Graue Reihe des Instituts für Stadt- und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
Hannes Fritz
Temporäre Raum-Zeit-Zonen
Die Berliner Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni
22
22
GRAUE REIHE DES
INSTITUTS FÜR STADT- UND REGIONALPLANUNG
Technische Universität Berlin
FORUM STADT- UND REGIONALPLANUNG E.V.
Herausgeber der Schriftenreihe
Heft 22
Berlin 2009
Die Beiträge der Grauen Reihe dienen der zeitnahen Publikation von Arbeiten im Internet,
die aktuelle wissenschaftlich oder planungsbezogen relevante Themen angehen und sich
mit unterschiedlichen Positionen in Politikbereichen der Stadt- und Regionalplanung,
Stadtgeschichte und Stadtentwicklung, des Wohnungs wesens und des Planungs- und
Baurechts auseinandersetzen. In dieser Reihe fi nden Sie u. a. Diplomarbeiten, Tagungs-
und Veranstaltungsdokumentationen oder Forschungs berichte.
HERAUSGEBER DER GRAUEN REIHE
Forum Stadt- und Regionalplanung e.V.
c/o Institut für Stadt- und Regionalplanung
Sekretariat B7
Hardenbergstr. 40a, 10623 Berlin
Z www.isr.tu-berlin.de
VERLAG UND VERTRIEB
Universitätsverlag der Technischen Universität Berlin
Universitätsbibliothek im VOLKSWAGEN-Haus
Fasanenstraße 88, 10623 Berlin
LAYOUT
Hannes Fritz
TITELBILD
Nächtliche Luftaufnahme der Berliner Fanmeile im Juli 2006 mit dem blau illuminierten
Fußballglobus im Vordergrund. Die voll bevölkerte Meile ist ein temporäres Stadtgebiet
außerhalb der alltäglichen raumzeitlichen Bindungen.
© Senatskanzlei Berlin
PRODUKTION UND UMSCHLAGGESTALTUNG
Susanne Müller
Publikationsstelle
Institut für Stadt- und Regionalplanung
Z publikationen@isr.tu-berlin.de
Berlin 2009 ISBN 978-3-7983-2128-1 ISSN 1864-8037
Hannes Fritz
Temporäre Raum-Zeit-Zonen
Die Berliner Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni
1
Inhaltsverzeichnis
Schematische Inhaltsübersicht ................................................................................................................................ 3
Verzeichnis der Tabellen ................................................................................................................................... 4
Verzeichnis der Abbildungen .................................................................................................................................. 5
Abstract …………………....... ............................................................................................................................... 7
Kurzfassung ……..................... ............................................................................................................................... 7
Einleitung ................................................................................................................................ 11
1. Hintergrund ..................................................................................................................... 13
1.1. Warum wird nach raumzeitlichen Zusammenhängen gefragt? .................................... 13
1.2. Warum stellt sich die Frage nach einer temporären Raum-Zeit-Zone? ....................... 15
1.2.1. Festivalisierung ...................................................................................................................... 15
1.2.2. Die Stadt als Event ................................................................................................................. 17
1.2.3. Temporäre Raum-Zeit-Zonen ................................................................................................ 18
1.3. Zwischenfazit: Hintergrund .............................................................................................. 18
2. Raum-Zeit-Zonen ............................................................................................................ 19
2.1. Vorgeschichte und Vorläufer ............................................................................................ 20
2.1.1. Vorgeschichte......................................................................................................................... 21
2.1.2. Vorläufer 1: Chronotope ........................................................................................................ 22
2.1.2.1. Was ist ein Chronotop? ............................................................................................ 23
2.1.2.2. Die Chronotopkarte von Pesaro ............................................................................... 24
2.1.2.3. Zwischenfazit: Chronotope ...................................................................................... 30
2.1.3. Vorläufer 2: Zeitnutzungskarte .............................................................................................. 30
2.1.3.1. Nutzungsdichte und Nutzungsverlauf ...................................................................... 31
2.1.3.2. Darstellung ............................................................................................................... 32
2.1.3.3. Zwischenfazit: Zeitnutzungskarte ............................................................................ 33
2.1.4. Zwischenfazit: Vorgeschichte und Vorläufer ......................................................................... 33
2.2. Definition von Raum-Zeit-Zonen ..................................................................................... 33
2.2.1. Typen von Raum-Zeit-Zonen ................................................................................................. 35
2.2.1.1. Die Zitadelle der Kontinuität ................................................................................... 35
2.2.1.2. Das Mischgebiet ....................................................................................................... 36
2.2.1.3. Das fordistisches Industriegebiet ............................................................................. 37
2.2.1.4. Die Schlafstadt ......................................................................................................... 37
2.2.1.5. Der Verkehrsknoten ................................................................................................. 38
2.2.1.6. Das Büro- und Geschäftsviertel ............................................................................... 39
2.2.1.7. Das Marienthalghetto ............................................................................................... 40
2.2.2. Anwendung von Raum-Zeit-Zonen ....................................................................................... 42
2.2.3. Zwischenfazit: Definition von Raum-Zeit-Zonen .................................................................. 44
2.3. Merkmale von Raum-Zeit-Zonen ..................................................................................... 44
2.4. Zwischenfazit: Raum-Zeit-Zonen ..................................................................................... 47
3. Die Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni ............................................................. 49
3.1. Einleitung ............................................................................................................................ 49
3.2. Einbettung der Fanmeile ................................................................................................... 50
3.2.1. Raumzeitliche Einbettung ...................................................................................................... 50
3.2.2. Erreichbarkeit ......................................................................................................................... 53
3.2.3. Zwischenfazit: Einbettung der Fanmeile ................................................................................ 53
2
3.3. Hinter der Fanmeile ........................................................................................................... 54
3.3.1. Organisation ........................................................................................................................... 55
3.3.1.1. Ebene 1: FIFA .......................................................................................................... 55
3.3.1.2. Ebene 2: Bund .......................................................................................................... 57
3.3.1.3. Ebene 3: Land .......................................................................................................... 58
3.3.1.4. Ebene 4: Vor Ort ...................................................................................................... 60
3.3.2. Finanzierung........................................................................................................................... 60
3.3.3. Genehmigung der Fanmeile ................................................................................................... 62
3.3.4. Vermarktung .......................................................................................................................... 64
3.3.4.1. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) ..................................................... 65
3.3.4.2. Die Berlin Partner GmbH – Maske für das Stadtbild ............................................... 65
3.3.5. Zwischenfazit: Hinter der Fanmeile ....................................................................................... 66
3.4. Auf der Fanmeile ................................................................................................................ 67
3.4.1. Aufbau .................................................................................................................................... 67
3.4.2. Ausbau ................................................................................................................................... 71
3.4.2.1. Ursprungszustand ..................................................................................................... 71
3.4.2.2. Ausbau I ................................................................................................................... 72
3.4.2.3. Ausbau II .................................................................................................................. 73
3.4.3. Verlauf ................................................................................................................................... 73
3.4.3.1. Verbrauch ................................................................................................................. 73
3.4.3.2. Tagesverlauf ............................................................................................................. 74
3.4.3.3. Programm und Besucherstatistik .............................................................................. 75
3.4.4. Betrieb .................................................................................................................................... 79
3.4.4.1. Aufräumen und Reinigen ......................................................................................... 79
3.4.4.2. Sanitäre Einrichtungen ............................................................................................. 79
3.4.4.3. Zulieferung ............................................................................................................... 80
3.4.4.4. Betriebspersonal/ Arbeitskräfte ................................................................................ 80
3.4.4.5. Kontrollen im Betrieb .............................................................................................. 81
3.4.5. Sanitätsdienst ......................................................................................................................... 81
3.4.5.1. DRK-Infrastruktur: Orte, Wege, Zeiten ................................................................... 82
3.4.6. Sicherheit ............................................................................................................................... 83
3.4.6.1. Vorfeld – zeitlich ..................................................................................................... 83
3.4.6.2. Vorfeld – räumlich ................................................................................................... 83
3.4.6.3. Veranstaltungsbereich .............................................................................................. 84
3.4.6.4. Einsatzzeit ................................................................................................................ 86
3.4.6.5. Bilanz ....................................................................................................................... 86
3.4.7. Zwischenfazit: Auf der Fanmeile ........................................................................................... 87
3.5. Außerhalb der Fanmeile .................................................................................................... 87
3.5.1. Benachbarte Veranstaltungsorte ............................................................................................. 87
3.5.1.1. Lage und Art der Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile ................................... 88
3.5.2. Verkehr .................................................................................................................................. 89
3.5.2.1. Straßensperrungen .................................................................................................... 90
3.5.2.2. Motorisierter Individualverkehr und stadtweite Maßnahmen .................................. 92
3.5.2.3. Schienengebundener ÖPNV: S- und U-Bahn .......................................................... 99
3.5.2.4. Straßengebundener ÖPNV: Bus ............................................................................. 103
3.5.2.5. Fahrrad: „Berlin steigt um ...aufs Fahrrad“ und Fahrradparkplätze ....................... 105
3.5.3. Zwischenfazit: Außerhalb der Fanmeile .............................................................................. 106
3.6. Zwischenfazit: Fanmeile und raumzeitliche Schlussfolgerungen ................................ 107
3.6.1. Räumliche und zeitliche Schlussfolgerungen ....................................................................... 107
3.6.1.1. Räumlicher Umriss ................................................................................................ 107
3.6.1.2. Zeitlicher Umriss.................................................................................................... 113
4. Untersuchung der Fanmeile ......................................................................................... 115
4.1. Die vier Vergleichsbeispiele............................................................................................. 115
4.1.1. Biermeile .............................................................................................................................. 115
4.1.2. „Fusion“-Festival ................................................................................................................. 116
4.1.3. G8-Gipfel in Heiligendamm ................................................................................................ 117
4.1.4. Paris-Plages .......................................................................................................................... 118
3
4.2. Untersuchung der Fanmeile anhand der 11 Merkmale ................................................ 120
4.2.1. Abgrenzbarkeit (fest 1/5) ..................................................................................................... 120
4.2.2. Gebietscharakter (fest 2/5) ................................................................................................... 121
4.2.3. Funktion (fest 3/5) ................................................................................................................ 123
4.2.4. Entwicklung/ Geschichte (fest 4/5) ...................................................................................... 124
4.2.5. Dauer/ Beständigkeit (fest 5/5) ............................................................................................ 125
4.2.6. Inter-Reaktion (flüssig 1/4) .................................................................................................. 127
4.2.7. Takt/ Rhythmus (flüssig 2/4) ............................................................................................... 128
4.2.8. Aktivitätsniveau (flüssig 3/4) ............................................................................................... 129
4.2.9. Ereignisse (flüssig 4/4) ......................................................................................................... 130
4.2.10. Image (flüchtig 1/2) ............................................................................................................. 130
4.2.11. Atmosphäre (flüchtig 2/2) .................................................................................................... 131
4.3. Zwischenfazit: Untersuchung der Fanmeile .................................................................. 134
5. Schlussfolgerungen – Definition: temporäre Raum-Zeit-Zone .................................. 135
5.1. Dauer ................................................................................................................................. 135
5.2. Rhythmus .......................................................................................................................... 135
5.3. Bedeutung ......................................................................................................................... 136
5.4. Die Ausprägungen von temporären Raum-Zeit-Zonen ................................................ 137
6. Fazit ............................................................................................................................... 138
Quellenverzeichnis …………… ......................................................................................................................... 141
Anhang ……………………….. .............................................................................................................................. I
Schematische Inhaltsübersicht
4
Verzeichnis der Tabellen
Tab.1:
Tab.2:
Tab.3:
Tab.4:
Tab.5:
Tab.6:
Tab.7:
Tab.8:
Tab.9:
Tab.10:
Tab.11:
Tab.12:
Tab.13:
Tab.14:
Tab.15:
Tab.16:
Tab.17:
Tab.18:
Tab.19:
Tab.20:
Tab.21:
Tab.22:
Tab.23:
Tab.24:
Tab.25:
Tab.26:
Tab.27:
Tab.28:
Tab.29:
Tab.30:
Tab.31:
Beispiele von Zeit in der Planung ....................................................................................
Die Inhalte der Chronotopkarte von Pesaro ....................................................................
Übersicht der Darstellungsformen in der Chronotopkarte von Pesaro ............................
Legende der Chronotopkarte von Pesaro .........................................................................
Raum-Zeit-Zonen Kurzcharakteristik ..............................................................................
Variierende Namensbezüge der Raum-Zeit-Zonen .........................................................
Fragebogen zur Bestimmung einer Raum-Zeit-Zone ......................................................
OK-Haushalt ....................................................................................................................
Internationale und nationale Sponsoren der WM ............................................................
Posten auf der Fanmeile ..................................................................................................
Übersicht Volunteer-Programme .....................................................................................
Funktionen des Produktionscamps in der Simsonstraße .................................................
Technische Ausstattung zu Beginn der WM ...................................................................
Konsum auf der Fanmeile (Beispiele) .............................................................................
Spiele und Programmverlauf ...........................................................................................
Einsatzstärke auf der Fanmeile zu Beginn der WM ........................................................
Einsatzstärke auf der Fanmeile gegen Ende der WM ......................................................
Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile .......................................................................
Straßenabsperrungen für die Fanmeile ............................................................................
Verkehrsmaßnahmen im Busverkehr rund um die Fanmeile ..........................................
Verkehrsmaßnahmen im Busverkehr zur Erweiterung ...................................................
Merkmale-Matrix .............................................................................................................
Merkmalserfüllung und Ergänzungen .............................................................................
Fan-Feste: Größenvergleich ............................................................................................
Fan-Feste: Besucherkapazität ..........................................................................................
Tagesbesucherzahlen auf der Fanmeile ...........................................................................
Kräfte-Einsatz des DRK auf der Fanmeile ......................................................................
Polizeimeldungen zu den Ereignissen auf der „zweiten Feiermeile“ ..............................
Berliner WM-Verlauf aus Polizei-Sicht ..........................................................................
Veränderungen der Geltungszeiten der Bussonderfahrstreifen zur WM 2006 ................
Abriss der Entstehungsgeschichte des Public-Viewing ...................................................
19
25
26
28
35
38
48
56
61
62
65
68
71
74
76
82
82
88
91
103
103
133
134
I
II
II
III
V
VI
X
XI
5
Verzeichnis der Abbildungen
Abb.1:
Abb.2:
Abb.3:
Abb.4:
Abb.5:
Abb.6:
Abb.7:
Abb.8:
Abb.9:
Abb.10:
Abb.11:
Abb.12:
Abb.13:
Abb.14:
Abb.15:
Abb.16:
Abb.17:
Abb.18:
Abb.19:
Abb.20:
Abb.21:
Abb.22:
Abb.23:
Abb.24:
Abb.25:
Abb.26:
Abb.27:
Abb.28:
Abb.29:
Abb.30:
Abb.31:
Abb.32:
Abb.33:
Abb.34:
Abb.35:
Abb.36:
Abb.37:
Abb.38:
Abb.39:
Abb.40:
Abb.41:
Die Chronotopkarte von Pesaro ......................................................................................
Nutzungsverläufe ............................................................................................................
Entwurf für die Zeitnutzungskarte ..................................................................................
Ausprägungen von Raum-Zeit-Zonen ............................................................................
Vergleich Großer Stern in Berlin und Paris (Place Charles de Gaulle) ..........................
Größenvergleich Spreebogenpark – Straße des 17. Juni .................................................
Elfmeterschießen, Unter den Linden und zeitgleich in einem Geschäft .........................
Erreichbarkeit der Fanmeile im Zuge des Ausbaus ........................................................
Einbindung Berlins in die Gremienstruktur von Bund, Ländern und Städten ................
Projektorganisation für die WM in Berlin ......................................................................
Markenpräsenz auf der Fanmeile ....................................................................................
„Mastercard Meetingpoint“ ............................................................................................
„Hyundai Giant Soccer World” ......................................................................................
“Toshiba Multimedia Truck” ..........................................................................................
WM-„Buddy-Bär“, BVG-Bus im WM-Design, öffentliche Beflaggung .......................
Skizze Hauptbühne .........................................................................................................
Produktions- und TV-Camp ............................................................................................
Videowall-Brücke ...........................................................................................................
Aufbau Coca-Cola Pressezentrum ..................................................................................
Fanmeile: Siegessäule bis Riesenrad ..............................................................................
Fanmeile: Riesenrad bis Brandenburger Tor ..................................................................
Fanmeile: Nachts mit illuminiertem Fußballglobus .......................................................
Fanmeile: Blick vom Pressezentrum ..............................................................................
Fanmeile: 07. Juni bis 23.Juni .........................................................................................
Fanmeile: 24. Juni (Achtelfinale) bis 03. Juli .................................................................
Aufbau neue Video-Wand ..............................................................................................
Fanmeile: 04. Juli (Halbfinale) bis 09. Juli .....................................................................
„Videowall auf Truck-Basis“ ..........................................................................................
Tanzen unter der Video-Brücke ......................................................................................
Vor dem Spiel auf der Fanmeile .....................................................................................
Besucherstatistik/ herausragende Rolle der Deutschland-Spiele ....................................
Infrastruktur des DRK .....................................................................................................
Infrastruktur der Polizei ..................................................................................................
„Aufenthaltsverbotszone Bereich Fanmeile“ ..................................................................
Beispielhafte Bilder von Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile ..............................
Aufteilung des Verkehrsaufkommens .............................................................................
WM-Wegweisung/ dWiSTa-Tafel ..................................................................................
VMZ-Info-Tafel ..............................................................................................................
Standorte von VMZ-Tafeln in Nähe Fanmeile ...............................................................
Premiumstraßennetz ........................................................................................................
Umfahrung, Beschilderung d. Umfahrung und Bewertung der Verkehrsknotenpunkte .
27
31
32
41
50
51
52
53
58
59
64
65
65
65
66
67
68
68
69
70
70
70
70
71
72
72
73
73
75
75
78
81
84
86
89
92
93
93
93
94
95
6
Abb.42:
Abb.43:
Abb.44:
Abb.45:
Abb.46:
Abb.47:
Abb.48:
Abb.49:
Abb.50:
Abb.51:
Abb.52:
Abb.53:
Abb.54:
Abb.55:
Abb.56:
Abb.57:
Abb.58:
Abb.59:
Abb.60:
Abb.61:
Abb.62:
Abb.63:
Abb.64:
Abb.65:
Abb.66:
Abb.67:
Abb.68:
Abb.69:
Abb.70:
Abb.71:
Abb.72:
Abb.73:
Abb.74:
Abb.75:
Innere Umfahrung ...........................................................................................................
Innere Umfahrung nach der Erweiterung ........................................................................
Die Berliner Verkehrsregelungszentrale .........................................................................
Wichtige S- und U-Bahnlinien und Haltepunkte im Fanmeilenbereich .........................
Bus-Linien und Umleitungen ..........................................................................................
Zusätzliche Umleitungen zur Erweiterung .....................................................................
Logo „Berlin steigt um“ ..................................................................................................
Wegweiser Fahrradparkplatz ..........................................................................................
Drei der vier Berliner Fahrradparkplätze befanden sich rund um die Fanmeile .............
Die Bereiche der Fanmeile ..............................................................................................
Abgrenzung des Betrachtungsgebiets .............................................................................
Volle Gustav-Heinemann-Brücke ...................................................................................
Bereich West: Großer Stern ............................................................................................
Bereich Ost: Pariser Platz ...............................................................................................
Bereich Süd: Potsdamer Platz .........................................................................................
Bereich Nord: Spreebogen ..............................................................................................
WM-Touristen im Spreebogenpark ................................................................................
Tagesverlauf Fanmeile ....................................................................................................
Internationales Berliner Bierfestival 2007 ......................................................................
Lageplan-Ausschnitt des Fusion-Festivalgeländes .........................................................
Theater-Hangar + künstlicher Mond, Wegweiser, Hangar, 24h-Frühstück, Kunst,
Festival-Landschaft .........................................................................................................
Bayrischer Hof: Treffen der Justiz- und Innenminister ..................................................
G8-Gipfel in Heiligendamm ...........................................................................................
Paris-Plages: Stadtstrand an der Seine ............................................................................
Paris-Plages: Lage ...........................................................................................................
Paris-Plages bei Nacht und Kinderspielschiff .................................................................
Fläche der Fanmeile ........................................................................................................
Fanmeile: Städtebauliches Profil ....................................................................................
Aktivitätsverläufe der temporären Raum-Zeit-Zone .......................................................
Ausprägungen von temporären Raum-Zeit-Zonen .........................................................
Meldung der Verkehrsnachrichtenagentur: Beispiel 08.Juli 2006 ..................................
Konzept: All Nations Green ............................................................................................
Von den Siegesfeiern in Beschlag genommener Straßenraum in der City-West ...........
Übersicht der Änderungen im U-Bahn Fahrplan zur WM ..............................................
96
98
98
100
104
104
105
105
105
108
109
110
111
111
111
112
112
114
115
116
116
117
118
119
119
119
121
122
129
137
IV
IV
IV
IX
Karten der Fanmeile (leider keine Erlaubnis zur Verwendung in dieser Veröffentlichung):
- Fan Fest FIFA WMTM in Berlin 7.Juni – 9.Juli 2006 [Planungsstand]
- Hauptveranstaltungsbereich Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni mit Hauptbühne
beim Brandenburger Tor und drei Videowall-Brücken
7
Abstract
Raum-Zeit-Zonen sind ein Instrument zur Erfassung sowohl räumlich als auch zeitlich definierter
Gebietseinheiten. Vor dem Hintergrund allgemeiner zeitlicher Veränderungen und dem
Bedeutungszuwachs großer Events, wird die Berliner Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni, als
Verbindung von Ereignis und Gebiet, auf ihre räumlichen und zeitlichen Eigenschaften untersucht.
Insbesondere ihre Aus- und Wechselwirkungen auf die umliegende Stadt bzw. mit ihrer Umgebung
spielen dabei eine Rolle. Sie nimmt als Extrembeispiel eine Sonderstellung ein, aber auch andere
temporäre Veranstaltungen zeichnen sich durch die Verbindung befristeter und dauerhafter Elemente
aus. Das Ziel der Arbeit ist, einen verallgemeinerbaren Begriff der temporären Raum-Zeit-Zone zu
bilden, der sich gleichermaßen durch eine eindeutige Kontur und seine praktische Anwendbarkeit
auszeichnet.
Kurzfassung
Verschiedene Veränderungen in der Stadt der Gegenwart rechtfertigen es, von einem zeitlichen
Wandel zu sprechen. Ihm liegen unterschiedliche Prozesse wie technologische Erneuerungen, der
strukturelle Wandel in der Industrie oder demografische Verschiebungen zu Grunde. Die Zeitmuster
der Stadt verändern sich in der Folge solcher Prozesse vor allem auf drei Ebenen:
• umfassende Prozesse der Beschleunigung
• Ausdehnung von Arbeits-, Betriebs- und Aktivitätszeiten
• Flexibilisierung von Arbeits- und Angebotszeiten
Diese zeitlichen Veränderungen haben auch räumliche Auswirkungen auf die Stadt, woraus sich ein
wachsender Bedarf an raumzeitlich integrierten Ansätzen zu ihrer Analyse, Beschreibung und
Steuerung ergibt. Einen solchen Ansatz liefern die Raum-Zeit-Zonen. Sie vereinen räumliche und
zeitliche Muster eines Stadtgebiets zu einer einheitlichen Darstellung.
Seit den 1980er Jahren entwickelte sich das Großereignis als stadtplanerisches Mittel zur
Umgestaltung brach gefallener Industrieflächen und zur Profilierung in der wachsenden
Städtekonkurrenz. Im Zuge dieser Festivalisierung wuchs die Bedeutung des Events und der
erlebbaren Stadt. Die Architektur von so genannten Erlebniswelten und erfahrbaren Räumen entspricht
der wachsenden Nachfrage seitens konsumorientierter Stadtbewohner und Stadtnutzer, die sich
weniger mit der gebauten Stadt und mehr mit ihren erlebbaren Elementen identifizieren. Während sich
die feste Stadt mehr dem Ereignis zuwendet, also zumindest in ihrer Oberfläche wandelbar und
beweglicher wird, gibt es auf der anderen Seite eine Verfestigung der Ereigniswelt. Dabei gehen nicht
nur eingangs für den Event errichtete Gebäude in eine anderweitige, dauerhafte Nutzung über, sondern
das Ereignis selbst wird beständiger. Durch die Überschneidungen der festen und flüchtigen Elemente
ergibt sich eine Zwischenwelt, bei deren Betrachtung sich die Frage nach einem möglichen
Mischwesen von Ereignis und Gebiet stellt: die temporäre Raum-Zeit-Zone.
Raum-Zeit-Zonen erfassen Gebiete nicht nur in ihrer Erreichbarkeit, Lage, Dichte und Heterogenität,
sondern auch in ihrem Aktivitätsniveau, dessen Schwankungsbreite und der täglichen bzw.
wöchentlichen Ausdehnung der Aktivität. Als frühesten Vorläufer des Konzepts können die 1988
8
veröffentlichten Ergebnisse einer Projektgruppe des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu)
betrachtet werden, die den Entwurf einer Zeitnutzungskarte enthielten, mit deren Hilfe die räumliche
Verteilung von Nutzungen um deren zeitliche Verteilung ergänzt werden konnte. Zur ersten
praktischen Anwendung kam die zeitliche Kartierung von Stadtgebieten mit der italienischen
Chronotopkarte. 1999 veröffentlichte die Kommune von Pesaro eine nahezu vollständige Erfassung
ihres Stadtgebiets nach zeitstrukturellen Maßstäben.
Diese Pionierleistung ist von ihren Urhebern seither allerdings nicht wesentlich weitergeführt worden.
Im Rahmen einer Difu-Studie wurde 2002 mit den Raum-Zeit-Zonen dieser Faden aufgenommen und
ein universales Konzept zur Erfassung raumzeitlicher Gebietseinheiten in systematisierter und also
übertragbarer Form vorgestellt.
Raum-Zeit-Zonen sind festgelegte Typologien von räumlichen Einheiten mit bestimmten zeitlichen
Nutzungsmustern. Bekannte Typen von Raum-Zeit-Zonen sind die Zitadelle der Kontinuität, das
Mischgebiet, das fordistische Industriegebiet, die Schlafstadt vom Typ Großwohnsiedlung, die
Schlafstadt vom Typ Einfamilienhaussiedlung, der Verkehrsknoten, das Büro- und Geschäftsviertel
beziehungsweise das Bankenviertel/ Central Business District und das so genannte Marienthalghetto.
Sie alle zeichnen sich durch unterschiedliche raumzeitliche Charakteristika aus. Daneben verbinden
sie aber auch einige grundlegende gemeinsame Eigenschaften, die in elf Merkmalen zusammengefasst
werden können:
• feste, also dauerhafte Merkmale: Abgrenzbarkeit, Gebietscharakter, Funktion, Entwicklung/
Geschichte und Dauer/ Beständigkeit
• flüssige, also dynamische Merkmale: Inter-Reaktion, Takt/ Rhythmus, Aktivitätsniveau und
Ereignisse
• flüchtige, also immaterielle Merkmale: Image und Atmosphäre
Diese Merkmale können als Anforderungsprofil für die nachfolgende Untersuchung der Fanmeile als
temporäre Raum-Zeit-Zone genutzt werden.
Das „Fan Fest FIFA WM 2006TM“ bedeutete, nach ersten Schritten in dieser Richtung in den Jahren
2002 und 2004, den Durchbruch des so genannten Public-Viewings. Die Berliner Fanmeile war dabei
nicht nur die größte, sondern auch mit Abstand die populärste Fanmeile der zwölf offiziellen
deutschen Fan-Veranstaltungen. Ihr außerordentlicher Erfolg, Ausmaß, Dauer und der betriebene
Aufwand zur Realisierung rückten die Veranstaltung ins Zentrum der Aufmerksamkeit und es stellt
sich die Frage, ob dieses Ereignis mit den Erklärungsmustern einer Großveranstaltung hinreichend
erfasst wird oder ob es sich durch Qualitäten auszeichnet, die über diejenigen eines bloßen Events
hinaus gehen und womöglich auf andere temporäre Veranstaltungen übertragbar sind.
Auf der Straße des 17. Juni befand sich die Fanmeile gleichzeitig in zentraler und gehobener, also
werbewirksamer Lage. Dem unerwarteten Andrang von insgesamt knapp 10 Mio. Besuchern in den 33
Tagen vom 07. Juni bis zum 09. Juli wurde mit zwei Erweiterungen der Fanmeile entsprochen.
Verschiedene Begleitumstände, wie die vorübergehende Lockerung des Ladenschlussgesetzes und
weitreichende Umstellungen im Verkehr veränderten das raumzeitliche Gefüge Berlins auch außerhalb
der 5 km langen Absperrung rund um große Teile des Tiergartens. Die gemeinsame Planung von Bund
und FIFA1 schlug sich auf der Fanmeile vor allem in Form von Sicherheitsvorgaben nieder. Vor Ort
1 Fédération Internationale de Football Association, Weltfußballverband
9
war neben der federführenden Senatskanzlei und den verschiedenen Ressorts der Senatsverwaltung
eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure an der Planung und Durchführung der Fanmeile beteiligt.
Dazu zählten unter anderem die Sponsoren, die Betreiber der Fanmeile, Bezirksämter und andere
Ämter, die Polizei, das Deutsche Rote Kreuz, die Feuerwehr und die Nahverkehrsbetriebe.
Auf der Veranstaltungsfläche ragten aus dicht an dicht gestellten Buden mit Getränke-, Imbiss- und
Merchandisingangeboten unterschiedlich aufwändige, teils mehrstöckige Aufbauten zur Nutzung
durch die Besucher und zur Präsentation der Sponsoren. Den Takt der Fanmeile gaben die
Spielübertragungen auf den Großbildwänden vor, gemeinsam mit weiteren Programmpunkten wie
Konzerten und anderen Live-Auftritten auf der Hauptbühne vor dem Brandenburger Tor. Diese
Kombination aus Fußball, Jahrmarkt und nächtlicher Open-Air-Disco wurde durch die Einrichtungen
des Veranstaltungsbetriebs und der sanitären Versorgung ergänzt, sowie durch die unabhängigen
Organisations- und Infrastrukturen von DRK und Polizei, die die genannten Strukturen überlagerten
und teilweise über das abgesperrte Territorium hinaus gingen. Insbesondere hinsichtlich der
Sicherheitsmaßnahmen gab es neben dem räumlichen auch ein zeitliches Vorfeld, in dem die Polizei
schon vor Beginn der Veranstaltung aktiv wurde. Die umliegenden Stadtgebiete waren von den
Besucherströmen und deren Konsum, der erhöhten Polizeipräsenz, dem Betrieb zur Versorgung und
Wartung der Fanmeile, aber vor allem von den verkehrlichen Auswirkungen der Fanmeile betroffen,
die neben aufwändig gestalteten Umleitungen für den motorisierten Individualverkehr (MIV), in
Linien-Verlagerungen, höheren Taktungen und ausgedehnten Fahrzeiten im öffentlichen Nahverkehr
bestanden.
Die Fanmeile als Untersuchungsgegenstand hat eine räumliche und eine zeitliche Kontur. Die
räumliche Kontur umfasst, außer dem eingezäunten Areal, auch den engeren Verflechtungsbereich der
Fanmeile mit den dort befindlichen Parallelveranstaltungen, die auf Grund ihrer räumlichen und
inhaltlichen Nähe mit in das Betrachtungsgebiet einbezogen werden. Das gilt vor allem für den
nördlich gelegenen Bereich bis zum Spreeufer, einschließlich des dort befindlichen Spreebogenparks.
Die zeitliche Kontur der Fanmeile besteht zum einen in ihrem Tagesverlauf, den bei hoher
Schwankungsbreite des Aktivitätsniveaus eine regelmäßige Abfolge von Feier- und Wartungsbetrieb
rund um die Uhr kennzeichnet, und zum anderen im ca. einmonatigen Veranstaltungsverlauf, der
seinerseits bei gleichmäßigem Grundrhythmus von höchst unterschiedlichen Tagesintensitäten und
einer unregelmäßigen Abfolge von Ereignissen geprägt ist.
Zur Untersuchung der Fanmeile als temporärem Gebiet, im Spiegel der zuvor definierten festen,
flüssigen und flüchtigen Merkmale von Raum-Zeit-Zonen, werden weitere temporäre Ereignisse
zum Vergleich hinzugezogen:
• die so genannte Biermeile: das Internationale Berliner Bierfestival auf der Karl-Marx-Allee, das
im August 2008 zum zwölften Mal stattfindet,
• das Fusion-Festival: ein mehrtägiges Festival auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz
bei Lärz in Mecklenburg-Vorpommern, das im Juni 2008 zum ebenfalls zwölften Mal stattfand,
• der G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007, einschließlich der als Gegenveranstaltung
organisierten Camps in seiner Umgebung, und
• Paris-Plages: der seit 2002 jährlich aufgeschüttete Stadtstrand von Paris, mit seinen beiden
zusätzlichen Standorten ab 2007.
10
Im Rahmen entsprechender Einschränkungen, auf Grund ihrer zeitlichen Befristung, erfüllt die
Fanmeile die Anforderungen der elf Merkmale wie keines der genannten Vergleichsbeispiele. Die
Untersuchung gibt außerdem Aufschluss über die spezifische Beschaffenheit der temporären Raum-
Zeit-Zone, woraus ein allgemeingültiges Konzept abgeleitet werden kann. Als wesentliche
Eigenschaften werden identifiziert:
• Dauerhaftigkeit im Rahmen einer gewissen Mindest- und Höchstdauer
• Rhythmus, bzw. Wiederholung im Sinne einer Partnerschaft von Ereignis und Ort
• Bedeutung, also ein für die Stadt als Ganzes wesentliches und in seinen Auswirkungen spürbares
Format
Erst ein bestimmtes Format und eine gewisse Dauer machen ein temporäres Ereignis relevant und erst
seine Wiederholung unterscheidet es von einem normalen Großereignis, denn dadurch wird der Ort
nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft verändert. Gerade diese Wiederholung erweist sich für die
Fanmeile aber als kritischer Punkt. Denn ihre Sonderstellung auf Grund der außerordentlichen
Eigenschaften verdankt sich der Einmaligkeit der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Bereits die
Fanmeile zur Europameisterschaft 2008 blieb weit hinter ihrer Vorlage zurück, und umso weniger
erfüllen andere Veranstaltungen auf der Straße des 17. Juni die hohen Standards der WM-Fanmeile.
Andererseits hat die Fanmeile die Straße des 17. Juni auch ohne ihre eigene Wiederholung bleibend
verändert. Im Sinne der Anwendbarkeit des Konzepts muss daher gut zwischen dem Erfordernis
einer vollständigen Merkmalserfüllung und der Bedeutung der temporären Gebietseinheit für den Ort
abgewogen werden.
11
Einleitung
Im Sommer 2006 fand auf der Straße des 17. Juni das „FIFA Fan Fest“ statt. Die so genannte
Fanmeile bildete zusammen mit angrenzenden Kontext-Nutzungen für 33 Tage auf einer Fläche von
fast 2 km² eine Gebietseinheit, die sich sowohl durch räumliche wie auch durch zeitliche
Eigenschaften auszeichnete: eine Raum-Zeit-Zone.
Raum-Zeit-Zonen sind ein Konzept zur gebietsbezogenen Darstellung raumzeitlicher
Zusammenhänge. Ein Raum und Zeit integrierendes Stadtverständnis ist vor dem Hintergrund der
fortschreitenden zeitlichen Ausdifferenzierung erforderlich, um die daraus hervorgehenden Konflikte
zu erkennen und Möglichkeiten der raumzeitlichen Steuerung zu entwickeln (Henckel/ Herkommer
2004, S.66). „Um die jeweilige Wirkung räumlicher und zeitlicher Entwicklungstendenzen abschätzen
zu können, ist die Bildung mehrdimensionaler raumzeitlicher Profile anhand des Konzepts der Raum-
Zeit-Zonen das entscheidende Hilfsmittel“ (Herkommer 2007b, S.313).
Die wachsende Aufmerksamkeit gegenüber raumzeitlichen Zusammenhängen hat ihren Ursprung im
Umbruch ehemals beständiger Zeitstrukturen. Dieser zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Wesen
der daraus hervorgehenden Konflikte und somit auch zur Weiterentwicklung des analytischen
Verständnisses temporaler Prozesse. Die Frage nach temporären, also vorübergehenden, Phänomenen
stellt sich dabei nicht von ungefähr. Georg Franck und Michael Wegener beschreiben die Stadt als
dynamisches System, in dem Veränderung das Wesen der Stadt ist und nicht mehr nur der Übergang
zwischen statischen Zuständen. Stabile Prozesse treten in diesem Bild an die Stelle dauerhafter
Strukturen. Die Arbeit der Planer besteht dann nicht mehr im Erfassen und Behandeln des Ist-
Zustands, sondern in der bewussten Stärkung und Schwächung von Prozessen (Franck/ Wegener
2002). Wenige langfristige Prozesse (Unterströmungen) werden von einer wachsenden Vielzahl
mittelfristiger und kurzlebiger Prozesse überlagert. Produktzyklen verkürzen sich genauso wie
Planungszeiten. Kurzfristige Ereignisse, Projekt- und Eventplanung gewinnen in der Stadtplanung und
-politik an Bedeutung. Während sich also ehemals dauerhafte Strukturen auflösen und verschwimmen,
gewinnen auf der anderen Seite kurzlebige Ereignisse an Bedeutung und Dauer. Es entsteht Spielraum
für Mischwesen zwischen der festen und der flüchtigen Welt.
Am Beispiel der Berliner Fanmeile soll untersucht werden, ob mit der temporären Raum-Zeit-Zone
ein solches Mischwesen vorliegt: eine raumzeitliche Einheit, die sowohl Ereignis ist wie auch Gebiet.
Die Untersuchung muss exemplarisch durchgeführt werden, da es zu temporären Raum-Zeit-Zonen
bislang keine Literatur gibt. Die Fanmeile ist als Untersuchungsbeispiel besonders geeignet, da sie
sich in mehrfacher Hinsicht, wie Ausmaß, Bedeutung und organisatorischer sowie stadträumlicher
Verflechtung von anderen temporären Veranstaltungen abhebt.
12
Das Ziel der Arbeit ist der allgemeine Entwurf einer temporären Raum-Zeit-Zone. Dazu werden
zunächst zwei grundlegende Fragen gestellt. Erstens: Warum fragt man überhaupt nach raumzeitlichen
Zusammenhängen? Und zweitens: Warum stellt sich die Frage nach einer temporären Raum-Zeit-
Zone? Anschließend wird das Konzept der Raum-Zeit-Zonen und seine beiden wesentlichen
Vorläufer, die Zeitnutzungszonen und die Chronotope, vorgestellt und bekannte Beispiele solcher
Zonen, wie etwa die Zitadelle der Kontinuität, mit ihren raumzeitlichen Eigenschaften beschrieben.
Daraus werden elf Merkmale entwickelt, die Raum-Zeit-Zonen auszeichnen, und anhand derer später
die Fanmeile untersucht wird. Aus ihnen gehen auch die Konturen der temporären Raum-Zeit-Zone
hervor. Wegen der mangelhaften Quellenlage, stützt sich die Recherche der Fanmeile zu einem
großen Teil auf 19 Expertengespräche. Das daraus entwickelte Gesamtbild liefert die Grundlage für
die Betrachtungen der vorliegenden Arbeit, außerdem kann es zum Vergleich für andere temporäre
Gebietseinheiten herangezogen werden kann.
Die Beschreibung der Chronotopkarte von Pesaro (Kapitel 2.1.2.2.) ist zu großen Teilen eine
Wiedergabe des italienischen Quelltextes. Weitere aus englischen und italienischen Quellen
übernommene Passagen sind mit kursiver Schrift kenntlich gemacht.
Zwei wesentlichen Bereichen konnte im Rahmen dieser Arbeit kein Platz eingeräumt werden: Der
baurechtlichen Auseinandersetzung mit Raum-Zeit-Zonen und der Betrachtung historischer
temporärer Gebietseinheiten, wie dem von Ort zu Ort ziehenden kaiserlichen Hof im frühen Mittelalter
(Häußermann/ Siebel 1993, S.15). Juristische Elemente fließen zumindest an manchen Stellen in die
Arbeit ein. Historische Vorläufer sind lediglich an zwei Stellen durch Zitate aus einem Roman von
Neal Stephenson vertreten, von denen das hier folgende den mittelalterlichen Jahrmarkt beschreibt:
„... vor ihnen lag der Jahrmarkt, ausgebreitet auf einem riesigen, keilförmigen Stück Land, größer als
Cambridge, noch lauter und sehr viel bevölkerter. Er bestand größtenteils aus Zelten und
Zeltbewohnern, die einem anderen Menschenschlag als sie beide angehörten ... In einigen
abgelegenen Winkeln des Jahrmarkts ... handelten seriöse Kaufleute mit Vieh, Bauholz, Eisen, in
Fässern abgefüllten Austern – mit allem, was sich in einem Boot so weit flussaufwärts schaffen oder
mit einem Wagen über Land transportieren ließ. Aber dieser Großhandel wollte unsichtbar bleiben
und war es auch ... [Es] war ein Markt von Einzelhändlern, dessen Größe und Grellheit in keinem
Verhältnis zu seiner Bedeutung stand, jedenfalls wenn man zugrunde legte, wie viel Geld den Besitzer
wechselte. Die größeren Gassen (d.h. Schlammrinnen mit darin verstreuten Bohlen und Holzklötzen,
auf die man treten oder von denen man sich wenigstens abstoßen konnte) säumten Zelte von
Seiltänzern, Jongleuren, Schaustellern, Puppenspielern, Ringern, Tänzerinnen und natürlich den
spezialisierten Prostituierten .... Doch als sie in die kleineren Seitengassen hineingingen, fanden sie
die Tische, Buden und geschickt konstruierten, aufklappbaren Wagen von Händlern, die Waren aus
ganz Europa die Ouse und die Cam herauf an diesen Ort gebracht hatten, um sie in England zu
verkaufen.“ (Stephenson 2004, S.110)
Temporäre Gebietseinheiten sind also an sich nichts Neues. Allerdings haben sich die Umstände
inzwischen verändert. Vor aktuellem Hintergrund soll nun untersucht werden, ob mit der temporären
Raum-Zeit-Zone ein eigenständiges Phänomen vorliegt, das über die Maßstäbe des bloßen Events
hinausgeht.
Hintergrund
13
1. Hintergrund
Vor der Auseinandersetzung mit der Fanmeile als temporärer Raum-Zeit-Zone müssen zwei
grundsätzliche Fragen gestellt werden. Zunächst generell: Warum wird nach raumzeitlichen
Zusammenhängen, bzw. Raum-Zeit-Zonen gefragt? Und in der Folge: Warum stellt sich die Frage
nach einer temporären Raum-Zeit-Zone?
1.1. Warum wird nach raumzeitlichen Zusammenhängen gefragt?
Auslöser für die erste Welle intensiver Auseinandersetzung mit raumzeitlichen Fragestellungen in den
1970er Jahren war die beginnende Auflösung der fordistischen Zeitstrukturen, die bis zum
Strukturwandel das Arbeitsleben und im Zuge dessen das gesellschaftliche Leben geprägt hatten
(Henckel/ Pahl-Weber/ Herkommer 2007, S.17). Die weltweiten politischen, technologischen und
ökonomischen Veränderungen in Gestalt der „Globalisierung“ (Eberling/ Henckel 1998, S.129ff)
bewirken zeitstrukturelle Veränderungen, die Dietrich Henckel mit den folgenden vier Tendenzen des
zeitlichen Wandels beschreibt (Henckel 2007, S.60f):
• Beschleunigung: Die Moderne wird von vielen Autoren als Zeit der generellen Mobilmachung
beschrieben. Beschleunigung findet in vielen unterschiedlichen Bereichen von Wirtschaft und
Gesellschaft statt und zeigt sich z.B. in kürzeren Produktlebenszyklen, schnellerem Transport von
Gütern und Personen und schnelleren Kommunikationswegen. In Folge dessen verändert sich die
räumliche Differenzierung der Arbeitsteilung, der Umfang von Einzugsbereichen, die
Nutzungsdauer von Standorten und das Erfordernis lebenslangen Lernens. Die Auswirkungen
zeigen sich in nahezu allen Bereichen des Wirtschaftslebens, der Stadt, den Reaktionszeiten von
(Lokal-)Politik und im privaten Alltagsleben.
• Flexibilisierung: Flexibilisierung beinhaltet die Auflösung der starren Massenrhythmen aus der
Zeit von Industrialisierung und Vollbeschäftigung. Nicht nur Arbeitsplätze werden flexibilisiert;
auch die Dauer und Aufteilung der Arbeitszeiten werden verändert. Ein Schlüsselziel der
Flexibilisierung ist die Gestaltung von Arbeitseinsatz in Abhängigkeit der Produktanforderungen.
In logischer Konsequenz ist das die „atmende Fabrik“, in der Produktion und Beschäftigung mit
der Nachfrage des Marktes steigen und fallen; im Extremfall mit Arbeit auf Abruf. Zeitliche
Rhythmen werden individualisiert und von kollektiven Rhythmen abgespalten. Die Koordination
von Zeiten wird dem Individuum überlassen. Jeder muss sich seine Arbeitszeiten so gut
zusammensetzen wie er kann.
• Ausdehnung: Arbeitszeiten erobern zunehmend ehemals geschützte Zeiten (Abend, Nacht,
Wochenende, Feiertage). Auch wenn es stets einen Wechsel von Ausdehnung und Schrumpfung
gegeben haben mag, so werden die solcherart „eingenommenen“ Zeiten am Ende doch nie mehr
aufgegeben. Es gibt, mit anderen Worten, einen Trend zur 24/7-Kontinuität, auch wenn die
Entwicklung noch weit von deren vollständiger Umsetzung entfernt ist. Eine wesentliche Folge ist
die Linearisierung von Rhythmen, oder doch zumindest nivellierte Übergänge und eine Zunahme
von Arbeitszeiten jenseits der herkömmlichen Normalarbeitszeiten.
Hintergrund
14
Auch hier gib es ein weites Spektrum von Auswirkungen, von ausgedehnter Nachfrage nach
ÖPNV-Betrieb, Verträglichkeitsproblemen zwischen städtischen Funktionen, wenn
Wirtschaftstätigkeiten, insbesondere Verkehr, bis weit in die Nacht fortdauern, bis zum steigenden
Unfallrisiko durch Nachtarbeit und Übermüdung.
• Verdichtung/ Gleichzeitigkeit: Mit zeitlicher Verdichtung oder Intensivierung ist das Ausführen
mehrerer Tätigkeiten zur gleichen Zeit gemeint, was durch die neuen Informationsverarbeitungs-
und Telekommunikationstechnologien beträchtlich vereinfacht wurde. Die vom Mobilfunk
ermöglichte generelle Erreichbarkeit hat die Arbeitswelt verstärkt in vormals davon unberührte
Bereiche (Freizeit, Hausarbeit, etc.) hinein getragen; Laptops verwandeln Reisezeit zunehmend in
Arbeitszeit. Gleichzeitigkeit ist erstens eine Folge der differenzierten Arbeitsteilung, welche es nun
erfordert, dass Akteure verschiedener und vielleicht räumlich entfernter Unternehmen zur selben
Zeit am selben Ort sind, und zweitens ein Ergebnis zeitsparender Strategien, denen gemäß
Aktivitäten, die traditionell nacheinander ausgeführt wurden (z.B. Entwicklung und Marketing)
gleichzeitig verrichtet werden (Simultaneous Engineering2), mit entsprechenden Auswirkungen auf
die Fabrikorganisation.
Diese globalen Tendenzen lassen sich auch anders bündeln. Zum Beispiel kann die Lösung der
räumlichen und zeitlichen Bindung zwischen Produktionsort, -zeit und -akteur separat als Entkopplung
dargestellt werden (Henckel 1988; Henckel/ Eberling 2002).
Eine Akteursstruktur wird sichtbar mit Wechselbeziehungen zwischen Taktgebern und Taktnehmern.
Neue Zeitstrukturen bilden sich und dabei verschieben sich Kompetenzen und Zuständigkeiten. Oft
wird auf die Individualisierung der Zeitkoordination und damit der Verteilung von Zeitkosten
hingewiesen. Zeitliche Fragestellungen legen bereichsübergreifend an Bedeutung zu, genauso wie der
Aufwand der Zeitorganisation wächst. Jürgen P. Rinderspacher spricht von Ökonomie, Technik und
Arbeit als den Quellen der „Verzeitlichung“ der Gesellschaft (Rinderspacher 1988). Zeit gewinnt als
gesellschaftlicher Regelungsmechanismus an Bedeutung und die unterschiedlichen Zeitordnungen, die
sich herausbilden, oder als Zeitkulturen bereits vorhanden waren, geraten in Konkurrenz (Lüdtke
2000, S.320). In den Beschreibungen der vier globalen Tendenzen wurde neben der zeitlichen auch auf
die räumliche Komponente verwiesen. Der beobachtete Niederschlag des zeitlichen Wandels auf
räumliche Einheiten bedeutet die Auflösung ehemals geordneter Raum-Zeit-Konstellationen, einen
allgemeinen Bedeutungszuwachs zeitlicher Aspekte in bisher vornehmlich räumlich bestimmten
Domänen und zunehmend komplexe Zusammenhänge in Folge des Rückgangs kollektiver Muster.
Raum-Zeit-Zonen sind in diesem Zusammenhang keineswegs der Beleg für eine sich neu bildende
Ordnung nach überstandenen zeitstrukturellen Unruhen. Sie benennen lediglich, ohne Aussage zur
Gesamtentwicklung, teils fortbestehende traditionelle, teils neu entstandene Gebietstypen mit
erkennbarem raumzeitlichen Muster. Ihre Bedeutung erwächst aus den neu entstandenen, oder mit
neuem Gewicht belegten Fragestellungen, die sich ohne systematische Auseinandersetzung mit den
zeitlichen Grundlagen nicht sachgerecht beantworten lassen. Neben der Suche nach
Gestaltungsspielraum und Lösungswegen, geht es dabei unter anderem auch um die Zuordnung der
Verantwortung für Zeitkonflikte und Zeitkosten zu ihren Verursachern.
2 Simultaneous Engineering: Zerlegen traditionell aufeinander folgender Entwicklungsschritte in, dann parallel
betriebene, Sequenzen.
Hintergrund
15
1.2. Warum stellt sich die Frage nach einer temporären Raum-Zeit-Zone?
Aus dem Vorangegangenen erklärt sich die Aktualität von Raum-Zeit-Zonen im Allgemeinen. Vor
welchem Hintergrund stellt sich aber die Frage nach dem Sonderfall der temporären Raum-Zeit-Zone?
Es liegt nahe, diesen Hintergrund im Bedeutungswandel und vor allem im Bedeutungszuwachs
vorübergehender Ereignisse zu suchen. Von der Festivalisierung der Stadtpolitik bis zur Stadt als
Event.
1.2.1. Festivalisierung
Die so genannte Festivalisierung kann man als Folge- und Begleiterscheinung der oben beschriebenen
Veränderungen betrachten. Der Begriff entstand, nachdem Großereignisse ab den 1980er Jahren
häufiger wurden und an Bedeutung gewannen. Ein häufiges Planungsfeld waren zunächst die in Folge
des Strukturwandels brach gefallenen Industrieflächen, die dann im Rahmen eines Großereignisses
einer neuen Nutzung zugeführt wurden (Häußermann/ Siebel 1993, S.9). Entscheidend für diesen
neuen Politiktyp war aber die mediengerechte Inszenierung eines zeitlich befristeten
Massenereignisses, auf das alle Ressourcen vereinigt werden konnten, um sich selbst (die
Stadtführung) und die Stadt in der (internationalen) Städtekonkurrenz besser zu positionieren. Gerade
im Rahmen von Sportveranstaltungen wie Olympiaden oder Weltmeisterschaften lassen sich in diesem
Sinn gleichzeitig – teilweise auch diskussionswürdige – Stadtentwicklungsprojekte durchsetzen und
Handlungsfähigkeit beweisen. Die Projekte stehen im Kontrast zu der ansonsten oft als farblos und
träge wahrgenommenen „normalen“ Stadtpolitik und sind charakteristisch für die Reaktion der Politik
auf den ökonomischen Strukturwandel (Häußermann/ Siebel 1993, S.11 und 13).
Die Weltmeisterschaft in Deutschland war für Berlin ein Großereignis im modernen Sinn dieser
Eventplanung. Der Unterschied zu vergleichbaren früheren Ereignissen bestand z.B. in der Art der
Bau-Projekte. So gab es neben dem Stadionausbau (kein Neubau) keine Stadteilaufwertung etwa auf
Industriebrachen oder großformatigen Infrastrukturvorhaben, wie z.B. eine neue U-Bahnlinie oder
Ringstraße. Investiert wurde beispielsweise in den Ausbau von einzelnen Straßenabschnitten und die
Verkehrsleittechnik. Planung und Durchführung verliefen nüchtern und mit ausreichend Vorlauf. Da
Großveranstaltungen viel Potenzial zu Ungenauigkeiten auf Grund von echtem oder herbeigeführtem
Zeitdruck bis zu Missmanagement oder systematischer Korruption beinhalten (Obermair 1993), ist das
nicht selbstverständlich. Dennoch war diese WM im Wesen nichts anderes als vorangegangene
Großveranstaltungen. Die Attraktion stand für sich selbst und rechtfertigte das Umgehen langfristiger
Planungs- und Beteiligungsprozesse. Es gab eine elitäre Sonderorganisation zu ihrer Durchführung
außerhalb der normalen Strukturen. Die öffentlichen Stellen standen in Zusammenarbeit mit privaten
Partnern und teilweise in ihrem Dienst (FIFA). Neben der Eindeutigkeit des Inhalts und der
Aufgabenstellung ist für solche Veranstaltungen auch der feste äußere Rahmen charakteristisch.
Anders als bei dem endlosen Alltagsgeschäft der Stadtplanung und dessen unübersichtlichen
Problemlagen, lassen sich so publikumswirksame Akzente setzen und neben dem Anlass selbst, sind
auch der festgesteckte zeitliche Ablauf und der absehbare Endpunkt motivierend für die Beteiligten
(Häußermann/ Siebel 1993, S. 14).
Hintergrund
16
Der Drang zur Politik der großen, Aufmerksamkeit erregenden Ereignisse ist symptomatisch für
Stagnation und mangelnden Handlungsspielraum der Städte, nicht zuletzt auch wegen dem damit
verbundenen Zugang zu Fördermitteln. Während frühere Olympiaden oder Weltausstellungen sich
keineswegs rechnen mussten, sondern sich selbst genügten, betonen Häußermann und Siebel den
strategischen Aspekt stadtpolitischer Überlegungen, die heutigen Bewerbungen zu Grunde liegen.
Dabei ist in Wirklichkeit eine positive Kosten-Nutzen-Bilanz kaum zu belegen. Vielmehr sei für den
Ablauf von Großereignissen typisch, dass im Vorfeld ohne belastbare Daten und dafür umso
emotionaler über Vor- und Nachteile gestritten und im Nachhinein kaum eine vollständige Bilanz
versucht werde. Kaum zu beantworten ist darüber hinaus die Frage der Verteilungswirkungen: wer
profitiert am Ende und wer zahlt? (Häußermann/ Siebel 1993, S. 16f). Auch in Berlin liegt keine
umfassende Abrechnung vor. Als erfolgreiche WM-Stadt kann Berlin aber zumindest auf einen, wenn
auch nicht messbaren, Image-Gewinn verweisen. Ansonsten gilt Barcelona als eines der wenigen
Beispiele einer offensichtlich erfolgreichen Olympiastadt.
Die Motivation der Hinwendung von Stadtpolitik zum Großereignis kann also zumindest nicht nur in
finanziellem Kalkül bestehen. Einen anderen Grund machen Häußermann und Siebel in einer
gesellschaftlichen Entwicklung aus: Die „Freizeitgesellschaft“ verfüge über zunehmend mehr Zeit
und Geld, was sie willens ist, zu solchen Anlässen zu gebrauchen (Häußermann/ Siebel 1993, S.19).
Mit dem Großereignis war immer die Absicht verbunden, die Aufmerksamkeit einer breiten
Bevölkerung zu gewinnen; gegen die so genannte „Politikverdrossenheit“ und für die Identifikation
mit der Stadt. In diesem Sinn konnte festivalisierte Stadtpolitik auch nie neue oder kontroverse Ideen
vertreten, sondern immer nur laufende und populäre Entwicklungen bestärken. Die Orientierung an
der zunehmenden Nachfrage nach inszenierter, erlebbarer Stadt verpflichtet die Stadt umso mehr dem
jeweils vorherrschenden Trend.
Ein weiterer Grund ist die unvergleichbar motivierende und belebende Wirkung auf das Personal der
eigenen Verwaltung, die die Durchführung eines Spektakels von, zumindest für die meisten
Beteiligten, nie da gewesenen Ausmaßen inne hat (Häußermann/ Siebel, S. 21). Für diese
Abwechslung sind fast alle Beteiligten bereit, ihre Zeit und ihr Engagement einzubringen. Neben der
Begeisterung für die große Aufgabe spielt auch das Aufwühlen der eingefahren Strukturen eine
Rolle. Es gibt Sonderkomitees und neue Netzwerke, in denen die Beteiligten Tag für Tag ebenso
motivierten Menschen aus anderen Bereichen begegnen. Nach wie vor kennen sich die Berliner
Akteure der WM aus den verschiedensten Bereichen untereinander und teilweise haben sich auch die
damals etablierten Kommunikationsstrukturen gehalten. Kaum zu überbieten ist auch die Konformität,
die mit dem Großereignis erreicht werden kann, die Bündelung der Einzelinteressen hinter einer
gemeinsamen Vision. Kritik kann im schnellen Fluss der Ereignisse leicht als kleinmütig und
engstirnig wirken oder hingestellt werden.
Moderne Stadtpolitik ist nicht als reine Verwaltungsaufgabe im Sinne des Gemeinwohls zu betreiben.
Städtekonkurrenz und Unterhaltungsanspruch der Bevölkerung erfordern eine permanente
Selbstdarstellung in Form von kleineren und vor allem größeren Ereignissen.
Hintergrund
17
1.2.2. Die Stadt als Event
Der Unterhaltungsanspruch der Bevölkerung ist aber mehr als nur der Wunsch einer zunehmend
konsumorientierten Gesellschaft. Es geht um das Selbsterlebnis als Teilnehmer an einer kollektiven
Handlung entgegen der allgemeinen Tendenzen zur Ausdifferenzierung von Zeiten und Lebensstilen.
Neben diesem Bedürfnis nach Selbstvergewisserung im gemeinsam geteilten Massenerlebnis,
beschreibt Regina Bittner einen allgemeinen Wandel der Wahrnehmung von städtischem Raum vom
Ort der Produktion, des Verkehrs und der Verwaltung zum Erlebnisraum (Bittner 2001, S.15). Der
immer weniger von geteilten Rhythmen und Gewohnheiten gebildete soziale Raum wird in diesem
Bild immer mehr durch Erlebnisorientierung bestimmt. Sie zitiert Diedrich Diederichsen mit der
„Obsession für den urbanen Raum“, in dem der Erlebnisraum als „Zufluchtsort für das
Wirklichkeitsproblem, mit dem sich die individualisierte Gesellschaft herumplagen muss“, dient
(Bittner 2001, S.17). Die Heimatlosigkeit hinsichtlich Ortschaft und Identität ist der Boden dieses
Erlebnishungers.
Ein charakteristisches Element der Event-Stadt ist die Schaffung künstlicher, konsumierbarer
Erlebniswelten. Angebot und Erwartungshaltung gehen dabei Hand in Hand. Wenn das Erleben und
die gemeinsame Bedeutungszuschreibung den Ort bestimmen, dann kann er auch als, von
unerwünschten Beiklängen gereinigtes, Produkt angeboten werden. Dabei ist die reale Welt der
künstlichen in einer befremdlichen Art und Weise unterlegen, denn „indem sie nur da ist, nichts
verspricht, bleibt die Wirklichkeit hinter den Bildern zurück“ (Helmut Färber 1977, zitiert in: Vöckler
2001, S.199). Vöckler sieht das verloren gegangene „Städtische“ als von Shopping Malls und Urban
Entertainment Centern angebotene Atmosphäre in die Stadt zurückkehren. Dort ist sie umstandslos zu
konsumieren. Die dargebotene Welt ist überschaubar und geordnet und der Wachschutz sorgt für das
Ausbleiben unliebsamer Begegnungen (Vöckler 2001, S.209).
Das Gestalten von Stadträumen mit dem Anliegen, sie dem Erlebnisbedürfnis der Bewohner und
Touristen anzupassen, vergleicht Sonja Beeck mit dem Extrembeispiel des „Themings“ der Hotels und
Casinos in Las Vegas (Nachbauten und Motte-Kulissen, wie Paris inkl. Eifelturm, 1001 Nacht, etc.).
