Dichotomie - Dekonstruktion - Differenz
Ein Beitrag zur kritischen Reflexion von Theorie und
Praxis außerschulischer Arbeit mit Mädchen
Dissertation zur Erlangung des Grades der Doktorin der Philosophie vorgelegt im
Fachbereich Erziehungs- und Unterrichtswissenschaften an der Technischen Universtät
Berlin
von Andrea Schmidt
Vorsitzender:
Prof. Dr. Manfred Kappeler
Berichterinnen:
Prof. Dr. Waltraut Kerber-Ganse
Prof. Christine Holzkamp
Tag der Wissenschaftlichen Aussprache: 20.11.2000
Berlin, im September 2000
D83
Inhaltsverzeichnis
2
1. Einleitung........................................................................................................4
2. Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von
macht- und herrschaftskritischen Überlegungen.....................................12
2.1 Strukturen und Herstellungsmechanismen von Dominanzkulturen am Beispiel des hierarchischen
Geschlechterverhältnisses......................................................................................................................14
2.1.1 Dualistisches Denken als Paradigma der Moderne..........................................................................16
2.1.2 Androgynie, Gleichheit und Differenz als Möglichkeiten für herrschaftskritisches Denken?.........19
2.1.2.1 Der androgyne Mythos ................................................................................................................19
2.1.2.2 Gleichheit, Differenz, egalitäre Differenz....................................................................................23
2.2 Dekonstruktion als ein Weg aus dem Denken einer binären Einheitslogik?..........................................33
2.2.1 Die konstruierte Realität? Grundzüge postmodernen Denkens .......................................................34
2.2.2 Zur Bedeutung des Poststrukturalismus...........................................................................................35
2.2.2.1 Sprache, Subjekt und Macht........................................................................................................41
2.2.2.2 Annäherung an den Begriff Dekonstruktion................................................................................47
2.2.3 Dekonstruktion und poststrukturalistische, feministische Denkbewegungen..................................51
2.2.3.1 Das Geschlecht als diskursiver Effekt bei Judith Butler..............................................................52
2.2.4 Dekonstruktion – Möglichkeiten und Grenzen................................................................................58
2.3 Geschlecht als hegemonialer Diskurs und als Existenzweise (Andrea Maihofer).................................59
2.4 Zusammenfassung..................................................................................................................................63
3. Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit...............69
3.1 Zur Verwobenheit der Entwicklung von außerschulischer Mädchenarbeit und der Zweiten
Frauenbewegung....................................................................................................................................70
3.2 Parteilichkeit als Paradigma außerschulischer Mädchenarbeit ..............................................................76
3.3 Analyse ausgewählter Konzepte zur außerschulischen Mädchenarbeit.................................................81
3.3.1 Auswahl der Konzepte.....................................................................................................................83
3.3.2 Die androgyne Utopie: „Mädchenarbeit“ von Renate Klees, Helga Marburger, Michaela
Schumacher......................................................................................................................................85
3.3.2.1 Konzeptanalyse............................................................................................................................91
3.3.3 Das Denken der Differenz am Beispiel der „Geschlechtsbezogenen Pädagogik“ von Elisabeth
Glücks und Franz Gerd Ottemeier-Glücks (Hrsg.)..........................................................................96
3.3.3.1 Konzeptanalyse..........................................................................................................................101
3.3.4 Noch einmal: Das Denken der Differenz: „Feministische Mädchenarbeit gegen den Strom“ von
Gabriele Möhlke und Gabi Reiter..................................................................................................105
3.3.4.1 Konzeptanalyse..........................................................................................................................109
3.3.5 Dekonstruktion und Differenz: „...eigentlich habe ich es schon immer gewusst...“ Lesbisch -
feministische Arbeit mit Mädchen und jungen Lesben. Von Jule Alltag (Hrsg.)..........................112
3.3.5.1 Konzeptanalyse..........................................................................................................................116
3.4 Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit im Spannungsverhältnis von Dekonstruktion und
Rekonstruktion. Zusammenfassung.....................................................................................................119
4. Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen.....125
4.1 Das methodische Vorgehen und die Geschichte vom Federballspiel...................................................126
4.1.1 Die Interviewpartnerinnen und die Interviewdurchführung...........................................................130
4.1.2 Auswertung der Interviews............................................................................................................131
4.2 Geschichten, die die Praxis schreibt.....................................................................................................136
4.2.1 „..was ich toll finde, finden die halt nicht toll.“ - Geschichten aus der Bildungs- und
Freizeitarbeit mit Mädchen von G.................................................................................................136
4.2.1.1 Biographische Zugänge - die Kurzbiographie von G.................................................................136
4.2.1.2 Die Arbeitszusammenhänge von G............................................................................................137
Inhaltsverzeichnis
3
4.2.1.3 Zugänge zur Mädchenarbeit ......................................................................................................137
4.2.1.4 Erwartungshaltungen der Pädagogin an die Mädchen, mit denen sie arbeitet...........................138
4.2.1.5 Bilder, die die Pädagogin über Mädchen, mit denen sie arbeitet, entwirft. ...............................139
4.2.1.6 Enttäuschungen der Pädagogin, bezogen auf eine Diskrepanz zwischen ihren Zielsetzungen
und dem Verhalten von Mädchen..............................................................................................139
4.2.1.7 Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit mit Mädchen als positiv einschätzt......................140
4.2.1.8 Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns .......................................................................140
4.2.1.9 Interpretation..............................................................................................................................141
4.2.2 „Da hätt ich mir ein bisschen mehr professionelle Distanz gewünscht. Von mir selber.“
Geschichten aus der Mädchenbildungsarbeit von E. .....................................................................148
4.2.2.1 Biographische Zugänge – die Kurzbiographie von E. ...............................................................148
4.2.2.2 Die Arbeitszusammenhänge von E............................................................................................149
4.2.2.3 Zugänge zur Mädchenarbeit. .....................................................................................................149
4.2.2.4 Die Erwartungshaltungen der Pädagogin an Mädchen, mit denen sie arbeitet..........................150
4.2.2.5 Bilder, die die Pädagogin über Mädchen, mit denen sie arbeitet, entwirft. ...............................150
4.2.2.6 Die Enttäuschungen der Pädagogin, bezogen auf eine Diskrepanz zwischen ihren
Zielsetzungen und dem Verhalten von Mädchen mit denen sie arbeitet....................................151
4.2.2.7 Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit als positiv einschätzt............................................151
4.2.2.8 Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns .......................................................................151
4.2.2.9 Interpretation..............................................................................................................................152
4.2.3 „...weil das kannt ich ja von mir - viel zu gut.“ Die Pädagogin I...................................................156
4.2.3.1 Biographische Zugänge – die Kurzbiographie von I. ................................................................156
4.2.3.2 Die Arbeitszusammenhänge von I.............................................................................................156
4.2.3.3 Zugänge zur Mädchenarbeit. .....................................................................................................156
4.2.3.4 Erwartungshaltungen der Pädagogin an Mädchen, mit denen sie arbeitet.................................157
4.2.3.5 Bilder, die die Pädagogin über Mädchen mit denen sie arbeitet, entwirft .................................157
4.2.3.6 Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit mit Mädchen als positiv einschätzt......................157
4.2.3.7 Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns .......................................................................158
4.2.3.8 Interpretation..............................................................................................................................159
4.3 Dekonstruktion und Rekonstruktion - Bewegungen im pädagogischen Handeln................................164
4.3.1 Dekonstruktion und Rekonstruktion in pädagogischen Interaktionen – die Pädagogin G.............170
4.3.2 Dekonstruktion und Rekonstruktion in pädagogischen Interaktionen – die Pädagogin E.............177
4.3.3 Dekonstruktion und Rekonstruktion in pädagogischen Interaktionen – die Pädagogin I. .............180
4.3.4 Zusammenfassung .........................................................................................................................185
5. Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis
außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und Ausblick................190
5.1 Analysen von ausgewählter Theorie und Praxis außerschulischer Arbeit mit Mädchen unter
poststrukturalistischen Perspektiven - Zusammenfassung...................................................................191
5.2 Poststrukturalistische Perspektiven und ihre Relevanzen für Theorie und Praxis außerschulischer
Arbeit mit Mädchen.............................................................................................................................197
5.2.1 Arbeit mit Mädchen unter dem Aspekt der Vieldimensionalität von Macht .................................197
5.2.2 Die Vieldimensionalität von Subjekten und ihre Bedeutung für eine außerschulische Arbeit mit
Mädchen. .......................................................................................................................................202
5.2.3 Die Kategorie Geschlecht als soziale Konstruktion – Perspektiven für eine außerschulische
Mädchenarbeit ...............................................................................................................................206
5.3 Bausteine einer (de)konstruktiven Arbeit mit Mädchen - Resümee.....................................................207
6. Bibliographie..............................................................................................213
Einleitung
1. Einleitung
In dieser Arbeit werden poststrukturalistische, feministische Denkansätze in ihrer Relevanz
für Theorie und Praxis außerschulischer Arbeit mit Mädchen diskutiert, denn Theorie und
Praxis von Mädchenarbeit1 war und ist verwoben mit feministischer Forschung2 und femi-
nistischen gesellschaftlichen Strömungen.
Poststukturalistische, feministische Überlegungen aus den 1990er-Jahren zur sozialen
Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit, lösten und lösen rege Debatten in feministischen
Diskursen aus. Gegnerinnen dieser Theorie argumentieren z.B. mit dem Untergang des
Feminismus, und Befürworterinnen entwerfen die Utopie einer egalitären Gesellschaft, in
der Geschlechtszugehörigkeit nicht mehr auschlaggebend für den Status des Subjekts ist
(Syla Benhabib et al. 1993).
Poststrukturalistische, feministische Denkansätze finden bislang, bis auf wenige Ausnah-
men (Bettina Fritzsche 1994; Susanne Szemerédy 1996), kaum Niederschlag in Theorie
und Praxis außerschulischer Arbeit mit Mädchen. Dieser Umstand ist insofern verwunder-
lich, da mit Mädchenarbeit ein Beitrag zu einem Abbau des hierarchischen Geschlechter-
verhältnisses geleistet werden soll und poststrukturalistische Theorie hierfür von Nutzen
sein kann. So wendet sich Poststrukturalismus gegen ein kategorisierendes Denken der
Moderne und entlarvt das Denken in Dichotomien als Herstellungsmechanismus von
Macht- und Herrschaftsstrukturen. Die Problematik, poststrukturalistische Theorie für eine
pädagogische Arbeit nutzbar zu machen, liegt in ihrer Komplexität und Sperrigkeit: So ist
poststrukturalistisches Denken ein Denken von Ambiguität und problematisiert Verein-
deutigungen. Poststrukturalismus mit seiner grundsätzlichen Infragestellung von basalen
Denkmodellen der Moderne wie Subjekt, Sprache und Macht, dekonstruiert damit für die
Pädagogik zentrale Kategorien. Poststrukturalistisches Denken macht deutlich, wie in eben
1 Der Begriff Mädchenarbeit ist kein befriedigender – Mädchen müssen nicht „bearbeitet“ werden. In Er-
mangelung einer adäquateren Bezeichnung wird der Begriff in der vorliegenden Arbeit verwendet bzw. die
Umschreibung außerschulische Arbeit mit Mädchen benutzt.
2 Feministische Forschung und Frauenforschung sind nicht einheitlich definiert. Oftmals, so auch in dieser
Arbeit, werden diese Begriffe synonym verwendet. Frauenforschung wird häufig als Oberbegriff für jegliche
Forschung benutzt die sich mit Frauen beschäftigt. „Feministische Forschung unterscheidet sich von den
herkömmlichen Wisenschaften hinsichtlich der Methodologie. Sie übt Kritik am Androzentrismus der Wis-
senschaften, d.h. an der vorgeblichen Geschlechtsneutralität. Sie kritisiert auch andere traditionelle wissen-
schaftliche Standards, wie z.B. Objektivität, Universalität und Rationalität, als androzentrisch“ (Heike Kah-
lert 1996b: 521)
Einleitung
5
diesen Kategorien Brüche und Widersprüche enthalten sind, indem es die großen Metaer-
zählungen als verabsolutierte „Wahrheiten“ und Vereindeutigungen aufzeigt.
Die feministische Variante des Poststrukturalismus bezieht sich in ihrer Analyse auf eben
jene Kategorien und versucht auf dieser Basis, das System der hierarchischen Zweige-
schlechtlichkeit mit seinen Protagonisten Frau und Mann zu dekonstruieren. Das Verfah-
ren, welches poststrukturalistische Feministinnen (Chris Weedon 1991; Judith Butler 1991,
1995) hierfür nutzen, ist das der Dekonstruktion (Jacques Derrida 1990). Mit dieser Me-
thode wird versucht, Herstellungsmechanismen und den Konstruktionscharakter vermeint-
lich naturhafter, unveränderlicher Gegebenheiten, wie z.B. Geschlecht zu entlarven, Zu-
schreibungen in ihrem symbolischen Bestand aufzuzeigen und als historisch-kulturell ge-
worden transparent zu machen. Poststrukturalistischen Feministinnen geht es um das Ent-
schleiern von Herstellungsmechanismen der Kategorie Geschlecht und deren Interdepen-
denz mit Machtstrukturen.
Scheinbar unumstößliche „Naturtatsachen“ wie die Kategorie Geschlecht stehen damit zur
Disposition. Mit der Zurückweisung der Naturhaftigkeit sowohl des Geschlechtskörpers
(sex) als auch der Geschlechtsidentität (gender) und der vermeintlichen Konformität von
sex und gender wird die Kategorie Frau ins Wanken gebracht. Damit steht das „feministi-
sche Subjekt“ selbst zur Disposition und auch Mädchenarbeit als pädagogisches Hand-
lungsfeld wird so im poststrukturalistischen, feministischen Denken, seiner essentiellen
Basis beraubt. Die Kategorie Geschlecht als gesellschaftlich-soziale Konstruktion zu be-
greifen, hat das Potenzial, Veränderungsmöglichkeiten bezogen auf diese Kategorie den-
ken zu können. Poststrukturalistischer Feminismus stößt mit der Annahme, dass das Ge-
schlecht eine soziale Konstruktion ist, jedoch auch an seine Grenzen, denn die Lebensrea-
litäten von Frauen und Mädchen geraten in dieser allzu theoretischen Debatte manchmal
aus dem Blick. Dies ist insofern problematisch, weil die Gesellschaft und mithin das Ge-
schlechterverhältnis real hierarchisch strukturiert ist und die Kategorie Frau als abgewertet
konstruiert wird. Die Sicht auf die Kategorie Geschlecht wird vor dem Hintergrund post-
strukturalistischer Theorie weiterentwickelt und als Existenzweise begriffen (Andrea Mai-
hofer 1995). Geschlecht als Existenzweise zu denken bedeutet, ein Gleichgewicht zwi-
schen Natur, Kultur, gesellschaftlicher Hegemonie und der Einzigartigkeit von Individuen
herzustellen. Auszugehen vom Geschlecht als Existenzweise heißt demzufolge, an der au-
ßerschulischen Mädchenarbeit als Baustein eines enthierarchisierten Geschlechterverhält-
Einleitung
6
nisses festhalten zu können. Zwar wird in der Arbeit mit Mädchen durch ihren Bezug auf
die Kategorie Geschlecht, diskurstheoretisch gedacht, das hierarchische System der Zwei-
geschlechtlichkeit affirmiert, welches durch eben jene Arbeit verändert werden soll. Mäd-
chenarbeit wird jedoch nicht deshalb obsolet, weil auf einer Metaebene Erfahrungen als
Konstruktionen begriffen werden, denn für reale Mädchen gehören diese Erfahrungen zu
ihren sozialen Wirklichkeiten. Neben der Erkenntnis, Geschlecht als prozesshaft und als
interaktiven Akt, als doing gender zu begreifen, können poststrukturalistische Denkansätze
und das Verfahren von Dekonstruktion darüber hinaus für eine kritische Reflexion von
Theorie und Praxis der Mädchenarbeit nutzbar sein. Bezogen auf die Konstruktion des
autonomen Subjekts, bedeutet eine poststrukturalistische, feministische Sichtweise, diese
Kategorie nicht als kohärent, sondern als vieldimensional und verwoben in Diskurse und
diskursive Praktiken zu begreifen. Der Blick kann vor diesem Hintergrund geöffnet werden
für gelebte Widersprüche von Frauen und Mädchen. Die poststrukturalistische Argumen-
tation, dass Macht vieldimensional und relational ist (Michel Foucault 1977), kann den
Fokus erweitern für ein Wahrnehmen von hegemonialen Diskursen in feministischer Theo-
rie und Praxis. Auf dieser Basis ist es von Bedeutung, die Diskurse der Frauenforschung in
ihren wechselseitigen Verhältnissen zur außerschulischen Arbeit mit Mädchen aufzuzei-
gen.
So wurden mit der Entstehung der zweiten Frauenbewegung Mädchen und junge Frauen
als eigenständige Zielgruppe von pädagogischer Arbeit begriffen und Ansätze außerschuli-
scher Mädchenarbeit sind seit Beginn der 1980er-Jahre fester Bestandteil in der Jugendar-
beit (Savier/Wild 1980). Die Erkenntnis, dass das hierarchische Geschlechterverhältnis
asymmetrisch zu ungunsten von Frauen und Mädchen konstruiert und mit Benachteiligun-
gen verknüpft ist, war Ansatzpunkt für die frauenpolitische Forderung nach Gleichberech-
tigung von Frauen und Männern. In der Frauenpolitik wurden z.B. Forderungen nach glei-
chem Lohn für gleiche Arbeit und nach Selbstbestimmungsrechten z.B. § 218 von Frauen
laut. Dieser Gleichheitsdiskurs der Frauenbewegung wurde in seiner Relevanz für Mäd-
chen erkannt und Mädchenarbeit wurde und wird vor diesem Hintergrund gleichzeitig als
Mädchenpolitik begriffen (vgl. Savier/Wild 1980; Heiliger Kuhne 1990; Möhlke/Reiter
1995). Mädchenarbeit hat demzufolge in ihren Konzepten und in ihren Praxen zum Ziel,
zum Abbau des hierarchischen Geschlechterverhältnisses beizutragen. So bezogen sich die
Einleitung
7
ersten Ansätze mit Mädchen zu arbeiten, u.a. auf Forderungen nach mehr und besseren
(Aus)Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und junge Frauen. Der feministische Diskurs
veränderte sich von einem Gleichheitsdiskurs, der sein Referenzsystem bezogen auf den
Mann hatte, hin zu einem Differenzdiskurs der sich auf eine idealisierten Weiblichkeit be-
zog. Diese Idealisierung bedeutete die Möglichkeit zur Solidarität unter Frauen: Aus ihrer
untergeordneten Position heraus prangerten Frauen ihre Benachteiligungen an und konnten
sich mit dem Bezug auf eine idealisierte Weiblichkeit identifizieren und solidarisieren.
Diese Solidarität und die idealisierte Weiblichkeit wurde brüchig, mit der Diskussion um
die Hegemonialität des Diskurses in der Frauenbewegung. Diese, so die Kritikerinnen der
Bewegung, bezog sich mit ihren Forderungen in erster Linie auf eine Emanzipation weißer,
europäischer bzw. nordamerikanischer Mittelschichtfrauen und blendete Lebensrealitäten
von z.B. schwarzen Frauen aus.
In der Frauenforschung wurde das „natürlich Weibliche“ in Frage gestellt, Weiblichkeit
wurde als Konstruktion und in ihrer Einordnung in ein hierarchisches System der Zweige-
schlechtlichkeit transparent gemacht (Ursula Scheu 1977; Carol Hagemann-White 1984)
und feministische Analysen zeigten strukturelle und personale Gewalt in Familie und Be-
ruf auf. Dementsprechend wandelten sich auch die Ansätze mit Mädchen zu arbeiten. Die
Überlegung, wie Mädchen in ihrer Sozialisation unterstützt werden können, führte zu Kon-
zepten und Angeboten, die zur Erweiterung der Erfahrungswelten von Mädchen beitragen
sollten.
In einem weiteren Strang des Denkens der Differenz wurde versucht, die Differenzen unter
Frauen in den Blick zu nehmen. In diesen Debatten um Differenzen unter Frauen, die ins-
besondere befördert wurden durch die italienischen Differenztheoretikerinnen (Libreria
delle donne di milano 1988; Diotima 1989), stand das Sichtbarmachen des „weiblichen
Begehrens“ im Vordergrund und mithin der Ansatz, Lebensweisen von Frauen Wert zu
verleihen. Das bedeutete, dass das Referenzsystem für Frauen das eigene Geschlecht sein
sollte. Das Denken, Fühlen und Handeln von Frauen sollte nicht mehr in Abgrenzung zum
anderen Geschlecht bestimmt werden, sondern in Frauenzusammenhängen. Schlagwort
war hierfür „Affidamento“ und meint die politische Praxis, sich auf Frauen zu beziehen in
einem Rahmen, der auf Vertrauen gründet und in dem die Ungleichheit von Frauen von
Bedeutung ist.
Einleitung
8
Eine Weiterentwicklung dieses Denkens einer qualitativen Differenz findet sich im Kon-
zept der „egalitären Differenz“, indem es um eine dialektische Verbindung von Gleichheit
und Differenz geht (Annedore Prengel 1995).
Ein anderer Zugang zur Veränderung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses war der
Bezug auf das Modell der Androgynie. Die Einschränkungen von Frauen durch die gesell-
schaftlichen Zuschreibungen an ihre Rolle, sollten durch den Bezug auf Androgynie ver-
ändert werden. Im Modell der Androgynie stehen beiden Geschlechtern alle Verhaltens-
weisen und Eigenschaften offen. Nur noch der Situationskontext entscheidet über die Nut-
zung der jeweiligen Möglichkeiten. Auch in der Mädchenarbeit findet sich das Konzept
der Androgynie (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992).
In weiteren Ansätzen von Frauenforschung wurden die Beteiligungen von Frauen an
Macht- und Herrschaftsstrukturen herausgearbeitet und die Auffassung, dass Frauen aus-
schließlich Opfer und Männer ausschließlich Täter seien, wurde revidiert (Christina Thür-
mer Rohr 1989; Birgit Rommelspacher 1995). Auch der Begriff der Parteilichkeit, eines
zentralen Paradigmas in der Mädchen- und Frauenarbeit, wurde einer kritischen Reflexion
unterzogen. Nicht nur vertikale Machtbeziehungen, in denen Frauen bzw. Mädchen als
Opfer erschienen wurden in die Diskussion um Parteilichkeit einbezogen, sondern auch
Machtbeziehungen und Differenzen unter Frauen spielten eine Rolle (Barbara Kavemann
1995, 1997).
Diese Entwicklung in der Frauenforschung spiegelte sich auch in der Mädchenarbeit wie-
der, so wurde es in Theorie und Praxis von Mädchenarbeit als zunehmend wichtiger er-
achtet, Differenzen unter Mädchen in den Blick zu nehmen (Elisabeth Glücks, Franz Gerd
Ottemeyer-Glücks 1994).
Erkenntnisse der Frauenforschung hatten und haben Einfluss auf Theorie und Praxis außer-
schulischer Arbeit mit Mädchen. Die Fragen, wie poststrukturalistische, feministische
Denkansätze und das Verfahren der Dekonstruktion nutzbar gemacht werden können für
eine Reflexion von Theorie und Praxis von Mädchenarbeit und welche Impulse hieraus für
Mädchenarbeit als produktiv aufgegriffen werden können, stehen im Mittelpunkt der Ar-
beit.
Für die Bearbeitung dieser Fragestellungen ist die Arbeit wie folgt gegliedert:
Einleitung
9
Im ersten Teil werden die Denkvoraussetzungen für die Bearbeitung der Thematik darge-
legt. Hierfür werden zuerst Strukturen und Herstellungsmechanismen herrschaftlichen
Denkens in ihrer Verknüpfung mit dem dichotomen Denken der Moderne aufgezeigt. Als
Beispiele für herrschaftskritisches Denken werden die feministischen Argumentations-
stränge Androgynie, Egalität und Differenz skizziert. Im Vordergrund der Bearbeitung
steht dabei, ob und inwieweit diese Theorien Wege aus dem Denken der hierarchischen
Zweigeschlechtlichkeit aufzeigen. Als hilfreiche Vertiefungen, die dazu beitragen können,
aus dem Denken in bipolaren Zuordnungen heraus zu führen, werden poststrukturalistische
Denkansätze mit ihren Implikationen erörtert, und das Verfahren der Dekonstruktion dar-
gestellt, mit dessen Hilfe hierarchisierte Oppositionen als gesellschaftliche Konstruktionen
transparent gemacht und Mechanismen dichotomen Denkens aufgezeigt werden können.
Fokussiert wird die Darstellung und Diskussion auf feministische Überlegungen, Ge-
schlecht als diskursiven Effekt zu begreifen. Die Möglichkeiten und Grenzen von Dekon-
struktion werden in Bezug auf Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen diskutiert und
am Beispiel der Kategorie des „Geschlechts als Existenzweise“ skizziert.
Im zweiten Teil der Arbeit ist die Analyse ausgewählter Konzepte von Mädchenarbeit vor
dem Hintergrund der eben beschriebenen theoretischen Modelle Schwerpunkt.
Zunächst wird die historische Entwicklung von außerschulischer Mädchenarbeit in ihrer
Interdependenz mit der zweiten Frauenbewegung aufgezeigt. Im Anschluss daran erfolgt
eine kritische Auseinandersetzung mit dem zentralen Paradigma der Parteilichkeit in der
außerschulischen Arbeit mit Mädchen.
Der Konzeptanalyse liegt die These zu Grunde, dass Konzepte zur außerschulischen Mäd-
chenarbeit verwickelt sind in Prozesse von Dekonstruktion und Rekonstruktion von hierar-
chischen Machtverhältnissen und so ungewollt zur Perpetuierung des Systems der Zweige-
schlechtlichkeit beitragen. Demzufolge stehen in der Analyse die Fragen im Mittelpunkt,
auf welche feministischen Theorien wie z.B. Androgynität, die Autorinnen ihre Konzep-
tionen zur Mädchenarbeit stützen, wie diese Argumentationen bezogen auf eine Dekon-
struktion bzw. Rekonstruktion des hierarchischen Geschlechterverhältnis wirken und wel-
che Herstellungsmechanismen hierbei von Bedeutung sind. Die Potenziale der Konzepte in
Bezug auf eine Veränderung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses werden sowohl
Einleitung
10
auf der Ebene sozialer Wirklichkeiten als auch auf einer Metaebene, der Ebene der symbo-
lischen Ordnung des Systems der Zweigeschlechtlichkeit aufgezeigt.
Schwerpunkt im dritten Teil ist eine Analyse von Situationen aus der pädagogischen Praxis
der außerschulischen Mädchenarbeit. Dabei ist die theoriegeleitete-feministische Veror-
tung der Pädagoginnen zwar von Bedeutung, aber mehr noch ist die Frage relevant, wie
sich Pädagoginnen in pädagogischen Interaktionen mit Mädchen bewegen: Welche Me-
chanismen spiegeln sich in den Handlungen von Pädagoginnen, mit denen sie dichotome
Oppositionen bezogen auf ihren Umgang mit Mädchen in ihrer Arbeit herstellen bzw. zu
deren Abbau beitragen.
