Simon Egbert
Die Multimodalität von Diskursen und die
Rekonstruktion dispositiver Konstruktionen von
Wirklichkeit – ein programmatischer Vorschlag
aus techniksoziologischer Perspektive
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Egbert, S. (2019). Die Multimodalität von Diskursen und die Rekonstruktion dispositiver Konstruktionen von
Wirklichkeit – ein programmatischer Vorschlag aus techniksoziologischer Perspektive. In Theorie und Praxis
der Diskursforschung (pp. 75–91). Springer Fachmedien Wiesbaden.
https://doi.org/10.1007/978-3-658-25799-6_5.
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Die Multimodalität von Diskursen und die Rekonstruktion dispositiver
Konstruktionen von Wirklichkeit –ein programmatischer Vorschlag
aus techniksoziologischer Perspektive
Simon Egbert
„The things we call ‚technologies’ are
ways of building order in our world.“
(Winner 1986: 28)
Das Verhältnis von Diskursen zur materiellen Welt ist eines der aktuellsten Themen in der Dis-
kurstheorie und -analyse (vgl. z.B. van Dyk et al. 2014). Noch ist nicht ausdiskutiert, wie Dis-
kurse zur materiellen Welt stehen und auf Basis welcher theoretischen wie methodischen Re-
ferenzen eine entsprechende Analyse vonstattengehen könnte. Im vorliegenden Aufsatz wird
deshalb ein Vorschlag unterbreitet,der im Anschluss an den Diskursbegriff der Wissenssozio-
logischen Diskursanalyse (WDA) (Keller 2011a) und an die materialitätstheoretischen bzw.
techniksoziologischen Arbeiten Latours (1996, 2002) Diskurse als multimodale Einheiten be-
greift, die neben sprachlichen Äußerungen auch materiale Artefakte – und zwar als potenziell
eigenlogische Wissensgeneratoren – einschließen. Letzteren wird dabei aber kein per se passi-
ver Status zugesprochen, wie sonst stets mit alleinigem Blick auf die diskursiven Effekte von
Artefakten der Fall ist, vielmehr werden sie als potenziell vollwertige Partizipanten diskursiver
Wirklichkeitskonstruktion begriffen. Die im Anschluss daran explizierte These ist, dass die
konstatierte Multimodalität von Diskursen mit dem Konzept des Dispositivs adäquat diskurs-
analytisch einbezogen und mit einschlägigen Methoden der qualitativen Sozialforschung ange-
messen empirisch untersucht werden kann.
Die folgende Argumentation ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird präsentiert, was es
bedeutet, Diskurse als multimodale analytische Entitäten zu verstehen. In einem zweiten Schritt
wird ein techniksoziologisch gewendeter Dispositivbegriff veranschaulicht, der die Multimo-
dalität von Diskursen methodologisch einzufangen vermag. Welche methodischen Umset-
zungsmöglichkeit dafür geeignet erscheinen, ist wiederum Gegenstand von Kapitel drei. Ge-
schlossen wird mit einem zusammenfassenden Fazit, welches besonderes Augenmerk auf den
Mehrwert einer techniksoziologisch perspektivierten Dispositivanalyse wirft.
2
1 Die Multimodalität von Diskursen
Diskurse werden zunächst in Anlehnung an die WDA als „institutionell-organisatorisch regu-
lierte Praktiken des Zeichengebrauchs“ verstanden, in deren Rahmen „von gesellschaftlichen
Akteuren im Sprach- bzw. Symbolgebrauch die soziokulturelle Bedeutung und Faktizität phy-
sikalischer und sozialer Realitäten konstituiert (wird).“ (Keller 2011: 12) Damit wird soziale
Wirklichkeit folgerichtig als ebenso strukturiertes wie strukturierendes Produkt von individu-
ellen wie kollektiven Sinngebungsprozessen verstanden. Dies impliziert die Konstruktion und
Stabilisierung von Wissensbeständen ebenso wie Institutionen, die die stets veränderbare aber
dennoch durable Hintergrundfolie des menschlichen Erlebens – in Form von institutionalisier-
ten Wahrheits- bzw. Geltungsansprüchen – bilden. Auf Basis dieser Grundannahmen werden
Diskurse jedoch in Weiterführung der Keller‘schen Gedanken als grundsätzlich multimodal1in
dem Sinne verstanden, als sie bezüglich ihrer Konstitutionsmechanismen nicht nur Praktiken
des Zeichengebrauchs, sondern gleichfalls praktisches, nicht-sprachliches Tun und materiale
Objekte umfassen (vgl. a. Denninger et al. 2014: 25ff.; Bührmann/Schneider 2016).2Daraus
folgt, dass eben nicht nur sprachliche Handlungen, sondern auch nonverbale, nicht-zeichenhaf-
ten Aktivitäten und die jeweils existierenden Artefakte an diskursiver Wissenserzeugung und
damit der (Re-)Produktion von Diskursen beteiligt sein können und folglich potenziell die Ord-
nungen des Wahren mit konstituieren (vgl. a. Reckwitz 2008: 201ff.; Knoblauch/Tuma 2016:
380).3
Aus der Überlegung, dass sich die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit multimo-
dal vollzieht, folgt nun nicht per se, dass damit ein umfassenderes als in der WDA formuliertes
Diskursverständnis verbunden sein muss, z.B. im Sinne Laclau/Mouffes (2012 [1991]: 141ff.),
wie es van Dyk postuliert (2013: 47) und auch von van Dyk et al. (2014: 347) sowie Wrana und
Langer (2007: Abs. 13) nahegelegt wird.4Multimodale Diskurse können vielmehr in ihrer
1Dieser Terminus, der ursprünglich aus der Kommunikationswissenschaft stammt und etymologisch (aus dem
Lateinischen abgeleitet: multus = viel, modalis = die Art und Weise bezeichnend) in etwa ‚auf vielfältige Art und
Weise‘ bedeutet, eignet sich sehr gut, da es hier gerade um die Betonung der heterogenen Medialität von Dis-
kurs(re)produktion gehen soll, also die Anteilnahme verschiedener Arten von Vermittlungsinstanzen bzw. -medien
in Diskursen. Er wird deshalb alternativen Adjektiven, wie z.B. „multidimensional“ (van Dyk 2013: 47) vorgezo-
gen, obgleich bereits eine anders akzentuierte Alternativverwendung im diskurstheoretischen Feld vorliegt (Meier
2011).