Es geht um das Bedürfnis nach eindeutigen und einfach lesbaren Räumen, welches sich die
Kulturwirtschaft zu Nutze macht (Beeck 2001, S.245). Es werden erfahrbare Räume gebildet, gestützt
auf Muster, die bei einem breiten Publikum vorausgesetzt werden können. Das „Place-Making“ soll
keinesfalls verunsichern, Vorhersehbarkeit wird als großer Vorzug angesehen. In der konsumierbaren
Architektur sind die Ereignisse choreographiert und bilden zusammenhängende Atmosphären. Damit
gewinnt eine neue zeitliche Dimension Gewicht im Städtebau: die Aufenthaltsdauer des Konsumenten
(Klingmann 2001, S.326f). Die Verkürzung der zeitlichen Perspektive betrifft auch die gebaute Stadt
selbst, die in die Lage versetzt werden soll, sich den Veränderungen des Marktes anzupassen.
Architektur soll Räume nicht abschließend definieren, sondern möglichst für die Performance offen
lassen (Klingmann 2001, S.329).
Hintergrund
18
Als Kernpunkt für die weitere Betrachtung festzuhalten ist, was in der Einleitung bereits als
Verschwimmen ehemals dauerhafter Strukturen bezeichnet wurde. Das Konzept des Ortes verändert
sich. Abgesehen davon, dass sich auch die Bindung von Form und Funktion löst (Neu-, Um- und
Zwischennutzungen), lösen sich generell die traditionellen Verbindungen von Ortsidentität und Ort.
Der Wohnort verliert seine Eigenschaft als räumliche Fassung des sozialen Gefüges seiner Bewohner.
Die zunehmende Mobilität der Postmoderne drückt sich in einer entterritorialisierten Kultur der
Heimatlosigkeit aus. Mit dem Bedeutungsverlust des Lokalen entstehen neue Ortsbilder, in denen sich
Menschen zum Teil sogar virtuelle Orte aus bekannten Fernsehserien oder aus Computerwelten als
Bezugsraum teilen (Morley 2001, S.59). Trotzdem löst sich die Stadt deswegen nicht in lauter einzelne
Fragmente oder gar virtuelle Welten auf, sondern es bilden sich verschiedene Schichten, sich
gegenseitig überlagernder Systeme, in denen auch die traditionellen Ortsstrukturen ihre Berechtigung
behalten. In diesem dynamischen Geflecht liegt das Potenzial neuartiger Orte begründet. Orte können
sich aus dem fest oder lose in der Stadt verankerten Bedeutungsgefüge bilden, dessen Träger
variierende Gruppen sind, die sich ein gemeinsames Bild teilen.
1.2.3. Temporäre Raum-Zeit-Zonen
Ist der Ort aber erst einmal aus seiner ursprünglich wesensbestimmenden räumlichen Verankerung
gelöst und zu einer auch rein über Zuschreibungen und Erlebnis zu fassenden Größe geworden, dann
sind seine räumlichen und zeitlichen Eigenschaften neu zu bestimmen. Kann er wandern? Welche
neuen Regeln bestimmen seine Bindung? Welche Dauer muss ein Ort haben, um ihn von
vorübergehenden Erscheinungen zu unterscheiden? Und schließlich: Kann es temporäre Orte geben,
die eine Festigkeit in der Zeit aufweisen über derjenigen des flüchtigen Ereignisses und unter der eines
beständigen Gebiets?
Erinnerung und Gedächtnis, Phantasie und Einbildungskraft halten sich in Räumen auf und verweilen
an Orten (G. Bachelard, zitiert in: Berking 2001, S.56). Gibt es Orte, die wiederum ihrerseits die
meiste Zeit lediglich in Form von Erinnerung und Gedächtnis bestehen und sich nur hin und wieder im
Raum manifestieren?
1.3. Zwischenfazit: Hintergrund
Zeitliche Fragen gewinnen im Allgemeinen und auch für die Stadtplanung an Bedeutung. Raum-Zeit-
Zonen sind ein Konzept zur Analyse und Darstellung raumzeitlicher Zusammenhänge. Verschiedene
Tendenzen, wie kürzere Zyklen von Produkten oder Planungen und zunehmend fließende Übergänge
zwischen festen und flüchtigen Erscheinungen, geben Anlass zu der Frage, ob sich in der
Zwischenwelt etwas Neuartiges herausbildet, was man als temporäre Raum-Zeit-Zone bezeichnen
könnte. Diese Frage stellt sich umso mehr vor dem Hintergrund verstärkter Eventpolitik bzw. dem
Verständnis von Stadt oder Stadtteilen als Erlebniswelt.
Raum-Zeit-Zonen
19
2. Raum-Zeit-Zonen
Raum-Zeit-Zonen sind eine Möglichkeit, Stadt-Teilräume nicht nur räumlich, sondern auch in
zeitlicher Hinsicht zu erfassen und zu unterscheiden. Die Gebiete, die dabei identifiziert werden
können, weisen ein bestimmtes raumzeitliches Profil auf. Es gibt sozusagen ein Musterheft mit dem
die Beobachtungen im Stadtraum abgeglichen werden können. Die Stärke des Ansatzes besteht in
seiner Eindeutigkeit und Aussagekraft. Eine flächendeckende Stadtanalyse gelingt damit (noch) nicht.
Neben diesem Ansatz gibt es viele andere Bereiche, die ebenfalls mit zeitlicher Perspektive arbeiten.
Es gibt Entwicklungen auf allen Feldern – von der Stadtanalyse bis zu ihrer Planung und Politik. Die
Vielfalt der Felder und Möglichkeiten von Zeit in der Planung sind aber nicht Bestandteil dieser
Arbeit. Eine Vorstellung möglicher Planungsbereiche vermittelt die folgende Zusammenstellung von
Benjamin Herkommer. Raum-Zeit-Zonen hätten in dieser Systematik als Analyseinstrument ihren
Platz zwischen Planung mit Zeit und Planung in der Zeit und als Handlungsinstrument läge ihre
Position zwischen Planung von Zeit und Planung mit Zeit.
Tab.1: Beispiele von Zeit in der Planung
Quelle: Herkommer 2007b, S.158
Der Kern des Konzepts von Raum-Zeit-Zonen ist die Verbindung von räumlichen und zeitlichen
Aspekten zu einem einheitlichen Begriff in der Gebietstypologisierung. Räumliche
Gebietseinteilungen – ob nun Zone, Bereich oder Gebiet – sind vertrautes Terrain. Zeit-Zonen sind
dagegen erklärungsbedürftig, denn es sind nicht diejenigen gemeint, die die Uhrzeit im Verhältnis zur
geografischer Länge angeben. Vielmehr ist eine Zeit-Zone, wie eine Raum-Zone ein Gebiet, das sich
durch bestimmte Eigenschaften von anderen Gebieten unterscheiden und abgrenzen lässt.
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
20
Das entscheidende Kriterium ist das jeweils vorherrschende Zeitmuster, also nach welchen zeitlichen
Maßgaben die örtlichen Aktivitäten bzw. Nutzungen vonstatten gehen.
Nutzungszeiten und -intensitäten sind nicht nur genauso örtlich gebunden, wie es die Nutzungsart ist,
sondern sie charakterisieren ihr Gebiet auch genauso wie diese. Hierin liegt der Beitrag, den Raum-
Zeit-Zonen für das Stadtverständnis leisten. Denn etwa die baurechtliche Gebietseinteilung, die sich
nur aus der Art der Nutzung ergibt und nicht die zeitliche Abfolge der Nutzung berücksichtigt, ist in
zeitstruktureller Hinsicht unvollständig. Zusammengefasst ist es das Anliegen von Raum-Zeit-Zonen,
der Frage nach dem „Wo“ die nach dem „Wann“ hinzuzufügen3.
In diesem Kapitel werden Vorgeschichte, Wesen und Arten von Raum-Zeit-Zonen beschrieben. Bevor
deren unterschiedliche Typen benannt werden, werden mit Zeitnutzungskarte und Chronotopkarte die
zwei wesentlichen Vorläufer des Konzepts vorgestellt. Die Difu-Projektgruppe veröffentlichte 1988
mit einem Entwurf zur Zeitnutzungskarte ein erstes Konzept, raumzeitliche Zusammenhänge in
Kartenform darzustellen. Zehn Jahre später wurde die anschauliche Darstellung der italienischen
Chronotopkarte mit der 1999 veröffentlichen Chronotopkarte von Pesaro bekannter als ihr Vorläufer.
Für die daraufhin von Dietrich Henckel und Matthias Eberling in einer Difu-Studie entwickelten
Raum-Zeit-Zonen bildet sie die unmittelbare Vorlage, denn anders als die Zeitnutzungskarte werden in
der Chronotopkarte erstmals raumzeitlich festgelegte Gebietseinheiten beschrieben und mit
Eigennamen versehen. Diese Einheiten ließen sich außerdem auch in einer einheitlichen Karte
abbilden, während die Zeitnutzungskarte erst als Kartensequenz lesbar wird (vgl. Kapitel 2.1.3.2.).
Entgegen der zeitlichen Reihenfolge des Erscheinens wird hier zuerst die Chronotopkarte vorgestellt.
Sie vermittelt als unmittelbarer Vorläufer der Raum-Zeit-Zonen einen besseren Einstieg zum
Verständnis des Konzepts. Mit der anschließenden Betrachtung der Zeitnutzungskarte werden diesem
Bild dann Begriffe hinzugefügt, die später auch in der Formulierung von Raum-Zeit-Zonen zur
Anwendung kommen. Das Ziel dieses Kapitels ist es, ein Profil von Raum-Zeit-Zonen zu erstellen, an
dem später die temporäre Raum-Zeit-Zone bemessen werden kann. Dafür werden die Merkmale
gesammelt, die Raum-Zeit-Zonen auszeichnen.
2.1. Vorgeschichte und Vorläufer
„Den ganzen Komplex des urbanen Lebens kann man sich eher als Person vorstellen denn als
spezifischen Ort, und die Stadt kann eine ganz eigene Persönlichkeit besitzen“ (Strauss 1976, S.22). In
diesem Sinn geht es beim Stadtverständnis mehr um deren Wesen als um ihr Erscheinungsbild. Raum-
Zeit-Zonen sind ein Ansatz, körperliche, also bauliche und räumliche, Eigenschaften mit
Wesensmerkmalen wie dem Rhythmus und dem Charakter dieser Stadtperson zu verbinden. Dass der
Charakter eines Ortes mit der Tageszeit variiert, dass also Zeit wesentlich ist für Verständnis und
Gestaltung der Stadt, beschreibt Kevin Lynch in “What time is this place?” (Lynch 1976). Die
Gesetzmäßigkeiten solcher Verläufe sind der Untersuchungsgegenstand bei der raumzeitlichen
Einteilung von Zonen.
3 Der Difu-Projektgruppe zufolge kann Zeitplanung generell mit der Formel umschrieben werden, dass die
Dimensionen „Was?“ und „Wo?“ mit dem „Wann?“ ergänzt werden (Henckel 1988, S.164).
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
21
Es gibt unterschiedliche zeitliche Merkmale, die man an Stadtgebieten untersuchen kann. Der
italienische Ansatz beschäftigt sich z.B. stark mit Öffnungszeiten und Pflege- bzw. Familienzeiten.
Es geht darum, städtisches Angebot und Bedarfslage der Stadtnutzer besser miteinander abzustimmen.
Ein anderer Ansatz ist, die Geschwindigkeit eines Ortes zu untersuchen. Dabei kommen
verschiedene Untersuchungsgegenstände in Frage (vgl. Herkommer 2007a, S.37f), wie z.B. die
Bewegungsgeschwindigkeit der Menschen an einem Ort, das Verhältnis durchgängiger
Aktivitätsmuster zu Ruhezeiten, die Beschaffenheit von Transportinfrastruktur, oder die
Geschwindigkeit baulicher Veränderung. Auch in diesem Sinn lassen sich Städte und Stadtteile
charakterisieren. Die zeitlichen Merkmale, die bisher in Raum-Zeit-Zonen erfasst werden, bezeichnen
dagegen nur das vorherrschende Aktivitätsmuster und den Rhythmus des Gebiets. Die Stadt soll in
einer das „Wann“ und „Wo“ integrierenden Sichtweise kartiert werden. Das „Wie“, bzw. „Wie
schnell“ und das „Wieso“ bleiben vorerst im Hintergrund.
Wie im sozialen zwischenmenschlichen Gefüge, in dem sich Status auch in Zeitvorteilen ausdrückt
(„Der Status bestimmt, wer wartet“ Levine 1998, S.155), gibt es Orte der zeitlichen Bevor- oder
Benachteiligung auch in der Stadt. Sie drücken sich unter anderem im zu leistenden Zeitaufwand für
die Raumüberwindung aus, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Benachteiligte Gruppen
würden nach Levine durch ihre mangelnden zeitlichen Ressourcen, bzw. Kompetenzen an den Rand
der Gesellschaft gedrängt. Er verweist auf Jeremy Rifkin, demzufolge zeitliche Benachteiligung eine
„intrinsische Eigenschaft aller fortschrittlichen Gesellschaften“ sei; in Industriekulturen seien die
Armen ebenso materiell arm, wie auch arm an Zeit (Levine 1998, S.246). In dieser
sozialgeografischen Hinsicht sind die nutzungs- und rhythmusorientierten Typen von Raum-Zeit-
Zonen (Kapitel 2.2.1.) noch nicht ausgebildet. Ein Versuch in diese Richtung wurde in Hamburg mit
der Untersuchung der raumzeitlichen Strukturierung der Stadt unternommen (Pohl 2006).
Bestimmten räumlichen Strukturen sind auch bestimmte zeitliche Muster eingeprägt; auf der anderen
Seite bedingen die vorherrschenden zeitlichen Strukturen auch die räumlichen Erscheinungsformen.
Die Gebiete, die sich in diesem Spannungsfeld bilden, haben dementsprechend sowohl räumliche wie
auch zeitliche Ursachen und Eigenschaften. Die zeitliche Prägung folgt den in Kapitel 1.1.
beschriebenen Entwicklungen und drückt sich je nach den lokalen Gegebenheiten des Ortes
beispielsweise im Rhythmus von Arbeits- und Ruhezeiten, oder im Nacheinander oder Durcheinander
von Nutzungsabläufen aus. Ein Stadtgebiet ist also ebenso geprägt von seinem zeitlichen Charakter
wie von seiner physischen Gestalt. Genauso, wie eine bauliche gibt es auch eine zeitliche Architektur.
2.1.1. Vorgeschichte
Die zeitliche Perspektive auf räumliche Fragestellungen wurde von Torsten Hägerstrand mit der
Zeitgeografie der Lund-Schule bereits in den 1950er/60er Jahre in Schweden begründet. Caroline
Kramer nennt als Ursprungswerk seine Doktorarbeit über Innovationswellen, in der die Ausbreitung
von technischen Neuerungen in der Landwirtschaft als zeitlich und räumlich gegliederter
Durchdringungsprozess betrachtet wird (Kramer 2005). Ins Grundvokabular der Raum-Zeit-Forschung
eingegangen sind zum Beispiel Hägerstrands Zeitpfade in Raum-Zeit-Modellen, mit deren Hilfe
Bewegungen in Raum und Zeit modellhaft abgebildet werden können. Die möglichen Verläufe dieser
Pfade sind abhängig von den laut Franck zentralen Kategorien der Zeitgeografie: Zeitbudget und
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
22
Aktionsraum. Er verwendet den Begriff Trajektorien für Zeitpfade und ergänzt damit das Bild des
Pfads, der nur den Weg abbildet, um die räumliche Ausdehnung der Spur des in der Zeit bewegten
Körpers in der als Block von Zuständen betrachteten Raumzeit (Franck 2002, S.70).
Zeit schafft den Ort: In den 1970er und 1980er Jahren wurde die Zeit- oder Chronogeografie
wesentlich von Parkes und Thrift weiterentwickelt (Kramer 2005, S.30), denen zufolge die Zeit
überhaupt erst den Ort schafft. Durch sie werden abstrakte Räume zu bekannten, „realisierten“ und
„erlebten“ Orten. Zeit gilt als soziale Einheit. Den Zusammenhang zwischen Raum und Zeit stellen die
Begriffe „timing space“ (Zeiten, zu denen Gelegenheiten genutzt werden können, z.B. Öffnungszeiten)
und „spacing time“ (räumliche Anordnung der Ereignisse) dar (Grundmann/ Hölscher 1989, S.33f)4.
Eines der entscheidenden Argumente, sich mehr mit dem zeitlichen Profil von Stadt und Stadtteilen
auseinander zu setzen, ist das Sichtbarwerden von zeitlichen Konflikten etwa zwischen divergierenden
Zeitinteressen und -bedürfnissen von Gewerbe, Tourismus und Anwohnern. Denn wenn solche
zeitlich verursachten Verträglichkeitsprobleme nur in ihrem räumlichen Niederschlag gesehen und
nur mit räumlichen Instrumenten behandelt werden, können sie nicht oder nur unvollkommen gelöst
werden. In der Regel entstehen Konflikte entlang der Gebietsgrenzen: dort wo unterschiedliche
zeitliche Muster aufeinander treffen und Verwerfungen bilden. Diese Zeit-Gebietsgrenzen decken sich
nicht oder nur teilweise mit den administrativen Grenzverläufen oder denen der Baunutzungsgebiete.
Im Ursprung der italienischen Zeitpolitik stand das soziale Element noch an vorderster Stelle. Dort
kamen die Impulse, die letztlich unter dem Sammelbegriff „Zeiten der Stadt“ zur flächendeckendsten
Anwendung zeitpolitischer Aktivität Europas führten, aus der Frauenbewegung der 1970er Jahre (vgl.
u.a. Heitkötter, Mairhuber). Mit dem großen Boom zeitpolitischer Projekte in vielen italienischen
Städten in den 1990er Jahren und spätestens seit dem Gesetz von 2000, das Zeitpläne für alle größeren
Gemeinden (über 30.000 Einwohner) vorschreibt (Mairhuber 2001, S.6ff.), sind für die Stadtplanung
auch zeit-kartografische Grundlagen unerlässlich. Aus der Palette der raumzeitlichen Methoden und
Instrumente, die im Zuge dieses großen Bedarfs und dem Pioniergeist der Anfangszeit entstanden,
stammt auch die Idee der Chronotopkarte, auf der die Raum-Zeit-Zonen aufbauen. Die Kartierung
von Chronotopen sollte Erkenntnisse liefern, die in einem durchweg pragmatischen Sinn zur
Quartiersaufwertung beitragen sollten (Mairhuber 2001, S.10f).
2.1.2. Vorläufer 1: Chronotope
Die Verbreitung zeitpolitischer Projekte in Italien brachte einen Bedarf an neuartigen kartografischen
Grundlagen mit sich. Zeitliche Größen in anschauliche Form zu bringen, stellte die Planer vor gewisse
Probleme, denn das Wesen von Zeit ist die Veränderung. Während die Kartografie bisher nur mit
überschaubaren räumlichen Veränderungen Schritt halten musste, galt es nun, sehr viel feinere und
zudem ganz unterschiedliche Rhythmen zu visualisieren, die sich teilweise im Stundenbereich
abspielten oder sich überlagerten. In der Gründerzeit der Zeitkartografie gab es die Computertechnik
noch nicht, die heute animierte Darstellungsformen ermöglicht und mit deren Hilfe sich auch zeitliche
4 vgl. Eberling/ Henckel 1998, S.186: Raumwirksamkeit von Zeitstrukturen (Zeitordnungen/ urbane Rhythmen
prägen räumliche Strukturen) und Zeitwirksamkeit von Raumstrukturen (Raumstrukturen prägen die
Zeitorganisation der Individuen und der Gesellschaft)
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
23
Sachverhalte zeigen lassen, die nur oder besser im Verlauf sichtbar werden. Auch für Raum-Zeit-
Zonen können bewegte digitale Darstellungen Gewinn bringend sein, sie sind aber nicht entscheidend.
Schließlich geht es darum, beständige Gebietseinheiten zu definieren und die Darstellung der, dieser
Typisierung zu Grunde liegenden Prozesse, ist für die Bildung dieser Einheiten zweitrangig - gleiches
galt für die historische Vorlage der Raum-Zeit-Zonen, die Chronotopkarte. Für sie musste lediglich
eine Methodik entwickelt werden, um in integrierter Form Zeit- und Raumaspekte eines Territoriums
darzustellen. Das Interesse der Analyse lag damals, wie bei den meisten italienischen Zeit-Projekten,
in der Bürger- oder Stadtnutzer-Perspektive (Europäische Stiftung 1999, S.47). Neben den hier
dargestellten Chronotopkarten wurden auch andere Kartentypen entwickelt, wie die „On-Off-Karte“
zur Darstellung von Öffnungs- und Betriebszeiten, oder die „Isochronenkarte“ zur Darstellung von
Raumüberwindung entsprechend von Fahrzeiten.
2.1.2.1. Was ist ein Chronotop?
Unter dieser Überschrift (im Original: „Che cos’è un cronotopo“, Bonfiglioli 1997, S.90ff) beschrieb
Sandra Bonfiglioli mit Chronotop zunächst ganz allgemein die Stadt als eine von zeitlichen Strukturen
geprägte Erscheinung. Erst später wurden mit Chronotopen einzelne Stadtgebiete bezeichnet, die sich
durch unterschiedliche Zeitstrukturen voneinander unterschieden. Hier wird in gekürzter Form der
Beitrag von Sandra Bonfiglioli in Urbanistica Quaderni, No 12 wiedergegeben:
Die Stadt ist der Ort schlechthin, wo sich unterschiedliche Formen des sozialen Lebens einrichten und
in einem Beziehungsgeflecht interagieren und ko-existieren. Dabei steht der Begriff der Stadt sowohl
für die soziale und private Welt, die öffentliche Welt wie auch für den baulichen Rahmen, in dem diese
Welten angesiedelt sind. Naturgemäß wandelt letzterer sich nur langsam und kann, im Gegensatz zu
den anderen Welten, auch für sich selbst und ungenutzt bestehen. Bis heute werden die materiellen
Aspekte des Wohnens getrennt von den kulturellen oder spirituellen – die physische Seite der Stadt
getrennt von der Seite der menschlichen Beziehungen – betrachtet, anstatt sie als Einheit anzusehen.
In dieser Verbindung zwischen Mensch und menschlich geschaffener Umgebung zeigt sich eine, die
Stadt prägende, zeitliche Architektur: die Zeiten der physischen und die Zeiten der sozialen Stadt sind
gegenseitig ineinander eingebettet. Diese Zeiten werden zusätzlich von der menschlichen Zeitlichkeit
und den Zeiten der Natur überlagert.
Der Vorlesungssaal gibt ein gutes Beispiel für den Zusammenhang zwischen architektonischer
Typologie und Zeitnutzungsmustern. Dort belegt die soziale Einheit beispielsweise eines Architektur-
Kurses zu den im Stundenplan festgeschriebenen Zeiten den physischen Ort Vorlesungssaal mit einer
bestimmten Art von Nutzung, dem Seminar. Dieses Beispiel zeigt in klarer Form die Verbindung von
• einem Ort mit bestimmten Eigenschaften (Nutzbarkeit),
• einer entsprechenden Klientel und
• einem eindeutigen Zeit-Muster.
Diese Eindeutigkeit ist natürlich nicht in allen Zusammenhängen von baulichen und sozialen
Verbindungen zu finden.
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
24
Trotz äußerlich vergleichbarer Indikatoren, z.B. in ökonomischer Hinsicht, variiert das Zeit-Erlebnis
von Stadt zu Stadt, denn die Erscheinungsformen, in denen die unterschiedlichen Aspekte von Zeit
auftreten, variieren von Stadt zu Stadt: der Verlauf der Jahreszeiten, die Geräusche und Farben, die
Geschwindigkeiten, die Sprachen, die Rhythmen des öffentlichen Lebens, dem Zusammenspiel von
Pause und Eile. Jeder Stadt ist in diesem Sinn ein eigener Hintergrund zu Eigen, vor dem sich das
Leben abspielt.
Das Hier und Jetzt ist der Ort in der Raumzeit, der in unverrückbarem Zusammenhang mit seiner
Vorgeschichte steht, denn die Temporalität einer Stadt wird von ihrer Geschichte bestimmt. Die
Materialien, Stile, Geometrien und die urbane Struktur bestimmen das bauliche Gesicht der Stadt, wie
die lokalen Traditionen von Familie, Schule, Kirche, Theater oder Geschäft das gesellschaftliche Bild
bestimmen. Die Immobilität bei unterschiedlicher Dauerhaftigkeit von Architektur und gebauten Orten
ist ein Sinnbild des Nebeneinanders verschiedener Zeiten und Lebenswelten, welches Städte
auszeichnet. Im Vergleich mit dem historischen Kontext wird das Wesen der industrialisierten und
beschleunigten Welt erkennbar. Erst das neuere Verständnis begreift Stadt als schwerlich
überschaubaren und in seiner Vielfältigkeit nicht reduzierbaren Zusammenhang verschiedener
Logiken, Orte, geschichtlicher Ablagerungen und verwobener Strukturen und Gemeinschaften. Die
langfristigen Unterströmungen der Veränderung liegen in der Geschichte des Ortes und seiner Region
begründet.
2.1.2.2. Die Chronotopkarte von Pesaro
Später wurde der Begriff systematisiert und für die Chronotopkarten als räumlich begrenztes
Stadtteilgebiet verwendet. Ein Chronotop war demnach durch das vorherrschende Zeit-Regime
zuzüglich einiger weiterer Größen, wie der Nutzergruppe oder dem Mobilitätstyp bestimmt. Die
populärste Chronotopkarte ist diejenige von Pesaro. Sie wird im Folgenden vorgestellt.
“Die Stadt, im Sinne der Zeitpolitik, ist eine Stadt der Chronotope, physische Orte räumlicher und
zeitlicher Architekturen, belebt durch die Rhythmen von Präsenz und Kopräsenz ihrer Bürger und
temporären Einwohner“ (Sandra Bonfiglioli, zitiert in Zedda 1999, S.32).
Roberto Zedda unterscheidet vier mögliche Ausrichtungen von Chronotopkarten (Zedda 1999, S.32):
• Zeiten der physischen Stadt: Zusammensetzung der Stadt hinsichtlich ihrer geschichtlichen
Konstruktion aus Baustilen und Besiedlungsstruktur unter Berücksichtigung der unterschiedlichen
Lebensdauern, dem Wandel und der Morphologie
• Zeit-Regime: Verteilung von Zeit-Regimen, also dem zeitlichen Muster der vorherrschenden
Nutzung, zusammen mit der Periodizität, also dem Zyklus seines Auftretens. Mögliche Regime
sind:
- regelmäßiger periodischer Zyklus: z.B. tägliche oder wöchentliche Rhythmen
- Ereignis: Nutzungen oder Begebenheiten, die einmalig oder in Abhängigkeit von bestimmten
Anlässen auftreten
- durchgängige Nutzungen
- „Zeit 0“: Abwesenheit zeitlich prägender Funktionen
Diese Kategorien werden in der Chronotopkarte von Pesaro angewendet.
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
25
• Nutzungsweise: Nutzung des jeweiligen Ortes durch bestimmte Bevölkerungsgruppen
• Große Attraktoren: Anziehungspunkte, die auf große Bevölkerungsgruppen wirken. Unter der
Rubrik Attraktoren werden folgende Aspekte betrachtet:
- Attraktoren auf städtischer/ lokaler Ebene
- Orte mit mehreren Attraktoren von unterschiedlichen Wirkungsradien
- durch die Attraktoren verursachte Strömungen und Einzugsbereiche
- Zusammensetzung der Bevölkerungsgruppen am Ort des Attraktors und in seiner Umgebung
- Nutzungszyklus
Mit diesem Handwerkszeug wurde 1997 von der Arbeitsgruppe „Verteilung der vorherrschenden Zeit-
Regime in der Nutzung des städtischen Raums von Pesaro“ der hier vorgestellte Prototyp einer
Chronotopkarte im Maßstab 1:20.000 erstellt. Als Grundlage ihrer Arbeit dienten der Gruppe
geografische und urbanistische Merkmale, erhobene Daten zu Bevölkerungsgruppen und deren
Aufenthaltsmuster an bestimmten Orten, ihrer Mobilität und zur Siedlungsstruktur (Luftaufnahmen).
An dieser Stelle erwähnt Zedda das Problem der Datenbeschaffung, mit dem auch die Analyse von
Raum-Zeit-Zonen konfrontiert ist. Einerseits muss in aller Regel auf Sekundärdaten zurück gegriffen
werden, da unter der neuartigen Fragestellung keine expliziten Daten vorliegen und andererseits
erschwert die ja eigentlich gesuchte Korrektur der hergebrachten Gebietsgrenzen den Zugriff auf
vorliegendes Datenmaterial, welches an gängigen Gebietseinteilungen, wie etwa Stadtteil und Bezirk,
ausgerichtet ist.
Insbesondere am Grenzverlauf zwischen den Chronotopen liegen aber die Konflikte, die mit Hilfe
ihrer Analyse aufgedeckt werden sollen. Das sind die Orte an denen die Zeit-Projekte der lokalen
Akteure ansetzen sollen. Entsprechend wurden die Ergebnisse der Chronotopkarte in die
Generalplanung von Pesaro aufgenommen.
Tab.2: Die Inhalte der Chronotopkarte von Pesaro
Zeit-Regime sechs Mischformen der zuvor aufgezählten Zeit-Regime-Typen kommen zur Anwendung:
• Durchgängige Nutzungen
• Regelmäßiger periodischer Zyklus5
• Zeit 0
• Durchgängige Nutzungen + regelmäßiger periodischer Zyklus
• Regelmäßiger periodischer Zyklus und Ereignis6
• Durchgehende Nutzung + regelmäßiger periodischer Zyklus + Ereignis
Bevölkerungs-/
Nutzergruppen
unterschieden werden: ansässige Bevölkerung, Pendler, so genannte „city-users“ und
Geschäftsleute
Art der Nutzung/
Typ der Aktivität
die Nutzungsarten variieren je nach Gebiet
Bewegungsmuster/
Mobilität
unter Mobilitätstyp werden folgende Typen unterschieden:
• Ausgangspunkt/ Ziel (im Original:„Origine/ destinazione“)
• kreuz und quer im Nahbereich (im Original: „zigzagante di prossimità“)
• Pause
• Spaziergang/ Bummel
• langsam
• Transit (im Original: „flusso di attraversamento“)
Ort Merkmale des Ortes
Quelle: Eigene Darstellung/ Zedda 1999, S.33
5 als periodische Zyklen werden genannt: Tag, Woche, Saison, Jahr
6 bei Ereignissen werden einmalige und gelegentliche unterschieden
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
26
In der Karte (Abb.1) werden verschiedene Inhalte gleichzeitig dargestellt. Um das zu bewerkstelligen
wurden die Farben, die zur Darstellung der Aktivität verwendet werden, je nach vorliegendem Zeit-
Regime anders zur Anwendung gebracht. Sind z.B. die Umrisse der Baukörper eines Gebiets gefärbt,
handelt es sich um ein zyklisches Muster, ist das Gebiet transparent mit der Farbe unterlegt, liegt eine
durchgängige Nutzung vor:
Tab.3: Übersicht der Darstellungsformen in der Chronotopkarte von Pesaro
Gebiete mit durchgängiger Nutzung flächig aufgetragene Farbe,
Gebäude mit feiner schwarzer Linie gezeichnet
Gebiete mit zyklischem Muster Gebäude farbig und mit dickem Strich gezeichnet
Gebiete, charakterisiert durch einmalige oder
gelegentliche Ereignisse
farbiger Kreis
Die Anziehungspunkte von Mobilitätsströmen mit rotem Punkt markiert
Die Gebiete mit „Zeit 0“ mit deckender Farbe dargestellt
In den Gebieten mit gemischten Zeit-Regimen, werden die oben beschriebenen Formen der Darstellung
kombiniert:
a. Gebiete mit durchgängiger Nutzung + zyklischen Mustern werden mit flächig aufgetragener Farbe
dargestellt, entsprechend dem Typ der durchgängigen Nutzung (Wohnnutzungen beispielsweise in
strohgelb); dazu werden die Gebäude reliefartig hervorgehoben und in der Farbe entsprechend dem Typ der
Aktivität koloriert.
b. Mischgebiete mit zyklischen Zeit-Regimen + einmaligen Ereignissen werden mit einem farbigen Kreis und
schwarzen Baukörpern (der Luftaufnahme entnommen) dargestellt.
c. Mischgebiete mit den Zeit-Regimen „durchgängige Nutzung“, „zyklisch“ und „einmalige oder
gelegentliche Ereignisse“ (z.B. das historische Zentrum von Pesaro) ist der verwendete Farbton im
Gegensatz zu den anderen tiefer und die Farbe der Gebäudekonturen ist ins Negativ der Luftaufnahme
verkehrt (in transparenter Farbe).
Quelle: Guez/ Stabilini, in: Zeddda 1999, S.33 (grauer Kasten)
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
27
Abb.1: Die Chronotopkarte von Pesaro
Quelle: Zedda 1999, S. 35
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
28
Tab.4: Legende der Chronotopkarte von Pesaro
ZEIT-REGIME Nutzer Aktivität Typ der Mobilität Ort
reine Formen
Durchgängige Nutzungen
Anwohner Wohnen;
Nahversorgung
Ausgangspunkt/ Ziel;
kreuz und quer im
Nahbereich
„Städtchen“
Regelmäßiger periodischer Zyklus
Saison Touristen
city-users
Anwohner
Café/ Bar; Handel;
Hotels; Unterhaltung;
Badestrand
Pause; Bummeln;
Ausgangspunkt/ Ziel
Zone am Meer;
touristischer Badestrand;
saisonal bewohnt
Tag
Saison
Anwohner
Jugendliche
Bummeln langsam;
Ausgangspunkt/ Ziel
öffentlicher Raum
Saison
Sommer
city-users
Anwohner
Badestrand Ausgangspunkt/ Ziel Strand
Tag
Woche
Anwohner
Sport; Freizeit Ausgangspunkt/ Ziel Sport-Zentrum
Werktag, tags
Tag
Woche
Jahr
Pendler
Anwohner
Industrie; Handwerk Ausgangspunkt/ Ziel Industrie-Gebiet
Tag
Woche
Jahr
Pendler
city-users
Geschäftsleute
Dienstleistung:
Industrie;
Warenhäuser
Ausgangspunkt/ Ziel Dienstleistungs-/
Industriegebiet
Saison Ansässige Landwirtschaft Ausgangspunkt/ Ziel Grünfläche/
Landwirtschaft
Monat Militär Militär Ausgangspunkt/ Ziel Kaserne
Tag
Woche
Jahr
Pendler
Geschäftsleute
city-users
Krankenhaus;
Handel; Verwaltung;
Schulgelände
Ausgangspunkt/ Ziel Dienstleistungs-Zentrum
„Zeit 0“
historischer Park
Miralfiore
Mischformen
Durchgängige Nutzungen + regelmäßiger periodischer Zyklus
Durchgehende Nutzung durch
die Anwohner; Zyklische
Muster Werktag, tags und
abends
Anwohner
city-users
Wohnen; Handel;
Dienstleistungen;
kreuz und quer „Straße der Quartiere“
Durchgehende Nutzung durch
die Anwohner; Zyklische
Muster werktags
Anwohner
Pendler
city-users
Wohnen; Industrie;
Handwerk; Handel
Ausgangspunkt/ Ziel Mischgebiet: Wohnen,
Handwerk, Industrie,
Handel
Durchgehende Nutzung durch
die Anwohner; Durchgehende
Hafennutzung; Zyklische
Muster werktags und saisonal
Anwohner
Pendler
city-users
Gastronomie; Werft;
Hafen
Pause; Bummeln;
Ausgangspunkt/ Ziel
Hafen
Durchgehende Nutzung durch
die Anwohner; Zyklische
Muster werktags und saisonal
Anwohner
city-users
Wohnen Ausgangspunkt/ Ziel;
Transit
Ehemalige Gartenstadt
Regelmäßiger periodischer Zyklus + Ereignis
Zyklische Muster (Phasen):
Saison/ Jahr; gelegentliche
Ereignisse; große Events
city-users
Anwohner
Sport;
Veranstaltung
Ausgangspunkt/ Ziel große Sportanlage
Zyklische Muster: Jahr;
Möbel-Messe
Geschäftsleute Messen; Kongresse Ausgangspunkt/ Ziel Messegelände
Zyklische Muster tags,
abends, nachts, saisonal;
Ereignisse: einmalig und
gelegentlich
Anwohner
city-users
Geschäftsleute;
Militär
Bummeln; Pause;
Begegnung; Freizeit
Ausgangspunkt/ Ziel;
langsam
cardo-decumano;
öffentlicher Raum
Durchgängige Nutzung + regelmäßiger periodischer Zyklus + Ereignis
Durchgehende Nutzung durch
die Anwohner; Zyklische
Muster Werktag, tags und
abends in Tages-, Wochen-
und Jahresrhythmus;
Zyklische Muster Feiertag im
Jahresrhythmus; Ereignisse:
einmalig und gelegentlich
Ansässige
Pendler
Touristen
city-user
Geschäftsleute
Wohnen; Handel;
Handwerk; Dienste
und Dienstleistungen;
Kultur;
Veranstaltungen;
Museen; Religion;
Freizeit; Bummeln;
Vereinswesen
Ausgangspunkt/ Ziel;
langsam und kreuz und
quer im Nahbereich
historisches Zentrum
Quelle: Eigene Darstellung/ Zedda 1999, S.34
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
29
2.1.2.2.1. Beispiele von Chronotopen in Pesaro
Auf der Karte gut zu erkennen ist „die Straße der Quartiere“. Sie zieht sich mit leichtem Schwung
durch „die Quartiere des ersten Rings“, also den äußeren südlichen Bereich von Pesaro. In diesem
Chronotop überlagern sich die Ströme des Durchgangsverkehrs, die Kreuz-und-quer-Bewegungen der
city-user, die dort ihre Erledigungen machen und die gemächlichen Bewegungen der Anwohner. Eine
weitere Überlagerung besteht im Takt der Öffnungszeiten der Geschäfte und Büros und den
abweichenden Rhythmen der lokalen Bevölkerung. Die Straße der Quartiere wird von einer
komplizierten Mischung verschiedener Zeit-Regime beherrscht. Sie selbst ist teilweise Verbindung
und teilweise Barriere. An ihrem westlichen Ende kommt die Straße als Verbindungsstück zwischen
drei unterschiedlichen Typen zu besonderer Bedeutung.
Der Hafen treibt mit seinen Kais, Docks und Wasserflächen einen Keil in die Stadt. Seine räumlichen
und zeitlichen Eigenschaften sind losgelöst vom städtischen Kontext und seine Lage teilt ein zeitlich
eigentlich recht homogenes Gebiet in zwei voneinander isolierte Bereiche.
Die Gartenstadt stellt eine Schwelle zwischen den Zeiten des Chronotops der saisonalen Stadt am
Meer und dem historischen Zentrum dar. Die Architektur der Gebäude trennt das Gebiet in private
Gärten für das Familienleben und in Bereiche, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, die diese auf
dem Weg vom Zentrum zum Meer durchquert oder als Parkraum nutzt.
Das Gebiet der Via Gramsci ist die Schwelle zwischen historischem Zentrum, insbesondere dem
cardo-decumano7 und angrenzendem Wohngebiet, inklusive dem dort abgehaltenen Straßenmarkt. Auf
dieser Schwelle herrscht ein starker Transitverkehr, der von Anwohnern und city-usern zur Erledigung
der Geschäfte in den dort ansässigen Ämtern der Provinzverwaltung überwunden werden muss.
Die heutige Auffassung der Stadt Pesaro von Chronotopen ähnelt der eingangs wiedergegebenen
Beschreibung Bonfigliolis. Aber sie unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten: Erstens
hinsichtlich des zentralen Begriffs des Zeit-Regimes und zweitens in seiner ortsspezifischen
Betrachtungsweise (sinngemäße Wiedergabe von: Kommune Pesaro 2008, S.2f):
In den Stadtgebieten entwickeln sich verschiedene Funktionen und private wie öffentliche,
gemeinsame wie individuelle Nutzungen. Diese Nutzungsformen werden von bestimmten Zeit-Regimen
beherrscht (industrielle, familiäre, kommerzielle oder schulische). Die Zeit-Regime bestimmen
Anwesenheitszeiten und Zusammensetzung der Personengruppen an einem Ort und deren Verteilung
im öffentlichen und privaten Raum. Manchmal konkurrieren sie um die Nutzung von Räumen und
Diensten. Der Ort selbst besteht aus vielen historischen Schichten, die anhand der Materialien, der
Stile, der Architektur und der Siedlungsstrukturen sichtbar werden. Diese Zeichen der vielfältigen
Zeiten der steinernen Stadt ergeben das jeweilige Gefühl von Zeit, das einer Stadt und jedem ihrer
Teile zu eigen ist. In diesem Sinne liegen in diesen Orten Chronotope vor, also Gebiete mit einem
individuellen und nicht nachzuahmenden zeitlichen Profil. Die Stadt, im Sinne der Zeitpolitik, ist eine
Stadt der Chronotope, also physischer Orte, belebt von den Rhythmen der Gegenwart und der
Zusammensetzung ihrer Bürger und temporären Einwohner.
7 Cardo und decomano, bzw. cardo und decumanus bilden das Hauptstraßenkreuz der antiken Stadt (cardo in
Nord-Süd-Richtung und decumanus in Ost-West).
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
30
2.1.2.3. Zwischenfazit: Chronotope
Chronotope setzen sich zusammen aus dem vorliegenden Zeit-Regime im Sinne der Periodizität einer
Aktivität, der Bevölkerungs-/ Nutzergruppe, der Art der Nutzung, dem Bewegungsmuster und ihrer
räumlichen Verortung. Neben der inhaltlichen Leistung war auch die kartografische Umsetzung der
Chronotopkarten Grundlagenarbeit. Chronotope bilden die Vorlage für Raum-Zeit-Zonen. Mit ihnen
entwickelten sich das grundlegende Vokabular und das Verständnis für „Zeit-Gebiete“. Ebenso für
Raum-Zeit-Zonen wesentliche Elemente von Chronotopen sind die konkrete Gebietszuweisung
zeitlicher Eigenschaften und der Grundsatz, dass die gebildeten Orte immer eine räumliche und eine
zeitliche Architektur vereinen.
Zeit-Architektur wurde aber noch sehr baugeschichtlich verstanden und die Bedeutung von Geschichte
eines Gebiets wurde weniger in der Entwicklung seiner Eigenschaften, als mehr in seiner baulichen
Erscheinung gesehen. Baustile und Siedlungsstruktur bilden so etwas wie eine spürbare zeitliche
Atmosphäre. Auch die hohe Bedeutung der Luftaufnahmen für die raumzeitliche Analyse belegt die
starke Ausrichtung am physischen Erscheinungsbild. Insgesamt bleiben die Definitionen von
Chronotopen eher allgemein und beschreiben raumzeitliche Zusammenhänge mehr auf
großmaßstäblicher Ebene.
Für den Chronotop-Ansatz typisch ist außerdem seine ausgeprägte Bürgerperspektive, mit Blick auf
den Stadtbewohner und seinen Nutzen der Stadt. Dafür spricht auch die Systematik der
Bevölkerungsgruppen8, die unter anderem nach Wohndauer unterscheidet (Ansässige, Anwohner,
temporäre Bewohner). Schließlich wurden Chronotopkarten auch als Grundlage für zeitpolitische
Projekte entwickelt. Trotz dieser anwendungsorientierten Ausrichtung und dem, nicht zuletzt durch
die zeitpolitischen Gesetze Italiens, gegebenen Bedarf an Grundlagenmaterial, hat sich der Ansatz bis
heute kaum verbreitet.
2.1.3. Vorläufer 2: Zeitnutzungskarte
Aus der Arbeit der Difu-Projektgruppe „Zeitplanung“ stammt die Idee der Zeitnutzungskarte, mit der,
äquivalent zur räumlichen Nutzungsverteilung, die zeitliche Verteilung von Nutzungen in einem
Plangebiet dargestellt werden kann (Henckel 1988, S.176). Der Grundgedanke ist also, die bislang
rein räumlichen Nutzungskarten um die Zeit-Dimension zu vervollständigen, denn Nutzungskarten,
die ausschließlich Art und Ort von Nutzung darstellen, haben einen blinden Fleck in zeitlicher
Hinsicht. Normalerweise werden zeitliche Gebietseigenschaften entweder gänzlich außer Acht
gelassen und hinterlassen damit eine Lücke in der Sachkenntnis, oder zeitbezogene Aussagen finden
sich in ungefähren Anmerkungen wieder, wie „die City verödet nach 19 Uhr zusehends“ (Henckel
1988, S.178). In der Zeitnutzungskarte sollen zeitspezifische Informationen in quantifizierter Form
sichtbar gemacht werden. Ihr Ansatz unterscheidet sich dabei hauptsächlich von dem der
Chronotopkarte in seiner sachlicheren bzw. systematisierten Form und in der Konzentration auf die
Nutzung anstatt auf die Bewohner.
8 nach der Kategorisierung von Martinotti (1997) (Eberling/ Henckel 2002, S.312)
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
31
In Zeitnutzungskarten soll zusätzlich zur räumlichen Lage (wo im Raum) dargestellt werden, wann in
der Zeit eine Nutzung stattfindet. Und genauso wie auch mit räumlichen Planaussagen, etwa mittels
Grundflächen- und Geschossflächenzahl, zusätzlich zur Lage qualifizierende Angaben zur Dichte
gemacht werden können, soll auch in zeitlicher Hinsicht differenziert werden. Daher soll die
Raumnutzung in Zeitnutzungskarten dargestellt werden hinsichtlich (Henckel 1988, S.176):
• Nutzungsart
• Nutzungsintensität und Nutzungsdichte
• Nutzungszeit
Mit Nutzungszeit ist Zeitpunkt und Dauer der Nutzung gemeint, also ihre zeitliche Verortung und
Ausdehnung, äquivalent zur räumlichen Verortung (Lage) und Ausdehnung (Fläche bzw. Raum).
Um dem Anspruch gerecht zu werden, belastbare Planaussagen zu Zeit-Ressourcen oder zeitlichen
Engpässen zu machen, werden weitere Größen benötigt. Es muss dargestellt werden, wie ausgeprägt
die Nutzung, Aktivität oder Häufigkeit innerhalb der vorliegenden Zeitspanne ist. Wie viel davon
befindet sich in dem gegebenen Zeitintervall?
• Verändern sich z.B. die Besucherdichten innerhalb der Öffnungszeiten eines Museums während
der WM-Wochen oder bleiben sie konstant?
• Ist ein Parkplatz, der von 06:00 bis 18:00 in Betrieb ist, immer so gut wie leer oder wird er
durchgehend genutzt? Was findet außerhalb der Öffnungszeiten auf seinem Gelände statt?
2.1.3.1. Nutzungsdichte und Nutzungsverlauf
Auskunft zu Fragen wie den vorgenannten gibt die Nutzungsdichte. Ist die Dichte zu bestimmten
Zeiten gleich Null, etwa außerhalb der Öffnungszeiten, kann über zeitliche Nutzungsverdichtungen
nachgedacht werden. Der Parkplatz kann z.B. nachts als Biergarten genutzt werden. Neben der Dichte
selbst, ist also auch der Nutzungsverlauf (besser: Nutzungsdichte-Verlauf) relevant:
Abb.2: Nutzungsverläufe
Quelle: Eigene Darstellung/ Henckel 1988, S.170
Raum-Zeit-Zonen: Vorgeschichte und Vorläufer
32
In Abb.2 sind exemplarisch drei typische Nutzungsverläufe dargestellt.
• A) zeigt eine durchgehende, vielleicht industrielle, Nutzung rund um die Uhr.
• B) zeigt ein periodisch regelmäßiges Schwankungsmuster, wie es in ähnlicher Form am
Arbeitsplatz oder in der Schulnutzung vorliegt, also in Bereichen, wo sich intensive Nutzung mit
Stillstand abwechselt.
• C) zeigt den Kurvenverlauf von beispielsweise einem Platz, auf dem am Wochenende Markt
gehalten wird, bei ansonsten geringem Aktivitätsniveau.
Der feine, waagrechte Strich gibt das Mittel im betrachteten Zeitraum (Tag, Woche, Monat, ...) an:
dieses Mittel ist die Nutzungsintensität. Die Intensität macht Aussagen zur durchschnittlichen
Nutzungsdichte, und macht damit Gebiete untereinander vergleichbar. Genauso kann außerdem auch
die maximale Nutzungsintensität verglichen werden. In den grauen Balken unter den Kurven wird der
Dichteverlauf bildlich mit dichter oder geringer Häufung dargestellt. Die Anteile von schwarzer zu
grauer Fläche insgesamt bilden die Intensität ab.
Neben den verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten solcher Zeitnutzungskarten ist auch ein
Zeitnutzungsplan (ZNP) äquivalent zum Flächennutzungsplan (FNP) denkbar. Also eine
rahmengebende Planungsgrundlage mit Aussagen zu maximalen und minimalen Nutzungen oder
Zeitschutzgebieten. Planungsaufgaben, die sich daraus ableiten ließen, könnten etwa den Schutz von
Zeitnischen oder die Beseitigung zeitlicher Verödung (Zeitbrachen) betreffen (Henckel 1988, S.179).
2.1.3.2. Darstellung
Die Darstellung der Nutzungsintensitäten kann nur einen Gesamteindruck vermitteln. Sie eignet sich
daher als Übersichtskarte. Zur Abbildung der, als Planungsgrundlage wesentlichen, Verläufe muss ein
und dasselbe Planungsgebiet mehrfach dargestellt werden – und zwar in Form von Blitzlichtern auf
die Nutzungsdichten zu entsprechend zu wählenden Tageszeiten, z.B. im Abstand von je vier Stunden
oder in unregelmäßigen Abständen zu den markanten Wechseln im Tagesverlauf.
Abb.3: Entwurf für die Zeitnutzungskarte
Quelle: Henckel 1988, S.180
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
33
2.1.3.3. Zwischenfazit: Zeitnutzungskarte
Zeitliche und räumliche Karten sollen sich gegenseitig ergänzen. Die zeitliche Differenzierung fehlt
bislang als Planungsgrundlage. Zeitkarten wollen diesen Missstand beheben, also Raumkarten in
dieser Hinsicht ergänzen und nicht etwa ersetzen. Mit ihnen können etwa zeitlich überlastete oder
unternutzte Räume dargestellt werden. Es bleibt dem Kartenleser überlassen. die Bedeutung der
Verteilungen in der Zeit und der Verteilungen im Raum zu gewichten und miteinander ins Verhältnis
zu setzen, um zu geeigneten Lösungen zu finden.
Um ein Gebiet in seinen zeitlichen Eigenschaften darzustellen, gibt der vorliegende Entwurf alle
nötigen Werkzeuge an die Hand. Die Difu-Projektgruppe legt ebenfalls eine Methode zur
mathematischen Berechung eines Dichte-Koeffizienten und eine Summenformel zur Bestimmung der
Intensität vor. Die Stärke bei der Berechung der Dichte liegt insbesondere in der Verrechnung von
Funktions- und Menschendichte zu einem gemeinsamen Wert. Damit wird verhindert, dass z.B. eine
hoch automatisierte Fabrik, wegen ihrer minimalen Menschendichte in der Kartendarstellung als
Zeitbrache erscheint (vgl. Henckel 1988, S.177, Fußnote 10).
Im Sinne dieses Modells von Zeitarchitektur zu sprechen, geht augenscheinlich in eine ganz andere
Richtung, als bei den zuvor beschriebenen Chronotopen. Es geht in einem empirischen Verständnis
um Dichteverhältnisse von Nutzungen zu Zeitpunkten, in Zeiteinheiten und in Zeitverläufen. Die
Frage nach Gebietseinheiten wird dabei nicht gestellt.
2.1.4. Zwischenfazit: Vorgeschichte und Vorläufer
Die zeitliche Perspektive auf die Stadt ist nicht neu, sondern blickt auf eine vielfältige
Entstehungsgeschichte zurück. In dieser Geschichte haben sich auch verschiedene Formen zeitlicher
Analysemittel entwickelt. Somit ist das Konzept der Raum-Zeit-Zonen also weder grundsätzlich neu,
noch einzig in seiner Art. Während z.B. die Chronotopkarte verhältnismäßig populär ist, steht das
Konzept der Raum-Zeit-Zonen noch am Beginn. An verschiedenen Stellen wurde aber bereits auf die
Stärken der Raum-Zeit-Zonen, etwa hinsichtlich ihrer systematischen Genauigkeit, hingewiesen.
2.2. Definition von Raum-Zeit-Zonen
Eine Raum-Zeit-Zone ist, grob gesagt, ein quantifizierbares Chronotop. Es handelt sich um eine klar
umrissene Gebietseinheit, die sich durch zeitliche und räumliche Merkmale auszeichnet.
Auch Chronotope sind zeitlich charakterisierte Gebiete, also Einheiten, die sich ein gemeinsames
Muster teilen, das sie von anderen unterscheidet. Wie man am Beispiel von Pesaro sehen kann, lässt
sich mit ihrer Hilfe ein Stadtraum zu großen Teilen abbilden, während die Zeitnutzungskarte so
angelegt ist, dass die Zeitnutzung prinzipiell auf jedem Maßstab flächendeckend darstellbar ist. Raum-
Zeit-Zonen wiederum sind nur einzelne Inseln in den Strömen und Verfestigungen zeitlicher und
räumlicher Strukturen. Sie lassen sich immer dort feststellen, wo sich charakteristische Gebilde
ergeben haben. Um diese Typen zu bestimmen, können eine ganze Reihe möglicher Kriterien zur
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
34
Anwendung gebracht werden, die teilweise schon in den voran gegangenen Beschreibungen genannt
wurden:
• städtebauliche, räumliche Eigenschaften
- Lage/ räumliche Verortung
- städtebauliche Dichte
- Erreichbarkeit
• Mischeigenschaften, Kategorien mit Ausprägungen in räumlicher wie zeitlicher Hinsicht und
gesellschaftliche Eigenschaften
- Heterogenität
- Anteil von Wissensberufen
- Nutzungs-/ Aktivitätstypen
- Anteile der Nutzergruppen
- Bewegungsmuster/ Mobilitätstyp
- Zahl und Verflechtung von Aktivitäten
• zeitliche Eigenschaften
- Nutzungsintensität und Nutzungsdichte
- Schwankungsbreite des Aktivitätsniveaus
- Zeitregime/ Periodizität
- (unterschiedliche) Geschwindigkeiten von Aktivitäten
Wie schon zu Beginn des Kapitels erwähnt, sind die Typen von Raum-Zeit-Zonen vordefiniert. Der
Katalog ist zwar grundsätzlich immer erweiterbar, aber die Stärke des Ansatzes ist, dass nicht zuerst
die Stadt betrachtet wird, um dann individuelle Wege zu ihrer zeitlichen Beschreibung zu suchen,
sondern, dass mit den vorliegenden Typen von Raum-Zeit-Zonen raumzeitlich charakteristische
Identitäten oder vorgefertigte Muster zur Verfügung stehen, mit denen man Vergleiche anstellen oder
Übereinstimmungen feststellen kann. Neben der zeitlichen Kartierung einer Stadt, eignet sich das
Konzept der Raum-Zeit-Zonen daher außerdem auch zur konzeptionellen Beschreibung raumzeitlicher
Zusammenhänge (Herkommer 2007b, S.130). Der Typen-Katalog kann immer dann erweitert
werden, wenn ein bislang nicht erfasstes aber eindeutig zu bestimmendes Muster raumzeitlicher
Identität erkannt wird.
Die Zonen sind sowohl von den administrativen, wie von den baurechtlichen Gebietseinteilungen
unabhängig. Die Bestimmung temporaler Gebietseinheiten erlaubt daher nicht nur, beispielsweise
zwischen dem Zeitmuster eines Wohngebiets und dem eines Gewerbegebiets zu unterschieden,
sondern auch zwischen einzelnen Gewerbegebieten oder innerhalb derselben Gebietseinheit (Eberling/
Henckel 2002, S.312f). Die Berücksichtigung der zeitlichen Komponente erlaubt bisher unmögliche,
systematische Differenzierungen z.B. zwischen den funktional identischen Dienstleistungsumfeldern
von zwei Bahnhöfen, von denen aber nur einer auch nachts aktiv ist (Herkommer 2007b, S.130).
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
35
2.2.1. Typen von Raum-Zeit-Zonen
Es gibt kaum Literatur, in der explizit von Raum-Zeit-Zonen die Rede ist. In der hier vorgenommenen
Darstellung wurde, mit Ergänzungen nach Benjamin Herkommer, von den sieben von Dietrich
Henckel und Matthias Eberling genannten Zonen ausgegangen.
Tab.5: Raum-Zeit-Zonen Kurzcharakteristik
Raum-Zeit-Zone Beschreibung
Zitadelle der Kontinuität kontinuierliche Aktivität, 24/7-Zone
Mischgebiet Überlagerung vielfältiger Nutzungen, relativ ausgedehnte Aktivität
fordistisches
Industriegebiet
weitgehend starre Rhythmen und Massenbewegungen
Schlafstadt
- Großwohnsiedlung
- Einfamilienhausgebiet
extreme Wechsel von Tag- und Nachtbevölkerung, wobei die Nachtbevölkerung
um ein Vielfaches größer ist
Verkehrsknoten Überlagerung verschiedener Verkehrsträger und Anlagerung einer Vielzahl von
Dienstleistungen (Verkauf von Reisebedarf bis zu Kongresszentren)
Büro- und Geschäftsviertel,
oder: Bankenviertel/
Central Business District
(CBD)
im Fall geringer funktionaler Differenzierung (z.B. Finanzen und Einzelhandel)
ähnlich starre Rhythmen wie im fordistischen Industriegebiet; allerdings
angesichts der Ausdehnungstendenzen im Finanzgewerbe mit einem gewissen
Veränderungspotenzial
Marienthalghetto extrem hohe Arbeitslosigkeit und Auflösung von Zeitstrukturen
Quelle: Eberling/ Henckel 2002, S.313f und Herkommer 2007b, S.132ff
2.2.1.1. Die Zitadelle der Kontinuität
Eine Zitadelle der Kontinuität, oder 24/7-Zone, ist ein Gebiet, das sich durch ununterbrochene
Aktivität auszeichnet. Die Zitadelle, die Zeit-Hochburg in der Stadt, ragt als beständiger Leuchtturm
aus den, von Ebbe und Flut der Aktivität gekennzeichneten, anderen Teilen der Stadt hervor. Die
Mehr- oder Vielzahl unterschiedlicher Funktionen und Tätigkeiten, die sich dort zu den ihnen eigenen
Rhythmen abspielen, ergeben im Gesamtbild ein permanentes Aktivitätsmuster.
Die Nutzungsmischung setzt sich idealtypisch aus kleineren Dienstleistungs-Unternehmen zusammen,
z.B. der Informationswirtschaft, Modeläden und Galerien und gastronomischen und anderen
Freizeitangeboten. Die modernen Arbeitsstrukturen in den vorherrschenden Betriebstypen zeichnen
sich durch, von der traditionellen Normalarbeitszeit abweichende, ausgedehnte Arbeitszeiten mit
Nacht- und Wochenendarbeit aus (Herkommer 2007b, S.132).
Städtebaulich handelt es sich um modernisierte Altbauquartiere mit hoher Dichte und im Vergleich
zum Geschäftsviertel niedrigen Gebäudehöhen. Das durchgehende Nutzungsmuster wesentlich
mitbestimmend sind die guten Nahverkehrsverbindungen rund um die Uhr, die von mehreren
Verkehrsträgern bzw. Linien mit entsprechend dichter Taktung getragen werden9. Die
Nahverkehrsanbindung wird durch eine ebenfalls gute Fernverkehrsanbindung ergänzt, bzw. durch die
raumzeitliche Nähe zum Flughafen oder zur Fernbahn.
9 Die Anschlussdichte steht beispielhaft für die Schwierigkeit, Ursache und Wirkung/ Voraussetzung und Folge
der Konzentration vor Ort voneinander zu trennen.
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
36
Es werden unterschiedliche Meinungen zur Strenge der Definition vertreten. Als sehr weiche
Definition nennen Eberling und Henckel die 24-Stunden Gemeinde von Mitchell, bei der es lediglich
um die Wiederherstellung einer gewissen Nutzungsmischung und damit einer, für europäische
Maßstäbe nicht außergewöhnlichen, zeitlichen Ausdehnung ginge (Eberling/ Henckel 2002, S.315).
Als Zitadelle der Kontinuität im eigentlichen Wortsinn nennt Herkommer den Las Vegas Boulevard,
wo tatsächlich pausenloser Betrieb herrscht und stündlich veranstaltete künstliche Sonnenauf- und
Untergänge den Unterschied zwischen Tag und Nacht verschwimmen lassen. Als Gebiete mit
Tendenzen zur durchgängigen Aktivität bezeichnet er die gentrifizierten Altstadtquartiere Soho in
London, Marais in Paris und Harajuku in Tokio (Herkommer 2007b, S.130). Bei der Berliner
Spandauer Vorstadt, also der Gegend um den Hackeschen Markt, gehen die Meinungen auseinander,
denn das Aktivitätsniveau geht in den Morgenstunden teilweise stark zurück.
