SFB 1265
Working
Paper
Silke Steets
Fixing Up Waco, Texas:
Populäre Religion, das Sentimentale
und die Refiguration von Räumen
Berlin / 2021
Nr. 8
Diese Working Paper Reihe wird von dem an der Technischen
Universität Berlin angesiedelten Sonderforschungsbereich 1265
Re-Figuration von Räumen herausgegeben. Alle Working Papers
können kostenfrei heruntergeladen werden unter:
www.sfb1265.de
https://depositonce.tu-berlin.de
Die SFB 1265 Working Paper Reihe dient der Veröffentlichung erster
Ergebnisse aus den laufenden Forschungsprojekten des SFB 1265
und soll den Austausch von Ideen und den akademischen Diskurs
fördern. Mit der Veröffentlichung eines Preprints in der SFB 1265
Working Paper Reihe wird eine anschließende Publikation in einem
anderen Format nicht ausgeschlossen. Die Urheberrechte verbleiben
bei den AutorInnen. Für die Wahrung von Sperrfristen sowie
Urheber- und Verwertungsrechten Dritter sind die AutorInnen
verantwortlich.
Zitation:
ISSN: 2698-5055
DOI: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-12032
AutorIn für diese Ausgabe: Silke Steets
Lektorat und Redaktion: Nina Meier und Sarah Etz
Lizenz: CC BY 4.0
E-Mail: [email protected]
Gefördert durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft
Sonderforschungsbereich 1265 /„Re-Figuration von Räumen“
Technische Universität Berlin - Sekretariat BH 5-1
Ernst-Reuter-Platz 1 - 10587 Berlin
Der SFB 1265 kann nicht für Fehler oder mögliche Folgen verantwortlich
gemacht werden, die sich aus der Verwendung der in diesem Working Paper
enthaltenen Informationen ergeben. Die geäußerten Ansichten und Meinungen
entsprechen ausschließlich denen der AutorInnen und spiegeln nicht unbedingt
die des SFB 1265 wider.
SFB 1265
Working
Paper
Steets, Silke (2021): Fixing Up Waco, Texas: Populäre
Religion, das Sentimentale und die Refiguration von
Räumen. SFB 1265 Working Paper, Nr. 8, Berlin.
Fixing Up Waco, Texas
1
Nr.
Silke Steets
Fixing Up Waco, Texas:
Populäre Religion, das Sentimentale und die Refiguration von Räumen
8
I
Fixing Up Waco, Texas
2
Gliederung
I. Einleitung 3
II. Waco – eine kurze Geschichte der Stadt 5
III. Chip und Joanna Gaines und das
Fixer Upper
-Narrativ 9
Genderrollen und Paardynamiken 10
Die Struktur des
Fixer Upper
-Narrativs 12
IV. Die Politik der coolen evangelikalen Urbanität 15
Der Magnolia-Effekt 17
Waco Reborn oder: Bist Du das, Gott? 19
Die Ästhetisierung der Missionierungskommunikation 24
Die Baylor University und die Vorbereitung der Wiedergeburt
Wacos 26
V. Zusammenführung: Populäre Religion, das Sentimentale und
die Refiguration von Räumen 29
Zur Autorin
Silke Steets ist Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Soziologische Theorie an
der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU). Zu ihren Forschungs-
interessen zählen neben stadt-, raum-, architektur- und religionssoziologischen Fra-
gestellungen die Beschäftigung mit Soziologiegeschichte, Soziologischer Theorie
(insbesondere Wissenssoziologie) und Qualitativen Forschungsmethoden. In ihrem
aktuellen DFG-geförderten Forschungsprojekt beschäftigt sie sich mit „kognitive
Minderheiten“ in Deutschland und den USA und vergleicht die Herstellung von All-
tagswirklichkeit von Evangelikalen im säkularen Leipzig mit der von Unitariern im
konservativen Dallas, Texas. Silke Steets ist assoziiertes Mitglied im SFB 1265
Re-Fi-
guration von Räumen
; an der FAU gehört sie dem Forschungsschwerpunkt
The
Global Sentimentality Project
an.
Fixing Up Waco, Texas
3
Abstract
Der Text untersucht aktuelle religiöse Transformationsprozesse in der texanischen
Stadt Waco als räumlich-kommunikative Refiguration. Ausgangspunkt ist der durch-
schlagende TV-Erfolg der Hausrenovierungsshow
Fixer Upper
, die in Waco spielt,
in bislang fünf Staffeln bis zu 75 Millionen ZuschauerInnen fand und vor Ort einen
Tourismusboom auslöste, der zu einem erstaunlichen Imagewandel der Stadt bei-
trug. Auf der Grundlage ethnografischer Beobachtungen und Interviewdaten sowie
einer umfassenden Dokumentenanalyse rekonstruiert der Text zunächst eine religiö-
se Kommunikationsform, die ein evangelikales Erneuerungsmotiv in zeitgenössische
Formate der massenmedialen und touristischen Popkultur kleidet. Dadurch, so die
These, entsteht eine Sozialform des Religiösen, die teils implizit bleibt, Motive des
Sentimentalen anspielt und in der sich ein gewachsenes Selbstbewusstsein des evan-
gelikalen Protestantismus in den USA zeigt. Wie die Analyse deutlich macht, spielt
der Raum als Medium der Kommunikation in mehrfacher Hinsicht eine Schlüsselrolle:
Seine materiellen Facetten werden
erstens
für die FeldakteurInnen selbst zum evi-
denzstiftenden Nachweis göttlichen Wirkens, der gebaute Stadtraum wird
zweitens
zum Ort der Verwirklichung einer zugleich coolen wie evangelikalen Urbanität und
drittens
entfaltet sich im Raum ein Ringen um Aufmerksamkeit und Macht, das sich
als Resultat einer Spannung zwischen Bahnen- und Ortsraum und damit als Refigu-
ration von Räumen deuten lässt.
Schlagwörter:
Evangelikalismus, Raum, Texas, Tourismus, Sentimentalität, Refigura-
tion
I. Einleitung
Ziel des vorliegenden Textes ist es, aktuelle religiöse Transformationsprozesse in der
texanischen Stadt Waco als räumlich-kommunikative Refiguration zu beschreiben. In
der imaginären Geographie der USA wurde Waco lange Zeit mit der „Waco Siege“
assoziiert, der wochenlangen Belagerung und verunglückten Erstürmung des Gelän-
des der Branch Davidian-Sekte durch das FBI im Jahr 1993, bei der über achtzig Men-
schen starben. Seither stand Waco vor allem für religiösen Fanatismus im texani-
schen Hinterland. Seit einigen Jahren aber erlebt die Stadt einen rasanten symboli-
schen wie räumlichen Wandel, der durch den Erfolg der TV-Show
Fixer Upper
ausge-
löst wurde. In
Fixer Upper
renoviert ein sympathisches Ehepaar, Chip und Joanna
Gaines, heruntergekommene Häuser in Waco und Umgebung und übergibt das Er-
gebnis am Ende einer jeden Folge an stets überwältigte neue Hauseigentümer. Rund
75 Millionen Zuschauerinnen haben die jüngste Staffel von
Fixer Upper
(2018) allein
in den USA gesehen (Magnolia Network 2020) und offenbar waren viele von der
Show so begeistert, dass sie begannen nach Waco zu reisen, um sich die im Fernse-
hen bestaunten Häuser in echt und vor Ort anzuschauen. 2018 besuchten insgesamt
Fixing Up Waco, Texas
4
2,6 Millionen Menschen die Stadt, Tendenz (vor Corona) steigend (Petersen 2019).
Den Tourismusboom aufgreifend, realisierten die Gaines 2015 in Downtown Waco
ein Gelände für
Fixer Upper
-Merchandising:
Magnolia Market at the Silos
, das zum
Dreh- und Angelpunkt der Besucherströme wurde. Darüber hinaus entstanden aller-
lei neue Shops für Inneneinrichtung, Kulinarik, Haushaltswaren, Garten und Antikmö-
bel sowie Restaurants, Cafés und Food Trucks, die der Stadt eine neue Lebendigkeit
und Attraktivität verleihen. Der Markt für private Vermietungen von Ferienwohnun-
gen und -häusern, vor allem über die Plattform
Airbnb
, wuchs stetig und neue Unter-
nehmen für touristische Dienstleistungen wurden gegründet.
Im Folgenden werde ich zentrale Facetten dieses Wandels aus religions- sowie aus
stadt- und raumsoziologischer Perspektive rekonstruieren und im Format einer „dich-
ten Beschreibung“ (Geertz 1987) ein komplexes Bild dieses Wandels zeichnen. Auf
eine kurze Darstellung von Geschichte und Lage der Stadt Waco (2) folgt eine erste
religionssoziologische Annäherung an die Erzählstruktur von
Fixer Upper
(3). Es wird
sich zeigen, dass in der Show konservative Geschlechterrollen eine Modernisierung
und Ästhetisierung erfahren und das zentrale
Fixer Upper
-Narrativ der Grundstruktur
evangelikaler Konversionserzählungen folgt. Eine stadtsoziologische Perspektive ein-
nehmend, zeichne ich anschließend die symbolisch-räumlichen Effekte des
Fixer
Upper
-Booms in Waco nach (4). Neben dem konflikthaften Wechselspiel von Aus-
breitung (Kreativszene,
Airbnbs
, Orte cooler evangelikaler Urbanität) und Verdrän-
gung (ärmere Bewohnerinnen, Nichtweiße, Nichtevangelikale) steht die Geschichte
im Mittelpunkt, der die Stadtführungen von
Waco Tours
folgen, einem von vier jungen
wiedergeborenen Christen 2016 gegründeten Touristikunternehmen, das seither
über 55.000 Menschen durch Waco führte. Abermals stoßen wir hier auf ein evange-
likales Erneuerungsnarrativ – nun aber verpackt als aufregende Wiedergeburt der
ganzen Stadt. Beim Blick auf die personellen Verflechtungen der Schlüsselfiguren des
erneuerten Waco zeigt sich schließlich, dass erstaunlich viele Fäden in der ebenso
jugendlich-hippen wie evangelikalen
Antioch Community Church
und der in Waco
ansässigen baptistischen Baylor University zusammenlaufen. Abschließend werden
die Befunde religions- sowie stadt- und raumsoziologisch gebündelt und als religiös
induzierte Refiguration von Räumen gedeutet, die Teil des gewachsenen Selbstbe-
wusstseins des evangelikalen Protestantismus in den USA ist (5).
Empirisch basiert die Analyse auf zwei mehrtägigen Feldaufenthalten in Waco im
Februar und Mai 2019, inklusive
Airbnb
-Übernachtung,
Magnolia
-Shopping und Teil-
nahmen an
Waco Tours
-Stadtführungen. Darüber hinaus habe ich mit Kate*, einem
Mitglied der liberalen unitarischen Gemeinde von Waco ein rund neunzigminütiges
leitfadengestütztes Interview geführt, in dem es um die Entwicklung der Stadt und um
Kates* Leben jenseits des religiösen Mainstreams ging. Ergänzt wurde die Analyse
durch eine ausführliche Dokumentenrecherche zu
Fixer Upper
sowie zu Geschichte
und Wandel Wacos, die journalistische Texte, digitale stadtgeschichtliche Archive,
Fixing Up Waco, Texas
5
Webseiten und Social-Media-Kanäle umfasste. Wenn ich in diesem Text das Adjektiv
„evangelikal“ benutze, dann setze ich mich von der Ethnobezeichnung der untersuch-
ten Gruppierungen ab, die sich selbst in der Regel als „christlich“ beschreiben. Nach
dem hier verwendeten Verständnis des Wortes teilen Evangelikale gewisse Glau-
bensauffassungen und religiöse Praktiken (Elwert et al. 2017): Sie zeichnet zum einen
die persönliche und verbindliche Entscheidung für ein Leben mit Jesus Christus aus,
was meist auf ein individuelles Konversionserlebnis beziehungsweise eine persönli-
che Wiedergeburt zurückgeführt wird und als der einzige Weg zu Heil und Erlösung
gilt. Zum anderen eint sie ein nahezu wörtliches Verständnis der Bibel und ein eher
figürliches Gottesverständnis, das heißt, Gott wird als (strenger) Freund imaginiert,
der in der Lage ist, in die Kausalität der Alltagswelt einzugreifen und dort seine deut-
baren Spuren zu hinterlassen. Aus diesen Vorstellungen leiten Evangelikale in der
Regel eine ausgeprägte Missionierungspraxis sowie moralisch und politisch streng
konservative Haltungen ab.
Zur besseren Lesbarkeit verwende ich in diesem Text mal männliche, mal weibliche
Sprachformen, womit ausdrücklich immer alle Geschlechter gemeint sind. Personen,
die öffentlich auftreten (wie Chip und Joanna Gaines, die Inhaber von
Waco Tours
,
Airbnb
Hosts etc.), werden nicht anonymisiert, Interviewpartnerinnen* und Tour Gui-
des* hingegen schon (was durch ein Sternchen gekennzeichnet wird).