In Anlehnung an den von Frigga Haug (1990) entwickelten Ansatz der Erinnerungsarbeit
werden mit Hilfe der Methode des narrativen Interviews Geschichten von Pädagoginnen
aus der Praxis von Mädchenarbeit zusammengetragen. Frigga Haug begreift Widersprüche
und Brüche als produktiv für den Gewinn von Erkenntnissen. Auch poststrukturalistische
Theorie wendet sich gegen ein Glätten von Widersprüchen, weil durch diesen Umgang mit
Widersprüchen Vereindeutigungen konstruiert werden.
In diesem Kapitel wird der Begriff Widerspruch in der Regel auf pädagogische Prozesse
bezogen, in denen eine Diskrepanz zwischen feministisch-theoriegeleiteter Intention der
Pädagoginnen und dem Eigensinn von Mädchen auftritt. Diese Art von Widerspruch steht
im Zusammenhang mit dem Auftreten des Interventionsparadox (Lothar Böhnisch 1997).
Als Interventionsparadoxa werden jene Situationen begriffen, in denen Diskrepanzen zwi-
schen den Interventionsmöglichkeiten von Pädagoginnen und den Reaktionen von Adres-
satinnen auftreten. Anders formuliert steht das von Pädagoginnen subjektiv empfundene
Scheitern am Eigensinn und mithin an Selbstinszenierungen3 von Mädchen, die nicht den
Erwartungen der Pädagoginnen entsprechen, und der Umgang von Pädagoginnen mit die-
sem Eigensinn von Mädchen im Mittelpunkt der Untersuchung und Auswertung. Auf einer
Metaebene steht im Blickpunkt, wie sich die Pädagoginnen in bzw. durch ihren Umgang
mit Mädchen und ihre Reflexion darüber in einem Spannungsfeld von Dekonstruktion und
3 Eigensinn und Selbstisnzenierungen werden in dieser Arbeit aufeinander bezogen begriffen. Selbstinszenie-
rungen von Mädchen werden als ein Aspekt des Eigensinns von Mädchen verstanden. Selbstinszenierungen
schliessen in der vorliegenden Arbeit sowohl äußerliche Inszenierungen, also wie kleiden sich Mädchen, als
auch habitualisierte Praktiken von Mädchen ein. Der Begriff Eigensinn geht in manchen Teilen über Selb-
stinszenierungen hinaus und zwar dann, wenn Mädchen im „wahrsten Sinne des Wortes“ ihren eigenen Sinn,
ihren eigenen „Kopf“ durchsetzen wollen.
Einleitung
11
Rekonstruktion von dichotomen Ordnungsschemata bewegen. Aus diesem Grund wurde
für die Interviews mit Pädagoginnen eine „widerspruchsfreundliche“ Fragestellung ge-
wählt, in der das Interventionsparadox auftritt.
Diese Erkenntnisse in ihrer Interdependenz mit poststrukturalistischen Überlegungen wer-
den im letzten Kapitel der Arbeit zusammengefasst und auf dieser Grundlage Perspektiven
für eine (de)konstruktive Arbeit mit Mädchen skizziert.
In den Analysen von Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit wurde der Um-
gang mit diskursiv hergestellten Hierarchien herausgearbeitet und Potenziale von Wider-
stand und Querbewegungen bezogen auf das hierarchische Geschlechterverhältnis aufge-
zeigt. Im Kontext von Mechanismen zur Herstellung von Macht und komplexen Strukturen
von Herrschaft geht es im letzten Teil der vorliegenden Arbeit nicht um das Anbieten ein-
dimensionaler Lösungen und deren unmittelbarer pragmatischer Umsetzbarkeit.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist ein Aufzeigen von Ansatzpunkten für eine kritische Reflexi-
on und Weiterentwicklung von Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit.
Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der Rechtschreibreform, die auch auf Zitate über-
tragen wurde.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
12
2. Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von
macht- und herrschaftskritischen Überlegungen
Herrschaftsstrukturen und Diskriminierungsmechanismen prägen unsere Gesellschaft und
zwischenmenschliche Interaktionen. Soziale Strukturkategorien wie Geschlecht, Schicht
und Ethnie sind in ihrer Interdependenz mit hierarchischem Denken von besonderer Be-
deutung. In der vorliegenden Arbeit steht die Kategorie Geschlecht in ihrer Verwobenheit
mit dem hierarchischen Geschlechterverhältnis4 im Mittelpunkt.
Dabei geht es um ein Aufzeigen von Strukturen, also darum, wie Mechansimen der Her-
stellung der Kategorie Geschlecht und des hierarchischen Geschlechterverhältnisses funk-
tionieren. Das Aufzeigen wie diese Funktionsweisen wirken, ist methodologisch verkop-
pelt mit einem Rückgriff auf das was mit ihnen konstruiert wird. So besteht zwar die Ge-
fahr ontologischer Zuschreibungen, um jedoch Phänomene, Strukturen und Verhältnisse in
ihrem prozesshaften Moment aufzuzeigen, muss zunächst auf Bestehendes zurückgegriffen
werden. So ist nicht allein die Frage nach einem „Wahrheitsgehalt“ dessen ausschlagge-
bend, in welcher Form z.B. Frauen in einem hierarchischen Geschlechterverhältnis diskri-
miniert werden, sondern darüber hinaus die Sicht auf die Funktion und Bedeutung von
Zuschreibungen an die Kategorie Frau und die Kategorie Mann in dieser Gesellschaft.
Die Frage nach Strukturen und Herstellungsmechanismen herrschaftlichen Denkens ist
verknüpft mit dem Paradigma dieses Denkens: Wie wird die Welt und fokussierter, ein
hierarchisches Geschlechterverhältnis und die Kategorie Geschlecht im Denken der Mo-
derne, welches sich durch eine dichotome Weltsicht (Albrecht-Heide 1995, 1996; Rom-
melspacher 1995; Baumann1996) strukturiert, konstruiert?
Hierbei sind feministische Diskurse von Bedeutung, um am Beispiel derer aufzuzeigen,
welche Bewegungen in feministischen Argumentationen Wege aus der gesellschaftlich
realen Benachteiligung von Frauen andeuten. Dabei beziehen sich diese feministischen
Überlegungen sowohl auf eine Veränderung einer alltagspraktischen Ebene des Umgangs
4 Im folgenden wird von dem hierarischen Geschlechterverhältnis geschrieben. Dies bezieht sich auf Bezie-
hungen zwischen Frauen und Männern, im Rahmen derer Frauen als Untergeordnete, als Benachteiligte er-
scheinen. Andere Geschlechterverhältnisse zwischen Frauen und Frauen, Männern und Männern und egalitä-
re Geschlechterverhältnisse, die es in Lebensrealitäten von Frauen und Männern manchmal geben mag, wer-
den nicht berücksichtigt, weil dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
13
der Geschlechter, als auch auf eine Veränderung einer Ebene der symbolischen Ordnung
der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit.
Im Mittelpunkt folgender Ausführungen stehen keine detaillierten Darstellungen der
Bandbreite des feministischen Diskurses, sondern das Aufzeigen argumentativer
Hauptstränge in der bundesrepublikanischen feministischen Bewegung, die als Versuche
aus dichotomen Denkkategorien auszubrechen begriffen werden können: Androgynie
(Bock 1988), Differenz (Diotima 1989; Irigaray 1887, 1991; Libreria delle donne di mila-
no 1988, 1996; Kahlert 1995, 1996;) und egalitärer Differenz (Prengel l991, 1993)
Postmoderne Überlegungen ( Foucault 1977; Lyotard 1986), die von der Annahme der
Konstruiertheit von Realität ausgehen, bezeichnen Wege des Denkens von Differenzen.
Weil das Denken der Postmoderne von Differenzen ausgeht, schließt es das Denken der
Moderne mit ein, verwirft es nicht, sondern stellt scheinbare Wahrheiten der Moderne in
Frage. Im Zusammenhang mit der Postmoderne ist ein Verweis auf Jacques Derrida (1986,
1988, 1990) schlüssig, der mit seiner Methode der Dekonstruktion ein herrschaftskritisches
Anliegen formuliert. Er macht mit dieser Methode Herrschaftsausübungen transparent, in
dem er den Konstruktionscharakter vermeintlich ontologischer Gegebenheiten und stati-
scher Positionen aufzeigt und deutlich macht, das z.B. Lebensrealitäten von Menschen
verschieden konstruiert werden. Vermeintlich statische Positionen und Oppositionen ver-
sucht er durch Bedeutungsverschiebungen aufzuzeigen.
Poststrukturalistische Feministinnen ( Flax 1987; Weedon 1991; Butler 1991, 1995) de-
konstruieren vor diesem Hintergrund die zentralen feministischen Begrifflichkeiten, damit
steht das feministische Subjekt, die Kategorie „Frau“ im Mittelpunkt der Kritik. Wurde im
feministischen Diskurs bisher über die Kategorien „sex“ (biologisches Geschlecht) und
„gender“ (soziales Geschlecht) nachgedacht, bestreiten poststrukturalistische Feministin-
nen nun grundsätzlich die monokausale Konformität von sex und gender und die Natur-
haftigkeit der Übereinstimmung dieser Kategorien. Sie versuchen mit diesen Überlegungen
auf der Ebene der symbolischen Ordnung Wege aus dem hierarchischen Geschlechterver-
hältnis aufzuzeigen.
Gleichzeitig existieren wir als Frauen und Männer in dieser Gesellschaft. Das gelebte Ge-
schlecht als Existenzweise ist für Maihofer (1995) die Ausgangsbasis für Veränderungen
bezogen auf das hierarchische Geschlechterverhältnis.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
14
2.1 Strukturen und Herstellungsmechanismen von Dominanzkulturen am Beispiel
des hierarchischen Geschlechterverhältnisses.
Ein asymmetrisches Arrangement der Geschlechter in westlichen Gesellschaften bildet den
Kern des Systems der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit. Dieses hierarchische Ge-
schlechterverhältnis ist i.d.R. zuungunsten von Frauen konstruiert. Benachteiligungen im
Arbeitsleben, eine Vergeschlechtlichung von Berufsarbeit, die einhergeht mit Prestigever-
lust und minderer Bezahlung (Wetterer 1995; Knapp 1995) und eine Zuschreibung von
Beziehungs- und Erziehungsarbeit an Frauen, bedeuten, dass Frauen von gesellschaftlicher
Macht weitgehend ausgeschlossen sind. Gleichzeitig ist die Position von Frauen im hierar-
chischen Geschlechterverhältnis nicht eindimensional. Zwar profitieren Frauen von dieser
Kultur nicht im gleichen Maße wie Männer, jedoch können sie sich als Unterworfene eines
patriarchalen Systems begreifen und gleichzeitig von diesem System ihren Nutzen haben.
Sie sind zugleich Ein- und Ausgeschlossene, sie sind diskriminiert und dominant. Identi-
täten können in diesem Zusammenhang als mehrdimensional begriffen werden, denn ein
eindimensionaler Identitätsbegriff würde diesen Lebensrealitäten nicht gerecht. Das Kon-
zept der „multiplen Identitäten“ (vgl. Keupp/Bilden 1989; Rommelspacher 1995; Albrecht
Heide 1996) macht eine Vieldimensionalität von Subjekten deutlich. Birgit Rom-
melspacher formuliert in diesem Zusammenhang:
Multiple Identität bedeutet, dass niemand nur Frau bzw. Mann ist, sondern zugleich
durch andere Attribute wie weiß bzw. schwarz, reich oder arm etc. geprägt ist. Es be-
deutet auch, dass die Identitäten oft nicht exklusiv sind, zum Beispiel dass frau entwe-
der Deutsche oder Türkin ist, sondern sie kann auch Deutsche und Türkin zugleich
sein. Je nachdem, in welchem Kontext frau sich bewegt, tritt mal der eine Aspekt, mal
der andere Aspekt in den Vordergrund. Insofern ist das Selbst als ein offenes System zu
begreifen, in dem unterschiedliche Identitätselemente gleichzeitig wirksam sind, sich
gegenseitig beeinflussen, sich ständig gegeneinander verschieben und sich verändern
(Birgit Rommelspacher 1995: 90).
Die Kategorien Geschlecht, Schicht und Ethnie stehen in diesem Verständnis von Identität
in einem sich gegenseitig beeinflussenden Verhältnis zueinander und Diskriminierungen
wie z.B. Sexismen und Rassismen sind in diesem Zusammenhang nicht losgelöst neben-
einander zu sehen. Wenn Herrschaftsverhältnisse verwoben sind mit Täter-Opfer Verhält-
nissen in dem Sinne, dass jeder Mensch Täter und Opfer in verschiedenen gesellschaftli-
chen Zusammenhängen sein kann, dann bedeutet Herrschaftskritik, Machstrukturen nicht
einseitig „von oben nach unten“ zu begreifen, sondern als Geflecht von verschiedenen
Machtbeziehungen.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
15
Subjekte sind demzufolge Teile von Machtverhältnissen und konstituieren sie immer wie-
der neu.
Birgit Rommelspacher (1995) entwirft vor diesem Hintergrund den Denkansatz der Domi-
nanzkultur. Die androzentrisch geprägten westlichen Gesellschaften begreift sie als Domi-
nanzkulturen, weil hier Lebensweisen, Selbstinterpretationen und -bilder die von Anderen
entworfen werden, in Kategorien von Über- und Unterordnung gefasst werden (Birgit
Rommelspacher 1995: 22).
Dominanzkulturen sind geprägt durch unterschiedliche Traditionen von Herrschaft, im
Rahmen derer verschiedene Dimensionen wie z.B. patriarchale Herrschaft und ökonomi-
sche Herrschaft stützend und widersprüchlich zugleich sind:
So wenn die zum Beispiel quasi-ständische Geschlechterhierarchie gebrochen wird
durch das ökonomische Interesse an der Leistungskraft von Frauen und einer maxima-
len Konkurrenz der Arbeitskräfte. Das gilt übrigens auch für Menschen unterschiedli-
cher kultureller Herkunft. Gleichzeitig stabilisiert sich und verstärkt sich die Asymme-
trie der ökonomischen Macht die patriarchale Herrschaft und die kulturelle Hegemonie.
Insofern ist Dominanzkultur als ein Geflecht verschiedener Machtdimensionen [Her-
vorhebung im Original] zu begreifen, die in Wechselwirkung zueinander stehen (Birgit
Rommelspacher 1995: 23).
Nach diesem Verständnis beziehen Dominanzkulturen sich auf Modernisierungsprozesse
von Herrschaft. Ein Repressionsmodell, in dem deutlich zwischen Herrscher und Be-
herrschten unterschieden werden kann, ist so immer mehr einem Modell gewichen, in dem
Macht in die Individuen selbst hineinverlagert wurde. Die Omnipotenz, Vieldimensionali-
tät und relative Unsichtbarkeit, sind Merkmale von Dominanzkulturen (Birgit Rom-
melspacher 1995: 25).
Trotz dieser feinen Verästelung von Macht bleibt der Mechanismus von Dominanzkulturen
unangefochten, so formuliert Astrid Albrecht-Heide als ein Paradigma von Dominanzkul-
turen, dass wir nichts „unbeherrscht“ lassen können (Astrid Albrecht-Heide 1995b):
Wir dichotomisieren; wir polarisieren; wir hierarchisieren; wir können nichts unbe-
wertet lassen. Und wenn wir bewerten, tun wir das vorrangig im schwarz-weiß-
Schema, d.h. dichotomisierend und hierachisierend zugleich (Astrid Albrecht-Heide
1995b: 2).
Das Denken in Dichotomien, in Kategorien, die gegeneinander in Hierarchien gesetzt wer-
den, ist ein grundsätzliches Element von Dominanzkulturen. Lebensweisen und Lebens-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
16
realitäten in unserer Gesellschaft sind damit durchdrungen von Konstruktionen und Erfah-
rungen von Herrschaft und Unterwerfung.
2.1.1 Dualistisches Denken als Paradigma der Moderne
Das dualistische Denken der Moderne stellt einen Mechanismus dar, der dazu beiträgt,
Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren. Dieses Denken wird im Folgenden idealtypisch
herausgearbeitet, um dessen Wirkungsweise transparent zu machen. In der gesellschaftli-
chen Realität tritt dieses Denken in seiner idealtypischen Form selten auf, es wird nicht
immer schematisch in Dichotomien gedacht und gesprochen. So haben sich u.a. gesell-
schaftliche Anforderungen an Geschlechter aufgeweicht, eine strikte tradierte ge-
schlechterstereotype Aufteilung dessen, was Frauen und Männer zu tun haben, verwischt
sich. Der Wirkungsmechnismus jedoch, der ein hierarchisches Geschlechterverhältnis im-
mer wieder modifiziert herstellt, bleibt trotz der gesellschaftlich möglichen Abweichung
von Zuschreibungen an die Geschlechter dennoch bestehen.
Zygmunt Baumann (1996) formuliert aus soziologischer Sicht die Unterschiede zwischen
modernem und postmodernem Denken. Als Paradigma modernen Denkens beschreibt er
das Denken in Binaritäten, welches sich auf Ausschließungen und Verwerfungen stützt. Er
plädiert in historischen Rekursen auf die Anerkennung von Ambivalenzen, von unaufheb-
baren Zweideutigkeiten in der menschlichen Existenz.
Um das Denken der Moderne plastisch darzustellen, beschreibt Zygmunt Baumann den
entstehenden Staat der Moderne, dessen Genese in der Phase des Industriekapitalismus5
terminiert werden kann, als „Gartenbau – betreibenden“ Staat:
Seine Haltung war die Haltung eines Gärtners. Er entzog dem gegenwärtigen (wilden,
unkultivierten) Zustand der Bevölkerung die Legitimation und zerstörte die vorhande-
nen Reproduktions- und Gleichgewichtsmechanismen. An ihre Stelle setzte er planmä-
ßig konstruierte Mechanismen, die dazu dienen sollten, die Veränderung des rationalen
Entwurfs zu lenken. Der Entwurf, angeblich von der höchsten unzweifelbaren Autorität
der Vernunft diktiert, stellte Kriterien bereit, um die bestehende Realität zu bewerten
(Zygmunt Baumann 1996: 35).
5 Die Aufklärung und die Industrialisierung brachten Umbrüche auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit sich.
Astrid Albrecht-Heide (1995) führt aus, dass mit der Industriealisierung „neue Menschen“ gebraucht wurden
sowohl auf der Ebene der Herrschaft als auch auf der Ebene derer die „unten“ sind. „Auf der Herrschaftsebe-
ne geht es im Industriekapitalismus um bestimmte menschliche Eigenschaften und die dazu passenden Zu-
richtungen wie Handlungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen, d.h.: energisch, dynamisch, erfolgreich, ja,
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
17
Kriterien, um Realität zu bewerten, sind binär codierte Kriterien und das Denken in Di-
chotomien, in hierarchischen Oppositionen ist Grundlage dieser Kriterien. Die Moderne
und ihre Idee der Zivilisation fungiert als Strukturkategorie, mit der Andersheit aufgelöst
und assimiliert werden soll, so Zygmunt Baumann.
Dieses Paradigma – das Denken in Binaritäten - macht Zygmunt Baumann am Beispiel des
Verhältnisses Freunde/ Fremde deutlich. Anhand dieses Begriffspaars macht er plastisch
und nachvollziehbar den Wirkungsmechanismus transparent: So seien die Freunde, was die
Feinde nicht sind und umgekehrt. Freunde und Feinde stünden in Opposition zueinander:
Wie die meisten Gegensätze, die die Welt, in der wir leben, und zugleich unser Leben
in dieser Welt ordnen, ist dieser Gegensatz eine Variation der obersten Opposition zwi-
schen dem Innen und dem Außen. Das Außen ist die Negativität der Passivität des In-
nen. Das Außen ist das, was das Innen nicht ist. Die Feinde sind die Negativität der Po-
sitivität der Freunde. Die Feinde sind das, was die Freunde nicht sind [Hervorhebung
im Original] (Zygmunt Baumann 1996: 73).
Freunde und Feinde sind demnach komplementäre Kategorien und die eine Kategorie ist
ohne die andere Kategorie nicht denkbar, gäbe es keine Feinde, gäbe es auch keine Freun-
de. Dieses auf den ersten Blick symmetrische Verhältnis zwischen Freunden und Feinden
entlarvt Zygmunt Baumman als asymmetrisch, denn es seien die Freunde, die die Definiti-
onsmacht haben wer Freund und wer Feind sei.
Es gäbe keine Feinde, wenn es keine Freunde gäbe, und es gäbe keine Freunde, wenn
es nicht den gähnenden Abgrund der Feindschaft draußen gäbe. Die Symmetrie ist frei-
lich eine Illusion. Es sind die Freunde, die die Feinde definieren, und der Anschein der
Symmetrie ist selbst ein Zeugnis ihres asymmetrischen Rechts auf die Definition [Her-
vorhebung im Original] (Zygmunt Baumann 1996: 74).
Zygmunt Baumman bezieht seine Überlegungen auf Freunde und auf Feinde. Analog kön-
nen diese Überlegungen auf die Kategorie Geschlecht übertragen werden.
Das Denken der Moderne ist so gesehen ein Denken in Dichotomien, ein „schwarz-weiß“
Denken, in dessen Logik i.d.R. alle Unterschiede binär codiert sind. Die Definitionsmacht
und damit im Denken der Moderne einhergehend Herrschaftsverhältnisse, werden so pro-
duziert und reproduziert. Dualistisches Denken und das Denken einer hierarchischen
Zweigeschlechtlichkeit hängen demzufolge nahezu untrennbar miteinander zusammen.
hart sein. Diese Tugenden wurden vor allem „dem Mann“ zugeschrieben; die Gegenkonstrukte haben wir vor
allem bei „der Frau“ zu suchen.“ (Astrid Albrecht-Heide 1995: 195)
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
18
Wenn die Kategorien der Opposition Freund/Feind ausgetauscht werden durch die Katego-
rien Frau/Mann, bildet sich der modernen Logik folgend ein hierarchisches Geschlechter-
verhältnis ab6:
Frauen wären das, was Männer nicht sind. Im dualistischen Denken wird davon ausgegan-
gen, dass sich menschliche Eigenschaften überwiegend in einem der beiden Geschlechter
manifestieren, hierfür sind Geschlechterstereotypen bezeichnend. Diese Geschlechterste-
reotypen und die davon abgeleiteten Geschlechtscharaktere polarisieren die Männern und
Frauen zugeschriebenen Eigenschaften, demnach wird z.B. Aktivität polarisierend ergänzt
durch Passivität. Hierdurch wird ein System einer scheinbaren Symmetrie konstruiert, in
der das weibliche und männliche Prinzip einander wechselseitig ergänzen. Die Symmetrie
ist deshalb scheinbar, weil eine Seite dieser Symmetrie gesetzt ist (das männliche Prinzip)
und die andere Seite hiervon abgeleitet wird (das weibliche Prinzip)7.
In diesem dualistischen System existiert ein Geschlechterverhältnis, dessen universaler
Maßstab männlich determiniert ist. Das männliche Prinzip wird gleichsam zum menschli-
chen Prinzip erklärt und Weiblichkeit wird hiervon, meistens im Negativen, abgeleitet -
Weiblichkeit wird demzufolge als Sonderfall des Menschen konstituiert. Gleichzeitig wer-
den die Unterschiede zwischen weiblich und männlich benutzt, um Hierarchien zu kon-
struieren, dies geschieht z.B. durch Idealisierungen und Diffamierungen. Dualistisches
Denken, das Denken einer binären Einheitslogik (der Mensch), ist in unserer Gesellschaft
so tief verwurzelt, dass seine Ergebnisse als naturgegeben, als schon immer da gewesen
6 Die sexuelle Differenz in ein Herrschaftsverhältnis umzudenken und den Geschlechterdualismus in Verbin-
dung mit anderen Dualismen zu verbinden, führen die Italienischen Differenztheoretikerinnen auf Aristoteles
zurück. Sein Denken habe die entscheidenden Impulse gegeben um die Differenz zwischen Männern und
Frauen in ein Herrschaftsverhältnis von Männern über Frauen umzuformen. (Vgl. Heike Kahlert 1996: 33)
7 Eine interessante Sicht auf die Entstehung dieser Zuschreibungen bietet Claudia Honegger in ihrem Buch
über die Entstehung der „weiblichen Sonderanthropologie“. Sie beschreibt die Entwicklung der Zuschreibun-
gen an Männer und Frauen als ein relativ neues Phänomen. So seien die Geschlechterrollen im Mittelalter
und in der Renaissance in der Regel durch die Standeszugehörigkeit definiert gewesen und die Menschen
wurden danach beurteilt, was sie taten. Junge Männer standen in der Hierarchie auf der gleichen Stufe wie
Frauen – beide waren jedoch dem erwachsenen Mann unterlegen und von ihm abhängig. Die Menschen die-
ser Zeit nahmen an, so führt es Claudia Honegger aus, das Männliche entstehe erst durch eine „Durchquerung
des Weiblichen“. In der Medizin, die auf Ideen der Antike fußte, ging man davon aus, dass sowohl Männer
als auch Frauen die gleichen Geschlechtsorgane haben mit dem Unterschied, dass sie bei Männern außen
liegen würden und bei Frauen innen. Die Entwicklung des Penis sei bei Frauen aufgrund „mangelnder Hitze“
nicht abgeschlossen. Frauen seien eine unvollkommene „Spielart“ des Mannes. Männer und Frauen seien
Variationen des gleichen Geschlechts. Claudia Honegger zeigt in ihrer Untersuchung den Prozeß der Neube-
stimmung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses auf. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen dem
sich etablierenden Bürgertum und der Herausbildung der Geschlechtscharaktere, die die unauflösliche Ver-
bindung psychologischer und physischer Merkmale kennzeichneten und die die Unterscheidung der Ge-
schlechter möglich machte. Die Andersartigkeit der Frau wurde biologistisch begründet, so Claudia Honeg-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
19
erscheinen. Als Beispiel sei hier die gesellschaftliche Setzung Heterosexualität (Christine
Holzkamp 1993) angeführt. Das Konstrukt Heterosexualität zeigt sich idealtypisch in dem
Mythos der romantischen Liebe, die sich ausschließlich auf die Paarkonstellation von Frau
und Mann bezieht und in der Ehe gipfelt. Die gesellschaftliche Grundannahme ist hier,
dass es nur eine „normale“ Form von Sexualität gibt – die Heterosexuelle. Alle anderen
Formen sind „Abweichungen von der Normalität“8, der Mechanismus der Idealisierung der
Heterosexualität und der Diffamierung der Homosexualität und der damit einhergehenden
Hierarchisierung wird deutlich (vgl. Kapitel 2.2.2.1: 47).
2.1.2 Androgynie, Gleichheit und Differenz als Möglichkeiten für herrschaftskriti-
sches Denken?
Das Denken der Moderne gründet auf den Ausschluss des Anderen und stellt einen Me-
chanismus zur Herstellung und Aufrechterhaltung von Herrschaft und Dominanzkultur dar.
Die feministischen Konzepte Androgynie und Gleichheit und Differenz bedeuten Versuche
von Denkbewegungen aus dem hierarchisierenden Denken in Dichotomien heraus.
Androgynie und Gleichheit und Differenz sind Denkmodelle, die in feministischen Diskur-
sen zum einen problematisiert ( Bock 1988; Kahlert 1996) und zum anderen als mögliche
Wege aus einem hierarchischen Geschlechterverhältnis heraus diskutiert werden (Sa-
vier/Wild 1980; Klees, Marburger, Schumacher 1992; Maihofer 1995).