Entscheidend ist, dass der Faden auch in den Zeiten mit niedrigem Niveau nie ganz abreißt. Ein
ausgeprägtes Nachtleben, einzelne sehr frühe und andere, in ungewohnte Zeiten ausgedehnte,
Nutzungen und Tätigkeiten halten einen permanenten Betrieb aufrecht. Indizien für solche Gebiete
sind ein hohes Touristenaufkommen und Wochenendaktivitäten wie Floh- und Wochenmärkte, die
dazu beitragen, das Aktivitätsniveau auf durchgängig hohem Niveau zu halten (Herkommer 2007b,
S.133). Es handelt sich bei den Zitadellen der Kontinuität um diejenigen Stadtgebiete, die man mit
vollen Bürgersteigen, stets belebten Plätzen und Cafés verbindet und die dieses Image auch über die
Stadtgrenzen hinaus verkörpern. Hinsichtlich der zeitlichen Ausdehnung der Aktivitäten legen
Eberling und Henckel die Untergrenze mit 18 Stunden eher tief an und beharren somit bei Weitem
nicht auf einer 100-prozentigen Durchgängigkeit (Eberling/ Henckel 2002, S.315). Die abschließende
Maßgabe zur Definition einer Raum-Zeit-Zone ist letztlich immer ihre Brauchbarkeit für die
Stadtanalyse.
2.2.1.2. Das Mischgebiet
Mischgebiete, also Stadtteile mit hoher Funktionsmischung, teilen die meisten Eigenschaften mit den
Zitadellen der Kontinuität, sind aber von einer Rund-um-die-Uhr-Aktivität noch weit entfernt. Es
handelt sich in der Regel um Altbauquartiere mit hoher Baudichte und überwiegender Wohnfunktion
bei gleichzeitiger Überlagerung mit vielfältigen anderen Nutzungen. Die Nutzungsvielfalt bringt die
zeitliche Ausgedehntheit mit sich und das Potenzial zur Zitadelle der Kontinuität (Eberling/ Henckel
2002, S.313). „... je mehr Menschen nachts aktiv sind, desto stärker verschiebt sich die Nachfrage in
ÖPNV, Einzelhandel und Gastronomie in die Nacht, es ergeben sich Kaskadeneffekte in Branchen und
Räume hinein, die mit dem ursprünglich von Ausdehnung betroffenen Betrieb und seinem Standort
augenscheinlich nicht unbedingt etwas zu tun haben“ (Henckel/ Herkommer 2004, S.58f).
Das Aktivitätsniveau bleibt bei höherer Schwankungsbreite hinter dem der 24/7-Zone zurück. Das
heißt, im Gebiet werden weniger (bzw. weniger intensiv) Tätigkeiten verrichtet und es gibt einen
Wechsel zwischen aktiveren und weniger aktiven Phasen oder Ruhezeiten. Zusammengefasst bedeutet
das, im Mischgebiet dominiert noch ein eindeutiger Rhythmus mit Unterschieden zwischen Tag und
Nacht bzw. Wochentag und Wochenende. Wohlgemerkt bei eindeutig größerer Nähe zum 24/7 als
zum einfachen Wohngebiet.
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
37
Das Mischgebiet ist in Folge seiner weniger partikulären Eigenschaften öfter anzutreffen als die
Zitadelle der Kontinuität. Das Mischgebiet ist das, was man allgemein als urban geprägten Stadtteil
bezeichnet. Ein Ort, an dem sich unterschiedliche Funktionen versammeln, ausgezeichnet durch eine
überdurchschnittliche Dichte von Abendfreizeit-Angeboten. Seine Lage ist weniger zentral als die der
Zitadelle der Kontinuität oder des Büro- und Geschäftsviertels.
2.2.1.3. Das fordistisches Industriegebiet
Das klassische Industriegebiet, oder auch Gewerbegebiet, zeichnet der künstliche, von allen
Fremdeinwirkungen (wie z.B. natürlichen Rhythmen) unbehelligte, starre Takt des
Schichtarbeitssystems aus. Er ergibt sich aus der Logik der Betriebszeiten und der Abstimmung mit
den Lieferzeiten, also der Koordination des materiellen Austauschs unter Betrieben und
Verkaufsstellen. Zwei Tendenzen bestimmen die Lage dieser Gebiete. Die eine ist die zum Stadtrand,
mit dessen Verschiebungen die Betriebe mitwandern, die andere Tendenz ist die Zuwendung zum
Straßenverkehr bzw. die Lösung von der Schiene.
In Bezug auf die Nahverkehrsanbindung ergibt sich eine Sonderstellung. Die hohen
Belegschaftszahlen erfordern eine gute Anbindung, die auch bei zunehmender Randlage für das
Verkehrsunternehmen rentabel bleibt. Die einseitige Nachfragesituation macht aber ein
ungewöhnliches Maß der Abstimmung zwischen Arbeits- und Fahrzeiten notwendig. Veränderungen
im Betrieb, etwa die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, haben unmittelbare Auswirkungen auf die
Nachfrage nach öffentlichen Verkehrsmitteln und erfordern bedarfsgerechte Anpassungen des
Angebots. Aus den zeitpolitischen Projekten in Italien sind so genannte „Mobilitätspakte“ bekannt. Sie
sollen für die entsprechende Kommunikation zwischen den großen Arbeits- bzw. Taktgebern und den
Trägern des ÖPNV sorgen, um einseitige Planungen wie z.B. diejenige in Wolfsburg zu vermeiden.
Das Arbeitszeitmodell der „atmenden Fabrik“ in Wolfsburg hatte auf Grund der besonderen lokalen
Bedeutung des Werks Auswirkungen auf die ganze Stadt (Henckel/ Eberling 1997, S.2) und
insbesondere auf den Nahverkehr, dessen Busse nach der Umstellung des VW-Schichtsystems auf
einmal leer blieben, während die Arbeitnehmer auf ihren PKW zurück griffen10.
Die nach wie vor eher starren Takte in den Gebieten dieses Typs verdanken sich der relativ starken
Stellung der Gewerkschaften, die einerseits das Normalarbeitsverhältnis und andererseits, in
ungewohnter Allianz mit den Kirchen, den arbeitsfreien Sonntag gegen den Ausdehnungsdruck der
Betriebslogik verteidigen. Die daraus hervorgehenden Zeitmuster zeichnen sich durch mittleres bis
hohes Aktivitätsniveau bei sehr hoher Schwankungsbreite aus (Herkommer 2007b, S.134).
2.2.1.4. Die Schlafstadt
Betrachtet man die Bezeichnungen der bisher genannten Typen von Raum-Zeit-Zonen, fällt auf, dass
der namensgebende Bezug variiert: Ausschlaggebend für die Bezeichnung der Zitadelle der
Kontinuität ist ihre zeitliche Eigenart, die Kontinuität. Beim Industriegebiet ist die Art der Nutzung
ausschlaggebend, während es gemäß seines Zeitmusters z.B. Schichttaktgebiet heißen könnte. Bei der
Schlafstadt ist es zwar ebenfalls die Nutzung, aber nur der charakterisierende Ausschnitt davon –
10 vgl. Eberling/ Henckel 1998, S.25ff
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
38
schließlich heißt es nicht etwa Wohngebiet. Wohngebiet taucht als Typ von Raum-Zeit-Zone nicht auf,
weil es keine einheitlichen Zeitmuster für Wohngebiete im Allgemeinen gibt. Diejenigen, die über
auffällige temporale Muster verfügen, sind die Schlafstädte; meist peripher gelegene Gebiete, deren
Funktion tatsächlich hauptsächlich in der heimischen Regeneration besteht.
Ausschlaggebend für die Bezeichnung ist also immer die Kategorie, mit der stärksten Aussagekraft:
Tab.6: Variierende Namensbezüge der Raum-Zeit-Zonen
Zeitmuster Art der Nutzung Aktivität
Zitadelle der Kontinuität Kontinuität Mischnutzung Mischung von Aktivitäten
Industriegebiet Schicht-Wechsel Industrie Arbeiten
Schlafstadt Tag-Nacht-Rhythmus Wohnen Schlafen
Quelle: Eigene Darstellung
Schlafstädte zeichnet in zeitlicher Hinsicht vor allem der drastische Unterschied in der Tag- und
Nachtbevölkerung aus, begleitet von dem damit einhergehenden Mobilitätsmuster von morgendlichen
und abendlichen Verkehrsschüben zwischen Schlaf- und Reststadt. Diese harten Wechsel liegen in der
monofunktionalen Eigenart der Gebiete begründet.
Diese Bedingungen, homogene Nutzungsstruktur und extreme Tag-Nacht-Wechsel, liegen allerdings
sowohl bei Großwohnsiedlungen, wie auch bei Einfamilienhausgebieten vor. Der wesentliche
Unterschied zwischen den beiden Typen besteht in der Einwohnerdichte. Die hohe Dichte der
Großwohnsiedlung rechtfertigt eine entsprechende ÖPNV-Erschließung, während die Einwohner von
Einfamilienhausgebieten mehr auf individuelle Verkehrsmittel angewiesen sind. Anders als bei den
Einfamilienhausgebieten sind in den Großwohnsiedlungen eher auch noch andere Funktionen als nur
das reine Wohnen anzutreffen. Die Nahversorgung, also Einkaufen, Dienstleistungen und soziale
Infrastruktur, war in der Regel mitgeplant worden. Diese heterogenere Ausrichtung wirkt sich im
Vergleich zum Einfamilienhausgebiet in einer zeitlichen Ausdehnung der Aktivität in den Abend und
über das Wochenende aus. Aus denselben Gründen (höhere Einwohnerdichte und mehr Angebot) liegt
auch das erreichbare Aktivitätsniveau höher. Im Vergleich bleiben aber beide Unterarten hinsichtlich
Aktivitätsintensität und Schwankungsbreite des Aktivitätsniveaus weit hinter den anderen Typen von
Raum-Zeit-Zonen zurück (Herkommer 2007b, S.134).
Der Berufsverkehr zeigt den Tag-Nacht-Wechsel an zwischen den beiden Erscheinungsformen des
Gebiets. Zumindest im Typ Großwohnsiedlung geht seine Bedeutung aber über die einer bloßen
Markierung hinaus. Die Zeit- und Wegstrecke zwischen Haltestelle und Wohnung kann je nach
gegebener Ausstattung auch mehr als nur die zu überwindende Distanz sein und Raum für
Besorgungen und Kommunikation, also soziale Interaktion bieten (Herkommer 2007b, S.135).
2.2.1.5. Der Verkehrsknoten
„[Die] alte Handelsstraße... von Verona bis hinauf nach Hamburg... war überfüllt mit den
Wagenzügen vieler anderer Kaufleute. In einem... flachen Becken kreuzte sie eine andere wichtige
Handelsstraße, die angeblich von Frankfurt bis in den Orient führte, und genau diese Kreuzung
bildete die Stadt Leipzig.“ (Stephenson 2004, S.517)
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
39
Verkehrsknoten heißen nach der tragenden Ursache ihrer raumzeitlichen Eigenschaften, nämlich dem
Zusammentreffen mehrerer Verkehrsträger an einem Ort. Aber erst die Anlagerung von Funktionen
wie Einzelhandel und Dienstleitungen an diesem Ort bilden das eigentlich kennzeichnende
Nutzungsprofil.
Die Grundlage ist die zentrale Lage, die sich nur bedingt abhängig von der Position in der Stadt, und
vielmehr hauptsächlich aus der guten Erreichbarkeit ergibt. An einem Verkehrsknoten findet eine
Vermischung unterschiedlicher Eigenschaften statt. Der Ort ist gleichzeitig Passage und Ziel, je nach
betrachteter Nutzergruppe. Das Grundmuster bildet die Vorstellung, dass sich auf der Basis des
Reisebedarfs großer Menschenmengen, die den Ort passieren, mit der Zeit eine Angebotslandschaft
entwickelt, weg von der Inanspruchnahme im Vorübergehen, hin zu einer eigenen Attraktivität. Der
ehemalige Verkehrsverteiler wird damit selbst zum Verkehrsziel.
Ein von Beginn an wesentlicher Standortfaktor für Verkehrsknoten sind dessen ausgedehnte
Nutzungszeiten. Auf Grund der funktionsbedingten Sonderstellung von Bahnhöfen oder Flughäfen,
sind sie den lokalen Bestimmungen teilweise völlig enthoben und können entsprechend dem
jeweiligen Bedarf gestaltet werden. Durchgehende Nutzungen wie bei den Zitadellen der Kontinuität
sind daher bei diesen Orten, an denen die Stadt an die internationalen Personen- und Güterverkehre
angebunden wird (Henckel/ Herkommer 2004, S.62), zumindest in Teilfunktionen eher die Norm als
eine Seltenheit. Traditionell sind Häfen für diese Zeitmuster bekannt, bei Flughäfen kann deren
periphere Lage einer Anlagerung von zusätzlichen Funktionen entgegenstehen (Henckel/ Herkommer
2004, S.62). Mögliche angelagerte Nutzungen bei Häfen, Bahnhöfen oder Flughäfen sind
Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe, Konferenz- und Kongresszentren, sowie Einzelhandel oder
Vergnügungsstätten (Herkommer 2007b, S.48).
2.2.1.6. Das Büro- und Geschäftsviertel
Das Büro- und Geschäftsviertel, Central Business District oder auch Bankenviertel ist vor allem durch
seine Hauptfunktion, das Arbeiten, geprägt. Es zeichnet sich durch hohe Bodenpreise, geringen
Altbaubestand und tendenziell große Flächeneinheiten und Gebäudehöhen aus. In ihrer
postfordistischen Ausprägung unterscheiden sie sich von ihren Vorläufern der 1960er und 1970er
Jahre durch städtebauliche Angebote hinsichtlich von Pausen und Kommunikationsräumen für die
Angestellten (Herkommer 2007b, S.133).
Sie teilen mit den Zitadellen der Kontinuität deren gute Nah- und Fernverkehrsanbindung, verfügen
aber im Unterschied zu diesen außerdem über eine sehr gute MIV-Infrastruktur, also
Straßenanbindung und Parkmöglichkeiten (Tiefgaragen). Beide Gebietstypen finden sich oft in
Nachbarschaft zueinander, schließlich zeichnet auch beide Typen ihre zentrale Lage aus. Ein Merkmal
der Büro- und Geschäftsviertel ist deren verkehrliche Ausdifferenzierung, die teilweise mit großen
Anlagen von Schnellstraßentunnels oder Fußgängerplattformen realisiert wird (Herkommer 2007b,
S.133).
Die Geschäfts- und Betriebszeiten sind zwar zunehmend ausgedehnter, folgen aber nach wie vor eher
festen Rhythmen. Zusammen mit der geringen funktionalen Heterogenität ergeben sich daraus die für
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
40
diese Raum-Zeit-Zone typischen, stillen Zeiten bis hin zur nächtlichen Verödung. Dieser Unterschied
zur Zitadelle der Kontinuität schlägt sich auch in den Verkehrszeiten des Nahverkehrs nieder.
Herkommer nennt die Londoner City als Beispiel, wo einzelne U-Bahnhöfe nur an Werktagen öffnen
(Herkommer 2007b, S.133).
Die zeitstrukturelle Varianz der Gebiete dieses Typs ergibt sich aus deren spezifischen funktionalen
Zusammensetzung. Die Angebotszeiten von Gastronomie und – teils großflächigem – Einzelhandel
folgen der Nachfrage, die sich ihrerseits aus der Zusammensetzung der lokalen Unternehmensstruktur
ergibt. Ein großer Anteil global vernetzter Branchen ergibt ein anderes Gesamtbild und damit andere
Zeitstrukturen, als beispielsweise eine Dominanz öffentlicher Verwaltungseinrichtungen. Ein weiteres
Kriterium ist die Attraktivität der Viertel für Touristen, die auch außerhalb der Geschäftszeiten für
Belebung sorgen kann. Ansonsten wechseln sich in den Büro- und Geschäftsvierteln Zeiten mit sehr
unterschiedlichen Aktivitätsniveaus ab. Beispiele solcher Gebiete sind die Docklands in London, der
Battery Park City in New York, La Défense in Paris oder der Potsdamer Platz in Berlin (Herkommer
2007b, S.133).
2.2.1.7. Das Marienthalghetto
In Anlehnung an die klassische Studie11 zu den Arbeitslosen in Marienthal wird mit Marienthalghetto
ein Stadtgebiet bezeichnet, das sich durch extrem hohe Arbeitslosigkeit und eine Auflösung von
Zeitstrukturen auszeichnet (Eberling/ Henckel 2002, S.314).
In Marienthal, einem Dorf bei Wien, schloss 1929 die örtliche Textilfabrik mit der Folge einer nahezu
vollständigen Arbeitslosigkeit (Neurath 1991, S.2). In der Untersuchung wurde festgestellt, dass sich
mit dem Wegfall der äußeren Struktur auch die individuellen und gemeinschaftlichen Zeitstrukturen
verloren. Das galt umso mehr für die Männer von Marienthal, der Arbeitsalltag der Frauen war auf
Grund der Rollenverteilung weniger von den Veränderungen betroffen.
Marienthal dient wegen dem in der Studie dokumentierten Phänomen eines durchaus zeitstrukturell zu
erklärenden Elends, welches das drastische materielle Elend überlagerte, als Namensgeber für diesen
Typ von Raum-Zeit-Zone. Kennzeichnend ist die Untätigkeit und Resignation der von dieser
unfreiwilligen Form von Freizeit Betroffenen, die in Marienthal bis zur völligen Zermürbung und
Apathie der Menschen dokumentiert wurde. Paul Neurath zitiert aus einem der Zeitverwendungsbögen
aus der Studie: 10:00 - 11:00: einstweilen wird es Mittag; 11:00 - 12:00: kein Eintrag; 12:00 - 13:00:
Mittagessen (Neurath 1991, S.5) und aus dem Ergebnis der Studie: „Das Nichtstun beherrscht den
Tag“.
Im Gegensatz zu den vorangegangenen Typen wird das Marienthalghetto also gerade durch die
Abwesenheit von Zeitstruktur bestimmt. Der beschriebene Zusammenhang von Massenarbeitslosigkeit
und der Aufgabe anderer Beschäftigungen, für die ja nun eigentlich alle Zeit zur Verfügung stehen
würde, im äußersten Fall bis hin zur Selbstaufgabe kennzeichnet diese Gebiete.
11 Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel, 1975; vgl. außerdem 24/7 2000, S.42ff.
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
41
Marienthalghettos sind von Arbeitslosigkeit und Leerstand gekennzeichnete Gebiete. Herkommer
beschreibt sie als die Verlierer des weltweiten Strukturwandels, als Gebiete auf der „Kehrseite der
Beschleunigung“, die von Abwanderung, baulichem Verfall und dem Stillstand des öffentlichen
Lebens geprägt sind. Die vereinzelt in den, ansonsten menschenleeren, Quartieren zurück gebliebenen
Bewohner können nichts mit dem Übermaß an Zeit anfangen; die Situation vermittle „ein
beklemmendes Gefühl von Langsamkeit“ (Herkommer 2005, S.3).
Abb.4: Ausprägungen von Raum-Zeit-Zonen
Quelle: Eigene Darstellung/ Eberling/ Henckel 2002, S.200
In Abb.4 werden pro Kreissegment die Ausprägungen der verschiedenen Typen von Raum-Zeit-Zonen in je
einem Unterscheidungskriterium einander gegenübergestellt. Der schwarze Doppelpfeil gibt dabei an, wie eine
hohe bzw. niedrige Ausprägung zu lesen ist.
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
42
Die vorangegangenen Beispiele haben gezeigt, welche Eigenschaften Raum-Zeit-Zonen auszeichnen.
Jeder Typ hat eine eindeutig unterscheidbare, raumzeitliche Identität. Das damit zur Verfügung
gestellte Grundvokabular lässt sich weiter ausbauen. Neue Typen können gebildet und bestehende
ausdifferenziert werden. Zum Beispiel weisen auch postfordistische Industriegebiete oder fordistische
Gewerbegebiete raumzeitliche Alleinstellungsmerkmale auf, genauso wie bei Büro- und
Geschäftsvierteln alte und neue Typen unterschieden werden könnten (Herkommer 2007b, S.135). Als
möglicher weiterer Typ wird im Folgenden am Beispiel der Fanmeile 2006 die temporäre Raum-Zeit-
Zone untersucht werden.
2.2.2. Anwendung von Raum-Zeit-Zonen
Die Bedeutung von Raum-Zeit-Zonen liegt bisher in ihrem Konzept. Ihre praktische Anwendung
beschränkt sich auf beispielhafte Untersuchungen (24/7, 2001). Aber auch in dieser Form leisten sie
einen Beitrag zur Identifikation raumzeitlicher Unterschiede zwischen einzelnen Stadtgebieten und
geben Einblicke in zeitlich bedingtes Konfliktpotenzial. Das praktische Potenzial des Ansatzes zur
zeitlichen Erfassung von Städten oder von Stadträumen wird bislang noch nicht umgesetzt.
Um die zeitlichen Eigenschaften eines Gebiets zu erfassen, können unterschiedlichste Indikatoren
herangezogen werden. In vergleichenden Studien zwischen Berlin, Frankfurt am Main und Wien
(Eberling/ Henckel 2002, S.13, 44) und zwischen Bonn, Karlsruhe, Münster und Wolfsburg (Eberling/
Henckel 1998, S.19f) wurden Sozialstatistiken wie der Mikrozensus ausgewertet und Befragungen bei
Politik und Verwaltung, sowie bei Unternehmen, Verbänden und anderen Akteuren durchgeführt. Des
Weiteren wurden z.B. Daten der Verkehrsträger und aus Verkehrszählungen, Informationen der
Stromversorger, des Hotel- und Gaststättenverbands, lokale Öffnungs- und Betriebszeiten und
Statistiken der Polizei zu Verkehrsunfällen herangezogen und zu den anderen Ergebnissen ins
Verhältnis gesetzt. Die Reihe lässt sich noch weiter fortsetzen. Es wird deutlich, wie aufwändig die
Erhebung der relevanten Daten ist.
Eine systematische Erhebung von Zeitstruktur-Daten findet nicht statt. Entsprechende Untersuchungen
müssen daher mit Hilfe von Sekundäranalysen und eigenen fallspezifischen Erhebungen gemacht
werden. Ein großes Problem liegt im bereits erwähnten Gebietsbezug des vorliegenden
Datenmaterials, mit dem sich die Zeitgebiete nur schwerlich in Einklang bringen lassen (vgl. Kapitel
2.1.2.2.). Teilräume z.B. innerhalb ihrer administrativen oder sozialräumlichen Grenzen auf ihre
zeitlichen Strukturen zu untersuchen, lässt Schlüsse im engeren Sinn von Raum-Zeit-Zonen nicht zu.
Ein solcher Versuch wurde von Thomas Pohl unternommen, der mit sekundärstatistischer Methodik
auf Grundlage sozialwissenschaftlicher Überlegungen, beispielhaft eine flächendeckende,
raumzeitliche Kartierung für Hamburg erarbeitete (Pohl 2006, S.209ff). Die Gebietseinteilung
erfolgte auf Grundlage sozialräumlicher Differenzierung, in die neben dem sozialen Status und dem
Familienstatus auch die so genannte Diversity12 einging.
12 Der Faktor Diversity bildet die Wertorientierung der Bevölkerung ab. Er wird aus Indikatoren wie politischer
Orientierung, Wohnmobilität, Ausländeranteil, PKW/ EW und Durchschnittsalter errechnet (Pohl 2006,
S.214).
Raum-Zeit-Zonen: Definition von Raum-Zeit-Zonen
43
Das zentrale zeit-relevante Element der Untersuchung bildeten Informationen zu außerhäuslich
verrichteten Aktivitäten, die aus der Studie „Mobilität in Deutschland – MiD 2002“ gewonnen worden
waren (Pohl 2006, S.213):
• Wegziel
• Wegverlauf
• Wegzweck (Arbeiten/ Einkaufen/ …)
• Verweildauer
Im Ergebnis der Studie wird von raumzeitlich aktiven und passiven Gebieten gesprochen, womit Orte
entsprechend der Häufung dort verrichteter Tätigkeiten unterschieden werden.
Im Sinne der Raum-Zeit-Zonen-Analyse weist dieser Ansatz grundlegende Schwächen auf.
Herkommer weist darauf hin, dass mit der häuslichen und der nächtlichen Aktivität zwei wesentliche
Bereiche außer Acht gelassen wurden (Herkommer 2007b, S.142). Zwei weitere fragwürdige Aspekte
sind erstens die Reihenfolge des Vorgehens (Gebietsfestlegung vor zeitlicher Interpretation) und
zweitens die Datenbasis im Allgemeinen sowie die Schlussfolgerung auf Basis von Stichproben und
nicht quantifizierten Erfahrungswerten. So wird aus der genannten Diversity auf ethnisch gemischte
Gebiete geschlossen, die erfahrungsgemäß zu zeitlicher Entgrenzung neigten.
Als Stärke der Methode ist die Einbeziehung sozialräumlicher Überlegungen, etwa hinsichtlich der
raumzeitlichen Gelegenheitsstrukturen, in die raumzeitliche Analyse zu sehen. Die Aufmerksamkeit
gegenüber sozialen Aspekten ist zwar nicht neu, sondern ist z.B. Bestandteil der italienischen
Chronotopanalyse, könnte aber für die Untersuchung von Raum-Zeit-Zonen – etwa hinsichtlich der
Bevölkerungszusammensetzung – gewinnbringend sein.
Die angesprochene raumzeitliche Kartierung von Städten kann aber auch mittels Raum-Zeit-Zonen
nicht flächendeckend geleistet werden. Selbst, wenn das Typen-Vokabular erheblich erweitert und
verfeinert würde, ergäbe sich auf Grund des eher geringen räumlichen Umfangs von Raum-Zeit-Zonen
ein unüberschaubarer Flickenteppich. Ein sinnvoller Zuschnitt lässt sich nicht beliebig vergrößern oder
verkleinern, sondern ergibt sich, mit Rücksicht auf die Aussagekraft der abgesteckten Bereiche, aus
sich selbst heraus. Benjamin Herkommer schlägt deshalb vor, bei einzelnen Inseln im Stadtraum zu
bleiben, diese für sich genommen zu analysieren und sie anschließend in einen gesamtstädtischen
Kontext zu stellen (Herkommer 2007b, S.136).
Gut konturierte Raum-Zeit-Zonen versprechen ein entscheidendes Hilfsmittel zu sein, um die
Wirkung räumlicher und zeitlicher Entwicklungen abschätzen zu können. Denn die allgemeinen
Tendenzen in zeitlicher (Beschleunigung, Flexibilisierung, Ausdehnung, Individualisierung) und
räumlicher (Dispersion und Konzentration, Veränderungen in der Verteilung von Nutzungen,
Erschließung, Raumordnung) Hinsicht wirken sich auf die verschiedenen städtischen Teilräume
unterschiedlich aus (Herkommer 2007b, S.131)13.
13 Weiteres zu Anwendungsmöglichkeiten von Raum-Zeit-Zonen: Herkommer 2007b, S.143f
Raum-Zeit-Zonen: Merkmale von Raum-Zeit-Zonen
44
2.2.3. Zwischenfazit: Definition von Raum-Zeit-Zonen
Um raumzeitliche Zusammenhänge zu erheben und abzubilden, gibt es unterschiedliche
Herangehensweisen. Der Ansatz der Raum-Zeit-Zonen zeichnet sich durch sein räumliche und
zeitliche Aspekte integrierendes Konzept aus und durch die Genauigkeit seiner Anwendung. Noch
handelt es sich dabei um ein rein analytisches Konzept, aber es verfügt ebenso über praktisches
Potenzial (Beschreibung, Identifikation von Problemlagen, Abschätzung von Entwicklungen). Seine
Stärke, sich an den tatsächlichen Gegebenheiten anstatt an vorgegebenen Gebietseinheiten zu
orientieren, bringt Schwierigkeiten in der Datenbeschaffung mit sich, die seine Anwendung behindern.
2.3. Merkmale von Raum-Zeit-Zonen
Bis hierher wurde der Begriff der Raum-Zeit-Zonen beschrieben. Es wurde dargestellt, dass es sich um
konkrete Gebietsprofile mit räumlichen und zeitlichen Eigenschaften handelt. Als Bedingung für die
Bildung eines neuen Typs von Raum-Zeit-Zone wurde die Eindeutigkeit des zu erstellenden Profils
genannt. Um zu beurteilen, ob mit der temporären Raum-Zeit-Zone ein solches eindeutiges Muster
raumzeitlicher Identität vorliegt, müssen zunächst die Merkmale gesammelt werden, die Raum-Zeit-
Zonen in diesem Sinne auszeichnen.
Weiter oben (Kapitel 2.2.) wurde eine Übersicht möglicher Größen zur Beschreibung von Raum-Zeit-
Zonen gegeben. Diese waren unterteilt in:
• städtebauliche, räumliche Eigenschaften wie Lage und Erreichbarkeit,
• Mischeigenschaften wie Heterogenität und Mobilität und
• zeitliche Eigenschaften wie Aktivitätsniveau und Periodizität.
Dabei handelt es sich um Eigenschaften, die praktisch an jeder Stelle in der Stadt erhoben werden
können. Im Gegensatz dazu geht es hier nun um die Frage, nach welchen Maßstäben eine Raum-Zeit-
Zone aus diesen einzelnen Eigenschaften zusammengesetzt sein muss, damit sie als solche zu
erkennen und zu bestimmen ist. Welche kategorischen Merkmale zeichnen Raum-Zeit-Zonen in
diesem Sinne aus?
Kurz gesagt verfügt jeder beliebige Ort über seine spezifischen zeitlichen und räumlichen
Eigenschaften, gesucht wird aber nur nach eindeutig konturierten Orten, also nach in Raum und Zeit
abgrenzbaren Zonen.
Neben den räumlichen und zeitlichen Eigenschaften war weiter oben außerdem auch von
„Mischeigenschaften“ die Rede. Für die nachfolgende Darstellung der Merkmale wird eine andere Art
der Kategorisierung gewählt, nämlich die Aggregatzustände fest, flüssig und gasförmig, wobei
gasförmig durch den thematisch besser geeigneten Begriff flüchtig ersetzt wird. Diese Kategorien
eröffnen, z.B. weil die Trennlinie nicht zwischen zeitlichen und räumlichen Aspekten verläuft, einen
anders gewichteten Zugang zu den Merkmalen von Raum-Zeit-Zonen. Außerdem stehen die
Aggregatzustände beispielhaft für die nur vordergründige Wesensverschiedenheit der zeitlichen und
räumlichen Kategorien eines Gebiets, die genauso von Übergängen und Wechselbeziehungen geprägt
Raum-Zeit-Zonen: Merkmale von Raum-Zeit-Zonen
45
sind, wie Stoffe, die ihre Erscheinungsform bzw. ihren Aggregatzustand in Abhängigkeit von
Temperatur und Druck wechseln.
Neben anderen Einflüssen ist vor allem die Verhaftung in Materie und Zeit entscheidend für die
Zuordnung der einzelnen Merkmale zu den drei Kategorien. Eindeutig räumliche Größen, wie die
städtebauliche Struktur (Merkmal Gebietscharakter), sind - wenn auch keineswegs unveränderlich -
auf lange Frist in festen baulichen Formen verhaftet. Als flüssig werden hingegen solche Elemente
betrachtet, deren materielle Aspekte eher beweglicher Natur sind und die in der Zeit dynamisch ihre
Form verändern. Je schwergängiger diese Dynamik, umso zähflüssiger ist das Merkmal und umso
näher ist es der festen Welt. Leichte und von materieller Verhaftung, bis auf die relative Bindung,
gelöste Merkmale werden als flüchtig bezeichnet. Sie sind bestimmend für den Ort, aber nur schwer
fassbar, denn sie sind hauptsächlich in der (kollektiven) Wahrnehmung verankert.
fest: in Materie und/ oder Zeit verhaftete Merkmale
• Abgrenzbarkeit: Eindeutige und nachvollziehbare Grenzen sind eine Grundvoraussetzung, um
von einer Raum-Zeit-Zone bzw. allgemein von einem Gebiet zu sprechen. Der betreffende Bereich
muss über eine zusammenhängende Struktur verfügen, die die Abgrenzung sinnvoll erscheinen
lässt. Räumliche, zeitliche, funktionale und soziale Größen können eine solche Struktur bilden.
Ihre Abmessungen bestimmen das Ausmaß des Gebiets, wobei es in Relation zu den anderen
Gebieten ein gewisses Mindest- und Höchstmaß einhalten muss.
• Gebietscharakter: Ein Gebiet ist in aller Regel flächig und zusammenhängend, das heißt, seine
Form bleibt im Rahmen gewisser Proportionen und es besteht aus einem Stück oder zumindest aus
einem erkennbaren Hauptteil mit beigeordneten Anhängseln bzw. Enklaven. Außerdem sollte eine
gewisse städtebauliche Struktur vorliegen, die sich zum Beispiel in der Art der Bebauung, der
Gliederung von Orten und Wegen oder in öffentlichen und privaten Bereichen ausdrücken kann.
• Funktion: Ein Gebiet wird genauso wie von seiner Form auch von seiner Funktion bestimmt,
gewissermaßen dem Zweck des Gebiets. Die Art der Nutzung(en), beziehungsweise der dort
verrichteten Aktivität(en) ist bezeichnend für das Gebiet. Die Aktivität verbindet Ort und Zeit und
die Inanspruchnahme der einen Ressource geht nie ohne die gleichzeitige Inanspruchnahme der
anderen Ressource. Jeder Ort bietet nur bestimmte Funktionen an und zeichnet sich dadurch aus
(Grundmann/ Hölscher 1989, S.4). Einer eindeutigen Zeitstruktur liegt eine nachvollziehbare
Nutzungsstruktur zu Grunde. Allerdings können, wie die Beispiele 24/7 und Marienthalghetto
zeigen, auch sich tendenziell auflösende Zeitstrukturen bestimmend sein.
• Entwicklung/ Geschichte: Das Wesen und das Zeitmuster eines Gebiets werden auch von dessen
Vorgeschichte bestimmt. Welche zeitlichen und räumlichen Größen und Distanzen zur Einbettung
in den entwicklungsgeschichtlichen Kontext zu berücksichtigen sind, variiert von Fall zu Fall.
Zum Beispiel wird in den, stark historisch geprägten, italienischen Kommunen den
geschichtlichen Einschreibungen des Betrachtungsgebiets große Bedeutung beigemessen.
Natürlich macht die Geschichte einen Ort zu dem was er in der Gegenwart ist, aber es wäre
unzulässig zu sagen, ein Ort ohne Geschichte sei kein Ort. So oder so kann das Verhältnis zur
Geschichte prägend sein. Wenn ein Neubaugebiet nicht einmal die Geschichte der Fläche, auf der
es entsteht, adaptieren kann („Rieselfeld“, „Im Grün“), wird es durch eben dieses
Nichtvorhandensein von Geschichte definiert („Neustadt“).
Raum-Zeit-Zonen: Merkmale von Raum-Zeit-Zonen
46
• Dauer/ Beständigkeit: Wie Persönlichkeit zeichnet sich auch Gebietscharakter durch
Beständigkeit aus. Das heißt, dass die permanente Veränderung im Lauf der Zeit aus menschlicher
Gegenwartsperspektive langsam genug verläuft, um den Eindruck von Dauerhaftigkeit zu
erwecken.
flüssig: dynamische Erscheinungen und Zusammenhänge
• Inter-Reaktion: In der Regel stehen Stadtbereiche miteinander in Zusammenhang und Austausch.
Auch vom Stadtorganismus räumlich getrennte Bereiche, wie die Vororte zeichnen sich oft gerade
durch ihre Beziehungen zur Kernstadt aus. Aber auch das Fehlen solcher Beziehungen, wie im
Fall der von Paris teilweise isolierten Banlieues, kann bestimmend für einen Stadtteil sein. Die
Inter-Reaktion ist Folge der unterschiedlichen Verteilung von Funktionen und den Bewegungen
bzw. der Mobilität der Menschen in der Stadt. Es ist bezeichnend für ein Stadtgebiet, in welchem
Verhältnis es zu seinen Nachbarn steht, also wie stark es mit diesen verflochten ist und ob die
Beziehung wechselseitig oder eher einseitig ist.
• Takt/ Rhythmus: Takt und Rhythmus eines Gebiets wurden in der Beschreibung der Chronotope
unter dem Begriff des Zeit-Regimes zusammengefasst. Neben den Fragen, wann und wie lange
etwas passiert, in welcher Periode, oder auch wie schnell oder langsam, könnte außerdem das
Verhältnis von Taktgebern zu Taktnehmern betrachtet werden, das in einem Gebiet bestimmend
ist. Diese zeitlichen Eigenschaften fallen, wie oben beschrieben, je nach Gebietstyp ganz
unterschiedlich aus. Wesensgemäß handelt es sich dabei um dynamische Prozesse. Raum-Zeit-
Zonen zeichnen sich aber nicht nur durch den räumlichen Gebietscharakter aus, sondern auch
durch ein nachvollziehbares zeitstrukturelles Muster.
• Aktivitätsniveau: Fragen nach dem Aktivitätsniveau sind qualitativ: Wie hoch liegt das mittlere
oder maximale Aktivitätsniveau? Wie stark schwankt die Aktivität zwischen ihrem geringsten und
höchsten Niveau? Fragestellungen also, die dazu geeignet sind, ein bereits identifiziertes Gebiet
näher zu beschreiben. Um das grundsätzliche Vorliegen einer Raum-Zeit-Zone zu bestimmen,
reicht die Feststellung, dass überhaupt eine Aktivität vorliegt. Ihr Niveau ist dafür unerheblich.
Der Sonderfall des Aktivitäts-Musters der temporären Raum-Zeit-Zone macht aber die Aufnahme
dieses Merkmals in die Liste interessant.
• Ereignisse: Selbst in Gebieten, die von gleichmäßigen, schwankungsarmen Aktivitätsniveaus
geprägt sind, finden kleinere und größere Ereignisse statt, die den regelmäßigen Fluss des Alltags
unterbrechen oder strukturieren, wie die Rushhour, der Schichtwechsel und Wochenmärkte oder
Versammlungen. Das Streben reiner Wohngebiete nach möglichst hoher Ereignislosigkeit ist im
Kontext des ebenfalls vorhandenen Gegenpols zu sehen, den die Ruhe des Wohngebiets
auszugleichen verspricht. Ruhe, die darüber hinaus geht und den ganzen Alltag einzunehmen
beginnt, wird als quälend empfunden und zeichnet die so genannten Marienthalghettos aus. Die
Abfolge unterscheidbarer Ereignisse markiert den Fluss der Zeit und erweckt den Eindruck von
Lebendigkeit. Bei diesem und den folgenden (flüchtigen) Merkmalen zeigt sich der manchmal
fließende Übergang zwischen den objektiven zeitlichen Gebietsstrukturen und den individuellen
temporalen Mustern seiner Bewohner (vgl. Dollase/ Hammerich/ Tokarski 2000)14.
14 vgl. die Arbeitslosen von Mümmelmannsberg: Kronauer und Vogel beschreiben die unterschiedlichen
Erfahrungen bei vergleichbaren Armuts- und Arbeitslosenzahlen im Hamburger Innenstadtbezirk St. Pauli und
der monofunktionalen Großsiedlung „Mümmelmannsberg“, deren Anlage eine ganztägige Anwesenheit der
Männer nicht vorgesehen hatte. Sie finden keine Aufgaben und leiden an sozialer Isolation und
Raum-Zeit-Zonen: Merkmale von Raum-Zeit-Zonen
47
flüchtig: immaterielle Merkmale
• Image: Jedes Gebiet verfügt über so etwas wie ein Image, ein Bild, das die Allgemeinheit damit
verbindet und auf das auch nicht ohne weiteres Einfluss genommen werden kann. Innen- und
Außenwahrnehmung können voneinander abweichen. Das Bild, obwohl oft durchaus sehr konkret,
ist kaum greifbar. Sein vorrangiger Träger ist die kollektive Wahrnehmung und der Umfang dieses
Kollektivs hängt von der Bedeutung des jeweiligen Gebiets ab. Ein öffentlich geteiltes Bild oder
Image belegt die Einheit des Ortes.
• Atmosphäre: Bonfiglioli beschreibt ein von Stadt zu Stadt variierendes Zeit-Erlebnis, das sich aus
den geschichtlichen Ablagerungen, dem Erscheinungsbild der Gegenwart und dem
Alltagsrauschen der verrichteten Tätigkeiten zusammensetzt (vgl. Kapitel 2.1.2.1.). Diese
Atmosphäre bildet aus Rhythmus, Klang, Farbe etc. den Hintergrund, vor dem sich alle
Aktivitäten abspielen und der Orte voneinander unterscheidet, die ansonsten gleiche Raum-Zeit-
Konstellationen aufweisen. Das Spektrum reicht von „gesichtslos“ genannten Orten bis zu
solchen, denen man einen Genius Loci zuspricht. Wesentliche Aspekte eines Milieus drücken sich
in Atmosphäre aus, wie zum Beispiel im Fall des „Studentenviertels“. Markante Orte verfügen
über eine starke Atmosphäre.
Aus diesen Merkmalen können allgemeine Anforderungen zur Beurteilung von Raum-Zeit-Zonen
abgeleitet werden. Anhand dieser Anforderungen bzw. Maßstäbe soll dann auch die temporäre Raum-
Zeit-Zone untersucht werden. Dazu sind in der folgenden Übersicht die Merkmale mit Leitfragen,
einer Mindestanforderung, dem entsprechenden Idealmaß (Soll) und einem Maximum, das im Sinne
der Merkmalserfüllung nicht überschritten werden sollte, dargestellt. In manchen Feldern finden sich
keine Eintragungen. Zum Beispiel gibt es keine maximale Dauerhaftigkeit, die nicht von einer Raum-
Zeit-Zone zu überschreiten wäre.
2.4. Zwischenfazit: Raum-Zeit-Zonen
Das Konzept der Raum-Zeit-Zonen ist ein stadtanalytisches Instrument mit praktischen
Anwendungsmöglichkeiten, dessen Entwicklung auf dem Grundgedanken der Chronotope aufbaut.
Verschiedene beispielhafte Typen von Raum-Zeit-Zonen wurden bereits definiert und beschrieben.
Diese Reihe ist nicht abschließend und kann daher stets mit weiteren Typen ergänzt werden, wann
immer sich neue raumzeitlich abgrenzbare Einheiten zeigen. Mit der Liste der Merkmale wurde eine
Systematik entworfen, die die Eigenschaften von Raum-Zeit-Zonen versammelt. Mit ihrer Hilfe kann
beurteilt werden, ob bei raumzeitlichen Einheiten tatsächlich die Voraussetzungen vorliegen, um von
einer Raum-Zeit-Zone zu sprechen.
Auf Grundlage dieser Merkmale wird in Kapitel 3 die Fanmeile 2006 als temporäre Raum-Zeit-Zone
untersucht. Dabei scheinen auf den ersten Blick gerade die zeitlich definierten Merkmale, wie zum
Beispiel das der dauerhaften Beständigkeit, für den 33-tägigen Events unerfüllbare Kategorien zu sein.
Ereignislosigkeit, während z.B. die in der Siedlung ebenfalls stark vertretene Gruppe der allein erziehenden
Mütter gerade dessen gute soziale Strukturen hervorheben (Kronauer/ Vogel 2004).
Tab.7: Fragebogen zur Bestimmung einer Raum-Zeit-Zone
Merkmal Frage Minimum SOLL Maximum
fest
Abgrenzbarkeit Ist das Gebiet sinnvoll
abgrenzbar?
sinnvoll zu begründende Grenzen und
gewisse Mindestgröße
der eingeschlossene Bereich hat eine
gewisse Größe und eine geschlossene
Struktur
der maximale Umfang ist erreicht,
wenn die Hinzunahme weiterer Flächen
zu Lasten der Aussagekraft ginge
Gebietscharakter Wie sind die
Proportionen und wie
ist der Aufbau des
Gebiets?
minimale Flächigkeit (keine Linie) und
Einheit
a) gewisse Proportionen und Gestalt in
der Form
b) Regelmäßigkeit in der Kontur (keine
„Fjorde“)
c) städtebauliches Profil
---
Funktion Welche Funktion erfüllt
das Gebiet?
die Erfüllung der Funktion setzt
menschliche Anwesenheit voraus
(z.B. ≠ Frischluftfunktion eines
Naturschutzgebiets)
die Funktion ist fassbar und lässt sich
allgemeingültig beschreiben (z.B. in
der Gebietsbezeichnung)
bei Unüberschaubarkeit verschiedener
Einzelfunktionen muss es möglich sein,
zu sinnvollem Ganzen zu generalisieren
(etwa „Zentrumsfunktionen“)
Entwicklung/
Geschichte
Hat das Gebiet eine
Geschichte?
dem Ist-Zustand liegt eine ursächliche
Vorgeschichte zu Grunde
das Gebiet hat eine prägende
Vergangenheit
es muss außerdem Raum in Gegenwart
und Zukunft bestehen, das Gebiet kann
nicht ausschließlich Geschichte sein
Dauer/
Beständigkeit
Hat das Gebiet/ seine
Nutzung Bestand?
die vorliegende Nutzung hat Bestand
(keine Zwischennutzung)
die vorliegende Verbindung von Gebiet
und Funktion lässt sich verallgemeinern
---
flüssig
Inter-Reaktion Ist das Gebiet mit der
umliegenden Stadt
verbunden?
das Gebiet zeichnet sich durch sein
Verhältnis zur Umgebung aus
das Gebiet ist Teil eines Ganzen und
steht damit in Wechselwirkung
das Gebiet darf nicht ausschließlich
Transit zwischen anderen Gebieten
sein, sondern hat ein eigenes Profil
Takt/ Rhythmus Hat das Gebiet eine
Zeitstruktur?
es liegen eigene Zeitstrukturen vor
(Sonderfall Marienthalghetto)
die Zeitstruktur hat vergleichbaren
Anteil an der Definition des Gebiets,
wie seine anderen Eigenschaften
---
Aktivitätsniveau Wie ist das
Aktivitätsniveau?
das Aktivitätsniveau übersteigt Null
(Aktivität im „Zeit 0“-Chronotop ist
z.B. Erholung)
--- ---
Ereignisse
Finden Ereignisse statt? Abwesenheit von Ereignissen kann nur
im Sonderfall charakterisierend sein
einzelne und wiederkehrende
Ereignisse rhythmisieren den Zeitfluss
eine Struktur muss erkennbar bleiben,
die Reihe der Ereignisse darf nicht zum
Chaos werden
flüchtig
Image Hat das Gebiet ein
Image?
das Gebiet lässt sich aussagekräftig
beschreiben
im fraglichen Rahmen der Bekanntheit
wird ein Bild geteilt
Vorlage und Image müssen einander
gerecht bleiben
Atmosphäre Welchen Eindruck
vermittelt das Gebiet?
das Gebiet vermittelt einen Eindruck,
es ist nicht „gesichtslos“
das Gebiet erscheint in einer
einheitlichen Gesamtwirkung, die es
vor anderen auszeichnet
---
Quelle: Eigene Darstellung
48
Fanmeile
49
3. Die Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni
3.1. Einleitung
2006 wurde in Deutschland die 18. Fußballweltmeisterschaft der Männer ausgerichtet. In allen zwölf
Austragungsorten wurden im Rahmen des „FIFA Fan Fests“ so genannte Fanmeilen eingerichtet
(siehe Anhang 1). Dort sollte denjenigen Fußballfans, die keinen Zugang zu den Stadien hatten, eine
alternative Form der Teilnahme an der WM ermöglicht werden. Die Gesamtheit dieser zwölf Meilen
bzw. Fan-Feste wurde offiziell unter dem Begriff „Fan Fest FIFA WM 2006TM“ geführt.
Hauptbestandteil dieser Fanmeilen war in Berlin, wie an allen anderen Standorten, der Raum für das
kollektive Verfolgen der Spiele auf Großbildwänden, das so genannte „Public-Viewing“. Dazu gab es
neben kulinarischer Versorgung unterschiedliche Aufbauten und Angebote sowie
Unterhaltungsprogramm. Diese Form öffentlicher Massenveranstaltungen zur Begleitung des Turniers
war eine Premiere (BTM 2006b, S.30). Zwar hatte es auch schon bei der WM 2002 groß angelegte
öffentliche Übertragungen gegeben, aber im Unterschied zu diesen Vorläufern verhalfen dem Konzept
2006 vor Allem zwei Neuerungen zum Durchbruch: erstens die witterungsunabhängige LCD-Technik
der Videowände und zweitens der volksfestartige Rahmen der Veranstaltungen (Schulke 2006, S.17).
Als weiteren Aspekt nennt der Leiter der AG WM 2006 der Sportministerkonferenz Hans-Jürgen
Schulke das wachsende Bedürfnis der „immer virtueller geprägten, im Alltag entkörperlichten
Gesellschaft“ nach „Zuschauen und Mitleidenschaft bei spannungsvollen leibhaftigen Verrichtungen“
(Schulke 2006, S.29f). Auf Grund des großen Erfolges will die FIFA das Fan Fest nun zum offiziellen
Veranstaltungsteil ihrer zukünftigen Meisterschaften machen. Im Folgenden wird der Begriff
Fanmeile für diejenige in Berlin auf der Straße des 17. Juni verwendet.
Das Konzept der öffentlichen Fußballinszenierung war in verschiedener Hinsicht sehr erfolgreich;
insbesondere der Image-Gewinn für Deutschland, bzw. für die beteiligten Städte, wird von vielen
Seiten hervorgehoben. Für das mit diesem Begriff verbundene „positive Lebensgefühl“ wählte die
Gesellschaft für deutsche Sprache „Fanmeile“ zum Wort des Jahres 2006 (GfdS 2006). Die Berliner
Fanmeile war sowohl hinsichtlich der Besucherzahlen, als auch der räumlichen Ausmaße die mit
Abstand größte und außerdem erfolgreichste (Popularität, Besuch der Nationalelf) Veranstaltung
dieser Art in Deutschland (SenV BJS 2006, S.9) (siehe Anhang 1).
Die Absperrungen der Fanmeile umfassten mit dem größten Teil der Parkfläche des Tiergartens weit
mehr als nur die Fläche der Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule.
Unmittelbar angrenzend an den eingezäunten Bereich lagen beigeordnete Angebote wie die bewachten
Fahrradparkplätze und artverwandte Veranstaltungen wie die Adidas-Arena und der Fußballglobus.
Der Wirkungsbereich der Fanmeile ging aber auch über diese Veranstaltungsbereiche in ihrer näheren
Umgebung hinaus. Die Fanmeile hat, neben ihrer Beziehung zu den räumlichen Nachbarn, auch ein
Verhältnis zu ihren Nachbarn in der Zeit: Vorläufer-Veranstaltungen machten die Straße des 17. Juni
vor dem Brandenburger Tor zu dem prestigeträchtigen und seitdem stark nachgefragten Ort, der sie
heute ist.
Fanmeile: Einbettung der Fanmeile
50
In diesem Kapitel wird die Fanmeile beschrieben. Da auf keine vergleichbare Analyse verwiesen
werden kann, fällt die Beschreibung relativ umfangreich aus. Die Teile, die für die anschließende
Untersuchung der Fanmeile als temporäre Raum-Zeit-Zone entbehrlich sind, wurden, soweit möglich,
in den Anhang verschoben, auf den an dieser Stelle ausdrücklich hingewiesen werden soll.
Das Kapitel ist in fünf Teile gegliedert:
• Einbettung der Fanmeile: räumliche und zeitliche Verortung, Erreichbarkeit
• Hinter der Fanmeile: Organisation, Finanzierung, Genehmigung, Vermarktung
• Auf der Fanmeile: Aufbau, Ausbau, Verlauf, Betrieb, Sanitätsdienst, Sicherheit
• Außerhalb der Fanmeile: weitere Veranstaltungsorte, Verkehr
• Bilanz und raumzeitliche Schlussfolgerungen
3.2. Einbettung der Fanmeile
WM und Fanmeile veränderten das raumzeitliche Gleichgewicht Berlins. Der zwischenzeitlich für die
Fanmeile vorgesehene Veranstaltungsort Spreebogenpark belegt, wie wenig im Vorfeld mit der
späteren Beliebtheit und Wirkkraft der Fanmeile gerechnet wurde (vgl. Abb.6).
3.2.1. Raumzeitliche Einbettung
Die Straße des 17. Juni durchquert den weitläufigen Tiergarten weitab von angrenzender Bebauung.
Das bietet viel Raum zur Ausdehnung für die Fanmeile. Gleichzeitig ist sie mit ihrer Hauptbühne am
Brandenburger Tor zentral in der Stadt verankert.
Abb.5: Vergleich Großer Stern in Berlin und Paris (Place Charles de Gaulle)
Quelle: Google Earth
Der Senat befürchtete bei Sperrung der Straße des 17. Juni ein Verkehrschaos und befürwortete daher
zunächst den viel kleineren Spreebogenpark als Veranstaltungsort. Aber FIFA, Tourismus-Marketing,
IHK und Opposition setzten am Ende die Straße des 17. Juni als Standort durch und Ende 2005 wurde
unter anderem wegen Sicherheitsbedenken der Spreebogenpark aufgegeben. Auch die Polizei begrüßte
diese Entscheidung, nicht zuletzt wegen der Fluchtmöglichkeiten in den umgebenden Tiergarten-Park
Fanmeile: Einbettung der Fanmeile
51
im Falle einer Panik. Das Gelände am Spreebogen wäre von massiven Stahlgittern und Mauern mit bis
zu 5,5 Metern Falltiefe umgeben gewesen. Ein weiterer Grund war die wachsende Zuversicht in die
Nachfrage. In den Spreebogenpark hätten nach Polizeiberechnungen nur rund 15.000 Personen gepasst
(Tagesspiegel, 13.11.05), inzwischen erwartete Berlin täglich bis zu 100.000 Besucher auf der
Fanmeile (PNP, 04.05.06).
Am 07.06.06, zwei Tage vor dem ersten
Spiel der WM, wurde die Fanmeile auf
der Straße des 17. Juni mit Live-
Programm eröffnet und bis zur
Abschlussveranstaltung am 09.07.06 bei
einem Tagesrekord von 1,6 Mio. von
insgesamt 9,8 Mio. Menschen besucht
(nach Zahlen der Senatskanzlei, vgl.
Kapitel 3.4.3.3.).
Der Rhythmus der Stadt war über die
Dauer der WM in vielerlei Hinsicht
anders getaktet. Eine Besonderheit stellte
die vorübergehende Aufhebung der
Ladenschlussregelungen15 dar, mit der
die Bundesregierung als Testlauf für die geplante Föderalismusreform im Herbst 2006 den WM-
Städten erlaubte, ihre Öffnungszeiten abweichend vom geltenden Gesetz zu gestalten. Auch Berlin
machte davon Gebrauch und erlaubte den Geschäften Öffnungszeiten von 06:00 bis 24:00 (Financial
Times 05.01.06). Von dieser Ausnahmeerlaubnis machten laut Einzelhandelsverband ca. 75% aller
Einzelhändler Berlins (Morgenpost, 09.07.06), aber vor allem die großen Geschäfte in den zentralen
Einkaufsgebieten Gebrauch. Dabei gaben sich manche auch mit Öffnungszeiten bis 22:00 zufrieden.
Auch die Möglichkeit zu verkaufsoffenen Sonntagen bis 20:00 wurde genutzt. Die Berlin Tourismus
Marketing GmbH (BTM) nennt als Beispiele für Geschäfte mit verlängerten Öffnungszeiten (BTM
Medienservice, 15.06.06):
• City-West: 90% der ansässigen Händler, inklusive KaDeWe
• Galeria Kaufhof am Alexanderplatz
• Potsdamer Platz Arkaden
• Kulturkaufhaus Dussmann
An vielen Arbeitsstellen wurden die Spiele auch in der Arbeitszeit und unter Billigung der Arbeitgeber
verfolgt, während anderswo Zusatzschichten und Urlaubssperren eingerichtet wurden (etwa bei den
Rettungs- und Sicherheitsdiensten). Öffentliche Verkehrsmittel fuhren in dichterer Folge und zu
ausgedehnten Zeiten und für den Autoverkehr stellten sich Verzögerungen durch den verdichteten
Verkehr ein (Schließung der Ost-West-Verbindung der Straße des 17.Juni, Autokorsos auf dem
Kurfürstendamm). Menschen feierten auf offener Straße, genauso wie das öffentliche Leben je nach
Spielverlauf bei helllichtem Tag vorübergehend zum Stillstand kommen konnte (vgl. Abb. 7).
15 Ladenschluss in Deutschland/ Sonderregelung: siehe Anhang 4
Abb.6: Größenvergleich Spreebogenpark – Straße des 17. Juni
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Einbettung der Fanmeile
52
Abb.7: Elfmeterschießen, 30.06.2006: Unter den Linden und zeitgleich in einem Geschäft
Quelle: www.berlinstory.de
Für die Dauer der WM gab es in Berlin im Verhältnis zum Normalbetrieb vielfältige Verschiebungen
im eingespielten System von Orten, Wegen und den damit verbundenen Zeiten. Die Grundlage dieser
Erlebnisstadt bildete eine unüberschaubare, über weite Teile Berlins verstreute Infrastruktur von mehr
oder weniger eng mit der WM verbundenen Angeboten von unterschiedlichstem Format, die von der
Berliner Bevölkerung sowie von 15.000.000 Besuchern der WM-Stadt genutzt wurde (BTM 2006c).
Die Gesamtheit der Ereignisse hatte ihre Schwerpunkte im und um das Olympiastadion, aber vor
allem auf der Fanmeile und an den verschiedenen Stellen im öffentlichen und halböffentlichen Raum
in deren Umgebung. Im Gegensatz zum Stadion, war die Fanmeile auch bei Spielen, die nicht in
Berlin stattfanden und teilweise auch außerhalb der Spielzeiten, der Hauptveranstaltungsort Berlins.
Auch an anderen Orten gab es große und mit ergänzendem Programm versehene Veranstaltungen
(siehe Kapitel 3.5.1.). Sie bildeten Knotenpunkte in dem stadtweiten Netz von Ereignissen, blieben
aber, anders als die Fanmeile, an ihren Standpunkten isolierte Inseln der Sondernutzung.
Was die Fanmeile von anderen Orten neben ihrem Format und den Auswirkungen auf ihre städtische
Nachbarschaft wesentlich unterschied, waren die vielfältigen auf die WM bezogenen Angebote und
Einrichtungen in ihrer unmittelbaren Umgebung (siehe Kapitel 3.5.1.). Sie war der Hauptattraktor in
einer Landschaft von Einzelattraktionen, die mit ihren Raumansprüchen das Stadtbild in der
begrenzten Dauer ihrer Existenz teilweise verschoben und teilweise durchdrungen hat. In der Zeit der
Weltmeisterschaft bildete sich zwischen Hauptbahnhof und Potsdamer Platz ein Stadtgebiet nach
eigenen Regeln, mit dem Abschnitt der Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Großem
Stern als zentralem Boulevard. Wie die Mauer um einen Altstadtkern legte sich dabei der, die
Fanmeile umschließende, Zaun um das Zentrum des Geschehens. Unweit des Brandenburger Tors lag
in einer Containersiedlung der Verwaltungstrakt, das Rathaus, dieser temporären Siedlung (siehe
Kapitel 3.4.1.).
Fanmeile: Einbettung der Fanmeile
53
3.2.2. Erreichbarkeit
In der etwas mehr als 5 Kilometer langen Trennlinie zwischen öffentlichem und halböffentlichem
Raum des 2,20 Meter hohen Zauns war eine, über die Dauer der Veranstaltung variierende, Anzahl
von Durchlässen eingefügt, an denen der Zustrom kontrolliert wurde. Auf Grund ihrer guten
Erreichbarkeit (Brandenburger Tor, S-Bahn Unter den Linden, sowie U- und S-Bahn Potsdamer
Platz) wurden die östlichen Eingänge am höchsten frequentiert und bei Überfüllung auch als erste
geschlossen. Um der stetig wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, wurde die Fanmeile zunächst
um einen weiteren Videowand-Standort und gegen Ende sogar über den Großen Stern hinaus
erweitert. Damit verschob sich auch ihre Erreichbarkeit immer mehr nach Westen.
Abb.8: Erreichbarkeit der Fanmeile im Zuge des Ausbaus
Quelle: Eigene Darstellung
3.2.3. Zwischenfazit: Einbettung der Fanmeile
Der starke Zulauf und die Entwicklung der Fanmeile überraschten alle Beteiligten. Sie war neben dem
Stadion der wichtigste Ort der WM-Parallelwelt in Berlin und der Kristallisationspunkt der
stadtweiten, raumzeitlichen Verschiebungen. Ihre zunehmend auch überregionale Bedeutung wurde
am Ende der Weltmeisterschaft durch den ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch der
Nationalmannschaft unterstrichen.
