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Dietmar Haubfleisch:
Rede zur Einführung in das Amt des Leitenden Bibliotheksdirektors
der Universitätsbibliothek Paderborn am 01. Juli 2002
Sehr geehrter Herr Professor Dr. Weber,
sehr geehrter Herr Helf,
lieber Herr Barckow,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine Rede soll laut Programm unter anderem ein ‚Ausblick’ auf die weitere Entwicklung der UB
Paderborn sein.
Ich komme diesem Wunsche gerne nach, bin mir aber im Klaren darüber, dass dieses Vorhaben
ein wenig kühn ist: Die Zahl der Stunden, die ich bislang in der UB Paderborn verbringen konnte,
ist überschaubar und die Einblicke, die ich bislang gewinnen konnte, sind daher noch sehr punk-
tuell.
Einen ‚Ausblick’ zu geben, heißt, ‚Zielvorstellungen’ zu formulieren. Ziele oder gar, eine ‚Vision’
für eine Universitätsbibliothek zu formulieren bedeutet, über ihre zukünftigen Aufgaben und
Funktionen nachzudenken.
Die Funktion der Universitätsbibliothek ist zunächst einmal die einer zentralen Dienstleistungs-
einrichtung für die Universität Paderborn. Sie ist dann eine gute Dienstleistungseinrichtung,
wenn sie die Bedürfnisse ihrer Nutzerinnen und Nutzer - das sind vor allem die Forschenden,
Lehrenden und Studierenden der hiesigen Universität - adäquat befriedigt.
Die ersten Informationen, die ich über die Resonanz der Nutzerinnen und Nutzer der UB Pader-
born erhalten habe, sind sehr vielversprechend. Sie stimmen überein mit dem Ergebnis der IN-
FAS-Benutzerbefragung in den nordrhein-westfälischen Universitätsbibliotheken 2001, in der die
UB Paderborn einen sehr guten vierten Platz erreicht hat.
Es wird künftig also vor allem darum gehen, die guten Dienstleistungen der UB und ihr positives
Image zu bewahren und darüber hinaus weiter zu verbessern.
Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der UB
den Kontakt zu den Nutzinnen und Nutzern - zur Leitung der Universität, zu den Forschenden,
Lehrenden und Studierenden der Universität - auf vielfältigen Wegen kreativ ausbauen und in-
tensivieren, dass sie deren Bedürfnisse eruieren, um diesen noch besser als bisher entsprechen
zu können.
Die Hauptaufgabe der UB ist es, die für die Lehre und Forschung der Universität erforderlichen
Medien zu erwerben, zu erschließen und bereitzustellen. Bislang haben die Bibliotheken vor
allem gedruckte Periodika und Monographien erworben. Seit einigen Jahren treten in zunehmen-
dem Maße elektronische Medien an ihre Seite. Es ist absehbar,
dass der Marktanteil der elektronischen Medien gegenüber den gedruckten Medien wei-
terhin stark zunehmen wird,
dass die elektronische Medien die gedruckten jedoch nicht völlig ablösen werden,
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dass es auf absehbare Zeit einen „Medienmix“, ein „Nebeneinander“ von gedruckten
und elektronischen Medien geben wird, das die Bibliotheken in mehrfacher Hinsicht vor
besondere Herausforderungen stellen wird.
Neben diesen Hauptaufgaben werden eine Reihe anderer Aspekte eine zunehmende Rolle spie-
len. Um hier nur ein Beispiel zu nennen: Je komplexer die Medienlandschaft wird, desto wichtiger
wird es sein, dass die Bibliotheken für ihre Nutzerinnen und Nutzer die Rolle von „Informations-
vermittlern“, von „scouts“ einnehmen, die ihnen bei der Suche durch den Dschungel der Infor-
mationslandschaft behilflich sind. Das kann und sollte durch eine Vielzahl von Maßnahmen ge-
schehen; eine davon kann etwas sein, daß Fachreferentinnen und Fachreferenten intensive Kon-
takte zu den Fachbereichen suchen und pflegen und sich dort in Lehrveranstaltungen zum Zwe-
cke einer professionellen Informationskompetenzvermittlung einbringen.
In Zukunft werden die einzelnen Hochschulen - miteinander konkurrierend - individuellere Profile
entwickeln müssen. Und je individueller die Profile der Hochschulen werden, desto stärker müs-
sen sich auch die Profile ihrer Hochschulbibliotheken schärfen und voneinander unterscheiden.
