SciPapers
[en] (orig)
Horst-Heino v. Borzeszkowski, Berlin
ZUM STATUS DES INDUKTIVEN VORGEHENS
IN HEGELS BEGRIFF DER BEOBACHTENDEN VERNUNFT
Die Ausführungen über die beobachtende Vernunft in der Phänomenologie des Geistes scheinen manchen
Autoren wenig Aufschluß über Hegels Verständnis des Verhältnisses der Philosophie zu den Einzelwis-
senschaften, insbesondere zur Physik, zu geben. Fulda und Henrich stellen z.B. fest: »Am wenigsten pro-
filiert ist [...] die Beschäftigung mit der Phänomenologie unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses von
Philosophie und Wissenschaft.«1 Ihrer Meinung nach »reflektiert sich hierin ein Mangel, mit dem das
Werk von 1807 selbst behaftet war«. Und weiter heißt es dort: »Es war Hegel nicht sehr überzeugend ge-
lungen, die Idee einer >Darstellung des erscheinenden Wissens< an der kritischen Behandlung exemplari-
scher Forschungsergebnisse der Einzelwissenschaften zu bewähren.«2 Es gibt natürlich auch andere
Stimmen. So versucht z.B. Wandschneider zu begründen, daß Hegel im Abschnitt über die beobachtende
Vernunft die Vorgehensweise der Physik reflektiert und so das Induktionsproblem, den »Haupttrumpf des
Empirismus«, entzaubert.3
Die nachfolgenden Bemerkungen wollen darauf hinweisen, daß die Beschäftigung mit der Phänome-
nologie im Abschnitt »Beobachtende Vernunft« durchaus Aufschluß über Hegels Sicht des Verhältnisses
von Philosophie und Wissenschaft geben kann, ohne dabei allerdings Hegel als den großen Entzauberer
der Induktion ausweisen zu können. Denn die beobachtende Vernunft ist, bei aller Begeisterung fur Teile
des Hegeischen Textes in dem genannten Abschnitt, durchaus nicht die adäquate philosophische Rezep-
tion der Vorgehensweise der Physik, weder der Newtonschen noch der späteren sogenannten modernen
Physik. Die beobachtende Vernunft kann schon deshalb nicht das Bewußtsein der Physik sein, weil auch
die Physik als Wissenschaft des Unorganischen und nicht nur, wie Hegel behauptet, das Organische »die
an der Notwendigkeit auseinandergelegten Momente einer Ursache und einer Wirkung, eines Tätigen und
eines Leidenden, in eins zusammengenommen«4 hat, und weil die Physik mehr und anderes ist als das,
was ihr Hegel in der Gestalt der beobachtenden Vernunft zugesteht.
Nach Hegel geht die beobachtende Vernunft in das Meinen und Wahrnehmen hinein, aber anders als
das gedankenlose Bewußtsein geht sie darauf, die Wahrheit zu wissen, das, wasr das Meinen und
Wahrnehmen ein Ding ist, als Begriff zu finden, d.h. in der Dingheit nur das Bewußtsein ihrer selbst zu
haben.5 Damit charakterisiert Hegel, den Abschnitt über die beobachtende Vernunft einleitend, die beob-
achtende Vernunft als einen wichtigen Schritt zum Selbstbewußtsein, indem sie ihr Anderes sucht und
weiß, daran nichts anderes als sich selbst zu besitzen.
Dieses Wissen der beobachtenden Vernunft wird von Hegel dann sofort relativiert, indem er hinzu-
fügt, daß dies im wirklichen Tun der beobachtenden Vernunft zu Tage tritt, nicht aber in ihrer Meinung
über ihr Tun: »Sie geht daher als beobachtendes Bewußtsein an die Dinge, in der Meinung, daß sie diese
als sinnliche, dem Ich entgegengesetzte Dinge in Wahrheit nehme; allein ihr wirkliches Tun widerspricht
dieser Meinung, denn sie erkennt die Dinge, sie verwandelt ihre Sinnlichkeit in Begriffe, d.h. eben in ein
Sein, welches zugleich Ich ist, das Denken somit in ein seiendes Denken, oder das Sein in ein gedachtes
Sein, und behauptet in der Tat, daß die Dinge nur als Begriffe Wahrheit haben.«6
Diese Relativierung des Wissens der beobachtende Vernunft trifft auf die Naturwissenschaft insofern
zu, als letztere in der Tat meint, die Dinge in ihrer Wahrheit zu nehmen. (Aber schon hier sei in Klam-
mern bemerkt, was weiter unten im Kontext der Hegeischen Auffassung von der Rolle der Induktion
deutlicher gemacht werden soll: So unwissend, wie Hegel denkt, ist die Naturwissenschaft nicht. Sie
meint nämlich nicht, ihre Gegenstände seien lediglich Sinnliches, und nicht, sie seien lediglich Dinge. Sie
erkennt ihre Gegenstände als theorieabhängig, ohne von ihrer sinnlich-experimentellen Basis zu abstra-
hieren.)
