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ANGEWANDTE GEOGRAPHIE
https://doi.org/10.1007/s00548-022-00829-8
Standort
Machbarkeitsstudie zur Verbesserung der ländlichen Nahversorgung
mit Lieferdrohnen
Tobias Biehle1· Robin Kellermann1
Eingegangen: 21. Oktober 2022 / Überarbeitet: 20. Dezember 2022 / Angenommen: 21. Dezember 2022
© Der/die Autor(en) 2023
Zusammenfassung
Die vorliegende Studie untersucht die Machbarkeit von Drohnenlieferungen zur Verbesserung der ländlichen Nahversor-
gung am Beispiel der Brandenburgischen Flächengemeinde Wusterhausen/Dosse. Die Ergebnisse zeigen, dass der rechtliche
Rahmen sowie die technischen Möglichkeiten durchaus die Umsetzung eines Lieferkonzeptes ermöglichen, welches den
lokalen Lebensmitteleinzelhandel stärken und die Versorgungsbedarfe der Bevölkerung adressieren kann. Allerdings stehen
die aktuellen Anschaffungs- und Betriebskosten einer marktwirtschaftlichen Machbarkeit des Anwendungsfalls entgegen.
Da sinkende Kosten in den nächsten Jahren insbesondere für die Fernüberwachung der Drohne zu erwarten sind, könnte
eine automatisierte, drohnengestützte Nahversorgung jedoch künftig an praktischer Relevanz für strukturschwächere Re-
gionen gewinnen. Dabei wird in der ko-kreativen Planung des Lieferbetriebes mit lokalen Stakeholdern die notwendige
Voraussetzung zur Hebung dieser Potenziale im Einklang mit bürgerschaftlichen Interessen gesehen.
Schlüsselwörter Nahversorgung · Lieferdrohne · Ländlicher Raum · Einzelhandel · Machbarkeit
Abstract
This study examines the feasibility of drone deliveries to enhance local supply in rural areas using the example of the
Brandenburg municipality of Wusterhausen/Dosse in Germany. The results show that the legal framework as well as the
technical possibilities already allow for the implementation of a delivery concept that can both strengthen local retailers and
address community demands. However, the current procurement and operating costs counteract the free-market feasibility
of the presented application scenario. As costs are expected to decrease in the next few years especially for the remote
monitoring of drones, automated drone-based local supply could gain practical relevance for structurally weaker regions
in the near future. The co-creative planning of delivery services with local stakeholders is thereby seen as a prerequisite
for leveraging these potentials in harmony with public interests.
Keywords Local supply · Drone delivery · Rural areas · Retail · Feasibility
Einleitung
Der Einsatz von Drohnen für zivile Anwendungen erfährt
seit einigen Jahren immer stärkere Aufmerksamkeit. Wäh-
rend die Potenziale und Risiken der Technologie in der
Landwirtschaft (Lutz 2017; Horstmann 2020), in der kom-
munalen Daseinsvorsorge (Streicher 2020) und im Einsatz
Tobias Biehle
tobias.biehle@tu-berlin.de
1Fachgebiet Arbeitslehre/Technik und Partizipation,
Sekretariat MAR 1-1, Technische Universität Berlin,
Machstr. 23, 10587 Berlin, Deutschland
durch Behörden mit Ordnungs- und Sicherheitsaufgaben
(Christen et al. 2018;Biehle2020) zunehmend diskutiert
werden, stellt der Einsatz von Lieferdrohnen für eine Ver-
besserung der Lebensmittelversorgung in dünn besiedelten,
ländlichen Räumen eine in Deutschland bislang kaum
diskutierte Nische dar (Million 2020; Crössmann 2022,
Path et al. 2022). Infolge dieser geringen Aufmerksamkeit
blieb bislang offen, ob in diesem Anwendungsfall ein ge-
sellschaftlicher Mehrwert liegt und inwiefern dieser unter
den aktuellen gesellschaftlichen, rechtlichen, technischen
und betriebswirtschaftlichen Bedingungen realisiert werden
kann.
