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MODUS-COVID Bericht vom 09.08.2022
Revision Infektionsschutzgesetz; Impfstoffe für den Herbst
Sebastian Alexander Müller1, William Charlton1, Ricardo Ewert1, Sydney Paltra1,
Christian Rakow1, Jakob Rehmann1, Tim Conrad2, Christof Schütte2, Kai Nagel1
1Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik (“VSP”), TU Berlin
2Zuse-Inst. Berlin (“ZIB”)
Available via TU Berlin repository: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-16079
Date of this version: 09-august-2022
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Website: https://covid-sim.info
1 Zusammenfassung
In diesem Bericht befassen wir uns mit zwei aktuellen politische Entwicklungen, nämlich zum einen
mit den Überlegungen zur Überarbeitung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) und zum anderen
mit der Bestellung zweier verschiedener Impfstoffe für den Herbst. Wir berechnen
Maßnahmenwirkungen vor dem Hintergrund einer neuen hypothetischen Immunfluchtvariante,
welche im Herbst erstmalig auftreten könnte. Unsere Simulationen zeigen, dass die im IfSG
genannten Maßnahmen knapp ausreichen könnten, um den R-Wert dieser hypothetischen neuen
Variante auf einen Wert unter 1 zu drücken. Abhängig von der Krankheitsschwere der neuen
Variante und dem Grad der Einhaltung der Maßnahmen durch die Bevölkerung könnte dies
insgesamt ausreichen oder auch nicht, um die Krankenhäuser nicht stärker zu belasten als
während der Omikron-Welle Anfang 2022.
Bzgl. der beiden neuen Impfstoffe bestätigen die Simulationen, dass es von den Eigenschaften
einer neuen Virusvariante abhängt, welcher Impfstoff vorteilhafter ist. Generell hilft allerdings jede
Impfung im Herbst/Winter, um insbesondere bei den vulnerablen/älteren Bevölkerungsgruppen die
Krankenhausbelastung zu reduzieren.
2 Aktuelle Situation aus der Sicht unserer Modelle
Derzeit sinken die Inzidenzen von Woche zu Woche. Dies ist laut unserem Modell neben dem
Sommer und dem aufgebauten Immunschutz durch Impfungen und durchgemachte Infektionen in
der Bevölkerung auch auf die Ferien zurückzuführen. Die Ferien reduzieren laut unserem Modell
die Virusausbreitung deutlich, weil viele Infektionen im Bildungs- und Arbeitsbereich wegfallen. Die
Inzidenzen sind jedoch weiterhin auf einem hohen Niveau; die Dunkelziffer beträgt laut unserem
Modell ein Vielfaches der gemeldeten Zahlen. Weiterhin erwartet unser Modell für Köln und damit
für NRW ein erneutes Ansteigen der Inzidenzen nach den Schulsommerferien. Die Ursachen dafür
sind Infektionsimport aus den Urlauben, ein wieder zunehmendes Infektionsgeschehen an den
Schulen nach dem Ende der Schulferien, eine wieder höhere Anzahl von Infektionen an den
Arbeitsplätzen nach dem Ende der Ferienzeit, sowie die Verlagerung von Aktivitäten in
Innenräume wegen sinkender Temperaturen. Bleibt es bei den aktuellen Virusvarianten, so werden
jedoch laut Modell die Inzidenzen und die Zahl der Krankenhauseinweisungen deutlich unterhalb
des Niveaus der Omikronwellen zu Jahresbeginn bleiben.
1
3 Mögliche Entwicklungen in den nächsten Monaten
Es ist zum jetzigen Zeitpunkt offensichtlich noch nicht klar, wie sich die Pandemie in den nächsten
Monaten entwickeln wird, da dies maßgeblich von der Evolution des Virus abhängt. Wir haben, wie
bereits in vergangenen Berichten , drei mögliche Szenarien betrachtet:
1
1) “Eher günstiges” Szenario: Es bleibt bei den aktuellen Varianten.
2) “Mittleres” Szenario: Es gibt eine Immunfluchtvariante mit der gleichen Krankheitsschwere
wie Omikron BA.5 .
2
3) “Eher ungünstiges” Szenario: Wie Szenario 2, aber mit erhöhter Krankheitsschwere.