Bereitgestellt von | Technische Universität Berlin
Angemeldet
Heruntergeladen am | 02.10.18 18:20
180 Hegel-Jahrbuch 2001
In dem Unterabschnitt »Beobachtung der Natur« wird Hegels Ansicht dann weiter ausgeführt und an
der Physik und Biologie exemplifiziert, um zu zeigen, wie die Denkweise der beobachtenden Vernunft in
der Naturforschung realisiert wird. Dabei finden sich im Text über das Unorganische die oben erwähnten
Ausführungen, die wesentliche Aspekte des naturwissenschaftlichen Gesetzesbegriffes reflektieren. Sie
kulminieren in dem Nachweis, daßr das beobachtende Bewußtsein die Wahrheit des Gesetzes in der
Erfahrung und im Begriff liegt: »Es hat also in der Erfahrung das Sein des Gesetzes, aber ebenso dasselbe
als Begriff und nur um beider Umstände willen zusammen ist es ihm wahr; es gilt darum als Gesetz, weil
es in der Erscheinung sich darstellt und zugleich an sich selbst Begriff ist.«7
Es ist gerade diese Begrifflichkeit des Gesetzes, die es nach Hegel ermöglicht, mittels Induktion (das
Wort selbst kommt bei Hegel in diesem Zusammenhang allerdings nicht vor) von der Erfahrung auszuge-
hen. Das bei der Beobachtung bleibende Bewußtsein zeigt durch die Tat, in welcher es selbst seine Allge-
meinheit nicht in dem Sinne nimmt, daß alle einzelnen sinnlichen Dinge ihm die Erscheinung des Geset-
zes gezeigt haben müßten, um die Wahrheit desselben behaupten zu können, daß - obwohl es die Einsicht
in den wahren Begriff nach Hegel noch nicht erreicht hat - diese Wahrheit im Begriff liegt. Zum Beispiel
folgt die Wahrheit des Gesetzes, demgemäß alle von der Erde aufgehobenen Steine zur Erde fallen, nicht
daraus, daß mit allen Steinen dieser Versuch gemacht werde, sondern weil diesem Bewußtsein der Stein
schwer ist.8
Sieht man zunächst einmal weiter von den ständigen Hegeischen Einschüben von der Art »ohne es
zu wissen« ab, so zeigen auch die nachfolgenden Passagen die tiefe Einsicht Hegels in einige Seiten der
Vorgehensweise der Physik (bei Hegel als Tätigkeit des Vernunftinstinktes des Bewußtseins charakteri-
siert), die darauf hinarbeitet, das »Gesetz und seine Momente zum Begriffe zu reinigen«.9 Oder anders
gesagt: »Diese Forschung hat die innere Bedeutung, reine Bedingungen des Gesetzes zu finden; was
nichts anderes sagen will (wenn auch das Bewußtsein, das sich so ausdrückt, meinen sollte, es sage damit
etwas anderes), als das Gesetz ganz in die Gestalt des Begriffes zu erheben und alle Gebundenheit seiner
Momente an bestimmtes Sein zu tilgen10 Hegel erläutert diese Arbeit der Forschung am Beispiel der ne-
gativen und positiven »Elektrizität« und zeigt, daß dadurch die Prädikate von ihren Subjekten befreit
werden und um ihrer Selbständigkeit willen den Namen von Materien erhalten.11 »Die Materie ist [...]