2.1.2.1 Der androgyne Mythos
Die folgenden Ausführungen basieren auf Überlegungen von Ulla Bock (1988), die der
Frage nachgegangen ist, ob bzw. wie Androgynie9 einen Beitrag zur Enthierarchisierung
von Geschlechterverhältnissen leisten kann.
ger. Dies wird u.a. daran deutlich, dass in der Medizin die Frau als Sonderfall des Mannes konstruiert wurde.
Die Disziplin der „weiblichen Sonderanthropologie“ etablierte sich. (Vgl. Claudia Honegger 1992)
8 Hier bildet sich durch den Sprachgebrauch ein grundsätzliches Dilemma ab: so werden zwar die Begriffe
„Norm“ und „Abweichung“ in Anführungsstriche gesetzt, gleichzeitig wird hierdurch die Norm Heterose-
xualität reproduziert. Das Bestehende wird durch dessen diskursive Reproduktion kritisiert. Dieses Dilemma
besteht auch dann, wenn von anderen Kategorien gesprochen wird wie z.B. von „Frau“, „Mann“, „weiblich“,
„männlich“. Das Setzen der Anführungsstriche ist eine Geste der Distanzierung von der scheinbaren Natür-
lichkeit der Kategorien. Gleichzeitig werden die Kategorien doch benutzt. Aus diesem Dilemma gibt es keine
Bewegung heraus.
9 Androgyn, gr.lat.: Mannweib; Androgynie, gr.lat.: die körperlich-seelische Mischung beider Geschlechter
in einer Person (vgl: Duden 1990). Beispielhaft findet sich dieser Gedanke bei Platon und seiner Idee der
Kugelmenschen und der darauf basierenden Utopie der Androgynie. In diesem Mythos ist von Kugelmen-
schen mit vier Armen, vier Beinen und den Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter die Rede. Diese
Kugelmenschen zogen den Zorn der Götter auf sich und wurden zur Strafe in zwei Hälften geteilt: Männer
und Frauen. Seitdem sind beide Geschlechter auf der Suche nach dem jeweils anderen, um wieder vollständig
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
20
Androgynie hat in seiner Kulturgeschichte viele Deutungen erfahren, gemeinsam ist allen
diesen Deutungen, der abstrakte Wunsch einer eindeutigen Zuordnung zu einem Ge-
schlecht zu entgehen.
Als Ideal basiert die Androgynie auf dem Gedanken einer symmetrisch gestalteten Ein-
heit, in der das Weibliche und Männliche gleichwertig in Eins gesetzt werden (Ulla
Bock 1988: 125).
Dieses Paradigma einer Einheitslogik fußt auf der Vorstellung eines neutralen Dritten, ei-
nes einheitlichen übergeordneten Ganzen. Die verschiedenen Teile sind in diesem Modell
jeweils unvollständig und bilden erst zusammengefügt ein Ganzes, etwas Vollständiges.
Die einzelnen Teile sind demnach immer ergänzungsbedürftig, benötigen die Ergänzung
eines anderen und bilden so in einer idealtypischen Vorstellung eine Symmetrie10. Diese
Symmetrie ist, auf Grund der asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen Männern und
Frauen jedoch kaum denkbar.
Dem nicht [Hervorhebung im Original] entsprechend wird in nahezu allen uns bekann-
ten zeit- und kulturspezifischen Ausdeutungen von Androgynie die weiblich-männliche
Einheit als ein asymmetrisches [Hervorhebung im Original] Verhältnis erkennbar, das
zwar eine positiv gelebte Spannung des sich gegenseitig ergänzenden weiblichen und
männlichen Prinzips in einem Menschen oder einem Paar meint, gleichwohl von einem
Ungleichgewicht zeugt, das sich aufgrund einer durchgängig höheren Bewertung des
männlichen Prinzips auf allen Ebenen herstellt (Ulla Bock 1988: 125).
In der Konstruktion von Androgynie ist ein Mensch vorgesehen, der alle menschlichen
Eigenschaften in sich vereint und so die Geschlechterhierarchie überwindet. Damit wird
eine Utopie der Aufhebung von Frau und Mann in einem universalistischen Menschen
entwickelt. Die Auseinandersetzung mit den existierenden Machtverhältnissen wird so
scheinbar überflüssig, denn vordergründig scheinen die Problematiken einer hierarchisier-
ten Geschlechterdifferenz gelöst zu sein. Das Grundproblem dieses Denkmodells ist jedoch
die Tatsache, dass bisherige Ansichten von dem, was aktuell als weiblich und männlich
bezeichnet wird, nicht revidiert werden und die gesellschaftliche Konstruiertheit dessen,
was hier und jetzt als weiblich und männlich definiert wird, nicht thematisiert wird. Dar-
zu sein. Die Kugelmenschen verkörpern in diesem Mythos die Utopie der Androgynie (Ulla Bock 1988: 140
f.). Im Original „Gastmahl der Liebe“ geht Platon einen Schritt weiter. Die Kugelmenschen bestanden zum
Teil auch aus Frauen und Frauen und aus Männern und Männern, als eine Einheit, die geteilt wurde. Platon
erklärte so die Homosexualität der Geschlechter.
10 Als ein Beispiel hierfür steht das romantische Liebesideal in der die Frau mit dem Mann verschmilzt und
welches dann in der Ehe gipfelt. „Das Aufleben des Gedankens der Androgynie in der Romantik steht im
Dienst der „Heilung“ des gespaltenen Mannes mit Hilfe einer „idealen Geliebten“ (Ulla Bock 1988: 151).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
21
über hinaus wird die Realität einer hierarchischen Gesellschaftsordnung nicht benannt.
Differenzen und die damit verbundene Geschlechterhierarchie werden in der Logik des
Denkens der Androgynie ausgeblendet.
So impliziert eine androgyne Utopie dualistisches Denken und bezieht sich dialektisch auf
die Trennung und Teilung des Menschen in zwei Hälften.
Die androgyne Einheit ist ungetrennte Zweiheit und setzt doch die Differenz und Tren-
nung voraus (Ulla Bock 1988: 125).
Darüber hinaus ist das „neutrale Dritte“ eine Fiktion, in und durch den universalen männli-
chen Maßstab geprägt, denn in einem hegemonialen Geschlechterdiskurs kann es kaum
eine „neutrale“ oder „objektive“ Instanz geben, die den Ort des „neutralen Dritten“ reprä-
sentiert.
Das Hauptinterpretationsmuster von Androgynie zielt auf den Mann, auf die Verbin-
dung des Männlichen mit dem Weiblichen oder die Wiederaneignung des abgespalte-
nen Weiblichen durch das Männliche (Ulla Bock 1988: 184).
Der Ort des neutralen Dritten ist demzufolge männlich konnotiert. Darüber hinaus ist auf
der Ebene der gesellschaftlichen Sichtweise auf als androgyn eingeschätzte Männer und
Frauen ebenfalls ein Unterschied festzumachen, so Ulla Bock:
Der androgyne Mann erfährt in der Erweiterung seiner Erlebnis- und Verhaltensmög-
lichkeit eine „Heilung“. Die androgyne Frau unterliegt nicht nur der Kritik einer „fal-
schen Anpassung“ an eine Männlichkeit die als längst passé erklärt wird, sondern einen
weiteren Druck der Anpassung an den nun „vollkommenen“ Mann (Ulla Bock 1988:
184).
Auf der Ebene des täglichen Lebens spielt Androgynie insofern eine Rolle, als beide Ge-
schlechter auch diejenigen Eigenschaften nutzen bzw. haben, die dem jeweils anderen Ge-
schlecht zu geschrieben werden. Auf einer Ebene der symbolischen Ordnung hingegen,
kann die Utopie der Androgynie wenig zu einer Veränderung von asymmetrischen Macht-
verhältnissen der Geschlechter beitragen, denn letztlich reproduziert das Modell der An-
drogynie Konstruktionen über weiblich und männlich.
Der dem zukünftigen technischen Zeitalter gemäße Mensch ist der androgyne weibli-
che und androgyne männliche Mensch. Beide verfügen über die notwendige Sensibili-
tät und Flexibilität, auch die Grenzüberschreitungen zwischen sozial-technisch gleich
gewordenen Rollen von Frauen und Männern zu vollziehen und die verbleibenden Wi-
dersprüche in sich zu integrieren. An der substantiellen Bestimmung dessen, was weib-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
22
lich und was männlich ist oder sein soll, hat sich damit nichts geändert (Ulla Bock
1988: 185).
Androgynie so begriffen bedeutet eher eine Reproduktion des bestehenden hierarchischen
Geschlechterverhältnisses, denn ein Aufbrechen desselben.
Ulla Bock diskutiert das Modell der Androgynie deshalb auch im Zusammenhang mit einer
Dekonstruktion dessen, was als männlich bzw. weiblich begriffen wird, im Sinne einer
Loslösung von Zuschreibungen von Verhaltensweisen an die Kategorie Geschlecht.
Eine emanzipatorische, die bloße dynamische Anpassung an eine neue „Normalität“
überschreitende Bedeutung gewinnt die Androgynie nur in dem Maße, wie das polare
Ordnungsschema von Weiblichkeit und Männlichkeit verlassen werden kann, dann,
wenn menschliche Verhaltensweisen und Fähigkeiten des Verbindlichen wie Intuition
und Emotionalität, Weichheit und Nachgiebigkeit nicht länger mehr mit Weiblichkeit
identifiziert und ebenso die Fähigkeiten des Trennenden, Sezierenden des Geistes und
der Vernunft, der Härte und der Durchsetzungskraft nicht mehr mit Männlichkeit
gleichgesetzt werden (Ulla Bock 1988: 186).
Gegen die Einschätzung Ulla Bocks kann eingewandt werden, dass ein solches Modell
keine Utopie von Androgynie mehr darstellt, denn Androgynie braucht eine Trennung,
eine Teilung in männlich und weiblich um in einer Verschmelzung von beiden existent zu
werden. Ohne ein polares Ordnungsschema kann es die Utopie der Androgynie nicht geben
und somit birgt eine androgyne Utopie kaum eine Möglichkeit aus dem „Denkdilemma“
von Dichotomien heraus, weil Androgynie diese Dichotomien notwendigerweise braucht.
Androgynie bezogen auf eine Ebene von Lebensrealitäten von Menschen ist ein prakti-
ziertes Modell, auf der Ebene der symbolischen Ordnung der hierarchischen Zweige-
schlechtlichkeit scheinen Veränderungen eher schwierig, weil der Mechanismus des Den-
kens der Androgynie sich in der Logik des Denkens in Dualitäten bewegt. Kritisiert wird
demzufolge in feministischen Debatten (vgl. Bock 1988: 127) die Angleichung von Frauen
an Männer und die Entwicklung zu einer androgynen Vollkommenheit als eine an Männ-
lichkeit orientierte Konstruktion. Die Utopie der Androgynie kann vor diesem Hintergrund
für Frauen kaum eine positive Figur sein, weil in ihr Anteile der Lebensrealtitäten von
Frauen nicht enthalten sind und das Modell von Androgynie auch kaum Raum hierfür bie-
tet. Als emanzipatorische Utopie scheint Androgynie deshalb wenig geeignet angesichts
der patriarchalen Realitäten an denen dieses Modell orientiert ist.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
23
2.1.2.2 Gleichheit, Differenz, egalitäre Differenz
In der Logik der Androgynie, mithin einem Denken in Dichotomien, kann sich auch ein
Denken von Gleichheit und Differenz bewegen. Die Mechanismen sollen im Folgenden
dargestellt werden.
Ein Verständnis von einer Gleichheit von Frauen und Männern entstand mit der bürgerli-
chen Moderne. Während der Französischen Revolution wurden Frauen von den Forderun-
gen „Liberté, egalité, fraternité“, der Proklamation nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlich-
keit nahezu ausgeschlossen. Zwar wurden in Frankreich Frauen mit den so genannten
„großen Gesetzen“ von 1792 im Rahmen des Scheidungsrechtes als gleichberechtigte Ehe-
partnerinnen benannt, und mit der Verfassung von 1791 wurde ihnen eine Gleichheit im
Erbrecht und eine gleiche bürgerliche Volljährigkeit zugestanden wie Männern. Auch
wurden sie als genügend vernunftbegabt anerkannt um z.B. Verträge abzuschließen. Den-
noch: Staatsbürgerinnen (citoyennes) wurden Frauen nicht. In den Erklärungen der Men-
schenrechte waren sie nicht mitgemeint, da es selbstverständlich war, dass Frauen keine
gleichberechtigten Menschen waren. Frauen waren weder Staatsbürgerinnen noch Men-
schen11.
Es mochte zwar noch angehen, dass das gemeine Volk plötzlich zu Geist und Verstand
gekommen war, aber nicht die Frauen. Viele von denen, die sich heldenhaft für das all-
gemeine Recht auf Bildung einsetzten, für das universelle Wahlrecht und dafür, dass
der einfachste Bauer die Möglichkeit erhielt, zum aufgeklärten Bürger zu werden,
lehnten es kategorisch ab, den Frauen dasselbe zuzugestehen, und es grauste ihnen bei
dem Gedanken, der Lauf der Dinge könnte Frauen eines Tages auch die Macht überlas-
sen. Denn Bürgerinnen in das staatliche Gemeinwesen zu integrieren würde bedeuten,
sie zu aktiven, dem Mann gleichgestellten Subjekten der Revolution mit Entschei-
dungsgewalt zu machen. Für viele damalige Zeitgenossen war dies eine unerträgliche
Perspektive. Dagegen war die Vorstellung, dass Männer emanzipatorische bürgerliche
Gesetze für Frauen schufen, schon beruhigender, da Letztere dadurch ihre Stellung als
Objekte beibehielten: Objekte einer fortschrittlichen Gesetzgebung zwar, aber dennoch
Objekte (Elisabeth G. Sledziewski 1994:52).
In diese Zeit fällt die Genese einer „Weiblichen Sonderanthropologie“(Claudia Honegger
1992) in deren Rahmen die Differenz der Geschlechter biologistisch verortet wurde. Die
Generalisierung des Mannes zum Menschen wurde verknüpft mit der Konstruktion der
11 1789 ergänzte Olympe de Gouges die neuen Rechte für Männer für ihre Geschlechtsgenossinnen. Sie
reicht bei der Königin Marie Antoinette die „Déclaration des droits de la femme“ ein. Den Machthabern der
französischen Revolution wie bspw. Robespierre und Danton war die Teilnahme der Frauen nur solange
recht, wie sie die Unterstützung der Frauen für ihre eigenen Vorhaben benötigten. Die Frauen die sich mit
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
24
Besonderheit der Frau als Studienobjekt in der Medizin, Philosophie und Psychologie. So
wurde die Frau beispielsweise als „Naturwesen“ aufgrund ihrer Gebärfähigkeit definiert.
Für Frauen wurde ein physiologisch geprägter Geschlechtscharakter entworfen, der sich
durch mangelnde Intellektualität und „Unmoral“ auszeichnete, ihnen wurden damit jene
Fähigkeiten abgesprochen die einen Menschen bzw. Bürger damals ausmachten: frei, ver-
nunftbegabt, autonom zu sein. Freilich fügten sich Frauen nicht klaglos in diese neuen
Grenzen und Zuschreibungen, denn es wurde einiges an Rhetorik12 bemüht, um die Frauen
von der Erhabenheit der weiblichen Bestimmung zu überzeugen.
Der proklamierte „Himmel“ von universellen Gattungsnormen wird einen Kulturkampf
anzetteln, in dessen Folge die Frauen umso unerbittlicher Kampagnen kultureller Nor-
malisierung unterworfen werden. So rejustiert, werden sie wieder auf die geteilte Erde
entlassen, um fortan gleichsam das Bildungsprogramm der Schwerkraft oder Bodennä-
he der modernen Verhältnisse zu übernehmen - im Namen von wissenschaftlicher Na-
turbestimmung und im Auftrag der gesellschaftlichen Normalität von geschlechtlichen
Komplementärverhältnissen (Claudia Honegger 1992: 71).
Der moderne Diskurs der Geschlechterdifferenz entstand und mithin wurden Frauen durch
das Nachweisen einer fundamentalen Andersartigkeit, vom Mensch- bzw. Bürgersein aus-
geschlossen.
Subjekte und Maßstab dieser eben skizzierten Gleichheit sind, der Logik der Moderne fol-
gend, in der Regel weiße, europäische oder nordamerikanische Männer. Die Forderung
nach der Gleichberechtigung von Frauen wird in der Gleichheit von Frauen und Männern
als Menschen begründet: wer ein gleicher Mensch ist, erhält die gleichen Rechte. Das be-
deutet für Frauen, dass sie entweder deutlich machen müssen, dass sie gar nicht anders sind
als Männer, oder dass sie zwar anders sind, aber dass dieser Umstand eher sekundär ist,
und dass sie trotzdem als Menschen die gleichen Fähigkeiten und die gleiche menschliche
Vernunft haben wie Männer. Das heutige historisch gewachsene Gleichheitsverständnis ist
für Frauen demzufolge ambivalent und bedeutet Assimilation. Hierarchiestrukturen werden
reproduziert und nicht, wie es der Begriff Gleichheit vermuten lässt, abgebaut:
Frauen mögen sich drehen und wenden, wie sie wollen, Maßstab für ihre Gleichheit
im Recht ist immer der Mann, seine Fähigkeiten, sein Wissen, seine Vorstellung von
Familie, Leben, Beruf, Wissenschaft, Politik usw. Ihre Verschiedenheit wird hieran
gemessen, vornehmlich in negativer und damit diskriminierender Form wahrgenom-
men. In dieser Perspektive sind Frauen immer aufgrund ihrer biologischen Geschlecht-
dieser Situation nicht abfinden wollten, wurden als „unweiblich“ und „gefährlich“ diffamiert. (Vgl. Alexan-
der Ohgke 1994)
12 Beispiele für diese Rhetorik finden sich in den vielen Ratgeberbüchlein für Frauen, in denen ihnen ihre
neue Rolle nahegelegt wurde (Claudia Honegger 1992).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
25
lichkeit behindert und daher verglichen mit den Möglichkeiten der Männer benachtei-
ligt.(...)[Auslassung A.S.]Und dies wird sich, werden Frauen an der Formulierung des
allgemeinen Maßstabs gleichberechtigt beteiligt, zwar ganz allmählich abmildern; an
der Logik selbst wird das jedoch nichts ändern [Hervorhebungen im Original](Andrea
Maihofer 1995: 168).
Gleichberechtigung in diesem Sinne bedeutet für Frauen, dass sie sich an einem androzen-
trischen Maßstab bewerten lassen müssen, dabei werden sie i.d.R. als defizitär betrachtet.
Gleichzeitig ist die Forderung nach Gleichheit und Gleichberechtigung von Frauen und
Männern angesichts der realen Benachteiligungen von Frauen eine unabdingbare Forde-
rung. An den Strukturen einer hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit vermag jedoch die
Forderung nach Gleichheit allein wenig zu ändern, denn auch dieser Entwurf bleibt ver-
strickt in einer binären Einheitslogik, weil es sich innerhalb des bestehenden androzen-
trisch geprägten Systems bewegt. Wenn nicht gleichzeitig eine Kritik an diesem System
mitgedacht wird, bleibt Gleichheit im Hinblick auf einen Wandel des hierarchischen Ge-
schlechterverhältnisses affirmativ.
Die Entwicklung in der feministischen Diskussion hat sich in diesem Zusammenhang aus-
differenziert: Vom Gleichheitsdiskurs mit seinen Forderungen nach politischer Gleichbe-
rechtigung in den 70er-Jahren, die sich in Forderungen nach gleicher Bezahlung und dem
Selbstbestimmungsrecht bezogen auf den § 218 ausdrückten, war in den 1980er-Jahren
eine Entwicklung hin zum Differenzdiskurs zu verzeichnen. Dabei stand eine Idealisierung
von Weiblichkeit, von weiblichen Eigenschaften und Fähigkeiten im Vordergrund, nicht
zuletzt um eine Solidarität unter Frauen zu fördern (vgl. Annette Bertrams 1995: 15). Die
Entwicklung weg von einer Opferposition hin zu einer Idealisierung von Weiblichkeit ist
aus heutiger Sicht historisch nachvollziehbar und gleichzeitig wird ebenso deutlich, dass
sowohl die Defizithypothese als auch die Idealisierung von Weiblichkeit als feministische
Varianten von dichotomen Denken begriffen werden können (vgl. Annette Bertrams 1995:
15).
In der feministischen Debatte existiert allerdings neben der eben skizzierten Forderung
nach einer „idealisierten Differenz“ noch die Position der qualitativen Differenz (Diotima
1989, Libreria delle donne di milano 1988, 1996, Prengel 1991, 1993, Kahlert 1995, 1996).
Diese Sicht der qualitativen Differenz wendet sich gegen ein Differenzdenken, welches mit
Hierarchien verknüpft ist. Es geht hier um Differenzen, die nicht vergleichbar sind und
damit nicht den Zwang in sich bergen, Binaritäten zu reproduzieren.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
26
Die bekanntesten Vertreterinnen dieses Differenzansatzes sind die Italienischen Diffe-
renztheoretikerinnen13: Die Philosophinnengruppe „Diotima“ und die Frauen um den
Mailänder Buchladen „Libreria delle donne“. Ihnen geht es um die Umwandlung der bis-
her hierarchisch strukturieren Gesellschaft in ein egalitäres Geschlechterverhältnis.
Die unverrückbare Verschiedenheit der Geschlechter bezogen auf „sex“, das biologische
Geschlecht, zum einen und die Verschiedenheiten unter Frauen zum anderen sind Aus-
gangspunkte dieses Denkens. Die Grundannahme der Italienerinnen ist, dass es minde-
stens zwei Geschlechter gibt, von denen keines das ganze menschliche Subjekt repräsen-
tiert. Die Zweigeschlechtlichkeit, so sagen die Italienerinnen, ist noch nicht gedacht, weil
Frauen sich noch nicht selbst, unabhängig von männlichen Zuschreibungen gedacht hätten,
weil die Kategorie Mann als universales Neutrum fungiert.
Er [der Mann. Anmerkung A.S.] findet und erkennt sich als das Besondere seiner Uni-
versalisierung wieder. Der Frau hingegen geschieht es, dass sie sich nur als das Beson-
dere vorfindet, als das endliche andere, das im universalen Neutrum Mensch/Mann ent-
halten ist (Adriana Cavarero 1989: 67).
Die Frau ist so gesehen die Spezifizierung dessen, was in der Universalisierung des Men-
schen als Nicht-Mann vorgesehen ist. Im Begriff Mensch fallen Neutrum und Mann zu-
sammen, so erkennt sich „der Mann“ im universalen Neutrum wieder, ohne das es irgend-
einer Kenntlichmachung bedarf.
Daraus folgt für die Philosophie, dass die Geschlechterdifferenz nicht gedacht wird, da
eines der beiden Geschlechter zum universalen erhoben wird, ohne dass der ursprüngli-
che Unterschied im Geschlecht, den jeder /jede so wie das Leben und das Sterben ver-
körpert, jemals Thema der Suche nach der Wahrheit wurde (Adriana Cavareo 1989:
71).
Das Problem ist demzufolge nicht die Geschlechterdifferenz, die bedingt durch den Körper
irreduzibel sei, sondern die aus ihr abgeleitete Hierarchie, so die Italienerinnen.
Für alle Differenzen, seien sie durch Kultur, Charakter, Interessen oder Altersunter-
schiede bedingt, gibt es, so meinen wir, zumindest theoretisch eine Vermittlung – nur
für eine nicht: die Geschlechterdifferenz. Sie ist irreduzibel, denn die gehört zum Kör-
per in seiner unüberwindbaren Opazität. Deshalb ist die Rede von der Komplementari-
tät zwischen Frau und Mann falsch; es kann zwar Komplementarität geben, doch ist sie
sehr beschränkt. Um es in den Begriffen der Linguistik auszudrücken: Die Geschlech-
13 Die Differenztheoretikerinnen beziehen sich auf Hannah Arendt, Adrienne Rich, Simone Weil, Virginia
Woolf und Luce Irigaray. Insbesondere Irigaray mit ihrer auf Lacan basierenden Theorie einer Repräsentati-
on der sexuellen Differenz in der symbolischen Ordnung, sind Schwerpunkte der Theorie der Italienischen
Differenzdenkerinnen. (Vgl. Libreria delle donne di milano 1996; Irigraray 1991)
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
27
terdifferenz nimmt beim Menschen, je nach Kultur und Kontext, viele verschiedene
Bedeutungen (Signifikate) an, aber im Grunde hört sie niemals auf, ein unerschöpfli-
cher Signifikant zu sein (Libreria delle donne di Milano 1996: 36).
Um sich nicht in tradierten, komplementär hierarchischen Zuschreibungen zu verfangen,
betrachten die Italienerinnen die Geschlechterdifferenz als qualitative Differenz. Qualitati-
ve Differenzen sind Differenzen, die nicht vergleichbar, nicht in Oppositionen zueinander
stehen und somit auch nicht hierarchisierbar sind.
Im Italienischen Differenzdenken lassen sich drei Ebenen der Differenzen14 unterscheiden.
1. Die Differenz zwischen den Geschlechtern und damit einhergehend die Diskrepanz
zwischen den Erfahrungen der Frauen und dem von Männern formulierten Weiblich-
keitsverständnis.
2. Die Differenzen unter Frauen z.B. durch Schicht und Ethnie
3. Die Differenzen innerhalb jeder Frau (exemplarisch sei hier das unterschiedliche situa-
tive Verhalten von Frauen benannt).
Das Geschlecht ist bei den Italienerinnen die zentrale Kategorie und Ausgangspunkt femi-
nistischer Gegenmacht. Diese Gegenmacht versuchen sie jedoch nicht durch eine Aufwer-
tung des Weiblichen zu etablieren, da dieses Vorgehen in dualistischen Denkmustern ver-
haftet bliebe, sondern durch die Entgegensetzung einer eigenen symbolischen Ordnung, die
als nichtaffirmativ und prozessbezogen begriffen wird. Um sich dieser Utopie zu nähern,
behalten die Italienerinnen zunächst die Kategorien Mann und Frau bei und suchen eine
Neubestimmung der Verhältnisse vorzunehmen. Hierfür sind sowohl Dekonstruktion als
auch Mimesis die wichtigsten Verfahren der Italienerinnen. Dekonstruktion nutzen sie im
Sinne von Machtverschiebung und Enthierarchisierung. Mimesis begreifen die Italienerin-
nen in diesem Kontext als Nachahmung, mit deren Hilfe die symbolische Ordnung durch-
quert und zerstört werden soll. Dabei ist die Methode der Dekonstruktion Grundlage der
Mimesis, da nur das, was als Konstruktion aufgedeckt wurde, nachgeahmt, parodiert und
damit in seiner Bedeutung verschoben werden kann.15
14 Hierin unterscheidet sich das Italienische Differenzdenken von dem Modell der Schwesterlichkeit der
ersten und zweiten Frauenbewegung. In der Zweiten Frauenbewegung haben sich ihre Vertreterinnen für die
Rechte der Frauen eingesetzt und führten damit einen hegemonialen Diskurs, mit dem sie Frauen die bspw.
nicht weiß, nicht der europäischen oder nordamerikanischen Mittelschicht zugehörten.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
28
Die Italienerinnen machen mit ihrem Ansatz eine konsequente Zweiheit der Geschlechter
zu denken einen wirklich herausfordernden Versuch, dichotome Denkmuster bezogen auf
die Geschlechter aufzubrechen. Dies mutet zunächst widersprüchlich an, es geht ihnen
jedoch nicht darum, die Konstruktion von Frau-Sein im Hinblick auf androzentrische Refe-
renzsysteme zu leisten, sondern auf Maßstäbe, die in Frauenzusammenhängen entwickelt
werden. Dieser Versuch birgt gleichzeitig Fallstricke, denn die Gefahr besteht, in bloße
Wiederholungen zu verfallen und dadurch das herrschende Geschlechterverhältnis zu re-
produzieren oder durch eine Umkehrung in der Mimesis eine dialektische Rückbindung an
das Geschlechterverhältnis vorzunehmen und bestehende Konstruktionen von Weiblichkeit
zu zementieren. Gleichzeitig hat dieser Ansatz herrschaftskritisches Potenzial: Indem
Frauen sich und ihr Begehren in den Mittelpunkt ihres Denkens und Handelns stellen,
könnten sie sich einem androzentrischen Maßstabs entledigen. Dies ist sicherlich ebenfalls
eine Gratwanderung, denn auch das Begehren ist letztlich ein gesellschaftlich konstruiertes
Phänomen. Es geht den Italienerinnen um den Ort „Frau“ als definitorischer Ausgangsort
und aus diesem Grunde plädieren sie für die Beibehaltung der Kategorien Mann und Frau,
denn, so sagen sie, Herrschaftsverhältnisse lassen sich weder durch Geschlechtsneutralität
noch Mehrgeschlechtlichkeit lösen. Dennoch bedeutet diese Konzentration auf biologische
Geschlechtsunterschiede (sex) eine Tendenz, sich auf einer essentiellen und ontologischen
Ebene zu bewegen, auf deren Basis sich auch patriarchale Argumentationen zur Nachran-
gigkeit von Frauen verorten.