2Diese Annahme konvergiert mit Aussagen von z.B. Waldenfels (1991: 283), Wrana/Langer (2007: Abs. 6) und
Lemke (2014: 255ff.), die ebenfalls hervorheben, dass Diskurse im Sinne Foucaults nicht auf rein sprachliche
Forschungsgegenstände zu reduzieren sind.
3Die Rolle der nicht-zeichenhaften Praktiken wird im Folgenden ausgespart und lediglich auf die diskursproduk-
tive Rolle von Artefakten bzw. technischen Systemen fokussiert.
4Ich gehe hier also auf Distanz zu der kürzlich noch von mir vertretenen, gegenteiligen Ansicht (s. Egbert/Paul
2018: 134). Trotzdem bietet der genannte Aufsatz eine treffende Ergänzung zum vorliegenden Artikel, da in ihm
3
Reichweite durchaus im Sinne Kellers verstanden werden – also als empirisch identifizierbare
Einzeldiskurse, die unterhalb „der Gesamtheit statthabender Kommunikationen [verortet] sind“
(Keller et al. 2015: 305f.) und somit als Ausschnitt der „symbolischen Sinnwelt“ (Keller et al.
2015: 302).
Mit van Dyk (2013: 48) ist in diesem Zusammenhang auf einen möglichen „Kategori-
enfehler“ hinzuweisen: Das Insistieren auf die Multimodalität von Diskursen impliziert nicht
die Ablehnung der klassischen sozialkonstruktivistischen Annahme, dass der Mensch nicht in
der Lage sei, die Welt um ihn herum unmittelbar, d. h. ohne gesellschaftliche Vermittlung,
wahrzunehmen; ob damit nun eine „radikale Diskursimmanenz“ im Sinne von Laclau und
Mouffe (2012 [1991]; vgl. van Dyk 2013: 49) oder, Keller folgend (s.o.), eine weniger univer-
sale Rolle von Diskursen angenommen wird, ist dabei nachrangig. Ein unvermittelter Blick auf
die Welt ist so oder so nicht möglich und trotzdem haben nicht-sprachliche Praxis und Materi-
alität eine beeinflussende Rolle, wie sich dieser Blick konkret konstituiert und in Diskursen
manifestiert. Eine ähnliches theoretisches Missverständnis bzw. eine enggeführte Interpretation
ist mit Blick aufdie wissenssoziologische bzw. diskurstheoretische Rezeption (z.B. Keller/Lau
2008: 325f.)der Artefaktsoziologie von Bruno Latour auszumachen: Indemim Folgenden Teile
seiner materialitätssensiblen Herangehensweise übernommen werden, geht mitnichten zwangs-
läufig eine ontologische Reformulierung zentraler Begriffe der (Wissens-)Soziologie bzw. Dis-
kurstheorie einher. Wenn z.B. die Notwendigkeit einer symmetrischen Analyseperspektive her-
vorgehoben wird, ist damit keineswegs eine ontologische Symmetrie gemeint, sondern eine
methodologische; es wird somit keinesfalls geleugnet, dass zwischen Mensch und Artefakten
substanzielle Unterschiede bestehen und vor allem wird nicht negiert, dass der Mensch i.d.R.
die zentrale schöpferische Kraft, zumal im Rahmen von diskursiven Zusammenhängen, ist, da
eine Verstetigung und Ausbreitung von Wissen ohne menschliches Zutun logischerweise un-
möglich ist. Mit dem Symmetrieprinzip ist folglich keineswegs ein Nullsummenspiel zwischen
Menschlichem und Nicht-Menschlichem anvisiert. Mit dem Beharren auf dem Symmetrieprin-
zip soll allein hervorgehoben werden, dass Materialität die Sinngebungsprozesse der mensch-
lichen AkteurInnen beeinflussen kann und somit auch im Rahmen (wissenssoziologisch-)dis-
kurstheoretischer Vorgehensweisen hinreichend zu berücksichtigen und nicht bereits von vorn-
herein aus dem analytischen Blickfeld zu exkludieren ist (vgl. a. Wieser 2004: 95; Rammert
eine exemplarische Dispositivanalyse–am Beispiel der Entwicklungvon modernen Verfahren der Lügendetektion
im ‚war on terror‘ – dargestellt wird. Ein weiteres Beispiel – Drogentests – findet sich bei Egbert (i.E.).
