scieee Science in your language
[en] (orig)
LITERATURBESPRECHUNGEN
https://doi.org/10.1007/s11577-023-00875-6
Köln Z Soziol (2023) 75:97–100
Statusforschung
Kai-Uwe Hellmann
Angenommen: 15. Februar 2023 / Online publiziert: 23. März 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Gierke, Lioba A., und Fabiola H. Gerpott (Hrsg.): Statussymbole im Wandel. Haben,
was andere nicht haben können. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2022.
ISBN: 978-3-985-42-022-3. Preis: C49,–.
Reflektiert man den Begriff der klassenlosen Gesellschaft von Karl Marx so, wie
Peter Ludes ihn 1979 rekonstruiert hatte, könnte man geneigt sein, diese Utopie
als eine Vision sozialer Ordnung zu deuten, in der es keinerlei relevante soziale
Unterschiede mehr gibt, höchstes marginal-minimalistische noch zumindest keine
sozialen Ungleichheiten mehr, die sozial ungerechte Ungleichbehandlungen bedin-
gen. Da diese Vision bislang Utopie blieb, ist ungewiss, ob völlige Klassenlosigkeit
überhaupt je erreicht werden kann.
Was für fortgeschrittene Industrienationen allerdings festgestellt werden kann, ist
ein Evolutionsverlauf, bei dem es zunehmend schwerer fällt, sie weiterhin als Klas-
sengesellschaften im Marxschen Sinne zu deuten. Was wir stattdessen beobachten,
sind zunehmend weniger solche groben, sondern immer mehr feine Unterschiede,
wie Pierre Bourdieu sie in seiner großen Studie behandelte, ebenfalls 1979 veröf-
fentlicht.
Dabei hat sich heutzutage fast schon die Gewohnheit herausgebildet, solche fei-
nen Unterschiede vorrangig für die Konsum- und Privatsphäre zu hypostasieren,
so als ob wir in einer reinen Konsumgesellschaft leben würden, für die Aspekte
wie Arbeit, Beruf, Einkommen gänzlich zweitrangig geworden sind. Vor allem die
feinen Unterschiede in der Lebensführung sind es demnach, die heutige soziale Un-
K.-U. Hellmann
Institut für Soziologie, Technische Universität Berlin
Fraunhoferstr. 33–36, 10587 Berlin, Deutschland
E-Mail: kai-uwe.hellmann@campus.tu-berlin.de
K
98 K.-U. Hellmann
gleichheiten begründen, während der Arbeits- und Produktionssektor hierfür eine
marginalisierbare Rolle zu spielen scheint.
Diesem Fehlschluss, wie er gerade auch in der internationalen Verbrauchs- und
Verbraucherforschung mit Verve tradiert wird, gleichsam eine Myopie (keine Uto-
pie), ist auf das Deutlichste entgegenzutreten, und der Sammelband Statussymbole
im Wandel von Lioba A. Gierke und Fabiola H. Gerpott eignet sich dafür vorzüglich.
Denn was in den zwölf Beiträgen nahezu durchgängig aufgezeigt wird, sind Beispie-
le für die ständige Emergenz von Statussymbolen, wie sie in Zeiten der Pandemie,
die uns beschleunigte Digitalisierung und unfreiwilliges Homeoffice beschert hat,
geradezu kulissenhaft in Erscheinung getreten sind Beispiele, die überwiegend
dem Kontext von Arbeit, Management und Professionalität entlehnt wurden, wie
die Einleitung darlegt.
Ohne hier die historisch-theoretischen Referenzen eigens zu würdigen die ver-
wendeten Quellen sind soweit einschlägig, wie den beiden ersten Beiträgen „Soziale
Selbstinszenierung und Einzigartigkeit: Wie funktionieren Statussymbole im Ma-
nagement“ von Ulrich Hemel und „Was können Machthabende aus der Geschichte
lernen, wenn es um die Etablierung von Statussymbolen geht“ von Markus Hühn
zu entnehmen ist erscheint bemerkenswert, wie der Zwang des Arbeitens von Zu-
hause, als man sich einander über Monate hinweg nur noch über Konferenzsoftware
begegnete, die Art und Weise der Selbstpräsentation spürbar veränderte. Not macht
erfinderisch.