In der folgenden Abbildung 1 zeigen wir, wie sich die genannten Szenarien laut unserem Modell
auf die Infektions- und Krankenhausinzidenzen auswirken, wenn keine Maßnahmen ergriffen
3
werden. Sowohl in Szenario 2 als auch in Szenario 3 wird die neue Variante Anfang November
eingeführt. Hier sind natürlich auch andere Zeitpunkte möglich, was die jeweilige Welle
entsprechend nach vorne oder hinten verschieben würde.
Es ist deutlich zu erkennen, dass Szenarien 2 und 3 laut Modell zu einer erhöhten Winterwelle
führen. Die Krankenhausinzidenzen liegen selbst im “mittleren” Szenario 2 im Maximum um einen
Faktor 4 höher, als das Maximum der BA.1-/BA.2-Wellen Anfang 2022. Dies würde das
Gesundheitssystem also erheblich belasten und ggf. überlasten. In Abschnitt 4 zeigen wir, wie
diese Belastung durch Maßnahmen bzw. Impfkampagnen reduziert werden kann.4
4Nicht betrachtet haben wir den möglichen Effekt antiviraler Medikamente, wie z.B. Paxlovid, welche bei
rechtzeitiger Einnahme die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhauseinweisung reduzieren können.
3 Die Basis-Szenarien enthalten weder die Anpassungen des Infektionsschutzgesetzes (siehe Abschnitt 4)
noch eine Impfkampagne im Herbst (siehe Abschnitt 5).
2In vorherigen Berichten hat sich das mittlere Szenario auf die Krankheitsschwere von BA.1 bezogen.
1 Da wir unser Modell fortlaufend verbessern und gegen neue Datenquellen kalibrieren, zeigen wir die
Szenarien erneut.
2
Abbildung 1: Oben: Neuinfektionen. Unten: Hospitalisierungsinzidenz. Beide Plots zeigen
Inzidenzen relativ zum Maximum der Omikron-Infektionswellen Anfang 2022 (vgl.
https://covid-sim.info/cologne/2022-08-06/1-vax).
4 Wirkungen des neuen Infektionsschutzgesetzes
Das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesjustizministerium haben in Zusammenarbeit
zur Vorbereitung auf den Herbst Anpassungen am Infektionsschutzgesetz (IfSG) vorgeschlagen
(BMG 2022b). Es ist vorgesehen, dass die Bundesländer innerhalb eines gewissen
Handlungsspielraums an die aktuelle Pandemiesituation angepasste Maßnahmen ergreifen
können.
Wir haben anhand unseres Modells untersucht, wie die Maßnahmen aus dem angepassten IfSG
wirken. Generell lässt sich sagen: wenn es bei den aktuellen Virusvarianten bleibt, rechnen wir
basierend auf unserem Modell im kommenden Winter nicht mit einer Überlastung des
Gesundheitssystems. Aus diesem Grund konzentrieren wir uns im Folgenden auf die Szenarien 2
und 3 (siehe Abschnitt 3, “Mögliche Entwicklungen in den nächsten Monaten”).
Beschreibung der Maßnahmen
Wir haben folgende Maßnahmen untersucht (die Zeilennummern beziehen sich auf Tabelle 1):
Impfkampagnen: Wie in den vorangegangenen Berichten gehen wir von einer
Impfkampagne aus, welche in sehr kurzer Zeit zu Beginn der sich aufbauenden Welle
hinein durchgeführt wird.5
Zeile 1: 50% aller geboosterten Personen bekommen nochmals den vorhandenen
6
Impfstoff.
Zeile 2: 50% aller geboosterten Personen bekommen den BA.5-Update-Impfstoff.7
Bereich Arbeit:
Zeile 3: 50% der Arbeitsaktivitäten finden im Homeoffice statt.
Zeile 4: Bei Arbeitsaktivitäten wird eine medizinische Maske getragen. Man
8
beachte, dass dies strikter ist als bisherige Arbeitsschutzverordnungen, laut
welchen dies ab 10qm pro Person und damit wohl in den meisten Fällen nicht
vorgeschrieben war.