Vor diesem Hintergrund liefert die vorliegende Mach-
barkeitsstudie einen systematischen Einblick in die Poten-
K
T. Biehle, R. Kellermann
ziale und Problemlagen des Einsatzes von Lieferdrohnen
im Bereich der ländlichen Nahversorgung. Die Erkenntnis-
se speisen sich aus einem Fördervorhaben, das im Auftrag
der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zwi-
schen Februar 2021 und Januar 2022 von der Brandenburgi-
schen Gemeinde Wusterhausen/Dosse durchgeführt wurde.
Konkrete Zielstellung des Projekts war es, ergebnissoffen
zu prüfen, ob der bestehende Einzelhandel und die loka-
le Bevölkerung in einer strukturschwachen Region mithilfe
dieses innovativen Technologieangebots langfristig gestärkt
werden können. Im Sinne einer sozialwissenschaftlichen
Technikfolgenabschätzung lag dabei ein besonderer Fokus
auf der ko-kreativen Planung des Anwendungsfalls zwi-
schen Gemeinde und Bürgerschaft, um mögliche negative
Auswirkungen eines Drohneneinsatzes frühzeitig erkennen
und planerisch auflösen zu können (Grunwald 2011).
Nahrungsmittelversorgung mit
Lieferdrohnen
Erste erfolgreiche Anwendungen im internationalen Kon-
text zeigen, dass Lieferdrohnen eine lohnende und wirt-
schaftlich effiziente Lösung für medizinische Transporte
in abgelegenen und infrastrukturell schlecht erschlossenen
Regionen darstellen können (Cheskes et al. 2020;Tha-
pa 2021). Wenngleich technisch denkbar, kann allerdings
noch nicht abgesehen werden, ob sich Lieferdrohnen auch
für den Transport von Konsumgütern im Einzel- und On-
linehandel etablieren werden. Selbst wenn aktuell umfas-
sende staatliche und private Investitionen in die Forschung
und Entwicklung dieser Anwendungen fließen (vgl. BMVI
2020), bestehen vor allem gesellschaftliche Hürden gegen
einen großflächigen Einsatz der Technologie (Kellermann
et al. 2020). So sprechen sich 55% der Befragten in ei-
ner für Deutschland bevölkerungsrepräsentativen Umfrage
(n= 1000) aus dem Jahr 2020 gegen den Einsatz von Droh-
nen zur Auslieferung von Konsumgütern im städtischen
Raum aus (Abb. 1). Mehrheitlichen Zuspruch scheint dieser
Anwendungsfall hingegen im ländlichen Raum zu erhalten
(VUL 2019; Eißfeldt und End 2020; Yoo et al. 2018).
Abb. 1 Ergebnisse einer be-
völkerungsrepräsentativen Stu-
die (n= 1000) zur Einstellung
und Nutzungsbereitschaft von
Drohnen für Lieferungen von
Konsumgütern in deutschen
Städten. (Eigene Darstellung
nach Dannenberger et al. 2020)
In technischer Hinsicht werden für den Warentransport
im Rahmen momentaner Modell- und Praxisanwendungen
entweder manövrierstarke Koptersysteme oder reichweiten-
starke Kipp- bzw. Starrflügler mit Batterieleistungen für ak-
tuell 10–15 bzw. für 30–50 Flugkilometer eingesetzt. Die
Nutzlast solcher Systeme beträgt bis zu 8kg, wenngleich
sich auch weit größere Lastendrohnen in der Entwicklung
bzw. in der Anwendung befinden (Poikonen & Campbell
2021). Lösungen für die Warenaufnahme bzw. Warenab-
gabe umfassen unter anderem Fallschirmsysteme und Seil-
winden. Das An- und Abkoppeln einer Transportbox am
Boden kann händisch oder automatisiert an sogenannten
Drone-Ports erfolgen (Scott und Scott 2020). Im Regel-
flugbetrieb außerhalb der Sichtweite eines Piloten müssen
Drohnen in Deutschland aktuell fernüberwacht werden. Das
Entwicklungsziel ist jedoch ein autonomer Betrieb und so
ist es vor allem die damit verbundene Hoffnung auf Ein-
sparungen bei Personalkosten, welche das Interesse großer
Onlinehändler, von Einzelhandelsketten und Logistikanbie-
tern an der Technologie begründen (Aurambout et al. 2019).