4
2008: 349f.; Gertenbach 2015: 221; Laux 2017: 184-186). So schreibt bereits Latour (2010:
131; Hervorh. i. O.):
„ANT [Akteur-Netzwerk-Theorie] ist nicht, ich wiederhole: ist nicht, die Behaup-
tung irgendeiner absurden ‚Symmetrie zwischen Menschen und nicht-menschlichen
Wesen‘. Symmetrisch zu sein bedeutet für uns einfach, nicht a priori irgendeine fal-
sche Asymmetrie zwischen menschlichem intentionalem Handeln und einer materi-
ellen Welt kasualer Beziehungen anzunehmen.“
Aus der Multimodalität von Diskursen, die Artefakte und Technologien als potenziell
vollwertige Diskurspartizipanten akzeptiert, folgt, dass die Rolle von Materialität in der Dis-
kursanalyse zukünftig fokussierter beobachtbar und auch deren bedeutungsgenerierende
bzw. -verändernde Mitwirkung in Rechnung stellbar ist. Artefakte sind nicht somit lediglich als
(per se zweitrangige) diskursive Effekte zu verstehen, die aus diskursiver Praxis entstehen, wie
es z.B. bei Keller (2011a: 237) angedeutet wird, sondern können die Rolle als Diskursaktanten
einnehmen (s.u.), indes gleichfalls an situativer Diskurs(re)produktion beteiligt sein und damit
ebenfalls sinnkonstituierende und -stabilisierende Effekte auf Diskurse haben können.
Die methodologische Umsetzung einer solchen theoretischen Fassung kann –wie im
Folgekapitel gezeigt wird – treffend mit Rückgriff auf den von Foucault verwendeten Disposi-
tivbegriff geschehen.
2Die dispositive Konstruktion multimodaler Wirklichkeit
Die oben angemahnte, stärkere ebenso wie konsequentere Berücksichtigung von Artefakten in
diskursiven Zusammenhängen kann – ähnlich wie es auch Keller (2011a: 252, 266; 2017) tut –
mit dem Konzept des Dispositiv gewinnbringend umgesetzt werden. Ich folge dabei der Anre-
gung van Dyks (2013), das folgende Foucault-Zitat zum Dispositiv assoziationstheoretisch zu
lesen (vgl.a. Jäger 2006: 108f.; Bührmann/Schneider 2008: 32f.; 2016: 15ff.):
„Was ich unter diesem Titel [Dispositiv, S.E.] festzumachen versuche ist erstens ein
entschieden heterogenes Ensemble, das Diskurse, Institutionen, architekturale Ein-
richtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen,
wissenschaftliche Aussagen, philosophische, moralische oder philanthropische
Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebensowohl wie Ungesagtes umfaßt. (…) Das Dispositiv
selbst ist das Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann“ (1978:
119f.).
5
Neben dem Netzcharakter ist es die in dem Zitat vollzogene Aufzählung heterogener, multimo-
daler Elemente, die u.a. auch materiale Objekte („architekturale Einrichtungen“) umfasst und
eben nicht nur sprachliche Phänomene einschließt („Gesagtes ebenso wie Ungesagtes“), die
von Bedeutung für das hier vertretende Ziel einer analytischen Integration von Materialität in
die Diskursanalyseist. Eine solche Auslegung wird gestützt5durch den von Foucault an anderer
Stelle genutzten „erweiterten Diskursbegrif(f)“ (Schäfer 2013: 155). In der einschlägigen Stelle
schreibt er:
„Der Diskurs ist ganz genauso in dem, was man nicht sagt, oder was sich in Gesten,
Haltungen, Seinsweisen, Verhaltensschemata und Gestaltungen von Räumen aus-
prägt. Der Diskurs ist die Gesamtheit erzwungener und erzwingender Bedeutungen,
die die gesellschaftlichen Verhältnisse durchziehen.“ (Foucault 2003 [1976]: 164)
Dispositive werden an dieser Stelle folglich verstanden als diskursive Zusammenhänge,
in deren Rahmen technische Artefakte eine vermittelnde Rolle spielen, mithin als Mediatoren
auftreten, indem sie bestimmte Tätigkeiten oder Aussagen ermöglichen, provozieren, unterdrü-
cken oder hemmen etc.Artefakte sind somit potenziell epistemisch produktive Instanzen von
Diskursen, die an Diskursproduktion selbst beteiligt sein können und nicht nur per se nachran-
gige Diskurseffekte sind. So schreibt auch Keller:
„Das Dispositiv ist eine Konstellation von vielfältigen, aufeinandertreffenden, sich
verstärkenden und behindernden Strategien und Taktiken, diskursiven sowie nicht-
diskursiven Praktiken und Materialitäten, die bestimmte Macht- beziehungsweise
Wirklichkeitseffekte hervorbringen“ (2017: 24)
Mit der hier vorgeschlagenen Begriffsverwendung vom Dispositiv kann von vornherein
die genuine Multimodalität der diskursiven Welt analytisch in Rechnung gestellt werden. Dies
zieht gleichfalls ein methodologisches Umdenken in Richtung einer von Latour (1998: 38f.;
2010: 131) inspirierten symmetrischen Analyseperspektive nach sich, die es erlaubt, die diskur-
sive Multimodalität und deren komplexes soziomateriales Wechselspiel gegenstandsadäquat zu
untersuchen. Dinge und Artefakte bzw. technische Systeme werden dabei als (potenzielle) Dis-
kursaktanten verstanden, die ebenso wie menschliche AkteurInnen an diskursiver Wissenspro-
duktion beteiligt sein können. Der Ausdruck Diskursaktant bietet sich hier an, da er eine me-
thodologische Symmetrie von Menschen und Nicht-Menschen – im oben explizierten Sinne –
5Dies gilt ebenso für die geläufige Bedeutung des Begriffs im Französischen, der u.a. auf das Charakteristikum
der Heterogenität abzielt (Keller 2017: 23).