II. Waco – eine kurze Geschichte der Stadt
Die Stadt Waco liegt im Zentrum des US-Bundesstaates Texas am Brazos River, etwa
auf halber Strecke zwischen der Metropolregion Dallas-Fort Worth im Norden und
der Bundeshauptstadt Austin im Süden. Gegründet 1849 von europäischen Einwan-
derern auf den Überresten einer Siedlung der Wichita-Indianerinnen umfasst sie
heute knapp 140.000 Einwohner (United States Census Bureau 2020). Nach der
Stadtgründung wuchs die Bevölkerung rasch an. Waco wurde zum Verwaltungssitz
des 1850 geformten McLennan County; wirtschaftlich dominierte die Viehzucht sowie
der Baumwollanbau mit der damit verbundenen Plantagenwirtschaft. Im amerikani-
schen Bürgerkrieg (1861-1865) engagierten sich viele prominente Wacoans auf der
Seite der Konföderation, weshalb sein Ausgang als bittere Niederlage gegen die Yan-
kees aus dem Norden empfunden wurde. Während sich die Ökonomie nach dem
Krieg rasch erholte – unterstützt durch den Bau der Suspension Bridge über den
Brazos River und den Anschluss der Stadt an verschiedene Eisenbahnlinien – ver-
schärften sich mit dem offiziellen Ende der Sklaverei zusehends die Konflikte zwi-
schen der weißen und der afroamerikanischen Bevölkerung. Immer wieder kam es
zu Aufständen und Unruhen. Dennoch wurde die Stadt in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts zu einem prosperierenden Zentrum der Agrarproduktion und zu ei-
nem wichtigen Verkehrsknotenpunkt und Umschlagsort für Waren und Vieh. 1884
zählte Waco bereits 12.000 Einwohnerinnen; zahlreiche, vorwiegend protestantische
Fixing Up Waco, Texas
6
Kirchengemeinden formierten sich und 1886 zog die 1845 in Independence, Texas ge-
gründete Baylor University nach Waco, die heute die größte baptistische Universität
der Welt ist. Mit dem Wachstum der Stadt stieg auch die Kriminalität an und es ent-
standen zwielichtige Saloons und Spielhallen sowie ein florierendes Rotlichtviertel.
Aufgrund seiner rauen und gewaltsamen Atmosphäre an der räumlich als „frontier“
(Strauss 2017: 113) imaginierten europäischen Besiedlungsgrenze erhielt Waco bald
den Beinamen „Six Shooter Junction“ (Conger 2016).
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts strebte Waco einen Imagewechsel an. Die Handels-
und Versicherungswirtschaft wurde gestärkt und es wurde mehr in Bildung und
Wirtschaftsgebäude investiert. 1911 entstand mit dem ALICO Building, einem 22-stö-
ckigen Stahlskelett-Hochhaus für eine Versicherung, das damals höchste Gebäude
von Texas. Die prosperierende Wirtschaft veränderte auch die ethnische Zusammen-
setzung der Bevölkerung. Immer mehr Afroamerikaner zogen auf der Suche nach
besseren Arbeitsplätzen und Bildungsmöglichkeiten vom Land nach Waco und es
bildete sich langsam eine schwarze Mittelschicht. Wohl zum Teil als Reaktion auf
diese Entwicklungen wurde Waco in den 1920er-Jahren zu einer zentralen Wirkungs-
stätte des Ku Klux Klan (Burke 2018). Zwischen 1905 und 1921 kam es in der Stadt
zu mehreren Lynchmorden von Weißen an Schwarzen (Carrigan 2004). Tragischer
Höhepunkt war die öffentliche Ermordung des 16-jährigen Afroamerikaners Jesse
Washington, der am 15. Mai 1916 vor den Augen einer über tausendköpfigen Menge –
darunter der Bürgermeister und der Polizeichef der Stadt – brutal verstümmelt,
gelyncht und auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurde (Bernstein 2005). 1923 zo-
gen mehr als 2.000 Mitglieder des Ku Klux Klan in einer Parade durch die Stadt. Die
Organisation kontrollierte weite Teile des städtischen Einzelhandels und der Politik.
Viele von Wacos Geschäftsleuten und politischen Führern unterstützten den Klan in
dieser Zeit zumindest stillschweigend (Burke 2018).
Während die
Great Depression
die wirtschaftliche Dynamik der Stadt unterbrach
und der Zweite Weltkrieg zu ihrer Wiederbelebung beitrug, wurde die jüngere Ge-
schichte Wacos durch zwei Schlüsselereignisse bestimmt: die Verwüstung eines Groß-
teils der Innenstadt durch einen Tornado im Jahr 1953 und die sogenannte „Waco
Siege“ 1993. Der Tornado forderte 114 Todesopfer und ließ über Tausend Gebäude
zerstört oder beschädigt zurück; die räumlichen Folgen sind noch heute in Form gro-
ßer ungenutzter Brachflächen und Parkplätze in der wenig verdichteten Innenstadt
sichtbar.
Fixing Up Waco, Texas
7
Abb. 1: Blick in die Webster Avenue in Downtown Waco. Foto: Silke Steets, 2019
Die „Waco Siege“ brachte die Stadt sogar international in die Schlagzeilen. Anlass
dafür war die Erstürmung des etwas außerhalb der Stadtgrenze gelegenen Gelän-
des der apokalyptischen Branch Davidian-Sekte durch das FBI. Knapp 100 Sekten-
mitglieder, darunter viele Kinder, hatten sich um ihren Anführer David Koresh auf
einer Ranch verbarrikadiert und massiv bewaffnet. Das rief die Bundesbehörden auf
den Plan. Nach einer über sieben Wochen langen und allabendlich im Fernsehen
übertragenen Belagerung stürmte schließlich eine Spezialeinheit das Gelände. Feuer
brach aus. Am Ende waren 81 Sektenmitglieder sowie der Sektenführer tot. In der
Folge wurde Waco für das liberale Amerika zum Synonym für religiösen Fanatismus.
Für das rechte, waffenverrückte Amerika aber standen Waco und David Koresh für
den Überlebenskampf gegen die als Besatzungsmacht gedeuteten Bundesbehörden.
So wollte etwa der Oklahoma City-Bomber Timothy McVeigh sein Attentat auf das
Murrah Federal Building im Jahr 1995 (mit 168 Toten und über 800 Verletzten) explizit
als Racheakt für die Geschehnisse von Waco verstanden wissen (Smith et al. 2006).
Sowohl in räumlicher als auch in kulturell-symbolischer Hinsicht ist Downtown Waco,
also die eigentliche Mitte der Stadt, seit dem Tornado erstaunlich leer geblieben.
Stattdessen verdichten sich Restaurants, Cafés und Verkehr rund um dasjenige Infra-
strukturprojekt, das Eisenbahnlinien und Flussüberquerungen Mitte der 1950er-Jahre
als Wirtschaftsmotor abgelöst hat: die Interstate-Autobahn. Waco liegt an der I-35,
Fixing Up Waco, Texas
8
welche die USA einmal komplett in Nord-Süd-Richtung durchquert – von Duluth,
Minnesota an der Grenze zu Kanada bis Laredo, Texas an der Grenze zu Mexiko.
Als Verbindung zwischen Dallas/Fort Worth im Norden und Austin/San Antonio im
Süden ist sie zugleich eine der wichtigsten Verkehrsadern Texas.
Abb. 2: Waco, Texas – gesehen von der I-35. Foto: Silke Steets, 2019
Im Bereich um Waco passieren die Trasse etwa 140.000 Fahrzeuge täglich (Ray 2019)
– und damit mindestens ebenso viele potenzielle Abnehmerinnen für Werbebot-
schaften aller Art sowie Rastsuchende auf der Durchreise. Die Raumlogik der Auto-
bahn entspricht dem Model des „commercial strip“ (Jakle 2010: 418): Niedrige, groß-
flächige Gebäude, dominiert von riesigen Schildern, winken Autofahrer auf die an-
grenzenden Parkplätze. Während dieser, die Stadt in Nord-Süd-Richtung durch-
schneidende „Bahnenraum“ (Löw 2020) ganz auf die automobilisierte Wahrnehm-
ung (vgl. Venturi et al. 2007) und die Bedürfnisse der Durchreisenden ausgerichtet
ist, macht er aus Waco selbst vor allem eins: einen „Nicht-Ort“ (Augé 1994), also einen
Ort ohne benennbare Qualitäten, den man tausendfach repliziert an amerikanisch-
en Autobahnen findet und der nichts weiter ist als „a stopover on the way up and
down I-35“ (Petersen 2019).
Fixing Up Waco, Texas
9
III. Chip und Joanna Gaines und das
Fixer Upper
-Narrativ
Dies ändert sich jedoch seit einigen Jahren. Nähert man sich Waco von Norden über
die I-35, grüßt einen bereits rund zehn Meilen vor der Stadtgrenze ein junges, sym-
pathisches Paar von einer Werbetafel mit den Worten: „Come see why we love Waco“.
Abb. 3: Waco, Texas – beworben an der I-35. Foto: Silke Steets, 2019
Bei dem Paar handelt es sich um Chip und Joanna Gaines, die Waco seit 2013 mit
ihrer TV-Show
Fixer Upper
auf völlig neue Art national wie international bekannt ge-
macht haben.
Fixer Upper
ist eine Hausrenovierungs- und Innenarchitekturshow, in
der das Paar heruntergekommene Häuser in und um Waco aufspürt und für ausge-
suchte Kundinnen entrümpelt, umgestaltet, saniert und einrichtet, um die so erneuer-
ten Häuser schließlich an ihre stets überwältigten neuen Eigentümer zu übergeben.
Die Show, die von 2013 bis 2018 in fünf Staffeln und 79 Folgen auf dem Kabelkanal
HGTV ausgestrahlt wurde, hat in den USA bis zu 75 Millionen Zuschauerinnen pro
Staffel gefunden (Magnolia Network 2020), im deutschen Fernsehen läuft sie auf
dem Spartensender Sixx. Um Reichweite und Popularität der Show zu erklären, wird
meist die gegenwärtige Trendigkeit eines ästhetisierten Landlebens und des damit
verknüpften
farmhouse chic
verwiesen, doch scheinen bei näherer Betrachtung auch
Fixing Up Waco, Texas
10
die spezifische (geschlechtliche) Dynamik zwischen den Hauptfiguren Chip und Jo-
anna und vor allem die Erzählstruktur von
Fixer Upper
von Bedeutung zu sein. Bevor
die räumlichen Auswirkungen des
Fixer Upper
-Booms auf Waco beschrieben werden,
gilt es daher zunächst, einen genaueren Blick auf die Show zu richten.
Genderrollen und Paardynamiken
Die Dynamik zwischen Chip und Joanna Gaines ist schnell erzählt: Chip ist gleichzeitig
großer Junge und starker Mann. Er albert gerne herum, nimmt das Leben leicht, geht
Risiken ein und ist sich für keinen Spaß zu schade. Gleichzeitig ist er ein kompetenter
und hart arbeitender Handwerker (Abb. 4), weiß wie man Pläne in die Tat umsetzt
und verkörpert den Prototyp des modernen Cowboys. Als solcher sitzt er freilich nicht
mehr auf dem Rücken eines Pferdes, sondern fährt einen möglichst großen (Texas
Edition!) Pick-Up Truck, auf dessen Ladefläche er Material und Maschinen transpor-
tiert, die er braucht, wenn er mit der eigenen Hände Arbeit etwas erschaffen will –
oder etwas abreißen darf: Mit dem „Demo-Day“ (kurz für
„demolition day“)
, dem
Abrisstag als der Inszenierung archaischer Männlichkeit beginnt jede
Fixer Upper
-
Hausrenovierung.
Abb. 4: Chip und Joanna Gaines: Aktuelle Buchcover. Quelle: https://shop.magnolia.
com/collections/magnolia-publications, zuletzt aufgerufen: 25. April 2021.
u '"1/uti"" "frtd es
J Ü AN p f"r guthui"g
NA GA I NES
Fixing Up Waco, Texas
11
Joanna hingegen ist die moderne, feminine, äußerst design-kompetente, stets Kos-
ten und Risiken kalkulierende, aber dennoch humorvolle Frau an Chips Seite (Abb. 4).
Sie ist es, die die Gestaltungshoheit über die Umbauprojekte hat und weiß, wie sie
ihre Vorstellungen (von Chip) umgesetzt bekommt. Wenn er mal wieder herumal-
bert, fragt sie ihn in aller Ruhe, ob die elektronische Verkabelung rechtzeitig eintrifft,
damit man das riesige Wagenrad aufhängen kann, das als Kronleuchter vorgesehen
ist. Ihre gestalterische Handschrift im modernen Landhausstil trägt als wichtigste
Kennzeichen weiß gestrichene
shiplaps
(Vertäfelungen aus aufbereitetem Altholz),
ansonsten sichtbare Ziegel und Balken, offene Grundrisse, Kücheninseln und Schilder
aus Metall oder Holz, die entweder einen tieferen Lebenssinn bündeln oder den
Zweck eines Raumes oder Raumelements ankündigen.
Abb. 5: Weiß gestrichene
shiplaps
und Metallschilder – Szene aus dem
Fixer Upper
-
Merchandising Store in Waco. Foto: Silke Steets, 2019
Zusammen sind Chip und Joanna nicht nur das sympathische Ehepaar aus
Fixer Up-
per
, sondern – wie man schnell über die von ihnen vielfältig bespielten sozialen
Medien herausfindet – auch Absolventen der Baylor University, wiedergeborene
Christen, Mitglieder der evangelikalen
Antioch Community Church
von Waco, Inha-
berinnen des mittlerweile millionenschweren und weitverzweigten Unternehmens
Magnolia Inc
. und Eltern von fünf Kindern im Alter zwischen zwei und 17 Jahren. Die
Fixing Up Waco, Texas
12
Familie wohnt auf einer selbst renovierten Farm am Rande der Stadt und verkörpert
das Ideal einer ebenso modernen wie konservativen und dabei ökonomisch überaus
erfolgreichen texanischen Familie mit US-weitem Celebrity-Status.
1
Die Struktur des
Fixer Upper
-Narrativs
Die einzelnen Folgen von
Fixer Upper
sind entlang einer idealtypischen Erzählstruk-
tur aufgebaut. Jede Folge beginnt mit der Vorstellung eines Paares, das sich ein, auf
sie individuell abgestimmtes persönliches Zuhause wünscht und ein eigenes Budget
mitbringt, um Hauskauf und Umbau zu finanzieren.