Bezogen auf pädagogische Zusammenhänge formuliert Annedore Prengel diesen qualitati-
ven Differenzansatz anders und plädiert für eine „Undefinierbarkeit und Pluralität des
weiblichen Geschlechts“ (Annedore Prengel 1995: 136). Wichtig ist ihr in diesem Zusam-
menhang, eine dialektische16 Verbindung von Gleichheit und Differenz, aus dem ihr Kon-
zept von „egalitärer Differenz“ erwächst.
Gleichheit und Verschiedenheit sind in einem Abhängigkeitsverhältnis aufeinander be-
zogen: Gleichheit kann nicht bestimmt werden ohne Verschiedenheit. Diese Existenz
15 Ein ähnliches Verfahren bezeichnet Judith Butler mit ihrem Ansatz der Parodie um die herrschende Ord-
nung zu zerstören.(Vgl. Judith Butler 1991).
16 In der Hegelschen Dialektik wird die Welt als ein Komplex von in sich in Bewegung befindlichen Prozes-
sen begriffen. So existiert keine Endgültigkeit und keine Absolutheit. Diese Bewegung folgt dem These –
Gegenthese – Synthese Schema, in dem eine These mit einer Gegenthese zu einer Synthese vereint wird.
Hegel interpretiert die Welt dabei idealistisch – Materie erscheint so als Produkt des Geistes. Vor diesem
Hintergrund entwickelte Marx seine Interpretation der hegelschen Dialektik: Ihm geht es nicht um Idealismus
sondern um Materialsimus. Dabei wird die Materie selbst die Grundlage.(Vgl. Störig 1993)
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
29
von Verschiedenheit ist Voraussetzung für das Feststellen von Gleichheit (Annedore
Prengel 1995: 31).
Gleichheit bezeichnet Beziehungen von Objekten und Subjekten, die sich auf irgendeine
Art und Weise voneinander unterscheiden. Die verglichenen Dinge sind immer nur in eini-
gen Merkmalen gleich, so Prengel.
Gleichheit bezeichnet also eine Form der Übereinstimmung zwischen Verschiedenen.
Sie steht in Beziehung zu anderen Formen der Übereinstimmung, wie beispielsweise
Identität und Ähnlichkeit. In Abgrenzung zur Gleichheit meint Identität die Überein-
stimmung eines Gegenstandes mit sich selbst in allen Merkmalen (Annedore Prengel
1995: 30).
Verschiedenheit bezeichnet ebenso eine Beziehung von Subjekten bzw. Objekten. Das
Konstatieren einer Verschiedenheit ist immer bezogen auf die Auswahl eines Merkmals
und ist interdependent mit einem Vorgang des Vergleichens, so Prengel.
Ohne die Gleichheit eines Kriteriums, auf das wir uns beziehen, sind genaue Aussagen
über Verschiedenheit nicht möglich. Der Begriff der Verschiedenheit spricht qualitative
Differenzen an, er ist abzugrenzen von quantitaiven Differenzen, die mit dem Begriff
der Ungleichheit konotiert sind (Annedore Prengel 1995: 31).
Mit diesen so gefüllten Begriffen von Gleichheit und Verschiedenheit wendet sich Prengel
gegen ein Denken in Dichotomien, damit argumentiert sie gegen eine monistische Welt-
sicht.
Der Begriff der Verschiedenheit benennt also nach unserer Definition qualitative Diffe-
renzen im Sinne von Inkommensurabilität. Er steht im Gegensatz zu all jenen anderen
Möglichkeiten, angesichts der Mannigfaltigkeit der Welt Unterscheidungen zu treffen,
die diese Mannigfaltigkeit als Hierarchien zu systematisieren, als Dualitäten zu polari-
sieren bzw. von einem Prinzip abzuleiten versuchen. Die Kategorie der Verschieden-
heit markiert damit eine Distanz zum monistischen Denken (Annedore Prengel 1995:
32).
Gleichheit und Differenz erscheinen in Prengels Überlegungen nicht als dichotome Mo-
delle, in dem die Begriffe einander komplementär entgegengesetzt werden, denn sie
schließen einander nicht aus, sondern gegenseitig ein.
Die Bestimmung der vergleichsentscheidenen Merkmale bezogen auf Verschiedenheit liegt
im Ermessen der einzelnen Subjekte und sie sind demzufolge gesellschaftliche Konstruk-
tionen. Für eine Pädagogik der Vielfalt schlussfolgert Annedore Prengel, dass aus diesem
Grund der Maßstab des Vergleichens offen gelegt werden muss:
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
30
Die für die Pädagogik der Vielfalt wesentliche Einsicht aus dieser Begriffsklärung ist,
dass sowohl Gleichheit als auch Verschiedenheit ausschließlich in der Lage sind, Aus-
sagen über ein partielles Verhältnis, nie die generelle Beziehung mit allen Aspekten zu
machen. Darum ist es erforderlich, einen Maßstab des Vergleichens, die Hinsicht, in
welcher etwas gleich oder verschieden sei, zu bestimmen. Es muss ein `tertium compa-
rationis´ klar definiert werden (Annedore Prengel 1995: 33).
Mit ihrer Wendung gegen eine monistische Weltsicht und ihrem Beharren auf einer Of-
fenlegung des Referenzsystems von Gleichheit und Verschiedenheit bringt Annedore
Prengel einen herrschaftskritischen Impuls in ihre Analyse von Gleichheit und Differenz
ein. Dabei rekurriert sie auf das Modell einer „radikalen Pluralität“ in der Pädagogik als
zentrale Frage.
Die aus der Entfaltung des Verschiedenen auf der Basis gleicher Rechte also aus egali-
tärer Differenz sich bildende Pluralität realisiert auf radikale Weise Demokratie. Sie ist
der Vision der Gerechtigkeit verpflichtet und ihre Anstrengungen sind ethisch motiviert
(Annedore Prengel 1995: 49).
Pluralität vor diesen Hintergrund gestellt, bedeutet keine Beliebigkeit, sondern gibt klare
Kriterien der Urteilsbildung zur Verfügung, so Prengel.
Radikale Pluralität stellt Tendenzen in Frage, die monistisch, totalitär und hegemonial
sind. In diesem Kontext ist Vielfalt nicht gleichzusetzen mit Beliebigkeit, sondern Viel-
falt konstituiert sich in einer eindeutigen Abgrenzung gegen „herrscherliche Übergrif-
fe“ (vgl. Annedore Prengel 1995: 49).
Der Bezug auf Pluralität bedeutet damit nicht Unbestimmtheit und Gleichgültigkeit, son-
dern eine Wertschätzung von Differenz.
Prengels hier skizzierte Überlegungen bezogen auf Gleichheit und Differenz im Sinne ei-
ner egalitären Differenz, sollen im Folgenden vertieft werden am Beispiel feministischer
Pädagogik.
Prengel kritisiert in der Pädagogik egalitätstheoretische Positionen dahingehend, dass das
Ziel jener Entwürfe die Gleichstellung von Frauen und Männern und mithin die Eroberung
männlicher Lebenszusammenhänge durch Frauen ist. Weibliche Lebenszusammenhänge
werden so ignoriert und die Gültigkeit des Referenzsystems von Gleichheit, das Andro-
zentrische, bleibt unangetastet, so Prengel.
Emanzipation ist hier zugleich Eroberung männlicher Privilegien und Anpassung an
männliche Werte. Die monistische Grundstruktur bleibt erhalten, feministische Päd-
agogik dieses Typs ist Assimilationspädagogik mit der zu allen Assimilationspädagogi-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
31
ken zugehörigen, kompensatorischen Erziehung, die helfen soll, Defizite zu kompen-
sieren“ (Annedore Prengel 1995: 116).
Auch Ansätze, den Lebensweisen von Frauen Wert zu verleihen und folglich eine Idealsie-
rung von Weiblichkeit, schätzt Annedore Prengel kritisch ein. Entstanden sind diese femi-
nistischen Ansätze als Gegenbewegung zu dem eben skizzierten Modell von Angleichung
an männliche Normen und Werte. Aus der Perspektive der Pädagogik der Vielfalt führt
Prengel hierzu aus:
Wenn Weiblichkeit idealisiert wird – und damit verbunden werden die Verpflichtung
auf unbezahlte Arbeit, der Verzicht auf Privilegien sowie die Unterordnung unter den
Mann – so stellt dies eine Fortsetzung der Ausbeutung und Diskriminierung von Frauen
dar. Wenn Weiblichkeit wertgeschätzt wird – und damit verbunden werden die Forde-
rungen nach adäquater Bezahlung der Arbeit der Frauen, auch in der Kindererziehung
sowie eine der Lebensweise der Frauen angemessene Gestaltung der Erwerbsarbeit – so
handelt es sich um einen demokratischen Prozess, der politisch nichts gemein hat mit
den Versuchen, Frauen in eine Unterdrückungs- und Ausbeutungssituation zu binden
(Annedore Prengel 1995: 117).
Als problematisch erörtert Prengel den Rekurs auf eine statisch gedachte und biologistisch
gegründete Sicht auf die „Natur der Frauen“ und auf den weiblichen Körper.
Wenn ein essentialistisches Bild vom weiblichen Körper ausschlaggebend für psycho-
soziale Erfahrungen angesehen wird und diese bei allen Frauen auch noch als gleich
und unveränderlich behauptet werden, so handelt es sich um eine Festsetzung patriar-
chalischer, biologistischer Denktraditionen“ (Annedore Prengel: 1995 117).
Prengel plädiert dafür, diesen Biologismen andere Auffassungen von Körper entgegenzu-
setzen und Körpererfahrungen und Körperbilder als gesellschaftliche Erfahrungen und
Konstruktionen zu begreifen.
Wenn solche - immer als gesellschaftlich vermittelt entstandenen Lebensweisen von
Frauen einschließlich ihrer körperlichen, auch körperlich –sexuellen Erfahrungen be-
grifflich gefasst und gesellschaftlich-sichtbar gemacht werden , so kann ihnen auch ge-
sellschaftlich Wert verliehen werden. Sie werden damit gleichberechtigt (Annedore
Prengel 1995:118).
Die Debatten um Gleichheit versus Differenz bezeichnet Prengel als falsche Alternative, es
muss vielmehr darum gehen, Gleichheit und Differenz bezogen auf feministische Theorie
und Praxis zusammen zudenken, so Annedore Prengel.
Aus Sicht der Pluralitätstheorie kann keine Seite ohne die Andere existieren. Denn
Gleichheit zwischen Frauen und Männern kann nicht ohne die Akzeptanz von Diffe-
renz eingelöst werden und Differenz kann nicht ohne die Basis gleicher Rechte Wert-
schätzung erfahren“ (Annedore Prengel 1995: 132).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
32
Auch bezogen auf Lebensweisen und Lebensentwürfe von Frauen muss diese Akzeptanz
von Differenz gelten. Damit wendet sich Annedore Prengel gegen hegemoniale feministi-
sche Diskurse, die Lebensweisen von Frauen feministische Ideale hierarchisierend entge-
gensetzen. Diese Anerkennung der Lebensgestaltung und Lebensweisen von Frauen be-
zieht sich sowohl auf die berufliche als auch auf die private Sphäre. Optionen von Lebens-
gestaltung müssen die Frauen frei wählen können, denn Emanzipation ist nur in persönli-
cher und ökonomischer Unabhängigkeit möglich.
Bezogen auf eine feministische Arbeit mit Mädchen folgert sie:
Für die Pädagogik ergibt sich daraus der Verzicht auf jede Form der Stellvertretung.
Ein wesentliches Ziel so verstandener Feministischer Pädagogik ist es, Mädchen in ih-
rer Entscheidungsfreiheit zu bestärken und ihnen Entscheidungsfähigkeit zu vermit-
teln“ (Annedore Prengel 1995: 133).
Annedore Prengel spricht sich, wie die Italienerinnen, gegen eine quantitative und mit
Hierarchien verknüpfte Differenz aus und argumentiert für eine Anerkennung einer quali-
tativen, nicht hierarchisierbaren Differenz im Zusammenhang mit Gleichheit. Damit ant-
wortet Annedore Prengel auf das Dilemma Gleichheit oder Differenz und plädiert für ein
„Miteinander in Verschiedenheit“. Differenzen stellen sich in ihrem Konzept als Ausdruck
dynamischer Prozesse und nicht als Etikettierung dar. Differenzen sind so begriffen nicht
Beliebigkeiten, sondern die Bereitstellung definierter Kriterien im Bewusstsein kultureller
Beschränktheit (vgl. Breitenbach; Hagemann-White 1994).
So produktiv das Denken egalitärer Differenz auch ist, so birgt es auch zu problematisie-
rende Aspekte: Die Frage bleibt offen wie angesichts realer gesellschaftlicher Machtver-
hältnisse, Differenz als positiv gewertet werden kann? Werden hier nicht Diskurse von
Macht, deren Allgegenwärtigkeit und Vieldimensionalität unterschätzt und wird hier nicht
auf einem freiwilligen Machtverzicht der Mächtigen gebaut?
Bedeutsam ist darüber hinaus, ob der Maßstab von Gleichheit transparent genug gemacht
wird. Annedore Prengel plädiert ausdrücklich für einen Offenlegung von Referenzsyste-
men, verliert diese manchmal jedoch aus dem Blick und die Anerkennung von Differenz
wird zu einer neuen Norm konstruiert.
Differenz ohne Gleichheit bedeutet gesellschaftliche Hierarchie, kulturell Entwertung,
ökonomisch Ausbeutung. Gleichheit ohne Differenz bedeutet Assimilation, Anpassung,
Gleichschaltung, Ausgrenzung von „Anderen“ (Annedore Prengel 1995: 184).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
33
Hier verweist Annedore Prengel auf die Interdependenz von Gleichheit und Differenz.
Gleichzeitig hinterfragt sie die Norm und die von der Norm abweichenden „Anderen“ an
dieser Stelle nicht. Prengel rekurriert mit ihrem Konzept auf das System der Zweige-
schlechtlichkeit und bewegt sich damit in einem Spannungsfeld von Verfestigung und Ver-
flüssigung neuerlicher Zuschreibungen.
Prengels Ansatz setzt einerseits die „Tatsache der Zweigeschlechtlichkeit“ voraus,
muss aber andererseits ihre Definition unterlassen. Denn jede Festlegung würde die an-
gestrebte Dyamik das Bewusstsein historischer, kultureller und sozialer Bedingtheit
blockieren. Die Geschlechterdifferenz, die Geschlechterspannung kann lediglich in
manchen ihrer Konsequenzen beschrieben werden. Letztlich führt auch dieser Ansatz in
ein Dilemma: die Geschlechterdifferenz vorauszusetzen, gleichzeitig aber ihre nähere
Bestimmung verweigern zu müssen (Eva Breitenbach 1994: 257).
2.2 Dekonstruktion als ein Weg aus dem Denken einer binären Einheitslogik?
Mechanismen dichotomen Denkens sind sowohl in Überlegungen zu Androgynie als auch
in gleichheits- und differenztheoretischen Überlegungen zu finden, im Konzept der Andro-
gynie z.B. durch die Affirmation dessen, was aktuell als männlich und weiblich begriffen
wird und einer Verschmelzung beider Anteile in einem „neutralen Dritten“, welches
männlich konnotiert ist. Im Ansatz von Gleichheit und Differenz kann die Tendenz beste-
hen, Weiblichkeit zu idealisieren bzw. sich auf einer essentiellen bzw. ontolgischen Basis
zu bewegen. Gleichzeitig haben beide Ansätze ihre positiven Aspekte, insbesondere auf
einer alltagspraktischen Ebene des realen Lebens. Auf einer Metaebene können hingegen
beide Ansätze wenig Bewegungen aus einem dichotomen Denken aufweisen; der Ansatz
einer „egalitären Differenz“ jedoch eher, als der der Androgynie. Hilfreiche Ergänzungen,
die zu einer Bewegung aus dem dichotomen Denken führen könnten, könnten Ansätze
bieten, die sich dekonstruktivistisch verorten lassen, denn Dekonstruktion versucht, Oppo-
sitionen als Konstruktionen transparent zu machen, Brüche und Widersprüche als solche
aufscheinen zu lassen. Dekonstruktion birgt damit eine Möglichkeit, Mechanismen dicho-
tomen Denkens aufzuzeigen.
Im Folgenden werden Postmoderne, Poststrukturalismus und die damit verwobenen Dis-
kurse insoweit dargestellt, wie es zum Verständnis von Dekonstruktion notwendig er-
scheint. Es geht nicht um eine umfassende Darstellung dieser Denkrichtungen, sondern um
ein Aufzeigen der Hauptargumentationsstränge.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
34
Das Denken der Postmoderne darzustellen ist deshalb wichtig, um den Duktus von Dekon-
struktion deutlich zu machen. Die Beschäftigung mit dem Poststrukturalismus ist insofern
notwendig, als Dekonstruktion originär als eine Form von Textkritik entwickelt wurde.
Fokussiert erfolgt dann eine Darstellung von Dekonstruktion in Bezug auf feministische
Diskurse.
2.2.1 Die konstruierte Realität? Grundzüge postmodernen Denkens
Das Denken der Moderne gründet seine Ordnung auf den Ausschluss des Anderen. Die
Postmoderne wird charakterisiert mit dem Begriff des „Zusammenbruchs der großen Er-
zählungen“ z.B. bezogen auf die Emanzipation des Menschen (Zygmunt Baumann 1996).
Postmoderne bedeutet so verstanden eine Absage an Eindeutigkeiten. Zygmunt Baum-
mann, der modernes und postmodernes Denken umfangreich analysiert hat, formuliert
hierzu Folgendes:
Postmoderne ist zu Ausschließung unfähig. Nachdem sie Grenzen ausgegrenzt hat,
muss sie zwangsläufig die Moderne in genau die Diversität einschließen und einverlei-
ben, die ihr unterscheidbares Merkmal ist. Sie kann die Zulassung nicht verweigern,
damit sie ihre Identität nicht verliert(...)[Auslassung A.S.] Sie muss die Rechte eines
legitimen Anwohners selbst einem solchen Untermieter einräumen, der ihr Recht, An-
wohner zuzulassen und das Recht anderer Anwohner ihren Wohnort zu teilen, bestreitet
(Zygmunt Baumann 1996: 312).
Ein zentrales Anliegen der Postmoderne ist Differenz (Zygmunt Baumann 1996: 311),
denn gerade weil die Postmoderne von der Differenz ausgeht, schließt sie weder die Mo-
derne, noch das Denken der Moderne aus. Aus diesem Grund ist die Postmoderne auch
keine „Nachmoderne“, im Sinne des Todes der Moderne.
Postmoderne bedeutet nicht notwendig das Ende, die Diskreditierung oder Verwerfung
der Moderne. Postmoderne ist nicht mehr (aber auch nicht weniger) als der moderne
Geist, der einen langen aufmerksamen und nüchternen Blick auf sich selbst wirft, auf
seine Lage und seine vergangenen Werke, nicht ganz überzeugt von dem was er sieht,
und den Drang zur Veränderung verspürt. Postmoderne ist die Moderne die volljährig
wird: Die Moderne, die sich selbst aus der Distanz betrachtet statt von innen
(...)[Auslassung A.S.]. Postmoderne ist die Moderne, die bewusst aufgibt, was sie
einstmals unbewusst getan hat. (Zygmunt Baumann 1996: 333)
Würde die Postmoderne die Moderne verwerfen, dann wäre sie in der Logik des Denkens
der Moderne verhaftet. So befreit sich die Postmoderne aus der binären Einheitslogik der
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
35
Moderne und wird damit unentscheidbar. Die Postmoderne ist nicht klassifizierbar und
klassifiziert nicht, sie stellt Oppositionen selbst in Frage.
Postmoderne Philosophinnen und Philosophen17 stellen aufklärerische Überzeugungen
radikal in Frage. Exemplarisch werden folgende Kategorien im Logos der Moderne be-
nannt, denen postmoderne Denkerinnen kritisch gegenüber stehen:
• Die Existenz eines einheitlichen abgegrenzten Subjekts.
• Die universelle Begründung des Wissens durch die Vernunft und ihre Wissenschaft.
• Das universale Wissen, welches durch den richtigen Gebrauch der Vernunft gewonnen
wird und somit „wahr“ ist.
• Sprache als ein Medium der Vernunft, die eine Übereinstimmung von „Ding“ und
„Wort“ darstellt, Sprache als Abbild von Realität.
Postmodernes Denken distanziert sich vom Glauben an Wahrheit, Wissen und Macht,
Subjekt und Sprache. Es wendet sich skeptisch gegen aufklärerische Grundlagen westli-
cher Kulturen.
Die Kritik an der Postmoderne wird formuliert bezogen auf potentielle Zustände von
„anything goes“ oder „Postmoderner Beliebigkeit“. Postmoderne kann genau dies bedeu-
ten. Gleichzeitig bedeutet Postmoderne gerade durch das Verfahren der Dekonstruktion
auch Herrschaftskritik. Denn die Kritik an den Metaerzählungen der Aufklärung impliziert
gleichzeitig die Entlarvung derselben als verabsolutierte Wahrheiten und damit als Funda-
mente von Legitimation von Herrschaft.
2.2.2 Zur Bedeutung des Poststrukturalismus
Postrukturalistische Feministinnen, deren Methode die Dekonstruktion ist, argumentieren,
dass es der Sprache nichts Vorgängiges gibt. Eine Auseinandersetzung mit sprachtheoreti-
schen Ansätzen scheint deshalb geboten. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf
Heike Raab (1998), die Strukturalismus und Poststrukturalismus aus feministischer Per-
spektive betrachtet.
Poststrukturalismus wird als eine Kritik am „klassischen“ Strukturalismus begriffen, wel-
cher auf der Strukturanalyse des Linguisten Ferdinand de Saussure gründet. So kann „all-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
36
gemein die Linguistik als Ursprung des Strukturalismus wie auch des Poststrukturalismus18
angesehen werden“ (Heike Raab 1998: 10).
In der traditionellen Sprachforschung versteht man in der Regel unter Sprache ausschließ-
lich Laut und Ausdruck. Ferdinand de Saussure hingegen hat Sprache als ein System von
Zeichen betrachtet, in dem er jedes Zeichen in seiner „Doppelheit“ betrachtet. So verbindet
ein Zeichen nicht nur ein „Ding“ mit einem Namen, sondern auch eine Vorstellung und ein
Bild. Ferdinand de Saussure ging davon aus, dass zwischen den Lauten und den Begriffen
ein Beziehungsverhältnis besteht. Den Laut bezeichnete er als „(le) signifiant“ (das Be-
zeichnende, der Ausdruck) und den Begriff als „(le) signifié“ (das Bezeichnete oder der
Inhalt).
Dieses Beziehungsverhältnis zwischen Laut und Begriff ist willkürlich und wird durch
gesellschaftliche Konventionen hergestellt, so Ferdinand de Saussure. Dieser Vorgang pas-
siert nicht bewusst, sondern muss als unbewusster kollektiver Akt begriffen werden.
Die „Willkürlichkeit des Zeichens beinhaltet, dass es als Zeichen in der Sprache nicht
„von außen her“ bestimmt ist, denn die Bedeutung ist nichts den Dingen eigenes, im-
manentes. D.h. Sprache bildet nicht die Realität ab, sondern umgekehrt Realität kon-
stituiert sich durch Sprache (Heike Raab 1998: 11).
Das Zeichen hat an sich keine Bedeutung, so Ferdinand de Saussure. Vielmehr ist das Zei-
chen die Verbindung von Ausdruck und Inhalt, und es ist im Verhältnis zu anderen Aus-
drücken und Inhalten zu sehen.
Genauer formuliert, konstituiert sich das Zeichen durch das, was es von anderen Zei-
chen trennt. Es ist daher differenziell bestimmt. Mit anderen Worten: Die Verbindung
zwischen Ausdruck und Inhalt beruht auf einer Differenz (différence) zu anderen Zei-
chen in der Sprache (Heike Raab 1998:11).
Ferdinand de Saussure begreift Sprache als System, dem Unterschiede und Abhängigkeiten
inhärent sind und mit dieser Sicht auf Sprache entmachtet Saussure das Subjekt der Spra-
che:
Es ist nicht mehr Ort der souveränen Rede, sondern es kann sich nur innerhalb des vor-
gegeben Sprachsystems artikulieren (Heike Raab 1998:12).
17 Zu Postmodernen PhilosphInnen zählen beispielsweise Jaques Derrida, Michel Foucault, Jaques Lacan,
Julia Kristeva und Jean-Francois Lyotard (vgl. Jane Flax 1987: 97).
18 Das Verhältnis von Strukturalismus und Poststrukturalismus bildet ein ähnliches Verhältnis ab wie das der
Moderne und der Postmoderne: Strukturalismus bezieht die Strukturen der Sprache in die Analyse selbst mit
ein. Poststrukturalsmus bezieht dies Strukturen mit ein und stellt sie gleichzeitig in Frage.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
37
Sprache ist demnach kein „neutrales Transportsystem“ für Botschaften, sondern ein „Re-
gelsystem für den Sprachgebrauch“ (Heike Raab 1998:12).
Der Soziologe Carl Levi-Strauss versucht die Strukturanalyse der Linguistik auf die So-
ziologie zu übertragen. So sieht er die Gesellschaft in einem ständigen Prozess von „Aus-
tausch von Zeichen“ und die Bedeutung eines sozialen Zeichens ist erst erkennbar durch
die differentialen Beziehungen zu anderen Zeichen.
Mit anderen Worten: Die Gesamtheit aller menschlichen Zeichensysteme funktioniert
nach den universellen System der Saussureschen la langue. Daraus folgt: Sprachen wie
gesellschaftliche Strukturen können nicht von der Inhaltsseite – von den materiellen
Eigenschaften ihrer Elemente - her begriffen werden, sondern nur, in dem man diese
Elemente als Werte – als Funktionen eines Systems – aus reinen Beziehungen begreift
(Heike Raab 1998: 13).
