'LH.ULVHGHU$OOHJRULHLQ+HLQULFK:LWWHQZLOHUVÃ5LQJµ
vom Fachbereich Kommunikations- und Geschichtswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
genehmigte Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Philosophie
vorgelegt von &KULVWRSK7RXUQD\
aus Aachen
D 83
Berichter: Prof. Dr. Cramer
Berichterin: Prof. Dr. Schmitz
Tag der Wissenschaftlichen Aussprache: 26. August 1998
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
I. Einleitung 9
1.1 Erkenntnisziel 9
1.2 Erkenntnismethode 15
II. Historischer Hintergrund 21
2.1 Der Aufstieg der Städte und Fürsten und der Zerfall des mittelalterlichen RUGR 21
2.2 Heinrich Wittenwiler: Mutmaßungen über seine Person im Spiegel historischer
Quellen 25
2.2.1 Magister Heinrich von Wittenwile in den Diensten des österreichischen
Herzogs 25
2.2.2 Der HUVDPHKHUUH+DLQULFKYRQ:LWWHQZLOHals Rechtsvertreter der Stadt
Radolfzell 27
2.2.3 War Heinrich Wittenwiler ein Messerstecher? 29
2.2.4 Der Konstanzer Kurienadvokat Wittenwiler als erfahrener Jurist 30
III. Kritik einiger Forschungspositionen 32
3.1 Hundert Jahre ältere und neuere Forschungsansätze zwischen extremer
Ablehnung und Zustimmung 32
3.2 Der 'Ring' als Didaxe 35
3.3 Der 'Ring' unter dem Blickwinkel einer Moralsatire 40
3.3.1 Gaiers satirische 'Ring'-Deutung 40
3.3.2 Plates These vom 'Ring' als einer Ständesatire 42
3.3.3 Sowinskis These von der Idealität der Lehren 47
3.4 Die Fragwürdigkeit einer allegorischen Deutung 53
3.5 Obszönität und Blasphemie in den Fastnachts- und Osterspielen und im 'Ring' 59
3.6 Die nominalistische Ring-Deutung Babendreiers 67
3.7 Der ‘Ring’ als Parodie 79
IV. Die Sonderstellung des ‘Ring’ im Kontext der Narrenliteratur 82
4.1 Die Dialektik von Weisheit und Narrheit 82
4.1.1 Weisheit und Narrheit bei ‘Salomon und Markolf’ 82
4.1.2 VFK\PSIund HUQVWbei Sebastian Brant und Thomas Murner 89
4.2 Wittenwilers Erzählweise 91
4.2.1 Groteske Überbietung und akommunikativer Leerlauf 91
4.2.2 Ironische Erzählweise und „Modernität“ der Erzählerrolle 95
4.3 Zwei Weltentwürfe: Der negative Universalismus in Laleburg und das universelle
Chaos in Lappenhausen 100
V. Prologanalyse 103
5.1 Der indirekte Einfluß rhetorischer Vorschriften auf die volkssprachlichen Prologe 103
5.1.1 Die Zweiteiligkeitsthese von Kobbe und Brinkmann: SURORJXVSUDHWHU
UHP und der SURORJXVDQWHUHP 103
5.1.2 Die Vielfalt möglicher Formen zum Zweck der FDSWDWLREHQHYROHQWLDH 106
5.2 Der Zusammenhang zwischen der Prologstruktur und dem Romanprogramm 107
5.2.1 Der antithetische Aufbau des ‘Ring’-Prologs 107
5.2.2 Ringsymbol statt Titelallegorie 110
5.2.3 Die rhetorischen Wertungen im Prolog 115
5.3 Die Destruktion des didaktischen Romankonzepts 122
5.3.1 Die ubiquitäre Narrheit und die Unlesbarkeit der Welt 122
5.3.2 Die Mischung von Lehre und Scherz in der Bauernhandlung 126
5.4 Wittenwilers ironische Erzählweise 132
5.4.1 Detailanalyse einer widersinnigen Definition 132
5.4.2 Erzählerrolle und Fiktionalisierung 137
VI. Akte der Sinnstiftung und Aporien der Deutung 142
6.1 Die Rhetorik der Absicht 142
6.1.1 Sind der Nissinger Strudel, der Amtmann von Konstanz und der
Schreiber Nabelraiber positive Identifikationsfiguren? 142
6.1.2 Bertschis literarische Selbstinszenierungen und Nabelraibers Vertrauen
in die ordnungstiftende Macht der Schrift 148
6.2 Konträre Erzählstrategien im ‘Ring’ 152
6.2.1 Die Destruktion der Erzählstruktur am Beispiel von Bertschis
Brautwerbung und Nabelraibers Minnelehre 152
6.2.2 Der Verlust der Didaxe in der Fiktion 155
6.2.3 Fritz symbolische Deutung von Bertschis Kaminsturz 159
6.2.4 Die Vermischung des Profansten und Heiligsten in der Brot-Metaphorik 162
6.3 Rhetorische Fügungen und deren Auflösung 164
6.3.1 Die Ironisierung der zeitlosen Gültigkeit von Briefen, Liedern und
Gedichten 164
6.3.2 Die Übertragung allegorischer Bildelemente in die Erzählhandlung 170
6.4 Die Differenz von UHV und QRPHQ am Beispiel Mätzlis 174
6.4.1 Die paradoxe GHVFULSWLR der Mätzli 174
6.4.2 Chrippenchras rhetorische Umwandlungen der Mätzli 180
6.4.3 Rhetorische Deutungen von Mätzli und Bertschi 185
6.5 Die Rhetorik der Gewalt und die Irreferentialität der Zeichen 192
VII. Die humanistische Literatur und die ockhamistische Zeichenlehre 196
7.1 Die spätmittelalterliche Sprachkrise und die humanistische Literatur 196
7.2 Kritik am alten Symbolismus und die Suche nach einem neuen Sprach- und
Literaturverständnis bei Ockham, Petrarca und Boccaccio 201
7.2.1 Ockhams Auftritt auf der Weltbühne 201
7.2.2 Die Trennung von Wissen und Glauben bei Ockham 204
7.2.3 Das Spannungsverhältnis von Vernunftmoral und rhetorischer Poesie
im humanistischen Bildungsprogramm 205
7.2.4 Der theologiegleiche Wahrheitsanspruch der Geschichten im Medium
der rhetorischen Erfindung 213
7.3 Der Versuch einer Rückkehr zur ontologischen Zeichentheorie bei Wyclif und den
Hussiten 222
7.4 Augustins Zeichenlehre 224
7.4.1 Die Definition des Zeichens 224
7.4.2 Die Gleichheit des Ausdrückbaren durch das YHUEXPLQFRUGH 225
7.4.3 Lüge oder Sinnbild in der Bibel 228
7.4.4 Die sekundäre Rolle des Sprachgebrauchs und der Rhetorik 230
7.4.5 Der Wille als Maßstab innerer Moralität 232
7.4.6 Die Übertragung der Gedanken in der Kommunikation 233
7.4.7 Die absolute Bedeutung der christlichen Offenbarungswahrheit 236
7.5 Die nominalistische Zeichentheorie Bacons und Ockhams 237
7.5.1 Bacons Abkehr vom augustinischen Bedeutungsbegriff 237
7.5.2 Die Krise des Ding-Begriffs und das Täuschungspotential der verbalen
Zeichen 240
7.5.3 Die Korrelation von YHUEDund UHVin der Lehre der Supposition 245
7.5.4 Ockhams Kommunikationsproblematik am Beispiel lügender Engel 251
7.5.5 Ockhams Zeichentheorie und das neue Sprach- und
Literaturverständnis 256
VIII. Die Literatur im Kontext des Nominalismus 258
8.1 Wittenwilers ‘Ring’ und die nominalistische Zeichentheorie 258
8.1.1 Das ideenrealistische Romankonzept des Autors und die Unmöglichkeit
seiner Vermittlung 258
8.1.2 Die Auflösung der UHVals Ideen in der Äußerlichkeit der Zeichen 264
8.1.3 Chrippenchras Praxis: Eine Werkstatt rhetorischer Alchimie 268
8.2 Petrarcas Besteigung des Mont Ventouxoder das Verschwinden der Wahrheit im
Widersinn der allegorischen Selbstdeutung 273
8.2.1 Die widersprüchlichen Motive der Neugierde und der Erinnerung 273
8.2.2 Die Dissemination der allegorischen Zeichen in der Temporalität 278
8.3 Boccaccios 'Decameron' 285
8.3.1 Boccaccios nominalistisches Literaturverständnis 285
8.3.2 Das Erzählen als Erziehung zur Vernunft 290
8.4 Geoffrey Chaucers 'Troilus and Criseyde' 295
8.4.1 Das Problem von Wahrheit und Geschichte 295
8.4.2 Zeichenfälschung und das Erfinden der Geschichte als rhetorischer
Prozeß 300
8.4.3 Das Verschwinden der Absicht in der Ambivalenz der Zeichen 305
8.4.4 Die vergebliche Suche nach der wahren Bedeutung und die
Unabschließbarkeit der Geschichte 315
8.5 Die Kreisstruktur bei Chaucer, Boccaccio und Wittenwiler 319
IX. Schlußwort 329
A B K Ü R Z U N G E N 335
L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S 337
7
Vorbemerkung
Die vorliegende Arbeit, die Heinrich Wittenwilers ‚Ring‘ als ironisch-skeptischen
Roman entgegen den gängigen Vorstellungen als positive oder negative Dida-
xe begreift, verdankt seine Entstehung einem Seminar und einer Staatsexa-
mensarbeit unter der Leitung und Betreuung von Herrn Professor Dr. Thomas
Cramer am Institut für Deutsche Philologie, Allgemeine und Vergleichende Lite-
raturwissenschaft der Technischen Universität Berlin.
Dank gebührt besonders dem Doktorvater Herrn Professor Dr. Thomas Cramer
für zahlreiche Anregungen und Hinweise. Zu danken habe ich auch Frau Pro-
fessor Dr. Silvia Schmitz für ihre engagierte Kritik, meinen hilfsbereiten Eltern
für die Korrektur und mancherlei Unterstützung, Christiane Lünskens für die
technische Hilfe und der Kommission für die Vergabe der Promotionsstipendien
für die Bewilligung des Stipendiums nach dem Nachwuchsförderungsgesetz.
8
0HLQHP9DWHU
9
I. Einleitung
1.1 Erkenntnisziel
Heinrich Wittenwilers Roman ‘Der Ring’ gibt noch heute, etwa sechshundert
Jahre nach seiner Entstehung, der Forschung Rätsel auf. Schon die ungesicherte Ent-
stehungszeit und die nicht völlig aufklärbare Identität des Verfassers erschweren den
äußeren Zugang zum Textverständnis. Auf der Grundlage einiger Urkunden und Zeug-
nisse war der Autor Heinrich Wittenwiler vermutlich Kurienadvokat am Konstanzer Bi-
schofshof.1 Eventuell studierte Wittenwiler in Bologna die Rechte und kam auf diese
Weise mit dem italienischen Frühhumanismus in Berührung. Es gibt keine belegfähi-
gen Textstellen im ‘Ring’ auf das welthistorische Ereignis des Konstanzer Konzils von
1414-1418. Der Roman datiert aus der Zeit der letzten vier Jahrzehnte des vierzehnten
Jahrhunderts. Nur der WHUPLQXVSRVWTXHPvon 1360 gilt als gesichert. Selbst der an-
genommene Reflex der Appenzeller Bauernkriege im „Bund ob dem See“ von 1403-
1408 ist umstritten.2
Nach einhelliger Auffassung der Forschung hat der Autor Heinrich Wittenwiler
den Roman eigenhändig redigiert. Demnach ist allein er für die literarhistorisch einma-
lige Farbmarkierung verantwortlich. Am Rand der Handschrift markiert er die ernstge-
meinten Textstellen mit einer durchgezogenen roten Farblinie und die spaßhaften bzw.
unterhaltenden mit einer grünen. Allein seinem Kunstwillen ist auch die eigensinnige
Dialektmischung aus bayrischen, alemannischen und toggenburgischen Sprachele-
menten zuzuschreiben. Der ‘Ring’ ist der einzige uns bekannte Text aus Wittenwilers
Hand. Von einer zeitgenössischen Rezeption ist uns ebenfalls nichts bekannt. Überlie-
fert wurde der Roman nur in einer Handschrift, die man nach ihrem Fundort, der Her-
zoglichen Bibliothek in Meiningen, „Meininger Handschrift“ benannte. Ebendort ent-
deckte sie Ludwig Bechstein in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Aus seiner Feder
stammt auch die HGLWLRSULQFHSV von 1851. Als Textzeuge dient uns heute immer noch
1 Eckart Conrad Lutz, Spiritualis Fornicatio, Heinrich Wittenwiler, seine Welt und sein „Ring“, Sigmarin-
gen 1990 (= Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen. 32), S. 81-89.
2 Zu Entstehungszeit, Autor, Handschrift, Ausgaben und Übersetzungen vgl. den umfassenden For-
schungsbericht von Ortrun Riha, Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers „Ring“ 1851-1988, Würz-
burg 1990 (= Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie 4) S. 9-54; hier zum „Bund ob dem See“,
S. 40.
10
die kritische Edition von Edmund Wießner aus dem Jahr 1931.3 Rolf Bräuer, George F.
Jones und Ulrich Müller besorgten 1990 eine Faksimile-Ausgabe.4
Erstmals wurde der Text 1956 von George Fenwick Jones ins Englische über-
setzt. Gefolgt von einer japanischen Prosaübersetzung von Taizo Tanaka 1977, er-
schienen 1983 die ersten Übersetzungen ins Neuhochdeutsche von Rolf Bräuer und
Helmut Birkhan. Problematisch ist Bräuers versifizierte Übertragung, dem grobe Über-
setzungsfehler unterlaufen. Bernhard Sowinskis zweisprachige Ausgabe liefert dage-
gen eine zeilengenaue Prosaübersetzung. Die neueste und gelungenste zweisprachige
Ausgabe stammt von Horst Brunner und datiert von 1991.5
Ungeachtet der unterschiedlichen Akzentuierung der Übersetzer auf philologi-
sche Genauigkeit oder flüssige Lesbarkeit muß bei allen Übertragungen das Dialekt-
gemisch als nicht rekonstruierbare Eigenart berücksichtigt werden. Bei den vielfältigen
Wiedergabeproblemen, besonders den Schwierigkeiten, die sich aus dem Sprachwitz
und dem pointierten Stil dieses poetisch anspruchsvollen Textes ergeben, sollten in
Ermangelung eines vollständigen frühneuhochdeutschen Wörterbuchs im Bedarfsfall
alle neuhochdeutschen Übersetzungen zu Rate gezogen werden.
In der folgenden Untersuchung soll der Frage nachgegangen werden, weshalb
sich der Roman nicht ohne Zwang als das rezipieren läßt, was er darzustellen aus-
drücklich zu sein vorgibt: ein Lehrwerk. Im Prolog versichert uns der Autor, daß sein
Buch eine Weltbeschreibung liefere und genau über das zu unterrichten beabsichtige,
was man tun und lassen soll.
Um über Zustände in der Welt und über lebenspraktische und ethische Orientie-
rungen in ihr unterrichtet zu werden, bedarf es jedoch eines allgemein verbindlichen
Bewertungsmaßstabs, wodurch Sollbestimmungen überhaupt erst legitimiert werden
3 Heinrich Wittenwilers Ring nach der Meininger Handschrift, Hg. von Edmund Wießner, Leipzig 1931,
Unveränderter reprographischer Nachdruck Darmstadt 1973 (= Dtsch. Lit. Slg. literar. Kunst- und Kul-
turdenkmäler in Entwicklungsreihen, Reihe Realistik des Spätmittelalters, 3).
4 Heinrich Wittenwiler, 'HU5LQJ in Abbildung der Handschrift, Hg. von Rolf Bräuer, George F. Jones
und Ulrich Müller, Göppingen 1990 (= Litterae, 106).
5 Wittenwiler’s 5LQJand the Anonymous Scots Poem Colkebie Sow, Two Comic-didactic Works From
the Fifteenth Century, Übers. von George Fenwick Jones, Chapel Hill 1956 (= Univ. of North Carolina
Studies in the Germanic Languages and Literatures, 18).
Yubiwa (Ring), Übers. von Taizo Tananka, Tokio 1977 (= Suisu-bungaku-sosho [Reihe der Schwei-
zer Literatur], 1).
Heinrich Wittenwiler, Der Ring oder Wie Bertschi Triefnas um seine Mätzli freite, Hg. und übers. von
Rolf Bräuer, Berlin 1983.
Heinrich Wittenwiler, Der Ring, Nach der Ausgabe (GPXQG:LHQHUVübertragen und mit einer Ein-
leitung versehen von Helmut Birkhan, Wien 1983 (= Fabulae mediaevales, 3).
Heinrich Wittenwiler, „Der Ring“, Hg., übers. und kommentiert von Bernhard Sowinski, Stuttgart 1988
(= Helfant Texte, 9).
Heinrich Wittenwiler, Der Ring, Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch, Nach dem Text von Edmund
Wießner ins Nhdt. übers. und hg. von Horst Brunner, Stuttgart 1991 (= RUB, 8749).
11
können. Ein impliziertes oder ausdrücklich genanntes Ethos, auf das hin die Vielzahl
der Einzelvorschriften zur praktischen Lebensbewältigung ausgerichtet sein müßte, ist
jedoch in Wittenwilers ‘Ring’ nicht zu erkennen. Eine Fülle von zum Teil sich wider-
sprechender Deutungsangebote unterläuft die kommunikative Vermittlung von ideellen
Inhalten und fördert Deutungswillkür, Streit und Gewalt. Statt einer moralischen Beleh-
rung in satirische Unterhaltung verpackt, bietet der ‘Ring’ das Bild einer chaotischen
Narrenwelt, die an ihrer immanenten Verständigungslosigkeit zugrundegeht.
Dieser Lektürebefund widerspricht dem im Prolog verkündeten Programm, wo-
nach Wittenwiler das pädagogische Ziel der Belehrung mit der komischen Bauernhand-
lung unterstützen will:
'DUXPEKDELFKGHUJSDXUHQJVFKUDL
*HPLVFKHWXQWHUGLVHXOHU
'D]VHLGHVWVHQIWHUXQVEHFKHU V. 36 ff.6
Wittenwilers närrisches Bauernpersonal verstößt nicht nur gegen Normen und
allgemein akzeptierte Verhaltensregeln, sondern vermittelt sie auch auf deklamatori-
sche Weise unabhängig von einer erkennbaren Rezeptionssteuerung durch den Ro-
manautor. Die verbale Belehrung bleibt erzähltechnisch an ein Romanpersonal gebun-
den, dessen närrisches Handeln nicht H[QHJDWLYRzur beabsichtigten Erkenntnis des
Richtigen bzw. eigentlich Gemeinten anleitet. Gleiches gilt für den Bader Chrippenchra
und den Dorfschreiber Nabelraiber, die Edmund Wießner treffend als Dorfintelligenzen
bezeichnet. Obwohl sie als Rhetoriker frei über die Kunst des Lesens und Schreibens
verfügen, bieten auch ihre Aktionen keine Orientierung bei dem Versuch, Spaß und
Komik als Funktionselemente der Belehrung zu begreifen.
Im Falle des Minnebriefes, den der Rhetoriker und Dorfschreiber Nabelraiber für
den verliebten Hauptnarren Bertschi an seine geliebte Mätzli abfaßt, läuft das Ergebnis
der ursprünglichen Planungsabsicht zuwider. Mit dem rhetorischen Schmuck des mus-
tergültig verfertigten Minnebriefes kontrastiert das häßliche Äußere des Dorfmädchens
Mätzli Rüerenzumph. Zudem kontrastiert die im Brief formulierte Aufforderung, Mätzli
möge für ein geheimes Stelldichein mit Bertschi sorgen, auf komische Weise mit Na-
belraibers Wurf des um einen Stein gehüllten Schriftstückes an den Kopf der analpha-
betischen Adressatin. Von Nabelraiber unbeabsichtigt, fügt ihr der Stein eine Kopfver-
letzung zu, so daß sie in Ohnmacht fällt. Sein literarisches Kalkül scheitert also am
Chaos der komischen Schwankhandlung.
6 Die ‘Ring’-Stellen werden im folgenden nach der kritischen Ausgabe Wießners zitiert.
Aus technischen Gründen muß im folgenden auf die Setzung der diakritischen Zeichen verzichtet
werden.
12
Wittenwiler betreibt so die Auflösung rhetorischer und figurativer Konstitutions-
mittel der Sinnstiftung, indem er sie mit den Zufälligkeiten nicht dazu passender Ele-
mente der Erzählhandlung wie mit dem Analphabetentum und der Häßlichkeit Mätzlis
konfrontiert. Allerdings nutzt er die komische Kontrastierung nicht in der Art, daß Ein-
sichten in das, ZDVPDQWXRQXQGODVVHQVFKRO(V.12), durch Umkehrung der illusionä-
ren närrischen Vorstellungen erzielt würden. Vielmehr gebraucht er Literatur und Rhe-
torik als Mittel zur Täuschung, um damit neue Täuschungen aus der Perspektive einer
anderen Person oder des Erzählers hervorzurufen. Abgesehen von einer durchgehen-
den Skepsis gegenüber der Vermittlung gedanklicher Gehalte, kann eine interpretatori-
sche Festlegung darauf, wer oder was getadelt bzw. gelobt werden soll, Mätzlis Anal-
phabetentum oder die Verkennung der Situation durch den Dorfschreiber, nur von au-
ßen in den Text hineingetragen werden.
Von allen Romanpersonen erreicht neben dem Bauernhasser Neidhart allein
der Arzt Chrippenchra seine Ziele unerkannt und ungestraft. Nachdem Mätzli ihre Un-
schuld an ihn verloren hat, belehrt er sie über pharmazeutische Mittel, wodurch sie
dem zukünftigen Ehemann Bertschi Triefnas und den anderen Dorftölpeln eine intakte
Jungfräulichkeit vortäuschen kann. Und tatsächlich läßt sich Bertschi in der Brautnacht
von den inszenierten Gebärden der Scham wie den dazugehörigen körperlichen Sym-
ptomen hintergehen. Will der Autor damit die List des Baders tadeln oder im Gegenteil
seine an Renaissancefürsten erinnernde rücksichtslose und verschlagene Intelligenz
loben? Auch in betreff dieser Episode läßt sich nichts Genaueres über Wittenwilers di-
daktische Absicht sagen. Statt Wittenwiler eine gezielte Belehrungsabsicht zu un-
terstellen, bleibt zunächst der Befund einer Ambivalenz von Zeichen festzuhalten.
Literarische Artefakte und schriftlich kodifizierte Zeichensysteme, wie z.B. die
Formelhaftigkeit der katholischen Glaubenslehre, werden durch Wittenwilers ironische
Erzähltechnik in ihrer rhetorischen Verfügbarkeit und gedanklichen und ideellen Leere
bloßgelegt. Aussagen über die Welt und über die Art und Weise, wie sich der Mensch
bzw. der Leser in ihr zurechtfinden soll, verfehlen deswegen ihren belehrenden Zweck,
weil sie für das Romanpersonal wie für den Erzähler einen nicht über kurzfristige Ziele
hinausreichenden strategischen Nutzen haben.
Das zeigt sich auch an den vielfältigen, zum Teil in sich widersprüchlichen Leh-
ren des mittleren Romanabschnitts. Vorschriften und Ratschläge erschöpfen sich ent-
weder im auswendiggelernten Nachsprechen konventioneller Formeln, allgemeiner
Spruchweisheiten und literarischer Muster oder spiegeln private Vorstellungen wider,
die von veränderlichen Einzelsituationen abhängen. Die als Antwort auf eine Lebensla-
ge jeweils flexibelste und in Hinsicht auf den Vorteil eines einzelnen effektivste Re-
aktion widerspricht der Ankündigung systematisierbarer Regelkanons. So wird der
13
Begriff der Tugendhaftigkeit in der sog. Tugendlehre durch die Vielzahl der Einzelvor-
schriften in seiner Idealität entleert.
Auch die sog. Ehedebatte, in der die Sippenmitglieder des verliebten Hauptnar-
ren Bertschi Triefnas über Zweck und Nutzen der Ehe disputieren, zeigt, daß Wittenwi-
lers Narren und Tölpel an der Willkür ihrer Deutungen scheitern. Scheinbar wissen die
sich befehdenden Männer und Frauen über alles und nichts Bescheid. Auf jedes nur
denkbare Argument der Befürworter der Ehe aus der Gruppe der Frauen antwortet ein
Vertreter der Gegenpartei aus der Gruppe der Männer mit einer gegenteiligen Ansicht,
wobei die Rhetorik der sophistischen Rechthaberei die Bedingungen für einen ver-
nunftgeleiteten Dialog außer Kraft setzt. Aus dem von Mal zu Mal hitziger werdenden
Enthusiasmus der Sprecher entsteht eine Dynamik, bei der das konträre Gegeneinan-
der von Extrempositionen Selbstzweckcharakter annimmt und die Sprecher zu abhän-
gigen Objekten einer auf Widerspruch aus Prinzip angelegten Redestrategie macht.
Diese aus den Fugen geratene, prinzipiell unendlich fortführbare Wechselbewegung
von Meinung und Gegenmeinung, von Angriff und Gegenangriff kann immer nur durch
äußere Faktoren - körperliche Erschöpfung im Rededuell, Einbruch der Nacht im Krieg
- zum Stillstand gebracht werden.
Trotz beständigen Redens und Kommentierens scheitert Kommunikation als
Mittel der Konfliktlösung. Das Gewaltsame im Reden und Handeln der Personen resul-
tiert letztlich aus der Substanzlosigkeit und inneren Leere einer Welt, in der das Für-
wahrhalten einer Sache die Sache selbst bedeutet. Da die Personen in Wittenwilers
Roman sich nur insoweit literarischer Formen bedienen, wie sie zu ihren eigenen Vor-
stellungen und egoistischen Zwecken passen, emanzipiert sich eine maßstablose Rhe-
torik auf Kosten der Erkenntnis ethischer Differenzen. In der Verdichtung sich wechel-
seitig aufhebender Deutungsperspektiven verlieren die literarischen Muster ihre sinn-
stiftende Funktion.
Neben dieser eigentümlichen Redestrategie verursacht Wittenwilers ironische
Erzählweise die Unmöglichkeit der Deutung des ‘Ring’ als didaktisches Werk. Daher
lautet die Hypothese dieser Untersuchung: Der im ‘Ring’ stringent durchgehaltene Zei-
gegestus verhindert die Vermittlung gedanklicher Gehalte jenseits der verbalen Ebene.
So sind Literatur und Rhetorik Medien und Gegenstände in einem Spiel mit Zeichen,
das keine positiv formulierbare allegorische Wahrheit enthält.
Wittenwiler scheint von zwei intellektuellen Strömungen des 14. Jahrhunderts
beeinflußt zu sein: dem italienischen Frühhumanismus Boccaccios und Petrarcas und
dem spätscholastischen Nominalismus Wilhelms von Ockham.
Wittenwiler verbindet mit dem Humanismus der Gedanke an die Erziehbarkeit
des Menschengeschlechts. Den Humanisten galt die Rhetorik als das Vermittlungsin-
14
strument, wodurch die von Natur aus rohe und wilde Menschheit zu ethisch begründe-
tem und vernunftgemäßem Handeln angeleitet werden sollte. Bisher stand Rhetorik
bzw. Poesie im Kontext theologischer Wahrheiten. Die Humanisten wenden sich nun
aber gegen den aristotelischen Rationalismus der Spätscholastik und leiten die morali-
sche Motivation für ihr literarisches Schaffen weniger von theologischen Glaubensleh-
ren als von christlicher und antik-naturrechtlicher Moralphilosophie ab. Petrarca ver-
zichtet auf die rationalistische Erkenntnis der Wahrheit und sieht den Sinn seiner litera-
rischen Produktionen u. a. darin, die Menschen dahin zu bringen, das Gute zu wollen
und nicht vorab festgelegte Wahrheiten dialektisch zu beweisen. Ethische Gehalte
können so nur mit Hilfe der Rhetorik angeboten werden. Ob ein Leser von Boccaccios
‘Decameron’ die Besserungsabsicht des Autors akzeptiert oder verwirft, liegt allein in
seiner autonomen Willensfreiheit begründet. Trotz seiner Vernunftfähigkeit kann der
Mensch nicht zu moralischem Verhalten gezwungen werden. Möglicherweise bleibt
auch nach der Lektüre seine Natur wild und unbelehrbar. Der Gedanke der Erziehbar-
keit impliziert also immer auch sein mögliches Gegenteil. Wittenwilers ‘Ring’ könnte ein
frühes literarisches Beispiel des skeptischen Humanismus sein.
Bei der nominalistischen Sprachbetrachtung geht es um die Bestimmung des
Wirklichkeitsgehaltes von Allgemeinbegriffen bzw. Universalien. In der ersten Hälfte
des 14. Jahrhunderts ist Wilhelm von Ockham ihr prominentester Vertreter. Glaubt man
im philosophischen Ideenrealismus an die Immanenz universeller Ideen in den sprach-
lichen Allgemeinbegriffen, so betont Ockham dagegen die Willkür und Künstlichkeit lin-
guistischer Zeichen. Wahrheitswert kommt ihnen allein dann zu, wenn sie etwas über
außersprachliche Sachverhalte aussagen. So gerät der UHVBegriff im Sinne von Ge-
danke oder Idee in den Blickwinkel der Kritik. Sprachliche Zeichen sind mehrdeutig.
Erkenntnistheoretisch besteht die Gefahr, daß mit ihnen Sachverhalte verkannt bzw.
absichtlich verschleiert werden. Ein Bewußtsein von der Kluft zwischen der Ambivalenz
sprachlicher Zeichen und der Wahrheit der gedanklichen Absicht existiert schon bei
Boccaccio, Petrarca und dem englischen Dichter Geoffrey Chaucer. Während diese
Autoren dennoch an der Konstitution von Sinn durch Rhetorik, d.h. der möglichen Ver-
mittlung ihrer moralischen Absichten in Literatur, festhalten, scheint Wittenwiler aus ei-
ner radikal-skeptischen Haltung von der Unmöglichkeit einer rhetorischen Vermittlung
von Ideen auszugehen.
15
1.2 Erkenntnismethode
Wenngleich die dürftigen Fakten über den Entstehungshintergrund des ‘Ring’
und die Lebensbedingungen des Autors mangels eindeutiger Quellenzeugnisse den
Verzicht auf eine historische Situierung nahelegen, sollen dennoch die von Lutz heran-
gezogenen Urkunden skizziert werden. Hierin ist ein PDJLVWHUWittenwiler bei jeweils
leicht abweichender orthographischer Schreibweise als Jurist, Zeuge oder Schlichter
aufgeführt. Schon ein flüchtiger Blick auf diese Quellen aus der Konstanzer Stadtge-
schichte genügt, um auf die Auflösung feudaler Besitz- und Rechtsverhältnisse auf-
merksam zu werden. Überdies fällt bei Lektüre der Quellen die willkürliche Verwen-
dung von Namen auf. In einer Zeugenreihe wird beispielsweise eine Person als „der
König“ bezeichnet. Dies ist ein kulturgeschichtlicher Hinweis darauf, daß Standesbe-
zeichnungen als von ihren eigentlichen Trägern loslösbare Etikette betrachtet und zum
Spaß oder zur Diffamierung auf andere Personen übertragen wurden.
Daß der politische und wirtschaftliche Niedergang der althergebrachten Ord-
nungsprinzipien in vollem Gange war, - als Stichworte seien hier nur das Große
Schisma, die Pest und die kurfürstliche Abwahl des Königs genannt - zeigten beson-
ders die gespannten Verhältnisse in und um Konstanz. Die städtischen Handwerks-
zünfte prosperierten und verlangten demzufolge größere Mitspracherechte an den An-
gelegenheiten des Rates. Die alten Ordnungsmächte, der Bischof als Stadtherr und mit
ihm die ratsfähigen Patrizier, versuchten, dieser Entwicklung oft im Bündnis mit Grafen
und Herzögen, die um die territoriale Arrondierung und politische Ausdehnung ihrer
Herrschaftsgebiete bemüht waren, entgegenzuwirken. Aber auch der sog. Nährstand,
die bäuerlichen Hintersassen, lösten sich aus der Bevormundung des landsässigen
Adels und schlossen sich gegen herzögliche Ritterheere zusammen.
Diese existenzbedrohenden und intellektuellen Unsicherheiten in einer Um-
bruchsphase von weitreichender Bedeutung reflektieren indirekt Wittenwilers didakti-
sche und sprachphilosophische Skepsis. Dennoch sollten daraus keine vorschnellen
Schlußfolgerungen auf die Machart des Romans gezogen werden. Die im ‘Ring’ enthal-
tenen Reflexe auf geschichtliche Mißstände genügen nicht, den Roman als Satire zu
bezeichnen. Gattungsfestlegungen erscheinen insgesamt wegen der Möglichkeit sich
ausschließender Interpretationen vage. Ebenso falsch wäre die Annahme, daß sich al-
le Deutungsschwierigkeiten unter dem Blickwinkel des Nominalismus beiseite räumen
ließen.
In einer Auseinandersetzung mit zentralen Forschungspositionen zum 'Ring'
soll die Fragwürdigkeit einseitiger Deutungsansätze aufgezeigt werden. Zur Debatte
16
stehen die didaktische, satirische, allegorische, nominalistische und parodistische Deu-
tung. Durch eine kritische Würdigung der Ergebnisse der Forschung soll der eigene
Ansatz an der Analyse ausgewählter Textbeispiele überprüft werden. Im Zusammen-
hang mit der Problematik des didaktischen Anspruchs im 'Ring' soll der Frage nachge-
gangen werden, welche Bedeutung den Begriffen Obszönität und Blasphemie zu-
kommt. Zum Vergleich ziehe ich Beispiele aus den Fastnachts- und Osterspielen her-
an.
Um literarhistorische Einordnung und Begriffsklärung geht es auch im Kapitel
über die Narrenliteratur. An einigen Beispielen der satirischen Narrenliteratur sollen
aus der Konzeption einer Mischung von Spaß und Ernst die dialektischen und poetolo-
gischen Konsequenzen untersucht werden. Wie aus zahlreichen Zeugnissen der mit-
telalterlichen Literatur hervorgeht, war den Autoren das Horazsche Verdikt, wonach
Dichtung unterhalten und zugleich belehren soll, allgemein bekannt. Mit welchen er-
zähltechnischen Mitteln aber lösen sie die Aufgabe, ernste Lehren im Medium auflö-
senden Gelächters zu vermitteln? Schon in der mehrfach überlieferten Streitdichtung
von 'Salomon und Markolf' wird die Glaubwürdigkeit Salomons, der von der Bibel auto-
risierten Weisheit schlechthin, durch die Schläue und den Einfallsreichtum des weltge-
wandten Bauern Markolf empfindlich relativiert.
Auch bei Thomas Murner, Franziskaner und Luther-Gegner, und dem Humanis-
ten Sebastian Brant zeigt sich die Schwierigkeit, den Zustand der Welt so zu beschrei-
ben, wie sie sich den Satirikern darstellt, und doch zugleich positive Normen zu vermit-
teln, die besonnene Leser aus den erzählten Geschichten herausfiltern sollen. Aus
dem Vergleich des Lalebuchs mit dem 'Ring' stellt sich noch einmal die Frage nach der
Konzeption einer universellen Narrenwelt. Während die Lalen entweder nur weise oder
nur närrisch sind, steht bei Wittenwilers Lappenhausern immer eine „Weisheit“ konträr
neben einer anderen. Aus den daraus sich ergebenden Aporien resultiert die Unmög-
lichkeit einer auf dem Unterschied von Schein und Sein, wahr und falsch basierenden
Erkenntnis. Komische Kontraste und Gegensätze verhindern nicht die dialektische Be-
wegung auf ein Erkenntnisziel hin; ist doch die Feststellung von Ähnlichkeit bzw. Un-
ähnlichkeit zweier Aussagen die Voraussetzung der dialektischen Denkmethode. Doch
bei der konträren Gegenüberstellung von nicht zueinander passenden Vorstellungen
im ‘Ring’ muß der Rekurs auf einen minimalen Konsenz mißlingen.
Bevor mit der Textanalyse begonnen werden kann, soll zunächst der Einfluß
der forensischen Rhetorik auf die mittelalterlich volkssprachlichen Prologe berücksich-
tigt werden. Dies dient dem heuristischen Zweck, die relative Relevanz der rhetori-
schen Schulregeln für die Abfassung von Prologen herauszustellen. Dadurch soll der
Gefahr einer fehlerhaften Übernahme rhetorischer Vorschriften für die Bewertung der
17
Prologaussagen vorgebeugt werden. Daß allerdings Wittenwiler und die gebildeten
Zeitgenossen durch die Kenntnisse des Trivium, die sie im institutionalisierten Lehrbe-
trieb erwarben, bestens über die Grundregeln der Rhetorik unterrichtet waren, steht
außer Zweifel. Hier gilt es, die volkssprachliche Tradition und die rhetorischen Struk-
turmuster als mögliche Spielelemente in Betracht zu ziehen.
Der Prolog ist in drei thematisch voneinander verschiedene Teile gegliedert.
Der erste Abschnitt lobt das literarische Unternehmen als gute, nützliche und schöne
Sache. Dann aber kehrt Wittenwiler ab Vers 32 überraschend die Argumentationsper-
spektive in ihr Gegenteil um. Mit der unvernünftigen Natur des Menschen begründet er
die Einführung der moralisch defizienten und häßlichen Bauernfigur in sein Romankon-
zept, um im letzten Abschnitt überraschenderweise eine Lesart des Romans anzubie-
ten, die er mit dem Wort PlUbezeichnet:
6HFKWHVDYHULFKWVKLHLQQ
'DVZHGHUQXW]QRFKWDJDOWSULQJ
6RPJWLUVKDEHQIUHLQPlU
6SUDFK+DLQUHLFK:LWWHQZHLOlU V. 49 ff.
So stellt Wittenwiler am Ende des Prologs QXW], WDJDOW und PlU als drei gleich-
wertige Rezeptionsweisen nebeneinander. Wenn der Leser, unbekümmert um den
Wahrheitsgehalt des Romans, der im didaktischen Anspruch enthalten sein soll, den
'Ring' als erfundene Geschichte (PlU) ebensogut lesen kann wie als unterhaltsames
Lehrwerk, unterläuft Wittenwiler seine ernsthafte Belehrungsabsicht. Mit dem Begriff
PlU ist der lügenhafte Charakter des unmittelbar darauf einsetzenden Erzählens ange-
zeigt: 'HUVFKDOOHQGLQGHPKHUW]HQIUR+HEWGLHWDLGLQJDQDOVR(V. 53 f.).
Das anschließende Kapitel führt dann unter der Perspektive der erzähltechnisch
bewirkten Erwartungsbrüche und der epistomologischen Entscheidungslosigkeit die
Textanalyse durch. Dabei sollen besonders die Aktionen und Reden der beiden Dorfin-
telligenzen, von Henritze Nabelraiber und dem Arzt Chrippenchra, untersucht werden.
Für die Bewertung der Rede- und Erzählstrategie kommt Bertschis Geliebter, Mätzli
Rüerenzumph, beispielhafte Bedeutung zu. Gleich zu Beginn wählt sie der Ich-Erzähler
zum Gegenstand der einzigen Personenbeschreibung im Roman. An ihrem sprechen-
den Namen und ihrem häßlichen Äußeren entzündet sich in der Ehedebatte die Pole-
mik zwischen Laichdenman und Colman. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln knüpfen
sie ihre konträren Vorstellungen an Mätzlis vermeintlichen Charakter. Auch der Arzt
weiß in einer Verführungsszene den Namen geschickt für seine Zwecke auszunutzen.
Eine Innen-Außen-Relation im Sinne einer substantiellen Differenz von QRPHQund UHV
erscheint nicht nur bezüglich dieser Person fraglich.
18
Im vorletzten Kapitel soll die pessimistische Grundhaltung im ‘Ring’ gegenüber
der Leistungsfähigkeit vernünftiger Verständigung und der Vermittlung von Sinn durch
Rhetorik aus den intellektuellen Rahmenbedingungen der ockhamistischen Zeichenleh-
re und der Skepsis in der Literatur des italienischen Frühhumanismus hergeleitet wer-
den. Bei der Untersuchung einiger theoretischer Zeugnisse Petrarcas und Boccaccios
geht es darum, aus der Glorifizierung von Poesie und Rhetorik die Schattenseite des
Bildungsoptimismus aufzuspüren, die mit der nominalistischen Zeichentheorie die
Skepsis gegenüber den Grenzen der Verständigung in Sprache und besonders in
schriftsprachlichen Dokumenten teilt.
Nach dem ideenrealistischen Zeichenmodell existiert nur eine indirekte Verbin-
dung zwischen YHUEDund UHVEntscheidend ist das Erkennen der in den YHUEDausge-
drückten Ideen bzw. Allgemeinbegriffen. Ockhams Zeichentheorie trennt dagegen die
Direktverbindung von YHUEDund Ideen in der Weise, daß sie jeweils getrennt vonein-
ander direkt auf UHV verweisenZwar bedeuten sprachliche Ausdrücke auf grammati-
scher Ebene immer etwas, können aber bei mangelnder Referenz auf außersprachli-
che Objekte oder bei Ignoranz bzw. bewußter Täuschungsabsicht Symptome sinnent-
leerter Zeichen sein. Diesen kritischen Ansatz wählte vor Ockham schon Roger Bacon.
Um den grundlegenden Wandel der Sprachtheorie von Bacon und Ockham würdigen
zu können, muß die für den Ideenrealismus des christlichen Mittelalters maßgebliche
Zeichentheorie Augustins ausführlich besprochen werden. Für den spätantiken Kir-
chenvater hängt die Wahrheit sprachlicher Äußerungen von der Wahrheit der mit ihnen
verbundenen inneren Gedanken ab. Sie sind universelle Ideen und beruhen letztlich
auf der unantastbaren Gültigkeit der christlichen Glaubenslehre. Da gedankliche Sinn-
gehalte göttlicher Herkunft sind und keine Produkte individueller Denkakte wie bei
Ockham, erinnern sie einen moralisch entsprechend qualifizierten Dialogpartner an
immer schon vorhandene Wahrheiten. In der ockhamistischen Zeichentheorie sind Ge-
danken dagegen selbst Zeichen und unterliegen der ambivalenten Mehrdeutigkeit der
gesprochenen und geschriebenen Sprache. Ausgehend vom Theorem der Gedanken
als VLJQDPHQWDOLD, kann Ockham sogar die Möglichkeit lügender Engel in einem tele-
pathischen Dialog in Betracht ziehen. Am ambivalentesten hinsichtlich ihrer Verständ-
lichkeit bewertet Ockham daher die Vermittlung von Sinn durch die Lektüre schrift-
sprachlicher Zeichen.
Unter dem Blickwinkel der nominalistischen Semiotik und der Abkehr vom au-
gustinischen Zeichenmodell wird am Anfang des letzten Kapitels noch einmal an aus-
gewählten Textbeispielen Wittenwilers ‘Ring’ betrachtet. Hierbei sollen die konzeptuel-
len Widersprüche der programmatischen Aussagen im Prolog mit dem desaströsen
Ende des Romans in Bezug gesetzt werden. Am Beispiel der Arztszene soll Wittenwi-
19
lers konsequente Verweigerung von Sinnstiftung in einem literarischen Vexierspiel von
Gegenentwürfen und im Etikettenschwindel rhetorischer Leerformeln nachgewiesen
werden.
Die Besprechung von Petrarcas ‘Besteigung des Mont Ventoux’ dient dazu, den
schon bei Petrarca unsicher gewordenen Gebrauch des allegorischen Deutungsverfah-
rens nachzuweisen. Die Widersprüchlichkeit von Petrarcas Bergbesteigung ergibt sich
daraus, daß er als Ich-Erzähler einen quasi authentischen Bericht von der Wanderung
gibt, deren allegorischen Wert er auf den verschiedenen Etappen - beim Aufbruch,
Aufstieg, auf dem Gipfel, beim Abstieg und schließlich nach der Rückkehr in die Her-
berge am Fuße des Berges - nach seinem innermoralischen Zustand bemißt. Da der
Ich-Erzähler grundsätzlich zwischen ketzerischer Neugierde nach den Gütern der Welt
und religiöser Gottessuche hin und her schwankt, kann die tatsächlich unternommene
Besteigung als zeichenhafter Ausdruck für gedanklich Konträres gelesen werden: die
Abkehr des Ventoux-Petrarca von der verderblichen Welt und damit den graduellen
Aufstieg der Seele zur Gnade Gottes oder im Gegenteil den Hochmut, der das unwäg-
bare Streben nach spiritueller Verbesserung mit dem sichtbaren Erreichen eines Berg-
gipfels in eine beweisgültige allegorische Beziehung setzt. Dadurch verlieren die alle-
gorischen Zeichen ihre Eindeutigkeit.
An Boccaccios ‘Decameron’ soll gezeigt werden, wie der italienische Humanist
dem Zusammenbruch der theologischen und philosophischen Sinnsysteme infolge der
Großen Pest die Idee der Poesie als Erkenntnismedium entgegensetzt. Aus nominalis-
tischem Sprachverständnis und humanistischem Bildungsoptimismus ist bei Boccaccio
die Fälschung der Referenten das zentrale Thema seiner hundert Geschichten. Auch
er beabsichtigt also in der Weise zu belehren, daß er den ideenrealistischen Allegoris-
mus kritisiert. Das wird schon in der ersten Geschichte demonstriert. Ein Schwerver-
brecher täuscht einen Mönch bei seiner letzten Beichte so geschickt über seine
Schandtaten, daß er ihn nach seinem Tod zu einem verehrungswürdigen Heiligen de-
klariert. Kritisiert wird die Beichte als formelhaftes Bewahrheitungsverfahren, das we-
gen seiner Formelhaftigkeit zu gegenteiligen Zwecken unterlaufen werden kann. Im
Unterschied zu Wittenwiler expliziert jedoch der „Aufklärer“ Boccaccio die grundsätzli-
che Divergenz von QRPHQund UHV, indem er die Dinge bei ihrem eigentlichen Namen
nennt. Der oben genannte Verbrecher ist ein Verbrecher, auch wenn er sich als Heili-
ger geriert.
Um Fälschung der Referenten geht es auch bei der Besprechung von Geoffrey
Chaucers Liebesroman ‘Troilus and Criseyde’. Der Roman entstand in den achtziger
Jahren des 14. Jahrhunderts, also ungefähr zur gleichen Zeit wie Wittenwilers ‘Ring’.
Chaucer beschreibt darin die Schwierigkeit bei der Auffindung des wahren Sinns einer
20
Geschichte in einem semiotischen Spiel der Mehrdeutigkeiten, in dem die Erzählfakten
selbst zweifelhaft sind. Obgleich sich der Erzähler immer wieder auf die Autorität einer
fingierten Quelle beruft, konstituiert sich die Geschichte in einem rhetorischen Prozeß
personaler Deutungen. Der Leser wird auf diese Weise immer wieder mit der Frage
konfrontiert, ob den rhetorisch stilisierten Äußerungen der Personen und des Erzählers
wahre Absichten unterliegen. Die zentrale Frage des Romans stellt sich bei der Bewer-
tung von Criseydes Treuebruch. Begeht sie einen unmoralischen Liebesverrat oder
sind der kupplerische Pandarus und der idealistische Königssohn Troilus Opfer ihrer
eigenen rhetorischen Fälschungsstrategie? Die Sinnkonstitution wird gerade dadurch
verhindert, daß Deutungsakte zu egoistischen Zwecken auf einseitige Bedeutungen
festgelegt werden. Dadurch treten wie in Wittenwilers ‘Ring’ Deutungsaporien auf.
Chaucer thematisiert die Vermittlungsproblematik in der Art, daß Wahrheit oder absolu-
te Bedeutung durch einen Filter verbaler Strukturen bis zur Unverständlichkeit getrübt
werden. Dazu gehört auch die Gefahr der Täuschung durch die Annahme des Erzäh-
lers als einziger Autorität, wohingegen die systematische Verweigerung der Sinnkonsti-
tution in Wittenwilers ‘Ring’ poetologisches Programm zu sein scheint.
21
II. Historischer Hintergrund
2.1 Der Aufstieg der Städte und Fürsten und der Zerfall des mittelalterlichen
RUGR
Im Erlaß der Goldenen Bulle von 1356 wurde dem mittelalterlichen RUGR-
Gedanken einer Einheit von LPSHULXP und VDFHUGRWLXP noch vor dem Ausbruch des
Großen Schismas im Jahr 1378 die verfassungsrechtliche Grundlage entzogen. Insbe-
sondere wurden darin die Rechte der sieben Kurfürsten bis zur Auflösung des alten
Reiches im Jahr 1806 durch Napoleon letztgültig bestimmt. Bei der Wahl des Königs
war nunmehr die Mehrheitswahl einer einstimmigen Wahl gleichgestellt. Unter ande-
rem einigte man sich auf die mögliche Selbstwahl eines Kurfürsten zum König. Einbe-
rufung und Leitung derselben oblag dem Erzbischof von Mainz, der auch die letzte,
vielleicht entscheidende Stimme abgab. Die beiden mächtigsten Dynastien, Wittelsba-
cher und Habsburger, gehörten jedoch nicht zum Wahlgremium, und auch der Papst
war von einer Einflußnahme auf die Wahl des deutschen Königs ausgeschlossen.7
So wurde dem Reich mit der Goldenen Bulle eine neue Verfassung gegeben, in
der die Kurfürsten nur noch symbolisch die Einheit des Reiches zu repräsentieren be-
anspruchten, GHIDFWR aber unabhängig von der Herrschaft des Königs ihren eigenen
dynastischen und territorialen Interessen nachgingen. Diese grundsätzlich neue
Machtverteilung im Reich gipfelte schon im Jahr 1400 in der durch die rheinischen Kur-
fürsten eigenmächtig betriebene Absetzung König Wenzels.8 Für die damaligen Zeit-
genossen war dies ein unerhörter Vorgang. Die bisherige Ständeordnung und die ihr
zugrundeliegenden Autoritätsvorstellungen des theokratischen Mittelalters drohten im
Chaos zu versinken.9 Anlaß zur Sorge um eine völlige Auflösung der bisherigen Ord-
7 Vgl. Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 5: Herbert Grundmann, Wahlkönigtum, Ter-
ritorialpolitik und Ostbewegung im 13. und 14. Jahrhundert, Die Goldene Bulle von 1356, München
19858, S. 227-231.
8 Vgl. ebd. Bd. 6: Friedrich Baethgen, Schisma und Konzilszeit, Reichsreform und Habsburgs Aufstieg,
München 19836, S. 38 ff.
9 Selbstverständlich waren die Reichsstädte gut beraten, wenn sie bei der Absetzung ihres nominellen
Schutzherrn durch die eigentlichen fürstlichen Machthaber Neutralität bewahrten. Wie sich spätes-
tens in der Schlacht bei Döffingen gezeigt hatte, waren die Städte militärisch zu schwach, um den
Fürsten wirksam entgegenzutreten. In diesem Krieg war dem schwäbischen Städteheer 1388 von
dem Grafen von Württemberg eine vernichtende Niederlage beigebracht worden. Die Stadt Konstanz
und mit ihr die Bodenseestädte beteiligten sich nicht, obgleich sie seit 1385 im Konstanzer Bündnis
mit den eidgenössischen Städten verbündet waren. Auch im Juli 1386 bei Sempach und im April
1388 bei Näfels leisteten sie den Eidgenossen keinen militärischen Beistand. Es gelang ihnen ein
22
nungsvorstellungen bot zudem der erbärmliche Zustand des Papsttums. Infolge der
Kirchenspaltung nach 1378 hatte sich die Zahl der sich wechselseitig als Antichristen
beschimpfenden „obersten Hirten der Christenheit“ auf vier Päpste vermehrt.
Einen Grundkonflikt in der Zeit vom letzten Drittel des 14. Jahrhunderts bis zum
Konstanzer Konzil 1414-1418 markierte die Spannung zwischen den wirtschaftlich auf-
strebenden Städten und den auf ihre alten Rechte und Einkünfte pochenden Stadther-
ren. Letztgenannte konnten Äbte, Bischöfe, Adlige oder Landesfürsten sein. Die beiden
anderen kardinalen Interessensgegensätze bestanden zwischen den auf Arrondierung
ihrer Herrschaftsgebiete bedachten Landesherren und dem bei geschwächter Königs-
gewalt funktionslos gewordenen alten Reichsritterstand und nicht zuletzt, insbesondere
in der Schweiz, zwischen den abhängigen Bauern und den vom Habsburger Herzog
von Österreich eingesetzten Landvögten.10 Beinah könnte man behaupten, daß nicht
nur jeder Stand potentiell jeden anderen bekämpfte. Die Ständevertreter fochten über-
dies auch untereinander Streitigkeiten und Kriege aus. So etwa befanden sich die Gra-
fen von Württemberg, die Herzöge von Bayern und die von Österreich fast dauerhaft
im Krieg miteinander. Rhetorische Strategie, Polemik, Skepsis, Chaos und Krieg in Wit-
tenwilers Roman sind in diesen historischen Horizont einzuordnen.
Die Verhältnisse im Reich fanden im kleinen ihre Entsprechung auf lokaler und
regionaler Ebene. In der Entstehungszeit des ‘Ring’ um 1400 zeichnete sich die Bi-
schofsstadt Konstanz durch eine komplizierte Gemengelage von miteinander koalie-
renden, rivalisierenden und kriegführenden Kräften aus. Oft waren an Rechtsstreitigkei-
ten nicht nur der Rat der Stadt, das bischöfliche Gericht als zwar in der Stadt gelege-
nes, aber von ihr unabhängiges Rechtsinstitut, die Äbte der Klöster von St. Gallen und
der Reichenau, ein Graf oder dergleichen Lokalgrößen beteiligt, sondern politisch oder
sogar militärisch auch der schwäbisch-rheinische Städtebund, die Eidgenossen, die
Appenzeller, der Mainzer Erzbischof, der Graf von Württemberg und der Habsburger
Herzog von Österreich. Aus diesen Akteuren bildeten sich je nach Anlaß und eigenem
Vorteil stets wechselnde Koalitionen. Noch unkalkulierbarer wurden die politischen
Loyalitäten nach der Vervielfältigung der Päpste durch das Große Schisma von 1378
bis zum Konstanzer Konzil. Zunächst schlossen sich der Bischof und Klerus des Kon-
stanzer Hochstiftes der klementinischen Fraktion in Avignon an, wechselten dann aber
in das römische Lager von Papst Urban. Wer mit wem ein Bündnis einging, richtete
bescheidener diplomatischer Erfolg, als sie 1389 einen auf sieben Jahre abgeschlossenen Waffen-
stillstand vermittelten.
Vgl. Otto Feger, Geschichte des Bodenseeraumes, Bd. 1-3, Konstanz/Lindau 1956-63 (= Bodensee-
Bibliothek. 2-4); hier Bd. 3, S. 87-94, zitiert nach Lutz.
10 Vgl. zu den Ritter- und Städtebünden, Ebd., Bd. 6: Friedrich Baethgen, S. 17-26; hier bes. S. 23 f.
23
sich im Falle von Konstanz und Umgebung jeweils danach, wie groß der momentane
Nutzen solcher oft nur symbolischen Beistandserklärungen für die eigene Partei war.
Während sich die hochadligen Bischöfe von Konstanz aufgrund ihrer Standeszugehö-
rigkeit und Interessenslage dem Hause Habsburg verbunden fühlten, befand sich die
nach politischer Selbstbestimmung strebende und an wirtschaftlicher Bedeutung zu-
nehmende Stadt tendentiell in Opposition zum Bischof als Stadtherr und zur Territoria-
lisierungspolitik der Herzöge von Österreich.
Wie noch zu zeigen sein wird, ereignete sich in Konstanz häufiger der Fall, daß
bei der Klärung von Besitzrechten an dem Kirchenschatz oder den Patronatsrechten
einer Pfarrei der Bischof der Stadt, der Erzbischof von Mainz und schließlich sogar der
3RQWLIH[PD[LPXVin Rom involviert wurden. So standen winzige Bagatellfälle im Kon-
text welthistorischer Gegensätze, die selbst für die Beilegung von lokalen Streitigkeiten
unmittelbar wirksam werden konnten. Bei aller gebotenen Vorsicht vor der methodi-
schen Gefahr, einen ästhetischen Text als historisches Dokument heranzuziehen, läßt
sich hier ein struktureller Bezug zu Wittenwilers Roman herstellen. Im ‘Ring’ entsteht
aus den Streitigkeiten närrischer und immer nur auf den eigenen kurzfristigen Vorteil
bedachter G|USHUein Krieg von weltumspannendem Ausmaß.
Nach der Großen Pest in der Mitte des Jahrhunderts, der zwei Drittel der euro-
päischen Bevölkerung zum Opfer fielen, versuchten sich die infolge der Landflucht
volkreicher und wirtschaftlich bedeutender gewordenen Städte aus der Vormundschaft
der Fürsten zu befreien. Zu diesen Flüchtigen zählten unter anderen auch die sog. Got-
teshausleute. Sie standen als Leibeigene in Diensten der Klöster und schwächten
durch ihre Abwanderung die wirtschaftliche Grundlage der einst reichen Klöster. Äbte
und kleinere Adlige mußten immer mehr von ihren Besitztümern an Große und Städte
verpfänden und verkaufen. Sie waren die Verlierer in einem von dauerhaften Erschüt-
terungen begleiteten Prozeß der Verstaatlichung und wirtschaftlichen Rationalisierung.
Außenpolitisch waren den Städten nur sehr geringe Erfolge beschieden. Da die
Städtebündnisse, die zu dieser Zeit entstanden, auf den Verteidigungsfall ausgerichtet
und die einzelnen Städte wegen ihrer militärischen Schwäche auf Sicherung ihres Be-
sitzstandes bedacht waren, überwog das eigene Schutzbedürfnis den Willen, auf au-
ßenpolitischem Terrain direkten Einfluß auszuüben. Das kann an folgendem Beispiel
verdeutlicht werden. Am 21. Februar 1385 hatte sich in Konstanz der rheinisch-
elsässische Städtebund mit den schweizerischen Städten Zürich, Zug, Luzern, Solo-
thurn und Bern im sog. Konstanzer Bündnis zusammengeschlossen. Als am Ende
desselben Jahres Luzern habsburgisches Gebiet angriff, versagten die übrigen Städte
dem Bündnispartner den militärischen Beistand. Infolgedessen hatten die in den Kon-
flikt involvierten Eidgenossen zusammen mit Luzern die alleinige Kriegslast zu tragen.
24
Auch in den Schlachten bei Sempach am 9. Juli 1386 und zwei Jahre danach bei Nä-
fels besiegten die leichtbewaffneten Bauern ohne Hilfe der Städte das Ritterheer Leo-
polds III., des Herzogs von Österreich. Diese beiden Schlachten legten den Grundstein
für die Entstehung der Schweiz als unabhängiges Staatsgebilde. Sie stellen aber auch
militärgeschichtlich ein Novum in der Geschichte des europäischen Mittelalters dar:
zum ersten Mal besiegten Bauern Ritterheere.
Mit einer katalogartigen Aufzählung fast sämtlicher europäischer Städte und ei-
nem Kongreß über die Frage einer militärischen Hilfeleistung im bevorstehenden Krieg
der Bauern räumt der ‘Ring’-Autor den Städten einen relativ breiten Raum in seinem
Roman ein (V. 7608-7872). Als die Städte von den Boten der Lappenhauser um militä-
rische Hilfeleistung gegen die Nissinger gebeten werden, bekunden sie ihre generelle
Ablehnung, sich an jedweden Unternehmungen militärischer Art zu beteiligen. Zwar
bieten sie ihre Dienste als Friedensvermittler an, scheren sich aber keinen Deut darum,
wie auf den beiden Seiten der Konfliktparteien Recht und Unrecht verteilt sind. Nach
den oben genannten Schlachten der Eidgenossen traten die Städte, die Bodensee-
städte und eidgenössischen Städte als Vermittler eines Waffenstillstands zwischen den
Eidgenossen und dem Heer des Herzogs auf, der am 1. April 1389 auf sieben Jahre
abgeschlossen wurde.11
Innenpolitisch löste sich in den Städten zeitweilig die alte Ständeordnung auf.
Einige Händler gewannen durch ihren neu erworbenen Reichtum einen weit über zünf-
tische Angelegenheiten hinausgehenden Einfluß auf das Regiment der Städte. So
wurden die Zunftmeister in den Städten ratsfähig und stellten zeitweilig sogar den Bür-
germeister. In der Stadt Konstanz erlangten die Zünfte seit 1371 die volle politische
Gleichberechtigung. Bis dahin war nur das alte städtische Patriziat im Rat vertreten.
Nach der Ratserweiterung hatten die alteingesessenen Adelsgeschlechter sogar Mühe,
die ihnen zustehenden 70 Sitze zu füllen. Daher versuchten sie über die Mitgliedschaft
in einer Zunft auf die Politik im Rat Einfluß zu nehmen. Bald aber bemerkten die
Handwerker und Händler diese Strategie des Trojanischen Pferdes und verboten die
Aufnahme von Adligen in ihre Zünfte.
Einen weiteren Beleg für den Reichtum einiger Zünfte und ihren enorm gestie-
genen Einfluß bietet der sog. Dritte Zunftaufstand von 1389, der durch innerzünftische
Spannungen ausgelöst wurde. Hierbei richteten sich die benachteiligt fühlenden Zünfte
der Metzger und Zimmerleute gegen die im Rat vertretenen Zunftmeister der Gewand-
schneider, Krämer und Weinschenken. Infolgedessen wurden alle
11 Vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 77.
25
Zunftmeister und nahezu alle zünftigen Ratsmitglieder aus der Stadt verbannt und mit
hohen Geldstrafen belegt, so daß schließlich doch wieder das konservative Patriziat
seine alten Rechte im Stadtregiment ausübte.12
2.2 Heinrich Wittenwiler: Mutmaßungen über seine Person im Spiegel histori-
scher Quellen
2.2.1 Magister Heinrich von Wittenwile in den Diensten des österreichischen
Herzogs
Heinrich Wittenwiler war mit hoher Wahrscheinlichkeit Kurienadvokat am Kon-
stanzer Bischofshof. Vermutlich studierte der gelernte Jurist in Bologna und kam dort
mit der italienischen Frührenaissance in Berührung. Dieser der historischen Wahr-
scheinlichkeit am nächsten kommende letzte Stand der Autorforschung basiert laut E-
ckart Conrad Lutz auf sechs Belegstellen: „Urkunden aus den Jahren 1387, 1389 und
1395, einem Eintrag im Konstanzer Ratsbuch von 1390 und zwei undatierten Belegen,
der Selbstnennung im ‘Ring’ und der Aufnahme ins Wurmsbacher Totenbuch.“13 Um
die mutmaßliche Person des Romanautors im historischen Kontext zu beleuchten und
einen kurzen Einblick in die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Spannungen der
Entstehungszeit des Romans um 1400 in Konstanz zu geben, werden im folgenden die
oben erwähnten Zeugnisse ausführlich behandelt.
Die erste Urkunde von 1387 betrifft die Beilegung eines Rechtsstreites um ei-
nen Kirchenschatz in Wasserburg bei Lindau. Dreieinhalb Jahre zuvor hatte Graf Hein-
rich von Montfort zu Tettnang die Wasserburger Burg von den Herren von Ebersberg
gekauft und geriet nun mit Kuno von Stoffeln, dem Abt von Sankt Gallen, in Konflikt
über den rechtmäßigen Besitzer des Kirchengutes. Derselbe Abt hatte noch im Jahre
1379 der Verpfändung der Burg an die Brüder Ulrich und Rudolf von Ebersberg durch
12 Vgl. hierzu Lutz, Heinrich Wittenwiler in Konstanz, Historische Vorarbeiten zu einer neuen Interpreta-
tion des „Ring“, in: ZfdPh 104 (1985); hier besonders S. 25 f. und S. 19.
13 Eckart Conrad Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 59.
Vgl. auch den im Jahr 1977 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt in der Reihe Er-
träge der Forschung Bd. 76 erschienenen Überblick zu älteren und neueren Positionen der Wittenwi-
lerforschung von Bernward Plate; zu Autor, Ort, Zeit vgl., Ebd., S. 23-31.
Vgl. ebenso Riha, Die Forschung, S. 9-19.
Vgl. den Lexikoneintrag zu Wittenwilers ‘Ring’ von Günther Jungbluth, in: VL (1. Aufl.), Bd. 4, Ber-
lin/Leipzig 1953, Sp. 1037 ff.
26
Märk von Schellenberg von Wasserburg nur unter der Bedingung zugestimmt, daß die
Rechte des Klosters an der Kirche unangetastet blieben. Dennoch prozessierte sein
Kontrahent, Graf Heinrich, zunächst am bischöflichen Gericht zu Konstanz, dann auch
am erzbischöflichen Gericht in Mainz erfolgreich gegen den Abt. Als nun in letzter In-
stanz das Verfahren in Rom anhängig wurde, einigten sich die Parteien in der oben
genannten Urkunde darauf, daß Graf Heinrich sich in Rom auf eigene Kosten für die
Inkorporation der Pfarrei in das Kloster einsetzen und dafür eine noch festzusetzende
Entschädigungssumme erhalten sollte. Papst Urban VI. stellte sich hinter die Forde-
rungen des Abtes und billigte die Inkorporation. Kuno hätte damit dem dortigen Priester
die Verfügungsgewalt über das Kirchenvermögen entzogen und wäre nur noch für sei-
ne Versorgung zuständig gewesen. Bald darauf aber mahnte Burkhart von Hewen, der
neue Bischof von Konstanz, den St. Gallener Abt, daß er sich an die getroffene Ver-
einbarung zu halten habe und seinen Oheim Graf Heinrich mit 1500 Goldgulden für
seine Bemühungen entschädigen solle. Da Kuno diese übertrieben hohe Geldforde-
rung ausschlagen mußte, zwang man ihn auf diese Weise doch noch dazu, dem Gra-
fen Heinrich den Kirchenschatz auf dem Wege der Verpfändung zu überlassen.14
Hinter dem Namen Burkhart von Hewen, zu dieser Zeit noch Chorherr und Vi-
kar in Konstanz, einem PDLVWHU Nikolaus Schnell, dem Ritter Hans aus Dießenhofen,
GHQPDQQlPSW%OPOLQJODQ], erscheint an der vierten Stelle der Zeugenreihe jener Ur-
kunde der Name von PDLVWHU +HLQULFK YRQ :LWWHQZLOH.15 Heinrich Wittenwiler gehört
zusammen mit diesen dreien zur Partei des Grafen. Es folgen die Zeugen der Gegen-
partei: ein Priester, Prokurator des Abtes, der Bürgermeister von St. Gallen, ein Bürger
von Lindau und an letzter Stelle ein Bürger aus Konstanz, -RKDQV6FKDQILJGHQPDQ
QlPSW.XQJ.
An dieser Stelle begegnet uns zum erstenmal ein kulturgeschichtliches Indiz da-
für, daß Namen und Namensträger auf eine komisch wirkende Weise auseinanderfal-
len. So wie hier ein Bürger als NXQJund ein Ritter mit dem poetisch-preziös klingenden
Namen %OPOLQJODQ], also Blümchenglanz, apostrophiert werden, gibt es auch bei dem
Personal in Wittenwilers ‘Ring’ Differenzen zwischen den Eigenschaften der Romanfi-
guren und den ihnen zugeordneten Namen.
Traditionsgemäß richtet sich die Reihenfolge, in der die Zeugen genannt wer-
den, nach dem Ansehen ihrer Titel. Die Reihe beginnt mit den obersten Geistlichen
und endet mit den Weltlichen geringeren Ranges. Da Wittenwiler an vierter und letzter
Stelle seiner Partei hinter dem in österreichischen Diensten stehenden Truchseß aus
14 Vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 60 ff.
15 Vgl. Lutz ebd., S. 60. Ders. zitiert die Quelle nach dem Urkundenbuch der Abtei St. Gallen UBSG 4
(1888), S. 295 ff., hier S. 296.
27
Dießenhofen genannt wird, hat er vermutlich nur die niederen Weihen, keinesfalls aber
die Priesterweihe empfangen. Er trägt den in dieser Zeit eher akademisch aufzufas-
senden Titel eines Magisters.16 In einem anderen noch zu erwähnenden Dokument
wird er als Advokat des Konstanzer Bischofshofes ausgewiesen. Er muß daher an ei-
ner Universität entweder in Wien, Prag, Bologna oder Paris Jura studiert haben. Auf-
grund ihrer Tradition als renommiertester Universität für das Studium der Jurisprudenz
und ihrer vermutlich auch im 14. Jahrhundert anhaltenden Attraktion auf die Studenten
aus der Diözese Konstanz kommt Bologna von den genannten Universitäten noch am
ehesten in Betracht.17
2.2.2 Der HUVDPH KHUUH +DLQULFK YRQ :LWWHQZLOH als Rechtsvertreter der Stadt
Radolfzell
Daß Wittenwiler in seiner Eigenschaft als Rechtsgelehrter besonders geschätzt
wurde, scheint auch der zweite urkundliche Beleg aus dem Jahre 1389 nahezulegen.
Hier ist er als gewählter Schiedsmann einer städtischen Partei aufgeführt.18 In diesem
Rechtsfall stritt der Abt Werner von der Reichenau mit dem österreichischen Vogt und
dem Rat der Stadt Radolfzell, die eine alte reichenauische Gründung war, um die
nachgelassene Fahrhabe eines Heinrich Stetters, der vom Abt der Reichenau als
Kirchherr der Pfarrkirche in Radolfzell dem Konstanzer Bischof präsentiert worden war.
Der Abt des durch Verpfändungen von Rechten und Verkauf von Liegenschaf-
ten beinahe bankrotten Klosters begründete seinen Rechtsanspruch damit, daß ihm als
Patronatsherrn von alters her der Nachlaß von Geistlichen auf reichenauischen Pfarr-
stellen zustehe. Dieses Recht hatte ihm auch der Bischof in der Vergangenheit immer
16 Zu dieser Zeit war der PDLVWHU-Titel für die Bezeichnung von Handwerksmeistern noch ungebräuch-
lich. Eine Verwendung in diesem Sinne erscheint demnach weinig wahrscheinlich.
Vgl. dazu Lutz, Spiritualis fornicatio, S, 62, Anm. 17.
Basierend auf den folgenden urkundlichen Belegen, ist dagegen die Annahme einer Anstellung Wit-
tenwilers in der oberen Verwaltung des Konstanzer Bischofshofes, nicht zuletzt aus Gründen des lite-
rarischen Bildungshorizonts und der juristischen Detailkenntnisse des Romanautors, sehr viel nahe-
liegender.
17 Für das 14. Jahrhundert fehlen Untersuchungen darüber, an welchen Universitäten Europas Kon-
stanzer Jurastudenten immatrikuliert waren. Im allgemeinen aber kann für diese Zeit eine Tendenz-
wende zuungunsten Bolognas nicht festgestellt werden.
Vgl. Lutz, ebd., S. 61, Anm. 14.
18 Vgl. zu diesem Rechtsfall C. E. Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 72-78.
Vgl. auch den Text der Urkunde und die Interpretation der Quelle, in: Ders., Der ersame herre her
Hainrich von Wittenwile. Eine unbekannte Konstanzer Urkunde von 1389, in: ZfdA 114 (1985), S.
150-157.
28
unangefochten zugebilligt. Dagegen begründeten die Vertreter der Stadt nun ihrerseits
ihren Anspruch damit, daß Abt Werner selbst erst wenige Jahre zuvor der Stadt gewis-
se Freiheiten bestätigt hatte. Darin hatte er als ehemaliger Stadtherr auf die Fahrhabe
der sog. Gotteshausleute, d.h. der zum Kloster gehörenden Leibeigenen, für den Fall
verzichtet, daß seine Leute über Jahr und Tag als Bürger in dieser Stadt ansässig wa-
ren.19 Allerdings hätte dagegen berechtigterweise der Einwand erhoben werden kön-
nen, daß besagter Kirchherr nicht zu den Leibeigenen der Reichenau gehörte. Letztlich
stimmten denn auch die Schiedsleute mit knapper Mehrheit für die Sache des Abtes.
Wie in dem zuvor beschriebenen Rechtsfall zeigt sich auch hier die finanzielle
Schwäche der Äbte und das Bestreben der mächtigen Fürsten und der an wirtschaftli-
cher Bedeutung zunehmenden Städte, das in ihren Gebieten liegende Pfarrkirchengut
und die damit verbundenen Patronats- und Kollationsrechte in Besitz zu nehmen.
Wenngleich dem alten Stadtherrn hier noch einmal Recht gegeben wurde, vermochten
sich doch künftig die Städte immer besser aus den alten feudalen Abhängigkeiten zu
lösen.
Was nun Wittenwilers Rolle in diesem Fall angeht, so stand er auch hier offen-
bar wieder auf der Seite des österreichischen Adels, nur daß er jetzt von dem Rat einer
Stadt und nicht von einem Adligen in eigener Sache beauftragt wurde. Aus dem Wort-
laut der Quelle, in der Wittenwiler mit dem Titel eines HUVDPHQKHUUHQKHUQ+DLQULFK
YRQ :LWWHQZLOH angeführt wird, läßt sich die Vermutung ableiten, daß er sehr wahr-
scheinlich kein Bürger war. Die Begriffe Herr bzw. Herrschaft hatten politische und
noch keine wirtschaftliche Bedeutung. Bemerkenswert auch, daß sich nur in diesem
einen Beleg für Wittenwiler die Bezeichnung KHUUHanstelle von PDJLVWHU oder PDLVWHU
findet. Adlige Herkunft oder ein niederer Weihegrad Wittenwilers kann aufgrund dessen
vorsichtig angenommen werden. Vereinzelt wurde dieser Titel auch schon für Angehö-
rige städtischer Geschlechter verwendet. Eine Interpretation in diesem Sinne kann je-
doch vor dem Hintergrund der anderen Belege als wenig wahrscheinlich ausgeschlos-
sen werden. Wäre Wittenwiler Patrizier gewesen, müßte es dafür in den von Lutz aus-
gewählten sechs Quellen zumindest entsprechende Anhaltspunkte geben. Hingegen
scheint die Erklärung plausibler, daß die Bezeichnung als HUEHUKHUUHden Kleriker und
angesehenen Kurienadvokaten Wittenwiler meint. So erscheint in dieser Urkunde auch
der verstorbene Kirchherr als GHUHUEHUKHUUHKHU+DLQULFK6WHWWHUVOLJ. Als hoher bi-
19 Am 13. Juni 1386 bestätigte Abt Werner der Stadt Radolfzell unter anderen Freiheiten auch: „[...] ut
quicumque hominum ad monasterio Augense pertinentium in oppido memorato per diem et annum
burgensis resederit ibidem moriens non teneatur monasterio predicto mortuarium solvere vel aliquit
jure mortis [...].“
Die Quelle stammt aus dem Badischen Generallandesarchiv Karlsruhe 6 (1952). Zitiert wurde nach
Lutz ebd., S. 73, Anm. 100.
29
schöflicher Verwalter hat Wittenwiler möglicherweise eine der vier niederen Weihen
empfangen und war vielleicht auch von adliger Herkunft.
2.2.3 War Heinrich Wittenwiler ein Messerstecher?
In der nächsten urkundlichen Belegstelle vom 16. März 1390 tritt uns Wittenwi-
ler in der Rolle eines Messerstechers entgegen. Das Konstanzer Ratsbuch verzeichnet
den Eintrag: ,WHPPDLVWHU+DLQULFK:LWZLOHKDWHLQPHVVHUJH]XNWXQGZXOWKHUQ+DQ
VHQGHQ=ROOHUJHVWRFKHQKDEHQ20 Außer diesem lakonischen Vermerk gibt es keine
weiteren Textzeugen, die etwas über Anlaß und Hintergründe dieses Anschlags berich-
ten. Ausgehend von der von der üblichen Schreibweise abweichenden Namensnen-
nung :LWZLOH statt :LWWHQZLOH hält Edmund Wießner den Romanautor Wittenwiler „von
seiner Rauferrolle erlöst“. Stattdessen macht er für die ruchlose Tat einen zwanzig Jah-
re später erstmals so erwähnten %HUWVFKLQ+RIVWHWWHUJHQDQW:\WWZLOOHEXUJHU]HZLO
verantwortlich. Für die mutmaßliche Identität dieser Person mit dem Täter spricht aber
noch weniger als die Verbindung der Tat mit dem vermeintlichen Kurienadvokat und
Romanautor des ‘Ring’, dem PDLVWHU+DLQULFK.21
Lutz gibt nach Einsicht in die Quelle des Ratsbuches an, daß sich die noch of-
fenenstehenden Rechtsverletzungen von denen, die durch eine später erfolgte Bestra-
fung abgegoltenen wurden, graphisch unterscheiden lassen. Wie in der Hälfte aller Fäl-
le habe man letztere ganz einfach durchgestrichen. Da der Fall des Messerstechers
Wittenwiler nicht zu dieser Kategorie gehört, kann man davon ausgehen, daß auch von
einer Bestrafung der kriminellen Tat abgesehen wurde. Wittenwiler wie auch der mut-
20 Vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 78 ff. Die ungedruckte Quelle entnimmt Lutz den Ratsbüchern, in:
Stadtarchiv Konstanz (= StA Kn) Abt. B I. 1-6; hier 1, S. 395.
21 Vgl. Edmund Wießner, Heinrich Wittenwiler, in: ZfdA 84 (1952/53), S. 159-171, hier S. 161. Das
Quellenzitat wurde von Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 107 übernommen. Lutz zitiert nach: Gustav
Scherrer, Kleine Toggenburger Chroniken, Mit Beilagen und Erörterungen, St. Gallen 1874, S. 128.
Dieser Bertschi Hofstetter kommt aus zwei Gründen wohl kaum als Täter in Betracht. Zum einen ge-
hört der zur Diskussion stehende Name nicht unmittelbar zu seinem bürgerlichen Namen, zum ande-
ren divergieren die Vornamen. Weil er wahrscheinlich nicht zugleich auch ein in Konstanz ansässiger
Bürger war, hätte man im Ratsbuch seinen Herkunftsort Wil wie regelmäßig in Fällen mit auswärtigen
Personen angegeben. Zudem wird dieser Person an keiner Stelle in den anderen Belegen der Titel
eines PDLVWHUV beigefügt.
Vgl. dazu Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 107 f.
Indes kann Lutz Argument von den divergierenden Schreibweisen des Namens kaum überzeugen.
Zum Beleg seiner These zieht er verschiedene Schreibweisen von Wittenwilers Namen aus mehre-
ren Übersetzungen einer lateinischen Quelle heran. Da die Belege einem Kopialbuch eines Augusti-
nerklosters aus dem 16. Jahrhunderts entnommen sind, haben sie für den Betrieb der Konstanzer
Ratskanzlei um 1400 nur sehr geringen Zeugniswert.
Vgl. dazu Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 81, Anm.147.
30
maßliche Domklaplan Hans Zoller22 unterlagen als Angehörige der Kurie und wahr-
scheinliche Nicht-Bürger der bischöflichen Gerichtsbarkeit und entzogen sich daher der
Strafverfolgung durch den Rat der Stadt.23 Setzt man voraus, daß Wittenwiler tatsäch-
lich schon zu dieser Zeit in einem festen Dienstverhältnis zur bischöflichen Kurie stand,
ist schon allein die Tatsache erstaunlich, daß die Straftat eines bischöflichen Beamten
und Nicht-Bürgers überhaupt ins Ratsbuch aufgenommen wurde. Möglicherweise läßt
sich der Eintrag ins Ratsbuch damit erklären, daß sich der Anschlag Wittenwilers auf
jenen Domkaplan innerhalb der Stadt ereignete, so daß der Fall zwar von einer städti-
schen Behörde registriert, nicht aber entsprechend geahndet werden konnte.
2.2.4 Der Konstanzer Kurienadvokat Wittenwiler als erfahrener Jurist
Das für die Erfassung des biographischen Hintergrundes gehaltvollste und da-
her wichtigste Zeugnis datiert vom 16. März 1395 und beinhaltet eine Vereinbarung
über die Rechte der Pfarrgemeinde Birwinken zwischen dem Konstanzer Augustiner-
kloster und den Vertretern ebendieser Gemeinde. Entgegen der allgemeinen Entwick-
lung, wonach die in wirtschaftliche Not geratenen alten Abteien ihre Patronatsrechte
nach und nach verloren, konnten die in der Stadt ansässigen Konvente, insbesondere
die Bettelorden, durch oft großzügige Schenkungen und Spenden der Bürger ihren Be-
sitz vermehren. In dem hier beschriebenen Fall war vor dem Kloster der Bürger Guido
Guidoni, genannt Bumel, im Besitz des Patronats von Birwinken.24
Wittenwiler wird in diesem von einem öffentlichen Notar ausgestellten Doku-
ment25 vor allen anderen als erster Zeuge erwähnt. Dort tituliert ihn der Notar als PD
22 Vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 78 f. und Anm. 136.
Lutz assoziiert diesen Hans Zoller mit einer Person gleichen Namens, die in einer bischöflichen
Stiftsurkunde aus demselben Jahr als VDFHUGRV und EHQHILFLDWRU des Thomas-Altars im Dom genannt
wird.
23 Die erste schriftlich fixierte Exemption des bischöflichen Personals vor dem Zugriff der städtischen
Straforgane erfolgte allerdings erst in einem Vertrag zwischen dem Bischof und dem Rat der Stadt
am 20. Oktober 1511.
Vgl. dazu Lutz, Spiritualis fornicatio, S.79, Anm. 141.
24 Vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 81 f., Anm. 151.
Da mir die unerschlossenen Quellen nicht zur Verfügung stehen, konnte nicht festgestellt werden,
unter welchen Auflagen und Bedingungen der oben genannte Bürger das Patronat an das Kloster ab-
trat.
25 Vgl. Wießner, in: ZfdA 84 (1952/53), S. 162; vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 82.
Lutz argumentiert gegen Wießner, der Wittenwiler mit dem QRWDULXVSXEOLFXV gleichsetzt, mit dem un-
ten aufgeführten lateinischen Quellenzitat für eine Trennung des Zeugen Wittenwiler und des öffentli-
chen Notars. Das zeigt schon die Grammatik des Satzes, es sei denn, der Aussteller würde von sich
zugleich in der ersten und dritten Person sprechen. Überdies nennt der Schlußsatz den Aussteller
31
JLVWHU DGYRFDWXV FXULH &RQVWDQWLHQVLV und apostrophiert ihn sogar als einen SHULWXV
YLU.26 Demnach bezieht sich das Beiwort auf den Juristen. Seine allgemeine Wert-
schätzung als erfahrener Rechtsgelehrter drückt sich nun auch darin aus, daß die Ver-
handlungen im oberen Saal seines Hauses geführt wurden. Zudem rangiert Wittenwi-
ler, der wie oben dargelegt allenfalls Minorist war, auch in der Zeugenreihe an erster
Stelle noch vor den beiden Geistlichen GRPLQXVHermannus Keller und GRPLQXV Jo-
hannes, FDSSHODQXV in Lichtensteig und SOHEDQXVin Lommis.27 Auf diese zwei Kleriker,
die die Partei des Augustinerklosters vertraten, folgen traditionsgemäß die weltlichen
Vertreter Konrad Hagen, der Vogt der Stadt Konstanz, und Bomul, genannt Wide, der
vormalige Besitzer des Patronats der Kirche zu Birwinken.28 Man kann mit Lutz aus
dem Faktum, daß Wittenwiler gegen die traditionelle Rangfolge die Zeugenreihe an-
führt, den Schluß ziehen, daß er als bischöflicher Jurist den Vorsitz des Schiedsge-
richts innegehabt hat.
Wenn auch der Romanautor Heinrich Wittenwiler nicht mit letzter Sicherheit als
jener Kurienadvokat identifiziert werden kann, so spiegeln die lokalen Urkunden aus
der Konstanzer Stadtgeschichte jener Zeit doch ein Bild, das auch auf den ‘Ring’ als
Ganzes zutrifft: die Zerrüttung uralter Ordnungs- und Autoritätsvorstellungen.
der Urkunde: „Ego, Hainricus Aichhorn de Liechtenstain, clericus Constanciensis diocesis et publicus
auctoritate imperiali notarius.“
26 Das folgende Quellenzitat stellt eine Abschrift aus dem 16. Jahrhundert dar. Lutz entnimmt sie dem
nicht edierten Kopialbuch des Augustinerklosters, in: StA Kn, A. II. 50 (= Kopialbuch Augustinerklos-
ter), Fol. 372v-373v.
Vgl. Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 82: „hora primarum vel [...] in domo periti viri magistri Hainrici de
Wittenwil, advocati curie Constantiensis, in aula superiori eiusdem domus , in mei, notarii publici, et
testium subsriptorum presentia personaliter constitutis venerabilibus et religiosis in Christo domino
Conrado Burgtor penitentiaro et domino Vlrico Burgtor priore pro se et toto conventu fratrum heremi-
tarum sancti Augusti Constantiensis ex una et Johanne dicto Zinsmaister seniore, Cunrado Husel-
man et Cuntzlino Altwegger, honoribus seu parochianis in Birabingg, pro se et aliis parochianis ibi-
dem [...].“
Wie oben erwähnt, ist die Urkunde eine über hundert Jahre später abgeschriebene Fassung, neben
der auch einige mittelhochdeutsche Übersetzungen existieren. Aus Gründen der äußeren Quellenkri-
tik in betreff der Abfassungszeit und des möglicherweise parteiischen Kopisten muß damit gerechnet
werden, daß dieser Text vom nicht mehr vorhandenen „Original“ abweicht.
27 Zur Herkunft der Quelle siehe obige Anmerkung.
„Acta sunt hec anno, die, hora, mensi, pontificato, jindicatione et loco quibus supra presentibus hon-
orabilibus viris magistro Hainrico de Wittenwil, advocato curie Constantiensis predicto, domino Her-
manno Keller, cappellano in Liechtenstaig, domino Johanne, plebano in Lomass, Cunrado Hagen,
pronunc advocato civitatis Constantiensis, et Bomul dicto Widen, civibus Constantiensibus [...].“
Da sich das Prädikat KRQRUDELOLV auf alle hier angeführten Zeugen erstreckt, hat es keine Signifikanz
für die Unterscheidung von Personen.
28 Dieser Bomul, genannt Wide, ist laut Lutz identisch mit dem oben erwähnten Guido Guidoni genannt
Bumel und ist in den Ratsbüchern meist als Wid(e) verzeichnet.
Vgl. Lutz, Ebd., S. 82, Anm. 155.
Solche Substitutionen der eigentlichen bürgerlichen Namen durch Rufnamen scheinen zu dieser Zeit
so üblich gewesen zu sein, daß offenbar selbst die Kanzleischreiber bei Angabe nur des Rufnamens
eine stadtansässige Person für hinreichend gekennzeichnet hielten.
32
III. Kritik einiger Forschungspositionen
3.1 Hundert Jahre ältere und neuere Forschungsansätze zwischen extremer
Ablehnung und Zustimmung
Bevor die poetischen und hermeneutischen Schwierigkeiten des Romans einer
eingehenden Untersuchung unterzogen werden, sollen zunächst nach einer kurzen
Darstellung der frühen Ring-Forschung einige der erheblich voneinander abweichen-
den, oft widersprüchlichen Einschätzungen der neueren Arbeiten zur Sprache kom-
men. Damit soll der Blick für die generellen Deutungsprobleme der in vielfacher Hin-
sicht rätselhaften Dichtung geschärft und zugleich in die engere Problematik von Vor-
rede, Programm und Realisierung eingeführt werden.
Aus Gründen vorwiegend ahistorischen, einseitig moralisch geprägten Urteilens
steht fast die gesamte ältere Philologenschar seit der ersten von Ludwig Bechstein e-
dierten Ausgabe von 1851 bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts dem ‘Ring’
in schroffer Ablehnung gegenüber. Affektgeladene Urteile und Wertungen wie „pöbel-
hafte Dichtung“ (Menzel 1858)29, „gemütlose Kotmalerei“ (Greyerz 1928)30, „ungeheure
Zoten und wüste Schweinereien“ (Gervinus 1853)31, „Gipfel des Unflats“ (Ehrismann
1925)32, „fußtief schreitet er in Kot und Schlamm“ (Ermatinger 1933)33 zementieren ein
Verdikt, demzufolge der poetisch vielleicht anspruchvollste Roman des deutschen
Spätmittelalters beinahe ein Jahrhundert lang relativ unbeachtet blieb. Diese Situation
änderte sich allmählich in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren, als sich die
germanistische Philologie verstärkt der Literatur des späten Mittelalters zuwandte.34
29 W. Menzel, Deutsche Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit, Bd. 1, Stuttgart 1858. Zitiert
nach Jürgen Belitz, Studien zur Parodie in Heinrich Wittenwîlers „Ring“ [phil. Diss. Mainz 1976],
Göppingen 1978 (= GAG, 254), S. 11.
30 Otto von Greyerz, „Schweizerische Dichtung“, 5/ 3, Berlin 1928/29, S. 232. Die folgenden Zitate bis
Ermatinger wurden entnommen aus: Jürgen Bachorski, Das System der Negationen in Heinrich Wit-
tenwilers 'Ring', in: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 80 (1988),
S. 469-487; hier S. 469.
31 Georg Gottfried Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, Leipzig 18534, S. 2.
32 Gustav Ehrismann, Der Geist der deutschen Dichtung im Mittelalter, Leipzig 1925, S. 38.
33 Emil Ermatinger, Dichtung und Geistesleben in der deutschen Schweiz, München 1933, S. 78.
34 Vgl. über die sich wandelnden Aussagen der Philologen im Laufe der Forschungsgeschichte Jürgen
Belitz, Studien zur Parodie, S. 10 ff.
33
Unter den Philologen mehren sich jetzt die Stimmen derer, die in höchsten Tönen Wit-
tenwilers Witz und Virtuosität schätzen. Vor allem aber Edmund Wießner hat sich um
einen Neuanfang in der Geschichte der 'Ring'-Forschung verdient gemacht. Die von
ihm edierte kritische 'Ring'-Ausgabe von 1931 bietet bis heute die unerläßliche textliche
Voraussetzung für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit dem 'Ring'. Fünf Jahre
später folgt aus seiner Hand ein gründlich erarbeiteter Stellenkommentarband mit zahl-
reichen Verweisen auf die umliegende mittelalterliche Literatur.35
Seit Wießners 1936 erschienenem Kommentar zum Prolog des 'Ring' hat sich
immer wieder die jüngere Forschung um seine Analyse und Deutung bemüht.36 Zwei
einander extrem entgegengesetzte Positionen bei der Auffassung, ob und in welchem
Maße der Prolog für die Deutung des Romans fruchtbar gemacht werden kann, neh-
men Christoph Gruchot und Bernwart Plate ein. Während Gruchot meint, das „Konzept
seines [Wittenwilers] Buches im Prolog“ als „eine Art Gebrauchsanweisung für eine op-
timale Nutzung des 'Ring'“ lesen zu können und den „Prolog als Schlüssel zum Werk“
versteht37, hält Plate Wittenwilers Vorrede für eine „nicht ausschlaggebende Interpreta-
tionsgrundlage - weder hinsichtlich des JHSDXUHQ-Begriffs noch hinsichtlich der OHU
(...)“.38
Mit diesen beiden einander ausschließenden Interpretationsansätzen ist die
Trennungslinie skizziert, die die 'Ring'-Forschung in zwei intransigente Grundpositio-
nen aufteilt. Wenngleich die dem Text eigenen Rezeptionsschwierigkeiten auch für den
35 Edmund Wießner: Kommentar zu Heinrich Wittenwiler, (unveränderter reprographischer Nachdruck
der Ausgabe Leipzig 1936), Darmstadt 1964.
36 Ausführlicher besprechen den Prolog: Ulrich Gaier, Satire, Studien zu Neidhart, Wittenwiler, Brant
und zur satirischen Schreibart, Tübingen 1967; hier bes. S. 99-113.
Vgl. Winfried Schlaffke, Heinrich Wittenweilers Ring, Komposition und Gehalt, [phil. Diss. Hamburg]
Berlin 1969 (= phil. Stud. und Quellen, 50); hier S. 9-14.
Vgl. Jürgen Babendreier, Studien zur Erzählweise in Heinrich Wittenwilers 'Ring', [phil. Diss.] Kiel
1973; hier S. 217-245.
Vgl. Jürgen Belitz, Studien zur Parodie; hier S. 27-41.
Vgl. Kristina Jürgens-Lochthove, Heinrich Wittenwilers 'Ring' im Kontext hochhöfischer Epik, [phil.
Diss. Bochum] Göppingen 1980 (= GAG, 296); hier S. 85-88.
Vgl. Christa Maria Puchta-Mähl, „Wan es ze ring umb uns beschait“, Studien zur Narrenterminologie,
zum Gattungsproblem und zur Adressatenschicht in Heinrich Wittenwilers 'Ring', [phil. Diss. Kiel
1983] Heidelberg 1986; hier S. 205-210.
Vgl. Christa Wolf Cross, Magister ludens, Der Erzähler in Heinrich Wittenwilers 'Ring', Chapel Hill
1984 (= Univ. of North Carolina Studies in the Germanic Languages and Literatures, 102); hier S. 5-
16.
Vgl. auch Christoph Gruchot, Heinrich Wittenwilers 'Ring', Konzept und Konstruktion eines Lehrbu-
ches, [phil. Diss. Mannheim] Göppingen 1988 (= GAG, 475); hier S. 59-89.
Ursula Seibt, Das Negative als didaktisches Mittel in Heinrich Wittenwilers „Ring“. [Inaug.-Diss.] Bo-
chum 1975.
Vgl. den Forschungsbericht von Ortrun Riha, Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers 'Ring'; hier S.
93-99.
37 Christoph Gruchot, Heinrich Wittenwilers 'Ring', S. 6.
38 Bernward Plate, Narren- und Ständesatire in Heinrich Wittenwilers 'Ring' in: DVjs 48 (1974), S. 69.
34
lernwilligsten Leser keineswegs übersehen werden, nimmt die eine den im Prolog insi-
nuierten Lehrbuchcharakter ernst und deutet das Werk grundsätzlich aus der didakti-
schen Perspektive. Die zweite sehr viel kleinere Gruppe bezieht dagegen die explizit
gegebenen Lehren des zweiten Teils in eine mehr sprach- und literaturkritisch ausge-
richtete Perspektive ein, hebt stärker den satirischen, ironisch-spielerischen Charakter
des Romans hervor und schwächt damit den didaktischen Aspekt ab oder hält ihn wie
Plate für eine Finte Wittenwilers bzw. für eine Antilehre.
Genau genommen verbirgt sich hinter diesen Ansätzen die FUX[LQWHUSUHWDWLRQLV
des 'Ring'.39 Sie besteht darin, eine Antwort auf die sich aufdrängende Frage nach
dem strukturellen Verhältnis von im Prolog proklamierter, vermeintlich ernsthaft ge-
meinter Didaxe und der überwiegend derb-komischen G|USHUHandlung zu geben.40
Die Auffassungen der Forschung über das Verhältnis von Lehre und Handlung reichen
von einer Kontrast- oder Stützfunktion der Handlung für die Lehre über eine strukturelle
Interdependenz und eine unverbundene Koordination bis hin zu der Annahme, daß
sich beide Bereiche wechselseitig aufheben. Dabei nehmen die Vertreter der Stütz-
funktions- und der Koordinationsthese ausdrücklich oder stillschweigend die Prolog-
aussagen ernst, wohingegen die Anhänger der Interdependenz- und der Aufhebungs-
these stärker auf die den Prolog relativierenden Widersprüchlichkeiten der Erzählung
verweisen. Ausgehend von meiner These, daß der 'Ring' ein radikal skeptischer Ro-
man ist, der sich gegen moralische und didaktische Deutungsversuche verschließt, sol-
len nachfolgend einige Forschungspositionen exemplarisch benannt und kritisiert wer-
den.
39 So fragt etwa schon Wießner in seiner Ausgabe S. 7: „Sollen wir also Heinrich Wittenwiler aufs Wort
glauben, daß er die Narrenkappe nur zu dem Zweck um die Schultern warf, um als Sittenprediger
'desto sanfter zu bekehren' (Z. 38)? Oder benützte vielmehr der Schalk all den lehrhaften Pomp nur
als Deckmantel, um in dieser Vermummung seiner kecken Laune desto toller frönen zu können?“
40 Es scheint bei dieser Frage um ein prinzipielles hermeneutisches Erkenntnisproblem zu gehen. Las-
sen sich hinter den Scherzen und schwankhaften Szenen insbesondere im ersten und dritten Teil
des Romans gültige Verhaltensregeln ableiten oder unterläuft die besondere Wittenwilersche Erzähl-
technik die in der Vorrede in Aussicht gestellte Didaxe?
35
3.2 Der ’Ring’ als Didaxe
Es muß an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, daß in der Forschung Un-
einigkeit darüber herrscht, was unter dem Begriff Lehre im 'Ring' verstanden werden
soll. Wittenwiler schreibt im Prolog, er habe zwar das JSDXUHQ JHVFKUDL mit der OHU
vermischt (V. 36 f.), wolle aber zur Vermeidung von Mißverständnissen die ernst ge-
meinten Stellen mit einer roten Farblinie, die rein spaßhaften mit einer grünen Farblinie
kennzeichnen. Auf diesen beiden Textebenen soll sich dem Leser nun die Didaxe des
ganzen Narrenromans scheinbar problemlos erschließen:
*HVFKDLGHQGRFKPLWYDUZHQ]ZDLQ
'LHURWGLHLVWGHPHUQVWJHPDLQ
'LHJUQHU]DLJWXQVW|USHOOHEHQ V. 39 ff.
Wie des weiteren noch am Einzelbeispiel gezeigt wird, verschließen sich viele
vermeintlich lehrhaften Passagen einer im Prolog suggerierten eindeutigen Interpreta-
tion oder rufen sogar Befremden hervor. Als Beispiel für die befremdliche Art, in der
Wittenwiler autorisierte Lehren vermittelt, sei an dieser Stelle die religiöse Unterwei-
sung genannt, die Lastersak Bertschi zuteil werden läßt. Die von ihm zitierten theologi-
schen und kirchenrechtlichen Lehren sind zu formelhafter Dogmatik erstarrt. Aus die-
sem Grund kann Lastersak die Beichtformel als eine öffentliche und zugleich private
bezeichnen. So können sie in einer Weise abgefragt, auswendiggelernt und aufgesagt
werden, daß sie unmöglich die innere Bußfertigkeit des Laien indizieren:
+|UULFKSLQQRFKXQJHZLFKW
8QGKDQJHOHUQWGLHRIIHQSLFKW
3HLGHUVHOEHQOHUQWPDQZRO
:LHHLQHUKDLPOLFKSHLFKWHQVFKRO
'LHVSULFKQUQDFKVDPLFKGLUVDJ
8QGEKDOWVHLDXIGHQOHVWHQWDJ 4076 ff
Die in Prosa verfaßte Beichtformel ähnelt einer religiösen Pflichtübung, die ihre
Signifikanz in dem Maße einbüßt, wie sie sich im ritualisierten Nachvollzug erschöpft.
Der Sünder bekennt sich schuldig, mit allen fünf Sinnen in Werken und Gedanken ge-
sündigt zu haben gegen die Zehn Gebote, die Sechs Werke der Barmherzigkeit, die
Sieben Sakramente, die Sieben Gaben des Heiligen Geistes.41 Um nur ja nichts aus-
zulassen, schließt die Beichtformel am Ende auch noch die Vergehen ein, die der Sün-
der unwissentlich begangen hat (V. 30 f.). Am Ende der Formel bereut er alles und ap-
41 Vgl. Wießner, Ausgabe, S. 149 f.
36
pelliert an alle Fürsprecher - Maria, alle Heiligen und Priester - um Vergebung der
Sünden:
:LHLFKPLFKYHUVFKXOWKDQHVVHL
ZLVVHQGRGHUYHUJHVVHQGD]LVWPLUODLG
XQGUZHWPLFKYRQJDQW]HPPHLQHP
KHUW]HQXQGSLWWPHLQIUDZHQVDQW0DULHQ
XQGDOOHJRWWHVKDLOLJHQXQGHXFKSULHVWHU
GD]LUPLUJQDGXQGDQWODVVPHLQHU
VQGXPEJRWGHUZHUEHQWXQGQDFKGL
VHPOHEHQGLHHZLJHQVlOLFKDLW$PHQ V. 30 ff.
Lastersaks nun folgende Ausführung stellt eine vollkommene Destruktion aller
der von ihm gegebenen theologischen Lehren dar, insofern er das Fundament ihrer
Glaubwürdigkeit radikal in Frage stellt. Zunächst kennzeichnet er im Widerspruch zur
obigen Definition von RIIHQ und KDLPOLFK die zitierte Beichtformel als JHPDLQ (V.4084),
das heißt allgemein, also öffentlich. Wenn Bertschi dem Priester privat beichten wolle
(V.4085 ff.), so soll er ihm alle seine Sünden DLJHQOHLFKPLWJDQW]HUUHZ (V.4090) be-
kennen. Tue er das nicht, verfalle er wie ein Jude Gottes Zorn.
Der Beichtformel, die die zuvor von Lastersak genannten Lehren wie die Zehn
Gebote, die Trinitätslehre, die Sieben Gaben des Heiligen Geistes noch einmal mit ih-
ren Oberbegriffen benennt und damit LQ QXFH die gesamte Kirchenlehre abstrakt zu-
sammenfaßt, wird die Privatbeichte entgegengesetzt, für die es kein Sprechmuster ge-
ben kann. Sie entspricht den „eigentlichen“ moralischen Vergehen eines bestimmten
Sünders und unterliegt doch demselben Handel wie die Beichtformel und alle anderen
aufsagbaren Lehrsätze. Denn die Bedingung für ein erfolgreiches Gelingen im Sinne
einer Sündentilgung besteht darin, daß alle Sünden restlos aufgesagt werden müssen.
Würde auch nur eine Sünde ausgelassen, so zöge das augenblicklich die Verdammnis
nach sich: 7XRVWGD]DOOHVVDPHQWQLFKW6RZLVVGHLQSHLFKWHQLVWHLQZLFKW(V. 4094 f.).
Daß etwas DLJHQOHLFKPLWJDQW]HUUHZ gesagt wird, ist unter dieser Vorausset-
zung geradezu unsinnig und närrisch. Jeder muß der Verdammung verfallen, weil er
niemals ganz sicher sein kann, ob er auch alle seine Sünden restlos gebeichtet hat. Ist
doch nichts einfacher als ein paar auswendig gelernte Sätze aufzusagen, dagegen
nichts schwieriger, als alle Sünden, die man je begangen hat, namentlich aufzuzählen.
Demnach bedeuten die katalogartigen Kirchenlehren DLJHQOHLFK überhaupt nichts. Je-
der kann sich ihrer bedienen, auf das Seelenheil hoffen, ohne sein Inneres im gerings-
ten zu offenbaren. Der rein pragmatische Gebrauch dieser Lehren nivelliert jeden mo-
ralischen Unterschied, ja setzt sogar das Moralische als Bewertungsmaßstab außer
Kraft.
37
Was also bleibt von der Lehre Lastersaks bestehen? Vielleicht die sprachtheo-
retische Einsicht, daß das Beichten, das sich zu einem Konglomerat verfügbarer Leh-
ren verfestigt hat, zu einer symbolisch-rituellen Pflichtübung degradiert ist. Dem Aufsa-
gen der Glaubensformeln kommt somit ein ausschließlich rhetorischer Funktionswert
zu. Löst sich die Form vom Inhalt wie bei der öffentlichen Beichte, oder dominieren
umgekehrt nur noch inhaltliche Fälle die Form wie bei der Privatbeichte, hebt sich der
ursprünglich mit dem Bekenntnisakt intendierte Vermittlungszweck auf. In diesem Bei-
spiel ersetzt die Quantität vollkommen die Qualität. Bertschi kann von Lastersak nicht
belehrt werden, weil die fertigen Lehren einen Vermittlungsprozeß ausschließen und
sich hermetisch gegen jede Veränderung und Besonderheit abschotten.
In der Prosabeichtformel sind nur am Anfang vor Beginn der ersten Zeile, in der
Mitte als Satzanfangsmarkierung und dann am Schluß durchgehend die letzten sieben
Zeilen mit der roten Farbe des Ernstes versehen. Daraus ergibt sich folgende Lesart:
Ich bekenne mich erstens schuldig (rot/grün), gegen alle Kirchenlehren verstoßen zu
haben (grün), und ich bekenne mich zweitens schuldig (rot/grün) aller möglichen Sün-
den, die ein Mensch überhaupt nur begehen kann (grün). All das reut mich von gan-
zem Herzen, und deswegen fordere ich drittens, daß mir die Gottesmutter Maria und
alle Heiligen nach Kräften helfen mögen (rot).
Liest man nur die rot markierten Stellen, bewegt sich die Aussage in einem Zir-
kel von Tautologien und Variationen. Die erste Zeile lautet: „Ich sündiger Mensch be-
kenne mich schuldig [...].“ Bis Zeile 17 folgen die Namen der Kirchenlehren, gegen die
der Sünder verstoßen haben will. Die zweite Markierung in der Mitte der Zeile 17 steht
vor dem Satz, der wie folgt beginnt: „Ich bekenne auch, daß ich gesündigt habe [...]“.
Darauf folgt die Nennung der fünf Sinne und eine Aufzählung abstrakter Sünden. Die
letzten Zeilen enthalten die Bitte um Sündenerlaß. Zusammenfassend liest sich die
Aussage wie folgt: „Ich sündiger Mensch bekenne mich schuldig, und ich bekenne
mich schuldig, gesündigt zu haben, ich bereue und bitte um Vergebung.“ Das Substrat
davon gleicht einem floskelhaften Sprechakt: „Ich bereue alle Sünden und bitte um
Vergebung“. Demnach ist alles andere überflüssiges Beiwerk.
Aber auch die durchgängig rot markierten Stellen des Romans, denen lehrhaf-
ter Charakter zugebilligt werden kann, weichen schon allein hinsichtlich ihrer unter-
schiedlichen Herkunft und Wertigkeit beträchtlich voneinander ab. Für ebenso wis-
senswert werden die einfachen lebenspraktischen Ratschläge des Bauernturniers42
gehalten wie die in höfischer Formelsprache abgefaßten Minnebriefe durch die „Dorfin-
42 Dazu zählen beispielsweise der Ratschlag, dem ziellos in alle Richtungen laufenden Esel Hagen die
Augen zu verbinden, damit er geradeaus laufe (V. 497 ff.) wie die später von Bertschi (V. 615 ff.)
schmerzlich bestätigte Erfahrung von Kunz vom Stadel (V. 339 ff.), daß der Turnierreiter umso eher
ohnmächtig wird, je fester er sich an seinen Esel binde.
38
telligenzen“43 Henritze Nabelraiber (V. 1878-1912) und den Arzt Chrippenchra (V.
2261-2554). Überdies ist die in der Form einer additiven Reihung gegebene Unterwei-
sung in die konventionell-christliche Laiendogmatik durch den Narrenbauern Lastersak
(V. 3943-4187) rot markiert. Zudem gehören die militärtechnischen Ratschläge des
Nissinger Bürgermeisters Strudel (V. 8107-8563) und die an einer Fülle von Einzelfäl-
len kasuistisch zergliederte Tugendlehre von Übelgsmach (V. 4410-4962) zu den
ernstzunehmenden Lehren.
Puchta-Mähl nimmt die lehrhafte Intention der Prologaussage in allen Punkten
ernst. Da sie weitgehend paraphrasierend dem Text der Vorrede folgt, gibt sie zuguns-
ten einer gewollt monokausalen Deutung die darin enthaltene Mehrdeutigkeit preis. Am
deutlichsten drückt sich dieser selbstauferlegte Zwang, zu einer alle Probleme restlos
auflösenden Interpretation vordringen zu wollen, in dem angestrengten Bemühen aus,
die im Prolog angesprochenen roten und grünen Farblinien am Rande der Handschrift
vollkommen plausibel zu erklären. Dafür erstellt sie ein Schema aus fünf verschiede-
nen „Spielarten der Didaxe“, mit dem alle im Text vorkommenden rot angestrichenen
Stellen kategorial erfaßt werden sollen.44
Doch schon bei einem oberflächlichen Blick auf den Text verwirren die Farbli-
nien eher das Verstehen, als daß sie, wie im Prolog angegeben, 'LHURWGLHLVWGHP
HUQVWJHPDLQ'LHJUQHU]DLJWXQVW|USHOOHEHQ(V. 40 f.), eine problemlose Orientierung
böten. So ist mit der roten Farbe des Ernstes nicht nur das Mätzli von dem Arzt Chrip-
penchra empfohlene Rezept zur Vortäuschung ihrer verlorenen Jungfräulichkeit mar-
kiert (V. 2211 ff.). Brisanter, weil beim Leser leicht der Eindruck einer blasphemischen
43 Zu den Briefen im ’Ring’ vgl. Helmut Brackert, 'DVWXRQWGD]PLQQHZROJH]DP0LQQHEULHIHLPVSlW
K|ILVFKHQ5RPDQin: ZfdPh 93 (1974) Sonderh., S. 1-18; hier bes. S. 15-17.
Brackert geht allerdings davon aus, daß Wittenwiler den vermeintlich regelwidrigen Minnebriefen der
beiden Analphabeten Mätzli und Bertschi regelrechte Minnebriefe von Nabelraiber und dem Bader
entgegenstellt und behauptet dennoch, daß die Briefe Bertschis und Mätzlis, aber eben auch der des
Baders, Parodien seien.
Indes sind alle vier Briefe fehlerhaft. Bertschi hält das vorgeschriebene Schema fast vollständig ein,
Mätzli übertrifft ihn sogar noch in der Einhaltung der formalen Regeln, beide äußern aber ihre sexuel-
le Begierde zu unverblümt, so daß sie aus dem für das Genre gebotenen hohen Ton fallen. Der Brief
des Baders sprengt in rhetorisch formaler, inhaltlicher und quantitativer Hinsicht das Maß und die
Regeln eines mustergültigen Minnebriefes. Dagegen erfüllt der Schreiber Nabelraiber perfekt das
vorgeschriebene Muster, bedient sich jedoch des geblümten Stils in einer Weise, daß sich im Ver-
gleich zu Bertschis klarem Ausdruck die Botschaft durch die Aneinanderreihung periphrastischer
Floskeln verunklärt. Eine schlichte Opposition in der Weise, daß rhetorisch und stilistisch „korrekte
Minnebriefe" den „falschen" der Analphabeten gegenüberstehen, läßt sich nicht vertreten.
Vgl. die detaillierte rhetorische Analyse bei Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 168.197.
44 Vgl. Christa Maria Puchta-Mähl, „Wan es zu ring umb uns beschait“, S. 235 f. Bei vier ihrer Beschrei-
bungstypen schreibt sie: „Die intendierte Leserhaltung ist rezeptiv“. Dabei fragt man sich beispiels-
weise, wie sich der Leser über die in der Ehedebatte diskutierte Frage rezeptiv „Klarheit verschaffen“
soll, in der „red und widerred“ (V. 3278) zu keinem greifbaren Ergebnis führen (V. 3495 ff.).
39
Verhöhnung unantastbarer Glaubenswahrheiten entstehen kann, ist die grüne Kenn-
zeichnung der als solcher ironiefreien Beichtformel (V. 4081 ff.). Merkwürdigerweise
sind dabei die erste Zeile des Prosatextes in der Mitte des Abschnitts vor einem Satz
(Z. 17) und die letzte Passage wieder durchgehend ab der Zeile 31 rot markiert. Die
Reihe der Beispiele, die ähnliche Schwierigkeiten implizieren, kann fast beliebig ver-
längert werden.45
Im Zusammenhang mit der Besprechung des Prologs befaßt sich Puchta-Mähl
ausführlicher mit der Bedeutung und dem Bezug der Wörter PlU(V. 51)und LFKWV (V.
49). Sie versteht die Verse 49 bis 52 wie folgt: Für den Fall, daß der Leser etwas (LFKWV)
in der Bauernhandlung (KLHLQ V. 49) entdecke, das weder Nutzen noch Unterhaltung
(QXW]QRFKWDJDOW V. 50) bietet, möge er es als „narrativ bedingte ‘Ereignisse’ (PlU) ver-
stehen, die erzähltechnisch notwendige Verbindungsstücke [darstellen], und nicht als
etwas, ‘was um seiner selbst willen erzählt’ ist“.46 Wie später im Kontext der Analyse
gezeigt werden soll, ist weder die Bedeutung der Worte noch ihre Referenz so eindeu-
tig zuzuordnen. „Erzähltechnisch notwendige Verbindungsstücke“ dürften selbst dann,
wenn vom Text eine solche Festlegung zulässig wäre, ummöglich zu erkennen sein.
Jürgens-Lochthove zieht die im Prolog ausgedrückte gute Absicht Wittenwilers,
in christlicher Lehre unterweisen zu wollen, nicht in Zweifel. Gleichwohl sieht sie eine
„Dissoziation“ von Prolog, Epilog und Erzählgang. Die durch den Prolog evozierte Er-
wartungshaltung beim Publikum werde enttäuscht, die ernstlich vom Autor intendierte
Dominanz der Lehre über die Handlung kehre sich durch die narrative Eigendynamik in
ihr Gegenteil um.47 Ausgehend von Vergleichen mit der hochhöfischen Epik läuft ihre
45 Am eingehendsten haben Winfried Schlaffke, Heinrich Wittenweilers Ring, Komposition und Gehalt,
[phil. Diss. Hamburg] Berlin 1969 und Helmut Funke, Die graphischen Hinweise Heinrich Wittenwilers
für das Verständnis seiner Dichtung „Der Ring“, [phil. Diss.] Münster 1973 die Schlüssigkeit der Farb-
linien nachzuweisen versucht. Allerdings schränkt Schlaffke ihre Eindeutigkeit für viele Stellen ein:
„(...) steht die grüne Farblinie, doch wäre auch die rote vertretbar gewesen (S. 29), ein Irrtum des Mi-
niators (S. 60), die grüne Farblinie muß auf einem Irrtum beruhen (S. 81), trotz des ernsten Hinter-
grundes überwiegt die grüne Farblinie (S. 84).“ Dennoch hält er unerschütterlich am Sinn der Farbli-
nien fest: „Bei der Klärung zweifelhafter Tatbestände sind die Farblinien nicht nur wichtige Hilfsmittel,
sondern sie machen das eindeutige und rechte Verständnis überhaupt erst möglich (S. 87).“Zu ei-
nem ähnlich präjudizierten Ergebnis kommt Funke
46 Christa Puchta-Mähl, „Wan es ze ring umb uns beschait“, S. 210.
47 Kristina Jürgens-Lochthove, Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Kontext hochhöfischer Epik, S. 117: "Die
Handlung gewinnt eine Eigengewichtigkeit, die sie weitgehend in Unabhängigkeit von den Erforder-
nissen der Lehre, auch hinsichtlich rezeptionspraktischer Erwägungen im Sinne Wittenwilers, zu set-
zen vermag."
40
Deutung auf die Feststellung hinaus, daß sich in dem spätmittelalterlichen Roman Wit-
tenwilers ein von seiner konzeptionellen Anlage unbeabsichtigter Traditionsbruch, ein
„Verlust der Idealität“ vollziehe, der dann durch Humor kompensiert werde.48
3.3 Der 'Ring' unter dem Blickwinkel einer Moralsatire
3.3.1 Gaiers satirische 'Ring'-Deutung
Zur Verdeutlichung der ebenso vielfältigen wie widersprüchlichen Deutungsan-
sätze werden nachfolgend nur einige Forschungspositionen kursorisch erwähnt.49 Für
Sowinski und Wessels ist die Bauernhandlung im 'Ring' von „gleichnishaft zeitlosem
Charakter“,50 für Gaier wird sie „um der erzieherischen Wirkung der Lehre willen“ un-
ternommen.51
Gaier nimmt aufgrund der in den Prologversen 42-48 gegebenen Definition ei-
nes den Bauernstand übergreifenden, närrisch geprägten Romanpersonals an, daß
Wittenwiler die Welt mittels grotesker Übertreibung unter der Maske von Bauernnarren
und im W|USHOOHEHQ habe darstellen wollen.52 Dabei behauptet er, daß der auf solche
Weise karikierte ZHOWHODXII (V. 11) grundsätzlich auf außerliterarische Narrenverhält-
nisse rückführbar sei. Kleidung, Sprache, Gebräuche und Dorfatmosphäre gehörten
zur bäurischen Maske. Sie seien dem Weltlauf übergestülpt, um den scherzhaften
Zweck zu erreichen. Alles, was sich seiner Meinung nach nicht per Analogieschluß auf
die „originale Welt“ übertragen läßt, subsumiert er unter der „‘unübersetzbaren’ Katego-
48 Ebd. S. 121: „Die Begegnung des Dichters in seiner Intention, durch sein Werk ethisch-religiös fun-
dierte Lehre zu vermitteln, mit der dargestellten Welt, die ihr oftmals widerspricht, resultiert nicht in
bitterer Kritik, sondern vermag den Verlust der Idealität humorvoll zu kompensieren.“
49 Einen summarischen Überlick über Wertungen der Forschung zur Struktur des 'Ring' bis in die sech-
ziger Jahre bietet Ulrich Gaier, Satire S. 108 f.
Er zieht allerdings den falschen Schluß aus den von ihm referierten Deutungen, wenn er ebd. S. 110
meint, daß „Hinter all diesen Ansichten (...) der Gedanke [steht], daß Lehre und dargestelltes Leben
im 'Ring' kontradiktorische, unvereinbare Widerspruchsbereiche sind“
50 Bernhard Sowinski, Der Sinn des „Realismus“, S. 21.
Vgl. auch Paulus Bernardus Wessels, Wittenwilers 'Ring' als Groteske, in: WW 10 (1960), S. 211.
Wessels räumt zwar ein, daß das „burlesk-grauenvolle Treiben der Dörper“ den Leser von der „an-
spruchsvollen Lehre“ abzulenken vermag, kommt aber ausgehend von der Klage Bertschis 'DVLFK
VRZHLVOLFKZDVJHOHUW8QGPLFKVRZHQLJGDUDQFKHUW(V. 9680 f.) am Ende des Romans zu dem
Schluß, daß die Lehre grundsätzlich über die Handlung dominiere. Nach seiner Deutung handeln die
Bauernnarren gegen die Weisheit der Lehre, die vom „weisen“ Leser aber als solche erkennbar sei.
51 Ulrich Gaier, Satire, S. 108.
52 Die folgenden Zitate wie der gesamte Abschnitt über Gaier beziehen sich auf ebd., S. 111 f.
41
rie des Lokalkolorits“. Dazu rechnet er die aufgelisteten Bauerntätigkeiten Bertschis53,
die mißglückte Verführung Mätzlis im Kuhstall (V. 1416-1477), die Hochzeitsbräuche -
die Zivilhochzeit und das Verprügeltwerden Bertschis durch die Dorfburschen (V. 5288-
92) - und die Kataloge „lächerlicher und obszöner Namen“, die er der literarischen Tra-
dition verpflichtet weiß. Alle zuletzt genannten Textpartien, bei denen sich das „Zerrbild
[...] nicht entzerren läßt“, erklärt er mit der rhetorischen Sinnfigur der HYLGHQWLD (§§ 810-
819)54.
Weil HYLGHQWLDaber eine über das notwendige Informationsmaß hinausgehende,
zum RUQDWXV(§ 538)gehörende lebhaft-detaillierte Schilderung eines Gesamtgegens-
tands (§ 810) bezeichnet, wäre eine nicht entzerrbare HYLGHQWLD geradezu eine FRQWUD
GLFWLRLQDGMHFWR. Von der Figur der HYLGHQWLD wird in weiten Teilen des 'Ring' Gebrauch
gemacht. Man denke etwa nur an die detailreiche Schilderung des orgiastischen Hoch-
zeitsfestes. Mit welcher Berechtigung soll aber die Kuhstallszene auf ihr Konto gehen
und nicht auch die anderen schwankhaften Episoden von Bertschis Werbung? Zudem
ist schwer einzusehen, weshalb ausgerechnet die bäuerlichen Bräuche und Tätigkeiten
auf den lokalen Bereich in und um Konstanz beschränkt bleiben sollen.
Gaiers unlogische Argumentation resultiert offenbar aus der Schwierigkeit, der
G|USHUHandlung sowohl einen pädagogisch-gleichnishaften als auch einen rein unter-
haltenden Charakter zuzuschreiben. Zu dieser Ansicht gelangt er durch die Gleichset-
zung von ZHOWHODXII (V. 11), über den unterrichtet werden soll :DQHV]HULQJXPEXQV
EHVFKDLW'HUZHOWHODXII(...) (V. 10f.) und dem als unernst eingestuften W|USHOOHEHQ(V.
41). Wenig überzeugend „löst“ Gaier dieses Dilemma folgendermaßen:
So wie das Bild im Zerrspiegel wieder in die originale Wirklichkeit zurückübersetzt
werden kann, wenn die Verzerrungsrichtung und -stärke bekannt ist, so soll auch das
törpelleben, in dem die Eigenschaften des Weltlaufs in grotesker Übersteigerung er-
scheinen, in die allgemeine, aber vielleicht weniger sichtbare Ordnungslosigkeit und
Tölpelei der Welt zurückverwandelt werden.
53 Bertschi kann (UUHQWU|VFKHQXQGDXFKVlQ+DNNHQVQHLGHQXQGDXFKPlQund alles, was zum
Broterwerb dazugehört (V. 3831-35).
Die Personennamen werden graphisch unverändert gemäß ihrem originalen Wortlaut übernommen.
Gegebenenfalls wird die Übersetzung in Klammern hinzugefügt.
Zu den im 'Ring' häufig sprechenden Namen und ihrer Benennungsmotivation vgl. Bruno Boesch, Die
Namenwelt in Wittenwilers 'Ring' und seiner Quelle, in: Ders., Kleine Schriften zur Namenforschung
1945-1981, Zum 70. Geburtstag hg. von seinen Schülern, Heidelberg 1981 (= Beitrr. zur Namenfor-
schung, N. F., Beih. 20), S. 310-342.
54 Paragraphenangaben sind auf Heinrich Lausberg zu beziehen: Ders., Handbuch der literarischen
Rhetorik, Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft, München 1960.
42
Wie der historische Überblick über die kulturelle Umbruchsituation der Entste-
hungszeit des 'Ring' gezeigt hat, brach das traditionell feudale Ordnungsgefüge mehr
und mehr zusammen. Demnach besteht selbstverständlich ein Zusammenhang zwi-
schen der allgemeinen Negativität und Skepsis, mit der im ‘Ring’ Personen und Dinge
gezeichnet sind, und der Suche nach neuer Orientierung in einer sozial und geistig
veränderten Welt. Doch abgesehen von der Schwierigkeit, konkrete außerliterarische
Bezüge in der Weise herzustellen, daß sie in ein Gleichnis übertragen werden können,
bleibt die Bezeichnung einer VDWLUD für Wittenwilers Roman nicht zuletzt deshalb frag-
würdig, weil sie nach mittelalterlichem Verständnis an die XWLOLWDV,d. h. an eine erkenn-
bare Besserungsabsicht gebunden ist. Joachim Suchomski schreibt dazu:
Man erblickte in der VDWLUDdie bissige Beschreibung und lächerliche Bloßstellung
aller Arten von Lastern durch einen moralisch überlegenen, aber nicht hochmütigen,
furchtlosen, aber nicht mißgünstig verleumderischen Autor, der einzig das Ziel verfolgt,
das Laster zu tadeln, um damit seine Mitmenschen zur Besserung zu veranlassen.55
Bei den Begriffen Satire und Parodie muß für die mittelalterliche Literatur der
Nutzen auf ein textuell greifbares Ethos hin transparent sein. Mit einer nur partiell über-
setzbaren, grotesken Weltbeschreibung, die auch vor blasphemischen Angriffen nicht
halt macht, läßt sich die Zuordnung zu der Gattung der VDWLUDallein nicht gründen. Es
mag angehen, Wittenwilers Schreibart satirisch zu nennen. Eine VDWLUDin dem oben de-
finierten Sinne hat im Unterschied zum ‘Ring’ ein Normensystem im Hintergrund, für
dessen Erhalt sie eintritt. Im ‘Ring’ gibt es kein ideelles Zentrum. So bleibt der Flucht-
punkt, auf den die Lehren unter der Prämisse einer Moralsatire bezogen werden müs-
sen, ein interpretatorisches Konstrukt.
3.3.2 Plates These vom 'Ring' als einer Ständesatire
Mit Bezug auf die sog. Hofzuchtlehre Übelgsmachs wendet sich Plate wie folgt
gegen Wießner, der darin nur eine Vorausdeutung auf die Tischzuchtregeln in der spä-
teren Hochzeitsorgie sieht:56 „Die Satire brandmarkt aber zugleich ‘aristokratisches’
und ‘dörperliches’ Verhalten."57 Was aber passiert, wenn die Satire die Substanz des
55 Joachim Suchomski, <Delectatio> und <Utilitas>, Ein Beitrag zum Verständnis mittelalterlicher komi-
scher Literatur, Bern und München 1975, S. 205.
56 Wießner, Kommentar, S. 178 zu V. 4852.
57 Bernward Plate, Narren- und Ständesatire, S. 64.
43
Standesbegriffs aushöhlt und die logischen Bezüge außer Kraft setzt? Kann man dann
immer noch von einer Ständesatire sprechen, oder muß nicht vielmehr die Sprache als
satirischer Gegenstand in den Blick genommen werden?
Um diese Frage zu beantworten, soll nachfolgend eine der schwierigsten Stel-
len des ‘Ring’ analysiert werden. Es handelt sich um die letzten Verse von Straubs Ge-
sundheitslehre, in denen er scheinbar die Differenz von Adels- und Bauernstand an-
spricht. Doch zunächst zur „Hofzuchtlehre“ Übelgsmachs. Er weiß zur KRI]XFKW (V.
4854) folgendes zu sagen:
%HJHUWHUGD]VRLVWPHLQUDW
'D]HUVLFKVHOE]HKRIHPDFK
'DOHUQWHU]XFKWDQPDQLJHUVDFK
3HLKHQUHQOHUQWPDQJDW]JHQ
3HLVZHLQHQVHXZLVFKVPDW]JHQ
'RFKVRVSULFKWPDQRIWXQGYLO
:HUHLQKRIPDQZHUGHQZLO
'HUKDEHLQQSDXUHQLQGHPVLQQ
8QGZHVGHUJSlXULVFKLPEHJLQQ
6RWXRGD]ZLGHUZlUWOLFKVFKLHU
'HVZLUWHUKRIOHLFKXQGJH]LHU
$OVRPDJLFK%HUWVFKLQVDJHQ
:LOHUVLFKQDFK]FKWHQKDEHQ
'D]PJHUOHUQHQVDPPDQVSULFKW
%HLVHLQHUKRFK]HLWREVHLJVFKLFKW V. 4856 ff.
Übelgsmachs Rede setzt sich aus drei Teilen zusammen. Der erste Teil bis
Vers 4860 greift offensichtlich das bäuerliche Verhalten der Aristokraten am Hof an.
Bertschi, der Bauer, dem eine Hofzuchtlehre erteilt wird, soll sich zu Imitationszwecken
an den Hof begeben, um dort etwas zu erfahren, das ihm Hühner und Schweine auf
seinem Bauernhof ebensogut beibringen könnten. Demnach lautet der Befund: Ein
Bauer geht an einen Hof, um sich in adliger Kultur unterrichten zu lassen und trifft dort
auf ebenso bäuerliche, d.h. bestialische Verhaltensweisen wie zu Hause auf seinem
Gutshof. Ob Bauer oder Adliger, alle sind Bestien, die einen Schweine, die anderen
Hühner. Er bewegt sich also im Kreis, was bedeutet, daß er sich gar nicht bewegt,
sondern auf der Stelle tritt. Bauer und Adliger sind referenzlose Worte, deren rhetori-
scher Wert darin besteht, die Differenzlosigkeit einer nominellen Differenz zu zeigen.
Der zweite Teil ab Vers 4861, eingeleitet mit einem adversativen „doch“, ver-
kündet wieder eine Meinung in Form einer proverbiellen Weisheit: 'RFKVRVSULFKWPDQ
RIWXQGYLONun braucht man nicht zu reisen, um eine Erfahrung zu machen. Jemand,
der höfisches Verhalten lernen möchte, imaginiere einfach bäuerliches Verhalten, keh-
re es um, und schon werde er KRIOHLFKXQGJH]LHU. Aber was ist bäuerliches Verhalten,
und wie soll es ausgerechnet der Bauer wissen, der die höfische Zucht doch erst als
etwas anderes kennenlernen muß, um überhaupt ein Differenzkriterium zu gewinnen?
44
Auch ein Hofmann bildet sich nur ein zu wissen, was mit dem Prädikat „bäuerlich“ ge-
meint sei. Er stigmatisiert damit jedes Gebaren, das seiner Meinung nach von der höfi-
schen Zucht abweicht. Für ihn ist das Erkenntnisverfahren also ebenso überflüssig wie
für den Bauern, der sich auch immer nur das vorstellt, was er zu kennen glaubt. Eine
Änderung des eigenen Verhaltens würde eine Selbsterkenntnis voraussetzen, die nur
gelänge, wenn man aus dem Gehäuse der auf sich selbst bezogenen Vorstellungen
ausbrechen könnte. So aber dient das Fremde der Bestätigung des Eigenen. Wahr und
wirklich ist das, was „man“ sich als wahr und wirklich vorstellt. So können konträre Vor-
stellungsinhalte unter demselben Begriff subsumiert werden. Bekräftigt wird dadurch
immer nur die Richtigkeit des Eigendünkels. Nun bewegt sich also der zu Belehrende
in seiner Vorstellung im Kreis.
Der dritte und letzte Teil ist durch ein syllogistisches „also“ eingeleitet. Er imitiert
einen Sprechgestus, der eine zwingende Schlußfolgerung aus den ersten beiden Ar-
gumenten erwarten läßt. Diese Argumente sind aber schon an sich selbst und zugleich
zueinander gegensätzlich gebaut: an sich selbst insofern, als ihre Ergebnisse im ersten
Fall kontraproduktiv, im zweiten überflüssig sind; zueinander insofern, als formal im
ersten Teil äußerlich Ähnliches imitiert und im zweiten innerlich Gegensätzliches vor-
gestellt werden soll.
Im dritten Teil wird Bertschi beschieden, daß er sich vornehm benehmen könne,
wenn er an seiner eigenen Hochzeit teilnehme. Nun kann aber nur jemand aus dem
bevorstehenden orgiastischen Fest Verstöße gegen die Tischzuchtsitten feststellen,
der diese schon im vorhinein kennt. Übelgsmach äußert sich aber ebensowenig dazu
wie zu irgendeiner höfischen Verhaltensregel. Zudem schließt sich hier der Kreis zum
ersten Teil. Denn hinsichtlich Bertschis Hochzeit gilt derselbe Spruch wie für den aris-
tokratischen Hof: 3HLKHQUHQOHUQWPDQJDW]JHQ3HLVZHLQHQVHXZLVFKVPDW]JHQ (V.
4859 f.).
Es bleibt festzuhalten, daß die substantielle Differenz zwischen dem Bäuerli-
chen und dem Höfischen überhaupt nicht thematisch wird. 'D]ZLGHUZlUWLFKdas Ge-
gensätzliche also, beschränkt sich auf das Benennen nominaler Etikette von Sachver-
halten, deren Gehalte in der Weise unbegreifbar sind, daß der eine abstrakte Begriff
gegen den anderen ausgetauscht werden kann. Auch der am Ende erwähnte Begriff
„Hochzeit“ unterstreicht die Ambivalenz abstrakter QRPLQDhinsichtlich ihrer referentiel-
len Bedeutung. Hochzeit kann Bauernhochzeit oder höfisches Fest sein. Ob Schwein
oder Huhn, beide gehören zur selben Gattung. Bäuerlich oder adlig scheinen eher Vor-
stellungsinhalten als wirklichen Eigenschaften zu entsprechen.
45
Straubs Rede über die Gesundheit endet mit den Worten:
=HOHVWHQZLVVGD]HLQVYRQPLU
:D]GHUPDQYRQKHUW]HQJLU
*HUQVLQJWGD]LVWVHLQJVDQN
/XVWOHLFKWULQNWGD]LVWVHLQVSHLV
'DUXPEVRVDJHWXQVGHUZHLV
:ROOXVWXQGJHZRQKHLW
)lOVFKHQWNXQVWXQGJUHFKWLJNDLW
8QGYHUNHUHQWGLHQDWDXU
'D]DXVVGHPHGOHQZLUWHLQJSDXU
(LQJSDXUGHUZLUWHLQHGHOPDQ
'HUVLFKGDUQDFKJHZHQHQFKDQ V. 4390 ff.
Die Schwierigkeit bei dem Versuch, diese Stelle angemessen zu deuten, ergibt
sich aus der Bedeutung der Abstrakta ZROOXVWJHZRQKDLWNXQVWXQGJUHFKWLJNDLWUn-
verständlicherweise versteht Plate den Begriff der JUHFKWLJNDLW als „Standesrecht", den
der QDWDXU als Standesnatur. Er setzt NXQVWJHUHFKWLNDLW und QDWXU als Gegenbegriffe zu
JHZRQKDLW58 Da er in dem Ganzen eine sozialkritische Reflexion sieht, kommt er zu
dem Ergebnis: „Der Text adressiert sich wieder zweifach; die Hocharistokratie wird
aufgefordert, den Stand zu erfüllen, die G|USHU, durch WXJHQW aristokratisch zu wer-
den.59
Im Gegensatz dazu sehe ich die Referenzen nicht so eindeutig fixiert wie Plate.
In den ersten vier Versen des obigen Zitats verfallen alle vorherigen Ratschläge dem
willkürlichen Lustprinzip. Die simple, nicht systematisierbare Botschaft lautet: Tu, was
du willst. Der Kausalnexus, der zwischen diesem Wahlspruch und dem Folgenden her-
gestellt wird, bezieht sich auf ZROOXVW und JHZRQKHLW Diese sind der NXQVW und der JH
UHFKWLNDLWentgegengesetzt. Soweit gibt es keine semantischen Probleme. Wollust sta-
chelt immer wieder zu einer Tätigkeit an, wonach die unersättliche Herzensgier ver-
langt. Sie ist „von Natur aus“ individuell verschieden und potentiell anarchisch. Kunst
und Gerechtigkeit stehen dagegen im kulturellen Kontext der Soziabilität. Kultur und
Rechtsordnung unterliegen laufenden Veränderungen, deren Impulse aus dem Bereich
der individuellen Ambitionen an sie herangetragen werden. Das „Fälschen“ kann die-
sen produktiven Prozeß bezeichnen, denn eine in sich völlig durchsystematisierte und
kodifizierte Ordnung erstarrt und verfällt.60
58 Vgl. ebd. S. 64 ff.
59 Ebd. S. 65.
60 Ebd. S. 64. Vgl. dazu auch Gaier, Satire, S. 179. Mit Rekurs auf die oben zitierte Stelle spricht Gaier
ebd. von einer Harmonie zwischen geistiger und natürlicher Ordnung: „Aus der unverfälschten Natur
fließen also die richtigen Instinkte bezüglich Gesang, Trank und Speise. Diese instinktive triebsichere
Natur ist so, wie Gott sie geschaffen hat, und sie kann in Harmonie mit dem geistigen Teile treten.
Das ist der Mensch, den Wittenwiler - ebensowenig wie den Bauern im ständischen Sinne - als H
GHOPDQ bezeichnet. Wollust, Triebexzeß und falsche Gewöhnung verkehren die Natur, und so ent-
46
Prinzipiell undeutbar im Sinne einer eindeutigen Bedeutungsfestlegung wird die
Passage durch die Ambiguität der Begriffe Gewohnheit und Natur. Mit Natur kann die
Standeshierarchie als mythische Ordnung ebenso wie die von Geburt aus naturrecht-
lich begründete Gleichheit der Menschen gemeint sein. Die „natürliche Ordnung“ der
Stände geht demnach auf eine künstliche Verkehrung der natürlichen Gleichheit aller
Menschen zurück. Aus Sicht der Theologen sind alle Menschen mit derselben Erbsün-
de behaftet. Kulturelle und politische Akte der Hegemonie, die sich auf die von Eliten
fingierten Legitimationsmuster stützen, führen zu der ständischen Differenzierung, die
aus Gründen der Herrschaftskonsolidierung als natürliche ausgegeben werden. Die
Wollust vertrieb den Menschen aus dem Paradies. Sie ist der theologische Grund für
die soziale Differenzierung der Menschen. Die konkrete Gestalt dieser Differenzierung
ist das Ergebnis einer jahrhundertealten Traditionsbildung. Traditionen setzten sich aus
allgemein akzeptierten, durch Gewohnheiten verfestigten Sitten und Gebräuchen zu-
sammen. Weil die von Gott geschaffene Welt keine Geburtsstände hervorbracht hat,
kann der untere den oberen Stand nachahmen, der obere sich in der Weise des unte-
ren verhalten und dessen Gewohnheiten annehmen:
'D]DXVVGHPHGHOQZLUWHLQJSDXU
(LQJSDXUGHUZLUWHLQHGHOPDQ
'HUVLFKGDUQDFKJHZHQHQFKDQ V. 4399 ff.
Aufgrund dieser allen Menschen gemeinsamen Anpassungsfähigkeit an die re-
präsentativen Gepflogenheiten eines Standes erweist sich die ständische Ordnung aus
Sicht ihrer Vertreter als dem historischen Wandel unterworfenes, fragiles Gebilde, in
dem sie mitsamt ihrem sprachlichen Definitionsmonopol ausgetauscht und ersetzt wer-
den kann. Wittenwiler beschreibt in der Form des Glücksrades der Fortuna den sozia-
len Zirkulationsprozeß eines Herrschaftssystems, das gerade wegen des Austauschs
der Personen und der Überschreitung der Standesgrenzen den Erhalt der hierarchi-
schen Stände garantiert.
Zwar behauptet auch Plate, daß die Standesordnung den Erhalt des Bestehen-
den begründe, deutet aber, wie oben erwähnt, die Stelle als lineare Aufstiegsfigur, was
der kreisförmigen Bewegung des Glücksrades widerspricht. Bauern sollen sich auf den
steht aus dem edlen, der Idee gemäßen Menschen, ein JSDXU, ein animalisches Wesen, das Witten-
wiler unter diesem Aspekt der Triebbesessenheit häufig mit Tiernamen belegt.“
Wenn auch Plates Interpretation zu einem anderen Ergebnis kommt, so setzten doch beide Interpre-
ten eine harmonische Übereinstimmung zwischen Standesordnung und göttlicher Naturordnung vor-
aus. Beide deuten das Verb IlOVFKHQ im ethisch moralischen, mithin theologischen Sinn. Zwar evo-
ziert dieses Wort den ständesatirischen Gestus, soziale Veränderungen als religiöse Perversion einer
von Gott legitimierten Ordnung zu geißeln. Da jedoch deren Substanz bzw. Gehalt unausgesprochen
bleibt, kann die Fälschung auch rein formal als Änderung einer moralisch legitimierten Sozialordnung
verstanden werden. Ethisch religiöse Moralvorstellungen, die Bewertung dessen, was wahr und was
47
inneren Adel zubewegen wie auch der Ständeadel, sofern noch keine Kongruenz von
Bezeichnung und der ihr entsprechenden inneren Tugend gegeben sei. Innermorali-
sche Dispositionen, die sich bei allen Ständevertretern finden lassen, spielen aber für
den Erhalt der Machtverteilung keine Rolle. Plate glaubt, den ständeübergreifenden
Tugendadel als Ordnung konservierendes Moment ausmachen zu können. Weshalb
aber sollten „tugendhaft“ gewordene Bauern nicht in den Adelsstand aufsteigen wollen,
und weshalb sollte ein Gerechtigkeit übender Adliger nicht auch in den Bauernstand
absinken können, wenn er gegen die Vorstellung von Gerechtigkeit seines Standes
verstößt? Plates Meinung nach ist doch der Geistesadel standesunabhängig, so daß
der Standeshabitus erworben wird. Diese Bindung von innen und außen ist schlicht
falsch. Bauer und Edelmann sind von ihren Trägern ablösbare Etikette. Abstrakta wie
Wollust, Gewohnheit, Kunst, Gerechtigkeit und Natur bezeichnen nichts Eigentliches.
Ihnen eignet vielmehr rhetorisch-strategischer Stellenwert in einem dauerhaften, Ver-
änderungen unterliegenden Kampf um Prestige und Herrschaftsausübung. Der Ausle-
gungsspielraum und die nominale Verwendungsweise der Abstrakta, die nur durch die
Verben IlOVFKHQ und YHUNHUHQverbunden sind, scheint mir eine Fixierung auf ideelle
Gehalte zu verbieten.
Daß Wittenwiler den führenden Adel zu moralischem Verhalten anspornen und
gegen eine von unten andrängende Schicht lasterhafter Grobiane verteidigen will, in-
dem er letztere zu derselben inneren Tugend bekehren möchte, gibt der Text nicht zu
erkennen. Die Tatsache, daß Geistliche ausgespart sind, irgendwelche Rückschlüsse
auf die Autorintention ziehen zu wollen, muß ebenso spekulativen Deutungscharakter
haben. Statt einer Kritik an der Ständeordnung steht eher der Kampf um begehrte
Standespositionen im Vordergrund, der zugleich ein rhetorisch ausgefochtener um den
Besitz der Definitionsgewalt ist. Wittenwiler zeigt weder eine Vorliebe für den Adel noch
für den Bauernstand.
3.3.3 Sowinskis These von der Idealität der Lehren
Sowinski zählt zu den Vertretern der oben genannten Stützfunktionsthese. Ähn-
lich Gaiers These schreibt er: „Durch den satirischen Charakter dieser Komik wird aber
im Zerrbild zugleich auf das Idealbild verwiesen. Das ‘törpelleben’ entbehrt so nicht ei-
ner didaktischen Bedeutsamkeit; es tritt den in den Lehren gegebenen Idealvorstellun-
falsch sein soll, ändern sich mit dem sozialhistorischen Wandel. Sie sind selbst eine der sprachlichen
Definitionsgewalt unterstehende Sache der zu einer gegebenen Zeit Mächtigen.
48
gen als Gegenbild gegenüber, das aber nur durch den in ihm enthaltenen Bezug auf
das Idealbild wirksam ist.“61 Auch Sowinski findet ‘Ring’-Stellen, denen er keinen
didaktischen Sinn zubilligt. Er nennt die Schlachtung des Esels durch Bertschi (V. 5371
ff. u. V. 8611 f.), das Läusesuchen der Alten an Bertschis Hose nach dem kirchlichen
Aufgebot (V. 5421 ff.) und den Betrug Mätzlis an Bertschi in der Hochzeitsnacht (V.
6979 ff.).
Es bleibt rätselhaft, weshalb besonders diesen Episoden „die didaktische Ent-
sprechung fehlen“ soll. Bertschis Eselschlachtung konkretisiert doch geradezu seine
närrische Blindheit (V. 5371 ff.), die Sowinski ansonsten für didaktisch wertvoll erach-
tet.62 Denn der Grund für diese närrische Dummheit besteht darin, daß die die Nacht
durchtobenden Hochzeitsgäste alle Kerzen entwendet haben. Außerdem markiert die-
ser erste materielle Verlust eine ab diesem Zeitpunkt nicht mehr abreißende Serie von
Unglücksfällen, denen Bertschi bis zu seiner Versetzung in den Schwarzwald ausgelie-
fert ist. Auf diesen Vorfall wird noch einmal kurz vor Beginn der Schlacht angespielt (V.
8611). Da Bertschi seinen Esel aufgefressen hat, muß er zu Fuß zum Schlachtfeld
kommen. Dieser Motivreplik eignet insofern Signalwirkung, als wir uns damit von Bert-
schi bis zu der Zeit nach der Vernichtung Lappenhausens verabschieden.
Das von Bertschis sexuellem Verlangen nach Mätzli ausgelöste Werbungsge-
baren motiviert im ersten Teil des Romans jedesmal von neuem den Fortgang der
Handlung (V. 194 ff., 565 ff., 867 ff., 1248 ff., 1282 ff., 2625 ff.). Gleiches gilt für das
Zustandekommen der sog. Ehedebatte der Bertschi-Sippe zu Beginn des zweiten Teils
(V. 2625 ff.), an die sich die Belehrung Bertschis durch die Mätzli-Sippe anschließt. Mit
der Eheschließung kommt dann der von Bertschis närrischem Treiben veranlaßte
Handlungsverlauf zu seinem erzähllogischen Abschluß. Bertschi hat sein Ziel erreicht.
Seine Rolle als Minnetor ist ausgespielt.
Es ist zu vermuten, daß der Autor mit der Schlachtung des Esels an dieser Stel-
le, von der an das Geschehen unaufhaltsam auf die Selbstzerstörung der Narrenwelt
zusteuert, nach Minnedienst und Minnelehre, der Thematisierung von Wissen und
Wissenschaft, den Beginn von Streit und Krieg markiert.63 Im Bild der Schlachtung des
Esels, der ja wegen seines Starrsinns und seiner Geilheit ein Emblem der Narren ist
61 Bernhard Sowinski, Der Sinn des „Realismus“, S. 22. Vgl. für die von Sowinski ausgewählten Episo-
den, S. 106.
62 Vgl. ebd., S. 107.
63 Zu Frauendienst und Minnelehre vgl. Ingeborg Glier, Artes amandi, Untersuchungen zu Geschichte,
Überlieferung und Typologie der deutschen Minnereden, München 1971 (= MTU, 34), S. 235-4; hier
S. 240: „Die Minnelehren, die Heinrich Wittenwiler im ersten Teil des 'Ringes' zusammenhängend
entwickelt, stehen nicht in der höfischen Tradition des Frauendienstes, sondern haben mittelbare
(Johannes von Konstanz 'Minnelehre'?) und unmittelbare ('Facetus moribus et vita') lateinische Vor-
bilder. Dennoch ordnet er sie in seinem didaktischen Programm der 'Hofkunst' und Anstandslehre
ein, ihre Sachwalter sind die 'Dorfintelligenzen'“.
49
und im ersten Romanteil als Turnierpferd herhalten muß, wäre dann die Verbindung
der beiden Romanhälften symbolisch ausgedrückt. Von der gesamten Anlage des Ro-
mans betrachtet, kippt von dieser Stelle an das Geschehen zunehmend von der närri-
schen Dummheit im Zeichen der Minne zur närrischen Bosheit im Zeichen des Krieges.
Hat Bertschi um der Gewinnung Mätzlis willen, d. h. im Kontext der Minne, unbedingt
WXUQLHUHQ und KRILHUHQ wollen und auch alle Lehren über sich ergehen lassen, so ver-
selbständigt sich von hieran die Eigendynamik der G|USHU-Streitigkeiten. Am Ende steht
eine gigantische Schlacht, die groteske Vernichtung der Narrenwelt durch sich selbst.64
Im Laufe des Romans muß Bertschi immer mehr um Leben und Besitz bangen.
Von den Hochzeitsgästen wird er nicht nur übel zugerichtet (V. 5823-43). Von ihrer
maßlosen Völlerei muß er schmerzliche materielle Einbußen hinnehmen (V. 5812). Zu-
sehends wird er zum Objekt eines dynamischen Geschehens, in dessen Strudel er bis
zur Bewegungslosigkeit hineingezogen wird: (UZDVJHVWHNHWLQGHUPLWW6DPLQGHP
VQHHLQDQGHUVFKOLWW (V. 6420). Abgesehen von der Hochzeitsnacht (V. 6972 ff.), in der
Bertschi wieder im Kontext der Minne auftritt, und die der Autor bezeichnenderweiser
zwischen den Kriegsrat der Nissinger und der Lappenhauser plaziert, tritt der Haupt-
narr zum letztenmal beim Läuten der Alarmglocken aktiv in Erscheinung (V. 6604 ff.).
Von einer Beteiligung Bertschis an den Kriegsvorbereitungen und am Krieg erfahren
wir nur soviel, daß er von Meier Lechspiess zum Markgrafen über das ganze Gebiet
von Nirgendheim ernannt wird (V. 7270 ff.). Weil er sein „Schlachtross“ gegessen hat,
wie der Erzähler unter ironischer Anspielung auf die Schlachtung des Esels berichtet,
muß er zu Fuß zum Schlachtfeld kommen (V. 8611 f.).
Der anstelle einer Kuh geschlachtete Esel könnte also auf der Ebene der Er-
zählstruktur zeichenhaft die Grenze zwischen Minne und Krieg bzw. Bauernturnier im
Kontext der Minne und dem tödlichen Ernst des Krieges bezeichnen. Symbolisiert im
64 Zum Begriff der Groteske bei Wittenwiler vgl. P. W. Wessels, Wittenwilers „Ring“ als Groteske, in:
WW 10 (1960), S. 204-214, hier 205-6.
Vgl. auch Bruno Boesch, Zum Stilproblem in Heinrich Wittenwilers 5LQJ, in: Philologia Deutsch, Fest-
schrift zum 70. Geburtstag von Walter Henzen, Hg. von Werner Kohlschmidt und Paul Zinli, Bern
1965, S. 63-79.S. 63-79; hier S. 74 ff.
Ich schließe mich nur soweit Wessels Auffassung vom 'Ring' als einer Groteske an, als die Wittenwi-
lersche Erzählweise prinzipiell zur Groteske neigt. Dagegen umfaßt der Begriff nicht einzelne ironi-
sche Erzählerkommentare, hyperbolisch, komische Schwankszenen, den Minnebrief Mätzlis, das af-
fektgesteuerte Umschlagen des Verhaltens oder die bloße Tatsache von „obszönen Namen“ und
„Dämonennamen“. Zurecht kritisiert Boesch Wessels, daß die Schilderung der vielen exzessiven
Einzelhandlungen im Hochzeitsfest nicht pauschal als Groteske bezeichnet werden können. Erst eine
Einzeluntersuchung kann die Vielseitigkeit von Wittenwilers Komik erhellen.
Vgl. Walter Blank, Zur Entstehung des Grotesken, in: Deutsche Literatur des späten Mittelalters,
Hamburger Colloquium 1973, Hg. v. Wolfgang Harms u. L. Peter Johnson, O. J. und o. O., S. 35-46.
Ich verstehe den 'Ring' als Groteske im Sinne von Walter Blanks Definition, ebd., S. 38: „Groteskes
bestimmt sich als die Erkenntnis der Darstellungsstruktur eines Werkes als Bild einer verkehrten
Welt. Diese Erkenntnis erfolgt vor dem präsenten Hintergrund eines Sein-Sollens, von dem sich die
Gestaltung als fremdartig und verwirrend abhebt.“
50
Bild des durch Bertschis Blindheit geschlachteten Esels, scheint der Autor an zentraler
Stelle des Romans auf den Kausalnexus von triebbesessener Minneblindheit und
kommendem Untergang vorauszudeuten. Dies umso mehr, als das kurz nach der Ehe-
schließung eingeführte Motiv von der Schlachtung des Esels in stockfinsterer Nacht
unmittelbar vor Beginn der die Bauernnarrenwelt vernichtenden Schlacht wiederholt
wird (V. 8611 f.).
Das EUXRFKHODXVHQ (V. 5405-54) steht in direktem Kontext zur kirchlichen Leh-
re, d.h. konkret zum Rechtseinspruch der Kirche bei Eheschließungen, über die sich
die G|USHU auf ihre Weise lustig machen.65 Vom Dorfpfarrer ergeht die Forderung an
das Aufgebot, daß derjenige unter ihnen vortreten und sprechen möge, der etwas ge-
gen die Eheschließung einzuwenden habe. Ein altes gebrechliches Weib meldet sich
zu Wort und gibt vor, daß Bertschi ihr auf Einflüsterung des Teufels unlängst die Ehe
versprochen habe. Warum aber sollte das der junge, eitle Narr Bertschi Triefnas getan
haben, den alle als Junker ansprechen müssen und um den sich, wie der Erzähler an-
gibt, junge und alte Frauen bemühen (V. 66-72)? Dies scheint an sich schon ebenso
lächerlich wie unglaubwürdig und wird deswegen auch von der Alten mit dem Wirken
des Teufels erklärt. Ein geschickter Kunstgriff, denn der Teufel ist Glaubenssache, ent-
zieht sich der empirischen Überprüfbarkeit und dient der Kirche als XOWLPDUDWLR, gegen
jeden Unschuldigen auch ohne beweiskräftige Indizien juristisch zu Felde zu ziehen.
Den Vorbehalt der Alten beantworten die Lappenhauser damit, daß es die Ehe
schon vor Pfaffen und Mönchen gegeben habe und sich jeder nach seinem freien Wil-
len eine Frau nehmen könne. Von der Farblinierung läßt sich nicht auf Recht oder Un-
recht der beiden gegensätzlichen Positionen schließen. Beide Stellen, sowohl die Auf-
forderung des Pfarrers als auch das spöttische Urteil der Lappenhauser, sind mit der
roten Farbe des Ernstes markiert. Abgesehen von der indifferenten Farbmarkierung
könnte also Sowinskis Festlegung zufolge eine „Entsprechung“ auf das „Ideal der Leh-
re“ vorliegen. Im negativen Spiegelbild des Spotturteils und des komischen Läusesu-
chens würde dann das Idealbild der Lehre, d.h. der Rechtsanspruch der Kirche bekräf-
tigt.
65 Vgl. Elmar Mittler, Das Recht in Heinrich Wittenwilers „Ring", [phil. Diss. 1966] Freiburg i. Br. 1967 (=
Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte, 20), S. 70-74.
Die Einführung des Aufgebots wurde schon auf dem 4. Laterankonzil zum allgemeinen Recht der
Kirche erhoben, mußte aber in vielen Städten bis ins 15. Jahrhundert wiederholt werden. Den
Rechtsanspruch begründete die Kirche unter dem Einfluß der Scholastik im 12. Jahrhundert mit dem
Sakramentscharakter der Ehe.
Für Mittler ist das Urteil der Lappenhauser ein „Scheinurteil“. Er belegt seine Ansicht, daß Wittenwiler
den Standpunkt der Kirche vertrete, mit zwei Stellen: einer aus der Ehedebatte (V. 2825) und einer
aus dem Laiendoktrinal (V. 4012). In beiden ist von der KDLOLJHH die Rede. Mittler läßt dabei aber den
unterschiedlichen Kontext und die mögliche Ironie außer acht.
51
Prinzipiell spricht ebensoviel dafür wie dagegen. Gegen eine solche Annahme
ist zu sagen, daß die Lappenhauser mit ihrem absurden Beweisverfahren den klerika-
len Kontrollanspruch desavouieren.66 Wie schon erwähnt, könnte die Alte auch nur
darauf aus sein, Bertschi auf bequeme Weise zu denunzieren. Jedenfalls scheint diese
zweite Deutungsvariante ebenso möglich zu sein wie die der Lehre HFRQWUDULR. Damit
würde sich Wittenwilers Spott gegen die Kirche richten. Entscheidet sich der Leser da-
für, setzt er automatisch den Deutungsmaßstab für die alternative Sichtweise außer
Kraft. Wie in vielen anderen Stellen wird hier zwar nichts „um seiner selbst willen er-
zählt“67, so daß ein Bezug zwischen Lehre und Handlung erkennbar ist, die Zielrich-
tung der Satire bleibt aber ungewiß. Der Leser wird mit konträren Angeboten der Sinn-
deutung konfrontiert. Er selbst bestimmt, ob er epische Abläufe als lehrreich und nütz-
lich, als bloß unterhaltend oder als ein Spiel Wittenwilers mit widersprüchlichen Mehr-
deutigkeiten und dem Deutungs- und Sinnbedürfnis der Rezipienten ansieht.
Eindeutiger sind die Referenzen in der szenisch dargestellten Hochzeitsnacht.
Dem von Chrippenchra (Grapschkräh) betriebenen Betrug Mätzlis an Bertschi steht der
rhetorische Bertschis an Mätzli zur Seite. Mätzli, die vom Arzt Chrippenchra ge-
schwängert worden ist, spielt die Rolle einer schamhaften YLUJRLQWDFWD und täuscht mit
Hilfe des „lehrreichen“ Arztrezepts Bertschi und die Dorftrottel über ihren tatsächlichen
Zustand.68 Mätzli wäre niemals von sich aus auf die Idee gekommen, sich so zu ver-
halten, selbst wenn sie zu diesem Zeitpunkt noch Jungfrau gewesen wäre. Chrip-
penchra sagt ihr, daß sie davon an Gut und Ansehen profitieren werde (V.2242 f.).
Bertschi versteht zuerst gar nicht, was dieses schamhafte Gebaren soll, das der
MXQFKIUDXHQHU(V. 6993) wegen geschieht. Weil Mätzli sich nach den Anweisungen des
Baders spröde gebärdet, erinnert sich Bertschi an die Minnelehre Henritze Nabelrai-
bers und redet mit süßen Worten von der körperlichen Vereinigung (V. 1768 ff.):
'HVKLHVVGHUSUHXWJDPYRQGHPVWUHLW
66 Vgl. V. 3535 ff. Nach der sog. Ehedebatte werden von Bertschis Sippe zwei Brautwerber, der Schrei-
ber Henritze Nabelreiber und Rührenmost, zu Mätzlis Vater Fritz geschickt, um PLWZRUWHQVFKHOEHQ,
d.h. mit gewundenen Worten, so als ob sie es aus eigenem Antrieb täten, die Eheschließung ohne
Gelehrte und Pfaffen DQ VFKXROHU XQG DQ SKDIIHQ (V. 3544) zustandezubringen. Um einer Einmi-
schung durch Gelehrte und Pfaffen vorzubeugen, wird die Eheangelegenheit von den Brautwerbern
geheimgehalten. Diese prinzipiell antiklerikale Einstellung gegen eine Beteiligung der Kirche bei der
Brautwerbung und der Brautwahl entspricht dem oben erwähnten Urteil der Lappenhauser.
67 Gaier, Satire, S. 107 f.
68 Vgl. zu dem Namen des Baders, Boesch, Namenwelt, S. 326. Boesch vermutet eine Zusammenset-
zung aus NULSIHQ 'zugreifen' und NUD'Krähe': „[...] einen Sinn könnte der Name haben, wenn wir von
FKULSSHQGFKUD ausgehen dürften: 'zupackende Krähe'; der Name wäre dann sprechend für den
geldgierigen Arzt, der zupackt wie die Krähe (auf Leichen?); vielleicht liegt aber nur ein Lautspiel aus
&KULSSFKUDSS [...] vor.“
Vgl. Sowinski, Der Sinn des 'Realismus', S. 41. Er nimmt an, daß der Name eine Entstellung aus
Hippokrates ist.
52
8QGJHGDFKWLPDQGHU]HLW
:LHPLWVSlFKWHQVFKROWGHUPDQ
'D]GLQFKGHQIUDXZHQJHZLQQHQDQ V. 6994 ff.
Daß es bei der Gewinnung einer Frau auf die Kunst der Überredung ankommt,
hat Bertschi dabei offenbar vollkommen begriffen. Freilich wirbt Bertschi nicht mehr um
die Braut, sondern um den ehelichen Vollzug. Bertschi beginnt seine Rede in der flos-
kelhaften Diktion von Nabelraibers Minnebrief:
:ROPLUGD]LFKLHJHVDFK
'LHVWDWGDPQGHOVLFK]HPXQG
*HIHJHWKDWLQVHVVHUVWXQG
'HLQHXSUVWHO]XRPLQUSUXVW
*HWUXNHWVLQGVRJDUPLWOXVW
,QUHFKWHUOLHEXQGDXFKVRJOHLFK V. 6999 ff.
Da die obige Aussage direkt auf die Vorgänge der Arztszene bezogen werden
kann, beschreibt Bertschis Schmeichelrede unfreiwillig ein vorangegangenes Ereignis,
das in direktem Widerspruch zu seinem Glauben an Mätzlis Jungfräulichkeit steht.
Chrippenchra hat Mätzli schon geschwängert. Ausdrücklich benutzt Bertschi das Per-
fekt: GDPQGHOVLFK]HPXQG*HIHJHWKDWLQVHVVHUVWXQGDurch die Übertrag-
barkeit auf ein faktisches Ereignis werden die Worte ihrer Schmuckfunktion entkleidet
und desavouieren somit die Sprecherintention. Die Worte erlangen auf diese Weise ei-
ne referentielle Bedeutung, die den Schmeichler ironischerweise als den eigentlich Be-
trogenen einer auf Täuschung angelegten Redestrategie der Lächerlichkeit preisgibt.
Wie wahr seine Worte sind, kann der frisch verheiratete und doch schon betro-
gene Ehemann ebensowenig ahnen, wie sein Oheim in dem für Bertschi an Mätzli ver-
faßten Minnebrief voraussehen konnte, daß sich die „falschen“ KHUW]HQ PQGHO DX
JHQ=HPHQIHJHQVXQGHUWDXJHQ(V. 1898 f.). Abschließend stellt Bertschi sein legiti-
mes Ehebegehr in den biblischen Kontext von Ehe und Nachkommenschaft und endet
sehr plastisch damit, sich die Gänse im Bach zum Vorbild zu nehmen (V.7017f.).
Diese Stelle ist umso bedeutsamer, als einer der seltenen Fälle vorliegt, in dem
zuvor gegebene Lehren von den Narrenbauern erfolgreich umgesetzt werden. Unter
formalen Gesichtspunkten, d.h. unabhängig vom zweifelhaften lebenspraktischen Nut-
zen und dem komischen Resultat, wird zum zweiten Mal Nabelraibers Wunsch nach
einer Liebesvereinigung in einer völlig unerwarteten Situation realisiert. Die Mätzli und
Bertschi von den „Dorfintelligenzen“ Nabelraiber und Chrippenchra gegebenen Unter-
weisungen reduzieren sich auf ihren physischen Kern und finden komischerweise erst
im ehelichen Koitus ihre viel zu späte Anwendung.
Hier trifft die Literarizität der Rollenmuster von Nabelraibers Minnelehre -
Schmeichelworte des Werbers und schamhaftes Verhalten der Jungfrau (V. 1752 ff.) -
53
auf eine Situation, die eher zum Anfang einer Brautwerbung gepaßt hätte, als auf den
kurz bevorstehenden Vollzug der Ehe als Ziel dieser Werbung. Drastischer läßt sich
kaum noch die Irreferentialität der Zeichen in Szene setzen. Durch die Allgemeingültig-
keit der Zeichen der Minne kann der Einzelfall völlig anders gelagert sein, als es die li-
terarische Lehre vorsieht. Herzen, Münder und Brüste fügen sich immer zusammen,
Personen spielen dabei lediglich die Rolle austauschbarer Variabeln. Ähnliches gilt für
das literarisch festgelegte Muster jungfräulichen Gebarens. Ohne die überflüssige Täu-
schung Mätzlis bzw. Schmeichelei Bertschis gegenseitig zu durchschauen, inszenieren
beide eine Farce, die die Fiktionalität der Minnezeichen bloßlegt. Sex und Geld bzw.
Ansehen sind das vordergründige Handlungsziel und das entscheidende Movens eines
rhetorisch-technischen Zeichengebrauchs.
Wie mit der Besprechung der Deutungsansätze gezeigt werden sollte, erweist
sich Sowinski beim Ausschluß vorgeblich nicht didaktischer Stellen als ebenso willkür-
lich wie Gaier. Beide begreifen den ‘Ring’ als gleichnishaft-allegorisch vermittelte, all-
gemeine Moralsatire. Indes scheinen zumindest Zweifel darüber angebracht, daß Ide-
albilder der Lehren in den epischen Partien negativ gespiegelt und auf diese Weise
verdoppelt auch in den komischen Szenen didaktisch wirksam werden oder im Zerrbild
der Satire, wie Gaier annimmt, eine außerliterarische Ordnungslosigkeit ihren überstei-
gert-grotesken Ausdruck findet. Jedenfalls belegen Sowinski und Gaier ihre These vom
gleichnishaften Charakter des W|USHOOHEHQnicht mit dem dafür nötigen Nachweis einer
dem ganzen Roman zugrundeliegenden allegorischen Struktur.
3.4 Die Fragwürdigkeit einer allegorischen Deutung
Anders als der ‘Ring’ gibt Sebastian Brants erstmals 1494 im Druck erschiene-
nes ‘Narrenschiff’ ein klares Beispiel für eine solche ordnungs- und einheitstiftende Al-
legorie, die hinter allem nivellierenden Narrentreiben eine universelle Konzeption zu
erkennen gibt. Diesen den Erkenntnisprozeß steuernden didaktischen Übertragungs-
vorgang leistet die allegorische Fahrt des Narrenschiffs, das nach einem Holzschnitt
zugleich Metapher für die Kirche ist. Über den Weg mehrerer Stationen vom Beginn
der Schöpfung, ausgedrückt im Bild des Büchernarren, bis zum Erscheinen des Anti-
christen folgt diese negative Didaxe „dem universalen Gesetz der Heilsgeschichte“.
Diesem Ordnungsschema werden alle anderen Einzelheiten subsumiert.69 Eine solche
69 Vgl. Cramer, Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 3, S. 265 f.
54
alle Romanteile übergreifende und verbindende Struktur ist dagegen im ‘Ring’ nicht
unmittelbar erkennbar. Dennoch wird in der folgenden Untersuchung auch danach zu
fragen sein, wie Wittenwiler seine eigene Erzähllust bändigt, d.h. mit welchen Mitteln er
den Stoff anordnet, und ob sich hinter der im Prolog angekündigten Weltbeschreibung
etwas einer Allegorie Vergleichbares findet.
In neuerer Zeit hat sich Conrad Eckard Lutz für eine allegorische Lesart des
‘Ring’ eingesetzt. Er sieht in der großen Traumvision von Chrippenchras Liebesbrief
die allegorische Mitte des Romans:
Der Inhalt des Traums ist als Argument des geschwängerten Mädchens für die
Ehe erdacht, der Brief ist Instrument ihres Betrugs. Auch den Mann interessiert die Ehe
nur, weil sie ihn an das Ziel seiner sinnlichen Wünsche bringt; der Brief läßt es ihm nah
erscheinen und veranlaßt ihn zur Brautwerbung. Auf einer anderen Ebene aber geht es
gar nicht mehr um die Ehe an sich: Mit der Wahl zwischen IDOVFKHUPLQQ (2381) und der
KDLOLJHQ H (2388) fällt die Entscheidung zugleich ZLGHU JRW (2382) oder für JRW VHOE
(2387), und sie ist das eigentliche Thema des ‘Ring’, die Sinnmitte einer allegorischen
Konzeption, deren Aktualität und breite Tradition wir zu beschreiben versucht haben.70
Das methodische Vorgehen von Lutz ist in mehrfacher Hinsicht fraglich. Zum
einen steht das, was Lutz die allegorische Ebene nennt, erzähltechnisch immer in di-
rektem Zusammenhang mit der Erzählhandlung. Zum anderen bildet Wittenwiler die
kontradiktorischen Oppositionen so, daß ihr streng getrenntes Kompositionsprinzip
selbst destruiert wird. Das kann an der Minneallegorie der Traumvision gezeigt werden,
gilt aber grundsätzlich auch für die poetische Darstellung der Sakramente von Taufe,
Beichte und Eucharistie. Jedesmal wird dem Leser die Entscheidung darüber, welcher
Sinndeutung Wittenwiler den Vorzug gibt, unmöglich gemacht.
Vordergründig schreibt Chrippenchra stellvertretend für die von ihm geschwän-
gerte Analphabetin Mätzli einen Minnebrief an Bertschi, um diese mit jenem ehelich zu
verbinden und das Zeugnis seiner Missetat zu vertuschen. Bertschi soll mit diesem
Brief mitgeteilt werden, daß Mätzli in eine Ehe mit ihm einwilligt. Nur auf diese Informa-
tion kommt es dem Adressaten Bertschi an, der Mätzli um jeden Preis begehrt.
Der mit einer Kosmogonie, einer Traumvision, einer Allegorie und Allegorese
rhetorisch ausgefeilte, ellenlange Brief vernichtet durch diese Machart die Übermittlung
einer lesbaren Botschaft.71 Bei diesem Überangebot an Sinn versteht der ungebildete
70 Eckart Conrad Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 297.
71 Die ungefähr zur gleichen Zeit wie der 'Ring' entstandene Minnelehre Johanns von Konstanz weist
erstaunliche Parallelen in der Wahl der allegorischen Bildelemente auf. Ingeborg Glier vermutet, daß
„Wittenwiler die 'Minnelehre', die ihm im Raum Konstanz-Zürich sehr wohl zugänglich gewesen sein
konnte, eklektisch als Quelle benützt.“ Wie schon Wießner feststellte, geht die Gegenüberstellung
von Venus und Maria auf das Konto Wittenwilers.
Vgl. Glier, Artes amandi, S. 237.
Vgl. Wießner, Kommentar, S. 100-106.
Vgl. Johann von Konstanz, Die Minnelehre, Hg. von Frederic Elmore Sweet, Paris 1934.
55
Bertschi, den zuvor die Überbringerin des Briefes auf die Erfüllung seiner Wünsche
eingestimmt hat (V. 2603), überhaupt nicht mehr, was der Brief besagen will. Sein ge-
lehrter Oheim Nabelraiber resümiert daraufhin den Inhalt auf vier Verse:
'RPDQLPGHQEULHIJHODV
'RZLVWHUZHQLFKZD]HUVDLW
%LVLPHV1DEHOUDLEHU]DLJW
'HUVSUDFK(VPDJQLFKWDQGHUVVHLQ
6HLVSULFKWVHLWlWGHQZLOOHQGHLQ
8QGGDU]XRYLOXQGGDQQRFKWPH
1lPHVWGXVHL]XRGHUH V. 2616 ff.
Bertschis Unverständnis beruht aber nicht allein auf seiner mangelnden Bildung
oder Intelligenz, sondern indiziert eine Mißverständlichkeit, die dem Brief selbst imma-
nent ist. Chrippenchra vertuscht seine Vaterschaft literarisch damit, daß er die streng
kontradiktorisch konstruierte Opposition von Maria und Venus, der richtigen und der
falschen Minne, verwischt. Durch den folgenden Ausspruch Mariens wird der Wesens-
unterschied zu ihrer ohnehin ikonographisch sehr ähnlich dargestellten Rivalin voll-
kommen nivelliert:
8QGIROJQLFKWIDOVFKHUPLQQJHSRWW
:RQGDVVWUHEHWZLGHUJRW
(VZlUGDQQGD]GHLQOLHEHUPDQ
'HUHGLFKZ|OWLPXRWHQDQ
'HVPDFKWGXLQJDUZROJHZHUHQ
0LWVlOGHQWUXZHQXQGPLWHUHQ
:RQJRWVHOEYRQVHLQHPUDW
'LHKDLOLJHQHJHVFKDIIHQKDW V. 2381 ff.72
Demnach reicht der Gottesmutter ein Eheversprechen, um der IDOVFKHQPLQQ,
der Venus, den himmlischen Segen zu erteilen. Eine Belehrung ist unter dieser Bedin-
gung ebenso unmöglich wie überflüssig. Denn Reden und Versprechungen sind nun
einmal konstitutiv für jede Art der Minne, eben auch der Gottes Minne, die zu ihrem Er-
scheinen Gelöbnisse und Bekenntnisse braucht. Es wirkt blasphemisch, wenn Witten-
wiler der Gottesmutter diese Lizenz zur IDOVFKHQPLQQ in den Mund legt und sie diese
mit dem der KDLOLJHQH begründen läßt. Denn die KDLOLJHHerinnert an die QLXZHH,das
Neue Testament. Richtig und falsch werden zur Sache der Rede, der immer schon ei-
ne fiktionale, lügenhafte Qualität zueigen ist. Daß die Allegorie als poetisches Mittel
sich bestens zur Mystifizierung und Verschleierung tatsächlicher Sachverhalte eignet,
demonstriert Chrippenchras Minnebrief.
72 Klammersetzung und Ausrufezeichen fehlen im Faksimile. Sie wurden von Wießner interpoliert. Vgl.
dazu das Faksimile, Heinrich Wittenwiler, 'HU5LQJ, Hg. von Bräuer et. al.
56
Ganz anders fällt die Allegorese durch den Priester aus, der Maria und Venus
radikal trennt und damit ebendie Bedingung unterschlägt, derzufolge Maria die Gebote
der falschen Minne sanktioniert hat:
'D]GXVlOLFKPHVVLVWVHLQ
9ROJQLWHLQHPE|VHQUDW
:LOWGXPHLGHQPLVVHWDW
$FKWQLFKWIDOVFKHUPLQQJHERW
'D]UDWLFKGLUDQDOOHQVSRW V. 2456 ff.
Mit dem E|VHQUDW könnte nun auchdas Eheversprechen gemeint sein, das die
Gottesmutter zuvor als hinlänglichen Grund dafür genannt hat, den Forderungen der
Venus nachzugeben. Wie das Gute und das Böse bei einem Versprechen oder Rat er-
kannt werden kann, bleibt dabei ausgespart. Ohne moralischen Bewertungsmaßstab
bleibt die Aussage des Priesters eine sinnentleerte Worthülse und entspricht damit den
wesenlosen allegorischen Figuren, deren vermeintlichen Sinngehalt er sich zu deuten
anschickt. Seine Auslegung fügt der Allegorie nichts substantiell Neues hinzu; im Ge-
genteil, er wiederholt im Modus substituierter Denotationen die zuvor beschriebenen al-
legorischen Bildelemente und restituiert scheinbar die Stabilität der antithetisch ge-
bauten Minneallegorie. Denn er spart das von der Gottesmutter ausdrücklich gebilligte
Versprechen aus, das zur Ununterscheidbarkeit des Gegensatzpaares geführt hat. Am
Ende des Briefes ist der Qualitätsunterschied des kirchlichen Liebeskonzepts im Rah-
men des Ehesakraments und des heidnischen Konzepts der venerischen Liebe restlos
zunichte. Durch ein Zuviel an rhetorischem RUQDWXVwird die SHUVSLFXLWDV des Gedan-
kens, die Logik der Entscheidbarkeit, auf der die Antithese basiert, außer Kraft ge-
setzt.73 Genaugenommen wird also das Bauprinzip dieser Allegorie, die kontrastive
Dualität, mittels Ironie unterlaufen.74
Die antithetische Allegorie an sich ist ebenso substanzlos dargestellt wie Mätzli,
die Lutz für die allegorische Darstellung der Großen Welthure hält.75 In der Beschrei-
bung Mätzlis durch den Erzähler erhält der Redegegenstand am Ende eine gespens-
tisch irreale Qualität:
6RVWXRQGLUGD]JZlQGHOJVWULFKHQ
6DPLUGLHVHOHZlUHQZLFKHQ
6HLFKRQGDOVRVFKRQJHSDUHQ
73 Vgl. dazu, Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 188 f.
74 Vgl. zur unangemessen als Ironie verwendeten Allegorie, Green, Alieniloquium, S. 146 ff.
75 Vgl. Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 297-301.
57
6DPVHLZlUYRQGULHQMDUHQ V 93 ff.
Diese Substanzlosigkeit verweist auf die willkürliche Zusammensetzung von
Dingen und Personen, die von der rhetorischen Absicht der Sprecher und des Erzäh-
lers abhängt. Ihre Bedeutung bemißt sich nach der Weise, in der ein Interpret seinen
Blick darauf richtet. Da es in Wittenwilers Roman keine Innen-Außen-Korrespondenz
gibt, also alles äußerlich ist, entzieht sich das Dargestellte der Erkenntnis und wird zum
strategischen Instrument von mehr oder minder willkürlichen Deutungsakten. Bei einer
einseitigen Festlegung auf eine allegorische Lesart des ‘Ring’, die alle Deutungsprob-
leme auf den einfachen Nenner von gut und böse bringt, bleiben die poetologischen
Schwierigkeiten des Textes unberücksichtigt. Ich kann im Gegensatz zu Lutz an keiner
Stelle des Romans ein einziges Positivum erkennen, das dem Leser die Möglichkeit
zur Identifikation bieten würde. Lutz widerspricht sich denn auch selbst, wenn er
schreibt:
Dem Mätzli des Hochzeitsschwanks, dem in jeder Hinsicht untauglichen JSDXUHQ-
Mädchen, stellt Wittenwilers Lehre ein positives Pendant der Geliebten, der Braut und
der Ehefrau gegenüber. Der für die allegorische Konzeption weit wichtigeren Meretrix
Mätzli fehlt bisher ein solches positives Pendant, obwohl doch auch die Konfiguration
von Venus und Maria es nahelegt. Die 'Proverbia' selbst aber stellen vor allem im letz-
ten, dem 31. Kapitel (in Ansätzen auch früher) ein Bild der guten Frau zur Verfügung
(Prov 31, 10-31). Es entspricht dem der guten Hausfrau, die ihren Mann in allen Berei-
chen der Haushaltung (im Sinne des 'ganzen Hauses') ergänzt und vertritt, wie es Wit-
tenwiler in seiner Haushaltslehre schildert (5077-5098).76
Es bleibt rätselhaft, worin das „positive Pendant der Geliebten, der Braut und
der Ehefrau“ bei Wittenwiler nun eigentlich bestehen soll. Ferner ist unklar, in welcher
textuellen Beziehung das von Lutz genannte Proverbiazitat mit dem ‘Ring’ steht. Die
‘Ring’-Stelle, die Lutz hier aus der Haushaltslehre anführt und mit der PXOLHUIRUWLV des
Buchs der Sprüche identifiziert, steht im Gegensatz zu letzterer ganz und gar unter
dem Signum einer privativen Vermeidungsstrategie. In ihr wird die „gute Ehefrau“ wie
ein Haushaltsobjekt betrachtet, dessen Zweckdienlichkeit vom Hausherrn ständig kon-
trolliert werden soll. Ein Lobspruch wie der zweite des Alphabets FRQILGLWLQHDFRUYLUL
VXLHWVSROLLVQRQLQGLJHELW (Prov 30, 11) ist schlicht unvereinbar mit der verächtlichen
Art, mit der Wittenwiler über die „Handhabung“ der Ehefrau im Kontext der Haushal-
tung schreibt.
:LVVXQGWUDLWGHLQZHLEGLHSUXRFK
6HLZLUWGHLQKDJHOXQGGHLQIOXRFK
:LGHUJRWXQGVHLQJHSRWW
76 Ebd. S. 337.
58
+LHU]XRZLUVWGHUOHXWHQVSRWW
'DUXPEVRVLW]LUDXIGHPQDN
8QGKDOWVHLVDPGHQIXFKVLPVDN
6FKDIIGD]VHLEHKDOWYLOHEHQ
:DVLULQGLHKHQGZLUWJHEHQ
6FKDIIDXFKPLWLUVR]HVWHWW
'D]VHLNFKLWLVFKXQGSHWW
6FKRQEHUDLWXQGVDXEHUKDOW
:ROVHLSHLGLUZHUGHQDOW V. 5077 ff.
Wie Lutz selbst bemerkt, fehlt ein Pendant zu Mätzli. Deshalb mag Wittenwiler
in der Personengestaltung der Mätzli mitunter das Bild einer PHUHWUL[ evozieren. Ver-
absolutiert man aber wie Lutz die allegorische Interpretation, so erhält ein Bild eine mo-
ralische Beweiskraft für etwas, das ihm selbst wesensfremd ist. Worin soll das Wesen
einer OX[XULD bestehen, die in einer rhetorischen Beschreibung wie eine gespenstische
Vogelscheuche dargestellt ist, ohne dabei im geringsten Grauen einzuflößen? Man
könnte darauf zur Antwort geben: eben in ihrer Nichtigkeit und Wesenlosigkeit. Doch
fehlt Mätzli die schöne Vorderseite der Frau Welt, die die Menschen zur VSLULWXDOLVIRU
QLFDWLR allererst verführt. Wittenwiler läßt an ihrer Häßlichkeit keinen Zweifel aufkom-
men. Mätzli ist weniger eine Allegorie, als daß sie zu einem Symbol in den Augen der-
jenigen Personen wird, die sie in bestimmter Absicht mit einem bestimmten Interesse
deutend bewerten.
Bei der Verwendung des Symbolbegriffs im Zusammenhang mittelalterlicher
Texte muß die Nähe zur Allegorie beachtet werden.77 Dennoch steht der intelligible
Gehalt des Symbols auch im Mittelalter in größerer Analogie zur sinnlichen Gestalt des
Zeichenträgers als die übersetzungsbedürftigen Zeichen einer Allegorie.78 Ich definiere
die Allegorie, wie z. B. die der falschen und wahren Minne in Chrippenchras Brief, bei
der es sich um eine antithetische Typologie handelt, als eine sinnvoll zusammenhän-
gende Zeichenkette, die nach traditionellem rhetorischem Verständnis vollständig auf
77 Vgl. dazu Gerhard Kurz, Metapher, Allegorie, Symbol, Göttingen 1982 (= Kleine Vandenhoeck-Reihe,
1486), S. 68: „In der mittelalterlichen Bibelexegese kann 'symbolum' sowohl für die DOOHJRULDLQYHUELV
als auch für die DOOHJRULDLQIDFWLV gebraucht werden. Das 'symbolum' kann schließlich auch den Zu-
sammenhang des Diesseits und des Jenseits, den einzelnen Glaubensartikel, das Glaubensbe-
kenntnis und die einzelnen Teile der Bibel bezeichnen, die collatio. In der Folge kann Symbol auch
synonym mit Emblem verwendet werden."
78 Vgl. dazu Ulrich Krewitt, Metapher und tropische Rede in der Auffassung des Mittelalters, Ratingen
1971 (= Beihefte zum „Mittellateinischen Jahrbuch“, 7), S. 469. Krewitt unterscheidet mehr Herkunft
und Funktion als die sachlich poetologische Differenz zwischen Allegorie und Symbol: „Beim Symbol
werden sinnfällige Gegenstände in der Spekulation als bewußt gesetzte Konstruktionen angesehen,
während die allegorischen Zeichen der Hl. Schrift als gegebene Zeichen der Offenbarung verstanden
werden. Sachlich fallen beide meistens zusammen. Der Allegorismus nimmt seinen Ausgang daher
in erster Linie aus der biblischen Hermeneutik, der Symbolismus dagegen aus der philosophisch-
theologischen Spekulation. Wenn aber auch die Gegenstände der sichtbaren Welt als Gegenstände
bewußter menschlicher Spekulation verstanden werden, so steht doch immer die Überzeugung da-
hinter, daß diese Zeichen von Gott selbst in die Natur gelegt und durch die Offenbarung der Hl.
Schrift dem Menschen erschlossen sind.“
59
das DOLWHU des intellegiblen Gehalts DOLXGSHUDOLXGdekodiert werden muß. Chrippench-
ras Minneallegorie widerspricht der Sinnfunktion des typologischen Bezugssystems
von Venus und Maria insofern, als die gegensätzlichen Bildelemente zwar größenteils
auf entsprechende intelligible Abstrakta übertragbar sind, dann aber die Reden der Fi-
guren den elementaren Unterschied zwischen FXSLGLWDVund FDULWDVunterlaufen.
Dagegen evoziert die kreatürliche Gestalt Mätzlis eine Vielfalt möglicher Signifi-
kanzen, die auf willkürliche Produkte eigensinniger Deutungen zurückzuführen sind. Im
‘Ring’ entstehen Sinnbilder in Abhängigkeit vom Willen und der Absicht des jeweiligen
Interpreten. Das heißt, daß das Saussuresche „l'arbitraire du signe“ bei dieser Art der
individuellen Sinnbild-Konstruktion noch größer ist als bei der Allegorie. Man kann auch
sagen, daß die Zeichen aus denen eine Allegorie zusammengesetzt ist, einen konven-
tionelleren Charakter haben müssen, als die vom subjektiven Blickwinkel abhängige
Bedeutung eines Symbols. Gerade weil allegorische Zeichen nicht immer einen sinnfäl-
ligen Bezug zum Gemeinten aufweisen, können sie neu gesetzt und umgewandelt
werden.
Wie des weiteren zu zeigen sein wird, symbolisiert Wittenwiler das epische Ge-
schehen in der Weise, daß er die allegorische Sinnstiftung systematisch unterbindet.
Mittels symbolischer Verfahren und Sinndeutung fügt Wittenwiler heterogenes Bildma-
terial zusammen, das zu logischen Aporien, zur hermeneutischen Unentscheidbarkeit
führt. Infolgedessen werden Sinnbilder zu Un-Sinnsbildern umgewandelt.
3.5 Obszönität und Blasphemie in den Fastnachts- und Osterspielen und im
'Ring'
Trotz dieses heterogenen Textmaterials hält Ruh alle mit der roten Farbe des
Ernstes markierten Lehren für uneingeschränkt gültig. Wie sich schon bei Thomas von
Aquin nachweisen lasse, daß PLQLVWUL(FFOHVLDHSRVVXQWVDFUDPHQWDFRQIHUUHHWLDPVL
VLQWPDOL, so gelte überhaupt im Mittelalter für „Didaxe schlechthin“ eine prinzipielle Un-
abhängigkeit von Sprecher und Lehre. Die durch die Vermittlung durch den Mund der
Bauernnarren unberührte Lehre entwickle sich aus der Handlung, nicht für die Hand-
lung. Man dürfe wie Plate nicht „neben Dörper- und Ritterkritik auch noch die Didaxe
als solche parodistisch verstehen (...)“. Wittenwilers künstlerisches Ziel habe nicht in
einer Integration von Lehre und Handlung bestanden. Dennoch schreibt er: „Immerhin
60
bleibt die verwirklichte Synthese das Bemerkenswerteste, das die lehrhafte Literatur
des Zeitalters hervorgebracht hat.“79
Was die Integrität der durch den Narrenmund verkündeten Lehren angeht, kann
Ruhs These mit Blick auf die oft derb-komisch anmutenden liturgischen Spiele des
späten Mittelalters beigepflichtet werden.80 Insbesondere in den Fastnachtsspielen,
aber eben auch in diesen geistlichen Spielen gab es zahlreiche, dem heutigen Ge-
schmack vielleicht obszön erscheinende Stellen.81 Da alle in den Städten projektierten
Spiele der vorherigen Genehmigung durch das städtische Regiment bedurften, das
heißt der Zensur unterlagen, wissen wir aus den Ratsprotokollen jener Zeit, welche
Stücke aus welchen Gründen nicht aufgeführt werden durften.82 Derb-komische Dar-
stellungen, die meist den Bauern zur Zielscheibe ihres Spottes wählten und eine auf
die Stadtbevölkerung negative Integrationsfunktion ausübten, waren der Obrigkeit eher
ein wirksames Erziehungs- und Disziplinierungsmittel als ein Gegenstand von Verbo-
ten. Von weitaus höherem Interesse war dagegen die Feststellung von Verstößen ge-
gen die Autorität des Rates selbst und eventuell darin enthaltener blasphemischer
Tendenzen. Aus den von Neumann aufgeführten Quellen über die geistlichen Spiele
entsteht der Eindruck, daß vom 13. Jahrhundert an ein Spiel dann als obszön empfun-
den wurde, wenn die derb-komischen Szenen des Spiels blasphemisch wirkten.83 Auf
79 Das Zitat von Thomas von Aquin und die übrigen Zitate finden sich bei Kurt Ruh, Heinrich Wittenwi-
lers 'Ring', in: Kleine Schriften, Bd. I, Dichtung des Hoch- und Spätmittelalters, Hg. von Volker Mer-
tens, Berlin/New York 1984, S. 191 f. Zum erstenmal abgedruckt in: Festschrift für Herbert Sieben-
hüner, Hg. von Erich Hubala und Gunter Schweikhart, Würzburg 1978, S. 59-70.
80 Vgl. allg. zu den Spielen in der Stadt, Ursula Peters, Studien zu den sozialen Voraussetzungen und
kulturellen Organisationsformen städtischer Literatur im 13. und 14. Jahrhundert, Tübingen 1983., S.
198-206.
81 Vgl. allg. zur Komik im geistlichen Spiel, Max Wehrli, Literatur im deutschen Mittelalter, eine poetolo-
gische Einführung, Stuttgart 1984 (= RUB, 8038), S. 171-176.
Fastnachtsspiele werden mit „K“ für Keller und der entsprechenden Nummer angegeben. Fast-
nachtsspiele aus dem 15. Jahrhundert, Hg. von Adelbert Keller, Bd. 1-3 und Nachlese, Darmstadt
1965, unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1853 und 1858.
Hinsichtlich der einseitig auf Fäkalisches ausgerichteten Drastik übertrifft die in den Fastnachtsspie-
len K 6, K 48, K 82 und 120 plump zur Schau gestellte Komik bei weitem Wittenwilers Arztszene.
Diese simplen Geschichten fallen allerdings meilenweit hinter Wittenwilers vieldeutiger Komik und sti-
listischer Meisterschaft zurück. Das städtische Publikum hatte offenbar dann schon einen Riesen-
spaß, wenn sie sahen, wie die Bauern ihren Darm in einem Harnglas entleerten und der Arzt seinen
übelriechenden Patienten mit allen Mitteln Schaden zufügte.
82 Bernd Neumann, Geistliches Schauspiel im Zeugnis der Zeit, Zur Aufführung mittelalterlicher religiö-
ser Dramen im deutschen Sprachgebiet, Bd. 1, München 1987, S. 53: „Ratsprotokolle geben in der
Regel nicht nur Aufschluß über Datum und Stoff einer Inszenierung, über die Spielträger und ihre
Beziehungen zum Magistrat, sondern lassen im Einzelfall auch deutlich erkennen, warum die städti-
sche Obrigkeit einer Aufführung zustimmte oder eine geplante Veranstaltung verbot, d.h. inwieweit
Bürgermeister und Rat geistliche Spiele befürworteten oder ablehnten.“
Vgl. zur Aufführungspraxis der Fastnachtspiele in der Stadt das Nachwort von Dieter Wuttke, in:
Fastnachtspiele des 15. und 16. Jahrhunderts, Hg. von B. N. und Walter Wuttke, Stuttgart 19894 (=
RUB, 9415), S. 441-459; hier bes. 441-43.
83 Vgl. zur Organisation der Spiele und der Mitwirkung von Geistlichen an denselben, Ursula Peters,
Studien, S. 198-206; hier bes. S. 204 ff. Den Vertretern des Klerus, vor deren Portalen die geistlichen
61
jeden Fall waren offene oder geheime Angriffe auf die unerschütterlichen Glaubens-
wahrheiten der kirchlichen Dogmatik zu unterbinden. Der Vorwurf der Obszönität, meist
also von kirchlicher Seite in eigener Sache erhoben, hatte nichts mit einem verletzten
Schamgefühl zu tun.
Wieweit persönliches Fehlverhalten als von der geistlichen Würde und Lehre
getrennt aufgefaßt wurde, belegt das den Marienspielen zugerechnete 6SLHOYRQ)UDX
-XWWHQ von dem Mainzer Geistlichen Dietrich Schernberg aus dem Jahr 1480.84 Die als
Mann verkleidete Jungfrau Jutta erwirbt auf Einflüsterung des Teufels den Doktortitel in
Paris, zieht nach Rom und wird dort zum Papst gewählt. Inzwischen wird sie von dem
sie begleitenden Bulen, einem FOHULFXV, geschwängert. Als der Teufel durch den Mund
eines Besessenen ihr Geheimnis aufdeckt und ihr Betrug vor den Kardinälen publik
wird, beauftragt der VDOYDWRU den Tod mit der Verrichtung seines Amtes. Bevor ihre
Seele von den Abgesandten Luzifers in die Hölle geführt wird, bringt Päpstin Jutta noch
vor den Augen des Volkes ein Kind zur Welt. Schließlich findet die schon verdammte
Ex-Päpstin auf Fürbitte Mariens und des heiligen Nikolaus beim Weltenrichter Gnade,
wird von Erzengel Gabriel aus den Fesseln der Hölle befreit und in die Schar der Seli-
gen eingereiht. Fallhöhe und anschließende Rettung demonstrieren eindrucksvoll das
alle menschliche Vorstellungskraft sprengende Maß einer Gnade, deren Wirken nach
wie vor an den Fortbestand der Kirche geknüpft ist.
Einen aufschlußreichen Beleg für den neutralen oder nur unterhaltenden Stel-
lenwert derb-komischer Szenen in den geistlichen Spielen bietet die Reaktion der Kar-
dinäle nach der Aufdeckung des Betrugs. In der Absicht bei der nächsten Papstwahl
einer solchen Geschlechtsverwechslung wirkungsvoll vorzubeugen, verfallen sie auf
den Gedanken, den zukünftigen Kandidaten auf einen speziell angefertigten Stuhl zu
setzten, der eine geradezu empirisch beglaubigte Geschlechtsbestimmung ermöglicht.
Spiele aufgeführt wurden - die Fastnachtsspiele fanden dagegen auf den Marktplätzen und in den
Wirtshäusern der Städte statt - ging es mit diesen sinnfälligen Darstellungen darum, an die biblischen
Ereignisse zu erinnern und die allgemeine Volksfrömmigkeit zu fördern. Vom hohen Mittelalter bis zur
frühen Neuzeit galt ihre Kritik der REVFHQLWDVYROXSWDVund ODVFLYLD, besonders den Masken ODUYD,
durch die sie die Würde der Kirche und des Dargestellten gefährdet sahen.
Vgl. dazu Neumann, Geistliches Schauspiel, Die Stellung der Kirche zu den Spielen, S. 869-879. Et-
wa hundert Jahre nach Entstehung des 'Ring' verschärfte sich unter dem Einfluß der Reformation der
klerikale Kontrollanspruch über den Umgang mit Literatur.
Vgl. zu Kontolle und Zensur, Erich Kleinschmidt, Stadt und Literatur in der frühen Neuzeit, Voraus-
setzungen und Entfaltung im südwestdeutschen, elsässischen und schweizerischen Städteraum,
Köln/Wien 1982, S. 118-141.
84 Dietrich Schernberg, Ein schoen Spiel von Frau Jutten, Hg. von M. Lemmer, Berlin 1971 (= Texte des
späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, 24).
62
'DUXPEZROOHQZLUNHLQHQ]XP%DEHVWKDQ
:LUVHLHQVGHQQJHZLVGDVHUVH\HLQ0DQ
:LUZROOHQHLQHQVWXOODVVHQPDFKHQ
'HUGDGLHQHW]XVROFKHQVDFKHQ
'DVROOVLFKGHUQHZ%DEVWEHJUHLIIHQODKQ
:LHHVLVWXPELKQJHWKDQ
'DVPDQGDHUNHQQH
2EHUVHLHLQ+DQRGHUHLQ+HQQH V. 1321 ff.
Einem solchen Verfahren haftet offensichtlich genau so wenig Obszönes oder
das liturgische Spiel Profanisierendes an wie dem Apostellaufen von Petrus und Jo-
hannes zum heiligen Grab oder den Szenen der drei Marien mit dem hanswurstigen
Salbenkrämer Rubin.85 Dieses Spiel lehrt mitunter, daß die kirchliche Doktrin und die
Kirche als Institution vor dem Mißbrauch einzelner Frevler in Würde und Geltungsan-
spruch unberührt bleiben.86
Gleichwohl standen die Menschen dieser Zeit den unwürdigen Vertretern dieser
Lehren keineswegs gleichgültig gegenüber. Wie ließe sich sonst die Pfaffenkritik bis
hin zur Reformation erklären? Ziegeler weist darauf hin, daß der Stricker schon in der
ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also weit vor Wittenwilers Zeit, das Verhältnis von
Lehre und Lebensführung thematisiert hat.87 Es kann demnach nicht, wie Ruh glaubt,
eine negative Rückwirkung korrupter Vertreter auf die von ihnen gepredigten Lehren
von vornherein ausgeklammert werden. Offensichtlich hat also Wittenwilers „binärer
Kode“88 der grünen und roten Farblinierung in Teilen der Forschung zu einer Nivellie-
rung der nach Sprache und Wert erheblich differierenden Lehrpartien geführt.
Im Gegensatz zu den oben genannten Beispielen greift Wittenwiler die kirchlich
verwalteten Glaubenswahrheiten in Form der Sakramente frontal an. Sakramente wer-
den in Symbolhandlungen von geweihten Priestern vollzogen. Ihr Wert und ihre Gültig-
keit bemessen sich ausschließlich an der monopolisierten Deutungs-, Definitions- und
85 Die Figur des komischen Salbenkrämers, dessen parodierende Reden sich mit den Klageausrufen
der drei Marien am Grab kontrastreich abwechseln, taucht im Innsbrucker und im Erlauer Osterspiel
auf.
Vgl. E. Hartl (Hg.), Das Drama des Mittelalters, Bd. 2: Osterspiele, Leipzig 1937 (= Deutsche Literatur
in Entwicklungsreihen, Reihe: Drama des Mittelalters), V. 920 ff., V. 779 ff. Zitiert nach Friedrich Ran-
ke, Zum Formwillen und Lebensgefühl in der deutschen Dichtung, in: DVjs 18 (1940), S. 307-319,
hier S. 308 f.
86 Thomas Cramer, in: Ders., Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter, München 1990
(= Deutsche Literatur des Mittelalters, 3), S. 227: „Das Fehlverhalten einzelner geistlicher Amtsträger
demonstriert die Machenschaften des Teufels und dagegen die letztlich siegreiche Gnade Gottes."
87 Vgl. Hans-Joachim Ziegeler, Erzählen im Spätmittelalter, Mären im Kontext von Minnereden, Bispeln
und Romanen, München 1985, S. 433, Anm. 161. Beim Stricker handelt es sich um die Reimpaar-
dichtungen 'HUWXPEHQ3IDIIHQ(Nr. 107); 'HU3IDIIHQ/HEHQ (Nr. 108) und um +HUUHQOREXQG*RWWHV
ORE (Nr. 152), in: Die Kleindichtung des Strickers, hrsg. von Wolfgang W. Moelleken, 5 Bde, Göppin-
gen 1973-1978.
88 Jürgen Bachorski, Das System der Negationen, S. 481.
63
Vollzugsgewalt der Amtskirche. Wittenwiler stellt zusammen mit der Autorität der Kir-
che den Sinn- und Wahrheitsgehalt der Sakramente radikal in Frage. Als Beispiele sei-
en hier die Taufe und die Beichte des Bauernturniers genannt.89
Haintzo mit der gaiss und einige seiner Kumpanen sind beim Stechen in den
Bach gestürzt. Die Dorfnarren versuchen ihr Mißgeschick durch heldische Prahlreden
zu vertuschen. Grabinsgaden rühmt, daß alle seine Läuse ersoffen seien (V. 263 ff.). In
Heldenmanier weiß Haintzo ihn zu übertrumpfen:
'HLQJHZLQGHULVWHLQVWUR
*HQGHPPHLQGHVELQLFKIUR
(LFKLQGHPEDFKHFKlP
,FKZDVKDLGHQXQJH]lP
,FKZDVDXFKLQGHUNHW]HURUGHQ
(UVWELQLFK]HFULVWDQZRUGHQ V. 269 ff.
Offenbar mißfällt Chuontz diese Rhetorik der Selbsttäuschung. Nüchtern kons-
tatiert er, daß sie alle mehr Schaden als Gewinn von der Aktion davongetragen haben.
Schon oft habe er seine Hose im Bach gewaschen, aber noch nie habe er gesehen,
daß dabei eine Laus ertrunken sei. Dann folgt aus seinem Munde eine Tauflehre, die
nach Mittler der theologischen Auffassung der Zeit entsprach.90 Chuontz begründet die
Wertlosigkeit von Haintzos Behauptung QDFKGHUZHLVHQSKDIIHQVDJ(V. 289)damit,
daß zur Wassertaufe PXRVVHLQXQGHUVFKDLGXQJVLQ (V. 293) zwischen einem Täufer
und Haintzo als Täufling. Überdies müsse der Täufer die passende Taufformel spre-
chen (V. 289 ff.). Mit der folgenden Feststellung wird er nun aber selbst zum Häretiker
und Ketzer. Denn nun nivelliert er ebendie Unterscheidung, die eine FRQGLWLRVLQHTXD
QRQ für das Funktionieren der sakramentalen Symbolhandlung ist:
'HQQRFKWLVWH]DOVHLQZLFKW
+DWGHUWDXIIHUQLWGHQPXRW
=HWDXIIHQVRHUGLFKGD]WXRW
,QJRWWHVGLHQVWELVWGXYHUGURVVHQ
89 In dieser Speicherszene verbindet sich Blasphemie mit Obszönität in der Weise, daß Mätzli mit ihrer
PXW]Heinen pseudohöfischen Minnediskurs führt. Bertschis Ausspruch: +DLOLJHU&KULVW%HVFKORVVHQ
SURWZLHVHVVGXSLVW (V. 1558 f.) assoziiert auf der bildlichen Vorstellungsebene Mätzlis PXW]H mit
dem in der Monstranz eingeschlossenen Leib Christi.
Zu den Sakramenten im ‘Ring’ vgl. Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 370-381.
Vgl. zur Obszönität Jürgens-Lochthove, Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Kontext hochhöfischer Epik,
S. 196 und S. 200. Für sie ist Obszönität im 'Ring' gleichzusetzen mit der Darstellung sexueller Vor-
gänge, die dem vergnüglichen Element von Handlung unterworfen seien. Die so verstandene Obs-
zönität sei durch die Didaxeintention ideologisch rechtfertigt.
Vgl. zur Obszönität Birgit Knühl, Die Komik in Heinrich Wittenwilers 'Ring', S. 108-112. Sie erklärt das
für obszön, was ihrer Meinung nach anstößig, derb, bzw. vulgär wirkt, ohne den Nachweis dafür zu
erbringen, daß die sexuellen Szenen tatsächlich die zeitgenössischen Leser in ihrem Schamgefühl
verletzt haben könnten.
90 Vgl. Mittler, Das Recht in Heinrich Wittenwilers „Ring“, S. 31.
64
'DUXPEVRKDVWGXZHQNYHUJRVVHQ
'HLQVSOXRW]LQVHLQHUPLQQH
'XSULQVWDXFKQLWPLWVLQQH
,QGHPJDLVWGD]VDJLFKGLU
1RFKELVWHLQMXGJHODXEHVPLU V. 298 ff.
Haintzo, dem der Pfarrer drei taube Nüsse zum Wappen gegeben hat (V. 127 ff.),
soll in einer Person zugleich Heide, Ketzer und Jude sein.91 Alle drei Klassifikationen
zusammen bezeichnen in den Augen der Kirche alle Ungläubigen. Selbstverständlich
konnte ein Mensch nur in eine dieser drei Kategorien eingeordnet werden. Ketzer
konnte nur derjenige sein, der auf den Namen Christi getauft worden war und gegen
die Lehren der Kirche verstieß. Lutz vermutet deswegen gegen Mittler, daß man hier
nicht wie dieser nach der geistlichen Identität Haintzos fragen dürfe, da Wittenwiler e-
ben den Ungläubigen schlechthin anvisiere.92
Nehmen wir also an, daß Haintzo für den Ungläubigen stehe und tatsächlich mit
jenem Konstanzer Weinhändler namens Haintz Cristan identifiziert werden kann, so ist
das, was Chuontz behauptet, zweifellos blasphemisch und häretisch in dem Sinne, daß
es gegen die Lehre der Kirche verstößt.93 Denn die innerlich widerstrebende Absicht
eines von der Kirche geweihten Priesters gegen die Gültigkeit der von ihm vorgenom-
menen Taufe kann und darf nicht über die Autorität der Kirche gestellt werden. Eben-
diese auf der individuellen Gewissensinstanz basierende Einstellung zu Angelegenhei-
ten des Glaubens entspricht dem mystischen und kirchenreformerischen Gedankengut
der Zeit, dessen intellektuelle Exponenten Meister Eckard und Johannes Tauler waren.
Zudem treten bei Chuontz Blut- und Geisttaufe, die an die Spiritualität eines einzelnen
gebunden außerhalb des kirchlichen Rahmens in Erscheinung treten, in Konkurrenz
zur Wassertaufe. Im Gegensatz zu jenen Formen der Taufe qualifiziert diese den Täuf-
ling nur durch den Willens- und Entscheidungsakt der Amtskirche. Dem Täufling wird
symbolisch der Name eines Christen zuteil, ohne daß er sich besonders
91 Zur Taufbelehrung und zur Person des Haintzo vgl. Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 371-373; vgl. Mittler
ebd.
Bei der Vorstellung der „Helden“ am Anfang des Bauernturniers wird Haintzo wie folgt vorgestellt:
'HUIQIWZDV+DLQW]RPLWGHUJlVV
(LQHVHOPDQQXQGULWWLJPlVV
'HPKLHWGHUSKDUUHUZDSSHQJHEHQ
'ULQXVVDQHLQHUZHLQUHEHQ V. 127 ff.
Die Attribute HVHOPDQQ und ULWWLJPlVV (fieberhaft) sind wortspielerische Permutationen aus den Vo-
kabeln Edelmann und ritterlich.
Das Bild von den drei tauben Nüssen spielt an auf Io 15, 1-2: „ego sum vitis vera et Pater
meus/agricola est/omnem palmitem in me non feren/tem fructum tollet eum/et omnem qui fert fructum
purgabit/eum ut fructum plus adferat“
92 Vgl. Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 372.
93 Zu der historischen Gestalt des Konstanzer Weinhändlers Heinrich Cristan Vgl. ebd., S. 173-200.
65
ausgezeichnet haben muß. Als Märtyrer und Heilige können dagegen auch Personen
qualifiziert werden, die aus politischen Gründen nicht von der Kirche kanonisiert wer-
den.
Ich stelle fest, daß unter diesen Voraussetzungen eine kirchenrechtliche Unter-
scheidung der Person Haintzos ebensowenig möglich ist wie überhaupt der gültige
Vollzug der Taufhandlung. Es handelt sich wohl kaum um einen Zufall, daß ausge-
rechnet Chuontz über das Taufsakrament belehrt, der, wie man an den angeblich im
Bach ersoffenen Läusen sieht, empirisch „realistisch“ an das glaubt, was ihm unter die
Augen kommt. Unter dieser epistemologischen Voraussetzung wird seine Lehre vol-
lends zweifelhaft. Muß doch der christliche Glaube der Mystiker an die Geisttaufe auf
intelligiblem Wege verifiziert werden und läßt sich eben nicht durch eine bestimmte
symbolische Handlung oder durch empirische Beobachtung beweiskräftig visualisieren.
Seine Rede widerspricht also nicht nur der allgemeinen Kirchendoktrin, sondern jegli-
chem Glauben. Ihm zufolge wäre die Taufe nur dann gültig, wenn ein nicht näher be-
zeichneter Täufer innerlich mit dem übereinstimmte, was er äußerlich in einem be-
stimmten symbolischen Akt zu tun vorgäbe. Er müßte beim Vollzug zugleich daran
denken, daß er auch daran glaubt und alles damit Verbundene für rechtens hält. Da es
dafür kein Unterscheidungskriterium geben kann, wird die ganze Angelegenheit zu ei-
ner Farce, der sich jeder Kontrollierbarkeit entzieht.
Mittler zitiert bezüglich des Beichtsakraments folgende Passage aus Papst Eu-
gens IV. 'HFUHWXPSUR$UPHQLV vom 22. Nov. 1439:
Quarum prima est cordis contritio; ad quam pertinet, ut doleat de peccato com-
misso, cum proposito non peccandi de cetero. Secunda est oris confessio; ad quam
pertinet, ut peccator omnia peccata, quorum memoria habet, suo sacerdoti confiteatur
integraliter. Tertia est satisfactio pro peccatis secundum arbitrium sacerdotis;...94
Der erste [Schritt] ist die innere Reue [wörtl. die Zerknirschung des Herzens]. Zu
ihr gehört, daß jemand die begangene Sünde mit dem Vorsatz bedauern soll, in Zukunft
nicht mehr zu sündigen. Der zweite ist die mündliche Beichte, zu der gehört, daß der
Sünder alle Sünden, an die er sich erinnern kann, voll und ganz seinem Priester be-
kennt. Der dritte ist die Buße für die Sünden nach dem Willen des Priesters.
Neidhart, der den übermäßig reumütigen Bauern (V. 680 ff.) die Beichte ab-
nimmt und sie an Bischof und Papst verweist, um ihnen finanziellen Schaden zuzufü-
gen (V. 822 ff.), ist schon deswegen ein Häretiker, weil er sich als Priester ausgibt.95
94 Vgl. Belitz, Das Recht in Heinrich Wittenwilers „Ring“, S. 20.
95 Vgl. dazu Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 319. Eine Laienbeichte war nur im Notfall erlaubt, wenn kein
Priester zur Stelle war. Daß aber ein Priester beim Turnier zugegen ist, erwähnt Wittenwiler in Vers
1152.
66
Über die Irrealität seiner Rolle zeigt sich der bekannte Bauernhasser bestens infor-
miert:
+HU1HLWKDUWGRGHUJXPSSHOSKDII
'HULPJHGRFKWLQVHLQHPPXRW
%|VHUVFKLPSKHZDUGQLHJXRW
0LWGHUVHOLVWQLW]HVFKHUW]HQ
,FKZDLVVGD]ZROLQPHLQHPKHUW]HQ
1DFKGHUZDLVHQOHUHVDJ
'D]LFKQLWJHO|VHQPDJ
1RFKJHSLQGHQJDLVWHFKOHLFK
6RPDJHUDXFKQLWVLFKHUOHLFK
6HLQHXVQGHLPODLHQVDJHQ
6RHUSULHVWHUPDJJHKDEHQ V. 769 ff.
Die völlige Inkongruenz von Symbolhandlung und der ihr widersprechenden in-
neren Einstellung der Person, die sie vornimmt, korrespondiert mit der prinzipiellen
Fragwürdigkeit der Vermittlung göttlicher Gnade durch die Spendung von Gnadenmit-
teln aus Menschenhand. Nachdem Neidhart seine Beichte beendet hat, denkt er:
1HLWKDUWJDELQVHLQHQVHJHQ
(ZHUPHVVGHUWLHIHOSKOHJHQ
*RWJHEHXFKSDLGHQVPHUW]HQ
6SUDFKHULQGHPKHUW]HQ V. 824 ff.
Das oben genannte DUELWULXP VDFHUGRWLV bezieht sich auf die Festsetzung der
Bußhöhe nach der Schwere der begangenen Sünde. Je schwerer die Sünde ist, desto
höher muß der Kleriker in der Hierarchie der Amtskirche stehen, bei dem er Abbitte
leisten muß. Neidhart hält es für nötig, Lechspiss wegen eines lächerlich geringen Ver-
gehens zum Bischof zu schicken (V. 750 ff.). +DLQW]RGHUYLOUHXZLJPDQ(V. 782) zeigt
sich so zerknirscht, daß er sich wünscht, nicht geboren worden zu sein. Neidhart trös-
tet ihn zunächst damit, daß Gottes Barmherzigkeit jede Sünde, sei sie noch so groß,
bei entsprechender Reue vergeben könne. Darauf erzählt Haintzo von einer Reise, bei
der er an einen Bach gekommen sei, den er nicht habe überqueren können.
$XV]HVFKODXIIHQQPLFKYHUGURVV
8QGGXUFK]HZDWWHQQDOVREORVV
'RZROWLFKDXFKQLWZLGHUNHUHQ
8QGPHLQJHOWXPEVVWYHU]HUHQ
6HFKWGRYDQGLFKG|UWHLQNXR
'LHIXRUWLFKEHLGHQRUQKLQ]XR
,FKVWDLJDXIVHLXQGUDLWKLQDQ
%LVGD]LFKGXUFKGD]ZDVVHUFKDP V. 804 ff.
Schon Wießner vermutet in seinem Kommentar den „Vorwurf der Bestialität“.
Lutz hält ihn für erwiesen. Neidharts affektgeladene Reaktion auf Haintzos Sündenbe-
67
kenntnis - er bezeichnet ihn als feigen Ketzer, bösen Mann und wünscht ihm den Tod -
deutet jedenfalls in diese Richtung (V. 812 ff.). Da Lechspiss zum Bischof geschickt
wird, fragt Lutz, ob er nicht vielleicht seine Frau vergewaltigt habe.96 Der Sodomiever-
dacht liegt nahe, während die Frage nach einer möglichen Vergewaltigung konstruiert
erscheint, um die Schwere der Strafe in ein angemessenes Verhältnis zum Grad des
Vergehens zu stellen.
Haintzo legt Neidhart eine Bußfahrt nach Rom auf. Aus dem Erzählerkommen-
tar wird deutlich, daß der Klerus beim Sündenablaß und bei der Spendung der Sakra-
mente mehr auf die eigene finanzielle Bereicherung als auf das Seelenheil der Laien
bedacht ist:
$OVRPDFKWVLFK+DLQW]GRKLQ
*HQ5RPGD]ZDVVHLQXQJHZLQ
/HFKVSLVVKLQW]]XPELVFKRIIWUDW
'D]ZDUGLPLQGHPVHNHOVFKDG V. 820 ff.
Der XQJHZLQ, den der Sünder von der Spendung der Gnadenmittel davonträgt,
widerspricht dem Gedanken an die Barmherzigkeit Gottes, für dessen Gnadenerweis
die innere reumütige Haltung des Sünders ausreicht.
Es bleibt festzuhalten, daß Wittenwiler die Sakramente von Taufe und Beichte
als handhabbare Zeicheninstrumente vorführt, die zum materiellen Schaden statt zum
Seelenheil eingesetzt werden. Wittenwiler geht über einen impliziten Simonievorwurf
hinaus, indem er den Fiktionalitätsgehalt aller Zeichen dieses Bezugssystems hervor-
hebt. Nicht nur die Ambiguität der Sprache, sondern auch die der Gebärden (Reue) wie
die der Symbolhandlungen (Taufe und Beichte) werden als Täuschungsmittel vorge-
führt. Blasphemisch wird die Darstellung der Sakramente dadurch, daß im ‘Ring’ aus
Gnadenmitteln Täuschungsmittel mit entgegengesetzten Zwecken werden.
3.6 Die nominalistische Ring-Deutung Babendreiers
Babendreier unternimmt in seiner Dissertation zur Erzählweise im ‘Ring’ den
Versuch, die Bauteile des Romans mit den Regeln der klassischen Rhetorik und den
Vorschriften der mittelalterlichen Poetiken zu analysieren und den ‘Ring’ als Didaxe im
96 Vgl. Lutz ebd., S. 375.
Vgl. Wießner, Kommentar, S. 49.
Vgl. dazu Ders., Neidhart und das Bauernturnier in Heinrich Wittenwilers Ring, in: Festschrift Max H.
Jellinek, Wien und Leipzig 1928, zum 28. Mai 1928 dargebracht, S. 206
68
Kontext der nominalistischen Philosophie zu deuten.97 Er diagnostiziert durchgehend
„nominalistische Tendenzen im ‘Ring’ und spricht von einer „unauflösliche[n] Interde-
pendenz von Weltlauf und Lehre“. Das begründet er wie folgt: „Lehre und dargestelltes
Leben sind durch ihre kompositionelle Funktion unauflösbar miteinander verbunden
und wechselweise aufeinander bezogen, so daß nicht Gegensatz, sondern Korrelation
ihr Bezugsfeld charakterisiert.“98 Wieder zwingt der wenig plausible Gegensatz von
Lehre und einer Handlung, die eine empirische Wirklichkeit abbilden soll, zu einer be-
grifflichen Trennung, die sich nur gegen den Widerstand der Textbefunde durchhalten
läßt.99
Bei diesem Deutungsansatz belegt Babendreier nur jeweils punktuell Verstöße
oder konformes Verhalten der Personen in bezug auf Regelsysteme der Rhetorik, Phi-
losophie und Moral. Methodisch nur schwer nachvollziehbar erscheint mir auch die
These einer „unauflösbaren Verbindung“ von Lehre und Handlung unter der Voraus-
97 Den philosophischen Sammelbegriff „Nominalismus“ charakterisiert Heiko A. Oberman für alle Ver-
treter dieser Denkrichtung vom 12. Jahrhundert Abaelards bis zur aristotelischen Spätscholastik des
14. Jahrhunderts gleichermaßen gültig mit den folgenden vier Maximen: Gottes Souveränität, Gottes
Unmittelbarkeit, die moralische Autonomie und Freiheit des Menschen und eine Haltung des Skepti-
zismus, der zur Verweltlichung tendiert.
Heiko A. Oberman, „Some Notes on the Theology of Nominalism, with Attention to Its Relation to the
Renaissance“, in: Harvard Theological Review [HTR] 53 (1960), S. 47-76, hier S. 56.
Einen zusammenfassenden Überblick über die Hauptgedanken des spätmittelalterlichen Nominalis-
mus bietet William J. Courtenay: Nominalism and Late Medieval Religion, in: The Pursuit of Holiness
in Late Medieval and Renaissance Religion, Hg. von Charles Trinkaus und Heiko A. Oberman, Lei-
den 1974 (= Studies in Medieval and Reformation Thought, 10), S. 26-59.
Babendreiers Kenntnisse der nominalistischen Philosophie beschränken sich im wesentlichen auf die
Abhandlung Paqués: Ruprecht Paqué, Das Pariser Nominalistenstatut, Zur Entstehung des Reali-
tätsbegriffs der neuzeitlichen Naturwissenschaft, Berlin 1970.
98 Jürgen Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 228.
99 Ähnlich argumentiert Reinhard Wittmann. Vgl. ders., Heinrich Wittenwilers 5LQJ und die Philosophie
Wilhelms von Ockham, in: DVjs 48 (1974), S. 72-92.
Wittmann versteht den Roman als Kritik an den bloß theoretisch gewußten Systemen. Didaxe ließe
sich nicht lehren, es sei denn, sie würde von der UHFWDUDWLRbegleitet. „Lernen im Sinne eines freien
Sichentwickelns zur Harmonie von Willen und recta ratioist für Wittenwiler das wichtigste Ziel
menschlicher Seinsverwirklichung.“ Vgl. ebd. S. 85.
Wittmanns Interpretation fußt auf dem „guten Willen“, der „Lernwilligkeit Bertschis“. So scheitere
Bertschi jedesmal bei dem Versuch, ihm zuvor erteilte Lehren anzuwenden und komme im Gegenteil
nur dann zur Einsicht, wenn ihm konkrete Dinge, wie die Völlerei des Hochzeitsmahles, vor Augen
kommen.
Dagegen ist zum einen einzuwenden, daß Bertschis Wille von seiner sexuellen Triebhaftigkeit deter-
miniert ist. Bertschi übernimmt die Rolle des Examinanden nur, um an seine Mätzli heranzukommen
(V. 5207 ff.). Die von ihm demonstrativ vorgeführte Haltung, belehrt zu werden, ist selbst Teil eines ri-
tuell vollzogenen Belehrungssystems (V. 3808 ff.). Zum anderen stellt sich die Frage, ob der Mensch
jedesmal eine Erfahrung machen muß, um etwas zu lernen. Wenn dem so wäre, was auch Ockham
so nicht behauptet, könnte der Mensch nur aus seinem Schaden klug werden. Dabei kann allerdings
der Schaden an Leib und Seele so gewaltig sein, daß er seine eigene Existenz ruiniert. Einen aus
Dummheit oder Unerfahrenheit selbstverschuldeten Schaden schmerzlich zu registrieren, entspricht
mitnichten einer empirischen Erfahrung, die in der UHFWDUDWLRreflektiert und zu einer Änderung der
Willenseinstellung und des Verhaltens führt. Um dies zu können, müßte eine Idee von Recht und Un-
recht, Moral und Unmoral schon in der Vorstellung vorhandensein. Andernfalls müßte der UHFWDUDWLR
Gewalt und Krieg vorangehen, um wirksam zu werden.
69
setzung ihrer analytischen Trennung, die zur Erkenntnis ebendieser Synthese führen
soll.
Babendreier versteht unter dem unauflöslichen Spannungsverhältnis die im phi-
losophischen Sinne „realistischen“ Lehren zur Empirie der epischen Handlung, in der
Einzelfälle identifizierbar seien. Stagnation und Dynamik hingen ab von der richtigen
oder falschen Erkenntnis dessen, was objektiv der Fall sein soll. Es bestehe die Mög-
lichkeit zur freien Wahl zwischen situationsgerechtem Erkennen der UHVVLQJXODUHV und
entsprechendem Handeln und falschem und unadäquatem Sprechen, das anstelle der
zu berücksichtigenden Einzeldinge abstrakte XQLYHUVDOLDsetzt. So sieht er im Verken-
nen oder Erkennen der außersprachlichen Empirie das dynamische Prinzip, das den
Fortgang der Erzählung erzeugt:
(...) die Auflösung der Universalien durch die Empirie der res singulares bestimmt
auch den Gang der epischen Handlung, deren Verlaufsstruktur durch die jeweils vorge-
gebene Relation des Einzelnen zum Allgemeinen determiniert ist: überall dort, wo ver-
sucht wird, konkrete Entscheidungen nicht an Hand empirischer Gegebenheiten, son-
dern auf der Basis infiniter Fragestellungen herbeizuführen, ist der Gang der Handlung
durch ein ziellos auf sich selbst zurückgeworfenes Ablaufschema, durch Statik und Er-
folglosigkeit dokumentierende Stagnation gekennzeichnet.100
Erfolg sei demnach nur demjenigen beschieden, der „in Übereinstimmung mit
dem Denk- und Darstellungsprinzip der Lehrgespräche sein Handeln an den singulären
Gegebenheiten der Sachwelt und nicht an den allgemeinen Bedeutungen der Sprach-
welt zu orientieren versteht.“101 Doch sind in dem zu achtzig Prozent aus direkter Rede
bestehenden ‘Ring’ „Einzeldinge“ allererst abhängig von den Reden der Einzelperso-
nen. Da die erzählten Teile der Geschichte identisch sind mit den affektgeladenen und
ironischen Schilderungen eines mit eigener Meinung ausgestatteten Ich-Erzählers, ist
sein Anteil ebenfalls integraler Bestandteil des Redetextes. Demnach besteht der ge-
samte Roman aus einem Konglomerat widerstreitender Meinungen und Ansichten, in
die sich immer wieder ein ironisch erzählender und oft das Geschehen kommentieren-
der Erzähler einschaltet. Der kontrastreiche Redetext überfordert bei weitem Ba-
bendreiers abstrakte Zweiteilung in einen Bereich der Handlung für Leben und in einen
der Lehren für Vorstellungen. Zudem greift dieser Deutungsansatz zu kurz, weil zum
einen auch die sog. Lehren von der ironischen Erzählweise erfaßt sind und zum ande-
ren die erzählten Partien zur subjektiven Vorstellungswelt des Erzählers gehören.
Hinzu kommt, daß Babendreier zu wenig den reinen Zeichencharakter der Re-
den berücksichtigt. Statt an der Vermittlung empirischer Wahrheiten oder an einem
100 Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 245.
101 Ebd. S. 246.
70
Ausgleich H[QHJDWLYRvon „Leben und Lehre“ interessiert zu sein, präsentiert Wittenwi-
ler ein Romankonzept, in dem eine Welt von Narren ihre ungleichwertigen Vorstellun-
gen mittels Reden durchzusetzen suchen. Grundsätzlich aber gilt für die „kleinen Wel-
ten" der literarischen Kunstwerke, was Eco den „Vertrauensvertrag“ nennt. Deren
Wahrheits- und Existenzbedingungen sind Produkte des Kommunikations- bzw. Lese-
prozesses.102 Ob etwas als seiend im Sinne von wahr angenommen wird, hängt ab
von Autoritätsfestlegungen und Existenz-Präsuppositionen, die im Vertrauensvertrag
zwischen den Lesern und den Regeln der fiktionalen Welt ausgehandelt werden. Die-
ser Minimalkonsens über die Existenzbedingungen der fiktionalen Welt, der eine pro-
duktive Kommunikation allererst ermöglicht, kann aus zeichentheoretischen Gründen
nicht hergestellt werden.
Für die Skepsis gegenüber der Ambivalenz sprachlicher Zeichen und der Gren-
zen der Sprache bezüglich der Erfassung der UHVVLQJXODUHVliefert Wilhelm von Ock-
ham selbst die besten Argumente. Laut seiner Erkenntnis- und Zeichentheorie gibt es
überhaupt nichts in UH, was den Allgemeinbegriffen entspricht, und das, obgleich er
diese als natürliche denkt.103 Ockhams philosophische Überlegungen münden denn
auch in eine Krise des Dingbegriffs. In einer Kette von Zeichen versucht er, Wörter und
Begriffe auf Referenten existierender Einzeldinge zurückzuführen. Die Welt der Natur
ist also nicht länger substantiell anwesend in der Sprache und Vorstellungswelt der
Zeichendeuter. Vielmehr hat sie sich aus ihr entfernt, ist in eine objektive Position ge-
rückt. Dadurch verliert das Reden den ontologischen Charakter unmittelbarer Wahr-
heitsfähigkeit. Ein Erkenntnissubjekt steht zu seinem Erkenntnisobjekt nur noch in ei-
nem sehr indirekten, nur mit Mühe zu dechiffrierenden Zusammenhang wechselseitig
aufeinander verweisender Zeichen.104
Die wissenschaftlichen Sätze [Ockhams] befassen sich nicht mit den Dingen, son-
dern mit Begriffen (er unterscheidet also zwischen Signifikat und Referent); und die
Begriffe wiederum sind EORH=HLFKHQfür Einzeldinge, d.h. sie sind eine Art stenogra-
phischer Kürzel, mittels derer wir eine Vielzahl von Individuen unter einer allgemeinen
Rubrik zusammenfassen. Folglich gleicht der Prozeß, der zur Formulierung eines Beg-
riffes führt, demjenigen, durch den ein Zeichen formuliert wird. Das sprachliche Zeichen
102 Vgl. zu den Existenzpräpositionen, Eco, Die Grenzen der Interpretation, S. 390 ff.
103 Vgl. Pinborg, Logik und Semantik im Mittelalter, S. 131. Ockham trennt die kognitiven Begriffe von
den extramentalen Einzeldingen, die doch unverzichtbar die Begriffsbildung veranlassen. Pinborg
sieht darin die crux der Ockham-Forschung.
104 Eco, Zeichen, Einführung in einen Begriff und seine Geschichte, Frankfurt a. Main 1977, 130: „Der
Begriff ist nicht länger im Sinne der Scholastik eine Widerspiegelung oder ein Bild des Dinges, son-
dern ein selektives Konstrukt. Abstrakte Ideen spiegeln nicht die individuelle Essenz des Dinges, die
uns unbekannt ist; sie geben uns seine QRPLQHOOH(VVHQ]Die Idee selbst, als nominelle Essenz, ist
bereits Zeichen für das Ding, ist Zusammenfassung, Verarbeitung, Komposition einzelner Merkmale,
Abstraktion, die nicht wirklich die Aspekte und Attribute des Dinges aufweist.“
71
ist also für Occam ein Signifikant, der auf den Begriff als sein Signifikat verweist; doch
ist auch der Begriff wieder ein Zeichen, nämlich der abgekürzte abstrakte Signifikant,
dessen Signifikat (oder Referent) die Einzeldinge sind (I 6HQW,2, 8).105
Ockhams Konzeptualismus und den davon abzugrenzenden philosophischen
Realismus erklärt Babendreier unter anderem mit Heideggers ‘Die Zeit des Weltbil-
des’.106 Die vorstellende Vergegenständlichung einer zum Bild gewordenen Welt heißt
doch gerade, daß es kein kognitiv erfaßtes und kommunikativ austauschbares Objekt
gibt ohne die allgemeine Anerkennung eines möglichen, immer jedoch subjektiven Be-
wertungsmaßstabs.107 Dagegen bescheinigt Babendreier den Romanpersonen allein
schon deswegen vorbildliches Verhalten, weil sie angeblich bei der Vorstellung ihrer
Absichten und der planerischen Vorwegnahme ihrer Aktionen auf „reale Gegebenhei-
ten“ eingehen. Diese Haltung begründet er mit dem unmittelbaren Einfluß nominalisti-
scher Denkmodelle. Richtiges und falsches Verhalten läßt sich aber nicht messen an
der Planung bzw. Nichtberücksichtigung dessen, was erst Realität werden soll. Das
Grundproblem der polemischen Gesprächssituation im 'Ring' besteht vielmehr darin,
daß die Romanpersonen von jeweils widersprüchlichen Konzepten ausgehen.
Babendreier belegt seine Thesen unter anderem mit folgenden zwei Textbei-
spielen. Bei dem ersten Beispiel handelt es sich um die Episode der beiden Brautwer-
ber Nabelraiber und Rüerenmost. Sie sollen den von Bertschis Sippe gemeinsam be-
schlossenen Heiratsantrag an den Vater der Braut vortragen: 9RQYHUUHPKHUPLWZRU
WHQVFKHOEHQ6DPVHXHVWlWLQYRQLQVHOEHQ(V. 3541 f.). Eine Beteiligung von Gelehr-
ten und Pfaffen wird ausdrücklich abgelehnt. Zur erfolgreichen Übermittlung der ge-
heimen Botschaft hat Bertschis Sippe
>@DXVJH]HOW
]ZHQGHUEHVWHQXQGGHUZHOW
'D]ZDVGHUVFKUHLEHUVLQQHUHLFK
8QG5HUHQPRVWLPVHOEHUJOHLFK V. 3535 ff.
Horst Brunner übersetzt LPVHOEHUJOHLFK mit „der ihm [dem Schreiber] gleich-
kam“. Eine andere Deutung ergibt die Lesart, die LP als Reflexivpronomen von VHOEHU
105 Ebd., S. 129.
106 Vgl. Babendreier, Studien zur Erzähltechnik, S. 252 ff.
107 Heidegger, Die Zeit des Weltbilds (1938), in: Holzwege, Frankfurt a. M. 1950, S.87: „Der Grundvor-
gang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild. Das Wort Bild bedeutet jetzt: Das Gebild des
vorstellenden Herstellens. In diesem kämpft der Mensch um die Stellung, in der er dasjenige Seiende
sein kann, das allem Seienden das Maß gibt und die Richtschnur zieht.“ Babendreier schließt daraus
nicht etwa auf die Problematik der Maßstab-Setzung als Willkürakt, der im 'Ring' thematisch ist, son-
dern hebt paradoxerweise wieder auf den Objektbezug ab, von dem der philosophische Realismus
ausgeht.
72
versteht. Rüerenmost wäre dann „sich selbst gleich“. Wie im Falle der Begegnung von
Chrippenchra und Rüerenzumph kann auch hier die Eigenschaftsbezeichnung des
Namens als zeichenhaftes Kürzel eines epischen Programms gelesen werden. Zu ei-
nem Säufer seines Zeichens paßt die Erinnerung an Vater Fritzens allabendliche
Trinkgewohnheit, zum Namen Nabelraiber die Wichtigkeit, die er der Botschaft bei-
mißt.108 Dagegen stellt Brunners Übersetzungsvariante die beiden Personen in ein
wechselseitiges Bezugsverhältnis. Ähnlich VLQQHUHLFK und kompetent wie der Schreiber
beim Abfassen von Liebesbriefen und von druckreifen Urteilssprüchen zeigt sich Rüe-
renmost beim Ausdenken einer Rede an den Brautvater.
Die Episode der Brautwerber beginnt damit, daß Henritze Nabelraiber mit Hin-
weis auf die außerordentliche Wichtigkeit der Botschaft zur Eile drängt:
'HUVHXIUDJW:RKLQDOVR"
8PHLQVDFKVHLVSUDFKHQGGR
/DVVXQVJHQ+HQULW]HVSUDFK
:LVHVLVWHLQHQGOHLFKVDFK
(VLVWHLQVDFKXQGLVWVRJURV
.DLQVDFKGLHZDUGQLHLUJHQRV V. 3547 ff.
Abgesehen von der Bedeutung seines Namens, die ihn als humanistischen
SRHWDausweisen mag, ist der Schreiber von seiner literarischen Rolle jemand, der im
Auftrag anderer Liebesbriefe abfaßt, an ihre Adressaten übermittelt und nicht selten
selbst in das erotische Spiel verwickelt ist.109 Deshalb tritt die Figur des Schreibers in
den europäischen Schwankmären vielfach in der Rolle als Ehebrecher und geheimer
Liebhaber in Erscheinung.110 Oft bringt der Schreiber-Bote die Liebesangelegenheit
selbst zu dem „erwünschten Abschluß“. Als könne etwas von der Nachricht verloren-
gehn - diesmal hat Nabelraiber ja nichts Schriftliches in Händen - will er die noch offe-
108 Vgl. Thomas Cramer, Nabelraibers Brief, in: Gespräche, Boten, Briefe, Hg. von Horst Wenzel, Berlin
1996, S. 212-225, hier bes. 220. Laut Cramer meint der Name den SRHWD des Humanismus, der wie
ein RPSKDOXV oder XPELOLFXVPXQGL den Nabel der Welt repräsentiert und der Welt seine schriftliche
literarische Ordnung aufprägt. Diese Deutung paßt zu der absoluten Wichtigkeit, die er der Botschaft
beimißt.
Dazu auch Gruchot, Heinrich Wittenwilers „Ring“, S.112 Er vermutet in dem Namen eine sehr ver-
schlüsselte Anspielung auf den Terenz-Kommentar des Donatus, aus dem nach Curtius dem Mittelal-
ter die TXLQTXHOLQHDHDPRULVbekannt waren. Diese stellt Nabelraiber in seiner ovidischen Minnelehre
zur Schau. Das Muster der fünf Schritte bei der Liebeswerbung erwähnt Donatus zu Terenz Eunu-
chus IV 2, 10. In Anm. 93, S. 221 schreibt Gruchot: „Der Name des Schreibers [...] scheint eine An-
spielung auf diese Quelle (Terenz-Kommentar) zu sein, ins Lateinische übersetzt heißt reiben terere,
Nabelraiber demnach terens umbilici.“
109 Vgl. zur Rolle des Schreibers in den Fastnachtsspielen und Schwänken Schulz-Grobert, $XWRULQID
EXOD, Selbstreferentielle Figurenprofile im 5LQJ Heinrich Wittenwilers?, in: Heinrich Wittenwiler in
Konstanz und 'HU5LQJ, Tagung Konstanz 1993, Hg. von Horst Brunner, JOWG 8 (1994/95), S. 13-
26.
110 Vgl. die Einträge 'Der Schreiber' und 'Der Schreiber im Garten', in: VL, Sp. 848 f.
73
ne HQGOHLFKVDFKschnellstmöglich zu einem erfolgreichen Ende bringen. Signifikant ist
hier die Häufung der Bezeichnung VDFK für die Botschaft als einem Konzept, dessen
mündliche oder schriftliche Verbalisierung noch aussteht.
Mit der VDFK, die hier viermal in fünf aufeinanderfolgenden Versen auftaucht, ist
zunächst die „rechtliche Angelegenheit" gemeint.111 Wie schon erwähnt, sind die bei-
den Boten von Bertschis Sippschaft damit beauftragt worden, ein zivilrechtliches Ehe-
bündnis DQVFKXROHUXQGDQSKDIIHQ(V. 3544) einzufädeln. Schon der Bezug auf den
Rechtsbereich deutet an, daß das Wort VDFK auch auf die UHV der forensischen Rheto-
rik verweist.112 Dem gedanklichen Stoff der UHV fehlt noch die sprachliche Ausformulie-
rung durch die YHUED.
Bezeichnenderweise ist Rüerenmost derjenige, der die närrische Eile unter-
bricht und darüber nachdenkt, wie, wann, wo, womit, unter welchen Umständen das
Wohlwollen des Empfängers zum eigenen Vorteil, d.h. des kostenlosen Trinkens ge-
wonnen werden kann. Ihr Geschäft soll auf den Abend verschoben und dann erst Fritz
in der Taverne eine von ihm ausgedachte Rede vorgetragen werden.
(UVSUDFK0LFKGXQNWXQVVHL]HJDFK
8QGJHQZLUVRGHP)ULW]HQQDFK
0LWHLOOHQXQGPLWODXIIHQ
:LHWHXUZLUPHVVHQGNDXIIHQ
'D]ZLUYRQLPQXZHOOLQKDEHQ
'DUXPEODVVGLUHLQDQGHUVVDJHQ
:LUVFKOOHQFKHUHQ]XUWDYHUQ
)ULW]GHUWULQFKWGHVDEHQWVJHUQ V. 3555 ff.
Gemäß der ersten rhetorischen Bearbeitungsphase, der LQYHQWLR,113 erfindet er
eine komplette Ansprache, die der Schreiber vortragen soll, der über ein größeres ge-
sellschaftliches Ansehen verfügt.114 Entgegen dessen sonstiger Gewohnheit bei The-
men, für die er sich zuständig fühlt, literarische Muster zu zitieren oder mit seinem VWL
OXV mustergültige Briefe abzufassen, scheint er in der Rolle des mündlichen Nachrich-
111 Vgl. den Eintrag zu VDFKH, in: Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 37. Aufl.,
Stuttgart 1983.
112 Vgl. dazu Lausberg, Handbuch der Rhetorik, § 45.
113 Ebd. § 260. Die FDXVD, der Redeanlaß oder die VDFK, besteht hier in der Anpreisung Bertschis als
künftigem Schwiegersohn. Und nur danach wählt er die Eigenschaften der Personen aus. Auf das
DSWXPkommt es an, nicht auf den Realitätsgehalt.
114 Cramer bringt die Szene der Brautwerbung auf den Gegensatz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit.
Nabelraibers Brief, in: Gespräche, Boten, Briefe, Hg. von Horst Wenzel, Berlin 1996, S. 218: „(...) [die
Sache, die] folglich nach des Schreibers eigenen Maßstäben der verbindlichen schriftlichen Fixierung
bedürfte, gerät zur grotesken Parodie der mündlichen Botschaft.“ Vielleicht liegt aber die Komik der
Episode weniger in der Disproportion der vorherigen Einübung und der lapidaren Feststellung des
Erzählers, daß die eigentliche Botenszene stattgefunden habe, als darin, daß Rüerenmost eine Rede
als rezitierbaren Text entwirft und ihn dem im Reden ungeübten Nabelraiber in den Mund legt.
74
tenübermittlers nichts Angemessenes zustande zu bringen.115 Nabelraibers Vorstel-
lungshorizont ist auf die Welt literarischer Vorbilder, juristischer Urteilssprüche und die
Kunst des Briefeschreibens begrenzt. Stegreifreden sind nicht seine Sache.116
In der Rede wird Fritz als rechtschaffen und tüchtig apostrophiert. Nabelraiber
schmeichelt ihm damit, daß er sich über eine verwandtschaftliche Beziehung zu ihm
freuen würde. Mätzli werde ihm unter den Händen grau, sie sei längst alt genug, ein
Kind in die Welt zu setzen, :RQVHLLVWJURVVXQGPDQQHVZHUG(V. 3574). Darum will
er ihr Bertschi ehelich verbinden. An ihm lobt er die Eigenschaften des perfekten Bräu-
tigams. Er sei ein VDXEHUNQHFKW, jung, reich, rechtschaffen und aus gutem Geschlecht.
Wie in dem zweiten Beispiel, Bertschis Plan, Mätzli vom Dach aus zu erspähen, faßt
der Erzähler das geschilderte Vorhaben wieder nur lapidar in zwei Zeilen zusammen:
:LHVFKLHUVLHKLHWHQYROOHSUDFKW'HV5HUHQPRVWLPGRJHGDFKW(V. 3595 f).
Rüerenmost paßt den Inhalt der Ansprache an die Erfordernisse des „Redege-
genstands“ an und stellt sie in einen effektvollen Rahmen. Er macht das, was jeder gu-
te Rhetoriker tut: er kalkuliert die Rede auf den erwünschten Effekt, versucht den Ad-
ressaten für seine Sache zu gewinnen und erfindet dazu passende Eigenschaften.
Diese müssen aber mitnichten UHVVLQJXODUHVentsprechen. Sie sind Zeichen einer rhe-
torischen Strategie. Am Ende erhält „Rüerenmost“ zum Dank für seine Bemühungen
den erwünschten trinkbaren Botenlohn.
Weniger von Erfolg gekrönt sind Triefnas Pläne bei der Brautwerbung. Nach
den ersten beiden gescheiterten Annäherungsversuchen denkt er sich einen erneuten
Angriff auf seine heiß begehrte Mätzli aus:
(UJHGDFKWLQVHLQHPVLQQH
'XPXRVWGLFKKHYHQDEHUDXV
8QGVWHLJHQDXIPHLQVSXROHQKDXV
115 Zur Urkundenform des Liebesbriefes und dem Versagen Nabelraibers als Bote einer mündlichen
Botschaft vgl. Cramer, Nabelraibers Minnebrief, S. 218. Er verweist auf die Ironie signalisierende
Formulierung des Erzählers. Vor der Begegnung mit Fritz denkt sich Rüerenmost eine komplette An-
sprache an Fritz aus, die er Nabelraiber wortwörtlich in den Mund legt. Danach kommentiert der Er-
zähler die Reaktion Nabelraibers mit den Worten: „Der schreiber reden do begann/Und sprach ‘Nu
hin, daz sei getan!’ (V. 3593 f.)“. In auffälligem Enjambement „spricht“ und „redet“ der Schreiber und
ist doch nur ausführendes Sprachrohr der Rede eines anderen.
116 Charakteristisch für Nabelraibers literarischen Ordnungssinn, der am Widerstand einer gewalttätigen
Wirklichkeit scheitert, ist auch sein letzter Auftritt beim Hochzeitsmahl. Hüdel bückt sich und läßt da-
bei einen Furz fahren. Zur Ablenkung kratzt sie sich. Nabelraiber hat das bemerkt und spottet: „‘Des
ist nicht enes fuog./Ich sing dir eins vil wol geticht:/Cretzen gleicht sich fertzen nicht.’ (V. 6143 ff.)“. In
Rage gebracht, und deswegen gänzlich unbesorgt um ihr Ansehen, läßt Frau Hüdel weitere vier Für-
ze, worauf sie den Schreiber anschreit: „‘Set hin, ir vercleiter knecht!/Clinglent aver die icht recht?’ (V.
6153 f.)“. Sarkastisch kommentiert der Erzähler: „Da mit so was der schreiber bzalt (V. 6155)“.
Zu Henritzes grundsätzlichem Vorbehalt gegen improvisierte Stegreifdichtung vgl. V. 1875 ff. Er hält
Bertschis mündlich diktierten Liebesbrief für falsch und ersetzt ihn durch seinen eigenen: „‘Sim, hörr
auf lieber: sein ist gnuog!’/Sprach er zuo dem tichter do./Ein andern brief den schraib er so.“ Vgl. V.
1874 ff.
75
6RZLUVWGXVHKHQGXUFKGD]WDFK
:D]VHLWXRXQGZDVVHLVFKDII
:LHVFKLHUHUGRKLHWYROOHSUDFKW
$OOHVGD]HULPJHGDFKW V. 1481 ff.
Wie sich aus dem weiteren Verlauf des Geschehens ergibt, läuft die Sache für
Bertschi genau umgekehrt zur gedachten Absicht. Triefnas Aktion beschreibt der Ich-
Erzähler als ungestümen Voyeurismus. %HUWVFKLZROW GHV ]XR OXRJHQ8QG VWLHVV GD]
KDXEHWGXUFKHLQORFK(V. 1491 f.). Infolgedessen stürzt er vom Dach durch den Kamin
ins Feuer und verursacht dabei ein heilloses Durcheinander.
Bertschis Sturz löst eine Kettenreaktion aus, die mit Mätzlis Gefangennahme
durch ihren erzürnten Vater Fritz endet. In diesem mechanischen Bewegungsablauf
verdinglichen sich die Personen zu unkontrolliert fallenden Körpern.117 Fritz taxiert den
Wert seiner Tochter allein nach dem Umfang des materiellen Schadens, den sie ange-
richtet haben soll. (UVSUDFK'HVELVWGXDOOHVZHUG(V. 1539). Schläge und Isolation
sind der Lohn für Schäden, die doch eigentlich der liebestolle Triefnas verursacht hat.
Am Ende ist Bertschis begehrtes Minneidol, das er aus der Nähe betrachten wollte, in
weite Ferne gerückt. Die Diskrepanz von Plan, Umsetzungsversuch und Handlungsver-
lauf ist offensichtlich so kontraproduktiv, daß man nicht einmal ernsthaft von einem
Teilerfolg, ganz zu schweigen von einer „Wirklichkeitsbewältigung“ sprechen kann. Die
von Babendreier unterstellte Berücksichtigung „empirischer Gegebenheiten" ruft in ih-
rer Komik allenfalls Lacherfolge hervor.
Auch im Falle der beiden Brautwerber Nabelraiber und Rüerenmost lohnt ein
Blick auf das Verhältnis der absichtsvoll ausgedachten Pläne zu ihren späteren Folgen.
Wie erwähnt, bewirkt die vorgetragene Rede zunächst nur den Abschluß des er-
wünschten Tauschgeschäftes der Botschaft gegen den Botenlohn. Fritz bezahlt am
Ende die Zeche: 7ULQNWKLQVDQW-RKDQVHQVHJHQ'HUZHLQVHLHXFKJHVFKHQNWYRQPLU
(V. 3612 f.). Auch der Rede selbst (V. 3565-3592) liegt ein Tauschhandel zugrunde.
Einem jungen und reichen Bertschi soll die nicht mehr ganz junge Mätzli zur Frau ge-
geben werden, dafür wird Fritz ihre Freundschaft in Aussicht gestellt. Nach der Ausfüh-
rung ihres Vorhabens dankt ihnen Fritz ]FKWHFOHLFK(V. 3597). Doch ist er sich schein-
bar des rhetorischen Charakters der Reden bewußt. Den Lobpreis auf Bertschis Ju-
gend, Reichtum, Tüchtigkeit und Herkunft beantwortet er jedenfalls auf der Grundlage
seiner Erfahrungen skeptisch bis ablehnend. Er hält mehr von den Verwandten als von
ihrem zweifelhaften Schützling.
(ZHUOLHEVFKDIWJILHOPLUZRO
117 „Seht, do rumpelt sei [Mätzli] hin ab/Sam ein ander mülrad!/Die andern vielen all hin nach:/Ze fliehen
was in also gach (V. 1506 f.).“
76
'LHVXRFKLFKJHUQPLWZHPDQVFKRO
'RFKPLFKGQNWHU[Bertschi] VHLPLU]ZlFK
$QVHLQHQVLQQHQJDU]HJlFK V. 3599 ff.
Wießner verweist an dieser Stelle in seinem Kommentar auf die Belege im
Deutschen Wörterbuch, wonach ZlFK„hochmütig“ und JlFK „ungestüm“ bedeutet, ei-
ne zutreffende und von rhetorischer Schönrederei freie Charakterisierung, berücksich-
tigt man Bertschis rüpelhaften Zusammenprall mit Fritz nach dessen Kaminsturz. Auch
dieses Textbeispiel verdeutlicht, daß dem Vorhaben ein vergleichweise banaler Erfolg
beschieden ist.
Ein Witz der Episode liegt in den unterschiedlichen Wertvorstellungen, die die
beiden Brautwerber mit ihrem Auftrag verbinden. Auf Nabelraibers HQGOHLFK VDFK (V.
3550), welcher er, der „humanistische Dichter“, eine absolute Wichtigkeit vor allen an-
deren Geschäften der Welt einräumt, fällt ein ironisches Licht durch Rüerenmosts „end-
liches“ Privatinteresse. Dieser Rüerenmost bedenkt gleich dem Botengott Merkur den
kommerziellen Vorteil der Botschaft: :LHWHXHUZLUPHVVHQGNDXIIHQ'D]ZLUYRQLP
QX ZHOOLQ KDEHQ (V. 3558 f.). Bei geschickter Ausnutzung der Umstände springt zu-
mindest ein materieller Gewinn dabei heraus.
Trotz anfänglicher Vorbehalte des Bauern können sie dann doch noch mit ihrem
Reden einen Teilerfolg verbuchen. Mit wenigen Worten gelingt es ihnen, seine Beden-
ken bezüglich Bertschi zu beschwichtigen. Sie versprechen ihm, Bertschi zu mäßigen.
Fritz soll sich mit seinen Verwandten in Nabelraibers Haus beraten. Darauf antwortet
Fritz: 'HUUHGKDEWLPPHUGDQFK(V. 3608). Als sie sich voneinander verabschieden,
bekräftigt der Erzähler: )ULW]GHUZDVGHUUHGHIUR(V. 3616). Am nächsten Morgen be-
schließt der Rat von Mätzlis Verwandten, Bertschi zu belehren. Doch nun erhebt der
Vater Mätzlis erneut Einwände gegen ihn und erinnert an den Schaden, den er ihm und
seiner Tochter angetan hat. Sogleich fährt ihm eine Verwandte aus dem Familienrat in
die Parade:
'D]YHUUHGWLPLHVR]KDQW
-XQFKIUDZ+lFKHO6FKUHQSUDQG
8QGVSUDFK'XVDLVWVDPHLQUGHUVFKODIW
+DWGLU%HUWVFKLVFKDQGHSUDFKW
:RQHUKRILHUHQNDQVRZRO
'HVWHPDQLPVHLJHEHQVFKRO
6REHKDOW]LUHUGHVWEDV V. 3761 ff.
77
Wieder werden ihm die Bedenken ausgeredet, seinen Zweifeln an Bertschis
Eignung zum Schwiegersohn rundweg die Berechtigung abgesprochen: 'D]YHUUHGWLP
LHVR]KDQW-XQFKIUDZ+lFKHO6FKUHQSUDQGFritzens Erfahrung mit Bertschis sexuel-
lem Ungestüm wird jedoch keineswegs ignoriert oder verleugnet. Im Gegenteil, Hächel
Schürenprand deutet den Sachverhalt aus der Perspektive ihrer eigenen sexuellen Be-
gierde um, die allerdings nur dann unschädlich sei, wenn sie sofort befriedigt werde
(V.3772). Bertschis schädliche Aktionen gelten ihr demnach als Beweis für ein ange-
messenes Verhalten bei der Liebeswerbung. Je mehr er Mätzli den Hof mache, desto
ehrenhafter für die solcherart Umworbene. Denn dann werde sie ihn auch wollen und
nicht anderen hinterherlaufen.
Um im Wiederholungsfall noch größeren Schaden abzuwenden, wird so der
Schaden sophistisch in Gewinn umgedeutet. Wie Fritz stützt diese bemerkenswerte
„Jungfrau“ ihren Standpunkt auf persönliche Erfahrungen. Wäre ihr damals nicht aus
der sexuellen Not geholfen worden, so beteuert sie, hätte sie gleich vier Männer auf
einmal genommen. Wie dies geschehen ist, hüllt sie in beredtes Schweigen. Abschlie-
ßend bekräftigt sie noch ihre Rede mit der Sentenz, daß eine alte Jungfrau Gift für je-
des Haus sei.
,FKZDLVVHVVHOEHUZRODQPLU
'RLFKQXFKDP]XRPDQQHVJLU
8QGZlUPLUVFKLHU]HKLOIQLFKWNRPHQ
,FKKLHWPLUVHOEHUYLHUJHQRPHQ
$OWHXMXQFKIUDZLVWHLQJLIW
,HGHPKDXVVDPPDQGDVSULFKW V. 3772 ff.
Nach eigenem Bekunden teilt Hächel mit Bertschi die Erfahrung sexueller Un-
ersättlichkeit. Sie bedient sich ihrer als Mittel der Bewahrheitung ebenso wie der All-
gemeingültigkeit beanspruchenden Sentenz. Es handelt sich also um Argumente einer
polemischen Redestrategie, die aber von den Eigenschaftbezeichnungen ihres Na-
mens unterlaufen wird und die Integrität der Person zersetzt. Kann doch nicht ent-
schieden werden, ob „Jungfrau Hächel Schürenprand“ die Beurteilung des Sachver-
halts auf ihre lange Jungfernschaft stützt oder im Gegenteil auf das „Schüren des Feu-
ers“, also auf der Grundlage wirklich erlebter sexueller Ausschweifung. Jedenfalls
schließt das eine Signifikat das andere aus. Zudem konnotiert der Name „Hächel“ die
gleichnamige Anführerin der Hexen, die mit Giftpfeilen auf Zwerge schießt (V. 8709 f.).
Deswegen muß diese Hächel zwar keine giftversprühende alte Hexe sein, könnte aber
von einem abergläubigen oder maliziösen Deuter so verstanden werden. Stimmt doch
die eine Eigenschaft der bösen Märchengestalt mit ihrer Namensvetterin äußerlich ü-
berein. So gesehen ist der Eigenname nicht zufällig, sondern Symbol ihrer Trägerin,
ein Signifikat und kein Referent. Dann aber wäre auch ihre Rede vergiftet, inklusive der
78
Aussage, daß eine alte Jungfrau Gift für jedes Haus sei. Allein das würde die Glaub-
würdigkeit ihrer Rede unterminieren. Möglicherweise ist sie aber auch nur eine sexuell
frustrierte alte Jungfrau, die das an anderen verwirklicht sehen möchte, was ihr erfah-
rungsmäßig versagt blieb oder einfach nur eine erfahrene unverheiratete Frau, die nur
aus diesem formalen Grund Jungfrau genannt wird.
Die Gegenteiliges konnotierenden Teile des Namens können also als Zeichen
sich wechselseitig ausschließender Signifikate in widersprüchliche Deutungen aktuali-
siert werden. Und schon sind wir als Leser mitten im Streit um Meinungen und Deutun-
gen. Indem diese Namensbezeichnungen die Glaubwürdigkeit ihrer Rede untergraben,
werden mögliche Referenzen auf wirklich Erfahrenes im Verwirrspiel heteronomer Zei-
chendeutung verweigert. Ähnliches gilt für die Beurteilung des Sachverhalts, ob Bert-
schi bloß ein ungestümer Draufgänger und für die Ehe untauglich oder, wie sie be-
hauptet, gerade wegen seines Ungestüms jemand sei, der KRILHUHQ NDQ VR ZRO (V.
3765 f.). Um den zweifellos großen Schaden in Gewinn, die Schande für Mätzli in Ehre
umzumünzen, solle sie möglichst schnell mit ihm verheiratet werden. Zur Beglaubi-
gung, daß andernfalls noch größerer Schaden entstehe, führt Hächel wieder eine Sen-
tenz an:
:DLVWQLFKWGD]PDQVSULFKHWGD]
0DXVLPVDNXQGODXVLPQDN
0lW]LPKDXVXQGIHXULPNEHO
'LHEH]DOHQWLUHQZLUWHQEHO" V. 3768
Und tatsächlich war ja „Mätzli im Haus“, als Bertschi durch den Kamin in das
„Feuer“ fiel, wodurch dem „Wirt übel bezahlt“ wurde. Wie im Falle von Hächels signifi-
kantem Namen, besteht eine teilweise homonyme Übereinstimmung der Interpretanten
zu den Namen der Dinge (Feuer, Kessel, Haus des Vaters) und Personen (Mätzli), die
von ihnen gedeutet werden. Bertschis Aktion bestätigt somit die immer gültige Spruch-
weisheit, auch wenn mit „Feuer im Kübel“ wohl eher die Brandgefahr gemeint sein dürf-
te. Dadurch wird die ihrer Einzigartigkeit enthobene „Handlung“ zum illustrierenden Ex-
empel. Wie Fritzens Reaktion auf Bertschis Sturz in das Kaminfeuer belegt, können un-
ter dem Blickwinkel idealisierender Deutungen Dinge, Personen und Handlungen den
Charakter symbolischer Zeichen annehmen. In Fritzens Vorstellung wird Bertschi mit
dem Minnefeuer der Begierde, Mätzli mit dem Kaminfeuer im Haus identifiziert:
8QGJHGDFKWLQVHLQHPPXRW
µ*OXRWLVWJHYDOOHQLQGLHJOXRW
)HXULVWFKRPHQ]XRGHPIHXHU
'D]VFKDIIWGLHPLQQGLHDYHQWHXU¶ V. 1514 ff.
79
Damit referiert der Vorgang direkt auf den von Fritz konstruierten allegorischen
Zusammenhang der Minne. So absurd es auch klingt: das Minnefeuer Bertschi will sich
mit dem Kaminfeuer Mätzli vereinigen. Übertragen auf das obige Sprichwort, könnte
Fritz dann sogar das „Feuer im Kübel“ auf Bertschi übertragen, der in den Kessel fiel.
Schließlich darf nicht vergessen werden, daß sich Hächels Rede an Fritz wendet.
In subjektiven Deutungskonstrukten werden die Dinge, Personen und Handlun-
gen zu beweiskräftigen Zeichen. Von außersprachlichen Einzeldingen kann nicht ge-
sprochen werden. Sie sind selbst sprachliche Elemente einer rhetorischen Erzählwei-
se, die getrennt von den Personen eigene Deutungszusammenhänge hervorbringt.
Entscheidend ist, was gedacht und vorgestellt, wie etwas gedeutet wird, und weniger
die Planung, Erkenntnis und Erfassung außersprachlicher Wirklichkeit. Es sollte hiermit
deutlich gemacht werden, daß sich Babendreiers Unterscheidung in eine Sprach- und
in eine unabhängig davon erkennbare Sachwelt nicht halten läßt. Rüerenmost ist ein
relativer Erfolg nur deswegen beschieden, weil „die allgemeine Bedeutung der
Sprachwelt“ - der rhetorisch persuasive Charakter der Rede - den Schmeicheleffekt auf
Fritz hat, den er vielleicht auch auf andere Brautväter in ähnlicher Lage ausgeübt hätte.
3.7 Der ‘Ring’ als Parodie
Auch Belitz unterstellt der Bauernhandlung eine exemplarische Funktion in di-
daktischer Absicht: „Wittenwiler scheint einer Erzählweise zuzuneigen, in der der Bauer
als Medium der Didaxe fungiert.“118 Ähnlich Plates Urteil hält er die ganze Dichtung für
eine einzige Parodie.119 Im Gegensatz zu diesem glaubt er aber an einen funktionellen
Nutzen der Parodie für die Vermittlung der Lehren:
118 Jürgen Belitz, Studien zur Parodie, S. 35.
119 Belitz spricht ebd. S. 6 schlicht von „der ‘Ring’-Parodie“. Da eine Parodie immer ein Vergleich sei und
sich über ein WHUWLXP FRPSDUDWLRQLV stets auf ein Vorbild beziehe, meint Belitz in Form einer „Ge-
samtaussage“ ein Vergleichsmuster auch für das Ganze der Dichtung angeben zu können. Doch
statt der versprochenen, alle Einzelparodien übergreifenden „Gesamtaussage“ ist in dem die Ergeb-
nisse zusammenfassenden Schlußkapitel nur noch die Rede davon, daß „der Leser/Hörer in vielfälti-
ger Weise Anregung findet, eine kritische Durchdringung des eigenen, ‘bürgerlichen’ Weltverständ-
nisses vorzunehmen“.
80
Die eigenwillige Verschränkung der beiden Strukturschichten kommt zwei Wir-
kungsabsichten des Autors gleichermaßen zugute: der Intensivierung der Lehre durch
Verfremdung und der Erhöhung der Gesamtwirkung durch Komisierung. Wittenwîler
zeigt, daß Lehrgedicht und Parodie einander nicht ausschließen müssen, sondern sich
wechselseitig stützen können."120
Dem offenkundigen Widerspruch zwischen einem Text, bei dem „Gelächter und
Lehre (...) verwirrend dicht beieinander (liegen)“ und einem Autor, der „weder Stellung
beziehen noch mit einer definitiven Antwort aufwarten“ will, begegnet er damit, daß der
Leser „mit Hilfe seines ‘gesunden Menschenverstandes’ die Auswertung der aufgezeig-
ten Probleme vornehmen und mittels induktiver Schlußfolgerungen die Nutzanwen-
dung herausziehen“ soll.121 Wie der weise Leser seine Rezeptionsschwierigkeiten löst,
bleibt dabei schleierhaft.
Ähnlich Belitz behauptet Plate, daß Wittenwiler die Lehrstücke seines Werks
bewußt parodiert habe.122 Grundsätzlich bestreitet er eine Differenz von Handlung und
Lehre: „Das JSDXUHQJHVFKUDL ist im Werk nicht nur JHPLVFKHWXQWHUGLVHXOHU, sondern
auch Träger der OHU123 und sieht in der „Didaxe des ‘Rings’ im ganzen eine Antilehre“.
Durch die gewaltige Fülle von sich widersprechenden Einzelratschlägen würden nicht
nur den G|USHUQ, sondern auch den Lesern keine Grundregeln mehr angeboten.
Er vergleicht die im ‘Ring’ dem liebestollen Protagonisten Bertschi Triefnas
durch den Narrenmund dargebotenen Lehren mit dem Unterricht, der dem jungen
Bauern Helmbrecht in Wernhers gleichnamiger Parabel von den Raubritterknechten
zuteil wird.124 Diese werden parodistisch als VFKXROPHLVWHUbezeichnet.125 Plate meint,
daß die Verhaltensregeln und Lehren wie von Helmbrecht so auch von Bertschi Trief-
nas im ‘Ring’ nur äußerlich verstanden, instrumentell auf den Einzelvorteil bzw. das
Verbrechen hin funktionalisiert und hier wie dort selbst zum Gegenstand der Parodie
werden. Anschließend widerlegt sich Plate aber selbst, wenn er Sowinski zitierend
feststellt, daß die OrUH der VFKXROPHLVWHU mit den „ernsthaften Erziehungsbemühungen
120 Ebd., S. 261.
121 Vgl. die Zitate bei Belitz nach der im Text gegebenen Reihenfolge, S. 261 f., S. 263, S. 265.
122 Bernward Plate, Narren- und Ständesatire in Heinrich Wittenwilers ‘Ring’; S. 70: „Mag der mittlere
Teil des 'Rings' noch echte Didaxe genannt werden, die Neidhartszene und der dritte Teil des Wer-
kes sind eher Parodien von Lehrstücken.“
123 Ebd. S. 70.
124 Vgl. zur Kennzeichnung der Verserzählung als Parabel Joachim Bumke, Geschichte der deutschen
Literatur im hohen Mittelalter, München 1990, S. 283 f.
125 Im folgenden nach der Ausgabe von Friedrich Panzer zitiert: Wernher der Gartenære, Helmbrecht,
Hrsg. von Friedrich Panzer, 8. neubearbeitete Auflage besorgt von Kurt Ruh, Tübingen 1968 (= Alt-
deutsche Textbibliothek, 11) V. 1190.
81
der alten Bauern“ kontrastiere.126 Im ‘Ring’ kritisiere Bertschi selbst am meisten die
Lehre, indem er sie zu befolgen schwört, ihr aber zugleich innerlich wie IXFKV5DLQKDUW
fernstehe (V. 5209).127
Gegen Plate muß eingewendet werden, daß Wernhers hundert Jahre jüngeres
Werk dem Leser durch die ernstgemeinten Ratschläge der alten Bauern standes-
ethisch motivierte „Grundregeln“ zu erkennen gibt, hingegen im ‘Ring’ eine erzähltech-
nisch gesteuerte, durchgängige Kontrastierung von gut und böse, richtig und falsch
zumindest problematisch erscheint. Wernher gestaltet die kriminellen Taten seines
jungen Bauern so, daß der Hörer oder Leser die an dem rebellierenden Bauerntölpel
vorgeführte Nachahmung ritterlicher Verhaltensmuster unzweifelhaft als den eigenen
Stand überschreitende Anmaßung verurteilt. Damit kann, aber muß das höfische Ge-
wand, das sich der Bauer tölpelhaft überzuwerfen bemüht ist, nicht notwendigerweise
Ziel eines parodistischen Angriffs sein. Folgen wir der Argumentation Plates, und es
werden tatsächlich auch die Lehren im ‘Ring’ mit den Mitteln der Parodie als „Antileh-
ren“ vorgebracht, so fehlt der „Ring-Parodie“ die funktionelle Ausrichtung auf ein positiv
formuliertes Ziel. Hiermit stellt sich die für das Gesamtverständnis des Werkes zentrale
Frage, mit welchen Mitteln im einzelnen parodiert wird und worauf die zweifellos paro-
distische Dichtung im ganzen abzielt.
Um einem allzu überstürzten Deutungseifer vorzubeugen und dem schwierigen
Werk nur einigermaßen gerecht zu werden, nähern wir uns derartigen Fragen am si-
chersten auf dem Wege einer genauen Erfassung der Prologaussagen und exemplari-
scher Einzelanalysen. Zunächst aber soll die herausgehobene Stellung des ‘Ring’ im
Kontext der Narrenliteratur untersucht werden.
126 Vgl. Plate, Narren- und Ständesatire, S. 70.
127 Vgl. ebd. Tatsächlich ist Bertschi wie IXFKV5DLQKDUW nichts an den Regeln selbst, alles dagegen an
der Gewinnung Mätzlis gelegen. Doch ist das noch kein Beweis für die prinzipielle Wertlosigkeit der
Lehren. Der von Plate herausgegriffene Beleg ist auch nicht typisch für den ganzen Roman. Beson-
ders die nachfolgenden Stellen des Hochzeitsmahles bezeugen einen weniger effektiven und souve-
ränen Umgang Bertschis mit den ihm gegebenen Lehren. Als Bertschi sich etwa um sein Hab und
Gut bangend an die Lehre Straubs erinnert und an die Gesundheit der Hochzeitsgäste appelliert, das
übermäßige Fressen augenblicklich bleiben zu lassen, erteilen sie ihm eine bittere Abfuhr (V. 5946
ff.). Dagegen sind der aufmüpfige Helmbrecht und der gewitzte Reinhart Fuchs bei der Handhabung
normativen Wissens entschieden aktiver. Während Helmbrecht die geringsten Verstöße gegen die
feinen Tischsitten des Adels zum Anlaß für Raub und Mord an seinen Standesgenossen nimmt (V.
1141-76) und schließlich von seinen Opfern gehängt wird, wird im Fall von Fuchs Reinhart eine böse
Gesellschaft von einem noch böseren Fuchs mit ihren eigenen Waffen geschlagen und am Ende so-
gar vernichtet.
82
IV. Die Sonderstellung des ‘Ring’ im Kontext der Narrenliteratur
4.1 Die Dialektik von Weisheit und Narrheit
4.1.1 Weisheit und Narrheit bei ‘Salomon und Markolf’
Jones spricht von klar abgrenzbaren, nebeneinander bestehenden Lehr- und
Handlungsteilen wie von roten und weißen Steinen.128 Auch Boesch, Ranke und Marti-
ni gehen grundsätzlich von Lehr- und Handlungsteilen aus, die unvermischt nebenein-
andergestellt sind. Vor dem Hintergrund kulturhistorischer Zeugnisse des Spätmittelal-
ters sehen sie im 'Ring' ein Beispiel für das epochenspezifische Spannungsverhältnis
von unverbundenem Spaß und Ernst. Allen drei Deutungsansätzen (Boesch, Ranke,
Martini) liegt die These zugrunde, daß unbeschadet der Vieldeutigkeit des Programms
und einer auf den erzählerischen Witz kalkulierten Komik, von dem auch die explizit di-
daktischen Teile erfaßt seien, das grotesk-ironisch dargestellte W|USHOOHEHQ gemäß der
Prologaussage ein ernstzunehmendes Unterweisungsmittel darstelle.129 Martini sieht
trotz Widersprüchen die „Objektivität der Lehre“ gewahrt.130 Ranke erinnert an das
Prinzip der Gegensätzlichkeit in zeitgenössischer bildender Kunst und Literatur, die
dem Betrachter, Leser oder Hörer zur Findung der Wahrheit gedient haben soll.131
Die am epochenspezifischen Stilmittel der Gegensätzlichkeit orientierte Deu-
tung von Wittenwilers ‘Ring’ kann allerdings, ohne am konkreten Textmaterial überprüft
zu werden, leicht zu ästhetischen Verallgemeinerungen verleiten. Der bloße Hinweis
auf ein „eigenwilliges Lebensgefühl“, bei dem „die grellsten Gegensätze unvermischt
aufeinanderprallen“, reicht allein noch nicht aus, das Verständnis der spätmittelalterli-
128 George Fenwick Jones schreibt in seiner Übersetzung des ‘Ring’, Wittenwiler's 5LQJ and the anony-
mous Scots poem Colkebie Sow, S. 176: „(...) he has not really mixed his serious and humorous e-
lements but rather juxtaposed them. That is to say he has not blended them like red and white wine
but mixed them like red and white bricks (...)“.
129 Vgl. Bruno Boesch, Phantasie und Wirklichkeit in Heinrich Wittenwilers ‘Ring’, in: ZfdPh 67 (1942), S.
139-161, hier S. 143.
Vgl. Friedrich Ranke, Zum Formwillen und Lebensgefühl, S. 313 f.
Vgl. Fritz Martini, Heinrich Wittenwilers ‘Ring’, in: DVjs 20 (1942), S. 200-235, hier S. 204.
130 Fritz Martini, Heinrich Wittenwilers ‘Ring’, S. 229.
131 Vgl. Friedrich Ranke, Zum Formwillen und Lebensgefühl, S. 320 f.
83
chen Literatur entscheidend zu vertiefen.132 Wenngleich Wittenwilers ’Ring’, das Streit-
gedicht ‘Salomon und Markolf’, dessen erste deutsche Versionen aus dem 14. Jahr-
hundert datieren, der zeitgleiche ‘Ackermann aus Böhmen’ von Johan von Tepl und die
ebenfalls zeitgenössischen Lieder Oswalds von Wolkenstein zweifellos vom Prinzip der
Gegensätzlichkeit geprägt sind, wie die oben erwähnten Autoren einhellig feststellen,
so sollte man doch nicht das dialektische Disputationsverfahren des VLF HW QRQ der
Scholastik als Generalschlüssel für die Lösung aller literarischen Probleme der spätmit-
telalterlichen Literatur betrachten.133
Offensichtlich bewegen sich von den genannten Werken ‘Salomon und Markolf’
und der ‘Ackermann aus Böhmen’ allein schon durch ihren dialogischen und antitheti-
schen Aufbau im Rahmen der Dialektik. Im Streitgedicht ‘Ackermann aus Böhmen’
bleiben die gegensätzlichen Perspektiven des Ackermanns und des Todes bis zum 33.
Kapitel in einer dialektischen Pattsituation befangen. So greift am Schluß Gott selbst
ins Geschehen ein und spricht ein Urteil, das beiden Kontrahenten recht gibt: dem
Menschen wird die Ehre, dem Tod der Sieg zugesprochen.134 Ackermann und Tod
setzen die Mittel der Dialektik und Rhetorik ein und fechten hinsichtlich ihrer „Waffen“
einen ebenbürtigen Wortstreit aus. Doch im ‘Ackermann’ fehlt die für den ‘Ring’ unein-
geschränkt geltende närrische Art des Redens und Handelns.
Dagegen scheint das Streitgedicht von Salomon und Markolf aufgrund des dar-
in enthaltenen närrischen Moments eher dem ‘Ring’ vergleichbar zu sein. Schon ein
Vergleich der ernsthaften „Disputationsdichtung“ ‘Dialogus Salomonis et Marcolfi’ mit
den volkssprachlichen Versionen zeigt, daß die Torheit des Bauern Markolf nicht wie
noch in der lateinischen Vorlage dem besseren Erkennen der Weisheit dient, sondern
den Begriff selbst relativiert und stellenweise sogar als Narrheit entlarvt.135 In der
spätmittelalterlichen deutschen Bearbeitung der lateinischen Prosavorlage von Gregor
132 Vgl. Bruno Boesch, Phantasie und Wirklichkeit, S. 140.
133 Vgl. Ranke, Zum Formwillen und Lebensgefühl, S. 320.
Ranke geht offensichtlich nur von polaren Gegensätzen aus, die im literarischen Werk künstlich ge-
trennt sind, um vom Rezipienten selbständig zusammengefügt zu werden: „(...) ob Preis und Schelte,
Lebensbejahung und Lebensverneinung in den gleichen Werken gegeneinander stehen, - immer ist
es der gleiche Wille zum 'So - aber auch So' zum Ja und Nein, der diese Gegensätze nicht nur er-
trägt, sondern verlangt, der sich nicht entscheidet, sondern zu beidem ja sagt, weil erst in beiden zu-
sammen das Ganze, die 'Wahrheit' sich fassen läßt.“
Vgl. Barabara Könneker, Johannes von Tepl - Heinrich Wittenwiler - Oswald von Wolkenstein: Ver-
such einer Zusammenschau, in: Jb. für Internationale Germanistik, Reihe A, Bd. 8, Bern u. a., Akten
des VI Internationalen Germanisten-Kongresses, Hg. von Heinz Rupp und Hans-Gert Roloff, Basel
1980, S. 280-287.
134 Vgl. Der Ackermann aus Böhmen, Hg. von Günther Jungbluth, Bd. 1, Heidelberg 1969, S. 132.
Das Urteil lautet: „Ir habt beide wol gefochten: den twinger leit zu klagen, disen die anfechtung des
klagers die wahrheit zu sagen. Darum: klager habe ere! Der Tot habe sig!“
135 Vgl. Thomas Cramer, Geschichte der deutschen Literatur, Bd. 3, S. 275.
84
Hayden empfiehlt der Autor dem Publikum sein Werk als mustergültiges Beispiel dafür,
wie die List des Bauern Markolf der von Gott gegebenen Weisheit Salomons Schaden
zufügen könne. Daß Weisheit von List in Torheit verkehrt werden kann, wird im Prolog
mit der nicht göttlichen, also implizit der teuflischen Herkunft der List erklärt.136
'DPDJPDQSHLVSLOQHPHQDE
ZDVHLQNXQGLJOLVWLJPDQ
JHQHLQHPZHLVHQPXJJHWKDQ
6HLGWMHGLHZHLVKHLWJHWYRQ*RWW
DEHUGLHOLVWLJNHLWQLWDOVRW
GDVLVWHLQPHUFNOLFKXQGHUVFKHLGW
]ZLVFKHQGHUOLVWHXQGZHLVKHLW V. 28 ff.
Mit dieser traditionell-theologischen Deutung der List als etwas Teuflischem, die
mit Gottes Duldung ihre Aufgabe in der Welt erfüllt, ohne eine positive ethische Qualität
zu besitzen, sichert sich der Autor gegen den Vorwurf der Gotteslästerung ab. Da Sa-
lomons Glaubwürdigkeit durch Markolfs OLVWLNHLW an vielen Stellen des Gedichts in ein
zweifelhaftes Licht gerät, werden dem Leser Relativierungen zugemutet, die das Anse-
hen der Weisheit und damit implizit auch der Bibel gefährden.137 Es klingt daher wie
eine aus taktischen Gründen erhobene Schutzbehauptung, wenn der Verfasser bei der
programmatischen Einführung in das Gedicht Markolfs List mit dem Wirken des Teufels
erklärt.
An einer Reihe von Textbeispielen läßt sich zeigen, wie Salomon, der biblische
Prototyp der Weisheit, von seinem bäuerlichen Gegenspieler verspottet wird. So kon-
tert der häßliche und arme Bauer Markolf auf die Bemerkung des weisen Königs, daß
man sich selbst lieben müsse, wenn man anderen gefallen wolle: -HGHPJHIHOOHWVHLQ
ZHLVHZROGDUXPEGDVODQGLVWQDUUHQYRO(V. 314 f.). An einer Stelle äußert Salomon
den theologischen Gemeinplatz, daß der lügenhafte Mund die Seele in die Hölle beför-
136 Narrenbuch, Kalenberger, Peter Leu, Neithart Fuchs, Markolf, Bruder Rausch, Hg. von Felix Bober-
tag, Berlin/Stuttgart 1884 (= Deutsche National Literatur, Bd. 11).
137 Vgl. Salomon et Marcolfus, Kritischer Text mit Einleitung, Anmerkungen, Übersicht über die Sprüche,
Namen- und Wörterverzeichnis, Hg. von Walter Benary, Heidelberg 1914 (= Sammlung Mittelalterli-
cher Texte, 8), S. VII f.
In der Einleitung zur lateinischen Prosafassung von Salomon et Marcolfus von Walter Benary er-
wähnt der Herausgeber eine Schrift mit dem Titel &RQWUDGLFWLR6DORPRQLV, die im vierten Jahrhundert
durch ein Dekret des Bischofs Gelasius auf die Liste der verbotenen Bücher gestellt wurde. Ferner
nennt er die ablehnende Kritik des Mönches von St. Gallen, Notker Labeo (952-1022), der darin
schöne Worte sieht, die die Wahrheit der SURYHUELD6DORPRQLVbeschädige. In der +LVWRULDUHUXPLQ
SDUWLEXVWUDQVPDULQLVJHVWDUXP XIII, Cap. 1 der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts weiß Wilhelm
von Tyrus von Erzählungen zu berichten, in denen Marcolf und Salomon einander Rätsel und Gegen-
rätsel aufgeben. Um 1230 bringt Freidank in seiner 'Bescheidenheit', einer Sammlung von Reimpaar-
sprüchen, den gegenwärtigen Sittenverfall mit Markolf in Verbindung, der die Sprüche Salomons in
ihr Gegenteil verkehre. Über die Form der frühen Dialog-Fassungen und über die Art des Inhalts, ob
er burlesk oder ernsthaft war, kann man heute nur noch auf der Grundlage dieser spärlichen Rezep-
tionszeugnisse spekulieren.
85
dere. Markolf antwortet darauf: 0LWOXJHQXQGPLWOLVWHQPXVLFKGHUPDQIULVWHQ(V.
338 f.). Nicht lügen zu müssen, erscheint dem armen, machtlosen Mann geradezu als
Luxus. Später wirft Markolf dem König vor, LQFDQWLFLV, d. h. in Salomons Hohemlied,
die Frauen zuviel gelobt zu haben.138
0LWKDOEHPOREZHUVWXEHVWDQGHQ
ZDQXEULJORE]HXFKWVLFK]XVFKDQGHQ
HLQGLQJDOVR]XHOREHQWHXFKW
GDVPDQHVDXFKJHVFKHQGHQP|FKW
REVLFKGDVOREHGDYRQULE V. 1354 ff.
Ferner habe er bei dem Urteil über die zwei Huren, die beide die Mutterschaft
eines Säuglings beanspruchten, der natürlichen List der Frauen zu wenig Beachtung
geschenkt. Er habe sich von den Tränen der Frau täuschen lassen, die er zur recht-
mäßigen Mutter erklärt habe.139 Schließlich bringt Markolf den „weisen und gerechten
König“ gegen seine ausdrückliche Absicht dazu, die Frauen von Jerusalem derart zu
beschimpfen, daß ihn sein Erzieher Nathan an die Wahrung seiner königlichen Würde
gemahnen muß. Markolf hat unter den Frauen Jerusalems verbreiten lassen, Salomon
plane ein Dekret, nach dem jeder Ehemann sieben Frauen haben soll. Markolfs vorhe-
rige Aussage, daß alle Frauen listige Betrüger seien, scheint sich für Salomon in dem
Moment zu bewahrheiten, als die aufgebrachte Frauenschar vor ihn hintritt und sich
über seinen „Plan“ beschwert. Im Übereifer ihrer Klage fordern sie, daß er stattdessen
jeder einzelnen von ihnen sieben Männer gesetzlich zusprechen solle. Ein einzelner
Mann schaffe es nicht, die Begierde einer einzigen Frau zu befriedigen. Erst diese Un-
terstellung bringt den König mit den vielen Frauen und Nebenfrauen in Harnisch. Nicht
die Falschheit ihres Vorwurfs, sondern die Verletzung seiner Eitelkeit als Mann läßt ihn
die Fassung verlieren.140 Als am Ende Markolf als Drahtzieher der Empörung entdeckt
138 Damit wird auf die „siebenhundert fürstlichen Frauen und dreihundert Nebenfrauen“ Salomons ange-
spielt, die ihn zum Götzendienst verführt haben sollen: „fueruntque ei uxores quasi reginae septin-
gentae et concubinae trecentae/et averterunt mulieres cor eius/cumque iam esset senex deprava-
tum/est per mulieres cor eius ut seque-/retur deos alienos (III Rg 11, 3f.). et reclinasti femora tua
mulieribus/potestatem habuisti in tuo corpore/dedisti maculam in gloria tua (Sir 47, 21f.)“.
Bibelstellen werden im folgenden zitiert aus: BIBLIA SACRA iuxta vulgatam versionem, Hg. von Boni-
fatius Fischer, Stuttgart 19833.
139 Vgl. in den Versen 1218-1255 die Beispiele, die der häßliche Bauer Markolf König Salomon für die
Diskrepanz von schönem Außen und betrügerischem Innen liefert. Selbstverständlich weiß der listi-
ge, weltgewandte Markolf so gut über diese Dinge Bescheid, weil er sich selbst der von ihm be-
schriebenen Täuschungstechnik bedient. Z. B. benutzt er die naive Treue seiner Schwester, bringt
sie mit einer Lüge um ihr Erbe und liefert sie der Bestrafung durch den König aus. Vgl. V. 893-908;
V.944-1015. Er falsifiziert damit sein eigenes Pauschalurteil, demzufolge man allen Frauen wegen ih-
rer List und Kunstfertigkeit mißtrauen müsse (V. 1008-1015).
140 Der Vorwurf der Frauen lautet: „(...) wann ir keiner reicheit/mag einer frauen pegirlikeit/erfullen noch
erstatten/wie mocht er danne beratten/sieben, so er hette die? (V. 1540ff.)“.
Offenbar in seinem Mannesstolz verletzt, antwortet Salomon: „(...) Ist daz eur meinung aller,/daz ir
wollt haben siben man,/nempt peispil, wie ein han/zwelf hennen ist genug (V. 1559 f.)“.
86
und zum Tode verurteilt wird, löst sich gewissermaßen mechanisch der unversöhnliche
Gegensatz zwischen dem zornentbrannten Herrscher und den keifenden Weibern.
Dennoch hat sich mit dieser Streitszene Markolfs Urteil über Salomons Maßlosigkeit
als „wahr“ erwiesen.141
An diesem lehrhaften Streitgedicht zeigen sich die für die Narrenliteratur typi-
schen Logikprobleme. Was ist von einer Weisheit zu halten, die mit empirischen Be-
weismitteln der Lüge überführt wird? Welchen Schluß zieht der Leser daraus, daß
Markolfs List zum Stolperstein für Salomons Weisheit wird? Wie verändert sich der
Begriffsinhalt von Weisheit, wenn sich ihr biblisch kanonisierter Vertreter genau umge-
kehrt zu seiner Prätention verhält und den armen machtlosen Kritiker wegen eines an
sich harmlosen Streiches zum Tode verurteilt?142 Mag auch die List teuflischen, die
Weisheit göttlichen Ursprungs sein, wie es im Prolog heißt, so sind doch beide, Bauer
und König, mit Fehlern behaftete Menschen. In ihren exemplarischen Handlungen
vermischen sich die sprachlich rein geschiedenen Begriffe so sehr, daß die transzen-
dente Ableitung von Gott bzw. Teufel zur rhetorischen Floskel erstarrt. Am Ende bestä-
tigt sich die gleichfalls im Prolog behauptete Gleichwertigkeit von List und Weisheit
mehr durch das verbindende Moment der Narrheit beider Protagonisten als durch eine
konsequente Verteilung der Eigenschaften auf je eine Exempelfigur.
=ZHLGLQJVLQGDXIHUG
GLHSHLGHGLHVLQGDFKWSDU
ZHUGHVUHFKWZLOQHPHQZDU
GHUHLQHVLVWGLHZHLVKHLW
GDVDQGHULVWGLHOLVWLJNHLW V. 14 ff.
ZLHDXFKGHUSDZUPLWOLVWLJNHLW
6DORPRQLVZHLVKHLW
YHUDQWZXUWXQGYHUVSURFKHQKDE V. 25 ff.
Dabei entsteht der Eindruck, als könne der Leser aus dem sog. Streitgedicht al-
lenfalls die Lehre ziehen, daß List die legitime Form der Weisheit des armen Mannes
ist. Der Narr erscheint weniger närrisch, der seine eigene Narrheit erkennt. Das aber ist
in diesem Fall eher der unbedeutende Bauer Markolf als der unerbittliche und selbstge-
recht urteilende König der Weisheit.
141 Der Betrüger Markolf tritt hier paradoxerweise in der Rolle eines negativen Fürstenerziehers in Er-
scheinung. Er hatte Salomon schon vorher im Kontext des Hohenliedes und des Urteils Maßlosigkeit
vorgeworfen. Durch Salomons Zornausbruch vor den Frauen bestätigt sich Markolfs Einschätzung:
„Heut hastu frauen ser/gelobet uber alle maß,/jetzo schendest du sie vast,/daz mag ich pillich freuen
mich,/daz meine worte warlich/also sich erfunden haben (V. 1652 ff.)“.
142 Salomons Rede gegenüber den Frauen stellt sich als das Gegenteil einer ZHLVOLFKHQUHGH (V. 22)
dar. Salomons Todesurteil über Markolf gleicht eher einem aus Zorn geborenen Racheakt als einem
besonnenen Urteil eines weisen und gerechten Königs.
87
Das sprach- und literaturkritische Potential scheint generell ein konstitutives
Moment der Gattung Narrenliteratur zu sein, wie das Beispiel der Überprüfung der ge-
wohnheitsmäßig akzeptierten Weisheit Salomons durch Markolfs List zeigt. So etwa
erkennt Markolf die Homonymie des Wortes IODGHQGHUNRPHQVROYRQGHUVHOELJHQ
NXH (V. 729 f.) und nutzt sie zu seinen Gunsten aus. Das Salomon versprochene Brot
verspeist er selbst, und die Milch bedeckt er statt mit einem Butter- mit einem Kuhmist-
fladen. Wie schon erwähnt, erfüllt sich Markolfs Prophezeiung, Salomon habe im Ho-
henlied die Frauen übermäßig gelobt und werde deswegen noch die Frauen übermä-
ßig beschimpfen. Außerdem bewegt Markolf die Hure, der von Salomon das Kind zu-
erkannt wurde, dazu, die Rebellion der Frauen gegen den König anzuführen.143 Da-
durch gerät implizit sogar das salomonische Urteil selbst in den Verdacht der Falsch-
heit, während im Verlauf der Geschichte Markolfs Urteil über List und Undankbarkeit
der Frauen scheinbar verifiziert wird. Reagiert Salomon auf Markolfs Provokationen
zornig und beruft sich auf die ihm von Gott geschenkte Gabe der Weisheit, entlarvt
Markolf sogleich das Eigenlob als Beweis für sein Gegenteil.144 Demzufolge ist Weis-
heit eine veränderliche Eigenschaft, die nur von anderen beurteilt werden kann. Wie
aber kann Weisheit von Markolf, dem listigen Betrüger und Narren, beurteilt werden?
In dem zweiten, mehr erzählenden Teil der Dichtung entpuppen sich Markolfs
Streiche als eine Reihe negativer Bewährungsproben für die biblische Figur, die zei-
chenhaft für die Tugenden von Gerechtigkeit und Weisheit steht. Auch die kirchlich ka-
nonisierte Dichtung von Salomons Hohemlied erfährt eine Abwertung. Doch nicht die
theologische Problematik von schöner, aber lügenhafter Dichtung und schmuckloser,
aber wahrer biblischer Lehre wird thematisch145, sondern das Verhältnis zwischen Sa-
lomons hehren Vorstellungen über Weisheit und Gerechtigkeit und seinen moralisch
zweifelhaften Handlungen.
In der hier besprochenen spätmittelalterlichen Version von ‘Salomon und Mar-
kolf’ des Gregor Hayden erinnert nur noch der Gesprächsrahmen an die vielleicht ur-
143 Bobertag, Narrenbuch, V. 1377.
144 Vgl. Bobertag, Salomon und Markolf V. 706-9 mit Salomons Traum zu Gibeon, III Rg 3,4-15.
Gegen Salomons Hinweis auf das biblisch bezeugte Ereignis argumentiert Markolf, daß nur von ei-
nem anderen jemandes Weisheit beurteilt werden kann: „Markolf sprach: der weise man/sol sich
selbst nit do fur han,/wann wer sich selbst fur weise zelt,/fur einen toren man den helt (V. 710 ff.).“
145 Die eigentlich eine Liebesdichtung darstellenden FDQWLFDFDQWLFRUXP waren für die Kirchenväter und
Scholastiker immer schon ein Gegenstand allegorischer Exegese. Sie mußte es sein, da die christli-
che Theologie unter dem Zwang stand, dieser an sich weltlichen Dichtung eine religiöse Aussage-
funktion zuzuschreiben. Die heilsgeschichtliche Bedeutung eines Textes erschließt sich allegorisch
und insbesondere aus der typologischen Deutung von Präfiguration im Alten und Erfüllung im Neuen
Testament. Vgl. dazu Friedrich Ohly, Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter, in: ZfdA 89
(1958/59), S. 1-23.
88
sprünglich der Wahrheitsfindung dienliche, dialektische Argumentationsmethode. Statt
wie in einem scholastischen Streitgespräch voneinander getrennt zu bleiben, bewegen
sich hier die gegensätzlich konzipierten Positionen aufeinander zu.146 Aus der Einsicht
in die universelle Narrheit der Welt untergräbt Markolf, ähnlich dem schlauen Fuchs in
der Tierparabel, die Glaubwürdigkeit des Gelehrtenwissens, das von lebenspraktischer
Erfahrung abstrahiert. Wittenwiler geht darüber weit hinaus. Im ‘Ring’ wird die Logik
selbst zum Gegenstand der Parodie.147
Aus dem Narrencharakter des Gedichts von ‘Salomon und Markolf’ ergeben
sich für die Verbindung von Belehrung und Unterhaltung Verständnisprobleme, die sich
auch in Wittenwilers Roman stellen. Wenn alle Personen einer Erzählung auf je unter-
schiedliche Weise närrisch in einer Welt agieren, die mit einem Narrenhaus identisch
ist, gleichen sich die an Personen exemplifizierten Gegensätze mangels eines gültigen
Bewertungsmaßstabs als bloße Aspekte der einen Narrheit an oder heben sich sogar
auf.148 Bei einer Dichtung mit didaktischem Lehranspruch bewirkt die Narrenkonzepti-
on für die zu erkennende „Wahrheit“, daß sie durch die skeptische Infragestellung einer
Übereinstimmung von QRPHQund UHVdes Sprachgebrauchs und durch die Kritik an
sprachlichen Konventionen in eine Vielzahl sich widersprechender Teilwahrheiten zer-
fällt. Es scheint so, als scheitere die didaktische Vermittlung eines Konzeptes wie der
Weisheit an empirischen Beglaubigungen und an der Möglichkeit sprachspielerischer
Vertauschungen und Umdeutungen. Diese sprachspielerische Dimension tendiert mit-
hin zu eigendynamischer Verselbständigung und gerät so tendentiell in Konflikt zur
ernsthaften Belehrungsabsicht.
146 Dies geschieht dadurch, daß sich Salomon auf die empirischen Beweisverfahren Markolfs einläßt.
Bewiesen wird die Wahrheit einer Aussage wie etwa, daß die Elster genauso viele weiße wie
schwarze Federn hat, indem der zuvor behauptete Sachverhalt am Gegenstand überprüft wird. Nun
findet dieses induktive Beglaubigungsverfahren aber auch negativ auf die ideellen Abstrakta Weisheit
und Treue ihre Anwendung. Man erfährt zwar nicht, worin Treue, dafür aber, worin Untreue im Ein-
zelfall bestehen kann. Markolfs Pauschalurteil, daß alle Frauen untreu seien, bestätigt sich scheinbar
am Einzelfall. Wegen der von Salomon geforderten empirischen Beweisschuld sprachlicher Äuße-
rungen scheitert die Idealisierung von Tugendbegriffen wie Weisheit, Treue, Gerechtigkeit an der
Konfrontation mit den Erfahrungstatsachen.
147 Dies soll später an der Ehedebatte gezeigt werden. Hier werden die Regeln der Dialektik in der Wei-
se persifliert, daß von allen närrischen Sprechern die Folgerichtigkeit bei der Argumentationsführung
mißachtet wird.
148 Zum Verlust jeden Maßstabes vgl. Arpad Stephan Andreanszky, Topos und Funktion, Probleme der
literarischen Transformation in Heinrich Wittenwilers ‘Ring’, Bonn 1977, S. 140. Andreansky prägt
den Begriff der „kategoriellen Inkommensurabilität“.
89
4.1.2 VFK\PSIund HUQVWbei Sebastian Brant und Thomas Murner
Es entsteht der Eindruck, als schade die spaßhafte Narrenhandlung dem Ernst
der didaktischen Aussage. Mit einem Blick auf Sebastian Brants ‘Narrenschiff’ von
1494 und Thomas Murners ‘Narrenbeschwörung’ von 1512 könnte man dagegen den
Einwand erheben, daß von diesen beiden gelehrten Autoren doch auch die VFK\PSII
UHG als ein probates Erziehungs- und Agitationsmittel angesehen wurde, und das, ob-
gleich sie sich selbst als Narren vorstellen.149 Beide wollen ernsthaft zur Besserung
des Menschengeschlechts beitragen. Neben der Selbsterkenntnis beabsichtigen Se-
bastian Brant und Thomas Murner ähnlich Wittenwiler eine wahrheitsgemäße Be-
schreibung des Weltlaufs zu geben.
Daß beide Autoren den Lauf der Welt, d.h. den Zustand der Welt, satirisch be-
schreiben wollen und damit zugleich neue Freiräume für die Literatur erschließen,
hängt unmittelbar mit der Konzeption des Narren als universelle Beispielfigur zusam-
men. Denn nach der Vorstellung, daß jeder Mensch ein Narr sei, wird die Welt im lite-
rarischen Entwurf zum chaotischen Tollhaus. Poetisch passen sich die didaktischen
Zwecken dienenden Weltbeschreibungen dem närrischen Gegenstand an, so daß auf
VFK\PSI UHG unmöglich verzichtet werden kann. In dem mit „Entschuldigung“ über-
schriebenen letzten Kapitel der ‘Schelmenzunft’ schreibt Murner:
*URVVHQHUQVWNDQ>LFK@VFKLPSIOLFKPDFKHQ
*URVVHQVFKLPSIPLWHUQVWYHUNHUHQ
8QGPLWEHLGHQDUWHQOHUHQ
,FKZROWGHUZHOWWDQGEHVFKULEHQ
'DPXVWLFKXIGHPVFKODJEHOLEHQ V. 1424 ff. 150
149 Sebastian Brant nennt sich selbst am Ende seines Werkes mit der Begründung einen Narren, daß
nur dem närrischen Dichter das Schreiben eines Narrenbuchs gelänge: „Es kan nit yeder narren ma-
chen/Er heiß dann wie ich bin genant/Der narr Sebastianus Brant (V. 38-40)“.
Im folgenden zit. aus: Sebastian Brant, Das Narrenschiff, Nach der Erstausg. (= Basel 1494) mit den
Zusätzen der Ausg. von 1495 und 1499 sowie den Holzschnitten der dt. Orig.-Ausg., Hg. von Man-
fred Lemmer, Tübingen 19863, S. 322.
Der Franziskanermönch Thomas Murner, der Gegenspieler Luthers, zitiert diese Verse in seiner Vor-
rede (V. 22 ff.), hält aber im Unterschied zu Brant diesen wie sich selbst für relativ weise. Er räumt
zwar auch ein, ein JRXNHOPDQ zu sein, begründet dies aber anders als Brant damit, daß er sich die
Narrenkappe nur deshalb überziehe, um die Narren umso besser zu treffen: „Das ich üch bin ein
gaukelman,/Do möcht ir frilich recht an han,/Denn ich den narren in diesen tagen/Mit gauklen man-
ches hab verschlagen.“
Im folgenden zitiert aus: Thomas Murner, Die deutschen Dichtungen des Ulrich von Hutten, Erste Ab-
teilung, Hg. von Balke, Stuttgart o. J. (= Deutsche National-Literatur; 17, 1) S. 67, V. 151 ff.
150 Thomas Murner, 'Schelmenzunft', in: Ebd., S. 51.
90
In der Vorrede des ‘Narrenschiff’ verkündet Sebastian Brant:
+LHILQGWPDQGHUZHOWJDQW]HQORXII
'LEXRFKOLQZXUWJXRW]XGHPNRXII
]XVFK\PSIIXQGHUQVWXQGDOOHPVSLO
)LQGWPDQGLHQDUUHQZLHPDQZLO
(LQZLVHUILQGWGDVLQHUIUH\GW
(LQQDUUJHUQYRQV\QEUXRGHUQVH\W
+LHILQGWPDQGRUHQDUPXQGULFK
6FKO\PVFKOHPHLQ\HGHUILQGWVLQJOLFK V. 53-60
Bei Thomas Murner liegt die Erzählintention stärker im missionarischen Impuls
der geistlichen Besserungsabsicht. Der franziskanische Bettelmönch tritt in seiner ‘Nar-
renbeschwörung’ als Exorzist und Geisterbanner auf und führt mit seiner VFKLPSIUHG
einen verzweifelten Kampf gegen eine Unzahl von im Menschen steckenden närri-
schen Dämonen, die für ihn gleich Ungeziefer ausgetilgt werden müssen. Am Ende
seiner aggressiv plastischen Strafpredigt erinnert Murner noch einmal an die ernste
Motivation seiner Narrensatire. Weil sie oft durch die Darstellungsweise der vitalen
Komik der Narren zu sprachkünstlerischem Selbstzweck tendiert, kann allzu leicht der
Ernst der Sache - die moralische Belehrung - vor dem Überschwang der grotesken
Einfälle und der phantastischen Metaphern verblassen.151
,FKKRIIXQGWUXZZHUVZROEHWUDFKW
8QGPLWGHPVFKLPSIGHQHUQVWQLPWDFKW
'HUPHUNWGDVLFKPLWVFKLPSIUHGKDE
1DUUKHLWZHOOHQGLOFNHQDE
(UVLFKGDVLFKPLWVFKLPSIUHGKRQ
'HPHUQVWIUZDUJHQXRJJHWRQKap. 97, V. 8671-74 / V. 8679 f.152
Im ‘Ring’ hingegen fehlen jegliche Entschuldigungen der Personen, des perso-
nalen Erzählers oder des Autors hinsichtlich des närrischen Rede- bzw. Erzählstils. Es
gibt weder ein Eingeständnis der eigenen Narrheit wie in Murners ‘Narrenbeschwö-
rung’ und ‘Schelmenzunft’ noch die Beschreibung eines weisen Mannes wie im letzten
151 Kapitel 57 ist mit dem paradoxen Titel 0LWGUHFNUHLQZHVFKHQüberschrieben. Mit dieser drastischen
Metapher ist gemeint, daß sich ein sündiger Narr, dem von einem anderen Menschen, mitunter also
Murner selbst, moralische Verfehlungen vorgehalten werden, mit dem Hinweis auf das Sündenkonto
des Mahners selbst die Absolution erteilt.
Kapitel 45 ,QGHPJULQGOXVHQ meint, daß derjenige ein Narr sei, der nur oberflächlich einen anderen
Narren kritisiert und infolgedessen das darunter liegende Übel nicht mit der Wurzel ausreißt. Kapitel
26 +HXVFKUHFNHQXQGIO|FKVXQQHQ - „Heuschrecken und Flöhe sonnen“ - ist eine Schmährede auf
die Schamlosigkeit närrischer, putzsüchtiger Frauen, die „mit den Bauernknaben laufen“. Der Titel
spielt wahrscheinlich direkt auf die weibliche Scham an. Im vorangestellten epigrammatischen Vier-
zeiler besteht das WHUWLXP dieser Metapher darin, daß diese Tierchen leichter festzuhalten sind als un-
treue Frauen.
152 Wie das obige Zitat aus der 'Schelmenzunft' stammt auch dieses der 'Narrenbeschwörung' entnom-
mene aus dem Epilog, den Murner in beiden Werken mit der Kapitelüberschrift (QWVFKXOGLJXQJGHV
'LFKWHUVversieht.
91
Kapitel 112 von Brants ‘Narrenschiff’, der moralische Maximen verinnerlicht hat und
sein Gewissen zur maßgeblichen Beurteilungsinstanz für seine eigenen Handlungen
erhebt.153 Eine „Entschuldigung des Dichters“ paßt nicht in Wittenwilers Narrenwelt.
Wittenwilers ‘Ring’ unterscheidet sich von diesen hundert Jahre nach seiner
Zeit entstandenen Narrenbüchern in zweifacher Hinsicht: zum einen fehlt ihm der epi-
sodische Aufbau aneinandergereihter, selbstständiger Erzählabschnitte, die im Falle
des ‘Narrenschiffs’ einer allegorischen Struktur folgen, zum anderen bedient er sich ei-
ner Erzählweise, die dem Leser jede Orientierung auf eine beabsichtigte Gesamtbe-
deutung versagt.
4.2 Wittenwilers Erzählweise
4.2.1 Groteske Überbietung und akommunikativer Leerlauf
Wittenwilers prinzipielle Verweigerung von Sinnstiftung und didaktischer Beleh-
rung erklärt sich nicht zuletzt aus seiner rhetorischen und ironischen Erzählweise. Der
‘Ring’ besteht zu 80 % aus Rede.154 Im Gegensatz zu der oben genannten Narrenlite-
ratur läßt sich aber keine Dialektik gegensätzlicher Positionen ausmachen. Zurecht
spricht Plate von akommunikativen Textstücken, in denen es weder Dialoge noch Mo-
nologe gibt.155 Ein konstruktiver Austausch von Argumenten findet im ‘Ring’ schon
deswegen nicht statt, weil die elementare Gesprächsregel der Toleranz und des ge-
genseitigen Respekts mißachtet wird. Ein hervorragendes Beispiel dafür bietet die sog.
Ehedebatte. Plate konnte überzeugend nachweisen, daß der ergebnislos verlaufende
153 Im Schlußkapitel entwirft Sebastian Brant das positive Bild vom Z\PDQ.
Vgl. Ders., Narrenschiff, Kap. 112. Er ist rund wie ein Ei, hört nicht auf den Adel und auch nicht auf
das Geschrei des Volkes. Den moralischen Maßstab für Recht oder Unrecht trägt er in sich selbst.
Seine Weisheit besteht in der ständigen Befragung seines Gewissens. Die Begriffe HUEHUNH\W und
]XFKW sind abhängig von der Person des Weisen und nicht länger an eine allgemeine Norm gebun-
den. Während der Weise bei Brant von einem inneren Maßstab ausgeht, richten sich Weisheit, List
und Schläue bei Wittenwiler nach den je unterschiedlichen äußeren Anforderungen einer Situation.
Brants Figur des Weisen wirkt vor dem Hintergrund der Negativität wie nachträglich dem Werk auf-
gesetzt. Sie ist offenbar ein Verlegenheitskonstrukt, ein zwanghafter Versuch, dem Eindruck vorzu-
beugen, als könne es gar keine Weisheit geben. Wenn es die normative Welt nicht mehr gibt, wo-
nach soll sich dann die Weisheit im Inneren richten? Eine Antwort darauf bleibt uns Brant schuldig.
154 Vgl. zum ‘Ring’ als Redetext, Plate, Heinrich Wittenwiler, S. 93 ff.
155 Vgl. ebd. S. 95. Ich stimme mit Plate darin überein, daß im ‘Ring’ das Prinzip einer funktionierenden
Dialogizität aufgehoben ist. Allerdings kann man Mätzlis skurriles Gespräch mit ihrer PXW]H als einen
lyrischen Monolog auffassen, der die intertextuelle Hintergrundfolie, die im Zwiegespräch mit sich
selbst klagende Minnedame, sprengt.
92
Disput über die Ehe unter anderem auf den von allen Disputanten konsequent durch-
geführten Bruch syllogistischer Regeln zurückzuführen ist.156 Soll Rechthaberei rheto-
risch bewiesen werden, wird immer nur die Rhetorik der eigenen Rechthaberei bestä-
tigt. Die Romanfiguren gehen in ihren Redebeiträgen nicht nur nicht konstruktiv aufein-
ander ein, sondern reden häufig auch an den Bedürfnissen ihrer Adressaten vorbei o-
der verkennen die Opportunität für den Anlaß einer Rede bzw. eines Briefes.157
Fraglos akzeptierte Lehrinhalte, d. h. Normen und Werte, sollen in nachklassi-
schen Werken mit den zur Verfügung stehenden poetischen Ausdrucksmitteln mög-
lichst vollständig in idealer Form beschrieben werden.158 Man könnte sagen, daß Wit-
tenwiler den letzten Schritt der Befreiung des rein poetischen Spiels von den ernsthaf-
ten Inhalten der Didaxe vollzieht: „der poetische Zauber als Vehikel des Paradigmati-
schen“ hat bei Wittenwiler ausgespielt. Es ist gerade diese Loslösung von einer opti-
mistischen didaktischen Vermittlungsabsicht, die der Poesie ihre „Unschuld“ wiedergibt
und sie somit in die Willkür und freie Verfügungsgewalt von Erzähler und Romanper-
sonen entläßt.159
156 Vgl. Plate, Wittenwilers ’Ehedebatte’ als Logik-Persiflage, in: Fs. f. Paul Klopsch, Hg. von Udo Kin-
dermann u. a., Göppingen 1988, S. 370-383.
157 Als Nabelraiber auf den minnesiechen Bertschi trifft, der bereits in drei kläglich gescheiterten Anläu-
fen um Mätzlis Gunst geworben hat, bittet ihn Bertschi, ihm doch einen Brief an seine Geliebte zu
schreiben. Der aber erteilt ihm erst einmal eine ausführliche Lehre, wie man nach ovidscher Liebes-
kunst den Frauen den Hof machen soll. Wie wenig diese Lehre mit Bertschis Situation zu tun hat, be-
legt sein ironischer Kommentar nach der Belehrung: „[...] Öhain mein,/Daz du vil sälich müessist sein!
(V. 1840 f.)“. Der um einen Stein gehüllte Minnebrief, den Nabelraiber für Bertschi schreibt, trifft die
Analphabetin Mätzli am Kopf. Kaum ließe sich die Inkongruenz von Text und Empfänger drastischer
inszenieren. Darauf liest der Arzt Mätzli den Brief vor und schwängert sie. Auch der vom Arzt stellver-
tretend für Mätzli verfaßte allegorische Minnebrief verfehlt völlig seine beabsichtigte Wirkung auf den
Adressaten. Bertschi versteht nicht, was der Brief bedeutet. Nabelraiber weiß dem Begriffsstutzigen
zu helfen. Kurzerhand faßt er die Mitteilungsabsicht des „längsten Minnebriefes in der mhd. Literatur“
auf vier Zeilen zusammen: eine lakonische Sprachgeste, die mitunter das Mißverhältnis von Brief und
Empfänger ironisch unterstreicht.
158 Vgl. Walter Haug, in: Paradigmatische Poesie, Der spätere deutsche Artusroman auf dem Weg zu
einer 'nachklassischen' Ästhetik, in: DVJS 54 (1980), S. 204-231. Ebd. S. 228 f. schreibt er über die
nachklassischen Romane: „Auf der einen Seite steht ein dezidiert lehrhaftes Element; der Held de-
monstriert paradigmatisch ideale Verhaltensnormen - implizit oder wie im -QJHUHQ7LWXUHO explizit als
Tugendsystem ausformuliert. Auf der anderen Seite findet die Poesie zu sich selbst; sie wird sich ih-
rer autonomen Möglichkeiten bewußt.“
159 Vgl.ebd. S. 230 f. Haug stellt für Albrechts ‘Jüngeren Titurel’ fest, daß im Unterschied zu den arthuri-
schen Romanen und zu Wolframs ‘Parzival’ die Wahrheit lehrbar und sprachlich formulierbar gewor-
den sei. Haug beschreibt die Aufgabe des Dichters folgendermaßen: „[...] der Dichter hat in neuer
Weise den pragmatischen Aspekt zu bedenken; die Wahrheit muß über die ästhetische Rampe ge-
bracht werden, und zwar, ohne daß man eine Vorentscheidung fordern und sich auf diese stützen
könnte, allein durch das Werk selbst. Damit kündet sich der moderne, sich der Problematik seines
Tuns bewußte Typ des Dichters an.“
Das trifft auf den „modernen Dichter“ Wittenwiler zu. Allerdings geht Wittenwiler noch weit darüber
hinaus. Literarische Schemata sind im ‘Ring’ so frei verfügbar, daß sich die Wahrheitsfrage gerade
deswegen wieder stellt. Durch die Objektivierung des Erzählens demonstriert er die Unvereinbarkeit
von Wahrheit und Ästhetik. In dem Maße wie die Personen Sprache und literarische Muster als ob-
jektives Kampfmittel und nicht zu Zwecken der Verständigung einsetzen, verlieren sie ihre Hand-
lungsfreiheit. Infolgedessen regieren Zufall und Chaos das epische Geschehen.
93
In ihrer ausschließlich demonstrativ-rhetorischen Verwendungsweise sind die li-
terarischen Schablonen (Brief, Turnier, Minnelehre etc.) gleichrangig der Erbse, über
die Bertschis Esel im Turnier stolpert, dem Stein, um den der Brief gewickelt ist und der
die Analphabetin Mätzli am Kopf trifft, dem Teufel, der störend ins Tanzvergnügen ein-
greift. Denn die im ‘Ring’ von den Romanpersonen verwendete oder imitierte Literatur
ist ein nach ihrem jeweiligen Kontext im Rahmen der ironischen Erzählung zu beurtei-
lendes Handlungselement wie Erbse, Stein und Teufel auch. Entscheidend ist die Hal-
tung der Personen zu den literarischen Mustern wie z. B. der Minnelehre, den vier Lie-
besbriefen oder den zahllosen Proverbien. Der Wert der Literatur bemißt sich also da-
nach, mit welcher Absicht Erzähler und Personen von ihr Gebrauch machen, bzw. ob
und wie sie sich von ihrer sinnstiftenden Funktion einnehmen lassen.
Hinsichtlich der epischen Struktur ist zu sagen, daß im Unterschied zu den o-
ben genannten Werken der 'Ring' über eine genau komponierte Handlung verfügt, die
sich auch durch die Lehrblöcke seines zweiten und quantitativ größten Teils zieht.160
Lehre und Handlung bzw. Wissen und Nicht-Wissen, böser und guter Wille, aber illusi-
onäre Absicht sind erzähltechnisch derart ineinander vermischt, daß eine kreisförmig in
sich geschlossene Episode zum Auslöser einer ganzen Serie ähnlich gestalteter Epi-
soden wird, die dann nur noch närrischer und gewalttätiger sind. Infolge der Verselb-
ständigung des epischen Geschehens vom Willen der Romanpersonen beschleunigen
ihre immer unkontrollierter werdenden Aktionen den Untergang Lappenhausens.161 Bei
den additiv aneinandergereihten Szenenfolgen steigern sich nach und nach die Wider-
sprüche und das Ausmaß der katastrophischen Resultate.162 Gleiches läßt sich für die
Abfolge der Serien sagen, die den Roman als Ganzes strukturieren.163
Das zeigt sich in der Ehedebatte. Situationsmächtig sind nicht die Disputanten, sondern die Rede
selbst. Durch die auf Vernichtung des Gegners angelegten Redeäußerungen hypostasiert Sprache
zum Subjekt und gelangt zu unkontrollierbarer Eigenmächtigkeit.
160 Vgl. zur epischen Integration der Lehrvorträge, Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 98-107.
161 Wolf schreibt dazu in, Überlegungen zu Wittenwilers ‘Ring’, S. 230: „Die verhängnisvolle Kausalität,
die entsteht - Brief, Steinwurf, Wunde, Arzt, Entjungferung, Antwort, Ehedebatte, Hochzeit, Tanz,
Krieg - spricht doch eine deutliche Sprache und ist nun einmal mit Bertschis törichtem Tun zu verbin-
den. Der dumme Zufall, daß der Stein eine Wunde schlägt, ist eben ein Faktum; später wird sich das
noch anreichern: Wirken des Teufels, IRUWXQD, Sterne, Bosheit treten hinzu.“
162 Einige Beispiele dafür sind: die drei Bauernturniere, - das Bauernturnier, das Nachturnier und das
Turnier der Pferde und Esel - der dreifach wiederholte Werbungsversuch Bertschis, an dessen Ende
Mätzli in den Speicher gesperrt wird, sowie der Brief Nabelraibers und der nach Mätzlis Schwanger-
schaft notwendig gewordene Brief des Baders. Zur grotesken Steigerungsbewegung im Hochzeits-
mal und im Tanz vgl. Schlaffke, Heinrich Wittenwiler 'Ring', S. 75-83. Ebd. S. 79 stellt er fest: „Eine
groteske und paradoxe Steigerung liegt als Kompositionsschema in vielen Variationen einer ganzen
Anzahl von Szenen der Dichtung zugrunde.“
163 Man vergleiche nur die Zunahme der Gewalttätigkeit im Bauernturnier, beim Hochzeitsfest, bei der
Rauferei und schließlich in der großen Schlacht.
94
Immer wieder entstehen Endlosbewegungen, die nur noch durch ein Ereignis
von außen angehalten werden können. Erst als Mensch und Tier kampfunfähig ge-
schlagen sind, endet das Bauernturnier. Die Ehedebatte nimmt nur dadurch ein Ende,
daß die Disputanten vor körperlicher Erschöpfung nahe davorstehen, in Ohnmacht zu
fallen (V. 3495). In der Schlacht reiben sich die dämonischen und menschlichen Ver-
bündeten der Lappenhauser und Nissinger in dreizehn aufeinanderfolgenden Waffen-
gängen auf. Jedesmal vernichtet eine Partei vollständig den Kriegsgegner, nur um
dann in der nächsten Schlacht von einer anderen Partei wiederum dasselbe Schicksal
zu erleiden. So könnte es endlos weitergehen. Nur der Einbruch der Nacht vermag
dem sinnlosen Morden ein Ende zu machen (V. 9404). Wie der Erzähler bemerkt, wer-
den die Hochzeitstänze sogar durch das Eingreifen des Teufels beendet (V. 6448).164
Dem qualitativen Auf-der-Stelle-Treten in der Kommunikation und dem bloß vorder-
gründigen Erreichen angestrebter Handlungsziele, die sich im nachhinein als Pyrrhus-
siege entpuppen, entspricht auf der anderen Seite ein quantitativer Zuwachs von bös-
artiger Narrheit.165
Wenn Wittenwiler die verkehrte Welt der Bauern und Narren zugrundegehen
läßt, dann scheitert mit ihr zugleich der Belehrungsanspruch.166 Gerade die Schlußepi-
sode von Bertschis grotesker Belagerung auf einem Heuhaufen durch eine kleine ver-
sprengte Schar von Nissingern unter der Führung ihres Bürgermeisters Strudel unter-
streicht diesen Befund.167 Hatte zuvor noch Pütreichs erfolgreich umgesetzter Plan zur
Vernichtung Lappenhausens geführt (V. 9469), lassen die Nissinger anschließend ihre
militärische Tapferkeit auf klägliche Weise vermissen. Triefnas, der einzige Überleben-
de von Lappenhausen, hat sich vor den anstürmenden Nissingern auf einen Heuhau-
fen zurückgezogen und in weiser Voraussicht Fallgruben errichtet, Dornen ausgelegt,
Steine gesammelt. Er benutzt sogar einen Schild zur Abwehr der Geschosse. Von den
auf den Heuhaufen abgefeuerten Steinen, die im Gras steckenbleiben, so der Erzähler,
habe sich die „Mauer“ noch verstärkt (V. 9615 f.). Offenbar halten die Nissinger den
Heuhaufen für einen unüberwindlichen Wehrturm und schließlich Bertschi selbst für ei-
164 Nach Wießner rafft der Erzähler an sechs Stellen das Geschehen mit diesen oder ähnlichen Worten:
VDPLFKHXFKVNUW]HQZLO: Nach Chrippenchras Brief (V. 2406), bei der Auflistung der Geschenke (V.
5532), beim Tanz (V. 6415) und an drei Stellen der Schlacht (VV. 9070, 9097, 9400).
Vgl. Ders., Der Wortschatz von Heinrich Wittenwilers ‘Ring’, Hg. v. Bruno Boesch, Bern 1970.
Vg. zur „et-cetera-Bewegung“, den aprogressiv statischen Vorgängen bzw. der Endlosbewegung,
Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 121-126; S. 145-148.
165 Aber auch Bertschi, der Hauptnarr, schien mit seiner Mätzli am Ziel seiner Wünsche angekommen zu
sein. Und doch haben seine Torheiten zum Tod seiner Ehefrau und zum Untergang Lappenhausens
maßgeblich beigetragen.
166 Zur verkehrten Welt vgl. Curtius, Europäische Literatur, S. 104-108.
167
95
nen gefährlichen Dämon (V. 9648). Als Triefnas wie eine Bestie aus Hunger anfängt,
das Heu zu fressen, auf dem er hockt, brechen Strudel und seine Krieger sofort ihre
närrische Belagerung ab und laufen in heller Panik davon. So schlägt am Ende die
Zerstörungswut der rational und methodisch vorgehenden Nissinger in Irrationalität und
Aberglaube um. Bertschis anschließende Weltflucht in die Einsamkeit des Schwarz-
walds kann unter dem Aspekt, dem Leser eine didaktische Orientierunghilfe in der Welt
zu bieten, nur als letzte absurde Torheit eines Erznarren betrachtet werden.168 Skep-
tisch endet der ‘Ring’ mit zwei symbolischen Bildern für die Nichtigkeit der Welt: dem
auf einem Heuhaufen Heu fressenden Triefnas und dem Rückzug dieser vernunftlosen
Bestie in die Wildnis des Schwarzwalds.
4.2.2 Ironische Erzählweise und „Modernität“ der Erzählerrolle
Durch die Vermischung von Stilebenen und der Vielfalt von Gattungen gleicht
der ‘Ring’ eher einer Literatursatire als einer Satire auf die politischen und moralischen
Zustände der damaligen Welt. Zwar spielt Wittenwiler im ‘Ring’ auf konkrete lokalhisto-
rische Zustände in Konstanz an, und auch die Bauernkriege der Eidgenossen sind indi-
rekt im Krieg der Narren reflektiert169, doch fehlt der Geschichte als Ganzes die Be-
zugsrichtung für oder gegen eine bestimmte Partei, die eine Satire ausmacht. Im Rah-
men des internationalen Brautwerbungsschemas entwirft Wittenwiler eine abenteuerli-
che Liebesgeschichte, die der Belehrung dienen soll.170 Der Widerspruch zwischen
168 Vgl. Bruno Boesch, Bertschis Weltflucht, Zum Schluß von Wittenwilers ‘Ring’, S. 228-237, hier 233,
in: Studien zur deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters, Festschrift für Hugo Moser zum 65.
Geburtstag, Hg. von Werner Besch u. a., Berlin 1974.
Ich schließe mich der Auffassung Boeschs an, nach der Bertschis Rückzug in den Schwarzwald den
letzten Akt der Torheit darstellt: „Die Bekehrung Bertschis setzt der Narrheit noch das Tüpfelchen
aufs i auf, ist wahrhaftig ihr letzter Schluß.“
Von einem „Akt der Selbsterkenntnis“, wie Schlaffke meint, oder gar einer „inneren Entwicklung“, die
Gaier an Bertschi exemplifiziert sieht, kann indes bei der Konfliktlosigkeit des Hauptnarren keine Re-
de sein. Wittenwilers Ratschläge enthalten Hinweise zur praktischen Bewährung in der Welt. Alles
Geistliche wird ironisch, wenn nicht blasphemisch behandelt. Allerdings legt Wittenwiler in dieser
Schlußepisode Bertschi eine 0HPHQWR0RULLehre (V. 9674 ff.) in den Mund. Ihre Ernsthaftigkeit darf
jedoch bezweifelt werden.
169 Vgl. Lutz, Heinrich Wittenwiler in Konstanz, in ZfdPh 104 (1985), S. 7-34. Vgl. auch Helmut Birkhan,
Das Historischen im 'Ring' des Heinrich Wittenwiler, Wien 1973 (= Sberr. d. Österr. Akad. d. Wiss.,
phil.-hist. Kl., 287, 2).
170 Zur Struktur des Brautwerbungsschemas, besonders in den sog. Spielmannsepen ‘König Rother’, ‘O-
rendel’ und ‘Oswald’ vgl. Ziegeler, Erzählen im Spätmittelalter, S. 251-254. Vgl. Ders. ebd., S. 436 f.
Für das Werbungsschema konstitutiv ist das „oppositionelle Moment“, das der Held zur Erreichung
seines Ziels überwinden muß. Ziegeler sieht den zu überwindenden Widerstand in Bertschis Rollen
als „Turnierritter, unerschrockener Liebhaber, bereitwillig Lernender, Festungsverteidiger und bußfer-
tig Bekehrter“ gegeben.
96
dem Belehrungsanspruch und einer in Chaos und Gewalt versinkenden Narrenwelt
deutet auf einen dem ‘Ring’ immanenten Grundkonflikt, der das Werk zum Vorläufer
des modernen Romans macht.171
In betreff der Rolle des Erzählers und der Technik des Erzählens spricht Ziege-
ler vom „auktorialen Erzähler“,172 Babendreier dagegen von einer „personalen Erzählsi-
tuation“. Ziegeler folge ich nur insoweit, als der Ich-Erzähler im ‘Ring’ zwischen der Po-
se des Unwissenden und des Wissenden hin und her wechselt. Bisweilen entsteht da-
durch der Eindruck der Unzuverlässigkeit, mithin der Unglaubwürdigkeit des Erzählten.
Im übrigen stimme ich mit Babendreiers Auffassung überein, daß uns ein vom Autor
unabhängiger Erzähler vom epischen Geschehen berichtet und es zugleich wie ein
Theaterzuschauer selbständig und subjektiv kommentiert. Unklar in Babendreiers Be-
schreibung der Erzähltechnik bleibt allerdings, weshalb er den Reden der Romanfigu-
ren eine vom Autor prinzipiell unabhängige Position zubilligt. Dennoch unterstellt er
den im mittleren Romanabschnitt durch Narrenmund vermittelten Lehren eine Überein-
stimmung mit der didaktischen Belehrungsabsicht des Autors Wittenwiler.173 Der Er-
Es gibt aber einen Unterschied, der beachtet sein will. Den Helden der Spielmannsepen setzen die
Verwandten der Dame, ihr Ehemann oder die Dame selbst Widerstand entgegen. Dagegen ist im
‘Ring’, zumindest noch zu Anfang beim Bauernturnier, der Widerstand in Bertschis Vorstellungswelt
angesiedelt. Wir erfahren nichts von einer Abneigung Mätzlis gegenüber Bertschi, dafür aber von
Bertschis unbeholfener Vorstellung davon, wie eine solche Werbung vonstatten gehen soll. Weniger
die Umstände einer widerstrebenden Situation, aus der die Dame befreit werden muß, werden zum
Handlung auslösenden Moment, als die der Situation vorgelagerten Vorstellungen von Minne und
Ehre.
171 Vgl. Bruno Boesch, Das Gattungsproblem in Wittenwilers 5LQJ, in: The Epic in Medieval Society, Ae-
sthetic and Moral Values, Edited by Harold Scholler, Tübingen 1977, S. 326-346.
Boesch sieht dagegen im ‘Ring’ weder ein Epos noch einen Roman: „Im Blick auf Epos und Roman
fehlt auch der Held und es fehlt der Konflikt.“ Ebd. S. 343 f. schreibt er weiter: „Wittenwiler hat die
Positionen von epischen und didaktischen Ansprüchen in extremer Weise polarisiert und ein höchst
eigenartiges Gleichgewicht von gegenseitiger Abstoßung und Anziehung geschaffen.“
Wenn man im Blick auf das Ende nicht wie Boesch von „einer makellosen Ganzheit und Rundung“
der Lehren ausgeht, dann ist doch gerade die von ihm herausgestellte Polarität der die Bezeichnung
„Roman“ legitimierende Grundkonflikt. Nicht die ins Uferlose gehenden Verhaltensgebote, wie z. B. in
der Tugendlehre, sind abgerundet, sondern der einer unerbittlichen Zerstörungslogik folgende epi-
sche Handlungsverlauf, in den die Belehrung erzähltechnisch integriert ist.
172 Vgl. Ziegeler, Erzählen im Mittelalter, S. 429 f.
Ziegeler argumentiert damit, daß die Äußerungen des Erzählers, die mal aus der begrenzten Per-
spektive des Berichterstatters, mal aus der überschauenden des Allwissenden gegeben würden, im-
mer von den Reden und Handlungen der Personen unterschieden seien. Personales Erzählen dage-
gen bedeute, daß das Verhältnis der inneren Haltung einer Romanfigur zu einem äußeren Ereignis
erzählt würde. Wittenwilers auktorialer Erzähler konstatiere ein Faktum wie „Die pot den ars zum fen-
ster aus (V. 1381)“ und gebe dann Bertschis Gedanken in wörtlicher Rede wieder: „'So wol mir, daz
ich ie derchant/Deinen amblik wol gestalt! (V. 1383 f.)“.
Ein persönlicher Erzähler würde etwa so verfahren: Als er zum Haus seiner Geliebten kam und Mätzli
ihr nacktes Hinterteil herausstreckte, glaubte er, ihr Gesicht zu sehen, bemerkte aber dann ...
Ziegeler sagt über die seiner Zeit weit vorausgreifende Erzähltechnik Wittenwilers: „Erzähleräuße-
rungen dieses Typus werden, wenn ich recht sehe, in deutscher Sprache erst rund 400 Jahre später
wieder verwandt, als man einen reichen Baron im besten Mannesalter 'Eduard' nennt.“
173 Weil es den persönlichen Erzähler im 'Ring' nicht gebe, spricht Babendreier vom „Typus einer perso-
nalen Erzählsituation“. Gleichwohl hält er die sog. Hofzuchtlehre aus dem Munde Übelgsmachs (V.
4855-70) für die Worte eines auktorialen Erzählers „und letztlich des Autors“, der sich in diesem Fall
des „personalen Mediums“ bediene. Das begründet er damit, daß der Erzähler durch die Person Ü-
97
zähler berichtet aus der Position des Beobachters Fakten, bedient sich dabei gelegent-
lich Unsicherheitsfloskeln und deutet häufig das Erzählte aus seinem persönlichen
Blickwinkel, was dann mit den närrischen Reden und Handlungen des Romanperso-
nals auf ironische Weise kontrastiert. Deshalb halte ich Wittenwilers Erzähler für einen
ironischen personalen Ich-Erzähler.
Die folgende Textstelle aus dem Bauernturnier illustriert die für den ‘Ring’ typi-
sche, ironische Erzählweise:
'HVOHVWHQQDPHQLFKHQZDLVV
'RFKFKDPHUDXIGHQVHOEHQFKUDLVV
*HULWWHQPLWHLPIXFKV]DJHO
,FKZlQHUZlUGHUSDXUHQKDJHO
+HU1HLWKDUWWUXQHLQULWWHUFKOXRJ
'HUDOOHQW|OSHOQKDVVWUXRJ V. 156 ff
Die eingeschränkte Perspektive des Erzählers als Unsicherheit vortäuschender
Berichterstatter, die sich in dem konjunktivischen ,FKZlQHUZlU ausdrückt, verbindet
sich mit der des vermeintlich allwissenden Erzählers. So als wohne der Erzähler der
Erzählhandlung unmittelbar bei und sehe den Ritter aus der Ferne hinzureiten, täuscht
er zunächst die Unkenntnis vor, in der die Bauern bis zum Ende ihres Turniers befan-
gen bleiben. Sie wissen nicht, was der Fremde im Schilde führt (V. 353 ff.). An dem
emblematischen Zeichen des Fuchsschwanzes identifiziert und charakterisiert der Er-
zähler dann aber unmißverständlich die bekannte literarische Figur. Durch diese Rol-
lenfestlegung wird der Leser von Anfang an darüber in Kenntnis gesetzt, daß Neidharts
Trachten darauf abzielt, die Bauern systematisch gegeneinander auszuspielen. Je
mehr der Erzähler Unsicherheit bei der objektiven Widergabe des Geschehens vor-
täuscht, umso stärker erscheint die Subjektivität seiner Perspektive. Die Bauern dage-
gen erkennen Neidhart nicht. Zuerst halten sie ihn für einen schwächlichen Weichling,
dann für einen Heiligen, den sie um Vergebung ihrer Sünden anflehen (V. 660 ff.), und
schließlich sogar für einen Engel (V. 882 ff.), - ironischerweise gleicht Neidhart eher ei-
nem Racheengel - der sie über die Regeln des Turnierwesens aufklären soll.
Der ironischen Haltung des Erzählers entspricht auf der Handlungsebene die
Neidhart-Figur im Bauernturnier.174 Als sei er von ungefähr zum Turnier gestoßen,
belgesmachs auf das noch bevorstehende Hochzeitsmal vorausdeutet, um damit dem Leser eine „In-
terpretationshilfe“ zu geben. Es ist mehr als fraglich, weshalb der Erzähler an dieser Stelle seine un-
abhängige Position zugunsten einer Vermischung mit einer Person aufgegeben haben sollte, zumal
er ansonsten das Geschehen eigensinnig kommentiert.
Vgl. Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 79 ff.
174 Vorzugsweise setzt Wittenwilers Verbalsubstantive ein: 'DKXREVLFKHLQKRILHUHQ0LWVWHFKHQXQG
WXUQLHUHQ(V. 103 f.). Damit wird ein bewegter Duktus erzeugt, demzufolge die Wortinhalte an Aussa-
gekraft verlieren.
98
mimt der Bauernhasser zunächst den friedliebenden Fremden. Neidharts Verstellungs-
taktik, mit der er seine wahren Absichten verbirgt, um den Bauern soviel Schaden wie
möglich zuzufügen, ohne selbst Schaden zu erleiden, gleicht den sarkastischen und i-
ronischen Bemerkungen, mit denen der Erzähler die närrischen Aktionen der Bauern
kommentiert. So etwa beginnt der Erzähler die Schilderung des „Heldenkatalogs“ wie
folgt:
'HUHUVWZDVXQVHU7ULHIQDV
(LQKHOGUHKWVDPHLQJLHVIDV
'HVZDSSHQZDUHQGJDEOHQ]ZR
,QHLQHPPLVWGHUZDVHUIUR V. 111 ff.
Auf jeden der elf bäuerlichen Turnierteilnehmer entfallen immer genau vier Ver-
se. Im ersten Vers wird der Name angegeben, der zweite enthält einen ironischen Ver-
gleich, die beiden letzten die Beschreibung des Wappens. Verfügbarkeit über Stoff und
Personen drückt das Possessivpronomen aus: XQVHU7ULHIQDV. Noch deutlicher tritt die
Subjektivität des Erzählens in den folgenden Taufakten zutage:
'HUDKWGHUKDLVWDOVLFKHVPDLQ
*UDI%XUNKDUWPLWGHPEHUSDLQ V. 139 f.
'HQQHXQGHQLFKHXFKWDXIIHQZLO
(UKDLVVHW3HQW]D7ULQNDYLO V. 143 f.
Oft werden in den schwankhaften Szenen, wie etwa in Bertschis mißglückten
Aktionen bei der Werbung um Mätzli, die redend vorgeführten Personen mit dazu im
Widerspruch stehenden Erzählfakten konfrontiert. Komik und theatralische Plastizität
werden schon zum einen durch die topographische Anordnung bewirkt, zum anderen
dadurch, daß den Lesern explizit Informationen mitgeteilt werden, von denen die Ro-
manpersonen nichts wissen oder aus närrischer Verblendung und Bosheit nichts wis-
sen wollen.175 Ein Beispiel für diese Erzählkunst der Inszenierungen und rhetorischen
Gesten stellt die Episode zwischen Bertschi und dem Pfeifer Gunterfai dar.
Bertschi will Mätzli ein Ständchen bringen, also zieht er vor das Haus des Pfei-
fers Gunterfai. Schon durch die Dunkelheit der Nacht und die räumliche Trennung der
beiden Personen - Bertschi steht draußen vor der Tür, Gunterfai liegt drinnen im Bett -
ist die Szene auf Dramatik und Verkennen von Fakten angelegt. Gunterfai ist von Al-
kohol berauscht und glaubt, daß der Lärm, den der ungeduldige Brautwerber mit zwei
Steinen und einem Stock an seiner Tür veranstaltet, von seiner Frau herrühre. Zornig
175 Vgl. Ziegeler, Erzählen im Spätmittelalter, S, 429 f.
99
schnauzt er sie an und wirft sie kurzerhand aus dem Bett. Bertschi hätte darüber fast
gelacht. Aber die Minne martert ihn so sehr, daß er weiter Lärm schlägt. Das bringt den
betrunkenenen Pfeifer erst recht in Rage. Von Gunterfai unflätig beschimpft, schmerze
Triefnas am meisten, daß er von ihm geduzt wird, so der Erzähler, der seine Gedanken
in wörtlicher Rede wiedergibt. Bertschi schwelgt in Racheplänen, verschiebt aber ihre
Ausführung auf einen späteren Zeitpunkt und besinnt sich stattdessen auf eine
Schmeichelrede VHVVHUHGJetzt erst stellt er sich dem Pfeifer namentlich vor, bietet
Geld an und fordert ihn auf, mit ihm zu gehen. Darauf kehrt nun auch Gunterfai seine
Affekte ins Gegenteil um. Aus Zorn wird Freude. Zum Zeichen seiner Freude über das
Geldangebot, ihrzt er sogleich den neuen Auftrag- und Geldgeber. Dann aber läßt er
den ungeduldigen Werber erneut auf sich warten. Das erweckt nun wieder Bertschis
Zorn. Auf seine Nachfrage antwortet Gunterfai, er suche seine Hose. Der Erzähler teilt
mit, daß er ohne weiteres darauf verzichtet hätte, :lUGHUVHNHOQLFKW]HVWXQGHQ$Q
GLHVHOEHQSUXRFKJHSXQGHQ(V. 1356 f.). Allmählich begreift der auf Wahrung der Eti-
kette bedachte eitle Bauer Triefnas, daß es dem Pfeifer weniger um die Beachtung von
Etiketten als alleine um den Geldsack an der Hose zu tun ist. Flugs verspricht er ihm,
Pfennige mitsamt dem Beutel zu geben wie Bier mitsamt der Flasche, wenn er nur
schnellstmöglich herauskäme. Das ist für den Pfeifer das Signal, keine Sekunde länger
zu zögern:
:HUZDVIURHUGDQQ*XQWHUIDL"
(UDKWGHUSUHFKQLFKWXPEHLQDL
8QGFKDPKHUDXVJHVWREHQ
*HUXPSHOWXQGJHIORJHQ
0LWVHLQHPEHNNLQGD]ZDVQHZ V. 1370
Die beiden Steine und der Stock, mit denen Bertschi an Gunterfais Türe klopft,
dürften dieselbe erotische Metaphorik symbolisieren wie die Hose des Pfeifers, an der
ein Geldsack gebunden ist. Im Falle von Bertschi steht das Bild für sein sexuelles Un-
gestüm, im Falle Gunterfais für seine Gier nach Geld, mit dem er sich Bier kaufen
100
kann. Fortlaufend kommentiert ein affektiv beteiligter Erzähler mit ironischen und sar-
kastischen Bemerkungen die in wörtlicher Rede vorgestellten Romanpersonen. Diese
durchgängig ironische Kontrastierung des Erzählens schafft Distanz und verhindert
eindeutige Sinnfestlegungen ebenso wie vorschnelle Identifikationen.
4.3 Zwei Weltentwürfe: Der negative Universalismus in Laleburg und das uni-
verselle Chaos in Lappenhausen
Ein dem 'Ring' unter den Aspekten des Weltentwurfs und eines sich selbst ver-
nichtenden Narrentums vergleichbarer Roman ist das 1597 gedruckte Lalebuch. Doch
werden im ‘Lalebuch’ anders als in Wittenwilers 'Ring' keine mehr oder minder lehrhaf-
ten Ratschläge aus dem Mund von Narren verkündet, die LQSUD[Lnur von einzelnen
Personen zu eigennützigen Zwecken instrumentalisiert werden.
Die Geschichte von den Lalen ist ein negativer Utopieentwurf eines närrischen
Gemeinwesens.176 Am Anfang werden die männlichen Lalen als ebenso perfekte Meis-
ter der Staatskunst wie als Ignoranten ihres privaten Hauswesens vorgestellt. Aufgrund
ihrer weltberühmten Weisheit beraten sie alle Fürsten dieser Welt. Als sich ihre Weiber
infolgedessen über ihre fortwährende Abwesenheit und den Verfall des Hauswesens
beklagen, fassen sie den Entschluß, sich auf immer von der Welt der Fürstenhöfe zu
verabschieden und ihre Weisheit ausschließlich in den Dienst ihrer privaten Angele-
genheiten in Laleburg zu stellen.
Hatten sie zuvor die häuslich-private von der politisch-öffentlichen Sphäre ge-
trennt, so erklären sie jetzt ihr Laleburg zum Mittelpunkt der Welt. Um diese närrische
Idee verwirklichen zu können, wollen sie sich gegen alle von außen an sie herangetra-
genen Ansprüche und Einflüsse rigoros abschotten. Also fassen sie den Entschluß, die
Welt mit dem Anschein ihrer Narrheit zu täuschen. Bald stellt sich aber heraus, daß sie
tatsächlich närrisch geworden sind. So kollidiert ihre selbstgewählte Narrheit mit dem
Versuch, ihrer Narrenrepublik eine Verfassung zu geben, die sich weiterhin an den Ein-
richtungen und Gesetzen herkömmlicher Gemeinwesen orientiert. Immer tiefer wird der
Graben zwischen ihrer illusionären Narrheit und der Fähigkeit, die sie umgebenden
Dinge vernünftig einzuschätzen. Ähnlich den Nissingern, die vor dem heufressenden
„Ungeheuer“ Bertschi die Flucht ergreifen, zünden die Lalen aus abergläubischer Angst
vor einer schwarzen Katze ihr Laleburg an, schwärmen aus in die Welt und vererben
176 Das Lalebuch, In Abb. d. Drucks von 1597, Hg. v. Werner Wunderlich, Göppingen 1982 (= Litterae,
87).
101
seitdem überall ihre Narrheit. So vernichten sie schließlich aus eigenem Verschulden
die von ihnen selbst erfundene kleine Narrenwelt.
Auch Lappenhausen geht an seiner eigenen Narrheit zugrunde. Doch während
die Lalen ihre Idee von der UHVSXEOLFD in ihrem Dorf zur ausschließlichen Privatsache
erklären, für die Welt verloren sind und dadurch selbst die Welt verlieren, scheitern die
Narren im 'Ring' an der enzyklopädischen Vielfalt von zum Teil literarisch verfügbaren
Handlungsanweisungen und an deren zweifelhaftem Wert hinsichtlich der vom Autor
im Prolog proklamierten Besserungsabsicht.177 Didaktische Anleitung für die Orientie-
rung in der Welt scheitert an einem kardinalen Vermittlungsproblem. Alle sind von der
Richtigkeit ihrer privaten Vorstellungen überzeugt, und jeder versucht, seine Vorstel-
lung von richtig und falsch gegen andere notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen.178
Bei den Lalen verläuft der Weg von universeller Weisheit in der Welt zu isolier-
ter und privater Narrheit im Dorf. Im 'Ring' weitet sich dagegen das närrische Treiben
der G|USHU zu einem universellen Weltkrieg aus, an dem irrationale Mächte der mythi-
schen Phantasie - bekannte Krieger und dämonische Wesen aus der Heldenepik -
gleichrangig neben Lappenhausern und Nissingern teilnehmen. Im ‘Ring’ gibt es kein
von der Narrenwelt unterschiedenes äußeres Gegenüber, durch das die Narrheit wie
im Lalebuch relativiert werden könnte. Von außen nach Laleburg kommende Gäste
amüsieren sich über die liebenswürdigen Spinnereien der Lalen und lassen ihnen be-
reitwillig ihr Utopia. Die isolierten Narreteien der Lalen sind für die „wirkliche Welt“ ge-
wissermaßen ungefährlich.179 Sogar der Kaiser in Person reist an, um ihnen urkundlich
177 Zur Vielfalt der Einzelratschläge im 'Ring' gesellt sich die für die Gestaltung der Liebesgeschichte von
Bertschi und Mätzli entscheidende instrumentelle Handhabung höfischer Literaturmuster wie z.B. die
höfische Idee von Minne- bzw. Frauendienst. Das findet seinen Niederschlag in dem von Bertschis
sexueller Gier nach Mätzli bestimmten Zwangsprogramm. Auf Neidharts Rat, Bertschi solle Mätzli zur
Frau nehmen und ihr „dienen ane sünd (V. 847)“, antwortet Triefnas: „[...] 'Ich sei gestigen/Es muoss
noch sein ghofieret/Und ritterleich gturnieret/Durch die lieben Mätzen min! (V. 867 f.)“. Wie sinnent-
leert die Zweckbestimmung des literarischen Musters ist, zeigt u. a. Bertschis wilde Entschlossenheit,
um jeden Preis an seine Geliebte heranzukommen: „[...]Ich han gsworn: ich muoss sei haben,/Wär
sei joch in derd vergraben' (V. 1554 f.)“. Vor der Ehedebatte seiner Sippe sagt er: „[...] 'Ich wil und
muoss sei haben,/Hietz mir all mein freunt erschlagen' (V. 2625)“. Diese Verabsolutierung einer zur
zeichenhaften Fassade erstarrten literarischen Idee (Minnedienst) ist von bloßer Gewalt motiviert, die
zum Ende hin immer mehr ihren Selbstzweckcharakter offenbart.
178 Für die Belehrung gilt prinzipiell, was Saichinkruog zu Beginn seiner Haushaltslehre sagt: „Als ma-
nich haubt, als manger sin (V. 4985 )“. Daraus zieht er den Schluß, daß sich jeder selbst beibringen
kann, wie man am besten haushalten soll. Elisabeth Schmid schreibt in ihrem Aufsatz „Leben und
Lehre in Heinrich Wittenwilers 'Ring' im Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft [JOWG]
4 (1986/87), S. 277 über Wittenwilers Tugendlehre: „Wohl ist viel von praktischer Lebensbewältigung
die Rede, doch handelt es sich dabei selten um Ratschläge zum Guten, sondern meistens um gute
Ratschläge, so daß sich diese kleine Abhandlung stellenweise ausnimmt wie eine erweiterte Haus-
haltslehre.“
179 Vgl. in: Das Lalebuch, In Abbildung des Drucks von 1597, Hg. v. Werner Wunderlich, Göppingen
1982 (= Litterae, 87) , S. 152 ff. das Kapitel: „Wie der Keyser begert/die Bawern solten ein Urtheil
uber einen todten Wolffe fellen/und wie dieselb gefiel.“
Der angereiste Kaiser stellt die Narren auf die Probe. Er will herausfinden, ob sie simulieren oder tat-
sächlich närrisch geworden sind. Sie sollen zu Gericht sitzen über die Frage, woran der tote Wolf,
den er auf seinem Ritt ins Dorf gesehen habe, gestorben sei. Sie nennen Gründe wie: der Wolf hat
102
ihre „Narrenfreiheit“ in Laleburg zu bestätigen.180 Zweifellos ist das Lalebuch auch eine
Satire auf die winzigen und politisch unbedeutenden Reichsstädtchen, die sich mit der
vom Kaiser verliehenen Reichswürde brüsten und dadurch viele Spottgeschichten pro-
vozieren.181
Unter dem Aspekt des Rückzugs aus der Welt und des Ausströmens der Narr-
heit in die Welt fängt das Lalebuch da an, wo der 'Ring' aufhört und umgekehrt. Gehen
die Lalen an der Verabsolutierung einer Idee zugrunde, so die Lappenhauser an der
Pluralität konkurrierender Ideen. Wittenwilers Narren sind schon zu Beginn des Bau-
ernturniers Opfer von Neidharts List bzw. jener läppischen und abergläubischen Angst,
die bei den Lalen erst am Ende zur Selbstzerstörung führt. Der Keim für die Vernich-
tung der Wittenwilerschen Narrenwelt liegt im Mißverhältnis des theoretischen Wissens
und der unaufhaltsamen Gewaltbereitschaft der Narren. Unter diesen Voraussetzun-
gen ist der Weltverlust von Anfang bis Ende programmatischer Bestandteil des ‘Ring’.
Vernünftige Weltaneignung ist ebenso unmöglich wie das Überleben jeder Sozietät.
Falls überhaupt vorhanden, so sind die Grenzen von Ernst und Spaß wie von
Recht und Unrecht im ‘Ring’ verschwommener als bei den oben genannten Werken.
Wittenwilers ‘Ring’ besteht samt Autor und Ich-Erzähler aus einem einzigen närrischen
Weltentwurf. Gegensätze prallen unvermittelt aufeinander, ohne dialektisch versöhnt
zu werden. Jeder Leser muß sich also immer selbst fragen, wie er die von den Narren
närrisch vorgeführten Verhaltensmuster und Verhaltensregeln bewerten soll.
sich beim Barfußgehen durch den Schnee tötlich erkältet. Er sei zu Tode gehetzt worden, da er aus-
nahmsweise nicht geritten sei. Der Weltschmerz habe ihn umgebracht usw. Das Kapitel endet iro-
nisch damit, daß der Kaiser den Beschluß gutheißt.
180 Vgl. ebd. S. 159: „Außzug deß Freyheit Brieves/welchen die Lalen bey dem Keyser außgebracht ha-
ben“
181 Vgl. das Nachwort von Werner Wunderlich in: Das Lalebuch, Hg. und in unsere Sprache übertragen
von Werner Wunderlich, Stuttgart 1982, S. 160 ff.
103
V. Prologanalyse
5.1 Der indirekte Einfluß rhetorischer Vorschriften auf die volkssprachlichen
Prologe
5.1.1 Die Zweiteiligkeitsthese von Kobbe und Brinkmann: SURORJXVSUDHWHUUHP
und der SURORJXVDQWHUHP
Allen Prologen poetischer Werke eignet die Funktion, außerhalb und vor der
Erzählung eine der Werkaufnahme durch das Publikum zuträgliche Gesprächssituation
zu schaffen. Traditionsgemäß bildet der Prolog diejenige Textpassage am Anfang ei-
nes Werkes, in der ein Autor die didaktische und methodische Absicht, die er hinsicht-
lich Stoffauswahl, Disposition und Rezeption verfolgt, unmittelbar, d.h. frei von einem
vorgeschalteten Erzähler, vorbringt. Wenngleich aber in diesem paratextuellen Ab-
schnitt poetolologische Aussagen über Form und Inhalt eines Werkes getroffen wer-
den, sollten doch nicht die Worte des Autors über sein Werk für bare Münze genom-
men werden.182 Im folgenden wird anhand der Prologanalyse gezeigt, weshalb der Be-
lehrungsanspruch schon durch die hier dargelegte Konzeption des Werkes unterlaufen
wird.
Brinkmann und Kobbe vertreten in der Hauptsache die ältere Forschungsmei-
nung zu volkssprachlichen Prologen im Mittelalter. Sie gehen davon aus, daß die meis-
ten Prologe der mittelalterlichen Dichtungen vor dem in den Schulen vermittelten Bil-
dungshintergrund der forensischen Topik bzw. klassischen Rhetorik entstanden sei-
en.183 Dort wurden Ciceros 'HLQYHQWLRQH, Horaz$UVSRHWLFD, Quintilians ,QVWLWXWLRRUD
WRULD und die im zwölften Jahrhundert entstandene 5KHWRULFDDG+HUHQQLXP gelesen.184
182 Vgl. Peter Kobbe, Funktion und Gestalt des Prologs in der mittelhochdeutschen nachklassischen E-
pik des 13. Jahrhunderts, in: DVjs 43 (1969), S. 405-457.
Kobbe spricht ebd. S. 429 von einer eigenständigen Prologgattung in der nachklassischen Epik. Dort
werde der Prolog auch zur Demonstration dichterischen Könnens, zu Parodie und Kontrafaktur ge-
nutzt. Die Aufgaben des Prologs seien „rhetorisch-poetologisch. Seine strukturelle Freiheit aber
macht noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: auf seine Fähigkeit, zum 'absoluten' Deutungs-
träger sich auszuwachsen, der außer den Aufgaben der 'Bezeichnung eines esoterischen Kreises',
der 'Vorbesprechung mit dem Leser' als geschlossenes Gefüge selbst zum Sinnträger werden kann
und die 'Gebrauchsfunktion' zur '*HVWDOWIXQNWLRQ' hin zu übersteigen vermag."
Das ist ein wesentlicher Grund dafür, daß wir dem Prolog besondere Aufmerksamkeit widmen. Denn
in diesem Redeteil wird nicht nur das Programm mitgeteilt, sondern eventuell auch die Poetik des
Werks exemplarisch vorgeführt.
183 Vgl. zur Übernahme der forensischen Topik durch die poetische Theorie und Praxis Ernst Robert
Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Tübingen und Basel 199311, S. 71 ff.
104
Schultz bezweifelt dagegen eine Abhängigkeit der mittelalterlichen Prologe von
den tradierten Werken der Rhetorik und den hochmittelalterlichen Poetiken. Er argu-
mentiert damit, daß die antiken Rhetoren eine Exordiallehre für die Redekunst entwi-
ckelten, die nichts mit der geschriebenen Dichtkunst zu tun habe. Horaz unsystemati-
scher Poetik seien zwar alle mittelalterlichen Theoretiker gefolgt, nur habe er absolut
nichts über mittelalterliche Prologe gesagt.185
Überdies behaupten Kobbe und Brinkmann, daß prinzipiell alle Prologe einer
Zweiteiligkeit im Aufbau unterliegen.186 Sie stützen sich dabei auf die in der Mitte des
13. Jahrhunderts verfaßte 3DULVLDQD SRHWULD von Johannes von Garlandia. Johannes
gibt im Bereich der DUVGLFWDPLQLV Vorschriften für eine Brieflehre und unterscheidet für
das H[RUGLXPzwischen einem SURHPLXPund einem SURORJXV. Der zweite Gewährs-
mann für diese These ist Konrad von Hirsau. Im ‘Dialogus super auctores’, der in der
ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand, spricht Konrad von einem SURORJXVSUDH
WHUUHP und einem SURORJXVDQWHUHP187 Kobbe und Brinkmann teilen die Ansicht, daß
Konrad auf denselben Sachverhalt wie Johannes Bezug nimmt.
Vgl. Leonid Arbusow, Colores Rhetorici, Eine Auswahl rhetorischer Figuren und Gemeinplätze als
Hilfsmittel für Übungen an mittelalterlichen Texten, Hg. von Helmut Peter, Göttingen 19632, S. 97 ff.
Vgl. Lausberg §§ 263-288.
Vgl. Hennig Brinkmann, Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung, Bau und Aussage, in:
WW 10 (1964), S. 1-7.
Kobbe konstatiert einen zweifelsfreien Zusammenhang zwischen den mittelalterlichen Prologen und
der lateinischen Dichtungstheorie, läßt dabei aber die Frage nach der Art der Anwendung der Theo-
rie auf die volkssprachliche Praxis der Dichtung offen.
Ders., Ebd., S. 412 f.:... wie dieser Zusammenhang zu denken ist - ob direkt ('Studium' und Lektüre
der 'Quellen') oder indirekt (Adaptation durch volkssprachliche Vorbilder, Mittelsmänner usf.) - kann
wohl kaum beantwortet werden. [...] Die Vermittlung zwischen beiden [Lehre und Gestaltung] bleibt
ungreifbar."
184 Zur Frequenz und zum relativen Stellenwert dieser Werke vgl. James A. Schultz, Classical Rhetoric,
Medieval Poetics, and the Medieval Vernacular Prologue, in: Speculum, A Journal of Medieval Stu-
dies, 59 (1984), S. 2f..
Vgl. auch James J. Murphy, Rhetoric in the Middle Ages, Berkley 1974, S. 116-122.
Die anonym überlieferte 5KHWRULFDDG+HUHQQLXP wurde im Mittelalter fälschlicherweise Cicero zuge-
schrieben. Über die Entstehung und die Überlieferung im Mittelalter vgl. die Einleitung von Theodor
Nüßlein, in: 5KHWRULFD DG +HUHQQLXP, Lateinisch-Deutsch, Hg. und übersetzt von T. N., Mün-
chen/Zürich 1994 (= Sammlung Tusculum), S. 335 ff.
Am meisten wurden Horaz und Cicero gelesen. Die ‘Institutio oratoria’ vonQuintilian war zwar weni-
ger bekannt als die der anderen beiden Autoren, spielte aber eine entscheidende Rolle in der Schule
von Chartre im 12. Jahrhundert. Den vollständigen Text entdeckte Poggio erst 1416 im Kloster Sankt
Gallen.
185 Schultz, The Medieval Vernacular Prologue, S. 4 f.: „When it comes to treating the opening of a po-
etic work, the medieval poetic theorists follow Horace perfectly. Like him they have few words to say
on beginning a narrative but absolutely nothing to say about prologues. This is true of Matthew of
Vendôme, of Geoffrey of Vinsauf, both in the 3RHWULDQRYD and the 'RFXPHQWXP, of John of Garland
when he treats poems, and of Eberhard the German."
186 Vgl. Hennig Brinkmann, Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung, S. 7.
Vgl. Peter Kobbe, Funktion und Gestalt des Prologs, S. 413 ff.
187 Vgl. Johannes von Garlandia, Poetria magistri Johannis anglici de arte prosayca, metrica et ritmica,
Hg. von Giovanni Mari, Romanische Forschungen 13 (1902), S. 909: „Proemium est praeordinatio
libri ad instruendum, prologus est sermo inductivus subsequentis operis.“
105
Konrad widmet im einleitenden Abschnitt seine Aufmerksamkeit den zur Exor-
diallehre gehörenden WHUPLQLWHFKQLFL der FDSWDWLREHQHYROHQWLDH das Werben um eine
günstige Aufnahme des Werkes ziele darauf ab, das Publikum wohlwollend (EHQHYR
OXP), aufmerksam (DWWHQWXPLQWHQWXP) und lernwillig (GRFLOH) zu stimmen.188 Hier wie
später im Zusammenhang mit Sallust erwähnt er die oben genannten umstrittenen Be-
griffe.
In einer allgemeineren, die Materie noch nicht direkt berührenden Bedeutung
werde eine Identifizierung von Autor, Publikum und Werk angestrebt.189 Zu diesem
Zweck würden vorzugsweise integrationsfördernde, das allgemeine Wert- und Wahr-
heitsempfinden betonende Stilfiguren wie Vergleich, Sentenz und Exempel herangezo-
gen.190 Nach Brinkmann und Kobbe kommt dem SURORJXVSUDHWHUUHP die Aufgabe zu,
eine dem Werk und dem Autor günstige Gesprächssituation mit dem Lesepublikum
herzustellen. Der Leser solle in diesem ersten Bauteil des Prologs mittels Sentenzen
und Exempla auf die Grundabsicht des Werkes eingestimmt werden, wobei die konkre-
ten Inhalte des Redegegenstands erst im zweiten Teil, dem SURORJXVDQWHUHP, ange-
geben würden.191
Selbstverständlich gelte auch für diesen, bezüglich des programmatischen Aus-
sagewertes wertvolleren Teil weiterhin die FDSWDWLREHQHYROHQWLDH. Im Unterschied zum
Vgl. Conrad de Hirsau: 'LDORJXVVXSHUDXFWRUHV Edition critique par R. B. C. Huygens, Berchem,
Bruxelles 1955. (= Collection Latomus. 17.), S. 41, Z. 995 f.: „Ante rem quidem, ubi summam totius
operis sequentis enuntiat, preter rem, cum nequaquam de opere sequenti agit.“ Ebd. S. 16 f. Z. 127 f.
heißt es über den „prologus praeter rem: docilem facit et intentum et benevolum reddit lectorem vel
auditorem“. Jeder Prolog, so fährt er fort, sei „aut apologeticus aut commendaticus“.
188 Schon Quintilian kennt diese drei rhetorischen Grundfiguren. Marcus Fabius Quintilianus, Ausbildung
des Redners (Inst. Orat.), 12 Bücher, Hg. und übers. von Helmut Rahn, 2 Bde., Darmstadt 19882 (=
Texte der Forschung, 2). Ebd. IV, 1,5 schreibt er in der Abhandlung über das Prooemium für die
Gerichtsrede: „Causa principii nulla alia est, quam ut auditorem, quo sit nobis in ceteris partibus ac-
comodatior, praeparemus. id fieri tribus maxime rebus inter auctores plurimos constat, si benevolum,
attentum, docilem fecerimus, non quia ista non per totam actionem sint custodienda, sed quia initiis
praecipue necessaria, per quae in animum iudicis, ut procedere ultra possimus, admittimur.“
189 Peter Kobbe faßt in seinem Aufsatz Funktion und Gestalt des Prologs, in: DVjs 43 (1963), S. 414, die
rhetorische Wirkungsabsicht des SURORJXVSUDHWHUUHPwie folgt zusammen: „Dem SURORJXVSUDHWHU
UHP kommt also jene Funktion der Bedeutungssteigerung zu, die den Gegenstand der Erzählung mit-
telbar ins Exemplarische erhebt und so Leser oder Hörer auf seine Einführung imSURORJXVDQWHUHP
vorbereitet."
190 Matthäus von Vendôme schreibt dazu in seiner $UVYHUVLILFDWRULD von vor 1175: „Premittendum est
generale proverbium, id est communis sententia, [...] cui consuetudo fidem attribuit, opinio communis
assensum accomodat, incorrupte veritatis integritas adquiescit.“
Zitiert aus: Mathei Vindocinensis, Opera, Hg. von Franco Munari, Vol. III, Ars Versificatoria, Roma
1988 (= Storia e Letteratura, 171), 1, 16.
191 Vgl. Peter Kobbe, Funktion und Gestalt des Prologs, S. 414. Für Kobbe hat der SURORJXVSUDHWHUUHP
„vorworthaften" und, gestützt auf das obige Zitat von Matthäus, „exemplarischen" Charakter, während
„der 'einleitende' SURORJXVDQWHUHP in den Anfang der Erzählung einmündet". Schultz lehnt diese In-
terpretation mit der Begründung ab, daß sich Matthäus allgemein auf das Beginnen bezieht. Und in
der Tat ist der Verwendungszusammenhang bei Matthäus ein anderer als bei Konrad.
106
Proömium führe der Autor in diesem Abschnitt direkt in den Inhalt des Werkes ein.192
Im Hinblick auf Stoff und Themenkreis, den Nutzen des Werkes für den Leser, wie
auch unter dem Aspekt der direkten Rezeptionssteuerung konkretisiere er die topi-
schen Wendungen des Proömiums.
5.1.2 Die Vielfalt möglicher Formen zum Zweck der FDSWDWLREHQHYROHQWLDH
Schultz kritisiert die Übertragung dieser Angaben auf die volkssprachlichen Pro-
loge mit der Begründung, daß sich eine solche Zweiteilung nur bei Konrad von Hirsau
und Johannes von Garlandia finde. Weder Konrads aus der Beobachtung antiker Rhe-
toren abgeleitete terminologische Unterscheidung noch Johannes Angaben zur Brief-
lehre gäben Regeln für die Dichtkunst an. Statt von der Annahme verschiedener in ei-
ner vorgegebenen Reihenfolge stehender Bauteile des Prologs auszugehen, bemerkt
er, daß die von den Autoren bezeichneten Termini im Sinne von Horaz und eben nicht
von Ciceros rhetorischer Exordiallehre nur verschiedene Arten des Beginnens meinen:
„Both Conrad and John treat the prologue, offering lists of definitions, sometimes of the
various kinds of work (H[RUGLXPQDUUDWLRFRQFOXVLR), [Johannes] sometimes of various
kinds of opening or parts of the opening (WLWXOXVSURRHPLXPSURORJXV) [Konrad]."193
Schultz verweist darauf, daß die allgemeine Absicht einer jeden denkbaren
Form eines H[RUGLXP, die Aufmerksamkeit des Lesers zu gewinnen, das einzige sei,
was Johannes und Konrad der entwickelten, klassischen Exordiallehre entnommen
hätten. Außerdem müsse beachtet werden, daß die klassische Formulierung des EH
QHYROXVDWWHQWXV und GRFLOLV an keiner Stelle in den konkreten Gebrauchsregeln der
mittelalterlichen Poetiken zu finden sei.194 Eine Erzählung mit einer Sentenz oder ei-
nem Proverb einzuleiten, was nach Gottfrieds von Vinsauf 'RFXPHQWXP und Johannes
von Garlandia ‘Parisiana Poetria’ dem SULQFLSLXPDUWLILFLDOHim Unterschied zum SULQFL
192 Konrad von Hirsau, Ebd., Z. 132 f.: „Denique ... prologus et quid et quomodo vel quare scriptum vel
legendum sit explicat“
Diese Konstituenten scheinen sich insgesamt auf den Werkinhalt, also auf den SURORJXVDQWHUHP zu
beziehen und dem oben erwähnten VHUPRLQGXFWLYXV bei Johannes von Garlandia zu entsprechen.
Allerdings spricht er an dieser Stelle schlicht vom SURORJXV. Er unterscheidet nur ein einziges Mal,
nämlich nach einer Besprechung Sallusts zwischen dem SURORJXVSUDHWHUund dem SURORJXVDQWH
UHPIn Zusammenhang mit dem oben zitierten Satz steht die terminologisch nicht ganz eindeutige
Begriffsbestimmung, welche Redeteile Konrad mit WLWXOXV und SURORJXVmeint.
Vgl. dazu Kobbes nicht ganz schlüssige Erklärung, in: Funktion und Gestalt des Prologs, S. 413 f.
und Anm. 17.
193 Schultz, The medieval Vernacular Prologue, S. 11.
194 Vgl. Schultz ebd. S. 5.
107
SLXPQDWXUDOHentspricht, hält Schultz statt für eine Vorschrift zur Abfassung eines Pro-
ömiums, wie Brinkmann glaubt, für die allgemein gängige Praxis der volksprachlichen
wie der lateinischen Tradition.195
Daß Schultz zu Recht Kritik geltend macht gegen eine rigide Übernahme von
Regeln der forensischen Rhetorik auf volkssprachliche Prologe, belegt das Versagen
der Zweiteiligkeitsthese in Wittenwilers Prolog. Wenngleich die stark divergierenden
Formen, in denen mittelalterliche Prologe abgefaßt sind, sich zugegebenermaßen topi-
scher und rhetorischer Elemente bedienen und sich auch von allgemeinen Aussagen
auf den konkreten Erzählinhalt zubewegen, folgen sie dennoch nicht den Regeln der
antiken Exordiallehre für die Gerichtsrede. Ich pflichte Schultz bei, wenn er sagt: „In the
end it seems that the number of pieces of which a prologue is composed is a matter of
interpretation, not of preception."196 Es ist und bleibt also eine Frage der Interpretation,
inwieweit die Beschreibungskategorien der Rhetorik auf Prologe sinnvoll angewendet
werden können. Nachfolgend wird der Prolog auf seine gedanklich-formale Strukturie-
rung und deren mögliche Bedeutung befragt.
5.2 Der Zusammenhang zwischen der Prologstruktur und dem Romanpro-
gramm
5.2.1 Der antithetische Aufbau des ‘Ring’-Prologs
Wenn Babendreier Brinkmanns Terminologie übernimmt und das Proömium auf
die ersten vierzehn Zeilen des ‘Ring’-Prologs festsetzt, muß er sich die Frage gefallen
lassen, ob nicht schon die Angabe, eine Weltbeschreibung geben und ein Lehrwerk
verfassen zu wollen (V. 10-12), zu nah an die Thematik des Werkes heranrückt, um
noch zum Proömium Brinkmannscher Prägung zu gehören.197 Gestützt auf die nach-
195 Ebd. S. 8 f.: „Clearly the practice of beginning with a VHQWHQWLD had been established considerably be-
fore the composition of the DUWHVSRHWULDH of the late twelfth and thirteenth centuries. Later poets [...]
begin their works with a proverb doubtless do so not in deference to the precepts of the poetic theo-
rists but out of respect for this older vernacular tradition.“
196 Schultz, The Medieval Vernacular Prologue, S. 13.
197 Jürgen Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 217: „Auch der 'Ring'-Prolog ('prologus ante rem')
unterliegt dieser Zweiteilung in ein das Gespräch mit dem Publikum aufnehmendes Prooemium (1-
14) und einen den Inhalt des Werks detaillierenden Prologus (15-54).“
Zu dem gleichen Befund kommt Winfried Schlaffke, Heinrich Wittenwilers 'Ring', S. 10.
Christa Wolff Cross, Magister Ludens, S. 89, Anm. 10 lehnt sich hingegen an die Argumentation
Bernhard Sowinskis in AfdA 83 (1972), S. 28 an, der in seiner Rezension Schlaffkes aufgrund der ab
108
weislich in drei Untereinheiten binnendifferenzierte Struktur, halte ich gleichwohl an der
vierzehnzeiligen Eingangspassage als zusammengehöriger Texteinheit fest.
Bevor der Prolog einer detaillierten Analyse unterzogen wird, soll zunächst auf
das ihm zugrundeliegende Stukturmuster eingegangen werden. Die ersten sechs Ver-
se behandeln neben der religiösen Widmung die Wirkung, die Wittenwilers 'Ring' auf
seine Leser ausübt:
'HUREUHVWHQWULYDOWLFKDLW
0DULHQPXRWHUUDLQHQPDLW
'DU]XRDOOHPKLPHOLVFKHQKHU
=HORE]HGLHQVWXQGDXFK]HHU
'HQJXRWHQ]OLHE]HIU|GHQVFKHLQ
'HQE|VHQ]ODLG]HKHU]HQSHLQ V.1-6
Die nächsten sechs Verse beinhalten die Angabe des Titels und die Charakteri-
sierung des Werks als Weltbeschreibung und Lehrbuch:
6FKOWHVK|UUHQVR]HKDQW
(LQSXRFKGD]LVW'(55,1*JHQDQW
0LWHLQHPHGOHQVWDLQEHFKODLW
:DQHV]HULQJXPEXQVEHVFKDLW
'HUZHOWHODXIIXQGOHUWDXFKZRO
:DVPDQWXRQXQGODVVHQVFKRO V. 7 ff
In den letzten zwei Versen stellt Wittenwiler den Nutzen und die Güte des
Werks, das heißt mit dem rhetorischen Begriff die FDXVDKRQHVWD (§ 64) heraus198:
&KDLQYLQJHUOLZDUGQLHVRJXRW
6DPGLW]JHKDEWLQUHFKWHUKXRW V. 13f.
Hiermit sind die zuvor getrennten Aspekte von Produktion und Rezeption in ei-
ner Art abschließendem Fazit formal miteinander verbunden. Mit dieser Aussage der
quasi objektiven Güte des Werkes, die, um erkannt zu werden, auf eine nicht näher
bestimmte, der Qualität des Produkts korrespondierende Haltung des Publikums tref-
Vers 10 gegebenen „Einzelheiten" der „Zielsetzung des Werkes", eine „klare Abgrenzung zwischen
Proömium und prologus ante rem hier [für] kaum möglich" hält. Cross glaubt aus diesem Grund, daß
der Einschnitt der beiden Redeteile zwischen den Versen 6 und 7 liege.
Obschon mit der Thematisierung von Titel und Inhalt mit Vers sieben ein neuer Sinnabschnitt be-
ginnt, kann doch von „Einzelheiten" erst ab Vers fünfzehn gesprochen werden.
198 Vgl. Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 231 ff.
Ich stimme Babendreier zu, daß Wittenwiler in den ersten 31 Versen seiner Vorrede den Redege-
genstand im Sinne einer FDXVDKRQHVWD lobend hervorhebt. Inwieweit aber die von Babendreier der
Rhetorik entnommenen Begriffe JHQXVKXPLOHauf „das Geschrei der Bauern" (V. 36) und JHQXVWXUSH
auf das Leben des tölpelhaften Narrenpersonals (V. 41) zutreffen, soll desweiteren gezeigt werden.
Zur Klärung dieser Frage muß die mögliche Erwartungshaltung des Publikums und die konzeptuelle
Funktion der Bauern reflektiert werden.
109
fen muß, wird ein erster Hinweis auf die Unabhängigkeit des Autors von der Rezepti-
onssituation gegeben. Wie noch zu zeigen sein wird, erscheint das Werk gerade des-
wegen rätselhaft, weil der Leser mit den zahlreichen Widersprüchen des Romans allei-
ne gelassen wird, ohne daß der Autor mittels der Erzähltechnik eine Orientierung anbö-
te.
Entsprechend der Reihenfolge der dreiteiligen Erzählung enthält der folgende
Abschnitt von Vers 15 bis 31 die Themen des Romans, wobei auf jeden der drei The-
menkomplexe genau vier Zeilen verwendet werden. Er endet mit der zusammenfas-
senden Angabe des IUXFWXVILQDOLV:
$OVROHLWGHVULQJHVIUXFKW
$QKEVFKLFKDLWXQGPDQQHV]XFKW
$QWXJHQGXQGDQIUPFKlW V. 29 f
Wittenwilers Prolog ist damit in formal-logischer Hinsicht zum Abschluß gelangt
und könnte nun zur Erzählung überleiten. Stattdessen setzt er den Prolog nach Vers
31 mit einer den bisherigen Aussagegehalt relativierenden, sententiösen Formulierung
1XLVWGHUPHQVFKVRFKODLQHUVWlW [...] (V. 32) fort und leitet eine den Prolog insgesamt
bipolarisierende Argumentationswende ein. Die folgende Argumentation löst eine Kette
von Konzessionen, Perspektivwechseln und zum Teil widersprüchlichen Sinnangebo-
ten aus. In dieser zweiten größeren Sinneinheit der Verse 32-48 dominiert der hypotak-
tische Satzbau von Kausal- und Konditionalsätzen über die streng parallelisierte, para-
taktische Satzbauweise der ersten 31 Verse und bringt Unruhe und Verwirrung in die
Gedankenführung.199
Wittenwiler teilt demnach den Prolog in zwei thematisch unterschiedene Sinn-
einheiten ein, der von einer dritten, unterschiedliche Rezeptionsbedingungen reflektie-
renden Einheit von Vers 49 bis 54 abgeschlossen wird. Ausgehend von dieser dreiteili-
gen Makrostruktur, lassen sich die widersprüchlichen Prologaussagen nicht mit dem
zweiteiligen Strukturmuster von Proömium und Prolog in Übereinstimmung bringen.
Letzteres scheint bestenfalls im ersten Teil unter dem Aspekt einer Bewegung von all-
gemeingültigen zu konkreten, auf den Inhalt des Werks bezogenen Aussagen erfüllt zu
sein.
199 Der zweite Prologteil ist grammatisch komplizierter gebaut als der erste. Dementsprechend verunklä-
ren sich die Aussagen zu Zweck und Ziel des Werkes. So beginnt dieser Teil mit dem Konsekutivsatz
1XLVWGHUPHQVFKVRFKODLQHUVWlW'D]HUQLFKWDOOZHJK|UHQPDJ(V. 32 f.), dem der Kausalsatz 'DU
XPEKDELFKGHUJSDXUHQJVFKUDL*HPLVFKHWXQWHUGLVHXOHUund der Konsekutivsatz 'D]VHLGHVW
VHQIWHUXQVEHFKHU(V. 36 f.) folgen. Es bleibt aber nicht bei dieser Begründung. Denn danach fügt
Wittenwiler diesmal unbegründet nach der elliptisch verkürzten Wendung *HVFKDLGHQGRFKPLWYDU
ZHQ]ZDLQ(V. 39) dem JSDXUHQJVFKUDL die Farbmarkierung hinzu (V. 40 f.).
110
Durch das bipolare Spannungsverhältnis wird die Gesamtstruktur des Prologs
bestimmt: die FDXVDKRQHVWD (§ 64) bzw. das damit verknüpfte JHQXVKRQHVWXPdes
ersten Abschnitts &KDLQYLQJHUOLZDUGQLHVRJXRW (V. 13) und die FDXVDWXUSLVbzw. das
im W|USHOOHEHQ (V. 41) ausgedrückte JHQXVWXUSH(§ 64)der zweiten Passage. Weil Wit-
tenwiler nach Vers 31 abrupt den Blick vom edelsteinbesetzten Ring weg auf das Ge-
schrei der Bauern und das Leben der Tölpel richtet, schließe ich mich hier zu heuristi-
schen Zwecken Babendreiers rhetorischen Termini an. Der Textbefund legt jedenfalls
unzweifelhaft fest, daß Gegenstandshöhe und Ausdrucksniveau des 'Ring' divergieren.
Ob die Begriffe in diesem Kontext richtig gewählt sind und der Sache gerecht werden,
soll an anderer Stelle diskutiert werden.
5.2.2 Ringsymbol statt Titelallegorie
Die Prologverse acht bis zwölf geben den Titel des Werkes an. Bei den ersten
beiden Versen referiert „der Ring“ auf zwei UHV:
(LQSXRFKGD]LVW'(55,1*JHQDQW
0LWHLQHPHGHOQVWDLQEHFKODLW V. 8 f.200
„Der Ring" ist also zugleich Buchtitel und Bezeichnung für einen Fingerring, der
mit einem Edelstein besetzt ist. Wittenwiler begründet die Wahl dieses Bildes wie folgt:
:DQHV]HULQJXPEXQVEHVFKDLW
'HUZHOWHODXIIXQGOHUWDXFKZRO
:DVPDQWXRQXQGODVVHQVFKRO V. 10 ff.
An dieser Stelle begegnet uns zum erstenmal das für Wittenwilers Roman typi-
sche Verfahren der Symbolisierung. Der Ring ist ein Symbol: er bezeichnet das Buch,
seinen Inhalt ZHOWHODXII und die Art seiner Präsentation ]HULQJXPE.201
Wießner faßt die Titelbezeichnung als Ring-Allegorie auf. Es liege eine sinnli-
che und eine abstrakte Bedeutungsebene vor. Die abstrakte meine im Sinne des latei-
200 Interpunktion, Großschreibung und Klammern stammen von Wießner. In der Handschrift fehlen gra-
phische Hervorhebungen.
Vgl. die entsprechende Passage in: Heinrich Wittenwiler, 'HU 5LQJ, In Abbildung der Meininger
Handschrift, Hg. von Bräuer, Jones, Müller, Göppingen 1990 (= Litterae, 106).
201 Zum Gebrauch der Weltlauf-Metapher vgl. Günter Hess: Deutsch-Lateinische Narrenzunft, Studien
zum Verhältnis von Volkssprache und Latinität in der satirischen Literatur des 16. Jahrhunderts,
München 1971 (= Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters,
41), S. 78.
111
nischen Wortes RUELV den Erdkreis und zugleich auch Kompendium der Lehren im Sin-
ne des griechischen Wortes F\FORV, aus dem sich bis auf den heutigen Tag das Wort
Enzyklopädie herleite.202 Was den Edelstein betrifft, so verweist Wießner auf die ver-
mutlich auch „Edelstein“ genannte Fabelsammlung des Dominikanermönches Ulrich
Boner. Der Verfasser ist zwischen 1324 und 1350 in Bern nachgewiesen. Boners Fa-
beln sind nicht nur moralische Geschichten, die jeweils eine abstrakte Eigenschaft e-
xemplifizieren, sie machen auch den Wert der Dichtung zum Gegenstand der Reflexi-
on.203
Ob der Edelstein, mit dem der ‘Ring’ besetzt ist, tatsächlich die Lehren meint,
wie Lutz und Gruchot behaupten, geht jedoch aus Wittenwilers Erklärung des Bildes
nicht unmittelbar hervor.204 Sie stellen zwischen dem HGHOVWDLQ und dem Terminus GHV
ULQJHVIUXFKW (V. 29) eine Verbindung her, die DSULRULnicht gegeben ist. Dieser Bezug
wäre nur dann gerechtfertigt, wenn die Verse acht bis vierzehn eine Allegorie und eine
Allegorese darstellten. Bei einer Allegorie müßten Ring und Edelstein einfach über-
tragbare metaphorische Bildelemente sein. Wittenwiler macht aber keine Angabe dazu,
daß der Ring den Weltlauf, der Edelstein „die Lehren“ bezeichne.
Was auf den ersten Blick wie eine Titelallegorie aussieht, ist tatsächlich ein
Symbol, in dem die Referentialität des Bildes prinzipiell mehrdeutig ist. Da der Titel „der
Ring“ kein beliebiges Buch aus der Gattung Lehrbuch bezeichnet, das zur besseren
Lebensführung Verhaltensregeln anbietet und über die außersprachliche Welt belehrt,
sondern „das Buch“, das „die Welt“ beschreibt, zu der ein Kranz von Lehren gehört, e-
xistiert „die Welt“ als Wittenwilers Weltentwurf einzig und allein in „diesem Buch“, auch
wenn es ein Reflex auf das Chaos der spätmittelalterlichen Wirklichkeit darstellen mag.
Die begriffliche und die benennende Funktion der Sprache konvergiert in einem Akt
202 Vgl. Wießner, Kommentar, S. 8 f.
Vgl. zum Titel Gruchot, Heinrich Wittenwilers „Ring“, S. 74-89. Zum Enzyklopädiebegriff Vgl. ebd. S.
78. Der Begriff muß zu dieser Zeit noch nicht alle denkbaren Wissensgebiete erfassen.
Vgl. dazu Boesch, Gattungsprobleme, S. 341: „Eine Reihe von Wissensproblemen fehlt: so eine Leh-
re über die Kirche und die Geistlichkeit, über Rechtspraxis, über Berufe überhaupt."
203 Vgl. dazu Thomas Cramer, Deutsche Literatur im Mittelalter, Bd. 3, S. 116.
204 Vgl. Gruchot, Heinrich Wittenwilers "Ring", Konzept und Konstruktion eines Lehrbuches, S. 83 ff.
Gruchot versteht die Bedeutung des Edelsteins wie folgt: "Einmal soll er als Gegenstand von hohem
materiellem Wert den ideelllen pädagogischen Wert des Buches veranschaulichen. Indem Wittenwi-
ler im weiteren Verlauf des Prologs die pädagogische Zielsetzung seines Werkes unter dem meta-
phorischen Begriff „ringes frucht" (fructus finalis) zusammenfaßt, stellt er mit diesem Bild eine assozi-
ative Beziehung zur Titelallegorie her. Der 'edel stain', des 'ringes frucht' im übertragenen Wortsinne,
zeigt gleich zu Beginn an, daß die erzieherische Absicht (fructus finalis) dem Buch seinen besonde-
ren Wert verleiht."
Auch Lutz hegt keinerlei Zweifel an der allegorischen Bedeutung der Stelle: „Und wenn der Titel - wie
ein Einschub belehrt (9-12) - allegorisch zu verstehen ist und bedeutet, daß das Buch über nicht we-
niger als GHUZHOWHODXII]HULQJXPE unterrichten und darüber belehren wolle, ZDVPDQWXRQXQGODV
VHQVFKRO, also eben über das, was gut, was böse ist, dann entspricht das noch einmal der anagogi-
112
sprachlicher Identitätsstiftung. Der Name steht nicht für ein Bild, das im Sinne der Alle-
gorie auf eindeutige Bedeutungen übertragbar ist. Vielmehr ist der Buchtitel „der Ring“
ein Synonym für die Welt. Wittenwiler erklärt, weshalb der Inhalt des Buches und die
nominelle Essenz des Beschreibungsgegenstands zusammenfallen: Das Buch be-
schreibt den Weltlauf, und es belehrt über das Wissen der Welt. Beide Aspekte dersel-
ben Sache, Erdkreis und Enzyklopädie, können durch dasselbe Nomen symbolisch
bezeichnet werden. Zudem geschieht die Beschreibung im Modus ]HULQJXPE, d.h. sie
ist der Kreisförmigkeit ihres Gegenstandes angepaßt. Auch die Verben von Bescheid
geben (EHVFKDLGHQ) und lehren oder unterrichten (OHUHQ) sind Synonyme. Belehrung
über diese Wittenwilersche Welt, wie sie ist und wie sie sein soll, ist der Inhalt des Bu-
ches, das Ring oder die Welt genannt wird. Wir haben also ein Symbol, in dem diese
Welt und dieses Buch konvergieren.
Schon unter dem rein grammatischen Gesichtspunkt der mit der Konjunktion
„und“ verbundenen Satzkonstruktion verbietet sich eine Scheidung von Lehre einer-
seits und Handlung andererseits. Denn dieses Buch verkündet eine Welt, in der Lehren
und die Beschreibung der Welt selbst Gegenstände der Belehrung sind. Beschrieben
wird also eine Welt mit dem dazugehörigen Wissensfundus, dem Wissensgebrauch
und den Kulturtechniken der Schrift und der Rhetorik, die zur Herstellung von Wissen-
schaft, Herrschaft und DXFWRULWDV führen sollen. Pro-skription und De-skription sind
gleichwertige, prinzipiell amoralische Gegenstände der einen erfundenen Welt. An kei-
ner Stelle des Prologs findet sich die Aussage, daß Wittenwiler die Welt beschreiben
wolle, so wie sie seiner Meinung nach ist, um dann Sollbestimmungen zu verkünden,
die dem Menschen zur moralischen und geistlichen Besserung dienen.
Mit dem Versuch, aus dieser Prologstelle eine Differenz von „Lehre“ und „Hand-
lung“ zu konstruieren, steht und fällt die Frage nach der Bewertung des zeichentheore-
tischen Status der Titelbezeichnung und damit auch des ‘Ring’-Romans als Ganzes.
Begreift man den Ring und seinen Edelstein als allegorische Elemente der Bauern-
handlung bzw. Lehren, unterstellt man eine Differenz von Gesagtem und Gemeintem
auf der Grundlage metaphorischer Übertragungen und muß an jeder Stelle des Ro-
mans Spaß und Ernst, wahre und falsche Aussagen unterscheiden. Letztlich besteht
aber keine textliche Grundlage dafür, den Edelstein, das zweite Bildelement der ver-
meintlichen Allegorie, auf bestimmte Lehren oder auf das, was man dafür hält, zu be-
ziehen. Versteht man dagegen den Namen „der Ring“ als Symbol eines fiktionalen
Weltentwurfs, so tritt an die Stelle des Bewußtseins als erkenntniskritischer Beurtei-
lungsinstanz gegebener UHV ein ideenbildendes, fingierendes. Dieses Bewußtsein hat
schen Perspektive; zugleich aber ist ein moralischer Anspruch evident." Vgl. ders., Spiritualis fornica-
tio, S. 341.
113
den zeichensetzenden Charakter der Sprache zu seinem Gegenstand, der die Erfin-
dung von Sinnsystemen offenlegt. Dazu schreibt Iser:
Einem so begriffenen Bewußtsein ist folglich eine Doppelung eingeschrieben; es
scheint Quelle und Maßstab der Fiktionen gleichermaßen zu sein. Historisch gespro-
chen, ließe sich sagen: die Fiktion hat das Bewußtsein als ihren ärgsten Widersacher
nunmehr erobert, indem es diesem seine Doppelstruktur aufprägt. Denn Fiktionen sind
Gegenstände für das Bewußtsein und dessen vorstellungserzeugende Matrix gleicher-
maßen.205
Nicht unerheblich für die ironische Erzählweise des ‘Ring’ ist die Feststellung,
daß eine solche Doppelstruktur auch der Ironie zugrundeliegt. Ich verstehe also den
Edelstein als zur Sache des YLQJHUOL gehörig, ohne eindeutige Referenz auf ein be-
stimmtes Signifikat. Es bleibt ungewiß, ob der Edelstein auf den moralischen Nutzen,
den Wert einzelner Lehren, den man im ‘Ring’ zu erkennen glaubt oder auf die wertvol-
le poetische Verfassung zielt. Also richtet sich der Wert des Buchs in erster Linie nach
dem Wert, den ihm der Leser zuspricht. Der intelligible Gehalt hängt absolut von der In-
terpretation ab:
&KDLQYLQJHUOLZDUGQLHVRJXRW
6DPGLW]JHKDEWLQUHFKWHUKXRW V. 13 f.
Wie genau das Gesagte und das Gemeinte im Bild des Ringes übereinstimmen,
mag die Initiale der ersten Prologseite belegen. In einem doppellinigen ovalrunden
Kreis, der den Buchstaben D darstellt und oben und unten einlinig verläuft, ist das
Brustbild eines Mannes in grüner Tracht dargestellt, der eine Kappe in der Art der
Scholastiker und Magister trägt, mit der linken Hand einen Ring von der Größe seines
Kopfes hochhält und den unteren Teil desselben mit seinem linken, überdimensional
langen Zeigefinger berührt. Oben in der Mitte des Ringes befindet sich ein kreisförmi-
ger kleinerer Ring, der den doppellinig gezeichneten größeren an dieser Stelle trennt.
Vermutlich soll dieser völlig leere und zirkelrunde Kreis den Edelstein darstellen. Dar-
unter ist ein Wappen mit einem Ziegenbock abgebildet, der im Mittelalter allgemein als
ein Teufelssymbol verstanden wurde.206
205 Wolfgang Iser: Das Fiktive und das Imaginäre, Perspektiven literarischer Anthropologie, Frankfurt a.
M. 1991, S. 227.
206 Vgl. das Faksimile der ersten Prologseite, in: Heinrich Wittenwiler, Der Ring, In Abbildung der Mei-
ninger Handschrift, Hg. von Bräuer u. a.
Vgl. dazu Horst Brunners Nachwort, in: Heinrich Wittenwiler, Der Ring, S. 653. Das Toggenburger
Familienwappen der Wittenwiler ist mit dem der Handschrift identisch. Im allgemeinen wird deswegen
der Gelehrte der Initiale direkt mit der Person des Dichters identifiziert.
Zum Teufelssymbol des Bocks vgl. Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole, Bilder und Zeichen der
christlichen Kunst, Freiburg i. Br. 1991, S. 57.
114
Eine graphisch ähnliche Abbildung enthält die Schedelsche Weltchronik der
deutschen Ausgabe von 1493.207 Links neben der Beschreibung des Dritten Zeitalters
ist unter dem Brustbild der Minerva das des Prometheus dargestellt. Er hält mit der lin-
ken Hand einen Ring, auf den er mit dem rechten Zeigefinger zeigt. Die Proportionen
sind anders als bei Wittenwiler korrekt gezeichnet. Auf dem Ring sitzt ein Stein. Er ist
weder kreisrund und innen leer wie bei Wittenwiler, noch durchtrennt er den Ring, der
ihn trägt.
Gehen wir davon aus, daß sich Wittenwiler in seiner Eigenschaft als Dichter des
‘Ring’ selbst illustriert hat, so stilisiert er sich in der Tracht des Gelehrten als SRHWDGRF
WD zum Kultur- und Sittenbringer Prometheus, der eingekreist von der Welt, in der Welt
stehend, auf die Welt im Symbol des Ringes zeigt. Es gibt drei Kreise: Von dem äuße-
ren ist er umschlossen, den zweiten hält er empor, der dritte ist Teil des zweiten. Der
Zeigefinger heißt auf Lateinisch GLJLWXV und ist aus dem Verb GLFHUH, sagen, abgeleitet.
Das Verb GLFHUH wurzelt im indogermanischen GHLN.208 Das Wort Didaxe leitet sich aus
dem griechischen GHLNWLNRV her und bedeutet „auf etwas zeigen“ ebenso wie „bewei-
sen“. Daraus folgt, daß dem sinnlichen Bild des YLQJHUOLder abstrakte Begriff der Welt
immanent ist. Welt ist das, worauf jemand zeigt. Ihre Bedeutung ist abhängig von der
Zeichendeutung einzelner. An sich ist sie leer. Sie enthält nichts. Erst im Akt des Zei-
gens entsteht die Bedeutung der Welt. In der Vorstellung des einzelnen mögen die
Zeichen der Welt ihre Entsprechung in der Welt haben, ja sogar ihre eigene Gültigkeit
beweisen. Mißlingt aber einer Sprechergemeinschaft wie im ‘Ring’ die Verständigung
über gemeinsame Muster der Sinnstiftung, zerfällt die Welt in eine Vielzahl von Einzel-
vorstellungen. Welt existiert dann nur noch in der privaten Vorstellung. Folglich gibt es
keinen Konsens darüber, was den Zeichen auf der Ebene der UHVim Sinne von norma-
tiven Urteilen entsprechen soll Der dichtende Narr Wittenwiler in grüner Tracht des
Gelehrten, dessen Familienwappen den Teufel im Schild führt, entwirft nach seinen
Vorstellungen eine Welt, die an ihrer totalen Fiktionalisierung zugrundegeht.
Heinrich Wittenwiler steht mitten in der epochalen Umbruchsituation der christ-
lich-europäischen Kulturgeschichte, in der der forschende Mensch die hermetisch ab-
geriegelte Bastion des Schöpfungswerkes zu stürmen beginnt. Der Intellektuelle Wit-
tenwiler tritt als prometheischer Demiurg auf den Plan, der sich an die Stelle des mit-
207 Den Hinweis darauf verdanke ich Professor Dr. Thomas Cramer.
Vgl., Die Schedelsche Weltchronik, Nachdruck der deutschen Ausgabe von 1493, Kommentiert von
Rudolf Pörtner, Dortmund 19935 (= Harenberg Edition, Bibliophile Taschenbücher, 64), Blatt XVIIIv.
208 Vgl. Karl Ernst Georges, Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch, Aus den Quellen zu-
sammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berück-
sichtigung der besten Hilfsmittel, 2 Bde, Unveränderter Nachdruck der achten verbesserten und ver-
mehrten Auflage von Heinrich Georges, Gotha 1913, Darmstadt 1992.
115
telalterlichen Schöpfergottes setzt. Hans Blumenberg beschreibt diesen Vorgang wie
folgt:
Mit der Definition dessen, was absolute Urheberschaft an der Welt bedeutet, - mit
der konsequenten Ausfeilung der FUHDWLR H[QLKLOR also, deren letzte Subtilitäten noch
das ganze Mittelalter beschäftigen sollten - würde dem gnostischen Weltprinzip seine
metaphysische Chance genommen werden. Zugleich damit ist aber auch der Mensch
als Erforscher der Natur auf das eingeschränkt, was der als eifersüchtig gedachte
Schöpfer von seinem Geheimnis preisgeben wollte. Sobald es für die Handlung der
Schöpfung keine Vorlage mehr gibt, ihr Erdenken und Erschaffen eins geworden sind,
ist die Welt im Prinzip zum nicht mehr von außen einsehbaren Faktum gemacht. Der
Mensch ist mitbetroffen von einem Gegenzug, der ursprünglich dem erbittertsten Feind
seines Heils gelten sollte; aber zugleich entsteht dabei die Formel, deren geschichtliche
Auslegung ihm das Feld seiner Wißbegierde eröffnen und legitimieren, seiner eigenen
Demiurgik den Boden bereiten sollte.209
Im Akt des sprachlichen Zeigens entsteht und vergeht Wittenwilers Weltentwurf.
Er gibt Kunde von sich selbst.
5.2.3 Die rhetorischen Wertungen im Prolog
Im ‘Ring’ beginnt also der Prolog mit einer vier Verse umfassenden Widmung
an die Gottesmutter und die ganze himmlische Heerschar, gefolgt von einer zweizeili-
gen Publikumsadresse. Das, was in anderen Prologen von einer Sentenz oder einem
Exempel an allgemeiner Einleitung geleistet wird, erfüllt hier die Widmung. Mit dem
achten Vers, der noch zum vorigen Satz zu gehören scheint, - ein Punkt ist erst hinter
dem elften Vers gesetzt - wird der Titel angegeben und kundgetan, daß das SXRFKdie
Welt beschreiben und zugleich ein umfassendes Lehrwerk darstellen soll.
Religiöse Widmungen dieser Art gehören zum festen Prologbestand im Bereich
der geistlichen Dichtungen im Mittelalter.210 Kulturelle Leistungen werden generell im
Mittelalter DGPDLURUHPGHLJORULDP, das heißt zur Verherrlichung Gottes, und nicht zum
eigenen Ruhm erbracht. Von Gott inspiriert, dienen die Handwerker-Künstler der Festi-
gung und Verbreitung der geoffenbarten Wahrheit. Weniger häufig begegnen derartige
Formeln in der profanen Literatur. Wittenwiler stellt sich damit in eine jahrhundertealte
209 Hans Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt a. M. 19933, S. 50 f.
210 Vgl. Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 96 f.
116
Tradition, die im späten Mittelalter wie alle geistlichen Traditionen katalogartiger und
formelhafter wird.211
In der für Wittenwilers ‘Ring’ typischen Verknappungstechnik und im späteren
Verlauf der Untersuchung noch häufig festzustellenden Erzählökonomie sind in einem
Dreischritt die ersten vier Verse der Heiligen Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria und den
himmlischen Heerscharen gewidmet. Typisch für Wittenwilers Erzählweise ist die syn-
taktische und stellungsmäßige Gleichordnung, die er in den ersten sechs Zeilen de-
monstriert. In dieser asyndetischen Aufzählung stellt er die traditionellen Motive von
Gottes- und Nächstenliebe, dementsprechend religiöser Widmung und weltlichem
Empfängerkreis, gleichwertig nebeneinander. Damit tritt die Auswahl und Wertung von
Teilaussagen zurück. Möglicherweise ironisiert Wittenwiler mit der Rasanz,212 in der er
die religiösen und weltlichen Adressaten in wenigen Zeilen erledigt, und durch die mo-
notone rhythmische Betonung von ähnlich klingenden Satzelementen den Topos der
oft breit ausschweifenden oder zur Formel erstarrten Widmung in den Prologen ande-
rer Werke.213 Diese ersten sechs Zeilen stellen jedenfalls eher eine „religiös einge-
stimmte Gesinnungsgemeinschaft“ als eine tatsächliche Gesprächssituation her. Es
fällt auf, daß Wittenwiler nicht wie etwa der ihm zeitlich nahestehende Konrad von
Ammenhausen in seiner 580 Verse umfassenden Vorrede zum ‘Schachzabelbuch’ die
Schlechten zugunsten der Tugendhaften ausschließt. Wie in einem geistlichen Werk
oder auch in einem Narrenbuch sind alle angesprochen.214
211 Vgl. Henning Brinkmann, Zur Deutung von Wittenwilers ’Ring’ 30 (1959), S. 206: "Anfangs- und
Schlußverse umrahmen das Werk in gewohnter, traditionsgebundener Form"
Belitz, Studien zur Parodie, S. 27 erinnert an die DQFLOODHHFFOHVLDHFunktion aller Künste und Wis-
senschaften im Mittelalter und bringt als Beispiel die ,QYRFDWLRVFULSWRULVDGGHXP aus dem Evange-
lienbuch Otfrids von Weißenburg von um 870. Ein Vergleich zwischen der breit ausgeführten LQYRFD
WLR Otfrids und der dreiteiligen Aufzählung des himmlischen Personals, gefolgt von der ebenfalls drei-
teiligen in einen Vers gepreßten Angabe des Zwecks bei Wittenwiler zeigt, wie formelhaft-
summarisch diese Widmung im 'Ring' ausfällt.
212 Zum Begriff der Ironie vgl. Dennis. H. Green, Alieniloquium, Zur Begriffsbestimmung der mittelalterli-
chen Ironie, in: Verbum et Signum, 2. Bd., Beiträge zur mediävistischen Bedeutungsforschung, Stu-
dien zur Semantik und Sinntradition im Mittelalter, Hg. von H. Fromm, W. Harms, Uwe Ruberg, Mün-
chen 1975.
Im folgenden wird der Begriff im Sinne der Definition Greens, ebd. S. 156, verwendet: „Die Ironie ist
eine Aussage oder Darstellung einer Handlung oder Situation, deren eigentliche, den Eingeweihten
sichtbar gemachte Bedeutung absichtlich von der vermeintlichen, den Uneingeweihten vorgespiegel-
ten Bedeutung abweicht und ihr nicht angemessen ist."
Im Unterschied zur Groteske, die auf einer unauflöslichen Widersprüchlichkeit eines Kontrastes be-
ruht und dadurch eine Verfremdung erzielt, dient der Kontrast bei der Ironie als Mittel, mit dem die
Bedeutung des Gesagten auf ein gegenteilig Gemeintes hinweist. Hier bleibt die gedankliche Relati-
on von Uneigentlichem zum Eigentlichen gewahrt, während sie dort gesprengt wird.
213 Vgl. zur Annahme, daß Wittenwiler ein traditionelles Prologelement ironisiere, Jürgen Belitz, Studien
zur Parodie, S. 28 und Anm. 17, S. 304. Vgl. das Proömium des 'Ring' mit den Prologen von Wolf-
rams 'Willehalm', Konrads 'Schachzabelbuch' und Boners 'Edelstein', in denen Widmung und Bitte
um Hilfe ungleich ausführlicher behandelt werden.
214 Im Prolog von Hartmanns von Aue, Gregorius, der „gute Sünder“, Hg. und erl. von Friedrich Neu-
mann, Wiesbaden 19815 (= Deutsche Klassiker des Mittelalters, N.F., 2) heißt es: „des ist ze hoe-
117
Im Umfeld einer solchen religiösen Widmung steht nicht selten eine Demuts-
formel und die Fürbitte um Hilfe.215 Bezeichnenderweise aber fehlen diese beiden E-
lemente im ‘Ring’-Prolog. Statt dessen belegt der Duktus, in dem der Prolog gehalten
ist, das künstlerische Autonomiebewußtsein Wittenwilers. Wie oben erwähnt, betont er
in den Versen 13 und 14 selbstbewußt die alles übertreffende Qualität seines SXRFKV
&KDLQYLQJHUOLZDUGQLHVRJXRW6DPGLW]JHKDEWLQUHFKWHUKXRW. Vor Einführung in den
Inhalt verkündet Wittenwiler nicht ohne Stolz, das Werk in drei Teile untergliedern zu
wollen: ,Q GUHX VRO H] JHWDLOHW VHLQ%HVXQGHU QDFK GHQ VLQQHQ PHLQ (V. 15 f.). Der
„Sinn“ der dreiteiligen Anordnung ergibt sich nicht etwa aus der Beachtung irgendeiner
fingierten oder tatsächlichen Quellenvorlage, sondern bemißt sich ausschließlich an
dem Gestaltungswillen des Autors. 6LQ,das nhd. mit „Verstand“ zu übersetzen ist,
meint an dieser Stelle ausdrücklich den Gestaltungswillen des Künstlers.216 Traditionell
werden hingegen in Pro- oder auch Epilogen Demutsformeln verwendet, in denen Au-
toren dem eventuellen Vorwurf einer mangelhaften Stoffbewältigung mit dem Topos
vom schwachen VLQdes Menschen begegnen.217
Auch die ausdrücklich positive Bewertung, mit der Wittenwiler den gesamten
Stoff seines Werkes und auch die besondere Präsentation belegt, unterstreicht die
selbstbewußte Einstellung zu seinem eigenen Können als autonom agierendes Dich-
tersubjekt. Über die zweite Erzählpartie sagt er, daß er darin genau über das leibliche
und seelische Wohl und das Verhalten gegenüber der Welt Auskunft geben werde:
renne not/und ze merkenne in allen/die da sint vervallen/under bercwæren schulden:/ob er ze gotes
hulden/dannocht wider gahet,/daz in got gerne empfahet (V. 150 ff.).“
Da alle Menschen von der Gnade Gottes abhängige Sünder sind, richtet sich die Legende beispiel-
haft an alle.
Auch Sebastian Brant spricht mit seinem ‘Narrenschiff’ alle Menschen, resp. Narren an, wenn er am
Ende seines Prologs ironisch feststellt: „Meint nymant das ich inn nit ruer//Der gang zuon wysen fuor
die thuer//Und lyd sich/und sy guoter dyng//Byß ich ein kapp von Franchfurt bryng.“
215 Wießner führt u. a. in seinem Kommentar S. 7 als Beispiel dafür die historische Abhandlung Eberhart
Windeckes über das Zeitalter Sigmunds an: „In dem namen des vaters und des sones und des heili-
gen geistes etc. so wil dis buoch anevohen. Das helf mir die koniglich mutter Maria und die heilige
drifaltikeit ... das helf mir der heilige geist und die wurdige mutter maget Maria und alle lieben gotes
heilgen.“
216 Vgl. Belitz, Studien zur Parodie, S. 30 f.
Er geht sogar soweit, von „poetischer Originalität“ zu sprechen. Mit Sicherheit aber gilt für Wittenwi-
lers Prolog, daß das intellektuelle Vermögen des Autorsubjekts nicht mehr wie bisher als abhängig
von der Gnade Gottes aufgefaßt wird.
217 Vgl. ebd. S. 31. Belitz schlägt vor, daß „V. 16 [...] 'nach meinen persönlichen Vorstellungen von Poe-
sie und Rhetorik' übersetzt werden“ sollte.
Dies ist wohl schon aus Gründen der Wortwahl richtig. Denn der VLQ, der Kunstverstand des Autors,
wird zum einen durch das Possessivpronomen PHLQ- es ist zugleich das Reimwort - in seiner Indivi-
dualität betont und zum anderen durch das Adverb EHVXQGHU (mhd. vorzüglich) in seiner TXDOLWDV
selbstbewußt herausgestellt. %HVXQGHUkann allerdings auch als „einzeln“ übersetzt werden, wobei
sich dann die Übersetzung „in drei (...) einzeln geteilt“ ergäbe. Diese Übertragung scheint aber des-
halb nicht sehr naheliegend, weil „in drei [Teile] geteilt“ oder „in drei einzelne [Teile] geteilt“, kaum ei-
nen semantischen Unterschied ausmacht.
118
'D]DQGHUNDQXQVVDJHQZRO
:LHHLQPDQVLFKKDOWHQVFKRO
$QVHOXQGOHLEXQGJHQGHUZHOW V. 21 ff.
Diesen soll man für den besten Romanabschnitt halten: 'D] KDE GLU IU GD]
EHVWJH]HOW. (V. 24). Anschließend sagt er über den Inhalt des dritten Teils, daß er dar-
über informieren wolle, wie der Mensch sich am „allerbesten" in Streitigkeiten und im
Krieg verhält:
'D]GULWWHWDLOGLUFKQGHWJDU
:LHPDQDOOHUSHVWJHYDU
=HQ|WHQFKULHJHV]HLWHQ
,QVWUPHQYHFKWHQVWUHLWHQ V. 26f.
Was unter dem Aspekt des Nutzens für den Leser wie eine auktoriale Gewich-
tung von mehr oder weniger wichtigen Erzählpartien aussieht, erklärt sich zunächst aus
dem Einsatz des rhetorischen Stilmittels der YDULDWLR(§ 257, 2). In der Rhetorik dient sie
dem gedanklichen und sprachlichen RUQDWXV und will einem eventuellen Überdruß (ID
VWLGLXP, WDHGLXP) des Publikums am Redegegenstand vorbeugen. Weshalb sollte aber
das eine der FDXVDKRQHVWDwertvoller als das andere sein, da sich doch das KRQHVWXP
jeder Relativierung und erst recht jeder Bewertungsdifferenzierung entzieht?
Hinsichtlich der grammatischen Form liegt allerdings nur in Vers 24 ein Prädi-
katsurteil vor, das sich ausdrücklich auf die ganze zweite Partie erstreckt: 'D]KDEGLU
IUGDVEHVWJH]HOW Und tatsächlich überwiegt ja auch in diesem Mittelstück des ‘Ring’
der Anteil der rot markierten Passagen im Vergleich zu den sie umrahmenden Teilen
der Erzählung. Das zwei Zeilen darauf folgende DOOHUSHVWist dagegen Adverb zu JHYDU
(V. 26)und verbietet deshalb, als Urteil über den letzten Teil des Romans verstanden
zu werden.
Dennoch bleibt durch die identische Wortwahl von EHVW und die Kürze des Ab-
stands, in der die beiden Prädikationen aufeinander folgen, ein Zweifel am Ernst von
Wittenwilers Qualitätsurteil bestehen. Ironisiert er nicht etwa den Sprachgestus einer
durch ihn selbst vorgenommenen Bewertung? Fällt doch das Prädikat DOOHUSHVWausge-
rechnet in den Kontext der Debatten über die Technik und die moralische Rechtmäßig-
keit der Kriegsführung. Im Gegensatz dazu werden in den vorigen Debatten des an
Lehren reichsten Mittelstücks Strategien zur Vermeidung von Konflikten entworfen, un-
zählige Ratschläge über zweckmäßiges und geschicktes Verhalten im Umkreis der
Themen von Ehe, Religion und Arbeit erteilt. Über all das wird schön geredet: 'D]DQ
GHU NDQ XQV VDJHQ ZRO [...] (V. 21), ohne daß es vom närrischen Romanpersonal in
Handlung umgesetzt wird. Über das, was man eigentlich zur Bewältigung von Konflik-
ten tun müßte, wird von den Narren des Romans vielerlei Kluges geredet, und doch
119
enden sie im Untergang. Im gewalttätigen Chaos des grobianischen Festes kippt das
Geschehen noch innerhalb des sog. „besten Teils“ und steuert gleich einem unaufhalt-
samen Fatum ohne Tragik auf die vollständige Vernichtung der Narren und ihrer Welt.
Einigt man sich darauf, daß zumindest die Art der Vermittlung der sog. Lehren durch
das Narrenpersonal zu Wittenwilers Narrenwelt gehört, wäre durch die unauflösliche
Einbindung in den Erzählverlauf die praktische Unbrauchbarkeit der Verhaltensgebote
erwiesen. 'D]EHVW entpuppt sich dann als gegenüber dem ZHOWHODXIIneutrale Privat-
sache.
Wenn, wie ich des weiteren noch zeigen werde, die FDXVDKRQHVWD paradoxer-
weise unauflöslich mit der FDXVDWXUSLV verbunden ist, fehlt ein werkimmanenter Bewer-
tungsmaßstab und kann nur von außen, d.h. wie in diesem Fall vom Autor bzw. vom
Rezipienten nach seinen Privatvorstellungen festgelegt werden. Durch diese Roman-
konzeption werden selbstverständlich auch die wertenden Äußerungen des Autors
ambig. Sie spiegeln nicht die Absicht eines Autors, dem es um eine Verständigung mit
den Lesern zur Herstellung von Sinn geht. Bedürfte es doch dazu eines im vorhinein
auf beiden Seiten grundsätzlich akzeptierten Normensystems. Die Prädikate von EHVW
und DOOHUSHVW könnten also schlichte Variationen auf den ehrenwerten Gegenstand der
Dichtung oder aber im Vorgriff auf die Mischung von OHU (V. 37) und JSDXUHQJHVFKUDL
(V. 36) eine Art Pseudosteigerung darstellen. Sie signalisieren die Beliebigkeit von
Wertungen derselben ehrenwerten Sache, einer Sache, von der sich im zweiten Ab-
schnitt des Prologs nicht immer sagen läßt, ob sie ehrenwert, zweifelhaft oder absto-
ßend ist.
Auch bei der Anrede an das Publikum benutzt Wittenwiler das WDHGLXP vermei-
dende Mittel der YDULDWLRdes sprachlichen Ausdrucks. Diesmal variiert er die Personal-
pronomina. Zuerst spricht er seine Leser mit dem vertraulichen GX(V. 24 f.) an, dann
wieder mit dem unpersönlichen PDQ(V. 26). Beim XQVin Vers 21 gibt er sogar seine
Autorenrolle auf und bezieht sich selbst mit in den Kreis seiner Leser ein. Auch bei der
Begründung, weshalb er das Geschrei der Bauern unter die Lehre gemischt hat (V. 38
ff.), nennt er sich zusammen mit den Lesern: 'DVVHL>GLH/HKUH@GHVVHQIWHUXQVEH
FKHU(V. 38). Dadurch entsteht der Eindruck, als sei die Lehre eine vom Dichter vermit-
telte objektive Botschaft, die für ihn dieselbe objektive Gültigkeit besitzt wie für sein
Publikum. Es scheint, als könne sich der Autor Wittenwiler als Sprachrohr von Sollbe-
stimmungen hinter einen Text zurückziehen, der für sich selbst spricht.
Eine von Vers 22 :LHHLQPDQVLFKKDOWHQVFKRO und dem Ausdruck PDQQHV
]XFKW in Vers 30 ausgehende soziologische Deutung der Adressatenschicht, nach der
das ‘Ring’-Publikum aus jungen unerfahrenen Stadtbürgern bestünde, verbietet sich
120
aus mehreren Gründen.218 Zum einen ließe sich bei PDQQHV]XFKWauch an Bertschi
denken. Anläßlich seiner Examinierung durch die Mätzli-Sippe richten sich die ausführ-
lich erteilten Lehren an ihn. Mittels seiner närrisch-tölpelhaften Beispielfigur werde allen
Menschen bzw. Lesern der Narrenspiegel vorgehalten.219 Zum anderen stellt die Ges-
talt der Bauerndirne Mätzli Rüerenzumph ein weibliches Pendant zu Bertschi dar.
Wichtiger aber scheint in diesem Zusammenhang das Verwirrung stiftende lite-
rarische Verfahren. Deutungsaporien und die Vielzahl ständischer Ideologeme, die
durch die ironische Erzählweise unterlaufen werden, sowie gezielte Brüche der Erwar-
tungshaltung lassen die Festlegung auf eine bestimmte Adressatenschicht willkürlich
erscheinen. Alle vorgefertigten Rollen und Handlungsmuster werden solange variie-
rend wiederholt und gesteigert, ins Absurde und Groteske getrieben, bis sie beim In-
terpreten eher Ratlosigkeit als erbauliche Belehrung erzeugen.220 Schon ein Blick auf
den bunten Katalog der literarischen Muster deutet eher auf ein sprach- und literatursa-
218 Gruchot, der den 'Ring' grundsätzlich als Moralsatire auffaßt, äußert ausgehend von einer 'distanzier-
ten Identifikation' des Publikums „mit dem Protagonisten und seinen Altersgenossen": „So ist denn
der 'Ring' in erster Linie als Lehrbuch für junge Erwachsene im heiratsfähigen Alter gedacht." Vgl.
Gruchot, Heinrich Wittenwilers 'Ring', S. 94.
Ich stimme grundsätzlich Plate zu, der im krassen Gegensatz zu Gruchot „keine inhaltliche Grund-
tendenz im 'Ring', keine Kehre des Verstehens durch Ablösung von Negativvorzeichen" sieht. Plate
setzt den Literaturkenner als potentiellen Adressaten des 'Ring' voraus: „Der vermutlich adlige oder
um die Adelsliteratur wissende bürgerliche Adressat des 'Ring' mußte literaturgeschichtliche Kennt-
nisse besitzen oder anders gesagt - die Verwirklichungsmöglichkeiten der höfischen und didakti-
schen Ideologien wird ad absurdum geführt." Vgl. ders., Heinrich Wittenwiler, S. 95 f.
Jörg Bismarks standes- und sozialsatirischer Ansatz, der im Adel den Adressaten des 'Ring' erblickt,
leidet methodisch daran, daß er von einem vorausgesetzten Rezipienten her dem Text außerliterari-
sche Wirklichkeitsbezüge zuschreibt, die den Zitatencharakter des literarischen Spätwerks zu sehr
ignoriert. So sei das Turnier bei den Bürgern keinesfalls auf Ablehnung gestoßen. Adel und Bürger-
tum hätten es als Verspottung realer bäuerlicher Emanzipationsbestrebungen empfunden. Aber auch
der Landadel und der verarmte Ritterstand würden damit ins satirische Visier genommen. Dennoch
werde laut Prolog eine positive Turnierlehre gegeben.
Vgl. ders., Adlige Lebensformen in Wittenwilers 'Ring', Untersuchungen über die Person des Dichters
und die ständische Orientierung seiner Lehren und seiner Satire [phil. Diss. Freiburg i. Br.] Augsburg
1976, S. 101-110.
219 Vgl. zu Bertschi als „Prototyp des Lesers" und auch als „ein Beispiel des Menschen schlechthin": Ba-
bendreier, Studien zur Erzählweise, S. 233 und Gaier, Satire, S. 133, Anm. 122.
220 Diese Effekte sind das Ergebnis der ironischen Erzählstrategie, die über die Trope hinaus die mit ihr
auf der Basis der Nichtübereinstimmung verwandte Sinnfigur der Allegorie umfaßt. Aus der Desillu-
sionierung der prästabilierten Kohärenz zwischen Zeichen, Vorstellungsinhalt und Referenzobjekt,
die ihre Verweis- und Imaginationskraft aus der binären Differenz von QRPHQund UHV bezieht, ge-
langt Wittenwiler zu symbolischer Zeichenhaftigkeit, die die Fiktionalität von Sprache und Literatur re-
flektiert.
Ein Beispiel dafür ist Bertschis grotesker Sturz über eine Erbse. Der schmerzhaft ironische Fall weckt
Bertschi plötzlich aus seinem illusorischen, höfischen Werbungsgebaren. Er verflucht alle Frauen,
derentwillen er solche Qualen auszustehen hat. Als er dann aber DQIUDZQ0lW]OHLQVZLUGLFKDLW (V.
566) denkt, kehrt er zu seinem alten „allegorischen Sinn" zurück. Die Erbse als „realistisches" Sym-
bol einer der Fiktionalisierung unzugänglichen Dingwelt zu bezeichnen, mag in bezug auf Bertschi
noch angehen. Indes konstituiert sich das Symbol in der fiktionalen Narrenwelt des ‘Ring’ allererst
aus dem Illusionsbruch und erzeugt infolgedessen eine neue Illusion. Diese besteht letztlich darin zu
glauben, daß eine ironische Erzählstrategie, die ideelle Vorstellungsinhalte mit materieller Kontingenz
symbolisch konfrontiert, zu einer sinnstiftenden Erkenntnis gelangen könnte, die die fiktionale Sphäre
transzendiert. Was sich als ironische Entschleierung ausgibt, führt zu vertiefter Mystifikation. Er-
kenntnis und Illusion liegen indes zu nahe beieinander, als daß die Ironie diesen Riß dauerhaft zu
heilen vermag. Damit ist die Ironie das negative Spiegelbild der Allegorie.
121
tirisches Spiel als auf die ernsthafte Vermittlung von Lehren an eine bestimmte Adres-
satenschicht: volkstümliche Bräuche wie Fastnacht und bäuerliche wie Kübelste-
chen221, neidhartianische Schwankliteratur, antike Minnelehre, Briefstellerkunst, Hel-
den-, Hof- und Tagelied, grobianisches Fest, Schlachtschilderung im hyperbolischen
Stil der Heldenepik mitsamt der dazugehörigen Märchenwelt der Dämonen, der listige
Arzt Chrippenchra, eine Figur, die immer wieder in den Fastnachtsspielen auftaucht,
usw.
Wittenwiler legt sich ebensowenig eindeutig auf eine soziale Gruppierung fest,
wie er eine Bewertung bzw. Gewichtung nach den drei Themenkreisen vornimmt. Daß
nicht einzelne Teile wertvoller oder wichtiger sind als andere, zeigt die oben bereits zi-
tierte, summarische Angabe der Verse 29-31 über den Nutzen des ganzen Romans:
$OVROHLWGHVULQJHVIUXFKW
$QKEVFKLFKDLWXQGPDQQHV]XFKW
$QWXJHQGXQGDQIUPFKlW V. 29-31
Da sich die Dreiteilung des Werks aus den nur thematisch unterschiedenen drei
Stoffkreisen von Minnedienst, weltlicher und geistlicher Lehre und Krieg herleitet, alle
drei aber lehrhaften Charakter haben sollen, kann Wittenwiler seinem SXRFK den
Stempel eines Lehrwerks aufdrücken. Was hier in der bekannten Manier eines syllo-
gistischen Schlußsatzes mit dem vorangestellten DOVR an Abstrakta aufgeführt wird,
liest sich nun aber keineswegs als addierte Summe des vorher zu jedem der drei The-
menkomplexe Gesagten und zieht erst recht keinen logisch zwingenden Schluß. Denn
die vier Abstrakta, von denen hier die Rede ist, lassen sich nicht eindeutig in paralleler
Reihenfolge auf nur jeweils eine der drei Romanpartien beziehen.222 Sie sind vielmehr
inhaltsleere abstrakte Oberbegriffe, die auf fast alle lehrhaften Passagen im ‘Ring’ an-
221 Zu den volkstümlichen Elementen von Heldensage, Fastnachtsspiel und Brauchtum im 'Ring' vgl.,
Bruno Boesch, Zum Nachleben der Heldensage in Wittenwilers 'Ring', in: Deutsche Heldenepik in Ti-
rol König Laurin und Dietrich von Bern in der Dichtung des Mittelalters, Beiträge der Neustifter Ta-
gung 1977 des Südtiroler Kulturinstituts, hg. von Egon Kühebacher, Bozen o. J. (= Schriftenreihe des
Südtiroler Kulturinstituts, 7), S. 329-354.
Vgl. dazu auch Ruth Schmidt-Wiegand, Heinrich Wittenwilers 'Ring' zwischen Schwank und Fast-
nachtsspiel, in: „Sagen Mit Sinne", Fs. für Marie Louise Dittrich zum 65. Geburtstag, hg. von Helmut
Rücker und Otto Seidel, Göppingen 1976 (= GAG, Nr. 180), S. 245-261.
Vgl. zu den Quellen der Namen aus der volktümlichen Schwankdichtung und den Fastnachtsspielen,
Boesch, Namenwelt, S. 310-311.
Vgl. zum Kübelstechen Wießner, Neidhart und das Bauernturnier in Heinrich Wittenwilers Ring, S.
197 ff.
222 Dagegen ist Wießner der Ansicht, daß eine Entsprechung der Begriffe auf die Werkteile vorliegt. Vgl.
dens., Kommentar, S. 10. Nach den Stellen, in denen die Begriffe im Text auftauchen, ordnet er KE
VFKLFKDLW dem ersten, PDQQHV]XFKW und WXJHQG dem zweiten und IUPFKlW dem dritten Teil zu. Doch
gibt er anschließend Belege für KEVFKLFKDLW nur aus dem zweiten und den einen Beleg für IUPFKlW
ebenfalls aus dem mittleren Teil.
122
gewandt werden können.223 Im Aufbau eines Resümees haben diese drei Zeilen den
Stellenwert einer Schlußfolgerung der oben genannten drei Redegegenstände, so daß
damit der Prolog auch in formaler Hinsicht zu einem Abschluß kommt. Jetzt beginnt ein
neuer Prolog.
5.3 Die Destruktion des didaktischen Romankonzepts
5.3.1 Die ubiquitäre Narrheit und die Unlesbarkeit der Welt
Nun folgt der für die Ambiguität des Prologs entscheidende Einschnitt. Gram-
matisch wird die Zäsur mit einer adversativen Wendung angezeigt:
1XLVWGHUPHQVFKVRNODLQHUVWlW
'D]HUQLFKWDOOZHJK|UHQPDJ
(UQVWOHLFKVDFKDQVFKLPSIHVVDJ
8QGIUlZHWVLFKYLOPDQJHUODL V. 32-35
Damit gibt Wittenwiler der didaktischen Romankonzeption die entscheidende
Richtungsänderung ins Närrische und falsifiziert geradezu die Gültigkeit der ersten 31
Verse. Die oben getroffene Publikumsunterscheidung von im ethisch religiösen Sinn
guten und bösen Menschen wird aufgegeben zugunsten des Menschen, wie er erfah-
rungsmäßig ist: zuviel Ernst bekommt ihm nicht, er will auch mit belustigender Komik
angeregt werden. Mit der Erfahrung, daß der Mensch IUlXZHW VLFK YLOPDQJHU ODL (V.
35), gerät das Publikum in die Nähe der frohgemuten Narrenbauern. Wittenwiler wan-
delt unter dem Blickwinkel ubiquitärer Narrheit die Unterscheidung seines Publikums
von tugendhaften und schlechten Menschen in eine amoralische Menge unterschieds-
loser Narren um. In den ersten sechs Versen des Prologs ist dem Buch wie der Bibel
die moralische Qualität von gut und böse immanent, als spiegle er die absolute Wahr-
heit wieder. Doch nach dem oben erwähnten Wechsel der Perspektive sinkt der Quali-
223 Wenngleich KEVFKLFKDLW (höfisches Wesen) mehr auf den ersten Teil, IUPFKlW (Tapferkeit) stärker
auf den dritten Teil zutreffen mag, so erstrecken sich doch PDQQHV]XFKW und WXJHQG auf den ganzen
Roman. Mißt man Wittenwilers didaktischer Intention höchste Priorität bei, dann ist das Werk trotz
seiner spaßhaften Partien in allen seinen Teilen als Lehrbuch aufzufassen. Demnach sind die Begrif-
fe ]XFKWund WXJHQGtautologisch Denn ]XFKW bedeutet nichts anderes als Erziehung und der, wie die
widersprüchliche Tugendlehre zeigt, nicht mehr auf ein faßbares Ethos spezifizierbare Begriff der WX
JHQWbzw. das Prädikat „tugendhaft" kann gleichermaßen auf jede Textpassage angewendet werden,
der der Rezipient eine lehrhafte Absicht unterstellt. Der Begriff der IUPFKlWkann unter der Perspek-
tive einer Lehre H[QHJDWLYR auch in den Kontext des Bauernturniers gestellt werden. Auf die gleiche
Lehrmethode zielen scheinbar Übelgesmachs Worte, nach denen Bertschi höfische Zucht am besten
auf seiner eigenen Hochzeit lernt. Vgl. V. 4862-4870.
123
tätsanspruch des ‘Ring’ auf das Niveau eines trüben Narrenspiegels. Aus dem lauteren
Spiegel moralischer Selbsterkenntnis ist ein Zerrspiegel geworden, der bestenfalls im
satirischen Bild den Leser zu radikal skeptischen Ansichten über den Zustand der Welt
verhilft. Damit entzieht Wittenwiler dem ‘Ring’ die zuvor zugesprochene Qualität, einen
Bewertungsmaßstab für die Erkenntnis von gut und böse zu enthalten.224 Aus diesem
völlig veränderten Menschenbild folgt jetzt das Konzept einer Mischung von VFKLPSI
und HUQVW.
Der Perspektivenwechsel wird greifbar an der konträren Bedeutung des Wortes
„Freude“. War in den Versen fünf und sechs noch davon die Rede, daß aus der Lektü-
re des 'Ring' bei den Guten eine geistlich verstandene Freude an der Wahrheit des Ge-
lesenen entstünden und im Gegensatz dazu bei den Schlechten aus der Erkenntnis ih-
rer eigenen Sündhaftigkeit Gewissensbisse (ODLGKHU]HQSHLQ), so meint an dieser Stel-
le „Freude" den in den Affekten begründeten Frohsinn. Er wird mit den Mitteln der Ko-
mik, d.h. mit Wortspielen, sarkastischem Spott, Parodie, Travestie und Satire erzeugt.
Diese irdische Freude an der Welt bringt statt des geistlichen Lichtes der wahren Er-
kenntnis die närrische Blindheit vor der Offenbarungswahrheit hervor. Dasselbe Um-
kehrverhältnis gilt selbstverständlich auch für das ODLGund GLHKHU]HQSHLQ der E|VHQ
Wenn sich nun, wie Wittenwiler meint, ein Dichter mit einem ernsten didaktischen An-
liegen an ein solches, zu närrischen Späßen aufgelegtes Publikum wendet, muß er die
HUQVWOHLFKVDFK in der Einkleidung von VFKLPSIHVVDJ vermitteln.225
Nun destruiert aber Wittenwiler mit der Tilgung der ethischen, mithin vernunft-
begabten Qualität der Menschen den Anspruch der Lehrdichtung, andere belehren zu
können. Wenn Wittenwiler ein Teil dieser weltumspannenden Narrheit ist und andere
Narren belehren zu können glaubt, kommt immer nur Narrheit dabei heraus. Will er
dennoch von Weisheit künden, muß er seine Rede- und Unterweisungskompetenz
dichtend hervorbringen. Er muß sie sich gewissermaßen gegen sein negatives Men-
schenbild dichtend erschwindeln. Dazu dient u. a. der nicht objektiv unterscheidbare
Gegensatz von VFKLPSI und HUQVWund die Herstellung einer fiktiven Gesprächsgemein-
224 Babendreier ist der Meinung, daß an dieser Stelle das Publikum mit Bertschi und den %|VHQgleich-
gesetzt werde. Vgl. Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 233. Dagegen ist einzuwenden, daß
der Blick des Autors sich jetzt auf die närrisch-komische Natur des Menschen richtet und infolgedes-
sen die religiös konnotierte Opposition von guten und schlechten Menschen aufgibt. Allerdings hält
Wittenwiler auch unter dieser veränderten Perspektive an dem vorher entfalteten Plan einer Beleh-
rung fest: „(...) gepauren geschrai/gemischet unter diseu ler (V. 36 f.).“
225 6FKLPSIHVVDJkann auch einfach die scherzhafte Rede im Unterschied zur ernsten meinen. So lau-
tet die jüngste Übersetzung der Verse 32-35 von Horst Brunner: „Freilich besitzt der Mensch so we-
nig Ausdauer, daß er nicht ununterbrochen von ernsten Dingen hören kann. Er wünscht sich auch ein
wenig Scherz und freut sich darüber." Von dem Wunsch nach „ein wenig Scherz“ ist hier zwar nicht
die Rede. Dennoch legt Brunner zwei Arten von Reden nahe. Ob man nun dieser oder der von mir
vorgeschlagenen Übersetzung den Vorzug gibt, ist weniger auf grammatischer als auf interpretatori-
scher Basis zu treffen.
124
schaft zwischen Publikum und Autor, die sich mit einer rhetorischen Überlegenheits-
geste über die Romannarren hinwegsetzt und doch selbst närrisch ist. Wir stehen also
vor der absurden Erzählsituation, in der ein Narr andere Narren am Beispiel erfundener
Narren über ihre und seine eigene Narrheit belehren will, obgleich doch jedem Narren
per Definition das Unterscheidungsvermögen von gut und schlecht, Ernst und Spaß,
wahr und falsch abgeht.
Um nun Erkenntnisvermögen und Vermittlungsfähigkeit zu restituieren, die bei
der Konzeption der universalen Narrenwelt verlorenzugehen drohen, erfindet der Dich-
ter Unterscheidungskriterien nach eigenem Gutdünken. So markiert er den schon ferti-
gen Text nach spaßhaften und ernsten Partien. Diese simple graphische Zweiteilung
soll den Leser sicher durch die allerorten auflauernden Gefahren möglicher Fehldeu-
tungen leiten. Da die menschliche Natur nun einmal wankelmütig und närrisch ist, bie-
tet der ‘Ring’ immer nur Rezeptionsangebote von QXW]XQGWDJDOW Aufgrund des unkal-
kulierbaren Unterscheidungsvermögens kann sie der Mensch in Bausch und Bogen
ablehnen.
Weil die Unterscheidung zwischen Narren, vernunftbegabten Menschen sowie
unterhaltsamen und nützlichen Textpartien nur im Modus der VFKLPSIHVVDJ vermittelt
werden kann, und damit der Gegensatz zwischen Spaß und Ernst quasi getilgt ist, bie-
tet Wittenwiler noch eine letzte Rezeptionsart an: den Roman als PlU zu verstehen. In
den letzten sechs Versen des dritten und letzten Prologabschnitts legt er ein ein-
drucksvolles Zeugnis seiner ironischen Erzählweise ab. Die Gültigkeit aller bisher ge-
troffenen Prologaussagen relativiert er durch die Einführung des personalen Erzählers,
einer von ihm unabhängigen Erzählinstanz. Wie die nachfolgenden Verse belegen,
spricht der Erzähler in der Gegenwart über vergangene Anweisungen des Autors Hein-
rich Wittenwiler.
6HFKWHVDYHULFKWVKLHLQQ
'DVZHGHUQXW]QRFKWDJDOWSULQJ
6RPJWLUVKDEHQIUHLQPlU
6SUDFK+DLQUHLFK:LWWHQZHLOlU
'HUVFKDOOHQGLQGHPKHU]HQIUR
+HEWGLHWDLGLQJDQDOVR V. 49 ff.
Mit diesem Kunstgriff wird das vorher entfaltete Romankonzept auch mittels der
Erzähltechnik radikal in Frage gestellt. Indem der Erzähler die dritte Option (PlU)
hinzufügt, relativiert er die beiden anderen Lesarten von QXW] und WDJDOW quasi zur
Bedeutungslosigkeit. Während letztere auf Effekte kalkulierte Rezeptionsarten
darstellen, erfüllt die Geschichte ihren Zweck in sich selbst und bedarf keiner
Rechtfertigung. 0lU bezeichnet das Fabulieren, das sich frei von selbstauferlegten
125
bezeichnet das Fabulieren, das sich frei von selbstauferlegten Rezeptionszwängen
entfaltet.226
Schon in metrischer und reimtechnischer Hinsicht wirken die Verse 52 und 53
befremdend. Vers 52 bricht durch das dreihebige Reimwort :LWWHQZHLOlU die Monotonie
der gleichmäßig alternierenden vierhebigen Knittelverse mit freiem Auftakt und fast
immer männlicher Kadenz.227 Es ist möglicherweise als ein von Wittenwiler bewußt
komisch klingendes FRPSRVLWXPPL[WXP aus dem bairischen Diphtong „ei" und dem
toggenburgischen Umlaut „ä“ konzipiert.228 Abgesehen von dem gräßlich breiten
Klang, den die männliche Kadenz der Reimwörter PlU auf :LWWHQZHLOlU erzeugt, und
der komisch dialektalen Verballhornung des Namens, ist allein schon die Tatsache der
reimtechnisch exponierten Zusammenstellung des Autorennamens mit dem die Fiktio-
nalität des Romans unterstreichenden PlU signifikant.
Wittenwiler schafft Distanz zu den Selbstaussagen über Sinn und Zweck des
‘Ring’, indem er die Stimme des Autors durch die des Erzählers ersetzt bzw. jene durch
diese zitieren läßt. So hebt er den Abstand zwischen Prologaussagen und Erzählung
hervor, wodurch sich das Lesepublikum in seiner Erwartung enttäuscht sieht. Statt vom
Autor in die Thematik des Romans eingewiesen zu werden, stiehlt sich Wittenwiler aus
der Verantwortung und überläßt dem Leser die Lösung der Deutungsschwierigkeiten,
die er mit den Verwirrung stiftenden Unterscheidungen in seinem „zweiten Prolog“ sel-
ber produziert hat. Den Roman als fingierte Geschichte ohne ontologische Differenzie-
rung von QRPLQD und UHV aufzufassen, unterläuft den allegorischen Belehrungsan-
spruch der Gattung Didaxe. Akte der Erfindung liegen jenseits moralischer Bewertun-
gen. Sie sind amoralisch, d.h. frei von Moral.
226 Wie schon im Zusammenhang von Puchta-Mähls These erwähnt wurde, übersetze ich den Begriff
PlUmit „Geschichte“. Da dem Fiktionalen seit Platon immer etwas Lügenhaftes eignet, steht PlU in
einem kontradiktorischen Verhältnis zu QXW] und WDJDOW.
227 Zu Versform, Satzbau und Sprechweise vgl. Birgit Knühl, Die Komik in Heinrich Wittenwilers 'Ring',
S. 99-102.
228 Über das Dialektgemisch aus alemannischen, bairischen und toggenburgischen Anteilen hat die For-
schung zahlreiche Vermutungen angestellt, ohne bislang „künstlerisch-inhaltliche oder rezipienteno-
rientierte“ Ergebnisse vorzuweisen.
Vgl. dazu den Forschungsbericht von Riha Ortrun, S. 23-33.
Vgl. zur Bajowarisierung des Namens +DLQUHLFK:LWWHQZHLOlU Kurt Ruh, Ein Laiendoktrinal in Unter-
haltung verpackt, Wittenwilers 'Ring', in: Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Re-
formationszeit. Symposion Wolfenbüttel 1981, Hg. von Ludger Grenzmann und Karl Stackmann,
Stuttgart 1984 (= Germanist. Symposien. Berichtsbände, 5), S. 344 f.
Ebd. schreibt Ruh: „Wittenwiler scheint sein Werk für einen Anderssprachigen geschrieben zu haben
und nahm in der Abweichung von seinem eigenen Idiom die Chance wahr, eine literarische Kunst-
sprache zu schaffen. Es gibt dafür nichts Vergleichbares im deutschen Mittelalter.“
Die befremdliche Wirkung des Dialektgemischs paßt zu Wittenwilers Mischung der Gattungen und
Stilhöhen und fügt sich den zahlreichen Brüchen der Leseerwartung hinzu.
126
5.3.2 Die Mischung von Lehre und Scherz in der Bauernhandlung
Keineswegs aber löst das neue Konzept eines Narrenbuchs das alte des Lehr-
buchs ab. Wenn er angibt, er habe (...) GHUJHSDXUHQJVFKUDL*HPLVFKHWXQWHUGLVHXOHU
(V. 36 f.),sind beide Bereiche in der Form einer Mischung enthalten. Will er nun auch
noch seine HUQVWOHLFKVDFKin einem spaßhaften Modus präsentieren, so droht im Ge-
schrei der Bauern die Ernsthaftigkeit der Lehren unterzugehen. Diese Gefahr scheint
jedoch unter dem Aspekt folgender Erklärung unbegründet zu sein: mit der Funktions-
bestimmung des Bauerngeschrei 'D]VHL[die Lehre] GHVWVHQIWHUXQVEHFKHU (V. 38)
folgt Wittenwiler dem in der mittelalterlichen Literatur vielfach beachteten Horazschen
Verdikt des HW SURGHVVH HWGHOHFWDUH.229 Demnach stellt das Bauerngeschrei keines-
wegs einen Störfaktor dar, sondern schärft gerade durch seine Kurzweil die Aufmerk-
samkeit für den Ernst der Lehren bei einem Publikum, das, wie ja auch die zeitgenös-
sische Literatur belegt, großen Geschmack an derben Vergnügungen fand.230 Genau
genommen resultiert also aus dem Bild des wankelmütigen Menschen 1X LVW GHU
PHQVFKVRNODLQHUVWlW (V. 32) und der dadurch bedingten stofflichen Anpassung an
den Publikumsgeschmack eine klare Verbesserung für eine erfolgreiche Belehrung.
Weshalb aber führt er dann das Unterscheidungskriterium der Farblinierung
ein? Zweifel an der Notwendigkeit einer visuellen Rezeptionshilfe käme nur dann auf,
wenn für jeden Leser mittels eines strukturellen Ordnungsprinzips, wie durch die anta-
gonistische Personenkonstellation in den Osterspielen und in 'Salman und Morolf', die
Trennung der lehrhaften von den ernsten Textpassagen mühelos durchzuführen wäre.
Aus den angegebenen Gründen ist dies im ‘Ring’ nicht der Fall. Unter diesen Voraus-
setzungen erschwert und verwirrt Wittenwiler die didaktische Konzeption, die mit dem
229 Zu der allgemein für die spätmittelalterliche Dichtung typische Mischung von VFKLPSIund HUQVW vgl.
Wießner, Ausgabe, S. 5.
Die Horazstelle aus 'HDUWHSRHWLFD, in: Horaz, Sämtliche Werke, Lat. und dt., Hg. von Hans Färber,
München 1985 (= Sammlung Tusculum), V. 333 f. lautet: „aut prodesse volunt aut delectare poe-
tae/aut simul et iucunda et idonea dicere vitae“
Demnach gibt es drei Erscheinungsformen von Dichtung: Die eine will nützen, die andere erfreuen,
die dritte beides. Selbstverständlich ist für den ‘Ring’ die dritte Option von besonderem Interesse.
230 Ortrun Riha, Forschungen zu Heinrich Wittenwilers 'Ring', S. 98 f., wendet sich mit Schlaffke gegen
die Auffassung von Babendreier und Belitz, die die rein didaktische Literatur als langweilig bezeich-
nen. Schlaffke erinnert an den nach eigenen Angaben des Autors im Jahr 1300 vollendeten 'Renner'
Hugos von Trimberg. Diese große Lehrdichtung ist mit 60 überlieferten Handschriften zweifellos die
populärste des Mittelalters. Sie ist durch die geistliche Absicht des Autors, die Welt und die Wissen-
schaften allegorisch nach dem Schema der sieben Todsünden deuten zu wollen, ebensowenig ko-
misch wie die um 1420 in Konstanz entstandene Ständesatire 'Des Teufels Netz', die nach dem
Strukturprinzip der Ständehierarchie aufgebaut ist.
Zu den Großformen der spätmittelalterlichen Stände-, Minne-, Jagd-, Schachallegorien vgl. Ingeborg
Glier, Allegorien, S. 215-228.
127
neuen Kunstgriff gerettet werden soll. Wie erwähnt, lobt er wider besseres Wissen die
Einführung des JHSDXUHQJHVFKUDL als der Belehrung förderliches Mittel, um von dem
für das Publikum wenig schmeichelhafen Verdikt ubiquitärer Narrheit abzulenken.
Babendreier erklärt diese Stelle wie überhaupt den Teil des Prologs, der ab
Vers 32 eine andere Argumentationsrichtung einschlägt, mit dem Zwang zur LQVLQXDWLR
(§ 280-281).231 In der Rhetorik ist damit eine besondere Art der Realisierung des H[RU
GLXPgemeint, die immer dann notwendig wird, wenn ein JHQXVWXUSH bzw. DGPLUDELOH
(§ 64) vorliegt.232 Erregt der zu vertretende Gegenstand FDXVD, oder rufen die zu ver-
tretenden Personen Abscheu WXUSLWXGR oder Ermüdung beim Publikum bzw. Richter
hervor, dann muß sich der Redner bzw. Dichter mit allen erdenklichen Verstellungs-
techniken GLVVLPXODWLRempfehlen, um die Schwierigkeiten, die dem EHQHYROHQWLDSD
UDUH in einem solchen JHQXVentgegenstehen, geschickt zu überwinden.233 Da im ers-
ten Teil bis zur Inhaltsangabe eine FDXVDKRQHVWD vorliegt, was man an der lobenden
Herausstellung der Lehrinhalte wie an der Aussage &KDLQYLQJHUOLZDUGQLHVRJXRW (V.
13) ablesen kann, dann aber das Publikum selbst in das universale Narrentum einbe-
zogen wird, fügt Wittenwiler dem ehrenwerten Gegenstand die Bauernhandlung als
FDXVDWXUSLVhinzu.
Babendreier vertritt die Auffassung, daß Wittenwiler sein ehrenhaftes didakti-
sches Anliegen nur dann verwirklichen zu können glaubt, wenn er zusammen mit den
Lehren, deren „Thematik die Leser in Wirklichkeit gar nicht gewachsen sind“, dem Pub-
likum zugleich zum Zweck der Unterhaltung und satirischen Belehrung den Narren-
spiegel vorhalte. Da die satirische Belehrungsabsicht einer Publikumsbeleidigung
gleichkomme und deswegen kaschiert werden müsse (GLVVLPXODWLR), führe er das W|U
SHOOHEHQin die Handlung ein. An die Stelle der Leser, die eigentlich gemeint seien, trä-
ten Bauern bzw. Narren, über deren Fehlverhalten gelacht werden könne. Zusätzlich
schaffe Wittenwiler Distanz und Wohlwollen, indem er den moralisch defizienten Bau-
Dennoch belegen Fastnachtsspiele, geistliche Spiele und die Schwankliteratur der Zeit um 1400 das
Interesse des meist städtischen Publikums sowohl an ernster Belehrung als auch an derb-komischer
Unterhaltung. Ernst kann Komik einschließen, muß es aber nicht.
231 Vgl. zur LQVLQXDWLR Babendreier, Studien zur Erzählweise, 234- 244.
232 Vgl. Lausberg §§ 280-281. Bei einer vor Gericht zu vertretenden FDXVDWXUSLV muß sich der Redner
beim Richter und den Zuhörern dadurch einzuschmeicheln versuchen, daß er sie ihnen durch Ver-
stellung (GLVVLPXODWLR) und durch Umschreibung (FLUFXPLWLR) insgeheim schmackhaft macht. Cicero
gibt in 'De inventione' I, 15, 20 folgende Definition: ,QVLQXDWLRHVWRUDWLRTXDGDPGLVVLPXODWLRQHHWFLU
FXPLWLRQHREVFXUHVXELHQVDXGLWRULVDQLPXPVgl. ebd. § 281.
233 Vgl., Babendreier, Ebd. S. 235. Er zitiert aus Cicero, Marcus Tullius, 'De inventione', De optima gene-
re oratorum, Topica, With an English translation by H. B. Hubbell, London/Camebridge 1960 (= The
Loeb classical library) I, 17, 24, S. 48: „Si causae turpitudo contrahit offensionem aut pro eo homine
in quo offenditur alium hominem qui diligitur interponi oportet; aut pro re in qua offenditur, aliam rem
quae probatur; ... ut ab eo quod odit ad id quod diligit auditoris animus traducatur."
128
ern seines Romans von dem redlichen, sich von seiner Hände Arbeit ernährenden
Bauern abgrenze.
Ob sich Wittenwiler bewußt nach den Regeln der antiken Exordialtopik insinua-
torischer Mittel bedient, wie Babendreier behauptet, scheint auf den ersten Blick wahr-
scheinlich, bleibt aber letztlich eine rezeptionsästhetisch fragwürdige Mutmaßung. Es
gibt zwar die den Prolog in zwei Thematiken teilende ethisch-ästhetische Differenz von
dem „vortrefflichen Fingerring“ einerseits und dem „Leben der Tölpel“ andererseits. Ob
aber das zeitgenössische Publikum von der Häßlichkeit zugleich auf die Unehrenhaf-
tigkeit des Redegegenstands geschlossen hat, darf zumindest mit Blick auf den fun-
damentalen historischen Wandel der antiken zur christlichen Stillehre bzw. des Ver-
hältnisses von Ästhetik und Ethik bezweifelt werden.
Fußend auf der UXVWLFLWDV und VLPSOLFLWDV des Evangeliums, wenden sich die
Kirchenväter gegen den von der antiken Stillehre geforderten Einklang von Gegens-
tand und Ausdrucksmittel.234 Wie sich die Erlösungstat Christi in der niederen
Knechtsgestalt der Inkarnation vollzogen hat, so offenbart sich nach Auffassung der
Väter die spirituelle Wahrheit von Gottes Wort in der demütigen schmucklosen Form
der OLQJXDSLVFDWRUXP.235 Haug stellt fest: „Das Absurde der christlichen Offenbarung,
die Geburt Gottes in einem Stall, das fand seine genaue Entsprechung in der Unerträg-
lichkeit des barbarischen Stils der biblischen Darstellung. Das Bekenntnis zur Absurdi-
tät der evangelischen Lehre konnte zusammengehen mit der Demut vor dem schlich-
ten biblischen Wort.“236
Nach Augustins Zeichensystem in der ‘Doctrina cristiana’ sind Worte Primärzei-
chen (VLJQDSURSULD) und die von ihnen bezeichneten natürlichen Dinge oder geschicht-
lichen Ereignisse Zeichen zweiter Ordnung (VLJQDWUDQVODWD), hinter denen abbildhaft
die spirituelle Wahrheit steht, auf deren Bedeutung es einzig und alleine ankommt.237
Da die sprachlichen Zeichen wie überhaupt alle nur denkbaren Zeichen täuschen kön-
nen, muß ihre eigentliche Bedeutung für das Verständnis des Schöpfungswerks, d.h.
der absoluten Schönheit Gottes und der eschatologischen Heilsgeschichte, in einem
234 Dazu schreibt Walter Haug, Literaturtheorie im deutschen Mittelalter von den Anfängen bis zum Ende
des 13. Jahrhunderts, 2. überarb. und erw. Aufl., Darmstadt 1992, S. 16 f.: „Die antike Stiltheorie be-
ruht auf einer strikten Korrelation von Gegenstandshöhe und Ausdrucksniveau, oder allgemeiner ge-
sagt: von Inhalt und Form. Dieses Prinzip hierarchisch gestufter Korrespondenzen zwischen Welt
und sprachlicher Form mußte unter christlichen Prämissen fragwürdig werden."
235 Zum Paradox der schönen Häßlichkeit Gottes vgl. Paul Michel, Formosa deformitas, §§ 248-258.
236 Ebd. S. 18.
237 Zur Zeichlehre von Augustinus vgl. Paul Michel, „Formosa deformitas", §158.
Vgl. auch Ulrich Wienbruch, „Signum", „significatio" und „illuninatio" bei Augustin, in: Der Begriff der
Repraesentatio im Mittelalter, Stellvertretung, Symbol, Zeichen, Bild, Hg. von Albert Zimmermann,
Berlin/New York 1971 (= Miscellanea Mediaevalia), S. 76-94.
129
hermeneutischen Erkenntnisprozeß aktiv erschlossen werden. Bei der Bibelexegese
wurde das hermeneutische Verfahren des sog. vierfachen Schriftsinns angewandt. Auf
der Grundlage scholastischer Zeugnisse unterscheidet Friedrich Ohly den literalen o-
der historischen, den allegorischen oder heilsgeschichtlichen, den tropologischen oder
moralischen und den anagogischen oder eschatologischen Schriftsinn.238 Von diesem
idealtypischen Modell wurde in der Praxis vielfachabgewichen. Entscheidend für die
volkssprachliche mittelalterliche Dichtung ist der Sprung von der literalen zur allegori-
schen Bedeutung.
Es kann an dieser Stelle nicht auf die funktionelle Vielfalt eingegangen werden,
die das Ausdrucks- und Deutungsmittel der poetischen und hermeneutischen Allegorie,
der DOOHJRULDLQYHUELVund der DOOHJRULDLQIDFWLV, in der spätmittelalterlichen Literatur er-
füllten. Allerdings sollen die beiden Grundfunktionen von QHFHVVLWDV und GHOHFWDWLR zu-
mindest genannt werden. Christel Meyer bemerkt dazu: „Die Allegorie ist [...] Literatur-
form und Methode der Literaturkritik. Sie ist durch QHFHVVLWDV bedingte Aussageweise
in der religiösen Rede und hat - in praxi kaum je in reiner Form - rhetorische Schmuck-
funktion."239 Wichtig für unseren Kontext ist die hier aufgezeigte Möglichkeit mittelalter-
licher Dichter, mit etwas Häßlichem Wahres allegorisch zu verschlüsseln oder interpre-
tativ sinnfällig zu machen.
Überdies gilt gerade für Wittenwilers ‘Ring’ die Allegorie als „Methode der Lite-
raturkritik“: z. B. der von Chrippenchra PLWJXRWHQZRUWHQXQGDXFKVHVVHQ (V. 2255)
geschriebene Brief,240 die aprogressive, mit großem rhetorischem Aufwand betriebene
Ehedebatte241, die an Einzelratschlägen überbordende Tugendlehre242, die Kriegsrats-
debatten der Nissinger und Lappenhauser,243 Mätzlis Gespräch mit ihrer PXW]H244.
238 Vgl. dazu Friedrich Ohly, Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter, in ZfdA 89 (1958/59), S. 1-23;
hier bes. S. 10 f.
239 Christel Meier, Überlegungen zum gegenwärtigen Stand der Allegorie-Forschung, in: FMASt 10
(1976), S. 1-69; hier S. 66.
240 Weiter oben wurde schon auf Bertschis Unverständnis und Nabelraibers lakonische Zusammenfas-
sung verwiesen.
241 Plate kommt bei der Analyse der Ehedebatte zu folgendem Schluß: „Unsere Analyse der Einzelre-
den, die Gaier karikaturhaft zu 'diskutierten Teilproblemen' verkürzt, zeigt, daß es sich nicht um 'de-
tailliert argumentierende Polemik' handelt, sondern um den Unsinn der falsch angewendeten Logik,
die durch noch so 'schöne' Rhetorik nicht aus der Welt geschafft wird." In: Ders., Wittenwilers 'Ehe-
debatte' als Logik-Persiflage, S. 382 f.
242 Vgl. das Schema des Tugendsystem in Helmut Birkhans 'Ring'-Übersetzung S. 287.
243 Vgl. zur Argumentierweise der Ratssitzungen, Alois Wolf, Überlegungen zu Wittenwilers „Ring“, S.
218: „Überdies gibt es Hinweise auf recht solide und beide Dörfer belastende Gemeinsamkeiten im
Verlauf der Debatte und in der Argumentierweise (Kriegstreiberei, Ehre, deplazierte Vergleiche, Ver-
kennen der Lage etc.) [...]. Sinn, richtig und falsch plaziert, Halbwissen und Unsinn beherrschen hier
wie sonst auch im 'Ring' das Bild.“
130
Durchweg sind die Zeichen der Reden und literarischen Muster so verwendet, daß da-
bei die herkömmlichen Bezüge von QRPLQDund UHVaußer Kraft gesetzt sind. Statt ver-
ständlicher Belehrung wird Verwirrung gestiftet. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel
bietet dafür die systematisch zur Destruktion der allegorischen Form führende Tugend-
lehre.
Die am tiefsten verästelte Abhängigkeitsbeziehung von Ober- und Untertugen-
den in der breit angelegten, von Lastersak vorgetragenen Tugendlehre ist die Allegore-
se des abstrakten Begriffs „Stärke“. Zunächst untergliedert Wittenwiler den Begriff nach
ihren Prädikaten in zwei Arten: die körperliche und eine zweite andere, nicht nament-
lich bezeichnete Stärke. Überraschend sagt er von der ersten, sie sei NDLQWXJHQG:DQ
RIWHLQVFKDONKDWGLHYHUPXJHQG(V.4744 f.). Er fährt nun fort, indem er die zweite Art
derselben Tugend exakt umgekehrt zur ersten bewertet:
'LHDQGHUYHVWQHWJDUGHQPXRW
6HXLVWHLQ]DUWHXWXJHQWJXRW
8QGZHLVWXQVEHUJHQPLWNUDIW
$OOHE|VKDLWXQJHVFKODFKW V. 4748
Für sich genommen bezeichnet ein Name gar nichts. Er ist ein leeres Etikett für
irgendeinen Begriffsinhalt. Der kognitive Gehalt eines Zeichens bemißt sich allein nach
seiner Prädikation. Wittenwiler schreibt also dem identischen Namen konträre Begriffs-
inhalte zu, so daß er absurderweise das allegorische Zeichen, dem eine Bedeutung
eindeutig zugeordnet werden muß, als Homonym widersprüchlicher Inhalte auffaßt.
Schon hier ist das Bauprinzip der Allegorie gesprengt.
Die zweite Art der Stärke bestehe aus fünf schönen Mädchen: Sicherheit,
Großmütigkeit, gute Hoffnung, Beständigkeit und schließlich Geduld. Birkhan setzt hier
fälschlich Wohlgelittenheit. Alle IQIPlJHWWHLQwerden in den Versen 4756 ff. aufge-
zählt. Aus den Reden der vier Erstgenannten läßt sich noch mehr oder minder der
kognitive Konnex zu ihren Namen herstellen. Beim Auftritt der JHGXOWLFKDLW (Behar-
rungsvermögen)weiß man nur deshalb, daß es sich um sie handeln muß, weil sie zu-
vor an fünfter Stelle genannt wurde (V. 4761): 'LHIQIWQLFKWODWVHLFK|P]XRGLU8QG
244 In Mätzlis groteskem Dialog wird der traditionelle, an subtilen Reflexionen reiche Minnemonolog der
Damemit ihrem Herzen bzw. zwischen Leib und Seele auf die Zeichen kruder Körperlichkeit redu-
ziert.
Vgl. dazu Belitz, Studien zur Parodie, S, 58-62, hier S. 61 f.. Er sieht in dieser Szene keine Parodie
und auch keine Beleidigung der hohen Minne. Vielmehr „strukturiert [Wittenwiler] seine Episode
streng nach dem Muster des profanierten Pietà-Motivs, zu dem es gehört, daß der Allmächtige als
unsichtbarer Gesprächspartner miteinbezogen wird.“ Die Begründung für Belitz Schlußfolgerung ist
mir nicht klar. Er konzediert, daß das religiöse Bedeutungsfeld mit aktiviert wird, doch streitet er eine
blasphemische Wirkung ab.
Entsprechend blaß fällt die Deutung dieser Szene aus: „Die Dominanz von Häßlichkeit und Obszöni-
tät ist ein Indiz dafür, daß Wittenwiler die Wirklichkeit hüllenlos zeigen will." Abgesehen von dem un-
131
SULQJGHUVHNHQYLHUPLWLU(V. 4831 f.). Sie, die Namenlose, bringt nun vier Säcke. In
denen stecken Kleider, Geld, aber auch Beherztheit und JGXOWLFKDLWBeharrungsver-
mögen). Diese Dinge sollen jedem besonders nützlich sein, der sich am Hof aufhält.
Vom Inhalt des letzten Sacks heißt es:
'HUOHVWHVDNLVWJGXOWLFKDLW
GHUDOOGHLQOHLGHQEHUWUDLW
$QSHLWHQYDVWHQXQGDQZDFKHQ
$QVZHLJHQXQGDQDQGHUHQVDFKHQ V. 4847 ff.
Lastersak behauptet also allen Ernstes, daß sich die JGXOWLFKDLWselber in einem
Sack herbeischleppe. Ihre Selbstnennung kreist in sich selbst, insofern sie ihren Na-
men lediglich durch ihre Eigenschaft tautologisch dupliziert und die Umstände, in de-
nen sie auftaucht, potentiell unendlich sind. Ausgehend von der Ordnungszahl als ein-
ziger semantischer Orientierungsmarke für die Identifikation der Geduld, ironisiert Wit-
tenwiler im Bild der sich selbst in einem Sack tragenden JGXOWLFKDLWdas strukturgeben-
de System der personifizierten Tugenden. Ein Zeichen verweist auf ein anderes, ein
Name ersetzt einen anderen. Schon durch die Vielfalt möglicher Referenzen verlieren
die in sich widersprüchlichen Fallbeispiele ihre Signifikanz hinsichtlich des einen abs-
trakten Begriffs, dem sie allegorisch zugewiesen sind. Sie können oft mit dem gleichen
Aussagewert auf andere Tugenden übertragen werden. Am Ende bleiben durch den
systematisch betriebenen Bedeutungsverlust die Abstrakta leer, so daß die Aufzählung
der FDVXVin Form von erstarrten substantivierten Verben ins Unendliche fortgespon-
nen werden kann. Das Schema der allegorischen Konstruktion ähnelt einem brüchigen
Skelett, das schließlich an seiner eigenen Nichtigkeit zusammenbricht.
Wittenwilers Erzähltechnik erzeugt das Chaos einer in sich selbst kreisenden,
immer wieder auf sich selbst zurückgeworfenen rhetorischen Leerlaufbewegung. Sie
verstellt den Blick auf das, was der Wahrheitsfindung und der lebenspraktischen Orien-
tierung dienen könnte, verhindert Kommunikation und zeitigt als logische Konsequenz
törichte Verblendung, Gewalt und physische Vernichtung. Unter diesen konzeptuellen
Voraussetzungen erscheint die unbeschwerte Übertragung des antiken Stilbegriffs auf
die Prologaussagen Wittenwilers mehr als zweifelhaft.
geklärten Wirklichkeitsbegriff paraphrasiert Belitz, was offensichtlich ist. Man fragt sich immer noch,
weshalb Wittenwiler so verfährt.
132
5.4 Wittenwilers ironische Erzählweise
5.4.1 Detailanalyse einer widersinnigen Definition
Der Leser führt den offenkundigen Widerspruch vom Bauerngeschrei, durch
das „wir umso angenehmer bekehrt werden“, und der dennoch für notwendig befunde-
nen Farbmarkierung nicht sogleich auf das ihn selber umgreifende Konzept der univer-
sellen Narrheit zurück. Schafft doch die komische Bauernfigur Distanz zur eigenen mo-
ralischen Defizienz. Wie bereits oben festgestellt, geht aus der Literatur in der Stadt
und den Schwanksammlungen dieser Zeit hervor, daß der Bauer als Inbegriff alles Ro-
hen und Unkultivierten eine negative didaktische Identifikationsfunktion erfüllt. Er rep-
räsentiert die bestialische Natur des Menschen und spiegelt damit die Kehrseite kultu-
reller Reglements der Stadt, die im schadenfrohen Gelächter über den dummen Bau-
ern sublimiert werden konnten. Geschickt verstärkt Wittenwiler noch diese Distanz
schaffende Funktion seiner Narrenbuchkonzeption, indem er sich an dieser Stelle aus-
drücklich mit dem Publikum solidarisiert:
'DUXPEKDEich GHUJHSDXUHQJHVFKUDL
*HPLVFKHWXQWHUGLVHXOHU
'D]VHLGHVWVHQIWHUuns EHFKHU V.36 ff.
Um eine Publikumsbeleidigung zu vermeiden, distanziert er sich zusammen mit
seiner Leserschaft von der Negativfigur des Narrenbauern, an dem er das Verdikt des
wankelmütigen Menschen beispielhaft vorzuführen beabsichtigt. Somit fungieren also
die Narrenbauern als Vehikel für die Negativvermittlung einer Lehre, die mit einem all-
gemeinverbindlichen und objektiven Wahrheitsanspruch einhergeht.
Nun ergibt sich aber aus dem Textbefund, daß Lehre und Törpelleben oft nur
mit interpretatorischen Verrenkungen voneinander zu trennende Bereiche sind. Da ei-
ne in allen Fällen schlüssige Relation von Farbe und Text definitiv nicht systematisier-
bar ist, liegt die Vermutung nahe, daß Wittenwiler die farbliche Markierung nur schein-
bar als Instrument der Belehrung einsetzt, um damit in Wahrheit nur noch mehr Verwir-
rung zu stiften. Der binäre graphische Kode ist viel zu abstrakt, um die Mehrdeutigkei-
ten eines ästhetischen Textes im Sinne einer Bedeutungsfestlegung erfassen zu kön-
nen. Es ist nicht kommunizierbar, ob rot oder grün an dieser oder jener Stelle des Ro-
mans richtig oder falsch verwandt ist. Zudem verkehrt sich die Funktion der auktorialen
Rezeptionssteuerung in ihr Gegenteil. Statt dem Leser eine verläßliche, von ihm
133
verantwortete Rezeptionshilfe anzubieten, drückt sich hier die subjektive Deutung ei-
nes zum erstenmal genannten „Ich“ in Angeboten zur Sinnstiftung aus, dessen An-
nahme oder Verwerfung dem Leser überlassen bleibt (V. 36-39).
Wie noch zu zeigen sein wird, könnte man den „zweiten Prolog“ von Vers 32 bis
zum Ende aufgrund seiner völlig veränderten Buchkonzeption als von einem Ich-
Erzähler im Unterschied zum Autor vorgetragen deuten. Bezeichnenderweise meldet
sich im ersten Teil des Prologs nur einmal ein Ich im Zusammenhang der Stoffdisposi-
tion zu Wort: ,QGUHXVFKROH]JHWDLOHWVHLQ%HVXQGHUQDFKGHQVLQQHQPHLQ(V. 14 f.).
Im zweiten Abschnitt sind es dagegen vier Stellen, in denen sich ein „Ich“ kundtut (V.
36; 42; 43; 47).
Auf die nun in Vers 42 'RFKYHUQHPSWPLFKZHOWLUHEHQeingeleitete adversa-
tive Wendung folgt eine mit sechs Versen relativ breiten Raum einnehmende Erklärung
dazu, wie Wittenwiler die Figur des Bauern in seinem Roman verstanden wissen möch-
te. Sie bezeichne denjenigen, der „unrichtig lebt und sich töricht aufführt". Dagegen
schließt er denjenigen aus seiner Betrachtung aus, der sich im Gegenteil „aus weiser
Einsicht von redlicher Arbeit ernährt“.
(ULVWHLQJHSDXUin meinem muot
'HUXQUHFKWOHSWXQGOlSSLVFKWXRW
1LFKWHLQHUGHUDXVZHLVHPJIHUW
6LFKPLWWUHXHUDUEHLWQHUW
:DQQGHULVWmir in den augen
6lOLFKYLOdaz schült ir glauben V. 43 ff.
Diese mit der oben genannten Audite-Formel eingeleitete Textpassage beginnt
mit einer zweizeiligen Definition der Figur des Bauern. Sie steht offenbar nicht zufällig
an dieser Stelle, denn in der letzten Zeile davor wird ausgesagt, daß das W|USHOOHEHQ,
das dem JHSDXUHQJHVFKUDL (V. 36) entspricht, mit der grünen Farbe gekennzeichnet
werden soll. Abgesehen von der näheren Bestimmung dieses Lebens als „unrechtes",
enthält diese Definition bezüglich der Eigenart und der Funktion der Tölpel keine zu-
sätzlichen Informationen. Denn die dem Narrenbauern attribuierten Tätigkeiten von
„unrechtes Leben" und „närrisches Verhalten" duplizieren den im Wort W|USHOOHEHQ
schon enthaltenen Aussagegehalt. Wittenwiler definiert die Figur des Bauern, indem er
sie als ausführendes Subjekt bzw. als Verursacher des W|USHOOHEHQ vorstellt. Der Bauer
verschmilzt mit dem W|USHOOHEHQ zu einer unauflöslichen Einheit.
Wozu bedarf es nun eines gläubigen Lesers bei einem Sachverhalt, der Wit-
tenwiler scheinbar objektiv vor Augen steht, zumal dieses positive Bauernbild nur an
dieser einen Stelle im Werk erwähnt wird? Wäre nicht eher die Bereitschaft des Lesers
vonnöten, an den im Roman vertretenen Bauern samt der ihm zugeschriebenen nega-
tiven Eigenschaften zu glauben? Schließlich macht Wittenwiler aus ihm eine Exempel-
134
figur mit objektiv belehrender Funktion. Nun lassen sich zwar beide adverbiale Ergän-
zungen LQPHLQHPPXRW und PLULQGHQDXJHQ problemlos mit den synonymen Ausdrü-
cken „nach meiner Meinung“ oder „meiner Ansicht nach“ übersetzen. Dennoch bleibt
die signifikant am Versende exponierte, syntaktisch gleich gebaute Parallelstellung von
PXRW und DXJHQbedenkenswert Ausgehend von den Wortbedeutungen heißt das, daß
der Autor mit seinem Geist (PXRW ein inneres Bild, mit seinen Augenein äußeres
wahrnimmt. Damit wird die für den Roman allein relevante Exempelfigur des närrischen
Bauern als Resultat eines von Wittenwilers Vorstellung abhängigen Artefaktes heraus-
gestellt, wohingegen das aus der weiteren künstlerischen Bearbeitung gänzlich ausge-
blendete Gegenbild des Bauern, der eben nicht „unrichtig lebt“, sondern sich redlich
ernährt, sich nicht „läppisch gebärdet“, sondern weise seine Angelegenheiten regelt,
als objektiv und losgelöst vom Autorwillen betrachtet wird.
Vor dem Hintergrund dieser Scheinopposition erhält der Appell an den Leser,
an die reiche Segnung des „weisen Bauern“ zu glauben, einen ironischen Hintersinn.
Aus der Perspektive ubiquitärer Narrheit hat jeder Mensch, inklusive des Autors selbst,
seine besondere Grille. Jeder, das heißt auch der vermeintlich Weise, erscheint als
Narr bzw. Sünder und kann deswegen zum Objekt eines satirischen Angriffs werden.
Während die Satire dem Leser bekannte Mißstände mit den Mitteln der Übertreibung
vor Augen führt, setzt die Fiktion eines „weisen Bauern“ den Glauben im Herzen (PXRW)
des Lesers voraus. Es entsteht der Eindruck, als habe Wittenwiler die rhetorischen Ör-
ter von PXRW und DXJHQ absichtlich vertauscht, um damit den ironischen Effekt zu er-
zielen. Noch niemandem ist je ein „weiser Bauer“ vor Augen gekommen.
Zudem war ein „weiser Bauer“ zu der Zeit um 1400 noch nicht im Sinne einer
an Theokrit und Vergil angelehnten Idyllik literaturfähig.245 Entsprechend der satiri-
schen Gebrauchsfunktion würde die Zuordnung von weise zu Bauer geradezu als eine
FRQWUDGLFWLR LQ DGMHFWR verstanden worden sein.246 Genetisch verdankt er an dieser
245 Der als Bauernsohn geborene Helius Eobanus Hessus (Eoban Koch) schreibt 1509 nach dem Vor-
bild Vergils das ‘Bucolicon’. Er bedient sich als erster deutscher Humanist dieser Gattung. Vgl. dazu
Cramer, Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter, S. 400.
Vollends aufgewertet zum literaturfähigen Repräsentanten eines naiven und gottgefälligen Lebens
wird der Bauer als literarische Figur erst in der Frühaufklärung, etwa in Albrecht von Hallers lehrhaf-
tem Idyll 'Die Alpen'. Dieses Idyll ist immer auch als Kontrastfolie zu kritisierten Zivilisationsmustern
der Stadt zu verstehen. Haller greift „trotz dem Willen zur Konkretheit“ auf die „uralten Überlieferun-
gen des Idylls“ zurück.
Vgl. dazu Werner Kohlschmitt, Geschichte der deutschen Literatur, Bd. II, Vom Barock bis zur Klas-
sik, S. 267 ff.
246 Vgl. Wießner, Kommentar, S. 11. Motivisch knüpft Wittenwiler mit dem Bild vom ehrlichen Landarbei-
ter, den er wie auch andere Autoren entschuldigend aus seiner satirischen Spottdichtung ausblendet,
an Bibelstellen an, in denen von den Segnungen des ursprünglichen Nährstandes aller Menschen die
Rede ist. Nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies ist der untätige und närrische
Mensch „in den Augen Gottes“ moralisch defizient, blasphemisch. Alle Menschen sollen sich „weise
mit redlicher Arbeit“ von ihrer ererbten Schuld zu befreien trachten. Nach dem biblischen Motiv sind
diese Menschen VlOLFK: Ps 127, 1-2 %HDWLRPQHVTXLWLPHQW'RPLQXPTXLDPEXODQWLQYLLVHLXVODER
UHVPDQXXPWXDUXPTXLDPDQGXFDELVEHDWXVHVHWEHQHWLELHULW
135
Stelle seine Existenz dem Aspektwechsel, der zum einen die satirische Überzeichnung
des schlechten Menschen, zum anderen die ideelle Überhöhung des guten in den Blick
nimmt.
Die Ironie der Aussage könnte darin bestehen, daß derjenige ein Narr ist, der
an den Widersinn eines „weisen Bauern“ glaubt. Nach der biblischen Auffassung des
von Wießner herangezogenen Psalms 127, nach dem ein gottesfürchtiger und arbeit-
samer Bauer von Gott gesegnet, das heißt VlOLFK ist, kann der Glaubensappell an die
Leser auch ernst gemeint sein. Allerdings wird auf die biblische Aussage nur implizit
durch das Prädikatsnomen angespielt. Der Leser soll dem Autor glauben, dessen ethi-
sches Werturteil mit dem der Bibel übereinstimmt.
Durch die streng parallelisierte Gegenüberstellung schematisch in ihr Gegenteil
verkehrter Attribute wird der biblisch konnotierte „weise Bauer“ auf dieselbe Ebene wie
der Narrenbauer gehoben. Beide sich ausschließenden Extremvorstellungen, der
Mensch wie er in den Augen bzw. dem Willen Gottes richtig, d.h. gottgefällig, leben
soll, und der Mensch wie er nach der Meinung bzw. dem Willen Wittenwilers für sein
Romankonzept beschaffen sein soll, geraten so gleichermaßen in den Verdacht, litera-
rische Erfindungen zu sein. Diese Indifferenz in der Gleichsetzung wirkt sich dann auch
implizit auf die Bibel und den 'Ring', auf Wittenwiler und den Schöpfergott aus. Das
wiederum bedeutet, daß Wittenwiler mit seinem Roman dieselbe absolute Wahrheit
beansprucht wie die Bibel.
Wittenwiler unterläuft seine Definition dadurch, daß die Kunstfigur des Narren-
bauern mit seiner eigenen Kontrafaktur erklärt wird.247 Die grammatischen Satzteile
der Aussagenkomplexe sind fast identisch konstruiert, wobei die Prädikate des zu defi-
nierenden Subjekts gegenteilige Eigenschaften indizieren. Es sind also keine Eigen-
schaften ein und derselben zu definierenden UHV, sondern widersinnige nominelle Defi-
nitionsinhalte desselben Namens. Absurderweise wird etwas rein nominell durch sein
exaktes Gegenteil definiert. Dem GHILQLHQVstehen zwei konträre GHILQLHQGDgegenüber.
Dadurch verliert der Geltungsbereich des zu definierenden, d.h. einzugrenzenden Ge-
genstands des Narrenbauern den Status einer UHV Dem Leser wird ohnehin nichts
Neues über das JHSDXUHQJHVFKUDL und das W|USHOOHEHQ mitgeteilt. Beide Bezeichnun-
gen finden lediglich in der prädikativen Aussage 'HUXQUHFKWOHSWXQGOlSSLVFKWXRW(V.
247 Kontrafaktur kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Gegenschöpfung bzw. Nachbildung.
Vgl. den Lexikoneintrag, in: Günther und Irmgard Schweikle (Hgg.): Metzler Literaturlexikon, Begriffe
und Definitionen, zweite, überarbeit. Aufl., Stuttgart 1990.
Kontrafaktur bezeichnete im Mittelalter die Übernahme einer beliebten Melodie für neue Liedtexte.
Der musiktheoretische Begriff der Kontrafaktur bietet sich in diesem Falle an, weil er im Gegensatz
zur Parodie das syntaktische Grundmuster, d.h. die Konstruktionsregeln seiner Vorlage unverändert
übernimmt. Allerdings ist Wittenwilers „Liedtext“ kein beliebiger. Denn er verkehrt die Aussagen der
Vorlage in ihr direktes Gegenteil. Er verbindet die syntaktische Identität mit einer semantischen Kont-
radiktion.
136
44) ihr synonymes Pendant. Anstelle einer Rezeptionshilfe eröffnet er dem Leser dafür
die Möglichkeit, über die Sinnkonstitution von Definitionen nachzudenken. Denn im
scholastischen Sprachgebrauch sind GHILQLWLRund VHQWHQWLDsynonyme Begriffe für Sinn
bzw. Bedeutung. Er signalisiert damit die Willkür der Bezeichnung (VLJQLILFDWLR) in ei-
nem Akt der Bedeutungsfestlegung.248 Statt des Narrenbauern hätte er ebensogut den
„weisen Bauer“ zum Gegenstand seiner Dichtung wählen können. Denn obgleich die-
ser nicht in der Welt der Narrenbauern auftaucht, ist er doch gleichfalls ein literarisches
Produkt wie jener Narrenbauer, um den es Wittenwiler in seinem Roman allein zu tun
ist.
Wie bereits oben dargelegt, bietet Wittenwiler am Ende des Prologs drei alter-
native Rezeptionsmöglichkeiten an: QXW]WDJDOW(Unterhaltung) und PlU (Geschichte,
„erlogenes Zeug“):249 In den beiden Schlußversen: 'HUVFKDOOHQG LQ GHP KHUW]HQ
IUR+HEWGLHWDLGLQJDQDOVR (V. 53f.), imitiert er in der Rolle des Erzählers250 den bibli-
schen Verkündigungsgestus.251 Mit diesem letzten Ausspruch des Prologs kündet er
also in der Verkleidung des Engels der Verkündigung die närrische Sphäre der Ro-
manhandlung an. Dabei scheint sein Frohsinn dem der HVOHUSDXUHQ (V. 59) zu glei-
chen, die DQHWUDXUHQ (V. 60) im „wunderbar gelegenen“ WDO]HJUDXVHQ (V. 55) in einem
Dorf namens /DSSHQKDXVHQ (V. 56) ihr unbeschwertes Narrenspiel treiben.252 So iden-
248 On the Medieval Theory of Signs, Hg. von Umberto Eco und Costatino Marmo, Amsterdam 1989, S.
53: „Spade has remarked that for scholars ‘significatio’ is not ‘meaning’: ‘a term signifies that of which
it makes a person to think’ (and this is undoubtedly the sense intended by Augustine), ‘so that, unlike
meaning, signification is a species of the causal relation.’ Meaning (be it mental correlate, semantic
content, intension, or any form of noematic, or ideal, or cultural entity), is represented in the Middle
Ages, as well in the whole Aristotelian tradition, not by ‘significatio’, but by ‘sententia’ or by ‘definition’.
249 Vgl. zur Wortbedeutung die von Edmund Wießner in seinem Kommentar S. 12 zum Vergleich heran-
gezogenen Literaturzitate. Laut Wießner bezeichnet PlUeine „erfundene Geschichte“ mitunter sogar
„erlogenes Zeug“.
250 Vers 52 lautet: 6SUDFK+DLQUHLFK:LWWHQZHLOlU. Damit gibt sich der gesamte Prolog erzähltechnisch
als Zitat des Erzählers zu erkennen. Text und Autor sind durch den Vermittler getrennt, die Verbind-
lichkeit und der Wahrheitsanspruch der Prologaussagen zumindest relativiert.
Lutz trennt gegen Wießner 'HUVFKDOOHQG in ein Relativpronomen 'HUund ein Partizip Präsens. Vgl.
ders.: Spiritualis fornicatio, S. 346, Anm. 251.
251 Vgl. Christoph Gruchot, Heinrich Wittenwilers „Ring", S. 62.
252 Zur Bezeichnung /DSSHQKDXVHQ vgl. Wießner, Kommentar, S. 13.
Der /DSSHQKHXVHU kann schlicht ein Scheltwort für den Narren sein. Mit Lappen waren wohl ur-
sprünglich die bunten Stoffetzen gemeint, mit denen die Narren zur Fastnacht bekleidet waren. Das
Adjektiv OHSSLVFK bedeutet närrisch. Wie Lappenhausen eine aus Lappen und der gebräuchlichen
Endung Hausen zusammengesetzte Ortsbezeichnung der Narren ist, verwendet Wittenwiler auch To-
renhofen (V. 7887) und Narrenhaim (V. 7882). Das aus Esel und edel zu HVOHU kontrahierte Wortspiel
signalisiert zum erstenmal das närrische Nachahmungsgebaren adliger Lebensformen durch die
Bauern. Sprachlich ist dies der erste Beleg dafür, wie Wittenwiler sich ausschließende Gegensätze
zu unauflöslichen Paradoxien verschweißt.
Vgl. dazu das von Wießner angeführte Vergleichszitat aus der großen Lehrdichtung des um 1300
entstandenen 5HQQHU von Hugo von Trimberg, Wießner Kommentar, S. 13 f. Hugo stellt edel und
Esel antithetisch gegenüber, ohne wie bei Wittenwiler die logischen Referenzen durch die Verbin-
dung beider zu einem Wort zu verwirren.
137
tifiziert er also die Dichtung mit der biblischen Heilsbotschaft, dem Evangelium, sich
selbst mit dem (YDQJHOXV Doch statt der Furcht, die die nächtens wachenden Hirten
beim Erscheinen des Engels befällt, lesen wir hier von Bauern in einem paradiesischen
fruchtbaren Land, das der Erzähler im Widerspruch dazu als Jammertal bezeichnet.253
Wieder verstellen konträre Aussagen den Blick auf die Festlegung bestimmter UHV.Wer
spricht hier wie über was?
5.4.2 Erzählerrolle und Fiktionalisierung
Vermeintlich durch die Autorität des Autors verbürgte Leseanweisungen figurie-
ren auf der gleichen fiktionalen Ebene wie das Romangeschehen. Damit verlieren Wit-
tenwilers programmatische Prologäußerungen über den Roman ihre paratextuelle
Funktion. Sie erscheinen als die von der Autorität der Autorenrolle abgelöste Rede ei-
nes einzelnen, der nicht viel mehr Verfügungsgewalt über den Stoff zugesprochen
werden kann als der Äußerung irgendeiner Romanperson.254 Überdies zeigt sich jetzt,
daß die Romanhandlung, die WDLGLQJ selbst, als erzählendes Subjekt in Aktion tritt: +HEW
GLH WDLGLQJ DQ DOVR (V. 54). Die Objektivierung des Erzählvorgangs GHUVFKDOOHQG LQ
GHPKHUW]HQIUR+HEWGLHWDLGLQJDQDOVRerweckt den Eindruck einer sich selbst erzäh-
lenden Geschichte, über die auch der Erzähler nur zum Teil verfügt. Die Geschichte
wird zum Agens ihrer selbst in der Weise, daß Reden ein Erzählen ist und der Erzähler
auch nur ein Redner, also Teil der Erzählung ist. Wie Ziegeler zurecht behauptet, trifft
das, was Graevenitz über den „nicht-mehr-allwissenden-Erzähler“ am Beispiel Uwe
Johnsons schreibt, auch auf Wittenwilers Erzähler zu:
Vgl. ebd. den Wittenwiler ähnlichen Gebrauch von Parodoxien bei den 70 bzw. 170 Jahre späteren
Autoren Steinhövel und Fischart.
253 Die Stelle lautet bei Lukas 2, 9-11: „et ecce angelus Domini stetit iuxta/illos/et claritas Dei circumfulsit
illos [pastores]/et timuerunt timore magno/et dixit illis angelus/nolite timere/ecce enim evangelizo vo-
bis gaudium/magnum quod erit omni populo/quia natus est vobis hodie salvator.“
Bei Wittenwiler ist die ganze Szene umgekehrt. Hier begegnen uns statt der nächtlich wachenden
Hirten fröhliche Bauern, die sich in ihrer Eitelkeit sonnen. Das JDXGLXP ist in der Welt. Da nun die
WDLGLQJanhebt, übernimmt der Dichter die Rolle eines von Gott inspirierten Propheten.
254 So etwa verfügt die Laichdenman (Mannsbetrug) als Romanfigur über den Romanstoff, wenn sie Wit-
tenwiler am Ende der Ehedebatte ironisch sagen läßt: 'D]UHFKWZLUVHKHQGDUPXRWKDEHQ9RQGHU
QRFKYLHO]HVDJHQZlUZUGGD]SHFKHOQLFKW]HVZlU (V. 3482 ff.).
Nach Übelgsmachs „Hoflehre" rät er Bertschi, das, was höfisches Verhalten darstelle, auf seiner be-
vorstehenden Hochzeitsfeier HFRQWUDULRzu lernen; vgl. V. 4868 ff. Auch er scheint also über ein Wis-
sen zu verfügen, daß eigentlich nur dem Erzähler zukommt.
Nabelraibers Prosaurteil nach der Ehedebatte begründet er damit, daß: ,U KDEW JHUHLPHW XQGJH
WLFKW&KOXRJHXVDFKZLOUHLPHQVQLFKW(V. 3519 f.). Wenn man will, kann man diese Aussage auch als
Kritik am versifizierten Roman auffassen.
138
Die Verfügbarkeit des Erzeugers über seine Erfindung ist unveräußerlich. Wo die
Aussagefunktion durchsetzt ist mit Topoi eines 'mutmaßenden', nicht mehr verfügenden
Erzählers, da wird allenfalls mit doppeltem Boden gearbeitet: in einem die Wahrhaftig-
keit moderner Autoren Lügen strafenden Widerspruch steht Verfügbarkeit des Schrei-
bens der 'Unverfügbarkeits-Illusion' gegenüber.255
Negative Beglaubigungsformeln, Unsicherheitsfloskeln, das schlichte Mitteilen
von Fakten, die unterschiedlichen Darstellungsmodi des Erzählens werden selbst zu
konstituierenden Elementen der Geschichte. Folgendes Beispiel für negative Beglaubi-
gung belegt die zur Bedeutungsaufhebung neigende ironische Erzählweise Wittenwi-
lers:
$OVRUDQWGHVHUVWHQ
%HUWVFKLLQGHPULQJHXPE
+HLDKHZLHJVXQWZLHMXQJ
%LQLFKDQGHPKHUW]HQPHLQ
'D]ZDVGRGDVMDXFKW]HQVHLQ
:LHULWWHUOHLFKHQNRQGHUUHLWHQ
0LWGHQVSRUHQ]SDLGHQVHLWHQ
'HQNROEHQZDQGHUXPEGD]KDXEW
(ULVWHLQQDUUGHUPLUGD]JODXEW V.1059 ff.
Der affektive Ausruf Bertschis wird vom Erzähler durch das substantivierte Verb
GDV MDXFKW]HQ ersetzt und objektiv beglaubigt.257 In derselben objektiven Diktion be-
zeichnet er nun Bertschis Reiten als ritterlich. Das Adverb ULWWHUOHLFK - im Faksimile
steht ULWWOHLFK, das könnte wie bei dem doppeldeutigen Wortspiel ULWWLJPl(V. 128)e-
benfalls „fieberhaft" bedeuten - bringt ironisch die dünkelhafte Verblendung des Tölpels
zum Ausdruck.258 Dabei werden der Vorgang „das Reiten" und die Bewertung „ritterlich
bzw. fieberhaft" gleichermaßen objektiv. Die Sporen, die der Berichterstatter an Bert-
255 Gerhart Graevenitz, Die Setzung des Subjekts, Tübingen 1973 (= Studien zur deutschen Literatur
36), S. 46.
256 Auch hier steht der Ausdruck LQ GHP ULQJ XPE für die beschriebene Bewegung des epischen Ge-
schehens wie für die kreisförmig in sich selbst rotierende Sprachbewegung der hier zitierten neun
Verse.
257 Dazu schreibt Ziegeler, Erzählen im Spätmittelalter, S. 424: „Abstrakta werden zu Subjekten; und in
Verbindung mit wenig aussagekräftigen, unpersönlich konstruierten Verben und den PDQVDFK, PDQ
YDQW-Formeln vollzieht sich 'Geschehen' scheinbar objektiv und unabänderlich". Als Beispiel führt er
an: 'RKXREVLFKHLQKRILHUHQ0LWVWHFKHQXQGWXUQLHUHQ(V. 103 f.).
Wittenwilers Subjektivierung von Sprache vollzieht sich aber auch in umgekehrter Richtung. Substan-
tive werden ebenso in Verben verwandelt wie Verben in Substantive. Statt zu schreiben: „jauchzte
er", heißt es GDVMDXFK]HQVHLQ. Der Affekt, der Modus des Sagens, wird zum Subjekt, das eigentliche
Subjekt, Bertschi, zum ausführenden Organ bzw. zu einem Objekt, dem sich ein närrischer Affekt
bemächtigt.
258 Vgl. die Graphik des Wortes, in: Heinrich Wittenwiler, 'HU5LQJ in Abbildung der Handschrift, Hg. von
Rolf Bräuer, George F. Jones und Ulrich Müller, Göppingen 1990 (= Litterae, 106).
Dazu vgl. auch Wießner, Kommentar, S. 22.
139
schi sieht, bestätigen das lächerliche Imitationsverhalten. Es folgt nun aber noch eine
objektive Beobachtung (V. 1066), die sich jeden ironischen Kommentars enthält. Den
Bindestrich hat Wießner hinzugefügt. Darauf schließt der Erzähler den ganzen Bewe-
gungsvorgang mit der negativen Beglaubigungsformel ab.
Selbstverständlich kann man die Formel problemlos auf die ironische Wertung
von Vers 1064 beziehen. Absurderweise läßt sie sich aber auch mit den beiden „objek-
tiven" Beobachtungen des Erzählers in Bezug setzen, die zwischen der halb beschrei-
benden, halb ironischen Bemerkung und der negativen Beglaubigung stehen. Wirbelt
der übermütige Hauptnarr Triefnas beim Reiten den Kolben über seinen Kopf, so bes-
tätigt das doch gerade die Ironie. Ist diese Beobachtung aber Teil der negativen Be-
glaubigung, wird die effektvolle Kontrastierung von objektiv beschriebenem Imitations-
gebaren und ironischem Kommentar aufgehoben. Durch die Selbstironie des Erzählers
wird Ironie als die UHVverfälschendes poetisches Mittel bewußt. Damit gerät zum einen
die Glaubwürdigkeit des durch den Erzähler vermittelten Geschehens, zum anderen
die Verwendungsweise poetischer Mittel, mitunter die Machart des ganzen Romans in
ein zweifelhaftes Licht.259
Wittenwilers Erzähler ist entgegen allen Beteuerungen von Unwissenheit allwis-
send. In der Rolle des Berichterstatters ist er am fiktiven Geschehen mehr oder minder
affektiv beteiligt. Indes lassen die ironischen Kommentare keinen Zweifel an seiner ü-
ber Ereignisse und Personen frei verfügenden Selbständigkeit. Dadurch bleibt die In-
tegrität des fiktiven Geschehens mit all seiner logischen und ästhetischen Wider-
sprüchlichkeit erhalten. Desillusionierungen, wie sie z. B. Neidhart an den Bauern
durchspielt, führen statt zu einem didaktisch gewollten Fiktionalitätsbruch zu verstärkter
Fiktionalisierung.260 Der Leser gewinnt Distanz zu dem tölpelhaften Imitationsverhalten
259 Vgl. auch die in Wießners Kommentarband zu der negativen Beglaubigungsformel angegebenen Pa-
rallelstellen: V. 5644 und 8598.
Die erste ist dem Hochzeitsmahl entnommen. Der Bauer Spiegelmäss knackt die Nüsse mit den
Zähnen, schält den Apfel vom Stil, die Birnen beim Bauch ab. Ob damit höfischen Vorschriften zuwi-
dergehandelt wird, kann nicht festgestellt werden. Der Erzählerkommentar lautet: (ULVWHLQJSDXUGHU
DQLQJODXEWDiesen Satz kann man auf zweifache Weise übersetzen. Entweder so wie Horst Brun-
ner: „Ein Bauer ist's, wer's ihm nachmacht!" und Helmut Birkhan, in Heinrich Wittenwiler, Der Ring,
Wien 1983 (= Fabulae mediaevales 3), S. 184: „Wer's ihm nachmacht, ist ein Bauer" oder „Derjenige
unter euch ist ein Bauer, der glaubt, daß es einen solchen Bauern gibt."
Diese Übersetzung erscheint deshalb gerechtfertigt, weil der grammatische Bezug auf die Tätigkeit
fehlt. Dort steht eben nicht „der das/es glaubt". Denn genauso formuliert der Erzähler in Vers 8598:
„Sälich sei, der mir es glaubt.“ Damit wäre erneut ein desillusionierendes Signal gegeben, das den
Fiktionalitätscharakter reflektiert.
260 So etwa das Turnier der Pferde und Esel, das die Absurdität der ersten drei Turnieranläufe und die
groteske Schilderung des Nachturniers überbietet. Im Nachturnier streckt Neidhart mit seinem stroh-
umwickelten eisernen SHQJHOOHLQ alle Bauern nieder, so daß 0DQKLHW]LQFK|UEHQIXGHUJWUDJHQ(V.
1179). Um nicht entdeckt zu werden, legt er sich zu den Bauern ins Gras und markiert den Verwun-
deten. Kurz danach meldet der Erzähler: „Ein ander turner ward sich haben/zwüschen eseln und den
rossen:/Die wurden gumpend und auch possen/So ser, daz niemand gtorst genahen (V. 1199 ff.)“.
Der Esel Hagen von Troll wird dabei von Neidharts Pferd tödlich getroffen. Danach nennt der Erzäh-
140
der Bauern. Doch die ironisch-sarkastische Rolle des Erzählers wie die damit ver-
gleichbare Rolle Neidharts, der sich ausschließlich zum Schaden der Bauern des höfi-
schen und religiösen Kodes bedient, wirken allenfalls hinsichtlich der Beherrschung
anderer durch die rhetorische Geschicklichkeit der Verstellung identifikationsstiftend.261
Der personale ‘Ring’-Erzähler vertieft komische Kontraste und verstärkt Deu-
tungsaporien. Zugleich verhindert seine ironisch kommentierende wie extreme Gegen-
sätze objektivierende Erzählweise den Ausbruch aus der Welt des 'Ring'. Er fungiert
eben nicht wie bei der vergleichsweise einfachen Erzähltechnik seiner Quelle, der
'Bauernhochzeit', als Sprachrohr bzw. Vermittler einer DSULRULgültigen Norm, über die
der Leser durch das tölpelhafte Zuwiderhandeln eines bäuerlichen Figurenensembels
belehrt werden soll.262 Diese Erzähltechnik forciert die dem Werk eigenen Differenzen
rhetorischer Strategien, die statt didaktischer Vermittlung von Inhalten das Bewußtsein
von der Fiktionalität der Zeichen bewirken.263
ler die Geschädigten des Turniers: Den Müller, der den Esel Hagen an Troll verliehen hatte und Kun-
zens Weib, die Jütze, die vor Lachen von der Tribüne stürzte und dabei zu Tode kam.
Der Vergleich des Nachturniers 8QGUXPSOHQXQWHUHQDQGHU6DPZLOGHXVZLQYRQ)ODQGHUQ (V. 1162)
wandelt sich im Turnier der Pferde und Esel, an dem Bertschis, Trolls und Neidharts Reittier beteiligt
sind, zur epischen Tatsachenschilderung um. Der Erzähler verstärkt nun die auf der Ebene des
Handlungsverlaufs „objektiv" inszenierte Nivellierung der Tier-Mensch-Differenz, indem er den Tod
Hagens neben den Tod der Jütze stellt.
261 Neidharts böser Wille strebt nach dem Muster des Neidhart Fuchs danach, leichtgläubigen Bauern
Schaden zuzufügen. Allerdings braucht er seine Verstellungskünste den von Halbwissen geprägten,
z. T. der höfischen Literatur entnommenen Vorstellungen der Tölpel über Minnedienst, Ritterturnier
und Religion lediglich anzupassen. Neidhart katalysiert und hypostasiert die Illusionen der Bauern.
Anders als in den Schwänken braucht er sich deshalb vor ihnen auch nicht zu fürchten. Die Konfron-
tation der affektgeleiteten Leichtgläubigkeit mit der kühl kalkulierenden Bosheit fördert die groteske
Komik in dem Maße wie die freie Verfügbarkeit über den höfischen und religiösen Kode dem Anse-
hen der „Lehren" schadet.
262 In 'Metzen hochzit' begründet der Erzähler die Sauf- und Freßorgie der Hochzeitsgäste mit der Ver-
schwendungssucht des Bräutigams: „Daz [das Essen] wag der prütgon ring:/Er satzt ez ungemessen
dar (V. 348 f.)“. Die Gäste seien deswegen so ausgelassen gewesen, weil man ihnen soviel wie zur
Fastnacht gab.
Bei Wittenwiler reut es Bertschi, daß ihm die Gäste seine Vorräte dezimieren (V. 5948 ff.). Er denkt
an die Haushaltslehre Saichinchruogs, in der er sagen hörte, daß derjenige, der sich vor Schaden
hüten will, ein kleines Fest feiern soll (V. 5035 ff.). Weil er aber auch beim Apotheker Straubel etwas
über Medizin gehört hat, sagt er „wie ein erfahrener Doktor", sie sollen zu essen und trinken aufhö-
ren, es schade ihrer Gesundheit. Die gierigen Gäste verspotten ihn. Daraufhin bringt Bertschi für alle
Gäste vier Eier und eine Nußschale für Most. Nachfolgend entbrennt ein heftiger Streit um deren
Verzehr.
Daraus kann der Leser nicht wie für den Schwank die Lehre ziehen: Hätte Bertschi die Speisen vor-
her richtig bemessen, wäre der Exzeß ausgeblieben. Vielmehr ist die sich steigernde Maß-losigkeit
bis hin zum wildbewegten Chaos der Tanzszenen und der Auflösung von Sprache im Gesang keine
negative Norm, sondern die durchgängige Darstellungstechnik der Hochzeitsorgie.
263 Vgl. Ziegeler, Erzählen im Spätmittelalter, S. 427. Ebd. sagt er, daß Wittenwiler anstelle eines Erzäh-
lers, der wie im 'Bauernhochzeitsschwank' eine Norm vermittelt, gegen die die Bauer als homogene,
nivellierte Masse verstoßen, „die literarisch mit bestimmten Eigenschaften ausgestattete Neidhart-
Figur in eine fiktive Szenerie stellt, der gegenüber sich alle Bauern demaskieren. Der Gewinn an Ei-
genständigkeit der fiktiven Welt ist um den Preis erkauft, daß die Möglichkeit direkter, unmittelbar auf
die Wirklichkeit - und sei es e contrario - übertragbarer Bauernkritik, die in der Bauernhochzeit ge-
wahrt ist, aus der Hand gegeben wird. Dieser Satz ist natürlich auch umzukehren."
141
Der antithetischen Gegensätzlichkeit der ehrenwerten und zugleich häßlichen,
der nützlichen und zugleich spaßigen Sache im Prolog und der Polemik von Rede und
Gegenrede in der Erzählhandlung liegt eine Erzählweise zugrunde, derzufolge ein Zei-
chen automatisch seinen konträren Begriffsinhalt hervorruft. An ein und derselben Sa-
che können aber nicht disparate kognitive Gegensätze gleichwertig geknüpft werden,
ohne daß die Sache selbst dabei verkannt würde. Weil sich die gegensätzlichen Signi-
fikate nicht dialektisch in einer Synthese aufheben, geht die Substanz der UHVverloren.
Dieses Gegeneinanderstellen semiotischer Oppositionen ist ein entscheidendes struk-
turbildendes Moment von Wittenwilers Erzählweise. Es verleiht dem ‘Ring’ die Dynamik
eines kreisförmigen Erzählens, dessen Sinnmitte so bedeutungsleer ist wie das Innere
des Fingerrings. Wegen der rhetorischen und nicht ontologischen Fundierung der Zei-
chen im Horizont der Fiktion entziehen sie sich dem Deutungszugriff im Sinne der Alle-
gorese.
Die parataktische Anordnung gleichwertiger und sich doch ausschließender
Vorstellungsinhalte, die von den einzelnen willkürlich mit den von ihnen vorgebrachten
Zeichen verknüpft sind, bringt diese PlUdes Wittenwilerschen Weltentwurfs allererst
hervor. Nicht die PlU ist erfunden zur negativen Demonstration einer Lehre, sondern
die PlU ist das Produkt eines Redeprozesses, der aus der Unverträglichkeit widerstrei-
tender Ansichten und Vorstellungen entsteht.
142
VI. Akte der Sinnstiftung und Aporien der Deutung
6.1 Die Rhetorik der Absicht
6.1.1 Sind der Nissinger Strudel, der Amtmann von Konstanz und der Schreiber
Nabelraiber positive Identifikationsfiguren?
Wenngleich in der Nachfolge Wießners viele Interpreten behauptet haben, daß
Wittenwiler mit den „bürgerlichen Personen“ wie dem Konstanzer Amtmann des Städ-
tekongresses (V. 7772 ff.), dem oben erwähnten Schreiber und insbesondere dem Nis-
singer Bürgermeister Strudel sympathisiere, so findet sich doch dafür an keiner Stelle
des Textes ein überzeugender Beleg. Ohne weitere Erörterung schreibt Wießner in der
Einleitung zu seiner 'Ring'-Ausgabe: „Er [Wittenwiler] gefällt sich öfters in einer juris-
tisch verklausulierten Ausdrucksweise (z. B. 7801 ff. und 8553 ff.) und zeichnet die
Gestalt des Dorfschreibers, der seinen latinisierten Vornamen trägt, sowie die des
rechtskundigen Amtmanns von Konstanz mit offener Vorliebe.“264 Fest steht aber nur,
daß der 'Ring'-Autor die Sprechweise der Personen nach ihrer jeweiligen Rolle ausrich-
tet und in verschiedenen Kontexten variiert, ohne daß er mittels entsprechender Erzäh-
lerkommentare Sympathie für irgendeine Person zu wecken versucht.
Über den Nissinger Bürgermeister Strudel fällt Wießner ein Urteil, das er komi-
scherweise mit derselben Berechtigung auf den „faunischen Bader“ übertragen könn-
te265: „(...) Strudel, dem Oberhaupt der Nissinger, einem rechten Abbild des Dichters,
da er klug die Schwächen seiner Mitmenschen durchschaut und schont und voll be-
sonnenen Ernstes sein Ziel auch auf Umwegen zu erreichen weiß.“266 Strudel erweist
sich in seiner Rede vor dem Nissinger Kriegsrat weit eher als Kriegstreiber denn als
264 Wießner, Heinrich Wittenwilers Ring, S. 10.
265 Zu Chrippenchra vgl., Ebd., S. 8.
Zum dämonischen Wesen und zur Herkunft des Namens „Strudel“ bemerkt Boesch, Namenwelt, S.
326: „Der 6WUXGHO ist der Hexenmeister, bei Frauen die Hexe, auch (mit verblaßtem Sinn) als Schelt-
wort SI. XI, 2057; vgl. auch die Stelle: sie sient VWUXGHO und hexen bei H. G. Wackernagel, Altes
Volkstum der Schweiz, 1956, S. 106."
Vgl. dazu auch Schmidt-Wiegand, Heinrich Wittenwilers 'Ring' zwischen Schwank und Fastnachts-
spiel, S. 254. Sie ist der Auffassung, daß der Name des ansonsten „besonnenen“ Mannes auf „die
Dämonie des Geschehens überhaupt hinweist“. Mir scheint der Name eher ein Hinweis auf die Irrati-
onalität des Krieges zu geben, für den Strudel eintritt.
266 Wießner, Heinrich Wittenwilers Ring, S. 15.
143
besonnener Diplomat.267 Statt die in seine Obhut gegebenen Bürger zu schützen und
die Streitsache etwa einem Schiedsgericht zu übertragen, wähnt der Nissinger Bür-
germeister das Recht zur Kriegführung auf seiner Seite. Er stellt ein Ultimatum an die
Lappenhauser und führt damit seine Leute in den sicheren Untergang: ein Verhalten,
das sich schlecht mit der Deutung Strudels als eines besonnenen Mannes verträgt.268
Wie in vielen anderen Stellen des 'Ring' fällt auch hier die offen zutageliegende Kluft
zwischen der epischen Situation und der rhetorischen Schönrederei auf.269 Weshalb
sollte Wittenwiler auf seiner Werte- und Sympathieskala die brutalen Nissinger höher
ansiedeln als die in der Kunst der Kriegführung weniger versierten Lappenhauser?
Tatsache ist, daß die Nissinger drei Lappenhauser erschlagen, bevor einer von ihnen
stirbt.270 Das selbstgerechte Ultimatum an die Lappenhauser unterstreicht, daß sich ih-
re Rede- und Verhandlungstaktik auf die ideologische Rechtfertigung ihrer gewalttäti-
gen Ziele richtet. Überdies verursacht die affektive und spontane Gewaltbereitschaft
beider Kontrahenten, der Nissinger und der Lappenhauser, den Ausbruch der Hand-
greiflichkeiten. Mitleidlos ironisiert der Bericht erstattende Erzähler ihre närrischen Ak-
tionen (V. 6619-39).
Zunächst gibt er die Tapferkeit der Nissinger der Lächerlichkeit preis. Sie stellen
sich FKHFKOHLFK(mutig) mit den Rücken zueinander und strecken ihre Lanzen vor. Fla-
denranft versucht auf seinem Esel anreitend(V.6631), die stachlige Mauer zu durch-
brechen. Der Erzähler fährt fort:
'RVHW]HWHLQUGHPHVHODQ
'HUDQGHUKXREVLFKJHQGHPPDQ
$OVRGD]PHLQ)ODGHQUDQIW
9LHOGDKLQLPZDVQLFKWVDQIW
267 Vgl. dazu seine Rede vor dem Nissinger Kriegsrat (V. 6814-61).
268 Eine wenig überzeugende Erklärung zur Ehrenrettung des Nissinger Bürgermeisters liefert Boesch,
Namenwelt, S. 340. Er begründet den Zwiespalt des Namens und der Strudel unterstellten Beson-
nenheit mit der Differenz von absoluter Lehre und allgemeinmenschlicher Narrheit: „[...] sie [die Leh-
re] bedarf des Menschen, um an den Menschen zu kommen. Das Denken in Gegensätzen ist eine
treibende Kraft in Wittenwilers Stil R. 131:
Der sechste hiet den namen Twerg,
Ein hochgeporner auf dem perg.“
Wenn Lehren der lebenspraktischen Orientierung dienen sollen, dann muß das Verhältnis von Lehre
und Mensch genau umgekehrt sein. Zur zweiten Aussage Boeschs ist zu sagen, daß die paratakti-
schen Konstruktionen konträrer Vorstellungsinhalte ein sinnvolles Deuten verhindern. Das schließt
aber keinesfalls die ästhetische Erkenntnis des Sprach- und Literaturspiels aus.
269 Vgl. dazu Wolf, Überlegungen zu Wittenwilers „Ring“, in: Festschrift für Gerhard Cordes zum 65. Ge-
burtstag, Hg. v. Friedhelm Debus und Joachim Hartig, Neumünster 1973 (= Literaturwissenschaft und
Textedition, Bd. I), S. 208-248; hier S. 215 f.: „Die angeblich so vorbildhaft weise Rede des Hitzkop-
fes (!) Strudel geht überhaupt nicht, wie es sich für einen weisen Beurteiler schickte, auf Ursache und
wirklichen Verlauf des Kampfes ein. Es ergibt sich vielmehr ein Widerspruch zwischen der Schilde-
rung des wirklichen Verlaufs und dem, was man bei den Nissingern davon zu hören bekommt; [...].“
270 Vgl. die Verse 6477-6535.
144
8QGGHUHVHOVDPSWPLWLP
7RGGD]ZDVVHLQXQJHZLQ V. 6634 ff.
Dem bestialisch-vernunftlosen Racheunternehmen verleiht er dadurch bildli-
chen Ausdruck, daß er den Esel wie einen zweiten Angreifer Fladenranft an die Seite
stellt. Gleich willenlosen Objekten stürmen und stürzen Esel und Fladenranft zugleich.
Das vom Erzähler lakonisch konstatierte Resultat des Todes bekräftigt den Widersinn
dieser affektgeleiteten Narrenaktion. Alle anderen Narren deuten es dagegen als Fanal
zum Losschlagen: 'RGD]GLHDQGHUQVDKHQ(UVWKXREVLFKHLQJDKHQ0LWZHUIIHQXQG
PLW VFKLHVVHQ (V. 6640 ff.). Wie schon des öfteren festgestellt, bewirkt die unter-
schiedslose Narrheit der Personen, daß sich ihre Aktionen verselbständigen und so die
substantivierten Verben an die Stelle handelnder Personen treten.
Fraglich bleibt auch, weshalb Wittenwiler den Amtmann von Konstanz in sein
Herz geschlossen haben sollte. Alleine die Tatsache, daß er Jurist ist und wie
Wittenwiler in Konstanz agiert, kommt als Begründung ebensowenig in Betracht wie die
Namensähnlichkeit zwischen dem Dorfschreiber Henritze Nabelraiber und dem Autor
Heinrich Wittenwiler. Denkbar wäre allenfalls, daß sich Wittenwiler in diesen beiden
Personen selbst ironisiert.
Als Reaktion auf die Maßnahme der Nissinger, Bundesgenossen anzuwerben,
bitten Lappenhauser Boten die Städte um militärischen Beistand (7604 ff.). Die Städte
sind aber unter keinen Umständen dazu bereit, das kriegerische Vorhaben der Bauern
zu unterstützen. Vom Prior von Florenz und dem Hauptmann von Paris wird ihnen eine
klare Absage erteilt. Ihre ablehnende Haltung rechtfertigen die Städtevertreter damit,
daß sie flugs Nissinger und Lappenhauser zu ihren Freunden erklären.
8QGOHJHLQZ|UWOLDXVGDSHL
'D]HLQZHLVHUVSUDFKGD]LVW
%HVVHULVW]HDOOHUIULVW
=HUHFKWHQ]ZVFKHQYHLQWWHQ]ZDLQ
'DQQH]ZVFKHQIUHXQWWHQJPDLQ
:RQGHUIUHXQGHQLFKYHUOHXU
$LQHQGHVFKPLFK]HWHXU
'HUYHLQWWHQPDJLFKJHZLQQHQDLQ
=HIUHXQWGD]LVWGD]LFKGDPDLQ V. 7706 ff.
Die Sentenz, die zudem noch ein Weiser gesprochen haben soll, dient dazu,
dem Nachteil eines Eingreifens in die gewalttätigen Auseinandersetzungen anderer
Beweiskraft zu verleihen. Man solle sich aus einem Streit zwischen zwei Freunden he-
raushalten, so lautet das simple Rechenexempel, bei dem man sich notgedrungen ei-
nen zum Feind mache. Sentenzen abstrahieren von konkreten Bedingungen und kön-
nen deswegen flexibel in unterschiedlichen Situationen und Argumentationszusam-
145
menhängen eingesetzt werden. Aus diesem Grund eignet sich ein Merkvers für die von
den Städten verfolgte Vermeidungsstrategie besonders gut.
Zuvor hatte schon Colmar im Kriegsrat der Lappenhauser die Autorität der
Weisheit angerufen, als er den kampfwütigen, jungen G|USHUQden Rat erteilte, Boten
auszuschicken.
'D]GLQJLVWQLFKW]HYHUUGHPWRG
(]LVWQLFKWXPEHLQQULHPDOODLQ
:LVVWHVJLOWGLHKDXWJHPDLQ
6HFKWGDVPDJHXFKVFKDGHQQLFKW
:RQGLH:HLVKHLWDOVRVSULFKW
'HQIUHXQGPDQLQGHQQ|WHQPDJ
9HUVXRFKHQEDVGDQQDQGHUWDJ V. 7533 ff.
Colman weiß, daß der Krieg nicht mehr zu vermeiden ist und scheint nur noch
um Schadensbegrenzung bemüht zu sein. Hier haben wir also die umgekehrte Aus-
gangssituation wie bei den militärisch abstinenten Städten. Und doch läßt sich auch
unter umgekehrten Vorzeichen ein Weisheitsspruch zitieren, der in einem fast antitheti-
schen Bezugsverhältnis zu dem oben erwähnten des Priors steht. Der Bauernvertreter
Colman präjudiziert Freundschaft auf seiten der Städte mit der Absicht der Kriegfüh-
rung wie der Prior Freundschaft auf seiten der Bauern mit der Absicht der Friedensstif-
tung. Mit demselben rhetorischen Argument sollen sich ihre gegenteiligen Absichten
bewahrheiten. Bei Colmans Spruch sitzt der Hilfesuchende selbstgerecht über den po-
tentiellen Hilfsverweigerer zu Gericht, im Fall des Prior der um Hilfe Gebetene über den
Bittenden. Die Bauern wollen Krieg, die Städte Frieden. Beide präjudizieren in ihrem
Sinne etwas über den anderen, was über die Sachlage nichts, über die Absicht aber al-
les sagt. Wenn beide aus ihren Perspektiven recht haben, hat keiner recht. Statt unpar-
teiliche Neutralität zu wahren, wird das Recht immer nur zugunsten der eigenen Partei
gedeutet.
Die Städte sind schlicht zu feige, oder positiv gewendet, zu vorsichtig und klug,
um in den Konflikt einzugreifen. Sie wollen kein Risiko eingehen und unter keinen Um-
ständen selbst in irgendeiner Weise zu Schaden kommen. So erklären sie sich dazu
bereit, Frieden zwischen den Kontrahenten zu stiften, mit denen sie angeblich glei-
chermaßen befreundet sind. Wie nicht anders zu erwarten, weisen dann die Lappen-
hauser in ihrem Rat die beiden Boten der Städte mit der Begründung ab, sie hätten um
tätige Mithilfe und nicht um verbale Friedensvermittlung ersucht (V. 7859). Nach den
gescheiterten Friedensbemühungen der Städte kommentiert der Erzähler die unverän-
derbare Natur der Bauern, die nur die „Sprache der Gewalt“ verstünden:
146
'LHERWWHQKLQZDVVFKROWHQVVDJHQ"
6HXP|FKWHQYRUJHZLVVHWKDEHQ
'D]HLQJHSDXUYLOVHOWHQWlW
:HVPDQLQPLW]FKWHQSlW
'HPGD]KDXEHWJURVVHWJDU
6RPDQLQJHELWWHQJWDU
8QGWXRWDOOHLQHGD]HUPXRVV
*HZDOWGHULVWVHLQUHFKWHXEXRVV V. 1865
Daß die Städte überhaupt Boten schicken, gleicht einer diplomatischen Farce.
Sie glauben wohl selbst nicht daran, daß ihren zaghaften verbalen Bemühungen Erfolg
beschieden sein könnte. Im folgenden soll gezeigt werden, daß sie weniger am Frieden
anderer interessiert sind als daran, sich grundsätzlich aus den Streitigkeiten anderer
herauszuhalten.
Auf dem Städtekongreß hält der Amtmann von Konstanz eine Rede, die an So-
phistik den Redekünsten der Berchta Laichdenman in nichts nachsteht. Ähnlich dem
Aufbau der Tugendlehre Lastersaks gliedert er sie in Ober- und Unterpunkte. Gründe
für einen Beistand seien Schutz und Begünstigung. Zum ersten Oberpunkt heißt es,
daß jeder Christ verpflichtet sei, einem anderen, dessen Leib, Ehre und Besitz bedroht
sei, zu helfen. Dabei darf aber niemandem ein Haar gekrümmt werden, denn das könn-
te unangenehme Folgen für den Schutzherren nach sich ziehen (V. 7781 ff.). Daraus
läßt sich nur der eine Schluß ziehen, daß christlich motivierte Hilfe praktisch ausge-
schlossen ist. Ebenso unverbindlich für den Helfenden erörtert der Jurist die Bedeu-
tung des Begriffs „Begünstigung“. Er gliedere sich dreifach in Rat, Einfluß und Unter-
stützung. Beraten wird jemand nur, wenn eine Sache des Rates wert erscheint. Einfluß
wird nur geltend gemacht, wenn jemand das tut, was er soll. Tätiger Beistand soll nur
für den Fall geleistet werden, wenn jemand das Richtige zur rechten Zeit tut.
Alle diese abstrakten Bedingungen enthalten genügend Deutungsspielraum, um
je nach konkreter Sachlage beliebig gefüllt zu werden. Der Amtmann hat mit seiner Ar-
gumentation sich und den anderen Städten einen Freibrief dafür ausgestellt, daß nie-
mals, zu keiner Zeit, in gleich welchen Umständen, Anlaß dazu besteht, auch nur einen
kleinen Finger für jemanden zu rühren. Niemand muß wirklich helfen, solange er dazu
aus irgendwelchen egoistischen Gründen nicht bereit ist. Wie erwähnt, ist davon an er-
ster Stelle auch das christliche Gebot der Nächstenliebe betroffen. Weshalb sollte man
sich also mit diesem Amtmann identifizieren?
Mit der folgenden Einschränkung erteilt der schlaue Jurist mittels eines spekula-
tiven Kosten-Nutzen-Kalküls den Städten für alle zukünftigen „Unterlassungssünden“
die Absolution:
147
'LHWlGLQJVFKROPDQGRFKYHUVWHQ
2EVLFKGDVGLQFKPDJVRYHUJHQ
'D]ZLUDXFKZHGHUHUQRFKOHEHQ
0HVVLQPLWGHUKLOIHJHEHQ
$OGGD]DLQHUQLFKWGDSHL
:ROWGHUSIDIIKDLWZHUGHQIUHL
2GHUREGDVKHOIHQZlU
8QVHUHQIUHXQGHQQLFKW]HVZlU
'HQVFKOOZLUPLVVHYDOOHQQLFKW
6DPGLHWXJHQGXQVYHUJLFKW V. 7811 ff.
Eine absolut gesetzte Vorsicht unter den Vorzeichen der Lebenserhaltung und
der Bewahrung der Ehre führt unweigerlich zu passiver Neutralität. Der Hinweis auf die
Tugendlehre bildet nicht von ungefähr den krönenden Abschluß dieses Argumentati-
onsabschnitts. Darin werden tendentiell ähnliche Ratschläge zur Wahrung eines Burg-
friedens erteilt, die ausschließlich die eigene Besitzstandswahrung im Visier haben.271
Über den Frieden wird in der Tugendlehre zunächst die moralische Aussage
getroffen:
3HLGHPIULGPDQGLUJHSHXW
'D]GXQLFKWKDVVHQVFKROWGLHOHXW
:RQZRQLFKWIULGLVWLQGHPKDXV
'DKDWPDQJRWYHUWULHEHQDXV V. 4648 ff.
Wenig später wird ein Verhalten empfohlen, bei dem die Wahrung des Friedens
auf dem radikalen Mißtrauen gegenüber anderen beruht:
:LOWGXVWlWVPLWIULGHVHLQ
6XQGHUPLWGHPJVHOOHQGHLQ
(PSKLOFKLPZHQLJGHLQHUVDFK
1RFKVWHPLWLPXQWHUHLQHPWDFK V. 4656 ff.
Der sich auf Gott berufende Begriff des Friedens bleibt allenfalls auf den engs-
ten Kreis des privaten Haushalts beschränkt. Wird dagegen der ethisch konnotierte
Begriff in einen größeren und allgemeingültigeren Handlungsrahmen gestellt, verkehrt
sich nicht selten sein originärer ethischer Gehalt in sein Gegenteil.272
271 Alle Ratschläge sind im Grundtenor des Egoismus und der Übervorteilung anderer verfaßt. Über die
Tugendlehre schreibt Elisabeth Schmid, Leben und Lehre, S. 289: „In der Tugendlehre [...] setzen [...]
die Gabe, das Empfangen und das Vergelten niemals intakte soziale Beziehungen voraus, sondern
gewaltsame oder korrupte Verhältnisse. Die Beziehung zwischen Mensch und Nebenmensch er-
scheint aus Unterdrückung und Abhängigkeit geboren, und es ist deshalb auch kein Wunder, wenn
der Gedanke an die Festigung des sozialen Bandes, die Unterhaltung freundschaftlicher Beziehun-
gen, sich nicht einstellt."
272 Vgl. dazu die Textbeispiele, die Elisabeth Schmid aus der Tugenlehre anführt, in denen Wittenwiler
ebenso vorgeht, in: Leben und Lehre in Heinrich Wittenwilers 'Ring', S. 281 ff.
148
Am deutlichsten tritt der entschlossene Wille zum Nichtstun und die skeptische
bis zynische Weltsicht in der Rede des Amtmanns zutage, in der er die Freund-Feind-
Differenz nivelliert:
6HLQVHXDEHUEDLGJHOHLFK
$QLUHPZLOOHQJDU]HUHLFK
6RODVVHQZLUVHXDOVRUHJ
%LVVHXVHOEHUZHUGHQPHG
8QGZDVLFKYRQGHQIUHXQGHQVSULFK
'D]PDFKWGXPHUNHQKLQWHUVLFK
9RQGHQYHLQWHQQDFKGHUZHOW
'LHGLHVHOYHUNDXIWXPJHOW V. 7829 ff.
Die Haltung der Städte bzw. ihres Hauptwortführers zu dem Konflikt entzieht
sich einer eindeutigen Bewertung. Es kann nicht entschieden werden, ob die Städte
aus Klugheit, Vorsicht oder Feigheit handeln.273 Der Städtekongreß ist ein Beispiel da-
für, wie man sich mit Reden möglichst ohne Gesichtsverlust ein Hilfeersuchen vom
Leib hält, bei dem man selbst zu Schaden kommen könnte. Am Beispiel des Amtmann
von Konstanz zeigt Wittenwiler, wie jemand im Rahmen einer allgemeinen Reflexion
über die Gerechtigkeit, über Sinn und Unsinn einer Beistandsleistung mit rhetorischen
Mitteln und scheinjuristischer Argumentationsweise jedem FDVXV EHOOL ausweichen
kann, um am Ende dennoch als hilfsbereiter Freund dazustehen.
6.1.2 Bertschis literarische Selbstinszenierungen und Nabelraibers Vertrauen in
die ordnungstiftende Macht der Schrift
Vergleicht man z. B. Bertschis Oheim Henritze Nabelraiber, GHVWRUIIHVVFKUHL
EHU (V. 3504) in den Rollen als Briefschreiber, Richter, Brautwerber, Ratgeber mit der
unvorteilhaften Rolle, die er beim Hochzeitstanz spielt (V. 6145 ff.), so stellt man fest,
daß Wittenwiler die über den sprechenden Namen vermittelte Eigenschaft VLQQHUHLFK
273 Unmittelbar nach dem Städtekongreß und dem Scheitern des Friedensangebots berichtet der Erzäh-
ler, daß Höseller (Hosenscheiß), einer der Lappenhauser, in die Fremde flieht, um nicht zu Hause ei-
nes sicheren Todes zu sterben. Dem folgt der Kommentar: „Des macht er haimlich sich davon,/Sam
noch die weisen sein gewon (V. 7877)“.
Dieses Verhalten stimmt mit dem, was in der Tugendlehre gefordert wird, überein. Der einzelne soll
sich notfalls auch auf Kosten anderer schützen. Durch den Namen des Deserteurs ironisiert Witten-
wiler diese Klugheit. Zudem könnten mit den Weisen auch die Mächtigen gemeint sein, die im Kriegs-
fall nicht ihre eigene Haut riskieren.
Die so verstandene Weisheit hat jedenfalls nichts mit Moral zu tun. Sie ist identisch mit der Klugheit,
dem Verstand, den man zu guten wie zu schlechten Zwecken gebrauchen kann.
149
(V. 3537) je nach epischer Situation unterschiedlich akzentuiert.274 Die Klugheit des
Schreibers aktualisiert sich in einer Variationsbreite verschiedener Rollen. Nabelraiber
figuriert als Rhetoriker und Literaturkenner wie als professioneller Jurist, der, mit
Rechtsformalitäten vertraut, durch sein Prosaurteil alle Zwistigkeiten der sog. Ehede-
batte beendet. Dem sog. Prosaurteil schickt Nabelraiber folgende Rede voraus:
(VVHLWJHVWDQGHQ]HGHQZLW]HQ
6RPDQPLWUXRZHQVFKROWHVLW]HQ
,UKDEWJHUHLPHWXQGJHWLFKW
&KOXRJHXVDFKZLOUHLPHQVQLFKW
:HUPDJHLQGLVSXWLHUHQ
0LWJHPHVVQHUUHGIORULHUHQ"
'DUXPEVRVHW]LFKPLFKGDKLQ
8QGVDJHXFKVFKOHFKWOHLFKPLQHQVLQ V. 3517 ff.
Reimen und Dichten werden ebenso als unverzeihliche Formfehler gebrand-
markt wie Stehen statt Sitzen. Da die formalen Kriterien in dem Moment, da Nabelrai-
ber sitzt und in Prosa spricht, erfüllt sind, ist genaugenommen der Sprechakt schon mit
der ersten nichtssagenden Äußerung abgeschlossen: ,Q JRWWHV QDPHQ $PHQ Alle
nachfolgenden Aussagen tragen wenig zur Klärung von Pro oder Kontra Ehe bei. Na-
belraiber zählt in einem Bedingungssatz Attribute auf, die ein Mann LGHDOLWHUmitbringen
sollte, um eine Frau zu heiraten. Auch die künftige Ehefrau sollte eine Reihe dem
Mann genehmer Eigenschaften haben: Sie soll ihm gefallen, klug, tüchtig und seines-
gleichen sein. Selbstverständlich sagt dieses Urteil ebensowenig über die individuellen
Eigenschaften von Bertschi und Mätzli aus wie die polemischen Redebeiträge der E-
hedebatte. Es handelt sich also nicht um ein Urteil über die FDXVD, sondern um einen
Spruch, dessen ideenrealistisches Substrat eine immer währende Gültigkeit für sich
beansprucht. Erwartungsgemäß ist Bertschi darüber hocherfreut. Hat er doch die Ent-
scheidung über die Frage, ob HLQPDQHLQZHLEVFKOQHPHQ(Z. 3), längst bejaht. Von
der ganzen Debatte bleibt als mageres Resultat die Einsicht, daß alleine die Willens-
absicht von Braut und Bräutigam maßgeblich ist und nicht das Für und Wider von Ar-
gumenten über die Ehe als solche. So als habe eine Erörterung über die Ehe über-
haupt nicht stattgefunden, ist Triefnas so klug wie am Anfang. Weder Streitgespräch
noch Urteilsspruch erhellen seine Situation.
274 Boesch, Namenwelt, S. 336 schreibt dazu: „Bei den nicht-bäuerlichen Namen ist es vielleicht nicht
zufällig, daß der mit Vorzug behandelte und rechtskundige +HQULW]H1DEHOUHLEHU R. 1444 ff. den Ruf-
namen des Dichters selbst trägt (+HLQUHLFK Wittenweilär 52); er nennt ihn WlVFKHQVFKUHLEHU, was
zweiffellos zu mundartlich WHFKH 'Dekan' gehört (SI. [Schweizer Idiotikon. Wörterbuch der schweizer-
deutschen Sprache, 1881 ff.] XII, 203): Der Schreiber im Dekanat, dem kirchlichen Untersprengel des
Archidiakonats, war in ländlicher Umgebung etwas Besonderes: Des WRUIHVVFKUHLEHU ist hier gleich-
zeitig der WlVFKHQVFKUHLEHU"
Ebensowenig paßt die Anwesenheit eines Arztes in das dörflich ländliche Umfeld der Zeit um 1400.
150
Auf grammatisch-formaler Ebene verwandelt Nabelraiber lediglich die disjunkti-
ven „Entweder-oder-Argumente“ des Disputes in potentielle „Wenn-dann-
Verknüpfungen“. Beide Formen, das gereimte Streitgespräch und der in Prosa vorge-
tragene druckreife Spruch, gehen an der Sache vorbei. Wurde vorher um Einstellungen
und Bewertungen so konträr gestritten, daß unter dem Wechsel der Maßstäbe die Sa-
che verlorenging, so entproblematisiert Nabelraibers Urteil die Ehefrage dadurch, daß
er von ihr ein auf die Zukunft hin projiziertes Idealbild entwirft. Ob sich Dinge und Per-
sonen den Worten fügen, kann sich erst zu einem späteren Zeitpunkt als richtig oder
falsch erweisen. Nabelraibers Spruch sagt allein etwas über die idealen Voraussetzun-
gen einer Eheschließung aus. So erledigt er das Thema in einer für alle mustergültigen
Sprachformel.
Trotz des Verdachtes der Lügenhaftigkeit von gebundener Rede, die Anlaß zu
zahlreichen Prosa-Auflösungen im späten Mittelalter gab, wäre es zu einfach, die versi-
fizierte Dichtung der Lüge und die prosaische der Wahrheit gleichzusetzen. Eine Dich-
tung wurde dann für unwahr gehalten, wenn der Stoff aus einer unautorisierten Quelle
stammte und das Werk ein bloßes Phantasieprodukt darstellte.275 In diesem Sinne ist
das Sprechen der Sippenmitglieder Bertschis ein unautorisiertes Dichten. Was dann
aber Nabelraiber als fertiges Stück schriftsprachlicher Prosa vorträgt, eignet sich auf-
grund seiner allzu perfekten Idealität auch nicht zur lebenspraktischen Orientierung.
Es scheint so, als ironisiere Wittenwiler die literarische Bildung und die rhetori-
schen Fertigkeiten des Schreibers, indem er seinen dünkelhaften Glauben an die Auto-
rität der Schrift dem komischen Kontrast preisgibt. Stets tut sich eine Kluft auf zwischen
einem literarischen Ordnungssystem und den Erfordernissen der konketen Redesitua-
tion. So trägt Nabelraiber die Minnelehre überhaupt nur deshalb vor, weil er die Situati-
on seines Neffen gleich zweimal in Folge verkennt.
Bertschi simuliert das literarische Schema „Minnesiechtum“, das er sich aller-
dings auf seine närrische Weise zueigen macht:
275 Zur Vers-Prosa-Problematik vgl. Werner Besch: Vers oder Prosa? Zur Kritik am Reimvers im Spät-
mittelalter, in: PBB Sonderheft 94 (1972), S. 745-766. Besch schreibt ebd., S. 755: „Ein Fiktionsbe-
wußtsein, wie es die späteren Jahrhunderte kennen und entwickeln, ist nicht vorhanden. Noch gibt es
nicht die Lizenz der 'dichterischen Wahrheit' [...], die neben bzw. über die Faktenwahrheit gestellt
werden kann. Eigenerfindungen des Dichters sind letztlich nicht zugelassen und in höchstem Maße
suspekt, soweit sie den Gegenstand, den Erzählstoff betreffen. Sie sind nicht verbürgt und daher
auch nicht ‘wahr’. Wahr ist nur, was den Tatsachen entspricht, [...] oder was glaubwürdig bezeugt
ist.“
Wittenwilers Fiktionsbewußtsein gehört nach dieser Definition ganz entschieden zu den „späteren
Jahrhunderten“. Im ‘Ring’ werden die Techniken der Fiktionalisierung fortlaufend thematisch. So etwa
berufen sich die Disputanten der Ehedebatte zur Stützung ihrer Thesen auf alle zu Gebote stehen-
den Formen von Autorität: Bibelzitate, volkstümliche Sentenzen und schließlich die eigene Erfahrung
sind Mittel der Rechtfertigung. Durch verschiedene Glossen ein und desselben Bibelzitates wird des-
sen unangefochtene Autorität untergraben. Die lügenhafte Literarizität des Stoffs erweist sich im
‘Ring’ gerade daran, daß die Erzählung ein zur Beliebigkeit tendierendes Zuviel an traditionell ver-
bürgten Autoritäten aufbietet.
151
'RFKKLHWGR%HUWVFKLJWUXQNHQ
6HVVHQPHWXQGSLHUXQGZHLQ
'D]HUQRFKSHLGHQFKUHIWHQVHLQ
%HOHLEXQGJGRKWLQVHLQHPPXRW
µ,VWVHLQXVRZROEHKXRW
'D]LFKPLWLUQLFKWJUHGHQJWDU
6RVHQGLFKGRFKHLQEULHIHOGDU¶ V. 1635 ff.
Im Regelfall nimmt ein Liebeskranker keinen Bissen zu sich und klagt immerfort
über den Verlust seiner Geliebten. Bertschi aber weiß sich auf seine närrische Art mit
süßem Met, Wein und Bier bei Kräften zu halten. Dennoch soll Triefnas komische Pose
den Trennungsschmerz von seiner Geliebten zum Ausdruck bringen. Überdies ent-
schließt er sich gemäß der üblichen Erzählschablone, die Trennung von Mätzli durch
einen Brief an sie zu überwinden. Da er aber des Schreibens nicht mächtig ist, schickt
er nach seinem Oheim Nabelraiber. Von Bertschis Zustand nichts ahnend, kommt er
sogleich herbeigerannt. Kein Wunder also, daß er zunächst die aus dem literarischen
Schema fallenden Krankheitssymptome von Bertschis simuliertem Minnesiechtum
falsch „liest“. Er nimmt an, sein Neffe sei verprügelt worden und bedürfe seines ver-
wandtschaftlichen Beistands:
7ULHIQDVGHUODJDXIGHUEDQN
$FKXQGZHGD]ZDVVHLQJVDQN
'RGLW]GHU1DEHOUDLEHUVDFK
(VZDVLPODLGXQGXQJHPDFK
:RQLQ%HUWVFKLJHK|UHWDQ
+DWGLULHPDQWLKWJHWDQ"
6SUDFKHU]XRGHPDUPHQ
'D]PHVVHUYRQPLUDUQHQ
1DLQGXVSUDFKGR%HUFKWROG V. 1648 ff.
Um der Fehlinterpretation seines Oheims zu begegnen, nimmt dann Triefnas
quasi eine Allegorese seiner selbst vor. Freimütig erklärt er, daß er um Mätzlis willen
diese Pein erleide.
Mit dem Verwandtschaftsverhältnis indiziert Wittenwiler den Abstand zwischen
den literarischen Erzählschablonen von Liebesgeschichten und der konkreten Situation
in der Schwankhandlung. So scheinen der Analphabet und der Gelehrte in Liebesan-
gelegenheiten gleichermaßen verblendet zu sein. Bertschi imitiert auf komische Weise
das Gebaren des Minnesiechen, während Nabelraiber epische Situationen ausschließ-
lich unter dem Blickwinkel seiner literarischen Kenntnisse beurteilt.
Also bittet der illiterate Triefnas den gelehrten Schreiber darum, für ihn einen
Liebesbrief an das ebenso schreib- wie leseunkundige Bauernmädel zu verfassen, ei-
ne Bitte, die nach dem Schema genau zu seiner Situation der Trennung von der Ge-
152
liebten paßt. Nabelraiber weiß aber immer noch nichts von Bertschis erbärmlichen
Werbungsversuchen, fragt diesmal auch nicht nach und verkennt so zum zweiten Mal
in Folge die Situation, in der sich sein Neffe befindet. Aus dem Minnesiechtum glaubt
er herauslesen zu können, daß Bertschi am Anfang und nicht am Ende der Liebeswer-
bung stünde. In Übereinstimmung mit dem literarischen Schema, das er im Sinn hat,
kanzelt er Bertschis Wunsch nach einem Liebesbrief mit den Worten ab >@'HPGLQJ
LVWQLWDOVR6DPGXZlQVWPHLQOLHEHUJVHOO(V. 1665) und entfaltet stattdessen auf brei-
tem Raum seine Minnelehre (V. 1665-1839). Wieder kontrastiert die Mustergültigkeit
eines literarischen Schemas wie Bertschis simuliertes Minnesiechtum mit den Ereig-
nissen der schwankhaften Werbung. Nabelraibers wiederholte Fehldeutung und die
deplazierte Minnelehre zeugen von einer Borniertheit des literarisch Gebildeten, die
Bertschis Literatur imitierendem Minnegebaren in nichts nachsteht. Alles soll literarisch
wohlgeordnet entsprechend dem vorgeschriebenen Strukturmuster der Literatur abge-
handelt werden.
6.2 Konträre Erzählstrategien im ‘Ring’
6.2.1 Die Destruktion der Erzählstruktur am Beispiel von Bertschis Brautwerbung
und Nabelraibers Minnelehre
Sieht man in der aus drei nächtlichen Wiederholungsszenen komponierten Ge-
schichte von Bertschis Brautwerbung nicht mehr als eine andere PlU(V. 51), so fügt
sich Nabelraibers Geschichte, die von ihrem Ausgang gesehen einen umgekehrten
Verlauf nimmt, der von Bertschis „Abenteuern“ spiegelbildlich hinzu.276 Die darin ent-
haltenen Vorschriften zur erfolgreichen Werbung um eine Frau bieten neben detaillier-
ten Handlungsanweisungen eine Erzählung mit wörtlichen Reden, Dialogen und Ge-
bärden. Durch die kalkulierte Annäherung eines systematisch vorgehenden Werbers
276 Bertschis Geschichte ist tätsachlich im etymologischen Sinne die eines Abenteuers. Abenteuer leitet
sich von dem lateinischen DGYHQWXVDGYHQLUH ab, und bedeutet das, was von außen auf jemanden
zukommt. Bei Nabelraibers Minnelehre ist dagegen der Moment des Zufalls durch den des Kalküls
ausgeklammert. In Wittenwilers ebenso planmäßig kalkulierter Komposition bewirkt der Zufall den
Bruch der Erwartungen Bertschis, wird aber zugleich als Handlung auslösendes Moment zu einem
konstitutiven, die Zerstörungskraft potenzierenden Faktor der Liebesgeschichte im besonderen und
des Romans im allgemeinen. Da der Zufall im 'Ring' auf einen planmäßigen Einfall Wittenwilers zu-
rückzuführen ist, determiniert er den Verlauf der Handlung, geht über das Episodenhafte der DYHQWLX
UH der höfischen Romane hinaus und wird zu einem konstitutiven Moment der Wittenwilerschen Er-
zählweise.
153
an eine spröde Jungfrau liest sich das Ganze wie ein Beispiel aus einem Lehrbuch mit
KDSS\ HQG Ironischerweise ist die Gültigkeit dieses literarischen Strukturmusters, in
der sich die Liebeswerbung automatisch vollzieht, von Bertschis närrischen Aktionen
längst auf den Kopf gestellt worden. Statt der beabsichtigten Vereinigung ist ihm Mätzli
bei seinem dreifach wiederholten Annäherungsversuch Schritt für Schritt in immer wei-
tere Ferne gerückt. So endet Bertschis letzter Versuch damit, daß Mätzli von ihrem
erbosten Vater in einen Heuschober gesperrt wird.277
Mätzlis Internierung präludiert also Nabelraibers literarischem Werbungssche-
ma. Ihr Zustand entspricht einer Art von drastischer KXRWH, die in der Literatur von ei-
nem idealtypischen Minner schrittweise beseitigt wird. Wohlgemerkt, im Falle von Bert-
schi ist die Abfolge der Schritte genau umgekehrt. +XRWHist der Endzustand seiner er-
bärmlichen Werbungsversuche. Wie erwähnt, erklärt sich Nabelraibers Ablehnung von
Bertschi Wunsch nach einem Liebesbrief damit, daß der literaturkundige Dekanats-
schreiber das Liebesbekenntnis des Analphabeten Bertschi mit dem teleologischen Ab-
laufschema seines Lektüremusters zur Brautwerbung assoziiert und so das Leiden des
untröstlichen Liebhabers für den Beginn statt für das Ende eines Liebesverhältnisses
hält. Damit ist nach der Serie der dreifach wiederholten Werbung Bertschis um Mätzli,
die schließlich zu Erstarrung und Isolation führt, das Motiv für die erzählerische Kontra-
faktur markiert. Nabelraibers Fehldeutung dieser Situation schafft erst die epische Vor-
aussetzung, von der aus das Thema Werbung in einer kanonisierten literarischen Form
wiederholt werden kann.278
Der Parallelität von Bertschis dreifachem Anlauf zur hierarchischen Struktur der
Minnelehre entspricht grammatisch die Dominanz der Parataxe bei jener und das Ü-
berwiegen der Hypotaxe bei dieser. Die parataktische Anordnung betont die Gleichwer-
tigkeit der Bauteile einer Erzählung, während die hypotaktische Erzählweise Bedingun-
gen und Einschränkungen formuliert.279 Bemerkenswert ist die strukturelle Überein-
277 Nabelraibers Minnelehre folgt nach Ingeborg Glier, $UWHVDPDQGL, S. 236 dem in der Ovid-Tradition
stehenden )DFHWXVPRULEXVHWYLWD, der in ca. 30 Hss. überliefert ist, und wahrscheinlich Mitte des 12.
Jahrhunderts entstand.
Vgl. allgemein, Rüdiger Schnells Lexikoneintrag ‘Facetus’, in: VL, Bd. 2, Berlin 1980.
Vgl. eine Textvariante von )DFHWXVPRULEXVHWYLWD bei A. Morel-Fatio, Mélanges de litterature catala-
ne III, in: Romania 15 (1886), S. 192-235; hier S. 224 ff.
Vgl. auch E. J. Thiel, Mittellateinische Nachdichtung von Ovids $UVDPDWRULD und 5HPHGLDDPRULV, in:
Mlat. Jb. 5 (1968), S. 115-180.
278 Der Bericht des Erzählers steht hier wie bei der Ehedebatte zu Nabelraibers Prosa-Urteil und Minne-
lehre im Verhältnis einer Deskription zu einer Präskription. Schrift überhaupt wird im 'Ring' häufig als
Vorschrift verstanden. Sie bringt Dinge und Personen in eine ideale und ästhetisch wohlgeordnete
Form. Rhetorische Formen sind bestenfalls Hilfsmittel zur verständlichen und anschaulichen Explika-
tion eines Gedankens und widersprechen deswegen häufig dem Chaos der außersprachlichen UHV
279 Folgendes Beispiel verdeutlicht die Vertauschbarkeit und zirkuläre Struktur von Prädikationen in pa-
rataktischen Sätzen: „Ie minr man lieb zuo liebe liess,/Ie mer sich hertz zuo hertzen stiess (V. 1626
154
stimmung der beiden ungleichen Versionen. Während Wittenwiler drei parallel ange-
ordnete Szenen mit Bertschi und dem Pfeifer vor Mätzlis Haus, Bertschi und Mätzli im
Kuhstall und Bertschis familiensprengendem Sturz durch den Kamin erzählt,280 ist die
Werbungsgeschichte Nabelraibers nach einem fünfstufigen Schema strukturiert. Dem
Mittelalter war dieses strukturgebende Schema durch den „viel gelesenen Terenz-
Kommentar des Aelius Donatus“ bekannt: TXLQTXHOLQHDHVXQWDPRULVVFLOLFHWYLVXVDO
ORFXWLR WDFWXV RVFXOXP VLYH VXDYLXP FRLWXV.281 So verläuft also die Annäherung in
aufsteigender Linie zum vorprogrammierten Ziel. Wittenwiler ironisiert dieses Erzähl-
muster auf die denkbar drastischste Weise.
Vorschriftsgemäß beginnt er mit der Inszenierung von YLVXVund DOORFXWLR:
6HXFKRPHQKLQ]XR0lW]OHLQVKDXV
'LHSRWGHQDUV]XPIHQVWHUDXV
'RVSUDFK%HUWVFKLLHVR]KDQW
6RZROPLUGD]LFKLHGHUFKDQW
'HLQHQDQEOLNZROJHVWDOW
+DOWKHUOLHEHV0lW]OLKDOW V. 1380 ff.
Bei der Begegnung von Mätzli und Bertschi im Kuhstall veranschaulicht er WDF
WXVRVFXOXPVLYHVXDYXP:
0lW]OLGRVRKDUWGHUFKDP
f.)“. Parataxe und strenge Parallelität der Sentenz geben den rhetorischen Schmuckelementen ein
solches Gewicht, daß die kommunikative Funktion der Bezeichnung nahezu getilgt wird.
Vom Standpunkt der Glaubwürdigkeit sind freilich die Wenn und Aber der hypotaktischen Satzgebilde
ebenso ein Resultat dichterischer Erfindung. Aufgrund der grammatischen Komplexität bauen die
Sinnabschnitte einzeln aufeinander auf, wobei jedes Element wie eine Karte im Kartenhaus ihren ge-
nau kalkulierten Ort hat. Zweimal spricht Nabelraiber in der Minnelehre über die umworbene Dame in
konjunktivischen Wendungen: „So spricht sei leicht: (...) (V. 1803)“ und „So ist sei leicht der listen vol
(V. 1820)“. Immer wieder zitiert er Reden der beteiligten Personen, die seiner Verführungsstrategie
förderlich oder zumindest nicht schädlich sind. Würde sich hier ein uneingeplanter Zufall einschlei-
chen, bräche das fragile literarische Gebilde mit einem Mal in sich zusammen.
280 Es ist auffällig, wie oft Wittenwiler einen epischen Vorgang dreifach wiederholt. Schon Wießner
schreibt in seinem Kommentar: „Drei ist eine Lieblingszahl Wittenwilers: s. 581, 759, 1361, 1538,
2912, 5851 d. u. 95, 6545 u. 95, 9402 u. o.“ Vgl. ebd. S. 74. Vermutlich greift Wittenwiler nicht nur an
diesen Stellen zur Dreizahl, sondern teilt auch den Roman in drei Teile, weil die Dreizahl logische
Grundoperationen symbolisiert.
Vgl. zur Symbolizität der Dreizahl: The Sign of Three, Dupin, Holmes, Peirce, Hg. von Umberto Eco
und Thomas A. Sebeok, Bloomington 1983. Peirce zeigt die enge Verwandtschaft der Dreizahl mit
den drei irreduziblen Figuren des Syllogismus: Deduktion, Induktion, Abduktion. Sebeok schreibt ü-
ber Peirce, ebd. S. 9: „Peirce calls any Argument a Symbolic Legisign. Each Argument is composed
of three propositions: Case, Result, and Rule, in three permutations [...]. But every Proposition is a
sign as well, namely, one 'connected with its object by an association of general ideas' [...], a Dicent
Symbol which is necessarily a Legisign.“
Daß Wittenwiler permanent die Regeln des Syllogismus auf den Kopf stellt, belegt Plate in seiner
Analyse der Ehedebatte. Vgl. ders., Wittenwilers 'Ehedebatte' als Logik-Persiflage, in: Festschrift für
Paul Klopsch, Hg. von Udo Kindermann u. a., Göppingen 1988 (= GAG, 492), S. 370-383.
281 Vgl. E. R. Curtius, Europäische Literatur, S. 501. Donatus kommentiert Terenz (XQXFKXV IV 2, 10.
Die folgenden Versangaben markieren in der angegebenen den Anfang der fünf Schritte: V. 1704 ff.;
1779 ff.; 1825; 1831 ff.; 1838.
155
'D]VHL%HUWVFKLQQLWYHUQDP
8QGKXREDQ]JUHLQHQXQGDXFKJUDLQ
1DLQD0lW]OLQDLQDQDLQ
%HUWVFKLVSUDFKHUZDVQLFKWIDXO
'LHKDQGVFKOXRJHULUIUGD]PDXO V. 1426 ff.
Beim dritten Versuch klettert Bertschi auf Vater Fritzens Haus. Durch den Ka-
minschacht will er seine geliebte Mätzli beobachten. Wittenwiler braucht nur zwei Zei-
len, um den FRLWXVzu symbolisieren:
%HUWVFKLZROWGHV]XROXRJHQ
8QGVWLHVVGD]KDXEHWGXUFKHLQORFK V 1491 f.
Wie andernorts benutzt der Autor des ‘Ring’ auch hier das Minnethema dazu,
ein Spiel von Fehldeutungen zu initiieren. Nabelraibers subtiler Verführungsstrategie im
Rahmen eines erzählerischen Automatismus stellt Wittenwiler die von triebhafter Be-
gierde gekennzeichnete Schwankhandlung entgegen. Deren oben erwähnte symboli-
sche Substruktur nivelliert die ästhetische und moralische Unterscheidung zwischen
der höfisch-korrekten und der schwankhaft-falschen Brautwerbung. Durch den gegen-
teiligen Effekt von beabsichtigter Annäherung und faktischer Entfernung ironisiert Wit-
tenwiler die Logik der hypotaktischen linearen Aufstiegsfigur, in der Absicht und Um-
setzung konvergieren. Indem die Erzählung von Bertschis Narrentum das Struktur-
schema Nabelraibers mittels desselben Schemas auf widersinnige Weise umkehrt, ge-
raten die Bedingungen der Sinnkonstitution, mithin die Erzählfakten selbst, in den Ver-
dacht der Lügenhaftigkeit. Aus der Dekodierung des symbolischen Strukturmusters re-
sultiert also eine metafiktionale Lesart, die auf die mögliche Umkehrbarkeit von Erzähl-
vorgängen aufmerksam macht. Erzählungen sind selbst das Ergebnis rhetorischer
Strategien, denen LQUHnichts entspricht.
6.2.2 Der Verlust der Didaxe in der Fiktion
Paradoxerweise unterläuft das Ergebnis der Deutung, die zur Entdeckung der
symbolischen Lesart geführt hat, die Beurteilung des didaktischen Nutzens der beiden
Erzählsequenzen. Denn durch die Erkenntnis der Umkehrbarkeit von Erzählmustern
und den widersinnigen Bezug zwischen der bäuerlich-gewalttätigen Sphäre des
Schwanks und der höfischen Minnelehre bleibt der Leser unbelehrt. Die Rolle des anti-
ken sakralen Hermeneuten, der zwischen Volk und dem Gestammel der Pythia vermit-
telt, ist damit ebenso funktionslos geworden wie der die Heilige Schrift auslegende und
156
die Sakramente verwaltende Priester. Da es im ‘Ring’ keine auktoriale Erzählerinstanz
gibt, oder anders ausgedrückt, sein Autor mittels deiktischer Redegesten und demonst-
rativ vorgeführter Erzählmuster die Vermittlung von Lehrinhalten an fixierte Diskursfor-
men knüpft, verlagert sich die Aufmerksamkeit von den Inhalten auf die Bedingungen
der Fiktionalität.
Die Lektüre beschreibt den labyrinthischen Weg eines unendlich verzweigten
ELYLXP, den Wittenwiler im Prolog als QXW]oder WDJDOW- neben den der Lektüre seines
Romans als PlU- für begehbar anbietet.282 Alle, die ihn beschreiten, müssen bei jeder
Episode entscheiden, ob sie links oder rechts gehen wollen, ob sie etwas für Ernst o-
der für Spaß erachten, und wie der Spaß gewendet werden muß, damit er wieder zum
unterstellten Ernst der Didaxe paßt. Aus diesen Gründen erweist sich der hermeneuti-
sche Weg, über Frage und Antwort Bedeutungsvielfalt und zu reduzieren hin zu einem
Widersprüchlichkeiten ausgleichenden Sinn zu gelangen, für das Verständnis des Ro-
mans als irreführend.
Wahrheit und Irrtum prallen unvermittelt aufeinander und schaffen Raum für ein
rhetorisches Spiel unter aporetischen Bedingungen. Durch die Suspension eines Sinn-
zentrums und das Fehlen ethischer und ästhetischer Rahmenbedingungen verschwin-
den die epistemologischen Differenzen in der Gleichwertigkeit verschiedener Diskurs-
formen. Unter der Voraussetzung einer solchen Konzeption beansprucht die Erzählung
gleich einem unantastbaren Bericht absolute Geltung.283 Rhetorische Kombinations-
kunst und widersprüchliche Deutungen konstituieren Wittenwilers ‘Ring’.
Aus dem Vergleich von Bertschis Werbungssequenz und Nabelraibers Minne-
lehre könnte gegen das oben Vorgebrachte der Einwand erhoben werden, daß sich
doch aus dem Mittel zur Ironisierung des einen das Argument für den didaktischen
Wert des anderen Textes herleite. Dem Bezug der umgekehrten Strukturierung läge
282 Wie der Ausblick auf die Ergebnisse der Forschung und die umliegende Literatur gezeigt haben dürf-
te, legitimiert sich die Interpretation des 'Ring' nach dem Raster von Weisheit und Spaß nicht nur auf
der Grundlage der Wittenwilerschen Prologaussagen, sondern auch durch die Mischung von
VFKLPSKund HUQVWin der „didaktischen Gattung“ der Narrenliteratur. Konträre Zweiteiligkeit war im
späten Mittelalter geradezu das beherrschende Stil- und Ausdrucksmittel der Künste.
Vgl. dazu Johan Huizinga, Herbst des Mittelalters, Studien über Lebens- und Geistesformen des 14.
und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden, Hg. von Kurt Köster, Stuttgart 197511;
hier insbes. Kap. XIII „Frömmigkeitstypen".
Vgl. auch die im Anhang von Lutz, Spiritualis fornicatio, abgebildeten Tugend- und Laster-Bäume.
283 Der Verlust jeder ideellen Mitte bei Wittenwiler zeigt die Umwandlung des traditionell arthurischen
Festes der höfischen Literatur in eine groteske schwindelerregende Orgie in der Mitte des Romans.
Vgl. dazu Walter Haug, Von der Idealität des Arthurischen Festes zur apokalyptischen Orgie in Wit-
tenwilers 5LQJ, in: Das Fest, Hg. von demselb. u. Rainer Warning, München 1989, S. 157-179.
Haug schreibt ebd., S. 177: „Die Freiheit, die nicht im Spiel freiwillig die Form festhält, sondern jede
Form zerbricht, vernichtet sich selbst; sie liefert sich dem Chaos aus. [...] Aber der 5LQJ ist mehr als
nur eine komisch-grausige Abrechnung mit höfischen Leerformen. Es ist vielmehr eine generelle
Antwort auf jene kulturgeschichtliche Situation, die dadurch entstanden ist, daß die immer weiterge-
triebene Auflösung des geschlossenen frühmittelalterlichen Weltbildes auch das höfische Fest, in
dem es als ideal-utopischer Entwurf noch weiterlebte, unterlaufen hat."
157
dann ein negativer Prozeß dialektischer Sinnstiftung zugrunde. So wäre doch noch die
allegorische Lesart von richtigem und falschem Beispiel gerettet. Dieser Schluß ist a-
ber schon deshalb unzulässig, weil die symbolische Verschmelzung von Konstituti-
onsmitteln eines fremden Bezugssystems in den Kontext der komischen Schwank-
handlung keine didaktische Funktion hat. Die Symbolisierung des Strukturschemas im
Schwank impliziert keine Idee in der Weise, daß dem einen Ablaufschema vor dem
anderen der Vorzug zu geben wäre. Erzeugt die Signifikanz der biblischen Verkündi-
gungsszene von Erzengel Gabriel und Jungfrau Maria, übertragen auf Bertschi und
Mätzli, derartige konträre Vorstellungsinhalte, daß die jungfräuliche Befruchtung Ma-
riens durch das Wort des Engels und die sexuellen Attacken Bertschis auf Mätzli paral-
lelisiert werden, scheint die Anwendung des Symbolbegriffs auf Wittenwilers 'Ring'
dennoch legitim.284
Wie an dieser Episode von Bertschis Werbung gezeigt werden konnte, wird me-
tafiktionale Lektüre dadurch verstärkt, daß die Fiktionalität des Schwanks - der sexuell
ungestüme Bertschi in der Verkleidung des Erzengels, Mätzli in der der erschrockenen
Gottesmutter - zugleich die Fiktionalität der Bibelstelle hervorruft, wo Erzengel Gabriel
mit verbalen Mitteln die Jungfrau Maria befruchtet. Freilich sind die Einzelheiten der
Verkündigung nach theologischem Verständnis das Gegenteil einer poetischen Fiktion.
Berichtet doch das Evangelium von transzendenten UHVauf der Grundlage ihrer krea-
türlichen Endlichkeit, auf die sie Wittenwiler einseitig reduziert und demnach ihre onto-
logische und religiöse Verweisfunktion ironisiert. Hier kollidieren biblische Verkündi-
gungsszene und rüpelhafte Prügelszene.285 So untergräbt die Metalepse von Mätzli
und Himmelskönigin die Autorität des originären Zeichensystems.286
Die metafiktionale Dimension des ‘Ring’ besteht in einem ostentativen Aufwei-
sen und Bloßlegen der Akte des Fingierens als unverzichtbare Voraussetzung für die
284 Vgl. für die vollkommene Parallelisierung der Szene im Kuhstall mit der Verkündigungsszene (Lc 1,
28 ff.) Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 324. Da Lutz Mätzli als Frau Welt ansieht, interpretiert er die
Szene moralsatirisch als Travestie. Eine Definition dieser Szene als allegorische scheint mir dagegen
unpassend. Während die Buchstabengrundlage der Allegorie ein historischer Bericht ist, dessen
funktionale Bestimmung auf die christliche GRFWULQDzielt, kann hier die Szene auch als närrische Epi-
sode einer Fabel gelesen werden. Erkennt man den biblischen Prätext, stellt sich erst der von Lutz
gefundene intertextuelle Bezug her. Dieser Subtext ist ein integraler Bestandteil der Erzählung und
beschreibt SURSULHdie Dinge der närrischen Handlung. Er ist insofern symbolisch, als er sich nicht er-
zähltechnisch von seiner semiotischen Umgebung abhebt, sondern zur Bezeichnung widersinniger
Sachen umfunktioniert ist.
285 Vgl. zur bleibenden Verbindung des Zeichens mit seinem Signifikat Jacques Derrida, Die Schrift und
die Differenz, Frankfurt 19946, S. 425: „Auch wenn man sich direkt auf die Ebene von Zeichen be-
gibt, um den Gegensatz zwischen Sinnlichkeit und Intelligibilität zu überwinden, kann das nicht dar-
über hinwegtäuschen, daß der Begriff des Zeichens von sich aus den Gegensatz von Sinnlichem und
Intelligiblem nicht überwinden kann.“
286 Vgl. zur Metalepsis bzw. WUDQVXPSWLRQuint., Inst. orat., VIII, 6, 36-39. Ein Sachverhalt wird für einen
fremden anderen gesetzt.
158
Konstituierung von Wittenwilers Weltentwurf wie auch für die außersprachliche Organi-
sation von Welt. In der durch kein ideelles Zentrum prästabilierten Welt Wittenwilers
versuchen die Romanpersonen mit rhetorischen Mitteln, der Imitation hergebrachter Li-
teraturmuster und schließlich mit handgreiflicher Gewalt ihre eigenen Ordnungsvorstel-
lungen durchzusetzen. Dem Verlust der „Lesbarkeit der Welt“ korrespondiert die Skep-
sis gegenüber dem Wert, ja der Existenz eines von kanonisierten Autoritäten beglau-
bigten RUGR Die sich daraus ergebende Vielzahl willkürlicher Sprechakte und Deu-
tungsvarianten resultiert aus dem Willen der Personen zur Lesbarmachung der Welt in
der Weise, daß Akte des Fingierens Realitäten TXDVL[als ob] H[QLKLORschaffen. Infol-
gedessen ist die Grenze zwischen der empirischen Erfahrbarkeit der Welt und dem
Deutungsmonopol institutionalisierter Autoritäten zugunsten einer totalen Fiktionalisie-
rung aufgehoben.
Die beliebige Austauschbarkeit von Zeichensystemen, Verhaltensregeln und sti-
listischen Ausdrucksmitteln vernichtet Wittenwilers trügerische und selbstbetrügerische
Welt in jedem Moment, da die Personen diese Welt zu konstituieren oder zu deuten
glauben. Selbst die Maskierung signalisiert nicht länger die Grenze zwischen eigentli-
cher und uneigentlicher Bedeutung. Vielmehr gewinnt die Maske an realem Eigenleben
in dem Maße, wie das Seiende von Vorstellungen und fiktiven Produkten ununter-
scheidbar wird. Zugespitzt bedeutet das: die Kunst als das Denken dominierende Kraft
übersteigt ihre mimetische Funktion als Nachahmerin von Welt und erzeugt direkt die
Realität als Fiktion.287
Der entscheidende Einwand gegen die Behauptung einer erneuten Sinnkonsti-
tution durch Gegenüberstellung stilistisch kontrastierender Erzählweisen besteht in ih-
rem widersinnigen wechselseitigen Bezug. Sobald den gebildeten Lesern die konnota-
tive Bedeutung der Schwankszene für die Strukturierung durch die Kenntnis des Prä-
287 Vgl. zum Zusammenfallen von Kunst und Wirklichkeit Odo Marquart, Kunst als Antifiktion, in: Funkti-
onen des Fiktiven, Hg. von Dieter Henrich und Wolfgang Iser, München 1983, S. 35-54; hier S. 50.
Zur neuzeitlichen Verschmelzung des Realitäts- mit dem Irrealitätsprinzip und zur willentlichen Set-
zung der Fiktur schreibt er:
„Welterdichtung und Weltvernichtung werden ihrerseits ununterscheidbar. So mag füglich bezweifelt
werden, daß die Expansion der Fiktionen zur Rettung des Diesseits genügt: vielleicht ist sie nur die
indirekte und komplizierte Form, der eschatologischen Weltvernichtung zuzuarbeiten und mit der
Welt auch noch die Neuzeit in ihr Ende zu stürzen. Zugleich aber und vor allem bedeutet es: das Fik-
tive und das Wirkliche werden der Tendenz nach konvertibel; ens et fictum convertuntur. Das )LNWLYH
]XVHLQZLUG]XPHQWVFKHLGHQGHQ'HILQLHQVGHU5HDOLWlW“
Wittenwiler steht sozusagen an der Schwelle zur Neuzeit. Daß aber schon die Denkgebäude des
scholastischen Ideenrealismus zerfielen und nicht mehr unangefochten akzeptiert wurden, belegen u.
a. die Theorien Wilhelms von Ockham aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Der auch Konzep-
tualismus genannte Nominalismus hatte weitreichende Konsequenzen für die Weltdeutung und das
Selbstverständnis des Menschen. Der Graben zwischen der bestialischen und nur bedingt vernünfti-
gen Natur des Menschen und der verborgenen Güte Gottes vertiefte zugleich den Abstand von
Wahrheitssuche und sprachlicher Ausdrucksfähigkeit. Der Mensch fiel auf die Anforderungen des
diesseitigen Lebens zurück, zu dessen Bewältigung er erst neue Verhaltensregeln und Ordnungs-
modelle schaffen mußte.
159
textes bewußt geworden ist, kommt es zu der schon oft erwähnten Parallelisierung
zweier konträrer Vorstellungsinhalte. Wittenwilers Umkehrung des Erzählschemas iro-
nisiert die Übereinstimmung von YHUEDund UHV, von didaktischer Absicht und rhetori-
scher Verwirklichung. Beide spiegelbildlich aufeinander bezogenen Schemata, also
auch die von dem ironischen Erzähler erzählte Schwankepisode, deuten auf Literatur
als Akte der Sinnstiftung, die auf nichts anderem als auf sich selbst gegründet sind.
6.2.3 Fritz symbolische Deutung von Bertschis Kaminsturz
In Sprechakten willkürlicher Sprachsetzung „beweist“ die explizite Erzähltechnik
Wittenwilers die Aporie von Setzung und Figur. Das folgende Zitat Paul de Mans über
Shelleys Gedicht 7ULXPSKRI/LIHsoll den Zusammenhang von Sinnlosigkeit und Be-
deutungssetzung in der Fiktion verdeutlichen:
Wie kann ein Akt des Setzens, der mit nichts vor oder nach ihm in Beziehung
steht, in eine narrative Sequenz eingeschrieben werden? Wie wird ein Sprechakt zu ei-
ner Trope, einer Katachrese, die dann ihrerseits die narrative Sequenz einer Allegorie
hervorbringt? Dies kann nur der Fall sein, weil wir unsererseits der sinnlosen Macht der
setzenden Sprache die Autorität von Sinn und Bedeutung beilegen. Aber das ist grund-
legend inkonsistent: Sprache setzt und Sprache bedeutet (da sie etwas zusammenfügt),
aber Sprache kann nicht Bedeutung setzen, sie kann Bedeutung nur in ihrer bekräftig-
ten Falschheit wiederholen (oder reflektieren). Und das Wissen um diese Unmöglichkeit
macht die Sache nicht weniger unmöglich.288
Das Bewußsein davon, daß Sprache ein durch performative Fügungsakte zu-
sammengesetztes, fragiles Gebilde ist, das ebenso, wie es entstanden ist, auch wieder
in seine Komponenten zerlegt, rekombiniert und laufend umgewandelt werden kann,
zeigt Wittenwiler in den grotesken Handlungskontexten. So etwa als Bertschi durch
den Kaminschacht ins Feuer fällt und die beim Rübenessen versammelte Familie aus-
einandersprengt.
'DUXPVRPXRVWHUYDOOHQ
9RUGHQFKLQGHUQDOOHQ
8QGGHPYDWWHULQGD]IHXHU
6DPGHUWLHIHOXQJHKHXHU
+lOXQGNHVVHOYLHOGDKLQ
0LW%HUWVFKLQ]XRVHLPXQJHZLQ
288 Paul de Man, Die Ideologie des Ästhetischen, Hg. von Christoph Menke, Aus dem Amerikanischen
von Jürgen Blasius, Frankfurt a. M. 1993, S. 171 f. ‘Shelleys Entstellung’ erschien unter dem Titel
‘Shelley Disfigured’, in: Harold Bloom et al., Deconstruction and Criticism, New York 1979, S. 39-73.
Hier nach Paul de Man, The Rhetoric of Romanticism, New York 1984, S. 93-123.
160
:HUPRFKWGROHQJHUJSHLWHQ"
'HUQLFKWHQKLHW]HUHLWHQ
'HUIORKPLWKHQGXQGIHVVHQ
'D]FKRQGLPQLHPDQJSVVHQ
0lW]OHLQGLHZDVDOVRODP
'D]VHLFKDXP]XUVWHJHQFKDP
6HFKWGRUXPSHOWVHLKLQDE
6DPHLQDQGHUPOUDG V. 1494 ff.
Bertschis Sturz ins Feuer löst eine Kettenreaktion aus. Haken und Kessel fallen
herab, „Hände und Füße fliehen“, die lahmende Mätzli rollt „wie ein Mühlrad“ die Stie-
gen hinunter. Die Sprengkraft seines Falls findet ihren sprachlichen Ausdruck in einer
Reihe von heterogenen Deutungen. Beim Erzähler und Vater Fritz werden die Perso-
nen zu Zeichen einer symbolischen Sinnebene, die hier allerdings keinen intertextuel-
len Bezug auf einen identifizierbaren Prätext zu erkennen gibt. Bertschis Sturz ver-
gleicht der Erzähler dem des Luzifer, Mätzlis Fluchtbewegung mit einem Mühlrad. Me-
tonymisch könnte das Mühlrad auf das Rad der Fortuna verweisen. Fortuna und Diabo-
lus, wörtlich „Durcheinanderwürfler“, würden dann als Sinnbilder für das von Bertschi
gestiftete Durcheinander stehen. Fortuna und Diabolus verweisen auf Zufall und Cha-
os. So parallelisiert der Erzähler die wörtliche und metaphorische Zeichenebene. Seine
Deutung besteht in dieser Episode aus expliziten Vergleichen und bleibt als selbstän-
diger Kommentar von dem Bericht des Geschehens getrennt. Vater Fritz dagegen deu-
tet Bertschis Sturz und Mätzlis Fall symbolisch:
'RGLW]QXDOVRZDVJHVFKHKHQ
)ULW]GHUZDUGVLFKVGLQJVYHUVHKHQ
8QGJHGDFKWLQVHLQHPPXRW
*OXRWLVWJYDOOHQLQGLHJOXRW
)HXULVWFKRPHQ]XRGHPIHXU
'D]VFKDIWGLHPLQQGLHDYHQWHXU V. 1514 ff.
Fritz setzt Bertschi, Mätzli und das Kaminfeuer dem Minnefeuer gleich. Im Haus
der Geliebten brennt ein Feuer im Kamin, in das ein „feuriger Liebhaber“ aus Leiden-
schaft hineinfällt. Fritz erblickt in den Elementen der Handlung diesselbe Qualität wie in
den Metaphern der Minne. *OXRWist JOXRWIHXUist IHXUEr nimmt offenbar an, daß sich
hinter dem identischen Wort zur Bezeichnung zweier Sachen dasselbe Wesen verber-
ge. Seine Vergleichsmethode ist insofern alchimistisch, als im Bild von Feuer und Glut
Gleiches an Gleichem überprüft wird.289 Ihm genügt die sinnlich wahrnehmbare Au-
289 Vgl. zu den naturkundlich handwerklichen Prüfmethoden als Tugendproben, Albrecht Juergens, 'Wil-
helm von Österreich', Johanns von Würzburg 'Historia Poetica', Frankfurt a. M. 1990 (= Mikrokosmos,
Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung, 21), S. 412, Anm. 17. Juergens be-
merkt zu dem „Cupido-Helm“ in Johanns von Würzburg 'Wilhelm von Österreich': „[...] Sie [die Stich-
probe mit dem Prüfstein] basiert auf dem Prinzip, daß Gleiches mit Gleichem zu überprüfen sei. Ü-
161
ßenseite endlicher Dinge als Beweis für die Gültigkeit seiner Vorstellungen. Da unter
dieser Deutungsperspektive Bertschis inneres Feuer vom äußeren nicht zu unterschei-
den ist, setzt der Erzähler die Allegorese von Vater Fritz mit dem ironischen Kommen-
tar fort: %HUWVFKLZROWYHUSULQQHQ$XVUHQWKDOEXQGLQQHQ(V. 1520 f.). So kann er gro-
teskerweise das metaphorische Brennen aus Minneleidenschaft gleichwertig neben
das buchstäbliche Verbrennen Bertschis im Kaminfeuer stellen.290
Die symbolisch verstandenen Metaphern verweisen nicht mehr auf unsichtbare
innere Seelenzustände und veranschaulichen auch nicht die Gedanken der Minnen-
den. Im Gegenteil, aus der Deutungsperspektive von Vater Fritz beweisen die Fakten
der Erzählung (Mätzli am Kaminfeuer und Bertschis Sturz in dasselbe) ihre allegori-
sche Bedeutsamkeit (Minnefeuer und Abenteuer). So als seien die Handlungselemente
von einem unsichtbaren Regisseur planvoll arrangiert worden, unterstellt Fritz dem Er-
eignis eine konsistente symbolische Bedeutung. Doch das Feuer brennt zufällig gerade
zu der Zeit, als Bertschi vom Dach aus durch den Kamin schaut. Ebenso zufällig hat
sich die Familie zu dieser Zeit darum versammelt. Keinem Zufall, sondern Bertschis
Ungestüm verdankt sich dagegen der Umstand seines Sturzes. Auch das Fallen be-
zieht Fritz in seine symbolische Deutung ein. Er identifiziert es als Minneabenteuer.
Abenteuer kann wörtlich als glückliches oder zufälliges Ereignis übersetzt werden.
Läuft beim Erzähler Kommentierung und gleichzeitige Schilderung der Erzähl-
fakten parallel zur metaphorischen Vergleichsebene, so zwingt Fritz dann die beim Er-
zähler noch dissoziierten Stränge der literalen und der metaphorischen Zeichen zu-
sammen. Sein alchimistisches Erkenntnisverfahren spricht dem chaotischen Vorgang
Symbolwert zu und verleiht dem Geschehen semiotische Eindeutigkeit. Aus der Per-
spektive eines Adepten wie Fritz, der den Symbolwert der Dinge, Personen und Ereig-
nisse zu kennen glaubt, vollzieht sich das epische Geschehen in einer automatischen
Folge logischer Schritte. Dadurch verliert der Zufall, das DYHQWHXUim wörtlichen Sinne,
seine erzählfaktische Singularität und wird im Deutungshorizont des Interpreten zu ei-
ner wiedererkannten literarischen Figur. Wir haben es also wieder wie im Fall von Na-
belraibers Minnelehre mit einer individuellen Deutung als Akt der Sinnstiftung zu tun.
Ein Interpret - sei es eine Romanperson, der Erzähler oder ein Leser - schreibt
Objekten, Personen und Handlungssequenzen subjektiv Bedeutung zu, liest sie als
Zeichen eines vorgefertigten literarischen Systems oder etabliert eigenmächtig semio-
tische Kontexte. Durch diese Art der Kombination von Ereignis und individueller Vor-
bertragen auf den CUPIDO-Helm bedeutet dies: jene Edelsteine, denen selbst die ’virtutes’ eignen,
symbolisieren und indizieren zugleich den Grad ihrer Verwirklichung durch seinen Träger.“
290 Helmut Tervooren sieht in den Versen 1520-21 einen Erzählerkommentar, der „den geläufigen Min-
nesangtopos von der Minneglut parodiert.“ Vgl.: Ders., Das Spiel mit der höfischen Liebe, Minnepa-
rodien im 13.-15. Jahrhundert, in: ZfdPh 104 (1985) Sonderh., S. 135-157, hier S. 151.
162
stellung werden die Handlungselemente semantisch fixiert. Der semiotische Kontext
des Erzählten fügt sich je nach Willen dem hermeneutischen Horizont des jeweiligen
Interpreten. Deshalb sind im ‘Ring’ alle narrativen Elemente zugleich subjektiv gedeu-
tete Zeichen, die wenig oder nichts über ihre objektive Bedeutung aussagen. Insofern
beschreibt Zeichendeutung denselben Vorgang wie Zeichenproduktion.
6.2.4 Die Vermischung des Profansten und Heiligsten in der Brot-Metaphorik
Bei der Transsubstantiation sind Brot und Wein erst dann in Leib und Blut
Christi verwandelt, wenn der Priester im Rahmen einer bis ins letzte Detail festgelegten
liturgischen Zeremonie das von der Kirche autorisierte Bibelwort ausspricht. Wittenwiler
nutzt die Symbolizität der Eucharistie in der Weise, daß er Bertschi auf Mätzlis Körper
Bezug nehmen läßt, als sei es der Leib Christi. Die nun folgende Handlungssequenz
hat Vater Fritz Deutung der Minne als destruktiver Kraft vorbereitet. Denn nachdem
ihm Bertschi entwischt ist, bricht er in Wut aus, gibt Mätzli für den an seinem Dach ent-
standenen Schaden die Schuld und sperrt sie zur Strafe in den Heuschober. Diese
Maßnahme erweckt nun auch Bertschis Zorn:
'LW]ZDVLP]RUQXQGXQJHPDFK
:LHRIWHUJHQGHPVSHLFKHUVDFK
8QGJHGDFKWLP+DLOLJHU&KULVW
%HVFKORVVHQSURWZLHVHVVGXSLVW V. 1556 ff.
Bertschis Anrede wiederholt den Anfang seiner dreifachen Werbungssequenz.
Wie erwähnt, hatte ihm Mätzli zum Dank für sein nächtliches Ständchen vor ihrem
Haus ihr Hinterteil aus dem Fenster entgegengestreckt, das er sogleich als wunder-
schönes Antlitz apostrophierte. An dieser Stelle, die schon von ihrer Schauplatzsymbo-
lik an die erste erinnert, kommt es erneut zu einer konträren Differenz von QRPHQund
UHVDamit ist der Anfang für den nächsten Zyklus von Täuschung und Selbsttäuschung
markiert. Die Ähnlichkeit der Anfänge dieser größeren zyklischen Sequenzen, die ih-
rerseits aus einer Kette von parataktisch angeordneten kreisförmigen Episoden, Sze-
nen und Reden bestehen, belegt die für den ganzen ‘Ring’ typische iterative Erzähl-
struktur.
Wie schon Wießner in seinem Kommentarband bemerkt, zitiert Bertschis Anre-
de der versperrten Mätzli %HVFKORVVHQSURWZLH VHVV GXSLVWaus den Weisheitsbü-
163
chern Worte der Frau Torheit: DTXDHIXUWLYDHGXOFLRUHVXQWHWSDQLVDEVFRQGLWXVVXDYLRU
(Prv 9, 17). Triefnas transformiert durch die Anrede +DLOLJHU&KULVWden Speicher in ein
Tabernakel, die darin aufbewahrte Hostie in das „verborgene bzw. entwendete Brot“
der Frau Torheit aus Salomons Weisheitssprüchen.291 Da auf Bertschis Anrede Mätzlis
Zwiegespräch mit ihrer PXW]H folgt, lassen sich seine Worte auch direkt auf Mätzlis
Geschlecht beziehen. Der szenische Kulissenaufbau, Mätzli hoch oben im Speicher, ist
der biblischen Frau Torheit vergleichbar, die VHGLWLQIRULEXVGRPXVVXDHVXSHUVHOODP
LQH[FHOVRXUELVORFR (Prv 9, 14). Der topographischen Anlage der Frau Torheit, PXOLHU
VWXOWDHWFODPRVD (Prv 9, 13-18), steht die der Frau Weisheit, VDSLHQWLD(Prv 9, 1-12),
antithetisch gegenüber. Frau Weisheit hat ihr Haus auf sieben Säulen errichtet und
schickt ihre Mägde in der ganzen Stadt aus. Sie lädt zum Gastmahl, also zu einer geis-
tigen Speise, ein. Frau Torheit dagegen thront gleich einer Hure an einem erhöhten Ort
vor ihrer Tür und bittet die Vorübergehenden in ihr Haus. Berücksichtigt man nun die
Unsichtbarkeit der 6DSLHQWLD, die in ihrem Haus wohnt, und die Sichtbarkeit der 6WXOWL
WLD, die wie eine Hure davor sitzt, dann konvergieren der von Bertschi anzitierte Aus-
spruch der Frau Torheit SDQLVDEVFRQGLWXV zusammen mit dem Ausruf +DLOLJHU&KULVW in
dem einen Symbol des Brotes für Mätzlis PXW]H, Frau Weisheit, Frau Torheit und den
Leib Christi.292 Mätzlis schamloses Gespräch mit ihrer PXW]Hentzieht sich Bertschis
Blick.
Unter der äußeren Identität des Zeichens „Brot“ ironisiert Wittenwiler die ideelle
Differenz zwischen dem Heiligen und Profanen, die in der eliptischen Apostrophe des
süßen verschlossenen Brotes den Leib Christi und Mätzlis PXW]Haufeinander bezieht.
Es ist der Mehrdeutigkeit der Brot-Metapher zuzuschreiben, die über das WHUWLXPFRP
SDUDWLRQLV der zu bezeichnenden Sache hinaus - nämlich Mätzlis Geschlecht - noch
vieles mehr bedeutet, was eine allegorische Sinnstiftung im Sinne von Lutz unterläuft.
291 Wießner, Kommentar, S. 74.
Vgl. zur allegorischen Lektüre von Lutz: Ders., Spiritualis fornicatio, S. 327-339. Lutz vereinfacht den
Reichtum der Anspielungen und möglichen Konnotationen dieser Szene. Für ihn ist Mätzli die Große
Hure Babylons, die grauenerregende Frau Welt. Er zieht nicht in Erwägung, daß die Mittel und die
Technik der Allegorie in der Symbolisierung des epischen Geschehens ihre Wirkung verlieren und
sich agressiv gegen die Integrität ihrer eigenen Darstellungsgegenstände richten.
292 Vgl. zum poetischen Grenzbereich der Minneallegorie im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit
Ingeborg Glier, Allegorien, in: Epische Stoffe des Mittelalters, Hg. von Volker Mertens und Ulrich Mül-
ler, Stuttgart 1984, S. 205-228; hier S. 223. Glier erwähnt die Aufhebung der Verweisfunktion, die
auch für den 'Ring' geltend gemacht werden kann: „Einzeln oder in kleinen Gruppen begegnen Per-
sonifikationen jedoch in zahlreichen Kleinformen der Minneallegorie vom Ende des 13. bis zum Be-
ginn des 16. Jahrhunderts. [...] Bei solchen Personifikationsgedichten hat sich immer wieder die Fra-
ge erhoben, wie weit man hier noch berechtigt von Allegorien sprechen kann. Denn nur in wenigen
Fällen verweist die Wortebene durchweg auf eine andere Sinnebene. Doch enthalten sie oft so viele
allegorische Details, daß sie zumindest den Grenzformen der Allegorie zuzurechnen sind.“
Die Symbolisierung der Allegorie bei Wittenwiler muß vor diesem literarhistorischen Hintergrund des
Versagens der Allegorie als geeignetes Erklärungsmuster für die Vermittlung intellektueller und abs-
trakter Gehalte gelesen werden.
164
So nutzt Wittenwiler die auf einem eindeutigen Bezug zwischen literaler und metapho-
rischer Ebene basierende Allegorie konsequent für eine Poetik der Symbolisierung
durch Metalepse.293 Die sich daraus ergebende Widersprüchlichkeit der Signifikate
verhindern eine sinnvolle Deutung.
In erzähltechnischer Hinsicht fällt auf, daß Wittenwiler hier wie oben bei der al-
chemistischen Formel von Vater Fritz die Gedanken der Personen in direkter Rede
darstellt. Projizieren die Personen ihre Gedanken auf die Dinge der schwankhaften Er-
zählung, bleibt die Zeichendeutung innerhalb ihres hermeneutischen Vorstellungshori-
zonts. Folglich liegt die Produktion von blasphemischem Unsinn in ihrer Verantwortung
und entbindet den Autor von der Notwendigkeit, dafür einstehen zu müssen. Neben
den schwankhaften Episoden gilt dasselbe auch für die vermeintlich seriösen Lehren
des Mittelteils. Hinter der doppelten Schutzvorrichtung der Reden des Erzählers und
der Romanfiguren verschwindet also die Stimme des Autors, so daß die Suche nach
einem auktorial verbürgten, didaktischen Sinn unmöglich zu sein scheint.
6.3 Rhetorische Fügungen und deren Auflösung
6.3.1 Die Ironisierung der zeitlosen Gültigkeit von Briefen, Liedern und Gedichten
In dem Minnebrief, den der Schreiber Nabelraiber für Bertschi an das Bauern-
mädchen Mätzli adressiert, äußert er den Wunsch, sie möge dafür sorgen, daß sich die
minnerelevanten Körperteile zusammenfügen:294
'LHDQGHULVWGD]LUGHQIXQG
9LQGHQVFK|OWLQFKXUW]HUVWXQG
'D]VLFKKHUW]HQPQGHODXJHQ
=HPHQIJHQVXQGHUWDXJHQ V. 1896 ff.
Der Aufforderung an die apostrophierte Geliebte, eine günstige Gelegenheit
(IXQG) zum Zweck der erotischen Vereinigung (=HPHQIJHQ) der disparaten Körpertei-
293 Vgl. zur Erstarrung des mittelalterlichen Symboldenkens im Allegorismus des Spätmittelalters Rainer
Gruenter, Zum Problem des Allegorischen in der deutschen 'Minneallegorie', in: Euph. 51 (1957), S.
1-22.
Zur Schauplatzsymbolik Vgl. ebd., S. 17 f.
In der Ars versificatoria 3, 43 definiert Matthäus von Vendôme Allegorie wie folgt: „Allegoria est alie-
num eloquium quando a verborum significatione dissidet intellectus“.
294 Zur Personifizierung von Körperteilen als Stilmittel des Minnesangs schon bei Heinrich von Morungen
vgl. Tervooren, Das Spiel mit der höfischen Liebe, S. 148.
165
le ausfindig zu machen, entsprechen genau die ersten beiden Bearbeitungsphasen der
Rhetorik: die Erfindung der Gedanken bzw. die Auffindung des Materials, LQYHQWLR, und
die Gliederung der Gedanken zu einer sinnvollen Ordnung, die GLVSRVLWLR.295 Die YHUED
des Briefes formulieren rhetorische Ordnungsbedingungen in Wunschform, die sich
aber erst unter den unkalkulierbaren Bedingungen der außerliterarischen Zeitlichkeit
realisieren sollen. Da die Analphabetin infolge von Nabelraibers Steinwurf am Kopf ver-
letzt wird, zerbricht seine rhetorische Absicht an der Endlichkeit der Welt. Statt eines
aktiven Findens von Gedanken im Kopf trifft Mätzli der Brief am Kopf, statt eines Zu-
sammenfügens der Gedanken zu einer planvollen Handlung, bewirkt die rohe Materiali-
tät das Auseinanderbrechen der literarischen Figur Mätzli in ihre Körperteile (V. 1937
ff.).
Wie schon an den Beispielen des Prosaurteils und der Minnelehre Nabelraibers
gezeigt werden konnte, demonstriert Wittenwiler an den schriftsprachlichen Produkten
des Schreibers die komische Divergenz der absichtsvollen rhetorischen Fügungen und
der dem Zufall unterworfenen Welt der Dinge. Zu Nabelraibers Auffassung der literari-
schen Ordnung der Welt nach den Regeln der Rhetorik gehört die konfigurative Zeit,
die mit der episodischen der Schwankerzählung kontrastiert.296 Die konfigurative Zeit
einer Erzählung expliziert eine Gedankenfigur und kann ebenso die Form einer raum-
füllenden Allegorie, eines Briefes, eines Gedichts bzw. eines Liedes oder einer Sen-
tenz annehmen. Durch ihre schriftsprachliche Ordnung sind diese literarischen Gattun-
gen der Singularität und der Unvorhersehbarkeit zeitlicher Episoden enthoben und er-
starren monumental zu in sich selbst kreisenden mustergültigen Wiederholungsfiguren.
Die Wiederholbarkeit und immer gültige Zitierfähigkeit etwa des Ovidschen Verfüh-
rungsschemas der Minnelehre schließt das Moment der Kontingenz aus und rückt so in
die Nähe zeitloser Mythen. Die iterative und zirkuläre Sinnstruktur der konfigurativen
Zeit führt Wittenwiler in dem Hoflied zur Perfektion, das den zweiten Schritt der TXLQ
TXHOLQHDHDPRULVdie Anrede an die Geliebte, vorbereiten soll.297 Denn für den Fall
des Scheiterns der bisher empfohlenen Mittel zur Kontaktaufnahme empfiehlt Nabel-
raiber dem Liebhaber, er solle die Gasse auf- und abgehen und dabei seiner Angebe-
tenen - wohl vor ihrem Haus - dieses Hoflied singen:
295 Zu den fünf Bearbeitungsphasen der Rhetorik vgl. Karl-Heinz Göttert, Einführung in die Rhetorik,
Grundbegriffe - Geschichte - Rezeption, München 1991, S. 25 ff.
296 Zur narrativen Zeit vgl. Paul Ricoeur, Narrative Funktion und menschliche Zeiterfahrung, in: Roman-
tik, Literatur und Philosophie. Internationale Beiträge zur Poetik, Hg. von Volker Bohn, Frankfurt a. M.
1983 (= es 1395, NF 395), S. 45-79; hier bes. S. 60 f. und S. 70 f.
166
=HGLHQHQKDELFKLUJHVZRUQ
:LOVHLVMRFKQLHPHUKDQYHUJXRW
9lOWHVPLUKHXWHVWULIIWOHLFKWPRUQ
'DUDXIGHUIUHXZHWVLFKPHLQPXRW
8QGKDUUHQLHDXIJXRWHQZDQ
=HGLHQHQKDELFKLUJHVZRUQ
:LOVHLVMRFKQLHPHUKDQYHUJXRW
'DUXPZLOLFKQLFKWDEHODQ V. 1758 ff.
Formal und inhaltlich beschreibt das Lied eine in sich selbst rotierende Gedan-
kenfigur. Der Schlußvers bekräftigt explizit den Willen zur Wiederholung. Es hat weder
Anfang noch Ende. Das Ziel des Singens ist reine zweckfreie Absicht und stimmt mit
der unendlichen Bewegung des Auf- und Abgehens überein. Ob der damit verbundene
Wunsch heute oder morgen in Erfüllung geht, spielt dabei keine Rolle. Das solcherma-
ßen singende Hoffen auf Erhörung wird zum zeitlosen Selbstzweck des höfischen
Liebhabers. Auf JXRWHQZDQkann er sein Lied unendlich oft wiederholen, auch wenn
sich der ZDQals blinde Hoffnung herausstellt. Nabelraiber empfiehlt dann weiterhin, ihr
noch mehr Boten zu schicken, und begründet das in Abwandlung der bekannten Ovid-
Sentenz „Steter Tropfen höhlt den Stein“ aus ‘Briefe vom Schwarzen Meer’ mit folgen-
dem Spruch:298
:RQFKDLQKHUW]ZDUGQLHVRKHUW
'D]PDQQLFKWP|KWJHPDFKHQOLQG
0LWVWlWHPJSHWWGDVZDLVVHLQNLQG V. 1771
Damit fällt ein ironisches Licht auf den Anfang des Erzählabschnitts mit dem
Thema Brautwerbung, der mit Bertschis ungleichem Radau-Ständchen und Mätzlis
prompter derb-komischer Reaktion ein abruptes Ende findet (V. 1377).
Der sich an die Minnelehre anschließende, oben erwähnte Brief des Schreibers
endet mit einem vierzeiligen Gedicht. Dieses Gedicht enthält die Möglichkeit, die Abfol-
ge der Verse beliebig zu vertauschen. Blasphemischerweise reimen Jesus und Venus
aufeinander, so daß die Namen der beiden konträren Gottheiten der Liebe zu variab-
len, austauschbaren Größen in einem Spiel möglicher Kombinationen werden:
(XFKJHVHJLQVWHJXQGZHJ
-HVXVLQVHLQUJHWL
'DPLW 8QGDQGHUVQLW
(ZHUSKOHJLQOHEXQGVZHE
297 Vgl. zu Wittenwilers Hoflied Christoph Petzsch, Weiteres zum Lochamer-Liederbuch und zu den
Hofweisen, Ein Beitrag zur Frage des Volksliedes im Mittelalter, in: Jahrbuch für Volksliedforschung
17 (1972), S. 9-34; hier bes. S. 17 ff.
298 Ovid, Briefe aus der Verbannung, Tristia, Ex Ponto, Lateinisch und Deutsch, Übertr. und erl. von Ge-
org Luck, Stuttgart 1963, IV 10, 5 erste Vershälfte: „Gutta cavat lapidem...“.
167
9HQXVLQLUPJPHWL V. 1909-1912299
Durch die nur lesend herzustellende Varianz der Lektüre werden die kontradik-
torischen Sinnsysteme von altruistischer Karitas (Jesus) und sexueller Begierde (Ve-
nus) nivelliert. So etwa könnte man folgende Segenswünsche formulieren: 'D
PLW-HVXVLQVHLQUJHWL(ZHUSKOHJLQOHEXQGVZHE8QGDQGHUVQLWoder 'DPLW9HQXV
LQLUPJPHWL(XFKJHVHJLQVWHJXQGZHJ8QGDQGHUVQLWVenus und Jesus erschei-
nen also als gleichwertige Namen von Schutzgottheiten der Liebe. Jede mögliche Les-
art beginnt mit einem finalen 'DPLWund endet mit einem apodiktischen 8QGDQGHUVQLW.
Folglich fallen die widersinnigen Segenssprüche disparat auseinander. Abgesehen von
Binnenreimen und Alliterationen -HVXV9HQXVJHWLJPHWLVWHJXQGZHJSKOHJ LQOHE
XQGVZHEverstärkt sich der Eindruck der semantischen Beliebigkeit noch dadurch, daß
der Funktionswert der performativen Akte - alle vier Satzkombinationen sind gleichwer-
tige Segenssprüche - von den jeweils verschiedenen Bedeutungsinhalten unberührt
bleibt. Gerade durch die schriftsprachliche Fixierung finaler Satzbildungen, 'DPLW
8QGDQGHUVQLW,prallen die konträren Lektüren unvermittelt aufeinander. Wie bei den
farblich markierten Textstellen hängt das Abschließen von Bedeutung davon ab, für
welche Deutungs- bzw. Lesevariante sich der Leser entscheidet. Es läßt sich aber in
keinem Fall ein plausibler textimmanenter Grund dafür angeben, weshalb diese Lesart
bzw. Deutung richtiger oder besser sein soll als jene. Das Gedicht ironisiert die Festle-
gung der Bedeutung, was für das Funktionieren jeder Konstruktionsallegorie unver-
zichtbar ist.
In der episodischen Dimension werden dagegen Ereignisse in dem äußeren
Bezug des „Und dann ... und dann“ erzählt, die auch durch ein „Und so weiter und so
fort“ ersetzt werden können. Sie organisieren sich als Episoden einer allen menschli-
chen und physikalischen Vorkommnissen gemeinsamen Ordnung. Der episodischen
Erzählstruktur begegnen wir in der Ehedebatte wie auch im orgiastischen Fest. Einer
Episode kann nach dem Prinzip der Reihung immer noch eine zweite hinzugefügt wer-
den. Allein die Physis, sei es Erschöpfung, sei es Gewalt, beendet die Endlosreihung
von sich überbietenden Argumenten und Gegenargumenten, widersprüchlichen Zitaten
und Glossen, von Tanz und Gesang, die von immer wilderen Tänzen und Gesängen
bis zur materiellen Auflösung der Sprache in bedeutungsleeres Johlen und Jauchzen
getrieben werden.300
299 In der Handschrift stehen die Verse untereinander und von dem 'DPLWund dem 8QGDQGHUVQLWwei-
sen strahlendförmig Pfeile auf die vier Verse in der Mitte, geben aber keine Zuordnung für eine be-
stimmte Lesart zu erkennen.
300 Zwischen Colman und Laichdenman entbrennt am Beispiel des biblischen Judas, von dem es bei
Matthäus 26, 24 heißt: „Bonum erat ei si natus non fuisset homo ille“ und der Judaslegende ein Streit
168
Als Bertschi bei dem tölpelhaften Versuch, Neidhart anzugreifen, über eine Erb-
se stolpert und von seinem Esel fällt, beschimpft er alle IUDZHQUDLQ(V. 559), wie der
Erzähler ironisch bemerkt, als Schlampen und Huren und wünscht ihnen den Tod. Fast
schon scheint er dazu bereit zu sein, seinem närrischen Treiben und damit dem ge-
samten Bauernturnier zu Ehren Mätzlis ein abruptes Ende zu bereiten. Dann aber
schwenken seine Affekte um, und er denkt plötzlich wieder $QIUDZQ0lW]OHLQVZLUGL
FKDLW(V. 566)Dieser Affektumschwung bezeichnet der Erzähler ironisch als „anderes
Lied“:
9LOGUDWHUVZDLJH]ZDVLPODLW
(LQDQGHUVJVDQFKGRKXREHUDQ
µ6RVHLLFKQLWHLQELGHUPDQ
)UDZHQJQDGZLOLFKGHUZHUEHQ
6FKROWLFKYLHUVWXQGGUEHUVWHUEHQ V. 567 ff.
Bertschi bedient sich also wieder der höfischen Bezeichnungen von ELGHUPDQ
und IUDZHQJQDG, um den Unsinn des Bauernturniers mit dem Ziel, Mätzlis Gunst zu
erwerben, fortzusetzen. Doch zählt Mätzli nicht einmal zu der Schar der Zuschauer. So
hat auch hier wieder das Lied die Funktion, eine absolute Bedeutung zu verkünden, die
in der Einbildung und der Vorstellung des Singenden wurzelt und von anderen Bedin-
gungen als der Einbildung abstrahiert. Ganz am Ende des desaströsen Bauernturniers
klingt der Wunsch des arg ramponierten Grafen Burkhart, ein Lied zu singen, geradezu
grotesk. Im Konjunktiv sagt der Erzähler über ihn:
'HQQRFK3XUNKDUWKLHWJHVXQJHQ
5DLQVJHVDQFKLQVHVVHU]XQJHQ
'RPRKWHUVQLWDPKHUW]HQKDEHQ
$OVRVHUZDVHUJHVFKODJHQ
+LHPLWPXRVWGHU7ULHIQDV
darüber, ob es für ihn besser gewesen wäre, gar nicht geboren worden zu sein, oder ob es für jeden
Menschen besser sei, in der Hölle zu schmoren, als niemals existiert zu haben (V. 3250 ff.).
Vgl. die Judaslegende, in: Die Legenda aurea des Jacobus von Voragine, Aus dem Lateinischen ü-
bersetzt von Richard Benz, Heidelberg 19799, S. 214-217. Dort wird erzählt, daß Judas gleich Ödi-
pus ausgesetzt wird, seinen Vater erschlägt, seine Mutter heiratet und mit ihr schläft.
Die Laichdenman erkennt die Autorität der Bibel, die Wahrheit von Gottes Wort uneingeschränkt an,
fügt dann aber sogleich hinzu, daß man sie „nur“ richtig verstehen müsse. Sie verbindet die Legende
mit dem biblischen Urteil, nennt zwei Glossen, von der die eine sagt, nichts sei schlimmer, als gar
nicht geboren, die andere kommentiert, es wäre besser für Judas gewesen, nicht zur Zeit Christi ge-
boren worden zu sein. Diese Glossen haben durchaus Sinn, wenn LOOHKRPR nicht, wie Colman es tut,
mit „als Mensch“, sondern „als jener Mensch“ übersetzt wird. Laichdenmans Auslegung indes ist ab-
surd. Sie sagt, es wäre besser für Judas gewesen, wenn er aus dem Mutterleib herausgeschnitten
worden wäre, als daß er geboren wurde, um solche Schandtaten zu begehen (V. 3301 ff.).
Laichdenman zerstört geradezu den Redegegenstand, indem sie die Wahrheit der Bibel, Legende,
Übersetzung und ihre eigenwillige Auslegung, die sie als absolut wahr hinstellt: „Daz wil ich so gelei-
chen dir:/Ez ist auch war, gelaub es mir!“ (V. 3299 f.) als gleichwertige Texte, die eine unendliche
Menge von Deutungen provozieren, nebeneinanderstellt. Sie erkennt selbst, wie unsinnig dieser Re-
lativismus ist, wenn sie am Schluß sagt: „Doch soll diss ein end haben/(Alleu mär sein nicht zu sa-
gen)“ (V. 3311 f.).
169
$LQLFKEOHLEHQGD]LVWGDV V. 1274 ff.
Hätte er also noch die physische Kraft, ein Lied anzustimmen, würde er zu-
sammen mit dem quietschfidelen Haupthelden den Wahnwitz des Bauernturniers fort-
setzen. Auch am Ende der Ehedebatte glaubt die Laichdenman, ihre Argumentation
zugunsten einer Ehe Bertschis mit Mätzli mit einem Lied in den Rang einer mustergül-
tigen Wahrheit zu heben. Bertschi ist selbstverständlich entzückt und lobt singend das
Singen der Laichdenman, wie der Erzähler ironisch kommentiert. Dennoch wird der
endlos hin- und herspringende Disput von Argument und Gegenargument wie beim
Bauernturnier bis zur endgültigen physischen Erschöpfung fortgesetzt.
'DUXPEVRVLQJLFKLPGDVOLHG
3HUWVFKL0lW]HQQHPHQVFKRO
=XRVHLQHPZHLEVRWXRWHUZRO
'RVlQJHOWMXQNHU7ULHIQDV
,FKJHK|UHWQLHJHVLQJHQEDV
1RFKZDUGGHUWlGLQFKDOVRYLO
+LQXQGZLGHU]HGHP]LO
'D]LQVZLQGHOWLQGHQVLQQHQ
,HGHUVFKUH,FKZLOYHUSULQQHQ
8QGGHUWULQNHQLQGHUZLW]
,QGHPUDWXQGLQGHPVZLW]
'DUXPEVRODVVLQZLUVZHOHLEHQ V. 3490 ff.
Analog zu der episodischen Erzählzeit der Ehedebatte, deren unendlich wie-
derholbare Aneinanderreihung von UHG und ZLGHUUHG in der zeitlosen Gültigkeit des
Liedes zum Stillstand kommt, ist die Reihe der Hochzeitstänze gestaltet. Das letzte
Lied, das Troll vor dem Ausbruch der in den Krieg mündenden Massenprügelei an-
stimmt, knüpft motivisch da an, wo auch die Ehedebatte aufhört, nämlich bei der kör-
perlichen Erhitzung:
'LHZHLOHVLQGHUKLW]HVHL
0DFKWHXFKDQGHQULQJKLHSHL
,FKZLOHXFKVXQGHUOHLFKHQVLQJHQ
(LQVGD]IHJHWZRO]HVSULQJHQ
'HUUHGHZXUGHQVDOOHIUR
'DPLWVRKXREHUDQDOVR
(VDVVPHLQYHWWHU(EHUKDUW
8QGWUDQFKPHLQ|KHLQ5LPSDUW
(VVFKOLHIIPHLQYHWWHU2OOKHU2OOKHU2OOKHU
2OOKHU2OOKHU2OOKHU2OOKHU2OOKHU2OOKHU2OO
(VVFKOLHLHLHIKHU2OO2OO2OO2OO
(VVDQJPHLQVXQGHU3HUFKWKROG
8QGVSUDQJPHLQQHIKHU+LOSROG
(VWDQW]WKHU6FKROOOROROROROOOROR
/ROROROROOOROROROROROROROROO
(VVZDQW]WKHU6FKRRRRRRROO
(WFHWHUD(UVDQJLHEDV V. 6430 ff.
170
Dieses Tanzlied ist ein Symbol für eine in sich selbst kreisende iterative Bewe-
gung. Es dürfte sich kaum um einen bloßen Zufall handeln, daß Wittenwiler die Ring-
förmigkeit nicht nur semantisch durch die innere Bedeutungsleere, sondern auch gra-
phisch durch die zunehmende Isolierung des O-Vokals markiert. Wie das kunstvoll zu-
sammengefügte Hoflied Nabelraibers besitzt auch dieses bacchantische Lied eine un-
endlich fortsetzbare Wiederholungsbewegung.
6.3.2 Die Übertragung allegorischer Bildelemente in die Erzählhandlung
Anders als in der Minnelehre, in der das Ziel der Verführungsstrategie enthalten
ist, nennt Nabelraiber in dem nach rhetorischen Regeln der DUVGLFWDPLQLVverfaßten
Liebesbrief Körperteile, die sich erst in einer zukünftigen Liebesvereinigung zusam-
menfügen sollen. Wie die folgende Textstelle belegt, bewirkt der Brief statt einer Syn-
these die Zergliederung der Körperteile. Als Mätzli von dem Stein, um den der Brief
gewickelt ist, am Kopf getroffen wird, beschreibt der Erzähler die Zerfallsreaktion fol-
gendermaßen:
0lW]OLZDVJHYDOOHQ
0LWDUVXQGPLWDOOHP
$EGHUEDQFKGDVHLGRVDV
'D]VHLLUVJHPHW]YHUJDV
'RQXYHUJLHGD]VWUHNHQ
'LHRUHQZDUGVHLUHNHQ
8QGGHQNHQ:LHLVWPLUJHVFKHKHQ" V. 1937 ff.
Ähnlich einer aus Bildelementen zusammengesetzten Allegorie, der das Fun-
dament, auf dem sie ruht, entzogen wird, bricht Mätzli PLWDUVXQGPLWDOOHP, d. h. mit
allen Bestandteilen, aus denen sie der Dichter komponiert hat, auseinander. Ihre erste
Reaktion gleicht der eines Esels, der wahrscheinlich auch seine Ohren aufstellte, wür-
de er von einem Stein getroffen. Der mögliche Vergleich mit dem Verhalten eines un-
vernünftigen Tieres setzt sich dann in den Kommentaren des Erzählers fort. Mätzli er-
kennt den Stein als Ursache für ihre Kopfwunde und der Erzähler berichtet: 'HVQDP
VHLZXQGHULQGHPFKURSI (V. 1948), wobei Kropf auf Kopf reimt. Krasser und pointierter
läßt sich Mätzlis Unwissenheit kaum mehr darstellen. Sie fällt in Ohnmacht infolge des
Steins, an dem der Brief befestigt ist, und nicht infolge der Lektüre, wie im Normalfall
anzunehmen wäre. Da sie der Kunst des Lesens und Schreibens nicht mächtig ist und
in ihrem Kopf rein gar nichts ist, was das Verständnis von schriftsprachlicher Kunst
voraussetzt, verlegt Wittenwilers Erzähler Mätzlis Verwunderung über die Wirkung des
171
Briefes in jenen mißgebildeten Körperteil, der sprichwörtlich völlig überflüssig und zu
nichts nutze ist. Der Substitution des eigentlichen Erkenntnisorgans (Kopf) durch den
erkenntnisunfähigen Körperauswuchs (Kropf) entspricht die der üblichen Rezeptionssi-
tuation des Lesens unangemessene Reaktion: obgleich gar keine mündliche Botschaft
zu vernehmen ist, stellt die Analphabetin ihre Ohren auf. Erst danach schaut sie sich
um und findet den Brief.
Die im Brief enthaltene Botschaft, zu deren buchstäblichem Verständnis die Le-
sefähigkeit Voraussetzung ist, verfehlt ihr Ziel genau in dem Maße, wie die krude Mate-
rialität des Briefes das Erkenntnisorgan von außen verletzt. Das im Brief enthaltene
Lob auf Schönheit und Geschicklichkeit der literarischen Geliebten mit der Aufforde-
rung, Mittel und Wege zu einem geheimen Stelldichein zu finden, kontrastiert wie im
Falle von Nabelraibers Minnelehre an Bertschi mit den äußeren Rezeptionsbedingun-
gen. Im Bild des steinbeschwerten Briefes und der Kopfverletzung Mätzlis symbolisiert
Wittenwiler die Kluft zwischen rhetorischer Fügung als idealtypische Wunschprojektion
und der Sphäre der zu Gewalt neigenden Narrenbauern, in der Kontingenz und Zerfall
dominieren und die Realisierung einer rhetorischen ILJXUH unmöglich ist. Körperteile,
die im Liebesbrief zum literarischen Schema des Minnediskurses gehören, verlieren in
der narrativen Handlung des Schwanks ihre konventionelle und allgemeingültige Be-
deutung. An die Stelle von minnerelevanten Körperteilen von Herzen, Mündern, Augen
treten nun Mätzlis Hintern, Ohren, Kropf und Kopf. Letztere gehören selbstverständlich
nicht zum höfischen Beschreibungsrepertoire einer idealen Minnedame. Der Zusam-
menbruch Mätzlis in ihre literarischen Bestandteile und die ironische Benennung ihrer
nur potentiell erkenntnisfähigen Organe (Ohr, Kopf) signalisieren den Abstand zwi-
schen der Signifikanz des rhetorischen Ordnungsentwurfs und der konträren Referenz
jenseits der literarischen Produktionsbedingungen. Die dem Zufall ausgesetzten Kör-
perteile im Schwank tendieren zur Verselbständigung, schaffen neuen Erzählstoff und
geben Anlaß, über die weltfremde Fiktionalität literarischer Produkte nachzudenken.
Die Gestaltung dieser Episode demonstriert auf virtuose Weise Wittenwilers i-
ronische Erzählweise. Nachdem Nabelraiber den Brief um den Stein gewickelt und
durch das Fenster des Speichers geworfen hat, schickt er ihm folgende Segenswün-
sche hinterher:
>@1XJHKLQDQHIHVV
'LFKXPVFKODKHQGDUPHQVHVV
9DUKLQEULHIGDULFKGLFKVHQGH
'LFKHQSKDKHQGZHLVVHKHQGH
0LQEULHIHOGD]ZDUGIOLHJHQ
=XPIHQVWHULQKLQVWLHEHQ
8QGFKDPKHUGDHV0lW]HQYDQG
(VYHUIlOOHWSDLGHUKDQG
172
8QGGDU]XROLHEHUDUPHQ
(VPRFKWGDQLFKWHUZDUPHQ
$OVRHVGHUFKRSKHPSKLHQJ
6RVFKRQGD]LPGD]SOXRWDXVJLHQJ V. 1919 ff.
Die metaphorische Ausdrucksweise Nabelraibers erlangt zunächst dadurch
Symbolkraft, daß er den versifizierten Brief nach seinem Abwurf als fußlos, möglicher-
weise auch im Sinne von ohne Versfüße lesbar, bezeichnet. Aber auch diese Verse
bilden ein Gedicht und entsprechen demnach dem geblümten und preziösen Stil des
Liebesbriefes. Der Brief fliegt sozusagen prosaisch in eine Welt hinaus, die der Rheto-
rik fremd ist. Dort soll er sich in den süßen Armen und weißen Händen zu einem har-
monischen Bild der lesenden Edeldame zusammenfügen. Diese Diktion schöner Worte
wird vom Erzähler aufgegriffen und gnadenlos ironisiert: der Kopf empfängt den Lie-
besbrief VRVFKRQdaß das Blut daraus strömt.
Sobald die Literatur aus der Hand seines Schöpfers in die Welt der unkalkulier-
baren Dinge entlassen ist, befreit sie sich von seinen Absichten und Wünschen. Es
entsteht eine Rezeptionssituation, die sich der Vorhersehbarkeit und Kontrolle durch
den Autor entzieht. Selbst wenn Mätzli des Lesens kundig wäre, könnte aufgrund der
Kontingenz der Zeichen selbst ihre Lesart und die daraus resultierenden Rückschlüsse
für das eigene Verhalten der Autorintention zuwiderlaufen. Wieder einmal steht das
Kontingenzmoment gegen das voraussetzungslose Vertrauen des Schreibers in die fi-
gurative Schönheit der Worte und der stimmigen rhetorischen Fügungen.
Der folgende Erzählerkommentar belegt die generelle Sprach- und Literatur-
skepsis Wittenwilers:
'DZDVGHUEULHIQLFKWVFKXOGLJDQ
(VKLHWVHLQJVHOOGDSHLJHWDQ
=XRGHPHUZDVJHVWULFKHW
'HUVRGLHPHQVFKHQ]ZLNHW
)UGD]JUHVVHQDQGHUYDUW
6RHU]XRLQJHVHQGHWZDUG V. 1931 ff.
An sich sind der Brief und in metonymischer Übertragung die DUWHV - Lehren,
Wissenssysteme und lebenspraktische Regeln - wertneutral und moralisch indifferent.
Erst der Benutzer gibt ihnen Richtung, Sinn und Zweck. Der JVHOO, der grobe Stein, an
den er gebunden ist, könnte vielleicht das grobschlächtige, zu Gewalt neigende Han-
deln der Menschen symbolisieren, das in krassem Widerspruch zu den auf schöne
Weise gefügten Worten der Literatur steht. Allein der Gebrauch, den der Mensch von
den DUWHV macht, ist entscheidend. Freilich beantwortet das nicht die moralische Frage,
ob der einzelne über den kurzfristigen Vorteil und den eigenen Nutzen hinaus seine
rhetorischen Techniken und sein erworbenes Wissen in den Dienst irgendeiner ge-
173
meinnützigen Sache stellen soll. Da es im 'Ring' keine Wissen monopolisierende In-
stanz, kein metaphysisches Sinnzentrum, keinen autorisierten Situationsmächtigen
gibt, auf die sich die verschiedenen Reden der Personen beziehen ließen, liegt die Art
des Verstehens und der Gebrauch, den jemand von der Literatur macht, außerhalb ei-
ner zivilisierten Sozietät.
Die sog. Lehren, die Nabelraiber erteilt, das Prosaurteil, die Minnelehre und der
Minnebrief haben im Rahmen der durchweg ironisch erzählten PlU den gleichen litera-
rischen Stellenwert wie die vermeintlich damit kontrastierenden Aktionen der übrigen
Personen. Nabelraibers intellektuelle Eitelkeit und Selbstgefälligkeit gleicht der körper-
lichen Bertschis.301 Nabelraibers Lehrfähigkeit wird einmal dankbar angenommen,
wenn sie wie bei dem Prosaurteil in der Ehedebatte einen alle zufriedenstellenden
Ausweg aus einer intellektuellen Sackgasse weist. Treffen seine Künste dagegen im
Kontext des grobianischen Festes auf den unersättlichen Eigennutz der Einzelperso-
nen, werden seine Zurechtweisungen als affektierte Schulmeisterei brüsk abgelehnt.
Beim Versuch, einen Floh zu zerquetschen, läßt Hüdel einen Furz fahren. Um
ihr Mißgeschick zu vertuschen, kratzt sie sich mit den Füßen, so als hätten das ihre
Füße getan. Scharfsinnig hat Nabelraiber dieses Betrugsmanöver durchschaut und
bemerkt altklug:
'HVZDV+HQULW]HLU]HFKOXRJ
8QGVSUDFKµ'D]LVWQLFKWHQHVIXRJ
,FKVLQJGLUHLQVYLOZROJHWLFKW
&UHW]HQJOHLFKWVLFKIHUW]HQQLFKW¶ V. 6145 ff.
Hüdel ist um eine spontane Antwort nicht verlegen und läßt gleich eine ganze
Salve von Fürzen fahren:
6HLVFKUHKLQ]HGHPVFKUHLEHUVFKLHU
µ6HKWKLQLUYHUFOHLWHUNQHFKW
&OLQJHOQWDYHUGLHLFKWUHFKW"¶ V. 6152 ff.
Den letzten Auftritt des Schreibers kommentiert der Erzähler mit den Worten:
'DPLWVRZDVGHUVFKUHLEHUE]DOW(V. 6155). Die Stelle ist umso bedeutender, als Na-
belraiber hier zum letztenmal in Erscheinung tritt. Endgültig sind Nabelraibers Versu-
che, die Dinge mittels rhetorischer und literarischer Ordnungsentwürfe zusammenzufü-
gen, am gewalttätigen Widerstand der Narrenwelt gescheitert. Sein IXRJgleicht nicht
301 Wießner und Boesch geben keinen Hinweis auf die referentielle Bedeutung des sprechenden Na-
mens „Nabelraiber“. Möglicherweise meint er etwas Ähnliches wie der im Volksmund gebrauchte
Ausdruck „bauchpinseln“. Diese Bedeutung würde jedenfalls zu der Rolle des in Schmeichelkünsten
versierten Schreibers passen. Zudem besteht wohl kaum eine nur zufällige Verwandtschaftbeziehung
174
dem der rohen und unzivilisierten Bauern, auch Reimen und Dichten hilft da nicht wei-
ter. Hüdel gibt sich wie die anderen Bauern im orgiastischen Fest ihren eigenen Hand-
lungs- und Beurteilungsmaßstab. In ihren Ohren klingt Nabelraibers Verslein wie das
reine Wortgeklingel, dem sie gleichbedeutend das „klangvolle“ Geräusch ihrer Darm-
winde entgegensetzt. Der hintersinnige Witz dieser grobianischen Miniaturszene be-
steht also darin, daß FUHW]HQund IHUW]HQaufeinander reimen. Auch wenn Nabelraiber
ihren außersprachlichen Bezug verneint, auf klanglicher Ebene gleichen sie sich doch.
Im Falle seines Liebesbriefes an Mätzli und seiner Bertschi erteilten Minnelehre war es
genau umgekehrt. Die außersprachliche Wirklichkeit sollte sich in die literarische Ab-
sicht fügen. Dem Schreiber wird sein Vertrauen in die die Welt verändernde Kraft der
Literatur auf die schnödeste Weise vergolten. Die einzige „Lehre“, die man daraus zie-
hen könnte: der Schreiber mag mit seinem Schreibgriffel die Welt nach rhetorischen
Regeln noch so schön zusammenreimen, die Welt der Narren in Wittenwilers ‘Ring’
macht sich ihre eigenen, auf nichts anderem als Gewalt und Willkür beruhenden Ge-
setze.
Von einem sozialen Besserungseffekt auf andere oder einem substantiellen E-
thos, das über die virtuose Beherrschung rhetorischer Techniken und literarischer
Kenntnisse hinausginge, kann bei keiner der „Lehren“ Nabelraibers gesprochen wer-
den. Wittenwiler demonstriert vielmehr an ihnen, daß die Erfüllung des rhetorischen DS
WXP für eine lebenspraktische Orientierung genausowenig Anhaltspunkte bietet wie das
Meinungschaos des Ehedisputs oder die unter dem Signum der Minneblindheit ste-
henden Werbungsversuche Bertschis um Mätzli.
6.4 Die Differenz von UHV und QRPHQ am Beispiel Mätzlis
6.4.1 Die paradoxe GHVFULSWLR der Mätzli
Daß sich die Bedeutung von Name und Eigenschaften einer Person in erster
Linie nach der Perspektive des Interpreten richtet, soll im folgenden das Beispiel der
weiblichen Protagonistin „Rüerenzumph“ zeigen. Bachorski übersetzt ihren sprechen-
den Namen angemessen mit „Schwanzgrapscherin“.302 Der Vorname „Mätze“ wandelt
(V. 1650 ff.) zwischen dem Schreiber und den in seinen Eigendünkel verliebten Neffen Bertschi, der
von allen als MXQNKHUU (V. 68) angesprochen werden will.
302 Bachorski, Das System der Negationen in Heinrich Wittenwilers 5LQJ, S. 471.
175
sich von einem Taufnamen zur Bezeichnung einer Bauerndirne bis zum pejorativen
Gebrauch für eine Geliebte niederen Standes. Im 15. Jahrhundert verwendet man ihn
als Synonym für Hure.303
Mätzlis äußere Häßlichkeit wird zum einen durch die Ikonographie der Miniatur
auf Bl. 1v der Prologseite der Meininger Handschrift illustriert, zum anderen vom
Erzähler gleich zu Beginn des Romans (V. 76-96) nach der Nennung des Namens 'LH
KLH] 0lW]OL 5HUHQ]XPSK (V. 75) beschrieben.304 Die Miniatur, die unter der letzten
Prologzeile positioniert ist und die Hälfte einer Kolumnenlänge einnimmt, zeigt Bertschi
und Mätzli sich küssend und eng umschlungen, dem Betrachter halb zugewendet.
Bertschi ist in Bauerntracht gekleidet. Er hat zerzaustes Haar und Bartstoppeln. Mit
seinem linken Arm umgreift er den Nacken seiner Geliebten. In ihren weit geöffneten
Ausschnitt hat er seine linke Hand geschoben. Mit seiner rechten faßt er ihr an die
Scham. So als wehre sie ihn halbherzig ab, ruht ihre ausgestreckte linke Hand auf sei-
nem rechten Arm. Mätzlis Steiß und besonders ihr grotesker Kropf, der ihr wie in der
Beschreibung des Erzählers bis auf den Bauch hinunterreicht, $QLUFKHOHQKLHQJHLQ
FKURSK'HULUIUGHQEDXFKJLH(V. 80 f.), das schwarze glatte Haar, das weit ausge-
schnittene Kleid, aus dem unten schwarze Füße zum Vorschein kommen, läßt an ihrer
gegenbildlichen Häßlichkeit zum Idealbild einer höfischen Dame keinen Zweifel.305
Selbst ihr Gesicht, in dem die Nase mit zwei parallelen Strichen markiert ist, die ge-
punkteten Augen, das fliehende Kinn und der vorgeschobene Mund gleichen eher dem
Kopf eines Schweins als dem eines Menschen.
Nach bestimmten rhetorischen Vorschriften wird in der höfischen Epik die
Schönheit der adligen Dame von den Haaren bis zu den Füßen beschrieben.306 Wit-
303 Vgl. dazu Belitz, Studien zur Parodie, S. 47 f.
304 Die rhetorische Bezeichnung für einen sprechenden Eigennamen (Rüerenzumph) in metonymischer
Gebrauchsfunktion (Hure) nennt sich nach Quintilian Metalepse.
Vgl. dazu Quint., Inst. orat., VIII, 6, 37-39. Quintilian akzeptiert den Gebrauch der Metalepse nur für
die Komödie und lehnt sie sonst strikt als LPSURELVVLPXVWURSXV mit der Begründung ab, daß sie eine
Mittelstufe finde, die nur Brückenfunktion erfülle, selbst aber nichts bezeichne: „nos quis ferat, si Ver-
rem ['Eber'] 'suem' aut Aelium Catum ['den Schlauen'] 'doctum' nominemus? est enim haec meta-
lempsi natura, ut inter id, quod transfertur, sit medius quidam gradus, nihil ipse significans, sed prae-
bens transitum: [...] nam id eius frequentissimum exemplum est 'cano canto', <'canto> dico', ita 'cano
dico': interest medium illud 'canto'.“
Auch Wittenwiler benutzt häufig die Formel von VLQJHQXQGVDJHQ, mit der der Vorgang des Rezitie-
rens und des Dichtens ausgedrückt wird. Vgl. den frequenten Gebrauch dieser Formel in Wießners
Wortschatz, S. 172.
Wichtiger aber ist die typisch Wittenwilersche Verwendung von Eigennamen, die aufgrund ihrer Be-
deutung in das Spiel von widersprüchlichen Mehrdeutigkeiten unter strategisch-rhetorischen Ge-
sichtspunkten einbezogen werden.
305 Vgl. die stereotypen Beschreibungsmuster einer höfischen Dame der höfischen Romane, ebd. S. 52-
57.
306 Vgl. zur traditionellen Personenbeschreibung in den mittelalterlichen Poetiken Uwe Pörksen, Der Er-
zähler im mittelhochdeutschen Epos, Formen seines Hervortretens bei Lamprecht, Konrad, Hart-
mann, in Wolframs Willehalm und in den „Spielmannsepen“, Berlin 1971 (= Philologische Studien
176
tenwilers Umkehrtechnik wird nur dann ersichtlich, wenn man diese intertextuelle Hin-
tergrundfolie des idealtypischen Schemas mit reflektiert. Mittels antithetischer Verglei-
che beginnt sein Erzähler zunächst mit der Beschreibung von Mund, Zähnen, Händen
und Haaren:307
6HLZDVYRQDGHOODPXQGNUXPSI
,U]HQLUKlQGHOVDPHLQEUDQG
,UPQGHOURWVDPPHUVDQG V. 76 ff
Mit der Nennung des Körperteils PQGHO und dem Vergleichspartikel VDP er-
wartet man nun gemäß der literarischen Konvention als Vergleichselement „den roten
Rubin“.308 Fraglich bleibt, weshalb rot das WHUWLXP von PQGHO und PHUVDQG sein
soll.309 Die Farbe rot ist weder eine natürliche Eigenschaft noch ein konventionelles
Attribut von Meersand. Somit erscheint dieser Vergleich unpassend und rätselhaft.
Problemlos sind dagegen die Erwartungsbrüche der beiden ersten Verse zu verstehen.
und Quellen, Heft 58), S. 153 ff; hier S. 154 f.: „Nach den mittelalterlichen Theoretikern ist die
wesentliche Funktion der descriptio Lob- oder Schmährede. Für Faral erklärt sich aus dieser Theorie,
daß die descriptio nur sehr selten darauf abzielt, die Personen oder Dinge objektiv zu beschreiben,
daß sie immer von einer affektischen Intention beherrscht ist, die zwischen Lob und Kritik hin und her
schwankt. [...] Die Theoretiker fordern also die Idealisierung der Personen, die für die altfranzösische
Literatur charakteristisch ist, und die wir in der mittelhochdeutschen Epik häufig beobachtet haben."
Offensichtlich bedient sich Wittenwiler der GHVFULSWLRals Schmährede. Die häßlichen VLJQD SURSULD
der Mätzli lassen sich jedoch nicht eindeutig auf die Sündhaftigkeit der Welt übertragen. Sie sind
nach Augustinischer Terminologie VLJQD naturalia, unter denen er unwillkürliche Hervorbringungen
versteht und ihnen deswegen den Charakter von Zeichen abspricht.
Vgl. zur Zeichentheorie Augustinus im Kontext der Personenbeschreibung Ingrid Hahn, Personener-
kenntnis in der deutschen Literatur des 12. bis 14. Jahrhunderts, in: PBB 99 (1977), S. 395-444; hier
S. 409 ff.
307 Vgl. ähnlich antithetisch verfahrende Beschreibungen bei Oswalds von Wolkenstein Lied Nr. 45 und
Wolframs Parzival VI, 313, 17-314, 10.
Der Unterschied zu Wittenwiler besteht darin, daß bei Oswald und Wolfram nicht zugleich auch die
Fragwürdigkeit des parodierten Vorbilds angegriffen wird. Die groteske Häßlichkeit und das plötzliche
und ungebetene Auftauchen der Zauberin Cundrie hat die narrative Funktion, die Freude des höfi-
schen Festes zu zerstören. Ihr erschreckendes Aussehen und die Wahrheit ihrer Botschaft stehen in
einem dialektischen Innen-Außen-Verhältnis zum äußerlich strahlenden Helden Parzival, der sich bei
seinem vorangegangenen Besuch auf der Gralsburg Munsalvaesche der nicht gestellten Mitleids-
Frage schuldig gemacht hat.
Vgl. zur Häßlichkeit und zur Innen-Außen-Funktion der Zauberin Cundrie, Paul Michel, „Formosa de-
formitas“, Bewältigungsformen des Häßlichen in mittelalterlicher Literatur, Bonn 1976 (= Studien zur
Germanistik, Anglistik und Komparatistik, 57), § 79.
Bei Oswalds GHVFULSWLR der Dirne von Überlingen bleiben die antithetischen Vergleiche im funktionel-
len Rahmen der beschriebenen Häßlichkeit. Die der höfischen Literatur entlehnten Beschreibungs-
mittel führen nicht wie bei Wittenwiler zu etwas Irrealem, Gespenstischem, sondern zum realistischen
Bild der Wirtshausmagd, deren von Tand übersäte, vermeintlich weiße Haut gar nicht erst beschrie-
ben werden kann: „Verborgen was der liechte glancz /von berlin und von spangn'/zu überlingen an
dem tancz/und da man jnn solt brangen [...].“
308 Vgl. Wießner, Kommentar, S. 17.
309 Zum Vergleich in der mittelhochdeutschen Literatur vgl. Pörksen, Der Erzähler im mittelhochdeut-
schen Epos, S. 104-112; hier bes. S. 109. Nach den rhetorischen Vorschriften für den Vergleich muß
der Vergleichsinhalt deutlicher sein als die illustrierte Sache. Offenbar kehrt Wittenwiler diese Forde-
rung in ihr Gegenteil um.
Vgl. dazu auch Lausberg (§ 844 ff.).
177
Treffend übersetzt Horst Brunner: „Sie war vollkommen - nämlich vollkommen lahm.“
=HQ und KlQGHO sind entsprechend der Tradition weißer als Schnee oder ein Schwan
und eben nicht schwarz verbrannt. Dieser Vers bietet also ein Beispiel für Parodie, bei
der ein identisch übernommenes Konstruktionsschema mit diametral entgegengesetz-
ten Inhalten gefüllt oder in einen sachfremden Kontext gestellt wird.310 Wären alle Ver-
gleiche in dieser Form genau widersprüchlich, könnte man die Beschreibung insge-
samt als Parodie bezeichnen. Da aber dieses Verfahren nicht durchgehend angewandt
wird, ist der Begriff unzutreffend.
Nach diesen antithetischen Vergleichen von traditionell beschriebenen Körper-
teilen der höfischen Dame wendet sich der Erzähler mit dem Ausruf K|UHW direkt ans
Publikum. Er macht auf den Steiß aufmerksam, über den man eine Glocke hätte gie-
ßen können. Umgekehrt zum höfischen Beschreibungsschema setzt er dann die Be-
schreibung fort, indem er unten bei den Füßen anfängt und über ZlQJHOSUVWHODX
JHQ schließlich zum teuflisch stinkenden Atem kommt: 'HUDWHQVFKPDFKWLU DOVGHU
VZHEHO(V. 92)Abgesehen davon, daß die übliche Reihenfolge von oben nach unten
umgekehrt ist, gehören Rücken und Atem selbstverständlich nicht zum traditionellen
Beschreibungsrepertoire.
Da sich Wittenwilers Erzähler bei der gesamten Beschreibung Mätzlis antitheti-
scher Vergleiche und hyperbolisch verzerrender Ausdrucksmittel bedient, erfährt der
Rezipient trotz oder wegen der affekt- und detailreichen Schilderung nicht mehr als die
banale Tatsache, daß Mätzli ein häßliches Dorfmädchen ist. Mätzlis Erscheinungsbild
mag zwar die interpretatorische Phantasie des Lesers anregen, aber genaugenommen
kann er über eine etwaige allegorische Bedeutung nur vage Vermutungen anstellen.
Wenn der Erzähler den Vergleich anstellt: ,UZlQJHO URVHQOHFKW VDP lVFKHQ (V. 89)
sagt das mehr über die groteske Verkehrung der topischen Vergleiche und Attribute
aus als über das objektive Erscheinungsbild der beschriebenen Person. Mätzlis Füße
und ihren Steiß schildert der Erzähler in monströsen Ausmaßen und nimmt sie zum
Anlaß epischer Miniaturszenen:
/LHEHQJVHOOHQK|UHWZLH
,UGHUUXJJZDVEHUVFKRVVHQ
0DQKlWWHLQJORJJHQGUEHUJRVVHQ
'LHIHVVOLZDUHQGGLNXQGEUDLW
$OVRGD]LUFKDLQZLQGODLG
310 Vgl. zu den Parodien des höfischen Schönheitsideals bei Hartmanns von Aue 'Erec', 'Der arme Hein-
rich', 'Gregorius' Pörksen, Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos, S. 159 ff. Die Darstellung bei
Hartmann insbesondere in den höfischen Legenden dient oft dem Kontrast zur höheren Gottesminne.
311 So als sei die Beschreibung eine Strafpredigt, verstärkt die Audite-Formel den Eindruck des distanz-
losen Erzählens.
178
*HWXRQPRKWPLWYHOOHQ
:ROOWVHLVLFKZLGHUVWHOOHQ V. 82 ff.
Durch das zweifache Enjambement von Vers 82 und 83 und 86 und 87 unter-
streicht Wittenwiler auch in reimtechnischer Hinsicht die affektische Erregung der über-
schießenden Phantasie des Erzählers. Diese maßlosen Übertreibungen verselbständi-
gen sich zuungunsten einer sinnstiftenden Metaphernbildung. Statt der Erweiterung
des Bildfeldes durch verbindende Konzepte wie durch die Farben der Liebe rot und
weiß verengt sich bestenfalls die Funktion des Vergleichs auf den Kontrast und deau-
tomatisiert die durch literarische Traditionen automatisierten Assoziationen.312 Sprach-
bilder sind zu verfügbaren Sprachzeichen erstarrt und erschöpfen sich in ihrer gegen-
bildlichen Funktion. Durch diese Art der Vergleichstechnik wird die Metaphernbildung
selbst zum kritisierten Aspekt poetischer Konstruktion.
Daß Wittenwiler mit seiner Personenbeschreibung weit über die gattungspoeto-
logischen Bedingungen einer Parodie hinausgeht, indem er das höfische Beschrei-
bungsmuster satirisch angreift und die Konstitutionsbedingungen unterläuft, läßt sich
insbesondere an den letzten vier Versen erkennen:
6RVWXRQGLUGD]JZlQGHOJVWULFKHQ
6DPLUGLHVHOHZlUHQZLFKHQ
6HLFKRQGDOVRVFKRQJHSDUHQ
6DPVHLZlUYRQGULHQMDUHQ V. 93-96
In der höfischen Literatur besteht in der Regel ein dialektisches Verhältnis von
innerer Tugend und äußerer Schönheit. Bei Wittenwilers Bauernmädchen scheint da-
gegen gar kein Inneres vorhanden zu sein. Das Kleid hängt an ihr, als sei ihr die Seele
entwischen, und ihr Benehmen vergleicht der Erzähler mit dem eines dreijährigen Kin-
des.313 Das faltenlose Gewand der toten Gestalt nimmt möglicherweise auch auf die
referenzlose rhetorische GHVFULSWLRBezug, die sich durch immer perfektere und formel-
lere Beschreibungen literarhistorisch überlebt hat und zu einem leeren Beschrei-
312 Zur Autonomie des Sprachzeichens, zu Deautomatisation und Konkretisation bei Heinrich Seuse vgl.
Paul Michel, „Formosa deformitas“, §§ 284-293. Ebd. § 284 schreibt der Verfasser: „Dadurch daß der
Zeichenträger in den Vordergrund des Bewußtseins rückt [...], das heißt [...] dominant wird, entsteht
ein Wechsel der Blickrichtung, in dessen Gefolge auch andere Grössen (beispielsweise Assoziatio-
nen an das ausgeblendete Signifikat oder den sich vordrängenden Zeichenträger) wechseln können.
Auf das Changieren zwischen dem System der primären Botschaft und demjenigen des sich aus den
Beziehungen der Zeichenträger untereinander sich konstituierenden 'zweiten Code' ist offenbar ein
Teil des ästhetischen Genusses zurückzuführen.“
So etwa ruft die hyperbolische Größe von Mätzlis Füßen das groteske Bild ihrer Standfestigkeit im
Sturm hervor. Damit könnte das sekundäre Signifikat der lobenswerten VWDHWHeiner höfischen Dame
assoziiert werden.
313 Vgl. zur Darstellung des Adels Ingrid Hahn, Personenerkenntnis, S. 404 f.
179
bungsmuster geworden ist.314 Der ,UUHDOLVdeutet darauf hin, daß diese Angaben der
Phantasie des Erzählers entspringen und daß der Beschreibung LQUH nichts suppo-
niert. Am Ende gleicht Mätzli einem substanzlosen Gespenst, einem ausstaffierten Po-
panz oder schlicht einem Haken, an den der Erzähler seine erfundenen Prädikate wie
Etikette anheftet.
Vor dem Hintergrund dieser literatursatirischen GHVFULSWLR, die ein zur Schablone
erstarrtes Verfahren mitsamt ihren Bezügen zwischen sichtbaren Zeichen und unsicht-
baren Eigenschaften angreift, wird eine moralsatirische Deutung fragwürdig. Gegen
Lutz Interpretation von Mätzli als Frau Welt muß eingewendet werden, daß Mätzlis Hu-
renname und häßliche Erscheinung zunächst als dem Bauernmädchen zugeschriebe-
ne Eigenschaften verstanden werden wollen, die erst im Lichte ihrer eigenen Aktionen
und der Deutungen des Erzählers bzw. der Personen ein über sich selbst hinauswei-
sendes Bedeutungspotential enfalten.315 Erscheinungsbild und Eigenname der bäuerli-
chen Analphabetin bedeuten nur das, was jemand mit ihnen assoziiert. Sie sind Zei-
chen, die den Leser zu einem widersprüchlichen Spiel möglicher Deutungen einladen.
Durch Deutungsakte werden nicht nur Signifikanzen zwischen fixierten Attributen eines
Gegenstands und unsichtbaren Eigenschaften hergestellt, sondern auch eigenmächtig
Attribute zugeschrieben.
Mätzli ist ein solcher Gegenstand. Sie ist als mehrdeutige Projektionsfläche
konzipiert. An ihr werden aus je verschiedenen Perspektiven Eigenschaften hervorge-
hoben, die nur noch entfernt, wenn überhaupt, Qualitäten im Sinne von exemplari-
schen Eigenschaften widerspiegeln. Zu Beginn ist Mätzli nur indirekt in der Namens-
nennung und in der haßerfüllten Beschreibung des Erzählers greifbar. Doch unmittel-
bar nach seiner Schmährede auf die beschriebene Häßlichkeit und Dummheit stimmt
der Erzähler ein „anderes Lied“ an, das die umgekehrte Beurteilung Mätzlis durch die
Bauernnarren und besonders durch Bertschis Minneobsession angibt.
:HOWLUDQGHUWDJZHLV
hEHUDOOWUXRJVHLGHQSUHLV
314 Vgl. zu dieser Stelle und den perfektionierten Formen der Personenbeschreibung, Belitz, Studien zur
Parodie, S. 57.
315 Zu einer allegorischen Deutung der GHVFULSWLR bemerkt Lutz, Spiritualis Fornicatio, S. 299: „Damit ist
deutlich, daß Wittenwilers konsequente Descriptio Mätzlis zwei Bilder in einem entwirft: das Trugbild
im Herzen des geblendeten Minners und das von den anderen wahrgenommene, wahre Bild. Dem
Leser aber steht damit jenes Weib vor Augen, das spätestens seit Konrad von Würzburg jedermann
als Frau Welt vertraut war. Von vorn erscheint sie QRFKYHUUHVFKRHQHU[...] GDQ9HQXVRGHU3DOODV
XQGDOOHGLHJRWLQQHGLHZLOHQSKODJHQPLQQH(73-76).“
Eine allegorische Deutungsmöglichkeit mag auf der religiösen Assoziationsebene vom WDO]HJUDX
VHQ das von fröhlichen Narren bevölkert ist, mitschwingen. Eine einseitige Festlegung auf nur eine
allegorische Lesart des Textes scheitert aber unweigerlich an der Vielfalt sich widersprechender Deu-
tungsangebote.
180
$OVRGD]GHU7ULHIQDV
0lW]OHLQVVHOWHQLHYHUJDV
8QGZDUGLUVFKOHFKWOHLFKDOVRKROW
'DVHUQDFKLU]HUVHUWHQZROW V. 97 ff.
Aus welchen Gründen auch immer erkennen sie jedenfalls nach der Angabe
des Erzählers Mätzli den höchsten Preis zu. Weshalb aber sollte dem „Bild des Erzäh-
lers“ das „Trugbild Bertschis“ entgegenstehen, wie Lutz behauptet? Ist nicht die Sicht
des persönlichen Erzählers ebenso unzuverlässig wie die des Minnetoren? Stimmen
doch der Erzähler und Bertschi in einem entscheidenden Punkt überein: beider Blick ist
von maßloser Leidenschaft getrübt, der des Erzählers aus Haß, der Bertschis aus Be-
gierde.
Die Umkehrung der Bewertungsperspektive von Vers 97 und 98 unterstreicht,
daß die Wahrnehmungen bis zur Auslöschung des Redegegenstands differieren kön-
nen. Affektbetont sind die Beschreibung Mätzlis durch den Erzähler ebenso wie Bert-
schis Minneblindheit. Wie die Beschreibung Mätzlis von persönlichen Affekten gefärbt
ist, so profiliert sich Bertschis Minneblindheit umso deutlicher.316 Auch Chrippenchras,
Laichdenmans und Colmans Äußerungen über Mätzli bleiben im Rahmen der Redesi-
tuation und der Voreinstellung der Interpreten. Mätzlis Gespräch mit ihrer Scham oder
ihre sexuelle Unersättlichkeit in der Arzt-Szene drängt sich geradezu der Bezug zu ih-
rem Namen auf. Doch sind die Beziehungen von Wort und Person bzw. Wort und Sa-
che das Ergebnis von Vorstellungsinhalten, die nicht notwendigerweise zur Person
passen müssen.317
6.4.2 Chrippenchras rhetorische Umwandlungen der Mätzli
Nach dem Diktat von Mätzlis Brief, in dem sie Bertschi zum Stelldichein ins
Arzthaus einlädt, hält Chrippenchra sie für eine Hure (V. 2099). Daraufhin deutet
Chrippenchra ihren Namen wie folgt:
>@0lW]OL5HUHQ]XPSK
316 Zur Minneblindheit vgl. Ingrid Hahn, Personenerkenntnis, S. 441 ff. Ebd. Anm. 185 schreibt sie: „Von
der geheimen Einwilligung in die Täuschung zu unterscheiden ist das Überwältigtwerden durch ein
Gefühl, z. B. die Minne, das dem VLQ die klare Besinnung raubt und so das Erkennen blockiert.“
Ebendiese Unterscheidung ist bei Wittenwiler nicht ohne weiteres möglich. Bertschis Minneblindheit
ist eine gewollte. Sie schwankt deshalb zwischen Täuschung und absichtsvoller Selbsttäuschung.
Aus diesem Grund bleibt auch die Deutung auf seiten der Interpreten zweifelhaft.
317 Zum Gegensatz von Namensinn und Rolle der Person bei Mätzli vgl. Boesch, Namenwelt, S. 339.
181
'HLQQDPJK|UWZRO]XPHLQHPVWXPSK
6RJK|UWPHLQVWXPSK]XRGHLQHPPXRW V. 2117 ff.
Die vom Bader namens „Grapschkräh“ unterstellte Kongruenz der namentlichen
Bezeichnung „Grapsch-den-Schwanz“ und dem Wesen dieser Person basiert auf der in
der mittelalterlichen Literatur gängigen Praxis der etymologischen Namensdeutun-
gen.318 Heute wie offenbar auch schon zur Entstehungszeit des ‘Ring’ erscheint uns
dieses theologische Verständnis von der göttlichen Herkunft der Sprache und der me-
taphysischen Qualität von Sprachzeichen als mystisch und esoterisch. Setzt doch die
etymologische Deutung eine ontologische Beziehung zwischen den YHUEDund den sie
bezeichnenden UHV voraus. Etymologisches Sprachverständnis geht von dem ideen-
realistischen Gedanken einer Teilhabe der bezeichneten UHVan einer gleichbleibenden
Transzendenz der Dinge aus und ignoriert infolgedessen die Absichten und Vorstellun-
gen auf seiten des Zeichengebers.
Auf der Grundlage der semantischen Korrelation von GHLQQDP(5HUHQ]XPSK)
und PHLQVWXPSK behauptet „Grapschkräh“, daß ihr PXRW, d.h. die Handlungsabsicht
Mätzlis, zu seinem Körperteil passe. Wie sich kurz danach herausstellt, beabsichtigt
„Grapschkrähs“ pseudoetymologische Deutung, Mätzli zu verführen. Seine Absicht
paßt also zu seinem Namen und bestätigt die Geilheit, die er Mätzli allgemein unter-
stellt. So wird die referentielle von der signifikativen Zeichenfunktion dadurch ununter-
scheidbar, daß Chrippenchra das arbiträre Sprachzeichen als nicht arbiträres Prädikat
liest.
Diese gewollte und ironische Gleichsetzung von QRPHQund UHV, von Eigenna-
me und Eigenart einer Person, betont im Gegenteil die Willkür von Benennungsakten.
Geht doch der Eigenname auf die Absicht des Täufers zurück. Daraus jedoch zu
schlußfolgern, daß Mätzlis Name nichts mit ihrer Handlungsweise zu tun habe, wäre
falsch. Im weiteren Verlauf der Erzählung indiziert die Bedeutung ihres Namens
scheinbar wortwörtlich ihre Aktionen: 'DPLW ZDUG VHL GHU ZXUW]HQ HVVHQ (V. 2151).
Chrippenchras Zeichendeutung nimmt sich also im nachhinein wie die Prophezeiung
einer determinierten Handlung aus. Somit scheinen die UHVder Erzählung objektiv die
Signifikanz von Mätzlis Eigennamen zu bestätigen.
Doch bei dem, was der ironische Erzähler berichtet, ist hinsichtlich der Glaub-
würdigkeit der Erzählfakten immer auch Vorsicht und Skepsis geboten. Nach dieser
scherzhaft-komischen Auslegung ihres Namens durch Chrippenchra unterstellt der Er-
zähler Mätzli, sie verstünde nichts von dem, was der Arzt gesagt habe: 0lW]OLZLVWQLW
ZDV HU VDLW (V.2129). So als habe sie dennoch den Unsinn von Chrippenchras zei-
318 Vgl. Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, S. 486 ff.
182
chenhaften Bezügen durchschaut, folgert der Erzähler daraus: 'DUXPEZDVLUGLHUHGH
ODLG8QGVSUDFK,FKSLQLQHZHUKDQG(V. 2130 f.). Entgegen der erwähnten Aussage
des Erzählers versteht Mätzli also sehr wohl die lüsterne Absicht hinter Chrippenchras
Wortspielereien. Der Arzt hat ihr schon zuvor damit gedroht, Nabelraibers und den von
ihr diktierten Antwortbrief ihrem Vater Fritz zu zeigen, wenn sie sich ihm nicht freiwillig
hingebe (V. 2121). Vergeblich appelliert sie an seine Ehre als ELGHUPDQ(V. 2134) und
weist ihn dann mit derben und unmißverständlichen Worten ab: (ZHUVZLOOHQVLFKHQ
ZDLVV'HVVWXPSKHQENHQQLFKDXFKHLQVFKDLVV(V. 2136). Prompt folgt darauf der
Kommentar: 'D]ZDVYLO]FKWLFKOHLFKJUHW(V. 2137). Die scheinbar ironiefreie Aussa-
ge über Mätzlis Unverständnis dürfte eher auf Chrippenchras rhetorische Verführungs-
kunst zurückzuführen sein als auf ihre Dummheit. Danach gibt Mätzli allerdings ohne
weiteres Zögern der sexuellen Zudringlichkeit des Arztes nach.
Immer wieder deutet der Erzähler subjektiv die von ihm erzählte Geschichte. So
etwa berichtet er, Chrippenchra behandele Mätzlis Kopfwunde mit Essig, Asche, Zwie-
beln und Meersalz und behauptet überdies, daß ihr diese Mittel süßer als Butter er-
schienen seien. Essig, Asche usw. schaffen die erzählfaktische Voraussetzung für den
antithetischen Vergleich. So verdankt sich möglicherweise die Aufzählung der ätzen-
den Heilmittel einem erzähltechnischen Kalkül. Ob die Erzählfakten wahr sind oder
nicht, spielt dabei keine Rolle. Verallgemeinernd erklärt der Erzähler dann Mätzlis ver-
kehrtes Empfinden mit dem topischen Motiv der Verwandlungskraft der Minne. Sie ver-
kehre das Süße und das Bittere und wandle Galle in Honig und Honig in Galle (V.
2075-2080). Die Minne verwandelt die Dinge in ihrer Qualität so wie Chrippenchras
rhetorische Kunst.
Ausgehend von Chrippenchras unmißverständlich misogynem Spruch: 'HQ
IUDZHQLVWGHUDUV]HSUDLW'DVKHUW]]HVPDO¶(V. 2103 f.), glaubt der Erzähler dennoch
zur Auslegung eine Schachallegorie bemühen zu müssen. Was aber hat ein Bauer im
Schachspiel, den kein Turm überwinden kann, mit der Behauptung der grundsätzlichen
Unkeuschheit des weiblichen Geschlechts zu tun (V. 2097-2115)? Historisch könnte
damit die Flucht der Bauern aus ihrer feudalen Abhängigkeit in die Städte gemeint
sein. Der Erzähler aber sagt: )UDZHQXQNHXVFK LVWHLQYLQGHQ(V. 2107). Diese Bedeu-
tungsübertragung funktioniert auch nicht im Rahmen einer minneallegorischen Deu-
tung in der Weise, daß die Untreue einer Frau von keiner noch so festen Burg behütet
werden kann. Doch damit nicht genug wiederholt der Erzähler überflüssigerweise, was
nach eigenem Bekunden ohnehin schon jedem bekannt sei: Weiber seien untreu, von
geringer Beständigkeit und großer Sünde (V. 2110 ff.). Mit der letzten Zuschreibung
greift er das von Chrippenchra und Mätzli inszenierte Rollenspiel von bekennender
Sünderin und Beichtvater auf (V. 2053 ff.), obgleich Chrippenchras misogyner Spruch
183
an dieser Stelle gar keine religiöse Bewertung enthält. Es wird nicht ausdrücklich ge-
sagt, worin Mätzlis Versprechen bestehen soll, als sie dem Arzt ihre unwandelbare
Treue für noch zu erweisende Schreibdienste anbietet (V. 2063 ff.). Doch möglicher-
weise versteht Chrippenchra darunter ein sexuelles Angebot. Unter dieser Perspektive
würde der Begriff der Treue in sein Gegenteil verkehrt. Die haßerfüllte Invektive gegen
die Untreue und Unkeuschheit aller Frauen trifft jedenfalls ebensowenig das Wesen
Mätzlis wie Chrippenchras absurde Unterstellung, daß die Jungfrau eine Hure sei.
Mätzli ist keineswegs so dumm und naiv, wie uns der Erzähler glauben machen
will. Ohne den Brief Nabelraibers lesen zu können, weiß sie doch, daß es sich dabei
nur um einen Liebesbrief ihres geliebten Bertschi handeln kann. Ebenso weiß sie, daß
sie ihn nach den literarischen Regeln zu beantworten hat. Bei dem Gedanken, den Arzt
aufzusuchen, verbindet sie das Angenehme mit dem Nützlichen. Er soll ihre Kopfwun-
de verbinden, den Brief vorlesen und für sie einen Antwortbrief schreiben. Der von ihr
diktierte Liebesbrief entspricht sogar in formaler Hinsicht eher den rhetorischen Vor-
schriften zum Aufbau eines Briefes als Chrippenchras in Briefform abgefaßte Minneleh-
re. Wie schon zuvor im Fall von Bertschi und Nabelraiber drückt sich der schriftkundige
Arzt metaphorisch „verblümt“ aus, während die Analphabetin ihr Begehren direkt beim
Namen nennt.319 Bezeichnenderweise erfüllt der Brief des Arztes den rhetorischen
Zweck der Verhüllung. Bertschi soll dazu bewegt werden, Mätzli zu heiraten mit dem
Ziel, die von „Grapschkräh“ verursachte Schwangerschaft Mätzlis zu verbergen und
das noch ungeborene Kind dem zukünftigen Bräutigam unterzuschieben.320
Die Analphabetin hält dagegen schon die äußeren Bedingungen der Abge-
schiedenheit, die verschlossene Kammer, das vertrauenerweckende Reden des Arztes
und die Privatheit des Briefes für ausreichend, um ihr Liebesverhältnis zu Bertschi ge-
heimzuhalten. Wie erwähnt, weiß Mätzli, daß ihre Unterredung mit dem Arzt vertraulich
behandelt und der Briefwechsel mit Bertschi geheim gehalten werden müssen. Zu Be-
ginn ihrer Begegnung mit dem Arzt äußert sie Bedenken, daß ihr Liebeskummer publik
werden könne und veranlaßt ihn dazu, die anderen Patienten wegzuschicken. Sobald
die Türe hinter ihnen verschlossen wird und sie alleine sind, fordert sie Chrippenchra
im Tone eines Priesters im Beichtstuhl auf, alles zu sagen, was ihr auf dem Herzen
liegt:
µ6DJDQOLHEHVGLHUQHOVR
8QGVDJPLUIUHLOLFKGHLQJHPHW
:LOWGD]JRWGLUVOHEHQEKHW¶ V. 2034 ff.
319 Vgl. zum Redestil der Personen, Ingeborg Glier, Artes amandi, S. 240.
320 Vgl. zu den Briefen Mätzlis und Chrippenchras, Babendreier, Studien zur Erzählweise, S. 179-197.
184
Mätzli dankt ihm für diese Ansprache und hält offenbar diese Redeweise für das
Indiz seiner Redlichkeit, denn jetzt erblickt sie in ihm einen ELGHUPDQ(V. 2039). Aus-
drücklich versichert er ihr, daß alles verborgen bleibe, was sie ihm sage. Darauf fügt
der Erzähler hinzu, verborgen bleibe, was GHUPDLVWHUtue (V. 2045 ff.). Und tätsächlich
schwängert ja dieser Meister der rhetorischen Verstellung Mätzli, ohne daß nur der
Schatten eines Verdachtes auf ihn fällt. Ähnlich Neidhart tritt der Arzt nur in einer Er-
zählepisode auf, um danach nicht wieder erwähnt zu werden. Ermutigt von Chrip-
penchras vertrauensvollem Zuspruch, erklärt Mätzli, wie sie zu dem um einen Stein
gewickelten Brief gekommen sei. Dann fährt sie fort:
'HQ]DLJLFKHXFKLQUHKWHUSHLFKW
6DPLU]HSKDIIHQZlUGJHZHLFKW
8QGSLWWHXFKGXUFKGHQUHLFKHQJRW
'D]LUPLUVDJHQWDQHVSRW
:DVGDULQQJHVFKULEHQVHL
'HVPHVWLUZHVHQODLGHVIUHL V. 2053 ff.
Schon hier weiß sie sich auf komische Weise dem rhetorischen Rollenspiel von
Beichtvater und Sünderin anzupassen. Sie greift Chrippenchras klerikale Redeweise
auf und tut so, als ob er zum Pfaffen geweiht sei und dem Beichtgeheimnis unterliege.
Mätzli soll zu ihrer Seelenrettung alles beichten, Chrippenchra soll nun aufrichtig alles
lesen, was in dem Brief Nabelraibers geschrieben ist. So als könne sie nun ihrerseits
Chrippenchra die Absolution erteilen, soll er zum Dank für seine erwiesenen Dolmet-
scherdienste von jedem Leid befreit sein. Außerdem verspricht sie, ihm mit WUHXZHQ
DQHVFKHOWHQfür die Abfassung ihres Briefes an Bertschi zu bezahlen (V. 2063 ff.). Der
mit dem Minnethema verbundene religiöse Diskurs kulminiert in der Vereinigungsszene
an der Stelle, da ihr der Arzt von seinen „Wurzeln“ zu essen gibt:
'HUZXUW]HQPXRVWGXQLHVVHQ
:LOWGXVRQLFKWYHUGHUEHQ
,QGHLQHQVQGHQVWHUEHQ V. 2149 ff.
Mätzli schmeckt die „Arznei“ so gut, daß sie mehr davon verlangt, als Chrip-
penchra lieb ist: (U PRKW HV ODLGHU QLFKW JHIHJHQ'D] VHL VLFK Z|OW GHV VWXPSKHV
JQHJHQ (V. 2169 f.). Es ist das einzige Mal, daß sich dem Arzt die Dinge nicht so fü-
gen, wie er mit seiner rhetorischen Strategie beabsichtigt. Wittenwiler zeigt, wie der
Praktiker Chrippenchra im Gegensatz zum Schreiber Nabelraiber seine rhetorischen
Fertigkeiten zu genau kalkulierten Zwecken einsetzt. Die Beschaffenheit der Dinge in-
teressiert ihn nur soweit, wie sie zu seiner Verschleierungsstrategie beitragen. Seine
Minnelehre ist denn auch zweckgerichtet, während die Nabelraibers an den epischen
185
Erfordernissen vorbei literarischen Selbstzweckcharakter hat. In einigen Punkten stellt
sich Chrippenchras Liebesbrief wie eine Kontrafaktur zu dem dar, was zuvor gesche-
hen ist. So tarnt Chrippenchra Nabelraibers unglücklichen Wurf und Mätzlis anschlie-
ßende Ohnmacht als Himmelsbrief eines Engels, dessen VHVVLFKDLW Mätzlis Ohn-
macht und anschließende Traumvision von Venus und Maria ausgelöst haben soll:
(LQEULHIHOHLQKDQLFKYHUQRPHQ
0LFKGDXFKWHVZlUYRQKLPHONRPHQ
6RZXQQHFOHLFKNDPHVJHIORJHQ
'DKHULQHLQHPUHJHQERJHQ
(LQHUZXOFKHQVZDQFKVHLQXPEHKDQFK
'DULQGHUFKODQFKGHUIU|GHQJVDQFK
0LWZRUWHQLQVHLQUDQJHVLFKW
6DPHVHLQHQJHOKLHWJHWLFKW
'LHVHVVLFKDLWPLFKEHUZDQW
$OVRVHUGD]LFK]HKDQW
9HUORVGHVWDJHVOLHFKWHQVFKHLQ V. 2275 ff.
Nicht nur ihre Ohnmacht, sondern sogar der ZXOFKHQVZDQFK, die Staubwolke,
wird erwähnt. In der Episode von Nabelraibers Briefwurf lautet die Stelle: 0LQEULHIHO
GD]ZDUGIOLHJHQ=XPIHQVWHULQKLQVWLHEHQ(V. 1923 f.). Der Priester, den Mätzli um
Auslegung ihrer Vision bittet, kann dann wieder mit dem Arzt identifiziert werden, der
dem Bauernmädchen zuvor, freilich in anderer Weise, die Beichte abgenommen hat.
Chrippenchra macht also aus der Jungfrau eine Hure und aus der Hure wiederum eine
heiratsfähige Jungfrau.
6.4.3 Rhetorische Deutungen von Mätzli und Bertschi
In der Rede Berchta Laichdenmans, in der sog. Ehedebatte, wird trotz der zu-
nächst vorgenommenen Trennung von Eigenart und Eigenname Mätzlis dann doch
wieder die alte Wesensverwandtschaft von Name und Person bemüht. Wüßte Mätzli
Rüerenzumph sich nicht zu benehmen, sei daran der Täufer schuld:
5HUHQ]XPSKLVWVHLJHQDQW
GD]LVWDOOHLQHGHPHLQVFKDQG
'HUVHLDOVRKDLVVHQZROW
'RPDQVHL]FULVWDQPDFKHQVFKROW
&KDQVHLGDQJHSDUHQQLFKW
9RQUHKWHQWUHXZHQGD]JHVFKLFKW V. 3465 ff.
Durch diese sophistische Argumentation gerät indirekt auch die christliche Tau-
fe ins Zwielicht der Blasphemie. Ihr Zeremoniell besteht aus einer kirchlich kanonisier-
186
ten Handlung, die den Täufling in die Gemeinschaft der Christen aufnimmt und ihn da-
zu befähigt, dem Heil und der Gnade teilhaftig zu werden. Doch bewirkt die Bezeich-
nung nach einem christlichen Heiligen noch lange keinen nach christlichen Moralvor-
stellungen lebenden Christen, ebensowenig wie ein unanständiger Name automatisch
die Unanständigkeit seines Trägers indiziert.
Laichdenman billigt dem religiösen Benennungsakt, der Taufe im Namen Jesu
Christi, eine magische Wirkung zu in der Weise, daß nach vollzogener Taufe dem
Täufling irgendeine unbestimmte Qualität des Christlichen inhärieren müsse. So löst
sie den Gedanken der Taufe als ritualisierte Handlung aus dem Kontext der Sakramen-
tenlehre und überträgt ihn auf jede beliebige Bezeichnung einer Person. Sind die Kon-
notationen von Eigennamen von gegensätzlicher Bedeutung, so auch die Eigenschaf-
ten ihrer Namenträger. Aus der Annahme einer ontologischen Verbindung von Eigen-
name und Eigenart zieht sie die Schlußfolgerung, daß der Täufer die Verantwortung für
die Handlungsweise und moralische Qualität des Täuflings trage. Denn schließlich ha-
be er ja die betreffende Person mit diesem Namen stigmatisiert. Wenn Rüerenzumph
also unehrenhaft agiere, erfülle sie lediglich das Programm ihres Zeichens.
Kurz vor der oben zitierten Rede Laichdenmans hat sich schon Colman über
das häßliche Aussehen Mätzlis geäußert. Um ihre Person völlig herabzuwürdigen,
wiederholt er die zu Beginn des Romans vom Erzähler beschriebenen Körpermerkma-
le.321 In dieser sarkastischen Schmährede auf Mätzli, die seine letzte Attacke im Re-
deduell mit Fro Laichdenman darstellt, fungiert der Name neben den körperlichen Attri-
buten als Beweismittel ihrer Ehrlosigkeit:322
'RFKVRPDJLFKJODXEHQQLFKW
'D]0lW]OLIHJGHKDLQHPPDQ
'HPGLHZHOWGHUHUHQJDQ
'LHVRIODFKLVWGDU]XRKLQNW
'HUGHUDWHQDOVRVWLQNW
6HLLVWVREXJJORFKWXQGVRNXUFKXUW]
'HUHUHQDKWVHLQLWHLQIXUW]
:LHVZDUW]VHLLVWXQGXQJHYDU
9RUVFKDQGVHLQLHPSWJHQHQQHQWDU
'RKDW]DXFKQLFKWGD]LVWGHUJDOJ
:DU]XRLVWXQVGLVHUEDOJ
'HQGLHIOLHJHQVREHVFKLVVHQ
321 Vgl. die Verse 3429-3431 und 3433 mit der antithetischen Beschreibung Mätzlis in den Versen 76-96.
Colman beschreibt Mätzlis Häßlichkeit mit denselben Merkmalen wie der Erzähler.
322 Vgl. zum Gebrauch und dem Stellenwert der ethischen Begriffe wie WXJHQWrUHPk]HGLHPHWHWUL
XZHNLXVFKHLWZvVKHLWvon Wittenwilers 'Ring' im Vergleich zum 'Schachzabelbuch' und zu 'Des Teu-
fels Netz', Hubert Hoffmann, Die geistigen Bindungen an Diesseits und Jenseits in der spätmittelalter-
lichen Didaktik, Vergleichende Untersuchungen zu Gesellschaft, Sittlichkeit und Glauben im
„Schachzabelbuch“, im „Ring“ und in „Des Teufels Netz“, Freiburg i. Br. 1969; hier zum Begriff der
rUHS. 148 ff.
187
+DQWXQGDXFKGLHKXQG]HUULVVHQ" V. 3426 ff.
Colman führt den Mangel an weltlichem Ansehen auf die allseits sichtbare gro-
teske Gestalt und die materielle Armut Mätzlis zurück und stellt sie in einen sich aus-
schließenden Gegensatz zu Bertschi. Sie passe nicht zu ihm, dem die Welt Ansehen
zuspreche. Bezeichnenderweise erwähnt Colman Bertschis äußere Erscheinung mit
keinem Wort. Da ihm aber Mätzlis Häßlichkeit einen ausreichenden Beweis dafür zu
liefern scheint, daß sie nicht nach Ehre strebt, behauptet er damit implizit Bertschis
Reichtum und Schönheit. Colman und Laichdenman streiten nicht über die Häßlichkeit
und Armut Mätzlis, sie bewerten vielmehr dieselben Eigenschaften aus gegensätzli-
chen Blickwinkeln.
Laichdenman greift in ihrer Replik (V. 3440-3488) auf Colmans Diffamierungen
alle von ihm genannten häßlichen Körpermerkmale Mätzlis nacheinander auf, um sie
unter den Aspekten der Ökonomie und des Ehestandes in ihr Gegenteil zu verkehren.
*HVLFKWVHLZHQLFKDQGHQDXJHQ
6RPDFKWVDXFKNLQGGD]VFKROWGXJODXEHQ
'HUVZDUW]HQIUDZHQPLOFKLVWJXRW
*URVVHVWWWOLJLSWLUJQXRJ
5RVHQZlQJHOURWHUPXQG
6LQGYLOVFKHGHUGDQQJHVXQG
:RQVHLRIWGLHMXQJHQFKQDEHQ
0DFKHQWDOWLQNXUW]HQWDJHQ V. 3453 ff.
Colmans und Laichdenmans Ehrbegriff ist bar jeder ideellen Vorstellung nur
noch an das in ihren Augen vorteilhafte bzw. nachteilige Erscheinungsbild der Person
geknüpft. Laichdenmans funktionalistische Wertung schließt also die moralische Kom-
ponente, die Colmans Polemik mit Mätzlis Häßlichkeit in einen ursächlichen Zusam-
menhang gebracht hat, kategorisch aus. Weil Ehre eine substanzlose Worthülse ist
und nur an äußeren Attributen dingfest gemacht wird, können Mätzlis Häßlichkeit und
Armut als Zeichen für Ehre oder Ehrlosigkeit gedeutet werden. So verfestigt sich der
Eindruck, daß die UHVals kreatürliche Beschaffenheit von Dingen und Personen so un-
schuldig sind wie die YHUED eines Briefes. Erst die divergierenden Vorstellungen ein-
zelner Interpreten machen sie zu Zeichen von irgendetwas anderem, was von ihnen
selbst unabhängig ist.323
323 Vgl. zum Aussehen Mätzlis Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 298 f. Lutz Argumentation, daß Mätzli die
Frau Welt repräsentiert, beruht auf der Beobachtung, daß Laichdenman die Körpermerkmale, die
Colman anführt, und die mit denen des Erzählers bis auf die Verse 3426 ff. übereinstimmen, unver-
ändert übernimmt. Lutz leitet daraus ab, daß das Bild, das Bertschi von Mätzli LQ VLQHP KHUW]HQ
wahrnimmt, das der Venus sei, das „wahre Bild“ indes der Frau Welt entspreche.
Dagegen läßt sich einwenden, daß Wittenwiler systematisch das poetische Verfahren der FRLQFLGHQ
WLDRSSRVLWRUXP anwendet, das im Rededuell zwischen Colman und Laichdenman deutlich hervortritt.
Vgl. dazu Wießner, Kommentar, S. 127 f. Laichdenman zitiert die Behauptungen ihres Vorredners
188
In Wittenwilers Roman läßt sich der Begriff der Ehre ebensowenig wie Schön-
heit oder Weisheit auf ein positivierbares Ideal zurückführen. Die Begriffe sind poten-
tiell bedeutsame Worthülsen, die, abhängig von der strategischen Funktion und dem
Redekontext, jeweils verschiedene konnotative Bedeutungen erlangen. Die Ironie des
Erzählers, Laichdenmans Lust an der Widerrede und die Verblendung von Bertschis
Minneverfallenheit drängen zum figurativen Ausdruck und lassen immer wieder die Dif-
ferenz zwischen Zeichen und Bezeichnetem als willkürlich erscheinen. Sie führen zu
absoluten Meinungsbildern, die mit quasi ontologischen Wahrheitsansprüchen einher-
gehen.
Über den Hauptnarren Bertschi Triefnas, der nach dem Bildzeugnis der Miniatur
als eitler Bauerntölpel in der Art höherer Stände gekleidet ist324, sagt der Erzähler zu
Beginn des Romans:
8QGHUGHQHLQMXQJHUZDV
'HUKLHVV%HUWVFKL7ULHIQDV
(LQGHJHQVlXEHUOHLFKXQGVWROW]
6DPHUJHGUDLHWZlUDXVKROW]
$QGHPIHLUWDJJLHQJHUXPE V. 61 ff.
Außerdem müsse ihn jeder als Junker ansprechen, und benehmen könne er
sich so gut, daß er bei alten und jungen Frauen Gefallen finde (V. 70 ff.).325 Durch die
ironische Beschreibung des Bauerntölpels als einem schönen und stolzen Helden und
der Verwendung des Irrealis für den Vergleichssatz unterstreicht der Erzähler nicht nur
wörtlich, Schritt für Schritt, vom Ende bis zum Anfang, und „widerlegt ihn Punkt für Punkt“. Diese
streng oppositionelle Anordnung kennzeichnet auch Chrippenchras Minneallegorie. Vgl. dazu ebd, S.
105 f.
Der Zweck dieses Verfahrens besteht darin, die substantielle Bedeutung der UHV zu suspendieren, so
daß die „eigentliche“ Bedeutung des Redegegenstands zur ausschließlichen Angelegenheit konkur-
rierender Deutungsakte wird und deswegen zur Bedeutungslosigkeit tendiert.
Gerade wegen der gleichen Wahrnehmung von Mätzlis Häßlichkeit ist schwer einzusehen, weshalb
sie Frau Welt repräsentieren soll. Frau Welt ist von vorne schön und auf ihrer unsichtbaren Rückseite
häßlich.
Abgesehen davon, daß Mätzli häßlich und dumm ist, bleibt ihre TXDOLWDV im dunkeln. Selbst die Arzt-
szene gibt keinen zuverlässigen Aufschluß. Ist sie ein Opfer ihres Analphabetentums, oder trägt sie
aufgrund ihrer Begierde die alleinige Schuld an der Schwangerschaft? Für welche Option auch im-
mer man sich entscheidet, kurios bleibt die Lutzsche Fixierung Mätzlis auf die allegorische Rolle ei-
ner jungfräulichen PHUHWUL[.
324 Zur Darstellung Bertschis in der Miniatur vgl. Lutz, Spiritualis fornicatio, S. 302. Struppiges Haupthaar
und kurzgeschnittener Kinn- und Backenbart, die kräftig derbe Statur sind Kennzeichen des Bauern.
Im Gegensatz dazu steht seine modische Kleidung. Lutz kommt zu dem Schluß: „Er [Bertschi] ist al-
so nach der Mode der Zeit und wohl für seinen Stand zu reich gekleidet.“
325 Vgl. den Eintrag für VWROW], in: Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 37. Aufl.,
Stuttgart 1983. Demnach ist VWROW] mit „töricht“, „ansehnlich“ und „prächtig“ zu übersetzen. 6lXEHU
OHLFK taucht nur an dieser Stelle als Adjektiv auf. Nach Wießners „Wortschatz“ bedeutet das Adjektiv
VlXEHUOHLFK„artig“ und „züchtig“, das häufig verwendete Adverb VDXEHUOHLFKHQ„schön“.
Vielleicht legt Wittenwiler dem Protagonisten dieses Epitheton bei, weil bei VlXEHUOHLFKSäu-e und
Bär-en anklingt. Dabei würde dann das Adjektiv als saubärenartig lesbar, was der Bedeutung von
züchtig direkt widerspricht.
189
seinen Eigendünkel, sondern auch die Irrealität der „hölzernen Figur“. Bezieht man
Vers 64 auf den darauffolgenden Vers, so könnte man den Vergleich auf das hölzerne
und steife Stolzieren Bertschis an Feiertagen zurückführen. Bringt man dagegen den
Vergleichssatz mit dem voranstehenden Vers in Verbindung, wird ein antithetischer
Vergleich durch einen zweiten ins Groteske getrieben: Bertschi ist ein Bauer wie ein
stolzer schöner Held sowie eine gedrechselte Holzfigur. Ein solches Verfahren führt zu
einer Rhetorisierung, die Paul de Man eine Logik der Unentscheidbarkeit nennt.326 Für
die Interpunktion ist allein Wießner verantwortlich. Demnach sind beide Lesarten mög-
lich. Die zweite Lesart erhält sogar durch den Reim von VWROW]auf KROW]ein leichtes Ü-
bergewicht. Gleicht Mätzli in der Beschreibung durch den Erzähler einem seelenlosen
Popanz, so Bertschi einer gleichsam seelenlosen, seltsam erstarrten Holzfigur. Dabei
entfernen sich die Beschreibungen des Erzählers so weit vom Gegenstand, daß ihre
repräsentative Zeichenfunktion ausgelöscht wird. Die Ironie des Erzählers schafft zu-
nächst Sinn, indem sie Bertschis Dünkel entlarvt und dem Gelächter preisgibt. Dann
aber treibt er durch den absurden Vergleich, Bertschi gehe wie eine gedrechselte Holz-
figur, den ersten Vergleich Bertschis mit einem stolzen Helden ins Phantastische. An-
ders gesagt, die Ironie erzeugt komische Kontraste, die dann ihrerseits in grotesken
Fiktionen - Popanz, gedrechselte Holzfigur - enden. Bertschis auf Einbildung beruhen-
de Eitelkeit wird auf dem Weg der Ironie und der Groteske durch die Einbildungskraft
des Erzählers ersetzt.
Noch bevor Bertschi direkt von der Mätzli-Sippe examiniert wird, diskutieren ih-
re Verwandten, wie ein Bräutigam beschaffen sein soll. Ochsenchropf meldet sich zu
Wort und entfaltet ein höfisches Idealbild männlicher Schönheit (V. 3650-3676). Lären-
choph meint, daß die äußere Schönheit wenig nütze, wenn sie gewisse moralische
326 Paul de Man, Allegorien des Lesens, Aus dem Amerikanischen von Werner Hamacher und Peter
Krumme, Mit einer Einleitung von Werner Hamacher, Frankfurt a. M. 1988, 38 ff. Die logische Unent-
scheidbarkeit durch referentielle Verwirrung ergibt sich aus dem Unterschied zwischen Sagen
(Grammatik) und Meinen (Rhetorik) wie etwa bei der rhetorischen Frage, die ein rhetorisches „semio-
logisches Rätsel“ darstellt. Die Entscheidung darüber, ob ihr illokutionärer Modus bejaht oder ver-
neint werden soll, kann nur von einer außersprachlichen Intention bzw. einer außersprachlichen In-
tervention vorgenommen werden. Die figurative und die sie ausschließende grammatische Struktur
sprachlichen Bedeutens suspendiert die Bedeutung und eröffnet die Möglichkeit willkürlicher Deu-
tungsakte.
Ein Beispiel dafür bietet die Antwort Neidharts auf Bertschis Frage, ob er mit „dem Turnieren, dem
Sagen und Singen“ fortfahren soll (V. 843 ff.). Zunächst schmeichelt Neidhart Bertschi damit, daß er
ihn als kühnen Helden aus edlem Geschlecht anredet. Da Bertschi die ironische Sprechweise des
gegenteiligen Bedeutens nicht begreift, fühlt er sich in seinem Dünkel bestätigt. Neidhart formuliert
dann den Bedingungssatz: Wenn du eine Frau ehelichen willst, kannst du ihr ohne Sünde dienen.
Damit ist die Entscheidung über den Sinn des höfischen Werbemodus an die jeder empirischen Ü-
berprüfbarkeit entzogene Intention des Werbers geknüpft. Ob das intendierte Ziel der sexuellen Ver-
einigung dabei Ehe genannt wird, hat für den Werber Bertschi allenfalls eine instrumentelle Bedeu-
tung. Nachdem ihm Neidhart dann für alles, was er ihm angetan hat, den Dispens erteilt hat, tituliert
er ihn zum Schluß noch einmal als „freien Helden“ und beendet seine Rede mit der Frage: :D]GXQ
NHWGLFKLQGHLQHPPXRW:ROJHWDQXPEHUXQGJXRW"Selbstverständlichbegreift Bertschi diese Fra-
ge als eine rhetorische und setzt unbekümmert sein närrisches Treiben fort.
190
Qualitäten vermissen lasse (V. 3678 ff.). Darauf entgegnet Füllenmagen, daß auch die
bisher genannten Eigenschaften allein noch zu nichts gut seien, kämen nicht Klugheit
und Weisheit hinzu (V. 3707 ff.). Frau Leugafruo fährt Füllenmagen mit folgender Sen-
tenz in die Parade: 'HUlOOHXGLQNGHUJUQGHQZLO'HUVLHUWVLFKVHOEXQGVFKDIIWQLWYLO
(V. 3719 ff.). Am Ende ihrer Rede widerspricht sie sich dann allerdings selbst. Fritz soll
Bertschi einladen und ihn über „alles“ belehren:
8QGZLOHUXQVHUPXRPHQKDQ
6RKDLVVPDQQFK|PHQVR]HKDQG
8QGVHW]LQQLGHU]XRGHUZDQW
8QGVDJWLPDOOHVVXQGHUZRO
:DVHUWXRQXQGPHLGHQVFKRO V. 3748 ff.
Wäre er lernwillig und zeige die Bereitschaft, alle Lehren befolgen zu wollen,
dann solle man ihm Mätzli zur Frau geben. Ebendiese Frau Leugafruo, die alle persön-
lichen Mängel durch lehrhafte Vorträge aus der Welt zu schaffen glaubt, weiß über
Bertschi folgendes zu berichten:
(ULVWHLQMXQJHUJUDGHUNQHFKW
)URPXQGHUEHUGDU]XRVFKOHFKW
'DQQGD]HUPLFKGXQFKHWIXO
8QGKDWHLQEHUZHLWHVPXO V. 3729 ff.
Obgleich der Examinand noch gar nicht anwesend ist, widerlegt sie sogleich ih-
re eigenen Vorbehalte. Daß er ein übergroßes Maul habe, sei kein Schaden. Nur einer
Frau gezieme ein kleiner Mund. Außerdem brauche eine große Stadt ein weites Tor.
Seine Faulheit werde ihm schon ausgetrieben, verlangten erst einmal seine Kinder
nach Nahrung. Bertschi kann mit noch so großen Mängeln behaftet sein, seine Ehe-
tauglichkeit steht grundsätzlich außer Frage.
Leugafruo zeichnet ein Bild von Bertschi, das in sich schon widersprüchlich ist.
Wie kann er tüchtig (IURP) und dabei zugleich faul sein? Worin besteht die gedankliche
Verbindung zwischen Bertschi und einer großen Stadt? Sollte Bertschi zum Fleiß be-
kehrt werden, wenn seine zukünftigen Kinder Hunger leiden, dann würde das auf einen
Effekt zurückzuführen sein, der auch ohne vorherige Belehrung desjenigen einträte,
GHUDXFKJHVFKULIWLQLPQLWKDW (V. 3743). Widersinnigerweise soll der Zweck der Beleh-
rung in Nabelraibers Haus darin bestehen, Bertschis Absicht zu erforschen (V. 3789),
die doch schon durch den Heiratsantrag hinlänglich dokumentiert ist. Da sich auch
Leugafruo mit Bertschis Absicht deckt und sie ihm für alle eventuellen Mängel im vor-
191
hinein die Absolution erteilt, verfehlt die Examinierung ihren Adressaten. Die Redner
können gleichsam direkt gegen die Wand reden, vor der Bertschi sitzen soll (V. 3750).
Vor der Examinierung durch die Mätzli-Sippe fordert Vater Fritz Bertschi auf, ei-
ne Probe seines Wissens abzulegen:
6RVLW]GDQLGHUVSUDFKGR)ULW]
8QGVDJXQVHWZDVGHLQHUZLW]
&KDQVWGHQSDWHUQRVWHUVR"
-DGRlQWZXUW3HUWVFKLGR
'D]DYHPDULDXQGGHQJODXEHQ
$XFKGDPLWDQDOOHVODXJHQ"
6RVDJDXIHEHQQLFKWHQODFK V. 3810 ff.
Wießner übersetzt in seinem Kommentar unverständlicherweise HQODFK mit „laß
nichts aus“. Bei dem Ausdruck handle es sich um „den ostschweizerischen Imperativ
von lassen“. Dagegen spricht philologisch allein schon die Tatsache, daß Wittenwiler
an allen anderen Stellen des 'Ring' das Verb ODVVHQ und dessen Ableitungen benutzt.
Horst Brunner schließt sich dem Wießnerschen Übersetzungsvorschlag an und über-
setzt sogar ODXJHQ mit „ohne Fehler“. Wießner verweist bei dieser Vokabel auf die Pa-
rallelstelle von Vers 4104, die Brunner selbst mit „unleugbar“ wiedergibt. Ich schließe
mich Birkhans Übersetzung an: „'Das Avemaria und den Glauben dazu, ohne Lüge?
So sag's nur auf, lach nicht!’“
Man kann Fritzens ironische Ermahnung als Indiz dafür nehmen, daß der Fami-
lienrat hinsichtlich Bertschis Belehrung eine Farce darstellt. Es dürfte auf der Grundla-
ge des Textbefundes kein Zeifel daran bestehen, daß der Examinierende selbst nicht
an die Zweckdienlichkeit seiner Befragungsmethode glaubt. Die verschiedenen Lehren,
die hier auf breitem Raum entfaltet werden, gleichen auswendig aufsagbaren und
schriftlich kodifizierten Maximen, mit denen die Redner ihr Wissen nicht zufällig im
Haus des Schreibers zur Schau stellen. Da die aneinandergereihten Lehren durch kein
übergreifendes Ethos integrierbar sind, verlieren sie ihre normative Kraft und können in
völlig konträren Kontexten eingesetzt werden.327
Die Ehre, die Bertschis Eitelkeit von der Welt fordert und die ihm von „alten und
jungen Frauen“ zuteil wird (V. 70 ff.), beruht also auf Illusion, Dünkel und Einbildung.
Abgesehen von der außertextuellen Illustration der Miniatur, die den struppigen Bau-
erntrottel in modischer Kleidung darstellt, erfährt der Leser nichts über sein Aussehen.
Objektives Aussehen und subjektive Deutung hinsichtlich der Eigenschaften des bäu-
erlichen Paars sind so eng miteinander verknüpft, daß sie weniger über die Personen
selbst als über die Vorstellungen ihrer jeweiligen Interpreten aussagen. Wie schon er-
327 Vgl. zur willkürlichen Kontextualisierung, Schmid, Leben und Lehre in Heinrich Wittenwilers 'Ring' , S.
287.
192
wähnt, sieht der Erzähler in Mätzli ein seelenloses Schreckgespenst, Laichdenman ei-
ne geeignete Ehefrau, Colman eine häßliche Dorfschlampe und Bertschi die schönste
Dame der Welt, die er um jeden Preis besitzen will (V. 98 ff. ), und um derentwillen er
das Bauernturnier veranlaßt.
6.5 Die Rhetorik der Gewalt und die Irreferentialität der Zeichen
Kurz vor Beginn der Schlacht schlägt Meier Lekdenspiss die Lappenhauser
Bauern zu Rittern (V. 8623-8646). Wie erwähnt, klingt im ‘Ring’ die Ständegliederung
nur in literarischer Form an (V. 4855-4870). Wittenwilers Bauern gleichen eher sozial
indifferenten Narren als sozial identifizierbaren Ständevertretern mit den entsprechen-
den Merkmalen. Dennoch kann das theatralische ULWWHUPDFKHQ(V. 8664) als Kritik an
Herrschaft begründenden symbolischen Handlungen aufgefaßt werden. Möglicherwei-
se reflektiert diese Episode ein vergleichbares Ereignis vor der Sempacher Schlacht
von 1386.328 Da der Dorfmeier, der Kaiser, wie ihn der Erzähler ironisch nennt (V.
8635), an den Bauerntölpeln die Schwertleite vollzieht, um damit den erwünschten An-
spornungseffekt auf seine Mannen zu erzielen, macht er auf die voraussetzungslose
Fiktionalität eines solchen Strategems aufmerksam.329 Auch Strudel, der Bürgermeis-
ter der Nissinger, ist vom strategisch-psychologischen Nutzen des sog. ULWWHUPDFKHQ>V@
(V. 8663 f.) überzeugt. Rüefli Lekdenspiess scheint die Lügenhaftigkeit seines rhetori-
schen Handelns vollauf zu begreifen:
:ROPLUGD]LFKLHJHVDFK
(LQKHUVRVFK|QPLWJDQW]HUPXJHQG
,QVRZXQQHFOHLFKHUMXJHQW
6DPHVVHLW'HVPDFKWHXFKIUR
328 Vgl. zum historischen Hintergrund des „Rittermachens“ in der Sempacher Schlacht vom 9. Juli 1386,
Helmut Birkhan, Das Historische im „Ring“ des Heinrich Wittenwilers, Wien 1973 (= Sberr. d. Österr.
Akad. d. Wiss., Phil.-Hist. Kl., 287. Bd., 2. Abh.); hier S. 10-14.
Es sind Edelleute und keine Bauern, die zu Rittern geschlagen werden wollen. Ebd. S. 13 deutet
Birkhan diese Episode so, „daß der tiefere Sinn [...] der ist, die Pervertierung der ständischen Ord-
nung auf seiten der Lappenhauser aufzuzeigen, wo der Meier (also der einzige Unselbständige unter
den Dörpern) die Kaiserwürde erhält und die Bauertölpel durch hohe Adelstitel ausgezeichnet wer-
den“. Birkhan stellt m. E. eine unzulässige Hypothese auf. Nach den historischen Fakten zu urteilen -
die übrigen Dörper könnten im übrigen genauso abhängig sein wie 5HIOL-, könnte sich Wittenwiler
auch satirisch gegen den adligen Hochmut oder überhaupt gegen die historische „Pervertierung“ der
alten Ordnung wenden. Im 'Ring' ist immer der gemeint, der sich angesprochen fühlt. Einen Hinweis
darauf, wen oder welchen Stand Wittenwiler satirisch angreifen will, kann nicht überzeugend belegt
werden.
329 Vgl. zur bäuerlichen Ritternachahmung im späten Mittelalter, Jörg Bismark, Adlige Lebensformen in
Wittenwilers „Ring“, Untersuchung über die Person des Dichters und die ständische Orientierung sei-
ner Lehren und seiner Satire, [phil. Diss. Freiburg i. Br.] Augsburg 1976, S. 63-75.
193
8QGKDOWHQGHXFKQRFKKHXWDOVR
'D]ZLUJHZLQQHQHUXQGJXRW
'D]HLQIUHLHUKDUVFKZROWXRW
:LOHUOHJHQVHLQHQVLQ
$XIHUXQGJXRWXQGDXIJHZLQ
'DXPEJHSHXGLFKSHLGHPKDXEW
6lOLFKVHLGHUPLUHVJODXEW
$OOHQULWWHUQXQGDXFKNQHFKWHQ
'D]VHXVLFKVWHOOHQKHXW]HYHFKWHQ
5LWWHUOHLFKDQDOOHVIOLHKHQ V. 8588 ff.
Es handelt sich also um einen Sprechakt, der aus Bauern Ritter, aus der bösen
Sache eine edle Aufgabe macht. In der ironischen Diktion von Wittenwilers Erzähler
gibt Lekdenspiss ohne Umschweife zu verstehen, daß er diese Travestie und Ein-
schmeichelei nur aus Gründen der militärischen Disziplinierung inszeniert. Ruhmsucht
und Besitzgier mit der Inaussichtstellung von Beute anzustacheln, sind die üblichen
Lockmittel zur Teilnahme an mörderischen Schlachten, deren bestialische Gewalt und
voraussetzungslose Anmaßung in Wahrheit zu nichts anderem als zur Selbstvernich-
tung führen. Wie gewalttätig die Begründung einer sozialen Rangordnung ist, deren
Durchsetzung von der Macht der rhetorischen Überzeugung abhängt, unterstreicht Wit-
tenwiler dadurch, daß er die Erhebung in den Ritterstand unmittelbar vor Ausbruch des
Krieges verlegt. An seinem Ende sind alle kulturellen und sozialen Differenzen, das
Dorf Lappenhausen und mit ihm die halbe Welt, physisch ausgelöscht. Das Ideologem
„Ehre“ wird in Lekdenspiss Ansprache an sein Bauernheer zum zynischen Strategem.
Es entbehrt der Verdienste, seiner referentiellen Voraussetzung, ebenso wie die mate-
riellen Voraussetzungen zur symbolischen Einkleidung in den Ritterstand fehlen:
'HV]RFKGHUNDLVHUDXVVHLQVZHUW
8QGVSUDFK,UVHLWVGHUHUHQZHUG
(UVFKOXRJVHXPLWGHUFKOLQJHQWZHUFKV
8QGZDUGLQVLQJHQGGLVHQYHUV
+LHEHVVHUULWWHUGDQQHNQHFKW
'LHDQGHUHQVSUDFKHQW'D]LVWUHFKW
'RFKVFKROWHVQLFKWUHLWHQDQ
9RUGHQIU|PGHQVSUDFKGHUPDQ
'HVKLHWPDQLQJHVFKHQFKHWGR
6ZHUWXQGKHQWVFKXRFKJUWOHQVR
'DU]XRJXOGLQULWWHUVSRUQ V. 8635 ff.
Eigenmächtig verfügt der Erzähler über den Romanstoff wie z. B. über die
„Bauernhelden“ im Turnier des ersten Handlungsabschnitts (V. 105-179). Demonstativ
fingiert er die Narrenwelt in sprachlichen Schöpfungsakten, ohne die sie gar nicht exis-
tierte. Meier Lekdenspiss sprachliche Schöpfung einer sozialen Realität unterliegt einer
ähnlichen Voraussetzungslosigkeit wie die ironische Erzählweise Wittenwilers und die
194
o. g. personalen Deutungsakte, in denen die Setzung der Zeichen vom Dünkel ihrer In-
terpreten abhängen.
Daraus ließe sich der Schluß ziehen, daß jede nur denkbare soziale Ordnung
das sekundäre Produkt primärer Sprechakte ist. Dort, wo zunächst keine Ordnung e-
xistiert, muß sich einer die Rolle des Definitionsmächtigen anmaßen. Das setzende
und Bedeutung hervorbringende Sprechen vieler einzelner weiß sich an keine Normen
und Autoritäten gebunden und führt deswegen von verbaler Polemik zu gewalttätiger
Auseinandersetzung. Bei jedem Versuch, eigene Vorstellungen von der Beschaffenheit
der Dinge anderen aufzudrängen oder umgekehrt zur Privatsache zu erklären, ver-
schärfen sich die intellektuellen Aporien, vergrößern sich die dynamischen und ins
Mythisch-Phantastische überhöhten Zerstörungskräfte einer immer irrealer werdenden
Narrenwelt. Die Unmöglichkeit des kommunikativen Ausgleichs von Konflikten zieht
Wittenwilers Romanpersonal in einen immer schneller rotierenden „Strudel“ von Chaos,
Gewalt und Selbstvernichtung.
Die „litteraten Personen“ setzen ihr rhetorisches und kulturtechnisches Können
instrumentell zu Zwecken der Täuschung ein. Hingegen ahmen die „illiteraten Perso-
nen“ literarische Rollenmuster und auswendiggelernte Verhaltensvorschriften nach. So
etwa leiert Triefnas nach Aufforderung durch Vater Fritz Paternoster, Credo und Ave
Maria herunter, oder sie übertreiben äußere Erkennungsmerkmale innerer Dispositio-
nen wie z. B. die Zeichen der Trauer und Reue im Neidhartianischen Beicht-
schwank330, oder aber sie reden und handeln nach ihren privaten Meinungen und An-
sichten.
Härtel Saichinkruog ist der einzige unter den Rednern der Mätzli-Sippe, der ei-
ne Belehrung Bertschis zunächst kategorisch ablehnt. Zwar gründen sich die Anwei-
sungen zu einer vernünftigen Haushaltsführung auf persönliche Erfahrungen, die nur
schwer auf andere übertragbar sind; es handelt sich nämlich bei der Haushaltung um
einen Wissensbereich, der auf persönlichen Erfahrungen beruht. Dennoch gilt die Be-
gründung für Härtels Weigerung, anderen Ratschläge erteilen zu wollen, prinzipiell für
alle Lehren im 'Ring':
330 Die Gestaltung des Beichtschwanks ist nicht deshalb kirchenfeindlich, weil die Narren den JXPS
SHOSKDII (V. 769) Neidhart als GHVKHLOLJHQJDLVWHVYRO(V. 667) betrachten, sondern weil die geforder-
ten Zeichen der FRQWULWLRFRUGLV tatsächlich und wahrhaftig von den Narren eingelöst und zugleich a-
ber wegen ihrer evidenten Übertreibung in doppelter Weise in Mißkredit gebracht werden. Mit der
übertriebenen Reuegestik, die darin gipfelt, daß sich die Lappenhauser ganz konkret an die Herzen
schlagen und ihnen das Blut aus Mund und Nase fließt (V. 680 ff.), korrespondiert Neidharts über-
triebene Reaktion, der sie wegen ihrer lächerlichen Bagatellsünden zum Bischof schickt (V. 764).
Wittenwilers Erzähler scheint den Grund dafür zu kennen: „Lechspiss hintz zum bischolff trat:/Daz
ward im in dem sekel schad (V. 822)“.
Vgl. zu den kirchenhistorischen Maßgaben an den Vollzug des Beichtsakraments, Mittler, Das Recht
in Heinrich Wittenwilers „Ring“, S. 20.
195
(VZLVVWZROVDPLFKZLVVHQWSLQ
$OVPDQLFKKDXEWDOVPDQJHUVLQ
'DUXPEVRKDWDXFKLHFOHLFKKDXV
6HLQHQVLWWHQVHLQHQVDXV
$OVROHUWVVLFKVHOEHUZRO
:LHHLQHUVHLQKDXVEHZDUHQVFKRO
6RLVWGHVPHQVFKHQJPHWVREOLQG
:HVHUVLFKIUZDUVYHUVLQW
'D]JHWLPQDFKDXIVWHO]HUIXRVV
'DUXPLFKLQQLFKWOHUHQPXRVV V. 4985 ff.
Saichinkruogs erkenntnistheoretische Skepsis bezüglich der Erziehbarkeit der
Menschen hat nichts mit Fatalismus zu tun. Sie zielt vielmehr auf die feindliche, eigen-
süchtig und tendentiell asoziale Haltung aller Personen in Wittenwilers Weltentwurf.
Wittenwilers ironisch-skeptische Poetik universalisiert die Fiktionalität rhetorischer Deu-
tungs- und Setzungsakte gerade dadurch, daß das ironische Erzählen selbst fortlau-
fend seine Konstitutionsbedingungen reflektiert. Infolgedessen stößt die Deutung durch
den Leser immer wieder auf die Lügenhaftigkeit der Sprache und Literatur, auf die je-
des zivilisierte Gemeinschaftsleben gegründet ist. Wenn Wittenwilers Roman als von
einer durchgehend skeptischen Grundhaltung geprägt betrachtet werden kann, dann
deshalb, weil sich der ‘Ring’ der Sinnstiftung von Sprache und Literatur systematisch
verweigert.
196
VII. Die humanistische Literatur und die ockhamistische Zeichenlehre
7.1 Die spätmittelalterliche Sprachkrise und die humanistische Literatur
In diesem Kapitel wird der Versuch unternommen, das für den 'Ring' charakte-
ristische Scheitern von Kommunikation und Umschlagen in Gewalt und Zerstörung aus
den intellektuellen Rahmenbedingungen des 14. Jahrhunderts herzuleiten. Dabei spielt
das Programm des italienischen Frühhumanismus und der spätscholastischen Semio-
tik eine entscheidende Rolle. Daß große soziale Umbrüche, wie die des späten Mittel-
alters, auch immer von Sprachkrisen begleitet sind, in denen traditionell akzeptierte
Verständigungsmodi versagen, versteht sich von selbst. Wittenwilers zeichentheore-
tisch schwierige Dichtung, die sich dem humanistischen Ideal einer moralischen Bes-
serungsabsicht entzieht,331 kann daher unter der Perspektive der „linguistischen Krise
des 14. Jahrhunderts“332 von einseitigen Deutungsansätzen befreit, einer differenzier-
teren Betrachtung zugänglich gemacht werden.
Wie weiter oben gezeigt wurde, deuten handschriftliche und urkundliche Indi-
zien darauf hin, daß Wittenwiler mit dem generellen Bildungsoptimismus der Humanis-
ten und dem Programm der „Poesie als Philosophie und Theologie“333 vertraut war.
331 Wittenwilers Roman, der das Exemplarische seiner Geschichte bis zur Unkenntlichkeit verwirrt, ver-
stößt gegen die selbstverständliche Forderung an den christlichen Dichter, nach der diesem die Auf-
gabe der Belehrung zufiel.
Der überragende Stellenwert des Exemplarischen im Mittelalter belegt die christliche Deutung der an-
tiken Literatur. Es gehört zu den Gemeinplätzen der mediävistischen Forschung, daß wir heute ohne
die Vorstellung von der heilsgeschichtlichen Bedeutung der antiken Dichtung, Philosophie und Ge-
schichte über einen weitaus schmaleren Textkorpus aus der Antike verfügten.
Von Memorabilien und rhetorischen Beispielfiguren kann man im 'Ring' nur unter dem Vorbehalt iro-
nischer Brüche sprechen. Eigenschaften werden, wie bereits gezeigt wurde, eben nicht eindeutig in
einer Gestalt verkörpert, Eigenschaften werden vielmehr in sich widersprechender Weise kombiniert
und gegeneinander ausgespielt.
Vgl. den Abschnitt „Sentenzen und Exempla“, in: Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und la-
teinisches Mittelalter, S. 67 ff.
332 Den Ausdruck entnehme ich dem Titel eines Vortrages von Cesare Vasoli, La „crisi“ linguistica tre-
centesca, tra „nominalismo“ e coszienza critica de „verbum“, in: Conciliarismo, stati nazionali, inizi
dell'umanesimo, Atti del XXV Convegno storico internazionale, Todi 9-12 ottobre 1988, Spoleto 1990,
245-263.
333 Zu der programmatischen Vorstellung der Poesie als Theologie vgl. Ronald G. Witt, Coluccio Salutati
and the Conception of the 3RHWD7KHRORJXV in the Fourteenth Century, in: Renaissance Quarterly 30
(1977), S. 538-563.
Vgl. ferner das Kap. „Poesie und Theologie“, in: E. R. Curtius, Europäische Literatur und lateinisches
Mittelalter, 11. Aufl., Tübingen 1993, S. 221-234.
Schon Albertino Mussato und Dante entwickelten ein Konzept der „Poesie als Theologie“ und gerie-
ten damit in Konkurrenz zur scholastischen Theologie. Aus einer subjektiven Haltung christlicher
Frömmigkeit schuf Dante in der 'Comedia' mit den Mitteln poetischer Erfindungskunst einen quasi
sakralen Text, der mit denselben Methoden ausgelegt werden sollte wie die Bibel. Dagegen bestrit-
ten einige Theologen der Poesie von vornherein den Status einer VFLHQWLD und einer DUV. Da die scho-
lastische Theologie der Auslegung der Bibeltexte einen Platz jenseits und oberhalb von Poesie und
Wissenschaft einräumte und ausschließlich sich selbst für berechtigt hielt, über den orthodoxen Sinn
197
Und doch verweigert er entgegen eigener Ankündigung konsequent jede Belehrung.
Ausgehend von diesem Widerspruch, kann die Hypothese aufgestellt werden, daß der
'Ring' eine frühe pessimistische Antwort auf den Bildungsoptimismus der Frühhumanis-
ten darstellt. Eine Bewertung der antiallegorischen Dichtung Wittenwilers gelingt mei-
nes Erachtens nur unter Berücksichtigung entscheidender sprach- und literaturtheore-
tischer Änderungen, konkret: die humanistische Idee einer Zivilisierung der Sitten
durch Poesie und Rhetorik und die neue Zeichentheorie Ockhams.334
Es wird der Nachweis erbracht, daß Wittenwiler wie Boccaccio, Petrarca und
Chaucer im Horizont der ockhamistischen Zeichentheorie stehen und mit dem streitba-
ren Franziskanermönch (1285-1290-1348/9) die skeptische Grundhaltung gegenüber
der Vermittlungsfähigkeit menschlicher Kommunikation teilen.335 Unverkennbar ist der
Bruch zwischen den genannten Autoren und der um weniges älteren, allegorischen
Dichtung Dantes, der die vom Mittelalter übernommene Zeichentheorie des heiligen
Augustin zugrundeliegt. So etwa ersetzt Dante (1265-1321) bedenkenlos den im Lehr-
traktat des 'Convivio' (~1303-1308) beschriebenen, fiktiven Allegoriebegriff durch den
der Heiligen Schrift zu befinden, mußte sie einen von Dichtern proklamierten theologischen Gehalt
profaner Werke ableugnen.
Obgleich sich die Kluft zwischen dem christlichen Dogma des göttlichen Logos und der rhetorischen
Sprache der Dichter bei den Frühhumanisten vergrößerte, sollten aus Gründen einer veränderten
Sprachauffassung die Äußerungen Petrarcas und Boccaccios zu einer „Poesie als Philosophie“ bzw.
zu dem gleichbedeutenden Konzept einer „Poesie als Theologie“ von Dantes „theologischer Poetik“
strikt getrennt werden.
334 An den italienischen Universitäten erscheint die Poesie schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts als ei-
genes Lehrfach. Die „eigentlichen Humanisten“ hatten die Lehrstühle für Grammatik, Rhetorik, Poe-
sie und Eloquenz inne. Ein Professor der VWXGLDKXPDQLWDWLV, die den Fächerzyklus von Grammatik,
Rhetorik, Poesie, Geschichte und Moralphilosophie einschlossen, unterrichtete neben der Lektüre
und der Interpretation antiker Schriftsteller das Abfassen von Briefen, Reden und Versen. Da die hier
erlernten Techniken des Schreibens und Redens im Kanzleiwesen und für diplomatische Gesand-
schaften eingesetzt werden konnten, bestand ein lebenspraktischer Bezug zu den Erfordernissen
des kommunalen Regiments. Dagegen kennzeichnete die Fächer der scholastisch aristotelischen
Methode - Jurisprudenz, Theologie, Mathematik, Medizin, Logik und Naturphilosophie - ein Zug zu
formaler Logik und spekulativem Rationalismus.
Vgl. dazu: Paul Oskar Kristeller, Petrarca, der Humanismus und die Scholastik (1955), in: Petrarca,
Hg. von August Buck, Darmstadt 1976 (= WdF, 153), S. 261-281, hier insbes. 272-276.
335 Wie erwähnt, geht es um das Problem der kommunikativen Vermittlung von Gedanken. Was Ock-
hams logische Philosophie betrifft, stimme ich prinzipiell mit Jürgen Miethke darin überein, daß bei
Ockham nicht von einem prinzipiellen „Skeptizismus in der Erkenntnistheorie“ gesprochen werden
kann.
Vgl. dazu, Jürgen Miethke, Wilhelm von Ockham, in: „Nimm und lies“, Christliche Denker von Origini-
nes bis Erasmus von Rotterdam, Hg. von Hans Freiherr von Campenhausen u. a., Stuttgart 1991, S.
307-332; hier S. 316.
In Ockhams System gilt die stillschweigende Voraussetzung, daß ein Kausalnexus zwischen dem
Gegenstand der Erkenntnis und dem Erkenntnisakt die Erkenntnis selbst sichert. Die Antwort auf die
Frage, wie die Begriffsbildung genau vonstatten geht, bleibt er uns aber schuldig.
Dazu auch Jan Pinborg, Logik und Semantik im Mittelalter, Ein Überblick, Stuttgart 1972 (= proble-
mata, fromann-holzboog, 10), S. 131: „[...] die oratio mentalis [d.h. das begriffliche Denken] ist nicht
mit der Wirklichkeit konform, obwohl sie von ihr natürlich verursacht ist. [...] Dies ist die crux der Ock-
ham-Interpretation. Denn auch die Allgemeinbegriffe entstehen natürlich, und dennoch gibt es in re
nichts, was ihnen entspricht. Wie kann man feststellen, daß ein allgemeiner Terminus einem Indivi-
duum zukommt, m. a. W. wie kann ich die Wahrheit etwa des Satzes 'hoc est homo' feststellen und
somit wissen, daß 'homo' für dieses Individuum supponieren kann? Die Antwort liegt in der intuitiven
Erkenntnis, die zur gleichen Zeit Individual- und Allgemeinbegriff eines Gegenstands bildet.“
198
theologischen der ’Comedia’ (~1307-1321), in dem der Symbolgehalt im Wort inkarniert
ist.336
Erst die nominalistische Semiotik Roger Bacons und Wilhelms von Ockham be-
schäftigt sich unabhängig von einem theologischen Deutungsinteresse mit der Analyse
und dem Wahrheitswert von Sätzen. Für Ockham und viele andere aristotelische Scho-
lastiker bilden die Mittel der Logik und der Semantik bzw. „Grammatik“ weit mehr als
propädeutische Fächer die unverzichtbare Voraussetzung jeder Wissenschaft.337 Die
Logik zerlegt nicht nur die Bestandteile von Syllogismen, sondern deckt auch Trug-
schlüsse auf. Sie hilft auch dem Verständnis von Texten, indem sie zwischen eigentli-
cher und uneigentlicher Bedeutung unterscheidet.338
Alia utilitas logicae est facilitas virtutem sermonis et proprium modum loquendi
percipiendi. Nam per istam artem faciliter scitur quid ab auctoribus de virtute sermonis
profertur, quid non de virtute sermonis sed secundum usitatum modum loquendi vel se-
cundum intentionem dicentis; quid dicitur proprie, quid metaphorice.339
Ein anderer Nutzen der Logik ist die Fähigkeit, den Wert einer Rede und die ei-
gentliche Art des Sprechens wahrnehmen zu können. Denn durch diese Kunst wird
man leichter in Kenntnis bringen, was von den Autoren kraft der Rede, und was nicht
336 Vgl. dazu Charles S. Singelton, Two Kinds of Allegory, in: Dante, Hg. von Harold Bloom, New York
1986, S. 11-19, hier bes. S. 18 f.
Vgl. Dante Alighieri, Philosophische Werke, Hg. unter Leitung von Ruedi Imbach, Das Gastmahl, Ers-
tes Buch, Bd. 4/I, Zweites Buch, Bd. 4/II, Übers. und kommentiert von Thomas Ricklin, Italienisch -
Deutsch, Hamburg 1996 (= Philosophische Bibliothek, 466a/466b). Hier (II, xii, 8) trennt er noch die
verstorbene Beatrice der 'Vita nuova' von der Personenallegorie der Philosophie: „Weswegen ich, der
ich mich vom Gedanken an die erste Liebe zur Kraft dieser [Liebe] emporgehoben fühlte, mich
gleichsam wundernd die vorgelegte Kanzone aussprechend den Mund öffnete [und so] meine Ver-
fassung unter der Erscheinung von anderen Dingen zeigte: von dieser Frau, in die ich mich verliebt
hatte, waren keine volkssprachlichen Verse würdig, offen zu dichten; (...) denn der Wahrheit nach
glaubte man ganz und gar, daß ich auf jene Liebe ausgerichtet sei, was man bezüglich dieser nicht
glaubte.“
Bei der ersten Begegnung Dantes mit Beatrice im dreißigsten Gesang des 'Purgatorio' Vers 37 ff. be-
schreibt er ihre innere Tugend in Anspielung auf die 'Consolatio' des Boëthius: „Senza degli occhi
aver più conoscenza,/Per occulta virtù che da lei mosse,/D'antico amor sentì la gran potenza./Tosto
che nella vista mi percosse/L'alta virtù che già m'aveva trafitto/Prima ch'io fuor di puerizia fosse (...).“
Die „occulta virtù“, die Beatrice verkörpert, entspricht der geistigen Kraft der Philosophie.
Zitiert aus: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Italienisch und deutsch, Übers. und kommentiert
von Hermann Gmelin, Bd. II, Purgatorio - Der Läuterungsberg, München 1988, ND Stuttgart 1949 (=
dtv klassik, 2107). Vgl. zu dieser Stelle den Kommentar, in: Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie,
Bd. V, Kommentar Der Läuterungsberg, München 1988, ND Stuttgart 1955.
337 Guillelmi de Ockham Summa Logicae, III, 4,1, Hg. von Ph. Boehner, G. Gál, New York 1974 (=Opera
Philosophica, 1), S. 751:
„Propter quod impossibile est aliquam scientiam naturalem vel moralem vel qualcumque aliam sine
ista notitia perfecte habere. Et ideo ignorantes istam artem et aliis scientiis intendentes, sive inten-
dant philosophiae naturali sive morali, sive etiam iuri civili vel canonico, sive theologiae sive scientiae
cuicumque [...] neccessarie [...] in multos errores prolabentur.“
338 Vgl. Dominik Perler, Prädestination, Zeit und Kontingenz, Philosophisch-historische Untersuchungen
zu Wilhelm von Ockhams 7UDFWDWXVGHSUDHGHVWLQDWLRQHHWGHSUDHVFLHQWLD'HLUHVSHFWXIXWXURUXP
FRQWLQJHQWLXP, Amsterdam 1988 (= Bochumer Studien zur Philosophie, 12), S. 305 f.
339 Guillelmi de Ockham Expositionis in libros artis logicae prooemium, Hg. von E. A. Moody, St. Bona-
venture, New York 1974 (= opera philosophica, 2), S. 6.
199
kraft der Rede, sondern nach dem Sprachgebrauch des Sprechmodus oder entspre-
chend der Intention des Sprechenden geäußert wird; was im eigentlichen, was im über-
tragenen Wortsinn gesagt wird. [Übers. vom Verf.]
Diese pragmatisch und psychologisch relevanten Aspekte der Rede werden -
wie noch zu untersuchen sein wird - insbesondere durch Boccaccio im ‘Decameron’
thematisiert. Die zweite intellektuelle Hintergrundfolie, vor der Wittenwilers ‘Ring’ ver-
standen werden kann, bildet der italienische Frühhumanismus. Trotz harscher Polemik
Petrarcas (1304-1374) gegen die dialektischen Haarspaltereien der Logiker aus Oxford
und Paris und gegen das ontologische Wahrheitsverständnis und die Naturphilosophie
der spätscholastischen aristotelischen Methode340 lassen sich dennoch bei ihm wie
auch bei Boccaccio (1313-1375) Übereinstimmungen zu elementaren Positionen der
nominalistischen Semiotik feststellen. Beide reflektieren den äußeren bzw. rhetori-
schen Zeichencharakter der Sprache. Kaum zu überschätzen ist der Funktions- und
Beinflussungswert, den die Humanisten der Rhetorik einräumen. Rhetorik ist zugleich
Instrument und Medium zum eigenschöpferischen Entwurf möglicher Welten. Daher
polemisiert Petrarca gegen die hochscholastische Funktion der Sprache als dialekti-
sches Erkenntnisinstrument, mit dem bewiesen werden soll, was die ontologische
Wahrheit der dies- und jenseitigen Welt sei. Dagegen wollen die Frühhumanisten mit
der ethischen Prinzipien verpflichteten Rhetorik zeigen, wie die Welt sein kann oder
sein soll.
Der nominalistischen Sprachbetrachtung entspricht ein neues Literaturver-
ständnis, dem Boccaccio mit den hundert Novellen des 'Decameron' ein erstes „mo-
dernes“ Literaturdenkmal setzt. Aufgrund dieser veränderten Perspektive kommt für
340 Francesco Petrarca, Le Familiari, Introduzione e note di Ugo Dotti, Libro Primo, Roma 1991, 2, 18.
Zur Datierung und zur Person des Adressaten vgl. den Kommentar zum Brief, ebd., S. 93 f. Hier nur
eine der bekannteren Haßtiraden Petrarcas aus einem Brief an den sizilianischen Studienfreund
Tommaso Caloria da Messina, mit dem er die spätscholastische Dialektik an der Universität Bologna
kennengelernt hatte:
„Respice et hos qui in altercationibus et cavillationibus dyalecticis totum vitae tempus expedunt se-
que inanibus semper quaestiunculis exagitant; et presagium meum de omnibus habeto; omnium
nempe cum ipsis fama corruet unumque sepulchrum ossibus sufficiat et nomini. Cum enim mors fri-
gidam linguam stare coegerit, non modo ut sileant necesse est, sed ut de his etiam sileatur.“
Zu Petrarcas Polemik gegen den aristotelischen Wissenschaftsbegriff der Spätscholastik vgl.: Fran-
cesco Petrarca, De sui ipsius et multorum ignorantia, Über seine und vieler anderer Unwissenheit,
Übersetzt von Klaus Kubusch, Hg. und eingel. von August Buck, Lateinisch-Deutsch, Hamburg 1993
(= Philosophische Bibliothek, 455), S. 21-23: „Für viele nämlich stellt die Wissenschaft einen Spiel-
platz ihrer Dummheit dar, für fast alle ist sie ein Werkzeug ihres Hochmuts (...). Viel also weiß er von
den Tieren, von den Vögeln und Fischen: wieviel Haare der Löwe auf dem Kopf hat, wieviel Federn
der Falke am Schwanz, mit wieviel Armen der Meerespolyp den Schiffbrüchigen umschlingt; daß sich
die Elephanten von hinten begatten, daß ihre Tragzeit zwei Jahre beträgt. (...) Wenn es schließlich
auch wahr wäre, trüge es nichts zu einem glücklichen Leben bei. Denn was nützt denn bitte das Wis-
sen über die Natur der Tiere, Vögel, Fische und Schlangen, wenn wir die Natur der Menschen nicht
kennen, nicht wissen, wozu wir geboren sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, und uns für
diese Fragen nicht interessieren?“
Zum Verhältnis der Scholastik zum humanistischen Denken vgl. Eckhard Kessler, Petrarca und die
Geschichte, Geschichtsschreibung, Rhetorik, Philosophie im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit,
München 1978, S. 198-203.
200
ihn, den ersten Dantebiographen und Verfasser des ’Decameron’, eine Jenseitswande-
rung des historischen Dante an der Seite des historischen Vergil und der historischen
Beatrice (VDSLHQWLD) in Verbindung mit allegorischen Bedeutungsfestlegungen ebenso-
wenig in Betracht wie für Petrarca, den unglücklichen Bergsteiger des Mont Ventoux.
Petrarca und Boccaccio proklamieren eine neue Vorstellung von der GLJQLWDV
KRPLQLV, die der humanistischen Renaissance ihr spezifisches Gepräge gibt.341 Durch
die Erfindung einer säkularen Geschichtsphilosophie und der Anlehnung an die antike
Moralphilosophie und Literatur befreien sie die Rhetorik aus der theologischen In-
dienstnahme.342 Selbstverständlich entspricht das noch nicht dem bürgerlichen Auto-
nomiekonzept des 18. Jahrhunderts. Da aber die Humanisten der Rhetorik die ent-
scheidende Rolle bei der Aufgabe einer sittlichen Erziehung zuerkennen und die Sub-
jektivität des einzelnen betonen, entsteht neben der Erfindung neuer literarischer For-
men ein kritisches Bewußtsein von der Grenze der menschlichen Ausdrucksfähigkeit.
Wie noch am Beispiel von Boccaccios 'Decameron' und Petrarcas 'Besteigung des
Mont Ventoux' dargestellt werden soll, konfrontieren die Autoren den dauerhaften Gül-
tigkeitsanspruch der Allegorie mit der Subjektivität von Erfahrung und den Wandlungs-
prozessen einer unsicheren Welt, ohne jedoch prinzipiell den Glauben an den sittlichen
Fortschritt der Menschheit preiszugeben.
Aber schon eine Generation nach Petrarca und Boccaccio überwiegt nicht nur
bei Wittenwiler der Zweifel an der Belehrungsfunktion von Literatur. Pessimismus ge-
genüber der Wirkung von Literatur kann auch Geoffrey Chaucer, englischer Hofbeam-
ter, königlicher Gesandter und Autor der berühmten 'Canterbury Tales' (ca. 1343-
1400), bescheinigt werden. Chaucer und Wittenwiler waren Zeugen eines blutigen
Kampfes um die Aufrechterhaltung der politischen und sozialen Ordnung, in dem der
mittelalterliche Symbolismus wie nie zuvor kritisiert wurde. Hier ist beispielsweise der
philosophische Realismus des ersten englischen Bibelübersetzers und Kirchenrefor-
mers John Wyclif zu nennen, der mit seiner Kritik an den Sakramenten und dem Deu-
tungsmonopol die Autorität der Amtskirche radikal in Frage stellt.
Chaucer verfaßte den Liebesroman ‘Troilus and Criseyde’ in den achtziger Jah-
ren des 14. Jahrhunderts, also etwa zur gleichen Zeit, in der Wittenwiler den 'Ring’
341 Vgl. Buck, Humanismus, S. 253-287.
342 August Buck, Humanismus, Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen, Mün-
chen 1987 (= Orbis academicus, 1), S. 49: „Hier liegt einer der grundsätzlichen Unterschiede zwi-
schen dem mittelalterlichen Verhältnis zu den antiken Autoren und dem Humanismus der Renais-
sance. Dem Mittelalter gelten Autoren nicht - wie dem Humanismus - als individuelle Vorbilder, deren
Stil man als Ausdruck ihrer Persönlichkeit erfaßt, vielmehr schätzt man sie entweder ihrer morali-
schen Wirkung wegen oder aber als Beispiele für die Regeln der Rhetorik, m. a. W. die antiken Auto-
ren wurden moralisiert, verstofflicht, formalisiert, aus dem historischen Zusammenhang gelöst und
damit ihrer Individualität entkleidet. Sie sind keine Personen, sondern stehen stellvertretend für ir-
gendwelche Ideen.“
201
schrieb.343 Am Beispiel von Chaucers Roman, der sich auf Boccaccios ’Filostrato’ als
Hauptquelle stützt, soll gezeigt werden, daß der im 'Ring' demonstrierte Zweifel an dem
ideellen Wert schriftsprachlicher und rhetorischer Äußerungen keineswegs, wie viel-
fach von der Forschung behauptet, einen isolierten Einzelfall darstellt.
7.2 Kritik am alten Symbolismus und die Suche nach einem neuen Sprach- und
Literaturverständnis bei Ockham, Petrarca und Boccaccio
7.2.1 Ockhams Auftritt auf der Weltbühne
Wilhelm von Ockham gilt zweifellos als einer der wichtigsten Erneuerer im Be-
reich der mittelalterlichen Semiotik. Ganz zurecht gab man ihm später den Beinamen
YHQHUDELOLV LQFHSWRU.344 Was die geschichtliche Wirkung seiner oder der ihm zuge-
schriebenen Streitschriften angeht, gilt jedoch die Frage als umstritten, ob und inwie-
weit sie in der voluminösen Gattung der Invektiven seines Ordens gegen die Kurie zur
Kenntnis genommen wurden.345 Jedenfalls stimmt die Forschung darin überein, daß
343 Zur Datierung von ’Troilus and Criseyde’ vgl. The Riverside Chaucer, Hg. von Larry D. Benson, Ox-
ford 1988 3, S. 1020 f. Die mit Wittenwilers 'Ring' in etwa übereinstimmende Abfassungszeit wird auf
die Jahre 1382-85 datiert. Vollendet war der Roman vor dem März 1388.
344 Es ist keineswegs sicher, daß man ihn zu Lebzeiten als 'moderner' als andere betrachtet hat, man
hat ihn noch nicht einmal durchgehend als 'terminista' betitelt. Diese Etikette sind für die Qualität
Ockhams auch kaum relevant, da die Gegenüberstellung einer YLDPRGHUQD für die QRPLQDOHVund
einer YLDDQWLTXLfür die UHDOHV erst aus dem Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts datiert, also zur
Zeit Wyclifs und zur Entstehungszeit des 'Ring'.
Vgl. Neal Ward Gilbert, Ockham, Wyclif, and the „via moderna“, in: Antiqui und Moderni, Traditions-
bewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter, Hg. von Albert Zimmermann, Ber-
lin/New York 1974 (= Antiqui und Moderni, 9), S. 85-125.
345 An die intime Kenntnis, die Luther von Ockhams Philosophie hatte - er bezeichnete sich selbst als
„Occamista“ - erinnert Jürgen Miethkes Beitrag, Wilhelm von Ockham, in: „Nimm und lies“, Christliche
Denker von Origines bis Erasmus von Rotterdam, Hg. u. a. von Hans Freiherr von Campenhausen,
Stuttgart 1991, S. 307-332, hier S. 307 f.:
Zur Leserschaft und zur Wirkungsabsicht bemerkt Jürgen Miethke in seinem Nachwort, in: Wilhelm
von Ockham, Texte zur politischen Theorie, S. 385: „Während die 2SHUDSKLORVRSKLFDHWWKHRORJLFD
[...] aus dem Universitätsunterricht erwachsen und für Kollegen und Studenten gedacht waren, woll-
ten die polemisch-politischen Traktate eine politische Öffentlichkeit erreichen.“
Andere Forscher wie Hilary S. Offler und Lagarde schätzen dagegen Ockhams Beteiligung an den
politischen Schriften seiner Mitbrüder und deren politische Bedeutung für die Konzilszeit weitaus ge-
ringer ein.
202
Ockham einen kaum zu unterschätzenden Einfluß auf den logischen Terminismus der
Pariser Artistenfakultät ausgeübt hat.346
Ockham kritisierte die offiziellen Lehrmeister seines Ordens Duns Scotus und
Bonaventura wie auf seiten der Dominikaner Thomas von Aquin für ihre „naive“ Gleich-
setzung der sprachlichen Bedeutung mit den Dingen. Diese Kritik traf den Lebensnerv
des traditionellen kirchlichen Verständnisses der Trinitäts-, Eucharistie-, Sakramenten-
und Gnadenlehre. Mit der Perspektive auf die Außenseite der Sprache gerät der mit-
telalterliche Symbolismus in den Verdacht, ein der theologischen und philosophischen
Grundlage entbehrendes Instrument zur Bemäntelung handfester Machtinteressen zu
sein.347 Ockhams philosophische Lehren (1317-1328) und kirchenkritische Schriften
(1330-1347/48) provozieren Streit unter den Akademikern und werden an den Universi-
täten kontrovers diskutiert.348 Es ist deshalb kaum verwunderlich, daß nach dem Be-
ginn des Großen Schisma 1378 die Theoretiker der konziliaren Bewegung wie etwa
der Pariser Konzilstheoretiker Konrad von Gelnhausen und der Pariser Theologe Hein-
rich von Langenstein an Ockhams Überlegungen zur Kirchenrechtsreform anknüpfen
konnten.349
346 Vgl., Hilary S. Offler, The ’Influence’ of Ockham’s Political Thinking, in: Die Gegenwart Ockhams, Hg.
von Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger, Weinheim 1990, S. 338-365, hier S. 347:
„[...] his intellectual influence was undeniably extensive and powerful at Paris during the 1340s. [...]
Despite attempts at counterattack, the YLDPRGHUQD (perhaps we should more properly say Terminis-
mus), imbued to a greater or less extent with Ockham’s methods and ideas, continued to prevail at
Paris, if not wholly without interruptions, until late in the fifteenth century.“
347 Die intellektuelle Situation der ersten Dekaden des Trecento war durch die bis in die 80-er Jahre des
13. Jahrhunderts eindringenden neuen Texte in den Westen komplizierter geworden. Zugleich beka-
men die kirchenkonformen Lehren aus dem 13. Jahrhundert einen kanonischen Status zuerkannt
und erfreuten sich einer wachsenden Schar von Anhängern. Ockhams Thesen stießen auch in den
eigenen Reihen der Ordensbrüder auf verhaltene Kritik bis offene Ablehnung.
Vgl. Kurt Flasch, Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Darmstadt 1987; S. 149-165.
348 Zur Datierung der ihm zugeschriebenen und der eigenen Werke vgl. die Zeittafel, in: Wilhelm von
Ockham, Texte der politischen Theorie, Exzerpte aus dem Dialogus, Hg. und übers. von Jürgen
Miethke, Stuttgart 1995 (= RUB, 9412) S. 381 ff.
349 Nach Walter Brandmüller beschränkt sich der Einfluß Ockhams auf die Übernahme des Ockham-
schen „Konzilsbegriffs“ der FRQJUHJDWLRILGHOLXP.
Vgl. ders., Papst und Konzil im Großen Schisma 1378-1431, Studien und Quellen Paderborn 1990,
S. 158 ff.
Vgl. Jürgen Miethke, Zur Bedeutung von Ockhams politischer Philosophie für Zeitgenossen und
Nachwelt, in: Die Gegenwart Ockhams, Hg. von Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger, Wein-
heim 1990, S. 305-324; hier S. 314 f: „Ockham war gewiß kein Konziliarist und daher auch nicht der
Vater des Konziliarismus. Trotzdem ist der Konziliarismus eine Antwort auf Fragen, zu deren Formu-
lierung auch Wilhelm von Ockham erheblich beigetragen hat.“
Etwas gedämpfter äußert sich Hilary S. Offler, The 'Influence' of Ockham's Political Thinking, S. 349:
„In Lagarde's words: 'among Ockham's preoccupations the general council holds only a Passing and
secondary place.' Ockham had little to offer by way of prescriptive doctrine for the practical problems
which had become acute in 1378.“
203
Erst unter dem persönlichen Eindruck der Ereignisse an der Kurie verfaßte
Ockham in Avignon und dann am Münchener Hof Ludwigs des Bayern350 die Thesen
zum Konziliarismus und möglichen Ketzertum des Papstes. Damit übertraf er sogar
Marsilius von Padua, den „bedeutendsten Sozialtheoretiker des scholastischen Aristo-
telismus im lateinischen Spätmittelalter“.351
Das Jahr 1324 beendete Ockhams bis dahin ruhig verlaufendes Gelehrtenda-
sein in London und Oxford. Plötzlich und ungewollt wurde er in die politischen Macht-
kämpfe auf der Weltbühne hineingezogen. Der Theologe John Lutterell, Kanzler der
Universität in Oxford, hatte ihn bei der Kurie in Avignon wegen des Verdachtes der
Ketzerei angeklagt. Dorthin zitiert, stellte man ihn solange unter päpstliche Aufsicht, bis
seine Sache entschieden war. Gegenstand des Prozesses war nicht die Forderung der
Spiritualen - einer radikalen und einflußreichen Führungsgruppe des Franziskaneror-
dens - nach Armut der Kirche entsprechend dem Leben Jesu und seiner Apostel, son-
dern theologisch zweifelhafte Konsequenzen aus einigen Thesen seines philosophi-
schen Frühwerks. Zwar befand ihn eine päpstliche Untersuchungskommission in zahl-
reichen Punkten für schuldig, doch wurde er nie offiziell verurteilt.352 Wahrscheinlich
auf Veranlassung des Ordensministers brandmarkte er noch in Avignon Jacques de
Cahors, alias Papst Johannes XXII, als Ketzerpapst. Bis zu seinem Tod hielt er an der
radikal ablehnenden Haltung gegenüber der Person des Kirchenoberhauptes fest.
Zusammen mit anderen berühmten Anhängern der Spiritualen zwang man ihn
zu einem vierjährigen Aufenthalt an der Kurie. Schließlich gelang den Minoriten die
Flucht aus der päpstlichen Haft. Nur knapp entgingen sie den Häschern des Papstes,
schifften sich in Aigues-Mortes ein und trafen in Pisa auf den aus Rom zurückkehren-
den, von einem Gegenpapst zum Kaiser gekrönten Ludwig „den Bayern“. So lautete
350 Vgl. Cesare Vasoli, La „crisi“ linguistica, S. 249 f. Ockham bestreitet die Annahme einer SDUVYDOHQWL
RU mit dem Hinweis auf die Fehler, die in der Vergangenheit von den Kirchenkonzilien begangen
worden sind. Eine solche repräsentiert als bloßer Teil die Gesamtkirche, sie stellt sie aber nicht sel-
ber dar und ist somit fehlbarer und weniger autoritätsmächtig als diese. Er wertet also die institutio-
nelle Repräsentativität gegenüber dem realen Gesamtkörper der Christenheit und gegenüber der
Eignung einzelner ab. Dazu Vasoli, Ebd., S. 250: „[...] la vera fede non è mai questione di autorità o
di scienza, e può essere affidata anche a pochi cristiani ed anche ad uomini indotti, di contro a chieri-
ci, concilî, Cardinali e Pontifici irretiti nell'errore.“
351 Zum ideengeschichtlichen Hintergrund der politischen Theorie des hohen und späten Mittelalters, u.
a. bei Dante, Marsilius von Padua und Ockham vgl. Jürgen Miethke, Der Weltanspruch des Papstes
im späten Mittelalter, Die Politische Theorie der Traktate De Potestate Papae, in: Pipers Handbuch
der politischen Ideen, Hg. von Iring Fetscher und Herfried Münkler, Bd. 2, Mittelalter: Von den Anfän-
gen des Islams bis zur Reformation, München 1993, S. 351-445.
352 Vgl. zu Ockham, Heinz Thomas, Ludwig der Bayer, Kaiser und Ketzer, Regensburg 1993, S. 214 ff.;
hier S. 215: „Ein solcher Prozeß wird von den Kennern der Materie als das Berufsrisiko von Theolo-
gen und Philosophen jener Zeit eingeschätzt und mußte keineswegs mit der Verurteilung des Beklag-
ten enden. Den Fall Ockham behandelte die zuständige Kommission mit großer Sorgfalt , u. a. wurde
auch der Zisterzienser Jacques Fournier, der spätere Papst Benedikt XII., als Gutachter hinzugezo-
gen.“
204
der inoffizielle Titel durch die Großen des Reiches, die ihm das Recht auf den Kaiserti-
tel absprachen. Ludwig gewährte ihnen Schutz und sicheres Geleit nach der Münche-
ner Herzogsresidenz, wo sich Ockham wahrscheinlich bis zu seinem Lebensende auf-
hielt. Marsilius, der Verfasser des 'HIHQVRUSDFLV, hatte sich schon zwei Jahre vorher
in den Schutz des Bayern gestellt.
7.2.2 Die Trennung von Wissen und Glauben bei Ockham
Der Frontalangriff gegen die unfehlbare Autorität des Papstes mußte der auf
dem autoritativen Gnadenprinzip beruhenden Kirche die Existenzgrundlage streitig
machen. Laut Ockham konstituiert nur die gesamte Gemeinschaft der Christen den
Gnadenstand der Glaubenswahrheit, die ihr von Gott verliehen wurde. Deshalb ist die
Gesamtheit der christlichen Glaubensgemeinschaft je nach der aktuellen historischen
Situation - wie oben erwähnt, war nach seiner festen Überzeugung Papst Johannes
XXII ein Ketzer - zu einer Umwandlung der Verfassung in eine aristokratische Herr-
schaftsform prinzipiell berechtigt: 4XDUH VLDSSDUHWHYLGHQWHUHFFOHVLHSURDOLTXRWHPSR
UHTXRGPDLRUXWLOLWDVSURYHQLDWHFFOHVLHH[SULQFLSDWXDULVWRFUDWLFRTXRSOXUHVVLPXO
UHJHQWFRPPXQLWDWHPILGHOLXPTXDPH[SULQFLSDWXXQLXVHVWWDOLVQRYLWDVIDFLHQGDXW
DSULQFLSDWXXQLXVTXLHTXXVYLVXVHVWHWXWLOLVUHFHGDWXU.353 Ockham argumentiert poli-
tisch mit dem Legitimationsprinzip der Majorität und stellt damit die in ihrem Geltungs-
anspruch unangefochten über den Zeiten stehende, traditionelle Hierarchie der Kir-
chenorganisation in Frage. Ob die Monarchie oder die Aristokratie geeignete Herr-
schaftsformen kirchlicher Verwaltung seien, soll an der persönlichen Eignung des o-
bersten Würdenträgers und an dem Verhältnis der aktuellen Kirchenverfassung zur e-
wigen Wahrheit der Verkündigung überprüft werden. Auch das Eigentum ist kein abs-
traktes Gut, das unabhängig von konkreten, zeitbedingten Erfordernissen besteht. Mo-
narchie, Aristokratie und Eigentum sind ausschließlich auf ihren transitorischen Nutzen
zu beschränkende Einrichtungen. Sie basieren nicht auf göttlichen Rechten, sondern
sind von Menschen gemachte Hilfsmittel, die bei einer Änderung der Zeitumstände
abgeschafft oder neu legitimiert werden müssen.
Ein einzelner wie der Papst kann der Ketzerei verfallen, TXLDWDOLVSRWHVWDYHUL
WDWH TXH QRQ HVW QRWD QHF SHU H[SHULHQWLDP FHUWDP DFFHSWD QHF VLELGHPRQVWUDWLYH
353 Wilhelm von Ockham, Texte zur politischen Theorie, Exzerpte aus dem Dialogus, Ausgew., übers.
und hg. von Jürgen Miethke, Stuttgart 1995 (= RUB, 9412), S.178. Lateinische Textgrundlage: III Dia-
logus I ii, c. 20, Hg. von Hilary Seton Offler, Manchester 1974 (= Opera Politica, 1).
205
SUREDWDVLYROXHULWGLYHUWHUHHW HLXV FRQWUDULXP RSLQDUL TXLD VHFXQGXPEHDWXP $X
JXVWLQXP FUHGHUH QXOOXV SRWHVW QLVL YROHQV354 Ockham bestreitet, daß die Wahrheit
des Glaubens jedem Papst bekannt sei, nur weil er rechtmäßig ins oberste Kirchenamt
gewählt wurde. Und zwar nicht etwa deswegen, weil dieser intellektuell unfähig wäre,
sein sakrales Amt auszuüben. Im Gegenteil, gerade weil er über Vernunft verfüge, aber
noch nicht im Gnadenstand gefestigt sei, unterliege er dem Irrtum und mithin der Ket-
zerei. Elementare Glaubenswahrheiten seien nur mit der Haltung des persönlichen
Glaubenwollens zu erschließen. Folglich entzögen sie sich der rationalen und empiri-
schen Beweisführung: 0XOWHDXWHPVXQWFDWKROLFHYHULWDWHVTXHQHFSHUVHVXQWQRWH
QHFSHUH[SHULHQWLDPFHUWDPDFFHSWHQHFVXQWSDSHGHPRQVWUDWLYHSUREDWH355 Ock-
hams Kritik gipfelt in dem Spruch des heiligen Gregor, wonach Glaube, der mit der
menschlichen Vernunft bewiesen werde, ohne jedes Verdienst sei.
Abgesehen von der banalen Feststellung, daß der Glaube kein Wissen ist, stellt
sich dabei die für die Identität jeder etablierten Religionsgemeinschaft wichtige Überle-
bensfrage, mit welchen Symbolen und rituellen Handlungen garantiert werden kann, ob
jemand an das glaubt, was er zu glauben vorgibt. Betrachtet man die sichtbaren Zei-
chen unabhängig von ihrer Stellvertreterfunktion unsichtbarer, ideeller Gehalte, gerät
die Repräsentation der Religion und die Performation religiöser Akte insgesamt in den
Verdacht der Heuchelei. Dieser Problematik werden wir später noch in Boccaccios
‘Decameron’ begegnen.
7.2.3 Das Spannungsverhältnis von Vernunftmoral und rhetorischer Poesie im
humanistischen Bildungsprogramm
Petrarca und Boccaccio beabsichtigen eine Wiederherstellung der „purezza“
und der „eloquenza“ des klassischen Latein. Das ausdrucksstärkere und an Formen
reichere YROJDUH sollte seit Dantes Pionierleistung zur Literatursprache weiter entwi-
ckelt werden. Ihr bildungspolitisches Engagement manifestiert sich in dem neuen Pro-
gramm der VWXGLDKXPDQLWDWLV, in dem die Disziplinen der Poesie, Moralphilosophie und
antiken Geschichte den Kernbestand bilden. August Buck betont den identitätsstiften-
den Charakter der humanistischen Bildungsidee. Ohne sie wäre es nicht möglich, der
über Jahrhunderte bestehenden intellektuellen Bewegung den anspruchsvollen Namen
354 Ebd. I Dialogus V, c. 3, S. 40.
355 Ebd.
206
„Humanismus“ zu geben: „Die Bildung macht den Menschen erst zum Menschen, er-
zieht ihn zur vollendeten Gesittung, zur 'humanitas'.“356
Dieser Optimismus verlieh der Epoche der Renaissance von ihren Anfängen im
Italien des Trecento bis zum Zeitalter der Reformation ein spezifisch pädagogisches
Profil. Als vorbildliches Beispiel für die Erziehung und Zivilisierung einer von Natur aus
groben Menschheit nennt Boccaccio in der ‘Abhandlung über die Götter’ das Beispiel
des Prometheus. Seither galt er den nachfolgenden Generationen der Humanisten als
Prototyp des Lehrers und Kulturbringers, der in einer Art zweiten Geburt den rohen Zu-
stand des KRPRQDWXUDOLVin den zivilisierten des KRPRKXPDQXV oder KRPRFLYLOLVum-
wandelt. Um die Kontinuität der für den Humanismus zentralen Fortschritts- und Erzie-
hungsidee zu belegen, sei hier aus einer pädagogischen Schrift von Erasmus von Rot-
terdam zitiert:
Wie kaum halbe Mütter sind, die bloß gebären und nicht erziehen, so sind die
kaum halbe Väter, welche, während sie das für das leibliche Wohl ihrer Kinder Nötige
bis zum Überfluß besorgen, den Geist derselben durch keinerlei ehrenwerte Kenntnisse
ausbilden lassen. Bäume wachsen vielleicht von selbst, die dann allerdings entweder
gar keine oder wilde Früchte tragen; Pferde kommen zur Welt, wenn auch unbrauchba-
re; aber Menschen, das glaube mir, werden nicht geboren, sondern gebildet. - at homi-
nes, mihi crede, non nascuntur, sed finguntur.357
Weitaus mehr als philosophische und theologische Schriften schätzten die Hu-
manisten des Trecento beispielhafte Geschichten aus dem antiken Sagenkreis ebenso
wie aus dem volkssprachlichen Erzählgut des Mittelalters. Denn nur durch die „Wis-
senschaft“ der Poesie konnten ihrer Ansicht nach philosophische, religiöse, historische
Inhalte verkündet werden. Im „Lob Dantes“ von 1360 rühmt Boccaccio: „Die poetischen
Werke sind keine eitlen oder einfachen Fabeln oder Wunderberichte [PLUDELOLD], wie
viele Dummköpfe glauben, sondern haben in sich die süßesten Früchte der historio-
graphischen und philosophischen Wahrheit verborgen.“358
Boccaccio erhebt die Dichtkunst in den Rang der „weisesten“ aller Wissen-
schaften, die den Kreis der göttlichen Dinge bewohnen: HOHJHUHSRHWHVFLHQWLDPLQWHU
V\GHUDLQWHUGHRUXPVHGHVRUQDWXVTXHFHOHVWHVVXRVFRQWLQXDPHGLWDWLRQHWUDKHQWHP
356 August Buck, Humanismus, Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen, Mün-
chen 1987 (= Orbis academicus, 1), S. 154.
Vgl. ebd. zur VWXGLDKXPDQLWDWLVdas gleichnamige Kapitel, S. 154-176.
357 Zitiert nach Buck, Humanismus S. 154, aus: Opera omnia, Vol. I, De pueris statim ac liberaliter insti-
tuendis libellus aureus et elegans, 493.
358 Giovanni Boccaccio, Tratatello in laude di Dante, in: Giovanni Boccaccio, Opere in versi, Corbaccio,
Tratatello in laude di Dante prose latine, epistole, Hg. von Pier G. Ricci, Mailand/Neapel 1965 (= La
letteratura italiana, 9), S. 565-650; hier S. 574: „Le poetiche opere non essere vane o semplici favole
o maraviglie, come molti stolti estimo, ma sotto sé dolcissimi frutti di veritá istoriografe o filosofiche
avere nascosti.“
207
Sie sei eine stabile und unbewegliche, eine über der Vergänglichkeit der Zeiten erha-
bene Wahrheit: SRHVLV VWDELOLV HVW HW IL[D VFLHQWLD HWHUQLV IXQGDWD DWTXH VROLGDWD
SULQFLSLLVXELTXHHWRPQLWHPSRUHHDGHPQHFXOOLVXQTXDPFRQFXVVDPRWLEXV359 Em-
phatisch überhöht, objektiviert Boccaccio die Poesie zu dem Vernunftprinzip kosmi-
scher Ontologie schlechthin. Sämtliche kulturellen und natürlichen Dinge seien aus ih-
rer Energie hervorgegangen und ständig von ihr durchdrungen. Wie unschwer zu er-
kennen ist, überträgt Boccaccio den rationalen und göttlichen Kosmos der Stoiker auf
die Poesie, so daß sie an die Stelle der Schöpfungskraft der Vernunft rückt bzw. mit ihr
gleichgesetzt wird. Das universelle Ordnungsmodell des antiken Kosmos impliziert eine
rationalistische und deterministische Weltsicht, die im Gegensatz zu der zweiten Denk-
richtung der Humanisten, dem Augustinismus, steht.360
Im Horizont des humanistischen Augustinismus, der den freien Willen der Ein-
sicht und Rationalität überordnet,361 bezweifelt Petrarca die Wissenschaftlichkeit religi-
öser und philosophischer Wahrheiten. Er stellt fest, daß es besser sei, „das Gute zu
lieben, als die Wahrheit zu wissen“.362 Begeistert preist er an der Redekunst Ciceros,
Horaz und Senecas die psychologische Wirkung auf den Willen zu einer guten Lebens-
führung:
359 Giovanni Boccaccio, Genealogie deorum Gentilium, Hg. von Vicenzo Romano, Bd. 2, Opere XI, Liber
XIV, Bari 1951 (= Scrittori D’Italiani, 201) 4, 8, S. 688-9, 703-5, 755.
360 Beide Ansätze und Anthropologien blieben im gesamten Renaissancehumanismus virulent.
Vgl. dazu: William J. Bouwsma, The Two Faces of Humanism, Stoicism and Augustinianism in Ren-
aissance Thought, in: Itinerarium Italicum, The Profile of the Italian Renaissance in the Mirrow of its
European Transformations, Hg. von Heiko A. Oberman und Thomas A. Brady, Leiden 1975 (= Stud-
ies in Medieval and Reformation Thought, 14), S. 3-60. Ebd. S. 12 schreibt Bowsma zu dem funda-
mentalen Unterschied des Stoizismus und des Augustinismus:
„The existence of this order determined all human and social development; and the end of man, ei-
ther individually or collectively, could not be freely chosen but consisted in subjective acceptance and
conformity to destiny. The perfection of that order meant that whatever is right, however uncomfort-
able or tragic for mankind; at the heart of Stoicism is that familiar cosmic optimism which signifies, for
the actual experience of men, the deepest pessimism. Against all this Augustinism, though by no
means denying the ultimate order of the universe, rejected its intelligibility and thus its coherence and
its practical significance for man. The result was to free both man and society from their old bondage
to cosmic principles, and to open up a secular vision of human existence and a wider range of prag-
matic accomodations to the exigencies of life impossibel in the Stoic religious universe. In this sense
Augustinianism provided a charter for human freedom and a release for the diverse possibilities of
human creativity.“
361 Ebd. S. 37: „They [the Augustinian humanists] spoke above all of the will. Petrarch recognized clearly
that Augustine’s own conversion had been a function of his will rather than his intellect, and Calvin
was similarly Augustinian in recognizing the crucial importance of the will in the economy of salvation.
But the essential point in this conception of the will was its seperation from and its elevation above
reason.“
362 Francesco Petrarca, De sui ipsius et multorum ignorantia, S. 108 f.: „Voluntatis siquidem obiectum, ut
sapientibus placet, est bonitas: obiectum intellectus est veritas. Satius est autem bonum velle quam
verum nosse. Ilud enim merito numquam caret; hoc sepe etiam culpam habet, excusationem non ha-
bet.“
Petrarca wendet sich also gegen den moralischen Rigorismus, den intellektuell gewußte Wahrheiten
provozieren. Gemessen am rational vermittelten Absolutheitsideal des stoischen Kosmos müssen die
moralischen Kräfte des Menschen scheitern und unter ein lähmendes Schuldverdikt fallen.
208
Nostri autem - quod nemo nescit expertus - acutissimos atque ardentissimos ora-
tionis aculeos precordiis admovent infliguntque, quibus et segnes impelluntur, et al-
gentes incenduntur, et sopiti excitantur, et invalidi firmantur, et strati eriguntur, et humi
herentes in altissimos cogitatus et honesta desideria attoluntur; ita ut terrena iam sor-
deant et conspecta vitia ingens sui odium, virtus internis spectata oculis „formaque et
tanquam honesti visa facies, ut vult Plato, PLURVVDSLHQWLH, miros sui pariat DPRUHV.“363
Unsere Philosophen dagegen - das weiß jeder, der sich hiermit beschäftigt hat -
stacheln unsere Seele mit den feurigsten Worten und glühendsten Reden an: so wer-
den die Trägen aufgescheucht, die Kalten erhitzt, die Schlafenden geweckt, die Schwa-
chen gestärkt, die Niedergeworfenen aufgerichtet und die am Boden Liegenden zu den
höchsten Gedanken und ehrenvollsten Wünschen ermuntert. Und so erreichen sie, daß
alles Irdische jeden Reiz verliert, daß man die Laster durchschaut und von unendlichem
Haß auf sie erfüllt wird, daß man die Tugend mit inneren Augen sieht, „ihre Gestalt und
gleichsam das Antlitz des sittlich Guten erblickt und, wie Platon sagt, YRQZXQGHUEDUHP
9HUODQJHQ ]XU :HLVKHLW und zum tugendhaften Leben erfüllt wird“. [Übers. von Klaus
Kubusch]
Zum Zweck moralphilosophischer Willensbeeinflussung grenzt er die rhetori-
schen, mithin sophistischen Wahrheitskonstruktionen positiv gegen letztgültige Fixie-
rungen philosophischer Wahrheiten ab. Petrarcas Polemik in ‘Über seine und vieler
anderer Unwissenheit’ richtet sich gegen eine Vereinnahmung von Glaubensinhalten
durch die aristotelische Vernunfttheologie und den Mißbrauch der Rhetorik in der DUV
PHFKDQLFDder scholastischen Medizin.
Zwischen 1352 und 1355 entstanden die OLEULTXDWWXRULQYHFWLYDUXPFRQWUDPH
GLFXP TXHQGDP.364Die Invektive richtet sich gegen einen der Ärzte von Papst Kle-
mens VI. Vorausgegangen war ein Brief an den schwer erkrankten Papst, in dem er ihn
vor der Schar der ihn umgebenden Scharlatane warnte. Er solle sich jemanden aus-
wählen, der QRQHORTXHQWLDVHGVFLHQWLDHWILGHFRQVSLFXXPseiPflichtvergessen wür-
den sie aus dem Gestrüpp ihres Berufes ausbrechen, um den Hain der Poeten und das
Feld der Rhetoriker aufzusuchen, in großem Gebrüll an den Betten der Kranken dispu-
tieren, in ihre hippokratischen Schlingen ciceronische Fäden einweben und sich in völ-
liger Unkenntnis von der Sache ihrer Rednergabe rühmen.365 Petrarcas Polemik zielt
auf die dialektische Erörterungsmethode der scholastischen Mediziner, auf die wissen-
schaftliche Diskursform der TXDHVWLRQHV, von der auch die mündliche Kommunikation
363 Ebd. S. 106 f.
364 Francesco Petrarca, Invective contra medicum, Testo latino e volgarizzamento di ser Domenico
Silvestri, Edizione critica di Pier Giorgio Ricci, Roma 1950 (= Edizioni di storia e letteratura).
365 Franceso Petrarca, Le familiari, Volume secundo, V, 19, 6-7: „Iam enim professionis sue immemores
et dumentis propriis exire ausi, poetarum nemus et rhetorum campum petunt, et quasi non curaturi
sed persuasuri, circa miserorum grabatulos magno boatu disputant; atque illis morientibus ypocrati-
cos nodos tulliano stamine permiscentes, sinistro quamvis eventu superbiunt, nec rerum effectibus
sed inani verborum elegantia gloriantur.“
209
über Prognostik und Diagnostik erfaßt war.366 Sie zeichnete sich durch „eine formale,
fachspezifische Rhetorik“ aus, die sich auch mit literarischen Zitaten schmückte. Statt
über alle möglichen Themen zu reden, sollte er - der scholastische Mediziner - bei sei-
ner Berufung bleiben, den Urin betrachten und andere Dinge, über die zu reden er sich
schäme.367
Trotz Petrarcas vehementer Ablehnung der aristotelischen Wissenschaften der
Spätscholastik ist er doch weit davon entfernt, einem innerweltlichen antiken Bildungs-
ideal das Wort zu reden. Läßt sich auch der christliche Offenbarungsglaube nicht wis-
senschaftlich und rationalistisch erfassen, so soll dennoch an die Erlösung der Seele
durch göttliche Gnade geglaubt, die christliche Lebenslehre geliebt und frommen Wil-
lens befolgt werden.368 Dieser Fideismus geht besonders deutlich aus einer Stelle der
moralphilosophischen Abhandlung ‘De secreto conflictu curarum mearum’ oder zu
deutsch ‘Gespräche über die Weltverachtung’ hervor, in dem Petrarca als Franciscus
mit einem humanistisch gewandeten Augustin über Fragen der rechten Lebensführung
debattiert. Der Petrarcasche Augustin argumentiert geradezu sophistisch:
Profecto enim etsi mortalis esset anima, immortalem tamen extimare melius foret,
erroque ille salutaris videri posset virtutis incutiens amorem; que, quamvis etiam spe
premii sublata per se ipsam expetenda sit, desiderium tamen eius proculdubio, pro-
posita anime mortalitate, lentesceret; contraque licet mendax venture vite promissio ad
excitandum animos mortalium non inefficax videretur.369
„(...) wenn auch die Seele sterblich wäre, so wäre es doch besser, an ihre Unsterb-
lichkeit zu glauben. Es wäre das ein heilsamer Irrtum, da er uns Liebe zur Tugend ein-
flößt. Wir sollen freilich die Tugend an sich, ohne Hoffnung auf Lohn erstreben; aber
dieses Streben würde doch zweifellos erlahmen beim Gedanken an die Sterblichkeit der
Seele. Umgekehrt würde die Verheißung eines künftigen Lebens, sollte sie auch trüge-
risch sein, doch die Seelen der Menschen zum Guten anspornen.“ [Übers. von Herman
Hefele]370
366 Vgl. dazu Klaus Bergdolt, Arzt, Krankheit und Therapie bei Petrarca, Die Kritik an Medizin und Na-
turwissenschaft im italienischen Frühhumanismus, Weinheim 1992; hier S. 38-47.
367 Francesco Petrarca, Invective contra medicum, I, 331-33: „De omni enim materia loqui vultis, vestre
professionis obliti que est, si nescis, urinas et que nominare pudor prohibet contemplari (...).“
368 Vgl. dazu die Einleitung von August Buck, in: Petrarca, De ignorantia, S. XIX.
369 Francesco Petrarca, De secreto conflictu curarum mearum, Hg. von Enrico Carrara, Lateinisch-
Italienisch, in: F. P., Prose, A cura di G. Martellotti e di P. G. Ricci, E. Carrara, E. Bianchi, Milano
1954 (= La letteratura italiana; Storici e testi, 7), S. 134.
370 Franceso Petrarca, Brief an die Nachwelt, Gespräche über die Weltverachtung, Von seiner und vieler
Leute Unwissenheit, Übers. und eingel. von Herman Hefele, Jena 1925 (= Das Zeitalter der Renais-
sance, 1. Ser., Bd. 2), S. 78.
210
Gegen ebendiese gewollte moralphilosophische Erkenntnisgrundlage der Rhe-
torik richtet sich Wittenwilers ‘Ring’. Erfolgreich im Sinne der amoralischen Täuschung
gebraucht der Arzt und Rhetoriker Chrippenchra seine medizinischen Kenntnisse, die
er ebenso wie den „Himmelsbrief“ (V. 2276 f.) Nabelraibers als Instrumente einer rheto-
rischen Betrugsstrategie einsetzt. Rhetorik und Medizin gehen eine buchstäblich
„fruchtbare“ Verbindung ein. Es gelingt ihm, die in Wirklichkeit schon an seine sexuelle
Gier verlorene Unschuld der Mätzli zu restituieren. Dem Gebrauch der Rhetorik für Zie-
le der Moral oder Unmoral geht also ein Willensakt voraus, der mit nichts anderem als
sich selbst identisch ist und deswegen der philosophischen Begründung entbehrt. Auch
den Fideismus Petrarcas unterläuft Wittenwilers Rhetorik. Da der per Definition nicht
beweisfähig ist, können die Symbole der Religionspraxis zweckentfremdet eingesetzt
werden. So rezitiert Triefnas auf Nachfrage die kanonischen Gebete einzig mit der Wil-
lensabsicht, auf schnellsmöglichem Weg in Mätzlis Bett zu gelangen. Rhetorik und phi-
losophische Erkenntnis sind keine getrennten Bereiche, die, wie bei Petrarca, durch
den rhetorisch befeuerten Glauben an die gute Sache überbrückt werden. Im ‘Ring’ ist
die Rhetorik vollständig aus jeder philosophischen und theologischen Verankerung ge-
löst. Statt der Wahrheitssuche dient die Rhetorik der Täuschung anderer und scheint
nur noch Technik und Geschicklichkeitsübung zur schnellen Triebbefriedigung zu sein.
Petrarca begründet im Humanismus ein Problembewußtsein, das Charles Trin-
kaus als „double consciousness“ bezeichnet. Die Konstruktionen der rhetorischen Poe-
sie sind nicht mehr mit den objektiven Wahrheitsbegriffen der stoischen Vernunftphilo-
sophie und der philosophischen Theologie der Scholastik in ein ontologisches Kon-
gruenzverhältnis zu bringen: die Begriffe Wille, Glaube und Wissen treten auseinan-
der.371 Anders gesagt: das Regelsystem der Rhetorik fällt hinter der Vermittlung uni-
versell gültiger Gedanken und Absichten zurück. Gleiches gilt für die Repräsentation
von Glaubenswahrheiten durch den Vollzug ritueller Handlungen. Unter dieser Per-
spektive einer Krise der autoritativ verbürgten Erkenntnistheorie wird die persuasive
Macht der Rhetorik zu einem alles entscheidenden Kampfmittel.
In einem Brief an seinen Bruder Gherardo beklagt Petrarca die mangelnde
Ausdrucksfähigkeit und prinzipielle Begrenzung der Sprache im Vergleich zu den damit
beabsichtigten Gedanken:
371 Vgl. Charles Trinkaus, The Poet as Philosopher, Petrarch and the Reformation of Renaissance; hier
besonders das Kapitel „Petrarch and the Tradition of Double Consciousness“, S. 27-51,.S. 50: „But if
Petrarch rejected the doctrine of the substantiality of thought in favor of subjectivity and seperated
rhetoric and a theology of faith from philosophy, it was in some ways a return to the more extreme
ancient statements of the proponents of sophistic and rhetoric. It was a return to Gorgias, and espe-
cially to Protagoras, who asserted the primacy of goodness over truth and considered both to be sub-
jective constructions of man.“
211
Multa mens loquitur ad que diseritissimorum etiam lingua non sufficit, et cicero-
niana facundia, sicut ego opinior, in illius pectore clarior fuit quam in auribus audientium
et mantuani vatis altior ingenio musa quam calamo. Magnas res equare sermonibus et
verbis arte contextis animi faciem latentis ostendere, is demum, puto, supremus elo-
quentie finis est, cui dum humana mens inhiat, sepe calle medio victa subsistit. Ecce
ego nunc aliquid quod aures impleret tuas, optarem dicere; exemplar in animo est, nec
valeo temen - mira lingue mortalis imbecillitas! - ad te perferre quod cupio; sed bene
habet: ipse animum meum vides et quod ibi scriptum est perlegis vocesque conceptas
vel in silentio exaudis, et quod de paucis spero, quicquid tecum loquor, non tui instructio
sed levamen animi mei est; id sane stilo quolibet fieri potest. Non tibi ergo sed michi sed
aliis dicta sint hec.372
Vieles spricht der Geist, wozu nicht einmal die Sprache der Gelehrtesten hinreicht.
Sogar die ciceronische Beredsamkeit war, wie ich meine, klarer in jenem Geist als in
den Ohren der Zuhörer und die Muse in der Seele Vergils erhabener als der Schreibgrif-
fel. Große Wahrheiten den Reden und den geschriebenen Worten durch Kunst anzu-
passen, das Gesicht der verborgenen Gedanken zu zeigen, gerade das, glaube ich,
stößt auf die Grenze der höchsten Eloquenz: das, was der menschliche Geist noch [zu
sagen] begehrt, bleibt oft schon abgeschlagen auf halbem Wege zurück. Siehe, auch
jetzt ist es etwas anderes, was dir zu Ohren kommt, und was ich zu sagen beabsichtige.
Das Modell davon ist zwar in meiner Seele und dennoch vermag ich nicht - bestaune
doch nur die Schwäche der sterblichen Zunge - dir das zu vermitteln, was ich begehre.
Trotzdem ist es, wie ich wünsche: Du erwägst meine Absicht, und was dort geschrieben
ist, liest du immer wieder oder lauschst den Worten und Gedanken in der Stille. Und al-
les, was ich mir von den wenigen Worten erhoffe, alles, was ich mit dir bespreche, dient
nicht deiner Belehrung, sondern der Erleichterung meiner Seele, und das völlig unge-
achtet der stilistischen Ausdrucksweise. Nicht dir also, sondern mir und anderen gelten
diese Worte.[Übers. vom Verf.]
Sollte die literarische Produktion des humanistischen Autors etwa mehr einem
therapeutischen Selbstzweck als der moralischen Erbauung anderer dienen? Wenn
man auch die Frage nicht voreilig zugunsten der einen oder anderen Option beantwor-
ten kann, so geht doch unstreitig aus dem Brief hervor, daß „die wahre Bedeutung“ des
Schriftdokuments oder der Rede in der rhetorisch uneinholbaren Privatabsicht des Au-
tors liegt. Philosophische Gehalte können zwar rhetorisch, in keinem Fall aber beweis-
kräftig in Übereinstimmung mit ursprünglich gedachten und beabsichtigten Konzepten
dokumentiert werden. Über die Glaubwürdigkeit der Zeichen entscheidet in erster Linie
der freie Wille, d.h. die innere Bereitschaft des zu Belehrenden, der literarische Ange-
bote annimmt, verwirft oder zu egoistischen Zwecken mißbraucht. Allerdings begreift
der humanistische Augustinismus den Willen als ein Mysterium, wobei die Affekte we-
der gut noch böse sind.373 Letztlich können der pädagogische Nutzen und die Glaub-
372 Francesco Petrarca, Le Familiari, Edizione critica per cure di Vittorio Rossi, Volume terzio, Libri XII-
XIX, Firenze 1937 (= Edizionale nazionale delle opere di Francesco Petrarca, XII); hier XII, 5, 6-22.
373 Bowsma, The Two Faces of Humanism, S. 38: „The will [...] is seen to take direction not from reason
but from affections, which are in turn not merely the disorderly impulses of the treacherous body but
expressions of the energy and quality of the heart, that mysterious organ which is the center of the
personality, the source of its unity and its ultimate worth. The affections, therefore, are intrinsically
neither good nor evil [...]“
212
würdigkeit des Geschriebenen nicht von einer vollständigen Übereinstimmung von
Worten und Gedanken in Form der theologischen Allegorie garantiert werden.
Doch ist bei alledem zu beachten, daß Petrarca entgegen des zuvor von ihm
beklagten Mangels der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit seinem Bruder Gherardo die
augustinische Lesart des YHUEXPLQFRUGH zuzutrauen scheint: DQLPXPPHXPYLGHVHW
TXRGLELVFULSWXPHVWSHUOHJLVYRFHVTXHFRQFHSWDVYHOLQVLOHQWLRH[DXGLV. Wie noch zu
zeigen sein wird, geht Augustins Bibelhermeneutik von der möglichen Lektüre der wah-
ren Herzensgedanken aus. Petrarcas Zweifel an der unüberbrückbaren Differenz von
Worten und Gedanken des Autors bleiben dennoch in Kraft. Nicht der Belehrung des in
moralischer Hinsicht bewunderten Kartäusermönches „in der Stille“ des klösterlichen
Redeverbots dienen die Worte, sondern der Erleichterung des eigenen Herzens und
anderer, die der rhetorischen Mahnung bedürfen.
Ohne den Glauben an die stoische DSDWKHLD durch den Primat der Ratio über
die Affekte wäre die Zivilisierung und die Erziehung der wilden und bösen Natur des
Menschen unmöglich. Gäbe es ausschließlich die Gewißheit von der Boshaftigkeit der
menschlichen Natur, liefe der moralphilosophische Impetus der humanistischen Besse-
rungsabsicht ins Leere. Wie im ‘Ring’ bliebe die didaktische Literatur auf dem Niveau
eines semiotischen Spiels, das bestenfalls einen artistischen Selbstzweck mit literatur-
und ideologiekritischem Potential besäße. Dem unter rationalen Gesichtspunkten labi-
len Verhältnis der Rhetorik zur Substanz der von ihr vermittelten Wahrheiten begegnet
der humanistische Autor nun aber mit dem Appell an den Willen. Letztlich verhält sich
die Affektinstanz aber neutral gegenüber der rational vermittelten Einsicht in das Wis-
sen um die Qualität von Tugenden. Den späteren Humanisten Brandolini, Calvin und
Erasmus galten daher die Affekte als unverzichtbare Voraussetzung eines tugendhaf-
ten Lebens.374 Hierin liegt der innere Widerspruch von einem Konzept des freien Wil-
lens, der nicht an ontologische Wahrheiten geknüpft ist. Zugleich soll mit den Mitteln
der DUVPRYHQGLder Rhetorik der Wille zur Identifizierung mit Moralvorstellungen ange-
leitet werden, die zu ihrer Glaubwürdigkeit von ebendiesem außersprachlichen, gänz-
lich unrhetorischen Wahrheitsbegriff abhängen.375 Relative und mitunter konkurrieren-
374 Vgl. ebd., S.39.
375 Petrarca konstruiert im ‘Secretum’ einen Augustin, der im krassen Gegensatz zu dem historischen
Kirchenlehrer der ‘Civitas dei’, die stoische Apatheia vom Triumph der Seele über den Körper vertritt.
Petrarca steuert damit wider besseres Wissen an der „historischen Wahrheit“ der Textzeugnisse vor-
bei, um den Affektbegriff von der Last der Erbsünde und des Gnadenbedürfnisses zu befreien. Völlig
unaugustinisch tritt der rhetorisch konstruierte Augustin des ‘Secretum’ selbst als vorbildlicher Stoiker
auf, der schon im Diesseits den Kampf gegen Fortuna bestanden hat und zu Glück und Seelenfrie-
den gelangt ist.
Zum Gegensatz des historischen und des von Petrarca fingierten Augustin vgl.: Klaus Heitmann, Au-
gustins Lehre in Petrarcas ‘Secretum’ (1960), in: Petrarca, Hg. von August Buck, Darmstadt 1976 (=
WdF, 153), S. 282-307; hier besonders S. 297 ff.
Zu Augustins stoischen Gedanken vgl. Secr. II, S. 92-94.
213
de Wahrheitsangebote können bestenfalls exemplarisch gezeigt und nicht rational und
wissenschaftlich bewiesen werden. Dem entspricht das heterogene Bewußtsein der
Humanisten von der semiotischen Ambiguität einer wohlmeinenden bis lügenhaften
Poesie, die neben ihrer Vermittlerfunktion dem Rationalismus einer universellen VFLHQ
WLDgerecht werden soll.
Im ‘Ring’ deckt der „böse Wille“ und die konsistente Gewaltbereitschaft aller
Romanpersonen die Substanzlosigkeit der Lehren und die Schwäche der Ratio auf. Ei-
nige Belege dafür sind Neidharts Mißbrauch des Beichtsakraments, das Herunterleiern
auswendig gelernter Gebete durch Bertschi, die rhetorische und medizinische Ver-
schleierungsstrategie Chrippenchras und Strudels Selbstgerechtigkeit in der Rede vom
gerechten Krieg. Das „doppelte Bewußtsein“ besteht also im Wissen um die Abstinenz
semiotischer Konstruktionen von ontologisch legitimierten Idealvorstellungen und dem
Zweifel an der Überzeugungskraft einer Rhetorik, die allein für die Glaubwürdigkeit der
moralphilosophischen Inhalte einsteht.
Wie aber kann dann eine Rede oder ein beliebiger zeichenhafter Ausdruck vom
Verdacht des Irrtums und der Lüge befreit werden? Wie kann ein für wahr gehaltener
Gedanke in sprachlich adäquater Form zum Ausdruck gebracht werden? An welchen
Merkmalen und mit welchen Mitteln soll das Authentische und das Falsche erkannt
werden? Trinkaus sieht in dem kritischen Problembewußtsein, das Wissen und Glau-
be, Vernunft und Wille als voneinander getrennte Bereiche wahrnimmt, die Bewegung
einer sprachlichen Erneuerung motiviert, die einer ganzen Epoche ihr unverwechselba-
res Gepräge gab:
[...] at sufficient historical distance, this entire age can be seen to be caught up in
the problem of the centrality of faith and the meaning of human thought, action, and rhe-
torical expression in relation to faith and salvation. Pelagians, semi Pelagians, fideists,
predestinarians, mystics, and moralists joined in a broad but intensive search for divine
intimacy with deity to whom the philosophical and rhetorical constructions of human cul-
ture no longer were thought to yield ready access.376
7.2.4 Der theologiegleiche Wahrheitsanspruch der Geschichten im Medium der
rhetorischen Erfindung
Seit den spätantiken Kirchenvätern Isidor und Lactanz taucht im Kontext der
Debatten um die Wahrhaftigkeit bzw. Lügenhaftigkeit von Dichtung immer wieder der
376 Trinkaus, The Poet as Philosopher, S. 30.
214
Begriff der „wahren Geschichte“ oder der „echten Fabel“ auf.377 Epischen Gedichten
können tatsächlich geschehene Ereignisse, d.h. UHVJHVWDH zugrundeliegen, die an der
Divinität jedweder Geschichte teilhaben. Denn nach mittelalterlich-christlicher Vorstel-
lung ist alleine Gott der Lenker der Weltgeschichte, die bezeugt, allegorisch gedeutet,
poetisch umgeformt, in keinem Fall aber völlig frei von christlicher Moralvorstellung
zum Zweck reiner Unterhaltung oder antichristlicher Inhalte erfunden werden darf. In
diesem Sinne werden der ‘Trojanersage’ von Dares Phrygius und Dictys Cretensis, der
‘Pharsalia’ Lucans sowie der Geschichte Moses die besondere Würde des historischen
Gegenstands zuteil.378 Dem Trojastoff verschafft zudem die vorgebliche Augenzeu-
genschaft der beiden anonymen Autoren eine zusätzliche Bedeutungsschwere.
Hingegen bezeichnet der rhetorische Begriff des DUJXPHQWXP YHULVLPLOH eine
teilweise erfundene Beispielerzählung, die als wahr im Sinne von wahrscheinlich,
glaubwürdig und notwendig aufgefaßt wird. Beispielerzählung und Historiographie sind
keineswegs verschiedene Gattungen. Um wahrscheinlich zu sein, muß die Beispieler-
zählung, bestehend aus einer Mischung von Wahrem und Falschem, einem ideellen
Gehalt genügen, der mit dem christlichen Geschichts- und Moralverständnis überein-
stimmt oder zumindest nicht konfligiert.379 Allein die Möglichkeit oder Unmöglichkeit
des christlichen Deutungszugriffs entscheidet über Wert oder Unwert eines Textes.
Ungeachtet der Gattung oder der literarischen Darbietungsform von Vers und
Prosa verbindet die rhetorische Bearbeitungsphase der HORFXWLRdie mehr oder minder
krude Materialität einer für würdig befundenen Stoffvorlage oder geschichtlicher Ereig-
377 Zu der Problematik von poetischer Erfindung und historischer Wahrheit vgl. Fritz Peter Knapp, Histo-
rie und Fiktion in der spätscholastischen und frühhumanistischen Poetik, in: Festschrift für
Haug/Wachinger, Bd. 1, Hg. von Johannes Janota, Tübingen 1992, S. 47-61; hier S. 52 f.
Vgl. dazu auch Peter von Moos, 3RHWDund KLVWRULFXVim Mittelalter, Zum Mimesis-Problem am Bei-
spiel einiger Urteile über Lucan, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 98
(1976), S. 93-130.
378 Peter von Moos, 3RHWD und KLVWRULFXV S. 108 f.: „Er hat die ‘Wahres berichtenden’ Histroiker, an ihrer
Spitze Moses und Dares Phrygius, über die wo nicht eo ipso fälschenden, so doch zweideutigen, nur
durch die richtige Lesart rehablitierbaren Dichter gestellt. Man darf darum annehmen, daß er Lucan
gerade für weniger legitimationsbedürftig hielt als andere SRHWDH, weil dieser den kürzesten Weg zwi-
schen UHVJHVWDH und QDUUDWLR gewählt hat. Jedenfalls wurde Isidors Wort über den KLVWRULFXV unter
den Dichtern im ganzen Mittelalter weitgehend in diesem Sinn verstanden.“
379 Zur Mischung von Wahr und Falsch und zum Fictio-Begriff des Mittelalters Vgl. ebd., S. 119 f.; hier
Anm. 57: „Entsprechend lassen sich im Mittelalter zwei verschiedene ILFWLR-Vorstellungen auseinan-
derhalten: Die eine bildet den ‘fiktiven’, für sich genommen ‘falschen’ Pol der poesiebegründenden
Kombination von YHUDHWIDOVDILFWD; die andere bezeichnet als Oberbegriff diese Verbindung selbst,
also das YHULVLPLOH.“
Unter dem Blickwinkel der christlichen Hermeneutik akzeptiert Isidor auch den heidnischen Götterap-
parat und die „fiktiven“ Tierfabeln. Dazu schreibt Peter von Moos, S. 108: „Wo immer Isidor auf die li-
terarische Fiktionalität zu sprechen kommt, ist sein Wertmaß das der zugrundeliegenden YHUD[VLJQL
ILFDWLR. Die Wahrheitsbasis bezieht er gelegentlich [...] auf historische UHVJHVWDH, doch zutiefst stets
auf moralische oder religiöse Gehalte, gleichviel, ob sie sich im Geschichtsepos oder in rein erfunde-
nen Tierfabeln, in mythischen Gestalten wie Aeneas oder in historischen wie Cato verberge. Dieser
Wahrheitskern allein rechtfertigt für Isidor die Beschäftigung mit antiker Dichtung.“
215
nisse mit der Schönheit der Figuren. Ein solches technisches Verständnis der Fiktiona-
lität oder des ILFWXPentsprach im hohen Mittelalter der gängigen Praxis von Rhetorik
und Poesie und wurde nur von Rigoristen angezweifelt.380 In der NachfoIge von Isidor
von Sevilla werten die meisten Theoretiker den epischen Dichter, den SRHWD KLVWRUL
RJUDSKXV, gegen den SRHWDSXUXV der „Ammenmärchen“ und reinen Fabeln auf.381 Die
Lügenhaftigkeit von fingierter im Sinne von einseitig falscher Dichtung richtet sich also
nach christlich-mittelalterlichem Verständnis weniger nach der Form als nach rein
phantastischen, heidnischen oder häretischen Inhalten, die der christlichen Lehre wi-
dersprechen.
Zunächst folgen die Frühhumanisten dieser Tradition, wenn sie von Dichtern
fordern, daß sie zugleich Historiker sein sollen. So lautet denn auch der Titel Petrarcas
bei der Dichterkrönung 1341 auf dem Kapitol: PDJQXVSRHWDHWKLVWRULFXV.382 Dennoch
gibt es entscheidende Unterschiede zwischen Petrarcas Geschichtsverständnis und
dem der christlichen Auslegungstradition. Nach dem alten bibelhermeneutischen Kon-
zept augustinischer Provinienz bietet der buchstäbliche Schriftsinn nicht mehr als den
Ausgangspunkt für die allegorische Wahrheit der christlichen Lehre, auf deren Er-
kenntnis es letztlich ankommt. Petrarca sieht dagegen den primären Wahrheitsgehalt
im buchstäblichen und geschichtlichen Schriftsinn, betont den innerweltlichen Reali-
tätsbezug der Texte und respektiert die Heterogenität historischer Wahrheiten gegen
eine sich selbst bestätigende Suche nach der letztgültigen christlichen Wahrheit. Die-
ser „Meilenstein auf dem Weg zur Philologie“ hat zur Folge, daß die poetische Allegorie
über die von der Theologie proklamierte höhere Realität einer DOOHJRULDLQIDFWLVdomi-
niert.383
Für diese These mag hier ein Beispiel aus dem ‘Secretum’ genügen.384 Fran-
ciscus-Petrarca legt die Beschreibung des Windgottes Aeolus am Anfang der Aeneis
allegorisch aus.385 Die unten tosenden Winde sind gleich den Leidenschaften und dem
Zorn, der oben auf dem Berg das Szepter über sie schwingende Gott symbolisiert die
380 Vgl., Ebd., S. 112-115.
381 Vgl., Fritz Peter Knapp, Historie und Fiktion, S. 50 ff.
382 Zu den geschichtlichen Umständen der Krönungsfeier vgl. Ernest Hatch Wilkins, Life of Petrarch,
Chicago 19632, S. 24-29.
383 Vgl. zum VHQVXVKLVWRULFXVEckhard Kessler, Petrarca und die Geschichte, Geschichtsschreibung,
Rhetorik, Philosophie im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, München 1978 (= Humanistische Bib-
liothek, 25), S. 70 f.
384 Vgl. Francesco Petrarca, Brief an die Nachwelt, Gespräche über die Weltverachtung, Von seiner und
vieler Leute Unwissenheit, S. 72 f.
385 Vgl. Vergil, Aeneis, Hg. und übers. von Johannes Götte, München 19887 (= Sammlung Tusculum), V.
50-63.
216
Vernunft. Zur Begründung zitiert er den Vers: VFHSWDWHQHQVPROOLWTXHDQLPRVHWWHP
SHUDWLUDV(V. 57). Darauf entgegnet der Augustin des ‘Secretum’: „Fraglich ist freilich,
ob Vergil mit diesen Versen solche Gedanken ausdrücken wollte oder ob ihm dieses
nicht ganz ferne lag. Er wollte wohl nur einen Meeressturm schildern mit diesen Wor-
ten, die du nun sehr sinnig und eigenartig auf Stürme des Zorns und die Herrschaft der
Vernunft beziehst.“386
Eine Stelle zu memorieren, die den Zorn zum Inhalt hat und folglich bei der Lek-
türe den Affekt des Zorns erregt, hält er für schädlich. Man solle besser andere Text-
stellen auswendiglernen, deren gedanklicher Gehalt der „traurigen Seelenkrankheit“
entgegenwirke. Zunächst also erschöpft sich die Absicht des Autors und die Bedeutung
eines Textes im historischen Sinn. Darüber hinausführende allegorische Deutungskon-
strukte sind das Ergebnis subjektiver Willensakte. Sie sind voluntaristisch dimensioniert
und daher psychologischer und nicht semiotischer Art. Die allegorische Deutung, die
nicht von vornherein auf kanonisch festgelegten Konzepten beruht, ist demnach ein
sekundäres Interpretament. Sie darf nicht im Widerspruch zu der „Wahrheit der Ge-
schichte“ stehen und mit Gewalt als einziger objektiver Sinn behauptet werden.
Aber woran läßt sich die buchstäbliche, historische und wahre Geschichte er-
kennen? Wittenwiler und auch Chaucer zeigen, daß Art und Bedeutung einer erzählten
Geschichte von der unfaßbaren Absicht des Autors und der subjektiven Deutungsper-
spektive des Erzählers abhängen. Wie oben dargelegt wurde, enthält der ‘Ring’ zwei
aufeinander folgende Geschichten zur Brautwerbung, deren eine im Verhältnis der
Kontrafaktur zur jeweils anderen steht: die dreifach gescheiterte Schwankgeschichte
um Bertschis Werbungsversuche und die nach dem Vorbild Ovids von Nabelraiber
vorgetragene mustergültige Werbung mit erfolgreichem Ausgang. Durch die umgekehr-
te Bezüglichkeit der Kontrafaktur untergraben beide literarischen Artefakte die Festle-
gung auf „einen“ historischen Sinn. Folglich ist keine dem buchstäblichen Sinn oder der
Absicht des Autors Wittenwiler näher als die andere. Bestenfalls spiegeln sie hetero-
gene Deutungskonzepte des Ring-Erzählers und des Dorfschreibers wieder.
Mit der programmatischen Forderung einer Rückbesinnung auf die imperiale
Größe Roms und des Studiums der antiken Literatur und Philosophie unter den Vor-
zeichen des christlichen Glaubens entwirft Petrarca ein quasi zirkuläres Geschichts-
modell, das wesentlich von der linearen, teleologischen Konzeption der Heilsgeschich-
te abweicht.387 Der Gedanke einer durch „Erziehung des Menschengeschlechts“ rheto-
386 Petrarca, Gespräche über die Weltverachtung, S. 73.
387 Vgl. zu Petrarcas in drei Zeitalter gegliedertes Geschichtsmodell einer KLVWRULDWULSDUWLWDvon Antike,
„finsteres Mittelalter“ und mit ihm im Jahr 1337 beginnender Neuzeit, Thomas Cramer, Geschichte
der deutschen Literatur im späten Mittelalter, S. 352: „Wenn auch nicht im strengen Sinne zyklisch,
217
risch herbeigeredeten UHPHDWLR ist trotz der sehr ähnlichen Formulierungen unverein-
bar mit dem Modell einer Abfolge von Weltzeitaltern im Buch Daniel und der Aneignung
der Antike im karolingischen Programm der WUDQVODWLR LPSHULL und der WUDQVODWLR VWX
GLL.388 Vergangene Geschichten wie die des römischen Reiches mögen eine rhetorisch
verwertbare Vorbildfunktion erfüllen. Sie besitzen aber keine heilsgeschichtliche Signi-
fikanz im Hinblick auf einen providentiellen und finalen Progreß. 'HUZHOWHODXII(V. 11),
wie es im Prolog des ‘Ring’ heißt, ist prinzipiell offen und bei aller Planung, rhetori-
schen Überzeugungskraft und weisen Voraussicht der unkontrollierbaren und chaoti-
schen Kontingenz ausgesetzt.
Der spezifisch rhetorische Ordnungswille der Humanisten auf der einen und die
profanierte Kontingenz- und Vergänglichkeitserfahrung auf der anderen Seite bergen
die Sprengkraft, aus der Wittenwilers und Chaucers Zweifel an der Glaubwürdigkeit
rhetorischer Ordnungsentwürfe entstehen. Man denke hier nur an Nabelraibers Lie-
besbrief, den er mit der Absicht schreibt, 'D]VLFKKHU]HQPQGHODXJHQ=HPHQI
JHQVXQGHUWDXJHQ(V. 1898 f.). Er hüllt ihn um einen Stein und versieht ihn dann mit
den besten Kompatibilitätswünschen von Literatur und Rezeption: 1XJHKKLQDQHI
HVV'LFKXPVFKODKHQGDUPHQVHVV(V. 1919 f.). Statt des ]HPHQIJHQbewirkt der
Steinwurf die Zerlegung der Analphabetin in ihre „literarischen“ Einzelteile und oben-
drein eine Liebesohnmacht besonderer Art: 0lW]OL ZDV JHYDOOHQ0LW DUV XQG PLW DO
OHP$EGHPEDQFKGDVHLGRVDV'D]VHLLUVJHPHW]YHUJDV(V. 1937 ff.). Wie noch
zu zeigen sein wird, ist die ironische Konfrontation von rhetorischem Ordnungsentwurf
und zersetzender Zeitlichkeit selbst schon in Petrarcas Brief der ‘Besteigung des Mont
Ventoux’ das bestimmende, konstitutive Movens.
Boccaccio indes hält zumindest in den literaturtheoretischen Aussagen an der
rhetorischen Machbarkeit der poetischen Wahrheit fest. Als Paradebeispiel der IDEXOD
KLVWRULFD führt er die Aeneis des Vergil an. In ihr sei „weder die einfache Wahrheit ge-
fragt, noch die Lüge verboten“.389 Er stellt die epische Dichtung zwischen Historiogra-
phie und Fabel, womit er allerdings „über den hochmittelalterlichen Standpunkt in kei-
nem wesentlichen Punkt hinausgelangt“.390 Denn schon Horaz lobte in der ‘Ars poeti-
steht ein solches Geschichtsbild, das mit Rückbewegungen rechnet, Geschichte in sich zurück-
schließt, der christlichen Vorstellung eines linearen, zielgerichteten Verlaufs der Welt- und Heilsge-
schichte entschieden entgegen.“
388 Vgl. Buck, Humanismus, S. 75.
389 Boccaccio, Genealogie, XIV, 13: „Et dato species fabularum una, quam videri potius hystoriam quam
fabulam diximus, sit veritati simillima, antiquissimo omnium nationum consensu a labe mendacii in-
munis est, cum sit consuetudine veteri consessum ea quis uti posse ratione exempli, LQTXRVLPSOH[
QRQH[TXLULWXUYHULWDVQHFSURKLEHWXUPHQGDFLXP.“ [Hervorhebung durch den Verfasser].
390 Vgl. Fritz Peter Knapp, Historie und Fiktion, S. 56.
218
ca’ die Mischung aus Wahrheit und Lüge in der epischen Dichtung am Beispiel von
Homers Odyssee.391 Wie weiter oben dargelegt, meint der Verfasser des ‘Decameron’
die Wahrheit der KLVWRULD oder die eines für historisch gehaltenen Stoffes und die Lüge
der amoralischen und jeder historischen Faktizität entbehrenden Erfindung.
Boccaccio gibt drei Gründe an, weswegen Vergil die Dido abweichend vom KL
VWRULRJUDSKXV Lucan nach dem RUGR DUWLILFLDOLV, d.h. nicht nach der chronologischen
Reihenfolge der Ereignisse, sondern nach wirkungsästhetischen und programmati-
schen Gesichtspunkten gestaltet hat:392 Vergil habe erstens Dido als begehrenswerte
Frau darstellen wollen, um den Konflikt im Helden zu verschärfen, zweitens wollte er
durch das Lob der Standhaftigkeit das julische Haus ehren, und drittens habe er die
Größe Roms in den Flüchen der sterbenden Dido verherrlichen wollen. Diese Sicht-
weise impliziert, daß der Autor auch alternative Schwerpunkte bei der Ausgestaltung
seines Stoffs hätte vornehmen können. Vor dem Hintergrund der Legitimität rhetori-
scher Umwandlung betont der Humanist die Progammatik und pädagogische bis rein
unterhaltende Absicht Vergils und nicht die Sorge um die Vervollkommnung des histo-
rischen Wahrheitskerns.
Weitaus gewagter sind Boccaccios und Petrarcas Äußerungen zum universel-
len Geltungsbereich der Poesie und zur sakralen Würde des Dichteramtes, die von der
Bibel als poetisches Kunstwerk handeln. Petrarca schreibt an seinen Bruder, den welt-
abgewandten Kartäuser Gherardo, daß ihm Theologie und Poesie durchaus vereinbar
erscheinen. Zur Begründung gibt er unter anderem die biblischen Gleichnisse, Para-
beln, Sprichwörter etc. und den Namen Christi an: Löwe (Apoc 5, 5), Lamm (Ioh 1, 29),
Wurm (Ps 21, 7). Wie, fragt er, können sie nicht poetisch sein, da es sich doch um Al-
legorien handele. Überhaupt seien nach Aristoteles die ersten Poeten zugleich Künder
der göttlichen Dinge gewesen.393
Boccaccio liefert in der ‘Abhandlung über die Götter’ eine Gattungstheorie und
unterscheidet vier Erzählarten: die aesopische, die mythologische, die historische und
die eitle („Ammenmärchen“). Alle, bis auf die letzte, bringt er in Parallele zu Beispielen
aus dem Alten und Neuen Testament.394 Die aesopische vergleicht er mit der Fabel im
391 Horaz, De arte poetica, V. 151 f.: „atque ita mentitur, sic veris falsa remiscet,/primo ne medium, me-
dio ne discrepet imum.“
392 Ebd., XIV, 13, S. 722-23.
393 Francesco Petrarca, Le Familiari, Edizione critica per cura di Vittorio Rossi, Volume secondo, 10, 4,
V. 8-12; 15-19, Firenze 1934, S. 301: „parum abest quin dicam theologiam poeticam esse de Deo:
Cristum modo leonem modo agnum modo vermem dici, quid nisi poeticum est? mille talia in Scrip-
turis Sacris invenies que persequi longum est. [...] Atqui ex huisce sermonis genere poetica omnis in-
texta est. Sed subiectum aliud. Quis negat? illic de Deo deque divinis, hic de diis hominibusque trac-
tatur, unde et apud Aristotilem primos theologizantes poetas legimus.“
394 Vgl. Boccaccio, Genealogie, XIV, 9, S. 706-708.
219
Buch Richter 9, 8-15, die mythologische mit den Propheten des Alten Testaments und
die historische mit den Parabeln Jesu. Wahrscheinlich knüpft Boccaccio bei der Paral-
lelisierung von Bibel und Dichtung an Dantes Empfehlung des vierfachen Schriftsinns
zur Auslegung der eigenen poetischen Werke im ‘Gastmahl’ und im ‘Schreiben an
Cangrande della Scala’ an.395
Entgegen Boccaccios und Petrarcas dichtungstheoretischen Aussagen behaup-
tet Dante jedoch nicht die poetische Machart der Bibeltexte insgesamt, was die Vermu-
tung zuließe, daß der Zeugniswert der Propheten und Evangelisten sich in nichts von
den Texten profaner Dichter unterscheide. Doch wendet auch Dante die theologische
Auslegungsmethode des vierfachen Schriftsinns auf die ‘Göttliche Komödie’ an und
begründet das damit, daß „dieses Werk nicht eine einfache Bedeutung hat, vielmehr
kann es polysem genannt werden, d.h. mehrdeutig.“396 Obgleich Dante die ersten bei-
den Verse von Ps 113, den Auszug Israels aus Ägypten, als Beispiel aus der Bibel
wählt, schränkt er im ‘Schreiben an Cangrande’ (Epist. XIII, 22) die vier Sinnebenen
auf die ersten beiden, die buchstäbliche bzw. historische und die allegorische, ein. So
folgt er noch der Zweiteilung von Thomas von Aquin.397 Der moralische und anagogi-
sche Schriftsinn seien nichtliterale Sonderfälle des allegorischen Sinn und könnten
deshalb unter diesen subsumiert werden.398 Hieraus ergibt sich die Frage, ob Dante
die Unterscheidung (Convivio II i) einer Allegorie der Dichter und einer Allegorie der
Theologen399 in dem Brief beibehält oder die theologische DOOHJRULDLQIDFWLVmeint, die
der Bezeichnung ontologischer UHVdient, und mit der nicht bloß ein übertragener Sinn
ausgesagt werden soll. Unter Hinweis auf den Wortlaut DOLXVHVWTXLKDEHWXUSHUVLJQLIL
FDWDSHUOLWWHUDP(Epist. XIII, 20) entscheidet Umberto Eco die Frage zugunsten der DO
Fritz Peter Knapp sieht alleine darin etwas Neues. Vgl. Historie und Fiktion, S. 56.
395 Vgl. Dante Alighieri, Das Schreiben an Cangrande della Scala = Epistola XIII, Übersetzt, eingeleitet
und kommentiert von Thomas Ricklin mit einer Vorrede von Rudi Imbach, Lateinisch - Deutsch,
Hamburg 1993 (= Philosophische Werke, 1), 20-25, S. 9 f.
Vgl. Dante Alighieri, Das Gastmahl II i, 1-13.
396 Dante, Das Schreiben an Cangrande 20: „[...] istius operis non est simplex sensus, ymo dici potest
polisemos, hoc est plurimum sensuum, nam primus sensu est qui habetur“per litteram, alius est qui
habetur per significata per litteram.“
397 Vgl. dazu den Kommentar, Ebd., S. 79.
398 Ebd. 22: „Et quamquam isti senus mistici variis appelantur nominibus, generaliter omnes dici possunt
allegorici, cum sint a litterali sive historiali diversi. Nam allegorica dicitur ab ‘alleon’ grece, quod in
latinum dicitur ‘alienum’, sive ‘diversum’“.
399 Dante, Convivio II i, 4: „Veramente li teologi questo senso [allegorico] prendono altrimenti che li poeti,
ma però che mia intenzione è qui lo modo de li poeti seguitare, prendo lo senso allegorico secondo
che per li poeti è usato.“ Vgl. dazu den Kommentar, ebd., S. 111. Vgl. ebenso den Kommentar zu E-
pist. XIII, 22,
220
OHJRULDLQIDFWLV.400 Akzeptiert man dieses philologische Argument, nimmt Dante gegen
die scholastische Trennung der poetischen von der theologischen Allegorie die religiö-
se Bedeutsamkeit letzterer für seine ‘Göttliche Komödie’ in Anspruch.
Den sakralen Wert der Dichtkunst reklamieren auch Boccaccio und Petrarca.
Nur daß sie den Geltungsbereich der Poesie mittels poetologischer Klassifizierungen
auf alle Bibeltexte ausdehnen, Dante hingegen „nur“ den mit der Bibel-Allegorik ent-
lehnten Wahrheitsbegriff in die Absicht seines poetischen Schaffens hineinlegt. Zwar
ist dadurch die Exklusivität des theologischen Wahrheitskonzeptes angetastet, nicht
aber grundsätzlich zugunsten einer universellen Rhetorik alles Geschriebenen aufge-
hoben. Diesen Ansatz wählt vielmehr der Mythograph Boccaccio. Wenn er die Erzähl-
art des Alten Testaments als mythologisch charakterisiert, die historische Fabel den
Parabeln Jesu an die Seite stellt, so scheint er die parabolische Allegorie der erfunde-
nen Fabeln, und gerade nicht die DOOHJRULDLQIDFWLVabsolut zu setzen. Folglich exempli-
fizieren die fingierten „Geschichten der Götter“ denselben moralphilosophischen Nut-
zen wie die Vision des Ezechiel oder die Prophezeiungen Daniels.
Selbstverständlich muß die Charakterisierung der Bibel als poetischer Text auf-
grund der formalen Ähnlichkeit von Metaphern und Symbolen mit der Theologie der a-
ristotelischen Hochscholastik kollidieren, weswegen ja schon Dante und Mussato in
Gegensatz zu Positionen von Thomas von Aquin gerieten.401 Nach der gängigen theo-
logischen Tradition beschreibt die Heilige Schrift eine reale und keine von Menschen
fingierte Geschichte von Gottes offenbarem Heilswirken in der Welt. Die in ihr enthalte-
nen UHVim Sinne von Konzepten sind ungeachtet der verschiedenen Gattungen heils-
geschichtlich wie profangeschichtlich wahr und fordern die vollständige allegorische
Exegese besonders der unverständlichsten oder der am wenigsten passenden Stellen.
400 Umberto Eco, $UWHHEHOOH]]DQHOO¶HVWHWLFDPHGLHYDOHMailand 1987, Kunst und Schönheit im Mittelal-
ter, Aus dem Italienischen von Günter Memmert, München 1991, S. 183: „(...) Dante [will] doch of-
fenbar von den 'LQJHQsprechen, ‘die der Buchstabe bezeichnet’, und folglich von einer Allegorie LQ
IDFWLV. Hätte er vom JHPHLQWHQSinn reden wollen, so hätte er nicht das neutrale VLJQLILFDWD verwen-
det, sondern einen Ausdruck wie VHQWHQWLDP, der im mittelalterlichen Sprachgebrauch ebenden (ver-
standenen oder auch nicht verstandenen) Sinn der Äußerung bezeichnet.“
401 Zur niederen Stellung der Poesie aus Sicht der hochmittelalterlichen Scholastiker vgl.: Ernst Robert
Curtius, Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter, S. 228-232; hier S. 230: „Ein herkömmli-
cher Einwand lautete ja, der poetische PRGXV sei der schwächste unter den philosophischen PRGL; er
stamme aus wunderbaren Fabeleien, wie Aristoteles sage. Antwort: man hat eine auf menschlicher
Fiktion beruhende Poesie zu scheiden von einer solchen, deren sich die göttliche Weisheit bedient,
um die absolute Wahrheit und Gewißheit zu vermitteln. Aber eine formale Gemeinsamkeit besteht
eben doch zwischen beiden: der Gebrauch von Symbol und Metapher. Das hatte auch Thomas von
Aquin in seinem Sentenzenkommentar anerkannt. In der 6XPPDWKHRORJLDH(I i, 9 ad i) führt er dann
eine Unterscheidung ein: ‘Der Dichter bedient sich der bildlichen Ausdrucksweise um der anschauli-
chen Darstellung willen (XWLWXUPHWDSKRULVSURSWHUUHSUDHVHQWDWLRQHP). Die Heilige Schrift aber be-
dient sich der Bilder und Gleichnisse, weil es notwendig und nützlich ist.’ (...) Die Schoastik war aus
der Dialektik hervorgegangen. Sie behält deren Opposition gegen die DXFWRUHV, die Rhetorik, die Po-
esie bei. Sie scheidet aus dem Aristotelismus die philosophische Rechtfertigung der Poesie aus. Sie
gerät also notwendig in Gegensatz zur Poetik und Poesie eines Mussato, aber auch eines Dante.“
221
Nur die von der Kirche für kanonisch erklärten Bibeltexte enthalten nach Maßgabe ihrer
Glaubenslehre absolute Wahrheiten. Unter dieser Wahrheitsbedingung sind beispiels-
weise die Parabeln Jesu prinzipiell nicht den poetischen Erfindungen gleichrangig und
gleichwertig.
Von dieser auf Augustin basierenden Bibelhermeneutik setzen sich Ockham
wie Petrarca und Boccaccio gleichermaßen ab. Eine wichtige Übereinstimmung in ih-
rem Denken ist der legislative bzw. rhetorische Möglichkeitscharakter der Wahrheit.402
Kennzeichnend hierfür ist Ockhams Unterscheidung von Gottes regelgerechtem Ver-
mögen (SRWHQWLDRUGLQDWD/H[DHWHUQDOLV) und seinem absoluten Vermögen (SRWHQWLD
DEVROXWD). Für den Franziskaner handelt Gott GHIDFWR immer nur in der ersten angege-
benen Weise. Auch die biblischen Wunder betrachtet er unter dem gesetzlichen Mög-
lichkeitsmodus. Die zweite Bezeichnung der absoluten Möglichkeit hält den kontingen-
ten, d.h. nicht an ein kosmisches Gesetz gebundenen, Charakter weltlicher Ereignisse
offen. Damit schafft er den größtmöglichen Rahmen für die Bestimmung der Notwen-
digkeit oder der Kontingenz eines gegebenen Falles.403 Hieraus ergeben sich abson-
derlich anmutende Fragen, so etwa die, ob der omnipotente Schöpfergott die Möglich-
keit hat, vergangene Ereignisse zu ändern oder seine Schöpfung komplett zu vernich-
ten.404 Ein solches Modell könnte dem freien Spiel der Fiktionalität im ‘Ring’ zum Vor-
bild gedient haben. Schließlich läßt der souverän über seine Erfindung verfügende Au-
tor Wittenwiler die Welt der Narren und Dörper an der Kontingenz und Austauschbar-
keit ihrer möglichen bis irrealen Deutungsentwürfe und Handlungsanweisungen zug-
rundegehen.
402 Vgl. Charles Trinkaus, The Poet as Philosopher, Petrarch and the Reformation of Renaissance Con-
sciouness, New Haven and London 1979, S.29.
403 Vgl. William J. Courtenay, The Dialectic of Omnipotence in the High and Late Middle Ages, in: Divine
Omniscience and Omnipotence in Medieval Philosophy, Hg. von T. Rudavsky, Dodrecht 1985 (=
Synthese Historical Library, 25), S. 243-269; hier S. 254 ff.
404 Vgl. William J. Courtenay, John of Mirecourt and Gregory of Rimini on Whether God can Undo the
Past, in: Recherches de Theologie anciennes et médiéval 39 (1972), S. 224-256; hier S. 251.
Das Problem der zukünftigen Kontingenz, d.h. der Freiheit und Notwendigkeit von Gottes Wirken in
der Welt, war eine Problematik über die nicht nur Ockham nachdachte. Johannes von Mirecourt von
der Pariser Universität, ein „führender Exponent des radikalen Ockhamismus“, wurde fälschlicher-
weise 1344-45 wegen der These angeklagt, daß Gottes Omnipotenz prinzipiell vergangene Ereignis-
se ändern, ja sogar ausradieren könne. Mirecourt geht es darum, Auswege aus dem Dilemma einer
absoluten Alternative von Kontingenz und Notwendigkeit zu finden. Stellvertretend dafür sei hier ein
Beispiel genannt.
„[...] since the antichrist, what Christ willed (and by implication what God wills) must either happen
necessarily, in which case the antichrist would not be contingent (a determinism that binds God and
man), or possibly not happen, in which case the future (and by implication the past) need not confirm
to an eternal divine will, either because God is not omnipotent (which seems unlikely) or the divine
will is not fixed and necessarily consistent. Mirecourt's answer [...] shows how the created will of
Christ can will something of necessity which nevertheless remains a future contingent.“
222
7.3 Der Versuch einer Rückkehr zur ontologischen Zeichentheorie bei Wyclif
und den Hussiten
Die Auseinandersetzungen um das Verständnis und die Deutung religiöser Zei-
chensysteme verhärten sich zur Zeit der Entstehung von Wittenwilers ‘Ring’ und Chau-
cers ‘Troilus and Criseyde’. Als ein Beispiel für die Verschärfung der sprachtheoreti-
schen Differenzen kann der erste englische Bibelübersetzer John Wyclif (1320-1384)
gelten. Knapp drei Dekaden nach Ockhams Tod protestiert er gegen eine alles erfas-
sende Zeichenhaftigkeit der Schöpfung und fordert eine Rückkehr zu den ideellen
Gehalten in Religion und Philosophie. Wyclifs erkenntnistheologisch fundierter, philo-
sophischer Realismus nahm vor allem die Nominalisten ins Visier. Sie beachten seiner
Meinung nach nur noch die VLJQD und nicht mehr die UHV der Universalien Gottes. Aus-
gehend von Augustins Bibelhermeneutik, vertritt er die Auffassung einer universellen
Verständlichkeit der Heilsbotschaft jenseits semiotischer Ambiguitäten, natürlicher
Sprachbarrieren und Bildungsniveaus. Das begründet er mit dem Dogma der Inspirati-
on durch den Heiligen Geist, der noch in den niedrigsten Geschöpfen wirke.405
Nach seiner Verurteilung und seit dem Beginn des Großen Schisma 1378 ver-
fiel er in einen verzweifelten Radikalismus. Den Stiftungscharakter der Kirche lehnte er
pauschal ab, bezweifelte die Wirkkraft der Sakramente und Ämter, setzte eine Schar
von unsichtbaren Auserwählten im „inneren Gnadenstand“ dem „Antichrist“ in Rom
entgegen. Sündenbekenntnis und Sündennachlaß hielt er für bedeutungslos. Selbst in
der Messe gäbe es keine Gegenwart Christi. Der Gläubige sei einzig sich selbst und
Gott rechenschaftspflichtig.406 Eine Begegnung mit dem Erlösungsgeschehen fände
jeder Christ allein in der unmittelbaren Lektüre der Bibel.
Nach seinem Tod formierte sich die Anhängerschaft der Wyclifiten bzw. der
„Lollarden“, Wanderprediger, die mit der Bibel in der Hand missionierend durch die
Lande zogen. In ihrer Kritik am religiösen Ritus einer immer reicher werdenden Kirche
stimmten sie mit zahlreichen Kritikpunkten Ockhams überein. Doch forderten sie, an-
ders als der englische Franziskanermönch, das Recht auf individuelle Deutung der Bi-
405 Vgl. Wolfgang Hübener, Wyclifs Kritik an den Doctores signorum, in: Die Gegenwart Ockhams, Hg.
von Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger, Weinheim 1990, S. 128-146.
406 Vgl. zu Wycliff, den „Lollarden“ und den religiösen Spannungen im spätmittelalterlichen England:
Kurt Kluxen, Geschichte Englands, Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 19853 (= Kröners
Taschenausgabe; 374), S. 154-163.
223
bel.407 Sie verkündeten ein allgemeines Priestertum, die Gleichheit aller Sünder, Lai-
enmesse und Bibellektüre, wandten sich gegen Bildung, Universitätsgrade, Handels-
welt und Reichtum.
Als über die Vermittlung böhmischer Studenten in Oxford die Tschechen Jan
Hus und Hieronymus von Prag die kirchenkritischen Ideen Wyclifs aufgriffen und dar-
aus tiefgreifende liturgische Reformvorschläge ableiteten, wurde die Reformbewegung
auch auf dem Kontinent zu einer revolutionären Kraft. Auf dem Konstanzer Konzil
1415/16 wurden Hus und Hieronymus der Ketzerei angeklagt und auf dem Scheiter-
haufen verbrannt. Auch die Lehren Wyclifs wurden als häretisch verurteilt. In Prag hat-
ten sich schon zuvor die Hussiten unter dem Symbol des Laienkelches zusammenge-
funden. Bald nach der Urteilsverkündung in Konstanz spalteten sich die radikalen Ta-
boriten mit in der Hauptsache sozialpolitisch motivierten Forderungen von den gemä-
ßigten „Utraquisten“ - den Verfechtern des Abendmahls in beiderlei Gestalt - ab.408
Von den oft verheerenden Streifzügen der Hussitenkriege waren von 1420 bis 1434
neben dem Königreich Böhmen auch Teile der Gebiete Polens, Brandenburgs, Sach-
sens, Österreichs und Ungarns betroffen. Im Laufe der vierzehn Kriegsjahre nahmen
die von den waffentechnisch überlegenen Taboriten unternommenen „Missionskriege“
einen immer stärker selbstzweckartigen Schreckenscharakter an.
Wyclif und Hus setzten anstelle der Normen prägenden Kirche die Autorität des
Gewissens und begründeten ihre Kritik und Reformvorschläge mit der absoluten
Wahrheitskonzeption der Heiligen Schrift. Jeder einzelne sollte die in die Volksspra-
chen übersetzte Bibel subjektiv deuten und gegen amtskirchliche Dogmen selbständig
kommentieren dürfen. Behaupten nun aber einzelne Parteien, ihre Deutung der „Wahr-
heit“ gegen konkurrierende Ansichten missionarisch durchsetzen zu dürfen, besteht je-
derzeit die Gefahr eines Umschlagens in offene kriegerische Auseinandersetzungen.
Wie gezeigt werden konnte, sind auch in Wittenwilers Roman konkurrierende Deu-
tungsmuster und zur Beliebigkeit tendierende Bedeutungszuschreibungen der Grund
für die Disziplinlosigkeit und die Gewalttätigkeit der Personen. Rhetorische Polemik
und der groteske Krieg im 'Ring' entstehen wie die historischen Glaubenskämpfe aus
der Unfähigkeit, einen minimalen Konsens über den Wert und den Gebrauch von Sym-
bolen im Verhältnis zu Glaubensinhalten herzustellen.
407 Vgl. Neal Ward Gilbert, Ockham, Wyclif, and the „Via Moderna“, in: Antiqui und Moderni, Traditions-
bewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter, Hg. von Albert Zimmermann, Ber-
lin/New York 1974 (= Miscellanea Mediaevalia, ); S. 85-125.
408 Vgl. zu Jan Hus und den Hussitenkriegen, Friedrich Baethgen, Schisma und Konzilszeit, Reichsre-
form und Habsburgs Aufstieg, in: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 6, München
19836, Kap. 13-17.
224
7.4 Augustins Zeichenlehre
7.4.1 Die Definition des Zeichens
Von seiten der nominalistischen Sprachlogik entstand mit Roger Bacon am En-
de des 13. Jahrhunderts und mit Wilhelm von Ockham in der ersten Hälfte des 14.
Jahrhunderts ein neues Modell der Semiotik, das der philosophischen Legitimierung
des mittelalterlichen Symbolismus widersprach. Um das bahnbrechend Neue der von
ihnen begründeten extensionalen Zeichentheorie als Paradigmenwechsel würdigen zu
können, erscheint mir eine eingehende Besprechung von Augustins Semiotik unum-
gänglich zu sein.
Augustin definiert den Begriff des Zeichens, der in seiner Nachfolge von den
Scholastikern des Mittelalters grundsätzlich übernommen wurde, zweimal in 'De doctri-
na christiana' und einmal in 'De dialectica':
(...) signa, res (...) quae ad significandum aliquid adhibentur.
Zeichen sind Sachen, die zur Bezeichnung von etwas verwendet werden. [Übers. vom
Verf.]
Signum est enim res praeter speciem, quam ingerit sensibus, aliud aliquid ex se faciens
in cogitationem venire (...).
Ein Zeichen ist eine Sache, die einem anderen irgend etwas zur Kenntnis bringt, das
jenseits des unmittelbar von den Sinnen wahrgenommenen Eindrucks liegt. [Übers.
vom Verf.]
Signum est et quod se ipsum sensui, et praeter se aliquid animo ostendit.409
Ein Zeichen ist etwas, das als solches wahrgenommen wird und das dem Intellekt et-
was über sich selbst Hinausgehendes anzeigt. [Übers. vom Verf.]
Die erste Definition spricht von Zeichen als von real existierenden Dingen (UHV),
die entweder im eigentlichen Wortsinn konkrete Dinge wie Stein, Holz, Widder usw.
bezeichnen oder Dinge im uneigentlichen Wortsinn wie das Holz, das Moses ins bittere
Wasser warf (Ex 15, 25), den Stein, auf dem Jakob schlief (Gen 28, 11), den Widder,
den Abraham anstelle seines Sohnes Isaak opferte (DOLTXLG DOLXG DOLTXLG). Letztere
deutet Augustin als sekundäre Zeichen anderer dogmatischer Bibelinhalte (UHV) mit
primärem Zeichenwert. Nicht die ohnehin akzeptierte rhetorische Differenz der Allego-
409 Augustinus, De doctrina christiana, Hg. von Joseph Martin, Turnhout 1962 (= Series Latina, XXXII), I,
ii, 2, 11 f. und II, i, 1, 5-7. Zitiert wird in der Reihenfolge Buch, Kapitel, Abschnitt, Vers. Auch bei den
folgenden Zitaten wird diese Ausgabe zugrundegelegt.
Augustine, De dialectica, Hg. und übersetzt von B. Darrell Jackson, Textedition von Jan Pinborg,
Dordrecht/Boston 1975 (= Synthese Historical Library, 16), v, 7, 7-8.
225
rie zum gewöhnlichen Sprachgebrauch, sondern die Differenz zur christlichen Glau-
benslehre deklariert Augustin zum Merkmal uneigentlicher Rede.410
Im Anschluß an die zweite Definition nennt er Beispiele für das, was Lebewe-
sen tun, wenn sie mit Zeichen konfrontiert werden. Beim Betrachten einer Spur fragt
der Mensch nach der Art des Tieres, das sie verursacht hat. Er weiß, wo Rauch ist, da
ist auch Feuer. Der Hahn, der Futter gefunden hat, signalisiert der Henne mit seiner
Stimme herbeizueilen usw. Ein Zeichen ist demnach nur dann ein solches, wenn etwas
über sich selbst auf etwas anderes hinausweist und als solches von einem anderen
verstanden wird. In der dritten Erklärung nennt Augustin zusätzlich den menschlichen
Intellekt (DQLPXV), dem etwas signalisiert wird. Augustins Zeichenmodell ist also ein tri-
adisches, bestehend aus Zeichen, Objekt und Interpretant.411 In der Spätschrift 'De tri-
nitate' verlegt Augustin die Rolle des Interpretanten ins Innere des Bewußtseins, so
daß ein Zeichen unabhängig von einer materiellen Außenseite den Wert einer Vorstel-
lung oder eines Gedankens annehmen kann.
7.4.2 Die Gleichheit des Ausdrückbaren durch das YHUEXPLQFRUGH
Mit diesen allgemeinen Definitionen ist aber noch nicht viel über die Vermittlung
zwischen VLJQD bzw. YHUED und UHV gesagt. Hinweise darauf kann das semiotische
Schema Augustins geben, das sich aus den Begriffen YHUEXP, GLFLELOH, GLFWLR und UHV
zusammensetzt.412 Unter einem GLFLELOH versteht er das, was vom Zeichengeber bzw.
Zeichenleser gedacht bzw. aufgefaßt wird und was vom linguistischen Zeichen selbst
410 Vgl. I, ii, 2. Der Maßstab dafür, ob eine Bibelstelle im eigentlichen Sinne (VLJQDSURSULD) oder im über-
tragenen (VLJQDWUDQVODWD bzw. ILJXUDWD) zu verstehen sei, besteht einzig und alleine in der Abwei-
chung zu den direkt formulierten Glaubenswahrheiten, Lebensvorschriften, Glaubensregeln des
Neuen Testaments. Alles andere sind ORFXWLRQHVILJXUDWDH: „Demonstrandum est igitur prius modus
inveniendae locutionis, propriane an figurata sit. Et iste omnino modus est, ut quidquid in sermone
divino neque ad morum honestatem neque ad fidei veritatem proprie referri potest, figuratum esse
cognoscas. Morum honestas ad diligendum Deum et proximum, fidei veritas ad cognoscendum
Deum et proximum pertinet (III, x, 14)“. D.h. aber auch, daß der Bezugspunkt für die Exegese der
übertragenen Reden immer nur die christliche Dogmatik bildet und damit die rhetorische Figürlichkeit
durch theologische Inhalte ersetzt wird. Darin „liegt ein grundsätzliches Problem der Augustinischen
Bibelhermeneutik“.
Vgl. dazu, Andreas Kablitz, Rhetorik vs. Hermeneutik?, Anmerkungen zum Allegorie-Verständnis in
Augustins 'De doctrina christiana', in: Zeitschrift für Semiotik 10 (1987), S. 119-133, hier S. 129: „Weil
die sekundären Bedeutungsinhalte der Heiligen Schrift auch nur wiederum diesem Text entnommen
werden können, muß es Teile der Bibel geben, die nicht allegorisch sein dürfen, deren Sinn sich als
evident zeigt und deren Bedeutung zugleich die möglichen Inhalte sekundärer Zeichenhaftigkeit be-
stimmt.“
411 Vgl. R. A. Markus, St. Augustine on Signs, in: Phronesis, A Journal of Ancient Philosophy, Bd. 2,
1957, S. 60-83; hier S. 71 ff.
412 Vgl. dazu B. Darrell Jackson, The Theory of Signs in St. Augustine's 'HGRFWULQDFKULVWLDQDin: Revue
des Etudes Augustiniennes 15 (1969), S. 9-49.
226
„ausgedrückt“ und als Ausdruck eines Gedankens gedeutet werden kann. Gemeint ist
das Signifikat oder schlicht die Bedeutung, d.h. der Sinngehalt eines Gedankens, der
im Medium der Sprache oder körperlicher Zeichen wie z. B. einem Wink (QXWXV) hörbar
bzw. sichtbar wird. Nach Ferdinand Saussure ist das VLJQLILpgleichbedeutend mit dem
FRQFHSW, das mit dem LPDJH DFRXVWLTXH, dem VLJQLILDQW, in direkter Wechselwirkung
steht.413 Augustins GLFLELOH unterscheidet sich jedoch vom Saussurschen FRQFHSW in
dem Punkt, daß es als „inneres Wort“, d.h. als Gedanke, unabhängig vom konkreten
VLJQLILDQWim Gedächtnis des einzelnen präexistiert und deswegen durch formal beliebi-
ge Zeichensysteme kommunikativ übertragbar ist: DSXG VH PDQHQV LQWHJUD IRUPDP
YRFLV TXD VH LQVLQXHW DXULEXVWie schon die wörtliche Übersetzung von GLFLELOH als
„etwas, das sagbar bzw. ausdrückbar ist“, andeutet, bezeichnet der augustinische Beg-
riff des GLFLELOHeinen virtuell in Zeichen ausdrückbaren Gedanken. In der Kommunikati-
on ist damit die theoretische Voraussetzung erfüllt, daß der immaterielle Gedanke des
Sprechers der Deutung des Hörers entspricht. Insofern ist also nur der eine Aspekt, die
zeichenhafte Außenseite des GLFLELOH,identisch mit Saussures FRQFHSW oder VLJQLILp.
Trifft Jacksons Authentizitätsnachweis zu, und 'De dialectica' stellt eine frühe
Abhandlung Augustins zur stoischen Logik dar, wäre die Bezeichnung YHUELLQPHQWH
FRQFHSWLRin 'De dialectica' (V, 8, 9) ein erster Beleg für das YHUEXPLQFRUGH in der spä-
teren Schrift 'De trinitate' (XV, x, 19).414 Hier schreibt er:
Quidquid autem ex verbo non aures sed animus sentit et ipso animo tenetur in-
clusum, dicibile vocatur. [...] Quod dixi dicibile, verbum est, nec tamen verbum, sed
quod in verbo intellegitur et in animo continetur, significat.415
Alles, was von einem Wort vom Geist, nicht von den Ohren wahrgenommen und
im Gedächtnis selbst festgehalten wird, heißt GLFLELOH. [...] Was ich GLFLELOHgenannt ha-
be, ist ein Wort. Doch es bezeichnet kein Wort, sondern das, was von dem Wort ver-
standen und im Gedächtnis behalten wird. [Übers. vom Verf.]
Das GLFLELOHist ein YHUEXPTXRGLQWXVOXFHW(De Trin. XV, 20, 1-2), das alle Men-
schen nach dem Vorbild Christi als inkarniertes Wort Gottes im Herzen tragen. Aus
diesem metaphysischen Grund erfährt es durch die Einkleidung in eine Verbaläuße-
413 Ferdinand de Saussure, Cours de linguistique générale, Hg. von Charles Bally und Albert Séche-
haye, Kritische Edition von Tullio de Mauro, Paris 1972, S. 98: „Le signe linguistique unit non une
chose et un nom, mais un concept et une image acoustique. Cette dernière n'est pas le son matériel,
chose purement physique, mais l'empreinte psychique de ce son, la représentation que nous en
donne le témoignage de nos sens (...)“
414 Zur Autorschaft Augustins vgl. die Einleitung von Jackson, in: Augustine, De dialectica, Hg. von
Jackson, S. 1-76.
415 Augustine, De dialectica, S. 88, 8, 5-7; S. 90, 8, 10-11.
227
rung oder in andere körperliche Zeichen (VLJQDFRUSRUDOLD) auch keine Bedeutungsver-
zerrung durch konnotationsbedingte Mehrdeutigkeiten:
Quomodo venit, nisi quod 9HUEXPFDURIDFWXPHVWHWKDELWDYLWLQQRELV?416 Sicuti
cum loquimur, ut id quod animo gerimus in audientis animum per aures carneas illaba-
tur, fit sonus verbum corde gestamus, et locutio vocatur. 1HFWDPHQHXPGHPVRQXP
FRJLWDWLRQRVWUDFRQYHUWLWXUVHGDSXGVHPDQHQVLQWHJUD, IRUPDPYRFLVTXDVHLQVLQXHW
DXULEXV, sine aliqua labe suae mutationis assumit. Ita Verbum Dei non commutatum, ca-
ro tamen factum est ut habitaret in nobis.417
Kam er nicht zu uns als das :RUWGDV)OHLVFKZXUGHXQGXQWHUXQVZRKQWH? Ein
Beispiel: wenn wir sprechen, damit das, was wir im Intellekt tragen, durch die leiblichen
Ohren in den Intellekt eines Hörers falle, wird das in unserem Herzen verschlossene
Wort zu einem Laut, und der nennt sich Sprache. 'RFKXQVHU*HGDQNHlQGHUWVLFKLQ
GLHVHP/DXWQLFKW,P*HJHQWHLOHUEOHLEWLQVLFKYROONRPPHQHUKDOWHQXQGQLPPWQXU
GLH*HVWDOWHLQHV:RUWHVDQ, mit dem er durch die Ohren dringt, ohne durch diese Ver-
änderung beeinträchtigt zu werden. [Übers. vom Verf.]
Ein ausgesprochenes Wort, YHUEXPTXRGIRULVVRQDW(De trin. XV, xi, 1), deutet
zunächst auf ein bestimmtes Signifikat. Zugleich impliziert es jedoch im Intellekt eines
apostrophierten Hörers einen darüber hinausgehenden Sinn, der dem YHUEXPTXRGLQ
WXVOXFHWentspricht.418 Dessen Vorstellungsinhalt ist mit dem Gehalt bzw. dem morali-
schen Wert der Gedanken identisch, die der Sprecher mittels einer verbalen oder ges-
tischen Äußerung mitteilen möchte.419
416 Io 1, 14.
417 De doctrina christiana I, 13, 12. Zweite Hervorhebung durch den Verfasser.
In De trinitate erklärt Augustin ebenfalls den Begriff des GLFLELOHAugustinus, De trinitate, Hg. von W.
J. Mountain, Turnhout 1968 (=Corpus Christianorum, Series Latina, LA); hier XV, x, 76-83: „Formata
quippe cogitatio ab ea re quam scimus verbum est quod in corde dicimus, quod QHFJUDHFXPHVWQHF
ODWLQXPQHFOLQJXDHDOLFXLXV, sed cum id opus est in eorum quibus loquimur perferre notitiam aliquod
signum quo significetur assumitur. Et plerumque sonus, aliquando etiam nutus, ille auribus, ille oculis
exhibetur ut per signa corporalia etiam corporis sensibus verbum quod mente gerimus innotescat.“
[Kursivdruck durch den Verf.]
418 Vgl. zu den von mir verwendeten Begriffen von Sinn und Bedeutung, Gottlob Frege, Über Sinn und
Bedeutung, in: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik 100 (1892), S. 25-50, hier S. 30.
„Die Bedeutung eines Eigennamens ist der Gegenstand selbst, den wir damit bezeichnen; die Vor-
stellung, welche wir dabei haben, ist ganz subjektiv, dazwischen liegt der Sinn, der zwar nicht mehr
subjektiv wie die Vorstellung, aber doch auch nicht der Gegenstand selbst ist.“
Selbstverständlich spielt bei Augustin der psychologische Vorbehalt von der Subjektivität der Vorstel-
lung keine Rolle. Die individuelle Vorstellung geht vielmehr in Augustins GLFLELOHauf, das formal dem
Sinnbegriff Freges entspricht. Bei Augustin ist die Werteverteilung genau umgekehrt zu der von Fre-
ge: Der innere oder tiefere Sinn eines Wortes bezeichnet den Gegenstand selbst, die dem Sinn vor-
geschaltete Bedeutung bezeichnet den Gegenstand indirekt. Anders formuliert, der Wahrheitswert ist
nicht gleich der Bedeutung, vielmehr ist d i e Wahrheit identisch mit d e m Sinn.
Dennoch stimmt in formaler Hinsicht die Unterscheidung der Begriffe von Sinn und Bedeutung bei
Frege mit der Augustins überein. Ebd. S. 31 definiert Frege Sinn und Bedeutung wie folgt: „Ein Ei-
genname (Wort, Zeichen, Zeichenverbindung, Ausdruck) drückt aus seinen Sinn, bedeutet oder be-
zeichnet seine Bedeutung. Wir drücken mit einem Zeichen dessen Sinn aus und bezeichnen mit ihm
dessen Bedeutung.“
419 Markus, St. Augustine on Signs, S. 81: „Since, for Augustine, truth is ultimately attainable only LQUD
WLRQHVHPSLWHUQDHYHULWDWLV and by means of its illumination of the mind, the YHUEXPPHQWLVis above
all a product of the judgement on the material presented by sense, imagination and memory in its
light.“
228
In ’De magistro’ (I, 1) legt Augustin die Intention des Zeichengebrauchs einseitig
darauf fest, „entweder zu lehren oder sich oder andere an etwas zu erinnern.“ Schließ-
lich lehre Christus keine Worte, sondern Realitäten durch sprachliche Zeichen.420
Demnach sind Rezeption eines äußeren Wortes und Konzeption eines inneren Wortes
lediglich zwei formale Aspekte ein und desselben Denkvorgangs, je nachdem ob ein
gehörtes Wort mit dem „im Herzen“ präexistierenden Gedanken memoriert oder das
innere Wort durch selbständiges Nachdenken gefunden wird.421
Das GLFLELOHbeschreibt den Sinngehalt einer Äußerung oder, laut Augustin, ei-
ner FRJLWDWLR, d.h. eines DenkaktesDa im Zentrum der Augustinischen GLFLELOH-Theorie
die theologisch fundierte Entität des inneren Wortes figuriert, durch welche die zei-
chenhaften UHVerinnert bzw. in ihrer zeichenhaften Wertigkeit begriffen werden, funkti-
oniert der Denk- und Verständnisvorgang von Sprecher und Hörer wie ein Kodierungs-
und Dekodierungsprozeß. Nicht nur die Einkleidung der Gedanken in die Rede, son-
dern auch die Deutung derselben Gedanken aus der Rede des anderen scheinen ei-
nen grundsätzlich problemlosen Gedankenaustausch zu ermöglichen.422
7.4.3 Lüge oder Sinnbild in der Bibel
420 Aurelius Augustinus, Contra academicos, De beata vita, De ordine, De magistro, De libero arbitrio
Turnhout 1970 (= Corpus Christianorum, 29), I, i, 22-25: „Sed si tu non arbitraris nos discere cum re-
cordamur nec docere illum qui commemorat, non resisto tibi et duas iam loquendi causas constituo,
aut ut doceamus aut ut commemoremus vel alios vel nos ipsos (...).“ Kurz zuvor antwortet Augustin
auf die Feststellung seines Sohnes Adeodatus, daß „loquimur aut docere aut discere“, was letzteres
unsere Eigenschaft zu fragen beweise: „(...) nam quaero abs te, utrum ob aliam causam interroges,
nisi ut eum quem interrogas doceas, quid vellis (I, i, 11-12).“ Wie man an dem sophistischen Argu-
ment sehen kann, liegt Augustin sehr daran, dem Lehren den Vorrang vor dem Lernen einzuräumen.
Der Zweck des Sprechens besteht also weniger im Lernen als im Lehren. Denn Christus lehre die
Sachen selbst, deren tönende Zeichen der Sprache er einzig zum Zwecke der erinnernden Beleh-
rung benutzte: „Ad. (...) non enim verba, sed res ipsas eos verbis docuit, quibus etiam se ipsi com-
monefacerent, a quo et quid esset orandum, cum in penetralibus ut dictum est mentis orarent(I, ii, 67-
70).“ Auch die innere Sprache, das Beten, folgt demselben Belehrungszweck, richtet sich aber im
Unterschied zu den VLJQDauf sich selbst und nicht auf den Gesprächspartner: „Aug. (...) simul enim
te credo animadvertere, etiamsi quisquam contendat, quamvis nullum edamus sonum, tamen, quia
ipsa verba cogitamus, nos intus apud animum loqui, sic quoque locutione nihil aliud agere quam
commemorare, cum memoria, cui verba inhaerent, ea revolvendo facit venire in mentem res ipsas,
quarum signa sunt verba (I, ii, 72-76).“
421 Vgl. Jackson, The Theory of Signs in St. Augustine's 'HGRFWULQDFKULVWLDQD, S. 21.
422 Markus, St. Augustine on Signs, S. 79 f.: „There are not two seperate activities here, a process we
may call 'creative' and a subsequent one of 'translation', but just one process which we may call 'ex-
pressiv'.“ (...) „He [the listener] does the same thing as the speaker, only where the speaker creates
his expressive sensuous form, the hearer has it furnished him by the speaker. It is meaningful or 'lan-
guage' for him in so far as he can re-enact with its help the speaker's expressive activity embodied in
it. Understanding language - if one may use this word in so wide a sense as to include all forms of
expressive activity from gesture to art - is no more a matter of interpreting to oneself noises heard or
shapes seen than speaking is a matter of translating into a 'language' for the benefit of others what,
for oneself, has a prior non-linguistic existence.“
229
Augustin ist allerdings keineswegs so naiv zu glauben, daß es in der Kommuni-
kation überhaupt keine Lüge oder Täuschung gäbe.423 Den Begriff der Lüge definiert er
wie folgt:
Mendacium est quippe falsa significatio cum voluntate fallendi. Non est autem fal-
sa significatio, ubi etsi aliud ex alio significatur, verum est tamen quod significatur, si
recte intellegatur.424
Unter Lüge versteht man ja doch eine unwahre Bezeichnung mit der Absicht zu
täuschen. Eine solche unwahre Bezeichnung liegt aber nicht vor, wo zwar das eine mit
dem anderen sinnbildlich bezeichnet wird, jedoch bei richtigem Verständnis das, was
sinnbildlich bezeichnet wird, wahr ist.425
In der Bibel gibt es entweder keine Lügen, oder es handelt sich um wörtliche
Lügen einer Aussage, die aber sinnbildlich im Hinblick auf die Wahrheit der christlichen
Glaubenslehre gelesen werden müssen. Damit werden wörtliche Aussagen, die eine
Lüge laut obiger Definition enthalten, zu sekundären Interpretamenten einer heilsge-
schichtlichen Wahrheit aus prophetischem Geist oder zu Negativbeispielen, die mit
frommer Besserungsabsicht aufgeschrieben wurden:
Quod si auctoritas mentiendi nec de antiquis Libri proferri potest, vel quia non est
mendacium quod figurate gestum dictumve recipitur, vel quia bonis ad imitandum non
proponitur quod in malis, cum proficere cœperint, in pejoris comparatione laudatur; nec
de Novi Testamenti libris, quia correctio potius quam simulatio, sicut lacrymae potius
quam negatio Petri est imitanda.426
Ein autoritatives Zeugnis für die Erlaubtheit der Lüge kann man aus dem Alten Te-
stament nicht beibringen; denn entweder ist das keine Lüge, was als sinnbildliche
Handlung oder Redeweise gilt, oder es wird den Guten eine Handlung nicht als Beispiel
zur Nachahmung vor Augen gestellt, die nur bei den Bösen zu Beginn ihrer Besserung
im Vergleich zum Schlechteren Lob findet. Entsprechend gilt das für das Neue Testa-
ment; hier verdient eher die Besserung als die Heuchelei des Petrus Nachahmung, so
wie man lieber seine Tränen als seine Verleugnung nachahmen soll.427
423 Augustins theoretische Abhandlungen 'De mendatio' und 'Contra mendacium' stehen „im gesamten
Schrifttum der heidnischen wie der christlichen Antike einzig“ dar. Vgl. dazu Aurelius Augustinus, Die
Lüge und Gegen die Lüge, Übertr. und erl. von Paul Keseling, Würzburg 1953, S. XXIX.
424 Augustinus, Contra mendacium ad Consentium, in: Patrologia Latina 40, Hg. von J.-P. Migne, Paris
1887, Cap. XII, Sp. 537.
425 Augustinus, Die Lüge und Gegen die Lüge; hier: Gegen die Lüge, Kap. 26, S. 102.
426 Augustinus, De mendacio, in: Patrologia Latina 40, Hg. von J.-P. Migne, Paris 1887, Cap. V., 9, Sp.
494.
427 Augustinus, Die Lüge und Gegen die Lüge; hier: Über die Lüge, Kap. 9, S. 14.
230
Die Zweckbestimmung der Heiligen Schrift als eines Spiegels moralischer
Wahrheit erinnert an Wittenwilers Teilung des Lesepublikums in Gute und Böse: 'HQ
JXRWHQ]OLHE]HIU|GHQVFKHLQ'HQE|VHQ]ODLG]HKHUW]HQSHLQ(V. 5-6). Wie bei Au-
gustin erkennen sich die Guten in der Güte der geschriebenen Heilsbotschaft, hinge-
gen die Bösen zerknirschten Herzens ihre Sünden bereuen. Wie bereits weiter oben
beschrieben, verwirft Wittenwiler dieses theologisch motivierte Rezeptions- und Text-
verständnis, um es durch ein ironisches zu ersetzen, das die Möglichkeit einer morali-
schen Identifikation kategorisch ausschließt.
7.4.4 Die sekundäre Rolle des Sprachgebrauchs und der Rhetorik
'LFWLR bezeichnet die Verbindung des inneren unsichtbaren mit dem äußeren
sichtbaren bzw. hörbaren Wort, also des YHUEXPals linguistisches Zeichen mit dem GL
FLELOH, welches seinen über die Bedeutung hinausgehenden Sinn aus einem bestimm-
ten Kontext herleitet:
Sed cum animo sensa sunt, ante vocem dicibilia erunt, cum autem propter id quod
dixi proruperunt in vocem, dictiones factae sunt. Ipsum vero ’arma’ quod hic verbum est,
cum a Vergilio pronuntiatum est, dictio fuit: non enim propter se prolatum est, sed ut eo
significarentur vel bella quae gessit Aeneas vel scutum vel cetera quae Vulcanaus heroi
fabricatus est.428
Wenn Worte im Intellekt vor ihrer Äußerung wahrgenommen werden, sind sie GLFL
ELOLD, nach ihrer Äußerung werden sie, wie ich gesagt habe, zu GLFWLRQHV. 'Arma' ist in
dem hier diskutierten Sinne ein YHUEXP. Als es aber von Vergil geäußert wurde, war es
eine GLFWLR, denn es wurde nicht um seiner selbst willen geäußert, sondern zur Bezeich-
nung entweder des Krieges, den Aeneas führte, oder seines Schildes oder der anderen
Waffen, die Vulkan für seinen Helden herstellte. [Übers. vom Verf.]
Der Begriff der GLFWLRberücksichtigt den Sprachgebrauch des semiotischen und
sprachhistorischen Umfelds. Augustin berührt damit ausnahmsweise Stil, Kontext und
Bedeutungswandel von Reden oder Texten. Da er seine Zeichentheorie am Wort Got-
tes ausrichtet, an dem die inneren Worte oder die Gedanken des Herzens teilhaben,
hat die Bewertung der rhetorischen Sprachmittel nur heuristischen Wert hinsichtlich der
Bibeldeutung:
Sed quoniam proclive est humanum genus non ex momentis ipsius libidinis, sed
potius suae consuetudinis aestimare peccata, fit plerumque ut quisque hominum ea tan-
428 Augustine, De dialectica, S. 90, 8, 17-20.
231
tum culpanda arbitretur, quae suae regionis et temporis homines vituperare atque dam-
nare consueverunt; et ea tantum probanda atque laudanda quae consuetudo eorum
cum quibus vivit admittit, eoque contigit, ut, si quid scriptura vel praeceperit, quod ab-
horret a consuetudine audientium, vel quod non abhorret a consuetudine audientium,
vel quod non abhorret culpaverit, si animum eorum iam verbi vinxit auctoritas, figuratam
locutionem putent.429
Weil aber das Menschengeschlecht dazu neigt, die Sünden nicht nach dem Ge-
wicht der Begierde, sondern eher nach ihrer Gewohnheit zu beurteilen, kommt es oft
vor, daß jeder Mensch nur das verurteilen zu müssen glaubt, was die Menschen seines
Ortes und seiner Zeit zu tadeln oder zu verdammen gewohnt sind, und nur das darf ge-
billigt und gelobt werden, was die Gewohnheit derer erlaubt, mit denen man lebt. Das
schließt ein, daß die Schrift entweder etwas lehrt, was von der Gewohnheit der Zuhörer
abweicht oder das, was nicht abweicht, mißbilligt wird. Denn die Autorität des Wortes
fesselt ihren Geist so sehr, daß sie glauben, es handle sich nur um eine figurative Re-
de.[Übers. vom Verf.]
Mit der „Autorität des Wortes“ ist hier wohl die Macht der antiken forensischen
Rhetorik gemeint. Nach ihren Vorschriften sind die Sitten und Gebräuche eines Landes
oder Volkes zu beachten und zeitliche und örtliche Umstände zu berücksichtigen. Sie
kollidiert so mit der augustinischen Bibelhermeneutik, die das universale KXPDQXPJH
QXV der Erbsünde über alle historischen Differenzen, sittlichen und sprachlichen Be-
sonderheiten stellt. Die Sprache der Heiligen Schrift enthält die von Gottes Wort inspi-
rierte universelle Moral, die den Willen des Schöpfergottes ausdrückende metaphysi-
sche Ordnung. Zu deren substantieller Erkenntnis besitzen Tropen und Figuren nur ei-
nen formalen sekundären Zeichenwert. Ob das Hohelied oder die zehn Gebote, der
zweite Schöpfungsbericht oder die Bergpredigt, alles, sei es im wörtlichen oder im figu-
rativen Modus, muß laut Augustin unter der Perspektive der christlichen Glaubenslehre
gleichrangig gedeutet werden.430
Augustin trennt die Dinge und Sachverhalte (UHV) von den Worten und von dem
intellektuellen Verständnis der Worte. 5HV können durch Worte bezeichnet werden,
bedürfen der Worte aber nicht:
Res autem ipsa, quae iam verbum non est neque verbi in mente conceptio, sive
habeat verbum quo significari possit, sive non habeat, nihil aliud quam res vocatur pro-
prio iam nomine.431
Die Sache selbst, die weder ein Wort ist noch eine Vorstellung von einem Wort im
Intellekt, ob es ein Wort gibt, durch das es bezeichnet werden kann, oder nicht, wird
nicht anders als UHV im eigentlichen Sinne des Wortes genannt. [Übers. vom Verf.]
429 Augustinus, De doctrina christiana, III, x, 15, 13-22.
430 Vgl. dazu, Andreas Kablitz, Rhetorik vs. Hermeneutik?, S. 129 f.: „Für die Bibel ist nicht das DSWXP
der Situation, sondern die christliche Glaubenslehre der Maßstab, an dem die Abweichungen ge-
messen werden. Nicht mit der Unvereinbarkeit mit den Gesetzen dieser Welt, sondern mit der Diffe-
renz zur christlichen Heilslehre beginnt die ILJXUDWDORFXWLRder Heiligen Schrift.“
431 Augustin, De dialectica, V, 8, 8-11.
232
5HVsind also Dinge, die mit den Sinnen wahrgenommen, intellektuell verstan-
den und mit Zeichen - verbalen oder körperlichen - bezeichnet werden können.
7.4.5 Der Wille als Maßstab innerer Moralität
So wie Augustin von inneren und äußeren Worten spricht, so auch von einem
äußeren und einem inneren Menschen und in Analogie dazu von einem äußeren
Wahrnehmungs- und einem inneren Denkvorgang. In seiner Wahrnehmungs- und Ko-
gnitionstheorie (De trin. XI, ii, 2 - iv, 7-Ende) beschreibt Augustin zwei triadische
Schemata: ein äußeres und ein inneres. Das erste Element der äußeren Trias besteht
aus einem von außen wahrgenommenen Objekt (VSHFLHVFRUSRULV), das zweite ist das
mit dem Auge empfangene Bild (LPDJRHLXVLPSUHVVDVHQVXL). Das dritte stellt schließ-
lich das verbindende Element des Willens dar (YROXQWDVDQLPL), der die Aufmerksamkeit
auf das sinnlich wahrgenommene Objekt richtet. Jedes dieser drei Elemente hat eine
GLYHUVDQDWXUD432 Dagegen bestehen die drei Elemente der inneren Trias aus ein und
derselben Substanz, XQLXVHLXVTXHVXEVWDQWLDHTXLDKRFWRWXPLQWXVHVWHWWRWXPXQXV
DQLPXVund setzen sich aus der Einheit von Gedächtnis (PHPRULD), innerer Vorstellung
(YLVLR FRJLWDQWLV) und Willen (YROXQWDWLV LQWHQWLR) zusammen.433 Sie stehen in einem
kausalen Entsprechungs- und Ähnlichkeitsverhältnis zu den anderen drei Konstituen-
ten der ersten Trias.
Das von außen in einem Bild des Auges wahrgenommene Objekt wird durch
die innere, d.h. kognitive Vorstellung desselben Objekts zu einem Gedächtnisbild um-
gewandelt, aus dem die Schärfe des Intellekts (DFLHVDQLPL) entsteht. Entsprechend der
Funktion des Willens in der ersten Trias, der das externe Objekt mit dem sinnlichen
Eindruck verbindet, übernimmt die Willensinstanz in diesem Schema die Aufgabe, das
Gedächtnisbild mit der inneren Vorstellung zu vermitteln. Es liegen also insgesamt vier
VSHFLHV, d.h. Bilder vor: die äußere Erscheinung des Objekts, der optische Sinnesein-
druck, das im Gedächtnis aufbewahrte Bild. Die letzten drei leiten sich immer aus dem
Vorhandenseins eines äußeren Objekts, einer UHV im engeren Wortsinn, ab.
432 Augustinus, De trinitate XI, 5, 124-129: „4XDHFXPLWDVLQW, tria haec quamvis diversa natura que-
madmodum in quandam unitatem contemperentur meminerimus, id est species corporis quae videtur
et imago eius impressa sensui quod est visio sensusue formatus et voluntas animi quae rei sensibili
sensum admovet, in eoque ipsam visionem tenet.“
433 Vgl. dazu Augustinus, De trinitate XI, iv, 39-55, hier 51.
233
Ob jemand zur Kategorie des inneren oder des äußeren Menschen zu rechnen
ist, richtet sich ausschließlich nach dem persönlichen Willen, der korrupt oder tugend-
haft sein kann. Ist jemand ein äußerer Mensch oder moralisch korrupt, richtet er den
Blick auf die häßliche Begierde (WXUSLVFXSLGLWDV) in den äußeren Dingen, die ihm gefal-
len. Ist er dagegen innerlich oder tugendhaft, verweist sein Wille auf das Nützliche in
den Dingen. Bei dem äußeren Menschen entfaltet sich dann dasselbe Schema wie bei
dem inneren. Das äußerlich wahrgenommene Bild behält er in ähnlicher Gestalt (VLPLOL
WXGRHLXV) im Gedächtnis, wodurch der Wille den Intellekt immer wieder damit konfron-
tiert, so daß infolgedessen ein inneres, geistiges Bild entsteht.434
7.4.6 Die Übertragung der Gedanken in der Kommunikation
B. Darrell Jackson bemerkt zu der Ähnlichkeitsbeziehung von Sachen und Zei-
chen bei Augustin:
First, Augustine does not say explicitly that words are signs of movements of the
soul. Rather he says they are used by living beings to indicate or H[SUHVV, among other
things, movements of the mind. Second, he does not see a relation of likeness between
the mind and things as does Aristotle. Rather he says men seek likeness between VLJQV
and things. (II. XXV. 38, 15-19) And since there are all sorts of similarity, consent
among men is required even for such signs. Third, becauce Augustine does not see a
likeness between UHVand the mind, he does not see the designation of UHVby signs as
taking place through the natural mediation of the mind, though he does see it in unity
with the mind (the GLFWLR as a union of YHUEXPand GLFLELOH). This is not however a great
difference (...).435
434 Augustinus, De trinitate, XI, ii, 6, 157-165: „Sed anima rationalis deformiter vivit cum secundum trini-
tatem exterioris hominis vivit, id est cum ad ea quae forinsecus sensum corporis formant non laud-
abilem voluntatem qua haec ad utile aliquid referat, sed turpem cupiditatem qua his inhaerescat ac-
comodat. Quia etiam detracta specie corporis, quae corporaliter sentiebatur remanet in memoria
similitudo eius quo rursus voluntas convertat aciem ut inde formetur intrinsecus sicut ex copore
obiecto sensibili sensus extrinsecus formabatur.“
435 Jackson, The Theory of Signs in St. Augustine's 'HGRFWULQDFKULVWLDQD, S. 44. Die Stellenangabe be-
zieht sich auf Augustins ‘De doctrina christiana’.
In dem Abschitt De doctr. XXV, 38 erörtert Augustin an dem Beispiel der antiken Auguren, die es bei
Römern wie Griechen gleichermaßen gab, den Aberglauben einer Zeichendeutung, die auf dem Vo-
gelflug beruht. Am Flug und Gesang der Vögel seien an sich keine Zeichen ablesbar, es sei denn,
man treffe eine Übereinkunft über das, was bedeutsam sein solle. Zum Teil seien diese auf Konven-
tionen beruhenden Einrichtungen der Menschen überflüssig und luxuriös, zum Teil aber auch nützlich
und angenehm. Dasselbe belegt er an dem Beispiel eines unerfahrenen Theaterbesuchers, der
nichts verstehen würde, wenn ihn nicht ein anderer über die Bedeutung der Tändeleien (QXJDUXP)
unterrichtete.
Jackson bezieht sich mit der obigen Angabe (II, xxv, 38, 15-Ende) auf folgende Sätze: „Appetunt ta-
men omnes quandam similitudinem in significando, ut ipsa signa, quantum possunt, rebus, quae
significantur, similia sint. Sed quia multis modis simile aliquid alicui potest esse, non constant talia si-
gna inter homines, nisi consensus accedat.“
234
Die Ähnlichkeit zwischen den Zeichen als VLJQDGDWDund den UHVist also nach
Augustin keine natürliche, sondern eine von Menschen zum Zwecke der Verständigung
willkürlich gemachte. Beim Produzieren wie beim Rezipieren von VLJQDGDWD, also von
willentlich erzeugten Zeichen im Unterschied zu den VLJQDQDWXUDOLD, den unwillkürlich
hervorgebrachten Zeichen, muß der Sinn des Gemeinten auf der Grundlage des im
Gedächtnis bereits aufgespeicherten Wissens und des gegebenen (GDWD) Zeichenre-
pertoires einer Sprechergemeinschaft hermeneutisch gesucht werden.436 Eine zuver-
lässige Deutung geschriebener Texte als prinzipiell möglich zu erweisen, muß das vor-
rangige Ziel des Bibelhermeneutikers sein, andernfalls wäre die Auslegung des Bibel-
wortes, oder anders formuliert, des inkarnierten Wortes in Frage gestellt. Entsprechend
Augustins Bibelhermeneutik besteht selbstverständlich eine Ähnlichkeit zwischen den
Worten und dem Logos Gottes (De trin. XV, x-xi).437
Als eine Folge der Vertreibung aus dem Paradies deutet Augustin in 'De doctri-
na christiana' die Verschiedenheit der Sprachen im biblischen Sinnbild des Turmbaus
zu Babel alsVXSHUELDH VLJQXP(De doctr., II, iv, 5, 6-8), nimmt aber die Sprache selbst
als Mittel der Verständigung vom Stigma der Erbsünde aus.438 Nach dem Verlust der
direkten Verständigung des Menschen mit Gott funktioniere die Kommunikation zwi-
schen den Menschen indirekt durch Zeichen. Im Unterschied zur ockhamistischen Se-
miotik hält Augustin die geschriebene Sprache in ihrem Verhältnis zu den gesproche-
436 Die VLJQD QDWXUDOLD unterscheiden sich von den VLJQD GDWD dadurch, daß erstere unwillkürlich er-
scheinen, wie der Rauch des Feuers oder der Seufzer des Kranken als einer Bewegung der Seele.
Augustins Verständnis der VLJQDQDWXUDOLDist völlig unproblematisch. Sein Interesse gilt den VLJQDGD
WDnicht zuletzt deswegen, weil die Heilige Schrift eben unter diese Kategorie von VLJQDfälltAugustin
definiert VLJQDQDWXUDOLDin De doctr. (II, i, 2) und VLJQDGDWD (ii, 3) folgendermaßen: „Signorum igitur
alia sunt naturalia, alia data. Naturalia sunt, quae sine voluntate atque ullo appetitu significandi
praeter se aliquid aliud ex se cognosci faciunt, sicuti est fumus significans ignem. „(...) Data vero si-
gna sunt, quae sibi quaeque viventia invicem dant ad demonstrandos, quantum possunt, motus animi
sui vel sensa aut intellecta quaelibet.“ Wie erwähnt, verständigen sich auch Tiere mittels VLJQDGDWD.
Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied nur zwischen unwillkürlich und absichtsvoll hervorge-
brachten Zeichen und nicht zwischen natürlichen und konventionellen Zeichen. Zwar übernahm das
Mittelalter den Zeichenbegriff Augustins, mißverstand aber die VLJQD GDWD mit Boëthius Definition,
„Nomen ergo est vox significativa secundum placitum“ als konventionelle Zeichen.
Vgl. dazu J. Engels, La doctrine du signe chez saint Augustin, in: Studia Patristica, Bd. 6, Hg. von F.
L. Cross, Berlin 1962 (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur, 81),
S. 366-373.
437 Augustinus, De trinitate, XV, xi , 20, 5-12: „Ita enim verbum nostrum vox quodam modo corporis fit
assumendo eam in qua manifestetur sensibus hominum sicut YHUEXPdei FDURIDFWXPHVWassumen-
do eam in qua et ipsum manifestaretur sensibus hominum. Et sicut verbum nostrum fit vox nec muta-
tur in vocem, ita YHUEXPdei FDURquidem IDFWXPHVW, sed absit ut mutaretur in carnem. Assumendo
quippe illam, non in eam se consumendo, et hoc nostrum vox fit et illud caro factum est.“
Das innere Wort der Menschen partizipiert am inkarnierten Wort Gottes, dem Logos in Knechtsge-
stalt, wohingegen die YRFHVdie materielle Seite der bedeutungshaltigen YHUEDzur Anschauung brin-
gen.
438 In dem folgenden Abschnitt (II, v, 6, 4-5) spricht Augustin vom Vorteil der Bibelübersetzung, TXDRS
SRUWXQHSRWXLWSHURUEHPWHUUDUXPGLVVHPLQDUL
235
nen Worten und diese zu den bezeichneten Sachen für unproblematisch439 Geschrie-
bene Worte bezeichnen schlicht gesprochene Worte und gesprochene Worte bezeich-
nen Sachen.440
Jackson stellt zurecht fest, daß die ontologische Grenzziehung zwischen VLJQD
GDWDund UHVbei der Beurteilung der Augustinischen Semiotik hinsichtlich der Vermitt-
lungsfähigkeit der Sprache nicht besonders ins Gewicht fällt. Denn epistemologisch ist
Augustins Zeichentheorie fest in der platonischen Ideenlehre verankert, insofern der
Erkenntnisakt, der zugleich ein semiotischer und kommunikativer ist, eine reibungslose
Kette der Vermittlung und Übertragbarkeit beschreibt. Im wesentlichen setzt sich dieser
sukzessive Vorgang aus den vier Gliedern der Wahrnehmung, der gedanklichen Ver-
arbeitung, der vom Intellekt hervorgebrachten Worte und der mit dem Sinnesorgan des
Dialogpartners gehörten Worte zusammen. Eine Variante dieses Modells besteht aus
den Phasen: 1) FRJLWDWLR; LGTXRGDQLPRJHULPXV; YHUEXPTXRGFRUGHJHVWDPXV; 2) YR
FHV; ORFXWLR; VRQXP; 3) LQ DXGLHQWHV DQLPXP (De doctr. I, xii, 12). Worte entstehen
demnach im Intellekt (YHUEXPTXRGFRUGHJHVWDPXV) und materialisieren sich dann in
der Gestalt von Worten (YRFHV), Reden (ORFXWLR), Lauten (VRQXP).441
Dem oben beschriebenen Ablauf kann auch die Wahrnehmung von UHV oder
YHUEDvorangehen.442 Bei dem Empfänger wiederholt sich dann ein ähnlicher Vorgang,
439 Vgl. Jackson, The Theory of Signs in St. Augustine’s 'HGRFWULQDFKULVWLDQD, S. 27.
„Sed haec atque huismodi signa corporalia [er spricht von Mimik und Gestik] sive auribus sive oculis
praesentibus quibus loquimur exhibemus. Inventae sunt etiam litterae per quas possemus et cum
absentibus conloqui, sed ista signa sunt vocum, cum ipsae voces in sermone nostro earum quas co-
gitamus signa sint rerum (De doctr. II, iii, 4).“
Vgl. dazu auch, De dialectica, V, 14-17.
440 Dem Sehen des inneren Wortes, d.h. dem Gedankenlesen, - Augustin zitiert Mt 9, 3-4 -, kommt ein
größerer Zeugniswert zu als den gehörten bzw. gesprochenen Worten. In Analogie dazu genießt die
Heilige Schrift als sekundäres Zeichensystem den Vorzug vor der gesprochenen Rede. Ihre Texte
konservieren die religiöse Heilswahrheit jenseits aller Sprachgrenzen und historischen Differenzen.
Vgl. dazu De trin. XV, x, 19, 65 ff.: „Quisquis igitur potest intellegere verbum non solum antequam
sonet, verum etiam antequam sonorum eius imagines cogitatione voluantur (hoc est enim quod ad
nullam pertinet linguam, earum scilicet quae linguae appellantur gentium quarum nostra latina est),
quisquis, inquam, hoc intellegere potest iam potest videre SHUhoc VSHFXOXP atque LQhoc DHQLJPDWH
aliquam verbi illius similitudinem de quo dictum est: ,QSULQFLSLRHUDWYHUEXPHWYHUEXPHUDWDSXG
GHXPHWGHXVHUDWYHUEXP“ Bibelzitate im Kursivdruck: I Cor 13, 12 und Ioh 1, 1. Das YLGHUHimpli-
ziert traditionell ein kognitives Moment, - LQWHOOHJHUHist gleich YLGHUH was vollends die Fortführung
der Stelle aus dem Korintherbrief belegt, in der Paulus das jenseitige Leben beschreibt: „tunc autem
facie ad faciem/nunc cognosco ex parte/tunc autem cognoscam sicut et co-/gnitus sum.“
441 Da Augustin zentrale Begriffe der Zeichentheorie homonym verwendet, erscheint seine Terminologie
auf den ersten Blick verwirrend. Wie im Falle des YHUEXP, mit dem Augustin bald das innere, im Intel-
lekt erzeugte, bald das ausgesprochene oder geschriebene Wort, d.h. das in seiner immateriellen
Bedeutung gedachte Wort oder das Wort als materielles Zeichen der Bezeichnung und der intendier-
ten Bedeutung, bald das YHUEXP der Bibel als inkarnierten Logos Gottes meint, bezeichnet auch der
Begriff der UHVbei Augustin verschiedene Inhalte. Zunächst ist UHVein allesumfassender Oberbegriff
wie das Sein, unter den alles Existierende subsumiert wird, also auch die in geschriebenem oder ge-
sprochenem Modus materialisierten Zeichen. Sodann verweist UHV auf die außerhalb des Bewußt-
seins exisitierenden Dinge und Sachverhalte, die erst durch die VLJQDQDWXUDOLDund die VLJQDGDWD
angeeignet werden müssen.
442 Vgl. dazu das tabellarische Schema, in: Ebd., S. 16.
236
der allenfalls leicht variiert. Am Anfang hört er die YHUED als YRFHV, die deutet er dann
nach Ähnlichkeiten suchend als VLJQDGDWD im Intellekt, der nun seinerseits YHUEDer-
zeugt.
7.4.7 Die absolute Bedeutung der christlichen Offenbarungswahrheit
Durch die theologisch fundierte Qualität der Gedanken (FRJLWDWLR) sind also bei
Augustin die Dinge und die Sachverhalte mit den gesprochenen oder geschriebenen
Worten relativ problemlos vermittelt. Anders gesagt, Augustin zählt die YHUEDim weite-
ren Sinn zu den materiell wahrgenommenen und im engeren Sinne zu den in ihrer Be-
deutung verstandenen bzw. gedachten UHVWeil er aber den äußeren UHV der Sachen
und Sachverhalte, wie oben von Jackson gesagt wurde, eine natürliche Ähnlichkeits-
beziehung zu den VLJQDGDWDabspricht, zugleich aber aus bibelhermeneutischen Grün-
den eine Einheit von Wort, Bezeichnung und intendierter Bedeutung postulieren muß
(GLFWLR), liegt die erkenntnistheoretisch problematische Vermittlungsfunktion der Spra-
che als Vehikel der Gedanken außerhalb seines theologischen und ontologischen Be-
gründungszusammenhangs. Ausgangs- und Zielpunkt der augustinischen Hermeneutik
bildet die sich selbst gleichbleibende Offenbarungswahrheit des Schöpfergottes, an de-
ren wiedererkennender Erinnerung die menschliche Vernunft partizipiert.
Für den Austausch der linguistischen Zeichen gilt daher das „l'arbitraire du
signe“ Saussures, insofern die Zeichen in ihrer konventionell festgelegten Verwei-
sungsfunktion aufgehen, an ein verstehendes Subjekt gerichtet sind und bestimmte UHV
repräsentieren.Augustin begreift aber die wahren UHVals in ihrer absoluten Gültigkeit
von keiner Veränderung anfechtbare Gedanken, so daß sie durch alle Sprachen und
über alle Zeiten hinweg prinzipiell vermittelbar bleiben. Damit spricht er den linguisti-
schen Zeichen eine ubiquitäre Vermittlungsfähigkeit zu, die ihre theoretische Fundie-
rung im Wort Gottes hat. Ebensowenig wie das Wort Gottes einer substantiellen Ver-
änderung durch den sterblichen Körper unterworfen ist, beeinträchtigt die Hülle des
hörbaren oder sichtbaren Zeichens die Übertragung eines Gedankensinns in andere
Ausdrucksformen. Ein Zeichen ist per Definition immer bedeutungstragend, seinen tie-
feren Sinn offenbart es aber erst im Licht des „richtigen Verständnisses“ der ewigen
Wahrheit.443
443 Markus, St. Augustine on Signs, S. 81 f.: „Here [De doctr. II, i, 1] the light of the eternal truth dwelling
in the mind does not shine upon the 'word' as upon something opaque and meaningless without illu-
mination. The 'word', in so far as it is anything at all, is meaningful; this illumination is required not to
237
Aus Gründen der allegorischen Auslegungsmethode tritt in Augustins Herme-
neutik häufiger der Fall auf, daß eine Bibelstelle der christlichen Dogmatik am nächsten
kommt, wenn die Deutung von dem konkreten Redeanlaß abstrahiert und die in der
Rede schon enthaltene figurative Bedeutung allegorisch überhöht wird.444 Die sich
hieraus ergebenden semantischen Abweichungen sind aber deswegen akzeptabel,
weil die unmittelbar verständliche Bedeutung einer Textpassage bei einem größeren
Unterschied zu den Vorschriften der Glaubenslehre die Aufforderung enthält, nach ei-
ner zweiten oder dritten Deutungsebene zu suchen, die dann der „eigentlichen“ Bedeu-
tung entspricht.
7.5 Die nominalistische Zeichentheorie Bacons und Ockhams
7.5.1 Bacons Abkehr vom augustinischen Bedeutungsbegriff
Andrea Tabbaroni bezeichnet Augustins kanonisch gewordene Definition: VL
JQXPHVWHQLPUHVSUDHWHUVSHFLHPTXDPLQJHULWVHQVLEXVDOLXGDOLTXLGH[VHIDFLHQV
LQFRJQLWLRQHPYHQLUH(De doctr. II, i, 1, 5-7) als das augustinische Paradigma, das sich
im Mittelalter mit der aristotelischen Forderung verband, wonach VLJQLILFDUH die For-
mung eines Konzeptes bedeute und eben nicht primär die Bezeichnung der UHVdurch
die Worte. Dieses ursprünglich im Ideenrealismus Platons begründete, intensional
ausgerichtete Signifikationskonzept, das die spätantiken Autoritäten Boëthius und ins-
besondere Augustin an das christliche Europa weitergaben, wurde bis zu dem Wechsel
confer upon the ’word’ its meaning, but rather to generate a YHUEXPof a thing in so far as it is dis-
cerned and evaluated in this light.“
444 Vgl. Andreas Kablitz, Rhetorik vs. Hermeneutik?, S. 128 f. Er zitiert die Deutung Augustins (De doctr.
II, xvi, 24) von Mt 10, 16, wonach die Jünger Jesu so listig wie die Schlangen sein sollen, als Beispiel
dafür wie er rhetorische Figuren in die Kategorien der christlichen Glaubenslehre übersetzt. Augustin
setzt allegorisch den Kopf der Schlange mit dem Messias und den Körper mit der Gemeinschaft der
Christen gleich. Sowie die Schlange den Kopf mit ihrem Körper schütze, so dürfe der Körper der
Christen nicht geschont werden, er müsse im Notfall den Tod erleiden, falls es darum ginge, den
Kopf aus einer lebensbedrohlichen Situation zu retten. Statt sich an das Wortmaterial zu halten, was
der Text hergibt, sucht Augustin für seine allegorischen Deutungen Ähnlichkeiten zwischen den na-
türlichen Merkmalen der in der Bibel genannten Dinge und einem darin ausgedrückten allegorischen
Gedanken. Wahrscheinlich denkt er an das spätere Martyrium vieler Christen und projiziert dieses
historische Faktum auf die Bibelworte zurück. Jedenfalls produziert seine Allegorese einen allgemei-
nen Sinn, indem er den einfachen Vergleich zu einer Allegorie erweitert, die den situativen Redean-
laß - die Verfolgung der Jünger bei der Verbreitung des Evangeliums in der Welt - bei weitem über-
steigt.
238
der Perspektive auf die Außenseite der Sprache durch Roger Bacon und Wilhelm von
Ockham grundsätzlich beibehalten.445
Bei Augustin ist die Beziehung zwischen den Wörtern und den Dingen durch die
Konzepte bzw. die Spezies oder den Intellekt vermittelt.446 Mit anderen Worten: Zei-
chen bedeuten (VLJQLILFDWLR) einen geistigen Inhalt, d.h. sie verweisen direkt auf die ih-
nen zugrundeliegenden Konzepte. Erst wenn die semiotisch relevante, psychologische
Voraussetzung erfüllt ist und ein Zeichen in seinem ideellen Sinngehalt kognitiv erfaßt
wird, kann die Sache selbst durch dasselbe Zeichen indirekt bezeichnet werden (GHQR
WDWLRGHVLJQLILFDWLRQRPLQDWLR).
Wie oben gezeigt werden konnte, ist im augustinischen Zeichenmodell die zu
bezeichnende Sache nur aufgrund einer zu suchenden Ähnlichkeitsbeziehung mit dem
direkt bedeuteten Konzept bzw. der Spezies oder dem Intellekt verbunden. Ein verba-
les Zeichen wird im Intellekt erzeugt. Daraus ergibt sich die Subordination einer exten-
sionalen Bezeichnung der UHV (GHQRWDWLR) unter das vorrangige Begreifen eines Zei-
chens auf der Grundlage eines intensionalen Bedeutungskonzeptes (VLJQLILFDWLR).447
In dem zeichentheoretischen Traktat 'De signis'448 unterbricht Bacon die direkte
Verbindung zwischen den linguistischen Zeichen und der in den Konzepten enthalte-
nen universalen Bedeutung und ordnet diese der Bezeichnung der konkreten Einzelsa-
chen unter, die dem empirischen Fall entsprechen sollen.449 War vorher die extensio-
445 Ebd., S. 196: „(...) opinions clashed over the conception of the relationship between YR[FRQFHSWXV
and UHV. Do words signify things directly or do they signify firstly concepts and only reach the level of
UHVthrough the intermediary link of concepts? In his commentary on the 'HLQWHUSUHWDWLRQHBoethius
declares that he is in agreement with the second solution, and also Scotus, although with some varia-
tions, until in the beginning years of the fourteenth century it became the RSLQLRFRPPXQLVat Oxford.“
446 Vgl. zu den folgenden Ausführungen eines Wandels der mittelalterlichen Signifikationslehre von der
intensionalen zu der extensionalen Seite, Umberto Eco, Denotation, in: On the Medieval Theory of
Signs, Hg. von U. E./Costatino Marmo, Amsterdam/Philadelphia 1989 (= Foundations of Semiotics,
21), S. 43-77.
447 Ebd., S. 49 beschreibt Umberto Eco die auf Augustin und Boëthius fußende Signifikationslehre:
„From Augustine to the XIIIth century, in the medieval tradition, the possibility of referring to things is
always mediated by meaning. 'Significatio' is the power that a word has to arouse in the mind of the
hearer a thought, through the mediation of which one can implement an act of reference. For Augus-
tine 'signum est enim res praeter speciem, quam ingerit sensibus, aliud aliquid ex se faciens in cogi-
tationem venire' ('HGRFWULQDFKULVWLDQD II, 1, 1) and signification is the action of sign upon the mind.“
Vgl. ebd. S. 49 ff. die strukturell gleichen Zeichenmodelle von Augustin und Boëthius.
448 An Unedited Part of Roger Bacon's 'Opus Magnus': 'De Signis', Hg. von K. M. Fredborg, Lauge Niel-
sen and Jan Pinborg, in: Traditio, Studies in Ancient and Medieval History, Thought, And Religion 34
(1978), 75-136.
449 Vgl. zu Bacons Zeichenmodell ebd. S. 58-62, hier S. 62: „Bacon is mainly interested in the exten-
sional aspect [...] and this is why in his treatise the relation between words and what is the case as-
sumes a central position while the relation between word and their meaning becomes at most a sub-
species of the referential relationship. Thus one understands why in his terminological framework
'VLJQLILFDWLR' undergoes a radical change in its sense. Before Bacon 'QRPLQDQWXUVLQJXODULDVHGXQL
YHUVDOLDVLJQLILFDQWXU', with and after Bacon 'VLJQLILFDQWXUVLQJXODULD', or at least 'VLJQLILFDQWXUUHV' (even
though a res can also be a class, a feeling, a species).“
239
nale Bezeichnung eine Funktion der intensionalen Bedeutung, besteht bei Bacon die
einzige Bedeutung eines Satzes darin, ob etwas der Fall ist. Bacon bedient sich wie
später auch Ockham der neu entstandenen Suppositionslehre. Er analysiert mit deren
Hilfe, ob ein Terminus in einem Satz direkt für ein Individuum oder indirekt für eine
Klasse bzw. eine Spezies steht. Ein Wort bezeichnet demnach im Sinne der VLJQLILFDWLR
eine Einzelsache, wenn es auf etwas wirklich Vorhandenes verweist. Dagegen besit-
zen Worte im Verhältnis zu Konzepten nur noch Symptomcharakter, d.h. die Bedeu-
tung eines Konzeptes wird vom Wort angedeutet bzw. konnotiert, nicht aber direkt be-
zeichnet.
Für Bacon sind natürliche Zeichen mentale Bilder (Spezies) von extramentalen
Objekten, also Vorstellungen von realen Gegenständen, im Unterschied zu den kon-
ventionellen Sprachzeichen. Damit nimmt er ihnen die semiotische Scharnierfunktion
der Bedeutungsfestlegung zwischen den linguistischen Zeichen und den UHV, indem er
sie psychologisch und nicht linguistisch bewertet.450 Sie sind zwar noch Zeichen von
Sachen, doch nur noch in ikonischer und nicht mehr in konventionell linguistischer
Weise. Sie stellen eine Beziehung zu einem äußeren Objekt her, sind folglich also kei-
ne VLJQDGDWD, d.h. laut Bacons Terminologie, konventionelle Zeichen im Inneren des
Intellekts. Ein Satz wie KRPRHVWDQLPDOist eine sekundäre konventionelle Benennung
(LPSRVLWLR) und bezeichnet die Gattung im Gegensatz zu der primären Benennung des
äquivoken Subjektes im Satz KRPRFXUULW, der das existierende Einzelobjekt bezeich-
net. Die Bedeutung des Subjekts hängt davon ab, wofür es im Satz supponiert.
Eco nennt als Beispiel aus 'De signis' das Emblem des Faßringes, FLUFXOXVYLQL,
der auf den Aushängeschildern der Tavernen figuriert und als konventionelles Zeichen
auf den Weinausschank im Gasthaus verweist.451 Insofern das Emblem des Faßrings
Metonymie und Synekdoche zugleich ist, kann es von allen als konventionelles Zei-
chen verstanden werden. Wenn nun ein Gast den Ring sieht, und das Gasthaus
schenkt tatsächlich Wein aus, bezeichnet der Ring den aktuellen Wein. Gibt es aber
keinen Wein, und der Gast hat sich von dem Zeichen täuschen lassen, hat der Ring
seine primäre Bedeutung verloren. Zum Referenten des Zeichens wird nun die Idee
oder das Bild, das sich der Getäuschte in seinem Geist gemacht hat. Für diejenigen
aber, die wissen, daß es in der bestimmten Taverne keinen Wein gibt, hat der FLUFXOXV
450 Ebd., S. 59: „For Roger Bacon signs are not reffered to their referent through the mediation of a men-
tal species, but point directly or are posited in order to refer immediately to an object. It does not mat-
ter whether this object is an individual (a concrete thing) or a species, a feeling, a passion of the soul.
What counts is that between a sign and the object it has been appointed to name, WKHUHLVQRPHQWDO
PHGLDWLRQ. In other words we will see that Bacon uses 'significare' LQDPHUHH[WHQVLRQDOVHQVH“
451 Vgl. ebd. S. 60 f. Das Beispiel entnimmt Eco 'De signis' IV, 2, 147
240
YLQLseine Signifikanz verloren. Es gilt dann der Satz: &RUUXSWDUHFXLIDFWDHVWLPSRVL
WLR, QRQUHPDQHELWYR[VLJQLILFDWLYD (De signis, IV, 2, 147). Das Zeichen kann auch bei-
behalten werden, wird dann aber in der zeitlich veränderten Bedeutung eines Rück-
blicks verwendet. Sprechen wir z. B. über die Ideen des verstorbenen Sokrates, ver-
wenden wir seinen Namen in einer übertragenen Bedeutung. Fällt die an die Existenz
eines Referenten gebundene Wahrheitsbedingung fort, erfassen wir die Dinge nur
noch im metaphorischen Modus einer sekundären Bedeutung.452 Folglich fließen histo-
rische und psychologische Aspekte und das dadurch bedingte Bewußtsein semioti-
scher Variabilität in die Beurteilung der menschlichen Vernunft- und Deutungskompe-
tenz ein.
7.5.2 Die Krise des Ding-Begriffs und das Täuschungspotential der verbalen Zei-
chen
Von höchster Relevanz für ein gelehrtes Literaturverständnis der Zeit mußte
Ockhams Verneinung der ontologischen Qualität der Universalien und deren Auffas-
sung als bloße linguistische Ausdrucksformen zur Bezeichnung wirklicher Dinge sein.
Wissen bildet Wirklichkeit nicht ab, sondern bezieht sich bestenfalls auf sie. Wörter
stehen auf verschiedenen Bedeutungsebenen für die sie bezeichnenden Dinge. Dies
nachzuweisen, ist nach Ockhams Ansicht eine Aufgabe der Wissenschaften.453
Andrea Tabarroni beschreibt das Ziel von Ockhams Aussagenlogik wie folgt:
„For him mental language is the ideal logical language, absolutely free of any charac-
teristic that is not strictly functional for the purpose of representation, where neither
synonymy nor equivocity nor any other form of syntactic impurities find a place. The
signs of this language are 'symbols' in the sense defined by Wittgenstein in his 7UDF
WDWXV“454 Ockham billigt der Sprache nur dann einen Wahrheitswert zu, wenn mit ihr
logische Sachverhalte erfaßt werden. Logische Satzanalysen dienen dem Ziel einer i-
dealen Wissenschaftssprache, die ein Instrument zur verbalen Formulierung sprachli-
cher Gedanken, d.h. mentaler Sprachzeichen bereitstellen soll, die möglichst direkt UHV
452 De signis, IV, 2, 148: „Et ideo si obiciatur quod rebus corruptis utimur vocibus illarum significative, ut
licet Socrates sit mortuus, loquimur de eo laudentes aut vituperantes eum aut de more dolentes aut
gaudentes et multis aliis modis, sciendum quod hoc [est] verum est, sed recipit aliam significationem
per transumptionem factam de novo ipsius vocis ad praeteritum.“
453 Kurt Flasch, Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Darmstadt 1987. Zu Ockham Kapitel XI
„Harmonisierung oder Kritik - Lutterells Einwände gegen Wilhelm von Ockham“, S. 149-165; S. 153 f.
454 Ebd., S. 214.
241
denotieren. Mentale Sprachzeichen entstehen in Denkakten unter Ausschaltung von
zwischengeschalteten Spezies und führen zur direkten Kenntnis einer Sache, oder sie
reaktivieren eine schon vorhandene Einsicht, die dann direkt auf die Sache verweist.455
Zu diesem Zweck sollen sprachliche Ambivalenzen, wie sie in der Kommunikation und
Rhetorik auftreten, soweit wie möglich zugunsten einer rein darstellenden Funktion au-
ßersprachlicher Wirklichkeit zurückgedrängt werden.
Ähnlich Bacon unterscheidet Ockham zwischen der unteilbaren Existenz der
Einzeldinge und den Universalien als geschriebenen, gesprochenen oder gedachten
Sprachzeichen, die von den außersprachlichen Dingen abstrahieren. In der 'Summa to-
tius logicae' (I, 15), Ockhams Hauptwerk zur Logik, formuliert er in negativer Weise die
nominalistische These: >@ QXOOXP XQLYHUVDOH VLW DOLTXD VXEVWDQWLD H[WUD DQLPDP H
[LVWHQV>@1XOODLJLWXUVXEVWDQWLDVLQJXODULVHVWDOLTXRGXQLYHUVDOH456Folglich stuft er
die Universalien als sprachliche Begriffe, nicht als UHVXQLYHUVDOLDauf die Kategorie lin-
guistischer Zeichen zurück und versteht sie neben der Schrift und den Worten als Zei-
chen, die alle die konkrete Beschaffenheit der außersprachlichen UHV nur annähe-
rungsweise wiedergeben.457 Im 'Sentenzenkommentar' bemerkt er, daß sich nur reale
Entitäten voneinander unterscheiden.458 5HVsind also immer von sprachlichen Kon-
zepten bzw. mentalen Sprachzeichen und von verbalen Aussagen ontologisch ge-
trennt. Weder geschriebene und gesprochene Sätze noch Gedanken vermögen die UHV
vollständig zu beschreiben. Das heißt zwar nicht, daß die Einzeldinge prinzipiell keine
den sprachlichen Konzepten korrespondierende Signifikanz besäßen.459 Doch deutet
diese Krise des Ding-Begriffs, die zugleich eine sprachphilosophische und epistemolo-
gische ist, auf die Hinwendung zur Empirie in späterer Zeit, mithin auf die Trennung
von Natur- und Geisteswissenschaften.
Insofern Universalien psychische Realitäten des Denkaktes sind, die aufgrund
ihrer natürlichen Ähnlichkeit die außersprachlichen Objekte direkt bezeichnen, heißen
455 Vgl. Philotheus Boehner, Ockham’s Theory of Signification, in: Collected Articels on Ockham, Hg.
von E. Buytaert, New York u. a. 1958, S. 213 f.
456 SL, I, 15, 2, 3.
457 Vasoli, La „crisi“ linguistica trecentesca, 250 f.
458 Vgl. Comm. Sent. Ordinatio, Prol., q. I, art. 1, New York 1967 (= Opera omnia philologica et the-
ologica, 2).
459 Zur Significationslehre Ockhams vgl. Costatino Marmo, Guglielmo di Ockham e il significato delle
proposizioni, in: Versus, Quaderni di studi semiotici, 38/39 (1984), S. 115-148.
Vgl. Marilyn McCord Adams, Ockham's Individualisms, in: Die Gegenwart Ockhams, Hg. von Wilhelm
Vossenkuhl und Rolf Schönberger, Weinheim 1990, S. 3-25.
242
sie VLJQDQDWXUDOLDbzw. VLJQDPHQWDOLD.460 Mangels artifizieller YRFHVDGSODFLWXPgibt
es nur im primären Denkakt der mentalen Sprachzeichen den direkten Bezug auf au-
ßersprachliche UHV. Diese Zeichen entstehen während des Denk- und Erkenntnisvor-
gangs. Konventionelle bzw. artifizielle Sprachzeichen dagegen führen nur zu einem
sekundären Denkakt auf der Grundlage eines habituellen Wissens, das aus einem vor-
herigen primären Denk- oder Erkenntnisakt gewonnen wurde. Gesprochene Sprach-
zeichen verweisen zwar auch unter Ausschaltung von Zwischengliedern direkt auf UHV,
müssen dazu aber erst mit mentalen Zeichen assoziiert werden.461
Wie erwähnt, streicht Ockham die Mittlerfunktion der Spezies aus seinem semi-
otischen Modell und setzt statt des triadischen Schemas von Subjekt - Spezies - Objekt
bzw. von Subjekt - Zeichen - Objekt ein einfaches bipolares Schema von Subjekt und
Objekt. In seiner Intellectio-Theorie ersetzt er das Abbild- und Ähnlichkeitsmodell durch
das des linguistischen Symbolismus.
Cui non placet ista opinio de talibus fictis in esse obiectivo potest tenere quod con-
ceptus et quodlibet universale est aliqua qualitas existens subiective in mente, quae ex
natura sua ita est signum rei extra sicut vox est signum rei ad placitum instituentis. Et
tunc potest dici quod per omnem modum sicut voces et signa voluntarie instituta quae-
dam significant res extra proprie et per se, cuiusmodi sunt categoremata, et quaedam
sunt quae non significant sed tantum consignificant cum aliis, cuiusmodi sunt syn-
categoremata ... ita sunt quaedam qualitates existentes in mente subiective, TXLEXVH[
QDWXUDFRPSHWXQWWDOLDSURSRUWLRQDELOLWHUTXDOLDFRPSHWXQWYRFLEXVSHUYROXQWDULDP
LQVWLWXWLRQHP Nec videtur hoc magis inconveniens in intellectu posse elicere aliquas
quae sunt naturaliter signa rerum, quam quod bruta animalia et homines aliquos sonos
emittunt quibus naturaliter competit aliqua alia significare. Est tamen in hoc differentia
quod bruta et homines tales sonos non emittunt nisi ad significandum aliquas passiones
vel aliqua accidentia in ipsis existentia, intellectus autem, quia est maioris virtutis quan-
tum ad hoc, potest elicere qualitates ad quaecumque naturaliter significandum.462
460 Philotheus Boehner, Ockham’s Theory of Signification, S. 216-17: „The relation of these mental signs
to the things signified by them is that of a natural sign to that which it naturally signifies. This means
that their signification does not depend on an act of will: or in other words, they are not instituted DG
SODFLWXPpositively expressed, their signification depends only on the natural relation between intel-
lection and the object conceived by this intellection. (...) Hence the cognition, which is the effect of
univocal causes, is similar both to the object and the intellect, to the latter by being immaterial or
spiritual, to the former by being a similitude of it; in other words, the act of cognition is a spiritual as-
similation of the object known.“
461 Ebd., S. 219 ff.: „The spoken sign signifies the thing primarily and absolutely, that is, without regard to
any other sign (the spoken or written one). The spoken language sign signifies the thing immediately,
but in dependence upon the mental language-sing. That is what is meant when Ockham says that the
spoken language-sign signifies immediately and directly the significate, which is the thing and not the
concept, and in subordination to the mental language-sign or concept.“
462 Guillelmi de Ockham Scriptum in librum primum Sententiarum (Ordinatio), Hg. von G. Gal, S. Brown,
Vol. II., St. Boanventure University, New York 1967 (= Opera Theologica, 2), S. 289, 1.12-290, 1.11.
Mit ILFWDoder LGROD LQHVVHREMHFWLYR sind im Gegensatz zu wirklich existierenden Objekten LQHVVH
VXEMHFWLYHhandwerkliche Gegenstände wie Statuen gemeint die dem Handwerker zum Vorbild für
die Anfertigung analoger anderer dient.
Nach der Kritik seines Ordensbruders Walter Chatton an den 6HQWHQWLDH gab Ockham die sog. „ILF
WXP-Theorie“ zugunsten der „LQWHOOHFWLR-Theorie“, die Ähnlichkeitsbeziehung zugunsten einer ideal lo-
gischen Sprache auf.
243
Wem die Ansicht von den Bildern im HVVHREMHFWLYR nicht gefällt, kann behaupten,
daß ein Konzept oder irgendein Universale eine beliebige Eigenschaft darstellt, die sub-
jektiv im Geist besteht. Diese Eigenschaft ist von ihrer Natur aus das Zeichen einer äu-
ßeren Sache wie das Wort das Zeichen einer konventionellen Sache ist. Schließlich
kann man sagen, daß in jedem Fall einige, gleichsam Worte und konventionelle Zei-
chen, die äußeren Dinge eigentlich und für sich bezeichnen. Das sind die Kategorema-
ta. Die anderen bezeichnen nicht, sondern bezeichnen nur mit anderen zusammen. Das
sind die Synkategoremata. So gibt es also einige Eigenschaften, die subjektiv im Geist
existieren, welche von Natur aus solchen [Sachen] entsprechen, wie sie proportional
den Worten durch ihre willkürliche Einrichtung entsprechen. Dabei scheint der Intellekt
nicht größere Mühe aufzuwenden, irgendwas hervorzubringen, was natürliche Zeichen
der Dinge sind, wie wilde Tiere und Menschen irgendwelche Geräusche produzieren,
denen es natürlicherweise zukommt, irgendetwas anderes zu bezeichnen. Dennoch be-
steht dabei ein Unterschied, weil Tiere und Menschen solche Geräusche nur hervor-
bringen, um damit irgendwelche Leidenschaften oder irgendwelche Zufälligkeiten in ih-
ren Seinszuständen zu bezeichnen. Der Intellekt aber, weil er eine größere Kraft besitzt,
kann Eigenschaften hervorlocken, um damit Beliebiges natürlich zu bezeichnen. [Über-
setz. vom Verf.]
Synkategoremata strukturieren Sätze wie Gedanken. Deshalb bezeichnet sie
Ockham zusammen mit den Kategoremata als mentale oder natürliche Zeichen. Folg-
lich gibt er die platonische Idee als Verbindungsglied zwischen Wort und Sache zu-
gunsten einer direkten Entsprechung von natürlichem Konzept und natürlicher Sache
bzw. konventionellem Wort und natürlicher Eigenschaft auf. Die Preisgabe der bildli-
chen Modellvorstellung (ILFWXP) LQHVVHREMHFWLYRzugungsten einer Logik des Satzes LQ
HVVHVXEMHFWLYRrechtfertigt er mit der Logik als natürliches und universelles Organisati-
onsmittel des Denkens und Redens. Unabhängig davon, ob ein konventionelles Wort
direkt eine Sache und indirekt einen Gedanken bedeutet oder ein Gedanke Referent
einer Sache ist, beide Bezeichnungsweisen geschehen im Medium der natürlichen Lo-
gik. Daraus ergibt sich, daß die epistemologische Grenze des aktiven oder passiven
Verstehens mit der Vermittlungsfähigkeit sprachlicher Zeichen zusammenfällt.
Ideo dico quod pluralitas non est ponenda sine necessitate, ideo intellectus agens
et possibilis sunt idem omnino re et ratione. Tamen ista nomina vel conceptus bene
connotant diversa, quia agens significat animam connotando intellectionem proceden-
dam ab animam active; Possibilis autem significat eandem animam connotando intellec-
tionem receptam in anima. Sed omnino idem est effective et recipiens intellectionem.463
Daher meine ich, daß eine Mehrzahl nicht ohne Not behauptet werden muß, des-
wegen, weil der handelnde und der potentielle Intellekt von der Sache und der Ursache
identisch sind. Doch konnotieren diese Nomina oder Konzepte wohl Verschiedenes, in-
sofern der handelnde Intellekt die Seele bezeichnet, die einen Gedanken aus der akti-
ven Seele konnotiert. Der potentielle Intellekt aber bezeichnet dieselbe Seele, die einen
in der Seele empfangenen Gedanken konnotiert. Dennoch ist der empfangende und der
aktive Denkvorgang ein und dasselbe.
463 Zitiert nach Tabarroni, Mental Signs, S. 219, Anm. 18, aus: Guillelmi de Ockham Quaestiones in li-
brum secundum Sententiarum (Reportatio), Hg. von G. Gal und R. Wood, St. Bonaventure Univer-
sity, New York 1981 (= Opera Theologica, 5), Rep. II., q 20, S. 442, l.233-443, 1.3.
244
Produktion und Rezeption von Zeichen sind gleichwertige Aspekte desselben
Denkvorgangs. Gedanken mit Absolutheitsanspruch auf der Grundlage von Augustins
PHPRULD-Lehre kommen demnach nicht in Betracht. Allerdings bestehen im kommuni-
kativen Austausch zwischen einem aktiven Denkvorgang und einem von außen durch
Sprachzeichen angeregten passiven Verstehensprozeß konnotative Unterschiede hin-
sichtlich dessen, was gemeint und was verstanden wird. Die subjektive Bedeutungsab-
sicht des Meinens und Fürwahr-Haltens und die auf konventionellen Festlegungen be-
ruhende Deutung sprachlicher Zeichen konfligieren.
Ein absichtsvoller Gedanke vor jeder sprachlichen Äußerung kann im Unter-
schied zu den rememorativen Zeichen in keiner Weise falsch sein oder täuschen. Wie
schon Augustin voraussetzte, ist es einem Menschen unmöglich, etwas absichtsvoll
falsch zu denken, oder anders formuliert, er kann sich nicht in Gedanken selbst belü-
gen. Absicht und Gedanke sind eins. Andernfalls wäre der Definition der Lüge als einer
bewußten Falschaussage die theoretische Grundlage entzogen.
Betrachtet man aber den Gedanken als interaktives Zeichen in einem fiktiven
Dialog, wie z. B. im Falle eines Gesprächs zwischen Engeln, tritt automatisch die Mög-
lichkeit eines absichtsvollen Mißbrauchs des Zeichens in Kraft. Ob eine verbale Äuße-
rung wahr oder falsch ist, hängt also von der inneren Kenntnis des mentalen Sprach-
zeichens ab und davon, ob jemand einem anderen seine Gedanken wahrhaft mitteilen
möchte. Ohne Vorhandensein eines mentalen Sprachzeichens wäre eine verbale oder
eine nonverbale Äußerung das Symptom eines leeren Gedankens. In der Kommunika-
tion kann man also aneinander vorbeireden oder auch bewußt sophistische Ambiva-
lenzen produzieren. Erst die Voraussetzung, daß der Intellekt ein mentales Zeichen
bzw. einen Gedanken enthält, der in einem Kongruenzverhältnis zu außersprachlichen
Dingen steht, verleiht den linguistischen Zeichen Wahrheitswert.
Demnach besitzen mentale Sprachzeichen, gemessen an der Eindeutigkeit
dessen, was sie bezeichnen, im Vergleich zu den wörtlichen Sprachzeichen der Rede
eine größere Genauigkeit. Folglich ist die Schrift am ungenauesten bei der Wiedergabe
der Gedanken, d.h. am weitesten entfernt von der Bedeutungsabsicht.464 (WVLFXWGLF
WXPHVWGHYRFLEXVUHVSHFWXSDVVLRQXPVHXLQWHQWLRQXPVHXFRQFHSWXPHRGHPPRGR
SURSRUWLRQDOLWHUTXDQWXPDGKRF WHQHQGXP HVWGHKLV TXDH VXQW LQVFULSWRUHVSHFWX
YRFXP465
464 Vgl. das Schema von Schrift, Wort, Konzept zu den UHVbei Philotheus Boehner, Ockham’s Theory of
Signification, S. 220 f. Alle drei Zeichenarten sind im engeren Sinne Zeichen, weil sie direkt auf Sa-
chen verweisen. Im weiteren Sinne aber verweisen die Schriftzeichen auf die Signifikate der Sprach-
zeichen, diese wieder auf die Signifikate der mentalen Sprachzeichen.
465 SL [Summa logicae], I, 1, 3.
245
Der älteren Auffassung von Sprachzeichen als allgemeingültige Konzepte,
durch die Sachen bezeichnet werden, ist Ockhams Zeichentheorie geradezu entge-
gengesetzt. Er behauptet eine größtmögliche Nähe zum eigentlich Bedeuteten nur
durch das YHUEXPPHQWDOH, d.h. der „inneren Rede" des Denkens: YHUEXPPHQWDOHHVW
FRJQLWLRDFWXDOLV ,GHR ORTXLPHQWDOLWHU QRQ HVWQLVLDFWXDOLWHU FRJLWDUH466Hier drängt
sich zwar die Parallele zu Augustins YHUEXP LQ FRUGH geradezu auf. Doch der ent-
scheidende Unterschied zum YHUEXP LQ FRUGHAugustins besteht darin, daß es kein
Zeichen wie das YHUEXPPHQWDOH ist. Es erinnert eben nicht, vermittelt durch Spezies,
an ewig Gültiges, sondern erzeugt aus sich heraus neue oder alte Gedanken.
7.5.3 Die Korrelation von YHUEDund UHVin der Lehre der Supposition
Statt wie bisher die Bedeutung eines einzelnen einer universellen Prädikation
unterzuordnen und damit die UHV substantiell im linguistischen Bedeutungshorizont zu
verorten, beschreitet Ockham bei der Suche nach der logischen Wahrheit eines Satzes
stets den umgekehrten Weg der Extension: er expliziert die semantischen Einheiten,
aus denen die abstrakten Universalien zusammengesetzt sind.467 Vergleichbar der
Semiotik Bacons besitzen ausschließlich die Aussagen einen unmittelbaren Wahr-
heitswert, deren Termini für Einzeldinge oder Sachverhalte SHUVRQDOLWHU supponie-
ren.468 An zahlreichen Stellen seines Werkes bekräftigt er, daß die linguistischen Kon-
zepte nicht Teil der UHVsein können, womit er implizit gegen die Grundsätze des philo-
sophischen Realismus polemisiert.469 Eine Behauptung ist im strengen, logischen Sin-
466 Guillelmi de Ockham Quodlibeta septem, I, 6, Hg. von J. C. Wey, New York 1980 (= Opera the-
ologica, 9), S. 36 f.
467 Zu den wichtigsten Aussagen zu Philosophie und Person Ockhams vgl. Kurt Flasch (Hg.), Mittelalter,
Bd. 2, in: Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung, Hg. von Rüdiger Bubner, Stuttgart
1982, (= RUB, 9912), S. 455-481; hier bes. die Einf. zum Text bis S. 460.
468 Vgl. M. Mc Cord Adams, „What does Ockham Mean by Supposition?“, in: Notre Dame Journal of
Formal Logic 17 (1976), S. 375-391.
469 Costatino Marmo, Guglielmo di Ockham e il significato delle proposizioni, in: Versus, Quaderni di
studi semiotici 38/39 (1984), S. 115-148; hier S. 128 f.: „[...] teniamo distinto il discorso sul linguaggio
da quello sulla realtà, il metalinguaggio dal linguaggio: non sono i termini soggetto e predicato a do-
ver essere identici affinché una proposizione sia vera, ma i loro significati (nel primo o nel secondo
senso [aktuelles Signifikat oder potentielles Signifikat]). I termini in quanto qualità, inerenti al 'anima
come concetti o altrove come suoni o grafi, sono individualmente distinti l'uno dall'altro e non pos-
sono quindi essere in nessun caso identici. In secondo luogo, non essendoci essenze universali che
possono inerire agli individui in qualità di forme, non sarà lecito neppure dire che il predicato è nel
soggetto a SDUWHUHL. La critica ockhamista alla cosiddetta teoria dell'inerenza, più adeguata ad una
filosofia realista del linguaggio, è espressa in maniera simile alla precedente rivolta alla teoria dell'in-
dentità (...).“
246
ne nur dann wahr, wenn Subjekt und Prädikat für dieselbe Sache supponieren. Falsch
ist ein Satz, wenn der kategorematische Ausdruck, d.h. die bedeutungstragenden Ter-
mini im Unterschied zu den Synkategoremata, den Modalverben, Präpositionen, Kon-
junktionen, logischen Quantoren usw., kein Korrelat in der Wirklichkeit hat wie bei der
Behauptung RPQLV FKLPDHUD HVW. Kategoremata wie FKLPHDUD, KLURFHUYXV, YDFXXP,
LPSRVVLELOH supponieren zwar für nichts, haben aber ein sekundäres Signifikat durch ihr
konnotiertes Gegenteil. Ebenso wird bei FDHFXV ein konnotatives Negativprädikat - die
prädisponierte Sehfähigkeit von Geburt oder von Natur aus - automatisch vorausge-
setzt.470
Zur Feststellung der VXSSRVLWLRSHUVRQDOLVwerden absolute Begriffe und univer-
sale Sätze unter logischen Gesichtspunkten nach ihrer konnotativen Wertigkeit in Teil-
sätze zerlegt, was prinzipiell zu einer genauen Feststellung des Bedeutungsumfangs
führen kann. Nicht die „Menschheit“existiert im eigentlichen Sinne als Universale, son-
dern die Gesamtheit aller einzelnen Menschen zu einer gegebenen Zeit. Begriffspaare
der Sorte DOEXP- DOEHGRKXPDQXP- KXPDQLWDVführt Ockham mittels nominaler Defi-
nitionen auf dasselbe Konzept in einer mentalen Sprache logischer Bedeutungen zu-
rück. Diese sind deshalb als synonyme Paare zu behandeln.471
Ein Satz wie „Pfeffer wird hier und in Rom verkauft“ ist dann wahr, wenn er in
zwei konjungierte Sätze aufgelöst werden kann: „Pfeffer wird hier verkauft, und Pfeffer
wird in Rom verkauft“. Es ist aber in Wahrheit nicht derselbe Pfeffer, der hier und dort
verkauft wird. Oder wenn jemand sagt: „Diese Pflanze wächst in meinem Garten“, ist
der Satz falsch. Denn es kann nur WDOLVKHUED, d.h. eine so beschaffene Pflanze, und
nicht KDHFKHUED, diese Pflanze, SHUVRQDOLWHUsupponieren. Im letzten Beispiel würde
der Satz in lauter disjunktive Teilsätze zerlegt und die Bedeutung des Satzes auf sein
Demonstrativpronomen reduziert. Die Logik der Suppositionslehre wäre überschritten,
Wenn man z. B. sagt: KRPRHVWVSH]LHV, muß nicht, wie bei Johannes Duns Scotus, der Nachweis
erbracht werden, daß das Prädikat dem Subjekt „wirklich“ inhäriert. Nach Ockhams Suppositionsleh-
re ist VSHFLHVein Terminus zweiter Bedeutung, er kann SHUVRQDOLWHUoder VHPSOLFLWHUsupponieren.
Ersteres ist falsch, weil das Prädikatsnomen nicht direkt für die einzelnen Menschen steht, zweiteres
richtig, weil der Terminus eine Klasse bezeichnet. Das Prädikat bestimmt in diesem Fall den Suppo-
sitionstyp des Subjekts. Vgl. dazu, ebd. S. 120.
470 Ebd. S. 125 f.
471 Ebd. S. 123: „[...] i termini scritti KRPRe KXPDQLWDV(come gli altri sinonimi [KRPR- KXPDQXP]) hanno
un solo corrispondente mentale, un solo concetto che sta per tutti gli individui umani. Anche la classi-
ca distinzione tra relazioni reali e relazioni di ragione non ha più senso. Se proprio la si vuol mante-
nere, afferma Ockham, la si dovrà ridurre ad una differenza tra significati secondari: le prime
significano delle entità individuali, disposte così e così a prescindere da qualsiasi intervento dell'intel-
letto o della volontà; le seconde consignificano, invece, proprio questo intervento. Entrambi i tipi di re-
lazione sono tuttavia concetti di pari dignità, dal punto di vista logico e ontologico.“
247
um die natürlichen Dinge an sich selbst zu verifizieren.472 Ein demonstratives Verwei-
sen auf etwas ohne jede Repräsentativität, geschweige denn ein Korrelat, ein aus-
schließlich die Bezeichnungsfunktion erfüllendes Verweisen, das sich in rhetorischen
Gesten erschöpft, ist ein wichtiger poetischer Kunstgriff in Wittenwilers 'Ring'.
Um den Unterschied zwischen der intensionalen Semiotik des philosophischen
Realismus, beispielweise der Modisten473, und der extensionalen Semiotik Ockhams
zu veranschaulichen, sei folgendes Beispiel genannt.474 Wenn das Subjekt „Mensch“ in
dem Satz „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung“ durch das Subjekt „Judas“ SHUVR
QDOLWHU supponiert, kann ein Vertreter des alten semiotischen Modells auf die Ebene der
VXSSRVLWLRVLPSOH[ verweisen. Der Traditionalist stellt fest, daß das, was für Judas als
Judas nicht gilt, gleichwohl auf den Menschen Judas als einem edlen Geschöpf nach
der Menschwerdung Gottes zutrifft. Somit spricht er dem Subjekt eine vom konkreten
Einzelfall abstrahierende, intensionale Bedeutungsrichtung zu. Die Natur oder das We-
sen der Gattung Mensch nimmt der Traditionalist zum Ausgangspunkt seiner Deutung.
Ockham dagegen falsifiziert gemäß der VXSSRVLWLRSHUVRQDOLVdiesen Satz. Er ist GHYLU
WXWH VHUPRQLV, d.h. kraft der eigentlichen Bedeutung der Rede, falsch. Ockham be-
gründet das mit der Wahl des falschen Subjekts. Da nach traditionell-theologischem
Verständnis die Engel in der Hierarchie der Geschöpfe über den Menschen rangieren,
supponieren sie für den Terminus „Krone der Schöpfung“.475 Aus dem absoluten Na-
men „Engel“ als Name einer Substanz wird hier ein konnotativer oder relativer Name
472 Vgl. zu den Beispielen, Fernando Inciarte, Die Suppositionstheorie und die Anfänge der extensiona-
len Semantik, in: Antiqui und Moderni, Traditionsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten
Mittelalter, Hg. von Albert Zimmermann, Berlin/New York 1974 (= Miscellanea Mediaevalia), 126-141;
hier bes. S. 134 ff.
473 Vgl. Roberto Lambertini, L'origine è la meta, Percorsi dell'interpretazione contemporanea dei modisti,
in: Versus, Quaderni di studi semiotici 38/39 (1984), S. 91-113; hier S. 105: „Al di là delle distanze
che possono essere attribuite ad una diversità di propettiva (Ockham logico, i Modisti grammatici), lo
iato che si apre tra le due scuole di pensiero, non pare tanto caratterizzato da un rifiuto ockhamista di
considerare che le parole possano avere modi di significare diversi (...), quanto da due diverse con-
cezioni delle lingue naturali. Per gli uni vale il principio che ogni differenziazione grammaticale deve
essere spiegata in termini semantici e ricondotta ad un referente ontologico; per Ockham, invece, il
linguaggio naturale, per la sua funzione communicativa, assume caratteristiche irriducibili a differen-
ziazioni nei modi di significazione rilevanti a livello veritativo.“
Da nach Ockham nur die von allen Unklarheiten freie Sprache des Geistes univoke Bedeutungen
produziert, haftet der gesprochenen und der geschriebenen Sprache immer ein Makel der Uneindeu-
tigkeit an. Bei den Modisten gilt dagegen die Vorstellung einer Ursprache hinter oder in den ver-
schiedenen Sprachen. Daraus folgt, daß prinzipiell jedes Satzglied nach seiner ideelllen Bedeutung
befragt werden kann.
474 Vgl. dazu, Fernando Inciarte, Die Suppositionstheorie und die Anfänge der extensionalen Semantik,
in: Antiqui und Moderni, Traditionsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter, Hg.
von Albert Zimmermann, Berlin/New York 1974 (= Miscellanea Mediaevalia), 126-141; hier S. 132 ff.
475 Vgl. Guillelmi de Ockham Summa Logicae, Pars Prima, C. 66, Hg. von Ph. Boehner, G. Gál, New
York 1974 (= Opera Philosophica, 1), Summa Logicae,.
248
im Rahmen einer Definition, die eine Aufgabe, in diesem Fall eine Position im Schöp-
fungsplan, enthält.476
Und doch billigt Ockham den Satz „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung“
unter der Maßgabe der unbestrittenen Autorität der Theologie. Denn Sagen und Mei-
nen, Bedeutung und Sinn, konventioneller Sprachgebrauch und konkrete Äußerungs-
absicht oder geäußerte bzw. geschriebene Worte und mentale Sprachzeichen können
immer voneinander abweichen. Bürgt also eine Autorität für den Wahrheitsgehalt von
Äußerungen, die auf der extensionalen Bedeutungsebene falsch sind, muß ihre vermu-
tete Absicht oder ihr vermuteter Sinn gedeutet werden. Eine solche Textdeutung beruft
sich auf eine mit rationalen Analysemethoden nicht zu überprüfende Autorität. So ist
die Autoritätsinstanz ebenso absolut wie semiotisch leer und kann für widersprüchliche
Deutungen und Absichten in Dienst genommen werden.
Im ‘Ring’ zitieren die Personen beliebige Autoritäten, um ihre rhetorischen Ab-
sichten durchzusetzen. Zur Verzögerung des Krieges beruft sich Fro Laichdenman im
Kriegsrat der Lappenhauser auf die Autorität der Bibel und auf das Zeichensystem der
Astrologie (V. 7442-7509). Ihr persönliches Erscheinen im Kriegsrat der Männer be-
gründet sie mit ihrer Weisheit. Sie wisse, ein Weiser solle nicht ungebeten Ratschläge
erteilen, doch wenn es die Bedeutung der Sache erfordere, müsse er dem zuwider-
handeln.
6RZDLVVLFKQXKLQZLGHUGD]
2EHLQHUPDJJHUDWHQEDV
'DQQHLQDQGUHU]XRGHUJVFKLFKW
'LHLQDQVRJU|VVOHLFKWULIIW
'HVKDWHUUHFKWXQGGDU]XRHU
'DUXPEVRELQLFKFKRPHQKHU
8QGVDJHXFKDXFKGLHWDLGLQJPHLQ V. 7451 ff.
Das Dilemma der konnotativen Definitionen, die sich wechselseitig ausschlie-
ßen, entwertet den Sinn des absoluten Namens „Weisheit“. Auf der Grundlage ange-
maßter Autorität entscheidet sie sich für eine der beiden Definitionen, womit in einem
Zirkelschluß der Begriffsinhalt zeerstört wird. Denn die weise Beurteilung gegensätzli-
cher Definitionen von Weisheit soll hier Beweis der eigenen Weisheit sein. Die Größe
476 Vgl. zu den absoluten und konnotativen Namen, Wilhelm von Ockham, Texte zur Theorie der Er-
kenntnis und der Wissenschaft, Hg. von Ruedi Imbach, SL I, 10. Beispiele für absolute Namen sind
außerdem: Mensch, Ziege, Stein, Baum, Feuer, Erde, Wasser, Himmel, Weiße, Schwärze usw. Im
Unterschied dazu definiert Ockham ebd., S. 43, den konnotativen Namen wie folgt: „Ein konnotativer
Name ist ein solcher, der etwas an erster Stelle und etwas an zweiter Stelle bedeutet. Ein solcher
Name besitzt im eigentlichen Sinne eine Definition, welche ausdrückt, was der Name bedeutet.“ Hin-
gegen können absolute Namen als Namen einer Substanz verschiedentlich erklärt werden. Alle Er-
klärungen sind zwar gleichermaßen wahr, bedeuten aber immer etwas anderes. Absolute Namen
haben also keine eigentliche Bedeutung und besitzen deswegen auch keine Namensdefinition.
249
oder Bedeutung einer Sache erkennt demnach der Weise, weil er sich nach seinem ei-
genen Gutdünken für bedeutend und weise hält, und nicht weil die Sache objektiv be-
deutend wäre. Ist doch die Bedeutung der JVFKLFKW das Produkt und nicht der Aus-
gangspunkt des rhetorischen Streites. Sie ist so wenig objektiv wie die Weisheit und
Deutungskompetenz der Frau Laichdenman.
Nach dieser Einleitung verweist sie darauf, daß Lappenhausen von einem Kna-
ben regiert wird. Seine Jugend und die des Rates PDJXQVDQGHUVQLFKW]EHWHXWHQ (V.
7461) als das, was der Bibelspruch ausdrückt:
'DQQVDPLFKHVJHVFKULEHQVYLQG
:HGHPODQGHGD]HLQNLQG
+DEHQPXRVV]HHLQHPKHUUHQ V. 7462 f.
Zwar stützt sie ihre Untergangsvision auf die Autorität Salomons.477 Doch miß-
braucht sie nicht allein die Heilige Schrift als Orakel, sondern nutzt zum selben Zweck
auch das graphische Zeichensystem der Astrologie. So findet sie in der heiligen wie in
der ketzerischen Schrift „den Beweis“ für Lappenhausens Kriegsunglück: 'D]KDELFK
DOOHVVDPSWJHOHVHQ,QGHUJVFKULIWXQGPXRVVDXFKZHVHQ(V. 7476 f.). Allegorisch ord-
net sie signifikante Eigenschaften der Nissinger (Schmiede, Metzger) dem Planeten-
gott Mars und die entgegengesetzten der Lappenhauser (Weber, Schneider) der
Planetengöttin Venus zu, nur um am Ende wieder zu demselben Schluß der sicheren
Niederlage Lappenhausens zu kommen.478 An einem Dienstag soll der Krieg be-
ginnen. Sie hält das für fatal, weil dieser Tag dem Mars geweiht sei und die Nissinger
nun einmal Marskinder seien, was sich an den vielen Metzgern und Schmieden erken-
nen ließe. Deswegen wäre es besser, die Lappenhauser verschöben den Krieg auf ei-
nen anderen Tag. Es geht ihr nur um einen Aufschub und nicht um eine Vermeidung
des Kampfes. Wie aber sollten die Lappenhauser an einem anderen Tag die Nissinger
besiegen, da sie doch Venuskinder blieben und demnach den Marskindern immer un-
terliegen müßten?
Auch in diesem Beispiel nehmen ausgewählte Elemente und Umstände der
Dörfer (Lappenhauser, Nissinger, drohender Krieg, Dienstag, Schneider, Metzger, Ju-
gend des Meiers und des Rates) einen beweiskräftigen bzw. symbolischen Zeugnis-
wert an, so als ob sie die einzig passenden Signifikate allgemeingültiger und völlig he-
terogener Schriften wären. Astrologische und biblische Schriftzeichen sind dadurch in
ihrem Wahrheitsanspruch entwertet, daß sie Laichdenman auf einen bestimmten Tag
477 Ecl 19, 16: „vae tibi terra cuius rex est puer“
478 Vgl. dazu James M. Ogier, „Get aus, ir alteu hüer!“, in: Seminar 27 (1991), S. 1-11.
250
im Leben eines bestimmten Dorfes als ihren zentralen Bezugspunkt überträgt, so als
seien sie signifikant nur im Hinblick auf diese zeitlichen und örtlichen Umstände. An-
ders wäre das, wollte Laichdenman die prinzipielle Kriegsuntauglichkeit der Lappen-
hauser zeigen. Wie die Lappenhauser im Kriegsrat den Realitätsgehalt ihrer Rede ein-
schätzen, zeigt die sarkastische Reaktion Niggels:
:LHJUHXOLFK1LJJHOJHQLUVDFK
8QGVSUDFKµ*HWDXVLUDOWHXKHU
'D]HXFKGHUEHUJDLVWHQSKHU
0LWHZHUPVWHUQHQVHKHQ
,FKZLOGLUGHVYHUMHKHQ
:lUHLQVWLHJLQGLVHPKDXV
'XPHVVLVWYDOOHQDEXQGDXV¶
/DLFKGHQPDQGLHOLHIIGDKLQ
8QGOLHVVGHQMXQJHQLUHQVLQ (V. 7511 ff.)
Ihre Sterndeuterei erscheint ihm so sinnentleert und fiktional wie eine Treppe,
die ihr zum Verhängnis würde, wenn sie nur existierte. Sie setzt eine absolute und rea-
le Bedeutsamkeit von Schriftzeichen voraus, die Niggel und die anderen jungen Lap-
penhauser im Kriegsrat rundweg als Hirngespinste und Gewaltphantasien einer alten
Hure verspotten. Der Witz der Antwort besteht aus einer Kontrafaktur von Laichden-
mans Zeichengebrauch. Sie wollte aus einer willkürlichen Kombination von Zeichen,
die Niggel als mentale Sprachzeichen ihrer bösen Absicht versteht, den Untergang
Lappenhausens vorhersagen. Darauf prophezeit er ihr aus dem Nicht-Vorhandensein
einer Sache eine Gewalttat, die sie bei wirklicher Existenz zu erleiden hätte. Hier
schließt sich der Kreis zum Anfang der Rede, wo Laichdenman ihr Erscheinen mit ihrer
Weisheit und der zur Beratung anstehenden Sache bzw. JHVFKLFKWerklärt, die sie per-
sönlich JU|VVOHLFKWULIIW(V. 7453). Das Beispiel von Niggel und Laichdenman zeigt, daß
die Signifikanz einer Sache von Absichten und Vorstellungen einzelner abhängt. Wird
den Worten der Redner keine Signifikanz zugesprochen, sind sie nur noch Ausdruck
mentaler Sprachzeichen verschiedener Sachen. Die gemeinsame Sache der Verstän-
digung oder Beratung zerfällt dann in viele widersinnige Privatsachen. Unter der Vor-
aussetzung kann jeder dem anderen die Existenz dessen, worüber er redet, abspre-
chen.
Einmütig bekräftigen also die jungen Lappenhauser ihren Entschluß. Sie wollen
kämpfen, um GHUDOWHQNHW]HUQWDQW(V. 7526), das leere Geschwätz der Alten, Lügen
zu strafen. Später denkt „Frau Mannsbetrug“ LQLUHPVLQ(V. 9418) DQGLHWDW(V.9419),
die ihr ZLGHUIXRUYRQ1LJJHOVZRUW(V. 9421). Für die erlittene Beleidigung will sie sich
rächen. Da sich am Ende zahlreicher Schlachten die Lappenhauser den kriegslüster-
nen Nissingern als ebenbürtig erweisen, war ihr verbaler Deutungsentwurf zukünftiger
Dinge bisher am ZHOWHODXIIgescheitert. So entschließt sie sich zum Landesverrat und
251
liefert ihr Dorf an die feindlichen Nissinger aus. Erst diese „Mordtat“ erfüllt die eigene
Prophezeiung. Unabhängig vom Sinngehalt der Worte handelt sie ebenso wie die jun-
gen Lappenhauser in ihrem eigenen Sinn gegen den der anderen. Diesmal zwingt sie
die wirklichen Dinge, die Mordmittel, von denen sie in der Rede an die Nissinger
spricht, selber tatkräftig zusammen. Damit schafft sie die Fakten, die in der Rede zuvor
die Konsequenz ihrer allegorischen Deutung sein sollten.
8QGSUDFKW]HVDPHQZDVVHXVSUDFK
0LWZHOKHQGLQJHQGDVJHVFKDFK
,FKQRFKQLHPDQWVDJHQVFKRO
%RVVKDLWOHUWVLFKVHOEHUZRO (V. 9443 ff.)
Entsprechend ihrer Rhetorik sind Sprachzeichen (Bibel) und graphische Zei-
chen (Sterne) Deutungmittel für Dinge, die deren Wahrheit symbolisch bezeugen. Das
führt zu dem logischen Zirkelschluß, daß die als Zeichen gedeuteten Dinge Beweismit-
tel für die Gültigkeit der Deutungsmittel sind, durch die den Dingen erst die Qualität ei-
nes Zeichens zugesprochen wird. Daher verfehlen im ‘Ring’ die in ihrem Verweissys-
tem kreisenden Zeichen, denen eine symbolische Beweisfunktion zukommt, in den
meisten Fällen den beabsichtigten Effekt auf die Adressaten. So schafft man notfalls
durch eigene Gewaltanwendung oder rhetorische Kontrafaktur Fakten, durch die den
mentalen Sprachzeichen hinter den YHUED eine ironische bis groteske Bestätigung
durch entsprechende UHV zukommt. Sprachzeichen sind also in erster Linie das Pro-
dukt gedanklicher Vorstellungen und willkürlicher Deutungen und sagen wenig oder
nichts über die Beschaffenheit der Dinge aus.
7.5.4 Ockhams Kommunikationsproblematik am Beispiel lügender Engel
In Ockhams Verständnis der Kommunikation verschwindet die Bedeutungsab-
sicht der Autoren hinter dem Schleier polysemantischer Sätze. Zwischen den Signifika-
ten der Termini, der unterschiedlichen Aussagekraft der gesprochenen bzw. geschrie-
benen Sprache und der Intention des Autors verläuft eine unüberwindbare Grenze.
Folglich kann keiner mit letztgültiger Sicherheit angeben, was ein Autor oder Redner
mit gesprochenen und noch weniger mit geschriebenen Sprachzeichen auszudrücken
beabsichtigt.
L’LQWHQWLRDXFWRULV è unica e non coincide solitamente con il senso letterale: qui in-
terviene l'abilità (e l'inventiva) dell'interprete e commentatore nel tentativo di "salvare"
l'DXFWRULWDV(come Aristotele o Innocenzo III) o in quello di condannarla (Giovanni XXII).
252
(...) quello che è importante sottolineare è ancora l'apparente insorgere del modo tra-
dizionale di concepire il significato delle YRFHV479
Die Absicht eines Autors ist einzigartig und fällt nicht allein mit dem wörtlichen Sinn
zusammen: Hier greift die Fähigkeit (und die Erfindungsgabe) des Interpreten und
Kommentators im Versuch, die Autorität zu retten (wie z. B. Aristoteles oder Innozens
III) oder zu verdammen (Johannes XXII). (...) dabei ist die offenkundige Auflehnung ge-
gen die traditionelle Art, das Signifikat der Worte zu begreifen, von entscheidender Be-
deutung. [Übers. vom Verf.]
Von der extensionalen Satzanalyse eines Satzes, bei der die artifiziellen YHUED
in bezug auf ihre mentalen Sprachzeichen untersucht werden, ist Ockhams Signifikati-
onskonzept im Rahmen der Kommunikation zu unterscheiden. Ein im Dialog artikulier-
ter oder gedeuteter Gedanke erschwert die Identifizierung eindeutiger Referenten.
Kommunikative Satzäußerungen sind also grundsätzlich zu äquivok, um in jedem Fall
eine kongruente Verbindung zwischen einer Verbaläußerung und dem solipsistisch er-
zeugten mentalen Satz herstellen zu können:
(...) chi usa una certa proposizione per communicare il proprio pensiero vuole GDUH
DGLQWHQGHUHqualcosa ed il suo interlocutore, prima ancora di controllare la verità della
proposizione espressa dall'altro, deve comprenderla. L'atteggiamento di quest'ultimo
quindi può essere descritto come quello di chi, sia pur momentaneamente, crede nella
vericità della propria fonte. È a quest'atteggiamento che Ockham, in tutt'altro contesto,
attribuisce un'importanza decisiva per la conversazione della VRFLHWDVKXPDQDe della
PXWXDFRQYHUVDWLRKRPLQXP: "igitur tenetur unus alteri credere, nisi sit aliquo crimine ir-
retitus, propter quod de falsitate debeat haberi suspectus" (Dial. I, 7, 15, p. 657). Il so-
spetto circa la vericità del parlante costituisce un'interferenza nel normale processo
d'interpretazione e comprensione del discorso comunicativo. L'DXGLWRU, di norma,
scommette sulla verità delle proposizioni che gli giungono attraverso i sensi. La loro
comprensione è perciò, in primo luogo, un'attribuzione di verità.480
(...) wer einen bestimmten Satz gebraucht, um einen bestimmten Gedanken mitzu-
teilen, will etwas ]XYHUVWHKHQ JHEHQ, und sein Gesprächspartner, bevor er noch die
Wahrheit des von dem anderen geäußerten Satzes überprüfen kann, muß zuerst den
Satz verstehen. Das Verhalten des letzteren kann daher als das von jemandem be-
schrieben werden, der, sei es auch nur für den Augenblick, an die Wahrhaftigkeit der
bestimmten Quelle glaubt. Es ist dieses Verhalten, dem Ockham ohne jeden Zweifel ei-
ne entscheidende Relevanz für die Konversation der VRFLHWDVKXPDQDund für die PX
WXD FRQYHUVDWLR KRPLQXP beimißt: „Also muß der eine dem anderen glauben, es sei
denn, er wäre in irgendein Verbrechen verstrickt, dessentwegen er den Verdacht auf
Betrug erregt hätte“ (Dial. I, 7, 15, S. 657). Der Verdacht bezüglich der Wahrhaftigkeit
des Sprechers bildet eine Störung im normalen Deutungs- und Verstehensprozeß des
kommunikativen Austauschs. Der +|UHU wettet im Normalfall auf die Wahrheit der Aus-
sagen, die ihn durch seine Sinne erreichen. In erster Linie ist ihr Verständnis deshalb
eine Wahrheitsvermutung. [Übers. vom Verf.]
Wie pessimistisch Ockham und mit ihm viele andere Vertreter der YLDPRGHUQD
die Übertragung verbaler und mentaler Zeichen in der Kommunikation einschätzten,
479 Marmo, Gugliemo di ockham e il significato delle proposizioni, 136.
480 Ebd. S. 139.
253
kann an einem fiktiven telepathischen Dialog illustriert werden. Während Menschen ih-
re Gedanken durch linguistische Konventionen filtern und das Erzeugen und Deuten
artifizieller Zeichen unverzichtbar ist, tauschen immaterielle Geistwesen ihre Gedanken
nonverbal aus. Zur Veranschaulichung wählt er das Beispiel miteinander sprechender
Engel.481
... cum loqui mentaliter non sit nisi cogitare actualiter, et angelus potest cogitare
actualiter ut alius audiat sive videat suam cogitationem ac per hoc tamquam per signum
naturale aliquo modo intelligat obiectum illius cogitationis ... sequitur quod unus angelus
potest alteri loqui, et alius potest audire. Ex quo sequitur quod angelus loquendo alteri
nihil facit nisi causat cogitationem in se de aliquo, quae cogitatio tamquam obiectum
causat effective cogitationis in angelo audiente; et sic ex consequente causat aliquo
modo in angelo audiente cogitationem obiecti primae cogitationis.482
... denn geistiges Sprechen ist wie ein gegenwärtiges Denken. Ein Engel kann ak-
tuell denken, damit ein anderer seinen Denkakt höre oder sehe und wie durch ein natür-
liches Zeichen eine von jenem Denkakt abweichende Äußerung verstehe ... daraus
folgt, daß ein Engel mit einem anderen sprechen und der andere jenem zuhören kann.
Daraus folgt, daß ein redender Engel nichts anderes tut, als in sich einen Gedanken
von etwas auszubilden. Dieser Gedanke wirkt bei einem zuhörenden Engel wie die ef-
fektive Äußerung dieses Gedankens. Daraus folgt wiederum, daß im zuhörenden Engel
ein von der ersten Gedankenäußerung verschiedener Gedanke entsteht. [Übers. vom
Verf.]
Die Unmittelbarkeit des Austauschs bezieht sich lediglich auf den Modus des
Hervorbringens, auf die Kürze des Kommunikationsweges und ausdrücklich nicht auf
eine Identität von Gedachtem und Gemeintem. Eine solche Übereinstimmung würde
dem traditionell-theologischen Verständnis einer Kommunikation unter Engeln entspre-
chen. Da also Ockham Engel als kommunizierende Wesen vorstellt, die anstelle von
Worten Gedanken hervorbringen und deutend verstehen, kann er die blasphemische
Ansicht vertreten, daß Engel gleich Menschen lügen können. In einem Abschnitt der
‘Distinctiones’ über das geistige und das gesprochene Wort im Kontext des Lügens bei
Augustin bemerkt er:
Verumtamen est intelligendum quod istud, quod modo dictum est de scienter men-
tiente, est intelligendum de aliquo mentaliter loquente et non alicui loquente. Quia si ali-
quis loqueretur alteri mentaliter, bene posset scienter mentiri. Quia tunc mentiri non es-
set nisi apprehendere falsum scitum esse falsum, ut aliquis alius apprehendens illam
apprehensionem credat apprehensum esse verum, quod tamen est falsum, quia hoc est
apprehendere falsum cum intentione fallendi, quod est mentiri. Sed hoc non possibilis
481 Zu dem Gespräch zwischen Engeln Tabaroni, Mental signs, S. 210 f.
482 Guillelmi de Ockham Quodlibeta septem, Hg. von J. C. Wey, St. Bonaventure University 1967, New
York 1980 (= Opera Theologica, 9), I, q. 6., 11.45-46, S. 37-38.
254
nobis nisi forte respectu angelorum aliquo modo apprehensionem nostram ad ipsos di-
rigendo.483
Gleichwohl kann das, was von dem bewußt Lügenden gesagt wurde, von einem
geistig Sprechenden verstanden werden und nicht von einem [bloß] Sprechenden.
Denn, wenn jemand mit einem anderen geistig spricht, kann er sehr wohl wissend lü-
gen. Dann wäre Lügen nichts anderes als das bewußt Falsche hervorbringen, damit ein
anderer glaube, daß das so Aufgefaßte wahr sei, was dennoch falsch ist. Denn das
Falsche denken, mit der Absicht zu täuschen, heißt lügen. Aber das ist uns nicht mög-
lich, es sei denn wir orientieren uns mit unserem Verständnis an dem der Engel. [Übers.
von Verf.]
Wenn auch in negativer Formulierung, so liefert diese Stelle doch wenigstens
einen Beleg für die implizierte Möglichkeit, daß Engel lügen können. An diesem Bei-
spiel wird deutlich, daß YHUEDPHQWDOLDanders als YHUEDLQFRUGHmehrdeutige Zeichen
sind. Verkürzt könnte man sagen: Ganz gleich in welchem Zusammenhang Kommuni-
kation stattfindet, überall muß neben Mißverständnissen mit bewußten Falschaussa-
gen gerechnet werden. Diese Einsicht scheut offenbar auch nicht den Bruch mit theo-
logischen Verdikten.
Wie weit diese sprach- oder genauer kommunikationsskeptischen Argumente
von dem nur um eine Generation älteren Dante entfernt sind, soll an dem nun folgen-
den längeren Zitat aus der theoretischen Schrift Dantes zur künstlerischen Gestaltung
der Volkssprache, 'HYXOJDULHORTXHQWLD, belegt werden:
Hec est nostra vera prima locutio. Non dico autem „nostra“ ut et aliam sit esse lo-
cutionem quam hominis: nam eorum que sunt omnium soli homini datum est loqui, cum
solum sibi necessarium fuit. Non angelis, non inferioribus animalibus necessarium fuit
loqui, sed nequicquam datum fuisset eis: quod nempe facere natura aborret.
Si etenim perspicaciter consideramus quid cum loquimur intendamus, patet quod
nichil aliud quam QRVWUHPHQWLVHQXFOHDUHDOLLVFRQFHSWXP. Cum igitur angeli ad pan-
dandas gloriosas eorum conceptiones habeant promptissimam atque ineffabilem suffi-
cientiam intellectus, qua vel alter alteri totaliter innotescit per se, vel saltim per illud ful-
gentissimum Speculum in quo cuncti representatur pulcerrimi atque avidissimi specu-
lantur, QXOORVLJQRORFXWLRQLVLQGLJXLVVHYLGHQWXU. Et si obiciatur de hiis qui corruerunt spi-
ritibus, dupliciter responderi potest: primo quod, cum de hiis que necessaria sunt ad
bene esse tractemus, eos preterire debemus, cum divinam curam perversi expectare
noluerunt; secundo et melius quod ipsi demones ad manifestandam inter se perfidiam
suam non indigent nisi ut sciat quilibet de quolibet quia est et quantus est; quod quidem
sciunt: cognoverunt enim se invicem ante ruinam suam. [Hervorh. vom Verfasser]484
483 Guillelmi de Ockham, Scriptum in librum primum sententiarum ordinatio, Distinctiones 27 Q. II, Hg.
von Girardus I. Etzkorn und Franciscus E. Kelley, St. Bonaventure, New York 1979 (= Opera Phi-
losophica et Theologica, 4), S. 212
484 Dante, De vulgari eloquentia, Buch I, Kap. II, in: Opere Minori di Dante Alighieri, Bd. 1, Vita nuova,
De vulgari eloquentia, Rime, Ecloge, A cura di Giorgio Barberi Squarotti u. a., Torini 1983 (= Classici
Italiani, 11), S. 380 f.
255
Dies ist wahrhaftig unsere beste Sprache [Latein].485 Ich sage aber nicht „unsere“,
als ob es eine andere Sprache gebe als die des Menschen. Denn von allen Geschöpfen
besitzt nur der Mensch die Gabe des Sprechens; tatsächlich war sie nur ihm nötig. We-
der Engel noch niedere Tiere bedurften der Sprache. Sie wäre ihnen unnötigerweise
gegeben worden, und eine unnütze Sache scheut die Natur.
Wenn wir nun scharfsinnig bedenken, was wir mit dem Sprechen beabsichtigen, ist
es offenkundig nichts anderes, als YRUDQGHUHQGHQ*HGDQNHQXQVHUHV*HLVWHVKHUDXV
]XVFKlOHQ. Wenn also Engel zur Bekanntmachung ihrer glorreichen Gedanken ein ü-
beraus bereitwilliges und unaussprechliches intellektuelles Vermögen besitzen, kraft
dessen sich der eine dem anderen vollständig zu erkennen gibt, unmittelbar oder we-
nigstens durch jenen glänzendsten aller Spiegel, in dem alle am schönsten erscheinen
und aufs begierigste sich bespiegeln, VFKHLQHQVLHNHLQ=HLFKHQGHU6SUDFKH]XEHQ|WL
JHQ. Und wenn ein Einwand bezüglich der gestürzten Geister erhoben wird, läßt sich
darauf zweierlei entgegnen: erstens, daß wir diese außer acht lassen müssen, wenn wir
von dem sprechen, was zur Vervollkommnung notwendig ist. Denn die göttliche Gnade
wollte diese Bösen nicht beachten; zweitens und besser noch, daß diese Dämonen zur
gegenseitigen Bekanntmachung ihrer Falschheit jeder vom anderen die Art seiner Exis-
tenz und die Machtstufe begreife; eine Existenz und eine Machtstufe, von der sie sicher
wissen. Sie kannten sich nämlich schon gegenseitig vor ihrem Fall. [Hervorhebung und
Übers. vom Verf.]486
Dante behauptet in scholastischer Terminologie, es gebe ein nonverbales un-
mittelbares Erkennen der Engel. Dabei geht er über die Auffassungen von Vinzent von
Beauvais und Thomas von Aquin hinaus. Diese Scholastiker unterstellten den Engeln
immerhin eine gemeinsame Sprache, wenngleich sie von denen der Menschen ab-
weicht. Paradoxerweise bekräftigt Dante seine These von der Sprache als exklusiv
menschliche Gabe, daß er den gestürzten Engeln scheinbar auch eine Art von sprach-
licher Kommunikation zubilligt.487 Und doch schränkt er sogleich ein, daß diese unmit-
telbare Kommunikation lediglich der Erinnerung an die vergangene Größe und zur I-
dentifizierung der jetzigen Misere diene. Die stets wache Erinnerung der Verdammten
an wiederfahrenes und zugefügtes Leid ist in der Hölle der ‘Göttlichen Komödie’ eine
über alle verhängte Gewissensqual und bildet zugleich die Voraussetzung dafür, daß
sie der Jenseitswanderer Dante nach ihrem Schicksal befragen kann. In der christli-
chen Kosmologie Dantes waren die Höllengeister der Dämonen vormals gute Ge-
schöpfe, die durch ihre Rebellion der göttlichen Gnade verlustig gegangen sind und ih-
re gottnahe Stellung im Ordo der Schöpfung unwiederbringlich verloren haben. Auch
485 Auf den ersten Blick mag diese Aussage in einem Werk erstaunen, das das ästhetische Lob der
Volkssprache zum Thema hat. Dante meint hier die weiterhin gültige Überlegenheit der lateinischen
Sprache gegenüber dem Toskanischen. Das lebendigere und ausdrucksstärkere YROJDUHsoll auf das
Niveau der grammatischen Regelhaftigkeit und der stilistischen Schönheit der römischen Sprache
zur Zeit des Augustus gehoben werden.
486 Bei der freien und expliziten Übersetzung habe ich mich teilweise an die italienische der oben ge-
nannten Ausgabe angelehnt und die Kommentare in den Anmerkungen berücksichtigt. So etwa TXLD
HVWHWTXDQWDHVW, womit „die Art der Existenz und die Rangstufe“ gemeint sind.
487 Vgl. dazu Anm. vier, in: Dante, De vulgari eloquentia, S. 382. Die Herausgeber verweisen auf den
Begriff der ORFXWLRDQJHORUXPbei Thomas. Der weiche aber vollständig von dem der menschlichen
Sprache ab.
256
sie werden wie die Bewohner der neun Höllenkreise in der ‘Göttlichen Komödie’ durch
ihr eigenes Wissen und Gewissen geplagt.
Dante kann die Kommunikation der Geistwesen aus seinem Traktat 'Über die
Ausdruckskraft der Volkssprache' ausklammern, insofern er darin von dem EHQHHVVH,
der Vervollkommnung, handeln will, von der diese ausgeschlossen sind. Der Verbesse-
rung bedarf allein die Sprache der Menschen, die auch als einzige eine solche Be-
zeichnung verdient. Himmlische wie gefallene Engel, gute und böse Geister markieren
den Anfangs- und Endpunkt einer vertikal gegliederten Schöpfung von ewiger Gottes-
schau bis zu ewiger Verdammnis. Ihnen eignet die Gabe des unmittelbaren Erkennens
bzw. Wiedererkennens. Ein kommunikativer Austausch verbaler Zeichen wäre über-
flüssig: TXRGQHPSHIDFHUHQDWXUDDERUUHW. Zwischen diesen beiden moralischen Ex-
tremzuständen bewegt sich der Mensch, der mit Sprache allein aus dem Grunde aus-
gestattet ist, um, wie Dante wörtlich bemerkt, seine Gedanken zu „entkernen".
Für den in theologischen Moral- und Deutungskategorien urteilenden Dante lag
also der Gedanke einer semiotischen Diskrepanz von Worten und Gedanken noch
vollkommen außerhalb seines sprachtheoretischen und poetischen Interesses; ganz zu
schweigen von Engeln, die nicht nur miteinander reden, sondern außerdem der Lüge
fähig sind. Dante stellt sich Engel als von ihrer Natur in einem dauerhaften Seins- und
Erkenntniszustand behaftet vor, deren moralischer Wert der Sprosse auf der Stufenlei-
ter alles Seienden entspricht. Eine Sprache als Instrument der moralischen Besserung
zur „Entkernung“ eines augustinischen YHUEXPLQFRUGHwiderspräche ihrer Geisterna-
tur.
7.5.5 Ockhams Zeichentheorie und das neue Sprach- und Literaturverständnis
Im Laufe des 14. Jahrhundert verlagert sich der Schwerpunkt des intellektuellen
Interesses von der rationalistischen Deutung der Schöpfung auf Fragen nach den Er-
kenntnisgrenzen in einer Welt, die von Menschen gemacht und gedeutet, unkalkulier-
baren Zufälligkeiten und Unwägbarkeiten ausgesetzt ist. Mit größerer Selbständigkeit
als zuvor werden starre Konventionen der Religionsausübung und der Lebenspraxis
kritisiert und - wie die extensionale Zeichentheorie Ockhams und die spirituelle Rheto-
rik der Humanisten zeigen - der legislative Charakter der Sprache betont. Somit gera-
ten die intensionale Semiotik und das entsprechende poetische Verfahren der Allegorie
in den Verdacht, inadäquate Darstellungsmodi zu sein. Berücksichtigt man den alle
Lebensbereiche umfassenden Allegorismus des theokratischen Ordos, weist diese Kri-
257
tik weit über den Kontext der Sprachlogik des 14. Jahrhunderts hinaus in Richtung auf
den neuzeitlichen Renaissancemenschen.488
Ockhams Zeichentheorie markiert den Anfang einer sprachkritischen Theorie,
die die Leistungsgrenzen der Sprache hinsichtlich der Erkenntnis von wirklich Seien-
dem untersucht. Zur Bestimmung der logischen Wahrheit eines Satzes wird daher die
Referenz zur außersprachlichen Wirklichkeit das entscheidende Kriterium. Dazu
schließt Ockham das alte ikonische Modell aus, wonach die äußere Natur die Grundla-
ge der Zeichenrelationen bildet.489 Er erklärt den Intellekt als Teil der göttlichen Natur
zum selbständigen Produzenten von Zeichen, die er VLJQD QDWXUDOLD oder PHQWDOLD
nennt. Da er die Zeichenbildung von einem objektiven Außen ins subjektive Innere des
Intellekts verlegt, besitzen Worte als VLJQDDUWLILFLDOLDund Gedanken als VLJQDQDWXUDOLD
unterschiedliche Signifikate. Individuelle Gedanken sind in allgemeingültigen Worten
nur noch mittelbar repräsentiert. Folglich versteht ein Hörer oder Leser eine gespro-
chene oder geschriebene Aussage nur dann, wenn er die Absicht des Sprechers er-
kennt. Eine verbale Verständigung kann also immer nur auf der Grundlage der Wahr-
heitsvermutung stattfinden.
Die „eigentliche Bedeutung“ einer Aussage bemißt sich also nach dem Konzept,
d.h. der Vorstellung oder dem Begriff, den ein Sprecher oder Hörer bzw. Leser im Kopf
hat, wenn er Worte spricht oder deutend versteht. Folglich ist die Schrift weniger signi-
fikant als Worte, diese weniger als die Gedanken. Oder anders gesagt: der Schrift eig-
net die artifiziellste und abstrakteste Signifikanz, und sie ist deswegen am weitesten
von den VLJQDPHQWDOLDihrer Interpreten entfernt. Sprachzeichen sind also bedeutsam
aufgrund des individuellen rhetorischen Gebrauchs, den man von ihnen macht, und
nicht aufgrund der in ihnen ausgedrückten Ideen.
488 Zu dem Neuen in Ockhams Position der Bedeutungsrelation der Universalien schreibt Moody, The
Logic of William of Ockham, S. 83 f.: „The relation of signification between a conventional sign and
the things it is used to denote presupposes, for its establishment and maintenance, a concept or act
of understanding; further, the recognition of the symbol as a conventional sign of such things, is pos-
sible only to the intelligence which possesses the concept by which its signification is established.“
Laut Moody ist die Gleichsetzung der Konzepte mit den Verstehensakten der entscheidende Unter-
schied Ockhams zur scholastischen Tradition. Bei Averroes, Avicenna und den Scholastikern mit au-
gustinischen Tendenzen entstehen Konzepte nicht aus einem intellektuellen Akt, sondern aus sinnli-
chen Affekten und Vorstellungen.
Ockham vermeidet dadurch die Annahme von VSHFLHVVHQVLELOHV. Dies ist die Bezeichnung einer bi-
zarr klingenden Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie. Ein wahrgenommenes Bild wird von einer
unabhänigen und ewigen Intelligenz erhellt, zu der die individuelle Seele in Verbindung steht.
Vgl. dazu Anneliese Maier, Das Problem der „species sensibiles in medio“ und die neue Naturphilo-
sophie des 14. Jahrhunderts, in: A. M., Ausgehendes Mittelalter, Gesammelte Aufsätze zur Geistes-
geschichte des 14. Jahrhunderts, Bd. II, Roma 1967 (=Storia e Letteratura, 105), S. 419-451.
489 Vgl. dazu Andrea Tabaroni, Mental Signs and Representation in Ockham, Hg. von Umberto Eco und
Costantino Marmo, On the Medieval Theory of Signs, Amsterdam/Philadelphia 1989 (= Foundations
of Semiotics, 21), S. 195-221; hier S. 213 f.
258
VIII. Die Literatur im Kontext des Nominalismus
8.1 Wittenwilers ‘Ring’ und die nominalistische Zeichentheorie
8.1.1 Das ideenrealistische Romankonzept des Autors und die Unmöglichkeit
seiner Vermittlung
Im literarischen Extremfall des ‘Ring’ zerlegt Wittenwiler alle autoritativ verbürg-
ten Integrationsfiguren - von der mystischen Einheit der drei göttlichen Personen bis
zur kreatürlichsten Einheit der Körper - in ihre Bestandteile und gibt sie durch Neukom-
bination dem komischen Kontrast preis. Wie schon mehrfach zitiert, beginnt Wittenwi-
lers Roman mit den Widmungsversen 'HUREUHVWHQWULYDOWLFKDLW0DULHQPXRWHUUDLQHQ
PDLW. Diese streng asyndetischen Eingangsverse parodieren den philosophischen Rea-
lismus des Mittelalters bzw. die intensionale Semiotik, wonach ein Terminus mit sei-
nem Konzept übereinstimmt. Auf die Apostrophe an den dreifaltigen männlichen Gott
folgt unvermittelt die Widmung an eine Gottesmutter mit drei Namen. Verstärkt durch
die Alliteration von Eigenname und den beiden Eigenschaftsbezeichnungen von Mut-
terschaft und Jungfräulichkeit, wird auch graphisch eine formale Verknüpfung mit dem
vorher genannten Einheitskonzept der Trinität suggeriert. Der mit dem Dogma des ei-
nen christlichen Schöpfergottes in drei Personen verbundene Name kann somit auf
den fremden Inhalt übertragen werden. Daraus entsteht die ketzerische Deutungsmög-
lichkeit, als supponierten die drei Synonyme für den absoluten Namen der REUHVWHQWUL
YDOLWLFKDLW und könnten gegen die von Vater, Sohn und Heiliger Geist ausgetauscht
werden.490
Wittenwilers Vorgehen ist umso raffinierter, als ja das Dogma von der Jungfräu-
lichkeit bzw. der unbefleckten Empfängnis ein der Dreifaltigkeit vergleichbares Glau-
490 Da der Name Dreifaltigkeit auf der Silbe „keit“ endet, gehört er zur Gattung der abstrakten Namen,
die eine Qualität aussagen. Ockham erläutert die QRPLQDDEVWUDFWDund QRPLQDFRQFUHWD am Beispiel
von „gerecht“ und „Gerechtigkeit“.
Vgl. ‘Summa logicae’ I, 5, 3, in: Wilhelm von Ockham, Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wis-
senschaft, Lateinisch/Deutsch, Hg., übers. und kommentiert von Rudi Imbach, Stuttgart 1984 (=
RUB, 8239): „Denn ‘gerecht’ supponiert in der Tat für einen Menschen, wenn man sagt ‘Der Gerech-
te ist tugendhaft’; ‘gerecht’ kann aber nicht für die Gerechtigkeit supponieren, da die Gerechtigkeit,
obschon sie eine Tugend ist, nicht tugendhaft ist. Der Name ‘Gerechtigkeit’ steht für eine Qualität und
nicht für den Menschen.“
Wittenwiler versteht den absoluten Namen, der zur Gattung der Qualität gehört, als konnotativen
Namen der Quantität mit einer bestimmten Definition. Vgl. dazu ebd., SL I, 10. Die Definition würde
dann etwa so lauten: Auf die Frage, was die Dreifaltigkeit sei, könnte geantwortet werden: Etwas, das
Dreifaltigkeit besitzt.
259
bensgeheimnis darstellt. In beiden Mysterien widersprechen die Konstruktionen der
theologischen Vorstellungsinhalte den natürlichen Verwandtschaftsbeziehungen von
Vater und Sohn, Mutter und Kind. Nach Ockhams Suppositionslehre wären beide Iden-
titätskonstrukte gleichermaßen unwahr und falsch, denn beiden fehlt eine Entspre-
chung LQUHIst doch ein Vater immer zu seinem Sohn und umgekehrt wechselseitig re-
ferenzierbar, auch wenn einer von den beiden stirbt. Eine Jungfrau kann nicht zugleich
Mutter sein. Setzt man diese logischen und natürlichen Zeichenrelationen zur Bezeich-
nung mystischer Glaubenskonzepte bzw. fremder Begriffsinhalte außer Kraft, gerät die
Bedeutung der relativen Namen in Widerspruch zum Sinn der metaphysischen Termini.
Diesen Widersinn desavouiert Wittenwiler, indem er die relativen Namen durch andere
eines analogen Verwandtschaftsverhältnisses ersetzt.
Steht nun das Konzept einer dreifaltigen Gottesmutter gleichermaßen gültig ne-
ben dem des dreifaltigen Schöpfergottes, so würde sowohl die monotheistische Religi-
on zur Vielgötterei als auch die Schöpfung des Gottvaters mit der Gottesmutter geteilt.
Was also mit christlicher Dogmatik unvereinbar ist, die Juxtaposition des Marienmyste-
riums mit der Dreifaltigkeit, fügt Wittenwiler in eine hybride Einheit. Damit wird die Ü-
bereinstimmung von Bezeichnung und theologischem Konzept unterlaufen. Die sämtli-
ches Himmelspersonal zusammenfassenden Verse der Widmung unterstreichen noch
einmal die inhaltliche Beliebigkeit quantifizierender Bezeichnungen: 'DU]XRDOOHPKL
PHOLVFKHQKHU=HORE]HGLHQVWXQGDXFK]HHU(V. 3 f.).
Wittenwiler führt das ironische Spiel mit der alten Semiotik fort. Stolz verkündet
er: &KDLQYLQJHUOLZDUGQLHVRJXRW6DPGLW]JHKDEWLQUHFKWHUKXRW(V. 13 f.). Ihm soll
eine starre Antithese der Leserschaft in Gute und Böse entsprechen. 'HQJXRWHQ]OLHE
]HIU|GHQVFKHLQ'HQE|VHQ]ODLG]HKHUW]HQSHLQ(V. 5 f.) beschreibt einen Rezepti-
onsmodus, der auf Augustins YHUEXPLQFRUGHanspielen könnte. Die Lektüre von Wit-
tenwilers Buch regt wie das „Buch der Natur“ im Inneren der PHPRULDKXRWGedanken
an, die den göttlichen Logos wiederspiegeln oder zumindest nach der neuplatonischen
Lehre daran teilhaben. Demnach stimmten die moralische Disposition der Leser und
das Erkennen der eigentlichen Bedeutungsabsicht des Autors vollkommen überein. So
erhebt Wittenwiler sein Buch mit dem Titel 'Der Ring' in den Rang eines zweiten Evan-
geliums oder besser gesagt einer zweiten Apokalypse, in der Gott dem menschlichen
Geist seine wahre Bestimmung offenbart.
Da aber das Außen des Wahrheitsspiegels und das Innen der starren Moralität
von guten und bösen Lesern absolut korrespondiert, liegt die Signifikanz des Buches
außerhalb der moralischen Besserungsabsicht. Obgleich Wittenwilers Buch das „Buch
der Wahrheit“, also die Bibel, konnotiert, verwendet er den Begriff hier als Wahrheits-
260
symbol, das von Deutungsschwierigkeiten eines wirklichen Textes, einschließlich der
Bibelexegese, abstrahiert. Wie bei Dante in dem Beispiel der Engel und Dämonen, die
ihre Wesenszustände in einem Spiegel der unmittelbaren und nicht der sprachlich
vermittelten Erkenntnis betrachten, findet im Gegensatz zum Menschen überhaupt kei-
ne moralische Veränderung zum Guten oder Schlechten statt. Dagegen impliziert
schon die folgende Ankündigung der Lehrangebote ein komplizierteres Wechselspiel
von Text, Autorenabsicht und Rezeption. Denn die Vermittlungsabsicht exemplarischer
Techniken fußt auf dem menschlichen Mangel und setzt die freie Wahl zwischen Gut
und Böse voraus.
Wie schon weiter oben bemerkt, schaltet sich in der Mitte des Prologs ein Ich-
Erzähler ein, der den klaren Buchspiegel des Autors Wittenwiler durch den Gedanken
an die Unbeständigkeit und die universelle Narrennatur des Menschen systematisch
verdunkelt und verkompliziert. 1XLVWGHUPHQVFKVRFKODLQHUVWlW'D]HUQLFKWDOOZHJ
K|UHQPDJ(V. 32 f.) leitet den Perspektivenwechsel ein. Im Verhältnis eines sich aus-
schließenden Gegensatzes ersetzt er die metaphysische Anthropologie von Guten und
Bösen oder auch Vernünftigen und Unvernünftigen durch die pessimistische der wilden
und harthörigen Menschennatur. Immer noch am vorher beschriebenen Belehrungs-
programm des Autors Wittenwiler festhaltend, will der Erzähler dieser universellen Nar-
rennatur entgegenkommen und mit der Einstreuung von Bauernspäßen die Annahme
der Lehren erleichtern. Sogleich gerät er in Zweifel darüber, wie dann noch der Ernst
der Sache erkannt werden kann. Also will er zu deren Differenzierung die eben erst mit
Späßen durchmischte Didaxe mit Hilfe farblicher Randmarkierungen wieder entmi-
schen.
Schließlich definiert er, was er persönlich, LQPHLQHPPXRW(V. 43), unter der
Bezeichnung „Bauer“ versteht. Wieder wird derselbe Begriff mit zwei kontradiktorischen
Vorstellungsinhalten gefüllt. Mit der Bezeichnung „Bauer“ will er den gemeint wissen,
der XQUHFKWOHEWXQGOlSSLVFKWXRW1LFKWHLQHUGHUDXVZHLVHPJIHUW6LFKPLWWUHZHUDU
EDLWQHUW(V. 44 ff.). Demnach stellt er der konnotativen Definition eines universell närri-
schen „Bauern“ die eines universell weisen „Bauern“ an die Seite. Willkürlich legt er,
der Ich-Erzähler, den Sinn auf die negative Konnotation des ersten fest, ohne jedoch
den Namen „Bauer“ zur Unterscheidung von dem konträren Begriffsinhalt des anderen
durch eine alternative Bezeichnung zu ersetzen. Weshalb wählt er dazu nicht den des
„Ackermanns“, der im zeitgleich entstandenen ‘Ackermann aus Böhmen’ eine positive
oder doch neutrale Bedeutung besitzt und für den Menschen im Disput mit dem Tod
steht? Ähnlich dem der Trinität nimmt der Name „Bauer“ als Homonym zweier gegen-
teiliger Signifikate einen paradoxen Zeichenwert an. Er erhält seinen Sinn einzig durch
seinen Interpreten und kann deswegen von einem anderen widersinnig aufgefaßt wer-
261
den. Die Willkür der Zeichenproduktion und der Zeichendeutung drückt sich gerade
darin aus, daß der Erzähler selbst das Zeichen eines positiven Bauern schafft, um es
sogleich wieder aus seiner Definition von dem, was er im ‘Ring’ unter Bauer versteht,
auszublenden.
Am Ende der Vorrede kapituliert der Erzähler vor den immer widersprüchlicher
werdenden Bedenken gegen ein Buchkonzept, das die problemlose Vermittlung von
Lehren voraussetzt. Sähe man keinen Nutzen und keine Unterhaltung darin, so solle
man das Ganze als Geschichte lesen. Vom wertvollen ‘Ring’ PLW HLQHP HGHOQ VWDLQ
EHFKODLW(V. 9) ist nur noch die PlU(V. 51) übriggeblieben. Daß PlUausgerechnet auf
den Autorennamen 6SUDFK +DLQUHLFK :LWWHQZHLOlU (V. 52) reimt, der ihm das in der
Vergangenheit gesagt haben soll, dürfte wohl kaum dem Reimzwang zu verdanken
sein.
Schon bei der Vorstellung der Inhalte und Zielsetzungen des ‘Ring’ verzweifelt
der Erzähler an den Widersprüchen einer Romankonzeption, die Didaxe und zugleich
Weltbeschreibung sein will. Wer aber außer ihm - dem Bearbeiter des Stoffes und der
Geschichte, die er von diesem anderen GHXVDEVFRQGLWXVWittenwiler empfangen hat -
soll die „Wahrheit der Geschichte“, den Sinn und die Absicht des Autors zur Anschau-
ung bringen? Also delegiert er kurzerhand die PlUan die Leser zurück, gerade so, als
ob nach den von ihm vorgenommenen Änderungen in der Textkonzeption immer noch
die Eingangsverse Geltung beanspruchen dürften: 'HQ JXRWHQ ]OLHE ]H IU|GHQ
VFKHLQ'HQE|VHQ]ODLG]HKHUW]HQSHLQ(V. 5 f.).
Am Ende der Vorrede knüpft der Erzähler wieder an die Vorstellung vom Buch
als einem zweiten Evangelium an und gebraucht eine Formulierung, die an die Ver-
kündung der Frohen Botschaft denken läßt: 'HUVFKDOOHQGLQGHPKHU]HQIUR+HEWGLH
WDLGLQJDQDOVR(V. 53 f.). Doch diesmal bezeichnet das Herz den subjektiven Willen
des Erzählers, der die Geschichte in seinem Sinn erzählt. Könnte man bei der ur-
sprünglichen Buchkonzeption an das YHUEXPLQFRUGHdenken, so dürften hier wohl e-
her die mentalen Sprachzeichen Ockhams gemeint sein. Die subjektive Absicht des
Redens und Erzählens tritt an die Stelle der objektiven Botschaft.
Auch die letzten vier unmarkierten Verse des Romans knüpfen an die Ein-
gangsverse des Prologs an und schließen damit den ‘Ring’.
1DFKODLGGDVHZLJOHEHQ
'DVZHOOXQVDXFKGHUVHOELJJHEHQ
'HUZDVVHUDXVGHPVWHLQEHVFKHUW
+DWXQGDXFK]HZHLQEHNHUW
Wittenwiler spricht hier wieder das Identitätsprinzip von UHVund YHUEDan. Mit
GHUVHOELJ ist der Schöpfergott gemeint, der von einer selbstidentischen, das Ganze
262
überblickenden Position aus historische Ereignisse in einem sinnvollen Kontext be-
trachtet.491 Das auffällige Enjambement, mit dem Wittenwiler das Hilfsverb „hat" an den
Anfang der Zeile rückt, betont nun aber die Endlichkeit von Geschichten am Beispiel
heilsgeschichtlicher Wandlungen, die, verursacht durch das Eingreifen Gottes, die uni-
verselle Menschheitsgeschichte mit einem allegorischen Sinn ausstatten. Der ironische
Kontrast zu Wittenwilers Pluralisierung der Geschichte durch die Vielzahl ihrer mögli-
chen Deutungen besteht darin, daß die Einmaligkeit biblischer Ereignisse der typologi-
schen Deutung zugänglich sind. Dadurch sind sie der Vereinzelung enthoben, verwei-
sen aufeinander und gehen in die Ewigkeit eines metaphysischen Bedeutungshori-
zonts ein. Zur körperlichen Lebensrettung der Israeliten läßt Jahwe im Alten Bund
Wasser aus dem Wüstenstein hervorquellen, im Neuen Bund wandelt Christus als Zei-
chen der geistigen Erlösung der Menschheit Wasser in Wein.
Aus dem Panoramablickwinkel des monotheistischen Gottes ist jedes Ereignis
des ZHOWHODXIIabsolut sinnhaltig, ebenso wie das Buch der „Heils“-Geschichte. Aus
der begrenzten Perspektive der sublunaren Unbeständigkeit, der Endlichkeit des Le-
bens, des Widersinns der Reden und der Bosheit der Absichten ist dagegen der Sinn
der Geschichte, und mithin der Sinn der erzählten Geschichte Wittenwilers, eine Frage
eigensinniger Deutungen. So hat beispielsweise die Antithese der Venus und Maria in
Chrippenchras Minneallegorie die alleinige Funktion, über den Sachverhalt seiner Va-
terschaft und Mätzlis Schwangerschaft hinwegzutäuschen. Diese UHVwird medizinisch
und rhetorisch in ihr Gegenteil umgedeutet. Nur die von Gott direkt gewirkten Zeichen
in der Welt der Dinge sind buchstäblich identisch mit ihren UHV. Hätten wir das allesse-
hende geistige Auge und das Vermögen des Schöpfers, Dinge mittels Zeichen zum
Besseren zu verändern, oder besäßen wir zumindest genügend Rationalität, den wah-
ren Wert der Welt und des Lebens zu erkennen, und das Vermögen, uns dementspre-
chend zu verhalten, könnte das angekündigte Romankonzept einer Weltbeschreibung
und Didaxe unter der Voraussetzung der augustinischen Hermeneutik umgesetzt wer-
den.
Augustin behauptet, daß die Schönheit und Harmonie der Schöpfung nur von
Gottes Gesamtschau erkannt wird.492 Mangels Überblick über die Beziehungen zum
Ganzen erscheinen die Einzelkomponenten dem Kurzsichtigen als „deformiert“. Zur Il-
491 Bei den heilgeschichtlichen Wandlungen handelt es sich um das Wasser, das Jahwe den Israeliten
aus dem Felsen der Wüste hervorquellen läßt (Nm 20, 8) und um die Hochzeit zu Kana (Io 2, 9).
492 Aurelius Augustinus, De civitate dei, Libri XI-XXII, Turnhout 1955 (= Corpus Christianorum, Series
Latina, 48), XVI, 8: „Deus enim creator est omnium, qui ubi et quando creari quid oporteat vel opor-
tuerit, ipse novit, sciens universitatem pulchritudinem quarum partium vel similitudine vel diversitate
contextat. Sed qui totum inspicere non potest, tamquam deformitate partis offenditur, quoniam cui
congruat et quo referatur ignorat.“
263
lustration dieses Gedankens wählt er unter anderem das Beispiel eines Mosaiks, das
nur als Ganzes wahrgenommen, die Schönheit des Kunstwerkes widerspiegelt.493 Ro-
he und ungebildete Menschen ignorieren das harmonische Beziehungsgeflecht dieses
Ganzen und tadeln deswegen die vermeintliche Häßlichkeit der isoliert wahrgenomme-
nen Teile:
(...), si quis tam minutum cerneret, ut in vermiculato pavimento nihil ultra unius tes-
sellae modulum acies eius valeret ambire, vituperaret artificem velut ordinationis et
compositionis ignarum eo, quod varietatem lapillorum pertubatam putaret, a quo illa
emblemata in unius pulchritudinis faciem congruentia simul cerni conlustrarique non
possent. 1LKLOHQLPPLQXVHUXGLWLVKRPLQLEXVDFFLGLWTXLXQLYHUVDPUHUXPFRDSWDWLRQHP
DWTXHFRQFHQWXPLQEHFLOODPHQWHFRQSOHFWLHWFRQVLGHUDUHQRQYDOHQWHV, si quid eos of-
fenderit, quia suae cogitationi magnum est, magnam rebus putant inharere foeditatem.
[Kursiv durch den Verf.]494
Wenn jemand so wenig wahrnimmt, daß er auf einem Mosaikfußboden stehend,
mit seiner Sehschärfe nur das Ausmaß eines einzelnen Steinchens erfaßt, würde er
den Künstler wegen der Ordnung und Komposition tadeln. Er verkennt das, was er für
die verworrene Vielzahl der Steine hält. Dadurch können die Einlegearbeiten hinsicht-
lich der Zusammengehörigkeit ihrer einzigen schönen Gestalt nicht gleichzeitig betrach-
tet und erkannt werden. 'DVVHOEHSDVVLHUWGHQZHQLJHUJHELOGHWHQ0HQVFKHQGLHGXUFK
GLH 6FKZlFKH LKUHV *HLVWHV QLFKW GLH XQLYHUVDOH =XVDPPHQIJXQJ XQG hEHUHLQVWLP
PXQJGHU'LQJHEHJUHLIHQXQGEHGHQNHQN|QQHQWenn sie etwas beleidigt, dann weil
es ihre Auffassungsgabe übersteigt. Sie aber glauben, daß den Dingen eine große
Häßlichkeit innewohne. [Übers. durch den Verf.]
Wittenwilers Weltentwurf zerbricht an dem ironischen bis grotesken Kontrast ei-
gennützigen Sprechens und Handelns einerseits und allgemeingültiger Normen und
Zeichen andererseits.495 Wo ein minimaler Bezug auf ein gemeinsames Weltbild ver-
sagt, kann keine Verständigung und erst recht keine rationale Belehrung stattfinden.
Substanzlosigkeit und innere Leere sind Merkmale einer polemischen Rhetorik, in der
die Welt und die Weltgeschichte das Produkt eigensinniger Deutungen sind. So er-
scheinen Bertschis siegreicher Verteidigungskampf von einem Heuhaufen gegen eine
ganze Armee bestausgerüsteter Nissinger, seine Klage über die nicht befolgten Beleh-
rungen und der anschließende Rückzug in die Erkenntnislosigkeit des „Schwarz-
493 Vgl. zur Schönheit des Kosmos bei Augustin: Paul Michel, „Formosa deformitas“, Bewältigungsfor-
men des Hässlichen in mittelalterlicher Literatur, S. 40-51.
494 Aurelius Augustinus, Contra academicos, De beata vita, De ordine, De magistro, De libero arbitrio;
hier aus: De ordine I, 2.
495 Vgl. zur Verkehrung der Normen und Normverstöße, der Aufhebung dieses Gegensatzes und der Er-
zeugung egoistischer Normen am Beispiel des Hochzeitsmahles (V. 5572 ff.): Dagmar Hirschberg,
Christa Ortmann, Hedda Ragotzky, W|USHOJSDXUHQund GHUZHOWHODXIIZum Problem der Bestim-
mung närrischer Lehre in Wittenwilers 5LQJin: OWG 8 (1994/95), Heinrich Wittenwiler in Konstanz
und 'HU5LQJHg. von Horst Brunner, S. 201-219.
264
wald“,496 einschließlich Wittenwilers Bitte um ewiges Leben im Jenseits, als konse-
quente ironische Fortsetzung der ‘Ring’-Welt.
8.1.2 Die Auflösung der UHVals Ideen in der Äußerlichkeit der Zeichen
Daß im ‘Ring’ die eigensinnige Verwendung allegorischer Zeichen zu Lasten ih-
rer konventionellen Sinngehalte geht, belegt die zusätzliche Qualifizierung des „Rin-
ges“ als PLWHLQHPHGHOQVWDLQEHFKODLW(V. 9). Wie die Illustration des Scholaren auf
dem Titelblatt der Handschrift zeigt, steckt ein kreisrunder und innen leerer Edelstein
oben zwischen dem Ring, auf den ein langer, zur didaktischen Geste erhobener Zeige-
finger deutet. Er ist also ein disparater und kein integraler Bestandteil des Ringes in der
Art, daß das Intelligible der wertvollen Lehren aus dem gesamten ‘Ring’-Text deutend
destilliert werden könnte.
Zur glaubhaften Vermittlung einer nutzbringenden beabsichtigten „Botschaft“
hinter der poetischen Verhüllung EHFKODLW bedarf es jedoch der Darstellung von z. T.
paradoxen Innen-Außen-Relationen, die das innen Gute und außen Schöne, das au-
ßen Häßliche und innen Schöne, das außen Schöne und innen Häßliche und schließ-
lich das außen Häßliche und innen Böse versinnbildlichen.497 Um diese in der volks-
sprachlichen Literatur des Mittelalters weit verbreitete Erkenntnisproblematik zu skiz-
zieren, mögen hierfür die poetologischen Prologaussagen von Ulrich Boners ‘Edel-
stein’, die „für ein Jahrhundert wichtigste Fabelsammlung“498 aus der ersten Hälfte des
14. Jahrhunderts, und Wolframs ‘Parzival’ genügen. Boner erläutert den Titel seines
„Büchleins“ wie folgt:
496 Der Schwarzwald könnte eine Anspielung auf den zweiten Anfangsvers von Dantes ‘Comedia’ sein:
„Nel mezzo del carmin di nostra vita/Mi ritrovai per una selva oscura.“ Zitiert aus: Dante Alighieri, Die
Göttliche Komödie, Italienisch und deutsch, Übersetzt und kommentiert von Hermann Gmelin, Bd. I,
Erster Teil, Inferno - Die Hölle, Stuttgart 1949, ND Münschen 1988. „Dante“ ist vom rechten Weg des
Lebens abgekommen, er hat sich in der körperlichen Welt verirrt. Nun aber betritt er die rauhe und
ungeformte Körperwelt der Hölle, die den Gegenpol zur Lichtwelt des Paradieses darstellt.
Cicero, De inventione, 1, 24, 34: „Verumtamen non incommodum videtur quandam silvam atque ma-
teriam universam ante permixtim et confuse exponere omnium argumentationum (...).“
Schon Augustin weiß, daß das lateinische VLOYDdie Übersetzung für das griechische K\OHist und nicht
erst Bernard Silvestris, wie Francis X. Newman angibt. Vgl. Ders.: St. Augustin’s Three Visions an
the Structure of the „Commedia“, in: Dante, Hg.von Harold Bloom, New York 1986, S. 65-81, hier S.
71 f.
Augustin, De natura boni, Cap. XVIII, in: PL 42, Hg. von J.-P. Migne, Opera Omnia, Tom. 8, Paris
1886: „Sed hylen dico quamdam penitus informem et sine qualitate materiem, unde istae quas sen-
timus qualitates formantur, ut antiqui dixerunt. Hinc enim et silva graece K\OHdicitur, quod operan-
tibus apta sit, non ut aliquid ipsa faciat, sed unde aliquid fiat.“ Es ist die unintelligible ungeformte
Materie, in die Bertschi ironischerweise hineingeht, um Gott zu dienen.
497 Vgl. zu der antiken und christlichen Tradition der Innen-Außen-Problematik, Silvia Schmitz, „Der vil
wol erkennen chan“, Zu Gautiers und Ottes ‘Eraclius’, in: GRM 42 (1992), S. 129-150.
498 Vgl. Thomas Cramer, Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter, S. 116.
265
'L]EHFKOHLQPDJGHUHGHOVWHLQ
ZROKHL]HQZDQGH]LQLPWUHLW
EvVFKDIWPDQJHUNOXRJKHLW
XQGJHELUWRXFKVLQQHJXRW
DOVDPGHUGRUQGLHU{VHWXRW
ZHUQLKWHUNHQQHWZROGHQVWHLQ
XQGVLQHNUDIWGHVQXW]LVWNOHLQ
ZHUREHQKLQGLHEvVFKDIWVLFKW
XQGLQZHQGLJHUNHQQHWQLFKW
YLONOHLQHQQXW]HUGkYRQKkW
DOVZROKLHQkFKJHVFKULEHQVWkW V. 64-74499
Explizit gibt Boner seinen Lesern das „inwendige Erkennen“ des Edelsteins o-
der der Rose im Dorn als die Essenz seiner Fabeln an. Sie ist zugleich deren allegori-
scher Sinn, der mit der Absicht und dem Nutzen übereinstimmt. Ebenso explizit erklärt
Wolfram das Edle und Gute als etwas „im“ zweifelhaften Schein des Schönen Enthal-
tenes oder „unter“ der semiotischen Textoberfläche Verborgenes:
PDQHFZvEHVVFKRHQHDQOREHLVWEUHLW
LVWGkGD]KHU]HFRQWHUIHLW
GLHOREHLFKDOVLFKVROGH
GD]VDIHULPHJROGH
LFKHQKkQGD]QLKWYUOvFKWLXGLQF
VZHULQGHQFUDQNHQPHVVLQF
YHUZXUNHWHGHOQUXEvQ
XQGDOGLHkYHQWLXUHVvQ
GHPJOvFKHLFKUHKWHQZvEHVPXRW
GLXLUZvSKLHWUHKWHWXRW
GDQHVROLFKYDUZHSUHYHQQLKW
QRFKLUKHU]HQGDFKGD]PDQVLKW
LVWVLLQQHUKDOSGHUEUXVWEHZDUW
VRLVWZHUGHUSUvVGkQLKWYHUVFKDUW V. 11-24
Der edle Rubin als Zeichen der wahren Bedeutung bzw. das edle Herz der Da-
me als Essenz ihrer Güte mag in spiegelbildlicher Verkehrung zur Fälschung, GD]KHU
]HFRQWHUIHLWin billigem Messing „verarbeitet“ sein. Seine geheimen Kräfte sind zwar
auf der Außenseite unsichtbar damit vermischt, können aber mit dem inneren Auge
des Geistes oder der UDWLR erkannt werden. Unter der Voraussetzung der prinzipiell
immer möglichen Täuschung kann die äußere Farbe - der rhetorische RUQDWXV - den
paradoxen Zeichenwert des schönen Scheins annehmen. Wie gezeigt wurde, trans-
zendiert das augustinische GLFLELOH, das den gedanklichen Sinn zwischen dem YHUEXP
TXRGLQWXVOXFHWund GHPYHUEXPTXRGIRULVVRQDWausmacht, den VHQVXVKLVWRULFXV,
d.h. die semiotische Außenseite der Reden und der Schrift.
499 Ulrich Bohner, Der Edelstein, Hg. von Franz Pfeiffer, Leipzig 1844 (= Dichtungen des deutschen Mit-
telalters, 4).
266
In Wittenwilers Redetext läßt sich die Differenz von wörtlicher Bedeutung und
allegorischem Sinn nicht feststellen. Die Bedeutung ist gleich dem Sinn, den ein Red-
ner oder Schreiber den Worten beimißt. Die eigentliche Signifikanz der Sprachzeichen
entsteht überhaupt erst in bezug auf das, was derjenige „im Sinn“ hat, der sie mit einer
bestimmten Absicht hervorbringt. Wie erwähnt, ist der Ring mit einem Edelstein be-
setzt. Er ist ein zweiter, innen hohler Ring und keine Metapher für ein kostbares Sinn-
destillat, das sich einer moralisch und intellektuell qualifizierten Leserschaft erschließt.
Für Augustin repräsentiert ebendieses leere Nichts einer Poesie ohne metaphysischen
Sinnbezug, und damit ohne wirkliches Sein, die SULYDWLRERQLdes Bösen:500
Nam YHUVXV HW FDUPHQ HW 0HGHD YRODQV utiliores certe quam quinque elementa
varie fucata propter quinque antra tenebrarum, quae RPQLQRQXOODVXQWHWRFFLGXQWFUH
GHQWHP. Nam versum et carmen etiam ad vera pulmenta transfero; volantem autem
Medeam etsi cantabam, non asserebam, etsi cantari audiebam, non credebam: illa au-
tem credidi, vae, vae! (...) Offendi illam mulierem audacem, inopem prudentiae, ae-
nigma Salomonis, sedentem super sellam in foribus et dicentem: „panes occultos
libenter edite et aquam dulcem furtivam bibite.“ Quae me seduxit, quia invenit foris habi-
tantem in oculo carnis meae et talia ruminantem apud me, qualia per illum vorassem.
(...) quia non noveram PDOXPQRQHVVHQLVLSULYDWLRQHPERQLXVTXHDGTXRGRPQLQR
QRQHVW. Quod unde viderem, cuius videre XVTXHDGFRUSXVHUDWRFXOLVHWDQLPRXVTXH
DGSKDQWDVPD?501 [Kursiv durch den Verf.]
Mehr als die fünf Elemente von verschiedener Färbung je nach den fünf Höhlen
der Finsternis fördern ohne Zweifel Vers und Dichtung und die fliegende Medea die
reinsten Hirngespinste. Aber das ist eine Marter für den, der daran glaubt. Denn Vers
und Gedicht weiß ich immerhin in echte Nahrung umzusetzen, und wenn ich die flie-
gende Medea auch besang, so gab ich sie doch nicht für geschichtlich aus, und wenn
ich sie besungen hörte, so glaubte ich doch nicht an sie; aber jene Torheiten habe ich
geglaubt. Wehe, wehe! (...) An jenes freche, einsichtslose Weib im Rätsel Salomons
war ich geraten, das vor der Tür auf dem Stuhle sitzt und ruft: „Esset, genießet verhoh-
lenes Brot und trinket die Süße gestohlenen Wassers. Und sie hat mich verführt, denn
sie fand mich, wie ich draußen wohnte, in dem, was meine leiblichen Augen sahen und
ich im Inneren nur wiederkäute, was ich durchs Auge verschlungen hatte. (...) Denn ich
wußte nicht, daß das Übel weiter nichts ist als der Ausfall an Gut, der schließlich bis
zum Nichtsein führt. Wie auch hätte ich das einsehen sollen, wo doch mein Sehen mit
dem Geiste nur bis zu Einbildungen reichte? [Übers. von Joseph Bernhart]
Diese Bibelstelle ruft den Ausspruch Bertschis in Erinnerung, als er, vor sexuel-
ler Begierde fast vergehend, der im Speicher eingesperrten Mätzli zuruft:
8QGJHGDFKWLPµ+DLOLJHU&KULVW
%HVFKORVVHQSURWZLHVHVVGXSLVW
0lW]OHLQPDLQHW7ULHIQDV
500 Vgl. Paul Michel, „Formosa deformitas“, § 38-39.
501 Augustinus, Bekenntnisse, Lateinisch und Deutsch, Eingel., übersetzt und erläutert von Joseph
Bernhart, Frankfurt am Main 1987, III, 6, 11; 7, 12. Zu den fünf Elementen vgl. Anm. 11, S. 858. Au-
gustin spielt auf den Glauben der von ihm bekämpften Manichäer an. Gemeint sind die fünf Elemente
der Welt des Bösen: Rauch, Finsternis, Feuer, Wasser, Wind. Nach Ansicht der Manichäer hat Gott
diesen fünf gute Elemente entgegengesandt und mit ihnen vermischt.
267
6RVHUGD]LPGHVQLFKHQZDV
6HLQKHUW]LQVHLQHPOHLEH
:ROWSHUVWHQQDFKGHPZHLEH
0lW]OLVDVDOODLQH
6HLVFKDZWLUZHLVVHQSDLQH
'RVDFKVHLLUYLOSUDXQHQPXW]HQ V. 1558 ff.
Wie weiter oben erörtert, zitiert der desperate Brautwerber Triefnas aus den
Proverbien 9, 17: DTXDHIXUWLYDH GXOFLRUH VXQW HWSDQLVDEVFRQGLWXV VXDYLRU und ver-
schmelzt das verborgene Brot der VWXOWLWLDmit dem Leib Christi und dem apostrophier-
ten Körper Mätzli Rüerenzumphs zu einer semiotisch hybriden Vorstellung. Durch den
mit den RFXOL FDUQLV wahrgenommenen Leib Mätzlis, der zwar unsichtbar, aber doch
nicht immateriell ist, wird die allegorische Bezugsrichtung umgekehrt. Denn im Brot der
Hostie kann die Anwesenheit des Leibes Christi nur glaubend erkannt werden. Vor-
ausgesetzt sind die Augen des Geistes, die RFXOL FRUGLV der Gläubigen Fehlt diese
Voraussetzung, verlieren die allegorischen Zeichen, das Bibelzitat ebenso wie die Ta-
bernakel-Symbolik, ihre Funktion, konventionelle Gedanken bzw. immaterielle Sub-
stanzen zur Anschauung zu bringen. Durch den eigensinnigen Gebrauch und die Über-
tragung auf endliche und kreatürliche Dinge werden sie zu Referenten, statt in übertra-
gener Bedeutung auf ideelle gedankliche Inhalte zu verweisen.
Wie das unmittelbar anschließende Gespräch Mätzlis mit ihrer PXW]Hund das
im Leib fast zerplatzende Herz Bertschis nahelegen, denkt Triefnas allein an die im
Speicher verborgenen weißen Beine und insbesondere an Mätzlis Geschlecht. Bertschi
und der Erzähler meinen konkrete Körperteile oder Symptome körperlicher Affekte, die
mit der allegorischen Signifikanz der Zeichen auf widersinnige Weise konfligieren.
Denn Bertschi referiert mit dem im Brot der Hostie mystisch verborgenen Leib Christi
der „Monstranz“ und der Allegorie des verborgenen Brotes der Frau Torheit auf die im
Speicher buchstäblich verborgene Mätzli. Der Erzähler bezeichnet mit dem wild pulsie-
renden Herz die sexuelle Erregung von Triefnas und nicht etwa das metaphorische
Herzeleid eines lyrischen Ich um eine unkörperlich idealisierte Dame des Herzens.
Damit der allegorische Sinn des Bibelspruchs intakt bliebe, müßte umgekehrt
Mätzli ein Exempel für die Personenallegorie der Frau Torheit sein. So aber sind nach
augustinischer Definition die von Triefnas verwendeten Zeichen das Produkt von SKDQ
WDVPDWDDQLPL, Hirngespinste der Einbildungskraft, die er denkend (8QGJHGDFKWLP) zu
seiner begehrten Mätzli in Beziehung setzt. Individuelle Hirngespinste sind das Gegen-
teil allegorischer Sinngehalte, deren einsinnige Deutungen außersprachliche Autoritä-
ten, fertige Lehren oder explizite Zuschreibungen festlegen.
Laut Ockham sind dagegen Gedanken mentale Sprachzeichen. Sie setzen sich
ebenso wie artifizielle Sprachzeichen aus abstrakten Universalien zusammen und drü-
cken an sich weder einen objektiven Sinngehalt aus noch korrespondieren sie in jedem
268
Fall mit der Welt der außersprachlichen Dinge. Um wahr zu sein, müssen sie auf au-
ßersprachliche Körper, Objekte oder Sachverhalte referieren. Unter diesen semioti-
schen Voraussetzungen ergibt sich ein Deutungsbefund, der im direkten Widerspruch
zu Augustins Hermeneutik steht. Gäbe es den eingesperrten und unsichtbaren Körper
Mätzlis nicht, für den das verborgenene Brot der Frau Torheit und der im Tabernakel
eingeschlossene Leib Christi in Bertschis Gedanken gedanklich stünden, wären Bert-
schis Worte reine Schimären. So aber existiert unabhängig von den widersprüchlichen
Bedeutungen des heiligen Geistleibes Christi und des profanen Menschenleibes der
Hure eine wirkliche Sache: Mätzlis PXW]H. Die von Bertschi gedanklich assoziierten
Schriftzeichen bzw. Dingsymbole sind Ausdruck seiner Idolisierung, keinesfalls aber
signifikant hinsichtlich einer allegorischen Bedeutung Mätzlis. Im Gegenteil: der ironi-
sche Kontrast des gedanklichen und des allegorischen Sinns beschädigt die Autorität
der Schriftzeichen bzw. Dingsymbole und diskreditiert die Allegorie als poetisches
Ausdrucksmittel. Sind nicht etwa das verhohlene Brot der Frau Torheit und der im Brot
verborgene Geistleib Christi emphatische Idolisierungen immaterieller „Hirngespinste“?
Da also das Deuten und Produzieren von Zeichen zwei Aspekte desselben
Vorgangs sind, fungieren die Schriftzeichen als sekundäre Konnotate primärer Gedan-
ken und Absichten, die im ‘Ring’ expliziert werden. Daraus läßt sich der Schluß ziehen,
daß der gesamte Ring-Text nur aus Zeichen des rhetorischen RUQDWXVbesteht, in den
kein Edelstein unsichtbar eingearbeitet, d.h. keine vom Autor Wittenwiler hineingelegte
allegorische Verschlüsselung enthalten ist, nach der einsinnig interpretiert werden
kann.
8.1.3 Chrippenchras Praxis: Eine Werkstatt rhetorischer Alchimie
Einen weiteren Beleg bietet die Stelle, in der Nabelraiber den im Auftrag Bert-
schis verfertigten Liebesbrief in einen groben Stein „einhüllt“. Die rohe, ungeformte Ma-
terialität des Steins fügt der Analphabetin eine Platzwunde am Kopf zu. In scharfem
Kontrast zu dieser unbeabsichtigten Wirkung bleiben dagegen die Schriftzeichen e-
benso ungelesen wie die DUVPRYHQGLder Rhetorik wirkungslos. Abgesehen von der
floskelhaften Liebesmetaphorik desselben Inhalts enthält Nabelraibers Brief nur die ei-
ne Botschaft:
'LHDQGHULVWGD]LUGHQIXQG
9LQGHQVFK|OWLQFKXUW]HUVWXQG
'D]VLFKKHUW]HQPQGHODXJHQ
=HPHQIJHQVXQGHUWDXJHQ V. 1896 ff.
269
Nun weiß Mätzli schon aus den äußeren Umständen der Liebeswerbung, daß
es sich nur um einen Liebesbrief von Bertschi handeln kann, und daß sie ihm, gemäß
den Regeln der geheimen Liebeskorrespondenz, in derselben Form antworten muß.
Das Blut der Wunde soll Vater Fritz von der Notwendigkeit eines Arztbesuchs über-
zeugen: 8QG]DLJHQLP[Fritz] GD]SOXRWGHUZXQGHQ(V. 1993). Dank der rohen Gewalt
des Steins und nicht der Lektüre des kunstvoll zusammengefügten Briefes entkommt
sie der Gefangenschaft ihres Vaters Fritz. Allein aus der semiotischen „Lektüre“ der
Handlungselemente (Steinwurf, Brief, Blut) als Zeichen der Minne findet Mätzli den
Weg zu dem schrift- und lesekundigen Vermittler Chrippenchra, einem Arzt, Beichtva-
ter, Liebhaber und rhetorischen Alchimisten in einer Person. Er soll ihr den Brief VXQGHU
WDXJHQvorlesen und zur Verabredung eines Rendezvous mit Bertschi einen eigenen
schreiben. Sie verhält sich also so, als hätte sie die schriftsprachliche Botschaft gele-
sen. Nichts enthält der Brief, was sie nicht auch aus der Identifizierung des Briefes als
Dokument der Minne deutet.
Die Würde und Autorität der Schrift wird auch dadurch beschädigt, daß der flos-
kelhafte und leere Stil von Nabelraibers Brief Mätzlis Klagerede über das Fehlen der
Kunst des Lesens und Schreibens ähnelt. Stellt man die Apostrophierungen der Ge-
liebten und der Kunst vergleichsweise nebeneinander, so könnte man sie für Teile
desselben Diskurses halten:
'DUXPEIUDZRPDLJHQSOHW
6HVVHXWXJHQG]DUWHXJHW
2PHLQVKHUW]HQSDUDGHLV V. 1884 ff.
2ZHFKXQVWGXZHUGHVJXRW
'XK|FKVWHUKRUGGXHGOHUPXRW
*HZLVVHUVFKDW]GXEOHQGHXIUXFKW V. 1969 ff.
Ganz zurecht fürchtet sie, einem fremden Mann „ihr Geheimnis“ zu offenbaren,
dem sie „eigentlich“ nicht trauen kann.
270
:LHVFKROLFKPHLQHKDLPOHLFKDLW
2IIQHQHLQHPIUHPGHQPDQ
'HPLFKODLGHUQLFKWHQNDQ
*HWUDXZHQDLJHQOHLFKHQZRO"
'LHZHOWLVWE|VHUOLVWHQYRO V. 1959 ff.
Wie berechtigt ihre Zweifel sind, bezeugt ironischerweise die erpresserische
Strategie des Arztes, von dessen Kunst des Schreibens und Lesens sie sich die Ver-
wirklichung ihrer sexuellen Wünsche mit Bertschi erhofft. In einem charakteristischen
Gegensatz zum Idealismus des Schreibers Nabelraiber erkundigt sich der Rhetoriker
Chrippenchra genauestens nach den äußeren Umständen, die zur Kopfverletzung ge-
führt haben (V. 2001 ff.). Um sich seiner Verschwiegenheit zu versichern, zeigt ihm
Mätzli den Brief und tut so, als vertraue sie damit einem geweihten Priester ein Beicht-
geheimnis an (V. 2053 ff.). Doch stellt der Brief anders als die mündliche Beichte ein
kompromittierendes FRUSXV GHOLFWL dar, das der „Beichtvater“ Chrippenchra zu höchst
eigennützigen Zwecken gegen sie verwendet.
Infolge der Kopfverletzung aus ihrer Ohnmacht erwacht, beklagt sie, die „bitte-
ren Wurzeln der Wissenschaft“ nicht rechtzeitig gesetzt zu haben, um damit „wohl-
schmeckende süße Äpfel“ (V. 1977) zu ernten.Unter dem Vorwand der Geheimhaltung
seiner Kunst und der Verabreichung „heilsamer Wurzeln der Medizin“ vertreibt Chrip-
penchra alle lästigen Ohrenzeugen aus seiner Praxis mit den Worten:
,FKPDJLUQLFKWJHQHUHQ
0DQZHOOVLHGDQQYHUVSHUUHQ
,QGLHVHUFDPHUVXQGHUEDU
'DVVHLWGLHNXQVWXQGLVWDXFKZDU
'DZLUWPDQLUGHUZXUW]HQJHEHQ¶ V. 2023 ff.
Bevor er zur „Heilung“ von Mätzlis KHUW]HQJLU(V. 2070) kommt, will er sich zu-
nächst der „Heilung“ ihrer Kopfwunde zuwenden. Statt der angekündigten Wurzeln
verarztet er sie mit Essig, Asche, Zwiebeln und Meersalz. Diese bitteren UHPHGLD,so
sagt der Erzähler, erscheinen Mätzli „süßer als Butter“. Darauf hebt er den Diskurs der
ironischen Umwertungen auf das Niveau einer allegorischen Deutung, so als bestehe
der universelle intelligible Sinn der Minne aus dem Widersinn ihrer eigenen Umdeutun-
gen, was scheinbar die Erzählung beweist:
'LHPLQQZDUGLUJHYDOOHQ
'LHK|QLFKJPDFKWDXVJDOOHQ
8QGGDUQDFKDXVGHPK|QLFKJSLUW
*DOOHQGLH]HSLWWHUZLUW V. 2075 ff.
Die metaphorische Verwendung von Honig und Galle zur Bezeichnung der
Minne könnten auch durch Essig und Butter ersetzt werden. Die Differenz von erzählter
271
und gedeuteter Geschichte hebt sich auf. Die Deutung ist gleich der Geschichte. Ist
das nicht eher ein Beleg dafür, daß man den zeichenhaften Erfindungen und den
Kommentaren des Erzählers ebensowenig trauen kann wie den Reden der Personen?
Das Bauernmädchen diktiert dann einen Brief an Bertschi, in dem sie ihn zum gehei-
men Stelldichein ins Arzthaus einlädt. Flugs folgert Chrippenchra daraus, daß sie wohl
eine Hure sei. Daß scheint ihm auch die JVFKULIWzu beweisen, an die er „denkt“, und
die von den Frauen „spricht“µ'HQIUDZHQLVWGHUDUV]HSUDLW'D]KHUW]]HVPDO¶(V.
2103 f.). Wieder schaltet sich der Erzähler deutend ein, indem er zur „Auslegung“ eine
misogyne Schachallegorie hinzufügt und damit die Allgemeingültigkeit einer Sentenz
unterstreicht (2104 ff.), deren Bedeutung allein Chrippenchras Denken widerspiegelt.
Eindrucksvoll belegt die folgende Szene Chrippenchras ironischen Zeichen-
gebrauch. Zu seiner eigenen Belustigung, 'HU ZDUG GR ODFKHQW GD] HU IDUW]HW (V.
2116), reimt er den Namen 0lW]OL5HUHQ]XPSK auf seinen VWXPSKAls bezeichne der
Name „Rürenschwanz“ eine reale Eigenschaft wie der Name VWXPSK ein reales Kör-
pergliedfolgert er die Zusammengehörigkeit beider: 6RJK|UWPHLQVWXPSK]XRGHL
QHP PXRW8QVHU GLQFK P|FKW ZHUGHQ JXRW (V. 2110).502 Auch Nabelraiber hatte in
seinem Brief YHQXVauf MHVXVgereimt (V. 1909 ff.), Reimwörter, die man ohne Bedeu-
tungsverlust wechselseitig austauschen kann, nur bezeichnenderweise ohne Bezug
auf außersprachliche Dinge. Würde Mätzli den Namen „Grapschkräh“ als reale Eigen-
schaft lesen, könnte sie dieselbe nominelle Beweisführung anführen. Um nun die Anal-
phabetin tatsächlich seiner sexuellen Begierde zu unterwerfen, nutzt er wieder die Re-
ferenz der Zeichen als reales Beweismittel. Er droht ihr, sie mit den beiden Liebesbrie-
fen, Nabelraibers und des von ihr diktierten, bei ihrem Vater anzuschwärzen: µ6LFKGLH
ZLO LFK )ULW]HQ ]DLJHQ*LEVW GX GLFK PLU QLFKW ]H DLJHQ¶ (V. 2127 ff.). Dann gibt ihr
Chrippenchra von „seinen Wurzeln“ zu essen, die ihr alles andere als bitter so gut
schmecken, daß sie schließlich gegen den Willen des erschöpften Arztes gar nicht
mehr davon lassen will. Auch wenn sie hier scheinbar die Namensdeutung Chrip-
penchras bestätigt, hat sich Mätzli doch ursprünglich die Geheimhaltung der Liebes-
botschaften durch die Kunst des Lesens und Schreibens anders vorgestellt. Statt mit
Hilfe der rhetorischen Kunst „süße Äpfel“ zu ernten, muß sie, wie der Erzähler sagt,
nach ihrer Schwangerschaft „saure Äpfel“ essen und „Essig“ trinken (V. 2194 ff.).
502 Chrippenchra spielt auf aberwitzige Weise mit dem Namen VWXPSKals Wurzel des Namens 5UHQ
]XPSK, die ihre sachliche Entsprechung in seinem VWXPSKhabe. Vor 1300 erwartete man von der
Etymologie, den Wurzeln der Wörter, Hinweise auf die Dinge oder direkt auf ihre Essenz. Worterklä-
rung war Sacherklärung.
Vgl. dazu, Giovanni Boccaccio, Poesie nach der Pest, Der Anfang des 'HFDPHURQ, Vorwort, Erster
Tag: Einleitung, Novelle I-IV, Italienisch - Deutsch, Neu übersetzt und erklärt von Kurt Flasch, Mainz
1992 (= Excerpta classica; 10), S. 123.
272
In der Minneallegorie des Arztbriefes nivellieren ausgerechnet die Worte der
heiligen Mutter Gottes den Unterschied der auf breitem Raum explizierten Antitypen
von Venus und Maria:
8QGIROJQLFKWIDOVFKHUPLQQJHSRWW
:RQGDVVWUHEHWZLGHUJRW
(VZlUGDQQGD]GHLQOLHEHUPDQ
GHUHGLFKZ|OWLPXRWHQDQ V. 2381 ff.
Ein Eheversprechen soll also ausreichen, um der IDOVFKHQ PLQQ den himmli-
schen Segen zu erteilen. Reden, Schwüre, falsche Versprechungen sind aber nun
einmal konstitutive Elemente jeder Minnerhetorik. Obendrein begründet die Gottesmut-
ter diese Verschleierungstaktik mit der Autorität der von Gott geschaffenen KDLOLJHQH,
was an die QXLZHH, das Neue Testament der Heiligen Schrift, erinnert.
'HVPDFKWGXLQJDUZROJHZHUHQ
0LWVlOGHQWUXZHQXQGPLWHUHQ
:RQJRWVHOEYRQVHLQHPUDW
'LHKDLOLJHQHJHVFKDIIHQKDW V. 2385 ff.
In der Allegorese deutet der Beichtvater das Blut der Venus, das hinter ihrem
Wagen herströmt, als Blut aus den Wunden der Liebenden, die in Liebesstreitigkeiten
verwickelt wurden. So hat auch Mätzli das Blut ihrer Wunde gedeutet. Dagegen bedin-
ge erst das Blut und die Tränen des Neuen Testaments die Verwandlung in einen See
aus Milch und Honig, von dem Maria in der fingierten Traumvision Mätzlis umgeben ist
(V. 2516 ff.). Also bedingt Venus die „Mutter“ Gottes, was auf der Ebene der natürli-
chen Zeichen richtig, auf der Ebene der antithetisch aufgebauten Minneallegorie völlig
widersinnig ist. Denn die „Jungfrau“ Maria, die Stimme der Wahrheit, würde unter die-
ser Voraussetzung selber die Eigenschaften der IDOVFKHQPLQQverkörpern. Die private
Abgeschlossenheit der Arztpraxis gleicht hier einer Werkstatt ironischer Umdeutungen,
an denen sich Chrippenchra, Mätzli und der Erzähler gleichermaßen beteiligen.
273
8.2 Petrarcas Besteigung des Mont Ventouxoder das Verschwinden der
Wahrheit im Widersinn der allegorischen Selbstdeutung
8.2.1 Die widersprüchlichen Motive der Neugierde und der Erinnerung
Die folgende Analyse widerspricht der vielgerühmten These von Jacob Burck-
hardt, daß Petrarcas Ventoux-Epistel den Aufbruch zur Moderne markiere.503 Vielmehr
impliziert die substantielle Entleerung der Fundamente mittelalterlich-allegorischen
Denkens und der Verlust der theologisch begründeten Heilsgewißheit unter Rückgriff
auf Augustins ‘Bekenntnisse’ mitnichten die Geburtsstunde des autonomen Subjekts
oder sogar die Entdeckung einer Landschaftsästhetik. Es ist überhaupt fraglich, ob
Petrarca wirklich diesen Berg mit dem Namen der „Windige“ zusammen mit seinem
Bruder Gherardo am 26. April 1336 erklommen hat, wie er selber angibt, oder ob er ihn
nicht in der Abgeschiedenheit seines VWXGLRORin Vaucluse verfaßte.504
Wichtiger für die Interpretation ist, daß er demnach rein rechnerisch im symbol-
trächtigen Alter von zweiunddreißig Jahren den Aufstieg auf den wirklich existierenden
Berg in der Provence in der Nähe von Avignon unternommen haben will. Billanovich
begründet die Altersangabe damit, daß Petrarca - wie auch in der Tradition der VRUWHV
ELEOLFDH- den Augustin der ‘Bekenntnisse’ zum Vorbild genommen habe.505 Denn kurz
vor der Vollendung seines dreiundreißigsten Lebensjahres will der Kirchenvater unter
einem Feigenbaum seines Mailänder Gartens eine Stelle aus den Paulusbriefen geöff-
net haben, die ihm die Gnade der inneren Umkehr zuteil werden ließ. Zuerst hört er
aus dem Nachbarhaus eine Kinderstimme singend wiederholen: „Nimm es, lies es,
503 Im folgenden wird zitiert aus: Francesco Petrarca, Die Besteigung des Mont Ventoux, Lateinisch-
Deutsch, Übersetzt und hg. von Kurt Steinmann, Stuttgart 1995 (= RUB 887). Der lateinische Text
folgt der Ausgabe: Francesco Petrarca, /HIDPLOLDULEdizione critica per cura di Vittorio Rossi, Bd. 1,
Introduzione e libri I-IV, Florenz 1968 (= Edizione nazionale delle opere di Francesco Petrarca, Bd.
10).
Vgl. Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, Ein Versuch, Stuttgart 198811, 1. Aufl.
[1926], S. 215 f.: „Vollständig und mit größter Entschiedenheit bezeugt dann Petrarca, einer der frü-
hesten völlig modernen Menschen, die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele. [...] Die
wahrste und tiefste Aufregung aber kommt über ihn bei der Besteigung des Mont Ventoux unweit A-
vignon.“ Verbindungsglied und Element der Harmonisierung zwischen Ich und Welt soll die Land-
schaft sein. Abgesehen von der Fragwürdigkeit dieses Deutungsansatzes für einen Text des späten
Mittelalters, entbehrt die stillschweigende Voraussetzung, daß bei Petrarca Landschaft ästhetisch
wahrgenommen wird, der textlichen Grundlage.
504 Zu Fragen der Datierung vgl. Guiseppe Billanovich, Petrarca und der Ventoux, in: Petrarca, Hg. von
August Buck, Darmstadt 1976 (= WdF, 352), S. 444-463.
Vgl. auch Bortolo Martinelli, Petrarca e il Ventoso, in: Ders., Petrarca e il Ventoso, Bergamo 1977, S.
149-215.
505 Vgl. Billanovich, Petrarca und der Ventoux, S. 453 ff.
274
nimm es, lies es!“506 Darauf schlägt er von ungefähr die Bibel auf und liest: 1LFKWLQ
IUHVVHQXQGVDXIIHQQLFKWLQNDPHUQXQGXQ]XFKWQLFKWLQKDGHUXQGQHLG6RQGHUQ]LH
KHWDQGHQ+HUUQ-HVX&KULVW8QGZDUWHWGHV/HLEHV'RFKDOVRGDVHUQLFKWJHLOZHUGH
(Rö 13, 13-14).“507
Petrarca schlägt nun auf dem Gipfel ebendieses Buch der ‘Bekenntnisse’ des
Kirchenvaters auf, um dort eine Stelle zu finden, deren Inhalt er in negativer Verkeh-
rung seiner Situation als Gottsuchender auf dem Gipfel des Ventoux auf sich bezieht:
„Und es gehen die Menschen hin, zu bewundern die Höhen der Berge und die gewalti-
gen Fluten des Meeres und das Fließen der breitesten Ströme und des Ozeans Umlauf
und die Kreisbahnen der Gestirne - und verlassen dabei sich selbst.“508 Wie noch zu
zeigen sein wird, erhebt das Buchorakel das Erzähler-Ich Petrarca nicht wie sein be-
rühmtes Vorbild in den Stand der Gnade. Im Gegenteil, verärgert über den Irrtum, daß
diese Exkursion der allegorischen Figur eines Aufschwungs der Seele zu Gott entspre-
chen und seine spirituelle Entwicklung fördern könne, steigt er schweigend ins Tal hin-
ab. Der äußeren Rückkehr in die Herberge von Malaucène am Fuße des Berges, in der
er noch am selben Abend bei Mondenschein den Brief an seinen Freund abgefaßt ha-
ben will, entspricht keine innere Umkehr bzw. Abkehr von der Sündhaftigkeit des irdi-
schen Lebens, von der Augustins narrative Autobiographie handelt.
Schon die äußeren Zeichen bei der Vorbereitung zum Aufbruch mögen einen
verschlüsselten allegorischen Sinn enthalten, der auf den Widersinn von Absicht und
Bedeutung und auf das Scheitern des Unternehmens hindeutet. Nach allegorischer
Lesart wäre 0DODXVDQD ein verfluchter Ort, den sie DGYHVSHUDPerreichen. Der Abend
gilt als Zeit der Versuchungen. Malaucène wird als zum Norden hin liegend lokalisiert:
YHUVXVLQERUHDPDiese Himmelsrichtung steht für den Verlust der FDULWDVund Sün-
denverfallenheit. Steine und SUHUXSWD PROHV d.h. schroffe Felsmassen, signalisieren
Kraftlosigkeit und Verhärtung durch Bosheit.509
506 Folgende Augustin-Zitate und Übersetzungen, aus: Augustinus, Bekenntnisse, Zweisprachige Aus-
gabe, Aus dem Lateinischen von Joseph Bernhard, Frankfurt a. M. 1987 (= it, 1002); hier VIII, 12, 28-
29.
507 D. Martin Luther: Biblia, Das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch auffs new zugedicht, Wittenberg
1545, Hg. von Hans Volz, Bd. 3, München 1974.
508 Übers. von Kurt Steinmann, aus: Francesco Petrarca, Die Besteigung des Mont Ventoux, Abschnitt
27.
Conf. 10. 8, 15: „Et eunt homines mirari alta montium et ingentes fluctus maris et latissimos lapsus
fluminum et Oceani ambitum et gyros siderum, et relinquunt se ipsos.“
509 Vgl. Andreas Kablitz, Petrarcas Augustinismus und die Ecriture der Ventoux-Epistel, in: Poetica 26
(1994), S. 31-69; hier S. 43. Er entnimmt die Entschlüsselung der Allegorie dem Allegoriehandbuch
von Hieronymus Lauretus, Silva Allegoriarum totius Sacrae Scripturae, Köln 1681, ND München
1971.
275
Oben angelangt, berichtet Petrarca, der Gipfelstürmer, habe er erstaunt dage-
standen, bewegt „durch den ungewohnten Hauch der Luft und die ganze freie Rund-
sicht“ (17). Unter seinen Füßen hätten sich Nebelschwaden gesammelt. Dann ver-
gleicht er diesen Eindruck des Berges von „geringerem Ruf“ mit den heiligen Bergen
Olymp und Athos. Das, was er von diesen heidnischen Kultstätten gelesen und gehört
habe, erscheint ihm nun weniger „unglaubwürdig“. Damit meint er wohl kaum die Viel-
götterei der Heiden.
Anhand von antiken Quellen weist Jens Pfeiffer nach, daß Petrarca Naturphä-
nomene der beiden Berge am Vergleichsobjekt empirisch überprüft. Ihre Wolken über-
ragende Höhe und ihre relative Windstille habe sie in der Antike allererst zu heiligen
Kultstätten prädestiniert. Trifft diese Reminiszenz zu, kann man sie nur dem ironischen
und widersinnigen Diskurs der Ventoux-Epistel insgesamt zuschreiben. Denn dieser
provencalische Berg mit dem Namen „Der Windige“ soll ausgerechnet die Windstille
von Bergen der heidnischen Antike beweisen, die u. a. deswegen im Ruf der Heiligkeit
standen.510
Ferner zeigt Pfeiffer, daß diese für die Modernitätsthese entscheidende Stelle
weniger auf das subjektive Empfinden angesichts erhabener Naturschönheiten zurück-
zuführen sei als auf eine Parallele zu Augustins ‘De trinitate’ (IX, 6, 11), die sich der
theologischen Problematik von Petrarcas Text einfügt. Augustin drückt metaphorisch
mit dem Anblick von „höchsten Bergen“ in „freier Luft“, „hellstem Licht“ und über „dich-
testem Nebel“ eine spirituelle Seinsstufe zur Nähe Gottes aus, die im Zusammenhang
seiner Memoria-Lehre steht.511 Petrarca scheint an der geographischen Beschaffenheit
wirklicher Berge in ihrem Verhältnis zu literarischen Angaben interessiert zu sein. Pa-
radoxerweise hält er zugleich an der Analogie des realen Aufstiegs zur allegorischen
Gedankenfigur eines DVFHQVXVder Seele zu Gott fest. Bei Augustin veranschaulicht
der Aufstieg der Seele lediglich die Erhabenheit der Erinnerung an Gott im Verhältnis
zu den Niederungen der Alltagserinnerungen.
So durchdacht und durchkonstruiert wie dieser aus einer Vielzahl literarischer
Zitate und gelehrter Anspielungen komponierte Brief zweifellos ist, kann jedenfalls von
510 Vgl. Pfeiffer, Petrarca und der Mont Ventoux, Zu )DPLOLDUHV,9, in: GRM 47 (1997), S. 12 f. Wie aus
antiken Quellen von Pomponius Mela, Plinius und Isidor hervorgeht, wurden die beiden Berge als
heilige Kultstätten ausgewählt, weil ihre Gipfel die Wolken überragen und die Asche der Brandopfer
nicht verweht.
511 Augustinus, De trinitate IX, 6, 11: „Sed interest utrum ego sub illa vel in illa caligine tamquam a caelo
perspicuo secludar, an sicut in altissimis montibus accidere solet inter utrumque aere libero fruens et
serenissimam lucem supra et densissimas nebulas subter aspiciam.“
276
einem ästhetische Zwecke verfolgenden Erlebnisbericht keine Rede sein.512 Vielmehr
signalisiert die Epistel, wie Andreas Kablitz sagt, ein „Sich-Einrichten in einer radikalen
Negativität, die als solche bewußt gemacht ist und die dennoch ebenso unhintergehbar
bleibt wie unabwendbar scheint.“513 Ich schließe mich seiner These an, wonach die
Ventoux-Epistel an den mit Petrarca befreundeten Augustinermönch und Professor der
Theologie Dionigi da Borgo San Sepolchro einen Gegenentwurf zu dem Bekenntnis-
buch Augustins darstellt. Petrarcas Brief untersucht die Problematik der Lesbarkeit der
Welt und der innermoralischen Wahrheit des Ich in Form ihrer allegorischen Ausle-
gung.
Der Brief ist in vier Teile untergliedert: den Vorbereitungen zum Aufstieg, dem
Aufstieg, den Ereignissen auf dem Gipfel des Berges und dem Abstieg. Wodurch ist
die Besteigung motiviert? Schon der Eingangssatz gibt darauf Antwort: „Den höchsten
Berg dieser Gegend, den man nicht zu Unrecht Ventosus, ‘den Windigen’, nennt, habe
ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen außergewöhnlich ho-
hen Ort zu sehen.“ 9LGHQGLFXSLGLWDWHd.h. Schaulust, die intellektuelle Neugierde, ver-
trägt sich schlecht mit der biblischen Verdammung der drei Begierden von Fleisches-
lust, Augenlust und weltlichem Ehrgeiz (I Joh 2, 16) und erst recht nicht mit der Dog-
matik Augustins, der nicht müde wird zu betonen, daß der Weg der Wahrheit zur
Kenntnis Gottes nach innen führt.514
Immer schon habe er diesen Berg vor Augen gehabt, aber erst als ihm am Tage
zuvor zufällig (IRUWH) beim Durchblättern von Livius ‘Römischer Geschichte’ die Stelle
unter die Augen kam, wo Philipp IV., gegen Rom kriegführender König von Mazedo-
nien, den Berg Hämus in Thessalien bestiegen habe, um herauszufinden, ob man von
seinem Gipfel die beiden Meere, das Schwarze und das Adriatische Meer, sehen kön-
ne, habe er sein lange geplantes Vorhaben endlich in die Tat umgesetzt. Der Kosmo-
graph Pomponius Mela halte die Sache für richtig, Livius dagegen für falsch. In eigener
Person könne er die in der Literatur unentschiedene Angelegenheit leider nicht lösen,
weil der Berg schlicht zu weit entfernt sei. Ginge es ihm darum, wäre der Ventoux oh-
512 Jens Pfeiffer geht in seinem Beitrag den Zitaten und Prätexten nach, aus dem die Epistel montiert ist.
Vgl., Ders., Petrarca und der Mont Ventoux, Zu )DPLOLDUHV,9, in: GRM 47 (1997), S. 1-24; hier S.
14: Was den Realitätsgehalt des Berichts angeht, bemerkt er: „Daß vom Mont Ventoux bei klarem
Wetter tatsächlich die Alpen sichtbar sind, ist als einziges Realitätspartikel festzuhalten.“
513 Andreas Kablitz, Petrarcas Augustinismus und die Ecriture der Ventoux-Epistel, in: Poetica 26
(1994), S. 31-69; hier S. 34.
514 Die Begierde der intellektuellen Neugierde gehört zu den Todsünden wie die Wollust und der Hoch-
mut, von dem Augustin bezweifelt, daß er ihn je ganz besiegen wird. Conf. X, 37, 60: „Est enim qual-
iscumque in aliis generibus temptationum mihi facultas explorandi me, in hoc [superbia] paene nulla
est. Nam et a voluptatibus carnis et a FXULRVLWDWHVXSHUYDQHDFRJQRVFHQGL video quantum assecutus
sim posse refrenare animum meum, cum eis rebus careo vel voluntate vel cum absunt.“ Hervorhe-
bung durch den Verfasser.
277
nehin der falsche Berg. Wozu dient dann der Rückgriff auf das antike Vorbild? Wie Li-
vius (XL, 21) berichtet, trieb auch den mazedonischen König sein Verlangen: &XSLGR
FXPFHSHUDWLQYHUWLFHP+DHPLPRQWLVDVFHQGLTXLDYXOJDWDHRSLQLRQLFUHGLGHUDW3RQ
WLFHPVLPXOHW+DGULDWLFXPPDUHHW+LVWUXPDPQHPHW$OSHVFRQVSLFLSRVVH.515 Phi-
lipp entschuldigt sein Vorhaben mit angeblich militärstrategischen Gründen. Bezeich-
nenderweise erwähnt nun Petrarca mit keinem Wort, daß die Unternehmung des Kö-
nigs an schlechten Sichtverhältnissen scheiterte, und daß er aus Furcht vor öffentlicher
Bloßstellung und höhnischem Gelächter sogar log und behauptete, daß er die beiden
Meere gesehen habe.516 Wahrscheinlich wunderten sich schon die Zeitgenossen, was
ein König in Person auf einem Berg zu suchen habe. Umso befremdlicher klingt
Petrarcas Entschuldigung, daß man ihm, dem jungen Privatmann aus dem 14. Jahr-
hundert verzeihen könne, was einem greisen König der Antike erlaubt sei. Bei dieser
skrupulösen Entschuldigung scheint er, der Christ und Kenner augustinischer Schrif-
ten, wieder an das biblische Verbot der Schaulust zu denken. Weil die intellektuelle
Neugierde auf die Welt mit religiöser Kontemplation inkommensurabel ist, laufen beide
Motivationsstränge parallel, ohne einander entsprechen zu können.
Überdies ist der Hämus nicht irgendein Berg, er ist der Berg der Musen.517 Auf
seinem Rückweg ins Tal zitiert er die Stelle aus Vergils ‘Landbau’:
)HOL[TXLSRWXLWUHUXPFRJQRVFHUHFDXVDV
$WTXHPHWXVRPQHVHWLQH[RUDELOHIDWXP
6XELHFLWSHGLEXVVWUHSLWXPTXH$FKHURQWLVDYDUL
6HOLJZHUHVYHUPRFKWHGDV:HVHQGHU:HOW]XHUJUQGHQ
ZHUVRDOOGLH$QJVWXQGGDVXQHUELWWOLFKH6FKLFNVDO
XQWHUGLH)HVLFK]ZDQJXQGGHVJLHULJHQ$FKHURQ7RVHQ
Vergil stellt diesen Versen eine längere Passage voran, in der die Musen dazu
aufgefordert werden, den Dichtern die Geheimnisse der Natur zu erklären. So ist der
Musen-Berg ein Symbol für das Wissen um die natürlichen Dinge, an denen die Dich-
ter gleich Adepten teilhaben, um die Dinge so zu beschreiben, wie sie ihrem wahren
515 Tito Livio, Testo Latino e versione a cura di Carlo Vitali, Libri XXXIX-XL, Bologna 1973.
516 Ebd. 40, 22, 4-6: „Ut vero iugis propinquabant, quod rarum in altis locis est, adeo omnia contecta [er-
ant] nebula, ut haud secus quam nocturno itinere impedirentur. Tertio demum die ad verticem per-
ventum./Nihil vulgatae opinioni degressi inde detraxerunt, magis credo, ne vanitas itineris ludibrio es-
set, quam quod diversa inter se maria montesque et amnes ex uno loco conspici potuerint.“
517 Vgl. Vergil, Georgica 2, 475 ff. in: Vergil, Bucolica, Georgica, Catalepton, Lateinisch/Deutsch, Hg.
und übers. von Johannes Götte, München 19814. Vergil bittet die Musen ihm die Geheimnisse der
Natur zu erklären.
518 Ebd., 490-492. In Petrarcas Epistel Abschnitt 34.
278
Wesen nach sind. Hämus und Musen sind auch bloß Metaphern der Dichtkunst oder
der geographischen Erkenntnis wie der moralische Aufstieg auf den Gipfel der Seelig-
keit eine allegorische Figur der Moraltheologie. Beide Motivationsmuster sind literari-
sche Sinnsysteme, das eine heidnisch, das andere christlich. Traditionell schließen sie
sich aus. Wichtiger noch als der sich ausschließende Gegensatz von augustinischer
PHPRULDund heidnischer FXULRVLWDVbeide literarischen Vorbilder lassen sich nicht an
einer realen zweckdienlichen Bergtour bewahrheiten. Vorweg sei gesagt, daß Petrarca
durch die Besteigung des „Windigen“ weder den Geheimnissen der Natur bzw. Dicht-
kunst noch der Kenntnis Gottes näher kommt.
8.2.2 Die Dissemination der allegorischen Zeichen in der Temporalität
Ist nun der folgende Aufstieg allegorisch, und wenn ja, wie verhält sich der wirk-
liche Aufstieg zur allegorischen Bedeutung? Von seinen Freunden erscheinen ihm alle
ungeeignet, so daß er schließlich seinen Bruder Gherardo zu seinem Begleiter aus-
wählt. Nur Gherardo, der sich 1343 nach dem Tod seiner Geliebten zum Mönchtum der
Kartäuser bekehren wird und in das Kloster Montrieux bei Marseille eintritt, besitzt die
nötige moralische Qualifikation, die zu einem erfolgreichen Gelingen des Unterneh-
mens beitragen soll. Zunächst treffen sie auf einen alten Hirten, der ihnen von dem
Vorhaben abrät. Er habe dasselbe vor fünfzig Jahren getan und nichts als Reue
(SRHQLWHQWLD), zerschundene Glieder und von Dornen aufgerissene Kleider
davongetragen. Doch habe sie das Verbot des Alten nur angespornt, und sie seien
frischen Mutes vorangeschritten. Gherardo wählt nun den steilen und geraden Weg
nach oben, während der Bruder seine Mahnungen ausschlägt und auf einem längeren,
aber weniger beschwerlichen Weg das Ziel zu erreichen glaubt. Bald jedoch irrt er in
den Tälern herum, SHU YDOOHV HUUDEDP (10). Erschöpft von den Strapazen, holt er
endlich den durch langes Warten völlig erholten Bruder ein. Obgleich er sich damit
entschuldigt, dies nur getan zu haben, um seine Trägheit zu vertuschen, wiederholt er
die Prozedur drei- bis viermal. Resigniert und erschöpft, läßt er sich in einem der Täler
nieder und stellt dort folgende Reflexion an:
Dort schwang ich mich auf den Flügeln des Geistes vom Körperlichen zum Unkör-
perlichen hinüber und ging mit mir selbst mit ungefähr folgenden Worten ins Gericht:
„Was du heute so oft bei der Besteigung dieses Berges erfahren hast, wisse, daß dies
dir und vielen widerfährt, die das selige Leben zu gewinnen suchen. Aber es wird des-
wegen nicht leicht von den Menschen richtig gewogen, weil die Bewegungen des Kör-
pers offensichtlich sind, die der Seele jedoch unsichtbar und verborgen. (13) In der Tat
liegt das Leben, das man das selige nennt, auf hohem Gipfel, und HLQVFKPDOHU3IDG,
279
so heißt es, führt zu ihm hin. Auch viele Hügel ragen dazwischen auf, und von Tugend
zu Tugend muß man mit erhabenen Schritten wandeln; auf dem Gipfel ist das Ende al-
ler Dinge und des Weges Ziel, auf das hin unsere Pilgerreise ausgerichtet ist.
Der Wanderer Petrarca stellt die allegorischen Zeichenelemente ins Bezugsfeld
seiner körperlichen Situation und gibt zugleich zu verstehen, wie fragil dieses Verhält-
nis ist. Auf Lateinisch lautet der erste Satz: ,OOLF D FRUSRUHLV DG LQFRUSRUHD YROXFUL
FRJLWDWLRQH WUDQVLOLHQV Er muß also über den Abgrund zwischen der Realitätsebene
und der allegorischen Gedankenebene „hinüberspringen“. Dem Verstand, der dem
verfallenden und irdisch schweren Körper gebiete, - sein bisheriges Verhalten zeigt das
Gegenteil - traut er zumindest potentiell zu, den Gnadenakt „im Nu eines Augenzwin-
kerns“ an sich selbst zu vollziehen (15):
Aber es müßte doch wohl jene Wanderung bei weitem leichter sein, die durch die
bewegliche unsterbliche Seele selbst ohne jede Ortsveränderung im Nu eines Augen-
zwinkerns geschehen kann, als diese, die im zeitlichen Ablauf durch den Gehorsam des
sterblichen und hinfälligen Körpers (..) ausgeführt werden muß.
Seine Position erscheint umso ambivalenter, als er an die Stelle der Gnade
Gottes den Verstand setzt, ohne die Hoffnung auf einen Gnadenakt preiszugeben.
Zwar ist er sich gedanklich darüber im klaren, daß der VHQVXVKLVWRULFXV, die Zeichen
der körperlichen Wanderung, nur semiotisch und nicht ontologisch mit dem VHQVXVPR
UDOLV, dem unsichtbaren Aufstieg der Seele,in Verbindung steht; schließlich sagt er,
daß „die Bewegung der Seele“ jenseits der äußeren Erscheinungswelt im Verborgenen
liege.519 Und doch nimmt er dann den Gedanken an den moralischen DVFHQVXVals
Stimulanz für den körperlichen. Denn am Ende seiner Überlegungen glaubt er durch
solche Gedanken an „Leib und Seele gestärkt“, frische Körperkräfte für den noch vor
ihm liegenden Weg geschöpft zu haben. Eine semiotische Entsprechung gibt es indes
nur darin, daß der geschichtliche auch ein geistig-moralischer Irrweg ist.
Durch das Erreichen des physischen Ziels ist noch nichts über das des meta-
physischen ausgesagt. Mehr noch: setzt man das finale Besteigen des Berggipfels am
26. April 1336 mit dem moralischen Ziel des Lebens in ein Bezugsverhältnis, so ist das
geradezu ketzerisch. Aus moraltheologischer Deutungsperspektive symbolisiert dann
der Berg Ventoux die VXSHUELDPetrarcas, der dem Irrglauben erlegen ist, er käme auf
analoge Weise Gott näher wie sein Leib dem Himmel.520 Unter diesen Voraussetzun-
519 Es ist wohl offenkundig, daß der schmale Pfad, den der Bruder und spätere Kartäusermönch Ghe-
rardo beschreitet, allegorisches Zeichen für seine höhere moralische Qualifikation sein soll. Doch ist
es sekundär, ob der schmale „Pfad der Tugend“ das Innere seines Bruders wiederspiegelt. Eine Be-
kehrung Gherardos auf dem Gipfel des Ventoux findet nicht statt, und alle Zeichen bleiben auf
Petrarcas Auslegung der eigenen DVFHQVLRbezogen.
520 Vgl. dazu, Kablitz, Petrarcas Augustinismus und die Ventoux-Epistel, S. 38 ff.
280
gen erinnert das ganze Unternehmen eher an den Turmbau zu Babel. Das „Ende aller
Dinge“, das religiöse „Ziel unserer Pilgerreise“, d.h. der Menschheit, bezeichnen trans-
zendente theologische Lehrinhalte. Beschrieben werden sie in Form der Allegorie. Soll
ihre universelle Wahrheit am eigenen Leib erfahren werden, und dient der eigene kon-
tingente Lebenslauf zum alleinigen Maßstab ihrer Geltung, werden die starren allegori-
schen Zeichen zu dynamischen Zeichen im Horizont eigensinniger Deutungen. Die fol-
gende Bemerkung könnte der Ventoux-Epistel als Motto vorangestellt werden:
(16) Der Berg ist von allen der höchste; die Waldbewohner nennen ihn „Söhnlein“,
warum, weiß ich nicht - es sei denn nach dem Prinzip des Gegensinns [nisi quod per
antifrasim], wie meiner Vermutung nach noch manches andere bezeichnet wird -, denn
in Wahrheit scheint er der Vater aller benachbarten Anhöhen zu sein.
Die allegorische Erzählweise wird so zum ironischen Diskurs, der um ein leeres
Zentrum kreist. So unerreichbar wie das angestrebte allegorische Ziel durch das Errei-
chen des endlichen Ziels auf dem Gipfel des Berges, so unabschließbar sind Petrarcas
quälerische Reflexionen über die moralische Qualität seiner letzten zehn Lebensjahre.
Zudem stellt er sich vor, was ihm die nächsten zehn Lebensjahre bescheren. Hier nun
scheint er schon vorab Augustins Verdikt, daß die Menschen über ihre Schaulust sich
selbst vergessen: HWUHOLQTXXQWVHLSVRV positiv entgegenzuarbeiten. Dieses Selbst ist
aber nicht identisch mit dem universellen Selbst von Augustins Memoria-Lehre, son-
dern bezeichnet das Ich, in dem der unruhige Wanderer Petrarca befangen ist: 'LFH
EDPHQLPDGPHLSVXP
„Heute erfüllt sich das zehnte Jahr, seit du nach Abschluß der jugendlichen Stu-
dien Bologna verlassen hast ... wie viele und wie große Änderungen deiner Sitten hat
doch die Zwischenzeit gesehen! Dabei übergehe ich, was noch nicht endgültig ist. Denn
noch bin ich nicht im Hafen ... (20) Die Zeit wird vielleicht einmal kommen, da ich in der-
selben Abfolge, in der es sich abspielte, alles schildern kann, wobei ich folgenden Satz
deines Augustinus vorausschicken werde: ‘Ich will mir ins Gedächtnis rufen meine
durchlebten Niederträchtigkeiten ...’ (21) Meiner harren allerdings viele noch ungelöste
[ambigui] und bedrückende Aufgaben. Was ich zu lieben pflegte, schon liebe ich es
nicht mehr. Ich lüge: ich liebe es, aber weniger stark. Schau, da hab ich wieder gelogen:
ich liebe es, aber zurückhaltender, trauriger: Jetzt endlich habe ich die Wahrheit gesagt.
Denn so ist es: ich liebe, aber das, was ich lieber nicht liebte, was ich zu hassen
wünschte. Dennoch liebe ich, aber wider Willen ... (22) Noch sind für mich keine drei
Jahre verflossen, seit jener verkehrte und nichtsnutzige Wille, der mich ganz beherrsch-
te und im Palast meines Herzens allein ohne Widerpart herrschte, einen anderen, ge-
gen ihn sich auflehnenden und ihm sich widersetzenden erhielt.
Diese Suche nach der inneren Wahrheit des Selbst, die er laut Augustin-Zitat
durch seine weltliche Neugierde vernachlässigt, beschreibt das exakte Gegenteil der
allegorischen Diskursform, bei der Metaphern die Gedanken in eindeutiger Weise ko-
dieren. Sie zeichnet sich durch eine unruhige Bewegung aus und ist auf keine stabile
Bedeutung festlegbar. Besonders der Übertritt vom relativen Wissen um die Ereignisse
281
der Vergangenheit und den damit einhergehenden Schwierigkeiten ihrer moralischen
Bewertung zur WHUUD LQFRJQLWD der Zukunft offenbart eine unüberbrückbare Kluft zwi-
schen dieser Reflexion und der allegorischen Schreibweise. Wie bei den typologischen
Bibelauslegungen von Altem und Neuem Testament, altem und neuem Menschen, A-
dam und Christus spricht Petrarca vom Kampf zwischen einem alten und einem neuen
Willen im Inneren seines Selbst. Dabei sei der neue Wille erst in den letzten zwei Jah-
ren entstanden. Von einem typologischen Bezug, in dem der alte den neuen Willen
präfiguriert und dieser den anderen ablöst und zur Vollendung bringt, kann indes keine
Rede sein. Der allegorische Kampf beschreibt einen unentschiedenen Schwebezu-
stand, der seiner moralischen Qualität nach unbestimmt bleibt.
(23) Wenn es dir vielleicht gelänge, durch zwei Lustren dieses flüchtige Leben wei-
ter zu führen und im Verhältnis zur Zeitdauer ebensoweit dich der Tugend anzunähern,
wie du in diesen zwei Jahren durch den Kampf des neuen Willens gegen den alten von
deinem früheren Starrsinn abgekommen bist, könntest du dann nicht, wenn auch nicht
mit Sicherheit, so doch voller Hoffnung, im vierzigsten Jahr deines Lebens dem Tod
entgegengehen und auf den Rest des ins Greisenalter schwindenden Lebens gelassen
verzichten?
Da also das wirkliche Ziel vom allegorischen ontologisch getrennt bleibt, muß
letzteres als in die Zukunft hineinprojizierter Wunsch die Gedankenfigur des morali-
schen DVFHQVXVabschließen. Petrarca konstruiert sein gegenwärtiges Leben so, daß
er den zehn vergangenen Jahren seit dem Verlassen Bolognas zehn zukünftige entge-
gensetzt. Gegenwärtig befindet er sich demnach in einer weder eindeutig guten noch
bösen Lebensmitte. Im Inneren tobt ja noch der unentschiedene Kampf zwischen Welt-
verfallenheit und Gottsuche. Doch entspricht die moralische Verbesserung des zeit-
und schicksalabhängigen Lebens nicht der Logik einer Konstruktionsallegorie, bei der
gegensätzliche Ideen wie guter und böser Wille in einem räumlichen Ordnungsschema
zur Anschauung gebracht werden. Was hier in Form einer Zielvorstellung über die Zu-
kunft verlautet, erscheint spekulativ, utopisch und überdies ketzerisch. Will er sich etwa
an seinem vierzigsten Lebensjahr das Leben nehmen, für den Fall, daß der neue den
alten Willen vollständig besiegt hat?
Nach der niederschmetternden Lektüre des Augustin-Zitats: „Und es gehen die
Menschen hin, zu bewundern die Höhen der Berge ... - und vergessen dabei sich
selbst“, denkt er darüber nach, daß ihm das Augustin-Zitat nicht zufällig in diesem Mo-
ment auf dem Gipfel des Mont Ventoux begegnet sei. Interessanterweise erinnert er
sich der Bekehrungs- bzw. Umkehrerlebnisse seiner literarischen Vorgänger Augustin
und Antonius. Er leitet diese Passage mit den Worten ein:
282
Ich rief mir dabei ins Gedächtnis zurück, daß dasselbe einst Augustinus betreffs
seiner selbst vermutet hätte, als ihm beim Lesen eines Apostelbriefes, wie er selbst be-
richtet, zuerst folgende Stelle vor die Augen trat: 1LFKWLQ*HODJHQXQG6DXIHUHLHQQLFKW
LQ%HLVFKODIXQG8Q]XFKWQLFKWLQ6WUHLWXQG(LIHUVXFKW[wollen wir wandeln]; YLHOPHKU
]LHKWGHQ+HUUQ-HVXV&KULVWXVDQXQGNPPHUWHXFKQLFKW]XVHKUXPHXUHQ.|USHU
GDPLWLKUQLFKWYRQVHLQHQ/VWHQJHNQHFKWHWZHUGHW(31) Dasselbe war schon früher
Antonius widerfahren, der, als er die Stelle im Evangelium hörte, wo geschrieben steht:
:LOOVWGXYROONRPPHQVHLQVRJHKKLQXQGYHUNDXIHDOOHVZDVGXKDVWXQGJLEHVGHQ
$UPHQXQGNRPPXQGIROJHPLUXQGGXZLUVWHLQHQ6FKDW]LP+LPPHOKDEHQsich den
Befehl des Herrn zu eigen machte, gleichsam als sei seinetwegen diese Schriftstelle
verlesen worden, wie sein Biograph Athanasius sagt. (32) Und wie Antonius, nachdem
er dies gehört hatte, nach nichts anderem mehr suchte, und wie Augustinus, nachdem
er jenes gelesen hatte, nicht weiter fortfuhr, so war auch für mich mit den wenigen Wor-
ten, die ich angeführt habe, die ganze Lektüre beendet (...).
Zunächst gilt festzuhalten, daß die vom Wanderer zitierte Augustinstelle aus
den ‘Bekenntnissen’ (X, 8, 15) im Kontext der Erklärung von Augustins Memoria-Lehre
steht. Berg, Meer, Fluß und Sterne lagern im gewaltigen Innenraum seines Gedächt-
nisses. Nicht nur die Bilder von den Dingen behält er im Gedächtnis zurück. Ähnlich
Platons Anamnesis-Theorie sind sogar die Dinge selbst dem Gedächtnis eingelagert,
äußere Sinneseindrücke locken sie lediglich hervor. Dieser Erkenntnisrealismus ist die
notwendige theoretische Voraussetzung für Augustins Bekehrungserlebnis. Durch die
Lektüre, nämlich der Stelle im Paulusbrief, wird das YHUEXP LQFRUGHin seinem Ge-
dächtnis berührt. Was vorher schon virulent da war, tritt jetzt „im Nu eines Augenzwin-
kerns“ ans Licht der reinen Erkenntnis. Petrarca behauptet nun, daß es sich bei ihm
um einen Parallelfall handele. Auch er habe diese Stelle nicht zufällig aufgeschlagen,
sie sei sozusagen für ihn prädestiniert. Doch das Gegenteil geschieht. Statt einer in-
nermoralischen Umkehr bewirkt sie bei ihm den Verlust der Hoffnung auf die Erhebung
in den Gnadenstand. Statt einer plötzlichen Erinnerung an den im Inneren dem Ge-
dächtnis eingelagerten göttlichen Logos erinnert sich der humanistische Bücherwurm
Petrarca an seine literarischen Vorbilder und beschreibt also einen Literarisierungpro-
zeß, bei dem sich die Wahrheit des Bedeuteten bis zur völligen Sinnentleerung oder
besser noch Sinnverkehrung verflüchtigt.521
Augustins Konversionserlebnis unter einem Feigenbaum im Garten von Mai-
land, das er ausführlich im achten Buch der ‘Bekenntnisse’ beschreibt, geht der Be-
such von Ponticianus voraus, der ihm die Geschichte des heiligen Antonius erzählt. Als
reicher Mann betritt Antonius eines Tages eine Kirche, hört das Wort Gottes aus dem
Neuen Testament, verkauft sein Hab und Gut an die Armen und zieht als Anachoret in
die ägyptische Wüste. Er gilt als Urvater des Mönchtums. Hingegen ist das Orakel Au-
gustins eine Stelle aus dem Paulus-Brief. Eine Stimme fordert ihn auf zu lesen. Darauf
521 Zum folgenden vgl., Robert M. Durling, The Ascent of Mt. Ventoux and the Crisis of Allegory, in: Ita-
lien Quarterly 18 (1974), S. 7-28; hier S. 17 ff.
283
läßt er sich taufen und beginnt ein monastisches Leben. Nun ist Petrarcas Orakel in
der beschriebenen Traditionslinie am weitesten vermittelt: es ist das Buch des Kirchen-
vaters. Er liest darin zufällig oder gewohnheitsmäßig. Antonius hört zum erstenmal das
gesprochene Wort Gottes. Hingegen hört Augustin zum erstenmal die Bekehrungsge-
schichte des heiligen Antonius und liest aus dem Apostelbrief. Der Humanist, Bücher-
mensch und SRHWDGRFWXVPetrarca liest wie so oft in Augustins ‘Bekenntnissen’. Zwar
kehrt er dann in augustinischer Manier seine Augen nach innen auf sich selbst, doch
erst nachdem er sich satt gesehen hat: 7XQFYHURPRQWHPVDWLVYLGLVVHFRQWHQWXVLQ
PHLSVXPLQWHULRUHVRFXORVUHIOH[LAnschließend reflektiert er den Bedeutungsschwund
durch die Literarizität des Imitationsschemas.
Es zeigt sich, daß Petrarca an seiner inneren Haltung nichts geändert hat.
Sprachreflexion und Allegoriekritik entziehen dem Erkenntnisrealismus in Form eines
Buchorakels die theoretische Grundlage. So reiht er am Ende nur noch fromme Wün-
sche aneinander. Die Beschreibung der realen Besteigung des Ventoux hat gezeigt,
daß sie bestenfalls nichts mit dem souveränen Gnadenakt Gottes zu tun hat,
schlimmstenfalls aber ein Zeichen jenes „aufgeblasenen Gipfels der Überheblichkeit“
ist, die er mittels ebendieser Bergbesteigung bezwingen zu können glaubt.
(33) Und auch das kam mir in den Sinn: wenn es einen nicht verdroß, so viel
Schweiß und Strapazen auf sich zu nehmen, damit nur der Leib dem Himmel etwas nä-
her wäre, welches Kreuz, welcher Kerker, welche Folter dürfte dann die Seele erschre-
cken, die sich Gott nähert und dabei den aufgeblasenen Gipfel der Überheblichkeit und
die Geschicke der Sterblichkeit mit Füßen tritt?
Dieselbe eitle Hoffnung formuliert er schon vor Erreichen des Gipfels (15). Hin-
ter dieser Denkfigur einer selbsttätig herbeigeführten Perfektionierung verbirgt sich das
System des christlichen Stoizismus, bei dem die Einsicht (DQLPXV) in die gottgegebene
Ordnung der Dinge körperliche Schwächen und schicksalhafte Anfeindungen bezwingt.
Sie schließt das augustinische System von Erbsünde, Gnadentheorie und Prädestina-
tion aus. Das eine System zielt auf Perfektionierung durch Anstrengung der Verstan-
deskräfte, das andere auf eine relative Willensfreiheit zum Bösen und folglich auf eine
rational weder zu erklärende noch herbeizuschreibende Erhebung in den Stand der
Gnade.522
Im Hinblick auf das Verhältnis von VHQVXV KLVWRULFXV und VHQVXV DOOHJRULFXV
wird die ganze Angelegenheit besonders heikel dadurch, daß jenes widersinnige alle-
522 Alles Gute ist von dem einen Gott, der alles erschaffen hat. Das Böse ist der Mangel an Gutem.
Demnach hat der erbsündige Mensch nur die Freiheit, das Böse zu wählen.
Augustinus, De civitate Dei, 11, 9: „Mali enim nulla natura est; sed amissio boni mali nomen accepit.“
Ebd., 12, 7: „Nemo igitur quaerat efficientem causam malae voluntatis; non enim est efficiens sed de-
ficiens, quia nec illa effectio sed defectio. Deficere namque ab eo, quod summe est, ad id, quod mi-
nus est, hoc est incipere habere voluntatem malam.“ Mit defectio ist der Sündenfall gemeint.
284
gorische Lesen an einer anderen allegorischen Isotopie scheinbar bestätigt wird. Beim
Abstieg deuten die äußeren Zeichen von „tiefer Nacht“, „Mond“, „spitzen Steinen“ auf
die innere 6NUXSHOORVLJNHLWbzw. Gewissenlosigkeit des Bergwanderers:
(35) Unter solchen Bewegungen meines aufgewühlten Herzens kehrte ich in tiefer
Nacht, ohne den mit spitzen Steinen besäten Weg [VLQH VHQVX VFUXSXORVL WUDPLWLV]
wahrzunehmen, zu jener kleinen, bäuerlichen Herberge zurück, von wo ich vor dem ers-
ten Sonnenstrahl aufgebrochen war, und der Mond erwies uns Wanderern die ganze
Nacht hindurch seinen willkommenen Dienst.“523
Allerdings sind diese Zeichen als allegorische nur deutbar vor dem Hintergrund
von Augustins moraltheologischem System. Wenn Kablitz behauptet, Petrarca mißach-
te diese auf seine „inszenierte Selbsttäuschung“ hinweisenden allegorischen Zeichen,
lese falsch und täusche sich deswegen über sich selbst, so legt er einseitig den Maß-
stab des Erkenntnisrealismus an und setzt den „wahren Sinn“ voraus, der wie bei Dan-
te erkannt oder verkannt wird.524 Da aber auch diese Zeichen ganz auf Petrarcas Ge-
dankenwelt und Petrarcas Ich bezogen sind, eignet ihnen kein objektiver exemplari-
scher Wert. Vielmehr werden sie in der Reflexion ironisch gebrochen und bis zur Be-
deutungslosigkeit relativiert. Um beispielsweise die Nicht-Zufälligkeit der Augustinlektü-
re auf dem Ventoux zu proklamieren, ruft er emphatisch seinen Bruder und Gott zu
Zeugen an. Das Ich der Epistel ist weniger ein in Schuld und Sünde verstrickter Gott-
suchender, wie Kablitz meint, als ein Humanist und Rhetoriker, der nach dem Wert der
Zeichen für die Erkenntnis des Selbst fragt.
Die allegorische Form als Mittel zur Auslegung von Welt, als Schlüssel zu einer
kanonisierten, durch Autoritäten und Traditionen vermittelten Wahrheit wird hier zum
Mittel der Unlesbarkeit von Welt und innerer Wahrheit. Somit deuten die allegorischen
Zeichen auf widerstreitende Gedanken in einer kreisförmigen, sprachkritischen Refle-
523 Kablitz, Petrarcas Augustinismus und die Ecriture der Ventoux-Epistel, S. 60: „Unbemerkt bleibt da-
mit zugleich, was diese Steine [VFUXSXORVL] allegorice offenbaren: die Sünde, näherhin das, was das
Gewissen belastet und den Menschen nicht zur Ruhe kommen läßt. Aufgebrochen war er ‘ante lu-
cem’, um ‘profunda nocte’ zurückzukehren. Nicht zu seinem Heil also, wie er selbst glaubt, hat er die
Höhen des Ventoux erklommen, sondern um noch tiefer in jene Schuld zu verfallen, die schon am
Beginn seiner Unternehmung stand, um - allegorice - tiefer noch in die Nacht der Sünde sich zu verir-
ren. So steht denn auch das Licht des Mondes, das dem Rückkehrenden als ein ‘gratum obsequium’
erscheint, für jene Seele, die sich von der Wahrheit des Geistes abgekehrt hat, um sich an die Dinge
dieser Welt zu verlieren.“
524 Ebd., S. 48: „Theologisch betrachtet ist diese Skepsis [Petrarcas im Brief von ihm selbst formulierte]
gegenüber der eigenen Willenskraft höchst angebracht, weil (...) gerade diese Schwäche der volun-
tas den Preis bedeutet, den der gefallene Mensch für sein Vergehen zu entrichten hat. Doch unge-
achtet um das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, beharrt das Ich auf seinem entschiedenen Willen
zum Heil und damit auf seiner Tugenhaftigkeit, wodurch das Gewicht der Selbsttäuschung nur noch
einmal gesteigert wird, wenn selbst die durchaus einkalkulierte Möglichkeit des Irrtums nicht zu bes-
serer Einsicht führt.“
285
xionsbewegung. Da die Wahrheit des Ich subjektiv gesucht wird, gehen die Dinge als
universelle Gedanken im Bewußtsein ihrer literarischen Fiktionalität verloren. Aus
Petrarcas allegorischer Exegese seiner eigenen Bergtour läßt sich keine positive Er-
kenntnis gewinnen, es sei denn die radikal negative eines grundsätzlichen Verkennens
von Welt und Ich.
Wankelmütig schwirren Petrarcas Gedanken hin und her, ohne je das ersehnte
Ziel erreichen zu können. Am Ende bittet er inständig den Augustinermönch Dionigi, für
sie zu beten: „(...) sie, die so lange schweifend und unstet waren, möchten doch einmal
zur Ruhe kommen und sich nach vielen unnützen Irrläufen zu dem einen Guten, Wah-
ren, Sicheren und Beständigen hinwenden.“ Wie in Wittenwilers ‘Ring’ und in Chaucers
‘Troilus and Criseyde’ steht am Ende der rhetorische Appell an die mit sich selbst iden-
tische Wahrheit. Vielleicht symbolisiert der Name des Berges, der „Windige“, das Di-
lemma einer um ein leeres Zentrum kreisenden Reflexionsbewegung.
8.3 Boccaccios 'Decameron'
8.3.1 Boccaccios nominalistisches Literaturverständnis
In Boccaccios ‘Decameron’ entsteht Sinn nur unter der Voraussetzung einer kri-
tikfähigen und moralphilosophisch qualifizierten Leserschaft. Dafür liefert Boccaccio am
Ende des ‘Decameron’ einen expliziten Beleg: 1LXQDFRUURWWDPHQWHLQWHVHPDLVDQD
PHQWHSDUROD.525 Übersetzt heißt das etwa: „Kein verdorbener Sinn versteht je die Wor-
te in ihrer gesunden Bedeutung.“526 Im Tone emphatischer Apologie fährt er fort:
(..) e così come le oneste a quella non giovano, così quelle che tanto oneste non
sono la ben disposta non posson contaminare, se non come il loto i solari raggi o le ter-
rene brutture le belezze del cielo. Quali libri, quali lettere son più degne, più reverende
che quelle della GLYLQD6FULWWXUD? E sì sono egli stati assai che, quelle SHUYHUVDPHQWHLQ
WHQGHQGR, sé e altrui DSHUGL]LRQHKDQQRWUDWWR. Ciascuna cosa in se medesima è buona
Aber worin soll diese „bessere Einsicht“ anders bestehen, als daß es eine letztgültige und absolute
Wahrheit nicht gibt, und daß man dennoch das Gute wollen muß. Kablitz Deutung läuft aber darauf
hinaus, daß sich Petrarca unter den Vorzeichen des augustinischen Systems selbst verdammt.
525 Alle folgenden Boccaccio-Zitate aus der kritischen Ausgabe: Giovanni Boccaccio, Tutte le opere, A
cura di Vittore Branca, Bd. 4, Decameron, Mailand 1976, S. 961, 11. Die Ziffer hinter dem Komma
bezieht sich auf den Abschnitt.
526 Wenn nicht anders angegeben, stammen alle folgenden Übersetzungen aus: Das Dekameron des
Giovanni Boccaccio, Erster bis fünfter Tag, Bd. 1, Sechster bis zehnter Tag, Bd. 2, Nach der kriti-
schen Ausgabe von Charles S. Singelton übers. von Ruth Macchi, Verse der ersten drei Tage in der
Übertr. von August Wilhelm Schlegel, die der folgenden Tage in der Übertrag. von Karl Witte, Berlin
198811, S. 535.
286
a alcuna cosa, e male adoperata può essere nociva di molte, e così dico delle mie
novelle. (S. 961, 11-14.). [Kursivdruck vom Verf.]
Doch so wie jenem anständige Worte nichts fruchten, so werden auch die, die
nicht ganz ehrbar sind, den reinen Sinn der Worte nicht beschmutzen, sowenig wie
Schmutz die Sonnenstrahlen und irdischer Unrat die Schönheit des Himmels verdun-
keln kann. Welche Bücher, welche Worte und welche Buchstaben sind heiliger, würdi-
ger und ehrbarer als die der +HLOLJHQ6FKULIW? Und doch hat es unzählige Menschen ge-
geben, die durch eine IDOVFKH $XVOHJXQJ derselben sich und andere LQV 9HUGHUEHQ
VWU]WHQ. Jedwedes Ding ist an sich rein, doch kann es, übel angewandt, unendlichen
Schaden bringen.
Boccaccio wendet sich hier gegen Moralisten, die seinem ‘Decameron’ Frivolität
und Entehrung des Klerus zur Last legen. Seinerseits wirft er ihnen vor, daß ihr „ver-
kehrtes Denken“ seine Geschichten absichtlich falsch versteht. Bei der Deutung kom-
me es auf die richtige ethische Haltung an. Die Literatur, verstanden als EXRQDFRVD,
ist daran ebensowenig schuld wie Nabelraibers Brief an Mätzlis Kopfwunde. So scheut
er auch nicht davor zurück, den rhetorischen Zeichencharakter der Heiligen Schrift al-
len anderen Texten gleichzusetzen. Implizit profanisiert er also ihre Schriftzeichen,
wenn er sie in einen universellen semiotischen Kontext einordnet.
Glaubte Dante noch an den allegorischen Zeichenwert der Dinge, dessen
'Commedia' Boccaccio selber den Beinamen 'Divina' gab, und die er im Auftrag der
Kommune von Florenz zum Teil auslegte,527 liegt im 'Decameron', das mit dem Beina-
men 'Humana' treffend charakterisiert wäre, die Betonung auf der rhetorischen List und
dem relativen Wert der Zeichen hinsichtlich ihrer Referenz.528 Dem Buchtitel
‘Decameron’ am Anfang und Ende der hundert Geschichten wird der Rufname ‘Galle-
otto’ an die Seite gestellt: ,OOLEURFKLDPDWR'HFDPHURQFRJQRPLQDWR3UHQFLSH*DOOHRW
WR. Die Bezeichnung ‘Decameron’ konnotiert das ‘Hexaemeron’ des heiligen Ambrosi-
us, den exegetischen Kommentar der Schöpfungsgeschichte.529 Wahrscheinlich meint
Boccaccio damit den literarischen Gegenentwurf, die Neuschaffung einer poetischen
Welt nach dem intellektuell und moralisch verheerenden Zusammenbruch der Pest in
Florenz, die der Autor in der Einleitung zum ersten Tag meisterhaft beschreibt.
Bei dem Spitznamen ‘Galleotto’ handelt es sich offenkundig um eine Anspielung
auf die Liebesgeschichte von Paolo und Francesca im fünften Gesang der Hölle von
Dantes ‘Göttlicher Komödie’. Am Beispiel dieser Namensverwendung lassen sich ent-
527 Tratatello in laude di Dante, in: Giovanni Boccaccio, Opere in versi, Corbaccio, Trattatello in laude di
Dante, Prose latine, Epistole, Hg. von Pier G. Ricci, Mailand/Neapel 1965 (= La letteratura italiana,
9), S. 565-650.
528 Vgl. den für den Nachweis von Boccaccios Nominalismus und stoischer Naturphilosophie, Giovanni
Boccaccio, Poesie nach der Pest, Hg. von Kurt Flasch, S. 125 f.
529 Vgl., Branca, Decameron, Anm. 1, S. 976.
287
scheidende Merkmale des nominalistischen Literaturverständnisses Boccaccios im Un-
terschied zu dem realistischen Sprach- und Literaturkonzept Dantes aufzeigen. Zu die-
sem Vergleichszweck soll im folgenden die berühmte Stelle der Liebesgeschichte von
Paolo und Francesca skizziert werden.
Auf die Frage des Pilgers Dante, wie es zum Ehebruch und zur anschließenden
Ermordung durch den betrogenen Gatten kam, antwortet Francesca: *DOHRWWRIXLOOLEUR
HFKLORVFULVVH(V, 137).530 Dem Autor des französischen Prosa-Lanzelot und dem in
der deutschen Artus-Epik unter dem Namen Gawein bekannten Ritter Galleotto gibt sie
die Schuld an ihrem traurigen Los. Er, der Lanzelot veranlaßt, Ginevra zu küssen, sei
der „Verführer“. Bei der gemeinsamen Lektüre exakt dieser Stelle, VRORXQSXQWR(V,
132), des höfischen Romans soll die unheilvolle Liebesbeziehung ihren Anfang, ODSUL
PDUDGLFH(V, 123), genommen haben. Vielsagend bemerkt Francesca am Ende ihrer
Rede, daß sie an diesem Tag nicht weitergelesen haben. Einem ähnlichen Miß-
verständnis „falschen Lesens“ unterliegt schon Lanzelot bei seiner Begegnung mit Gi-
nevra. Zuvor hatte sie ihn formelhaft ihren DPLgenannt, was er in singulärer Bedeutung
auf sich bezogen hatte.531
Auch im ‘Decameron’ steht der Beiname Galleotto metonymisch für die „Verfüh-
rung“ durch die Literatur. Wie erwähnt, unterstellt Boccaccio der ablehnenden Haltung
von Moralisten, Kritizisten und Heuchlern einen korrupten Sinn. Sie bewerten das Buch
als sittenwidrig und verführerisch. Ihre bigotte Lesart versteht die vom Autor intendier-
ten Deutungsangebote absichtlich falsch. Von dieser Gruppe wahrscheinlich überwie-
gend klerikaler Leser - auffällig ist die latinisierte Form von FRJQRPLQDWR - wird das
Buch namens ‘Decameron’ spöttisch in ‘Prinz Galleotto’ umgetauft.532
Für Dante ist die Deutung des Weltbuches ein unabschließbarer kontinuierlicher
Prozeß zeitlich bedingter Vervollkommnung, der nicht an einer beliebigen Stelle unter-
brochen werden darf. Diskontinuierliches Lesen und die Isolierung einzelner Momente
sind sündhaft und führen zur Verdammnis. Bemitleidet der Pilger Dante Paolo und
Francesca, versetzt der Dichter Dante das Liebespaar gnadenlos in die Hölle. Um die
530 Vgl. Susan Noakes, The Double Misreading of Paolo and Francesca, in: Dante, Hg. von Harold
Bloom, New York 1986, S. 151-166; hier S. 166: „His best known sinner, Francesca, is damned be-
cause she privileges a human „punto“ in an attempt to rebel against the nature of time. By the end-
point of the poem, the nature of her sin is clear: no human „punto“ is static, every moment is one of
change and process. To try to give the „reader’s moment“ a duration its nature does not permit is to
try to falsify time: clearly, a form of rebellion against the workings of the divine.“
531 Anfang- und Schlußsatz lauten wie folgt: „Comincia il libro chiamato Decameron, cognominato Pren-
cipe Galeotto, nel quale si contengono cento novelle in dieci dì dette da sette donne e da tre giovani
uomini.“ (...) „Qui finisce la decima/E ultima giornata del Libro/Chiamato Decameron cognomi-
nato/Prencipe Galleotto.“
532 Vgl. Joy Hambuecher Potter, Five Frames for the Decameron, Communication and Social Systems in
the Cornice, Princeton 1982, S. 92 f.
288
eigentliche Bedeutung der Weltgeschichte zu verstehen, muß bis zum Jüngsten Ge-
richt gewartet werden. Deshalb mahnt er beim Deuten und Urteilen zu äußerster Lang-
samkeit.533 Das falsche sündhafte Lesen besteht also darin, daß konventionelle
Sprachzeichen auf zeitlich bedingte Lebens- und Gefühlssituationen appliziert werden.
Autoren, Texte und Leser sind zwar der Zeitlichkeit unterworfen. Doch bleiben Gott und
der in seinem Auftrag schreibende Dichter Dante davon ausgenommen. Ganz anders
äußert sich Boccaccio im Schlußwort des ‘Decameron’:
E chi utilità e frutto ne vorrà, elle nol negheranno, né sarà mai che altro che utile e
oneste sien dette o tenute, se a que’ tempi o a quelle persone si leggeranno per cui e
pe’ quali state son raccontate. (S. 961, 14)
Wer aber Nutzen und Vorteile daraus sucht, wird beides nicht vergeblich tun. Nie-
mand kann den Geschichten ihre Nützlichkeit absprechen, wenn sie zu passender Zeit
von solchen Menschen gelesen werden, für die sie geschrieben wurden. [Übers. Mac-
chi]
Zeitlichkeit und Diskontinuität der Dinge wie des Lesens sind geradezu pro-
grammatische Elemente von Boccaccios nominalistischer Literatur. Bemißt sich doch
der Nutzen der Literatur nach der passenden Zeit für die Lektüre und dem kritischen
und selbstkritischen Urteilsvermögen einer bestimmten Leserklientel. Den Lesern stellt
er ausdrücklich frei, die Geschichten zu lesen, die ihnen gefallen, und jene auszulas-
sen, die ihnen mißfallen. Denn sie trügen, um niemanden zu täuschen, auf der Stirn
verzeichnet, was in ihnen verborgen sei (S. 962, 19). Zwischen dem Außen und Innen
sprachlicher Zeichen wird nicht differenziert. Bedeutung stellt sich über die Referenz
von QRPHQund UHVher, wohingegen der Sinn eine Frage der Deutungskompetenz ist.
Bei Dante ist in Form eines allegorischen Weltgebäudes unter der Perspektive einer
ewigen Wahrheit Sinn immanent. Von einer universellen Bedeutung der Dinge kann in-
des bei Boccaccio keine Rede sein.
Entsprechend Ockhams Zeichentheorie sind in den hundert Geschichten YR[
FRQFHSWXVund UHVklar voneinander getrennte und identifizierbare Kategorien. In stän-
dig wechselnden Variationen weichen die letzten beiden voneinander ab und entfalten
so ihr kritisches und unterhaltsames Potential.534 Anders als bei Wittenwiler und Chau-
533 Zur Kunst und Wahrheit der prinzipiell unabschließbaren Interpretation vgl. die Rede von Thomas
von Aquin, in: Dante, Die göttliche Komödie, Paradiso - Das Paradies, 13. Gesang, Stuttgart 1951,
ND München 1988.
534 Vgl., Giovanni Sinicropi, Il segno linguistico del „Decameron“, in: Studi sul Boccaccio 9 (1975), S.
169-224; hier S. 187. Sinicropi stellt fest, daß sechsundfünfzig von einhundert Erzählungen auf ab-
weichenden Zeichenfunktionen beruhen, zwanzig Geschichten auf schlagfertigen Antworten (Diffe-
renz von Wort und Signifikat) und sechunddreißig auf praktischen Witzen (Differenz von Wort und
Referent). Daraus schließt er, daß die Krise der Zeichenstrukturen bei Boccaccio auf Ockham zu-
rückgeht.
289
cer bedingt im ‘Decameron’ Boccaccios das Erkennen oder auch die Unmöglichkeit
des Erkennens der wahren Zeichenreferenz den Sinn einer Geschichte. Boccaccio
geht es darum, die Dinge bei ihrem richtigen Namen zu nennen.
Zu seiner Verteidigung gegen moralistische und bigotte Kritiker erzählt er in der
Einleitung zum vierten Tag die unvollständige Geschichte (QRQLQWHUDQRYHOOD346, 11)
vom weltgewandten Filippo Balducci, der nach dem Tod seiner geliebten Frau dem
weltlichen Leben entsagt und sich mit seinem zweijährigen Sohn in die Einöde zurück-
zieht. Dort lebt er als frommer und keuscher Einsiedler. Als sein Sohn achtzehn Jahre
alt ist, zieht er mit ihm zum erstenmal in die prachtvolle Stadt Florenz. Der Junge, „ein
wildes Tier“, ist außer sich vor Begeisterung. Er zeigt auf alle Dinge, die er nicht kennt,
und der Vater benennt sie entsprechend ihrer Nomenklatur. Plötzlich erblickt der Sohn
eine Schar junger Mädchen und beteuert sogleich, nie etwas Schöneres gesehen zu
haben. Vergeblich versucht der Vater, ihn davon abzubringen. Um die Begierde in sei-
nem „Söhnchen“ nicht zu erwecken, verschweigt er den richtigen Namen und bezeich-
net die „Weiber“ als „Gänse“. Selbstverständlich kann diese Namensvertauschung kei-
ne Änderung der Wahrnehmung bewirken. Der Jüngling paßt sich lediglich der Umbe-
nennung an und bittet den Vater, eine dieser „Gänse“ mit nach Hause nehmen zu dür-
fen:
‘Deh! se vi cal di me, fate che noi ce ne meniamo una colà sù di queste papere, e
io le darò EHFFDUH.’ Disse il padre: ‘Io non voglio; tu non sai donde elle V¶LPEHFFDQR!’ e
sentì incontanente più aver di forza la natura che il suo ingegno; e pentessi d’averlo
menato a Firenze. [S. 349, 28-29; Kursivdruck vom Verf.]
‘Ach, wenn ihr mir etwas zur Liebe tun wollt, so laßt uns wenigstens eine von die-
sen Gänsen mitnehmen. Ich werde sie schon füttern.’ Darauf sagte der Vater: ‘Ich wün-
sche es nicht, und du weißt auch nicht, was sie für ihren Schnabel verlangen.’ Doch er-
kannte er nun, daß die Macht der Natur stärker war als alle Vorsicht, und bereute es
sehr, den Sohn nach Florenz mitgenommen zu haben .....
Der ungebildete Sohn versteht nur die durch unmittelbare Wahrnehmung her-
gestellte Referenz von Worten und Dingen.535 Ihm fehlt die auf persönlicher Erfahrung
basierende Möglichkeit der konnotativen Assoziation, bei der die Referenten (Weiber)
metaphorisch umgedeutet (Gänse, Futter) und so gefälscht werden können. Ein an
sich harmloses Beispiel, bliebe es in den Grenzen der Geschichte von Filippo Balducci.
Es wird aber ausgedehnt auf die Beziehung des Schriftstellers zum außersprachlichen
Realitätsgehalt seiner Geschichten. Einige hätten ihm zum Schaden nachzuweisen
versucht, daß sich alles ganz anders zugetragen habe, als er es berichtet habe. Darauf
antwortet er im Ton der Ironie:
535 Zu dem folgenden vgl., ebd., S. 172 ff.
290
Quegli che queste cose così non essere state dicono, avrei molto caro che essi
UHFDVVHURJOLRULJLQDOLOLTXDOLVHDTXHOFKHLRVFULYRGLVFRUGDQWLIRVVHUR, giusta direi la
lor riprensione e d’amendar me stesso m’ingegnerei; ma infino che DOWURFKHSDUROHQRQ
DSSDULVFH, io gli lascerò con la loro oppinione, seguitando la mia, di loro dicendo quello
che essi di me dicono. [S. 351 f., 31; Kursivdruck vom Verf.]
Denen aber, die da behaupten, PHLQH*HVFKLFKWHQHQWVSUlFKHQQLFKWGHPZDKUHQ
$EODXIGHU'LQJHZlUHLFKYHUEXQGHQZHQQVLHPLUGLHVHQEHUPLWWHOQZROOWHQ. Sollten
die Tatsachen wirklich von meinen Geschichten abweichen, will ich diesen Tadel aner-
kennen und versuchen, mich zu bessern. Solange ich indessen QLFKWVDOV:RUWHK|UH,
mögen sie bei ihrer Meinung bleiben wie ich bei der meinen, denn ich denke von ihnen
das gleiche wie sie von mir.
Selbstverständlich kann der Rekurs auf die außersprachliche Realität nicht be-
weiskräftig neben die Erzählung gestellt werden. Daß der referentielle Kontext zwi-
schen der Erzählung und der Schrift einerseits und der Realität und den Fakten ande-
rerseits gewährleistet ist, wird im ‘Decameron’ vorausgesetzt. In den Geschichten der
„ehrenwerten Gesellschaft“ von Erzählern werden die referentiellen Beziehungen zwi-
schen Sprachzeichen und Dingen, mentalen Sprachzeichen und Dingen und ihren
möglichen Kontrafakturen explizit dargelegt. Die subjektive Erzählweise und die Moral
der Erzähler stehen für die „Originalität“ der Geschichten ein und nicht außersprachli-
che Gegebenheiten von so und nicht anders geschehenen Dingen. Wie das Beispiel
Filippos auf der Ebene der konnotativen Wortbedeutung zeigt, besteht gedanklich im-
mer die Möglichkeit der Kontrafaktur bzw. der Fälschung des Referenten. Umkehrun-
gen und Umdeutungen können indes keine tatsächliche Veränderung der UHVbewirken.
Frauen bleiben Frauen. Daran vermag der Etikettenschwindel nichts zu ändern.
8.3.2 Das Erzählen als Erziehung zur Vernunft
Gleich die erste, meisterhaft erzählte Geschichte von der Wandlung des Notars
aus Prato „Ser Cepparello“, „wohl der schlechteste Mensch, der je in diese Welt kam"
(15),536 zu einem „Sankt Ciappelletto“ belegt in eindrucksvoller Weise die Differenz der
Ontologie zu ihren Zeichen. Auf dem Sterbebett legt der Schwerverbrecher bei einem
schriftkundigen Mönch die Beichte ab. Sie verleitet ihn und „die anderen leichtgläubi-
gen Mönche“ (84) zu der Annahme, daß dieser Advokat und Kaufmann ein heiligmäßi-
ges Leben geführt habe und in Zukunft als Fürsprecher vor Gottes ewigem Angesicht
536 Die Übersetzungen stammen im folgenden, sofern nicht anders angemerkt, von Kurt Flasch, Poesie
nach der Pest. Der italienische Text mit den Stellennumerierungen basiert auf der oben zitierten
Ausgabe von Vittore Branca.
291
verehrt werden müsse. Diese Geschichte, wie die anderen Geschichten auch, erfüllt
eine bestimmte demonstrative Funktion. Panfilo, der Erzähler, sagt ausdrücklich, worin
sie besteht: ein zu Gott Betender ruft den Namen eines Vermittlers, eines Fürspre-
chers, eines Heiligen an, der aber möglicherweise bei Gott verdammt ist. Kann doch
kein Sterblicher beurteilen, ob der als heilig Verehrte vor Gott auch wirklich heilig ist.
Gottes Güte drückt sich nun darin aus, daß dem reinen Herzens Betenden kein Scha-
den aus einer eventuellen Verdammung seines Vermittlers erwächst. „Aber er, dem
nichts verborgen ist, blickt dann mehr auf die Reinheit des Bittenden als auf dessen Irr-
tum oder auf das Verbanntsein des Angerufenen. Und er erhört die, die zu ihm beten,
als stehe der Angerufene selig vor seinem Angesicht. Dies beweist die Geschichte, die
ich euch jetzt erzählen will (5-6)“. Folglich wäre die Fürbitte an einen von der Kirche
kanonisierten Heiligen, wenn schon nicht schädlich, so doch völlig überflüssig.
Poetisch erbringt Boccaccio - mit was sonst, als mit QRPLQD - den Beweis, daß
die Rede der Beichte nicht die wahren Gedanken des Beichtenden wiedergeben kann.
Denn das formelhafte Sprechen der Beichte und das schematische Abfragen eines
Lasterkatalogs durch den Mönch ist der Schriftsprache ähnlich. Es fehlt ihm die Be-
zugsrichtung auf die individuellen UHVwodurch ihre Funktion als Erkenntnis- und Be-
weismittel innermoralischer Qualitäten suspendiert wird. Wie Sinicropi zurecht feststellt,
muß dafür die vom Erzähler vermittelte Referenz der Erzählfakten bedingungslos vom
Leser akzeptiert werden.
Il lettore non a scelta. Ciò vuol dire, fuor di metafora, che, se si vuol seguire il gio-
co, bisogna intendere la testimonianza dell’autore come quella che riflette la realtà della
situazione, e di conseguenza intendere la trama ordita dall’agente come una falsi-
ficazione di quella realtà. E come potrebbe essere altrimenti? Con quale autorità pot-
rebbe il lettore schiersarsi dalla parte di Fortarrigo e pretendere da Anguileri il maltolto
[IX, 4]? Come potrebbe egli osare di sospettare per un istante che la vera vita di ser
Ciappelletto sia riflessa dalla sua confessione e non dalla presentazione che ne fa il
narratore? Il lettore sa bene che il suo scetticismo o la sua aperta ribellione all’autore lo
condurrebbe in un vicolo cieco, oppure, tutt’al piú lo prrebe in compagnia di Calandrino
alla ricerca dell’eliotropia [VIII, 3].537
Der Leser hat keine Wahl. Das heißt, wenn man dem Sprachwitz jenseits der Me-
tapher folgen will, muß man das Zeugnis des Autors als etwas verstehen, das die Reali-
tät der Situation widerspiegelt, und folglich die ausgeheckte Intrige der Person als Fäl-
schung dieser Realität. Und wie könnte es auch anders sein? Aufgrund welcher Autori-
tät könnte der Leser Partei ergreifen für Fortarrigo und nicht für die schlechtere Angui-
lieris [IX, 4]? Wie könnte er auch nur einen Moment lang wagen, das wahre Leben des
Ser Ciappeletto in Zweifel zu ziehen, so als spiegele es sich in seiner Beichte und nicht
in der Schilderung, die der Erzähler davon gibt? Der Leser weiß wohl, daß ihn sein
Skeptizismus oder seine offene Rebellion gegen den Autor in einen Teufelskreis führen
würde, oder er befände sich schlimmstenfalls in Begleitung Calandrinos auf der Suche
nach dem Heliotop [VIII, 3]. [Übers. vom Verf.]
537 Sinicropi, Il segno linguistico del „Decameron“, S. 196. In eckigen Klammern ist der Tag und die
Nummer der Erzählung angegeben.
292
Es darf nicht bezweifelt werden, daß „Ser Cepparello“ wirklich ein verbrecheri-
sches Leben geführt hat. Obgleich Boccaccio den Zweifel hinsichtlich der Erkenntnis-
grenzen der Rhetorik laufend thematisiert, ist er doch kein prinzipieller Skeptiker in der
Weise, daß er die Möglichkeit der didaktischen Vermittlung selbst in Frage stellt. Er
glaubt an eine didaktische Poesie auf der Grundlage einer stoischen Vernunft- und Na-
turrechtsphilosophie, die das Recht auf Genuß mit einschließt. Sie ist konstruktiv und
dialektisch. Dialektisch, weil sie fiktive, also unwahre Geschichten erfindet, um damit
die Wahrheit über Täuschungen auszusprechen, konstruktiv, weil sie exemplarisch die
humanistische Moralphilosophie Boccaccios zur Anschauung bringt. Dazu gehören
auch Heiligenverehrung und Beichtpraxis, die unsichtbare verborgene Qualitäten wie
Heiligkeit und Reue in Zeichensystemen objektivieren.
Boccaccio entfaltet die hundert Geschichten seiner „geistesaristokratischen“
Gesellschaft von Geschichtenerzählern vor dem finsteren Hintergrund einer alle zivilen
Formen des Zusammenlebens auflösenden Pest. Pestschilderung und gesellschaftli-
cher Zustand stehen in einem dialektischen Spannungsverhältnis zueinander. Die hei-
tere und genußbetonte Sittlichkeit der literarischen Gesellschaft kontrastiert aufs
schärfste mit der zügellosen Sittenlosigkeit der „historischen“ Gesellschaft der Han-
delsstadt Florenz um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Die äußere Fassade der mittelal-
terlichen Kultur erweist sich gerade daran, daß wissenschaftliche und religiöse Erklä-
rungsmodelle durch die Einsicht in die Unwissenheit, die bestialische „Grausamkeit der
Menschen“ und die „Grausamkeit des Himmels“ (47) ihre Gültigkeit verlieren. Für das
Massensterben während der Pest, der zwei Drittel der europäischen Bevölkerung und
allein in Florenz im Jahre 1348 hunderttausend Menschen zum Opfer fallen, gibt es
schlicht keine metaphysische Begründung. Boccaccio polemisiert gegen die vielen, die
aus der Stadt fliehen, die andere im Stich lassen, „als könne der Zorn Gottes über die
Untaten der Menschen sie nicht überall, wo sie sich zufällig befanden, mit der Pest tref-
fen (25)“. Damit verspottet er die providentiell-theologische Deutung der Pest als Straf-
gericht Gottes als irrationales und abergläubisches Erklärungsmuster. Als völlig nutzlos
beschreibt er auch die averroistisch-aristotelische und die volkstümliche Medizin. Keine
Klugheit und keine Vorsorge vermögen etwas gegen den massenhaften Pesttod aus-
zurichten (9). Je mehr Menschen sterben, desto größer wird die Zahl der Quacksalber
(13). Jedes vermeintliche Wissen über Gesundheit und Krankheit ist angesichts der
Naturgewalt der Pest fade, eitel und nutzlos. Aber auch die christliche Religion spendet
keinen Trost. Ihre kultischen Übungen gleichen einem leerlaufenden, völlig sinnentleer-
ten Betrieb (9). Bei der Beschreibung der Reaktionstypen macht nicht einmal irgendje-
mand von den kirchlichen Trostmitteln Gebrauch (20 ff.). Konsequent versagt Boccac-
293
cio den Lesern die christliche Sinnbestimmung, den tröstenden Blick ins Jenseits. Das
berühmte Dominikanerkloster Santa Maria Novella, neben Paris und Bologna eines der
bedeutendsten intellektuellen Zentren der christlichen Welt, vermag genausowenig wie
alle anderen offiziellen Autoritäten Orientierungshilfen zu bieten.538 Nur einmal bezieht
sich Pampinea in ihrer Rede auf die Kirche, in der sie sich zusammen mit den sechs
Frauen befindet. Um sie zum Verlassen der pestverseuchten Stadt zu bewegen, ver-
weist sie unter anderem darauf, wie nutzlos es sei zu kontrollieren, „ob die Mönche, de-
ren Zahl verschwindend gering geworden ist, hier zu den vorgeschriebenen Stunden
ihre Chorgesänge verrichten ... (56)“.
Hier tut sich existentiell und epistemologisch ein in seiner Wirkung auf die Zeit-
genossen kaum zu überschätzender Abgrund auf. Zeigt doch Boccaccio in der Pest-
schilderung, daß sich angesichts des Massensterbens alle Versuche zur Erklärung des
Geschehens als ebenso grundlos, falsch und leer erweisen. Er kritisiert die Unwissen-
heit der drei oberen Fakultäten Jurisprudenz, Theologie und vor allem die Medizin, er-
schüttert damit nicht nur die Grundfesten der aristotelisch-rationalistischen Denkme-
thode des späten Mittelalters, sondern auch die ordnungstiftende Macht der kirchlichen
Kulte. Dennoch ist er von der didaktischen Wirkung einer Art von „Trost der Poesie als
Philosophie“ überzeugt. Gerade der vollkommene Zusammenbruch der Episteme of-
fenbart, daß nur die Poesie die Wahrheit der Pesterfahrung, und d.h. auch die Wahr-
heit der historischen UHV, beschreiben kann. Poesie ist Wissen und Wahrheit. Zu die-
sem Zweck greift der italienische Frühhumanist auf die Semiotik Ockhams zurück. Da-
zu bemerkt Kurt Flasch:
Mit äußerster Strenge bleibt er bei einem Reden ‘von außen’, von der Erschei-
nungsseite her. Wir wissen nicht, was die Pest wirklich ist, aber wir brauchen deshalb
nicht zu verstummen oder nur noch zu beten. Wenn wir zugeben, daß wir die Ursachen
nicht kennen, können wir eine neue Art des Sprechens begründen, eben die poetisch-
philosophische. Sie beweist LKUHWahrheit, indem sie zugibt, die Wahrheit über die Pest
nicht zu wissen. Sie überlistet so durch Anerkennung der Skepsis die Skepsis.539
Wie erwähnt, ist das Ethos im ‘Decameron’ naturrechtlich und stoisch begrün-
det. Die antike Stoa ging von einer rational erkennbaren Ordnung der Natur aus. Es ist
dieser Vernunftoptimismus, der es Boccaccio ermöglicht, dem Zusammenbruch der al-
ten Denkgewohnheiten etwas Neues entgegenzusetzen. An das antike Naturrecht der
Stoa, das dem Mittelalter durch die Schulautoren Cicero und Seneca bekannt war, er-
innert Pampinea die Freundinnen in ihrer langen Gründungsrede (53-72) im Dominika-
538 Vgl. Flach, Poesie nach der Pest, S. 96 f.
539 Ebd. S. 92 f.
294
nerkonvent Santa Maria Novella. Niemand tue ein Unrecht, der RQHVWDPHQWH (53) von
seiner Vernunft Gebrauch mache. Natürliches Recht sei, nach Kräften sein Leben zu
fördern, zu bewahren und zu verteidigen.
Weil einer der Männer in sie verliebt sei, äußert Neifile Bedenken gegen die
Begleitung der Männer auf die Landgüter. Dadurch fürchtet sie Schande, LQIDPLD (83),
zu ernten. Filomena präzisiert dann aber, welche Instanz festlegt, was unter diesem
„ehrenvollen“ Leben, nach Flaschs Deutung ein Synonym für „vernunftgemäß“, zu ver-
stehen sei. Sie antwortet: „Das hat nichts zu bedeuten! Wenn ich selbst ehrbar (R
QHVWDPHQWH) lebe und mein Gewissen mir nichts vorwirft, da behaupte meinetwegen
das Gegenteil, wer will (84).“
Die wahre Moralität ist nicht mit der Einhaltung konventioneller Moralvorstellun-
gen gleichzusetzen. Insofern die Vernunft ein universales Prinzip darstellt, ist das Ein-
zelgewissen ein ontologischer Teil der natürlichen Ordnung der Dinge. Letztlich ist also
der Idealismus der Stoa eine popularisierte Form des Platonismus.540 So können auf
der Grundlage des individuellen Vernunftgebrauchs neue Handlungsmaßstäbe entste-
hen, die dem rhetorisch behaupteten natürlichen Wesen der Dinge entsprechen. Boc-
caccios ethischer Vernunftbegriff kritisiert also den Mißbrauch von Zeichen, die den
Dingen fälschlicherweise eine Bedeutung beimißt, die gegen ihre „wahre Natur“ ver-
stößt.
Dem Zusammenbruch der Erklärungsmodelle vor dem Hintergrund der Pester-
fahrung setzt Boccaccio die Vernunft- und Urteilsfähigkeit seiner Erzähler entgegen.
Gestützt auf die Autorität des eigenen Gewissens, werden Geschichten erzählt, die das
problematische Bezugsverhältnis der Worte zu den Dingen thematisieren. Zugespitzt
formuliert, klärt das ‘Decameron’ seine Leserinnen über die Irrealität ideologischer
Sprachsysteme auf und zeigt zugleich Wege, wie man die Redekunst einsetzt, um
Zwang und Gewalt zu entgehen, Vergnügen und Lust zu gewinnen.
540 Ebd. S. 98-105; hier S. 101 f.: „9HUQXQIW heißt zugleich: die in den Dingen liegende Vernunft, der Beg-
riff der Sache selbst, das :HVHQ oder die 1DWXUder Sache. Jeder Leser stoischer Texte kennt diese
Gleichsetzung. Der stoische Begriff des Logos umgreift die Vernunft des Menschen und die der Din-
ge. Die konstante und wohlgeordnete 1DWXU der Dinge ist ihr Bewegungsgesetz und ihr Begriff. Was
in diesem TXDOLIL]LHUWHQ Sinne QDWUOLFKist, das ist vernünftig und richtig.“
295
8.4 Geoffrey Chaucers ’Troilus and Criseyde’
8.4.1 Das Problem von Wahrheit und Geschichte
Boccaccios Optimismus läßt sich für den nur wenige Dekaden später schrei-
benden Geoffrey Chaucer so schon nicht mehr nachweisen. Chaucers Liebesroman
'Troilus and Criseyde', der Boccaccios 'Il Filostrato' als Hauptquelle benutzt,541 stellt
wie die 'Canterbury Tales' keine hoffnungsfrohe Gegenwelt zu einer inhumanen und
gewalttätigen Wirklichkeit dar. Garantierte Boccaccios Erzählweise die Wahrheit der
Erzählfakten, thematisiert Chaucers christlicher Erzähler des 14. Jahrhunderts tech-
nisch-rhetorische und epistemologische Vermittlungsprobleme, die er mit den Lesern
teilt.542 An diesem unabschließbaren Prozeß der Bedeutungsrelativierung beteiligen
sich in der Hauptsache nur vier Personen: der Erzähler, die drei Hauptpersonen Troi-
lus, Criseyde und Pandarus, Criseydes kupplerischer Onkel und Freund von Troilus.543
541 Die folgenden Zitate aus ‘Troilus and Criseyde’ aus: The Riverside Chaucer, Hg. von Larry D. Ben-
son, Oxford 1988 3.
Die Zitate aus 'Filostrato' stammen aus: Giovanni Boccaccio, Il Filostrato, Italian text edited by Vin-
cenzo Pernicone, Translated with an introduction by Robert P. apRoberts and Anna Bruni Seldis,
New York and London 1986 (= Garland Library of Medieval Literature, Ser. A, 53). Die ziffernmäßi-
gen Stellenangaben beziehen sich auf den jeweiligen Teil des Romans und auf die Nummer der je-
weiligen Stanze. Pernicones Ausgabe, Il Filostrato e il Ninfale fiesolano, Bari 1937, ist immer noch
die beste Edition. Vittore Brancas Gesamtausgabe nimmt in Band 2 nur geringfügige Änderungen
vor, verändert aber zum Teil erheblich die Interpunktion. Vgl. dazu die Einleitung der obigen zwei-
sprachigen Ausgabe, S. IX f.
542 Dieter Mehl, Chaucer’s narrator, 7URLOXVDQG&ULVH\GHand the &DQWHUEXU\7DOHVin: The Cambridge
Chaucer Companion, Ed. by Pietro Boitani and Jill Man, Cambridge 1986, S. 213-226; hier S. 215:
„The first of this narrator’s effects on the reader is that we are never allowed to enter fully into action
of the poem without being conscious of its historical distance from us and the narrative medium in
which we encounter it. There is hardly anything like it in Boccaccio’s )LORVWUDWR; in that poem, the nar-
rator introduces himself, states the purpose of his work, and then largely retreats behind the story.
Chaucer’s narrator, in contrast, has no personal axe to grind, and all his problems are connected with
his literary labours. His continually changing attitudes towards his material and the poem in hand re-
flect his difficulties, and he is quite unique among medieval English narrators in sharing these difficul-
ties with his audience.“
543 Vgl. zur Irreferentialität figurativer Zeichen in ihrem Verhältnis zur Realität einer gewalttätigen Ge-
schichte, Eugene Vance: Mervelous Signals: Poetics, Sign Theory, and Politics in Chaucer's 7URLOXV,
in: NLH [New Language History] 10 (1979), 291-337; hier S. 313 f.: „In creating a dramatic structure
where a world of speaking lovers is circumscribed by the hostilities of a military siege, Chaucer is in
effect placing language - more specifically, lyrical, poetic language - on an stage whose context is
historical; and it is precisely because the actors upon that stage do not know - or have forgotten -
history, that history „happens“. Violence that is supposedly inexistent because it is merely ILJXUDWLYH
violence becomes the real consequence of ILJXUDWLYLW\DVSULPDOYLROHQFHLWVHOI - primal not because it
originates in material things, but rather in the signs by which we know (or refuse to know) those
things.“
Vgl. zum rhetorischen Raffinement Criseydes, ihres Onkels Pandarus und Diomedes und dem ver-
gleichsweise begrenzten wortwörtlichen Verständnishorizont des Prinzen Troilus, Myra Strokes,
Wordes White: Disingenuity in 7URLOXVDQG&ULVH\GH, in: English Studies, A Journal of English Langu-
age and Literature 64 (1983), S. 18-29.
296
In einem an äußeren Handlungen armen Roman deuten sie fortwährend die Worte an-
derer, versuchen, ihre Absichten zu erklären, spielen mit dem trügerischen Potential
der Worte und erfinden ihre eigene Liebesgeschichte. Kommentare, Absichtserklärun-
gen und Deutungen umkreisen ein Geschehen, das im wesentlichen aus eben diesen
Kommentaren, Erklärungen, Deutungen usw. zusammengesetzt ist. Diese unab-
schließbare, die Fiktionalität des Erzählens und Redens reflektierende Erzählweise be-
tont die Spannung zwischen der zeichenhaften Bedeutung der Rhetorik und den Ab-
sichten der Redner. Einheitskonzepte wie Autorabsicht, Geschichte, Moral und Leser-
schaft werden dadurch bis an die Grenze der Bedeutungslosigkeit pluralisiert.544
Nach der sexuellen Vereinigung des Paares im dritten Buch, dem idealen Gipfel
und Umschlagpunkt der Liebesgeschichte, wird das Paar aus unvorhersehbaren politi-
schen Gründen voneinander getrennt. Danach kehrt Criseyde nicht, wie versprochen,
aus dem griechischen Lager zu Troilus zurück. Im Gegenteil, sie beginnt ein Liebes-
verhältnis mit dem Griechen Diomedes. Infolgedessen gerät das Treueprinzip der ILQ¶
DPRUV in Gegensatz zu den Themen von Untreue und Verrat.545 Diesem Themen-
wechsel widerspricht die Vorstellung des Erzählers von einem idealen Liebesverhält-
nis, und das ist ein Grund für den Wandel seiner Einstellung zum Stoff und für die
Schwierigkeiten, die sich ihm bei der topischen LQYHQWLRstellen.
Vgl. zur Kluft zwischen Absicht und Bedeutung, Elizabeth Archibald, Declarations of „Entente“ in 7URL
OXVDQG&ULVH\GH, in: ChR 25 (1991), S. 190-213. Vgl. dazu auch, Rosemarie P. McGerr, Meaning
and Ending in a „Paynted Proces“: Resistance to Closure in 7URLOXV DQG &ULVH\GH, in: Chaucer's
Troilus and Criseyde „Subgit to all Poesye.“ Essays in Criticism, Hg. von Richard Allen Shoaf (= Me-
dieval & Renaissance Texts & Studies, 104), New York 1992, S. 179-198. Vgl. Richard Allen Shoaf,
Dante, Chaucer and the Currency of the World, Money, Images and Reference in Late Medieval Po-
etry, Norman 1983; hier Part Two: Troylus and Criseyde and the „Falsing“ of the Referent, S. 101-
157.
544 Vgl. Robert M. Jordan, Metafiction and Chaucer’s Troilus, in: Chaucer Yearbook 1 (1992), S. 136-
155; hier S. 143: „As an instrument of authorial artifice the narratorial voice, through its disruption of
story and self-reflexive attentiveness to language, effects a pervasive structural ambiguity in the nar-
rative. Functioning in one sense as a stabalizing, centering force, the narrator in another sense func-
tions as a decentering force, diverting attention from story to discourse about storytelling, from the
third-person narration of past events to first-person foregrounding of present telling. This interplay of
conflicting forces produces a complex structural dynamics and at the same time so problematizes in-
terpretation that we can no longer entertain comforting notions of closure and unity.“
Zur Multiplizierung der Adressaten am Ende des Romans vgl. Murray J. Evans, „Making strange“,
The Narrator (?), the Ending (?), and Chaucer's 'Troilus', in: Neuphilologische Mitteilungen 87 (1986),
218-228; hier S. 224: „The general audience, the ‘lovers’ repeatedly addressed throughout the poem,
are now addressed during five stanzas only (...). For three times as many stanzas, the audience is ra-
ther more particularized: women, the ‘litel bok’, young people, a poet and a philosopher, and Christ.
For most of the ending, in other words, the general audience cultivated throughout the poem is not
being directly addressed; we are overhearing apostrophes and, I would suggest, judging their moral
import as the immediately preceding apostrophes late in Book V have been preparing us to do.“
545 Vgl. zum Begriff ILQ¶DPRUVDouglas Kelly, Medieval Imagination, Rhetoric and the Poetry of Courtly
Love, Wisconsin 1978, S. 13-22; hier S. 20: „Finesse characterizes ‘la puissance intuitive’, as one cri-
tic has put it, ‘la faculté de saisir confusément la réalité profonde des objets concrets’, the essential
and indicative elements of experience. No human code, law, or a priori order is absolute, though
common beliefs and maxims may help the individual to understand the significance of particular cir-
cumstances.“
297
Chaucer befragt die Möglichkeit und die Realität der höfischen Liebe als Ideal
und beschreibt letztlich den Niedergang von I\Q ORY\QJ aus einer nominalistischen
Sprachperspektive. Lust, Sexualität als Selbstzweck und die schwer zu deutende Kon-
tingenz der Erzählfakten höhlen das Liebesideal inhaltlich aus und führen zur Irreferen-
tialität der Zeichen. Die Imagination und das Beispielhafte sinken auf das Niveau ei-
gensüchtiger Zwecke ab. Affekte und rhetorische Strategien triumphieren über das e-
thische Einsichtsvermögen, und das Treueprinzip selbst wird im Fall von Troilus zu ei-
ner paranoiden Privatsache.546 Weil er zwanghaft an seiner Liebe zu Criseyde festhält,
endet er in Verzweiflung und Tod.
Chaucer kannte genauestens die Stofftradition der trojanischen Geschichte547.
Dennoch verschweigt er Boccaccios ‘Filostrato’ als wirkliche Textvorlage.548 Dagegen
beruft sich sein Erzähler gelegentlich auf einen lateinisch schreibenden Autor namens
„Lollius“, P\QDXFWRXUFDOOHG/ROOLXV(1. 394), seine angeblich authentische Quelle, die
überhaupt nicht existiert. Es gibt schlicht keinen Text, der mit diesem Namen in Ver-
bindung gebracht werden könnte.549 „Lollius“ hat demnach die Funktion einer referenz-
losen fingierten Autorität, deren Leerstelle dem Erzähler die Möglichkeit bietet, unüber-
prüfbare Aussagen über den VHQVXVKLVWRULFXVzu treffen.
546 Ebd., S. 196: „The lowering or sinking of Imagination is represented as idle fantasy or melancholy
disturbance. Hence the allusions to ‘sorwful ymagynacioun’ (The Book of the Duchess 14), the
‘cloude of error’ which ‘lat hem nat discerne/What best is’ (Troilus 4.200-201), as disire turns to para-
noic egocentricity (Troilus 5.617-30). ‘Evyl ymagynacyoun’ (The Legend of Good Women 1523),
‘veyn ymaginacioun’ (The Knight’s Tale 1094) and ‘derke ymagining’ (The Knight’s Tale 1995), ‘derke
fantasye’ (The Friar’s Tale 844) consume the mind like Racine’s IODPPHQRLUH“
547 Vgl. dazu die einleitenden Bemerkungen zu ‘Troilus and Criseyde’ von Stephen A. Barney, in: The
Riverside Chaucer, S. 471 f; hier S. 472: „When Chaucer took up his story from Boccaccio, then, he
was treating familiar, perhaps even fashionable, matter, and he was conscious of the full tradition of
Trojan history. He knew and directly used material from Virgil, Ovid, Benoît, and Guido. He names
Dares and Dictys but probably knew the former only through the poetic redaction of Dares by Joseph
of Exeter and the latter not at all. Chaucer presents himself in the poem as something of a historiog-
rapher, a pedantic scholar (...). The evidence of his researches is manifest and suggests that he de-
liberately made himself an expert in the subject. On occasion, Chaucer apparently took pains to rec-
oncile conflicting details from various sources.“
548 E. F. Dyck, Ethos, Pathos, and Logos in Troilus and Criseyde, in: ChR 20 (1986), S. 169-82; hier S.
173: „Indeed, the narrator’s XVHof Lollius falls into perfectly acceptable practice: he claims to follow
Lollius if it suits his purpos (1, 393-99); 2, 1-49; 3, 502,. 575; 5, 1665); at other times, he says he de-
parts from all of his authorities and in one notable instance, apologizes for it. The problem is not with
the narrator’s use of sources, nor even with the non-existence of one named source; the problem is
that the narrator’s use of sources is QRWLollius. We may not be able to establish whether Lollius ever
existed or whether the narrator (or even Chaucer) believes he did, but we can establish that the nar-
rator did use Boccaccio. In short the narrator’s credibility is undermined by the very act that could ha-
ve enhanced it. Every time he names Lollius, he is wrong.“
549 Allerdings wurde von der Forschung vermutet, daß dieser Name vielleicht auf einen
Übertragungsfehler von einem von Horaz Briefen, Epist. 1, 2; 1-2, an einen Maximus Lollius,
zurückzuführen sei. Johannes von Salisbury könnte den Fehler von Lollius statt Homer als „größtem
Autor des trojanischen Krieges“ an Chaucer weitergegeben haben.
Vgl. dazu die Anm., in: The Riverside Chaucer, S. 1022.
298
Ursprünglich hat der Erzähler-Poet den Plan, das „doppelte Leid“ von Troilus
Liebesabenteuern erzählen zu wollen, IURZRWRZHOHDQGDIWHURXWRIMRL(1.4). Am En-
de aber scheitert die Herstellung eines einheitlichen Sinns an der Vielfalt möglicher
Deutungsperspektiven und kann deswegen auch nicht durch seine Deutungskompe-
tenz autoritativ verbürgt werden. Erst in den letzten beiden Büchern zieht er die Kon-
sequenz aus der Widersprüchlichkeit seiner Rollen als Übersetzer, der zugleich Poet
einer psychologisch und emotional begründeten Zeichenproblematik und Interpret ei-
nes heterogenen Stoffs ist. In dem Maße wie er von der Überzeugung abrückt, die
buchstäbliche Geschichte, den ursprünglichen Sinn des „Originals“, durch bloßes Ü-
bersetzen und Reimen wiederzugeben, wird die Fiktionalität des Erzählens selbst zu
einem epistemologischen und semiotischen Problem. Im Unterschied zu dem intrigan-
ten Makler und Vermittler Pandarus550, dem jedes rhetorische Mittel zum zweckdienli-
chen Abschließen der Bedeutung seiner Reden recht ist, gelingt es ihm, sich allmählich
aus der Identifikation mit den Protagonisten zu befreien. Am Ende schildert er den
Handlungsverlauf so, daß seine Stimme nurmehr als eine unter anderen perspektiviert
ist.551 Gegen das geschichtliche Faktum des Verrats, d.h. gegen die Autorität der fikti-
ven Quelle, bekennt er sich zur Wahrhaftigkeit Criseydes und stellt sich in einen offe-
nen Gegensatz zu allen in Frage kommenden Quellenbefunden: 0HQVH\Q,QRWWKDW
VKH\DIK\P>'LRPHGHV@KLUHKHUWH(5.1050).
Noch im zweiten Buch versteht er seine Aufgabe als die eines Historiographen
und Übersetzers einer alten Liebesgeschichte. So als bestehe seine Aufgabe in der
Paraphrase einer Geschichte, glaubt er, die „Wahrheit“ seiner „lateinischen Quelle“ oh-
ne Sinnverlust und ohne Emotionen, d.h. ohne identifikatorische Beteiligung, in schlich-
ter Reimform vermitteln zu können. Shoaf bezeichnet diese Stilisierung treffend als
„pose of translator“.552
2ODG\P\QWKDWFDOOHGDUW&OHR
7KRZEHP\VSHHGIURPWKLVIRUWKDQGP\0XVH
To ryme wel WKLVERRNWLO,KDYHGR
Me nedeth here noon other art to use.
)RUZKLWRHYHU\ORYHUH,PHH[FXVH
7KDWof no sentement [emotion] I this endite [write],
%XWRXWRI/DW\QLQP\WRQJHLWZULWH
550 Zur Bedeutung des Namens Pandarus vgl. Shoaf, Dante, Chaucer, and the Currency of the World, S.
116.
551 Vgl. zu dieser Entwicklung des Erzählers, Richard Allen Shoaf, Dante, Chaucer and the Currency of
the World, Norman 1983, S. 123-157.
552 Vgl. Richard Allen Shoaf, Dante, Chaucer and the Currency of the World, S. 124 f.
299
:KHUIRUH,Q\OKDYHQHLWKHUWKDQNQHEODPH
2IDOWKLVZHUNEXWSUH\\RZPHNHO\
'LVEODPHWK>H[FXVH@PHLIDQ\ZRUGEHODPH
For as myn auctour seyde, so sey I,
(NWKRXJK,VSHHNRIORYHXQIHO\QJO\
1RZRQGHULVIRULWQRWK\QJRIQHZHLV
$EO\QGPDQNDQQDWMXJJHQ>MXGJH@ZHOLQKHZLV>FRORUV@ 2. 8-21
(Hervorh. durch den Verfasser)
Die negativen Formulierungen, er schreibe emotionslos ohne wirkliche Erfah-
rung in Liebesdingen, und dennoch brauche er keine andere Kunst als die des Rei-
mens, schließen schon die Möglichkeit ihres Gegenteils ein. Überdies sind sie auch ein
Beispiel für seine immer wache Sorge um die richtige Vermittlung der Geschichte und
um mögliche Mißverständnisse. Von Anfang an macht er die Erzählung als rhetori-
sches Artefakt kenntlich und beugt dadurch einer „naiven Identifikation“ mit der Wahr-
heit der Geschichte vor.553 Doch weil das Erzählen der Geschichte im Medium einer
allgegenwärtigen, den Erzählvorgang selbst reflektierenden Erzählerstimme semanti-
sche Unklarheiten erzeugt, wird die topische Erfindung zu einem unlösbaren Problem,
bei dem sich der „eine Sinn“ der Geschichte als so unauffindbar erweist wie der
„Schlüssel der Erinnerung“. Erinnerung ist die Voraussetzung für die Wahrheit als
Wahrscheinlichkeit eines rhetorisch in einem kohärenten Sinnzusammenhang zu bear-
beitenden Stoffs.554 Autorabsicht und rhetorische Formgebung fügen sich nicht zu ei-
553 Dieter Mehl, Chaucer’s narrator, S. 216: „Throughout the poem, we hardly ever lose sight of the nar-
rator. This is partly due to the frequency of conventional rhetorical formulas that remind us of the au-
thor’s craft, such as the following stanza, added by Chaucer to Boccaccio’s account: ‘
%XWKRZWKLVWRZQFRPWRGHVWUXFFLRQ
1HIDOOHWKQDXJKWWRSXUSRVPHWRWHOOH
)RULWZHUHKHUHDORQJGLJUHVVLRQ
)URP\PDWHUHDQG\RZWRORQJWRGZHOO
%XWWKH7URLDQJHVWHVDVWKH\IHOOH
,Q2PHURULQ'DUHVRULQ'LWH
:KRVRWKDWNDQPD\UHGHKHPDVWKH\ZULWH¶ (7URLOXV I, 147-7)
We are made to realize that the poet has to arrange his material, select certain details and omit oth-
ers, and this alone prevents us from a naive and uncritical identification with the story.“
554 Marianne Borch, Poet & Persona; Writing the Reader in 7URLOXV, in: ChR 30 (1996), S. 215-228; hier
S. 218 f.: „That the poet exploits the convention in a way that will ultimately destroy it is, however,
clear, and nowhere is this more true than in his employment of a narrative presence which consis-
tently gets in the way of, rather than serves, ‘o sentence’. Indeed, far from combining presence with
invisibility as described above, Chaucer’s narrator becomes obtrusively, even obstructively, intrusive.
While he readily shares with his reader his omniscience, his self-conscious presence ‘outside’ or
‘above’ the narrative, and his moral outlook, internal contradictions everywhere make for confusion.
(...) The overall and overwhelming impression is that of a guiding presence which, nevertheless with-
holds all certainty and, when the question of authorial responsibility cannot be ignored - as in the Pro-
logue to the 0LOOHU¶V7DOHdeftly, though anxiously, leaves the audience to work things out for them-
selves.“
300
nem einheitlichen Sinn zusammen. Viele Werke Chaucers sind aus diesem Grund
Fragment geblieben.555
8.4.2 Zeichenfälschung und das Erfinden der Geschichte als rhetorischer Prozeß
Worin die traditionelle Erfindung des Poeten besteht, beschreibt Gottfried von
Vinsauf in seiner ‘Poetria nova’. Vor der schriftlichen Ausarbeitung formt der Autor ein
mentales Modell oder einen Plan seines Werkes. In Anlehnung an Augustins Termino-
logie soll der „innere Mensch“ mit den „Händen des Herzens“ das Thema seines Stoffs
erwägen, Anfang, Mitte und Ende festlegen, bevor die „körperlichen Hände“ oder „die
Zunge“ ihre Tätigkeit aufnehmen. Dann erst kleide die Kunst der Poetik den Stoff mit
adäquaten Worten ein. Zu den Techniken der Poetik gehört neben der Ausstattung mit
rhetorischem Schmuck auch die Erweiterung und Kürzung des Stoffs.556
Aufgrund eines identifizierbaren Textes, einer erkennbaren Botschaft und der
Absicht des Autors sollen die Leser den Sinn des Werkes erkennen und akzeptieren.
Unter der Perspektive skeptischer Sprachbetrachtung suspendiert Chaucer jedoch die
poetische Vorschrift, wonach ein Dichter nach kanonischen Wert- und Moralvorstellun-
gen, höfischen oder christlich religiösen, den Sinn einer Textvorlage aufsuchen soll.
Um zu beschreiben, wie Pandarus Criseyde dazu überreden will, die Geliebte des tro-
janischen Königssohnes zu werden, zitiert der Erzähler ebendiese Stelle der Poetik
Gottfrieds:
)RUHYHULZLJKWWKDWKDWKDQKRXVWRIRXQGH
1HUHQQHWKQDXJKWWKHZHUNIRUWRE\J\QQH
:LWKUDNHOKRQGEXWKHZROELGHDVWRXQGH
$QGVHQGHKLVKHUWHVOLQHRXWIURZLWKLQQH
$OGLUILUVWKLVSXUSRVIRUWRZ\QQH
$OWKLV3DQGDUHLQKLVKHUWHWKRXJKWH
$QGFDVWH>SORWWHG@KLVZHUNIXOZLVHO\RU>EHIRUH@KHZURXJKWH1.1065 ff.
555 Douglas Kelly, Medieval Imagination, S. 199: „The problem is the ‘key’, the ‘key of remembraunce’
that Chaucer could not find. Like Marie de France long before him, Chaucer was still seeking ‘eo k’i
ert’ in his PDWLqUHSuch topical invention was always directed by a governing intention. But topical in-
vention is a means to discover truth as verisimilitude. What if experience and the past suggest vari-
ous, indeed contradictory truths? The only solution at the end of the quest is the unfinished book, fol-
lowed by silence and retraction.“
556 Vgl. V. 43-86, Text und englische Übersetzung, in: The 3RHWULD1RYDand its Sources in Early Rhe-
torical Doctrine, Hg. von Ernest Gallo, The Hague 1971.
301
Im zweiten Buch greift der kupplerische Rhetoriker selber Gottfrieds Argument
auf. Pandarus ist aber nur an dem strategischen Kalkül der rhetorisch-technischen Ver-
fahrensweise interessiert. So reduziert er die Hauptfunktion der Poesie, die wechsel-
seitige Durchdringung von Form und Sinn eines Textes, auf die Erfordernisse der kon-
kreten Gesprächssituation. Bevor er sein Anliegen vorzutragen beginnt, sagt er:
+RZVRLWEHWKDWVRPPHQKHPGHOLWH
:LWKVXEW\ODUWKLUHWDOHVIRUWRHQGLWH>ZULWHFRPSRVH@
<HWIRUDOWKDWLQKLUHHQWHQFLRXQ
+LUHWDOHLVDOIRUVRPFRQFOXVLRXQ 2.256-59
Demnach würde sich der Sinn jeder Erzählung im finalen Zweck der abschlie-
ßenden Bedeutung erschöpfen, die der eigensinnigen Absicht des Erzählers entspre-
chen soll: WK¶HQGHLVHYHU\WDOHVVWUHQJWKH(2.260).557 Nun wertet der Rhetoriker Panda-
rus anscheinend den Schmuck als sekundäres Aperçue ab (2.261). Das ist aber nur
ein hintersinniges und strategisches Argument. Denn bedingt durch die verwandt-
schaftliche Nähe zu Criseyde und die heikle Art seines Arguments, glaubt er nur Mißer-
folg zu ernten, wenn er die Sache poetisch ausarbeitet. Was er gedanklich, d.h. in
Wahrheit bezweckt, legt die folgende Stanze ausführlich dar:
7KDQWKRXJKWKHWKXVÄ,I,P\WDOH>ZKDW,KDYHWRVD\@HQGLWH>ZULWH@
$XJKWKDUGHRUPDNHDSURFHV>HODERUDWHVWRU\@DQ\ZK\OH
6KHVKDOQRVDYRXU>GHOLJKW@KDYHWKHULQEXWOLWH>OLWWOH@
$QGWURZH,ZROGHKLUHLQP\ZLOELJ\OH>EHWUD\@
)RUWHQGUHZLWWHV>VHQVLWLYHPLQGV@ZHQHQDOEHZ\OH>HYHU\WKLQJLVJXLOH
WULFNHU\@
7KHUDVWKHLNDQQRXJKWSOH\QO\XQGHUVWRQGH
)RUWKLKLUHZLWWRVHUYHQZRO,IRQGH³ 2.267-73
Wie dann seine Schmeicheleien, Proteste, Ermahnungen, Drohungen und rhe-
torischen Floskeln eindrucksvoll belegen, macht er sehr wohl von den Mitteln des rhe-
torischen Schmucks Gebrauch. Ihm geht es lediglich darum, die Art seiner Überre-
dungskunst an die Brisanz der Botschaft und die sensible Intelligenz der alleinstehen-
den Witwe anzupassen. Das Wort SURFHVdas im gesamten Gedicht zwölfmal und im
zweiten Buch allein sechsmal vorkommt, unterstreicht den strategischen Charakter der
von ihm rhetorisch inszenierten Liebesgeschichte.558 Er lobt den edlen Charakter des
Priamus-Sohnes in höchsten Tönen und bittet Criseyde, den verzweifelt Verliebten
557 Im Gegensatz dazu präsentiert Chaucer am Ende einen ernüchterten Erzähler, der unterschiedlichen
Lesergruppen gleich mehrere Erzählschlüsse nebeneinander anbietet.
Vgl. Murray J. Evans, „Making strange“, The Narrator (?), the Ending (?), and Chaucer's 'Troilus', in:
Neuphilologische Mitteilungen 87 (1986), 218-228.
558 Vgl. Rosemarie P. McGerr, Meaning and Ending in a „Paynted Proces“, S. 192.
302
freundlich anzuschauen und ihm wenigstens ein Lächeln zu schenken, andernfalls
würden der Verschmähte und mit ihm er selber sich das Leben nehmen. Aber auch
Criseyde verfügt über rhetorisches Geschick und nimmt lange nicht alles für bare Mün-
ze, was ihr Onkel an DUVPRYHQGLvorbringt. Sie bricht in Tränen aus, appelliert an sein
Verantwortungsgefühl als Verwandter und verdächtigt ihn, mehr im Sinn zu haben, als
das, was er von ihr verlangt:
$OODVZKDWVKROGHQVWUDXQJHWRPHGRRQ
:KHQKHWKDWIRUP\EHVWHIUHQG,ZHQGH
5HWPHWRORYHDQGVKROGHLWPHGHIHQGH" 2.411-13
Dann ironisiert sie Pandarus Ziele als vorläufige eines zweckdienlichen Prozes-
ses. In der Frage: ,VDOWKLVSD\QWHGSURFHVVH\GDOODV5LJKWIRUWKLVI\Q"(2.424-25),
wiederholt sie die Stichwörter „Prozeß“, „rhetorischer Schmuck“ und „beabsichtigtes
Ziel“. Kurz zuvor hatte sie ihn gefragt: ,VWKLV\RXUUHHG"(2.422). 5HHG kann als „raten“
und „lesen“ doppeldeutig übersetzt werden.559 Sie erkennt und kritisiert den gewollten
Leseprozeß ihrer Person, dessen letztes Ziel die unehrenhafte und gefährliche Verbin-
dung mit dem Königssohn sein muß:
$QGKHUH,PDNHDSURWHVWDFLRXQ
7KDWLQWKLVSURFHV>EXVLQHVV@LI\HGHSSHUJR
7KDWFHUWH\QO\IRUQRVDOYDFLRXQ
2I\RZWKRXJKWKDW\HVWHUYHQ>GLH@ERWKHWZR
7KRXJKDOWKHZRUOGRQRGD\EHP\IR>IRH@
1HVKDO,QHYHUHRIK\PKDQRWKHUURXWKH>FRPSDVVLRQ@ 2.484-89
Gegen die wiederholt vorgebrachten Beteuerungen (2.580-81, 593) seines
Wohlwollens und auch gegen Criseydes eigene Absicht, ihre Ehre und ihren guten Ruf
als alleinstehende Witwe zu wahren, gelingt es Pandarus schließlich doch, daß Troilus
ihre Liebe gewinnt. Hymnisch feiert der Erzähler die Liebesvereinigung im dritten Buch:
+LUHDUPHVVPDOHKLUHVWUHJKWHEDNDQGVRIWH
+LUHV\GHVORQJHIOHVVKO\>VKDSHO\@VPRWKHDQGZKLWH
+HJDQWRVWURNHDQGJRRGWKULIWEDGIXORIWH
+LUHVQRZLVVKWKURWHKLUHEUHVWHVURXQGHDQGOLWH
7KXVLQWKLVKHYHQHKHJDQK\PWRGHOLWH
$QGWKHUZLWKDODWKRXVDQGW\PHKLUHNLVWH
7KDWZKDWWRGRQIRUMRLHXQQHWKH>VFDUFHO\@KHZLVWH3.1247-1253
Da der Erzähler Pandarus Strategie unterstützt, macht uns die Stimme seiner
persönlichen Präsens zu Komplizen des rhetorischen Prozesses. Seine idealisierende
559 Vgl. dazu den entsprechenden Eintrag im Glossar der kritischen Ausgabe von ‘The Riverside Chau-
cer’.
303
Erzählweise gerät damit ebenso in den Verdacht der narzißtischen Fälschung bzw. der
identifikatorischen Selbstbespiegelung wie die Reden des Machers. So lehnt er in der
Vorrede zum zweiten Buch Kritik an der Art, wie Troilus Criseyde gewinnt, mit der Sen-
tenz ab, daß viele Wege nach Rom führen (2.29 ff.). Auch die vorweggenommene Kri-
tik daran, daß Criseyde leichtfertig Troilus ihre Liebe schenke und sich viel zu schnell
in ihn verliebt habe, weist er emphatisch von sich. Alles müsse nun einmal einen An-
fang nehmen. Criseyde neige sich ihm nur allmählich zu, und er gewinne sie E\SURFHV
DQGE\JRRGVHUY\VH(2.678).
Es ist gerade dieser Prozeß der sachlichen Verkehrung und magischen Ver-
wandlungskraft der Rhetorik, vor dem Gottfried von Vinsauf in der Abhandlung über
das Arrangement der Stoffteile zu warnen scheint, wenn er sagt:
3ULPXVDSH[RSHULVQRQVROXPIXOJHWDELSVR
)LQHVHGLSVLXVGXSOH[HVWJORULDILQLV
7KHPDWLVHWPHGLXP7UDKLWDUVDEXWURTXHIDFHWXP
3ULQFLSLXPOXGLWTXDVLTXDHGDPSUDHVWLJLDWUL[
(WIDFLWXWILDWUHVSRVWHUDSULPDIXWXUD
3UDHVHQVWUDQVYHUVDGLUHFWDUHPRWDSURSLQTXD
5XVWLFDVLFILXQWXUEDQDYHWXVWDQRYHOOD
3XEOLFDSULYDWDQLJUDFDQGLGDYLOLDFDUD V. 118 ff.
The high point of the work does not radiate only from the very end, but has a dou-
ble glory: the end of the work and the middle. Art can draw a pleasant beginnig out of ei-
ther. It plays about almost like a magician, and brings it about that the last becomes
first, the future the present, the oblique direct, the remote near; thus rustic matters be-
come polished, old becomes new, public private, black white, and vile precious.560
Tropen ersetzen eigentliche Signifikanten durch uneigentliche und verschieben
das Zeichen als konventionelle Verbindung von Signifikant und Signifikat. Infolge die-
ser Substitutionen bedeutet die Sprache immer etwas anderes, als sie bezeichnet. In
Trojas rhetorischer Welt kann es keine Wahrheit geben, und auch Treueschwüre zwi-
schen Liebenden sind nicht von Dauer. Pandarus formuliert seine verbale Magie, die
Eugene Vance treffend als „Pandarus’s law“ bezeichnet:561
560 Text und Übersetzung aus: The Poetria Nova and its Sources in Early Rhetorical Doctrine, Hg. von
Ernest Gallo.
561 Vgl. Eugen Vance, Mervelous Signals, S. 312.
304
%\KLVFRQWUDULHLVHYHU\WK\QJGHFODUHG>UHYHDOHGGHILQHG@
)RUKRZP\JKWHHYHUHVZHWQHVVHKDQEHQNQRZH
7RKLPWKDWQHYHUHWDVWHGELWWHUQHVVH"
1HQRPDQPD\EHQLQO\>HQWLUHO\@JODG,WURZH
7KDWQHYHUHZDVLQVRUZHRUVRPHGHVWUHVVH
(NZKLWE\EODNE\VKDPHHNZRUWKLQHVVH
(FKVHWE\RWKHUPRUHIRURWKHU>EHFDXVHRIWKHRWKHU@VHPHWK
$VPHQPD\VHDQGVRWKHZ\VHLWGHPHWK>MXGJH@ 1.637-644
Pandarus ist also nicht bloß Intrigant und Kuppler, er ist auch ein Poet, der eine
Liebesgeschichte im Sinne der topischen LQYHQWLR erfindet.562 Pandarus eigene Liebes-
affären laufen schlecht. Er ist ein Mann von ZRUGHV ZKLWH >VSHFLRXV PLVOHDGLQJ@
(3.1567) ohne substantielles Zentrum. Den Mangel an realer Erfahrung ersetzt er durch
rhetorische Erfindungskunst. Lieber „schreibt“ er das Bild von Troilus und Criseyde in
einer eigenen „Romanze“. Worte ersetzen für ihn die Realität. Was ihm selbst an Erfül-
lung in der Liebe versagt bleibt, projiziert er auf Troilus: 7RHVHKLVIUHQGZDVVHWDOKLV
GHVLU(3.486). Wenn er ihn dazu überredet, Criseyde vorzuwerfen, mit einem gewissen
Horaste eine Liebesaffäre zu unterhalten (3.796-812, 1156-58), verfälscht er ihn, macht
ihn selbst zum Fälscher und zu seinem Bild.563 Im dritten Buch spricht er die betrügeri-
sche Rolle seiner gewalttätigen poetischen Machenschaften gegenüber seinem Zög-
ling Troilus unverhüllt an:
$QGZHUHLWZLVWWKDW,WKRUXJKP\Qengyn>FRQWULYDQFH@
+DGGHLQP\QHFHyputWKLVfantasie
7RGRRQWKLOXVWDQGKROO\WREHQWK\Q
:KLDOWKHZRUOGXSRQLWZROGHFULH
$QGVH\QHWKDW,WKHZHUVWHtrecherie
'LGHLQWKLVFDVWKDWHYHUHZDVELJRQQH
$QGVKHIRUORVW>GLVKRQRUHG@DQGWKRZULJKWQRXJKW\ZRQQH 3.274-80.
Das Wort HQJ\Qentspricht dem mittellateinischen LQJHQLXP und bezeichnet die
Imaginationskraft des Dichters, die er zur Erfindung seiner Gedichte benötigt. Das Hin-
einprojizieren seiner Phantasie in seine Nichte entspräche dann dem willkürlichen Be-
schreiben eines bis dahin unbeschriebenen Blattes oder einer unbeschlagenen Münze,
allerdings mit der entscheidenden Einschränkung, daß Criseyde eben kein unbe-
schriebenes Blatt und keine unbeschlagene Münze ist, sondern eine verwitwete Frau
562 Zur Personengestaltung Pandarus, vgl. Richard Allen Shoaf, Dante, Chaucer and the Currency of the
World, Money, Images and Reference in Late Medieval Poetry, Norman 1983, S. 115-123, hier bes.
S. 117 f.
563 Shoaf, Dante, Chaucer and the Currency of the World, S. 118: „Troylus and so also Criseyde (though
any woman would do - see 4.00-406) represent the opportunity for Pandarus’s words to take on flesh
- to assume more reality than they and he would otherwise enjoy. Pandarus, in short, desires his
word made flesh - and for Chaucer and his world that is the ultimate perversion of DXFWRULWDV³
305
mit einem eigenen Willen. Shoaf spricht in diesem Zusammenhang von der Rhetorik
als einer LPSRVLWLR DG SODFLWXP.564 Den Ausdruck entnimmt er der Terminologie der
Nominalisten. Damit ist die absolute Allmacht Gottes gemeint, potentiell und zu jeder
Zeit verändernd in das Weltgeschehen eingreifen zu können. Auf dem Gipfel seines Er-
folges, in der Vereinigungsszene des dritten Buches, faßt Chaucer die Rolle des Pan-
darus in ein fast emblematisch wirkendes Bild, das ihn als Autor, Regisseur und Voy-
eur kennzeichnet:
$QGZLWKWKDWZRUGKHGURZK\PWRWKHIHHUH>ILUH@
$QGWRRNDOLJKWDQGIRQGKLVFRQWHQDXQFH>DVVXPHGWKHDWWLWXGHRUDS
SHDUDQFH@
$VIRUWRORRNHXSRQDQROGURPDXQFH 3.978-80
8.4.3 Das Verschwinden der Absicht in der Ambivalenz der Zeichen
Nach diesem Triumph der instrumentellen Rhetorik verläßt das Liebespaar die
rhetorisch kontrollierbare Sphäre privater Innenräume und betritt den Kreis der öffentli-
chen Weltbühne. Der zweckdienliche Eigensinn des Sprechens und Schreibens ent-
fernt sich immer weiter von den Referenten, die Bedeutung emanzipiert sich fast voll-
ständig von den Dingen. Hatte Pandarus seinem Schützling zuvor geraten, Criseydes
Absichten aus ihren Worten und ihrem Gesichtsausdruck zu lesen, verlagert sich hier
die Zeichendeutung auf Objekte: der Brief (5.1625-31), den Criseyde aus dem Lager
der Griechen an Troilus schreibt, die Stute, die Troilus Criseyde geschenkt hat und die
Criseyde - „wie uns die Geschichte erzählt“, sagt der Erzähler (5.1037) - an Diomedes
weiterverschenkt haben soll, ebenso wie die Brosche, die Troilus Criseyde geschenkt
hat.565 Diomedes trägt sie in der Schlacht an seinem Kriegsgewand. Als Troilus sie
wiedererkennt, steht für ihn außer Zweifel, daß ihn Criseyde damit verspotten will.
564 Vgl. ebd. S. 117 f.
565 Ob es sich bei dieser Brosche um diesselbe handelt, die Criseyde ihrem Geliebten nach der Liebes-
vereinigung im dritten Buch schenkt, läßt sich nicht feststellen. Liebessymbole werden hier jedenfalls
nur spielerisch ausgetauscht: „And pleyinge entrechaungeden hire rynges,/Of which I kan nought tel-
len no scripture/But wel I woot, a broche, gold and asure,/In which a ruby set was lik an her-
te,/Criseyde hym yaf, and stak it on his sherte (3.1368-72).“
306
1RQRWKHUFDXVHDOODVQHKDGGH\H
%XWIRUGHVSLWDQGHNIRUWKDW\HPHQWH
$ORXWUHO\>FRPSOHWHO\@WRVKHZHQ\RXUHHQWHQWH
7KURXJKZKLFK,VHWKDWFOHQHRXWRI\RXUHP\QGH
<HKDQPHFDVW 5.1692-96
Gerade weil er die Absicht Criseydes genau zu wissen glaubt, liest er das Zei-
chen falsch. Eine ähnliche fundamentale Trennung der Bedeutung der Worte von der
gedanklichen Intention enthält der oben erwähnte Brief. Criseydes Festhalten an der
Absicht, Troilus wiedersehen zu wollen, widerspricht den Fakten der Geschichte.
Längst hat sie ein Liebesverhältnis zu dem Griechen Diomedes aufgenommen, dessen
rhetorische Überredungskunst stärker als ihre Absicht ist. Ihr Brief kulminiert in der
Sentenz: 7K¶HQWHQWHLVDODQGQDWWKHOHWWHUVVSDFHWeil die Bedeutung der geschrie-
benen Worte vollkommen vom HQWHQWH der Schreiberin abgeschnitten ist, hat der Brief
keinen linguistischen Zeichenwert, dokumentiert vielmehr nur noch selbstreferentiell
seine innere Substanzlosigkeit. Die Gedanken zählen und nicht die Worte, so Crisey-
des Argument in diesem letzten Brief an Troilus. Aber welche Absicht verfolgt sie, da
sie doch - wie sie selbst sagt - sprachlich nicht vermittelt werden kann?566 Zu Recht
fragt Archibald: „How can intention be discovered, if it bears no relation to the language
and length of the message?“567
3XUSRVHQWHQWHPHQHgrundieren das Gedicht und fordern immer wieder den
Leser dazu auf, das ganze Bedeutungsspektrum der Worte im Verhältnis zur Absicht
566 Für die genaue Analyse des Briefes (5.1590-1631) vgl. John McKinnell, Letters as a Type of the
Formal Level in ‘Troilus and Criseyde’, in: Essays on Troilus and Criseyde, Hg. von Mary Salu, Cam-
bridge 1979, S. 73-89; hier S. 87 f.: „Criseyde’s argument is equally contrived, balancing defensive
and offensive arguments. (...) Some of her arguments conflict - if she is as miserable as the letter’s
fine opening suggests, how can their affair have been unimportant? If Troilus is justly accused of be-
ing preoccupied with his own misery, how can he have been trifling with her; we can now only guess
at her real thoughts, without the commitment to them which is essential to an understanding of the
earlier stages of the affair.“
567 Elizabeth Archibald, Declarations of „Entente“ in Troilus and Criseyde, in: ChR, 25 (1991), S. 208.
307
der Personen zu erwägen.568 Als weiteres Beispiel dafür sei hier folgender Erzähler-
kommentar aus dem letzten Buch des 'Troilus’ zitiert, aus dem die im Vergleich zum
Anfang distanziertere Haltung zu seinem Stoff hervorgeht:
%XWVRRWK>WUXWK@LVWKRXJK,NDQQDWWHOOHQDO
$VNDQP\QDXFWRXURIKLVH[FHOOHQFH
Yet have I seydDQG*RGWRIRUQDQGVKDO
,QHYHU\WKLQJal holly his sentence
$QGLIWKDWLFKDW/RYHVUHYHUHQFH
+DYHDQ\ZRUGLQHFKHG>DGGHG@IRUWKHEHVWH
'RWKWKHUZLWKDOULJKWDV\RXUVHOYHQOHVWH>ZLVK@
)RUP\QHZRUGHVKHHUHDQGHYHU\SDUW
I speke hem alle under correccioun
2I\RZWKDWIHO\QJKDQLQORYHVDUW
And putte it al in your discrecioun
To encresse or maken dymynucioun
2IP\ODQJDJHDQGWKDW,\RZEHVHFKH
5.1323 ff.
[
Hervorh. vom Verf.]
Wie gezeigt wurde, ist auch im ‘Decameron’ die Sinnkonstitution abhängig von
Lesern, die dem stoischen Vernunftethos ihres Autors verpflichtet sind. Es wäre aber
kontraproduktiv zur Absicht des Autors, die Glaubwürdigkeit der erzählten Fakten in
Frage zu stellen. Daher würde Boccaccio auch nicht ernsthaft auf die Idee kommen,
seinen Lesern die Geschichten nach Maßgabe ihres besseren Verständnisses zur Kor-
rektur oder sogar zur Erweiterung und Kürzung anzubieten: 7RHQFUHVVRUPDNHQG\
P\QXFLRXQ entsprechen den Fachbegriffen DPSOLILFDWLRund DEEUHYLDWLRSie verändern
den Umfang und die Qualität des Materials und folglich auch den Sinn des Ganzen.
568 Vgl. zur Vermischung des religiösen und des paganen Diskurses, Rosemarie P. Mcgerr, Meaning
and Ending in an „Paynted Proces“, S. 182 f.; hier S. 183. Sie weist darauf hin, daß die Phrase „God
of love“ achtmal auftaucht, „love of god“ vierunddreißigmal und die Varinante „Goddes love“ zwölf-
mal.
„More important is the extent to which the poem interweaves pagan characters who use the dis-
course of Christian theology (as in Criseyde’s comment, ‘by that God that bought us bothe two,’ at
3.1165) with a Christian narrator who uses pagan discourse, especially when he invokes pagan dei-
ties as muses and claims he serves the servants of the God of Love (1.15). This last phrase, with its
allusion to the pope as VHUYXVVHUYRUXP'HL, and the reference to ‘charite’ just thirty-four lines later
emphazise the true doubleness of the poem’s use of JRGand ORYH, which become examples of ‘am-
phibologies’ (4.1406) or the ‘ambages’ (5.897) that Diomede defines as ‘double wordes slye,/Swiche
as men clepen a word with two visages’ (5.898-99).“
569 Falls nicht anders vermerkt, alle folgenden Originalzitate Chaucers aus: The Riverside Chaucer, Hg.
von Larry D. Benson, Oxford 1988 3. Hier 'Troilus and Criseyde' 5.1324 ff, d.h. 5. Buch, Vers ... Die
Übersetzungen in eckigen Klammern stammen aus dem Glossar derselben Ausgabe.
Vgl. zu dieser Passage: Murray J. Evans, The Narrator (?), The Ending (?), and Chaucer's 'Troilus',
in: Neuphilologische Mitteilungen 87 (1986), S. 224 ff.
308
Immer wieder stilisiert sich der Erzähler in Sachen Liebe als unerfahren. Den-
noch hat er hier DW/RYHVUHYHUHQFHrhetorischen Schmuck hinzugefügt. Er gibt also
nicht länger vor, so unerfahren wie ein Blinder zu sein, der nicht über Farben urteilen
kann (2.21). Die Leser, verstanden als Experten LQORYHVDUW, hält er deswegen für be-
fähigt, nach Art der Dichter seine sprachlichen Ausdrücke (ODQJDJH) entsprechend dem
zu bearbeitenden Thema der Liebe eigensinnig zu verbessern. Wie aber soll der Leser
beurteilen, welche Teile des Romans von ihm hinzugefügt wurden und welche dem „O-
riginal“ der Stoffvorlage zuzurechnen sind? Eine Frage, die allenfalls Philologen durch
Textvergleiche beantworten können. Technisch gesehen, ist dazu jedenfalls nur der
Autor imstande.
Auch die dem Leser angebotene SHUIHFWLRd.h. die rhetorische Verbesserung
und Vervollkommnung gegebener Stoffe, fällt in den Aufgabenbereich des mittelalterli-
chen Dichters. Dem Leser kann also gar keine größere Rolle bei der Suche nach der
Signifikanz des Quellenmaterials zugedacht werden. Dieses Delegieren der dichteri-
schen Tätigkeit zeigt indes, daß er sich im Vergleich zum Anfang weit von der Vorstel-
lung entfernt hat, seine Deutung des Ganzen in Übereinstimmung mit seinem DXFWRXU
RIKLVH[FHOOHQFHzu bringen. Stattdessen behauptet er jetzt paradoxerweise, den voll-
ständigen Sinn, DOKROO\KLVVHQWHQFH, wiedergeben und doch nicht alles erzählen zu
können: ,NDQQRWWHOOHQDO. Wie kann er auch wissen, ob die antiken Autoren der histo-
rischen Wahrheit gemäß richtig erzählt und was sie sich bei ihren Worten gedacht ha-
ben? Durch den Verzicht auf allwissende Sinnwiedergabe betont er die Subjektivität
des Erzählens, die die Erzählfakten in einem zweifelhaften Licht erscheinen lassen.
Schon im Vorwort zum zweiten Buch macht er auf den Wechsel von Zeiten und
Orten aufmerksam, spricht von unterschiedlichen Sitten fremder Länder zu verschie-
denen Zeiten und vom historischen Wandel des Sprachgebrauchs.
<HNQRZHHNWKDWLQIRUPHRIVSHFKHLVFKDXQJH
:LWKLQQHWKRXVDQG\HHUDQGZRUGHVWKR
7KDWKDGGHQSULV>YDOXHFXUUHQF\@QRZZRQGHUQ\FHDQGVWUDXQJH
8VWKLQNHWKKHP>WKH\VHHPWRXV@DQG\HWWKHLVSDNHKHPVR
$QGVSHGGH>SURVSHU@DVZHOLQORYHDVPHQQRZGR
(NIRUWRZ\QQHQORYHLQVRQGU\>YDULRXV@DJHV
,QVRQGU\ORQGHVVRQGU\EHQXVDJHV 2.22 ff.
Vergleichbar Härtel Saichinkruogs skeptischem Spruch am Anfang der Haus-
haltslehre: $OVPDQLFKKDXEWDOVPDQJHUVLQ(V. 4986) äußert er in der anschließenden
Stanze Zweifel an den Bedingungen der Fiktionalität und der Gültigkeit besonders ge-
schriebener Berichte im Verhältnis zu Erfahrungen und Gedanken:
309
(NVFDUVO\EHQWKHULQWKLVSODFHWKUH
7KDWKDYHLQORYHVHLGOLNDQGGRQLQDO
)RUWRWKLSXUSRVWKLVPD\OLNHQWKH
$QGWKHULJKW>RWKHU@QRXJKW\HWDOLVVHLGRUVFKDO
(NVRPPHQJUDYHLQWUHHVRPHLQVWRQZDO
$VLWELWLW>KDSSHQV@%XWV\Q,KDYHELJRQQH
0\QDXFWRXUVKDO,IROZHQLI,NRQQH 2.43 ff.
Die Bedeutung der „zufällig“ in Stein und Holz eingeritzten Schriftzeichen zum
Thema Liebe sind momentanen Stimmungsschwankungen unterworfen und von den
konkreten Erfahrungen ihrer Interpreten abhängig. Zwischen Konventionalität und Lite-
rarizität der artifiziellen Schriftzeichen und dem beweglichen, den äußeren Zeitumstän-
den angepaßten Denken liegt die Gefahr der Mißdeutungen und Fälschungen. Wenn
schon drei Personen am selben Ort verschiedene Ansichten äußern oder zur selben
Zeit schriftsprachlich verewigen, wie soll er, der christliche Erzähler Englands des 14.
Jahrhunderts, dann erst den Sinn seiner heidnischen und lateinischen Quellentexte
richtig deuten?
Aber nicht nur in Holz und Stein wird geschrieben. Pandarus will seiner Nichte
die Schriftzeichen direkt ins Herz eingravieren. Er überbringt Criseyde einen Brief von
Troilus und überredet sie, auf dieselbe Weise zu antworten. In ihrem Haus hat er einen
Fensterplatz zur Straße eingenommen, von der aus ihn Troilus, hoch zu Roß von einer
Schlacht heimkehrend, grüßen soll. Unauffällig soll die ahnungslose Criseyde vom An-
blick des jungen Heros überwältigt werden und sich in sein Bild verlieben, was schließ-
lich auch gelingt. Als sie dort neben ihrem Onkel Platz nimmt und ihm ihren Brief an
Troilus aushändigt, tadelt er sie halb scherzhaft für ihre bisherige Zurückhaltung: %XW
\HKDQSOD\HGWLUDQWQHLJK>DOPRVW@WRORQJH$QGKDUGZDVLW\RXUHKHUWHIRUWRJUDYH
>HQJUDYHZLWKWKHLPSUHVVLRQRI7URLOXV@(2.1240-41). Das ist ein Beispiel für Pandarus
ironische Verkehrungen und für die Kunst falscher Prägungen. Criseyde bezeichnet er
als unnachgiebigen Tyrannen, wo er doch gerade durch seine rhetorischen Kunstgriffe
zu verstehen gibt, daß er selber der tyrannische Gesetzgeber ihres Herzens ist.
Chaucers Troilus wird als junger, in Liebesdingen gänzlich unerfahrener Spötter
vorgestellt, der sich über die Liebesqualen derer lustig macht, die, wie er meint, ihre
Freiheit gegen die Sklaverei der Liebe austauschen. Prompt verliebt er sich heillos in
die Witwe Criseyde, die er auf einem Feste zu Ehren der Pallas Athene im Tempel des
Palladium erblickt. Zur Frühjahrszeit festlich und bunt geschmückt, hat sich dort das
Volk von Troja versammelt. Unter ihnen befindet sich auch die Witwe Criseyde, die
zum Zeichen ihrer Trauer ein schwarzes Kleid trägt. Die folgende Personenbeschrei-
bung durch den Erzähler gleicht einer schwärmerischen Idealisierung. Er vergleicht sie
mit einem leuchtenden Stern unter schwarzer Wolke und lobt ihre äußere und innere
310
Demut. Das Bild konnotiert marianische Symbolik und ist einer der zahlreichen Ana-
chronismen in Chaucers Roman.
$PRQJWKLVHRWKHUHIRONZDV&ULVH\GD
,QZLGHZHVKDELWEODNEXWQDWKHOHV
,QEHDXWHILUVWVRVWRRGVKHPDNHOHV>PDWFKOHVV@
+LUHJRRGO\ORN\QJJODGHGDOWKHSUHHV>crowd]
1DVQHYHUH\HWVH\QWK\QJWREHQSUH\VHGGHUUH >PRUHKLJKO\@
1RUXQGHUFORXGHEODNVREULJKWDVWHUUH
$VZDV&ULVH\GHDVIRONVH\GHHYHULFKRQH
7KDWKLUEHKHOGHQLQKLUEODNHZHGH>FORWKLQJ@
$QG\HWVKHVWRRGIXOORZH>YHU\KXPEO\@DQGVWLOOHDOORQH
%\K\QGHQRWKHUIRONLQOLWHOEUHGH>LQDOLWWOHVSDFH@
$QGQHLJKWKHGRUHD\XQGUHVKDPHVGUHGH
6LPSOHRIDWLU>FORWKLQJ@DQGGHERQDLU>JUDFLRXV@RIFKHUH
:LWKIXODVVXUHG>FRQILGHQW@ORN\QJDQGPDQHUH (1.169-82)570
Zusammen mit dieser von Chaucers Erzähler suggerierten christlichen De-
mutshaltung wirkt das Sich-Verlieben Troilus und des Erzählers besonders pikant da-
durch, daß es in den Kontext der heidnischen Idolatrie verlegt ist. In seiner Begeiste-
rung für Criseydes Schönheit und inneren Adel deutet der christliche Erzähler das ex-
tensionale Zeichen der Trauer zugleich als intensionales Zeichen der Demut (VKH
VWRRGIXOORZH). Auf der Bildebene gibt es dafür in Boccaccios ‘Filostrato’ bezeichnen-
derweise eine umgekehrte Entsprechung: VWDQGR(...) QHJOLDWWLDOWLHUD, (1.19). Boccac-
cios Criseida ist zwar auch von einer stereotypen EHOH]]DFHOHVWLDOH(1.28), sie hat RF
FKLOXFHQWLHODQJHOLFRYLVR, doch verklärt er die bei ihm braun (EUXQDYHVWD, 1.19) ge-
kleidete Witwe nicht wie Chaucers Erzähler zu einem „leuchtenden Stern unter einer
schwarzen Wolke“ (1.175). Es ist Chaucers ironischer Erzählweise zuzuschreiben, daß
er seinen Erzähler ein Bild zum Vergleich wählen läßt, das unzweifelhaft als Höllen-
sturz Luzifers gelesen werden kann. Hält der Erzähler Criseyde doch für ein himmli-
sches Wesen, das vom Himmel auf die Erde herabgestiegen ist, und deren überragen-
de Schönheit sogar die Natur verspottet.
6RDXQJHOLNZDVKLUQDWLIEHDXWH
7KDWOLNDWKLQJLPPRUWDOVHPHGVKH
$VGRWKDQKHYHQ\VVKSHUILWFUHDWXUH
7KDWGRZQZHUHVHQWLQVFRUQ\QJHRIQDWXUH 1. 102 ff.
570 Falls nicht anders vermerkt, sind sämtliche Hervorhebungen in den zitierten Textpassagen von mir
eingefügt.
311
Bekanntlich karikiert der Teufel die Natur, das Werk Gottes. Die Schönfärberei
des Erzählers kontrastiert auf komische Weise mit der unbeabsichtigten Konnotation
des schwarzen Erzengels. Chaucer ironisiert durch diesen Widersinn, der aus dem
Gegensatz von Absicht und Bedeutung entsteht, die distanzlose Idealisierung des Er-
zählers. Bezeichnenderweise gibt es für die Projektion christlicher Demut auf die heid-
nische Witwe und folglich für diese Kontrafaktur in der entsprechenden Szene des ‘Fi-
lostrato’ keine Parallele.571
Nach Criseydes „Liebesverrat“ an Troilus im letzten Buch beschreibt sie der Er-
zähler so, daß nicht einmal die Merkmale ihrer äußeren Erscheinung objektiv angege-
ben werden oder gar Hinweise auf ihre Charakteristika geben. Im Gegenteil, der Erzäh-
ler akzeptiert die Brüche als das Ergebnis fremder Quellenzeugnisse:
$QGVDYHKLUHEURZHVMR\QHGHQ\IHUH>ZHUHMRLQHGWRJHWKHU@
7KHUQDVQRODN in aught [in all] I kan espien [discover].
%XWIRUWRVSHNHQRIKLUHH\HQFOHHUH
/RWUHZHO\they writen that hire syen [saw],
7KDW3DUDGLVVWRRGIRUPHGLQKLUH\sQ
$QGZLWKKLUHULFKHEHDXWHHYHUHPRUH
6WURI>YLHG@ORYHLQKLUHD\ZKLFKRIKHPZDVPRUH
6KHVREUH>KXPEOH@ZDVHNV\PSOH>XQDIIHFWHG@DQGZ\VZLWKDO
7KHEHVW\QRUULVKHG>EURXJKWXS@HNWKDWP\JKWHEH
$QGJRRGO\RIKLUHVSHFKHLQJHQHUDO
&KDULWDEOHHVWDWOLFK>GLJQLILHG@OXVW\DQGIUH
1HQHYHUHPRQHODNNHGKLUHSLWH
7HQGUHKHUWHGslydynge of corage [changeable/mood];
%XWWUHZHO\I kan nat telle hire age. (5.813-26)
Hervorh. durch den Verfasser
Gleich in der ersten Zeile trübt das Erzähler-Ich die negativ formulierte abstrak-
te Tadellosigkeit der Dame durch den Makel eines konkreten körperlichen Details: ihre
Augenbrauen sind zusammengewachsen. Nur magere zwei Zeilen verwendet er auf
die Beschreibung ihrer äußeren Gestalt. Der Rest der Stanze ist eine Wiedergabe des-
sen, was andere über ihr Aussehen sagen. Abstrakt im Sinne der Allegorie sind diese
nachfolgenden Zuschreibungen, die der Erzähler explizit als schriftlich fixierte Meinun-
gen zeitgenössischer Augenzeugen zitiert. Demnach gleiche den Augen das Paradies,
in dem Liebe und Schönheit im Wettstreit liegen. Die Nennung des heidnischen Para-
dieses evoziert im Kontext der antiken Metaphorik den bezaubernden Liebesgarten der
Venus und entspricht der hymnischen Idealisierung, zu der sich der Erzähler, ähnlich
571 „(...) ed essa sola/piú ch'altra facea lieta la gran festa,/stando del tempio assai presso alla porta,/negli
DWWLDOWLHUD, piacente ed accorta (1. 19)“. Kursivdruck durch den Verf. In Stanze 27 drängt sie sogar
die Menge von sich fort: „(...) e nelli suoi sembianti/quivi mostrava una donnesca altezza;/e col brac-
cio il Mantel tolto davanti/s'avea dal viso, largo a sé faccendo,/ed alquanto la calca [die Menge] rimo-
vendo.“
312
Troilus und Pandarus, noch anläßlich der Liebesvereinigung im dritten Buch hat hinrei-
ßen lassen.572
Bedingt durch die Personenallegorie muß die Beschreibung typisiert ausfallen,
d.h. frei von Merkmalen sein, die das Idealbild stören würden. Die formelhafte Be-
schreibung ist als literarisches Versatzstück von dem wirklichen Bild der historischen
Person so weit entfernt wie der Erzähler aus dem späten Mittelalter von einer persönli-
chen Kenntnis der Romangestalten zu Zeiten Homers. Hat sich der Erzähler sonst im-
mer auf die antike Quelle seines Autors Lollius berufen, zitiert er hier eine anonyme
Personengruppe, die aufgeschrieben habe, was sie mit eigenen Augen gesehen haben
will: WKH\ZULWHQWKDWKLUHV\HQ. Folglich sind die abstrakten Beschreibungselemente der
sog. Augenzeugen ebensowenig objektiv wie die Deutungen des Erzählers aus dem
14. Jahrhundert. Wie sollen sich die Leser ihr eigenes Bild machen, und wie können
sie selbständig das moralische Verhalten Criseydes beurteilen?
Entgegen der traditionellen Konzeption des Mittelalters von der heilsgeschichtli-
chen Relevanz der Geschichte genießt hier das historische gegenüber dem fiktiven
Gesehen-Haben nicht länger das Vorrecht des allein gültigen Beurteilungsmaßstabs
für wahr und falsch.573 In diesem Roman, der sich durch seine „extreme bookishness"
auszeichnet, formen die Personen Dinge und Personen zu Textelementen im Horizont
ihrer rhetorischen Fertigkeiten um und lesen das, was sie in den Blick nehmen, gleich-
sam wie einen vorgeformten Text. Dabei entstehen rhetorische Wirklichkeiten ohne in-
neren Wahrheitsanspruch.574
Dagegen scheint der Erzähler genauestens über die charakterlichen Qualitäten
Criseydes im Bilde zu sein. Er überschüttet sie geradezu mit positiven Eigenschaften,
bescheinigt ihr, wohlerzogen zu sein, lobt ihre anmutige Redeweise im allgemeinen,
sie sei JRRGO\RIKLUHVSHFKHLQJHQHUDO, beteuert ihre Barmherzigkeit, nennt sie aber
auch HWVWDWOLFKOXVW\DQGIUHattestiert ihr zugleich ein unerschütterliches Mitgefühl und
ein weiches Herz. Wäre da nicht das Merkmal des Wankelmuts, - er bezeichnet sie als
VO\G\QJHRIFRUDJH- könnte man in ihr immer noch das von jedem Makel ungetrübte
Idealbild einer höfischen Dame erblicken.
572 „Criseyde, which that felte hire thus itake,/As writen clerkes in hire bokes olde,/Right as an aspes leef
she gan to quake,/Whan she hym felte hire in his armes folde./But Troilus, al hool of [all recovered
from] cares colde,/Gan thanken tho the bryghte goddes sevene; [the seven planets]/Thus sondry
peynes bryngen folk in hevene (3. 1197 ff.)“.
„Awey, thow foule danger and thow feere,/And lat hem in this hevene bliss dwell,/that is so heigh that
al ne kan I telle! (3.1321 ff.)“.
573 Zur Subjektivität des Beurteilungsmaßstabs vgl. Shoaf, Dante, Chaucer and the Currency of the
World, S. 140.
574 Zu der Einschätzung des Romans als „extreme bookish“ vgl. Rosmarie P. McGerr: Meaning and End-
ing in a „Paynted Proces“, S. 186 f.
313
Vordergründig bezieht sich diese Angabe auf den Bruch des Treueverspre-
chens. Strukturell aber ist der „Verrat“ ein Symptom für ihr rhetorisches Anpassungs-
geschick an ein latent und offen gewalttätiges Umfeld, das ihren guten Ruf zu zerstö-
ren droht und sie schließlich dazu zwingt, Troja für immer zu verlassen. Deshalb zu
behaupten, sie unterwerfe sich passiv den Anmaßungen ihres Vaters Calkas, ihres
Onkels Pandarus, den schwärmerischen Idealisierungen ihres späteren Liebhabers
Troilus und selbst den skrupellosen Avancen des Griechen Diomedes, wäre falsch. Ei-
ne Gleichsetzung Criseydes mit Fortuna würde sich der verfälschenden Rhetorik eines
Troilus anschließen und die Person auf eine zu beherrschende Sache reduzieren.575
Ist doch am Ende der Zeugniswert ihrer Selbstaussagen und dessen, was andere über
sie sagen, gleichermaßen dem Verdacht der Unwahrheit ausgesetzt. Wie die Erzähler-
gemeinschaft des ‘Decameron’ behauptet sie ihr Recht auf Lebenserhaltung und Le-
bensgenuß. Ihre Sprachspiele sind OXVW\DQGIUHund entsprechen in einem einge-
schränkten Sinn Boccaccios stoischer Naturrechtsphilosophie. Und dennoch bricht sie
ihr Wort und entscheidet sich für Diomedes gegen Troilus. Ob dieses „Erzählfaktum“
aber als Verrat oder als notwendige Anpassung an veränderte Umstände gewertet
wird, ist eine Frage der moralischen Bewertung und verlegt das Erzählen der Ge-
schichte von den UHVauf die Ebene von Deutungsperspektiven.
Zudem ist Criseyde, die „Tochter des Goldes“, der narzißtischen Prägekunst ih-
rer männlichen Interpreten ausgesetzt.576 Will sie überleben, muß sie ihre Schönheit,
List und Redekunst einsetzen. Ist aber ihre Anpassung an gewalttätige Wechselum-
stände zum Schutz ihres Lebens gleichbedeutend mit sündhaftem Liebesverrat, oder
trifft den verzweifelten Melancholiker Troilus (5.1215) selber die Schuld an seinem
Tod? Bezeichnenderweise reimt Chaucer zur Beschreibung Troilus PDOHQFROLHauf IDQ
WDVLH (5.622-21) Offenbar fehlt ihm der Realitätsbezug. In militärischen Besitzme
575 Larry Scanlon, Sweet Persusion: The Subject of Fortune in Troilus and Criseyde, in: Chaucer’s Troi-
lus and Criseyde „Subgit to all Poesye“, Essays in Criticism, Hg. von Richard Allen Shoaf, S. 211-
223; hier besonders S. 220-223.
Scanlon bezeichnet die Janusköpfigkeit der Fortuna-Figur in ‘Troilus and Criseyde’ als pagane Gott-
heit und als rhetorische Personifikation. Während die erste Eigenschaft die quasi göttliche Macht der
herrschenden Klasse zementiert, bietet die zweite die Möglichkeit der Verkehrung und der Neube-
wertung der Herrschaftsverhältnisse. Scanlon zeigt, daß die ideologische Figur der Fortuna dazu
dient, Gewalt und Verrat unter den Angehörigen des Patriarchensystems am Ende immer wieder auf
das göttliche und ideologische Prinzip des Herrschaftssystems zurückzuführen. Die Grenzüberschrei-
tung ist so die kalkulierte Ausnahme von der Regel, die die Systemstabilität perpetuiert. Troilus ver-
suchte Rebellion gegen das Gesetz der Väter scheitert daran, daß seine Klage gegen die politische
Gewalt damit endet, daß er mit Calkas um die Herrschaft über Criseyde kämpfen will.
576 Vgl. Richard Allen Shoaf, Dante’s Commedia and Chaucer’s Theory of Mediation, A Preliminary
Scetch, in: New Perspectives in Chaucer Criticism, Hg. von Donald Rose, Norman 1981, S. 83-103.
314
taphern von Eroberung, Sieg und Niederlage läßt er sich über die Liebe aus (5.617-
19), glaubt an Criseydes Worte wie an die absolute Wahrheit der Heiligen Schrift
(5.1264) und hält gegen alle Vernunft seine Imagination für die einzig maßgebliche
(5.1696 f.).
Bezeichnenderweise wird der Bruch der Liebesbeziehung durch ein Tauschge-
schäft ausgelöst. Aus machtpolitischem Kalkül wird Criseyde zur politischen Ware. Da
Troilus ausdrücklich eine Flucht ablehnt, hat Criseyde keine andere Wahl. Sie muß ihre
Vaterstadt und ihren Geliebten, den Königssohn, verlassen. Unter vielen Liebesschwü-
ren verspricht sie ihm, treu zu bleiben. Sie vereinbaren eine bestimmte Nacht, in der
sie heimlich nach Troja zurückkehren will. Zum verabredeten Termin warten Troilus
und der immer hilfloser werdende Intrigant Pandarus vergeblich auf ihr Erscheinen.
Nacht für Nacht erscheint Troilus auf den Mauern Trojas und hält Ausschau nach sei-
ner Geliebten. Zu seiner eigenen Beruhigung erfindet er immer neue Ausflüchte, die ihr
Ausbleiben entschuldigen sollen. Als Troilus schließlich einsehen muß, daß alles War-
ten vergeblich ist, Criseyde ihr Versprechen gebrochen hat und nicht mehr aus dem
Lager der Griechen nach Troja zurückkehrt, schlägt ihm der Zeichenfälscher vor, Cri-
seyde gegen eine andere Frau auszutauschen (4.400-406). Für ihn ist die Natur der
Liebe FDVXHOSOHVDXQFH(4.419), ein transitorisches Ereignis eines natürlichen Prozes-
ses. Ganz im Sinne von Ovids ‘Remedia amoris’ empfiehlt er dem verzweifelten Troilus
die Suche nach einem neuen Objekt seiner Begierde:
7KHQHZHORYHRXWFKDFHWKRIWHWKHROGH
$QGXSRQQHZHFDVOLWKQHZHDY\V>WKLQNLQJ@
7KHQNHNWKLOLIWRVDYHQDUWRZKROGH
6ZLFKILUE\SURFHVVKDORIN\QGH>QDWXUDOIRUP@FROGH
)RUV\QLWLVEXWFDVXHOSOHVDXQFH
6RPFDV>FKDQFHHYHQW@VKDOSXWWHLWRXWRIUHPHPEUDXQFH 4.415-20.
Sein Schützling hält aber hartnäckig an der einmal erfahrenen QHZH TXDOLWH
(3.1654), der Erinnerung an die eingebildete oder für wirklich gehaltene Idealität einer
vergangenen Liebe, fest und stirbt aus Verzweiflung an dem Bruch ihres Treuever-
sprechens. Referentialität oder Irreferentialität von Zeichen in einem zweckdienlichen
Prozeß des Lesens und Schreibens, in dem Texte erfunden, verfälscht, ausradiert und
neu entworfen werden, sind an die zeitliche Kontingenz der Dinge geknüpft. Somit wi-
derspricht der Wandel der Dinge der ideellen Kategorie der Qualität, die eine singuläre
Erfahrung repräsentieren soll. Im gegenläufigen Prozeß des ZHOWHODXII versagt die rhe-
torische Verwandlungskunst ihre Wirkung auf den desillusionierten Königssohn. Wie
erwähnt, endet Pandarus SURFHV mit der Liebesvereinigung im dritten Buch. Seine letz-
ten Worte lauten: ,NDQQDPRUHVH\H(5.1743). Das Ende von Troilus und des Gedich-
tes insgesamt muß der Erzähler für ihn abschließen.
315
8.4.4 Die vergebliche Suche nach der wahren Bedeutung und die Unabschließ-
barkeit der Geschichte
Die Problematisierung des Wahrheitsbegriffs ist das zentrale Thema am Ende
von ‘Troilus and Criseyde’. Der Leser wird dazu aufgefordert, den Wahrheitsgehalt der
poetischen Sprache selber zu beurteilen. Als Troilus von Achilles erschlagen wird,
bricht Chaucer die Geschichte von Troja radikal ab und versetzt Troilus in die KRORXJK
QHVVH RI WKH HLJKWKH VSKHUH (5.1809). Jenseits der Rätselhaftigkeit des sterblichen
Wissens betrachtet er dort von Angesicht zu Angesicht mit IXODY\VHPHQW(1811) das
SULPXPPRELOH.
$QGGRZQIURPWKHQQHVIDVWHKHJDQDY\VH
7KLVOLWHOVSRWRIHUWKHWKDWZLWKWKHVH
(PEUDFHGLVDQGIXOO\JDQGHVSLVH
7KLVZUHFFKHGZRUOGDQGKHOGDOYDQLWH
7RUHVSHFWRIWKHSOH\QIHOLFLWH
7KDWLVLQKHYHQHDERYHDQGDWWKHODVWH
7KHUKHZDVVOD\QKLVORN\QJGRZQKHFDVWH
$QGLQK\PVHOIKHORXJKULJKWDWWKHZR
2IKHPWKDWZHSWHQIRUKLVGHWKVRIDVWH
$QGGDPSQHGDORXUHZHUNWKDWIRORZHWKVR
7KHEO\QGHOXVWWKHZKLFKWKDWPD\QDWODVWH
$QGVKROGHQDORXUHKHUWHRQKHYHQHFDVWH 5.1814-27
Von seinem Körper getrennt, klingt es geradezu zynisch, wenn er aus der ent-
rückten Hohlheit des Sternenhimmels über die um seinen Tod Trauernden lacht. Seine
Reaktion erklärt sich aus dem Glauben an ILQ¶DPRUVund antike Philosophie. Die eine
idealisiert, die andere verachtet den Körper. Beide Sinnsysteme beschreiben zwei
Kehrseiten derselben Medaille. Bis zuletzt hat er an der Kongruenz von verborgener
Idealität und äußerer Erscheinung festgehalten. Im körperlosen Jenseits wechselt er
zur körperfeindlichen Ansicht des Ideenrealismus. Aus der Erhabenheit des platoni-
schen Ideenhimmels verachtet er die Vermittlungproblematik von prozeßhafter Rheto-
rik und substantieller Bedeutung in einer ZUHFFKHGZRUOG. Es darf nicht vergessen wer-
den, daß damit auch der christliche Blickwinkel des FRQWHPSWXV PXQGL anklingt.577
Jetzt hat er für die Suche nach der ontologischen Verwurzelung ethisch absoluter Beg-
riffe nur noch Spott und Hohn übrig. +RQRXUZRUWKLQHVVPDQKRGJHQWLOOHVVHkönnen
aber weder von der Idealität der ILQ¶DPRUVnoch der platonischen Ideenlehre letztgültig
beantwortet werden. Sind doch diese statischen Idealbegriffe QRPLQDdie nur in den
577 Vgl. Rosemarie P. McGerr, Meaning and Ending in an „Paynted Proces“, S. 198.
316
Verben existieren. Diese werden zum Gegenstand eines „pattern of semantic
deterioration“ und eines „debasement of meaning“578.
Mit der fünffach wiederholten Anapher von 6ZLFKI\Qder folgenden Stanze ver-
sucht der Erzähler das Lesen des Gedichts für uns abzuschließen:
6ZLFKI\QKDWKORWKLV7URLOXVIRUORYH
6ZLFKI\QKDWKDOKLVJUHWHZRUWK\QHVVH
6ZLFKI\QKDWKKLVHVWDWUHDODERYH
6ZLFKI\QKLVOXVWVZLFKI\QKDWKKLVQREOHQHVV
6ZLFKI\QKDWKIDOVHZRUOGHVEURWHOQHVVH
$QGWKXVELJDQKLVORY\QJRI&ULVH\GH
$V,KDYHWROGDQGLQWKLVZLVHKHGH\GH 5.1828-1834
Alle höfischen Werte, so scheint es, enden in der Desillusionierung. Die Ge-
schichte hat ihren Anfang vom „falschen Wankelmut der Welt“ genommen und endet
ebendamit. Kreisförmig bestätigt sich die Bedeutungslosigkeit des Ganzen an sich
selbst. Deckt sich dieser Schluß mit den Absichten des Erzählers zu Beginn des Ge-
dichts? Man könnte fast mit Criseyde fragen: ,V DOO WKLV SD\QWHG SURFHV VH\G DO
ODV5LJKWIRUWKLVI\Q"
Dann ermahnt der Erzähler junge Männer und Frauen, ihre Blicke dem Himmel
statt der zerbrechlichen Welt zuzuwenden, von der ZRUOGO\YDQLW\(5.1337) abzulassen,
ihr Herz Gott zu öffnen, dem einzigen Geliebten, der niemals betrüge. Er suggeriert, als
habe seine Absicht von vornherein im Dienst des christlichen Gottes gestanden, und
als wolle er Liebende mit dem christlichen Himmel trösten. Karitas soll nun die einzige
Art der wahren Liebe sein, d.h. der einzige Deutungsschluß des Ganzen. Somit ver-
engt er die Spannung zwischen DPRUund FDULWDV, die sich durch das gesamte Gedicht
zieht, auf die eine der beiden Lesarten. Vorher hat er uns ermahnt: ,\RZUHGH7RIROR
ZHQK\P[dem paganen Eros] WKDWVRZHONDQ\RZOHGH(1.254). Mit Bezug auf die EO\V
IXOQ\JKW(3.1317),fragt er: :K\QDG,VZLFKRRQ ZLWKP\ VRXOH\ERXJKW<HRUWKH
OHHVWHMRLHWKDWZDVWKHHUH"(3.1319-20). Sind diese Äußerungen ambivalent, so sind
sie aus der Retrospektive einer einseitigen Bedeutungsfestlegung auf die FDULWDVvöllig
entwertet.579
578 Vgl. Adrienne R. Lockhart, Semantic, Moral, and Aesthetic Degeneration in 7URLOXVDQG&ULVH\GH, in:
ChR 8 (1973), S. 100-118.
579 Vgl. dazu Rosemarie P. McGerr, Meaning and Ending in a „Paynted Proces“, S. 197: „We now un-
derstand, even more than we did with our double view of the plot, how ambiguous the narrator’s lan-
guage was when he described the heaven, the bliss, and the love that Troilus and Criseyde shared.
We have a right, therefore, to feel betrayed or at least manipulated by this narrator, for he now ap-
pears even more like Pandarus than we suspected.“
317
/RKHUHRISD\HQVFRUVHGROGHULWHV
/RKHUHWKLVHZUHFFKHGZRUOGHVDSSHWLWHV
/RKHUHWKHI\QDQGJXHUGRQ>UHZDUG@IRUWUDYDLOOH
2I-RYH$SROORRI0DUVRIVZLFKUDVFDLOOH
/RKHUHWKHIRUPHRIROGHFOHUNLVVSHFKH
,QSRHWULHLI\HKLUHERNHVVHFKH 5.1849-55
Hier verdammt er nun nicht nur die heidnische Liebe und die „schurkischen Göt-
ter“ (UDVFDOJRGV), die von den Dichtern der Antike verehrt wurden, sondern auch die
„Form der Rede antiker Gelehrter in der Dichtkunst“. Shoaf deutet die Verse so, daß
hiermit die Gelehrten Seneca, Macrobius und Cicero gemeint seien, die über den Lohn
frommer Heiden im Himmel sprechen. Es sei das heidnische philosophische Verständ-
nis des Erhabenen, das Troilus in den Himmel entrücke.580 So plausibel diese Erklä-
rung auch ist, steht doch auch die Vermittlerfunktion des Erzählers, das Erzählen der
Geschichte selbst, zur Disposition. Sowohl die Gedanken zur heidnischen Liebe als
auch die rhetorischen Konventionen der Poesie, die dem Erzähler von den Autoren der
Vergangenheit übermittelt wurden, erscheinen hier insgesamt als lügenhaft und falsch.
Hat der englische Erzähler des 14. Jahrhunderts vorher behauptet, die Form, d.h. den
Sinn aus der antiken Quelle zu finden, lehnt er hier eine solche Übertragung als tech-
nisch unmögliches, weil ethisch unerwünschtes Unternehmen ab. Zu weit ist seine Be-
deutungsabsicht von der Leistungsfähigkeit der klassischen Rhetorik entfernt, um in
diesem Medium die Wahrheit des Seienden glaubwürdig zu vermitteln.
Gedicht, Erzähler und Leserschaft werden schließlich von der Fiktion verab-
schiedet, und der Autor Geoffrey Chaucer wendet sich hilfesuchend an PRUDO*RZHU
(5.1856) und SKLORVRSKLFDO6WURGH(1857): 7RYRXFKHQVDXI>DJUHH@, WKHUQHGHLVWRFRU
UHFWH2I\RXUHEHQLJQLWLHV>JRRGZLOO@DQG]HOHVJRRGH(1858 f.). Chaucers moralischer
Dichterkollege John Gower suchte nach: 7KHFRPPRQYRLVZKLFKPDLQRXJKWOLH581Er
scheint eine unrhetorische Welt eigentlicher Bedeutungen herbeizusehnen, wenn er
sagt:
7KHFLWHHVNQHZHQQRGHEDW
7KHSHRSOHVWRGLQREHLVVDQFH
8QGHUWKHUXOHRIJRYHUQDQFH
$QGSHVZKLFKU\KWZLVQHVVNHVWH
:LWKFKDULWHWKRVWRGLQUHVWH
2IPDQQHVKHUWHWKHFRUDJH
580 Vgl. Shoaf, Dante, Chaucer and the Currency of the World, S. 155.
581 John Gower, Confessio amantis, Hg. von Russel A. Peck, Toronto 1994, (= Medieval Academy Re-
prints for Teaching); Prologue, V. 124.
318
:DVVFKHZHGWKDQQHLQWKHYLVDJH
The word was lich to the conceite
:LWKRXWHVHPEODQWRIGHFHLWH (V. 106-14)582
[Kursiv durch den Verf]
Ungeklärt ist dagegen die Frage, ob der mit Chaucer befreundete Philosoph
Ralph Strode dem ockhamistischen oder dem thomistischen Lager zugehört.583 Jeden-
falls endet der Autor entsprechend der Widmung von Wittenwilers Eingangsversen mit
der Apostrophierung an das oberste christliche Paradox der Trinität, der Jungfrau und
Mutter Gottes und ihrem Sohn, dem Menschen Jesus. Chaucer wendet sich an die per-
fekte, weil theologische und nicht poetische Vermittlung des göttlichen Logos durch die
„Menschen“ Jesus und Maria. Zu diesem Zweck zitiert er Dante (Par. 14.28-30) und
flüchtet aus den unlösbaren Deutungs- und Erkenntnisproblemen seiner nominalisti-
schen Literatur ins theologische Dogma der Gnade.
7KRZRRQDQGWZRDQGWKUHHWHUQHRQO\YH
7KDWUHJQHVWD\LQWKUHDQGWZRDQGRRQ
8QFLUFXPVFULSWDQGDOPDLVWFLUFXPVFULYH
8VIURPYLVLEOHDQLQYLVLEOHIRRQ
'HIHQGHDQGWRWK\PHUF\HYHULFKRQ
6RPDNHXV-HVXVIRUWKLPHUF\GLJQH
)RUORYHRIPD\GHDQGPRGHUWK\QEHQLJQH 5.1863-69
$PHQ
Folglich konnotiert diese Schlußstanze Augustins Hermeneutik einer perfekten
Sinnvermittlung nur noch in Form eines rhetorischen Sprechaktes. Theologische Kon-
zepte sind aus linguistischer Sicht deswegen absolut wahr, weil sie tautologisch in sich
selbst rotieren. Nominell begründen sie sich mit sich selbst und können so ohne Be-
deutungsverlust rückwärts gelesen werden: 7KRZRRQHDQGWZRDQGWKUHLQWKUH
DQGWZRDQGRRQDurch die feste Begrenzung der Schriftzeichen wird der unsichtbare
und unbegrenzte Sinn absolut ausgedrückt. Gerade deswegen sind sie unbegrenzt,
„bedeuten“ nichts, sind ohne Referenz, begreifen und umgreifen aber für den Gläubi-
gen alles. Die Wahrheit des Seienden, die Existenz unsichtbarer Glaubensinhalte wie
der Liebe sind Sache einer theologischen Hermeneutik, die alle semiotischen Ambiva-
lenzen metaphysisch überhöht. Wir, die Leser, der Erzähler und Übersetzer und die
Personen des antiken und mittelalterlichen Erzählstoffs sind aber immer schon FLU
FXPVFULSWSinn und „Form“ sind unauffindbar, die Geschichte deswegen unabschließ-
582 Ebd.
583 Vgl. zu den Kenntnissen zur Person, Richard J. Utz, Literarischer Nominalismus, Eine Untersuchung
zu Sprache, Charakterzeichnung und Struktur in Geoffrey Chaucers Troilus and Criseyde, Frankfurt
am Main 1990 (= Sprache und Literatur, 31), S. 51-58.
319
bar. Sie verschwinden im Prozeß einer finalistischen Rhetorik, die im Dienst von Ein-
zelinteressen steht. Folglich setzt sich die „Geschichte“ aus fragmentarischen Ge-
schichten als den Produkten dieses Prozesses zusammen. Bedeutung ist nicht - wie
bei Dante - abschließbar. Von unendlicher Annäherung an eine vollkommene Bedeu-
tung kann in ‘Troilus and Criseyde’ keine Rede sein. So schließe ich mich denn dem i-
ronischen Segenswunsch des Erzählers an, daß Chaucers „Büchlein“ noch ehe es in
die Welt der Leser entlassen ist, in seine rhetorische Schmiede zurückfinde, wo Tragö-
dien und Komödien Gegenstände der Poesie sind und nicht von theologischen oder
philosophischen Sinnsystemen überstrapaziert werden:
*ROLWHOERNJROLWHOP\QWUDJHG\H
7KHU>ZKHUH@*RGWKLPDNHUH>&KDXFHU@\HWHUWKDWKHG\H
6RVHQGHP\JKW>SRZHU@WRPDNHLQ>FRPSRVH@VRPFRPHG\H
%XWOLWHOERRNQRPDN\QJWKRZQ¶HQYLH>GRQRWYLHZLWK@
%XWVXEJLW>VXEMHFW@EHWRDOOHSRHV\H
$QGNLVVWKHVWHSSHVZKHUHDVWKRZVHHVWSDFH
9LUJLO2YLGH2PHU/XFDQDQG6WDFH 5.1793-1799
Die Frage nach der Moral ist alles andere als eindeutig, denn die Rhetorik der
moralischen, theologischen und philosophischen Systeme ist selbst Gegenstand einer
Rhetorik der Kritik. Chaucers Liebesroman offenbart einen tiefen Zweifel an der Ver-
mittlungsfähigkeit von Gedanken und Absichten, mitunter ein Bewußtsein von der „Ver-
letzbarkeit des Textes“, das schon für das dichterische Schaffen Petrarcas konstitutiv
war.584
8.5 Die Kreisstruktur bei Chaucer, Boccaccio und Wittenwiler
An der Stelle, wo Troilus und Criseyde in Pandarus Palast nebeneinander im
Bett liegen und nach einem versöhnenden Gespräch die Liebesvereinigung vollziehen,
liegt das exakt numerische Zentrum des Romans.585 Criseyde sagt: :HOFRPH P\
584 Vgl. Thomas M. Green, The Vulnerable Text, Essays on Renaissance Literature, New York 1986.
Vgl. zu Petrarca S. 18-46; hier S. 45. Der Zweifel an den Erzählschlüssen von Petrarcas $IULFDbietet
eine verblüffende Parallele zu Chaucers 'Troilus'. Green zitiert ähnliche Äußerungen aus dem &DQ
]RQLHUH. Er kommt zu dem Schluß, daß Petrarca erhebliche Bedenken gegen die Möglichkeit einer
„richtigen Deutung“ von Rede überhaupt habe: „The doubts surrounding the $IULFD, the doubts en-
closing it, refusing the release it pleads for, should perhaps be read as representative of the funda-
mental doubt concerning all emission of speech released from the self into the homelessness: vul-
nerable, suspect, intrusive, vagrant, fallen.“
585 Dies trifft dann zu, wenn man die Prologe der Bücher zwei bis vier wegläßt, die vielleicht erst später
hinzugefügt wurden. Vgl. dazu Thomas B. Hanson, The center of 7URLOXVDQG &ULVH\GHin: ChR 9
(1975), S. 297-302, S. 299.
320
NQ\JKWP\SHHVP\VXIILVDXQFH(3.1309), worauf der Erzähler seine Unfähigkeit be-
teuert, WKLVKHYHQHEO\VVbeschreiben zu können (3.1310-23). Statt mit der dort vom
Erzähler euphorisch geschilderten Liebesvereinigung zur Vollendung des höchsten
Glücks aufgestiegen zu sein, suggeriert Chaucer durch die topographische Position
von Criseydes Bett neben gewissen narrativen Äußerungen, die den sexuellen Akt
umgeben, daß sich die Protagonisten im Zentrum der Danteschen Hölle befinden.586
Das von Chaucer peinlich genau berechnete System einer konzentrischen Struktur äh-
nelt dem Modell einer russischen Puppe. Kleinere Kreise umringen größere. Da sie
aber nicht wie in Dantes Hölle in die Tiefe gestaffelt sind, haben sie keine eindeutig zu
dekodierende allegorische Bedeutung. Zwar tragen das labyrinthische Raumsystem
von Pandarus Palast, Regen, Rauch und Finsternis zur Schilderung der höllischen At-
mosphäre bei, die bei Dante figuriert, doch gibt es schlicht keine eins zu eins Entspre-
chungen.587 Schon die dramatische Bildlichkeit des strömenden Gewitterregens und
krachenden Donners in finsterer Nacht ist für eine allegorische Konstruktion zu vage
atmosphärisch und suggestiv.588
Sogar ein heftiger Wind erhebt sich genau in dem Moment, als Pandarus die
geheime Falltüre zu Troilus Versteck öffnet (3.743-44) und ihn, eine Lampe vorantra-
gend, durch den zentralen Raum der schlafenden Diener in das kleine Kabinett führt, in
dem die nichts ahnende Criseyde schläft: 7KHVWHUQHZ\QGVRORXGHJDQWRURXWH7KDW
QR ZLJKW RWKHU QRLVH P\JKWH KHHUH (3.743-44). In der untersten Region von Dantes
Hölle, dem unbeweglichen Sitz Satans und dem Zentrum des Universums, fächeln die
Flügel Satans dem Jenseitswanderer und seinem Begleiter einen eiskalten Wind zu
(Inf., 33 und 34). Darauf weckt Pandarus Criseyde auf und belügt sie unter anderem
damit, daß Troilus ohne sein Wissen durch „einen geheimen Gang in sein [Pandarus]
Zimmer“ gelangt sei (3.787-88). In Wahrheit hat er durch „ein kleines Fenster in einem
schmalen Raum“ alles gesehen und belauscht (3.601), was sich während Criseydes
Besuch zugetragen hat.
Chaucers vom Kuppler und Rhetoriker Pandarus inszeniertes Stelldichein un-
terscheidet sich wesentlich von Boccaccios Bericht im dritten Gesang im ‘Filostrato’.
586 Zum folgenden vgl. Melvin Storm, Troilus and Dante: The Infernal Centre, in: The Yearbook of Eng-
lish Studies 22 (1992), S. 154-161.
Wenn man in der revidierten Fassung die Prologe zu Buch zwei, drei, und vier ausläßt, die mögli-
cherweise später hinzugefügt wurden, befindet sich die Liebesvereinigung genau im numerischen
Zentrum, mit je 579 Stanzen auf beiden Seiten.
Vgl. dazu Thomas B. Hanson, The center of 7URLOXVDQG&ULVH\GHin: ChR 9 (1975), S. 297-302, S.
299.
587 Wie bei Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux sind diese infernalischen Bilder Elemente einer al-
legorischen Isotopie, die eine andere unterläuft.
588 Vgl. die entsprechenden Stellen: 3.551, 562, 626, 640, 656, 662, 677-79, 743-44, 788.
321
Criseida äußert gegenüber Pandaro den Wunsch, ein Treffen mit Troilo zu arrangieren.
Pandaro überbringt Troilo ihre Botschaft, und sie betreten auf geheimem Weg Crisei-
das Haus. Dort wartet Troilo an einem verabredeten Ort, und sie kommt zu ihm hinun-
ter. Bei Chaucer ist das Liebestreffen ungleich theatralischer und dramatischer gestal-
tet. Pandarus lädt Criseyde zum Abendessen in sein Haus ein. Zur Bewahrung ihrer
Ehre sichert er ihr zu, daß Troilus nicht da sein werde und schwört andernfalls ZHUH
K\POHYHUHVRXOHDQGERQHV:LWK3OXWRN\QJDVGHSHEHQLQKHOOH$V7DQWDOXV(3.591-
593).
Als der hochbeglückte Troilus zum erstenmal nach seiner Liebesvereinigung mit
Pandarus spricht, wiederholt er das Höllenbild: 7KRZKDVWKHYHQH\EURXJKWP\VRXOHDW
UHVWH)UR)OHJLWRXQWKHIHU\IORRGRIKHOOH(3.1599-1600). Schon bei seiner ersten Be-
gegnung mit Pandarus hatte Troilus ihn gefragt: +RZ GHYHO PDLVWRZ EU\QJH PH WR
EOLVV"(1.623). Wenn auch Pandarus rhetorische Inszenierungen weit über das Maß ei-
nes gewöhnlichen Zwischenträgers hinausgehen, und er durch seine zielgerichtete
Überredungskunst Züge des Dämonischen trägt, so ist er doch kein Wesen mit überna-
türlichen Kräften. Schließlich verrät Troilus ihm doch noch den Namen seiner Geliebten
und beginnt WRTXDNH$VWKRXJKPHQVKROGHKDQOHGK\PLQWRKHOOH(1.871-72). Vor der
Liebesvereinigung an Criseydes Bett fällt Troilus überraschenderweise in Ohnmacht.
Pandarus entkleidet den ohnmächtigen Liebhaber und legt ihn buchstäblich seiner
Nichte ins Bett. Mehr als einmal fällt Dante in Ohnmacht, als er nach dem Gespräch
mit Francesca den Kreis der Wollüstigen verläßt. Als Dante mit seinem Begleiter Vergil
den tiefsten Sitz der Hölle erreicht, sagt er zu seinem Schützling: (FFR'LWHHGHFFRLO
ORFRRYHFRQYLHQ FKH GLIRUWH]]D W¶DUPL (Inf., 34.20-21). Dante wird ohnmächtig oder
verliert zumindest das Bewußtsein: ,RQRQPRUL¶HQRQULPDVLYLYR¶(Inf., 34.25). Ähnlich
beschreibt der Erzähler Troilus Reaktion, als ihn Criseyde zum erstenmal anspricht:
7KLV7URLOXVZD[QHLWKHUTX\NQHGHG(3.78 -79). Dante sieht den Teufel und fällt in
Ohnmacht, so daß ihn Vergil an seiner Flanke und am Mittelpunkt der Erde vorbeitra-
gen muß (Inf., 34.70). In Criseydes Bett wacht Troilus aus seiner Ohnmacht auf. Mit i-
ronischen Worten mahnt Pandarus zur Stärke: ,I\HEHZLVH6ZRXQHWKQRXJKWQRZ
(3.1189-90).
Der Regen, der die Straßen in reißende Sturzbäche verwandelt hat, bietet ih-
rem Onkel den idealen Vorwand, Criseyde darum zu bitten, die Nacht bei ihm zu
verbringen. Um Criseydes Sicherheitsbedürfnis zufriedenzustellen, weist er ihr den in-
nersten Raum seines Hauses an. Von Pandarus selbst wird das Arrangement der
Raumserie wie folgt beschrieben:
322
$QGQHFHZRRW\HZKHU,ZRO\RZOH\H
)RUWKDWZHVKXOQDWOLJJHQIDUDVRQGHU
$QGIRU\HQHLWKHUVKXOOHQGDU,VH\H
+HUHQQR\VHRIUH\QHVQRURIWKRQGHU"
$QG,ZROLQWKDWRXWHUKRXVDOORQH
%HZDUGHLQRI\RXUHZRPPHQHYHULFKRQH
$QGLQWKLVP\GGHOFKDXPEUHWKDW\HVH
6KDO\RXUHZRPPHQVOHSHQZHODQGVRIWH
$QGWKHUH,VH\GHVKDO\RXUVHOYHQEH 3.659-68
Criseyde schläft in einem von einem Vorhang umschlossenen Bett in einem
Kabinett, das im zentralen Raum, dem P\GGOHURRP(3.666) positioniert ist. In letzte-
rem schläft Criseydes Begleitpersonal. Dieser Raum ist wieder durch einen Vorhang
oder ein Gitter von einer äußeren Kammer getrennt, dem RXWHUURRP(3.664), der sich
in der Nähe des Eingangs befindet. Von hier aus will Pandarus alleine die weiblichen
Begleiterinnen und Criseyde im Inneren der Halle bewachen.589 Man kann nun diese
Reihe von ineinanderliegenden Kreisen nach außen fortsetzen. Pandarus Palast liegt
im ummauerten Troja. Die Stadt wird ringsum von den Griechen umlagert. Jenseits des
Krieges von weltgeschichtlicher Bedeutung könnte man noch die Natur des Seienden
und jenseits davon den Zufall als alles andere umgreifenden „Ring“ annehmen.
Dieses Zentrum ist deswegen sinnentleert, weil es von einem rhetorischen Spiel
der Betrügereien und Selbsttäuschungen inszeniert ist. So scheint den Akteuren das
Bedeutung abschließende Ziel ihrer selbstinszenierten Liebesgeschichte im Innersten
von Pandarus Haus der „Nabel der Welt“ zu sein. Durch diese maßlose Überschätzung
ihrer rhetorischen Einflußmöglichkeiten auf den ZHOWHODXIIschlägt in den letzten beiden
Büchern die spielerische in eine gewalttätige Rhetorik um, bei der die Personen zu un-
beweglichen, von einer unkontrollierbaren Außenwelt bewegten Subjekten werden:
Criseyde vermag nicht mehr aus dem Lager der Griechen nach Troja zurückzukehren,
Troilus sucht aus Verzweiflung den Freitod in der Schlacht, Pandarus verstummt, der
Erzähler verflucht die heidnische Liebe und flüchtet in die Transzendenz des christli-
chen Himmels. Wie Bertschi hilflos in der Mitte des infernalischen Hochzeitsreigens
festsitzt: (UZDVJHVWHNHWLQGHUPLWW6DPLQGHPVQHHHLQDQGUHUVFKOLWW(V. 6420 f.), so
stecken sie allesamt auf je andere Weise fest.
Nach dem Essen wird Criseyde durch den starken Regen am Gehen gehindert,
woraufhin der Erzähler in die Klage ausbricht: %XW2)RUWXQHH[HFXWULFHRIZLHUGHV2
LQIOXHQFHVRIWKLVHKHYHQHVK\H>KDVWHQ@(3.617)Er nennt dann die unheilverkündende
Planetenkonstellation Saturn und Jupiter im Krebs, die den Regen verursacht.590 Mö-
589 Zur Topographie vgl. Anm. zu 3.659-67, in: Riverside Chaucer, S. 1040.
590 Vgl. zu den Planeten die Anm. zu den Versen 3.624-26, in: The Riverside Chaucer, S. 1039.
323
gen die Planeten auch einen wetterbestimmenden Einfluß ausüben, so sind sie des-
wegen noch lange keine Götter, die, wie der Erzähler suggeriert, Criseyde ihren Willen
aufoktroyieren. Denn es regnet schon, als Pandarus sie kurz vorher einlädt, und sie
sich trotz seiner Anspielungen auf eine mögliche Anwesenheit ihres Liebhabers für den
Besuch entscheidet (3.562-598). Gleich einem Theaterregisseur bezieht Pandarus den
Regen als wichtiges Strategieelement in das genau kalkulierte Spiel ein. Pandarus be-
dient sich der Planeten offenbar nur zur Wettervorhersage. Regen paßt am besten zu
seinen Absichten:
%XW3DQGDUXSDQGVKRUWO\IRUWRVH\QH
5LJKWVRQHXSRQWKHFKDXQJ\QJHRIWKHPRRQH
:KDQOLJKWOHVLVWKHZRUOGDQ\JKWRUWZH\QH
$QGWKDWWKHZRONHQVKRSK\P>VN\SUHSDUHGLWVHOI@IRUWRUH\QH
+HVWUHJKWRPRUZHXQWRKLVQHFHZHQW
<HKDQZHOKHDUGWKHI\QRIKLVHQWHQG 3.548-53
Bei all den rhetorischen Sprachspielen zwischen ihm und Criseyde ist es denk-
bar, daß sie seinen Plan im vorhinein durchschaut hat und innerlich damit einverstan-
den ist, solange nach außen der Schein des Anstands gewahrt bleibt. Was Criseyde
wirklich denkt, verschweige der Autor, so weiß der Erzähler vielsagend zu berichten.
Sowenig wie der Regen ein über Criseyde von den Göttern verhängtes Fatum
ist, sowenig ist Criseydes Bett in Pandarus Palast das „Paradis“ oder die Zeit ihrer Zu-
sammenkunft gleich Christi Geburt eine „segensreiche Nacht“, wie Troilus und der
schwärmerische Erzähler glauben. Criseyde ist nicht Troilus „süßer Feind“. Das selbst-
inszenierte Geschehen von Pandarus gleicht eher einer absurden Posse als einer „al-
ten Romanze“. Völlig gegenstandslos ist auch die Eifersucht von Troilus auf einen ge-
wissen Horaste, die Pandarus nach vorheriger Absprache mit seinem Schützling fin-
giert und Criseyde erzählt, kurz bevor sich ihr Troilus im innersten und geheimsten
Winkel des Palastes nähert. Pandarus beabsicht damit, die Leidenschaften anzufa-
chen, um durch die anschließende Versöhnung desto sicherer zum Ziel zu gelangen.
Statt nun wie verabredet, den eifersüchtigen Liebhaber zu mimen, geht Troilus vor der
im Bett liegenden Criseyde schuldbewußt auf die Knie. Vehement verteidigt sich Cri-
seyde gegen den leeren Vorwurf und beteuert ihre Treue. Stumm vor Scham sieht er
Zur Bedeutung der Planeten und Götter vgl.: Julian N. Wasserman, Both Fixed and Free, /DQJXDJH
DQG 'HVWLQ\ LQ &KDXFHU¶V Knight’s Tale DQG Troilus and Criseyde, in: Sign, Sentence, Discourse,
Language in Medieval Thought and Literature, Hg. von Ders. und Lois Roney, Syracuse 1989, S.
194-222; hier S. 196: „From the point of view of those whose fates are fixed in such fashion, ‘the
goddes’, as Criseyde points out, only seen to ‘speken in amphibologies,/And, for o sooth, they tellen
twenty lyes’ (iv, 1406-7). Similarly, Diomedes, too speakes of the ambiguous language of prohecy, of
being deceived by ‘ambages-/ That is to seyn, with double wordes slye,/Swiche as men clepen a
word with two visages’ (v. 897-99). Fortune it seems, is a text, written in signs which are undecipher-
able to mortal minds.“
324
seine Erfolgsaussichten schwinden, verflucht Pandarus und fällt aus Furcht vor Ableh-
nung in Ohnmacht.
Wenn Chaucer diesem Geschehen die widersinnige Bedeutungsebene von
Dantes Höllensymbolik unterlegt, dann tut er das nicht mit der Absicht, die körperliche
Liebe als Todsünde zu verdammen. Chaucers ironische Schreibweise ist vielmehr eine
komische und parodistische Kritik an den idealisierenden Äußerungen einer Dinge und
Personen verfälschenden Rhetorik. Den auf sich bezogenen, eigensinnigen Erfindun-
gen und Inszenierungen der Romanpersonen setzt er den Widersinn infernalischer
Zeichen entgegen.
Criseyde, der Rhetoriker Pandarus und mithin auch der schwärmerische Bü-
cherwurm und Erzähler spielen rhetorische Spiele, die scheinbar am besten in der Ab-
geschlossenheit privater Räume funktionieren. Je privater und je stärker auf sich selbst
bezogen, desto größer die Einbildung, man könne mit Rhetorik und Literatur eine eige-
ne sinnstiftende Realität entwerfen und die Welt chaotischer Zufälligkeiten nach eige-
nen Vorstellungen und Absichten beherrschen. Dem gewollten zweckdienlichen Ab-
schließen von Bedeutung korrespondiert der private Innenraum, in dessen Schutz der
rhetorische Verwandlungprozeß ungehindert vollzogen werden kann. Auch in der Arzt-
praxis Chrippenchras entfaltet die Rhetorik ihre größte, die Dinge in ihrer materiellen
Beschaffenheit verfälschende Kraft. Wie schon des öfteren erwähnt, steht dann aber
der Aufwand der großen Minneallegorie in einem eklatanten Mißverhältnis zu seiner
Bedeutungsabsicht, sobald die Literatur in den ungeschützten Raum der Rezeption
entlassen wird. So faßt der Leser Nabelraiber den Inhalt des Briefes in einen einzigen
banalen Satz zusammen:
'HUVSUDFKµ(VPDJQLFKWDQGHUVVHLQ
6HLVSULFKWVHLWlWGHQZLOOHQGHLQ
8QGGDU]XRYLOXQGGDQQRFKWPH
1lPHVWGXVHL]XRGHUH¶ V. 2619 ff.
Gleiches gilt für die Wirkung seines eigenen Briefes. Ähnlich Wittenwiler zeigt
Chaucer, daß die Gewalttätigkeit der Geschichte von der Falschmünzerei der Rhetorik
verursacht wird. Das Zentrum oder auch das Innere der topographischen Konstruktion
ist sinnentleert, weil sich die krude Gewalt der Geschichte den eigensinnigen Deutun-
gen und rhetorischen Ordnungsentwürfen einzelner entzieht. So holt die Protagonisten
am Ende doch noch die von ihnen ignorierte Geschichte ein und verurteilt sie dann wie
im Kozytus Dantes (Inf., 34.11) zu eisiger Bewegungslosigkeit. Chaucers Erzähler
glaubt in den ersten drei Büchern auf die Schilderung des Krieges verzichten zu kön-
nen, um sich schließlich doch auf die große Bühne der Täuschungen und des Verrats
einzulassen, in den die kleinere eingebettet ist.
325
Am Ende des ‘Ring’ kämpfen die Ausgeburten der literarischen Phantasie aus
den Heldenbüchern - Recken, Riesen, Zwerge und Hexen - gegeneinander und ver-
nichten sich selbst und das Dorf Lappenhausen. Selbst die siegreichen Nissinger neh-
men am Ende vor dem heufressenden Bertschi reißaus. Groteskerweise halten sie Wit-
tenwilers Hauptnarren, der sich vor dem Ansturm der bestausgerüsteten Feinde auf ei-
nen Heuhaufen geflüchtet hat, für einen unbesiegbaren Dämon. Letztlich siegt also ei-
ne von jeder Vernunft und Moral befreite Gewalt der rhetorischen Verfälschung.
An Chaucers labyrinthische Verschachtelung, die den rhetorischen Winkelzü-
gen und intriganten Inszenierungen der Protagonisten eine ihre Absichten unterlaufen-
de, unheilvolle Symbolik verleiht, erinnert die zehnte Geschichte des sechsten Tages
im 'Decameron'.591 Der Prediger Cipolla, d.h. die „Zwiebel“, versucht die naive Landbe-
völkerung von Certaldo, wo Boccaccio selbst wohnte, mit einer Papageienfeder, die er
für eine Feder des Erzengels Gabriel ausgibt, zum besten zu halten. Der Trickser wird
nun unerwartet von zwei anderen Tricksern betrickst, indem sie die Feder mit Kohle
vertauschen. Als Cipolla vor dem staunenden Volk seine Vorrede gehalten hat und
darauf das Reliquienkästchen öffnet, findet er statt der bunten Feder schwarze Kohlen.
Will er einer Blamage entgehen, muß er jetzt das buchstäblich Übriggebliebene in eine
heilige Reliquie umwandeln. Seine Aufgabe besteht nun also darin, eine umgekehrte
Transsubstantiation zu bewirken. Aus einem Referenten muß neuerlich ein Signifikant
werden.
In der Art eines Reiseberichts beschreibt er eine Pilgerfahrt ins Heilige Land,
die den hinterwäldlerischen Certaldesi den Eindruck von weiten Entfernungen und
fremden Ländern vermittelt. Tatsächlich aber kleidet er Straßen, Plätze und Leute aus
Florenz in exotische Gewänder ein, so daß er schließlich die Verwechslung mit der Fe-
der rechtfertigt und die Kohlen als die ausgibt, worauf der heilige Laurentius gebraten
wurde.592 Schließlich staunt die einfältige Landbevölkerung über die heilige Kohle. Ihre
Gaben fallen reichlicher aus denn je. Überdies fordern sie Cipolla dazu auf, ihnen gro-
ße, schwarze Kreuze auf ihren Sonntagsstaat aufzumalen. Mit Vergnügen erfüllt er ih-
nen diesen Wunsch und beteuert, „daß die abgenutzte Kohle, so viele Kreuze er auch
ziehe, in dem Kästchen ständig wieder nachwüchse; er habe es unzählige Male er-
probt.“
Ein geschickter Meisterrhetoriker wie „die Zwiebel“, dessen Kunst aus einem
sprachlichen Durchlaufen ineinandergeschobener Kreise mit leerem Sinnzentrum be-
steht, kann Materie beliebig vermehren und dezimieren, Naturgesetze scheinbar außer
591 Zitate aus: Das Dekamerondes Giovanni Boccaccio. Bd. 2 sechster bis zehnter Tag. Nach der kriti-
schen Ausgabe von Charles S. Singelton übers. von Ruth Macchi. Berlin 198811.
326
Kraft setzen, den Logos Fleisch werden lassen. Das Heilige ist zugleich das Profane
und Obszöne, das Wunderbare ist auch das Alltägliche. Seine rhetorischen Betrüge-
reien sind lustvoll und frei von jeglicher Verantwortung. Hier scheint zwar die Gefahr
der die Dinge verfälschenden Macht der Rhetorik auf, doch ist Cipollas rhetorische Al-
chimie keineswegs moralisch verwerflich. Boccaccios nominalistische Literatur hat ih-
ren Sinn neben der Unterhaltung in der Kritik an falschen Symbolen, in diesem Fall an
dem lukrativen Reliquienschwindel der Kirche. Das semiotische Spiel mit der Relativität
und Veränderbarkeit von Worten und Namen ist für den Leser unter der immer gege-
benen Voraussetzung erkennbar, daß die Identität oder Referenz der Dinge und Per-
sonen, die erzählten Fakten, in jedem Fall gewahrt bleiben. Namen mögen im ‘Deca-
meron’ ausradiert werden, nicht aber die Dinge. Eine Papageienfeder ist nun einmal
nicht identisch mit der Feder des Erzengels, die er bei der Verkündigung verloren ha-
ben soll. So garantiert der Unterschied von Referenz und Signifikanz den VHQVXVKLVWR
ULFXVder Geschichten, von dessen sicherer Basis aus Sinn konstituiert werden kann.
Nur einmal wird im ‘Decameron’ erzählt, wie eine Geschichte besser nicht er-
zählt werden sollte, so daß das Erzählen einer Geschichte scheitert. Diese metafiktio-
nale Antigeschichte liegt interessanterweise im Zentrum der hundert Geschichten des
‘Decameron’. Es ist die erste Geschichte des sechsten Tages. Ein Kavalier begleitet
Madonna Oretta auf einem Spaziergang von einem Ort zum anderen. Er verspricht ihr,
mit einer Erzählung die Zeit zu verkürzen, so als meine sie, auf einem Pferd zu sitzen.
Obgleich die Geschichte selbst unterhaltsam ist, wiederholt er nun dasselbe Wort bis
zu sechsmal, irrt sich in den Namen, stellt die Eigenschaften der Personen und die Be-
gebenheiten falsch dar. Schließlich hat „der Kavalier sich rettungslos festgefahren“. Mit
ihrer Geduld am Ende ruft schließlich die Dame aus: „Messer, Euer Pferd hat einen zu
harten Trab, darum bitte ich Euch, hebt mich wieder herunter.“ 593 Klug genug die An-
spielung zu verstehen, unterbricht der Kavalier die unbeendete Geschichte und wech-
selt das Thema.
Weshalb steht ausgerechnet die „mißlungene Erzählung“ in der Mitte der hun-
dert Geschichten? Statt einer Verdichtung von Sinn und Bedeutung im Zentrum eines
Werkes wie bei Dante erzählt Boccaccio hier eine Geschichte über die fiktionalen Be-
dingungen und die rhetorischen Techniken des Geschichten-Erzählens selbst. Sinn
wird rhetorisch produziert. Dazu bedarf es der Geschicklichkeit eines Cipolla. Mißlingt
die Geschichte, liegt es nicht an ihr, sondern an dem Mangel an rhetorischem Können
auf Seiten des Geschichtenerzählers. Der Sinn ergibt sich nicht automatisch aus der
592 Vgl. dazu: Manlio Pastore Stocchi: „Dioneo e l’orazione di Frate Cipolla“, in: Studi sul Boccaccio 10
(1977/78), S. 201-17.
593 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, Sechster bis zehnter Tag, Bd. 2, Nach der kritischen Aus-
gabe von Charles S. Singelton übers. von Ruth Macchi, S.13.
327
zentralen Position eines tektonisch gebauten Werkes. Jede einzelne Geschichte unter-
liegt den Konstruktionsbedingungen der Rhetorik. Keine genießt vor einer anderen das
Vorrecht einer exponierten Bedeutung. Boccaccio kritisiert damit die allegorische Dich-
tung, in der die Position selbst ein sinnstiftendes Element darstellt. Auch die hundertste
und letzte Geschichte scheint eine Kritik an einer Bedeutung abschließenden Position
zu sein, unterstreicht doch gerade diese Geschichte die Offenheit der Deutungspositi-
onen. Ob man die suprahumane Geduld Griseldas lobt oder das inhumane Vorgehen
Gualtieris als Sadismus tadelt, ist eine Frage der Sinnkonstitution durch Deutung und
nicht der Festschreibung von Bedeutung aufgrund seiner allegorisch signifikanten Posi-
tion.
Boccaccio, Chaucer, Wittenwiler schreiben nominalistische Literatur, insofern
sie in antiallegorischer Erzählhaltung die Ambivalenz der Zeichen in ihrem Verhältnis
zu den Dingen problematisieren. Doch ein charakteristischer Unterschied trennt die
jüngeren Autoren von dem italienischen Frühhumanisten. Während dieser die von Er-
folg gekrönte Geschicklichkeit Cipollas in aller Transparenz der Motivations- und Hand-
lungsstruktur entfaltet, führt bei Chaucer und Wittenwiler die Ambivalenz der Zeichen
dazu, daß sie den Personen entgleiten und sie schließlich zu Opfern ihrer rhetorisch
konstruierten Geschichten werden. Ausnahmen sind die Rhetoriker Neithard, Chrip-
penchra und Diomedes, die ihr Wissen um die Kontingenz und Mehrdeutigkeit der Zei-
chen gezielt zur Benachteiligung anderer bzw. zum eigenen Vorteil einsetzen.
In Wittenwilers ‘Ring’ deutet schon allein der Buchtitel darauf hin, daß die her-
meneutische Bewegung eine in sich rotierende Kreisförmigkeit beschreibt. Für seinen
‘Ring’ könnte man die Behauptung aufstellen, daß sich sein Personal einschließlich
des Erzählers aus einer Vielzahl von kernlosen Cipollas rekuriert, nur daß ihr Reden
die Dinge selbst verfälscht. Teilt man die Anzahl der Verse von Wittenwilers ‘Ring’
durch zwei, so stößt man auf einen bedeutungsleeren und unförmigen Sack:
'HUOHVWHVDNLVWJGXOWLFKDLW
'HUDOOGHLQOHLGHQEHUWUDLW
$QSHLWHQYDVWHQXQGDQZDFKHQ
$QVZHLJHQXQGDQDQGHUQVDFKHQ V. 4847 ff.
Diese Stelle beschreibt das vorläufige Ende der von Lastersak vorgetragenen
großen Tugendlehre, die dann nach Aufforderung der Fro Richteinschand von Übel-
gesmachs Hofzuchtlehre fortgesetzt wird. Lastersak beschreibt die Tugend der Kraft.
Sie habe fünf Dienerinnen, deren letzte JGXOWLNlWheißt. Vier Säcke bringt sie mit. Im er-
sten sind Kleider, im zweiten Geld, im dritten ist Kühnheit und in dem hier zitierten
vierten und letzten ist sie selbst enthalten, nämlich JGXOWLFKDLWKaum sonstwo im ‘Ring’
wird die Sinnlosigkeit des allegorischen Ordnungsschema so eindruckvoll unter Beweis
328
gestellt wie hier. Der abstrakte Begriff Geduld, personifiziert als eine von fünf Dienerin-
nen der Kraft, trägt sich selbst in einem Sack, der alles „erträgt“. Ein unförmiger Sack,
der alles enthalten und aufnehmen kann, enthält aber ebensogut nichts. Die Formlo-
sigkeit der allegorischen Einkleidung „Sack“ unterstreicht auf der bildlichen Ebene die
völlige Willkür von Zeichen, die selbstreferentiell nur noch sich selbst bezeichnen und
keinerlei UHVzu erkennen geben.
329
IX. Schlußwort
Aus Abwesenheit oder Unglaubwürdigkeit von autoritativ verbürgten Deu-
tungsmonopolen erklärt sich die skeptische Grundhaltung der spätmittelalterlichen Au-
toren. Traditionelle Orientierungsmuster boten in einer Phase tiefgreifender historischer
Veränderungen kaum mehr befriedigende Antworten zur Bewältigung le-
benspraktischer Aufgaben. Zu groß waren die Gegensätze zwischen dem machthung-
rigen Hochadel, dem heillos zerstrittenen Klerus, der wirtschaftlichen Stärke und politi-
schen Ohnmacht städtischer Berufsstände und der gegen feudale Abhängigkeiten re-
bellierenden Bauern. So gerieten christliche Moral- und höfische Idealvorstellungen in
immer größeren Gegensatz zu privaten Interessen. Für die Vermittlung von humanisti-
scher Bildung ergibt sich daraus die Schwierigkeit, für neuen Wein erst noch neue
Schläuche zu finden. Boccaccio und Petrarca setzen auf die Macht der Rhetorik. Im
‘Ring’ dagegen hat die Rhetorik ausschließlich polemische Zeichenfunktion.
Die Signifikanz sichtbar zur Schau gestellter Gesten, Gebärden, leidenschaftli-
cher Affekte im Rahmen kanonischer Aussagen und symbolischer Handlungen richtet
sich im ‘Ring’ nach der Akzeptanz von Moralsystemen. Diese beruhen auf einer hierar-
chischen Gesellschaftordnung, in der Entscheidungs- und Definitionsvollmachten an
entsprechende Institutionen gebunden sind. Nur sie könnten der Einhaltung von Ver-
haltensvorschriften Rechtskraft und Autorität verleihen. Ein autoritativ legitimiertes
Sinnzentrum ist jedoch im ‘Ring’ nicht vorhanden. So führt die Anmaßung der Deu-
tungs- und Setzungsgewalt zu verbaler Polemik und schließlich zum selbstzerstöreri-
schen Untergang.
Mitunter treibt Wittenwiler den Prozeß der Umkehrungen so weit, daß er das
Sprachspielerische zum ästhetischen Prinzip erhebt und sich nur noch von Paradoxien,
Vertauschungen und Gegenentwürfen leiten läßt. So vermischt er hohen und niederen
Stil in der Weise, daß er z. B. den figurativen Minnediskurs der höfischen Dame mit ih-
rem Herzen durch die derb-komischen UHVdes Schwanks ersetzt und die Konnotatio-
nen gegebener Zeichensysteme ausbeutet. Durch dieses kontrastive intertextuelle Ver-
fahren legt Wittenwilers ‘Ring’ das Täuschungs- und Illusionspotential bildhafter und
sprachlicher Zeichen bloß. Systematisch unterläuft er die interpretatorisch herzustel-
lende Übereinstimmung von Sprecherabsicht und Bedeutung mit dem Ergebnis, daß
einander ausschließende Bedeutungszuschreibungen ein und derselben UHV die Ex-
empelfunktion der Didaxe außer Kraft setzen. Die idealisierenden Diskursformen verlie-
ren dadurch an Substanz und reduzieren sich auf die Äußerlichkeit von Zeichen.
330
Wittenwilers Romanpersonen fragen nicht. Da es ihnen nicht um Wissen oder
um Wahrheit von irgendetwas Besonderem geht, stellen sie rhetorische Behauptungen
auf und ergehen sich in sinnentleertem Nachvollzug vorhandener Muster. Abgesehen
vom Erreichen kurzfristiger Ziele zum eigenen Vorteil oder zur Übervorteilung bzw.
Täuschung anderer, glauben sie an gar nichts. Sie deuten die Welt immer nur mit Be-
zug auf sich selbst. Als Beispiel sei hier noch einmal an Chrippenchras pseudoetymo-
logische Exegese von Mätzlis Namen erinnert. Beim schreib- und lesekundigen Arzt
„Grapschkräh“ und der Jungfrau Mätzli „Grapsch-den-Schwanz“ etwa danach zu fra-
gen, wer denn nun „eigentlich“ wen verführt und unmoralisch handelt, erscheint unter
dem Blickwinkel im Medium von Wittenwilers ironischer Erzählweise aussichtslos. Wit-
tenwilers Erzähler erhebt sich nur zu dem Zweck über das epische Geschehen, um
sich gleich dem maliziösen Bauernhasser Neidhart ironisch kommentierend einzumi-
schen und die vom Leser eines didaktischen Werkes erwartete Rezeptionssteuerung
zu verweigern. Während Mätzli in dem o.g. Beispiel womöglich Opfer von Chrippench-
ras Rhetorik wird, läßt sich Bertschi bei der Examinierung durch Mätzlis Sippe willent-
lich täuschen. So wird der Gegensatz zwischen Opfer und Täter, Moral und Unmoral in
der universellen Äußerlichkeit der Zeichen im ‘Ring’ aufgehoben. Was wie allegorische
Zeichen aussieht, sind in Wahrheit willkürliche Akte der Benennung und Deutung. Ver-
geblich sucht der Leser in diesem Verwirrspiel semiotischer Fixierungen nach didakti-
schem Sinn.
Wo Erklärungen und Begriffe versagen, die auf konventioneller Verständigung
basieren, gerät die Wahrheit ontologisch verankerter Aussagen in den Verdacht, egois-
tischen Zwecken zu dienen. Ausgehend von dieser sprachphilosophischen Skepsis,
entwickelt Wilhelm von Ockham seine Zeichentheorie. Er setzt voraus, daß außerhalb
unseres Intellekts nur Einzeldinge mit Einzeleigenschaften existieren und Allgemein-
begriffe Produkte des Intellekts sind. Gedanken beurteilt er als VLJQDQDWXUDOLDim Intel-
lekt des einzelnen, denen extramentale Entitäten entsprechen können. Doch stimmen
sie in jedem Fall mit dem konkreten Erkenntnisakt überein, durch den wir die Einzel-
dinge begreifen. Genau darin besteht die FUX[seiner Theorie. Begriffe bzw. Gedanken
sollen auf natürlichen Ursachen beruhen, und doch muß ihnen LQUHnichts entspre-
chen. So sind Zeichen als Gedanken immer signifikant, ohne jedoch einen wahren Be-
zug auf die sie bezeichnenden Dinge besitzen zu müssen. Für die Kommunikation er-
gibt sich daraus das Problem der bewußten Falschaussage bzw. Lüge. Am stärksten
verschleiern schriftliche Äußerungen Absicht und Wahrheit der Gedanken. Die sich
daraus ergebenden Vermittlungsprobleme scheinen sich auch in der humanistischen
Literatur des 14. Jahrhunderts widerzuspiegeln.
331
Wie oben dargelegt wurde, könnte man Wittenwiler auch als skeptischen Hu-
manisten bezeichnen. Am Ende des ‘Ring’ bricht sein literarischer Entwurf, der über die
Welt belehren will, an seiner Sinn- und Bedeutungslosigkeit zusammen. Boccaccio be-
schreibt schon zu Beginn seines ‘Decameron’ den physischen und intellektuellen Kol-
laps einer Welt. In der Einleitung schildert der Humanist die verheerenden Folgen der
Pest in Florenz. Dadurch werden die Unzulänglichkeiten fast sämtlicher Deutungsmus-
ter der mittelalterlich-christlichen Kultur offenbar. Ausgehend von dieser kulturellen
Bankrotterklärung, inthronisiert er auf den Trümmern der scholastischen Denksysteme
der Theologie und Philosophie die Poesie als das einzige noch wahrheitsfähige Medi-
um. Als Gegenentwurf zum erbärmlichen Zustand von „Florenz“ erzählen sich reihum
zehn junge Frauen und Männer fernab der Schrecken des Todes Geschichten, in de-
nen immer wieder die Fallstricke der Rhetorik und die Doppeldeutigkeit der Zeichen
thematisiert werden. Aber auch rhetorische List, Schlagfertigkeit und Erfindungsgabe
spielen dabei eine didaktische Rolle. Anders als im ‘Ring’ können die Dinge durch Po-
esie bei ihrem eigentlichen Namen benannt werden. Boccaccios literarischer Nomina-
lismus zielt auf vernunftethische Erkenntnis der UHVund kritisiert ihre mögliche verbale
Verfälschung.
Um Falschheit allegorisch lesbarer Zeichen geht es auch bei Petrarcas Bestei-
gung des Mont Ventoux. Ein fiktives Dichter-Ich läßt sich durch zwei literarische Kon-
trastmuster zum Aufstieg auf den Berg motivieren: zum einen von Livius Bericht über
Philipps von Makedonien Besteigung des Hämus, zum anderen durch Augustins litera-
rische Metaphorik der Gottessuche. Ähnlich dem antiken König Philipp ist er getrieben
von FXULRVLWDVan der Welt und glaubt doch zugleich an die Figur eines mystischen DV
FHQVXVder Seele zu Gott. Wie schon Augustin immer wieder betont, schließen sich je-
doch Askese und wissenschaftliche Entdeckerfreude kategorisch aus. So scheitert der
Ich-Erzähler Petrarca bei dem Versuch, die zeichenhaften Umstände der Wanderung
in ein ontologisches Bezugsverhältnis zu sich selbst zu setzen. Auf dem Gipfel ange-
langt, beschreibt er lediglich das Innere seines Ich als Arena eines unentschiedenen
Kampfes zwischen gutem und bösem Willen. Über den Gehalt dieser Kräfte schweigt
er sich aus. Inneres Streben nach moralischer Vervollkommnung kann scheinbar nicht
durch einen quasi autobiographischen Tatsachenbericht von einer Bergtour allegorisch
repräsentiert werden. Im Gegenteil, nach allegorischer Lesart deuten die Zeichen auf
die illusionäre Selbstüberhebung des Wanderers.
Petrarcas Tour gleicht einer kreisförmigen Irrfahrt um ein aporetisches Problem
von ästhetischer, erkenntnistheoretischer und moralphilosophischer Tragweite. Wie
können innermoralische Qualitäten des Dichter-Ich allegorisch ausgedrückt werden,
wenn dieses Ich die Ambiguität der Schriftzeichen und die Subjektivität ihrer rhetori-
332
schen Setzung reflektiert? Was am Ende der Lektüre bleibt, ist die deprimierende Ein-
sicht in die Ambivalenz und Literarizität der Zeichen. Mit diesem kritischen Bewußtsein
unterscheidet sich Petrarca fundamental vom Jenseitswanderer Dante, der über den
Verbleib der Seelen in einem von ihm selbst entworfenen metaphyischen Kosmos ob-
jektiv berichtet.
Da die demonstrative Funktion der Zeichen nicht mit der Absicht des Autors
harmoniert, werden die UHVder Erzählfakten selbst problematisch. Chaucer macht nun
diese Problematik in seinem Liebesroman ‘Troilus and Criseyde’ zu seinem General-
thema. Aus moralischer Haltung kritisiert er rhetorische Machenschaften und Irrtümer.
Aus egoistischen, illusionären und eitlen Motiven schließen die Personen seines Ro-
mans die Bedeutung der UHVals Dinge und Personen willkürlich ab und biegen sie so
nach ihren Vorstellungen zurecht. Je stärker sie ihre eigenen Geschichten redend in-
szenieren, desto schneller werden sie zu Opfern einer kontingenten äußeren Ge-
schichte. Das unkalkulierbare Chaos der wankelmütigen Welt entzieht sich dem rheto-
rischen Kalkül ihrer Liebesgeschichte. Der Erzählprozeß als Versuch einer Sinnkonsti-
tution durch das wahrheitsgemäße Erfinden einer literarisch vorgeformten Liebesge-
schichte endet in Tod und Gewalt. Am Schluß des Romans kehrt sich der Erzähler ra-
dikal vom Konzept der paganen Liebe ab, indem er der Geschichte christliche und stoi-
sche Liebeskonzepte aufpfropft. Gerade dieser Schluß zeigt noch einmal, daß die
Konstitution eines einheitlichen Sinns an der rhetorischen Festlegung von absichtsvol-
ler Bedeutung scheitert. Von einem didaktischen Anspruch, den Leser mittels Rhetorik
zu besserer Einsicht zu bewegen wie in Boccaccios ‘Decameron’, kann bei Chaucer,
dem Zeitgenossen Wittenwilers, nur negativ die Rede sein.
Die bei den oben genannten Autoren feststellbare Auflösung allegorischer Fest-
legung von Bedeutung hat auch Vorläufer in der deutschen volkssprachlichen Literatur
des 14. Jahrhunderts. Ein Beispiel dafür bietet der höfische Roman 'Wilhelm von Öster-
reich', den Johann von Würzburg im Jahr 1314 zu Ehren der habsburgischen Kronprä-
tendenten abschloß.594 Im Prolog entfaltet er das Programm einer höfischen Sitten-
und Minnelehre. Exemplifiziert werden sollen die höfischen Ideale: WXJHQGHDYHQWLXU
PLQQHGD]VLQWFOHLQRGHGULX (314 f.).
594 Johann von Würzburg, Wilhelm von Österreich, Hg. von Ernst Regel, Aus der Gothaer Handschrift,
Dublin/Zürich 1970 (= Deutsche Texte des Mittelalters, 3).
Zur Brüchigkeit der Allegorie vgl. Gisela Vollmann-Profe, Johann von Würzburg, 'Wilhelm von Öster-
reich', in: Positionen des Romans im späten Mittelalter, Hg. von Walter Haug und Burghart Wachin-
ger, Tübingen 1989, S. 123-135
333
Wilhelm, die Exempelfigur des konfliktfreien Helden nachklassischer Roma-
ne595, ist nun aber auch von eigenwilliger Neugierde an den Dingen der Welt getrieben.
Am Ende des Romans wiederholt sich die epische Ausgangssituation. Dort bietet das
Herzensbild der Geliebten Anlaß für den Eintritt in den Erfahrungsraum der Welt (V.
790 ff.). Hier bewegt ihn die Vorstellung vom Einhorn, die er auf einer Einhornjagd an
der Realität des Tieres bestätigen will (V. 18860 ff.). Dort trennt er sich vom Vater und
den Aufgaben der Herrschaft, hier von Frau und Hof. Die Reihung der DYHQWXHUkann
am Ende fortgesetzt werden, weil Wilhelm bzw. Ryal seine TXHVWHnicht mit der Errin-
gung Aglyes, deretwegen er ausgezogen war, beendet.596 An dieser Stelle bricht Jo-
hann den Roman ab. Die Jagd nach dem Einhorn, also einer unbekannten UHV, zum
Zweck des Vergleichs mit seinen literarischen Zuschreibungen als Fabelwesen würde
entweder zu einer erkenntnistheoretischen Zerreißprobe oder zu in sich selbst kreisen-
den Tautologien führen.
So gerät Wilhelm implizit durch Fragen, die er an den Dingen der Außenwelt
überprüfen will, in Konflikt zur höfischen Idealität und zum höfischen Programm der
Konsolidierung von Herrschaft. Durch die im Vergleich mit dem 'Ring' relativ kon-
fliktarme Gestaltung des Verhältnisses von subjektivem Eigenwillen und objektivem li-
terarischem Muster, das zusätzlich von der hermeneutischen „Kompetenz“ der Perso-
nen wie einer figurativen, gradlinigen Erzählweise entschärft wird, - Wittenwiler ver-
mischt beide Momente miteinander - suspendiert Johann die Gefahr des Zusammen-
bruchs selbstreferentieller Allegorien, die wie im Falle des allegorischen ‘aventuer
hauptman’ (V. 3140) ihre eigene Allegorese mitliefern.597
595 Zur Darstellung der vollkommenen, konfliktfreien Helden in den nachklassichen Romanen vgl. Walter
Haug, Strukturen als Schlüssel zur Welt, Kleine Schriften zur Erzählliteratur des Mittelalters, Tübin-
gen 1989, S. 651-671.
596 Vgl. zur Subjektivität der Romanhelden im 13. Jahrhundert Michel Zink, Le Retour du Subjectif, ou:
La litterature du moyen-age est-elle romantique?, in: Mittelalterbilder aus neuer Perspektive, Diskus-
sionsanstöße zu amour coutois, Subjektivität in der Dichtung und Strategien des Erzählens, Hg. von
Ernstpeter Ruhe, Rudolf Behrens, München 1985 (= Beiträge zur romanischen Literatur des Mittelal-
ters, XIV), S. 240-249; hier S. 246 ff.
597 Zur „artistischen Kompetenz der Erzählerrolle“ vgl.: Juergens, Albrecht: „Wilhelm von Österreich“.
Johanns von Würzburg 'Historia Poetica', Frankfurt am Main u. a. 1990 (= Mikrokosmos. Beiträge zur
Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung, 21), S. 322; hier S. 342, Anm. 9: „Die Textlogik, daß
Wilhelm hier den Begriff 'minne' einsetzt, ohne ihn jedoch zu kennen, beruht auf der Definition des
angemessenen Sprechens von 'minne' als Sprechen aus dem Herzen: Wilhelm, der sagt, er wisse
nicht, was 'minne' sei, gibt im folgenden seinen Herzensspruch wieder, der ihn eben als hochkompe-
tent erweist (1543 ff.); unter anderem wird Gottfriedsche Topik - die 'minne', als diejenige, die „liep
und lait“ zusammenfüge - eingesetzt).“
Das ist ein Beispiel dafür, daß Johann der rhetorischen Vorschrift des angemessenen Redens im
Rahmen des literarischen Bezugssystems verpflichtet bleibt. So relativiert er auch nicht die Allegorien
und Allegoresen. Dieselbe GLVFUHWLR, die der Protagonist im DSWXP der Redeweise demonstriert, liegt
auch der Übereinstimmung der inneren Qualitäten mit den symbolischen Tugenden seines sog. Cu-
pido-Helmes zugrunde.
334
Johann will höfische Sitte zeichenhaft beweisen durch rhetorischen Diskurs und
durch das, was Wilhelm auf seiner Abenteuerfahrt zustößt. Wilhelms Reise durch den
potentiell chaotischen Erfahrungsraum der Welt auf der Suche nach der Wahrheit der
Dinge ist aber so unabschließbar, wie seine Neugierde an ihr unersättlich ist. Ähnlich
Wittenwiler gibt Johann dem Leser lediglich Deutungsangebote an die Hand, die in ih-
rer dogmatischen Verabsolutierung allegorische Setzungen darstellen und ethische
Qualität ausschließlich aus dem rechten Gebrauch der WXJHQWULFKHQ (V. 83) bezie-
hen.598 Damit wird eine außerhalb der Autorabsicht liegende Rezeption zur alleinigen
Entscheidungsinstanz über Wahrheit oder Lügenhaftigkeit allegorischer Dichtung. Eine
Sinnentleerung allegorisch vermittelter Begriffe läßt sich also auch hier zumindest
strukturell feststellen.
Die Schattenseite des humanistischen Bildungsprogramms ließe sich auch in
der Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts nachweisen. Verbindet sich die nominalisti-
sche Skepsis gegenüber der Vermittlungsfähigkeit der Rhetorik mit dem Willen zur Er-
ziehung zeigt sich entweder die Tendenz zu literarischen Utopien wie bei Boccaccio
und später bei Thomas Morus oder zu Sprachspielen und zur Zerstörung literarischer
Ordnungssysteme wie bei Wittenwiler und später Rabelais.
Fragt man am Ende, was Heinrich Wittenwiler mit seinem 'Ring' denn überhaupt
habe sagen wollen, so mag vielleicht mit Nietzsche darauf am besten geantwortet wer-
den:
Was also ist Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, An-
thropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und
rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden, und die nach langem Gebrauche
einem Volke fest, canonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen,
von denen man vergessen hat, dass sie welche sind, Metaphern, die abgenutzt und
sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall,
nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.599
598 Johanns 'Wilhelm von Österreich' ist vielleicht ein frühes Beispiel für die Auffassung der Allegorie in
Texten der Frühen Neuzeit, in denen Sinnstiftung und Textkonstitution an die Leser übertragen wird.
Vgl. dazu Erich Kleinschmidt, Denkformen im geschichtlichen Prozeß, Zum Funktionswandel der Al-
legorie in der frühen Neuzeit, in: Formen und Funktionen der Allegorie, Symposion Wolfenbüttel
1978, Hg. von Walter Haug, Stuttgart 1979 (= Germanistisches Symposium, Berichtsbände III), S.
388-404; hier S. 392: „Die Offenheit des allegorischen Entwurfs wird als Herausforderung an den
Deutungswillen der Rezipienten zu verstehen sein, der in den Vorgang der Textkonstitution einbezo-
gen wird. Das Publikum als hermeneutischer Partner des Autors im Text verweist auf den grundle-
genden Wandel im kognitiven Verhalten der frühneuzeitlichen Epoche, der auf Abbau fraglos hinge-
nommener Autorität und Selbstbestimmung des rezeptiven Diskurses hinausläuft.“
599 Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, Kritische Studienausgabe,
Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Bd. 1, München 19882, S. 880 f.
335
A B K Ü R Z U N G E N
ATB Altdeutsche Textbibliothek
ChR Chaucer Review
DTM Deutsche Texte des Mittelalters
DVjs Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und
Geistesgeschichte
dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
EdF Erträge der Forschung
es edition suhrkamp
Euph. Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte
FMSt Frühmittelalterliche Studien
GAG Göppinger Arbeiten zur Germanistik
JOWG Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft
HTR Harvard Theological Review
Mlat. Jb. Mittellateinisches Jahrbuch
MTU Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des
Mittelalters
NF Neue Folge
NLH New Literary History
PBB Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprachen und Literatur
336
RL Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte
RUB Reclam Universal-Bibliothek
stw suhrkamp taschenbuch wissenschaft
VL Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Aufl. Hg. von
Kurt Ruh. (Bisher:) 7 Bde, Berlin/New York 1978-1989
Die erste Auflage des ’Verfasserlexikons’ (5 Bde, Berlin, Leipzig
1933-1955) wird als „VL (1. Aufl.)“ zitiert.
WiWo Wirkendes Wort. Deutsches Sprachschaffen in Lehre und Leben
ZfdA Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur
ZfdPh Zeitschrift für deutsche Philologie
337
L I T E R A T U R V E R Z E I C H N I S
Andreanszky, Arpad Stephan: Topos und Funktion. Probleme der literarischen Transformati-
on in Heinrich Wittenwilers „Ring“. Bonn 1977.
Arbusow, Leonid: Colores Rhetorici. Eine Auswahl rhetorischer Figuren und Gemeinplätze
als Hilfsmittel für Übungen an mittelalterlichen Texten. Hg. von Helmut Peter. Göttingen
19632.
Archibald, Elizabeth: Declarations of „Entente“ in 7URLOXVDQG&ULVH\GH. In: ChR 25 (1991), S.
190-213.
Augustinus, Aurelius: Bekenntnisse. Lateinisch und Deutsch. Eingeleitet, übersetzt und er-
läutert von Joseph Bernhart. Frankfurt am Main 1987.
-: Contra mendacium ad Consentium. In: Patrologia Latina 40. Hg. von J.-P. Migne. Paris
1887.
-: De civitate dei. Libri XI-XXII. Turnhout 1955 (= Corpus Christianorum, Series Latina, 48).
-: De doctrina christiana. Hg. von Joseph Martin. Turnhout 1962 (= Corpus Christianorum,
Series Latina, 32).
-: De mendacio. In: Patrologia Latina 40. Hg. von J.-P. Migne. Paris 1887.
Augustine. De dialectica. Hg. und übersetzt von B. Darrell Jackson. Textedition von Jan Pin-
borg. Dordrecht/Boston 1975 (= Synthese Historical Library, 16).
-: Contra academicos, De beata vita, De ordine, De magistro, De libero arbitrio. Turnhout
1970 (= Corpus Christianorum, Series Latina, 29).
-: Die Lüge und Gegen die Lüge. Übertragen und erläutert von Paul Keseling. Würzburg
1953.
-: De trinitate Hg. von W. J. Mountain. Turnhout 1968 (=Corpus Christianorum, Series Lati-
na, LA).
338
Bachorski, Jürgen: Das System der Negationen in Heinrich Wittenwilers 5LQJ. In: Monatshef-
te für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 80 (1988), S. 469-487.
Bacon, Roger: An Unedited Part of Roger Bacon's 'Opus Magnus': 'De Signis'. Hg. von K. M.
Fredborg, Lauge Nielsen and Jan Pinborg. In: Traditio. Studies in Ancient and Medieval
History, Thought, And Religion 34 (1978), 75-136.
Baethgen, Friedrich: Schisma und Konzilszeit, Reichsreform und Habsburgs Aufstieg. In:
Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Hg. von Herbert Grundmann. Bd. 6.
München 19836.
DER BAUERNHOCHZEITSSCHWANK. Meier Betz und metzen hochzit. Hg. von Edmund
Wießner. Tübingen 1956 (= ATB, 48).
Belitz, Jürgen: Studien zur Parodie in Heinrich Wittenwilers „Ring“. [phil. Diss. Mainz 1976]
Göppingen 1978 (=GAG, 254).
Bergdolt, Klaus: Arzt, Krankheit und Therapie bei Petrarca. Die Kritik an Medizin und Natur-
wissenschaft im italienischen Frühhumanismus. Weinheim 1992.
Besch, Werner: Vers oder Prosa? Zur Kritik am Reimvers im Spätmittelalter. In: PBB Son-
derheft 94 (1972), S. 745-766.
BIBLIA SACRA. Iuxta vulgatam versionem. Dritte, verbesserte Auflage. Hg. von Bonifatius
Fischer. Deutsche Bibelgesellschaft. Stuttgart 1983.
D. Martin Luther: BIBLIA. Das ist die gantze Heilige Schrifft Deudsch auffs new zugedicht.
Wittenberg 1545. Hg. von Hans Volz. Bd. 3. München 1974.
Billanovich, Guiseppe: Petrarca und der Ventoux. In: Petrarca. Hg. von August Buck. Darm-
stadt 1976 (= WdF, 352), S. 444-463.
Birkhan, Helmut: Das Historische im 'Ring' des Heinrich Wittenwiler. Wien 1973 (= Sberr. d.
Österr. Akad. d. Wiss., phil.-hist. Kl., 287, 2).
339
Bismark, Jörg: Adlige Lebensformen in Wittenwilers „Ring“. Untersuchung über die Person
des Dichters und die ständische Orientierung seiner Lehren und seiner Satire, [phil.
Diss. Freiburg i. Br.] Augsburg 1976.
Blank, Walter: Zur Entstehung des Grotesken. In: Deutsche Literatur des späten Mittelalters.
Hamburger Colloquium 1973. Hg. v. Wolfgang Harms u. L. Peter Johnson. O. J. und o.
O., S. 35-46.
Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt a. M. 19933 (= stw 592).
Boccaccio, Giovanni: Tutte le opere. A cura di Vittore Branca. Bd. 4. Decameron. Mailand
1976.
Das Dekamerondes Giovanni Boccaccio. Bd. 1 erster bis fünfter Tag, Bd. 2 sechster bis
zehnter Tag. Nach der kritischen Ausgabe von Charles S. Singelton übers. von Ruth
Macchi. Verse der ersten drei Tage in der Übertr. von August Wilhelm Schlegel, die der
folgenden Tage in der Übertrag. von Karl Witte. Berlin 198811.
Giovanni Boccaccio. Poesie nach der Pest. Der Anfang des Decameron. Vorwort, Erster
Tag: Einleitung, Novelle I-IV. Italienisch - Deutsch. Neu übersetzt und erklärt von Kurt
Flasch. Mainz 1992 (= Excerpta classica; 10).
-: Il Filostrato. Italian text edited by Vincenzo Pernicone. Translated with an introduction by
Robert P. apRoberts and Anna Bruni Seldis. New York and London 1986 (= Garland Li-
brary of Medieval Literature, Ser. A, 53).
-: Genealogia deorum Gentilium. Hg. von Vicenzo Romano. Bd. 1. Opere X. Bari 1951 (=
Scrittori D'Italiani, 200).
-: Genealogia deorum Gentilium. Hg. von Vicenzo Romano. Bd. 2. Opere XI. Bari 1951. (=
Scrittori D'Italiani, 201).
-: Tratatello in laude di Dante. In: G. B. Opere in versi. Corbaccio, trattatello in laude di Dan-
te, prose latine, epistole. Hg. von Pier G. Ricci. Mailand/Neapel 1965 (= La letteratura
italiana, 9), S. 565-650.
340
Boehner, Philotheus: „Ockham's Theory of Signification“. In: Collected Articles on Ockham.
Hg. von E. Buytaert. New York-Louvain-Paderborn 1958, S. 201-32.
Boesch, Bruno: Bertschis Weltflucht. Zum Schluß von Wittenwilers „Ring“. In: Studien zur
deutschen Literatur und Sprache des Mittelalters. Festschrift für Hugo Moser zum 65.
Geburtstag. Hg. von Werner Besch u. a. Berlin 1974, S. 228-237.
-: Das Gattungsproblem in Wittenwilers 5LQJ. In: The Epic in Medieval Society, Aesthetic and
Moral Values. Edited by Harold Scholler. Tübingen 1977. S. 326-346.
-: Zum Nachleben der Heldensage in Wittenwilers 'Ring'. In: Deutsche Heldenepik in Tirol
König Laurin und Dietrich von Bern in der Dichtung des Mittelalters. Beiträge der Neu-
stifter Tagung 1977 des Südtiroler Kulturinstituts. Hg. von Egon Kühebacher. Bozen o.
J. (= Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstituts, 7), S. 329-354.
-: Die Namenwelt in Wittenwilers 'Ring' und seiner Quelle. In: Ders.: Kleine Schriften zur Na-
menforschung 1945-1981. Zum 70. Geburtstag hg. von seinen Schülern. Heidelberg
1981 (= Beiträge zur Namenforschung, N F, Beih. 20), S. 310-342.
-: Phantasie und Wirklichkeit in Heinrich Wittenwilers „Ring“. In: ZfdPh 67 (1942), S. 139-161.
-: Zum Stilproblem in Heinrich Wittenwilers 5LQJ. In: Philologia Deutsch. Festschrift zum 70.
Geburtstag von Walter Henzen. Hg. von Werner Kohlschmidt und Paul Zinli. Bern 1965,
S. 63-79.
Bohner, Ulrich: Der Edelstein. Hg. von Franz Pfeiffer. Leipzig 1844 (= Dichtungen des deut-
schen Mittelalters, 4).
Borch, Marianne: Poet and Persona; Writing the Reader in 7URLOXV. In: ChR 30 (1996), S.
215-228.
Bouwsma, William J.: The Two Faces of Humanism. Stoicism and Augustinianism in Renais-
sance Thought. In: Itinerarium Italicum. The Profile of the Italian Renaissance in the Mir-
row of its European Transformations. Hg. von Heiko A. Oberman und Thomas A. Brady.
Leiden 1975 (= Studies in Medieval and Reformation Thought, 14), S. 3-60
341
Brackert, Helmut: 'DVWXRQWGD]PLQQHZROJH]DP0LQQHEULHIHLPVSlWK|ILVFKHQ5RPDQ.In:
ZfdPh 93 (1974) Sonderh., S. 1-18.
Brant, Sebastian: Das Narrenschiff. Nach der Erstausg. (Basel 1494) mit den Zusätzen der
Ausgabe von 1495 und 1499 sowie den Holzschnitten der deutschen Originalausgabe.
Hg. von Dietrich Schernberg. 3. erw. Aufl. Tübingen 1986.
Brandmüller, Walter: Papst und Konzil im Großen Schisma 1378-1431. Studien und Quellen.
Paderborn 1990.
Brinkmann, Hennig: Der Prolog im Mittelalter als literarische Erscheinung. Bau und Aussage.
In: WW 10 (1964), S. 1-21.
Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. München 1990 (=
Deutsche Literatur des Mittelalters, 2).
Buck, August: Humanismus. Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellun-
gen. München 1987 (= Orbis academicus, 1).
Burckhardt, Jacob: Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. 1. Aufl. [1926]. 11.
Aufl. Stuttgart 1988.
THE RIVERSIDE CHAUCER. Hg. von Larry D. Benson. 3. Aufl. Oxford 1988.
Cicero, Marcus Tullius: De inventione. De optima genere oratorum. Topica. With an English
translation by H. B. Hubbell, London/Camebridge 1960 (= The Loeb Classical Library).
Courtenay, William J.: John of Mirecourt and Gregory of Rimini on Whether God can Undo
the Past. In: Recherches de theologie anciennes et médiéval 39 (1972), S. 224-256.
-: Nominalism and Late Medieval Religion. In: The Pursuit of Holiness in Late Medieval and
Renaissance Religion. Hg. von Charles Trinkaus und Heiko A. Oberman. Leiden 1974
(= Studies in Medieval and Reformation Thought, 10), S. 26-59.
Cramer, Thomas: Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter. München 1990 (=
Deutsche Literatur des Mittelalters, 3).
342
-: Nabelraibers Brief. In: Gespräche, Boten, Briefe. Hg. von Horst Wenzel. Berlin 1996, S.
212-225.
Cross, Christa Wolf: 0DJLVWHUOXGHQV. Der Erzähler in Heinrich Wittenwilers Ring. Chapel Hill
1984 (= University of North Carolina studies in the Germanic languages and literatures,
102).
Courtenay, William J.: The Dialectic of Omnipotence in the High and Late Middle Ages. In:
Divine Omniscience and Omnipotence in Medieval Philosophy. Hg. von Tamar Ru-
davsky. Dodrecht 1985 (= Synthese Historical Library, 25), S. 243-269.
Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Tübingen und Basel
199311.
Dallapiazza, Michael: minne, hûsêre und das ehlich leben. Frankfurt a. M., Bern 1981 (= Eu-
ropäische Hochschulschriften. Reihe I, Deutsche Sprache und Literatur, 455).
Dante Alighieri: Philosophische Werke. Hg. unter Leitung von Ruedi Imbach. Das Gastmahl.
Erstes Buch. Bd. 4/I. Zweites Buch. Bd. 4/II. Übers. und kommentiert von Thomas Rick-
lin. Italienisch - Deutsch. Hamburg 1996 (= Philosophische Bibliothek, 466a/466b).
-: Die Göttliche Komödie. Italienisch und deutsch. Übersetzt und kommentiert von Hermann
Gmelin. Bd. I. Inferno - Die Hölle. Stuttgart 1949. ND München 1988 (= dtv klassik,
2107).
-: Bd. II. Purgatorio - Der Läuterungsberg. Stuttgart 1949. ND München 1988.
-: Bd. III. Paradiso - Das Paradies. Stuttgart 1951. ND München 1988.
-: Bd. V. Kommentar. Der Läuterungsberg. Stuttgart 1955. ND München 1988.
-: Das Schreiben an Cangrande della Scala = Epistola XIII. Übersetzt, eingeleitet und kom-
mentiert von Thomas Ricklin mit einer Vorrede von Rudi Imbach. Lateinisch - Deutsch.
Hamburg 1993 (= Philosophische Werke, 1).
-: De vulgari eloquentia. In: Opere Minori di Dante Alighieri. Bd. 1. Vita nuova, De vulgari
eloquentia, Rime, Ecloge. A cura di Giorgio Barberi Squarotti u. a. Torini 1983 (= Clas-
sici Italiani, 11).
343
de Man, Paul: $OOHJRULHVRI5HDGLQJ Yale University Press 1979. Die Übers. umfaßt Part I
dieser Ausgabe. Allegorien des Lesens. Aus dem Amerikanischen von Werner Hama-
cher und Peter Krumme. Mit einer Einleitung von Werner Hamacher. Frankfurt a. M.
1988 (= es, NF 357).
-: Die Ideologie des Ästhetischen. Hg. von Christoph Menke. Aus dem Amerikanischen von
Jürgen Blasius. Frankfurt a. M. 1993 (= es, NF 682).
Derrida, Jacques: /pFULWXUHHWODGLIIpUHQFH Paris 1967. Die Schrift und die Differenz. Übers.
von Rodolphe Gasché. Frankfurt a. M. 19946 (= stw, 177).
-; Sebeok, Thomas Albert (Hgg.): The Sign of the Three. Indiana 1983.
Durling, Robert M.: The Ascent of Mt. Ventoux and the Crisis of Allegory. In: Italien Quarterly
18 (1974), S. 7-28.
Dyck, E. F.: Ethos, Pathos, and Logos in Troilus and Criseyde. In: ChR 20 (1986), S. 169-
182.
Eco, Umberto: $UWHHEHOOH]]DQHOO¶HVWHWLFDPHGLHYDOH0LODQR. Kunst und Schönheit im
Mittelalter. Aus dem Italienischen von Günter Memmert. München 1991.
-: ,OLPLWLGHOOLQWHUSUHWD]LRQH0LODQR. Die Grenzen der Interpretation. Übers. von Günter
Memmert. München 1995.
-: Denotation. In: On the Medieval Theory of Signs. Hg. von U. E./Costatino Marmo. Amster-
dam/Philadelphia 1989 (= Foundations of Semiotics, 21), S. 43-77.
-: 6HJQR0LODQRZeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Übers.
von Günter Memmert. Frankfurt am Main 1977 (= es, 895).
Ehrismann, Gustav: Der Geist der deutschen Dichtung im Mittelalter. Leipzig 1925.
Engels, J.: La doctrine du signe chez saint Augustin. In: Studia Patristica. Bd. 6. Hg. von F.
L. Cross. Berlin 1962 (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen
Literatur, 81), S. 366-373.
344
Ermatinger, Emil: Dichtung und Geistesleben in der deutschen Schweiz. München 1933.
Evans, Murray J.: The Narrator (?), the Ending (?), and Chaucer's 'Troilus'. In: Neuphilologi-
sche Mitteilungen 87 (1986), S. 218-228.
FASTNACHTSSPIELE des 15. und 16. Jahrhunderts. Hg. von Dieter und Walter Wuttke.
Stuttgart 19894 (= RUB, 9415).
Fischart, Johann: Geschichtsklitterung (Gargantua). Hg. von A. Alsleben. Synoptischer Ab-
druck der Bearbeitungen von 1575, 1582 und 1590. Halle a. S. 1891.
Johann Fischarts Geschichtsklitterung Glossar. Worterläuterungen zum Text der Ausgabe
letzter Hand von 1590 nach der Neuausgabe 1963 von Ute Nyssen. Düsseldorf 1964.
Flasch, Kurt (Hg.): Mittelalter. Bd. 2. In: Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung.
Hg. von Rüdiger Bubner. Stuttgart 1982 (= RUB, 9912), S. 455-481.
-: Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Darmstadt 1987.
Foucault, Michel: /HVPRWVHWOHVFKRVHV. Paris 1966. Die Ordnung der Dinge. Eine Archäo-
logie der Humanwissenschaften. Übers. von Ulrich Köppen. Frankfurt am Main 199513
(stw, 96).
Frege, Gottlob: Über Sinn und Bedeutung. In: Zeitschrift für Philosophie und philosophische
Kritik 100 (1892), S. 25-50.
Funke, Helmut: Die graphischen Hinweise Heinrich Wittenwilers für das Verständnis seiner
Dichtung „Der Ring“, [phil. Diss.] Münster 1973.
Gaier, Ulrich: Satire. Studien zu Neidhart, Wittenwiler, Brant und zur satirischen Schreibart.
Tübingen 1967.
Georges, Karl Ernst: Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen
zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten
unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel. 2 Bde. Unveränderter Nachdruck der ach-
ten verbesserten und vermehrten Auflage von Heinrich Georges. Gotha 1913. Darm-
stadt 1992.
345
Gervinus, Georg Gottfried: Geschichte der deutschen Dichtung, Leipzig 18534.
Gilbert, Neal Ward: Ockham, Wyclif, and the „via moderna“. In: Antiqui und Moderni. Traditi-
onsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mittelalter. Hg. von Albert Zim-
mermann. Berlin/New York 1974 (= Antiqui und Moderni, 9), S. 85-125.
Glier, Ingeborg: Allegorien. In: Epische Stoffe des Mittelalters. Hg. von Volker Mertens und
Ulrich Müller. Stuttgart 1984, S. 205-228.
-: Artes amandi. Untersuchungen zu Geschichte, Überlieferung und Typologie der deutschen
Minnereden. München 1971, S. 235-41 (MTU, 34).
Göttert, Karl-Heinz: Einführung in die Rhetorik, Grundbegriffe - Geschichte - Rezeption,
München 1991.
Gower, John: Confessio amantis, Hg. von Russel A. Peck, Toronto 1994, (= Medieval Acad-
emy Reprints for Teaching).
Graevenitz, Gerhart: Die Setzung des Subjekts. Tübingen 1973 (= Studien zur deutschen
Literatur, 36).
Green, Dennis H.: Alieniloquium. Zur Begriffsbestimmung der mittelalterlichen Ironie. In: Ver-
bum et Signum. 2. Bd. Beiträge zur mediävistischen Bedeutungsforschung. Studien zur
Semantik und Sinntradition im Mittelalter. Hg. von H. Fromm, W. Harms, Uwe Ruberg.
München 1975.
Green, Thomas M.: The Vulnerable Text. Essays on Renaissance Literature. New York
1986.
Greyerz, Otto von: „Schweizerische Dichtung“. In: RL. Bd. 3. Berlin 1928/29.
Gruchot, Christoph: Heinrich Wittenwilers „Ring“. Konzept und Konstruktion eines Lehrbu-
ches, [phil. Diss. Mannheim] Göppingen 1988 (= GAG 475).
Gruenter, Rainer: Zum Problem des Allegorischen in der deutschen 'Minneallegorie'. In:
Euph. 51 (1957), S. 1-22.
346
Grundmann, Herbert: Wahlkönigtum, Territorialpolitik und Ostbewegung im 13. und 14. Jahr-
hundert. In: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 5. Neunte, neu bear-
beitete Aufl. Hg. von H. G. München 1985.
Hahn, Ingrid: Personenerkenntnis in der deutschen Literatur des 12. bis 14. Jahrhunderts. In:
PBB 99 (1977), S. 395-444.
Halm,Carl: Rhetores Latini minores. Ex codicibus maximam partem primum adhibitis emen-
dabat C. H. Lipsiae 1863. ND Frankfurt a. M. 1964.
Hambuecher Potter, Joy: Five Frames for the Decameron. Communication and Social Sys-
tems in the Cornice. Princeton 1982.
Hartmanns von Aue Gregorius. Der „gute Sünder“. Hg. von Friedrich Neumann. Wiesbaden
19815 (= Deutsche Klassiker des Mittelalters, NF, 2).
Haug, Walter: Von der Idealität des Arthurischen Festes zur apokalyptischen Orgie in Wit-
tenwilers 5LQJ. In: Das Fest. Hg. von H. G. und Rainer Warning. München 1989. S.
157-179.
-: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhun-
derts. 2. überarb. und erw. Aufl. Darmstadt 1992.
-: Paradigmatische Poesie. Der spätere deutsche Artusroman auf dem Weg zu einer 'nach-
klassischen' Ästhetik. In: DVjs 54 (1980), S. 204-231.
-: Strukturen als Schlüssel zur Welt. Kleine Schriften zur Erzählliteratur des Mittelalters. Tü-
bingen 1989, S. 651-671.
Heidegger, Martin: Die Zeit des Weltbilds. In: Holzwege. Frankfurt a. M. 1950, S.69-104.
Heitmann, Klaus: Augustins Lehre in Petrarcas ‘Secretum’ (1960). In: Petrarca. Hg. von Au-
gust Buck. Darmstadt 1976 (= WdF, 153), S. 282-307.
Henrich, Dieter; Iser, Wolfgang (Hgg.): Funktionen des Fiktiven. München 1983 (= Poetik und
Hermeneutik, 10).
347
Hess, Günter: Deutsch-lateinische Narrenzunft. Studien zum Verhältnis von Volkssprache
und Latinität in der satirischen Literatur des 16. Jahrhunderts. München 1971 (= Mün-
chener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters, 41).
Hieronymus Lauretus: Silva Allegoriarum totius Sacrae Scripturae. Köln 1681, ND München
1971.
Hirschberg, Dagmar; Ortmann, Christa; Ragotzky, Hedda: W|USHO JSDXUHQ und GHU ZHOWH
ODXIIZum Problem der Bestimmung närrischer Lehre in Wittenwilers 5LQJIn: OWG 8
(1994/95). Heinrich Wittenwiler in Konstanz und 'HU5LQJHg. von Horst Brunner, S.
201-219.
Hoffmann, Hubert: Die geistigen Bindungen an Diesseits und Jenseits in der spätmittelalterli-
chen Didaktik. Vergleichende Untersuchung zu Gesellschaft, Sittlichkeit und Glauben
im „Schachzabelbuch“, im „Ring“ und in „Des Teufels Netz“. Freiburg i. Br. 1969 (= For-
schungen zur oberrheinischen Landesgeschichte, 22).
Horaz: Sämtliche Werke. Hg. von Hans Färber. Lat. und dt. München 198510 (= Sammlung
Tusculum).
Hübener, Wolfgang: Wyclifs Kritik an den Doctores signorum. In: Die Gegenwart Ockhams.
Hg. von Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger. Weinheim 1990, S. 128-146.
Huizinga, Johan: Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14.
und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden. Hg. von Kurt Köster.
Stuttgart 197511.
Inciarte, Fernando: Die Suppositionstheorie und die Anfänge der extensionalen Semantik. In:
Antiqui und Moderni. Traditionsbewußtsein und Fortschrittsbewußtsein im späten Mit-
telalter. Hg. von Albert Zimmermann. Berlin/New York 1974 (= Miscellanea Mediae-
valia), S. 126-141.
Jackson, B. Darrell: The Theory of Signs in St. Augustine's 'HGRFWULQDFKULVWLDQDIn: Revue
des Etudes Augustiniennes 15 (1969), S. 9-49.
Johanns von Würzburg WILHELM VON ÖSTERREICH. Aus der Gothaer Handschrift. Hg.
von Ernst Regel. Dublin/Zürich 1970 (= DTM, 3).
348
Jordan, Robert M.: Metafiction and Chaucer’s Troilus. In: Chaucer Yearbook 1 (1992), S.
136-155.
Johann von Konstanz: Die Minnelehre. Hg. von Frederic Elmore Sweet. Paris 1934.
Johann von Tepl: Der Ackermann aus Böhmen. Hg. von Günther Jungbluth. Bd. 1. Heidel-
berg 1969.
Jürgens-Lochthove, Kristina: Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Kontext hochhöfischer Epik,
[phil. Diss. Bochum] Göppingen 1980 (= GAG, 296).
Iser, Wolfgang: Das Fiktive und das Imaginäre. Perspektiven literarischer Antrophologie.
Frankfurt a. M. 1991.
Johannes von Garlandia. 3RHWULDPDJLVWUL-RKDQQLVDQJOLFLGHDUWHSURVD\FDPHWULFDHWULW
PLFD Hg. von Giovanni Mari. Romanische Forschungen 13 (1902), S. 883-965.
Juergens, Albrecht: „Wilhelm von Österreich“. Johanns von Würzburg 'Historia Poetica'.
Frankfurt am Main u. a. 1990 (= Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und
Bedeutungsforschung, 21).
Jungbluth, Günther: Wittenwiler. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon..
Begründet von Wolfgang Stammler und fortgeführt von Karl Langosch. (1. Aufl.). Bd. 4.
Berlin/New York 1953, Sp. 1037 ff.
Jürgens-Lochthove, Kristina: Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Kontext hochhöfischer Epik.
Göppingen 1980 (= GAG, 296).
Kablitz, Andreas: Rhetorik vs. Hermeneutik? Anmerkungen zum Allegorie-Verständnis in
Augustinus' 'HGRFWULQDFKULVWLDQD. In: Zeitschrift für Semiotik 10 (1987), S. 119-133.
-: Petrarcas Augustinismus und die Ecriture der Ventoux-Epistel. In: Poetica 26 (1994), S.
31-69.
349
Keller, Adelbert (Hg.): Fastnachtsspiele aus dem 15. Jahrhundert. Bd. 1-3 und Nachlese.
Unveränderter reprographischer Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1853 und 1858.
Darmstadt 1965.
Keßler, Eckhard: Die verborgene Gegenwart Ockhams in der Sprachphilosophie der Renais-
sance. In: Die Gegenwart Ockhams. Hg. von Wilhelm Vossenkuhl; Rolf Schönberger.
Weinheim 1990, S. 147-164.
Kelly, Douglas: Medieval Imagination. Rhetoric and the Poetry of Courtly Love. Wisconsin
1978.
Kleinschmidt, Erich: Denkformen im geschichtlichen Prozeß. Zum Funktionswandel der Alle-
gorie in der frühen Neuzeit. In: Formen und Funktionen der Allegorie. Symposion Wol-
fenbüttel 1978. Hg. von Walter Haug. Stuttgart 1979 (= Germanistisches Symposium,
Berichtsbände III), S. 388-404.
Kleinschmidt, Erich: Stadt und Literatur in der frühen Neuzeit. Voraussetzungen und Entfal-
tung im südwestdeutschen, elsässischen und schweizerischen Städteraum. Köln/Wien
1982.
Kluxen, Kurt: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 19853
(= Kröners Taschenausgabe; 374).
Knapp, Fritz Peter: Historie und Fiktion in der spätscholastischen und frühhumanistischen
Poetik. In: Festschrift Haug/Wachinger. Hg. von Johannes Janota. Bd. 1. Tübingen
1992, S. 47-61.
Knühl, Birgit: Die Komik in Heinrich Wittenwilers „Ring“ im Vergleich zu den Fastnachtsspie-
len des 15. Jahrhunderts. Göppingen 1981 (= GAG, 332).
Kohlschmitt, Werner: Geschichte der deutschen Literatur. Bd. II. Vom Barock bis zur Klassik.
Stuttgart 19812.
Konrad von Hirsau. Conrad de Hirsau. 'LDORJXVVXSHUDXFWRUHV Ed. critique par Robert Bur-
chard Constantyn Huygenas. Berchem, Bruxelles 1955 (= Collection Latomus, 17.).
Kobbe, Peter: Funktion und Gestalt des Prologs. In: DVjs 43 (1963) S. 404-457.
350
Könneker, Barabara: Johannes von Tepl - Heinrich Wittenwiler - Oswald von Wolkenstein:
Versuch einer Zusammenschau. In: Jb. für Internationale Germanistik, Reihe A. Bd. 8.
Bern/Frankfurt a.M./Las Vegas. Hg. von Heinz Rupp und Hans-Gert Roloff. Akten des
VI. Internationalen Germanisten-Kongresses. Basel 1980, S. 280-287.
Kopialbuch Augustinerkloster. In: Stadtarchiv Konstanz (StA Kn) A II. 50.
Krewitt, Ulrich: Metapher und tropische Rede in der Auffassung des Mittelalters. Ratingen
1971 (= Beihefte zum „Mittellateinischen Jahrbuch“, 7).
Kurz, Gerhard: Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen 1982 (= Kleine Vandenhoeck-Reihe,
1486).
DAS LALEBUCH. In Abbildung des Drucks von 1597. Hg. von Werner Wunderlich. Göppin-
gen 1982 (= Litterae, 87).
DAS LALEBUCH. Herausgegeben und in unsere Sprache übertragen von W. W. Stuttgart
1982.
Lambertini, Roberto: L'origine è la meta. Percorsi dell'interpretazione contemporanea dei
modisti. In: Versus. Quaderni di studi semiotici 38/39 (1984), S. 91-113.
Legnano, Giovanni da: De bello, de represaliis et de duello. Edited by Thomas Eskine.
Washington 1917. Reprinted New York/London 1964.
Die LEGENDA AUREA des Jacobus von Voragine. Aus dem Lateinschen übersetzt von Ri-
chard Benz. Heidelberg 19799.
Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 37. Auflage. Stuttgart 1983.
Livio, Tito: Testo Latino e versione a cura di Carlo Vitali, Libri XXXIX-XL, Bologna 1973.
Lockhart, Adrienne R.: Semantic, Moral, and Aesthetic Degeneration in 7URLOXVDQG&ULVH\GH.
In: ChR 8 (1973), S. 96-118.
351
Lutz, Eckart Conrad: Heinrich Wittenwiler in Konstanz. Historische Vorarbeiten zu einer neu-
en Interpretation des „Ring“. In: ZfdPh 104 (1985).
-: Spiritualis Fornicatio. Heinrich Wittenwiler, seine Welt und sein „Ring“. Sigmaringen 1990
(= Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen, 32).
-: Der ersame herre her Hainrich von Wittenwile. Eine unbekannte Konstanzer Urkunde von
1389. In: ZfdA 114 (1985), S. 150-157.
Maier, Anneliese: Das Problem der „species sensibiles in medio“ und die neue Naturphiloso-
phie des 14. Jahrhunderts. In: A. M.: Ausgehendes Mittelalter. Gesammelte Aufsätze
zur Geistesgeschichte des 14. Jahrhunderts. Bd. II. Roma 1967 (= Storia e Letteratura,
105), S. 419-451.
Marmo, Costatino: Guglielmo di Ockham e il significato delle proposizioni. In: Versus. Quad-
erni di studi semiotici 38/39 (1984), S. 115-148
Markus, R. A.: St. Augustine on Signs. In: Phronesis. A Journal of Ancient Philosophy. 2
(1957), S. 60-83.
Marquart, Odo: Kunst als Antifiktion. In: Funktionen des Fiktiven. Hg. von Dieter Henrich und
Wolfgang Iser. München 1983, S. 35-54.
Martini, Fritz: Heinrich Wittenwilers 'Ring'. In: DVjs 20 (1942), S. 200-235.
Martinelli, Bortolo: Petrarca e il Ventoso. In: B. M. Petrarca e il Ventoso. Bergamo 1977, S.
149-215.
Mathei Vindocinensis: Opera. Hg. von Franco Munari. Vol. III. ARS VERSIFICATORIA. Ro-
ma 1988 (= Storia e Letteratura, 171).
KAISER MAXIMILAN I. THEUERDANK. Die Geferlicheiten und eins Teils der Geschichten
des loblichen streitbaren und hochberümbten Helds und Ritters Herr Teurdanks. Hg.
von Helga Unger. München 1968.
McCord Adams, Marilyn: Ockham's Individualisms. In: Die Gegenwart Ockhams. Hg. von
Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger. Weinheim 1990, S. 3-25.
352
-: „What does Ockham Mean by Supposition?“. In: Notre Dame Journal of Formal Logic 17
(1976), S. 375-391.
McGerr, Rosemarie P.: Meaning and Ending in a „Paynted Proces“: Resistance to Closure in
7URLOXVDQG&ULVH\GH. In: Chaucer's Troilus and Criseyde „Subgit to all Poesye.“ Essays
in Criticism. Hg. von Richard Allen Shoaf. New York 1992 (= Medieval & Renaissance
Texts & Studies, 104), S. 179-198.
McKinnell, John: Letters as a Type of the Formal Level in ‘Troilus and Criseyde’. In: Essays
on Troilus and Criseyde. Hg. von Mary Salu. Cambridge 1979, S. 73-89.
Meier, Christel: Überlegungen zum gegenwärtigen Stand der Allegorie-Forschung. Mit be-
sonderer Berücksichtigung der Mischformen. In: FMSt 10 (1976), S. 1-69.
Mehl, Dieter: Chaucer’s narrator. 7URLOXV DQG &ULVH\GH and the &DQWHUEXU\ 7DOHV In: The
Cambridge Chaucer Companion. Hg. von Pietro Boitani and Jill Man. Cambridge 1986,
S. 213-226.
Michel, Paul: „Formosa deformitas“. Bewältigungsformeln des Häßlichen in mittelalterlicher
Literatur. Bonn 1976 (= Studien zur Germanistik, Anglistik und Komparatistik, 57).
Miethke, Jürgen: Wilhelm von Ockham. In: „Nimm und lies“. Christliche Denker von Origines
bis Erasmus von Rotterdam. Hg. u. a. von Hans Freiherr von Campenhausen, Stuttgart
1991, S. 307-332.
Mittler, Elmar: Das Recht in Heinrich Wittenwilers Ring, Freiburg 1968 (= Forschungen zur
oberrheinischen Landesgeschichte, 20).
Menzel, W.: Deutsche Dichtung von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Bd. 1. Stuttgart
1858.
Miethke, Jürgen: Der Weltanspruch des Papstes im späten Mittelalter. Die Politische Theorie
der Traktate De Potestate Papae. In: Pipers Handbuch der politischen Ideen. Hg. von I-
ring Fetscher und Herfried Münkler. Bd. 2, Mittelalter: Von den Anfängen des Islams bis
zur Reformation. München 1993, S. 351-445.
353
-: Wilhelm von Ockham. In: „Nimm und lies“. Christliche Denker von Origines bis Erasmus
von Rotterdam. Hg. u. a. von Hans Freiherr von Campenhausen. Stuttgart 1991. S.
307-332.
Gerd Heinz-Mohr, Lexikon der Symbole. Bilder und Zeichen der christlichen Kunst. Freiburg
i. Br. 1991.
Moody, Ernest A.: The Logik of William of Ockham. London 1935.
von Moos, Peter: 3RHWDund KLVWRULFXVim Mittelalter. Zum Mimesis-Problem am Beispiel eini-
ger Urteile über Lucan. In: PBB 98 (1976), S. 93-130.
Morel-Fatio, A.: Mélanges de litterature catalane III. In: Romania 15 (1886), S. 192-235. )D
FHWXVPRULEXVHWYLWD hier S. 224 ff.
Mühlebach, Christoph: Fischarts „Geschichtsklitterung“ als manieristisches Kunstwerk. Ver-
wirrtes Muster einer verwirrten Welt. Frankfurt a M./Bern 1972 (= Europäische Hoch-
schulschriften. Reihe I, Deutsche Literatur und Germanistik, 63).
Müller, Jan-Dirk: Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I. München 1982
(= Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur, 2).
Murphy, James J.: Rhetoric in the Middle Ages. Berkley 1974.
THOMAS MURNER. Die deutschen Dichtungen des Ulrich von Hutten. Erste Abteilung. Hg.
von Balke. Stuttgart o. J. (= Deutsche National-Literatur; 17, 1).
Nanninga, Jutta: Realismus in mittelalterlicher Literatur. Untersucht an ausgewählten Groß-
formen spätmittelalterlicher Epik. Heidelberg 1980.
NARRENBUCH. Kalenberger, Peter Leu, Neithart Fuchs, Markolf, Bruder Rausch. Hg. von
Felix Bober. Berlin/Stuttgart 1884 (= Deutsche National Literatur, Bd. 11).
Neumann, Bernd: Geistliches Schauspiel im Zeugnis der Zeit. Zur Aufführung mittelalterlicher
religiöser Dramen im deutschen Sprachgebiet. Bd. 1. München 1987.
354
Newman, Francis X.: St. Augustin’s Three Visions and the Structure of the „Commedia“. In:
Dante. Hg.von Harold Bloom. New York 1986, S. 65-81
Nietzsche, Friedrich: Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne. Kritische Stu-
dienausgabe. Hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Bd. 1. Zweite durchges.
Aufl. München 1988, S. 880 f.
Noakes, Susan: The Double Misreading of Paolo and Francesca. In: Dante. Hg. von Harold
Bloom. New York 1986, S. 151-166.
Oberman, Heiko A.: Some Notes on the Theology of Nominalism. In: HTR 53 (1960), S. 47-
76.
Offler, Hilary S.: The 'Influence' of Ockham's Political Thinking. In: Die Gegenwart Ockhams.
Hg. von Wilhelm Vossenkuhl und Rolf Schönberger. Weinheim 1990, S. 338-365.
Ogier, James M.: „Get aus, ir alteu hüer!“. In: Seminar 27 (1991), S. 1-11.
OSTERSPIELE: Das Drama des Mittelalters. Bd. 2. Hg. von E. Hartl. Leipzig 1937 (= Deut-
sche Literatur in Entwicklungsreihen, Reihe: Drama des Mittelalters).
Oswald von Wolkenstein. Die Lieder, mittelhochdeutsch-deutsch. In Text und Melodien neu
übertragen und kommentiert von Klaus J. Schönmetzler. Essen 19902.
Ovid: Briefe aus der Verbannung. Tristia, Ex Ponto. Lateinisch und Deutsch. Übertr. und erl.
von Georg Luck. Stuttgart 1963.
Paqué, Ruprecht: Das Pariser Nominalistenstatut. Zur Entstehung des Realitätsbegriffs in
der neuzeitlichen Naturwissenschaft. Berlin 1970.
Perler, Dominik: Prädestination, Zeit und Kontingenz. Philosophisch-historische Untersu-
chungen zu Wilhelm von Ockhams 7UDFWDWXVGHSUDHGHVWLQDWLRQHHWGHSUDHVFLHQWLD'HL
UHVSHFWXIXWXURUXPFRQWLQJHQWLXP. Amsterdam 1988 (= Bochumer Studien zur Philoso-
phie, 12).
Peters, Ursula: Studien zu den sozialen Voraussetzungen und kulturellen Organisationsfor-
men städtischer Literatur im 13. und 14. Jahrhundert. Tübingen 1983, S. 198-206.
355
Petrarca, Franceso: Brief an die Nachwelt. Gespräche über die Weltverachtung. Von seiner
und vieler Leute Unwissenheit. Übers. und eingel. von Herman Hefele. Jena 1925 (=
Das Zeitalter der Renaissance, 1. Ser., Bd. 2).
-: (SLVWXODHVHQLOHVV, 3. In: Opera. Bd. 2. Basel 1554. ND Ridgewood 1965, S. 876-881.
-: Le Familiari. Introduzione e note di Ugo Dotti. Libro Primo. Roma 1991.
-: Le Familiari. Edizione critica per cura di Vittorio Rossi. Volume secondo. Libri V-XI. Firenze
1934 (= Edizione nazionale delle opere di Franceso Petrarca, XI).
-: Le Familiari. Edizione critica per cura di Vittorio Rossi. Volume terzo. Libri XII-XIX. Firenze
1937 (= Edizionale nazionale delle opere di Francesco Petrarca, XII).
-: De sui ipsius et multorum ignorantia. Über seine und vieler anderer Unwissenheit. Über-
setzt von Klaus Kubusch. Hg. und eingel. von August Buck. Lateinisch-Deutsch. Ham-
burg 1993 (= Philosophische Bibliothek, 455).
-: Invective contra medicum. Testo latino e volgarizzamento di Ser Domenico Silvestri. Edizi-
one critica per cura di Pier Giorgio Ricci. Roma 1950 (= Edizioni di storia e letteratura).
-: De secreto conflictu curarum mearum. A cura di Enrico Carrara. In: F. P. Prose. A cura di
G. Martellotti e di P. G. Ricci, E. Carrara, E. Bianchi. Milano 1954 (= La letteratura ital-
iana; Storici e testi, 7).
Petzsch, Christoph: Weiteres zum Lochamer-Liederbuch und zu den Hofweisen. Ein Beitrag
zur Frage des Volksliedes im Mittelalter. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 17 (1972),
S. 9-34.
Pinborg, Jan: Logik und Semantik im Mittelalter. Ein Überblick. Stuttgart 1972 (= problemata,
fromann-holzboog, 10).
Plate, Bernward: Heinrich Wittenwiler. Darmstadt 1977 (= EdF, 76).
-: Narren- und Ständesatire in Heinrich Wittenwilers 'Ring'. In: DVjs 48 (1974).
356
-: Wittenwilers ’Ehedebatte’ als Logik-Persiflage. In: Festschrift für Paul Klopsch. Hg. von
Udo Kindermann, Wolfgang Maaz, Fritz Wagner. Göppingen 1988 (= GAG, 492), S.
370-383.
Pörksen, Uwe: Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos. Formen seines Hervortretens bei
Lamprecht, Konrad, Hartmann, in Wolframs Willehalm und in den „Spielmannsepen“.
Berlin 1971 (= Philologische Studien und Quellen, Heft 58).
The POETRIA NOVA and its Sources in Early Rhetorical Doctrine. Hg. von Ernest Gallo. Den
Haag 1971.
Puchta-Mähl, Christa Maria: „Wan es ze ring umb uns beschait“. Studien zur Narrentermino-
logie, zum Gattungsproblem und zur Adressatenschicht in Heinrich Wittenwilers „Ring“,
[phil. Diss. Kiel 1983] Heidelberg 1986.
Quintilianus, Marcus Fabius: Ausbildung des Redners (Inst. Orat.). 12 Bücher. Hg. und ü-
bers. von Helmut Rahn. 2 Teile. Darmstadt 19882 (= Texte der Forschung, 2).
Ranke, Friedrich: Zum Formwillen und Lebensgefühl in der deutschen Dichtung. In: DVjs 18
(1940), S. 307-327.
Ratsbücher der Stadt Konstanz. In: Stadtarchiv Konstanz (= StA Kn), B I. 1-6.
RHETORICA AD HERENNIUM. Lateinisch-Deutsch. Hg. und übers. von Theodor Nüßlein.
München/Zürich 1994 (= Sammlung Tusculum).
Ricoeur, Paul: Narrative Funktion und menschliche Zeiterfahrung. In: Romantik. Literatur und
Philosophie. Internationale Beiträge zur Poetik. Hg. von Volker Bohn. Frankfurt a. M.
1983 (= es 1395, NF 395), S. 45-79.
Riha, Ortrun: Die Forschung zu Heinrich Wittenwilers „Ring“ 1851-1988. Würzburg 1990 (=
Würzburger Beiträge zur deutschen Philologie, 4).
Ruh, Kurt: Heinrich Wittenwilers 'Ring'. In: Kleine Schriften. Bd. I. Dichtung des Hoch- und
Spätmittelalters. Hrsg. von Volker Mertens. Berlin/New York 1984, S. 185-199. [Zum er-
stenmal abgedruckt in: Festschrift für Herbert Siebenhüner. Hg. von Erich Hubala und
Gunter Schweikhart. Würzburg 1978, S. 59-70]
357
-: Ein Laiendoktrinal in Unterhaltung verpackt. Wittenwilers ’Ring’. In: Literatur und Laienbil-
dung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Symposion Wolfenbüttel 1981. Hg.
von Ludger Grenzmann und Karl Stackmann. Stuttgart 1984 (= Germanist. Symposien.
Berichtsbände, 5), 344-354.
SALOMON ET MARCOLFUS: Kritischer Text mit Einleitung, Anmerkungen, Übersicht über
die Sprüche, Namen- und Wörterverzeichnis. Hg. von Walther Benary. Heidelberg 1914
(= Sammlung Mittelalterlicher Texte, 8).
de Saussure, Ferdinand: Cours de linguistique générale. Hg. von Charles Bally und Albert
Séchehaye. Kritische Edition von Tullio de Mauro. Paris 1972.
Scanlon, Larry: Sweet Persusion. The Subject of Fortune in Troilus and Criseyde. In: Chau-
cer’s Troilus and Criseyde „Subgit to all Poesye“. Essays in Criticism. Hg. von Richard
Allen Shoaf. New York 1992 (= Medieval & Renaissance Texts & Studies, 104), S. 211-
223.
Schank, Gerd: Etymologie und Wortspiel in Johann Fischarts „Geschichtsklitterung“. Kirch-
zarten 1978 (= Hochschul-Produktionen Germanistik Linguistik Literaturwissenschaft).
Die SCHEDELSCHE WELTCHRONIK. Nachdruck der deutschen Ausgabe von 1493. Kom-
mentiert von Rudolf Pörtner. Dortmund 19935 (= Harenberg Edition, Bibliophile Ta-
schenbücher, 64).
Scherrer, Gustav: Toggenburger Chroniken. Mit Beilagen und Erörterungen. St. Gallen 1874.
Schlaffke, Winfried: Heinrich Wittenweilers Ring. Komposition und Gehalt, [phil. Diss. Ham-
burg]. Berlin 1969 (= phil. Stud. und Quellen, 50).
Schmid, Elisabeth: Leben und Lehre in Heinrich Wittenwilers 'Ring'. In: JOWG 4 (1986/87),
S. 273-292.
Schmitz, Silvia: „Der vil wol erkennen chan“. Zu Gautiers und Ottes ‘Eraclius’. In: GRM 42
(1992), S. 129-150.
Schnell, Rüdiger: Lexikoneintrag 'Facetus'. In: VL. Bd. 2. Berlin 1980.
358
Schultz, James A.: Classical Rhetoric, Medieval Poetics and the Medieval Vernacular Pro-
logue. In: Speculum. A Journal of Medieval Studies, 59 (1984), S. 1-15.
Schulz-Grobert: $XWRULQIDEXOD. Selbstreferentielle Figurenprofile im 5LQJ Heinrich Wittenwi-
lers? In: Horst Brunner (Hg.): Heinrich Wittenwiler in Konstanz und 'HU5LQJ. Tagung
Konstanz 1993. JOWG 8 (1994/95), S. 13-26.
Seibt, Ursula: Das Negative als didaktisches Mittel in Heinrich Wittenwilers „Ring“. Inaug.-
Diss. Bochum 1975.
Shoaf, Richard A.: Dante, Chaucer and the Currency of the World. Money, Images and Ref-
erence in Late Medieval Poetry, Norman 1983.
-: Dante’s Commedia and Chaucer’s Theory of Mediation. A Preliminary Scetch. In: New
Perspectives in Chaucer Criticism. Hg. von Donald Rose. Norman 1981, S. 83-103.
Sinicropi, Giovanni: Il segno linguistico del „Decameron“. In: Studi sul Boccaccio 9 (1975), S.
169-224.
Singelton, Charles S.: Two Kinds of Allegory. In: Dante. Hg. von Harold Bloom. New York
1986, S. 11-19.
Sowinski, Bernhard: Der Sinn des „Realismus“ in Heinrich Wittenwilers „Ring“. Inaug.-Diss.
Köln 1960.
Schernberg, Dietrich: Ein schoen SPIEL VON FRAU JUTTEN. Hg. von Manfred Lemmer.
Berlin 1971 (= Texte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, 24).
Stocchi, Manlio Pastore: „Dioneo e l’orazione di Frate Cipolla“. In: Studi sul Boccaccio 10
(1977/78), S. 201-215.
Die Kleindichtung des STRICKERS. 5 Bde. Hg. von Wolfgang W. Moelleken. Göppingen
1973-1978.
359
Strohschneider, Peter: Ritterromantische Versepik im ausgehenden Mittelalter. Frankfurt a.
M. 1986 (= Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung,
14).
Strokes, Myra: Wordes White: Disingenuity in 7URLOXVDQG&ULVH\GH. In: English Studies. A
Journal of English Language and Literature 64 (1983), S. 18-29.
Suchomski, Joachim: <Delectatio> und <Utilitas>, Ein Beitrag zum Verständnis mittelalterli-
cher komischer Literatur. Bern und München 1975.
Tabaroni, Andrea: Mental Signs and Representation in Ockham. In: On the Medieval Theory
of Signs. Hg. von Umberto Eco und Costatino Marmo. Amsterdam/Philadelphia 1989 (=
Foundations of Semiotics, 21), S. 195-221.
Tanaka, Taizo: Yubiwa (Ring). Übersetzt von T. T. Tokio 1977 (= Suisu-bungaku-sosho [Rei-
he der Schweizer Literatur], 1).
Tervooren, Helmut: Das Spiel mit der höfischen Liebe. Minneparodien im 13.-15. Jahrhun-
dert. In: ZfdPh Sonderh. 104 (1985), S. 135-157.
Thiel, E. J.: Mittellateinische Nachdichtung von Ovids $UVDPDWRULD und 5HPHGLDDPRULV. In:
Mlat. Jb. 5 (1968), S. 115-180.
Thomas, Heinz: Ludwig der Bayer. Kaiser und Ketzer. Regensburg 1993.
Trinkaus, Charles: The Poet as Philosopher. Petrarch and the Reformation of Renaissance
Consciouness. New Haven and London 1979.
Utz, Richard J.: Literarischer Nominalismus. Eine Untersuchung zu Sprache, Charakter-
zeichnung und Struktur in Geoffrey Chaucers Troilus and Criseyde. Frankfurt am Main
1990 (= Sprache und Literatur, 31).
Vance, Eugene: Mervelous Signals: Poetics, Sign Theory, and Politics in Chaucer's 7URLOXV.
in: NLH 10 (1979), 291-337.
360
Vasoli, Cesare: La „crisi“ linguistica trecentesca, tra „nominalismo“ e coscienza critica del
„verbum“. In: Conciliarismo, stati nazionali, inizi dell'Umanesimo. Atti del XXV Convegno
storico internazionale. Todi, 9-12 ottobre 1988. Spoleto 1990, 245-263.
Vergil: Aeneis. Lateinisch/Deutsch. Hg. und übers. von Johannes Götte. München 19887 (=
Sammlung Tusculum).
-: Bucolica, Georgica, Catalepton. Lateinisch/Deutsch. Hg. und übers. von Johannes Götte.
München 19814.
Vollmann-Profe, Gisela: Johann von Würzburg. 'Wilhelm von Österreich'. In: Positionen des
Romans im späten Mittelalter. Hg. von Walter Haug und Burghart Wachinger. Tübingen
1989, S. 123-135.
Wasserman, Julian N.: Both Fixed and Free. /DQJXDJHDQG'HVWLQ\LQ&KDXFHU¶VKnight’s
Tale DQGTroilus and Criseyde. In: Sign, Sentence, Discourse, Language in Medieval
Thought and Literature. Hg. von J. W. und Lois Roney. Syracuse 1989, S. 194-222.
Wehrli, Max: Geschichte der deutschen Literatur. Bd. I. Vom frühen Mittelalter bis zum Ende
des 16. Jahhunderts. Stuttgart 19842.
Wehrli, Max: Literatur im deutschen Mittelalter. Eine poetologische Einführung. Stuttgart
1984 (= RUB, 8038).
Wessels, Paulus Bernardus: Wittenwilers „Ring“ als Groteske. In: WW 10 (1960), S. 204-214.
Wienbruch, Ulrich: „Signum“, „significatio“ und „illuminatio“ bei Augustin. In: Der Begriff der
Repraesentatio. Hrsg. von Albert Zimmermann. Berlin/New York 1971 (= Miscellanea
Mediaevalia, 8).
Wießner, Edmund: Heinrich Wittenwiler. In: ZfdA 84 (1952/53), S. 159-171.
-: Neidhart und das Bauernturnier in Heinrich Wittenwilers Ring. In: Festschrift Max H. Jelli-
nek. Zum 28. Mai 1928 dargebracht. Wien und Leipzig 1928, S. 191-208.
-: Der Wortschatz von Heinrich Wittenwilers „Ring“. Hg. von Bruno Boesch. Bern 1970.
361
Wilhelm von Ockham. Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft. Latei-
nisch/Deutsch. Hg., übers. und kommentiert von Rudi Imbach. Stuttgart 1984 (= RUB,
8239):
-: Texte zur politischen Theorie. Exzerpte aus dem Dialogus. Lateinisch/Deutsch. Ausge-
wählt, übersetzt und herausgegeben von Jürgen Miethke. Stuttgart 1995 (= RUB,
9412).
-: Sämtliche philosophischen (Opera philosophica = OP) und theologischen Werke (Opera
theologica = OT) wurden vom Franciscan Institute in St. Bonaventure N. Y. herausge-
geben.
Guillelmi de Ockham Quodlibeta septem. Ed. J. C. Wey. 1980 (= OT, 9).
-, Scriptum in librum primum Sententiarum (Ordinatio). Ed. G. Gal und S. Brown. 1967 (= OT,
2).
-, Summa Logicae. Ed. Ph. Boehner, G. Gál. 1974, (= OP, 1).
-, Quaestiones in librum secundum Sententiarum (Reportatio). Ed. G. Gal, R. Wood. 1981 (=
OT, 5).
-, Scriptum in librum primum sententiarum (Ordinatio). Distinctiones XIX-XLVIII. Ed. Girardus
I. Etzkorn und Franciscus E. Kelley. 1979 (= OT, 4).
Wilkins, Ernest Hatch: Life of Petrarch. Chicago 19632.
Witt, G. Ronald: Coluccio Salutati and the Conception of the 3RHWD7KHRORJXV in the Four-
teenth Century. In: Renaissance Quarterly 30 (1977), S. 538-563.
HEINRICH WITTENWILERS RING nach der Meininger Handschrift. Hg. von Edmund Wieß-
ner. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1931. Darmstadt 1964 (= Deutsche
Literatur in Entwicklungsreihen. Reihe Realistik des Spätmittelalters, 3).
KOMMENTAR ZU HEINRICH WITTENWILERS RING. Unveränderter Nachdruck der Aus-
gabe Leipzig 1936. Hg. von Edmund Wießner. Darmstadt 1964 (= Deutsche Literatur in
Entwicklungsreihen. Reihe Realistik des Spätmittelalters, 3).
362
-: Der Ring. Nach der Ausgabe Edmund Wießners übertragen und mit einer Einleitung ver-
sehen von Birkhan, Helmut (= Fabulae mediaevales, 3).
-: Der Ring oder Wie Bertschi Triefnas um seine Mätzli freite. Hg. und übertragen von Rolf
Bräuer. Berlin 1983.
-: 'HU5LQJ in Abbildung der Handschrift. Hg. von Rolf Bräuer, George F. Jones, Ulrich Mül-
ler. Göppingen 1990 (= Litterae, 106).
-: Der Ring. Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Edmund Wießner
ins Neuhochdeutsche übersetzt und herausgegeben von Horst Brunner. Stuttgart 1991
(= RUB 8749).
-: Der Ring. Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hg., übersetzt und kommentiert von
Bernhard Sowinki. Stuttgart 1988 (= Helfant Texte, 9)
Wittenwiler's 5LQJ and the anonymous Scots poem Colkebie Sow. Two comic-didactic works
from the fifteenth century. Übers. von George Fenwick Jones. Chapel Hill 1956 (= Univ.
of North Carolina, Studies in the Germanic Languages and Literatures, 18).
Wittmann, Reinhard: Heinrich Wittenwilers 5LQJ und die Philosophie Wilhelms von Ockham.
In: DVjs 48 (1974), S. 72-92.
Wolf, Alois: Überlegungen zu Wittenwilers ‘Ring’. In: Festschrift für Gerhard Cordes zum 65.
Geburtstag. Hg. von Friedhelm Debus und Joachim Hartig. Neumünster 1973 (= Litera-
turwissenschaft und Textedition, Bd. I), S. 208-248.
Wolfram von Eschenbach. Parzival, Titurel, Willehalm. Unveränderter photomechanischer
Nachdruck der Ausgabe Berlin und Leipzig 1926. Hg. von Karl Lachmann. Berlin 1965.
Ziegeler, Hans-Joachim: Erzählen im Spätmittelalter. Mären im Kontext von Minnereden,
Bispeln und Romanen. München 1985. Speziell zum „Ring“ und zur „Bauernhochzeit“,
S. 405-439.
Zink, Michel: Le Retour du Subjectif, ou: La litterature du moyen-age est-elle romantique? In:
Hg. von Ernstpeter Ruhe und Rudolf Behrens. Mittelalterbilder aus neuer Perspektive.
363
Diskussionsanstöße zu amour coutois, Subjektivität in der Dichtung und Strategien des
Erzählens. München 1985 (= Beiträge zur romanischen Literatur des Mittelalters, XIV),
S. 240-249.