2
Daraufhin suchen Chip und
Joanna drei geeignete, aber unterschiedliche Objekte aus, die zu viert besichtigt
werden. Während der Begehung der mal mehr, mal weniger
heruntergekommenen
Häuser ist es Joannas Aufgabe, das wenngleich oft schwer fassbare
Potenzial
eines
Objekts herauszustellen, sodass sich Zuschauerinnen wie Hauskäufer vorstellen kön-
nen, wie ein Haus nach dessen
Renovierung
erstrahlen könnte. Ist die
Entscheidung
für ein Objekt gefallen, schauen sich Chip und Joanna das Haus genauer an. Ver-
schiedentlich tauchen Probleme auf (ein verdeckter Wasserschaden hier, ein Bienen-
volk in der Fassadenverkleidung dort etc.), die technisch (Chip) und/oder gestalte-
risch (Joanna) gelöst werden. Dann folgt der bereits angedeutete „Demo-Day“, der
Abrisstag, der einem
Reinigungsritual
gleicht und von Chip und seinem Team durch-
geführt wird. Verkleidungen, Fußbodenbeläge, überflüssige Einbauten und ganze
Wände werden genüsslich-schwitzend herausgerissen, bis nur noch
die
tragenden
Strukturen
des Hauses übrigbleiben. Währenddessen erarbeitet Joanna am Compu-
ter eine
visualisierte Neugestaltung
des Hauses und stimmt sie mit den Hauseigentü-
mern ab. Sind die Details geklärt, beginnt der eigentliche
Umbau
, den wiederum Chip
und seine Männer durchführen. Auf ihren regelmäßigen Stippvisiten findet Joanna
auf der Baustelle meist etwas zu kritisieren und es setzt das flirtend-neckende Hin
und Her zwischen Chip und Joanna ein, das die Fans so mögen und an dessen Ende
immer eine pfiffige Lösung für das identifizierte Problem steht. Noch während der
1
Die Verbindung von „modern“ und „konservativ“ ließe sich freilich noch genauer herausarbeiten. Aus Platzgründen
nenne ich hier exemplarisch die wiederkehrende Betonung von Joannas Doppelrolle als eigenständiger Business-
frau
und
traditionsbewusster Hausfrau und Mutter: „Between running Magnolia and her many projects, Joanna en-
joys life on the farm, cooking family recipes in her kitchen, and gardening. Above all, she loves being with her five
kids” (https://magnolia.com/about/, zuletzt aufgerufen: 13. Februar 2021). Über ihren Erfolg und das wachsende
Berühmtsein reflektierten Chip und Joanna Gaines im Frühjahr 2021 (kurz nach dem Auftritt von Prinz Harry und
Herzogin Meghan) in der TV Show von Oprah Winfrey (
Super Soul,
Ausstrahlung am 13. März 2021).
2
Über die Auswahl der Kandidatinnen für
Fixer Upper
gibt es teils hitzige Debatten in den sozialen Medien. So
wurde immer wieder die Vermutung geäußert, dass man (wie die Gaines auch) Mitglied der
Antioch Community
Church
von Waco sein muss (zu dieser Kirche unten mehr), aus deren Kreis tatsächlich viele Hauseigentümerinnen
stammen. Auffällig ist, dass ausschließlich heterosexuelle und überwiegend weiße Paare zu sehen sind. In den Trai-
lern der neuen, ab Juli 2021 von
Magnolia Network
(auch dazu unten mehr) ausgestrahlten Shows rund um Heim,
Essen, Garten und Renovierung scheinen jedoch auch vielfältigere Lebensentwürfe repräsentiert zu sein (vgl.
https://p.magnolia.com/network/#magnolia-network-originals, zuletzt aufgerufen: 14. Februar 2021). Das Mindest-
budget für Bewerberinnen der im Herbst 2021 startenden neuen
Fixer Upper
-Staffel beträgt: 50.000 Dollar für die
Renovierung, plus die Kosten für den Erwerb einer geeigneten Immobilie (https://p.magnolia.com/network/#fre-
quently-asked-questions, zuletzt aufgerufen: 14. Februar 2021).
Fixing Up Waco, Texas
13
Umbauphase macht sich Joanna auf die Suche nach passenden und auf die Persön-
lichkeit der Hauseigentümer abgestimmten Einrichtungsgegenständen. Dafür durch-
forstet sie die Antiquitätenshops in und rund um Waco und arbeitet mit ausgesuchten
lokalen Handwerksbetrieben zusammen.
3
Den letzten Abend vor der Übergabe des
fertig umgebauten und eingerichteten Hauses verbringt Joanna in einer Art
spiritu-
ellem
Abschlussritual
allein im Haus, um allerletzte Anpassungen vorzunehmen,
feine Details zu richten und so ein perfekt auf die Persönlichkeiten der Eigentümerin-
nen abgestimmtes Objekt zu gestalten. Die Übergabe selbst ist als Vorher-Nachher-
Show inszeniert: Vor dem Haus wird eine große zweiteilige Leinwand mit dem Vor-
her-Zustand auf fahrbaren Unterbauten errichtet, die sich den gespannten Hausbe-
sitzern wie ein Vorhang öffnet. Sowohl der Anblick von außen auf das
Fixer Upper
als auch die gemeinsame Besichtigung des Inneren lässt durch die Bank begeisterte
(„Oh my Gosh! – This is amazing!“) und nicht selten zu Tränen gerührte Hauseigen-
tümer zurück.
Fasst man die Erzählstruktur von
Fixer Upper
etwas abstrakter, lässt sie sich dar-
stellen als Sequenz folgender Schritte: (1) Inspektion eines
verwahrlosten
, aber mit
Potenzial
ausgestatteten Ausgangsobjekts, (2)
Entscheidung
, das Objekt trotz zu er-
wartender Kosten, Probleme und Mühen zu
renovieren
, (3)
rituelle
Reinigung
des
Objekts am Demo-Day, (4) Entwicklung einer
Vision
für eine
bessere Version
des Ob-
jekts, (5)
mühsamer
Umbau
mit neu auftauchenden, aber lösbaren Problemen und
schließlich (6)
Überwältigung
beim Anblick des
erfolgreich
erneuerten
Hauses.
Religionssoziologisch betrachtet fällt die Ähnlichkeit dieser Erzählstruktur mit der
Struktur evangelikaler Konversionserzählungen ins Auge. Bernd Ulmer (1998), der
Konversionserzählungen im Hinblick auf ihre Gattungsmerkmale untersucht hat,
weist allgemein auf eine dreigliedrige Zeitstruktur hin, bei der ein „Wendepunkt“ die
Erzählung in eine „Zeit davor“ und in eine „Zeit danach“ aufteilt. Inhaltlich ist die er-
zählte „Zeit davor“ durch die Thematisierung von Krisenerfahrungen und Aussichts-
losigkeit geprägt und im Rückblick negativ besetzt. Der „Wendepunkt“, also die ei-
gentliche Bekehrung, wird als überwältigendes, schwer zu verbalisierendes und hoch-
emotionales Erlebnis beschrieben; die „Zeit danach“ ist erzählstrukturell durch die
Darstellung der heilenden Wirkung der Krisenlösung und durch die Dominanz der
neuentwickelten (religiösen) Weltsicht geprägt (ebd.). Im Fall des
Fixer Upper
-Narra-
tivs kommen noch einige inhaltliche Elemente hinzu, die man analog auch in indivi-
duellen Konversionserzählungen zum evangelikalen Christentum findet (Steets
2020), etwa die Vorstellung, dass jede Person, egal, wie sündig sie auch lebt (bzw.
3
Eine Folge der Popularität von
Fixer Upper
ist, dass bestimmte, von Joanna in der Show aufgesuchte Antiquitäten-
läden in und um Waco nur noch an drei Tagen im Monat öffnen, weil sie allein in dieser Zeit von
Fixer Upper
-Fans
komplett leer gekauft werden. Der Schreiner Clint Harp sowie der Metallschlosser Jimmy Don, die beide regelmäßig
von Joanna für Spezialanfertigungen beauftragt werden, sind zu nationalen Berühmtheiten geworden. Harp
schreibt Bücher und geht damit auf Tour durch die USA, Don tritt regelmäßig als Figur (und Selfie-Motiv) „zufällig“
bei den Waco-Tours-Stadtrundfahrten auf (dazu unten mehr).
Fixing Up Waco, Texas
14
jedes Haus, egal, wie heruntergekommen es auch ist) ein
Potenzial
aufweist, dass
es sich lohnt zu heben, dass vor jedem Wendepunkt die
bewusste
und Verantwort-
ung übernehmende
Entscheidung
für einen Neuanfang steht oder dass der Erneu-
erungsprozess (
„restoration“
) in der Regel mit auftauchenden
Problemen
verbunden
ist, die es sich aber ebenfalls lohnt zu bearbeiten, um schließlich mit einer krisenbe-
endenden und heilenden
Wiedergeburt
belohnt zu werden. Während in
Fixer Upper
die Phase nach dem Wendepunkt, also das Leben im erneuerten Haus, allenfalls
angedeutet wird, liegt der Schwerpunkt der filmischen Inszenierung auf der sich vor-
wiegend im Verborgenen vollziehenden Arbeit an der Erneuerung, wobei alles auf die
– dann wiederum stolz nach außen kommunizierte – Präsentation der gelungenen
Umwandlung des Hauses als dem emotionalen Höhepunkt einer jeden Folge hinaus-
läuft.
Eine solche implizite Kommunikationsform des Religiösen, die sich
erstens
weit
jenseits des klassischen Feldes der Religion vollzieht und
zweitens
Elemente der
Popkultur (TV-Show) mit religiösen Motiven (evangelikales Erneuerungsnarrativ) ver-
bindet, lässt sich als zeitgenössische Ausprägung der „Populären Religion“ (Knob-
lauch 2009) deuten. Der Begriff zielt darauf ab, religiöse Erfahrungen und Praktiken,
die aufgrund ihrer popkulturellen Codierung nicht mehr unmittelbar als solche er-
kennbar sind, als neue Sozialform des Religiösen (vgl. Luckmann 1991) sichtbar zu
machen. Wie sich noch zeigen wird, entsteht die im vorliegenden Fall untersuchte
Sozialform der populären Religion im Schnittfeld von Evangelikalismus, Medien,
Tourismus, Sentimentalität und (materiellem) Raum.
Während
Fixer Upper
religiöse Erlebnisebenen anspielt, die für viele Fans vermutlich
in der Tat implizit bleiben, zeigt das Aufgreifen zentraler Motive der Show in verschie-
denen evangelikalen Kontexten, dass sie durchaus auch explizit als religiös verstan-
den werden kann. So postete die
Open Door Church
aus Chillicothe, Ohio auf ihrer
Facebook-Seite ein Predigtvideo mit dem Titel „Life is the Ultimate Fixer Upper“
4
, die
Northgate Church
aus Pittsburgh, Pennsylvania spricht in ihrem Facebook-Auftritt
von einem „Fixer Upper with God“
5
und die
Liquid Church
aus New Jersey hat auf
ihrem Youtube-Kanal unter dem Titel „Fixer Upper – Rebuild your world in 52 days“
6
gar eine eigene Predigtreihe aufgelegt, in der Parallelen zwischen der Show und
dem Wiederaufbau Jerusalems (beschrieben in der Bibel im Buch Nehemia) gezogen
werden. Noch deutlicher wird ein Blog-Beitrag auf der christlichen Plattform
bible.org
:
„I love [Fixer Upper, Anm. Steets] because Chip and Joanna revitalize dilapi-
dated houses into beautiful homes. I also love it because the show reminds
4
https://www.facebook.com/watch/live/?v=302596917004178&ref=watch_permalink, zuletzt aufgerufen: 23. April
2021.
5
https://www.facebook.com/watch/?v=975584386292011, zuletzt aufgerufen: 23. April 2021.
6
https://www.youtube.com/watch?v=0he1WCzARwM, zuletzt aufgerufen: 23. April 2021.
Fixing Up Waco, Texas
15
me of what God has done in the life of a believer. […] Next time you watch the
show, remember God took our deteriorating, dying souls and made them new
– He made us beautiful! Every single moment of our lives God works in us and
lavishes us with His love. And He adorns us with courage, compassion and
strength (and so much more) so He can display to the rest of the world His
handiwork – so we can go out and show the world our worth because of what
God has done in our lives“ (Wroten 2015).
Die Beispiele zeigen, dass der Erfolg von
Fixer Upper
in der Lage ist, konservative
Christen in den USA regelrecht zu elektrisieren und dass die Show zu einer – teils
expliziten, teils impliziten – Popularisierung des evangelikalen Erneuerungsmotivs
beigetragen hat. Darüber hinaus hat sie die erstaunliche ‚Wiedergeburt‘ der Stadt
Waco eingeleitet.
IV. Die Politik der coolen evangelikalen Urbanität
Reist man heute nach Waco, dann findet man sich in einer Stadt wieder, deren Ima-
ginär sich am Modell der amerikanischen
small town
orientiert. Das heißt, sie lässt
sich situieren „somewhere between the countryside and the metropolis“ (Strauss
2017: 190) und wird von Menschen bewohnt, „who have rural traditions and urban
aspirations“ (ebd.). Allerdings verändert sich Waco rasant. Dieser Wandel erfasst in-
zwischen auch Milieus, die mit dem evangelikalen Erneuerungsnarrativ wenig anzu-
fangen wissen. Kate*, Anfang 50, violett gefärbte Haare, buntes T-Shirt mit „I love
Texas“-Aufschrift, das Auto übersäht mit feministischen und antirassistischen
bumper
stickers
, ist Mitglied der liberalen unitarischen Gemeinde Wacos.
7
In den 1980er-Jah-
ren hat sie in Austin gelebt, der texanischen Hauptstadt, die um die Jahrtausend-
wende aufgrund ihrer vielfältigen Musik- und Kreativszene zu einem der beliebtesten
Orte der
creative class
(Florida 2002) in den USA wurde. Im Interview zieht Kate*
Parallelen zwischen Austin in den 1980er-Jahren und Waco heute:
„Austin had that sort of funky vibe. You know, back in the 80s, you know, cause
[…] they had been an oil town and then the oil went bust in the 80s and so
Austin was just this weird, funky art town that also happened to have the capi-
tal in it. And the people in the capital are very conservative. But […] the rest of
Austin is very liberal. But it was also kind of like [.] there was a lot of poverty,
7
Ich treffe Kate* (Name anonymisiert) im Mai 2019 zu einem Interview über liberale religiöse Strömungen in Waco.