Das gesellschaftliche Leben ist mit und durch Codes organisiert. Diese Codes werden nach
ihren Funktionen, die sie in der jeweiligen Gesellschaft haben, begriffen und nicht nach
ihrem Inhalt19. In seinen Überlegungen bezieht sich Carl Levi-Strauss auf Sigmund Freuds
Theorie des Unbewussten:
Die Existenz einer unbekannten Größe, die dem Bekannten Ordnung gibt, eines Unbe-
wussten, das allem Bewussten Struktur verleiht, ist als zentraler Punkt in der Theorie
von Levi-Strauss anzusehen (Heike Raab: 1998:13).
Das Subjekt ordnet demzufolge nicht die Strukturen des sozialen Lebens, sondern nicht
bewusste Regelungen von Codes.
In den sechziger Jahren begann eine kritische Auseinandersetzung mit dem Denken des
Strukturalismus. Diese Abgrenzungsbewegung vom Strukturalismus, wurde als Poststruk-
turalismus begriffen.
Im Poststrukturalismus werden, im Gegensatz zum Strukturalismus, auch die Strukturen
selbst als konstruiert betrachtet.
Behauptet der klassische Strukturbegriff noch, was sich in einer Struktur verändert,
sind allenfalls die inhaltlichen oder bedeutungsmäßigen Zuschreibungen, nicht die
Ordnungen selbst, so radikalisiert der Poststrukturalismus den Strukturbegriff insofern,
als er eine in sich geschlossene und von Regeln kontrollierte Struktur von Zeichen an-
ficht. Die Struktur des Poststrukturalismus kennt kein abgeschlossenes System mehr, es
19 Heike Raab führt hier das Beispiel der Mythen an, deren Inhalte unterschiedlich sind aber für die verschie-
denen Gemeinschaften eine gleiche Funktion haben. (Vgl. Heike Raab 1998: 13)
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
38
gibt keine Begrenzung, sie ist unendlich vielen Transformationen zugänglich. Im Ge-
gensatz zum Strukturalismus betont der Poststrukturalismus damit die Diskontinuität,
d.h. den Wandel der Strukturen (Heike Raab 1998:14).
Der poststrukturalistische Diskurs ist heterogen20 und die Bezeichnung als eines „theoreti-
schen Feldes“ (Petra Gehring 1994) wird ihm wohl eher gerecht. Gleichzeitig basieren die
Überlegungen der poststrukturalistischen Philosophinnen und Philosophen auf einer ge-
meinsamen Programmatik, deren wichtigste Elemente in Anlehnung an Heike Raab im
Folgenden benannt werden:
• Die Abkehr von der Kategorie des souveränen Subjekts. Das Subjekt wird in seiner
homogenen Einheit aufgebrochen und dezentralisiert, in dem es sich innerhalb und
durch Sprache in verschiedenen strukturellen Codes konstituiert.
• Die Kritik an der abendländischen Geschichtsphilosophie, in der die „historische Er-
zählung“ Geschichte in ein lineares, homogenes Schema presst und damit marginali-
sierte Gruppen aus der Geschichtsschreibung löscht.
• Die Absage an historische Sprachtheorie. Die Bedeutung des Worte ist nicht identisch
mit dem was es bezeichnet. (Vgl. Heike Raab: 16f.)
Die Kritik der poststrukturalistischen Philosophinnen und Philosophen an der Kategorie
des souveränen Subjekts bezieht sich auf das neuzeitliche epistemologische Subjekt bzw.
den cartesianischen Subjektbegriff. In diesem Subjektbegriff geht es um das Ausloten eines
festen Richtpunktes im eigenen Innern des Menschen. René Descartes21 findet diesen
Richtpunkt im Innern des Subjekts, im Unfesten, in der Ungewissheit und im Zweifel.
Wenn der Mensch zweifeln könne, so doch nicht daran, dass er zweifele und das wiederum
bedeute, dass der Mensch denken könne und dass er ein denkendes Wesen sei (Cogito ergo
20 Vertreter des Poststukturalismus sind Lacan, Foucault und Derrida. Lacan versucht beispielweise die Psy-
choanalyse und die strukturelle Linguistik zusammen zudenken. In der Lacanschen Theorie konstituiert sich
das Subjekt in und durch Sprache. Die gesellschaftliche kulturelle Ordnung ist mit der sprachlichen Ordnung
identisch. Lacan entwickelt auf diesem Hintergrund Freuds Konzept der Subjektkonstitution auf sprachtheo-
retischer Basis weiter (vgl. Heike Raab: 1998). Foucault geht von der diskursiven Produktion des Subjektes
aus. Im Mittelpunkt Foucaults Denkens steht der Zusammenhang zwischen den Auswirkungen der Diskurse
und deren Beitrag zur Konstituierung der Subjekte. „Im Zentrum seiner Analyse steht dabei die kritische
Untersuchung von institutionlisierten Wissenschaftsdiskursen, sozialen Machtverhältnissen und deren Be-
deutung bei der diskursiven Produktion von Subjekt, Körper und Sexualität“ (Heike Raab 1998:16) Derrida
entwickelte mit seinem Konzept der „Differance“ eine poststrukturalistische Version der Textanalyse.
21 René Descartes: französischer Philosoph (1596- 1647), bezieht sich in seinem Denken auf Augustinus und
die Mittelalterliche Philosophie. Das Grundthema ist „Gott und die Seele“, welches Descartes im Gegensatz
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
39
sum). Für René Descartes wird die Selbstgewissheit des Denkens zum unerschütterlichen
Ausgangspunkt des Subjekts (vgl. Störig: 228).
Die poststrukturalistische Kritik setzt an der Reduzierung des cartesianischen Subjektes auf
das Bewusstsein an und begreift dieses Wissenssubjekt als soziale Konstruktion.
Im Bewusst machen der unbewussten Strukturen und historischen Zusammenhänge der
Konstruktionsprozesse der Subjektwerdung sehen poststrukturalistische Ansätze eine
Möglichkeit, das Subjekt und die damit verbundene klassische Episteme aus dem Ge-
fängnis des eigenen Selbstbewusstseins zu befreien (Heike Raab: 16).
Auch andere historische Strömungen werden bezogen auf die Dezentrierung der Kategorie
des „Subjekts der Aufklärung“ aufgegriffen. Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
angesiedelten Hauptstränge, die zu einer Verschiebung des cartesianischen Subjekts bei-
tragen, werden in Anlehnung an Susanne Maurer (1996)22 formuliert:
- Den marxistischen Strukturalismus, nach dem Individuen nicht wirklich handelnde
Subjekte sein können, weil sie sich nur auf das beziehen können, was Generationen
vor ihnen zur Verfügung gestellt haben.
Das Subjekt erscheint in marxistischer Perspektive als „Produkt“ – in einem spezifi-
schen ökonomisch-materiellen Kontext und in einem sozialen Beziehungsgefüge, das
von Ungleichheit gekennzeichnet ist (Susanne Maurer 1996: 109).
- Die Entdeckung des Unbewussten im Rahmen der Psychoanalyse, im Kontext dessen
das Ich nicht mehr „Herr im eigenen Hause“23 ist.
Die Annahme, dass Identität, Sexualität und die Struktur des Begehrens sich auf der
Grundlage der psychischen und symbolischen Prozesse des Unbewussten herausbilden,
dessen „Logik“ sich sehr von derjenigen der Vernunft unterscheidet, stellt bereits eine
außerordentliche Provokation für das Konzept eines rationalen Subjekts mit stabiler
und einheitlicher Identität dar (Susanne Maurer 1996: 109).
- Die strukturalistischen und poststrukturalistischen Überlegungen von Saussure und
Derrida, die das Subjekt durch ihre Sicht auf Sprache entmachten, denn die Bedeutung
wird durch Sprache konstituiert und nicht durch das Subjekt, das sie spricht.
zu Augustinus einer logischen Zergliederung unterwirft. Sein Ziel ist es, aus der Philosophie eine Universal-
mathematik zu machen (vgl. Störig: 314 f.).
22 Susanne Maurer (1996) hat mit ihrer Arbeit auf den prekären Subjektstatus von Frauen hingewiesen und
herausgearbeitet, wie totalisierende Tendenzen in feministischer Theorie und Praxis in diesem Zusammen-
hang analysiert werden können.
23 Die Aussage, dass Ich sei nicht mehr Herr im eigenen Hause ist auf Freud zurückzuführen. Damit wird
einer erkenntnistheoretischen Relativierung von Wissen Rechnung getragen. Auch das Objektive erscheint
relativ, Erkenntnisse können nicht unabhängig von der Position des Betrachters hergestellt werden. So ist
auch eine Relativierung von Wissensformen durch den sozialen, kulturellen und historischen Standort des
Wissenden gegeben (vgl. Birgit Rauschenbach 1991: 40 ff.).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
40
Die sprechenden Individuen können daher Bedeutung niemals endgültig festlegen – die
Bedeutung der Worte ebenso wenig wie die Bedeutung ihrer eigenen Identität. Bedeu-
tung entgleitet ständig dem Versuch sie zu kontrollieren (Susanne Maurer 1996: 110).
- Die Überlegungen Michel Foucaults, der Macht als komplexes Netz von Machtbezie-
hungen dargestellt hat und den Begriff Disziplinarmacht für einen neuen Typ Macht
beschreibt, dessen Entstehung er in das 19 und 20 Jahrhundert datiert.
Die „Disziplinarmacht „ entfaltet ihre Wirkung auf der Makro-Ebene im Medium der
Regulierung, Überwachung und Regierung ganzer Gesellschaften, auf der Mikro-
Ebene eine Regulierung, Überwachung und Disziplinierung der Individuen bzw. der
Körper. Ziel der „Disziplinarmacht“ ist demnach, Leben und Tod, Aktivitäten, Arbeit,
Leiden und Freuden der Individuen ebenso, wie ihre moralische und physische Verfas-
sung, ihre sexuellen Praktiken und ihr Familienleben zu disziplinieren und zu kontrol-
lieren (Susanne Maurer 1996: 110).
- Die feministischen Bewegungen sowohl auf der Ebene theoretischer Kritik als auch auf
der Ebene sozialer Bewegungen. Durch die Hinterfragung der Trennung von Privatem
und Politischem wird die Separation von Innen und Außen brüchig24.
Eine Politisierung der Subjektivität findet zudem statt, wenn die Frage ins Zentrum rückt,
wie aus Individuen „Geschlechter“ („gendered subjekts“) werden. Mit der Frage nach der
Geschlechterdifferenz ist die Idee kritisch herausgefordert, Frauen und Männer seien Teil
ein und derselben „Menschheit („Mankind“) (Susanne Mauerer 1996: 111).
Die poststrukturalistische Kritik an der „großen Erzählung“ zweifelt an der auf Kontinui-
tät und Fortschritt basierenden Geschichtsauffassung.
Hier dominiert die Kritik der seit der Aufklärung vorherrschenden Geschichtsphiloso-
phien, die die historische Erzählung gewaltsam in ein Schema von der Einheit, Homo-
genität und Linearität zwingen will.(Heike Raab: 17).
Für poststrukturalistische Philosophinnen und Philosophen ist die Bedeutung des Wortes
nicht identisch mit dem was es bezeichnet. Damit problematisieren sie eine historische
Sprachtheorie, die eben meint, dass Sprache auf objektive Verhältnisse weist. In der post-
strukturalistischen Sicht ergibt sich der Sinn und die Bedeutung durch den Bezug auf den
sozialen Kontext.
24 Vgl. hierzu auch Brigitte Rauschenbach (1991), die dem Eigensinn des Subjekts im Erkenntnisprozeß
nachgeht und herausgearbeitet hat, wie das Subjekt gleichzeitig einen Aufschwung erlebt und negative Bilan-
zen verzeichnet. Dieser Widerspruch kann nicht aufgehoben werden, so Rauschenbach.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
41
Für die poststrukuralistische Verfahrensweise bedeutet dies, dass sich Sinn in einem hi-
storisch gegebenen sozialen System von Strukturen, Oppositionen und Differenzen her-
stellt (Heike Raab: 17).
Die zentralen Aspekte des Denkens des Poststrukturalismus, Sprache, Denken über das
Subjekt, Macht und Dekonstruktion werden im Folgenden vertieft, denn in feministischen
Debatten werden diese Aspekte immer wieder aufgegriffen und diskutiert; sei es affirmativ
durch die poststrukturalistischen Feministinnen oder kitisch in der Gegenbewegung.
2.2.2.1 Sprache, Subjekt und Macht
Sprache und die Kategorie Subjekt und Macht sind im poststrukturalistischen Denken eng
miteinander verzahnt: so konstituieren sich Subjekte im Denken poststrukturalistischer
Philosophinnen und Philosophen in und durch Sprache. Macht wird nicht hierarchisch son-
dern als relational begriffen. Durch Unterwerfung unter Diskurse konstituieren sich Sub-
jekte und werden gleichzeitig dekonstruiert, wie zu einem späteren Zeitpunkt noch ausge-
führt wird.
Sprache ist aus poststrukturalistischer Sicht die einzige „Wahrheit“, auf die zurückgegrif-
fen werden kann. Sie ist der Ort, an dem alles geschieht, an dem definiert und in Frage
gestellt wird. Damit ist sie der Ort, an dem Subjekte und Subjektivität25 sich konstituieren.
Die poststrukturalistische Feministin Chris Weedon formuliert dies wie folgt:
Die Sprache ist der Ort, wo tatsächliche und mögliche Formen der gesellschaftlichen
Organisation und ihre wahrscheinlichen sozialen und politischen Konsequenzen defi-
niert und in Frage gestellt werden. Sie ist aber auch der Ort, an dem unsere Eigenwahr-
nehmung, unsere Subjektivität konstruiert wird (Chris Weedon 1991: 35).
Sprache spiegelt in der poststrukturalistischen Theorie nicht die gesellschaftliche Realität
wieder, sondern ist die Voraussetzung und Bedingung zur Konstruktion von Realität. Die
Bedeutung wird durch Sprache konstituiert und nicht durch das Subjekt, das sie spricht.
Sprache wird nicht als ein statisches System betrachtet, sondern als wandelbar. In diesem
Zusammenhang ist das Verständnis für eine Bedeutung von verschiedenen Diskursen26
25 Subjekt und Subjektivität werden in verschiedenen Arbeiten oftmals synonym verwendet. Im folgenden
verwende ich den Begriff Subjektivität dann, wenn ich mich auf die Eigenwahrnehmung des Subjektes be-
ziehe.
26 Bei der Verwendung des Begriffes „Diskurs“ beziehe ich mich auf Ausführungen Michel Foucaults
(1977). Dieser geht in seinem Denken von der Allgegenwärtigkeit der Diskurse aus. Unsere Gesellschaft
werde durch Diskurse geprägt und strukturiert. Die mächtigsten Diskurse haben in unserer Gesellschaft eine
feste institutionelle Grundlage und funktionieren auf der Basis eines gesellschaftlichen Konsens. Als Bei-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
42
abhängig: So kann die Bedeutung des Begriffs Frau je nach Diskurs vom gesellschaftlich
vorgegebenen Ideal bis hin zum Lustobjekt variieren, die Bedeutung von „Frau“ und von
„weiblich“ ist von Sprache zu Sprache und von Diskurs zu Diskurs verschieden.
Ein Beispiel, wie sehr Sprache wirkt und welche Bedeutung Sprache hat, wird am Beispiel
der Debatte um Sprache, in der der Mann die Norm und Standard ist, nachvollziehbar:
Frauen treten entweder gar nicht in Erscheinung und sind allenfalls eine Ausnahme, bzw.
etwas, was spezifiziert werden muss. Sprache produziert und reproduziert diese Norm
durch Auslassung, nicht Gesagtes und durch die Konstruktion der Ausnahme. Bezeichnend
für dieses Phänomen sind z.B. die erhitzten Diskussionen über weibliche Endungen von
Berufsbezeichnungen, die in den frühen 1980er-Jahren geführt wurden. Frauen, so die
Gegnerinnen und Gegner der Berücksichtigung der weiblichen Endungen, seien schließlich
immer mitgemeint. Das dies nicht der Fall ist, macht die Absurdität deutlich, würde die
weibliche Sprachform in allen gesellschaftlichen Bereichen als Norm begriffen, die selbst-
verständlich Männer miteinbezogen hätte27. Das konsequente Umdrehen der Sprache und
damit einhergehend die Erhebung der weiblichen Sprachform als Prinzip, hätte das Argu-
ment des Mitgemeintseins ad absurdum geführt. Senta Trömel-Plötz ( 1989, 1993, 1997),
spiele für diskursive Felder nennt Foucault z.b. Gesetze, Justiz, Familie und Geschlecht. Jeder Diskurs bein-
halte immer die Möglichkeit eines Gegendiskurses. Foucault führt als Gegendiskurs zu Heterosexualität die
Homosexualität an. „Als dann in der Psychiatrie, in der Jurisprudenz, auch in der Literatur des 19. Jahrhun-
derts eine ganze Reihe von Diskursen über die Arten und Unterarten der Homosexualität, der Widernatür-
lichkeit, der Päderastie, des `psychischen Hermaphrodismus´aus dem Boden schossen, hat das gewiß zu
jenem starken Vormarsch der sozialen Kontrollen auf jenem Gebiet der `Perversitäten´ geführt; es hat aber
auch die Konstitution eines Gegen-Diskurses ermöglicht: die Homosexualität hat begonnen, von sich selber
zu sprechen, auf ihre Rechtmäßigkeit oder auf ihre `Natürlichkeit´ zu pochen – und dies häufig in dem Voka-
bular und in den Kategorien, mit denen sie medizinisch disqualifiziert wurde. Es gibt nicht auf der einen
Seite den Diskurs der Macht und auf der anderen Seite den Diskurs der sich ihre entgegensetzt. Die Diskurse
sind taktische Elemente oder Blöcke im Feld derKräfteverhältnisse: es kann innerhalb einer Strategie ver-
schiedene und sogar gegensetzliche Diskurse geben; sie können aber auch zwischen entgegengesetzten Stra-
tegien zirkulieren, ohne ihre Form zu ändern“(Michel Foucault 1977: 123). Bezogen auf die Kategorie Ge-
schlecht bedeutet diese Annahme von „Diskurs“, das der Diskurs des Geschlechts das Individuum primär
prägt. Dem Geschlechterdiskurs ist das Individuum ständig unterworfen. Frau oder Mann zu sein ist ein Ef-
fekt des Diskurses Geschlecht, und Frau- oder Mannsein ist das Produkt und Reproduktion verschiedener
diskursiver Felder, wobei das diskursive Feld Geschlecht das mächtigste ist. Die Diskurse konstituieren sogar
den Körper. Der Diskurs des Schlankheitsideals z.B. greift in die Körper der Menschen ein, in dem sie durch
Diäten versuchen, ihren Körper dem herrschenden Diskurs anzupassen. Manchmal reichen Diäten nicht ein-
mal aus, und die Schönheitschirugie wird herangezogen. „Diskurs wird zu einem System sprachlicher und
nicht-sprachlicher Elemente, diskusive und nicht-diskursive Praktiken beeinflußen sich gegenseitig“ (Heike
Raab 1998: 27). Ein Dispositiv ist ein „materialisierter“ Diskurs, ein Zusammenwirken von diskursiven und
nicht-diskursiven Machtpraktiken.(Vgl. Heike Raab 1998: 28)
27 Diese Absurdität wird plastisch in dem Roman von Gert Brantenberg (1997) „Die Töchter Egalias“.
Scheinbar geschlechtsneutrale Formulierungen werden durch ihre Verdrehung ihrer schinbaren neutraliät
beraubt. Statt Berherrschung spicht Brantenberg z.B. von Befrauschung.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
43
die wegweisend zu der Thematik Frauensprache und Männersprache gearbeitet hat, zeigt
dies am folgenden Beispiel auf:
Es ist der Mechanismus des Mitgemeint- und Eingeschlossenseins. Wir sind - so wird
uns versichert – immer mitgemeint, wenn vom
Zuhörer, Arbeitgeber,
Leser, Lehrer,
Wähler, Verkehrsteilnehmer,
Arzt, Steuerzahler
die Rede ist. Wir müssen uns auch angesprochen fühlen, denn es wird eben nur von
Schülern, Versicherungsnehmern,
Studenten, Kontoinhabern,
Arbeitern, Mietern
gesprochen wird. Und da wir nicht in die Köpfe hineinsehen können, müssen wir ak-
zeptieren, wenn uns versichert wird, wir seien mitgemeint. Bis wir dann Kontexte fin-
den, in denen die Intention klar wird. Bis von Arbeitern die Rede ist, die mit ihren
Frauen und Kindern in den Urlaub fahren, bis die Genossen und ihre Freundinnen dis-
kutieren, bis die Professoren mit ihren Gemahlinnen eingeladen werden. Nach der
Schweizer Verfassung, die bis 1971 galt, war jeder Schweizer stimmberechtigt; es half
den Schweizerinnen absolut nichts, das sie sich mitgemeint fühlten. Sie waren nicht
mitgemeint. Schweizer bedeutete in den Köpfen der Männer Schweizer Männer. Seit
1971 werden Frauen explizit genannt, an zweiter Stelle: Stimmberechtigt sind alle
Schweizer und Schweizerinnen. Jetzt sind Frauen mitgemeint, aber natürlich sind sie
noch lange nicht Schweizer. Das können Sie auch daran sehen, dass es möglich ist zu
sagen: Alle Schweizer und ihre Frauen kamen zu dem Empfang. Aber nicht: Alle
Schweizer und ihre Männer kamen zu dem Empfang (Senta Trömel-Plötz 1997: 55f).
An diesem Beispiel wird deutlich, wie eng Sprache, Macht und Geschlecht verknüpft sind
und wie sehr dieser, aus dieser Verknüpfung entstandene hegemoniale Diskurs28 Realität
konstruiert bzw. Realität ist:
Geschlecht zählt. Geschlecht bestimmt mehr als andere Faktoren unser Gesprächsver-
halten. Selten erleben wir weibliches Gesprächsverhalten bei Männern, selten männli-
ches Gesprächsverhalten bei Frauen. Geschlechtsunangemessenes Verhalten ist nicht
geduldet, und schwere Beschimpfungen sind verfügbar für die, die solche Übertretun-
gen wagen: die Memme, der weibische Mann, das Mannweib, die vermännlichte Frau
(Senta Trömel-Plötz 1997: 15)29.
Was bedeutet die poststrukturalistische Sicht auf Sprache, in der nichts Vorgängiges exi-
stiert, nun für die Konstituierung von Subjektivität? Vor dem Hintergrund poststrukturali-
28 Hegemonial ist dieser Diskurs deshalb, weil er gesellschaftlich dominant ist. „Hegemonial ist ein Diskurs,
wenn er innerhalb einer Gruppe, Klasse, Gesellschaft oder gar gesellschaftsübergreifend dominiert, indem er
z.B. die herrschenden Normen, Werte und Verhaltensstandards einer Gesellschaft konstituiert“ (Andrea Mai-
hofer 1995: 81).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
44
stischer Überlegungen zur Sprache und postmodernen Absagen an ein souveränes, kohä-
rentes Subjekt, ist das Subjekt in poststrukturalistischer Theorie ein Effekt von Sprache.
Sprache stellt Subjektivität gesellschaftsspezifisch her. Da Gesellschaftssysteme immer
Veränderungen unterworfen sind und verschiedene Gesellschaftssysteme existent sind, ist
demnach auch die Subjektivität veränderbar und verschieden. Subjektivität ist poststruktu-
ralistischem Denken zufolge nicht statisch, sondern uneinheitlich und konflikthaft.
Das Individuum ist sowohl Schauplatz für eine Reihe möglicher Formen der Subjekti-
vität als auch, in jedem einzelnen Augenblick des Sprechens oder Denkens, ein Sub-
jekt, das dem Regime der Bedeutung eines bestimmten Diskurses unterworfen und ent-
sprechend zu handeln in der Lage ist. Die Subjektposition, von der aus Sprache geäu-
ßert wird, aus der Sprechakte, Gedanken oder Geschriebenes hervorzugehen scheinen,
ist ein Bestandteil der Struktur der Sprache und darüber hinaus der von ihr konstruier-
ten Struktur der bewussten Subjektivität (Chris Weedon 1991: 51).
Subjekte erscheinen in poststrukturalistischer Philosophie als diskursiv produziert, sie sind
in und durch heterogene, widersprüchliche Diskurse verstrickt und werden so durch Un-
terwerfungen unter Diskurse zu Subjekten.
Das bedeutet, das nicht das Subjekt verschwindet oder sich auflöst und mithin seine Sub-
jektivität, sondern seine epistemologische, seine vorgeblich homogene, ahistorische Gestalt
in Frage gestellt wird. Im poststrukturalistischen Denken wird das Subjekt dezentralisiert:
Die Schnittstelle dieser vielfältigen Diskurse bildet den Ort des Subjekts. Das bedeutet,
dass der Diskurs, weit davon entfernt eine homogene Einheit zu sein, ein instabiles, wi-
dersprüchliches Subjekt konstituiert. Ein Subjekt, das sich aus verschiedenen Elemen-
ten zusammensetzt und auf diese Weise dezentralisiert wird (Heike Raab 1998:61).
Diese poststrukturalistische Sicht auf Subjekte und Subjektivität findet sich im Konzept
der „multiplen Identitäten“ (vgl. Kapitel 2.1) wieder. In diesem Konzept werden Identitä-
ten als mehrdimensional begriffen. Helga Bilden formuliert:
Die soziale Natur von Selbst-Prozessen wird unabweisbar deutlich; sie können nicht
mehr als nur intrapsychische Prozesse verstanden werden, sondern sind im Zusammen-
hang sozialer Interaktionen zu sehen. Die soziale Konstitution und Konstruktion des
Selbst in der Interaktion – und damit seine Geschichtlichkeit – müssen als Basis der so-
zialpsychologischen Theorie und Empirie anerkannt werden [Hervorhebung im Origi-
nal] (Helga Bilden 1989: 26).
29 In diesem Zitat wird deutlich, wie Senta Trömel-Plötz in Konstruktionen über „weibliches“ und „männli-
ches“ Gesprähsverhalten verwickelt ist. Die Betonung einer biologisch begründeten Differenz spiegelt sich
hier wieder.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
45
Mit dieser Argumentation wendet Bilden sich gegen das „moderne Individuum“ welches
sie als androzentrisches Konzept begreift. Damit steht sie in der Tradition feministischer
Kritikerinnen, die Individuum und Identität als androzentrische Konzepte von bürgerlichen
Männern mit einem bürgerlich-männlichen Selbstentwurf kritisieren. Implizit findet sich in
dieser bürgerlichen Subjektkonstitution das hierarchische Geschlechterverhältnis in der
Konstruktion der so genannten „Normalbiografie“. Diese lässt sich ableiten von dem Kon-
zept des autonomen, stabilen und hierarchisch organisierten Subjekts und seiner Generali-
sierung zur Norm. Diese Normalbiografie durchzieht, zwar auf der Alltagsebene schon
brüchig, auf der Ebene der symbolischen Ordnung jedoch mehr oder weniger unangefoch-
ten, das gesellschaftliche Leben. Auf der Ebene der symbolischen Ordnung wird sich z.B.
orientiert an einer „Normalerwerbsbiografie“, die angesichts von Massenarbeitslosigkeit,
befristeten Arbeitsverträgen fragil wird. Evident wird dies auch exemplarisch in Institutio-
nen, in der Rentenpolitik und nicht zuletzt in der Pädagogik und ihren Arbeitsfeldern (vgl.