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postuliert, dies aber gerade nicht auf Basis einer Einebnung des soziologischen Kernbegriffs
‚AkteurIn‘ macht, der von seinem wissenssoziologischen Fundament und der damit verbunde-
nen starken Stellung individueller Sinngebungsprozesse keineswegs abgetrennt werden soll.
Mit dem Aktantenbegriff soll lediglich, in Anknüpfung an den erzähltheoretischen Herkunfts-
kontext des Begriffs (Latour 2010: 95, 123; Greimas/Courtés 1982: 5f.), das gesamte Ensemble
der an Diskursen beteiligten Entitäten in das analytischen Blickfeld geraten, ohne Vor-Diffe-
renzierung qua ihrer Fähigkeit zu intentionalem Handeln.
Die auf die Annahmen der Multimodalität von Diskursen beruhende dispositivanalyti-
sche Herangehensweise wird hier als ein möglicher Zugang innerhalb der sozialwissenschaft-
lichen Diskursanalytik verortet, als eine Erweiterung bzw. Zuspitzung entsprechend perspekti-
vierter Verfahren und keinesfalls als Konkurrenz- oder Parallelansatz verstanden. Das wesent-
liche Ziel einer Dispositivanalyse im hier verstandenen Sinne ist die Rekonstruktion ebenjener
heterogenen wie komplexen Verflochtenheit, die aus dem Wechselverhältnis von Materialität
und Diskursivität entsteht. Es ist dann abhängig von Fragestellung undUntersuchungsgegen-
stand, ob es sich um eine Diskurs- oder eine Dispositivanalyse handelt, wobei die Grenzen
freilich fließend und keineswegs kategorial sind.
3 Methodische Umsetzungsoptionen einer empirischen
Dispositivanalyse multimodaler Diskurse
Im Anschluss an dem qualitativ-interpretativen Methodikkontext der WDA (Keller 2011b) eig-
nen sich zahlreiche Erhebungsverfahren für eine materialitätssensible Analyse von Dispositi-
ven. Neben den gängigen nicht-standardisierten Interviewverfahren (Hopf 2000; Kruse 2015),
die die Nutzung von Artefakten über eine fokussierte Befragung zu rekonstruieren im Stande
sind oder auch per Dokumentenanalysen, deren textlichen Gegenstände als „institutionalisierte
Spuren“ (Wolff 2000: 503) und (zumeist) im Sinne natürlicher Daten einen unverstellten Blick
auf die Einbettung von Artefakten in z.B. organisationale Settings erlauben, eignen sich insbe-
sondere Beobachtungs- bzw. ethnografische Verfahren für die qualitativ-empirische Analyse
von Artefakten in diskursiven Zusammenhängen. Eine besonders geeignete Erhebungsform
bietet hierbei die Diskursethnografie (Langer 2008; Keller 2011a: 260ff.; vgl. a. Keller 2017:
25, 28). Die technologiesensible Zuspitzung einer solchen Methodik findet sich ergänzend im
Forschungsprogramm der „Technografie“ (Rammert/Schubert 2006). Weitere verheißungs-
volle Verfahren, die noch stärker auf das einzelne Artefakt fokussieren, sind die Skriptanalyse
7
nach Akrich (1992) bzw. Schäufele (2017) sowie die Artefaktanalyse im Sinne Froschauer und
Luegers (2018).