Wir verabreden uns in einem Café in Downtown, wo sie im beschriebenen Outfit erscheint. Kate* gehört der
Unita-
rian Universalist Fellowship
von Waco an. Der
Unitarian Universalism
gilt als äußerst liberale Form der Religion. Ur-
sprünglich eine protestantische Abspaltung, teilen Unitarierinnen kein gemeinsames Glaubensbekenntnis (mehr)
und kennen keine heiligen Schriften, vielmehr einigt sie das Streben nach spiritueller Weiterentwicklung und nach
einem liebe- und respektvollen Umgang miteinander. Unter ihnen findet man Agnostiker ebenso wie Gläubige und
Atheistinnen.
Fixing Up Waco, Texas
16
Austin still has a lot of issues of
not
acknowledging the racial issues they have.
[.] But you know, then they kind of had their technology boom and it’s been
amazing
and
terrible
, (laughs) both at the same time. But Waco to me right
now feels like Austin felt in the early 80s. Like there’s starting to be an
art
scene and a
music
scene and there’s like different events coming up and
there’s different
groups
gathering. […] You know the fact that I’ve gotten two
invitations to
drum
circles this month, it’s like
real
good (laughs). You know?“
(Int_Kate*: Zeilen 765-775).
Stadträumlicher Motor dieser Entwicklung ist zweifelsohne
Magnolia Market at the
Silos
, ein Downtown Revitalisierungsprojekt, das Chip und Joanna Gaines 2015 im
Zug ihres
Fixer Upper
-Erfolges realisiert haben. Auf dem mehrere Blocks umfassen-
den Gelände zweier ehemaliger Baumwollsamendepots, den
Silos
, erstreckt sich
heute eine postindustrielle Shopping- und Freizeitlandschaft, die an die
Cool-Urban-
ity-Leitbilder
der 2000er-Jahre (Steets 2005) und die Ästhetisierung öffentlicher
Räume für die
new urban middle class
in Metropolen wie New York City erinnert
(vgl. Zukin 1995). Im Fall von Waco spricht man inzwischen überregional vom „Mag-
nolia Effect“ (Sachs 2020).
Abb. 6:
Magnolia Market at the Silos
. Foto: Silke Steets, 2019
Fixing Up Waco, Texas
17
Der Magnolia-Effekt
Das Gelände von
Magnolia Market at the Silos
umfasst ein großes Ladengeschäft für
Einrichtungsgegenstände und
Fixer Upper
-Merchandising, die Bäckerei
Silos Baking
Co.
sowie einen Außenbereich mit Garten, Food Trucks, Picknick-Tischen und einer
Kunstrasenspielfläche für große und kleine Kinder. 2019 zählte
Magnolia Market
ge-
schätzte 40.000 Besucherinnen in der Woche, Tendenz (vor Corona) steigend. Mitt-
lerweile beschäftigt das Gaines’sche Unternehmen
Magnolia Inc
. allein in Waco über
750 Menschen (Petersen 2019). Neben
Magnolia Market
setzt es sich aus der Immo-
bilienfirma
Magnolia Realty
(seit 2009), dem Online-Shop
Magnolia.com
(seit 2014),
dem Bed and Breakfast
Magnolia House
(seit 2016), dem Restaurant
Magnolia Table
(seit 2018), dem
Little Shop on Bosque
(Joannas erstem Ladengeschäft in North
Waco, wiedereröffnet 2018), mehreren zur Vermietung angebotenen Ferienhäusern
(seit 2017) und dem Café
Magnolia Press
(seit 2019) zusammen. Im Aufbau befinden
sich das Boutique Hotel
Magnolia Hotel
(Eröffnung 2021) sowie eine Medienabteilung,
die bereits das vierteljährlich erscheinende
Magnolia Journal
(seit 2016, Auflage 5,6
Mio. Exemplare) sowie Chip und Joannas Bücher (bislang acht, siehe Abb. 4) produ-
ziert und vertreibt, dazu diverse Kanäle auf Twitter, Facebook und Instagram füttert
und den TV-Kabelsender
Magnolia Network
vorbereitet. Dieser wird von Mitte 2021
an eine Neuauflage von
Fixer Upper
sowie weitere Shows zu Themen wie Beziehung,
Familie, Elternschaft, Garten, Kochen und Inneneinrichtung produzieren. Der ge-
schätzte Marktwert von Chip und Joanna Gaines liegt aktuell bei rund 20 Millionen
US-Dollar (Barth 2020).
In Folge dieses Booms haben sich nicht nur viele weitere kleine Geschäfte für Anti-
quitäten, Mode, Essen und Lebensstil gegründet, es sind auch einige Kunstgalerien,
Fahrradläden, Co-Working-Spaces (und offenbar auch
drum circles
) entstanden.
Vor allem aber hat sich die Zahl der Touristinnen in den letzten sechs Jahren verviel-
facht. 2018 besuchten insgesamt rund 2,6 Millionen Menschen die Stadt, das sind im
Wochenschnitt etwa 50.000, bei jährlichen Steigerungsraten im zweistelligen Bereich
(Petersen 2019). Während Waco 2018 die höchste Hotelauslastungsquote in ganz
Texas hatte (Heft 2019), übernachtet das Gros der Touristen – dem authentischen
Fixer Upper
-
Feeling
auf der Spur – allerdings vorzugsweise in liebevoll renovierten
Holzhäusern. Dies wiederum ließ die Zahl der privat vermieteten Ferienwohnungen in
die Höhe schnellen. 2018 erweiterte sich das Angebot auf der Plattform
Airbnb
um
etwa ein Haus pro Woche, Schätzungen zufolge gab es dort 2019 rund 450 private
Häuser und Wohnungen für temporäres Wohnen, die rund 3,6 Millionen US-Dollar in
die Taschen der Wacoans spülten (ebd.). Während man noch 2015 allenfalls eine
Handvoll privater Übernachtungsmöglichkeiten in Waco fand, sind heute auf
Airbnb
sogar einige begehrte
Fixer Upper
-Originale buchbar, darunter
The Shot Gun House,
The Giraffe House
oder
The German Schmear Cottage
.
Fixing Up Waco, Texas
18
Abb. 7:
The Shot Gun House
, buchbar über die Plattform
Airbnb
. Foto: Silke Steets,
2019
Die meisten (anderen) Unterkünfte werben bereits im Titel mit ihrer Nähe zu
Magno-
lia Market
oder mit besonderen Designmerkmalen (z.B.
Tiny Houses
). Auffällig ist
die hohe Quote an ‚Superhosts‘, also an besonders erfahrenen Gastgebern, die meist
mehrere Objekte professionell-gewerblich vermieten und überdurchschnittlich viele
herausragende Bewertungen erhalten. In deren
Airbnb
-Profilen wird die traditionell
leidenschaftliche texanische Gastfreundschaft (Wright 2018) nicht selten mit der
eigenen religiösen Orientierung und fast immer mit dem Stolz, in Waco zu Hause zu
sein, legitimiert. Letzteres wäre noch vor zehn Jahren, als Waco vor allem mit der
„Waco Siege“ assoziiert wurde, undenkbar gewesen.
8
8
Als Beispiel mag die Selbstdarstellung von Jeff und Sara Jones als Airbnb-Gastgeber dienen. Sie vermieten zwei
Objekte, darunter ein
Fixer Upper
-Original, sind Mitglieder der
Antioch Community Church
und schreiben über sich
selbst: „Hi, we are Jeff and Sara Jones. Baylor University and our church here in Waco allowed us to cross paths.
Not too long after college we both made the trek to Knoxville, Tennessee. As college ministry staff with a local
church, we had the privilege to work with some incredible students for two years. After much transition, we are now
back in Waco, Texas and proud to call it home. This city is quaint, friendly, and ever growing.“ (https://www.airbnb.
de/rooms/24629664?source_impression_id=p3_1616505794_%2BPF8mYhh8F5k9HDq&guests=1&adults=1, Zuletzt
aufgerufen: 23. März 2021). Die Darstellung der eigenen Biografie in Metaphern der Wegkreuzung, der Transition
und des glücklichen Ankommens spielt ebenfalls Elemente evangelikaler Konversionserzählungen an.
Fixing Up Waco, Texas
19
Eine zunehmend kritisch diskutierte Folge des
Magnolia-Effekts
und der hohen Nach-
frage nach Häusern und Wohnungen für touristische Nutzungen ist die rasante Ent-
wicklung der Marktpreise – sowohl für Immobilien als auch für Grundstücke. Zwar
ist der Wohnungsmarkt in Waco kein klassischer Mietmarkt wie in Deutschland und
viele Menschen besitzen die Häuser, in denen sie leben; allerdings führen die an den
Wert einer Immobilie gekoppelten und eben auch spürbar steigenden
property taxes
bereits zur Verdrängung ärmerer Bevölkerungsgruppen (Lawson 2020). Unter Druck
gerät derzeit insbesondere der Stadtteil East Waco, der nordöstlich des Brazos River
direkt an Downtown und die Baylor University angrenzt und historisch und kulturell
vorwiegend afroamerikanisch geprägt ist. Von dieser Seite des Flusses aus betrach-
tet, der in Waco auch die
color line
bildet, verursacht der raumgreifende
Magnolia
-
Boom zunehmend Angst vor Verdrängung und vor der Zerstörung der über Jahr-
zehnte relativ unbeachtet und ungestört sich entwickelnden schwarzen Lokalkultur
(The Waco History Podcast 2019). Hier deutet sich bereits etwas an, was sich im Fol-
genden noch erhärten wird: Die ‚Wiedergeburt‘ Wacos ist vor allem eine von Weißen
erzählte Geschichte.
Waco Reborn oder: Bist Du das, Gott?
Ausgesprochen enthusiastisch wird diese Geschichte bei den Stadtführungen von
Waco Tours
erzählt. Gegründet wurde
Waco Tours
2016 von zwei befreundeten Ehe-
paaren: Luke und Rachel Whyte sowie David und Rachel Ridley (Abb. 8), die – alle
weiß, sportlich, mit College-Abschluss und in ihren Dreißigern – sich im Studium an
der Baylor University oder in der
Antioch Community Church
kennen gelernt haben.
Das Unternehmen beschäftigt mittlerweile rund siebzig Mitarbeitende und hat in
den fünf Jahren seines Bestehens mehr als 55.000 Gäste „all the hidden gems of
Waco“ gezeigt (Waco Tours 2021). Im persönlichen Umgang mit seinen Gästen legt
das Unternehmen großen Wert auf eine herzliche, persönliche und familiäre Atmo-
sphäre, was offenbar gut ankommt.
9
9
Waco Tours
ist auf dem Bewertungsportal TripAdvisor registriert und bittet alle, die an einer Tour teilgenommen
haben, dort eine Bewertung abzugeben. Im April 2021 hatte das Unternehmen 4.074 Bewertungen erhalten, davon
waren 4.016 (98,5%) „ausgezeichnet“, 48 „sehr gut“, 11 „befriedigend“ und nur 2 „mangelhaft“ (https://www.
tripadvisor.de/Attraction_Review-g56833-d10522669-Reviews-Waco_Tours-Waco_Texas.html#REVIEWS, zuletzt
aufgerufen: 24. April 2021). Folgende Stimme kann exemplarisch für den Tenor der Bewertungen stehen: „My wife
and I had a great time on this tour. At first we thought it might be a bit expensive, but afterwards we thought it was
well worth it. We met the owner's and they were welcoming and friendly. All the staff was great! We felt like we'd
been on a trip with our family. Our tour guides Matthew and Christina were fantastic! I highly recommend this tour.“
(Mann, ohne Ortsangabe, Mai 2019) (ebd.).
Fixing Up Waco, Texas
20
Abb. 8: Die Gründerinnen von Waco Tours wie sie sich auf ihrer Website präsentieren
(von links nach rechts): Rachel und Luke Whyte sowie Rachel und David Ridley.
Quelle: https://www.waco-tours.com/our-story, zuletzt zugegriffen: 29. Mai 2021.
Auch ich nehme, einmal im Februar und einmal im Mai 2019, an der rund zweiein-
halbstündigen
Classic Tour
für 79 US-Dollar teil – und finde mich wieder als einzige
Alleinreisende unter (wieder)verliebten Pärchen, Freundinnengruppen und Kleinfa-
milien. Meine Mitreisenden, allesamt Weiße, kommen aus Utah, Colorado, Florida,
Oklahoma und sogar aus Canada. Die Tour beginnt mit einer kurzen persönlichen
Vorstellungsrunde und ich lerne, dass vor allem die Frauen mittleren Alters in meiner
Gruppe glühende
Fixer Upper
-Fans sind. Zwei von ihnen haben die Reise nach Waco
von ihren Ehemännern zum Hochzeitstag geschenkt bekommen, drei Mitvierzigerin-
nen sind auf einem „Girls Trip“ unterwegs. Nach der Vorstellungsrunde fragt uns
Alyssa*, die die Tour führt, ob es okay sei, wenn wir mit einem Gebet begännen, denn
Gott sei ein wichtiger Teil von
Waco Tours
. Was mich bei meiner ersten Tour-Teil-
nahme ziemlich irritiert,
10
stört im Bus niemanden und so segnet Alyssa* uns, die
10
Ein Blick in die Foren von TripAdvisor zeigt, dass diese Irritation vereinzelt auch an anderer Stelle aufgetreten ist.