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
54
3.3. Hinter der Fanmeile
Zuständig für die Fanmeile war der Berliner Senat als ihr Veranstalter16 und das Konsortium ArGe
Fan Fest als ihr Betreiber. An der Wegbereitung und Durchführung der Fanmeile waren darüber
hinaus sehr viel mehr Stellen teils direkt und teils indirekt beteiligt. Den äußersten Rahmen steckte die
FIFA in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung ab, die wiederum die Länder beteiligte. Auf dieser
Ebene wurden Markenrechte, Sponsoring und das Sicherheitskonzept verhandelt. Der Bund trat mit
seinem Kulturprogramm außerdem auch als lokaler Akteur auf der Fanmeile auf.
In Berlin war die damalige Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport federführend für die
Organisation der WM. Für die Fanmeile war die Öffentlichkeitsabteilung der Senatskanzlei und als
Hauptorganisator deren damaliger Sprecher, Michael Donnermeyer, zuständig. Die einzelnen Ressorts
(siehe Abb.10) und der Bezirk Mitte waren entsprechend ihrer Zuständigkeiten beteiligt. In
unterschiedlichen Gremien wurden die städtischen Planungen mit denjenigen der anderen beteiligten
Akteure abgestimmt, wie der Polizei, dem Deutschen Rote Kreuz, der Feuerwehr, der BVG, der S-
Bahn und vieler anderer mehr.
Die Überschneidung der verschiedenen Ebenen wird zum Beispiel beim zentralen Thema Sicherheit
deutlich. Die FIFA, die im Rahmen des so genannten FIFA Fan Fests als Organisator aller Fanmeilen
auftrat (vgl. Public-Viewing, Anhang 4), gab entsprechende Regelungen vor, die auf nationaler Ebene
hinsichtlich der Standards auf den Veranstaltungen zu berücksichtigen waren. Dort erarbeiteten das
Bundesministerium des Innern (BMI), die Polizeien der Länder, das Organisationskomitee (OK) des
Deutschen Fußball-Bunds (DFB) u.a.m. das Sicherheitskonzept, das die Polizei dann vor Ort, und dort
wiederum in Zusammenarbeit mit privaten Sicherheitsdienstleistern und in Abstimmung mit
Veranstalter und Betreiber, umsetzte.
Obwohl es in dieser Arbeit zur Fanmeile ausschließlich um einen sehr konkreten Ausschnitt der WM
geht, wird zu deren Einordnung im Folgenden der größere organisatorische Rahmen zumindest in
knapper Form dargestellt. Die wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Hintergründe können
allerdings nur am Rande angesprochen und darüber hinaus nicht in vertiefter Form berücksichtigt
werden.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass es – bei allen in Teilaspekten vergleichbaren Vorläufern – diese Art
von Veranstaltung vorher noch nicht gegeben hatte. Für die beteiligten Städte stellte das Fan Fest,
anders als die routiniert gestalteten lokalen Volksfeste und andere zyklisch durchgeführten Events eine
noch „ungewohnte Herausforderung mit bislang nicht bekannten Akteuren“ dar (Schulke 2006, S.
38). Die entsprechende Organisationsstruktur für das Projekt der Berliner Fanmeile spielte sich erst im
Laufe der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung ein. Sie gründete auf viel persönlichem
Engagement und Willen zur Kooperation. Tatsächlich bedeutet die WM für fast alle Beteiligten eine
hohe Motivation, wie die einzelnen Befragten (Expertengespräche) gerne bestätigten. Einige der
Kooperationsstrukturen, wie die Zentrale Verkehrsleitstelle (siehe Kapitel 3.5.2.2.), haben die Dauer
der Veranstaltung überlebt und wurden auch nach der Fanmeile wieder aufgegriffen.
16 Maßnahme der Öffentlichkeitsarbeit bei der Senatskanzlei
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
55
3.3.1. Organisation
Die Organisation der Fanmeile ist auf vier Ebenen zu betrachten:
• Ebene 1, FIFA: Organisationskomitee (OK), Public-Viewing
• Ebene 2, Bund: Bundesweite Regelungen, Bund als Akteur auf der Fanmeile
• Ebene 3, Land: Veranstalter der Fanmeile und Berliner Akteure
• Ebene 4, vor Ort: Betreiber der Fanmeile
3.3.1.1. Ebene 1: FIFA
Oberste Autorität einer Fußball-Weltmeisterschaft ist die FIFA (Weltfußballverbund mit Sitz in
Zürich). Sie überträgt die Ausrichtung des Turniers an den jeweiligen nationalen Fußball-Verband. An
den Verband, bzw. das Gastgeberland werden eine ganze Reihe von Anforderungen gestellt, deren
Erfüllung der FIFA vertraglich zu garantieren ist. Außerdem vergibt oder verkauft die FIFA als
Markenführerin die Lizenzen und Vermarktungsrechte, die wiederum einem detaillierten Corporate
Design unterliegen („Logo und Wording“).
Die Übertragungsrechte verkauft die FIFA regelmäßig an die Firma Infront Sports & Media AG17,
den weltweit zweitgrößten Händler mit Sportrechten, der diese dann weiterverkauft. Das Unternehmen
erwarb, wie bereits 2002 und ebenso für die kommende WM 2010 (Infront), auch die WM-Rechte für
2006 und zahlte dafür 1,5 Mrd. Franken18 (FAZ, 21.11.02).
Das Organisationskomitee, kurz OK, war die offiziell für die Umsetzung der WM in Deutschland
zuständige Instanz. Seine Hauptaufgaben waren die allgemeine Organisation der Weltmeisterschaft
und die Umsetzung der vertraglichen Vereinbarungen mit der FIFA (Spahn 2005). Es wurde am
01.01.01 gegründet (SenV BJS 2006, S.1) und sein ursprünglicher Sitz in Frankfurt und München für
die Veranstaltungszeit der WM nach Berlin in die Budapester Straße verlegt (BTM 2006b, S.51). Das
OK war außer auf der nationalen Ebene auch in lokalen Gruppen in den Ausrichterstädten tätig. Die
Berliner Außenstelle des FIFA OK des DFB unterhielt regelmäßige Treffen zum gegenseitigen
Informationsaustausch mit Vertretern der Senatskanzlei, dem Bundeskanzleramt, dem BMI, der
Senatsverwaltung des Inneren und derjenigen für Bildung, Jugend und Sport, sowie der Polizei
(Rogge/ Wulff 2007, S.6).
Der Präsident des OK war Franz Beckenbauer. Die drei Vizepräsidenten Horst R. Schmidt, Wolfgang
Niersbach und Dr. Theo Zwanziger teilten sich die Arbeitsbereiche des OK. Diese waren u.a.:
Turnierorganisation, Unterbringung/ Tourismus, Transport und Verkehr, Ticketing, Sicherheit,
Marketing, Protokoll und die Eröffnungs- sowie die Schlussfeier. Den Vorsitz des Aufsichtsrats
bildeten: Gerhard Mayer-Vorfelder, Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble und Bundesminister
a.D. Otto Schily (Bundesregierung 2006, S.193).
17 80% der Firma gehören der Jacobs Holding AG, 10% dem früheren Adidas-Chef Louis Dreyfus, der Overlook
Management BV von Scheich Saleh Kamel und Martin Steinmeyer. Von den verbleibenden 10% gehören
2,5% dem „Gesicht des Unternehmens“ Günter Netzer (FAZ, 21.11.2002/ Welt, 26.06.2006).
18 2002 entsprach das ungefähr 1 Mrd. Euro.
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
56
Das Organisationskomitee der WM 2006 verfügte über einen Haushalt von 430 Mio. €, der sich
folgendermaßen zusammensetzte:
Tab.8: OK-Haushalt
Haupteinnahmen des OK: Hauptausgaben des OK:
200 Mio. € Ticketverkauf
170 Mio. € FIFA-Zuschuss
60 Mio. € Nationale Förderer
Personal- und Organisationskosten (inkl. Volunteers-Programm)
Stadien und Medieneinrichtungen
Sicherheit
Verkehr und Transport
Veranstaltungen (inkl. Auslosungen und Workshops)
Quelle: Eigene Darstellung/ BTM 2006b, S.56
Für das Public-Viewing ergab sich rechtlich eine unklare Situation. Die Lizenzverträge zwischen
Infront und ARD/ ZDF enthielten diesbezüglich keine klaren Regelungen. Man war im Vorfeld
einfach nicht von den Ausmaßen und der Bedeutung ausgegangen, die das Phänomen in diesem Jahr
annehmen würde. Außerdem gehörten die öffentlichen Plätze und damit auch die
Genehmigungsrechte, anders als in den vertraglich erfassten Stadien, ganz allein den Städten. Die von
den Städten unterzeichneten Verträge enthielten keine Aussagen zum Public-Viewing (Schulke 2006,
S.36f).
Während der lang andauernden Diskussion über die Umsetzung und vor allem über die Finanzierung
öffentlicher Veranstaltungen mit Live-Übertragungen, trat die FIFA mit immer neuen Anforderungen
an die Städte heran. Diese weigerten sich aber, nach den unerwartet hohen Ausgaben, insbesondere für
den Ausbau der Stadien, noch weitere Kosten zu übernehmen. Immerhin befanden sie sich nach wie
vor in einer Zeit der Stellenstreichungen und Schließung öffentlicher Einrichtungen (Schulke 2006,
S.39).
Die FIFA vertrat vor allem die Interessen der Sponsoren. Um deren vertraglich garantierte Rechte zu
schützen, galt es z.B. Trittbrettfahrer zu verhindern, die sich etwa durch den Getränke-Verkauf auf den
Fanmeilen als Scheinsponsoren darstellen könnten. Daneben fürchtete Infront um ihr Geschäft mit den
Übertragungsrechten. Bis kurz vor Turnierbeginn war unklar, welche Anforderungen an welche Art
öffentlicher Vorführungen gestellt wurden und auf der anderen Seite, welche Unterstützungen gewährt
werden sollten. Laut Infront war eine Veranstaltung, auf der Getränke verkauft werden sollten, bereits
kommerziell und damit lizenzgebührenpflichtig. Die Veranstalter beriefen sich auf das deutsche
Urheberrecht (§ 87 UrhG) und verlangten kostenfreie Lizenzen, solange keine Eintrittsgelder verlangt
würden (Härting Rechtsanwälte). Für die Fan-Feste überließ Infront den zwölf WM-Städten letztlich
je einen Standort lizenzfrei nebst Basisinfrastruktur (Videowand inkl. Technik, Bühne) (BMI, 08/2005
S.38).
Ein Abriss der wechselhaften Entstehungsgeschichte des Phänomens Public-Viewing findet sich im
Anhang 4.
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
57
3.3.1.2. Ebene 2: Bund
Die Federführung auf Bundesebene lag beim Bundesinnenministerium des Innern. Dort wurde zur
Koordination der Weltmeisterschaft der Stab WM 2006 eingerichtet. Alle Ressorts der Regierung, das
Bundespresseamt, das Bundeskanzleramt, das OK und weitere Partner waren an dessen Arbeit
beteiligt (Bundesregierung 2006, S.9f). Seine Aufgabe war es vor allem, die Garantien einzulösen, die
die Bundesregierung der FIFA für die Ausrichtung der WM geben musste.
Regierungsgarantien gemäß dem FIFA-Pflichtenheft (Bundesregierung 2006, S.111):
• Einreisebewilligungen (Visa)
• Arbeitsbewilligungen
• Zoll- und steuerrechtliche Regelungen
• Sicherheit
• Bank- und Devisenverkehr
• Telekommunikation
• Internationales Radio- und Fernsehzentrum
• Medienzentrum
• Preispolitik
• Staatliche Abgaben/ Steuern
• Kommission auf Eintrittskarten
• Hymnen und Fahnen
• Medizinische Versorgung
Für das zentrale Thema „Sicherheit“ wurde der Bund-Länder-Ausschuss „Nationales
Sicherheitskonzept WM 2006“ eingerichtet, an dem eine Vielzahl von unterschiedlichen Akteuren
beteiligt war, darunter das OK, verschiedene Ministerien, das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für
politische Bildung, das BKA, der deutsche Städtetag, der nationale Ausschuss Sport und Sicherheit
und in der Projektgruppe des Unterausschuss für Führung, Einsatz und Kriminalitätsbekämpfung (PG
UA FEK WM 2006) die Länderpolizeien (Bundesregierung 2006, S.48; Rogge/ Wulff 2007, S.3).
Andere wichtige Gremien auf Bundesebene waren das Nationale Informations- und
Kooperationszentrum (NICC), der interministerielle Arbeitskreis (IMAK), die ständige Konferenz der
Innenminister und Senatoren der Länder, der Sportausschuss und die Arbeitsgruppe der WM-Städte
des Deutschen Städtetags (DST), der Koordinierungsarbeitskreis Verkehr der Bundesländer und WM-
Städte, die Sportministerkonferenz der Länder (SMK) u.v.m.
Als Berliner Akteur trat der Bund vor allem mit seinem groß angelegten Kunst- und Kulturprogramm
in Erscheinung, das viele seiner Angebote und Standorte, wie z.B. den Fußball-Globus vor dem
Brandenburger Tor, in Berlin hatte. Für dieses Programm stellte der Bund insgesamt 30 Mio. € aus
dem Verkauf von Silbergedenkmünzen zur Verfügung. Neben diesen Veranstaltungen waren auch die
auf Bundesebene vereinbarten Standards zur Sicherheit auf lokaler Ebene bindend und entsprechend in
die Organisation mit einzubeziehen.
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
58
Abb.9: Einbindung Berlins in die Gremienstruktur von Bund, Ländern und Städten
Quelle: SenV BJS 2006, S.5
3.3.1.3. Ebene 3: Land
Der nationale Verband, in diesem Fall der DFB, vergab die Austragungsrechte an die zwölf Städte und
schloss mit diesen so genannte Host-City-Verträge ab, deren Regelungsgehalt von Verkehrs- und
Sicherheitsfragen bis zu Protokoll, Gesundheitssicherung und Marketing/ Promotion reichte. Mit den
Stadionbetreibern wurden entsprechende Mietverträge abgeschlossen (Schulke 2006, S.35). Damit
musste auch Berlin das Pflichtenheft der Verpflichtungserklärung, die der DFB als WM-Ausrichter am
01.12.1998 gegenüber der FIFA abgegeben hatte, erfüllen. Darin waren, hinsichtlich der baulichen
Anforderungen und in Bezug auf dessen Umfeld, insbesondere Vorgaben für das Stadion aufgeführt
(SenV BJS 2006, S.2). Aber auch für die Fanmeile und das allgemeine Stadtbild („City Dressing“)
waren vertragliche Regelungen vorgesehen.
Wesentliche Bausteine des Vertrags über das FIFA Fan Fest 2006 vom September 2005 (SenV BJS
2006, S.3) waren:
• Grundlagen der Zusammenarbeit im Rahmen eines zwischen Berlin und der FIFA Marketing &
TV Deutschland GmbH festgelegten Gesamtkonzepts für die Durchführung des Fan Fests
• Eigenverantwortlichkeit in der Durchführung innerhalb des für alle WM-Städte geltenden
Rahmens der FIFA (Name, Logo, „Look and Feel“, gemeinsame Inhalte)
• Vergabe der Public-Viewing-Lizenz
• Vermarktungs- und Sponsorenrechte
• Kostenaufteilung
Berlin nahm als „zentraler WM-Ort“ an den (insgesamt 18) Treffen der „Arbeitsgemeinschaft WM-
Städte“ teil, die organisatorisch vom Deutschen Städtetag zur gemeinsamen Interessensvertretung
gegenüber dem OK und der FIFA umgesetzt wurde. Auch die Durchführung der Fan-Feste wurde in
diesem Rahmen geplant und abgestimmt. Leiter und Sprecher dieser Vereinigung war Jürgen
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
59
Kießling, der Leiter der Abteilung Sport der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport
(SenV BJS 2006, S.4).
Die zentrale Verantwortung für die Organisation der WM in Berlin lag bei der Senatsverwaltung für
Bildung, Jugend und Sport, die zu diesem Zweck die „Projektgruppe Fußball-WM 2006“
einrichtete. Jede Senatsverwaltung hatte innerhalb ihres Ressorts ein WM-Team eingerichtet, deren
Vertreter an den (insgesamt 14) Sitzungen der Projektgruppe teilnahmen. Dazu kamen die Vertreter
der WM-Stäbe von Polizei und Feuerwehr und diejenigen des lokalen OK. Je nach Belang wurden
auch die Bezirke sowie BVG, S-Bahn, Berlin Partner, BTM, die Berliner Flughäfen und die BSR
beteiligt (SenV BJS 2006, S.3).
Für die Organisation der Fanmeile war die Senatskanzlei verantwortlich (siehe Abb.10). Darüber
hinaus gab es eine Vielzahl weiterer Treffen, Runder Tische und Gremien, die in unterschiedlicher
Regelmäßigkeit zusammenkamen, oder wie z.B. die Lagezentrale WM 2006 der Senatsverwaltung für
Inneres durchgehend besetzt waren (Rund-um-die-Uhr-Betrieb der Lagezentrale ab 07.06.2006 um
07:30, Fischer/ Rock, 05.03.08).
Abb.10: Projektorganisation für die WM in Berlin
Quelle: SenV BJS 2006, S.5
Ihren praktischen Anfang nahm die Berliner Fanmeile am 16.12.2005 mit der Suche des Senats nach
einem geeigneten Betreiber in Form eines Interessensbekundungsverfahrens. Die Kriterien der
Ausschreibung waren (Amtsblatt Berlin):
• Veranstaltung der „offiziellen Berliner Public-Viewing-Veranstaltung“ mit Live-Übertragungen,
kulturellem Bühnenprogramm, attraktiven Mitmachangeboten und gastronomischer Versorgung
im Zeitraum vom 07.06.2006 bis zum 09.07.2006
• Nachweis der Kompetenz für die Ausrichtung
• überzeugendes Konzept für die technische Umsetzung
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
60
• Sicherstellung, dass alle Besucherinnen und Besucher von jedem Punkt der Straße des 17. Juni aus
klare Sicht auf eine der Videowände haben
• auf die im Verlauf der WM schwankende Besucherzahl abgestimmtes Veranstaltungskonzept
• weitere Kriterien: Sicherheit, Wirtschaftlichkeit des kalkulierten Etats sowie die Kompatibilität
mit den Top-Sponsoren der FIFA für die bundesweit veranstalteten Fan-Feste (Mastercard,
Toshiba, Hyundai, Coca Cola und in Berlin zusätzlich Philips)
3.3.1.4. Ebene 4: Vor Ort
Unter den Bewerbern setzt sich ein Konsortium dreier Firmen, die so genannte Arbeitsgemeinschaft
Fan Fest Berlin (ArGe Fan Fest), durch. Sie war einer der wenigen Interessenten, die sich nicht von
den umfangreichen Auflagen abschrecken ließen (Berlin Pressemeldung, 23.02.06) und setzte sich wie
folgt zusammen (Waldhelm, 14.05.08):
• K.I.T. GmbH (Sylvester in Berlin GmbH): Sponsoring, Vermarktung, Vermarktung der VIP-
Tribünen
• Compactteam: kulturelle Inhalte
• Wohltat Entertainment: technische Vorbereitung/ Durchführung
Alle drei Firmen konnten Erfahrungen mit bereits zu anderen Gelegenheiten auf dem Gelände der
Fanmeile durchgeführten Großveranstaltungen vorweisen und hatten auch früher schon paarweise
miteinander kooperiert. Die Zusammenarbeit aller drei Beteiligten war neu, wurde aber seit der WM
auch bei anderer Gelegenheit wiederholt.
Außer mit dem Senat als Veranstalter, musste die Arbeitsgemeinschaft das Programm auch mit den
Sponsoren abstimmen. Als Teil des Gesamtkonzepts der WM bzw. des FIFA Fan-Festes war ein
Vertrag zwischen der FIFA Marketing & TV Deutschland GmbH und dem Land Berlin Grundlage für
die Fanmeile. Neben verschiedenen anderen Regelungsinhalten waren darin insbesondere
Vermarktungs- und Nutzungsrechte an Marken und Titeln enthalten (Amtsblatt Berlin).
Die Gesamtkoordination aller Aktivitäten blieb dabei beim Senat als dem Veranstalter der Fanmeile.
Er unterstützte den Betreiber bei Planung und Durchführung der Veranstaltung, insbesondere auch
hinsichtlich der entsprechenden Genehmigungen. Für den Betreiber stellte die Fanmeile eine schwer
kalkulierbare Größe dar, denn einerseits war die Unterstützung von Sponsorenseite mit Vorgaben und
Vorschriften verbunden, die seinen kalkulatorischen Gestaltungsspielraum einschränkten und
andererseits war er, unabhängig vom Verlauf der WM (Wetter, Erfolg der deutschen Mannschaft),
finanziell weitestgehend allein verantwortlich.
3.3.2. Finanzierung
Die WM, und teilweise auch die Fanmeile, wurden im Wesentlichen durch Sponsoring finanziert.
Dabei ist zwischen zwei Gruppen zu unterscheiden. Denn im Gegensatz zu den Hauptsponsoren, den
„Offiziellen Partnern“, durften die nationalen Sponsoren nur national werben. Wer kein Sponsor war,
aber dennoch kommerzielle Veranstaltungen im Zusammenhang mit der WM betreiben wollte, hatte
entsprechende Lizenzen zu erwerben. Die Finanzierung über Sponsoring brachte dementsprechend
auch die schwierige rechtliche Situation für die so genannten Public-Viewing-Veranstaltungen mit
sich (vgl. Anhang 4).
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
61
Tab.9: Internationale und nationale Sponsoren der WM
Offizielle Partner Nationale Förderer
Adidas
Anheuser-Bush
Avaya
Coca-Cola
Continental AG
Deutsche Telekom
Emirates Airline
Fuji Film
Gillette
Hyundai
Mastercard
Mc Donalds
Philips
Toshiba
Yahoo!
Energie Baden-Württemberg
OBI
Hamburg-Mannheimer
Postbank
Oddset
Deutsche Bahn
Quelle: Eigne Darstellung/ BTM 2006b
Offiziell waren kaum öffentliche Mittel zur Finanzierung der Fanmeile vorgesehen. Die diesbezüglich
an verschiedenen Stellen getätigten Ausgaben des Senats und seiner Verwaltungen sind teilweise nicht
aus allgemeinen WM-Ausgaben heraus zu rechnen und teilweise auch nicht transparent gemacht
worden. Wie z.B. die Kosten für die Sicherheit, für Videowände, für die vom Land gestalteten Teile
des Programms und die Erweiterung der Fanmeile, für die der Senat teils die alleinige finanzielle
Verantwortung trug und teils beteiligt war. Die ArGe legte ihre Kostenrechnung nur gegenüber dem
Senat offen und hält sich diesbezüglich nach Außen hin bedeckt (Waldhelm, 14.05.08). Kosten fielen
außer bei Veranstalter und Betreiber auch beim Bezirk an, denn die Müllbeseitigung war nur von
Straßenkante bis Straßenkante Sache des Betreibers, außerhalb fiel sie in die Zuständigkeit des
Bezirks, bzw. des Straßen- und Grünflächenamts, welches damit die ALBA beauftragte. Außerdem
blieb der Bezirk teilweise auf Kosten zur Instandsetzung des Tiergartens sitzen.
Noch weniger als die Kosten der Fanmeile sind die Berliner Ausgaben für die WM im Allgemeinen
zu beziffern. Auf Landesebene verstecken sie sich in den Haushalten der Verwaltungs-Ressorts, die
entsprechend der WM-Anforderungen zu gestalten gewesen waren (Fischer/ Rock, 05.03.08). Eine
objektive Erfassung und Darstellung der Ausgaben wird vermutlich gemieden, weil die Kosten an
vielen Stellen die ursprünglichen Kalkulationen überstiegen und oft nur mit den allgemein erwarteten,
und in Teilen wiederum auch durchaus belegbaren, positiven Auswirkungen des Image-Gewinns – die
„unbezahlbare Werbung“ (SenV BJS 2006, S.17) – für Berlin gerechtfertigt werden konnten. Auch in
der Bilanz, der für die WM federführenden Senatsverwaltung für Bildung Jugend und Sport finden
sich nur Angaben zu ihren ursprünglich für Vorbereitung und Durchführung der WM vorgesehenen
Mitteln. Nämlich insgesamt 37 Mio. €, von denen 30 Mio. € für WM-bedingte Baumaßnahmen (z.B.
Olympia-Stadion und Umfeld) vorgesehen waren und die verbliebenen 7 Mio. € für sämtliche
Maßnahmen zu Vorbereitung und Durchführung der Fanmeile, der Öffentlichkeitsarbeit, des
Marketings, der Fan- und Gästebetreuung und zur Förderung von Projekten des kulturellen
Rahmenprogramms (SenV BJS 2006, S.16). Damals wie heute liegen keine öffentlichen Zahlen für die
Ausgaben im Zusammenhang mit der Gewährleistung der Sicherheit, des Katastrophenschutzes und
der medizinischen Versorgung vor (Fischer/ Rock, 05.03.2008).
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
62
Tab.10: Posten auf der Fanmeile
Aufbauten Die Aufbauten wurden von den Sponsoren finanziert. Die ArGe bot dazu
verschiedene Pakete von Bauten, bzw. Werbefläche an. Der Sponsor zahlte einen
Preis für das Werberecht und für die Kosten der Bauausführung.
Standmieten Die Standmieten bildeten „einen Bestandteil“ (keine näheren Angaben) der
Einnahmen der ArGe. Es galten Festpreise. Das Gewinn- und Verlustrisiko
verblieb bei den Mietern.
Infrastruktur:
Absperrung, Licht,
Ton, Kabel, etc.
zu Lasten der ArGe
Verbrauch: Strom,
Wasser, etc.
zu Lasten der ArGe
Videowände Philips übernahm die Grundausstattung der Fanmeilen in Deutschland. In Berlin
war das die Hauptbühne und die erste Brücke (Kosten ca. 500.000 €,
Fischer/Rock 05.03.08). Die Kosten der anderen drei Brücken und die beiden
Videowände „auf Truck-Basis“ (vgl. Kapitel 3.4.1.) teilten sich Senat und ArGe
Sicherheit Die Kosten für die polizeilichen Sicherheitsleistungen gingen zu Lasten des
Senats, die ArGe war zuständig für die privaten Sicherheitsdienstleistungen.
Sanitätsdienst zu Lasten der ArGe
Programm Je nach Programmpunkt fielen die Kosten anderen Verantwortlichen zu. Die
Übertragungen waren als Teil des Fan-Fest-Konzepts kostenfrei. Eröffnungs-
und Abschiedsfeier wurden vom Senat finanziert und von der FIFA unterstützt.
Das Klassikkonzert war Sache der Bundesregierung. Das allgemeine Programm,
etwa die DJs, wurde von der ArGe bezahlt.
Pressebetreuung Sache des Landes (Fischer/ Rock, 05.03.08)
Reinigung Straße zu Lasten der ArGe bei zweimaliger Preiserhöhung wegen den Erweiterungen
Pflege und
Reinigung Park
Wässerung/ Pflege des Parks: 365.000 € zu Lasten des Bezirks (ND, 28.06.06)
Reinigung zu Lasten des Bezirks, teilweise abgegeben an die ArGe
Toiletten Sache der ArGe, an separaten Betreiber abgegeben
Schäden
Grünfläche und
Straße
Von den ca. 390.000 € Grünflächen- und ca. 10.000 € Straßenschäden (Weiß,
29.02.08) übernahm der Senat nur die von Anfang an bekannten 300.000 € und
nicht die nachgereichten Kosten für durch Zuliefer- und Einsatzfahrzeuge
verursachte Schäden an Wegen und Brücken (Götte, 12.04.08).
Quelle: Eigene Darstellung/ Waldhelm, 14.05.08; Weiß, 27.03.08
3.3.3. Genehmigung der Fanmeile
Im Zweifelsfall war immer der Sicherheitsaspekt das Ausschlag gebende Kriterium, mit dem sowohl
Auflagen (Absperrung, Videoüberwachung) wie auch Ausnahmeregelungen begründet wurden. Die
Sicherheitsanforderungen rechtfertigten es, ein so großes und normalerweise frei zugängliches
Stadtgebiet für über einen Monat aus dem Stadtgefüge heraus zu nehmen.
Ihre überörtliche Bedeutung machte die Fanmeile zu einer Sache des Senats, der der Regierende
Bürgermeister zustimmen musste. Die ArGe Fan Fest musste als Betreiber der Fanmeile die
folgenden, für Großveranstaltungen üblichen, Genehmigungen einholen (Waldhelm/ Weiß 2008):
• für die Straßennutzung bei der Straßenverkehrslenkung (VLB): Beginn des
Genehmigungsablaufs mit Vorlage von Antrag und Konzept durch den Veranstalter
• für die Sondernutzung von Straßenflächen beim Straßen- und Grünflächenamt, als dem
Grundstückseigner (Konzept und Lageplan)
- einmal hinsichtlich der Straßenflächen
- einmal hinsichtlich der Grünflächen
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
63
Die normalerweise fälligen Sondernutzungsgebühren nach Gebührenordnung entfallen, da der Senat
als Veranstalter sein eigener Kunde wäre. Auf der Straße des 17. Juni wären das ansonsten 3,50 € pro
m² und Tag (Waldhelm, 14.05.08/ Weiß, 27.03.08).
Das Amt stimmt sich mit den Behörden ab und erteilt dann die Genehmigung unter Berücksichtigung
aller Belange mit Verweis auf den Bedarf der Einholung folgender weiterer Genehmigungen:
• Lärmgenehmigung bei der Senatsaverwaltung für Umweltschutz
• Gestattung für das Anbieten von Speisen und (insbesondere alkoholischen) Getränken beim
Wirtschaftsamt
Außerdem erteilt es technische Auflagen zum Schutz von Grün und Straße sowie zur Sicherheit und
verweist des Weiteren auf die Vorgaben der FIFA und auf die Schadensersatzpflicht.
• das Sicherheitskonzept wurde gemäß den Vorgaben aus dem Innenministerium zusammen mit der
Polizei erstellt (vgl. Kapitel 3.4.6.)
• das Sanitätskonzept wurde zusammen mit dem DRK und der Feuerwehr erstellt (vgl. Kapitel
3.4.5.)
Die Bauaufsicht kontrollierte die Aufbauten und stand zur Abstimmung der Maßnahmen bis zur
Fertigstellung im Kontakt mit dem Betreiber.
Entsprechend des Formats der Veranstaltung und der teilweise neuen Grundvoraussetzungen verliefen
die Vorbereitungen und Genehmigungen in fortdauernder Zusammenarbeit der Behörden und
Beteiligten in prozessualer Form. An den regelmäßigen und unregelmäßigen Treffen waren, je nach
Anliegen, beteiligt (Weiß, 27.03.08):
• Veranstalter und Betreiber
• Wirtschaftsamt
• Umweltamt
• Veterinäramt
• Polizei
• DRK
• Feuerwehr
• Nahverkehrsbetriebe
• Reichstag
• Bundeskanzleramt
• (und teilweise auch andere Veranstalter, wie z.B. Adidas)
Der Kontakt wurde auch während der Veranstaltung über tägliche Treffen in der Koordinierungsstelle
im Simsonweg gehalten (vgl. Kapitel 3.4.1.).
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
64
3.3.4. Vermarktung
Die Fanmeile selbst war zu einem nicht geringen Grad eine
als Erlebniswelt aufgebaute Werbe-Plattform. Die Logos
der verschiedenen Sponsoren (vgl. Tab.9) prägten Sprache
und Bild rund um das Großereignis. Die FIFA-Regelungen
zum Sponsoring bestimmten Erscheinungsbild und
Angebote auf der Fanmeile. Neben dem Marketing der
Sponsoren und der Vermarktung des kommerziellen
Produkts Fußball im Allgemeinen gab es auch noch die
Bemühungen um das Standortprofil des Gastgeberlandes
und der beteiligten Städte, die versuchten ihre hohen Investitionen zu rechtfertigen und in
Imagegewinn umzusetzen. So erfolgte das Marketing der Fanmeile eingebettet in das
gesamtberlinerische Marketing, welches wiederum neben dem allerorts präsenten
Deutschlandmarketing (Land der Ideen, Invest in Germany, etc.) stand. Die Selbstdarstellung
Deutschlands als Kunst- und Kulturnation brachte mit dem Konzert des Deutschen
Symphonieorchesters auf der Hauptbühne vor dem Brandenburger Tor und dem Fußball-Globus auf
dessen östlicher Seite auch für die Fanmeile Angebote hervor.
Daneben waren noch viele weitere Akteure, wie die IHK oder der Hotel- und Gaststättenverband,
entsprechend ihrer jeweiligen Arbeitsfelder aktiv. So setzte sich z.B. die IHK im Sinne des
Sponsoreninteresses und des Hauptstadtmarketings von Anfang an für den Veranstaltungsort 17. Juni
ein. Gerade zu Anfang tat sie das auch durchaus vehementer als die kompromissbereitere BTM. Später
sollte das von allen Befürwortern der Straße des 17. Juni angeführte Argument des in aller Welt
sichtbaren Berliner Markenzeichens Brandenburger Tor mit ausschlaggebend sein für die
abschließende Entscheidung.
Ähnliche, für das Stadtmarketing günstige, Voraussetzungen ergaben sich für die Standorte der
Adidas-Arena auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag, dem Fußball-Globus auf dem Pariser
Platz vor dem Brandenburger Tor, der Bundestagsarena vor dem Paul-Löbe-Haus und der ZDF-Arena
im Sony-Center auf dem Potsdamer Platz. Anders als im Fall dieser „neuen“ Konstellationen, hatte
sich der Ort „Straße des 17. Juni“ bereits in der Vergangenheit zusammen mit dem Brandenburger Tor
als Kulisse für Werbebotschaften zur Veranstaltungsfläche mit Prestige entwickelt. Die Bedeutung des
Straßenabschnitts zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule bzw. Ernst-Reuter-Platz war auch
vorher schon weit über die eines wichtigen Verkehrsträgers hinausgegangen19. Nun war er zu einem an
Ausstrahlung in Deutschland kaum zu überbietenden Veranstaltungsort nationaler und inzwischen
sogar weltweiter Bekanntheit geworden.
19 Kaiserreich: Charlottenburger Chaussee/ Drittes Reich: Teil der Germania-Planung/ BRD: Namensgebung
nach Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953
Abb.11: Markenpräsenz auf der Fanmeile
Quelle: Presse- & Informationsamt Berlin
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
65
Abb.12: „Mastercard
Meetingpoint“ Abb.13: „Hyundai Giant Soccer
World”
Abb.14: “Toshiba Multimedia
Truck“
Quelle: Pressemappe Fanfest Berlin Quelle: Pressemappe Fanfest Berlin Quelle: Pressemappe Fanfest Berlin
3.3.4.1. Die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM)
Die Hauptstadt-Werbekampagne wurde von Berlin Partner betrieben, während die Aufgabe der BTM
in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zentrale für Tourismus e.V. die touristische Vermarktung der
WM (BTM 2006d, S.16, 21) sowie die Stärkung des „Metropolencharakters“ der Stadt und ihres
Images als Austragungsort von Sportgroßveranstaltungen war (SenV BJS 2006, S.15).
Im Stadtbild Berlins und auch rund um die Fanmeile präsent, waren die „City-Volunteers“ genannten
Freiwilligen der BTM und anderer Organisationen. Auch im Programm, das die BTM im Auftrag des
Senats durchführte, wurden freiwillige, stadtkundige Helfer an wichtigen touristischen Orten
eingesetzt, um die Fragen der „Welt zu Gast bei Freunden“ zum öffentlichen Nahverkehr, zu den
Spielen oder den Veranstaltungsorten zu beantworten (BTM 2006d, S.33). Auch andere Institutionen
suchten sich ehrenamtliche Unterstützung für ihre Kundenbetreuung:
Tab.11: Übersicht Volunteer-Programme
Betreuende Organisation Anzahl Volunteers
BVG 130
BTM 51
S-Bahn 150
FIFA 50
FIFA-Fan-Botschaften 60
VBB 79
Quelle: BTM 2006d, S.33
3.3.4.2. Die Berlin Partner GmbH – Maske für das Stadtbild
Die eigentliche Berlin-Präsentation war Aufgabe von Berlin Partner GmbH. Sie hatte mit ihrem
Angebot die Ausschreibung des Senats zur Unterstützung seiner Marketing- und Kommunikations-
Maßnahmen gewonnen. Der Senat als Auftraggeber finanzierte die Maßnahmen; als
Unternehmerverband brachte Berlin Partner aber auch in großem Umfang ihre eigenen Ressourcen mit
ein. So stellten Ströer, Wall, RBB, MTV und Andere Medialleistungen wie Außenwerbung, Radiozeit
und Anzeigenplatz zur Verfügung.
Fanmeile: Hinter der Fanmeile
66
Kooperation bzw. Zusammenarbeit bestand anlassbezogen mit der Senatsverwaltung für Bildung,
Jugend und Sport, der Senatskanzlei, dem Olympiastadion, der FIFA, den FIFA-Sponsoren, der BTM
und der IHK (Herzog 2008). Neben Werbung, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, zählten auch
Veranstaltungen und die Betreuung von WM-Gästen zu den verwirklichten Maßnahmen (SenV BJS
2006, S.15).
Auswahl der Marketing Maßnahmen zum „City-Dressing“ und den medialen Aktivitäten von Partner
Berlin (Berlin Partner 2006a, S.70ff und 2006b, S.4ff):
• Beflaggung Berlins mit dem „Composite-Logo“ temporär seit 2003 (siehe Abb.15) an
verschiedenen Standorten in Berlin. Mit Brandenburger Tor, Siegessäule und Ernst-Reuter-Platz
auch in der Umgebung der Fanmeile
• Riesenposter an publikumsträchtigen Orten oder an Baugerüsten: z.B. Marienkirche von
Dezember 2003 bis Januar 2004
• Poster- und Postkarten-Kampagne „Das schönste Lächeln“
• Logo und Motto auf mobilen Werbeträgern: auf zunächst fünf und später sieben Velotaxis,
sowie auf drei und später fünf Doppeldeckerbussen (siehe Abb.15)
• „Buddy-Bären“ in WM-Gestaltung
Daneben wurden noch weitere Werbeaktivitäten, wie Fernsehspots, Anzeigen, Internetseite und
Medienservice (z.B. Versand von USB-Sticks mit Berlin-Präsentationen) betrieben.
Abb.15: WM-„Buddy-Bär“, BVG-Bus im WM-Design, öffentliche Beflaggung
Quelle: Berlin Partner
3.3.5. Zwischenfazit: Hinter der Fanmeile
Die verschiedenen Maßnahmen zu Organisation, Finanzierung, Genehmigung und Vermarktung
der Fanmeile sind, wie beschrieben, teilweise stark mit Maßnahmen aus dem städtischen und
überregionalen Kontext der WM verwachsen. Ungeachtet dessen wird deutlich, dass die Zahl der
Beteiligten, Umfang und Struktur der Organisation und der betriebene Aufwand weit über das bei
anderen Großveranstaltungen übliche Maß hinaus geht.
Fanmeile: Auf der Fanmeile
67
3.4. Auf der Fanmeile
In „Auf der Fanmeile“ wird die Fanmeile gewissermaßen als materialisiertes Produkt der teils
jahrelangen Vorbereitungen beschrieben, wie sie sich ihren Besuchern präsentierte. Neben der
technischen Infrastruktur, werden auch der Aufbau des Fanmeilen-Betriebs und der Verlauf der
Veranstaltung dargestellt. „Auf der Fanmeile“ ist in sechs Abschnitte gegliedert:
• Aufbau: Aufbau der Fanmeile im Ausgangszustand
• Ausbau: Erweiterungen der Fanmeile
• Verlauf: Verbrauch, Programm, Besucherzahlen
• Betrieb: Reinigung, Zulieferung, Kontrollen (Fanmeile als Arbeitsplatz)
• Sanitätsdienst: DRK
• Sicherheit: Polizei und Security
3.4.1. Aufbau
In diesem Abschnitt werden die Aufbauten der Reihe nach von Ost nach West beschrieben. Zur
besseren Orientierung wird der jeweils beschriebene Standort oder Straßenabschnitt auf einem
Standort-Indikator markiert. Die spezifischen Aufbauten und Strukturen von Polizei und DRK finden
sich in den jeweiligen Kapiteln (Sanitätsdienst Kapitel 3.4.5., Sicherheit Kapitel 3.4.6.).
Pariser Platz
Auf dem Pariser Platz war der temporäre Standort der Übertragungswagen von ZDF und RTL.
Brandenburger Tor/ Platz des 18. März
Die Bühne am Brandenburger Tor war der
Hauptschauplatz der Fanmeile. Die vom Aufsteller so
Videowand (60 m²) der Fanmeile vor und bot auf der weit
gefassten Fläche darunter Platz für das Hauptprogramm.
Links und rechts vom Platz des 18. März stand je eine
Tribüne mit direktem Blick zur Hauptbühne und 342 Plätzen
in acht Reihen. Der Zugang zu den Bühnen war nicht frei und
in der Regel geladenen Gästen vorbehalten.
Abb.16: Skizze Hauptbühne
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Auf der Fanmeile
68
Produktionscamp im Simsonweg und TV-Camp
Das Hauptquartier der Fanmeile lag nördlich des Platzes des 18.
März im Simsonweg. Dort war teils in einfachen und teils in
Doppelcontainern, auf abgegrenztem Territorium, die Zentrale der
Fanmeile untergebracht.
Ebenfalls auf eigenem Territorium, lag parallel zur südlichen
Ebertstraße, teils in Containern teils in Übertragungswagen
untergebracht, das Camp von ARD und RBB. Direkt am Platz
des 18. März war, über eine Kabelbrücke verbunden, das
„gläserne Studio“ aufgebaut.
Abb.17: Produktions- und TV-
Camp
Quelle: Eigene Darstellung
Tab.12: Funktionen des Produktionscamps in der Simsonstraße
Koordinierungsstelle:
(inkl. Zentrale der Videoüberwachung)
- Veranstalter (Senat)
- Bezirk (Mitte)
- DRK
- ArGe
- Feuerwehr
- Polizei
- tgl. besetzt von 10:00 bis 24:00
Bereiche der ArGe:
- Kulturbereich
- Produktionsbereich
- Sponsorenbereich
- Logistikbereich
- Personalbereich
- Ton- und Lichtbereich
- Bühnenbereich
weitere Einrichtungen:
- Garderobe
- Moderatoren
- Security
- Funkzentrale
- Sanitäreinrichtungen
- Catering/
eigene Versorgung
Quelle: Waldhelm, 14.05.08
Straße des 17. Juni
Die ganze Länge der Fanmeile säumten Stände und Buden. Etwa ein Fünftel der Fanmeile war durch
Stände belegt, davon entfielen ungefähr zwei Drittel auf Catering und eines auf Sponsoring
(Waldhelm, 14.05.08). Ebenfalls auf ganzer Länge waren so genannte „Delay-Tower“ aufgestellt, 10m
hohe Lautsprechertürme, die einzeln oder in ihrer Gesamtheit ansteuerbar waren. Ebenfalls auf die
ganze Länge der Fanmeile verteilt waren die WC-Standorte. Im Folgenden wird die Straße
abschnittsweise beschrieben.
Abb.18: Videowall-Brücke (mit Großbildern in beide Richtungen)
links: Videowall-Brücke
mit eingehängten Screens
und Werbeflächen
(Tagesbetrieb)
rechts: Videowall-Brücke
als Tanzflächenüberbau
inklusive Lichtanlage
(Nachtbetrieb)
Quelle: Presse- & Informationsamt Berlin
Fanmeile: Auf der Fanmeile
69
Abschnitt Platz des 18. März bis Yitzhak-Rabin-Straße
Kurz hinter der Mündung der Straße des 17. Juni waren die
Sponsoren-Standorte von Mastercard und Philips. Weiter
westlich folgte der erste Standort von Karstadt-Sport. Auf
halber Strecke des Abschnitts war die erste, die Straße
überspannende, Videowall-Brücke (siehe Abb.18). Tags
wurden dort in beiden Richtungen der Straße des 17. Juni
die Spiele gezeigt und abends wurden diese Standorte als,
voneinander unabhängige, Tanzflächen mit eigenen DJs
und Lichtanlagen genutzt. Nach dem Sponsoren-Standort
von Hyundai bildete das Pressezentrum von Coca-Cola
mit eigener Videowand (36 m²) den Abschluss dieses
Straßenabschnitts. Dort war auch das Medienzentrum des
Landes untergebracht, das täglich von 11:00 bis 23:00
geöffnet hatte (BTM 2006b, S.6). Für die Journalisten gab
es die Gelegenheit, ihre Aufnahmen von der 12 m hoch
gelegenen Dachterrasse aus zu machen.
Trennmarke Yitzhak-Rabin-Straße
Für den Meilenbesucher unsichtbar, bedeutete die Kreuzung Yitzhak-Rabin-Straße/ Straße des 17.
Juni in mehrfacher Hinsicht einen Fixpunkt auf der Fanmeile. Sie markierte das Ende des
Hauptveranstaltungsbereichs, also den Teil, in dem auch bei weniger besuchten Spielen und abends
am längsten etwas los war. Außerdem war sie in organisatorischer Hinsicht eine Trennmarkierung,
etwa hinsichtlich der Zuteilung der Getränke-Reservoirs zur Nachversorgung der Verkaufsstände und
auch in betriebstechnischer Hinsicht, etwa als dem zentralen Standort, an dem nachts der Müll
zusammengefahren wurde (vgl. Kapitel 3.4.4.).
Abschnitt Yitzhak-Rabin-Straße bis kleiner Stern
Zentral auf der Fanmeile war der Werbeturm von Mastercard, der so genannte Meeting-Point“,
aufgebaut. Keine 200 m vom Pressezentrum von Coca-Cola entfernt folgte die nächste Videowall-
Brücke und kurz vor der Höhe des Grünflächenamts der „Multimedia-Truck“ von Toshiba und die
nächste Filiale von Karstadt. Darauf folgten:
• der Fanmeilen-Standort20 der FIFA-Fanbotschaft, eine Art Fußball-Touristeninformation,
• ein kleines Fußballspielfeld,
• eine 12 x 14 m große Riesentorwand,
• die Fanmeilen-Standorte der Imagekampagnen „FC-Deutschland“ und der daraus
hervorgegangenen Kampagne „Deutschland – Land der Ideen“ und
• die dritte Videowall-Brücke (die letzte des ursprünglichen Fanmeilen-Aufbaus)
20 weiterer Standort in der Budapester Straße am Breitscheidplatz
Abb.19: Aufbau Coca-Cola Pressezentrum
Quelle: Presse- & Informationsamt Berlin
Fanmeile: Auf der Fanmeile
70
Trennmarke Kleiner Stern
Anders als die erste Trennmarke an der Yitzhak-Rabin-Straße, war der kleine Stern deutlich als
Markierung zu erkennen. Das hier aufgestellte Riesenrad (Höhe: 40m) war der weithin sichtbare
Abschluss des eigentlichen Fanmeilen-Bereichs. Westlich davon folgten neben den überall
befindlichen Ständen nur noch Spiel- und Aktionsflächen. Diese Markierung wurde später von den
Erweiterungen überschritten und damit der Fanmeile einverleibt.
Abschnitt Kleiner Stern bis Großer Stern
Dieser Bereich war anfangs nur bis zur Hälfte gefüllt. Hier befand sich neben dem einzigen Ausschank
im Innenbereich („Schmankerlhüttn“) ein Reihe von Sand-Spielflächen. Neben Sandkasten, Fußball-
und Beachvolleyball-Feldern und Liegestuhlbereichen war dort auch der Skulpturenbereich der
„World of Football and Sand“ mit ca. 800 Tonnen Sand. Den Abschluss der ursprünglichen
Fanmeile markierte der rosarote Riesenhase von Duracell.
Abb.20: Fanmeile:
Siegessäule bis
Riesenrad
Quelle: wikipedia.de
Abb.21: Fanmeile:
Riesenrad bis
Brandenburger Tor
Quelle: Presse- und
Informationsamt Berlin
Abb.22: Fanmeile:
Nachts mit
illuminiertem
Fußballglobus
Quelle: Presse- und
Informationsamt Berlin
Abb.23: Fanmeile:
Blick vom
Pressezentrum
Quelle: Presse- und
Informationsamt Berlin
Fanmeile: Auf der Fanmeile
71
Die hier dargestellte Grundstruktur der Fanmeile in Form von Catering, sanitären Anlagen,
Merchandising, und Aufbauten wurde mit den im Folgenden beschriebenen Erweiterungen
entsprechend ausgedehnt. Am Ende wurde die gesamte Strecke vom Brandenburger Tor bis zur
Siegessäule flächendeckend versorgt.
3.4.2. Ausbau
Die Fanmeile übertraf hinsichtlich Erfolg und Zulauf alle Erwartungen. Dem beständig wachsenden
Besucherandrang wurde zunächst mit mehr Zugängen und einem zusätzlichen Videowand-Standort
auf dem ursprünglichen Gelände der Fanmeile entsprochen. Gegen Ende der WM wurde die Fanmeile
trotz Verkehrsproblematik und Sicherheitsbedenken über den Großen Stern hinaus erweitert, womit
den Besuchern am Schluss 12 Großbildwände zur Verfügung standen.
Tab.13: Technische Ausstattung zu Beginn der WM
Bild acht Großbild-Videowände: davon eine am Brandenburger Tor, sechs an den drei Brückenbauten
über die Straße des 17. Juni und eine am Pressezentrum
Ton 250 Lautsprecher mit einer Gesamtleistung von ca. 300 kW
Licht Lichtanlagen mit insgesamt ca. 900 Lampen an den Videowall-Brücken
1.200 Scheinwerfer zur Beleuchtung der Fanmeile
Gesamtleistung: ein Megawatt
Zeltfläche Catering, Verkauf und Aktionsstände auf 4.000 qm
Quelle: Presseamt 2006
3.4.2.1. Ursprungszustand
Abb.24: Fanmeile: 07. Juni bis 23.Juni
Quelle: Eigene Darstellung/ Bietergemeinschaft Fan Meile
Fanmeile: Auf der Fanmeile
72
• Fläche21: ~ 65.000 m², erst später wird die Bebauung der Fanmeile bis zur Absperrung am Großen
Stern und dann darüber hinaus erweitert
• Videowände: 7+1 (dpa 2006):
- eine 60m² große Wand über der Hauptbühne am Brandenburger Tor
- jeweils zwei ca. 40m² große an den Werbe-Brücken quer über die Straße
- plus die Videowand am Pressezentrum von Coca-Cola (sie findet sich i.d.R. nicht in den
offiziellen Angaben, ist aber mit 36 m² als gleichberechtigt zu betrachten)
• Zugänge: 16
• Besucherkapazität: 750.000 (Veranstalterangaben)
3.4.2.2. Ausbau I
Abb.25: Fanmeile: 24. Juni (Achtelfinale) bis 03. Juli
Quelle: Eigene Darstellung/ Berliner Zeitung, 22.06.06
Um den stetig wachsenden Besucherandrang zu bewältigen, wurden
neue Zugänge eingerichtet. Ein weiterer Großbild-Standort sollte dafür
sorgen, dass 90.000 zusätzliche Besucher von ihrem Standort aus auch
einen Blick auf die Spiel-Übertragung hatten.
• Fläche: 72.000 m², die Fanmeile nimmt den gesamten abgesperrten
Bereich in Anspruch
• Videowände: 9+1
• Zugänge: 18
• Besucherkapazität: 750.000 (Veranstalterangaben)
Abb.26: Videowall Aufbau
Quelle: www.berlin.de
21 Wie bei den Angaben zu den Besucherzahlen, gehen auch die Angaben zu den Abmessungen der Straße des
17. Juni je nach Quelle auseinander. Hier wird von 1,8 km Länge und rund 40 m Breite ausgegangen.
Demnach liegt eine Gesamtfläche von 72.000 m² vor (Berliner Zeitung, 30.06.2006 mit Verweis auf offizielle
Vermessungsdaten Berlins). Andere Stellen, teilweise auch des Landes, sprechen von bis zu 2,5 km.
Fanmeile: Auf der Fanmeile
73
3.4.2.3. Ausbau II
Abb.27: Fanmeile: 04. Juli (Halbfinale) bis 09. Juli
Quelle: Eigne Darstellung/ Tagesspiegel, 04.07.08
Für die letzten Spiele und zum Empfang der deutschen
Nationalmannschaft auf der Berliner Fanmeile wurde dem weiter
gewachsenen Platzbedarf mit dem Schritt über den Großen Stern
entsprochen. Nach Veranstalterangaben bot sie damit Platz für
150.000 weitere Besucher. An der Siegessäule wurden zwei
Großbild-Videowände auf Lastwagen und die entsprechende
Versorgungsinfrastruktur bereitgestellt (Berliner Morgenpost,
02.07.06)
• Fläche: zuzüglich Großer Stern und weitere Straßenbereiche
• Videowände: 11+1
• Zugänge: 24
• Besucherkapazität: 900.000 (Veranstalterangaben)
Abb:28: „Videowall auf Truck-
Basis“
Quelle: www.berlin.de
3.4.3. Verlauf
In diesem Abschnitt soll in kurzer Form ein Eindruck vom Verbrauch und dem Tagesverlauf der
Fanmeile vermittelt werden. Anschließend werden Programm und Besucherstatistik vorgestellt.
3.4.3.1. Verbrauch
Die Fanmeile hatte einen immensen Verbrauch an Gütern verschiedenster Art. Angefangen bei den
personellen Ressourcen, die zu ihrer Realisierung nötig und teilweise über Jahre durch sie gebunden
waren und genauso hinsichtlich ihrem Kapitalverbrauch in öffentlich und privat erbrachten
Leistungen. Ihr Infrastrukturbetrieb fraß riesige Mengen Strom und das Wässern des angrenzenden
Tiergartens wegen der Urinbelastung verbrauchte täglich sechs Mio. Liter Spreewasser (ND,
Fanmeile: Auf der Fanmeile
74
28.06.06). Eine ungefähre Vorstellung des Konsums auf der Fanmeile vermittelt die folgende
Übersicht der BTM. Um den Bierbedarf zu decken, musste Budweiser (Anheuser Busch) lokale
Unterstützung durch die Kindl-Schultheiss-Brauerei akzeptieren, die mit Nacht- und
Wochenendschichten arbeitete, um mit der Nachfrage der Fanmeile und anderer Veranstaltungsorte
Schritt zu halten (Welt, 23.06.06).
Tab.14: Konsum auf der Fanmeile (Beispiele)
Getränke
Bier 862.000 Liter
Wasser 86.826 Liter
Cola 718.880 Liter
andere Limonaden 79.724 Liter
Apfelschorle 23.790 Liter
Berliner Weiße 31.780 Liter
Kaffee 28.000 Liter
= 1.831.000 Liter
Verzehr
Bratwurst 2,5 Mio. Port.
Boulette 1,1 Mio. Port.
Quelle: BTM 2006c, S.2
3.4.3.2. Tagesverlauf
Die Besucherdichte hing wesentlich vom Spieltag ab (vgl. Abb.31; Tageszahlen siehe Anhang 2). Ein
durchschnittlicher Spieltag verlief wie folgt (Waldhelm, 14.05.08):
• Die Einlässe wurden bereits ca. um 10:00 Uhr geöffnet, also noch eine Stunde vor den offiziellen
Öffnungszeiten, so dass die Fanmeile zu Programmbeginn um 11:00 bereits lose bevölkert war.
Die Allerersten sicherten sich um diese Zeit auch schon die Plätze vor der Hauptbühne.
• Gegen 12:00 Uhr begannen die DJs an den einzelnen Videowand-Standorten, Musik zu machen.
Wenn kein Sonderprogramm (Live-Auftritte) stattfand, teilte sich der Radiosender RS2 die
Programmzeit außerhalb der Spiele auf der Hauptbühne mit den Sponsoren, denen entsprechende
Kontingente zustanden.
• Ab drei Stunden vor Spielbeginn war das Areal bereits sehr gut gefüllt und zwei Stunden vorher
war die Fanmeile voll. Teilweise wurden um diese Zeit auch schon die Zugänge gesperrt.
• Nachmittags begannen, je nach Entwicklungsstand des Turniers, zwischen 15:00 und 17:00 Uhr
die Live-Übertragungen. Sie endeten gegen 23:00 Uhr. Die Spiele, als Wesenskern der ganzen
Veranstaltung, bestimmten Zulauf und zeitliche Ausdehnung des jeweiligen Tages.
• Nach dem Spiel/ den Spielen blieb ein großer Teil der Besucher auf der Fanmeile, um zu feiern –
an jedem Videostandort legte bis ca. 01:00 ein anderer DJ auf. Im Unterschied zum
Tagesprogramm, wurden die Bereiche um und unter den Videowänden nachts zu Tanzflächen mit
Lichtanlage.
• Um Mitternacht wurde mit einer Lasershow der neue Tag begrüßt. Zu diesem Zeitpunkt war noch
ca. ein Drittel bis zur Hälfte der Besucher anwesend. Dann leerte sich die Fanmeile sukzessive
Richtung Hauptbühne von West nach Ost. Gegen 02:00 Uhr, nachdem die Besucher größtenteils
gegangen waren, begannen die Reinigungsarbeiten.
• Vom Standardablauf wichen erwartungsgemäß insbesondere die Spieltage mit deutscher
Beteiligung ab, an denen länger gefeiert wurde.
Fanmeile: Auf der Fanmeile
75
Abb.29: Tanzen unter der Video-Brücke
Quelle: www.berlin.de
Abb.30: Vor dem Spiel auf der Fanmeile
Quelle: www.berlin.de
3.4.3.3. Programm und Besucherstatistik
Zu Beginn der WM gerieten Polizei und Senat wegen den Zahlen zum Besucheraufkommen
aneinander. Die Polizei veröffentlichte ihre eigenen, sehr viel niedriger ausfallenden Zahlen und stellte
den Senat damit als Schaumschläger hin. Der Senat sah seine Fanmeile von der Polizei klein geredet
und argumentierte unter anderem mit dem Konsum an den Wurstbuden für seine Besucherzahlen. Am
Ende einigten sie sich darauf, dass die Polizei ihre Zählungen nur noch intern verwenden durfte.
Nach Herangehensweise der Polizei kommen bei gut besuchter Fanmeile 1 bis 2 Personen auf einen
Quadratmeter und maximal 4, wenn es richtig voll ist (Colberg/ Ziehe 07.05.08). Geht man von 1,8
Kilometer Länge und 40 Meter Breite der Veranstaltungsfläche aus und zieht davon dann ein grob
geschätztes Fünftel (Waldhelm, 14.05.08) für Aufbauten und Stände ab, kommt man auf maximal ca.
230.000 Personen, die gleichzeitig zwischen Brandenburger Tor und Großen Stern passen. Laut Senat
war diese Zahl bereits am ersten Tag auf der Fanmeile zusammen gekommen (bei insgesamt 300.000
Tagesgästen), die Polizei zählte an diesem Tag die Hälfte (Berliner Zeitung, 08.06.06). Ungeachtet
dieser Differenzen geben die in Abb.31 dargestellten, offiziellen Senatszahlen mit insgesamt 9,8 Mio.
Besuchern bei einem Tagesrekord von 1,6 Mio. zumindest die Proportionen zwischen den einzelnen
Veranstaltungstagen wieder.
Fanmeile: Auf der Fanmeile
76
Tab.15: Spiele und Programmverlauf
Tag Spiele Programm und Ereignisse
Eröffnung
Mittwoch,
07. Juni
Eröffnungsveranstaltung mit Fußballgrößen, dem
Regierenden Bürgermeister, internationaler Lifemusik,
Bläserensemble der Philharmonie sowie Lasershow und
Feuerwerk22
Donnerstag,
08. Juni
Live-Übertragung ZDF-Ticket-Show
Versteigerung von WM-Rasenstücken
Musik-Bühnenprogramm
Freitag,
09. Juni
18:00: Deutschland – Costa-Rica
21:00: Polen – Ecuador
Gruppenspiele, drei Spiele täglich ab 15:00
Samstag,
10. Juni
15:00 England – Paraguay
18:00 Trinidad/ T.23 – Schweden
21:00 Argentinien – Elfenbeinküste
Sonntag,
11. Juni
15:00 Serbien/ M.24 – Niederlande
18:00 Mexiko – Iran
21:00 Angola – Portugal
erster „Super Sunday“ (Fußball und Formel 1)
Montag,
12. Juni
15:00 Australien – Japan
18:00 USA – Tschechien
21:00 Italien – Ghana
Dienstag,
13. Juni
15:00 Südkorea – Togo
18:00 Frankreich – Schweiz
21:00 Brasilien – Kroatien (B)25
Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier
Mittwoch,
14. Juni
15:00 Spanien – Ukraine
18:00 Tunesien – Saudi-Arabien
21:00 Deutschland – Polen
Donnerstag,
15. Juni
15:00 Ecuador – Costa-Rica
18:00 England – Trinidad/ T.
21:00 Schweden – Paraguay (B)
Besuch vom Regierenden Bürgermeister Klaus
Wowereit
Freitag,
16. Juni
15:00 Argentinien – Serbien/ M.