Bereich Freizeit: Die folgenden Maßnahmen beziehen sich auf “öffentliche”
Freizeitaktivitäten (z.B. Restaurantbesuche), die ca. 50% der gesamten Freizeitaktivitäten
ausmachen. “Private” Freizeitaktivitäten (Besuche bei Familie und Freund:innen) werden
hier nicht betrachtet, da das IfSG keine Maßnahmen dafür vorsieht.
Zeile 5: Bei öffentlichen Freizeitaktivitäten wird eine FFP2-Maske getragen.9
Bereich Erledigungen: In diesen Bereich fallen beispielsweise Arzt- oder Friseurbesuche.
Zeile 6: Hier wurde die Einführung einer FFP2-Maskenpflicht untersucht.10
Bereich Bildung:
10 Wir modellieren dies mit 90%iger Befolgungsrate.
9Wir modellieren dies mit 90%iger Befolgungsrate.
8Wir modellieren dies mit 90%iger Befolgungsrate.
7Details bzgl. der angenommenen Wirksamkeit der Impfstoffe weiter unten in Abschnitt 5 “Unterschiedliche
Impfstoffe”.
6Die “50% aller geboosterten” ergeben sich aus Daten in Israel. Vorläufige Befragungen in Deutschland
deuten auf eine eher höhere Impfbereitschaft hin.
5Der Übertragungsschutz der bisherigen Impfungen gegen COVID-19 wirkt nur wenige Monate. Wenn die
Impfung im Verhältnis zu einer Infektionswelle zu früh stattfindet, kann dieser Übertragungsschutz zum
Zeitpunkt der Welle folglich schon weitgehend abgebaut sein. Es ist dennoch vermutlich sinnvoll, vulnerable
Personengruppen, also z.B. ab einem bestimmten Alter, prophylaktisch auch unabhängig von einer
konkreten Welle zu impfen.
3
Zeile 7 (Maßnahmenbündel): Schüler:innen, Auszubildende und Studierende
unterziehen sich 3x pro Woche einem Schnelltest. Weiterhin nehmen wir an, dass
11
alle 45 (statt 90) Minuten gelüftet wird und für Jahrgänge ab der 5. Klasse eine
Maskenpflicht in Innenräumen und auch am Platz angeordnet wird. Eine Hälfte
12
trägt OP-Masken, die andere Hälfte FFP2-Masken. An den Universitäten und
Hochschulen werden nur FFP2-Masken getragen.
Auf die Angabe von Resultaten bzgl. möglicher (Schnell-)Teststrategien verzichten wir (außer als
Teil des Maßnahmenpakets Schule). Grund ist, dass die aktuelle Datenlage bzgl. deren
Sensitivität bei prä- oder asymptomatischem Verlauf zu unübersichtlich ist, sodass wir unsere
diesbezüglichen Simulationsresultate derzeit nicht für belastbar halten. Bezogen auf eine
mögliche zukünftige Mutation wäre die Aussagekraft noch geringer.
Simulationsresultate
Die Wirkungen der Maßnahmen aus dem IfSG sind in Tabelle 1 dargestellt. Wir zeigen zum einen,
wie die Maßnahmen auf den R-Wert wirken und zum anderen die Reduktion der maximalen
Inzidenz und Krankenhausinzidenz. Laut unserem Modell würde der R-Wert mit neuer
Immunfluchtvariante bei ca. 1,4 liegen, wenn keine der genannten Maßnahmen eingeführt und
entsprechend befolgt wird. Um den R-Wert auf einen Wert unter 1 zu drücken, wäre also
insgesamt eine Reduktion um ca. 30% erforderlich. Im “ungünstigen Szenario” (siehe Szenario 3 in
Abschnitt 3) ist eine Reduktion der Krankenhausinzidenz um ca. 85% erforderlich, um unterhalb
des Niveaus der BA.1-/BA.2-Wellen aus dem Frühjahr 2022 zu bleiben.
Auf Basis der in Tabelle 1 dargestellten Simulationsergebnisse können wir folgende
Beobachtungen ableiten:
Die mit Abstand am besten wirksame Maßnahme ist die Impfkampagne (Zeile 1 bzw. 2),
insbesondere, falls ein Impfstoff zur Verfügung steht, welcher immunologisch relativ eng
mit der neu auftretenden Variante verwandt ist (mehr dazu in Abschnitt 5 “Unterschiedliche
Impfstoffe”, weiter unten).
