichungsabh. Konstante im Kriechgesetz
BMPa
2 s Risswachstumsparameter
C gleichungsabh. Risswachstumsparameter
cpJ/(kg K) Spezifische Wärmekapazität
d m Durchmesser
EN/mm
2Elastizitätsmodul
J kg m2Trägheitsmoment
KMPa m
1/2 Spannungsintensitätsfaktor
M Nm Drehmoment
m WEIBULL-Modul
m
kg/s Massenstrom
N Nortenexponent
n 1/s Drehzahl
n Risswachstumsparameter
P kW Leistung
pN/mm
2Druck
PfAusfallwahrscheinlichkeit
pFN/mm2Fugendruck
PSÜberlebenswahrscheinlichkeit
Rp0,2 N/mm20,2%-Dehngrenze
T°C oder K Temperatur
FormelzeichenIV
tS Zeit
tkr s Kriechzeit
Uµm Übermaß
Ueff µm Effektives Übermaß
Vm
3Volumen
V0m3Einheitsvolumen
Y Geometriefaktor
Griechische Buchstaben
α1/K linearer thermischer Ausdehnungs-
koeffizient
α1Faktor im Richard-Kriterium
∆Differenz
εkr Kriechdehnung
ε*bezogene Kriechdehnung
ε
kr m/s Deformationsgeschwindigkeit
φrad 1. Rissorientierungswinkel
κIsentropenexponent
λW/(mK) Wärmeleitfähigkeit
µ0Haftreibungsbeiwert
µGGleitreibungsbeiwert
νQuerkontraktionszahl
ρkg/m3Dichte
σMPa Normalspannung
σ0MPa 1. WEIBULL-Parameter
σIeq MPa äquivalente Modus-I-Spannung
σBMPa Biegefestigkeit
1
MPa/s Lastrate
τkrit MPa kritische Scherspannung
ϕrad 2.Rissorientierungswinkel
Formelzeichen
V
Indizes, Abkürzungen
Symbol Bedeutung
1 Verdichtereintritt
2 Verdichteraustritt
3 Turbineneintritt
I Modus-I-Beanspruchung
II Modus-II-Beanspruchung
III Modus-III-Beanspruchung
aAußen
c kritisch
eq äquivalent
f Versagen (failure)
FFügestelle
HPSN Heißgepresstes Siliziumnitrid
i Innen
K Keramik
kr Kriechen
L Luft
NNabe
O Oberfläche
R Rutschmoment
S Segmente
th Thermisch
T Turbine
V Verdichter
V Volumen
YIGeometriefaktor
x,y,z Koordinaten im kartesischen Koordinatensystem
FormelzeichenVI
1 Einleitung
Eine wesentliche Maßnahme zur Erhöhung des Wirkungsgrades von Klein-
gasturbinen ist die Anhebung der Prozesstemperatur bei gleichzeitigem Einsatz
eines Abgaswärmetauschers. Die dabei angestrebten Turbineneintrittstempe-
raturen von T3_>_1200_°C sind bei Verwendung metallischer Bauteile nur mit
Kühlung derselben zu realisieren. Aus ökonomischen und technologischen
Gründen ist bei Kleingasturbinen die Luftkühlung von heißgasführenden
Komponenten, z.B. die Schaufelinnenkühlung oder die Schaufelfilmkühlung,
wie sie bei Großgasturbinen eingesetzt wird, nicht sinnvoll bzw. möglich [72].
Deshalb werden teilweise metallische durch keramische Werkstoffe - mit ihren
hervorragenden Hochtemperatureigenschaften - substituiert, wo heißgasfüh-
rende Bauteile nicht durch Kühlung vor thermomechanischer Überlastung ge-
schützt werden können. Mit der Verwendung von Keramik als Konstruktions-
werkstoff für Hochtemperaturanwendungen werden allerdings neue Probleme
aufgeworfen, die vom Versagensverhalten dieses Werkstoffs über die Gestal-
tung einer zuverlässigen Konstruktion bis zur Fertigungstechnologie kerami-
scher Bauteile reichen. Die enormen Schwierigkeiten, die mit der Entwicklung
einer keramischen Kleingasturbine einher gingen bzw. gehen, verdeutlicht al-
leine schon die Dauer des weltweit vorangetriebenen Forschungsprozesses von
über einem Vierteljahrhundert, bevor erste Aggregate für den Testbetrieb in
Feldversuchen kommerziell vertrieben werden konnten [28]. Die keramische
Kleingasturbine besteht nicht vollständig aus keramischen Bauteilen, da das
nicht nur einen höheren Risikofaktor bezüglich der Zuverlässigkeit des Aggre-
gats darstellen, sondern auch höhere Herstellungskosten verursachen würde.
Daraus leitet sich die konstruktiv anspruchsvolle Aufgabe ab, Verbunde metal-
lischer und keramischer Komponenten für Hochtemperaturanwendungen zu
realisieren, da sich die thermischen und mechanischen Eigenschaften der ke-
ramischen Werkstoffe oft stark von denen der metallischen unterscheiden. Der
Rotor einer keramischen Kleingasturbine ist eines der thermomechanisch am
höchsten beanspruchten Bauteile und kann z.B. als Verbund eines keramischen
Turbinenlaufrads mit einer metallischen Welle ausgeführt werden. Hierfür wird
eine geeignete Verbindung des keramischen Turbinenlaufrads mit der metalli-
schen Welle benötigt, die auch bei relativ hohen Drehzahlen und Temperaturen
Einleitung2
das erforderliche Drehmoment noch sicher übertragen kann. Die Entwicklung
einer solchen Welle/Nabe-Verbindung setzt neben der Beherrschung des Fü-
geprozesses und der Beanspruchungsanalyse auch die Kenntnis der mechani-
schen und physikalischen Eigenschaften der Keramik und die Berücksichti-
gung ihres Versagensverhaltens voraus.
1.1 Keramische Werkstoffe
Der Einsatz technischer Keramik, die auch als Hochleistungskeramik be-
zeichnet wird, gewann - im Gegensatz zur Gebrauchs -und Baukeramik - erst
in den letzten Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung. Weltweit wurden im Jahr
1996 ca. 140 Mrd. DM für keramische Produkte ausgegeben [2]. Der Markt-
anteil der technischen Keramik betrug davon ca. 18 % [3], wobei Japan und die
USA mit ca. 70 % Weltmarktanteil die Produktion dominieren. Die technische
Keramik wird häufig in die sogenannte Funktionskeramik und die Strukturke-
ramik eingeteilt. Gemessen am Umsatz beträgt der Anteil der Strukturkeramik,
die manchmal auch als Konstruktionskeramik bezeichnet wird, nur ca. 20 %
der gesamten technischen Keramik.
Die gezielte Ausnutzung bestimmter physikalischer Eigenschaften steht bei
der Funktionskeramik im Vordergrund, wie z.B. geringe elektrische bzw.
thermische Leitfähigkeit oder optische und magnetische Eigenschaften (Isola-
toren, Mehrschichtkeramik-Kondensatoren, Sichtfenster). In den Bereichen
Elektrotechnik und Elektronik werden ca. 80 % [4] der Hochleistungskeramik
umgesetzt. Für den Einsatz von Strukturkeramik als Konstruktionswerkstoff
sprechen vorrangig die hohe Festigkeit bei hohen Temperaturen, die gute Ab-
rasions- und Korrosionsbeständigkeit wie auch die geringe Dichte. Dies sind
Eigenschaften, wie sie für den Konstrukteur von maßgebender Bedeutung bei
seinem Entwurf sein können. Nachteilig sind vor allem die große Sprödigkeit,
die große Streuung der mechanischen Eigenschaften und die gegenüber Me-
tallen vergleichsweise geringe Zugfestigkeit im unteren Temperaturbereich.
Die Endbearbeitung ist zumeist nur durch Schleifen zu realisieren und deshalb
sehr kostenintensiv [5].
Strukturkeramik
Die Strukturkeramik findet als Konstruktionswerkstoff bevorzugt dort Ver-
wendung, wo ihr Einsatz zwingend erforderlich ist, um Produkte weiter entwik-
keln oder überhaupt erst verwirklichen zu können. Sollen Werkstoffe durch den
Einsatz von Strukturkeramik substituiert werden, um technische Verbesserungen
Einleitung 3
in kleinerem Umfang zu erzielen, dann steht sie über das Kosten/Nutzen-
Verhältnis in harter Konkurrenz zu den metallischen Werkstoffen, die in der Re-
gel preiswerter zu bearbeiten sind. In den achtziger Jahren wurde das Anwen-
dungspotential der Konstruktionskeramik im Automobilbau deutlich überbewer-
tet. Neben den Bemühungen um den sogenannten adiabaten Motor durch kerami-
sche Oberflächen der brennraumbegrenzenden Bauteile wurden unter anderem
Kolbenbolzen, Ventilfederteller, Turboladerrotoren und Ventile aus Keramik
hergestellt und erprobt. Außer dem erfolglosen Bemühen um den adiabaten Mo-
tor [1] setzten hohe Herstellungskosten und die unzureichende Zuverlässigkeit
der Bauteile aus Strukturkeramik dieser forcierten Entwicklungsarbeit im Auto-
mobilbau bald ein Ende. Dennoch sind keramische Werkstoffe für den Einsatz
im Kraftfahrzeug, z.B. für die Lambda-Sonde, als Trägermaterial für Katalysato-
ren oder für Partikelfilter von großer Bedeutung,einmal abgesehen vom Isolator
der Zündkerze, der ältesten Keramikanwendung im Automobil.
Sehr gut bewährt haben sich keramische Konstruktionswerkstoffe dort, wo
die Standzeiten stark verschleißender Bauteile bzw. Werkzeuge deutlich erhöht
werden oder wo stark korrosiven Medien zu begegnen ist. Gleitringdichtungen
[34], Wälzlager [35], Bearbeitungswerkzeuge der metallverarbeitenden Industrie
(z.B. Schweißzentrierstifte [12]) oder Düsen in der Textilindustrie [36] gehören
zu jenen keramischen Bauteilen, die nach dem heutigen Stand der Technik indu-
striell gefertigt und kommerziell vertrieben werden und in diesen speziellen An-
wendungsgebieten entscheidende Verbesserungen, z.B. 10-100 fache Standzei-
ten, mit sich bringen.
In Gasturbinen wird die hervorragende Hochtemperaturfestigkeit keramischer
Werkstoffe genutzt. Mit der Zweiwellen-Rekuperativ-Gasturbine CGT 302 (300
kW Nennleistung) konnte dank heißgasführender Bauteile aus Keramik über kurze
Zeit eine Turbineneintrittstemperatur T3=1396°C gefahren und ein Wirkungsgrad
von 42,1% (Wellenleistung 322 kW) erreicht werden [27]. Die Standzeit der kera-
mischen Turbinenlauf- und -leiträder der 331-200(CT) APU (auxiliary power unit)
zu erhöhen, ist das Ziel der Feldversuche in der Boeing 757 und 767 sowie im Air-
bus 300 und 310 [28]. Im Forschungsstadium befinden sich Gasturbinen im Lei-
stungsbereich von 2,5 bis 8 MW [29-32], bei denen keramische Bauteile eingesetzt
werden, um unter anderem die erforderlichen Kühlluftmengen zu reduzieren.
Zukünftig sollen sogenannte EBC‘s (environmental barrier coatings) die
nicht-oxidische Keramik Si3N4 vor Oxidation schützen [29, 33]. Mit TBC’s
(thermal barrier coatings) beschichtete Turbinenschaufeln wurden bei einer
Heissgastemperatur von T3=1700°C erfolgreich getestet [37].
Einleitung4
1.2 Zum Fügen von Keramik mit Metall
Eine Einteilung in verschiedene Verfahren zum Fügen von Keramik- mit
Metallteilen wird - in Anlehnung an die DIN_8593 ([21])- in [13] vorgenom-
men. Unterteilt werden in dieser Norm die Verfahren in acht Gruppen, mit de-
ren Anwendung sich eine formschlüssige, kraftschlüssige oder stoffschlüssige
Verbindung der Teile erzeugen lässt.
• Zusammensetzen
• Füllen
• Anpressen, Einpressen
• Urformen (z. B. Eingießen, Einbetten)
• Umformen
• Schweißen
• Löten
• Kleben
Bei den hohen Betriebstemperaturen eines Turbinenlaufrads differieren die
thermisch bedingten Dehnungen von Metall und Keramik beträchtlich, was bei
den stoff- und kraftschlüssigen Verbindungen zu Wärmespannungen innerhalb
der Fügezone führt. Der in Abb._1.1 nach den Gesetzen der linearen Statik
(keine plastischen Verformungen) berechnete Spannungsverlauf veranschau-
licht die Problematik hoher Wärmespannungen.
∆T = 0 - 800K
-221
-1137
-832
-526
σx,min= -1443 MPa
σx,max= 1612 MPa
1300
1000
695
390
FEM-Netz
NIMONIC 90 A
Si3N4-Keramik
x=5mm
y=5mm
z=2mm
Abbildung_1.1: Thermospannungen in der Fügestelle
Einleitung 5
Für diese rechnerische Simulation wurde ein Quader aus einer Si3N4-
Keramik mit einem Quader aus dem Werkstoff NIMONIC_90_A an der
2x5_mm großen Fügefläche fest verbunden (d.h. ohne jede Zwischenschicht
bzw. Gleiten der Kontaktflächen) und dieser Verbund dann mit 800_K Tempe-
raturerhöhung beaufschlagt. Mittig auf der keramischen Fügefläche befindet
sich der Ort der maximalen Zugspannung (σx_=_1612_MPa), die bei jeder han-
delsüblichen monolithischen Keramik spontanes Versagen hervorrufen würde.
Die Vor- und Nachteile der einzelnen Fügeverfahren hinsichtlich der Her-
stellungskosten und ihrer Eignung sind generell im Zusammenhang mit dem
speziellen Anwendungsfall zu betrachten. Die Vorzüge bzw. Mängel form-
schlüssiger, stoffschlüssiger bzw. kraftschlüssiger Welle/Nabe-Verbindungen
unter dem Aspekt ihrer Eignung für den Einsatz in keramischen Kleingasturbi-
nen werden daher nachfolgend an konkreten Beispielen, die aus der Literatur
bekannt sind, erläutert.
1.3 Keramikwelle-Metallnabe-Verbindung
Der Formschluss eignet sich hervorragend zum Übertragen großer Kräfte
und Momente. Je nach der Art der Ausführung lassen sich durch Fügen be-
dingte Eigenspannungen in den Bauteilen annähernd bzw. völlig vermeiden.
Die Fertigung der ineinandergreifenden Formen und die Fixierung der Teile
erfordern einen hohen Aufwand, insbesondere wenn es sich um so harte Werk-
stoffe wie Keramik handelt. Kerben im keramischen Bauteil müssen wegen
fehlender Duktilität unbedingt vermieden werden. Eine mögliche formschlüs-
sige Welle/Nabe-Verbindung stellt ein P3G-Polygon nach DIN 32711 dar, das
in [22] näher untersucht wurde. Die axiale Festlegung des Laufrads gestaltet
sich schwierig. Durch die Gestalt des Polygonquerschnitts wird sich bei sehr
hohen Drehzahlen zwar kein unrunder Lauf, aber dennoch eine über dem Um-
fang ungleichmäßige Werkstoffbeanspruchung ergeben. Es wurde keine Lite-
ratur gefunden, in der eine formschlüssige Anbindung des keramischen Lauf-
rads einer Kleingasturbine oder eines Turboladers an die metallische Welle
beschrieben wird.
Stoffschluss wird durch Kleben, Schweißen oder Löten realisiert. Da sich
das Lot bzw. der Kleber sehr gut an die Kontur des Grundwerkstoffs anpasst,
werden Fertigungstoleranzen sehr gut kompensiert, weswegen die in Kontakt
stehenden Flächen ein gutes Tragverhalten aufweisen. Das Löten von kerami-
schen mit metallischen Bauteilen hat sich für viele Anwendungen bewährt und
ist relativ kostengünstig, wenn langwierige thermische Vor- und Nachbehand-
Einleitung6
lungen der gefügten Teile zur Reduzierung von Eigenspannungen entfallen
können. Dass das Gefüge der Lötnaht nicht nur vom eingesetzten Lot, sondern
auch durch die Grundwerkstoffe beeinflusst wird, wurde anhand von metallo-
graphischen Untersuchungen an Si3N4-Lötverbindungen gezeigt, auf die in
[14] hingewiesen wird. Nimmt man die Einflussfaktoren, wie Löttemperatur,
Haltezeit der Temperatur und Abkühlgeschwindigkeit sowie die Vor-und/oder
Nachbehandlung der Lötverbindungen hinzu, dann ergibt sich eine große
Menge an Kombinationsmöglichkeiten, welche die Festigkeit der Keramik
bzw. die Kraftübertragung beeinflussen. Die Eigenspannungen, die innerhalb
der Fügezone nach dem Löten vorherrschen, sind von vielen Faktoren abhän-
gig, so dass ihre Berechnung nur in speziellen Fällen bzw. nur näherungsweise
möglich ist. Werden große Wärmedehnungen durch hohe Temperaturdifferen-
zen erwartet, dann müssen Zwischenschichten die hohen Scherspannungen
begrenzen.
In Lötverbindungen werden innerhalb der Keramik Druckeigenspannungen
durch das Abkühlen nach dem Lötvorgang hervorgerufen. Dennoch sind die
mechanischen Wechselbeanspruchungen durch Thermozyklen problematisch
und müssen, z.B. durch Metalle mit geringem Ausdehnungskoeffizienten oder
elastische Zwischenschichten, reduziert werden.
In Abgasturboladern und in Kleingasturbinen finden heutzutage Lötverbin-
dungen an Stellen Anwendung [23-25, 38], die Temperaturen von max.
500_°C im stationären Betrieb ausgesetzt sind.
Durch Kraftschluss lassen sich einfache Quer- oder Längspressverbin-
dungen verwirklichen. Die übertragbaren Kräfte bzw. Momente sind durch den
Anpressdruck und den Reibungskoeffizienten bzw. die maximal ertragbare
Scherspannung begrenzt. Durch das Abgleiten der Flächen gegeneinander
können Spannungen abgebaut werden. Einige der in der Fachliteratur vorge-
stellten kraftschlüssigen Verbindungskonzepte werden nachfolgend dargestellt
und kurz erläutert.
Die in Abb._1.2 dargestellte Verbindung wurde im Rahmen der For-
schungsarbeiten zur AGT_100 (advanced gas turbine) [15] angewendet. Für
den Einsatz von Rotoren aus dem Werkstoff Siliziumkarbid, der eine sehr gute
Wärmeleitfähigkeit besitzt, wurde eine Pressverbindung entwickelt, die über
eine thermische Isolierung zwischen dem keramischen Wellenansatz und der
metallischen Nabe verfügt. Da es zu Brüchen am keramischen Wellenansatz
kam, wurde die Einspannung in der Welle elastischer gestaltet. Die Rotoren
wurden bei Drehzahlen bis zu 69.000_min-1 und Turbineneintrittstemperaturen
Einleitung 7
bis zu T3=1080_°C geprüft.
Welle
SiC-Laufrad
Nabe
Isolierung
ursprünglicher Entwurf
verbesserter Entwurf
.
.
.
.
Abbildung_1.2: Pressverbindung mit Isolierschicht (AGT 100) aus [15] ent-
nommen
Für den Folgetyp AGT_101 wurde eine maximale Turbineneintrittstempe-
ratur von T3_=_1371_°C und eine maximale Drehzahl von 100.000_min-1 ange-
strebt. Turbinenseitig wurde eine Luftlagerung verwendet, die auf der Hohl-
welle des keramischen Radialturbinenrades sitzt (Abb._1.3). Diese Anordnung
ist konstruktiv sehr aufwendig und erfordert die Entnahme von verdichteter
Luft. Bei der Verwendung von Hohlwellen besteht die Gefahr, dass sich so-
wohl am inneren als auch am äußeren Umfang durch Biegebeanspruchungen in
der Welle Zugspannungsbereiche ausbilden [26], die es zu vermeiden gilt.
Si3N4-Turbinenlaufrad
Spannvorrichtung
Luftlagerung
Abbildung_1.3: Luftlagerung des keramischen Turbinenlaufrads (AGT_101)
aus [16] entnommen
Einleitung8
Vor Einführung des Abgas-Katalysators für Ottomotoren sollten, kombi-
niert mit Magerbetrieb, mit Abgasturboaufladung günstigere Verbrauchswerte
erreicht werden, was aber gleichzeitig zu höheren Abgastemperaturen führt
[17]. Deshalb wurden keramische Turbinenlaufräder entwickelt, die
T3_=_1230_°C widerstehen sollten. Diese Laufräder wurden mit einer integrier-
ten Welle gefertigt, auf die am anderen Ende das Verdichterlaufrad mittels Ke-
gel aufgespannt wurde (Abb._1.4).
Keramisches Turbinenlaufrad
mit integrierter Keramikwelle
Verdichterlaufrad
Dichtungsbuchse
.
.
.
Kegelbuchse
Spannhülse .
Abbildung_1.4: Keramische Welle mit aufgespanntem Verdichterlaufrad [17]
Weil in diesem Projekt Rotoren aus Siliziumkarbid zu verwenden waren,
war es vorteilhaft, dass die Verbindung zwischen Keramik- und Metallbauteil
in den kälteren Bereich der Welle gelegt wurde. Andererseits ist die Herstel-
lung des Laufrads mit integrierter Welle generell schwieriger und teurer als die
Fertigung eines Laufrads als Einzelteil. Die Lagerung der keramischen Welle
ist problembehaftet und das Bruchrisiko des keramischen Bauteils wird sich im
Fall der integrierten Welle erhöhen.
keramisches Laufrad (Si3N4)
.
..
Welle (Stahl)
Nabe (Incoloy)
..
Welle und Nabe
(austenitischer Stahl)
III
Abbildung_1.5: Preßverbindungen zwischen keramischem Wellenansatz und
metallischer Nabe aus [18] entnommen
Einleitung 9
Die in Abb._1.5 gezeigten konventionellen Pressverbindungen sind für den
Einsatz in Turboladern konzipiert worden [18]. Mit numerischen und experi-
mentellen Methoden wurde die maximale Temperatur, die sich in der Verbin-
dung im stationären Betrieb bei einer Turbineneintrittstemperatur von 1100_°C
einstellt, mit ca. 400°C festgestellt. Weil die Prüfkriterien zufriedenstellend
erfüllt und die Fertigungskosten relativ gering sind, kam in den entwickelten
Turboladern die Variante I zur praktischen Anwendung. Die Forderung nach
moderater Flächenpressung bei Raumtemperatur und die Notwendigkeit einer
hohen Vorspannung der Pressverbindung, um über dem gesamten Einsatztem-
peraturbereich ausreichend hohe Kontaktdrücke zu gewährleisten, sind aller-
dings konträr.
Beim sogenannten “metal full filling“-Verfahren wird zwischen den kera-
mischen Wellenansatz und der metallischen Nabe ein duktiles Füllmaterial mit
einem hohen Ausdehnungskoeffizienten eingebracht [19]. Dadurch wird der
Anpressdruck auch bei hohen Temperaturen aufrecht erhalten. Die aus [20]
entnommene schematische Darstellung zeigt eine mögliche Ausführungsform
(Abb._1.6). Offensichtlich würde im vorliegenden Fall, durch die Expansion
des Füllmaterials, der keramische Wellenansatz in axialer Richtung auf Zug-
spannung beansprucht werden. Deshalb wurde in [20] ein einfacher Ringspalt
mit einem Füllwerkstoff in der Form einer Hülse ausgefüllt, was aber ungün-
stig für den Kraftfluss ist.
A
A
Nabe
(INCOLOY 903)
.
Welle
(SCR 40)
A - A Schweißnaht
.
Füllmaterial keramisches
Turbinenlaufrad
(Si3N4)
.