Unter ökologischen Gesichtspunkten könnte eine drohnen-
gestützte Lieferlogistik vor allem im Bereich von Spezi-
algütertransporten und dem Expressversand einen Beitrag
zur Klimaneutralität des Güterverkehrssektors leisten. Dies
ist insbesondere in solchen Szenarien realisierbar, in denen
wenige Waren anstatt mit konventionellen Lieferfahrzeu-
gen durch energieeffizientere Drohnen auf dem direkteren
Luftweg transportiert werden (Kirschstein 2020).
Das Projekt Stadt-Land-Drohne“
Die Gemeinde Wusterhausen/Dosse liegt im Nordwes-
ten Brandenburgs, 75km von Berlin entfernt. Mit knapp
196km2zählt sie zu den flächengrößten Gemeinden in
Deutschland und umfasst insgesamt 22 Ortsteile (OT). Von
den rund 5800 Einwohner*innen leben etwas mehr als die
Hälfte im OT Stadt Wusterhausen. Gemeinsam mit den
Autoren dieser Studie sollte geprüft werden, ob und wie
mittels Lieferdrohnen die Nahversorgung mit Gütern des
täglichen Bedarfs in den umliegenden, unterversorgten OT
K
Machbarkeitsstudie zur Verbesserung der ländlichen Nahversorgung mit Lieferdrohnen
Abb. 2 Mobile ndler auf dem Marktplatz von Wusterhausen/Dosse.
(Eigene Aufnahme)
verbessert werden kann. Gleichzeitig sollte erörtert wer-
den, ob und wie die Technologie dazu beitragen kann, noch
bestehende Nahversorgungsstrukturen im Gemeindegebiet
aufzuwerten.
Analyse der Nahversorgung und Ableitung der
Versorgungsrouten
Um relevante Lieferrouten zu identifizieren, wurde zunächst
die angebots- und nachfrageseitige Nahversorgungssituati-
on im Gemeindegebiet untersucht (IÖW 2005). Auf Grund-
lage des Gewerberegisters und des aktuellen Gemeinde-
entwicklungskonzeptes (INGEK 2021) wurde der Markt-
platz des OT Stadt Wusterhausen als das zentrale Versor-
gungszentrum identifiziert, von dem an Markttagen neben
dem stationären Einzelhandel auch mobile Markthändler in
einen warenoffenen Drohnenlieferservice eingebunden wer-
den könnten (Abb. 2). Eigene Lieferservices werden hier
mit Ausnahme der örtlichen Apotheke nicht angeboten. Zu-
sätzlich wurde auf Grundlage von Interviews die Fleischerei
im nahegelegenen OT Heilbrunn als in der Region nachge-
fragte Nahversorgungsstruktur herausgestellt.
Zur Untersuchung der Nachfrage wurde die Entfernung
aller OT zum nächsten Nahversorger mit Vollsortiment, die
Zahl der mit einem Lieferservice erreichbaren Haushalte so-
wie die Mobilitätskosten (Zeitaufwand und Fahrtkosten) für
die Nahversorgung mit Pkw, Fahrrad und ÖPNV verglei-
chend aufgearbeitet. Unter ökologischen Gesichtspunkten
wurden zudem Einsparpotenziale von Wegstrecken betrach-
tet, die sich aus der Differenz zwischen bodengebundener
Abb. 3 Potenzielle Versorgungsrouten auf Grundlage der Nahversor-
gungsanalyse. (Eigene Darstellung auf Grundlage von OpenStreet-
Maps)
Fahrtstrecke und direkter Fluglinie mittels Lieferdrohne er-
gaben. Auf dieser Methodik aufbauend, wurden vor allem
die nordöstlichen OT (Blankenberg, Trieplatz)sowiedie
südlichen OT (Barsikow) der Gemeinde als jene bewertet,
in denen Anwohner*innen bezüglich ihrer Nahversorgungs-
möglichkeiten gegenüber anderen OT benachteiligt sind.