18:00 Niederlande – Elfenbeinküste
21:00 Mexiko – Angola
Samstag,
17. Juni
15:00 Portugal – Iran
18:00 Tschechien – Ghana
21:00 Italien – USA
Sonntag,
18. Juni
15:00 Japan – Kroatien
18:00 Brasilien – Australien
21:00 Frankreich – Südkorea
Montag,
19. Juni
15:00 Togo – Schweiz
18:00 Saudi-Arabien – Ukraine
21:00 Spanien – Tunesien
Gruppenspiele, vier Spiele täglich ab 16:00 Uhr
Dienstag,
20. Juni
16:00 Ecuador – Deutschland (B)
16:00 Costa-Rica – Polen
21:00 Paraguay – Trinidad/ T.
21:00 Schweden – England
Live-Konzert: Sportfreunde Stiller
Info-Bus: Fanclub Nationalmannschaft auf der Fanmeile
Mittwoch,
21. Juni
16:00 Portugal – Mexiko
16:00 Iran – Angola
21:00 Niederlande – Argentinien
21:00 Elfenbeinküste – Serbien/ M.
Quelle: Eigene Darstellung
22 Die Eröffnungsfeier war, auch finanziell, Sache des Landes. Die FIFA beteiligte sich mit 1 Mio. € an den
Kosten.
23 T. = Tobago
24 M. = Montenegro
25 (B) = Spiel in Berlin
Fanmeile: Auf der Fanmeile
77
Fortsetzung: Spiele und Programmverlauf
Tag Spiele Programm und Ereignisse
Donnerstag,
22. Juni
16:00 Tschechien – Italien
16:00 Ghana – USA
21:00 Japan – Brasilien
21:00 Kroatien – Australien
Freitag,
23. Juni
16:00 Ukraine – Tunesien (B)
16:00 Saudi-Arabien – Spanien
21:00 Schweiz – Südkorea
21:00 Togo – Frankreich
Achtelfinale, zwei Spiele täglich ab 17:00 Uhr
Samstag,
24. Juni
17:00 Deutschland – Schweden
21:00 Argentinien – Mexiko
Sonntag,
25. Juni
17:00 England – Ecuador
21:00 Portugal – Niederlande
zweiter „Super Sunday“ (Fußball und Formel 1)
Moderation Rudi Völler und Günther Jauch
Montag,
26. Juni
17:00 Italien – Australien
21:00 Schweiz – Ukraine
Dienstag,
27. Juni
17:00 Brasilien – Ghana
21:00 Spanien – Frankreich
Mittwoch,
28. Juni
Showacts
Donnerstag,
29. Juni
Showacts
Viertelfinale, zwei Spiele täglich ab 17:00 Uhr
Freitag,
30. Juni
17:00 Deutschland – Argentinien (B)
21:00 Italien – Ukraine
Samstag,
01. Juli
17:00 England – Portugal
21:00 Brasilien – Frankreich
Sonntag,
02. Juli
Klassikkonzert der DFB Kulturstiftung des Deutschen
Symphonieorchesters
One World Tag „Rund ums Leder – weltweit“
(internationale Live-Musik)
Montag,
03. Juli
amerikanische Nacht ab 19:00 Uhr
Halbfinale/ Spiel um Platz 3/ Finale, 21:00 und 20:00 Uhr
Dienstag,
04. Juli
21:00 Deutschland – Italien
Showacts
Mittwoch,
05. Juli
21:00 Portugal – Frankreich
Donnerstag,
06. Juli
ab 14:00 Proben für das Konzert am Folgetag
Freitag,
07. Juli
deutsch-afrikanisches Konzert mit internationaler
Lifemusik wegen Unwetter abgesagt
Samstag,
08. Juli
21:00 Deutschland – Portugal Kurzbesuch von Kofi Anan in Berlin und auf der
Fanmeile
Sonntag,
09. Juli
20:00 Italien – Frankreich (B) 09:00 Einlass
12:00 Besuch der DFB-Elf
Besuch vom ehemaligen US-Präsident Bill Clinton
Quelle: Eigene Darstellung
Abb.31: Besucherstatistik/ herausragende Rolle der Deutschland-Spiele26
Quelle: Eigene Darstellung
26 Übersicht tagesgenauer Zahlen im Anhang 2
78
Fanmeile: Auf der Fanmeile
79
3.4.4. Betrieb
Folgende Leistungen aus dem Arbeits- und Personalbereich wurden zur Aufrechterhaltung des
Fanmeilen-Betriebs erbracht:
• Reinigung
• sanitäre Versorgung
• Zulieferung
• Betriebspersonal/ Arbeitskräfte
• Qualitätssicherung/ Kontrollen im Betrieb
3.4.4.1. Aufräumen und Reinigen
Auf der Fanmeile fielen insgesamt 330 Tonnen Müll an. Der Rekord wurde zum Halbfinalspiel am 04.
Juli mit 20 Tonnen erreicht; an Spielen ohne deutsche Beteiligung waren es zwischen fünf und sieben
Tonnen (Tschäpe, 15.05.08). Für die Aufräumarbeiten auf der Fanmeile war die RUWE GmbH,
damals noch Tochter der BSR, zuständig; für den Parkbereich des Tiergartens die ALBA AG. Die
BSR (Berliner Stadtreinigung) war nur außerhalb der Abgrenzung tätig. Von 02:00 Uhr nachts bis
sechs oder sieben, manchmal auch bis 10:00 Uhr morgens brauchten die beiden Ruwe-Trupps, um sich
von den Enden der Fanmeile her bis zur Mitte durchzuarbeiten. Neben Sonderarbeiten wie dem
Wischen der VIP-Sitzplätze und dem Müllsammeln aus dem Sand des Beachvolleyballfelds, gingen
sie dabei in mehreren Arbeitsschritten (Laubbläser, Kehrmaschinen, Besen) vor, deren letzter das
Abspritzen des klebrigen Asphalts durch den Sprühwagen war (Berliner Zeitung 03.07.06). Ab ca.
04:00 Uhr arbeitete die RUWE mit voller Einsatzstärke (Tschäpe, 15.05.08):
• Personal: 50 Personen bei Deutschlandspielen, 20 bis 30 bei normalen Spielen
• vier Großkehrmaschinen (4 m³) und zwei Kleinkehrmaschinen für die Bereiche zwischen den
Ständen
Die vollen Kehrmaschinen wurden an der Kreuzung Straße des 17. Juni/ ehemalige Entlastungsstraße
in die dort bereitgestellten Pressen von Berlin Recycling entladen. Berlin Recycling stellte und leerte
auch die Müllbehälter auf der Fanmeile.
Im Bereich des Parks gab es im Verhältnis zum Normalbetrieb mit täglich 10 bis 20 Tonnen (Weiß,
27.03.08) verhältnismäßig weniger Müll. Einerseits, weil Nutzungen wie das ansonsten übliche und
müllträchtige Grillen verboten waren und andererseits, weil z.B. Flaschen an den Eingangskontrollen
abgegeben werden mussten (Götte, 12.04.08).
3.4.4.2. Sanitäre Einrichtungen
Auch während der Fanmeile spielte das Urinieren im Park, als bekanntes Dauerproblem der
Tiergarten-Sondernutzung, eine Rolle. Laut Ruwe waren es ca. 200.000 Litern Urin pro Tag. Weshalb
das Grünflächenamt Mitte zusätzlich so genannte Ein-Euro-Jobber zur morgendlichen Wässerung des
Parks mit täglich sechs Mio. Litern Wasser anstellte, um die schädliche Harnkonzentration
ausreichend zu verdünnen und den Geruch zu vertreiben (Ruwe 2006). Natürlich wurden aber auch die
331 an 12 Standorten aufgestellten Dixi-Toiletten genutzt und jede Nacht entleert und gereinigt
(Berliner Zeitung, 03.07.06).
Fanmeile: Auf der Fanmeile
80
Anders als bei anderen Veranstaltungen, handelte es sich dabei nicht einfach um, in langer Reihe
aufgestellte, mobile Toilettenhäuschen, sondern mit Zaun und Sichtschutz abgetrennte Sanitäranlagen
mit Handwaschbereich und Duschkabinen (eingerichtet von der ArGe Fan Fest, Waldhelm 14.05.06).
Für die Nutzung der Duschkabinen waren 2,50 € an das Personal des Aufstellers Toi Toi & Dixi
Sanitärsysteme zu bezahlen, die Toilettennutzung kostete 0,50 € – allerdings, nach anfänglichen
Beschwerden, auf freiwilliger Basis (ND, 13.06.06).
3.4.4.3. Zulieferung
Die Belieferung der Ess- und Trinkstände, wie der anderen Verkaufsstellen auf der Fanmeile erfolgte
morgens zwischen 06:00 und 10:00 Uhr. Das setzte insbesondere an den Tagen nach
Deutschlandspielen die Reinigungskräfte unter Druck, die spätestens um ca. 07:00/ 08:00 Uhr
zumindest mit den großen Flächen fertig sein mussten, um nicht mit dem, ab dieser Zeit auf
Hochtouren laufenden, Zulieferungsbetrieb in Konflikt zu geraten (Tschäpe, 15.05.08).
Der Zeitraum für die Zulieferung war für viele zu knapp bemessen und auf Grund der Überfüllung
(teilweise Anlieferung mit Sattelschleppern) auf der Straße des 17. Juni wichen viele auf die Parkwege
aus (Götte, 12.04.08). Mit der Zeit etablierten manche Stände ein regelrechtes Hinterland aus
Einrichtungen zur Vorratshaltung oder als Abstellfläche, die teilweise die Rettungswege, wie z.B. die
ehemalige Entlastungsstraße verstellten. Im Verlauf des Turniers wurde vom Straßen- und
Grünflächenamt, in Anbetracht der sich entwickelnden eigenen Gesetzmäßigkeiten der Fanmeile, auch
nicht mehr konsequent auf ihrer Freihaltung beharrt (Weiß, 29.02.08).
Trotzdem war es keineswegs allen Verkaufsstellen möglich, ausreichend Lagerkapazitäten für ihren
Tagesbedarf bereit zu stellen. Für die Getränkeversorgung organisierte deshalb die ArGe eine
ergänzende Bevorratung. Jedem der vier Cateringsbereiche (eingeteilt in nördlich und südlich der
Straße des 17. Juni und westlich und östlich der Yitzhak-Rabin-Straße) war ein Lager zugeteilt, an
dem die Stände im Sinne der „Fanmeile als Kaufhaus“ (Waldhelm, 14.05.08) nachordern konnten.
3.4.4.4. Betriebspersonal/ Arbeitskräfte
Das Gros des vom Betreiber organisierten Personals stellten die Security-Kräfte. Zwar variierte deren
Anzahl stark, je nach Besucherdichte, aber schon der normale Betrieb erforderte auf Grund des
Aufgabenzuschnitts ein gewisses Aufkommen. Allein an den Zugängen waren zwischen 20 und 30
Personen eingesetzt, die technischen Anlagen waren zu schützen und zusammen mit den Kräften im
freien Einsatz auf dem Gelände überstieg deren Anzahl teilweise 300 (vgl. Kapitel 3.4.6.). Nachts
waren die meisten Zugänge abgesperrt. Nur nördliche und südliche Ebertstraße, am Pariser Platz und
an der Yitzhak-Rabin-Straße waren immer geöffnet und dementsprechend auch mit Personal besetzt.
Alle Aufsteller und Betreiber der Licht- Ton, Bühnen- und anderen Einrichtungen brachten ihren
eigenen Personalstamm mit, der durch die Hilfskräfte des Betreibers aufgestockt wurde. Im
Regelbetrieb der Fanmeile reichten dafür ca. 20 Personen aus, zum Auf- und Abbau waren es 100 bis
300. Die Zahl der Arbeitskräfte an den verschiedenen Buden und Aufbauten der Fanmeile belief sich
grob geschätzt auf ca. 5000 Personen (Waldhelm, 14.05.08).
Fanmeile: Auf der Fanmeile
81
3.4.4.5. Kontrollen im Betrieb
Bereits im Vorfeld hatte die Polizei 251 Mitarbeiter der privaten Sicherheitsdienste überprüft (Polizei,
23.06.06). Außerdem gehörte die Bekämpfung des Schwarzmarkts zu ihren Aufgaben. Die
Verhinderung von Schwarzarbeit bzw. die Kontrolle der Konzessionen war Sache der
Gewerbeaufsicht. Der öffentliche Gesundheitsdienst war zuständig für Infektionsschutz,
Lebensmittel- und Trinkwasserüberwachung (SenV GSV 2006). Auch die Bauaufsicht und der TÜV
waren auf der Fanmeile tätig. Sie waren verantwortlich für die Sicherheit der vielen Aufbauten. Die
Feuerwehr kontrollierte die Einhaltung der Brandschutzbestimmungen. Mitarbeiter des Straßen- und
Grünflächenamts sowie des Ordnungsamts kontrollierten die Einhaltung der verschiedenen
Auflagen und Vereinbarungen hinsichtlich der Straßennutzung (Weiß, 27.03.08) und der
Grünflächennutzung (Götte, 12.04.08). Das Ordnungsamt und die für die Sicherheit verantwortlichen
Stellen teilten sich die Kontrolle des Camp-Verbots auf dem Gelände der Fanmeile und auch in deren
Umland. Die dafür eingesetzten Patrouillen verwiesen die von ihnen angetroffenen Schwarz-Schläfer
auf das unternutzte Fan-Camp im Poststadion.
3.4.5. Sanitätsdienst
Das Deutsche Rote Kreuz leistete den Sanitätsdienst auf der Fanmeile. Vertrag und Bezahlung wurden
zwischen der ArGe Fan Fest und dem DRK ausgehandelt. Im Gesamtraum rund um die Fanmeile war
das DRK für keine weiteren Veranstaltungsorte zuständig. Rettungsfahrdienste lagen auch während
der WM im Aufgabenbereich der Berliner Feuerwehr und wurden über deren Leitstelle organisiert.
Bei Bedarf wurden sie durch Fahrzeuge des DRK unterstützt (DRK, Version 2, 2006, S.1). Eine
Zusammenarbeit mit anderen Sanitätsdiensten fand nur in den Spitzenzeiten nach der Erweiterung
der Fanmeile statt. Die Kräfte der Malteser und der Johanniter wurden von anderen Veranstaltungen
abgezogen, die zuvor ihr Publikum wegen der Sogkraft der Fanmeile verloren hatten (Riege 2008).
Die Feuerwehr verdichtete ihre Kräfte rund um die Fanmeile. Dazu zog sie Kräfte von den
Randbezirken Berlins ab und verstärkte ihre Wachen im Umkreis der Fanmeile (Dieckmann 2008).
Abb.32: Infrastruktur des DRK
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Auf der Fanmeile
82
3.4.5.1. DRK-Infrastruktur: Orte, Wege, Zeiten
Mit dem wachsenden Besucheraufkommen und später noch einmal bei der Erweiterung, musste der
Einsatzbefehl mehrfach erneuert werden und die festen Einrichtungen des DRK auf der Fanmeile
vermehrten sich von Anfangs drei auf schließlich sechs Unfallhilfsstellen (DRK
Gesamteinsatzbefehle 2006). Die Anzahl der, mit Rot-Kreuz-Heliumballons sichtbar gemachten,
Unfallhilfsstellen wie auch die weitere Ausstattung richtete sich nach den Landesvorgaben für
Großveranstaltungen (SenV I, 08/2003). Auf der Fanmeile kamen zwei Arten von Unfallhilfsstellen
zum Einsatz (Riege, 05.05.08):
• Kategorie 2: 1 Zelt (ca. 30 m²), ca. 6 Helfer (Sanitäter und Rettungsassistenten)
• Kategorie 3: 2 Zelte, ca. 12 Helfer und ein Arzt
Tab.16: Einsatzstärke auf der Fanmeile zu Beginn der WM
Zeit Unfallhilfsstellen Einsatzwagen Fußstreifen
Einsatzschwache Zeit:
11:00 - 15:00/ 17:00 Uhr
1 Stelle (Kat 3) 2 Wagen
Einsatzschwerpunktzeit
15:00/ 17:00 Uhr - Ende
3 Stellen (davon eine Kat.
3 und zwei Kategorie 2)
5 Wagen 2 Streifen
Quelle: Eigene Darstellung/ DRK, 07.06.06
Tab.17: Einsatzstärke auf der Fanmeile gegen Ende der WM
Zeit Unfallhilfsstellen Einsatzwagen Fußstreifen
Einsatzschwache Zeit:
11:00 - 17:00 Uhr
1 Stelle (Kat 3) 2 Wagen
Einsatzschwerpunktzeit
17:00 Uhr - Ende
6 Stellen (Kat 3) 12 Wagen 12 Streifen obligatorisch
weitere 6 optional
Quelle: Eigene Darstellung/ DRK, 02.07.06
Der Verlauf von der Eingangsbesetzung zu Beginn der WM zur Endbesetzung war fließend. Die
Vermehrung der Unfallhilfsstellen wurde von Personalaufstockungen an den bereits bestehenden
Stellen begleitet. Insgesamt waren pro Tag zwischen 31 bis maximal 180 (30. Juni) Kräfte im Einsatz
(Kräfte-Einsatz im Einzelnen in Anhang 2).
Auch die Anzahl der Rettungsfahrzeuge wuchs mit dem Verlauf der Veranstaltung. Neben den
Notarzt- und Rettungswagen kamen auch so genannte Arzttruppenwagen zum Einsatz, mit denen im
Bedarfsfall Sanitätsgruppen schnell verschoben werden konnten. Verstärkt wurden außerdem die
Fußstreifen, die im Veranstaltungsbereich unterwegs waren (DRK Gesamteinsatzbefehle 2006). Die
Standorte der Rettungsfahrzeuge waren:
• am Großen Stern,
• an den Unfallhilfsstellen,
• am Sowjetischen Ehrenmal und
• auf den Parkwegen südlich und nördlich des Tiergartens.
Fanmeile: Auf der Fanmeile
83
Die Freihaltung der ursprünglich vorgesehenen Rettungswege konnte, wie oft bei vergleichbaren
Veranstaltungen, nicht gegen die Inanspruchnahme der Besucher und teilweise auch der Anbieter auf
der Fanmeile durchgesetzt werden. Die Einsatzwagen suchten sich daher ihre Wege entsprechend der
gegebnen Möglichkeiten. Die Hauptrouten (vgl. Abb.32) waren (Riege, 05.05.08):
• Bellevue-Allee
• ehemalige (aber zum Zeitpunkt der WM noch nicht abgebaute) Entlastungsstraße
• Bremer Weg
Für den Katastrophenfall war der Einsatz der S-Bahn zum Krankentransport ab Haltestelle Unter den
Linden vorgesehen gewesen. Ein solcher Fall trat nicht ein (Riege, 05.05.08).
Um in der Zeit der WM eine sichere Netzabdeckung im „Einsatzabschnitt III Fan Fest“ zu
gewährleisten, teilten sich Polizei, Feuerwehr und DRK ihre Funk-Kapazitäten und es wurden
zusätzlich Funkstellen und Relais errichtet (DRK, Version 1, 2006, S.1). Die Krankenhäuser bereiteten
sich auf eine Mehrbelastung ihrer Rettungsstellen von bis zu 25% vor (SenV BJS 2006, S.9).
3.4.6. Sicherheit
Das Thema Sicherheit belegt beispielhaft die Verflechtung der Fanmeile in zeitlicher, räumlicher und
organisatorischer Hinsicht. Im Verhältnis zu den anderen Bereichen wird sie daher etwas ausführlicher
behandelt.
3.4.6.1. Vorfeld – zeitlich
Das lokale Sicherheitskonzept folgte den detailliert vom Innenministerium in Zusammenarbeit mit
Polizei und FIFA ausgearbeiteten Vorgaben für Veranstaltungen des Public-Viewings. Auch in
zeitlicher Hinsicht, war das Sicherheitskonzept der Fanmeile in einen sehr viel größeren Rahmen
eingebettet. In Berlin begann die konkrete Durchführung von Sicherheitsmaßnahmen ca. ein Jahr vor
der WM mit den so genannten Gefährder-Ansprachen von Personen, die in der Berliner Datei
Sportgewalt unter der Fan-Kategorie B und C erfasst waren27. 38 dieser Personen wurden von Anfang
an mit einem Aufenthaltsverbot für ausgewählte Bereiche im Stadtgebiet belegt (siehe 3.4.6.3.
„Aufenthaltsverbotsverfügung“ bzw. Abb. 34) (Colberg/ Ziehe, 07.05.08).
3.4.6.2. Vorfeld – räumlich
Die Einsatzleitung war in der Polizeidirektion 3 Abschnitt 34, in Nachbarschaft des „Zollpackhofs“
(vgl. Kapitel 3.5.1.1.), angesiedelt. Damit lag die eigentliche Befehlsstelle der Fanmeile außerhalb
ihres Territoriums (vgl. Abb.33).
27 Fan-Kategorien: A: „friedlicher Fan“, B: „bei Gelegenheit gewaltgeneigter Fan“, C: „zur Gewalt
entschlossener Fan“
Fanmeile: Auf der Fanmeile
84
Im Einsatz war die Polizei in dreierlei Hinsicht räumlich vor dem Veranstaltungsbereich tätig.
• Erstens fuhr sie in den „Raumschutz-Bereichen“ rund um die Fanmeile Streife,
• zweitens war sie an den Einlässen präsent und arbeitete dort mit den zuständigen
Sicherheitsdiensten (5 bis 10 Kräfte pro Zugang) und an zwei Eingängen mit der Polizei des
Deutschen Bundestages zusammen.
• Drittens brachte sie bei starkem Besucher-Zulauf ein dreistufiges Sperr-Konzept zur Anwendung,
um die Ströme schon vor den überfrequentierten östlichen Einlässen abzufangen und umzuleiten
(Colberg/ Ziehe, 07.05.08)28.
Den äußersten Rahmen bildeten temporär eingerichtete Grenzkontrollen an der Staatsgrenze, wo
bereits 370, von szenekundigen Polizeibeamten identifizierten Personen die Einreise verweigert wurde
(Rogge/ Wulff 2007, S.21).
Abb.33: Infrastruktur der Polizei
Quelle: Eigene Darstellung
3.4.6.3. Veranstaltungsbereich
In der Koordinierungsstelle im Simsonweg war der lokale Einsatzleiter der Polizei stationiert. Er
fällte beispielsweise nach Rücksprache mit dem Wetterdienst, die Entscheidung, am 07.07.06 wegen
des Unwetters die Videowände herunter zu lassen und das vorgesehene Konzert abzusagen (Colberg/
Ziehe, 07.05.08).
Der zentrale Sammelpunkt, Standort der Reservekräfte, aber auch das logistische Zentrum auf der
Fanmeile war der Stützpunkt auf dem Gelände des Grünflächenamts. Dort fand die Versorgung
der Kräfte statt und dort lag auch die extra eingerichtete Datenleitung mit Zugriff auf die Polizei-
Server, von wo aus die Einsatzführung operieren konnte. Auf der Fanmeile selbst war eine so
genannte „mobile Wache“ eingerichtet, als Anlaufstelle für die Besucher und als Fundbüro.
28 Die in Abb. 33 dargestellten Absperrungen sind der Dokumentation einer vergleichbaren Veranstaltung, also
nicht der Fanmeile 2006 selbst, entnommen (Colberg/ Ziehe, 07.05.08).
Fanmeile: Auf der Fanmeile
85
An den Betreiber ergingen folgende Sicherheitsvorgaben (Colberg/ Ziehe, 07.05.08):
• blickdichte Absperrgitter rund um das gesamte Areal: Zaunhöhe 2,20 m
• Videoüberwachung: Die Kameras waren an den Videowalls installiert. Die Überwachung der
Monitore im Koordinierungszentrum wurde von einem Zuständigen der ArGe übernommen, mit
dem die Polizei in Kontakt stand
• Zugangskontrollen29 und Zaunverlauf am Park- statt am Straßenrand (Fluchtraum)
Die Umsetzung der weiterführenden Vorgaben erfolgte in Absprache zwischen allen Beteiligten, also
Veranstalter, Betreiber, Sanitäts- und Sicherheitsdienste.
Der Betreiber der Fanmeile beschäftigte im Rahmen seiner Zuständigkeit Sicherheitskräfte von
insgesamt 57 Sicherheitsfirmen, die je nach Besucherzahl mit 80 bis 130 Ordnern hauptsächlich an
den Zugängen, aber auch auf dem Gelände zum Einsatz kamen (Berliner Morgenpost, 03.07.06). An
Spielen mit deutscher Beteiligung kamen bis zu 350 Ordner zum Einsatz (SenV BJS 2006, S.10).
Deren Zuständigkeit war der geregelte Ablauf der Veranstaltung, also Zugangskontrollen, Streife und
Sicherung so genannter neuralgischer Punkte und der Schutz der technischen Anlagen. Die Polizei
wurde grundsätzlich da tätig, wo der Veranstalter sein Hausrecht nicht mehr selbst durchsetzen konnte
(Colberg/ Ziehe 07.05.08). Die Doppelnatur der Fanmeile als gleichzeitig private und öffentliche
Veranstaltung wird auch in der ungebrochenen Zuständigkeit der Polizei für den öffentlichen
Straßenraum (Fischer/ Rock, 05.03.08) deutlich, die ja nicht durch die Regelungen der Veranstaltung
beeinträchtigt wurde.
Der Veranstaltungsbereich war in bis zu drei Bereiche eingeteilt, die autonom agierenden
Polizeiführern über ca. 200 bis 300 Mann unterstanden. Diese teilten sich hauptsächlich in:
• uniformierte Streifen
• Antikonflikt-Team (AKT) mit gelben Westen
• Zivilbeamte (teils mit der Aufgabe, Störer anzusprechen)
• Aufklärungs- und Interventionstrupps (10 bis 20 Mann starke, auf dem Gelände verteilte Gruppen,
die sich erst im Moment des Zugriffs kenntlich machen)
Störer konnten mit einem Platzverweis oder auch mit einer zeitlich festzulegenden
Aufenthaltsverbotsverfügungen belegt werden, die ihnen den Zutritt zu den folgenden Bereichen
verwehrte (Colberg/ Ziehe, 07.05.08): Olympiastadion und Waldbühne, Fanmeile, City West,
Hackescher Markt und Treptower Arena. Der Ausschlussbereich der Fanmeile ging über den
eingezäunten Bereich hinaus und belegt damit auch aus Sicht der Polizei den Gebietszusammenhang
der Fanmeile und ihrer Umgebung. Neben dem eingezäunten Areal sind auch noch das Holocaust-
Mahnmal, der Pariser Platz und der gesamte nördliche Bereich zwischen Fanmeile und Spree mit den
Regierungsgebäuden, der Adidas-Arena, der Bundestagsarena und dem Spreebogenpark einbegriffen.
Während der WM wurden in Berlin 470 solche Verfügungen ausgesprochen, davon 350 auf der
Fanmeile und 101 in der City-West (Rogge/ Wulff, S.20).
29 nicht erlaubt waren: sperrige Geräte (z.B. Hocker, Staffeleien, Kisten usw.), Gassprühdosen, Pressluftflaschen,
Feuerwerkskörper, Wunderkerzen, pyrotechnische Gegenstände, Hieb-, Stich- und Schusswaffen, Ketten,
Stangen über 1m Länge, Glasflaschen und Dosen; Quelle: www.berlin.de/fifawm2006/fanfest/faq/index.php,
Zugriff: 18.01.08
Fanmeile: Auf der Fanmeile
86
Abb.34: „Aufenthaltsverbotszone Bereich Fanmeile“
Quelle: Eigene Darstellung
3.4.6.4. Einsatzzeit
Je nach Spieltag, also Gefahrenstufe und erwartetem Besucherzustrom, wurden die unterschiedlichen
Einsatzbereiche personell ausgestattet. Auf höchster Stufe wurden 800 bis 900 Polizisten eingesetzt
und einmalig am Finaltag ca. 1000 (Colberg/ Ziehe, 07.05.08). Der Tagesverlauf wurde dabei in
Phasen eingeteilt:
• Phase 1: Grundschutz rund um die Uhr (inkl. Vertreter in der Koordinierungsstelle)
• Phase 2: weniger beachtetes Spiel: Kräfte werden im Verhältnis zum Grundschutz ungefähr
verdreifacht
• Phase 3: wichtiges Spiel: weitere Verstärkung bis zu 800/ 900 Einsatzkräften
Die Phasen fingen ca. 2 Stunden vor Spielbeginn an (teilweise auch schon 4 Stunden) und endeten je
nach Entwicklung der Situation. Ungefähr um 02:00 bis 03:00 Uhr wurde in Phase 1 zurückgekehrt. In
der Presse war von sehr viel höheren Zahlen die Rede. Der Tagesspiegel berichtete von 1200
Polizeibeamten am 02. Juli, 2000 am 03. Juli und schätzte, da die Polizei an diesem Tag keine
Angaben herausgegeben hätte, 6000 am 04. Juli (Tagesspiegel, 04.07.06).
3.4.6.5. Bilanz
Neben besonderem Augenmerk auf mögliche Schwarzarbeit galt die Aufmerksamkeit der Polizei
hauptsächlich den Besuchern der Fanmeile. Insgesamt gab es in Berlin 783 Freiheitsentziehungen
durch die Polizei (davon 39 Frauen); 60,5% davon erfolgten auf der Fanmeile. Der Straftatbestand war
meistens Körperverletzung bzw. schwere Körperverletzung und in geringerer Anzahl Diebstahl und
Widerstand (Rogge/ Wulff 2007, S.19). Das Ausbleiben eines stärkeren Anstiegs an
Diebstahlsdelikten führt die Polizei zum Teil auch auf ihre Vorarbeit zurück, bei der „etliche Banden“
festgenommen worden seien (ND, 20.06.06). Im WM-Betrieb waren Staatsanwaltschaft und
Amtsanwaltschaft rund um die Uhr im Einsatz und die Zusammenarbeit von Zentraler
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
87
Bearbeitungsstelle der Polizei und Bereitschaftsgericht gewährleistete, dass Straftäter „schnell und
dauerhaft“ aus dem Verkehr gezogen werden konnten (Polizei, 07.04.06).
Auch die Polizei zog am Ende der WM positive Bilanz. Den erfolgreichen, weil überraschend
friedlichen, Verlauf erklärte sie einerseits mit dem guten Sicherheitskonzept und der langjährigen
Vorbereitung und andererseits auch mit den günstigen Voraussetzungen durch das gute Wetter und
den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft. Den einzigen Ausnahmefall bildete die so genannte
Amokfahrt am 02.07.2006, bei der ein Auto die Absperrungen durchbrach und 25 Personen verletzte
(Rogge/ Wulff 2007, S.19). Übersichten von WM- und Fanmeile-Verlauf aus Polizeiperspektive
finden sich in Anhang 3.
3.4.7. Zwischenfazit: Auf der Fanmeile
Die Fanmeile unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von anderen Großveranstaltungen auf der
Straße des 17. Juni und weiteren Veranstaltungen darüber hinaus. Sie setzte neue Maßstäbe in allen, in
diesem Kapitel beschriebenen, Teilbereichen:
• Aufwändigkeit und Vielfalt der Aufbauten
• räumliche Ausmaße: auf der Straße und in der Fläche
• zeitliche Ausmaße: Vorbereitungszeit, Dauer der Veranstaltung
• Besucherzahlen: knapp 10 Mio. Gäste
• Mehrdimensionalität: Fanmeile als Public-Viewing-Standort, als Open-Air-Festival, als
Arbeitsplatz, als Imagewerbung für Berlin und Deutschland, etc.
• Organisationsstruktur/ Beteiligte
Gerade hinsichtlich der komplexen Organisationsstruktur hob sich die Fanmeile wesentlich von
anderen Events ab. Ähnliches gilt für die ausgeprägte Inter-Reaktion mit ihrer Umgebung, worauf im
folgenden Kapitel eingegangen wird.
3.5. Außerhalb der Fanmeile
Die Verflechtungen der Fanmeile wurden schon in unterschiedlicher Hinsicht in verschiedenen
Zusammenhängen erwähnt (Organisation, Finanzierung). In diesem Teil wird ausführlich auf zwei
besonders wichtige Bereiche eingegangen. Erstens auf die Verbindung der Fanmeile zu WM-
Veranstaltungsorten in ihrer Umgebung und zweitens auf ihre Auswirkungen auf den Verkehr.
3.5.1. Benachbarte Veranstaltungsorte
Das Stadion und sein weitreichend umgestaltetes Umfeld war der Hauptstandort der WM in Berlin,
aber der Hauptveranstaltungsort war, gemessen an Veranstaltungstagen (fünfmal soviel) und
Besucherzahlen, die Fanmeile. Rund um diese Zentrale war eine Vielzahl weiterer Veranstaltungen
angesiedelt wie z.B. die Adidas-Arena. Verteilt über Berlin gab es noch verschiedene weitere, aus der
Masse herausragende Veranstaltungsorte und Angebote, wie die Arena im Treptower Park, die
Kulturbrauerei, die Waldbühne oder die Zitadelle Spandau. Eine Sonderstellung nahm, trotz ihres
gestutzten Konzepts, die City-West als Jubel-Begegnungsstätte ein30.
30 kurze Beschreibungen der Veranstaltungsorte Stadion und City-West finden sich im Anhang
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
88
3.5.1.1. Lage und Art der Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile
An dieser Stelle werden die Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile aufgeführt. In Kapitel 3.6.1.
wird auf den raumzeitlichen Zusammenhang zwischen den einzelnen Standorten eingegangen und das
Untersuchungsgebiet für die Fanmeile als temporäre Raum-Zeit-Zone bestimmt.
Tab.18: Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile
Nr. Name und Ort Kategorie Veranstalter
1 Fancamp im Poststadion
und Tentstation im
stillgelegten Freibad
Unterkunft in Zelten für bis zu 2.000
Personen und Zeltplatz für 125 Zelte
(geringe Nachfrage), Public-Viewing,
Sportangebote und (Musik-)Programm
Bezirksamt Mitte/ Senat
Bild: wm-fan-camp.net
2 Polar Park
Club Polar.TV
Heidestraße 73
Public-Viewing, Stadtstrand, Club,
Fußball
Club Polar.TV
3 Afrika! Afrika!
Hauptbahnhof
Show, Zirkus Andre Heller
4 Sandsation
Hauptbahnhof
Sandskulpturen-Festival Sandsation GmbH
Bild: sandsation.de ©
5 Bundes-Pressestrand
Kapelle-Ufer
Public-Viewing, Stadt-Strand, Live-Musik walks + talks GmbH
6 100 Plakate
Spreebogenpark
Plakat-Ausstellung im Graben des
Spreebogenparks
100 Beste Plakate e.V.
7 Zollpackhof
Elisabeth-Abegg-Straße
Public-Viewing im Biergarten an der
Spree
Biergarten Zollpackhof
8 Bundestagsarena
vor dem Paul-Löbe-Haus
Information: Arbeit und Funktionsweise
des Parlaments
Bundestag
Bild: berlin-ru.net
9 Copa da Cultura
Haus der Kulturen der Welt
Public-Viewing, Konzerte, Ausstellung im
Haus der Kulturen der Welt
Haus der Kulturen der
Welt
10 Adidas-Arena
(Adidas World of Football)
Platz der Republik
Nachbau des Olympiastadions 1:10,
Platz für 10.000 Zuschauer,
Public-Viewing, Programm, Konzerte
Adidas
Bilder:
plataformaarquitectura.cl
11 Fußball-Globus
Brandenburger Tor
Ausstellung in der begehbaren
Fußballkugel, Standort in Berlin nach 3-
jähriger Tournee durch die Spielstädte
Andre Heller,
Nationale DFB-
Kulturstiftung
Bild: atlantics.de
12 Musikfestival Heimatklänge
Kulturforum/ Gelände Stiftung
Preußischer Kulturbesitz
Public-Viewing, Weltmusik-Konzerte,
Markt
(nach zwei Wochen wegen mangelnder
Nachfrage nur noch Public-Viewing)
Piranha Event
13 ZDF-Arena
Sony-Center
Public-Viewing für 1.000 Besucher, ZDF-
WM-Studio
ZDF/ Sony-Center
14 Peléstation
U3-Bhf Potsdamer Platz
Ausstellung über den Weltfußballer Pelé
im U3-Bhf.-Vorratsbau Potsdamer Platz
Marcello Dantas
Walk of Ideas
(Standorte teilweise im
Bereich)
Riesen-Skulpturen: Darstellung deutscher
Innovationen
Bundesregierung
Bild: fontshop.de
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
89
Abb.35: Beispiele von Veranstaltungen im Umfeld der Fanmeile
Quelle: Eigene Darstellung, Fotoquellen siehe vorangegangene Tabelle
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
90
3.5.2. Verkehr
Eine besondere Herausforderung für die Berliner WM-Planung ergab sich aus den Fragen des
Verkehrs. Der erwartete Besucherandrang und die Lenkung und Bewältigung der damit verbundenen
Verkehre erforderten weitreichende Umstellungen und Maßnahmen sowohl für den Individualverkehr
wie auch für den öffentlichen Verkehr. Man konnte auf keine in Ausmaß und Dauer vergleichbaren
Erfahrungen zurückgreifen und in den Berechnungen der Verkehrsplanung tauchten kaum
abschätzbare Variablen auf. Insbesondere zur Realisierung der Fanmeile auf der Straße des 17. Juni
ergaben sich umfangreiche Ansprüche hinsichtlich der Verkehrsorganisation. Die wichtige Ost-West-
Verbindung wurde für insgesamt fast 50 Tage (29. Mai bis 16. Juli) geschlossen. Sowohl für den
Autoverkehr wie auch für den ÖPNV hatten Verdrängungskraft (Umleitungen) und Anziehungskraft
(Besucherverkehr) der Fanmeile weitreichende Auswirkungen.
Im Folgenden werden dargestellt31:
• die Straßensperren
• die Maßnahmen im Straßenverkehr für MIV und Bus
• die Maßnahmen im Schienenverkehr für S- und U-Bahn
• die Maßnahmen für das Fahrrad
Hinsichtlich des Straßenverkehrs wird, wenn der Kontext es erfordert, in knapper Form auch auf
stadtweite Maßnahmen eingegangen.
3.5.2.1. Straßensperrungen
Beginnend mit dem 29. Mai wurden Schritt für Schritt die Straßenabschnitte der Fanmeile und ihrer
Umgebung geschlossen. Zur Erweiterung der Fanmeile über den Großen Stern gegen Ende der WM
waren weitere Sperrungen und Umstellungen erforderlich, wie sie vor Beginn des „Sommermärchens“
nicht durchzusetzen gewesen wären.
Von der Straßensperre ausgenommen war, neben dem morgendlichen Zuliefer-Verkehr und den
Einsatzfahrzeugen der Polizei- und Rettungskräfte, im möglichen Rahmen auch der Busverkehr.
Außerdem gab es Ausnahmeregelungen für den Zugang zum Straßen- und Grünflächenamt und dem
Bundespräsidialamt.
31 Statistik zu den Flugbewegungen im Anhang 3
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
91
Tab.19: Straßenabsperrungen für die Fanmeile
Straßensperrung
07. Juni ab 09:00 Uhr
• Konrad-Adenauer-Straße
• Willy-Brandt-Straße
• Paul-Löbe-Allee
• Dorotheenstraße
• Scheidemannstraße
• John-Foster-Dulles-Allee
Quelle: Eigene Darstellung
Absperrung
inkl. Großer
Stern
04./ 08./ 09.
Juli 2006
Quelle: Eigene Darstellung
Die zeitliche Absperrung des Großen Sterns (Berlin.de/ Verkehrsnachrichtenagentur):
• 04. Juli: 11:00 Uhr bis 03:00 Uhr des Folgetages
• 08. Juli 05:00 bis 10. Juli 06:00 Uhr
Die räumliche Absperrung des Großen Sterns (VLB-Service 08.07.06):
• Großer Stern
• Straße des 17. Juni zwischen Klopstockstraße und Brandenburger Tor
• Altonaer Straße zwischen Klopstockstraße und Großer Stern
• Spreeweg zwischen Paul Straße und Großer Stern (Zufahrt zum Bundespräsidialamt frei)
• Hofjägerstraße zwischen Tiergartenstraße und Großer Stern
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
92
Ihren Höhepunkt erreichten die Absperrungen am Sonntag, den 09. Juli. An diesem Tag war die
deutsche Nationalmannschaft zu Gast auf der Fanmeile. Schon an den vorangegangenen Tagen mit
Deutschlandspielen hatten die Tiergartenstraße und der Zugang zum Tiergartentunnel wegen starkem
Fußgängerverkehr einige Stunden vor Spielbeginn gesperrt werden müssen (Tagesspiegel, 04.07.06).
Am 09. Juli fielen aber in Anbetracht der Sperrungen rund um den Großen Stern die nachfolgenden
zeitweiligen Maßnahmen umso mehr ins Gewicht (VLB-Service 09.07.06):
• Tiergartenstraße (zu diesem Zeitpunkt eigentlich bereits selbst Ausweichstrecke für von anderen
Absperrungen verdrängte Bus-Linien) zwischen Kemperplatz und Klingelhöfer Straße, also auf
der ganzen Strecke entlang der Südseite des Tiergartens
• Tiergartentunnel-Zuleitungen Ben-Gurion-Straße und Kemperplatz
• Ebertstraße auf ihrer ganzen Länge, also bis Leipziger Straße
Wegen der Love-Parade am Folgewochenende blieb die Sperrung der Straße des 17. Juni nach dem
Ende der WM noch für eine weitere Woche bestehen. Für diesen Anlass wurde sie sogar noch um ein
gutes Stück ausgedehnt, nämlich bis zum Ernst-Reuter-Platz. Eine weitere Woche später wurde die
Straße für den Christopher Street Day am 22. Juli 2006 erneut abgesperrt (Tagesspiegel, 10.07.06a).
3.5.2.2. Motorisierter Individualverkehr und stadtweite Maßnahmen
Aus der Berliner Verkehrsbeobachtung wurde am Ende der WM der für einige verblüffende Rückgang
im Autoverkehr um 5% im WM-Zeitraum gemeldet (SenV BJS 2006, S.7). Das befürchtete Chaos war
ausgeblieben.
3.5.2.2.1. Ausgangslage auf der Straße des 17. Juni
Die Straße des 17. Juni hat, zusammen mit der John-Foster-Dulles-Allee, eine durchschnittliche
tägliche Verkehrsdichte (DTV) von 40.000 Fahrzeugen. Dabei entfallen grob 35.000 auf die Straße
des 17. Juni und 5.000 auf die Parallele (Beer, 29.02.08). Anders als diese beiden Straßen, war die
südlich am Park entlang führende Tiergartenstraße nicht von den Absperrungen betroffen. Für den
ungehinderten Nord-Süd-Verkehr sorgte der Ende März 2006 rechtzeitig fertig gestellte
Tiergartentunnel. Dieser verzeichnete dementsprechend auch einen kräftigen Verkehrszuwachs von
vorher 29.000 auf bis zu 41.000 Fahrzeuge täglich (Berliner Zeitung, 07.07.06).
Abb.36: Aufteilung des Verkehrsaufkommens
Quelle: Eigene Darstellung
Auf Grundlage der Faustformel, dass eine Spur ein maximales Fassungsvermögen von ca. 800
Fahrzeugen in der Stunde hat, musste nun für das genannte Verkehrsaufkommen nach Alternativen
gesucht werden (Beer, 09.04.08).
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
93
3.5.2.2.2. Ankunft in Berlin, Stadionverkehr
Für den Berlin-Besucher stellten die so genannten dWiSTa-Tafeln (siehe Abb.37) auf den Autobahnen
und Einfallstraßen das erste sichtbare Glied einer durchgehend gestalteten Wegekette dar, die bis zum
Sitzplatz im Stadion reichte. Eine einheitliche Beschilderung führte zu den, nach Fanblöcken
getrennten, Parkbereichen, von wo aus die Anfahrt zum Stadion entweder mit der S- oder mit der U-
Bahn erfolgte. Zur Konfliktvermeidung wurden die Anreiseverkehre getrennt. Der große Teil der
Stadionbesucher (drei Anteile der Stadionplätze) wurde zum südlichen Messegelände geleitet und der
Fanblock der „gelben“ Tribünen-Sektion mit Anschluss an die U-Bahn-Station Kaiserdamm in den
nördlichen Bereich der Messe (Beer, 29.02.08). Die farblich differenzierte Wegeführung erfasste
natürlich auch die Anlagen der öffentlichen Verkehrsmittel und die Fußgängerbereiche.
Abb.37: WM-Wegweisung/ dWiSTa-Tafel (Dynamischer Wegweiser mit integrierten Stauinformationen)
Quellen: VLB WM-Team 2006
Um die umliegenden Wohngebiete zu schützen, wurden rund um das Stadion weiträumige
Parkverbotszonen eingerichtet und von der Polizei kontrolliert. An Spieltagen waren sie nur für
Autofahrer mit Parkausweis zugänglich. Das Umfeld des Stadions war, wie die Straße des 17. Juni, für
die Zeit der WM völlig umgestaltet worden (vgl. Anhang 3) und ebenfalls für den MIV nicht
zugänglich. Nur Fahrzeuge mit Sondergenehmigung, Rettungsfahrzeuge, Motorräder und Taxen
wurden in den engeren Bereich eingelassen (VLB WM-Team 2006). An den Einfallstraßen, aber auch
im innerstädtischen Bereich wurde die Verkehrsbeeinflussung durch die Info-Tafeln der
Verkehrsmanagementzentrale (VMZ) fortgesetzt. Seit 2006 sind zu den 20 damals schon im
Stadtgebiet verteilten Tafeln drei weitere hinzu gekommen (Kähne, 19.05.08). In der Nähe der
Fanmeile befanden sich 2006 lediglich zwei Standorte: auf der Bismarckstraße (kurz vor dem Ernst-
Reuter-Platz) und An der Urania (siehe Abb.39).
Abb.38: VMZ-Info-Tafel
Quelle: VLB WM-Team 2006
Abb.39: Standorte von VMZ-Tafeln in Nähe Fanmeile
Quelle: VMZ
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
94
3.5.2.2.3. Premiumstraßennetz
Um der erwarteten verkehrlichen Mehrbelastung gerecht zu werden, wurde das Berliner Straßennetz in
der WM-Vorbereitung an verschiedenen Stellen ausgebaut. Während der Dauer des Turniers galt es
wiederum, möglichst von Bautätigkeiten abzusehen.
Auf den gesamten Stadtbereich erstreckten sich die Regelungen für das so genannte
Premiumstraßennetz, also die Hauptverkehrsstraßen, mit dem Ziel, die Straßen weitestgehend –
insbesondere von Baustellen – frei zu halten. Abb.40 zeigt einen Ausschnitt aus dem
Premiumstraßennetz mit markiertem Fanmeilen-Bereich rechts von der Mitte. Für den fraglichen
Zeitraum wurden die ansonsten üblichen 150 – 200 Baumaßnahmen auf lediglich 10 reduziert (z.B.
langfristige Großbaustellen) (Beer, 29.02.08).
Abb.40: Premiumstraßennetz
Quelle: Eigene Darstellung/ stadtentwicklung.berlin.de (© Senatsverwaltung für Stadtentwicklung+VMZ Berlin)
Regeln für das Premiumstraßennetz
• alle höherrangigen Straßen waren für die Dauer der WM von Bautätigkeiten und Veranstaltungen
grundsätzlich frei zu halten (in Abb.40: schwarzes Netz)
• Freihaltung insbesondere der Bereiche um das Stadion, die Fanmeile, die Hotels und die
Hauptzufahrtsstraßen
• Ausnahmen wurden nur bei unvermeidbaren Maßnahmen bewilligt, oder wenn keine
Beeinträchtigung des Premiumstraßennetzes vorlag
• Veränderte Geltungszeiten für die Bussonderfahrstreifen
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
95
Auf insgesamt 24 Strecken wurden die Geltungszeiten für die Bussonderfahrstreifen ausgedehnt. Zum
Beispiel auf der Joachimstaler Straße, wo die Spuren sonst nur zwischen 14:00 bis 18:00 Uhr den
Bussen vorbehalten sind, galten nun Zeiten von 09:00 bis 24:00 Uhr32.
3.5.2.2.4. Innere und äußere Umfahrung
Um die sonst auf der Straße des 17. Juni üblichen 40.000 Fahrzeuge zu verlagern, wurden zwei
Umleitungen installiert. Eine innere Umfahrung wies die lokale Alternativstrecke rund um die Straße
des 17. Juni aus, während eine äußere Umfahrung den Verkehr weiträumig um das Stadtzentrum
herumführte (siehe Abb.41). Den ergriffenen Maßnahmen waren umfangreiche Untersuchungen
vorausgegangen, insbesondere, um die Knotenpunkte zu identifizieren, an denen die Verkehrsanlagen
für die Mehrbelastung modifiziert werden mussten (Beer, 29.02.08). Die folgende Abbildung zeigt
beide Umfahrungsrouten der Berliner Verkehrsplanung. Die für die Fanmeile wichtigere innere
Umfahrung wird separat in Abb.42 gezeigt.
Abb.41: Umfahrung, Beschilderung der Umfahrung und Bewertung der Verkehrsknotenpunkte
Quelle: VLB WM-Team 2006 (ergänzt mit Übersicht der Knotenpunkte)
In Abb.41 sind die Verkehrsknotenpunkte farblich klassifiziert eingetragen. Gelb, Orange und Rot
stehen für Lichtsignalanlagen, die „ertüchtigt“ werden mussten. In der Vorbereitung wurden
Programme für unterschiedliche Szenarien und auch für weitere Ausweichrouten geschrieben. Als
32 Die komplette Übersicht findet sich im Anhang 3.
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
96
dann später die Fanmeile über den Großen Stern erweitert wurde, konnte teilweise auf diese
Vorbereitungen zurückgegriffen werden (Beer 09.04.06).
Programmierung der Ampelanlagen:
• roter Punkt: Lichtsignalanlage-Programm (LSA-Programm) musste völlig verändert werden,
trotzdem wurden an dieser Stelle zeitweilige Staus als unvermeidbar angesehen
• gelber/ oranger Punkt: LSA-Programm musste umgeschrieben werden
• grüner Punkt: vorhandene Kapazität ausreichend
• alle Punkte: Takt-Umstellung für längere Grünphasen auf der Umfahrung
Abb.42: Innere Umfahrung
Quelle: Eigene Darstellung/ Google Earth
Die innere Umfahrung (Abb.42) für ca. 16.000 Fahrzeuge fing im Osten den Verkehr von der
Französischen Straße und Unter den Linden auf und leitete ihn nördlich der Fanmeile über Wilhelm-
und Luisenstraße über das neue Verbindungsstück der Brücke über den Humboldthafen am
Hauptbahnhof vorbei zur Straße Alt-Moabit. Südlich verlief die Route über Wilhelmstraße, Potsdamer
Straße und die Kanaluferstraßen. Von Westen her teilte der Kreisverkehr am Großen Stern den
Verkehr zwischen Spreeweg und Paulstraße in nördlicher Richtung, bzw. Hofjägerallee und
Klingelhöferstraße in südlicher Richtung (Beer 09.04.06)33.
33 Innere Umfahrung straßengenau im Uhrzeigersinn ab Unter den Linden: Unter den Linden, Wilhelmstraße,
Luisenstraße, Reinhardstraße, Kapelle-Ufer, Rahel-Hirsch-Straße, Alt-Moabit, Paulstraße, Spreeweg, Großer
Stern, Hofjägerallee, Klingelhöferstraße, Kanaluferstraßen, Potsdamer Straße, Leipziger Straße,
Wilhelmstraße, Behrenstraße, Mauerstraße, Französische Straße
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
97
Die äußere Umfahrung (Abb.41) für ca. 24.000 Fahrzeuge war für den von Westen kommenden
Verkehr durch die Stadtautobahn gegeben, lediglich der aus dem Osten kommende Verkehr musste
vor dem Stadtzentrum abgefangen werden. Nördlich wurde der von der Landsberger Allee kommende
Verkehr über die Storkower Straße der Osloer und Seestraße zugeleitet. Die südliche Route sah für
den Verkehr von Landsberger und Frankfurter Allee eine Umleitung über Warschauer Straße,
Skalitzer Straße, Yorkstraße und anschließend Lietzenburger Straße oder Hohenzollerndamm vor
(Beer 09.04.06)34.
Um die erforderlichen Kapazitäten für die umgelegten Verkehrsströme freizustellen, musste das
Verkehrssystem neu austariert werden. An den Knotenpunkten waren entsprechend der neuen
Bedarfslage räumliche (Fahrspuren) und zeitliche Kontingente (Grünphasen) zur Verfügung zu stellen.
Dafür wurden die, auf der Grundlage von Bedarfsberechnungen aus den vorangegangenen
Verkehrsanalysen geschriebenen neue Programme für die Lichtsignalanlagen genutzt, die je nach
Bedarf die Programmierung des Normalbetriebs ersetzen konnten. Während der Normalbetrieb z.B.
morgens längere Grünphasen auf den Hauptverkehrsstraßen stadteinwärts vorsieht, war nun das
Durchlassen des verschobenen Ost-West-Verkehrs Priorität („Pförtnerschaltung“) (Beer 09.04.06).
3.5.2.2.5. Die Umfahrung bei Sperrung des Großen Sterns
Als der Große Stern in das Veranstaltungsgelände integriert wurde, bedeutete das einen großen
Raumgewinn für die Fanmeile. Die Sperrung des zentralen Verteilers hatte aber auch weitreichende
Auswirkungen auf den Verkehr. Nun mussten Umleitungen und Linienführung endgültig auf kleinere
Verkehrsadern verlegt werden (Verlegung der Buslinien siehe Kap 3.5.2.4.). Von Westen her
kommend gestaltete sich die Umfahrung nun so:
• nördlich auf Höhe des S-Bahnhofs Tiergarten über die Bach-, Lessing- und Stromstraße bis zur
Straße Alt-Moabit
• südlich schon vom Ernst-Reuter-Platz aus über die Hardenberg-, Budapester-, Kurfürsten- und
Schillerstraße zu den Kanaluferstraßen
Tatsächlich war die Erweiterung nicht die Einladung an weitere 150.000 (Tagesspiegel, 04.07.06)
Besucher, die Fanmeile zu besuchen, sondern schon eher ein territoriales Zugeständnis an eine
Entwicklung, die ohnehin schon stattgefunden hatte. Denn der stetig wachsende Menschenstrom füllte
bereits die Straßen rund um die Fanmeile und hatte, auch ohne die offizielle Genehmigung, begonnen,
den Verkehr zu verdrängen (Beer, 09.04.08).
34 Äußere Umfahrung straßengenau im Uhrzeigersinn ab Landsberger Allee: Landsberger Allee, Storkower
Straße, Kniprodestraße, Michelangelostraße, Ostseestraße, Wisbyer Straße, Bornholmer Straße, Osloer Straße,
Seestraße, A 100 – innere Variante: Kurfürstendamm, Olivaer Platz, Lietzenburger Straße, Kleiststraße,
Bülowstraße, Kulmer Straße/ äußere Variante: Hohenzollerndamm, Nachodstraße, Hohenstaufenstraße,
Pallasstraße, Goebenstraße – Yorkstraße, Mehringdamm, Kanaluferstraßen, Gitschiner Straße,
Wassertorplatz, Skalitzer Straße, Oberbaumbrücke, Warschauer Straße, Petersburger Straße, Bersarinplatz,
Petersburger Straße
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
98
Abb.43: Innere Umfahrung nach der Erweiterung
Quelle: Eigene Darstellung/ Google Earth
Das System der Verkehrsverlagerung wurde von
der Berliner Verkehrsregelungszentrale
permanent überwacht und zentral gesteuert
(Beer, 29.02.06). Einen nachhaltigen Erfolg der
WM-Organisation stellt die damals eingerichtete
Zentrale Verkehrsleitstelle (ZVL) dar. Diese
aus allen beteiligten Instanzen gebildete
Kommunikationsschnittstelle kommt seither zu
Großveranstaltungen immer wieder zusammen.
Als besondere Stärke der Leitstelle in der WM-
Organisation beschreibt ihr Leiter, Michael
Beer, dass viele Situationen durch die effektive Zusammenarbeit schon gelöst werden konnten, bevor
sie kritisch wurden. Dazu trafen sich sechs Stunden vor Spielbeginn (zunächst nur bei Spielen mit
deutscher Beteiligung und im späteren Turnierverlauf regelmäßig) im Gebäude des Flughafens
Tempelhof die Vertreter von Feuerwehr, Polizei, VMZ, VRZ, BVG (die BVG hielt außerdem die
Verbindung zur S-Bahn), FIFA und die Verkehrslenkung Berlin (Beer, 09.04.06).
3.5.2.2.6. Kommunikation
Großes Gewicht wurde auch auf Kommunikation und Verbreitung des Verkehrskonzepts bzw. von
den sich ergebenden Umstellungen im Verlauf der WM gelegt. Neben einer großen Kampagne im
Vorfeld der WM, mit Informationen zu den Umleitungen und dem Appell zum Autoverzicht
(Kampagne des Senats „Berlin steigt um“) trug auch die Unterstützung durch die
Medienberichterstattung entscheidend zum Erfolg des Verkehrskonzepts bei (Beer, 29.02.06).
Um die Medien immer mit aktuellen Informationen auf dem Laufenden zu halten, wurde von der VLB
eigens zur WM die so genannte Verkehrsnachrichtenagentur eingerichtet (SenV BJS 2006, S.7), die
Abb.44: Die Berliner Verkehrsregelungszentrale
Quelle: VLB WM-Team (2006)
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
99
einen umfangreichen und stetig aktualisierten, zweisprachigen Medienservice anbot. Mit Start am
27.05.06 zum Anlass der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs wurden über die Dauer der WM
insgesamt 1.256 Verkehrsnachrichten herausgegeben. Ab dem 07.Juni erfolgten diese Meldungen
durchgehend bis zum Schluss im Halbstunden-Takt von 06:00 früh bis nachts um 02:00 immer jeweils
zehn und vierzig Minuten nach der vollen Stunde, passend zu den Sendezeiten der
Radioverkehrsnachrichten. Für die Printmedien wurde täglich am frühen Nachmittag ein kompletter
Überblick für den Folgetag heraus gegeben und bei gegebenem Anlass noch einmal kurz vor
Redaktionsschluss am späten Nachmittag aktualisiert (Beer, 09.04.06).
3.5.2.3. Schienengebundener ÖPNV: S- und U-Bahn
Für alle Arten von öffentlichem Personenverkehr gab es umfangreiche Umstellungen zu bewältigen.
Neben den Baumaßnahmen, Fahrzeit- und Taktumstellungen wurden sowohl bei der S-Bahn, wie auch
der BVG weitere Maßnahmen ergriffen, um sich auf die WM vorzubereiten35. Beide schulten
Mitarbeiter um sie im Rahmen von Volunteer-Programmen zur Kundenbetreuung auf den Bahnhöfen
einzusetzen. Die BVG veröffentlichte in der Zeit der WM ihre Fahrgastinformationen „BVG-plus“
viersprachig. Ebenfalls aus der Zeit der WM stammt die Einrichtung englischsprachiger
Hinweisschilder auf den Bahnhöfen („validate your ticket“) und von englischen Ergänzungen zu den
Ansagen in den Zügen. Der VBB erweiterte sein Internetangebot um mehrsprachige Informationen zu
den Fahrplänen und den zusätzlich eingesetzten Zügen.
WM-bedingt transportierte die S-Bahn im gesamten Stadtraum ca. 7.000.000 und die BVG ca.
5.000.000 zusätzliche Fahrgäste (BTM 2006c). Laut BVG kamen 80% der Besucher der Fanmeile mit
öffentlichen Verkehrsmitteln (BVG, 10.07.06).
Wie für den Straßenverkehr gab es im Vorfeld der WM auch für den Schienenverkehr bauliche
Neuerungen. Gerade rechtzeitig zur WM wurde der neue Hauptbahnhof fertig gestellt und zusammen
mit dem kurze Zeit davor fertig gestellten Nord-Süd-Fernbahntunnel am 27. Mai 2006 eröffnet. Für
den zu erwartenden Besucheransturm auf die zum Stadion führenden Linien wurden die
Leistungsfähigkeit der S-Bahnstrecke Bahnhof Zoo – Olympiastadion erhöht (Sanierung) und Aufzüge
in den U-Bahnhof Olympiastadion eingebaut (Mai 2006). Die Sanierung der Stadtbahn-Linie zwischen
Bahnhof Zoo und Westkreuz wurde im Februar 2003 in Angriff genommen und April 2006 fertig
gestellt (Kuchenbecker 2007, S.58). Ohne unmittelbare Relevanz für die Fanmeile, aber wichtig für
den WM-Verkehr war außerdem die Aufnahme des Ringverkehrs am 28. Mai 2006.