3.1 Diskursethnografie
Die Diskursethnografie zielt zwar in ihrer Grundkonzeption nicht spezifisch auf Materialitäten
bzw. die Nutzung materialer Technologien ab, bietet aber auf Grund ihrer praxeologischen
Analyseperspektive, also ihrem grundsätzlichen Interesse an beobachtbaren Interaktionen von
Menschen – einschließlich ihrer Materialität –, einen treffenden Erhebungsrahmen. Im Gegen-
satz zur klassischen Ethnografie (z.B. Amann/Hirschauer 1997) fokussiert sie aber nicht so
stark auf implizites, kulturabhängiges Wissen, sondern auf die „Produktion und die Produkti-
vität von Diskursen“ (Ott/Langer/Macgilchrist 2014: 90). Keller fokussiert mit seinem diskurs-
ethnografischen Vorschlag insbesondere auf die diskursiven und nicht-diskursiven Praktiken
sowie auf die „material(e) Gestalt von Dispositiven“ (2011a: 260) und sieht insbesondere die
fokussierte Ethnografie (Knoblauch 2001), mit ihren Methoden der teilnehmenden Beobach-
tung und des ethnografischen Interviews, als geeigneten qualitativ-empirischen Ansatz. Denn
diese richten ihr Augenmerk auf spezifische Handlungszusammenhänge und nicht auf ganze
Kulturen und ist somit hilfreich, die „Praxisort(e) der Diskursproduktion und -reproduktion“
(Keller 2011a: 261) bzw. der „Diskursproduktion und (…) Diskursrezeption“ (Keller 2011b:
94) sowie die diskursive Weltintervention (Keller 2017: 29f.) zu untersuchen. Dabei soll es vor
allem um die Verbindung zwischen Ereignissen, Praktiken und Diskursen gehen, die im Rah-
men einer Analyse vollzogen wird, die über die „gängige Ethnographie der Kommunikation
hinausgeht.“ (Keller 2011a: 260) Keller differenziert im Zuge seines diskursethnografischen
Vorschlags zwischen vier möglichen Zurichtungen einer wissenssoziologischen Diskursethno-
grafie, von denen insbesondere die „Detailanalyse der Einrichtung und Nutzung von Dispositi-
ven“ (Keller 2011a: 260) für die vorliegende analytische Zielsetzung fruchtbar ist, da auf diese
Weise „die soziale und raumzeitliche Verflechtung von Dingen, nicht-diskursiven Praktiken
und diskursiven Praktiken in den Blick genommen werden“ (Keller 2017: 28) können. Er ver-
weist in diesem Zusammenhang überdies gesondert auf das Latoursche Konzept der Überset-
zung, was sich nutzen lasse, „um die Transformation von diskursspezifischen Aussagen in Prak-
tiken (…) und Technologien/Artefakten (…) zu rekonstruieren.“ (Keller 2011b: 94f.) Ebenfalls
auf den Dispositivbegriff bezogen, allerdings vor dem Hintergrund des Diskursverständnisses
8
von Laclau und Mouffe (2012 [1991]),6wird auch von van Dyk et al. (2014: 360) hervorgeho-
ben, das Dispositive treffend mit ethnografischen Methoden, vor allem der teilnehmenden Be-
obachtung, studierbar sind, da man auf dieser Weise beobachten kann, „was die Dinge und
Menschen tun: Was ‚tut‘ (…) dieser Text, dieses Gebäude, diese Software, diese Person?“
Ansätze der Diskursethnografie sind für das hier verfolgte Forschungsziel hilfreich, da
sie methodisch auf die hier als Multimodalität gefasste Heterogenität von Diskursen reagieren
und nicht-sprachliches körperliches Tun sowie Materialitäten zum expliziten Gegenstand ma-
chen und damit, insbesondere in Kombination mit der Technografie (s.u.), ein unverzichtbares,
diskurstheoretisch situiertes methodisches Hilfsmittel darstellen, multimodal akzentuierte Dis-
positive empirisch zu analysieren.
3.2 Technografie
Die Technografie, die von Rammert und Schubert (2006; Rammert 2008) ausgerufen wurde
und sich als offenes Forschungsprogramm einer „Mikrosoziologie der Technik“ (Ram-
mert/Schubert 2006: 13) versteht, blickt im Gegensatz zur klassischen ethnografischen Heran-
gehensweise nicht per se auf die kulturellen Gegebenheiten eines Feldes, sondern konzentriert
sich spezifisch auf die Konfigurationensoziotechnischer Beziehungsgeflechte (Rammert/Schu-
bert 2006: 14). Da sie auch zeitlich deutlich kürzer als die klassische ethnografische Herange-
hensweise aus der ethnologischen Forschung vorgeht, folgt sie tendenziell dem Vorgehen der
fokussierten Ethnografie (Knoblauch 2001). Die Technografie sieht vor, mit ethnographischen
Methoden (vor allem teilnehmende Beobachtungen und Interviews) dichte Beschreibungen
technologisch-sozialer Konstellationen zu erstellen und dabei auch die konkreten Folgen von
Technologien in den Blick zu nehmen. Sie folgt grundsätzlich einer induktiven Grundausrich-
tung, indem, ausgehend von den konkreten Erwartungen und Attribuierungen soziotechnisch
involvierter Personen und kollektiver AkteurInnen, die „Herstellung und Installation technoso-
zialer Ordnung“ (Rammert/Schubert 2006: 13) rekonstruiert wird. In ähnlicher Stoßrichtung
wie die Science and Technology Studies wird statt der einseitigen Fokussierung auf entweder
die technologische oder die soziale Determination menschlichen Handelns, die Prozesse der
wechselseitigen Konstitution von technisch-sozialen Konstellationen ins Zentrum der Auf-
6Zu den Unterschieden von poststrukturalistisch begründeter und wissenssoziologisch fundierter Diskursethno-
grafie, die vor allem vor dem Hintergrund unterschiedlicher Verständnisse vom Verhältnis Diskurs und Praktiken
entstehen,vgl. Keller (2010: 56-60) und Ott/Wrana (2010: 163-168).