Auf Grundlage dieser Erkenntnisse wurden potenzielle Ver-
sorgungsrouten abgeleitet (Abb. 3).
Qualifizierung von Flugrouten und Verortung von
Landeplätzen
In einem nächsten Schritt wurden diese Versorgungsrou-
ten im Rahmen eines öffentlich beworbenen Planungswork-
shops diskutiert. Dieser hatte zum Ziel, die Erfahrungen
und das Wissen der Anwohner*innen aus den betreffenden
OT in die Planung konkreter Flugrouten und Landeplätze
einfließen zu lassen, um damit die Qualität und Geneh-
migungsfähigkeit des Vorhabens zu verbessern. Gearbei-
tet wurde an Kartenmaterial, das jeweils die OT sowie die
Korridore zwischen den OT abbildete. Auf diesen Karten
waren neben den gemeindlichen und topografischen Gege-
benheiten bereits genehmigungsrechtlich relevante Kriteri-
K
T. Biehle, R. Kellermann
Abb. 4 Planungsworkshop zu potenziellen Flugrouten und konkreten Start- und Landeplätzen. (Tscharnke/Gemeinde Wusterhausen)
en nach § 21h LuftVO abgebildet, beispielsweise Biogas-,
Windkraft-, Solarkraftwerksanalagen, Habitate und Schutz-
gebiete sowie Hochspannungsleitungen. Zum anderen er-
laubte der Austausch mit den 12 Teilnehmer*innen, die
persönlichen Anforderungen und Bedenken in der weite-
ren Ausarbeitung des Lieferkonzeptes zu berücksichtigen
(Abb. 4).
Technische Anforderungen
Aus den Flugrouten konnten technische Mindestanforde-
rungen an das Flugsystem abgeleitet werden. Angesichts
der bis zu 22km langen Flugstrecke für den Hin- und Rück-
weg zwischen dem Marktplatz von Wusterhausen/Dosse
und dem OT Blankenberg wurde ein Kipp- oder Starrflügel-
system als die geeignetste technische Lösung erachtet. Das
System müsste dabei eine gewisse Wetterfestigkeit besitzen,
um einen späteren Lieferbetrieb verlässlich umzusetzen.
Weitere Anforderungen betrafen die Nutzlast (mind. 5kg)
und die Transportbox (mind. 5l), welche den Hygienevor-
schriften im Nahrungsmitteltransport entsprechen müsste.
Relevant war zudem, dass das gewählte Flugsystem die ge-
nehmigungsrechtlich notwendigen Datenschnittstellen und
Funksysteme besitzt, um eine ferngesteuerte Überwachung
außerhalb der Sichtweite eines Piloten (BVLOS-Operati-
ons) zu ermöglichen. Um Gefahren bei einer Störung tech-
nischer Komponenten zu kompensieren, sollte die Drohne
über Redundanzsysteme verfügen (z.B. Energieversorgung,
Steuermechanik, Autopilot und Notlandungsfunktion). Da-
bei wurden auch die Wartungsintensität und die Wartungs-
komplexität (Akkutausch, Abflugskontrolle) in die Abwä-
gung einbezogen. Zudem spielten der Preis, die Lieferzeit
wie auch das Vorhandensein eines guten technischen Sup-
ports eine zentrale Rolle. Auf Grundlage dieser Abwägun-
gen wurde eine Marktanalyse durchgeführt.