35 Die Linien der Straßenbahn liegen außerhalb des Untersuchungsgebiets.
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
100
Abb.45: Wichtige S- und U-Bahnlinien und Haltepunkte (mit Punkt markiert) im Fanmeilenbereich
Quelle: Eigene Darstellung
Vom Schienennetz des Verkehrsverbunds sind in Bezug auf die Fanmeile folgende Teile und die dort
erfolgten Änderungen relevant:
S-Bahn:
• Stadtbahn (Ost-West): Haupt-S-Bahnlinie, zwei Haltestellen im Einzugsbereich
• Nord-Süd-Trasse: drei Haltestellen im Einzugsbereich
• Nord-Süd-Tunnel der Regionalbahn: schnelle Verbindung, zwei Haltestellen im Einzugsbereich
U-Bahn:
• U2: „WM-Linie“ und eine Haltestelle im Einzugsbereich
• U6 und U9: je eine Haltestelle im Einzugsbereich
Die am stärksten vom Fanmeilen-Besucher-Verkehr frequentierten Bahnhöfe waren der Hauptbahnhof
und Unter den Linden. Weitere Bahnhöfe waren: S Potsdamer Platz, S Bellevue, S Tiergarten, S&U
Friedrichstraße und U Hansaplatz (vgl. Erreichbarkeit m Zuge des Ausbaus: Abb.8).
3.5.2.3.1. S-Bahn
Im Normalbetrieb ist bei der S-Bahn von einem Grundintervall von 20 Minuten pro Linie auszugehen
(Lorenz, 02.05.08). Je nach Anzahl von parallel verkehrenden Linien ergeben sich dann die Takte auf
dem konkreten Abschnitt. Während der WM gab es hinsichtlich der Liniendichte, der Ausdehnung
von Fahrzeiten und sogar in Bezug auf die Streckennutzung teils durchgehende und teils zeitweilige
Unterschiede zum Normalfahrplan, der am 28. Mai 2006 nach der Eröffnung des neuen
Hauptbahnhofs in Kraft getreten war.
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
101
Durchgehende Veränderungen zum Regelfahrplan
Für die Dauer der WM war die S-Bahn rund um die Uhr im Einsatz. Wie sonst nur an den
Wochenenden fuhren die Züge in den Nachtstunden innerhalb des Rings alle 15 Minuten und
außerhalb alle 30 (S-Bahn, 02.06.06). Insgesamt kam die S-Bahn, nach eigenen Angaben auf 90.000
gefahrene Kilometer am Tag (S-Bahn, 28.06.06). Also kamen im Schnitt an jeder beliebigen Stelle der
332 Kilometer S-Bahn-Netz, inklusive der weniger ausgelasteten Strecken in den Außenbereichen,
jede Stunde über 11 Züge vorbei.
Eine Aufsehen erregende Veränderung im WM-Zeitraum war die Befahrung des neuen Nord-Süd-
Tunnels, der normalerweise Regionalzügen vorbehalten ist. Somit erhielt die Standard-Nord-Süd-
Verbindung der S-Bahn über Friedrichstraße eine Art Schnellstrecke zur Unterstützung. Dazu mussten
extra S-Bahn-Züge mit Oberleitung aus München und Frankfurt/ Main importiert werden, um als
Sonderlinie zwischen Südkreuz und Gesundbrunnen mit Halt in Potsdamer Platz und
Hauptbahnhof zu verkehren. In der Zeit vom 08. Juni bis 10. Juli fuhren die Züge täglich zwischen
05:00 und 23:30 Uhr im 20-Minuten-Takt. Dabei brauchten sie 12 Minuten für die 11 km lange
Strecke (S-Bahn, 15.06.06).
Zeitweilige Veränderungen zum Regelfahrplan
An den Tagen mit Spielen in Berlin gab es entsprechend vor und nach der Partie eine
Linienverdichtung zwischen Olympiastadion und Ostbahnhof und wegen der Fahrgäste von der
Waldbühne teilweise auch schon ab Pichelsberg. Hinsichtlich der Doppelbelastung von Waldbühne
und Stadion hatte es zunächst große Bedenken gegeben. Aber die Befürchtung, die von dort
kommenden Fahrgäste hätten die beim Olympiastadion ankommenden Züge dann schon belegt,
bestätigte sich nicht. Auf denselben Linien (S9 und S75) liegt der Hauptbahnhof, der auch in Bezug
auf die Fanmeile der Haupt-Bahnhof war (Lorenz, 02.05.08). Die Masse an Fahrgästen vom Stadion
war mit über 70.000 Stadionbesuchern nicht nur zahlenmäßig größer als bei normalen
Bundesligaspielen mit nur ca. 40.000 Zuschauern, sondern sie musste zudem allein mit öffentlichen
Verkehrsmitteln bewältigt werden, da dem MIV der Zugang zum Stadion verwehrt war. Außerdem
verflacht der normale Stadionverkehr besser im Netz als der spezifische WM-Verkehr, der weniger
Destinationen hat und daher schwerer zu organisieren ist (Lorenz, 02.05.08).
• Linienverdichtung bis Bahnhof Zoo: Normalerweise wird diese Strecke alle 10 Minuten in jeder
Richtung befahren. Zu den Stoßzeiten wurde auf 350% der Stärke des Normalverkehrs aufgerüstet
und statt sechs, 21 Züge pro Richtung und Stunde eingesetzt.
• auf der Hauptstrecke, der „Stadtbahn“ zwischen Westkreuz und Ostkreuz wurde der Takt von 15
Zügen pro Stunde und Richtung ebenfalls auf 21 erhöht.
Allein wegen der Streckenkapazitäten hätten auch noch weitere Züge eingesetzt werden können, aber
da hohe Fahrgastdichten immer auch lange Aufenthaltszeiten der Züge in den Bahnhöfen bedeuten, ist
die mögliche Taktverdichtung limitiert. Die Stadtbahn war das „Hauptgeschäft“ der WM, während im
Nord-Süd-Verkehr weniger los war. Folglich wurde dort die Intensität auch nur um 20% erhöht
(Lorenz, 02.05.08).
Rund um die Fanmeile kam es wegen der hohen Fahrgastzahlen manchmal zu solchen Verdichtungen,
dass S-Bahnhöfe vorübergehend geschlossen werden mussten. Am häufigsten war, wegen seiner
Nähe zur Fanmeile, der S-Bahnhof Unter den Linden davon betroffen, dessen Kapazität nicht auf die
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
102
Nachbarschaft zu einem Stadtgebiet wie der Fanmeile ausgelegt ist. Besser für solche Aufkommen
eingerichtet ist der S-Bahnhof Potsdamer Platz, der mit seinen zwei Richtungsbahnsteigen die Ströme
besser kanalisieren kann. Die dortige ZDF-Arena fasste nur eine überschaubare Zahl von Gästen und
war daher auch kein Problem für den Verkehrsfluss (Lorenz, 02.05.08). Manchmal mussten auch der
S-Bahnhof Friedrichstraße und der S-Bahnsteig am Hauptbahnhof geschlossen werden. Im Fall der
Friedrichstraße wurde aber nicht das ganze Gebäude geschlossen, sondern meistens lediglich der große
West-Eingang. Das verursachte genug Verzögerung, um den Verkehr wieder zu entspannen (Lorenz,
02.05.08).
Zu den verkehrsreichen Zeiten war an strategischen Punkten eine Verkehrsbeobachtung eingerichtet,
um auf die Fahrgastbewegungen angemessen reagieren zu können. Diese Punkte waren:
Olympiastadion, Westkreuz, HBF, Zoo, Charlottenburg und Pichelsberg (Lorenz, 02.05.08). Bereits in
der Vorbereitung auf die WM hatte die S-Bahn Hauptuntersuchungen und Instandsetzungsarbeiten
soweit es ging vorgezogen oder nach hinten verschoben, um zusammen mit entsprechenden
Urlaubsregelungen genügend Personal für diese Arbeiten bereit stellen zu können (S-Bahn, 29.03.06).
3.5.2.3.2. U-Bahn
In der Vorbereitung auf die WM musste die BVG zunächst einen Rückschlag verkraften, als klar
wurde, dass die U55 entgegen der Planungen nicht zur WM einsatzbereit sein würde. Die Verbindung
von Hauptbahnhof direkt zum Brandenburger Tor wäre für die Anbindung der Fanmeile optimal
gewesen. Einen „Stummelbetrieb“ von Hauptbahnhof über nur eine Station bis U-Bundestag lehnte
die BVG wegen unverhältnismäßiger Kosten ab (ARD.de 2006).
Durchgehende Veränderungen zum Regelfahrplan36
Eine besondere Rolle nahm die U2 ein, die von der BVG hauptsächlich wegen dem Stadion-Anschluss
zur „WM-Linie“ erklärt worden war. Sie verknüpfte aber darüber hinaus noch weitere WM-
Attraktionen miteinander. Je nach Spieltag fuhr sie zwischen Alexanderplatz und Zoologischer Garten
oder bis Olympiastadion in stark verkürzten Takten (~3 Minuten). Dazu wurden an Spieltagen bis
zu 20 Sonderzüge eingesetzt (BVG, 10.07.06). Die mit der „WM-Linie“ zu erreichende Ziele von Ost
nach West waren:
• Olympiastadion
• Kaiserdamm: Park & Ride zum Stadion
• Zoologischer Garten/ Wittenbergplatz: City West
• Potsdamer Platz: Zugang zur Fanmeile, ZDF-Arena, Kulturforum u.a.
• außerdem Eberswalder Straße: Zugang zu den Public-Viewing-Veranstaltungen in der
Kulturbrauerei
Rechtzeitig vor Spielbeginn und bis ca. 80 Minuten nach Spielende (BVG, 20.06.06, S.7) wurden für
die Besucher der Fanmeile außer der WM-Linie U2 noch zwei weitere Linien verstärkt (BVG
Fahrplanmaßnahmen 2006):
• U9 zwischen Osloer Straße und Rathaus Steglitz, U-Bahnhof Nähe Fanmeile: Hansaplatz
• U6 zwischen Seestraße und Tempelhof mit Halt auf dem Bahnhof Friedrichstraße
36 Übersicht der Änderungen im U-Bahn-Fahrplan zur WM im Anhang 3
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
103
Bei Taktverkürzung auf der WM-Linie (U2) auf 3 Minuten galt im restlichen Netz ein fünfminütiger
Takt, bei 5-minütiger Zugfolge auf der U2 fuhren die restlichen Linien 10-minütig. An besonderen
Tagen (insgesamt 13) fuhren alle Linien außer der U4 auch im Nachtverkehr (BVG
Fahrplanmaßnahmen 2006).
Zeitweilige Veränderungen zum Regelfahrplan
Auf allen U-Bahnlinien lag es im Ermessen des Schichtleiters, zu entscheiden, ob einzelne
Verstärkerlinien eingefügt werden sollten, um den Bedarf zu decken.
3.5.2.4. Straßengebundener ÖPNV: Bus
Auf der Straße des 17. Juni selbst verläuft keine Buslinie. Trotzdem waren insgesamt acht Linien für
die Fanmeile relevant oder mussten ihretwegen umgeleitet werden. Von Anfang an wurde die Linie
M41 in den Tiergartentunnel verlegt, während z.B. die Linie 100 auf ihrer – für den MIV gesperrten –
Stammstrecke verblieb. Je nach Betrieb auf der Fanmeile musste sie, wie auch weitere Linien,
umgeleitet werden (Prätel, 06.05.08).
Tab.20: Verkehrsmaßnahmen im Busverkehr rund um die Fanmeile
Linie Maßnahme Beschreibung
M41 permanente Umleitung durch
den Tiergartentunnel
Umleitung musste bei Sperrung der Tunnelzufahrt Kemperplatz bis
Kanalufer verlängert werden. Die Route durch den Tunnel wurde
später in den Regelfahrplan übernommen
TXL zeitweilige Verlagerung im
Bereich Brandenburger Tor
Stauanfällig, denn im Bereich Luisenstraße/ Wilhelmstraße deckte
sich die Route mit der Umleitung des IV
100 Umlauf-Verstärkung (tgl. 8)37
zeitweilige Verlagerung auf die
Route der Linie 200
Verkehr auf der, für den IV gesperrten, John-Foster-Dulles-Allee
nur bis zu gewissem Fußgängeraufkommen möglich, dann Sperrung
durch den Einsatzleiter der Polizei
100,
200
zeitweilige Verlagerung im
Bereich Brandenburger Tor
bei starkem Besucherandrang/ Polizeiabsperrungen mussten die
Linien weiter nach Osten ausweichen und gelangten erst auf Höhe
Friedrichstraße auf die Straße Unter den Linden
Quelle: Eigene Darstellung/ Prätel, 06.05.08 und BVG, 03.+10.07.06
In manchen Fällen mussten „Ausgleichswagen“ zur Taktverstärkung eingesetzt werden. Insbesondere
bei der problematischen TXL-Linie, die teilweise mit bis zu 60 Minuten (betrieblicher) Verspätung
eintraf, kamen diese Zusatzwagen zum Einsatz, um den rechtzeitigen Start der Folge-Touren der
verspäteten Fahrer zu gewährleisten (Prätel, 06.05.08). Wenn die Tunnelzufahrt am Kemperplatz
gesperrt war, musste die Linie M41 zusätzlich zu ihrer permanenten Umleitung bis über die
Kanaluferstraßen umgeleitet werden. Als die Fanmeile über den Großen Stern hinaus erweitert wurde,
kamen weitere Umleitungen hinzu:
Tab.21: Verkehrsmaßnahmen im Busverkehr zur Erweiterung
Linie Maßnahme
100 permanente Umleitung über die Route der Linie 200
106, N26 Umleitung über Zoologischer Garten und Ernst-Reuter-Platz
187 Umleitung durch den Tiergartentunnel
Quelle: Eigene Darstellung/ Prätel, 06.05.08 und BVG, 03.+10.07.06
37 Verstärkungen im übrigen Liniennetz operativ, insbesondere im Nachtverkehr (BVG, 03/2006, S.12)
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
104
Abb.46: Bus-Linien und Umleitungen
Quelle: Eigene Darstellung
Legende:
• schwarz-weiße Linien: Stammstrecken, die den Bereich er Fanmeile berühren
• rote Linie: permanente Umleitung (nur M41)
• grüne Linien: optionale Umleitungen bei Bedarf
• blaue Linie: Umleitungen zur erweiterten Fanmeile
Abb.47: Zusätzliche Umleitungen zur Erweiterung
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
105
3.5.2.5. Fahrrad: „Berlin steigt um ...aufs Fahrrad“ und Fahrradparkplätze
Der Anteil des Fahrrads an der Personenbeförderung insgesamt spielte zwar keine nennenswerte Rolle,
allerdings stieg die Fahrradnutzung anders als der Autoverkehr (Rückgang um 5%) im WM-Zeitraum
um 25% an (SenV BJS 2006, S.7) und das Konzept der Fahrradparkplätze am Veranstaltungsraum war
erfolgreich und ist ausbaufähig. Als Teilbereich der Kampagne „Berlin steigt um“, mit der die Berliner
Bevölkerung bewegt werden sollte, ihr Verkehrsverhalten auf die Sonderbedingungen der WM
umzustellen, gab es neben „Berlin steigt um auf Bus und Bahn“ auch „Berlin steigt um aufs Fahrrad“.
Die Ziele der Kampagne wurden erreicht und die allseits befürchteten Verkehrsprobleme bewegten
sich in überschaubarem Rahmen oder blieben vollständig aus (Bona, 28.04.08).
Abb.48: Logo „Berlin steigt um“ Abb.49: Wegweiser
Fahrradparkplatz
... AUFS
FAHRRAD
Quelle: Berlin steigt um Quelle: Berlin steigt um
Trotz der kurzen Vorbereitungszeit und mangelnder Unterstützung, z.B. seitens der FIFA, war die
Unter-Kampagne „Berlin steigt um aufs Fahrrad“, wie Zählungen der Verkehrsmanagementzentrale
belegten, sehr erfolgreich. Neben dem Aufruf, das Fahrrad dem Auto vorzuziehen, um Staubildung zu
vermeiden, gab es auch noch andere Beweggründe für das Umsteigen. So war beispielsweise die
Fanmeile, genauso wie das Stadion, mit dem Auto nicht zu erreichen. Das entscheidende Element der
Initiative war aber das von Sponsoren finanzierte und von Velokonzept Saade GmbH durchgeführte
kostenlose Angebot bewachter Fahrradparkplätze. Nutzer dieses Angebots konnten unabhängig von
öffentlichen Verkehrsmitteln unmittelbar bis an die Fanmeile heran fahren und dort ihr Rad, ohne sich
sorgen zu müssen, stehen lassen. Neben der versicherungsrechtlich abgesicherten Garantie gegen
Diebstahl und Beschädigung boten die Fahrrad-Stationen zusätzlich auch noch einen kleinen
Reparatur-Service an, durchgeführt von Berufsfachschülern zum Fahrradmonteur (Velokonzept 2006,
S.15).
Abb.50: Drei der vier Berliner Fahrradparkplätze befanden sich rund um die Fanmeile
Standort Platz der Republik:
(Scheidemannstraße)
Kapazität: 506 Räder
Standort Großer Stern:
(in den Denkmal-Nischen)
Kapazität: 2x 91 Räder
Standort Kulturforum:
(Matthäikirchplatz)
Kapazität: 160 Räder
(vorzeitig geschlossen)
Quelle: Eigne Darstellung/ Velokonzept 2006
Fanmeile: Außerhalb der Fanmeile
106
Das Angebot wurde von 12.000 Radfahrern genutzt (Berlin steigt um). Um es für zukünftige
Neuauflagen attraktiver zu gestalten, müssten vor allem andere Standorte gewählt werden. Für die
Fanmeile hatten sie sich schlicht aus dem eingeschränkten Angebot an verbliebener Fläche rund um
die Meile ergeben (Velokonzept 2006, S.5). Heinz-Joachim Bona schlägt als weitere Verbesserung
eine zusätzliche Dienstleistung vor: das Aufbewahren von persönlichen Gegenständen, die nicht mit in
den abgesperrten Bereich genommen werden dürfen (Bona, 28.04.08).
Ein Indikator der Orte- und Wegeverschiebung hätte das Nachfragemuster beim Fahrradverleih der
Deutschen Bahn sein können, schließlich verraten die Verschiebungen zwischen Ausleih- und
Abstellorten der Räder von „Call a Bike“, welche Orte gerade besonders gefragt sind. Aber der
zuständige Ansprechpartner der Bahn, Ole Constantinescu, bestätigt die Vermutung einer Verdichtung
rund um die Fanmeile nicht (Constantinescu 2008).
3.5.3. Zwischenfazit: Außerhalb der Fanmeile
Die in Kapitel 3.5.1. genannten weiteren Veranstaltungsorte stehen teilweise in engem
raumzeitlichem Zusammenhang mit der Fanmeile. Es bleibt zu untersuchen, wie dieser
Zusammenhang zu bewerten ist bzw. welche Teile dem Untersuchungsgebiet zuzuordnen sind.
Die Bedeutung des Autoverkehrs wurde von den WM-Planern entweder etwas überschätzt (Bona,
28.04.08) oder die Kampagne „Berlin steigt um“ war ausgesprochen erfolgreich. Auf jeden Fall
blieben die großen Zusammenbrüche aus, die wegen der Fanmeile an den heiklen Knotenpunkten
erwartet worden waren. Die Planung, auch seitens des öffentlichen Verkehrs, zeigte sich flexibel und
konnte auf kurzfristige Anforderungen reagieren. Offensichtlich war Berlin in der Lage, die große
Verkehrslast der Straße des 17. Juni anderswo unterzubringen. Als logische Konsequenz der
erfolgreichen Verkehrsbewältigung unter den gegebenen Ausnahmebedingungen, forderten zum Ende
der WM manche Seiten die völlige oder zumindest temporäre Sperrung der Straße des 17. Juni auf
Dauer. Zum Beispiel für den VCD (Verkehrsclub Deutschland) hatte die Fanmeile belegt, dass Berlin
zumindest außerhalb der Zeiten des Berufsverkehrs ausreichend anderweitigen Straßenraum zur
Verfügung habe. Deshalb schlug er vor, sich in Zukunft an Sommerwochenenden zwischen
Brandenburger Tor und Siegessäule einen autofreien Tiergarten zu erlauben (VCD 2006). Auch andere
Städte böten ihren Bewohnern und Besuchern temporär umgenutzte Verkehrs-Trassen. Der
Organisator der Inline-Skater-Demonstration in Berlin, Stephan Imm, nennt als erfolgreiche Beispiele
(Berliner Zeitung, 07.07.06):
• „Paris-Plages“ in Paris: Stadtstrand auf der Schnellstraße entlang der Seine (vgl. Kapitel 4.1.4.)
• „Bois de Cambre“ in Brüssel: Stadtwald an den Wochenenden
• Schließung des Kennedy Drive in San Francisco im Golden Gate Park
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
107
3.6. Zwischenfazit: Fanmeile und raumzeitliche Schlussfolgerungen
Laut BTM besuchten während der WM 15 Mio. Menschen Berlin; ungefähr 30% also 450.000
Tagesbesucher mehr als sonst. Und statt der prognostizierten 1 Mio. ausländischer Gäste sei die
doppelte Zahl gekommen (SenV BJS 2006). Alle offiziellen Stellen gaben eine positive Bilanz der
WM heraus und betonten die Langzeit- und Imagewirkung für Berlin. Die IHK korrigierte ihre
ursprüngliche Vorhersage von einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um 500 Mio. € für die
Berliner Wirtschaft weit nach oben: Allein die Ausgaben der WM-Touristen hätten nach
Berechnungen der Investitionsbank im Wirkungsbereich bis 2010 zu einem Plus von 680 Mio. €
geführt (IHK 2007, S.16). Wie viele andere Stellen belegte aber auch die IHK ihre Einschätzungen
nicht mit eigenen Evaluationen (Fiebig, 23.04.08).
Die von unterschiedlicher Seite laut überlegten Modelle einer dauerhaften oder wiederholten
Schließung der Straße des 17. Juni, wurden von der Stadt nicht weiter verfolgt. Es solle dabei bleiben,
dass zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule der Verkehr an erster Stelle steht und
Veranstaltungen die Ausnahme bleiben. So fand die Europameisterschaft 2008 zum Beispiel zwar auf
der Straße des 17. Juni statt, aber lediglich in der auf die Finalspiele beschränkten Rumpfversion, die
der Senat ursprünglich auch für die WM 2006 vorgesehen hatte. Alle anderen Spiele sollten an einem
Ausweichstandort gezeigt werden. Aber genauso wie bei der Diskussion im Vorfeld der WM ging es
auch 2008 hin und her und kurz vor Turnierbeginn wurde die auf dem Alexanderplatz vorgesehene
Veranstaltung mit 90 m² großer Videowand gekippt (Berliner Zeitung, 23.05.08).
Die Schadensbilanz hielt sich, z.B. im Vergleich zu den Schäden, die durch die Love-Parade
verursacht werden, im Rahmen. Ungeachtet dessen waren Hecken, Krautschicht und Sträucher in
Straßennähe zerstört. Es gab ein Wegesystem von „Pinkelpfaden“ (ND, 28.06.06) und von Suchwegen
hinter den Wagen und Ständen zu einem Durchgang auf die Straße des 17. Juni, die von den
Besuchern getrampelt wurden, die über den Zaun geklettert waren (Götte, 12.04.08). Außerdem gab es
die in Kapitel 3.3.2. erwähnten Schäden an Wegen und Brücken.
3.6.1. Räumliche und zeitliche Schlussfolgerungen
Im Vorangegangenen wurden die wesentlichen Eigenschaften der Fanmeile beschrieben. Für ihre
Betrachtung als temporäre Raum-Zeit-Zone sind die sich daraus ergebenden räumlichen und zeitlichen
Umrisse wie folgt festzuhalten:
3.6.1.1. Räumlicher Umriss
Im Zusammenhang der Fanmeile und der näheren Umgebung kann man zunächst von drei
abgrenzbaren Bereichen sprechen. Erstens gibt es die Straßen-, bzw. Veranstaltungsfläche selbst, also
den Abschnitt der Straße des 17. Juni, zweitens den eingezäunten Bereich des Tiergartens, also den
aus der Stadt herausgeschnittenen und von ihr temporär abgetrennten Bereich und drittens das Feld der
benachbarten, artverwandten Angebote und Veranstaltungsorte, also den Gebietszusammenhang über
das umzäunte Areal hinaus.
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
108
Abb.51: Die Bereiche der Fanmeile
Bereich I: Straßenfläche Bereich II: eingezäuntes Areal Bereich III: benachbarte Angebote
Gesamtbild der drei Bereiche
Quelle: Eigene Darstellung
Die, im Wesentlichen an den Spielübertragungen interessierten, Besucher der Fanmeile hielten sich
hauptsächlich auf der Straßenfläche auf. Der Park wurde vorrangig in unmittelbarer Straßennähe in
das Geschehen mit einbezogen, demzufolge traten dort auch die meisten Schäden auf. Trotzdem
gehörte der Tiergarten natürlich als Ganzes mit dazu und wurde außerhalb der Spielzeiten, laut
Tiergarten-Inspektionsleiter Jürgen Götte, stark frequentiert. Er wurde von den feiernden
Menschenströmen passiert, diente als Standort für beigeordnete Versorgungs- und Service-
Einrichtungen, Ausweichfläche für eine Pause vom Trubel oder für den Notfall. An seinen Grenzen
befanden sich die Einlasskontrollen und nicht zuletzt definierte schlicht der 2,20 m hohe, blickdichte
und bewachte Zaun, was Fanmeile war und was nicht – an ihm wurden Drinnen und Draußen
voneinander geschieden.
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
109
Andererseits liefert der Zaun auch nur bedingt eine klare Trennlinie, denn die benachbarten
Einrichtungen wie Bundestagsarena, Adidas-Arena oder der Fußball-Globus vor dem Brandenburger
Tor sind kaum von der Fanmeile zu trennen. Dazu kamen viele weitere unterschiedlich große
Veranstaltungen, Ausstellungen und Angebote in der näheren Umgebung. Auch das Verhältnis der
Fanmeile zur City-West muss geklärt werden.
Abb.52 zeigt das Gebiet, das im Folgenden der Betrachtung der Fanmeile als temporärer Raum-
Zeit-Zone zu Grunde gelegt wird:
Abb.52: Abgrenzung des Betrachtungsgebiets
Quelle: Eigene Darstellung
Legende:
• großer heller Bereich: Betrachtungsgebiet
• kleine helle Bereiche: nahe gelegene Haltestellen
• rote Pfeile: Hauptströme der Besucher zwischen Hauptbahnhof, Friedrichstraße sowie Unter den Linden
und der Fanmeile
Das Gebiet ist der engere Verflechtungsbereich der Fanmeile. Die anderen, nicht mit aufgenommenen
Standorte in der weiteren Umgebung belegen lediglich den ausgeprägten Kontext der Fanmeile in der
umgebenden Stadt auf Grund ihrer starken Ausstrahlung, bilden aber keine Gebietseinheit mit ihr.
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
110
Vom Betrachtungsgebiet ausgeschlossene Teilbereiche
Alle Gebiete nördlich der Spree werden vom Betrachtungsgebiet ausgeschlossen. Dafür spricht neben
dem Aspekt des Gebietszusammenhangs und der räumlichen Distanz auch deren teilweise nachrangige
Bedeutung. Das kommt insbesondere im Fall des kaum nachgefragten Fancamps zum Tragen. Hätte es
die ihm zugedachte Funktion einer Massenunterkunft erfüllt, wäre es so etwas wie die Schlafstadt oder
das Wohnviertel zum Stadtzentrum Fanmeile gewesen. Damit wären dann auch die Nutzungen im
Zwischenbereich eingebunden und durch starke Wegebeziehungen verknüpft gewesen und das
Betrachtungsgebiet hätte anders umrissen werden müssen. Für sich allein gestellt, ohne das Gewicht
im Norden, ist aber ein Gebietszusammenhang der Public-Viewing-Standorte Polar Park, Pressestrand
und Zollpackhof zur Fanmeile kaum nachzuweisen. Sie sind zwar wesentlich durch ihre Lage zum
Hauptattraktor bestimmt und wahrscheinlich kamen sie lediglich durch diese Nähe zu der Bedeutung,
die sie während der WM hatten. Aber sie standen darüber hinaus in keinem territorialen
Zusammenhang zur Fanmeile, den z.B. ein starkes Zentrum im Norden hätte vermitteln können.
Ähnliches gilt für die anderen beiden dort verorteten Veranstaltungen, „Afrika! Afrika!“ und
„Sandsation“, bei denen als weiteres Ausschlusskriterium dazu kommt, dass sie gar nicht direkt an das
Fußballgeschehen gebunden waren. Sie waren damit nicht nur räumlich, sondern auch inhaltlich
weitestgehend unabhängig von der Fanmeile.
Eine starke Wegebeziehung bestand wiederum
zwischen dem Hauptbahnhof und der Fanmeile,
wovon manche Verkehrsplaner überrascht
waren (Lorenz, 02.05.08/ Prätel, 06.05.08). Zum
Beispiel hatte die BVG noch zu Beginn ihrer
Planungen darüber nachgedacht die U55
vorübergehend in Betrieb zu nehmen, um die
weite Distanz zu überbrücken. Tatsächlich
waren die Besucherströme dann so stark, dass
zu den Hochzeiten die Fußgängerbrücke über die Spree zeitweise verstopfte. Der Hauptbahnhof war
damit ein Tor zur Fanmeile, aber darüber hinaus bestand kein territorialer Zusammenhang.
Die City-West war zwar ein bedeutender Ort im stadtweiten Geflecht von WM-Berlin, für die
Betrachtung der Fanmeile ist sie aber nicht relevant. Gegen die Berücksichtigung der City-West
spricht nicht nur die große Distanz zwischen den beiden Zentren, sondern auch das Fehlen einer
Verbindung, wie sie etwa in einer zeitlichen Abfolge hätte bestehen können. Nach den Aussagen der
befragten Experten handelte es sich aber um unterschiedliches Publikum, eine Wanderung nach
Spielende von der Fanmeile zur City-West, wie sie vom Stadion aus dorthin bestand, fand nicht statt
(Colberg/ Ziehe 07.05.08, Götte 12.04.08, Waldhelm 14.05.08).
Der, die Fanmeile umgebende, Straßenraum zählt zum Beobachtungsgebiet dazu, sofern es sich um
die direkt am Park, und damit an der Eingrenzung der Fanmeile, entlang führenden Straßen handelt.
Diese Straßen waren auf besondere Weise in die Konzeption der Großveranstaltung eingebunden. Zum
Beispiel als Rettungswege oder als temporäre Umleitungen. Sie wurden von den Besuchern
regelmäßig so dicht bevölkert, dass der Straßenverkehr zum Erliegen kam, oder waren, wie die John-
Foster-Dulles-Allee, Scheidemannstraße und die oberen Teile der Ebertstraße, selbst Teil des
Abb.53: Volle Gustav-Heinemann-Brücke
Quelle: Presse- und Informationsamt Berlin
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
111
abgesperrten Areals. Im Sonderfall der für die Betrachtung
eigentlich zu kurzzeitigen Erweiterung wird aber nur der
Große Stern mit berücksichtigt. Auf seiner Mittelinsel
wurden nicht nur die letzten Videowände der Fanmeile
aufgebaut, sondern mit der weithin sichtbaren Siegessäule
bildet er auch die westliche Einfassung der Fanmeile, als
Gegenstück zum Brandenburger Tor an ihrem östlichen
Ende. Die Veranstaltung auf dem Kulturforum, das Festival
„Heimatklänge“, war genauso wie der dort befindliche
Fahrradparkplatz nicht erfolgreich genug, um sie als Enklave
des eigentlichen Gebiets in die Betrachtung mit
einzubeziehen. Die Zuschauer und Nutzer beider
Einrichtungen blieben im Turnierverlauf aus, weshalb das
Programm gestrichen wurde und nur der Public-Viewing-
Standort erhalten wurde. Der Fahrradparkplatz war eindeutig
dem Kulturforum selbst zugeordnet und nicht dem großen
Nachbarn Fanmeile. Er war zu weit von ihr entfernt, um für deren Besucher interessant zu sein.
In das Betrachtungsgebiet eingeschlossene Teilbereiche
Über das bereits erwähnte Straßenland hinaus, werden in jeder
Himmelsrichtung auch flächige Bereiche als Bestandteil des
Gebietszusammenhangs Fanmeile verstanden. Sowohl im Westen
(Großer Stern), wie im Osten (Pariser Platz) gibt es eine Art
Vorplatz. Der Pariser Platz war Teil des Betriebs- und des
Absperrungskonzepts und außerdem Standort des Fußballglobus.
Dort befand sich mit dem Brandenburger Tor das Portal und
Markenzeichen der Fanmeile.
Im Süden liegt mit der ZDF-Arena eine Berliner WM-
Institution in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fanmeile, die
neben der erwähnten Pelé-Ausstellung im U3-Bahnhof auch
noch weitere kleinere Veranstaltungen aus dem WM-Kontext
um sich versammelt hatte. Auch wenn die ZDF-Arena viel
kleiner war als die Adidas-Arena, bildete sie mit ihr
zusammen gewissermaßen die Pole eines Querschiffs zur
Straße des 17. Juni. Den Größenunterschied glich das Studio
im Sony-Center mit inhaltlicher Nähe zur Fanmeile aus,
schließlich handelte es sich, anders als bei ihrer nördlichen
Entsprechung auch wirklich um public, nämlich kostenloses, Viewing. Für die Einbeziehung des
Potsdamer Platzes spricht außerdem die starke touristische Wege-Verbindung von dort zum
Brandenburger Tor. Sie hatte auch zu WM-Zeiten Bestand und verstärkte die Verbindung mit der
Fanmeile, über deren Hoheitsgebiet sie verlief.
Abb.54: Bereich West: Großer Stern
Quelle: Eigene Darstellung
Abb.55: Bereich Ost: Pariser Platz
Quelle: Eigene Darstellung
Abb.56: Bereich Süd: Potsdamer Platz
Quelle: Eigene Darstellung
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
112
Abb.57: Bereich Nord: Spreebogen
Quelle: Eigene Darstellung
Abb.58: WM-Touristen im Spreebogenpark
Quelle: Die Zeit, 06.07.06
Der größte, dem Betrachtungsgebiet hinzuzufügende, Teilbereich liegt im Norden der Fanmeile. Der
Bereich des Spreebogens wird aus verschiedenen Gründen als Ganzes in das Betrachtungsgebiet
aufgenommen, obwohl zunächst weitere Differenzierungen etwa hinsichtlich der Regierungsbauten
möglich erscheinen. Für die flächige und geschlossene Betrachtungsweise sprechen:
• der natürliche Verlauf der Spree war die eigentliche Begrenzung des Bewegungsraums der
Fanmeilen-Besucher. Die dort befindlichen Grünflächen unterschieden sich in Nutzungsweise und
Menschendichte kaum von den eingezäunten Park-Bereichen und wurden sogar noch eher als
diese um ihrer selbst Willen genutzt.
• die Straßensperrungen und das Verkehrskonzept:
- Die vorgenommenen Straßensperren bezogen ebenfalls das Gebiet bis zur Spree mit in den
abgetrennten Bereich ein.
- Die alternative Verkehrsführung leitete den Verkehr um diesen Bereich herum (wie bei
starkem Besucheransturm auch um die südlichen, mit in die Betrachtung einbezogenen
Standorte). Die oberhalb der Spree gelegenen Gebiete wurden nicht umfahren, sondern der
Verkehr wurde mitten hindurch geleitet. Offensichtlich sah auch die Verkehrsplanung keinen
Gebietszusammenhang der nördlichen Bereiche zur Fanmeile.
• Das „Fan-Meilenband“ der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM): Die BTM sprach
hinsichtlich der Konzentration rund um die Fanmeile von einem „Fan-Meilenband“ zwischen
Reichstag und Kulturforum mit den beiden Arenen (ZDF und Adidas) und dem Globus als
Hauptattraktionen (BTM 2006b, S.31).
• das Sicherheitskonzept: Die Senatsverwaltung für Inneres und die Polizei sprechen von einem
zweiten Bereich, der sich an die eigentliche Abgrenzung der Fanmeile anschloss (Fischer/ Rock
05.03.08, Colberg/ Ziehe 07.05.08). Damit ist der Beobachtungsraum rund um die Fanmeile im
Allgemeinen und insbesondere der für den MIV gesperrte Bereich gemeint. Dieser Bereich wurde
Tag und Nacht verstärkt kontrolliert, woran auch Mitarbeiter des Ordnungsamts beteiligt waren
(Einhaltung des Camping-Verbots) (Götte, 12.04.08). Die Aufenthaltsverbotszone der Polizei
schließt diesen Bereich ebenfalls mit ein (vgl. Kap 3.4.6.3.).
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
113
3.6.1.2. Zeitlicher Umriss
Verschiedene Fristen und Zeitmuster können untersucht werden:
• die Gesamtheit der teils jahrelangen Planungs- und Arbeitsprozesse, deren Intensität sich im
Vorfeld der WM immer mehr verdichtete, bis zum Abschluss der Nachbereitung
• die Geschichte der Standortentwicklung zu dem, was er durch die Fanmeile wurde, in Form einer
Betrachtung der Vorläufer-Veranstaltungen (also den Nachbarn in der Zeit, äquivalent zur
Betrachtung der räumlichen Nachbar-Veranstaltungen in der Umgebung der Fanmeile)
Zur Definition des zeitlichen Umrisses der Fanmeile soll es hier aber um das konkrete zeitliche Profil
der Veranstaltung selbst gehen. Dazu ist neben den tageweisen Unterschieden im Verlauf der
Veranstaltung vor allem der tägliche Veranstaltungsablauf rund um die Uhr zu betrachten.
In der Betrachtung des Gesamtverlaufs treten zwei Aspekte besonders hervor. Erstens variierte die
Zahl der Tagesbesucher, also die Nutzungsintensität der Fanmeile, sehr stark in Abhängigkeit von den
jeweiligen Spielen und zweitens gab es einen ausgeprägten Trend in der Beliebtheit der Fanmeile (vgl.
Abb.31). Die Fanmeile entwickelte eine Gravitationswirkung, die Besucher und sogar Einsatzkräfte
von anderen Veranstaltungen abzog. Zum Beispiel konnte das DRK seine Kräfte mit dem anderweitig
nicht weiter benötigten Personal von Maltesern und Johannitern aufstocken (Riege, 05.05.08).
Teilweise wurden, ungeachtet ihrer Entfernung zur Fanmeile, kleinere Veranstaltungen von dieser
Massenwirkung auch kaputt gemacht, weil sie nicht mehr genügend nachgefragt wurden (Fiebig,
23.04.08) und auch die Adidas-Arena hatte einen schweren Stand und sei kaum zu füllen gewesen
(Waldhelm, 14.05.08).
Tagesverlauf Fanmeile
Um 11:00 morgens öffnete die Fanmeile offiziell für ihre Besucher. Ab diesem Zeitpunkt fand auch
Programm statt (DJs an den Videowalls). In der nachfolgenden Grafik (Abb.59) ist mit Betrieb sowohl
technischer und Programmbetrieb, wie auch die Öffnung der verschiedenen Stände und Angebote auf
der Fanmeile gemeint. Unter Sicherheit fallen sowohl Polizei, wie auch die privaten
Sicherheitsdienste. Den Sanitätsdienst leistete das DRK.
In Abbildung 59 zeigt sich, dass es zwar nur eine durchgehende Zeitlinie gibt, nämlich die der
Sicherheit, aber andererseits auch keinen Zeitpunkt im Tagesverlauf der Fanmeile, zu dem tatsächlich
nur eine einzige Nutzungsform stattfand. Auffallend sind auch die ausgedehnten Zeiten von Reinigung
und Zulieferung, also der täglichen Pflege der Fanmeile, die täglich einen Acht-Stunden-Zeitraum
einnahm. Der Zeitbereich, in dem hohe Besucherzahlen erreicht wurden, fiel kaum länger aus,
umfasste aber in Stunden trotzdem die Ausdehnung eines Arbeitstages.
Die Fanmeile war die Takt gebende Zentrale des veränderten Berliner Zeitmusters und gleichzeitig als
Teil in dieses Muster eingebettet. In einem Artikel der Zeit wird diese Verschiebung mit den Regeln
des Nachtlebens verglichen: „Die Logistik der Stadt gehorchte in den Wochen der WM den Gesetzen
des Nachtlebens. Es gab Einlasskontrollen, es gab die wogende, anonyme Masse, es gab Alkohol und
Exzess und die Fluchtwege, die freigehalten werden mussten, es gab die Sehnsucht dabei zu sein, und
hinterher das unbestimmte Gefühl, etwas erlebt zu haben“ (Zeit, 06.07.06).
Fanmeile: Zwischenfazit und raumzeitliche Schlussfolgerungen
114
Abb.59: Tagesverlauf Fanmeile
Tagesprofil der Fanmeile in verallgemeinerter Form (Deutschlandspiel). Die Spirale stellt den Verlauf von 24
Stunden ab 11:00 dar (von innen heraus im Uhrzeigersinn):
Quelle: Eigene Darstellung
Untersuchung der Fanmeile: Vergleichsbeispiele
115
4. Untersuchung der Fanmeile
In Kapitel 2 wurden Raum-Zeit-Zonen beschrieben und Merkmale zu ihrer Bestimmung definiert.
Darauf folgte eine ausführliche Beschreibung des Untersuchungsgegenstands, der Fanmeile auf der
Straße des 17. Juni (Kapitel 3). Nun soll anhand der genannten Merkmale die Fanmeile überprüft
werden. Weist der Untersuchungsgegenstand genügend Übereinstimmungen mit den Eigenschaften
anderer Raum-Zeit-Zonen auf, dass die Unterschiede als Alleinstellungsmerkmal und nicht als
Ausschlusskriterium zu deuten sind? Kann eine temporäre Angelegenheit überhaupt eine Raum-Zeit-
Zone/ ein Gebiet sein? Muss beispielsweise ein Stadtgebiet per Definition über feste Bauten verfügen,
die die Zelte und Aufbauten der Fanmeile nicht ersetzen können, oder belegt im Gegenteil gerade die
temporäre Architektur die Wesenseigenschaft dieser Art Raum-Zeit-Zone, eben temporär zu sein?
Ein Kriterium, das in der Liste der Merkmale nicht aufgeführt ist, ist die rechtliche Gebietsdefinition.
Mit baurechtlichen Begriffen lässt sich die temporäre Raum-Zeit-Zone nicht fassen. Für die
Wesensbestimmung des Phänomens ist das nicht erforderlich und kann deswegen außer Acht gelassen
werden. Ungeachtet dessen wäre es interessant, zu untersuchen, wie die Begriffe der BauNVO
angepasst werden müssten, um ihr Gebietsverständnis entsprechend auszuweiten.
4.1. Die vier Vergleichsbeispiele
Vor der Betrachtung der Fanmeile im Spiegel der Merkmale, werden in Kurzform vier weitere
temporäre Ereignisse vorgestellt, die teilweise Parallelen mit der Fanmeile aufweisen und teilweise in
entscheidender Hinsicht von ihr abweichen. Diese Beispiele dienen in der anschließenden
Untersuchung als Vergleich.
4.1.1. Biermeile
Das Internationale Berliner Bierfestival, die so genannte Biermeile, weist in mancher Hinsicht
Gemeinsamkeiten mit der Fanmeile auf. Wie für die Fanmeile muss eine große Berliner Straße, in
diesem Fall die Karl-Marx-Allee, für die Dauer der Veranstaltung abgesperrt werden. 2008 findet
zwischen dem ersten und dem dritten August das 12. Bierfestival auf der Strecke zwischen Frankfurter
Tor und Strausberger Platz statt. Damit sind beide Meilen ungefähr gleich lang und beide befinden
sich in zentraler Lage. Nach Veranstalterangaben (Präsenta GmbH) werden 800.000 Besucher aus der
ganzen Welt erwartet. Neben der kulinarischen Versorgung und dem Angebot von 260 Brauereien
sorgen 16 Bühnen mit Live-Musik für Unterhaltung. 2006 gab es anlässlich des zehnten Bierfestivals
einen Festumzug mit Pferdegespannen. Die Öffnungszeiten liegen zwischen 10:00 und 24:00 Uhr.
Abb.60: Internationales Berliner Bierfestival 2007
Quelle: www.bierfestival-berlin.de
Untersuchung der Fanmeile: Vergleichsbeispiele
116
4.1.2. „Fusion“-Festival
Die Fusion ist ein jährliches Festival auf einem ehemaligen russischen Militärflugplatz bei Lärz in
Mecklenburg-Vorpommern. Vom 26.06. bis zum 29.06. 2008 fand sie zum zwölften Mal statt, wobei
die tatsächliche Dauer des Festivals den Vor- und den Folgetag mit einschließt.
Abb.61: Lageplan-Ausschnitt des Fusion-Festivalgeländes
Quelle: Fusion-Festival-Guide
Das riesige Camping-Gelände für die geschätzten 40.000 Besucher ist in knapp 50, teilweise
spezifizierte Sektoren unterteilt (Familien, Wohnmobile, autofrei) und mit einem ausgeschilderten
Wegenetz verbunden. Der Veranstaltungsbereich im Nordwesten umfasst eine Vielzahl
unterschiedlich thematisierter Bühnen, Tanzflächen, Veranstaltungsräume und Einrichtungen der
Versorgung.
Abb.62: Theater-Hangar + künstlicher Mond, Wegweiser, Hangar, 24h-Frühstück, Kunst, Festival-Landschaft
Quelle: www.fusion-festival.de
Untersuchung der Fanmeile: Vergleichsbeispiele
117
Die Fusion unterscheidet sich in mehreren Punkten von anderen Musik-Festivals:
• Programm: Neben den zahlreichen Bands und DJs gibt es ein breites Angebot an Kultur und
Unterhaltung (Theater, Performance, Kino, Hörspiele), sowie Workshops für die Besucher.
• Aufbau/ Gestaltung: Der Veranstaltungsbereich (Hangars, Baumgruppen, Freiflächen) wird
aufwändig mit Aufbauten (Bars, Verkaufsstände, Aufenthaltsbereiche) und Installationen (vgl.
künstlicher Mond in Abb.62) umgestaltet.
• Organisation: Der Veranstalter (Kulturkosmos Müritz e.V.) bildet zusammen mit über 20
verschiedenen Gruppen ein Netzwerk mit ca. 800 bis 1000 ehrenamtlichen Mitarbeitern (im
Veranstaltungszeitraum), die die anfallenden Arbeiten, wie Getränkeverkauf, sanitäre
Einrichtungen, Bühnentechnik und auch den Sicherheitsdienst unter sich aufteilen. Die
Festivalbesucher sind als freiwillige Helfer gegen geringe Entschädigungen in den Betrieb
eingebunden (1.800 Arbeitsschichten zu je 6 Stunden, Fusion.de).
• Versorgung: Neben den üblichen Einrichtungen (Information, Sicherheit, Sanitätsdienst) gibt es
Shuttlebusse zu Badeseen und zum Einkaufen, das „Arbeitsamt“, eine psychologische Ambulanz,
einen Kinderbereich und einen Aufbewahrungsort für Wertsachen mit Akku-Ladestation.
• Anspruch: Das Festival versteht sich als unkommerzielle Veranstaltung (keine Werbeflächen,
Getränkeeinnahmen gehen in einen Solidaritätsfonds, keine Presseakkreditierungen) und
Erlebnisfreiraum (Verhaltenskodex zu Toleranz und Miteinander).
Im Veranstaltungszeitraum findet mit ca. 250 Live-Auftritten, 70 DJs und 16 Theatergruppen
durchgehend Programm statt (Fusion.de).
4.1.3. G8-Gipfel in Heiligendamm
Der G8-Gipfel in Heiligendamm war eine Ausnahmeveranstaltung, die mehr Vergleiche zur WM und
der Fanmeile zulässt, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wie es verschiedene WM-Städte gab,
gab es auch neben dem Gipfeltreffen in Heiligendamm weitere G8-Treffen in anderen Städten wie das
der Justiz- und Innenminister vom 23. bis 25. Mai 2007 in München oder das Treffen der
Umweltminister in Berlin. Ebenso, wie jede Stadt zur WM Vorkehrungen rund um das Stadion traf,
wurden für die Gipfel Sonderzonen um die Veranstaltungsorte eingerichtet.
Abb.63: Bayrischer Hof: Treffen der Justiz- und Innenminister
Quelle: Eigene Darstellung
Untersuchung der Fanmeile: Vergleichsbeispiele
118
Wie Stadion und Fanmeile in Berlin teilten sich in Heiligendamm mit Gipfel (06. bis 08. Juni 2007)
und Gegengipfel in den Camps der Demonstranten (01. bis 08. Juni 2007) zwei unterschiedliche
Veranstaltungen denselben Anlass. Mit der gebotenen Vorsicht lassen sich auch hinsichtlich der
Motive zumindest einiger der angereisten Besucher Parallelen zu den Gästen auf der Fanmeile finden:
das gemeinsame, verbindende Erleben eines Großereignisses und Feiern unter freiem Himmel. Die
Sicherheitsvorkehrungen in Heiligendamm übertrafen diejenigen der Berliner Maßnahmen zur WM
selbstverständlich bei Weitem (Verschweißen der Gullydeckel und Einsatz von Kampfflugzeugen der
Bundeswehr), trotzdem zeichnen sie sich, genau wie diese, durch ein sehr umfassendes Konzept mit
räumlichem und zeitlichem Vorfeld aus:
• 200 m Sonderzone außerhalb des Zauns mit Zugang nur für Anwohner oder mit
Ausnahmegenehmigung
• wie zur WM: Sonderregelungen/ Kontrollen an den Bundesgrenzen
• präventive Maßnahmen in verschiedenen Städten mehrerer Bundesländer und Regelungen zu
Eilverfahren
In beiden Fällen markierte ein Zaun die Trennlinie zwischen Drinnen und Draußen (Heiligendamm:
zwölf Kilometer). Natürlich mit dem wesentlichen Unterschied, dass der Zaun in Heiligendamm dafür
da war, die Öffentlichkeit vom Betreten des Geländes abzuhalten.
Wie bei der Fanmeile, gingen die örtlichen Veränderungen im Rahmen der Veranstaltung über die
Trennlinie der Absperrung hinaus. Während drinnen die Regierungsspitzen tagten, gab es draußen
einen Gegengipfel, Demonstrationen und Konzerte. Insgesamt waren die kontrollierten Sonderzonen,
die Unterkünfte und Wege der Demonstranten und die temporären Einrichtungen wie z.B. die
Gefangenensammelstelle über ein grob 20 x 6 Kilometer großes Territorium von Rostock entlang der
Küste bis Kühlungsborn verteilt.
Abb.64: G8-Gipfel in Heiligendamm
Quelle: Eigene Darstellung
Des Weiteren gab es auch in Heiligendamm entsprechende Einschränkungen und Umstellungen im
Straßenverkehr und der Verkehrsverbund Warnow reagierte auf den Gipfel mit Linienänderungen,
Taktverdichtungen, ausgedehnten Fahrzeiten und dem Angebot eines Sondertickets (Ostsee Zeitung
18.05.07).
4.1.4. Paris-Plages
In den Sommermonaten verlangsamt sich der Taktschlag von Paris. Teilweise verödet die Stadt
regelrecht, weil große Teile der Bevölkerung die Stadt verlassen. Rom versucht demselben Problem
mit kostenlosen Konzerten und der Notte Bianca entgegen zu wirken. Paris nutzt die Zeit seit 2002 mit
der Einrichtung eines Stadtstrands auf der Schnellstraße Voie Georges Pompidou entlang der Seine,
Untersuchung der Fanmeile: Vergleichsbeispiele
119
der sich mit einigen Unterbrechungen über ca. drei Kilometer auf Höhe der Seine-Insel vom Louvre
bis zur Pont de Sully hinzieht. Vor dem Rathaus wird zudem eine große Sandfläche für
Beachvolleyball aufgeschüttet. Seit 2007 gibt es Paris-Plages (früher Paris-Plage) zusätzlich an zwei
weiteren Standorten:
• Bassin de la Villette: Nicht an der Seine, sondern weiter nördlich auf dem Kanal-Becken mit
Bootsverleih und Freiluftkino (Paris.fr)
• Höhe Nationalbibliothek auf dem linken Flussufer: kleinerer Stadtstrand mit Badeschiff (Stern,
05.09.07), Internetzugang und Boot-Shuttle zwischen den beiden Strand-Ufern (Paris.fr)
Für die Dauer der Sommerferien (4 bis 5 Wochen in Juli und August) sind die, für den Straßenverkehr
gesperrten, Flächen den Strandbesuchern vorbehalten. Dort findet sich neben Sandflächen mit
Liegestühlen und Sonnenschirmen und der mit Palmen in eine Promenade verwandelten Fahrbahn eine
lange Reihe von unterschiedlichen Angeboten (Cafés, Unterhaltung, Sport, Wasserinstallationen,
Kinder- und Abendprogramm, u.v.m.). Großer Wert wird auf die Sprache der Symbole gelegt: Gelbe
Sonnenschirme stehen für die Sonne und blaue Fahnen für das Meer. Durch diese Bildersprache soll
eine Stimmung erzeugt und der Ort aufgewertet werden (Pradel 2007, S.128).
Abb.65: Paris-Plages: Stadtstrand an der Seine
Quelle: www.padawan.info (F. Nonnenmacher)
Abb.66: Paris-Plages: Lage
Quelle: Eigene Darstellung/ Google Earth
Abb.67: Paris-Plages bei Nacht und Kinderspielschiff
Quelle: Paris.fr
Die vier Beispiele repräsentieren ein breites Spektrum sehr unterschiedlicher Anlässe, Arten und
Größenordnungen von temporären Veranstaltungen und ihrer entsprechenden Einrichtungen. Sie
unterscheiden sich auch stark in ihren raumzeitlichen Eigenschaften. Damit liefern sie gute
Vergleichsmöglichkeiten für die folgende Untersuchung der Fanmeile als temporäre Raum-Zeit-Zone.
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
120
4.2. Untersuchung der Fanmeile anhand der 11 Merkmale
In Kapitel 2.3. wurden elf Merkmale beschrieben, die Raum-Zeit-Zonen auszeichnen, und in fest,
flüssig und flüchtig unterteilt. Wie verhält sich die Fanmeile als temporäre Raum-Zeit-Zone zu den,
aus diesen Merkmalen abgeleiteten, Fragestellungen? In der nachfolgenden Untersuchung wird die
Fanmeile Merkmal für Merkmal auf ihre Bestandskraft als Raum-Zeit-Zone untersucht. Bei der
Betrachtung werden berücksichtigt:
• raumzeitliche Einordnung und Gewichtung des Merkmals
• Beschreibung der Fanmeile unter den Aspekten des Merkmals
• Beurteilung der Merkmalerfüllung (Minimum, Soll, Maximum)
• Wertung der Sonderstellung der temporären Raum-Zeit-Zone (Temporarität/ Temporalität38)
4.2.1. Abgrenzbarkeit (fest 1/5)
Frage Minimum SOLL Maximum
Ist das Gebiet
sinnvoll
abgrenzbar?
sinnvoll zu begründende
Grenzen und gewisse
Mindestgröße
der eingeschlossene Bereich
hat eine gewisse Größe und
eine geschlossene Struktur
der maximale Umfang ist
erreicht, wenn die
Hinzunahme weiterer
Flächen zu Lasten der
Aussagekraft ginge
Raum-Zeit-Zonen müssen räumlich eindeutig zu fassen sein. Die Vergleichsbeispiele Biermeile,
Fusion-Festival, G8-Gipfel in Heiligendamm und Paris-Plages erfüllen diese Grundvoraussetzung. Die
Größe von Raum-Zeit-Zonen variiert von Typ zu Typ und von Fall zu Fall. Zitadellen der Kontinuität
können, wie zum Beispiel die Spandauer Vorstadt (35 ha, 24/7 2001), auf einige wenige Straßenzüge
beschränkt sein. Das Betrachtungsgebiet der Fanmeile hat knapp 2 km² (vgl. Abb.68).
Darin einbezogen sind, wie in Kapitel 3.6.1.1. beschrieben, auch Gebiete außerhalb des Zauns, deren
Hinzunahme mit der engen Verflechtung der Nutzungsstrukturen begründet wurde. Die
Existenzgrundlage der hinzu genommenen Teile besteht in ihrer Nähe zur Fanmeile und sie werden
vom Taktgeber Fanmeile auch in zeitstruktureller Hinsicht assimiliert. Vor allem im nördlichen
Bereich sind Besuchs- und Nutzungszeiten oder Versorgungs- und Reinigungszeiten ähnlich bis
deckungsgleich. Konzeption und Betrieb der Außenbereiche sind mit der Fanmeile abgestimmt; sie
sind z.B. ins Sicherheitskonzept (etwa nächtliche Kontrollen) mit einbezogen. Die WM-bezogenen
Angebote im südlichen Bereich sind selbstständiger in ihrem Verhältnis zur Fanmeile. Im Gegensatz
zum Norden liegt der Bereich außerhalb der Straßensperren, ist aber von den Fußgängerströmen und
den Veränderungen im ÖPNV betroffen. Darüber hinaus besteht seine Verbindung vorrangig in
räumlicher und inhaltlicher Nähe. Die Gebietsbegrenzung der Raum-Zeit-Zone Fanmeile folgt je nach
Bereich auch natürlichen Grenzen (Spree) oder der offiziellen Abgrenzung (Zaun).
Diese Linienführung lässt sich sinnvoll begründen, denn das eingeschlossene Gebiet verfügt über eine
gewisse Mindestgröße und eine zusammenhängende Struktur. Das Gesamtgelände ist aufgeteilt in
Bereiche zum Verfolgen der Spiele, zur Unterhaltung und zur Entspannung. Sie ergeben als
einheitliches Ganzes eine infrastrukturell dicht belegte und gut an den Verkehr angeschlossene
38 Temporarität: Befristung; Temporalität: zeitliches Wesen, zeitliche Eigenschaften
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
121
Fußball-Fan-Landschaft mit Zentren und Nebenfunktionen. In der näheren Umgebung liegen zwar
durchaus noch weitere Standorte mit WM-Bezug, aber sie sind weder so stark mit der Fanmeile
verflochten wie der nördliche Bereich, noch so nah und dicht mit Nutzungen bestückt wie der südliche
Bereich. Damit erscheint weder der Ausschluss von einbezogenen Teilbereichen, noch die
Hinzunahme weiterer Teile gerechtfertigt (vgl. Kapitel 3.6.1.1.). Das Merkmal Abgrenzung ist damit
maximal erfüllt. Besonderheiten auf Grund der Temporarität liegen innerhalb dieses Merkmals nicht
vor.
Abb.68: Fläche der Fanmeile
Quelle: Eigene Darstellung
4.2.2. Gebietscharakter (fest 2/5)
Frage Minimum SOLL Maximum
Wie sind die
Proportionen und
wie ist der Aufbau
des Gebiets?
minimale Flächigkeit
(keine Linie) und Einheit
a) gewisse Proportionen und
Gestalt in der Form
b) Regelmäßigkeit in der
Kontur (keine „Fjorde“)
c) städtebauliches Profil
---
Mit Gebietscharakter ist hier die Frage nach der Form und dem Gehalt der Fläche gemeint, die zuvor
unter Abgrenzung festgelegt wurde, denn nicht jede sinnvoll abzugrenzende Fläche ist auch ein Gebiet
im Sinne eines Stadtteils bzw. einer Raum-Zeit-Zone.
Das Gebiet der Fanmeile hat eine flächige Gestalt und eine gleichmäßige Kontur. Noch mehr als bei
der Fanmeile springt die Struktur des Straßenrasters auf dem Fusion-Festival ins Auge. Etwas
komplizierter ist die Beurteilung der Stadtstrände in Paris. Man kann die drei Standorte, wie in Kapitel
2.3. beschrieben, als ein Gebiet auffassen, da es einen eindeutigen Hauptteil gibt und die anderen
beiden Teile sozusagen dessen Filialen sind. Allerdings zerfällt auch der Hauptteil in mehrere
Einzelstandorte. Es müsste genauer untersucht werden, ob die lose Anordnung durch die
Wegeverbindung und die durchgängige Absperrung ausgeglichen wird. Paris-Plages ist auch eher eine
Strecke als eine Fläche. Allerdings hat der Uferstreifen ausreichend Breite, um verschiedene flächige
Nutzungen neben den Sandflächen, wie die Flanierstrecke, Cafés oder das Kinder-Spielschiff zu
beherbergen. Für den Vergleich ist auch zu berücksichtigen, dass andere Merkmale, wie etwa die
Dauer der temporären Nutzung, von erheblich größerer Bedeutung sind als die Form des Gebiets.
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
122
Abb.69: Fanmeile: Städtebauliches Profil
Quelle: Eigene Darstellung
Die Aufbauten der Fanmeile bestehen, dem zeitlichen Charakter der temporären Raum-Zeit-Zone
gemäß, aus Containern, Zelten und Gerüstkonstruktionen. Abgesehen von den, ihrer Temporarität
geschuldeten, Einschränkungen, weist die Fanmeile eindeutige, anderen Stadträumen vergleichbare,
städtebauliche Strukturen auf (vgl. Abb.69):
• Hauptplatz: Hauptveranstaltungsort und Herz der Fanmeile ist die Bühne und der Bereich vor dem
Brandenburger Tor.
• Boulevard: Unterzentren in Form von Videowänden und diverse Funktionen entlang der Straße.
Die unmittelbar links und rechts der Straße gelegenen Parkflächen werden als Bewegungsraum
mit einbezogen (zerstörtes Grün).