Helga Bilden, 1989: 31).
Sprache und Subjekte befinden sich nicht in einem Vakuum, sondern sind verwoben in
verschiedenen Ausformungen und Manifestationen von Macht. Die Beziehungen von
Subjekten werden durch Macht strukturiert. Die poststrukturalistische Sicht auf Macht ist
vielschichtig und differenziert. So unterscheidet Michel Foucault (1977) zwischen Macht
und Herrschaft: Macht ist die grundlegende Erscheinung und Herrschaft ist die institutio-
nalisierte, staatliche Herrschaft. Machtverhältnisse gründen sich auf gesellschaftliche
Kräfteverhältnisse.
Unter Macht verstehe ich hier nicht die Regierungsmacht, als Gesamtheit der Institu-
tionen und Apparate, die die bürgerliche Ordnung in einem gegebenen Staat garantie-
ren. Ebenso wenig verstehe ich darunter eine Unterwerfungsart, die im Gegensatz zur
Gewalt in Form der Regel auftritt. Und schließlich meine ich, nicht ein allgemeines
Herrschaftssystem(...). [Auslassung A:S.] Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu
verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und or-
ganisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese
Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt (Michel Foucault 1977: 113).
Die Macht eines Staates oder eines Monarchen betrachtet Michel Foucault als Endausfor-
mung von Macht. Die Machtausformungen unserer Gesellschaft sind Ergebnisse von Ver-
bindungen unterschiedlicher Machtstränge und -strategien aus den verschiedensten gesell-
schaftlichen Bereichen z.B. Familie, Schule, Justiz. Mit der Zeit haben sich diese verschie-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
46
denen Machtstränge zu hegemonialen Machtdiskursen verfestigt. Macht wird in diesem
Sinne als ein Zusammenspiel von „oben und unten“ gedacht, in dessen Gefüge kein Au-
ßerhalb existiert und eine dichotome Sicht auf Täter und Opfer obsolet wird. Die Subjekte
befinden sich vielmehr in mehrdimensionalen gesellschaftlichen Machtgeflechten und sind
verwoben in verschiedenen Machtbeziehungen.
Das bedeutet, dass Subjekte nicht ein Gegenüber von Macht sind, sondern Subjekte sind
Wirkungen der Macht, Macht geht gleichsam durch die Individuen hindurch. Mit dieser
Entpersonalisierung bzw. Entindividualisierung von Macht dekonstruiert auch Foucault die
Kategorie des souveränen Subjektes.
Macht ist immanent und indem Macht immanent ist, ist sie nicht immer offenkundig - im
Gegenteil, der Durchsetzungserfolg der Macht entspricht ihrem Vermögen, ihre Macht zu
verbergen, so Michel Foucault. Als Beispiel sei hier verwiesen auf die gesellschaftliche
Setzung Heterosexualität, die so mächtig ist, dass sie als schon immer da gewesen be-
trachtet wird. Heretosexualität erscheint so als „natürlich“ und wirkt deswegen normativ.
Macht ist im Denken Michel Foucaults vielgestaltig und beweglich und er spricht von der
Positivität der Macht, weil sie relational ist.
Die Diskurse, ebenso wenig wie das Schweigen sind ein für alle Mal der Macht unter-
worfen oder gegen sie gerichtet. Es handelt sich um ein komplexes und wechselhaftes
Spiel, in dem der Diskurs gleichzeitig Machtinstrument und –effekt sein kann, aber
auch Hindernis, Gegenlager, Widerstandspunkt und Ausgangspunkt für eine entgegen-
gesetzte Strategie. Der Diskurs befördert und produziert Macht; er verstärkt sie, aber er
unterminiert sie auch, er setzt sie aufs Spiel, macht sie zerbrechlich und aufhaltsam
(Michel Foucault, 1977: 122).
Überall wo Macht ist, ist auch Widerstand. Vice versa bedeutet dies, dass es keinen Wider-
stand außerhalb der Macht gibt.
Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt
der Widerstand niemals außerhalb der Macht (Michel Foucault 1977:117).
Hier fungiert der Gegendiskurs als Widerstand. Das Subjekt, das sich als ein Effekt der
Macht bildet, indem es sich der Macht unterwirft30, kann sich ihr nicht restlos entziehen.
30 Diese Paradoxon formuliert Maurice Blanchot in seiner Zusammenfassung Foucaults Ansatzes: „Wir sind
immer weitgehender unterworfen. Aus dieser längst nicht mehr groben , sondern feinfühligen Unterwerfung
ziehen wir den ruhmvollen Schluß, Subjekte zu sein; eben die Unterwerfung konstituiert uns als freie Sub-
jekte, fähig, die diversesten Erscheinungsformen einer lügnerischen Macht in Wissen umzuwandeln in dem
Maße, wie wir ihre Transzendenz vergessen müssen und das Gesetz vom göttlichen Ursprung ersetzen durch
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
47
Es kann sich ihr auch nicht radikal anders entgegensetzen. Das Verhältnis von Macht und
Widerstand kann ebenfalls am Beispiel Hetero-/ Homosexualität deutlich gemacht werden:
Durch die normative Setzung von Heterosexualität kann Homosexualität erst als Abwei-
chung, als das Andere verstanden werden(vgl. Fußnote Nummer 26). Nun erst kann der
Gegendiskurs Homosexualität sich konstituieren. Weil Michel Foucault vom relationalen
Charakter der Machtverhältnisse ausgeht, gibt es keinen „Ort der großen Weigerung“.
Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, unwahrscheinliche,
spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche,
kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände, die nur im strategi-
schen Feld der Machtbeziehungen existieren können. Aber das heißt nicht, dass sie ge-
genüber der eigentlichen Herrschaft eine Folgewirkung, eine Negativform darstellen,
die letzten Endes immer nur die passive und unterlegene Form sein wird (Michel
Foucault 1977: 117).
Michel Foucaults Sicht auf Macht verdeutlicht, dass Macht nachhaltig, permanent und
überall wirksam ist.
2.2.2.2 Annäherung an den Begriff Dekonstruktion
Auf die Methode der Dekonstruktion wird im poststrukturalistischen feministischen Dis-
kurs immer wieder rehkurriert, sie fungiert hier i.d.R. als Verfahren, Herstellungsmecha-
nismen hegemonialer Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht in ihrem symbolischen
Bestand aufzuzeigen ( vgl. exemplarisch Judith Butler 1991, 1995).
Dekonstruktion als Methode des Poststrukturalismus steht im Zusammenhang mit dessen
Überlegungen zu Sprache, Subjekt und Macht. Mit dem Verweis auf die poststrukturalisti-
sche Basis von Dekonstruktion wird der Unterschied zu Überlegungen von Androgynie
und Gleichheit und Differenz deutlich: Dekonstruktion verweist auf den Konstruktionscha-
rakter z.B. von Geschlecht. Es zeigt auf, wie auf der Ebene von hegemonialen Macht-
strukturen die Kategorie Geschlecht durch Ein- und Ausschlussverfahren hergestellt wird.
Die Überlegungen zur Androgynie bzw. zur Gleichheit und Differenz hingegen gehen von
einem biologischen, „natürlichen“ Fundament aus.
Dekonstruktion ist ein erkenntnistheoretisches Verfahren, dessen Gegenstand die Meta-
physik, das Nachdenken über Art und Zweck des Seins ist. Auf der Ebene von gesell-
schaftlichen Machtverhältnissen werden im poststrukturalistischen Denken Subjekte durch
ein System von Regeln und durch vernünftige Verhaltensweisen (Maurice Blanchot: 38). Christiane Fäcke
weist in diesem Zusammenhang auf die doppelte Bedeutung des Titels „Von der Unterwerfung zur Subjekt-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
48
Ein- und Auschlussverfahren hergestellt. Mit dem Verfahren der Dekonstruktion wird ver-
sucht, diese Mechanismen aufzuzeigen.
Jacques Derrida ist hierfür der Vertreter mit seiner Theorie der „différance“. „Différance“
ist ein Kunstbegriff Jacques Derridas in Abweichung des Begriffes „différence“ (Diffe-
renz). „Différance“ bezeichnet Jacques Derrida als Wurzel der Verschiedenheit. In der
„Différance“ sieht er das Unentscheidbare, dass „Weder noch“. „Différance“ sei eine Spur,
eine Verweisung auf einen anderen Gegenstand. „Différance“ sei eine Bewegung, die je-
den Code oder die Sprache historisch als Gewebe von Differenzen konstituiert. D.h. die
Gegensätze verschieben sich zu einem Gewebe von Differenzen. „Différance“ ist eine
Spielbewegung mit der Möglichkeit, Begrifflichkeiten, Begriffsprozesse und Begriffssy-
steme zu verschieben.
Was sich différance schreibt, wäre also jene Spielbewegung, welche diese Differenzen,
diese Effekte der Differenz, durch das „produziert“, was nicht einfach Tätigkeit ist. Die
différance, die diese Differenzen hervorbringt, geht ihnen nicht etwa in einer einfachen
und an sich unmodifizierten, in-differenten Gegenwart voraus. Die différance ist der
nicht-volle, nicht-einfache Ursprung der Differenzen (Jacques Derrida 1988: 37).
Exemplarisch bezogen auf das Komplement Intellegibel und Sinnlich z.B. bedeutet dies,
dass das Intelligible sich vom Sinnlichen unterscheidet. Es existiert eine Differenz (diffé-
rence). Nach Derrida unterscheidet sich das Intelligible vom Sinnlichen darüber hinaus als
„aufgeschobenes Sinnliches“(différance), Intelligibel und Sinnlich erscheinen als eins. Sie
sind nur jeweils aufgeschoben bzw. verschoben. Differenzen (différences) sind so begrif-
fen, unaufhebbar und Elemente des gleichen.
Das Gleiche ist gerade die différance (mit a) als aufgeschobene doppeldeutiger Über-
gang von einem Differenten zum anderen. Man könnte auf diese Weise alle Gegensatz-
paare wieder aufgreifen, auf denen die Philosophie aufbaut und von denen unser Dis-
kurs lebt, um an ihnen nicht etwa das Erlöschen des Gegensatzes zu sehen, sondern ei-
ne Notwendigkeit, die sich so ankündigt, dass einer der Termini als différance des an-
deren erscheint (Jacques Derrida 1988: 43).
Jeder Begriff stellt die Notwendigkeit für den anderen dar, Gegensätze werden als vonein-
ander abhängige Konstruktion begriffen, in der das eine immer das andere ist, Begriffe
werden unentscheidbar31. Zygmunt Baumann, der sich im Rahmen seiner Überlegungen
zur Postmoderne auch mit Jacques Derridas Denken befasst hat, macht Folgendes deutlich:
werdung“ (De l´assujettissement au sujet) hin (vgl. Christiane Fäcke 2000: 66).
31 Derrida diskutiert das Unentscheitbare exemplarisch am Begriff „Pharmakon“. Das „Pharmakon“ schließt
sowohl die Bedeutung „Gift“ als auch „Heilung“ ein. „Pharmakon ist die reguläre, geordnete Polysemie, die
durch eine Schräglage, Indetermination oder Überdetermiation, aber ohne Fehlübersetzung die Wiedergabe
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
49
Unentscheidbar sind alle weder/noch; was so viel sagt wie, dass sie gegen das entwe-
der/oder kämpfen. Ihre Unterbestimmtheit ist ihre Macht: Weil sie nichts sind, können
sie alles sein. Sie machen Schluss mit der ordnenden Macht der Opposition und ebenso
mit der ordnenden Macht des Erzählers der Opposition (Zygmunt Baumann 1996: 77).
Der Logik der différance folgend, bedeutet Dekonstruktion nicht, die Gegensätze zu neu-
tralisieren, sondern es bedarf einer „doppelten Strategie“. Zum einen müsse, so Jacques
Derrida, ein Umbruch durchlaufen werden und zum anderen muss ein neuer Begriff einge-
setzt werden. Dies müsse ein Begriff sein, der sich in der vorangegangenen Ordnung nicht
verstehen lässt. Würde kein neuer Begriff entwickelt, so Jacques Derrida, verharre man auf
dem „dekonstruierten Gebiet“. Dieser neue Begriff erwächst aus bekannten Begriffen und
ist gleichzeitig unentscheidbar.
Sie [die Unentscheidbaren. Anmerkung A.S.] sind die Vorahnung jenes „dritten Ele-
ments“, das nicht sein sollte. Sie sind die wahren Hybriden, die Monster – nicht einfach
unklassifiziert, sondern unklassifizierbar. Sie stellen nicht einfach diese Opposition in
Frage: Sie stellen Oppositionen überhaupt in Frage, das Prinzip der Opposition selbst,
die Plausibilität der Dichotomie selbst, die es suggeriert, und die Möglichkeit der Tren-
nung (Zygmunt Baumann 1996: 80).
Vor diesem Hintergrund ist Dekonstruktion ein Balanceakt zwischen dem Aufdecken von
Begriffen und Zuschreibungen und der gleichzeitigen Zementierung derselben. Es bedarf
einer „doppelten Geste“ oder des „doppelten Blicks“ wie ihn Carol Hagemann-White
(1993) beschreibt32. Jacques Derrida formuliert selbst:
So gesehen kann man also in Bezug auf den Geschichtsbegriff wie in Bezug auf jeden
anderen auch, keine einfache und augenblickliche Veränderung in Gang setzen oder gar
einen Namen aus dem Wortschatz streichen. Man muss eine Strategie der textlichen
Arbeit entwickeln, die der Philosophie immer wieder ein altes Wort entnimmt, um es
anschließend von ihrer Zeichnung zu lösen (...). Man muss zum einen den herkömmli-
chen Geschichtsbegriff umstürzen und zugleich Abstand kennzeichnen (...) und man
muss darauf achten, dass er nicht aufgrund des Umsturzes oder durch die Tatsache der
Begriffsbildung wiederangeeignet wird. Natürlich muss man eine neue Begriffsbildung
einleiten, aber man muss sich dessen bewusst sein, dass die Begriffsbildung selbst und
desselben Wortes durch >Heilmittel<, >Rezept<, >Gift<, >Droge<; >Filter>, usw. erlaubt. Wegen dieser
Fähigkeit ist pharamakon zunächst vor allem machtvoll: `es hat am Guten wie am Üblen teil, am Angeneh-
men wie am Unangenehmen.´ Pharmakon ist schließlich `weder das Heilmittel noch das Gift, weder gut noch
böse, weder das Drinnen noch das Draußen.´ Pharmakon verzehrt und überrennt alle Opposition – die pure
Möglichkeit der Opposition selbst“ (Zygmunt Baumann 1996: 76)
32 Carol Hagemann-White schlägt den doppelten Blick als Forschungsmethode vor. Es reicht nicht aus, nur
den Blickwinkel zu verlagern, sondern es muß gleichzeitig der alte Blick beibehalten werden. Dieser ist das
Instrument, mit dem Material für den neuen Blick gewonnen werden kann (Carol Hagemann-White 1993:
74).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
50
sie allein das, was man „kritisieren“ möchte, wieder einführen kann [Auslassungen
A.S.] (Jacques Derrida 1986: 120).
Jacques Derrida geht es in seinem Verständnis von Dekonstruktion um das Nicht -
Gedachte, das Verdrängte und Unterdrückte. Hegemoniale Zwänge bestimmen, was kon-
stituiert wird und was nicht, es herrscht ein Zwang, sich zuordnen zu müssen – entweder
zum einen oder zum anderen, entweder sind Menschen Frauen oder Männer, entweder sind
sie homo- oder heterosexuell. Diese hegemonialen Ein- und Ausschlussverfahren passieren
permanent. Durch diese Ein- und Auschlussverfahren konstituieren sich die Subjekte und
damit auch das hierarchische Geschlechterverhältnis. Birgit Wartenpfuhl bringt in dieses
Arrangement Überlegungen von Machthierarchien ein:
Diese vielfältigen Identifizierungen als einen „Knotenpunkt anzunehmen, verweist
auch auf die „différance“ bei Derrida als ein Bündel von Verweisungen innerhalb eines
Netzes. So verschieben sich die Kategorien „Geschlecht“, „Klasse“, „Rasse“, „sexuelle
Orientierung“, die als Vektoren der Macht hierarchisiert und gegeneinander ausgespielt
werden, bei Butler und Derrida innerhalb des Netzes zu „Kraftlinien“, die aufeinander-
und auseinander laufen, die sich kreuzen und mischen. Das Netz dokumentiert die de-
zentrierte Struktur von Hierarchisierungen und Ausgrenzungen als ein Gewebe von
Differenzen (Birgit Wartenpfuhl 1996: 206).
Es scheint notwendig, transparent zu machen, in welche Identifizierungen Subjekte ver-
wickelt sind und welche Identifizierungen sie gleichzeitig ausschließen und verwerfen.
Diese hegemonialen Ein- und Ausschlussverfahren, durch die Subjektpositionen sich kon-
stituieren und konstruieren, können mit Hilfe von Dekonstruktion aufgezeigt werden. Des-
halb muss sich Dekonstruktion in das zu dekonstruierende Feld hineinbegeben. Dekon-
struktion ist demzufolge mit dem zu Dekonstruierenden verknüpft und deshalb dürfe De-
konstruktion, so Jacques Derrida, zum einen nicht die binären Gegensätze neutralisieren
und sich zum anderen nicht in diesem geschlossenen Feld der Gegensätze einfügen und sie
somit perpetuieren. Dekonstruktion wird in der Philosophie als Arbeitsprozess bezeichnet,
durch den etwas aufgeteilt wird und in seine Bestandteile aufgelöst wird. Dies bedeutet,
dass die Dekonstruktion der Metaphysik nicht die Abschaffung der Metaphysik ist, son-
dern das Gegenteil, nämlich die Aufdeckung derselben.
Dekonstruktion kann gegensätzliche Strukturen aufzeigen und deutlich machen, dass die
Ungleichheit von Begriffspaaren im Gegenstand der Opposition gegeben ist, also in dem
Zwischenraum zwischen den Begriffen: einer der beiden Begriffe wird durch die Abhän-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
51
gigkeit des anderen kontrolliert. Daraus folgt, dass, indem die Opposition dekonstruiert
wird, die Hierarchie zwischen den Begriffen ins Wanken gebracht werden kann.
So geht beispielsweise Judith Butler von der Reversibilität von Zuschreibungsprozessen
durch Dekonstruktion aus. D.h. Dekonstruktion kann dazu beitragen, Mechanismen von
gesellschaftlichen soziokulturellen Konstruktionen wie z.B. Geschlecht, Schicht, Ethnie
aufzudecken. Dekonstruktion ist in diesem Sinne keine praxisorientierte Theorie, sondern
ein Denkmodell, das es möglich macht, Zuschreibungen in ihrem symbolischen Bestand
aufzuzeigen, ohne neue Zuschreibungen anbieten zu müssen.
Dekonstruktion geht nicht von Wesensmäßigkeiten aus, sondern kommt antiessentialistisch
daher und ist somit nicht genötigt, essentielle Wahrheiten zu produzieren. Es geht bei De-
konstruktion nicht um das Auflösen bestimmter Zuschreibungen, Dinge, Begriffe oder gar
Körper, bis am Ende nichts mehr übrig bleibt, sondern um das Offenlegen des gesell-
schaftlich – kulturellen Gewordenseins von Zuschreibungen, Dingen, Begriffen und Kör-
pern.
2.2.3 Dekonstruktion und poststrukturalistische, feministische Denkbewegungen
Im Mittelpunkt poststrukturalistischer, feministischer Überlegungen stehen Analysen von
Mechanismen der diskursiven (Re)Produktion von Geschlecht. Dabei beziehen sich post-
strukturalistische Feministinnen auf die zentralen Kategorien des Poststrukturalismus:
Sprache, Subjekt/Subjektivität und Macht.
Der feministische Poststrukturalismus ist also eine Produktionsweise von Wissen, bei
der die poststrukturalistischen Theorien über Sprache, Subjektivität, gesellschaftliche
Prozesse und Institutionen für das Verständnis der vorhandenen Machtverhältnisse und
das Erkennen von Bereichen und Strategien der Veränderung angewandt werden (Chris
Weedon 1990: 59).
Feministische Poststrukturalistinnen grenzen sich ab von feministischen Positionen, die auf
der Grundlage eines universalen, homogenen feministischen Subjekts argumentieren, da
dieses Vorgehen im Denken des Poststrukturalismus in jenen Machtverhältnissen verstrickt
bleibt, gegen die es Widerstand leisten will.
Poststrukturalistischen Feministinnen geht es darum, die Kategorie Geschlecht als soziale
Konstruktion zu begreifen und den Dualismus von Natur-Kultur zu hinterfragen. So wird
das, was wir als Natur bezeichnen, als diskursiv produziert verstanden – Natur erscheint
nicht mehr der Kultur vorgängig. In diesem Zusammenhang wird im poststrukturalisti-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
52
schen Diskurs auch das Verhältnis von sex/gender in Frage gestellt. Vor diesem Hinter-
grund werden die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als diskursiv
produziert betrachtet. Poststrukturalistischen Feministinnen begreifen die Kategorie gender
als Analysekategorie und gehen den Verwobenheiten dieser Kategorie mit anderen Katego-
rien wie Schicht und Ethnie nach. Judith Butler ist wohl die prominenteste und gleichzeitig
umstrittenste Vertreterin des feministischen Poststrukturalismus, weshalb ihre Überlegun-
gen im Folgenden skizziert werden. Auf der Basis von Foucaults Theorie zu Subjekt und
Körper leistet sie eine Analyse der Binarität der Geschlechter und der Norm Heterosexua-
lität.
2.2.3.1 Das Geschlecht als diskursiver Effekt bei Judith Butler
Judith Butler (1991, 1995) geht davon aus, dass die Kategorie Geschlecht eine diskursiv
hergestellte Kategorie ist. Geschlecht ist demnach nichts ontologisches, quasi natürliches,
sondern eine kulturelle und soziale Konstruktion. Weder Geschlechtskörper (sex) noch die
Geschlechtsidentität bzw. das soziale Geschlecht (gender) sind natürlich bzw. gründen sich
in der Biologie. Das Subjekt kennzeichnet Judith Butler als Effekt von Bezeichnungspra-
xen, Körper und soziales Geschlecht als diskursiv hervorgebracht.
Die Geschlechtsidentität ist also weder das kausale Resultat des Geschlechts, noch so
starr wie scheinbar dieses. Die Unterscheidung Geschlecht/Geschlechtsidentität erlaubt
vielmehr, die Geschlechtsidentität als vielfältige Interpretationen des Geschlechts zu
denken und sie ficht bereits potentiell die Einheit des Subjekts an (Judith Butler 1991:
22).
Judith Butler hebt hiermit die scheinbar eindeutigen Zuordnungen von der Kategorie gen-
der zur Kategorie sex auf und argumentiert gegen eine monokausale Übereinstimmung von
sex und gender. Weder die Konstruktion Mann kann allein dem männlichen Körper und
die Konstruktion Frau kann nicht allein dem weiblichen Körper zugeordnet werden, so
Judith Butler.
Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität als radikal und
unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität selbst
zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann
ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umge-
kehrt die Kategorien Frau und weiblich (Judith Butler 1991: 23).
Das Geschlecht (sex) begreift Judith Butler als kulturell generierte Geschlechterkategorie
und Geschlechtsidentität (gender) als kulturelle Zuschreibung. Ihr greift das Verständnis
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
53
von Geschlechtsidentität als kulturelle Zuschreibung an ein anatomisches Geschlecht je-
doch zu kurz. Sie argumentiert, dass der Begriff Geschlechtsidentität auch jene Prozesse
umfassen muss, der die anatomischen Geschlechter (sexes) produziert. Geschlechtsidentität
gehört vor diesem Hintergrund nicht zur Kultur und Geschlecht nicht zur Natur.
Geschlechtsidentität umfasst auch jene diskursiven /kulturellen Mittel, durch die eine
„geschlechtliche Natur“ oder ein „natürliches Geschlecht“ als „vordiskursiv“, d.h. der
Kultur vorgelagert oder als politisch neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur ein-
schreibt , hergestellt wird und etabliert wird (Judith Butler 1991: 24).
Demzufolge sind sowohl das soziale Geschlecht (gender) als auch der Körper (sex) in Ju-
dith Butlers Überlegungen „kulturelle Angelegenheiten“ und Geschlecht und Körper er-
scheinen als diskursiv hervorgebracht.
Judith Butler geht in ihren Überlegungen von einem „neutralen“ Körper aus, dem die kul-
turellen Überlegungen nach und nach zugeschrieben werden. Der Körper ist gleichsam ein
weißes Blatt, auf dem verschiedene Geschlechtszuschreibungen notiert werden.
Diesen Körper bezeichnet Judith Butler als gesellschaftlich konstituierten Geschlechtskör-
per bzw. vergeschlechtlichen Körper.
Die gesellschaftliche Forderung bzw. Annahme, dass Gedanken, Gefühle, Begehren und
geschlechtliche Praxen zu einer Geschlechtsidentität führen müssen, die dann auch noch
mit dem vergeschlechtlichen Körper übereinstimmen muss und zwar unverrückbar, ein
Leben lang, führt Butler auf den herrschenden heterosexuellen Geschlechterdiskurs zurück,
indem das Geschlecht als Strukturkategorie fungiert. Durch die Zweigeschlechtlichkeit
unserer Kultur wird die Geschlechtszugehörigkeit als eindeutig definiert. Jeder Mensch ist
folglich entweder weiblich oder männlich. Als naturhaft im Sinne der körperlich-
biologischen Begründbarkeit der Geschlechtszugehörigkeit und der Unveränderbarkeit,
das meint, dass das Geschlecht angeboren ist und Laufe des Lebens nicht gewechselt wer-
den kann.33 Diese Paradigmen bilden sich in Problemen ab, die z.B. Transsexuelle, Men-
schen, die das Gefühl haben „im falschen Körper zu leben“, haben können: Sie lassen sich
umoperieren um eine Übereinstimmung mit Geschlechtsidentität und Geschlechtskörper zu
erreichen. Die gesellschaftlichen Paradigmen der einen, eindeutigen, naturhaften und un-
veränderbaren Geschlechtsidentität und ihre zwingende monokausale Kopplung an den ihr
zugewiesenen Körper lassen es nicht zu, eine „weibliche“ Geschlechtsidentität in einem
„männlichen“ Körper zu leben und damit gesellschaftlich als Frau anerkannt zu werden.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
54
Menschen, die den Wunsch haben, sich umoperieren zu lassen, müssen darüber hinaus
nachweisen, das sie „wirklich“ Frauen oder Männer sind. Dies spiegelt den normativen
Zwang und den gesellschaftlichen Umgang bezogen auf die Übereinstimmung von sex und
gender wieder34.
Judith Butler geht es nun nicht darum aufzuzeigen, dass sex nicht existiert und das es kei-
nen Zusammenhang zwischen sex und gender gibt. Es geht ihr vielmehr um das Offenle-
gen des Konstruktionscharakters von sex und gender und um die Möglichkeiten, die diese
Öffnung mit sich bringen kann (vgl. Judith Butler 1991: 60).