9
merksamkeit gerückt: „Das Mithandeln der Technik in den Konstellationen sichtbar und be-
greifbar zu machen, das ist das besondere Ziel der technografischen Analyse.“ (Rammert 2008:
360; vgl. a. Rammert/Schulz-Schaeffer 2002: 13)
Im Rahmen der Dispositivanalyse kommt der Technografie folglich die Aufgabe zu, im
Kontext von ethnografischen Feldaufenthalten die Genese- und Implementierungsprozesse von
Technologien, sowie deren situative Anwendung und die wechselseitigen Adaptierungsleistun-
gen von Mensch und Artefakt empirisch zu rekonstruieren und entsprechende dispositive Ef-
fekte herauszuarbeiten.
3.3 Skriptanalyse
Die von Schäufele (2017) vorgestellte und eng an die Technografie anschließende qualitativ-
empirisch Vorgehensweise der Skriptanalyse geht maßgeblich auf die Arbeiten von Akrich
(1992; Akrich/Latour 1992: 259f.) zurück und deren Konzept des technologischen Skripts. Da-
mit ist die Annahme verbunden, dass technische Artefakte im Rahmen ihres Entwicklungspro-
zesses mit spezifischen, gesellschaftlich präformierten Vorgaben und Annahmen ausgestattet
werden, die von den Entwickler*innen in sie eingeschrieben werden, indem sie die zukünftige
Stellung des jeweiligen Artefakts in der Welt, ihre möglichen NutzerInnen und die an das Ar-
tefakt übertragenen Funktionen imaginieren und im Herstellungsprozess berücksichtigen (Prä-
skriptionen) und daher die spätere Nutzung eines technischen Instruments – einem Filmskript
gleichend –wesentlich präformieren (Akrich 1992: 208). In den Worten Akrichs: „A large part
of the work of innovators is that of ‘inscribing’ this vison of (or prediction about) the world in
the technical content of the new object.” (ebd.; i. O. m. Hervorh.) Mit dem so entwickelten
Artefakt sind also ganz spezifische Handlungen möglich, während wiederum Alternativver-
wendungen ausgeschlossen bzw. wesentlich unwahrscheinlicher sind.7Schäufele ergänzt die
Ausführungen Akrichs durch eine methodische Operationalisierung und eine Erweiterung der
Analysendimensionen, mit dem Ziel, per Skriptanalyse „die (handlungs-)beeinflussende Wir-
kung von Technik über rein materielle Aspekte hinaus zu vergleichen.“ (2017: 59f.) Im Zuge
dessen schlägt sie ExpertInneninterviews mit den NutzerInnen und den EntwicklerInnen der
jeweiligen Technologien vor, damit gleichsam beide Seiten des Artefakts, bezogen auf sein
Skript, empirisch rekonstruiert werden können (ebd.: 102; vgl. a. Akrich 1992: 208f.). Ergänzt
werden sollen die Interviews nach Möglichkeit mit Beobachtungsverfahren, die sich sowohl
7Mit Lindemann (2014: 187) kann man in diesem Zusammenhang auch von „technische(n) Sinnvorschläge(n)“
sprechen.
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auf die situationale Nutzung der anvisierten Technologie als auch auf deren Entwicklungspro-
zess beziehen können. Denn insbesondere wenn es sich um bereits lange eingeführte Techno-
logien handelt, kann sich der methodische Zugriff auf die EntwicklerInnen schwierig gestalten.
Gerade dann – aber nicht nur dann – ist es sinnvoll, mit Dokumentanalysen von BenutzerIn-
nenhandbüchern o.ä. zu arbeiten (Akrich 1992: 211; Schäufele 2017: 103).
Im Zuge der Dispositivanalyse kommt der skriptanalytischen Vorgehensweise die Auf-
gabe zu, den methodischen Fokus konsequent auf das jeweils (mit)untersuchte Artefakt zu
richten und neben der praktischen Anwendung von technischen Instrumenten und den im Zuge
dessen freigesetzten und unterdrückten Denkbewegungen auch das Portfolio der ins Artefakt
eingeschriebenen Anwendungsarten zu analysieren, ebenso wie den inskribierten und herstel-
lerseitig vorgegebenen anwendungsbezogenen Möglichkeitsraum zu rekonstruieren. Zudem
kann per Skriptanalyse ein empirischer Blick auf die bereits in der Entwicklung eines Artefakts
thematisierten Ziele und Imaginationen für die jeweilige Techniknutzung geworfen und damit
die prägenden diskursiven Vorbedingungen für spätere dispositive Zusammenhänge trefflicher
nachgezeichnet werden.