Fein herausgearbeitet haben dies Fabiola H. Gerpott und Rudolf Kerschreiter in
ihrem Beitrag „Mehr als das Bücherregal im Hintergrund: Wie Führungskräfte in
Online-Meetings Status signalisieren und Einfluss ausüben“. So führen sie zum Ab-
schluss ihres Beitrags mehrere Strategien zusammen, wie Führungskräfte versucht
haben, durch verbale und nonverbale Faktoren, aber auch durch Hintergrundmani-
pulationen, gezielt Einfluss zu nehmen auf ihr Imagemanagement, sodass sie trotz
digitaler Distanz bei Online-Meetings größtmögliche Wirkungen erzeugen konnten.
Nicht minder anspruchsvoll ist der Versuch, rein digital, ohne analoges Anse-
hen, in virtuellen Welten erfolgreich Informationen über die Avatare und Figuren
zu transportieren, die man jeweils wählte und darstellte, so der Ansatz in dem Bei-
trag „Gaming, E-Sport und virtuelle Güter Wie signalisiere ich meinen Status in
digitalen Welten“ von Christopher Hana und Melanie Schrandt. Einerseits ist das
Gestaltungspotenzial schier unerschöpflich, andererseits kann dieser Überfluss dazu
verführen, sich jeder Spielerei hemmungslos hinzugeben, und die Maßnahmen damit
inflationär werden und wertmindernd verpuffen.
Ganz anders die Problemstellung bei Isabella Geis, die in ihrem Beitrag „Größer,
höher, weiter Wie die Mobilität von morgen schon heute Statussymbole verän-
dert“ dem Trend nachging, die großen Flotten von Firmenwagen, über die ja viele
Unternehmen verfügen und die über Jahrzehnte bedeutende Statussymbole reprä-
sentierten, durch nachhaltigere Mobilitätsmaßnahmen zu ersetzen, und was das für
jene Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bedeuten könnte, welche von diesem Trend
durch den Entzug von Firmenwagen negativ betroffen sind.
Eine verwandte Situation ergibt sich, legen es Unternehmen darauf an, in einen
Tugendwettbewerb einzutreten, wie Jan E. Walsken in seinem Beitrag „Wirklich
besser als nichts? Das Risiko von Virtue Signaling in der Unternehmenskommuni-
K
Statusforschung 99
kation über Diversitätsmanagement“ diskutiert. Immerhin rfte der Diversitätstrend
dem Nachhaltigkeitstrend an Popularität kaum noch nachstehen. Doch wie setzt man
einen solch hehren Anspruch nicht nur in der Außendarstellung, sondern auch un-
ternehmensintern so um, dass es zu keiner strukturellen Entkopplung im Sinne von
John W. Meyer und Brian Rowan kommt und sich das ganze Unterfangen als Fake
und PR-Gau herausstellt?
Deutlich konventioneller sind Christin Seidel und Christian Holz in ihrem Beitrag
„Ich biete dir etwas, was die anderen nicht haben Umgang mit Statussymbolen
im Unternehmenskontext“ vorgegangen. Erwähnenswert sind hier vor allem ihre
Vorschläge, dass sich Status im Beruf heutzutage u.a. daran zeige, dass man die
Freiheit erhalte, sich seinen Arbeitsort selber auszusuchen, gerade wenn dieser be-
quem sei und ungestört bleibe, und wenn man die Umgangsformen in agilen Teams
und Räumen, in denen man gemeinsam arbeitet, selber gestalten könne.
Ähnlich schaut die Situation aus, wenn es darum geht, seine Kompetenzen im
Umgang mit Technik, vor allem von Software in der Applikation, als Statusfaktor ins
Spiel zu bringen, wie Jonas Hielscher und Verena Lörsch in ihrem Beitrag „Technik
als Statussymbol“ untersucht haben. Dieses Feld dürfte unbegrenzte Möglichkeiten
bergen, Expertise zu entwickeln und dafür Status zu beanspruchen, von kleinsten
Anwendungen bis zur Kombination unterschiedlichster Softwareoptionen.
Etwas außerhalb rein korporativ-organisationaler Kontexte bewegt sich der Bei-
trag „Follower:innen, Likes und Reichweite Online-Präsenz als neues Statussym-
bol?“ von Wiebke Stegh und Sascha Himmelreich, weil das relativ neue Geschäfts-
feld der Influencer und Influencerinnen zwar unzweifelhaft kommerzieller Natur ist,
aber wie auf dem Fischmarkt in Hamburg eher der Tradition der Marktschreierei
angehört: hochprofitabel, aber ohne, dass zwischen Führung und Gefolgschaft ei-
ne vergleichbare Mitgliedschaft bestünde. Viel eher handelt es sich um eine Art
Anhängerschaft, wie wir sie von der Soziologie sozialer Bewegungen her kennen.