Diese erzwungene Geschlechtsidentität und die Perpetuierung der gesellschaftlichen
Machtverhältnisse im Sinne einer hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit könne, so Judith
Butler, nur durch Subversion durchbrochen werden. So thematisiert sie, dass wir nicht die
Geschlechter sein müssen, die wir geworden sind. Das Geschlecht ist demzufolge das, was
wir tun (doing gender), und nicht das, was wir sind. Judith Butler betrachtet die Ge-
schlechter als Inszenierungen, das Subversive sieht sie in der Abweichung von den gängi-
gen Bezeichnungspraxen. Durch die Wiederholungsprozesse von Bezeichnungen werden
Subjekte erzeugt. Eine Möglichkeit zu Querbewegungen ist, diese Wiederholungen zu ver-
ändern. Durch diese Variationen werden neue Möglichkeiten für Geschlechtsidentitäten
eröffnet, so Judith Butler.
In bestimmter Hinsicht steht jede Bezeichnung im Horizont des Wiederholungszwangs;
daher ist die „Handlungsmöglichkeit“ in der Möglichkeit anzusiedeln, diese Wieder-
holung zu variieren. Wenn die Regeln, die die Bezeichnung anleiten, nicht nur ein-
schränkend wirken, sondern die Behauptung alternativer Gebiete kultureller Intelligibi-
lität ermöglichen, d.h. neue Möglichkeiten für die Geschlechtsidentität eröffnen, die
den starren Codes der hierarchischen Binaritäten widersprechen, ist eine Subversion der
Identität nur innerhalb der Verfahren repetitiver Bezeichnungen möglich (Judith Butler
1991: 213).
Sinnbildlich hierfür steht bei Judith Butler die Travestie und damit die Unterscheidung
zwischen der Anatomie der darstellenden Person und der Performanz der dargestellten
Geschlechtsidentität.
Doch stehen wir hier vor drei kategorialen Dimensionen der signifikanten Leiblichkeit:
dem anatomischen Geschlecht (sex), der geschlechtlich bestimmten Identität (gender
identity) und der Performanz der Geschlechtsidentität (gender performance). Wenn die
33 Vgl. Carol Hagemann-White, 1993
34 Im Gegensatz zu transexuellen Personen, verweigern transgenderd persons eine eindeutige Zuordnung in
die binäre Geschlechterordnung. Sie exprimentieren mit dem kulturellen Geschlecht (gender).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
55
Anatomie des Darstellers immer schon von seiner Geschlechtsidentität unterschieden
ist, und diese beiden sich wiederum von der Geschlechtsidentität der Darstellung (per-
formance) unterscheiden, dann verweist die Darstellung nicht nur auf eine Unstimmig-
keit zwischen Geschlecht (sex) und Darstellung, sondern auch auf eine Unstimmigkeit
zwischen Geschlecht und Geschlechtsidentität (gender) und zwischen Geschlechtsi-
dentität und Darstellung (Judith Butler 1991: 202).
Das Parodieren der Geschlechter sieht sie als Weg einer Politik zur Veränderung der hier-
archisierten Zweigeschlechtlichkeit. Genauso wie der Körper als etwas natürliches darge-
stellt werde, könne er umgekehrt, so Judith Butlers Überlegung, als entnaturalisiert darge-
stellt werden.
Ebenso wie die Körperoberflächen als das Natürliche inszeniert werden, können sie
umgekehrt zum Schauplatz einer unstimmigen, entnaturalisierten Performanz werden,
die den performativen Status des Natürlichen selbst enthüllt (Judith Butler 1991: 214).
So könnten Geschlechternormen verschwinden und es könnte eine Vielfalt der Geschlech-
ter entstehen und zum Verschwinden der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit beitragen.
Dies bedeutet dennoch keine Beliebigkeit, in der wir je nach Lust und Laune das Ge-
schlecht wechseln können, wie wir wollen. Die Herstellung des Geschlechts ist ein inter-
aktiver Akt, ein Akt also der ein aktives Gegenüber benötigt (vgl. Carol Hagemann-White
1993).
Die (in der Theorie) nun möglich gewordene Vielfalt der Geschlechter, ist nicht mit dem
Verschwinden der Geschlechter gleichzusetzen, sondern kann den Wegfall eines Identi-
tätszwangs, der mit dem System der hierarchisierten Zweigeschlechtlichkeit und der Norm
Heterosexualität einhergeht, bedeuten, so Judith Butler.
Ein Verlust der Geschlechternormen (gender norms) hätte den Effekt, die Geschlech-
ter-Konfigurationen zu vervielfältigen, die substantivische Identität zu destabilisieren
und die neutralisierten Erzählungen der Zwangsheterosexualität ihrer zentralen Prota-
gonisten: „Mann“ und „Frau“ zu berauben (Judith Butler 1991: 215).
Judith Butlers Überlegungen beziehen sich auf erkenntnistheoretischer Ebene auf Sprache,
sie verweist damit auf die poststrukturalistische Philosophie, in der der Sprache nichts vor-
gängiges existiert - sowohl unser Denken als auch unser Verständnis von Dingen erschei-
nen dort als sprachliche Diskurse.
Diese Sicht diskutiert Judith Butler bis in die Materialität des Körpers hinein. So ist der
Körper im Denken Judith Butlers nichts „Seiendes“ sondern vielmehr eine variable Be-
grenzung und eine Oberfläche, in der die Zeichen eingeschrieben werden können (vgl. Ju-
dith Butler 1991: 198f.). Der Körper ist eine Bezeichnungspraxis, so Judith Butler. Er er-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
56
scheint uns deshalb als „natürlich“, weil er durch die Bezeichnungen und ihre dauernden
Wiederholung natürlich wirkt. Durch die sich wiederholenden Bezeichnungen und die sich
wiederholenden Handlungen wird der Körper erst als „weiblicher“ oder „männlicher“ defi-
niert. Die Konstruktionen von „weiblichen“ und „männlichen“ Körpern werden Teil der
Körperpraxen und werden so zu einer (Körper)Realität, so Judith Butlers Argumentation.
Das Subjekt wird von den Regeln, durch die es erzeugt wird, nicht determiniert, weil
die Bezeichnung kein fundierender Akt, sondern eher ein regulierter Wiederholungs-
prozess ist.(Judith Butler 1991: 213).
Judith Butlers Positionen wurden und werden in der bundesrepublikanischen feministi-
schen Debatte kontrovers diskutiert. Die Hauptkritikpunkte beziehen sich auf Judith But-
lers Überlegungen zum Körper (vgl. Feministische Studien 2/93): Barbara Duden prote-
stiert in einer Replik auf Judith Butler gegen die Entkörperung, die sie bei Judith Butler
liest. Sie verortet Butler als Sprachrohr eines Diskurses, der mit der Natur, „dem Geburts-
ort im Fleisch, als Ur-Sprung gebrochen hat“ (vgl. Barbara Duden 1993: 24f.). Gesa Lin-
demann stellt die eigene Leiblichkeit als unhintergehbar in den Mittelpunkt ihrer Überle-
gungen (vgl. Gesa Lindemann 1993: 44 f.) und Hilge Landweer argumentiert mit anthro-
pologischen Befunden, dass der Körper evident ist (vgl. Hilge Landweer 1993: 34).
In ihrer Veröffentlichung „Körper von Gewicht“ (1995) nimmt Judith Butler diese Kritik-
punkte auf, indem sie den Körper als Materie anerkennt und gleichzeitig einen neuen Be-
griff von Materialität entfaltet. Materialität erscheint in ihrer Definition als Wirkung von
Machtdynamiken, als „Ablagerungen“ von Macht- und Herrschaftsdiskursen.
Das „biologische Geschlecht“ ist demnach also ein regulierendes Ideal, dessen Mate-
rialisierung erzwungen ist, und zu dieser Materialisierung kommt es (oder kommt es
nicht) infolge bestimmter , höchst regulierter Praktiken. Anders gesagt, das „biologi-
sche Geschlecht“ ist ein ideales Konstrukt, das mit der Zeit zwangsweise materialisiert
wird. Es ist nicht eine schlichte Tatsache, oder ein statischer Zustand eines Körpers,
sondern eine Prozess, bei dem regulierende Normen das „biologische Geschlecht“ ma-
terialisieren und diese Materialisierung nie ganz vollendet ist, dass die Körper sich nie
völlig den Normen fügen, mit denen ihre Materialisierung erzwungen wird (Judith
Butler 1995: 21).
Der Körper (die Materie) wird, so Judith Butler, hervorgebracht durch die Norm des biolo-
gischen Geschlechts. Dabei bestreitet sie die Materialität des Körpers nicht, der Körper ist
und bleibt Materie, gleichzeitig jedoch begreift sie Materialität als Wirkung von Macht.
Demzufolge kann das soziale Geschlecht nicht mehr als kulturelle Konstruktion verstanden
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
57
werden, welche in die Oberfläche des Körpers eingeschrieben wird, vielmehr wird das
biologische Geschlecht selbst in seiner Normativität und die Materialität des Körpers nicht
unabhängig von der Materialisierung jener regulierenden Norm verstanden.
Das „biologische Geschlecht“ ist demnach nicht einfach etwas, was man hat, oder eine
statische Beschreibung dessen. was man ist: Es wird eine derjenigen Normen sein,
durch die „man“ überhaupt erst lebensfähig wird, dasjenige, was einen Körper für ein
Leben im Bereich kultureller Intelligibilität qualifiziert (Judith Butler 1995: 22).
Judith Butler verortet in ihren Überlegungen zur Materialität des Körpers die Körperwahr-
nehmungen wiederum als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen. Damit bleibt Judith But-
ler die Dimension der gelebten Körperrealität weiterhin schuldig. Ohne die Berücksichti-
gung des Körpers bestehen zwar Möglichkeiten jenseits des hierarchischen Geschlechter-
verhältnisses zu denken, der Fakt des Körpers als gelebte Existenz kann jedoch nicht ne-
giert bzw. abstrahiert werden. Judith Butler begreift den Körper jedoch in der Tat als dis-
kursiven Effekt und führt aus, das wir zu unserem Körper keinen anderen Zugang haben
als durch die Sprache. Dies scheint insofern eine fragwürdige Überlegung zu sein, weil sie
die gelebten Körperpraxen außer Acht lässt, der Körper gerinnt damit gleichsam zur Matri-
ze der Sprache, die ihn prägt.
Judith Butler begreift Dekonstruktion als Praxis der Kritik und versucht mit dieser Metho-
de die Herstellungsmodi hegemonialer Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht auf-
zudecken. Dabei bewegt sie sich jenseits ontologischer Sichten auf Gleichheit und Diffe-
renz und versucht herauszuarbeiten, wie die Plausibilität dieser Binarität diskursiv hervor-
gebracht wird (vgl. Judith Butler 1991: 60). So gesehen kann Dekonstruktion auf symboli-
scher Ebene nützlich sein, Gleichheit und Differenz nicht zu naturalisieren, sondern zu
enthierarchisieren und zu dekonstruieren.
Judith Butlers Ansatz hat, bei aller Kritik, noch mehr Aspekte, die bemerkenswert sind. So
ist ihre Überlegung produktiv, dass wir nicht die Geschlechter sein müssen, welche wir
geworden sind. Denn indem die Subjekte den Diskurs der Geschlechterbinarität immer
wieder reproduzieren, haben sie gleichzeitig die Möglichkeit, einen Gegendiskurs nutzbar
zu machen. Subjekte können sich die Diskursbeziehungen vergegenwärtigen und transpa-
rent machen. In diesem Sinne beschreibt Judith Butler Geschlecht als diskursives Feld,
welches vergegenwärtigt und nutzbar gemacht werden kann. Durch Subversion und Par-
odie können Gegendiskurse aufgezeigt werden und durch Abweichungen von Zuschrei-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
58
bungspraxen neue Möglichkeiten für Geschlechtsidentitäten eröffnet werden. Problema-
tisch erscheint ihr Ansatz dann, wenn sie die Ausformungen von Macht unterschätzt, denn
Geschlecht kann nicht beliebig gewechselt werden. Es ist jedoch hilfreich, Geschlecht als
gesellschaftlich-kulturelles Phänomen verstehen zu können, da hierin Möglichkeiten zu
Veränderungen liegen. Gleichzeitig ist das Geschlecht unsere gelebte Existenzweise, von
der aus wir handeln und gerade weil wir zu Geschlechtern gemacht werden und uns ma-
chen und im hegemonialen Geschlechterdiskurs als solche existieren, kann hieran ange-
knüpft werden.
2.2.4 Dekonstruktion – Möglichkeiten und Grenzen
Dekonstruktion ist ein hilfreiches Verfahren, um scheinbar naturhafte Dichotomien in Fra-
ge zustellen. Dabei ist im Fokus von Dekonstruktion die Überlegung, wie Binaritäten als
Gegensätze verstanden werden, und welche Herrschaftsverhältnisse mit und durch sie pro-
duziert und reproduziert werden. Dabei geht es im Sinne Jacques Derridas nicht um ein
Auflösen dieser Binaritäten, sondern um das Offenlegen der Hierarchien und deren norma-
tiven Setzungen. Dekonstruktion kann dazu beitragen, Zuschreibungen z.B. an Frauen und
Männer in ihren symbolischen Bestand aufzuzeigen und das gesellschaftlich-kulturelle
Gewordensein von Zuschreibungen transparent zu machen. Auf der Basis der Annahme
der Konstruiertheit von Zuschreibungen an Frauen und Männer kann dies den Blick öffnen
für eine Veränderbarkeit dessen, was vermeintlich qua Biologie Frauen zu Frauen und
Männer zu Männern macht.
Gleichzeitig läuft Dekonstruktion Gefahr, die reale Ebene des Seins, der existierenden Ge-
schlechtlichkeit außer Acht zu lassen und allzu theoretisch auf symbolischer Ebene Ge-
schlechter als Konstruktionen zu vergeistigen. Poststrukturalistische Überlegungen und ihr
Verfahren der Dekonstruktion sind hilfreich als Weg eines Denkens aus dem Dilemma der
hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit, für sich isoliert betrachtet jedoch wenig nützlich,
denn poststrukturalistische Überlegungen müssen zusammengedacht werden mit feministi-
schen Positionen von Gleichheit und Differenz, um nicht neuerlich auzugrenzen und letzt-
endlich zu dichotomisieren und zu hierarchisieren.
Das Paradigma der Gleichheit ist separiert betrachtet insofern kontraproduktiv, als dass es
auf symbolischer Ebene die Assimilation von Frauen an das männliche Referenzsystem
betreibt. Nichts desto trotz ist Gleichheit von Frauen und Männern angesichts der realen
Benachteiligungen von Frauen in dieser Gesellschaft eine wichtige Forderung.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
59
Differenz balanciert, auch wenn sie als qualitative Differenz weniger Gefahr läuft Hierar-
chien zu reproduzieren, auf dem schmalen Grat der Reproduktion ontologischer Zuschrei-
bungen an Frauen und Männer. Ein dialektisches Zusammenwirken von Gleichheit und
Differenz vermag eine Pendelbewegung zwischen beidem zu leisten, bleibt jedoch letztlich
auf die Bewegung zwischen Gleichheit und Differenz bestehen und wirkt dadurch affirma-
tiv. Die Einbeziehung von Dekonstruktion kann nun in diesem Zusammenhang bedeuten,
die Lebensrealitäten von Frauen und Männern in dieser Gesellschaft in den Blick zu neh-
men, Mechanismen von Hierarchisierungen offen zu legen und zu einem egalitären Ge-
schlechterverhältnis, sowohl im Denken als auch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit
beizutragen, in dem die Kategorien Frau und Mann eben nicht hierarchisierend entgegen-
gesetzt werden.
Im Folgenden werden die Überlegungen Andrea Maihofers skizziert. Sie spannt einen Bo-
gen zwischen der Annahme über die Konstruktion der Geschlechter einerseits und des Ge-
schlechts als gelebter Realität andererseits.
2.3 Geschlecht als hegemonialer Diskurs und als Existenzweise (Andrea Maihofer)
Andrea Maihofer (1995) versucht mit ihren Überlegungen zum Geschlecht als Existen-
zweise einen Dreischritt zu denken: sie geht vom Konstruktionscharakter der Geschlechter
aus und zeigt auf, dass das Geschlecht unsere gelebte Realität ist indem sie die gesell-
schaftlcihen Realitäten in ihren Ansatz mit einbezieht und versucht auf dieser Basis,
Gleichheit und Differenz im Sinne eines egalitären Geschlechterverhältnisses zu denken.
Für eine Reflexion des hierarchischen Geschlechterverhältnisses bedeutet dies, an den Ka-
tegorien Frau bzw. Mann festzuhalten (Geschlecht als Existenzweise), eine Veränderbar-
keit von Geschlecht und Geschlechterverhältnis in den Blick nehmen zu können (Kon-
struktionscharakter des Geschlechts) und zu versuchen, zu einem egalitären Geschlechter-
verhältnis beizutragen (Gleichheit und Differenz).
Andrea Maihofer versteht Geschlecht als Existenzweise und hegemonialen Diskurs:
„Geschlecht“ als gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise zu begreifen, stellt folglich
den Versuch dar, erstens gegenüber dem Verständnis von „Geschlecht“ als bloßem
Bewusstseinsphänomen, das sich nur in den Köpfen der Leute abspielt, also lediglich
als ein Set von Vorstellungen, Bildern, Stereotypen, Verhaltenswartungen etc. über-
haupt auf die „materielle Existenz“ des Geschlechts zu verweisen; zweitens gegenüber
der Vorstellung von „Geschlecht“ als Effekt von Darstellungen und Wahrnehmungen,
Rollen etc. also als etwas , was den Individuen letztlich doch äußerlich bleibt, auf der
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
60
>Konsistenz< des Geschlechts als einer historisch entstandenen, aber doch gelebten
>körperlichen und seelischen Materialität< zu beharren; und drittens gegenüber der
Auffassung von „Geschlecht“ als Geschlechtsidentität,-charakter etc., also als vor-
nehmlich psychisches Phänomen. Sowohl die historisch entstandene >körperliche als
auch überhaupt die gesellschaftliche-kulturelle Materialität< des Geschlechts zu beto-
nen, ohne auf eine natürliche Basis des Geschlechts zurückgreifen zu müssen (Andrea
Maihofer: 84).
Geschlecht ist für sie eine Balance zwischen Natur und Kultur, Körper und Geist, Materie
und Bewusstsein. Sie präferiert den diskurstheoretischen Blick auf die Kategorie Ge-
schlecht im Sinne einer historisch bestimmten „Denk,- Gefühls,- und Körperpraxis“:
„Geschlecht“ ist nun eine komplexe Verbindung verschiedener historisch entstandener
Denk- und Gefühlsweisen, Körperpraxen und - formen sowohl gesellschaftlicher Ver-
hältnisse und Institutionen, eben eine historisch bestimmte Art und Weise zu existieren
(Andrea Maihofer 1995: 85).
Andrea Maihofer knüpft damit an den Diskursbegriff Foucaults an, nach dem Diskurse
immer produktive Aspekte haben. Diese produktiven Prozesse sind wirksam durch Nor-
mierung und Disziplinierung. Andrea Maihofer versteht diese Prozesse als Hervorbringung
- so bringt z.B. Normierung Normalität hervor.
Sie kritisiert eine dekonstruktivistische Perspektive, in der ihrer Ansicht nach Frau oder
Mann ausschließlich als Effekt von Wahrnehmungen und Darstellungen gesehen werden.
Sie illustriert dies mit einem Vergleich vom „Geschlecht als Bauwerk“: In der konstrukti-
vistischen Sicht auf Geschlecht gehe es nur um den Bau und die Wahrnehmung der Fassa-
de und nicht um das Gebäude selbst. Um nicht in den Verdacht des Essentialismus zu ge-
raten, werde Geschlecht in Darstellungen und Wahrnehmungen aufgelöst. Es wird über die
Fassade und nicht über das Gebäude geredet35.
Eine „Frau“ oder ein „Mann“ zu sein, bleibt auf diese Weise den Individuen letztlich
äußerlich. Sie sind „das“ nicht selbst, es ist bloß die Art, wie sie sich darstellen und von
anderen wahrgenommen werden (Andrea Maihofer 1995: 83).
Geschlecht ist aber das Gebäude mit der Fassade, Geschlecht ist demnach eine gesell-
schaftlich - kulturelle Existenzweise, so Andrea Maihofer. Sie versteht Geschlecht als
Selbstkonstituierungsprozess: das hierarchische Geschlechterverhältnis könne nicht nur als
35 Hier geraten die Begriffe Dekonstruktion und Konstruktion bei Maihofer durcheinander. Um in der Meta-
phorik zu bleiben, bedeutet eine dekonstruktivistische Sichtweise eben auch das Gebäude selbst in Frage
zustellen. Im Denken des Konstruktivismus wird hingegen nur die Fassade zum Gegenstand der Analyse.
(Vgl. zum Unterschied zwischen Konstrukivismus und Dekonstruktivismus auch Birgit Wartenpfuhl 1996:
192).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
61
hegemonial hergestellt begriffen werden, sondern gehe einher mit den Selbststilisierungen
der Mittelschicht im Sinne einer Selbstkonstituierung des bürgerlichen Mannes und der
bürgerlichen Frau. Das heißt, der herrschende Geschlechterdiskurs und die Kategorien
„Frau“ und „Mann“ sind nicht ausschließlich von außen oktroyiert, sondern ebenso von
den Individuen selbst hergestellt. Dies geschieht in der Regel in Übereinstimmung mit dem
biologischen Körper und entsprechend der Vorgabe des herrschenden Geschlechterdiskur-
ses. Der hegemoniale Geschlechterdiskurs wird zwar in einem Individuum dominieren,
wird aber z.B. je nach Schicht und Ethnie verändert. Für die Kategorie Frau sind in ver-
schiedenen Ländern bzw. in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten andere Merkmale
signifikant. Diese Vielfalt, die Kategorie Frau auszugestalten, bewegt sich jedoch inner-
halb des hegemonialen Geschlechterdiskurses. Dieser Geschlechterdiskurs kann demzufol-
ge nur so weit verallgemeinert werden, wie er das jeweilige Subjekt dominiert. Es kann
z.B. nicht mehr einfach von den Frauen die Rede sein, sondern die Differenzen zwischen
Männern und Frauen, die Differenzen unter Frauen und die Differenzen in Frauen müssen
in den Blick genommen werden. Die Kategorie Geschlecht und die Geschlechterdifferenz
können, so Andrea Maihofer, als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen begriffen werden,
sowohl was den scheinbar natürlichen Geschlechtskörper betrifft, als auch was die Ge-
schlechtsnormen angeht. Gerade aber weil wir zu Geschlechtern gemacht werden und uns
selbst herstellen und als solche existieren, plädiert Maihofer dafür, die Kategorie Ge-
schlecht mit all ihren Verwerfungen und Verschiedenheiten zum Ausgangspunkt feministi-
scher Politik zu machen und spricht sich für eine Anerkennung und Gleichberechtigung
von grundlegenden Differenzen aus. Dabei bezieht sich Andrea Maihofer nicht auf eine
bloße Anerkennung der Verschiedenheit pluraler Lebensformen, sondern plädiert für die
Anerkennung der Geschlechterdifferenz.
Auf den ersten Blick scheinen die Differenzen zwischen Frauen und Männern eher ge-
ringfügiger Art zu sein. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es sich dabei
teilweise um ganz grundlegende epistemologische, psychische, moralische, rechtliche
politische oder lebensweltliche Differenzen handelt, die sich (derzeit jedenfalls) unter
Umständen nicht einmal sprachlich vermitteln, sich alle Mal jedoch in ihrer jeweiligen
>Wahrheit< gerade nicht aufeinander reduzieren lassen [Hervorhebung im Original]
(Andrea Maihofer: 171).
Vor diesem Hintergrund plädiert Andrea Maihofer für die Möglichkeit einer nicht- hierar-
chischen Geschlechterdifferenz. Es wird ihres Erachtens zu wenig auf eine qualitative Ge-
schlechterdifferenz bestanden, so Andrea Maihofer. Hierin sieht sie beispielsweise das
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
62
Scheitern von Frauenpolitik begründet. Sie spricht sich für eine Definition von Differenzen
aus, deren Inhalte von Frauen bestimmt werden sollen:
Die inhaltliche Bestimmung der Differenzen muss dabei allerdings ausschließlich von
Frauen ausgehen (...)[Auslassung A.S.] Die Forderung nach Anerkennung der Ge-
schlechterdifferenz tritt also nicht an die Stelle der Forderung nach Gleichheit bzw.
Gleichberechtigung. Sie stellt vielmehr deren Weiterentwicklung dar. Sowohl die An-
erkennung als gleichberechtigte Menschen an sich im Sinne der herkömmlichen Men-
schenrechte als auch die Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen und –
bürger im Sinne der herkömmlichen Staatsbürgerrechte bleiben notwendige
Voraussetzungen. Die Forderung nach Anerkennung der Geschlechterdifferenz soll-
gleichsam als nächster Schritt – die Gleichberechtigung der Frau nun auch als „Frau“
garantieren [Hervorhebung im Original] (Andrea Maihofer 1995: 172).
Diese inhaltlichen Vorgaben betrachtet Andrea Maihofer nicht als statisch, sondern be-
greift die Herstellung solcher Selbstzuschreibungen als prozesshaft. Dabei muss, so Andrea
Maihofer, die Gefahr der Funktionalisierung dieser Selbstzuschreibungen für jegliche ge-
sellschaftliche Hierarchisierungen immer präsent sein.
In diesem Sinne verweist die Forderung nach einer nicht-hierarchischen Anerkennung
der Geschlechterdifferenz auf die Notwendigkeit, normative Kriterien und gesell-
schaftliche Praxen zu finden zu ermöglichen, in der `man ohne jede Angst verschieden
sein kann´, und richtet sich so gegen jede Form gesellschaftlicher Herrschaft (Andrea
Maihofer 1995: 173).
Mit diesen Überlegungen greift Andrea Maihofer den Entwurf einer Gleichheit in der Dif-
ferenz, wie sie die italienischen Differenztheoretikerinnen entwickeln und die Utopie einer
egalitären Differenz, wie sie Annedore Prengel entwirft, auf, ohne jedoch auf diese zu
verweisen.
Dieses von Andrea Maihofer aufgezeigte Modell des Geschlechts als Existenzweise ver-
mag sowohl auf einer alltagspraktischen Ebene als auch auf einer Ebene der symbolischen
Ordnung, hegemoniale Zuschreibungen an die Geschlechter und damit das Modell der
hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit ins Wanken zu bringen. Dabei bezieht sie, teilweise
ohne explizite Benennung, verschiedene feministische Denkansätze ein und denkt sie zu-
sammen. Jeder Denkansatz ist für sich genommen relevant und birgt herrschaftskritisches
Potenzial, jedoch erst zusammengedacht entfalten sie ihre ganze Sprengkraft und führen in
dieser Bündelung vor, das nicht ein Denken in Dichotomien Wege aus der Dominanzkultur
weist. Und auch Dekonstruktion allein ist wenig wirksam. Indem jedoch auf erkennt-
nistheoretischer Ebene feministische Denkansätze einander nicht hierarchisierend entge-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
63
gengesetzt werden, also nicht Gleichheit versus Differenz, nicht Differenz versus Dekon-
struktion, sondern in ihrer Verschiedenheit anerkannt und zusammengedacht werden36,
können sie einen Beitrag zum Abbau des hierarchischen Geschlechterverhältnisses leisten.