Abbildung_1.6: Pressverbindung mittels dem Verfahren “metal full filling“
[19], (Skizze nach [20])
Schließlich finden sich in den Patent- bzw. Offenlegungsschriften [39-42]
weitere Ideen und Konzepte, die gleichfalls einen verhältnismäßig hohen Bau-
Einleitung10
aufwand erfordern oder prinzipbedingt nur einen relativ geringen Einsatztem-
peraturbereich abdecken.
Weil das Bestreben, höhere Turbinenwirkungsgrade zu erzielen, unter an-
derem höhere Prozesstemperaturen erfordert, muss die Welle/Nabe-
Verbindung diesen höheren Temperaturen standhalten können oder es muss
eine intensive, forcierte Kühlung dieser Verbindung realisiert werden. Da die
Kühlluft dem Prozesskreislauf entnommen wird, mindert dies wiederum den
Gesamtwirkungsgrad des Aggregats, weshalb ein minimaler Kühlluftbedarf
anzustreben ist.
Forschungsbedarf wird in der Entwicklung und Prüfung einer neuartigen
kraftschlüssigen Welle/Nabe-Verbindung für Kleingasturbinen und Turbola-
derrotoren gesehen, die bis zu einer lokalen Spitzentemperatur von 800°C und
Drehzahlen von 150.000 min-1 (500 m/s Umfangsgeschwindigkeit) funktions-
tüchtig bleibt.
2 Zielsetzung
Mit numerischen und experimentellen Methoden ist eine neuartige, kraft-
schlüssige Welle/Nabe-Verbindung zu untersuchen, die geeignet erscheint, ein
keramisches Turbinenlaufrad einer Kleingasturbine funktionssicher mit einer
metallischen Welle zu verbinden. Im Vordergrund soll die Methodik der Aus-
legung dieser Welle/Nabe-Verbindung stehen, für die konventionelle Richtli-
nien nicht geeignet sind. Diese Auslegung soll den besonderen mechanischen
Eigenschaften der monolithischen Keramik, den hohen Betriebstemperaturen
und dem Wirkprinzip der Verbindung Rechnung tragen, um einen zuverlässi-
gen Einsatz des thermomechanisch hochbeanspruchten Rotors der Kleinga-
sturbine über viele tausend Betriebsstunden zu gewährleisten.
Experimentelle Arbeiten (Kap._4) sollen - in einem ersten Schritt - der Be-
stimmung von Randbedingungen dienen, die für die FE-Analyse benötigt wer-
den. Dazu gehören die Ermittlung von Reibungkoeffizienten, der maximal er-
tragbaren Scherspannungen und der Höhe des effektiv wirksamen Übermaßes
der Nabe [siehe Kap. 5]. In einem zweiten Schritt sollen Torsionsprüfungen der
nichtrotierenden, isotherm aufgeheizten Welle/Nabe-Verbindung die experi-
mentellen Ergebnisse für einen Rechnungs-Messungs-Vergleich liefern [Kap.
6].
Parallel zu den experimentellen Arbeiten sollen umfangreiche FE-
Berechnungen zur Bewertung der experimentellen Ergebnisse durchgeführt
werden. Sukzessive ist das FE-Analysemodell um die Berücksichtigung
von Anisotropie der Reibungskoeffizienten, plastisches Materialverhalten,
Drehmomentbelastung, Fliehkraft und inhomogene Temperaturverteilung
zu erweitern. Das Kriechverhalten der metallischen Komponenten soll an-
schließend in die Rechnungen einbezogen werden, um die Vorhersage des
maximal übertragbaren Drehmoments für lange Betriebszeiten zu ermögli-
chen.
Wegen der thermisch induzierten Zugspannungen im keramischen
Wellenansatz ist ein Zuverlässigkeitsnachweis für die keramische Kompo-
nente der kraftschlüssigen Welle/Nabe-Verbindung erforderlich. Dieser
Zielsetzung12
Zuverlässigkeitsnachweis basiert auf einer bruchstatistischen Theorie und
wird programmtechnisch mit Hilfe des Postprozessors CERTUB (Ceramic
Evaluation Reliability Technical University Berlin) umgesetzt.
Abgeschlossen werden sollen die Arbeiten mit einer exemplarischen Aus-
legung der Welle/Nabe-Verbindung für den Turboladerrotor K26 der Firma
3K-Warner. Es ist mittels der FE-Simulation nachzuweisen, dass ein geforder-
tes Drehmoment von ca. 2 Nm bei einer maximalen Rotordrehzahl von
150.000 min-1 (ca. 500 m/s maximale Umfagsgeschwindigkeit des Turbinen-
laufrads) und inhomogener Temperaturverteilung über 10.000 Betriebsstunden
sicher übertragen wird.
3 Welle/Nabe-Verbindung
Für den zuverlässigen Betrieb einer funktionstüchtigen keramischen Hochtem-
peratur-Kleingasturbine ist die Beherrschung der Verbindung zwischen dem kera-
mischen Wellenzapfen des Turbinenlaufrads und der metallischen Nabe am Ende
der metallischen Welle (Abb. 3.1) notwendig.
Abbildung 3.1: Metallische Welle und keramisches Turbinenlaufrad
Wegen der gegenüber Metallen besonderen mechanischen Eigenschaften
monolithischer Keramiken ist eine sogenannte keramikgerechte Konstruktion
erforderlich, wofür in der Literatur spezielle Gestaltungsrichtlinien vorgeschla-
gen werden (z.B. [13, 7]). Die Druckfestigkeit monolithischer Keramik ist um
ein Vielfaches höher als ihre Zugfestigkeit, wodurch eine konventionelle kraft-
schlüssige Verbindung mit einer keramischen Nabe im Laufrad und der metal-
lischen Welle unzweckmäßig ist. Andererseits sinkt die Tragfähigkeit einer
Pressverbindung zwischen einer metallischen Nabe am Wellenende und dem
keramischen Wellenansatz (Si3N4) mit steigenden Temperaturen, da der Aus-
dehnungskoeffizient der Keramik je nach Temperaturbereich um ca. das Drei-
bis Vierfache geringer ist als der von hochwarmfesten metallischen Legierungen
(s. Abb. 3.8). Zusätzlich nachteilig sind die Wirkungen der hohen mechanischen
Beanspruchungen dieser Verbindung, da sich den Zentripetalkräften die resul-
tierenden Kräfte aus der Pressung überlagern, wodurch - insbesondere bei ho-
hen Betriebstemperaturen - die Dehngrenze des metallischen Werkstoffs der
14 Welle/Nabe-Verbindung
Nabe überschritten werden kann. Dennoch ist der Einsatz kraftschlüssiger Ver-
bindungen sowohl hinsichtlich der Anforderungen an eine automatisierte Ferti-
gung und Montage und damit wirtschaftlicher Produktion als auch im Hinblick
auf ihre geringe Baugröße von Interesse.
3.1 Einsatzbedingungen
Die Auslegung einer Keramikwelle-Metallnabe-Verbindung erfordert die Ana-
lyse der zu erwartenden Beanspruchung, der sie in der Kleingasturbine unterworfen
wird. Es steht im Rahmen dieser Arbeit kein konkretes Kleingasturbinen-Aggregat
im Mittelpunkt der Untersuchungen, sondern die Auslegung orientiert sich exem-
plarisch am Turbolader K26 der Firma 3K-Warner (vormals KKK-AG). Die Abb
3.2 zeigt ein Schnittmodell des K26 hier noch mit dem metallischen Turbinenlauf-
rad im innen gelb gestrichenen Turbinengehäuse.
Abbildung 3.2: Schnittmodel des Turboladers K26
Wesentlich für die Wahl des K26 war die gute Kenntnis der Geometrie des
Rotors und seiner thermischen Beanspruchung aus einem Vorprojekt der For-
Welle/Nabe-Verbindung 15
schungsstelle [47]. Für eine gefahrene Turbineneintrittstemperatur von
1200°C war eine gute Abschätzung der Temperaturverteilung in der Verbin-
dung und der Welle mit Hilfe der Anlassfarben möglich (Abb. 3.3), wozu zu-
vor im Ofen ausgelagerte Probestücke des gleichen Werkstoffs (42 CrMo4V)
zur Auswertung herangezogen wurden. Danach ergibt sich am äußeren Um-
fang der Welle, zum turbinenseitigen Wellenende hin, eine Temperatur von
580°C, die innerhalb der Verbindung in axialer Richtung auf 480°C abfällt.
Bemerkenswert ist auch die hohe Temperatur von ca. 500°C auf der gegen-
überliegenden Seite der ölgeschmierten Gleitlagerung, was den starken Wär-
mefluss durch die Welle verdeutlicht.
580°C480°C500°C
Lager
-stelle
Abbildung 3.3: Anlassfarben am turbinenseitigen Ende der Welle (Variante I)
Das von der Welle/Nabe-Verbindung zu übertragende Moment wird im
Turbolader K26 im Wesentlichen durch die vom Verdichterrad aufgenommene
mechanische Leistung bestimmt. Zusätzlich summieren sich das Beschleuni-
gungsmoment entsprechend dem axialen Trägheitsmoment Jaxial≈4,4⋅10-5 kg m2
des Verdichterlaufrads bei der Beschleunigung des Rotors und das durch den
Reibungswiderstand der Lager (Verlustleistung) erzeugte Moment. Demnach
errechnet sich das an der Turbine abgegriffene Drehmoment nach Gl. 3.1 zu
n 2
P
dt
dn
2 J
n 2
P
= M steLagerverlu
axial
Verdichter
Turbine π
+π+
π(3.1)
Zur Berechnung der vom Verdichter abgeforderten Leistung nach Gl. 3.2
wird im Verdichterkennfeld die - bezogen auf den Wirkungsgrad - optimale
Betriebslinie eingezeichnet. Entlang dieser können der jeweilige Massenstrom
m
, das Verdichterdruckverhältnis p2/p1 und der isentrope Wirkungsgrad ηis,V
16 Welle/Nabe-Verbindung
für gegebene Drehzahlen dem Verdichterkennfeld entnommen werden.
−
−
η1
p
p
Tc m
= P
L
1
L
1
2
Vis,
1
Lp,
Verdichter
κ
κ
(3.2)
Die spezifische Wärmekapazität cp,L und der Isentropenexponent κL der Luft
werden als konstant angenommen. Zur Vereinfachung werden die Temperatur T1
und der Druck p1 am Verdichtereintritt der Referenztemperatur T0 bzw. dem Re-
ferenzdruck p0 gleich gesetzt. Bei einer Drehzahl von 150 000 min-1 wird vom
Verdichter die maximale Wellenleistung von 28 kW aufgenommen.
Das Drehmoment, welches von der Welle/Nabe-Verbindung übertragen wer-
den soll, ist in Abb. 3.4 über der Drehzahl aufgetragen.
Drehzahl in 1/s
0.0
0.5
1.0
1.5
2.0
400 800 1200 1600 2000 2400 2800
Drehmoment gesamt ( summiert )
Drehmoment durch Verdichterarbeit
Drehmoment durch Trägheit
Drehmoment durch Lagerreibung
Drehmoment in Nm
Abbildung 3.4: Beanspruchung der Welle/Nabe-Verbindung im K26
Das Trägheitsmoment wirkt nur in den Phasen, während derer der Rotor
beschleunigt wird, und ist hauptsächlich durch die Trägheit des Verdichterlauf-
rads (äußerer Durchmesser d=65 mm) bedingt. Vernachlässigt werden kann
das Trägheitsmoment der Welle. Die Zeit, in welcher der gesamte Rotor auf
die maximale Drehzahl von 150 000 min-1 (2500 1/s) beschleunigt wird, wird
Welle/Nabe-Verbindung 17
mit t=3 s angesetzt [17].
Wird anstelle eines Turboladeraggregats eine Kleingasturbine betrachtet,
teilt sich die vom Turbinenlaufrad eingetragene Wellenleistung in die Ver-
dichterleistung und die Nutzleistung auf. Beschleunigungsverhalten, Drehzahl,
Verdichterdruckverhältnis und Baugröße werden nach der Auslegungsstrategie
an jeweilige Erfordernisse des Nutzers angepasst. Die Auslegung der Wel-
le/Nabe-Verbindung unterscheidet sich jedoch generell nicht von der für einen
thermomechanisch hoch beanspruchten Turbolader.
3.2 Funktionsprinzip
Das Funktionsprinzip der neuartigen Keramikwelle-Metallnabe-Verbindung
basiert auf der Idee, die in [8] für einen ebenen Spannungszustand (2D) vorge-
stellt wurde und bereits Verwendung bei Heißgasschleudertests keramischer
Scheiben fand [9, 10]. Bei dieser Verbindung werden die verschieden großen
Dehnungen zwischen Keramik und Metall durch Segmente kompensiert, die
zwischen metallischer Nabe und keramischer Welle angeordnet sind (Abb.
3.5).
dKdN,i
Keramikwelle -αK
Nabe - αN
Segmente -αSN,a
d
B
Abbildung 3.5: Aufbau der Welle/Nabe-Verbindung nach 11]
Die Schlitze zwischen den Segmenten dienen der Unterbrechung des Kraft-
flusses innerhalb der Segmente in tangentialer Richtung, wodurch ein Ab-
stützeffekt verhindert und der Kraftfluss in radialer Richtung von der Nabe
über die Segmente zur keramischen Welle gewährleistet wird. Die Segmente
werden am Außendurchmesser mit einem Übermaß gefertigt, das die für den
Kraftschluss notwendige Pressung realisiert. Der Fugendruck pF in der Kon-
taktzone der Segmente und der keramischen Welle soll im Idealfall über den
18 Welle/Nabe-Verbindung
Einsatztemperaturbereich konstant bleiben, um eine Verringerung des von der
Welle/Nabe-Verbindung übertragbaren Drehmoments zu verhindern. In
diesem Fall dürfen keine zusätzlichen radialen Kräfte in den Fügeflächen
durch die thermischen Dehnungen der Nabe, der Segmente und der kera-
mischen Welle hervorgerufen werden, d.h. die Differenz aus der Summe
der radialen thermischen Dehnungen uth der keramischen Welle mit den
umgebenden Segmenten und der Hülse muß null sein. Aus dieser Forde-
rung ergibt sich mit der vereinfachenden Annahme, dass die thermischen
Dehnungen über dem Umfang der Segmente gleichmäßig in radialer
Richtung erfolgt, die Gl. 3.3 [8].
0
=
]
[
d
]
)
d
-(d
[d
=
T
u
N
i
N
,
S
KiN,
K
K
th
-
+
ααα
∆(3.3)
Die Bestimmung des Fügedurchmesserverhältnisses dN,i/dK für eine Vor-
auslegung der Welle/Nabe-Verbindung kann nach Gl. 3.4 in Abhängigkeit der
Ausdehnungskoeffizienten der Nabe - αN, Segmente - αS und der Keramik-
welle - αK vorgenommen werden.
SN
SK
K
iN,
αα
αα
-
-
=
d
d(3.4)
Vereinfachend wird der Ausdehnungskoeffizient vorausgesetzt für den ge-
samten Einsatztemperaturbereich des jeweiligen Werkstoffs als konstant ange-
nommen. Die Ungleichung 3.5 muss erfüllt sein.
αK < αN < αS(3.5)
Theoretisch bestimmt somit das Durchmesserverhältnis dN,i/dK für einmal
vorgegebene Ausdehnungskoeffizienten, ob bei der Erwärmung der Wel-
le/Nabe-Verbindung der Druck der Pressung konstant bleibt bzw. abfällt oder
zunimmt. Wie in Kapitel 5 später gezeigt wird, verformen sich aufgrund der
thermischen Dehnungen bei höheren Temperaturen die Segmente in radialer
Richtung nicht gleichmäßig, so dass Gl. 3.4 nur zu einer überschlägigen Aus-
legung herangezogen werden kann. Wurde das Durchmesserverhältnis dN,i/dK
gemäß der Gl. 3.4 für eine gegebene Werkstoffauswahl errechnet, dann lässt
sich der Fugendruck pF als Funktion des Übermaßes U nach Gl. 3.6 darstellen
(abgeleitet aus [8]).
Welle/Nabe-Verbindung 19
E
d
d d
d d
d E 2
d d
E
d ) - (1
U
p
22
2222
+
−
+
+
−
+
=
N
K
N
iN,aN,
iN,aN,
iN,S
KiN,
K
KK
F
υ
υ
(3.6)
Für ein gegebenes Übermaß stellt sich der Fugendruck als unabhängig von
der Temperatur dar und wird auch über dem Umfang des keramischen Wellen-
ansatzes als konstant angenommen. Die Gln. (3.3) - (3.6) setzen ein von der
Temperatur unabhängiges Materialverhalten voraus. Soll bei der Auslegung
der Verbindung das reale Werkstoffverhalten berücksichtigt werden, dann
müssen numerische Berechnungsverfahren benutzt werden.
3.3 Konstruktionsvarianten
Zwei dem Aufbau nach unterschiedliche Varianten der Welle/Nabe-
Verbindung wurden hergestellt und untersucht. Zum besseren Verständnis hin-
sichtlich der Anordnung der Bauteile sind in Abb. 3.6, auf der nächsten Seite,
der keramische Rotor eines Turboladers, hier des K26, und die beiden Verbin-
dungsvarianten im Schnitt schematisch dargestellt, wie man sie sich auch bei
einer keramischen Kleingasturbine vorstellen kann. Die Rückenschräge des
keramischen Laufrads resultiert aus der Forderung nach ausreichend hoher
Bauteilfestigkeit. Nuten für Öldichtringe und eine Ölschleudernut sind am äu-
ßeren Umfang der Nabe eingebracht.
Die beiden Varianten unterscheiden sich in der Gestaltung der metallischen
Welle. Die Variante I wurde bereits für kurzzeitige Schleudertests keramischer
Scheiben [11] und keramischer Turbinenlaufräder [47] eingesetzt. Die Welle
und die Segmente bilden dabei ein gemeinsames Bauteil, die Nabe tritt als ge-
sondertes Bauteil auf. Bei Variante II ist nunmehr die Nabe in der Welle inte-
griert und die Segmente werden als einzelne Bauteile über den Reibschluss in
ihrer Lage fixiert. Dadurch wird sowohl die Fertigung als auch die Montage
grundsätzlich erschwert. Dennoch wird diese Variante in [11] vorgeschlagen,
um die konstruktionsbedingten Verluste an Flächenpressung am Ende des ke-
ramischen Wellenansatzes, welche bei der aufgeheizten Welle/Nabe-
Verbindung der Variante I auftreten, zu unterbinden und plastische Verfor-
mungen der metallischen Teile zu vermeiden.
20 Welle/Nabe-Verbindung
Variante I Variante II
Abbildung 3.6: Bauvarianten der Welle/Nabe-Verbindung
Die einzelnen Komponenten einer Versuchswelle für die Torsionsprüfung
zu Variante I, im montierten Zustand und einzeln, zeigt die Abb. 3.7. Das
Drehmoment wird durch eine formschlüssig wirkende Vierkantverbindung am
metallischen Ende der Welle eingeleitet. Der keramische Wellenansatz geht -
anstelle in das Turbinenlaufrad - in ein P3G-Polygon über, an dem die Ver-
suchswelle festgehalten wird.
Abbildung 3.7: Versuchswelle für die Torsionsprüfung (Variante I)
Neben der grundlegenden Ausführung (Variante I und II) wurde die Vari-
ante II auch noch in ihren Abmessungen variiert. Zusätzliche Versuchsvarian-
ten entstanden durch Beschichten oder Feinschleifen der keramischen Welle,
die Erhöhung der Segmentanzahl von 4 auf 8 sowie die Veränderung der Seg-
mentabmessungen. Eine genaue Spezifikation der Torsionsproben wird in Ab-
schnitt 3.5 vorgenommen.
Welle/Nabe-Verbindung 21
3.4 Verwendete Werkstoffe
Die Nabe ist den höchsten mechanischen Belastungen ausgesetzt, weil auf
sie die Zentripetalkräfte (auch der Segmente) und die Kräfte der Pressung wir-
ken. Der thermische Ausdehnungskoeffizient αN des Nabenwerkstoffs muss
deutlich kleiner sein als der der Segmente (αS). Demzufolge wurde der kom-
merziell erhältliche, hochwarmfeste, austenitische Stahl INCOLOY 909 als
Nabenwerkstoff ausgewählt, weil er bis zu Temperaturen von 800°C hohe Fe-
stigkeitswerte bei geringen thermischen Dehnungen aufweist. Bis zum Phasen-
übergang ferromagnetisch-paramagnetisch, bei ca. 425°C, bleibt der Ausdeh-
nungskoeffizient des Werkstoffs INCOLOY 909 nahezu konstant (Abb. 3.8).
Ausdehnungskoeffizient in 10-6 / K
Temperatur in °C
0
3
6
9
12
15
18
0100 200 300 400 500 600 700 800 900
INCOLOY 909
NIMONIC 90 A
Si3N4
Abbildung 3.8: Thermische Ausdehnungskoeffizienten
Die Segmente stehen im Kontakt mit dem keramischen Wellenzapfen
und sind noch höheren Temperaturen als die Nabe ausgesetzt, da der
Wärmefluss vom Turbinenlaufrad über die Segmente zur Welle hin erfolgt.
NIMONIC 90A wurde als Werkstoff für die Segmente ausgewählt, da es
sehr hohe Zeitstandfestigkeiten bis 800°C besitzt. Weil sich monolithi-
sches Siliziumnitrid als Werkstoff für keramische Laufräder von Kleingas-
turbinen mittlerweile bewährt und durchgesetzt hat, wurde für die kerami-
schen Versuchswellen ein dichtes gesintertes Siliziumnitrid Si3N4 (N
3208) der Firma CFI1 verwendet. Der Ausdehnungskoeffizient dieser Ke-
1 CFI GmbH & Co.KG Ceramics for Industry
22 Welle/Nabe-Verbindung
ramik steigt im Temperaturbereich von 20°C bis 800°C zwar um den Fak-
tor 2 stärker als der jeweilige der beiden metallischen Werkstoffe, liegt
aber insgesamt auf niedrigem Niveau. Entscheidend für die Höhe des
Kontaktdrucks im Presssitz in Abhängigkeit von der Temperatur ist der
Verlauf der Ausdehnungskoeffizienten von INCOLOY 909 und NIMONIC
90 A, wonach bei 400°C ein Maximum an Kontaktdruck zu erwarten ist.
Tabelle 3.1: Herstellerangaben zu den mechanischen und physikalischen Ei-
genschaften der metallischen Werkstoffe
DehngrenzeTemperatur
°C
Elastizitäts-
modul E
GPa
Querkon-
traktionszahl
ν
--
0,1%
N/mm20,2%
N/mm2
Ausdehnungs-
koeffizient α
10–6/K
NIMONIC 90_A – Dichte: 8180 kg/m3
20 226 0,36∗729 752 --
100 221 0,35∗723 742 12,8 (20-100)
200 216 0,35∗689 708 13,3 (20-200)
300 208 0,35∗664 681 13,7 (20-300)
400 201 0,36∗661 678 14,0 (20-400)
500 194 0,37∗657 672 14,3 (20-500)
600 186 0,37∗657 675 14,8 (20-600)
700 177 0,36∗621 640 15,3 (20-700)
800 167 0,37∗510 532 16,2 (20-800)
900 155 0,36∗288 306 17,1 (20-900)
INCOLOY 909 – Dichte: 8190 kg/m3
20 159 0,35 -- 1020 --
100 160 0,34 -- 1010 7,8 (20-100)
200 161 0,33 -- 1000 8,0 (20-200)
300 163 0,34 -- 980 7,8 (20-300)
400 164 0,34 -- 960 7,7 (20-400)
500 164 0,35 -- 950 8,8 (20-500)
600 160 0,36 -- 900 9,9 (20-600)
700 152 0,36 -- 750 11,2 (20-700)
800 143 0,37 -- 350 12,6 (20-800)
* aus Elastizitätsmodul und Schubmodul für kalt gewalztes Blech berechnet
In Tab. 3.1 sind die für Festigkeits- und Temperaturfeldberechnungen rele-
vanten mechanischen und physikalischen Kennwerte dargestellt. Die Dehn-
grenze Rp0,2 von INCOLOY 909 fällt von 750_MPa bei 700°C auf 350_MPa
bei 800°C stark ab, wogegen bei NIMONIC_90 A erst im Bereich zwischen
Welle/Nabe-Verbindung 23
800°C (532 MPa) und 900°C (306 MPa) ein starker Abfall zu verzeichnen ist.