• Infrastruktur: Neben den Angeboten auf der Fanmeile und den Versorgungseinrichtungen
(Toiletten, Fahrradparkplätze, ...): Strukturen der Sanitäts- und Sicherheitsdienste (z.B. gesicherte
Datenleitung der Polizei) sowie Rettungswege (vgl. Kapitel 3.4.5.).
• Wege: Die Besucherströme bewegen sich quer zur Hauptachse vornehmlich auf der Yitzhak-
Rabin-Straße und der ehemaligen Entlastungsstraße (vgl. Kapitel 2.1.2.2. Cardo und Decumanus).
Darüber hinaus bilden die Tiergarten-Wege und die Straßen der angeschlossenen Bereiche ein
ausgeprägtes Wegenetz.
• Haupt-Kreuzung: An der Kreuzung der beiden Hauptstraßen steht mit dem Pressezentrum von
Coca-Cola nicht nur ein architektonisch herausragendes Gebäude, inklusive Videowand, sondern
dort liegt auch der Fixpunkt der Fanmeile. Sowohl Polizei (Sektoren), als auch die Fanmeilen-
Betreiber (Organisation der Nachversorgung, in vier Bereichen: Abb. 69 Ziffern 1 bis 4) teilen den
Veranstaltungsbereich an dieser Stelle (Kapitel 3.4.). Zwischen der Kreuzung und dem
Brandenburger Tor liegt der Hauptveranstaltungsbereich. Der Schwerpunkt der Veranstaltung
verschiebt sich zwar im Lauf der WM, pendelt aber grob um diesen Kreuzungspunkt.
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
123
• Eingangsbereiche: An beiden Enden des Boulevards liegen große vorgelagerte und temporär
umgestaltete Plätze (Großer Stern und Pariser Platz).
• Private Bereiche: Verschiedene für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Bereiche
(Bundeskanzleramt, Grünflächenamt, Rosengarten, TV-Bereich, ...) sind aus dem Territorium der
Fanmeile ausgeschnitten.
• Rathaus: Die Containersiedlung im Simsonweg ist Sitz der Verwaltung und Organisation (inkl.
Sitz des Markt-Meisters) der Fanmeile (in Abb.69: schwarzes, mit „R“ gekennzeichnetes, Haus).
Sie verfügt über ein eigenes Territorium.
• Freiflächen: Die Tiergartenflächen bieten Raum zur Erholung, für das Hinterland der Aufsteller
der Fanmeile und liefern außerdem einen Puffer (z.B. Lärmschutz) zwischen Fanmeile und den
angrenzenden Wohngebieten.
• Mischgebiete: Im Norden sind Park- und Funktionsflächen locker gemischt. Im Süden liegen
kulturelle (Ausstellung) und öffentliche Funktionen (ZDF-Arena) in halböffentlichen Räumen.
Das Merkmal Gebietscharakter ist, im eingangs erwähnten Rahmen der Temporarität der Fanmeile
(temporäre Bauten), vollständig erfüllt.
4.2.3. Funktion (fest 3/5)
Frage Minimum SOLL Maximum
Welche Funktion
erfüllt das
Gebiet?
die Erfüllung der Funktion
setzt menschliche
Anwesenheit voraus
(z.B. ≠ Frischluftfunktion
eines NSG)
die Funktion ist fassbar und
lässt sich allgemeingültig
beschreiben (z.B. in der
Gebietsbezeichnung)
bei Unüberschaubarkeit
verschiedener
Einzelfunktionen sollte es
möglich sein, zu sinnvollem
Ganzen zu generalisieren
(etwa „Zentrumsfunktionen“)
Die Funktion, bzw. die Nutzung ist im Allgemeinen die wesentliche Gebietseigenschaft (Wohngebiet,
Gewerbegebiet, ...). Für Raum-Zeit-Zonen sind auch die Nutzer ausschlaggebend. So ist eine
Industrieanlage, die rund um die Uhr betrieben wird, deswegen noch keine Zitadelle der Kontinuität,
weil es außer einer minimalen personellen Besetzung hauptsächlich Maschinen sind, die nicht ruhen.
Ob ein Gebiet eindimensional oder vielfältig genutzt wird, hat dabei keine Relevanz hinsichtlich der
Merkmalserfüllung. Es gibt monofunktionale/ monochrone (Schlafstadt), wie polyfunktionale/
polychrone (Zitadelle) Raum-Zeit-Zonen, was zählt, ist die Eindeutigkeit. Die Fanmeile erfüllt neben
ihrer Hauptfunktion des Fußballvolksfests mit Live-Übertragungen verschiedene weitere Funktionen.
Allen voran ist dabei ihre Funktion als temporärer Arbeitgeber zu nennen (vgl. Kapitel 3.4.4. und
3.4.6.). Weitere Funktionen sind: Produkt- und Stadt-Marketing, Einzelhandel, internationale
Begegnung und nächtliche Open-Air-Disco. Daneben gibt es kulturelle Begleitveranstaltungen wie
Ausstellungen (Haus der Kulturen der Welt, Potsdamer Platz), Auftritte (Symphonieorchester) und die
politische Bildung in der Bundestagsarena.
Auch für die temporäre Raum-Zeit-Zone ist Vielfalt zwar keine Grundvoraussetzung, aber sicherlich
bekräftigt sie ihren Anspruch, als raumzeitliche Gebietseinheit anerkannt zu werden. Denn anders als
z.B. auf der Biermeile, wo es tatsächlich fast ausschließlich um Biertrinken bzw. dessen kulinarische
und musikalische Begleitung geht, liegt auf der Straße des 17. Juni eben ein mehrschichtiges und in
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
124
zeitliche Einheiten aufgeteiltes Angebot vor. Nicht zu vergessen, dass zumindest innerhalb der
Öffnungszeiten über dieses Angebot hinaus auch die ganz normalen Grünflächenfunktionen erfüllt
werden. Die zeitliche Staffelung der Funktionen im Tagesverlauf (inkl. 24/7: Reinigung, Betrieb,
Sicherheit) unterstreicht diesen Anspruch. Die Mehrdimensionalität der Funktionen bleibt dabei aber
durchaus überschaubar und erklärt sich immer im Verhältnis zur Fußball-WM. Das Merkmal Funktion
ist maximal erfüllt. Die Art der Funktion ist zeitlich an die WM gebunden, ansonsten liegen innerhalb
dieses Merkmals keine Besonderheiten auf Grund der Temporarität vor.
4.2.4. Entwicklung/ Geschichte (fest 4/5)
Frage Minimum SOLL Maximum
Hat das Gebiet
eine Geschichte?
dem Ist-Zustand liegt eine
ursächliche Vorgeschichte
zu Grunde
das Gebiet hat eine prägende
Vergangenheit
das Gebiet sollte nicht
ausschließlich in Form von
Geschichte bestehen, sondern
außerdem Raum in
Gegenwart und Zukunft
besitzen
Neben der konkreten zeitlichen Gebietsstruktur (siehe Kapitel 4.2.7.ff), gibt es auch den größeren
zeitlichen Rahmen, in den eine Raum-Zeit-Zone eingebettet ist, denn Entstehung und Entwicklung
bestimmen einen Ort. Die Betrachtung der temporären Raum-Zeit-Zone bringt die Frage auf, ob ein
Gebiet ohne Geschichte überhaupt ein Gebiet sein kann. Ebenso stellt sich die Frage, ob als Gebiet
bezeichnet werden kann, was fast durchgehend abwesend ist. Denn auf der Straße des 17. Juni fließt
nach der Sperrung für WM und Love-Parade wieder der Verkehr. Gleichzeitig handelt es sich bei der
zeitlichen Befristung um das namensgebende Kriterium der temporären Raum-Zeit-Zone. Zunächst
scheint also im Wesen dieser Raum-Zeit-Zone ein Widerspruch zu einer grundsätzlichen
Gebietseigenschaft vorzuliegen.
Die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni ist nicht aus dem Nichts heraus entstanden und sie besteht
nicht nur in der Erinnerung an den Sommer 2006 fort. Wie die Vergleichsbeispiele, hat auch sie ihre
Grundlage in der Wiederholung. Mit Ausnahme des G8-Gipfels kehren die genannten Ereignisse stets
am selben Ort wieder und sind existenziell mit diesem verbunden. Der Gipfel in Heiligendamm
verwandelt zwar die ganze Region vorübergehend in eine weltpolitisch herausragende Sonderzone,
aber er baut weder auf einer ortsspezifischen Vorgeschichte auf, noch folgen ihm vergleichbare
Wiederholungen. Andererseits gehen ihm, wie auch der Fanmeile monate- und teils jahrelange
Vorbereitungen (Sicherheitsmaßnahmen) voraus, die gewissermaßen eine Spur in der Zeit bilden, die
sich zum Beginn der Veranstaltung hin immer mehr verdichtet.
Wie ist die Verbindung der Fanmeile zu ihrem Ort? Die Fanmeile hat nicht etwa auf einem Festplatz
stattgefunden, der zu keinem anderen Zweck angelegt wurde, als dem, Feste zu veranstalten. Dort
wäre nur die konkrete Veranstaltung temporär gewesen, aber nicht die ganze Einheit der Raum-Zeit-
Zone, deren Konzept beinhaltet, dass die gängige Nutzung eines Ortes (Stammnutzung)
vorübergehend durch eine temporäre Sondernutzung ersetzt wird. Aber die Fanmeile hat auch
keineswegs neues Veranstaltungsgelände erschlossen, denn die Straße des 17. Juni und das
Brandenburger Tor haben als Veranstaltungsort besonderer Ereignisse Geschichte.
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
125
Gewissermaßen hat diese Geschichte mit der Maueröffnung und der anschließenden Feier vor dem
Brandenburger Tor 1989 begonnen. Wenige Jahre später begann eine lange Reihe unterschiedlicher,
von verschiedenen Organisatoren betriebener, einmaliger wie regelmäßiger Veranstaltungen, wie:
• Tag der Deutschen Einheit seit 1990
• Verabschiedung der Alliierten: 1994
• Sylvesterfeiern ab 1995 (zunächst nur auf dem Pariser Platz )
• Promotion „Der Euro kommt“: 2001
• Feier der EU-Erweiterung: 2004
• türkisches Volksfest „Türkischer Tag“ seit 2001
• Musik- und Livemusik-Veranstaltungen: Love Parade, Live Aid (Siegessäule)
• Modeschau „Mercedes Benz Fashion Week Berlin“ seit 2007
Die Geschichte der Fanmeile besteht also nicht, wie bei anderen Gebieten, in einer kontinuierlichen
Entwicklung, sondern in der Wiederkehr von Ereignissen, die dem Ort sein allseits bekanntes zweites
Gesicht geben. An diese Entwicklung knüpfte die Fanmeile an. Als größte und erfolgreichste
Veranstaltung prägte sie den Ort und veränderte ihn für die nachfolgende Zeit. Denn seit der Fanmeile
2006 findet dort neben all den anderen festen Institutionen, wie der Sylvester-Feier, nun auch die
Fanmeile des DFB-Pokal-Finales statt. Dazu kommen verwandte Einzelereignisse wie die Fanmeile zu
den Finalspielen der Europameisterschaft 2008 oder die Veranstaltung der Leichtathletik-WM 2009.
Die temporäre Raum-Zeit-Zone Fanmeile ist also keineswegs ein singuläres Ereignis außerhalb der
Zeitordnung. Ihre Geschichte und Zukunft besteht in der Wiederholung. Der Ort bewahrt das Potenzial
und nur dort kann sich die Raum-Zeit-Zone wieder manifestieren. Bei allen Vorläufern und
Folgeveranstaltungen kann aber bei der Fanmeile im engeren Sinn nicht von Widerholung gesprochen
werden. Sie bleibt, anders als Biermeile, Fusion-Festival und Paris-Plages, einzigartig.
Das Merkmal Entwicklung/ Geschichte muss entsprechend der Eigenart der temporären Raum-Zeit-
Zone in Wiederholung umgeschrieben werden. In diesem Sinne erfüllen drei der vier
Vergleichsbeispiele das Merkmal maximal. Die Fanmeile wiederholt sich nur bedingt und bleibt hinter
Biermeile, Fusion-Festival und Paris-Plages zurück.
4.2.5. Dauer/ Beständigkeit (fest 5/5)
Frage Minimum SOLL Maximum
Hat das Gebiet/
seine Nutzung
Bestand?
die vorliegende Nutzung
hat Bestand (keine
Zwischennutzung)
die vorliegende Verbindung
von Gebiet und Funktion
lässt sich verallgemeinern
---
Normalerweise prägt das Verhalten eines Gebiets in der Vergangenheit die Erwartungen für dessen
Zukunft und in der Regel zeichnen sich Raum-Zeit-Zonen durch eine gewisse Beständigkeit aus. Im
Fall der temporären Raum-Zeit-Zone bestehen aber Geschichte und Zukunft lediglich in ihrer zeitlich
befristeten Wiederholung. Zu einem Zeitpunkt zwischen den Wiederholungen besteht sie nur in der
Erinnerung an die Vergangenheit bzw. dem Potenzial zur Wiederkehr in der Zukunft. Die Gestalt der
temporären Raum-Zeit-Zone taucht im Fluss der Zeit auf- und unter wie ein Strudel, der sich von Zeit
zu Zeit in der Strömung bildet. Wie dieser an eine Unregelmäßigkeit im Flussbett, ist auch die
temporäre Raum-Zeit-Zone an ihren Ort gebunden, ohne eine direkte und permanente Verbindung zu
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
126
diesem zu haben. Während gewöhnlich Gebiete durch ihre Beständigkeit bestimmt werden, verankert
sich die temporäre Raum-Zeit-Zone durch ihre Wiederholung in der Zeit und im Bewusstsein. Somit
hat sie trotz der kurzen Zeitspanne der Materialisierung eine dauerhafte Beständigkeit. Aber wie lange
muss sie bei ihrem Auftauchen andauern, damit sie mehr als eine Erscheinung ist und wann muss sie
wieder verschwinden, damit sie nicht zur Zwischennutzung, zum dauerhaften Provisorium wird?
Zunächst muss wieder eine Anpassung des Merkmals an die Eigenart der temporären Raum-Zeit-Zone
vorgenommen werden. Normalerweise muss sich ein Gebiet durch Dauerhaftigkeit von einer bloß
vorübergehenden Erscheinung, wie der Zwischennutzung, absetzen. Im Sonderfall der temporären
Raum-Zeit-Zone wäre, was normalerweise zu wenig ist, also die Zwischennutzung, bereits zuviel. Es
zeigt sich, dass die Bemessung der Dauer entscheidend für die Wesensbestimmung der temporären
Raum-Zeit-Zone ist.
Unter- und Obergrenze sind nicht auf den Tag genau festzulegen, aber man kann sie trotzdem relativ
genau und allgemeingültig benennen. Wie sich Raum-Zeit-Zonen im Großen durch ihre Beständigkeit
von Zwischennutzungen unterscheiden, unterscheidet sich die temporäre Raum-Zeit-Zone im Kleinen
durch ihre Dauer von Einzelveranstaltungen oder Events. Zwei Kriterien erscheinen ausschlaggebend.
Erstens sollte die Veranstaltung an unterschiedlichen Tagen wieder zu erkennen sein, zweitens sollte
diese wieder erkennbare, gleich bleibende Grundstruktur ein Veranstaltungsverlauf in Form einer
Abfolge unterscheidbarer Ereignisse oder erkennbarer Unterschiede von Tag zu Tag kennzeichnen.
Im Fall der Fanmeile wurde dieser Anspruch voll erfüllt. Alle Tage folgten einem wieder erkennbaren,
verlässlichen Muster. Gleichzeitig wurde dieses Muster mehrschichtig überlagert:
• Unterschiede im Tagesprogramm mit vielfältigen Höhepunkten und Sonderveranstaltungen
• meteorologische Entwicklung: „anhaltend“ hohe Temperaturen bestätigen Dauer, einzelne
Schauer und Unwetter strukturieren den Verlauf
• bauliche Veränderungen: zunehmend Bildung von Hinterland zur Versorgung der Verkaufsstände
• Turnierverlauf: Siege und Niederlagen bestimmen und verändern Atmosphäre und
Besucherzusammensetzung auf der Fanmeile
• Bedeutungszuwachs/ Hype: Entwicklung einer Gravitationswirkung, wachsende Besucherzahlen
Die Obergrenze wird erreicht, wenn die Bedeutung der temporären Nutzung so stark anwächst, dass
sie sich derjenigen der Stammnutzung anzunähern beginnt. Das ist beispielsweise bei
Zwischennutzungen der Fall. Bei der temporären Raum-Zeit-Zone liegt immer das Bewusstsein für
den Ausnahmezustand vor. Die temporäre Nutzung ist das Besondere, die Rückkehr zur Hauptnutzung
des Ortes, gemäß seiner räumlichen Eigenschaften (auf einer Straße der Verkehr), steht außer Frage.
Im Zuge dieser Betrachtung wird auch deutlich, warum eine temporäre Raum-Zeit-Zone grundsätzlich
nicht auf einem für Veranstaltungen vorgesehenen Veranstaltungsgelände stattfinden kann, sie muss
stets als Fremdnutzung im Kontrast zu einer Standardnutzung stehen.
Ein Monat scheint bis auf weiteres ein gut zwischen Mindest- und Höchstdauer ausbalanciertes
Zeitmaß für eine temporäre Raum-Zeit-Zone zu sein. Neben der Fanmeile (33 Tage) wird dieses
Zeitmaß nur von Paris-Plages (vier bis fünf Wochen) erfüllt. Die wenigen Tage der Biermeile liegen
eindeutig unter der Mindestgrenze. Der G8-Gipfel (drei Tage Gipfel, eine Woche Gegengipfel) und
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
127
das Festival (vier Tage Kernzeit + zwei Tage Vor- und Nachaktivität) können unterschiedlich bewertet
werden. Mit einer Neigung zur Untererfüllung markieren sie somit beispielhaft die Untergrenze des
Merkmals.
Zumindest die Minimalanforderung des Raum-Zeit-Zonen-Merkmals Dauer/ Beständigkeit wird im
Rahmen der temporären Eigenart der Raum-Zeit-Zone durch Wiederholung erfüllt. Wichtiger als die
Erfüllung dieses Merkmals, ist allerdings seine Bedeutung als Kriterium zur Beurteilung und
Unterscheidung temporärer Ereignisse untereinander, denn um von einer temporären Raum-Zeit-Zone
zu sprechen, müssen die hier beschriebenen Mindestanforderungen erfüllt sein. Eine
Verallgemeinerung der Verbindung von Gebiet und Funktion, wie z.B. dass alle Schlafstädte
Wohngebiete sind, kann nicht geleistet werden, da temporäre Raum-Zeit-Zonen Einzelfälle und damit
von anderen Beispielen verschieden sind. Aber es gibt eine verallgemeinerbare Struktur in Form eines,
von einer Ereignisabfolge überlagerten, Grundrhythmus. Im Sinne der temporären Raum-Zeit-Zone
kann das als Andauern und damit als Erfüllung der Soll-Anforderung gewertet werden.
4.2.6. Inter-Reaktion (flüssig 1/4)
Frage Minimum SOLL Maximum
Ist das Gebiet mit
der umliegenden
Stadt verbunden?
das Gebiet zeichnet sich
durch sein Verhältnis zur
Umgebung aus
das Gebiet ist Teil eines
Ganzen und steht damit in
Wechselwirkung
das Gebiet sollte nicht aus-
schließlich Transit zwischen
anderen Gebieten sein,
sondern hat ein eigenes Profil
Was die temporäre Raum-Zeit-Zone wesentlich von anderen zeitlich befristeten Ereignissen
unterscheidet, ist ihre weitergehende Verwachsung mit dem Umland, also mit ihrer zeitlichen und
räumlichen Nachbarschaft. Hier zeigt sich der besondere Charakter der temporären Raum-Zeit-Zone.
Sie füllt einen bislang begrifflich nicht erfassten Zwischenraum aus, der die Eigenschaften aus der
flüchtigen und der festen Welt vereint, ohne eindeutig in die eine oder die andere Kategorie zu fallen.
Raumzeitliche Einheiten, wie die Raum-Zeit-Zonen, haben einen festen Platz im städtischen Gefüge,
der sich durch Inter-Reaktion mit der Umgebung auszeichnet. Kurzzeitige Events, zumal wenn sie auf
dafür vorgesehenen Veranstaltungsflächen stattfinden, teilen diese Grundeigenschaft nicht. Das
Merkmal Inter-Reaktion muss im Sinne der temporären Raum-Zeit-Zone dergestalt erfüllt werden,
dass eine Verbindung besteht, die einerseits prägend wie bei dauerhaften Gebieten ist und aber
andererseits zusammen mit der Zone auch wieder erlischt.
Die Fanmeile zeichnet sich durch eine ausgeprägte Inter-Reaktion mit ihrer Umgebung und durch
weitere Wechselbeziehungen in anderen Bereichen aus. Am auffälligsten sind die in Kapitel 3.5.2.
beschriebenen Veränderungen in allen Bereichen des Verkehrs (Umleitungen mit modifizierten
Ampelschaltungen, dichtere Takte und ausgedehnte Fahrzeiten im ÖPNV). Ein weiteres Element sind
die veränderten Wegebeziehungen im Orte-System der Stadt sowie deren Nutzung durch die
Fanmeilen-Besucher. Auch die Verhältnisse von Öffentlichkeit und Privatheit verschieben sich im
Verhältnis zum Normalzustand. Weniger augenscheinlich, aber ebenso charakteristisch, sind die
Veränderungen im Hintergrund. Die Fanmeile ist Ergebnis einer alle Bereiche der Verwaltung und
städtischen Organisation, einbegriffen der Gesundheits- und Sicherheitsdienste, umfassenden
temporären Umstellung im Zeichen des Großereignisses. Der Ausnahmezustand auf der Fläche des
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
128
Tiergartens spiegelt sich in der städtischen Organisation (vgl. Kapitel 3.3.1.3) wieder, von wo er,
genauso wie sein materielles Abbild vor Ort, nach Ablauf der WM beinahe spurlos wieder
verschwindet. Ein Charakteristikum, ganz im Sinne der oben beschriebenen Wiederholung, sind die
verbleibenden Organisationsstrukturen, die sofort reaktiviert werden können, sobald eine neuerliche
Veranstaltung dies erfordert. Dieser Sachverhalt belegt außerdem die praktische Relevanz der
Betrachtung von temporären Raum-Zeit-Zonen für das Stadtverständnis und die Planung.
Weiterer Abstimmungsbedarf ergab sich aus der Nähe zu den Regierungseinrichtungen. Schon zum
Normalbetrieb mussten Sonderregelungen getroffen werden (Zusammenarbeit mit der
Bundestagspolizei) und nach der Erweiterung der Fanmeile über den Großen Stern lag mit dem
Bundespräsidialamt sogar ein Teil der Regierungseinrichtungen innerhalb des Veranstaltungsbereichs.
Hinsichtlich der Inter-Reaktion unterscheidet sich die Fanmeile deutlich von den Vergleichsbeispielen,
die sich nicht durch so ausgeprägte Verflechtungen auszeichnen. Beim Fusion-Festival liegen zwar
unterschiedliche Verflechtungen in Organisation und Betrieb vor, ansonsten gibt es aber auf Grund der
abgeschiedenen Lage kaum Inter-Reaktion. Es handelt sich bei ihr also bestenfalls um einen Sondertyp
im Sinne einer temporären Siedlung.
Die Einzigartigkeit der Fanmeile, hinsichtlich des Niveaus von Inter-Reaktion, sollte daher nicht als
Maßstab für ein allgemeingültiges Konzept der temporären Raum-Zeit-Zone genommen werden. Die
Fanmeile fügt sich, im Rahmen ihrer temporären Natur, beinahe gleichberechtigt in die Stadt ein und
könnte theoretisch, wenn ihr Anlass nicht befristet wäre, in feste Formen übertragen werden. Dabei
wäre sie kein isolierter Fremdkörper, sondern ein eigenständiger Stadtbaustein, eingebettet in die
umgebende Struktur. Das Merkmal Inter-Reaktion ist also maximal erfüllt.
4.2.7. Takt/ Rhythmus (flüssig 2/4)
Frage Minimum SOLL Maximum
Hat das Gebiet
eine Zeitstruktur?
es liegen eigene
Zeitstrukturen vor
(Sonderfall
Marienthalghetto)
die Zeitstruktur hat
vergleichbaren Anteil an der
Definition des Gebiets, wie
seine anderen Eigenschaften
---
Die Befristung der temporären Raum-Zeit-Zone darf nur ihre eigentliche, aber nicht ihre einzige
zeitliche Eigenschaft sein. Wie jede andere raumzeitliche Einheit muss sie ein eindeutiges zeitliches
Profil aufweisen.
Die Zeitstruktur der Fanmeile wurde in Kapitel 3.6.1.2. beschrieben und wird nochmals in Kapitel 5.4.
dargestellt. Sie ist eindeutig prägend für die Veranstaltung. Auch die Vergleichsbeispiele verfügen
über zeitliche Strukturierungen wie Öffnungszeiten oder die Abfolge unterschiedlicher Programmtage
oder -punkte. Die Prägung einer Gebietseinheit im Sinne einer Raum-Zeit-Zone wird von Paris-Plages
(Öffnungs- und Programmzeiten) und dem Festival (24/7) erreicht. Die Zeitstrukturen der Biermeile
sind dafür zu undifferenziert und diejenigen der verschiedenen Teile des G8-Gipfels zu ungeordnet.
Die Fanmeile verfügt über ein mehrschichtiges zeitliches Profil. Es gibt einen zyklischen
Grundrhythmus, der sich mit entsprechenden Ausnahmen, über alle Tage hinzieht (vgl. Kapitel
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
129
3.6.1.2.). Die einzelnen Bereiche (Betrieb, Sicherheit, etc.) haben diesem Grundrhythmus
untergeordnete eigene Strukturen, die wiederum untereinander in logischer Abfolge abgestimmt sind
(vgl. Kapitel 3.4.). Dieser Takt zieht sich, wie weiter oben beschrieben, unverändert über die ganze
Dauer der Fanmeile hin und wird durch einzelne Ereignisse und die Intensivierung im Verlauf
überlagert. Das Merkmal Takt/ Rhythmus ist damit eindeutig erfüllt.
4.2.8. Aktivitätsniveau (flüssig 3/4)
Frage Minimum SOLL Maximum
Wie ist das
Aktivitätsniveau?
das Aktivitätsniveau
übersteigt Null
--- ---
Das Aktivitätsniveau und seine Schwankungsbreite qualifizieren, bzw. unterscheiden die
unterschiedlichen Typen von Raum-Zeit-Zonen. Auch auf der Fanmeile liegt offensichtlich Aktivität
vor, womit das Merkmal bereits erfüllt wäre. Die Fragen sind aber nun erstens, wie die Aktivität der
Fanmeile im Einzelnen beschaffen ist, und zweitens, wie die Nichtaktivität im Verlauf der Zeit zu
bewerten ist, wenn die Stammnutzung den Platz einnimmt.
Aus der Perspektive der temporären Raum-Zeit-Zone ist das Aktivitätsniveau bei ihrer Abwesenheit
gleich Null. Ungeachtet der vorliegenden Stammnutzung, denn das Einzige, was ihrerseits dauerhaft
am Ort verhaftet ist, ist ihr unsichtbares Potenzial. In der folgenden Abbildung ist auch der Anstieg
von Bekanntheit und Bedeutung und damit des Potenzials dargestellt. Im Fall der Fanmeile bildet sich
ein solcher Anstieg auch im Veranstaltungsverlauf ab (rechte Grafik, Abb.70)
Abb.70: Aktivitätsverläufe der temporären Raum-Zeit-Zone
Quelle: Eigene Darstellung
Die Aktivität auf der Fanmeile kann unter zwei Aspekten betrachtet werden: Anzahl und Varianz der
verschiedenen Tätigkeiten sowie Intensität der ausgeübten Tätigkeiten. Die Varianz der Tätigkeiten ist
trotz einer gewissen Vielfalt überschaubar (vgl. Kapitel 3.6.1.2.). Die Intensität der Aktivität
verzeichnet einen bemerkenswerten Anstieg im Turnierverlauf, aber vor allem charakterisiert sie eine
enorme Schwankungsbreite im Tagesverlauf. Während am Tag mehrere tausend Arbeitskräfte und
hunderttausende Besucher die Fanmeile bevölkern, sind nachts lediglich die Reinigungs- und
Sicherheitskräfte im Einsatz. Trotz dieser Schwankungsbreite kann in gewissem Sinne von einem
24/7-Betrieb gesprochen werden. Schließlich ist die Wartung eine Voraussetzung zum Betrieb der
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
130
Fanmeile und in weniger als der anberaumten Zeitspanne auch nicht zu bewerkstelligen. Wieder
nimmt das Fusion-Festival eine Sonderstellung ein, denn dort bricht der Betrieb über die gesamte
Dauer zu keiner Stunde ab. Ansonsten scheint die extreme Schwankungsbreite ein Merkmal der
temporären Raum-Zeit-Zone zu sein. Das Merkmal Aktivitätsniveau ist ohne weiteres erfüllt. Aus dem
Verhältnis von Sonder- zu Stammnutzung ergibt sich aber Anlass zu einer, hier nicht weiter vertieften,
Fragestellung: Wann beginnt eine temporäre Erscheinung bzw. ihr Potenzial sich zu verfestigen und
wann tritt sie damit in Konkurrenz zur ursprünglich angestammten Nutzung?
4.2.9. Ereignisse (flüssig 4/4)
Frage Minimum SOLL Maximum
Finden
Ereignisse statt?
Abwesenheit von
Ereignissen kann nur im
Sonderfall
charakterisierend sein
einzelne und
wiederkehrende Ereignisse
rhythmisieren den Zeitfluss
die Grundstruktur bleibt
neben der Abfolge der
Ereignisse erkennbar
Die raumzeitliche Rolle von Ereignissen wurde bereits in der Betrachtung der Chronotopkarte von
Pesaro beschrieben. Dort war die Rede von Chronotopen, die durch einmalige oder gelegentliche
Ereignisse definiert werden (Kapitel 2.1.2.2.).
Für die temporäre Raum-Zeit-Zone ergeben sich hinsichtlich dieses Merkmals zwei Ebenen der
Betrachtung. Erstens ist sie selbst ein Ereignis und funktioniert durch dessen Wiederholung, zweitens
wird sie wiederum durch Ereignisse innerhalb ihres eigenen Verlaufs charakterisiert. Die Fanmeile als
Ereignis im Rahmen wiederkehrender Ereignisse wurde bereits unter Entwicklung/ Geschichte
beschrieben, ihre Strukturierung durch Einzelereignisse und deren Bedeutung unter Dauer/
Beständigkeit. Dieser Doppelcharakter ist bestimmend für temporäre Raum-Zeit-Zonen. Allerdings ist
die Erfüllung dieses Merkmals geradezu zwingend im Wesen der temporären Raum-Zeit-Zonen
angelegt. Denn, wie oben beschrieben, handelt es sich erstens per Definition um eine Ausnahme von
der Regel der normalen Nutzung, also von vorne herein um ein Ereignis und zweitens ist vor dem
Hintergrund der genannten Dauerhaftigkeit ein Verlauf ohne Ereignisse kaum denkbar.
Ein Gegenbeispiel ist der G8-Gipfel. Die Ereignislosigkeit auf der eigentlichen Fläche der
eingegrenzten Sonderzone in Heiligendamm, bzw. die räumliche Verortung des Ereignisses zum Teil
in einer dafür angelegten Einrichtung (Konferenz) und zum Teil neben dem eigentlichen Gebiet
(Camps), spricht gegen den G8-Gipfel als temporäre Raum-Zeit-Zone. Die Fanmeile erfüllt das
Merkmal Ereignisse idealtypisch.
4.2.10. Image (flüchtig 1/2)
Frage Minimum SOLL Maximum
Hat das Gebiet ein
Image?
das Gebiet lässt sich
aussagekräftig
beschreiben
im fraglichen Rahmen der
Bekanntheit wird ein Bild
geteilt
Vorlage und Image bleiben
einander gerecht
Zwar verkörpern alle genannten Raum-Zeit-Zonen ein gewisses Image, aber außer für die Zitadelle der
Kontinuität und womöglich das Marienthalghetto, die mit über ihr Image definiert werden, hat es
keine herausragende Bedeutung. Für die temporäre Raum-Zeit-Zone hingegen nimmt das Image,
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
131
bedingt durch die temporäre Natur dieses Typs, eine grundlegende Sonderstellung ein. Denn so lange
die Stammnutzung den Raum einnimmt, also die meiste Zeit des Jahres, liegt von der temporären
Raum-Zeit-Zone nicht mehr vor, als ihr Image oder die Idee ihrer Existenz. Im Fall der temporären
Raum-Zeit-Zone ist daher unter dem Image nicht nur das Bild zu verstehen, das Nutzer und
Organisatoren mit dem Ort verbinden, sondern auch so etwas wie ein Schlüssel, mit dem man vom
Standby-Modus in die Betriebsform wechseln kann, vergleichbar mit dem Image, also der
Sicherungskopie einer Computerkonfiguration. Anders als bei diesem Beispiel, müssen die
Veranstaltungsstrukturen in gewissen Abständen wiederbelebt werden, damit sie nicht verblassen. Wie
beschrieben, baute die Organisation der Fanmeile nicht nur auf vorhandenen Kooperationsstrukturen
auf, sondern schuf vor allem neue, andauernde Strukturen.
Aber auch im allgemeinen Sinn erfüllt die Fanmeile dieses Merkmal in vollem Umfang. Ihr Image,
wenn auch marketinggerecht aufpoliert, deckte sich tatsächlich mit den Bildern, die die Fanmeilen-
Besucher vorzufinden erhofften. Erwartetes Bild und Erscheinungsbild deckten sich auch deswegen so
gut, weil es letztlich die Besucher selbst waren, die sich vor Ort ihre Erwartungen bestätigten. Im Fall
einer aus deutscher Sicht unglücklichen Entwicklung der WM oder bei schlechtem Wetter wäre
wahrscheinlich derselbe Effekt eingetreten, nur unter anderen Vorzeichen. Ein Grund, große
Veranstaltungen durchzuführen, ist deren ausstrahlende Bildkraft. Deswegen überrascht es nicht, dass
sich auch die Vergleichsbeispiele Biermeile und Paris-Plages durch ein starkes Image auszeichnen.
Das sorgsam gepflegte Image des Fusion-Festivals hingegen ist nur innerhalb seines Kundenkreises
bekannt. Darauf wird, z.B. durch den Ausschluss der Presse, bewusst geachtet. Das Merkmal Image
wird von der Fanmeile maximal erfüllt. Darüber hinaus nimmt es eine Sonderrolle für temporäre
Raum-Zeit-Zonen ein.
4.2.11. Atmosphäre (flüchtig 2/2)
Frage Minimum SOLL Maximum
Welchen Eindruck
vermittelt das
Gebiet?
das Gebiet vermittelt
einen Eindruck, es ist
nicht „gesichtslos“
das Gebiet erscheint in
einer einheitlichen
Gesamtwirkung, die es von
anderen unterscheidet
---
Der Unterschied zwischen Atmosphäre und Image eines Ortes lässt sich mit demjenigen zwischen
Charakter und Auftreten einer Person vergleichen. Das Zweitgenannte ist nach Außen gerichtet und
innerhalb eines gewissen Rahmens steuerbar. Das Erstgenannte entwickelt sich entsprechend der
Umstände aus den gegebenen Anlagen. Atmosphäre entsteht aus einer Vielzahl einzelner Faktoren, die
zusammen einen Wohlklang oder eine Kakophonie erzeugen können.
Im Kapitel Hintergrund (Kapitel 1) wurde darauf hingewiesen, dass Atmosphären auch künstlich
geschaffen werden können. Wenn sie nicht ausdrücklich gewünscht sind, schrecken diese aber auch
leicht ab. Im Fall der Fanmeile wurde besonders die gute und lebendige Atmosphäre ein ums andere
Mal hervor gehoben. Sie wird in der Regel mit dem guten Abschneiden der deutschen Mannschaft,
dem anhaltend guten Wetter und dem wider Erwarten hohen Frauenanteil unter den Besuchern
begründet. Die bewusste Gestaltung der Anlage hatte mit Konsumangebot und Sicherheitsdienst den
Boden für diese Erlebniswelt bereitet. Neben diesen Faktoren und der vorgenannten positiven
Erwartungshaltung könnten noch zwei weitere Aspekte zum Gesamtergebnis beigetragen haben:
Untersuchung der Fanmeile: Untersuchung anhand der 11 Merkmale
132
Erstens die räumlichen, nicht künstlichen Eigenschaften des Ortes. Die ausgedehnte Fußball-Fan-
Landschaft lag inmitten einer eindrucksvollen Kulisse (baulich/ historisch) und der Spielwiese des
Tiergartens. Das stellte eine Grundlage dar, wie sie keine andere deutsche Fanmeile bieten konnte.
Ähnlich funktioniert der Stadtstrand in Paris, der dem Besucher den Zugang zu einer
Wunschlandschaft an einem Ort ermöglicht, den er (zumindest teilweise) auch sonst betreten, aber
nicht in seinem Sinne nutzen darf.
Zweitens die Vielfalt der Komponenten. Eindimensionalität erweckt den Eindruck von Künstlichkeit.
So erklärt sich auch das Bemühen von Kaufhäusern, nicht nur Einkaufspassage, sondern
Entertainment Center zu sein. Im Gegensatz zu anderen Großveranstaltungen setzte sich die
Atmosphäre der Fanmeile, vergleichbar mit gewachsenen Raumwirkungen, aus mehreren Aspekten
zusammen. Das Fanmeilen-Erlebnis gründet auch auf der Mehrschichtigkeit der Veranstaltung, die
den Ort vor anderen Events auszeichnet. Je nach Tag und nach Tageszeit wechselten die Nutzergruppe
und die Zusammensetzung der Fanmeilen-Bevölkerung. Es gab neben der Hauptkultur kleinere
Subkulturen, wie zum Beispiel:
• die verschiedenen Welten der Fanmeile: auf der Straße, im Park, in einer der Arenen, usw.
• die Gruppen unterschiedlicher Nationalitäten,
• Nutzergruppen, wie die kulturell interessierte Gruppe, die zu den Konzerten kam,
• verdeckte Gruppen, wie die Taschendiebe
Die (bedingte) Wiederauflegbarkeit des Images trifft für die Atmosphäre kaum zu. Atmosphäre kann
nicht hergestellt, sondern bestenfalls befördert werden. Die Umgebung ist das grundlegende Potenzial.
Was daraus hervorgeht, also der flüchtige Aspekt der Atmosphäre entscheidet sich im Moment der
Nutzung. Sie wächst und verändert sich mit der Veranstaltung, an die sie, auch in der Erinnerung, viel
mehr gebunden ist, als an den Ort. So blieb auch die EM-Fanmeile 2008 gerade hinsichtlich der
Atmosphäre hinter ihrer Vorläuferin zurück (Berliner Zeitung, 27.06.08).
Die Minimalanforderungen des Merkmals Atmosphäre werden hinsichtlich der beschriebenen
Mehrschichtigkeit auf jeden Fall erfüllt. Die einzelnen Teile weichen aber nicht so weit voneinander
ab, dass deren einheitliche Gesamtwirkung als besondere Stärke gewertet werden kann. Trotz allem
besticht die Fanmeile, den Wünschen der Konsumenten gemäß, eher durch Einfachheit.
In dieser Übersicht werden Fanmeile und Vergleichsbeispiele den Merkmalen gegenübergestellt. Dabei wird die Erfüllung bzw. Nichterfüllung der
Minimalanforderung mit Häkchen bzw. Kreuz markiert und kurz kommentiert.
Tab.22: Merkmale-Matrix
Veranstaltungen
Fanmeile Biermeile Fusion-Festival G8-Gipfel Paris-Plages
Abgrenzbarkeit
5 eindeutige Grenze 5 eindeutige Grenze 5 eindeutige Grenze 5 eindeutige Grenze 5 eindeutige Grenze
Gebiets-
Charakter
5 Form
5 Struktur
5 Form
4 ≠ ablesbare Struktur
5 Form
5 Struktur
5 Form
4 lose Einzelteile
4 mehr Strecke
5 Struktur
Funktion
5 gebündelte Vielfalt 5 eindeutig 5 gebündelte Vielfalt 5 bipolar, aber eindeutig 5 gebündelte Vielfalt
Entwicklung/
Geschichte
4 in diesem Ausmaß
einmaliges Ereignis
5 Wiederholung 5 Wiederholung 4 einmalig 5 Wiederholung
Dauer/
Beständigkeit
5 eigene Geschichte
5 bleibt Ausnahme zur
Regel
4 zu kurz 5 eigene Geschichte
5 bleibt Ausnahme zur
Regel
4 eigentliche
Veranstaltung zu kurz
5 eigene Geschichte
5 bleibt Ausnahme zur
Regel
Inter-Reaktion
5 diverse (div.)
Verflechtungen
4 nur Straßensperre 4 kaum Verflechtungen 5 teils Verflechtungen
4 teils Isolation
4 nur Straßensperre
Takt/ Rhythmus
5 ausgestaltet und
prägend
4 undifferenziert 5 24/7 4 uneinheitlich 5 regelmäßig
Aktivitätsniveau
5 hoch 5 hoch 5 hoch 5 hoch 5 hoch
Ereignisse
5 div. 4 nur Unterhaltung 5 div. 5 an einzelnen Orten
4 Ereignisbrachfläche
5 div.
Image
5 ausgeprägt 5 ausgeprägt 5 ausgeprägt (intern) 5 bipolar, aber eindeutig 5 ausgeprägt
Atmosphäre
5 gegeben 5 gegeben 5 gegeben 4 uneinheitlich an
Einzelstandorten
5 gegeben
Quelle: Eigene Darstellung
133
Untersuchung der Fanmeile: Zwischenfazit
134
4.3. Zwischenfazit: Untersuchung der Fanmeile
Die Fanmeile erfüllt mit einer Einschränkung die Anforderungen aller elf Merkmale. Teilweise ergab
sich auf Grund der Temporarität Anpassungsbedarf und teilweise zwei Bedeutungsebenen:
Tab.23: Merkmalserfüllung und Ergänzungen:
Merkmal
ohne Ein-
schränkung
erfüllt
entsprechend der Temporarität
anzupassen
auf Grund der Temporarität
mehrdeutig
Abgrenzbarkeit 5 --- ---
Gebietscharakter --- die „städtebaulichen“ Strukturen
einer temporären Raum-Zeit-Zone
sind mit denen von dauerhaften
Gebieten nicht gleichzusetzen, aber
vergleichbar
---
Funktion 5 --- ---
Entwicklung/
Geschichte
--- Geschichte in Form von
Wiederholung, anstatt andauernder
Präsenz
zusätzlich: Entwicklung und
Ereignisse im Verlauf der
Veranstaltung
Dauer/
Beständigkeit
--- relative Dauerhaftigkeit mit Unter-
und Obergrenzen
dauerhafte Beständigkeit durch
Wiederholung und Dauer der
konkreten Veranstaltung
Inter-Reaktion 5 --- ---
Takt/ Rhythmus 5 --- Rhythmus der Wiederholung und
Zeitprofil der Veranstaltung
Ereignisse 5 --- Veranstaltung ist selbst ein Ereignis
und Ereignisse im Verlauf der
Veranstaltung
Aktivitätsniveau 5 --- Aktivitätsverlauf während der
Veranstaltung und im Jahresverlauf
Image 5 --- Bild in der Öffentlichkeit und
„Sicherungskopie“
Atmosphäre 539 --- ---
Quelle: Eigene Darstellung
Am Anfang des Kapitels wurde die Frage gestellt, ob die Abweichungen in der Merkmalserfüllung als
Alleinstellungsmerkmal der temporären Raum-Zeit-Zone, oder als Ausschlusskriterium zu bewerten
sein werden. In drei Merkmalen hat sich Anpassungsbedarf ergeben (vgl. Tab). In allen drei Fällen
folgen die Anpassungen der Eigenart der Temporarität und erfüllen innerhalb dieser Maßstäbe die
Anforderungen der Merkmale.
Die Vergleichsbeispiele bleiben hinsichtlich der Merkmalserfüllung in einigen Punkten hinter der
Fanmeile zurück. Am Beispiel der Inter-Reaktion wurde auch schon auf die Sonderrolle der Fanmeile
hingewiesen. In ihrer Einzigartigkeit eignet sie sich gut zum Vergleich für andere temporäre
Ereignisse, die sie referenzieren können. Andererseits wird sie genau durch diese Einmaligkeit
hinsichtlich des Merkmals Wiederholung als temporäre Raum-Zeit-Zone in Frage gestellt.
39 zumindest keine Einschränkung auf Grund der Temporarität
Schlussfolgerungen – Definition: temporäre Raum-Zeit-Zone
135
5. Schlussfolgerungen – Definition: temporäre Raum-Zeit-Zone
Temporäre Raum-Zeit-Zonen sind temporäre Orte mit räumlichen und zeitlichen Eigenschaften. Die
ersten drei der im Vorigen genannten elf Merkmale sind Grundvoraussetzungen für jede Art von
Gebiet oder Raum-Zeit-Zone (Abgrenzbarkeit, Gebietscharakter, Funktion). Für die Kennzeichnung
der temporären Raum-Zeit-Zone wesentlich sind Entwicklung/ Geschichte, Dauer/ Beständigkeit,
Inter-Reaktion, Takt/ Rhythmus, Ereignisse, Aktivitätsniveau und Image. Innerhalb dieser Merkmale
unterscheiden sich temporäre Raum-Zeit-Zonen nicht nur von anderen Arten von Raum-Zeit-Zonen,
sondern auch von anderen temporären Ereignissen. Sie lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen:
Dauer, Rhythmus und Bedeutung.
5.1. Dauer
Im Sonderfall der temporären Raum-Zeit-Zone gehören Dauer und Beständigkeit zu unterschiedlichen
Kategorien. Mit Dauer ist die zeitliche Ausdehnung der konkreten Veranstaltung gemeint,
Beständigkeit ergibt sich erst aus ihrer Wiederholung. Welche Dauer hat eine temporäre Raum-Zeit-
Zone? Eine Obergrenze kann, wie in Kapitel 2.3. beschrieben, in der Abgrenzung zur
Zwischennutzung gesehen werden. Das gesuchte neue Phänomen in der Zwischenwelt von fester und
flüchtiger Stadt (vgl. Kapitel 1.3.) kann nur dort verortet werden, wo es eindeutig keine Tendenzen zur
Verfestigung bzw. Dauerhaftigkeit aufweist. Sein Verhältnis zur Stammnutzung muss das von
Ausnahme zur Regel bleiben. Schwieriger ist die Abgrenzung nach unten. Der große Aufwand, der für
die Ausnahmewelten Fanmeile, Paris-Plages oder die temporäre Siedlung des Fusion-Festivals zu
betreiben ist, bringt natürliche Mindestanforderungen an die Dauer mit sich. Die Mindestdauer von
temporären Raum-Zeit-Zonen kann aber nicht nur aus Rentabilitätsgründen abgeleitet werden. Das
wesentliche Merkmal ist die zeitliche Struktur, die sich erst über eine gewisse Mindestdauer ergibt
(vgl. Kapitel 4.2.5.). Denn eine zeitliche Struktur (inkl. Ereignisse) ist genauso Grundvoraussetzung
wie eine räumliche Struktur. Damit ist sie von der unüberschaubaren Vielzahl kurzlebiger Ereignisse
unterscheidbar, die im Fluss der Zeit genauso auf- und abtauchen, sich dabei aber nicht durch einen
zeitstrukturell heterogenen Verlauf auszeichnen.
5.2. Rhythmus
Die Beständigkeit der temporären Raum-Zeit-Zone unterscheidet sich elementar von ihrer Dauer.
Wenn Beständigkeit und Dauer identisch sind, handelt es sich um ein singuläres Ereignis, das mit
dem Begriff Event vollständig erfasst wird. Ein Event wird erst durch seine Wiederholung zur
temporären Raum-Zeit-Zone. Denn durch sie verändert sich, ohne dauerhaften Bestand des Objekts
(Veranstaltung) der Ort als Träger des Events auf Dauer. In Kapitel 4.2.5. wurde die Form der
Verbindung von Träger und Objekt mit dem Bild des Strudels beschrieben, der sich in einem Fluss
stets an derselben Stelle bildet. Die Fanmeile hat keinen solchen Rhythmus vorzuweisen. Sie war,
zumindest in ihren in Kapitel 3 beschriebenen Ausmaßen, einmalig. Eine Wiederholung der Fanmeile
findet nicht statt. Bei den genannten Vergleichsbeispielen wiederum besteht diese Partnerschaft von
Ereignis und Ort in der Wiederholung. Sie kennzeichnet das Wesen der temporären Raum-Zeit-Zone,
womit auch eine Wanderung des Ortes ausgeschlossen ist. Obwohl die Fanmeile sich also, wie keine
Schlussfolgerungen – Definition: temporäre Raum-Zeit-Zone
136
andere Veranstaltung, als Vergleichsbeispiel eignet, ist sie in diesem engeren Sinne selbst keine
temporäre Raum-Zeit-Zone. Sie hat zwar den Ort dauerhaft verändert und andere, durchaus ähnliche
Veranstaltungen nehmen den von ihr bereiteten Platz ein, aber sie verhält sich dazu, wie der Pilotfilm
zur Serie. Sie verkörpert das Folgende mehr, als jede einzelne Episode, sie prägt das Image, das
immer wieder neu geladen und damit fortgeführt werden kann, aber erst die Episoden bilden die Serie.
Weiter wird das rhythmische Profil der temporären Raum-Zeit-Zone durch ihre besonderen
Eigenschaften hinsichtlich des Aktivitätsniveaus bestimmt. In Kapitel 4.2. wurde auf zwei
Komponenten hingewiesen. Erstens auf den Verlauf des Aktivitätsniveaus im Rhythmus des
Erscheinens (in der Regel jährlich). Zweitens auf den Verlauf des Aktivitätsniveaus während der
Veranstaltung selbst, der sich einerseits durch eine enorme Schwankungsbreite des Niveaus
auszeichnet (z.B. Tag/ Nacht) und andererseits durch eine Tendenz zum 24/7-Betrieb. Trotz der
geringen Aktivitätsniveaus zu den Wartungszeiten von 24/7 zu sprechen, wurde in Kapitel 4.2.8. mit
deren Unverzichtbarkeit für das Ganze und deren Reduktion auf das zeitlich notwendige Minimum
begründet. Wie am Beispiel des Fusion-Festivals zu sehen war, kann es aber auch einen regen, beinahe
gleich bleibenden 24/7-Betrieb geben. Um den besonderen zeitlichen Charakter der temporären Raum-
Zeit-Zone zu betonen, lässt sich in Abhängigkeit zur Veranstaltung auch von 24/33 (Fanmeile) oder
24/5 (Festival) sprechen.
5.3. Bedeutung
Über lange Phasen besteht die temporäre Raum-Zeit-Zone ausschließlich in ihrer Möglichkeit, bzw.
dem Potenzial des Ortes. Die Idee ist hinsichtlich der zeitlichen Anteile am Jahr bedeutender als das
Ereignis selbst. Nur ein Ereignis mit einer gewissen Bedeutung kommt tatsächlich wieder und
verblasst nicht in der ausgedehnten Zwischenzeit. Mit Bedeutung ist erstens die Bedeutung für die
angrenzende Umgebung gemeint, die Inter-Reaktion, und zweitens die Bedeutung des Ereignisses
selbst, sein Image bzw. seine Außenwirkung. Die Relevanz der Betrachtung von temporären Raum-
Zeit-Zonen ergibt sich unter anderem aus deren Wechselwirkungen mit den räumlichen Nachbarn und
den organisatorischen Verflechtungen zu deren Verwirklichung. Beides liegt bei Ereignissen wie dem
Jahrmarkt auf einem Festplatz oder der Messe auf einem Messegelände nicht vor. Denn in diesen
Fällen muss weder ein Sonderweg zur Realisierung gefunden, noch eine Sonderzone zur Umsetzung
gebildet werden. Diese Nutzungen sind zwar ebenfalls temporär, aber sie finden auf einem dauerhaft
genau für Nutzungen ihres Typs vorgesehenen Gelände statt. Eine temporäre Raum-Zeit-Zone ist, im
Gegensatz dazu, immer eine Sondernutzung.
Wesentliche Teile der Inter-Reaktion haben ihren Ursprung in der Verdrängung und Umorganisation
der Stammnutzung. Aus zwei Gründen suchen sich temporäre Raum-Zeit-Zonen nicht einfacheres
Terrain: Erstens werden Großveranstaltungen zumindest kofinanziert durch Sponsoring und die
Sponsoren fordern zentrale Plätze mit starker Image-Wirkung. Entsprechend eingeschränkt sind wegen
dieser kommerziellen Ausrichtung auch die Anwendungsmöglichkeiten von Veranstaltungen im Sinne
temporärer Raum-Zeit-Zonen etwa für die Stadtentwicklungsplanung bzw. die Aufwertung von
Stadtteilen. Zweitens leben Großveranstaltungen von hohen Besucheraufkommen. Um attraktiv für
Bürger und Touristen zu sein, sind gute Verkehrsanbindung, zentrale Lage und gleichfalls ein
positiv besetztes Image der Veranstaltungsfläche normalerweise Voraussetzung.
Schlussfolgerungen – Definition: temporäre Raum-Zeit-Zone
137
5.4. Die Ausprägungen von temporären Raum-Zeit-Zonen
In Kapitel 2.2.1. wurden einige Raum-Zeit-Zonen beschrieben und deren Ausprägungen in einer
Übersicht zusammengestellt. Dem kann nun die temporäre Raum-Zeit-Zone hinzugefügt werden:
Abb.71: Ausprägungen von temporären Raum-Zeit-Zonen
Quelle: Eigene Darstellung nach Eberling/ Henckel 2002, S.200
Ausdehnung in Stunden pro Tag: eigentlich 24/24, aber wegen des ernorm schwankenden Niveaus leicht
geringer zu bewerten, als bei der Zitadelle der Kontinuität und dem Verkehrsknoten
Ausdehnung in Tagen pro Woche: maximal – es gibt in der Regel keine Unterbrechung
Aktivitätsniveau: sehr hoch – wegen der geringeren Diversität leicht unter dem Wert der Zitadelle
Schwankungsbreite: sehr hoch – wie beim Geschäftsviertel gibt es Zeiten unterschiedlicher Betriebsamkeit
Heterogenität: mittel – einerseits zeichnet eine gewisse Mehrschichtigkeit die temporäre Raum-Zeit-Zone vor
anderen temporären Veranstaltungen aus, andererseits wird sie von einem Hauptinhalt bestimmt
Dichte: eher gering – dabei wird die geringe bauliche Dichte durch die hohe Menschendichte ausgeglichen
Lage: eingeschränkt zentral – attraktive zentrale Lagen sind Voraussetzung, aber auch ausreichend Freiraum
Erreichbarkeit: hoch – leicht hinter der Spitzengruppe, vergleichbar mit dem Mischgebiet
Fazit
138
6. Fazit
Die feste Welt wird flüchtiger. Dafür spricht, neben allgemein kürzer kalkulierten Bau- und
Nutzungszeiten gerade gewerblicher Einrichtungen im Zuge der Prozessbeschleunigung und der
Verkürzung von Rhythmen und Laufzeiten, die wachsende Bedeutung von, am Erlebnis
ausgerichteter, Eventarchitektur und so genannter Einkaufswelten. Auf der anderen Seite verfestigt
sich die flüchtige Welt, indem Festivals und Großereignisse für das Stadtmarketing und das
Stadtselbstverständnis an Bedeutung gewinnen und dabei teilweise dauerhafte Formen finden. Dieser
Wandel wurde als Annäherung zwischen den festen und den flüchtigen Aspekten von Stadt
beschrieben. Zusammen mit der wachsenden Nachfrage konsumorientierter Stadt-User, die ihre
Ortsverbundenheit weniger aus der gebauten und mehr aus der erlebten Stadt beziehen, wächst die
Bedeutung dieser neuen Zwischenwelt, in der die temporäre Raum-Zeit-Zone als Mischling von
Ereignis und Gebiet zu verorten ist.
Denn das ist es, was die temporäre Raum-Zeit-Zone vom Event unterschiedet: Neben dem Ereignis ist
sie gleichzeitig Gebiet. Dazu macht sie nicht die bloße Inanspruchnahme von Fläche, sondern die
dauerhafte Veränderung des Ortes, der ohne die Kenntnis der sich dort wiederholenden
Veranstaltung und der damit verbundenen Strukturen nicht hinreichend erfasst wird. Verändert
werden:
• das Potenzial des Ortes, der mit Stamm- und Sondernutzung nunmehr zwei unterschiedliche
Gesichter hat,
• das Image und der Wert der Fläche, was sich neben dem Interesse der Sponsoren an der Fläche
auch im Stadtimage und im Bild der Stadtbewohner und Stadtnutzer niederschlägt,
• die Organisationsstrukturen in der Verwaltung und dem Eventmanagement, die, einmal etabliert,
immer wieder, sozusagen aus dem Standby-Modus, reaktiviert werden können,
• die Nutzungsstrukturen, sowohl hinsichtlich der veränderten Umstände während der Veranstaltung
(Umleitungen), als auch im Nutzerverhalten, wie etwa in der Ferienplanung und -gestaltung der
Pariser Stadtbevölkerung.
Im Sinne dieser Veränderungen ist die Fanmeile ein Paradefall. Sie vereint, wie kein anderes Beispiel
alle aufgezählten Eigenschaften der temporären Raum-Zeit-Zone in ausgeprägter Art und Weise. Mit
ihrem Profil liegt ein detailliertes Raster zum Vergleich vor, an dem andere temporäre Ereignisse
gemessen werden können. Dennoch ist die Fanmeile im engeren Sinn der Definition keine temporäre
Raum-Zeit-Zone, da sie die Grundvoraussetzung der dauerhaften Partnerschaft zwischen Ort und
Ereignis nicht erfüllt, die sich in ihrer Wiederholung ausdrückt. Die wesentlichen Eigenschaften der
temporären Raum-Zeit-Zone sind:
• Dauerhaftigkeit im Rahmen einer gewissen Mindest- und Höchstdauer
• Rhythmus bzw. Wiederholung im Sinne einer Partnerschaft von Ereignis und Ort
• Bedeutung, also ein für die Stadt als Ganzes wesentliches und in seinen Auswirkungen spürbares
Format
Fazit
139
Die Partnerschaft von Ort und Veranstaltung ist eine gegenseitige Bedingung. Nur manche Orte
bergen das Potenzial einer temporären Raum-Zeit-Zone und nur manche Arten von Veranstaltung
liefern das passende Gegenstück zu einer funktionierenden Paarung. Zum Beispiel kann es den
Stadtstrand in Paris nur an der Seine bzw. am Wasser geben. Das Konzept funktioniert, weil auf
Grund der sommerlichen Verkehrsflaute auf der Uferstraße auch das klimatische und räumliche
Potenzial zu dessen Verwirklichung vorliegt. Die konkreten raumzeitlichen Muster der jeweiligen
Paarung variieren entsprechend mit den gegebenen Konditionen.
Die praktische Relevanz des Konzepts hängt von seiner Anwendbarkeit ab. So kann bei der Zitadelle
der Kontinuität sinnvollerweise auch schon bei einer Durchgängigkeit von nur 75% (18 von 24
Stunden) von Kontinuität gesprochen werden, um das wesensverschiedene Phänomen analytisch von
weniger belebten Gebieten (Mischgebiet) unterscheidbar zu machen. Das Konzept der temporären
Raum-Zeit-Zone muss so weit geöffnet werden, wie es im Interesse einer größtmöglichen Bandbreite
möglich ist, ohne an Schärfe zu verlieren. In diesem Sinn ergeben sich drei Fragen zur weiteren
Untersuchung:
• Gibt es den Sonderfall der multiplen temporären Raum-Zeit-Zone? Also eine Partnerschaft
zwischen einem singulären Ort und einer Häufung verschiedener Ereignisse, die gerade durch ihre
Vielfalt das Wesen des Ortes dauerhaft bestimmen? Unter den bis zu 20 jährlichen
Großveranstaltungen auf der Straße des 17. Juni40 wäre dann auch die Fanmeile wieder vom
Raster des Konzepts erfasst.
• Kann das temporäre Erlebnisdorf der „Fusion“ trotz seiner abgeschiedenen Lage und der damit
minimalen Inter-Reaktion und der Bedeutungslosigkeit für einen städtischen Kontext z.B. als
temporäre Raum-Zeit-Siedlung verstanden werden? Denn schließlich hebt sie sich von anderen
Festivals in verschiedener Hinsicht, wie Organisation, Ortsverhaftung und Anspruch deutlich ab
und zeichnet sich zudem beispielsweise hinsichtlich des Gebietscharakters weit mehr als
temporäre Raum-Zeit-Zone aus als etwa Paris-Plages.
• Ist es sinnvoll, eine verkleinerte Variante der temporären Raum-Zeit-Zone für kleinere
Siedlungseinheiten zu entwickeln, für die Veranstaltungen wie Wochen- und Jahrmärkte eine sehr
viel höhere Bedeutung einnehmen als in Großstädten?