Hinsichtlich der Bodeninfrastruktur wurde für den Droh-
nentyp ein eingezäuntes Areal von ungefähr 8× 8Metern
als ideal definiert, um bei unterschiedlichen Witterungsbe-
dingungen sichere Starts und Landungen zu gewährleisten.
Als notwendig definiert wurde zudem eine Stromversor-
gung ggf. mit Akku-Lademöglichkeit, ein Internetzugang
und Webcams zur Überwachung des Landeplatzes und zur
Autorisierung des Warenempfängers.
Genehmigungsrechtliche Betrachtung
Der Kontakt zum zuständigen Luftfahrtbundesamt wurde
aufgenommen, nachdem sich eingehender mit der Routen-
planung und den technischen Komponenten des ausgewähl-
ten Produktes auseinandergesetzt wurde. Zur Beantragung
einer Betriebsgenehmigung im vorliegenden Anwendungs-
fall bedarf es einerseits einer detaillierten Beschreibung des
angestrebten Flugbetriebes, der damit verbundenen Risiken,
sowie einer Strategie zur Risikobewältigung (ConOps). An-
dererseits bedarf es einer Risikoanalyse der lokalen Luft-
und Bodenrisiken (SORA). Eine entsprechende Dokumen-
tation wurde in einem Vorgespräch vorgestellt und disku-
tiert. Dabei lag ein besonderes Augenmerk der Behörde auf
den notwendigen Sicherheitsabständen zu Besiedlung un-
ter Abwägung zum Flugmanöver der Lieferdrohne (Start-
und Landeanflug). Auf Grundlage der Rückmeldungen wur-
de die Dokumentation überarbeitet und zu einem Betriebs-
handbuch ausgearbeitet (Operations Manual). Positiv her-
vorzuheben ist die Möglichkeit, dieses Betriebshandbuch
nach erteilter Betriebsgenehmigung mittels Änderungsan-
trag zeit- und kostensparend um weitere Flugstrecken er-
gänzen zu können. Voraussetzung dafür ist der betreiber-
seitige Nachweis, dass die geplanten neuen Flugrouten kein
ungleich größeres Luft- und Bodenrisiko bergen. Eine for-
K
Machbarkeitsstudie zur Verbesserung der ländlichen Nahversorgung mit Lieferdrohnen
melle Eröffnung des Genehmigungsverfahrens war im Rah-
men der Machbarkeitsstudie nicht vorgesehen.
Lieferkonzept
Auf Grundlage der Nahversorgungsbedarfe, der techni-
schen Möglichkeiten und Grenzen der gewählten Drohne
sowie der rechtlichen Rahmenbedingungen wurde nun-
mehr die ko-kreative Entwicklung eines Betriebskonzeptes
forciert. Mit potenziellen Kund*innen und Projektinter-
essierten wurde dazu auf zwei Strategietreffen in den OT
evaluiert, wie ein Bestell-, Liefer- und Abrechnungsprozess
gestaltet werden kann, sodass konkrete Versorgungsbedar-
fe adressiert und die Nutzerfreundlichkeit auf Anbieter-
und Nachfrageseite gewährleistet werden. Die Ergebnisse
dieser Workshops wurden in einem Konzept verdichtet.
Erarbeitet wurde ein Drohnenliefersystem, das regelmä-
ßig wiederkehrend während der offiziellen Markttage Wa-
ren aus dem Umfeld des Wusterhausener Marktplatzes in
die OT liefern soll. Dabei sollten alle Warengruppen der
stationären und mobilen Händler*innen im Umkreis des
Marktplatzes geliefert werden können, soweit dies tech-
nisch und rechtlich möglich ist. Um mit dieser neuen Ver-
triebsform den lokalen Einzelhandel zu stärken, soll da-
bei jedoch von einer Zusammenarbeit mit den umliegenden
Discountern abgesehen werden.