nicht ein seiendes Ding, sondern das Sein als allgemeines, oder in der Weise des Begriffs.« Und er kommt
zu dem Schluß, daß das beobachtende Bewußtsein so eine neue Gestalt bekommt, denn »als die Wahrheit
dieses versuchenden Bewußtseins sehen wir das reine Gesetz«.12 Damit ist der Status physikalischer Ge-
setze insofern treffend charakterisiert, als die Gesetze Beziehungen zwischen Größen sind, die ihrerseits
substantiviertes Verhalten repräsentieren. Um diese Größen zu bilden, werden einige Prädikate herausge-
griffen und selbst in Subjekte verwandelt und insofern von den Subjekten, deren Prädikate sie waren, be-
freit. Diese substantivierten Prädikate werden dann im Gesetz wieder in einen Zusammenhang gebracht.13
Die Begrenztheit seiner Einsicht wird allerdings besonders deutlich, wenn Hegel den Unterschied
zwischen Unorganischem und Organischem darlegt. Dann vermeint er in der Bestimmtheit der Begriffe,
etwa der der Physik, eine Grenze des Unorganischen zu erkennen, die tatsächlich nicht vorhanden ist. Um
Mißverständnisse zu vermeiden, sei betont, daß es natürlich Grenzen der Fachwissenschaften gibt; sie
sind eben auch das, um mit Feuerbachs Worten zu reden, »was noch nicht philosophiert«.14 Aber diese
Bestimmtheit der Begriffe ist von anderer Art, als Hegel sie faßt, und ihre Grenze liegt nicht dort, wo He-
gel sie zu sehen meint. Das wird in den Passagen ganz deutlich, in denen er erklärt, warum die beobach-
tende Vernunft im Organischen des Zweckbegriffs bedarf: »Allein wie vorhin das Organische bestimmt
worden, ist es in der Tat der reale Zweck selbst; denn indem es sich in der Beziehung auf Anderes selbst
erhält, ist es eben dasjenige natürliche Wesen, in welchem die Natur sich in den Begriff reflektiert, und
die an der Notwendigkeit auseinandergelegten Momente einer Ursache und einer Wirkung, eines Tätigen
und eines Leidenden, in eins zusammengenommen; so daß hier etwas nicht nur als Resultat der Notwen-
digkeit auftritt; sondern, weil es in sich zurückgegangen ist, ist das Letzte oder das Resultat, ebensowohl
das Erste, welches die Bewegung anfängt, und sich der Zweck, den es verwirklicht.«15 Aus diesem
Grunde glaubt Hegel, daß es im Organischen keine Gesetze gibt.
Es ist hier nicht der Ort, um den Status der Gesetzlichkeit der Physik ausführlich darzulegen.16 Hier
sei nur soviel gesagt: Die obigen Worte Hegels charakterisieren einen wichtigen Aspekt physikalischer
Bereitgestellt von | Technische Universität Berlin
Angemeldet
Heruntergeladen am | 02.10.18 18:20
H.H. v. Borzeszkowski, Zum Status des induktiven Vorgehens 181
Gesetze, also des Unorganischen. Denn die physikalischen Gesetze sind eben nicht, wie Hegel meint, Ur-
sache-Wirkung-Ketten. Sie sind so beschaffen, wie Hegel das Organische charakterisiert. (Die Physiker
sprechen daher auch von Wechselwirkungsgesetzen.)
Hier wird wieder ein mangelndes Verständnis der Newtonschen Theorie und ihrer Begrifflichkeit
sichtbar.17 Hegel redet vom Fallgesetz, ohne zu sehen, daß der Begriff der Schwere, der die Allgemein-
heit dieses Gesetzes begründet, durch Newtons Theorie gegeben ist und daher nicht der Hegeischen philo-
sophischen Begründung bedarf.18 Würde er die Newtonsche Theorie der Schwere wahrnehmen, so sähe
er, daß der Fall eines Körpers nicht das Resultat einer von der Erde verursachten Wirkung ist, sondern daß
hier »etwas in sich zurückgegangen ist«.
