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Mikrowellenkochgeräte: Von einer Militärtechnik zur
Haushaltstechnik
- Entwicklung, Verbreitung und gesundheitliche Diskussion um
Mikrowellenkochgeräte in Japan -
vorgelegt von
Keiko Nagase-Reimer M.A.
von der Fakultät I – Geisteswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Dr. phil.
genehmigte Dissertation
Berichter: Prof. Dr. Wolfgang König (TU Berlin)
Berichter: Prof. Dr. Walter Kaiser (RWTH Aachen)
Berichter: Prof. Dr. Erich Pauer (Philipps-Universität Marburg)
Tag der mündlichen Prüfung: 13. April 2007
Berlin 2008
D83
Dank 2
Dank
Für diese Arbeit erhielt ich Unterstützungen von verschiedenen Personen und Stiftungen.
Dafür möchte ich mich im Folgenden bedanken.
Für die Betreuung meiner Arbeit möchte ich insbesondere Prof. Dr. Wolfgang König
von der Technischen Universität Berlin, Prof. Dr. Walter Kaiser von der RWTH Aachen und
Prof. Dr. Burghard Weiss von der Technischen Universität Berlin herzlich danken.
Mein weiterer Dank gilt folgenden Personen: Prof. Yoshioka Hitoshi von der Kyūshū
Universität in Japan und Prof. Dr. Erich Pauer von der Philipps-Universität Marburg, sie
gaben mir eine Vielzahl von Ratschlägen über die Technikgeschichte Japans. Herr Maki Kōji
(ehem. NJRC), Herr Koizumi Naohiko (ehem. Hitachi), Herr Yoshioka Ryōji (ehem. NJRC)
und Herr Satō Yoshihiko (ehem. NJRC) stellten mir großzügig wichtige historische
Materialien zur Verfügung und beantworteten detailliert meine technischen Fragen zum
Magnetron und Mikrowellenkochgerät. Ebenso unterstützten Dr. John M. Osepchuk (ehem.
Raytheon) und Herr Robert E. Edwards (ehem. Raytheon) mich mit wertvollen historischen
Materialien und gaben Antworten auf meine Fragen. Insbesondere über die Geschichte vor
und während des Zweiten Weltkriegs stand Prof. Dr. Kawamura Yutaka vom Tokyo National
College of Technology mir mit wertvollem Rat und zahlreichen historischen Materialien zur
Seite. Ferner erhielt ich wertvolle Kommentare von Dr. Till van Rahden von der Universität
Köln.
Ferner möchte ich mich bei folgenden Personen bedanken, die mir als
Interviewpartner Rede und Antwort standen: Herr Aoki Ichirō (ehem. Tōshiba), Herr Arai
Tsutomu (Mitsubishi-denki), Prof. Dr. Joachim Breckow (FH Gießen, SSK), Herr Fujiwara
Yasuhiro (ehem. Sharp), Frau Iizawa Junko (Sharp), Herr Itō Fumikazu (JCA), Herr Kitagawa
(Sharp), Herr Matsutani (Sharp), Frau Miyakawa Nanae (METI), Dr. Nakajima Shigeru
(ehem. JRC), Herr Nakano Yoshitaka (JEMA), Herr Noda Tomimitsu (Toshiba), Dr. Ogino
Kōya (ehem. Kyōto Universität, Japan), Herr Omi Kenji (JEMA), Herr Ōmori Yoshiki
(JEHA), Frau Rikukawa Kiyoshi (NCAC), Prof. Dr. Taki Masao (Tokyo Metropolitan
University), Herr Ueda Shigeki (Matsushita, Panasonic), Herr Volkmar Weigscheider
(Bosch-Siemens) und Frau Isabel Wilke (Katalyse-Institut). Ebenso gilt mein Dank folgenden
Personen, die mir auf meine Fragen schriftlich antworteten: Frau Margie Burk (Underwriters
Laboratories Inc.), Prof. Ichikawa Hiroshi (Hiroshima Universität, Japan), Herr Kakehi Tetsuo
(Bürgerinitiative Gauß-Net, Japan), Herr Miura Shōetsu, Prof. Dr. Nikawa Yoshio
(Kokushikan Univerisät, Japan), Herr Ōkubo Sadatoshi (Bürgerinitiative Denjiha mondai
shimin kenkyū-kai, Japan), Herr Sannōmaru Satoru (Hitachi Home Tech), Herr. Shibata
Chōkichirō (ehem. JRC) und Prof. Dr. Yamaura Itsuo (Shinshū Universität, Japan).
Die wertvollen historischen Materialien, die ich von den im Folgenden genannten
Archivaren erhielt, waren entscheidend für den Detailreichtum dieser Arbeit. Daher danke ich
Dank 3
insbesondere Frau Rita Kühler (DKE, Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE),
Herrn Maejima Masahiro (National Science Museum, Japan), Herrn Jörg Schmalfuß und
Herrn Claus Bründel (Deutsches Technikmuseum Berlin), Frau Doris-Maria Vittinghoff
(Siemens Med-Archiv) und Herrn Yokoyama Hisayuki (Nationales Institut für
Verteidigungsstudien in Japan).
Folgende Personen, Institutionen und Verlage haben mir freundlicherweise die
Genehmigung erteilt, ihre Bilder zu verwenden, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich
bedanken möchte: Fachverband für Energie-Marketing und -Anwendung (HEA) e.V., Prof.
Higo Atsuko Hitachi, IEEE, International Microwave Power Institute, IOPP publication,
Japan Radio Company, Jōetsu kyōiku University, Prof. Dr. Nakajima Masato, New Japan
Radio Company, Nihon shōhisha kyōkai, Nikkan Kogyō Shinbun (Industrielle Tageszeitung),
Ohmsha, Dr. John M. Osepchuk, Reliability Engineering Association of Japan, Robert Bosch
GmbH und Sharp.
Für die sprachliche Überarbeitung danke ich insbesondere Dr. Sebastian Reimer: eine
Vielzahl unserer gemeinsamen Abende diskutierten wir immer wieder über die gewählten
Formulierungen. Für die dafür notwendige Geduld seinerseits und aufgebrachte Zeit bin ich
sehr dankbar. Ferner danke ich Frau Barbara Kempnich und Prof. Dr. Erich Pauer ganz
herzlich, die beide im Anschluss die gesamte Arbeit Korrektur lasen.
Für die finanzielle Unterstützung dieser Arbeit danke ich der Toyota Foundation,
Matsushita International Foundation und Takagi Fund for Citizen Science.
Zu guter Letzt möchte ich meinen Eltern, Schwiegereltern, allen Freundinnen und
Freunden danken, die mich in vielfältiger Weise unterstützt haben. Insbesondere möchte ich
meinem Mann und meinen drei Kindern herzlich danken, die mich verständnisvoll unterstützt
haben, diese Arbeit zu schreiben.
Abstract 4
Abstract
Mikrowellenkochgeräte sind heute in unseren Haushalten verbreitet. Der Weg zur Verbreitung
in normalen Haushalten war jedoch weder schnell noch einfach. Die Erfindung des
Mikrowellenerzeugers bis hin zur Verbreitung der Mikrowellenkochgeräte erstreckte sich über
einen Zeitraum von vierzig Jahren.
Das Herz des Mikrowellenkochgeräts, das Mikrowellenerzeuger genannte Magnetron,
wurde ursprünglich nicht für Kochgeräte erfunden, sondern für Radargeräte. Während des
Zweiten Weltkriegs wurde das Magnetron in Großbritannien erfunden, um leistungsfähige
Radargeräte zu entwickeln. Durch eine entsprechend starke Förderung in Großbritannien
sowie in den USA entwickelte sich die Mikrowellentechnologie rasch. Auch in Japan wurden
sie im Rahmen der Waffenentwicklung gefördert, allerdings hauptsächlich mit dem Ziel,
„Strahlenwaffen“ zu entwickeln, was letztlich jedoch nicht praktikabel war.
Die Anwendungsart des Magnetrons änderte sich je nach politischer, ökonomischer
und sozialer Konstellation einer Gesellschaft. Bald nach dem Krieg nahm der militärische
Bedarf an Magnetronen in den USA rasch ab, und die Magnetronhersteller wurden
gezwungen, nach anderen Anwendungsmöglichkeiten des Magnetrons zu suchen. Die Firma
Raytheon, ein großer Magnetronhersteller in den USA, gestaltete das Magnetron zu
Kochzwecken um und baute damit das erste Mikrowellenkochgerät. Jedoch verlor die Firma
bald nach dem Ausbruch des Koreakriegs im Jahr 1950 ihr Interesse am Bau dieses Geräts, da
die Nachfrage nach Magnetronen durch das Militär wieder rasch anstieg. Die
Mikrowellenkochgeräte dieser Zeit waren überdimensioniert und kostspielig, deshalb
beschränkte sich der Verkauf dieser Kochgeräte meistens auf gastronomische Einrichtungen.
Erst Mitte der 1960er Jahre wurde das Interesse für Mikrowellenkochgeräte in den
USA wieder erweckt, als das amerikanische Verteidigungsministerium die Anschaffung von
Mikrowellenröhren reduzierte. Zu diesem Zeitpunkt gelang es einem japanischen
Mikrowellenröhrenhersteller, ein kleines und preiswertes Magnetron zu entwickeln.
Daraufhin begannen japanische Elektrogerätehersteller mit der Produktion von kompakten
und preiswerteren Mikrowellenkochgeräten. Anschließend produzierten auch amerikanische
Hersteller diese Kochgeräte. Durch intensive Verkaufskampagnen begannen sich diese
kompakten Kochgeräte im üblichen Haushalt zu verbreiten - zuerst in Japan sowie in den
USA und später in anderen Ländern. Seitdem veränderten sich zwar die Funktionen und
Gestaltungen der Mikrowellenkochgeräte je nach Nachfrage, die den jeweiligen Lebensstil
der Verbraucher reflektiert, und nach – zur Verfügung stehender - Technologie. Aber die
Grundstruktur des Magnetrons blieb unverändert.
Ebenso spielte das Bewusstsein der Verbraucher über das Risiko der Mikrowelle auf
ihre Gesundheit eine maßgebliche Rolle bei der Gestaltung der Mikrowellenkochgeräte.
Abstract 5
Nachdem in den USA und anschließend auch in Japan im Jahr 1970 festgestellt worden war,
dass aus manchen Mikrowellenkochgeräten Mikrowellen austraten, stieg die Besorgnis und
Befürchtung der Verbraucher über mögliche negative Einflüsse der Mikrowelle auf ihre
Gesundheit. Folglich nahm der Verkauf des Mikrowellenkochgeräts drastisch ab. Als
Maßnahme gegen „Leckstrahlung“ führten die amerikanischen sowie japanischen Behörden
innerhalb kürzester Zeit einen rechtlichen Standard zur Leckstrahlung ein. Die Hersteller
brachten innerhalb weniger Monate entsprechend sicherere Geräte auf den Markt. Durch diese
schnelle Reaktion und durchgeführte Verkaufskampagnen gewannen die Hersteller allmählich
das Vertrauen der Verbraucher wieder, und die Verbreitung der Geräte stieg wieder an. Die
rasche Einführung des rechtlichen Standards in Japan zielte jedoch in erster Linie auf die
Erhöhung des Exports von Mikrowellenkochgeräten in die USA als auf den
Gesundheitsschutz der Verbraucher. Denn Geräte, die diesem Standard genügten, konnten
problemlos in die USA exportiert werden.
Die vorliegende Studie zeigt an dem Beispiel der Geschichte der Mikrowellenkochgeräte in
Japan erstens, dass der Entwicklungsprozess der dazu notwendigen Technologie sowie deren
Anwendungsart nicht allein durch die verfügbare Technologie der damaligen Zeit bestimmt
wurde, sondern durch eine Vielzahl von Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren,
namentlich Verbrauchern, Magnetronherstellern, Herstellern von Mikrowellenkochgeräten,
Behörden, Medien, Militär, Politik, Medizinern und nicht zuletzt der Lebensmittelindustrie.
Zweitens widerlegt die Studie am Beispiel des Mikrowellenkochgeräts die oft geäußerte
Behauptung, dass japanische Hersteller westliche Produkte nur nachgeahmt hätten bzw. nur
noch kompakter gebaut und anschließend zu Schleuderpreisen verkauft hätten. Drittens
analysiert die Studie, wie Verbraucher mit dem Risiko einer neuen Technologie, nämlich die
der Mikrowelle, umgegangen sind, und wie der Entwicklungsprozess dieser Technologie
durch die zeitgleich geführten gesundheitlichen Diskussionen beeinflusst wurde.
Inhaltsverzeichnis 6
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 11
1.1 Forschungsstand 15
1.2 Vorgehensweise 17
2 Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 21
2.1 Erfindungen von Mikrowellenerzeugern 21
2.2 Verwendung der Kurzwelle für Diathermie-Behandlung 22
2.2.1 Beginn der Diathermie 22
2.2.2 Gesundheitliche Beschwerden durch Hochfrequenzwellen 24
2.2.3 Wirksamkeit der Kurzwellen-Diathermie 25
2.3 Strahlenwaffenkonzepte 26
2.3.1 Das Projekt „Ku“ des japanischen Heeres 29
2.3.2 Das Projekt „Z“ der japanischen Marine 32
2.4 Entwicklung des Mikrowellenradars 38
2.4.1 Die Erfindung des Hohlraummagnetrons in Großbritannien 38
2.4.2 Amerikanische Massenproduktionstechnik des Magnetrons 42
2.4.3 Mikrowellenradar in Japan und Deutschland 46
2.4.4 Einfluss des Mikrowellenradars auf die Gesundheit 50
3 Vom Radargerät zum „Radarrange 52
3.1 Entwicklung des „Radarrange 53
3.2 Fortschritte in der Magnetronenentwicklung 56
3.3 Biologische Effekte der Mikrowelle 59
3.3.1 Wirkung der Mikrowellen-Diathermie 60
3.3.2 Tri-Service Programm (1956-1961) 62
3.3.3 Standard des American National Standards Institute (ANSI
C95.1-1966) (1959-1966) 66
3.3.4 Standards in der UdSSR und Osteuropa 67
3.3.5 Mikrowellenbestrahlung der amerikanischen Botschaft in
Moskau (1953-1979) 70
4 Von der Imitation zur Innovation 73
4.1 Wiederaufbau der Mikrowellenforschung in Japan 73
4.1.1 Neubeginn der Radarforschung und -produktion 74
4.1.2 Produktion der Mikrowellen-Diathermiegeräte 76
4.1.3 Japanischer Radarrange 77
Inhaltsverzeichnis 7
4.2 Kompakte Mikrowellenkochgeräte für den Haushalt 81
4.2.1 Neue Konzeption des Mikrowellenkochgeräts 81
4.2.1.1 Preisreduktion 82
4.2.1.2 Einfache Installation 82
4.2.1.3 Verkleinerung 83
4.2.1.4 Langlebigkeit 84
4.2.1.5 Verkürzung der Zubereitungszeit 84
4.2.2 Technische Innovation des Magnetrons 85
4.2.3 „Adaptive Kreativität“ 90
4.3 „Traumkochgerät“ auf dem Markt (Erste Phase: 1965-1969) 91
4.3.1 Verkaufskampagne 93
4.3.2 Preislicher Wettbewerb 98
4.3.3 Nachbau und Verbesserung des neuen Magnetrons 99
4.3.4 Verbesserung des Mikrowellenkochgeräts 104
4.4 Sicherheitsstandards 106
4.4.1 Radiation Control for Health and Safety Act of 1968 in den USA 107
4.4.2 Einschränkung der Strahlenemission in Japan 109
4.4.3 Einführung der JEM-Norm 112
5 Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 114
5.1 Entdeckung der Leckstrahlung in den USA 114
5.1.1 HEW-Standard in Kraft 115
5.2 Leckstrahlungskrise in Japan 116
5.2.1 Erste Berichterstattung 116
5.2.2 Untersuchungsergebnis des MITI 118
5.2.3 Schwerer Schlag für die Hersteller 122
5.2.4 War das Vorgehen der KJK/MITI angemessen? 124
5.3 Einführung eines rechtlichen Standards 126
5.3.1 Vorgehen des MITI und der Hersteller 126
5.3.2 Veröffentlichung der Japan Consumers’ Association 127
5.3.3 Ministerialerlass des MITI 129
5.3.4 Ziel und Effekt der Einführung des Standards 130
6 Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 134
6.1 Von der Oberschicht zur Mittelschicht (Zweite Phase: 1970-1973) 134
6.1.1 Abschirmung der Leckstrahlung 134
6.1.2 Nachträgliche Untersuchung über die Leckstrahlung 137
6.1.3 Werbekampagne 139
6.1.4 Weiterentwicklung des Magnetrons 141
Inhaltsverzeichnis 8
6.1.4.1 Verbesserung des magnetischen Kreises 141
6.1.4.2 Einführung des Koppelstifts aus Keramik 144
6.1.4.3 Verbesserung der Anodenproduktion 145
6.1.5 Erholung des Umsatzes 146
6.1.6 Kritik der amerikanischen Consumer Union 148
6.2 Stagnation der Inlandsnachfrage (Phase III: 1974-1981) 150
6.2.1 Einführung des Mikrocomputers 151
6.2.2 „Kombi“: Mikrowellenkochgerät mit Backofenfunktion 154
6.2.3 Investition für Produktionsanlagen 155
6.2.4 Einführung einer einheitlichen Weltnorm 157
6.2.5 Export in die USA und Klagen auf Anti-Dumping-Maßnahmen 158
6.2.6 Befürchtungen um Gesundheitsschäden durch Mikrowellen in den USA 162
6.3 Erneutes Wachstum (Phase IV: 1982-1986) 168
6.3.1 Änderungen von Essgewohnheiten und Tagesabläufen 169
6.3.2 Mikrowellenkochgerät als Unterhaltungsgerät? 173
6.3.3 Erleichtert das Mikrowellenkochgerät die Arbeit der Hausfrauen? 175
6.3.4 Veränderung der Expositionseinschränkung nicht-ionisiernder Strahlung 177
6.3.4.1 Veränderung der Expositionseinschränkung weltweit und
in den USA 179
6.3.4.2 Veränderung der Expositionseinschränkung in Japan 182
6.3.5 Export nach Europa und Klagen auf Anti-Dumping-Maßnahmen 184
6.4 Stabile Inlandsnachfrage (Phase V: 1987 - 1990) 187
6.4.1 Einführung weiterer technischer Finessen: Wechselrichter und Fuzzy-
Logik 188
6.4.2 Wachstum in Asien 189
6.4.3 Sicherheit des Mikrowellenkochgeräts 191
6.4.3.1 Verbrennungen 191
6.4.3.2 Einflüsse auf Nahrungsmittel 192
6.4.3.3 Beschädigung der Gefäße 197
6.4.3.4 Feuerausbruch 198
6.4.3.5 Störungen durch unerwünschte elektromagnetische Strahlungen 199
6.4.4 Änderung der Wahrnehmung von Mikrowellen in Japan 201
7 Fazit 205
7.1 Verlauf der Technologieentwicklung 205
7.2 Merkmale der Technologieentwicklung in Japan 210
7.3 Sind Mikrowellen gefährlich? – Der Umgang mit dem Risiko neuer
Technologien 213
Inhaltsverzeichnis 9
Anhang 221
Anhang 1 Magnetron 221
Anhang 2 Klystron 223
Anhang 3 Grenzwerte 224
Anhang 4 Für die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräte relevante Grenzwerte 228
Anhang 5 Veränderung des Mikrowellenkochgeräts 231
Verzeichnis der Abkürzungen 235
Verzeichnis der Abbildungen 238
Verzeichnis der Tabellen 240
Verzeichnis der Schaubilder 241
Literatur- und Quellenverzeichnis 242
1 Literatur 242
2 Nicht-veröffentlichte Quellen 259
3 Interviews 266
4 Briefe und E-Mail Verkehr 266
5 Regelungen, Normen und Veröffentlichungen von Behörden 268
6 Zeitungsartikel 269
7 Tests durch Verbraucherorganisationen 274
8 Sitzungsberichte des japanischen Parlaments 275
9 Fernseh Programme 276
10
Vorbemerkung:
Japanische Eigennamen werden entsprechend einer modifizierten Hepburn-Umschrift
transkribiert. Zum Beispiel wird die japanische Hauptstadt nicht „Tokio“ sondern
„Tōkyō“ umschrieben.
Japanische Familiennamen werden in der in Japan üblichen Reihenfolge geschrieben:
zuerst der Familienname gefolgt vom persönlichen Namen.
Das Wort „Mikrowelle“ bezeichnet die physikalische, elektromagnetische Welle, und das
Wort „Mikrowellenkochgerät“ das Haushaltsgerät.
1. Einleitung 11
1 Einleitung
Je rascher sich die Mobilfunktechnologie in unserem Alltag ausbreitet, desto schneller steigt
die Sorge um negative Einflüsse des Mobilfunks auf die Gesundheit. Ob die Nutzung des
Mobilfunks – durch Telefonate mit dem Mobiltelefon oder durch dauerhafte
Mikrowellenbestrahlungen von Mobilfunkantennen – einen negativen gesundheitlichen
Einfluss hat, ist wissenschaftlich strittig. Unbeschadet einer eindeutigen wissenschaftlichen
Klärung eines eventuellen Einflusses der Mikrowellenstrahlung auf die Gesundheit des
Menschen steigt allerdings die Anzahl der Mobilfunknutzer rasch an, während es gleichzeitig
zu immer häufigeren Diskussionen über den Bau von Mobilfunkantennen kommt und die
Anzahl der so genannten „elektrosensiblen“ Menschen wächst, die überzeugt sind, dass die
Bestrahlung durch elektromagnetische Wellen Ursache ihrer körperlichen Beschwerden ist.
Bereits seit den 1920er Jahren sind die Phänomene bekannt, dass die von
Hochfrequenzwellen bestrahlten Menschen häufig unter Ermüdungserscheinungen und
Kopfschmerzen leiden. Diese Phänomene ähneln denjenigen Beschreibungen, über die heute
auch elektrosensible Menschen klagen. Seit damals haben auf der einen Seite die Mehrheit der
Wissenschaftler diese Phänomene dahingehend interpretiert, dass durch die Bestrahlung von
Hochfrequenzwellen Wärme im Körper entsteht und diese Wärme letztlich die körperlichen
Beschwerden verursacht. Diese Beschwerden haben die Wissenschaftler allerdings nicht als
gesundheitsgefährdend eingestuft, da sie nach Beendigung der Bestrahlung verschwinden. Auf
der anderen Seite wurden jedoch auch hochfrequenz-spezifische Phänomene beobachtet, die
nicht durch den oben genannten Wärmeeffekt (thermischer Effekt) erklärt werden konnten. Es
stellt sich deshalb die Frage, ob eine schwache Hochfrequenzwelle, die kaum Wärme im
Körper erzeugt, die Gesundheit des Menschen, etwa durch Störungen des zentralen
Nervensystems, beeinflussen kann. Diese Debatte über den nicht-thermischen Effekt der
Hochfrequenzwellen begann in den 1920er Jahren und dauert bis heute an, sie hat aber
angesichts der heutigen globalen und schnellen Verbreitung des Mobilfunks an Intensität
gewonnen.
Auch wenn die Frage, welche biologischen Auswirkungen die Hochfrequenzwellen
auf den Menschen haben – und ob diese Auswirkungen überhaupt, gesundheitsgefährdend sind
– letztlich nicht eindeutig geklärt ist, verbreitet sich die Hochfrequenztechnik in der
industrialisierten Gesellschaft. Unter Hochfrequenzwellen hat die Mikrowelle heute eine breite
Verwendung, da sie sowohl zur Funkkommunikation als auch zur Erhitzung verwendet wird.
Die Mikrowelle wurde in Deutschland bis Ende des Zweiten Weltkriegs als
„Ultrakurzwelle“ oder „extrem Ultrakurzwelle“ bezeichnet.1 Das Wort „micro waves“ wurde
1 Siehe das Inhaltsverzeichnis und Index der Fachzeitschrift „Hochfrequenztechnik und Elektroakustik“ von
1932 bis 1945.
1. Einleitung 12
zum ersten Mal benutzt, als im Jahr 1931 die Ingenieure der Firma IT&T auf beiden Seiten des
Britischen Kanals einen Versuch zur Radiotransmission durchführten.2.
Die Mikrowelle gehört zu einer nicht-ionisierenden Strahlung und ihr Spektrum liegt
zwischen der Radiowelle und dem Ultrarot. Es gibt verschiedene Definitionen der Mikrowelle.
Im weiteren Sinne versteht man unter Mikrowelle die elektromagnetische Welle zwischen 300
GHz und 100 MHz (bzw. die Wellenlänge zwischen 1 mm und 3 m). Im engeren Sinn
bezeichnet die Mikrowelle die elektromagnetische Welle zwischen 30 und 3 GHz (bzw. die
Wellenlänge zwischen 1 cm und 10 cm). In dieser Abhandlung nehme ich den breiteren Begriff
der Mikrowelle, d.h. zwischen 300 GHz und 100 MHz. (Tabelle 1).3
Seit den 1920er Jahren ist es möglich, Mikrowellen künstlich zu erzeugen. Ab der
zweiten Hälfte der 1930er Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde insbesondere in
Großbritannien und in den USA die Mikrowellentechnologie intensiv erforscht, da mit Hilfe
von Mikrowellen hochleistungsfähiges Radar und Funkkommunikation möglich waren. Die
Mikrowellenradargeräte spielten eine entscheidende Rolle im Zweiten Weltkrieg. Über das
Radar und die Funkkommunikation hinaus wurde in Japan und Deutschland versucht, während
des Zweiten Weltkriegs auch eine andere Anwendungsmöglichkeit der Mikrowelle – als
Strahlenwaffe – zu entwickeln. Ziel der Entwicklung dieser Strahlenwaffen bestand darin, den
damals schon bekannten biologischen Effekt der Mikrowelle auf Menschen zur Vernichtung
des Menschen zu nutzen. Allerdings konnten weder in Japan noch in Deutschland solche
Strahlenwaffen letztlich realisiert werden.
Die Mikrowellentechnologie, die sich während des Krieges rasch entwickelte, wurde
nach dem Krieg in einer Vielzahl technischer Geräte verwendet, die sich vom Haushalt bis hin
zur Weltraumforschung erstreckten: Wissenschaftler in den USA, die während des Kriegs für
die Mikrowellenforschungen mobilisiert wurden, kehrten nach dem Krieg in ihre eigenen
Fachgebiete zurück. Diese Wissenschaftler entwickelten mit Hilfe der Mikrowellentechnologie
ihre ursprünglichen Fachgebiete wie Molekularspektroskopie und Radioastronomie weiter.4
Auf der Basis der während des Kriegs geleisteten Mikrowellenforschung wurden anschließend
Produkte wie Transistoren, Maser und Laser erfunden und weiter verwendet. Mit Hilfe der
Mikrowellen wurde eine Vielzahl technischer Möglichkeiten realisiert, wie die
Telekommunikation, das Fernsehen, der Teilchenbeschleuniger, medizinische Therapiegeräte
(Diathermie und Hyperthermie) und Kochgeräte (vgl. dazu Tabelle 2 mit einer Auflistung
einiger typischer Anwendungsbereiche der Mikrowellentechnik).5 Als ein wichtiges Beispiel
ist das Mikrowellenkochgerät zu nennen, das sich in den letzten Jahren in der ganzen Welt
verbreitet hat und an das wir uns schon längst in unserem Alltag gewöhnt haben.
2 Bryant 1988, S.849
3 Okada 1993, S.4 und Michaelson 1972, S.406.
4 Forman 1995.
5 Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.351.
1. Einleitung 13
Tabelle 1 Elektromagnetisches Spektrum
Wellen-
länge
Elektrische
Installation
Rundfunk-
wellen
Fernsehensendung
Mobiltelefon
Mikrowellenkoch-
gerät
Mikrowellenradar
Wärmequelle
Solarium
Röntgenaufnahme
Röntgentherapie
Niederfrequenz
3 EHz
3 MHz
30 MHz
300 MHz
3 GHz
30 GHz
300 GHz
3 THz
30 PHz
300 PHz
30 Hz
300 Hz
3 kHz
30 kHz
30 THz
300 THz
300 kHz
3 PHz
30 EHz
300 EHz
3000 EHz
Hochfrequenz
Nicht-ionisierende StrahlungIonisierende Strahlung
m
m
m
m
m
m
10 m
1 m
m
m
m
m
m
m
m
m
m
m
m
Radiosendung
Infrarotstrahlung
sichtbares Licht
Anwendungen
Meterwellen
Dezimeterwellen
Zentimeterwellen
Millimeterwellen
Langwellen
Mittelwellen
Gammastrahlung
Ultraviolettstrahlung
Röntgenstrahlung
Frequenz Wellenart
m
Kurzwellen
Mikrowellen
Ultrakurzwellen
m
7
10
6
10
5
10
4
10
3
10
2
10
1
10
2
10
3
10
4
10
5
10
6
10
7
10
8
10
9
10
10
10
11
10
13
10
12
10
1. Einleitung 14
Tabelle 2 Beispiele der Mikrowellenanwendung (Yokoshima 1987, S.5; Muranaka 1985;
Murayama 1989; Murayama 1997; Koshijima (Hrsg.) 1994).
Bereich Beispiele
Telekommunikation Übertragung von Fernsehsendungen
Übertragung von Sprachtelefonie
Satellitenübertragung
Messung Radar (Funkermittlung und Entfernungsmessung)
Radioteleskop
Lebensmittelindustrie Kochen, Trocknen, Sterilisation, Auftauen usw.
Holzindustrie
Papierindustrie
Trocknen (Holz, Papier) sowie Bearbeitung von Holz
Insektenvernichtung
Chemieindustrie Hochtemperaturchemie-Bearbeitung, Schweißen von
Plastik usw.
Bauindustrie
Bergbauindustrie
Betonverhärtung, Felsbearbeitung, Trocknen von Böden
usw.
Medizin Diathermie, Hyperthermie, chirurgisches Messer
Keramikindustrie Trocknen und Verhärtung
Gummiindustrie Vulkanisierung
Plasma Erzeugung von Plasma
Kernenergieindustrie Verarbeitung des Mülls aus Kernkraftwerken
Drucken Trocknen
Textilindustrie Wärmebehandlung, Strecken
Erhitzung
Wissenschaft Teilchenbeschleuniger
Die vorliegende Studie behandelt die Geschichte des Mikrowellenkochgeräts. Das
Magnetron, das während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen der Entwicklung des
Mikrowellenradargeräts weiter entwickelt wurde, konnte bald nach dem Krieg in den USA
modifiziert und für ein Kochgerät verwendet werden. Allerdings verkaufte sich dieses
Mikrowellenkochgerät schlecht. Erst etwa zwanzig Jahre später, als es gelang, ein kleines und
preiswerteres Mikrowellenkochgerät in Japan zu entwickeln, begann sich das
Mikrowellenkochgerät zuerst sowohl in Japan als auch in den USA sowie später auch in
anderen Ländern zu verbreiten. Seitdem sind japanische Hersteller von
Mikrowellenkochgeräten auf dem Weltmarkt führend.
Da wir am Beispiel des Mikrowellenkochgerätes die technische Weiterentwicklung
eines zunächst für andere als Kochzwecken (nämlich auch militärischen und medizinischen
Zwecken) genutzten Phänomens vor uns haben, erscheint es naheliegend, am Beispiel des
Mikrowellenkochgeräts drei allgemeinen Fragen in dieser Arbeit nachzugehen:
1. Wer und welche Umstände bestimmten den Prozess der Technologieentwicklung und
-anwendung insbesondere in Japan und in den USA ?
2. In diesem Zusammenhang stellt sich dann die Frage, ob die oft geäußerte Behauptung
überhaupt stimmt, dass japanische Hersteller westliche (zum Beispiel amerikanische)
Produkte nur nachgeahmt hätten, bzw. nur noch kompakter gebaut und anschließend zu
1. Einleitung 15
Schleuderpreisen verkauft hätten. Es geht hier also konkret um die Frage, ob japanische
Ingenieure demnach gar nicht innovativ waren?
3. Darüber hinaus stellt sich angesichts der gegenwärtigen intensiven Diskussion um eine
mögliche Gefährdung der Gesundheit des Menschen die Frage, ob und gegebenenfalls in
welcher Form der Entwicklungsprozess dieser Technologie durch eine zeitgleich geführte
gesundheitliche Diskussionen begleitet wurde. Genauer gefragt, muss geklärt werden, ob
und wie die Diskussion über den negativen Einfluss der Mikrowelle auf den menschlichen
Körper den Entwicklungs- sowie Anwendungsprozess des Mikrowellenkochgeräts
beeinflusste.
Die Studie setzt mit dem Jahr 1920 ein, dem Jahr, in dem die Mikrowelle zum ersten
Mal künstlich erzeugt wurde, und beschreibt den Zeitraum bis 1990, dem Jahr, in dem in 80 %
der japanischen Haushalte ein Mikrowellenkochgerät eingesetzt wurde. Zwar steht Japan im
Mittelpunkt meiner Analyse, einbezogen werden aber daneben auch Deutschland,
Großbritannien und die USA bzw. auch die Länder, die in der Vorgeschichte des
Mikrowellenkochgeräts eine maßgebliche Rolle spielten. Besondere Betonung erlangen in
diesem Prozess die USA, da sie sowohl als Importeur der japanischen Mikrowellenkochgeräte
Bedeutung besitzen, aber auch im Rahmen der Diskussion über den biologischen Effekt der
Mikrowellen auf Menschen eine zentrale Rolle spielen.
1.1 Forschungsstand
Es existieren zahlreiche Forschungen über die Geschichte des Mikrowellenkochgeräts. Diese
Forschungsarbeiten konzentrieren sich jedoch meist nur auf einen Teilaspekt dieser Geschichte,
statt die Geschichte des Mikrowellenkochgeräts umfassend zu analysieren.
Was die Vorgeschichte betrifft, also von Beginn der Mikrowellentechnologie bis zum
Ende des Zweiten Weltkriegs, liegen mehrere, hervorragende technikhistorische Studien vor.
Das Interesse an der Radarforschung ist dabei besonders hoch. Die zentralen Standardwerke
sind die Arbeiten von Henry Guerlac, S. S. Swords und Frank Reuter.6 In Bezug auf die
technikgeschichtliche Forschung über die japanische Radarentwicklung während des Zweiten
Weltkriegs ist die Arbeit von Kawamura zu nennen.7 Kawamura stützte sich auf neu entdeckte,
historische Materialien und verfasste eine detaillierte Geschichte der Radarforschung und der
Mobilisierung der Wissenschaft für die Radarforschung während des Zweiten Weltkriegs in
Japan.
Was den technischen Aspekt des Mikrowellenkochgeräts betrifft, veröffentlichte ein
ehemaliger Mitarbeiter der amerikanischen Firma Raytheon und der promovierte Physiker John
6 Guerlac 1987; Swords 1986; Reuter 1971.
7 Kawamura 2002.
1. Einleitung 16
M. Osepchuk mehrere Aufsätze.8 In Bezug auf die Geschichte japanischer Magnetrone ist das
Buch Denshikan no rekishi (Geschichte der Elektronenröhre) repräsentativ.9 Allerdings liegt
der Schwerpunkt dieses Buchs auf der technischen Entwicklung, während gesellschaftliche
Aspekte wenig betrachtet werden. Ferner beschreiben Maejima und Saitō in einem Aufsatz den
Prozess, wie nach dem Krieg die einheimische Produktion der Magnetrone für
Erhitzungszwecke in Japan begann.10
Was die gesellschaftliche Akzeptanz des Mikrowellenkochgeräts betrifft, ist in erster
Linie die Monographie Breakthrough von John Ketteringham und P. Ranganath Nayak zu
nennen. 11 Im Kapitel über das Mikrowellenkochgerät beschreiben sie, wie das
Mikrowellenkochgerät etwa zwanzig Jahre benötigte, bevor es im Alltag Fuß fassen konnte.
Oft wird in der Geschichte des Mikrowellenkochgeräts die Erfindung selbst als der größte
Erfolg dargestellt. Im Unterschied dazu weist jedoch dieses Kapitel des Buches Breakthrough
darauf hin, dass spätere Innovationen genauso wichtig wie die Erfindung selbst waren, um
letztlich den „Breakthrough“ (Durchbruch) zu schaffen, d.h. die massenhafte Verbreitung in
der Gesellschaft zu erreichen. Auch Barbara Orland widmet sich in einem Teil ihrer Arbeit der
Akzeptanz des Mikrowellenkochgeräts, konzentriert sich hierbei jedoch auf Deutschland aus
dem Blickwinkel der Technisierung des Haushalts.12 Laut ihrer Darstellung ist die zentrale
Ursache dafür, dass zwischen der Erfindung des Mikrowellenkochgeräts und dessen
Verbreitung zwanzig Jahre liegen, die Veränderung des Lebensstils. Vor dem Hintergrund, dass
die Geschichte des Mikrowellenkochgeräts oft aus dem Blickwinkel des technischen
Fortschritts beschrieben wurde, ist die Herangehensweise von Orland ebenso neu wie anregend.
Jedoch lässt sich die Akzeptanz des Mikrowellenkochgeräts in der Gesellschaft allein durch die
Änderung des Lebensstils nicht erklären. Die wirtschaftlichen und technischen Veränderungen
spielten eine genauso wichtige Rolle wie die Änderung des Lebensstils. Neben
Ketteringham/Nayak und Orland sind drittens noch Cockburn/Ormrod zu nennen, die eine
geschlechtswissenschaftliche Studie am Beispiel des Mikrowellenkochgeräts durchführten.13
Cockburn/Ormrod wiesen durch ihre Studie über das Mikrowellenkochgerät und die
Gesellschaft daraufhin, dass bei allen Prozessen bezüglich des Mikrowellenkochgeräts – also
vom ersten Entwurf, der Produktion, über den Verkauf bis hin zur Nutzung –
geschlechtsspezifische Rollenverteilungen bestanden. Wie auch andere unterscheiden auch
Cockburn/Ormrod zwischen so genannten Braunwaren (Unterhaltungselektronik) und
Weißwaren (Haushaltselektronik). Laut Cockburn/Ormrod handelte es sich bei den
Braunwaren um „High-Tech“-Geräte, die den Männern zuzuordnen sind, während es sich bei
8 Zum Beispiel Osepchuk 1984.
9 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987.
10 Maejima und Saitō 1996.
11 Ketteringham und Nayak 1987, S.195-229.
12 Orland 1998; Arbeitsgemeinschaft Hauswirtschaft e.V. und Stiftung Verbraucherinstitut (Hrsg.) 1990,
S.134.
13 Cockburn und Ormrod 1993.
1. Einleitung 17
den Weißwaren um praktikable Geräte handelt, die von Frauen verwendet werden. Das
Mikrowellenkochgerät wird von Cockburn/Ormrod als ein Haushaltsgerät zwischen der
Braunware und Weißware kategorisiert.
Was den biologischen Effekt der Mikrowellen betrifft, ist die historische Studie
Microwave Debate von Nicholas S. Steneck bekannt.14 Der Historiker Steneck wirft in seiner
Arbeit einen kritischen Blick darauf, wie der biologische Effekt der Mikrowellen bis zu Beginn
der 1980er Jahren in den USA wissenschaftlich sowie gesellschaftlich verstanden wurde und
wie der Emissionsstandard sowie Expositionsstandard der Mikrowelle festgestellt wurde. Am
Schluss dieser Arbeit schlägt Steneck vor, dass bei der Entscheidung um Standards nicht nur die
wissenschaftlich eindeutig bewiesenen Fakten, sondern auch die gesellschaftlichen Faktoren
wahrgenommen werden sollten. Das gesellschaftliche Verständnis in den USA bezüglich des
biologischen Effekts der Mikrowelle wird auch von John M. Osepchuk in mehreren Aufsätze
analysiert. Gegen Steneck argumentiert Osepchuk jedoch, dass Standards für technische
Produkte allein auf der Basis von Ergebnissen harter Wissenschaft entschieden werden sollten.
Während die oben genannten Forschungsarbeiten sich jeweils auf Teilaspekte der
Geschichte des Mikrowellenkochgeräts konzentrierten, behandelt die vorliegende Arbeit die
Zusammenhänge dieser Teilaspekte. Dadurch wird nicht nur eine umfassende Analyse der
Geschichte des Mikrowellenkochgeräts geleistet. Darüber hinaus liegt der Fokus dieser Arbeit
darauf, wie die gesundheitlichen Diskussionen die Technologieentwicklung beeinflusst haben.
1.2 Vorgehensweise
Um die oben genannten Fragen zum Prozess der Technologieentwicklung und -anwendung zu
beantworten, wird in dieser Arbeit die Geschichte des Mikrowellenkochgeräts chronologisch
untersucht und analysiert. Diese Analyse zieht unterschiedliche Aspekte in Betracht, den der
Technik, der Wirtschaft, der Politik, der Gesellschaft, und insbesondere den der Sicherheit. Im
Kern der Untersuchung stehen die Interaktionen aller beteiligten Akteure, das sind Ingenieure,
Unternehmer, Verbraucher, Verwaltungsbehörden, Medien und Politik. Darüber hinaus stellt
diese Arbeit dar, wie gesundheitliche Diskussionen – insbesondere die Debatte über den
negativen Einfluss der Mikrowelle auf den Körper des Menschen – den Entwicklungsprozess
des Mikrowellenkochgeräts beeinflusst haben.
Das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit behandelt die Vorgeschichte des
Mikrowellenkochgeräts, um die Grundlagen, auf denen diese Technik beruht, besser verstehen
zu können, bzw. auch zu erkennen, auf welcher Basis dann weitere Entwicklungen erfolgen
konnten. Dies ist der Zeitraum, der mit der Erfindung des Mikrowellenerzeugers, dem
Magnetron, in den 1920er Jahren beginnt, bis hin zu dessen Anwendung für das
14 Steneck 1985.
1. Einleitung 18
Mikrowellenradar während des Zweiten Weltkriegs. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg wurde
durch Nutzung der Funkkommunikation und Diathermie mit Hochfrequenzwellen bekannt,
dass Hochfrequenzwellen biologische Effekte auf Menschen haben. In den 1920er Jahren gab
es Ideen, Strahlenwaffen zu entwickeln, um mit Hilfe des biologischen Effekts von
Hochfrequenzwellen Menschen zu töten. Während des Zweiten Weltkriegs existierten
tatsächlich Projekte in Japan und Deutschland, um derartige Strahlenwaffen mit Hilfe von
Mikrowellen zu entwickeln, jedoch wurden diese Waffen bis zum Kriegsende nicht realisiert.
Die Idee solcher Strahlenwaffen wurde auch in Großbritannien diskutiert, ohne jedoch diese
Idee umzusetzen. Stattdessen konzentrierte man sich in Großbritannien darauf, die
Mikrowellenradargeräte zu entwickeln, und es gelang, Geräte herzustellen, die viel
leistungsfähiger als die bis dahin üblichen Radargeräte waren. Trotz dieses Erfolgs bestanden
die Schwierigkeiten in der Massenproduktion dieser Mikrowellenradargeräte. Um die
Unterstützung bei der Massenproduktion durch die USA zu erlangen, transferierte die britische
Tizard Mission wichtige technische Informationen in die USA. Dieser Transfer war
entscheidend dafür, dass die Magnetrontechnologie im Rahmen des Radarprojekts in den USA
einen großen Sprung machen konnte.
Auf der Grundlage dieser als „Vorgeschichte“ behandelten Entwicklungen kann nun
im dritten Kapitel die Entwicklung des Mikrowellenkochgeräts „Radarrange“ verdeutlicht
werden. Percy L. Spencer, der sich mit dem Magnetron während des Zweiten Weltkriegs in der
amerikanischen Firma Raytheon beschäftigt hatte, entwickelte zusammen mit seinen
Mitarbeitern mit Hilfe des Magnetrons kurz nach dem Kriegsende dieses erste
Mikrowellenkochgerät „Radarrange“ (dt. „Radar-Herd“) zur Erhitzung von Lebensmitteln.
Dieser große, schwere und teure „Radarrange“ verkaufte sich allerdings schlecht. Die
Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts begann letztlich deshalb erst etwa zwanzig Jahre
nachdem es erfunden worden war. Der Anlass für die Verbreitung war dann das kleine,
preiswerte Mikrowellenkochgerät für den Haushalt, das Mitte der 1960er Jahre in Japan
entwickelt wurde. Mit diesem Meilenstein wurde Japan in der Entwicklung sowie Verbreitung
des Mikrowellenkochgeräts weltführend.
Dieses neue Gerät wurde in Japan von den Konsumenten sehr gut angenommen und
die Verkäufe von Mikrowellenkochgeräten weisen steigende Tendenz auf (vgl. dazu Schaubild
1 mit der Veränderung der jährlichen Verkäufe des Mikrowellenkochgeräts in Japan seit 1967).
Diese Veränderung wird in dieser Studie in fünf Perioden eingeteilt und separat analysiert.
Das vierte Kapitel widmet sich in diesem Zusammenhang deshalb zunächst der
japanischen Entwicklung im Zeitraum vom Kriegsende bis zum Ende der ersten
Entwicklungsperiode, also bis etwa um das Jahr 1969. Überprüft wird die gängige These,
japanische Hersteller hätten westliche Produkte bloß nachgeahmt und kompakter gebaut, um
sie anschließend zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Diese Sichtweise fand insbesondere in dem
Moment starke Verbreitung, als japanische Hersteller in den 1980er Jahren den Weltmarkt für
Mikrowellenkochgeräte eroberten. Entgegen dieser Sichtweise wird ein anderes Bild der
1. Einleitung 19
japanischen Technikentwicklung entworfen, das der „adaptiven Kreativität“.
Zwar ist eine rasche Zunahme der Verbreitung des Mikrowellenkochgerätes in Japan
ab Mitte der 1960er Jahre zu bemerken, allerdings wird ein Einbruch in den 1970er Jahren
deutlich (vgl. Schaubild 1). Die Hintergründe dafür werden im fünften Kapitel behandelt. Im
Mittelpunkt steht dabei die so genannte Leckstrahlungskrise. Die Ursache für den Rückgang
des Absatzes an Geräten bestand darin, dass zunächst in den USA und anschließend auch in
Japan festgestellt wurde, dass Mikrowellen aus Mikrowellenkochgeräten austraten bzw. die
Kochgeräte 'leckten'.
Während der zweiten Periode der japanischen Entwicklung, vom Jahr 1970 bis etwa
um das Jahr 1973, – also direkt nach der Leckstrahlungskrise – wurden dann Maßnahmen
ergriffen, die Sicherheit des Geräts zu erhöhen, sowie das Gerät robuster, langlebiger,
praktikabler und preiswerter zu machen, so dass das Mikrowellenkochgerät als technisches
Massenprodukt heranreifte und der Umsatz wieder zu steigen begann. Im sechsten Kapitel wird
diese Dynamik der Entwicklung und die Anwendung des Mikrowellenkochgeräts in Japan von
der zweiten bis zur fünften Periode analysiert. Allerdings wurde die beginnende
Umsatzsteigerung wieder durch die Ölkrise im Jahr 1973 gebremst. Mit der Ölkrise begann die
dritte Periode, während der die Verkäufe für fünf Jahre stagnierten. Diese Stagnation nutzten
die japanischen Hersteller, um in ihre Produktionsanlagen zu investieren und dadurch
langfristig die Ausfuhr des Mikrowellenkochgeräts zu fördern. Zudem erweiterten die
japanischen Hersteller das Mikrowellenkochgerät um verschiedene, zusätzliche Funktionen –
beispielsweise um die automatische Kochfunktion durch Mikrocomputer sowie die
Backofenfunktion. Im Anschluss an diese technischen `Hardware`-Verfeinerungen begannen
die Hersteller auch die Software des Mikrowellenkochgeräts zu verbessern. So wurde aus dem
Mikrowellenkochgerät ein „High-Tech“-Produkt. Doch führte dieses hoch-komplexe
„High-Tech“-Gerät nicht aus der inländischen Stagnation heraus. Der Anlass, aus dieser
Stagnation herauszukommen, war vielmehr ein einfaches, erneut entwickeltes Gerät, das nur
über die fundamentalen Funktionen „Auftauen“ und „Erhitzen“ verfügte, dafür aber
entscheidend preiswerter war als das „High-Tech“-Gerät (Periode IV). In der fünften Periode
bleibt die Anzahl der jährlich produzierten Mikrowellenkochgeräte für den japanischen Markt
stabil (Schaubild 1). Aus industriell-strukturellem Blickwinkel galt diese Zeit jedoch als Krise,
da viele japanische Hersteller ihre Produktionsstätten von Japan ins Ausland verlagerten, um
Ausfuhrbeschränkungen zu vermeiden und Produktionskosten zu sparen. Dadurch gingen in
Japan viele Arbeitsplätze verloren.
Darüber hinaus wird im sechsten Kapitel analysiert, warum das Mikrowellenkochgerät
gerade in den 1980er Jahren in Japan auf eine breite Akzeptanz stieß. Zudem wird untersucht,
warum sich gerade das Mikrowellenkochgerät in Japan so stark verbreiten konnte, während
andere elektrische Haushaltsgeräte wie der Induktionsherd und die Spülmaschine in Japan bis
heute keine Verbreitung finden, obwohl alle drei zu einem ähnlichen Zeitpunkt auf dem
japanischen Markt kamen. Schließlich wird in diesem sechsten Kapitel die oft formulierte
1. Einleitung 20
Aussage „Das Mikrowellenkochgerät hat die Hausfrauen entlastet“ in Frage gestellt.
Im Fazit werden die Antworten auf meine drei Fragestellungen kurz zusammengefasst.
Darüber hinaus wird ein Vorschlag formuliert, wie wir heute und in Zukunft mit dem
gesundheitlichen Risiko neuer Technologien wie etwa dem der Mobilfunktechnologie umgehen
sollten.
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3
3.5
4
1967
1968
1969
1970
1971
1972
1973
1974
1975
1976
1977
1978
1979
1980
1981
1982
1983
1984
1985
1986
1987
1988
1989
1990
1991
1992
1993
1994
1995
1996
1997
1998
Jahr
Anzahl aller verkauften Geräte in Japan (Einheit in Millionen)
・・I・・|・・・II・・・・|・・・・・・III・・・・・・|・・・・・IV・・・・・|・・・・・・・・・・・V・・・・・・・・・・・・・
Schaubild 1 Veränderung der Anzahl derhrlich verkauften Mikrowellenkochgeräte in
Japan (Angabe gemäß JEMA sowie Sasaki und Kase 1971, S.284).
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 21
2 Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man, dass die Länge einer Welle sich positiv auf
deren Qualität für die Funkkommunikation auswirke: je länger die Welle, desto geeigneter sei
sie für die Funkkommunikation. Daher wurden in den USA den Amateur-Funkern die
„nutzlosen kurzen Wellen“ unter einer Wellenlänge von 200 m zugeteilt. Als die
Amateur-Funker in den USA und Europa jedoch auf diesen Frequenzen erfolgreich
kommunizierten, stieg das Interesse der Forscher an noch kürzeren Wellen.1 Im Jahr 1920
versuchten Forscher, Ultrakurzwellen zu erzeugen, die heute zum Teil Mikrowellen genannt
werden.2
2.1 Erfindungen von Mikrowellenerzeugern
Im Jahr 1920 erfanden in Deutschland die Wissenschaftler Heinrich Georg Barkhausen und
Karl Kurz die nach ihnen benannte BK-Röhre. Mit der BK-Röhre ließen sich
elektromagnetische Wellen mit einer Wellenlänge von 1 bis 2 m erzeugen.3
Der Mitarbeiter A. W. Hull des Unternehmens General Electric in den USA erfand
dann im Jahr 1921 das Magnetron4. Durch Modifizierungen, nämlich durch das Hinzufügen
mehrere Schlitze auf der Anode, konnte man mit Hilfe des Magnetrons sogar Mikrowellen
erzeugen. Dieses so genannte Schlitzanode-Magnetron wurde von Erich Habann (1924 in
Jena), August Zácek (1924 in Prag)5 und Okabe Kinjirō (1927 in Sendai, Japan, siehe
Abbildung 1) 6 unabhängig voneinander erfunden.7 Seit diesen Erfindungen wurde über den
1 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.14 und Böhme 1938a, S.113.
2 Je kürzer die Wellenlänge der Trägerwelle ist, desto größer ist die Menge der Signale, die beim
Frequenzmultiplex gesendet werden kann. Deshalb versuchte man, immer weiter noch kürzere Trägerwelle
zu verwenden. In den 1960er Jahren wurde die Anwendung von Millimeterwellen erforscht. Jedoch
verlagerte sich der Schwerpunkt der Forschung in den 1970er Jahren zur optischen Faser, die noch kürzere
Welle (Licht) anwendet, ohne dass Millimeterwellen überhaupt zur Anwendung kamen. Die Forschungen
zur optischen Faser lagen nicht auf der Entwicklungslinie der Millimeterwellenforschungen, sondern auf
der Entwicklungslinie der Maser- und Laserforschung, die auf Basis von Mikrowellenforschungen während
des Kriegs und danach entwickelt worden war. Dies zeigt, dass Technologie nicht immer geradlinig
entwickelt wird. Siehe Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.424, 427 und 429; Nihon denshi kikai kōgyōkai
denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.177.
3 Barkhausen und Kurz 1920; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.149;
Guerlac 1987, S.187.
4 Zum Magnetron siehe Anhang 1.
5 Žáček 1924
6 Okabes Erfindung ist insofern wichtig, als dass sie Forschungen über das Schlitzanode-Magnetron in
amerikanischen großen Instituten veranlasste: Den Erfindungen von Habann und Zácek wurden in den USA
kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Yagi Hidetsugu, renommierter Schwachstromforscher in Japan, der für
eine Weile bei Barkhausen in Dresden geforscht hatte, hatte in der Institute of Radio Engineers (IRE) in den
USA im Jahr 1928 mündlich die Erfindung von seinem Schuler Okabe bekannt gemacht und später im
desselben Jahr in der Proceedings of the IRE veröffentlicht. Aus diesem Anlass wurden die Forschungen
über Schlitzanode-Magnetron in GE und Westinghouse Research begonnen. Siehe Okabe 1929; White 1952,
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 22
Mechanismus des Schlitzanode-Magnetrons in verschiedenen Ländern geforscht. Im Jahr
1938 sprach der Physiker Esau aus Jena von der erfolgreichen Erzeugung einer Mikrowelle
mit der Wellenlänge von 4,9 mm.8 Die Leistungen und Wirkungsgrade dieser Magnetrone
waren jedoch sehr gering9 und daher ungeeignet für jegliche praktische Anwendung.
Abbildung 1 Schlitzanode-Magnetron von Okabe Kinjirō im Jahr 1927 (Jōetsu kyōiku
daigaku 2000, S.59).
2.2 Verwendung der Kurzwelle für Diathermie-Behandlung
Ende der 1920er Jahre wurde das Phänomen öffentlich, dass häufig Ermüdungserscheinungen
zwischen Funkgerät-Operatoren auftraten. Zu dieser Zeit begannen systematische
Untersuchungen zum biologischen Effekt der Kurzwelle.10
2.2.1 Beginn der Diathermie
Eine erste solche Untersuchung wurde von J. W. Schereshewsky durchgeführt, einem
Chirurgen im Öffentlichen Gesundheitsdienst der USA (U.S. Public Health Service). Durch
eine Reihe von Experimenten mit Mäusen analysierte er, dass biologische Effekte abhängig
von der verwendeten Frequenz auftraten und mehrere Mechanismen dabei wirkten. 11
Schereshewsky schloss die Existenz eines nicht-thermischen Mechanismus nicht aus. Er
versuchte, den Tumor von Mäusen mit Kurzwellen zu bestrahlen und dadurch den Tumor zu
heilen.12 Durch diese Versuche ließ sich jedoch die Existenz nicht-thermischer Effekte nicht
S.197 und 201; Okabe 1980, S.1233; Bryant 1988, S.849.
7 Guerlac 1987, S.188-191 und Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987,
S.152.
8 Böhme 1938b, S.164.
9 Beispielsweise erzielte ein Mitarbeiter von GE bei Laboratoriumsversuchen eine Wellenlänge von 4,8 cm
bei 10 W Leistung mit einem Wirkungsgrad von 3 %. Siehe Böhme 1938b, S.164.
10 Böhme 1938a, S.115.
11 Schereshewsky 1926, S.1954-1959 und 1962; Steneck 1985, S.70-71.
12 Die Anwendung von Elektrizität auf dem Gebiet der Medizin und der Biologie geht zurück auf den
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 23
beweisen.13
Anschließend kam man auf die Idee, die Kurzwelle für Diathermie-Behandlungen zu
verwenden, die üblicherweise mit Hilfe von Lang- bzw. Mittelwellen durchgeführt wurden.
Diathermie ist eine Methode zur Heilung verschiedener Erkrankungen durch Wärme
hochfrequenter Wechselströme mit dem Ziel, die Körpertemperatur zu erhöhen14. Somit
handelt es sich bei der Diathermie um eine Thermotherapie15. Die Diathermie-Behandlung
unter Verwendung von Kurzwellen wurde zum ersten Mal vom deutschen Arzt Erwin
Schliephake in Gießen durchgeführt. Das dazu notwendige Diathermiegerät16 war vom
Physiker Abraham Esau in Jena entwickelt worden. Die erste Behandlung einer menschlichen
Krankheit, die Schliephake durchgeführt hatte, war sein eigener, äußerst schmerzhafter
Nasenfurunkel. Diese im März 1929 durchgeführte Behandlung war sehr wirksam. Bald
begann er, diese Behandlung auch an seinen Patienten durchzuführen. Er veröffentlichte ein
Buch über Kurzwellentherapie im Jahr 1932, und erklärte in diesem Buch anhand
verschiedener Beispiele die Vorteile dieser Heilmethode.17 Mitte der 1930er Jahre war die
Diathermie nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA verbreitet.18
Mit einem Auftrag für Nakajima Shigeru, Ingenieur der Firma Nihon Musen (Japan
Radio Company, Abk. JRC), ein Diathermiegerät zu entwickeln, erreichte die
Diathermietechnik auch Japan. Auftraggeber war der Arzt Hino Juichi der medizinischen
Abteilung der Tōkyō Universität, der sich durch eine deutsch-medizinische Fachzeitschrift
über Diathermie informiert hatte. Nakajima nahm einen Kurzwellengenerator (Wellenlänge 6
m, Leistung 350 W) der Firma Telefunken als Vorbild und entwickelte im Jahr 1935 ein
Diathermiegerät namens „Aloka“ (Abbildung 2).19
Im Jahr 1938 schlug H. E. Hollman zum ersten Mal vor, eine noch kürzere Welle als
die Kurzwelle, nämlich die Mikrowelle, im Bereich der Diathermie anzuwenden. Laut
Hollman bietet die Mikrowelle den Vorteil, dass sie auf das tief im Körper liegende Gewebe
fokussieren kann. Jedoch kam dieser Vorteil bis Kriegsende nicht zur Anwendung. Obwohl
italienischen Chirurg Luigi Galvani im 18. Jh. Im 19. Jh. Ferner führten d’Arsonval, Tesla und Herz
biologische und medizinische Versuche mit elektromagnetischen Wellen durch. Siehe Böhme 1938c, S.210
und Guy 1984, S.1182-1184.
13 Steneck 1985, S.71-73.
14 Böhme 1938a, S.115.
15 Thermotherapie (Heilmethode auf Basis von Hitze) ist sehr alt. Ungefähr 500 Jahren vor Christus
erhöhte man die Körpertemperatur, um Bakterien im Körper zu töten. Um die Körpertemperatur zu erhöhen,
kann man ein Bad nehmen, Packungen machen, oder sich absichtlich von einer Fieberkrankheit wie
Malaria infizieren lassen. Diathermie bot die kontrollierte Erhitzung ohne die potenzielle Gefahr, die eine
Fieberkrankheit aufweist. Böhme 1938d, S.250 und Steneck 1985, S.26.
16 Dies 100 MHz-Gerät hatte eine Leistung von 400 W. Siehe Guy 1984, S.1185.
17 Schliephake 1935, S.122.
18 Steneck 1985, S. 74-75.
19 Da sich dieses Aloka in Japan gut verkaufen ließ, finanzierte die JRC Nakajima als Belohnung eine
Reise mit Aufenthalt in Berlin von 1937 bis 1938. Er bildete sich in dieser Zeit in der Firma Telefunken als
Ingenieur auf dem Gebiet der Vakuumröhrentechnik weiter. Siehe Ikeya 1990, S.48-9; Interview mit
Nakajima (ehem. JRC) im Mai 2002; Nihon Musen 1971, S.162; Nakajima 1997, S.33-45.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 24
die Erzeugung der Mikrowellen im Zentimeterbereich während des Kriegs möglich gewesen
war, stand diese Zentimeterwelle20 dennoch nicht der Diathermie zur Verfügung, da diese für
das Radar entwickelte Zentimeterwellentechnik damals noch ein militärisches Geheimnis
darstellte. Daher kamen bis Kriegsende nur Kurzwellen (bis zu einer Wellenlänge von 3 m)
zur Anwendung.21
Abbildung 2 Diathermiegerät Aloka von JRC (Nihon Musen 1971, S.162).
2.2.2 Gesundheitliche Beschwerden durch Hochfrequenzwellen
Die mit Diathermie behandelten Patienten klagten über Kopfschmerzen, Übelkeit und
niedrige Blutdruckwerte. Diese Beschwerden wurden auch bei Fieberkrankheiten beobachtet
und waren reversibel (heilbar). Daher schenkte man diesen Nebenwirkungen der Diathermie
keine besondere Beachtung.
Obwohl keiner dieser Symptome besonders besorgniserregend war, befürchtete die
amerikanische Marine, dass aufgrund solcher gesundheitlichen Beschwerden das Personal den
Dienst nicht mehr wie bisher ausführen könne. Daher initiierte das Bureau of Medicine and
Surgery (Büro der Medizin und Chirurgie) der amerikanischen Marine im Juli 1930 eine
Untersuchung. Ziel dieser Untersuchung bestand darin festzustellen, ob elektromagnetische
Wellen mit einer Frequenz von 80 MHz, die die neu eingesetzten Rundfunksender
ausstrahlten, überhaupt eine potenzielle Gefahr darstellen. Während der Bestrahlung wurden
eine Erhöhung der Körpertemperatur, niedrige Blutdruckwerte, Kopfschmerzen und/oder
Schwindelgefühl beobachtet. Diese Erscheinungen verschwanden einige Zeit nach der
Beendung der Bestrahlung. Je öfter die Bestrahlung wiederholt wurde, desto kürzer war die
20 Die Meterwelle bezeichnet die Welle mit einer Wellenlänge von 1 m bis 10 m, die Dezimeterwelle die
Welle mit einer Wellenlänge von 10 cm bis 100 cm und die Zentimeterwelle die Welle mit einer
Wellenlänge von 1 cm bis 10 cm.
21 Guy 1984, S.1186 und Hollmann 1938.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 25
Zeit, bis die Erscheinungen verschwanden. Diese Erscheinungen traten auch bei Arbeitern in
heißen Räumen auf, wie beispielsweise in Zechen. Daher kam die amerikanische Marine zu
dem Schluss, dass die – durch diese Rundfunkwellen verursachte – Hitze bzw. Wärme keine
Gefahr für Menschen darstelle.22
2.2.3 Wirksamkeit der Kurzwellen-Diathermie
Auch in den USA verbreitete sich die vom deutschen Arzt Schliephake begonnene
Kurzwellentherapie schnell in den 1930er Jahren. Aber die von Schliephake beschriebenen
Vorteile dieser Therapie waren umstritten.23 Vor diesem Hintergrund gab der Rat der
physischen Therapie der amerikanischen medizinischen Assoziation (Council on Physical
Therapy of the American Medical Association, Abk. CPT) den Auftrag, eine allgemeine
Untersuchung zur Wirksamkeit der Diathermie durchzuführen.24 Die vom CPT beauftragten
Wissenschaftler kamen im Jahr 1935 zu dem Schluss, dass die Kurzwellentherapie im
Vergleich zur konventionellen Diathermie keinerlei Vorteil darstelle.25
Im Jahr 1937 fand der Internationale Kongreß für Kurzwellen in Physik, Biologie
und Medizin in Wien statt. Dabei wurde auch die Wirksamkeit der Kurzwellen-Diathermie
diskutiert.26 In Bezug auf die Bestrahlung mit Kurzwellen unterschieden die Ärzte damals
zwischen „Dosis“ und „Dosisleistung“. Unter Dosis ist die gesamte Energie zu verstehen, die
durch den bestrahlten Gegenstand absorbiert wird (z.B. in der Einheit von Watt-Stunden
(Wh)). Dagegen bezeichnet Dosisleistung die Intensität der Bestrahlung, d.h. genauer gesagt
ist die Dosisleistung die je Zeiteinheit an den Gegenstand abgegebene Energie (z.B. in der
Einheit von Watt (W)). Damals erkannten die Ärzte, dass bei einer Röntgentherapie die Dosis
wichtig ist, während bei einer Kurzwellentherapie die Dosisleistung eine wichtige Rolle
spielt.27 Diese Erkenntnis beruht auf Erfahrungen, dass bei der Kurzwellenbestrahlung die
Behandlung mit einer Intensität „1“ für 10 Tage effektiver wirkte als die einmalige
Behandlung mit einer Intensität „10“, obwohl beide Behandlungen mit der gleichen Dosis von
„10“ durchgeführt wurden.28 Allerdings konnte mit keiner der Meßmethoden, die in den
1930er Jahren zur Verfügung standen, diejenige Energie genau gemessen werden, die die
Patienten durch die Bestrahlung erhalten hatten. Bis Mitte der 1930er Jahre war man nur auf
die subjektiven Aussagen der Patienten bezüglich der Wärmeempfindungen angewiesen.29
22 Steneck 1985, S.26-28.
23 Kursen 1935.
24 Steneck 1985, S.74-6.
25 Mortimer und Osborne 1935, S.1418-1419.
26 Internationaler Kongreß für Kurzwellen in Physik, Biologie und Medizin 1937.
27 Böhme 1938c, S.209.
28 Böhme 1938d, S.248.
29 Böhme 1938c, S.208-9.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 26
Welche Intensität wirkt am effektivsten? Damals erkannten die Ärzte, dass gegen
akut entzündliche Erkrankungen und Gefäßerkrankungen eine niedrige Intensität wirksam ist,
so niedrig, dass die Patienten bei der Bestrahlung kaum Wärme spüren, während bei
chronischen Krankheiten eine möglichst hohe Intensität wirksam ist. Einige Wissenschaftler
glaubten, dass eine schwache Kurzwellenbestrahlung gegen manche Erkrankungen effektiver
sei, da die Kurzwellenbestrahlung über die bloße Wärme hinaus auch andere Wirkungen hätte,
d.h. nicht-thermische Effekte. Als Beweis für einen nicht-thermischen Effekt nannten diese
Wissenschaftler den Perlenkette-Effekt. Dieses Phänomen, dass sich in Fettemulsionen im
Wechselfeld von 20 kHz bis 2 MHz Perlenketten bildeten, wurde im Jahr 1927 durch E. Muth
beobachtet. Die Fettkügelchen versuchen sich so auszurichten, dass die Verbindungslinie ihrer
Mittelpunkte parallel zum Feld ist.30
Im Unterschied dazu war ein großer Teil der Wissenschaftler davon überzeugt, dass
allein die Wärme der Diathermie für deren Wirkung verantwortlich sei. Als Begründung für
diese Überzeugung wurde folgendes Beispiel genannt: Auf einem Kondensatorfeld tritt
unabhängig von der Stärke des Feldes immer Wärme auf.31 Die Wissenschaftler glaubten,
dass dieser thermische Effekt solange verträglich und reversibel sei, als dass die Stärke der
Bestrahlung einen bestimmten Wert nicht überschreitet.32 Unter diesen Wissenschaftlern
waren einige der Meinung, dass dieser bestimmte Wert gleich der Verträglichkeitsgrenze der
Menschen gegenüber Hitze sei. Menschen können Hitze wahrnehmen, bevor sie übermäßiger
Hitze ausgesetzt sind. Daher dachten diese Wissenschaftler, dass Menschen nie eine tödliche
elektromagnetische Bestrahlung abbekommen könnten.33
2.3 Strahlenwaffenkonzepte
Die oben genannten Forschungen zu den biologischen Effekten von Hochfrequenzwellen
zeigten nicht nur, dass elektromagnetische Wellen Wirkungen auf Lebewesen haben, sondern
dass zudem energiereiche Wellen sogar Lebewesen töten können. Daher kam in
Großbritannien, Deutschland und Japan die Idee auf, mit energiereichen Hochfrequenzwellen
Strahlenwaffen zu entwickeln. In Großbritannien fragte H. E. Wimperis, Direktor der
Wissenschaftlichen Forschung (Scientific Research) des Ministeriums der Luftwaffe (Air
Ministry), den Leiter der Radioabteilung (Radio Department) des Nationalen Physikalischen
Instituts (National Physical Laboratory), Sir Watson-Watt, im Jahr 1934 inoffiziell, ob es
möglich wäre, fliegende Flugzeuge mit Strahlenwaffen anzugreifen und Piloten zu verletzen.
Watson-Watt antwortete, dass eine solche Strahlenwaffe nicht möglich, jedoch ein
30 Böhme 1938d, S.248.
31 Böhme 1938d, S.249.
32 Steneck 1985, S.29.
33 Böhme 1938d, S.250.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 27
Flugzeugdetektor auf Basis von Hochfrequenzwellen möglich sei. Aus diesem Anlass begann
man mit der Forschung und der Entwicklung des Radars in Großbritannien.34 In Deutschland
und Japan dagegen gab es tatsächlich Versuche während des Kriegs, Strahlenwaffen mit dem
Ziel zu produzieren, die Piloten in feindlichen Flugzeugen zu töten und die Flugzeugmotoren
zu beschädigen. In Bezug auf Strahlenwaffenprojekte weisen Deutschland und Japan ähnliche
Merkmale auf: Erstens verfolgten und förderten mehrere Institutionen ihre eigenen Projekte,
während es zwischen diesen Institutionen kaum Kooperationen gab. Zweitens erhielten diese
unrealistischen Wunderwaffenprojekte mit der Verschlechterung der Kriegslage Ende 1943
massive finanzielle Förderungen. Drittens verfolgten mehrere Projektleiter mit den – für
damalige Verhältnisse – großzügigen Forschungsgeldern private Interessen, obwohl diese
Gelder für die Entwicklung der Wunderwaffen gedacht waren. Viertens wurde letztlich keine
Strahlenwaffe gebaut, die im Krieg einsetzbar gewesen wäre.
In Deutschland entwarf zuerst Ernst Schiebold, Leipziger Universitäts-Professor für
Mineralogie, Petrographie und Feinbaulehre, einen „Todesstrahl“ auf Basis von
Röntgenstrahlung. Diesen Entwurf hielten Fachleute für nicht realisierbar. Dennoch erhielt
Schiebold die Unterstützung des Reichsluftfahrtministeriums im April 1943, die jedoch nur
für zwei Monate währte.35 Eine andere Strahlenwaffe auf Basis von Röntgenstrahlung wurde
von Richard Gans und Heinz Schmellenmeier entworfen und vom Reichsforschungsrat
unterstützt.36 Das dritte Strahlenwaffenprojekt mit dem Tarnnamen „Hadubrand“ wurde im
Rahmen des Bevollmächtigten für Hochfrequenzforschung unter dem Reichsforschungsrat
gefördert. Walter Dällenbach, schweizer Physiker und Ingenieur, schlug vor, durch
intensitätsstarke Bündelung ultraroter Strahlung das jeweilige Flugzeug bzw. den jeweiligen
Bomber zur vorzeitigen Explosion zu bringen. Das eigentliche Ziel des Entwurfs von
Dällenbach jedoch war die Finanzierung seines Hochfrequenz-Beschleunigers mit einem
Hohlraumresonator.37
In Japan arbeiteten das Heer und die Marine jeweils unabhängig von einander an
ihren Strahlenwaffenprojekten. Allerdings verfolgten das Heer und die Marine
unterschiedliche Schwerpunkte. Beim Heer lag der Schwerpunkt darauf, die Wirkung von
Meterwellen sowie Dezimeterwellen auf Lebewesen zu untersuchen. Bei der Marine dagegen
lag der Schwerpunkt auf der Entwicklung energiereicher Magnetrone (vgl. dazu Tabelle 3 mit
einer Auflistung unterschiedlicher Faktoren japanischer Strahlenwaffenprojekte).
Bis heute existieren verschiedene Gerüchte zum Thema Strahlenwaffen. In den USA
war in den 1960er und 1970er Jahren von einer so genannten „Todesmikrowelle“ die Rede.
Dieses Gerücht geht vermutlich auf eine Studie der U.S. Armee im Jahr 1957 zurück, die
besagte, dass die Bestrahlung mit einem gebündelten Mikrowellenstrahl einer Stärke von 10
34 Kawamura und Yamazaki 1986, S.134; Jones 1998, S.16.
35 Waloschek 1993, S.80; Weiss 1998, S.134-137.
36 Waloschek1993, S.79.
37 Weiss 1998.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 28
W/cm² mit einer Dauer von einer Sekunde oder weniger für Menschen tödlich sei. Diese
Waffe war in der Praxis nicht realisierbar.38 Außerdem berichteten die deutschen Medien in
den 1960er Jahren über die Idee von „Todesstrahlen“ mit Hilfe der Lasertechnik, obwohl dies
militärisch kaum praktikabel war.39 Als im März 2003 der Irakkrieg begann, wurde über den
Einsatz einer „E-Bomb“ berichtet, einer elektromagnetischen Bombe. Ziel dieser
Strahlenwaffe ist es, durch ihre energiereichen Pulswellen eine Interferenz elektronischer
Geräte zu verursachen und dadurch das feindliche Militärsystem lahm zu legen. Daher handelt
es sich bei dieser Strahlenwaffe streng genommen nicht um „Todesstrahlen“, da sie nicht
darauf abzielt, Lebewesen zu vernichten. Offiziell hat das Pentagon jedoch den Einsatz und
die Existenz solcher Waffe nicht bestätigt.40
Tabelle 3 Japanische Strahlenwaffenprojekte während des Zweiten Weltkriegs – Projekt
Ku (Heer) und Projekt Z (Marine) –
Faktoren Projekt Ku (Heer) Projekt Z (Marine)
Zeit 1936 – 1945
Insbesondere seit 1943 wurde das
Projekt eifrig betrieben.
1942 – 1945
Seit 1943 im Shimada-Labor
Forschungsthemen Biologische Effekt der Hochfrequenz
(Tierversuche)
Entwicklung verschiedener Magnetrone
Erzeugung energiereicher
elektromagnetischer Wellen
Anzahl der
Mitarbeiter
10 bis 30
116 Mitarbeiter im Jahr 1945
im Durchschnitt ca. 300
Max. 1000
Budget ¥ 2.000.000
(¥ 1.000.000 im Jahr 1945)
¥ 4.000.000 laut Plan im Jahr 1942
Ort Noborito (Präfektur Kanagawa) Mitaka (Präfektur Tōkyō)
seit Mai 1943: Shimada (Präfektur Shizuoka)
Betrachtete Effekte
von
Hochfrequenzwellen
für Strahlenwaffen
Thermische Effekte
Nicht-thermische Effekte
Thermische Effekte
Wellenlänge Dezimeter- und Meterwelle (zwischen
20 cm und 5 m)
Zentimeter- und Dezimeterwelle (zwischen 6
cm und 15 cm)
Beweggründe für das
Projekt
Planung von Überfälle auf andere
Länder
Magnetronforschung
Beziehung zur
Radarforschung
Das Projekt Ku war Vorläufer für spätere
Radarprojekte.
Mit den bereits erfolgreich entwickelten
Magnetronen wurde zuerst versucht,
Radargeräte zu entwickeln. Da das
Mikrowellenradargerät im Krieg nicht
einsetzbar gewesen war, wurde die
Anwendung des Magnetrons für
Strahlenwaffen vorgeschlagen.
38 Osepchuk 1990, S.534.
39 Gerwin 1966.
40 Osepchuk 1990, S.534; Kawano 2003; CS 26. März 2003.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 29
2.3.1 Das Projekt „Ku“ des japanischen Heeres
In den 1920er Jahren berichteten japanische Zeitungen und Zeitschriften darüber, dass
„Todesstrahlen“ in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien erfolgreich entwickelt
worden seien.41 “Todesstrahlen“ war eines der Lieblingsthemen populär-wissenschaftlicher
Zeitschriften und der Abenteuer-Romane für Jugendliche. 42 Im Jahr 1926 hielt der
renommierte Schwachstromforscher Yagi Hidetsugu43 im chemischen Forschungsinstitut des
Heeres (Rikkugun kagaku kenkyū-jo) und im japanischen Wissenschaftsverein (Nihon
gakujutsu kyōkai) Vorträge darüber, ob dieser häufig diskutierte „Todesstrahl“ überhaupt
realisierbar sei. In seinen Vorträgen nannte er vier mögliche militärische Anwendungen
elektromagnetischer Wellen, nämlich die Verhinderung der Steuerung von Fahrzeugen wie
Autos und Flugzeuge, Verletzung bzw. Tötung von Lebewesen, Fernzündung von Sprengstoff
und Erzeugung einer Elektrizität leitenden Gassäule in der Atmosphäre. Yagi schloss seine
Verträge mit dem Fazit, dass ein so genannter „Todesstrahl“ in absehbarer Zeit nicht
realisierbar sei.44 Vier Jahre später beauftragte der Generalstab des Heeres (Rikugun
sanbō-bu), der sich für Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über angeblich im Ausland
entwickelte „Todesstrahlen“ interessiert hatte, das Heeresinstitut für Wissenschaft (Rikugun
kagaku kenkyū-jo) zu untersuchen, ob solche Strahlenwaffen realisierbar seien. Die Antwort
des Heeresinstituts für Wissenschaft war ebenfalls negativ, mit der Begründung, dass solche
Waffen enorme Energie brauchten.45
Im Jahr 1936 kam in Japan die Idee auf, dass man doch eventuell mit
Ultrakurzwellen (Meter- und Dezimeterwellen) Strahlenwaffen realisieren könne. Dafür
interessierte sich Tada Reikichi, Generalleutnant des Heeres. Zum einen beauftragte Tada im
gleichen Jahr das Erste Komitee der Japanischen Gesellschaft zur Förderung der
Wissenschaften (Nihon gakujutsu shinkō-kai daiichi shō-iinkai) des Kultusministeriums, die
Möglichkeit der Produktion energiereicher elektromagnetischer Wellen zu untersuchen.
Dieses Erste Komitee, das für die Sicherheit der Funkkommunikation zuständig war, wurde
im Jahr 1933 eingerichtet. Zu diesem Komitee gehörten mehrere renommierte Wissenschaftler
von Universitäten, Firmen und Militärinstituten. Zum anderen organisierte Tada parallel dazu
ein Projekt im Heeresinstitut für Wissenschaften, dem er als Direktor vorstand. Im Dezember
1936 begann dies Institut offiziell mit der Forschung über „Strahlen mit enormen Kräften
(Kuwairiki-sen)“. Hierbei handelte es sich um das so genannte „Projekt Ku (Ku-gō)“. Die
Durchführung einiger Forschungsaufgaben des Projekts Ku wurde auch außerhalb der
41 Kimata 1998, S.287-288; Yagi 1948, S.303 und 307; Matsuo 1992, S.391; Satake 1977, S.594-595.
42 Matsuo 1992, S.392.
43 Yagi Hidetsugu (1886-1976) forschte von 1913 bis 1916 unter Barkhausen an der TH Dresden. Er ist
berühmt für seine Erfindung der Yagi-Uda-Antenna mit seinem Mitarbeiter Uda Shintarō im Jahr 1926.
Siehe http://www-jabira.net/retsuden/ya/yagi/htm last accessed on 12.07.2005 und Suzuki (Hrsg.) 1996.
44 Miyagawa 1998; Yagi 1926; Yagi 1948, S.303-312.
45 GHQ Technical Intelligence Detachment (24 June 1949), S.3-4.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 30
Heeresinstitutionen geleistet.46 Ende 1937 zog das Projekt Ku vom Heeresinstitut für
Wissenschaft, das im Herzen der Stadt Tōkyō lag, zum Noborito-Labor (Noborito jikken-jō)
des Heeres in der Präfektur Kanagawa um. Dieses in der Umgebung von Tōkyō liegende
Labor, das spätere Noborito-Institut, war für die Erforschung und Entwicklung von
„High-Tech“-Waffen für Überraschungsangriffe neu eingerichtet worden. Hier wurden zum
Beispiel die Luftballonbombe, Gift, biologische Waffen 47 und gefälschte Geldscheine
entwickelt.48
Für das Projekt Ku arbeiteten am Anfang je nach Zeitpunkt zwischen zehn bis
dreißig Wissenschaftler. Im Jahr 1938 schlug das Erste Komitee der Japanischen Gesellschaft
zur Förderung der Wissenschaften (Nihon gakujutsu shinkō-kai daiichi shō-iinkai) die
Entwicklung von Radar vor. Radar ist die Abkürzung von „Radio Detecting And Ranging“ d.h.
Funkermittlung und Entfernungsmessung. Dieses Radarprojekt wurde immer wichtiger, so
dass das Projekt Ku vernachlässigt wurde. Doch seit 1943, als sich die Kriegslage
verschlechterte, wurde das Projekt Ku wieder eifrig mit der Hoffnung betrieben, dass eines
Tages mit einer Strahlenwaffe die Kriegslage verändert werden könnte. Allein im Jahr 1945
wurden eine Million Yen (586.000 RM)49 hineingesteckt, ungefähr die Hälfte des gesamten
Budgets des Projekts Ku, und 116 Wissenschaftler beschäftigt.50 Trotz dieser Mühe endete
das Projekt Ku, ohne jemals Strahlenwaffen zu bauen, die im Krieg einsetzbar gewesen
wären.
Im Rahmen des Projekts Ku gab es fünf Forschungsthemen zu Ultrakurzwellen.
Erstens die Erzeugung von Ultrakurzwellen, zweitens die Experimente, mit Ultrakurzwellen
Motoren zu stoppen, und die Entwicklung der Abschirmung solcher Ultrakurzwellen, drittens
der biologische Effekt der Ultrakurzwellen, viertens die Erzeugung künstlicher Blitze und
fünftens das Verursachen chemischer Reaktionen durch Ultrakurzwellen. Der Schwerpunkt
des Projekts Ku lag auf der Erforschung der biologischen Effekte von Ultrakurzwellen.
Mehrere Tierversuche mit Mäusen, Ratten, Kaninchen, Hunden und Affen wurden
durchgeführt, doch Menschenversuche wurden nicht durchgeführt. Allerdings gab es laut
einer Aussage eines damaligen wissenschaftlichen Mitarbeiters im Noborito-Institut die
Überlegung, mit zum Tode Verurteilten zu experimentieren, um Effekte auf Menschen
untersuchen zu können.51 Interessant ist auch, dass die Wissenschaftler, die Tierversuche
46 Unno, Yamada und Watanabe (Hrsg.) 2003, S.57 und Ban 2001, S.112-115.
47 Bezüglich biologischer Waffen arbeitete das Noborito-Institut mit der Truppe 731 des in der
Mandschurei stationierten japanischen Heeres zusammen, die dort Menschenversuche durchgeführt hatte.
48 Rikugun kagaku kenkyū-jo 1937; Unno, Yamada und Watanabe (Hrsg.) 2003, S.18-19; Nagano
Akaho-kōkō heiwa zemināru/ Kanagawa hōsei nikō heiwa kenkyūkai 1991, S.69; Satake 1977, S.574 und
577; GHQ Technical Intelligence Detachment 1949, S.3-4.
49 Vom Jahr 1940 bis 1944 entspricht ca. 58,60 RM (Reichsmark) für 100 Yen. Siehe Schneider, Schwarzer
und Denzel (Hrsg.) 1991, S.193.
50 Satake 1977, S.577; Scientific and Technical Advisory Section, U.S. Army Forces, Pacific, GHQ 1945,
Vol. II,1-D, S.42 und Vol. II, Appendix 1-E-1; Kawamura 2002, S.88-89.
51 Sasaki 2000, S.113.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 31
durchgeführt hatten, an Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit litten.52
Zuerst versuchten die Wissenschaftler des Projekts Ku herauszufinden, unter welchen
Konditionen wie viel Leistung und wie viel Zeit benötigt werden, um Tiere zu töten. Die
Wissenschaftler setzten die Versuchstiere zwischen zwei Kondensatorplatten, zwischen denen
Ultrakurzwellenfelder (Wellenlänge von 1 bis 3 m, Leistung bis zum 10 kW) entstanden.
Daraus konnten die Wissenschaftler jedoch keine quantitativen Ergebnisse erzielen, da es
schwierig war, die von den Versuchstieren absorbierte, gesamte Energie genau zu messen.
Trotzdem ließen sich vier bemerkenswerte Tendenzen herausfinden: 1. je stärker das Feld ist,
desto schneller stirbt ein Tier. 2. Die Höhe der tödlichen Leistung ist je nach Tier
unterschiedlich. 3. Sobald ein Tier Gehschwierigkeiten aufweist und es in diesem Moment
sofort aus dem Ultrakurzwellenfeld entfernt wird, erholt sich das Tier und erreicht wieder
seinen normalen Zustand. Je öfter dieses Experiment wiederholt wird, desto schneller ist die
Erholungsphase des Tiers. 4. Ein Tier kann sich nicht mehr erholen, sobald das Tier unter
Atemschwierigkeiten leidet.53
Zwischen 1941 und 1943 benutzten die Wissenschaftler die Ultrakurzwelle mit noch
kürzeren Wellenlängen (20 cm bis 180 cm). Dadurch konnten die Wissenschaftler drei
bemerkenswerte biologische Effekte herausfinden: 1. Trotz geringerer Leistung können mit
diesen Ultrakurzwellen Tiere getötet werden. 2. Je kürzer die Wellenlänge ist, desto weniger
steigt die Temperatur des Tiers. Die Bestrahlung mit Ultrakurzwellen, deren Wellenlänge
unter 60 cm sind, verursacht kaum Temperatursteigerung. 3. Während Ultrakurzwellen mit
Wellenlängen von 60 cm bis 2 m pulmonary hemorrahage (Blutung in den Lungen)
verursachen, zerstören Ultrakurzwellen mit Wellenlängen unter 60 cm die Hirnzellen der
Tiere.
Im Jahr 1942 begannen die Wissenschaftler des Projekts Ku, pathologische sowie
physiologische Effekte der Mikrowellen auf Tiere zu untersuchen. Durch diese
Untersuchungen versuchten die Wissenschaftler, die Todesursachen der Tiere zu erklären. Ist
die Todesursache bedingt durch den thermischen oder den nicht-thermischen Effekt? Also
bedingt durch Hitze oder Mikrowellen-spezifischen, physiologischen Effekt? Einerseits
erklärte die Mehrheit der Wissenschaftler die Hitze als Todesursache. Andererseits wurden bei
Leichenöffnungen die Mikrowellen-spezifischen Phänomene, d.h. nicht-thermische Effekte,
gefunden. Vor diesem Hintergrund konnten die Wissenschaftler keinen eindeutigen Schluss
ziehen.54
Im Jahr 1943 bzw. 1944 begannen die Wissenschaftler eine Reihe von Experimenten
mit Mikrowellen, um in der Ferne befindende Tiere zu töten. Beispielsweise töteten die
52 GHQ Technical Intelligence Detachment 1949, S.11 und S.27-32; Scientific and Technical Advisory
Section, U.S. Army Forces, Pacific, GHQ 1945, Vol. II, Appendix 1-E-1.
53 Scientific and Technical Advisory Section, U.S. Army Forces, Pacific, GHQ 1945, Vol. II, Appendix
1-E-1; GHQ Technical Intelligence Detachment 1949, S.17-18.
54 Scientific and Technical Advisory Section, U.S. Army Forces, Pacific, GHQ 1945, Vol. II, Appendix
1-E-1; Satake 1977, S.596.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 32
Wissenschaftler mit Mikrowellen (Wellenlänge von 80 cm und Leistung von 30 kW)
`erfolgreich´ ein Kaninchen im Abstand von 30 m in 10 Minuten.55 Diese Experimente sind
nicht mehr der Grundlagenforschung zu zuordnen, da das Ziel dieser Experimente eindeutig
darin bestand, Strahlenwaffen zu entwickeln.
Am Ende des Kriegs befahl das japanische Militär, sämtliche Unterlagen zum Projekt
Ku zu vernichten. Daher blieben nur Unterlagen übrig, die nach dem Krieg durch die
Alliierten erstellt wurden. Hierbei handelt es sich um den so genannten „Compton-Bericht“56
und einen weiteren Bericht der technisch-nachrichtentechnischen Delegation der
amerikanischen Besatzungsmacht (General Headquarter of the Supreme Commander for the
Allied Powers (Abk. GHQ/SCAP) Technical Intelligence Detachment). Beide basieren auf
Interviews, die die Amerikaner mit den Teilnehmern des Projekts Ku kurz nach dem Krieg
durchgeführt hatten. Ob diese beiden Berichte auf die amerikanische Politik der
Mikrowellentechnologie irgendeinen Einfluss gehabt haben, ist es nicht bekannt.
2.3.2 Das Projekt „Z“ der japanischen Marine
Zuerst entstand im Heer das Strahlenwaffenprojekt und später begann man mit der
Entwicklung von Radar. Im Unterschied dazu begann die Marine zuerst mit der Entwicklung
von Telekommunikationsgeräten, anschließend mit Radargeräten und schließlich mit
Strahlenwaffen.57
Anfang der 1930er Jahre waren in Japan schon mehrere Wissenschaftler mit den
Magnetronforschungen beschäftigt. Einer dieser Wissenschaftler, Morita Kiyoshi am Tōkyō
Institute of Technology (Tōkyō Kōgyō Daigaku), beauftragte im Jahr 1932 die Firma JRC, ein
Probestück des von ihm entworfenen Magnetrons zu fertigen. Ein Mitarbeiter der Firma JRC,
Nakajima Shigeru, der ein paar Jahre später das Diathermiegerät „Aloka“ entwickeln würde,
55 Scientific and Technical Advisory Section, U.S. Army Forces, Pacific, GHQ 1945, Vol. II, Appendix
1-E-1.
56 Eine Untersuchungskommission mit wissenschaftlich-nachrichtendienstlichem Auftrag (Scientific
Intelligence Survey (Abk. SIS), Scientific and Technical Advisory Section, U.S. Army Forces, Pacific,
GHQ) verfolgte unter der Leitung von Edward L. Moreland von Anfang September bis Ende Oktober 1945
das Ziel festzustellen, wie weit wissenschaftliche bzw. technische Forschungen während des Kriegs in
Japan betrieben worden waren. Die Berichte der SIS "Report on Scientific Intelligence Survey in Japan,
Sep and Oct 1945." wurden nach einem Teilnehmer dieser Mission, Physiker Karl Taylor Compton, oft
„Compton-Berichte“ genannt. In den folgenden Berichte sind einige Informationen über die japanischen
Strahlenwaffenprojekte zu finden:
Vol I; p.6, para.9 (Death Ray); p.23, para. 3a (Magnetrons)
Vol II; appendix 1-D-42, 1-D-43 (Description of 9th Military Technical Laboratory); appendix 1-E-1
(Death Ray)
Vol III; appendix 19-1 (Principal Men on Magnetrons); appendix 24 (Professor MORITA, Parabolic
Reflector, Magnetron of High Power)
57 Itō 1952, insbesondere S.168.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 33
übernahm diese Aufgabe.58 Nakajima erzählte seinem älteren Bruder Itō Yōji über seine neue
Aufgabe. Itō war einer der führenden Nachrichtentechniker in Japan, promovierte 1929 unter
Barkhausen an der TH Dresden und war damals eine zentrale Figur der
Mikrowellenforschung bei der Marine. Unter Leitung von Itō begann die Marine gerade im
Oktober 1932 die Entwicklung eines Telekommunikationsapparats für die kurze Entfernung
mit Mikrowellen (Wellenlänge unter 1 m). Daher interessierte Itō sich sehr dafür, was sein
Bruder tat.
In Bezug auf das Magnetron begann das Technische Forschungsinstitut der Marine
(Kaigun gijutsu kenkyū-jo), zu dem Itō gehörte, im Jahr 1934 die Zusammenarbeit mit der
Firma JRC. 59 Im August 1938 entwarfen Itō und seine Mitarbeiter im Technischen
Forschungsinstitut der Marine ein Schlitzanode-Magnetron (8 Schlitze an der Anode,
Wellenlänge 11,5 cm, Leistung ca. 5 W), das später wegen der Form seiner Anode
„Mandarinen-Typ“ genannt wurde.60 Anschließend entwickelten im Frühjahr 1939 Nakajima
und seine Mitarbeiter in der JCR erfolgreich das erste Hohlraummagnetron, ein Magnetron
mit Hohlraumresonator, weltweit. Die Leistung dieses Hohlraummagnetrons genannt
„M-3“ (mit Wasserkühlung, Wellenlänge 10 cm, Leitung 500 W, siehe Abbildung 3) war
ungefähr 100 Mal stärker als die Leistung des bisherigen Schlitzanode-Magnetrons.61
Unabhängig davon wurde auch ein ähnliches Hohlraummagnetron (Wellenlänge 9,8 cm,
Leistung 400 W, siehe Abbildung 4) von Randall und Boot in Großbritannien im Februar
1940 erfolgreich entwickelt, also etwa ein Jahr später als in Japan.62 Seit dem Erfolg des JCR
versuchten die Ingenieure, dieses Hohlraummagnetron auf Telekommunikationsapparate
anzuwenden. Diese Versuche wurden jedoch im Juni 1941 eingestellt, da dafür kein
funktionierendes Empfangsgerät entwickelt werden konnte.63
Im April 1941 erfuhr die japanische Marine von der Nachricht, dass in
Großbritannien sowie in Deutschland das Puls-modulierte-Radar entwickelt worden war.
Diese Nachricht war der Auslöser für den Beginn der Entwicklung des Radars in der
japanischen Marine im August 1941.64 Die Marine versuchte gleichzeitig, Radargeräte im
Meter- und Zentimeterwellenbereich zu entwickeln. 65 Für die Radargeräte im
Zentimeterwellenbereich wurde das Hohlraummagnetron „M312“ (Wellenlänge ca. 10 cm,
Spitzenleistung 6,6 kW, siehe Abbildung 5) aus dem bereits vorhandenen M3 entwickelt.