So schreibt ein Mann aus New Jersey im Mai 2017: „Dear Waco Tour Owners, I have a personal right to be free of
your religious beliefs. Yes, I know, things are different in Texas and parts of the South and Middle, but still…“. Den
Beginn der Tour beschreibt er wie folgt: „The guides who were settled into their front seats, turned back toward the
passengers, introduced themselves and then one of them said that she is instructed to say a prayer before com-
mencing with the tour. Without pause she then began to pray, and heads were bowed. In that instant I suddenly felt
an inner panic and my eyes darted for the exit wanting to bolt.“ (ebd.). Luke Whyte, der Mitbegründer von
Waco
Tours
, antwortet wie folgt: „We are truly sorry that you felt trapped and uncomfortable because of the prayer at
the beginning of our tour. Our intention is never to impose our beliefs on any of our guests. Out of our thousands of
tours this is the first time we've gotten negative feedback on this specific aspect of our tour. But because of your
experience, we will be adjusting our approach in how we include the prayer. Thank you for your feedback and
Fixing Up Waco, Texas
21
Tour und Waco, und wir machen uns auf den Weg: durch die vom Wirbelsturm zer-
störte Innenstadt, vorbei an den
Silos
, über den Campus der Baylor University mit
dem neuen
McLane Football Stadium
, hinüber nach East Waco, wo viele verfallene
Häuser, aber auch eine bunte Stadtteilbibliothek zu sehen sind, durch den hügeligen
Cameron Park und vorbei an einigen
Fixer Upper
-Häusern. Hier und da steigen wir
aus, um Fotos zu machen. Die Motive (Häuser, Landschaften, sich ins Bild schieben-
de Logos, ein wie zufällig vor seinem Laden herumstehender
Fixer Upper
-Protago-
nist
11
) sind so gewählt, dass sie sich für Selfies und Instagram-Posts hervorragend
eignen. Zur Stärkung gibt es zwischendrin eine Portion
Texas Pecan Ice Cream
(lo-
kale Spezialität) und eine Dr. Pepper Cola (deren Rezeptur in Waco erfunden wurde).
Als wir durch North Waco fahren, erzählt uns Alyssa*, dass sich bis vor kurzem nicht
mal der Pizza-Service in diesen Teil der Stadt getraut habe, so gefährlich sei das hier
gewesen. Dann macht sie uns auf ein neues Lebensmittelgeschäft aufmerksam, das
von
Mission Waco,
einer christlichen Wohltätigkeitsorganisation, eröffnet und von
Chip und Joanna Gaines finanziert worden sei. Schließlich hält die Tour vor dem ein-
zigen
Fixer Upper
-Haus an, das jemals für einen alleinstehenden Mann (Bachelor)
renoviert wurde, einem, wie wir hören, Ex-Model. Ungeeignet für die oberflächliche
Model-Welt der großen Metropolen sei der junge Texaner tief gefallen, bis er schließ-
lich Jesus gefunden, nach Texas zurückgekehrt – und 2016
Waco Tours
gegründet
habe. Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist die von David Ridley, der heute nicht
nur CEO von
Waco Tours
ist, sondern auch Mitglied der
Antioch Community Church
in North Waco – an der wir gerade vorbeifahren. Sein Geschäftspartner Luke Whyte
ist dort sogar College-Pastor. Und wie sich eben herausstellt, ist auch Chase*, unser
Busfahrer, Pastor bei
Antioch
. Freudig erzählt er, dass er an seinen wenigen freien
Tagen gerne Besucher wie uns durch Waco führt. Chase* und Alyssa* betonen, dass
Antioch
viel Gutes bewirkt habe in North Waco, von Bildungsprogrammen für be-
nachteiligte Kinder bis zur Resozialisierung ehemaliger Zwangsprostituierter. Kurz
wird die Sozialstruktur der Stadt problematisiert, denn gut ein Viertel der Wacoans
lebt unterhalb der Armutsgrenze (United States Census Bureau 2020), aber es wird
auch deutlich, dass es die
christlichen
Institutionen sind, die aus Sicht von
Waco Tours
zur erfolgreichen Bearbeitung dieser Probleme beitragen. Man hätte beispielsweise
auch auf die lokalen Anlaufstellen von
Planned Parenthood
(wo u.a. Menschen be-
raten werden, die sexuell missbraucht wurden, dazu unten mehr) oder
Habitat for
again, we apologize that you were uncomfortable.“ (https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g56833-
d10522669-Reviews-Waco_Tours-Waco_Texas.html#REVIEWS, zuletzt aufgerufen: 24. April 2021).
11
Das Zusammentreffen mit Jimmy Don, der in
Fixer Upper
die Metallarbeiten für Joanna Gaines durchführt und
den Fans der Show daher bestens bekannt ist, wird während der Tour als außergewöhnlicher Glücksfall inszeniert.
Don steht vor seinem Geschäft und unterhält sich mit Leuten, der Tourbus kommt vorbei, hält abrupt – weil man
Don erspäht hat – an, es gibt ein großes Hallo und die Gelegenheit zum Gruppenselfie. Die Inszenierung dieses „Zu-
falls“ fiel mir freilich erst bei meiner zweiten Tourteilnahme auf. Die Szene wird auch in journalistischen Texten über
Waco beschrieben (vgl. z.B. Petersen 2019).
Fixing Up Waco, Texas
22
Humanity
(einer NGO, die unabhängig von der religiösen Orientierung eines Men-
schen menschenwürdige Wohnungen baut) hinweisen können. Zwar sprechen
Chase* und Alyssa* keine ausdrückliche Einladung an uns aus, am Sonntag zu den
Gottesdiensten von
Antioch
zu kommen oder über eine christliche Wende unseres
Lebens nachzudenken und doch verdichtet sich in mir immer stärker das Gefühl,
eher einer zeitgenössisch-populären Evangelisierungsveranstaltung als einer Stadt-
führung beizuwohnen. Chase* und Alyssa* vermitteln uns mit großem jugendlichen
Enthusiasmus, dass für
sie
das Wirken Gottes in den erneuerten Häusern und den
sichtbaren Zeichen christlicher Wohltätigkeit unmittelbar sinnlich erfahrbar ist und
dass sie auch
uns
, ihre Gäste, die sie wie Freunde oder Familienmitglieder behandeln,
an dieser Erfahrung teilhaben lassen wollen.
Abb. 9: North Waco als Ort noch zu hebender Potenziale: Verfallendes Haus (links),
Schild: „I Pay Top Dollar 4 Houses“ mit Telefonnummer aus Dallas (rechts). Fotos:
Silke Steets, 2019
Etwas abstrakter betrachtet wird auch hier die erzählte Stadtgeschichte unterteilt in
eine „Zeit davor“, einen „Wendepunkt“ und eine „Zeit danach“. Die thematische Gat-
tungsstruktur der Konversionserzählung (Ulmer 1998) idealtypisch abbildend, füllen
die Tour-Guides die „Zeit davor“ mit Darstellungen von Krise und Niedergang. Haupt-
bezugspunkte sind die Zerstörung der Innenstadt durch den Tornado im Jahr 1953
Fixing Up Waco, Texas
23
und der Imageschaden, den Waco durch die „Waco Siege“ im Jahr 1993 erlitten hat.
Völlig unerwähnt bleiben hingegen die zutiefst rassistischen Facetten der Stadtge-
schichte mit Plantagenwirtschaft und Sklavenhaltung im 19. Jahrhundert (wofür die
Silos
als einstige Baumwollsamendepots geradezu ikonisch stehen) oder den Lynch-
morden und dem Wirken des Ku Klux Klan Anfang des 20. Jahrhunderts. Man kann
diese Form der Geschichtsdarstellung durchaus als
„whitewashing“
bezeichnen:
Waco erscheint eher als Opfer von Naturgewalt und schicksalhaften äußeren Zu-
schreibungen, denn als Ort teils grausamer selbst- (von Weißen) gemachter Ereig-
nisse. Der Wendepunkt zum Besseren verdichtet sich in den Erzählungen von
Waco
Tours
zwar auch im TV-Erfolg von Chip und Joanna Gaines (wohl auch, weil sich die
Touristen genau
dafür
interessieren), wird aber in der Gesamtinszenierung komple-
xer angelegt – und zwar als heilendes Zusammenspiel von
Fixer Upper
,
Magnolia
und der
Antioch Community Church
. Die „Zeit danach“ vermittelt sich in der Erzähl-
ung als etwas uneingeschränkt Positives, das allerdings erst
im Entstehen
begriffen
ist, was es nicht weniger faszinierend, weil umso transzendenter macht. Hervorge-
hoben wird – und davon zeugen gerade die noch
nicht
renovierten Häuser der Stadt
– das ungeheure
Potenzial
dieses sich gerade vollziehenden Wandels (Abb. 9). Zwar
weiß niemand so genau, wie lange der Aufstieg Wacos anhalten und wohin er noch
führen wird, doch Chase* und Alyssa* geben uns zu verstehen, dass die Stadt für sie
voller lesbarer Zeichen ist, die die Richtung der Entwicklung recht eindeutig weisen.
Doch was macht sie dieser Deutung so sicher?
Da Evangelikale Gott als Person oder Freund imaginieren, der kausal sowohl in das
eigene Bewusstsein als auch in die Wirklichkeit der Alltagswelt eingreifen kann, ste-
hen sie permanent vor einer doppelten kognitiven Herausforderung: Auf der Ebene
des Bewusstseins gilt es, die
eigenen
Gedanken, Wünsche und Vorhaben von der
Wahrnehmung
göttlicher
Botschaften, die in Form spontaner Assoziationen und
Bilder, aber auch als konkrete Handlungsanweisungen im Bewusstsein aufblitzen
können, zu unterscheiden (Luhrmann 2012). Auf der Ebene der mit anderen geteilten
Alltagswirklichkeit, in der sich aus evangelikaler Sicht nichts zufällig ereignet, sondern
alles, was passiert, das Resultat eines Kräftemessens zwischen guten (Gott) und bö-
sen (Satan) Kräften ist, besteht die Herausforderung darin, das
göttliche
Wirken zu
erkennen und als Teil eines nicht immer sofort durchsichtigen göttlichen Planes zu
verstehen, um diesem Plan durch das eigene Handeln zum Sieg über das Böse zu
verhelfen. Für dieses hermeneutische Problem entwickeln Evangelikale allerlei kogni-
tive Strategien (Steets 2020), wobei sich der gebaute Raum als hervorragender Evi-
denzstifter für das Eingreifen Gottes in die Welt eignet (wofür auch die oben darge-
stellten explizit evangelikalen Deutungen des
Fixer Upper
-Narrativs in einigen Ge-
meinden in den USA ein gutes Beispiel darstellen). Dass das funktioniert, lässt sich
wiederum phänomenologisch erklären: So wissen wir von Alfred Schütz, dass „[n]ur
Erfahrungen von physischen Dingen innerhalb der manipulativen Zone […] den
grundlegenden Test aller Wirklichkeit, nämlich den Widerstand [erlauben]“ (Schütz
Fixing Up Waco, Texas
24
2003: 199). Das heißt, Menschen erfahren diejenigen Dinge, Räume oder Lebewesen
am
wirklichsten
, die sie anfassen und unmittelbar sinnlich wahrnehmen können.
Interessanterweise ist es genau diese Einsicht, die sich sowohl Evangelikale in ihren
Versuchen, Gottes Wirken zu verstehen, als auch der Tourismus in seinem Bestreben
„authentische“ Erfahrungen zu produzieren (Schäfer 2015), zunutze machen. Die
touristische Erfahrung ist eine, die auf dem Vor-Ort-Sein und dem Versprechen, Orte
unmittelbar sinnlich zu erleben, aufbaut (Maccannell 1973). Im Falle von
Waco Tours
vermischen sich diese beiden Bereiche – Tourismus und Evangelikalismus – auf eine
geradezu kongeniale Weise. Eine vermittelnde Schlüsselrolle spielt dabei die
Antioch
Community Church
in Waco.
Die Ästhetisierung der Missionierungskommunikation
Die
Antioch Community Church
von Waco spaltete sich in den 1990er-Jahren von
der
Highland Baptist Church
ab, einer der großen Baptistengemeinden der Stadt. Bei
Highland
blieben eher die traditionellen Familien, während – wie ein ehemaliges
Mitglied von
Highland
es beschreibt – „Antioch always felt young and, like, sexy“ (zit.
in Petersen 2019). Heute hat
Antioch Waco
rund fünf Tausend Mitglieder, die nicht
ausschließlich, aber doch mehrheitlich Weiße sind – unter ihnen viele, die bei
Magno-
lia
oder
Waco Tours
arbeiten. 1999 zog
Antioch
in einen alten HEB-Lebensmittelladen
in North Waco, einem Stadtviertel, das damals aus Sicht der (weißen) Mittelschicht
niemand freiwillig betrat.
Antioch
machte es sich zur Aufgabe, eben jene „leidende“
Nachbarschaft im göttlichen Geiste zu erneuern. Allgemein beschrieben hört sich das
so an: „[W]e plant churches and impact communities with God’s love so we might
see His Kingdom come and His will be done“ (Antioch Community Church 2021).
12
Konkret auf Waco bezogen heißt das:
„We believe church doesn’t just happen on Sundays. In the Bible, the first
church was commissioned to live in community, to worship, to share meals,
to praise God together and to reach out to others. We live out this mission
daily here in Waco, in coffee shops, church pews, on soccer fields and street
corners. […] WE WILL BE PART OF TRANSFORMING WACO, TEXAS. We will
serve and reach out, both through specific church ministries and in our day-
to-day lives“ (ebd., Hervorh. i. Orig.).
Als
Antioch
anfing, in North Waco zu missionieren, versuchte man es zunächst mit
den althergebrachten Formen der Evangelisation – wie Straßenpredigten und dem
12
Die
Antioch
-Bewegung mit ihrem Ursprung 1987 und Hauptsitz in Waco hat mittlerweile ein globales Netzwerk
aufgebaut, dass 45 Kirchen („planted churches“) in den USA und über 80 Missionsstationen in der ganzen Welt um-
fasst (https://antioch.org/our-story/, zuletzt aufgerufen: 24. April 2021).