Die Bestellungen erfolgen telefonisch oder digital durch
registrierte Nutzer*innen mit einem Kundenkonto, wobei
die beanspruchten Services per Lastschrifteinzug abge-
rechnet werden. Die Gewerbetreibenden kooperieren mit
dem Lieferservice, indem sie ihre Warensortimente und
wöchentlichen Angebote auf einer digitalen Plattform ein-
binden lassen bzw. sie durch Aushänge in den OT zur
Verfügung stellen. Die Entgegennahme der Waren erfolgt
entweder durch die Kund*innen selbst, welche telefonisch
über die Abwicklung der Bestellung und die Ankunft der
Drohne informiert werden, oder durch eine ehrenamtlich
organisierte Vertretung in den OT. Um den Service prak-
tisch umzusetzen, ist für den Markt in Wusterhausen/Dosse
zudem eine Kontaktperson mit kaufmännischen Aufgaben
vorgesehen. Dieser Dispatcher verantwortet die Pflege der
Bestellplattform, die Entgegennahme von Kundenbestel-
lungen, das Kommissionieren und Abrechnen der Waren,
die Bestückung der Drohne, sowie sicherheitsrelevante
Prüfungen am Gerät anhand einer Checkliste.
Prüfung der Kostenstruktur von Drohnenlieferungen
Die Bewertung der wirtschaftlichen Machbarkeit wurde an-
hand eines Szenarios vorgenommen, das von einer Umset-
zung des Lieferkonzeptes über ein Jahr an chentlich zwei
Markttagen für jeweils 4h am Tag ausgeht. Angenommen
wurden etwa eine Lieferung jede halber Stunde, was rund
Tab. 1 Prognostizierte Kostenstruktur des Lieferkonzeptes
Kostenstruktur des Lieferkonzeptes
Investitions- und Anschaffungskosten Akkumulierte
Kosten
Drone-Ports auf gemeindeeigenen Flächen (5) 127.500 C
UAV Wandelflugzeug (1)
Akkus (3)
Ladegeräte (2)
Betriebsgenehmigungen 17.000 C
Aufbau Bestellplattform und Abrechnungssys-
tem
Mitarbeiterschulungen
Arbeitsmaterialien Dispatcher
Organisations- und Betriebskosten Akkumulierte
Kosten
Dispatcher 48.000 C
Piloteneinsatz
Datenabo UTM Flugsicherung 12.500 C
LTE-Datenvolumen Drone-Ports
LTE-Datenvolumen Drohne
C2 Cloud zur Steuerung der Drohne
Wartungskosten
Versicherungen 5000 C
Raummiete
Stromkosten Drone-Ports
Stromkosten Drohne
Erwartete Gesamtkosten 210.000 C
Prognostizierte Kostenstruktur des Lieferkonzeptes
650 realisierten Lieferungen über 12 Betriebsmonaten ent-
spricht. Der finanzielle Gesamtaufwand für dieses Szenario
beträgt ca. 210.000 C. Dabei entsprechen die Investitions-
und Anschaffungskosten von rund 153.000 C ca. 70% der
Gesamtausgaben. Die Betriebskosten belaufen sich im an-
genommenen Szenario auf rund 57.000 C. Eine Auflistung
zentraler Kostenpositionen findet sich in Tab. 1.
Einnahmen aus dem Lieferkonzept könnten sich aus Lie-
fergebühren ergeben, die auf Kundenbestellungen erhoben
werden, sowie aus Gebühren für die teilnehmenden Händ-
ler*innen, welche einen Anteil am Wert der gelieferten Wa-
ren entsprechen. Werden die Liefergebühren mit 2,50 C
festgesetzt und bei durchschnittlichen Lieferwerten von 6 C
eine Umsatzbeteiligung an den Händler*innen von 10%
angenommen, ergeben sich für 650 Lieferungen im ein-
jährigen Szenario circa 2000 C Einnahmen. Für die wirt-
schaftliche Tragfähigkeit des vorgestellten Lieferkonzeptes
sind demnach deutlich höhere Einnahmen und geringere
Betriebskosten notwendig.