Das nicht wärmebehandelte NIMONIC 90-Stabmaterial war mittels Warm-
Strangpressen produziert und anschließend überdreht worden. Die zugehörigen
Werkstoffblätter enthalten umfangreiche Daten, die die mechanischen und
physikalischen Eigenschaften dieses Werkstoffs gut beschreiben. Dennoch lie-
gen Unsicherheiten insbesondere bei der Verwendung der mechanischen Ei-
genschaften für die Festigkeitsberechnung vor. So schwanken die Werte der
Festigkeiten je nach Herstellungsart der Stäbe und ihrer anschließenden Wär-
mebehandlung um ca. 10%. Zudem liegt die Situation vor, dass die Segmente
hauptsächlich auf Druck beansprucht werden, während die mechanischen
Kenngrößen anhand von Zugversuchen ermittelt worden sind. Der Nabenwerk-
stoff INCOLOY 909 konnte in den angeforderten geringen Mengen nicht als
Stabmaterial bezogen werden. Deshalb wurden die benötigten Stabrohlinge aus
einem geschmiedeten Block durch Elektroerodieren herausgearbeitet.
Die Festigkeit des keramischen Werkstoffs wurde vom Hersteller im dyna-
mischen Vierpunkt-Biegeversuch ermittelt bzw. in [22] untersucht (Tab. 3.2).
Tabelle 3.2: Mechanische und physikalische Eigenschaften der Siliziumnitrid-
keramik
WEIBULL-ParameterTemperatur
°C
Elastizitäts-
modul E
GPa
Querkon-
traktionszahl
ν
--
mσ0Probe
MPa
Ausdehnungs-
koeffizient α
10–6/K
Si3N4 (N3208) – Dichte: 3230 kg/m3
20 320 0,3 20; 17,3* 920; 840* --
100 -- -- -- 1,54 (20-100)
200 -- -- -- 1,83 (20-200)
300 -- -- -- 2,03 (20-300)
400 319 0,3 -- 2,24 (20-400)
500 -- -- -- 2,47 (20-500)
600 317 0,3 -- 2,66 (20-600)
700 316 0,3 -- 2,88 (20-700)
800 315 0,3 8,5* 670* 3,04 (20-800)
* aus [22]
nicht gesondert gekennzeichnete Tabellenwerte sind Herstellerangaben [51] mit
σ
=100MPa und Oberflächen-Rauheit Ra=0,1µm ermittelt
Dafür wurden Proben mit den Abmessungen 3x4x40/20 mm entsprechend
24 Welle/Nabe-Verbindung
der DIN 51110 verwendet, wobei “40“ für den Abstand der äußeren Auflager
und “20“ für den Abstand der inneren Auflager steht. Die Angaben der
WEIBULL-Parameter sind stets mit Unsicherheiten behaftet, da schon die Her-
stellung und Präparation der Proben einen beträchtlichen Einfluss auf die Bie-
gefestigkeit σB ausübt. In der Regel sind keine Angaben über die
Oberflächenrauigkeiten, die Schleifrichtung und die verwendeten Auflager
verfügbar. Die Geschwindigkeit der Lastaufbringung bei der Bestimmung der
Biegefestigkeit wird in der Regel ebenfalls nicht angegeben. Bei hohen
Temperaturen ist die Biegefestigkeit σB im Bereich geringer Lastraten auch
von der Beanspruchungsgeschwindigkeit σ
abhängig ( )f(
Bσ=σ
), weil
Effekte des unterkritischen Risswachstums die Festigkeit herabsetzen. Wird die
Geschwindigkeit der Lastaufbringung gesteigert, so erhöht sich die Festigkeit,
bis die sogenannte Inertfestigkeit erreicht wird, für die oberhalb einer
bestimmten Lastrate σB=const. gilt [43]. In der Praxis gestatten die vom
Hersteller angegebenen Festigkeitskennwerte dennoch eine gute Einschätzung
des jeweiligen Werkstoffs, da ihre Bestimmung letztlich unter - adequat zum
Einsatz im realen keramischen Bauteil - sinnvoll gewählten Testbedingungen
erfolgt.
Die elektronenmikroskopische Aufnahme in Abb. 3.9 zeigt die feinkörnige
Struktur der Si3N4-Keramik, welche durchsetzt ist mit einzelnen langen Kör-
nern. Es liegt eine hervorragend geringe Porosität von unter 1% vor. Die fein-
körnige Gefügestruktur führt einerseits zu sehr hohen Festigkeiten, aber ande-
rerseits zu einer geringen Bruchzähigkeit bei 20°C von 6,5 MPa_m1/2 [51] bzw.
3,5 MPa_m1/2 [22]. Unter Spannung stehende Anrisse werden damit sehr
schnell zum Bruch am betroffenen Bauteilquerschnitt führen.
1 µm
Abbildung 3.9: Gefüge des Si3N4 Werkstoffs [51]
Welle/Nabe-Verbindung 25
3.5 Fertigung und Montage der Teile
Der Fertigungsprozess bestimmt die Qualität der Produkte und damit
oft auch ihre generelle Funktionsfähigkeit. In diesem Sinne wird im Fol-
genden auf einige Details bei der Herstellung und Montage der Torsions-
proben eingegangen, insoweit sie die Resultate der experimentellen Ar-
beiten beeinflussen.
Da unter anderem der Einfluss des Übermaßes auf das übertragbare
Drehmoment ermittelt werden sollte, waren die geforderten Toleranzen der
jeweiligen Fügedurchmesser der Teile mit 5_µm sehr klein gewählt, wes-
halb ihre Endbearbeitung mittels Außen- bzw. Innenrundschleifen erfolgte.
Segmente
Die Segmente wurden durch Elektroerodieren aus einem Ring herge-
stellt, bevor sie auf Maß geschliffen wurden (Ra=1_µm; Rz-D=7,1_µm).
Das hat den Vorteil, dass eventuell durch den hohen örtlichen Wärmeein-
trag beim Elektroerodieren auftretende Formänderungen anschließend
durch das Schleifen beseitigt werden. Die Bearbeitung der geschlitzten
Teile erschwert jedoch das maßgenaue Schleifen. Die Segmente der Vari-
ante II, die im montierten Zustand vier bzw. 8 separate Teile sind, blieben
während der Fertigung durch einen Bund miteinander verbunden, der nicht
geschlitzt wurde (Abb. 3.10). Ein speziell angefertigter Bearbeitungsdorn
diente zum Einspannen dieser Teile für das Außenrundschleifen. Der Fer-
tigungsbund wurde nach der Montage der Verbindung abgedreht. Dieses
Vorgehen war zwar für die Versuche zweckmäßig, ist aber nicht für die
Serienfertigung geeignet. Im Kapitel 7 werden dementsprechend Möglich-
keiten zur wirtschaftlichen Fertigung der Variante II genannt.
Bearbeitungsdorn
Abbildung 3.10: Segmente der Variante II mit Fertigungsbund
26 Welle/Nabe-Verbindung
Beim Vermessen der Außendurchmesser der Segmente im geschlitzten
und ungeschlitzten Bereich wurde ein geringfügig konischer Verlauf so-
wohl bei Variante_I als auch bei Variante_II festgestellt. Allerdings diver-
gierten die gemessenen Durchmesser an beiden Enden im Höchstfalle um 3
µm. Ob es sich dabei um reale - durch ungleichmäßiges Schleifen hervor-
gerufene - Abweichungen oder lediglich um Messfehler handelt (durch die
Schlitze bedingt), war nicht eindeutig zu klären.
Nabe
Die aus INCOLOY 909 gefertigten Teile müssen für den Langzeitein-
satz bei Temperaturen oberhalb 550°C durch eine Beschichtung vor Oxi-
dation geschützt werden. Für die kurzzeitigen Torsionsprüfungen war dies
nicht nötig, weil die Dicke der sich innerhalb der Versuchszeit bildenden
Oxidschicht (1-2_µm) keinen bedeutenden Einfluss auf die Höhe des Fu-
gendruckes pF hat. Diejenigen Torsionsproben jedoch, welche bei 600°C
bis zu 1000_h an Luft im Ofen ausgelagert wurden, mussten hingegen mit
einem geeigneten Material und Verfahren beschichtet werden.
Die Eigenschaften solcher Beschichtungen, wie z.B. Gefüge, Dichte, Ei-
genspannungszustand, Oxidations- und Korrosionsbeständigkeit, Wasser-
durchlässigkeit, Reibungswiderstand oder elektrische und thermische Leitfä-
higkeit, sind sowohl vom Beschichtungswerkstoff selbst als auch vom ange-
wendeten Auftragungsverfahren abhängig [44]. Inzwischen gibt es Ingenieur-
büros, die eigens auf dem Gebiet der Oberflächenbeschichtung von Metallen
beraten. Die Oxidationsschutzschicht sollte Spannungsrisskorrosion und somit
das Versagen der Nabe bzw. zusätzliche Druckspannungen durch Volumenzu-
nahme und damit eine Verfälschung der Ergebnisse der Zeitstandversuche ver-
hindern. Beschichtet wurde schließlich nach dem PVD Verfahren (physical
vapor deposition), weil bei diesem Verfahren die Beschichtungstemperaturen
im Allgemeinen deutlich niedriger liegen (ca. 300-600°C) als beim CVD
(chemical vapor deposition-Verfahren) (ca. 750-1100°C) [45], was beim
austenitischen INCOLOY zu Gefügeänderungen führen könnte.
Mangels eigener Erfahrungen wurden die anderweitig vielfach einge-
setzten Beschichtungswerkstoffe Titannitrid (TiN) und Chromnitrid (CrN)
erprobt. TiN ist nach Angaben der mit dem Beschichten beauftragten Fir-
ma bis ca. 600°C und CrN bis 700°C gegen Oxidation beständig. Mit Sili-
zium dotiertes Titannitrid (TiSiN), nach dem PACVD-Verfahren (plasma-
assisted chemical vapor deposition) aufgetragen, besitzt nach Herstelleran-
gaben eine gute Oxidationsbeständigkeit bis 700°C [46], wird bisher aber
Welle/Nabe-Verbindung 27
nicht kommerziell zur Beschichtung eingesetzt und daher in dieser Arbeit
nicht weiter verfolgt.
Keramikwelle
Die Formgebung der keramischen Versuchswellen erfolgte durch isostati-
sches Pressen bei 2000 bar. Die dabei entstehenden Grünkörper wurden an-
schließend bei einem Druck von 95 bar gasdruckgesintert. Der zylindrische
Schaft und das Wellenende mit Polygonprofil wurden dann noch auf das ge-
forderte Endmaß geschliffen. Insgesamt wurden drei Chargen von keramischen
Versuchswellen hergestellt. Charge_I und II unterscheiden sich im Wesentli-
chen im Durchmesser des zylindrischen Schafts (I - ∅_6_mm; II - ∅_8_mm).
Aus den Versuchsergebnissen ließ sich ableiten, dass die Rauigkeit am zylin-
drischen Schaft der Chargen I und II das Versagen dieser Versuchswellen be-
günstigt. Als Konsequenz wurde für die Bearbeitung des zylindrischen Schafts
der Charge III, deren geometrische Abmessungen denen der Charge_I gleich
sind, anstelle des Einstichschleifverfahrens das etwas aufwändigere Pendel-
schleifverfahren eingesetzt, um insbesondere tiefere Schleifrillen in Umfangs-
richtung zu vermeiden. Mit dem “Hommel Tester T2000“ der Firma Hommel-
werke GmbH wurden für alle drei Chargen die Rauigkeiten je zweier Ver-
suchskörper bestimmt. Das Ergebnis war, dass die Rauigkeitswerte um etwa
den Faktor 5, d.h. von Ra=1,0_µm (Rz-D=8,8_µm) bei Charge I und II auf
Ra=0,2_µm (Rz-D=1,8_µm) bei Charge III geringer waren. Zwei Ausdrucke des
Rauigkeitsprofils zeigt Abb. 3.11.
Meßstrecke in mm
Profilhöhe in µm
0 1.0 2.0 3.0 4.0
0 1.0 2.0 3.0 4.0
0
4
8
Probe von Charge I Probe von Charge III
Meßstrecke
Abbildung 3.11: Oberflächen-Rauigkeit
Das Profil der Rauigkeiten bestimmt den Reibungskoeffizienten in er-
heblichem Maße. Schmierstoffe oder Feststoffschichten, die zwischen zwei
Kontaktflächen eingebracht werden, verhindern das Ineinandergreifen der
28 Welle/Nabe-Verbindung
Rauigkeitsspitzen und verändern damit den Reibungskoeffizienten. In [52]
werden umfangreiche Untersuchungen mit beschichteten Metall/Metall-
Kontaktflächen dargelegt, die das Ziel verfolgten, das Übertragungsver-
halten von Welle/Nabe-Verbindungen gezielt zu beeinflussen. Es wird dort
angemerkt, dass relativ weiche Schichten als Übertragungselemente für
Kräfte und Momente in Pressverbindungen vorteilhafter sind als harte
Schichten.
Um das Versagen der keramischen Wellenansätze durch zu hohe axiale
Scherspannungen zu verhindern, wurden diese bei den Varianten II-E bis
II-K beschichtet. Das Know-how dafür lieferte die Firma Honeywell Engi-
nes and Systems, wo dieses Verfahren entwickelt wurde.
Montage
Wichtige geometrische Abmessungen aller Torsionsproben, die Füge-
kraft und das jeweilige Übermaß sind in Tab. 3.4 wiedergegeben.
Tabelle 3.4: Spezifikation der Torsionsproben
Abmessungen und FügekraftVariante An-
zahl dK
mm dN,i
mm dN,a
mm L
mm B
mm U
µm F
kN
Besonderheiten
I 40 6 15 21 10 0,5 45-55 8,5 C-I
II – A 40 6 16 23 11 0,5 30-40 5,5 C-I
II – B 15 8 19 25 12 0,5 50-60 5 C-II
II – C 15 8 19 25 12 0,5 30-40 2,5 C-II
II – D 4 8 19 25 12 0,5 45-55 4-5 C-II, p
II – E 4 8 19 25 12 0,5 50-60* 35 C-II, b, B
II – F 6 8 19 25 12 0,5 50-60* 6-7 C-II, b, B, 8
II – G 5 8 19 25 12 0,5 50-60 5 C-II, k
II – H 6 6 13 17 6 0,4 8-13* 1,5 C-III
II – J 7 6 13 17 6 0,4 28-33* 2-3 C-III
II – K 6 6 13 17 6 0,4 48-53* 4-5 C-III
*das Übermaß berücksichtigt noch nicht die Beschichtung der Keramikzapfen
C keramische Versuchswellen der Charge I oder II oder III verwendet
p der keramische Wellenansatz wurde feingeschliffen (Ra=0,1)
b der keramische Wellenansatz wurde mit Leitlack beschichtet
B Beschichtung der Naben mit TiN bzw. CrN
8 es wurden 8 (45°) anstelle von 4 (90°) Segmenten verwendet
kbeide Fügedurchmesser der Segmente jeweils um 0,1 mm kleiner (dK=7,9 und
dN,i=18,9)
Welle/Nabe-Verbindung 29
Bei der hier untersuchten Welle/Nabe-Verbindung handelt es sich quasi
um eine Mischung aus Längs- und Querpressverband, die mit Hilfe einer
hydraulischen Presse bei Raumtemperatur gefügt wurde. Der keramische
Wellenansatz wurde in den Segmentring eingeführt und beide Teile dann
in die Nabe eingepresst. An der dafür genutzten Presse konnte die aufge-
brachte Druckkraft mit einer Genauigkeit von ca. 0,5 kN abgelesen wer-
den. Des Weiteren ließ sich eine Maximalkraft vorgegeben, deren Errei-
chen zur Abschaltung der Ölpumpe und zum sofortigen Druckabbau inner-
halb der Hydraulikvorrichtung und somit der Kraft am Stempel führt. Aus
der Fügekraft wurde für die Reibpaarung INCOLOY/NIMONIC ein Rei-
bungskoeffizient von µ=0,1 und für die Reibpaarung TiN/NIMONIC ein
Reibungskoeffizient von µ=0,7 bei 20°C, abgeschätzt. Für eine jeweils ge-
gebene Reibpaarung und gleiche Geometrie korreliert die Fügekraft sehr
gut mit den gemessenen Übermaßen und kann somit zur Qualitätskontrolle
herangezogen werden.
Die Fügelänge L gibt die Länge der Keramik/Metall-Kontaktfläche an.
In der Spalte Besonderheiten der Tab 3.4 werden Maßnahmen aufgezählt,
deren Auswirkungen auf das übertragbare Drehmoment untersucht wurden
bzw. die die Funktionstüchtigkeit und Betriebssicherheit der Welle/Nabe-
Verbindung gewährleisten sollten. Die Vielzahl an Variationen der Tor-
sionsproben rührt von den zu lösenden Problemen her und von der Viel-
zahl der Parameter, die das maximal übertragbare Drehmoment MT,max die-
ser Welle/Nabe-Verbindung im Einsatz in einer Kleingasturbine bestim-
men. Gl. 3.7 im Zusammenhang mit Abb. 3.12 (Seite 30) verdeutlicht den
Einfluss der einzelnen Parameter auf MT,max.
maxT,FF
K
R
KM dp A µ
2
d
F
2
d==⋅ ∫(3.7)
Die Temperaturverteilung beeinflusst über die thermischen Ausdeh-
nungskoeffizienten der Werkstoffe direkt die Kontaktdruckverteilung. Zu-
dem können bei hohen Temperaturen in Abhängigkeit vom Umgebungs-
medium Korrosion bzw. Oxidation vorkommen. Durch Volumenzunahme
der Nabe vergrößert sich das effektive Übermaß und damit der Fugen-
druck. Auch die Größe der Kontaktfläche selbst ist für eine gegebene
Geometrie keine konstante Größe, sondern variiert mit den Betriebsbedin-
gungen. Teilweise ist der Einfluss der Parameter miteinander verknüpft. So
wird z.B. der von der Temperatur abhängige Fugendruck pF(T) in der Ke-
ramik/Metall-Kontaktfläche vom Durchmesserverhältnis dN,i/dK beeinflusst
30 Welle/Nabe-Verbindung
(wenn dN,i/dK_↑ dann pF(T)_↑_). Mit dN,i/dK_↑ steigen die Zentripetalkräfte
bei gegebener Drehzahl n. Höhere Zentripetalkräfte bewirken stärkere ela-
stische bzw. plastische Verformungen der Nabe, wodurch pF(n) abfällt. Mit
Zunahme von dN,i/dK nimmt auch die Steifigkeit der Segmente zu und ver-
ändert sich die Druckverteilung.
FR
d /2
Kkeramischer
Wellenansatz
F
dp ; µ
Rauigkeiten der Kontaktflächen
Beschichtung
elastische Verformungen (E, =f(T)
Beschichtungsdicke
Beschaffenheit der
Kontaktflächen
Materialeigenschaften (bestim-
men auch die Steifigkeit der
Kontaktflächen)
Belastungsgeschwindigkeit dMT/ dt
Umgebungsmedium
Drehzahl (Zentripetalkräfte)
Temperatur (0-800°C)
- Rp,0,2 = f(T,
σ
)
plastische Verformungen
- Kriechen der Metalle = f(T,
σ
,t)
Geometrie Fügelänge
Segmentanzahl
Durchmesser dK ; dN,i ; dN,a
Betriebsbedingungen
}}
}
max T,
M
Beeinflussung des maximal übertragbaren Drehmoments durch:
FF dp; A
ν
Effektives Übermaß
FF dp; A
}maxT,KM ~ d F
A
Abbildung 3.12: Einflussparameter auf das übertragbare Drehmoment
Die Torsionsversuche mit den Varianten I und II-A dienten der Bestim-
mung der Reibungskoeffizienten und deren Temperaturabhängigkeit. Die Be-
stimmung des Durchmesserverhältnisses dN,i/dK und des Übermaßes unterlag
einem iterativen Prozess, bestehend aus einer 2D-FE-Berechnung zur Span-
nungsverteilung und anschließendem Abgleich mit lokalen Spannungsmessun-
gen. Diese FE-Berechnungen mussten mangels verfügbarer Werte für die Rei-
bungskoeffizienten, noch unter der Annahme von Reibungsfreiheit durchge-
führt werden. In Abschnitt 6.2.2 werden die FE-Berechnungen mit Berück-
sichtigung der Reibung vorgestellt. Die hier angesprochenen Spannungsmes-
Welle/Nabe-Verbindung 31
sungen wurden vom Hahn-Meitner-Institut (HMI) Berlin durchgeführt, dem
Kooperationspartner des Forschungsprojekts, aus dem die vorliegende Arbeit
entstammt.
32 Welle/Nabe-Verbindung
4 Experimentelle Untersuchungen
Die Versuchsdurchführung darzulegen und mögliche Fehlerquellen aufzu-
zeigen, die bei der Bewertung der Resultate zu berücksichtigen sind, soll Inhalt
dieses Kapitels sein. Bereits vorhandene Versuchseinrichtungen waren teilwei-
se so zu modifizieren, dass die Probenaufnahme ermöglicht und die Fehler bei
der Messwertaufnahme minimiert werden.
4.1 Methodik
Wie bereits angedeutet, gibt es eine Vielzahl von Randbedingungen und
Kennwerten, deren Einfluss auf das Übertragungsverhalten der Welle/Nabe-
Verbindung möglichst getrennt zu untersuchen ist. Von besonderer Wichtigkeit
sind hier
• das Drehmoment M,
• die Drehzahl n,
• die Temperatur T,
• die Reibungskoeffizienten µ,
• die maximalen Scherspannungen τmax
• und das effektive Übermaß Ueff.
Messtechnisch gut zu erfassen sind die Belastungsparameter Drehmoment
und Temperatur der homogen aufgeheizten Probe. Die Drehzahl übt auf die
Drehmomentübertragung einen bedeutenden Einfluss aus und stellt im Sinne
der FE-Simulation ebenfalls einen klar definierten Lastparameter dar. Deshalb
wird im Rahmen der experimentellen Arbeiten der Drehzahleinfluss nicht un-
tersucht, allerdings in der numerischen Simulation berücksichtigt. Das effekti-
ve Übermaß und die Reibungskoeffizienten bzw. die maximalen Scherspan-
nungen in den Kontaktflächen sind in einem iterativen Prozess zu ermitteln.
Die dabei zugrunde liegende Vorgehensweise wird in Abb. 4.1 dargestellt.
Das in der FE-Berechnung zu berücksichtigende effektive Übermaß unter-
34 Experimentelle Untersuchungen
scheidet sich – infolge plastischer Verformungen - von dem vor der Montage
gemessenen Übermaß. Das effektive Übermaß wird durch die experimentelle
Spannungsbestimmung in Kombination mit der FE-Analyse ermittelt. Zur in-
situ-Untersuchung der Spannungen im Inneren des keramischen Wellenzapfens
- umschlossen von den metallischen Komponenten der Verbindung - steht als
einziges zerstörungsfreie Verfahren die Neutronendiffraktometrie zur Verfü-
gung, welche Messungen im Inneren eines Bauteils ermöglicht. Im nächsten
Schritt ist aus einer Kombination von Torsionsprüfungen und den FE-
Berechnungen der Reibungskoeffizient zu bestimmen. Obwohl die tribologi-
schen Zusammenhänge in Wirklichkeit viel komplexer sind, lässt sich der Rei-
bungskoeffizient mit ausreichender Genauigkeit als alleinige Funktion der
Temperatur und des Kontaktdrucks und damit - indirekt - des effektiven Über-
maßes betrachten. Die axialen Belastungstests dienten zur Bestimmung des
Reibungskoeffizienten der Keramik/Metall-Kontaktfläche in axialer Richtung.