Masken im Freizeitbereich sind ebenfalls wirksam (Zeile 5). Es ist allerdings unklar, wie
das in Bezug auf die Gastronomie umgesetzt werden soll. Ein Verzicht auf das Tragen von
Masken ausgerechnet in Räumen mit hoher Personendichte reduziert die Wirkung der
Maßnahme auf jeden Fall erheblich, selbst wenn dies nur für die Dauer des Verzehrs
geschieht.
Im Bereich Arbeit wirkt breit wahrgenommenes Homeoffice (Zeile 3) weiterhin am besten.
Selbst eine Maskenpflicht an jedem Arbeitsplatz (Zeile 4, also anders als in der
Vergangenheit (BMAS 2021) auch in Mehrpersonenbüros mit 10qm oder mehr pro Person)
erreicht keine ähnliche Wirkung. Der Grund für die schlechte Wirksamkeit einer
Maskenpflicht im Bereich Arbeit ist die aus dem bisherigen politischen Diskussionsverlauf
hergeleitete Modellannahme, dass nur OP-Masken verwendet werden.
Eine Kombination von Maßnahmen, die alle Bereiche einschließt (Zeile 8 bzw. 9), kann laut
unserem Modell den R-Wert um ca. 34% bzw. 38% senken und würde somit, insbesondere
mit dem BA.5 Update Impfstoff, knapp ausreichen, um den R-Wert auf einen Wert unter 1
zu drücken. Es sei allerdings nochmals darauf hingewiesen, dass einige Annahmen
hierfür, wie 50%ige Homeoffice-Quote oder durchgehendes Maskentragen auch in
Restaurants etc., eher optimistisch sind.
Bzgl. der Krankenhaus-Inzidenzen ist zu beobachten, dass hier die Impfungen relativ gesehen
nochmals stärker wirken als die anderen Maßnahmen. Die Gründe dafür sind, dass wir bei den
Impfungen in den älteren Jahrgängen höhere Impfquoten annehmen, und dass die Impfungen bei
12 Wir modellieren dies mit 90%iger Befolgungsrate.
11 In Kindergarten und Grundschule werden statt Schnelltests 2x pro Woche PCR-Tests durchgeführt.
4
den älteren Jahrgängen mehr schwere Verläufe verhindern als bei den jüngeren Jahrgängen. Dies
bestätigt nochmals die Wichtigkeit der Impfkampagne für den Herbst/Winter.
Bereich
Zeile
Maßnahme
Reduktion
R-Wert
Reduktion max.
Inzidenz
Reduktion max.
KH-Inzidenz
Impfung
1
Bisheriger Impfstoff
8%
30%
25%
2
BA.5 Update
12%
40%
65%
Arbeit
3
Homeoffice
4%
10%
5%
4
Maske
2%
5%
< 5%
Freizeit
5
Maske
8%
20%
15%
Erledigungen
6
Maske
2%
10%
5%
Bildung
7
Maske + Testen +
Lüften
4%
10%
< 5%
alle
8
1, 3, 5, 6 und 7
34%
75%
75%
9
2, 3, 5, 6 und 7
38%
80%
80%
Tabelle 1: Wirksamkeit unterschiedlicher Maßnahmen bezogen auf den R-Wert, die Inzidenz und
die Krankenhausinzidenz. Für eine Absenkung des R-Wertes unter 1 ist eine Reduktion um ca.
30% notwendig. Im “ungünstigen” Szenario 3 müssten die Krankenhausinzidenzen laut Modell um
ca. 85% reduziert werden, um das Niveau der Omikronwellen Anfang 2022 nicht zu überschreiten.
Im “mittleren” Szenario 2 liegt die nötige Reduktion bei ca. 70% (vgl.
https://covid-sim.info/cologne/2022-08-04/9b-leis-dec).