Diskussion der Ergebnisse
Entsprechend können die Leitfragen der Machbarkeitsstu-
die wie folgt beantwortet werden. Eine technische Mach-
K
T. Biehle, R. Kellermann
barkeit erscheint klar gegeben, da für den entwickelten
Anwendungsfall marktreife, das heißt zertifizierte Drohnen
und Steuerungssysteme zur Verfügung stehen. Start- und
Landeplätze des vorgesehenen Drohnentyps müssen einen
sicheren Betrieb gewährleisten, sind sonst jedoch an keine
unverhältnismäßigen Auflagen gebunden, die gegen einen
kostensparenden Bau in Eigenverantwortung sprechen wür-
den. Eine rechtliche Machbarkeit und die Genehmigung des
Anwendungsfalls sind ohne verhältnismäßig große Hürden
und Kosten möglich. Die Option einer sukzessiven Aus-
weitung der Betriebsgenehmigung um weitere Flugrouten
bzw. weitere Start- und Landeplätze ist positiv hervorzu-
heben. Erweiterungen des Liefernetzwerkes sind dadurch
möglich.
Hinsichtlich der rgerschaftlichen Einstellung scheint
eine Machbarkeit ebenfalls gegeben. Zwar wird sich ei-
ne belastbare Meinung gegenüber dem Einsatz von Liefer-
drohnen im Gemeindegebiet erst während eines Praxisbe-
triebs entwickeln. Die im Rahmen eines Workshops und
zweier Fokusgruppen eingebundene Anwohnerschaft äu-
ßerte sich jedoch positiv erwartungsvoll. Die Rückmeldun-
gen der Beteiligten waren zudem zentral, um Anforderun-
gen, beispielsweise bei der Streckenführung oder der Ver-
ortung von Landeplätzen in den OT zu identifizieren.
Der Kundenmehrwert des Lieferkonzeptes liegt in der
unmittelbaren Verfügbarkeit (erwartete Lieferzeit circa
30min) eines breiten Marktsortimentes an Nahrungs- und
Bedarfsartikeln vom städtischen Marktplatz. Seitens der
Bevölkerung wurde dabei besonders positiv hervorgeho-
ben, dass das Lieferkonzept den Konsum regionaler Waren
befördern und den lokalen Einzelhandel unterstützen kann.
Für diesen wiederum ergibt sich die Möglichkeit, von einer
zusätzlichen Vertriebs- und Vermarktungsform zu profitie-
ren, welche den jeweiligen Verkaufsradius, den potenziellen
Kundenkreis und damit den Umsatz erhöhen kann.
Die wirtschaftliche Machbarkeit des skizzierten Be-
triebskonzeptes scheint zunächst nicht gegeben. Förderli-
che Faktoren würden vor allem geringere Kosten für die
Anschaffung und für die Fernüberwachung der Drohne im
operativen Betrieb darstellen. Auf der anderen Seite könn-
ten höhere Einnahmen aus Liefergebühren erzielt werden,
wenn die Kundennachfrage erhöht (Ausweitung des Liefer-
netzes, Lieferung weiterer Warengruppen) und das gebuch-
te Zeitkontingent des Drohnenpiloten effizienter genutzt
würde (zeitgleiche Überwachung mehrerer Lieferdrohnen,
Erhöhung der Lieferfrequenz). Des Weiteren könnten For-
men einer Querfinanzierung in Betracht gezogen werden,
beispielsweise durch höherpreisige gewerbliche Lieferun-
gen, oder durch die Vermietung der Drohne für Sensorik-
Dienstleistungen in der örtlichen Land- und Bauwirtschaft.
Zusammenfassung: Lieferdrohnen im
ländlichen Raum
In der zusammenfassenden Betrachtung der aktuellen Po-
tenziale und Limitationen von Lieferdrohnen für die Ver-
besserung der Nahversorgung im ländlichen Raum ergibt
sich damit ein ambivalentes Bild.