Die in tangentialer Richtung eingebrachten Schleifrillen (Umfangsrichtung)
bewirken eine Anisotropie des Reibungskoeffizienten.
FEM
Neutronen-
diffraktometrie Torsionsprüfung
(µ )
tangential
Berechnung beliebiger Geometrien bei beliebig gewählten
Betriebsbedingungen (T, M, n)
axial
axiale
Belastungstests
(µ )
iterative Bestimmung
des effektiven Übermaßes; U
der Reibungskoeffizienten µ=f(T,U )
eff
eff
Vereinfachung der Prüfbedingungen
isotherme Temperaturverteilung
keine Rotation (Zentripetalkräfte)
Abbildung_4.1: Methodik bei der Bestimmung der Randbedingungen
Experimentelle Untersuchungen 35
Häufig begrenzen die maximal vom Werkstoff ertragbaren Scherspannun-
gen die Kräfte und Momente, die durch eine Kontaktfläche einer Pressverbin-
dung tatsächlich übertragen werden können. Mit einer Variation des Überma-
ßes lässt sich detektieren, ob die maximale Kraftübertragung durch den Reib-
koeffizienten oder durch die Scherspannung bestimmt wird, und so das pas-
sende Reibmodell finden.
4.2 Torsionsprüfung
Ein Kernstück der erforderlichen experimentellen Arbeiten bilden die Tor-
sionsprüfungen, die den mit Abstand höchsten experimentellen Aufwand be-
reiteten. Eine Torsionsprüfvorrichtung hat mit einer homogenen Temperatur-
verteilung und dynamischer Torsionslastaufbringung an einer nicht rotierenden
Probe genau definierte, reproduzierbare, einfache Prüfbedingungen zu ge-
währleisten, um den Einfluss von Parametern wie z.B. Temperatur, Übermaß
und Segmentanzahl auf das übertragbare Drehmoment zu untersuchen. Es darf
nicht übersehen werden, dass die so erzielten experimentellen Resultate, z.B.
der Zeitstandfestigkeit der Welle/Nabe-Verbindung (ohne Zentripetalkraft)
oder das Bruchverhalten der Keramik (bedingt durch die Pressung), nicht ohne
weiteres auf die unter realen Betriebsbedingungen in einer Kleingasturbine
eingesetzte Welle/Nabe-Verbindung übertragbar sind. Die experimentelle
Überprüfung ihrer Betriebssicherheit kann deshalb nicht alleine durch Versu-
che am Torsionsprüfstand erbracht werden, sondern muss auch - dem speziel-
len Einsatzfall angepasst - durch Feldversuche im Aggregat selbst validiert
werden.
4.2.1 Torsionsprüfstand
Alle Torsionsprüfungen im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden mit ei-
ner eigens für statische und dynamische Torsionsversuche konstruierten Anlage
[48] am Fachgebiet Konstruktionstechnik der TU Berlin ausgeführt. Diese Anla-
ge besteht aus der Mechanik mit Gestell (Abb. 4.2), dem Steuerschrank mit den
elektrischen Einrichtungen und einem Personalcomputer (386-33MHz PC) mit
PCI 20002M-2 Carrier Messkarte mit A/D-Wandler der Firma Burr-Brown. Auf
der Messnabe sind Dehnungsmessstreifen der Firma Hottinger Baldwin aufge-
klebt, die als Vollbrücke zur Torsionsmessung verschaltet sind. Der Messfehler
der Drehmomentmessung wird in [48] mit 2,5% angegeben. Die Kalibrierung der
Anlage wurde zu Beginn und der Messung vorgenommen.
36 Experimentelle Untersuchungen
Abbildung 4.2: Torsionsprüfstand
Experimentelle Untersuchungen 37
4.2.2 Probenaufnahme
Die Probeneinspannung für Zugversuche [49] und auch für Torsionsver-
suche erfordert im Falle von keramischen Werkstoffen bei hohen Temperatu-
ren eine konstruktive Gestaltung, welche statisch unbestimmte Spannungszu-
stände vermeidet oder zumindest auf ein unbedeutsames Maß reduziert. Die
Einspannvorrichtung für die Fixierung der Torsionsproben ist schematisch in
Abb. 4.3 dargestellt. Der fest eingespannte Oberstempel nimmt das Moment
auf, das über den Unterstempel in die Probe eingeleitet wird. Dazu wird die
Scheibe mit Innenpolygon, die den Formschluss mit der Probe verwirklicht,
reibschlüssig zwischen Oberstempel und Zuganker eingespannt, nachdem die
Versuchstemperatur erreicht ist. So kann einem Versatz der Längsachsen
(Exzentrizität) von Oberstempel, Probe und Unterstempel entgegengetreten
werden.
Abbildung 4.3: Einspannvorrichtung
38 Experimentelle Untersuchungen
In der Spannvorrichtung des Zugankers sind Federn integriert, die die
thermischen Längsausdehnungen kompensieren und dadurch den Zuganker
vor Überlast schützen. Das genaue Fluchten der Längsachsen von Ober-
und Unterstempel, und damit die Planparallelität ihrer Stirnflächen, lassen
sich während der Versuchdurchführung nicht mehr einstellen. Dazu wird
eine einmalige Justierung der Anlage in kaltem Zustand vorgenommen.
Angesichts der Bruchflächen, die typisch für die während der Lastaufbrin-
gung gebrochenen Torsionsproben sind, gilt als wesentliche Versagensur-
sache die Torsionsbeanspruchung, worauf der Rissfortschritt in einem
Winkel von ca. 40-50° zur Längsachse hinweist (Abb. 4.4a). Zum Ver-
gleich zeigt Abb. 4.4b eine Bruchfläche, die aus einer reinen Biegebean-
spruchung resultiert. Generell war zu beobachten, dass der Rissursprung
stets an den Kanten der Segmente lag, wenn die Keramikschäfte nicht be-
schichtet waren.
Abbildung 4.4: a) Torsionsbruch und b) Biegebruch
4.2.3 Versuchsdurchführung und Messdatenerfassung
Nach dem Einbau der Proben heizt der Ofen die Probe samt Einspannvor-
richtung mit einer Geschwindigkeit von ca. 7 K/min bis zur vorgegebenen
Temperatur auf. Die Torsionslast wird 10 Minuten nach dem Erreichen der
Endtemperatur aufgebracht. Einerseits soll die Aufheizgeschwindigkeit nicht
zu hoch gewählt werden, weil es sonst zu einer zu ungleichmäßigen Wärme-
verteilung im Ofen kommt. Andererseits verbleibt die Probe vor dem Versuch
um so länger im hohen Temperaturbereich, je langsamer die Endtemperatur
erreicht wird. Dadurch können sich Effekte des primären Kriechens, die eine
Spannungsrelaxation hervorrufen können, auf die Versuchsergebnisse auswir-
ken und den Rechnungs-Messungs-Vergleich verfälschen.
Experimentelle Untersuchungen 39
Die Welle/Nabe-Verbindung wurde mit einer konstanten Torsionslastrate
beaufschlagt, bis entweder der zylindrische Keramikschaft brach oder gegen-
über der Nabe und den Segmenten durchrutschte und es zu einer Verdrehung
von etwa 10-15° kam. Abb. 4.5 zeigt Belastungsverläufe für eine Torsionspro-
be der Variante II-A bei 600°C. Demnach beginnt nach der Überwindung der
Haftreibungskräfte das Gleiten der Kontaktflächen gegeneinander (Gleitrei-
bung) und das Drehmoment fällt um ca. 10% ab. Bemerkenswert ist der An-
stieg des maximal übertragenen Drehmoments von 9,6_Nm bei der ersten Last-
aufbringung um ca. 20% auf 11.6_Nm bei der zweiten, was durch Setzungser-
scheinungen in der Keramik/Metall-Kontaktfläche und damit einhergehender
Vergrößerung der Kontaktflächen im mikroskopischen Bereich erklärt werden
kann. Bei einer dritten Lastaufbringung ergab sich keine weitere Steigerung
des Drehmoments mehr.
0
2
4
6
8
10
12
14
2345623456
Zeit in s
1. Lastaufbringung 2. Lastaufbringung
Schlupf bei
9.6 Nm 11.6 Nm
Geräteabschaltung
Drehmoment in Nm
Abbildung 4.5: Belastungskurve (600°C; Torsionsprobe Variante II-A)
Der Haftreibungskoeffizient µ0 ist unter anderem eine Funktion der Bela-
stungsgeschwindigkeit. Bei hohen Belastungsgeschwindigkeiten fällt er auf
einen unteren Wert, der dann gewöhnlich als Gleitreibungskoeffizient µG in-
terpretiert wird [50]. Allerdings gibt es nur sehr wenige vergleichende Mes-
sungen hierzu. Über den Quotienten µG/µ0≈0,9 ist eine Abschätzung des Zu-
sammenhangs zwischen Haftreibungskoeffizienten und Belastungsgeschwin-
digkeit möglich. Einen typischen Verlauf des Drehmoments für die Torsions-
proben, bei denen auf den keramischen Wellenansatz Leitlack der Schichtdicke
40 Experimentelle Untersuchungen
9-11 µm aufgetragen wurde, zeigt Abb. 4.6. Es ist weder ein Abfall des
Drehmoments nach dem Einsetzen des Gleitens festzustellen, noch ist ein An-
stieg durch Setzungserscheinungen zu verzeichnen. Diesen Sachverhalt aus-
nutzend, konnten dieselben Torsionsproben mit beschichtetem keramischen
Wellenansatz - zum Zweck der Zeit- und Kostenersparnis – jeweils bei mehre-
ren Prüftemperaturen eingesetzt werden. In diesen Fällen wurde von der höchs-
ten zur niedrigsten Temperatur geprüft (800→700→600°C).
Drehmoment in Nm
Zeit in s
20
16
12
8
4
00123456
Abbildung 4.6: Belastungskurve (600°C; Torsionsprobe Variante II-H)
Im Kleingasturbinenaggregat muss die Welle/Nabe-Verbindung ihre
Funktions- und Betriebssicherheit über mehrere 1000 Stunden gewährleis-
ten und durchläuft dabei viele Start- und Ausschaltzyklen. Spannungsrela-
xation durch Kriechvorgänge, die eine Abnahme des Fugendrucks pF be-
wirken, müssen bei der Beurteilung der Zeitstandfestigkeit der Verbindung
ebenso berücksichtigt werden, wie die Materialermüdung durch Thermo-
zyklen. Auch wenn vereinfachte Prüfbedingungen vorliegen und die Zeit-
dauer im Experiment nicht an die Einsatzdauern in der realen Maschine
heranreichen, ist es sinnvoll, die Zeitstandfestigkeiten experimentell zu
bestimmen und mit der entsprechenden rechnerischen Abschätzung zu ver-
gleichen.
Mittels drei warmausgelagerten Proben (II-E), bei 600°C ±10K an Luft in
einem Muffelofen, über 270_h vor dem ersten Torsionsversuch und anschlie-
Experimentelle Untersuchungen 41
ßend insgesamt 1006_h vor dem zweiten Torsionsversuch, konnten die Zeit-
standversuche vorgenommen werden. Danach wurden alle drei Proben zusätz-
lich je 30 Thermozyklen ausgesetzt und anschließend mittels Ultraschallunter-
suchung bzw. Demontage auf Anrisse oder Brüche in der Keramik überprüft.
Derlei Schädigungen lagen nicht vor. Durch die große Wärmekapazität des
Muffelofens konnten kurze Aufwärmzeiten der Proben gewährleistet werden.
Die Proben wurden auf einer Palette in den 700°C heißen Ofen eingeführt. Ein
kurzzeitiger Temperaturabfall ergab sich allerdings durch das Öffnen des
Ofens und auch die Proben selbst wirken als Wärmesenke. Die Aufheiz- und
Abkühlgeschwindigkeit der Proben selbst konnte nicht direkt erfasst werden.
Die in Abb. 4.7 dargestellte Kurve der Temperaturlast ergibt sich aus der ge-
messenen Temperatur im Ofen und der Raumtemperatur.
Temperatur in °C
Zeit in min
800
700
600
500
400
300
200
100
00 20406080100120140
Abbildung 4.7: Temperaturlast der Thermozyklen
4.3 Axiale Belastungstests
Erste, hier nicht dokumentierte, Voruntersuchungen lieferten Hinweise auf eine be-
trächtliche Anisotropie des Reibungskoeffizienten in der Keramik/Metall-Kontaktfläche.
Durch eine Kraftmessung beim Auspressen der keramischen Welle aus der Pressverbin-
dung in axialer Richtung und die rechnerische Simulation dieses Vorganges konnte indi-
rekt der Reibungskoeffizient in axialer Richtung bestimmt werden. Auch der Reibungs-
koeffizient der Metall/Metall-Kontaktflächen bei hohen Temperaturen, der als Randbe-
dingung in die FE-Rechnungen eingeht, kann ausschließlich durch axiale Belastungstests
ermittelt werden, weil bei den Torsionsprüfungen die Gleitbewegung immer nur in der
Keramik/Metall-Kontaktfläche stattfinden.
42 Experimentelle Untersuchungen
4.3.1 Auspressen der Keramikwelle
Für die experimentelle Bestimmung des axialen Reibungskoeffizienten für die
Keramik/Metall-Kontaktfläche wurden Torsionsproben der Varianten II-B, II-D, II-
E präpariert. Für das Auspressen des keramischen Wellenansatzes war es erforder-
lich, die metallische Welle einschließlich Rückwand abzustechen, so dass die
Druckkraft auf den keramischen Wellenansatz mit einem kleinen Stempel aufge-
prägt werden konnte (Abb. 4.8). Der Kraftverlauf eines Auspressvorgangs bei
700°C wurde an der Bundesanstalt für Materialforschung- und prüfung (BAM) für
eine präparierte Variante II-B aufgezeichnet. Demnach ist eine Lösekraft von ca.
FL=11,5 kN notwendig, um die Haftreibung zu überwinden und den Auspressvor-
gang einzuleiten. Die Rutschkraft steigt dann sogar noch auf FR,max=14 kN an, ob-
wohl sich die Größe der Kontaktfläche durch die axiale Relativverschiebung von
Segmenten und keramischem Wellenansatz stetig verringert, bevor sie folgerichtig
auf 0_kN abfällt. Dieser Kraftverlauf ist den relativ großen Rauigkeitsspitzen der
harten keramischen Oberfläche geschuldet, die Schichten der metallischen Kontakt-
fläche abschert und aufstaucht. Die Materialabtragungen waren deutlich sichtbar
auf der keramischen Oberfläche.
F = 11.5 kN
Ausstoßweg= 12 mm
T=700°C
keramischer
Wellenansatz
Segmente
F
Nabe
F = 14 kN
R,max
L
Abbildung 4.8: Kraftverlauf beim Auspressen des keramischen Wellenansatz
Im Falle eines feingeschliffenen oder beschichteten keramischen Wellenansat-
zes (II-D, II-E) stellt die Lösekraft zugleich die maximale Auspresskraft dar, weil
die Rauigkeitsspitzen der Keramikoberfläche klein sind bzw. aufgrund der Be-
schichtung nicht direkt in die Kontaktfläche der Segmente greifen (Feststoffschmie-
rung).
Experimentelle Untersuchungen 43
4.3.2 Einpressen der Segmente mit Keramikwelle
Zur Bestimmung des Reibungskoeffizienten für die Metall/Metall-
Kontaktfläche kann die für die Montage notwendige Einpresskraft herangezogen
werden. Im Kraftverlauf eines solchen Einpressvorgangs bei 750°C (II-B) treten
Unstetigkeiten auf, die auf sogenannte slip-stick-Effekte schließen lassen
(Abb._4.9), die bei der Montage bei Raumtemperatur nicht zu beobachten sind.
Beim Anschlag der Segmente gegen die Rückwand steigt die Kraft bis auf den vor-
gegeben Maximalwert an. Danach löst die Presse den Stempel und schaltet die Hy-
draulik aus.
Einpressweg= 12 mm
F = 27,5 kN
F,max
slip-stick-Effekte?
750°C
Füge-
temperatur
Freistich
FF
Abbildung 4.9: Kraftverlauf beim Längspressen der Welle/Nabe-Verbindung
4.3 Neutronendiffraktometrie
Die Neutronendiffraktometrie leistet die experimentelle Erfassung von dreidi-
mensionalen Eigenspannungszuständen im Inneren eines Bauteils über die Analyse
der Gitterdehnungen, die von den einwirkenden Kräften hervorgerufen werden. Am
Hahn-Meitner-Institut Berlin wurden dazu Messungen am E3-Spektrometer des
BER2-Reaktors durchgeführt. Für die Untersuchung des Eigenspannungszustandes
in Abhängigkeit von der Temperatur stand ein spezieller Hochtemperatur-
Spiegelofen zur Verfügung, der über die optische Zugänglichkeit eine Abschwä-
chung des Neutronenstrahls vermeidet (Abb. 4.10). Zum Erhitzen der Proben lie-
fern zwei Halogenlampen die nötige Wärmestrahlung. Das Gerät EUROTHERM
818 regelt die mit Thermoelementen erfasste Probentemperatur mit einer Genauig-
keit von ±10°C. Die Probenhalterung ist drehbar gelagert, so dass die Gitterabstän-
44 Experimentelle Untersuchungen
de in den drei Richtungen des 3-D Raumes bestimmt werden können.
Halogenlampe
Ellipsoid-
Spiegel
Probe
Eintrittsstrahl
Austrittsstrahl
Abbildung 4.10: Hochtemperatur-Spiegelofen [54]
Ermittelt werden die Gitterdehnungen als ein zeitlich und räumlich integraler
Wert innerhalb des Messvolumens, das ein Prisma mit zwei parallelen rhombus-
förmigen Flächen darstellt, resultierend aus dem Querschnitt des ein- und austreten-
den Neutronenstrahls (3x3 mm2) und deren Eintritts- und Austrittswinkel (Abb.
4.11).
Neutronenstrahl
(Eintritt) Primärblende
Zentrum des
Diffraktometers
Sekundär-
blende
Detektor
Probe
Messvolumen
θ
2θ
Abbildung 4.11: Messanordnung (Radialspannung) [53]
Die räumliche Ausdehnung des Messvolumens ist vergleichsweise groß in
Anbetracht der Probengröße. Ein aussagekräftiger integraler Messwert wird nur
Experimentelle Untersuchungen 45
in einem Volumenbereich mit geringen Spannungsgradienten zu erfassen sein,
weshalb das Messvolumen auf einen zentral auf der Längsachse - mittig im zy-
lindrischen Wellenansatz - gelegenen Punkt fokussiert wurde. Die Ausrichtung
der Probe muss zum Erfassen jeder Komponente der Gitterdehnung, in radialer,
axialer bzw. tangentialer Richtung, entsprechend neu justiert werden. Die Dauer
einer Messung für je eine Komponente wird von der Anzahl der detektierten
Neutronen je Zeiteinheit bestimmt und lag bei 4 bis 12_h je Messung. Eine
Messreihe für die drei benötigten Komponenten wurde separat für die Tempe-
raturen von 20, 400, 700 und noch einmal 20°C durchgeführt.
Die Messungen wurden an zwei speziell präparierten Proben (II-B) durch-
geführt. Eine der Proben war bei Raumtemperatur und die andere bei 700°C
durch Längspressen gefügt worden. Die Montage der Komponenten bei 700°C
induziert beim Abkühlen Druckspannungen in der Keramikwelle in axialer
Richtung, was sich günstig auf ihre Festigkeit auswirkt. Nach der Montage der
beiden Proben wurden die metallischen Vierkantwellen abgetrennt und ledig-
lich eine dünne Rückwand belassen. Dadurch wurde die Abschwächung des
Neutronenstrahls - bedingt durch den Werkstoff INCOLOY 909 - stark verrin-
gert, weil folglich nur noch dünnere Schichten dieser Fe-Ni-Co-Legierung zu
durchdringen waren. Detailliertere Ausführungen zu Versuchsaufbau und
Auswertung der Neutronenbeugungsmessung im Allgemeinen werden in [53,
54] vorgestellt und speziell zu den oben dargestellten Versuchen in [55].
4.4 Ultraschalluntersuchungen
Bei vielen Torsionsproben wurden nach den Versuchen bei hohen Tempe-
raturen durchgehende Risse im Querschnitt des zylindrischen Teils der kerami-
schen Versuchswellen festgestellt, nachdem sie demontiert wurden. An der
BAM durchgeführte Ultraschalluntersuchungen sollten den eindeutigen Nach-
weis erbringen, dass diese Brüche das Resultat thermischer Dehnungen sind,
die hohe axiale Zugspannungen in der Keramik induzieren. Eine Schädigung
durch den Fertigungsprozess einschließlich Montage oder durch die Demonta-
ge nach den Versuchen sollte als Versagensursache ausgeschlossen werden.
Das Ultraschallmessverfahren ermöglicht unter anderem die zerstörungs-
freie Prüfung von Werkstücken auf makroskopische Risse, Lunker oder Ein-
schlüsse von Fremdkörpern, wenn aussagekräftige Signale empfangen werden
können, was die richtige Wahl des Prüfkopfes und die Möglichkeit seiner An-
kopplung an die zu prüfende Struktur voraussetzt. Als geeignet für die Mes-
sungen erwies sich der Prüfkopf K15K (15 MHz-Sende-und Empfangsfre-
46 Experimentelle Untersuchungen
quenz) der Firma Krautkrämer GmbH, der einen Schwingkopfdurchmesser von
ca. 8_mm aufweist. Die Eintragung der Longitudinal-Schallwellen durch diesen
Prüfkopf erfolgt senkrecht an der Stirnfläche des Polygons (Abb. 4.12), so
dass die Echo-Lauflänge durch eine unversehrte Keramikwelle genau die Di-
stanz ihrer beiden parallel zueinander liegenden Stirnflächen ist. Ein Quarz-
plättchen dient bei dem hier angewandten Impuls-Echo-Verfahren als Sender
und Empfänger. Im Gegensatz zum Durchschallverfahren, wo Sender und
Empfänger getrennt sind, wird nicht direkt das gesendete Signal empfangen,
sondern das an der Rückwand reflektierte Echo.
Bruchfläche
Prüfkopf
Echo-Lauflänge
Abbildung 4.12: Prüfkopfankopplung
Ausgewertet wurden die Signale mit dem Ultraschallgerät der Firma Krautkrä-
mer USIP 11-3, indem die Bildschirmeinstellung zuvor an einer nicht gebrochenen
Probe mit 38 mm Länge kalibriert wurde. Abb. 4.13 zeigt den Vergleich der emp-
fangenen Signale für eine unversehrte und eine gebrochene keramische Versuchs-
welle.
Rückwandecho
Verstärkung in dB
Lauflänge unversehrte Probe
Lauflänge gebrochene Probe in mm
Abbildung 4.13: Ultraschallsignale
5 Numerische Berechnungsmethoden
Physikalische Gesetze lassen sich häufig nur durch Differentialgleichungen
ausdrücken, deren exakte Lösungen nur für einige Spezialfälle bestimmt wer-
den können. Die ingenieurwissenschaftliche Analyse komplexer technischer
Systeme liefert die Modelle, welche die mathematischen Verknüpfungen der
verschiedenen physikalischen Gesetzmäßigkeiten in numerischen Berech-
nungs_algorithmen enthalten, die computerunterstützt gelöst werden. So wird
z.B. die Welle/Nabe-Verbindung auf einen Eingabedatensatz abgebildet, der
als Berechnungsgrundlage zur Spannungs- und Temperaturfeldberechnung mit
dem Näherungsverfahren der Finite-Elemente-Methode dient und im Folgen-
den als Finite-Elemente-Modell bezeichnet wird. Für die rechnerische Über-
prüfung der Zuverlässigkeit der keramischen Komponente, die mit dem Pro-
gramm CERTUB erfolgt, muss die FE-Berechnung eine hinreichend große
Anzahl an Stützstellen liefern, für die die Werte der Hauptspannungen und der
Temperaturen bekannt sind.