3.4 Artefaktanalyse
Die Artefaktanalyse, die wesentlich von Froschauer und Lueger (2016; 2018; Froschauer 2009;
Lueger 2010: 92-152) vertreten wird, hat einen ähnlich dezidierten Fokus auf Artefakte wie die
Skriptanalyse. Artefakte werden dabei zunächst definiert als „‚künstlich‘ geschaffene Zeichen
(…), die in ihrem Bestehen eine soziale Produktion voraussetzen“ (Froschauer 2009: 329) bzw.
als „materialisierte Produkte menschlichen Handelns“ die „Objektivationen sozialer Beziehun-
gen und gesellschaftlich(e) Verhältnisse (verkörpern)“ (Lueger 2010: 92). Vor dem Hinter-
grund der oben explizierten symmetrischen Analysehaltung ist die in der Artefaktanalyse an-
genommene passive Rolle von Artefakten – die stets nur als inaktive Projektionsfläche von
menschlichem Gebrauch angesehen werden – zwar problematisch (vgl. a. Schubert 2014:
899f.). Ähnlich wie im Konzept des technologischen Skripts wird aber betont, dass Artefakte
spezifische Rahmenbedingungen für ihre Verwendung setzen (Lueger 2010: 98) und dass ihnen
qua Produktion stets eine „soziale Logik“ eingeschrieben ist (ebd.: 99). Artefakte, als „Produkte
kommunizierter Entscheidungen“ und „in die Zukunft gerichtet(e) Kommunikationsmittel“
(Froschauer 2009: 329), werden also auch in der Artefaktanalyse als durch und durch gesell-
schaftlich geprägt angesehen. Gleichermaßen wird in Rechnung gestellt, dass das inskribierte
Wissen im Umgang mit den Artefakten reproduziert bzw. weitergetragen wird. Denn sie setzen
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einen „dingliche(n) Rahmen für soziales Handeln“ und stellen genuines „Datenmaterial für das
Verständnis von Handlungspraktiken“ (Froschauer/Lueger 2016b: 11) dar. Das zentrale metho-
dische Anliegen der Artefaktanalyse ist sodann „die ihnen [Artefakten] immanenten Sinn- und
Bedeutungsstrukturen zu erschließen“, also die konkrete „Sinnhaftigkeit eines Artefakts“ zu
rekonstruieren (Lueger 2010: 102). Ausgangspunkt ist dabei die Annäherung anhand von vier
Grundfragen, mit deren Hilfe die soziale Verankerung des Gegenstands eruiert werden soll
(Froschauer/Lueger 2016a: 363f.; 2018: 52-58): Warum gibt es das Artefakt? Wie machen
Menschen das Artefakt? Was machen Menschen mit dem Artefakt? Was macht das Artefakt
mit Mensch und Gesellschaft?
Bei den daran anschließenden Analysedimensionen, die von Lueger (2010: 105ff.) und
Froschauer (2009: 332ff.) bzw. Froschauer und Lueger (2018: 59-92) vorgestellt werden, ist für
die vorliegende Zielsetzung vor allem diejenige der dekonstruktiven Bedeutungsrekonstruktion
relevant, die die „die Zerstörung der vorgängigen Sinngehalte durch Zerlegung des Artefakts
in seine Bestandteile und die anschließende Analyse ihrer Bedeutungsmöglichkeiten“
(Froschauer 2009: 334) zum Ziel hat und „den ersten sensorischen Anhaltspunkt“ für die Ana-
lyse eröffnen soll (Froschauer/Lueger 2007: 436). Der dabei wichtigste Schritt nennt sich „in-
terne Differenzierung“ und zielt auf die Beschreibung der beim Artefakt identifizierten Be-
standteile ab (Froschauer/Lueger 2016a: 364f.). Er orientiert sich an den Gestaltungselementen
Materialität, Struktur der Artefaktgestaltung und Text. Dabei wird in Bezug auf die Materialität
beispielsweise gefragt, aus welcher Stofflichkeit das Artefakt besteht, welche entsprechenden
Eigenschaften es hat, wie sich die Oberfläche anfühlt und welche Konsistenz es aufweist. Bei
der Frage der Artefaktstruktur geht es um die räumliche Anordnung und um die sinnliche Auf-
machung des Artefakts: Aus welchen Komponenten besteht es und wie sind diese zueinander
angeordnet? Wird mit Bildern operiert? Sind Text- oder Symbolelemente vorhanden? Kann
eine Hierarchie zwischen den Elementen erkannt werden? Wenn Textelemente vorhanden sind,
sind diese ferner nach Gestaltung und nach den genutzten Formatierungen zu untersuchen
(vgl.a. Froschauer/Lueger 2018: 71-73).