Gleichzeitig - und das darf kein Widerspruch sein - wird es wichtig sein, dass die Hochschulen
wie auch die Hochschulbibliotheken stärker miteinander kooperieren. Das heißt u.a., das die UB
den Kontakt mit dem nordrhein-westfälischen Bibliotheksverbund und seinen Gremien, dem
Hochschulbibliothekszentrum und mit den einzelnen Hochschulbibliotheken intensivieren sollte:
um kooperative Innovationen durchzuführen, gemeinsame Erwerbungen zu tätigen, verstärkt
gemeinsame Projekte zu starten - und: um miteinander in intensiven Erfahrungsaustausch zu
treten.
Ein zentrales Problem der Hochschulbibliotheken ist und bleibt das ihrer Etatsituation:
Auf der einen Seite haben wir es mit steigenden Personal- und Literaturmittelausgaben zu tun -
insbesondere für die immer teurer werdenden Medien, vor allem für die naturwissenschaftlich-
technischen Zeitschriften sowie für die Realisierung neuer zumeist IT-basierter Serviceleistungen
- auf der anderen Seite mit stagnierenden bzw. sinkenden Bibliotheksetats.
Als sich vor einigen Jahren andeutete, dass elektronische Zeitschriften für die Wissenschaft eine
zunehmende Bedeutung gewinnen werden, zeigten sich darüber nicht wenige Hochschulpolitike-
rinnen und -politiker sowie auch Bibliotheksdirektorinnen und -direktoren u.a. deshalb begeis-
tert, weil sie hofften, der Wechsel von gedruckten zu elektronischen Zeitschriften würde zu einer
Senkung der Zeitschriftenkosten führen. Außerdem glaubten sie, durch „konsortialen Erwerb“
elektronischer Zeitschriften die Etats der Bibliotheken entlasten zu können. Diese Hoffnungen
bestätigten sich leider nicht und sind inzwischen allseitig kühler Ernüchterung gewichen: Die
durch den medialen Wechsel erzielbaren Einsparungen sind sehr gering oder gar nicht vorhan-
den. Ganz im Gegenteil sind die zusätzlichen Kosten für den Aufbau und die beständige Pflege
und Aktualisierung der Nutzerendgeräte, der Server sowie für das erforderliche hoch qualifizierte
Personal mit zu berücksichtigen.
Es gibt aus meiner Sicht nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Bibliotheksetats werden den stei-
genden Kosten angepasst oder: die Universitäten nehmen in Kauf, dass immer mehr Zeitschriften
abbestellt werden, d.h., dass den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Grundlage
ihrer Forschung entzogen wird und damit der Auftrag der Universität nicht mehr bzw. nicht mehr
gut erfüllt werden kann.
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Die Aussage eines in der Nähe Paderborns wirkenden Bibliotheksdirektors, die Finanzkrise der
Bibliotheken sei schlechterdings nur eine Strukturkrise und mithin durch strukturelle Änderun-
gen zu beheben1, ist meiner Auffassung nach völlig unzutreffend. Richtig ist allerdings, dass die
Hochschulbibliotheken und mit ihnen auch die UB Paderborn werden (wohl) nicht umhinkom-
men, ihre Binnenstrukturen kritisch zu hinterfragen, Rationalisierungen und Automatisierungen
sowie strukturelle und personelle Änderungen ins Auge zu fassen und durchzusetzen..
Auch die UB Paderborn wird mittelfristig alle ihre Geschäftsgänge evaluieren und nach Möglich-
keiten suchen müssen, trotz notwendiger Rationalisierung ihre Dienstleistungen zu optimieren.
Um nur zwei Punkte anzudeuten: Ich halte es für notwendig, dass die UB Paderborn einen integ-
rierten Geschäftsgang einführt. Und ich halte es ebenso für unabdingbar, dass sich eine Biblio-
thek eine moderne integrierte Bibliothekssoftware zulegt, mit der alle relevanten Arbeitsabläufe
der Bibliothek einheitlich organisiert und verwaltet werden können:
die Erwerbung und Katalogisierung der Monographien und Periodika,
die Statistik und Haushaltsüberwachung,
Ausleihe vor Ort sowie die
Fernleihe.
Die durch diese strukturellen Maßnahmen u.U. freiwerdenden Personalressourcen können je-
doch nicht für die Linderung der Finanzkrise eingesetzt werden, sondern werden dringend dafür
benötigt, die sich vermehrenden und wachsenden Aufgaben im Bereich der Neuen Medien und
Informations- und Kommunikationstechnologie zu bewältigen: Die Selbstreformierung der Biblio-
theken bewahrt die Unterhaltsträger ggf. vor neuen Stellenforderungen, aber nicht vor der An-
passung der Bibliotheksetats an die Preissteigerungsraten der wissenschaftlichen Literatur.