66
58 Nakajima 1997, S.31 und Nakajima 1994, S.29.
59 Kawamura 1996, S.4 und Nakajima 1997, S.32.
60 Kawamura 1999a, S.74-75.
61 Kawamura 1994, S.9 und Tamaru 1989, S.29.
62 Nakajima Shigeru hatte im Jahr 1953 im Science Museum in London dasjenige Magnetron gesehen, das
im Jahr 1940 in Birmingham erfunden worden war. Laut Nakajima war dieses britische Magnetron so
ähnlich wie Nakajimas Magnetron M312. Siehe Nakajima 1997, S.106 und Nihon Musen 1971, S.240.
63 Kawamura 1999a, S.77-78 und Kawamura 1999b, S.168.
64 Itō, Matsui und Yamato 1941, insbesondere S.5; Kawamura 1999b, S.166.
65 Ōno 1947, S.204.
66 Kawamura 1996, S.7 und Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.161.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 34
Jedoch schritt die Entwicklung der Radargeräte im Zentimeterwellenbereich sehr langsam
voran, und der Schwerpunkt verlagerte sich mit der Zeit immer stärker auf die Radargeräte im
Meterwellenbereich. In der Seeschlacht von Midway am 5. Juni 1942 wurden sowohl
Radargeräte im Meter- als auch Zentimeterwellenbereich eingesetzt. Jedoch war der Einsatz
der Radargeräte im Zentimeterwellenbereich nicht wirkungsvoll, weil sie unstabil und
unzuverlässig waren.67
In dieser Seeschlacht von Midway erlebte Japan seine erste Niederlage im Zweiten
Weltkrieg. Dabei fügte der Einsatz von Radargeräten durch die Alliierten der japanischen
Marine großen Schaden zu. Jedoch erkannte damals der Führungsstab der japanischen Marine
nicht die Wichtigkeit der Radartechnik, da der Führungsstab das Radar als wenig offensiv
einschätzte, d.h. das Radar hatte in den Augen des Führungsstabs zu wenig Zerstörungskraft.
Bei einer Versammlung zum Thema Radar in der Marine am 20. Juni 1942 kritisierte die
Zentrale Flottenverwaltung der Marine (Kaigun kansei honbu) insbesondere die mangelnde
Leistung der Radargeräte im Zentimeterwellenbereich, das Itō und seine Mitarbeiter
entwickelt hatten. Die Zentrale Flottenverwaltung der Marine befahl, die Radargeräte im
Zentimeterwellenbereich von den Kriegsschiffen zu entfernen und die Forschung für diese
Radargeräte einzuschränken.68
Auf der Versammlung fragte ein Stabsoffizier Itō nach neuen „offensiven“ Waffen.
Itō unterbreitete zwei Vorschläge: zum einen die Anwendung der Kernenergie, d.h. den Bau
einer Atombombe, und zum anderen die Anwendung energiereicher elektromagnetischer
Wellen d.h. den Einsatz von Strahlenwaffen, denen Itō schon – im Rahmen seiner Tätigkeit
für das Physikkolloquium (Butsuri kondankai) – nachgegangen war. Innerhalb kürzester Zeit
erhielt die Forschung über die Anwendung energiereicher elektromagnetischer Welle eine
finanzielle Unterstützung von 4 Millionen Yen (ca. 2,34 Millionen RM) durch die Marine und
wurde zum Projekt Z (Z-gō) deklariert. In diesem Rahmen wurden Mikrowellenforschungen,
insbesondere zum Magnetron, aktiv gefördert.69
Abbildung 3 Hohlraummagnetrons M-3 und seine Anode Mandarinen-Typ (Nakajima
1997, S.177-178).
67 Kawamura 1999b, S.169.
68 Itō 1952, S.136.
69 Mizuma 1976, S.149-168; Shinmyō 1977, S.239-240; Itō 1952, S.167-168; Sugai und Tanaka (Hrsg.)
1970, S.471.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 35
Abbildung 4 Das erste britische 10 cm-Wellen-Magnetron und seine Anode (Randall 1946,
S.244-245).
Abbildung 5 Verbesserte Version des M312 vom Jahr 1944 (Jōetsu kyōiku daigaku 2000,
S.52-53).
Unter der Initiative von Itō wurde das Physikkolloquium von der Marine als
Beratungskomitee gegründet. Die Marine lud elf renommierte Wissenschaftler ein,
hauptsächlich Physiker. Die Marine forderte diese Wissenschaftler auf, die Durchführbarkeit
der militärischen Anwendung der Kernenergie und der energiereichen elektromagnetischen
Welle zu untersuchen. Das im Juli 1942 begonnene Physikkolloquium kam im März 1943
zum Schluss, dass die Anwendung energiereicher elektromagnetischer Welle realistischer als
eine Atombombe sei. Damit war die Aufgabe des Physikkolloquiums erledigt, und das
Physikkolloquium wurde aufgelöst. Das Technische Forschungsinstitut der Marine (Kaigun
gijutsu kenkyū-jo), zu dem Itō gehörte, entschied, das Atombombenprojekt aufzugeben.
Jedoch wurden damit die Versuche zur Anwendung der Kernenergie nicht beendet. Denn
unabhängig vom Physikkolloquium beauftragte eine andere Abteilung der Marine, nämlich
die Zentrale Flottenverwaltung der Marine (Kaigun kansei honbu), im Oktober 1942 – noch
bevor das Physikkolloquiums überhaupt zu einem Ergebnis gekommen war – einen Professor
für Physik an der Universität Kyōto, Arakatsu Bunsaku, mit Forschungen zur Kernspaltung.
Diese Forschungen in Kyōto, das so genannte Projekt F, wurden bis zum Ende des Kriegs
fortgesetzt. Der Physiker Nishina Yoshio, ein Teilnehmer des Physikkolloquiums, wurde
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 36
bereits seit April 1941 vom Heer mit dem Forschungsprojekt zur Herstellung von
Atombomben, dem so genannten Projekt Ni, beauftragt.70
Im Rahmen des Projekts Z wurde vier Themen verfolgt: erstens Forschungen über
Magnetronen, zweitens Effekte von Mikrowellen auf Lebewesen und Motoren, drittens
Verwendung von Mikrowellen für Radar und Telekommunikation und viertens die
physikalischen, chemischen und physiologischen Wirkungen der Mikrowelle. 71 Der
Schwerpunkt lag auf der Forschung und Entwicklung der Magnetrone, die energiereiche
Mikrowellen erzeugen können. Diese Forschung und Entwicklung begann zuerst in der Firma
JRC in Tōkyō.72 Anschließend eröffnete im Juni 1943 in der Präfektur Shizuoka das
Shimada-Labor73 der Marine für das Projekt Z. Dort wurden Ingenieure sowohl von der
Marine als auch von der Firma JRC sowie von der Firma Tōkyō Shibaura Denki (heutige
Toshiba) mobilisiert. Außerdem wurden mehr als 10 externe Physiker mobilisiert, um die
Mechanismen des Hohlraummagnetrons und die Eigenschaft der Mikrowelle zu klären. Diese
Physiker wurden durch Empfehlungen der Teilnehmer des Physikkolloquiums mobilisiert,
daher waren viele Kernphysiker darunter. Unter ihnen findet man Tomonaga Shin’ichirō und
Yukawa Hideki, spätere Nobelpreisträger für Physik. Auf dieser Weise wurde das Magnetron
theoretisch sowie experimentell erforscht.74
Im Rahmen dieser Forschungen über das Magnetron wurden große Fortschritte
erzielt, obwohl keine im Krieg einsetzbare Waffe entwickelt wurde. Auf rein experimenteller
Ebene wurden Magnetrone entwickelt, die noch energiereichere Mikrowellen als die
bisherigen erzeugen konnten.75 Auf theoretischer Ebene formulierten Ende 1943 die Physiker
Tomonaga Shin’ichirō, Kotani Masao und Astrophysiker Hagiwara Yūsuke gemeinsam eine
Theorie über die Schwingung des Magnetrons. Damals wurde die Schwingung des
Magnetrons im Rahmen der elektrotechnischen Theorie beschrieben. Physiker sahen sie
jedoch aus einem anderen Blickwinkel: Tomonaga beschrieb den Schwingungsmechanismus
als Mechanik mit kanonischer Variable, die oft in der früheren Quantenmechanik benutzt
wurde. Dann vereinfachte Kotani Tomonagas Form auf die nichtlinear-erzwungene
Schwingung. Endlich erweiterte Hagiwara diese Form mit Hilfe der Störungstheorie. Kurz vor
dem Kriegsende stellte Tomonaga eine allgemeine Theorie der Mikrowellenschaltung mit der
Hilfe der S-Matrix der Quantentheorie dar.76 Obwohl im Rahmen dieser Forschungen sowohl
experimentell als auch theoretisch große Fortschritte erzielt wurden, gab es noch
70 Itō 1952, S. 60-168 und Nagase-Reimer 2002, S.41-49.
71 Itō 1952, S.170; Baba, Tsuboi und Tasumi 1990, S.122; Nikkei 11. Januar 1997.
72 Kawamura 1996, S.13.
73 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil dieser Einrichtungen von der Firma Shimada Rika
Kōgyō-sho benutzt, die Nähemaschine mit Hochfrquenztechnik produzierte. Einige Mitarbeiter im
Shimada-Institut arbeiteten weiter nach dem Krieg in dieser Firma. Siehe Tōkai parupu sha 1965.
74 Kawamura 2002, S.125 und 153; Miyajima 1985, S.72-3; Hiroshige 1973, S.218-219; Mori 1983,
S.130-133; Itō 1952, S.168-170.
75 Asano 1950 und Itō 1952, S.169.
76 Oda 1979: S.792-793 und Kotani 1982, S.352-354.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 37
Optimierungspotential bezüglich des Zusammenspiels von Praxis und Theorie.77
Die Radargeräte im Zentimeterwellenbereich stellten eines der kriegsentscheidenden
Waffen im Zweiten Weltkrieg dar. Japan hatte früher als die Alliierten das
Hohlraummagnetron erfunden, das energiereiche Zentimeterwellen erzeugen konnte. Ferner
hatte die theoretische Forschung über das Hohlraummagnetron das höchste Niveau. Trotzdem
konnte Japan keine effektive Waffe mit Hilfe des Hohlraummagnetrons im Krieg einsetzen.
Nach dem Krieg suchten manche Ingenieure die Erklärung für diesen Fehlschlag im
Unverständnis und Unvermögen des japanischen Militärführungsstabs gegenüber der
modernen Technologie. Als Beispiel dieses Unverständnisses und Unvermögens dient die
Entscheidung der Zentralen Flottenverwaltung der Marine (Kaigun kansei honbu) im Jahr
1942, die Radargeräte im Zentimeterwellenbereich von Kriegsschiffen zu entfernen und die
Forschung für diese Radargeräte einzuschränken. Diese Entscheidung der Marine steht im
Kontrast zur damaligen Haltung der Alliierten, die insbesondere das Radar im
Zentimeterwellenbereich stark förderten.78 Diese Erklärung klingt plausibel, ist aber nicht der
einzige Grund für den genannten Fehlschlag. Denn dieser ist durchaus auch bei führenden
Ingenieuren wie Itō Yōji zu suchen.
Japan konnte keine effektive Waffe mit der Hilfe des Hohlraummagnetrons im Krieg
einsetzen, weil Japan gar nicht in der Lage war, solche Waffen zu entwickeln und massenhaft
zu produzieren. Zwar war Itō ein weitsichtiger Ingenieur, der wie die Alliierten die
Entwicklung der Radargeräte im Zentimeterwellenbereich als langfristiges Ziel vor Augen
hatte.79 Als Waffenentwickler jedoch war Itō ein Laie und es fehlte ihm die Fähigkeit, die
damalige japanische Industrieleistung richtig einzuschätzen und aufgrund solcher
Einschätzungen ein angemessenes, realistisches Ziel zu setzen. Die Entwicklung von Radar
im Zentimeterwellenbereich war damals für Japan nicht zu bewältigen.80 In Japan stand
damals keine ausreichende Industrieleistung, Produktionsfähigkeit und Rohstoffe zur
Verfügung. Daher hatten japanische Ingenieure sogar Schwierigkeiten, die instabile
Telekommunikation auf Basis der Meterwellen innerhalb der Kriegsschiffe zu verbessern, die
wesentlich einfacher als die Anwendung der Zentimeterwellentechnik war. In einer solchen
Situation waren Versuche der Anwendung der Zentimeterwellen nicht angemessen.81 Japan
konnte demnach solch nützliche Waffe nicht entwickeln und produzieren, nicht weil es den
japanischen Ingenieuren an Kreativität mangelte, sondern weil es keine führenden Kräfte gab,
egal ob Militärangehörige oder Ingenieure, die die Fähigkeit besaßen, die damalige
industrielle Lage richtig einzuschätzen und angemessene Ziele zu setzen. Für diese These
lassen sich mehrere Beispiele82 nennen.
77 Watase und Oda 1947, S.304.
78 Nakajima 1997, S.68-72.
79 Funabashi 1956, S.50-52.
80 Nawa 1956, S.33; Mori und Yanami 1956, S.59.
81 Tamaru 1978, S.199.
82 Eines dieser Beispiele ist die Yagi-Uda-Antenne. Im Jahr 1926 entwickelten Yagi und Uda diese Antenne.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 38
Nach dem Krieg interessierte sich die amerikanische Besatzungsmacht für das
Projekt Z. Nach einer japanischen Quelle transportierte die amerikanische Besatzungsmacht
alle Nachlässe aus dem Shimada-Labor in die USA. Jedoch wurde diese Nachlässe noch nicht
wieder entdeckt. 83 In dem Compton-Bericht findet man die Beschreibung über die
Magnetronforschung des Zweiten Technischen Forschungsinstituts der Marine, zu dem das
Shimada-Labor gehörte. Jedoch steht dort nicht, dass diese Magnetronforschung im Rahmen
des Strahlenwaffenprojekts durchgeführt wurde. Möglicherweise erkannte die amerikanische
Besatzungsmacht nicht, dass die Magnetronforschungen im Rahmen des
Wunderwaffenprojekts unternommen wurden.84
2.4 Entwicklung des Mikrowellenradars
Anfang der 1930er Jahren wurde in mehreren Ländern die Forschung und Entwicklung von
Radar in Angriff genommen. Diese Forschungs- und Entwicklungsergebnisse hatten großen
Einfluss auf die Kriegslage. Vor allem waren diejenigen Mikrowellenradargeräte besonders
einflussreich, die Großbritannien Anfang 1943 zum ersten Mal eingesetzt hatte.85
2.4.1 Die Erfindung des Hohlraummagnetrons in Großbritannien
In Großbritannien begann das Komitee für wissenschaftliche Begutachtung zur Luftabwehr
(Committee for the Scientific Survey of Air Defense) – das später „Tizard Committee86
genannt wurde – bereits im Jahr 1934 mit Forschungen zur Luftabwehr, um für die
Verteidigung eines eventuellen deutschen Angriffs vorbereitet zu sein. Im Jahr 1939 wurde
eine Kette von Radarbodenstationen, das so genannte „Chain Home“, an der englischen
Ostküste zum Aufspüren feindlicher Flugzeuge (radio detection network) errichtet.87 Die
damaligen britischen Radargeräte besaßen zwar eine höhere Leistung als die anderer Länder.
Jedoch waren die britischen Radargeräte im Meterwellenbereich nur für den Zweck des
Jedoch wurde die Möglichkeit, sie auch für Radar zu verwenden, nicht erkannt. Als Japan im Februar 1942
Singapur besetzte, fand die japanische Armee ein britisches Radar und ein Notizbuch darüber. In diesem
Notizbuch fanden Japaner eine Erwähnung und Beschreibung der Yagi-Uda-Antenne. Daraufhin begann
man schließlich in Japan, die Yagi-Uda-Antenne für Radar zu verwenden. Siehe Sōgō-kenkyū
kaihatsu-kikō 1983, S.355; Yagi (Hrsg.) 1997; NHK shuzai-han (Hrsg.) 1999, S.79.
83 Koya, Kobayashi und Doi 1992, S.10-11; Nikkei 11. Januar 1997; SBS Shizuoka hōsō 1991 und 1992.
84 Scientific and Technical Advisory Section, U.S. Army Forces, Pacific, GHQ 1945, Vol.II, 2-A bis 2-C-f.
85 Guerlac 1987, S.53 und Reuter 1971, S.113-114.
86 Der Name „Tizard“ wurde vom Nachnamen des Vorsitzenden des Komitees, Sir Henry Tizard,
übernommen.
87 Reuter 1971, S.36-39; Okuyama, Kawamura, Sasabe und Tanaka 1991, S.130; Kawamura und Yamazaki
1986, S.134.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 39
Frühwarnsystems vor feindlichen Fliegern einsetzbar.88
Mit Hilfe der noch kürzeren Welle – nämlich der Mikrowelle – konnte die Leistung
eines Radargeräts als Richtstrahler erhöht werden und somit noch weiter entfernte Zielobjekte
ermittelt werden. Um ein solches Radargerät zu entwickeln, startete im September 1939,
unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, ein Programm zur Entwicklung der
Radargeräte im Zentimeterwellenbereich am Fachbereich Physik der Birmingham University
unter Leitung des Department of Scientific Research and Experiment des Hauptquartiers der
britischen Marine. Die leitende Figur dieser Forschung war der Physiker Marcus Oliphant.89
Zu den ersten Aufgaben dieses Programms zählte es, eine Senderöhre mit hohen Leistungen
im Zentimeterwellenbereich zu entwickeln.
Die Physiker zogen zuerst das Klystron90 als Mikrowellenerzeuger in Betracht. Ende
1939 erzeugten M. Oliphant und J. Sayers erfolgreich mit einem Klystron eine Mikrowelle
der Wellenlänge von 10 cm und mit einer Leistung von ca. 400 W. Dennoch war es damals
fragwürdig, ob sich überhaupt mit einem Klystron noch energiereichere cm-Welle erzeugen
lassen. 91 Anschließend fassten die Physiker John Randall und Harry Boot von der
Birmingham University das Magnetron ins Auge, das viel versprechender als das Klystron
war.92 Dann versuchten sie, die Vorteile sowohl des Klystrons als auch des Magnetrons zu
kombinieren. D.h. sie versuchten, ein Magnetron mit Hohlresonator – der ein typisches
Merkmal des Klystrons ist – zu entwickeln.93
Randall sowie Boot hatten bisher keine Erfahrung mit der Magnetronforschung
gesammelt. Sie fassten zuerst den Hertzscher Resonator ins Auge und erweiterte ihn in drei
Dimensionen. Durch diese Versuche bauten Randall und Boot letztlich ein
Hohlraummagnetron mit einer Anode, deren Mitte jeweils durch Schlitze mit den – um diese
Mitte kreisförmig angeordneten – Hohlräumen (Resonatoren bzw. Schwingkreisen)
verbunden ist (vgl. dazu Abbildung 6). Mit diesem Hohlraummagnetron (Abbildung 4)
erzeugten sie am 21. Februar 1940 erfolgreich eine Mikrowelle mit einer Wellenlänge von 9,8
cm und mit einer Leistung von 400 W.94 Durch diesen Erfolg rückte die Realisierung eines
Mikrowellenradargeräts näher. Im April 1940 wurde das Forschungslabor der Firma General
Electric in Wembley über dieses Hohlraummagnetron informiert. In diesem Forschungslabor
modifizierte C. S. Megaw dieses Hohlraummagnetron.95 Später wurden in der kleinen
Produktionsanlage, die Oliphant organisierte, über 1000 experimentelle Hohlraummagnetrone
88 Yamazaki und Kimoto 1992, S.304-305.
89 Guerlac 1987, S.224-225 und Randall 1946, S.248.
90 Zum Klystron siehe Anhang 2.
91 Das Klystron nutzt Elektronenbündel zur Erzeugung von Mikrowellen. Die Nutzung von
Elektronenbündeln hat notwendigerweise eine Begrenzung des Elektronenstroms zur Folge. Diese
Begrenzung hat zur Konsequenz, dass die Mikrowellenenergie geringer wird, die im Klystron erzeugt wird.
92 Im Unterschied zum Klystron nutzt das Magnetron Raumladung statt Elektronenbündel.
93 Guerlac 1987, S.224-226 und Randall 1946, S.248-249.
94 Guerlac 1987, S. 226-229; Swords 1986, S.263; Randall 1946, S.249.
95 Bryant 1988, S.853-855 und Swords 1986, S.265-266.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 40
produziert.96
Das Problem dieser frühen Hohlraummagnetrone war neben einer geringen
Leistungsfähigkeit ein instabiler Output. Ein Hohlraummagnetron erzeugte mehrere Wellen
mit verschiedenen Wellenlängen d.h. mehrere Frequenzen. Dieses Phänomen ist abhängig von
der Anzahl der Resonatoren und vom Schwingungsmodus der Verkopplung zwischen diesen
Resonatoren im Hohlraummagnetron. Da ein Hohlraummagnetron mehrere Resonatoren
besitzt, existieren mehrere verschiedene Schwingungsmodi. Der instabile Output eines
Hohlraummagnetrons findet beim so genannten „Modesprung (mode jumping)“ statt, wenn
Sprünge zwischen verschiedenen Schwingungsmodi stattfinden. Der angeregte Zustand der
Resonatoren findet im Schwingungsmodus statt, wenn die momentanen Spannungen der
benachbarten Anodesegmente die gleiche Amplitude haben und diese Segmente sich
gleichzeitig in ihrer Phase 180 Grad (π-Mode) unterscheiden. Die britischen Wissenschaftler
lagen damals mit ihrer Einschätzung richtig, dass diese π-Mode der effizienteste
Schwingungsmodus eines Hohlraummagnetrons ist, und betrachteten die Frequenz im
π-Mode als Betriebsfrequenz des Hohlraummagnetrons.97 Um nur diese Betriebsfrequenz zu
erzeugen, war es nötig, die anderen Frequenzen außer dieser Betriebsfrequenz zu beseitigen.
Dieses Problem des instabilen Outputs wurde durch die Erfindung der so genannten
strapped cavity anode“ gelöst, d.h. die Segmente der Anode wurden in einer bestimmten Art
und Weise mit Drahtbügeln verbunden (vgl. Abbildung 7(a) und (b)). Eine solche Anode
wurde von den Physikern Randall und J. Sayers der Birmingham University im Jahr 1940
erfunden (Abbildung 8).98 Die Drahtbügel stellten eine Reihe von Drahtbrücken dar, die an
derjenigen Seite der Anode, die die höhere Spannung hat, in der Art befestigt wurden, dass
jedes zweite Segment mit einem Drahtbügel verbunden wird. Dadurch kann die Phase eines
Segments die anderen Phasen seiner benachbarten Segmente überspringen. Der Hintergrund
dieser Erfindung liegt in der Vermutung, dass die jeweils zwei verkoppelten Segmente in der
π-Mode die gleiche Spannung haben würden. Der Effekt der Drahtbügel war enorm, so dass
dadurch die Leistungsfähigkeit um 50% stieg.99
Über dieses Problem des instabilen Outputs hinaus bestand eine weitere
Schwierigkeit darin, dass das Hohlraummagnetron nicht massenproduktionsfähig war.
Aufgrund der Komplexität dieses Produkts benötigte man zum Bau eines damaligen typischen
Hohlraummagnetrons beispielsweise ca. 150 Arbeitsgänge.100 Jede einzelne Anode eines
Hohlraummagnetrons musste aus festem Kupfer mit einer Genauigkeit von weniger als
1/10.000 inch ( mm)
3
1054,2
101 hergestellt werden. Im Juli 1940, als die Schlacht um
96 Randall 1946, S.249.
97 Wathen 1953, S.282.
98 In Japan wurde dieses Problem auf andere Art und Weise gelöst. Siehe 2.4.3.
99 Wathen 1953, S.282; Walker 1948, S.118; Randall 1946, 251.
100 Feldmeier 1948, S.649.
101 Während in den USA damals eine Genauigkeit von 0,0025 mm benötigt wurde, war in Japan nur eine
Genauigkeit von 0,01 mm erforderlich. Vgl. dazu das Interview mit Nakajima (ehem. JRC) im Mai 2002
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 41
(a) (b) (c)
Abbildung 6 Verschiedene Resonatorformen der Anode: (a) Schlitz (slot), (b) Hohlraum
und Schlitz (hole and slot) und (c) dünnes Segment (vane) (Collins 1948, S.36).
(a) früh britisch (b) staffelförmig (c) Einzelringe (d) Doppelringe
Abbildung 7 Schematische Darstellung der Strapped Anode (Walker 1948, S.119).
Abbildung 8 Strapped Magnetron der Birmingham University im Jahr 1940. Dieses
Magnetron wurde im Krieg eingesetzt (Randall 1946, S.245).
und Nihon Musen 1971, S.242.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 42
Großbritannien gerade begonnen hatte, benötige ein britischer Meister-Mechaniker ca. eine
Woche, um ein einziges Hohlraummagnetron zu fertigen.102 Ferner bestand ein Mangel an
solch qualifizierten Mechanikern, die überhaupt fähig waren, dieses komplexe Produkt zu
produzieren. 103 Offensichtlich konnte Großbritannien der großen Nachfrage nach
Hohlraummagnetron nicht nachkommen, selbst wenn man alle Mechaniker in Großbritannien
dafür mobilisiert hätte.104
Henry Tizard war bereit im September 1939 – unmittelbar nach Beginn des Zweiten
Weltkriegs – der Meinung, dass in Bezug auf die Produktion von Radargeräten eine
Kooperation mit den USA benötigt werde. Trotz Widerspruch empfahl Tizard im April 1940
dem britischen Außenminister, Load Lothian, technische Informationen mit den USA
auszutauschen. Am 8. Juli 1940 wurde dem amerikanische Präsident Roosevelt ein geheimes
Memorandum überbracht. Am 25. Juli 1940 genehmigten die USA den Informationsaustausch.
So kam es zur Entsendung der britischen „Tizard Mission105 im September 1940 in die
USA.106 Dabei brachte die Tizard Mission einige wichtige technische Information über das
Hohlraumagnetron in die USA, obwohl diese Informationen eines der größten
Militärgeheimnisse in Großbritannien darstellte. Diese technischen Informationen waren für
die amerikanische Seite sehr wertvoll. Dagegen gewann Großbritannien seit 1941 eine große
Kooperation in der Produktion von Radargeräten, wie es sich Großbritannien gewünscht hatte.
Allerdings erhielt die Tizard Mission zu diesem Zeitpunkt (September 1939) keinen
wertvollen Einblick in die Mikrowellentechnologie der USA, da die USA über die von
Großbritannien erwünschten, technischen Informationen selbst nicht verfügte.107
2.4.2 Amerikanische Massenproduktionstechnik des Magnetrons
Vor der Tizard Mission nahmen auch in den USA William W. Hansen sowie Alfred Lee
Loomis unabhängig von einander die Entwicklung eines Mikrowellenradargeräts in Angriff.
Beide bauten ein Radargerät mit kontinuierlichen Mikrowellen und verwendeten dabei ein
Klystron als Mikrowellenerzeuger, den die Brüder Russel H. und Sigurd F. Varian entwickelt
hatten. Erst nachdem das National Defense Research Committee (Abk. NDRC) in den USA
im Juni 1940 gegründet wurde, begann die systematische Entwicklung des Mikrowellenradars
102 Murry 1958, S.116-117.
103 Scott 1974, S.106-107.
104 Im Jahr 1941 war Großbritannien nur fähig, 17 Hohlraummagnetrone pro Tag zu produzieren. Siehe
Scott 1974, S.110-111 und http://www.invent.org/hall_of_fame/136.html (Letzter Zugriff am
24.05.2004).
105 Die Mission wurde nach ihrem Leiter benannt, Sir Henry Tizard. Die Tizard Mission bestand neben drei
Mitarbeitern des Militärpersonals aus drei Radarspezialisten, nämlich J. O. Cockroft, E. G. Bowen und R. H.
Fowler.
106 Scott 1974, S.110-111; Kawamura und Yamazaki 1986, S.138.
107 Scott 1974, S.110-111; Kawamura und Yamazaki 1986, S.138; Compton 1953, S.x.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 43
mit Pulswellen und hoher Leistung. Unter der vierzehnten Division der NDRC wurde das so
genannte „Microwave Committee“ unter Vorsitz von Alfred L. Loomis gegründet, das
verantwortlich war, eine Gegenmaßnahme zur feindlichen Radartechnologie zu ergreifen.
Dieses Mikrowellenkomitee fasste die Entwicklung von Mikrowellenradargeräten und
Mikrowellennavigationssystemen ins Auge und untersuchte im Sommer 1940 den Stand der
Forschung zur Realisierung eines Mikrowellenradargeräts in den USA. Dieses Komitee fand
heraus, dass noch kein Mikrowellenerzeuger vorhanden war, der eine energiereiche Pulswelle
erzeugen konnte. Deshalb war ein im Krieg einsetzbares Mikrowellenradargerät damals noch
nicht in Sicht.108
Doch einige Monate später, im September 1940, wurde den Komiteemitgliedern
einiges klarer. Das von der Tizard Mission eingeführte Hohlraummagnetron war fähig, eine
Pulswelle von 10 cm Wellenlänge bei einer Spitzenleistung von 10 kW109 zu erzeugen. Auf
der Basis der wertvollen technischen Informationen, die die Tizard Mission überbracht hatte,
begann in den USA die aktive Entwicklung des Mikrowellenradargeräts unter Verwendung
des Hohlraummagnetrons.110
Die NDRC eröffnete das Radiation Laboratory auf dem Grundstück des
Massachusetts Institute of Technology (Abk. MIT), und dort begann im November 1940 die
Forschung und Entwicklung von Mikrowellenradar. Die Anzahl der dort mobilisierten
Wissenschaftler und Ingenieure nahmen rasant zu und erreichte bei Kriegsende 3.900.111 Zu
den ersten Aufgaben im Radiation Laboratory zählte die Entwicklung eines Bordradargeräts
für Flugzeuge, um auch nachts feindliche Bomber entdecken zu können, was zu dem
Zeitpunkt gerade in Großbritannien benötigt wurde. Das Bordradargerät, mit dem die genaue
Ortung eines feindlichen Bombers möglich ist und dessen Antenne klein genug ist, um in ein
Flugzeug verladen werden zu können, war nur mit einer Mikrowelle unter 10 cm Wellenlänge
möglich. Begeistert von dieser Aufgabe gingen die Forscher im Radiation Laboratory dieser
Herausforderung nach.112
Die meisten Mitglieder des Microwave Committee waren Vertreter großer
industrieller Forschungslabors. Sie organisierten eine enge Kooperation zwischen dem
Radiation Laboratory und der Industrie: Die Bell Telephone Laboratories übernahm die
Herstellung sowie die Verbesserung des Magnetrons, die Firma Westinghouse den Entwurf
eines geeigneten Pulswellenerzeugers, die Firma Sperry die Entwicklung einer
Abtastungsantenne und die Firma General Electric die Entwicklung eines Empfängers.113 So
108 DuBridge 1946, S.2; Kawamura und Yamazaki 1986, S.138; Alvarez 1980, S.329; Bryant 1988, S.852;
Compton 1953, S.xi und xvi.
109 Diese Leistung des britischen Hohlraummagnetrons war um 750 bis 1000 Mal höher als die des
amerikanischen. Siehe Scott 1974, S.110-111.
110 DuBridge 1946, S.2; Kawamura und Yamazaki 1986, S.138.
111 DuBridge 1946, S.2; Bryant 1988, S.852; Compton 1953, S.xi und xvi.
112 DuBridge 1946, S.2.
113 DuBridge 1946, S.2-3.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 44
kam es zu einer Umorientierung amerikanischer Elektrounternehmen vom Radar im Meter-
und Dezimeterwellenbereich hin zum Radar im Zentimeterwellenbereich.114 Im Vergleich zu
den genannten, großen Unternehmen war Raytheon 115 damals nur ein mittelgroßes
Unternehmen. Dennoch bekam es von der Regierung den Auftrag, Kopien des
Hohlraummagnetrons nachzubauen.116
Die Aufgabe der Firma Raytheon bestand darin, das britische Hohlraummagnetron
massenproduktionsfähig zu machen. Die Experten in Western Electric, MIT und Bell
Telephone Laboratories erwarteten von Raytheon damals höchstens die Herstellung von 100
Hohlraummagnetronen pro Tag.117 Raytheon jedoch ermöglichte eine Massenproduktion, die
weit über dieses Ziel hinausreichte.
Erstens entwickelte Raytheon eine Produktionsmethode, die Anode des
Hohlraummagnetrons relativ einfach mechanisch zu produzieren. Bis dahin konnten nur
Meister-Mechaniker die Anode produzieren, da die Hohlräume der Anode aus einem festen
Kupferblock mit Hilfe einer Maschine mit einer Genauigkeit von unter 1/10.000 inch
gemeißelt werden musste.118 Der Mitarbeiter Percy L. Spencer119 der Firma Raytheon nutzte
nun statt eines Kupferblocks mehrere Kupferblätter. Er stanzte mit Hilfe einer Maschine
Hohlräume aus jedem Kupferblatt aus. 120 Dann schichtete er mehrere Kupferblätter
aufeinander, wobei zwischen jedes einzelne Kupferblatt Lötsilber eingelegt wurde. Diese
Schicht wurde auf dem Fließband in einem Wasserstoffofen geschmolzen. Mit diesem
Verfahren – so genannte „lamination“ – konnten auch Personen die Anode produzieren, ohne
Meister-Mechaniker zu sein.121
Zweitens machte die Firma Raytheon durch die Vereinfachung der Struktur der
114 Scott 1974, S.116-117.
115 Die Firma Raytheon wurde von Laurence K. Marshall und Vannevar Bush, Zimmergenossen von der
Universität, im Jahr 1922 gegründet. Sie produzierten eine neue Art der Röhre für Kühlschränke sowie
Radiogeräte. Raytheon war im Jahr 1940 noch ein mittleres Unternehmen mit 1400 Angestellten. Bush, der
bis 1940 Direktor der Firma war, wurde im Jahr 1940 zusammen mit Karl T. Compton (Präsident des MIT)
und James B. Conant (Präsident der Harvard University) zum Mitglied der NDRC ernannt. Durch die
militärischen Verträge während des Kriegs wuchs Raytheon rasch. In den 1950er Jahren zählte die Firma
Raytheon zum militärisch-industriellen-Komplex und produzierte Hawk-missiles, Sparrow III-missiles
sowie Radargeräte für die Bundesrepublik Deutschland. Siehe Raytheon: A History of Global Technology
Leadership (http://www.raytheon.com/about/history/index.html Letzter Zugriff am 07.03.2006); Raytheon
History Technology Leadership (http://www.raytheon.com/about/history/early/index.html Letzter Zugriff
am 07.03.2006); Scott 1974, S.4, 105 und 107-108; Compton 1953, S.viii; Ketteringham und Nayak 1987,
S.195.
116 Scott 1974, S.112-113.
117 Scott 1974, S.114-115.
118 Murry 1958, S.116-117.
119 Spencer verlor in seiner Kindheit seine Eltern. Er begann im Alter von zwölf Jahren zu arbeiten. Nach
dem er sich mit der Funktelegraphie in der Marine beschäftigt hatte, begann er seine Karriere in der Firma
Raytheon. Er ist kein Akademiker, sondern erwarb seine Ingenieurkenntnisse autodidaktisch. Vielleicht
ermöglichte dieser Hintergrund seine praxisorientierte Weiterentwicklung des Hohlraummagnetrons. Siehe
http://www.nationmaster.com/encyclopedia/Percy-Spencer (Letzter Zugriff am 24.05.2004).
120 Scott 1974, S.114-115.
121 Scott 1974, S.126-127; Feldmeier 1948, S.650.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 45
Anode das Hohlraummagnetron massenproduktionsfähig. Für die Anode des britischen
Hohlraummagnetrons wurden Drahtbügel verwendet.122 Die Befestigung dieser Drahtbügel
war nicht einfach. Ferner war ein Drahtbügel leicht zerbrechlich.123 Um diese Schwäche des
Drahtbügels auszugleichen, führte Spencer statt der Drahtbügel einen festen Einzelring auf
beiden Seiten der Anode ein (Abbildung 7(c)). Diese Struktur wurde von dem Mitarbeiter
Palmer Derby in Raytheon weiter verbessert. Statt Einzelringen führte Derby Doppelringe
(zwei konzentrische Ringe) auf beiden Seiten der Anode ein (Abbildung 7(d)).124 Diese Ringe
verbinden jeden zweiten Flügel (dünnes Segment) der Anode - genannt „vane“. Diese Art von
Anode wurde „vane strap anode“ genannt.125
Durch diese Verbesserung produzierte Raytheon im Herbst 1944 über 2600
Hohlraummagnetrone pro Tag. 126 Die Produktionsmenge des Hohlraummagnetrons in
Raytheon stieg von 1940 bis Anfang 1945 um das ca. vierzigfache. Im Jahr 1945 produzierte
Raytheon ca. 80 % aller Magnetrone, die in den ganzen USA produziert wurden.127
Entsprechend wuchs der Umsatz von Raytheon und erreichte im Herbst 1944 das Niveau
großer etablierter Unternehmen wie GE, RCA und Western Electric.128
Neben der oben genannten Massenproduktionstechnik stieg die Leistungsfähigkeit
des Hohlraummagnetrons von 30 bis 35 % auf über 50 %.129 Darüber hinaus wurden
Radargeräte, die auf einer Wellenlänge von 3 bzw. 1 cm arbeiteten, auf Basis theoretischer
sowie experimenteller Forschung im Radiation Laboratory und Bell Telephone Laboratories
entwickelt. Bei Kriegsende war sogar ein Magnetron mit der Wellenlänge von 1,25 cm und
einer Leistung von mehreren zehn kW möglich. 130 Ferner wurden über einhundert
verschiedene Geräte mit Hilfe des Hohlraummagnetrons entwickelt wie beispielsweise
Flakartillerie, Schiffsartillerie, U-Bootsartillerie, Geräte zum Flugzeugabfangen (Aircraft
Interception, Abk. AI) und Navigationssysteme genannt „Loran (Abk. von Long-range
navigation)“. 131 Die Hohlraummagnetrone funktionierten hervorragend, obwohl ihr
Mechanismus theoretisch nicht völlig verstanden wurde.
In Großbritannien gingen ca. 0,5 % der gesamten Bevölkerung einer Tätigkeit im
Zusammenhang mit Radar nach. Von 1935 bis 1945 wurden Finanzmittel in Höhe von einer
Milliarde Pfund in Verbindung mit Radar ausgegeben.132 In den USA lagen die finanziellen
122 Zum Drahtbügel siehe 2.4.1.
123 Walker 1948, S.118-119.
124 Scott 1974, S.115.
125 P. L. Spencer “High Efficiency Magnetron,” U.S. Patent No. 2,408,235, filed December 31 1941 issued
September 24 1946.
126 Scott 1974, S.158.
127 Scott 1974, S.162; Murry 1958, S.116-117; http://www.invent.org/hall_of_fame/136.html (Letzter
Zugriff am 24.05.2004).
128 Scott 1974, S.154 und 158.
129 Walker 1948, S.118 und Pierce 1962, S.982.
130 Pierce 1962, S.982.
131 DuBridge 1946, S.3.
132 Watson-Watt 1946, S.11.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 46
Ausgaben für Radargeräte sogar noch höher und betrugen 27 Milliarden Dollar.133
2.4.3 Mikrowellenradar in Japan und Deutschland
Während Wissenschaftler in Großbritannien frühzeitig ihr Augenmerk auf die Entwicklung
des Radars im Zentimeterwellenbereich richteten, lag der Schwerpunkt in Deutschland auf der
Entwicklung des Radars, das mit einer Wellenlänge von 50 cm arbeitete. Die Wissenschaftler
in Deutschland hatten zunächst die Entwicklung von Radargeräten im
Zentimeterwellenbereich nicht in Angriff genommen, da erstens die damaligen 50
cm-Radargeräte gut genug funktionierten. Zweitens glaubte ein Teil der Wissenschaftler in
Deutschland, dass das Radar im Zentimeterwellenbereich grundsätzlich nicht ausreichend
funktionieren würde. 134 Die Forschung und Entwicklung von Radargeräten im
Zentimeterwellenbereich begann in Deutschland erst, als Deutsche zu der Erkenntnis kamen,
dass die britische Luftwaffe solche Radargeräte einsetzte. Beim Luftangriff auf Hamburg
Ende Januar 1943 setzte die britische Luftwaffe die Mikrowellenradargeräte zum ersten Mal
ein, die auf einer Wellenlänge von 9 cm arbeiteten. Eines dieser in Großbritannien
„H2S“ genannten Radargeräte entdeckten die Deutschen Anfang Februar 1943 in einem
abgeschossenen britischen Bomber in der Nähe von Rotterdam. Dieses Radargerät wurde in
Deutschland „Rotterdam-Gerät“ genannt, und am 22. Februar 1943 kam es zur Gründung der
„Arbeitsgemeinschaft Rotterdam“, um Gegenmaßnahmen bezüglich dieser Radartechnik zu
ergreifen.135 Bereits am 1. März 1943 hatte die deutsche Firma Telefunken eine Skizze des
„Rotterdam-Geräts“ hergestellt und baute dieses Gerät innerhalb weniger Monate erfolgreich
nach. Darüber hinaus trieb Telefunken die weitere Entwicklung und Produktion der
Radargeräte im Zentimeterwellenbereich voran. Doch diese Tätigkeiten mussten wegen der
häufigen Luftangriffe der Alliierten immer wieder unterbrochen werden.136
Wie sah die Entwicklung und Produktion in Japan aus? Wie in Großbritannien
begann Japan frühzeitig mit der Entwicklung und Produktion von Radargeräten im
Zentimeterwellenbereich mit eigenen Hohlraummagnetronen (Abbildung 9). Jedoch waren
diese japanischen Radargeräte nicht so funktionsfähig wie die in Großbritannien gebauten
Geräte und beeinflussten deshalb nicht die Kriegslage. In Bezug auf die Entwicklung des
Magnetrons gelangen japanischen Ingenieuren allerdings bemerkenswerte Fortschritte:
Was das Problem des instabilen Outputs eines Hohlraummagnetrons beim
„Modesprung (mode jumping)“ betrifft, gab es damals zwei grundsätzliche, von einander
verschiedene Lösungsansätze. Der erste Lösungsansatz wurde, wie in 2.4.1 erwähnt, von
133 Kawamura und Yamazaki 1986, S.133 und Anonym 1945, S.165.
134 Brandt 1962, S.82 und Reute 1971, S.197.
135 Brandt (Hrsg.) 1952, S.11-14.
136 Thiele (Hrsg.), S.260.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 47
britischen Wissenschaftlern dadurch realisiert, dass jedes zweite Segment der Anode mit
einem Drahtbügel festgebunden wurde (strapped anode). Einen ähnlichen Lösungsansatz gab
es auch in Japan (Abbildung 10).137 Der zweite Lösungsansatz, das Problem des instabilen
Outputs eines Hohlraummagnetrons beim „Modesprung (mode jumping)“ zu lösen, bestand
darin, dass die Anode eine bestimmte Grundstruktur hatte. Innerhalb dieser Grundstruktur
lassen sich verschiedene Schwingungsmodi dadurch trennen, dass benachbarte Schlitze
jeweils eine andere Tiefe haben.138 Der so genannte „rising sun“-Typ (Abbildung 11), der eine
Ausprägung dieser Grundstruktur darstellt, wurde sowohl in den USA als auch in Japan
entwickelt. Eine andere Ausprägung dieser Grundstruktur, der so genannte „Mandarine-Typ“,
wurde in Japan bevorzugt realisiert (vgl. oberste Reihe des Schaubilds 2 und Abbildung 12),
während in Großbritannien und in den USA der erste Lösungsansatz mit Drahtbügeln Vorrang
hatte.139 Nach dem Krieg waren Ingenieure in den USA davon überrascht, dass bereits
während des Kriegs auch in Japan derartige Lösungen zum Problem des instabilen Outputs
eines Hohlraummagnetrons gefunden worden waren.140
Auch in Japan wurde versucht, die Produktivität der Hohlraummagnetrone zu
steigern. Jedoch war das Niveau der Produktivität in Japan weit hinter dem in den USA. Die
Anode des Hohlraummagnetrons, die 0,01 mm genau sein sollte, konnte man mit Hilfe der
Drehbank nicht herstellen. Daher führte die Firma JRC eine Methode mit Hilfe eines
Räumwerkzeugs bzw. einer Räumnadel141 ein. Diese Methode ermöglichte eine Steigerung
der Produktivität des Hohlraummagnetrons auf ca. 10 Stück pro Tag, was im Vergleich zu den
USA noch sehr gering war.142
Die Information über die erfolgreiche Erfindung des Hohlraummagnetrons in Japan
erreichte Deutschland nicht, obwohl es dafür mehrere Gelegenheiten gab.143 Damals war das
technologische Niveau im Allgemeinen in Deutschland deutlich höher als das in Japan. Daher
wurde bezügliche des Austauschs zwischen Deutschland und Japan erwartet, dass
137 Mizuma, Tomonaga und Takao 1948, S.92; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai
(Hrsg.) 1987, S.160 und Nihon Musen 1971, S.239.
138 Pierce 1962, S.983 und .
139 Eine Vielzahl der in der Firma JRC produzierten Hohlraummagnetrone, zum Beispiel M3 und M312,
war vom so genannten „Mandarinen-Typ“. Allerdings betrieb nicht nur die Firma JRC, sondern auch
andere japanische Firmen bzw. Institute während des Kriegs die Magnetronforschung: Hierbei handelt es
sich um das Tama Forschungsinstitut des Heeres (Rikugun tama kenkyū-jo. Die Zentralfigur war der
Ingenieur Satake Kinji, der in Deutschland weitergebildet worden war), Toshiba (u.a. Kamio Keiichi,
Hamada Seitoku, Shimizu Toshiyuki) und NEC (Nihon-denki, u.a. Kobayashi Masatsugu). Siehe Nakajima
1944; Mizuma, Tomonaga und Takao 1948, S.93-94; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi
kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.165-166.
140 Hobbs 1946.
141 Die auf Japanisch „burōchi (broach) kakō“ genannt wird.
142 Interview mit Nakajima (ehem. JRC) im Mai 2002 und Nihon Musen 1971, S.242-243.
143 Zum Beispiel hätte Itō Yōji seinen Lehrer Barkhausen über das Hohlraummagnetron informieren
können, als Barkhausen mit seiner Frau im August 1938 nach Japan zu Besuch gekommen war. Darüber
hinaus hätte die Besichtigungsgruppe der japanischen Marine Informationen über die Erfindung des
Hohlraummagnetrons nach Deutschland mitbringen können, als sie im Jahr 1941 nach Deutschland reiste.
Siehe Nakajima 1981; Interview mit Nakajima (ehem. JRC) im Mai 2002; Yagi 1956; Barkhausen 1956.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 48
Abbildung 9 Radargerät 32-gō von der japanischen Marine (Wellenlänge 10 cm)
(Nakajima 1997, S.157).
(a) (b)
Abbildung 10 Japanische strapped anode: (a) Pflaumenblüte-Typ (b)Kamelie-Typ (Nihon
denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.160).
Abbildung 11 Schematische Darstellung des „Rising sun“-Typs von Alliierten (Collins
1948, S.31).
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 49
Schaubild 2 Verschiedene Anodentypen der japanischen Magnetrone während des
Zweiten Weltkriegs (Nakajima 1947, S.4-5).
Abbildung 12 Verschiedene Anoden der Hohlraummagnetrone in Japan (Nakajima 1997,
S.148).
Deutschland technische Informationen an Japan gibt und Japan im Gegenzug Deutschland
Rohstoffe, die aus den von Japan damals besetzten Gebieten imdostasiatischen Raum
stammten – und keine technische Information – zur Verfügung stellt. Selbst wenn die
Information über das japanische Hohlraummagnetron nach Deutschland transferiert worden
wäre, hätte diese Information die Entwicklung der Radargeräte im Zentimeterwellenbereich in
Deutschland wahrscheinlich nicht beschleunigt, da in Deutschland vor der Entdeckung des
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 50
„Rotterdam-Geräts“ im britischen Bomber im Februar 1943 kein Radargerät im
Zentimeterwellenbereich benötigt worden war.
Die Wissenschaftler in den USA verbesserten das britische Hohlraummagnetron und
machten es massenproduktionsfähig. Darüber hinaus entwickelten sie daraus unterschiedliche
Radargeräte. In Deutschland gelang es einigen Ingenieuren innerhalb von wenigen Monaten
das britische „Rotterdam-Gerät“ nachzubauen. Jedoch gelang es Japan nicht, die im Krieg
funktionsfähigen Mikrowellenradargeräte in großen Mengen zu produzieren, obwohl in Japan
das Hohlraummagnetron weltweit zum ersten Mal erfunden worden war. Darüber hinaus hatte
Japan auch Schwierigkeiten, das „Würzburg-Gerät“ nachzubauen, obwohl ein Ingenieur von
Telefunken, Heinrich Foders, vor Ort war und der Plan sowie das Original144 vorhanden
waren.145 Diese Beispiele zeigen deutlich, dass die Produktionsfähigkeit – also die Verfügung
über Produktionstechniken, Produktionsanlagen, Rohstoffe und Arbeitskräfte – mindestens
genau so wertvoll ist wie die Erfindung selbst – obwohl üblicherweise nur der Erfindung
Aufmerksamkeit geschenkt wird.
2.4.4 Einfluss des Mikrowellenradars auf die Gesundheit
Während des Zweiten Weltkriegs, als erstmalig Mikrowellenradargeräte zum Einsatz kamen,
wurden in den USA negative Einflüsse durch die Mikrowellenbestrahlung auf das
Militärpersonal befürchtet. Um dieser Befürchtung nachzugehen, wurden zwei
Untersuchungen durch das amerikanische Militär während des Kriegs durchgeführt. Da die
Mikrowellenradartechnik ein Militärgeheimnis darstellte, wurde die Forschung über die
biologischen Effekte des Mikrowellenradars nur im militärischen Zusammenhang erlaubt.146
Die erste Untersuchung führten das Forschungslabor der amerikanischen Marine
(Naval Research Laboratory, Abk. NRL) und Büro der Medizin und Chirurgie (Bureau of
Medicine and Surgery) im Jahr 1942 durch. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden 45
männliche Angestellte, die mit Kurzwellenradiogeräten oder Mikrowellenradargeräten
operierten, für einen Zeitraum von 12 Monaten beobachtet. Gemäß dieser Beobachtung wurde
kein Beweis für einen bedeutenden gesundheitlichen Effekt gefunden. Allerdings klagten eine
kleine Anzahl der Radargerätoperateure über Symptome, die im Zusammenhang mit der
Erhitzung durch Mikrowellen auftraten. Da dies Symptom dem Symptom ähnelte, das auch
bei anderen Hochfrequenzen auftrat, erregte es keine besondere Sorge.147
Im Jahr 1945 führte das Aero Medical Laboratory in Boca Raton (Florida) die zweite
144 Sie waren mittels U-Boote aus Deutschland nach Japan transferiert worden. Siehe Foders 1953, S.2.
145 Pauer 1990, S.319-320; Yokoyama 1998, S.48-49; Niizuma 1979, S.16-17; Satake 1977; S.590-591;
Tamaru 1978, S.233; Nakajima 1995, S. 293-294.
146 Steneck 1985, S.29-30.
147 Daily 1943; Steneck 1985, S.29-30; Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230.
2. Mikrowellentechnologie vor und während des Zweiten Weltkriegs 51
Untersuchung mit 124 Soldaten durch. Durch Bluttests wurde keine Änderung des Bluts
durch die Bestrahlung des Radars festgestellt.148
Aus beiden Untersuchungen wurde der Schluss gezogen, dass es keinen Grund zur
Sorge gäbe, da die Leistung des Mikrowellenradars beschränkt sei. Dennoch kam es bis zum
Kriegsende zu mehreren Anweisungen in den USA, die vor der starken längeren Exposition
warnten.149 Trotz dieser Warnungen kam es zu mehreren gesundheitlichen Störungen des
Militärpersonals durch übermäßige Expositionen.150
Während des Kriegs wurde keine allgemeine Richtlinie zur Mikrowellenbestrahlung
in den USA erlassen. Da das Radargerät als nützliches Gerät betrachtet wurde, das das Leben
vor feindlichen Angriffen schützt, wurde dem Thema der gesundheitlichen Störung durch das
Mikrowellenradargerät wenig Aufmerksamkeit geschenkt.151
148 Steneck 1985, S. 30 und Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230.
149 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230.
150 Michaelson 1969, S.115.
151 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230; Ketteringham und Nayak 1987, S.200-201.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 52
3 Vom Radargerät zum „Radarrange
Die Mikrowellenforschung während des Kriegs hatte großen Einfluss auf die Nachkriegszeit.
In Bezug auf die akademische Welt kehrten die Wissenschaftler in den USA, die während des
Kriegs für die Mikrowellenforschungen mobilisiert worden waren, nach dem Krieg in ihren
eigenen Fachgebieten zurück und entwickelten anschließend ihre ursprünglichen Fachgebiete
wie Molekularspektroskopie und Radioastronomie mit Hilfe der – im Krieg erlernten –
Mikrowellentechnologie weiter.1 Darüber hinaus wurden die während des Kriegs in der
Radiation Laboratory am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gesammelten
Ergebnisse als “Radiation Laboratory Series“ nach dem Krieg veröffentlicht. Hierbei handelt
es sich insgesamt um 28 Bände, die lange als „Bibel“ der Elektroingenieure galten.
Auch außerhalb der akademischen Welt wurde nach dem Krieg eine Vielzahl
technischer Geräte wie Transistoren 2, Maser und Laser 3
basierend auf die
Mikrowellentechnologie erfunden. Ferner wurden mit Hilfe der Mikrowellen eine Vielzahl
technischer Optionen im Bereich der Telekommunikation, Fernsehsendungen,
Teilchenbeschleuniger und medizinischer Therapien (Diathermie und Hyperthermie)
realisiert.4 Darüber hinaus plante man die Übertragung von Sonnenenergie von einem
Satelliten zur Erde mit Hilfe der Mikrowelle.5
Unter den Mikrowellengeräten, die nach dem Krieg erfunden worden waren, stellt
das Mikrowellenkochgerät ein bekanntes Beispiel dar. Wie bekannt, ist das
Mikrowellenkochgerät ein Gerät, das Wärmeenergie der Mikrowelle zur Erhitzung bzw. zum
Kochen von Lebensmitteln zu verwendet. Allgemein gesprochen entsteht bei der
Mikrowellenbestrahlung die Wärme in der Materie. Abhängig von der Art dieser Materie
entsteht die Wärme auf zweierlei Art. Einerseits fließt durch die Mikrowellenbestrahlung ein
Induktionsstrom in die Materie, die eine hohe elektrische Leitfähigkeit besitzt. Durch diesen
Induktionsstrom wird die Materie erhitzt (Induktionserwärmung). Anderseits fließt kein
Induktionsstrom in die Materie, wenn sie wie Wasser und Lebensmittel eine niedrige
elektrische Leitfähigkeit besitzt. In einer solchen Materie versetzen die Mikrowellen die
1 Forman 1995.
2 Während des Kriegs gewannen Wissenschaftler in den USA Wissen über Halbleitermaterialien, indem sie
an der Verbesserung von Kristalldetektoren in Radargeräten arbeiteten. Auf Basis dieses Wissens wurde in
den Bell Telephone Laboratories der Versuch unternommen, einen Verstärker unter Verwendung von
Kristall anstatt einer Vakuumröhre zu entwickeln. Im Jahr 1947 entwickelten J. Bardeen und W. H. Brattain
den Punktkontakttransistor. Anschließend entwickelte im Jahr 1948 W. Shockley die Theorie über den
pn-Übergang. Seitdem wurden auf dem Gebiet der Elektronik große Fortschritte erzielt. Shōgakukan 1996,
siehe die Stichwörter „Handōtai“ und „Toranjisuta“.
3 Basierend auf der Forschung über Mikrowellenspektroskopie wurde Maser (Microwave Amplification by
Stimulated Emission of Radiation) erfunden. Daraus wurde später die Lasertechnologie (Light
Amplification by Stimulated Emission of Radiation) entwickelt. Townes 1995.
4 Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.351.
5 Matsumoto 1995.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 53
Moleküle in kleine rasche Bewegungen.6 Durch die Reibung der Moleküle entsteht Wärme
(dielektrische Erwärmung). 7 So dringt die Mikrowelle unmittelbar in die jeweiligen
Lebensmittel ein und erzeugt dort Wärme. Insofern unterscheidet sich die Erhitzung von
Lebensmitteln durch die Mikrowelle von herkömmlichen Kochverfahren. Denn diese
herkömmlichen Kochverfahren transportieren die Energie von der Wärmequelle zum Gargut –
etwa durch Wärmeleitung (Sieden, Schmoren und Braten), Wärmeströmung (in Backofen
kochen) oder Wärmestrahlung (Grillen) - und behandeln dadurch das Gargut mit Wärme.8
3.1 Entwicklung des „Radarrange
Percy L. Spencer und seine Mitarbeiter, die sich während des Kriegs in der amerikanischen
Firma Raytheon mit Magnetronen beschäftigt hatten, erfanden bald nach dem Krieg das
Mikrowellenkochgerät. Durch die Erfahrungen mit den Magnetronen war Spencer und seinen
Mitarbeitern das Phänomen bekannt, dass Mikrowellen Materie erhitzen. Spencer und seine
Mitarbeiter kamen im Jahr 1942 auf den Gedanken, mit Mikrowellen Lebensmittel
aufzuwärmen bzw. zu kochen.9 Wie sie dabei auf das Mikrowellenkochgerät kamen, dazu gibt
es mehrere Anekdoten: Eine solche lautet, dass während eines Experiments mit einem
Magnetron eine Tafel Schokolade bzw. ein Bonbon in Spencers Tasche schmolz.10 Allerdings
sind Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Anekdote erlaubt, denn die damaligen
Magnetrone wurden für den Zweck der Verwendung beim Radar produziert. Diese
Magnetrone erzeugten Pulswellen, die keine so große Durchschnittleistung hatten bzw. nicht
für die Erhitzung geeignet waren. Erst als Palmer Derby im Jahr 1944 ein Magnetron
entwickelte, das kontinuierliche Wellen erzeugte, wurde die Produktion eines
Mikrowellenkochgeräts realistischer. 11
Da bei Kriegsende der Bedarf an Radar plötzlich abnahm, verloren die Ingenieure
ihre Beschäftigung.12 Während dieser Zeit versuchte Spencer zusammen mit Palmer Derby,
6 Im Mikrowellenkochgerät, das mit Hilfe der Mikrowellen mit einer Frequenz von 2450 MHz funktioniert,
bewegen sich die Lebensmittelmoleküle 2,45 Milliarden Mal pro Sekunde.
7 Wakamatsu 1992, S.9 und Messerschmidt 1978.
8 Hauptberatungsstelle für Elektrizitätsanwendung e.V. 1999, S.4-6.
9 Ketteringham und Nayak 1987, S.199 und Osepchuk 1984, S.1204.
10 Reynolds 1995, S.12; Decareau 1977a, S.3; http://web.mit.edu/invent/iow/spencer.html (Letzter Zugriff
am 24.05.2004).
11 P. Derby und W. C. Brown hatten damals keine konkrete Idee der Anwendung eines Magnetrons, das
kontinuierliche Wellen erzeugte. Trotzdem begannen sie im Jahr 1944 die Entwicklung eines solchen
Magnetrons – genannt QK-44 (3000 MHz, 25-100 W). Bald wurde das Magnetron QK-44 durch die
Förderung des NRL verbessert und in Bord-Störsender von Flugzeugen und Radargeräten integriert. Diese
Geräte wurden im Jahr 1945 im Krieg eingesetzt. E-Mail von Edwards (ehem. Raytheon) vom 26. August
2004; Derby 1944a; Derby 1944b; Derby 1983.
12 Der jährliche Umsatz der Firma Raytheon fiel beim Kriegsende von 173 Millionen Dollar auf 105
Millionen Dollar im Jahr 1946. Die amerikanischen Mikrowellenröhrenhersteller wie Raytheon, GE,
Westinghouse und RCA standen vor der Herausforderung, über en Radar hinaus andere
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 54
William C. Brown und Leslie Vandt u.a. in der Firma Raytheon das Mikrowellenkochgerät zu
realisieren.13 Für das Mikrowellenkochgerät wurde zunächst eine modifizierte Version des
kontinuierliche-Wellen-Magnetrons QK-65 mit einer Leistung von 1 kW verwendet.14
Spencer meldete im Oktober 1945 das Erhitzungsverfahren für Lebensmittel durch
Mikrowellenenergie in den USA zum Patent 15 an. Durch mehrere Experimente mit
Lebensmitteln wurde im Jahr 1946 das Mikrowellenkochgerät (microwave oven) mit dem
Namen „Radarrange“ (dt. „Radar-Herd“) in Raytheon gebaut.16
Nicht nur die Firma Raytheon, sondern auch die Firma General Electric (Abk. GE)
zeigte ihr Interesse an der Erhitzung von Lebensmitteln durch Mikrowellen und entwickelte
ein Mikrowellenkochgerät. Damals gab es in den USA bereits eine Einteilung der
Frequenzbereiche, die ausschließlich für Erhitzungszwecke zur Verfügung gestellt wurden.17
Zur Erhitzung durch Mikrowellen konnte man die Frequenzbereiche von 915 MHz und 2450
MHz nutzen. Während die Firma Raytheon den Frequenzbereich 2450 MHz wählte,
bevorzugte die Firma GE den Frequenzbereich 915 MHz, dessen Welle im Vergleich mit dem
Frequenzbereich 2450 MHz tiefer in die Lebensmittel eindringt und daher für die Erhitzung
von größeren Lebensmittelstücken geeignet ist. Der Grund für diese unterschiedliche Wahl
von Frequenzbereichen bestand darin, dass Raytheon die Erhitzung kleiner
Lebensmittelstücke wie Popcorn und Hamburger beabsichtigte, während GE an die Erhitzung
großer Lebensmittelstücke wie ganze Truthähne dachte sowie das Auftauen großer Mengen
von Tiefkühlkost.18 Darüber hinaus bevorzugte GE 915 MHz, da in diesem Frequenzbereich
eine Tiefkühlkost gleichmäßiger aufgetaut und erhitzt werden kann als in höherem
Frequenzbereich wie in 2450 MHz.19 Allerdings zog sich GE bald aus dem Geschäft des
Mikrowellenkochgeräts zurück. 20 Seit dem Ausbruch des Koreakriegs begann das
amerikanische Verteidigungsministerium sowohl große Investitionen in Forschung und
Entwicklung der Mikrowellenröhre als auch die Anschaffung großer Mengen von
Anwendungsmöglichkeiten der Mikrowellenröhre zu finden. Siehe Osepchuk 1984, S.1203 und Brief von
Shibata (ehem. JRC) vom 29. März 2004.
13 Ketteringham und Nayak 1987, S.202.
14 QK-65 erzeugte eine Welle von 3000 MHz bei 300 W. Die Entwicklung dieses Magnetrons für den
kommerziellen Erhitzungszweck begann im Januar 1945 unter Palmer Derby und Navin Kather in
Raytheon. Derby 1983 und E-Mail von Edwards (ehem. Raytheon) vom 26. August 2004.
15 Method of treating foodstuffs. The patent U.S. No. 2,495,429, issued on January 24, 1950.
16 Reynolds 1995, S.12-13; Scott 1974, S.32 und 180-181; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi
kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.178; Osepchuk 1984, S.1204; Ketteringham und Nayak 1987, S.199 und 202;
http://www.gallawa.com/microtech/history/html (Letzter Zugriff am 27.08.2001);
http://web.mit.edu/invent/iow/spencer.html (Letzter Zugriff am 24.05.2004).
17 Um Interferenzen zwischen Kommunikationsgeräten und anderen Geräten wie Diathermiegeräten zu
vermeiden, wurden die Frequenzbereiche für den industriellen, wissenschaftlichen und medizinischen
Zweck (Industrial, Scientific and Medical (ISM)) durch die Federal Communications Commission (Abk.
FCC) seit 1934 beschränkt. Allerdings wurde diese Beschränkung während des Kriegs zeitweilig
aufgehoben. Mobley 1971, S.297.
18 E-Mail von Osepchuk (ehem. Raytheon) vom 2. Juli 2005 und Osepchuk 1984, S.1204.
19 Morse und Rivercomb 1947, S.87-88.
20 Osepchuk 1984, S.1209.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 55
Mikrowellenröhren zu leisten. Daher hatte die Suche nach einer neuen Anwendung der
Mikrowellenröhre – zum Beispiel das Mikrowellenkochgerät – eine geringe Priorität.21 Außer
Raytheon und GE interessierte sich noch die Firma Westinghouse für die Erhitzung durch
Mikrowellen. Allerdings richtete sich die Absicht von Westinghouse nicht auf das
Mikrowellenkochgerät, sondern auf die Bearbeitung von Reifen, Holz und Plastik.22
Die Idee zur Erfindung eines Mikrowellenkochgeräts gab es nicht nur in den USA.
Japanische Ingenieure der Firma JRC rösteten während eines Experiments bereits um das Jahr
1940 Süßkartoffeln mit einem kontinuierlichen-Wellen-Magnetron mit einer Leistung von 300
W.23 Scheinbar gab es eine ähnliche Idee auch in Großbritannien sowie in Deutschland.24
Jedoch war ein solches Kochgerät in diesen Ländern angesichts der Nachkriegsarmut und des
Nachkriegshungers nicht realisierbar, da die Herstellung eines Hohlraummagnetrons sehr
kostspielig war.
Im Jahr 1947 brachte Raytheon den ersten kommerziellen „Radarrange“ auf den
Markt (Abbildung 13). Der „Radarrange“ war gigantisch und enorm teuer: Er war 170 cm
groß, 340 Kg schwer und kostete 5.000 Dollar.25 Anfang der 1950er Jahre wurden in den USA
monatlich 10 bis 50 „Radarrange“ verkauft, obwohl jedes dieser Geräte ca. 4.000 Dollar
kosteten. Sie wurden meistens im Gastronomiebereich eingesetzt.26 Allerdings musste
Raytheon weiter für die Erhaltung und für die Entwicklung neuer Kochrezepte viel
investieren.27 Um diesen finanziellen Verlust zu decken, schloss Raytheon Lizenzverträge
zum Bau des Mikrowellenkochgeräts sowie des Magnetrons mit anderen Herstellern. In
Bezug auf das Mikrowellenkochgerät schloss Raytheon die Lizenzverträge mit
amerikanischen Herstellern wie Tappan Stove Co.28, Hotpoint, Westinghouse und Litton.
Obwohl diese Lizenzverträge der Firma Raytheon keine große Tantieme brachten, konnte
Raytheon mehr Umsatz machen, weil sie diesen Lizenzpartnern Magnetrone verkaufen
konnten.29 Darüber hinaus erhielt Raytheon Tantieme durch Lizenzverträge sowohl von
japanischen als auch deutschen Herstellern zum Bau des Magnetrons.
21 Osepchuk 1984, S.1208 und Osepchuk 1978b, S.52.
22 Osepchuk 1984, S.1204.
23 Nakajima 1992, S.115; Interview mit Nakajima (ehem. JRC) im Mai 2002; Higo (Hrsg.) 1987,S.272.
24 Osepchuk 1984, S.1204 und Püschner 1967, S.31.
25 Reynolds 1995, S.14 und http://www.gallawa.com/microtech/history.html. (Letzter Zugriff am
27.08.2001).
26 http://web.mit.edu/invent/iow/spencer.html (Letzter Zugriff am 24.05.2004).
27 Raytheon investierte im Zeitraum von 1949 bis 1960 für „Radarrange“ insgesamt über 5 Millionen
Dollar. Siehe Ketteringham und Nayak 1987, S.202 und 224.
28 Firma Tappan, die den Lizenzvertrag im Jahr 1953 schloss, begann die Produktion des
Mikrowellenkochgeräts unter dem Namen „Electronic range“. Der „Electronic range“ war wesentlich
preiswerter als der „Radarrange“ von Raytheon und kostete 1295 Dollar. Allerdings konnte man für dieses
Geld damals einen PKW kaufen. Siehe Ketteringham und Nayak 1987, S.203 und
http://www.gallawa.com/microtech/history/html (Letzter Zugriff am 27.08.2001)
29 Reynolds 1995, S.14-15 und Osepchuk 1984, S.1205.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 56
Abbildung 13 Der erste „Radarrange“ (Osepchuk 1984, S.1205, © 1984 IEEE).
Seit dem Ausbruch des Koreakriegs im Jahr 1950 erlebte die
Mikrowellenröhrenindustrie bis zum Jahr 1964 durch die militärischen Aufträge eine
Hochkonjunktur. Deshalb war es für die Mikrowellenröhrenindustrie während dieser Zeit
nicht notwendig, eine alternative Anwendungsmöglichkeit der Mikrowellenröhre zu suchen –
wie etwa das Mikrowellenkochgerät. Trotzdem führte Raytheon das Geschäft mit dem
Mikrowellenkochgerät weiter fort, das jedoch kaum Umsatz brachte. Raytheon war nicht so
geschickt wie andere Massenprodukthersteller, die kommerziellen Aspekte richtig
einzuschätzen und entsprechende Marktstudien durchzuführen – etwas wie man
Verkaufskräfte organisiert, wie man den „Radarrange“ auf den Markt bringt, wie man den
Radarrange“ verkauft und wer überhaupt ein solch teures Gerät kaufen würde.30
Bis Ende der 1950er Jahre hatte Raytheon mit dem „Radarrange“ nur rote Zahl
geschrieben. Vor diesem Hintergrund machte es betriebswirtschaftlich keinen Sinn, die
bisherigen Geschäfte mit dem „Radarrange“ fortzuführen. Dennoch führte Charles Adams,
der damalige Vorstandvorsitzende der Firma Raytheon, den Geschäftsbereich mit dem
Mikrowellenkochgerät fort. Letztlich verkauften sich in den gesamten USA nur knapp 10.000
Radarrange“ im Zeitraum von 1953 bis 1967.31
3.2 Fortschritte in der Magnetronenentwicklung
Das Magnetron QK-65, das im ersten „Radarrange“ integriert wurde, wurde weiter verbessert.
Ende 1946 wurde auf Basis des Magnetrons QK-65 die Entwicklung des Magnetrons QK-217
begonnen. Das Magnetron QK-217 mit einer Leistung von 3000 W wies bereits zum Teil eine
30 Raytheon versuchte in den 1950er Jahren, sich neue Märkte für auch Transistor und Fernseher zu
erobern. Jedoch war Raytheon bei der Vermarktung nicht erfolgreich. Siehe Ketteringham und Nayak 1987,
S.196 und Scott 1974, S.183-184 und 206.
31 Ketteringham und Nayak 1987, S.203 und 224-229 und Osepchuk 1984, S.1208.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 57
Konstruktion auf, die bis heute fundamental ist. Im Jahr 1947 kostete ein Magnetron ca. 200
Dollar und hatte eine Lebensdauer von nur 500 bis 1000 Stunden.32
Im Mai 1952 begann die Entwicklung des Magnetrons QK-390 mit einer Leistung
von 800 W.33 Deren Anode war die so genannte „vane strap anode34 mit Luftkühlung, 20
Flügeln und Permanentmagneten. Die Kathode dieses Magnetrons, die aus Molybdän bestand
und deren Oberfläche mit Thoria (ThO2) bestrichen war, gehört zum Typ „indirekt geheizte
Kathode“. Um Mikrowellen zu erzeugen, musste man zuerst die Kathode erhitzen, da die
Kathode erst mit der Emission von Elektronen beginnt, wenn sie genug erhitzt ist. Die
Elektronen fließen aus der Kathode in Richtung Anode, und dabei entstehen Mikrowellen. Die
Kathode lässt sich entweder indirekt durch die Strahlungswärme eines externen Heizkörpers
erhitzen (indirekt geheizte Kathode) oder direkt erhitzen. Im letzteren Fall stellt die Kathode
selbst einen Heizkörper dar und erhitzt sich selbst (direkt geheizte Kathode).35 Vor dem
Zweiten Weltkrieg wurde üblicherweise die „direkt geheizte Kathode“ verwendet. Da die
indirekt geheizte Kathode im Vergleich mit der direkt geheizten Kathode Elektronen
effizienter emittierte, wurde nach dem Krieg hauptsächlich die indirekt geheizte Kathode
verwendet.36
Bei der Nutzung dieses Magnetrons QK-390 trat oft ein Phänomen auf, das
Runaway (Durchgehen)“ genannt wurde: Die aus der Kathode emittierten Elektronen werden
durch das magnetisches Feld gebogen und kommen zum Teil wieder zur Kathode zurück.
Durch diese Zusammenstöße zwischen Elektronen und Kathode kam es zur Überhitzung der
Kathode. Eine überhitzte Kathode emittiert sehr viele Elektronen, darüber hinaus nimmt der
Anodenstrom letztlich übermäßig zu. Dadurch wurde die Leistung des Magnetrons instabil,
und es kam zum Stillstand des Magnetrons.37 Für dieses Phänomen „Runaway“ wurden
mehrere Lösungen gefunden:
Erstens wurde das Problem dadurch gelöst, dass man für das Magnetron statt eines
Permanentmagneten einen Elektromagneten verwendete. Bei der übermäßigen Zunahme des
Anodenstroms erzeugt ein Elektromagnet ein stärkeres magnetisches Feld, so dass die
Zusammenstöße zwischen Elektronen und Kathode vermindert werden. Dadurch emittiert die
Kathode weniger Elektronen, und der Anodenstrom nimmt ab. So reguliert sich der
Anodenstrom durch den Einsatz eines Elektromagnets. Raytheon entwickelte bis zum Ende
der 1950er Jahre das Magnetron mit Elektromagneten, hierbei handelte es sich um das so
genannte Magnetron QK-707 (Abbildung 14).38
32 E-Mail von Edwards (ehem. Raytheon) vom 26. August 2004; Reynolds 1995, S.14.
33 E-Mail von Edwards (ehem. Raytheon) vom 26. August 2004.
34 Über die „vane strap anode“ siehe 2.4.2.
35 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.179-180 und E-Mail von
Koizumi (ehem. Hitachi) vom 6. April 2004.
36 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004.
37 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.180.
38 E-Mail von Edwards (ehem. Raytheon) vom 26. August 2004; Nihon denshi kikai kōgyōkai
denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.180.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 58
Abbildung 14 Magnetron QK707 von Raytheon (Osepchuk 1984, S.1206, © 1984 IEEE).
Zweitens entwickelte später die Firma Litton, die unter Lizenz von Raytheon
Magnetrone herstellte, zwei Magnetrone genannt L3189 und L385839, die ebenfalls eine
Lösung für das Phänomen „Runaway“ enthielten. Diese Magnetrone besaßen statt einer
indirekt geheizten Kathode eine direkt geheizte Kathode aus Wolfram mit Thorzusatz.
Obwohl diese direkte geheizte Kathode den Nachteil hat, dass sie Elektronen nicht effizient
emittiert, besitzt sie aber den entscheidenden Vorteil, dass bei ihrer Verwendung das
Phänomen „Runaway“ nicht auftritt.40
Diese direkt geheizte Kathode verfügte auch über einen weiteren Vorteil, nämlich
eine schnelle Erhitzbarkeit. Bei der bisherigen indirekt geheizten Kathode war vor Begin der
Erhitzung von Lebensmitteln eine Vorbereitungszeit nötig, um die Kathode zu erhitzen.
Sobald die Kathode genügend erhitzt worden war, konnte die Erzeugung von Mikrowellen
stattfinden. Dagegen ist bei der direkt geheizten Kathode die sofortige Erhitzung von
Lebensmitteln ohne Vorbereitungszeit möglich, da die Kathode sich selbst erhitzt. Dieser
Vorteil war für das Mikrowellenkochgerät entscheidend, dessen Kerneigenschaft in der
schnellen Erhitzung von Lebensmitteln besteht. Darüber hinaus verfügte diese direkt geheizte
Kathode noch über einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber der indirekt geheizten Kathode.
Die Energie, die man zur Erhitzung der direkt geheizten Kathode benötigt, beträgt ca. ein
Fünftel derjenigen Energie, die man zur Erhitzung der indirekt geheizten Kathode benötigt.41
Über die genannten Vorteile hinaus waren die Magnetrone L3189 sowie L3858 von
39 Die beiden Magnetrone unterscheiden sich nur in ihrer jeweiligen Leistung. Siehe Nihon denshi kikai
kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1988, S.227-280.
40 E-Mail von Koizumi (ehem. Hitachi) vom 6. April 2004; Osepchuk 1984, S.1207-1208; E-Mail von
Maki (ehem. NJRC) vom 4. Juli 2004; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1988,
S.227-280; Brief von Shibata (ehem. JRC) vom 28. April 2004.
41 Anonym 1966, S.122.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 59
kleinerer Gestalt und besaßen eine einfachere Struktur als bisherige Magnetrone. Dadurch
ließen sich diese Magnetrone leichter in Massen produzieren und waren deshalb in der
Herstellung preiswerter. Wegen dieser Vorteile bevorzugte zum Beispiel die Firma Tappan
diese Magnetrone vor anderen.42
Zu dieser Zeit fand noch eine weitere Veränderung des Magnetrons hinsichtlich der
Kühlung statt. Im Allgemeinen ließ sich ein Magnetron mit Wasser effizienter abkühlen als
mit Luft. Doch zur Abkühlung von Pulswellen-Magnetronen, die in Radargeräte eingebaut
sind, genügte Luft, da ein solches Magnetron nicht eine so große Menge an Hitze
produziert.43 Dagegen produzieren Magnetrone, die kontinuierliche Wellen erzeugen, eine
große Menge an Hitze. Für diese Magnetrone, die zum Beispiel in Mikrowellenkochgeräte
eingebaut sind, war die Abkühlung mit Wasser geeigneter als mit Luft. Daher wurde in einer
Reihe von Magnetronen, die nach dem Typ QK-707 gebaut wurden, die Wasserkühlung
bevorzugt verwendet.44
Auf diese Weise wurde das zu Kochzwecken verwendete Magnetron so spezifisch,
dass es sich für keinen anderen Zweck mehr einsetzen ließ.45 Ende der fünfziger Jahre wies
die Herstellung von Mikrowellenkochgeräten mit dem ursprünglichen Raytheon-Geschäft,
nämlich der Herstellung von Radargeräten, kaum noch Gemeinsamkeiten auf. 46 Die
Spezifizierung des zu Kochzwecken verwendeten Magnetrons bedeutete gleichzeitig, dass es
als Massenprodukt heranreifte.47
3.3 Biologische Effekte der Mikrowelle
Das Magnetron QK-44 (kontinuierliche Welle, Frequenz 3.000 MHz, Leistung 25-100 W),
das während des Kriegs von der Firma Raytheon entwickelt worden war, wurde nach dem
Krieg innerhalb kurzer Zeit modifiziert, um für das neue Diathermiegerät
Microtherm“ verwendet zu werden.48 So wurden diejenigen Mikrowellengeräte, die während
des Kriegs ausschließlich für militärische Zwecke genutzt worden waren, nun auch der
42 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.181 und Osepchuk 1984,
S.1207-1208.
43 Ein Pulswellen-Magnetron, dessen Spitzenleistung zwar sehr hoch ist, verfügt jedoch nicht über eine
hohe durchschnittliche Leistung. Deshalb entsteht keine große Hitze.
44 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004.
45 Die zu Kochzwecken verwendeten Magnetrone mussten eine große Leistung haben, klein, robust und
extrem preiswert sein. Diese Merkmale waren für Magnetrone, die nicht für Kochzwecke verwendet
wurden, nicht entscheidend. Zum Beispiel mussten Magnetrone, die in Radargeräte eingebaut waren, fähig
sein, verschiedene Frequenzen zu erzeugen. E-Mail von Edwards (ehem. Raytheon) vom 26. August 2004.
46 Ketteringham und Nayak 1987, S.204.
47 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.181 und E-Mail von Edwards
(ehem. Raytheon) vom 26. August 2004.
48 Das Diathermiegerät war das erste Anwendungsbeispiel des Magnetrons auf Basis des Magnetrons
QK-44. Siehe Murry 1958, S.117; Derby 1983; Guy 1984, S.1186.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 60
medizinischen Forschung zur Verfügung gestellt.49 Außer Raytheon begannen auch u.a. in der
Bundesrepublik Deutschland Deutsche Elektronik50 sowie Siemens mit der Produktion von
Diathermiegeräten (Abbildung 15).51 Diese – mit Hilfe von Mikrowellen realisierten –
Diathermiegeräte wurden zur Behandlung von Rheuma, Neuralgien und Gelenkerkrankungen
verwendet.52
3.3.1 Wirkung der Mikrowellen-Diathermie
Das CPT (Council on Physical Therapy of the American Medical Association) kam in den
1930er Jahren zu dem Ergebnis, dass die Kurzwellentherapie im Vergleich zur
konventionellen Diathermie mit Hilfe von Lang- bzw. Mittelwellen keinen Vorteil darstelle.53
Jedoch wiesen andere Forschungsergebnisse Ende 1940er Jahre darauf hin, dass das
Diathermiegerät mit Hilfe von noch kürzeren Wellen – nämlich Mikrowellen – sehr wohl
besondere Wirkung zeigt: Erstens kann das Mikrowellen-Diathermiegerät das unter der Haut
und der Fettschicht liegende Muskelgewebe erhitzen und somit die Bestrahlung auf einen Teil
des Gewebes fokussieren. Trotz dieses Vorteils einerseits wurde anderseits auf die Gefahr
hingewiesen, dass tiefliegendes Gewebe im Körper überhitzt werden könne, ohne das die
eigentliche Hitze überhaupt gespürt werde. Denn das Mikrowellen-Diathermiegerät erwärmt
Abbildung 15 Diathermiegerät „Radartherm“ auf die Deutsche Industrie-Messe in
Hannover im Jahr 1955 (Zimmermann 1955, S.91).
49 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230; Nikawa und Okada 1994, S.423.
50 Deutsche Elektronik GmbH war eine Tochterfirma von Bosch.
51 Wesenkamp 1955, S.144-145.
52 Pätzold 1954 und Test Juli 1982, S.36.
53 Zu Details siehe 2.2.3.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 61
direkt das tiefliegende Gewebe, ohne die Haut zu erwärmen, die über die Sensoren verfügt,
die Temperatur zu spüren. Darüber wurden zahlreiche Experimente durchgeführt, und manche
Ergebnisse widersprachen den anderen. Schließlich kamen doch der große Teil der
Wissenschaftler zu der Meinung, dass keine Gefahr der Überhitzung bestehen würde. Diese
Meinung wurde dadurch begründet, dass die Hauttemperatur der Erhöhung der Temperatur im
tiefliegenden Gewerbe begleitend steigt und man dadurch die Hitze spürt.54 Zweitens wurde
auf die potentielle Gefahr der Schädigung auf Organe wie Augäpfel und Hoden hingewiesen.
Die Hitze, die von einem Teil des Körpers absorbiert wurde, wurde allgemein durch die
Blutzirkulation in den ganzen Körper verteilt. Schließlich wurde diese Hitze durch die
Oberfläche des Körpers ausgedünstet. Allerdings fließt in Organen wie dem Augapfel oder
dem Hoden nicht viel Blut, deshalb können diese Organe schlecht abkühlen. Nun wurde in
Rahmen der Tierversuche berichtet, dass der graue Star nicht nur sofort nach der Bestrahlung,
sondern auch verspätet auftrat – sogar 42 Tage nach der Bestrahlung. Aus diesem Ergebnis
zogen die Autoren den Schluss, dass für die häufig von Mikrowellen bestrahlten Menschen
die Einführung vorsorglicher Maßnahme sinnvoll sei.55 Darüber hinaus berichteten die
Wissenschaftler an der University of Iowa die Möglichkeit eines nicht-thermischen Effekts auf
Hoden. Sie beobachteten die degenerative Änderung des Hodens56 mit der Wahrscheinlichkeit
von ca. 50 % bei der Temperatur zwischen 31 ºC und 35 ºC, wenn diese Temperatursteigerung
durch Mikrowellenbestrahlung erfolgt war. Bei der gleicher Temperatur trat keine solche
Änderung auf, wenn die Temperatursteigerung durch die Ultrarotbestrahlung erfolgt war.57
Die Forschungen zur Anwendungen der Mikrowellen-Diathermie expandierten in
.3.2 Tri-Service Programm (1956-1961)
den USA im Zeitraum von 1950 bis 1965. Insbesondere wurden intensiv klinische sowie
experimentelle Studien betrieben. Dagegen wurden Studien über Dosimetrie im Laufe der Zeit
vernachlässigt, die versuchten, die Verteilung der Mikrowelle im Gewebe zu klären.58 Trotz
Meldungen über negative Einflüsse der Mikrowellenbestrahlung bei Tierversuchen wurde die
Mikrowellen-Diathermie allgemein so gesehen, dass bei ihrer Nutzung keine Gefahr bestünde,
weil die Ergebnisse von Tierversuchen wenig Aussagekraft bezüglich des Einflusses der
Mikrowellen auf Menschen haben. Darüber hinaus war das Argument zu hören, dass bei einer
Diathermiebehandlung letztlich eine schwächere Strahlung genutzt wird als bei
Tierversuchen.59
3
54 Guy 1984, S.1186; Steneck 1985, S.78; Horvath, Miller und Hutt 1948, insbesondere S.436; Gersten,
Wakim, Herrick und Krusen 1949.
55 Steneck 1985, S.78; Richardson, Duane und Hines 1948.
56 Der Effekt auf Hoden als eine Kontrazeption für Männer ist in China die Rede. Siehe Cx 1984.
57 Iming, Thomson und Hines 1948, S.383-384; Steneck 1985, S.78.
58 Guy 1984, S.1188.
59 Steneck 1985, S.33 und Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 62
Anfang der 1950er Jahre war die durchschnittliche Leistung des Mikrowellenradars etwa
ikanische Marine
suchten die Teilnehmer der Marinekonferenz
Zeit richteten auch zwei große militärische Lieferanten, die Unternehmen
ell Te
1.000 Mal höher als während des Kriegs. Zu dieser Zeit wurde unter den Angestellten eines
Radarherstellers Hughes Aircraft Corporation gesundheitliche Störungen wie innere
Blutungen beobachtet. John McLaughlin, medizinischer Berater dieses Radarherstellers,
veröffentlichte das Ergebnis seiner Untersuchung im Februar 1953, dass es möglicherweise
einen Zusammenhang zwischen der Mikrowellenbestrahlung und gesundheitlichen Effekten
wie innere Blutungen, Leukämie, graue Star, Kopfschmerzen, Gehirntumor und Gelbsucht
gäbe. Dieser Veröffentlichung wurde große Aufmerksamkeit geschenkt.60
Schon bald nach dieser Veröffentlichung veranstalteten die amer
und die Luftwaffe Konferenzen zum Thema biologischer Effekte durch Mikrowellen. Dabei
wurden Forschungen über biologische Effekte der Mikrowelle gefördert und über die
Einrichtung eines Grenzwerts61 diskutiert.62
Um einen Grenzwert festzulegen, ver
auf der Basis von damals nur wenig verfügbaren Daten die Energiemenge abzuschätzen, mit
der ein Menschenkörper umgehen kann. Zunächst schätzte Kenneth S. Cole, der Direktor des
Naval Medical Research Institute im April 1953, dass das gefährliche Expositionsniveau
(LOAEL63) 1 W/cm² (= 1.000 mW/cm²) betrage.64 Darauf basierend schätzten die Teilnehmer
der Marinekonferenz mit einem Sicherheitsfaktor von 10 den Grenzwert als 100 mW/cm² ein.
Ein wenig später wies der Biophysiker Herman Schwan darauf hin, der auch Teilnehmer der
Marinekonferenz gewesen war, dass mehrere Annahmen von Cole nicht richtig gewesen
waren.65 Schwan schlug basierend auf seinen eigenen Berechungen einen Grenzwert von 10
mW/cm² vor.66
Zu dieser
B lephone Laboratories und General Electric (GE), jeweils einen firmeninternen
Grenzwert ein. Sowohl Bell Telephone Laboratories als auch GE sahen 100 mW/cm² als ein
gefährliches Expositionsniveau (LOAEL). Diese Firmen leiteten jeweils daraus einen
strengeren Grenzwert als den des Militärs ab: Unter der Annahme eines Sicherheitsfaktors
60 Steneck 1985, S.33-34 und Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1230-1231.
61 Grenzwerte sind normierte Höchstwerte für die Emission oder Immission (Exposition) von Strahlen.
Detaillierte siehe Anhang 3.
62 Steneck 1985, S.36 und Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1231.
63 Siehe Anhang 3.
64 Die Berechnung von Cole basiert auf der folgenden Annahme: Ein Mann mit einem Gewicht von 70 Kg
absorbiert durch die Oberfläche seiner Haut von ca. 3000 cm² diejenige Strahlung, deren Menge ca. ein
Drittel der Strahlung entspricht. Diese Menge der absorbierten Energie kann er ausscheiden. Steneck, Cook,
Vander und Kane 1980, S.1231.
65 Schwan ging davon aus, dass die absorbierende Oberfläche des Körpers ca. 20.000 cm² beträgt und dass
die Hitze, die ein Körper unter normalen Bedingungen ausscheidet, 100 W beträgt. Daraus lässt sich
errechnen, dass man 5 mW/cm² ausscheiden kann. Der Vorschlag von Cole, 100 mW/cm² als Grenzwert zu
nehmen, ist um den Faktor 20 höher als die von Schwan berechnete Energie, die man unter normalem
Zustand ausscheiden kann. Siehe Deichmann and Stephens 1961, S.221.
66 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1231; Steneck 1985, S.50; Tokumaru 1989, S.45-47.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 63
von 1.000 richtete Bell Telephone Laboratories im November 1953 einen Grenzwert von 0,1
mW/cm² ein. Unter der Annahme eines Sicherheitsfaktors von 100 richtete GE im Juni 1954
einen Grenzwert von 1 mW/cm² ein.67
In der Zeit, als diese provisorischen Grenzwerte eingerichtet wurden, geschah ein
iche (Tri-Service,
mlich
wurde vorausgesetzt, dass die
tödlicher Unfall, als dessen Ursache zunächst die Bestrahlung durch ein Radar angesehen
wurde: Im März 1954 ging der 42 jährige Mann an dem in Betrieb befindlichen Radargerät
vorbei. Bereits ein paar Sekunden später fühlte er Wärme innerhalb seines Körpers. Eine
halbe Stunde später litt er unter akuten Schmerzen im Unterleib und musste sich übergeben.
Sechs Stunden später wurde sein Blinddarm wegoperiert. Trotz weiterer operativer
Behandlungen starb er elf Tage später. John McLaughlin, der auf den Zusammenhang
zwischen gesundheitlichen Störungen und der Mikrowellenbestrahlung durch Radargeräte
hingewiesen hatte, vermutete als Todesursache die Mikrowellenbestrahlung durch das
Radargerät. Die Vermutung von McLaughlin basierte auf der Äußerung des Chirurgen, der
den 42 jährigen Mann operierte hatte. Diese Äußerung „seine inneren Organe waren dunkelrot
wie Rindfleisch“ interpretierte McLaughlin als Hinweis darauf, dass die inneren Organe durch
eine starke Mikrowellenbestrahlung „gekocht“ worden seien.68 Das amerikanische Armed
Forces Institute of Pathology fand diese Interpretation von McLaughlin nicht akzeptabel. Die
Diskussion über diesen tödlichen Unfall begann erneut im Jahr 1970, als an manchen
Mikrowellenkochgeräten das Mikrowellenleck festgestellt worden war.69
Nach diesem Unfall begannen im Jahr 1956 drei militärische Bere
Armee, Marine und Luftwaffe) in den USA mit Forschungen über biologische
Effekte der Hochfrequenz im Rahmen des Tri-Service Programme. Dieses Programm hatte
drei konkrete Ziele: Erstens sollte der Mechanismus der Interaktion zwischen Mikrowelle und
Gewebe geklärt werden. Zweitens sollten möglichst breite Forschungen betrieben werden, um
die Bandbreite möglicher biologischer Effekte festzustellen. Drittens sollten empirische Daten
gesammelt werden, um letztlich einen Grenzwert festzulegen. In den zugrunde liegende
Experimenten wurde Radar als Bestrahlungsquelle genutzt.70
In den Studien im Rahmen des Tri-Service Programme
Auswirkungen der Hochfrequenzwelle auf lebendes Gewebe ausschließlich auf den
thermischen Effekt zurückzuführen sei. Unter dieser Voraussetzung versuchten die
Wissenschaftler festzustellen, ab welcher Stärke die Hochfrequenzbestrahlung irgendeinen
Einfluss auf Menschen hat. Allerdings meinte man mit „irgendeinem Einfluss“ einen
sofortigen und dauerhaften Schaden. Nicht erforscht/betrachtet wurden Symptome wie
67 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1231 und Knauf 1958, S.51.
68 McLaughlin 1957 und Steneck 1985, S.153.
69 Im Jahr 1973 argumentierte Sol M. Michaelson, dass eine solche starke Mikrowellenbestrahlung, die die
inneren Organe zum „Kochen“ brächte, auch die Haut verbrennen würde, es jedoch eine solche
Verbrennung bei dem genannten Todesfall nicht gegeben hätte. Siehe Steneck 1985, S.154-155 und
Osepchuk 1990, S.532-533.
70 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1231 und Guy 1984, S.1192.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 64
Müdigkeitserscheinungen oder Kopfschmerzen, die nach Beendigung der Bestrahlung wieder
verschwinden können. Die damals verfügbaren Daten zeigten, dass ein sofortiger dauerhafter
Schaden konsequent bei einer Bestrahlung zwischen 10 mW/cm² und 100 mW/cm² auftrat.
Basierend auf diesen Daten wurde im Rahmen des Tri-Service Programme untersucht, wie der
lebendige Körper auf Hitze reagiert, die durch die Bestrahlung von ca. 100 mW/cm² entsteht.