5.1 Spannungs- und Temperaturfeldberechnung mit der
Finite-Elemente-Methode
Die FEM wurde ursprünglich für den Bereich der Strukturmechanik ent-
wickelt. Der Vorteil dieses Berechnungsverfahrens liegt in seiner universellen
Anwendbarkeit auf jegliche Art von Feldproblemen. Ein häufig vorkommender
Fall ist z.B. - wie auch in dieser Arbeit - die Berechnung des Temperaturfelds
einer Struktur nach den Gesetzen der Thermodynamik und die darauf folgende
Berechnung der mechanischen Spannungen, für die die Temperaturverteilung
als Eingabedatensatz erforderlich ist. Dabei kann die Berechnung sowohl linear
als auch nichtlinear sein.
Die lineare FE-Simulation für ein stationäres Temperaturfeld oder die
Strukturmechanik führt stets zu einer Lösung. Die lineare Strukturmechanik -
auch als lineare Statik bezeichnet - setzt voraus, dass die Struktur aus linear
elastischem Material besteht, nur sehr kleinen Verschiebungen unterworfen
wird und unveränderliche Randbedingungen besitzt. Komplementär dazu han-
delt es sich um eine nichtlineare Berechnung, wenn plastische Materialgesetze
48 Numerische Berechnungsmethoden
und zeitabhängige Materialeigenschaften in die Rechnung eingehen, große
Verschiebungen vorkommen oder vom Berechnungsgang abhängige, variable
Randbedingungen vorliegen, wie z.B. die Verschiebungen der auf einer Kon-
taktfläche befindlichen Knoten. Im Fall der Welle/Nabe-Verbindung werden
sowohl die geometrischen Nichtlinearitäten als auch die Materialgesetze nicht-
linearer Art bei den FE-Rechnungen berücksichtigt. Die daraus hervorgehen-
den Gleichungssysteme werden durch iterative Rechenschritte gelöst, die be-
kanntlich nicht grundsätzlich konvergieren. Damit wird klar, dass die Verwen-
dung eines ungeeigneten Modells für diese nichtlinearen Berechnungen nicht
nur die Güte der Näherungslösung in Frage stellt, sondern diese möglicherwei-
se gar nicht gefunden werden kann. Diesem Problem wird teilweise durch ein
anfänglich stark vereinfachtes Modell begegnet, das dann - entsprechend dem
Kenntnisstand - sukzessive um alle wesentlichen Beanspruchungen erweitert
wird. Charakterisiert wird das FE-Modell der Welle/Nabe-Verbindung im We-
sentlichen durch
• die Geometriedaten der Strukturen,
• die Rand- und Anfangsbedingungen,
• die Materialdaten und
• die Belastungsdaten.
Der so strukturierte Datensatz konnte weitestgehend mit Hilfe des graphi-
schen Pre- und Postprozessors (FEMAP_7.0) erzeugt werden, der auch zur
Auswertung der Ergebnisse genutzt wurde. Erste Auslegungsrechnungen er-
folgten mit dem PC-basierten FE-Programm TP 2000 [57]. Die Generierung
des Rechennetzes, die Festlegung der Randbedingungen und die Einbindung
der Materialgesetze erfordern Annahmen und Vereinfachungen, die nachfol-
gend erläutert werden. Anhand der Darlegung der Modellbildung können zu-
dem die physikalischen Phänomene gut erklärt werden, die das Übertragungs-
verhalten der Welle/Nabe-Verbindung bestimmen.
5.1.1 Diskretisierung der Geometrie
Die Zerlegung des Kontinuums in viele kleine, aneinandergrenzende Ele-
mente muss auf die jeweilige Problemstellung abgestimmt sein. Die Leistungs-
fähigkeit eines FE-Programms wird unter anderem maßgeblich von der Vielfalt
der zur Verfügung stehenden Elementtypen bestimmt. Obwohl es sich bei je-
dem realen Kontinuum um eine dreidimensionale Geometrie handelt, lassen
sich unter bestimmten Voraussetzungen einige Kontinua zweidimensional
abbilden, wie etwa dünne Scheiben, Platten und Bauteile mit in einer Achse
unveränderlichen Querschnitten. Erste Auslegungsrechnungen zur Bestim-
Numerische Berechnungsmethoden 49
mung des Übermaßes U der Welle/Nabe-Verbindung konnten so mit einem
einfachen 2D-Rechennetz vorgenommen werden. In jedem Fall muss die Ele-
mentierung die Stetigkeitsanforderung an den Verschiebungsansatz gewährlei-
sten. Aus den Integralbeiträgen der einzelnen Elemente resultieren die zu lö-
senden Gleichungssysteme, deren Größe und damit deren Lösungsaufwand mit
zunehmender Anzahl der Elemente und ihrer Knotenvariablen steigt. Wird der
Grad der Ansatzfunktion der Elemente bzw. ihrer Formfunktionen erhöht,
steigt zunächst ebenfalls der Rechenaufwand. Allerdings reicht eine wesentlich
geringere Elementanzahl aus, um eine annähernd gleich gute Lösung zu erzie-
len, wenn Elemente mit Ansatzfunktionen höheren Grades verwendet werden.
Abgesehen von den sogenannten Superelementen, bieten kommerzielle Pro-
gramme größtenteils Elementtypen mit linearem, quadratischem und kubi-
schem Ansatz. Eine detaillierte, übersichtliche Beschreibung zu einigen Ele-
menttypen und ihren Ansatzfunktionen wird in [58] dargelegt.
Die in dieser Arbeit vorgestellten FE-Resultate der 3D-Modelle gehen aus-
schließlich aus Berechnungen hervor, denen ein Rechennetz aus Elementen mit
linearen Ansatzfunktionen zugrunde liegt. Anfängliche Berechnungen mit
Elementen zweiter Ordnung (LAGRANGE-Klasse), die in der Regel zu ge-
naueren Ergebnissen führen, scheiterten. Diese Berechnungen erzielten entwe-
der falsche Ergebnisse oder zeigten Konvergenzprobleme, obwohl vorerst nur
rein elastisches Materialverhalten eingeführt wurde. Bei der Nachbildung von
gekrümmten Flächen mit diesem Elementtyp entstehen durch Rotation
krummlinige Elementkanten bei der Generierung des Netzes bzw. bei der Ver-
formung der Struktur durch aufgeprägte Lasten. Relativverschiebungen der
Kontaktflächen führen dann zu Durchdringungen der sogenannten Slave-
Kontaktfläche durch einzelne Knoten der Master-Kontaktfläche, was nicht
korrigiert wird und damit falsche Ergebnisse liefert. Auch kann ein Alternieren
zwischen Kontakt öffnet und Kontakt schließt die Folge sein.
Ein geometrisches Modell für die Spannungs- und Temperaturfeldberech-
nung (Variante II-B), aus insgesamt 16.489 Elementen und 21.524 Knoten
bestehend, zeigt Abb. 5.1.a. Der metallische Vierkant und das keramische
Polygon sind für die Modellierung der Lasteinleitung nicht nötig, wodurch die
benötigte Elementanzahl verringert wird. Die Feinheit der Unterteilung richtet
sich unter anderem nach den zu erwartenden Gradienten im Spannungsverlauf,
nach der geforderten Genauigkeit der Lösung und nach der Anordnung der
Kontaktflächen. Die Umrisse der Kontaktflächen, wie sie dem realen Bauteil
entsprechen, zeigt die Abb. 5.1.b. Unbedingt auszunutzen ist die zyklische
Symmetrie zur Längsachse der Welle/Nabe-Verbindung, um den Rechenauf-
wand drastisch zu verringern. Bei vier Segmenten ist die Berechnung von nur
einem Viertel des Querschnitts ausreichend, wenn die zyklische Symmetrie
50 Numerische Berechnungsmethoden
ausgenutzt wird.
Abbildung 5.1: a) Finite Elemente-Netz b) Kontaktflächen
5.1.2 Randbedingungen und Lasten
Die zyklische Symmetrie wird als Randbedingung programmtechnisch über
die Kopplung der entsprechenden Knotenfreiheitsgrade der Verschiebungen
jeweils an den Segmenträndern sich gegenüberliegender Knoten realisiert. Die
Knotenverteilung muss daher an diesen Rändern gleichfalls symmetrisch sein.
In welcher Weise symmetrische Strukturränder oder Lasten zur Verringerung
des Rechenaufwands genutzt werden können, wird in [59, 60] an zahlreichen
Beispielen dargelegt.
Soll für eine Bauteilgruppe die Bestimmung des Antwortverhaltens auf die
vorgegebene Belastung untersucht werden, sind die Kontaktflächen der zur
Struktur gehörigen Bauteile zu definieren. Die Formulierung ist z.B. mittels
sogenannter GAP-Elemente oder durch die Vorgabe der aneinandergrenzenden
Elementflächen möglich. GAP-Elemente bilden den Kontakt über sehr große
Steifigkeiten und den geöffneten Zustand mit sehr kleinen Steifigkeiten ab.
Eine Kalibrierung der Kontaktanalyse ist hier unbedingt erforderlich, um diese
Steifigkeiten richtig zu wählen. Deshalb kam die Elementfläche-zu-
Elementfläche-Formulierung im sogenannten harten Kontakt zur Anwendung,
weil hier diese Kalibrierung entfällt. Beim harten Kontakt werden keine Zug-
spannungen übertragen, und die Scherspannungen in der Fläche streben gegen
null, wenn der Kontaktdruck zu null wird. Physikalische Effekte wie Kohäsi-
onskräfte oder das leichte Verkleben von Flächen können durch einen weichen
Kontakt berücksichtigt werden, d.h. Scherspannungen können noch übertragen
werden, wenn der Kontaktdruck null oder sogar negativ ist. Dieses Vorgehen
stellt aber gleichermaßen einen willkürlichen Eingriff des Nutzers dar und
muss daher gegebenenfalls experimentell überprüft werden.
d
unkelblau=Nabe
r
ot=Segment
h
elblau=Keramikschaft
Numerische Berechnungsmethoden 51
Durch das Übermaß der Segmente werden Eigenspannungen in die Wel-
le/Nabe-Verbindung eingebracht, deren Höhe auch den Wert des Fugendrucks
pF in den Kontaktzonen bestimmt. Abb. 5.2 zeigt den Verlauf von σ3 im Quer-
schnitt der Verbindung für ein Übermaß von U=20µm und U=60µm. Die Kali-
brierung der FE-Rechnung erfolgte mit Hilfe experimentell bestimmter Span-
nungen durch das Neutronenbeugungsverfahren. Dieses Vorgehen liefert das
effektive Übermaß, das als Randlast in die Berechnung eingeht.
0
-40
-80
-120
-160
-200
-240
-280
-320
-360
U=20µm U=60µm
T=20°C
ohne Reibung
σ3 in MPa
Kontaktflächen
Übermaß
dK = 6 mm
dN,i = 16 mm
Eigenspannungen
Abbildung 5.2: Spannungsverteilung im Querschnitt der Verbindung in Abhän-
gigkeit vom Übermaß U (2D-Modell)
Für die Berechnung des inhomogenen Temperaturverlaufs wurde die An-
nahme getroffen, dass die Kontaktflächen fest miteinander verbunden sind. Mit
zunehmender Erwärmung kommt es aber zu Verformungen, die das Abheben
der Kontaktflächen in einigen Bereichen bewirken und damit den Wärmefluss
verändern, wie es in Abb._5.3 in übertriebener Darstellung abgebildet ist. Weil
der Wärmeübergang für diesen Fall nicht bekannt ist, wurde auf eine Modellie-
rung dieses Sachverhalts verzichtet und statt dessen der ungünstigste Fall - alle
Flächen sind miteinander im Kontakt - angenommen.
52 Numerische Berechnungsmethoden
Abbildung 5.3: Verformung der Segmente beim Aufheizen
5.1.3 Reibmodell
Die Phänomene der Reibung sind sehr komplex, weil sie aus der Synthese
mechanischer und chemischer Vorgänge hervorgehen. Diese Vorgänge zu
untersuchen, ist Gegenstand der Tribologie, die darauf abzielt, die Reibung und
den Verschleiß zu kontrollieren und Reibkräfte berechenbar zu machen. Die
zwischen zwei Kontaktflächen wirkenden Reibkräfte werden durch
• die Topologie der Flächen,
• die mechanischen und chemischen Eigenschaften der Kontaktpartner,
• den Lasteintrag und seiner Chronologie (einschließlich der dynami-
schen Effekte) und
• die eingesetzten Schmierstoffe
bestimmt. Je nach Anwendungsfall sollen diese Kräfte sehr klein bzw. sehr
groß sein oder einen festgelegten Wert annehmen, wie z.B. bei der Überlast-
Reibkupplung. Die Funktionsfähigkeit der Welle/Nabe-Verbindung ist ge-
währleistet, wenn sich die wirksame Reibkraft im Gleichgewicht mit der Kraft
befindet, die aus dem Antriebsmoment resultiert. Dieser Zustand kann als qua-
si-statisch betrachtet werden, weil kein dynamischer Reibkontakt vorliegt und
Kriecheffekte vernachlässigt werden.
Als Grundlage für die Reibkraftberechnung dient das COULOMBsche
Reibmodell (Gl. 5.1), das aus dem AMONTONschen Gesetz durch die Trans-
formation der Kräfte in Spannungen hervorgeht. Es beschreibt den proportio-
nalen Zusammenhang zwischen der kritischen Scherspannung τkrit in der Kon-
taktfläche und dem Anstieg des Kontaktdrucks p. Der Reibkoeffizient µ bildet
Numerische Berechnungsmethoden 53
den Proportionalitätsfaktor. Wird die kritische Scherspannung τkrit überschrit-
ten, dann setzt Gleiten ein.
p
=τkrit (5.1)
Für die unbeschichtete Kontaktfläche Keramik/Metall wurde dieses Modell
durch die Einbeziehung der anisotropen Reibungskoeffizienten in tangentialer
und axialer Richtung erweitert. Im Fall der beschichteten Kontaktflächen müs-
sen zwei Bereiche voneinander unterschieden werden. Im Bereich geringer
Kontaktdrücke begrenzt der Reibungskoeffizient µ die Höhe der Kraftübertra-
gung, während zu hohen Kontaktdrücken hin die maximal von der Beschich-
tung ertragbare Scherspannung τmax die Kraftübertragung nach oben hin be-
grenzt (Abb. 5.4).
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
Kontaktdruck in MPa
600
650
700
750
800
Temperatur in °C
10
20
30
40
50
60
Scherspannung in MPa
Abbildung 5.4: Übertragbare Scherspannungen in der Keramik-Metall-
Kontaktfläche
Solch ein Reibmodell kann in der Regel nur eine grobe Annäherung an die
Realität sein. Die Schwierigkeit, ein taugliches Reibmodell für den jeweiligen
Anwendungsfall zu finden, folgt aus der Tatsache, dass die Kontaktflächen
mikroskopisch betrachtet nicht glatt und eben wie die idealisierten Flächen
sind und dissipative Prozesse meist nicht energetisch, sondern durch ein Kräf-
tegleichgewicht erfasst werden. So kann z.B. eine einzelne, besonders starke
Rauigkeitsspitze andere Haftbedingungen schaffen oder den Gleitprozess völ-
54 Numerische Berechnungsmethoden
lig anders gestalten. Generell gilt die Aussage: Wenn eine Reibkraft vorhanden
ist, dann kommt es zu Gleitbewegungen, seien sie auch nur von sehr kleinen
Ausmaßen [61]. D.h., lokale, mikroskopisch kleine Gleitbewegungen in der
Kontaktzone führen zu einem Mikroschlupf, bevor makroskopisch eine Ver-
drehung der Welle in der Nabe feststellbar ist.
Ein weiteres Phänomen, das als slip-stick-Bewegung bezeichnet wird, ist
das diskontinuierliche Gleiten, bei dem ein abrupter Wechsel zwischen sehr
hohen und sehr niedrigen Gleitgeschwindigkeiten stattfindet. Es handelt sich
offensichtlich um den abrupten Ausgleich eines gestörten Kräftegleichge-
wichts. Dieses kann lokale Spannungsspitzen verursachen, die für den kerami-
schen Werkstoff fatal sind. Der slip-stick-Effekt wird mit der Rechnung prinzi-
piell simuliert. Die realen rauen Oberflächen können jedoch nicht nachgebildet
werden. ABAQUS bietet die Möglichkeit, die slip-stick-Effekte rechnerisch
exakt mit Lagrange-Parametern nachzubilden oder näherungsweise über Stei-
figkeits-Straffunktionen zu berechnen. Das letztgenannte Lösungsverfahren
wurde mit einer hinreichend feinen slip-Toleranz von 0,001 verwendet, um bei
ausreichender Genauigkeit die Rechenzeiten zu verringern.
Obige Ausführungen sollen nicht zu dem Schluss führen, dass FE-
Simulationen bei Einbeziehung der Reibung kaum genaue Ergebnisse erbringen.
Vielmehr soll darauf hingewiesen werden, dass die Überprüfung der Ergebnisse
durch das Experiment ratsam ist bzw. in Kombination mit dem Versuch ein
brauchbares Modell zu wählen ist. Eine sehr ausführliche Zusammenfassung expe-
rimenteller Ergebnisse und deren Bewertung, bis hin zu Vorschlägen für die Algo-
rithmen numerischer Routinen, kann in [62] eingesehen werden.
5.1.4 Kriechmodell
Ebenfalls sehr komplexer Natur sind die Erscheinungen des Materialkriechens.
Mit fortdauernder Beanspruchung führt das Kriechen auch dann zu permanent
zunehmenden, plastischen Verformungen des Bauteils, wenn es zeitlich unabhän-
gig- also statisch - belastet wird. Hochtemperaturkriechverformungen in warmfe-
sten Stählen werden bei mittleren Spannungen und Temperaturen ab etwa 0,4 x
Schmelztemperatur wirksam (T≥0,4TSchmelz) [74]. Die konstruktive Auslegung
thermisch und mechanisch hoch belasteter Bauteile aus Stahl oder hochwarmfesten
Sonderlegierungen sollte deshalb die rechnerische Abschätzung der zulässigen
Bauteilnutzungsdauer berücksichtigen, um Schäden an Maschinen oder gar Perso-
nen durch angemessene Wartungszyklen abzuwenden. Die Resultate solcher Be-
rechnungen sind kritisch zu hinterfragen. Die Ergebnisse von Kriechversuchen - in
der Regel an uniaxial belasteten Zugproben - werden mit Hilfe einer Vergleichs-
Numerische Berechnungsmethoden 55
spannung auf mehrachsige Spannungszustände angewendet. Um den Ver-
suchsaufwand einzuschränken, werden Kriechversuche oftmals über relativ kurze
Zeiträume durchgeführt, während die Zeitvorgaben für die Berechnung die Ver-
suchszeiten oft in der Größenordnung von ein bis zwei Zehnerpotenzen überstei-
gen. In dieser Weise extrapolierte Werte sind zwar ein guter Anhaltspunkt für den
Konstrukteur, aber eben keine genauen Resultate.
Das Kriechverhalten wird messtechnisch durch Zeitstandversuche erfasst
(DIN 50118), die in der Literatur üblicherweise in Kriech- und Relaxationsver-
suche eingeteilt werden [75]. Wird eine Last vorgegeben und die Zunahme der
Dehnung in Abhängigkeit der Zeit gemessen, so wird dieser Versuch als
Kriechversuch bezeichnet. Im Relaxationsversuch wird bestimmt, wie stark
sich eine elastische Dehnung mit zunehmender Versuchsdauer durch das Krie-
chen in bleibende Dehnungen umsetzt. Durch die Relaxation der Spannungen
geht der Kriechprozess demzufolge unter abnehmender Spannung vonstatten.
Spannungsrelaxation tritt überall dort auf, wo Bauteile unter Eigenspannung
stehen, wie dies z.B. bei der Welle/Nabe-Verbindung der Fall ist. Wirkt eine
konstante äußere Last auf eine Bauteilgruppe, z.B. eine Zentripetalkraft bei
Turbinenschaufeln, bleibt die Kriechspannung annähernd konstant.
Bei Kriechversuchen wird zwischen einem Versuch unter konstanter Last
und einem unter konstanter Spannung unterschieden. Den Unterschied ver-
deutlicht Abb._5.5. Die dargestellten Messdaten wurden von der Firma Honey-
well Engines and Systems zur Verfügung gestellt.
T= 593°C
σ tkr=0= 689 MPa
Zeit in h
relative Dehnung εkr / ε∗
Kriechversuch mit
konstanter Spannung
Kriechversuch mit
konstanter Last
Abbildung 5.5: Kriechkurve von INCOLOY 909
56 Numerische Berechnungsmethoden
Bei der Aufbringung einer konstanten Last nehmen die Dehnungen ab einer
gewissen Größe mit der Zeit rasant zu. Einen solchen Fall repräsentiert z.B. der
Zugversuch, bei dem eine zylindrische Probe in axialer Richtung mit einem
Gewicht belastet wird. Es kommt mit der Belastungsdauer zu einer Längenzu-
nahme der Probe bei gleichzeitiger Einschnürung. Im verengten Querschnitt
steigt folglich die Spannung. Als Kriechspannung wird meist die aus der ur-
sprünglichen Geometrie zur Zeit tkr=0 berechnete Spannung angegeben. Würde
anstelle einer konstanten Last eine ständig konstante Spannung vorliegen, dann
käme es in etwa zu dem in Abb. 5.5 skizzierten Verlauf der durchgezogenen
Linie. Dieser Bereich ist hier aber nicht von Interesse, weil die zulässigen
Kriechdehnungen der Nabe der Verbindung mit max. ca. 0,8-1% klein im Ver-
hältnis zu den Bruchdehnungen sein müssen, um den erforderlichen Kontakt-
druck noch zu gewährleisten.
Der Kriechvorgang durchläuft vom Beginn der Lastaufbringung bis zum
Bruch drei Bereiche, das primäre, das sekundäre und das tertiäre Kriechen
[76]. Der primäre Bereich (I) ist durch stark abnehmende Kriechraten charakte-
risiert (siehe auch Abb. 5.7 auf S. 58). Der sekundäre Bereich (II) wird auch
als stationärer Kriechbereich bezeichnet, weil die Kriechrate im klassischen
Fall konstant über der Dehnung bleibt, und im tertiären Bereich kommt es nach
dem beschleunigten Anstieg der Kriechrate zum Bruch der Probe. Dieses Ver-
halten wird auf ein Gleichgewicht bzw. Ungleichgewicht von Verfestigungs-
und Entfestigungsvorgängen zurückgeführt, die durch Versetzungen im Me-
tallgitter und Gefügeänderungen desselben hervorgerufen werden und für das
Festigkeitsverhalten der Metalle maßgeblich sind [77]. Der tertiäre Bereich ist
für den Maschinenbauer wegen der großen Deformationen meist von geringe-
rem Interesse. Dennoch kann die hohe Duktilität eines Werkstoffs, z.B. im
Apparate- und Anlagenbau, von sicherheitsrelevanter Bedeutung sein.
Bei welchen Temperaturen das Materialkriechen bei der Auslegung des
Bauteils nicht mehr vernachlässigbar ist, wird selbstverständlich vom Werk-
stoff abhängig sein. So kann es beispielsweise für Verdichterrotoren aus Alu-
miniumlegierungen für Betriebstemperaturen von 120°C ebenso erforderlich
sein, die Kriechverformungen abzuschätzen [78], wie für keramische Rotoren
aus Siliziumnitrid für Betriebstemperaturen >1200°C [28]. Die Nabe der hier
betrachteten Welle-Nabe-Verbindung ist thermisch und mechanisch so hoch
belastet, dass die Zeitdehngrenze des INCOLOY 909 in die Simulationsrech-
nungen eingehen muss. Die Segmente werden vor allem auf Druck beansprucht
und das NIMONIC 90A weißt eine sehr viel höhere Kriechbeständigkeit auf,
so dass den Kriechverformungen der Segmente nur eine geringe Bedeutung
beizumessen ist. Es waren die Kriechgesetzmäßigkeiten zu formulieren, die das
Verformungsverhalten des INCOLOY 909 wiedergeben. ABAQUS bietet eine
Numerische Berechnungsmethoden 57
Schnittstelle, mit der dem Nutzer ermöglicht wird, passende Kriechgesetze zu
programmieren.