Als Leiter dieser Bibliothek habe ich die Interessen der Bibliothek, d.h. letztlich, die Interessen
der Hochschule zu vertreten; und ich werde beharrlich darauf verweisen, dass die Bibliothek
finanziell gut ausgestattet sein muß, um ihren Dienstleistungsauftrag adäquat erfüllen zu kön-
nen.
Zugleich gehe ich davon aus, dass nicht nur die Bibliothek auf die Notwendigkeit ausreichender
finanzieller Ressourcen hinweist: Auch die Nutzerinnen und Nutzer der Bibliothek, die Wissen-
schaftlerinnen und Wissenschaftler, die Studierenden, die Mitglieder der Bibliothekskommission
und die Leitung der Hochschule müssen sich für eine angemessene finanzielle Ausstattung der
Bibliothek einsetzen - damit die Bibliothek diejenigen Dienstleistungen erbringen und Informati-
onen bereitstellen kann, die den Wissenschaftsstandort Paderborn auch mittel- und langfristig
sichern.
Last but not least: Eine adäquate Mittelausstattung der Hochschulen und der Hochschulbiblio-
theken muss auch eine zentrale Angelegenheit aller Politiker in den Ministerien von Land und
Bund sein, die sich - ich verweise nur kurz auf die „PISA-Studie“ - mit der Rolle der Bildung für die
Zukunft von Staat und Gesellschaft auseinandersetzen.
1 Offener Brief des Direktors der UB Bielefeld an die Vorstände des Vereins Deutscher Bibliothekare (VDB),
des Berufsverbandes Information Bibliothek (BIB) und des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV) zum
Thema ‚Künftige Finanzierungsstrategien’, u.a. verteilt über die Mailingliste INETBIB, 30.04.2001). – Zur
bibliothekarischen Diskussion des Briefes s. u.a.: vdb-Mitteilungen 2001, H. 2, S. 4-7; Bibliotheksdienst,
Jg. 35 (2001), S. 679-683 und S. 991-993; Böttger, Klaus-Peter: Betr.: Zukunft der Bibliotheken. In: Buch
und Bibliothek. 53 (2001), S. 436.
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Das Ergebnis der o.g. INFAS-Umfrage hat einmal mehr deutlich gemacht, dass eine gute Biblio-
thek nicht nur viel Geld für Medien, IT-Ausstattung, Arbeitsplätze und so scheinbar banale Dinge
wie Garderoben benötigt, sondern dass ihr Ruf, ihr Bild bei den Nutzerinnen und Nutzern ganz
wesentlich von der Kompetenz, der Hilfsbereitschaft, ja auch der Freundlichkeit der Mitarbeite-
rinnen und Mitarbeiter abhängt.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind letztlich das wichtigste Kapital der Bibliothek. Ohne
ihre Fähigkeiten, ohne ihr Wissen und ohne ihr Engagement stünde kein Buch an seinem Platze
und würde keine Nutzerin oder kein Nutzer finden, was er sucht ...
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, es liegt mir sehr am Herzen, das jeder einzelne von Ihnen
- gleichermaßen im Interesse der Bibliothek wie auch im Interesse einer persönlichen Zufrieden-
heit - an derjenigen Stelle eingesetzt wird, an der Sie mit ‚Spaß’ und mit Erfolg arbeiten.
Eine moderne Bibliothek braucht „wissende“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich werde mich
deshalb umgehend eine alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehende Informations- und
Kommunikationsstruktur konzipieren und einführen. Darüber hinaus wird meine Tür für jeden von
Ihnen, der ein Problem hat oder eine Idee einbringen möchte, offen stehen. Ich würde mich sehr
freuen, wenn Sie von diesem Angebot intensiv Gebrauch machen würden.
Zum Schluss bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich auf meine neue Aufgabe und auf die Zusam-
menarbeit mit Ihnen allen - mit den anderen wissenschaftlichen bibliothekarischen Einrichtun-
gen im Lande, mit den verschiedenen Einrichtungen in Paderborn, mit den Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern, mit den Studierenden der Hochschule und mit den Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern der UB - sehr freue.
Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, Ihre Aufmerksamkeit und über Ihr Kommen, wofür manche von
Ihnen einen weiten Weg auf sich genommen haben.
Der Universität Paderborn, insbesondere dem Rektor, Herrn Prof. Dr. Weber, danke ich für die
Möglichkeit, mich in diesem Rahmen vorstellen zu dürfen.