Für die Untersuchung wurden fünf verschiedene Frequenzbereiche71 genutzt, die in der Praxis
bereits eingesetzt worden waren. Mit diesen Untersuchungen wurden Universitäten 72
beauftragt.73
Colonel George Knauf von der amerikanischen Luftwaffe, der die zentrale Figur des
ri-Serv
en des Tri-Service Programme wurden zahlreiche wissenschaftliche Daten
T ice Programme war, erwartete bereits im Jahr 1957, dass als Resultat des Tri-Service
Programme der Grenzwert 10mW/cm² verabschiedet werden würde, den Herman Schwan
bereits im Jahr 1953 vorgeschlagen hatte. Damals existierten keine experimentellen Daten, die
die Gültigkeit dieses Grenzwerts widerlegt hätten.74 Zu dieser Zeit akzeptierten bereits die
amerikanische Luftwaffe sowie die Marine den Grenzwert von 10 mW/cm². Mitte 1957
befolgten die Feldeinheiten im Heer, in der Marine und in der Luftwaffe diesen Grenzwert.75
Daher kann dieser Grenzwert von 10 mW/cm² als der erste Standard für Mikrowellen
angesehen werden, der in öffentlichen Organisationen Gültigkeit erlangt hatte. Die Firmen GE
und Bell Telephone Laboratories, deren interner Grenzwert niedriger als 10 mW/cm² war,
akzeptierten nach Gesprächen mit Knauf ebenfalls seit dem Jahr 1958 diesen Grenzwert von
10 mW/cm².76
Im Rahm
erhoben. Trotzdem konnte damit der Einfluss der Hochfrequenzwelle auf den Menschen nicht
völlig geklärt werden. Im Grunde genommen ließ sich im Labor nicht der Zustand des Feldes
realisieren, in dem das Radar tatsächlich eingesetzt wurde. Darüber hinaus war es nicht
möglich, basierend auf den durch die Tierversuche gewonnen Daten den Effekt auf Menschen
richtig zu übertragen und einzuschätzen.77 Zusätzlich wurden mehrere Phänomene beobachtet,
die mit dem thermischen Effekt nicht erklärbar sind.78 Die Wissenschaftler konnten den
71 200 MHz, 3000 MHz, 10,000 MHz, 24,500 MHz und 35,000 MHz. Siehe Steneck 1985, S.38. logy, die
Knauf 1961, S.9.
2.
ene beobachtete die Gruppe unter Sol Michaelson von der Rochester University.
nschaftler von der University of Miami School of Medicine
uf der D
72 Namentlich waren dies die University of Buffalo, das Massachusetts Institute of Techno
University of Iowa und die Rochester University. Steneck 1985, S.39.
73 Steneck 1985, S.38-39.
74 Steneck 1985, S.50 und
75 Steneck 1985, S.50.
76 Steneck 1985, S.51-5
77 Guy 1984, S.1192.
78 Eines dieser Phänom
Als man den ganzen Körper eines Hundes mit 100 mW/cm² bestrahlte, stieg zunächst die Körpertemperatur
des Hundes, erreichte eine bestimmte Temperatur und blieb weiter auf diesem Temperaturniveau. Als die
Bestrahlung eingestellt wurde, kehrte die Körpertemperatur des Hundes wieder auf das normale Niveau
zurück. Als man jedoch nur den Kopf eines Hundes bestrahlte, stieg die Körpertemperatur weiter und
erreichte nie ein konstantes Temperaturniveau.
Darüber hinaus präsentierten die Wisse
a ritten Tri-Service Konferenz, dass sich das Verhalten der Ratten veränderte, als sie täglich 15 bis
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 65
Mechanismus dieser Phänomene nicht erklären. Also konnten die Wissenschaftler nicht
beweisen, dass Hochfrequenzenergie den Körper ausschließlich erhitzt. Trotzdem blieb die
Mehrheit der Wissenschaftler in der Meinung, dass der Effekt der Hochfrequenzwellen auf
Körper ausschließlich Hitze sei.79
Das Tri-Service Programme wurde im Jahr 1961 beendet.80 Das Heer und die
Luftwaffe in den USA legten durch Extrapolation des Werts 10 mW/cm² die Dauer und die
Stärke der erlaubten Hochfrequenzbestrahlung fest.81
Wie oben erwähnt, veränderte sich die Struktur der Forschungen über die
biologischen Effekte der Hochfrequenzwelle in den 1950er Jahren. Erstens wurden
biologische Effekte der Hochfrequenzwelle nicht auf dem Gebiet der Diathermie erforscht
wie vor dem Zweiten Weltkrieg, sondern im Zusammenhang mit Radar. Zwar wurde auch
weiterhin über Diathermie geforscht; jedoch war der große Teil dieser Forschungen klinisch,
und Grundlagenforschung wurde in Bezug auf biologische Effekte im Rahmen der
Diathermieforschungen nur wenig durchgeführt. Diese Veränderung in der
Forschungslandschaft hatte Auswirkungen auf die Forschergruppen: ursprünglich
interessierten sich Mediziner für Diathermie und somit für die biologischen Effekte der
Hochfrequenzwelle, später waren es verstärkt Ingenieure und Biologen, die sich dafür
aufgrund ihrer Beschäftigung mit Radar interessierten. Drittens begann das Militär in den
USA, diese Forschungen zu finanzieren. Während diese Veränderungen stattfanden, änderte
sich jedoch die Einstellung der Mehrheit der Wissenschaftler nicht, die nur den thermischen
Effekt für wichtig hielten und diejenigen Phänomene vernachlässigten, die auf den
nicht-thermischen Effekt hingewiesen hatten.82
Nach Beendigung des Tri-Service Programme verlor das amerikanische Militär sein
Interesse am biologischen Effekt der Hochfrequenzwelle. Als Folge wurden weniger
Finanzmittel durch das Militär freigegeben, so dass sich der Umfang dieser Forschungen
verkleinerte. Dies änderte sich in den Moment, als im Jahr 1968 das Gesetz zum Schutz der
Bevölkerung vor Strahlung aus elektrischen Geräten – Radiation Control for Health and
Safety Act of 1968 (P.L.90-602) – in den USA verabschiedet worden war und für diese
30 Minuten drei Tage lang mit Hochfrequenzwellen (109 mW/ cm²) bestrahlt wurden. Steneck 1985,
S.39-42 und 81.
79 Steneck 1985, S.42-43.
80 Steneck 1985, S.42.
81 U.S. Army, U.S. Air Force, „Control of Hazards to Health from Microwave Radiation“ vom Jahr 1965
ist wie folgt:
Exposure of personnel within a limited occupancy area is permitted only for the length of time
given by the following equation:
T
Where is the permissible time of exposure in minutes during any 1-hour period and is
the power density in the area to be occupied in mW/cm².
2
/6000 W
p= 
p
TW
Allerdings wurde die 100 mW/cm² überschrittene Exposition verboten. Siehe Michaelson 1969, S.117.
82 Steneck 1985, S.36-38.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 66
Forschungen wiederum staatliche Finanzmittel in den USA zur Verfügung gestellt wurden.83
3.3.3 Standard des American National Standards Institute (ANSI C95.1-1966) (1959-1966)
s entstand der Wunsch, dass sowohl das Militär als auch die Industrie einen einheitlichen
E
Standard einführen sollten. Daher teilte das amerikanische Verteidigungsministerium im Jahr
1958 der Marine die Aufgabe zu, einen Standard für ihr Personal festzulegen. Die
amerikanische Marine sprach im Jahr 1959 die American Standards Association (Abk.
ASA)84 an, die für ihre weit verbreiteten Industriestandards berühmt war. Die ASA willigte
darin ein, dass sie den Verlauf der Festlegung des Standards unterstützen würde. Dafür wurde
das sectional committee C95 eingerichtet. Deren Sponsor waren das American Institute of
Electrical Engineers (Abk. AIEE)85 und die US Marine.86
Innerhalb der C95 wurde das subcommittee C95.IV beauftragt, sich mit dem
ramme wurde die Notwendigkeit weiterer
Forschu
nzwerts nahmen sechs Hersteller, sieben
brauc
Grenzwert zu beschäftigen. Das Amt des Vorsitzenden der C95.IV übernahm Colonel George
Knauf, der die zentrale Figur des Tri-Service Programme gewesen war. Er beabsichtigte, den
im Rahmen des Tri-Service Programme festgelegten Grenzwert 10 mW/cm² zu übernehmen.
Knauf übergab im Jahr 1963 das Amt des Vorsitzenden an Herman Schwan, der bereits im
Jahr 1953 einen Grenzwert von 10 mW/cm² vorgeschlagen hatte.87 Wie Knauf unterstützte
auch Schwan den Wert von 10 mW/cm². Schließlich wurde entschieden, wie bisher den
Grenzwert von 10 mW/cm² beizubehalten.88
Seit Beginn des Tri-Service Prog
ngen betont, da über mehrere negative Effekte bei Mikrowellenbestrahlungen von um
10 mW/cm² berichtet worden war.89 Darüber hinaus wurden Effekte beobachtet, die auf den
nicht-thermischen Effekt hinwiesen. Jedoch diese Forschungen führten keine große Rolle bei
der Entscheidung des neuen Grenzwerts.90
An der Entscheidung des Gre
Ver herorganisationen sowie neun Vertreter der allgemeinen Öffentlichkeit teil.
83 Steneck 1985, S.42 und 146-147.
84 Die ASA wurde im Jahr 1966 als United States of America Standards Institute (Abk. USASI)
umorganisiert. Wenige Jahre später wurde das USASI 1969 in American National Standards Institute (Abk.
ANSI) umbenannt. Diese Organisationen sind Förderer bzw. Vermittler zur Festlegung von Standards,
legen jedoch selbst keinen Standard fest. Siehe Steneck 1985, S.55 und http://www.ansi.org (Letzter Zugriff
am 20.01.2005).
85 Das AIEE fusionierte mit dem Institute of Radio Engineers (Abk. IRE) und bildete im Jahr 1963 das
Institute of Electrical and Electronics Engineers (Abk. IEEE). Siehe http://www.ieee.org (Letzter Zugriff
am 20.01.2005).
86 Steneck 1985, S.55-56; Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1231-1232.
87 Siehe 3.3.2.
88 Steneck 1985, S.58-59.
89 Ely, Goldman und Hearon 1964, S.131; Bach, Luzzio und Brownell 1961, S.131-132.
90 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1233-1234.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 67
Allerdings bestand ein großer Teil dieser allgemeinen Öffentlichkeit aus militärischen
Organisationen.91 Der Entscheidungsprozeß verlief wegen interner Konflikte langsam, und
schließlich setzte das USASI im November 1966 den Standard „Safety Level of
Electromagnetic Radiation with Respect to Personnel92 fest, der heute „ANSI
C95.1-1966“ 93 genannt wird. Dieser Standard stellte zwar eine nationale Norm in den USA
dar, jedoch besaß er keine rechtliche Verbindlichkeit, so dass dessen Anwendung freiwillig
war.94
Dieser erste Standard für Angestellte, die bei ihrer Beschäftigung mit Mikrowellen in
im Jahr 1971. Im Jahr 1974 wurde
r ANS
.3.4 Standards in der UdSSR und Osteuropa
issenschaftler in den USA erfuhren im Jahr 1962 durch russische Wissenschaftler, die an
Berührung kamen, entstand nicht aus dem Kontext des Gesundheitsschutzes heraus. Vielmehr
entstand er im Kontext der nationalen Sicherheit während des Kalten Kriegs. Einerseits
sollten gesundheitliche Störungen durch Anwendungen der Mikrowelle nicht passieren.
Anderseits durfte jedoch die Rüstung, insbesondere das Mikrowellenradar, nicht
vernachlässigt werden. Symptome wie Kopfschmerzen traten zwar innerhalb der Gruppe der
Angestellten auf, die mit dem Radar zu tun hatten, doch starb dadurch niemand. Deshalb gab
es keinerlei Einschränkung der Nutzung des Radars.95
Die Überprüfung des ANSI C95.1-1966 begann
de I C95.1-1966 mit kleinen Änderungen als nationale Norm erneut gebilligt.96
3
W
der International Congress on Medical Electronics teilnahmen, dass in der Sowjetunion über
den nicht-thermischen Effekt der Hochfrequenzwellen auf Lebewesen leidenschaftlich
geforscht wurde.97 In der Sowjetunion wurde im Jahr 1958 ein Standard gebilligt, dessen
Überschrift lautete „die übergangsweise Sicherheitsvorschrift für Personal in Anwesenheit
von Mikrowellenerzeugern“. Hierin wurde der Standard für Personal auf 0,01 mW/c
festgelegt, der also nur 1/1000 des amerikanischen Militärstandards sowie des ANSI
C95.1-1966 entsprach (vgl. Schaubild 3).98 Einen ähnlich niedrigen Standard hatten auch die
91 Steneck 1985, S.61.
iehe Anhang 4.
Standard C95.1-1966” genannt. Da dieser Standard seit dem Jahr
ane 1980, S.1232 und Steneck 1985, S.55 und 57.
isorische Sicherheitsregulierung für Personal anwesend von Mikrowellenerzeuger
W/cm2 over an entire working day, ng a working day (protectie goggles
92 Zu diesem Standard s
93 Dieser Standard wurde damals „USA
1969 „ANSI C95.1-1966“ genannt wird, wird in der vorliegenden Arbeit dieser Standard einheitlich als„
ANSI C95.1-1966“ bezeichnet.
94 Steneck, Cook, Vander und K
95 Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1235.
96 Taki 1989a, S.237.
97 Steneck 1985, S.84.
98 Die sowjetische prov
im Jahr 1958 sieht wie folgt aus:
a) not more than 0.01 m
b) not more than 0.1mW/cm2formore than two hours duri
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 68
osteuropäischen Länder. 99
Sowohl osteuropäische Wissenschaftler als auch amerikanische Wissenschaftler
schätzten den Wert der Leistungsdichte ähnlich ein, der einen thermischen Effekt bei Tieren
und Menschen hervorruft. Der amerikanische Wissenschaftler Sol Michaelson von der
Rochester University bewies, dass das für Menschen akzeptable Niveau der absorbierten
Energie bei 37 Joules per cm² liege. Auf Basis dieser Einschätzung berechneten
Wissenschaftler in der Sowjetunion ihren Grenzwert.100 Auch in der Tschechoslowakei
glaubten die Wissenschaftler, dass die Erhitzung des Organismus bei Tieren und Menschen
bei einer Leistungsdichte von 10-15 mW/cm² geschieht.101 Der Unterschied zwischen den
osteuropäischen Ländern und den USA bestand in der Art und Weise, wie man in seiner
Berechnung von diesem Wert der Leistungsdichte zum eigentlichen Grenzwert kam. Im
Unterschied zu den Wissenschaftlern in den USA nahmen die Wissenschaftler in der
Sowjetunion an, dass die Mikrowellenbestrahlung kumulative Effekte haben würde. D.h.
während in den USA die Intensität als entscheidender Faktor für den Einfluss auf den
Menschen angenommen wurde, wurde der Grenzwert in der Sowjetunion auf Basis der Dosis
berechnet, d.h. auf Basis der Menge an Bestrahlung, dem Produkt aus Intensität und Dauer.
Konkret leiteten die Wissenschaftler in der Sowjetunion aus der Einschätzung von
Michaelson ab, dass für die Dauer von 37 Sekunden eine Leistungsdichte von 10 mW/cm²102
erlaubt ist, für die Dauer von 370 Sekunden eine Leistungsdichte von 1 mW/cm² und für die
Dauer von 3.700 Sekunden (ca. zwei Stunden) eine Leistungsdichte von 0,001 mW/cm².103
In Bezug auf den nicht-thermischen Effekt vertraten amerikanische und
osteuropäische Wissenschaftler unterschiedliche Meinungen. Die Biologie in der Sowjetunion
stand in der Tradition von Iwan Petrowitsch Pawlow, einem renommierten russischen
Physiologen. Unter ihm bestand die Tendenz, den Forschungsschwerpunkt auf diejenige
Einflüsse zu legen, die durch Mikrowellen auf das Verhalten von Lebewesen entstehen.104
Daher beschäftigten sich die Wissenschaftler in der Sowjetunion in Bezug auf die
required),
c) not more than 1.0 mW/cm2 for not more than 15-20 minutes during a working day (protective
goggles required)
Siehe Michaelson 1969, S.117.
99 Siehe Steneck 1985, S.63 und 86. Amerikanischer Historiker Steneck ist der Meinung, dass in den USA
der Standard aus dem Blickwinkel der Industrie festgelegt wurde, während in der Sowjetunion der Standard
vom Standpunkt der Arbeiter festgelegt wurde. Dies passt zwar zum Prinzip des Sozialismus, jedoch ist es
fragwürdig, ob der strenge Standard in den sozialistischen Ländern überhaupt befolgt wurde. Zum Beispiel
wurden zum Schutz vor radioaktiven Strahlen Organisationen in der Sowjetunion früher eingerichtet
(Sommer 1946) als in den USA. Jedoch wurden die Schutzmaßnahmen nicht immer befolgt. Auch siehe
Steneck 1985, S.64. und E-Mail von Ichikawa vom 29. November 2004.
100 IEC 61B 1972, S.9.
101 Marha 1970, S.189.
102 W (Watt) = J (Joules) / s (Sekunde)
103 IEC 61B 1972, S.9.
104 Steneck 1985, S.63-64.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 69
Schaubild 3 Kriterien der Mikrowellenexposition in den USA und den Sowjetunion
iologischen Effekte der Hochfrequenzwellen insbesondere mit dem Verhalten und auf das
ten die westlichen Länder sehr wenige Daten über
(Stand 1969) (Editor 1969, S.120).
b
zentrale Nervensystem. In der Sowjetunion wurde berichtet, dass bei einer so niedrigen
Leistungsdichte, die unter 10 mW/cm² liegt – d.h. unter dem Niveau des amerikanischen
Standards – direkte sowie indirekte Wirkungen auf das zentrale Nervensystem beobachtet
wurden.105 In der Tschechoslowakei schlossen die Wissenschaftler aus sowohl pathologischen
Untersuchungen zum Befinden des Personals, die von Hochfrequenz bestrahlt wurden, als
auch aus Tierversuchen, dass biologische Effekte bei einer Leistungsdichte von 0,1 mW/cm²
auftreten könnten. Mit einem Sicherheitsfaktor von 10 wurde in der Tschechoslowakei ein
Grenzwert von 0,01 mW/cm² festgelegt.106 Diese Grenzwerte in Osteuropa wurden zum
Schutz vor körperlichen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen und
Müdigkeitserscheinungen eingerichtet, während beim amerikanischen Grenzwert ein solcher
Schutz nicht beabsichtigt worden war.107
Im Unterschied zu Osteuropa stell
biologische Effekte der schwachen Bestrahlungen zur Verfügung, die keine thermischen
Effekte verursachen können. Erstens wurden die bisherigen Forschungen über biologische
Effekte der Hochfrequenzwellen unter der Voraussetzung durchgeführt, dass ein einziger
gefährlicher Effekt die Erhitzung der Gewebe sei. Deshalb wurde ein großer Teil der
Forschungen bei einer Leistungsdichte von größer als 10 mW/cm² durchgeführt, und über
Effekte niedrigerer Bestrahlung wurde kaum geforscht. Zweitens gab es in westlichen
Ländern weder eine gemeinsame, adäquate Definition des thermischen bzw. des
105 Johnson 1973, S.371.
106 Marha 1970, S.189; Steneck 1985, S.64; Miura 2004, S.187.
107 Marha 1970, S.188; Johnson 1973, S.367; Steneck 1985, S.65.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 70
nicht-thermischen Effekts noch eine wissenschaftliche Methodik, die den Unterschied
zwischen thermischen und nicht-thermischen Effekten fassen konnte. 108 Westliche
Wissenschaftler hielten sowohl die Messtechnik als auch die Methodik der osteuropäischen
Wissenschaftler für ungenau.109 Daher akzeptierten die meisten westlichen Wissenschaftler
das Ergebnis ihrer osteuropäischen Kollegen nicht, dass ein nicht-thermischer Effekt
existiere.110 Weiterhin unterstützte die Mehrheit der westlichen Wissenschaftler nur einen
Grenzwert, der vor irreversiblen Symptomen schützt, aber Kopfschmerzen und
Müdigkeitserscheinungen vernachlässigt.111
Eine Minderheit der amerikanischen Wissenschaftler schenkte dennoch den
.3.5 Mikrowellenbestrahlung der amerikanischen Botschaft in Moskau (1953-1979)
Jahr 1953 ereignete sich etwas, dass nahe legte, dass die intensiven Forschungen über den
Untersuchungen ihrer osteuropäischen Kollegen Aufmerksamkeit, insbesondere der Tatsache,
dass in der Sowjetunion Forschungen über den nicht-thermischen Effekt – insbesondere den
Effekt auf das zentrale Nervensystem – durchgeführt wurden. Diese amerikanischen
Wissenschaftler wollten feststellen, was für eine Bedeutung diese Forschungen in der
Sowjetunion hatte. Diese Wissenschaftler waren sehr vorsichtig mit der Wissenschaft und
Technologie in der Sowjetunion geworden, seitdem die Sowjetunion mit dem Abschießen des
ersten künstlichen Satelliten „Sputnik“ im Jahr 1957 die USA überrascht hatte. Um sich über
den wissenschaftlichen Trend in der Sowjetunion zu informieren, wurden die
wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum biologischen Effekt der Hochfrequenzwellen aus
osteuropäischen Fachzeitschriften ins Englische übersetzt. Diese Übersetzungen wurden an
verschiedene Gruppen in der Regierung und im Militär verteilt. Darüber hinaus diskutierten
diese amerikanischen Wissenschaftler den Mechanismus, wie die Bestrahlung mit
Hochfrequenzwellen das zentrale Nervensystem sowie das Verhalten beeinflussen könnte.
Jedoch kamen sie zu keiner übereinstimmenden Meinung. 112 Ferner führten diese
Wissenschaftler die gleichen Tierversuche durch, die bereits in Osteuropa durchgeführt
worden waren, doch kamen sie zu anderen Ergebnissen als in Osteuropa.113
3
Im
nicht-thermischen Effekt der Hochfrequenzwellen auf das zentrale Nervensystem in der
Sowjetunion eine schwerwiegende Bedeutung haben könnten: Denn in diesem Jahr wurde
durch routinemäßige Strahlenkontrollen entdeckt, dass die amerikanische Botschaft in
Moskau vom Nachbargebäude mit Mikrowellensignalen bestrahlt wurde. Zu Beginn war die
108 Johnson 1973, S.371-372.
109 Dodge und Glaser 1977, S.322; Johnson 1973, S.371.
110 IMPI 1975, S.336.
111 Steneck 1985, S.65.
112 Steneck 1985, S.84-87.
113 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.6 und Tokumaru 1989, S.50.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 71
Bestrahlung unregelmäßig, so dass ihr keine große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Mit der
Zeit wurde jedoch die Bestrahlung regelmäßiger. Daher begann die amerikanische Botschaft
Anfang der 1960er Jahre damit, diese Bestrahlungen systematisch zu überwachen. Die
Mikrowellenbestrahlung der amerikanischen Botschaft dauerte ca. 25 Jahre, bis im Januar
1979 ein Feuer in besagtem Nachbargebäude ausbrach, aus dem die Mikrowelle gesendet
wurde. In diesen 25 Jahren veränderte sich u.a. die Frequenz, die Dauer, die Richtung der
Bestrahlung. Allerdings lag die Stärke der Bestrahlung stets unter dem sowjetischen
Grenzwert, der für die normale Bevölkerung galt, somit also weit unter dem amerikanischen
Grenzwert.114
Das Außenministerium in den USA startete mit Hilfe des Militärs im Jahr 1965 zwei
eheimp
Eines der beiden Projekte bestand darin, eine spezielle medizinische Untersuchung
andere Projekt trug den Tarnnamen „Pandra“. Dieses Projekt hatte das Ziel
G rojekte zum Thema schwache Bestrahlungen mit Hochfrequenzwellen, um die
Absicht der sowjetischen Bestrahlung auf die amerikanische Botschaft in Moskau
herauszufinden.115 Das amerikanische Außenministerium vertrat nicht die Meinung, dass die
schwache Bestrahlung der Hochfrequenzwellen für die Gesundheit von Menschen gefährlich
sein könnte. Das Ministerium wollte aber wissen, ob sich die Hochfrequenzbestrahlung auf
das Verhalten von Menschen direkt auswirkt und ob diese Auswirkungen in der Sowjetunion
zielgerichtet für militärische Zwecke bzw. für Spionage erfolgreich angewendet worden
war.116
für Botschaftsangehörige in Moskau durchzuführen. Das amerikanische Außenministerium
begründete diese Untersuchung offiziell damit, dass es in Moskau eine potenzielle Gefahr
einer Virus-Verseuchung gäbe. Daher wurde das Projekt „Moscow Viral Study“ genannt. Das
eigentliche Ziel dieses Projekts – herauszufinden, ob die Mikrowellenbestrahlung eventuell
gesundheitliche Schäden der Botschaftsangehörigen ausgelöst haben könnte – wurde den
Botschaftsangehörigen nicht mitgeteilt. Dieser medizinischen Untersuchung wurden die
Botschaftsangehörigen jeweils vor und nach ihrem Aufenthalt in Moskau unterworfen. Aus
diesen Untersuchungen ließ sich jedoch kein eindeutiger Schluss ziehen, ob die
Mikrowellenbestrahlungen gesundheitliche Schäden der Botschaftsangehörigen verursacht
hatten.117
Das
114 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.III und 2; Steneck 1985, S.92-93.
115 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.3 und 6.
116 Steneck 1985, S.88-89.
117 Siehe Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.3-6 und Steneck 1985, S.97-99. Seit 1953
wurden Daten von über 139 Botschaftsangehörigen und ihren Familien (268 Personen) gesammelt. Durch
Überprüfung dieser Daten ließ sich kein Muster erkennen, das einen gesundheitlichen Schaden hätte
beweisen können. Aus diesen Daten konnte kein statistisch signifikanter Schluss gezogen werden, da die
Anzahl der Beispielfälle zu klein war, die Untersuchungen nicht einheitlich durchgeführt worden waren,
und eine Kontrollgruppe fehlte. Später wurde zusätzlich durch Bluttests auf eventuelle genetische
Abnormitäten untersucht. Jedoch ließ sich auch hieraus kein eindeutiger Schluss ziehen. Siehe auch
Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.3-5 und Steneck 1985, S.99-105.
3. Vom Radargerät zum „Radarrange“ 72
herauszufinden, ob eine Bestrahlung mit Mikrowellen das Verhalten von Primaten
möglicherweise verändern könnte.118 Im Rahmen eines Tierversuchs wurden zwei Affen
täglich zehn Stunden lang mit einer – dem Moskau-Signal ähnlichen – Mikrowelle von 1 - 4,6
mW/cm² bestrahlt. Das hatte zur Folge, dass ein Affe nach dem elften Tag und der andere Affe
nach dem einundzwanzigsten Tag ihre Arbeit ineffizienter als sonst durchführten. Sobald die
Bestrahlung eingestellt wurde, erholten sich beide Affen und erreichten wieder ihren
Normalzustand. Doch als die beiden Affen erneut bestrahlt wurden, begannen sie jeweils in
noch kürzeren Zeitabständen ihre Arbeit wieder ineffizienter durchzuführen. Daher wurde
vermutet, dass die Mikrowellenbestrahlung einen kumulativen Effekt hätte. Dieses Ergebnis
konnte jedoch durch Nachprüfungen nicht bestätigt werden. Um tatsächlich Erkenntnisse
darüber zu gewinnen, ob eine schwache Mikrowellenbestrahlung das Verhalten von Menschen
beeinflussen kann, war man auf die Durchführung von Experimenten mit Menschen
angewiesen. Für diese Art von „Menschenversuchen“ wurde das Projekt „Big
Boy“ durchgeführt.119
Im Rahmen des „Big Boy“ Projekts wurde eine Untersuchung mit der Besatzung
er geheim gehalten. Erst im
eines amerikanischen Marinenschiffs durchgeführt. Dabei wurde die Besatzung in zwei
Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe arbeitete auf Deck des Schiffes und wurde mit
Mikrowellenradar bestrahlt. Die andere Gruppe arbeitete unter Deck, d.h. sie wurden nicht
bestrahlt. In dieser Untersuchung wurden die physischen sowie psychischen Unterschiede
zwischen beiden Gruppen beobachtet. Jedoch wurde kein signifikanter Unterschied
festgestellt. Darüber hinaus wurde im Jahr 1969 im Rahmen dieses Projekts auch eine weitere
Laboruntersuchung geplant, acht Menschen mit einer – dem Moskau-Signal ähnlichen –
Mikrowelle zu bestrahlen. Aber ohne eine akzeptable Antwort auf die Frage zu gewinnen, ob
das Moskau-Signal das Verhalten oder den biologischen Zustand eines Menschen
beeinflussen würde, wurde das Pandra-Projekt im März 1970 beendet. Der Grund der
Beendung ist nicht bekannt. Die geplanten Menschenversuche wurden nie durchgeführt, da
das Verteidigungsministerium ethische Probleme befürchtete.120
Die Bestrahlung des Konsulats in Moskau wurde weit
Jahr 1976 enthüllten die amerikanischen Medien diese Angelegenheit, was unmittelbar zum
Skandal in den USA eskalierte.121
118 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.6 und Steneck 1985, S.107.
119 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.8.
120 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.8-11; Steneck 1985, S.110-111 und 116.
121 Details zu diesem Skandal siehe 6.2.6.
4. Von der Imitation zur Innovation 73
4 Von der Imitation zur Innovation
Der in den USA erfundene „Radarrange“ kam in den 1950er Jahren nach Japan. Dort wurde
er in ein kompaktes, preiswerteres Mikrowellenkochgerät umgewandelt und begann auch in
privaten Haushalten genutzt zu werden. In diesem Kapitel wird der Verlauf vom Ende des
Zweiten Weltkriegs bis zur erfolgreichen Entwicklung eines kompakten, preiswerten
Mikrowellenkochgeräts in Japan dargestellt.
4.1 Wiederaufbau der Mikrowellenforschung in Japan
Wie in der Bundesrepublik Deutschland1 wurde auch in Japan direkt nach dem Krieg die
Forschung, die Herstellung und die Nutzung des Radars2 verboten. Die Firma Nihon Musen
(Japan Radio Company, Abk. JRC) ersuchte die Besatzungsmacht GHQ/SCAP (General
Headquarter of the Supreme Commander for the Allied Powers) um die Erlaubnis zur
Produktion von Geräten für den nichtmilitärischen Gebrauch. Am 11. Dezember 1945 bekam
die JRC die Genehmigung, u.a. Empfänger inklusiv Vakuumröhren, elektrische Kocher und
ärztliche Instrumente herzustellen. Da die Produktion von Funkgeräten nicht genehmigt
worden war, reichte die JRC noch einmal ein Gesuch ein und erhielt schließlich auch diese
Genehmigung am 4. Februar 1946. Allerdings war die Leistung der Funkgeräte auf unter 1
kW beschränkt. Daraufhin begannen die Ingenieure in der JRC, mehrere Magnetrone für die
Funkkommunikation3 auf Basis der Anodentechnik (Mandarine-Typ-Anode, π-Mode) zu
entwickeln, die während des Kriegs von diesen Ingenieuren selbst entwickelt worden waren.
Ihr Ziel war es, Vielfachübertragungs-Funkkommunikationsgeräte mit Hilfe der Mikrowelle
zu entwickeln.4 Diese Geräte wurden eine Zeitlang bei der japanischen Staatsbahn sowie in
Stromversorgungsfirmen genutzt. Später wurden diese Geräte Schritt für Schritt durch
Übertragungsapparate mit einem Klystron bzw. mit einer Wanderwellenröhre ersetzt, so dass
diese Geräte letztlich ca. 1965 auf dem Gebiet der Mikrowellenkommunikation nicht mehr
eingesetzt wurden.5
1 Durch das Kontrollratsgesetz Nr.25 wurde in Deutschland die Entwicklung und Produktion von Röhren
und Hochfrequenzanlagen verboten (Hochfrequenz über 100 MHz, insbesondere in Bezug auf das Radar).
Siehe Thiele (Hrsg.) 2003, S.41 und 260.
2 Als Ausnahme war die Nutzung von Mikrowellenradargeräten mit einer Wellenlänge von 10 cm der
ehemaligen japanischen Marine in einem Walboot erlaubt, da Meeresprodukte angesichts der damaligen
Nachkriegsarmut und -hunger ein wichtiges Nahrungsmittel darstellten. Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai
denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.169.
3 Diese Magnetrone erzeugten Pulswellen.
4 Maejima und Saitō 1996, S.11; Brief von Shibata (ehem. JRC) vom 29. März 2004; Nihon Musen 1971,
S.59-63; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.166-168; Ogura 1987, S.2.
5 Nihon Musen 1971, S.59-63; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.)
1987,S.167-168; Ikeya 1990, S.92; Kuwahara jōhō kenkyū-jo 2004, S.25.
4. Von der Imitation zur Innovation 74
4.1.1 Neubeginn der Radarforschung und -produktion
Früher als in Deutschland6 wurde in Japan bereits im Jahr 1951 das Verbot der Entwicklung
und der Produktion von Radar aufgehoben. Dies hatte einen politischen Hintergrund: In der
japanischen Verfassung, die am 3. Mai 1947 in Kraft trat, wurde explizit auf künftige
kriegerische Auseinandersetzungen verzichtet und somit eine militärische Streitkraft für nicht
notwendig befunden.7 Als der Koreakrieg am 25. Juni 1950 ausbrach, wurde ein großer Teil
der in Japan stationierten amerikanischen Besatzungsarmee8 nach Korea mobilisiert. So stand
Japan plötzlich ohne Verteidigungkräfte dar. Um den Schutz Japans auch weiterhin zu
gewährleisten, begann McArthur, der Supreme Commander for the Allied Powers, ohne
Zustimmung des japanischen Parlaments mit der Einrichtung der nationalen Polizeireserve
(Keisatsu yobitai)9. Dies kann als Beginn der Wiederaufrüstung Japans gesehen werden.
Bereits im Jahr 1950 begann die JRC mit der Reparatur und der Produktion von Funkgeräten
sowohl für die japanische polizeiliche Reservetruppe als auch für die amerikanische
Besatzungsmacht.10 Als das Verbot der Forschung und die Herstellung des Radar im August
1951 aufgehoben wurde, begannen japanische Firmen, die sich bereits während des Zweiten
Weltkriegs mit der Forschung, der Entwicklung und der Produktion von Radargeräten
beschäftigt hatten, schnell wieder mit ihren Arbeiten für den militärischen Sektor.11
Japanische Hersteller begannen mit der Produktion ihrer Radargeräte nach
amerikanischem Vorbild.12 Zunächst bauten japanische Hersteller ihre Radargeräte mit aus
den USA importierten Magnetronen. Diese Magnetrone, die meistens von der Firma
Raytheon oder der Firma RCA hergestellt worden waren, besaßen die Vane-Strap-Anode13.
Anstatt diese Magnetrone aus den USA zu importieren begann die JRC bald mit der
Produktion von Magnetronen mit eigenem Anode-Design, genannt „Mandarinen-Typ“, die sie
während des Kriegs selbst entwickelt hatte. Jedoch war damals offensichtlich, dass das
6 In Deutschland wurde im Jahr 1953 aufgrund einer Sondergenehmigung der englischen Kontrollbehörden
die Lizenzfertigung kleiner Schiffsradare bei der Firma Decca aufgenommen. Damit begann die
Radarproduktion in Deutschland in der Nachkriegszeit. Thiele (Hrsg.) 2003, S.261.
7 Der 9. Artikel der japanischen Verfassung.
8 Insgesamt waren dies ca. 8 Millionen.
9 Die Anzahl dieser polizeilichen Reservetruppe betrug am 8. Juli 1950 ca. 75.000. Diese polizeiliche
Reservetruppe wurde im Jahr 1954 zur japanischen Verteidigungskraft umbenannt (Jiei-tai, Japanese
Self-Defense Forces). Nihon Musen 1971, S.76-80.
10 Nihon Musen 1971, S.76-80.
11 Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.169. Nicht nur die JRC,
sondern auch die Firma Toshiba beispielsweise begann im Jahr 1953 die Produktion militärischer Geräte.
Genau wie diese japanischen Firmen nahmen auch deutsche Firmen wie Telefunken wieder ihre Arbeiten
für den militärischen Sektor auf, als im Jahr 1953 das besagte Verbot in Deutschland aufgehoben wurde.
Auch siehe Tōkyō shibaura denki kabushiki kaisha (Tohiba) 1977, S.569; Thiele (Hrsg.) 2003, S.261;
Hautsch 1979, S.164.
12 Fukagawa 1987, S.1 und Ogawa 1987.
13 Zur Vane-Strap-Anode siehe 2.4.2.
4. Von der Imitation zur Innovation 75
Anode-Design der Firma Raytheon vorteilhafter war als das traditionelle japanische Design:
Die Anode Raytheons war für die Massenproduktion geeigneter.14 Darüber hinaus forderte
der größte Auftraggeber in Japan, das japanische Verteidigungsministerium, das
amerikanische Anoden-Design.15 Deshalb schlossen alle japanischen Radarhersteller einen
Lizenzvertrag über das Magnetron mit der Firma Raytheon ab.16
Wie im Abschnitt 2.4.3 erwähnt wurde, produzierten auch japanische Ingenieure
während des Zweiten Weltkriegs mehrere Anoden mit Drahtbügeln, die der amerikanischen
Strap-Anode ähnelten. Jedoch meldeten japanische Ingenieure keine Patente über diese
Anodenstrukturen an, da während des Kriegs das Patentrecht in Japan nicht funktionierte: Im
Jahr 1942 wurde der Umgang mit „feindlich gesinnten“ Patentrechten (Tekisei tokkyo-ken
shori yōryō)“ in einer Kabinettssitzung in Japan beschlossen. Damit wurden de facto 3.000
Patente, deren Besitzrechte Staatsangehörigen der Alliierten gehörten, widerrufen. Darüber
hinaus wurde es in Japan aktiv gefördert, diese Patente für den Kriegszweck zu nutzen. Man
konnte vom japanischen Premierminister die Nutzung der Patente erlangen – ohne
Genehmigung der Eigentümer dieser Patentrechte –, wenn man ein entsprechendes Gesuch
für den Kriegszweck einreichte. Nach dem Krieg trat die „Maßname gegen intellektuelles
Eigentum der Staatsangehörigen der Alliierten (Rengōkokujin kōgyō-shoyūken sengo
sochirei)“ am 1. September 1949 in Kraft. Mit dieser Maßnahme erlangten die Patentrechte
der Staatsangehörigen der Alliierten wieder ihre Gültigkeit, die während des Kriegs ihre
Gültigkeit verloren hatten. Darüber hinaus konnten sowohl die Patentanmeldungen, die ohne
Genehmigung der Rechtbesitzer in Japan veröffentlicht wurden, als auch die Patente, die
wegen des Kriegs nicht angemeldet werden konnten, nun wieder angemeldet werden. Dabei
wurde das Datum der Patentanmeldung rückwirkend datiert und die Gültigkeit des Patents,
die während des Kriegs widerrufen worden war, wurde um diesen Zeitraum des Widerrufs
verlängert. Deshalb mussten japanische Hersteller für längere Zeit nach dem Krieg
Lizenzgebühren an die Patentbesitzer bezahlen. Beispielsweise wurden in Bezug auf
Magnetrone die Patente über den Vane-Strap-Typ und den Axial-Mount-Typ17, die während
des Kriegs in Japan nicht angemeldet werden konnten, nach dem Krieg angemeldet und
besaßen bis 1968 Gültigkeit. Japanische Firmen mussten für die Nutzung dieser Patente bis
1968 eine Nutzungsgebühr bezahlen.18
14 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.169-170.
15 Nihon Musen 1971, S.93-94.
16 Einen solchen Lizenzvertrag mit der Firma Raytheon schlossen die Firmen Toshiba (Oktober 1955), Oki,
JRC (März 1957) und Nihon-Denki (Nippon Elektric Company, Abk. NEC) ab. Siehe Shin nihon musen
kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.3.
17 Das Magnetron, das anfänglich im Radargerät integriert worden waren, benötigte externe Magnete.
Später wurden Permanentmagnete im Magnetron integriert, da ein solches Magnetron eine bessere
Handhabung hatte, die Magnete kleiner als früher waren, und die Magnete ein stärkeres magnetisches Feld
erzeugen konnten. Dieser Typ des Magnetrons hatte eine Struktur, die Axial-Mount-Typ genannt wird.
Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.170.
18 Laut Nakajima Shigeru erlaubte die Firma Raytheon nur der JRC die kostenlose Nutzung seines Patentes
zur Vane-Strap-Anode, da die JRC bereits während des Kriegs ähnliche Anoden wie die Vane-Strap-Anode
4. Von der Imitation zur Innovation 76
4.1.2 Produktion der Mikrowellen-Diathermiegeräte
Mit dem Jahr 1938 stellte die Firma Nihon Musen (Japan Radio Company, Abk: JRC) die
Produktion des Kurzwellen-Diathermiegeräts „Aloka“ ein. Nach dem Krieg nahm die JRC die
Produktion wieder auf, nachdem sie die Genehmigung von GHQ/SCAP dazu erhalten hatte.19
Im Unterschied zu Raytheon entwickelte die JRC jedoch kein Mikrowellen-Diathermiegerät
auf Basis derjenigen Magnetrontechnologie, die aus eigener Kraft während des Kriegs
entwickelt worden war. Stattdessen importierte Japan die Mikrowellen-Diathermiegeräte aus
den USA und Deutschland. 2
0Erst im Jahr 1958 begann das
medizinisch-naturwissenschaftliche Institut der JCR mit der Entwicklung des ersten
japanischen Mikrowellen-Diathermiegeräts.21
Die Entwicklung des Magnetrons, das kontinuierliche Wellen erzeugt (Abk.
CW-Magnetron), für dieses Mikrowellen-Diathermiegerät übernahm ein Team in der JRC
unter der Leitung von Ogawa Toshinao und Akioka Testuo. Nach dem Krieg wurde in Japan
ausschließlich das Magnetron, das Pulswellen erzeugt, für Radar und Telekommunikation
erforscht, entwickelt und produziert. Die JRC hatte zwar Erfahrungen mit dem
CW-Magnetron, nämlich mit dem Magnetron, das die Mandarinen-Typ-Anode verwendet, die
während des Kriegs entwickelt worden war. Nun beabsichtigten aber Ogawa, Akioka und
seine Mitarbeiter, ein CW-Magnetron zu produzieren, dass nicht die Mandarinen-Typ-Anode
verwendet sondern die Vane-Strap-Anode. Dafür nahmen sich diese Ingenieure der JRC das
Magnetron MG8 der Firma Telefunken zum Vorbild, das damals in einem
Mikrowellen-Therapiegerät der Firma Deutsche Elektronik verwendet worden war.22 Dieses
erste japanische CW-Magnetron der Nachkriegszeit, das bei JRC entwickelt wurde, hieß
2M1023 (Abbildung 16). Mit der Produktion dieses Magnetrons begann die JRC im Jahr
1959.24 Ab dem Jahr 1960 verwendeten große japanische Hersteller von medizinischen
Geräten diese Magnetrone zur Produktion von Mikrowellen-Diathermiegeräten.25
der Firma Raytheon produziert hatte. Interview mit Nakajima (ehem. JRC) im Mai 2002.
19 Nihon Musen 1971, S.162-163.
20 Igarashi und Goto 1963, S.999.
21 Dabei nahm sich das Institut amerikanische bzw. deutsche Geräte zum Vorbild. Siehe Ogawa und Yasui
1961, S.1.
22 Bei der Entwicklung dieses Magnetrons war die MITRadiation Laboratory Series“ das wichtigste
Nachschlagewerk. Siehe Ogawa 1987.
23 Dieses Magnetron 2M10 enthält eine Vane- Strap-Anode mit 16 Flügeln (vane), eine indirekt geheizte
Kathode und externe Permanentmagneten. Es erzeugt Mikrowellen mit einer Wellenlänge von 2450 MHz
mit einer Leistung von 200 W. Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987,
S.179. Details zur Vane-Strap-Anode siehe 2.4.2.
24 Ogawa und Yasui 1961, S.1-2; Ogura 1987, S.2; Ogawa 1987.
25 Igarashi und Goto 1963, S.999.
4. Von der Imitation zur Innovation 77
Abbildung 16 CW-Magnetron 2M10 (Nihon denshi kikai
kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.179).
4.1.3 Japanischer Radarrange
Die japanische Wirtschaft erreichte im Jahr 1955 wieder das Niveau der Vorkriegszeit. Die
Periode von Anfang der 1950er Jahre bis Anfang der 1970er Jahre wird als „Zeit des
drastischen Wirtschaftswachstums“ bezeichnet. Die durchschnittliche Wachstumsrate in dieser
Periode betrug 10 %.26 Das Bruttosozialprodukt von Japan überstieg im Jahr 1968 das der
Bundesrepublik Deutschland und rangierte auf zweiter Stelle im freien Weltwirtschaftsraum.27
In dieser Zeit änderte sich in Japan die Konsumstruktur. Bisherigen typischen Konsumgütern
wie Kommoden, Radios und Fahrräder folgten jetzt elektrische Haushaltsgeräte28. Im Jahr
1955 wurden die so genannten „drei heiligen Kleinodien (sanshu no jingi)“, der
Fernsehapparat, die elektrische Waschmaschine und der Kühlschrank, innerhalb Japans
industriell gefertigt. Diese Formulierung der „drei heiligen Kleinodien“ legt nahe, dass die
meisten Japaner davon träumten, elektrische Haushaltsgeräte zu erwerben. Der amerikanische
26 Nakamura 1993, S.163.
27 Kokumin seikatsu sentā (Hrsg.) 1997, S.112.
28 Die Elektrifizierung im japanischen Haushalt begann früh. Im Jahr 1935 hatten 89 % der japanischen
Haushalte Zugang zu elektrischer Beleuchtung. Im Vergleich dazu hatten damals 85 % der deutschen
Haushalte, 68 % der amerikanischen Haushalte und 44 % der britischen Haushalte Zugang zu elektrischer
Beleuchtung. Trotz dieses frühen Beginns der Elektrifizierung im japanischen Haushalt schritt die
Elektrifizierung der Haushaltstechnologie sehr langsam voran. Denn erstens war das durchschnittliche
Einkommen in Japan sehr niedrig, und elektrische Geräte waren daher für den durchschnittlichen Haushalt
nicht leistbar. Zweitens waren die Stromkosten für private Verbraucher relativ hoch. Drittens wurde nur
wenig moderne Haushaltstechnologie benötigt, da die Familienstruktur der Vorindustrialisierung immer
noch erhalten war. Zum Beispiel besaß im Jahr 1937 nur 1 % der japanischen Haushalte einen elektrischen
Kühlschrank und nur 0.2 % eine elektrische Waschmaschine. Dagegen besaßen Anfang der 1940er Jahre
bereits 50 % der amerikanischen Haushalte einen Kühlschrank sowie eine Waschmaschine. Siehe
Morris-Suzuki 1994, S.129-130.
4. Von der Imitation zur Innovation 78
Lebensstil war damals und heute Traum vieler Japaner.29
Dieser Traum, elektrische Haushaltsgeräte zu besitzen, wurde schnell Wirklichkeit.
50 % der japanischen Haushalte besaßen bereits im Jahr 1960 einen Schwarz-Weiß-Fernseher,
im Jahr 1961 eine elektrische Waschmaschine und im Jahr 1964 einen elektrischen
Kühlschrank (vgl. Schaubild 4).30 Neue elektrische Produkte wurden eins nach dem anderen
auf den Markt gebracht. Diese neue Konsumwelle ging einher mit einer stetigen Erhöhung der
Einkommen, der Veränderung des Lebensstils und der Produktionskostensenkung durch
Massenfertigung.31 Die nächsten Ziele der Hersteller bestanden in der Verbreitung von
Farbfernsehern, Klimaanlagen und Mikrowellenkochgeräten.32
Die Firma Toshiba war der erste japanische Hersteller, der ein Mikrowellenkochgerät
hergestellt hatte. Toshiba hatte im Jahr 1955 den Lizenzvertrag zum Bau von Magnetronen
mit der Firma Raytheon abgeschlossen und begann im Jahr 1956 mit der Entwicklung eines
Mikrowellenkochgeräts. Im Jahr 1958 begann Toshiba, das CW-Magnetron 2M20 zu
produzieren, das baugleich mit dem CW-Magnetron QK390 von Raytheon war, das zuvor in
Raytheons Mikrowellenkochgerät integriert worden war. Mit Hilfe dieses Magnetrons 2M20
entwickelte Toshiba – dem Vorbild von Raytheons „Radarrange“ folgend – das erste
japanische Mikrowellenkochgerät33 im Jahr 1958.34
Die Firma Raytheon stellte den „Radarrange Mark V (Abbildung 17) auf der
internationalen Messe in Tōkyō im Jahr 1960 aus. Dieser Gebrauchsvorführung des
Radarrange“ schenkten zahlreiche japanische Hersteller von Magnetronen und elektrischen
Haushaltsgeräten große Aufmerksamkeit.35 In diesem „Radarrange“ Mark V wurde das
Magnetron QK70736 der Firma Raytheon verwendet. Im Jahr 1961 starteten sowohl die JRC
als auch Toshiba mit der Produktion des Magnetrons 2M21, das baugleich mit dem QK707
von Raytheon war (Abbildung 18).37
Anschließend nahmen mehrere japanische Hersteller von elektrischen
Haushaltsgeräten den „Radarrange“ von Raytheon als Muster und begannen mit der eigenen
Produktion von Mikrowellenkochgeräten unter Verwendung des Magnetrons 2M21. Zuerst
brachte Toshiba sein neues Mikrowellenkochgerät „denshi renji (elektrischer Kocher, electric
range)“38 im April 1961 auf den Markt. Der damalige Preis betrug ca. 1.250.000 Yen (ca.
29 Katō, Inoue, Takada und Hosotsuji 1986, S.21.
30 Nakamura 1993, S.163 und 200.
31 Kokumin seikatsu sentā (Hrsg.) 1997, S.66.
32 NKS 20. Januar 1970 und GS Juli 1976, S.4.
33 Dieses Mikrowellenkochgerät wurde auf Ersuchen des japanischen Verteidigungsamtes in U-Booten
installiert. Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.180.
34 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.180; Maejima und Saitō 1996,
S.12; Toshiba 1975, S.560; Tōkyō shibaura denki kabushiki kaisha (Tohiba) 1977, S.477.
35 Brief von Shibata (ehem. JRC) vom 29. März 2004 und Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi
kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.178-179.
36 Zum Magnetron QK-707 Siehe 3.2.
37 Ogura 1987, S.2.
38 Dieses denshi renji“ war 170 cm hoch, 630 cm breit, 63,5 cm tief und wog 240 Kg. Für dieses Gerät
4. Von der Imitation zur Innovation 79
12.500 DM).39 Anschließend entwickelte die Firma Sharp ihr erstes Mikrowellenkochgerät im
Jahr 1961 und verkaufte es im nächsten Jahr für einen Preis von 540.000 Yen (ca. 5.400 DM)
(Abbildung 19). 40 Darauf folgten mehrere japanische Hersteller u.a. Matsushita-denki
(Panasonic) und Hitachi. 4 1Allerdings waren damals diese japanischen
Mikrowellenkochgeräte teurer als der „Radarrange“ der Firma Raytheon.42
0,00
20,00
40,00
60,00
80,00
100,00
120,00
1957
1960
1963
1966
1969
1972
1975
1978
1981
1984
1987
Jahr
%
SW-Fernseher
Kühlschrank
Waschmaschine
Farbfernseher
Klimaanlage
Mikrowellenkochgerät
Videorecorder
Schaubild 4 Verbreitungsrate in Japan (Nakamura 1993, S.200).
Abbildung 17 „Radarrange“ Mark V von Raytheon
(Osepchuk 1984, S.1206, © 1984 IEEE).
wurde gleichzeitig auch der Name „Radarrange“ benutzt.
39 Tōkyō shibaura denki kabushiki kaisha (Tohiba) 1977, S.477 und Toshiba 1975, S.560-561.
40 Siehe Sharp 1985, S.1-3 und Sharp 2002a. Die Firma Sharp begann mit der Entwicklung des
Mikrowellenkochgeräts im Jahr 1960 in Zusammenarbeit mit der Firma Kōbe kōgyō (heutige Fujitsu), die
bereits ein Probestück gebaut hatte, dessen Vorbild der „Radarrange“ der Firma Litton war. Auch siehe
Sasaki 2000, S.114-116.
41 Toshiba 1975, S.560.
42 Kido, Mori, Amezawa, Uchida und Hiroshi 1964, S.32.
4. Von der Imitation zur Innovation 80
Das vorrangige Ziel dieser japanischen Hersteller bestand darin, das Absatzgebiet der
Mikrowellenkochgeräte zu erweitern. Zum Beispiel überzeugte die Firma Toshiba die
japanische Staatsbahn davon, ihre Mikrowellenkochgeräte ab 1962 in den Speisewagen zu
installieren. Dies galt auch für die Speisewagen des Shinkansen (bullet train), der im Jahr
1964 aus Anlass der Olympiade eröffnet wurde.43 Die Firma Toshiba bemühte sich ebenfalls
gleichzeitig, ihr Mikrowellenkochgerät im Bereich Gastronomie zu etablieren (Abbildung
20): Ein bekanntes Kaufhaus in Tōkyō, Seibu-depāto (Seibu Departmentstore), richtete in
seiner Lebensmittelabteilung eine Ecke für Tiefkühlkost ein. Die Kunden konnten kostenfrei
mit dem dort eingerichteten Mikrowellenkochgerät von Toshiba ihre gekauften
Tiefkühlkosten erhitzen und direkt vor Ort verzehren. Das fand ein positives Echo. Viele
Kunden waren neugierig auf das neuartige Kochgerät, und es kam zu langen Warteschlangen
vor dem Mikrowellenkochgerät. Allerdings war es damals noch nicht möglich, das
Absatzgebiet des Mikrowellenkochgeräts auch auf die normalen Haushalte auszudehnen, da
das Gerät noch zu groß und zu teuer war.44
Abbildung 18 Magnetron für Mikrowellenkochgerät, QK707 von Raytheon (links) und
2M21 von Toshiba (rechts) (Osepchuk 1984, S.1206 und Nihon denshi kikai kōgyōkai
denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.180).
43 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.180; Tōkyō shibaura denki
kabushiki kaisha (Tohiba) 1977, S.477; Toshiba 1975, S.560 und 562; NHK-sōgō 1996.
44 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.178-181.
4. Von der Imitation zur Innovation 81
Abbildung 19 Erstes Mikrowellenkochgerät Abbildung 20 Mikrowellenkochgerät
von Sharp. (Foto Nagase-Reimer 2002 in Sharp in einem Imbiss in Japan im Jahr
Memorial & Technology Hall in Nara). 1986 (Sasaki 1968, S.86).
4.2 Kompakte Mikrowellenkochgeräte für den Haushalt
Die japanischen Hersteller von elektrischen Haushaltsgeräten beabsichtigten, das
Mikrowellenkochgerät nicht nur in der Gastronomie, sondern auch im Haushalt zu verbreiten.
Sie nahmen sich Raytheons „Radarrange“ als Vorbild und produzierten eigene
Mikrowellenkochgeräte. Jedoch eigneten sich diese nicht für den normalen Haushalt, da diese
Geräte zu groß und zu teuer waren und auch der Energiebedarf dieser Geräte zu groß war.45
Die japanischen Hersteller wollten letztlich ein Mikrowellenkochgerät produzieren, das
preiswert und kompakt ist, dessen Installation einfach ist, eine gute Handhabung hat und
letztlich sowohl robust als auch massenproduktionsfähig ist. Um ein solches
Mikrowellenkochgerät zu realisieren, begannen im Jahr 1962 sowohl die Firma Sanyo als
auch die Firma Matsushita (Panasonic) ihre jeweilige Entwicklung.46
4.2.1 Neue Konzeption des Mikrowellenkochgeräts
Um ein geeignetes Mikrowellenkochgerät für den normalen japanischen Haushalt zu
entwickeln, war es zunächst notwendig, ein dafür geeignetes Magnetron zu entwickeln. Einen
entsprechenden Auftrag gab die Firma Sanyo der Firma Shin nihon musen (New Japan Radio
Company, Abk. NJRC)47. Das zwischen diesen Firmen vereinbarte, zu bauende Magnetron
45 Ogura 1986, S.2.
46 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.181-182.
47 Zu den NJRC siehe 4.2.2.
4. Von der Imitation zur Innovation 82
sollte folgende Merkmale vorweisen:48
4.2.1.1 Preisreduktion
Anfang der 1960er Jahre kostete ein Mikrowellenkochgerät zwischen 500.000 und 1.250.000
Yen (ca. zwischen 5.000 und 12.500 DM). Etwa 10 % von diesen Kosten – d.h. zwischen
50.000 und 100.000 Yen (ca. zwischen 500 und 1.250 DM) – waren für das Magnetron
veranschlagt. 49 Sanyo, ein Hersteller von Elektrogeräten, setzte fest, dass ein
Mikrowellenkochgerät nicht mehr als 100.000 Yen (ca. 1.000 DM) kosten darf. Entsprechend
durfte der Preis für ein Magnetron maximal 10.000 Yen (ca. 100 DM) betragen.50
Derartige Preisvorstellung kam von den Herstellern von Elektrogeräten, nicht aber
von den Magnetronherstellern. Für die Magnetronhersteller war es selbstverständlich, dass ein
Magnetron ein sehr komplexes Produkt ist und deshalb auch teuer ist. Jedoch teilten die
Hersteller von elektrischen Haushaltsgeräten dieses Verständnis nicht. Sie glaubten, dass der
Preis eines Produkts den Materialkosten entsprechen sollte. Beispielsweise erzählte mir ein
ehemaliger Toshiba Magnetroningenieur, dass ein Mitarbeiter eines Haushaltsgeräteherstellers
bei Preisverhandlungen über Magnetrone von „Preis per Kg“ sprach – als ob er Fleisch oder
Gemüse handeln würde. 51 Ähnliche Anekdoten gibt es auch aus den USA: Der
Geschäftsführer von Amana, einem Hersteller von elektrischen Haushaltsgeräten, George
Foerstner, äußerte im Jahr 1965, dass ein Mikrowellenkochgerät einen ähnlichen Preis wie
eine Klimaanlage (499 Dollar) haben sollte, da beide eine ähnliche Menge von Kupfer und
Eisenerz enthielten. Derartige Preisvorstellungen, die für Magnetroningenieure absurd
klangen, waren die treibende Kraft, das teure Mikrowellenkochgerät in ein preiswertes
Massenprodukt umzuwandeln.52
4.2.1.2 Einfache Installation
Die Installation von Mikrowellenkochgeräten sollte in zweierlei Hinsicht vereinfacht werden.
Zum einen dadurch, dass (i) die Installation ohne einen Elektriker durchgeführt werden kann,
zum anderen durch (ii) die Eliminierung von Wasserröhren:
(i) Die Eingangsspannung eines damaligen Mikrowellenkochgeräts betrug 220 V.
Doch diejenige Spannung, die von einer normalen Steckdose im durchschnittlichen
48 Ogura 1986, S.2 und Brief von Shibata (ehem. JRC) vom 29. März 2004.
49 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.184.
50 Ogura 1986, S.2-3.
51 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
52 Ketteringham und Nayak 1987, S.197.
4. Von der Imitation zur Innovation 83
japanischen Haushalt ausgeht, war und ist 100 V. Daher wurde für die Installation eines
Mikrowellenkochgeräts ein Elektriker benötigt. Sanyo und die NJRC vereinbarten, ein
Mikrowellenkochgerät zu entwickeln, dessen Energieverbrauch 100 V und 10 A beträgt, um
ein solches Gerät von einer normalen Steckdose versorgen zu können. 53 Da die
Eingangsleistung somit auf 100 V beschränkt war, nahm die Leistung der neuen
Mikrowellenkochgeräte wesentlich ab im Vergleich zur Leistung bisheriger
Mikrowellenkochgeräte (ca. 1000 W bis 1500 W). Trotzdem war es das Ziel von Sanyo, durch
die Erhöhung der Energieeffizienz eine Leistung von ca. 600 W zu erreichen.54 Darüber
hinaus musste beim Entwurf eines Mikrowellenkochgeräts die Tatsache beachtet werden, dass
in Japan zwei verschiedene Frequenzen existieren – in der östlichen Hälfte von Japan 50 Hz
und in der westliche Hälfte 60 Hz.55
(ii) Die Installation sollte durch die Eliminierung von Wasserröhren vereinfacht
werden: Ein Magnetron muss gekühlt werden, um dessen Anode bei einer bestimmten
Temperatur zu halten. Damals war die Wasserkühlung üblich, da Wasser im Vergleich mit
Luft effizienter kühlen kann. Aber für die Wasserkühlung benötigte man eine besondere
Installation von Wasserröhren durch einen Techniker im Haushalt. Um diesen Aufwand
künftig zu beseitigen, einigten sich Sanyo und die NJRC darauf, statt der Wasserkühlung
künftig eine Luftkühlung zu verwenden. Ein Magnetron mit Luftkühlung benötigt sowohl
Flügel mit breiten Flächen, um dadurch Wärme abgeben zu können, als auch einen Ventilator,
der einen starken Winddruck produziert und eine große Kapazität besitzt.56 Für ein kompaktes
Mikrowellenkochgerät sollten die Flügel nicht zu groß sein und der Ventilator ruhig sein. Eine
solche Luftkühlung war nur fähig, ein Magnetron mit einer Ausgangsleistung von maximal
600 W zu kühlen.57 Darüber hinaus hatte die Luftkühlung den Vorteil, dass sich dadurch der
Zusammenbau eines Mikrowellenkochgeräts vereinfachte.58
4.2.1.3 Verkleinerung
Für die Haushalte sollte ein Mikrowellenkochgerät möglichst klein sein, da die
durchschnittliche japanische Küche eng ist. Da jedoch der Garraum eines
Mikrowellenkochgeräts nicht verkleinert werden sollte, war es notwendig, andere Bauteile
53 E-Mail von Satō (ehem. NJRC) vom 12. Mai 2004.
54 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 8. Mai 2004 und Ogura 1986, S.3.
55 Sasaki und Kase 1971, S.289. Während zu Beginn der Elektrifizierung Japans das Netzwerk im Norden
Japans mit Stromerzeugern einer Frequenz von 50 Hz aus Europa konstruiert wurde, wurde das Netzwerk
im Süden Japans mit Stromerzeugern einer Frequenz von 60 Hz aus den USA aufgebaut. Beide Systeme
wurden bis heute nicht vereinheitlicht. Siehe Shōgakukan 1996, Stichwort „Shūhasū henkan-sho“.
56 Anonym 1966, S.122.
57 Brief von Shibata (ehem. JRC) vom 28. April 2004.
58 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004; E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 12.
Juni 2004; E-Mail von Maki (ehem. NJRC) vom 15. Juni 2004.
4. Von der Imitation zur Innovation 84
des Mikrowellenkochgeräts – zum Beispiel das Magnetron – zu miniaturisieren.59 Die
Verkleinerung des Geräts hatte den zusätzlichen Vorteil, dass auch Materialkosten60 gespart
werden konnten.
4.2.1.4 Langlebigkeit
Die Lebensdauer damaliger Magnetrone betrug durchschnittlich zwischen 500 und 1.000
Stunden.61 Für den Gebrauch in den Haushalten sollte ein Magnetron jedoch trotz häufigem
Ein- und Ausschalten noch langlebiger sein.
Die Belastung des Magnetrons im Mikrowellenkochgerät hängt von der Menge und
des Materials der zu erhitzenden Lebensmittel im Garraum ab. Wenn nur wenig Lebensmittel
im Mikrowellenkochgerät sind bzw. wenn man versehentlich das Mikrowellenkochgerät sogar
ohne Lebensmittel einschaltet, gelangen die Mikrowellen, die aus dem Magnetron austreten,
wieder zum Magnetron zurück, ohne vom Lebensmittel absorbiert zu werden. Diese
zurückgeworfenen Mikrowellen, die „Back Radiation“ genannt wird, erhitzen und schmelzen
den aus Glas hergestellten Fuß des Magnetrons.62 Diese Schwäche galt es durch neue
Konstruktionen abzustellen, so dass ein Mikrowellenkochgerät für den Gebrauch im Haushalt
unabhängig von der Menge und des Materials zu erhitzenden Lebensmittels funktionieren
würde.63
4.2.1.5 Verkürzung der Zubereitungszeit
Sanyo vereinbarte mit der NJRC, dass für ein neues Magnetron eine direkt geheizte
Kathode 64 zu nutzen sei, mit deren Hilfe ohne Vorbereitungszeit die Erhitzung von
Lebensmittel durchgeführt werden kann. Das bisherige Magnetron, das eine indirekt geheizte
Kathode besaß, benötigte eine Vorbereitungszeit von ca. drei bis fünf Minuten, die wesentlich
länger als die Kochzeit selbst war (ein bis zwei Minuten). Diese Vorbereitungszeit konnte man
59 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
60 Die Materialkosten betrugen üblicherweise 1/6 bis 1/8 des Preises eines Geräts. Interview mit Aoki
(ehem. Toshiba) im Mai 2002.
61 Reynolds 1995, S.14.
62 Ogura 1986, S.6-11.
63 Siehe E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004. Die Radargeräte wurden durch Personal
bedient, das geschult war. Daher wurde das Magnetron im Radargerät nur unter bestimmten Bedingungen
genutzt. Dagegen benutzte die nicht geschulte Durchschnittsbevölkerung das Mikrowellenkochgerät, d.h.
das Magnetron im Mikrowellenkochgerät konnte durchaus manchmal in einer Art und Weise genutzt
werden, die von den Herstellern nicht beabsichtigt war. Trotzdem sollte das Magnetron im
Mikrowellenkochgerät gut funktionieren. Insofern wurden vom Magnetron im Mikrowellenkochgerät
andere Eigenschaften verlangt als vom Magnetron im Radargerät. Auch siehe Ogawa 1962, S.21.
64 Für Details der direkt geheizten Kathode siehe 2.2.
4. Von der Imitation zur Innovation 85
durch die Einführung der direkt geheizten Kathode sparen. Diese direkt geheizte Kathode
wurde damals bereits im Magnetron L3189 der amerikanischen Firma Litton verwendet.
Dieses Magnetron wurde von der JRC nachgebaut und unter dem Namen „2M89“ in Japan
hergestellt (Abbildung 21). Darüber hinaus hatte die Einführung der direkt geheizten Kathode
zusätzlich folgende Vorteile: Erstens verbrauchte das Magnetron mit dieser Kathode weniger
Energie.65 Zweitens wurde das Magnetron dadurch kleiner. Allerdings war diese Kathode
komplex und deshalb teuer. Daher beabsichtigte die NJRC, die Struktur dieser Kathode zu
vereinfachen.66
4.2.2 Technische Innovation des Magnetrons
Die NJRC (Shin nihon musen, New Japan Radio Company), die von Sanyo den Auftrag
bekommen hatte, ein neues, das im Abschnitt 4.2.1 Absatz genannte Magnetron zu entwickeln,
wurde im Dezember 1961 als Joint Venture von der japanischen Firma Nihon Musen (Japan
Radio Company, Abk. JRC) und der amerikanischen Firma Raytheon gegründet.67 Bei ihrer
Gründung übernahm die NJRC von der JRC die Abteilung Mikrowellenröhrenproduktion
(Abbildung 22) und im April 1963 zusätzlich die Abteilung Mikrowellenröhrenverkauf. Der
NJRC war der Export ihrer Magnetrone in die USA erlaubt, was für alle anderen japanischen
Hersteller nicht möglich war. Raytheon beschränkte diejenigen japanischen Hersteller, die mit
Raytheon einen Lizenzvertrag über das Magnetron abgeschlossen hatten, auf das Absatzgebiet
Japan und Südostasien.68
Mit der Gründung der NJRC begann in Bezug auf die Mikrowellenröhre der
Technologietransfer von der Firma Raytheon zur NJRC. Auf Grund des technischen
Know-hows, das die Ingenieure der JRC seit der Vorkriegszeit aufgebaut hatten, konnten die
Ingenieure der NJRC das neue, zusätzliche technische Know-how der Firma Raytheon
innerhalb kurzer Zeit aufnehmen.69 Ähnlich wie die NJRC schlugen damals viele japanische
Hersteller den Weg ein, westliche Technologien – insbesondere aus den USA – zu
transferieren, um die technologische Lücke zwischen Japan und den westlichen Ländern so
65 Das Magnetron mit der indirekt geheizten Kathode benötigt ca. 300 W, dagegen brauchte das Magnetron
mit der direkt geheizten Kathode nur ca. 45 W. Cf. Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi
kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.185, Schaubild 5.48.
66 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004.
67 Die JRC hinkte auf dem Gebiet der Halbleitertechnik damals anderen japanischen Firmen hinterher. Um
die Schwäche auf dem Gebiet der Halbleitertechnik nachzuholen, war die JRC im Jahr 1960 an einer
Kooperation mit der Firma Raytheon interessiert. Jedoch lehnte die Firma Raytheon die Zusammenarbeit
auf dem Gebiet der Halbleitertechnik ab. Stattdessen war Raytheon an einer Zusammenarbeit auf dem
Gebiet der Mikrowellenröhren interessiert. Daraufhin erfolgte die Gründung eines Joint Venture, das
Mikrowellenröhren produzierte. Siehe Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.5-6.
68 Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.5-6; Fukagawa 1987, S.2;
http://www.njr.co.jp/j01/j1_4.htm (Letzter Zugriff am 01.04.2004).
69 Ogura 1986, S.2.
4. Von der Imitation zur Innovation 86
schnell wie möglich zu schließen. Diese japanischen Hersteller bevorzugten zunächst den
Technologietransfer vor der Technologieentwicklung aus eigener Kraft. Allerdings erhielt die
NJRC kein technisches Know-how über das CW-Magnetron von Raytheon, das im
Mikrowellenkochgerät integriert wird, da das CW-Magnetron nicht Bestandteil des Vertrags
zum Technologietransfer zwischen der NJRC und Raytheon gewesen war.70
Abbildung 21 Magnetron 2M89 (Foto zur Verfügung gestellt von der Firma NJRC).
Abbildung 22 Mikrowellenröhrenfabrik bei der Gründung der NJRC im Dezember
1961 (Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.13).
Als die NJRC den Auftrag von Sanyo bekam, ein neues CW-Magnetron zu
entwickeln, entwarf zunächst das Team unter Ogawa Toshinao das Magnetron M148, das
externe Elektromagnete und integrierte Polstücke verwendete.71 Damals waren Magnetrone
mit externen Elektromagneten üblich. Magnetrone, die über externe Elektromagnete verfügten,
waren grundsätzlich größer als Magnetrone, die über integrierte Elektromagnete verfügten.
70 Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.14.
71 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.170 und Ogawa 1962, S.20.
4. Von der Imitation zur Innovation 87
Trotz dieses Nachteils hatten Magnetrone, die über externe Elektromagnete verfügten, den
Vorteil, dass man beim Austausch von Magnetronen die externen Elektromagnete nicht
wechseln musste.72 Mit dem oben genannten Magnetron M148, das externe Elektromagnete
verwendete, war Sanyo jedoch unzufrieden, da die Leistung dieses Magnetrons nicht den
erwünschten Wert erreichte. Darüber hinaus war die Struktur der Kathode dieses Magnetrons
derart kompliziert, dass sie für die Massenproduktion nicht geeignet war.73
Zu dieser Zeit, d.h. im Jahr 1962, begann man mit der Weiterbildung der Ingenieure
der NJRC in der Firma Raytheon in den USA. Jedes Jahr bildeten sich einige Ingenieure der
NJRC für ca. sechs Wochen bei Raytheon weiter.74 Ogura Keishi, ein Ingenieur der NJRC,
wurde im Januar 1963 in die USA entsandt. Er war bereits vor seiner Abreise darüber
informiert, dass Ingenieure bei Raytheon gerade versuchten, ein neues, preiswertes
CW-Magnetron „QK904“ zu entwickeln. Obwohl das Kennen lernen dieses CW-Magnetron
kein Bestandteil seiner Weiterbildung war, sammelte Ogura vor Ort Informationen über das
QK904. Er erhielt die Information, dass die Ingenieure bei Raytheon mit der Entwicklung des
QK904 bislang keinen Erfolg hatten. Anders als die bisherigen Magnetrone besaß das QK904
externe Polstücke75, und sollte daher preiswerter sein. Jedoch funktionierte das QK904 nicht
einwandfrei, da problematische Phänomene wie Runaway76 und Back Radiation77 auftraten.78
Nach Rückkehr von seiner Weiterbildung in Raytheon begann Ogura Keishi erneut
samm
zu en mit seinem Mitarbeiter Yoshioka Ryōji im Oktober 1963 mit der Entwicklung
eines neuen CW-Magnetrons, das den Forderungen der Firma Sanyo genügen sollte.79 Ogura
und Yoshioka hatten sich das Ziel gesetzt, ein Magnetron mit einer neuen Struktur zu
entwickeln, da sie von den CW-Magnetronen aus Raytheon nichts besonderes übernehmen
konnten.80 Ogura und Yoshioka verfolgten zunächst das Prinzip, die Struktur des Magnetrons
möglichst einfach zu gestalten. Durch die Vereinfachung der Struktur beabsichtigten sie, die
Anzahl der Bauteile des Magnetrons zu reduzieren, die Bauarbeit zu vereinfachen und die
Bauarbeitschritte zu minimieren. Dadurch sollte das Magnetron massenprduktionsfähig, klein
und preiswerter werden, so Ogura und Yoshioka. Gleichzeitig zielten sie auf ein effizienteres
72 Als später aufgrund technischer Verbesserungen die Lebensdauer des Magnetrons verlängert werden
konnte und häufiger Röhrenwechsel nicht mehr benötigt wurde, wurde der Elektromagnet in das
Magnetron integriert. Siehe Ogawa 1962, S.6.
73 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004 und vom 8. Mai 2004.
74 Nihon Musen 1971, S.93-94; Shin nihon musen gijutsu jōhō-shitsu 1963; Shibata 1963; Akioka 1963;
Ogura 1963.
75 Davor versuchten Ingenieure bei Raytheon, das kleine, preiswertere Magnetron QK798 für das
Radargerät zu entwickeln, das auch externe Polstücke verwendete. Jedoch hatte das Magnetron die gleichen
Probleme wie QK904, und diese Probleme wurden letztlich nicht gelöst. E-Mail von Maki (ehem. NJRC)
vom 15. Juni 2004.
76 Zum Phänomen Runaway siehe 3.2.
77 Zum Phänomen Back Radiation siehe 4.2.1.4.
78 Ogura 1986, S.2; E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 12. Juni 2004; E-Mail von Maki (ehem.
NJRC) vom 15. Juni 2004.
79 Ogura 1986, S.2.
80 Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.14 und Ogura 1987, S.5.
4. Von der Imitation zur Innovation 88
und stabileres Magnetron.81
Auf der Basis dieses allgemeinen Prinzips begannen Ogura und Yoshioka ihre Arbeit
it eine
ng über
m m konkreten Entwurf (Abbildung 23). Die Schwierigkeiten, auf die sie gestoßen
waren, bestanden darin, dass diejenige Struktur, die zwar ein Ziel optimal erfüllte, dafür eins
der anderen Ziele nicht erfüllte. Zum Beispiel funktioniert einerseits ein Magnetron effizient,
wenn seine Anode eine hohe Spannung hat und darin schwacher Strom fließt. Anderseits aber
sind niedrige Spannung und starker Strom für das Mikrowellenkochgerät geeigneter. Ogura
und Yoshioka fanden durch genaue Überlegungen für jeden dieser Fälle eine optimale Lösung
und bestimmten zahlreiche Parameter des Magnetrons.82 Letztlich entwarfen Ogura und
Yoshioka ein Magnetron mit einer neuen, einfachen Struktur, die sich nicht als bloße
Verbesserung der bisherigen Magnetrone kategorisieren lässt. Das erste Probestück wurde im
Januar 1964 zusammengebaut. Dieses Probestück wurde in ein Mikrowellenkochgerät
integriert, um verschiedene Experimente durchzuführen. Einige Nachteile83, die durch diese
Experimente deutlich wurden, ließen sich durch Materialwechsel und durch andere
Verarbeitungstechniken verbessern. 84 Dieses neue Magnetron mit einem externen
Elektromagneten und mit integrierten Polstücken wurde innerhalb der NJRC „M165“ genannt.
Auf der Basis dieses Magnetrons entwickelten die Ingenieure der NJRC im Jahr 1963 das
kleine, preiswertere Magnetron 2M65 mit Wasserkühlung und anschließend im Jahr 1964 das
2M66 mit Luftkühlung85 (Abbildung 24). Das Magnetron 2M66 wurde im ersten, kompakten
Mikrowellenkochgerät der Firma Matsushita-denki (Panasonic) integriert, und im Jahr 1965
auf den Markt gebracht.86 Das neue Magnetron, das unter der Leistung von Ogura bei der
NJRC entwickelt worden war, ermöglichte die Realisierung eines kompakten
Mikrowellenkochgeräts, das sich für den Gebrauch in Haushalten in Japan eignete.
In einigen Büchern bzw. Artikeln ist zu lesen, dass die Forschu
Hohlraummagnetrone, die während des Kriegs im Rahmen des Strahlenwaffenprojekts in
Japan durchgeführt wurde, in direkten Zusammenhang mit dem japanischen Erfolg auf dem
Gebiet des Mikrowellenkochgeräts in der Nachkriegszeit stünde.87 Jedoch besteht keine
direkte Kontinuität zwischen der Forschung im Rahmen des Strahlenwaffenprojekts während
des Kriegs und der erfolgreichen Entwicklung kompakter Mikrowellenkochgeräte nach dem
81 Ogura 1986, S.3.
82 Ogura 1986, S.3-4; E-Mail von Satō (ehem. NJRC) vom 12. Mai 2004; E-Mail von Yoshioka (ehem.
NJRC) vom 6. Mai 2004 und 15. April 2005.
83 Zum Beispiel schmolz der Fuß aus Glas durch das Phänomen Back Radiation. Dieses Problem wurde
dadurch gelöst, dass man den Fuß aus Glas mit einem Fuß aus Tonerdekeramik ersetzte.
84 Siehe Ogura 1986, S.6-11; Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.81; Nihon denshi kikai
kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.181-182; E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6.
Mai 2004.
85 Das Magnetron 2M66 erzeugte Mikrowellen mit einer Frequenz von 2400 MHz und einer Leistung von
800 Watt. Es benötigte eine Eingangsleistung von 1,2 kW. Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai
denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.182.
86 Maejima und Saitō 1996, S.13.
87 Ueda 2004, S.137-158; Nakagawa 1993, S.184-185; Sasaki 2000, S.112-116.
4. Von der Imitation zur Innovation 89
Krieg, wie oben dargestellt wurde. Allerdings förderte sicherlich seit der Kriegszeit die
Kombination aus technischem Grundlagenwissen und die weitere Existenz von
Forschergemeinschaften die erfolgreiche Entwicklung eines neuen kompakten Magnetrons für
Mikrowellenkochgeräte.
Abbildung 23 Entwurf von Magnetron M165 (Ogura 1986, S.7).
Abbildung 24 Magnetron 2M65 (links) und 2M66 (rechts) (Ogura 1986, S.10).
4. Von der Imitation zur Innovation 90
4.2.3 „Adaptive Kreativität“
evor man das gängige Bild „Japaner als Nachahmer“ überprüft, ist zunächst zu klären, was
en Begriff auch die Erscheinungen nach
m Zw
de diese adaptive Kreativität in Japan durch zwei weitere Faktoren –
wie sich
B
unter „Kreativität“ überhaupt zu verstehen ist. Der Japanologe Erich Pauer ist der Meinung,
dass die westliche Sichtweise dieses Verständnisses eingeschränkt ist, da mit Kreativität
insbesondere der so genannte „Geniegedanke“ in Verbindung gesetzt wird. Hierbei wird
übersehen, dass es auch vor dem Auftauchen dieses Geniegedankens eine Kreativität gegeben
haben muss. Darüber hinaus finden auch in anderen Kulturen schöpferische Ideen statt, die
nicht mit dem Geniegedanken gleichzusetzen sind. Beispielsweise kann das Akkumulieren
von Wissen zu kreativen Erscheinungen führen. Ebenso kann ein Technologietransfer
zwischen Kulturen zu Neuerungen und Innovationen führen. Für diese kreativen
Erscheinungen, Neuerungen und Innovationen, die üblicherweise nicht durch den Begriff des
Geniegedankens bezeichnet werden, prägte Pauer den Begriff der „adaptiven Kreativität“. Mit
diesem neuen Begriff erläutert Pauer die Erscheinungen in der Zeit der Industrialisierung
Japans in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.88
Darüber hinaus lassen sich mit diesem neu
de eiten Weltkrieg in Japan erläutern. Ein gutes Beispiel dafür ist die Entwicklung des
kompakten Mikrowellenkochgeräts: Nach dem Krieg bevorzugten es japanische Ingenieure,
Technologie aus westlichen Ländern zu transferieren anstatt diese Technologie aus eigener
Kraft zu entwickeln mit dem Ziel, möglichst schnell das technische Niveau westlicher Länder
zu erreichen. Dieser japanische Transferprozess endete jedoch nicht mit der bloßen
Nachahmung technischer Produkte des Westens. Vielmehr passten die Japaner die westliche
Technologie ihrer eigenen Kultur an und entwickelten diese Technologie entsprechend
weiter.89 So entstanden beispielsweise kleine, preiswerte Magnetrone und somit neue,
kompakte Mikrowellenkochgeräte in Japan. Die japanische adaptive Kreativität war der
Auslöser für die weltweite Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts. Darüber hinaus war das
Phänomen beobachtbar, dass bei vorgegebenem Ziel, nämlich der Entwicklung eines
kompakten, preiswerten Mikrowellenkochgeräts, japanische Ingenieure oft schneller eine
Lösung fanden als ihre Kollegen in den westlichen Ländern. Vor diesem Hintergrund der
adaptiven Kreativität verliert das eingangs erwähnte Bild „Japaner als Nachahmer“ seine
angebliche Gültigkeit.
Gefördert wur
am Beispiel der Entwicklung des neuen, kompakten Mikrowellenkochgeräts zeigen
lässt. Ein erster und entscheidender Faktor für die Innovation des Magnetrons bestand in der
relativ großen Freiheit, über die die japanischen Ingenieure an ihren Arbeitsplätze verfügen
konnten. Die damalige Charakterisierung von Firmen wie JRC, NJRC und Kōbe kōgyō
88 E-Mail von Pauer vom 10. April 2006 und Braun 1992, S.254.
89 Kikuchi 1992, S.93.
4. Von der Imitation zur Innovation 91
(heutige Fujitsu) als „Paradies für Ingenieure“ spiegelt dies wieder. Darüber hinaus war die
Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und Technikern erfolgreich.90 Ferner führte die
interdisziplinäre Zusammenarbeit von Mitarbeitern aus verschieden Disziplinen wie
Ingenieuren, Physikern, Chemikern und Metallurgen zu innovativen Vorschlägen.91
Bezüglich der adaptiven Kreativität ist als zweiter wesentlicher Faktor die hohe
.3 „Traumkochgerät“ auf dem Markt (Erste Phase: 1965-1969)
der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wurde das Kühlkettensystem (cold chain)93 in Japan
Motivation der damaligen Ingenieure zu nennen. Japaner, die während des Kriegs den
Schwarm von B-29 Bombern am Himmel gesehen hatten, waren davon überzeugt, dass die
wissenschaftliche und technische Inferiorität dazu geführt habe, dass Japan den Krieg
verloren hatte. Daher strebten nach dem Krieg japanische Ingenieure mit aller Kraft darauf
hin, diese Inferiorität aufzuholen.92
4
In
verbreitet, was Tiefkühlkost bzw. Fertiggerichte auf den Markt brachte.94 Im Jahr 1965
besaßen 51,4 % der japanischen Haushalte einen elektrischen Kühlschrank.95 Daher sahen
Hersteller von elektrischen Haushaltsgeräten in Japan die Voraussetzung als erfüllt an, dass
sich das Mikrowellenkochgerät zum Aufwärmen kalter Speisen bzw. zum Auftauen der
Tiefkühlkost im Haushalt verbreiten lassen würde. So begannen die japanischen Hersteller
damit, das Mikrowellenkochgerät auf den Markt zu bringen.96 Zuerst brachte die Firma
Matsushita-denki (Panasonic) im Jahr 1965 das erste kompakte Mikrowellenkochgerät auf
den Markt, in dem das neue Magnetron 2M66 der Firma NJRC integriert worden war.
Anschließend begannen die Firmen Sanyo, Sharp, Toshiba, Hitachi, Mitsubishi-denki,
Tsubame und die JRC, jeweils kompakte Mikrowellenkochgeräte herzustellen.97 In den USA
brachte damals auch die Firma Amana, die von Raytheon übernommen worden war, ein
kompaktes Mikrowellenkochgerät auf den Markt. Somit begann die Verbreitung des
Mikrowellenkochgeräts im Haushalt.
90 Als Ogura und Yoshioka das neue Magnetron entwickelten, wurden sie stets von Technikern begleitet.
Dies ermöglichte eine effiziente Zusammenarbeit. E-Mail von Maki (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004.
91 E-Mail von Maki (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004.
92 Siehe Kuwahara jōhō kenkyū-jo 2004, S.5; Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002;
Morris-Suzuki 1994, S.156-157. Auffallend ist insbesondere, daß die ehemaligen Ingenieure im
Technischen Forschungsinstitut der Marine (Kaigun gijutsu kenkyū-jo) in der Nachkriegszeit sehr
erfolgreich waren. Auch siehe Samuels 1994, S.106.
93 Die Kühlkette (cold chain) ist ein System zur Bewahrung und Verteilung von Lebensmitteln, bis sie den
Endverbraucher erreichen. Die Kühlkette besteht aus einer Reihe von Lagern und Transportketten.
94 NKS 19. Januar 1968 und NKS 26. März 1968.
95 Shuyō taikyū shōhi-zai no fukyū-ritsu, zen-setai, Heisei 16nen 3gatsu-matsu genzai (Statistik über die
Verbreitung der Verbrauchsgüter, Ende März 2004). http://www.stat.go.jp (Letzter Zugriff am 22.09.2004).
96 NKS 19. Januar 1968 und NKS 26. März 1968.
97 DS 10 Mai 1967 und Maejima und Saitō 1996, S.13.
4. Von der Imitation zur Innovation 92
Der damalige amerikanische Verteidigungsminister, Robert S. McNamara, begann im
Jahr 1961 mit der Durchführung eines Kostensparprogramms, um die Effektivität innerhalb
des Verteidigungsministeriums zu steigern.98 Dieses Sparprogramm traf auch das Gebiet der
Mikrowellenröhren. Mitte der 1960er Jahre, als das kompakte Mikrowellenkochgerät gerade
seinen Vormarsch im Haushalt antrat, begann das amerikanische Verteidigungsministerium,
die Finanzmittel zur Anschaffung der Mikrowellenröhren sowie für die Forschung und
Entwicklung der Mikrowellenröhren radikal zu kürzen. Konkret wurden die Finanzmittel zur
Erforschung und Entwicklung der Mikrowellenröhren, die im Jahr 1962 ca. 10 Millionen
Dollar betragen hatten, bis auf ca. 1,5 Millionen Dollar im Jahr 1972 reduziert.99 Daher
konnte man auf dem Gebiet der Mikrowellenröhrenindustrie im militärischen Bereich in den
USA keinerlei Wachstum erwarten. Mitte der 1960er Jahre wurde die Zukunft der
Mikrowellenröhren nicht nur auf militärischem Gebiet, sondern auch im Bereich der
Telekommunikation nicht mehr als rosig angesehen. Es wurde vermutet, dass die
Mikrowellenröhren – die bis dahin im Bereich der Telekommunikation als Gleichrichter,
Detektor, Verstärker und Erzeuger der Mikrowellen verwendet wurden –, schon bald durch
Halbleiter ersetzt werden würden. Denn der Halbleiter hatte wesentliche Vorteile gegenüber
den Mikrowellenröhren, da er kleiner und leichter ist, weniger Elektrizität benötigt und
letztlich eine längere Lebensdauer als Mikrowellenröhren besitzt. In der Zukunft würde
Mikrowellenröhren nur eine Überlebenschance als energiereiche Mikrowellenerzeuger haben,
so die damalige Vermutung, da diese Anwendungsmöglichkeit durch den Halbleiter nicht
ersetzbar war. Die Geräte, in denen die Mikrowellenröhren als energiereiche
Mikrowellenerzeuger verwendet wurden, waren beispielsweise industrielle
Mikrowellenerhitzer, lineare Beschleuniger und Mikrowellenkochgeräte. 100 Deshalb
begannen amerikanische Mikrowellenröhrenhersteller damit, die ohnehin auf der Suche nach
neuen Anwendungen der Mirowellenröhren waren, schnell kompakte Mikrowellenkochgeräte
herzustellen, die gerade von japanischen Herstellern auf den Markt gebracht worden waren.
Sogar die Firma GE, die sich noch Ende der 1940er Jahre vom Geschäft des
Mikrowellenkochgeräts verabschiedet hatte, entwickelte für das neue Mikrowellenkochgerät
Electronic oven“ ein neues Magnetron JC-300 mit einer Mikrowelle von 915 MHz.101 Nicht
nur die amerikanischen Mikrowellenröhrenhersteller, sondern auch die europäischen
Mikrowellenröhrenhersteller wie Philips begannen mit der Entwicklung eines Magnetrons für
ein neues, kompaktes Mikrowellenkochgerät. All diese Magnetrone, die für ein kompaktes
Mikrowellenkochgerät neu entwickelt wurden, basierten letztlich auf dem Magnetron, das die
98 Obwohl dieses Programm die Kosten auf vielen Gebieten reduzierte, nahmen dennoch die gesamten
militärischen Ausgaben zu. Siehe http://www.defenselink.mil/specials/secdef_histories/bios/mcnamara.htm
(Letzter Zugriff am 14.08.2005).
99 Dieses Phänomen wird in der Mikrowellenröhrenindustrie die „McNamara tube recession“ genannt.
Siehe Osepchuk 1978b, S.52 und Osepchuk 1984, S.1208.
100 Osepchuk 1978b, S.53.
101 Staats 1968 und Osepchuk 1984, S.1209
4. Von der Imitation zur Innovation 93
Ingenieure unter Ogura in der NJRC erfunden hatten.102
4.3.1 Verkaufskampagne
as Mikrowellenkochgerät war ein neues Kochgerät, das im Vergleich zu herkömmlichen
m
Beispie
abelle 4 Vorteile und Nachteile des Mikrowellenkochgeräts (CR May1983:225).
D
Kochverfahren auf eine völlig andere Art Lebensmittel erhitzt (vgl. dazu Tabelle 4 mit der
Auflistung von Vor- und Nachteilen des Mikrowellenkochgeräts). Deshalb mussten die
Hersteller zunächst durch Verkaufskampagnen das Mikrowellenkochgerät bekannt machen
und potenzielle Nutzer ansprechen bzw. kreieren. Für die Fertigkeit des Kochens im
allgemeinen gilt, dass dafür nicht nur Temperatur und Zeitraum der Erwärmung wichtig sind,
sondern entscheidend sind insbesondere das Fingerspitzengefühl und der Kniff, was man
beides nur durch lange Kocherfahrung gewinnen kann. Jedoch werden diese beiden
Fertigkeiten bei der Nutzung eines Mikrowellenkochgeräts überhaupt nicht mehr benötigt.
Das Kochen eines harten Eies auf herkömmliche Art und Weise benötigt zu
l eine bestimmte Zeitdauer. Wenn man das Ei genau so lange im
Mikrowellenkochgerät erhitzt, kommt es zur Explosion. Ein ganzer Fisch, der sich auf der
Pfanne oder im Grill braun, knusprig und appetitlich zubereiten lässt, sieht nach dem
Kochvorgang im Mikrowellenkochgerät aus, als ob er noch roh sei, und daher nicht
T
Vorteile Nachteile
Das Kochen geht schneller.
er zu h
einer Portion
nsm
Aufwärmen ge
Das Gerät nimmt Platz weg.
längeren
mittel heiß
mitteln nicht
nicht geeignet.
tten Menüs
Die Küche ist einfacher saub alten. Es bedarf einer
Die Küche bleibt kühl.
Zum Aufwärmen kl en
Gewöhnungszeit, um das Kochgerät
effizient nutzen zu können.
Während ein Teil der LebensLebensmittel geeignet, insbesondere von
kleinen Resten vergangener Mahlzeiten.
Zum Kochen von frischem bzw
.
wird, können andere Teile desselben
Lebensmittels kalt bleiben.
Zum Bräunen von LebensGefrorenem Gemüse geeignet.
Zum Auftauen von Lebe
itteln geeignet.
Zum Backengeeignet.
Zum
ringer Zum Kochen von komple
Flüssigkeitsmengen geeignet (Zum
Beispiel eine Tasse Kaffee).
nicht geeignet.
appetitlich. 103 Eben so wenig appetitlich sind die Pommes frites, die im
102 Osepchuk 1984, S.1209.
4. Von der Imitation zur Innovation 94
Mikrowellenkochgerät zubereitet werden und dadurch verschrumpeln.104 Deshalb mussten die
Hersteller von Beginn an den potenziellen Benutzer beibringen, wie man mit einem
Mikrowellenkochgerät kocht.
Die japanischen Hersteller begannen ihre Werbekampagne mit Slogans wie „neuer
eschm
rät war durch die Verwendung eines neuen
G ack durch elektrische Welle (denpa de atarashii aji)“ und „schnelles, lustiges Kochen
zu Hause (subayaku tanoshii hōmu kukkingu)“. Die Hersteller bemühten sich insbesondere
darum, die potenziellen Nutzer von den Vorteilen des Geräts durch Kochvorführungen mit
dem Mikrowellenkochgerät zu überzeugen. 105 Dabei spielten die so genannte
High-Cock-Lady“ der Firma Sharp, die „Elec-Lady“ der Firma Matsushita-denki (Panasonic)
und die „Mama-Cock-Lady“ der Firma Sanyo eine wichtige Rolle. Diese weiblichen
Angestellten, die Hauswirtschaft studiert hatten, entwickelten neue Kochrezepte für das
Mikrowellenkochgerät und brachten den Verkäuferinnen und Verkäufern des
Mikrowellenkochgeräts diese Rezepte bei. Manchmal standen diese Frauen auch selbst in
einem Laden und führten Gebrauchsvorführungen mit potenziellen Kunden durch.106 Diese
Strategie, durch Vorführungen die potenziellen Nutzer von den Vorteilen eines neuen
Haushaltsgeräts zu überzeugen, war bereits auch für andere elektrische Haushaltsgeräte
durchgeführt worden, und nicht nur in Japan, sondern auch in den USA und in der
Bundesrepublik Deutschland weit verbreitet.107
Das neue, kompakte Mikrowellenkochge
Magnetrons der NJRC wesentlich preiswerter als frühere Geräte. Trotzdem kostete ein
Mikrowellenkochgerät damals noch etwa 200.000 Yen (ca. 2.000 DM) bis 500.000 Yen (ca.