Das hier verwendete Kriechgesetz wird als Potenzgesetz bezeichnet und in
der ingenieurmäßigen Praxis oft angewendet (Gl. 5.2), auch wenn die
Kriechraten ε
kr über der Kriechdehnung εkr aufgetragen oft exponentiellen
Gesetzmäßigkeiten folgen. Der daraus resultierende Fehler ist meist gering und
es überwiegt der Vorteil, dass die Parameter A, m, N einfach zu bestimmen
sind.
mN tA
dt
d
σ=
ε
=ε kr
kr
(5.2)
Neben dem Kriechgesetz wird eine Verfestigungsregel benötigt, welche an-
gibt, wie von dem unter konstanter Spannung experimentell bestimmten
Kriechverhalten auf das Kriechverhalten bei Spannungsrelaxation geschlossen
werden kann (ε
kr.= f(σ,t)) Dazu dienen häufig die Zeitverfestigungsregel oder
die Dehnungsverfestigungsregel. Das Kriterium für die Anpassung der Kriech-
geschwindigkeit an den neuen Spannungszustand für den nächsten inkremen-
tellen Berechnungsschritt ist bei der Zeitverfestigungsregel die insgesamt er-
reichte Beanspruchungsdauer ∑∆tZ (Abb. 5.6). Aufgrund der zu erwartenden
starken Verringerung der Spannungen durch Relaxation wird im Rahmen die-
ser Arbeit bei allen Kriechberechnungen die Dehnungsverfestigungsregel an-
gewendet, bei der das Kriterium für die Anpassung der Kriechgeschwindigkeit
an den veränderten Spannungszustand die Summe der inkrementellen Dehnun-
gen ∑∆εD darstellt.
Abbildung 5.6: Inkrementelle Vorgabe der Dehnung bzw. der Zeit für die
numerische Berechnung des Kriechens
58 Numerische Berechnungsmethoden
Nach der Integration der Gl. 5.2 und Umformung nach der Zeit t (Gl. 5.3)
[]
1)1/(m
Nkr
A
1)(m
t +
σ
ε+
=(5.3)
lässt sich durch Einsetzen in Gl. 5.2 der benötigte explizite Zusammenhang
zwischen der Kriechrate ε
kr und der Kriechdehnung εkr mit Gl. 5.4 darstellen.
[]
{}
1)1/(m
m
kr
N1)(m A +
+εσ=εkr
(5.4)
Um das Kriechverhalten des INCOLOY 909 für die FE-Berechnungen mit
dem Potenzgesetz zu beschreiben, ist in den primären (I) und den sekundären
(II) Bereich des Kriechens in Abhängigkeit von der Dehnung einzuteilen
(Abb._5.7). Die rechnerisch insgesamt erreichte Dehnung im Integrationspunkt
des jeweiligen FE-Elements bildet dabei das Kriterium, ob der Bereich des
sekundären Kriechens bereits erreicht ist.
relative Dehnung εkr / ε∗
Deformationsgeschwindigkeit εkr in 1/h
.
Bereich I
A= 3,5E-24
N= 6.91
m= -0.72
Bereich II
A= 1.29E-19
N= 5.02
m= 0
T = 593°C
σ = 689 MPa
σ = 758 MPa
Abbildung 5.7: Kriechraten für σ=758 MPa und σ=689 MPa
Der Nortonexponent N repräsentiert den Abstand der Geraden für vorgege-
bene Spannungen σ. Als Exponent über der Zeit t bestimmt m die Steigung
der Kurvenschar und A bestimmt ihren vertikalen Versatz. Die Bezugsgröße ε*
stellt die maximal aufgetretene Verformung des INCOLOY 909 bei T=593°C
Numerische Berechnungsmethoden 59
(σtkr=0_=689MPa) dar. Die Temperatur beeinflusst als zusätzliche variable Grö-
ße das Kriechverhalten des Werkstoffs. Die Parameter des Potenzgesetzes
wurden für die Temperaturen T=593, 621 und 649°C anhand von zwei, drei
und vier Kriechkurven bestimmt. Mit dem Unterprogramm CREEP sind die
Kriechgesetze programmtechnisch zu integrieren.
Exemplarisch für T=593°C sind die relativen Kriechdehnungen über der
Zeit t und der Spannung σ graphisch anschaulich als Fläche in Abb. 5.8
dargestellt. Zur Berechnung der Kriechdehnungen εkr wurde Gl. 5.5 heran-
gezogen. Der rote Teil dieser Fläche kennzeichnet den Bereich, _für den die
Parameter des primären Kriechens (A= 3,5 N= 6.91 m= -0,72) ihre Gültig-
keit haben.
1 mN tA 1m
1+
σ=ε +
kr (5.5)
300
350
400
450
500
550
600
650
700
750
Spannung in MPa
0
2000
4000
6000
8000
10000
Zeit in h
0.2
0.4
0.6
0.8
1.0
1.2
1.4
1.6
1.8
Dehnung in %
Abbildung 5.8: Kriechdehnungen des INCOLOY 909
Der Vollständigkeit wegen ist zu erwähnen, dass gegebenenfalls Oxidation,
Heißgaskorrosion, Gefügeumwandlungen, chemische Reaktionen oder schwin-
gende Lasten als weitere Einflussparameter bei den Zeitstandversuchen Be-
60 Numerische Berechnungsmethoden
rücksichtigung finden müssen. Derart detaillierte Untersuchungen bedürfen
jedoch auch genauer Zielvorgaben für den ganz speziellen Einsatzbereich der
Kleingasturbine (z.B. Brennstoff, maritimes Klima oder Einsatzintervalle).
5.2 Zuverlässigkeit keramischer Bauteile
Bei vielen Konstrukteuren trifft man noch immer auf deutliche Skepsis, was
die Verwendung keramischer Werkstoffe für Maschinenbauteile anbelangt.
Zum einen existieren in vielen Firmen immer noch zu geringe oder sogar ne-
gativ geprägte Erfahrungen im Umgang mit dieser Werkstoffgruppe, zum an-
deren ist deren Schadenstoleranz im Vergleich zu den sehr duktilen metalli-
schen Werkstoffen in der Tat sehr begrenzt. Der rechnerische Zuverlässig-
keitsnachweis für ein keramisches Bauteil ist zumeist unabdingbar für den
Nachweis der Betriebssicherheit der gesamten Konstruktion. Natürlich sind der
Güte der Berechnungsergebnisse dort Grenzen gesetzt, wo mangels detaillierter
experimenteller Voruntersuchungen keine hinlänglich genaue FE-Analyse
möglich ist. In diesem Fall tragen analytische Ergebnisse dennoch unbestritten
zum besseren Verständnis des grundlegenden Geschehens bei, wenngleich es
sich dann um Parameterstudien und nicht um Vorausberechnungen handelt.
5.2.1 Versagensverhalten monolithischer Keramik
Keramik kann in der Festigkeitsanalyse zumeist als elastischer Werkstoff
angesehen werden. Das Hooksche Gesetz hat demzufolge seine Gültigkeit,
solange die kritische Festigkeit nicht überschritten wird und die Temperaturen
moderat sind. Bei langen Belastungszeiten und hohen Temperaturen kann es
zusätzlich zu Kriechverformungen kommen [66]. Atypisch sind plastische
Deformationen keramischer Werkstoffe, wie sie bei Metallen vorkommen. Es
sind nur wenige spezielle Fälle bekannt, wie z.B. bei Versuchen mit hohen
Druck- und Scherkräften [63, 64], bei denen plastische Deformationen Berück-
sichtigung finden müssen.
Ein typischer Versagensmechanismus der monolithischen Keramik ist das
unterkritische Risswachstum [65], das in der angloamerikanischen Fachlitera-
tur treffender als slow crack growth (langsames Risswachstum) bezeichnet
wird, und unbedingt in die rechnerische Lebensdaueranalyse einzubinden ist.
Bedingt durch das unterkritische Risswachstum kann ein keramisches Bauteil
durch das langsame Fortschreiten eines bereits vorhandenen Anrisses nach
Verstreichen der Zeit tf zerstört werden, auch wenn es lediglich statisch bela-
stet ist und keine plastischen Verformungen aufweist. Wie beim Kriechen sind
Numerische Berechnungsmethoden 61
hier dissipative Prozesse die Ursache für dieses Verhalten, die - einmal aus
dem Gleichgewicht geraten - zum Versagen des Bauteils führen. Des Weiteren
können Thermozyklen [67], Oxidation [68] bzw. Korrosion [69] bei Tempera-
turen deutlich über 1000°C die Festigkeit von HPSN-Werkstoffen herabsetzen.
Die Festigkeit eines keramischen Werkstoffs wird stark durch kleinste Ris-
se limitiert, die sich im Bauteil oder an dessen Oberfläche befinden und wie
mikroskopisch kleine Kerben wirken. Andere Defekte, wie z.B. Fremdein-
schlüsse oder Poren werden wegen ihrer Wirkung ebenfalls als Risse interpre-
tiert. Durch diese kleinen Defekte werden lokale Spannungsspitzen verursacht,
die nicht durch plastische Deformationen abgebaut werden können. Dass Bear-
beitungsspuren im Nanometerbereich (Ra=20nm, Rz=120nm) Einfluss auf die
Festigkeit nehmen, zeigen Untersuchungen des Zusammenhangs zwischen der
Biegefestigkeit von Vierpunkt-Biegeproben aus einer Si3N4-Keramik und ihrer
Oberflächenrauigkeit [70]. Auch die Lebensdauer (Zeitstandfestigkeit) eines
belasteten Keramikbauteils wird durch produktionstechnisch bedingte Fehl-
stellen bestimmt. Die Initialisierung der Rissausbreitung und damit das unter-
kritische Risswachstum wird von der Orientierung des Anrisses im Spannungs-
feld und der Größe maßgeblich beeinflusst. Zusätzlich bestimmt die Verteilung
dieser Fehlstellen im Bauteil die Streuung seiner Festigkeit. Die mikroskopisch
kleinen Materialfehler und Bearbeitungsspuren liegen in riesiger Anzahl vor
und potentiell kann jeder dieser vielen Anrisse zum Versagen des Bauteils
führen, wenn seine Beanspruchung einen kritischen Wert überschreitet. Wegen
der Vielzahl der Anrisse und ihrer geringen Größe ist eine klassische Rissfort-
schrittrechnung für einen konkreten Riss, wie sie bei metallischen Bauteilen
machbar ist, nicht angebracht. Deshalb müssen statistische Methoden in Kom-
bination mit der Bruchmechanik für den rechnerischen Nachweis der Zuverläs-
sigkeit der keramischen Komponente zur Anwendung kommen. Die Bewer-
tung der Zuverlässigkeit des Bauteils erfolgt durch die Angabe einer Ausfall-
wahrscheinlichkeit Pf bzw. Überlebenswahrscheinlichkeit Ps für eine vorgege-
bene Beanspruchungszeit. Sehr ausführlich werden das Versagensverhalten
und die mechanischen Eigenschaften keramischer Werkstoffe in [71] behan-
delt.
5.2.2 Theorie zum Zuverlässigkeitsnachweis
Die Grundlage für den rechnerischen Zuverlässigkeitsnachweis in dieser
Arbeit bildet die Erweiterung der WEIBULLschen Weakest-Link-Theory [81]
durch die Einbeziehung bruchmechanischer Aspekte [79, 80]. Das Ziel dieser
Theorie ist es, die Kurzzeitfestigkeit oder Zeitstandfestigkeitskennwerte an
geometrisch einfachen Werkstoffproben mit gut konditionierten Belastungen
62 Numerische Berechnungsmethoden
experimentell zu bestimmen und auf Bauteile mit einer komplexen Geometrie
und multiaxialen Spannungszuständen rechnerisch anzuwenden.
Der Ansatz dieser “Theorie des schwächsten Kettenglieds“ ist es, das Ver-
sagensverhalten eines spröden Werkstoffs mit dem Versagen einer Kette zu
vergleichen. Fällt ein kleiner Teilbereich eines Bauteils durch Überbeanspru-
chung aus, dann führt es zum abrupten Versagen des gesamten Bauteils. Die
Streuung der Festigkeit für spröde Werkstoffe wie Glas [73] oder Keramik
kann in vielen Fällen gut durch diese Extremwertstatistik WEIBULLs be-
schrieben werden. Mit den zwei Parametern m und σ0 ergibt sich für die Be-
rechnung der Ausfallwahrscheinlichkeit Pf für einen inhomogenen einachsigen
Spannungszustand der Zusammenhang nach Gl. 5.6.
σ
σ
−− ∫dV
V
1
exp 1 = P
V00
f
m
(5.6)
Der WEIBULL-Parameter m ist ein Kennwert, der direkt aus Festigkeits-
versuchen an Werkstoffproben hervorgeht und die Streuung der Festigkeit des
Werkstoffs charakterisiert. Je größer der Parameter m ist, um so geringer ist die
Streuung der Festigkeit. Der WEIBULL-Parameter σ0 stellt einen spezifischen
Kennwert dar, der auf das Einheitsvolumen V0 bezogen und aus dem experi-
mentell ermittelten Kennwert σ0Probe errechnet wird. Die Abmessungen des
beanspruchten Volumens müssen in alle Berechnungen einfließen, weil die
Versagenswahrscheinlichkeit unter anderem von der Bauteilgröße bzw. Pro-
bengröße abhängt.
Mehrachsiger Beanspruchung, wie sie gewöhnlich in komplexen Bauteil-
geometrien vorliegt, und der versagensauslösenden Wirkung von Mikrorissen
wird bei der Bestimmung der Versagenswahrscheinlichkeit durch die Einbe-
ziehung der Bruchmechanik Rechnung getragen. In der linear-elastischen
Bruchmechanik wird die Höhe der Beanspruchung, die ein spröder Werkstoff
an einer Rissspitze ertragen muss, mit dem Spannungsintensitätsfaktor K be-
schrieben (Gl. 5.7).
Y a = σ
K(5.7)
Die Spannung σ ist die auf den rissfreien Querschnitt bezogene Nominal-
spannung, a die Risslänge und Y ein Geometriefaktor. Der Spannungsintensi-
tätsfaktor K ist zusätzlich von der Orientierung der auf den Riss wirkenden
Numerische Berechnungsmethoden 63
Kräfte abhängig. Die Belastungsmodi werden mit den Indizes I, II und III ge-
kennzeichnet. Wirken Zugkräfte in Normalenrichtung zur Rissebene, liegt
Modus I vor, Längs- bzw. Querscherung wird durch II bzw. III gekennzeich-
net. Für einen isotropen Werkstoff stellt die Belastung im Modus I die kritisch-
ste Beanspruchung des Risses dar. Ob die Orientierung des Risses im Span-
nungsfeld (virtuell) variiert wird, oder die Lage des Spannungsfeldes selbst, ist
für die statistische Betrachtung unerheblich. In der Praxis ist besonders die
Risszähigkeit KIc von Interesse. Diese experimentell ermittelte Werkstoffkenn-
größe ist ein Maß dafür, welcher Widerstand der Ausbreitung von Rissen ent-
gegengesetzt wird. Der KIc-Wert liegt bei monolithischen Si3N4-Werkstoffen in
der Regel in der Größenordnung von 3-8_MPa_m1/2.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Riss in einem 3D-Spannungsfeld mit
gleich großen Hauptspannungen σ1=σ2=σ3 zum Versagen führt, ist bedeutend
höher als in einem uniaxialen Spannungsfeld mit σ2=σ3=0, weil der Riss im
3D-Spannungsfeld unabhängig von seiner Orientierung immer der vollen Be-
anspruchung im Modus I und zusätzlich im Modus II und III ausgesetzt ist. Die
Mehrachsigkeit des Spannungszustandes wird deshalb durch eine - dem reinen
Modus I - äquivalente Spannung σIeq in die Berechnungen einbezogen (Gl.
5.8).
), , , ,f(
Ya
321 θ
ϕ
σσσ==σ Ieq
Ieq
K5.8
Zur Bildung von σIeq werden ein Rissmodell und ein Versagenskriterium
benötigt. Das Rissmodell beinhaltet die Aussage über die Form der Mikrorisse.
Die Mehrachsigkeit des Spannungszustandes geht über das Versagenskriterium
in die Rechnung ein. In [73] werden einige Rissmodelle und Versagenskriteri-
en ausführlich dargelegt. Weil nicht der einzelne konkrete Riss betrachtet wird,
muss die Orientierung der Rissebenen stochastisch mit Hilfe der Raumwinkel
ϕ und θ berücksichtigt werden. Durch die Integration nach dϕ und dθ in den
Grenzen der halben Einheitskugel werden alle möglichen Orientierungen im
dreidimensionalen Raum erfasst. Für das mehrachsig beanspruchte Bauteil
berechnet sich die Ausfallwahrscheinlichkeit Pf nach Gl. 5.9.
ϕ
θθ
σ
σ
π
−∫∫ ∫
π
=
ϕ
π
=θ
dV d d sin
V
1
2
1
exp-1 = P
00 00
f
V
m
Bauteil
I
Ieq 5.9
64 Numerische Berechnungsmethoden
Der WEIBULL-Parameter σI0 berechnet sich aus dem Kennwert σ0Probe und
stellt eine Funktion des Volumens und zusätzlich des Rissmodells und des
Versagenskriteriums dar.
5.2.3 Lebensdauerberechnung
Für die Lebensdaueranalyse der Welle/Nabe-Verbindung im Betrieb kann von
zeitlich relativ langsamen Temperatur- und Spannungswechseln ausgegangen
werden. Die Temperaturen befinden sich dabei insgesamt auf niedrigem Niveau,
bis maximal 800°C, bei denen sich der keramische Werkstoff bis zum Bruch rein
linear-elastisch verformt. Die mechanischen Wechselbeanspruchungen hingegen
sind für den keramischen Werkstoff bezüglich ihrer Amplitude als relativ hoch
einzustufen. Die Frequenz der thermomechanisch bedingten Lastwechsel ist ge-
ring, weshalb eine rein statische Last für die Berechnung der Bauteilfestigkeit
zugrunde gelegt werden kann, womit diese Auslegung als konservativ gelten kann
[9]. Die hochfrequenten mechanischen Schwingungen, die von der pulsierenden
Gasströmung resultieren, sind hinsichtlich der Bauteilfestigkeit - zumindest für die
keramische Komponente der Welle/Nabe-Verbindung - unbedeutend und dement-
sprechend vernachlässigbar. Unter diesen Voraussetzungen kann die Risswachs-
tumsgeschwindigkeit v, die die zeitliche Änderung der Risslänge a darstellt, mit
dem einfachen Potenzgesetz in der Form
n
Ic
K C
dt
da
v == (5.10)
ausgedrückt werden. Der Risswachstumsparameter n und die Konstante C sind
Materialkonstanten, die experimentell zu ermitteln sind und über der Temperatur
variieren können. Von der Firma CFI GmbH und Co. KG wurde für den Werkstoff
N3208 n=80 und C=2,96 MPa-n_m(2-n)/2_s-1 (20°C) bzw. n=50 und C=2,85 MPa-
n_m(2-n)/2_s-1 (800°C) aus dynamischen Biegeversuchen gewonnen. Das Risswachs-
tum wird kritisch, wenn die Risslänge a die als kritisch anzusehende Risslänge ac
erreicht bzw. überschreitet, was den plötzlichen Bruch des Bauteils zur Folge hat.
Wenn die Verteilung der Lebensdauer sich durch eine WEIBULL-Verteilung be-
schreiben [73] lässt, kann die von der Zeit abhängige Ausfallwahrscheinlichkeit
Pf(t) nach Gl. 5.11 berechnet werden [82].
()
ϕ
θθ
σ
σ+σ⋅
π
−∫∫ ∫
π
=ϕ
π
=θ
−
−
dV d d sin
V
1
2
1
exp-1 = (t)P
00 0
21
2
B
t
0
f
V
m
I
n
n
Ieq
n
Ieq (5.11)
Numerische Berechnungsmethoden 65
Der Risswachstumsparameter B kann entweder direkt experimentell aus
Zeitstandversuchen gewonnen oder nach Gl. 5.12 errechnet werden. Die Be-
rechnung von B beinhaltet jedoch größere Unsicherheiten, weil sich die dyna-
mischen Biegeversuche zur Bestimmung von n und C meist nur über relativ
kurze Zeiträume erstrecken. Weitere Kennwerte für B konnten von CFI aber
nicht zur Verfügung gestellt werden.
n-2
Ic
2
I
K
)2(Y C
2
B −
=n(5.12)
Mit KIc=3,5 MPa_m1/2 und dem Geometriefaktor YI=0,73 ergeben sich
B=5.9x10-45 MPa2⋅s für 20°C und B=2,1x10-28 MPa2⋅s für 800°C.
In der bisherigen Betrachtung wurde vorausgesetzt, dass die versagensaus-
lösenden Fehler sich im Bauteil befinden und das Bauteilvolumen maßgebend
für die Höhe der Ausfallwahrscheinlichkeit ist. Häufig sind aber zusätzlich
oder auch ausschließlich auf der Bauteiloberfläche befindliche Fehler jene, die
zum Versagen führen, insbesondere dann, wenn besonders hohe Randfaser-
spannungen bei Biegung oder eine rau beschliffene Oberfläche vorliegen. Um
für eine Fläche alle möglichen Orientierungsrichtungen zu erfassen, reicht für
die Berechnung der Ausfallwahrscheinlichkeit Pf(t) die Integration lediglich
über den Winkel ϕ von 0 bis 180° .
()
+⋅
−∫∫
=
−
−
dA d
A
1
1
exp-1 = (t)P
A0 0
21
2
B
t
0
f
π
ϕ
ϕ
σ
σσ
π
m
I
n
n
Ieq
n
Ieq (5.13)
Gln. 5.11 und 5.13 können für reale Bauteile in der Regel nicht exakt gelöst
werden. Existiert eine inhomogene Temperaturverteilung im Bauteil und vari-
ieren die bruchstatistischen Kennwerte mit der Temperatur, ist einzig durch
numerische Verfahren die Berechnung der Ausfallwahrscheinlichkeit möglich.
5.2.4 Postprozessor CERTUB
Für die numerische Berechnung der Ausfallwahrscheinlichkeit ist ur-
sprünglich ein Postprozessor entwickelt wurden [83], der die FE-
Ergebnisdateien des FE-Programms TPS10 [84] nutzte. Dieser wurde zum
Postprozessor CERTUB weiterentwickelt und in [11] bereits in grundlegender
Weise hinsichtlich der programmtechnischen Realisierung der Ausfallwahr-
66 Numerische Berechnungsmethoden
scheinlichkeitsberechnung beschrieben. Da im Rahmen der vorliegenden Ar-
beit am Berechnungsprogramm keine Änderungen vorgenommen wurden, wird
hier auf die Beschreibung der Programmstruktur in [11] verwiesen. Geändert
wurden lediglich entsprechende Schnittstellen zur Anbindung an das FEM-
Programm ABAQUS, um die Werte der Spannungen und Temperaturen für die
einzelnen Integrationspunkte der Elemente einlesen und verarbeiten zu können.