Die Artefaktanalyse ist für die vorliegende Fragestellung, ebenfalls wie die Skriptana-
lyse, zunächst gerade deshalb gewinnbringend, da sie eine methodische Herangehensweise of-
feriert, die konsequent vom Artefakt ausgeht und dieses mithin systematisch in den methodi-
schen Mittelpunkt rückt. Somit ermöglicht sie –trotz einer problematischen Passivität, die für
Artefakte angenommen wird – das deskriptive Erscheinungsbild und den materialen Aufbau
12
von Artefakten einer methodisch kontrollierten Analyse zugänglich zu machen, deren Erkennt-
nisse wiederum treffend mit den empirischen Daten der anderen Erhebungsverfahren verknüpft
werden können.
3.5 Theorie-empirische Forschungshaltung
Gerade im Kontext materialitätssensibler Analysen – da die Gegenstände nicht mit den For-
schenden sprechen können und nach wie vor stets Texte das dominante Analysemedium bilden
(Passoth 2008: 1991) – scheint es instruktiv,der Forschungshaltung der „theoretischen Empi-
rie“ (Kalthoff 2008: 9) zu folgen, mithin Theorie und Empirie nicht als eigenständige Sphären
und sich unberührt gegenüberstehend zu betrachten, sondern als in einem dynamischen Ver-
hältnis zueinander stehendzu begreifen, die sich in ihrem jeweiligen Erklärungswert zunächst
nicht prinzipiell voneinander unterscheiden. Theoretisch hergeleitete Einsichten über Techno-
logien und ihre Funktionen sowie Wirkungen – wie z.B. oben mit Bezug auf die mechanische
Objektivität bereits angedeutet – vermögen entsprechende qualitativ-empirische Forschungs-
bemühungen, die sich daran ergänzend anschließen lassen, zielgerichtet anleiten bzw. irritieren
(Strübing et al. 2018: 85). Umgekehrt ist die Konzeptualisierung und theoretische Bearbeitung
von Technologien als von empirischen Analysen inspiriert zu verstehen, indem bestimmte em-
pirische Erkenntnisse in theoretisches Vokabular und korrespondierende Systematisierungen
übersetzt werden können. Dies gilt z.B. in Bezug auf den von Rammert und Schulz-Schaeffer
angebotenen „gradualisierte(n) Handlungsbegriff“ (Rammert/Schulz-Schaeffer 2002: 48), der
das Mithandeln von technischen Artefakten respektive Systemen nach ihrem Aktivitätsniveau
differenziert und auf diese Weise eine sinnvolle, empirisch deduzierte analytische Systemati-
sierung anbietet, die wiederum instruktive Heuristiken für die theoretische Analyse entspre-
chender Technologien offeriert.
4Fazit
Dispositive werden hier,im Anschluss an Foucault und inspiriert durch die Artefakt- bzw.
Techniksoziologie (des frühen) Latours, als Diskursbestandteile verstanden, in deren Rahmen
technische Artefakte eine vermittelnde Rolle spielen, indem sie bestimmte Tätigkeiten oder
Aussagen ermöglichen, provozieren, unterdrücken oder konterkarieren. Auf diese Weise rü-
cken die genutzten Artefakte selbst in den analytischen Fokus, was neue empirische wie theo-
retische Anknüpfungspunkte eröffnet, die eine gegenstandsadäquatere und tiefenschärfere Ana-
13
lyse von multimodalen Diskursen – in deren Rahmen nicht nur menschlich-sprachlichen Zei-
chenproduktion an den Prozessen diskursiver Wissensherstellung beteiligt ist, sondern eben-
falls nicht-zeichenhaftes Tun und materiale Objekte als Wissensgeneratoren auftreten – und
den darin prozessierenden Formen der Wissenskonstruktion ermöglichen. Artefakte bzw. tech-
nische Systeme sind – im Sinne von Diskursaktanten – somit in der Lage, „zur Grundlage neuer
Aussageproduktionen“ zu werden und Diskurse somit „zum Tanzen“ zu bringen (Keller 2017:
30). Technologien agieren eben nicht allein als neutraler Mittler, sie können vielmehr als ver-
ändernde epistemische Kraft und Instrumente der Ordnungsbildung – vgl. dazu das zu Beginn
abgedruckte Zitat von Winner – wirken, die Prozesse der Wissensgenerierung und Sinnkonsti-
tution, und damit die dispositive Konstruktion von Wirklichkeit, merklich tangieren. Nimmt
man die Multimodalität von Diskursen ernst, gilt es also auch die nicht-menschlichen Partizi-
panten diskursiver Wissensproduktion theoretisch wie empirisch konsequent und systematisch
diskursanalytisch zu berücksichtigen. Nutzbar zu machen sind dafür – in Ergänzung zu den
Standardverfahren wie Interviewverfahren und Dokumentenanalysen – insbesondere diejeni-
gen Verfahren der qualitativen Sozialforschung, die eine materialitätssensible Herangehens-
weise ermöglichen, wie die Diskursethnografie, die Technografie, die Skript- sowie die Arte-
faktanalyse. Gerade eine theorie-empirischen Forschungshaltung scheint in Kombination dafür
konstruktiv,indem sie dazu beitragen kann, die dispositive Konstruktion multimodal-diskursi-
ver Wirklichkeit gegenstandsnah und in all ihrer soziotechnischen Komplexität zu analysieren.
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