Zusammenfassung und Einordnung
Im besten Fall reicht die Kombination der genannten Maßnahmen “gerade so” aus, um die Welle in
dem simulierten Szenario zu brechen, also ihren R-Wert unter 1 zu senken. Dies ist auch nur dann
der Fall, wenn sehr optimistische bzw. teilweise unrealistisch optimistische Annahmen über die
Durchführung mancher Maßnahmen getroffen werden, z.B. 50% Homeoffice-Quote, gleichzeitig
durchgängiges Maskentragen auch in Restaurants etc. Dies ist dennoch nicht notwendigerweise
ein Problem, aus folgenden Gründen:
Die im Modell angenommene Immunflucht, eine Abnahme des Neutralisierungstiters um
einen Faktor 6, ist eher groß. Der Sprung von Delta auf BA.1 war ähnlich groß, aber der
Sprung von BA.1/BA.2 auf BA.4/BA.5 war deutlich kleiner. Eine kleinere Immunflucht
würde sowohl die bisher aufgebaute Immunität als auch die Impfungen relativ gesehen
wirksamer werden lassen.
Insbesondere wenn es gelingt, die älteren Jahrgänge breit zu impfen, ist im “mittleren”
Szenario 2 die resultierende Krankenhausbelastung nicht höher als während der
Omikron-Welle im Frühjahr 2022.
Falls allerdings eine neue Variante mit einer deutlich größeren Krankheitsschwere einhergehen
sollte, dann könnte das Brechen der Welle nötig werden, um eine Überlastung des
Gesundheitssystems abzuwenden. In diesem Fall könnten Maßnahmen nötig werden, welche
über diejenigen in Tabelle 1 hinausgehen.
5 Unterschiedliche Impfstoffe
Das BMG hat laut einer Rede des Bundesgesundheitsministers Lauterbach (BMG 2022a; DIE
ZEIT 2022) zwei unterschiedliche Impfstoffe bestellt. Unserem Verständnis nach ist einer davon
gegen Omikron BA.1/BA.2 optimiert, und einer gegen Omikron BA.5.
5
Dies ist deshalb relevant, weil zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorhergesagt werden kann, von
welcher vorherigen Variante die nächste Variante ausgehen wird. Ein Beispiel dafür sind die
Omikron-Varianten, bei denen es sich nicht um eine Weiterentwicklung der Delta-Variante handelt,
sondern wahrscheinlich um eine Abstammung von einer nahen Verwandten der Wildvariante
(Kupferschmidt 2021).
Da für die Parameter einer solchen Entwicklung allerdings keine Anhaltspunkte bestehen, haben
wir uns entschieden, einen einfacheren Fall zu untersuchen nämlich zwei Omikron-Varianten, die
entweder von BA.5 ausgehen (“Mutation A”), oder direkt von BA.2 (“Mutation B”), wie in der
folgenden Abbildung gezeigt:
Abbildung 2: Visualisierung hypothetischer Variantenentwicklungen, so wie in den Simulationen für
diesen Abschnitt verwendet. Siehe Fußnote 13 für eine Erläuterung zu den Faktoren.
Dabei gehen wir davon aus, dass die evolutionären “Abstände” der neuen Varianten von ihren
jeweiligen Ausgangsvarianten eher groß sind. Dies führt zunächst zu den folgenden Kurven:
13
Abbildung 3: Modellierte relative Inzidenzen im Vergleich zur Omikron-Welle im Frühjahr 2022.
Die rote Kurve (“aktuelle Varianten”) entspricht Szenario 1 (“eher günstig”) aus Abschnitt 3. Die
grüne Kurve (“Mutation A”) entspricht den Szenarien 2 und 3 oben, welche bzgl. der Inzidenzen
13 Bei uns im Modell unterschieden sich Varianten zum einen bzgl. ihrer Basis-Übertragbarkeit (welche z.B.
auch bei immunologisch naiven Personen zu unterschiedlichen Ansteckungswahrscheinlichkeiten führt), und
zum anderen bzgl. ihrer Immunflucht. Die Immunflucht-Distanz ergibt sich im Prinzip aus
Neutralisierungs-Titer-Messungen im Labor eine Fluchtvariante benötigt um einen Faktor X mehr
Antikörper im Blut, um noch bekämpft werden zu können. Für die Untersuchungen hier sind die
Basis-Übertragbarkeitswerte aller vier Varianten (BA.2, BA.5, Mutation A, Mutation B) gleich, und die
Immunflucht-Faktoren lauten “x 3” zwischen BA.2 und BA.5 (Hachmann et al. 2022), sowie “x 6” zwischen
BA.5 und Mutation A einerseits sowie zwischen BA.2 und Mutation B andererseits. “x 6” entspricht dem Wert,
welchen wir zwischen Delta und BA.1 verwenden. (Die Differenz zu den “x 25” (Rössler et al. 2022), welche
im Labor gemessen wurden, geht bei uns in die Basis-Übertragbarkeit.)