Fixing Up Waco, Texas
25
Tingeln von Haustür zu Haustür, um Menschen in ein Gespräch über Jesus zu verwi-
ckeln. Dies erwies sich jedoch als wenig effektiv (Petersen 2019). Wie andere moderne
evangelikale Kirchen versuchte
Antioch
schließlich, die konservative Grundhaltung
(die eine große Bibeltreue mit dem Bild eines grundsätzlich sündigen, aber rettbaren
Menschen verbindet) mit einer zeitgemäßen Ästhetik und einem modernen Erlebnis-
charakter zu vereinen (Wellman et al. 2020), um weniger aus der Zeit gefallen und
weniger antagonistisch gegenüber der säkularen und kapitalistischen Welt zu er-
scheinen. Architektur und der gebaute Raum begannen für diese Neuausrichtung
eine entscheidende Rolle zu spielen. Neben der Kirche zogen auch Teile des pastora-
len Personals und Dutzende Mitglieder nach North Waco (Petersen 2019) – wo sie
sich, zunächst von einer kleinen Hausrenovierungsfirma zweier Gemeindemitglieder
namens Chip und Joanna Gaines und später international beachtet in der TV Show
Fixer Upper
, ihre günstig erworbenen Häuser ästhetisch höchst zeitgemäß im Stile
des
farmhouse chic
renovieren ließen. Innerkirchlich wurden diese Renovierungen
von Beginn an auch als spirituelle Erneuerung und als Beitrag zur Heilung Wacos
interpretiert.
Dies hatte verschiedene Effekte: Chip und Joanna Gaines avancierten im Zuge des
Erfolges von
Fixer Upper
geradezu zur idealtypischen Verkörperung einer neuen
popkulturell anschlussfähigen Version des Evangelikalismus – und nebenbei wird klar,
warum so viele Hausbesitzer aus
Fixer Upper
Mitglieder der
Antioch
Community
Church
sind. Auf lokaler Ebene verband sich eine Mitgliedschaft bei
Antioch
bald
mit der Vorstellung, Teil der sozialen und wirtschaftlichen Aufschwungserzählung
Wacos zu sein, also an etwas Fortschrittlichem und Trendigem teilzuhaben, das sich
gleichzeitig als höchst lukrativ erwies und dabei völlig naht- und reibungslos mit
dem Leben wiedergeborener Christen vereinbar war. Die Gründer von
Waco Tours
verkörpern diese Geschichte auf ähnliche idealtypische Weise wie Chip und Joanna
Gaines. Auch den Whytes und Ridleys ist es gelungen, die christliche Botschaft mit
einer perfekten jugendlich-familiären Ästhetik und zeitgenössischen Formaten der
Popkultur zu verschmelzen und dabei ökonomisch höchst erfolgreich zu sein. Auf
ihren Stadtführungen wird der gebaute Raum mit seinen vielfältigen phänomenolo-
gischen Erlebnisqualitäten zur „materiellen Objektivation“ (Knoblauch/Steets 2020)
und damit zur zentralen Vermittlungsinstanz für eine neue Form der religiösen
Kommunikation (Knoblauch 2009: 68, 2017). Das zeigt sich am deutlichsten in den
neuen Formen der Missionierung. Missionierung funktioniert kaum noch explizit über
sprachliche Botschaften, sondern sehr viel impliziter über die Ästhetisierung von Räu-
men, verbunden mit der Produktion von Narrativen und Imaginationen über den
Wandel von Räumen, also über Legitimationen (vgl. Berger/Luckmann 1970), die –
und das macht diese Strategie säkular so anschlussfähig – stark an das erinnern,
was seit den 1990er-Jahren als Kulturalisierung des Städtischen beforscht und dis-
kutiert wird (siehe z.B. Zukin 1995; Reckwitz 2009). Universitäten spielen in diesen
Prozessen als Orte der Symbol- und Wissensproduktion sowie als Ausbildungsstät-
Fixing Up Waco, Texas
26
ten und als „sticky places“ (Markusen 1996) für junge Talente eine wichtige Rolle (Flo-
rida 2002). In Waco kommt diese Rolle der Baylor University zu.
Die Baylor University und die Vorbereitung der Wiedergeburt Wacos
Die Baylor University ist älter als der US-Bundesstaat Texas, was in Texas als wirklich
alt gilt. Im Februar 1845 noch von der Republik Texas im Ort Independence gegründet,
ist sie seit 1886 in Waco zu Hause und heute mit knapp 20.000 Studierenden und
1.500 Fakultätsmitgliedern die größte baptistische Universität der Welt (Baylor
University 2021). Bis in die 1980er-Jahre ähnelte Baylor vielen anderen christlichen
Colleges: Es war vergleichsweise erschwinglich dort zu studieren, die Klassen zeich-
neten sich durch eine überschaubare Größe aus, die Studierendenschaft rekrutierte
sich größtenteils regional. Baylor galt als Ort, an den sozial aufstrebende texanische
Familien, vor allem Baptisten, ihre Kinder schickten, damit sie eine gute, private und
glaubensbasierte Ausbildung bekamen. In ihrer christlichen Ausrichtung stand die
Universität bis Ende der 1980er-Jahre allerdings unter dem Einfluss der ultra-konser-
vativen
Southern Baptist Convention
. Auf deren Anordnung mussten zum Beispiel
Fakultätsmitglieder bei ihrer Einstellung Glaubensbekenntnisse unterzeichnen, die
fundamentalistische Positionen zu Kreationismus, Homosexualität und zur Ordination
von Frauen umfassten. Da die Kritik an diesen Positionen und das Bedürfnis nach
Reformen universitätsintern immer lauter wurde, löste Präsident Herbert H. Reynolds
1990 die enge Bindung an die
Southern Baptist Convention
und begann eine Neu-
ausrichtung der Universität in Gang zu setzen, deren Ausgestaltung im Grunde bis
heute andauert (Schmeltekopf 2015). Ausgerufenes Ziel ist es, Baylor zu einem Ort zu
machen, an dem sich akademische Exzellenz mit einer baptistisch-religiösen Grund-
ausrichtung verbindet, ähnlich wie es die angesehenen katholischen Forschungsuni-
versitäten Notre Dame (Indiana) oder Boston College (Massachusetts) vorgemacht
haben. Damit wollte man gezielt auch der stark ausgeprägten anti-intellektuellen
Konnotation baptistischer Glaubenspositionen entgegenwirken, die das Bild des
amerikanischen Evangelikalismus spätestens seit dem
Scopes Monkey Trial
von 1925
prägten (Hochgeschwender 2017).
13
13
Im
Scopes Monkey Trial
wurde der Sportlehrer John T. Scopes aus Dayton, Tennessee zu hundert Dollar Bußgeld
verurteilt, weil er Darwins Evolutionstheorie an öffentlichen Schulen gelehrt hatte. Die Gegner eines kurz davor ver-
abschiedeten Gesetzes, das in Tennessee die schulische Vermittlung jeglichen Wissens untersagte, das nicht dem
Schöpfungsbericht der Bibel über die Entstehung des Menschen entsprach, hatten den Gerichtsprozess um Scopes
provoziert und als argumentativen Showdown zwischen Wissenschaft und Fundamentalismus inszeniert. Höhe-
punkt war das Kreuzverhör, dem sich der Politiker und einstige Präsidentschaftskandidat William Jennings Bryan
als Hauptvertreter des Fundamentalismus aus freien Stücken aussetzte und das der damalige Star-Anwalt
Clarence Darrow aus Chicago als Vertreter der modernen Wissenschaft (und nebenbei auch als Scopes Anwalt)
durchführte. Dieses Kreuzverhör endete mit einer derart bitteren Vorführung von Bryans naiver Bibelgläubigkeit,
dass das Bild des Evangelikalismus in den USA als eines rückständigen, hinterwäldlerischen und anti-intellektuellen
Unternehmens auf Jahrzehnte zementiert war. Der Prozess erregte auch deshalb erhebliches Aufsehen, weil er lan-
desweit live im Radio übertragen wurde und die großen Zeitungen der Ost- und Westküste berichteten, darunter
Fixing Up Waco, Texas
27
Abb. 10: „You shall love the Lord, your God…“ Wegegestaltung auf dem Campus der
Baylor University. Foto: Silke Steets, 2019
Neben der Ausarbeitung von Plänen zur strategischen Neuausrichtung, der Grün-
dung neuer Institute und der Verschiebung des Fokus von der Lehre auf die For-
schung lockerte Präsident Reynolds die Einstellungsprozesse, um landesweit mehr
wissenschaftlich anerkannte Fakultätsmitglieder und hochrangige
Distinguished
Professors
(unter ihnen in den 2010er-Jahren beispielsweise auch der Soziologe Peter
L. Berger) anzuwerben. Außerdem investierte man mehrere Hundertmillionen Dollar
in Gebäude und Infrastruktur und setzte – um das alles finanzieren zu können – auf
den Ausbau des Universitätssports, insbesondere des
College-Footballs
. Denn Sport,
vor allem
Football
, besitzt in Texas ein enormes Potenzial, um Alumni zu binden und
große Spendensummen zu generieren. Damit war und ist man bis heute durchaus
erfolgreich. Sichtbarstes Zeichen dafür ist der Neubau des 266 Millionen teuren
McLane Stadium
(benannt nach dem Großspender Drayton McLane), das als Baylors
neues
signature building
seit 2014 direkt an der I-35 für Baylor und um die Aufmerk-
samkeit der den Bahnenraum durchquerenden Autofahrer wirbt.
der für seinen ebenso intellektuell-scharfen wie bitterbösen Humor bekannte H.L. Mencken, der für die
Baltimore
Sun
vor Ort war (vgl. Mencken 2006).
Fixing Up Waco, Texas
28
Abb. 11: McLane Stadium, von der I-35 aus gesehen. Foto: Silke Steets, 2019
Inzwischen ist Baylor tatsächlich ein sportliches Kraftpaket mit beachtlichen Erfolgen
vom Football bis zum Basketball, aber dieses Wachstum hatte negative Nebenwir-
kungen. Zwischen 2012 und 2017 wurden immer wieder Stars des Footballteams we-
gen sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen angeklagt und verurteilt. Außerdem
wurde von einem „hostess program“ (Luther/Solomon 2019) berichtet, das US-weit
vielversprechende Nachwuchs-Footballspieler mit dem Hinweis darauf zu rekrutieren
versuchte, dass es an der Baylor University jede Menge „white women“ gäbe, „who
love football players“ (ebd.). Die Vorfälle wurden von Seiten der Universität zwar nicht
vertuscht, aber auch nicht umfassend aufgearbeitet (Petersen 2019) und so deutet
einiges darauf hin, dass der sportliche Erfolg der Baylor Teams wichtiger genommen
wird als die Etablierung einer Kultur des respektvollen und gleichberechtigten Um-
gangs der Geschlechter miteinander.
14
Auch die breiteren Debatten über die strate-
gische Ausrichtung der Universität zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und baptis-
tischer Wertefundierung scheint ein durchaus kontroverser und andauernder
„struggle over mind and soul“ (Schaefer Riley 2004) darzustellen. Aus den dargeleg-
ten Schilderungen sind für die weitere Argumentation vor allem zwei Dinge relevant:
Baylor setzte bereits in den 1990er-Jahren den Ton für eine ambitionierte Neuaus-
richtung und Modernisierung des Evangelikalismus, den viele Absolventinnen als
14
So finden betroffene Frauen in Waco etwa in der lokalen Niederlassung der von Evangelikalen erbittert be-
kämpften Organisation
Planned Parenthood
eine Anlaufstelle, wo sie neben kostenloser Beratung und therapeuti-
scher Unterstützung gegebenenfalls auch eine Vermittlung an eine Abtreibungsklinik erhalten.
Fixing Up Waco, Texas
29
Haltung mitnahmen. Und die Erfolge der Baylor Sportteams sowie der Neubau des
McLane Stadiums
brachten Waco bereits kurz vor
Fixer Upper
auf eine neue Art zu-
rück auf die imaginäre Landkarte der USA.
V. Zusammenführung:
Populäre Religion, das Sentimentale und die Refiguration von Räumen
In ihrer Diagnose einer „Refiguration von Räumen“ gehen Hubert Knoblauch und
Martina Löw (2021) davon aus, dass die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der
Gegenwart durch die spannungsreiche Überlagerung unterschiedlicher Raumfiguren
erklärt werden können. Sie unterscheiden idealtypisch vier Raumfiguren, die das
Soziale – verstanden als Figurationen von Wissen, Handlungen und Institutionen – auf
je eigene, teils gegenläufige Art verräumlichen: Territorien, Netzwerke, Orte und
Bahnen.
15
Während
Territorien
einer
Logik der Grenzziehung
und Homogenisierung
im Rauminneren folgen und als flächenhaft imaginiert werden, verräumlicht das
Netzwerk
entlang einer
Logik der Verknüpfung
. Das heißt, im Netzwerk werden
heterogene Elemente (z.B. Orte) so zueinander in Beziehung gesetzt, dass sie wech-
selseitig funktional füreinander sind und so ein zwar offenes, aber abgrenzbares
Ganzes bilden (z.B. das Netzwerk der
global cities
). In der Raumfigur des Netzwerks
sind realräumliche Distanzen irrelevant, was zählt ist allein die je netzwerkspezifische
Beziehung eines Elementes zu anderen Elementen.
Bahnen
wiederum folgen einer
Logik der Durchquerung
und damit eindeutiger als Netzwerke einer klassisch-mo-
dernen instrumentellen Vernunft. Sie verbinden Start- und Zielpunkte (z.B. einer Reise
oder einer Warenkette) miteinander und sind gebaut, um einen möglichst effizienten
und reibungslosen Transport der zirkulierenden Elemente zu gewährleisten. Als In-
frastrukturen können Bahnen (unbekannte) Räume erschließen oder grundlegend
neu ordnen, wofür die USA ein sehr gutes Beispiel darstellen: Man denke an die Trails
der Siedlerinnen, die Routen der Post, die Schienenwege der Eisenbahn – und nicht
zuletzt an die Autobahntrassen des Interstate-Systems.