Diese Grenze der Einsicht in den epistemologischen Status des physikalischen Gesetzes veranlaßt
Hegel auch, bei der beobachtenden Vernunft von einem Vemunftinstinkt zu sprechen, der sich der eige-
nen Tat unbewußt ist. Auch hier ist die Situation allerdings insofern ambivalent, als man Hegel zugeben
muß, daß die Physik die philosophischen Voraussetzungen, auf denen sie beruht, nicht selbst begründet
und nicht ergründen muß; dies ist eine philosophische Aufgabe. Und es stimmt erst recht, daß wohl schon
zu Hegels Zeiten, viele Physiker kein adäquates philosophisches Verständnis der Arbeitsweise der Physik
hatten; sie kannten und kennen diese nur als eingeübte Arbeitsregeln. Es muß aber andererseits darauf
verwiesen werden, daß Newtons Einsicht in den Erkenntnisgang der Physik in mancherlei Hinsicht tiefer
war als die Hegels. Das zeigt sich deutlich in Newtons Äußerungen über das komplizierte Wechselspiel
von dem, was er »Analyse« und »Synthese« nennt.
In der 31. der seiner Optik angefügten Fragen stellte Newton fest: »Wie in der Mathematik sollte
auch in der Naturphilosophie bei der Erforschung schwieriger Dinge die analytische Methode der synthe-
tischen vorausgehen. Diese Analyse besteht darin, Experimente und Beobachtungen zu machen, durch In-
duktion allgemeine Schlüsse aus ihnen zu ziehen [...]. Obwohl das Folgern aus Experimenten und Beob-
achtungen durch Induktion kein Beweisr eine allgemeine Schlußfolgerung ist, so ist sie doch der beste
Weg des Folgems, den die Natur der Dinge zuläßt [...]. Durch diesen Weg der Analyse können wir vom
Zusammengesetzten zu den Bestandteilen fortschreiten und von den Bewegungen zu den Kräften, die sie
hervorbringen und im allgemeinen von Wirkungen zu den Ursachen und von den besonderen Ursachen zu
den allgemeineren bis zuletzt zur allgemeinsten. Das ist die Methode der Analyse. Und die Synthese be-
steht darin, die entdeckten und als Prinzipien aufgestellten Ursachen vorauszusetzen und durch sie die Er-
scheinungen zu erklären, indem man von den Prinzipien ausgeht und die Erklärungen prüft.«19
Dieser Text spricht wohlr sich. Er zeigt, wie Newton die Induktion »entzaubert«. Zunächst muß
daran erinnert werden, daßr Newton die Induktion das komplizierte experimentelle Vorgehen voraus-
setzt. Dieses erfordert, die in den jeweiligen Größen gefaßten Qualitäten bzw. Verhaltensweisen zu verge-
genständlichen; sie erfordert damit die Herstellung idealer Situationen, die »reale Idealisierung«, die
schon gedankliche Konstrukte voraussetzt. Im Experiment wird somit eine idealisierte Wirklichkeit er-
kundet. Vergegenwärtigt man sich nun, daß die Begründung der Physik mit der Begründung ihrer, also
der experimentellen, Methode einherging, so wird deutlich: Insoweit ein Bewußtsein dieser Methode exi-
stiert, weiß die Physik, daß Sein in denkendes Sein und Denken in seiendes Denken verwandelt wird.
Newton war sich aber auch dessen bewußt, daß man auf der so gewonnenen Erfahrungsgrundlage
noch nicht zu allgemeinen Gesetzen kommen kann. Sie ist der erste Schritt, der Prinzipien in Form von
Hypothesen (von der Art der Newtonschen Axiome oder des Termsr die Gravitationskraft) setzt und
damit das Gesetz und seine Momente zum physikalischen Begriff reinigt. Der zweite Schritt besteht dann
in der Synthese: Es werden aus den Prinzipien Schlußfolgerungen abgeleitet, die dann wiederum durch
Experimente und Beobachtungen geprüft werden. Die Physik kommt dadurch zum Begriff, daß durch das
Allgemeine, das sie aufgrund des experimentellen Vorgehens setzt, Erfahrungen möglich sind, etwas ver-
sinnlicht wird, das im Stadium der Wahrnehmung, der sinnlichen Gewißheit, gar kein Gegenstand sein
könnte. Das Allgemeine beweist sich selbst, indem es Erfahrungen erzwingt. Damit wendet sich die Ver-
nunft der Physik, die als beobachtende Vernunft in dieser spezifisch-physikalischen Erfahrung ihren Aus-
gang nimmt, denkend wieder zur Natur.