Statussymbole haben hier eine eher fluide, personen- und feldspezifische Qualität,
weil dieses Geschäftsmodell, bei allem Spektakel, doch hoch volatil ist und von ho-
her Dynamik geprägt wird, was der Stabilität bestimmter Statussymbole abträglich
ist.
Dem vorherigen Beitrag von Jonas Hielscher und Verena Lörsch wieder näher,
hat sich Moritz Meißner in seinem Beitrag „Digital Literacy: Statussymbol der
Zukunft und essenzieller Bestandteil der Weiterbildung“ mit der Tatsache befasst,
dass die Beherrschung digitaler Techniken für das berufliche und private Leben
immer bedeutender wird, dabei aber eine solche Beschleunigung erfährt, dass einmal
erworbenes Wissen früher gefeiertes Statussymbol rasant schnell veraltet und
sich solche Kompetenzunterschiede, etwa bei der Personalauswahl, zum Nachteil
der Personaler verändern können. Dies wird zwar nur ungern zugegeben, dürfte
aber mehr und mehr Probleme bereiten, wenn es um die Selektion des richtigen
Personals geht, welches dann deutlich besser Bescheid weiß.
Wieder mehr dem Beitrag von Wiebke Stegh und Sascha Himmelreich zugeneigt,
beschäftigen sich Nike Dreyer und Julia Wunderlich in ihrem Beitrag „Kunst als di-
gitale Kapitalie Wie die Digitalisierung das Sammeln, Ausstellen und Produzieren
von Kunst verändert“ mit dem Einzug der Digitalität in den Kunstmarkt, ein Markt,
der immer schon sehr statusträchtig war und durch diese Wendung seine Einfluss-
K
100 K.-U. Hellmann
sphäre nochmals erheblich erweitern dürfte, bei offenem Ausgang, was das genau
mit dem Wert von Kunst und Kunstwerken macht.
Der letzte Beitrag rundet mit einem Rückblick auf die vorgestellten Projekte den
Sammelband ab. Den Anfang nochmals aufnehmend, kann dieser Band sehr dafür
sensibilisieren, dass selbst in der Epoche des Anthropozäns, in der wir uns vom
Standpunkt eines Karl Marx längst auf dem Weg in eine klassenlosen Gesellschaft
befinden sollten, die Produktion und Konsumtion von Statussymbolen, die originär
dazu geeignet sind, soziale Unterschiede zu verstärken, ja Klassen zu erzeugen,
unvermindert anhält und keinerlei Hinweis darauf gibt, dass wir solcher Symbole
dereinst nicht mehr bedürften. Und, dass man die Produktionssphäre für die Pro-
duktion von Statussymbolen keinesfalls unterschätzen sollte.
Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Li-
zenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in
jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ord-
nungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen
vorgenommen wurden.
Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten
Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betref-
fende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung
nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des
Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen.
Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/
licenses/by/4.0/deed.de.
Kai-Uwe Hellmann Apl. Professor für Konsum- und Wirtschaftssoziologie an der TU Berlin. Forschungs-
schwerpunkte: Konsum- und Wirtschaftssoziologie, Militär- und Organisationssoziologie, Gesellschafts-
und Systemtheorie. Aktuelle Publikationen: Marke, Nachhaltigkeit und Verbraucherpolitik. Die Gewähr-
leistungsmarke im Spannungsfeld zwischen Unternehmen, Konsumenten und Regierung. Baden-Baden
2022 (mit D.-M. Boltz, M. Bruhn und A. Gröppel-Klein); Hygge, Hedonismus und solche Sachen. Zur
Konstruktion moderner Konsumtion. In: Konsumvergnügen. Die populäre Kultur und der Konsum. Ber-
lin 2022 (Hrsg. D. Hohnsträter und S. Krankenhagen); Ästhetik des Krieges? (Konsum-)Soziologische
Anmerkungen. In: Philosphie des Krieges. Wiesbaden 2022 (Hrsg. M. Elbe).
K