5.000 DM). Daher konnten sich dieses Gerät nur die Gastronomie oder Leute mit einem
hohen Einkommen leisten.108 Dies versuchten die Hersteller positiv darzustellen, indem sie
das Mikrowellenkochgerät als Luxusware und als „Traumkochgerät“ bewarben. Eine
Werbung lautete zum Beispiel, dass der im Mikrowellenkochgerät aufgewärmte Sake
(japanischer Reiswein) zweiter Klasse erstklassig schmeckt.109 Manche Verkaufsläden luden
ihre Kundinnen hoher Einkommensschichten in ein fünf Sterne Hotel ein, um dort ihre
Mikrowellenkochgeräte von einem bekannten Talent bzw. Küchenchefin vorführen zu lassen
und die potenziellen Kundinnen anschließend zum Mittagessen einzuladen. Bei solchen
Veranstaltungen wurden Frauen, die statt Küchenpersonal anzustellen ein
103 Amano 1967.
104 http://web.mit.edu/invent/iow/spencer.html (Letzter Zugriff am 24.05.2004)
105 NKS 15. Mai 1969.
106 Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai 2002; DS 9. März 1967; NKS 9. September 1974; Sharp
1985, S.3-8; Sharp 2001, S.5; Sasaki und Kase 1971, S.286.
107 Weber 1998, S.31-36.
108 Im Jahr 1968 betrug das Anfangsgehalt eines Beamten (Akademiker) in Japan 27.600 Yen pro Monat
(ca. 360 DM). Der damalige Preis eines Mikrowellenkochgeräts entspricht also 7 bis 18 Monatsgehältern
eines Beamten im ersten Arbeitsjahr. Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987,
S.184.
109 Interview mit Noda (Toshiba) im Mai 2002.
4. Von der Imitation zur Innovation 95
Mikrowellenkochgerät verwenden, als „wissenschaftliche Hausfrauen“ dargestellt. Derartige
Veranstaltungen, die geschickt auf den Stolz reicher Frauen zielten und ihre
Gruppenhierarchie bzw. Stellung in der japanischen Gesellschaft nutzten, waren oft von
Erfolg gekrönt: Meistens kauften alle eingeladenen Kundinnen anschließend ein
Mikrowellenkochgerät.110
Ferner begannen die Hersteller mit der Dienstleistung, Bäckern ein
1968 sank der Preis eines Mikrowellenkochgeräts unter 150.000 Yen (ca. 1.500
ls Raytheon Ende der 1940er Jahre das erste Mikrowellenkochgerät auf den Markt
Mikrowellenkochgerät auszuleihen. Dadurch konnten die Bäckereikunden ihr gerade
gekauftes Sandwich sofort im Mikrowellenkochgerät aufwärmen. Diese Dienstleistung lockte
Kunden an und war gleichzeitig eine gute Werbung für Mikrowellenkochgeräte. Dies führte
letztlich zu einer höheren Nachfrage an Mikrowellenkochgeräten seitens derjenigen
Bäckereien, die bislang noch nicht über ein solches Gerät verfügten. Während eine solche
Dienstleistung bei Bäckereien beliebt war, war sie in anderen Branchen wie beispielsweise
der Gastronomie nicht erwünscht. Selbst wenn in Gastronomiebetrieben
Mikrowellenkochgeräte verwendet wurden, wurde dies meistens verheimlicht, da man
befürchtete, Kunden zu verlieren, die glauben könnten, ihr Essen würde nicht frisch zubereitet
werden.111
Ende
DM). Damit öffnete sich dies Gerät den Zugang zur mittleren Einkommensschicht wie
beispielsweise Angestellte und Bauern. Somit begannen die Hersteller, auch für diese Kunden
Kochkurse anzubieten. Das alte, große Mikrowellenkochgerät verschwand zu dieser Zeit vom
Markt.112
A
brachte, führte bereits Raytheon dafür ähnliche Werbeaktionen durch, die später in den 1960er
Jahren von verschiedenen Herstellern ebenfalls durchgeführt wurden. Raytheon stellte
Küchenchefs ein und ließ sie Kochrezepte für den „Radarrange“ entwickeln.113 Diese
Küchenchefs brachten anderen Köchen diese Kochrezepte bei, um dadurch bei diesen Köchen
den Bedarf nach diesem Gerät zu kreieren. Darüber hinaus führten Verkäufer dieser Geräte
zusammen mit diesen Küchenchefs Vertreterbesuche in der Gastronomie durch, um den
Radarrange“ zu verkaufen.114 Jedoch führte diese nicht zur erwünschten Verbreitung des
Radarrange“. Schlicht und ergreifend gab es einfach zu wenig Menschen, die bereit waren,
1.500 Dollar für die Verkürzung der Essensvorbereitungszeit auszugeben. Nachdem Raytheon
den „Radarrange MarkVI (Abbildung 25) im Jahr 1965 auf den Markt gebracht hatte, stellte
110 DS 18. März 1967. Auch diese Verkaufsstrategie, auf das Prestige und den Status anzuspielen, war
damals nicht neu. Ähnliche Strategien wurde beim Verkauf elektrischer Waschmaschinen Anfang der
1950er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) verfolgt. Auch die Darstellung einer Frau, die ein
neues technisches Haushaltsgerät nutzt, als „moderne“ Hausfrau zu bezeichnen, wurde Mitte der 1960er
Jahre in der BRD genutzt. Siehe auch Weber 1998, S.32 und 42.
111 DS 25. Januar 1967 und DS 18. März 1967.
112 NKS 10. Dezember 1968; Sharp 1985, S.3-8; Sharp 2001, S.5; Sasaki und Kase 1971, S.284.
113 Reynolds 1995, S.14.
114 Decareau 1977a, S.3.
4. Von der Imitation zur Innovation 96
Raytheon selbst die gesamte Produktion von Mikrowellenkochgeräten ein und gliederte den
eigenen Bereich in die neue Tochterfirma Amana (Amana Refrigeration Inc.) aus.115
Denn im Jahr 1965 hatte die Firma Raytheon das Unternehmen Amana übernommen,
das ein berühmter Hersteller von Haushaltsgeräten war. Im Moment der Ausgliederung
beauftragte der damalige Chef der Firma Amana, George Foerstner, ein kompaktes,
preiswertes Mikrowellenkochgerät zu entwickeln. Dieses zukünftige Mikrowellenkochgerät
solle ein „Tischgerät“ sein, das auf jeden Tisch passen soll. Er setzte fest, dass der Höchstpreis
bei 500 Dollar liegen sollte. 116 Im Jahr 1967 brachte Amana sein kompaktes
Mikrowellenkochgerät auf den Markt (Abbildung 26). Dieses Mikrowellenkochgerät kostete
495 Dollar (ca. 1.800 DM) und funktionierte mit einer Eingansspannung von 115 Volt, die
durch die normale Steckdose im Haus bereitgestellt wird. Von diesem Mikrowellenkochgerät
wurden jährlich 50.000 Stück verkauft.117
Abbildung 25 Letzte „Radarrange“ von Raytheon Mark VI (Decareau 1977a, S.5).
Abbildung 26 „Radarrange“ RR-1 von Amana (mitte Percy Spencer) (Titelseite der
Zeitschrift Microwave Energy Applications Newsletter X (2), 1977).
115 Decareau 1977a, S.6 und Ketteringham und Nayak 1987, S.223.
116 Ketteringham und Nayak 1987, S.196-7 und 213; Decareau 1977a, S.5-6.
117 http://www.smecc.org/microwave_oven.htm (Letzter Zugriff am 20.06.2004) und Reynolds 1995, S.15.
4. Von der Imitation zur Innovation 97
Für dies Mikrowellenkochgerät der Firma Amana wurde das Magnetron QKH1381
der Firma Raytheon verwendet. Raytheon begann im August 1965 mit der Entwicklung des
Magnetrons QKH1381 – als Muster diente das neue Magnetron der NJRC.118 Um über dieses
neue Magnetron Informationen zu sammeln, besuchte A. Mayo, Ingenieur der Firma
Raytheon, extra die NJRC in Tōkyō.119
Im Sommer 1967 startete die Firma Amana in den USA mit einer ähnlichen
Werbekampagne wie sie bereits japanische Hersteller in Japan durchgeführt hatten. Allerdings
unterschied sich die Kampagne in Japan und den USA darin, dass sie in den USA von Anfang
an auf die mittlere Einkommensschicht als Käufer gerichtet war, während man in Japan zu
Beginn auf die obere Einkommensschicht zielte. Zu diesem Zeitpunkt lag eine große
Differenz zwischen dem durchschnittlichen Einkommen in Japan und den USA.120 Amana
zielte auf die mittlere Einkommensschicht und betonte in ihrer Werbung, dass ein
Mikrowellenkochgerät nicht nur energiesparend sei, sondern auch schnell und praktisch sei,
so dass es die berufstätigen Hausfrauen beim Kochen entlasten würde.121 In den Werbungen
in Japan tauchte dagegen das Schlagwort der „berufstätigen Hausfrauen“ nicht auf. Denn
dieses traf nicht auf die obere Einkommensschicht zu, auf die die japanischen Hersteller
ursprünglich fixiert waren. Unter „berufstätigen Hausfrauen“ in Japan wurden oft Frauen
verstanden, deren Männer nicht genug Geld verdienen konnten.
Ein weiterer Unterschied zwischen Japan und den USA bestand in der Reaktion von
Hausfrauen gegenüber dem neuen Kochgerät. Während das Gerät in den USA ein wenig
Furcht einflößte, war eine solche Reaktion in Japan unbekannt.122 Um diese Befürchtungen zu
entkräften und die Hausfrauen vom Gegenteil zu überzeugen, führte Amana
Gebrauchsvorführungen durch. Ziel dieser Vorführungen war es, die Praktikabilität eines
Mikrowellenkochgeräts zu unterstreichen anstatt den Mechanismus des Geräts theoretisch zu
erklären.123 Diese Strategie war erfolgreich und es gelang, das Mikrowellenkochgerät in den
Haushalten der USA zu verbreiten.
118 Osepchuk 1984, S.1209; E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004; E-Mail von Edwards
(ehem. Raytheon) vom 26.08.2004.
119 E-Mail von Satō (ehem. NJRC) vom 30. März 2005; E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai
2004.
120 Der Preis eines Mikrowellenkochgeräts war in Japan und den USA ungefähr gleich, er lag bei ca. $ 495.
Dies entsprach knapp einem Monatsgehalt einer durchschnittlichen Familie in den USA. Siehe United
States Bureau of the Census 1976, S.289.
121 Reynolds 1995, S.15.
122 Scott 1974, S.368 und Interview mit Noda (Toshiba) im Mai 2002.
123 Reynolds 1995, S.15; http://www.smecc.org/microwave_oven.htm (Letzter Zugriff am 20.06.2004);
Ketteringham und Nayak 1987, S.217.
4. Von der Imitation zur Innovation 98
4.3.2 Preislicher Wettbewerb
Die japanischen Hersteller beabsichtigten, das Mikrowellenkochgerät nicht nur in der
Gastronomie, sondern auch im üblichen, japanischen Haushalt zu verbreiten. Dafür waren
Preissenkungen durch Kostenreduzierung und Massenproduktion wichtig, sowie eine hohe
Zuverlässigkeit und Langlebigkeit des Mikrowellenkochgeräts.124 Sobald mehrere japanische
Hersteller mit der Produktion von Mikrowellenkochgerät angefangen hatten, begann ein
harter Preiswettbewerb in Japan. Der Preis eines Mikrowellenkochgeräts, das im Jahr 1966
noch ca. 200.000 Yen (ca. 2.000 DM) betrug, reduzierte sich innerhalb von drei Jahren um die
Hälfte.125 Je preiswerter das neue Mikrowellenkochgerät wurde, desto schneller verbreitete es
sich.126 Bereits zu dieser Zeit bekamen die japanischen Hersteller Anfragen aus den USA und
Europa, ob sie als OEM (Original Equipment Manufacturer) Markengeräte des europäischen
bzw. amerikanischen Herstellers produzieren würden. Daher begannen die japanischen
Hersteller im Jahr 1968, das Mikrowellenkochgerät in die USA und nach Europa zu
exportieren.127
Das damalige, weiterbreitete Sprichwort „je preiswerter, desto schlechter (yasukarō
warukarō)“ verdeutlicht, dass in den meisten Fällen die Qualität litt, wenn der Preis einer
Ware sank. Doch bezüglich des Mikrowellenkochgeräts gelang es den japanischen Herstellern,
den Preis zu reduzieren und gleichzeitig die Qualität zu erhöhen. Derartige Preissenkungen
wurden hauptsächlich durch die Massenproduktion realisiert. Die Massenproduktion wurde
erstens durch die Automatisierung der Arbeitsschritte möglich. Die Anzahl der Arbeitsschritte
wurden durch die Verminderung der Anzahl der Bestandteile reduziert.128 Zweitens richteten
die Hersteller seit 1967 exklusive Fabriken für die Massenproduktion der
Mikrowellenkochgeräte ein.129 Dabei passten die Hersteller ihre Produktionstechniken, die
ursprünglich zur Herstellung anderer Haushaltselektronik gedacht waren, für das
Mikrowellenkochgerät an.130 Darüber hinaus trug die Reduzierung der Materialien durch
124 Sasaki und Kase 1971, S.284-285.
125 Ein Mikrowellenkochgerät kostete Ende 1967 ca. 150.000 Yen (ca. 1.500 DM). Der Preis wurde im Mai
1969 auf ca. 110.000 Yen (ca. 1.100 DM) und im Juli 1969 noch mal auf unter 100.000 Yen (ca. 1.000 DM)
reduziert. Cf. NKS 19. Januar 1968; NKS 15. Mai 1969; NKS 26. Juli 1969.
126 NKS 10. Dezember 1968.
127 NKS 19. Januar 1968; NKS 1. Juli 1968; Ketteringham und Nayak 1987, S.220; Toshiba 1975, S.560.
128 E-Mail von Sannōmaru (Hitachi Home Tech) vom 26. April 2002; NKS 15. Mai 1969; NKS 26. Juli
1969.
129 NKS 9. August 1967; NKS 15. Mai 1969; NKS 26. Juli 1969; Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im
Mai 2002.
130 Die Gehäuse der Weißwaren (Haushaltselektronik) weisen mehrere Gemeinsamkeiten auf. Als
beispielsweise die Produktion des Mikrowellenkochgeräts gerade anfing, verwendeten einige Hersteller die
Teile anderer Weißwaren für das Mikrowellenkochgerät (der Griff eines Kühlschranks bzw. der Knopf einer
Waschmaschine). Daher konnte ein Teil der Produktionstechnik anderer Weißwaren zur Herstellung von
Mikrowellenkochgeräten genutzt werden. Cf. Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai 2002 und
Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002.
4. Von der Imitation zur Innovation 99
Verkleinerung der Geräte zur Kostenreduzierung bei.131 Japan verfügte bereits im Jahr 1970
über die weltweit größten Produktionskapazitäten für Mikrowellenkochgeräte.
Neben den Herstellern der Haushaltselektronik nahm auch die JRC die Produktion
des Mikrowellenkochgeräts in Angriff. Als ihre Tochtergesellschaft NJRC ein neues
Magnetron entwickelt hatte, produzierte die JRC damit einhundert kompakte
Mikrowellenkochgeräte „Sūpā renji (Super Range)“ im Jahr 1967 (Abbildung 27). Jedoch zog
sich die JRC bald aus der Produktion von Mikrowellenkochgeräten zurück, da sie dem
preislichen Wettbewerb mit den anderen Herstellern nicht folgen konnte.132
Abbildung 27 „Super Range“ von JRC (JRC 1967).
4.3.3 Nachbau und Verbesserung des neuen Magnetrons
Das neue Magnetrondesign, das Ogura und Yoshioka von der NJRC entworfen hatten, wurde
bereits im Jahr 1968 zum Standard des Magnetrons für das Mikrowellenkochgerät (vgl.
Schaubild 5).133
Die NJRC meldete die neue Struktur des Magnetrons M165 von Ogura und Yoshioka
nicht zum Patent an. Die JRC sowie die NJRC war damals die Rolle des Patents zum Schutz
ihres Geschäfts wenig bewusst, obwohl andere Haushaltsgerätehersteller bereits aus diesem
Zweck Patentanmeldung durchgeführt hatten. Laut Yoshioka, der das neue Magnetron
zusammen mit Ogura entwickelt hatte, hatte die Patentabteilung in der JRC damals die
Tendenz, nur besonders ausgezeichnete Erfindungen zum Patent anzumelden. Die Tatsache,
131 NKS 15. Mai 1969 und NKS 26. Juli 1969.
132 Amano 1967; Kido, Mori, Amezawa und Uchida 1964, S.2, 9 und 32; E-Mail von Maki (ehem. NJRC)
vom 13. Mai 2004, 30. Mai 2004 und 30. März 2005.
133 Nicht nur der Standard des Magnetrons für das Mikrowellenkochgerät, sondern auch der Standard des
Magnetrons für die Diathermie hat sich durch die Innovation von Ogura und seinen Mitarbeitern verändert.
Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.179 und Ogawa 1987, S.1.
4. Von der Imitation zur Innovation 100
dass ihre Erfindung nicht zum Patent angemeldet wurde, machte Yoshioka und seine
Mitarbeitern wenig aus, da sie glaubten, eine Erfindung auf ähnlichem oder sogar besserem
Niveau wieder leisten zu können. Das entscheidende Merkmal des neuen Magnetrons von
Ogura und seinen Mitarbeitern war die einfache Struktur, die es den anderen Herstellern
ermöglichte, dieses Magnetrons nachzubauen.134 Die anderen Hersteller begannen zügig mit
solchen Nachbauten, verbesserten dabei das Magnetron von Ogura und seinen Mitarbeitern
und begannen anschließend mit der Massenproduktion dieses neuen Magnetrons.
Bei der Produktion dieses neuen Magnetrons spielte die NJRC am Anfang eine
führende Rolle. Als Matsushita-denki (Panasonic) im Jahr 1965 das erste kompakte
Mikrowellenkochgerät auf den Markt brachte, folgten die Firmen Sanyo, Sharp, Hitachi,
Mitsubishi und Raytheon.135 All diese Firmen kauften die neuen Magnetrone von der NJRC
und verwendeten sie beim Bau ihrer kompakten Mikrowellenkochgeräte. Um die hohe
Nachfrage von Magnetronen bedienen zu können, baute die NJRC zunächst Produktionslinien
in einer neuen Fabrik in der Stadt Kawagoe auf, einer Satellitenstadt von Tōkyō (Abbildung
28). Dort begann im April 1966 die Produktion von 1.000 Magnetronen pro Monat. Als die
Nachfrage noch stärker wuchs, errichtete die NJRC dafür ein neues Gebäude. Im Sommer
1967 befriedigte die NJRC ca. 60 % bis 70 % des gesamten japanischen Bedarfs an
Magnetronen für Mikrowellenkochgeräte. Dieses neue Magnetron, das „Kukkutoron
(Cooktron)“ genannt wurde, war im Jahr 1968 eines der Hauptprodukte dieser Firma. In ihrer
Blütezeit produzierte die NJRC 20.000 „Cooktron“ pro Monat. Die Fabrik der NJRC war
weltweit die größte Fabrik von Magnetronen für Mikrowellenkochgeräte.136
Schaubild 5 Wandel der Merkmale von Magnetronen für das Mikrowellenkochgerät
(Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.185).
134 E-Mail von Yoshioka (ehem. NJRC) vom 6. Mai 2004.
135 Maejima und Saitō 1996, S.13.
136 Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.81-82; DS 10. Mai 1967; Ogura 1986, S.11; Nihon
denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.185.
4. Von der Imitation zur Innovation 101
Abbildung 28 Fabrik für Mikrowellenröhre der NJRC (Shin nihon musen kabushiki
kaisha NJRC (Jahrgang unbekannt), S.3).
Jedoch hielt dieser Monopolzustand der NJRC nicht lange an. Im Sommer 1967
begannen die Firmen Kōbe kōgyō (heutige Fujitsu), Shin nihon-denki (new NEC) und Toshiba
mit der Produktion von Magnetronen, die diese Hersteller auf Basis des neuen Magnetrons
M165 der NJRC entwickelt hatten.137 Darüber hinaus lief die Frist von zwei japanischen
Patenten der Firma Raytheon über das Magnetron im Juli 1967 ab. Diese Gelegenheit nutzten
die Firmen Matsushita-denki ōyō-kiki (Panasonic) und Hitachi, die bislang keinen
Lizenzvertrag mit Raytheon geschlossen hatten, um mit der Produktion von Magnetronen für
das Mikrowellenkochgerät zu starten.138
Diese neuen Hersteller von Magnetronen für Mikrowellenkochgeräte belieferten ihre
eigenen Firmen bzw. Tochterfirmen. Später begannen diese Magnetronhersteller mit dem
Verkauf von Magnetronen an Externe, was einen harten Wettbewerb der Magnetronpreise
entfachte. Als die NJRC im Jahr 1966 noch allein dieses Magnetron produziert hatte, kostete
es 30.000 Yen (ca. 300 DM).139 Doch bereits im Jahr 1967 sank der Preis des Magnetrons
durch den Wettbewerb auf 5.000 Yen (ca. 50 DM) (vgl. Schaubild 6).140 Dieser Preiskampf
wurde weiter fortgesetzt, denn im Jahr 1988 kostete ein Magnetron nur noch ca. 1500 Yen (ca.
17 DM). 141 Die Reduktion des Preises wurde durch die höhere Anzahl produzierter
Magnetrone bzw. Mikrowellenkochgeräte ermöglicht.
Wie bereits erwähnt gelang es den japanischen Hersteller bezüglich des
Mikrowellenkochgeräts, dass die Preisreduzierung mit einer Erhöhung der Qualität einherging,
obwohl damals üblicherweise die Preisreduzierung einer Ware zu Lasten der Qualität ging.
137 NKS 9. August 1967.
138 Maejima und Saitō 1996, S.13 und 16; NKS 26. Januar 1968.
139 NKS 26. Januar 1968.
140 DS 10. Mai 1967; Ogura 1986, S.11-13; Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.82.
141 Fukagawa 1987, S.2 und Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.20.
4. Von der Imitation zur Innovation 102
Diese unübliche Kombination aus Preisminderung und Qualitätssteigerung galt auch für das
Magnetron: auf Basis des Magnetrons von Ogura und seinen Mitarbeitern wurde der
magnetische Kreis verbessert, d.h. die Anordnung des Magneten und die Materialqualität des
Magneten. Dies trug sowohl zur Gewichtsreduzierung als auch zur Preisreduzierung des
Magnetrons bei (vgl. Schaubild 7).142
Beispielsweise entwickelten die Ingenieure der NJRC das Magnetron 2M67 im Jahr
1965, dessen Permanentmagneten innerhalb des Magnetrons integriert sind (Abbildung 29).
Bisher wurden Elektromagnete – und keine Permanentmagnete – verwendet, um das
Auftreten des problematischen Phänomens „Runnaway“ zu verhindern. Jedoch waren
Elektromagnete jetzt nicht mehr notwendig, da durch den Einsatz der stabilen
Anodenstromquelle, die zwischenzeitlich in den USA entwickelt worden war, das Phänomen
Runnaway“ vermieden werden konnte. 143 Diese Möglichkeit wurde genutzt, den
Elektromagneten durch den Permanentmagneten zu ersetzen, da der Permanentmagnet
weniger Energie verbrauchte. Darüber hinaus war dieser Permanentmagnet im Vergleich zum
konventionellen Elektromagneten kleiner.144
0
100,000
200,000
300,000
400,000
500,000
600,000
1963 1964 1965 1966 1967 1968 1969 1970
Jahr
Anzahl der produzierten
Mikrowellenkochgeräte
Anzahl der produzierten Magnetrone
Preis eines Mikrowellenkochgeräts (Einheit
Yen)
Preis eines Magnetrons (Einheit 0,1 Yen)
Schaubild 6 Veränderung der Anzahl produzierter Magnetrone/Mikrowellenkochgeräte
und deren jeweiliger Preis.
142 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.185; Oguro und Shikanuma
1993, S.47.
143 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.182.
144 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.182 und Interview mit Aoki
(ehem. Toshiba) im Mai 2002.
4. Von der Imitation zur Innovation 103
Schaubild 7 Gewichtsreduzierung des Magnetrons (Oguro und Shikanuma 1993, S.47).
Abbildung 29 Magnetron 2M67-S, in dem zwei Permanentmagnete seitlich integriert
sind (Foto zur Verfügung gestellt von der Firma NJRC).
Um den Magnet noch weiter zu verkleinern, verwendete Toshiba seit 1967 den
Alnicomagneten145, der ein starkes Magnetfeld hat. Die Ingenieure von Toshiba entwickelten
im Jahr 1968 erfolgreich das kompakte Magnetron 2M53, das Alnicomagnete verwendete.
Dies führte zu keiner Kostenreduzierung des Magneten, da der Alnicomagnet an sich teuer
war. Dennoch wurde das Magnetron 2M53 insgesamt preiswerter, da der Einsatz dieses
kleinen Magneten eine Verkleinerung des ganzen Magnetrons bedeutete und dadurch
Materialien gespart werden konnte.146
145 Der Magnet wurde „Alnico“ genannt, da er aus Alminium, Nickel und Kobalt (Englisch cobalt) besteht.
Der Alnicomagnet wurde damals bereits für andere Zwecke verwendet. Toshiba war die erste Firma, die
diesen Magneten auch für das Magnetron verwendete. Cf. Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai
2002.
146 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
4. Von der Imitation zur Innovation 104
4.3.4 Verbesserung des Mikrowellenkochgeräts
Nachdem die Hersteller das kompakte Mikrowellenkochgerät auf den Markt gebracht hatten,
begannen sie mit seiner Verbesserung.147
Zunächst wurde die Struktur der Tür verbessert, um das `Lecken' bzw. Austreten der
Mikrowellen aus dem Gerät zu vermeiden. Damals gab es in Japan noch keinen gesetzlichen
Standard zur Leckstrahlung von Mikrowellen. Manche Hersteller führten eine Vorrichtung ein,
die automatisch den Strom unterbrach, sobald die Tür während des Betriebs geöffnet
wurde.148 Darüber hinaus wurde die Choketürdichtung149 eingeführt.150 Neben diesen
Maßnahmen, die auf die Verhinderung der Mikrowellenleckstrahlung zielten, wurde
zusätzlich noch eine weitere Maßnahme getroffen, die die Entladung zwischen Tür und
Gehäuse (vgl. dazu Abbildung 30 mit jeweiligen Namen der Teile eines typischen
Mikrowellenkochgeräts) zum Ziel hatte, weil deren Geräusch manche Nutzer erschrecken
ließ.151
Über diese Maßnahmen hinaus wurden Verbesserungen des Mikrowellenkochgeräts
zur gleichmäßigen Erhitzung von Lebensmitteln erwünscht: Denn bei den ersten, kompakten
Mikrowellenkochgeräten wurde je nach Form der aufzuwärmenden Lebensmittel ein Teil gut
erhitzt (hot spots), während ein anderer Teil kalt blieb (vgl. Abbildung 31; diese hot spots sind
weiß dargestellt). Dieses Phänomen ließ sich dadurch verhindern, dass man die aus dem
Magnetron ausgetretenen Mikrowellen streut und dadurch die Mikrowellen aus verschiedenen
Richtungen in die Lebensmittel einfallen lässt. Um dies zu realisieren, wurden zwei
Möglichkeiten vorgeschlagen: ein Reflektorflügel aus Metall, der an der Decke bzw. am
Boden des Garraums eingebaut wurde, oder ein Drehteller, der während des Betriebs die
aufzuwärmenden Lebensmittel dreht.152 Insbesondere das Gerät mit dem Drehteller, den die
Firma Sharp im Jahr 1966 eingeführt hatte, führte zu einer starken Nachfrage, weil den
Nutzern dieser visuelle Effekt gefiel. 153 Zusätzlich hatte die Einführung dieser Vorrichtung
147 Die Veränderung des japanischen Mikrowellenkochgeräts von 1961 bis 1998 wurde in Anhang 5
tabellarisch dargestellt.
148 NKS 26. März 1968 und NKS 14. Februar 1969.
149 Zur Choketürdichtung siehe 6.1.1.
150 NKS 15. Mai 1969.
151 NKS 26. März 1968; NKS 10. Dezember 1968; NKS 14. Februar 1969; NKS 26. Juli 1969; E-Mail von
Maki (ehem. NJRC) vom 31. Mai 2004.
152 NKS 26. Juli 1969.
153 Sobald ein japanischer Hersteller einen neuen Typ des Mikrowellenkochgeräts auf den Markt gebracht
hatte, produzierten unmittelbar danach auch andere japanische Hersteller einen ähnlichen Typ. Das war
damals möglich, da es zwischen den japanischen Herstellern üblich war, Patentrechte auszutauschen.
Jedoch schützte Sharp sein Patent und verbot den anderen Herstellern, den Drehteller nachzubauen. Diese
unübliche Haltung von Sharp führte zu Reaktionen der anderen Hersteller, die mit Werbungen wie
„Kartoffeln werden durch Drehungen müde“ auf das Produkt von Sharp anspielten. Bald entwickelte
Matsushita (Panasonic) einen Drehteller, der außerhalb der Gültigkeit des Patents von Sharp lag. Der
Drehteller von Matsushita, der durch den Magnet bewegt wurde, hatte im Vergleich zum Drehteller von
Sharp sogar den Vorteil, dass er einfacher zu putzen war. Cf. Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai
2002; Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002; NKS 3. September 1976.
4. Von der Imitation zur Innovation 105
den Vorteil, die „Back Radiation154 zu reduzieren, die letztlich dem Magnetron schadet und
dessen Lebenszeit verkürzt.155
Bodenplatte Gehäuse Garraum Deckplatte Reflektorflügel
Einkopplung Hohlleiter Koppelstift Magnetron Kühlgebläse
Transformator seitliche Einkopplung mit Glimmerabdeckung Grill
Drehteller
Abbildung 30 Schematischs Bild von Mikrowellenkochgerät (Hauptberatungsstelle für
Elektrizitätsanwendung e.V. 1999, S.10).
154 Zu der Back Radiation“ siehe 4.2.1.4.
155 Igarashi und Nishino 1976, S.508.
4. Von der Imitation zur Innovation 106
Abbildung 31 Hot spots. (Foto zur Verfügung gestellt von Prof. Higo Atsuko).
4.4 Sicherheitsstandards
Zeitgleich mit der Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts Ende der 1960er Jahre im
normalen Haushalt, entstanden in der Öffentlichkeit Zweifel an der amerikanischen Regierung
wegen des Vietnamkriegs. Diese artikulierten Zweifel legten die Basis für die Entstehung der
Umweltbewegung in den USA, die die bereits bestehende Bürgerrechtsbewegung stärkte. Ein
wichtiges Resultat der Umweltbewegung war die Neugründung des Umweltamtes
(Environmental Protection Agency, Abk. EPA)156 im Jahr 1970. Darüber hinaus kam es zu
zwei neuen Einrichtungen innerhalb bestehender Ministerien: innerhalb des
Arbeitsministeriums wurde die Verwaltung der Arbeitssicherheit und Gesundheit
(Occupational Safety and Health Administration, Abk. OSHA) und innerhalb des
Ministeriums für Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt (Ministry of Health, Education, and
Welfare, Abk. HEW) wurde das Nationalinstitut für Arbeitssicherheit und Gesundheit
(National Institute for Occupational Safety and Health, Abk. NIOSH) neu eingerichtet.157
156 Seit der Gründung des EPA übernahmen drei verschiedene Referate innerhalb des EPA die Aufgaben
zum Thema Hochfrequenzwellen, namentlich das Office of Radiation Programs, das Office of Research and
Development und das Office of Planning and Evaluation. Siehe Steneck 1985, S.126-127.
157 Die Aufgaben zum Thema biologische Effekte von Hochfrequenzwellen wurden auf die drei
Einrichtungen verteilt: während das Bureau of Radiological Health (Abk. BRH) für Hochfrequenzwellen
aus elektrischen Geräten zuständig war, kümmerte sich das OSHA um Hochfrequenzwellen im Bereich von
Arbeitsplätzen, und das EPA war verantwortlich für allgemeine Umweltfragen in Bezug auf
4. Von der Imitation zur Innovation 107
Unumgänglich war, dass diese Einrichtungen auch auf die Hochfrequenzwellen des
Mikrowellenkochgeräts einen kritischen Blick warfen.158 Im Zuge dieser Betrachtung kam es
zu einem ersten Sicherheitsstandard für das Mikrowellenkochgerät, der weltweit erstmalig in
den USA eingeführt wurde.
4.4.1 Radiation Control for Health and Safety Act of 1968 in den USA
Im Mai 1967 stellte man in den USA fest, dass aus den neuesten Farbfernsehern der Firma GE
Röntgenstrahlen austraten. Jedoch gab es zu diesem Zeitpunkt weder Gesetze noch
Vorschriften zum Schutz der Bevölkerung vor Strahlungen jeglicher Art. Daher entstanden
erste Diskussionen, Strahlungen aus elektrischen Geräten – sowohl ionisierende
Strahlungen159 als auch nicht-ionisierende Strahlungen160 – qua Gesetz zu regulieren.161 Der
Gesetzvorschlag, der erstmalig im Jahr 1967 im amerikanischen Unterhaus vorgelegt worden
war, wurde nach einigen Änderungen als „Radiation Control for Health and Safety Act of
1968 (P.L.90-602)“ am 18. Oktober 1968 als Gesetz verabschiedet. Für die Ausformulierung
konkreter Verfahrensanweisungen sowie die Überprüfung, ob diese Anweisungen auch
eingehalten werden, war das Referat für radiologische Gesundheit (Bureau of Radiological
Health, Abk. BRH) zuständig, das innerhalb des HEW zum Verwaltungsbereich Lebensmittel
und Arzneimittel (Food and Drug Administrations, Abk. FDA) gehörte.162
Das BRH entschloss sich, im Rahmen der oben genannten Regelung
nicht-ionisierender Strahlungen eine Verfahrensanweisung auch für
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten einzuführen. Dies schien dem BRH
notwendig, da sich das Mikrowellenkochgerät gerade begann, im normalen Haushalt zu
verbreiten. Diese Verfahrensanweisung war die Ausformulierung eines Standards für die
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten. Dieser Standard hatte präventiven
Charakter, da damals offiziell keine gesundheitliche Beeinträchtigung durch
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten bekannt gegeben wurde. 163
Bezüglich des anvisierten Standards führte das BRH zusammen mit den Herstellern der
Hochfrequenzwellen. Diese Verteilung der Aufgaben machte die Entscheidungsstruktur komplex und
unübersichtlich. Dies hatte zur Folge, dass es häufig zu Verzögerungen bei Entscheidungen kam. Siehe
Steneck 1985, S.126-127.
158 Steneck 1985, S.121-122.
159 Unter ionisierenden Strahlungen versteht man Strahlungen, die so energiereich sind, daß sie ein
Elektron aus einem Atom `befreien´ können bzw. daß sie ein Atom ionisieren können. Ein bekanntes
Beispiel ionisierender Strahlung sind Röntgenstrahlen.
160 Unter nicht-ionisierenden Strahlen versteht man Strahlen, die ein Atom nicht ionisieren können.
Beispiele für nicht-ionisierende Strahlungen sind u.a. Mikrowellen und sichtbares Licht.
161 Steneck 1985, S.122-124 und Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972, S.347.
162 Steneck 1985, S.126; Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972, S.347; Osepchuk 1984,
S.1214-1215.
163 Osepchuk 1984, S.1214 und Osepchuk 1978a, S.13.
4. Von der Imitation zur Innovation 108
Mikrowellenkochgeräte Verhandlungen, die vom Verband der Haushaltsgerätehersteller
(Association of Home Appliance Manufacturers, Abk. AHAM) koordiniert wurden.
Nach einer Anhörung im Senat im Jahr 1968 und nach einigen Diskussionen
innerhalb der Industrie wurde geplant, den Grenzwert für die Mikrowellenleckstrahlung dem
ANSI-Standard (ANSI C95.1-1966) anzulehnen. Dieser empfiehlt eine maximale Exposition
des ganzen Körpers bei einer Leistungsdichte von 10 mW/cm². Gemäß dieser Empfehlung
wurde eine Leistungsdichte von 10 mW/cm² bei einem Abstand von 5 cm vom Gerät als
Grenzwert für die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten vorgeschlagen. Die genannte
Einschränkung „bei einem Abstand von 5 cm“ kam als Vorschlag von der Industrie. Ungefähr
5 cm betrug der Abstand zwischen dem Gerät und den Augen eines Menschen, der sich mit
seinem Gesicht unmittelbar vor dem Sichtfenster des Geräts befindet. Weil damals bereits auf
die Gefahr des grauen Stars durch Mikrowellenbestrahlung hingewiesen worden war, war
man sich der Thematik Augen und Strahlung bewusst.164
Um besser beurteilen zu können, ob dieser Grenzwert für die
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten angemessen war oder nicht, sollte der
Unterschied zwischen Emission und Exposition kurz erläutert werden. Unter Emission
versteht man die lokalisierte Leistungsdichte nahe einer kleinen Quelle divergierender
Mikrowellenstrahlung165 . Dagegen versteht man unter Exposition die durchschnittliche
Leistungsdichte, der ein Körper für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt wird166. Bei dem
Grenzwert von 10 mW/cm², der im Rahmen des ANSI C95.1-1966 empfohlen wurde,
handelte es sich einerseits um einen Wert der Exposition, der ein (ganzer) Körper ausgesetzt
wird. Andererseits handelte es sich beim Grenzwert von 10 mW/cm², der im Hinblick auf die
Mikrowellenleckstrahlung aus einem Mikrowellenkochgerät vorgeschlagen worden war, um
die Emission, da es um die lokalisierte Leistungsdichte im Abstand von 5 cm zum Gerät ging.
Da die Leistungsdichte von Mikrowellen im umgekehrten Verhältnis zum Abstand zu ihrer
Quelle steht, wird ein durchschnittlicher Nutzer, der meistens einen Abstand von 30 cm zum
Gerät hat, weniger bestrahlt als bei einer Leistungsdichte von 10 mW/cm². Zwar wurde der
Wert von 10 mW/cm² im oben genannten Vorschlag zur Mikrowellenleckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten vom ANSI C95.1-1966 übernommen. Aber es war nicht korrekt, in
dieser Art und Weise den Expositionswert einfach als Emissionswert zu übernehmen.167
Das BRH veröffentlichte schließlich am 6. Oktober 1970 den offiziellen Grenzwert
zur Leckstrahlung aus dem Mikrowellenkochgerät im Rahmen der „Radiation Control for
Health and Safety Act of 1968“, der sogar noch strenger als der oben genannte Vorschlag von
164 Crapuchettes 1969, S.138; Brown 1970; Steneck 1985, S.129; Osepchuk 1978a, S.14; Osepchuk 1984,
S.1214-1215.
165 Die Definition von Emission lautet im Original “emission: the localized power density near a typically
small source of diverging microwave radiation”. Siehe Osepchuk 1978a, S.14.
166 Die Definition von Exposition lautet im Original “exposition: the average power density to which the
body is exposed over some period of time”. Siehe Osepchuk 1978a, S.14.
167 Osepchuk 1978a, S.14 und Osepchuk 1984, S.1214-1215.
4. Von der Imitation zur Innovation 109
10 mW/cm² war.168 Bis zu dieser Veröffentlichung existierten in den USA zwei freiwillige
Standards zur Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten. Während es sich bei dem einen um
den freiwilligen AHAM-Industriestandard handelt169, handelt es sich bei dem anderen um den
Standard des Underwriters’ Laboratories (Abk. UL), ein Sicherheitsprüfungsorgan der
Versicherungsunternehmen in den USA.170 Beide Standards empfahlen als Grenzwert 10
mW/cm² bei einem Abstand von 5 cm vom Gerät. Allerdings formulierte der UL-Standard die
zusätzliche Bedingung, dass dieser Grenzwert nicht nur bei geschlossener Tür gelten solle,
sondern auch für diejenige Situation, in der die Tür in einer Stellung befestigt ist, in der das
Mikrowellenkochgerät eingeschaltet werden kann. Dieser UL-Standard stellte den de facto
Standard für japanische Exportgeräte dar, die in die USA gingen.
4.4.2 Einschränkung der Strahlenemission in Japan
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Japan zwei Behörden für die Nutzung der
elektromagnetischen Wellen zuständig. Das Ministerium für Internationalen Handel und
Industrie (Tsūshō sangyō-shō, Ministry of International Trade and Industry, Abk. MITI)171
war zuständig für Elektrizität, während das Postministerium (Yūsei-shō)172 für
Funkkommunikation zuständig war. Daher wurden die anstehenden Aufgaben zur Sicherheit
bei der Nutzung elektromagnetischer Wellen ebenfalls auf diese zwei Behörden verteilt.
Maßnahmen zur Sicherheit in Hinblick auf elektrische Schläge und Brandgefahren,
die durch Leckstrom verursacht werden können, gehörten zum Aufgabenbereich des MITI.
Direkt nach dem Krieg galt noch weiterhin eine altes Kontrollgesetz für elektrische Produkte
(Denki yōhin torishimari kisoku), das aus dem Jahr 1935 stammte und vom ehemaligen
Postministerium (Teishin-shō) erlassen worden war. Als jedoch in Japan Mitte der 1950er
Jahre die Verbreitung von Elektrogeräten begann, nahm die Anzahl von Schäden verursacht
durch elektrische Schläge oder Brände drastisch zu, da die bestehende Kontrollregelung aus
dem Jahr 1935 für die neuen Elektrogeräte völlig veraltet war. Als Verbesserungsmaßnahme
schlug das MITI ein neues Gesetz vor, das so genannte Kontrollgesetz für elektrische
Produkte (Denki yōhin torishimari-hō), das im August 1962 in Kraft trat.173 Im Mai 1968 gab
168 Details dazu siehe 5.1.
169 Siehe Maki 1970, S.74-75. In dieser Arbeit wird dieser Standard „AHAM-Standard“ genannt. Details
zu diesem Standard siehe Anhang 4.
170 Zu diesem Standard siehe Anhang 4. Das UL war und ist ein unabhängiges, gemeinnütziges Organ, das
Sicherheitstests durchführt und Zertifikationen ausstellt. In den USA ist der UL-Standard bekannt und
vertraut. Manche UL-Standards wurden sogar zum Standard eines Staats oder zum Standard des Pentagons.
Siehe Miyamoto 1988, S.46 und http://ul/com/about/index.html (Letzter Zugriff am 20. 06.2002).
171 Das MITI wurde bei einer Reorganisation im Jahr 2001 in Keizai sangyō-shō umbenannt (Ministry of
Economy, Trade and Industry, Abk. METI).
172 Das Postministerium ist seit der Reorganisation im Jahr 2001 ein Teil des Ministeriums für Inneres und
Telekommunikation (Sōmu-shō, Ministry of Internal Affairs and Communications).
173 Dies Gesetz wurde im Jahr 2001 nochmals geändert und heißt heute Sicherheitsgesetz für elektrische
4. Von der Imitation zur Innovation 110
es einige Änderungen an diesem Gesetz, die schließlich im November 1970 in Kraft traten.174
Im November 1968 wurde festgelegt, dass das Mikrowellenkochgerät unter dieses Gesetz fällt.
Bis zum Jahr 1995 war jeder Hersteller verpflichtet, für die Produktion eines neuen
Gerätetyps die Genehmigung der Regierung einzuholen.175
Bei der Nutzung elektromagnetischer Wellen können Störungen nicht nur durch
elektrische Schläge oder Brände entstehen. Zu diesen Störungen zählen auch die negativen
Einflüsse, die durch unbeabsichtigte und unerwünschte Abstrahlungen aus einem elektrischen
Gerät entstehen, sei es, dass diese Strahlungen ein anderes elektrisches Gerät interferieren
oder bzw. und Menschen beeinträchtigen.176 Zur Aufgabe des Postministeriums gehörte es,
Maßnahmen zu ergreifen, diese unerwünschten Abstrahlungen in den Griff zu bekommen.
Zuerst wurden Maßnahmen ergriffen, um Störungen oder Interferenzen der
Funkkommunikation zu unterbinden. Für diesen Zweck wurde je nach Anwendung ein
anderer Frequenzbereich zugeteilt. Das erste internationale Abkommen über die Zuteilung der
Frequenzbereiche wurde schon im Jahr 1865 abgeschlossen. Im Jahr 1947 wurde eine
internationale Konvention der Telekommunikation (International Telecommunication
Convention) in Atlantic City in den USA abgeschlossen. In diesem Rahmen wurde der
Frequenzbereich 2450 MHz, der für Mikrowellenkochgeräte verwendet wurde und wird, neu
als ISM-Frequenzbereich (Industrial, Scientific and Medical Frequencies) für industrielle,
wissenschaftliche und medizinische Nutzungen deklariert.177 Japan trat dieser Konvention im
Jahr 1949 bei. Anschließend wurde in Japan im Jahr 1950 im Rahmen des Rundfunkgesetzes
(Denpa-hō)178 und der Regel für Funkanlagen (Musen setsubi kisoku) der Grenzwert für
elektrische Feldstärke festgelegt, die im Umfeld einer Hochfrequenzanlage entsteht.179 Dieser
Grenzwert galt jedoch nicht für ISM-Frequenzbereiche.180 D.h. es existierte für diese
Produkte (Denki yōhin anzen-hō). Siehe http://www.jet.or.jp und http://www.nikkai.co.jp.
174 Shōmu jōhō seisaku-kyoku shōhi keizai-bu seihin anzen-ka; Shigen enerugii-chō genshiryoku anzen,
hoan-in denryoku anzen-ka (Hrsg.) 2002, S.1-4; Aoki, Tsutsui und Watanabe 1995, S.82-85.
175 Siehe GS Juni 1970, S.5 und 8 und http://www.jet.or.jp/consumer/pse/index4.html (Letzter Zugriff am
29.08.2002). Das bis 1995 gültige Gesetz unterschied zwei Klassen elektrischer Geräte. Zur Klasse Kō
gehörten all diejenigen Geräte, durch deren Nutzung Gefahren entstehen können. Für diese Geräte
benötigten die Hersteller eine Genehmigung von der Regierung. Keine Genehmigung benötigten die
Hersteller für die zweite Klasse Otsu, jedoch wurden sie verpflichtet, die Sicherheit dieser Geräte selbst zu
prüfen. Das Mikrowellenkochgerät wurde zuerst zur Klasse Kō gezählt, später im Jahr 1995 jedoch der
Klasse Otsu zugeschlagen.
176 Siehe Hasegawa, Sugiura, Okamura und Kuronuma 1991, S.5.
177 Denki tsūshin gakkai (Hrsg.) 1957, S.1970 und 2076-2087.
178 Im Jahr 1950 wurden insgesamt drei Gesetze bezüglich der Nutzung elektromagnetischer Wellen
verabschiedet. Diese Gesetze ermöglichten es, daß elektromagnetische Wellen, deren Nutzung bislang nur
auf militärische Zwecke begrenzt worden war, jetzt auch für nicht militärische Zwecke freigegeben wurden.
Darüber hinaus regelten diese Gesetze die Privatisierung von Rundfunk- bzw. Fernsehsendungen. Eines
dieser drei Gesetze ist das Rundfunkgesetz (Denpa-hō). Dieses Gesetz förderte die effiziente Nutzung der
elektromagnetischen Wellen und erlaubte jedem die Errichtung einer Funkstation. Dank dieser Gesetze
weitete sich die Nutzung elektromagnetischer Wellen qualitativ sowie quantitativ aus. Siehe Sōgō-kenkyū
kaihatsu-kikō 1983, S.358.
179 C.f. Regel für Funkanlagen § 65 (Musen setsubi kisoku dai-65-jō)
180 Siehe Yūsei-shō kokuji dai-257-gō (Bekanntmachung des Postministeriums Nr. 257). In den letzten
4. Von der Imitation zur Innovation 111
ISM-Frequenzbereiche in Japan keinerlei Beschränkung hinsichtlich der elektrischen
Feldstärke. Daher existierte zu Beginn auch keinerlei Einschränkung der
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten, weil die dabei verwendeten
Mikrowellen in einem dieser ISM-Frequenzbereiche liegen.181 Allerdings galt der zuletzt
genannte Grenzwert für die elektrische Feldstärke der harmonischen Oberwellen der
Mikrowelle182 , die bei der Erzeugung der Mikrowelle in einem Mikrowellenkochgerät
unerwünscht abgestrahlt wurden, da die harmonischen Oberwellen nicht zu diesen
ISM-Frequenzbreichen gehörten.183 Da dieser Grenzwert für die harmonischen Oberwellen in
Japan nicht sehr streng war, mussten die japanischen Hersteller bis Ende der 1960er Jahre
keine besondere Mühe aufwenden, um diese Wellen abzuschirmen. Allerdings war der
Grenzwert für diese unerwünschten Abstrahlungen in den USA strenger als in Japan. Daher
mussten japanische Hersteller für diejenigen Geräte, die für den Export in die USA gefertigt
wurden, spezielle Vorrichtungen zur Abschirmung harmonischer Oberwellen entwickeln, um
die amerikanischen Standards zu erfüllen.184
Ein Standard, der die Menschen vor nicht-ionisierenden Strahlungen schützt, wurde
erstmals im Jahr 1976 vom MITI eingeführt. Dieser Standard legte fest, dass die elektrische
Feldstärke unter einer Hochspannungsleitung in der Höhe von 1 m oberhalb der
Erdoberfläche 3 kV/m nicht überschreiten soll.185 Allerdings wurde in diesem Standard nicht
der Schutz der Menschen vor direkten elektromagnetischen Strahlungen vorgenommen,
sondern der Schutz der Menschen vor einem kleinen elektrischen Schlag, der durch
Berührung mit einem Stromleiter im dem elektrischen Feld entstehen kann, wie
beispielsweise in dem Fall, wenn man unter einer Hochspannungsleitung einen Regenschirm
aufgespannt hält.186 Eine Empfehlung zum Schutz der Menschen vor nicht-ionisierenden
Strahlungen, ähnlich wie diejenige, die im Rahmen des ANSI C95.1-1966 in den USA im Jahr
1966 im Hinblick auf die Exposition an Arbeitsplätzen formuliert worden war, wurde in Japan
erst im Jahr 1990 als Empfehlung 1
87 der beratenden Kommission für
Telekommunikationstechnologie des Postministeriums (Yūsei-shō denki tsūshin gijutsu
Jahren wurde allerdings der Frequenzbereich von 2450 MHz auch für Telekommunikationstechniken wie
WLAN und Bluethooth genutzt. Interferenzen zwischen diesen Techniken einerseits und einem
Mikrowellenkochgerät anderseits wurden beobachtet. Cf. Interview mit Noda (Toshiba) im Mai 2002 und
Interview mit Omi und Nakano (JEMA) im Mai 2002.
181 Shibata 1994, S.10-11 und Hata 1994, S.44. Allerdings waren Besitzer eines Mikrowellenkochgeräts
damals verpflichtet, einen Antrag zur Nutzung von Hochfrequenzwellen bei einem Büro im
Postministerium einzureichen, das zur Kontrolle elektromagnetischer Wellen eingerichtet worden war.
Auch siehe Sasaki und Kase 1971, S.289.
182 Die harmonischen Oberwellen sind ein Vielfaches von 2450 MHz, z.B. 4900 MHz.
183 Shibata 1987a, S.50-51.
184 Toshiba 1975, S.565-566.
185 Siehe Ministerialerlass des MITI „Tsūshō sangyō shōrei dai-52-gō, dai-27-jō, Denki shisetsu kijun“.
186 Taki 2005, S.325.
187 Der Titel dieser Empfehlung lautet „Empfehlung zum Schutz menschlicher Körper bei der Nutzung
elektromagnetischer Wellen (Denpa riyō ni okeru jintai no bōgo shishin).“
4. Von der Imitation zur Innovation 112
shingi-kai)188 ausgesprochen. 189 Allerdings hatte diese Empfehlung keinen
rechtsverbindlichen Charakter.
In Japan wurden Einzelmaßnahmen für bestimmte Geräte jeweils in dem Moment
ergriffen, als ionisierende bzw. nicht-ionisierende Strahlungen aus bestimmten elektrischen
Geräten – wie Farbfernseher und Mikrowellenkochgerät190 – austraten und darüber in der
Öffentlichkeit eine Debatte entstand. Jedoch trat in Japan ein allgemeines Gesetz wie das
amerikanische „Radiation Control for Health and Safety Act of 1968 (P.L.90-602)“ nicht in
Kraft.
4.4.3 Einführung der JEM-Norm
Unter den Herstellern wuchs bereits im Jahr 1966 der Wunsch nach Normierung im Hinblick
auf das Mikrowellenkochgerät. Daraufhin führte im Februar 1969 der Japanische
Herstellerverein der Elektrogeräte (Nihon denki kōgyō-kai, Japan Electrical Manufacturers’
Association, Abk. JEMA) eine Norm für das Mikrowellenkochgerät ein. Diese so genannte
JEM-Norm orientierte sich sowohl an einer Regelung der amerikanischen
Bundeskommunikationskommission (Federal Communications Commission, Abk. FCC)191,
als auch an der Norm vom USASI, an firmeninternen Normen einheimischer Hersteller sowie
an eigenen Testergebnissen. Innerhalb dieser Norm wurde auch der Grenzwert der
Leckstrahlung festgelegt.192
Im Hinblick auf die Leckstrahlung regelte die JEM-Norm sowohl die Struktur des
Mikrowellenkochgeräts als auch die Testmethode. Gemäß dieser Norm muss das
Mikrowellenkochgerät eine Struktur aufweisen, die die schädliche Leckstrahlung abschirmt.
Darüber hinaus muss die Tür über einen Mechanismus verfügen, der bei Öffnung der Tür auf
jeden Fall die Mikrowellenerzeugung unterbricht.193 Durch das vorgegebene Testverfahren ist
zu prüfen, ob die Leistungsdichte der Leckstrahlung an der Oberfläche des
Mikrowellenkochgeräts überall unter 10 mW/cm² beträgt.194 Der Wert „10 mW/cm²“ wurde
einfach als Grenzwert vom ANSI-Standard bzw. vom UL-Standard übernommen.195 Die
JEMA führte keine eigenen Untersuchungen durch, um diesen Grenzwert selbst zu
188 Dies entspricht dem heutigen Telekommunikationsrat (Jōhō tsūshin shingikai, Telecommunications
Council) des Ministeriums für Inneres und Telekommunikation.
189 Yamada 1994, S.30 und Hasegawa, Sugiura, Okamura und Kuronuma 1991, S.186.
190 Für den Fall der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten siehe Kapitel 5.
191 Die FCC-Regelung bezog sich auf die Frequenz, regelte aber nicht die Leckstrahlung. Siehe CR April
1973, S.225.
192 Nihon denki kōgyō-kai (JEMA) 1969, S.13. Zur JEM-Norm siehe Anhang 4.
193 Nihon denki kōgyō-kai (JEMA) 1969, S.4.
194 Nihon denki kōgyō-kai (JEMA) 1969, S.7.
195 Nihon denki kōgyō-kai (JEMA) 1969, S.14.
4. Von der Imitation zur Innovation 113
bestimmen.196 Da es sich jedoch bei der JEM-Norm um eine freiwillige Indsutrienorm
handelte, hatte dieser Grenzwert keinerlei rechtsverbindlichen Charakter.
196 Interview mit Omi und Nakano (JEMA) im Mai 2002.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 114
5 Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970)
Die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts in Japan, die in der Mitte der 1960er Jahre
begann, nahm im Jahr 1970 drastisch ab. Die Ursache für diese Abnahme, die so genannte
Leckstrahlungskrise, bestand darin, dass zunächst in den USA und anschließend auch in Japan
festgestellt wurde, dass Mikrowellen aus Mikrowellenkochgeräten austraten bzw. das
Kochgerät 'leckte'.
5.1 Entdeckung der Leckstrahlung in den USA
Während sich das BRH mit dem konkreten Standard für Leckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten im Rahmen des Radiation Control for Health and Safety Act of 1968
auseinandersetzte, führten verschiedene Institutionen in den USA Messungen der
Leckstrahlungen durch, die aus Mikrowellenkochgeräten austraten. Diese Institutionen
entdeckten mehrere Geräte, bei denen die Leckstrahlung den AHAM-Standard überschritt.1
Diese Entdeckungen veranlassten das HEW, eine Stichprobe durchzuführen. Das HEW
veröffentlichte das Ergebnis der Stichprobe am 5. Januar 1970, dass bei einem Drittel der
Geräte die Leckstrahlung den AHAM-Standard überschritt.2
Die Tatsache, dass damals keine Meldungen über Gesundheitsschäden durch
Leckstrahlung existierten, bedeutete laut HEW-Minister Robert H. Finch noch lange nicht,
dass alle potentiellen Gesundheitsschäden durch Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten
ausgeschlossen werden könnten, da diese Geräte gerade erst auf den Markt gekommen waren.
Vor dem Hintergrund dieser Warnung empfahl das HEW den Verbrauchern in den USA,
folgende provisorische Maßnahmen durchzuführen: Während das Mikrowellenkochgerät
eingeschaltet ist, solle man erstens einen Mindestabstand von einer Arm-Länge von dem
Gerät halten. Zweitens soll man die Tür erst öffnen, nachdem das Gerät ausgeschaltet ist.
Drittens soll man Kinder darauf hinweisen, nicht bei eingeschaltetem Gerät durch das Fenster
in den Garraum hineinzuschauen. Der HEW-Minister diskutierte u.a. mit den Herstellern und
Beamten des Ministeriums über weitere Maßnahmen und vereinbarte mit ihnen, dass die
Hersteller diejenigen Mikrowellenkochgeräte reparieren sollen, deren Leckstrahlung den
AHAM-Standard überschreitet.3
Die Tatsache, dass die Leckstrahlung aus manchen Mikrowellenkochgeräten den
AHAM-Standard überschritt, setzten viele Menschen irrtümlicherweise damit gleich, dass
1 Die Mikrowellenkochgeräte, bei denen die austretende Leckstrahlung den AHAM-Standard überschritt,
wurden u.a. im Heer, in der Stadtverwaltung von New York und in der Washington Universität zu Seattle
gefunden. Siehe NYT May 24, 1969, S.33; Steneck 1985, S.128; Breysse 1969.
2 NYT January 5, 1970, S.26; Baker 1970.
3 NYT January 5, 1970, S.26; Baker 1970; Osepchuk 1984, S.1215.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 115
man einer – den ANSI-Standard (ANSI C95.1-1966) überschreitenden – starken Mikrowelle
ausgesetzt wäre. Dieser Irrtum ist darauf zurückzuführen, dass beide Standards durch die Zahl
10 mW/cm² definiert wurden. Während jedoch der AHAM-Standard die Emission (emission)
regelt, regelt der ANSI-Standard die Exposition (exposure). Wenn man beispielsweise einer
Mikrowellenemission ausgesetzt wird, die den AHAM-Standard überschreitet, bedeutet das
nicht automatisch, dass man einer Mikrowellenexposition ausgesetzt wird, die auch den
ANSI-Standard (ANSI C95.1-1966) überschreitet. Da dieser Unterschied nicht gesehen wurde,
entstand der genannte Irrtum, der die Menschen vorsichtig werden ließ.4
5.1.1 HEW-Standard in Kraft
Das HEW machte seine provisorische Regel am 20. Februar 1970 bekannt: Sowohl bei
geschlossener Tür als auch bei der in einer Stellung befestigten Tür, bei der das
Mikrowellenkochgerät eingeschaltet werden konnte, darf die Leistungsdichte der
Mikrowellenleckstrahlung im Abstand von 5 cm vom Gerät 10 mW/cm² nicht überschreiten.
Jedoch änderte das HEW im April 1970 sein Vorhaben und beabsichtigte, einen vorsorglichen,
vorsichtigeren Wert zu nehmen. Laut Proposed Rule Making, die das HEW am 22. Mai 1970
bekannt machte, wurde die maximale Leistungsdichte als 5 mW/cm² im Abstand von 5 cm
vom Gerät definiert. Die Leckstrahlung eines fabrikneuen Geräts musste sogar bei
geschlossener Tür unter 1 mW/cm² sein. Dieser HEW-Standard war sehr präventiv, so dass
beispielsweise ein Arzt damit argumentierte, dass dieser Standard einen hohen
Sicherheitsfaktor von über 10.000 hat, während der ANSI-Standard (ANSI C95.1-1966) bloß
einen Sicherheitsfaktor von 10 aufweist.5 Das HEW änderte diese Proposed Rule Making ein
wenig ab und erließ sie am 6. Oktober als Regulations for the administration and enforcement
of the radiation control for health and safety act of 1968.6 Dieser HEW-Standard war für die
Importgeräte ab 1. Januar 1971 und für die einheimischen, d.h. amerikanischen Produkte, ab 6.
Oktober 1971 gültig. Entsprechend wurde auch der UL-Standard geändert und ab 6. Oktober
1971 gültig.7
Gemäß heutiger Begriffskategorie lässt sich der HEW-Standard als Vorsorgewert
4 Osepchuk 1978a, S.14; Osepchuk 1984, S.1215.
5 Je höher der Sicherheitsfaktor ist, desto mehr Schutz bedeutet dies für Menschen vor einem
Gesundheitsschaden, in diesem Fall der Schaden durch die Verbrennung durch Mikrowellen. Insofern stellt
der hohe Sicherheitsfaktor des HEW-Standards einen guten Schutz für Menschen vor Verbrennung dar, aber
nicht vor anderen möglichen Gesundheitsschäden wie dauerhafte Kopfschmerzen oder
Müdigkeitserscheinungen. Zum Sicherheitsfaktor siehe Anhang 3. Zur detaillierten Argumentation des
Arztes siehe AMA Committee on Occupational Toxiology 1971.
6 Federal Register 35 (100), May 22, 1970, S.7901-2. Inhalt des Erlasses siehe Anhang 4.
7 Toshiba 1975, S.561 u. 567; Federal Register 35 (194), October 6, 1970, S.15642-3; Osepchuk 1984,
S.1215; CR April 1973, S.221; U.S. Department of Health, Education, and Welfare, Public Health Service,
Food and Drug Administration, Bureau of Radiological Health 1971; Horn 1972.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 116
einstufen – also ein Wert, der dem Vorsorgeprinzip8 Folge leistet. Obwohl es damals keine
offiziellen Meldungen über gesundheitliche Schäden durch Mikrowellenleckstrahlung gab,
führte das HEW viel vorsorglichere Werte ein als diejenigen, die die Industrie ursprünglich
beabsichtigt hatte. Der rechtliche HEW-Standard funktionierte als eine wirksame
Strahlenschutzmaßnahme, so dass die Mikrowellenkochgeräte auf dem Markt fünf Jahre nach
dem Inkrafttreten des HEW-Standards viel weniger Leckstrahlung aufwiesen als die Geräte
vor dem Jahr 1971. Dieser Standard für Leckstrahlung ist heute noch gültig. Es gibt heute
noch keine offiziell bestätigte Meldung eines Gesundheitsschadens, der durch die
Leckstrahlung aus einem Mikrowellenkochgerät verursacht wurde.9 Zusammenfassend lässt
sich sagen, dass der HEW-Standard eine Vorbeugungsmaßnahme darstellte, die Verbraucher
vor erheblichen Gesundheitsschäden10 durch Mikrowellenleckstrahlung zu schützen.11
5.2 Leckstrahlungskrise in Japan
Auch in Japan wurde über die Warnung des HEW im Januar 1970 vor Leckstrahlungen aus
Mikrowellenkochgeräten berichtet. Aus diesem Anlass wurde auch in Japan eine
Untersuchung über Mikrowellenkochgeräte durchgeführt und dabei wurden auch Geräte
gefunden, aus denen unter bestimmten Umständen Leckstrahlung austrat. Daraufhin nahmen
die Verbraucher in Japan Abstand vom Kauf von Mikrowellenkochgeräten, was dazu führte,
dass die Produktion bei japanischen Herstellern fast zum Erliegen kam. Diese
Produktionskrise nannten die japanischen Hersteller später Leckstrahlungskrise
(Denpa-shokku).12
5.2.1 Erste Berichterstattung
Etwa zwei Wochen nach der Warnung des HEW, am 17 Januar 1970, erschien der erste
japanische Pressebericht über die Leckstrahlung aus amerikanischen Mikrowellenkochgeräten.
Dieser Pressebericht erschien in der Industriellen Tageszeitung (Nikkan Kogyō Shinbun, Abk.
NKS), doch gab er die Warnung des HEW nicht korrekt wieder: Zum einen sprach die NKS
von der Leckstrahlung, die einen Personenschutzgrenzwert überschritt, obwohl das HEW die
8 Zum Vorsorgeprinzip siehe Anhang 3.
9 In den 1970er Jahren wurde die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten als Ursache für den grauen
Star verdächtigt. Dieser Verdacht wurde jedoch nicht vollkommen bewiesen. Details siehe 6.2.6.
10 Die Existenz nicht-erheblicher Gesundheitsschäden wie Kopfschmerzen durch
Mikrowellenleckstrahlung kann man nicht ausschließen.
11 Osepchuk 1978a, S.22.
12 NKS 4. März 1970; NKS 3. November 1970; E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 25. August
2002; Maejima u. Saitō 1996, S.14.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 117
Leckstrahlung thematisiert hatte, die den AHAM-Standard, eine freiwillige Vereinbarung der
Hersteller von Mikrowellenkochgeräten, überschritt. Zum anderen berichtete die NKS von
Röntgenleckstrahlen aus Mikrowellenkochgeräten, doch die Warnung des HEW hatte
keineswegs von Röntgenstrahlung gesprochen. Diese irreführende Sprechweise von
Röntgenstrahlen trat infolge eines Übersetzungsfehlers des englischen Wortes „radiation“ auf.
Das englische Wort „radiation“, das im Deutschen dem Wort „Strahlen“ entspricht,
bezeichnet sowohl ionisierende Strahlen wie Röntgenstrahlen als auch nicht-ionisierende
Strahlen wie Mikrowellen oder Radiowellen. Als das HEW in seiner Warnung das Wort
radiation“ verwendete, bezog es sich damit ausschließlich auf Mikrowellen und nicht auf
Röntgenstrahlen. Die direkte Übersetzung des Wortes „radiation“ lautet auf Japanisch
hōsha-sen, das jedoch meistens für ionisierende Strahlen wie Röntgenstrahlen benutzt wird.
So kam es zu dem irreführenden Bericht des NKS. Ein Mikrowellenkochgerät strahlt – soweit
man messen konnte – in der Tat keine Röntgenstrahlen aus.13
Die JEMA machte sofort auf den irreführenden Bericht des NKS aufmerksam. Am
gleichen Tag machte die JEMA deutlich, dass Mikrowellen erstens keine ionisierende Strahlen
sind, und dass zweitens Mikrowellenkochgeräte keine Röntgenstrahlen ausstrahlen und dass
drittens japanische Mikrowellenkochgeräte im Unterschied zu amerikanischen sicher seien.
Die JEMA war in erster Linie eifrig darum bemüht, den irreführenden Bericht über
„Röntgenstrahlen aus Mikrowellenkochgeräten“ zu widerlegen und dadurch die Ängste der
Verbraucher zu minimieren, da Japaner auf Worte wie „Röntgenstrahlen“ oder
„Radioaktivität“ besonders sensibel reagierten. Seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima
und Nagasaki litten viele Atombombenopfer unter den Folgekrankheiten. Als der
amerikanische Wasserstoffbombenversuch auf dem Bikini Atoll im Südpazifik im Jahr 1954
den Tod eines japanischen Fischers verursachte und damit auch Thunfisch als wichtiges
Lebensmittel in Japan radioaktiv kontaminierte, wurde die Anti-Nuklearwaffenbewegung in
Japan aktiv. Als auch über die Röntgenleckstrahlung aus amerikanischen Farbfernsehern im
Jahr 1967 in Japan berichtet wurde, sank schlagartig die Nachfrage nach Farbfernsehgeräten
in Japan. Nun wollte die JEMA eine ähnliche negative Auswirkung auf japanische
Mikrowellenkochgeräte vermeiden. Zusätzlich behauptete die JEMA, dass die Leckstrahlung
ausschließlich aus amerikanischen Geräten ausgetreten sei.14
Diese Berichterstattung macht das Bemühen der JEMA deutlich, die
Inlandsnachfrage zu stabilisieren. Gleichzeitig zielte die JEMA in ihrem Bemühen auf den
Export. Damals war für die japanische Industrie der Export besonders wichtig, da der
Inlandmarkt nicht groß war.15 Die JEMA erwartete künftig hohe Exportraten insbesondere für
13 Baker 1970; E-Mail von Koizumi (Firma Hitachi) vom 5. Februar 2003; Thomsen u. Gumlich 1998,
S.255; NKS 17. Januar 1970.
14 NKS 17. Januar 1970; NKS 18. Januar 1970; DS 19 Januar 1970; Sangiin 24. Mai 1967.
15 Moritani 1996, S.90.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 118
Mikrowellenkochgeräte.16 Um die japanischen Mikrowellenkochgeräte dem zukünftigen
Standard in den USA und in Europa schnell anzupassen, richtete die JEMA einen neuen
Mikrowellenausschuss ein.17
5.2.2 Untersuchungsergebnis des MITI
Nach der Berichterstattung des NKS am 17. Januar veränderte sich das Verhalten der
Verbraucher kaum. Als jedoch das MITI bekannt gab, dass bei ca. 60% der japanischen
Gerätetypen eine „momentane Leckstrahlung“ auftritt, sank die Nachfrage für
Mikrowellenkochgeräte in Japan schlagartig.18
Bereits vor der Warnung des HEW hatte das MITI früher oder später beabsichtigt,
einen technischen Standard einzuführen. Gleich nach der Warnung des HEW im Januar 1970
führte das MITI eine Untersuchung über japanische Mikrowellenkochgeräte unter
Mitwirkung des Japanischen Prüfungsinstituts für Maschinen und Metall (Nihon kikai kinzoku
kensa kyōkai, Japan Machinery and Metals Inspection Institute, Abk. JMI) 19 durch.20
Die Untersuchung des MITI basierte auf dem UL-Standard, der einen de facto
Standard auf dem amerikanischen Markt darstellte. Nach dem UL-Standard soll sowohl bei
geschlossener Tür als auch bei der in einer Stellung befestigten Tür, bei der ein
Mikrowellenkochgerät eingeschaltet werden kann, die Leistungsdichte der
Mikrowellenleckstrahlung im Abstand von 5 cm vom Gerät unter 10 mW/cm² sein. Die
Zuständigen der Abteilung gemeinnütziger Unternehmen (Kōeki-jigyō-kyoku, Abk. KJK) des
MITI besuchten neun Hersteller in Japan und führten 53 Stichproben bei 22 Gerätetypen
durch. Bei geschlossener Tür betrug die Leckstrahlung aus allen Geräten unter 10 mW/cm².
Wenn jedoch eine Eisenplatte, ein Essstäbchen oder eine Pappe zwischen Tür und
Türdichtung eingeklemmt wurde, trat eine Leckstrahlung von über 10 mW/cm² aus etwa 60%
der Stichprobengeräte aus.21
Die KJK/MITI stellte ihr Ergebnis in einem Presseinterview am 20. Februar 197022
dar, dass in 32 Fällen von 53 Stichproben eine „momentane Leckstrahlung“ über 10 mW/cm²
16 Um ca. 1970 wiesen kleine elektrische Haushaltsgeräte eine höhere Exportrate als Größere auf. Zum
Beispiel betrug die Exportrate kleiner, elektrischer Ventilatoren 35 %, der Saftmaschine 26 %, der Toaster
25 %. Dagegen betrug die Exportrate großer Kühlschränke 7 % und von Waschmaschinen 5 %. Siehe DS
19. Januar 1970, S.1.
17 NKS 4. Februar 1970.
18 AS 21. Februar 1970.
19 Das heutige Nihon hinshitsu hoshō kikō, Japan Quality Assurance Organization: JQA.
20 AS 27. Februar 1970; NKS 23. Februar 1970.
21 GS Juni 1970, S.7; NKS 23. Februar 1970; AS 21. Februar 1970; Maki (1970), S.75.
22 Am desselben Tag machte das HEW seine provisorische Regel bekannt. Es kann durchaus sein, dass die
KJK/MITI bereits vorher die Information über die Bekanntmachung durch das HEW erhalten hatte und
absichtlich am gleichen Tag wie das HEW ihr Ergebnis bekannt machte, um damit eine größere Wirkung zu
erzielen.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 119
ausgetreten war, wenn man während des Betriebs des Geräts die Tür öffnete.23 Diese
Darstellung ist jedoch nicht korrekt. Die KJK/MITI hatte während ihrer Untersuchung nie
eine „momentane Leckstrahlung“ gemessen. Im Grunde genommen war die Messung einer
„momentanen Leckstrahlung“ mit einem damaligen Messgerät nicht möglich (Abbildung
32).24 Die Messungen, die die KJK/MITI mit einer Eisenplatte oder Pappe durchgeführt hatte,
war in den USA für den Fall gedacht, dass ein Mikrowellenkochgerät aus Versehen
eingeschaltet werden würde, während noch ein Küchenpapier oder ein kleiner
Lebensmittelrest zwischen Tür und Türdichtung klemmte.25 Durch diese Art von Messung
lässt sich aber keine momentane Leckstrahlung messen.
Die KJK/MITI erklärte im Presseinterview, dass der Einfluss der „momentanen
Leckstrahlung“ auf den Menschen noch nicht geklärt sei und dass das Mikrowellenkochgerät
sicher sei, wenn man es richtig handhabt. Die KJK/MITI wies die Verbraucher darauf hin, ein
Mikrowellenkochgerät auszuschalten, bevor man die Tür öffnet. Gleichzeitig wies sie die
Hersteller darauf hin, diesen Hinweis für die Verbraucher direkt an das Mikrowellenkochgerät
aufzukleben und eine neue Türkonstruktion zu entwickeln, die die Leckstahlung abschirmt.
Ferner machte sie ihre Absicht deutlich, im Rahmen des Kontrollgesetzes für Elektrische
Produkte (Denki yōhin torishimari-hō) einen Standard zur Leckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten einzurichten.26
Abbildung 32 Damalige Neuheit: das Gerät zur Messung von Mikrowellenleckstrahlung
der Firma Narda im Jahr 1970 (Titelseite der Zeitschrift Journal of Microwave Power 5 (3),
1970).
23 AS 21. Februar 1970.
24 Die meisten der damaligen Mikrowellenmessgeräte maßen die von der Mikrowelle produzierte Hitze,
und rechneten diesen Messwert in die Leistungsdichte um. Die Firma Tōshiba verwendete für die
Mikrowellenmessung ein primitives Messgerät, das microlight genannt wurde, in dem sich eine Neonröhre
bzw. eine Leuchtröhre befand. Mit diesem Gerät konnte man aber nur die dauernde Leckstrahlung messen.
Selbst mit dem damaligen neuesten Messgerät der amerikanischen Firma Narda konnte man die
momentane Leckstrahlung von Beginn der Türöffnung bis zum Ausschalten des Gerätes nicht messen.
Siehe Toshiba 1975,S.566; E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002; Denki yōhin
anzen kenkyū chōsa iinkai 1973, S. 495; Shūgiin 16. März 1970, 11/45; Crapuchettes 1969, S.140; GS Juni
1970, S.8.
25 E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 12. März 2003.
26 AS 21. Februar 1970.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 120
Im Presseinterview verlangten Journalisten von der KJK/MITI Klarheit darüber,
welche Gerätetypen von welchen Herstellern eine wie hohe Leckstrahlung hatten. Dies jedoch
lehnte die KJK/MITI ab. Die KJK/MITI begründete diese Ablehnung damit, dass die
Verlautbarung der Typ- und Herstellernamen den Umsatz der Mikrowellenkochgeräte
reduzieren könnte. Die KJK/MITI erläuterte, dass sie allein aufgrund des Verdachts möglicher
Gesundheitsschäden die Hersteller nicht bestrafen könne. Am nächsten Tag berichteten die
meisten Tageszeitungen darüber und kritisierten das MITI als industrienah und
verbraucherfeindlich.27 Auch andere Medien und Verbrauchersorganisationen kritisierten das
MITI scharf und verlangten von ihm, Details des Untersuchungsergebnisses bekannt zu
machen und die Hersteller darauf hinzuweisen, die betroffenen Geräte zurückzuziehen.
Darüber wurde auch in mehreren Parlamentssitzungen diskutiert.28
Trotz aller Kritiken lehnte die KJK/MITI weiter alle Forderungen ab. Der Grund
dafür war erstens, dass die KJK/MITI die Mikrowellenkochgeräte mit einer „momentanen
Leckstrahlung“ für nicht so gefährlich hielt. Die KJK/MITI zählte die Mikrowellenkochgeräte
mit „momentaner Leckstrahlung“ nicht zur Kategorie mangelhafter Produkte. Es war und ist
üblich, dass Hersteller ihre verkauften Produkte – soweit sie keine mangelhaften Produkte
sind – weder zurückziehen noch kostenlos reparieren müssen. Deshalb sah die KJK/MITI
keinen Handlungsbedarf, die Mikrowellenkochgeräte mit „momentaner Leckstrahlung“ vom
Markt zurückziehen zu lassen.29 Zweitens bestand das ursprüngliche Ziel der Untersuchung
der KJK/MITI darin, das technische Niveau der japanischen Geräte zu begreifen und die
Einrichtung eines technischen Standards vorzubereiten. Diese Untersuchung basierte weder
auf einem Gesetz noch auf einer Verordnung. Die „momentane Leckstrahlung“ wurde zwar
durch diese Untersuchung entdeckt, jedoch stellte dieses Phänomen keinerlei
Gesetzesübertretung dar und verstieß auch nicht gegen irgendeinen Standard. Zwar konnte das
MITI je nach Situation eine behördliche Verfügung (gyōsei shidō) erlassen, um die rechtlich
nicht geregelten Sachverhalte zu verbieten. Jedoch hielt die KJK/MITI einen solchen Erlass
nicht für nötig. 30 Drittens beabsichtigte die KJK/MITI mit dem Presseinterview, die
Verbraucher darauf hinzuweisen, ein Mikrowellenkochgerät genau gemäß
27 Eine Ausnahme war die NKS. Die NKS berichtete mit der Schlagzeile „japanische
Mikrowellenkochgeräte sind sicher“, dass japanische Geräte bei normaler Handhabung gar kein Problem
darstellen. In Bezug auf die „momentane Leckstrahlung“ erwähnte die NKS, dass das MITI alle
erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen treffen werde. Siehe NKS 21. Februar 1970.
28 AS 21. Februar 1970; SR 27, S.1; Shūgiin 26. Februar 1970, 12/14-14/14.
Bei folgenden Parlamentssitzungen wurde die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten thematisiert:
Unterhaus : beim zweiten Treffen des Etatausschusses am 21. Februar 1970
Unterhaus : beim vierten Treffen des Sonderausschusses für Preisprobleme am 26. Februar 1970
Unterhaus: beim sechsten Treffen des Sonderausschusses für Preisprobleme am 11. März 1970
Unterhaus: beim dritten Treffen des vierten Unterausschusses des Etatausschusses am 16. März 1970
Unterhaus: beim achten Treffen des Sonderausschusses für Preisprobleme am 1.April 1970
Unterhaus: beim elften Treffen des Sonderausschusses für Preisproblem am 23. April 1970
29 E-Mail von Rikukawa (NCAC) vom 14. Februar 2003; Shūgiin 26. Februar 1970, 13/14-14/14.
30 Shūgiin 26. Februar 1970, 12/14-13/14.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 121
Gebrauchsanweisung zu bedienen. Zwar treten unter Umständen Leckstrahlungen aus
manchen Mikrowellenkochgeräten aus. Aber wenn man vor der Türöffnung das Gerät
ausschaltete – wie es in der Gebrauchsanweisung stand –, würde dieses Problem nicht mehr
existieren. Wenn die Hersteller diesen Hinweis direkt an das Sichtfenster des Geräts aufkleben
würden, wären die Verbraucher aus Sicht der KJK/MITI hinreichend geschützt.31
Zweierlei Kritiken wurden gegen diesen Umgang des MITI geäußert: Zum einen
handelte es sich um die Annahme der KJK/MITI, dass die mögliche Gefahr der Leckstrahlung
aus Mikrowellenkochgeräten dadurch vermieden werden könne, wenn die Hersteller den
Hinweis direkt an das Sichtfenster des Gerätes aufkleben würden. Der sozialdemokratische
Abgeordnete Matsuura Toshinao stellte im Sonderausschuss für Preisprobleme des
Unterhauses (Shūgiin bukka mondai tokubetsu iinkai) im Februar 1970 die Frage an das MITI,
welche Maßnahmen das MITI gedenkt gegenüber Kindern zu ergreifen, die meistens
neugierig auf ein neues Gerät sind und den Hinweis nicht lesen können. Darauf antwortete der
Unterabteilungsleiter Ishii von der KJK/MITI, dass Mütter ihre Kinder auf die Gefahr
hinweisen sollen. Daraufhin konterte der Abgeordnete Matsuura: „Menschen sind keine
Versuchstiere“ und gab zu bedenken, dass „die Gefahr ausgeschlossen werden muss, auch
wenn sie wissenschaftlich und technisch unwahrscheinlich ist“.32 Zur Vorbeugung von
Unfällen, die durch Verbrauchsgüter verursacht werden, sollten nicht die Mütter verpflichtet
werden, die selbst Verbraucher sind, sondern die Verwaltungsbehörden, die Industrie und die
Hersteller. Die KJK/MITI sollte lieber eine Maßnahme zum Schutz der Kinder ergreifen, statt
den Müttern die Verantwortung in die Schuhe zu schieben. Insofern erfüllte die KJK/MITI
ihre Verpflichtung für den Verbraucherschutz nicht. Zum anderen zielte eine zweite Kritik auf
das Prinzip des MITI, dass „die Verdächtigen nicht bestraft werden“. Der von der Regierung
unabhängige japanische Verbraucherverein (Nihon shōhisha renmei, Consumer Union of
Japan, Abk. CUJ)33 betonte, dass das Prinzip „die Verdächtigen werden bestraft“ in Bezug auf
die Gesundheit des Menschen angemessen sei. Auch die von der Regierung unabhängige
Hausfrauenunion (Shufu rengō-kai) äußerte ihre Meinung, dass die Mikrowellenkochgeräte
mit „momentaner Leckstrahlung“ zurückgezogen werden sollten, solange diese Geräte je nach
Handhabung gefährlich sein könnten.34
Obwohl die KJK/MITI weiter ablehnte, die Details ihrer Untersuchungsergebnisse
bekannt zu geben, lernten die Verbraucher durch die Mainichi-Zeitung und den Japanischen
Verbraucherverband (Nihon shōhisha kyōkai, Japan Consumers’ Association, Abk. JCA),
welche Geräte von welchen Herstellern eine „momentane Leckstrahlung“ aufwiesen.35
31 Shūgiin 26. Februar 1970, 12/14.
32 Shūgiin 26. Februar 1970; 12/14-14/14; SR 29, S.3; SR 32, S.3-4.
33 Manche japanischen Verbraucherorganisationen sind Stiftungen einer Behörde und daher nicht
unabhängig. Siehe 5.3.2.
34 SR 27, S.1; AS 21. Februar 1970.
35 Shūgiin 11. März 1970, 11/13; Shūgiin 16. März 1970, 11/45; GS Juni 1970. Zur Veröffentlichung der
JCA siehe 5.3.2.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 122
5.2.3 Schwerer Schlag für die Hersteller
Während das MITI in der Öffentlichkeit als zu industrienah kritisiert wurde, waren die
Hersteller über das Presseinterview des MITI verärgert, das die gerade begonnene Verbreitung
der Mikrowellenkochgeräte massiv beeinträchtigte.
Unmittelbar nach dem Presseinterview kritisierten die Hersteller das MITI, dass es
sein Untersuchungsergebnis auf irreführende Weise verlautbart hatte. Das KJK/MITI hatte
Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten bei mit einer Pappe befestigter Tür entdeckt und
bezeichnete diese Strahlung als „momentane Leckstrahlung“. Der Ausdruck, „momentane
Leckstrahlung“ vermittelte laut Sichtweise der Hersteller den Eindruck, als ob bei jeder
Türöffnung ein Mikrowellenkochgerät lecken würde. Darüber hinaus behaupteten die
Hersteller, dass japanische Mikrowellenkochgeräte sicher seien – was folgende Kommentare
aus einem Zeitungsbericht verdeutlichen: „Im normalen Gebrauchszustand tritt keine
Mikrowelle aus, selbst wenn man bei laufendem Betrieb des Geräts die Tür öffnet“, „Das
Mikrowellenkochgerät wird automatisch ausgeschaltet, sobald die Tür 3 mm geöffnet ist.
Zusätzlich verhindert ein an der Türdichtung installiertes Brett mit Federn die Leckstrahlung,
selbst wenn man bei laufendem Betrieb die Tür öffnet“ und „Gemäß japanischen Standards
beträgt der Grenzwert 0,3 mW/cm² und ist damit im Vergleich zum amerikanischen
Grenzwert von 10 mW/cm² schärfer. Also sind die japanischen Produkte sicherer“.36
Die Kritik der Hersteller am MITI war durchaus berechtigt. Tatsächlich war die
Redeweise der KJK/MITI von der „momentanen Leckstrahlung“ inkorrekt, weil sie – wie
oben beschrieben – die momentane Leckstrahlung nie gemessen hatte. Doch auch die
Behauptungen der Hersteller waren inkorrekt. Denn erstens existierte streng genommen kein
Mikrowellenkochgerät ohne Leckstrahlung. Selbst aus heutigen Mikrowellenkochgeräten tritt
eine geringe Leckstrahlung aus. Zweitens funktionierten die meisten Türen damals mit einem
so genannten Metall-Kontakt-Mechanismus. Die Öffnung bzw. Schließung der Tür bewirkt
eine Bewegung einer 10 mm langen Nadel, die an der Tür befestigt ist und den Schalter am
Gehäuse ein- und ausschaltet. Dadurch wurde ein Mikrowellenkochgerät beim Öffnen der Tür
ausgeschaltet. Falls die Nadel jedoch nicht richtig positioniert ist, wird ein
Mikrowellenkochgerät entweder erst ausgeschaltet, wenn die Tür weit geöffnet wird, oder
aber ein Mikrowellenkochgerät lässt sich überhaupt nicht starten, obwohl die Tür geschlossen
ist. Daher wurde ein Mikrowellenkochgerät nicht immer automatisch ausgeschaltet, auch
wenn die Tür mehr als 3 mm geöffnet ist.37 Drittens war gemäß damaligem japanischem
freiwilligem Industriestandard, des JEMA-Standards, der Grenzwert genau derselbe wie in
den USA, d.h. 10 mW/cm² und nicht 0,3 mW/cm².38 Dennoch ist es durchaus denkbar, dass
sich einige Hersteller freiwillig an dem Wert 0,3 mW/cm² orientierten.
36 NKS 23. Februar 1970.
37 E-mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002.
38 Zum JEMA-Standard siehe 4.4.3.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 123
Die JEMA versammelte am 24. Februar 1970 die Vertreter der Hersteller, um über
künftige Maßnahmen zu diskutieren. Bei dieser Versammlung wurde erstens entschieden, den
Hinweis des MITI zu befolgen und einen Aufkleber auf alle Produkte aufzukleben. Auf den
Aufkleber sollten Hinweise stehen wie „Bitte schalten Sie den Zeitschalter aus, bevor Sie die
Tür öffnen!“ und „Bitte kein Fremdkörper in die kleinen Löcher auf dem Sichtfenster
hineinstecken!“. 39 Zweitens wurde entschieden, dass die Hersteller gemeinsam eine
Werbekampagne durchführen sollten, um die Sicherheit japanischer Mikrowellenkochgeräte
zu betonen. Die Hersteller brachten später tatsächlich gemeinsam Zeitungsanzeigen heraus,
deren Text lauteten: „Die elektromagnetische Welle aus einem Mikrowellenkochgerät ist
keine radioaktive Strahlung und ist für den Menschen überhaupt nicht schädlich. Bitte machen
Sie sich keine Sorgen!“. Was die Hersteller durch diese Werbekampagne versucht hatten, war
nicht zur Aufklärung der Verbraucher beizutragen, sondern die Tatsache zu vertuschen, dass
Mikrowellen für Menschen gefährlich sein können. Damals lag der wissenschaftliche Beweis
bereits vor, dass eine starke Mikrowelle der Gesundheit des Menschen schadet. Die genannte
Werbung mussten die Hersteller wieder zurückziehen, da der Kartellsenat die Hersteller
warnte, dass diese Werbung irreführend ist.40
Die Bemühungen der Hersteller, die Inlandsnachfrage zu stabilisieren, lohnten sich
kaum. Bereits eine Woche nach dem Presseinterview des MITI nahm der Verkauf der
Mikrowellenkochgeräte um 20 bis 30 % ab. Die Abnahme ging noch weiter, und alle
Hersteller kürzten ihre Produktion. Einige Hersteller stoppten sogar ihre komplette
Produktion. Zum Beispiel wurde in der Firma Matsushita die monatliche Produktion von
9.000 Geräten auf null reduziert. Viele Kunden verlangten, bereits abgeschlossene
Kaufverträge rückgängig zu machen. Die remittierten Waren häuften sich und wurden selbst
in den Gängen der Fabriken gelagert. Auch die Anzahl der Anmeldungen für den von der
Firma Sanyo organisierten Kochkurs für Mikrowellenkochgeräte nahm von über vierzig
Anmeldungen auf sieben ab. Zahlreiche Anfragen von Verbrauchern zur Sicherheit des
Mikrowellenkochgeräts liefen im JCA ein.41
Um die Ängste der Verbraucher zu minimieren, betonten die Hersteller die Sicherheit
der Mikrowellenkochgeräte und teilten den Verbrauchern nur diese einseitige Information mit.
Dies Verhalten trug nicht dazu bei, die Ängste der Verbraucher zu minimieren. Im Gegenteil
dazu steigerte es sogar das Misstrauen der Verbraucher. Obwohl unter den Verbrauchern von
„Röntgenstrahlung“ keine Rede war, schalteten die Hersteller entsprechende Werbungen, da
die Hersteller aus Erfahrung fürchteten, dass die Verbraucher Mikrowellen mit
Röntgenstrahlen verwechseln könnten. Infolge solcher Werbung machten die Hersteller auf
das Thema Röntgenstrahlen aufmerksam. Derartige Kampagnen der Hersteller, die den
39 NKS 25. Februar 1970; AS 23. Mai 1970.
40 SR 29, 17. März 1970; Püschner 1964, S.235-8.
41 SR 27, 27. Februar 1970; SR 46, 7. September 1970; Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002;
NKS 4. März 1970; Shūgiin 16. März 1970, 11/45.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 124
Verbrauchern keine sachliche Erläuterung anboten, waren erfolglos und schädlich.
5.2.4 War das Vorgehen der KJK/MITI angemessen?
Gemäß der allgemein anerkannten Darstellung der Hersteller ist die Leckstrahlungskrise auf
den falschen Bericht über die „Röntgenstrahlen aus
Mikrowellenkochgeräten“ zurückzuführen.42 Der direkte Anlass der Lecktrahlungskrise war
jedoch das Presseinterview des MITI am 20. Februar 1970.43 Das MITI, das von Medien und
Verbraucherorganisationen als zu industrienah kritisiert wurde, war ironischerweise der
Rädelsführer, der die Industrie in die Krise geraten ließ.
Das damalige drastische Wirtschaftswachstum in Japan wurde durch die schnelle
Entwicklung der industriellen Produktionstätigkeit auf Kosten der Umwelt, der Sicherheit und
der Gesundheit der Bevölkerung erreicht. Umweltschäden44, Medikamentenschäden45 und
Lebensmittelschäden46 führten bei vielen Bewohnern bzw. Verbrauchern zu gesundheitlichen
Schäden oder sogar zum Tod. Durch die Nutzung mangelhafter Produkte kam es zu einer
Vielzahl von Unfällen.47 Zum Beispiel wurden im Jahr 1969 in Japan mangelhafte Autos in
42 Interview mit Noda (Toshiba) im Mai 2002; Maejima u. Saitō 1996, S.14; Interview mit Fujiwara (ehem.
Sharp) im Mai 2002; Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002; Katei denki kiki hensen-shi henshū
iinkai (Hrsg.) 1983, S.40; Hatsumei kyōkai 1995, S.109.
43 Das Verhalten der Verbraucher veränderte sich kaum nach der ersten Berichterstattung über die
„Röntgenstrahlen aus Mikrowellenkochgeräten“ in der NKS. Drei Tage nach dieser falschen
Berichterstattung publizierte die NKS einen Artikel mit der Schlagzeile „der Markt für
Mikrowellenkochgeräte wächst“. Keine der großen überregionalen Zeitung berichtete über die
„Röntgenstrahlen aus Mikrowellenkochgeräten“. Die erste Berichterstattung in einer großen überregionalen
Zeitung über die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten war am 21. Februar 1970, einen Tag nach
dem Presseinterview des MITI. Diese Berichte über das Presseinterview des MITI lösten Diskussionen in
der Gesellschaft aus, doch in keinem dieser Berichte wurde das Wort „Röntgenstrahlen“ oder „radioaktive
Strahlen“ verwendet. Siehe NKS 20. Januar 1970.
44 Schädliche Industrieabflüsse bzw. -abgase verursachten in Japan u.a. die Minamata-Krankheit, das
Yokkaichi-Asthma, die Niigata-Minamata-Krankheit und die Toyama Itai-itai-Krankheit: Die
Minamata-Krankheit und die Niigata-Minamata-Krankheit sind Organoquecksilbervergiftungen, die durch
die Einnahme von den durch Methylquecksilber verseuchten Lebensmitteln verursacht wurde. Das
Yokkaichi-Asthma wurde durch Schwefelsäuregas aus einem großen Ölkombinat verursacht. Die Toyama
Itai-itai-Krankheit wurde durch die Einnahme von durch Kadmium verseuchten Trinkwasser und Reis
verursacht. Siehe Shōgakukan 1996.
45 Durch die Einnahme von Medikamenten wie Thalidomide und Chinoform traten als Nebenwirkungen
Vergiftungserscheinungen auf.