Hier zeigt sich deutlich der Einfluß der Hobbesschen Philosophie auf Newton. Hobbes hatte ver-
sucht, ausgehend von dem damals vorliegenden empirischen Material, die Natur rational darzustellen und
Bereitgestellt von | Technische Universität Berlin
Angemeldet
Heruntergeladen am | 02.10.18 18:20
182 Hegel-Jahrbuch 2001
so Geometrie und Physik zur Grundlage der Philosophie zu machen. Dabei spielter ihn die Darstellung
der analytischen und synthetischen Methode eine hervorragende Rolle, damit nämlich auch diejenigen,
welche Geometrie und Physik nicht studiert haben, durch diese Methode zu den Prinzipien seiner Staats-
philosophie gelangen konnten.20
Diesen Einfluß von Hobbes auf Newton belegen zum Beispiel folgende Bemerkungen von Hobbes:
»Philosophie ist die rationale Erkenntnis der Wirkungen und Erscheinungen aus ihren bekannten Ursa-
chen oder erzeugenden Gründen und umgekehrt der möglichen oder erzeugenden Gründe aus den be-
kannten Wirkungen.«21 »Jedenfalls ist es klar, daß es bei der Erforschung der Ursachen teils der analyti-
schen, teils der synthetischen Methode bedarf; der analytischen, um die einzelnen Voraussetzungen der
Wirkung festzustellen; der synthetischen, um das, was diese einzeln an sich bewirken, zu dem Gesamtef-
fekt zusammenzufassen.«22 »Analytisch ist nämlich das Aufstellen der Prinzipien von den Sinneswahr-
nehmungen aus; das übrige hingegen ist synthetisch.«23 »Man muß aber das Zusammensetzende eher er-
kennen als das Zusammengesetzte.«24 Durch die analytische Methode erfaßt man nach Hobbes fort-
schreitend die universellen Begriffe der Dinge bzw. die Prinzipien, wobei die Ursachen der Universalien
an sich offenbar oder von Natur aus bekannt sind, derart daß sie überhaupt keiner Methode bedürfen.25
Bei allem Gleichklang mit Newtons Äußerungen zeigen sich jedoch auch deutliche Unterschiede.
Hobbes' (analytischer) Weg von den Erscheinungen zu ihren Ursachen, seine Suche nach Prinzipien, ist
die Suche nach allgemeinen Akzidenzien oder Universalien bzw. sein Ausgang von der Empfindung zu
deren Ursachen. Newtons analytischer Weg von den Erscheinungen zu den Ursachen, seine Suche nach
Prinzipien, vollzieht sich nicht nur durch logische Analyse und Ernennung, sondern durch theoretisch-ex-
perimentelle Arbeit, und sein Ziel sind zwar auch Prinzipien, diese sind aber Bewegungsgesetze der klas-
sischen Mechanik (die drei Newtonschen Axiome bzw. das auf ihnen fußende Gravitationsgesetz) und
sein (synthetischer) Weg von den Prinzipien zu den Erscheinungen ist der Weg von den Grundgleichun-
gen der klassischen Mechanik zu Lösungen dieser Gleichungen, die durch die Angabe von Rand- und An-
fangsbedingungen aus dem Gesetz errechnet werden und spezifische physikalische Systeme beschreiben.
Den ersten Schritt des Vorgehens der Physik findet man bei Hegel nur in »reduzierter« Form und den
zweiten überhaupt nicht - konsequenterweise nicht, da seine beobachtende Vernunft, ohne es zu wissen,
die Sinnlichkeit in Begriffe verwandelt. Dieses Tuns als auch dieser Begriffe ist sich bei ihm nur die Phi-
losophie bewußt. Das Bewußtsein der Physik, das sich in dem Schluß von Allgemeinem und Besonderem
durch die experimentelle Einzelheit zeigt und den Schritt der experimentell überprüfbaren Synthese er-
möglicht, hat bei Hegel keinen Platz. Zwar findet man in Hegels Werk auch Formulierungen, die der hier
dargestellten Vorgehensweise zu entsprechen scheinen. So kann man in seiner Geschichte der Philoso-
phie lesen: »Er [Newton - H.-H.v.B.] ist von Erfahrungen auf allgemeine Gesichtspunkte gekommen, hat
sie wieder zugrunde gelegt und daraus das Einzelne konstruiert. Das sind die Theorien.«26 Aber Hegel
versteht bei aller Einsicht in wichtige Seiten des Vorgehens der Physik diese letztlich nur als metaphysi-
zierenden Empirismus.