Orte
schließlich folgen einer
Logik der Gleichzeitigkeit
heterogener Bezüge
. Die Art und Weise, wie an ihnen auf
Geschichte und Welt referiert wird, wie sich die unterschiedlichsten „thens and theres“
im „here-and-now“ (Massey 2005: 140) verbinden und manifestieren, macht territo-
riale Ausschnitte der Erdoberfläche zu Orten (Berking 1998). Deshalb werden Orte
als einzigartig imaginiert und haben Namen. Da die Spätmoderne das Besondere,
das Einzigartige, ja Singuläre prämiert (Reckwitz 2017), werden heutzutage nicht nur
Orte wichtiger, sondern auch Praktiken des
place making
und Modi der Verortung.
15
In der folgenden Darstellung der vier Raumfiguren beziehe ich mich auf die Vorarbeiten von Martina Löw und
Hubert Knoblauch (Löw 2020; Löw/Knoblauch 2021), reichere deren Charakterisierung und Zusammenspiel aber
mit eigenen Überlegungen an, die als Vorschläge zur Weiterentwicklung der Raumfiguren und der Refiguration zu
verstehen sind.
Fixing Up Waco, Texas
30
In Waco, so möchte ich abschließend argumentieren, beobachten wir eine Refigura-
tion von Räumen, die sich aus einer gegenläufigen Überlagerung der Verräumli-
chungslogiken von Orts- und Bahnenraum speist. Das setzt die Stadt als solche unter
Spannung und führt zu räumlichen Umordnungen und neuen Formen der Sichtbar-
keit. Das Religiöse spielt dabei eine Schlüsselrolle, da es in Waco zum zentralen Be-
zugspunkt spätmoderner
Place-making-Strategien
geworden ist, was wiederum,
so meine These, deshalb funktioniert, weil es sich in einer neuen (sentimentalen)
Sozialform der Populären Religion zeigt. Ich werde daher im Folgenden zunächst
diese neue Sozialform der Populären Religion noch einmal stärker theoretisch umrei-
ßen, dabei ihr
Place-making-Potenzial
herausstellen, um abschließend den Wandel
Wacos als Refiguration von Räumen zu deuten.
Mit dem Begriff der „Populären Religion“ schließt Hubert Knoblauch (2009) an Arbei-
ten von Thomas Luckmann (1991) an. Während Luckmann noch davon ausgegangen
war, dass religiöse Inhalte, wenn sie in nichtreligiösen sozialen und kommunikativen
Formen auftreten, nicht mehr
als Religion
erkennbar sind und damit „unsichtbar“
werden, geht es Knoblauch darum, den Blick für solche neuen Sozialformen des
Religiösen zu schärfen und ihre neue Art der Sichtbarkeit empirisch zugänglich zu
machen. Dies setzt einen offenen Religionsbegriff voraus, den er über die Auseinan-
dersetzung mit dem Begriff der Transzendenz herleitet (Knoblauch 2009: 53ff.). Kurz
gesagt, Religion entsteht für Knoblauch immer dann, wenn Transzendenzerfahrun-
gen, egal ob kleiner, mittlerer oder großer Art (siehe hierzu Schütz/Luckmann 2003:
598ff.) nicht einfach nur bewältigt, sondern sakralisiert oder rituell-magisch aufge-
laden werden. In der Spätmoderne, so seine Diagnose, werde das Subjekt und sein
Inneres zum privilegierten und gefeierten Ort religiöser (Selbst)Erfahrung – was für
konservative Formen des Evangelikalismus ebenso gelte wie zum Beispiel für die
alternative Spiritualität des
New Age
. Mit anderen Worten: Die Populäre Religion
betont, evoziert und inszeniert in besonderer Weise die
subjektive
Erfahrung von
Transzendenz. Im Fall der in diesem Text rekonstruierten popkulturell-touristischen
Kommunikationsform des Religiösen kommt, so meine These, dem
Sentimentalen
als einerseits
Subjektivierungsmodus
der Populären Religion und andererseits als er-
lebnisbasierte Zuschreibung einer kleinstädtischen
Ortsqualität
eine bedeutende
Rolle zu.
Zwar stellt das Sentimentale in der Soziologie noch keine etablierte Begrifflichkeit
dar, doch zeigen jüngere kulturwissenschaftliche Arbeiten (siehe z.B. Ellis 1996;
Kappelhoff 2004; Paul 2014) sein gesellschaftsanalytisches Potenzial. Soziologisch
lässt sich das Sentimentale als beziehungsstiftender kommunikativer Code fassen,
der eine gesteigerte Emotionalität und Sinnlichkeit in den wechselseitigen Bezugnah-
men von Subjekten aufeinander (Kommunikation) und in den damit verbundenen
Formen der gefühlsbasierten Subjektivierung und Identitätsbildung erzeugt. An der
Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft angesiedelt, lässt sich das Sentimentale
Fixing Up Waco, Texas
31
empirisch beobachten als eine aktive Hinwendung zu bzw. eine strategische Insze-
nierung oder ein Inszeniertsein von Emotionen. Es umfasst damit Phänomene wie
das subjektive Schwelgen in Gefühlen (oder religiösen Transzendenzerfahrungen)
ebenso wie besonders gefühlige (oder eine spirituelle Haltung fördernde) literarische,
mediale und räumliche Formate. Das macht das Sentimentale zu einem spezifisch
modernen Phänomen, denn es setzt
erstens
die Selbstreflexivität des Subjekts vo-
raus, was zum Beispiel ein ‚Baden‘ in der eigenen Traurigkeit oder Freude oder Spiri-
tualität erst ermöglicht, und es basiert
zweitens
auf der Vorstellung, dass solche
Gefühle und Emotionen gezielt, etwa im Kino, aber auch zum Beispiel über die räum-
liche Konstruktion von Atmosphären oder Formen des Urbanen (vgl. Thibaud 2011),
hergestellt werden können. Das Sentimentale taucht, so vermute ich, verstärkt in Pha-
sen gesellschaftlicher Umbrüche und Refigurationen auf, denn es scheint ein Ver-
sprechen auf ontologische Sicherheit (im Sinne einer ganzheitlichen Erfahrung von
Emotionen) mitzuführen.
Im Falle Wacos ist das Sentimentale in der bereits angedeuteten Doppelrolle als ei-
nerseits Subjektivierungsmodus und andererseits erlebnishafte Zuschreibung einer
kleinstädtischen Ortsqualität zu beobachten. Anselm Strauss (2017) beschreibt das
städtische Imaginäre der amerikanischen
small towns
als ebenso ambivalentes wie
sentimentales Phänomen:
Small towns
seien weder im engeren Sinne ländlich noch
kosmopolitisch-urban, sondern etwas dazwischen und „something distinctively Ame-
rican“ (ebd.: 191). Ihr Imaginär ist eng gekoppelt an das, was Ray Oldenburg (1999)
als „third“ oder als „Great Good Places“ bezeichnet hat. Damit meinte er „informal
public gathering places“, „homes away from home“, wo Fremde aufeinandertreffen,
man sich dennoch zuhause fühlt und gerne verweilt (ebd.: xi). Diese – neben „home“
(first) und „workplace“ (second) – öffentlichen, aber informellen „third places“ seien
den Städten in den USA im Zuge der Suburbanisierung, also des Wegzugs der Mittel-
schicht in die suburbanen Vororte mit Mall und Autobahnanschluss abhandenge-
kommen. Oldenburg knüpft deshalb den Erfolg städtischer Revitalisierungsprojekte
an die Wiedererfindung der
great good places
. Vorbild dafür sei neben französischen
Cafés, italienischen Piazzas, englischen Pubs und deutschen Biergärten – die (klein-
städtische) amerikanische Main Street.
Wacos
Place-making
-
Strategien
orientieren sich in nahezu idealtypischer Weise an
Oldenburgs sentimental grundierten Modell der
great good places
: Die Stadt insze-
niert sich als Ort, an dem weder Anonymität und Distanzierung noch große Hotel-
ketten und Shoppingmalls regieren, sondern kleine inhabergeführte Shops und Über-
nachtungsmöglichkeiten bei Freunden (
Airbnbs
). Hier zählen traditionelle kleinstäd-
tische Werte wie Freundlichkeit, Familie, warmherzige Gastfreundschaft und eine
Nähe zu Handwerk und Natur noch etwas; hier dürfen (weiße) Männer noch (weiße)
Männer und (weiße) Frauen noch (weiße) Frauen sein und – ganz wichtig: Hier hat
die Religion nicht nur eine völlig selbstverständliche Alltagsrelevanz, sondern kommt
Fixing Up Waco, Texas
32
auch noch hip und zeitgemäß daher. Vermittels der touristischen Erlebnisformate
lassen sich diese sentimentalen Werte und Qualitäten zudem im sentimentalen Sub-
jektivierungsmodus verarbeiten, also dem Schwelgen in den Gefühlen und Identi-
tätsangeboten, welche die amerikanische
small town
im Allgemeinen und Waco
im Besonderen ihren Besucherinnen macht.
In vielen US-Metropolen wie New York, San Francisco oder Dallas wurden in den
letzten Jahren Orte des informellen Herumhängens gezielt zur Wiederbelebung der
Innenstädte geschaffen, vor allem in Form von oft privat bewirtschafteten Parks wie
dem Bryant Park in Manhattan (Zukin 1995: 29ff.) oder dem Klyde Warren Park in
Dallas. Räumlich-ästhetisch sowie atmosphärisch orientiert sich Chip und Joanna
Gaines
Magnolia Market at the Silos
an genau diesem Modell (vgl. Abb. 6). Interessant
ist, dass eine solche zutiefst kleinstädtisch imprägnierte Form der Ortsproduktion
über den Umweg der Metropolen – und damit gewissermaßen kosmopolitisch ge-
adelt – wieder in der
small town
angekommen ist. Dort setzt sie Prozesse der krea-
tiven Wiederbelebung in Gang, die an die Urbanitätsvorstellungen der
new urban
middle class
voll anschlussfähig sind. Genau deshalb fühlt sich Waco heute auch
für akademisch gebildete, liberale, subkulturelle Wacoans wie Kate* ein bisschen so
an wie „Austin […] in the early 80s“ (Int_Kate*: Z. 773). Deutlich wird auch, dass der
Erlebnismodus des Ortsraums ein multisinnlicher ist.
Die in Waco zelebrierte Sozialform des popkulturell-touristisch Religiösen fungiert
als zentraler Bezugspunkt der spätmodernen und sentimentalen
Place-making-Stra-
tegien
der Stadt. Die verschiedenen „thens and theres“ von
small town,
Hinterland
und Metropole, von Religion und Geschichte, die sich im „here-and-now“ (Massey
2005: 140) manifestieren, macht Waco zu einem
Ort
und verhilft sowohl der Stadt
wie der Religion zu neuer Sichtbarkeit. Dem allerdings steht noch immer die im
Ölstaat Texas nahezu selbstevidente Verräumlichungslogik des Bahnenraums in
Form der Interstate-Autobahn gegenüber.
Fixing Up Waco, Texas
33
Abb. 12: Ölstaat Texas: Benzinpreise in Waco, Texas (links) und Berkeley, Kalifornien
(rechts). Fotos: Silke Steets, Mai 2019.
Die I-35, die Waco von Nordost nach Südwest durchschneidet, verbindet das öko-
nomische (Dallas/Fort Worth) mit dem politisch-kulturellen (Austin/San Antonio)
Zentrum von Texas und Waco ist in
dieser
Geographie lediglich ein beliebiger „stop-
over on the way up and down I-35“ (Petersen 2019). Ähnlich wie der Ortsraum – und
anders als die im Alltag abstrakt bleibenden Netzwerk- oder Territorialräume – sind
auch Bahnenräume sinnlich erfahrbar (Löw/Knoblauch 2021: 40). In ihrer Untersu-
chung des Strips von Las Vegas zeigen Denise Scott-Brown, Robert Venturi und
Stephen Izenour (2007), dass die räumliche Form der amerikanischen Stadt der
1960er-Jahre (und das gilt für Texas vielerorts bis heute) maßgeblich durch die Wahr-
nehmungsweise des Bahnenraums geprägt ist – und zwar weil sie vorwiegend aus
dem fahrenden Auto heraus erlebt wird. Diese „Er-fahrung“ von Raum produziert
einen „automobilisierten Blick“ (Stierli 2010: 149ff.), der aus der Stadt eine Abfolge von
gebauten Symbolen und sprachlichen Zeichen macht, die an den Rändern des
Bahnenraums um die Aufmerksamkeit der Vorbeifahrenden werben. Zwar unter-
scheiden sich die Zeichen und Symbole in der Art, in der sie ihre Botschaften kom-
munizieren – so gibt es „Enten“, also Gebäude, deren Sinn sich über ihre skulpturale
Form vermittelt, und „dekorierte Schuppen“, also Gebäude, die so generisch sind, dass
Fixing Up Waco, Texas
34
sie eine Beschriftung brauchen (Venturi et al. 2007: 106f.) –, der gebaute und geglie-
derte Raum selbst aber ist aus dem Auto heraus immer ein
zeichenhaft
hergestell-
ter (Steets 2015: 189ff.). Das heißt auch, dass Sichtbarkeit in diesem Raum allein durch
zeichenhafte Differenz erzeugt werden kann, also durch eine besondere Größe oder
Auffälligkeit der Zeichen entlang des Bahnenraums. Genau diese Einsicht muss die
Baylor University dazu veranlasst haben, ihr neues 266 Millionen Dollar teures
College
Football Stadium
(das trotz Beschriftung eine „Ente“ ist, siehe Abb. 11), direkt an die
I-35 zu bauen. Auf diese Weise wird es in der Logik des Bahnenraums zum neuen
Gesicht der Universität.
Abb. 13: „This is a sign“ – Evangelikaler Humor vor einem trendigen Café in Waco.