46 Die Einnahme der Säuglingsmilch der Firma Morinaga, die durch Arsen verseucht worden war, hatte
nicht nur den Tod von über 400 Säuglingen zur Folge, sondern führte auch zur Arsenvergiftung von 12.000
Säuglingen. Die Einnahme von Kanemi-Öl, das durch Polydibenzfuranchlorid (PCDF),
Polydibenzparadioxinchlorid (PCDD) und polychloriertes Biphenyl (PCB) verseucht worden war,
verursachte u.a. Pigmentation und neurologische Störung der Menschen und Embryonen. Ferner wurden
Lebensmittel wie der künstliche Süßstoff Cyclamat verschiedene synthetische Konservierungsmittel,
Sterilisierungsmittel und Farbstoffe verwendet, die alle im Verdacht standen, krebserregend zu sein. Siehe
Kokumin seikatsu sentā (Hrsg.) 1997, S.67; Watanabe 1988, S. 253-4; Guo 2001, S.182-192;
http://www.jca.apc.org/~naba/yusho/main.htm (Letzter Zugriff am 27.02.2003).
47 AS 4. Mai 1967; AS 12. Oktober 1968; AS 27. September 1973.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 125
der Öffentlichkeit groß thematisiert. Vor diesem Hintergrund wurde die öffentliche Meinung
kritischer, und die Verbraucherbewegung wurde seit ca. 1970 aktiv. Als Maßnahme gegen
Umweltschäden wurde im Juli 1971 das Umweltamt ins Leben gerufen. Darüber hinaus
wurden auch mehrere Einrichtungen als Reaktion auf die zunehmende Problematik mit
Konsumgütern gegründet.48 Im Jahr 1968 wurde das Verbraucherschutzgesetz (Shōhi-sha
hogo kihon-hō) erlassen, das jedoch ungenügend für den Verbraucherschutz war.49
Das in der Öffentlichkeit immer stärker kritisierte MITI versuchte das Vertrauen der
Verbraucher wieder zurückzugewinnen. Das Presseinterview am 20. Februar 1970 war ein
solch gut gemeinter Versuch des MITI. Die KJK/MITI machte die Verbraucher auf die
„momentane Leckstrahlung“ aufmerksam und versuchte dadurch, die Verbraucher zu
schützen. Beim Presseinterview lehnte es jedoch die KJK/MITI wie üblich ab, die Typ- und
Herstellernamen der problematischen Geräte zu verlautbaren. Der Hinweis der KJK/MITI auf
die „momentane Leckstrahlung“, ohne jedoch die Typ- und Herstellernamen zu nennen, war
jedoch damals für die Verbraucher nicht mehr akzeptabel. Die Verbraucher waren vorsichtig
geworden, vertrauten wenig auf japanische Verwaltungsbehörden und kauften schließlich
kaum noch Mikrowellenkochgeräte. Insofern endete die eigentlich gut gemeinte Aktion der
KJK/MITI mit einem Boykott der Konsumenten. Obwohl der Hinweis der KJK/MITI auf die
„momentane Leckstrahlung“ durchaus angemessen war, unterschätzte die KJK/MITI die
Reaktion der Verbraucher auf diesen Hinweis. Das konventionelle und nicht flexible Verhalten
der KJK/MITI war der Situation nicht angemessen.
Hätte die KJK/MITI konsequent die Hersteller verteidigen wollen, hätte sie nicht
sofort auf die „momentane Leckstrahlung“ aufmerksam machen müssen, wozu sie rechtlich
gesehen auch gar nicht verpflichtet gewesen war. Insofern war das Vorgehen der KJK/MITI
nicht als einseitig industrienah abzustempeln, wie es die Medien und die
Verbrauchersorganisationen in ihrer Kritik nahe gelegt hatten.
48 Das japanische Wirtschaftsplanungsamt richtete im Jahr 1961 die beratende Kommission zur
Verbesserung des Lebensstandards (Kokumin seikatsu kōjō taisaku shingi-kai) ein. Im selben Jahr begann
das MITI, die JCA für dessen Warentest finanziell zu unterstützen. Im Jahr 1962 wurde das Gesetz über die
Angabe der Qualität von Haushaltsgeräten (Katei yōhin hinshitsu hyōji-hō) erlassen. Nachdem das
Ministerium für Forst- und Landwirtschaft im Jahr 1963 und das MITI im Jahr 1964 jeweils eine Abteilung
für Konsumwirtschaft (shōhisha keizai-ka) eingerichtet hatten, fingen auch verschiedene
Präfekturgemeinden an, eine Abteilung für Konsumwirtschaft einzuführen. Im Jahr 1967 wurde der
Preispolitiksonderausschuß (Bukka taisaku tokubetsu iinkai) im Unterhaus eingerichtet. Basierend auf dem
Verbraucherschutzgesetz vom Jahr 1968 wurde im Jahr 1970 das Nationale Verbraucherszentrum
(Kokukmin seikatsu sentā, National Consumer Affairs Center of Japan: NCAC) eingerichtet. Das NCAC
stand unter der Verwaltung vom Wirtschaftsplanungsamt und wurde mit Hilfe des staatlichen Etats
betrieben. Seit 1969 wurde ein Subventionssystem für Verbraucherorganisationen durch Verwaltungsorgane
eingeführt. Daher stieg die Anzahl von Verbrauchersorganisationen stark an und betrug bereits im Sommer
des Jahres 1970 281. Siehe Kokumin seikatsu sentā (Hrsg.) 1997, S.106-111 u. 142-143; Interview an
Rikukawa (NCAC) im Mai 2002.
49 Kokumin seikatsu sentā (Hrsg.) 1997, S.106-111.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 126
5.3 Einführung eines rechtlichen Standards
Für die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten existierte im Januar 1970 in Japan kein
rechtlicher Grenzwert. Als die Mikrowellenkochgeräte Ende der 1960er Jahre eine starke
Verbreitung fanden, hatte das MITI bereits die Notwendigkeit der Einrichtung eines
technischen Standards erkannt. Daher begann das MITI verstärkt an der Einführung eines
rechtlichen Standards zu arbeiten, als die Leckstrahlung in der Öffentlichkeit thematisiert
wurde. Am 27. Februar äußerte der Minister des MITI, Miyazawa Kiichi, dass er einen
Standard einrichten werde. Da unter den elektrischen Haushaltsgeräten die
Mikrowellenkochgeräte als ein potentieller Verkaufsschlager angesehen wurden, hatten
sowohl die Hersteller als auch das MITI ein großes Interesse, einen rechtlichen Standard zu
etablieren.50
5.3.1 Vorgehen des MITI und der Hersteller
Zuerst gab die KJK/MITI ihre Absicht bekannt, der Richtlinie des HEW folgen zu wollen. Im
Kern bedeutete dies, dass der Grenzwert der Leckstrahlung 10 mW/cm² sein solle, auch in
dem Zustand, bei dem eine Pappe zwischen der Tür und der Türdichtung eingeklemmt ist.
Falls dieser Standard künftig eingerichtet werden würde, müssten die meisten Hersteller ihren
Entwurf der Mikrowellenkochgeräte und damit ihren Produktionsprozess ändern. Diese
Veränderungen des Herstellungsprozesses würde nach Schätzung der NKS die Hersteller eine
Summe in Höhe von 4 bis 5 Milliarden Yen (ca. 41 bis 51 Millionen DM) kosten.
Zeitungsartikel berichteten, dass daher die Hersteller ihren Protest gegen den Entwurf des
KJK/MITI richteten. Diese Artikel gaben die Situation nicht ganz korrekt wieder. Zwar waren
die Hersteller nicht zufrieden mit der KJK/MITI, aber es ging ihnen nicht in erster Linie um
den Entwurf der KJK/MITI, wie Zeitungsartikel nahe legten, sondern um die Art und Weise,
wie die KJK/MITI das Thema Leckstrahlung in die Öffentlichkeit getragen hatte – was unter
anderem zur dramatischen Reduzierung des Umsatzes beigetragen hatte. Im Grunde waren die
Hersteller gegen das MITI machtlos. Die Hersteller mussten ohnehin dem vom MITI
festgelegten Standard folgen. Darüber hinaus stimmten das MITI und die Hersteller darin
überein, dass man sich früher oder später nach dem HEW-Standard richten müsse, um
Mikrowellenkochgeräte in die USA exportieren zu dürfen. Daher entsandte das MITI in der
Zeit von Ende März bis Anfang April 1970 eine Mission von Fachleuten in die USA51, um
50 AS 27. Februar 1970; E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 25. August 2002.
51 Beim Interview mit der Autorin dieses Textes gab das MITI an, es habe damals die Missionen auch nach
Großbritannien und Frankreich entsandt, doch ein schriftlicher Beweis darüber ist heute nicht mehr
auffindbar. In Unterschied zu Deutschland bestand in Japan keine strikte Archivierungsregel. So kam es zur
Vernichtung dieses schriftlichen Beweises. Siehe Interview mit Miyakawa (METI) im Mai 2002.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 127
den neuesten Standardentwurf in den USA in Erfahrung zu bringen.52
Einige Hersteller wie die Firmen Sharp und Toshiba begannen bereits im Jahr 1968
mit dem Export ihrer Mikrowellenkochgeräte. Die Exportgeräte waren sowohl von der UL als
auch vom FCC anerkannt. Diese Hersteller hatten sich unabhängig vom MITI frühzeitig über
das Leckstrahlungsproblem in den USA erkundigt. Daher konnten sie schnell auf die
Leckstrahlungsaffäre in Japan reagieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Zum
Beispiel entsandte Toshiba bereits in dem Moment Personal in die USA, als das HEW vor der
Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten warnte. Diese Personalentsendung in die USA
hatte neben der Reklamationsbearbeitung zum Ziel, den neuesten Zustand der
Standardisierung in den USA zu erkunden. Auf Basis der gesammelten Informationen dieses
Personals rief Toshiba ein Projektteam in Japan ins Leben, um eine neue Türstruktur zu
entwickeln. Tatsächlich brachte Toshiba damit das erste Produkt mit einem neuen, sicheren
Türmechanismus auf den japanischen Markt.53
Im April 1970 wurde bekannt, dass das HEW den Grenzwert von 10 mW/cm² auf 5
mW/cm² herabsetzen würde. Vermutlich würde sich der bereits bestehende UL-Standard in
den USA auch bald nach diesem neuen HEW-Standard richten. Jedoch wies die KJK/MITI bis
Ende Mai nicht daraufhin, ob auch sie sich nach dem HEW richten werde oder nicht.
Innerhalb des MITI übte scheinbar die Abteilung der Schwerindustrie (Jūkōgyō-kyoku) Druck
auf die KJK/MITI aus, da die Abteilung der Schwerindustrie über die KJK/MITI verärgert
war, die sie als Verursacherin der Leckstrahlenkrise ansah.54
5.3.2 Veröffentlichung der Japan Consumers’ Association
Inzwischen führte die JCA die Funktions- sowie Sicherheitsprüfungen für neun japanische
Mikrowellenkochgerätetypen gemäß damaligem UL-Standard durch. Das Ergebnis
veröffentlichte die JCA am 22. Mai 1970 in ihrer monatlichen Zeitschrift
„Verbraucher“ (Gekkan shōhisha, Abk. GS). Nach 30.000maligen Türöffnungen55 wurde die
Prüfung auf Leckstrahlung bei geschlossener Tür sowie bei mit Papiertüchern befestigter Tür
durchgeführt. Durch diese Prüfungen fand die JCA heraus, dass bei geschlossener Tür die
Leckstrahlung aus allen geprüften Mikrowellenkochgeräten unter 10 mW/cm² war. Jedoch
überschritten bei der mit Papiertüchern befestigten Tür acht von neun Gerätetypen den
Grenzwert von 10 mW/cm². Die JCA veröffentlichte nach ihrer Prüfung sämtliche Messwerte
zur Leckstrahlung, die Herstellernamen und die Gerätetypen. Ferner fand die JCA heraus,
52 NKS 8. März 1970; NKS 3. April 1970; E-Mail von Fujiwara (ehem. Sharp) an Verfasserin am 25.
August 2002; AS 23. Mai 1970; Shūgiin 23. April 1970, 11/13.
53 NKS 17. Januar 1970; NKS 8. März 1970; Maki 1970, S.76; Toshiba 1975, S. 561, 564-5 u. 567.
54 NKS 3. April 1970; AS 23. Mai 1970.
55 Die Annahme, dass man pro Tag 20-mal die Tür eines Mikrowellenkochgeräts öffnet, entspricht 30.000
Mal ca. der Anzahl der Türöffnungen in ungefähr 4 Jahren.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 128
dass drei Gerätetypen strukturelle Fehler aufwiesen, die gegen das Kontrollgesetz für
Elektrische Produkte verstießen. Über diese Ergebnisse wurde am folgenden Tag in den
überregionalen Tageszeitungen groß berichtet.56
Basierend auf dem Prüfungsergebnis urteilte die JCA, dass man allein auf Basis
dieses Messergebnisses nicht feststellen kann, welche Gerätetypen gefährlich sind. Sie
begründete dies damit, dass kein maßgeblicher offizieller Sicherheitsstandard vorhanden sei
und dass man Beobachtungen über längere Zeiträume benötigt, um zu beurteilen, ob
Mikrowellen tatsächlich gefährlich sind oder nicht. Im Anschluss an ihre einleitende
Bemerkung „Selbstverständlich verlangen wir das sichere Mikrowellenkochgerät“ ermahnte
die JCA die Verbraucher, die Sicherheit der Mikrowellenkochgeräte nicht zu überschätzen.
Darüber hinaus kommentierte die JCA weiter, dass Gefahren leicht vermieden werden können,
indem man die Tür richtig schließt und vor der Türöffnung das Gerät ausschaltet. Zum
Schluss ihres Berichtes formulierte die JCA ihren allgemeinen Wunsch an die Hersteller und
die zuständigen Verwaltungsbehörden, Sicherheitsmaßnahmen für neue Produkte wie
Mikrowellenkochgeräte frühzeitig zu ergreifen.57
Die Veröffentlichung sämtlicher Messwerte zur Leckstrahlung, der Herstellernamen
und der Gerätetypen durch die JCA hinterließ bei den Verbrauchern einen großen Eindruck,
insbesondere weil dies das MITI selbst nicht getan hatte. Dennoch erreichte die JCA mit
dieser Veröffentlichung nicht ihr Ziel, die Verbraucher bei der Produktwahl zu unterstützen.
Erstens waren bereits drei Monate vergangen, seitdem die Öffentlichkeit von der
Leckstrahlung aus japanischen Mikrowellenkochgeräten erfahren hatte. Daher trug diese
Veröffentlichung wenig dazu bei, den Verbrauchern ihre anfängliche Angst zu nehmen. Die
Veröffentlichung der JCA beeinflusste auch die Hersteller kaum, da inzwischen der Umsatz
der Mikrowellenkochgeräte massiv eingebrochen war. Zweitens veröffentlichte das HEW
zufällig am gleichen Tag ihr Proposed Rule Making. Zusätzlich gab die KJK/MITI an diesem
Tag ihren Plan bekannt, ab Januar 1971 auch in Japan einen ähnlichen Standard wie den des
HEW-Standards in Kraft zu setzen.58 Insofern half das Ergebnis der Untersuchung der JCA
den Verbrauchern bei der Produktwahl nicht – eine Untersuchung, die auf dem alten
UL-Standard basierte, der künftig ohnehin nicht mehr gültig sein sollte.
Die Sichtweise der JCA unterschied sich nicht wesentlich von der Sichtweise des
MITI. Da die JCA ein dem MITI angegliederter Verband war und die Hälfte der Kosten ihrer
Warentests durch Subventionen des MITI finanziert worden waren, stand die JCA
selbstverständlich unter dem Einfluss des MITI. Während die JCA zum einen argumentierte,
dass eventuell Gefahren durch die aufmerksame Handhabung der Verbraucher leicht
vermeidbar seien, waren die von der Regierung unabhängigen Verbraucherorganisationen der
Meinung, dass Produkte unter allen Umständen sicher sein sollen. Zum anderen vertraute die
56 GS Juni 1970; AS 23. Mai 1970; YS 23. Mai 1970.
57 GS Juni 1970, S.8-9 u. 15.
58 Zur Bekanntmachung der KJK/MITI siehe 5.3.3.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 129
JCA dem offiziellen Sicherheitsstandard blind und zweifelte nicht daran, obwohl einem
solchen Standard nicht immer Vertrauen zu schenken ist. Im Unterschied zur JCA vertrat die
Consumer Union (CU) in den USA ihre eigene Meinung, zum Beispiel kritisierte die CU die
Prüfungsmethoden, auf denen der offizielle Sicherheitsstandard basierte.59
Der Mangel an Verbraucherinformation war nicht auf den Fall der
Mikrowellenkochgeräte begrenzt. Einerseits förderten die Regierung und die
Verwaltungsbehörden die Aktivitäten der Verbraucherorganisationen. Anderseits verhinderten
die Regierung und die Verwaltungsbehörden die Veröffentlichung von Produktinformationen:
Damals führten einige Organe unter dem MITI und unter dem Gesundheits- und
Wohlfahrtministerium (Kōsei-shō) eigene Produkttests durch. Die Ergebnisse dieser Tests
wurden jedoch für die Verbraucher nicht veröffentlicht. Während Warentests auch in den
zahlreichen Verbraucherzentren durchgeführt wurden, war die Veröffentlichung von
Herstellernamen bei negativem Testergebnis verboten. Zwar existierten damals prüfungstätige
Verbraucherorganisationen, die weder von der Regierung noch von den Verwaltungsbehörden
abhängig waren. Jedoch standen solchen Organisationen keine kompletten
Laboreinrichtungen zur Verfügung, die für Warenprüfungen benötigt wurden.60
5.3.3 Ministerialerlass des MITI
Als am 22. Mai 1970 das HEW Proposed Rule Making verkündete, äußerte die KJK/MITI
ebenfalls am gleichen Tag bei einem Presseinterview ihren Plan, dass das MITI einen
Ministerialerlass im Juni verkünden würde, der fast mit dem Proposed Rule Making identisch
sei. Das Inkrafttreten dieses Ministerialerlasses wurde für Januar 1971 geplant. Am 30. Juni
gab das MITI in Form eines Ministerialerlasses bekannt, einen Teil der
Ausführungsbestimmungen des Kontrollgesetzes für Elektrische Produkte und den
technischen Standard (Denki yōhin torishimari-hō shikō kisoku oyobi gijutsu kijun) zu ändern
und dadurch einen Sicherheitsstandard einzurichten. Diese Änderung sollte sechs Monate
später, am 31. Dezember 1970 in Kraft treten. Der Standard für die Leckstrahlung61 war
tatsächlich mit dem HEW-Standard fast identisch.62
Zur Abschirmung der Leckstrahlung legte der Standard auch die Sicherheitsstruktur
der Mikrowellenkochgeräte fest. Demnach sollen diese Geräte mindestens zwei
Sicherheitssperren haben, um die Erzeugung von Mikrowellen zu unterbinden. Mindestens
eine der beiden Sicherheitssperren muss in das Gerät eingebaut werden, so dass ein Nutzer
59 Interview mit Itō (JCA) im Mai 2002; CR April 1973.
60 Shūgiin 11. März 1970, 10/13; Sangiin 24. April 1970, 2/27; E-Mails von Shufuren an Verfasserin am17.
u. 19. Februar 2003; Kokumin seikatsu sentā (Hrsg.) 1997, S.87; www.zenso.or.jp.
61 Zum Ministerialerlass siehe Anhang 4.
62 NKS 23. Mai 1970; AS 23. Mai 1970; Kanpō 13058, S.13-14; Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai
1972, S.342; NKS 30.Juni 1970; MS 30. Juni 1970; YS 30. Juni 1970: 14.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 130
dieses Geräts diese Sicherheitssperre nicht manipulieren kann. Außerdem wurde im Standard
festgelegt, dass die Tür nach 100.000 maliges Öffnen nochmals überprüft werden muss. Die
Leckstrahlungsprüfung, die bis dahin nur als Stichprobe durchgeführt wurde, muss nun für
alle Produkte durchgeführt werden.63
Die KJK/MITI begründete ihre Entscheidung damit, dass sie sich zur Sicherheit der
Verbraucher für den noch strengeren Wert entschieden hätte, obwohl man davon ausging, dass
eine kontinuierliche Mikrowellenbestrahlung von bis 10 mW/cm² für Menschen keine
gesundheitlichen Schäden verursacht. Während das HEW vom Erlass bis zum Inkrafttreten
des Standards ein Jahr Zeit gewährte, gewährte dagegen das MITI den Herstellern nur sechs
Monate. Die Yomiuri-Zeitung, eine der größten überregionalen Zeitungen, berichtete, dass das
MITI den Sicherheitsstandard der USA vorwegnehmen wolle. Die bis zu diesem Zeitpunkt
produzierten japanischen Mikrowellenkochgeräte erfüllten den rechtlichen Standard nicht.
Jedoch wies das MITI darauf hin, dass keine Gefahr bestünde, wenn diese Produkte genau
gemäß Gebrauchsanweisung bedient werden würden. Um die Gebrauchsanweisung den
Verbrauchern bekannt zu machen, plante das MITI eine Behördliche Verfügung (gyōsei
shidō)64 zu erlassen.65
Der Einführung eines Standards für Mikrowellenkochgeräte folgten weitere
Sicherheitsmaßnahmen für elektrische Haushaltsgeräte im Allgemeinen. Laut Vorschlag des
MITI richteten die JEMA sowie die Gewerkschaftsunion der Handelsgeschäfte elektrischer
Geräte (Zenkoku denki kouri-gyō kumiai rengō-kai) jeweils eine Sicherheitskommission für
elektrische Geräte ein und förderten dadurch die Qualitätskontrolle elektrischer Geräte und
die Aufklärung der Verbraucher.66
5.3.4 Ziel und Effekt der Einführung des Standards
Das damalige Tempo der Entwicklung technischer Neuerungen war so schnell, dass die
Gesetzgebung in Japan diesen Neuerungen kaum folgen konnte. Nach Entdeckung einiger
Mängel wurde die Revision eines Gesetzes beantragt, doch die Umsetzung dieser Revision
dauerte meist sehr lang. Der Fall der Mikrowellenkochgeräte stellte jedoch eine Ausnahme
dar: Ein halbes Jahr nach Entdeckung der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten in den
63 NKS 30.Juni 1970; Kanpō 13058, S.13-14; AS 30 Juni 1970.
64 Konkret forderten die Abteilung Schwerindustrie und die KJK zusammen von der JEMA folgendes: Die
Hersteller sollen die Verbraucher darauf hinweisen, keinen Fremdkörper zwischen Tür und Türdichtung
einzuklemmen. Dieser Hinweis soll auf eine auffällige Stelle des Mikrowellenkochgeräts aufgeklebt
werden. Ferner sollen die Hersteller diesen Hinweis auch durch zusätzliche Medien wie Fernseher und
Radio bekannt machen. Darüber hinaus sollen die Hersteller gemäß der Forderung eines Verbrauchers die
Tür, die Türdichtung und die Sperrvorrichtung seines Geräts individuell zu überprüfen und auf die richtige
Handhabung hinweisen. Siehe NKS 11. Juli 19703.
65 AS 23. Mai 1970; AS 30 Juni 1970; YS 30. Juni 1970; NKS 30.Juni 1970.
66 NKS 11. Juli 1970; NKS 24. August 19703.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 131
USA (Ende Juni 1970) wurde ein rechtlicher Standard in Japan durch das MITI erlassen, der
innerhalb eines halben Jahres (Ende Dezember 1970) in Kraft trat. Zu dieser schnellen
Umsetzung eines rechtlichen Standards kam es, weil das Ziel der Umsetzung in erster Linie
nicht dem Verbraucherschutz galt, sondern der Förderung des Exports in die USA. Dies lässt
sich aus folgenden Sachverhalten schließen: Erstens war der Tag des Inkrafttretens des
HEW-Standards in den USA zwar für die inländischen bzw. amerikanischen Produkte auf den
6. Oktober 1971 festgelegt, aber für die Importgeräte auf den 1. Januar 1971, die außerhalb
der USA produziert und importiert wurden.67 Also mussten die in Japan hergestellten
Exportgeräte für die USA bereits am 1. Januar 1971 den HEW-Standard erfüllen. Obwohl
einige Hersteller 18-Monate-Zeit bis zum Inkrafttreten des Standards gefordert hatten,
entschied das MITI im Hinblick auf den Export, das Datum des Inkrafttretens auf ein halbes
Jahr festzusetzen.68 Zweitens existierte in Japan weiterhin kein anderer rechtlicher Grenzwert
zur Mikrowellenleckstrahlung aus anderen Mikrowellenerhitzern wie Diathermiegeräten und
industriellen Mikrowellenöfen.69 Zwar existierte auch in den USA kein rechtlicher Grenzwert
zur Mikrowellenleckstrahlung aus industriellen Mikrowellenöfen.70 Jedoch legte stattdessen
das BRH einen Empfehlungswert fest. Darüber hinaus empfahl das ANSI durch den
ANSI-Standard (ANSI C95.1-1966) eine Expositionslimitierung an Arbeitsplätzen.71 Eine
solche Empfehlung einer Expositionslimitierung an Arbeitsplätzen wurde in Japan nicht
eingeführt. Hätte das MITI drittens die Gesundheit der Verbraucher in den Mittelpunkt seiner
Handlungen gestellt, hätte das MITI sofort die Typ- und Herstellernamen der
Mikrowellenkochgeräte mit „momentaner Leckstrahlung“ veröffentlichen müssen. Da die
Aufgabe des MITI in der Förderung des Handels bestand, verfolgte das MITI die Regulierung
der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten im Hinblick auf diese Aufgabe – d.h. im
Mittelpunkt des MITI stand nicht die Förderung der Gesundheit der Verbraucher sondern die
67 Das stellte wahrscheinlich ein Aspekt der Handelspolitik der USA dar, um die amerikanischen
Mikrowellenkochgeräte vor japanischen Produkten zu schützen.
68 Sangiin 24. Mai 1967, 5/34; AS 21. Februar 1970; Interview mit Miyakawa (METI) von Verfasserin in
Mai 2002; CR April 1973, S.221.
69 Die Festlegung der Grenzwerte für diese Mikrowellenerhitzer war für das MITI nicht signifikant, weil
der damalige jährliche Umsatz der industriellen Mikrowellenöfen nur ca. 1/10 der Mikrowellenkochgeräte
betrug.
70 Aus folgenden Gründen kam es zu keinem rechtlichen Grenzwert für industrielle Mikrowellenöfen:
Diejenigen Menschen, die während ihrer beruflichen Tätigkeit von Mikrowellen bestrahlt werden, besäßen
durch ihre berufliche Aus- oder Weiterbildung ohnehin einiges Wissen über Mikrowellenbestrahlung.
Daher seien sie fähig, mit industriellen Mikrowellenöfen bewusster umzugehen. Außerdem würden
industrielle Mikrowellenöfen unter kontrollierten Bedingungen in Betrieben eingesetzt. Dagegen hätten
diejenigen Menschen, die zu Hause oder in gastronomischen Betrieben Mikrowellenkochgeräte bedienen,
meistens keine Ahnung von Mikrowellenbestrahlung. Darüber hinaus würden die Mikrowellenkochgeräte
nicht unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt, sondern in einer Vielzahl unterschiedlicher Situationen.
Übrigens galt in Kanada der rechtliche Grenzwert nicht nur für Mikrowellenkochgeräte, sondern
ebenso für industrielle Mikrowellenöfen. Siehe Elder, R.L., Eure, J.A. u. Nicolls, J.W. 1974, S.53; IMPI
1975, S.336.
71 Osepchuk 1970, S.203; U.S. Department of Health, Education, and Welfare, Public Health Service, Food
and Drug Administration, Bureau of Radiological Health 1971; Elder, R.L., Eure, J.A. u. Nicolls, J.W.
1974.
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 132
Förderung des Exports.
Die für die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten zuständige japanische
Verwaltungsbehörde war nicht das Ministerium für Gesundheit und Wohlfahrt (Kōsei-shō),
das dem HEW entspricht, sondern das MITI, das bis dahin für Unfälle zuständig war, die
durch die schlechte Isolierung mancher elektrischer Geräte verursacht wurden. Zum Beispiel
bekam ein Nutzer dieses Geräts einen elektrischen Schlag versetzt oder aber das Gerät selbst
verursachte einen Brand im Haus. Innerhalb des MITI war damals die KJK zuständig für die
Handhabung von Sicherheitsstandards elektrischer Produkte. 72 Die Leckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten war jedoch für die KJK/MITI ein völlig neues Arbeitsgebiet, was
die Handhabung dessen erschwerte.
Die Asahi-Zeitung (Asahi Shinbun) kritisierte, dass das MITI keinen eigenen
Standard eingerichtet hatte, sondern wiederum dem Vorgehen der USA blind gefolgt war,
sowie es bereits in anderen Fällen amerikanische Maßnahmen schlicht übernommen hatte.
Eine solche Übernahme amerikanischer Standards war damals in Japan unumgänglich. Da
damals die Maßnahmen bezüglich Umweltschäden und mangelhafter Konsumgüter in den
USA vorbildlich waren, bestand für die japanischen Verwaltungsbehörden kein Risiko, den
amerikanischen Standard zu übernehmen. Darüber hinaus existierte damals in Japan keinerlei
wissenschaftliche Grundlage, auf der ein eigener Standard hätte eingerichtet werden können.
Anders als in den USA war sich die Bevölkerung in Japan über die möglichen
gesundheitlichen Schäden durch Mikrowellen kaum bewusst. Daher fand in Japan bis dahin
keine Debatte über Mikrowellen statt, und es existierte kein gesellschaftlicher Zwang, die
biologischen Wirkungen der Mikrowelle zu erforschen. Außerdem vermieden japanische
Forscher nach dem Krieg, sich mit den biologischen Wirkungen der Hochfrequenzwelle
inklusiv Mikrowelle zu beschäftigen: Die Forscher, die sich während des Zweiten Weltkriegs
im Rahmen von Militärprojekten mit Strahlenwaffen mit Hochfrequenzwellen beschäftigt
hatten, fürchteten nach dem Krieg, wegen ihrer Forschung während des Kriegs zur
Rechenschaft gezogen zu werden. Daher hörten diese Forscher damit auf, sich mit den
biologischen Wirkungen der Hochfrequenzwelle zu beschäftigen. Seitdem war dieses Thema
als Forschungsthema nicht besonders geachtet. Als im Jahr 1971 der Unterausschuss F des
Ausschusses für die Sicherheit elektrischer Produkte (Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai
F shō-iinkai) eine Literaturrecherche über biologische Wirkungen elektromagnetischer Felder
durchführte73, fand die JEMA nur vier Abhandlungen auf Japanisch. Sie waren von Yamaura
Itsuo und Matsumoto Sumiyoshi der Abteilung des medizinischen Telemeters im Institut der
angewandten Elektrotechnik (Ōyō denki kenkyū-jo medikaru teremeeta bumon) an der
Hokkaidō-Universität74 und von Okabe Takahiro aus der Fakultät Elektrotechnik an der
72 Shūgiin 11. März 1970, 10/13.
73 Diese Literaturrecherche ist Bestandteil der Ergänzungsuntersuchung der Industrie. Siehe 6.1.2.
74 Während des Zweiten Weltkriegs wurden Asami Yoshihiro und Sasada Sukesaburō vom Neunten
Forschungsinstitut des Heers (Rikugun dai-ku kenkyū-jo) mit der Forschung über die biologischen
5. Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten (1970) 133
Shizuoka-Universität75 verfasst worden.76
Die schnelle Einführung eines rechtlichen Standards in Japan war erfolgreich im
Hinblick auf das Ziel, den Export in die USA zu beschleunigen. Diese schnelle Einführung
hatte den entscheidenden Nebeneffekt, den Verbraucherschutz zu fördern, indem durch
Mikrowellenleckstrahlung verursachten Gesundheitsschäden der Verbraucher vorgebeugt
wurde. Nicht nur Japan sondern auch verschiedene andere Länder nahmen die USA zum
Vorbild und führten einen ähnlich strengen Standard ein. So kam es letztlich zur Verbreitung
des strengen Standards des HEW auf der ganzen Welt und damit zum weltweiten Schutz der
Verbraucher. Insofern hatte der vorsorgliche Schritt des HEW eine entscheidende Wirkung.
Wirkungen von Hochfrequenzwellen im Rahmen des Strahlenwaffenprojekts beauftragt. Diese Forschung
wurde im Institut der angewandten Elektrotechnik an der Hokkaidō-Universität durchgeführt. Vor diesem
historischen Hintergrund des Instituts begannen Yamaura und Matsumoto dort ihre Forschungen. Allerdings
bestand keine direkte Verbindung zwischen Yamaura und den Forschern während des Zweiten Weltkriegs.
Zum Strahlenwaffenprojekt während des Kriegs an der Hokkaidō-Universität siehe detaillierter Abschnitt
2.3.1. Siehe auch E-Mail von Yamaura vom 3.September 2002.
75 Shizuoka-Universität lag relativ nah zur Stadt Shimada, in der während des Zweiten Weltkriegs das
Strahlenwaffenprojekt der Marine betrieben wurde. Allerdings ist nicht bekannt, ob die Forschung an der
Shizuoka-Universität im Jahr 1970 mit dem Projekt während des Kriegs in irgendeinem Zusammenhang
stand.
76 AS 23. Mai 1970; Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972, S.351-375; Interview mit Taki im
Dezember 2003.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 134
6 Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte
Zur Abschirmung der Mikrowellenleckstrahlung aus dem Mikrowellenkochgerät führten die
japanischen Hersteller neue Türstrukturen ein und begannen mit aktiven Verkaufskampagnen.
Auf diese Weise meisterten die Hersteller die Leckstrahlungskrise, so dass die Absatzzahlen
verkaufter Mikrowellenkochgeräte wieder stiegen. Dieser Kapitel behandelt die Dynamik der
weiteren Entwicklung und die Verwendung des Mikrowellenkochgeräts in Japan von 1970 bis
1990.
6.1 Von der Oberschicht zur Mittelschicht (Zweite Phase: 1970-1973)
In der zweiten Phase der Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts zwischen 1970 und 1973,
reifte es zum Massenprodukt heran. Das Mikrowellenkochgerät wurde noch sicherer, noch
preiswerter und robuster gestaltet. Dadurch fand es auch in der mittleren Einkommensschicht
Verbreitung und war nicht mehr ein ausschließliches Luxusgut für die Oberschicht.
6.1.1 Abschirmung der Leckstrahlung
Je nach Gerätetyp unterscheiden sich die Leckstellen und die Intensität der Leckstrahlung.1
Das vorrangige Thema der Leckstrahlungskrise im Jahr 1970 war die jeweilige Tür des
Mikrowellenkochgeräts, aus der ein großer Teil der Leckstrahlung austrat.2 Zwei Punkte
wurden im Hinblick auf die Türstruktur verbessert.
Erstens wurde der Mechanismus verbessert, der den Betrieb des Kochgeräts
automatisch regelt, wenn man während des Betriebs die Tür öffnet. Eine Art dieses
Mechanismus, der so genannte Metall-Kontakt-Mechanismus, wurde bereits vor der
Leckstrahlungskrise verwendet. Bei diesem Mechanismus wird bei Öffnung bzw. Schließung
der Tür ein Betätigungselement bzw. eine Nadel bewegt, das bzw. die den Schalter am
Gehäuse ein- und ausschaltet. Der Nachteil dieses Mechanismus bestand darin, dass die
Position der Nadel sich auch nach der Fertigstellung – z.B. während des Transports –
unerwünscht verändern konnte. Falls die Nadel nicht richtig positioniert ist, wird das Gerät
erst nach weiter Türöffnung ausgeschaltet, oder aber man kann das Gerät trotz geschlossener
Tür nicht starten.3
1 Die Intensität der Leckstrahlung ist abhängig von der Türstruktur, der Verbindung der Gehäuseteile, der
Struktur des Reflektorflügels (Stirrer) und der Art, wie einerseits die Starttaste, andererseits die Leistungs-
und Zeiteinstellung an das Gehäuse angebracht wurden. Siehe Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1973
S.468.
2 Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1973 S.470-490.
3 E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 135
Nach der Leckstrahlungskrise wurde statt dieses Metall-Kontakt-Mechanismus ein
anderer Mechanismus, der so genannte Schnappriegel-Mechanismus4, eingeführt. Bei dem
Schnappriegel-Mechanismus kann man die Tür nur öffnen, wenn das Mikrowellenkochgerät
ausgeschaltet ist. Dieser Mechanismus sorgte dafür, dass der Sicherheitsschalter durch das
Anfassen des Türgriffs aktiviert wurde. D.h. zur Öffnung der Tür benötigte man zwei
Bewegungen, nämlich erst den Türgriff anfassen und dann ziehen. 5 Dieser
Schnappriegel-Mechanismus hatte weitere Vorteile. Er vereinfachte den Herstellungsprozess,
da eine feine Regulierung der Nadelposition nicht mehr nötig war. Ferner ermöglichte er die
Produktion der Geräte mit gleichmäßiger Qualität.6
Zweitens wurde die Türdichtung verbessert. Vor der Leckstrahlungskrise wurde für
die Türdichtung eine federnde Metallplatte verwendet, die am Türrand befestigt wurde. Falls
man das Gerät in dem Zustand einschaltete, in dem ein kleiner Gegenstand in der Tür
einklemmt war, traten die Mikrowellen aus dem Gerät aus.7 Anstelle dieser Türdichtung
wurde jetzt die Choketürdichtung 8 am Gehäuse- und Türrand befestigt. Bei der
Choketürdichtung handelt es sich um einen Kanal, dessen Breite ein Viertel der
Mikrowellenlänge ist. In diesem Kanal werden Mikrowellen eingefangen, so dass es zur
Abschirmung der Leckstrahlung kommt. Der Vorteil dieser Türdichtung ist, dass man dadurch
eine große Menge der Leckstrahlung vermeiden kann, selbst wenn das Gerät eingeschaltet ist,
während ein kleiner Gegenstand in der Tür einklemmt ist. Zudem besitzt die
Choketürdichtung eine gute Haltbarkeit. Über die Einführung der Choketürdichtung hinaus
wurde ein mikrowellenabsorbierendes Material wie Ferrit an der Außenseite der
Choketürdichtung verwendet, um Mikrowellen und unerwünschte elektromagnetische Wellen
zu reduzieren. 9 Diese Verbesserungen ermöglichten die Realisierung eines
Mikrowellenkochgeräts, aus dem weniger Mikrowellenleckstrahlung als 0,1 mW/cm² austrat,
selbst wenn das Gerät eingeschaltet ist, während ein kleiner Gegenstand in der Tür einklemmt
ist.10
4 Im Englischen spricht man vom „latch mechanism“.
5 Hatsumei kyōkai 1995, S.118 und GS Mai 1972, S.4-5. Um die Handhabung zu erleichtern, wurde später
ein Mechanismus verwendet, der bei Berührung mit dem Türgriff das Mikrowellenkochgerät ausschaltet.
Oder es wurde ein Mechanismus zum Ausschalten des Gerätes verwendet, der durch das Schnappschloss
ausgelöst wurde, das wiederum beim starken Ziehen der Tür aktiviert wurde.
6 E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 25 August 2002.
7 Hatsumei kyōkai 1995, S.118 und Reynolds 1995, S.15.
8 Die Chokestruktur wurde ursprünglich zur Vorbeugung einer Lichtbogenbildung verwendet. Im Jahr
1962 wurde diese Chokestruktur zum ersten Mal als Türdichtung von Richard Ironfield von der Firma
Raytheon verwendet. Einige Firmen wie beispielsweise Sharp hatten diese Choketürdichtung bereits vor
der Leckstrahlungskrise in ihre Mikrowellenkochgeräte eingeführt. Siehe Reynolds 1995, S.15 und NKS 15.
Mai 1969, S.5.
9 Hatsumei kyōkai 1995, S.118; E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002.
10 Das ist das Ergebnis eines Tests, bei dem 50 cc Wasser im Gerät erhitzt werden.
Es war klar, dass durch die Einführung dieser Abschirmungstechniken die Leckstrahlung deutlich
reduziert wurde. Daher orientierten sich die Hersteller eher an der Einführung dieser Abschirmungstechnik
als an dem neuen Grenzwert von 5 mW/cm². Siehe Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1974, S.403-4;
GS Mai 1972, S.4-5; E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 4. September 2002; Interview mit
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 136
Obwohl die oben genannten Abschirmungstechniken bereits vor der
Leckstrahlungskrise bekannt waren, war es aus unterschiedlichen Gründen nicht üblich, diese
Techniken vor der Krise zu verwenden. Erstens schenkten japanische Herstellern bis zur
Leckstrahlungskrise der aus der Tür austretenden Leckstrahlung keine besondere
Aufmerksamkeit, da sie nicht gesetzlich geregelt war. Zweitens hätte die Einführung dieser
Abschirmungstechniken eine Erhöhung der Kosten bedeutet. So hätte zum Beispiel damals
die Einführung des Schnappriegel-Mechanismus zu zusätzlichen Kosten in Höhe von
mehreren hundert Yen geführt. Über diesen Kostenaspekt hinaus wurde drittens die
Einführung des Schnappriegel-Mechanismus nicht in Betracht gezogen, da man zu dessen
Bedienung zwei Bewegungen benötigt hätte, was die Handhabung des Geräts insgesamt
verschlechtert hätte.11
Nachdem man sich wegen der Leckstrahlungskrise für die Installation der
Abschirmungstechniken entschieden hatte, stießen die Hersteller bei der Einführung dieser
Techniken auf Schwierigkeiten. Eine zentrale Schwierigkeit stellte der Kostenfaktor dar. Der
Bau einer komplett neuen Tür führte zu zusätzlichen Kosten in Höhe von mehreren Hundert
Yen pro Gerät. Dagegen führte der Umbau einer Tür von früheren Gerätetypen zu einem
neuen Türmechanismus sogar zu Mehrkosten in Höhe von mehreren Tausend Yen pro Gerät.
Trotz dieser massiven Mehrkosten wurden die Verkaufspreise konstant gehalten, um das
Vertrauen der Kunden wiederzugewinnen. Neben dem Kostenfaktor bestand eine weitere
Schwierigkeit darin, dass wegen der Installation der Abschirmungstechniken die bisherigen
Produktionsprozesse verändert werden mussten, was de facto Mehraufwand in der Planung
und Produktion bedeutete.12
Die japanischen Hersteller führten die Abschirmungstechniken trotz der genannten
Schwierigkeiten zügig ein und brachten innerhalb weniger Monate neue Gerätetypen mit einer
sicheren Türstruktur auf den Markt. Diese schnelle Reaktion war nur dadurch möglich, dass
sich einige japanische Hersteller, die bereits vor der Leckstrahlungskrise ihre Geräte in die
USA exportiert hatten, frühzeitig und unabhängig vom MITI über die Änderung des
amerikanischen Standards erkundigt hatten und daraufhin Überlegungen angestellt hatten, wie
sie sich schnell an diese Änderungen anpassen könnten. So hatte beispielsweise Toshiba
bereits im April 1970 mit der Produktion von Mikrowellenkochgeräten begonnen, die mit
einer Tür mit Schnappriegel-Mechanismus versehen waren. Dies also zu einer Zeit, bevor das
MITI überhaupt einen Grenzwert für die Mikrowellenleckstrahlung festgelegt hatte.13 Auch
die Firma Sharp veröffentlichte bereits Anfang August, also einen Monat nach dieser
Festlegung, dass sie einen neuen Gerätetyp mit einer Tür mit Schnappriegel-Mechanismus
Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai 2002.
11 E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002.
12 E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002 und 13. Februar 2003.
13 Toshiba 1975, S.564.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 137
erfolgreich entwickelt hätte.14 Weitere japanische Hersteller folgten dem Vorbild von Toshiba
und Sharp und brachten ihrerseits neue Gerätetype mit einer Tür mit
Schnappriegel-Mechanismus auf den Markt.15
Die Abschirmungstechniken, die die japanischen Hersteller eingeführt hatten,
verfügten über ein hohes Niveau. Das bestätigte ein Warentest, den ein amerikanischer
Verbraucherverein, die Consumer Union, im Jahr 1973 durchgeführt hatte. In diesem
Warentest wurden insgesamt 203 Mikrowellenkochgeräte getestet, die sich damals auf dem
amerikanischen Markt befanden. Bei der Testdurchführung, bei der eine Distanzscheibe in die
Tür einklemmt worden war, überschritt die Leckstrahlung von insgesamt 89 Geräten den
Grenzwert. Dagegen kam es zu keiner Überschreitung des Grenzwertes bei den Geräten der
Firmen Matsushita (Panasonic), Mitsubishi, Sharp, Sanyo und Toshiba.16
6.1.2 Nachträgliche Untersuchung über die Leckstrahlung
Nachdem das MITI einen Standard für die Mikrowellenleckstrahlung eingeführt hatte, führte
es im Jahr 1971 einem eigenen Vorschlag folgend zusammen mit den Industrievereinen –
JEMA und EIAJ17 – Untersuchungen zur Sicherheit des Mikrowellenkochgeräts für einen
Zeitraum von drei Jahren durch. Die Verantwortung für die eigentliche Untersuchung
übernahm der Unterausschuss F des Ausschusses für die Sicherheit elektrischer Produkte
(Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai F shō-iinkai), der aus insgesamt 25 bis 30 Leute
bestand, die aus der KJK/MITI (Kōeki-jigyō-kyoku, Abteilung gemeinnütziger Unternehmen
des MITI), der Abteilung der Schwerindustrie des MITI, den Herstellern, den
Prüforganisation sowie den Industrievereinen kamen.18 Das Ergebnis dieser Untersuchung
wurde im „Untersuchungsbericht zur Sicherheit elektrischer Produkte (Denki yōhin anzen
kenkyū chōsa hōkokusho)“19 zusammengefasst. Die Motivation zur Durchführung dieser
14 AS 7. August 1970.
15 Siehe NKS 3. November 1970. Dabei verhinderten die Patente für die Türmechanismen japanische
Hersteller nicht, neue Gerätetype zu entwickeln. Toshiba meldete das Patent für eine Art des
Schnappriegel-Mechanismus und Matsushita (Panasonic) das Patent für eine Art der Choketürdichtung. Die
anderen Hersteller entwickelten entweder eine andere Art des Schnappriegel-Mechanismus bzw. eine
andere Art der Choketürdichtung oder erhielten das kostenlose Nutzungsrecht des Patents von Toshiba bzw.
Matsushita (Panasonic) durch den Tausch des Patentnutzungsrechts. Cf. Interview mit Ueda (Matsushita
(Panasonic)) im Mai 2002 und E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 27. August 2002.
16 CR January 1974, S.4.
17 Denshi kikai kōgyōkai (Electronic Industries Association of Japan, Abk. EIAJ). Seit November 2002
heißt dieser Verein Denshi jōhō gijutsu sangyō kyōkai (Japan Electronics and Information Technology
Industries Association, Abk. JEITA).
18 Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972, S.341; Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1973,
S.465; Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1974, S.390; Interview mit Omi und Nakano (JEMA) im
Mai 2002.
19 Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972; Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1973; Denki
yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1974.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 138
Untersuchungen bestand gemäß dieser Berichte darin, dass der Verbraucherschutz und der
Respekt vor dem menschlichen Leben es unbedingt erfordern, die biologischen Wirkungen
der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten zu untersuchen bzw. zu erforschen.20 Jedoch
wurden im Rahmen dieser anvisierten Untersuchungen tatsächlich außer reiner
Literaturrecherche keine weiteren Untersuchungen über biologische Wirkungen der
Mikrowellenleckstrahlung durchgeführt. Vielmehr ging es darum, die Sicherheit derjenigen
Mikrowellenkochgeräte zu bestätigen, die nach Einführung des gesetzlichen Standards auf
den Markt gebracht worden waren. Somit ist es nahe liegend, dass der eigentliche
Beweggrund für diese Untersuchungen vermutlich die Notwendigkeit war, die Adäquatheit
des japanischen Standards zu unterstreichen, der nach dem Vorbild des amerikanischen
Standards schnell eingeführt worden war. Darüber hinaus stand vermutlich das MITI unter
Druck, das sich bisher geweigert hatte, detaillierte, inhaltliche Ergebnisse seiner
Stichprobenuntersuchungen über Mikrowellenkochgeräte bekannt zu machen, irgendwelche
Ergebnisse zu veröffentlichen.21
Obwohl im Rahmen dieser Untersuchungen keine Forschung über biologische
Wirkungen von Mikrowellen durchgeführt worden waren, brachten diese Untersuchungen
dennoch mehrere andere bedeutsame Ergebnisse. Erstens wurde eine Meßmethode für die
Leistungsdichte der Mikrowellenleckstrahlung festgelegt. Darüber hinaus wurden detaillierte
Messungen von Leckstrahlungen aus verschiedenen Typen von Mikrowellenkochgeräten
durchgeführt. Diese Messungen bestätigten, dass eine Tür mit Schnappriegel-Mechanismus,
mit Choketürdichtung und mit mikrowellenabsorbierendem Material tatsächlich die
Leckstrahlung genügend abschirmen konnte. Zweitens zeigte die Literaturrecherche, dass
Japan auf dem Gebiet der Forschungen über biologische Wirkungen von Mikrowellen im
Vergleich zu anderen Ländern im Rückstand lag. Dadurch wurde die Notwendigkeit von
künftigen Forschungen auf diesem Gebiet erkannt. Schließlich nahm man drittens bei dieser
Gelegenheit Untersuchungen in Angriff, die damals oft vernachlässigt wurden – nämlich
Untersuchungen über Störungen anderer elektrischer Geräte durch Abstrahlung
unerwünschter elektromagnetischer Wellen22.
20 Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972, S.342-343 und Interview mit Omi und Nakano (JEMA)
im Mai 2002.
21 Zu diesem Zeitpunkt hatten amerikanische Behörden bereits mehrere Ergebnisse ihrer Untersuchungen
veröffentlicht, zum Beispiel „Microwave Oven Survey (DHEW Publication No. (FDA) 72-8007,
BRH/DEP 72-2 (1970)“ und „Leakage Variations from Microwave Ovens. BRH/DEP70-11, PB 192 042
(1971)“. Dagegen hatte das MITI in Japan noch keinen Bericht vorgelegt, obwohl vom MITI mehrmals
verlangt worden war, detaillierte, inhaltliche Ergebnisse seiner Stichprobeuntersuchungen über
Mikrowellenkochgeräte bekannt zu machen. Siehe Elder und Klein 1971, S.293.
22 Die Probleme über diese Störungen wurden in letzter Zeit unter dem Begriff „Electro-Magnetic
Compatibility (Elektromagnetische Verträglichkeit, Abk. EMC)“ gesprochen. Seit 1975 begannen
japanische Elektroingenieure, ihre Aufmerksamkeit auf EMC zu schenken. Die Maßnahme gegen die
Störungen der elektrischen Geräte durch die Abstrahlung unerwünschter elektromagnetischer Wellen ist
technisch auf zweierlei Art möglich. Zum einen kann man die empfindlichen Elektrogeräte durch eine
Abschirmung vor unerwünschten elektromagnetischer Wellen schützen. Zum anderen kann man die
Abstrahlung unerwünschter elektromagnetischen Wellen reduzieren. EMC zielte darauf hin, diese beiden
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 139
6.1.3 Werbekampagne
Vor der Leckstrahlungskrise ging man davon aus, dass die Nachfrage nach
Mikrowellenkochgeräten im Jahr 1970 auf etwa 600.000 Stück steigen würde, was etwa einer
Verdoppelung der Nachfrage des Jahres 1969 entsprach.23 Jedoch war die Nachfrage im Jahr
1970 wegen der Leckstrahlungskrise weit unter dieser Erwartung. Das MITI behauptete,
japanische Mikrowellenkochgeräte seien sicher, wenn man sie genau gemäß
Gebrauchsanweisung handhaben würde. Jedoch überzeugte diese Behauptung die Verbraucher
keineswegs. Wegen der fallenden Nachfrage fiel entsprechend die Produktionsmenge: die
produzierten Mikrowellenkochgeräte in Japan, die im Februar 1970 noch insgesamt ca.
60.000 betrugen, wurde im Juni desselben Jahres auf 15.000 reduziert, also auf ca. 1/4
innerhalb von vier Monaten.24 Die Angestellten der Mikrowellenkochgerätehersteller, die im
Bereich Produktion tätig waren, hatten plötzlich wenig zu tun. Um das Vertrauen ihrer
Kunden wiederzugewinnen, wurden diese Angestellten aufgefordert, sich mit
Kundenbesuchen zu beschäftigen statt mit der Herstellung.25
Sobald japanische Hersteller neue Typen von Mikrowellenkochgeräten auf den Markt
gebracht hatten, die den Standard befolgt, begannen diese Hersteller jeweils ihre
Werbeaktionen, die insbesondere die Sicherheit der neuen Mikrowellenkochgeräte betonten.26
Dank dieser Werbeaktionen begann die Nachfrage sich allmählich ab Mitte September wieder
zu erholen. Während beispielsweise Toshiba noch im April und Mai jeweils nicht mehr als
5.000 Geräte produzierte, erholte sich die Produktionsmenge im Oktober auf 8.000. Auch
Sharp konnte seine Produktionsmenge im Oktober auf 7.000 erhöhen.27
Als im November 1970 die Nachfrage gerade wieder zu steigen begann, kam es in
Japan durch den Gebrauch eines Mikrowellenkochgeräts zu einem Todesunfall. Eine Person
kam durch einen elektrischen Schlag ums Leben, während sie ein Mikrowellenkochgerät der
Firma Sharp betätigte. Die Ursache dafür war ein Defekt an der Isolierung. Dieser Unfall
bedeutete für die Firma Sharp eine viel größere Krise als die Leckstrahlungskrise. Nachdem
die Unfallursache geklärt worden war, überprüfte Sharp seine Mikrowellenkochgeräte in
Haushalten und in der Gastronomie und reparierte mangelhafte Geräte kostenlos.28 Trotz
dieses Todesunfalls befanden sich auch weiterhin Mikrowellenkochgeräte auf dem Markt, die
einen ähnlichen Defekt an der Isolierung hatten. Im April 1972 stellte der Japanische
Verbraucherverband (Nihon shōhisha kyōkai, Japan Consumers’ Association, Abk. JCA) fest,
Maßnahmen zu kombinieren und dadurch Störungen zu vermeiden. Siehe Hasegawa, Sugiura, Okamura
und Kuronuma 1991, S.15.
23 NKS 4. Februar 1970.
24 NKS 3. November 1970.
25 Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002.
26 NKS 3. November 1970 und NKS 7. November 1971.
27 NKS 3. November 1970 und NKS 10. November 1970.
28 NKS 10. November 1970 und E-Mail von Fujiwara (ehem. Firma Sharp) vom 13. Februar 2003.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 140
dass sich insgesamt 10.000 Mikrowellenkochgeräte von vier Herstellern auf dem Markt, in
Haushalten und in der Gastronomie befanden, die einen ähnlichen Defekt an der Isolierung
aufwiesen und daher eine Gefahr darstellten. Die JCA warnte die Verbraucher davor, dass
diese Geräte aufgrund ihres Defekts an der Isolierung eine viel größere Gefahr darstellen als
diejenige Gefahr, die durch Leckstrahlung droht.29 Jedoch war die Berichterstattung in den
japanischen Medien zum Thema Leckstrahlung viel größer als die Berichterstattung über die
Gefahr des elektrischen Schlags durch den Gebrauch von Mikrowellenkochgeräten mit
defekten Isolierungen. Vermutlich hatten die Menschen in Japan vor der Leckstrahlung viel
mehr Angst als vor einem elektrischen Schlag. Während die Leckstrahlung unbekannt und
fremd war, waren damals durch elektrische Schläge verursachte Unfälle bekannt, die durch
Nutzung anderer elektrischer Geräten auftraten und über die ab und zu berichtet worden war.
Die Leckstrahlungskrise traf die Mikrowellenkochgerätehersteller für einige Jahre, so
dass sie sich in dieser Zeit verstärkt mit der Sicherheitsfrage beschäftigten. Die japanischen
Verbraucherorganisationen konzentrierten sich auf das Interesse der Verbraucher an der
Sicherheitsfrage und führten in diesem Zeitraum regelmäßig Tests über die Leckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten durch. Zur Beruhigung der Verbraucher konnte in diesen Tests keine
Leckstrahlung festgestellt werden, die den Grenzwert überschritt. Dies wiederum nutzten die
japanischen Hersteller in ihren Werbekampagnen und betonten ihrerseits die Sicherheit der
von ihnen produzierten Mikrowellenkochgeräte. Darüber hinaus entsandten die Hersteller ihre
weiblichen Angestellten, die je nach Firma als „High-Cock-Lady“, „Elec-Lady“ oder
„Mama-Cock-Lady“ bezeichnet wurden, zu Verkaufsstellen, veranstalteten
Gebrauchsvorführungen, Homepartys30 und Kochkurse (Abbildung 33) und begannen mit der
Dienstleistung eines Beratungsservices per Telefon. Ferner besuchten Verkäufer einzelne
Haushalte, um Mikrowellenkochgeräte zu verkaufen. 31 Durch diese Vielzahl von
Werbekampagnen und einen harten Preiswettbewerb begann die Nachfrage Ende 1971 wieder
stark zu steigen.32
Abbildung 33 Kochkurse (NKS 7. November 1971).
29 AS 27. April 1972.
30 Anders als in den USA war bis dahin in Japan die Homeparty unbekannt. Diese Verkaufsstrategie
imitierten vermutlich die japanischen Hersteller nach amerikanischem Vorbild und führten sie in Japan ein.
31 NKS 3. November 1970; NKS 7. November 1971; NKS 9. August 1972; NKS 9. Oktober 1974; NKS 1.
November 1974; NKS 20. Januar 1975; NKS 22. August 1975; Sharp 1985, S.3-8; Sharp 2001, S.5.
32 NKS 12. November 1971.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 141
Vier Jahre nach der Leckstrahlungskrise, im Jahr 1974, war die Leckstrahlung in
Japan kein Thema mehr. Es gab kaum noch Werbungen, die das Gerät als sicher bzw.
leckstrahlungsfrei anpriesen. 33 Stattdessen betonten diese späteren Werbungen die
Bequemlichkeiten des Mikrowellenkochgeräts wie „zeitsparend“, „energiesparend“ und dass
man durch den Gebrauch des Geräts „mehr das Familienleben genießen“ könne. Durch diese
Kampagne wurde das Mikrowellenkochgerät in Japan bekannter, so dass sich bereits im Jahr
1973 ca. 40 % der japanischen Haushalte ein Mikrowellenkochgerät wünschten.34
6.1.4 Weiterentwicklung des Magnetrons
In der zweiten Phase von 1970 bis 1973 machte die Magnetrontechnik weitere Fortschritte.
Erstens konnte der magnetische Kreis verbessert werden, was eine erneute Preisreduzierung
zur Folge hatte. Zweitens wurde das Magnetron durch die Einführung des Koppelstifts aus
Keramik langlebiger. Darüber hinaus wurde ein Leitungsfilter im Magnetron eingebaut, um
unerwünschte Ausstrahlungen auf Radio- bzw. Fernsehersendungen zu minimieren.35
6.1.4.1 Verbesserung des magnetischen Kreises
In der ersten Phase von 1965 bis 1969 hatte eine Verbesserung des magnetischen Kreises
dahingehend stattgefunden, dass statt Elektromagneten Permanentmagneten eingeführt
worden waren. Als Permanentmagnet wurde zuerst Ferrit verwendet, später dann
Alnicomagnet, was das Mikrowellenkochgerät insgesamt verkleinert hatte. Anschließend
kristallisierten sich in der zweiten Phase je nach Hersteller zwei unterschiedliche Strategien
heraus, um den magnetischen Kreis weiterhin zu verbessern.
Die Firma NJRC verfolgte die Strategie, durch Verkleinerung des kostspieligen
Alnicomagneten Materialkosten zu sparen und den Preis des Magnetrons insgesamt zu
reduzieren. Dafür entwickelten die Ingenieure von der NJRC das neue Magnetron 2M179
(Abbildung 34 (f))36, in dem ein kleiner Alnicomagnet mit hohem Wirkungsgrad eingebaut
wurde. Dieses Magnetron 2M179 verfügte über die Eigenschaft, dass alle Teile dieses
Magnetrons durch Stanzen automatisch hergestellt werden konnten, was positive und negative
Folgen hatte. Einerseits konnte dadurch die Produktionsarbeit stark vereinfacht und
letztendlich Kosten gespart werden. Jedoch hatte diese Eigenschaft auch ihre negativen
33 In ihrer Werbung haben die Hersteller seitdem die Sicherheit bzw. die Leckstrahlung nicht mehr erwähnt,
da sie befürchteten, dies würde den Verdacht der Verbraucher wecken.
34 NKS 25 August 1972 und NKS 16. Oktober 1979.
35 Sasaki und Kase 1971, S.287.
36 Dieses Magnetron erzeugte Mikrowellen mit einer Länge von 2450 MHz bei einer Leistung von 500 W.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 142
Seiten: die Struktur dieses Magnetrons war im Vergleich zu herkömmlichen Magnetronen
komplexer, hatte mehr Bestandteile und damit nahm auch die Anzahl der Arbeitsschritte zu.
Darüber hinaus erforderte dieses Magnetron hohe Entwicklungskosten. Letzten Endes
unterschied sich der Herstellungspreis dieses Magnetrons nur wenig vom Preis
herkömmlicher Magnetrone.37
Im Unterschied zur NJRC verfolgten die Firmen Toshiba und Matsushita (Panasonic)
in der zweiten Phase von 1970 bis 1973 die Strategie, statt teurer Alnicomagneten wieder den
preiswerten Ferritmagneten zu verwenden und dadurch den Preis des Magnetrons zu
reduzieren.38 Als Toshiba zuvor im Jahr 1968 in der ersten Phase Alnicomagneten statt
Ferritmagneten im Magnetron verwendet hatte (vgl. dazu Abbildung 34 (a) mit einer
schematischen Darstellung des magnetischen Kreises des Magnetrons 2M52), war der
Wirkungsgrad von Ferritmagneten noch viel niedriger als der von Alnicomagneten. Um einen
bestimmten Wirkungsgrad zu erreichen, war das Volumen eines Ferritmagneten in der ersten
Phase noch viel größer als das eines Alnicomagneten. Nun entwickelte Toshiba im Jahr 1972
erfolgreich einen neuen magnetischen Kreis unter Verwendung von Ferritmagneten
(Abbildung 34 (b)). Dieser magnetische Kreis hatte eine neue Anordnung von Ferritmagneten.
Durch die Veränderung der Anordnung der Magnete konnte man nun sogar mit
Ferritmagneten ungefähr den gleichen Wirkungsgrad erreichen, den man zuvor mit
gleichgroßen Alnicomagneten erreicht hatte.39
Im Vergleich zu Toshibas neuem Magnetron mit Ferritmagneten war das neue
Magnetron mit Alnicomagneten der NJRC viel kleiner und konnte den Magnetismus dreifach
effizienter nutzen. Jedoch wies Toshibas neues Magnetron mit Ferritmagneten weniger
Materialkosten auf und war daher preiswerter. In dieser Zeit stiegen die Materialkosten von
Alnicomagneten aufgrund politischer Unruhen in Zaire noch weiter. In Zaire wurde Kobalt
hergestellt, der für die Produktion von Alnicomagneten benötigt wird. Vor diesem Hintergrund
nahm verständlicherweise die Nachfrage nach Magnetronen mit Ferritmagneten zu, während
die Nachfrage nach Magnetronen mit Alnicomagneten abnahm.40
Über diese beiden neuen Magnetrone hinaus wurden damals noch weitere neue
Magnetrone entwickelt. Als Beispiel läßt sich das sehr kleine Magnetron mit einem
Samarium-Kobalt-Magneten 2M166 nennen (Abbildung 34 (e)). Doch diese neuen
Magnetrone konnten keinen großen Marktanteil gewinnen, da sie entweder nicht preiswert
genug oder aber nicht massenproduktionsfähig waren.41
Die Firma NJRC, die seit dem Jahr 1966 Magnetrone produziert hatte und zu einer
Zeit sogar ein Monopol im Magnetronenmarkt besessen hatte, stieß auf Schwierigkeiten bei
37 Ogura 1986, S.11-13.
38 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.183.
39 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
40 Siehe Ogura 1986, S.13; Oguro und Shikanuma 1993, S.46; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi
kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.183; Kadono, Ogura, Takahashi und Koinuma 1974, S.189.
41 Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.186.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 143
der Massenproduktion. Als andere Hersteller mit der Massenproduktion preiswerter
Magnetronen begannen, verlor die NJRC ihren Marktanteil und erlitt später sogar finanzielle
Verluste. Mit der Hoffnung, diese Verluste wieder auszugleichen, entwickelte die NJRC das
oben genannte, neue Magnetron 2M179 mit Alnicomagneten. Jedoch war das neue Magnetron
der NJRC im Vergleich zu Toshibas bzw. Matsushitas (Panasonic) neuen Magnetronen mit
Ferritmagneten nicht konkurrenzfähig. Schließlich stellte die NJRC die Magnetronproduktion
für Mikrowellenkochgeräte im Jahr 1972 auf den Rat ihres einflussreichen Aktienbesitzers
Raytheon ein.42 Die NJRC verpasste den Aufschwung der Magnetrone für kompakte
Mikrowellenkochgeräte in den 1980er Jahren in Japan, die den japanischen
Magnetronenherstellern große Gewinne brachten. Trotz mehrerer innovativer Ideen im
Hinblick auf das Magnetron konnte die NJRC letztlich dadurch keinen großen Gewinn
erzielen.43 Dies ähnelt der Situation der Firma Raytheon, die ebenfalls mit der Produktion von
Mikrowellenkochgeräte keinen großen Gewinn erzielen konnte, obwohl ihre eigenen
Ingenieure, namentlich Spencer und seine Mitarbeiter, das Mikrowellenkochgerät erfunden
hatten. Sowohl die NJRC als auch Raytheon, die beide hauptsächlich mit militärischen
Produkten Geschäfte machten, stießen auf allzu große Schwierigkeiten bei der Herstellung
ziviler Massenprodukte.44
Abbildung 34 Änderung des magnetischen Kreises (Oguro 1978, S.31).
42 Siehe Shin nihon musen kabushiki kaisha (NJRC) 1989, S.4, 20 und 81-82; Fukagawa, Shūkichi 1987,
S.2. Die gesamte Anlage der NJRC zur Produktion von Magnetronen für Mikrowellenkochgeräte wurde an
die Mitsubishi-denki Fabrik in der Präfektur Gunma verkauft. Nicht betroffen davon war die Produktion
von CW-Magnetronen zur Industrieerhitzung, die die NJRC weiterhin produzierte.
43 Ogura 1986, S.11-13.
44 Beispielsweise schrieb die Firma Raytheon roten Zahlen im Bereich mit Fernsehapparaten. Ebenso erlitt
die JRC, die Dachgesellschaft der NJRC, Verluste im Geschäft mit Radioapparaten. Ketteringham und
Nayak 1987, S.196-197.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 144
6.1.4.2 Einführung des Koppelstifts aus Keramik
Die Magnetrone für Mikrowellenkochgeräte mussten nicht nur preiswerter, sondern auch
thermisch, mechanisch und elektrisch robuster sein. Jedoch litten die Magnetrone häufig an
einem Defekt des Koppelstifts: Üblicherweise wird der größte Teil der Mikrowellen, die vom
Magnetron ausgestrahlt werden, vom Lebensmittel im Garraum absorbiert. Doch ein kleiner
Teil derjenigen Mikrowellen, die nicht vom Lebensmittel absorbiert werden, wird reflektiert
und kommt wieder zum Magnetron zurück. Wenn die zu erwärmenden Lebensmittel nicht
groß genug sind, kann sogar der Großteil der Mikrowellen qua Reflektion wieder zum
Magnetron zurückkommen. Die Hitze dieser zurückkommenden Mikrowellen beschädigt die
kuppelförmige Oberfläche des Koppelstifts des Magnetrons, der aus Glas besteht (Abbildung
35, links).45 Um diesen Schaden zu minimieren bzw. vorzubeugen wurde damals ein Isolator
im Hohlleiter eingebaut bzw. ein Hohlleiter mit weniger Reflektion verwendet. Eine noch
bessere Vorbeugungsmaßnahme geht auf die Firma Hitachi zurück, die im Jahr 1971 die
bisherige Oberfläche des Koppelstifts aus kuppelförmigem Glas durch zylinderförmige
Keramik ersetzte (Magnetron 2M71, als Beispiel eines Koppelstifts aus Keramik siehe
Abbildung 35, rechts).46 Bis dahin wurde Keramik aus Kostengründen nicht verwendet.
Hitachi löste dieses Kostenproblem durch eine Vereinfachung der Struktur. Durch die
Einführung des Keramikkoppelstifts wurde das neue Magnetron viel robuster und
langlebiger47 als herkömmliche Magnetrone.48 Darüber hinaus hatte die Einführung des
Keramikkoppelstifts einen weiteren Vorteil, nämlich die Erleichterung der Automatisierung
bei der Herstellungsarbeit.49
Diese Strapazierfähigkeit des Magnetrons führte zu mehreren Vorteilen beim
Mikrowellenkochgerät. Erstens hatten die Mikrowellenkochgeräte weniger Ausfälle. Zweitens
wurde es möglich, über die einfachen Funktionen eines Mikrowellenkochgeräts hinaus
zusätzliche Funktionen einzuführen. Beispielsweise erlaubte es die thermische
Strapazierfähigkeit des Magnetrons, die Backofenfunktion einzuführen. 50 Ein weiteres
Beispiel einer zusätzlichen Funktion ist die Einführung der Auftaufunktion.51 Drittens wurde
45 Oguro und Shikanuma 1993, S.42.
46 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.183-184.
47 Die Lebensdauer eines herkömmlichen Magnetrons für ein kompaktes Mikrowellenkochgerät betrug
anfänglich ca. 500 Stunden. Durch eine Vielzahl von Verbesserungen konnte die Lebensdauer heutiger
Magnetrone auf 3.000 bis 4.000 Stunden erweitert werden. Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai
2002.
48 Oguro und Shikanuma 1993, S.42.
49 Wegen dieses Vorteils wurde diese Keramiklösung von Hitachi auch für Mikrowellengeräte anderer
Hersteller übernommen. Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002; E-Mail von Yoshioka (ehem.
NJRC) vom 26. Februar 2005.
50 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
51 Siehe Oguro und Shikanuma 1993, S.43. Letztlich wird diese Auftaufunktion durch häufiges Ein- und
Ausschalten des Magnetrons realisiert. Dies lässt sich wie folgt erläutern: Wenn man mit der vollen
Leistung eines Magnetrons ein tief gefrorenes Lebensmittel aufwärmt, wird dies Lebensmittel nicht
aufgetaut, sondern zum Teil gar gekocht und zum Teil bleibt es gefroren. Um tief gefrorene Lebensmittel
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 145
der Hohlleiter nicht mehr benötigt, der bislang die Mikrowellen aus dem Magnetron in den
Garraum leitete. Das neue Magnetron war bezüglich Hitze so robust, dass der Hohlleiter als
Vorbeugemaßnahme reflektierter Strahlen nicht mehr benötigt wurde. Dadurch konnte der
Platz für den Hohlleiter eingespart werden, so dass das Mikrowellenkochgerät noch
kompakter gebaut werden konnte.52 Wegen dieser Vorteile setzte sich der Keramikkoppelstift
sehr bald als Standard durch und fand schnelle Verbreitung.53
Abbildung 35 Beispiele des Magnetrons mit dem Koppelstift aus Glas (links) und des
Magnetrons mit dem Koppelstift aus Keramik (rechts) (links: Foto zur Verfügung gestellt
von der Firma NJRC, rechts: Foto Nagase-Reimer 2008).
6.1.4.3 Verbesserung der Anodenproduktion
Zur damaligen Zeit baute die Firma Toshiba die Anode, indem zuerst ein Zylinder aus Kupfer
hergestellt wurde und anschließend die Flügel – genannt „vane“ – an die innere Seite dieses
Kupferzylinders gelötet wurde. Ursprünglich fertigte Toshiba den Kupferzylinder aus einem
Kupferblock, der wiederum aus Kupferrohren hergestellt worden war. Später beauftragte
Toshiba einen Leitungskabelhersteller, den Kupferzylinder direkt aus Kupferrohren
herzustellen. Dadurch sparte Toshiba einen Herstellungsprozess und folglich auch
Produktionskosten.54
Die Firma Hitachi entwarf im Jahr 1973 eine alternative Produktionsmethode
genannt „hobbing (Einsenkstempel)“55, mit der sich eine Anode direkt aus einem Kupferblock
aufzutauen, muss man die Lebensmittel in Intervallen erhitzen. Diese Intervallerhitzung lässt sich durch
Ein- und Ausschalten des Magnetrons realisieren. Dies häufige Ein- und Ausschalten war mit
herkömmlichen Magnetronen nicht möglich, es führte zum Ausfall dieser Magnetronen.
52 Bis dahin hatten die Hersteller versucht, durch die Veränderung der Form des Hohlleiters diesen zu
verkleinern. Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
53 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.183-184.
54 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
55 Mittels dieser Methode produzierte bereits die Firma JRC im Zweiten Weltkrieg die Anode des
Magnetrons M312. Doch nach dem Krieg wurde meistens die oben genannte Methode mit der Löttechnik
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 146
anfertigen lässt (Abbildung 36). Diese Methode ermöglichte die Massenproduktion von
Anoden mit hoher Genauigkeit.56
Für die Massenproduktion von Magnetronen richteten mehrere japanische Hersteller
neue Fabriken ein, die sich auf die Produktion von Magnetronen spezialisierten.57 Durch
diese weit verbreiteten Massenproduktionen konnte der Preis des Magnetrons weiter reduziert
werden. Das Magnetron stellt in der ersten Hälfte der 1970er Jahren in Japan eins der
wichtigsten Elektroprodukte dar.58
Abbildung 36 Anodeproduktionsmethode „hobbing (Einsenkstempel)“ von Hitachi
(Hitachi displays 1985).
6.1.5 Erholung des Umsatzes
Der Umsatz des Mikrowellenkochgeräts wuchs zwischen den Jahren 1972 bis 1974 drastisch.
Dazu trug nicht nur die aktive Verkaufskampagne der Hersteller bei, sondern insbesondere
wirkte auch die radikale Preissenkung in dieser Zeit. Im Sommer 1971 brachten die
japanischen Hersteller Geräte für unter 90.000 Yen (ca. 918 DM) auf den Markt. Im Mai 1972
verkaufte Matsushita (Panasonic) ein extrem kompaktes Gerät zum Preis von 74.800 Yen (ca.
748 DM) und drei Monate später bot Sharp ein Gerät zum Preis von 66.000 Yen (ca. 660 DM)
an. Im Oktober 1973 kostete ein Gerät von Daiei/Kuraun nur noch 44.800 Yen (ca. 448
DM).59 Diese Beispiele zeigen, dass sich der Preis eines Mikrowellenkochgeräts von nur
innerhalb zwei Jahren (zwischen 1971 und 1973) um die Hälfte reduziert wurde. Diese
drastische Preisreduzierung wurde durch die Massenproduktion der Geräte, durch die
verwendet. Siehe Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.185.
56 Maejima und Saitō 1996, S.13 und Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987,
S.185.
57 Beispielsweise verfügte die Firma Toshiba im Oktober 1973 bereits über eine Produktionskapazität von
100.000 Magnetronen pro Monat. Siehe NKS 31. Oktober 1973.
58 NKS 31. Oktober 1973; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.184;
NKS 16. Oktober 1972.
59 NKS 19. August 1971; NKS 21. Oktober 1971; NKS 6. März 1972; NKS 24. Mai 1972; NKS 11. August
1972; NKS 21. Oktober 1973.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 147
Rationalisierung der Herstellungsprozesse sowie durch die Preissenkung des Magnetrons
erreicht. Die Preisreduzierung des Geräts hatte zur Folge, dass sich die Käuferschicht auf die
Mittelschicht ausweitete, d.h. von jungen Familien bis hin zu Doppelverdienern.60 Zwar hatte
die Leckstrahlungskrise die Hersteller von Mikrowellenkochgeräten in eine tiefe Krise
gestürzt, doch erholten sich die Umsätze der Hersteller relativ schnell. Zur Zeit der
Leckstrahlungskrise war das Mikrowellenkochgerät ein noch unbekanntes Gerät, das nur
wenige Verbraucher mit hohen Einkommen besaßen. Daher traf die Leckstrahlungskrise nur
diesen Teil der Verbraucher, aber nicht die Masse. Das Mikrowellenkochgerät breitete sich in
Japan in der ersten Hälfte der 1970er Jahre schneller aus als in den USA. Außerdem überholte
die japanische Mikrowellenkochgerättechnologie bereits zu dieser Zeit die U.S.
amerikanische Technologie.61
Die meisten Geräte in dieser Zeit hatten eine Schaltuhr in Form eines Drehknopfs.
Sobald sich der Drehknopf in seine Ausgangsstellung zurückbewegt hatte, schaltete die Uhr
das Gerät aus.62 Das damalige Sichtfenster bestand aus einer Metallscheibe, die zahlreiche
kleine Löcher hatte. Eine Glasscheibe gab es noch nicht.
Aufgrund der Entwicklung des Verteilungssystems im Bereich der Tiefkühlgüter
(cold chain) begann in der ersten Hälfte der 1970er Jahre in Japan die Verbreitung der
Tiefkühlkost. Manche Firmen versuchten, diese Möglichkeit aktiv für den Verkauf ihrer
Mikrowellenkochgeräte zu nutzen. Beispielsweise war die Firma Daiei, eine der großen
Supermarktketten in Japan, die ein Mikrowellenkochgerät der Marke Daiei/Kuraun63 zum
Preis von 44.800 Yen (ca. 400 DM) auf den Markt brachte. Die Strategie bestand darin, die
Tiefkühlkost zusammen mit dem Mikrowellenkochgerät zu verkaufen. Daiei verkaufte die
Mikrowellenkochgeräte direkt in der Tiefkühlkostabteilung in ihren Supermärkten.64 Auch die
Firma Sharp entwickelte ein kombiniertes Gerät, bei dem der untere Teil ein Kühlschrank ist
und obendrauf ein Mikrowellenkochgerät integriert ist.65
Auch in den USA starteten die Firmen Tappan, Roper, Magic Chef, Admiral Corp,
Sage Laboratries und Whirpool ihr Geschäft mit dem Mikrowellenkochgerät. Genau wie in
Japan verkaufte sich in den USA insbesondere das kompakte Gerät sehr gut. Diese Tatsache
war dafür entscheidend, welcher Gerätetyp sich letztlich auf den Markt durchsetzte:
Ursprünglich wurden damals auf dem US-amerikanischen Markt Mikrowellenkochgeräte mit
60 NKS 11. August 1972 und AS 11. August 1972. Die Bedeutung des Wortes „Doppelverdiener“ war
damals eine andere als heute. Damals bezeichnete man mit dem Wort „Doppelverdiener“ eine
Haushaltsituation, in der das Einkommen einer Person (meistens des Mannes) für den Haushalt nicht
ausreichte, so dass die Frau auch einer Erwerbsarbeit nachgehen musste.
61 NKS 25 August 1972.
62 NKS 6. März 1972 und NKS 15. August 1972.
63 Daiei bestellte die Mikrowellenkochgeräte bei der Firma Kuraun mit dem Markennamen
„Daiei/Kuraun“. Der Hersteller selbst – in diesem Fall Kuraun – wird im allgemeinen OEM (Original
Equipment Manufacturer) genannt. Siehe NKS 4. September 1972.
64 NKS 17. September 1973 und NKS 21. Oktober 1973.
65 NKS 15. Januar 1972.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 148
zwei Frequenzbereichen angeboten, sowohl mit 915 MHz66 als auch mit 2450 MHz. Da
jedoch das Magnetron mit dem Frequenzbereich von 915 MHz größer war als das Magnetron
mit Frequenzbereich von 2450 MHz, waren auch die jeweiligen Mikrowellenkochgeräte mit
den unterschiedlichen Frequenzbereichen unterschiedlich groß. Obwohl das Gerät mit dem
Frequenzbereich von 915 MHz zur Erhitzung eines großen Lebensmittelstücks wie
beispielsweise einer ganzen Pute vorteilhaft war, verschwand es Mitte der 1970er Jahre vom
US-amerikanischen Markt, da es einfach zu groß war.67 Weltweit wurden seither nur noch
Mikrowellenkochgeräte mit einem Frequenzbereich von 2450 MHz produziert. Obwohl diese
Frequenzentscheidung nicht optimal im Hinblick für das Kochen großer, einzelner
Lebensmittelstücke war, ist die Entscheidung aus heutiger Sicht sinnvoll gewesen, da das
Mikrowellenkochgerät heute meistens nur zum Aufwärmen kleiner Portionen Lebensmittel
benutzt wird.68
6.1.6 Kritik der amerikanischen Consumer Union
Seit dem Inkrafttreten des HEW-Standards erfüllten alle auf dem amerikanischen Markt
befindlichen Mikrowellenkochgeräte diesen Standard. Dennoch gab es auch weiterhin
Kritiken am Umgang der Regierung und der Industrie in den USA in Bezug auf das
Mikrowellenkochgerät. Zum Beispiel veröffentlichte im Jahr 1973 die amerikanische
Verbraucherorganisation Consumer Union einen Artikel mit dem Titel „Microwave Ovens Not
Recommended: The popular models we tested leaked radiation at levels we can’t be sure are
harmless“ in ihrer Organzeitschrift Consumer Reports. In diesem Artikel warnte die
Consumer Union die Verbraucher davor, dass man nicht definitiv sagen könne, ob die
Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten harmlos sei, die den HEW-Standard befolgten.69
Laut der Consumer Union basierte diese Warnung darauf, dass in ihren Tests, die unter
bestimmten Bedingungen durchgeführt wurden, Leckstrahlungen gemessen wurden, die den
HEW-Standard überschritten. Obwohl der HEW-Standard Prüfungen unter bestimmten
Bedingungen70 nicht vorschrieb, können diese Bedingungen im alltäglichen Gebrauch mit
66 Im Rahmen einer internationalen Vereinbarung zur Telekommunikation (International
Telecommunication Convention) war in Japan die Nutzung des Frequenzbereichs von 915 MHz für den
Zweck der Erhitzung von Lebensmitteln nicht erlaubt. Deshalb wurden in Japan ausschließlich
Mikrowellenkochgeräte mit einem Frequenzbereich von 2450 MHz produziert. Denki tsūshin gakkai
(Hrsg.) 1957, S.1970 und 2085-2086.
67 Die Firma General Electric (GE), die in den 1950er Jahren die Herstellung von Mikrowellenkochgeräten
mit einem Frequenzbereich von 915 MHz eingestellt hatte, begann Mitte der 1960er Jahre wieder mit deren
Produktion. Jedoch stellte GE die Produktion auch dieser Geräte wieder ab Mitte der 1970er Jahren ein, da
sich die kompakten Geräte besser verkauften. Seitdem produziert auch GE seine Geräte ausschließlich mit
einem Frequenzbereich von 2450 MHz. Osepchuk 1984, S.1213.
68 E-Mail von Osepchuk (ehem. Raytheon) vom 2. Juli 2005.
69 CR April 1973, S.221.
70 Hierbei handelt es sich beispielsweise um Zustände, in denen das Gerät ohne Lebensmittel eingeschaltet
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 149
dem Mikrowellenkochgerät sehr wohl eintreten.71 Darüber hinaus wies die Consumer Union
darauf hin, dass die langfristigen Effekte schwacher Mikrowellenbestrahlung auf den
menschlichen Körper noch nicht geklärt wären. Aus diesen Überlegungen und Tests zog die
Consumer Union die Folgerung, dass das Mikrowellenkochgerät nicht empfehlenswert sei.72
Einige der industrienah stehenden Wissenschaftler nahmen diese Kritiken der
Consumer Union nicht ernst. Beispielsweise behauptete ein solcher Wissenschaftler in einem
Leserbrief an die Consumer Union, dass die von der Consumer Union empfohlene Reiterhose
eine viel größere Gefahr für die vorübergehende Unfruchtbarkeit darstellen würde als die
Leckstrahlung aus einem Mikrowellenkochgerät.73
Im Unterschied dazu nahm das HEW diese Kritiken der Consumer Union ernst. Nach
Meinungsumfragen zum Türmechanismus der Hersteller forderte das HEW die Hersteller auf,
als weitere Sicherheitsmaßnahme im Türmechanismus eine Monitorfunktion (interlock failure
monitor) einzubauen. Diese Monitorfunktion soll das Mikrowellenkochgerät betriebsunfähig
machen, sobald die Sicherheitssperre defekt ist. Das Ministerium kündigte diese Ergänzung
als „Amendments to the HEW microwave Oven Performance Standard“ am 7. August 1973 an.
Ein Jahr später trat diese Ergänzung in Kraft.74
Im Jahr 1973 reichte die Consumer Union ein Gesuch an das HEW ein. Basierend
auf ihren Testergebnissen bat die Consumer Union in diesem Gesuch um zwei Sachen.
Erstens solle das HEW kritische Situationen berücksichtigen, die bislang nicht erwähnt
worden waren, und dagegen Maßnahme ergreifen, die beim täglichen Gebrauch mit dem
Mikrowellenkochgerät entstehen können – beispielsweise das Einschalten des Geräts ohne
Lebensmittel. Zweitens sollten die Hersteller einer noch strengeren Prüfung unterzogen
werden, um einen noch höheren Sicherheitsstandard zu gewährleisten.75 Das HEW reagierte
auf die erste Bitte und verpflichtete die Hersteller, Aufkleber im Sichtfeld des Verbrauchers
auf der Außenseite des Mikrowellenkochgeräts anzubringen. Auf diesen Aufklebern sollte
stehen, dass man erstens ohne Lebensmittel das Gerät nicht einschalten soll, man zweitens
zwischen der Tür und der Türdichtung nichts einklemmen soll und man drittens das Gerät
generell nicht nutzen soll, wenn die Tür defekt ist.76 Doch die zweite Bitte der Consumer
wird oder in denen das Gerät eingeschaltet wird, während noch Küchenpapier oder noch ein kleiner
Lebensmittelrest zwischen Tür und Türdichtung klemmt.
71 Unter den Geräten, die die Consumer Union prüften, war auch eins von einem japanischen Hersteller.
Dieses japanische Gerät erfüllte sogar unter den oben genannten bestimmten Bedingungen, die nicht im
Rahmen des HEW-Standards vorgeschrieben waren, den HEW-Standard. Darüber hinaus leckte das
japanische Gerät im Vergleich mit den anderen amerikanischen Geräten weniger. Siehe CR April 1973,
S.223-225 und 229.
72 CR April 1973, S.229.
73 Das Originalzitat dazu lautet: “jockey shorts promoted by CU posed a far greater hazard to temporary
sterility of males than microwave leakage”. Siehe Osepchuk 1984, S.1215.
74 Tinga 1972; Toshiba 1975, S.561; Van de Griek und Britain 1974, S.3, 7 und 11; Denki yōhin anzen
kenkyū chōsa iinkai 1974, S.393-394.
75 Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1974, S.396-397 und CR January 1974.
76 CR July 1974 und CR June 1975. Diese Auflagen des HEW an die Hersteller galten für alle
Mikrowellenkochgeräte, die nach dem 29. September 1975 hergestellt wurden. Ausgenommen davon
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 150
Union lehnte das Ministerium ohne Begründung ab.77
6.2 Stagnation der Inlandsnachfrage (Phase III: 1974-1981)
Durch die Ölkrise 78 im Oktober 1973 nahm die Inlandsnachfrage nach elektrischen
Haushaltsgeräten ab. Kurz vor der Erhöhung der Warensteuer im Jahr 1974 stieg der Umsatz
von Mikrowellenkochgeräten einmalig.79 Seit 1975 stagnierte jedoch die Inlandsnachfrage
nach Mikrowellenkochgeräten wegen der erhöhten Materialkosten. Diese Erhöhung beendete
den Preiswettbewerb zwischen den japanischen Herstellern.80
Während die japanische Regierung das Energiesparen thematisierte, warben
anschließend die Hersteller für das Mikrowellenkochgerät als energiesparendes Kochgerät, da
man mit dem Gerät insbesondere schnell kochen könne und dadurch Energie spare.81 Doch
dies änderte nichts an der schwachen Inlandsfrage. Es war für die Hersteller nicht mehr
möglich, wie bisher durch Massenverkauf Umsatz zu generieren. Stattdessen führten die
Hersteller zusätzliche Funktionen im Gerät ein und versuchten dadurch das Gerät teurer zu
verkaufen.82 Die Einführung zusätzlicher Funktionen war möglich geworden, weil das
Mikrowellenkochgerät zuverlässig, robust und sicher geworden war.
6.2.1 Einführung des Mikrocomputers
Das Mikrowellenkochgerät war zwar zum Aufwärmen geeignet, aber nicht zum Kochen.
Beim Kochen musste man abhängig von der Temperatur, der Menge der zu kochenden
Lebensmittel und der Leistung des Geräts die Erhitzungszeit mit Hilfe einer Tabelle im
Kochbuch errechnen und entsprechend die Schaltuhr einstellen.83 Um diesen Aufwand für die
waren diejenigen Geräte, die ohnehin schon diese Auflagen erfüllten und daher keinen Aufkleber
benötigten. Auch siehe Osepchuk 1978a, S.15.
77 CR July 1974.
78 Als im Oktober 1973 der vierte Krieg im Mittleren Osten ausbrach, reduzierten die OAPEC
(Organization of Arab Petroleum Exporting Countries) und die OPEC (Organization of Petroleum
Exporting Countries) ihre Rohölproduktion, sie verboten Ausfuhren des Öls in die USA und die
Niederlande, was letztlich den Ölpreis vierfachte. Trotz Reduzierung der Rohölproduktion war die
Rohölversorgung dennoch gesichert, da es die großen Ölfirmen verstanden, ihre Rohölversorgung auf
eigenen Wegen zu sichern. Sie nutzten diese Krise, verkauften ihr Öl zu einem hohen Preis und machten
dadurch große Gewinne. Siehe Shōgakukan 1996, Stichwort „oiru shokku“ und “sekiyu yushutu-koku
kikō”.
79 NKS 22. September 1973 und NKS 8. September 1986.
80 AS 28. September 1974.
81 NKS 11. Oktober 1974; NKS 22. Oktober 1975; AS 9. August 1979.
82 Diese Geräte versuchten die Hersteller für ca. 170.000 Yen (ca. 1380 DM) zu verkaufen. Siehe NKS 8.
September 1986.
83 Furusawa 1987, S.51.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 151
Nutzer zu reduzieren, automatisierten die Hersteller die Kochgänge. Verschiedene, im Gerät
installierte Sensoren (Thermosensor, Feuchtigkeitssensor, Gassensor und Gewichtsensor)
sammelten Informationen über die Lebensmittel und leiteten diese zum Mikrocomputer, der
ebenfalls im Gerät integriert war. Basierend auf diesen Informationen regulierte der
Mikrocomputer die Leistung sowie die Länge der benötigten Erhitzungszeit. Solche mit
Mikrocomputer versehenen Geräte befanden sich seit 1976 auf dem Markt.84
Der Mikrocomputer ist ein kompakter Computer mit integrierter Schaltung bzw.
integrated circuit (IC). Der IC wurde ursprünglich in den USA entwickelt, um elektrische
Schaltungen in militärischen Geräten oder in Geräten von Raumfahrzeugen bzw.
Raumstationen kompakt und leichter handhabbar zu gestalten. Weil im Unterschied zu den
USA in Japan die Nachfrage nach Geräten im Bereich Raumfahrt und Militär sehr gering war,
gab es in Japan keinen Bedarf an ICs in den 1960er Jahren. Im Jahr 1969 jedoch begannen
japanische Hersteller damit, ICs für Taschenrechner zu verwenden, was die Nachfrage an ICs
steigen ließ. Die Massenproduktionstechnik von ICs machte in Japan große Fortschritte, was
die Herstellung preiswerter und funktionstüchtiger ICs ermöglichte.85 Seit Ende der 1970er
Jahre wurden ICs nicht nur im Taschenrechner, sondern auch in andere elektronische Geräte
integriert – beispielsweise in elektrischen Haushaltsgeräten wie Kühlschränken,
Klimaanlagen und Videogeräten. Die Einführung des Mikrocomputers in verschiedene
Elektrogeräte stellte einen zentralen Hoffnungsträger japanischer Hersteller dar, um den
Umsatz dieser Geräte zu erhöhen. Dies war angesichts der damaligen Nachfrage-Flaute, der
Sättigung an Elektrogeräten in Haushalten und der freiwilligen Beschränkung der Ausfuhr
von Farbfernsehern dringend notwendig. Mit der Einführung des Mikrocomputers verbanden
die Hersteller die Hoffnung, auch den Verkauf der Mikrowellenkochgeräte zu fördern und
damit diese Geräte wertvoller (teurer) zu machen. Somit kam es zur „High-Tech“nisierung
von Elektrogeräten durch Einführung des Mikrocomputers und der genannten Sensoren.86
Typische Werbungen für das Mikrowellenkochgerät mit Mikrocomputer lauteten
beispielsweise „Verschiedene Gerichte lassen sich nur mit einer Knopfbedienung fertig
stellen“, „Dank Sensoren sind Gerichte mit einem Knopfdruck fertig“, „Nur einmal den
Knopf gedrückt – den Rest besorgt das Gerät“ und „Selbst Kinder können kochen, die vorher
nie gekocht haben“.87 Diese Werbungen suggerierten den Verbrauchern den Eindruck, dass
man mit diesem Gerät Gerichte mit nur einem Knopfdruck kochen könne – was jedoch nicht
der Realität entsprach. Da es damals noch keine Fertiggerichte für Mikrowellenkochgeräte auf
dem japanischen Markt gab, musste man vor dem Kochgang im Gerät die Lebensmittel wie
bisher waschen, schneiden und würzen. Darüber hinaus musste man die Lebensmittel genau
gemäß Kochrezept zubereiten, um die Funktion des automatischen Kochens nutzen zu können.
84 NKS 2. Mai 1977; NKS 11. Juni 1977; AS 30. November 1979; NKS 11. Januar 1980.
85 Shōgakukan 1996, Stichwort „shūseki kairo“; AS 5. Juli 1978; AS 31. März 1979.
86 AS 5. Juli 1978 und Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.282.
87 NKS 14. Januar 1977 und Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.282.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 152
Wenn man beispielsweise nur eine Portion mehr oder weniger kochen will, gelingt dies nicht.
Das Kochrezept, das beispielsweise Rindfleisch erwähnt, gelingt nur mit Rindfleisch, nicht
aber mit Hühner- oder Schweinefleisch.88 Da man die Lebensmittel genau so zubereiten
musste, wie es das Kochrezept vorgab, war die Zubereitung für das automatische Kochen
sogar aufwendiger als für das herkömmliche Kochen. Ferner war die komplizierte Bedienung
der Knöpfe des Geräts gewöhnungsbedürftig (Abbildung 37). Die Bedienung mancher Geräte
war so kompliziert, dass selbst die Verkäufer und Verkäuferinnen in den jeweiligen Läden erst
nachdenken mussten, bevor sie wussten, wie das jeweilige Gerät zu bedienen ist.89
Die Einführung des Mikrocomputers wurde von den Verbrauchern kritisch betrachtet.