Horst-Heino v. Borzeszkowski
Technische Universität Berlin
Institut für Theoretische Physik
Hardenbergstr. 36
D-10623 Berlin
ANMERKUNGEN
1 H.F. FULDA u. D. HENRICH, »Vorwort« zu: Materialien zu Hegels »Phänomenologie des Geistes«, hg. v.
H.F. Fulda u. D. Henrich, Frankfurt/M. 1973, 32.
2 Ebd.
3 Vgl. D. WANDSCHNEIDER, »Die phänomenologische Auflösung des Induktionsproblems im szientisti-
schen Idealismus der >beobachtenden Vernunft<«, in: Hegels Jenaer Naturphilosophie, hg. v. K. Vieweg,
München 1998, 369-382.
Bereitgestellt von | Technische Universität Berlin
Angemeldet
Heruntergeladen am | 02.10.18 18:20
H.H. v. Borzeszkowski, Zum Status des induktiven Vorgehens 183
4 G.W.F. HEGEL, Phänomenologie des Geistes, in: Werke in zwanzig Bänden, auf der Grundlage der Werke
von 1832-1845 neu edierte Ausgabe, Frankfurt/M. 1986, Bd. 3, 198.
5 Vgl. ebd., 186.
6 Ebd., 187.
7 Ebd., 194.
8 Vgl. ebd.
9 Ebd.
10 Ebd.
11 Vgl. ebd., 195.
12 Ebd.
13 Vgl. dazu ausführlicher: R. WAHSNER u. H.-H. von BORZESZKOWSKI, Die Wirklichkeit der Physik. Stu-
dien zu Idealität und Realität in einer messenden Wissenschaft, Frankfurt/M., Berlin, Bern, New York, Paris,
Wien 1992.
14 L. FEUERBACH, »Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie«, in: Gesammelte Werke, hg. v. Werner
Schuffenhauer, Bd. 9.: Kleinere Schriften II, Berlin 1990, 254.
15 G.W.F. HEGEL, Phänomenologie des Geistes, 198.
16 Vgl. dazu: H.-H. von BORZESZKOWSKI u. R. WAHSNER, Physikalischer Dualismus und dialektischer
Widerspruch. Studien zum physikalischen Bewegungsbegriff, Darmstadt 1989; dies., Die Wirklichkeit der
Physik.
17 Vgl. z.B. H.-H. von BORZESZKOWSKI, »Hegel's Interpretation of Classical Mechanics«, in: Hegel and
Newtonianism, hg. v. M.J. Petry, Dordrecht 1993; R. WAHSNER, »The Philosophical Background to Hegel's
Criticism of Newton«, in: ebd.
18 Das wird auch von Wandschneider nicht wahrgenommen; daher hält er Hegels beobachtende Vernunftr
eine adäquate philosophische Rezeption der Vorgehensweise der Physik.
19 I. NEWTON, Opticks, with a foreword by A. Einstein, an introduction by Sir Edmund Whittaker, a preface
by I.B. Cohen, Dover 1952, 404 (Query 31) [dt. in: H.-H. v. Borzeszkowski u. R. Wahsner, Newton und Vol-
taire. Zur Begründung und Interpretation der klassischen Mechanik, Berlin 1980, 171 (WTB. Texte und
Studien, Bd. 123)].
20 Vgl. dazu und zu den beiden folgenden Absätzen ausführlicher: R. WAHSNER, »>Die Theorie dient nur der
Konstruktion!< Zur geometrisch-kinematischen Naturphilosophie des Thomas Hobbes«, in: Gottfried Wil-
helm Leibniz im philosophischen Diskurs über Geometrie und Erfahrung, hg. v. H. Hecht, Berlin 1991, ins-
bes. 74-84.
21 T. HOBBES, Vom Körper, hg. v. M. Frischeisen-Köhler, Berlin 1967, 6.
22 Ebd., 67.
23 Ebd., 63.
24 Ebd., 57.
25 Ebd., 56 f.
26 G.W.F. HEGEL, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, in: Werke, Bd. 20, 223.
Bereitgestellt von | Technische Universität Berlin
Angemeldet
Heruntergeladen am | 02.10.18 18:20