Foto: Silke Steets, 2019
Während in Waco mit dem Bahnenraum (zeichenhaft) und dem Ortsraum (multi-
sinnlich) zwei unterschiedliche Raumfiguren mit ihren jeweiligen Wahrnehmungswei-
sen und Logiken die Verräumlichung des Sozialen vorantreiben, entstehen in der
Stadt selbst neue Raumanordnungen einer coolen evangelikalen Urbanität, in denen
sich die Spannung zwischen Metropole und Hinterland offenbar auflösen. Neben
einem hippen Café, das humorvoll mit dem hermeneutischen Problem des Evangeli-
kalismus spielt (Abb. 13), ist die popkulturell-touristische Sozialform des Religiösen
und die damit verbundenen Formen des
place making
das zentrale Beispiel. Die sich
Fixing Up Waco, Texas
35
hier abzeichnende Refiguration der Stadt hat vor allem eins bewirkt: Waco wurde in
der imaginären Geographie der USA auf unterschiedliche Weise neu sichtbar. Und
diese neue Sichtbarkeit ist es auch, die zum wachsenden Selbstbewusstsein des
evangelikalen Christentums in den Vereinigten Staaten beiträgt (vgl. Fitzgerald 2017).
Danksagung
Die diesem Artikel zugrundeliegenden Feldaufenthalte in Waco (Texas) wurden im
Rahmen eines Heisenberg-Stipendiums realisiert und von der Deutschen For-
schungsgemeinschaft finanziert (Projektnummer 326140490). Der SFB 1265 „Re-Figu-
ration von Räumen“ hat die vertiefenden Recherchen zu Politik, Ökonomie und
Geschichte Wacos finanziell unterstützt (Projektnummer 290045248). Für die eben-
so kreative wie akribische Durchführung dieser Recherchen und die kritische Lektüre
des Textes danke ich herzlich Nadine Schabét. Für wertvolle Kommentare, Nachfra-
gen und Anregungen danke ich außerdem Joanna Kiefer und Hubert Knoblauch.
Fixing Up Waco, Texas
36
Literatur
Antioch Community Church (2021):
About
. Online unter: https://
antiochwaco.com/about/ (zuletzt aufgerufen: 23. April 2021).
Augé, Marc (1994):
Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit
.
Frankfurt a. M.: S. Fischer.
Barth, Lauren (2020):
Here's How Much Chip And Joanna Gaines Are Really Worth
.
Online unter: https://www.thelist.com/220944/heres-how-much-chip-and-
joanna-gaines-are-really-worth/ (zuletzt aufgerufen: 24. März 2021).
Baylor University (2021):
Facts & Figures
. Online unter: https://www.baylor.edu/
about/index.php?id=88791 (zuletzt aufgerufen: 30. April 2021).
Berger, Peter L./Luckmann, Thomas (1970):
Die gesellschaftliche Konstruktion der
Wirklichkeit
. Frankfurt a. M.: Fischer.
Berking, Helmuth (1998):
„Global Flows and Local Cultures“. Über die Rekonfiguration
sozialer Räume im Globalisierungsprozeß
. In:
Berliner Journal für Soziologie,
Jg.
8, Nr. 3, S. 381–392.
Bernstein, Patricia (2005):
The First Waco Horror: The Lynching of Jesse Washington
and the Rise of the NAACP.
College Station: Texas A&M University Press.
Burke, Anabel (2018):
The Ku Klux Klan in Waco.
Online unter: https://
wacohistory.org/items/show/200 (zuletzt aufgerufen: 14. Februar 2021).
Carrigan, William D. (2004):
The Making of a Lynching Culture: Violence and
Vigilantism in Central Texas, 1836-1916.
Urbana: University of Illinois Press.
Conger, Roger N. (2016):
Waco, TX.
Online unter: https://www.tshaonline.org/
handbook/entries/waco-tx (zuletzt aufgerufen: 12. Februar 2021).
Ellis, Markman (1996):
The Politics of Sensibility: Race, Gender, and Commerce in the
Sentimental Novel.
New York: Cambridge University Press.
Elwert, Frederik/Redermacher, Martin/Schlamelcher, Jens (2017) (Hg.):
Handbuch
Evangelikalismus.
Bielefeld: transcript.
Fitzgerald, Frances (2017):
The Evangelicals: The Struggle to Shape America.
New
York: Simon & Schuster.
Florida, Richard (2002):
The Rise of the Creative Class: and How It's Transforming
Work, Leisure, Community and Everyday Life.
New York: Basic Books.
Geertz, Clifford (1987):
Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller
Systeme.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Fixing Up Waco, Texas
37
Heft, Erin (2019):
High Hotel Occupancy, Tourists Are Leading to More Short Term
Rentals in Waco, But Not Everyone Is Happy.
Online unter: https://www.
kxxv.com/hometown/mclennan-county/waco-neighborhoods-react-to-
vacation-rentals (zuletzt aufgerufen: 24. März 2021).
Hochgeschwender, Michael (2017): Der amerikanische Evangelikalismus bis 1950. In:
Elwert, Frederik/Redermacher, Martin/Schlamelcher, Jens (Hg.):
Handbuch
Evangelikalismus.
Bielefeld: transcript, S. 73–92.
Jakle, John A. (2010): Paving America for the Automobile. In: Conzen, Michael P. (Hg.):
The Making of the American Landscape.
London/New York: Routledge, S. 403–
422.
Kappelhoff, Hermann (2004):
Matrix der Gefühle: Das Kino, das Melodrama und das
Theater der Empfindsamkeit.
Berlin: Vorwerk.
Knoblauch, Hubert (2009):
Populäre Religion: Auf dem Weg in eine spirituelle
Gesellschaft.
Frankfurt a. M./New York: Campus.
Knoblauch, Hubert (2017):
Die kommunikative Konstruktion der Wirklichkeit.
Wiesbaden: Springer VS.
Knoblauch, Hubert/Steets, Silke (2020): Von der Konstitution zur kommunikativen
Konstruktion von Raum. In: Reichertz, Jo (Hg.):
Grenzen der Kommunikation –
Kommunikation an den Grenzen.
Weilerwist: Velbrück, S. 134–148.
Lawson, Drake (2020):
Waco: New Poll on Gentrification Sparks Conversation among
Residents. Online
unter: https://www.kwtx.com/content/news/Waco-New-poll-
on-gentrification-sparks-conversation-among-residents-567685661.html (zuletzt
aufgerufen: 24. März 2021).
Löw, Martina (2020): In welchen Räumen leben wir? Eine raumsoziologisch und
kommunikativ konstruktivistische Bestimmung der Raumfiguren Territorialraum,
Bahnenraum, Netzwerraum und Ort. In: Reichertz, Jo (Hg.):
Grenzen der
Kommunikation. Kommunikation an den Grenzen.
Weilerwist: Velbrück, S. 149–164.
Löw, Martina/Knoblauch, Hubert (2021): Raumfiguren, Raumkulturen und die
Refiguration von Räumen. In: Löw, Martina/Sayman, Volkan/Schwerer,
Jona/Wolf, Hannah (Hg.):
Am Ende der Globalisierung: Über die Refiguration von
Räumen.
Bielefeld: transcript, S. 25–57.
Luckmann, Thomas (1991):
Die unsichtbare Religion.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Luhrmann, Tanya M. (2012):
When God Talks Back: Understanding the American
Evangelical Relationship with God.
New York: Alfred A. Knopf.
Fixing Up Waco, Texas
38
Luther, Jessica/Solomon, Dan (2019):
How Baylor Happened.
Online unter: https://
deadspin.com/how-baylor-happened-1828372303 (zuletzt aufgerufen: 30. April
2021).
Maccannell, Dean (1973): Staged Authenticity: Arrangements of Social Space in
Tourist Settings. In:
American Journal of Sociology,
Jg. 79, Nr. 3, S. 589–603.
Magnolia Network (2020):
Press Release: Chip and Joanna Gaines’ Magnolia Network
Announces Return of Hit Series „Fixer Upper,“ Expands Original Programming
Slate.
Online unter: https://press.discovery.com/us/magnolia-network/press-
releases/2020/fixer-upper-reboot-announcement/ (zuletzt aufgerufen: 23. April
2021).
Markusen, Ann (1996): Sticky Places in Slippery Slopes. In:
Economic Geography,
Jg.
72, Nr. 3, S. 293–313.
Massey, Doreen B. (2005):
For Space.
London/Thousand Oaks: Sage.
Mencken, Henry L. (2006):
A Religious Orgy in Tennessee: A Reporter’s Account of the
Scopes Monkey Trial.
New York: Melville House Publishing.
Oldenburg, Ray (1999):
The Great Good Place. Cafés, Coffee Shops, Bookstores, Bars,
Hair Salons, and Other Hangouts at the Heart of Community.
New York: Marlowe.
Paul, Heike (2014): The Myths that Made America. Bielefeld: transcript.
Petersen, Anne Helen (2019): „Fixer Upper“ Is Over, But Waco’s Transformation Is Just
Beginning. In:
BuzzFeed.News.
Online unter: https://www.buzzfeednews.com/
article/annehelenpetersen/waco-texas-magnolia-fixer-upper-antioch-chip-
joanna-gaines (zuletzt aufgerufen: 24. März 2021).
Ray, Skylar (2019):
I-35.
Online unter: https://wacohistory.org/items/show/179
(zuletzt aufgerufen: 14. Februar 2021).
Reckwitz, Andreas (2009): Die Selbstkulturalisierung der Stadt. Zur Transformation
moderner Urbanität in der „Creative City“. In:
Mittelweg 36,
Jg. 18, Nr. 2, S. 2–34.
Reckwitz, Andreas (2017):
Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel
der Moderne.
Berlin: Suhrkamp.
Sachs, Andrea (2020):
The Magnolia Effect.
Online unter: https://www.
pressreader.com/canada/vancouver-sun/20200201/283897344986218 (zuletzt
aufgerufen: 23. April 2021).
Schaefer Riley, Naomi (2004): At Baylor University, a Struggle Over Mind and Soul. In:
The New York Times vom 8. September 2004.
Online unter: https://
www.nytimes.com/2004/09/08/education/at-baylor-university-a-struggle-
over-mind-and-soul.html (zuletzt aufgerufen: 30. April 2021).
Fixing Up Waco, Texas
39
Schäfer, Robert (2015):
Tourismus und Authentizität: Zur gesellschaftlichen
Organisation von Außeralltäglichkeit.
Bielefeld: transcript.
Schmeltekopf, Donald D. (2015):
Baylor at the Crossroads: Memoirs of a Provost.
Eugene, Oregon: Cascade Books.
Schütz, Alfred (2003): Über die mannigfaltigen Wirklichkeiten. In: Endreß,
Martin/Srubar, Ilja (Hg.):
Theorie der Lebenswelt 1: Die pragmatische Schichtung
der Lebenswelt.
Konstanz: UVK, S. 181–239.
Schütz, Alfred/Luckmann, Thomas (2003):
Strukturen der Lebenswelt.
Konstanz: UVK.
Smith, Brent L./Damphousse, Kelly R./Roberts, Paxton (2006):
Pre-Incident Indicators
of Terrorist Incidents: The Identification of Behavioral, Geographic, and Temporal
Patterns of Preparatory Conduct.
Online unter: https://www.ncjrs.gov/
pdffiles1/nij/grants/214217.pdf (zuletzt aufgerufen: 14. Februar 2021).
Steets, Silke (2005): Doing Leipzig. Räumliche Mikropolitiken des Dazwischen. In:
Berking, Helmuth/Löw, Martina (Hg.):
Die Wirklichkeit der Städte, Soziale Welt
Sonderband 16.
Baden-Baden: Nomos, S. 107–121.
Steets, Silke (2015):
Der sinnhafte Aufbau der gebauten Welt: Eine
Architektursoziologie.
Berlin: Suhrkamp.
Steets, Silke (2020): Kognitive Minderheiten in Leipzig und Dallas: Zur Aktualisierung
eines religionssoziologischen Konzepts von Peter L. Berger. In: Knoblauch, Hubert
(Hg.):
Die Refiguration der Religion. Perspektiven der Religionssoziologie und der
Religionswissenschaft.
Weinheim: Beltz-Juventa, S. 129–146.
Stierli, Martino (2010):
Las Vegas im Rückspiegel: Die Stadt in Theorie, Fotografie und
Film.
Zürich: gta.
Strauss, Anselm L. (2017):
Images of the American City.
London/New York: Routledge.
The Waco History Podcast (2019):
East Waco: Past, Present, and Future.
Online unter:
https://wacohistorypodcast.com/east-waco/ (zuletzt aufgerufen: 24. März 2021).
Thibaud, Jean-Paul (2011): The Sensory Fabric of Urban Ambiances. In:
The Senses
and Society,
Jg. 6, Nr. 2, S. 203–215.
Ulmer, Bernd (1998): Konversionserzählungen als rekonstruktive Gattung:
Erzählerische Mittel und Strategien bei der Rekonstruktion eines
Bekehrungserlebnisses. In:
Zeitschrift für Soziologie,
Jg. 17, Nr. 1, S. 19–33.
United States Census Bureau (2020):
Waco City, Texas – QuickFacts.
Online unter:
https://www.census.gov/quickfacts/wacocitytexas (zuletzt aufgerufen: 23. April
2021).
Fixing Up Waco, Texas
40
Venturi, Robert/Scott Brown, Denise/Izenour, Steven (2007):
Lernen von Las Vegas:
Zur Ikonographie und Architektursymbolik der Geschäftsstadt.
Basel/Boston/
Berlin: Birkhäuser.
Waco Tours (2021):
Our Story.
Online unter: https://www.waco-tours.com/our-story
(zuletzt aufgerufen: 23. April 2021).
Wellman, James/Corcoran, Katie/Stockly, Kate (2020):
High on God: How
Megachurches Won the Heart of America.
Oxford: Oxford University Press.
Wright, Lawrence (2018):
God Save Texas: A Journey into the Soul of the Lone Star
State.
New York: Knopf.
Wroten, Raquel (2015):
You Ready to See Your Fixer Upper?
Online unter:
https://blogs.bible.org/you-ready-to-see-your-fixer-upper/ (zuletzt aufgerufen:
14. Februar 2021).
Zukin, Sharon (1995):
The Cultures of Cities.
Malden: Blackwell.
Technische Universität Berlin
SFB 1265
mail [email protected]
web https://sfb1265.de
SFB 1265
Working
Paper
ISSN:
DOI:
Nr. 8
2698-5055
http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-12032
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft