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[en] (orig)
Funktionen der künstlichen
Beleuchtung und der Dunkelheit –
Ein Bericht zum Stand der
sozialwissenschaftlichen Forschung
SCHRIFTENREIHE VERLUST DER NACHT BAND 3
Katharina Krause
In der Reihe „Verlust der Nacht“ werden Diskussions anregungen
und Ergebnisse der einzelnen Forschungsinitiativen des Forschungs-
verbundes veröffentlicht.
Forschungsverbund „Verlust der Nacht“
Leibniz-Institut für Gewässerökologie
und Binnenfischerei
Müggelseedamm 301, 12587 Berlin
Projektleiter PD Dr. Franz Hölker
www.verlustdernacht.de
Universitätsverlag der TU Berlin
ISBN 978-3-7983-2632-3 (Print)
ISBN 978-3-7983-2633-0 (Online)
Beteiligte Institute:Gefördert von:
VdN_Umschläge_A5_Band1-4.indd 8-9 22.10.13 12:19
Katharina Krause
Funktionen der künstlichen Beleuchtung und der Dunkelheit
– Ein Bericht zum Stand der sozialwissenschaftlichen Forschung
Universitätsverlag der TU Berlin
Katharina Krause
Funktionen der künstlichen Beleuchtung und
der Dunkelheit – Ein Bericht zum Stand der
sozialwissenschaftlichen Forschung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de/ abrufbar.
Der vorliegende Band wurde im Rahmen des Teilprojekts 4 „Von Beleuchtung
zu Erleuchtung? Eine politische Situationsanalyse zur Minimierung der Lichtver-
schmutzung in Berlin-Brandenburg“ als Recherchebericht in der ersten Projekt-
phase erstellt. Der Text stellt einen Überblick zum Stand der sozialwissenschaft-
lichen Forschung zu den Funktionen künstlicher Beleuchtung im Außenraum
(Stand Februar 2013) dar.
Die Herausgabe der vorliegenden Reihe wurde durch die freundliche Unter-
stützung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im
Rahmen des Wissenschaftsjahres 2012 ermöglicht.
Universitätsverlag der TU Berlin 2013
http://www.univerlag.tu-berlin.de
Fasanenstr. 88 (im VOLKSWAGEN-Haus), 10623 Berlin
Tel.: +49 (0)30 314 76131 / Fax: -76133
Das Manuskript ist urheberrechtlich geschützt.
Verfasser des Bandes
Katharina Krause
Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung
Flakenstraße 28-31, Erkner
www.irs-net.de
Leitung Forschungsprojekt: Prof. Dr. Dietrich Henckel, Dr. Tim Moss
Herausgeber der Reihe
Forschungsverbund Verlust der Nacht
Ursachen und Folgen künstlicher Beleuchtung für Umwelt, Natur und Mensch
Dr. Franz Hölker, Prof. Dr. Dietrich Henckel, Prof. Dr. Stefan Völker
Layout und Satz
Grundlayout Reihe und Satz Band: Robert Hänsch, [email protected]
Umschlag: unicom werbeagentur gmbh, Parkaue 36, 10367 Berlin, www.unicommunication.de
Druck
mandaro mediengesellschaft mbH, Eiswerderstraße 18, 13585 Berlin, www.mandaro.de
Zugleich online veröffentlicht auf dem Digitalen Repositorium der TU Berlin:
URL http://opus4.kobv.de/opus4-tuberlin/frontdoor/index/index/docId/4165
URN urn:nbn:de:kobv:83-opus4-41656 [http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:kobv:83-opus4-41656]
ISBN (print) 978-3-7983-2532-3
ISBN (online) 978-3-7983-2533-0
7
Inhalt
1. EInlEItung _____________________________________________________ 9
2. SIchErhEIt
_____________________________________________________ 11
2.1 Kriminalprävention 11
2.2 Unfallprävention 14
3. auSdEhnung wIrtSchaftlIchEr
und frEIzEItlIchEr aktIvItätEn ________________________________ 17
4. lIcht alS gEStaltungSmIttEl ___________________________________ 20
5. funktIonEn dEr dunkElhEIt __________________________________ 26
6. zuSammEnfaSSung und forSchungSdESIdEratE _____________ 29
7. lItEratur
______________________________________________________ 32
9
Einleitung
1. EInlEItung
Seit einigen Jahren äußern sich Ökolo-
gen, Astronomen und Schlafforscher
zunehmend besorgt über die möglichen
negativen Auswirkungen künstlicher Be-
leuchtung auf Flora und Fauna, Sternbe-
obachtung oder Gesundheit und mahnen
die Reduzierung der sogenannten „Licht-
verschmutzung“ an. Anders als bei Lärm-
oder Luftverschmutzung ist aus sozialwis-
senschaftlicher Sicht die Klassifikation von
Licht als Umweltstressor aber nicht ganz
unproblematisch. Den negativen Folgen
der Lichtnutzung stehen eine ganze Reihe
gesellschaftlich wichtiger und anerkann-
ter Funktionen von Kunstlicht gegenüber.
Strategien, die auf eine Veränderung der
relevanten Praxen im Umgang mit künst-
lichem Licht zielen, erfordern daher so-
zial- und raumwissenschaftlich fundierte
Erkenntnisse, die Aufschluss über Wahr-
nehmung, Bewertung und Bedeutung der
Funktionen künstlicher Beleuchtung im
Außenraum geben und dabei gleichzeitig
den Blick für die gesellschaftliche Relevanz
von Dunkelheit öffnen.
In den Sozial- und Raumwissenschaften
gibt es allerdings bislang nur sehr wenige
Ansätze, die sich mit den gesellschaftlichen
und räumlichen Funktionen von Kunst-
licht und Dunkelheit auseinandersetzen.
Dabei ist die Anzahl der Publikationen,
vor allem derer, die sich mit Beleuchtung
beschäftigen, durchaus beachtenswert. Es
handelt sich aber eher um technische Do-
kumente, praxis- und planungsorientierte
Handbücher oder historische Betrach-
tungen. Gegenwartsbezogene Auftze in
Fachzeitschriften und Sammelbänden oder
einschlägige Monographien mit einer ein-
deutigen theoretischen oder methodischen
sozial- und/oder raumwissenschaftlichen
Verortung sind im Vergleich dazu eher
selten. Zwar gibt es sowohl zu der Herstel-
lung von Sicherheit durch Licht, als auch
zu den Wechselwirkungen von Beleuch-
tung und der Ausdehnung wirtschaftlicher
und freizeitlicher Aktivitäten oder Licht
als Gestaltungsmittel eigene, mehr oder
weniger ausführliche Forschungsdiskurse,
allerdings konzentrieren sich die meisten
Ansätze darauf, die intendierte Funktion
empirisch zu überprüfen oder die Art und
Weise ihrer Verwendung zu beschreiben.
Die Funktionen von Dunkelheit haben
bislang kaum Eingang in die sozial- oder
raumwissenschaftliche Forschung gefun-
den. Natur- oder chronowissenschaftliche
Untersuchungen bieten zwar mögliche An-
knüpfungsstellen, die insgesamt aber noch
selten aufgegriffen werden.
Der vorliegende Forschungsbericht ist
in das Teilprojekt 4 des interdisziplinären
Projektverbunds „Verlust der Nacht“ ein-
gebettet. Ziel dieses Projekts ist es, eine
10 Einleitung
Analyse über gesellschaftliche und poli-
tische Handlungsmöglichkeiten zur Re-
duzierung von Lichtemissionen in Berlin-
Brandenburg durchzuführen. Der Fokus
des Projekts liegt auf der Analyse relevan-
ter institutioneller Arrangements und Ak-
teurskonstellationen. Durch eine Aufarbei-
tung des Forschungsstands sollen wichtige
Hinweise gewonnen werden, um Aushand-
lungsprozesse und mögliche Trade-Offs
auf Grundlage bestehender wissenschaft-
licher Erkenntnisse zu diskutieren bzw. auf
Desiderate aufmerksam zu machen, die
diese Diskussion auf ein breiteres Funda-
ment stellen würden. Darüber hinaus soll
eine kritische Zusammenfassung bisheri-
ger sozialwissenschaftlicher Reflexionen
über die Funktionen von Dunkelheit, die
Debatten um mögliche negative Folgen der
Lichtnutzung um die gesellschaftliche Di-
mension, jenseits naturwissenschaftlicher
Erkenntnisse, erweitern.
Die Gliederung des vorliegenden Be-
richts orientiert sich an den Funktionen,
die klassischerweise mit künstlicher Be-
leuchtung in Verbindung gebracht werden:
Sicherheit bzw. Kriminal- und Unfallprä-
vention, die Erschließung der Dunkelstun-
den für freizeitliche und wirtschaftliche
Aktivitäten und die verschiedenen Aspek-
te, die mit der Verwendung von Licht als
Gestaltungsmittel in Verbindung gebracht
werden. Allerdings soll diese Strukturie-
rung weder implizieren, dass mit diesen
drei Aspekten die Funktionen künstlicher
Beleuchtung erschöpfend genannt sind,
noch dass sie immer klar voneinander ab-
grenzbar wären. Sie stellen eher konzeptio-
nelle Themenfelder dar, in deren Rahmen
auch Forschungsdiskurse zu verwandten
Funktionen oder ergänzenden Aspekten
diskutiert werden. Ähnliches gilt auch
für die anschließende Betrachtung des
Forschungsstandes zu den Funktionen
von Dunkelheit. Angesichts der bislang
eher geringen sozialwissenschaftlichen
Beschäftigung mit Dunkelheit, kann die
kurze Zusammenfassung bisheriger For-
schungen nur ein erster Aufschlag sein, um
mögliche Funktionen zu nennen.
Der Bericht basiert auf der Grundlage
einer systematischen und umfassenden Li-
teraturerhebung. Nationale und internatio-
nale Bibliothekskataloge sowie einschlägige
bibliographische Datenbanken wurden
mit ca. 200 Schlagwortkombinationen
durchsucht. Aus den Ergebnissen wurde
eine übergreifende Datenbank erstellt, die
zurzeit ca. 2.000 – in der Mehrheit deutsch-
und englischsprachige – Titel umfasst.
Der Bericht konzentriert sich auf die
gegenwartsbezogene sozialwissenschaft-
liche Forschungsliteratur der letzten 30
Jahre, auch wenn frühere Studien nicht
prinzipiell ausgeschlossen werden, wenn
sie immer noch Relevanz für gegenwärtige
Forschungsdiskurse haben. Darüber hin-
aus sind nur die Veröffentlichungen Gegen-
stand der Analyse, die sich mit künstlicher
Beleuchtung im Außenraum befassen.
11
Sicherheit
2. SIchErhEIt
2.1 kriminalprävention
Fragen nach dem Zusammenhang von
Kunstlicht und Sicherheit im öffentlichen
Raum werden in der gegenwartsbezogenen
sozialwissenschaft lichen Forschungslitera-
tur in erster Linie mit Blick auf die Eignung
von Straßenbeleuchtung als Instrument
situativer bzw. städtebaulicher Kriminal-
prävention erforscht. Andere Arten der
Beleuchtung zur Prävention krimineller
Übergriffe, wie sie zum Beispiel im Rah-
men des privaten oder öffentlichen Objekt-
schutzes verwendet werden, finden keinen
Niederschlag in sozialwissenschaftlichen
Untersuchungen. Dabei beschäftigen sich
die meisten Veröffentlichungen entweder
mit dem tatsächlichen Einfluss von Licht
auf die Kriminalitätsrate oder mit einer Er-
höhung des subjektiven Sicherheitsgefühls
durch Beleuchtung.
2.1.1 Objektive Sicherheit
Mit dem unmittelbaren Einfluss von Stra-
ßenbeleuchtung auf das lokale Kriminali-
tsaufkommen haben sich in den vergan-
genen Jahren vor allem eine ganze Reihe
englischsprachiger Publikationen befasst.
Im Mittelpunkt stehen quantitative, lokal
begrenzte Fallstudien, welche die Häufig-
keit krimineller Handlungen vor und nach
der Modernisierung der Straßenbeleuch-
tung – einhergehend mit einer Erhöhung
des Helligkeitsniveaus – untersuchen (vgl.
z.B. Painter/Farrington 1997; Painter/Far-
rington 1999; Schumacher/Leitner 1999).
Die Studien unterscheiden sich aller-
dings im Aufbau und der Auswahl von Fall-
gebieten und kommen zum Teil auch zu un-
terschiedlichen Ergebnissen. Painter (1996;
1999) und Painter und Farrington (1997)
stellen beispielsweise im Rahmen der ver-
schiedenen Fallstudien fest, dass eine hel-
lere Straßenbeleuchtung unter anderem die
soziale Kontrolle erhöhe, „community-pri-
de“ stärke und das Verantwortungsgefühl
gegenüber dem Wohnviertel vergrößere, so
dass Vandalismus und Straßenkriminalität
zu Kunstlicht- aber auch zu Tageslichtzei-
ten signifikant reduziert werden könnten.
Schumacher und Leitner (1999) oder Lou-
kaitou-Sideris u.a (2001) können hingegen
keinen signifikanten Zusammenhang zwi-
schen der Beleuchtungsintensität und der
Kriminalitätshäufigkeit erkennen und Eck
(2002) fragt sogar, ob ein helleres Beleuch-
tungsniveau unter bestimmten Umständen
nicht auch Kriminalität fördern könne, in-
12 Sicherheit
dem es dem potentiellen Delinquenten ei-
nen besseren Überblick verschaffe.
Mit dem Ziel, die verschiedenen Studi-
en und Ergebnisse zu systematisieren und
nicht zuletzt eindeutige Aussagen über die
Wirksamkeit von Straßenbeleuchtung als
Instrument der Kriminalprävention ma-
chen zu können, sind – unter anderem im
Auftrag britischer und US-amerikanischer
Behörden – auch einige Meta-Analysen
erschienen (z.B. Clark 2002; Farring-
ton/Welsh 2002; Heschong Mahone
Group 2008). Allerdings kommen die-
se entweder durch die unterschiedliche
Auswahl der integrierten Studien auch zu
gegensätzlichen Ergebnissen oder stellen
fest, dass keine eindeutigen Aussagen zu
der Wirkweise von Beleuchtung auf die
Sicherheit gemacht werden können (vgl.
Eck 2002). Als problematisch werden al-
lerdings nicht nur die unterschiedlichen
Ergebnisse oder mangelnde räumliche
Vergleichbarkeit bewertet, sondern auch
die zum Teil großen methodischen Sch-
chen der Studien, die von einigen Autoren
kritisiert werden (z.B. Clark 2002; Clark
2003; Marchant 2004; Marchant 2005).
Nicht zuletzt spielt auch der Vorwurf der
Befangenheit eine Rolle, der insbesondere
einigen Studien von Kate Painter anhaftet,
die durch Fördergelder des ILE (Institute
of Lighting Engineers) finanziert worden
seien (vgl. Clark 2002; Mosser 2007).
Dem gegenüber steht allerdings wiederum
die Nähe einiger der Kritiker zu Organisa-
tionen, die sich um den Schutz des Ster-
nenhimmels bemühen.
Dazu bietet auch Sophie Mosser
(2007) einen sehr umfassenden Über-
blick. Neben einer Reflexion des Standes
der Forschung, geht sie unter anderem
auf die enge Verflechtung der Studien mit
politischen Entscheidungsprozessen, The-
orien und Instrumenten situativer Krimi-
nalprävention und möglichen Interessen
von Lampenherstellern und (politischen)
Institutionen ein.
Freilich wären in diesem Rahmen auch
weiterführende Untersuchungen relevant,
die Mossers Ansatz aufgreifen und über-
prüfen, inwieweit unterschiedliche Akteu-
re selektiv und ihren Interessen zuspielend,
die kontroversen Ergebnisse zitieren.
2.1.2 Subjektive Sicherheit
Die Frage nach dem Zusammenhang von
Beleuchtung und dem subjektiven Sicher-
heitsgefühl wird unter anderem auch in
einigen der oben genannten Studien erho-
ben. Dabei stellen viele der Fallstudien fest,
dass Unsicherheitsgefühle im öffentlichen
Raum durch künstliches Licht reduziert
werden können und zudem grundsätzlich
ein großes Vertrauen in Beleuchtung als
Mittel der Kriminalprävention existiert
(z.B. Tien u.a.1979; Atkins u. a. 1991; Eck
2002). Angesichts der Kontroversen über
den Einfluss von Beleuchtung auf die ob-
13
Sicherheit
jektive Sicherheit, tritt der Aspekt der sub-
jektiven Sicherheit allerdings etwas zurück.
Gegenteilig verhält es sich im deutsch-
sprachigen Forschungsdiskurs. Hier exis-
tieren kaum relevante Veröffentlichungen
zum Zusammenhang von Beleuchtung
und Kriminalitätsaufkommen, während
die Abhängigkeit des Sicherheitsgefühls
von der Beleuchtungssituation im öffentli-
chen Raum in unterschiedlichen Publika-
tionen verhandelt wird.
Das Themenfeld wurde zuerst als Teilas-
pekt der gendersensitiven Raum- und Kri-
minalitätsfurchtforschung behandelt, ist in-
zwischen aber unter anderem auch Teil des
Gender Mainstreaming“ vieler kommu-
naler Stadtentwicklungskonzepte (vgl. z.B.
Stadt Flensburg 2007; Senatsverwaltung
Stadtentwicklung Berlin 2011) und wird
teilweise auch in die polizeiliche Arbeit zur
städtebaulichen Kriminalprävention aufge-
nommen (vgl. z.B. Innenministerium des
Landes Schleswig-Holstein 2006).
Ausgangspunkt der Überlegungen ist
dabei, dass sich vor allem Frauen und ältere
Menschen nach Einbruch der Dunkelheit
vermehrt mit Unsicherheits- und Angstge-
fühlen im öffentlichen Raum aufhalten, die
in Abhängigkeit städtebaulicher Merkmale
als stärker oder schwächer erlebt werden.
Die Frage, welche Elemente zu der Ent-
stehung dieser sogenannten Angst- oder
Gefahrenräume beitragen, wird vor allem
im Rahmen lokalräumlicher Befragungen
untersucht (z.B. Rau 1991; Stadt Heidel-
berg1997; Ankum 1999). Darunter befas-
sen sich viele ganz explizit mit der Situa-
tion in einem ganz bestimmten Teilraum,
um entsprechend angepasste Handlungs-
empfehlungen zu formulieren.
Auch wenn mangelnde oder schlech-
te Beleuchtung nicht immer als einziger
Grund für ein subjektiv erlebtes Unsi-
cherheitsgefühl aufgeführt wird, können
die meisten Studien zeigen, dass eine Ver-
besserung der Beleuchtungssituation von
einem Großteil der Befragten erwünscht
und nicht selten sogar an erster Stelle ge-
nannt wird. Viele der Autoren erklären das
vor allem mit zwei Gründen: Auf der ei-
nen Seite schaffe Beleuchtung Übersicht-
lichkeit und ermöglicht Sichtbeziehun-
gen. Auf der anderen Seite erhöhe Licht
die soziale Kontrolle und könne unter
Umständen sogar zu einer Belebung des
öffentlichen Raums beitragen, wodurch
sich auch das subjektive Sicherheitsgefühl
erhöhen könne.
Gstach (2004) weist aber zum Be-
spiel in ihrem Aufsatz „Spot an – Frau-
en erobern die nächtliche Stadt“ darauf
hin, dass sich auch Dunkelheit oder sehr
diskrete Beleuchtung unter bestimmten
Bedingungen positiv auf das Sicherheits-
gefühl auswirken könne. Passantinnen
fühlten sich so nicht „ins Rampenlicht
gestellt oder geblendet. Zudem weisen
sie und einige andere Autoren darauf hin,
dass Beleuchtung oder allgemeiner, die
Umgestaltung der baulichen Umwelt, nur
bedingt Unsicherheitsempfinden vermin-
dern oder ganz und gar aufzulösen vermö-
14 Sicherheit
ge, da die entsprechenden Ängste oft vor
allem sozial konstruiert
1
seien (vgl. auch
Sessar 2006).
2.2 unfallprävention
Unfallprävention als Funktion künstlicher
Beleuchtung bezieht sich sowohl auf die
Straßenbeleuchtung als auch die mobilen
Lichter der Verkehrsteilnehmer, illumi-
nierte Verkehrszeichen, die Sicherheits-
befeuerung an Flughäfen, Windkraft- oder
Industrieanlagen und nicht zuletzt auch
auf die Außenbeleuchtung privater Wohn-
einheiten.
Mit dem Themenfeld befassen sich in
erster Linie verkehrswissenschaftliche,
lichttechnische oder wahrnehmungs- und
verkehrspsychologische Forschungsarbei-
ten, welche zum Beispiel mit Blick auf die
Verkehrssicherheit optimale Licht- und
Sichtbedingungen unter unterschiedli-
chen Raum- und Nutzungsansprüchen un-
tersuchen
2
. Dabei ist der Zusammenhang
zwischen Beleuchtung und der Verbesse-
rung der Verkehrssicherheit grundsätzlich
kaum umstritten. So weisen beispielsweise
zahlreiche Studien nach, dass die Beleuch-
tung von Straßen sowohl die Häufigkeit,
1 Sessar, Rau und Ruhne nennen hier vor allem tradierte Rollenmuster,
die Frauen im Haus verorten und/oder die Konstruktion der Frau als
‚schwaches’ und leicht zu viktimisierendes Geschlecht.
2 Bandbreite und Inhalt der technischen und naturwissenschaftlichen
Forschungsdiskurse können an dieser Stelle nicht reflektiert werden.
als auch die Schwere von Unfällen redu-
zieren könne (z.B. Monsere/Fischer2008;
Hyari/El-Rayes 2006). Bestätigt werden
diese Einzelergebnisse auch in verschie-
denen Meta-Analysen. Elvik (1995)
(37 untersuchte Studien), die Internati-
onal Commission on Illumination (CIE)
(1993) (über 100 untersuchte Studien)
oder Beyer und Ker (2009) (17 unter-
suchte Studien) zeigen beispielsweise, dass
die bestehenden Studien mehrheitlich ei-
ne Verbesserung der Verkehrssicherheit
durch Straßenbeleuchtung nachweisen
können. Nach Beyer und Ker (2009) ist
dieses Ergebnis auch unter unterschiedli-
chen räumlichen Bedingungen stabil. Ins-
besondere mit Blick auf die europäischen
Debatten bleibt aber anzumerken, dass
der Nutzen von Autobahnbeleuchtung vor
allem hinsichtlich der hohen Kosten und
des Energieverbrauchs als eher geringfü-
gig eingeschätzt wird (vgl. z.B. Hasson/
Lutkevich 2002; Region Wallonie 2003;
TRILUX AG 2009).
Trotz des eher unumstrittenen Wirk-
zusammenhangs von Beleuchtung und
Verkehrssicherheit, sind Kosten-Nutzen-
Analysen generell ein wichtiger Bestandteil
der Debatte. Im Vordergrund der Literatur
steht dabei zunächst die Frage, ob die Ver-
besserung der Verkehrssicherheit so er-
heblich ist, dass die hohen (kommunalen)
Ausgaben für Bereitstellung, Unterhalt und
Betrieb der Leuchten gerechtfertigt sind.
Die deutschsprachige Forschung befasst
sich hierzu unter anderem mit gängigen
15
Sicherheit
kommunalen Praktiken, die verwendet
werden, um die Kosten für die Straßen-
beleuchtung möglichst gering zu halten.
Darunter fällt zum Beispiel das Abschal-
ten jeder zweiten Lampe oder auch ganzer
Straßenzüge. Untersucht wird dabei vor
allem, ob und in welchem Ausmaß das
Unfallgeschehen durch diese Maßnahmen
beeinflusst wird (vgl. Uschkamp/Mese-
berg1995). Hierzu gibt es auch einige in-
ternationale Studien, die sich im Rahmen
von differenzierten Analysen mit der Frage
auseinandersetzen, ab wann (Anzahl der
Unfälle und Verkehrsaufkommen) Stra-
ßenbeleuchtung unter Berücksichtigung
der volkswirtschaftlichen Kosten und Nut-
zen sinnvoll ist (vgl. TRILUX AG 2009).
Einen ganz anderen Zugang zu dem
Forschungsfeld bieten darüber hinaus
verhaltenspsychologische Studien, die
beispielsweise überprüfen, inwieweit bes-
sere Sichtbedingungen zu einer Verhal-
tensadaptation – zum Bespiel im Sinne
einer Erhöhung der Fahrgeschwindigkeit
– führen, durch welche die gewonnenen
Sicherheitsverbesserungen wieder aufge-
hoben werden könnten (z.B. Jorgensen/
Pedersen 2002; Schlagu.a.2009) oder in-
wieweit das erhöhte Unfallaufkommen bei
Nacht nicht nur auf schlechte Sichtbedin-
gungen in Folge von Dunkelheit, sondern
auf andere Parameter wie Übermüdung
(z.B. Zulley/Knab 2009), Alkoholisierung
der Fahrer, oder leistungs- und erlebnis-
bezogene Fahrstile (Schlag u. a. 2009)
zurückzuführen ist. Allerdings werden in
letzteren Forschungsansätze nur selten die
Wirksamkeit von Verkehrsbeleuchtung
grundsätzlich hinterfragt, sondern viel-
mehr ergänzende Erklärungsmuster für
das proportional erhöhte Unfallaufkom-
men bei Nacht bereitgestellt.
Neben den theoretischen Überlegun-
gen zur Zweckmäßigkeit und Nutzen der
Straßenbeleuchtung in Bezug auf die Ver-
kehrssicherheit, hat sich die Forschung
aber bislang noch kaum vertiefend mit der
Frage auseinandergesetzt, welche struk-
turellen Gegebenheiten oder finanz- und
energiepolitischen Abwägungsprozesse
auf kommunaler Ebene der Bereitstellung
und dem Betrieb der Straßenbeleuchtung
vorangehen. Das bezieht auch Fragen
nach der Art und Weise der Umsetzung
lichttechnischer Erkenntnisse zur Ge-
währleistung der Verkehrssicherheit mit
ein, insbesondere der DIN-Normen. Dar-
an anknüpfend wären grundsätzlich auch
Forschungsansätze wünschenswert, wel-
che den Entstehungsprozess und mögliche
Kontroversen um lichttechnische Normen
und Standards nachvollziehen. Relevant
wäre zum Beispiel die Auseinandersetzung
mit der Frage, in welchem Ausmaß jene
Standardisierungsprozesse bestimmten
technologischen und gesellschaftlichen
Brüchen oder Pfadabhängigkeiten unter-
liegen und in welche politischen Rahmen-
bedingungen sie eingebettet sind.
Jenseits der Forschung zu Straßenbe-
leuchtung und Verkehrssicherheit, weisen
aber auch einige neuere Untersuchungen zu
16 Sicherheit
der Hindernisbefeuerung von Windkraft-
anlagen sozialwissenschaftliche Anschluss-
stellen auf. Grund dafür ist vor allem die
Frage, inwieweit die Akzeptanz von Wind-
dern negativ durch die gesetzliche ge-
regelte Sicherheitsbefeuerung beeinflusst
wird (Hübner/Pohl 2010; Seitz2011) bzw.
sie zu einer erheblichen Beeinträchtigung
des Landschaftsbilds führt (z. B. Runge
2006; Bosch & Partner 2007; Klinski u. a.
2007). Daran schließen sich auch ökologi-
sche Bedenken an, bei denen es einerseits
um den Schutz von Vögeln geht und ande-
rerseits um den Energieverbrauch.
17
Ausdehnung wirtschaftlicher und freizeitlicher Aktivitäten
3. auSdEhnung wIrtSchaftlIchEr
und frEIzEItlIchEr aktIvItätEn
Erst durch künstliche Beleuchtung wur-
de es möglich, die Zeit nach Einbruch der
Dunkelheit für jegliche Aktivitäten – frei-
zeitlich sowie wirtschaftlich – zu nutzen. Ei-
ne der elementaren Funktionen von Licht
ist es, Handlungsspielräume in zeitlicher
und räumlicher Hinsicht zu vergrößern.
Inwieweit Ausmaß und Ausdehnung
der Lichtnutzung ein Indikator für Verstäd-
terung und sozio- ökonomische Aktivitäten
ist, zeigen verschiedene jüngere Studien,
die auf Grundlage nächtlicher Satellitenbil-
der untersuchen, ob und in welchem Aus-
maß die Menge des nächtlichen Lichtaus-
stoßes mit der wirtschaftlichen Leistung
eines Landes oder einer Region korreliert
und dabei gleichzeitig ein Indikator für
die räumliche Ausdehnung urbaner Sied-
lungsstrukturen ist (z. B. Hunter/Craw-
ford1991; Doll u.a.2000; Dollu.a. 2006;
Florida u. a. 2010; Gallaway u. a. 2010;
Hendersonu.a.2010; Kulkarni u. a. 2010).
Darüber hinaus wurde der Faktor künst-
liche Beleuchtung bislang jedoch kaum
in sozialwissenschaftliche Forschungs-
ansätzen integriert, die sich mit gesell-
schaftlichen Zeitkonzeptionen jenseits
des natürlichen Tag-/Nacht- bzw. Hell-/
Dunkel-Rhythmus auseinandersetzten. Das
gilt sowohl für die sozial- und raumwissen-
schaftliche Zeitforschung (z. B. Eberling/
Henckel 1998; Eberling/Henckel 2002;
Henckel 2009) als auch für die Studien zu
Nacht- und Schichtarbeit
3
oder Untersu-
chungen zu Freizeit- und Vergnügungsver-
halten
4
. Veröffentlichungen der Internatio-
nal Dark Sky Association oder verwandter
Institutionen weisen zwar wiederholt auf
den Zusammenhang von nächtlicher Wirt-
schafts- und Freizeitaktivität und exzessiver
Lichtnutzung hin (Horts 2007; Navara/
Nelson 2007)
5,
und auch das Zeitpolitische
Magazin widmet 2009 den Umweltstres-
soren Licht und Lärm eine ganze Ausgabe
(darin Henckel 2009; Dannemann 2009;
Zeiher 2009). Systematische gegenwarts-
bezogene Analysen finden sich aber eher
selten. Vielmehr zitieren auch die sozial-
wissenschaftlichen Arbeiten häufig aus dem
3 Einschränkend muss gesagt werden, dass Licht durchaus in medizini-
schen Studien zu Nacht- und Schichtarbeit in Hinblick auf mögliche
gesundheitsschädigende Wirkungen untersucht wird. An dieser Stelle
sind aber in erster Linie sozialwissenschaftliche Studien zu den gesell-
schaftlichen Auswirkungen von Schichtarbeit gemeint (vgl. Kapitel5).
4 Vor allem in Großbritannien hat sich eine Forschungsrichtung entwi-
ckelt, die sich unter dem Begriff ‚night-time-economies’ aus sozial-
wissenschaftlicher und humangeographischer Perspektive mit der
Produktion, Regulierung und Konsumierung nächtlicher Vergnügungs-
kulturen beschäftigt (z. B. Bianchini 1995; Chatterton 2002; Chatterton/
Robert Hollands 2003; Darney 2009; Jayne 2008; R. Hollands 2002).
Licht findet hier zwar gelegentlich Erwähnung als ermöglichender Fak-
tor, im historischen Rückgriff (Prahl 2002; Roberts/Eldridge 2009) oder
im Zusammenhang mit einem nächtlichen Sicherheitsdiskurs (Mo-
nahan/Oxley 2008), wird aber in den Analysen zumeist ausgelassen.
5 Hier geht es allerdings vor allem um die Nennung von Lichtquellen,
die Konsequenz freizeitlicher und wirtschaftlicher Nachtnutzung sind,
wie z.B. Sky Beamer, Sportstadien, Industrieanlagen oder Licht, das
durch Schau- oder Bürofenster in den Außenraum emittiert wird.
18 Ausdehnung wirtschaftlicher und freizeitlicher Aktivitäten
umfangreichen geschichtswissenschaftli-
chen Literaturkanon
6
, um die Wechselwir-
kungen zwischen künstlicher Beleuchtung
und der Ausdehnung freizeitlicher- und
wirtschaftlicher Aktivitäten zu beschreiben.
Angesichts dessen ist vor allem Stefan
Hochstadts Aufsatz „Die Stadt und das
Licht“ (2010) hervorzuheben. Er betrach-
tet künstliche Beleuchtung unter anderem
explizit in ihrer Funktion, Zeitkonzepti-
onen jenseits natürlicher Rhythmen zu
ermöglichen. Vor diesem Hintergrund ar-
beitet er unter anderem die Rolle künstli-
chen Lichts bei der Ausdifferenzierung des
kapitalistischen Wirtschaftssystems und
der Entwicklung der modernen Stadt he-
raus und argumentiert ferner, dass künst-
liches Licht, in dem Maße, wie zeitpoliti-
sche Konzeptionen Ausdruck kultureller
Identitäten seien, auch konstituierend zu
diesen beitrüge.
Insgesamt weist die sozial- und raum-
wissenschaftliche Forschungsliteratur zu
Beleuchtung als ermöglichendem Faktor
für die Emanzipation von natürlichen
Tag-/Nachtrhythmen aber noch erhebli-
che Desiderate auf. Wünschenswert wären
z.B. Ansätze, die anknüpfend an die sozial-
und raumwissenschaftliche Zeitforschung
Lichtnutzung im Spannungsfeld zeitstruk-
tureller Veränderungen betrachten. Hier
gälte es zu erfassen, welche (licht)räum-
lichen Konsequenzen sich aus zeitlich zu-
6 Für eine genau Darstellung des geschichtswissenschaftlichen Stands
der Forschung vgl. Hasenöhrl 2012.
nehmend flexibilisierenden Lebenswelten
ergeben, in der kollektive Rhythmen mehr
und mehr erodieren (z.B. Eberling/Hen-
ckel 2002; Pohl 2006; Henckel 2009). Pohl
(2006) und Eberling/Henckel (2002) bie-
ten hier z.B. mit ihren Forschungen zur
Ausbildung zeiträumlich differenzierter
Chronotope“ (Pohl 2006) sinnvolle An-
knüpfungspunkte, um zu überprüfen, ob
überhaupt und inwieweit unterschiedliche
topographische Zeitverwendungsmuster
mit verschiedenen Lichtnutzungsarten
und -intensitäten korrelieren. Für die Pra-
xis könnten sich hieraus sinnvolle Orien-
tierungsgrößen für eine nachhaltige und
dynamische Lichtplanung ergeben. Einen
ersten Aufschlag, um diese Lücke aus pla-
nerischer und theoretischer Perspektive zu
schließen, macht die FH Dortmund mit
ihrem Forschungsprojekt „Licht_Raum
(FH Dortmund 2012). Unter anderem
geht es hierbei darum, Methoden zu erpro-
ben, mit Hilfe derer die jeweiligen Tempo-
ralstrukturen verschiedener städtischer
Teilräume dargestellt und in nachhaltige
und nutzerorientierte Beleuchtungskon-
zepte überführt werden können (vgl. dazu
hler/Sieber 2011).
Daran anknüpfend, wären auch Un-
tersuchungen denkbar, die Aufschluss
darüber geben, ob und inwieweit sich die
Bewertung und Wahrnehmung der Ge-
genpole Licht und Dunkelheit verschiebt,
wenn stark beleuchtete Räume immer
mehr zum Synonym für zeitliche Entgren-
zung und Missachtung der natürlichen
19
Ausdehnung wirtschaftlicher und freizeitlicher Aktivitäten
Rhythmen werden. Henckel (2009) ver-
mutet beispielsweise, dass dunkle oder
lichtarme Räume zunehmend als Luxus
empfunden werden könnten, nicht zuletzt
weil sie Ausdruck und Symbol für die Ein-
haltung der natürlichen Rhythmen seien.
Zudem bieten neuere Forschungsper-
spektiven zu urbanen Nachtlandschaften
mögliche kulturgeographische Anschluss-
stellen. Unter anderem werden hier An-
eignungspraktiken nächtlicher Räume
– besonders im Hinblick auf urbane Ver-
gnügungskulturen – im Spannungsfeld von
Privatisierung, Kommerzialisierung und
Festivalisierung diskutiert (Chatterton/
Hollands 2003; Roberts/Eldridge 2009;
Laimer 2011)
7
. In bereits bestehende
Forschungsansätze könnten dabei auch
Fragen zu Lichtpraktiken und -diskursen
integriert werden, um so die Perspektiven,
um die Modi der Erschließung nächtlicher
Zeiträume zu erweitern.
7 Tatsächlich gibt es dazu bislang noch sehr wenige Publikationen
– ausgenommen ist der bereits weiter oben erwähnte Forschungs-
strang um „night-time economies“. Allerdings zeigt sich das zuneh-
mende Forschungsinteresse vor allem in neueren Forschungsprojek-
ten oder Beiträgen auf internationalen Konferenzen: vgl. z.B. http://
conference.rgs.org/AC2011/272; http://meridian.aag.org/callforpa-
pers/program/SessionDetail.cfm?SessionID=11773, oder Blogs wie
www.stadtnachacht.de/;
21
Licht als Gestaltungsmittel: Zwischen Inszenierung, Ästhetisierung und Vermarktung
4. lIcht alS gEStaltungSmIttEl:
zwISchEn InSzEnIErung,
äSthEtISIErung und vErmarktung
Licht als Gestaltungsmittel ist Gegen-
stand zahlreicher Veröffentlichungen und
Forschungsrichtungen, die zusammen-
gefasst einen ebenso umfangreichen wie
heterogenen Literaturkanon ergeben. Die
Bandbreite der Literatur umspannt dabei
sowohl disziplinäre Arbeiten zu Einzelthe-
men wie Architekturbeleuchtung, Licht-
design, Lichtkunst oder Lichtwerbung als
auch Veröffentlichungen, die sich mit der
temporären oder permanenten Gestaltung
ganzer Stadt- oder Teilräume durch künst-
liche Beleuchtung befassen. Inhaltlich
sind die Publikationen dabei sehr unter-
schiedlich ausgerichtet und reichen von
technisch, wahrnehmungspsychologisch
oder gestaltungstheoretisch orientierten
Publikationen zur Einbettung von Licht in
die Baukörper, über kunsthistorische und
-theoretische Abhandlungen zur Licht-
kunst, bis hin zu Werkbeschreibungen
realisierter Entwürfe (wie zum Bespiel
lichtplanerischer Stadtraum- oder Fassa-
dengestaltungen) und Betrachtungen, die
sich mit temporären Beleuchtungsanwen-
dungen (wie beispielsweise Weihnachts-
beleuchtung oder Lichtfestivals) befassen.
Funktionen, die mit den gestalteri-
schen Lichtpraxen in den verschiedenen
Forschungsdiskursen in Verbindung ge-
bracht werden, sind dabei zum Beispiel
die Lenkung der Aufmerksamkeit auf ein
Produkt, eine Warenauslage (z.B. Böcker
1990; Schielke2010) oder ein städtebau-
lich relevantes Bauwerk, die Vermittlung
eines Images oder die Vermarktung lo-
kaler und regionaler Identitäten im Rah-
men von Stadtmarketingkampagnen (z.B.
Hustedt2005; Moll 2005; Hamard 2010).
Als Instrument der Stadtentwicklung soll
gestalterische Lichtplanung darüber hi-
naus die Regenerierung benachteiligter
Quartiere unterstützen oder die Lebens-
qualität der Anwohner verbessern (z.B.
Köhler2007; Schmidt/Töllner 2008).
Obgleich an vielen Stellen auf die at-
mosphärischen, raumbildenden, aufmerk-
samkeitsgenerierenden, symbolischen oder
kommunikativen Eigenschaften von Licht
verwiesen wird, gibt es – mit Ausnahme
der Publikationen, die Lichtkunst betreffen
– gegenstandsübergreifend in erster Linie
gestaltungstheoretische bzw. anwendungs-
und praxisbezogene Veröffentlichungen
oder historische und kulturgeschichtliche
Abhandlungen. Vergleichsweise selten sind
Publikationen mit gegenwartsbezogenen
sozial- und raumwissenschaftlichen Fra-
22 Licht als Gestaltungsmittel: Zwischen Inszenierung, Ästhetisierung und Vermarktung
gestellungen oder systematische Evaluie-
rungen der Handlungspraxen in Bezug auf
die erwünschten Funktionen. Das ist be-
sonders deswegen erstaunlich, weil sowohl
objekt- als auch raumbezogene Lichtgestal-
tungen mit Funktionen, Eigenschaften und
Semantiken assoziiert werden, die über die
künstlerische oder dekorative Dimension
hinausweisen und gestalterische Lichtver-
wendungen in den Bereich einer kulturel-
len, sozialen und ökonomischen Praxis
rücken.
Die symbolische und metaphysische
Bedeutung von Licht und deren Instru-
mentalisierung wird beispielsweise vorwie-
gend aus (kultur-)historischer Perspektive
bearbeitet. Insbesondere breiter angelegte
Veröffentlichungen, die sich um eine kul-
turelle oder historische Verortung der ge-
sellschaftlichen Bedeutung von (Kunst-)
Licht bemühen, beschreiben repräsentati-
ve Lichtgestaltungen zur Demonstration
von Herrschaftlichkeit, Bürgerlichkeit,
politischer und ökonomischer Macht oder
Fortschrittlichkeit vor allem anknüpfend
an geistes- und geschichtswissenschaftli-
che Forschungsarbeiten (z.B. Auer 1997;
Hirdina 2004). Darüber hinaus widmen
auch Aufsatzsammlungen wie zum Bei-
spiel der Band „Gestaltung mit Licht“ von
Baatz (1994) oder der Ausstellungskata-
log „Stadtlicht – Lichtkunst“ (Brockhaus
2004) den metaphysischen, politischen
oder geistesgeschichtlichen Aspekten von
Licht eigene Beiträge (Sloterdijk 1994;
Kleine 2004). Der Fokus liegt aber auch
hier vor allem auf (kultur-)historischen
Betrachtungen und Analysen, die freilich
einen wichtigen Beitrag zum Verständnis
heutiger Lichtpraktiken liefern, aber Fra-
gen nach gegenwärtigen und durch weltan-
schauliche Veränderungen geprägte Licht-
semantiken offen lassen.
Ganz ähnlich ist auch der Forschungs-
stand zu kommerziellen Lichtpraktiken
zu bewerten. Während zahlreiche ge-
schichtswissenschaftliche Arbeiten über
den Einfluss von Lichtwerbungen auf den
öffentlichen Raum existieren und auch
Kontroversen um Leuchtreklamen aus
historischer Perspektive recht ausführlich
beleuchtet werden (vgl. Hasenöhrl2013),
gibt es nur wenige Publikationen zu gegen-
wärtigen merkantilen Beleuchtungspraxen,
die über technische oder gestaltungsprakti-
sche Fragestellungen hinausgehen. Dabei
wird der Einfluss von Außenwerbung auf
den öffentlichen Raum und eine damit
verbundene Kommerzialisierung oder
Privatisierung desselben durchaus aus ver-
schiedenen Perspektiven bearbeitet (z.B.
Franck 2005; Lehmann 2008). Auch fin-
den Fragen nach den gesellschaftlichen und
umlichen Implikationen großformatiger
Medienfassaden immer mehr Beachtung
(z.B. McQuire u. a. 2009), der Fokus liegt
dabei allerdings selten auf den Nachtan-
sichten und den besonderen Funktionen
und Wirkweisen des Mediums Licht.
Zu den wenigen Autoren, die sich über-
haupt intensiver mit der räumlichen Wirk-
macht illuminierter (Werbe-)Botschaften
23
Licht als Gestaltungsmittel: Zwischen Inszenierung, Ästhetisierung und Vermarktung
befassen, gehören Krajina (2009) und
McQuire (2005, 2008). Allerdings geht es
beiden nicht ausschließlich um kommerzi-
elle Lichtverwendungen. Krajina (2009)
untersucht beispielsweise die Art und
Weise der Kommunikation urbaner „Bild-
schirme“ und fragt vor dem Hintergrund
eines relationalen Raumverständnisses,
wie die sogenannten „Screens“ Raum und
Bedeutung konstruieren. Er verweist dabei
insbesondere auf das Medium Licht, durch
das die Botschaften von ihrem materiel-
len Hintergrund herausgelöst und in den
Raum hineingeschwemmt würden. Das
Licht schaffe so neue bedeutungsgeladene
Räume, welche die festen Strukturen der
gebauten Umwelt überlagerten und den
Raum neu vermittelten.
Ähnlich argumentiert auch McQuire
(2005) in seinem Aufsatz „Immaterial Ar-
chitectures“. Mit Blick auf die Zeit zwischen
Elektrifizierung und Zweitem Weltkrieg,
befasst er sich mit der Frage, wie gestalte-
rische und werbewirksame Beleuchtungs-
anwendungen das raumzeitliche Erleben
urbaner Nachtlandschaften verändert ha-
ben. Entscheidend ist für ihn dabei, dass
die festen Baukörper durch das Licht zu
immateriellen und leicht veränderlichen
Erscheinungen würden, welche die urba-
nen Nachtlandschaften mit immer neuen
Zeichen überspülten. Das kontinuierliche
Raumregime der Tagansicht verändere sich
so zu einem relationalen Raumgefüge, in
dem die illuminierten Botschaften das Erle-
ben von Raum und Zeit konstruieren.
Ergänzend hierzu sind auch die Ar-
beiten von Hasse (2004, 2006a) oder
Ludwig (2011) zu nennen, die sich aus
phänomenologischer Perspektive mit der
umlichen Wirkung und Wahrnehmung
von Licht befassen. Ausgangspunkt ihrer
Betrachtungen sind allerdings die zuneh-
menden Inszenierungen privater oder
öffentlicher Geude durch Lichtarran-
gements. Beide Autoren argumentieren,
dass sich die Wahrnehmung und Bedeu-
tungsproduktion von Licht nicht nur auf
der verstandesrationalen, sondern vor
allem auf der sinnlichen Ebene der leibli-
chen Kommunikation vollzieht. So ließen
sich durch Licht Gefühlswelten vermit-
teln, die sich einer Versprachlichung und
damit gleichermaßen auch einer (wissen-
schaftlichen) Kritik entzögen. Für Hasse
sind die gestalterischen Lichtpraxen da-
her nicht zuletzt „ästhetisches Dispositiv
(Hasse 2004) und ein Instrument, um
ein imagepolitisches Selbstverständnis
jenseits realer Problemlagen zu kommuni-
zieren Ganz ähnlich sieht Ludwig (2011,
S.37) die „[…] Verdrängung von Realität
zugunsten einer Welt des Scheins, einer
Oberflächenästhetik“.
Einen sehr viel anwendungsorientier-
teren Zugang zu den Funktionen und der
Raumwirksamkeit gestalterischer Licht-
verwendungen verfolgen die Arbeiten zu
teil- und ganzräumigen Lichtkonzepten
bzw. stadträumlicher Lichtplanung. Der
Forschungskanon ist in diesem Fall einer-
seits von planungsorientierten Publika-
24 Licht als Gestaltungsmittel: Zwischen Inszenierung, Ästhetisierung und Vermarktung
tionen wie zum Bespiel „Licht für Städte
– ein Leitfaden zur Lichtplanung im urba-
nen Raum“ von Brandi/ Geissmar-Brandi
(2007) oder „StadtLicht – Lichtkonzep-
te für die Stadtgestaltung“ von Schmidt/
Töllner (2006) geprägt, die sich vor allem
an Praktiker, insbesondere Planer oder Stu-
denten der planenden Disziplinen richten.
Andererseits gibt es eine Fülle von Werkbe-
schreibungen zu bereits konzipierten Pro-
jekten (z.B. Hooftman 2004; Wück 2004;
Sack o. J.). Subsumiert unter dem Stichwort
„Lichtplanung“ handelt es sich hierbei aber
sowohl um ausführliche Erläuterungen
stadtübergreifender Lichtkonzepte als auch
um lokal begrenzte Vorhaben, die sich nur
auf ein Objekt und seine unmittelbare Um-
gebung beziehen oder auf Objektensemb-
les, wie die stillgelegten Industriestätten im
Ruhrgebiet. Dabei geht es insbesondere bei
den integrativen und übergreifenden Licht-
konzepten darum, die Aufenthaltsqualität
im nächtlichen Stadtraum sowohl im funk-
tionalen, als auch im gestalterischen Sinne
zu erhöhen und die Lichtnutzung gleich-
zeitig an ökologische und ökonomische
Anforderungen zu koppeln (vgl. z.B. Nar-
boni 2006; Schmidt/Töllner2006). Licht-
planungsvorhaben werden darüber hinaus
auch als Instrument für ein imageorientier-
tes Stadtmarketing beschrieben, durch das
zum Beispiel die lokalen Identitäten und
Besonderheiten betont und überregional
an potenzielle Touristen kommuniziert
werden können (z.B. Allemann 2004; Hus-
tedt 2005; Hamard 2010).
Allerdings zeigt auch der Literaturka-
non zu Lichtplanung und den damit in-
tendierten Funktionen, dass es zwar eine
große Anzahl unterschiedlicher Veröf-
fentlichungen gibt, darunter aber nur sehr
vereinzelt sozialwissenschaftliche Studien
zu finden sind. Tendenziell sind die Pub-
likationen eher deskriptiv oder befassen
sich hauptsächlich mit gestaltungstheore-
tischen Aspekten.
Eine Ausnahme stellt Köhler (2009,
2010) dar, der sich beispielsweise mit der
Frage befasst, welche Rolle künstliche Be-
leuchtung in der Stadt einnimmt und an-
hand dessen zeigt, warum Lichtplanung
ein integrativer Teil der Stadtplanung sein
sollte. „[…] Kunstlicht [ist] eine eige-
ne wirksame Gestaltungsquelle, die den
formgebenden und materiellen Gestal-
tungsquellen hinzugefügt wird und dabei
mehr als diese […] aktivitäts- sowie hand-
lungsleitend ist“ (Köhler 2010, S.189). Da-
bei beeinflusse Licht ganz wesentlich die
räumliche und zeitliche Orientierung im
Stadtraum, die ästhetische Rezeption des
sozialräumlichen Gefüges und die Identi-
fikation mit dem Lebensumfeld.
Noch deutlicher führt das noch Schul-
te-Römer (2012) in ihrem Beitrag „En-
lightened cities: Illuminations for urban
regeneration“ aus. Sie fragt am Beispiel des
Lichtprogramms der Stadt Liverpool nach
der Bedeutung und den Möglichkeiten von
Lichtplanung als Instrument der Stadtent-
wicklung und koppelt von der Stadt erho-
bene Daten mit theoretischen Überlegun-
25
Licht als Gestaltungsmittel: Zwischen Inszenierung, Ästhetisierung und Vermarktung
gen zur Wirkung und Wahrnehmung von
Licht. Dabei betrachtet sie vor allem drei
eng miteinander verschränkte Funktionen,
die mit der konzeptionellen Lichtplanung
im Rahmen der Stadterneuerung assozi-
iert werden: Mit den Illuminationen der
städtebaulich relevanten Landmarken und
Wegzusammenhänge habe Liverpool ers-
tens eine positiv besetzte ikonographische
Erzählung der Stadtgeschichte und der „ur-
banen Renaissance“ (S.146) sowohl an die
eigenen Einwohner als auch über verschie-
dene Medien an Touristen und Besucher
kommunizieren können. Zweitens schaffe
die Beleuchtung angenehme, belebte und
sichere Atmosphären, die positiven Ein-
fluss auf das Nachtleben und den damit ver-
bundenen Wirtschaftssektor hätten, denn
das Licht beeinflusse drittens die sozialen
Interaktionen und Bewegungen im öffentli-
chen Raum. Schulte-Römer streicht in ihrer
Betrachtung vor allem die Potenziale von
Licht bei der Stadtentwicklung heraus, be-
tont aber gleichzeitig, dass der tatsächliche
Beitrag von Licht zur Stadterneuerung nur
schwer quantifizierbar sei, vor allem dann,
wenn Lichtprogramme, wie in Liverpool,
von zahlreichen anderen Stadtentwick-
lungsmaßnahmen flankiert würden.
Hackenfort (2011) beschäftigt sich hin-
gegen mit der Bedeutung und Funktion der
illuminierten Industriedenkmäler im Ruhr-
gebiet für die Imagebildung der Region.
Ihm geht es aber weniger um eine ausführ-
liche Diskussion der Eigenschaften oder
des kulturellen Stellenwerts künstlicher Be-
leuchtung, vielmehr ordnet er seine Refle-
xionen in breiter angelegte Fragestellungen
um eine dem Stadt- und Regionalmarketing
verpflichtete Konstruktion des regionalen
Images ein. Kern des Beitrags sind dabei vor
allem Überlegungen zu Motivation und Er-
lebnis des im Standortwettbewerb immer
bedeutsamer gewordenen Städtetourismus,
bei dem die Reisenden durch das vorher
erwartete Besondere der Destination, Di-
stanz zu ihren Alltagserfahrungen suchten.
Für Hackenfort folgen die Lichtprojekte an
den alten Industriestandorten im Ruhrge-
biet eben jener Logik. Sie deuteten Indus-
trie- und Arbeitsstätten zu immateriellen
Kunstwelten um und überformten damit
die sogenannte „Industriekultur“ zu einem
Mythos. Damit sind sie Teil einer „[…]
intentional auf die touristische Perspektive
zugeschnittene[n] Erzählung der Wirklich-
keit, die mit Hilfe des Lichts die Aufmerk-
samkeit orientierungs- und imagestiftend
auf das lenkt, was gesucht wird“ (S. 177).
Am Beispiel des Lichtfestivals der
britischen Stadt Blackpool fragen auch
Edensor und Millington (2012) nach der
Verwendung von Lichtinszenierungen im
Rahmen von „cultural-“ bzw. „design-led“
Stadtentwicklungsprogrammen. Aller-
dings betrachten die Autoren vielmehr die
Art und Weise und Ästhetik der Lichtins-
tallationen. Deutlich kritisieren sie dabei,
dass besonders dann, wenn ein Image nach
außen kommuniziert werden soll, hege-
moniale (Licht-)Ästhetiken übernommen
würden, die vor allem den Vorstellungen
26 Licht als Gestaltungsmittel: Zwischen Inszenierung, Ästhetisierung und Vermarktung
der sogenannten „creative class“ bzw. der
gebildeten bürgerlichen Mittelschicht
entsprächen, dabei aber weder eventuell
bereits vorhandene lokale Expertisen noch
die Wünsche der lokalen Bevölkerung
miteinbezögen. Ähnlich wie in ihrer Stu-
die zur privaten Weihnachtsbeleuchtung
in Groß Britannien (Edensor/Millington
2009) zeigen die Autoren, dass sich die
Lesarten von Lichtsemantiken sehr stark
zwischen verschiedenen Rezipientengrup-
pen – in diesem Fall unterschiedlichen
gesellschaftlichen Schichten – unterschei-
den können. In dem Maße, wie ästhetische
Vorstellungen Produkte kultureller und
milieuspezifischer Sozialisation seien, wi-
chen auch die normativen Bewertungen
von Lichtinszenierung voneinander ab.
27
Funktionen der Dunkelheit
5. funktIonEn dEr dunkElhEIt
Den Funktionen von Dunkelheit wurde
in der gegenwartsbezogenen Literatur
bislang kaum Rechnung getragen. Sie rü-
cken erst seit einiger Zeit in den Fokus
wissenschaftlicher Betrachtungen und
Forschungsstränge. Es sind allerdings vor
allem die naturwissenschaftlichen Diszi-
plinen, die sich mehr und mehr der Frage
widmen, welche Auswirkungen das Ver-
schwinden der Dunkelheit auf Reproduk-
tionsverhalten, Biorhythmen, Artenvielfalt
etc. von Flora und Fauna hat.
8
Publikationen, welche die Funktionen
von Dunkelheit aus sozialwissenschaft-
licher Perspektive untersuchen, gibt es
bislang eher selten. Andeutungen, dass
Dunkelheit ein elementarer Bestandteil des
Erlebens unberührter Natur ist, finden sich
z.B. bei Kobler und Stöcklin (2004). Dar-
über hinaus sind bestehende Ansätze, die
Schnittstellen zur sozialwissenschaftlichen
Forschung aufweisen, in erster Linie in die
Debatte um „Lichtverschmutzung“ einzu-
ordnen, und legen ihren Fokus tendenziell
eher auf die Bedeutung der Sichtbarkeit des
Sternenhimmels, ohne mögliche andere
Funktionen von Dunkelheit zu diskutieren.
8 Für Vögel: Verheijen 1985; Dubey 1990; Evans Ogden 1996; Brom-
bach 2000; Jones/Francis 2003; BAFU 2006; Ballasus u. a. 2009; NABU
o. J.; für Insekten: Jones u. a. 1966; Eisenbeis/Hassel 2000; Höttinger/
Graf 2003; Eisenbeis 2006; Steck 1997; Eisenbeis 2009; Eisenbeis/
Hänel 2009; für Säugetiere: Tobler-Kost 1980; Nightingale u. a. 2006;
Boldogh u. a. 2007; Geiger u. a. 2007; für Fische: Tabor u. a. 2001;
Brüning u. a. 2010.
Bislang geben vor allem chronobio-
logische Forschungsansätze Hinweise zu
der Bedeutung von Dunkelheit für den
Menschen. Demnach ist der natürliche
Wechsel von Hell und Dunkel der ent-
scheidende Taktgeber für den zirkadianen
Rhythmus. Während Licht den Körper in
einen Zustand der Aktivität versetzt, leitet
Dunkelheit die Schlaf- und Regenerations-
phase ein. Allerdings steht eher der (ne-
gative) Einfluss künstlicher Beleuchtung
im Fokus chronobiologischer Studien,
als die positiven Eigenschaften von Dun-
kelheit. Störung der Schlaf- und Rege-
nerationsphase werden dabei ebenso als
gliche Konsequenzen der Nutzung von
Kunstlicht diskutiert, wie eine Erhöhung
des Risikos an Krebs zu erkranken (z.B.
Pauley2004; Spivey 2010; Stevens 2009;
Stevens u. a. 2007; Touitou u. a. 1990).
Bislang beziehen sich die meisten Unter-
suchungen dieser Art aber auf die Innen-
raumbeleuchtung und lassen kaum Rück-
schlüsse auf die Wirkung von Licht im
Außenraum zu. Andere Publikationen, die
sich mit den möglichen gesellschaftlichen
Folgen der Missachtung des natürlichen
Chronorhythmus beschäftigen, behandeln
Dunkelheit allenfalls am Rande und sind
eher in die Diskussion um die Konsequen-
zen einer ständig aktiven und mobilen Ge-
28 Funktionen der Dunkelheit
sellschaft einzuordnen (z.B. Spork 2004;
Zulley/Knab2009).
Differenzierte sozialwissenschaftliche
Untersuchungen, die überprüfen wie Dun-
kelheit bewertet wird und welche Funkti-
onen mit Dunkelheit assoziiert werden,
stehen bislang noch aus. Es gibt zwar – wie
weiter oben bereits besprochen – Studien
aus der Kriminalitätsfurchtforschung, die
den Zusammenhang zwischen Dunkel-
heit und Unsicherheitsgefühlen untersu-
chen. Fragestellungen, ob und inwieweit
Dunkelheit aber auch positive oder an-
derweitige Assoziationen auslöst, sind
kaum zu finden. Wünschenswert wären
hier zum Beispiel kleinräumige Analysen,
die detailliert Aufschluss darüber geben,
wann ein dunkler oder lichtarmer Raum
als Angstraum wahrgenommen wird und
wann als Ruhezone, oder unter welchen
Bedingungen Dunkelheit tatsächlich als
essentiell für das Erleben von Natur ver-
standen wird. Diese Ergebnisse könnten
Hinweise liefern, auf deren Grundlage
einerseits mögliche Trade-offs diskutiert
und andererseits Akteure nicht nur für un-
terschiedliche Licht-, sondern auch räum-
lich differenzierte „Dunkelheitsbedarfe“
sensibilisiert werden können.
Im Gegensatz zu den Funktionen von
Dunkelheit wird die gesellschaftliche Be-
deutung des Sternenhimmels inzwischen
aber in einigen Publikationen diskutiert.
Dabei geht es vor allem darum, den Ster-
nenhimmel – jenseits astronomischer
Partikularinteressen – als Kultur- und Ge-
meinschaftsgut zu konzeptualisieren. Es
wird zum Beispiel argumentiert, dass die
Sichtbarkeit des Sternenhimmels ein unver-
äußerliches Recht aller Menschen ist und
somit die Nutzung von Licht gesetzlichen
Regelungen unterliegen sollte. Zahlreiche
Veröffentlichungen finden sich zum Bei-
spiel in dem Konferenzband „StarLight
– A Common Heritage(Belmonte2007;
Cameron 2007; Déjeant-Pons 2007;
Horts 2007; Marín 2007; Marín/Jafa-
ri2007). Ähnliche Ansätze gibt es aber auch
in einzelnen Aufsätzen (z. B. Patat 2010)
oder in einer Teilstudie der IAU und dem
Internationalen Rat für Denkmalpflege
(ICOMOS) zu der Anerkennung astrono-
mischer und archäoastronomischer Stätten
als Weltkulturerbe (Ruggles/Cotte 2010).
Grundsätzlich werden vor allem drei
Dimensionen genannt, welche den Ster-
nenhimmel als Kultur- und Gemein-
schaftsgut auszeichnen: Die Sterne waren
und sind eines der bedeutendsten Instru-
mente wissenschaftlicher Forschung und
die Beobachtung des Sternenhimmels hat
ebenso zur technologischen Entwicklung
wie zur Entstehung des Weltbildes beige-
tragen. Der Sternenhimmel ist Inspirati-
onsquelle für Literatur, bildende Kunst
oder Musik und darüber hinaus – eher in
Referenz zu den Funktionen von Dunkel-
heit – ein Umweltgut.
Auf dieser Grundlage sehen einige Au-
toren das „Recht auf den Sternenhimmel“
in verschiedenen internationalen Verträ-
gen und Konventionen bereits implizit
29
Funktionen der Dunkelheit
garantiert. Cameron (2007) führt hier
beispielweise die internationalen Welt-
raumverträge, die Welterbekonvention
oder das Recht auf Erhaltung der religiö-
sen Identität an und Déjeant-Pons (2007)
verweist mit Blick auf die Europäische
Landschaftskonvention auf die Bedeu-
tung des Sternenhimmels für die Funktio-
nen von Landschaft im kulturellen, ökolo-
gischen und ökonomischen Sinn. Obwohl
die Ausführungen recht kurz und teilwei-
se eher populärwissenschaftlich gehalten
sind, bieten sie zahlreiche Anregungen
und Anknüpfungspunkte für weiterfüh-
rende Forschungen zu zumindest teilräu-
mlichen Möglichkeiten der Ausweisung
von Dunkelheit und des Sternenhimmels
als Schutzgüter.
Ebenso sind jene Veröffentlichungen
aus dem Umfeld der Dark Sky Initiativen
zu bewerten, welche die Sichtbarkeit des
Sternenhimmels als Standortfaktor für
eine nachhaltige Regionalentwicklung
beschreiben (Marín 2007; Iwand 2007).
Obgleich es durchaus einige Gebiete gibt,
die sich mit Erfolg als Astro-Tourismus
Destinationen etablieren konnten (vgl.
Austin/Hearnshaw 2010), fehlen Daten,
die diesen Effekt auch für kleinere, touris-
tisch zunächst weniger attraktive Gebiete
nachweisen können.
Einen differenzierteren Ansatz liefert
Gallaway (2010), der die ökonomische Di-
mension des kulturellen Werts des Sternen-
himmels betrachtet. Er beklagt, dass sich die
ökonomische Forschung grundtzlich da-
gegen versperre, nicht-konsumierbare Wer-
te, wie die Schönheit der Natur, zu erkennen
und zu benennen. Ökonomen gingen davon
aus, dass sich Nutzbarkeit von dem Konsum
von Gütern ableite, nicht davon, die passive
Rezeption der bestehenden Güter wert-
zuschätzen und zu konservieren. Um der
Schönheit der Natur und damit auch dem
Wert des Sternenhimmels gerecht zu wer-
den, müsse die sogenannte „Instrumental
Value Theory“ um die Dimension der pas-
siven Freuden erweitert werden.
Insgesamt betrachtet stehen aber auch
für die Bewertung und Wahrnehmung des
Sternenhimmels noch tiefergehende theo-
retische und empirische Untersuchungen
aus. Es gibt zwar erste kleinräumige bzw.
auf Einzelproblematiken bezogene Studi-
en von Simpson und Hanna (2010) und
Jones (2010), die den Wert des Sternen-
himmels mit Hilfe der „Contingent Valua-
tion Method“ zu erfassen versuchen, aller-
dings sind diese Untersuchungen eher als
erste Schlaglichter zu bewerten, die noch
keine verallgemeinerbaren Ergebnisse zu-
lassen (vgl. dazu auch Hänsch u.a. 2013).
31
6. zuSammEnfaSSung und
forSchungSdESIdEratE
Zusammenfassend kann festgestellt wer-
den, dass es zwar eine erhebliche Zahl an
Publikationen zu künstlicher Beleuchtung
und ihren Funktionen gibt, aus sozial- und
raumwissenschaftlicher Perspektive aber
noch ein großer Forschungsbedarf besteht.
Freilich gibt es zum Beispiel zur Un-
fall- und Kriminalprävention durchaus re-
levante Publikationen und Erkenntnisse,
dominant sind hierbei aber vor allem Fra-
gen nach den Wirkzusammenhängen. Es
fehlen Perspektiven, die sich beispielswei-
se mit Normungs- oder Bereitstellungs-
prozessen der sicherheitsrelevanten Licht-
verwendungen auseinandersetzen und
beteiligte Akteure, Interessenlagen oder
mögliche Kontroversen kritisch diskutie-
ren. Ebenfalls könnten transnationale Ver-
gleiche das Forschungsfeld erweitern und
Aufschluss darüber geben, inwieweit sich
Diskurse oder Verwendungen sogenannter
„Sicherheitsbeleuchtung“ unterscheiden
oder anders wahrgenommen werden.
Auch in ihrer Funktion, nächtliche
Zeiträume erschließbar zu machen, ist Be-
leuchtung bislang unzureichend erforscht.
Es gibt nur sehr wenige Ansätze, die metho-
disch und konzeptionell darüber hinausge-
hen, Licht als den ermöglichenden Faktor
„zeitlicher Entgrenzung“ zu nennen. Dabei
würde die wissenschaftliche Auseinander-
setzung mit der Wechselwirkung zwischen
künstlicher Beleuchtung und der Aneig-
nung nächtlicher Zeiträume eine tiefere
theoretische Verortung des Spannungsfel-
des erlauben und die Möglichkeit bieten,
Planungswerkzeuge zu entwickeln, mit
Hilfe derer die Bereitstellung künstlicher
Beleuchtung enger an tatsächliche Bedarfe
angepasst werden kann. Daran schließen
sich auch Fragen nach nächtlichen Nut-
zungskonflikten und Belästigungen durch
Licht an, die bisher vor allem mit Blick auf
Lärm diskutiert wurden.
In einem engen Zusammenhang damit
stehen auch offene Forschungsfragen zu
den Kontroversen um gestalterische Licht-
praktiken, vor allem im Rahmen kommer-
zieller Lichtverwendungen. Konflikte und
Belästigungen, die durch neue Techno-
logien mit intensiven Farben und schnell
veränderlichen Motiven hervorgerufen
werden, sind bislang noch kaum Gegen-
stand sozial- oder raumwissenschaftlicher
Perspektiven.
Im Gegensatz dazu sind in den vergange-
nen Jahren vereinzelt vielversprechende Ar-
beiten zur raumbezogenen Lichtgestaltung
erschienen. Wünschenswert wären aber
auch hier weiterführende Betrachtungen,
die sich vertiefend mit den sozialen und
kulturellen Funktionen und der Raumwirk-
Zusammenfassung und Forschungsdesiderate
32 Zusammenfassung und Forschungsdesiderate
samkeit von Beleuchtung auseinanderset-
zen. Bisher gibt es beispielsweise nur weni-
ge Ansätze zu der Bedeutung von Kunstlicht
bei der Produktion von Handlungs- oder
Identitätsräumen. Auch würden politik-
wissenschaftliche und planungsrechtliche
Überlegungen zu den Möglichkeiten und
Grenzen übergreifender Steuerungs- und
Governanceinstrumente für die unter-
schiedlichen Beleuchtungspraxen eine
sinnvolle Erweiterung des Diskurses um in-
tegrierte Lichtplanungsmodelle darstellen.
Mit Blick auf eine Reduzierung von Licht-
verschmutzung bietet es sich besonders an
zu untersuchen, inwieweit ökologische und
energetische Aspekte dabei langfristig mit
eingebunden werden können.
Unverzichtbar dafür sind aber auch dif-
ferenzierte sozial- und raumwissenschaftli-
che Perspektiven zu den Funktionen und
der Wahrnehmung von Dunkelheit. Er-
gänzend zu den Untersuchungen zu dem
kulturellen und ästhetischen Wert des
Sternenhimmels, wären weitere Ansätze
hilfreich, die sich differenziert mit der Be-
wertung oder sogar dem Bedürfnis nach
Dunkelheit befassen und das Primat illu-
minierter Nachtlandschaften hinterfragen.
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Funktionen der künstlichen
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Ein Bericht zum Stand der
sozialwissenschaftlichen Forschung
SCHRIFTENREIHE VERLUST DER NACHT BAND 3
Katharina Krause
In der Reihe „Verlust der Nacht“ werden Diskussions anregungen
und Ergebnisse der einzelnen Forschungsinitiativen des Forschungs-
verbundes veröffentlicht.
Forschungsverbund „Verlust der Nacht“
Leibniz-Institut für Gewässerökologie
und Binnenfischerei
Müggelseedamm 301, 12587 Berlin
Projektleiter PD Dr. Franz Hölker
www.verlustdernacht.de
Universitätsverlag der TU Berlin
ISBN 978-3-7983-2632-3 (Print)
ISBN 978-3-7983-2633-0 (Online)
Beteiligte Institute:Gefördert von:
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