Durch die Diskretisierung der Struktur wird die Integration über dem Vo-
lumen, Gl. 5.11, bzw. der Fläche, Gl. 5.13, auf eine einfache Produktbildung
der Überlebenswahrscheinlichkeiten Ps,i der einzelnen diskreten Volumina
bzw. Flächen zurückgeführt, wonach sich die Überlebenswahrscheinlichkeit Ps
des Bauteils mit
∏∆=
iis,sP P 5.14
berechnet. Die Winkelintegrale werden mittels der Simpson-Regel nume-
risch gelöst. Durch die örtliche Auflösung nach der Temperatur T und den
Hauptspannungen σ1, σ2 und σ3 ist die äquivalente Spannung ebenfalls keine
Funktion des Ortes mehr σIeq≠f(x,y,z).
Als Rissmodell wird der halbkreisförmige Riss gewählt und als Versagens-
kriterium das empirische Kriterium nach Richard [85], mit α1=1,26. Dieser
Wert ist aus der Literatur für einen HPSN-Werkstoff bekannt [6].
6 Ergebnisse
In diesem Kapitel werden auch experimentelle Resultate bzw. numerische
Simulationsergebnisse dargelegt, die zwar nicht unmittelbar zum angestrebten
Ziel der betriebssicheren Keramikwelle-Metallnabe-Verbindung führten, aber
im Hinblick auf Ihre Auslegung wichtige Erkenntnisse vermitteln. Die Abfolge
der Ergebnisdarstellung wird weitestgehend an die Chronologie der Untersu-
chungen angelehnt, um einzelne Maßnahmen zur Lösung aufgetretener Pro-
bleme bzw. Schritte, die sich aus den Untersuchungen als logische Konsequenz
ableiteten, besser verständlich zu machen.
6.1 Vergleich der Konstruktionsvarianten I und II
Damit eine Bewertung der Konstruktionsvarianten I und II über FE-
Berechnungen erfolgen konnte, wurden deren wichtigste geometrische Abmes-
sungen gleich gewählt. Einen Schnitt der Welle/Nabe-Verbindung zeigt
Abb._6.1.
Abbildung 6.1: Konstruktionsvarianten I und II
Alle Kontaktflächen wurden zunächst als reibungsfrei angenommen und
folglich wurde auch keine Torsionslast vorgegeben. Für die Abschätzung des
Kontaktdrucks war dieses Vorgehen zweckmäßig, weil die Reibungskoeffizi-
enten bis dahin noch nicht bestimmt waren. Das Durchmesserverhältnis
68 Ergebnisse
dN,i/dK=2,5 wurde gemäß Gl._3.4 (Seite 18) festgelegt. Zunächst war von be-
sonderem Interesse, wie sich die Verteilung des Fugendrucks pF bei der rechne-
rischen Simulation der Erwärmung beider Varianten auf 600°C in der Kontakt-
zone Keramik/Metall gestalten würde. Mit einem Übermaß der Nabe von
40µm ergibt sich die in Abb._6.2 dargestellte Kontaktdruckverteilung auf dem
zylindrischen Teil des Keramikschafts. Deutlich ist der konstruktiv bedingte,
axial stark ungleichförmige Verlauf des Kontaktdrucks bei Variante I ersicht-
lich, der aus der festen Einspannung der Segmente, die mit der Welle ein ge-
meinsames Bauteil bilden, resultiert. Der gleichförmigere Verlauf des Kon-
taktdrucks bei Variante II stellt nicht nur hinsichtlich der Kraftübertragung die
bessere Lösung dar, sondern ist auch im Hinblick auf die Beanspruchung der
Keramik wegen deutlich geringerer Spannungsspitzen vorteilhafter. Wegen des
Überschreitens der zulässigen Spannung würden bei der Variante I an den
Kanten der Segmente und in der Nabe, in der Kontaktzone zum ungeschlitzten
Bereich der Segmente, plastische Deformationen auftreten, was aber nicht
simuliert wurde (lineare Statik).
Abbildung 6.2: Kontaktdruck in der Keramik/Metall-Kontaktfläche (FE- Be-
rechnung mit TP 2000)
In welcher Weise sich die Druckspannungsverteilung über den Querschnitt
der Welle/Nabe-Verbindung bei deren Erwärmung von 20°C auf 800°C verän-
dert, geht aus Abb._6.3 hervor. Dargestellt ist hier jeweils der halbe Quer-
schnitt der Variante II. Die Schnittebene verläuft in etwa durch den Ort des
Ergebnisse 69
maximalen Kontaktdrucks, der in Abb._6.2 gekennzeichnet ist. Die Resultate
der FE-Berechnungen bestätigen generell die Eignung des zugrundeliegenden
Wirkprinzips für den Einsatz in einer thermisch hoch beanspruchten, kraft-
schlüssigen Welle/Nabe-Verbindung. Abgesehen von der ungleichförmigen
Verteilung der Druckspannung über dem Umfang, die durch die allseitige
thermische Expansion der Segmente verursacht wird, bleibt das insgesamt
hohe Niveau der Druckspannungen trotz der Erwärmung auf 800°C erhalten.
Allerdings bilden sich wegen der hohen Steifigkeit der Segmente entlang der
geschlitzten Kanten Kontaktzonen heraus, an denen der Kontaktdruck gegen
Null strebt. Im Zentrum der Segmente steigt die Druckspannung (410 MPa →
490 MPa) und damit der Kontaktdruck sogar noch an. Nachteilig auf die Höhe
des maximal von der Verbindung übertragbaren Drehmoments wird sich die
ungleichmäßige Druckverteilung vor allem dort auswirken, wo die ertragbare
Scherspannung in Teilbereichen der Fügezone bereits erreicht ist. Dann stellt
der durchschnittliche Kontaktdruck keinen aussagekräftigen Wert für die Ab-
schätzung des Rutschmoments mehr dar.
Abbildung 6.3: Druckverteilung für 20°C und 800°C im Querschnitt der Vari-
ante II (FE Berechnung mit TP 2000)
Durch zahlreiche Torsionsprüfungen im Temperaturbereich zwischen 20°C
und 800°C konnte eine vergleichende Bewertung beider Bauformen auf expe-
rimenteller Grundlage erfolgen. Das Rutschmoment bzw. das angelegte
Drehmoment im Augenblick des Torsionsbruchs der keramischen Welle, auf-
getragen über der Temperatur, zeigt Abb._6.4.
70 Ergebnisse
0
5
10
15
20
25
0 200 400 600 800 1000 0 200 400 600 800 1000
Temperatur in °C
Drehmoment in Nm
Variante I Variante II-A
Torsionsbruch
Rutschmoment
1. Lastaufbringung
2.Lastaufbringung
Abbildung 6.4: Ergebnisse der Torsionsprüfung
Bei 20°C konnte kein Rutschmoment bestimmt werden, weil nur Torsions-
brüche notiert wurden. Signifikant unterscheiden sich die erzielten Ergebnisse
beider Varianten bei 600°C. Während bei Variante II-A ein deutlich geringeres
Rutschmoment als bei 400°C zu verzeichnen ist, wird ein solcher Abfall bei
Variante I zwischen 600°C und 800°C deutlich. Drei Ursachen erklären das bei
800°C generell stark reduzierte maximal übertragbare Drehmoment. Der Rei-
bungskoeffizient µ für den Kontakt Keramik/Metall verringert sich mit zuneh-
mender Temperatur. Das Belastungsprofil der Kontaktfläche selbst ändert sich
in der Weise, wie es auf der vorangehenden Seite beschrieben ist. Schließlich
ist, als nachträglich festgestellte Ursache, das Versagen des sich innerhalb der
Pressverbindung befindlichen Teils des keramischen Wellenansatzes herauszu-
stellen. Während bei Variante I wegen der axial ungleichförmigen Kontaktzone
in der Regel nur ein einzelner Bruch auftrat, kam es bei Variante II-A häufig zu
mehreren Brüchen (Abb._6.5). Diese Brüche sind die Folge hoher axialer
Zugspannungen, die das Resultat thermisch bedingter Dehnungen durch die
Erwärmung der Torsionsproben sind. Die zur reibschlüssigen Kraftübertragung
zur Verfügung stehende reale Fügelänge war damit bei der Hochtemperatur-
prüfung deutlich geringer als die dafür konstruktiv vorgesehene Fügefläche. Je
nach Gestalt der Bruchfläche ist es möglich, dass trotz Bruch eine Kraftüber-
tragung durch Reibschluss oder sogar Formschluss in der Bruchfläche auftritt.
Ergebnisse 71
Abbildung 6.5: Keramischer Wellenansatz einer nach dem Versuch demon-
tierten Torsionsprobe (Variante II-A)
Vor dem Hintergrund der erläuterten Sachverhalte ist nun die Bewertung
der beiden Varianten vorzunehmen. Das bedeutend höhere Rutschmoment der
Variante I, bei 600°C beträgt der Mittelwert MR=15,3 Nm gegenüber MR=8,5
Nm bei Variante II-A, ist in erster Linie auf den sehr viel höheren Kontakt-
druck zurückzuführen, der auf den zur Kraftübertragung verbleibenden kerami-
schen Wellenansatz wirkt. Nach den experimentellen und analytischen Unter-
suchungen ist die Konstruktionsvariante II vor allem wegen der gleichmäßige-
ren Kontaktdruckverteilung und der insgesamt niedrigeren Werte der Ver-
gleichsspannungen in hoch beanspruchten Bereichen der Segmente und der
Nabe jedoch als vorteilhafter zu bewerten.
Die weiteren Untersuchungen beschränkten sich deshalb auf die in punkto
Abmessungen variierte Bauform II der Welle/Nabe-Verbindung.
6.2 Bestimmung der Randbedingungen
Die Kalibrierung der FE-Simulation gestaltete sich insgesamt schwierig,
weil auch bei einigen Torsionsproben mit einem 8 mm-Keramikschaft (II-B
und II-C) und bei den speziell für die experimentelle Spannungsbestimmung
präparierten Proben Brüche des keramischen Wellenansatzes auftraten. Wegen
der begrenzten Messzeiten am BER2-Reaktor des HMI konnten keine zusätzli-
chen Messungen durchgeführt werden. Durch gezielte FE-Berechnungen
konnten die vorhandenen Ergebnisse dennoch ausgewertet und zur Kalibrie-
rung der FE-Resultate genutzt werden.
72 Ergebnisse
6.2.1 Experimentelle Spannungsbestimmung
Die im Messvolumen (siehe Abschnitt 4.3) aus den Messungen der Gitterdeh-
nungen bestimmten axialen und radialen Spannungskomponenten für 20°C, 400°C
und 700°C Probentemperatur sind in Abb._6.6 zusammengefasst. Die Messunsi-
cherheit beträgt ca. ±50 MPa. Die zugehörigen FE-Simulationsergebnisse wurden
mit U=40µm, µtang=0,25 und µaxial=0,5 errechnet (iterativ bestimmt). Im Inneren
des keramischen Wellenansatzes herrscht ein räumlicher Spannungszustand, wes-
halb die drei Spannungskomponenten funktional voneinander abhängen. Dennoch
wird in den nachfolgenden Erläuterungen getrennt auf die axiale und die radiale
Komponente eingegangen. Weil die Spannnungen quasi auf der Mittelachse ge-
messen wurden, gilt σradial=σtang.
Abbildung 6.6: Experimentelle Spannungsbestimmung im Vergleich zur FE-
Berechnung
Ergebnisse 73
Der Verlauf der ermittelten Axialspannungen für die bei Raumtemperatur
(20°C) montierte Probe erklärt sich durch zwei durchgehende Risse im Kera-
mikschaft, die bei der die Demontage der Probe, nach dem Abschluss der Mes-
sungen, festgestellt wurden. Das Messvolumen war genau im mittleren der drei
geteilten Stücke lokalisiert, weswegen bei der Erwärmung der Probe auf 400°C
keine Zunahme der Zugspannungen messbar war. Gemäß der FE-Simulation
steigt die Axialspannung durch die Erwärmung auf 400°C zunächst um etwa
∆σaxial=120_MPa, fällt aber bei weiterer Erwärmung auf 700°C um ca.
∆σaxial=_−60_MPa ab, was zunächst widersprüchlich erscheinen mag. Da sich
aber mit der Erwärmung von 400°C auf 700°C auch die Radialspannungen
verringern, wird in der FE-Berechnung gleichzeitig ein starkes Abgleiten der
zylindrischen Kontaktflächen von Keramik/Metall simuliert, wodurch sich der
Spannungsabbau in axialer Richtung trotz zunehmender thermischer Dehnung
erklärt.
Zur Reduzierung der hohen axialen Zugspannungen im Keramikschaft
wurde eine zweite Probe im heißen Zustand (T=700°C) montiert. Wie erwartet,
sind in der Folge Druckeigenspannungen (σaxial=_−90_MPa) bei T=20°C, die
vom Abkühlprozess nach der Montage resultieren, zu verzeichnen. Der Verlauf
der Axialspannungen über der Temperatur entspricht qualitativ dem errechne-
ten, liegt im Niveau aber ca. 100_MPa darunter, weil die Schrumpfspannungen
nicht berücksichtigt wurden. Entgegen den Erwartungen, wurde auch bei der
heiß montierten Probe ein Anriss im Keramikschaft vorgefunden. Die unter-
suchten Oberflächen der demontierten Proben deuten darauf hin, dass durch
das Verhaken einzelner Rauigkeiten der keramischen Oberfläche in der metal-
lischen kein Abgleiten der Oberflächen gegeneinander möglich war, und ent-
gegen der rechnerischen Simulation die axialen Zugspannungen mit zuneh-
mender Erwärmung bis T=700°C, vermutlich bis zum Bruch, stetig anstieg.
Der Riss lag hier allerdings außerhalb des Messvolumens.
Wie zuvor erwähnt, können die axiale und radiale Spannungskomponente
nicht voneinander losgelöst betrachtet werden. Zwei Verläufe der berechneten
Radialspannungen über der Temperatur verdeutlichen diesen Sachverhalt. Der
Ausgangszustand (Montage bei T=20°C) war für beide FE-Simulationen
gleich, mit einer resultierenden Radialspannung im Messvolumen von ca.
σradial=_−150_MPa. Werden die Risse der bei Raumtemperatur montierten Pro-
be mit berücksichtigt (drei geteilte Stücke), dann ergibt sich bei 400°C eine um
−100_MPa geringere Radialspannung im Vergleich zur FE-Berechnung für eine
unversehrte Probe. Somit lassen sich die qualitativ starken Abweichungen der
für beide Proben gemessenen Radialspannungsverläufe anhand der ebenso
starken Abweichungen bei der axialen Spannungskomponente erklären. Nicht
74 Ergebnisse
eindeutig geklärt werden konnte, ob etwa durch einen Offset-Fehler die expe-
rimentell bestimmten Radialspannungen der kaltgefügten Probe, die im Verlauf
gut mit den FE-Berechnungen übereinstimmen, im Niveau um ca. 100_MPa zu
hoch liegen. Gestützt wird diese Annahme dadurch, dass bei 700°C positive
Radialspannungen (σradial=_20_MPa) ermittelt wurden, obwohl Zugspannungen
in diesem Fall praktisch auszuschließen sind.
Zusammenzufassend ist festzustellen, dass das effektive rechnerische
Übermaß mit Ueff=40_µm, um ca. 20% unter dem gemessenen Übermaß von
U=55_µm bzw. U=53_µm liegt.
6.2.2 Reibungskoeffizienten und Scherspannungen
Die Bestimmung der Reibungskoeffizienten bzw. der ertragbaren Scher-
spannungen erfolgte im Wesentlichen anhand der Varianten II-B bis II-F. Die
Darstellung zweier Axialspannungsverläufe auf der Oberfläche des kerami-
schen Wellenansatzes in Abb_6.7, wie sie sich bei Erwärmung der Welle/Nabe-
Verbindung auf T=400°C ergeben, unterstreicht die Wichtigkeit der richtigen
Vorgabe der Reibungskoeffizienten. Mit µaxial=0,5 bildet sich ein Zugspan-
nungsbereich mit σaxial,max=480_MPa heraus. Durch die Vorgabe eines nur halb
so großen Reibungskoeffizienten µaxial=0,25 halbiert sich in etwa auch die
maximale Zugspannung (246_MPa) in diesem Bereich.
Abbildung 6.7: Axialspannungsverteilung auf der zylindrischen Keramikkon-
taktfläche bei T=400°C (Variante II-B)
Ergebnisse 75
Um den axialen Reibungskoeffizienten zu verringern, wurden einige Kera-
mikschäfte nachträglich poliert (Ra=0,1µm; Rz=1,1µm). Diese Maßnahme
verringerte den Reibungskoeffizienten wider Erwarten nur gering, so dass auch
hier teilweise Versagen durch zu hohe axiale Zugspannungen auftrat
(Abb._6.8a). Bemerkenswert ist, dass die Bruchflächen in diesem Fall nicht
glatt und eben, sondern gekrümmt sind, wie es die elliptische Form des be-
rechneten Spannungsverlaufs (siehe Abb._6.7) erwarten lässt. Die glatten, ebe-
nen Bruchflächen, wie sie bei den unpolierten keramischen Wellenansätzen der
Versuchswellen der Charge I und II (Ra=1,0µm; Rz=8,8µm) auftraten
(Abb._6.8b), resultieren demzufolge nachweisbar von den Schleifriefen, die als
feine Kerben wirken.
Bruch durch Eigenspannungen
Materialabtragungen durch Scherspannungen
bei den axialen Belastungstests
Abbildung 6.8: links - polierter Schaft rechts - unpolierter Schaft
Unverkennbar ist Segmentwerkstoff auf dem zylindrischen Teil der Ober-
fläche des keramischen Schafts aufgetragen, der aufgrund hoher Scherspan-
nungen bei den axialen Ausstoßversuchen von den Oberflächen der Segmente
abgeschert wurde. Deshalb war es generell schwierig zu klären, ob der begren-
zende Faktor der Kraftübertragung die Scherspannung τ max,axial oder der Rei-
bungskoeffizient µaxial war. Auch die Ergebnisse der Torsionsprüfungen der
sich lediglich im Übermaß unterscheidenden Varianten II-B und II-C sind un-
ter diesem Gesichtspunkt zu bewerten (Abb._6.9). Lediglich bei der Prüftempe-
ratur von 800°C war eindeutig der Einfluss des gemessenen Übermaßes auf das
Rutschmoment zu notieren (50-60µm / MR=9,1; 30-40µm / MR=5,7). Unter
Zuhilfenahme der FE-Simulation kann der minimale tangentiale Reibungs-
koeffizient für die Keramik/Metall-Kontaktfläche abgeschätzt werden. Indem
76 Ergebnisse
das Torsionsmoment MT schrittweise erhöht wird, kann das Rutschmoment MR
mit einer rechnerischen Genauigkeit von ±10% bestimmt werden. Unter der
Annahme von µtang=0,2 entsprechen die FE-Berechnungsergebnisse dem expe-
rimentell bestimmten mittleren Rutschmoment MR =26,5; 16,5 und 8,5 Nm
bei der Temperatur von 600; 700 und 800°C (in gleicher Reihenfolge).
Abbildung 6.9: Kalibrierung der FE-Simulation anhand der Torsionsprüfung
Die in Kombination von FE-Simulation und Experiment bestimmten Rei-
bungskoeffizienten bzw. maximalen Scherspannungen sind in Tab. 6.1 für die
zugehörigen Temperaturen aufgelistet.
Tabelle 6.1: Haftreibungskoeffizient und Scherspannungen
Kontaktfläche T in °C Haftreibungskoeffizient τmax in MPa
20 210
700 120
Keramik
/NIMONIC 800 µaxial>0,5; µtang>0,2 100
20 80
400 70
600 60
700 35
Keramik beschichtet/
NIMONIC
800
µ>0,3
25
20 0,1 --INCOLOY
/NIMONIC 700 0,5 --
TiN/NIMONIC 20 0,7 --
Ergebnisse 77
6.3 Variierung der Geometrie
Ein Konzept, die axialen Zugspannungen zu reduzieren und damit die
Welle/Nabe-Verbindung zuverlässig auszulegen, sah vor, den Innen- und Au-
ßendurchmesser der Segmente geringfügig kleiner zu gestalten als die entspre-
chenden Durchmesser des Keramikschafts und der Nabe (siehe Abb. 6.10).
Dadurch erhalten die Segmente im montierten Zustand eine gewisse Vorspan-
nung, die deren Aufspreizen bei der Erwärmung dann in gewissen Grenzen
kompensieren kann.
Abbildung 6.10: Axialspannungsverteilung auf der zylindrischen Keramik-
kontaktfläche bei T=400°C (Variante II-G)
Das Ergebnis der FE-Simulation zeigt, dass sich mit dieser konstruktiven
Maßnahme - rein rechnerisch - die maximalen axialen Zugspannungen auf der
Oberfläche des Keramikschafts (ca. 280 MPa) verringern lassen. Trotz der
rechnerisch geringeren Zugspannungen zerriss der im Durchmesser 8mm star-
78 Ergebnisse
ke Keramikschaft auch bei dieser Ausführung der Welle/Nabe-Verbindung im
Inneren der Pressverbindung. Auch in diesem Fall liegt eine Diskrepanz zwi-
schen den bei der FE-Berechnung simulierten Gleitvorgängen in der Kontakt-
fläche Keramik/Metall und dem in der Realität vermutlich verhinderten Ab-
gleiten einzelner Rauhigkeitsspitzen vor. Der arithmetische Mittelwert des
experimentell bestimmten Rutschmoments für T=800°C liegt mit MR=12,5
Nm bei dieser Ausführung relativ hoch (vergleiche Abb. 6.9).
Die Beschichtung der Keramikkontaktfläche, in diesem Fall mit einem han-
delsüblichen Leitlack, erwies sich in zahlreichen Experimenten als einzig wirk-
same Vorkehrung, die Spannungen an der Oberfläche des Keramikschafts so
zu begrenzen, dass kein Versagen der keramischen Bauteile auftrat. Das von
der Firma Honeywell Engines & Systems schon seit längerem angewendete
Verfahren zielt darauf ab, die Scherspannungen in der Kontaktzone zu vermin-
dern. Bei einer Relativbewegung der Flächen gegeneinander dient diese Be-
schichtung als Schmierstoff und bestimmt durch ihre Dicke und stoffliche Zu-
sammensetzung die Scherspannungen in der Kontaktzone.
Derart präparierte Proben waren Gegenstand aller nachfolgenden Untersu-
chungen. Anhand baugleicher Torsionsproben, die sich nur in der Segmentie-
rung der Kompensationsstücke (4x90° bzw. 8x45°) voneinander unterschieden,
wurde der Einfluss der Segmentanzahl auf das Rutschmoment untersucht
(Abb. 6.11).
FE-Simulation Experiment
Rutschmoment in Nm
600 700 800 600 700 800
Temperatur in °C
arithmetischer
Mittelwert MR
der Meßwerte
4 Segmente
8 Segmente
Abbildung 6.11: Einfluss der Segmentanzahl auf das Rutschmoment (Variante
II-E und II-F)
Ergebnisse 79
Sowohl rechnerisch, als auch experimentell ist bei der Verwendung von 8
Segmenten eine höhere Drehmomentenübertragung möglich als bei der Ver-
wendung von nur 4 Segmenten, da die ungleichmäßige Kontaktdruckverteilung
bei hohen Temperaturen durch eine höhere Segmentanzahl über dem Umfang
vergleichmäßigt wird.
6.4 Rechnungs-Messungs-Vergleich
Aus vorhergehenden FE-Simulationen mit Rotation (bis 2700 1/s) ging hervor,
dass die Baugrößen (dN,i/dK>2,5), wie sie in den bisher vorgestellten Untersuchungen
am Torsionsprüfstand verwendet wurden, für eine rotierende Welle/Nabe-
Verbindung hinsichtlich ihres Durchmessers zu groß wäre. Dem entsprechend wurde
das Durchmesserverhältnis unter Zuhilfenahme von FE-Berechnungen auf
dN,i/dK=2,1 festgelegt, womit der Beanspruchung durch die Zentripetalkräfte Rech-
nung getragen wird. Die Fügelänge wurde mit L=6_mm und der Durchmesser des
Keramikschafts zu dK =∅6mm festgelegt.