Manche Verbraucher waren sogar der Meinung, dass sich dadurch die Handhabung des Geräts
sogar verschlechterte. 90 Die Verbraucherorganisationen kritisierten an dem Gerät mit
Mikrocomputer, dass es – entgegen der Werbung – kein allmächtiges Kochgerät sei: Das
Essen, das im Gerät automatisch gekocht wird, schmecke nicht, da die Sensoren zwar die
Temperatur und die Feuchtigkeit der Lebensmittel messen, aber dennoch nicht den adäquaten
Moment finden, das Kochen zu beenden. Das Mikrowellenkochgerät ist, laut
Verbraucherorganisationen, zwar eine gute Kochhilfe und besonders praktisch zum
Aufwärmen bzw. Auftauen kleiner Portionen Lebensmittel, doch es stellt keinen Ersatz für
konventionelle Kochgeräte dar.91 Ursprünglich wurde dieses komplexere, automatische Gerät
mit Mikrocomputer für den Zweck einer verbesserten Handhabung entwickelt, so dass das
Gerät sich nicht nur zum Aufwärmen eignet, sondern auch zum Kochen verwenden lässt.
Über diesen ursprünglichen Zweck hinaus war es auch eine Modeerscheinung der damaligen
Zeit, die Einführung des Mikrocomputers aktiv zu betreiben. Sowie der Mikrocomputer
bereits Einzug in andere Haushaltsgeräte gehalten hatte, wurden jetzt auch
Mikrowellenkochgeräte mit Mikrocomputern entworfen und ausgestattet. Doch solche Geräte
entsprachen nicht den Bedürfnissen der Zielgruppen (Hausfrauen92), und wurden von den
Verbrauchern trotz aktiver Werbekampagnen nicht sonderlich akzeptiert.93
Auf diese Kritiken reagierend, kamen die Hersteller auf verschiedene Ideen, um die
komplizierte Handhabung der „High-Tech“-Geräte mit Hilfe von Software zu vereinfachen,
88 Higo 1987 (Hrsg.), S.86-87 und GS Juni 1981, S.19.
89 TM 74, S.11 und AS 31. März 1979.
90 AS 31. März 1979.
91 Darüber hinaus hatte das Gerät mit dem Mikrocomputer den Nachteil, dass es sich schlecht manuell
bedienen ließ. Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.282-283; GS Juli 1976, S.20-22; GS Juni 1981, S.18.
92 Wenn sich die Entwickler dieser „High-Tech“-Geräte bei ihrer Konzeption auf die Bedürfnisse der
Hausfrauen konzentriert hätten, hätten sie wahrscheinlich kein solches „High-Tech“-Gerät entworfen: Laut
Feminismusforscherinnen Cockburn und Ormrod war der größte Teil der Entwickler ohnehin männlich und
war von dem Vorurteil geprägt, dass Frauen keine Freunde der Technik seien. Allerdings ist laut Cockburn
und Ormrod diejenige, die sich im Haushalt mit dem Videogerät oder dem Mikrowellenkochgerät gut
auskennt, nicht der Ehemann, sondern die Ehefrau. Nach Cockburn und Ormrod gibt es keine Unterschiede
zwischen Männern und Frauen in der Fähigkeit, die Funktion eines Mikrowellenkochgeräts zu verstehen.
Cockburn und Ormrod 1993, S.77 und 121-122.
93 AS 5. Juli 1978.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 153
die zu dem jeweiligen Zeitpunkt technisch realisierbar war. Im Jahr 1978 wurde ein Gerät auf
den Markt gebracht, das man auch mit magnetischen Karten bedienen konnte. Auf jeder
dieser Karten wurden Daten – zum Beispiel Länge der Erhitzungszeit, Stärke der Leistung
und eine Erklärung jedes Kochvorgangs – gespeichert, die für das Kochen eines Gerichts
benötigt wurden. Sobald man eine solche Karte in das Gerät hineinschiebt und einen Knopf
drückt, beginnt der Kochvorgang.94 Im Jahr 1980 wurde das Mikrowellenkochgerät mit
Kassettenabspulgerät entwickelt. Jede beigefügte Kassette erläutert dem Benutzer den
jeweiligen Kochvorgang.95 Im Jahr 1981 wurde das Mikrowellenkochgerät mit LSI (large
scale integrated circuit) auf den Markt gebracht. Jedes häufig gekochte Gericht hat eine
eigene Taste. Sobald man eine Taste drückte, erläutert eine künstliche Stimme dem
Verbraucher den Kochvorgang des gewählten Gerichts und beginnt mit dem Kochen.96
Demnach wurde je nach Stand der Technik auf diese Weise neue Software entwickelt: Im Jahr
1987 kam das Mikrowellenkochgerät mit Strichkodesystem auf den Markt, im Jahr 1996 mit
einem Navigatorsystem mit Flüssigkristallanzeige und im Jahr 1999 gab es das
Mikrowellenkochgerät mit eingebautem Computer, mit dem sich die die Kochrezepte direkt
von der Internetseite runterladen lassen.97 Mit diesen Softwareneuerungen gingen parallel
auch Veränderungen der Bedienungsoberfläche einher, die einfacher gestaltet wurde.98 Aber
daraus lässt sich nicht schließen, dass diese Mühe der Hersteller Früchte trug, da das
Mikrowellenkochgerät weiterhin meistens zum Aufwärmen und zum Auftauen von
Lebensmitteln verwendet wurde.99
Abbildung 37 Bedienungstafel eines “automatischen” Geräts mit dem Mikrocomputer
(GS Juni 1981, S.13).
94 AS 21. Dezember 1978; NKS 21. Dezember 1978; AS 23. August 1980; Higo 1987 (Hrsg.), S.278.
95 Sharp 2002a und Higo 1987 (Hrsg.), S.277.
96 Higo 1987 (Hrsg.), S.278.
97 NKS 14. November 1986; Sharp 2002a; Furusawa 1987, S.52-53.
98 TM 89, S.13.
99 Nicht nur in Japan, sondern auch in Großbritannien zeigten die Nutzer des Mikrowellenkochgeräts
ähnliche Tendenzen: Laut einer Umfrage, die im Jahr 1991 unter 1040 Hausfrauen in Großbritannien
durchgeführt wurde, verwendete nur ein Viertel dieser Hausfrauen das Mikrowellenkochgerät zum Kochen.
Im Gegensatz dazu verwendeten 86 % der Befragten das Mikrowellenkochgerät zum Auftauen des
Lebensmittel und 82 % der Befragten zum Wiederaufwärmen von Lebensmitteln. Cockburn und Ormrod
1993, S.147-148.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 154
6.2.2 „Kombi“: Mikrowellenkochgerät mit Backofenfunktion
Wie beim Mikrowellenkochgerät handelte es sich beim Backofen um ein weiteres Kochgerät,
das damals neu auf dem japanischen Markt angeboten wurde und im japanischen Haushalt
noch nicht verbreitet war.100 Der Backofen und das Mikrowellenkochgerät traten damals in
Konkurrenz zueinander. Ein japanischer Haushalt verfügte selten über beide Geräte, da die
durchschnittliche japanische Küche zu eng war, und es daher keinen Platz für beide Geräte
gab. Also entschied sich der Verbraucher, entweder den Backofen oder das
Mikrowellenkochgerät zu kaufen. Der Backofen hatte gegenüber dem Mikrowellenkochgerät
den Vorteil, dass er preiswerter war und dass es weniger Zeit in Anspruch nahm, sich an die
Bedienung des Ofens zu gewöhnen.101
Um Käufer dieser beiden Küchengeräte zu gewinnen, entwickelte Mitsubishi ein
Gerät, das die Funktionen beider Geräte vereinte. So brachte Mitsubishi im Jahr 1977 das
Mikrowellenkochgerät mit Backofenfunktion auf den Markt.102 Diese Kombination war
technisch möglich geworden, da das Magnetron thermisch strapazierfähig geworden war.
Andere Hersteller folgten bald dem Beispiel Mitsubishis und brachten ihr jeweils eigenes
Kombi-Gerät auf den Markt.103
Der Preis eines Kombi-Geräts war niedriger als die Summe der Preise eines
Mikrowellenkochgeräts und eines Backofens. Darüber hinaus benötigte dieses Kombi-Gerät
viel weniger Platz – was dem Wunsch der japanischen Verbraucher entsprach.104 Daher
verwundert es nicht, dass dieses neue Kombi-Gerät die Nachfrage wieder steigen ließ. Aber
dennoch reichte dies nicht aus, um aus der bestehenden Stagnation herauszukommen.105
Im Anschluss an diesen Zwischenerfolg versuchten die Hersteller, weitere
Funktionen in das Mikrowellenkochgerät zu integrieren. So kam es nicht nur zur Integration
der Grillfunktion. Im Jahr 1978 wurde sogar ein Gerät mit Dampffunktion auf den Markt
gebracht. Der Vorteil dieses Geräts bestand darin, dass man die aufzuwärmenden
Lebensmittel nicht mehr mit einer Klarsichtfolie einwickeln musste.106 Darüber hinaus kam
100 Die herkömmliche japanische Küche kennt die Verwendung des Backofens nicht. Daher war damals der
Backofen im japanischen Haushalten nicht verbreitet.
101 NKS 23. Juni 1971 und NKS 15. April 1972.
102 Beide Funktionen konnten allerdings noch nicht gleichzeitig benutzt werden, da dies Kapazität der
Elektrizitätsversorgung in einem Haushalt nicht zuließ. Higo 1987 (Hrsg.), S.77.
Eine ähnliche Idee gab es bereits im Jahr 1972. Um mit dem Backofen zu konkurrieren, hatten
damals die Hersteller ein Mikrowellenkochgerät mit Bräunfunktion auf den Markt gebracht, das mit
infraroten Strahlen arbeitete. Eine echte Alternative zum Backofen war es jedoch nicht. Siehe NKS 9.
Dezember 1977; NKS 23. Juni 1971; NKS 15. April 1972; Kase 1973, S.133.
103 NKS 26. August 1978. Als Reaktion darauf brachten japanische Gasgesellschaften einen Gasbackofen
mit Mikrowellenkochfunktion auf den Markt. Dieser Kombi-Gasbackofen übertraf – was die Ofenfunktion
anging – das Kombi-Mikrowellenkochgerät. Auch siehe GS Mai 1979, S.4-5; AS 31. August 1978; NKS 26.
Januar 1979.
104 GS Mai 1979, S.4 und 15; NKS 17. Juni 1977; NKS 19. Juli 1978.
105 NKS 3. Januar 1979.
106 NKS 11. August 1978; AS 11. August 1978; NKS 1. November 1978.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 155
es im Jahr 1986 zur Integration der Toasterfunktion und im Jahr 1989 zur Integration der
Reiskocherfunktion 107 und der Knetfunktion. 108 Durch das Integrieren immer neuer
Funktionen wurde das Mikrowellenkochgerät multifunktionell. Dennoch waren die
Funktionen des Aufwärmens und des Auftauens weiterhin die meist genutzten Funktionen
dieses multifunktionellen Kochgeräts.
6.2.3 Investition für Produktionsanlagen
Um die zurückgehende Nachfrage während der Ölkrise zu verkraften, entließen viele
amerikanische bzw. europäische Hersteller Personal oder verkleinerten ihren Geschäftsbereich.
Japanische Elektrogerätehersteller dagegen führten zu dieser Zeit die Automatisierung und
Rationalisierung der Produktionsanlagen durch und begannen mit der „High-tech“nisierung
ihrer Produkte.109 Diese Maßnahmen ermöglichten es japanischen Hersteller, preiswerte und
funktionstüchtige Produkte herzustellen. Dies geht auch aus der Untersuchung einer
britischen Verbraucherorganisation hervor, die zu dem Ergebnis kommt, dass
erfahrungsgemäß 60 % aller in Großbritannien produzierten Farbfernseher während ihrer
Nutzung Defekte aufweisen, während jedoch nur 10 % der japanischen Farbfernseher
während ihrer Nutzung defekt sind.110 Bereits Mitte 1970er Jahre gehört die oft geäußerte
These „japanische Produkte sind billig und schlecht“ der Vergangenheit an.
Analog zur fallenden Nachfrage nach allgemeinen Elektrogeräten seit der Ölkrise in
Japan, nahm auch die Inlandnachfrage nach Mikrowellenkochgeräten ab. Jedoch stieg im
gleichen Zeitraum die Anzahl der exportierten Geräte und damit der entsprechende
Ausfuhrbetrag aller in Japan produzierten Mikrowellenkochgeräte (vgl. Schaubild 8). Daher
investierten japanische Hersteller auch weiterhin in Produktionsanlagen von
Mikrowellenkochgeräten.111
Zu dieser Zeit wurde das Gehäuse des Mikrowellenkochgeräts aus rostfreiem Stahl
durch ein Gehäuse aus Stahl ersetzt. Das bisherige Gehäuse bestand genau genommen aus
einem Außen- und einem Innengehäuse. Das Innengehäuse war aus rostfreiem Stahl, der
korrosionsfest und hitzeresistent ist. Mitte der 1970er Jahre wurde dank Qualitätssteigerung
von Farbenkonsistenzen und Anstrichtechniken der angestrichene Stahl auch korrosionsfest
und hitzeresistent. Dies ermöglichte den Herstellern, das Außengehäuse mit dem
Innengehäuse zu kombinieren und dadurch das Gehäuse aus einem Stahlblech herzustellen.
107 Im Unterschied zu Europa hatte und hat der durchschnittliche, japanische Haushalt mindestens einen
Reiskocher.
108 NKS 8. September 1986; NKS 12. Juni 1987; NKS 18. Juni 1988; NKS 5. April 1989; NKS 10. Juni
1989; NKS 2. August 1989; NKS 20. Dezember 1989; Sharp 2002b, S.11.
109 Nakamura 1993, S.227.
110 AS 16. Dezember 1976.
111 NKS 31. August 1974; NKS 9. September 1974; Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 156
Diese Veränderung brachte mehrere Vorteile mit sich, wie beispielsweise die Vereinfachung
von Arbeitsschritten in der Produktion, die Reduzierung von Materialkosten, effektivere
Beleuchtungseffekte im Garraum und die beliebige Farbgestaltung des Gehäuses.112
Auch für die exklusive Herstellung von Magnetronen richteten die japanischen
Hersteller ihre Fabriken auf Massenproduktion und Automatisierung ihrer Fertigungslinien
aus.113 Darüber hinaus bemühten sich die Hersteller, für die Produktion der Magnetrone
insbesondere einheimische Materialien zu verwenden, um die Kosten noch stärker zu
reduzieren.114 Ferner führten die Hersteller Qualitätsprüfungssysteme ein und automatisierten
diese. Dadurch wurde erreicht, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das Magnetron im
Mikrowellenkochgerät innerhalb von fünf Jahren defekt sein würde, auf unter 0,1 % sank.115
Durch die oben genannten Anstrengungen der Hersteller sank der Preis eines Magnetrons. Je
preiswerter das Magnetron wurde, desto größer wurde dessen Produktionsmenge. Die
amerikanischen Hersteller, die im Vergleich zu den japanischen Herstellern nicht derartige
Anstrengungen unternommen hatten, gerieten gegenüber den japanischen Herstellern in
Verzug. Infolgedessen wurde in den USA in den 1980er Jahren kaum noch Magnetrone für
das Mikrowellenkochgerät hergestellt. Stattdessen importierten die USA diese Magnetrone
aus Japan und Korea.116
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
1971 1972 1973 1974 1975 1976 1977 1978 1979 1980 1981
Jahr
Einheit Mrd. Yen
Schaubild 8 Änderung des jährlichen Ausfuhrbetrags aller in Japan produzierten
Mikrowellenkochgeräte (Ōkura-shō tsūkei tōkei (Statistik des Finanzministeriums Japan)).
112 Toshiba 1975, S.563; Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai 2002; Interview mit Arai
(Mitsubishi-denki) im Mai 2002; Ishikawa und Kataoka 1976, S.510.
113 Interview mit Aoki (ehem. Toshiba) im Mai 2002; Toshiba 1975, S.560; Nihon denshi kikai kōgyōkai
denshikan-shi kenkyū-kai (Hrsg.) 1987, S.184.
114 Brief von Shibata (ehem. JRC) vom 29. März 2004.
115 Iida, Yokota, Yoshitomi, Namba, Osawa und Okamoto 1980, S.901.
116 NKS 31. August 1987 und Ketteringham und Nayak 1987, S.214.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 157
6.2.4 Einführung einer einheitlichen Weltnorm
Nachdem das HEW in den USA den Grenzwert für die Leckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten festgelegt hatte, folgten diesem Beispiel verschiedene Länder117,
wobei sich deren Grenzwert mehr oder weniger am amerikanischen orientierte. Auch solche
Normen wie UL und JIS (Japanese Industrial Standard) orientierten sich an dem
HEW-Standard.118 In dieser Zeit begann das Internationale Elektrotechnische Komitee
(International Electrotechnical Committee, Abk. IEC), ein weltweiter Ingenieurverband zur
Standardisierung in der Elektrotechnik, mit der Diskussion, einen Empfehlungswert
auszusprechen und festzusetzen, der als internationale Norm gelten solle.
Die erste Diskussionsrunde fand im Mai 1970 statt, am gleichen Tag, als das HEW
seinen Standard bekannt gab. Diskussionsgrundlage war ein Wert von 10 mW/cm². Bei der
zweiten Diskussionsrunde im September 1971 in St. Petersburg (dem damaligen Leningrad)
äußerte jedes teilnehmende Land seine Meinung: Osteuropäische Länder schätzten –
basierend auf dem von der Sowjetunion genannten maximalen Expositionsniveau von 0,001
mW/cm² – den Grenzwert auf 1 mW/cm² für die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten.
Die USA und Japan, die damals den großen Teil der Mikrowellenkochgeräte produzierten,
hielten einen Grenzwert von 5 mW/cm² für geeignet – ein Wert, der damals bereits technisch
realisierbar war. Während die restlichen Länder einen Wert von 10 mW/cm² vorschlugen,
unterbreitete der Vertreter der Sowjetunion den Vorschlag, den Grenzwert erst festzusetzen,
nachdem alle diesbezüglichen Forschungen beendet seien. Als Reaktion darauf äußerte der
Vorsitzende, L. Elfström aus Schweden, dass eine internationale Norm basierend auf den bis
dato bestehenden Informationen festzulegen sei. Anschließend äußerte er seine Vermutung,
dass man auch in Zukunft wahrscheinlich nicht beweisen könne, dass
Mikrowellenexpositionen kumulative Effekte hätten – wovon die sowjetischen
Wissenschaftler jedoch überzeugt waren. Der Vorsitzende begründete seine Meinung damit,
dass bisher über keinen gesundheitlichen Schaden berichtet worden war, der durch
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten verursacht worden sei. Letztlich
einigten sich alle teilnehmenden Länder in dieser Diskussionsrunde auf einen Grenzwert von
5 mW/cm².119 Bei der dritten Diskussionsrunde im März 1973 in Athen schlug Norwegen vor,
dass diejenigen Geräte, die gerade in Fabriken gefertigt würden, den Grenzwert von 1
mW/cm² erfüllen sollten. Jedoch stieß dieser Vorschlag auf wenig Zustimmung und wurde
daher abgelehnt.120 Schließlich wurde im Jahr 1976 die Empfehlung, auf die man sich
117 Beispielsweise richtete Kanada im Jahr 1974 auch einen Grenzwert ein. Dieser war allerdings strenger
als der amerikanische und legte fest, dass die Leistungsdichte der Leckstrahlung im Abstand von 5 cm von
der Oberfläche des Geräts mit einer minimalen Ladung den Wert 1 mW/cm ² nicht überschreiten solle.
Siehe Osepchuk 1978a, S.15.
118 Toshiba 1975, S.567 und Nihon kōgyō hyōjun chōsa-kai 1974.
119 Denki yōhin anzen kenkyū chōsa iinkai 1972, S.349-350 und IEC 61B 1972, S.7-9.
120 IEC 61B 1973, S.3.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 158
geeinigt hatte, von der IEC als „Recommendation for safety of microwave cooking ovens for
household and similar purposes“ verkündet. Diese Empfehlung legte wie der HEW-Standard
fest, dass die Leistungsdichte im Abstand von 5 cm von der Oberfläche des Geräts 5 mW/cm²
nicht überschreiten solle.121 Dieser Grenzwert ist bis heute gültig.
6.2.5 Export in die USA und Klagen auf Anti-Dumping-Maßnahmen
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erhöhte sich das technologische Niveau in Japan durch
den aktiven Technologietransfer aus den USA und Europa. Als das technologische Niveau
Japans dem amerikanischen bzw. europäischen Niveau nahe kam, kam es zum Konflikt
zwischen Japan und den USA bzw. den europäischen Ländern.122 Verdeutlichen läßt sich dies
am Beispiel des Mikrowellenkochgeräts, bei dem die japanische Technologie bereits im Jahr
1972 die amerikanische überholte.123 Zu dieser Zeit nahmen die Klagen ausländischer
Hersteller gegen japanische Hersteller im Hinblick auf Patentverletzungen 124 bzw.
Rechtswidrigkeiten125 zu.126 Während die japanischen Hersteller zu Beginn diese legalen
Probleme durch den Erwerb ausländischer Normen lösten, entwickelte sich später mit
zunehmendem Export aus Japan ein handelspolitischer Konflikt zwischen Japan und den USA
bzw. Europa.127
Mit diesem Export von Mikrowellenkochgeräten in die USA und Europa hatten die
japanischen Hersteller bereits im Jahr 1968 begonnen. Seit der Ölkrise im Jahr 1973
bemühten sich japanischen Firmen um eine Steigerung des Exports128, um dadurch die
schwache Inlandsnachfrage zu kompensieren.129 Mitte der 1970er Jahre gingen 80 % bis
90 % derjenigen Mikrowellenkochgeräte, die in Japan produziert und ins Ausland exportiert
121 Nakamura 1988, S.115; Osepchuk 1978a, S.15.
122 Nakayama 1995, S.135.
123 NKS 25 August 1972.
124 Beispielsweise klagte die amerikanische Firma Raytheon gegen die japanische Firma Sanyo wegen
Patentverletzungen. Siehe NKS 11. Januar 1970.
125 Beispielsweise klagte die Federal Trade Commission (Abk. FTC) der USA im Jahr 1971 die japanische
Firma Toshiba an, Toshiba habe in seiner Werbung in Bezug auf Leckstrahlung in einer amerikanischen
Zeitschrift, die am 14. Juli 1970 herausgegeben wurde, Behauptungen aufgestellt, die nicht stimmten.
Ferner untersuchte im Jahr 1974 ein australisches Industriegericht die japanische Firma Sharp wegen
illegaler Nutzung einer australischen Norm SAA. Siehe NKS 1. September 1971 und NKS 10. Dezember
1974.
126 Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.368-369.
127 NKS 19. Juli 1976 und Nakamura 1993, S.227.
128 Japanische Hersteller verkauften ihre Geräte im Ausland entweder den Verbrauchern direkt mittels
eigener Verkaufsstelle vor Ort oder den amerikanischen bzw. europäischen Herstellern als OEM (Original
Equipment Manufacturer). Im letzteren Fall konnten die amerikanischen bzw. europäischen Hersteller diese
in Japan produzierten Geräte mit ihrem eigenen Markennamen versehen und den Verbrauchern weiter
verkaufen.
129 NKS 13 August 1974; NKS 31. August 1974; NKS 19. Juli 1976; NKS 2. Mai 1977; NKS 19. Juli
1978.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 159
wurden, in die USA, was zu einer Erhöhung des japanischen Geräteanteils im amerikanischen
Markt führte.130 Zum Beispiel folgte in den USA der japanische Hersteller Sharp mit knapp
15 % Marktanteil im Jahr 1974 den amerikanischen Herstellern Amana (30 % Marktanteil)
und Litton (15 % Marktanteil) auf dem dritten Platz.131 Der Export in die USA nahm stetig zu,
so dass im Jahr 1979 die Anzahl der Exportgeräte in die USA und die Anzahl der innerhalb
Japans verkauften Geräte ungefähr gleich groß waren.132
Der handelspolitische Konflikt zwischen Japan und den USA geht originär auf die
Farbfernseherdiskussion zurück: Seit 1972 kritisierten die USA, dass die japanischen
Hersteller ihre Farbfernseher zu Schleuderpreisen in die USA verkaufen würden.133 Als
Reaktion auf diesen Vorwurf, Dumping zu betreiben, entschied die JEMA, der Japanische
Herstellerverein von Elektrogeräten, ab September 1972 für einen Zeitraum von einem Jahr
den Export von ca. vierzig Elektrogeräten inklusive Fernseher, Radios und
Mikrowellenkochgeräten in die USA freiwillig einzuschränken.134 Gleichzeitig importierte
Japan verstärkt Elektrogeräte aus den USA und Europa. 135 Darüber hinaus begannen
japanische Hersteller mit der Produktion von Farbfernsehern in den USA bzw. in Europa, um
den Dumping-Vorwurf künftig zu vermeiden. 136 Da japanische
Mikrowellenkochgerätehersteller befürchteten, dass bald auch japanische
Mikrowellenkochgeräte Zielscheibe dieses Dumping-Vorwurfs werden könnten, begannen sie
ab Ende der 1970er Jahre damit, die Produktion der Geräte in die USA bzw. nach Europa zu
verlagern (vgl. Tabelle 5). 137 Japanische Elektrogeräthersteller, die bereits mit der
Produktionsverlagerung von Farbfernsehern in die USA Erfahrungen gesammelt hatten,
fertigten jeweils langfristige Pläne, auch die Produktionsstätten für andere Elektrogeräte in die
USA bzw. nach Europa zu verlagern. Durch die Produktionsverlagerung in die USA bzw.
nach Europa konnte man nicht nur den Dumping-Vorwurf entkräften. Zudem hatte diese
Verlagerung den Vorteil, dass der Verkaufspreis der Geräte im jeweiligen Produktionsland
nicht mehr vom Währungskurs des Yen beeinflusst wurde und auch die Hersteller auf
unterschiedliche Nachfragen vor Ort flexibler reagieren konnten.138
Die Befürchtung japanischer Hersteller wurde wahr, als der amerikanische Verein der
Haushaltsgeräthersteller (AHAM) im Juli 1979 auf die Erhebung von Ausgleichszöllen
130 NKS 28. Juni 1976 und NKS 8. November 1976.
131 NKS 13 August 1974 und NKS 31. August 1974.
132 NKS 16. Oktober 1979.
133 NKS 16. Dezember 1976 und NKS 23. September 1978.
134 AS 10. Oktober 1972 und AS 1. Dezember 1972.
135 AS 10. Oktober 1972. Was das Mikrowellenkochgerät betraf, begann der amerikanische Hersteller
Litton im Februar 1976 mit dem Export seiner Mikrowellenkochgeräte nach Japan. Siehe NKS 19. Februar
1976.
136 NKS 8.Januar 1987.
137 NKS 4. November 1977; NKS 11. Januar 1979; NKS 16. Oktober 1979.
138 NKS 29. November 1978; NKS 21. Dezember 1978; NKS 11. Januar 1979.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 160
Tabelle 5 Japanische Produktionsstätten für Mikrowellenkochgeräte im Ausland (NKS
19. Juli 1978; NKS 29. November 1978; NKS 11. Januar 1979; NKS 2. Juli 1981; NKS 14.
Mai 1984; NKS 7. November 1985; NKS 2. September 1986; NKS 13. Januar 1987; NKS 15.
April 1987; NKS 20. August 1987; NKS 21. August 1987; NKS 12. März 1988; NKS 16. Mai
1989; Sharp 2001).
Produktions-
start von
Mikrowellen-
kochgeräten
(Jahr)
Dach-
gesellschaft
Produktions-
land
Tochterfirma im vor
Ort
Allgemeiner
Betriebsbeginn
von Tochter-
firma (Jahr)
Kapitalbeteil-
igung der Dach-
gesellschaft%
1979 Sanyo-denki USA Sanyo Manufacturing 1976 Joint Venture
1979 Matsushita-
denki (Panasonic)
USA America
Matsushita-dengyō
1979 100
1980 Sharp USA Sharp Manufacturing
Company of America
(SMCA)
1979 100
1981 Toshiba USA Toshiba America 1965 100
vor 1981 Sanyo-denki Singapur Sanyo kōgyō Singapur 1967 Joint Venture
Matsushita-
denki (Panasonic)
Brasilien Brazil National 1967 100
Sanyo-denki Kanada Sanyo kōgyō Canada 1971 Joint Venture
Sanyo-denki Brasilien Amazon Sanyo 1972 Joint Venture
Matsushita-
denki (Panasonic)
USA Quasar 1974 100
1985 Toshiba Groß-
britannien
Toshiba Consumer
Products (UK) Ltd.
1981 100
Vor 1985 Matsushita-
denki (Panasonic)
Brasilien Springer National
Amazonia
1981 Joint Venture
1986 Sharp Groß-
britannien
Sharp Manufacturing
Company of U.K.
(SUKM)
1985 100
1987 Brother kōgyō Groß-
britannien
Brother Industries U.K. 1985 100
1986 Toshiba Frankreich Microwave Oven
Europe (Ōshū
denshi-renji seizō)
1986 Joint Venture
mit Thompson
Ground Public
(TGP)
1987 Matsushita-
denki (Panasonic)
Groß-
britannien
Matsushita Electric
(U.K.) Ltd.
1987 100
1987 Sharp Thailand Sharp Appliances
Thailand Limited
(SATL)
1987 100
1987 Hitachi
seisakusho
Groß-
britannien
1987 100
1988 Sanyo-denki Groß-
britannien
1988 100
1994 Matsushita-
denki (Panasonic)
China Panasonic Home
Appliances Microwave
Oven (Shanghai) Co.,
Ltd.
1994 Joint Venture
1989 Matsushita-
denki (Panasonic)
USA Panasonic USA
Cooking Appliances
1995 Sharp China Shanghai Sharp
Electronics Company
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 161
(Anti-Dumping-Maßnahmen 139 ) auf Exportlieferungen von sieben japanischen
Mikrowellenkochgeräteherstellern klagte. Anschließend begann das amerikanische
Handelsministerium (Department of Commerce) mit Anti-Dumping-Untersuchungen im
Hinblick auf vier japanische Hersteller, namentlich Matsushita (Panasonic), Sanyo, Sharp und
Toshiba. Das Ministerium kam im November 1980 zu dem Schluss, dass sich Toshiba als
einziger schuldhaft verhalten hätte, die anderen drei Hersteller jedoch nicht. Noch vor der
endgültigen Entscheidung durch das United States International Trade Commission (Abk.
ITC)140 zog der AHAM im Dezember 1980 seine Klage auf Anti-Dumping-Maßnahmen
zurück. 141 Der merkwürdige Ablauf dieses Hin und Her bezüglich der Klage auf
Anti-Dumping-Maßnahmen hatte folgenden Hintergrund: Seit Beginn der Klage hatten die
japanischen Hersteller ihren Export von Mikrowellenkochgeräten in die USA gedrosselt und
stattdessen die Geräte in den USA produziert.142 Die drei Firmen Matsushita (Panasonic),
Sanyo und Sharp, deren Verhalten vom amerikanischen Handelsministerium letztlich ohnehin
als nicht schuldhaft beurteilt worden war, hatten bereits vor dieser Beurteilung ihre
Produktion in die USA entweder begonnen oder aber geplant. Als auch Toshiba entschieden
hatte, seine Geräte künftig in den USA produzieren zu lassen, zog der AHAM letztlich die
gesamte Klage zurück.
Später verlagerten die japanischen Hersteller ihre Produktionsstätten auch in andere
asiatische Länder, in denen die Arbeitskräfte preiswerter waren als in den USA bzw. Europa.
Das hatte zwei handfeste Vorteile für die japanischen Hersteller: Erstens konnten sie die
Kosten und damit den Preis ihrer Geräte weiter reduzieren. Zweitens konnten sie dadurch
gleichzeitig den Dumping-Vorwurf entkräften, da sie ihre Produkte, die in diesen Ländern
hergestellt wurden, direkt in die USA exportierten.143 Aufgrund der niedrigen Gerätepreise
und ihrer Qualität verkauften sich die Mikrowellenkochgeräte japanischer Hersteller weiterhin
gut in den USA. Im Jahr 1984 verfügten die Mikrowellenkochgeräte japanischer Hersteller
einen Marktanteil von fast 70 % in den USA.144
139 Dumping liegt vor, wenn der Preis für die Exportlieferung unter dem vergleichbaren Inlandspreis liegt.
Wenn diese Preisdifferenz einen inländischen Hersteller schädigt, kann er bei den Behörden auf die
Erhebung eines Ausgleichszolls (Anti-Dumping-Maßnahme) klagen. Siehe „Brancheninfo:
Anti-Dumping-Maßnahme Kali“ Information der Industriegruppen der IG Bergbau Chemie Energie, Nr.
3/08-04.
140 Die ITC ist eine „unabhängige“ Bundesbehörde, die über den möglichen finanziellen Schaden
entscheidet, den die U.S. amerikanische Industrie durch bestimmte Importe erleiden kann.
141 NKS 5. Dezember 1980.
142 NKS 16. Oktober 1979.
143 NKS 2. Juli 1981 und NKS 8. April 1987.
144 Higo 1987 (Hrsg.), S.279.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 162
6.2.6 Befürchtungen um Gesundheitsschäden durch Mikrowellen in den USA
Als das Gesetz “Radiation Control for Health and Safety Act of 1968” in Kraft trat, das nicht
nur ionisierende Strahlung, sondern auch nicht-ionisierende Strahlungen aus elektrischen
Geräten regulierte, begannen amerikanische Medien über gesundheitliche Schäden durch
Mikrowellen zu berichten. Jack Anderson, Journalist der amerikanischen Zeitung
Washington Post“, begann damit, eine regelmäßige Artikelserie über gesundheitliche
Schäden durch Mikrowellen zu veröffentlichen. Schlagzeilen wieLeaky ovens cook
eyeballs“ oder „Microwave risk played down“ stießen auf reges Interesse bei den Lesern.145
Im Jahr 1973 schrieb Anderson, dass die Sowjetunion seit Beginn der 1960er Jahre
Mikrowellen-Abhörgeräte zur Spionage eingesetzte und das amerikanische Konsulat in
Moskau mit schwachen Mikrowellen bestrahlte. Gleichzeitig brachte Anderson in Erfahrung,
dass das CIA und das amerikanische Außenministerium geheime Forschungsprojekte
durchführten, um mögliche biologische Effekte solch schwacher Mikrowellen zu erforschen.
Aus dieser Geschichte entwickelte Anderson seine Verschwörungstheorie: Die Industrie
wurde in die Produktion potenziell gefährlicher Elektrogeräte verwickelt, die Regierung
schien beunruhigt sein, aber sei unfähig, dieses Problem effizient zu handhaben, das Militär
sei sich der potentiellen Gefahr bewusst, doch nicht bereit damit offen umzugehen und
Wissenschaftler hätten wissenschaftliche Objektivität geopfert und stattdessen
Beratungsgebühren erhalten. Jedoch schenkte die amerikanische Bevölkerung dieser Theorie
keine große Aufmerksamkeit.146
Im Februar 1976 informierte der amerikanische Botschafter seine Mitarbeiter im
Moskauer Konsulat darüber, dass das Konsulatgebäude von außen mit Mikrowellen bestrahlt
würde und man daher die Fenster des Konsulatsgebäudes mit Abschirmungen aus Aluminium
abdecken müsse, um die Mitarbeiter vor möglichen gesundheitlichen Gefahren zu schützen.
Die amerikanischen Medien griffen diese Information sofort auf, und in den meisten großen
amerikanischen Zeitungen wurde darüber berichtet. Dabei wurde sowohl die Existenz
geheimer Forschungsprojekte hinsichtlich derartiger Bestrahlungen an die Öffentlichkeit
gebracht als auch die Tatsache, dass das amerikanische Außenministerium 15 Jahre lang die
Mitarbeiter des Konsulats in Moskau über diese Bestrahlung nicht informiert hatte – über
beide Sachverhalte hatte Anderson bereits vor Jahren berichtet.147 Durch diese umfangreiche
Berichtstattung in den Medien begann die amerikanische Bevölkerung mehr und mehr,
Mikrowellen als Risiko wahrzunehmen. Die Besorgnisse der Bevölkerung stiegen weiter, da
das Außenministerium keine plausible Erklärung abgegeben hatte. Aufgrund des
Informationsmangels wurden im Jahr 1977 im Handels-, Wissenschafts- und
Transportkommitee des Senats (Committee on Commerce, Science, and Transportation)
145 Osepchuk 1979, S.11.
146 Steneck 1985, S.180-181.
147 Steneck 1985, S.181-183.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 163
mehrere Fragen zu den geheimen Forschungsprojekten148 – „Pandra“ und „Moscow Viral
Study“ – gestellt, die die möglichen biologischen Effekte solch schwacher Mikrowellen wie
die der Konsulatbestrahlung erforschten.149
Zwei weitere medizinische Untersuchungen wurden durchgeführt, um festzustellen,
ob die Gesundheit der Mitarbeiter des Konsulat in Moskau durch die Bestrahlung tatsächlich
in Mitleidenschaft gezogen worden war: Die eine Untersuchung (Study of Lymphocyte
Counts) wurde von Februar 1976 bis Juni 1978 im Auftrag des amerikanischen
Außenministeriums durchgeführt. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde durch Auswertung der
Blutproben vom Arzt der Moskauer Botschaft bei den bisherigen allgemeinen
gesundheitlichen Kontrollen festgestellt, dass bei Konsulatsmitarbeitern in Moskau eine
leichte Erhöhung der Lymphozytenmenge gegenüber der normal üblichen Zahl dieser
Blutkörperchen beobachtet wurde. Daher wurde untersucht, ob diese leichte Erhöhung
eventuell durch die Mikrowellenbestrahlung hätte verursacht werden können. Doch die
Untersuchungen legten keinerlei Korrelation zwischen Lymphozytenmenge und
Mikrowellenbestrahlung nahe.150 Die zweite Untersuchung (Johns Hopkins Foreign Service
Health Status Study) führte Abraham Lilienfeld und seine Mitarbeiter von der John Hopkins
University im Auftrag des amerikanischen Außenministeriums von Juni 1976 bis November
1978 durch. Diese Untersuchung beschäftigte sich mit der Sterblichkeit und der Morbidität
der amerikanischen Konsulatsangestellten, die zwischen 1953 und 1976 in der Moskauer
Botschaft beschäftigt gewesen waren. Dieses Ergebnis wurde mit den Ergebnissen anderer
Untersuchungen von Botschaftsangestellten in Osteuropa verglichen, deren
Lebensbedingungen ähnlich waren. Aufgrund dieser Untersuchungen kam man zu dem Fazit,
dass die Mikrowellenbestrahlung die Gesundheit nicht in Mitleidenschaft zu ziehen
scheint.1
amerikanische war.152 Letztlich wurde nach ca. 25 Jahren die Bestrahlung im Januar 1979
51
Unabhängig von der Durchführung dieser Untersuchungen forderte das
amerikanische Außenministerium die Sowjetunion im Januar 1976 dazu auf, die
Mikrowellenbestrahlung des Konsulatgebäudes einzustellen. Die Sowjetunion lehnte jedoch
diese amerikanische Forderung mit der Begründung ab, dass die Mikrowellenbestrahlung den
sowjetischen Sicherheitsstandard nicht überschreite, der ohnehin viel strenger als der
teneck 1985, S.189-90.
gesundheitlichen Schutz der Mitarbeiter in Vordergrund zu stellen. Siehe Steneck 1985,
148 Details dazu siehe 3.3.5.
149 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.1 und S
150 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.11-13.
151 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.13-23.
152 Committee Print, 96th Congress 1st Session 1979, S.26. Es bleibt fraglich, ob die Forderung des
amerikanischen Außenministeriums die Bestrahlung des Konsulatgebäudes einzustellen, die Gesundheit der
Mitarbeiter zum Ziel hatte. Es könnte durchaus sein, dass das amerikanische Außenministerium auch darum
besorgt war, dass entweder anhand der andauernden Bestrahlung durch die Sowjetunion amerikanische
Informationen gestohlen werden könnten oder aber die Mikrowellenbestrahlen die Arbeit des
amerikanischen Geheimdiensts stören könnte – zum Beispiel durch Störung elektronischer Geräte. Diese
Besorgnis wollte das amerikanische Außenministerium offiziell nicht äußern und beschränkte sich daher
darauf, den
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 164
eingestellt, nachdem ein Brand in dem Gebäude ausgebrochen war, in dem die
Mikrowellenbestrahlungsanlage stand.153
Als im Sommer 1977 die Aufmerksamkeit im Hinblick auf das
„Moskau-Signal“ stark abgenommen hatte, kam das Thema “Elektrosmog“ in der
Öffentlichkeit auf. Im selben Jahr veröffentlichte der berühmte amerikanische Journalist Paul
Brodeur, der in der Vergangenheit bereits auf die Gefahr des Asbests hingewiesen hatte,154 das
Buch „The Zapping of America“ (dt. „Die Ermordung Amerikas“). Brodeur griff in diesem
Buch die Verschwörungstheorie von Anderson auf und entwickelte sie weiter. Das Buch
hinterließ bei den Lesern den Eindruck, dass die potentielle Gefahr der Rundfunkwelle sowie
der Mikrowelle viel größer war als die amerikanische Regierung bisher öffentlich bekannt
gegeben hatte. Darüber hinaus legte das Buch nahe, dass selbst Wissenschaftler die
Informationen darüber absichtlich geheim gehalten hätten.155 Nach Erscheinen dieses Buches
wurde die Gefahr der Rundfunk- bzw. Mikrowelle in Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und
Fernseherprogrammen häufig thematisiert.156 Diese Berichterstattungen in den Medien waren
nicht immer sachlich. Dennoch wurde der Öffentlichkeit durch diese Berichterstattungen
bewusst, dass man im Alltagsleben einer andauernden Bestrahlung von Rundfunk- bzw.
Mikrowellen ausgesetzt war.157
Die Öffentlichkeit erwartete von den Wissenschaftlern ein sachliches Urteil über das
Risiko der Mikrowellenbestrahlung auf Menschen. Jedoch erhielt die Öffentlichkeit (bis
heute) keine eindeutige Antwort der Wissenschaftler, da diese unterschiedlicher Meinung
waren (und sind). Zwar stellte der größere Teil der Wissenschaftler durch ihre
Untersuchungen keine Gefahr schwacher Mikrowellen auf Menschen fest. Aber einige
Wissenschaftler wiesen doch durch ihre Untersuchungen auf die eventuelle Gefahr durch
schwache Mikrowellen hin. Vor dem Hintergrund dieser zweideutigen Meinungen und der
damit verbundenen Unsicherheit stieg die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, Mikrowellen als
gesundheitlich riskant zu betrachten.158
Die erhöhte Besorgnis der Menschen über den Einfluss der Mikrowellen fand seinen
Ausdruck auch darin, dass es zu mehreren Klagen gegen Bestrahlungsquellen von
Mikrowellen kam – beispielsweise gegen Übertragungsstationen der
Mikrowellenkommunikation sowie gegen Mikrowellenkochgeräte. 159 In Bezug auf
Congress 1st Session 1979, S.2.
n 1983, Cook 1979 und Searle 1979. Auch siehe Steneck 1985, S.191-193 und
en. Auch siehe Osepchuk 1982, S.107 und Slovic, Paul;
S.186-187.
153 Committee Print, 96th
154 Ogino 1995, S.159.
155 Brodeur 1980 und Steneck 1985, S.189-190.
156 Zum Beispiel Ganno
Osepchuk 1978c, S.18.
157 Steneck 1985, S.177-178 und S.203-206.
158 Steneck 1985, S.193. Gemäß einer Abhandlung aus dem Jahr 1980 im Bereich der Risikowissenschaft
war die Bevölkerung in den USA der Meinung, dass Mikrowellenkochgeräte gefährlicher als Marihuana,
Aspirin, Haarfärbemittel und Jumbo-Jet sei
Fischhoff und Lichtenstein 1980, S.201-204.
159 Steneck 1985, S.218-227 und Taki 1989b, S.295. Auf Grund der erhöhten Besorgnis der Menschen
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 165
Mikrowellenkochgeräte klagten im Jahr 1975 zwei U.S. Amerikanerinnen, Helen Mulhauser
und Agnes Ryan, gegen das Unternehmen Litton Industry. Sie behaupteten, dass die
Mikrowellenleckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten der Firma Litton ihren grauen Star
verursacht hätte. Diese Behauptung wurde durch die Untersuchungen auf dem Gebiet der
Augenheilkunde von Milton Zaret gestützt. Zaret berichtete im Jahr 1974 über den Fall des
grauen Stars einer 51-jährigen Hausfrau. Dabei wies er auf den möglichen Zusammenhang
zwischen diesem grauen Star und der Nutzung des Mikrowellenkochgeräts hin. Er vertrat die
These, dass ein chronischer Mikrowellen-Grauer-Star sich langsam über die Jahre entwickeln
und durch eine schwache Bestrahlung verursacht werden könne, die keinen thermischen
Effekt verursachen kann.160 Bei der Mehrheit der Wissenschaftler stieß diese These von Zaret
jedoch auf Ablehnung.161 Letztlich zogen die zwei Frauen ihre Klage gegen Litton Industry
zurück, da Zaret seine weitere Unterstützung in diesem Prozess versagt hatte.162 Bis heute
gibt es keinen Prozess, in dem eine gesundheitliche Störung durch Mikrowellen qua
Gerichtsbeschluss anerkannt wurde. In den meisten Fällen kam es zu außergerichtlichen
Einigungen zwischen Kläger und Beklagtem.163
Die erhöhte Besorgnis der Bevölkerung in den USA bezüglich Mikrowellenstrahlung
hatte jedoch keinen bemerkenswerten Einfluss auf die Produktion von
Mikrowellenkochgeräten (vgl. Schaubild 9). Zwar wurde das Wachstum der Produktion Ende
der 1970er Jahre langsamer, dennoch aber stieg die Produktion weiterhin an.164 D.h. Anfang
der 1980er Jahre akzeptierte der große Teil der Verbraucher in den USA das
Mikrowellenkochgerät trotz steigernder Besorgnis über eventuelle gesundheitsschädliche
Einflüsse der Mikrowellen. Selbst die Consumer Union, die als Repräsentant der kritischen
Verbraucher in den USA angesehen wurde, akzeptierte Ende der 1970er Jahre diejenigen
Mikrowellenkochgeräte, die den HEW-Standard erfüllen.165
der
d CR February 1988.
65; Michaelson und Osepchuk 1974; Carpenter 1974; Merriam 1974; Donaldson
heitlicher Störungen
as vermutlich eine Prozesslawine auslösen könnte.
kamen auch neue Geschäftsideen auf – beispielsweise die Idee, Leckstrahlungsdetektoren für
Mikrowellenkochgeräte zu verkaufen. Einige Unternehmer ließen entsprechende Anzeigen erscheinen, die
die potentielle Gefahr des Mikrowellenkochgeräts betonten und somit die erhöhte Besorgnis
Öffentlichkeit für ihre Geschäftsidee zu nutzen. Auch siehe Decareau 1980 un
160 Zaret 1974; Steneck 1985, S.162 und 225-227; Osepchuk 1996, S.120.
161 Steneck 1985, S.1
1974; Appleton 1974.
162 Steneck 1985, S.225-227.
163 Taki 1989b, S.295 und Steneck 1985, S.227. Die angeklagten Firmen waren meistens bereit, sich
außergerichtlich qua Geldzahlung an den Kläger zu einigen statt einen aufwendigen Prozess zu führen. Da
ein solcher Prozess erfahrungsgemäß immer zu einer entsprechenden Berichterstattung in den Medien führt,
war es nicht in ihrem Interesse, dadurch einen Imageschaden des Produkts hinzunehmen. Darüber hinaus
wollten die angeklagten Firmen eine gerichtliche Niederlage vermeiden, da sonst die Gefahr bestanden
hätte, dass qua Gerichtsbeschluss schwache Mikrowellen als Auslöser gesund
anerkannt werden könnten – w
164 Osepchuk 1984, S.1215.
165 Wie bereits im Abschnitt 6.1.6 erwähnt wurde, veröffentlichte die Consumer Union im Jahr 1973 den
Artikel „Microwave ovens not recommended“ in ihrer Organzeitschrift. Doch änderte die Consumer Union
ihre Haltung ein paar Jahre später im Hinblick auf Mikrowellenkochgeräte: Im Jahr 1976 veröffentlichte
die Consumer Union, dass man das Mikrowellenkochgerät wohl mit geringem Risiko nutzen könne, wenn
man mit dem Gerät vorsichtig umgehe. Gleichzeitig wies die Consumer Union darauf hin, dass es keine
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 166
0
2000
4000
6000
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10000
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1980
1982
1984
1986
1988
Schaubild 9 Produktion der Mikrowellenkochgeräte in den USA (Statistical Abstract of
the United States, US Department of Commerce Bureau of the Census).
Trotz dieses geringen Einflusses auf die Produktion von Mikrowellenkochgeräten
war die Industrie nicht sonderlich glücklich über die steigende Besorgnis der Bevölkerung in
den USA. Es war im Interesse der Industrie, Klagen und unsachliche Berichterstattungen
unbedingt zu vermeiden. Als Ursache dieser Besorgnis sah die Industrie die unsachliche, aber
amüsierende Berichterstattung in den Medien, die laut Industrie die naturwissenschaftlich
ungebildete Masse unruhiger machte. Wenn die Masse „richtig aufgeklärt“ werden würde, so
die Industrie, würde die Besorgnis über Mikrowellen verschwinden.166 Um mit dieser
Aufklärungsarbeit zu beginnen, richtete das Institute of Electrical and Electronics Engineers
(IEEE) im Jahr 1972 das Committee on Man and Radiation (COMAR) ein. Die COMAR
stellte Informationen über Mikrowellen der Öffentlichkeit zur Verfügung, insbesondere über
den Einfluss dieser Wellen auf Menschen. Beispielsweise veröffentlichte die COMAR
Stellungnahmen der Industrie zu bestimmten Themen, an denen die Öffentlichkeit interessiert
war. Darüber hinaus korrigierte die COMAR unsachliche Berichterstattungen, indem sie
entsprechende Veranstaltungen durchführte bzw. Drucksachen veröffentlichen ließ.167
Garantie gäbe, dass durch die Nutzung des Geräts kein Risiko entstehe. Ein Artikel in der Mai Ausgabe von
1983 der OrganzeitschriftConsumer Report widmete sich dem Thema Mikrowellenkochgerät und gab
den Lesern Kauftipps. Siehe CR June 1976, S. 314 und 321; CR March 1981, S.132-133; CR May1983.
166 Osepchuk 1984, S.1220 und Osepchuk 1982, S.112. Damals gab es in jeder Ausgabe der Fachzeitschrift
„Microwave World“ eine Informationsecke „Education“ genannt. Daher lässt sich schließen, dass
Aufklärungsarbeit damals als wichtig angesehen wurde.
167 Osepchuk 1996, S.120 und Osepchuk 1984, S.1215-1216. Neben der COMAR wurde im Jahr 1984 die
Electromagnetic Energy Policy Alliance (Abk. EEPA, die heutige Electromagnetic Energy Association
(EEA)) gegründet. Hierbei handelt es sich um einen Verein von Herstellern und Nutzern von Systemen und
Produkten, die elektromagnetische Energie verwenden. Die Aufgabe der EEPA bestand darin, die strittigen
Fragen zu beantworten, die im Zusammenhang von Missverständnissen und Ängsten vor
nicht-ionisierenden Strahlungen entstehen können. Osepchuk 2001 und Osepchuk 1998, S.485.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 167
Die Stellungnahmen der COMAR basierten auf folgender Grundüberzeugung: Für
nicht-ionisierende Strahlungen wie Mikrowellen existiert ein absoluter Schwellenwert168.
Strahlungen unterhalb dieses Schwellenwerts stellen keine Gefahr für den Menschen dar. Zur
Einschätzung des eventuellen Risikos durch Strahlen solle man die `harte´ Wissenschaft als
Basis verwenden, und unbekannte Faktoren nicht berücksichtigen. Es sei Zeit- und
Geldverschwendung, dass die Regierung Forschungen über den Einfluss schwacher
Mikrowellen auf Menschen fördert, da sich früher oder später ohnehin mit hoher
Wahrscheinlichkeit herausstellen würde, dass Mikrowellen harmlos seien.169
Seit Ende der 1970er Jahre weitete sich die Besorgnis der Bevölkerung von
Hochfrequenzwellen auf Niederfrequenzwellen aus: Im Jahr 1979 wiesen die U.S.
amerikanischen Wissenschaftler Wertheimer und Leeper mit einer von ihnen durchgeführten
epidemiologischen Studie auf die Korrelation zwischen Kinderleukämie und
Hochspannungsleiter hin.170 Mit der Veröffentlichung dieser Studie begann die Bevölkerung,
Hochspannungsleiter als potentielle Gefahr für die Gesundheit wahrzunehmen.171 Darüber
hinaus war zu dieser Zeit von der Korrelation zwischen der Bestrahlung aus
Computerbildschirmen (video display terminal, Abk. VDT) einerseits und Fehlgeburten,
Hautausschlägen bzw. grauem Star andererseits die Rede. 172
Während mehrere – elektromagnetische Wellen ausstrahlende – elektrische Geräte
kritisch eingeschätzt wurden, blieben andere derartige Geräte außerhalb des Ziels der Kritik.
Ein Beispiel dafür ist die Hyperthermie, mit der man damals begann, anhand von
Mikrowellenbestrahlung Krebs zu behandeln.173 Krebspatienten neigen allgemein dazu, das
Risiko am Krebs zu sterben, wesentlich höher einzuschätzen als das Risiko, durch
Mikrowellenbestrahlungen irgendwelche eventuellen gesundheitlichen Schäden
168 Zur Definition des Worts Schwellenwert siehe Anhang 3.
169 Osepchuk 1982, S.110-111; Osepchuk und Petersen 1994, S.99 und 101. Allerdings waren nicht alle
Mitglieder der IEEE dieser Auffassung. Die Society on Social Implications of Technology, die damals
gerade innerhalb der IEEE gegründet worden war und in der Tradition des whistle-blowing stand, kritisierte
die Auffassung der COMAR. Whistle-blowing ist in der deutschsprachigen Unternehmensethik ein wenig
behandeltes Thema. Laut Klaus M. Leisinger entsteht Whistle-blowing aus einem Dissens zwischen
Handlungsweisen im Unternehmen oder des Unternehmens und deren Beurteilung hinsichtlich Legalität
und Legitimität durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Somit sind Whistle-blower Menschen, die sich im
Unternehmen bemerkbar machen und dafür manchmal einen hohen Preis bezahlen müssen: In vielen Fällen
werden sie als Lügner, als inkompetente Wichtigtuer oder gar als geistig verwirrt verleumdet und in ihrer
wirtschaftlichen und sozialen Existenz geschädigt. Osepchuk 1996, S.122;
http://www.novartisfoundation.com/de/artikel/unternehmensethik/whistleblowing.htm (Letzter Zugriff am
01.04.2006).
170 Wertheimer und Leeper 1979.
171 Aimoto 1992.
172 Anonym 1981. Obwohl im Jahr 1981 die Regulierung elektromagnetischer Wellen aus
Computerbildschirmen thematisiert wurde, kam es letztendlich zu keiner solchen Regulierung. Steneck
1985, S.130.
173 Miura 2004, S.184 und Kikuchi 1994, S.430. Krebszellen sterben bei einer Temperatur von 42,5 ºC,
während normale Zelle erst bei einer Temperatur von 45 ºC sterben. Diesen Unterschied nutzt die
Hyperthermie, indem sie versucht, durch Mikrowellenbestrahlung eine Temperatur der erkrankten Stelle
zwischen 42,5 ºC und 45 ºC zu erreichen und dadurch nur die Krebszellen zu vernichten.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 168
davonzutragen. Daher wurde diese Krebsbehandlung anhand von Mikrowellenbestrahlung
kaum oder nicht in Frage gestellt. Außerdem richteten die Medien wenig Aufmerksamkeit auf
Strahlungen von Fernsehgeräten, Walkie-Talkie als Kinderspielzeug, elektrische
Schienenfahrzeuge, Amateur-Funkkommunikation und transportable Radios.174
Über diese Besorgnisse in den USA zum Thema Mikrowellen wurde die
Bevölkerung in Japan kaum informiert. Da in Japan nur sporadisch und selten darüber
berichtet wurde, existierte eine solche Besorgnis in Japan nicht. Japanische Wissenschaftler
begannen gerade zu dieser Zeit damit, Forschungen über den Einfluss schwacher Strahlungen
auf Lebewesen in Angriff zu nehmen. Erst Anfang der 1990er Jahre begannen einige Bürger
in Japan damit, den möglichen negativen Einfluss elektromagnetischer Wellen zu
thematisieren.175
6.3 Erneutes Wachstum (Phase IV: 1982-1986)
Im Frühjahr 1982 fand die lange Stagnation ihr Ende. Der Verkauf von
Mikrowellenkochgeräten ging wieder aufwärts, und die Inlandnachfrage erlebte bis zum Jahr
1987 ein radikales Wachstum. Dieses schnelle Wachstum war insbesondere auf das so
genannte Sologerät zurückzuführen, ein einfaches Mikrowellenkochgerät ohne zusätzliche
Funktionen (Abbildung 38): 1
76 Bislang hatten sich die japanischen
Mikrowellenkochgerätshersteller auf die Entwicklung so genannter Kombigeräte konzentriert,
bei denen Funktionen anderer Kochgeräte integriert waren. Dies basierte auf der Annahme,
dass mit steigender Anzahl integrierter Funktionen das Mikrowellenkochgerät über mehr
Verwendungszwecke verfügt und sich daher besser verkaufen lassen würde. Doch letztlich
zeigte sich, dass diese Annahme nicht der Realität entsprach und das Mikrowellenkochgerät
meistens weiterhin nur zum Aufwärmen von Lebensmitteln benutzt wurde.177 Nach langer
Stagnationsphase erkannten einige Hersteller bzw. Ingenieure die Nachteile dieser
Kombigeräte und schlugen vor, sich auf das ganz einfache Mikrowellenkochgerät ohne
zusätzliche Funktionen – das so genannte Sologerät – zu konzentrieren.178 Dies war eine
bedeutsame Abkehr der bisherigen Strategie der „High-Tech“nisierung des
174 Osepchuk 1994, S.169. Wie diese Beispiele zeigen, wurden manche Strahlungsquellen als riskant
wahrgenommen und andere nicht. Dieses Phänomen wird anhand der heutigen Risikokommunikation wie
folgt erklärt: Das Risiko, das Menschen einerseits wahrnehmen, und das Risiko, das andererseits ein
Risikowissenschafter berechnet, sind oft nicht deckungsgleich. Menschen haben die Tendenz, eine Sache
als riskant wahrzunehmen, wenn Situationen des Zwangs, der ungerechten Verteilung, der Fremdheit, der
Unklarheit vorliegen wie bei sich widersprechenden Informationen. Kikkawa 2000, S.79.
175 E-Mail von Ōkubo (Bürgerinitiativ: Denjiha mondai shimin kenkzū-kai) vom 13. Mai 2005; E-Mail
von Kakehi (Bürgerinitiativ: Gauß-Net) vom 12. Mai 2005.
176 Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.283.
177 Higo 1987 (Hrsg.), S.93 und TM 89, Dezember 1993, S.12.
178 Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.283. Zu dieser Zeit verkaufte sich dieses Sologerät schlecht, da seit
Jahren kein neues Modell auf den Markt gekommen war.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 169
Mikrowellenkochgeräts. Zuerst brachte im Jahr 1982 die Firma Matsushita (Panasonic) ein
simples Gerät zum niedrigen Preis von 54.800 Yen (ca. 445 DM) auf den Markt, das nur über
die Aufwärmfunktion verfügte und daher extrem einfach zu handhaben war.179 Bei den
Verbrauchern stieß das Gerät auf großes Echo. Daher verwundert es nicht, dass anschließend
verschiedene Hersteller ein Sologerät für einen Preis zwischen 40.000 und 60.000 Yen (ca.
325 und 485 DM) auf den Markt brachten.180 Die Angebotspalette der Hersteller reichte damit
vom preiswerten Sologerät bis hin zum teuren Kombigerät. Vor diesem Hintergrund boomte
der Verkauf von Mikrowellenkochgeräten, sowohl im Inland als auch im Ausland. Neben dem
Farbfernseher und dem Videorekorder wurde damit das Mikrowellenkochgerät Mitte der
1980er Jahre zur drittgrößten Einkommensquelle der Elektrogeräthersteller.181
Der Hintergrund dieses drastischen Wachstums der Nachfrage nach
Mikrowellenkochgeräten bestand in den folgenden Veränderungen des japanischen
Lebensstils.
Abbildung 38 Neues Sologerät (GS März 1984, S.5).
6.3.1 Änderungen von Essgewohnheiten und Tagesabläufen
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm die Anzahl traditioneller Großfamilien in Japan ab,
so dass entsprechend die Anzahl der Haushalte zunahm, in denen ein oder zwei Generationen
lebten. Darüber hinaus nahm die Anzahl von berufstätigen, verheirateten Frauen zu.182 Diese
Veränderungen verlangten von den Menschen mehr Flexibilität im Alltag. Das
Mikrowellenkochgerät stellte Ihnen diese Flexibilität zur Verfügung.
Das Mikrowellenkochgerät bot erstens die Flexibilität, den Zeitpunkt des Essens zu
179 Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.284; GS März 1984, S.6 und 12.
180 NKS 8. September 1986 und NKS 21. Mai 1986.
181 NKS 14. Dezember 1984 und NKS 11. August 1986.
182 Satō 1983, S.8-12.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 170
variieren: Die Hauptmahlzeit der Japaner ist das Abendessen. Doch damals passierte es immer
seltener, dass alle Familienmitglieder zusammen am Abend aßen. Denn in der Regel machten
Väter bis tief in die Nacht Überstunden und Kinder gingen abends zur Nachhilfeschule, um
sich für ihre Aufnahmeprüfungen vorzubereiten. In dieser Situation war das
Mikrowellenkochgerät sehr praktisch, da zu jeder Zeit die Mahlzeiten für die einzelnen
Personen schnell wiederaufgewärmt werden konnten.
Zweitens bot das Mikrowellenkochgerät in Verbindung mit neuen Techniken der
Lebensmittelkonservierung die Flexibilität, den Gehalt bzw. die Vielfältigkeit des Essens zu
variieren. Durch die Verbreitung des Gefriergeräts und des Kühlschranks wurde mehr und
mehr Tiefkühlkost seit Ende der 1960er Jahre produziert. Im Jahr 1985 brachte darüber hinaus
zum ersten Mal einer der größten japanischen Lebensmittelhersteller Fertiggerichte für das
Mikrowellenkochgerät auf den japanischen Markt. 183 Diese portionsweise verpackten
Fertiggerichte werden im Mikrowellenkochgerät innerhalb weniger Minuten zubereitet. So
kann jeder ohne großen Aufwand warm essen, was sie bzw. er gerade essen möchte. Die
Kombination aus Fertiggericht und Sologerät passte gut zum damaligen Tagesablauf
japanischer Familien, und die Nachfrage nach diesen Gerichten und den Geräten nahm
entsprechend zu.184 So überschritt die Verbreitungsrate des Mikrowellenkochgeräts im Jahr
1987 die 50 %-Marke. Die Verbraucher prägten die neue Redewendung „chin-suru (Kling
machen)“ 185, was so viel bedeutet wie „mit dem Mikrowellenkochgerät aufwärmen“.
In den USA befanden sich die Fertiggerichte für Mikrowellenkochgeräte bereits in
der zweiten Hälfte der 1970er Jahre auf dem Markt.186 Diesem Beispiel folgend wendeten
sich die japanischen Mikrowellenkochgerätehersteller an japanische Lebensmittelhersteller,
damit diese derartigen Fertiggerichte für Mikrowellenkochgeräte für den japanischen Markt
zu produzieren. Jedoch zeigten zu diesem Zeitpunkt die japanischen Lebensmittelhersteller
daran noch kein besonderes Interesse.187 Das hatte mehrere Gründe: Erstens besteht die
traditionelle japanische Mahlzeit aus einem Hauptgericht und mehreren verschiedenen
Beilagen, die getrennt auf verschiedenen kleinen Tellern serviert werden. Daher gingen die
japanischen Lebensmittelhersteller davon aus, dass ein – dem amerikanischen TV-Dinner188
ähnelndes – japanisches Fertiggericht von Japanern nicht akzeptiert würde, weil Hauptgericht
183 Sharp 2002a.
184 NKS 8. September 1986.
185 Auch in den USA wurde das neue Verb „to microwave“ geprägt. In Deutschland wurde die Mikrowelle
manchmal „schnelle Welle“ oder „Zauberwelle“ genannt. Exner 1989; Exner 1990; Anonym 1988.
186 Damals gab es bereits auf dem US amerikanischen Markt Tiefkühlfertiggerichte, zum Beispiel war das
berühmte „TV Dinner“ sehr verbreitet. Dieses Tiefkühlgericht wird samt Aluminiumgefäß in den Backofen
geschoben und gegessen wird direkt aus diesem Gefäß, sobald es fertig aufgewärmt ist. Vor diesem
Hintergrund ist es verständlich, dass auch Fertiggerichte für Mikrowellenkochgeräte schnell von den
amerikanischen Verbrauchern akzeptiert wurden. Taneya 1987, S.133; Higo 1987 (Hrsg.), S.275-276; CR
September 1984.
187 Higo (Hrsg.) 1987, S.142.
188 Bezüglich TV-Dinner siehe vorherige Fußnote.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 171
und Beilagen alle auf einem einzigen Teller serviert würden.189 Zweitens waren Ende der
1970er Jahre die Lebensmittelhersteller der Ansicht, dass sich eine separate Produktion von
Fertiggerichten ausschließlich zur Verwendung in Mikrowellenkochgeräten nicht lohnen
würde, da mehr als die Hälfte aller japanischen Haushalte überhaupt kein
Mikrowellenkochgerät besaßen. Die ersten Fertiggerichte für Mikrowellenkochgeräte, die im
Jahr 1985 auf den japanischen Markt kamen, waren daher Tiefkühlfertiggerichte, die sowohl
mit dem Mikrowellenkochgerät als auch mit dem Backofen aufgewärmt werden konnten.190
Der Lebensmittelhersteller, der 23 verschiedene Fertiggerichte für das Mikrowellenkochgerät
zum ersten Mal auf den japanischen Markt brachte, schätzte den Umsatz im ersten Jahr auf
zwei Milliarden Yen (ca. 20 Millionen DM). Wider seiner Erwartung lag der tatsächliche
Umsatz doppelt so hoch. Vor dem Hintergrund dieses überraschenden Erfolgs begannen auch
andere japanische Lebensmittelhersteller mit der Herstellung der Fertiggerichte für das
Mikrowellenkochgerät, und schon bald gab es ein Angebot von über einhundert
verschiedenen Fertiggerichten. 191 Diese Fertiggerichte kamen insbesondere bei jungen
Leuten192 gut an.
Unterstützt wurden diese oben erwähnten Flexibilitäten zusätzlich durch die
Verbreitung der so genannten Convenience Store seit Ende der 70er Jahre in Japan. Der
Convenience Store ist ein hochmoderner Tante Emma-Laden, der im Jahr 1977 zum ersten
Mal in Japan eröffnete. Er ist nicht besonders groß, bietet aber von der Zahnbürste, über
Getränke bis hin zu Lebensmitteln inklusive Fertiggerichten und Dienstleistungen (Post- und
Kopierservice) fast alles an, was man für das tägliche Leben benötigt. Das besondere an
diesen Convenience Store ist, dass sie von früh morgens bis spät abends geöffnet haben, oft
sogar 24 Stunden. Diese Läden findet man überall in den Großstädten Japans und sie bieten
zu jeder Tages- und Nachtzeit die Möglichkeit, verschiedene Gerichte, verpackt oder
unverpackt, vor Ort oder zu Hause zu konsumieren. Denn diese Läden bieten sogar an, das
Gericht direkt vor Ort im Mikrowellenkochgerät aufzuwärmen, so dass der Kunde sofort
warm essen kann. Hier entstand ein zusätzlicher Bedarf für Mikrowellenkochgeräte.193
189 Thoms 1980.
190 Higo 1987, S.40 und Higo (Hrsg.), S.131-133.
191 Santa 1987, S.60 und NKS 8. September 1986. Der Inhalt einiger solcher Tiefkühlfertiggerichte für das
Mikrowellenkochgerät unterschied sich nicht von bisherigen Tiefkühlfertiggerichten. Unterschiedlich
waren bloß die Verpackungen, da die neuen Verpackungen für Mikrowellenerhitzung geeignet waren.
Später wurden auch Fertiggerichte entworfen, die extra für die Mikrowellenerhitzung gedacht waren. Heute
gibt es Fertiggerichte für Mikrowellenkochgeräte nicht nur in der Form von Tiefkühlkost, sondern auch in
Form von verpacktem und sterilisiertem Lebensmittel (retort pouch), die bei normaler Raumtemperatur
aufbewahrt werden.
192 Bei den älteren Leuten dagegen kamen diese Fertiggerichte nicht immer gut an, da sie lieber
traditionelle japanische Gerichte mochten als diese Fertiggerichte. Auch wenn die Fertiggerichte nicht den
Geschmack der älteren Generation trafen, war das Mikrowellenkochgerät bei Ihnen beliebt. Sie
verwendeten das Mikrowellenkochgerät weniger zum Aufwärmen der Fertiggerichte, sondern vielmehr
zum Aufwärmen von Sake (Reiswein) oder für einen Teilabschnitt des gesamten Kochprozesses
beispielsweise das Garen eines Gemüses. Thoms 1980.
193 Die Mikrowellenkochgerätehersteller produzierten exklusiv für die Convenience Stores mehrere
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 172
Nicht nur im Haus, sondern auch außer Haus veränderte sich die Eßgewohnheit der
Japaner. Im Jahr 1971 eröffnete in Japan das erste Fastfood-Lokal McDonald. Um das Jahr
1980 herum boomten die so genannten Family Restaurants, die von früh morgens bis spät in
die Nacht preiswerte warme Gerichte anboten, die eine Bandbreite von Geschmäckern trafen,
von Kleinkindern bis hin zu älteren Leuten. 1
94 Die Family Restaurants sind
Filialunternehmen, deren Lebensmittel in zentralen Küchen zubereitet und anschließend
eingefroren wurden. Um diese tiefgekühlten Lebensmittel in Restaurants schneller servieren
zu können, wurde das Mikrowellenkochgerät genutzt. Die Hersteller von
Mikrowellenkochgeräten produzierten exklusiv für die Nutzung in den Family Restaurants
neue Modelle.195
Wie oben beschrieben, ist es nicht umstritten, dass die Änderungen der
Eßgewohnheit und Tagesabläufe die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts in Japan stark
beeinflussten. Jedoch ist es nicht angemessen, die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts
allein mit der Änderung der Eßgewohnheit zu erklären, wie es beispielsweise die
Technikhistorikerin Barbara Orland die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts in der
Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren allein mit der Veränderung der
Tagesabläufe erklärte.196 Die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts war ein Phänomen, das
durch die Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren realisiert wurde: Verbraucher,
Magnetronhersteller, Hersteller elektrischer Haushaltsgeräte, Verwaltungsorgane, die die
Mikrowellenleckstrahlung kontrollieren, Lebensmittelhersteller, die die Fertiggerichte für das
Modelle. Diese Modelle verfügten über eine doppelt so starke Leistung wie die Geräte für die normalen
Haushalte, damit die Kunden nicht länger als drei Minuten auf ihr Gericht warten müssen. Da das
Aufwärmen in den Convenience Stores ein kostenloser Service darstellte, sollten die Modelle für den
Convenience Store möglichst preiswert sein. Daher handelte es sich bei diesen Modellen um Sologeräte
ohne zusätzliche Funktionen. Santa 1987, S.57; Higo (Hrsg.) 1987, S. 79, 144 und 146.
194 Sharp 2002a.
195 Siehe Santa 1987, S.57; Higo (Hrsg.) 1987, S.79; Higo 1988. Bei diesen Modellen handelte es sich –
wie bei den Modellen für die Convenience Stores – um Sologeräte mit besonders starker Leistung. Im
Durchschnitt besitzt jedes dieser Famliy Restaurants zwei bis fünf Mikrowellenkochgeräte. Auch siehe
Santa 1987, S.59-60.
196 Barbara Orland entwickelte die These, dass die meisten Geräte den Verbrauchern individuelle
Handlungsspielräume eröffnen. Diese Handlungsspielräume können sowohl für eine weitere Technisierung
sprechen als auch das Gegenteil bewirken. Als ein Beispiel solcher Geräte nennt sie das
Mikrowellenkochgerät. Orland schreibt: „Die Mikrowelle, die schon in den fünfziger Jahren auf dem
bundesdeutschen Markt auftauchte, passte zu dieser Zeit noch nicht in einen familiären Alltagsablauf, der
sich um feste Mahlzeiten aller Familienmitglieder rankte. Erst die zersplitterten Tagesabläufe der 80er Jahre
verhalfen diesem Gerät zu einer nennenswerten Verbreitung.“ Wie Orland beschreibt, entwickelte bereits
im Jahr 1955 die Firma Deutsche Elektronik (eine im Jahr 1952 gegründete Tochtergesellschaft der Firma
Bosch, später ging diese Tochterfirma in die Robert Bosch Elektronik GmbH auf) erfolgreich ein
Mikrowellenkochgerät, das jedoch von den Verbraucher nicht akzeptiert wurde. Sicherlich spielte auch die
Veränderung der Alltagsabläufe eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts in
Deutschland in den 1980er Jahren. Aber wenn das Mikrowellenkochgerät keinerlei technische Entwicklung
durchgemacht hätte, und den technischen Stand der 1950er Jahre hätte, d.h. 170 cm hoch, 340 Kg schwer
und teuerer als ein kleiner PKW wäre, hätte es auch im Haushalt der 1980er Jahre sicherlich keinerlei
Verbreitung gefunden. Siehe Orland 1998, S.284; NKS 1. Juli 1968; Anonym 1961, S.4.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 173
Mikrowellenkochgerät anboten, Lebensmittelverteiler, Lebensmittelhändler, Gastronomie,
Plastikhersteller, die die Gefäße für das Mikrowellenkochgerät produzierten. All diese
Akteure trugen durch ihre Interaktion dazu bei, dass es zur Verbreitung des
Mikrowellenkochgeräts kam.
Die Struktur der Mikrowellenkochgeräthersteller venderte sich durch die
Interaktionen zwischen Verbrauchern, Magnetronherstellern und Herstellern elektrischer
Haushaltsgeräte: Ursprünglich wurde das Mikrowellenkochgerät ausschließlich vom U.S.
amerikanischen Radargerät- und Magnetronhersteller Raytheon hergestellt. Seit Mitte der
1960er Jahre jedoch wurden die Hersteller elektrischer Haushaltsgeräte, die ein besseres
Know-How bezüglich der Massenproduktion besaßen, zum Hauptproduzenten von
Mikrowellenkochgeräten. Eine ähnliche Veränderung erlebten auch die Magnetronhersteller:
Obwohl der japanische Magnetronhersteller NJRC ein preiswertes, kompaktes Magnetron
erfolgreich für die Mikrowellenkochgeräte im normalen Haushalt entwickelt hatte, zog sich
NJRC später von diesem Geschäft zurück. Denn die Magnetrone der NJRC konnten mit den
noch preiswerteren Magnetronen japanischer Hersteller elektrischer Haushaltgeräte nicht
konkurrieren.
Parallel dazu entstand ein neues Netzwerk innerhalb der Industrie um das
Mikrowellenkochgerät, und dieses Netzwerk entwickelte sich durch die Interaktionen der
beteiligten Industrien: Beispielsweise begannen die Lebensmittelhersteller mit der Produktion
von Fertiggerichten für das Mikrowellenkochgerät und hatten dadurch großen Umsatz. Das
Netzwerk der Lebensmittelverteiler und -händler breitete sich überall dort in Japan aus, wo
diese Fertiggerichte geführt wurden. Die Plastikhersteller begannen mit der Produktion von
Gefäßen, die für die Mikrowellenerhitzung geeignet waren. Insbesondere machten auch die
Hersteller von Klarsichtfolien große Gewinne.197
Darüber hinaus trug auch die Leckstrahlungskrise zur Veränderung des
Mikrowellenkochgeräts, seiner Funktionen und seiner Gestalt bei, genauso wie die Nachfrage
der Verbraucher und die harte Konkurrenz zwischen den Herstellern. Zu Beginn der 1980er
Jahre stimmte das Preis-Leistungs-Verhältnis eines Mikrowellenkochgeräts. Dies
beschleunigte die Nachfrage des Mikrowellenkochgeräts dramatisch.
6.3.2 Mikrowellenkochgerät als Unterhaltungsgerät?
Durch den Vergleich mit der Verbreitung von Spülmaschinen wird ein weiteres
charakteristisches Merkmal des Mikrowellenkochgeräts deutlich. Als die Spülmaschine im
Jahr 1968 auf den japanischen Markt gebracht wurde, begann gerade die Verbreitung des
197 Toyama 1987; Yamaga 1987; Kaneko 1987; Tsubaki 1987, insbesondere S.106; Higo (Hrsg.) 1987,
S.107-130; http://www.asahi-kasei.co.jp/saran/motto/history/history.pdf (Letzter Zugriff am 22.09.2004).
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 174
Mikrowellenkochgeräts im normalen Haushalt. Die Nachfrage nach Mikrowellenkochgeräten
und Spülmaschine im Jahr 1968 betrug jeweils 50.000. Daher erwarteten
Elektrogerätehersteller, dass sich beide Haushaltsgeräte im gleichen Tempo in japanischen
Haushalten verbreiten würden. Die Spülmaschine kostete damals ca. 50.000 Yen (ca. 500
DM), was ungefähr der Hälfte des Preises eines Mikrowellenkochgeräts entsprach, und
verkaufte sich in ersten zwei Jahren gut. Daher produzierten die meisten großen
Elektrogeräthersteller198 in Japan die Spülmaschine. Einige dieser Hersteller richtete sogar
neue Fabriken ein, in denen Spülmaschinen exklusiv produziert wurden.199 Wider der
Erwartung der Hersteller stagnierte jedoch der Verkauf der Spülmaschine ab dem Jahr 1970.
Erst heute, nach dem Jahrtausendwechsel, zeichnet sich allmählich ab, dass die Spülmaschine
auf dem japanischen Markt einen Durchbruch erzielt: Die Verbreitungsrate von
Spülmaschinen in japanischen Haushalten lag im Jahr 2002 bei ca. 10 %. Im Vergleich zu
Mikrowellenkochgeräten sind Spülmaschinen eine größere Erleichterung bei der
Durchführung der täglichen Hausarbeit. Warum fand die Spülmaschine dennoch – ganz
anders als das Mikrowellenkochgerät – keinen Durchbruch in Japan?
Vor dem Hintergrund der Verbreitung verschiedener, elektrischer Haushaltsgeräte in
der Nachkriegszeit in Japan lässt sich feststellen, dass sich Unterhaltungsgeräte schneller
verbreiten als praktische Haushaltsgeräte. Zum Beispielverbreiteten sich in Japan
Schwarz-Weiß-Fernseher schneller als Kühlschränke und Waschmaschinen (Schaubild 4).
Auch in Deutschland zeigt die Statistik diese Tendenz: Vergleicht man ein Unterhaltungsgerät
mit einem Haushaltsgerät, die beide fast gleichzeitig auf den Markt gebracht wurden und
einen ähnlichen Preis hatten, neigen die Verbraucher dazu, sich ein Unterhaltungsgerät
schneller als ein Haushaltsgerät anzuschaffen. Beispielsweise verbreitete sich in Deutschland
in den 1920er bis 1930er Jahren das Radio schneller als die Bratröhre. Der Grund war, so die
Technikhistorikerin Barbara Orland, dass das Radio von allen Familienmitgliedern benutzt
wurde, während die Bratröhre nur von der Hausfrau verwendet wurde.200 Insofern ist der
Nutzen eines Geräts nicht allein entscheidend für dessen Verbreitung.201
Dies lässt sich auch am Beispiel des Unterschieds zwischen der Verbreitung des
Mikrowellenkochgeräts und der Spülmaschine in Japan erläutern202: Von der Spülmaschine
profitiert nur die Hausfrau, während das Mikrowellenkochgerät alle Familienmitglieder
nutzen – beispielsweise der Mann zum Aufwärmen des Sake (Reiswein), die Frau zum
Kochen und die Kinder zur Zubereitung von Popcorn.203 Demnach weist ein Haushalt eher
198 Dies sind Hitachi, Matsushita-denki (Panasonic), Sanyo, Sharp, Toshiba und Mitsubishi-denki.
199 NKS 20. Januar 1970.
200 Orland 1998, S.283-284.
201 Meyer und Schluze 1990.
202 Eine derartige Erläuterung verwendete auch der Vertreter der Presseabteilung eines japanischen
Elektrogeräteherstellers gegenüber der Verfasserin dieser Arbeit in einem Interview, das im Mai 2002
durchgeführt wurde.
203 Darüber hinaus wurden für die zögerliche Verbreitung der Spülmaschine noch zwei weitere Gründe
genannt: Erstens ist die japanische Küche eng und bietet daher keinen Platz für die Spülmaschine. Zweitens
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 175
die Tendenz auf, dasjenige Gerät zuerst anzuschaffen, was ein Großteil der
Familienmitglieder bedient und nutzt, als ein Gerät zu kaufen, das nur einer Person im
Haushalt hilft.204
Diese Überlegungen legen nahe, das Mikrowellenkochgerät nicht nur als ein
Haushaltsgerät (so genannte Weißware) zu betrachten, sondern auch als Unterhaltungsgerät
(so genannte Braunware).205 Wenn man beispielsweise einen Knopf drückt, dreht sich das
Essen karusselartig auf einer Drehscheibe. Sobald es essfertig ist, ertönt eine kleines „Kling“,
was für Kinder faszinierend ist. Nicht nur derjenige, der kocht, sondern die gesamte Familie
hat damit Spaß. Diese Mischung aus Haushalts- und Unterhaltungsgerät trug stark zur
Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts bei.
6.3.3 Erleichtert das Mikrowellenkochgerät die Arbeit der Hausfrauen?
Die Mikrowellenkochgerätehersteller betonten in ihrer Werbung für ihre
Mikrowellenkochgeräte, wie nützlich diese seien: Im Hinblick auf Doppelverdiener betonten
die Hersteller einerseits, dass man mit einem Mikrowellenkochgerät Zeit spare,206 die
Hausarbeit reduziere und der Tagesablauf rationalisiert werden könne.207 Im Hinblick auf die
Hausfrauen betonten die Hersteller andererseits, dass man durch den Einsatz eines
Mikrowellenkochgeräts nicht nur mehr freie Zeit habe, sondern auch ein größeres Repertoire
an Gerichten zur Verfügung stünde.208 Ein Zeitungsartikel berichtete im Jahr 1981, dass durch
die weitere „High-Tech“nisierung des Mikrowellenkochgeräts Hausfrauen künftig über zu
viel Freizeit verfügen würden.209 Erleichterte das Mikrowellenkochgerät tatsächlich die
Arbeit der Hausfrauen?
Wenn beispielsweise ein Koch oder eine Köchin eine kleine Portion Lebensmittel im
Mikrowellenkochgerät gart bzw. aufwärmt, ist dies tatsächlich eine Erleichterung. Denn mit
ist das japanische Geschirr nicht nur unterschiedlich groß, sondern auch unterschiedlich geformt und aus
einer Vielzahl von Materialien hergestellt. Nur ein Teil dieses Geschirrs lässt sich überhaupt in der
Spülmaschine spülen, lackiertes Holz jedoch beispielsweise nicht. Siehe NKS 20. Januar 1970.
204 Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai 2002.
205 Laut Cockburn/Ormrod handelte es sich bei den Braunwaren um „High-Tech“-Geräte, die den Männern
zuzuordnen sind, während es sich bei den Weißwaren um praktikable Geräte handelt, die von Frauen
verwendet werden.
Laut diesen Feminismusforscherinnen wurde das Mikrowellenkochgerät zuerst als Braunware
betrachtet und in der entsprechenden Abteilung von Braunwaren verkauft. Erst später kam es zum Verkauf
des Mikrowellenkochgeräts in der Abteilung der Weißwaren. Auch dieses Verkaufshistorie legt nahe, das
Mikrowellenkochgerät als ein Gerät zu betrachten, dass sowohl Merkmale von Braunwaren als auch von
Weißwaren besitzt. Cockburn und Ormrod 1993, S. 108 und 128.
206 Es ist zwar richtig, dass ein Mikrowellenkochgerät die Kochdauer reduziert. Jedoch lässt sich die
Kochzeit mit einem Schnellkochtopf noch viel stärker reduzieren als mit einem Mikrowellenkochgerät.
207 NKS 26. März 1968; NKS 25 August 1972; AS 11. August 1972.
208 NKS 25 August 1972. Es gibt m. E. kein Gericht, dass sich ausschließlich mit einem
Mikrowellenkochgerät herstellen lässt, so dass m. E. diese Behauptung nicht stimmt.
209 NKS 22. Mai 1981.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 176
einem Mikrowellenkochgerät geht dies schneller als mit einem konventionellen Herd.
Darüber hinaus muss kein Topf gespült werden, da die Lebensmittel im
Mikrowellenkochgerät auf dem Teller aufgewärmt werden können, auf dem sie anschließend
serviert werden. Beim Erhitzen kleiner Portionen ist außerdem der Einsatz des
Mikrowellenkochgeräts energiesparender als die Verwendung eines konventionellen Herds.210
Wenn man im Unterschied dazu große Portionen Lebensmittel im
Mikrowellenkochgerät zubereitet, braucht man dafür sowohl mehr Zeit als auch mehr Energie
als mit einem konventionellen Herd. 211 Selbst wenn man ein komplettes Gericht
ausschließlich mit einem Mikrowellenkochgerät zubereiten will, bedeutet dies sowohl mehr
Zeitaufwand als auch mehr Arbeit.212
Die Werbung – ein Mikrowellenkochgerät erleichtere den Hausfrauen die Kocharbeit
– entspricht zwar nicht der Realität, wenn die Hausfrauen selbst die Mahlzeiten für mehrere
Personen zubereiten. Aber dennoch gewannen die Hausfrauen durch die Nutzung eines
Mikrowellenkochgeräts mehr Flexibilität innerhalb ihrer Tagesabläufe: Erstens ermöglichte
das Mikrowellenkochgerät den Hausfrauen, bereits zubereitete Gerichte oder gekaufte
Fertiggerichte kurz vor der Mahlzeit aufzuwärmen und zu servieren. Dies ermöglichte es den
Hausfrauen, ihre Zeit bis kurz vor der Mahlzeit flexibel zu nutzen. Fertiggerichte
ermöglichten den Hausfrauen sogar, warme Mahlzeiten zu servieren, ohne selbst gekocht zu
haben. Zweitens ermöglichte das Mikrowellenkochgerät den anderen Familienmitgliedern, die
normalerweise keine Küchenarbeit ausführten, ihre eigenen Mahlzeiten jederzeit selbst
aufzuwärmen, was wiederum der zeitlichen Flexibilität der Hausfrauen zu Gute kam.213 Vor
diesem Hintergrund liegt es nahe, darauf zu schließen, dass das Mikrowellenkochgerät den
Hausfrauen zwar nicht die konventionelle Kocharbeit selbst erleichterte, aber ihnen mehr
Flexibilität bot. Heutzutage führt die jenige Person, die den Haushalt erledigt, an einem Tag
eine Vielzahl unterschiedlicher Arbeiten parallel durch.214 Bei solchen Tagesabläufen war jede
Art von Flexibilität willkommen, die das Mikrowellenkochgerät bot.215
Angesichts der allgemeinen Technisierung des Haushalts – und nicht allein im
Hinblick auf das Mikrowellenkochgerät – wurde oft geäußert, dass durch diese Technisierung
Zeit und Arbeit im Haushalt gespart werde und daher die Anzahl der berufstätigen Frauen
zugenommen hätte.216 Tatsächlich wuchs zwar der Prozentsatz berufstätiger, verheirateter
210 Cockburn und Ormrod 1993, S.148.
211 GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Umweltberatung Bazern (Ulrike Koller) 1996.
212 Details dazu siehe 6.2.1.
213 Cockburn und Ormrod 1993, S.149.
214 Methfessel 1990, S.142-145.
215 Die Technikhistorikerin Schwartz Cowan beschreibt den modernen Haushalt wie folgt: „Modern
household technology facilitated married women’s workforce participation not by freeing women from
household labor but by making it possible for women to maintain decent standards in their homes without
assistants and without a full-time commitment to housework. Das Mikrowellenkochgerät ist ein gutes
Beispiel für die von Schwarz Cowan erwähnte Haushaltstechnologie. Siehe Cowan 1983, S.209-210.
216 Ketteringham und Nayak 1987, S.220; Weber 1998, S.28; Orland und Schlag 1989,S.64;
http://www.smecc.org/microwave_oven.htm (Letzter Zugriff am 20.06.2004).
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 177
Frauen in Japan von 44,7 % im Jahr 1962 auf 67,8% im Jahr 1981.217 Jedoch stellen mehrere
historische Studien in den USA und in Deutschland einen direkten kausalen Zusammenhang
zwischen der Technisierung der Haushalt einerseits und der Zunahme berufstätiger Frauen
andererseits in Frage.218 Beispielsweise wiesen einige Studien darauf hin, dass heute die
Hausfrauen der middle class in den USA nach wie vor viel Zeit für ihren Haushalt aufwenden,
obwohl ihr Haushalt technisiert ist.219
Vor diesem Hintergrund wäre es adäquat, auch im Hinblick auf Japan den
Zusammenhang zwischen der Technisierung des Haushalts einerseits und der Zunahme
berufstätiger Frauen anderseits zu thematisieren und die angebliche Kausalität in Frage zu
stellen.
6.3.4 Veränderung der Expositionseinschränkung nicht-ionisiernder Strahlung
In den 1970er Jahren wuchs die Zahl der Bevölkerung in den USA, die die nicht-ionisierende
Strahlung als riskant einstuften. Zu dieser Zeit stieg auch das Interesse der Wissenschaftler an
biologischen Effekten – Wirkungen nicht-ionisierender Strahlung auf Lebewesen.
Entsprechend wurde Technik zur Messung von Mikrowellen genauer, und die Forschungen
über die biologischen Effekte machten großen Fortschritt. Darüber hinaus gründeten die
Wissenschaftler, die bislang ihre Forschungsergebnisse über biologische Effekte in
Publikationen wie IEEE oder International Microwave Power Institute (Abk. IMPI)
veröffentlichten, eine neue wissenschaftliche Gesellschaft: Im Jahr 1979 kam es zur
Gründung der Bioelectromagnetics Society (Abk. BEMS).220
Was die Fortschritte dieser Zeit betrifft, sind die drei folgenden Punkte
bemerkenswert: Erstens machte die Dosimetrie der Hochfrequenzwellen seit der Festlegung
des ANSI-Standards im Jahr 1966 große Fortschritte. Die Dosimetrie handelt davon, wie viele
Strahlungen ein lebender Körper absorbiert. Dabei werden die Intensität und die räumliche
Verteilung der Strahlung mit Hilfe geeigneter Dosimetern gemessen. Die
Dosimetrieforschung war und ist wichtig, um die Relation zwischen Bestrahlung einerseits
und biologischen Effekten andererseits zu verstehen. Durch diese Forschungen fanden die
Wissenschaftler heraus, dass die Wirkung nicht-ionisierender Strahlung auf Menschen von der
Frequenz dieser Strahlung abhängt. Daher kamen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass
bei der Festlegung eines Grenzwerts neben der Intensität und der Strahlungsdauer auch die
Frequenz der Hochfrequenzwellen in Betracht zu ziehen ist.221
217 Satō 1983, S.10-11.
218 Orland 1998, S.288; Meyer und Schulze 1990, S.130; Cowan 1976, S.19-20; Methfessel 1990, S.142
und 146.
219 Cowan 1976, S.14-15 und Orland und Schlag 1989, S.70.
220 Dodge und Glaser 1977, S.319.
221 Osepchuk und Petersen 1994, S.101.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 178
Zweitens waren Fortschritte im Hinblick auf die Einheit der Exposition zu
verzeichnen. Bevor eine solche Einheit bestand, wurde in wissenschaftlichen Abhandlungen,
die von den biologischen Effekten nicht-ionisierender Strahlungen handelten, keine
einheitliche Einheit für die Exposition genutzt. Während manche Wissenschaftler die
Leistungsdichte als Einheit nutzten, gingen andere von der Absorption der Strahlung durch
Gewebe aus. Diese unterschiedlichen Ausgangspositionen machten es schwierig, diese
Abhandlungen zu vergleichen und zu bewerten. Mehrheitlich wurde damals als Einheit die
Leistungsdichte (mW/cm²) verwendet, die die auf der Oberfläche (in diesem Fall: Haut)
erreichte Energie darstellt. Jedoch wird nur ein Teil dieser Energie tatsächlich im Körper
absorbiert. Deshalb wurde Mitte der 1970er Jahre vorgeschlagen, die spezifische
Absorptionsrate (W/Kg, Specific Absorption Rate, Abk. SAR) als Einheit zu nutzen, die die
tatsächlich absorbierte Energiemenge darstellt.222 Diese Einheit wird bis heute benutzt.
Drittens war es ein Fortschritt, dass die Wirkungen schwacher
Mikrowellenbestrahlung auf Lebewesen häufiger erforscht wurden. Bis Mitte der 1970er
Jahre erschienen auch in westlichen Ländern wissenschaftliche Ergebnisse, die davon
berichteten, dass bei einer Mikrowellenbestrahlung unter 10 mW/cm² Wirkungen auf das
zentrale Nervensystem oder Verhaltensänderungen von Versuchstieren beobachtet worden
waren – ähnliches war bereits schon in osteuropäischen Ländern berichtet worden.223 Obwohl
die beobachteten Wirkungen der kurzfristigen, akuten und schwachen Bestrahlung reversibel
waren, vermuteten manche Wissenschaftler der westlichen Welt, dass durch die chronische
und langfristige schwache Bestrahlung irreversible Verletzungen auftreten könnten.224 Initiiert
wurden diese Forschungen in westlichen Ländern über die Reaktionen des zentralen
Nervensystems und des Verhaltens von Tieren auf schwache Mikrowellenbestrahlungen durch
den Beginn des Austauschs zwischen osteuropäischen und westlichen Wissenschaftlern.225
Obwohl die westlichen Wissenschaftler unter bestimmten Bedingungen die Ergebnisse der
osteuropäischen Wissenschaftler akzeptierten, stellten die westlichen Wissenschaftler die
experimentellen Methoden und die Interpretationen der experimentellen Ergebnisse der
osteuropäischen Länder weiterhin in Frage.226 Darüber hinaus kamen osteuropäische und
westliche Wissenschaftler zu keinem gemeinsamen Ergebnis klinischer Studien über
Berufstätige, die qua Beruf nicht-ionisierenden Strahlungen ausgesetzt waren.227
222 Johnson 1975.
223 Dodge und Glaser 1977, S.319 und 324.
224 Osepchuk und Petersen 1994, S.101.
225 Als Beispiel für solche Austauschmöglichkeiten lässt sich das internationale Symposium der WHO, das
HEW der USA und der polnische Wissenschaftsrat des Ministeriums für Gesundheit und Wohlfahrt im Jahr
1974 nennen. Michaelson 1974, S.147.
226 Dodge und Glaser 1977, S.324.
227 Dodge und Glaser 1977, S.319.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 179
6.3.4.1 Veränderung der Expositionseinschränkung weltweit und in den USA
Auf Basis der oben genannten neuen Erkenntnisse wurde im Jahr 1982 der ANSI-Standard
revidiert.228 Aus zweierlei Gründen ist diese Revision des ANSI-Standards bemerkenswert:
Statt der bisherigen Verwendung der Leistungsdichte (mW/cm²) wurde jetzt SAR (W/Kg) als
Einheit der Exposition genutzt. Zweitens wurden die Grenzwerte jetzt auch in Abhängigkeit
von Frequenzen festgelegt, während bis dahin Grenzwerte unabhängig von Frequenzen
festgelegt worden waren. Dadurch kam es dazu, dass für manche Frequenzbereiche eine
intensivere Exposition als bisher erlaubt war, während für andere Frequenzbereiche strengere
Grenzwerte festgelegt wurden (vgl. Schaubild 10). 229 Trotz dieser beiden positiven
Veränderungen bleiben im Hinblick auf Sicherheit und Vorsorge noch einige Punkte, die noch
verbesserungswürdig waren. Zum Beispiel stellte der Grenzwert einen
SAR-Durchschnittswert für den gesamten Körper dar, obwohl es idealerweise
unterschiedliche und niedrigere Grenzwerte für – insbesondere hitzesensible – Organe wie
Augapfel und Hoden geben sollte. 230 Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass der neue
ANSI-Standard (ANSI C95.1-1982) den Standard anderer Länder maßgeblich beeinflusste.
Denn wenig später wurden ähnliche Standards im Jahr 1982 in Großbritannien und im Jahr
1985 in Australien eingeführt. Das International Non-Ionizing Radiation Comittee der
International Radiation Protection Association (Abk. IRPA/INIRC)231 veröffentlichte im Jahr
1984 eine Richtlinie, die dem neuen ANSI-Standard ähnlich war.232
Schaubild 10 Vergleich der Expositionsgrenzwerte von altem und neuem ANSI-Standard
(Steneck 1985, S.237).
228 ANSI C95.1-1982, “Safety levels with respect to human exposure to radio frequency electromagnetic
fields. 300 kHz to 100 GHz,” America National Standards Institute, NY, 1982.
229 Der für die Mikrowellen gültige Grenzwert, die bei Mikrowellenkochgeräten angewendet werden,
wurde durch diese Revidierung strenger. Auch siehe Steneck 1985, S.236.
230 Steneck 1985, S.237.
231 Details zu dieser Organisation siehe weiter unten in diesem Abschnitt.
232 Amemiya 1988, S.31.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 180
Eine weitere Veränderung der Festlegung eines Grenzwerts brachte der Standard des
National Council Radiation Protection and Measurements (Abk. NCRP) in den USA im Jahr
1986. Der NCRP führten nun zwei unterschiedliche Grenzwerte ein – einen für die normale
Bevölkerung und der andere für Berufstätige, die qua Beruf nicht-ionisierender Strahlung
ausgesetzt waren. Während der Grenzwert für die Berufstätigen den gleichen Wert wie der
ANSI-Standard (ANSI C95.1-1982) hatte, legte die NCRP für die normale Bevölkerung einen
Grenzwert fest, der nur ein Fünftel des Werts des ANSI-Standards betrug. Die Einführung
dieser unterschiedlichen Grenzwerte basierte auf folgendem Gedanken: Erstens sind
Menschen, die beruflich täglich mit derartigen Strahlen zu tun haben, in der Regel über die
potentielle Gefahr nicht-ionisierender Strahlung besser informiert als die normale
Bevölkerung.233 Zweitens ist die Arbeitszeit meistens auf 40 Stunden pro Woche beschränkt,
während die normale Bevölkerung eventuell dauerhaft bestrahlt wird, d.h. 168 Stunden pro
Woche.234 Diese Unterscheidung zwischen normaler Bevölkerung und Menschen, die qua
Beruf der Strahlung ausgesetzt sind, wurde anschließend auch in anderen Standards235
gemacht.236 Gemäß dieser geschilderten Vorgehensweise wurde der Grenzwert je nach
Frequenz und je nach Bevölkerungsgruppe differenziert.
Die Tendenz, für nicht-ionisierende Strahlungen Grenzwerte festzulegen, gab es nicht
nur in den USA, sondern weltweit seit Mitte der 1970er Jahre. Entsprechende Tätigkeiten
wurden in den meisten Industrieländern initiiert, um Empfehlungen bzw. Richtlinien von
Sicherheitsstandards einzuführen (vgl. Tabelle 6).237 Auch internationale Organisationen
beteiligten sich daran: Die International Radiation Protection Association (Abk. IRPA), die
im Jahr 1966 zum Zweck des internationalen Austauschs über das Thema Strahlenschutz
gegründet worden war, organisierte im Jahr 1974 eine Arbeitsgruppe, die für
nicht-ionisierende Strahlungen zuständig war. Diese Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der
Frage, wie die Bevölkerung vor Hochfrequenzwellen geschützt werden könne, um dadurch
einen möglichen negativen Einfluss auf die Gesundheit vorzubeugen. Aus dieser
Arbeitsgruppe wurde im Jahr 1977 das International Non-Ionizing Radiation Comittee (Abk.
IRPA/INIRC). Das IRPA/INIRC bekam die Aufgabe, zusammen mit der Environmental
Health Division der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organisation, Abk. WHO)
innerhalb der Serie Environmental Health Criteria über nicht-ionisierende Strahlungen zu
233 Es gibt einige Anekdoten, dass Ingenieure, die besser informiert waren als die normale Bevölkerung,
während des Zweiten Weltkriegs und in der Anfangsphase der Mikrowellenkochgerätentwicklung ohne
Abschirmungsmaßnahmen Versuche mit Mikrowellengeneratoren durchführten. Daher ist es nicht
nachvollziehbar, dass für besser informierte Menschen ein weniger strenger Grenzwert gelten soll als für
die normale Bevölkerung. Ketteringham und Nayak 1987, S.200-201 und Noda 1995.
234 Osepchuk und Petersen 1994, S.101.
235 Hierbei handelt es sich beispielsweise um die Richtlinie der IRPA/INIRC im Jahr 1987. Im Jahr 1992
wurde eine ähnliche Unterscheidung auch im ANSI-Standard gemacht, die zwischen kontrollierter und
unkontrollierter Bevölkerung unterschied, nicht aber zwischen normaler Bevölkerung und Berufstätigen,
die der Strahlung im Beruf ausgesetzt sind. Taki und Aimoto 1993, S.171-172 und Osepchuk 1994, S.168.
236 Taki 1988, S.121.
237 Fuse 1992, S.4.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 181
Tabelle 6 Grenzwerte nicht-ionisierender Strahlung (Michaelson 1969, S.117; Kikuchi
1994, S.448; Katalyse Institut (Hrsg.) 2002, S.134 und 139; Amemiya 1988, 31).
Jahr Land Bezeichnung
1958 Sowjetunion Temporary Safety Regulations for Personnel in the Presence of Mirowave
Generators”
1966 USA “ANSI C95.1-1966”
1966 Kanada Hochfrequenzstrahlung
1970 Tschechoslowakei gepulste Hochfrequenzstrahlung
1972 Polen Hochfrequenzstrahlung
1974 USA „ANSI C95.1-1974“
1975 BRD Hochfrequenzstrahlung
1976 Sowjetunion Hochfrequenzstrahlung
1976 Schweden Hochfrequenzstrahlung
1977 Polen Hochfrequenzstrahlung
1979 Kanada Hochfrequenzstrahlung
1979 Tschechoslowakei Kontinuierliche Hochfrequenzstrahlung
1979 Australien Hochfrequenzstrahlung
1981 WHO “Environmental Health Criteria 16, Radiofrequency and Microwaves”
1982 USA ANSI C95.1-1982: “Safety levels with respect to human exposure to radio
frequency electromagnetic fields. 300 kHz to 100 GHz”
1982 Großbritannien NRPB (National Radiological Protection Board), Hochfrequenzstrahlung
1983 USA ACGIH (American Conference of Governmental Industrial Hygienists),
Hochfrequenzstrahlung
1984 BRD DIN/VDE
1984 Sowjetunion Hochfrequenzstrahlung
1984 IRPA/INIRC Interim guidelines on limits of exposure to radiofrequency electromagnetic
fields in the frequency range from 100 kHz to 300 GHz.”
1984 WHO “Environmental Health Criteria 35, Extremely Low Frequency (ELF) Fields”
1985 Australien Hochfrequenzstrahlung
1986 Großbritannien NRPB (National Radiological Protection Board)
1986 USA EPA (Environmental Protection Agency). Federal Register, Vol.51, No.146,
Wedneday, July 30,1986
1986 USA NCRPNational Council Radiation Protection and Measurements
1986 BRD VDE
1987 WHO “Environmental Health Criteria 69, Magnetic Field”
1988 IRPA/INIRC “Guidelines on limits of exposure to radiofrequency electromagnetic fields in
the frequency range from 100 kHz to 300 GHz.”
1989 IRPA/INIRC Interim guidelines (50/60Hz)
1990 IRPA Magnetic Field
1990 Japan „Richtlinien für den Schutz der Menschen bei Anwendungen
elektromagnetischer Wellen (denpa riyō ni okeru jintai no bōgo shishin)“ (10
kHz – 300 GHz)
1991 USA ANSI C95.1-1991
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 182
publizieren.238 Es erschienen Publikationen zu drei Schwerpunktthemen Rundfunk- und
Mikrowellen (Environmental Health Criteria 16, Radiofrequency and Microwave, 1981),
extreme Niederfrequenzfelder (Environmental Health Criteria 35, Extremely Low Frequency
(ELF) Fields, 1984) und magnetisches Feld (Environmental Health Criteria 69, Magnetic
Field, 1987). Im Jahr 1984 veröffentlichte das IRPA/INIRC parallel dazu vorläufige
Richtlinien (interim guidelines) zum Umgang mit Rundfunk- und Mikrowellen239 und ferner
eine Revision240 dessen im Jahr 1988.241
Basierend auf den Richtlinien242 der International Commission on Non-Ionizing
Radiation Protection (Abk. ICNIRP)243 aus dem Jahr 1998 tendiert heute jedes Land dazu,
einen eigenen rechtsverbindlichen Wert oder einen Empfehlungswert einzuführen. Diese
Tendenz gilt nicht nur für die westlichen Länder, sondern auch für viele ehemalige
kommunistische Länder, in denen bisher ein viel niedriger Grenzwert als in den westlichen
Ländern galt. In Folge der Anpassung an die Richtlinien der ICNIRP kam es dazu, dass in
diesen ehemaligen kommunistischen Ländern eine stärkere Bestrahlung als bisher erlaubt
wurde.244 Ausnahmen stellen Russland und China dar, die beide an ihrem niedrigen
Grenzwert bis heute festhalten. Doch beide Länder werden kritisiert, dass ihre niedrigen
Grenzwerte ohnehin in den meisten Fällen nicht befolgt werden. Die Ablehnung dieser
Länder von ICNIRP-Richtlinien geht auf deren Forschungstradition zurück, deren
Schwerpunkt auf den nicht-thermischen Effekten lag. Darüber hinaus wird vermutet, dass
beide Länder auch aus militärischen oder handelspolitischen Gründen die Befolgung der
Richtlinien ablehnen.245
6.3.4.2 Veränderung der Expositionseinschränkung in Japan
Um Störungen elektronischer Geräte durch unerwünschte elektromagnetische Ausstrahlungen
zu reduzieren, ließ sich das Postministerium Japans seit 1952 von einem seiner
Beratungsausschüsse beraten. Jedoch wurden diese Störungen damals in der Gesellschaft
nicht thematisiert, da nur wenige Geräte – beispielsweise Radio und Fernseher – von diesen
Störungen betroffen waren. Erst als Ende der 1970er Jahre die nicht-ionisierende Strahlung zu
238 Dies wurde und wird im Rahmen des WHO Environmental Health Criteria Programme mit Hilfe des
Fonds des United Nations Environmental Programme (Abk. UNEP) durchgeführt.
239 IRPA/INIRC 1984.
240 IRPA/INIRC 1988.
241 Taki 1988, S.120.
242 ICNIRP 1998.
243 Im Jahr 1992 wurde aus der IRPA/INIRC die ICNIRP. http://www.kepco.co.jp/emf-k/senmon/irpa.htm
(Letzter Zugriff am 06.04.2006).
244 Neitzke und Voigt 2000, S.12 und Strahlenschutzkommission (SSK) 2001, S.16.
245 Karus 2000; Karus und Grotenhermen 1999; Grotenhermen 1996 ; Katalyse Institut (Hrsg.) 2002,
S.139.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 183
unterschiedlichen Zwecken verwendet wurde, ergriff man aktiv Maßnahmen gegen die
unerwünschte Ausstrahlung.246
Im Hinblick auf mögliche negative biologische Wirkungen der unerwünschten
Ausstrahlungen wurden erst viel später Maßnahmen ergriffen. Ihren Kollegen in den USA
folgend begannen japanische Ingenieure und Mediziner erst in den 1980er Jahren mit eigenen
Forschungen über biologische Wirkungen elektromagnetischer Felder. In dieser Zeit kam es
zur Gründung mehrerer Fachkomitees innerhalb der bereits existierenden wissenschaftlichen
Gesellschaften, in denen über die Sicherheit der Anwendung von Hochfrequenzwellen
diskutiert wurde.247 Eine führende Rolle spielten hierbei in Japan die Wissenschaftler Asami
Yoshihiro, der sich während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des Strahlenwaffenprojekts
des japanischen Heeres biologische Wirkungen von Hochfrequenzwellen an der Hokkaidō
Universität erforscht hatte, und Saitō Masao der medizinischen Abteilung der Tōkyō
Universität, der in der 1960er Jahren für ca. zwei Jahre unter dem amerikanischen
Wissenschaftler Herman Schwan248 geforscht hatte.249 In Bezug auf diese Forschungsgebiete
gibt es in Japan kaum Kontinuität.250 Denn die Forschungen zu biologischen Wirkungen, die
während des Kriegs durchgeführt worden waren, wurden bei Kriegsende unterbrochen und
begannen erneut in den 1980er Jahren unter Einfluss U.S. amerikanischer Forschungen.
In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begannen sich japanische
Regierungsbehörden für dieses Forschungsgebiet zu interessieren und Berichte zu
veröffentlichen. Im Jahr 1986 gründete das Arbeitsministerium innerhalb eines angegliederten
Verbands251 ein Fachuntersuchungskomitee (shokuba ni okeru denji-kankyō ni kansuru chōsa
senmon iinkai), das die elektromagnetische Verträglichkeit an Arbeitsplätzen untersuchte, und
anschließend die Ergebnisse dieser Untersuchung im Jahr 1988 in einem Bericht
veröffentlichte. Im Jahr 1990 legte der Beratungsausschuss der
Telekommunikationstechnologie im Postministerium (yūsei-shō denki tsūshin gijutsu
shingikai) einen Bericht mit dem Titel „Richtlinien für den Schutz der Menschen bei
246 Hasegawa, Sugiura, Okamura und Kuronuma 1991, S.3-4 und Fuse 1992, S.3-4.
247 Als Beispiel lässt sich aus dem Jahr 1981 das Fachuntersuchungskomitee Biomagnetismus
(biomagnetics chōsa senmon iinkai) innerhalb des Instituts der Elektroingenieure Japans (denki gakkai,
Institute of Electrical Engineers of Japan, Abk. IEEJ) und aus dem Jahr 1986 das Fachkomitee für
elektromagnetische Verträglichkeit lebender Körper (seitai denji kankyō senmon iinkai) innerhalb des
Instituts der Ingenieur der Elektronik, Information und Kommunikation (denshi tsūshin gakkai, Institute of
Electronics, Information and Communication Engineers, Abk. IEICE) nennen.
248 Herman Schwan spielte eine wichtige Rolle bei der Festlegung der amerikanischen Grenzwerte. Siehe
3.3.3.
249 Interview mit Taki im Dezember 2003.
250 Eines der wenigen Beispiele für einen Hauch institutioneller Kontinuität bietet die
Hokkaidō-Universität: Yamaura Itsuo forschte von 1967 bis 1972 an der Hokkaidō Universität und zählte
zu den wenigen japanischen Forschern, die sich mit biologischen Wirkungen von Mikrowellen in den
1960er und 1970er Jahren beschäftigt hatten. Er hatte ursprünglich mit diesen Forschungen an der Tōhoku
Universität begonnen, und setzte sie später an der Hokkaidō Universität fort, da diese seine
Forschungsaktivitäten unterstützte. E-Mail von Yamaura vom 3. September 2002.
251 Dieser Verband hieß chūō rōdō saigai bōshi kyōkai (Japan Industrial Safety and Health Association,
Abk. JISHA)
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 184
Anwendungen elektromagnetischer Wellen (denpa riyō ni okeru jintai no bōgo
shishin)“ vor.252 Japan war zwar eins der ersten Länder weltweit, in dem derartige Richtlinien
durch eine Regierungsbehörde eingeführt wurden.253 Aber das kompensiert den bisherigen
Nachteil nicht, dass in Japan vor der Einführung dieser Richtlinien keinerlei Begrenzung der
Exposition nicht-ionisierender Strahlung existierte – bis auf die Ausnahme der Regulierung
der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten. In den USA wurde eine solche Begrenzung
der Exposition nicht-ionisierender Strahlungen bereits vor über zwanzig Jahren eingeführt –
zwar nicht durch eine Regierungsbehörde, aber durch eine Nicht-Regierungsorganisation.254
Allerdings hatten die spät eingeführten Richtlinien zunächst keine Rechtsverbindlichkeit.
Diese Rechtsverbindlichkeit galt erst seit dem Jahr 1999.255 Darüber hinaus waren diese
Richtlinien nicht umfassend, beispielsweise schützen sie nicht die Menschen mit
Herzschrittmachern vor elektromagnetischen Feldern, die eventuell Störungen von
Herzschrittmachern verursachen können.256
6.3.5 Export nach Europa und Klagen auf Anti-Dumping-Maßnahmen
Der Export japanischer Mikrowellenkochgeräte nach Europa begann Anfang der 1970er
Jahre.257 Allerdings war der europäische Markt in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre im
Vergleich zu Japan und den USA immer noch klein. Zu dieser Zeit gab es in Europa nur zwei
große Mikrowellenkochgerätehersteller – nämlich Philipps in den Niederlanden und
Husqvarna in Schweden.258 Im Vergleich mit Japan und den USA verlief die Verbreitung von
Mikrowellenkochgeräte in Europa langsamer. Im Jahr 1978 war das Mikrowellenkochgerät in
europäischen Haushalten nur weniger als 1 % verbreitet, während es in Japan eine
Verbreitung von ca. 20 % erreichte.259
Bereits zu dieser Zeit visierten japanische Hersteller Europa als den zweitgrößten
252 Allerdings wurden Patienten, die mit nicht-ionisierender Strahlung behandelt wurden, durch diese
Richtlinien nicht immer geschützt. Siehe Denki tsūshin gijutsu shingi-kai 1990, S.27 und Fuse 1992, S.4.
253 Taki 2005, S.325.
254 Amemiya 1988, S.21.
255 http://www.tele.soumu.go.jp/j/ele/body/system/ (Letzter Zugriff am 08.02.2006);
http://www.tele.soumu.go.jp/j/ele/body/system/laws.htm (Letzter Zugriff am 08.02.2006);
http://www.soumu.go.jp/joho_tsusin/pressrelease/japanese/denki/980918j603.html (Letzter Zugriff am
08.02.2006); http://www.soumu.go.jp/joho_tsusin/pressrelease/japanese/denki/980926j604.html (Letzter
Zugriff am 08.02.2006); http://www.soumu.go.jp/joho_tsusin/pressrelease/japanese/denki/980727j602.html
(Letzter Zugriff am 08.02.2006);
http://www.soumu.go.jp/joho_tsusin/pressrelease/japanese/denki/981130j602.html (Letzter Zugriff am
08.02.2006); Miura 2004, S.188-189; Shūkan kin’yōbi 1999, S.115.
256 Denki tsūshin gijutsu shingi-kai 1990, S.10-11 und 17.
257 NKS 25. Dezember 1971.
258 Püschner 1967, S.39 und NKS 27. Januar 1978.
259 Giles 1973, S.132 und NKS 27. Januar 1978.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 185
Exportmarkt neben den USA an.260 Dies Ziel erreichte Japan innerhalb von zehn Jahren: Im
Jahr 1985 gingen 60% des gesamten Mikrowellenkochgerätexport aus Japan nach
Nordamerika, Europa folgte mit 27 % (vgl. dazu Abbildung 39). Im Jahr 1986 wuchs der
europäische Markt auf ca. 1,5 Millionen Geräte, wovon 70 % Importgeräte aus Japan, Korea
und Singapur waren.261
Über diese Tatsache war der europäische Verein elektrischer
Haushaltsgerätehersteller (Conseil Europeen de la Construction Electro Domestique: Abk.
CECED) nicht erfreut. Im Jahr 1986 klagte der CECED auf die Erhebung von
Ausgleichszöllen (Anti-Dumping-Maßnahmen 262 ) auf Exportlieferungen von
Mikrowellenkochgeräteherstellern aus Japan, Korea und Singapur. Anschließend begann die
EC-Kommission mit Anti-Dumping-Untersuchungen. Der CECED behauptete, dass die
Industrie innerhalb der EC durch die verstärkte Zunahme von Importgeräten finanziellen
Schaden erleide, weil diese Geräte zu Dumpingpreisen verkauft würden. Es liegt jedoch nahe,
das von der CECED angestrengte Anti-Dumping-Verfahren als eine Maßnahme zu
interpretieren, die europäischen Hersteller zu retten, die hinter den asiatischen Herstellern
zurückgeblieben waren. Aus Sicht der japanischen Hersteller war es kaum nachzuvollziehen,
dass Importgeräte aus Japan für die Mikrowellenkochgerätehersteller in der EC einen
finanziellen Schaden darstellen; insbesondere deswegen, weil diese europäischen
Mikrowellenkochgerätehersteller bislang sehr wenig produziert hatten. Beispielsweise wurden
im Jahr 1983 nur 1 % (74.000 Geräte) der weltweit produzierten Mikrowellenkochgeräte in
Europa hergestellt (vgl. Schaubild 11). Die japanischen Hersteller waren sogar der Meinung,
dass der Import aus Japan die Verbreitung von Mikrowellenkochgeräten in Europa gefördert
hatte und davon auch die europäischen Hersteller profitiert hatten.263
Um den Ausgang dieser Anti-Dumping-Untersuchung zu ihren Gunsten zu
beeinflussen, minderten die japanischen Mikrowellenkochgerätehersteller ihren Export,
indem sie seit Mitte der 1980er Jahre mit der Produktion in Europa begannen. Hierbei war der
Vorreiter des europäischen Markts Großbritannien.264 Daher errichteten japanische Hersteller
ihre Produktionsstätten bevorzugt in Großbritannien. Innerhalb Großbritanniens ließen sich
japanische Hersteller bevorzugt im Industriegebiet des südwestlichen Teils von England oder
in Wales nieder, wo eine hohe Arbeitslosenquote herrschte (siehe Abbildung 40). Die
Bevölkerung vor Ort begrüßte das Kommen dieser japanischen Hersteller, da sie eine Vielzahl
von Arbeitsplätzen boten.265 Diese Verlegung der Arbeitsplätze führte dazu, dass bereits im
Jahr 1987 die Hälfte aller in Europa verkauften Geräte (ca. zwei Millionen Geräte) in
260 NKS 28. Juni 1976.
261 NKS 13. Januar 1987.
262 Dazu siehe 6.2.5.
263 Nihon denki kōgyō-kai (Hrsg.) 1998, S.156-158 und Interview mit Fujiwara (ehem. Sharp) im Mai
2002.
264 NKS 15. April 1987; NKS 20. August 1987; Test Dezember 1985, S.78.
265 NKS 11. Januar 1985; NKS 15. Mai 1985; NKS 15. April 1987; Cockburn und Ormrod 1993, S.20-22.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 186
Abbildung 39 Ausfuhrbetrag aller in Japan produziwerten Mikrowellenkochgeräte im
Jahr 1985 (Einheit: Yen) (Zaimushō 1985).
3785
51%
3596
48%
74
1%
Japan
Nordamerika
Europa
Schaubild 11 Produktionsort von Mikrowellenkochgeräten im Jahr 1983 (Einheit 1000)
(Higo (Hrsg.) 1987, S.90).
Abbildung 40 Sharp Manufacturing Company of U.K. in Wales (Sharp 2002b, S.19).
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 187
europäischen Ländern produziert wurde.266 Vor dem Hintergrund dieser Reaktionen der
japanischen Hersteller und langen Verhandlungen mit ihnen zog die CECED schließlich die
Klage auf Anti-Dumping-Maßnahmen Ende 1988 zurück.267
Obwohl die japanischen Hersteller Mikrowellenkochgeräte in Europa produzierten,
wurden die wichtigsten Bestandteile wie Magnetrone weiterhin aus Japan importiert und
anschließend in den europäischen Produktionsstätten zum Bau der Geräte verwendet.268 Bald
begannen die japanischen Hersteller jedoch auch mit der Produktion der – bisher aus Japan
importierten – Bestandteile in Europa.269 Das veranlasste die Einführung des Zusatzartikels
13:10 der EC-Anti-Dumping-Regelungen (EEC Regelung 2176/84). Dieser Zusatzartikel
schreibt vor, dass nicht nur einem fertigen Produkt aus Japan, sondern auch den Bestandteilen
aus Japan eine Dumpingsteuer auferlegt werde, selbst wenn diese Bestandteile in Europa zum
Bau der Geräte weiter verwendet würden. Falls das Mikrowellenkochgerät aus Japan der
Dumpingsteuer unterliegt, werden auch die aus Japan importierten Bestandteile des
Mikrowellenkochgeräts der Dumpingsteuer unterliegen, wenn diese Bestandteile insgesamt
einen Wert von über 60 % des gesamten Geräts ausmachen.270 Dieser Zusatzartikel bezüglich
der Bestandteile kam jedoch nie zur Anwendung, da die Klage auf
Anti-Dumping-Maßnahmen Ende 1988 zurückgezogen wurde.271
Über die Eröffnungen neuer Produktionsstätten in Europa hinaus versuchten einige
japanische Hersteller wie Matsushita (Panasonic) und Sanyo, auch durch Autorisierung von
Lizenzen bzw. durch Know-how-Transfer an die europäischen Kooperationspartner die Klage
auf Anti-Dumping-Maßnahmen zu ihren Gunsten zu beeinflussen.272
6.4 Stabile Inlandsnachfrage (Phase V: 1987 - 1990)
Im Jahr 1989 stieg die Verbreitungsrate des Mikrowellenkochgeräts in Japan über 60 %.
Sowohl teure Kombi-Geräte als auch preiswertere Solo-Geräte verkauften sich gut. Zu dieser
Zeit kosteten Solo-Geräte mit Sensoren und Mikrocomputer nur noch ca. 33.000 Yen (ca. 370
DM).273
Japanische Hersteller generierten weiterhin neue Ideen, um das
266 NKS 28. Dezember 1987.
267 Nihon denki kōgyō-kai (Hrsg.) 1998, S.156-158.
268 NKS 11. Januar 1985.
269 NKS 12. März 1988.
270 NKS 13. Januar 1987.
271 Nihon denki kōgyō-kai (Hrsg.) 1998, S.158.
272 Matsushita (Panasonic) exportierte bereits vor dem Jahr 1978 seine Mikrowellenkochgeräte als OEM
an die Firma Bosch und Siemens Hausgeräte und Sanyo seit 1980 an die Firma Miele. Siehe NKS 27.
Januar 1978; NKS 10. Oktober 1987;
http://www.bsh-group.de/dynamic/content/unternehmen/geschichte.php?lang=de (Letzter Zugriff am
09.02.2006)
273 NKS 8. September 1986 und NKS 22. August 1989.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 188
Mikrowellenkochgerät noch attraktiver zu machen. Neben Einführung weiterer
technologischer Finessen, die im Abschnitt 6.4.1 beschrieben werden, wurden
Mikrowellenkochgeräte in unterschiedlichem Design auf den Markt gebracht – beispielsweise
mit bunten oder durchsichtigen Gehäusen oder in Eierform.274 Die Firma Mitsubishi
verwirklichte ein Mikrowellenkochgerät, in dem man zum Beispiel Frikadellen oder Steaks
auf einer Bratpfanne erhitzen konnte, die zuvor auf dieser Pfanne außen knusprig angebraten
worden waren. Bis dahin war es überhaupt undenkbar gewesen, Metall im
Mikrowellenkochgerät zu verwenden.275
6.4.1 Einführung weiterer technischer Finessen: Wechselrichter und Fuzzy-Logik
In dieser Phase V kam es zur Einführung weiterer technischer Finessen wie Wechselrichter
und Fuzzy-Logik in verschiedenen elektrischen Haushaltsgeräten: Mikrowellenkochgerät
Kühlschrank, Waschmaschine, Klimaanlage, etc. Bei der Einführung von Wechselrichter und
Fuzzy-Logik handelte es sich um einen Boomgenau wie damals in der zweiten Hälfte der
1970er Jahren die Einführung von Mikrocomputern in Elektrogeräten einen technischen
Boom darstellte.276
Bei einem Wechselrichter handelt es sich um ein elektrisches Gerät, das
Gleichspannung in Wechselspannung bzw. Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt. Seit
1988 wurde der Wechselrichter in das Mikrowellenkochgerät integriert, weil dies dreierlei
Vorteile hatte. Erstens, um das Magnetron mit Hochspannung zu versorgen, wurde bisher ein
schwerer Transformator verwendet, der ca. 3,5 Kg wog. Durch die Einführung eines
Wechselrichters wurde es nun möglich, einen kleineren, leichteren Transformator zu benutzen
und gleichzeitig den Elektrizitätsverbrauch zu reduzieren. Bisher war es zweitens für die
Hersteller aufwendig, die Mikrowellenkochgeräte je nach Verkaufsgebiet mit
unterschiedlichen Eingangsfrequenzen (50 Hz oder 60 Hz) anzubieten. Hintergrund dafür ist,
dass der nördliche Teil Japans mit Strom einer Frequenz von 50 Hz versorgt wird, während
der südliche Teil Japans mit einer Frequenz von 60 Hz versorgt wird. 277 Die
Mikrowellenkochgeräte mit unterschiedlichen Eingangsfrequenzen auszustatten, war dank des
Wechselrichters nicht mehr notwendig. Denn ein Wechselrichter funktioniert mit beiden
Frequenzen, so dass die Hersteller – nach Einbau des Wechselrichters – die gleichen
Mikrowellenkochgeräte unabhängig vom Gebiet verkaufen konnten. Drittens wurde bislang
die Leistung eines Mikrowellenkochgeräts durch häufiges Ein- und Ausschalten des
Magnetrons reguliert, da die Leistung eines Magnetrons selbst nicht regulierbar ist. Der
274 NKS 14. Januar 1986 und NKS 15. August 1988.
275 NKS 14. Juli 1989.
276 NKS 7. Juli 1990 und NKS 20. August 1990.
277 Dazu siehe Fußnote 55 im Abschnitt 4.2.1.2.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 189
Wechselrichter ermöglichte eine optimalere Regulierung, da das Magnetron durch den
Wechselrichter noch häufiger ein- und ausgeschaltet werden konnte.278
Während durch die Einführung von Wechselrichtern somit wesentliche Vorteile
erzielt wurden, schätzten die Verbraucher die Einführung der Fuzzy-Logik nicht sehr. Das
englische Wort „fuzzy“ bedeutet auf Deutsch soviel wie „ungenau, verschwommen, unscharf“.
Während die bisherige Boolesche Logik zweiwertig ist, also nur die Wahrheitswerte Wahr
oder Falsch zulässt, kennt die Fuzzy-Logik auch Wahrheitswerte zwischen Wahr und Falsch,
so dass damit auch unscharfe Mengenabgrenzungen mathematisch behandelt werden
können.279 Dass die Fuzzy-Logik damals in Japan groß in Mode war, wird auch dadurch
deutlich, dass das Wort „Fuzzy“ mit dem Preis „das Wort des Jahres 1990“ ausgezeichnet
wurde.280 Ein neues „Fuzzy-Mikrowellenkochgerät“ – so die japanischen Hersteller in ihrer
Werbung – ermögliche es, den Geschmack eines professionellen Kochs zu Hause zu
realisieren.281 Jedoch stand diese neue Technologie in einem Gerät nur in eingeschränkter
Form zur Verfügung, sie war nicht für alle Funktionen verfügbar. Im Unterschied zu den
Herstellern gab es auch kritische Stimmen: in einem damaligen Artikel einer
Verbraucherzeitschrift war zu lesen, dass die im Fuzzy-Gerät zubereiteten Gerichte nicht
sonderlich gut schmeckten.282
6.4.2 Wachstum in Asien
Das erste Magnetron für Mikrowellenkochgeräte wurde in den USA entwickelt. Jedoch
existierten in den 1980er Jahren kaum Hersteller in den USA, die Magnetrone für
Mikrowellenkochgeräte produzierten, da amerikanische Hersteller im Vergleich zu
japanischen nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Im Jahr 1987 wurden 90 % der Magnetrone
weltweit in Japan produziert.283
Zu dieser Zeit begannen japanische Hersteller mit der Produktion von Magnetronen
im Ausland.284 Diese Verlagerung von Produktionsstätten hatte nicht nur zum Ziel, den
Ausgang der Anti-Dumping-Untersuchung in Europa zu ihren Gunsten zu beeinflussen,285
sondern war insbesondere darauf ausgerichtet, die Kosten durch die Auslagerung der
278 NKS 29. Mai 1987; Cockburn und Ormrod, S.85; TM 48, Jan.-Feb. 1989, S.71-72.
279 http://www.lexikon-definition.de/Fuzzy-Logik (Letzter Zugriff am 10.02.2006).
280 TM 74, September 1992, S.6.
281 NKS 14. Juli 1990.
282 TM 74, September 1992, S.10-11.
283 Ketteringham und Nayak 1987, S.211 und NKS 31. August 1987.
284 Während die Firma Matsushita (Panasonic) beispielsweise Produktionsstätten in Brasilien, China und
Großbritannien eröffnete, ging die Firma Hitachi nach Taiwan und die Firma Sanyo nach Großbritannien.
Siehe Maejima und Saitō 1996, S.16; NKS 6. März 1987; NKS 28. Dezember 1987; NKS 12. März 1988;
NKS 7. Juli 1994.
285 Details siehe 6.3.5.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 190
Produktion in Entwicklungsländer (Brasilien und Thailand) zu reduzieren. Diese Maßnahme
war notwendig geworden, da die Kosten in Japan wegen des hohen Yen-Kurses seit Anfang
der 1980er Jahre gestiegen waren und sich seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre auch
koreanische Hersteller wie Samsung, Goldstar286 und Daewoo weltweit auf den Markt
drängten.287 Während Japan zu Beginn der 1960er Jahre die amerikanischen Hersteller
aufzuholen begann, waren es in den 1980er Jahren die koreanischen Hersteller, die die
japanischen Hersteller zu überrunden drohten. Obwohl japanische Hersteller bis heute noch
auf dem Markt überleben, ist die Inlandproduktion von Magnetronen seit 1988
zurückgegangen (Schaubild 12).
Eine ähnliche Tendenz lässt sich auch in Bezug auf Mikrowellenkochgeräte
beobachten. Im Jahr 1984 verfügten vier große japanischen Hersteller – Matsushita
(Panasonic), Toshiba, Sanyo und Sharp – noch über 70% des Weltmarkts aller produzierten
Mikrowellenkochgeräte. 288 Doch ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre stieg die
Wettbewerbsfähigkeit koreanischer Hersteller und seit Anfang der 1990er Jahre auch die der
chinesischen Hersteller.289 Obwohl japanische Hersteller entsprechende Maßnahmen ergriffen,
um ihre Produktionsstätten ins Ausland zu verlagern, waren die japanischen Hersteller nicht
mehr so kraftvoll wie früher. Im Jahr 2000 machten allein die Mikrowellenkochgeräte der
koreanischen Firma Samsung ca. 24 % des Weltmarkts aus und die der chinesischen Firma
Galanz ca. 30%.290
Auf diese Art und Weise wurden die Produktionsstätten von Mikrowellenkochgeräten
zuerst aus den USA nach Japan verlagert und später von Japan nach Korea und China.
0
5
10
15
20
25
1962
1965
1968
1971
1974
1977
1980
1983
1986
1989
1992
1995
1998
2001
Millionen
Mikrowellenkochgerät
Magnetron
Schaubild 12 Anzahl der in Japan produzierten Mikrowellenkochgeräte und
Magnetrone (Tsūshō sangyō daijin kanbō chōsa tōkei-bu (Hrsg), Kikai tōkei nenpō (Statistik
des MITI)).
286 Das ehemalige Unternehmen „Goldstar“ heißt heute „LG Electronics Inc.“.
287 NKS 13. Januar 1987.
288 Higo (Hrsg.) 1987, S.279.
289 http://www.galanz.com/about/about/htm (Letzter Zugriff am 03.02.2002).
290 http://www.samsungelectronics.com/mwo/division (Letzter Zugriff am 03.02.2002) und
http://www.galanz.com/about/profile.htm (Letzter Zugriff am 03.02.2002).
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 191
6.4.3 Sicherheit des Mikrowellenkochgeräts
Eine weit verbreitete Geschichte im Zusammenhang mit dem Mikrowellenkochgerät lautet:
Ein Mann steckte seine frisch gewaschene Katze in sein Mikrowellenkochgerät, um sie
schnell zu trocknen. Daraufhin starb die Katze im Kochgerät. – Derartige sonderbare
Horrorgeschichten im Zusammenhang mit Mikrowellenkochgeräten gibt es nicht wenige,
einige dieser Geschichten sind reine Phantasie, andere entsprechen der Realität.
Die tatsächlichen Schäden, die durch Nutzung eines Mikrowellenkochgeräts
verursacht wurden bzw. werden, lassen sich in folgende fünf Gruppen klassifizieren:
Verbrennungen, Einflüsse auf Nahrungsmittel, Beschädigung der in das Gerät gestellten
Gefäße, Feuerausbruch verursacht durch das Mikrowellenkochgerät und Störungen durch
unerwünschte elektromagnetische Strahlungen.
6.4.3.1 Verbrennungen
Bei herkömmlichen Kochverfahren wie Wärmeleitung (beispielsweise durch Kochtopf oder
Bratpfanne), Wärmeströmung (beim Ofen) und Wärmestrahlung (beim Grill) werden durch
Energietransport von der Wärmequelle bis zum Gargut die Lebensmittel mit Wärme behandelt.
Im Unterschied dazu nutzt das Mikrowellenkochgerät einen anderen Mechanismus:
Mikrowellen verursachen kleine rasche Bewegungen von Lebensmittelmolekülen, und diese
Bewegungen werden durch Reibung in Wärme umgewandelt. 291 Ein Nachteil dieser
Mikrowellenerhitzung ist, dass Lebensmittel nicht gleichmäßig erhitzt werden. Je nach dem,
woraus das Lebensmittel besteht und je nach Form des Lebensmittels können durch die
Mikrowellenerhitzung einige heiße Flecken – die „hot spots“ genannt werden – entstehen,
während andere Teile des aufzuwärmenden Lebensmittels noch kalt bleiben. Um dieses
Phänomen zu verhindern, wurde ein Reflektorflügel und bzw. oder ein Drehteller in das Gerät
eingebaut, um die Mikrowellen besser zu verteilen. Durch diese Maßnahme lässt sich das
beschriebene Phänomen jedoch nicht vollkommen vermeiden. Die bestehenden „hot
spots“ können bei Genuss der Lebensmittel Verbrennungen verursachen, die sich vermeiden
lassen, indem man vor dem Essen der Lebensmittel diese gut umrührt.292
Außerdem können Lebensmittel im Gerät explodieren, wenn diese mit Membranen
oder Schalen versehen sind – beispielsweise Eier oder Tintenfische. Die Hersteller wiesen
daher darauf hin, vor der Mikrowellenerhitzung die Oberfläche solcher Lebensmittel mit
mehreren kleinen Schlitzen zu versehen, um eventuelle Explosionen zu vermeiden. Trotz
dieser Hinweise kam es immer wieder zu entsprechenden Explosionen. Diese Explosionen
291 Hauptberatungsstelle für Elektrizitätsanwendung e.V. 1999, S.4-6.
292 Test Mai 1990, S.56.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 192
können auch zu Verbrennungen führen, wenn der Nutzer des Geräts genau im Moment der
Explosion die Tür öffnet und heiße Bestandteile des Explodierten die Haut des Benutzers
verbrennen. Eine Explosion kann sich auch in demjenigen Moment ereignen, in dem der
Nutzer das Lebensmittel aus dem Gerät herausnimmt.293
Ferner kann auch der Siedeverzug zu Verbrennungen führen. Siedeverzug ist die
Bezeichnung für das Phänomen, dass man unter bestimmten Bedingungen Flüssigkeiten über
ihren Siedepunkt hinaus erhitzen kann, ohne dass diese sieden. Zum Beispiel kann man
Wasser auf 110 ºC erhitzen, ohne dass es zur Verdampfung und damit der Bildung von
Wasserdampfblasen kommt. In einer solchen Situation kann sich bei geringer Erschütterung –
wie beispielsweise beim Ergreifen eines Bechers mit erhitztem Kaffee – innerhalb kürzester
Zeit eine große Gasblase entwickeln, die dann explosionsartig aus dem Becher entweicht und
zu Verbrennungen der Haut führen kann.294 Um Verbrennungen durch Siedeverzug zu
vermeiden, gaben Hersteller und Verbraucherorgane zwei Tipps: Zum einen solle man bei
Erhitzen von Flüssigkeiten in Mikrowellenkochgeräten einen Teelöffel in den Becher stecken.
Zum anderen solle man darauf achten, dass die Flüssigkeiten im Mikrowellenkochgerät gar
nicht erst ihren Siedepunkt erreichen.295
6.4.3.2 Einflüsse auf Nahrungsmittel
Es gibt nicht wenige Verbraucher, die Lebensmittel, die im Mikrowellenkochgerät erhitzt
wurden, als „ungesund“ bezeichnen.296 Ein solch negatives Bild rührt erstens aus eigenen
Erfahrungen her, dass die im Mikrowellenkochgerät erhitzten Lebensmittel tatsächlich nicht
besonders gut schmecken. 297 Zweitens wird das Mikrowellenkochgerät oft mit
Fertiggerichten in Verbindung gebracht. Manche Leute sind davon überzeugt, dass
Fertiggerichte nicht gesund sind.298 Fertiggerichte haben nicht unbedingt einen geringeren
Nährwert als selbst gekochte Gerichte. Allerdings ist es wahr, dass Kinder, die oft
Fertiggerichte zu sich nehmen, häufig beleibt bzw. zu dick sind. Drittens ist das Gefühl weit
verbreitet, dass die Mikrowellenerhitzung eine künstliche Form des Erhitzens sei. Dies
kommt beispielsweise im Kommentar eines Mannes zum Ausdruck, dass die im
293 TM 98, September 1994; Test Januar 1991; Kokumin seikatsu sentā, sōdan kigai jōhō-bu 1994,
S.102-103.
294 http://de.wikipedia.org/wiki/Siedeverzug (Letzter Zugriff am 10.02.2006); Kokumin seikatsu sentā,
sōdan kigai jōhō-bu 1991; WHO 2005.
295 Test Oktober 1990, S.42.
296 TM 89, Dezember 1993, S.16-17 und Fuji-TV 1999.
297 Hubschmid 1992; Cockburn und Ormrod 1993, S.82; Higo 1987, S.35-36.
298 Siehe Cockburn und Ormrod 1993, S.142. Dieses negative Bild hängt sicherlich auch damit zusammen,
dass einige japanische Hausfrauen bezüglich des Servierens von Fertiggerichten ein schlechtes Gewissen
hatten und haben. Auch siehe Thoms 1980.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 193
Mikrowellenkochgerät erhitzten Lebensmittel nach Metall schmecken würden.299
Durch Aufträge der Firma Raytheon begannen im Jahr 1948 in den USA
Forschungen zum Thema Nährwertveränderungen durch Mikrowellenerhitzung.300 Dazu wird
bis heute in verschiedenen Ländern von Verbraucherorganen, Herstellern,
Regierungsbehörden und Universitätseinrichtungen geforscht, was zur Publikation von
mehreren hunderten Berichten geführt hat. Diesen Berichten zufolge entsprechen die
Nährwertveränderungen bei Einhaltung der Garvorschriften in etwa denen der
konventionellen Erwärmungsmethode.301 Allerdings bestehen tatsächlich Unterschiede im
Vergleich zu herkömmlichen Erhitzungsmethoden, was einige Punkte betrifft. Zum Beispiel
bleiben ca. 80 % des Vitamin C erhalten, wenn man Gemüse gart – unabhängig davon, ob
man ein Mikrowellenkochgerät oder ein herkömmliches Kochgerät nutzt. Der Unterschied
zwischen beiden Kocharten besteht darin, dass bei Verwendung des Mikrowellenkochgeräts
69 % des Vitamins C im Gemüse und 12 % im Kochwasser verbleibt, während bei der
Verwendung herkömmlicher Kochgeräte 63 % des Vitamins C im Gemüse und 19 % im
Kochwasser verbleibt. Erklären lässt sich dieser Unterschied mit dem unterschiedlichen Zeit-
und Temperaturverlauf beim Garen. Letztlich bedeutet dies, dass bei Verwendung eines
Mikrowellenkochgeräts mehr Vitamin C im Gemüse erhalten bleibt.302
Unabhängig von diesem Sachverhalt wird in einigen Berichten vor dem Verzehr von
Lebensmitteln gewarnt, die im Mikrowellenkochgerät zubereitet werden. Diese Warnungen
lassen sich in zwei Kategorien klassifizieren: Die eine Art der Warnungen handelt von
möglichen Lebensmittelvergiftungen, die durch eine nicht ausreichende Erwärmung
verursacht werden kann.303 Hinsichtlich der zweiten Art der Warnungen wurde argumentiert,
dass Mikrowellen nicht nur herkömmliche Hitze erzeugen würden, sondern durch ihre
nicht-thermischen Effekte auch andere chemische Verbindungen zwischen
Lebensmittelmolekülen erzeugen würden, die sich gesundheitlich negativ auswirken.304 Diese
These war und ist bis heute umstritten. Hier einige Beispiele beider Arten von Warnungen:
Warnungen vor Lebensmittelvergiftungen: Die Warnungen vor
Lebensmittelvergiftungen durch Verzehr von – im Mikrowellenkochgerät gegarten –
Lebensmitteln wurden in den 1980er Jahren von öffentlichen Ämtern ausgegeben. Zuerst
warnte Anfang der 1980er Jahre das Ministerium für Landwirtschaft (Department of
Agriculture) der USA davor, dass im Schweinefleisch, das im Mikrowellenkochgerät
299 Igarashi und Nishino 1976, S.505; Cockburn und Ormrod 1993, S.151; Osepchuk 1982,S.102.
300 Decareau 1977b, S.13-16.
301 Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 1998 und GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit,
Umweltberatung Bazern (Ulrike Koller) 1996.
302 GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Umweltberatung Bazern (Ulrike Koller) 1996,
insbesondere S.4; Decareau 1977b, S.13-15; AID Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten e.V. 1993, S.8; Anonym 1980; Dehne, Naumann, Früh, Matthes und Bögl 1993,
S.25-33; Nihon-TV 1995.
303 Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 1998.
304 Hubschmid 1992; Carson 1999; Pichert 1989.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 194
zubereitetet werde, wegen der ungleichmäßigen Erhitzung Larven überleben können, die die
Trichinenkrankheit305 verursachen.306 Auch das Ministerium für Landwirtschaft, Fischerei
und Lebensmittel (Ministry of Agriculture, Fischeries and Food, Abk. MAFF) in
Großbritannien prüfte insgesamt 104 verschiedene Modelle von Mikrowellenkochgeräten und
veröffentlichte das Ergebnis im August 1989. In dieser Veröffentlichung wies das Ministerium
auf Fehlkonstruktionen einiger Geräte hin, die dazu führen, dass die Mikrowellen
ungleichmäßig verteilt werden. Darüber hinaus stellte das Ministerium fest, dass in
Lebensmitteln, die in einem solch mangelhaften Gerät gekocht werden, möglicherweise
bestimmte Bakterien (Listerien) überleben, die Lebensmittelvergiftungen verursachen
können. 307 Die Verbraucher Großbritanniens, die damals ohnehin wegen des
Salmonellen-Skandals sensibilisiert waren, nahmen diese Warnung des Ministeriums ernst.308
Streng genommen kann die Lebensmittelvergiftung nicht nur in den oben genannten
Beispielen beim Garen roher Lebensmittel, sondern auch beim Wiederaufwärmen von
Speiseresten passieren. Jedoch lassen sich Lebensmittelvergiftungen durch Mikroorganismen
dadurch vermeiden, dass alle Stellen des Lebensmittels mindestens zehn Minuten lang auf 75
ºC erhitzt werden. Denn Salmonellen, die sich insbesondere in Geflügel, Eiern und
Hackfleisch tummeln, sterben bei ca. 75 ºC, und die im Fisch anzutreffenden Menatoden
sterben bei ca. 70 ºC.309 Um die Lebensmittel gleichmäßig zehn Minuten lang bei 75 ºC zu
halten, wurde darauf hingewiesen, die Lebensmittel nach der Erhitzung entweder für eine
Weile im Mikrowellenkochgerät liegen zu lassen oder die Mikrowellenerhitzung mehrere
305 Die Trichinenkrankheit beginnt mit Durchfall, Leibkrämpfen und Erbrechen. Die Larven wandern über
Lymph- und Blutbahnen in die Muskulatur, was zu Fieber und starken Muskelschmerzen führt. Durch
Befall der Herz- und Atemmuskulatur kann es zu schweren Krankheitsbildern mit tödlichem Ausgang
kommen. Siehe Deutscher Taschenbuch Verlag 1995, Band 18, S.284.
306 CR July 1981.
307 Mit dieser Veröffentlichung beging das MAFF in England einen ähnlichen Fehler wie das MITI in
Japan, den es in der Leckstrahlungsaffäre begangen hatte: Das MAFF verwendete bei seiner Prüfung
Mikrowellenkochgeräte von Herstellern, die kostenlos zur Verfügung gestellt worden waren. Daher nannte
das Ministerium die Typnamen derjenigen Geräte nicht, die die Fehlkonstruktion hatten. Für diese
Nicht-Nennung wurde das MAFF vom parlamentarischen landwirtschaftlichen Komitee (Parliamentary
Agricultural Committee) sowie vom Verbraucherverein (Consumer Association) in Großbritannien kritisiert.
Als Reaktion auf diese Kritik wiederholte das MAFF im Herbst 1989 seine Prüfung. Zu diesem Zeitpunkt
hatten die Hersteller bereits diejenigen Geräte verbessert, bei denen Fehlkonstruktionen vorgelegen hatten.
Wegen einer allgemeinen Konsumflaute in der Zeit von 1988 bis 1989 fiel in Großbritannien der
Umsatz elektrischer Haushaltsgeräte um durchschnittlich 14 %. Der Umsatz des Mikrowellenkochgeräts
brach wegen dieser Affäre sogar um 30 % ein.
Gleichzeitig wurden auch die Angaben zur Kochdauer auf den Verpackungen von Lebensmitteln
thematisiert. Da die Leistung des Mikrowellenkochgeräts je nach Gerätetyp unterschiedlich ist, muß ein
Lebensmittel je nach Gerätetyp unterschiedlich lange gekocht werden. Jedoch wurde bis dahin nur eine
einheitliche Kochdauer auf der Lebensmittelverpackung angegeben. Im August 1990 trafen britische
Mikrowellenkochgeräthersteller und Vertreter der britischen Lebensmittelindustrie eine Vereinbarung, alle
Mikrowellenkochgeräte je nach Leistung zu kategorisieren und die Kochdauer für alle Kategorien auf den
Packungen anzugeben. Cockburn und Ormrod 1993, S.34-5.
308 Cockburn und Ormrod 1993, S.34 und 117.
309 Test Januar 1989; Test Oktober 1990, S.41; Test Dezember 1990, S.67.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 195
Male zu unterbrechen und die Lebensmittel häufig umzurühren.310 Die Hersteller appellierten
auch daran, selbst darüber nachzudenken, ob die Lebensmittel gar sind oder nicht. Wenn die
Verbraucher all diese Herstellerhinweise befolgen würden, dann hat die eigentliche Stärke des
Mikrowellenkochgeräts, das schnelle und automatische Beenden des Kochvorgangs mit Hilfe
verschiedener Sensoren, kaum noch Nutzwert.311
Warnungen vor Veränderungen chemischer Verbindungen: Dafür lassen sich drei
umstrittene Beispiele nennen: Das erste Beispiel handelt von Aminosäuren. Es gab die These,
dass die Entstehung der D-Form der Aminosäuren zu beobachten sei, wenn Milch im
Mikrowellenkochgerät erhitzt wird, während dies bei konventioneller Erwärmung von Milch
nicht zu beobachten sei. Dabei wurde die aus der L-Form entstehende D-Form mit
neurotoxischen Wirkungen in Verbindung gebracht. Zwei Forschungsgruppen überprüften
dieses Ergebnis. Beide Gruppen kamen zu dem Ergebnis, dass es bei der haushaltsüblichen
Erhitzung von Milch weder im Mikrowellengerät noch auf der herkömmlichen Kochstelle zur
D-Aminosäurebildung kommt.312
Das zweite Beispiel handelt von der These, dass der Verzehr von im
Mikrowellenkochgerät gegarten Speisen krebserregende Reaktionen im Blut auslöse.313 Diese
These geht zurück auf eine Veröffentlichung von Blanc und Hertel, Biologen der ETH
Lausanne in der Schweiz. Beide Biologen hatten erhebliche Veränderungen der Blutbilder von
Probanten beobachtet, die sich über einen bestimmten Zeitraum ausschließlich von im
Mikrowellenkochgerät erhitzten Lebensmitteln ernährt hatten. 314 Jedoch ergab eine
Begutachtung der Blutbilder durch das ehemalige Bundesgesundheitsamt, dass alle von den
Autoren dargelegten Blutmesswerte innerhalb der physiologischen Norm liegen und keinerlei
Hinweise auf pathogene Prozesse vorliegen. Inzwischen hat sich der Biologe Blanc
ausdrücklich von den Behauptungen seiner Veröffentlichung distanziert. 315 Doch der
unnachgiebige Hertel wurde vom Fachverband Elektroapparate für Haushalt und Gewerbe der
Schweiz (FEA) verklagt.316
Das dritte Beispiel handelt von Antioxidantien und freien Radikalen. Im Herbst 2003
veröffentlichten spanische Wissenschaftler, dass Brokkoli in der Mikrowelle rund 85 % seiner
Antioxidantien verliere. Wenn Brokkoli jedoch im Wasserdampf gegart werde, blieben
dagegen fast alle Antioxidantien zumindest im Kochwasser erhalten – so diese
310 Dehne, Naumann, Früh, Matthes und Bögl 1993, S.34.
311 Cockburn und Ormrod 1993, S.90-91 und 117-120.
312 Dehne, Naumann, Früh, Matthes und Bögl 1993, S. 32-33; Marchelli, Dossena, Palla,
Audhuy-Peaudecerf, Lefeuvre, Carnevali und Freddi 1992; Fay, Richli und Liardon 1991; AID
Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten e.V. 1993, S.8-9.
313 AID Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten e.V. 1993, S.9.
314 Blanc und Hertel 1992; Dehne, Naumann, Früh, Matthes und Bögl 1993, S.3.
315 Fachverband Elektroapparate für Haushalt und Gewerbe Schweiz (FEA) 1992; Dehne, Naumann, Früh,
Matthes und Bögl 1993, S.33; Test April 1992.
316 http://www.worldlii.org/int/cases/IIHRL/1998/95.html (Letzter Zugriff am 06.04.2006) und
„Mikrowellengeräte im Zwielicht“ http://www.tolzin.de/mikrowelle/ (Letzter Zugriff am 09.02.2006).
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 196
Wissenschaftler.317 Antioxidantien, die in vielen Gemüsesorten vorhanden sind, üben eine
schützende Wirkung im Körper aus. Antioxidantien können gefährliche Stoffe entschärfen,
beispielsweise so genannte freie Radikale, die das Erbgut schädigen und damit
Krebserkrankungen auslösen können. 318 Von freien Radikalen war bereits vor dieser
Veröffentlichung die Rede. Einige Leute waren der Meinung, dass die Zellen des Gargutes –
durch die von den Mikrowellen erzeugte gigantische elektrische Umpolung – destruktiv
polarisiert werden und dabei freie Radikale entstehen können.319
In der Tat wurden manche nicht-thermische Effekte320 bei den Lebensmitteln
festgestellt, die mit thermischem Effekt allein nicht erklärbar sind. Dies sind beispielsweise
die Phänomene, dass Nudeln durch Mikrowellenbestrahlung elastisch werden oder dass sich
Hähnchenfleisch nach Mikrowellenbestrahlung von den Knochen einfacher löst.321 Hier stellt
sich die Frage, ob der Verzehr von Lebensmitteln, bei denen solche nicht-thermischen
Phänomene beobachtet werden, negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat oder nicht.
Allgemein wurde und wird basierend auf dem heutigen Wissensstand davon
ausgegangen, dass der Verzehr von Lebensmitteln, die im Mikrowellenkochgerät erhitzt
werden, unbedenklich ist. Die Food and Drug Administrations (Abk. FDA) der USA
verkündete im Jahr 1968 ihre Auffassung, dass der Verzehr von im Mikrowellenkochgerät
erhitzten Lebensmitteln sicher ist.322 Auch in der Bundesrepublik Deutschland wurden Ende
1980 entsprechende Berichte vorgelegt. Begründet wurde diese Auffassung damit, dass
Mikrowellen im Unterschied zu Röntgenstrahlen keine ionisierenden Effekte haben.323
Allerdings lässt sich bis heute die Möglichkeit nicht ausschließen, dass künftig
nicht-thermische Veränderungen an Lebensmitteln beobachtet werden, die durch Mikrowelle
verursacht werden und sich negativ auf die Gesundheit auswirken können.
317 Vallejo, Thomás-Barberán, und Garcia-Viguera 2003
318 „Gesundheit, Brokkoli verliert in der Mikrowelle 85 % seiner
Antioxidantien“ http://www.wissenschaft.de vom 17.10.2003 (Letzter Zufriff am 09.02.2006);
http://www.click2day.com/Essen_Trinken/2005/antioxidantien_gemuese.php (Letzter Zugriff am
09.02.2006).
319 Carson 1999.
320 Die so genannte Perlenkette-Formation (pearl-chain formation) ist der am meisten bekannte
nicht-thermische Effekt: Bei elektromagnetischer Bestrahlung können sich Partikel wie Blutzellen – lebend
oder tot – in nur einer Richtung orientieren. Details siehe 2.2.3.
Außerdem wurde Anfang der 1960er Jahre das Phänomen festgestellt, dass einige Menschen
Mikrowellen hören können (microwave hearing). Heute jedoch wird dieses Phänomen als thermischer
Effekt erklärt: Eine Mikrowellenbestrahlung verursacht winzige Änderungen der thermoelastischen
Spannkraft innerhalb des Kopfs, und diese Änderung reizt wiederum die Hörorgane. Siehe Yamaura 1987b.
321 Diese Phänomene sind insbesondere bei starker Mikrowellenbestrahlung zu beobachten. Siehe Higo
1987, S.34 und 40.
322 Osepchuk 1984, S.1216.
323 Pichert 1989 und Rosenberg und Bögl 1989, S.54.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 197
6.4.3.3 Beschädigung der Gefäße
Das Mikrowellenkochgerät bietet die Möglichkeit, die bereits auf einem Teller servierten
Lebensmittel aufzuwärmen. Allerdings kann nicht jedes Geschirr im Mikrowellenkochgerät
verwendet bzw. erhitzt werden. Das richtige Geschirr für ein Mikrowellenkochgerät
auszuwählen, ist nicht immer ganz einfach: Während Geschirr aus Papier und Glas für die
Verwendung im Mikrowellenkochgerät grundsätzlich geeignet ist, reflektiert das Geschirr aus
Metall die Mikrowellen, so dass diejenigen Teile der Lebensmittel nicht erhitzt werden, die
direkt die Metallseiteberühren. 324 Darüber hinaus kann es bei der Verwendung von
Metallgeschirr passieren, dass zwischen zwei Metallstücken Funken sprühen.325 Bis auf
einige Ausnahmen sind Tonwaren zum großen Teil für das Mikrowellenkochgerät geeignet.326
Plastikgefäße sind im Mikrowellenkochgerät erhitzbar. Jedoch wenn das verwendete Plastik
nicht hitzebeständig ist, kann es schmelzen. Selbst bei hitzebeständigen Plastikgefäßen ist
Vorsicht anzuraten, da in Abhängigkeit der Plastikqualität aus solchen Gefäßen schädliche
Substanzen austreten und in die Lebensmittel eintreten können.327 Eine Untersuchung Mitte
der 1980er Jahre zeigt, dass es bei 20 % der Verbraucher durch die Nutzung von
Mikrowellenkochgeräten eine Beschädigung des Geschirrs eintrat.328
Als Reaktion darauf begannen Material- und Geschirrhersteller – manche davon
bereits in der ersten Hälfte der 1970er Jahre – mit der Entwicklung einer neuen
Geschirrgeneration, die sich für die Mikrowellenerhitzung eignet. 329 Als die ersten
Fertiggerichte für die Mikrowellengeräte auf den Markt gebracht wurden, stieg auch der
Bedarf an Einweggeschirr330, das sich für die Mikrowellenerhitzung eignet. Während dieses
Bedarfs einerseits die verstärkte Entwicklung von solchem praktischen Einweggeschirr
förderte, führte er anderseits zur Zunahme an Müll und einer entsprechenden
Umweltbelastung.331
Seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre stieg in Japan der Bedarf an
324 GS Juli 1976, S.18; Nihon denki kōgyō-kai 1983, S.14-15; Hitachi kaden hanbai 1987, S.63.
325 Higo (Hrsg.) 1987, S.121.
326 Matsushita jūsetsu kiki 1987, S.67.
327 Kokumin seikatsu sentā, sōdan kigai jōhō-bu 1995.
328 Higo (Hrsg.) 1987, S.123.
329 Siehe Kase 1973, S.134 und NKS 4. September 1990. In Deutschland wurde Anfang der 1990er Jahre
ein Symbol für mikrowellensicheres Geschirr eingeführt, so dass sich dieses Merkmal mit einem Blick
erkennen lässt. Auch siehe Test Juli 1991.
330 Für die für den Backofen geeigneten Fertiggerichte wurde üblicherweise Einweggeschirr aus
Aluminium verwendet. Für die Mikrowellenerhitzung jedoch ist solches Einweggeschirr aus Aluminium
ungeeignet. Daher kam es zur Entwicklung von neuem, verschiedenem Einweggeschirr aus Plastik und
Papier. Sotoyama 1987, S.101.
331 Kaneko 1987, S.104. Neben der Neuentwicklung im Geschirrbereich kam es auch zu neuen
Entwicklungen im Bereich von Kochutensilien, die sich für verschiedene Verwendungen des
Mikrowellenkochgeräts eignen – zum Beispiel die Entwicklung eines Reiskochtopfs für das
Mikrowellenkochgerät. Diese Utensilien waren jedoch nicht besonders handlich. Kase 1973, S.134; NKS 4.
September 1990; TM 74, September 1992, S.10; TM 89, Dezember 1993, S.8-9; Test Mai 1993.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 198
Klarsichtfolien 332 , die während der Mikrowellenerhitzung die Feuchtigkeit der Speise
erhalten. Allerdings haben solche Durchsichtsfolien mehrere Nachteile: Eine Klarsichtfolie
besteht entweder aus Polyvinylidenchlorid (Abk. PVDC), Polyethylen (Abk. PE),
Polyvinylchlorid (PVC) oder Polybutadien.333 Klarsichtfolien aus PE können während der
Erhitzung im Mikrowellenkochgerät in Brand geraten, zerreißen oder schmelzen, da sie nur
bis 110 ºC hitzebeständig sind. 334 Die Verbraucher wurden davor gewarnt, dass bei
Verbrennungen chlorhaltiger Klarsichtfolien – d.h. aus PVDC oder aus PVC hergestellte
Folien – giftige Dioxine entstehen. Im Hinblick auf durchsichtige Folien aus PVC wurde
darauf hingewiesen, dass diese Folien einen Weichmacher enthalten, der unter dem Verdacht
steht, eine endokrin wirksame Substanz (endocrine disrupter) 335 zu sein. In Bezug auf
Klarsichtfolien aus PVC gab es in den USA bereits 1970er Jahren eine Regulierung, die die
Nutzung dieser PVC-Folie erstens bei überhöhten Raumtemperaturen und zweitens für
fetthaltige Lebensmittel außerhalb des Kühlschranks untersagt.336 Auch die Präfektur Tōkyō
wies in den 1970er Jahren die Hersteller darauf hin, auf den Verpackungen der Klarsichtfolien
aus PVC explizit anzugeben, dass sie im Mikrowellenkochget nicht verwendet werden
sollen.337 Es ist bemerkenswert, dass die chlorhaltigen Klarsichtfolien noch im Jahr 1998 ca.
70 % des japanischen Markts ausmachen und weiterhin für die Mikrowellenerhitzung
verwendet werden.338
6.4.3.4 Feuerausbruch
62,6% aller Unfallmeldungen, die das Zentrum der Verbraucherangelegenheiten Japans
(kokumin seikatsu sentā, National Consumer Affairs Center of Japan) in der Zeit von 1975 bis
1990 im Hinblick auf das Mikrowellenkochgerät erhielten, betraf Entstehung von Rauch,
Funken oder Feuerausbruch.339 Die meisten dieser Unfälle wurden dadurch verursacht, dass
Lebensmittel zu lange und zu stark in dem Mikrowellenkochgerät erhitzt wurden und daher
332 Die Klarsichtfolien, die im Jahr 1952 von der amerikanischen Firma Dow Chemical auf den Markt
gebracht worden waren, wurden auch in Japan seit 1960 verkauft. Als Mitte der 1960er Jahre die
Verbreitungsrate des Kühlschranks in Japan über 50 % betrug, verbreiteten sich auch die Klarsichtfolien in
Japan stark. Mit der Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts in Japan stieg der Bedarf an Klarsichtfolien
drastisch. http://www.asahi-kasei.co.jp/saran/motto/history/history.pdf (Letzter Zugriff am 22.09.2004).
333 Higo (Hrsg.) 1987, S.92; Saitō und Yamaguchi 1987, S.223-224;
http://www.asahi-kasei.co.jp/saran/motto/history/history.pdf (Letzter Zugriff am 22.09.2004).
334 Kokumin seikatsu sentā, sōdan kigai jōhō-bu 1995.
335 Eine endokrin wirksame Substanz (endocrin disrupter) kann endokrine Systeme in Unordnung bringen.
Zum Beispiel kann eine solche Substanz eine hormonähnliche Funktion haben und dadurch die Wirkung
echter Hormone verhindern. In diesem Zusammenhang warnten einige Wissenschaftler davor, dass sich
solche Substanzen negativ auf die Fortpflanzungsfähigkeit von Lebewesen auswirken können.
336 Higo (Hrsg.) 1987, S.128.
337 GS Juli 1976, S.19.
338 NKS 16. November 1998.
339 Kokumin seikatsu sentā, sōdan kigai jōhō-bu 1991.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 199
verkohlten oder dass Lebensmittelreste oder Fettflecken im Garraum durch die Hitze Feuer
fingen. Um diesen Phänomenen vorzubeugen, bauten die Hersteller seit Mitte der 1970er
Jahre Vorrichtungen in Mikrowellenkochgeräten ein, so dass bereits vor dem Feuerausbruch
die Mikrowellenerzeugung automatisch abgeschaltet wird.340 Darüber hinaus entwickelten die
Hersteller sowohl Geräte, deren Garraum mit Fluor verarbeitet ist, um die Reinigungsarbeit zu
erleichtern, als auch Geräte, die über die Funktion der Selbstreinigung341 verfügen.342
Gleichzeitig warnten sowohl die Industrie als auch die Hersteller in Gebrauchsanleitungen
und Kochrezepten vor diesen Gefahren.
Trotz dieser Maßnahmen kam es weiterhin zu den genannten Unfällen. Dies hängt
auch damit zusammen, dass sich die Verbraucher im Lauf der Zeit an das
Mikrowellenkochgerät gewöhnten und das Gerät nicht mehr so sorgfältig wie früher
handhabten: Seit den 1980er Jahren wurde das Mikrowellenkochgerät auch in Großmärkten
ohne Verkäufergespräch preiswert verkauft. Somit verschwanden die Gelegenheiten, bei
denen Verkäuferinnen und Verkäufer den Verbrauchern Tipps zur Handhabung der Geräte
geben konnten. Die Verbraucher behandelten diese preiswerten Geräte nicht sorgfältig,
während die früheren, teureren Geräte noch sorghältiger behandelt worden waren. Darüber
hinaus lasen die Verbraucher immer seltener die Gebrauchsanleitung, da ein simples Gerät
ohne Lesen der Anleitung in Betrieb genommen werden kann.343
6.4.3.5 Störungen durch unerwünschte elektromagnetische Strahlungen
Im Oktober 1970 versendete der Verein für Fortschritt medizinischer Instrumente (Association
for the Advancement of Medical Intrumentation, Abk. AAMI) in den USA Briefe an
verschiedene Klinikverwaltungen. In diesen Briefen wurde angemerkt, dass
Mikrowellenkochgeräte, Radargeräte und Kommunikationssysteme in seltenen Fällen
Funktionsstörungen eines Herzschrittmachers verursachen können. Die AAMI empfahl,
Vorbeugungsmaßnahmen gegen solche Interferenzen zu ergreifen, obwohl diese Interferenzen
nicht die größte Sorge der Patienten mit Herzschrittmacher waren.344 Auch das amerikanische
Gesundheitsministerium HEW erkannte die Sensibilität von Herzschrittmachern und empfahl,
die an den Bestrahlungsquellen angebrachten Warnzeichen zu beachten. Mit dem Aufkommen
dieser Warnungen ergriffen die Hersteller der Herzschrittmacher die Maßnahme, die
Herzschrittmacher abzuschirmen.345
340 Satō, Tsuchitani und Nishino 1974, S.193.
341 Beispielsweise wird das Fett an den Wänden des Garraums mit Hilfe eines Katalysators in Wasser und
Kohlenstoffgas zersetzt.
342 TM 48, Jan.-Feb. 1989, S.76 und NKS 26. August 1978.
343 Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002 und Interview mit Arai (Mitsubishi) im Mai 2002.
344 Osepchuk 1970, S.204.
345 IMPI 1975, S.339. In letzter Zeit wird häufiger darauf hingewiesen, dass auch Diebstahlanlagen und
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 200
Allgemein wird es als sinnvoll anerkannt, Maßnahmen gegen elektromagnetische
Interferenzen zu ergreifen, die durch schwache elektromagnetische Wellen verursacht werden.
Doch ob ein Schutz der Menschen vor schwacher elektromagnetischer Bestrahlung sinnvoll
ist oder nicht, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Zwar wiesen bisher mehrere
experimentelle Ergebnisse darauf hin, dass eine schwache elektromagnetische Bestrahlung
durchaus Änderungen von Zellen bzw. Molekülen verursachen kann.346 Jedoch ließ sich bis
heute nicht eindeutig feststellen, ob sich diese Veränderungen auf die Gesundheit von
Menschen negativ auswirken. 347 Die Debatte um nicht-thermische Effekte schwacher
Hochfrequenzwellen begann bereits in den 1920er Jahren. Warum bleibt dies bis heute – über
siebzig Jahre später – noch umstritten?
Die Schwierigkeit liegt erstens in der Quantifizierung biologischer Reaktionen. Denn
es gibt sowohl breite Frequenzspektren, als auch eine Vielzahl physischer sowie biologischer
Variablen und außerdem eine Vielzahl von Korrelationen zwischen diesen Variablen. Faktoren,
die zur Einschätzung biologischer Effekte in Betracht gezogen werden müssen, sind Frequenz,
Intensität, Wellenart (beispielsweise CW-Welle, Pulswelle oder Modulation), Anatomie des
Körpers des Versuchstiers und deren Ausrichtung zur Bestrahlungsquelle, die bestrahlten Teile
des Körpers, Expositionsdauer und Intensität, Umgebungszustände (Temperatur, Feuchtigkeit
und Luftzirkulationsrate) sowie Abschirmung. Darüber hinaus muss auch der Zustand des
Versuchtiers – beispielsweise sein gesundheitlicher Zustand und die Historie seiner
medizinischen Behandlung – in Betracht gezogen werden. 3
48 Zweitens sind
Menschenversuche aus ethischen Gründen nicht durchführbar. Zwar lässt sich zu einem
gewissen Grad das Ergebnis von Tierversuchen auf Menschen übertragen, wenn man Spezies,
ihre verhältnismäßige Beziehung mit Menschen und ihre Größe verhältnismäßig zu der
Wellenlänge berücksichtigt. Diese Berücksichtigungen ermöglichen es jedoch nicht, den
Einfluss der Exposition auf Menschen definitiv zu kennen.349 Es ist nicht einfach, die oben
genannten Konditionen zu erfüllen und zu einer wissenschaftlichen Aussage bezüglich
Mobiltelefongeräte solche Interferenzen verursachen können. Darüber hinaus wird auch thematisiert, dass
Mikrowellengeräte moderne Übertragungstechniken wie Bluetooth oder WLAN, die Frequenzband von
2,45 GHz nutzen, stören können.
Auch ist heutzutage von der absichtlichen Nutzung solch elektromagnetischer Interferenzen die
Rede: Im März 2003 wurde in den Medien über den Einsatz von E-Waffen im Irakkrieg berichtet, die mit
Hilfe von elektromagnetischen Interferenzen empfindliche elektronische Geräte störten und damit deren
Funktion unterbinden. Jedoch wurden solche Berichte offiziell vom amerikanischen
Verteidigungsministerium nicht bestätigt. Kawano 2003; CS 26. März 2003;
http://www.hotwired.co.jp/news/print/20030324301.html (Letzter Zugriff am 03.04.2005); Osepchuk 1994,
S.170.
346 Beispielsweise wurde auf die Erhöhung der Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für Schadstoffe
durch Hochfrequenzfelder, zelluläre Wirkungsmechanismen (Kalzium-Ionen-Austausch und die
Aktivierung von Stressproteinen) sowie gentoxische Wirkungen hingewiesen. Siehe Neitzke und Osterhoff
2005b.
347 Neitzke und Osterhoff 2005a und Neitzke und Osterhoff 2005b.
348 Steneck 1985, S.38.
349 Michaelson 1969, S.115.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 201
allgemeiner Verträglichkeit von Strahlungen zu kommen.
Es wurde im Allgemeinen als unwahrscheinlich betrachtet, dass die Leckstrahlung
aus einem Mikrowellenkochgerät, die unter dem Grenzwert liegt, gesundheitliche Störungen
verursacht. Denn normalerweise hat das Gerät eine kurze Betriebsdauer, und die Benutzer
verweilen während des Betriebs meistens nicht ummittelbar in der Nähe des Geräts.350 Bis
heute liegen keine Berichte vor, die eindeutig gesundheitliche Störungen durch die
Leckstrahlung aus einem Mikrowellenkochgerät feststellen. Daher lässt sich schließen, dass
die im Jahr 1970 eingeführte Begrenzung der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten
zum Schutz vor gesundheitlichen Störungen bis heute viel geleistet hat.351
Jedoch lässt sich trotz dieses Schutzes die potenzielle Gefahr schwacher
elektromagnetischer Felder auf Menschen nicht ausschließen. Gerade in letzter Zeit ist in den
Medien eine Vielzahl von Berichten über so genannte „elektrosensible“ Leute zu finden, die
an Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder anderen allergischen Reaktionen leiden. Diese
gesundheitlichen Beeinträchtigungen werden vermutlich, so die übliche Argumentation
elektrosensibler Leute, durch elektromagnetische Felder verursacht. Die Ursache und der
Mechanismus dieser Symptome sind bis heute medizinisch nicht geklärt. Dennoch lässt sich
das Phänomen nicht als „Elektrophobie“ abtun, und man kann die Leute nicht weiter so leiden
lassen. Ein solches Problem lässt sich langfristig durch die Wissenschaften erforschen, um
dadurch ein besseres Verständnis dieser Phänomene zu erlangen und entsprechende
Maßnahmen ergreifen zu können. Doch auch ohne ein besseres Verständnis zu haben, sollte
man vorab bereits provisorische Vorsorgemaßnahmen ergreifen und dadurch weiteren
gesundheitlichen Auswirkungen vorbeugen.
6.4.4 Änderung der Wahrnehmung von Mikrowellen in Japan
Als in Japan gerade die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts begann, befürchtete man
negative Einflüsse der Mikrowellenleckstrahlung auf die Gesundheit von Menschen.352 In der
350 Das Bundesamt für Strahlenschutz teilte in einer Veröffentlichung der Bevölkerung mit, dass von
intakten Geräten keine Strahlengefahr ausgeht. Das Amt erklärte, dass bei technisch einwandfreien Geräten
keine Gefahr bestände, auch nicht für besonders schutzbedürftige Personen wie Schwangere oder
Kleinkinder. Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 1998 und Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) 1999, S.1.
351 Voss 1980; Test Dezember 1988, S.62; Test Mai 1990, S.56; Test Dezember 1991,S.58; Matthes und
Dehne 1992; Dehne, Naumann, Früh, Matthes und Bögl 1993, S.16-19; Dehne, Früh, Matthes und
Naumann 1997, S.20-22.
352 Unter Ingenieuren in Japan waren damals Gerüchte im Umlauf, dass man als Ergebnis einer
Bestrahlung unfruchtbar werde oder nur weibliche Kinder haben könne. (Letzteres steht in der japanischen
Tradition, dass das erste männliche Kind den Familienstamm zu übernehmen habe und daher männliche
Kinder wichtiger seien.) Derartige Befürchtungen gab es in der Anfangsphase der Verbreitung nicht nur in
Japan, sondern auch in den USA, Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland. Zum Beispiel war
auch in der Bundesrepublik Deutschland zwischen Ende der 1980er Jahre und Anfang der 1990er Jahre u.a.
von Unfruchtbarkeit bei Männern und erhöhter Gefahr von Missbildungen in der Schwangerschaft die Rede.
Noda 1995; Cockburn und Ormrod 1993, S.32 und 120-121; Test Dezember 1987, S.40; Test Dezember
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 202
Tat hatten die damaligen Geräte sowohl bezüglich der Sicherheit als auch im Hinblick auf
Funktion viel Verbesserungspotential. Außerdem gab es damals noch keinen
rechtsverbindlichen Sicherheitsstandard zur Regulierung von Mikrowellenleckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten. Als in den Medien über die Leckstrahlung aus einigen
Mikrowellenkochgeräten berichtet wurde, hielten sich japanische Verbraucher mit dem Kauf
von Geräten zurück. Diese Kaufzurückhaltung hatte zur Folge, dass einige Hersteller ihre
Produktion vorübergehend einstellen mussten.
Im Jahr 1970 führte das MITI in Japan einen Sicherheitsstandard ein, der sich den
U.S. amerikanischen Standard zum Vorbild nahm. Als die Hersteller neue
Mikrowellenkochgeräte mit einer sicheren Türstruktur auf den Markt gebracht hatten, die den
Sicherheitsstandard erfüllten, gingen allmählich die Befürchtungen der Verbraucher zurück –
was die Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts im Haushalt förderte. Im Laufe der Zeit
gewöhnten sich die Verbraucher an die Nutzung eines Mikrowellenkochgeräts, so dass die
Anzahl derjenigen Leute abnahm, die das Mikrowellenkochgerät als gefährlich wahrnahmen.
In den 1980er Jahren war in der Öffentlichkeit von einem negativen Einfluss des
Mikrowellenkochgeräts auf die Gesundheit des Menschen kaum die Rede.353 Die Gewöhnung
an das Mikrowellenkochgerät hatte zur Folge, dass die Verbraucher das Gerät nicht mehr so
sorgfältig wie früher handhabten und die Unfälle wie Verbrennungen oder Feuerausbruch
häufiger verursacht wurden.354
Als die Leckstrahlung aus dem Mikrowellenkochgerät in der Öffentlichkeit weniger
thematisiert wurde, begannen einige Leute in Japan, ihre kritische Aufmerksamkeit anderen
Quellen elektromagnetischer Bestrahlungen zu widmen: Mitte der 1980er Jahre führte die
damals größte Arbeitergewerkschaftsunion Japans, Nihon rōdō kumiai sōhyōgikai, eine
Umfrage bei 12.000 Menschen zum Thema Computerbildschirme (VDT) und Gesundheit
durch.355 Bei dieser Umfrage ging es im Kern um Stress, den Angestellte durch die
Einführung von Computern in Büros empfanden. Darüber hinaus gab diese Umfrage den
Anlass, auch über den Einfluss elektromagnetischer Bestrahlung aus Computerbildschirmen
nachzudenken und hierbei die Gesundheit der Angestellten zu berücksichtigen. 356
Unabhängig von dieser Umfrageaktion begannen Ende der 1980er Jahre die Bewohner der
Präfektur Yamanashi mit der Gründung einer Bewegung gegen den Bau von
Hochspannungsleitungen mit einer Million Volt. Diese Hochspannungsleitungen wurden
benötigt, um die in den Atomkraftwerken von Kashiwazaki und Kariwa erzeugte Elektrizität
1991, S.58; ZVEI-Fachverband Elektro-Hausgeräte 1988.
353 Miyamoto 1988, S.41-42 und Interview mit Rikukawa (NCAC) im Mai 2002.
354 Interview mit Ueda (Matsushita) im Mai 2002 und Interview mit Arai (Mitsubishi) im Mai2002.
355 Über das Resultat dieser Umfrage wurde auf der ersten Seite der überregionalen japanischen Zeitung
Yomiuri berichtet. Daraufhin setzte das Arbeitsministerium Richtlinien zum Thema Computerbildschirme
und Gesundheit (VDT kenkō guideline) fest.
356 E-Mail von Ōkubo (Bürgerinitiativ Denjiha mondai shimin kenkyū-kai) vom 13. Mai 2005 und 22.
Februar 2006.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 203
nach Tōkyō zu transportieren. Darüber hinaus wurde geplant, ein Teil dieser Elektrizität für
die geplante Versuchsstrecke für die Magnetschwebebahn zu nutzen. Dazu wurde in der
Präfektur Yamanashi nicht nur der Bau der Hochspannungsleitungen, sondern auch der Bau
einer Versuchsstrecke für die Magnetschwebebahn geplant. Daher beteiligten sich an dieser
Bürgerbewegung nicht nur diejenigen Bevölkerungsschichten, die gegen den Bau der
Hochspannungsleitungen waren, sondern auch diejenigen Bevölkerungsschichten, die gegen
Atomenergie und gegen den Bau der Versuchsstrecke für die Magnetschwebebahn waren.357
Auch Menschen aus anderen Präfekturen Japans schlossen sich dieser Bürgerbewegung an,
die sich um die möglichen negativen Einflüsse von Hochspannungsleitungen Sorgen machten.
Beeinflusst wurde diese Bürgerbewegung und ihre Anhänger durch die Veröffentlichung von
Feychting und Ahlbom im Jahr 1992 358 , die die negative Wirkung von
Hochspannungsleitungen beschrieben. Betroffene gründeten im Jahr 1993 den
Bürgerbewegungsverband „Überregionales Netzwerk zum Problem mit
Hochspannungsleitungen (Kōatsusen mondai zenkoku nettowāku)“, der heute „Gauß-Net
(Gausu netto)“ heißt.359 Zurückgehend auf Interessensgruppen, die sich in den 1980er Jahren
mit dem Thema Computerbildschirme und Gesundheit beschäftigt hatten, wurde auf Initiative
dieser Leute im Jahr 1996 eine weitere Bürgerinitiative „Arbeitsgemeinschaft
elektromagnetische Welle (Denjiha mondai shimin kenkyū-kai)“ gegründet.360
Ab Mitte der 1990er Jahre begannen japanische Medien, über das Thema
elektromagnetische Welle und Gesundheit zu berichten.361 Beispielsweise veröffentlichte
Ogino Kōya, damals Dozent an der Kyōto Universität, über ein Jahr lang seine Essays zum
Thema Schäden durch elektromagnetische Wellen in der monatlichen Zeitschrift „Technik
und Mensch (Gijutsu to ningen)“. Im Jahr 1995 widmete ein Fernsehprogramm dem Thema
Hochspannungsleitung in seiner Sendung „the scoop“, die jeden Samstag von 18 Uhr bis 19
Uhr gesendet wurde.362 Durch diese Medienberichte nahm die japanische Bevölkerung mehr
und mehr wahr, dass sich elektromagnetische Wellen möglicherweise auf die Gesundheit des
Menschen negativ auswirken können. Als sich Mobiltelefone in der zweiten Hälfte der 1990er
Jahre rasch verbreiteten, protestierten einige Bevölkerungsteile in verschiedenen Ort in Japan
gegen den Bau der Mobilfunkbasisstationen. In einigen Protestfällen kam es zu gerichtlichen
Auseinandersetzungen.363
357 E-Mail von Kakehi (Bürgerinitiativ Gauß-Net) vom 15. Mai 2005 und E-Mail von Ōkubo
(Bürgerinitiativ Denjiha mondai shimin kenkyū-kai) vom 13. Mai 2005.
358 Die Autoren kamen aufgrund ihrer epidemiologischen Studie zu dem Schluss, dass durch elektrische
Leitungen das Risiko einer Erkrankung an Leukämie insbesondere während der Kindheit steigt. Siehe
Feychting und Ahlbom 1992; Petrowicz 1990.
359 E-Mail von Kakehi (Bürgerinitiativ Gauß-Net) vom 12. Mai 2005 und vom 15. Mai 2005.
360 E-Mail von Ōkubo (Bürgerinitiativ Denjiha mondai shimin kenkyū-kai) vom 13. Mai 2005.
361 Taki und Aimoto 1993, S.169.
362 E-Mail von Ōkubo (Bürgerinitiativ Denjiha mondai shimin kenkyū-kai) vom 13. Mai 2005 und E-Mail
von Kakehi (Bürgerinitiativ Gauß-Net) vom 12. Mai 2005.
363 Zum Beispiel siehe Anonym 2002a und Anonym 2002b.
6. Weltweite Verbreitung japanischer Mikrowellenkochgeräte 204
Dadurch schenkte die Bevölkerung der Leckstrahlung aus dem
Mikrowellenkochgerät erneut ihre Aufmerksamkeit. 364 Im Unterschied zur Sorge der
Bevölkerung betonten die Hersteller die Sicherheit des Mikrowellenkochgeräts, das im
Vergleich zum Gasherd365 kein Feuer nutzt, und auch daher besonders empfehlenswert für
ältere und behinderte Leute sei.366 Trotz der erhöhten Aufmerksamkeit, die in den letzten
Jahren der Leckstrahlung entgegengebracht wurde, verzichten die Verbraucher in Japan kaum
auf die Nutzung des Mikrowellenkochgeräts. Das Mikrowellenkochgerät ist heute fester
Bestandteil im Alltag in Japan.
364 Siehe TM 67, February 1992; TM 89, Dezember 1993, S.10; Interview mit Omi und Nakano (JEMA)
im Mai 2002. Die Hersteller sahen sich in den letzten Jahren mit einigen Schadensersatzforderungen
konfrontiert. Aussagen, die Basis für diese Schadensersatzforderungen waren, lauteten beispielsweise „das
Mikrowellenkochgerät war trotz geöffneter Tür weiterhin in Betrieb und verursachte den grauen Star“ oder
„der Glasdeckel der Pfanne neben dem Mikrowellenkochgerät bekam Sprünge wegen der
Mikrowellenleckstrahlung“. Interview mit Noda (Toshiba) im Mai 2002 und Interview mit Arai
(Mitsubishi) im Mai 2002.
365 Bis dahin wurde der Gasherd in fast allen Haushalten genutzt. Siehe
http://www.happy-netclub.com/support/c/3/c0302001.html (Letzter Zugriff am 24.03.2006)
366 http://www.toshiba.co.jp/care/benri/toshiba/ouen13.htm (Letzter Zugriff am 06.02.2002); Torres und
Sweaney 1983; Schrage 1984; Hockenberger 1987.
7. Fazit 205
7 Fazit
7.1 Verlauf der Technologieentwicklung
Der Verlauf der Entwicklung sowie die Anwendung des Mikrowellenkochgeräts wurden
maßgeblich von den Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren geprägt. Diese
Interaktionen sind im Hinblick auf zwei Punkte zusammenzufassen: zum einen in Bezug auf
den Konversionsprozess des Magnetrons und zum anderen bezüglich der Entwicklung und
Verbreitung des Mikrowellenkochgeräts.
Zum ersten Punkt: Die Interaktionen zwischen Herstellern der Mikrowellenröhren,
Militär, Politik und Medizinern beeinflussten den Konversionsprozess des Magnetrons:
Während am Anfang dieses Prozesses das Magnetron militärisch verwendet wurde, wurde es
am Ende zivil genutzt. Dabei spielten insbesondere die Interaktionen zwischen den
Herstellern der Mikrowellenröhren und dem Militär eine große Rolle:
Die Forschungen zur Mikrowellenröhre begannen mit dem Zweck der
Funkkommunikation in den 1920er Jahren. Diese Forschungen zur Mikrowellenröhre – vor
allem über das Magnetron – wurden während des Zweiten Weltkriegs insbesondere in
Großbritannien und in den USA im Rahmen der Radargerätproduktion intensiv betrieben. Da
bei Kriegsende der Bedarf an Radargeräten plötzlich abnahm, standen die
Mikrowellenröhrenhersteller wie die amerikanische Firma Raytheon vor der Herausforderung,
nach anderen Anwendungsmöglichkeiten der Mikrowellenröhre zu suchen. Die Anwendungen,
die sie letztlich fanden, waren das Diathermiegerät auf Basis der Mikrowelle, die Übertragung
von Fernsehsendungen durch Mikrowellenübertragung und das Mikrowellenkochgerät. Die
Idee, anhand der Radiowelle Lebensmittel zu erhitzen, existierte bereits vor dem Zweiten
Weltkrieg. Doch die Art und Weise, wie man diese Idee hätte umsetzen können, war offen.
Statt einer Umsetzung auf Basis der Radiowelle hielten es nach dem Krieg viele Fachleute
auch auf Basis der Mikrowelle nicht für realisierbar. Trotz dieser negativen Einschätzungen
entwickelte Percy L. Spencer der Firma Raytheon mit seinen Mitarbeitern erfolgreich ein
Mikrowellenkochgerät unter Verwendung von Magnetronen.1
Als im Jahr 1950 der Koreakrieg ausbrach, begann das amerikanische
Verteidigungsministerium sowohl mit großen Investitionen in die Forschung und Entwicklung
der Mikrowellenröhre als auch mit der Anschaffung einer großen Menge von Radargeräten,
ECM-Geräten (enemy counter-measure)2 und Funkkommunikationsgeräten. 3 Dank des
amerikanischen Verteidigungsministeriums blühte die Forschung der Mikrowellentechnologie
1 Osepchuk 1984, S.1202-1203; Scott 1974, S.180-184.
2 Ein solches ECM-Gerät findet den Frequenzbereich des feindlichen Radars heraus und strahlt
entsprechende Störwelle aus. Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai 1987: 176.
3 Osepchuk 1984, S.1208; Osepchuk 1978b, S.52.
7. Fazit 206
auf: Die Anzahl der Wissenschaftler, die sich damit beschäftigten, nahm zu, und im Jahr 1952
wurde innerhalb IRE eine neue Fachgruppe4 gebildet, die sich auf die Mikrowellenelektronik
spezialisierte.5 Ferner wuchs die Mikrowellenröhrenindustrie. Der jährliche Umsatz wuchs
von unter 10 Millionen Dollar im Jahr 1948 auf ca. 160 Millionen Dollar im Jahr 1962.6
Diese goldene Ära auf dem Gebiet der Mikrowellenröhre endete unerwartet im Jahr
1964. Die direkte Ursache für dieses Ende war die Kürzung der Gelder zur Anschaffung der
Mikrowellenröhren sowie die Kürzung der Finanzmittel für die Forschung und Entwicklung
der Mikrowellenröhre durch das amerikanische Verteidigungsministerium. Der damalige
amerikanische Verteidigungsminister, Robert S. McNamara, wollte seit dem Jahr 1961 Kosten
sparen, um die Effektivität zu steigern.7 Die Finanzmittel zur Erforschung und Entwicklung
der Mikrowellenröhre, die ca. 10 Millionen Dollar im Jahr 1962 betragen hatten, sanken bis
auf ca. 1,5 Millionen Dollar im Jahr 1972.8 Daher konnte man keinerlei Wachstum der
Mikrowellenröhrenindustrie im militärischen Bereich in den USA erwarten. Mitte der 1960er
Jahre galt die Zukunft der Mikrowellenröhre nicht nur auf militärischem Gebiet, sondern auch
im Bereich der Telekommunikation nicht mehr als rosig. Man vermutete, dass die
Mikrowellenröhren – die bis dahin im Bereich der Telekommunikation als Gleichrichter,
Detektor, Verstärker und Erzeuger der Mikrowelle verwendet wurden – bald durch Halbleiter
ersetzt werden würden. Denn der Halbleiter hatte wesentliche Vorteile gegenüber der
Mikrowellenröhre, da er kleiner und leichter ist, weniger Elektrizität braucht und letztlich eine
längere Lebensdauer als die Mikrowellenröhre besaß. Die Mikrowellenröhre würde in der
Zukunft nur eine Überlebenschance als energiereicher Mikrowellenerzeuger haben, so die
damalige Vermutung, da diese Anwendungsmöglichkeit durch den Halbleiter nicht ersetzbar
war. Diese Anwendungsmöglichkeiten sind beispielsweise Sender, Mikrowellenerhitzer,
lineare Beschleuniger und Energieüberträger 9. Zur Förderung dieser
Anwendungsmöglichkeiten wurde das erste Symposium über die Anwendung der
4 Im Jahr 1963 fusionierten das IRE (Institute of Radio Engineers) und das AIEE (American Institute of
Electrical Engineers) zum IEEE (Institute of Electrical and Electronics Engineers). Die Fachgruppe im
IEEE wird bis heute „MTT-S“ (Microwave Theory and Techniques Society) genannt.
5 Bis dahin war die Mikrowellenelektronik ein kleines Spezialgebiet innerhalb der Elektronik. Daher
wurden zum Beispiel die Abhandlungen über Mikrowellentechnologie in der allgemeinen Fachzeitschrift
des Gebiets Elektronik wie „Proceedings of the IRE und „Electronics“ publiziert. Siehe Saad 1984, S.
956-957.
6 Osepchuk 1984, S. 1208; Osepchuk 1978b, S.52.
7 Obwohl durch dieses Programm die Forschung und Entwicklung auf vielen Gebieten gekürzt wurden,
nahmen die gesamten militärischen Ausgaben in dieser Zeit zu. Siehe
http://www.defenselink.mil/specials/secdef_histories/bios/mcnamara.htm (Letzter Zugriff am 14.08.2005).
8 Osepchuk 1978b, S.52; Osepchuk 1984, S.1208. Dieses Phänomen wird in der
Mikrowellenröhrenindustrie „McNamara tube recession“ genannt.
9 Osepchuk 1978b, S.53. Nicola Tesla hatte bereits den Energietransport auf Basis von Radiowellen statt
Elektrizitätsleitungen vorgeschlagen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwarfen u.a. Peter Glaser und William
Brown das Solarenergieübertragungssystem, indem die im Satellit gesammelte Solarenergie durch
Mikrowelle auf die Erde zu transportieren sei. Die Realisierung dieses Entwurfs ist zur Zeit in Japan
geplant. Auch siehe http.//www.ieee-virtual-museum.org-exihit Microwaves: From Your Kitchen to the
Edge of the Universe, The Future of Microwaves (Letzter Zugriff am 13.07.2005); Matsumoto 1995.
7. Fazit 207
Mikrowellenenergie im Jahr 1964 unter der Leitung des IEEE veranstaltet. Der Wunsch, auch
außerhalb der IEEE eine offene akademische Gesellschaft zu etablieren, führte im Jahr 1966
zur Gründung des International Microwave Power Institute (Abk. IMPI) in Kanada, das sich
auf die Mikrowellenerhitzung spezialisierte. Unter den Mitgliedern des IMPI waren Vertreter
aus verschiedenen Fachdisziplinen wie Medizin, Biologie, Hauswirtschaft und
Materialbehandlung.10
Der erste Hoffnungsträger auf dem Gebiet der Mikrowellenerhitzung war die so
genannte „industrielle Erhitzung“. Zur industriellen Erhitzung gehören zum Beispiel die
Gummiproduktion, das Kochen und das Trocknen von Lebensmitteln, die Sterilisation, die
Bearbeitung von Holz, das Trocknen von Porzellan, das Kleben, das Zerbrechen von
Felsen/Steinen und das Trocknen von Papier.11 Trotz anfänglich großer Hoffnungen wuchs
das Gebiet der industriellen Erhitzung langsam, da sowohl die Anschaffungskosten12 als auch
die Erhaltungskosten dieser Mikrowellengeräte im Vergleich zu konventionellen Geräten hoch
waren.13 Der größte geschäftliche Erfolg auf dem Gebiet der Mikrowellenerhitzung war die
Herstellung des Mikrowellenkochgeräts. Wie beschrieben wurde aus dem ursprünglich
militärisch verwendeten Magnetron eine Zivilware – angesichts der Kürzungen im Militär
und im Schatten des Wachstums der Halbleitertechnik. Endlich fanden die amerikanischen
Magnetronhersteller ihren Weg in der Produktion des Mikrowellenkochgeräts. In den 1970er
und 1980er Jahren war weltweit der größte Teil der für den Erhitzungszweck produzierten
Magnetrone für das Mikrowellenkochgerät bestimmt.14 Aber an diesen Boom partizipierten
die USA nicht. Denn bald eroberten japanische Magnetronhersteller den Weltmarkt, und in
den 1980er Jahren existierte kaum noch eine amerikanische Firma, die das Magnetron für
Mikrowellenkochgerät produzierte.15
Zum zweiten Punkt: Bei der Entwicklung und Verbreitung des
Mikrowellenkochgeräts in Japan werden Interaktionen zwischen verschiedenen Akteuren
deutlich – nämlich zwischen Verbrauchern, Magnetronherstellern, Herstellern des
Mikrowellenkochgeräts, Behörden, Medien, der Politik und der Lebensmittelindustrie.
Insbesondere sind die folgenden sechs Beispiele bemerkenswert:
Erstens sorgten japanische Elektro-Haushaltsgerätehersteller aus
verkaufsstrategischen Gründen dafür, das Mikrowellenkochgerät zu verkleinern und
preiswerter zu gestalten. Hierbei fanden Interaktionen zwischen
10 Osepchuk 1984, S.1211 und 1219; Shibata 1987b, S.156.
11 Osepchuk 1984, S.1209-10; Shibata 1987b, S.157.
12 Je nach Eigenschaft des Erhitzungsgegenstands musste die Struktur des Geräts geändert werden. Daher
war die Massenproduktion solcher Geräte nicht möglich, und die Herstellung des jeweiligen Geräts blieb
kostspielig. Interview mit Ōmori (JEHA) im Mai 2002.
13 Freedman 1972, S.353 und 355; Osepchuk 1984, S.1216.
14 Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai 1987, S.179 und 181.
15 Ketteringham und Nayak 1987, S.211.
7. Fazit 208
Elektro-Haushaltsgeräteherstellern, Magnetronherstellern und Verbrauchern statt. Anfang der
1960er Jahre waren die japanischen Hersteller von Elektro-Haushaltsgeräten auf der Suche
nach einem neuen Erfolgsprodukt – ähnlich wie es der Farbfernseher gewesen war. Die
japanischen Haushaltsgerätehersteller sahen den „Radarrange“ auf der internationalen Messe
in Tōkyō im Jahr 1960, der damals in den USA meistens in der Gastronomie benutzt wurde.
Daraufhin kam den japanischen Haushaltsgeräteherstellern die Idee, das
Mikrowellenkochgerät nicht nur für Restaurants, sondern auch für den normalen Gebrauch im
Haushalt zu produzieren. Zu diesem Zweck gab der japanische Haushaltsgerätehersteller
Sanyo dem japanischen Magnetronhersteller Shin Nihon Musen (New Japan Radio Company,
Abk. NJRC) den Auftrag, ein neues Magnetron für das Mikrowellenkochgerät im Haushalt zu
entwickeln. Damals hielten es die Mikrowellenröhrenhersteller für selbstverständlich, dass ein
Magnetron ein teures Produkt war, da seine Produktion kompliziert und aufwendig war. Diese
Auffassung teilte jedoch die Firma Sanyo nicht. Sanyo verlangte schlicht ein Magnetron, das
preiswert, klein und robuster sei. Trotz technisch schwer umsetzbarer Anforderungen von
Sanyo entwickelte die NJRC erfolgreich ein solches Magnetron. Damit begann der Vormarsch
des Mikrowellenkochgeräts als Massenprodukt für den Haushalt. Die erfolgreiche
Verwandlung des Mikrowellenkochgeräts von einem teuren Gerät für Geschäfte hin zu einem
preiswerten Massenprodukt ist letztlich der Initiative der Haushaltsgerätehersteller zu
verdanken, die eine langjährige Erfahrung mit Massenprodukten hatten.
Zweitens fanden bei der Leckstrahlungskrise im Jahr 1970 Interaktionen zwischen
den Verbrauchern, Herstellern des Mikrowellenkochgeräts, US amerikanischen sowie
japanischen Regierungsbehörden und Medien statt. Nachdem in den USA und anschließend
auch in Japan die Mikrowellenleckstrahlung aus manchen Mikrowellenkochgeräten
festgestellt worden war, nahm der Verkauf des Mikrowellenkochgeräts drastisch ab. Manche
japanische Hersteller mussten sogar zeitweilig die Produktion einstellen. Als schließlich ein
Rechtsstandard für die Mikrowellenleckstrahlung eingeführt worden war, entwickelten die
Hersteller schnell neue Geräte, die diesem Standard entsprachen. Die Hersteller gewannen
allmählich das Vertrauen der Verbraucher wieder, und die Verbreitung der Geräte stieg wieder
an. Der japanische rechtliche Standard zur Leckstrahlung war fast identisch mit dem
damaligen amerikanischen Entwurf. Die Einführung dieses Standards in Japan ging für die
Verhältnisse der Zeit ungewöhnlich schnell. Die rasche Einführung des rechtlichen Standards
nach amerikanischem Vorbild zielte in erster Linie darauf, den Export des
Mikrowellenkochgeräts in die USA zu erhöhen. Mit der Einführung dieses Standards schlug
man zwei Fliegen mit einer Klappe: Neben der Exportförderung führte der Standard zu einem
höheren Schutz der Verbraucher vor der Mikrowelle.
Drittens beeinflussten die Interaktionen zwischen der Politik, den Verbrauchern und
den Herstellern der Mikrowellenkochgeräten die „High-Tech“nisierung des
Mikrowellenkochgeräts. Bereits seit der Ölkrise 1973 nahm der Verkauf des
Mikrowellenkochgeräts in Japan ab. Um diesen Abwärtstrend zu stoppen, versuchten die
7. Fazit 209
japanischen Mikrowellenkochgerätehersteller, statt wie bisher eine Vielzahl von Geräten zu
verkaufen jetzt das jeweilige Kochgerät entsprechend teurer zu verkaufen, indem sie
zusätzliche Funktionen wie die Ofenfunktion oder die Automatisierung des Kochgeräts durch
den Mikrocomputer einführten.
Viertens werden die Interaktionen zwischen Verbrauchern, Lebensmittelproduzenten
und Herstellern des Mikrowellenkochgeräts bei der Entwicklung des Sologeräts deutlich.
Obwohl das Mikrowellenkochgerät durch die Einführung zusätzlicher Funktionen und durch
die Automatisierung multifunktional geworden war, verwendeten die meisten Verbraucher das
Mikrowellenkochgerät nach wie vor nur zum Aufwärmen und zum Auftauen von Gerichten.
Dieses Verhalten der Verbraucher animierte die Hersteller dazu, das Sologerät wieder auf den
Markt zu bringen, das nur über die Erhitzungs- und Auftaufunktion verfügte. Dieses erneut
entwickelte, kleinere Sologerät, bei dem das Preis-Leistungsverhältnis stimmte, verkaufte sich
gut. Das führte schließlich aus der Stagnation heraus, die seit der Ölkrise andauerte. Die
Nachfrage nach Sologeräten ging Hand in Hand mit der Nachfrage nach Fertiggerichten für
Mikrowellenkochgeräte und wuchs noch weiter in den 1980er Jahren. Die japanischen
Verbraucher fanden Gefallen an flexiblen Mahlzeiten, die man essen konnte, wann man wollte
und worauf man gerade Appetit hatte. Die Kombination aus Sologerät und Fertiggericht
ermöglichten diese Flexibilität. Dies Beispiel zeigt, dass die Verbraucher nicht unbedingt das
hoch funktionale Gerät wählten, sondern das einfache Gerät mit einer guten Handhabung.
Dies passt nicht zum Bild japanischer Verbraucher, technikfreundlich zu sein.
Fünftens wurde die Auswahl des Frequenzbereiches, der für das
Mikrowellenkochgerät zu nutzen war, von den Interaktionen zwischen Regulierungsbehörde,
Herstellern des Mikrowellenkochgeräts und Verbrauchern beeinflusst. Die für die Erhitzung
verfügbaren Frequenzbereiche sind im Rahmen der International Telecommunication
Convention festgelegt, um Störungen der Funkkommunikation zu vermeiden. Der Mikrowelle
wurden 915 MHz und 2450 MHz für den Erhitzungszweck zugeteilt. Die Firma Raytheon
wählte 2450 MHz, die für die Erhitzung einer kleinen Portion von Lebensmitteln wie Popcorn
oder Hamburgern geeignet ist. Dagegen entschied die Firma General Electric (GE), 915 MHz
zu nutzen, die sich für das Braten eines ganzen Truthahns eignete. Gemäß der Wellenlänge
war das Mikrowellenkochgerät mit 915 MHz entsprechend größer als das mit 2450 MHz.
Mitte der 1970er Jahre wechselte die Firma GE die Frequenz von 915 MHz in 2450 MHz, da
sie bemerkte, dass die Nachfrage nach einem kleineren Gerät höher war. Aus heutiger Sicht
war dies eine gute Wahl, da das Mikrowellenkochgerät meistens zur Erhitzung und zum
Auftauen kleiner Portionen von Lebensmitteln verwendet wird. Aber als GE sich für die
Frequenz von 915 MHz entschied, war dies nicht beabsichtigt.
Das sechste Beispiel bezieht sich auf die Wahl des Magnets im Magnetron. Dabei
spielten die Interaktionen zwischen der Politik, Magnetronherstellern und Verbrauchern eine
große Rolle. Anfang der 1970er Jahre entwickelte die japanische Firma NJRC das Magnetron
2M179 mit dem Alnicomagnet. Dies Magnetron war im Vergleich zum Magnetron 2M57 mit
7. Fazit 210
dem Ferritemagnet der Firma Toshiba, das zur gleichen Zeit auf dem Markt war, kleiner und
nutzte das magnetische Feld drei Mal effizienter. Trotz dieser Vorteile überlebte das
Magnetron der Firma NJRC auf den Markt nicht, da das Magnetron teurer war als das von
Toshiba.16 Dies ist ein Beispiel dafür, dass nicht unbedingt immer das technisch beste Produkt
gewählt wird.
Alle beschriebenen Interaktionen sind insbesondere in kapitalistischen Ländern wie
Japan und den USA zu beobachten. In den ehemaligen kommunistischen bzw. sozialistischen
Ländern fanden zwar auch Interaktionen zwischen betroffenen Akteuren statt. Doch diese
Interaktionen führten nicht – wie in Japan und in den USA – zur Entwicklung und Verbreitung
des Mikrowellenkochgeräts, sondern es kam zu keiner Verbreitung – aufgrund eines anderen
Verlaufs dieser Interaktionen.
7.2 Merkmale der Technologieentwicklung in Japan
Behauptungen wie „Der japanischen Technologie mangelt es an Originalität“ oder „Japaner
sind Nachahmer“ waren oft in den 1980er Jahren zu hören, als japanische Elektrogeräte und
Autos den Weltmarkt eroberten. Jedoch waren diese Behauptungen nicht neu. Seit Mitte des
19. Jahrhunderts begann Japan mit rasanter Geschwindigkeit westliche Technologie zu
absorbieren. Infolgedessen entstand bereits kurz nach 1900 das Bild Japans als Nachahmer
westlicher Technologien, der insbesondere wegen preiswerterer Arbeitskräfte die Produkte
westlicher Industrieländer zu unterbieten vermochte.17 Allgemein bleibt festzuhalten, dass es
Japan hauptsächlich aufgrund günstiger wirtschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen
gelang, den Technologietransfer effizient und schnell zu vollziehen.18
Jedoch endete der japanische Transferprozess nicht mit dem bloßen Nachahmen. Die
Japaner passten die westliche Technologie ihrer eigenen Kultur an und entwickelten diese
Technologie entsprechend weiter. Für diese kreativen Erscheinungen, die nicht mit dem so
genannten „Geniegedanken“ zu verwechseln sind, prägte der Japanologe Erich Pauer den
Begriff „adaptive Kreativität“.19 Dieser Begriff lässt sich am Beispiel der Entwicklung des
kleinen Mikrowellenkochgeräts in Japan illustrieren:
Nach dem Zweiten Weltkrieg war unter Japanern die Sichtweise verbreitet, die
Niederlage Japans als das Ergebnis ihrer Unterlegenheit im Bereich von Wissenschaft und
Technologie zu interpretieren. Damit einher ging die Sichtweise, im Fortschritt von
Wissenschaft und Technologie eine Möglichkeit zu sehen, die westlichen Länder
16 Siehe 6.1.4.
17 Mathias-Pauer 1984.
18 Braun 1992, S.252-254.
19 Kikuchi 1992, S.93; Braun 1992, S.254; E-Mail von Pauer vom 10. April 2006.
7. Fazit 211
wirtschaftlich einzuholen.20 Daher waren japanische Ingenieure sehr motiviert, auf dem
Gebiet moderner Technik die westlichen Länder – vor allem die USA – zu überholen.21 Um
so schnell wie möglich das westliche, technische Niveau zu erreichen, bevorzugten es
japanische Hersteller, die Technologie aus westlichen Ländern zu transferieren anstatt aus
eigener Kraft selbst zu entwickeln.22 Auch die Magnetrontechnologie rezipierten japanische
Ingenieure nach dem Krieg aus den USA auf der Wissensgrundlage eigener
Magnetronforschung während des Kriegs. Vor diesem Hintergrund entwickelten die
japanischen Ingenieure ein neues Magnetron, das eine – nicht auf der Entwicklungslinie der
amerikanischen Technologie liegende – Struktur besitzt und preiswerter sowie
massenproduktionsfähig war. Dieses neue Magnetron ermöglichte letztlich das kleine,
kompakte Mikrowellenkochgerät.
Über diese adaptive Kreativität hinaus führte die hohe Produktionsfähigkeit der
japanischen Hersteller zur Eroberung des Weltmarkts. Anders als in den USA, wo der Staat
viele Gelder und Ressourcen in den militärischen Sektor investierte, konzentrierte sich Japan
auf den privaten Sektor. Japanischen Hersteller investierten in die Produktionstechnik, die
Qualitätskontrolle23 und die produktorientierte Forschung und Entwicklung.
Obwohl die adaptive Kreativität als ein Merkmal japanischen Technologietransfers
betrachtet wird, ist die adaptive Kreativität als Phänomen nicht nur in Japan sondern auch in
anderen Ländern zu beobachten. Zum Beispiel entwickelten die USA bis Anfang der 1940er
Jahre Technologien auf dem Fundament europäischer Grundlagenforschungen. Dies lässt sich
bezüglich der Mikrowellenforschung illustrieren: amerikanische Ingenieure machten das an
der Birmingham University erfundene Hohlraummagnetron qua Modifikation und
Weiterentwicklung massenproduktionsfähig und entwickelten daraus verschiedene Waffen.
Während nach dem Zweiten Weltkrieg unter Japanern die Sichtweise verbreitet war,
dass die Niederlage Japans als das Ergebnis ihrer Unterlegenheit im Bereich von Wissenschaft
und Technologie zu interpretieren sei, existierten durchaus einige „Geniegedanken“ in Japan
währen des Kriegs. Allerdings kamen sie nicht zur erfolgreichen Anwendung. Ein Beispiel24
ist das Hohlraummagnetron, das die japanische Firma JRC im Jahr 1939 – zum ersten Mal in
der Welt – entwickelte. Diese erfolgreiche Erfindung basierte auf der Magnetronforschung,
die sowohl in Japan als auch in den westlichen Ländern in den 1920er Jahren begann. Trotz
20 Nakayama 1995, S. 190-191.
21 Interview mit Aoki im Mai 2002.
22 Moritani 1996, S. 168-169.
23 Die Mikrowellenkochgeräte von den japanischen Herstellern waren zuverlässiger im Vergleich zu den
Geräten der amerikanischen Herstellern. Siehe CR March 1989, S.145 und CR November 1990, S.737.
24 Als weiteres Beispiel lässt sich die Yagi-Uda-Antenne nennen, die Yagi Hidetsugu und Uda Shintarō im
Jahr 1926 erfanden. Die Möglichkeit, sie auch für Radar zu verwenden, wurde jedoch nicht erkannt. Als
Japan im Februar 1942 Singapur besetzte, fand die japanische Armee ein Radar aus Großbritannien und ein
Notizbuch über dieses Radar. In dem englischem Notizbuch fanden Japaner die Erwähnung und
Beschreibung der Yagi-Uda-Antenne. Daraufhin begann man schließlich auch in Japan, die
Yagi-Uda-Antenne für Radar zu verwenden. Sōgō-kenkyū kaihatsu-kikō 1983, S.355; Yagi (Hrsg.) 1997;
NHK shuzai-han (Hrsg.) 1999, S.79.
7. Fazit 212
dieser eigenen Erfindung des Hohlraummagnetrons konnte Japan damit keine wirkungsvolle
Waffe entwickeln und produzieren, während es Großbritannien und den USA gelang, mit dem
in Großbritannien erfundenen Hohlraummagnetron wirkungsvolle Radargeräte im
Zentimeterwellenbereich zu entwickeln. Den Grund für dieses japanische Nichtgelingens
suchten manche japanische Ingenieure nach dem Krieg im Unverständnis und Unvermögen
des japanischen Militärführungsstabs gegenüber der modernen Technologie. Dieser
Erklärungsversuch, letztlich das Militär für derartiges Nichtgelingen verantwortlich zu
machen, ist teilweise auch in Deutschland vertreten. Aber ein noch wichtigerer und
entscheidender Grund bestand darin, dass es an Rohstoff mangelte und die Produktionskraft
sehr niedrig war.25 Japan war damals industriell nicht in einem Zustand, die Technik im
Zentimeterwellenbereich in eine wirkungsvolle Waffe umzusetzen.26 Itō Yōji, die damalige
zentrale Figur der Magnetronforschung, fehlte es an der Fähigkeit, die damalige japanische
Industrieleistung richtig einzuschätzen und aufgrund solcher Einschätzungen ein
angemessenes, realistisches Ziel zu formulieren. Itō war zwar ein weitsichtiger Ingenieur, der
wie die Alliierten die Entwicklung des Radars im Zentimeterwellenbereich als langfristiges
Ziel vor Augen hatte.27 Als Waffenentwickler jedoch war Itō ein Laie.28 Als Wissenschaftler
war er so fasziniert von der Magnetronforschung, dass er sie unter dem Mantel des
Strahlenwaffenprojekts bis zum Kriegsende weiter durchführte, obwohl die Chance sehr
gering war, eine wirkungsvolle Waffe auf Basis des Hohlraummagnetrons zu entwickeln. Itō
nutzte in einer gewissen Form das militärische Projekt (aus), um eigene Interessen zu
verfolgen. Ob er dies absichtlich oder unabsichtlich tat, sei dahingestellt. Anhand dieses
Hohlraummagnetron-Beispiels lassen sich letztlich zwei Schlüsse ziehen: Erstens konnte
Japan mit der eigenen Erfindung des Hohlraummagnetrons keine wirkungsvolle Waffe
entwickeln und produzieren, nicht weil es den japanischen Ingenieuren an Kreativität
mangelte, sondern weil es keine führenden Kräfte gab – weder Militärangehörige noch
Ingenieure – die die Fähigkeit besaßen, die damalige industrielle Lage richtig einzuschätzen
und angemessene Ziele zu formulieren. Zweitens sind Industrieleistung und
Produktionsfähigkeit für die Produktentwicklung einer Erfindung genau so wichtig wie die
Erfindung selbst. Ohne Industrieleistung und Produktionsfähigkeit bleibt eine Erfindung
letztlich ohne Bedeutung.
25 Wegen dieses Mangels an Industrieleistung, an Produktionsfähigkeit und an Rohstoffen hatten
japanische Ingenieure damals sogar Schwierigkeiten, die instabile Telekommunikation auf Basis der
Meterwelle innerhalb der Kriegsschiffe zu verbessern, die wesentlich einfacher als die Anwendung der
Zentimeterwellen-Technik war. Aus gleichen Gründen hatten auch japanische Ingenieure im Jahr 1944
Schwierigkeiten, das Würzburg-Radar mit 50 cm Mikrowelle der Firma Telefunken nachzubauen. Und dies
obwohl der Telefunkeningenieur Heinrich Foders per U-Boot aus Deutschland nach Japan geschickt
worden war und anschließend auch Zeichnungsnunterlagen und Mustergeräte in Japan eintrafen. Foders
1953; Pauer 1992, S.319-320; Yokoyama 1998, S.48-49; Satake 1977, S.590-591; Tamaru 1978, S.233;
Nakajima 1995, S.293-294.
26 Tamaru 1978, S.199.
27 Funabashi 1956, S.50-52.
28 Nawa 1956, S.33; Mori und Yanami 1956, S.59.
7. Fazit 213
7.3 Sind Mikrowellen gefährlich? – Der Umgang mit dem Risiko neuer
Technologien
Seit den 1920er Jahren war das Phänomen bekannt, dass die von Hochfrequenzwellen
bestrahlten Menschen häufig unter Ermüdungserscheinungen und Kopfschmerzen litten.
Daraufhin debattierten Wissenschaftler, wie die Hochfrequenzwelle auf den Menschen wirke.
Die meisten Wissenschaftler argumentierten, dass durch die Bestrahlung von
Hochfrequenzwellen Wärme im menschlichen Körper entsteht (thermischer Effekt) und diese
Wärme letztlich ausschließlich die gesundheitlichen Beschwerden verursacht. Dagegen
vermuteten andere Wissenschaftler, dass die gesundheitlichen Beschwerden nicht nur durch
den thermischen Effekt verursacht werden, sondern darüber hinaus auch durch den
nicht-thermischen Effekt. Als Grund für diese Vermutung führten diese Wissenschaftler
schwache Hochfrequenzwellen an, die nur sehr wenig Wärme im Körper erzeugen können,
d.h. wenig thermischen Effekt vorweisen, dennoch aber hochfrequenz-spezifische Wirkungen
auf den Menschen haben können, d.h. nicht-thermischen Effekt vorweisen – etwa auf das
zentrale Nervensystem des Menschen. Vor diesem Hintergrund begann und entwickelte sich
die Debatte um den nicht-thermischen Effekt, die noch heute geführt wird.
Unabhängig von der genauen Funktionsweise und Beschreibung der Wirkung der
Hochfrequenzwelle auf den Menschen, war deutlich, dass die Hochfrequenzwelle de facto auf
den Menschen wirkt. Zum einen wurde diese bekannte Wirkung zur ärztlichen Behandlung
genutzt (Diathermie). Zum anderen gab es während des Zweiten Weltkriegs Versuche,
Strahlenwaffen zu entwickeln, um auf Basis dieser biologischen Wirkung Menschen zu töten.
Als Mikrowellenradargeräte während des Zweiten Weltkriegs zum Einsatz kamen,
wurde in den USA ein negativer Einfluss auf das Militärpersonal durch die
Mikrowellenbestrahlung befürchtet. Die US Marine sowie die US Armee führten jeweils
gesundheitliche Untersuchungen ihres Personals durch. Beide Untersuchungen kamen zu dem
Schluss, dass man keine Besorgnis zu haben braucht. Allerdings kam es in den USA während
des Kriegs zu mehreren Anweisungen, die vor der starken Exposition von Mikrowellen für
einen längeren Zeitraum warnten. Trotz dieser Warnungen wurde dem Thema der
gesundheitlichen Störung durch Mikrowellenradar wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da das
Radar in erster Linie als nützliche Technik gesehen wurde, das Leben der Amerikaner vor
feindlichen Angriffen zu schützen.
Anstelle der Kurzwellen-Diathermie kam es nach dem Krieg zur Einführung der
Diathermie auf Basis der Mikrowelle. Von 1950 bis Mitte der 1960er Jahre machten die
klinische sowie die experimentellen Forschungen über die Mikrowellen-Diathermie auf dem
Gebiet der Medizin einen großen Fortschritt. Zum einen bietet die Mikrowellen-Diathermie
eine effektive Heilbehandlungsmethode. Zum anderen wurde die Gefahr negativer
Nebenwirkungen wie Katarakt (grauer Star), Schaden an Hoden und Überhitzung des inneren
Körpers thematisiert.
7. Fazit 214
Anfang der 1950er Jahre war die durchschnittliche Leistung eines
Mikrowellenradargeräts etwa tausend Mal höher als während des Kriegs. Zu Beginn der
1950er Jahre wurden sowohl innerhalb des Personals der amerikanischen Luftwaffe als auch
des Personals der Radargeräthersteller Symptome wie innere Blutungen, Leukämie,
Gehirntumor, Gelbsucht und Kopfschmerzen beobachtet.29 Es wurde auf die Möglichkeit
hingewiesen, dass es zwischen diesen gesundheitlichen Störungen und der
Mikrowellenbestrahlung aus einem Radargerät einen Zusammenhang geben könne. Das
amerikanische Militär erkannte die Notwendigkeit, darauf zu reagieren und beschloss, einen
Grenzwert 30 der Mikrowellenbestrahlung einzuführen. 31 Im Jahr 1953 schlug der
Wissenschaftler Herman Schwan 10 mW/cm² als Grenzwert vor. Von 1956 bis 1961 führte
das Militär im Rahmen des Tri-Service Programme in den USA Forschungen über biologische
Effekte der Hochfrequenzwellen durch. Im Jahr 1966 wurde schließlich der Wert 10 mW/cm²
als freiwilliger Standard für das Personal des United States of America Standards Institute
„ANSI C95.1-1966“32 festgelegt.
Im Mai 1967 stellte man in den USA fest, dass aus dem neuen Farbfernseher der
Firma General Electric (GE) Röntgenstrahlen austraten (`lecken´). Jedoch existierte damals in
den USA noch keinerlei Gesetzgebung bzw. Vorschrift, die Bevölkerung vor solchen Strahlen
zu schützen. Daher kam es zu dem Gesetzvorschlag33, das gesamte Spektrum der Strahlungen
zu regulieren, das aus elektrischen Geräten austritt – von Röntgenstrahlen, Hochfrequenz- bis
zu Niederfrequenzwellen.34 Das Austreten der Leckstrahlung aus dem Mikrowellenkochgerät,
dessen Verbreitung damals gerade begann, sollte auch unter dieses Gesetz fallen. Das
Gesundheitsministerium der USA (Department of Health, Education, and Welfare, Abk.
HEW) fand im Januar 1970 durch einige Stichproben heraus, dass bei einem Drittel der
Geräte die Leckstrahlung den freiwilligen Industriestandard für Mikrowellenkochgeräte, den
AHAM35 -Standard, überschritt.36 Zunächst konkretisierte das HEW innerhalb des oben
erwähnten, allgemeinen Gesetzes die provisorische Regel, dass die Leistungsdichte der
Mikrowellenleckstrahlung im Abstand von 5 cm vom Gerät den Wert 10 mW/cm² nicht
überschreiten darf.37 Jedoch verschärfte das HEW schon bald diese Regel durch die
Etablierung eines noch vorsorglicheren Wertes – die maximale Leistungsdichte als 5 mW/cm²
(anstatt von 10 mW/cm²) im Abstand von 5 cm vom Gerät –, obwohl zu diesem Zeitpunkt
29 Steneck 1985, S.33-34.
30 Grenzwerte sind normierte Höchstwerte für Emission oder Immission von Strahlen. Details siehe
Anhang 3.
31 Steneck 1985, S.33-36; Steneck, Cook, Vander und Kane 1980, S.1231.
32 Das United States of America Standards Institute (USASI) wurde im Jahr 1969 in American National
Standards Institute (ANSI) umbenannt.
33 Dieser Gesetzesvorschlag findet sich im Radiation Control for Health and Safety Act of 1968.
34 Steneck 1985, S.122-124.
35 AHAM steht für Association of Home Appliance Manufacturers.
36 NYT January 5, 1970, S.26; Baker 1970.
37 Brown 1970.
7. Fazit 215
keine gesundheitlichen Störungen durch Leckstrahlungen aus Mikrowellenkochgeräten
gemeldet worden waren. Das HEW schloss sich der Position der Umweltschützer an, die
damals in den USA aktiv waren. Das HEW vertrat ebenfalls die Auffassung, dass die
Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten möglicherweise für den Menschenkörper
gefährlich sein könnte. Seit dem Inkrafttreten der Verschärfung der genannten Regel am 6.
Oktober 1971 wurde dieser Grenzwert rechtsverbindlich. Bis auf wenige, anfängliche
Ausnahmen erfüllten die Produkte der Hersteller diesen Grenzwert. Gesundheitliche
Störungen – weder thermische noch nicht-thermische –, die durch die Leckstrahlung aus
Mikrowellenkochgeräten hätten verursacht werden können, wurden bis heute nicht bekannt.
Auch in Japan, die sich die USA als Vorbild nahmen, trat der gleiche Grenzwert am 31.
Dezember 1970 rechtsverbindlich in Kraft.
Seitdem das HEW im Januar 1970 festgestellt hatte, dass bei einem Drittel der
Mikrowellenkochgeräte die Leckstrahlung den freiwilligen Industriestandard überschritt, stieg
das Interesse der amerikanischen Bevölkerung an möglichen biologischen Effekten von
Hochfrequenzwellen. Dieses Interesse der Bevölkerung wurde zusätzlich durch
Medienberichte erhöht. Zum Beispiel enthüllten amerikanische Medien im Jahr 1976, dass
das amerikanische Außenministerium (State Department) verschwiegen hatte, dass die
Sowjetunion das amerikanische Konsulat in Moskau mit Mikrowellen bestrahlt hatte. Zudem
berichteten die Medien, dass geheime Projekte über biologische Effekte der Mikrowelle
durchgeführt worden waren. Vor diesem Hintergrund schätzte ein Teil der Bevölkerung die
Mikrowelle als risikoreich ein.38 Infolgedessen stieg die Anzahl von Klagen gegen Hersteller
von Mikrowellenkochgeräten und Einrichtungen, die Mikrowelle ausstrahlen – wie
beispielsweise Übertragungsstationen für das Fernsehen. 39 Als die amerikanischen
Wissenschaftler Wertheimer und Leeper im Jahr 1979 durch eine epidemiologische Studie auf
den Zusammenhang zwischen Kinderleukämie und Hochspannungsleitung40 hinwiesen,
richtete sich die ohnehin schon vorhandene Besorgnis der Bevölkerung auch auf andere
Frequenzbereiche.41
In den 1970er Jahren stieg nicht nur das Interesse der amerikanischen Bevölkerung
an biologischen Effekten von elektromagnetischen Feldern, sondern auch das Interesse von
Wissenschaftlern in den USA. Im Jahr 1979 wurde in den USA zum Thema biologische
Effekte elektromagnetischer Felder ein Forscherkreis gegründet, die Bioelectromagnetics
Society (Abk. BEMS). Diesen wissenschaftlichen Trend in den USA nahmen japanische
Wissenschaftler wahr und griffen ihre eigenen Forschungen über biologische Effekte
elektromagnetischer Felder wieder auf. Diese Wissenschaftler gründeten seit Beginn der
1980er Jahre mehrere kleine Komitees unter den bereits existierenden Strukturen, den
38 Osepchuk 1998.
39 Steneck 1985, S.218-227; Taki 1989b, S.295.
40 In der Nähe von Hochspannungsleitungen entstehen niederfrequentierte, elektromagnetische Felder.
41 Siehe Wertheimer und Leeper 1979.
7. Fazit 216
wissenschaftlichen Gesellschaften. Eine zentrale Rolle spielten dabei Asami Yoshihiro, der
während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des Strahlenwaffenprojekts des Heers bereits
biologische Forschung betrieben hatte, sowie Saitō Masao von der Tōkyō Universität, der
unter Leitung des amerikanischen Wissenschaftlers Herman Schwan geforscht hatte.42
Schwan selbst hatte bei der Etablierung des Grenzwerts in den USA eine entscheidende Rolle
gespielt. Wissenschaftler wie Asami, die sich bereits während des Kriegs mit biologischen
Effekten der Hochfrequenz im Rahmen militärischer Geheimprojekte beschäftigt hatten,
befürchteten wegen ihrer Forschung während des Kriegs zur Rechenschaft gezogen werden
zu können. Deshalb unterbrachen sie ihre Forschung bis in die 1980er Jahre. Daher existiert
keine unmittelbare Kontinuität zwischen den Forschungen, die während des Kriegs im
Rahmen der Militärprojekte betrieben worden waren, und denjenigen Forschungen, die in den
1980er Jahren in Japan wieder aufgegriffen wurden. Trotz dieser Nicht-Kontinuität konnten
mit den zuerst genannten Forschungen während des Kriegs Rahmenbedingungen für die
späteren Forschungen geschaffen werden.
Dank des wachsenden Interesses von Wissenschaftlern in den 1970er Jahren gab es
auf verschiedenen Gebieten Fortschritte, vor allem im Bereich der von Meßmethoden und
Messtechniken. 43 Diese Fortschritte in den 1970er Jahren führten zu einer großen
Veränderung des amerikanischen Standards in den 1980er Jahren. Erstens wurde als Einheit
für die Exposition statt der Leistungsdichte auf die Haut „mW/cm²“ die tatsächlich vom
Körper absorbierte Energie SAR (Specific Absorption Rate) „W/Kg“ eingeführt.44. Auf Basis
der SAR lässt sich besser der thermische Effekt der Exposition einschätzen. Zweitens wurden
je nach Frequenz unterschiedliche Grenzwerte eingeführt. Bis dato war bloß ein Grenzwert
für alle Frequenzbereiche gültig gewesen.45 Durch Studien wurde herausgearbeitet, dass die
biologischen Effekte abhängig von der jeweiligen Frequenz auftreten. Daher kam es zur
Einführung frequenzabhängiger Grenzwerte. Drittens wurden zwei verschiedene Grenzwerte
für die jeweiligen Frequenzbereiche eingeführt – einer für diejenigen Personen, die täglich
beruflich damit zu tun haben, der andere für die allgemeine Bevölkerung. Seit der zweiten
Hälfte der 1970er Jahren begannen verschiedene Industrieländer und internationale
Organisationen, gesundheitliche Standards für nicht-ionisierende Strahlen einzuführen. Heute
geht die Tendenz dahin, diese verschiedenen Standards zu harmonisieren.
Oft wird vermutet, ein technisches Produkt werde erst auf den Markt gebracht, nachdem die
Sicherheit des Produkts einigermaßen gewährleistet sei. Jedoch war dies nicht immer der Fall.
Ohne die langfristigen Effekte der schwachen Hochfrequenz auf den Menschen eindeutig
geklärt zu haben, verbreiteten sich rasch täglich genutzte Gebrauchsgegenstände, die
42 Asami 1986 und Saitō 1986.
43 Dodge und Glaser 1977, S.319.
44 Johnson 1975.
45 Taki 1989a, .S.237.
7. Fazit 217
Hochfrequenzwellen emittieren.46 Anschließend wurde oft die Sicherheit der jeweiligen
Gegenstände in Frage gestellt. Um diese Zweifel auszuschließen, stieß der jeweilige
Produzent wissenschaftliche Forschungen an, um heraus zu finden, ob sein jeweiliges Produkt
negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen hat. Zur Zeit des Zweiten
Weltkriegs und des Kalten Kriegs war der entscheidende Finanzgeber von Forschungen über
biologische Effekte der Hochfrequenzwelle das Militär, das an Waffen wie beispielsweise
Radargeräten interessiert war, die Hochfrequenzwellen ausstrahlen. Heute sind die
Mobilfunkindustrie und unterschiedliche Regierungen der Sponsor dieser Forschungen, die an
einem Ausgleich der Streitigkeiten um Mobiltelefon und Sendemasten interessiert sind.
Die Gefahr vor negativen Auswirkungen auf die Gesundheit durch den Gebrauch von
Hochfrequenz-emittierenden Gegenständen wie dem Mobilfunkgerät kann man jedoch heute
nicht naturwissenschaftlich ausschließen. In der Vergangenheit wurde das Risiko mehrmals in
der Öffentlichkeit thematisiert, das durch die Verwendung derartiger Gegenstände entstehen
kann. Zum Umgang mit diesem Risiko wurden bis heute mehrere Maßnahmen durchgeführt,
auch außerhalb des rein naturwissenschaftlichen Wegs:
Eine erste solche Maßnahme besteht in der Einführung eines Grenzwertes. Ein
konkretes Beispiel ist der Grenzwert der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten im Jahr
1970. Allerdings stellt ein Grenzwert einen normierten Höchstwert für die Emission oder
Immission von Strahlen dar. Ein Grenzwert basiert auf `harter´ Wissenschaft zum jeweiligen
Zeitpunkt, d.h. umstrittene Forschungsergebnisse bzw. ungeklärte Forschungsfragen werden
nicht betrachtet. Somit ist es in keiner Weise wissenschaftlich hundert prozentig
ausgeschlossen, dass unterhalb des jeweiligen Grenzwerts nicht doch ein negativer
gesundheitlicher Effekt auftreten kann. Demnach stellt ein Grenzwert keinen absoluten,
wissenschaftlichen Maßstab für Sicherheit dar, sondern nur einen politisch entschiedenen,
sozialen Maßstab.47 Dennoch vertrauen die meisten Verbraucher einem Grenzwert, da er von
einer Autorität wie beispielsweise einer Regierung festgesetzt und eingeführt wird. Die
meisten Verbraucher kaufen das Produkt, das den Grenzwert erfüllt.
Der Zweck der Einführung eines Grenzwertes war nicht immer zum Schutz der
Gesundheit der Bevölkerung gedacht. Manchmal wurde ein Grenzwert auch als Mittel zur
„Werbung“ genutzt, um die Sicherheit eines Produkts zu bestätigen. In dem Moment, in dem
die Sicherheit eines Produkts in Frage gestellt wurde, war die Industrie manchmal besonders
an der Einführung eines Grenzwerts interessiert. Zudem kam es in der Vergangenheit zur
Einführung einiger strenger Grenzwerte, um den Import ausländischer Güter zu blockieren
(ein Beispiel ist der Grenzwert für PKW-Abgase in den USA) oder um den Export zu fördern
46 Zum Beispiel gibt es bis heute unter Wissenschaftler keine einhellige Meinung über die langfristigen
Effekte der schwachen Mikrowelle aus Mobiltelefonen und aus Sendemasten. Ohne jedoch die
langfristigen gesundheitlichen Schäden ausgeschlossen zu haben, verbreitet sich heute das Mobiltelefon
weltweit.
47 Bereits in den 1960er Jahren wies der japanische Physiker Taketani Mitsuo darauf hin, dass es sich bei
einem Grenzwert um einen sozialen Begriff handelt. Siehe Taketani 1967.
7. Fazit 218
(ein Beispiel hierfür ist der Grenzwert der Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräten in
Japan). Aber eine derartige Handelspolitik ist seit dem Inkrafttreten des GATT Standards
Code (Agreement on Technical Barriers to Trade) in Mai 1980 nicht mehr möglich.48 Die
Tendenz geht dahin, Grenzwerte international zu harmonisieren.
Eine zweite Maßnahme, außerhalb des rein naturwissenschaftlichen Wegs mit dem
Risiko umzugehen besteht in der Aufklärung der Verbraucher – wie sich an folgendem
Beispiel zeigen lässt. Als Ausgangspunkt der gesundheitlichen Debatte bezüglich
Mikrowellentechnologie in den 1970er und 1980er Jahren in den USA sah die amerikanische
Mikrowellenindustrie die Verständnislosigkeit der Verbraucher gegenüber den Produkten bzw.
den blinden Glauben der Verbraucher bezüglich Schreckensmeldungen, die in den Medien
verbreitet wurden. Mit dem Ziel, die Verbraucher aufzuklären, gründete die Industrie
Organisationen wie COMAR (Committee on Man and Radiation) und EEPA (Electromagnetic
Energy Policy Alliance, heutigeElectromagnetic Energy Association (Abk. EEA)). Zwar ist
es erwünscht, die Verbraucher zu informieren, aber ist es nicht immer einfach, sachliche
Informationen zu bieten, insbesondere wenn das Thema wissenschaftlich umstritten ist. Ein
Unterschied zwischen bestimmten „Aufklärungsaktivitäten“ der Industrie und reinen
Werbeaktionen war manchmal kaum erkennbar. Allerdings stellte die größte
Informationsquelle nicht die Industrie dar, sondern die Medien. Die Medien machten zwar die
Bevölkerung auf die potentielle Gefahr nicht-ionisierender Strahlung aufmerksam, doch ein
großer Teil der Medienberichterstattung bestand in erster Linie aus Horrormeldungen und
zeugte von Unsachlichkeit.
Die Anwendung von Vorsichtsmaßnahmen in Bezug auf den Gebrauch bestimmter
Technologien stellt eine dritte Möglichkeit dar, außerhalb des rein naturwissenschaftlichen
Wegs mit dem Risiko umzugehen. In Bezug auf elektromagnetische Felder schlugen im Jahr
1989 die Wissenschaftler Morgan, Florig und Nair von der Carnegie Mellon University in den
USA unter dem Motto „prudent avoidance (Umsichtige Vermeidung)“ einen vorsichtigeren
Umgang mit der Hochspannung von Wechselstrom vor. Gemäß „prudent avoidance“ ist es
sinnvoll, durch preiswerte Maßnahmen elektromagnetische Felder möglichst entfernt von
Menschen zu belassen, wie zum Beispiel die Änderung einer geplanten Route von
Hochspannungsleitungen. Diese „prudent avoidance“ wurde als freiwillige Maßnahme in
Australien, Schweden und in den USA eingeführt.49 Ferner wurde seit dem Jahr 1980 das
„Vorsorgeprinzip“ in politischen Agenden und in internationalen, europäischen Abkommen
eingeführt. Das Vorsorgeprinzip befürwortet, provisorische Maßnahmen zur Minimierung
vorhandener Risikos zu ergreifen, ohne abzuwarten, bis ein potentieller Schaden
wissenschaftlich bewiesen worden ist bzw. tatsächlich eingetreten ist. Das Vorsorgeprinzip
zielt somit auf die Anwendungen neuer Technologien, die eventuell einen
48 Nakamura 1988, S.112.
49 Nagase-Reimer 2003, S.83; WHO 2000.
7. Fazit 219
unwiederbringlichen Verlust der Umwelt bedeuten sowie die Gesundheit in der Zukunft
gefährden können. 50 Im Rahmen des Vorsorgeprinzips empfahl der Europäische Rat,
strahlungsarme, wirtschaftlich alternative Technologien zu fördern und dadurch die Belastung
der Bevölkerung zu minimieren. Auch die Strahlenschutzkommission empfahl eine
Minimierung der Exposition durch elektromagnetische Felder, solange es technisch und
wirtschaftlich vertretbar ist.51 Allerdings besteht eine Schwierigkeit bei der Anwendung des
Vorsorgeprinzips auf die Entscheidung eines Grenzwerts. Die Schwierigkeit besteht darin zu
entscheiden, welche Hinweise, die wissenschaftlich nicht eindeutig bewiesen wurden bzw.
geklärt sind, als Signal für die potentielle Gefahr einzustufen. Im Unterschied zur Politik hat
die Industrie zu derartigen Vorsichtsmaßnahmen eine kritischere Einstellung. Ein Großteil der
Industrie ist der Meinung, dass Hinweise, die wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt bzw.
bewiesen wurden, zu ignorieren und somit die Technologie maximal nutzen zu können.
Eine vierte Maßnahme, außerhalb des rein naturwissenschaftlichen Wegs mit dem
Risiko umzugehen, besteht in der Praktizierung der in den 1990er Jahren entstandenen
„Risikokommunikation“. Das Risiko, das die Verbraucher wahrnehmen, entspricht nicht
immer dem Risiko, das risikowissenschaftlich formuliert wird.52 Die Risikokommunikation
zielt darauf, diese Kluft durch die Kommunikation mit den Verbrauchern zu schließen – zum
Beispiel durch die Öffnung des Zugangs zu Informationen und durch die Beteiligung der
Verbraucher an bestimmten Entscheidungen. Die Risikokommunikation weist eine
Gemeinsamkeit mit dem Vorschlag des amerikanischen Historikers Steneck in den 1980er
Jahren auf, dass auch die nicht-naturwissenschaftlichen Faktoren ernst zu nehmen und auch
Nicht-Naturwissenschaftler bei Entscheidungen zu beteiligen sind. Steneck kritisierte damals,
dass man in den USA bei der Entscheidung eines Grenzwerts einen zu großen Schwerpunkt
auf die Naturwissenschaften legte und zu wenig auf gesellschaftliche Faktoren achtete.
Steneck betonte die Notwendigkeit, nicht nur Naturwissenschaftler an Entscheidungen von
Grenzwerten teilnehmen zu lassen, sondern auch Sozialwissenschaftler und die
Bevölkerung.53 Trotz dieser Gemeinsamkeit besteht ein großer Unterschied zwischen der
Risikokommunikation einerseits und dem Gedanken von Steneck andererseits. Steneck setzte
eine klare Priorität auf die Sicherung der Gesundheit und der Umwelt, vor allen anderen
Faktoren. Dagegen wird in der Risikowissenschaft, zu der die Risikokommunikation gehört,
die Sicherheit der Gesundheit und der Umwelt nur als eines von mehreren
Entscheidungskriterien betrachtet. In der Tat wird die Risikokommunikation oft als Mittel
eingesetzt, die Bevölkerung zu überzeugen, dass das wissenschaftlich abgeschätzte Risiko
klein genug ist. Anders ausgedrückt, die Bevölkerung solle keine Sorge haben, solange die
50 Nagase-Reimer 2003, S.83; WHO 2000.
51 Nagase-Reimer 2003, S. 91; Neitzke und Voigt 2000, S.12; Strahlenschutzkommission 2001, S. 16-17.
52 Kikkawa 2000, S.79-82.
53 Steneck 1985, S.229-243. Einen ähnlichen Gedanken formulierte auch der japanische Physiker Taketani
Mistuo. Siehe Taketani 1967.
7. Fazit 220
Sorge naturwissenschaftlich nicht eindeutig geklärt bzw. bestätigt ist.54
Wie die Geschichte des Mikrowellenkochgeräts zeigt, wurde der Verlauf der
Entwicklung sowie die Anwendung einer Technologie durch die Interaktionen zwischen
verschiedenen Akteuren bestimmt. Daher kann das Problem des Umgangs mit einer neuen
Technologie nur durch die Kommunikationen zwischen allen Akteuren gelöst werden. Es ist
nicht möglich, allein durch den Fortschritt in der Naturwissenschaft oder durch die
Risikokommunikation das Problem zu lösen. Die gegenwärtige Tendenz geht in die Richtung,
eine nachhaltige Gesellschaft zu konstruieren, neue Technologien sachlich abzuschätzen, ihre
Risiken frühzeitig zu erkennen und die informierte Bevölkerung an Entscheidungen zu
beteiligen. Es spricht daher viel dafür, dass die Öffentlichkeit im Rahmen dieser Interaktionen
künftig eine immer größere Rolle spielen wird.
54 Yoshioka 2003, S.15.
Anhang 221
Anhang
Anhang 1 Magnetron
Das Magnetron ist eine Elektronenröhre zur Erzeugung von Mikrowellen. Das Magnetron
besteht aus einer walzenförmigen Kathode im Zentrum, die von einem zylinderförmigen
Anodenblock umschlossen ist. Im Innenbereich des Anodenblocks befinden sich
frequenzbestimmende Resonatoren – beispielsweise Schlitze, Hohlräume oder Segmente.1 In
der vorliegenden Arbeit wird das Magnetron mit solchen Resonatoren – unabhängig von der
spezifischen Form dieses Resonators – als „Hohlraummagnetron“ bezeichnet (im Englischen
spricht man vomcavity magnetron, siehe Abbildung 41)“.
Abbildung 41 Durchschnittsansicht eines Hohlraummagnetrons (Wakamatsu 1992, S.17).
Wenn die Kathode genügend erhitzt ist, emittiert sie Elektronen. Liegt eine Spannung
zwischen Anode und Kathode an, werden aufgrund des elektrischen Feldes zwischen der
Anode und der Kathode Elektronen beschleunigt, die sich in die Richtung Anode bewegen.
Wenn das Magnetfeld parallel zur Kathodenachse angelegt wird, werden die Elektronen
aufgrund der Lorentzkraft von ihrer radialen Bahn spiralförmig abgelenkt. Bei einem
schwachen Magnetfeld verlaufen die Elektronen beispielsweise auf einer Bahn A (vgl.
Abbildung 42) und erreichen die Anode. Bei einem starken Magnetfeld jedoch verlaufen die
Elektronen beispielsweise auf einer Bahn C (vgl. Abbildung 42) und kehren wieder zur
Kathode zurück. Nicht nur das Magnetfeld sondern auch die Anodenspannung kann die
Bewegungen der Elektronen beeinflussen. Bei hoher Anodenspannung kommt es zum
Stromfluss.
1 Bezüglich verschiedener Formen von Resonatoren siehe Abbildung 1-15.
Anhang 222
Abbildung 42 Bahn eines Elektrons bei verschiedener Stärke des Magnetfelds
(Wakamatsu 1992, S.19).
Durch die Anregung der Elektronen, die sich von der Kathode in Richtung Anode
bewegen, entstehen elektromagnetische Schwingungen in den Hohlraumresonatoren. Wenn
man die Anodenspannung und das Magnetfeld richtig einstellt, können die Schwingungen
fortbestehen. Einer der Hohlraumresonatoren ist mit einer Kopplungsschleife oder einem
Hohlleiter verbunden (vgl. Abbildung 41), über den die erzeugte Mikrowellenenergie
entnommen werden kann.2
2 Wakamatsu 1992, S.17-19 und Wikipedia „Magnetron“ http://de.wikipedia.org/wiki/Magnetron (Letzter
Zugriff am 06.11.2005).
Anhang 223
Anhang 2 Klystron
Das Klystron ist eine Elektronenröhre, die Hochfrequenzwellen erzeugt bzw. verstärkt
(Abbildung 43). Im Unterschied zum Magnetron, das die Raumladung ausnutzt, nutzt das
Klystron die Laufzeit der Elektronen aus. Ein im Vakuum erzeugter Elektronenstrom
durchläuft ein mit einem Signal gespeisten Hohlraumresonator. Dabei erfährt dieser
Elektronenstrom eine Geschwindigkeitsmodulation durch ein hochfrequentes Wechselfeld.
Nach einer bestimmten Laufzeit erreicht der später erzeugte, schnellere Elektronenstrom den
vorher erzeugten, langsamen Elektronenstrom. Daraus entsteht eine Dichtemodulation. Ein
Teil der Energie des Elektronenstroms kann beim letzten Resonator als Hochfrequenzenergie
entnommen werden.3
Die Geschwister Russell H. Varian und Sigurd F. Varian von der Stanford University
werden im Allgemeinen als Erfinder des Klystrons angesehen.
Abbildung 43 Prinzip des Klystrons (Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi
kenkyū-kai (Hrsg.) 1987; 189).
3 Shōgakukan 1996, Stichwort „kuraisutoron“; Nihon denshi kikai kōgyōkai denshikan-shi kenkyū-kai
(Hrsg.) 1987; 189; Wikipedia „Klystron“ http://de.wikipedia.org/wiki/Klystron (Letzter Zugriff am
06.11.2005).
Anhang 224
Anhang 3 Grenzwerte
Grenzwerte haben verschiedene rechtliche Auswirkungen auf die Gesellschaft und basieren
auf verschiedenen Prinzipien. In dieser Arbeit wird wie folgt definiert:
Grenzwerte:
Grenzwerte sind normierte Höchstwerte für die Emission oder Immission (Exposition) von
Strahlungen, Schadstoffen und Lärm.4 Grenzwerte sollen sowohl die Bevölkerung als auch
die Umwelt vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen schützen. Grenzwerte unterscheiden
sich in Bezug auf ihre rechtlichen Auswirkungen.
Empfehlungswert Ein Richtwert, der Empfehlungscharakter hat, also freiwillig befolgt werden kann.
Normwert Eine Norm ist eine Vereinbarung der Industrie. Sie wird üblicherweise von
Organisationen festgesetzt, die auf dem Gebiet der Technik arbeiten. Mit der
Normierung verfolgt die Industrie das Ziel, eine hohe Qualität, hohe Produktivität
und geringe Produktionskosten zu erreichen. Irrtümlicherweise wird oft
angenommen, dass Normen Gesetzesqualität besäßen, jedoch ist dies nicht der Fall.
Beispielsweise handelt es sich bei der Deutschen Industrie-Norm (DIN) um kein
Gesetz, sondern eine allgemein anerkannte Regel. Diese Regel gilt allerdings nur bis
zum Beweis des Gegenteils, d.h. die Norm kann zu Fall gebracht werden, sobald der
Nachweis erbracht wurde, dass ihre Werte zu hoch bzw. zu niedrig festgelegt
wurden. Eine Norm wird meistens vereinbart, nachdem ein entsprechendes Produkt
entwickelt worden ist. Daher wird üblicherweise kein Normwert vereinbart, der
gegen das Produkt verstößt.5
Grenzwert mit
Rechtsverbindlich-
keit
Hierbei handelt es sich um gesetzlich vorgeschriebene Grenzwerte, die nicht
überschritten werden dürfen. Ein Beispiel dafür ist die im Jahr 1997 erlassene so
genannte Elektrosmog-Verordnung (26. BimSchV).
Prinzipien:
Die Festsetzung der oben genannten Grenzwerte basiert auf verschiedenen Prinzipien.
Welches Prinzip zur Anwendung kommt, wird je nach Zusammenhang von Emission und
Immission (Exposition) einerseits und Gesundheitsschäden anderseits entschieden.
Schwellenwert-
Prinzip
Ein Schwellenwert ist so definiert, dass eine Exposition oberhalb dieses Werts eine
schädliche Auswirkung hat, während eine Exposition unterhalb dieses Werts gefahrlos
4 Katalyse Institut (Hrsg.) 2002, S.110.
5 Katalyse Institut (Hrsg.) 2002, S.110.
Anhang 225
ist. Mit anderen Worten: Wenn der gemessene Wert einer Strahlung über dem
Schwellenwert liegt, dann stellt diese Strahlung ein Gesundheitsrisiko dar. Wenn die
Exposition unter dem Schwellenwert liegt, dann ist die Exposition gesundheitlich
unbedenklich. Um den jeweiligen Schwellenwert herauszufinden, führt man
verschiedene Tierexperimente und epidemiologische Studien durch. Durch diese
Experimente und Studien lässt sich erstens die höchste Exposition herausfinden, die zu
keinen erkennbaren und messbaren schädlichen Auswirkungen führt. Dieser Wert wird
NOAEL (Not Observed Adverse Effect Level) genannt. Zweitens lässt sich die
niedrigste Exposition herausfinden, bei der noch gesundheitsschädliche Auswirkungen
beobachtet werden können. Dieser Wert wird LOAEL (Lowest Observed Adverse Effect
Level) genannt. Zwischen den beiden Werten NOAEL und LOAEL liegt der jeweilige
Schwellenwert.6
Die Festsetzung eines Grenzwerts geschieht auf Basis des Schwellenwerts,
wenn die folgenden zwei Bedingungen erfüllt sind: Erstens hat die Exposition
unterhalb des Schwellenwerts keine schädlichen Auswirkungen. Was zweitens die
Exposition oberhalb dieses Schwellenwerts betrifft, steht sie in einem proportionalen
Verhältnis zur Wirkung, d.h. je höher die Exposition ist, desto stärker ist ihre Wirkung.
In der Praxis ist ein echter Schwellenwert nicht messbar. Stattdessen setzt man daher
einen Grenzwert fest, der auf NOAEL basiert. Ein idealer NOAEL wird durch eine
Vielzahl von Untersuchungen über langfristige Auswirkungen der Exposition auf eine
große Anzahl von Menschen inklusive Kindern und älteren Menschen gewonnen.
Dennoch ist ein NOAEL, der in der Praxis gewonnen wird, mit einer großen
Ungewissheit behaftet: Da in der Realität erstens Menschenversuche nicht
durchgeführt werden, stützt man sich stattdessen auf Tierversuche, und überträgt die
gewonnenen Ergebnisse auf die Situation von Menschen – eine Transferleistung, die
nicht einfach ist und Ungenauigkeiten impliziert. Zweitens ist es schwierig, langfristige
Effekte überhaupt beobachten zu können. Denn oft beobachtet man nur kurzfristige
Auswirkungen und gibt auf dieser Basis eine Einschätzung der langfristigen
Auswirkungen. Darüber hinaus ist es drittens schwierig, Daten einer großen Anzahl
von Versuchstieren bzw. Probanden zu sammeln.7
Diese Ungewissheiten eines praktisch gewonnenen NOAEL lassen sich
durch die Einführung eines Sicherheitsfaktors kompensieren. Zum Beispiel schätzte
man in den USA im Jahr 1953 den NOAEL der Mikrowellenbestrahlung auf den Wert
100 mW/cm². Während die US Marine einen Sicherheitsfaktor von 10 einführte und
somit auf einen Grenzwert von 10 mW/cm² kam, fanden die Bell Telefphone
Laboratories einen Sicherheitsfaktor von 1000 angemessen und kamen daher zu einem
6 Gamō 2002, S.990-991.
7 Gamō 2002, S.990-991 und Nagase-Reimer 2003, S.81-82.
8 Details dazu siehe 2.3.2.
Anhang 226
firminternen Grenzwert von 0.1 mW/cm².8 Allgemein lässt sich somit festhalten, dass
je höher der Sicherheitsfaktor ist, desto mehr Schutz bietet der – sich verkleinernde –
Grenzwert.
ALARA-Prinzip ALARA steht als Abkürzung für “As Low As Reasonably Achievable”. Die Festsetzung
eines Grenzwerts geschieht auf Basis dieses Prinzips, wenn die folgenden zwei
Bedingungen erfüllt werden: Zum einen gibt es keinen Schwellenwert. Zum anderen
gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Gesundheitsrisiko einerseits und
der Exposition andererseits. Es wurde seit Mitte der 1950er Jahre vorgeschlagen, dass
ALARA-Prinzip zum Schutz vor ionisierender Strahlung anzuwenden.9
In Bezug auf die nicht-ionisierende Strahlung wurde bisher kein Grenzwert
festgelegt, der auf diesem ALARA-Prinzip basiert. Denn ein kausaler Zusammenhang
zwischen dem Gesundheitsrisiko einerseits und der niedrigen Exposition andererseits
wurde bislang nicht nachgewiesen.10
Prudent
Avoidance
Prudent Avoidance (Umsichtige Vermeidung) wurde ursprünglich als eine
Risikomanagement-Strategie für elektromagnetische Felder von
Hochspannungsleitungen von Dr. Morgan, Dr. Florig und Dr. Nair der Carnegie Mellon
University in den USA vorgeschlagen. Im Jahr 1989 definierten diese Wissenschaftler
in ihrem Bericht an das US Office of Technology Assessment Prudent Avoidance als
taking steps to keep people out of fields by rerouting facilities and redesigning
electrical systems and appliances“. Diese Strategie ist insofern als umsichtig zu
charakterisieren, als dass eine Vorbeugungsmaßnahme ergriffen wird, die geringe
Kosten produziert.11
Seitdem wird unter Prudent Avoidance das Ergreifen einer einfachen und
preiswerten Maßnahme verstanden, um die Exposition zu reduzieren, auch wenn kein
vollständiger Nachweis über das Risiko vorliegt. In Bezug auf neue
Hochspannungsleitungen wurde die Prudent Avoidance teilweise in Australien, in
Schweden und in einigen Staaten der USA angewendet.12
Vorsorgeprinzip Das Vorsorgeprinzip ist eine Maßnahme, Risiko zu managen. Es wird in Situationen
mit einem hohen Maß wissenschaftlicher Unsicherheit angewendet. Die Anwendung
reflektiert die Notwendigkeit, Maßnahmen gegen ein potenzielles hohes Risiko zu
ergreifen, ohne Resultate wissenschaftlicher Forschung abzuwarten. Diese Maßnahme
basiert nicht allein auf der Risikoerforschung zur Gesundheit und Umwelt, sondern
auch auf Kostenabschätzungen (cost-benefit analysis) für den Fall der Durchführung
bzw. der Nichtdurchführung dieser Maßnahme. Seit den 1980er Jahren begann man
dieses Prinzip in Europa einzuführen. Als ein Beispiel lässt sich die Entscheidung der
9 Denki-gakkai 1998, S.77; WHO 2000; Ogino 2002, S.146-147; Nagase-Reimer 2003, S.82.
10 WHO 2000.
11 WHO 2000.
12 WHO 2000.
Anhang 227
Europäischen Kommission über das Verbot von Rinderfleischimport aus
Großbritannien nennen, mit der das Risiko von BSE eingeschränkt werden sollte.13
13 European Environment Agency (EEA) 2001, S.14; WHO 2000; Ogino 2002, S.157.
Anhang 228
Anhang 4 Für die Leckstrahlung aus Mikrowellenkochgeräte relevante
Grenzwerte
ANSI C95.1-1966 (USA Standard Safety Level of Electromagnetic Radiation with
Respect to Personnel)14
For normal environmental conditions and for incident electromagnetic energy of frequencies
from 10 MHz to 100 GHz, the radiation protection guide is 10 mW/ cm² as averaged over any
possible 0.1 hour period. This means the following:
Power Density: 10 mW/cm² for periods of 0.1 hour or more
Energy Density: 1 mWh/cm² during any 0.1-hour period
This guide applies whether the radiation is continuous or intermittent.
Bemerkungen:
1. Diese Normwerte sind für die Exposition ganzer Körper gedacht.15
2. Diese Normwerte gelten nicht für die normale Bevölkerung, sondern für Angestellte, die
den Mikrowellen qua Beruf täglich ausgesetzt sind.16
3. Bei den oben genannten Normwerten handelt es sich um durchschnittliche Werte von 0,1
Stunden (6 Minuten). Im allgemein geht man davon aus, dass die – durch die Exposition
von Mikrowellen verursachte – Körpertemperatur innerhalb von ca. 6 Minuten einen
stabilen Zustand erreicht.
4. Diese Norm legt keine Obergrenze für die Leistungsdichte fest. Zum Beispiel ist eine
Bestrahlung von 100 mW/cm² für 36 Sekunden (0,01 Stunde) erlaubt.17
5. Diese Norm wurde im Jahr 1974 revidiert.18
AHAM Standard für das Mikrowellenkochgerät19
Power density should be under 10 mW/cm² to a distance of 5 cm from the surface of the oven
under standard condition (275 cc water load, etc.).
UL-Standard (Stand Januar 1970)20
14 Johnson 1973, S.384.
15 Osepchuk 1978a, S.13-14.
16 Osepchuk 1978a, S.13-14.
17 Michaelson 1969, S.117-118.
18 Osepchuk 1978a, S.13-14.
19 McConnell, Foerstner und Bucksbaum 1970, S.183.
20 Siehe GS Juni 1970, S.7. Originalunterlagen sind nicht mehr vorhanden. E-Mail von Burk (Underwriters
Anhang 229
1. Die Leistungsdichte soll im Abstand von 5 bis 30 cm von der Oberfläche des Geräts 10
mW/cm² nicht überschreiten.
2. Die Leistungsdichte soll auch für diejenige Situation nicht 10 mW/cm² überschreiten, in der
die Tür in einer Stellung befestigt ist, in der das Mikrowellenkochgerät eingeschaltet werden
kann.
JEM-Norm (1969)21
Prüfung zur Mikrowellenleckstrahlung:
1. Die Leistungsdichte soll an allen Stellen der Gerätsoberfläche 10 mW/cm² nicht
überschreiten.
2. Die aufgrund des Mikrowellenkochgeräts entstehende elektrische Feldstärke soll den
bewilligten Wert nicht überschreiten, der in §65 der Regel für Funkanlagen (Musen setsubi
kisoku) aus dem Jahr 1950 vorgeschrieben worden ist.
HEW-Standarderlassen am 06.10.197022
Part 1030 – Performance Standards for Microwave and Radio Frequency Emitting Products
§1030.10 Microwave Oven
(c) Requirements –
(1) Power density limit. The power density of the microwave radiation emitted by a
microwave oven shall not exceed one (1) milliwatt per square centimeter at any point 5
centimeters or more from the external surface of the oven, measured prior to acquisition by a
purchaser, and thereafter, 5 milliwatts per square centimeter at any point 5 centimeters or
more from the external surface of the oven.
(3) Measurements and test conditions.
(i) Compliance with the power density limit in this paragraph shall be determined
by measurements of microwave power density made with an instrument system which (a)
reaches 90 percent of its steady-state reading within 3 seconds when the system is subjected
to a stepped input signal and which (b) has a radiation detector with an effective aperture of
Laboratories Inc.) vom 2. April 2003.
21 Nihon denki kōgyō-kai (JEMA) 1969, S.7-8.
22 U.S. Department of Health, Education, and Welfare, Public Health Service, Food and Drug
Administration, Bureau of Radiological Health 1971.
Anhang 230
25 square centimeters or less as measured in a plane wave, …
(iii) Measurements shall be made with the microwave oven operating at its
maximum output and containing a load of 275±15 milliliters of tap water initially at 20°±5°
centigrade placed within the cavity at the center of the load-carrying surface provided by the
manufacturer. …
(iv) Measurements shall be made with the door fully closed as well as with the
door fixed in any other position which allows the oven to operate.
Ministerialerlass des MITI (30. Juni 1970)23
Im Abstand von 5 cm vom Gerät soll die Leistungsdichte die folgenden Werte nicht
überschreiten:
(a) 1 mW/cm² bei geschlossener Tür.
(b) 5 mW/ cm² für diejenige Situation, in der die Tür einen Spalt geöffnet ist und das
Mikrowellenkochgerät noch eingeschaltet werden kann.
Nach 100.000 maligem Öffnen24 der Tür:
5 mW/ cm² bei (a) sowie (b).
23 Kanpō dai 13058 gō (Amtsblatt Nr. 13058), 30. Juni 1970.
24 100.000 maligem Öffnen der Tür entspricht ungefähr die Nutzung eines Mikrowellenkochgeräts für
zehn Jahren.
Anhang 231
Anhang 5 Veränderung des Mikrowellenkochgeräts25
Jahr Beschreibung Preis (Yen) Leistung Energie-
verbrauch
1961 Einführung des Mikrowellenkochgeräts für den
Gastronomiebetrieb auf dem japanischen Markt.
1600 W 5000 W
1964 Einrichtung von Mikrowellenkochgeräten im
Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen (bullet train).
ca. 300.000
1965 Einführung des Mikrowellenkochgeräts für den
normalen Haushalt auf dem japanischen Markt.
680 W 1600 W
1966 Einführung des Drehtellers.
Beginn der Preisreduzierung.
ca. 200.000 600 W 1400 W
Einführung von Türen mit Schnappriegel. 1970
Möglichkeit zweier Leistungsstufen.
1971 Einführung der Funktion des Auftauens.
Möglichkeit einer seitlichen Türöffnung. ca. 80.000 1972
Einführung eines Heizgeräts mit Infrarotstrahlung zur
Bräunung von Lebensmitteln.
ca. 130.000 600 W 1350 W
1973 Entwicklung energiesparsamer Geräte. 600 W 1100 W
Einführung verschiedener Leistungsstufen und
Entwicklung unterschiedlicher Software.
ca. 120.000 1974
Einführung eines Mikrowellenkochgeräts auf dem
japanischen Markt, das in den Kühlschrank integriert
war.26
1975 Entwicklung eines Geräts mit niedrigem
Energieverbrauch.
300 W 600 W
Einführung eines preiswerteren Geräts . 60.000 400 W 790 W
Entwicklung eines Geräts mit Thermosensor, Beginn
der Automatisierung.
116.000 600 W 1130 W
Zur Vereinfachung der Reinigung kam es zur
Entwicklung eines Drehtellers, der durch
magnetische Felder bewegt wird.
1976
Möglichkeit Eintopfgerichte zu kochen. 120.000
1977 Einführung und Integration eines Mikrocomputers im
Mikrowellenkochgerät.
ca. 200.000 600 W 1200 W
Hinzufügung von Funktionen anderer Kochgeräte:
Einführung des Mikrowellenkochgeräts mit
Ofenfunktion bzw. mit Grillfunktion.
130.000 500 W 980 W1978
Lackierung des Garraums mit Emaille zur 150.000
25 Katei denki kiki hensen-shi henshū iinkai (Hrsg.) 1999, S.4-8; Katei denki kiki hensen-shi henshū iinkai
(Hrsg.) 1983, S.39-42 und 67-74; Sharp 1985, S.3-8.
26 NKS 12. Juni 1974.
Anhang 232
Vereinfachung der Reinigung.
Im Mikrowellenkochgerät wird erstmalig Dampf
erzeugt, um die Feuchtigkeit des Lebensmittels zu
erhalten. Die Hersteller machten damit Werbung,
dass man mit diesem Gerät durchsichtige Folien
sparen könne.
150.000
Selbstreinigungsfunktion wurde zur Verfügung
gestellt.
109.800
Einführung des Mikrowellenkochgeräts mit vier
weiteren Funktionen (Ofen, Dampferzeuger, Grill,
Toaster).
149.000
1979
Einführung eines Geräts mit integriertem
Mikrocomputer und Sensoren.
149.000
Durch Einführung von Mikrocomputer und
Aerosensor besteht die Möglichkeit, über hundert
Gerichte „automatisch“ zu kochen.
Integration eines Kassettengeräts: eine Stimme
informiert über Kochgänge.
198.000
„Automatisches“ Kochen von Ofengerichten. 169.800
Integration eines Infrarotsensors im
Mikrowellenkochgerät mit Ofenfunktion.
174.000
Einführung magnetischer Karten: Speicherung von
Daten (wie Erhitzungszeit, Leistung, Kochvorgang)
auf Karten zum Kochen von Gerichten.
179.000
1980
Ausstattung des Garraums mit Teflon zur
Vereinfachung der Reinigungsarbeit.
169.000
Integration des LSI (large scale integrated circuit) in
das Mikrowellenkochgerät: Für jedes häufig
gekochte Gericht steht eine eigene Taste zur
Verfügung. Durch Drücken der Taste erläutert eine
künstliche Stimme dem Verbraucher, was für den
gewählten Kochvorgang zu tun ist.
188,000
1981
Überarbeitete Einführung des Sologeräts. ca. 55.000 500 W
1982 Möglichkeit, Gefrorenes so zu auftauen, dass es
keiner Weise gekocht wird, sondern in Rohzustand
versetzt wird – zum Beispiel gefrorenen Fisch
auftauen, und diesen zur Weiterverarbeitung für Sushi
zu nutzen.
159.800
1983 Einführung eines platzsparenden
Mikrowellenkochgeräts mit Ofenfunktion (40cm
breite, 40 cm hoch).
99.800
1984 Integration eines Gewichtssensors ermöglicht die
optimale Erhitzung von Tiefkühlkost, da deren
169.800
Anhang 233
Kochdauer im Verhältnis zum Gewicht steht.
Automatische Kontrolle der wechselhaften Nutzung
von Mikrowellenkochgerätfunktion und
Ofenfunktion.
169.800
Integration der Reiskocherfunktion.
Einführung preiswerter Sologeräte. 43.000
~ 46.000
Einführung zweifacher Isolierung zum Ausschluss
von Erdung.
45.000 (manual)
65.800 (auto-
matisch)
Verlegung des Heizdrahts außerhalb des Garraums
zur Vereinfachung von Reinigungsarbeiten.
108.000
1985
Integration des Strichkodesystems. 169.000
Einführung eines preiswerten, kompakten
Mikrowellenkochgeräts mit Toasterfunktion.
42.500
Durch Einbau eines Wechselrichters besteht die
Möglichkeit, das Mikrowellenkochgerät auf zwei
Frequenzen zu verwenden (50 Hz und 60 Hz).
160.000
1986
Integration digitaler Anzeige. 165.000
Regulierbarkeit der Stärke der Heizluft ermöglicht
beispielsweise gleichzeitiges Grillen von Fisch
sowohl von oben als auch von unten.
139.800
Integration des Wechselrichters im
Mikrowellenkochgerät mit Toasterfunktion.
45.000
Ausstattung des Garraums mit Fluor zur
Vereinfachung der Reinigungsarbeit.
139.000
Einführung einer Benachrichtigungsfunktion
ermöglicht die Speicherung von Nachricht einer
Länge von 30 Sekunden.
160.000
1987
Einführung eines kompakten Geräts mit
Ofenfunktion zum gleichzeitigen toasten von bis zu
vier Toasts.
68.000
Integration der Brotbackfunktion. 112.000 1988
Integration eines Mikrocomputers im preiswerten
Sologerät.
35.000
Einführung eines Wechselrichters ermöglicht
Feinregulierung der Leistung.
135.000
Entwicklung eines Druckkochtopfs für das
Mikrowellenkochgerät.
80.000
Integration eines rotierenden Bratspießes im
Mikrowellenkochgerät mit Ofenfunktion.
110.000
1989
Entwicklung eines Mikrowellenkochgeräts, in dem
Lebensmittel auf einer Bratpfanne aus Metall erhitzt
118.000
Anhang 234
werden können.
Integration von Fuzzy-Logik. 145.000 1990
Entwicklung eines Mikrowellenkochgeräts mit
Dünstfunktion.
139.000
Einführung luxuriöser Gerättypen. 250.000
Versuch weiterer Automatisierungen. 153.000
1991
Einführung von Neuro-Fuzzy-Logik. 145.000
Ermöglichen gleichmäßiger Erhitzung durch die
Einführung von Drehteller und Reflektorflügel.
110.000 1992
Einführung eines Sologeräts mit hoher Leistung. 44.000 800 W
1993 Herausfahren des Drehtellers bei Öffnung der Tür. 118.000
1994 Besseres Auftauen von Tiefkühlkost durch die
Einführung von Drehteller und Reflektorflügel.
135.000
1995 Realisierung eines größeren Garraums (1,5 fache)
durch Verkleinerung mechanischer Teile bei
Beibehaltung der äußeren Maße.
77.000
1996 Integration eines Navigatorsystems mit
Flüssigkristallanzeige.
92.000
Gleichmäßige Verteilung der Mikrowellen ermöglicht
Erhitzung bis zur Mitte der Lebensmittel. Anzeigen
der Zieltemperatur und der aktuellen Temperatur der
aufzuwärmenden Lebensmittel.
108.000
Entwicklung eines energie- und zeitsparenden Geräts
durch Anwendung der Chaos-Theorie.
86.000
1997
Gleichmäßige Erhitzung der Lebensmittel durch
Bestrahlung von Mikrowellen aus mehreren Quellen.
85.000
Regulierung der Mikrowellenbestrahlung ermöglicht
gleichmäßige Erhitzung der Lebensmittel in
Abhängigkeit der Form des Gefäßes.
88.000 1998
Integration der Frittierfunktion. 66.000
Verzeichnis der Abkürzungen 235
Verzeichnis der Abkürzungen
AAMI Association for the Advancement of Medical Intrumentation
ACGIH American Conference of Governmental Industrial Hygienists (USA)
AHAM Association of Home Appliance Manufacturers (USA)
AIEE American Institute of Electrical Engineers (USA)
ALARA As Low As Reasonably Achievable
ANSI American National Standards Institute (USA)
AS Asahi Shinbun (Asahi Zeitung)
ASA American Standards Association (USA)
BEMS Bioelectromagnetics Society (USA)
BHF Bevollmächtigten für Hochfrequenzforschung (D)
BRH Bureau of Radiological Health (USA)
BSHG Bosch Siemens Hausgeräte GmbH (D)
CECED Conseil Europeen de la Construction Electro Domestique (Europa)
COMAR Committee on Man and Radiation (USA)
CPT Council on Physical Therapy of the American Medical Association (USA)
CR Consumer Reports (USA)
CU Consumer Union (USA)
CUJ Consumer Union of Japan, Nihon shōhisha renmei (J)
CW continuous wave, kontinuierliche Welle
DIN Deutsche Industrie-Norm (D)
DS Denpa Shinbun (Denpa Zeitung) (J)
ECM enemy counter-measure
EEA Electromagnetic Energy Association (USA)
EEPA Electromagnetic Energy Policy Alliance (USA)
EIAJ Electronic Industries Association of Japan: Denshi kikai kōgyōkai (J)
EPA Environmental Protection Agency (USA)
FCC Federal Communications Commission (USA)
FDA Food and Drug Administrations (USA)
GE General Electric (USA)
GHQ/SCAP General Headquarter of the Supreme Commander for the Allied Powers
(USA)
GS Gekkan Shōhisha (Monatlichen Zeitschrift Verbraucher) (J)
HEW Department of Health, Education, and Welfare (USA)
IC integrated circuit (integrierter Schaltung)
ICNIRP International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection
IEC International Electrotechnical Commission
Verzeichnis der Abkürzungen 236
IEEE Institute of Electrical and Electronics Engineers (USA)
IEEJ Institute of Electrical Engineers of Japan: Denki gakkai (J)
IEICE Institute of Electronics, Information and Communication Engineers: Denshi
tsūshin gakkai (J)
IMPI International Microwave Power Institute
IRE Institute of Radio Engineers (USA)
IRPA International Radiation Protection Association
IRPA/INIRC International Non-Ionizing Radiation Committee
ISM Industrial, Scientific and Medical Frequencies
ITC International Trade Commission (USA)
JCA Japan Consumers’ Association: Nihon shōhisha kyōkai (J)
JEHA Japan Elektro-Heat Association: Nihon dennetsu kyōkai (J)
JEITA Japan Electronics and Information Technology Industries Association:
Denshi jōhō gijutsu sangyō kyōkai (J)
JEMA Japan Electrical Manufacturers’ Association: Nihon denki kōgzōkai (J)
JIS Japanese Industrial Standard (J)
JISHA Japan Industrial Safety and Health Association: Chūō rōdō saigai bōshi
kyōkai (J)
JMI Japan Machinery and Metals Inspection Institute, Nihon kikai kinzoku kensa
kyōkai (J)
JMP Journal of Microwave Power
JRC Japan Radio Company (Nihon Musen) (J), die
KJK/MITI Kōeki-Jigyō-Kyoku: Abteilung gemeinnütziger Unternehmen des MITI (J)
LOAEL Lowest Observed Adverse Effect Level
Loran long-range navigation (USA, GB)
MAFF Ministry of Agriculture, Fischeries and Food (Großbritannien)
METI Ministry of Economy, Trade and Industry (J)
MIT Massachusetts Institute of Technology (USA)
MITI Ministry of International Trade and Industry (Tsūshō sangyō-shō) (J)
MS Mainichi Shinbun (Mainichi Zeitung) (J)
NCAC National Consumer Affairs Center of Japan, Kokukmin seikatsu sentā (J)
NDRC National Defense Research Committee (Großbritannien)
NDRC National Defense Research Committee (USA)
NCRP National Council Radiation Protection and Measurements (USA)
NIOSH National Institute for Occupational Safety and Health (USA)
NJRC New Japan Radio Company (Shin Nihon Musen) (J)
NKS Nikkan Kogyō Shinbun (Industrielle Tageszeitung)
NOAEL Not Observed Adverse Effect Level
NRL Naval Research Laboratory (USA)
Verzeichnis der Abkürzungen 237
NRPB National Radiological Protection Board (Großbritannien)
NYT New York Times
OEM Original Equipment Manufacturer
OSHA Occupational Safety and Health Administration (USA)
PCB Polychlorinated-biphenyl, polychloriertes Biphenyl
PE Polyethylen
PVC Polyvinylchlorid
PVDC Polyvinylidenchlorid
RFR Reichsforschungsrat (D)
RLM Reichsluftfahrtministerium (D)
SAR Specific Absorption Rate
Shufuren Hausfrauenunion, Shufu rengō-kai (J)
SIS Scientific Intelligence Survey (USA)
SR Shōhisha repōto (Verbrauchersbericht) (J)
TEPRSCC Technical Electronic Products Radiation Safety Standards Committee (USA)
UL Underwriters’ Laboratories (USA)
UNEP United Nations Environmental Programme
USASI United States of America Standards Institute (USA)
VDE Verband Deutscher Elektrotechniker (D)
WHO World Health Organization
YS Yomiuri Shinbun (Yomiuri Zeitung) (J)
Verzeichnis der Abbildungen 238
Verzeichnis der Abbildungen
1: Schlitzanode-Magnetron von Okabe Kinjirō im Jahr 1927
2: Diathermiegerät Aloka von JRC
3: Hohlraummagnetrons M-3 und seine Anode Mandarinen-Typ
4: Das erste britische 10 cm-Wellen-Magnetron und seine Anode
5: Verbesserte Version des M312 vom Jahr 1944
6: Verschiedene Resonatorformen der Anode
7: Schematische Darstellung der Strapped Anode
8: Strapped Magnetron der Birmingham University im Jahr 1940
9: Radargerät 32-gō von der japanischen Marine (Wellenlänge 10 cm)
10: Japanische strapped anode
11: Schematische Darstellung des „Rising sun“-Typs von Alliierten
12: Verschiedene Anoden der Hohlraummagnetrone in Japan
13: Der erste „Radarrange“
14: Magnetron QK707 von Raytheon
15: Diathermiegerät „Radartherm“ auf die Deutsche Industrie-Messe in Hannover im Jahr
1955
16: CW-Magnetron 2M10
17: „Radarrange Mark V“ von Raytheon
18: Magnetron für Mikrowellenkochgerät, QK707 von Raytheon (links) und 2M21 von
Toshiba (rechts)
19: Erstes Mikrowellenkochgerät von Sharp
20: Mikrowellenkochgerät in einem Imbiss in Japan im Jahr 1986
21: Magnetron 2M89
22: Mikrowellenröhrenfabrik bei der Gründung der NJRC im Dezember 1961
23: Entwurf von Magnetron M165
24: Magnetron 2M65 (links) und 2M66 (rechts)
25: Letzte Radarrange“ von Raytheon Mark VI
26: „Radarrange“ RR-1 von Amana (mitte Percy Spencer)
27: „Super Range“ von JRC
28: Fabrik für Mikrowellenröhre der NJRC
29: Magnetron 2M67-S, in dem zwei Permanentmagnete seitlich integriert sind
30: Schematischs Bild von Mikrowellenkochgerät
31: Hot spots
32: Damalige Neuheit: das Gerät zur Messung von Mikrowellenleckstrahlung der Firma
Narda im Jahr 1970
33: Kochkurse
Verzeichnis der Abbildungen 239
34: Änderung des magnetischen Kreises
35: Beispiele des Magnetrons mit dem Koppelstift aus Glas (links) und des Magnetrons mit
dem Koppelstift aus Keramik (rechts)
36: Anodeproduktionsmethode hobbing (Einsenkstempel)“ von Hitachi
37: Bedienungstafel eines “automatischen” Geräts mit dem Mikrocomputer
38: Neues Sologerät
39: Ausfuhrbetrag aller in Japan produziwerten Mikrowellenkochgeräte im Jahr 1985
40: Sharp Manufacturing Company of U.K. in Wales
41: Durchschnittsansicht eines Hohlraummagnetrons
42: Bahn eines Elektrons bei verschiedener Stärke des Magnetfelds
43: Prinzip des Klystrons
Verzeichnis der Tabellen 240
Verzeichnis der Tabellen
1: Elektromagnetisches Spektrum
2: Beispiele der Mikrowellenanwendung
3: Japanische Strahlenwaffenprojekte während des Zweiten Weltkriegs – Projekt Ku (Heer)
und Projekt Z (Marine) –
4: Vorteile und Nachteile des Mikrowellenkochgeräts
5: Japanische Produktionsstätten r Mikrowellenkochgeräte im Ausland
6: Grenzwerte nicht-ionisierender Strahlung
Verzeichnis der Schaubilder 241
Verzeichnis der Schaubilder
1: Veränderung der Anzahl der jährlich verkauften Mikrowellenkochgeräte in Japan
2: Verschiedene Anodentypen der japanischen Magnetrone während des Zweiten Weltkriegs
3: Kriterien der Mikrowellenexposition in den USA und den Sowjetunion (Stand 1969)
4: Verbreitungsrate in Japan
5: Wandel der Merkmale von Magnetronen für das Mikrowellenkochgerät
6: Veränderung der Anzahl produzierter Magnetrone/Mikrowellenkochgeräte und deren
jeweiliger Preis
7: Gewichtsreduzierung des Magnetrons
8: Änderung des jährlichen Ausfuhrbetrags aller in Japan produzierten
Mikrowellenkochgeräte
9: Produktion der Mikrowellenkochgeräte in den USA
10: Vergleich der Expositionsgrenzwerte von altem und neuem ANSI-Standard
11: Produktionsort von Mikrowellenkochgeräten im Jahr 1983
12: Anzahl der in Japan produzierten Mikrowellenkochgeräte und Magnetrone
Literatur- und Quellenverzeichnis 242
Literatur- und Quellenverzeichnis
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3 Interviews
Aoki, Ichirō (ehem. Tōshiba) Mai 2002 in Tōkyō.
Arai, Tsutomu (Mitsubishi denki) Mai 2002 in Saitama.
Fujiwara, Yasuhiro (ehem. Sharp) Mai 2002 in Nara.
Itō, Fumikazu (JCA). 22. Mai 2002 in Tōkyō.
Miyakawa, Nanae (METI) Mai 2002 in Tōkyō.
Nakajima, Shigeru (ehem. JRC) Mai 2002 in Tōkyō.
Noda, Tomimitsu (Toshiba) Mai 2002 in Tōkyō.
Omi, Kenji und Nakano, Yoshitaka (JEMA) Mai 2002 in Tōkyō.
Ōmori, Yoshiki (JEHA) Mai 2002 in Tōkyō.
Rikukawa, Kiyoshi (NCAC). Mai 2002 in Tōkyō.
Taki, Masao (Tokyo Metropolitan University). Dezember 2003 in Tōkyō.
Ueda, Shigeki (Matsushita, Panasonic) Mai 2002 in Nara.
4 Briefe und E-Mail Verkehr
Burk, Margie (Underwriters Laboratories Inc.)
2. April 2003.
Edwards, Robert E. (ehem. Raytheon)
26. August 2004.
Literatur- und Quellenverzeichnis 267
Fujiwara, Yasuhiro (ehem. Firma Sharp
25. August 2002.
27. August 2002.
4. September 2002.
13. Februar 2003.
12. März 2003.
Ichikawa, Hiroshi (Prof. der Hiroshima Universität in Japan)
29. November 2004.
Kakehi, Tetsuo (Bürgerinitiative: Gauß-Net)
12. Mai 2005.
15. Mai 2005.
Koizumi, Naohiko (ehem. Hitachi)
5. Februar 2003.
6. April 2004.
Maki, Kōji (ehem. NJRC)
6. Mai 2004.
13. Mai 2004.
30. Mai 2004.
15. Juni 2004.
30. März 2005.
4. Juli 2005.
Ōkubo, Sadatoshi (Bürgerinitiative: Denjiha mondai shimin kenkyū-kai)
13. Mai 2005.
22. Februar 2006.
Osepchuk, John M (ehem. Raytheon)
2. Juli 2005.
Pauer, Erich (Prof. der Universität Marburg)
10. April 2006.
Rikukawa, Kiyoshi (NCAC)
14. Februar 2003.
Sannōmaru, Satoru (Hitachi Home Tech)
26. April 2002.
Satō, Yoshihiko (ehem. NJRC)
12. Mai 2004.
30. März 2005.
Shibata, Chōkichirō (ehem. JRC)
29. März 2004.
28. April 2004.
Yamaura, Itsuo (Prof. der Shinshū Universität, Japan)
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Yoshioka, Ryōji (ehem. NJRC)
6. Mai 2004.
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GS Juli 1976: 4-22. Denshi-renji wo tesuto shimashita (Mikrowellenkochgeräte
geprüft).
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Shōhisha repōto (Verbraucherbericht)
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und die schwache Haltung unseres MITI – Weiterverfolgen des Problems
mangelhafter Mikrowellenkochgeräte).
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Tashikana-me
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Test Dezember 1987: 40-43. Für die kleine Küche.
Test Dezember 1988: 61-65. Mittelmaß in allen Preislagen.
Test Januar 1989: 11. Überleben Würmer die Mikrowelle?
Test Mai 1990: 51-56. Automatik ist kein Patentrezept.
Test Oktober 1990: 41-42. Wie Sie Risiken vermeiden.
Test Dezember 1990: 67-71. Mittelmaß ab 300 Mark.
Test Januar 1991: 12. Darf ich einen Metall-Löffel im Mikrowellengerät benutzen?
Test Juli 1991: 8. Klare Kennzeichnung für Kunststoffe.
Test Dezember 1991: 57-61. Die teuren sind nicht besser.
Test April 1992: 7. Mikrowellen, Befürchtungen nicht haltbar.
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8 Sitzungsberichte des japanischen Parlaments
Sangiin 24. Mai 1967. Dai 55 kai sangiin yosan iinkai dai 3 bunka-kai 03 gō (Oberhaus, beim
dritten Treffen des dritten Unterausschusses des Etatausschusses).
Sangiin 24. April 1970. Dai 63 kai sangiin bukka-tō taisaku tokubetsu iinkai 08 gō (Oberhaus,
beim achten Treffen des Preispolitiksonderausschusses)
Shūgiin 26. Februar 1970. Dai 63 kai shūgiin bukka mondai-tō ni kansuru tokubetsu iinkai 04
gō (Unterhaus, beim vierten Treffen des Sonderausschusses für Preisprobleme).
Shūgiin 11. März 1970. Dai 63 kai shūgiin bukka mondai-tōni kansuru tokubetsu iinkai 06 gō
(Unterhaus, beim sechsten Treffen des Sonderausschusses für Preisprobleme).
Shūgiin 16. März 1970. Dai 63 kai shūgiin yosan iinkai dai 4 bunka-kai 03 gō (Unterhaus,
beim dritten Treffen des vierten Unterausschusses des Etatausschusses).
Shūgiin 23. April 1970. Dai 63 kai shūgiin bukka mondai-tō ni kansuru tokubetsu iinkai 11 gō
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9 Fernseh Programme
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kaihatsu hiwa (Z-Waffen Projekt).