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Bedeutung der temporären Gebietseinheit für den Ort bzw. ihr
dauerhafter Einfluss auf ihn höher zu bewerten als eine vollständige Erfüllung der Merkmale.
Es zeigt sich, dass der hier entwickelte Vorschlag einer temporären Raum-Zeit-Zone ein belastbares
und flexibles Konzept mit unterschiedlichen Anknüpfungspunkten ist, die über den stadtanalytischen
Gebrauchswert hinausgehen. Angrenzende Themenfelder sind zum Beispiel:
• Stadtmarketing: Profilierung der Stadt mit herausragenden Großveranstaltungen
• Substitution von Raum durch Zeit: Mehrfachnutzung statt neue Flächeninanspruchnahme
• Projektplanung: unübliche Lösungswege in ressortübergreifender Zusammenarbeit
40 20 Großveranstaltungen sind jährlich möglich (18 sind bisher für 2008 vorgesehen). Sie werden entsprechend
ihrer kulturellen, sportlichen, wirtschaftspolitischen oder gesellschaftspolitischen Bedeutung für Berlin
ausgewählt und genehmigt (Berliner Zeitung, 10.07.08).
Fazit
140
Die praktische Bedeutung des Konzepts für die Stadtplanung ist neben den genannten angrenzenden
Themenfeldern in den dauerhaften Auswirkungen des temporären Ereignisses zu sehen:
• bleibende Organisationsformen und interinstitutionelle Verflechtungen oder Verbindungen
• Bildung und Weiterbildung von Know-how bei allen beteiligten Akteuren in Planung,
Durchführung und Kooperation des Events und für vergleichbare Veranstaltungen
• dauerhafte Veränderung des Ortsbildes und seines Images durch die Veranstaltungswiederholung,
und Profilierung im Wettbewerb der Stadtzentren
• Lagerbarkeit von Teilen der temporären Raum-Zeit-Zone: neben den Organisationsstrukturen und
Abläufen können auch Materialien und Symbole wiederholt zum Einsatz kommen. Dadurch
werden Kosten gespart und die Wiedererkennbarkeit erhöht.
Temporäre Raum-Zeit-Zonen können auch als Testlauf für zukünftige feste Einrichtungen und die
Umgestaltung von Stadtteilen genutzt werden. Durch ihre Zentrums- und Sponsorenabhängigkeit
gelten dafür aber gewisse Einschränkungen (vgl. Kapitel 5.3.). Allerdings nehmen sie auf Grund der
starken Aufmerksamkeit, die solche Events in der Öffentlichkeit erregen, wirksamen Einfluss auf die
Diskussion der Stadtentwicklung. Einmal aufgebrachte Ideen können sich damit entwickeln und in
konkreten Formen verfestigen (Pradel 2007, S.5f). Wie die von der Fanmeile ausgelöste Diskussion
über verschiedene Formen einer verkehrsberuhigten Straße des 17. Juni gezeigt hat, kann die Wirkung
eines solchen Anstoßes allerdings auch leicht verpuffen (vgl. Kapitel 3.5.3.).
Das Phänomen einer Einheit von Gebiet und Ereignis konnte mit der Systematik von Raum-Zeit-
Zonen erfasst und dargestellt werden. Aus ihrer praktischen Relevanz und der Erfüllung der elf
Merkmale, mit denen Raum-Zeit-Zonen charakterisiert wurden, ergibt sich der Anspruch der
temporären Raum-Zeit-Zone, als raumzeitlich bestimmtes Gebiet in diese Systematik aufgenommen
zu werden. Gleichzeitig zeigt sich die Flexibilität des Konzepts von Raum-Zeit-Zonen und seine
universale Zweckmäßigkeit zum Verständnis und zur Beschreibung der raumzeitlichen
Zusammenhänge in der Stadt.
Quellenverzeichnis
141
Quellenverzeichnis
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- Berliner Morgenpost, 02.07.2006: WM-Euphorie: Berlin verlängert Fanmeile
- Berliner Morgenpost, 09.07.2006: Berlin zieht positive Bilanz der WM
- Berliner Morgenpost, 11.07.2006: Rekordtag für Berliner Flughäfen
- Berliner Zeitung, 08.06.2006: Trubel um Ball und Kicker
- Berliner Zeitung, 30.06.2006: Zahlenzauber aus der Senatskanzlei
- Berliner Zeitung, 03.07.2006: Der Rest vom Fest
- Berliner Zeitung, 07.07.2006: Für immer Fanmeile – zum Feiern und Flanieren?
- Berliner Zeitung, 23.05.2008: Aus der Traum von der Fan-Meile auf dem Alex
- Berliner Zeitung, 27.06.2008: Das Märchen von der vollen Fanmeile
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- ND (Neues Deutschland), 13.06.2006): 120.000 Liter Bier für die Fans
- ND (Neues Deutschland), 20.06.2006: Fanmeile – idealer Tummelplatz für Langfinger
- ND (Neues Deutschland), 28.06.2006: Ein Geflecht aus Pinkelpfaden
- Ostsee Zeitung, 18.05.2007: G8-Ticket zum halben Preis. URL: http://www.ostsee-
zeitung.de/archiv/index.phtml?Param=DB-Artikel&ID=2694748, Zugriff: 08.02.2008
- Passauer Neue Presse (PNP), 04.05.2006: Hier sind die Meilen - Die Fanmeile in Berlin
- Ruwe, 05.07.2006: Fußballenthusiasten hinterlassen beim „wilden Pinkeln“ an den Fanmeilen
Gestank und umgeknickte Sträucher. URL: http://www.ruwe-
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- Tagesspiegel, 13.11.2005: Fanmeile an der Siegessäule – die Polizei ist erleichtert
- Tagesspiegel, 04.07.2006: Große Stimmung am Großen Stern
- Tagesspiegel, 10.07.2006a: Sperrung bis 16. Juli – Die Fanmeile bleibt noch eine Woche zu
- Tagesspiegel, 10.07.2006b: Die Wirte sind enttäuscht, die Bäderbetriebe zufrieden
- Welt, 23.06.2006: Bier für Fans: Brauereien fahren Sonderschichten
- Welt, 26.06.2006: Andreas Jacobs – der stille WM-Macher im Hintergrund
- Welt am Sonntag, 25.06.2006: Ein Sommer des Vergnügens
- Zeit, 06.07.2006: Die Party-Zentrale
Expertengespräche
- Beer, Michael: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, Abteilung VII Verkehrslenkung,
Referatsleiter Verkehrsmanagement/ Großereignisse, Termine am 29.02.2008 und 09.04.2008
- Bona, Heinz-Joachim: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, Abteilung VII
Verkehrslenkung, Referat Verkehrsmanagement/ Großereignisse, Termin am 28.04.2008
- Colberg, Jörg: Leiter Dienst aus besonderem Anlass der Berliner Polizei; und
Ziehe, Günter: Stellvertreter von Jörg Colberg, Termin am 07.05.2008
- Constantinescu, Ole: Kommunikation der Deutschen Bahn, Ansprechpartner für Call-A-Bike,
Korrespondenz April 2008
- Dieckmann, Steffen: Serviceeinheit Einsatzleitung der Berliner Feuerwehr, zuständig für
Großereignisse, Korrespondenz März/ April 2008
- Fiebig, Daniel: Allgemeine Wirtschaftspolitik, Positive Standortfaktoren, Sportwirtschaft,
Branchenkoordinator Industrie, IHK, Korrespondenz 23.04.2008
- Fischer, Jörg: Abteilung IV Sport, Referat IV B Sportanlagen/ Infrastruktur; und
Rock, Jörg: Abteilung III Öffentliche Sicherheit und Ordnung, Referat III Recht der öffentlichen
Sicherheit und Ordnung; Aufsicht über den Polizeivollzugsdienst. Beide:
Quellenverzeichnis
148
Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Termin am 05.03.2008
- George, Peter: Gruppenleiter, Ereignismanagement, Verkehrslenkung Berlin (VLB),
Korrespondenz, Mai 2008
- Götte, Jürgen: Inspektionsleiter Tiergarten, Straßen- und Grünflächenamt Mitte, Termin am
12.04.2008
- Herzog, Christiane: Ansprechpartnerin der Marketingabteilung von Berlin Partner GmbH,
Korrespondenz April 2008
- Jüling, Torsten: Ansprechpartner Berliner Flughafen Gesellschaft mbH, Statistik, Korrespondenz
10.03.2008
- Kähne, Britta: VMZ Berlin Betreibergesellschaft mbH, Korrespondenz Mai 2008
- Kirst, Christoph: Geschäftsführer „City Entertainment“, zusammen mit „Ins Glück“ Veranstalter
des „All Nations Boulevard“, Korrespondenz 06.05.2008
- Riege, Ronald: Landesbereitschaftsleitung des DRK Berlin, Großeinsätze, Termin am 05.05.2008
- Lorenz, Eberhard: Leiter Infrastrukturbetrieb, S-Bahn Berlin, Termin am 02.05.2008
- Prätel, Michael: Zentraler Verkehrsleiter der BVG, Koordination Großveranstaltungen, Termin
am 06.05.2008
- Tschäpe, Klaus Dieter: Inhaber und Geschäftsführer RUWE GmbH, Termin am 15.05.2008
- Waldhelm, Jörn: Produktionsleiter Wohlthat-Entertainment, Termin am 14.05.2008
- Weiß, Joachim: Verwaltung Gruppenleitung Bereich Tiergarten/ Wedding, Straßen- und
Grünflächenamt Mitte, Termin am 29.02.2008
Beigefügte Karten
- Fan Fest FIFA WM 2006TM in Berlin 7.Juni – 9.Juli 2006 [Planungsstand]:
Wohlthat-Entertainment
- Hauptveranstaltungsbereich Fanmeile 2006 auf der Straße des 17. Juni mit Hauptbühne beim
Brandenburger Tor und drei Videowall-Brücken: Wohlthat-Entertainment
(leider keine Erlaubnis zur Verwendung in dieser Veröffentlichung)
Anhang/ Anhang 1
I
Anhang
1. Die Fanmeile im Vergleich: Besucherkapazitäten und weitere Größen
2. Details zur Fanmeile: Tagesbesucherzahlen, DRK
3. Berliner Kontext: City West und stadtweite Begebenheiten
4. Thematischer Kontext: Public-Viewing
1 Die Fanmeile im Vergleich:
Neben den augenscheinlichen Größenunterschieden der Fanmeile im Verhältnis zu den anderen elf
Fan-Festen, fällt auf, wie stark die Besucherzahlen der beiden Quellen voneinander abweichen.
Tab.24: Fan-Feste: Größenvergleich
Stadt Lage Ausmaß Übertragungs-
fläche
Sicherheits-
maßnahmen
Kosten
Berlin Straße des 17. Juni ca. 2 km achtspurig
Straße
6 x ca. 40 m²
1 x 60 m²
+ 1 am Presse-
Zentrum
Sicherheitsdienst,
Einlass-
kontrollen,
Kameras
Senatsangaben:
4 bis 7 Mio. €
zu Lasten des
Betreibers
Dortmund Hohe Straße 2,8 km
1 x 60 m²
Sicherheitskräfte ca. 50.000 €
Friedensplatz ca. 15.000 Pers.
Frankfurt
Main
„Main-Arena“
Flussufer
300 Meter, Tribünen
an Flussufern
2 x 144 m² auf
Ponton in
Flussmitte +
1 Zusatz-Wand
Sicherheitsdienst,
Einlass-
kontrollen,
Kameras
k.A.
Gelsen-
kirchen
Innenstadt
Fußgängerzone
2,5 km
1 x 60 m²
Sicherheitsdienst,
Einlasskontrollen
2,5 Mio. €
(Eintritt auf
Konzerte)
Glückauf-
Kampfbahn
Stadion, 22.000 Pes.
Hamburg Heiligengeistfeld „Fan-Stadion“,
50.000 Pers.
1 x 80 m² Polizei und
Sicherheitsdienst
3,1 Mio. €
Hannover Innenstadt
Fußgängerzone
ca. 2 km
1 x 60 m²
Sicherheitsdienst,
Einlass-
kontrollen,
Kameras
1 Mio. €
Waterlooplatz in
Stadion-Nähe
ca. 20.000 Pers.
Kaisers-
lautern
Eisenbahnstraße 1 km
1 x 36 m²
1 x 24m²
Sicherheitsdienst,
Einlass-
kontrollen,
Kameras
700.000 €
Stiftsplatz und
Platz an der
Barbarossastraße
6.000 und
1.000 Pers.
Köln Kölner Innenstadt 1 x 40 m²
1 x 60 m²
zum Zeitpunkt
der Erhebung
noch umstritten
k.A.
2 Video-Standorte
Heumarkt
15.000/ 20.000 Pers.
Leipzig Augustplatz 75.000 m² 1 x 60 m²
1 x 35 m²
Sicherheitsdienst,
Einlass-
kontrollen,
Kameras
1,8 Mio. €
München Olympiapark 17.500 m² 1 x 60 m² optionale
Zugangs-
kontrollen,
Kameras
k.A.
Nürnberg Volksfestplatz 110.000 m² 1 x 60 m² Sicherheitsdienst,
Einlass-
kontrollen,
Kameras
zum Zeitpunkt
der Erhebung
noch unklar
Stuttgart Schlossplatz 180 x 180 m 1 x 60 m²
2 x 36 m²
Zugangs-
kontrollen bei
Einfriedung
durch die Stände
5 Mio. €
Quelle: Eigene Darstellung/ dpa 2006
Anhang 3
II
Tab.25: Fan-Feste: Besucherkapazität
WM Stadt Standort maximale Besucher
Berlin Straße des 17. Juni 1.000.000
Dortmund Friedensplatz 200.000
Frankfurt Mainufer 40.000
Gelsenkirchen Glückauf-Kampfbahn 30.000
Hamburg Heiligengeistfeld am Millerntor 100.000
Hannover Waterlooplatz 30.000
Kaiserslautern Stiftsplatz, Barbarossaplatz 55.000
Köln Heumarkt 200.000
Leipzig Augustusplatz 30.000
München Olympiapark/ Olympiasee 50.000
Nürnberg Volksfestplatz 30.000
Stuttgart Schlossplatz 100.000
Quelle: Kuchenbecker 2007, S.117
2 Details zur Fanmeile
Tab.26: Tagesbesucherzahlen auf der Fanmeile
Spiele/ Programm Tages-
Besucher
Besucher
kumuliert
07.06. Eröffnungsveranstaltung 300.000 300.000
08.06. Liveübertragung ZDF-Ticket-Show und Musikbühnenprogramm 60.000 360.000
09.06. Deutschlandspiel 300.000 660.000
10.06. 120.000 780.000
11.06. 220.000 1.000.000
12.06. 100.000 1.100.000
13.06. Spielort Berlin 500.000 1.600.000
14.06. Deutschlandspiel 500.000 2.100.000
15.06. Spielort Berlin 150.000 2.250.000
16.06. 120.000 2.370.000
17.06. 150.000 2.520.000
18.06. 300.000 2.820.000
19.06. 30.000 2.850.000
20.06. Deutschlandspiel in Berlin, Live-Konzert: Sportfreunde Stiller 700.000 3.550.000
21.06. 30.000 3.580.000
22.06. 70.000 3.650.000
23.06. Spielort Berlin 70.000 3.720.000
24.06. Deutschlandspiel 1.000.000 4.720.000
25.06. 100.000 4.820.000
26.06. 50.000 4.870.000
27.06. 100.000 4.970.000
28.06. Live-Programm 25.000 4.995.000
29.06. Live-Programm 25.000 5.020.000
30.06. Deutschlandspiel in Berlin 750.000 5.770.000
01.07. 200.000 5.970.000
02.07. Klassikkonzert 50.000 6.020.000
03.07. Amerikanische Nacht 10.000 6.030.000
04.07. Deutschlandspiel, Live-Programm 1.000.000 7.030.000
05.07. 165.000 7.195.000
06.07. 1000 ? 7.196.000
07.07. 10.000 ? 7.206.000
08.07. Deutschlandspiel 1.000.000 8.206.000
09.07. Finale in Berlin, Verabschiedung der deutschen Nationalmannschaft 1.600.000 9.802.000
Tagesbesucher in Tausend:
< 100 100 Æ 200 Æ 300 Æ 400 Æ 500 Æ 600 Æ 700 Æ 800 Æ 900 Æ 1000 >1000
Quelle: Eigene Darstellung/ Pressestelle Berlin
Anhang 3
III
Tab.27: Kräfte-Einsatz des DRK auf der Fanmeile
Quelle: DRK, Landesbereitschaftsleitung, Stand: 11.07.2006
Anhang 3
IV
3 Berliner Kontext
3.1. Weitere Schwerpunkte im Berlin der WM 2006: Olympiastadion und City-West
Ursprünglich war als Veranstaltung auf dem Breitscheidplatz das so genannte „All Nations Green“
vorgesehen gewesen (siehe Abb.73).
All Nations Green (Kirst, 06.05.08):
• fast ganzes Areal mit Kunstrasen
• zwei Standorte mit Großbildwänden
• internationale Gastronomie
die „höherwertige Fanmeile“ scheiterte an
den Auflagen der Sicherheitsbestimmungen
All Nations Boulevard (Kirst, 06.05.08):
statt des ursprünglichen Konzepts
realisierte kleinere Variante
• Bühnenprogramm
• Gastronomie
• Landespräsentationen (Merchandising)
• keine Videowände
Einbettung der „zweiten Feiermeile der Hauptstadt“ (Polizei, 01.07.06):
• Feieradresse für Stadionbesucher und Publikum aus allen Teilen der Stadt
• kein Zusammenhang/ Besucheraustausch mit der Fanmeile (Veranstalter: Kirst, 06.05.2008 und
Polizei: Colberg/ Ziehe, 07.05.08)
• betroffener Straßenraum: östlich vom Wittenbergplatz bis Olivaer und Adenauer Platz
Aktivität in der City-West
• Aktivität: azyklisch aber regelmäßig
• interessantes Detail: Revierkämpfe zwischen Autofahrern und Fußgänger (siehe Tabelle: 24.06.,
30.06., 08.07., und 09.07.)
Abb.74: Von den Siegesfeiern in Beschlag genommener Straßenraum in der City-West
Quelle: Eigene Darstellung/ Google Earth
Abb.73: Konzept: All Nations Green
Quelle: Berlin Partner 2006a, S.119
Anhang 3
V
Tab.28: Polizeimeldungen zu den Ereignissen auf der „zweiten Feiermeile“
Tag Spielort oder
-paarung
Ereignis Bereich
09.06. Deutschland-
spiel
- mehrere Dutzend Autos mit Fahnen, aber noch kein Korso Breitscheidplatz
und Tauentzien
10.06.
bis
14.06.
Berlin und
Deutschland-
spiel
- Autokorsos Kurfürstendamm
und Tauentzien
15.06. Schwedenspiel - mehrere 100 Schweden auf dem Wittenbergplatz
- kein Autokorso
Wittenbergplatz
20.06. Deutschland-
spiel in Berlin
- Autokorso für fast drei Stunden Wittenbergplatz
teilweise bis
Olivaer Platz
23.06. Berlin - im Gegensatz zu den vergangenen Begegnungen: kein Korso
24.06. Deutschland-
spiel
- nahezu 1000 PKW als Autokorso
- 10.000 Fußgänger breiten sich aus und blockieren die Straße
- Autos werden in Nebenstraßen verdrängt/ Staubildung
- Polizei muss absperren. Teilweise bis nach 23:00 Uhr
Wittenbergplatz
bis Olivaer Platz
30.06. Deutschland-
spiel in Berlin
- über 60.000 Personen (überwiegend zu Fuß)
- Versuche, Korsos zu bilden, werden erstickt
- Fans behindern den Verkehr auch an anderen Orten in Berlin
- Feiern bis nach Mitternacht
City-West
04.07. Deutschland-
spiel
- 1000 Menschen
- kleiner Korso von einigen Dutzend Autos
City-West
08.07. Deutschland-
spiel
- 50.000 Menschen
- kurz nach Schlusspfiff sind schon die ersten Autos vor Ort
- Korso für ca. 45 Min.
- Fußgänger übernehmen die ganze Strecke
- gegen 02:00 schaffen 300 Autos weiter westlich einen Korso
- Feiern bis in die Morgenstunden
Wittenbergplatz
bis Olivaer Platz
Korso: Olivaer
Platz bis
Adenauer Platz
09.07. dt. Mannschaft
besucht die
Fanmeile und
Finale
- mehrere 1.000 Menschen auf dem Breitscheidplatz
- Korso mit mindestens 100 Autos
- kurz nach 00:00: 15.000 Fußgänger blockieren den Verkehr
- Polizei muss absperren (auch an anderen Orten in Berlin)
Breitscheidplatz,
Olivaer bis
Wittenbergplatz
Quelle: Eigne Darstellung/ Pressemeldungen der Berliner Polizei
Tab.29: Berliner WM-Verlauf aus Polizei-Sicht
Tag Einsatzstärke Vorfälle Ereignisse Quelle
09.06.
Eröffnungsspiel
bis zu 3.200 „mit Ausnahme von wenigen Festnahmen zieht die
Polizei eine ausgesprochen positive Bilanz“
- mehrere 100 Menschen am Breitscheitplatz und Tauentzien
- mehrere Dutzend Fahnengeschmückte Autos aber kein Korso
- auch durch Fußgänger zeitweise Verkehrsbehinderungen
- 22:00 vermehrter Aufbruch von Treptower Park. Polizei sperrt Straßen, um
Fußgänger zu schützen
10.06.
15.06. zum 2ten
mal in Berlin
„auch heute“
~ 4.000
„besondere Vorkommnisse nicht zu verzeichnen“ - nach Schwedenspiel feiern mehrere 100 Schweden auf dem
Wittenbergplatz
- im Unterschied zu den vergangenen Tagen kein Korso
16.06.
20.06. D. spielt
in Berlin
erneut
~ 4.000
bisher schon mehr Festnahmen, u.a. wegen
Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz und
Körperverletzung unter Alkoholeinfluss als an
anderen Tagen. Trotzdem positiver Gesamteindruck
- Fanmeile ist der Publikumsmagnet
- mehrere 1000 Feierwillige auf Kurfürstendamm/ Breitscheidplatz: zu Fuß
und im Auto. Korso über fast drei Stunden
21.06.
- bisher vor und während der WM 9 als „Gewalttäter
Sport“ registrierte Personen im Sicherheitsgewerbe
festgestellt worden Æ Polizei regt beim
Wirtschaftsamt Gewerbeuntersagungsverfahren an
- Polizei bewertet Arbeit der Ordner auf der Meile
(insbesondere an den Eingängen) als sehr
gewissenhaft und zuverlässig
23.06.a
23.06. viertes
Spiel in Berlin
- erfreulich - im Gegensatz zu den vergangenen Begegnungen bildete sich heute nach
Spielende kein Autokorso
23.06.b
24.06. D. -
Schweden
~ 4.500 - auch diese Mal wieder Festnahmen, aber in
Anbetracht der vielen 100.000 Personen dennoch
positive Bilanz
- Fanmeile voll ausgelastet
- Zugänge 1h vor Spielbeginn vorübergehend gesperrt (Polizei-Lob an die
ruhigen Besucher)
- nach dem Spiel bilden nahezu 1000 PKW einen Autokorso, aber diesmal
blockiert die ca. 5-fache Zahl Fußgänger die Straßen. Bald bevölkern
mehrere 10.000 Menschen Straße zw. Wittenbergplatz und Leibnitzstraße
(Autos werden in Nebenstraßen verdrängt). Rundherum Stau (bis
Halenseebrücke)
- Sperrung teilweise bis nach 23:00
24.06.
Vorbereitung
für Folgetag
- Schwedenspiel-Erfahrung: 50.000 Fußgänger vs.
1000 Autofahrer Æ brisante Situation, weil beide
auf ihrem Recht beharren. Polizei erwägt daher
Sperrung der West-City für Fahrzeuge
29.06.
VI
Fortsetzung: Berliner WM-Verlauf aus Polizei-Sicht
Tag Einsatzstärke Vorfälle Ereignisse Quelle
Zwischenbilanz - bisheriger Verlauf: positive Bilanz
- Sicherheitskonzept auf den Public-Viewing
Veranstaltungen erfolgreich
- Anstieg der Kriminalität um 6,8 % (hält sich in
Grenzen): Betrugsdelikte, Körperverletzung (für
Großveranstaltungen typisch)
- auch aus LKA-Sicht: alles erfreulich
(insbesondere: keine Auseinandersetzungen unter
Hooligans – Vorarbeitserfolg der Polizei)
30.06.a
30.06. D – Arg.
Berlin
~ 6.000 - mehrere Festnahmen (Alkohol-bedingte
Auseinandersetzungen, Betäubungsmittelgesetz)
- insgesamt aber Feierstimmung nicht getrübt
- Berlin hat zweite Meile in der City-West
- mehr als 60.000 Menschen (überwiegend zu Fuß) feiern bis nach
Mitternacht
- ab 19:40 versuchen mehrere Dutzend Autos einen Korso – aber nur 10
Minuten , dann in Menschen erstickt, auch später aufkommende Korsos mit
bis zu 250 Fahrzeugen haben keinen langen Bestand
- auch an anderen Orten in der Stadt legen 100te Menschen teilweise den
Verkehr lahm (Neukölln, Przl. Berg, Charlottenb., Reinickendorf)
- bis in die späten Abendstunden immer wieder Autokorsos an vielen
Stellen, vorzugsweise in der Innenstadt
01.07.
und
Rogge/
Wulff,
S.17
04.07. D verliert ~ 6000 - einzelne Auseinandersetzungen zwischen Fans und
der Polizei
- insgesamt aber ruhig
- kaum Aktivität
- ca. 1000 Italienfans in City-West
- kleiner Korso (einige Dutzend Autos) Straßensperrung nicht nötig
05.07.
08.07. Spiel um
den dritten Platz
~ 5.000 - keine nennenswerten Zwischenfälle - zwischen 50.000 und 100.000 Feiernde kommen von der Fanmeile und aus
dem Rest der Stadt in City-West
- fast sofort nach Schlusspfiff bildet sich ein Autokorso bis ~ 45 Min nach
Spielende
- nach ~ 1h ist der Auto-Verkehr vorbei (wegen zu viel Autos und wegen
Fußgänger)
- zwischen Olivaer- und Wittenbergplatz gehört die Fahrbahn den
Fußgängern
- gegen 02:00 zeitweise Korso weiter westlich mit 300 Fahrzeugen
- friedliche Feiern teilweise bis in die Morgenstunden
08.07.
und
Rogge/
Wulff,
S.17
VII
Fortsetzung: Berliner WM-Verlauf aus Polizei-Sicht
Tag Einsatzstärke Vorfälle Ereignisse Quelle
09.07. Endspiel
in Berlin
~ 6.000 - friedlich und störungsfrei - Mittag: Nationalmannschaft auf der Fanmeile
- umfassende Sperrungen im Nahbereich der Fanmeile
Tiergartenstraße
Ebertstraße
Ein- und Ausfahrt Tiergartentunnel Kemperplatz
für bis zu 4 Stunden
am Abend
- feiern mehrere 1.000 (Rogge/ Wulff, S.17: 16.000) Anhänger des neuen
Weltmeisters auf dem Breitscheidplatz
- Autokorso mit mindestens 100 Fahrzeuge
- kurz nach Mitternacht festgefahren in ca. 15.000 Fußgänger
- daher Sperrung unausweichlich zwischen Olivaer und Wittenbergplatz
außerdem Sperrung nötig wegen feiernden Fans:
- Unter den Linden
- Luisenstraße
- Alt-Moabit
- Friedrich List Ufer
10.07.
Quelle: Eigene Darstellung/ Polizei-Pressemeldungen und Rogge/ Wulff 2007
IIX
Abb.75: Übersicht der Änderungen im U-Bahn Fahrplan zur WM
IX
X
Tab.30: Veränderungen der Geltungszeiten der Bussonderfahrstreifen zur WM 2006
Streckenabschnitt gewöhnliche
Geltungszeit
Mo – Fr
Geltungszeit
während der
WM
Bemerkungen
1 Spandauer Damm Wirtschaftsspur
(Kirschenallee bis Soorstraße, bzw.
Fürstenbrunner Weg)
06:00 – 09:00
14:00 – 18:00
bzw. 09:00 – 18:00
06:00 – 09:00
14:00 – 24:00
2 Spandauer Damm (Klausener Platz bis
S-Bhf. Westend, Richtung Spandau)
09:00 – 18:00 09:00 – 21:00
3 Otto-Suhr-Allee (Wintersteinstraße bis
Lohmeyerstraße)
09:00 – 18:00 09:00 – 21:00
4 Hardenbergstraße (Kantstraße bis
Hardenbergplatz)
tgl. 07:00 – 22:00 07:00 – 24:00 Busschleuse
anpassen
5 Hardenbergstraße (Hardenbergplatz bis
Ernst-Reuter-Platz)
07:00 – 19:00 07:00 – 24:00
6 Joachimstaler Straße (Lietzenburger Straße
bis Augsburger Straße)
14:00 – 18:00 09:00 – 24:00
7 Joachimstaler Straße (Kurfürstendamm bis
Hardenbergstraße)
06:00 – 20:30
Sa 09:00 – 16:30
06:00 – 24:00
8 Kaiser-Friedrich Straße (Schustherusstraße
bis Otto-Suhr-Allee)
14:00 – 19:00 09:00 – 24:00
9 Lewishamstraße (Mommsenstraße bis
Stuttgarter Platz, Richtung Kantstraße)
14:00 – 19:00 09:00 – 24:00
10 Kurfürstendamm (Rathenauplatz bis
Henriettenplatz)
06:00 – 19:00 unbefristet
11 Neue Kantstraße (Messedamm bis
Dernburgerstraße)
07:00 – 19:00 07:00 – 24:00
12 Tegeler Weg (Osnabrücker Straße, bzw.
Tauroggener Straße bis Olbersstraße, bzw.
Mörschbrücke bei Ende der Bauarbeiten)
06:00 – 18:00 06:00 – 24:00
13 Budapester Straße (Kurfürstenstraße/
Nürnberger Straße bis Kantstraße
tgl. 07:00 bis 22:00 06:00 – 24:00
14 Am Juliusturm (Einfahrt BMW bis Breite
Straße)
Z 283
15:00 – 18:00
Begründung BVG
erforderlich
15 Potsdamer Straße (Kurfürstenstraße bis
Ebertstraße)
07:00 – 09:00
14:00 – 18:00
07:00 – 18:00
06:00 – 24:00
16 Potsdamer Straße (Grunewaldstraße/
Langenscheidstraße bis Kurfürstenstraße)
07:00 – 18:00
07:00 – 22:00
06:00 – 24:00
17 Klingelhöfer Straße (Tiergartenstraße/
Stülerstraße bis Corneliusstraße)
06:00 – 19:00
06:00 – 20:00
06:00 – 24:00
18 Lützowplatz (Lützowufer bis
Wichmannstraße)
06:00 – 19:00 06:00 – 24:00
19 An der Urania (Kleiststraße bis
Kurfürstenstraße)
06:00 – 09:00
14:00 – 19:00
06:00 – 24:00
20 Martin-Luther-Straße (Lietzenburger Straße
bis Badensche Straße)
07:00 – 09:00
14:00 – 18:00
07:00 – 24:00
21 Karl-Liebknecht-Straße (baustellenbedingt
ab ca. Dircksenstraße bis Liebknechtbrücke)
07:00 – 19:00 Klärung
Fertigstellung
Baumaßnahme
22 Leipziger Straße (Seydelstraße bis
Charlottenstraße)
tgl. 07:00 – 19:00 07:00 – 24:00
23 Gertraudenstraße/ Mühlendamm
(Spandauer Straße bis Seydelstraße)
07:00 – 14:00
07:00 – 19:00
07:00 – 24:00
24 Schöneberger Ufer (Kluckstraße bis
Potsdamer Straße)
07:00 – 24:00
Quelle: Eigene Darstellung/ VLB-Übersicht
XI
4 Thematischer Kontext
Tab.31: Abriss der Entstehungsgeschichte des Public-Viewing
Veranstaltung/
Ort
Public-Viewing Angebote
WM 2002
Japan/ Südkorea
vor Ort:
- kurzfristig und punktuell initiierte Maßnahmen
- riesige Menschenmengen auf öffentlichen Plätzen
in Deutschland:
- die wichtigsten Spiele an verschiedenen zentralen Plätzen
- Hunderttausende schauen zu
Herbst 2002 Public-Viewing erstmals Thema in der Arbeitsgruppe WM 2006 der Sportministerkonferenz
November 2002 Arbeitsgemeinschaft der Ausrichterstädte zur gemeinsamen Interessensvertretung gegenüber
dem OK und der FIFA
Herbst 2003 Die Städte verständigen sich auf weitere Prüfung der Idee von mehrwöchigen Übertragungen.
Die FIFA und der DFB sind zwar grundsätzlich dafür, halten sich aber, auch wegen unklarer
Erfolgsaussichten, zunächst zurück.
Daraufhin wendet sich die AG WM 2006 mit der Idee des Public-Viewing an die von Infront
beim Wettbewerb um die Sportrechte ausgestochene Sportagentur „Sportfive“. Erste konkrete
Planungsgespräche zwischen Sportfive, dem Sprecher der Städte Jürgen Kießling (Berlin) und
dem Sprecher der Sportministerkonferenz, Hans-Jürgen Schulke. Außerdem erste Treffen mit
der ARD.
November 2003 Weiterentwicklung des Konzepts und Einrichtung einer AG speziell für das Public-Viewing
unter Beteiligung des Städtetags. Die Sportminister formulieren den Beschluss, Public-
Viewing bei der anstehenden WM zu etablieren und fordern, die Fernsehrechte
entsprechend frei zu geben
Frühling 2004 Die FIFA äußert massive Bedenken gegen Sportfive wegen der Konkurrenz zu Infront. Bald
darauf bekundet die FIFA erstmals Interesse daran selbst ein Public-Viewing durchzuführen,
inklusive eigenem Management und Abstimmung mit den Städten.
EM 2004
Portugal
vor Ort:
- erstmals von Hauptsponsoren organisierte „Fanparks“ an den Spielorten + Public-Viewing
- eingeschränkter Zugang und kostenpflichtig
- unterschiedliche Resonanz; nur der Fanpark in Lissabon besteht bis zum Ende der EM
in Deutschland:
- nur an einzelnen Tagen und an einzelnen Standorten
(schlechtes Wetter und schlechtes Abschneiden der deutschen Mannschaft)
Juni 2004 Bei der EM in Portugal kommt es in Deutschland nicht zuletzt wegen schlechtem Wetter und
schlechtem Abschneiden der Nationalmannschaft nur zu vereinzelten Angeboten.
August 2004 In Hamburg wird die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele auf einer Großbildwand gezeigt
Juli 2004 Konstituierende Sitzung der offiziellen AG „Public-Viewing“ von Städten und FIFA. Die
FIFA stellt die Ausrüstung mit technischer Grundausstattung durch die Sponsoren in Aussicht
und lehnt des Weiteren grundsätzlich eine Zusammenarbeit mit Sportfive ab.
Herbst 2004 Abschluss der Fernsehrechte-Verträge noch ohne Regelungen zum Public-Viewing. FIFA und
OK lehnen die Einbeziehung weiterer Städte in das Konzept des Fan Fests ab.
Dezember 2004 F. Beckenbauer und G. Netzer geben die kostenfreien Übertragungsrechte für alle Spiele auf
den Veranstaltungen des Fan Fests bekannt. Die Bundesregierung begrüßt diese Entscheidung,
lehnt aber weiterhin eine Unterstützung der Veranstaltungen ab.
Jahresbeginn
2005
(Öffentliche) Diskussion über die Modalitäten der Public-Viewing Veranstaltungen mit Kritik
an der restriktiven Vermarktungspolitik der FIFA. Am Ende erklärt sich Infront zur
Weitergaben der Public-Viewing Rechte zu moderaten Lizenzgebühren bereit. Allerdings
unter Beibehaltung der Vermarktungsregularien der FIFA. Als Sponsoren dürfen nur die
anerkannten offiziellen Partner und „nationalen Förderer“ auftreten, was eine Refinanzierung
der Gebühren stark erschwert.
Sommer 2005 4 FIFA Sponsoren erklären sich zur Beteiligung an den Public-Viewing Veranstaltungen
bereit: die Ausrichterstädte erhalten „Videowall“, Bühne und Technik kostenfrei.
September 2005 Die Polizei formuliert zentrale Anforderungen an Public-Viewing Veranstaltungen.
XII
Fortsetzung: Abriss der Entstehungsgeschichte des Public-Viewing
Veranstaltung/
Ort
Public-Viewing Angebote
Ende 2005 Unterzeichnung der Verträge zum Fan Fest zwischen der FIFA und den Ausrichterstädten:
- Festlegung der Standorte
- örtlich spezifische Ausgestaltung
- Größe der Videowände
- Sicherheitsvorkehrungen
- Vermarktungsrechte
Frühling 2006 Endgültige Formulierung der Sicherheitsauflagen mit erheblichen Zusatzkosten für die Städte.
Die Städte machen das Fan Fest zunehmend zum Schwerpunkt ihrer WM-Präsentation.
09. Juni 2006 Beim Eröffnungsspiel beginnt sich, mit Ausnahmen, der Erfolg des Konzepts abzuzeichnen
November 2006 Im FIFA Bericht Fan Fest betont der Generalsekretär Linsi, das Fan Fest sei von künftigen
Weltmeisterschaften nicht mehr weg zu denken.
Dezember 2006 Mit der Ernennung des Wortes „Fanmeile“ wird zum ersten Mal seit 15 Jahren ein positiv
besetzter Begriff zum Wort des Jahres.
Quelle: Eigene Darstellung/ Schulke 2007, S.46ff
Aktuelle Publikationen der Reihe Arbeitshefte des ISR
Das vollständige Programm fi nden sie unter www.isr.tu-berlin.de
Arbeitshefte des Instituts für Stadt und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
74
Mathias Güthling
Innerstädtische Brachfl ächen
Untersuchungen zur Umgestaltung von innerstädtischen Bahnfl ächen
am Beispiel des Reichsbahnausbesserungswerkes Potsdam
Nr. 74
Mathias Güthling
Innerstädtische Brachfl ächen
Untersuchungen zur Umgestaltung von innerstädtischen Bahnfl ächen am Beispiel des
Reichsbahnausbesserungswerkes Potsdam
Obwohl fl ächenhafte Bahnliegenschaften weit verbreitet als Potenziale der Stadtentwicklung gelten, haben
zahlreiche Kommunen Schwierigkeiten bei der Umstrukturierung ehemaliger Ausbesserungswerke. Diese sind
aufgrund ihrer früheren Nutzung und der zugehörigen Bebauungsstruktur gegenüber anderen entbehrlichen
Bahnfl ächen von besonderer Charakteristik. Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die brach gefallenen Flächen
der Ausbesserungswerke für die betroffenen Städte doch eher Risiken und Belastungen als Chancen und
Potenziale darstellen. Sind sie lediglich eine von vielen Flächenreserven oder kann dieser Typus von Bahnbrache
einschließlich der prägenden Bebauung als wichtiger Baustein für die Stadtentwicklung fungieren?
2009. 221 S., zahlreiche farbige Abb. und Tabellen, ISBN 978-3-7983-2107-6 19,90 €
Arbeitshefte des Instituts für Stadt und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
72
Ariane Sept
Urbanistica in Movimento
Die italienische Stadtplanung und das europäische Programm Urban
08-04-21_Umschlag AH 72.indd 1 10.02.2009 16:49:30
Nr. 72
Ariane Sept
Urbanistica in Movimento
Die italientische Stadtplanung und das europäische Programm Urban
Anhand der europäischen Gemeinschaftsinitiative Urban untersucht die vorliegende Arbeit einerseits die zu-
nehmende Bedeutung europäischer Integration für die Stadtplanung und andererseits den Wandel italienischer
Stadtplanung seit Beginn der 1990er Jahre. Dabei geht es weniger darum, Problemlagen in italienischen Städten
auszumachen und entsprechende Handlungsansätze vorzuschlagen, als vielmehr Prozesse der Stadtpolitik,
Stadtplanung und Stadtentwicklung aus dem Blickwinkel einer externen Beobachterin abzubilden.
2008. 153 S., zahlreiche Abb., ISBN 978-3-7983-2087-1 15,90 €
Nr. 75
Michael König
Regionalstadt Frankfurt
Ein Konzept nach 100 Jahren Stadt-Umland-Diskurs in Berlin, Hannover und Frankfurt am Main
Die Suburbanisierung führt in Großstadtregionen zu erheblichen Stadt-Umland-Problemen, die erforderliche re-
gionale Koordination scheitert aber meist an politischen Widerständen. Diese Arbeit untersucht die Probleme,
Konfl ikte und Lösungen, mit dem Ergebnis, dass Großstadtregionen in einer Gebietskörperschaft existent wer-
den müssen. Drei solcher Vereinigungsprojekte (Berlin 1920, Frankfurt 1971, Hannover 2001) werden vorgestellt
und der politische Wille der Landesregierung als entscheidender Faktor identifi ziert. Aus den Fallbeispielen wird
ein Entwurf für eine vereinte Stadtregion Frankfurt abgeleitet. Denn nur durch innere Befriedung und staatliche
Unterstützung kann die Region ihre Energien auf den internationalen Metropolenwettbewerb konzentrieren.
2009. 224 S., zahlreiche Abb., ISBN 978-3-7983-2114-4 12,90 €
Nr. 73
Sarah Stark
Steuerung durch Regionalpläne
Anspruch und Wirklichkeit der Steuerungswirkung des Regionalplans am Beispiel der
Wohnbaufl ächen in der Region Stuttgart
Das Ziel der Bundesregierung bis 2020 täglich nicht mehr als 30 Hektar Freifl äche für Wohn- und Verkehrszwecke
in Anspruch zu nehmen, soll durch die Landes- und Regionalplanung umgesetzt werden. Diese Arbeit geht der
Frage nach, ob die Regionalplanung mit ihren Instrumenten dies leisten kann. Konkret werden die Instrumente
zur Wohnfl ächensteuerung des Regionalplans 1998 der Region Stuttgart analysiert. Statistische Daten zur
Wohnbaufl ächen- und Bevölkerungsentwicklung werden ausgewertet und durch ergänzende qualitative
Interviews mit regionalen Experten interpretiert und bewertet. Im Ergebnis empfi ehlt sich die Entwicklung fl ä-
chensteuernder Instrumenten mit absoluten Grenzwerten, soll das Ziel der Bundesregierung erreichen werden.
2009. 190 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 978-3-7983-2106-9 12,90 €
Arbeitshefte des Instituts für Stadt und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
7373
Sarah Stark
Steuerung durch Regionalpläne
Anspruch und Wirklichkeit der Steuerungswirkung des Regionalplans
am Beispiel der Wohnbaufl ächen in der Region Stuttgart
Arbeitshefte des Instituts für Stadt und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
7575
Michael König
Regionalstadt Frankfurt
Ein Konzept nach 100 Jahren Stadt-Umland-Diskurs
in Berlin, Hannover und Frankfurt am Main
08-12-08_Umschlag AH 75.indd 1 10.02.2009 16:34:16
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Aktuelle Diskussionsbeiträge
Nr. 58
Guido Spars (Hrsg.)
Wohnungsmarktentwicklung Deutschland
Trends, Segmente, Instrumente
Die Wohnungsmarktentwicklung in Deutschland ist zunehmend von Ausdifferenzierungsprozessen auf der
Nachfrage- und der Angebotsseite geprägt. Die Teilmärkte entwickeln sich höchst unterschiedlich. Die Parallelität
von Schrumpfung und Wachstum einzelner Segmente z.B. aufgrund Z regionaler Bevölkerungsgewinne und
-verluste, Z der Überalterung der Gesellschaft, Z der Vereinzelung und Heterogenisierung von Nachfragern,
Z des wachsenden Interesses internationaler Kapitalanleger stellen neue Anforderungen an die Stadt- und
Wohnungspolitik, an die Wohnungsunternehmen und Investoren und ebenso an die wissenschaftliche Begleitung
dieser Prozesse.
Mit Beiträgen von Thomas Hafner, Nancy Häusel, Tobias Just, Frank Jost, Anke Bergner, Christian
Strauß, u.a.
2006. 313 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 3 7983 2016 0 13,90 €
Institut für Stadt- und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
ISR
Diskussionsbeiträge Heft 57
Ulrike Lange/Florian Hutterer
Hafen und Stadt im Austausch
Ein strategisches Entwicklungskonzept für
einen Hafenbereich in Hamburg
isrisr
Nr. 57
Ulrike Lange/Florian Hutterer
Hafen und Stadt im Austausch
Ein strategisches Entwicklungskonzept für eine Hafenbereich in Hamburg
In den zentral gelegenen Hafenbereichen von Hamburg hat in den letzten Jahren ein Umwandlungsprozess
eingesetzt, der noch immer andauert. Allgemein zurückgehende Investitionstätigkeit und die unsichere wirt-
schaftliche Entwicklung, sowie räumliche Besonderheiten des Ortes lassen Zweifel aufkommen, ob die viel
praktizierte Masterplanung für eine Entwicklung der Hafenbereiche am südlichen Elbufer geeignet ist. Die vorlie-
gende Arbeit schlägt daher eine Strategie der Nadelstiche vor. Für die Umstrukturierung dieses Hafenbereichs
soll eine Herangehensweise angewendet werden, die sich die sukzessiven Wachstumsprozesse einer Stadt zu
eigen macht. Durch Projekte als Initialzündungen und ausgewählte räumliche Vorgaben soll unter Einbeziehung
wichtiger Akteure ein Prozess in Gang gebracht und geleitet werden, der fl exibel auf wirtschaftliche, soziale und
räumlich-strukturelle Veränderungen reagieren kann.
2006. 129 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 978-3-7983-2016-1 15,90 €
Nr. 56
Anja Besecke, Robert Hänsch, Michael Pinetzki (Hrsg.)
Das Flächensparbuch
Diskussion zu Flächenverbrauch und lokalem Bodenbewusstsein
Brauchen wir ein „Flächensparbuch“, wenn in Deutschland die Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung
stagniert oder sogar rückläufi g ist? Ja, denn trotz Stagnation der Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung
wächst die Inanspruchnahme von Flächen für Siedlungs- und Verkehrszwecke. Dies läuft dem Ziel zu einem
schonenden und sparsamen Umgang mit der Ressource Boden und damit dem Leitbild einer nachhaltigen
Siedlungsentwicklung entgegen. Das Gut „Fläche“ ist vielseitigen Nutzungsansprüchen ausgesetzt und dessen
Inanspruchnahme ist aufgrund divergierender Interessen häufi g ein Streitthema. Dieser Sammelband soll die
aktuelle Diskussion aufzeigen, die auf dem Weg zu einer Reduktion der Flächenneu inanspruchnahme von den
verschiedenen Akteuren geprägt wird. Dabei reicht der Blick von der Bundespolitik bis zur kommunalen Ebene
und von der wissenschaftlichen Theorie bis zur planerischen Praxis.
2005. 207 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 3 7983 1994 4 15,90 €
Nr. 59
Isabella Haidle, Christoph Arndt
Urbane Gärten in Buenos Aires
Im Zuge der Modernisierung und Industrialisierung im letzten Jahrhundert geriet die Praxis des inner-
städtischen Gemüseanbaus jedoch weitgehend aus dem Blickfeld der Stadtplanung. In der Realität
verschwand sie niemals ganz, sondern bestand informell weiter. Erst die Krisen der Moderne bzw.
das Ende des fordistischen Entwicklungsmodells haben weltweit zu einer intensiveren theoretischen
Beschäftigung mit kleinteiligen, vor Ort organisierten, informellen Praxen geführt. Die Interaktion
der GärtnerInnen mit der Stadtentwicklung und Stadtplanung rückt seit einigen Jahren ins Zentrum
des Interesses. Die AutorInnen versuchen zwischen der Planung und den Ideen der GärtnerInnen
zu vermitteln, indem sie mögliche Potenziale und Defi zite der einzelnen Projekte aufzeigen und
Unterstützungsmöglichkeiten formulieren.
2007. 204 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 978-3-7983-2053-6 15,90 €
Sonderpublikationen
isr
Institut für Stadt- und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
ISR
Sonderpublikation
Techniques and Technologies
for Sustainability
Proceedings: International Conference
and Summer School 2007
Atkinson, Graetz, Karsch (Eds.)
Adrian Atkinson/Manuela Graetz/Daniel Karsch (Eds.)
Techniques and Technologies for Sustainability
Proceedings: International Conference and Summer School 2007
This year’s URDN Summer School, the fi fth in the series, focused on techniques and technologies for sustainable
urban development. The Summer School was introduced with presentations by the Deutsche Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit (GTZ) and some 30 papers were then submitted and discussed by participants
from 15 countries.
Current dynamics of urban development in the South suffer from problems of unsustainable supply of resources
and removal of wastes. The papers thus focused on innovative approaches to improving on the management of
urban resources and the infrastructure necessary to deliver these. These proceedings include all the papers and
presentations where these were not accompanied by a paper, together with summaries of workshop discussions
and introductions to the document as a whole and to the three major topic sections.
200. 388 S., zahlreiche farbige Abb. und Tab., ISBN 978-3-7983-2085-7 13,90 €
Arbeitshefte des Instituts für Stadt und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
Adrian Atkinson, Meriem Chabou, Daniel Karsch (Eds.)
Stratégies pour un Développement
Durable Local
Renouvellement Urbain et Processus de Transformations Informelles
Adrian Atkinson, Meriem Chabou, Daniel Karsch (Eds.)
Stratégies pour un Développement Durable Local
Renouvellement Urbain et Processus de Transformations Informelles
This document contains the output of a conference and action planning workshop that took place in Algiers over
five days in early May 2007. The theme of the event was urban renewal with a focus on sustainable development.
62 participants attended the event from 13 countries in the framework of the URDN, sponsored and sup-ported
by the École Polytechnique d’Architecture et d’Urbanisme of Algiers. Academics, professionals and government
officials from architecture, planning and including the private development sector presented papers and dis-
cussed both the technical and institutional is-sues as to how planning systems and the redevelopment process
can be more effective in addressing sustainability issues ranging from the supply of resources, through urban
design to concern with appropriate responses to climatic and geographical considerations.
2008. 223 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 978-3-7983-2086-4 13,90 €
isr
Institut für Stadt- und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
ISR
Sonderpublikation
Renewed Efforts to Plan for
Sustainable Development
Proceedings: International Conference
and Summer School 2006
Adrian Atkinson/Manuela Graetz (Eds.)
Adrian Atkinson/Manuela Graetz (Eds.)
Renewed Efforts to Plan for Sustainable Development
Proceedings: International Conference and Summer School 2006
Cities are ‚sprawling’ into the surrounding countryside everywhere in the world. There is real concern that this
pattern of development is not sustainable and that it is urgently necessary to fi nd and then implement urbanisa-
tion patterns that will be sustainable for future generations.
This year’s Summer School took as its topics: the analysis of exactly what is wrong with current planning
systems that they are failing to address the problem of sprawl; what are available techniques to analyse and
determine whether particular forms of urbanisation are sustainable or not; and how might we reformulate and
implement planning systems that will effectively deal with the problems.
The last topic was seen as the most important aspect with the need for planning controls and participatory plan-
ning methods as needing urgently to be developed and instituted. In this way, ‘good planning’ can be interpreted
as an essential component of ‘good governance’.
2007. 361 S., zahlreiche Abb., ink. CD, ISBN 978 3 7983 2051 2 13,90 €
Deike Peters
Planning for a Sustainable Europe?
EU Transport Infrastructure Investment Policy in the Context of Eastern Enlargement
The upgrading, expansion and optimization of transport infrastructures is one of the key challenges for creating
an ever-expanding „sustainable“ Europe. Offi cially, the European Union is committed to a shift from road trans-
port to more environmentally sustainable modes, and to decoupling transport from GDP growth. This book con-
trasts these offi cial policy goals with the reality of EU transport infrastructure policies and programs immediately
prior to Eastern enlargement. The presented case studies show that EU transport sector decision-making is in
fact dominated by a discourse of “ecological modernization” which continues to privilege competitiveness and
economic growth over alternative development goals.
This study won the 2005 Friedrich List Dissertation Award of the European Platform of Transport Sciences.
2006. 298 S., zahlreiche Abb. und Tab., ISBN 3-7983-2001-2 13,90 €
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Aktuelle Online-Veröffentlichungen
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Nr. 19
Stefan Höffken
Google Earth in der Stadtplanung
Die Anwendungsmöglichkeiten von Virtual Globes in der Stadtplanung am Beispiel von Google
Earth
Der Bereich der Geoinformationswissenschaften hat in den letzten Jahren einen starken Aufschwung er-
fahren. Eine zukunftsweisende Form der Webmapping-Tools sind Virtual Globes – digitale Abbildungen
der Welt. Auf Grundlage von Luftbildern ermöglichen sie die Visualisierung von raumbezogenen Daten
und 3D-Städten. Sie entwickeln sich zu leistungsstarken WebGIS, die leicht bedienbar und kostengün-
stig sind. Damit werden sie zunehmend für fachliche Anwendungen interessant.
In dieser Arbeit wird anhand des Programms Google Earth aufgezeigt, welche vielfältigen Möglichkeiten
Virtual Globes bereits jetzt für die Disziplin der Stadtplanung bieten. Zudem wird ein Blick in die Zukunft
gewagt und neue kartografi sche Methoden zur Stadtanalyse dargestellt.
2009. 96 S., ISBN 978-3-7983-2116-8 kostenloser download unter www.isr.tu-berlin.de
Nr. 18
Nikolai Roskamm, Sebastian Seelig (Hrsg.)
Ships & Shifts - Rethinking Neukölln Harbour
Das Thema des Städtebaulichen Workshops „Rethinking Neukölln Harbour“ ist Stadtumbau.
Lebensweisen, Arbeitsbiographien und Verwertungslogiken befi nden sich in einem erheblichen Wandel.
Sich mit Stadtumbau zu beschäftigen, bedeutet daher sich mit den Auswirkungen dieses Wandels auf
städtische Strukturen zu befassen. Die Entwicklung Berlins zeigt, dass die postindustrielle Stadt eine
zweigeteilte Stadt ist. Es gibt zentrale Bereiche, die sich rasant entwickeln und mit Leuchtturmprojekten
von fi nanzstarken Geldgebern gefüllt werden; es gibt aber auch große Bereiche an denen städtisches
Wachstum vorbei geht und die längerfristig liegen gelassen werden. So entstehen Räume, die aus
den städtischen Verwertungsprozessen gefallen sind und die nicht einfach per Dekret (oder per Plan)
einer neuen Funktion zugeführt werden können. Stadtumbau bedeutet in der Regel Umgang mit diesen
brachgefallenen und untergenutzten Flächen.
2008. 31 S., ISBN 978-3-7983-2108-3 kostenloser download unter www.isr.tu-berlin.de
Nr. 17
Sylvia Butenschön (Hrsg.)
Gartenhistorisches Forschungskolloquium 2008
Das Gartenhistorische Forschungskolloquium ist ein Forum für NachwuchswissenschaftlerInnen, die
an Dissertationen über gartenhistorische Themen arbeiten oder unlängst auf diesem Gebiet promoviert
haben. Das Themenfeld ist die Gartengeschichte im weitesten Sinne, es umfasst also auch Arbeiten aus
dem Gebiet der Geschichte des Stadtgrüns, gestalteter Landschaften und der Gartendenkmalpfl ege.
Entsprechend breit gefächert ist auch die Zusammenstellung der Tagungsbeiträge. Sie reicht von ko-
reanischen Gärten über spezielle Aspekte landschaftlicher Gartenkunst des 18. Jh. und städtischer
Grünelemente aus der Zeit um 1900 bis zur Professionsgeschichte der Landschaftsarchitektur in der
zweiten Hälfte des 20. Jh. Die Veranstaltung bot eine willkommene Gelegenheit, die Forschungsvorhaben
und -ergebnisse über die eigenen Fachgrenzen hinaus zur Diskussion zu stellen und mit anderen
Erfahrungen auszutauschen.
2008. 120 S., ISBN 978-3-7983-2100-7 kostenloser download unter www.isr.tu-berlin.de
Graue Reihe des Instituts für Stadt und Regionalplanung
Technische Universität Berlin
Lukas Foljanty, Oliver Hoffmann, Marie-Luise Hornbogen, Jakob Köhler, Dominik Stanonik
Machbarkeitsstudie
Straßenbahnverbindung zwischen Alexanderplatz und Rathaus Steglitz
20
Nr. 20
Lukas Foljanty, Oliver Hoffmann, Marie-Luise Hornbogen, Jakob Köhler, Dominik Stanonik
Machbarkeitsstudie
Straßenbahnverbindung zwischen Alexanderplatz und Rathaus Steglitz
Die vorliegende Machbarkeitsstudie überprüft den Korridor zwischen Alexanderplatz und Rathaus Steglitz
in Berlin auf seine Tauglichkeit für eine Straßenbahnverbindung. Dazu wurden neben der Reorganisation
des Straßenraums in einem städtebaulichen Entwurf ein Straßenbahnbetriebsprogramm erstellt, zu
dem eine Verkehrsprognose angefertigt wurde, eine Kostenschätzung der Infrastrukturmaßnahmen vor-
genommen, Aussagen über die volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Bewertung getroffen
und Fragen zu sozio-ökonomischen Auswirkungen von Verkehrsprojekten aufgeworfen.
2009. 280 S., ISBN 978-3-7983-2117-5 kostenloser download unter www.isr.tu-berlin.de
Menschen beanspruchen in sehr unterschiedlicher Art und Weise ihren Lebensraum. Die damit
verbundenen Auseinandersetzungen um verschiedene Nutzungsansprüche an den Boden, die Natur,
Gebäude, Anlagen oder Finanzmittel schaffen Anlass und Arbeitsfelder für die Stadt- und Regionalplanung.
Das Institut für Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Berlin ist mit Forschung und
Lehre in diesem Spannungsfeld tätig.
Institut
Das 1974 gegründete Institut setzt sich heute aus sieben Fachgebieten zusammen: Bestandsentwicklung
und Erneuerung von Siedlungseinheiten, Bau- und Planungsrecht, Örtliche und Regionale Gesamtplanung,
Planungstheorie, Städtebau- und Siedlungswesen, Stadt- und Regionalökonomie und Denkmalpfl ege
gehören zu den Stützen des Studiums. Die zunehmende Auseinandersetzung mit ökologischen Belangen
und Belangen des Geschlechterverhältnisses in der Planung führten zu einer Erweiterung der Ausbildung
um Gender-Planning, Ökologie und Landschaftsplanung.
Studium
Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität Berlin ist ein interdisziplinärer Bachelor-/
Masterstudiengang. Die Studierenden lernen, bezogen auf Planungsräume unterschiedlicher Größe
(vom Einzelgrundstück bis zu länderübergreifenden Geltungsbereichen) planerische, städtebauliche,
gestalterische, (kultur-)historische, soziale, wirtschaftliche, ökologische Zusammenhänge zu erfassen, in
einem Abwägungsprozess zu bewerten und vor dem Hintergrund neuer Anforderungen Nutzungs- und
Gestaltungskonzepte zu entwickeln.
Forschung
Die Forschungsaktivitäten der Fachgebiete des ISR sind eingebettet in die fünf fakultätsweiten
Forschungsschwerpunkte. In diesen Schwerpunkten wurden und werden zahlreiche Forschungsprojekte
im In- und Ausland durchgeführt.
Gestaltung neuer städtischer Lebenswelten (beispielhaft für das ISR: das Forschungsprojekt „Flä- »
chennutzungsplanung Rehlingen-Siersburg – Entwicklung im ländlichen Raum unter Schrumpfungs-
bedingungen“)
Revitalisierung städtischer Quartiere sowie Suburbanisierung (beispielhaft für das ISR: Vier Projekte »
zum weiteren Umgang und der Weiterentwicklung von Strategien und Optionen für die fünf Berliner
Entwicklungsmaßnahmen für den Berliner Senat)
Entscheidungs-, Prozess- und Wissensmanagement (beispielhaft für das ISR die Forschungsprojek- »
te: „Creative Class in Berlin“ und „Kulturwirtschaft – die räumliche Dimension und stadtentwicklungs-
planerische Handlungsmöglichkeiten in Berlin“
Globalisierung, internationale Kooperation und Raumentwicklung (beispielhaft für das ISR: „Young »
Cities – New Towns in Iran“)
Das Institut für Stadt- und Regionalplanung ist sowohl über Forschungs- und Studienprojekte als auch
über Promotionen, Diplomarbeiten sowie über Kontakte des wissenschaftlichen Personals einschließlich
der Lehrbeauftragten mit Akteuren der stadtplanerischen Praxis verbunden.
Weitere Informationen über das ISR fi nden Sie auf der Homepage des Instituts unter:
http://www.isr.tu-berlin.de/ und über das vierteljährlich erscheinende Faltblatt „ereignIS.Reich“, das
Sie regelmäßig und kostenlos per Mail oder Post beziehen können.
Portrait des Instituts für Stadt- und Regionalplanung