Wegen des zu hohen finanziellen Aufwands konnten keine keramischen Turbi-
nenlaufräder gefertigt werden, die ein Testen der Verbindung im Kleingasturbinen-
prüfstand ermöglicht hätten. Der Vergleich von experimentellen mit analytischen
Ergebnissen musste sich daher auf die Torsionprüfungen beschränken. Wie später
noch gezeigt wird, verringert sich durch die Rotationslast in erheblichem Maße der
Kontaktdruck in der Pressverbindung. Durch die starke Variierung des Übermaßes
(20µm-65µm) bei den Varianten II-H, II-J und II-K kann die Abnahme des Kontakt-
drucks bei den Versuchen am Torsionsprüfstand weitestgehend nachgebildet werden.
Die jeweilige Beschichtung des keramischen Wellenansatzes ist in der Angabe des
Übermaßes enthalten, wobei dieses bereits das effektive, für die Rechnung einzuset-
zende Übermaß darstellt. Ein inhomogenes Temperaturfeld, wie es in einer Kleinga-
sturbine in der Welle/Nabe-Verbindung vorliegen würde, konnte im Experiment
allerdings nicht berücksichtigt werden.
Aus dem Histogramm in Abb. 6.12 sind die experimentell und rechnerisch be-
stimmten Rutschmomente zu entnehmen. Der technisch relevante Wert ist der je-
weils geringste (MR,min). Der Streubereich, in dem die gemessenen Rutschmo-
mente liegen, ist bei Variante II K (U=60-65µm) besonders gering. Aufgrund des
hohen Übermaßes und den daraus resultierenden plastischen Verformungen werden
die durch Toleranzen bedingten unterschiedlichen Eigenspannungsniveaus der ein-
zelnen Torsionsproben ausgeglichen, wodurch das Tragverhalten verbessert wird.
Die FE-Simulationsergebnisse mit den Übermaßen 40µm und 60µm, in ei-
ner Vorausberechnung errechnet, treffen sehr gut die experimentellen Ergeb-
nisse, während der Wert der Vorhersage für U=20µm zu gering ausfällt. Rech-
80 Ergebnisse
nerisch wird die maximal ertragbare Scherspannung bei U=20µm nicht mehr
erreicht, weswegen dann die Kraftübertragung alleine vom Reibungskoeffizi-
enten bestimmt wird. Aus dem Vergleich von Rechnung und Experiment lässt
sich ableiten, dass die Annahme von µ=0,3 für den Reibungskoeffizienten der
beschichteten Fläche wahrscheinlich einen eher konservativen Wert darstellt.
Abbildung 6.12: Rechnungs-Messungs-Vergleich (Variante II-H, II-J, II-K)
Insgesamt wird aus den Resultaten deutlich, dass eine exakte Vorauslegung
machbar ist. Allerdings ist auch hier bereits ersichtlich, dass bei einer homogen auf
T=800°C aufgeheizten Verbindung keine Leistungsreserve mehr für die zusätzliche
Beanspruchung durch hohe Drehzahlen vorhanden wäre. Zusätzlich berücksichtigt
werden müssten die mit der Zeit zunehmenden Kriechverformungen der Nabe, die
eine Dauerbeanspruchung bei diesen hohen Temperaturen nicht zulassen.
6.5 Zeitstandversuche
Die Prüfung der Zeitstandfestigkeit erfolgte durch die Warmauslagerung
der Proben in einem Ofen bei 600°C, ohne dabei die Beanspruchung durch
Rotation zu berücksichtigen. Bei einem sehr hohen Spannungsniveau in der
Ergebnisse 81
Nabe werden die Auswirkungen insbesondere der primären Kriechverformun-
gen auf das Übertragungsverhalten der Welle/Nabe-Verbindung untersucht.
Bei einer Auslagerungstemperatur von T=600°C kommt es zu Kriechverfor-
mungen in der Nabe, wodurch eine Spannungsrelaxation stattfindet, welche die
Eigenspannungen in der Pressverbindung insgesamt herabsetzt (Abb. 6.13).
Spannungsspitzen von bis zu 750_MPa (Mieses-Vergleichsspannung) an den
Kanten des Freistichs am Bohrungsende in der Nabe vor Beginn der Kriechver-
formungen verringern sich -gemäß FE-Simulation- auf ca. 420_MPa nach
1006_h Beanspruchungsdauer.
Abbildung 6.13: Vergleichsspannung in der Nabe in Abhängigkeit von der
Zeit (Variante II-E)
Nach einer Warmauslagerungszeit von 1006_h verbleiben elastische Deh-
nungen in der Nabe, die ausreichend hoch sind, die Kraftübertragung zu ge-
währleisten. Die Torsionsprüfung mit den bei 600°C ausgelagerten Torsions-
proben erfolgten nicht bei 600 sondern bei 700°C, um die Beanspruchung der
Keramik zu vermindern und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Tor-
sionsbrüchen, zu verringern. Das experimentell bestimmte Rutschmoment MR
für tkr=0h, tkr=277_h und tkr=1006_h im Vergleich zur FE-Simulation zeigt
Abb. 6.14. Unerwartet ist der Anstieg von MR nach Warmauslagerung der
Proben über 1006_h. Die Oxidation der Beschichtungswerkstoffe über die
langen Versuchszeiten sind hierfür maßgeblich verantwortlich. Allerdings trägt
82 Ergebnisse
weniger die Volumenzunahme selbst, als vielmehr die Änderung der tribologi-
schen Eigenschaften der Oxidschicht des Beschichtungswerkstoffs - der quasi
als Schmiermittel in der Keramik/Metall-Kontaktzone fungiert - dazu bei, dass
das Rutschmoment sich wieder erhöht, nachdem es sich zuvor durch primäre
Kriech- und Setzungserscheinungen verringerte.
Abbildung 6.14: Ergebnis der Zeitstandversuche (Variante II-E)
6.6 Bruchmechanische Bewertung
Mit den in Tab. 6.2 aufgelisteten bruchmechanischen Kennwerten wurde
die Ausfallwahrscheinlichkeit für die Belastungszeit von t=0h und 1h, für die
Varianten II-B und II-K (unbeschichteter und beschichteter keramischer Wel-
lenansatz) berechnet. Zugrunde gelegt wurde die errechnete Spannungsvertei-
lung für T=400°C bei einer Oberflächenfehlerpopulation mit halbkreisförmi-
gem Oberflächenriss und mit dem Kriterium nach Richard mit α1=1,26. Wäh-
rend Pf(t=0h) für beide Varianten annähernd Null ist, steigt die Ausfallwahr-
scheinlichkeit nach einer Belastungszeit von nur 1h auf 100% bzw. 61,5% an.
Anhand der Berechnungsergebnisse lässt sich bereits erkennen, dass die gerin-
ge Bruchzähigkeit das Versagen der Keramikteile in starkem Maße begünstig-
te, wenngleich experimentell kein Versagen (Pf=0%) bei den Varianten mit
beschichtetem Keramikschaft (II-K) festgestellt wurde (Unstimmigkeit zur
Berechnung; Pf=61,5%). So war an einigen Bruchflächen Versagen durch un-
terkritisches Risswachstum deutlich zu erkennen.
Ergebnisse 83
Tabelle 6.2: Ausfallwahrscheinlichkeiten für Oberflächenfehlerpopulation
Variante WEIBULL-
Parameter m WEIBULL
-Parame-
ter σ0
in MPa
Risswachs-
tumspara-
meter n
Risswachs-
tumspara-
meter B
in MPa2⋅s
Pf(t=0h)
in % Pf(t=1h)
in %
II B 0.3 100
II K 8,5 670 50 2,1E-28 0.0 61.5
Wie bereits erwähnt, ist die Bestimmung des Risswachstumsparameters B
über dynamische Biegeversuche mit starken Unsicherheiten behaftet. Die Kur-
ve der äquivalenten Zeitstandfestigkeit für B=2,1⋅10-28MPa2⋅s und n=50 wurde
mit dem Programm CERTUB nach der Beziehung gemäß Gl._6.1 berechnet
(Mehrachsigkeit und Rissmodell berücksichtigt) und in Abb._6.15 dargestellt.
()
(
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Blog logn - tlog 2
0
*
0−
σ+σ= n
I6.1
Abbildung 6.15: Berechnete Zeitstandfestigkeit für verschiedene B-Werte
Für einen Si3N4-Werkstoff ist eine derart geringe Zeitstandfestigkeit äußerst
ungewöhnlich. Aus Untersuchungen sind Werte bekannt [9], wonach der Riss-
wachstumsparameter B Werte von 1⋅10-8MPa2⋅s und größer annimmt (in der
Regel bei sehr viel höheren Temperaturen). Wie sich die Änderung des Para-
84 Ergebnisse
meters B auf die Zuverlässigkeit des keramischen Wellenansatzes auswirkt,
zeigt Abb._6.16. Trotz des sehr viel größeren Werts für den Parameter B
(10-8MPa2⋅s) ergibt sich bei der Variante II-B mit Pf(t=1h)=90,1% eine immer
noch sehr hohe Versagenswahrscheinlichkeit, während bei der Variante II-K -
nunmehr auch rechnerisch_- kein Versagen auftritt (Pf(t=1h)=0,01% ).
Abbildung 6.16: Einfluss von B auf die Ausfallwahrscheinlichkeit
a) Variante II-K b) Variante II-B
Eine weitere Art der Beanspruchung des Keramikschafts folgt aus der Auf-
bringung des Torsionsmoments. Das vom Laufrad an die Welle abgegebene
Drehmoment ist in einer Kleingasturbine zwar verhältnismäßig gering, jedoch
würden Unwuchten die Beanspruchung der Welle/Nabe-Verbindung erhöhen.
Der Vergleich von experimentell bestimmten Torsionsfestigkeiten mittels der
Torsionsproben II-H, II-J, II-K (beschichteter Keramikschaft-∅6mm) und der
Biegefestigkeit (Vierpunkt-Biegeprobe) gestattet eine Abschätzung, in wel-
chem Maße die Keramik eventuell durch die Einspannung in der Pressverbin-
dung geschädigt wird. In die Betrachtungen muss allerdings einbezogen wer-
den, dass die zur Festigkeitsprüfung bei Raumtemperatur (σ
>100MPa) ver-
wendeten Torsionsproben zuvor bereits bei den Hochtemperaturversuchen
maximalen Beanspruchungen bis zu 14_Nm (σT=330MPa) unterworfen waren.
Die Verteilung der Torsionsfestigkeiten stellt sich in guter Näherung als eine
WEIBULL-Gerade dar (Abb._6.17). Die Streuung der Messwerte liegt mit
mT=6,3 relativ hoch. Hierfür sind zwei Gründe maßgebend. Erstens sind die
Prüfbedingungen hinsichtlich der Einspannung (Freiheitsgrade) an der Prüfma-
Ergebnisse 85
schine nicht derart exakt definiert, wie es bei Vierpunkt-Biegeversuchen der
Fall ist. Zweitens differieren die Übermaße der Varianten II-H bis K stark, was
die Streuung der Festigkeiten ebenfalls beeinflussen kann. Eine gesonderte
Auswertung ist wegen des Mangels an Proben aber nicht sinnvoll. Durch eine
Umrechnung des bei der Torsionsprüfung bestimmten WEIBULL-Parameters
σ0,T=640_MPa der Torsionsprüfung auf eine der Vierpunkt-Biegeprobe äqui-
valente Größe, ergibt sich σ0=715_MPa. Diese Festigkeit entspricht annähernd
der in [22] angegebenen Festigkeit (σ0=840_MPa).
Abbildung 6.17: WEIBULL-Verteilung der Torsionsfestigkeit (20°C)
Der hier vorgestellte bruchstatistische Zuverlässigkeitsnachweis kann als
konservativ gelten, weil die Belastung der Welle/Nabe-Verbindung im realen
Kleingasturbinenbetrieb geringeren Drehmomenten ausgesetzt sein wird und
zudem hochfestere Keramikwerkstoffe eingesetzt würden.
6.7 Auslegung der Verbindung für den 3K-Warner-Rotor
Nachdem die generelle Funktionstüchtigkeit der Welle/Nabe-Verbindung
durch das Experiment nachgewiesen werden konnte und die FE-Simulation
ihre exakte Auslegung nachweislich ermöglicht, soll ihre generelle Eignung für
den praktischen Einsatz abschließend noch für den Rotor des K26-Turboladers
86 Ergebnisse
analytisch nachgewiesen werden.
Die stationäre, inhomogene Temperaturverteilung in der Verbindung wurde
mit der Vorgabe von Temperaturrandbedingungen errechnet, deren Größen-
ordnung aus den Versuchen am Kleingasturbinenprüfstand bekannt waren. Als
Ergebnis zeigt Abb._6.18 das stationäre Temperaturfeld der in Längsrichtung
geschnittenen Verbindung. Durch gezielte konvektive Kühlung bzw. über den
Schmiermitteldurchsatz können die Temperaturen TWelle und TNabe beeinflusst
werden. Die Temperatur TK am Keramikschaft ist hingegen weitestgehend
durch die Heißgastemperatur und die Wärmeleitfähigkeit λ des Rotorwerk-
stoffs vorgegeben.
Abbildung 6.18: Inhomogene Temperaturverteilung in der Welle/Nabe-
Verbindung (FE Simulation bei Vorgabe von Temperatur-
randwerten)
Die Temperatur im Keramikschaft verringert sich ausgehend von
TK=1200°C in axialer Richtung auf ca. 650°C am gegenüberliegenden, einge-
spannten Ende. Weil in radialer Richtung keine so hohen Temperaturgradien-
ten vorliegen, werden keine nennenswerten Zugspannungen im Keramikschaft
hervorgerufen (max. 100 MPa), weswegen sich keine zusätzliche kritische
Beanspruchung durch die inhomogene Temperaturverteilung ergibt.
Von besonderem Interesse für die Kraftübertragung der Welle/Nabe-
Ergebnisse 87
Verbindung ist vor allem, wie sich die Druckverteilung in der Kontaktzone
Segment/Keramikschaft in Abhängigkeit von den Betriebsbedingungen ge-
staltet. Mit dem oben dargestellten sowie einem zweiten, mit den Randwerten
TNabe=650°C, TK=1200°C und TWelle=500°C berechneten Temperaturfeld, wur-
de die nachfolgende Beanspruchungsanalyse durchgeführt. Aus Abb._6.19 geht
hervor, welche Kontaktfläche nach den einzelnen Belastungsschritten jeweils
noch für die Kraftübertragung zur Verfügung steht. Der Veranschaulichung
wegen wurde der Fugendruck pF in seiner Darstellung begrenzt (maximaler
Legendenwert 40_MPa). Ein Fugendruck pF>40_MPa ist bei den hohen Tempe-
raturen ohnehin nicht zur Kraftübertragung nutzbar (geringere ertragbare
Scherspannung).
Abbildung 6.19: Rechnerische Druckverteilung in der Kontaktzone Seg-
ment/Keramikschaft nach dem Durchlaufen verschiedener
Betriebszustände
88 Ergebnisse
Durch die inhomogene Temperaturverteilung wird eine ungleichmäßige
Druckverteilung in axialer Richtung verursacht. Laufradseitig baut sich ein
relativ hoher Kontaktdruck auf. Am Ende des eingespannten Keramikschafts
geht der Kontaktdruck völlig verloren. Bei Nabentemperaturen oberhalb
TNabe=650°C kann die Nabe den hohen mechanischen Beanspruchungen nicht
mehr standhalten. Gemäß den Berechnungsresultaten verliert die Welle/Nabe-
Verbindung spätestens nach 1000 Betriebsstunden ihre Funktionstüchtigkeit
aufgrund der Kriechverformungen. Wird die maximale Betriebstemperatur der
Nabe auf ca. 600°C begrenzt, bleibt sie dauerhaft voll funktionsfähig. Die obe-
re Kurve in Abb._6.20 stellt als Ergebnis von FE-Simulationen das jeweilige
Drehmoment dar, welches die Welle/Nabe-Verbindung abhängig von der
Drehzahl noch übertragen kann, nachdem sie zuvor über 10.000 Betriebsstun-
den bei 2500 s-1 belastet worden ist. Unter Beachtung des in Abb._6.20 auch
dargestellten erforderlichen Drehmoments kann festgestellt werden, dass ein
ausreichend hohes Rutschmoment auch im Langzeiteinsatz der Verbindung
gewährleistet ist (Sicherheit von ca. 2).
Abbildung 6.20: Drehzahlabhängigkeit des von der Welle/Nabe-Verbindung
übertragbaren Drehmoments (nach 10.000h)
Von Bedeutung für die Festigkeitsberechnung sind stets die Prozesse des
Anfahrens eines Aggregats. In Ermangelung der Kenntnis der Größe der Wär-
mequellen und -senken war die direkte rechnerische Bestimmung der instatio-
nären Temperaturfelder und Spannungsverteilungen nicht möglich. Dennoch
Ergebnisse 89
kann mittels Variation der Randtemperaturen zumindest eine grobe Abschät-
zung der zu erwartenden Extremwerte vorgenommen werden. Der Wärmefluss
innerhalb der hier betrachteten Verbindung von innen nach außen, wie er beim
Anfahren der Turbine auftreten wird, wurde durch die Berechnung des Tempe-
raturfeldes unter den Randwerten TNabe=350°C, TK=1200°C und TWelle=300°C
angenähert simuliert. In Tab. 6.3 sind die maximalen Vergleichsspannungen
nach Mieses bzw. die Ausfallwahrscheinlichkeit (B=10-8MPa2⋅s) aufgeführt,
die aus der anschließenden Spannungsberechnung resultieren. Zum Vergleich
sind die Maximalwerte der Spannungen bzw. die Ausfallwahrscheinlichkeiten
des stationären Zustands (Temperaturfeld aus Abb. 6.18) aufgeführt. Geringe
plastische Verformungen beim Anfahren der Turbine treten punktuell auf,
beeinträchtigen jedoch nicht die Funktionsfähigkeit der Verbindung.
Tabelle 6.3: Stationärer und instationärer Betriebszustand
Komponente der
Verbindung stationärer Zustand instationärer Zustand
Nabe 653 MPa
(T=610°C) 842 MPa
(T=410°C)
Segmente 506 MPa
(T=620°C) 607 MPa
(T=400°C)
Keramikschaft
Pf(t=0h)
Pf(t=1h) 0.0 %
0.01 % 0.0 %
0.01 %
90 Ergebnisse
7 Zusammenfassung und Ausblick
In der vorliegenden Arbeit wird die Methodik zur Auslegung einer neuarti-
gen Keramikwelle-Metallnabe-Verbindung für den Einsatz in Hochtemperatur-
Kleingasturbinen und die experimentelle Verifikation dieser Verbindung mit-
tels relativ einfacher Prüfverfahren vorgestellt.
Durch den Einsatz von experimentellen Methoden in Kombination mit den
numerischen Simulationsverfahren ließen sich die für die FE-Berechnung be-
nötigten Randbedingungen -Reibungskoeffizienten effektives Übermaß- be-
stimmen, die zuvor nur unzureichend bzw. gar nicht bekannt waren. Damit
wurde die zwingend erforderliche Kalibrierung der FE-Simulation hinsichtlich
der Eigenspannungen und des Reibmodells vorgenommen, was eine wesentli-
che Voraussetzung für deren Anwendung zur präzisen Vorausberechnung des
Rutschmoments der Verbindung darstellt.
Zwei konstruktiv unterschiedlich gestaltete Varianten der Welle/Nabe-
Verbindung wurden experimentell und analytisch untersucht. Wegen der hohen
Einsatztemperaturen ist die Ausführung der Konstruktion von besonderem
Interesse für die Bauteilfestigkeit. Prinzipiell ist aufgrund des Wirkprinzips der
Verbindung die rein kraftschlüssige Übertragung des Drehmoments bis zu
Temperaturen von 800°C gewährleistet. Wegen der hohen Temperaturen bei
gleichzeitig starken mechanischen Beanspruchungen der Nabe wurde das Ma-
terialkriechen bei der Auslegung der Verbindung für den Langzeiteinsatz si-
muliert. Sowohl rechnerisch als auch experimentell (1000h) wurde nachgewie-
sen, dass die Nabe aus dem Werkstoff INCOLOY 909 den Belastungen stand-
hält, wenn sie längerfristig keinen Temperaturen oberhalb von 600°C ausge-
setzt wird.
Für die Funktionstüchtigkeit der Welle/Nabe-Verbindung ist zusätzlich die
Beanspruchung und das Versagensverhalten der keramischen Komponente von
entscheidender Bedeutung. Trotz der hohen Biegefestigkeit des verwendeten
Keramikwerkstoffs kam der Keramikschaft durch thermisch bedingte, hohe
axiale Zugspannungen auf seiner Oberfläche zu Bruch. Durch eine dünne,
weiche Zwischenschicht (Feststoffschmierung) in der Kontaktzone Kera-
mik/Metall kann der Reibungskoeffizient bzw. die Scherspannung limitiert und
92 Zusammenfassung und Ausblick
damit die versagenskritische Beanspruchung der Keramik vermieden werden.
Im Zuge dieser Maßnahme können Fertigungstoleranzen wesentlich größer
gewählt und Kosten gespart werden. Die Berechnung der Ausfallwahrschein-
lichkeit der Keramik mit einer für monolitische Keramik geeigneten bruchstati-
stischen Theorie erfolgte mit dem eigens für diesen Zweck entwickelten Soft-
waresystem CERTUB, das als Postprozessor die Ergebnisse der Spannungs-
und Temperaturfeldberechnung nutzt. Infolge der hohen Komplexität der
Reibprozesse lassen sich die Scherspannungen in den Kontaktflächen mitunter
nur unzureichend genau bestimmen. Deshalb ist dieser Zuverlässigkeitsnach-
weis für das keramische Bauteil mit starken Unsicherheiten behaftet. Trotzdem
lassen sich sehr gut tendenzielle Aussagen treffen, die für die konstruktive
Gestaltung wichtige Impulse geben können.
Mit einem Rechnungs-Messungs-Vergleich wurde gezeigt, dass eine exakte
Vorauslegung der Verbindung möglich ist. Die mit der FE-Simulation voraus-
berechneten Rutschmomente unter Annahme einer homogenen Temperatur in
den Proben von 600, 700 und 800°C bei nicht rotierender Torsionslast wurden
im Torsionsversuch in guter Übereinstimmung mit den Resultaten der Berech-
nung gemessen. Die exemplarische Auslegung der Welle/Nabe-Verbindung für
eine zu übertragende Wellenleistung von ca. 30 kW (150.000 min-1, 2Nm) bei
inhomogener Temperaturverteilung bildet den Abschluss dieser Arbeit.
Validiert werden kann das Auslegungskonzept selbst nicht ohne realitätsna-
he Bauteilprüfung, weil die im Aggregat zu erwartenden komplexen thermi-
schen, chemischen und mechanischen Beanspruchungen der Komponenten
nicht isoliert zu erfassen sind, bzw. ein solches Vorgehen nicht sinnvoll wäre.
Deshalb wird weitergehender Forschungsbedarf in der Erprobung dieser Wel-
le/Nabe-Verbindung am Kleingasturbinenprüfstand gesehen. Durch einfache
tribologische Untersuchungen kann eine Optimierung der Schichtdicke und des
Beschichtungsmaterials erfolgen. Als wesentlich für den Einsatz dieser Ver-
bindung erscheint auch die Verwendung monolithischer Keramiken mit deut-
lich höherem Risswiderstand, um höhere Scherspannungen an der Oberfläche
der Keramik zuzulassen und höhere Kräfte übertragen zu können. Die Ferti-
gung der zur Ausdehnungskompensation erforderlichen Segmente kann in
großen Stückzahlen eventuell kostengünstiger erfolgen, wenn sie als gezogenes
Stabmaterial vorbereitet und im Pendelschleifverfahren endbearbeitet werden.
Als Trennverfahren könnte das Wasserstrahlschneiden genutzt werden, um
einen örtlich hohen Wärmeeintrag in die Segmente und ihren Verzug zu ver-
meiden.
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