6
identisch sind. “Mutation B”, also die Weiterentwicklung von BA.2 würde zu einer niedrigeren und
späteren Welle führen. Offenbar führt hier die größere immunologische Nähe zum originalen
Impfstoff zu einer stärkeren Dämpfung.
Die folgenden beiden Abbildungen zeigen die Wirkung unterschiedlicher Impfstoffe, im oberen Teil
gegen “Mutation A”, im unteren Teil unten gegen “Mutation B”.
Abbildung 4: Wirksamkeit verschiedener Impfkampagnen auf die modellierten relativen
14
Inzidenzen im Vergleich zur Omikron-Welle im Frühjahr 2022. OBEN: unter der Annahme, dass die
künftige dominante Variante unserer “Mutation A” entspricht. UNTEN: unter der Annahme, dass die
künftige dominante Variante unserer “Mutation B” entspricht (vgl.
https://covid-sim.info/cologne/2022-08-06/1-vax).
Man kann aus diesen Abbildungen erkennen, dass
alle Impfstoffe das Infektionsgeschehen dämpfen,
im oberen Teil der Abbildung (also gegen “Mutation A”), der BA.5-Update (blau) besser
wirkt als der BA.1-Update (grün),
im unteren Teil der Abbildung, (also gegen “Mutation B”), der BA.1-Update (grün) besser
wirkt als der BA.5-Update (blau).
Dies entspricht insgesamt der Erwartung, dass ein Impfstoff, welcher “näher dran” liegt an der
jeweiligen Variante, gegen diese Variante auch besser wirkt.
Zusammenfassung und Einordnung
Es handelt sich bei den Simulationsresultaten in diesem Bericht nicht um Vorhersagen, weil nicht
bekannt ist, ob im Winter neue Virusvarianten auftreten werden, welche Eigenschaften diese
14 Der modellierte BA.1-Impfstoff schützt gegen BA.1 auf die gleiche Weise, wie der ursprüngliche Impfstoff
gegen Alpha geschützt hat. Analog für den BA.5-Impfstoff bzw. BA.5. Die Wirksamkeit gegen andere
Virusvarianten ergibt sich durch die Multiplikatoren der Neutralisierungstiter, wie oben erklärt.
7
haben werden, und insbesondere, wie gut die vorhandenen und neuen Impfstoffe gegen sie wirken
werden. Die Simulationen unterstützen aber den Ansatz, mehrere Impfstoffe vorzuhalten.
Quellen
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https://www.bundesanzeiger.de/pub/publication/5QH1uegEXs2GTWXKeln/content/5QH1uegE
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vorbereitet.” [Internet]. bundesgesundheitsministerium.de. 2022a [cited 2022 Aug 4]. Available
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https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/reden/rede/staerkung-des-schutzes-der
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https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/fortentwicklung-infe
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2022 Aug 4]. Available from:
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Rössler A, Riepler L, Bante D, von Laer D, Kimpel J. SARS-CoV-2 Omicron Variant Neutralization
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Senozon. The Senozon Mobility Model [Internet]. The Senozon Mobility Model. 2020 [cited 2020
Mar 19]. Available from: https://senozon.com/en/model/
Anhang
Mobilitätsdaten
Die aushäusigen Aktivitätendauern sind auf einem hohen Niveau, welches ähnlich hoch ist wie vor
einem Jahr im Sommer während der Schulsommerferien. Das Niveau in Köln ist weiterhin höher
als in Berlin. Auswertungen für alle Landkreise und Bundesländer sind auf unserer Webseite
https://covid-sim.info/ abrufbar.
8
Abbildung 5: Im Mittel aushäusig verbrachte Zeit pro Person und Tag in Berlin (oben) und Köln
(unten); ermittelt aus anonymisierten Mobilfunkdaten. Rot: Mittelwerte über die Wochentage der
jeweiligen Woche. Gelb: Mittelwerte über die Wochenend- und Feiertage (einschl. Samstag) der
jeweiligen Woche. Eigene Darstellung; Datenquelle: Senozon (2020).
9