Im Hinblick auf ihre technischen Eigenschaften können
Lieferdrohnen bereits heute für eine Anzahl kleiner und we-
nig mobiler Haushalte eine Lösung zur selbstständigen Ver-
sorgung mit Lebensmitteln darstellen. Für größere Haushal-
te können Lieferdrohnen eine Ergänzung darstellen, ohne
den Aufwand, einen örtlichen Nahversorger aufzusuchen,
gänzlich kompensieren zu können. In diesem Zusammen-
hang ist anzunehmen, dass sich der Wunsch nach flexibler
Nahversorgung und hoher Angebotsqualität auch in ländli-
chen Räumen positiv auf die Nachfrage nach dieser Ange-
botsform auswirken wird (Kokorsch und Küpper 2019).
In Konkurrenz steht das Nahversorgungskonzeptes da-
bei vor allem zu großen Onlinehändlern und dem Liefer-
service von Einzelhandelsketten, deren Vertriebslogik je-
doch weniger auf der Stärkung regionaler Netzwerke aus
Erzeugern und Verbrauchern beruht (Mensing 2018). Mit
der dezidierten Fokussierung eines entsprechenden Droh-
nenliefersystems auf den örtlichen Einzelhändler sollte so-
mit die Möglichkeit hervorgehoben werden, den jeweiligen
Verkaufsradius lokaler Produkte deutlich zu erhöhen und
von einer digital gestützten, lokalen Produktvermarktung
zu profitieren, welche helfen kann, Nischen gegenüber ver-
kehrlich oft günstiger gelegenen Discountern zu besetzen
(Ievoli et al. 2019; Mettenberger et al. 2021).
Auf Grundlage von Liefergebühren und ohne zusätzli-
che Querfinanzierung wird der Betrieb von Lieferdrohnen
in der ländlichen Nahversorgung jedoch nur bei einer dras-
tischen Reduktion operativer Kosten betriebswirtschaftlich
sinnvoll. Dies scheint möglich, sobald lizensierte Betreiber
zeitgleich mehrere Fluggeräte fernüberwachen können. Mit
einer entsprechenden Anpassung des Rechtsrahmens ist je-
doch nicht vor 2025 zu rechnen (vgl. SESAR JU 2017).
Unter dieser Voraussetzung wäre ein Mehrwert von Lie-
ferdrohnen in der ländlichen Nahversorgung nicht nur für
strukturstärkere oder topografisch abgeschiedene Regionen,
sondern ebenso für strukturschwächere und dünn besiedel-
te Flächengemeinden möglich. Im bedarfsorientierten Auf-,
Aus- und Rückbau des Liefernetzes sowie im erwarteten
Grad an Automatisierung des Transportprozesses liegen da-
bei die zentralen Vorteile gegenüber bodengebundenen Lie-
feralternativen.
Eine an den tatsächlichen Bedarfen der Bevölkerung aus-
gerichtete Entwicklung dieses Potenzials erfordert jedoch
die Zusammenarbeit mit lokalen Stakeholdern. Ein gesell-
schaftlicher Mehrwert muss im Zentrum einer Drohnennut-
zung stehen, damit die Voraussetzungen geschaffen sind,
K
Machbarkeitsstudie zur Verbesserung der ländlichen Nahversorgung mit Lieferdrohnen
dass die Bevölkerung mögliche negative Auswirkungen öf-
fentlicher Lieferflüge in ihrem Lebensumfeld akzeptieren
kann (Boucher 2014).
Danksagung Wir bedanken uns bei der Gemeinde Wusterhausen/
Dosse, namentlich beim rgermeister Herrn Philipp Schulz und Frau
Julia Tscharntke für die engagierte Koordination der Aktivitäten vor
Ort. Wir danken Sven Jürß von Dronegy für seine fundierten tech-
nischen und genehmigungsrechtlichen Zuarbeiten im Rahmen der
Machbarkeitsstudie.
Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt
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