2.4 Zusammenfassung
In diesem Kapitel wurden macht- und herrschaftskritische Überlegungen fokussiert auf ein
hierarchisches Geschlechterverhältnis. Dabei ging es um Strukturen und Herstellungsme-
chanismen von Dominanzkulturen. Diese Herstellungsmechanismen gründen sich in einem
Denken in Dichotomien, die einander i.d.R. hierarchisierend gegenübergestellt werden.
Das Denken der Moderne wurde hierfür als Paradigma von Macht- und Herrschaftsstruktu-
ren angeführt. Feministische Überlegungen zu Androgynie und Gleichheit und Differenz
wurden als Möglichkeiten für herrschaftskritisches Denken dargestellt und diskutiert. Die
Androgynie, so wurde heraus gearbeitet, bietet auf einer Ebene von Lebensrealitäten Ver-
änderungspotenzial, um Rollenzuweisungen aufzuweichen. Auf der Ebene einer Verände-
rung der symbolischen Ordnung jedoch, bleibt das Modell der Androgynie verstrickt im
Denken von Dichotomien und reproduziert Konstruktionen über weiblich und männlich.
Ein Denken von Egalität wurde in seiner Entstehung skizziert und transparent gemacht, so
ist Gleichheit von Frauen und Männern eine unbestritten wichtige Forderung. Bezogen
hingegen auf das Veränderungspotenzial hierarchischer Machtverhältnisse bleibt die For-
derung nach Gleichheit allein affirmativ und führt letztlich zur Assimilation von Frauen an
einen androzentrisch geprägten Maßstab.
Das Denken von qualitativen Differenzen, die einander nicht hierarchisch entgegengesetzt
werden, im Sinne eines konsequenten Denkens der Zweiheit der Geschlechter, bedeutet,
dass Frauen sich und ihr Begehren in den Mittelpunkt stellen. Dieser Ansatz hat das Poten-
zial, dass Frauen sich nicht in Abgrenzung zu Männern denken, sondern in Beziehung zu-
einander. Hiermit besteht die Möglichkeit, sich des männlichen Maßstabs zu entledigen.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, sich durch das Beharren auf eine biologisch bedingte Ge-
schlechterdifferenz eine ontologische Tendenz zu reproduzieren.
36 Auf das Potenzial des Zusammendenkens von Gleichheit und Differenz und Aspekten von Dekonstruktion,
weist auch Heike Kahlert hin. Sie bezeichnet die geführten Diskussionen als „Scheinkontroversen“ (vgl.
Heike Kahlert 1996).
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
64
Das Modell von Egalität in der Differenz verweist auf eine Dialektik von Egalität und Dif-
ferenz. Die ontologischen Zuschreibungen und die Möglichkeit der Assimilation an einen
androzentrischen Maßstabs können auch in diesem Modell bestehen bleiben.
Bleiben die hier skizzierten Denkansätze weitgehend im Denken von Dichotomien verhaf-
tet, wendet sich postmodernes Denken gegen kategorisierendes Denken der Moderne. Die
Paradigmen der Postmoderne sind Differenz und Unentscheidbarkeit. Postmoderne be-
deutet somit ein Ende von Eindeutigkeit, denn aufklärerische Positionen, wie z.B. die Sicht
auf ein kohärentes Subjekt oder auf Sprache, die Wahrheit abbildet, werden in Frage ge-
stellt. Postmodernes Denken kann den Versuch möglich machen, das hierarchisierende
Denken der Moderne als Konstruktion zur Aufrechterhaltung von Herrschaftsverhältnissen
sichtbar zu machen und den Blick für den Zwischenraum zwischen den Polen zu schärfen.
Postmodernes Denken verstanden als ein Denken der Unentscheidbarkeit, kann frei ma-
chen von (Zu)Ordnungszwängen der Moderne. In Postmoderne und Poststrukturalismus
wird versucht, den kritischen Blick zu schärfen für ein Denken und Wahrnehmen von
Dualismen.
Im Poststrukturalismus wird die Philosophie des Denkens der Postmoderne mit den Posi-
tionen des Strukturalismus verknüpft. So konstituieren sich Subjekte in und durch Sprache.
Sprache ist der zentrale Ort des Poststrukturalismus – ein Ort, an dem alles geschieht.
Durch Sprache und durch die Unterwerfung unter Diskurse werden Subjekte zu Subjekten.
Die Diskurse und die sich herausbildenden Subjekte sind in unterschiedliche Ausformun-
gen von Macht verwoben. Poststrukturalistische Feministinnen beziehen sich in ihren
Analysen auf die zentralen Kategorien des Postrukturalismus: Sprache, Subjektivität, Dis-
kurse und Macht und transferieren diese Denkweisen auf hierarchische Geschlechterver-
hältnisse. Die Sicht, z.B. dass es das kohärente Subjekt i.d.R. nicht gibt, würde bedeuten,
gelebte Widersprüche in Frauen- und Mädchenleben zu „entpathologisieren“. Darüber hin-
aus könnte das „Verborgene“ in Subjekten wahrgenommen werden.
Die Erkenntnis, dass Macht ein komplexes Gebilde ist, macht u.a. Täter-Opfer-Schemata
obsolet. Macht als ein Netz von Machtbeziehungen zu denken, das ständig in Bewegung
und Veränderung begriffen ist, durch Festlegungen von Bedeutungen, durch Aushandeln
von Definitionsmacht, durch Neuordnen und Bestätigen bestehender Machtbeziehungen,
bedeutet, dass Macht allgegenwärtig ist. Machtverhältnisse als veränderbar und ständig in
Bewegung zu denken bedeutet darüber hinaus, dass jedes Subjekt sich in Herstellungspro-
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
65
zessen von Machtverhältnissen befindet und daran beteiligt ist. Wenn Subjekte sich in und
durch Machtverhältnisse konstituieren, bedeutet dies nicht ausschließlich ein zugerichtet
werden entlang hegemonialer Diskurse, sondern gleichzeitig, dass Subjekte Akteurinnen
und Akteure in Konstruktionsprozessen sind und Veränderungspotenzial in verschiedenste
Richtungen haben.
Das Verfahren der poststrukturalistischen Feministinnen ist Dekonstruktion. Postmoderne
und Poststrukturalismus verweisen mit dieser Methode auf Versuche eines Denkens, Kon-
struktionsmechanismen und den Konstruktionscharakter scheinbar naturhafter, unverän-
derlicher Gegebenheiten, so auch Dichotomien zu entlarven, in dem z.B. Maßstäbe als sol-
che transparent gemacht werden. Dekonstruktion hinterfragt Binaritäten und deren Her-
stellung vor dem Hintergrund von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Dekonstruktion
kann dazu beitragen, Zuschreibungen in ihrem symbolischen Bestand aufzuzeigen, also das
gesellschaftlich –kulturelle Gewordensein von Zuschreibungen transparent zu machen.
Möglichkeiten und Grenzen einer dekonstruktivistischen Sicht auf die Kategorie Ge-
schlecht, werden im Folgenden erläutert:
Das Verständnis von Geschlecht, Geschlechtskörper und Geschlechterdifferenz ist in den
letzten Jahren neu diskutiert worden. Die Trennung zwischen sex (biologischem Ge-
schlecht) und gender (soziales Geschlecht) ist in feministischen Debatten und in feministi-
scher Theoriebildung üblich, um dem hegemonialen Diskurs der „natürlichen Bestim-
mung“ der Geschlechter zu begegnen37. Die Geschlechterstereotypen, die geschlechtsspe-
zifischen Rollenerwartungen, werden als gesellschaftliche Konstrukte angesehen und nicht
auf eine, wie auch immer geartete „Wesensmäßigkeit“ der Geschlechter zurückgeführt.
Während dieses Denken über Geschlecht und Geschlechterverhältnis dem Denken in Bina-
ritäten verhaftet bleibt, z.B. durch die Perpetuierung der Dichotomie Natur (sex) und Kul-
tur (gender), gehen die neueren dekonstruktivistischen feministischen Theorien, exempla-
risch hierfür stehen in dieser Arbeit die Überlegungen Judith Butlers, weiter. Hier geht es
um das Offenlegen des gesellschaftlich - kulturellen Gewordenseins von Zuschreibungen,
Körpern und Dingen. Weder das Geschlecht noch die Geschlechterdifferenz als naturhaft
angesehen, sondern als soziale gesellschaftliche Konstrukte. Geschlecht, Körper und Ge-
schlechterdifferenz werden als gesellschaftliche, historisch-kulturelle Phänomene gedacht.
Indem Geschlecht als etwas rundum Konstruiertes begriffen wird, lässt sich Geschlecht
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
66
dekonstruieren. Es besteht die Möglichkeit, nicht nur das Geschlecht zu sein, was man ge-
worden ist, sondern Geschlecht ist, welches wir tun (doing gender). Mit diesem theoreti-
schen Ansatz wird ein Denken der Geschlechtervielfalt, ein Wegfall des Paradigmas der
hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit, das des Identitätszwanges, also des Zwanges, ein
Geschlecht ein Leben lang bleiben zu müssen, möglich. Hier jedoch stößt diese dekon-
struktivistische Sichtweise an ihre Grenze angesichts der gelebten (Geschlechts)Realität:
ein Verschwinden der Geschlechter ist nicht möglich, da wir unser Geschlecht in der ge-
lebten Realität nicht beliebig wechseln können. Vielmehr hilft dieses Denken, das Ge-
schlecht als ein gesellschaftlich-kulturelles Phänomen zu sehen, sowohl bezogen auf den
Geschlechtskörper als auch bezogen auf Geschlechtsnormen. Gleichzeitig läuft dieses
Denken jedoch Gefahr, Geschlecht/Geschlechtlichkeit lediglich auf ein ideologisches Be-
wusstseinsphänomen oder diskursiven Effekt zu reduzieren, da die Körperpraxen und der
Fakt des Geschlechts als Lebens- und Existenzweise ausschließlich theoretisch reflektiert
werden. Die Kategorie Geschlecht muss als Analysekategorie im Rahmen feministischer
Theorie und Forschung beibehalten werden. Denn ein gesellschaftlicher Zustand, in dem
die Kategorie Geschlecht unwichtig wird, es quasi eine „Geschlechtsneutralität“ geben
wird, ist in absehbarer Zeit kaum vorstellbar. Weder das Denken von Dominanzkulturen,
welches stark in Dichotomien verhaftet ist, noch die Lebensrealitäten von Frauen und
Männern deuten darauf hin, dass die Kategorie Geschlecht als Strukturkategorie ausgedient
hat. Und auch die Herrschaftsverhältnisse zwischen den Geschlechtern lassen sich nicht
durch eine bloße Mehrgeschlechtlichkeit lösen. So greift Butlers Alternative zur hierarchi-
schen Zweigeschlechtlichkeit zu kurz, indem sie vorschlägt, statt beispielsweise von zwei
Geschlechtern nun von mehreren Geschlechtern zu sprechen. Hier würde das reproduziert
werden, was es aufzulösen gilt, nämlich eine neuerliche Kategorisierung oder neue Be-
schreibungen von Geschlecht, die wiederum andere Beschreibungen von Geschlecht aus-
schließen. Kurzum: es könnten gar nicht so viele Kategorien neu eröffnet werden wie be-
nötigt würden – immer würde etwas ( Identitäten, Geschlechter) „vergessen“ und somit
ausgegrenzt werden. Es geht vielmehr darum, Geschlechter und Identitäten in ihrer Unbe-
stimmbarkeit anzuerkennen. Gleichzeitig ist unsere Gesellschaft hierarchisch strukturiert
und die Kategorie Frau ist als abgewertet konstruiert. Die Kategorie Geschlecht wird des-
halb als Analysekategorie für das Erkennen von Macht- und Herrschaftsstrukturen benötigt
37 Vgl. hierzu exemplarisch: Carol Hagemann-White 1984 und 1993, Andrea Maihofer 1995, Judith Butler
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
67
um von diesem Ort aus Veränderungen bezogen auf das symbolische System der Zweige-
schlechtlichkeit einzuleiten.
In diesem Kapitel wurden verschiedene Argumentationsstränge dargestellt und diskutiert,
die den Versuch machen, Strategien aus einem hierarchischen Geschlechterverhältnis her-
aus zu entwerfen. Jede der hier aufgezeigten Theorien sind für sich allein genommen zwar
interessant, sie führen jedoch nur in einem gemeinsamen Kontext zum Abbau hierarchi-
scher Geschlechterverhältnisse. So ist es produktiv und befreiend, die Veränderbarkeit von
Geschlecht und Geschlechterverhältnis in den Blick zu nehmen. Das kann getan werden,
wenn Geschlecht als soziale Konstruktion begriffen, Subjekte nicht als kohärent betrachtet
und von der Positivität der Macht ausgegangen werden kann. Gleichzeitig existieren wir
als die Geschlechter, die wir geworden sind, und die wir tagtäglich immer wieder neu in
interaktiven Prozessen herstellen. Dieses real existierende Geschlechterverhältnis zeichnet
sich durch die Segregation von Mädchen und Frauen aus. Um eine Veränderung herbeizu-
führen, muss demnach an genau dieser Basis angesetzt werden: Dem Geschlecht als Exi-
stenzweise.
Zusammenfassend sind folgende Überlegungen erkenntnisleitend:
• Herrschafts- und Dominanzverhältnisse werden durch ein Denken in Dichotomien her-
gestellt.
• Postmoderne versucht, ein Denken der Unentscheidbarkeit anzuregen, welches den
kritischen Blick schärfen kann für ein
• Denken und Wahrnehmen von Dualismen und Dekonstruktion als Verfahren um Di-
chotomien und scheinbar naturgegebene „Wahrheiten“ zu hinterfragen.
• Eine Abkehr von der Kategorie des autonomen Subjekts und seine Entlarvung als
männlich konstruiertes Phantasma macht es möglich, gelebte Widersprüche von Frauen
und Mädchen zu entpathologisieren und sich vom männlichen Maßstab zu befreien.
• Die Allgegenwärtigkeit von Macht und die Überlegung, dass Subjekte Akteurinnen
und Akteure in Konstruktionsprozessen sind, kann den Blick öffnen für ein Wahrneh-
men von hegemonialen Diskursen z.B. in Frauen- und Mädchenprojekten.
• Die Kategorie Geschlecht als gesellschaftlich-soziale Konstruktion zu begreifen be-
deutet, damit ihre Veränderungsmöglichkeiten denken zu können.
1991.
Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von macht- und herrschaftskritischen
Überlegungen
68
• Die Herstellung von Geschlecht als Interaktion zu erkennen, als doing gender.
• Geschlecht als Strukturkategorie beizubehalten und von hier aus im Sinne einer egalitä-
ren Geschlechterdifferenz ein nichthierarisches Geschlechterverhältnis zu etablieren.
Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Arbeit Theorie und Praxis außerschuli-
scher Mädchenarbeit untersucht und diskutiert. Zunächst erfolgt eine Darstellung beste-
hender Positionen in der außerschulischen Mädchenarbeit und eine Analyse von Praxis-
handbüchern.
Im Anschluss werden Handlungspraxen von Pädagoginnen in verschiedenen Praxisfeldern
von Mädchenarbeit beleuchtet.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
69
3. Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
Herrschafts- und Diskriminierungsmechanismen bedingen sich und spiegeln sich wider in
und durch ein Denken in Dichotomien, das hierarchische Geschlechterverhältnis mit seinen
Protagonisten Mann und Frau ist hierfür ein Beispiel. Utopien von Androgynie und Den-
ken von Gleichheit und Differenz bewegen sich innerhalb dieses dichotomen Modus.
Postmoderne bzw. poststrukturalistische Überlegungen hinterfragen scheinbare Wahrhei-
ten des modernen Denkens und mit dem Verfahren von Dekonstruktion können Mecha-
nismen von Herrschaft und Dominanz transparent gemacht werden. Poststrukturalistische
Feministinnen begreifen vor diesem Hintergrund die Kategorie Geschlecht als soziale
Konstruktion und verstehen die Herstellung von Geschlecht als doing gender.
Außerschulische Mädchenarbeit hat in ihren Konzepten und in ihrer Praxis die Kategorie
Geschlecht zum Ausgangsort und gleichzeitig soll mit Mädchenarbeit das hierarchische
Geschlechterverhältnis verändert werden. Außerschulische Mädchenarbeit muss in diesem
Zusammenhang einen Balanceakt leisten zwischen einer Veränderung des hierarchischen
Geschlechterverhältnisses und einer möglichen Reproduktion durch den Bezug auf die
Kategorie Geschlecht und der damit verknüpften Unumgänglichkeit, etwas neu zu kon-
struieren.
In diesem Kapitel wird untersucht, wie sich verschiedene konzeptionelle Ansätze von
Mädchenarbeit in diesem Dilemma bewegen. Dabei stehen die Argumentationsstränge der
jeweiligen Autorinnen im Mittelpunkt der Analyse: auf welche feministischen Diskurse
beziehen sie sich, um mit ihren Konzepten denkbezogen zu einem Abbau von Herrschafts-
verhältnissen beizutragen und inwieweit sind diese Diskurse hierbei hilfreich? Wie bewe-
gen sich die Autorinnen argumentativ in Hinblick auf Mechanismen dichotomen Denkens?
Welche Überlegungen stellen sie an, um sich aus der Logik dichotomen Denkens heraus-
zubewegen? Was können die Argumentationen der Autorinnen bezogen auf Veränderun-
gen konkreter Lebensrealitäten bzw. sozialer Wirklichkeiten von Mädchen bedeuten? In-
wieweit bewirken sie eine Veränderung der symbolischen Ordnung der hierarchischen
Zweigeschlechtlichkeit? Die Bearbeitung dieser Fragen steht im Mittelpunkt der Analyse
verschiedener Konzepte zu außerschulischen Mädchenarbeit. Sie ist methodisch verwoben
mit postmodernen/poststrukturalistischen Sichten auf die Kategorien Geschlecht und Sub-
jekt.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
70
Um aufzuzeigen, wie ein Verständnis von der Notwendigkeit einer spezifischen Arbeit für
Mädchen entstand und fortlaufend diskutiert wurde, wird im Folgenden die Entwicklung
und Veränderung von Mädchenarbeit und ihre Interdependenz mit gesellschaftlichen Pro-
zessen und Bewegungen skizziert.
Im Anschluss steht eine Auseinandersetzung mit dem zentralen feministischen Paradigma
in der Mädchenarbeit, der Parteilichkeit. Die Konzeptanalyse knüpft hieran an.
3.1 Zur Verwobenheit der Entwicklung von außerschulischer Mädchenarbeit und
der Zweiten Frauenbewegung.
Die folgenden Ausführungen basieren hauptsächlich auf Überlegungen von Monika Sa-
vier/Carola Wild (1979, 3. Aufl. 1980), weil sie erstmalig die Entwicklung von Jugendar-
beit unter einem geschlechterdifferenten Blickwinkel analysiert haben, den Renate
Klees/Helga Marburger/Michaela Schumacher (1992) weiter ausdifferenzierten. Maria
Wolf (1995) wurde einbezogen, weil sie in ihrer Arbeit die Historie der Geschlechterbe-
ziehungen analysiert hat und das Modell der „weiblichen Anderen“ in der Geschlechter-
ordnung diskutiert.
Feministische Mädchenarbeit ist seit den 1970er-Jahren ein Teil von Jugendarbeit38. Die
Erkenntnis, dass es sinnvoll und wichtig ist, Mädchen als eigenständige Zielgruppe päd-
agogischen Denkens und Handelns zu begreifen, ist ein Impuls der Zweiten Frauenbewe-
gung.
In der Entwicklung von Mädchenarbeit und ihrer Verwobenheit mit der Frauenbewegung,
d.h. deren gesellschaftlicher Sicht auf Frauen, kann folgende Systematik herausgearbeitet
werden: Wurde die Kategorie Geschlecht bis in die 1960er-Jahre aus der gesellschaftlichen
Wahrnehmung ausgeblendet, so kam sie nun über die Beschäftigung mit den Klassenver-
hältnissen in den Blick. Aufgrund ihres gesellschaftlichen Status benachteiligte Mädchen
wurden wahrgenommen und als Zielgruppe pädagogischen Handelns erkannt. Es folgte in
den 1970er-Jahren eine Phase, in der es um die Emanzipation von Frauen ging und gleich-
zeitig die gesellschaftlich geprägten Ideale an Frauen und Männer unangetastet blieben. Zu
Beginn der 1980er-Jahre gab es den Versuch, Mädchen und Frauen als eigenständige,
gleichberechtigte gesellschaftliche Gruppe zu etablieren. Dies geschah zunächst basierend
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
71
auf der Annahme, Mädchen und Frauen hätten gegenüber Männern etwas nachzuholen und
seien demnach an ihnen gemessen defizitär. Schließlich wurde, ebenfalls in den 1980er-
Jahren, eine Bewegung weg von den vermeintlichen Defiziten von Frauen und Mädchen,
hin zu einer Betonung spezifischer weiblicher Kompetenzen gemacht.
Dieser Versuch, eine Struktur der Entwicklungen darzustellen, berücksichtigt hier nicht die
Gleichzeitigkeit und die Verschränkung der verschiedenen Etappen der gesellschaftlichen
Entwicklung. Dass diese Entwicklung kein bloßes Nacheinander bedeutet, sondern auch
gleichzeitig passierte, wird im Folgenden historischen Rückblick deutlich.
Aus der heutigen Perspektive zeichnet sich ab, dass Mädchen lange Zeit keine eigenständi-
ge Zielgruppe von Jugendarbeit waren. Spezifische Konzepte für eine Arbeit mit Mädchen,
wie sie heute existent sind, der gesetzlich verankerte Anspruch auf eigene Räume und aus-
reichende Finanzierung für die Arbeit mit Mädchen (vgl. KJHG § 9), gab es in den 60er-
Jahren nicht. Die gesellschaftliche Entwicklung war, bezogen auf die Geschlechterfrage,
an einem anderen Punkt als heute. Als für Jungen von der Erziehung zur Autonomie, zur
Mündigkeit und zur Selbstverantwortung die Rede war, waren Mädchen wohl mit gemeint,
wurden jedoch nicht explizit berücksichtigt. Dies gilt für Jugendarbeit der Alliierten nach
dem Krieg genauso wie für Jugendarbeit in den fünfziger Jahren. Jugendarbeit beschränkte
sich in dieser Zeit weitgehend auf jugendpflegerische und fürsorgerische Aufgaben (Moni-
ka Savier/ Carola Wildt 1980). Wenn Mädchen in diese Arbeit als Zielgruppe mit einbezo-
gen wurden, dann im Status der „gefallenen“, der sexuell gefährdeten Mädchen. Das Lern-
ziel von Jugendlichen in dieser Zeit war eine Einfügung in das neue Gesellschaftssystem
und mithin ein Einüben von Demokratie. Dieser Erneuerungsprozess sollte möglichst un-
auffällig und problemlos ablaufen. Das konnte für die Jugendlichen Anpassung, Vermei-
dung bzw. Kanalisierung von „auffälligem“ und „abweichendem“ Verhalten bedeuten. Das
Subsumieren von Mädchen unter die Zielgruppe der Jugendlichen in diesem Zusammen-
hang spiegelt das Bild über Frauen in der Gesellschaft wider. In den 1950er-Jahren wurde
die Restauration der Geschlechter-Grenzen betrieben, die nach dem Krieg ins Wanken ge-
raten waren. Zwar stieg die Erwerbstätigkeit von Frauen stetig an, gleichzeitig wurde eine
Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer stärker problematisiert.
Die Familie - als Inbegriff des Privaten – wird zum „Zufluchtsort“, an dem versucht
wird, die brüchigen Geschlechtsidentitäten wieder zu kitten. Die Ehe wird wieder zur
38 In meinen Ausführungen beziehe ich mich auf die Entwicklung der Jugendarbeit in der BRD.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
72
Beziehungsnorm und die Heirat das Lebensziel der Frauen. Was andere Wünsche der
Lebensgestaltung meist in den Hintergrund treten lässt [Hervorhebung im Original]
(Maria Wolf 1995: 66).
Ebenso wenig wie Mädchen in den Jugendeinrichtungen, waren Frauen in der Rolle als
Jugendarbeiterinnen zu finden.
Die Meinung, dass Frauen
1. nicht mit männlichen Jugendlichen fertigwerden können und
2. ihr eigenes politisches Desinteresse so groß ist, dass sie selbstverständlich auch keine
politische Bildungsarbeit betreiben können, legitimierte den Ausschluss von Frauen aus
der (politischen) Jugendarbeit und damit gleichzeitig auch den Ausschluss von Mäd-
chen (Monika Savier, Carola Wild 1980: 17).
Bedingt durch männlich geprägte Personal- und Besucherstrukturen wurden Jugendein-
richtungen zum Lernort tradierter Männlichkeitsentwürfe.
In den 1960ern wurden Ansätze von Jugendarbeit erstmals kritisch beleuchtet und hinter-
fragt. Diese Auseinandersetzung bezog hierarchische Aspekte im Geschlechterverhältnis
jedoch kaum mit ein. Geschlechterdifferente Unterschiede wurden kaum thematisiert und
die Situation von Mädchen geriet ebenso selten ins Blickfeld. Ausnahme hiervon war die
Mädchenbildungsarbeit, die als Zielgruppe Mädchen aus Arbeiterfamilien hatte. Diese
Mädchen und jungen Frauen wurden als „Opfer der Verhältnisse“ (Renate Klees et al.
1992) angesehen. Gemessen an Jungen erschienen sie defizitär und fremdbestimmt. Die
gesellschaftlichen Ursachen dieser Benachteiligung bezogen auf die Klassenverhältnisse
wurden wohl erkannt, die Benachteiligung im Rahmen der Geschlechterhierarchie wurde
jedoch nicht aufgegriffen, geschweige denn konzeptionell bearbeitet.
Pädagoginnen bekamen die Möglichkeit, mit Mädchen unter emanzipatorischer Zielset-
zung im Sinne von Chancengleichheit vor dem Hintergrund von Klassenverhältnissen zu
arbeiten:
Die Aufmerksamkeit für Arbeitermädchen eröffnete Pädagoginnen erstmals die Mög-
lichkeit, sich selbst - nicht nur mit musischer Bildung - in die Praxis einbringen zu
können und engagiert mit den Mädchen für die Durchsetzung eigener Interessen zu
kämpfen ( Carola Wildt, Monika Savier 1980: 22).
Im Widerspruch zu dieser Zielsetzung standen die tradierten Angebote, die für Mädchen in
diesem Zusammenhang gemacht wurden, wie z.B. Hauswirtschaft und Kosmetik. Darüber
hinaus wurden Seminare angeboten, die auf soziale Berufe vorbereiteten. In der verbandli-
chen Mädchenbildung sollten Bildungsrückstände aufgearbeitet und Mädchen auf ihre zu-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
73
künftigen Aufgaben vorbereitet werden. Berufstätigkeit und/oder politische Aktivitäten
von Frauen sollten jedoch nicht zu Lasten der Familie gehen. Hier wird deutlich, dass das
Verständnis von Emanzipation von Frauen in dieser Zeit die gesellschaftlich konstruierten
Rollen an Frauen und Männer unangetastet ließ. Von Männern wurden keine Zugeständ-
nisse bezogen auf Durchsetzung von Chancengleichheit erwartet. Es waren Frauen, die als
defizitär und damit als entwicklungsbedürftig abgestempelt wurden:
Mädchen sollen nicht um ihrer selbst willen interessantere und gebildetere Frauen wer-
den, sondern für andere: geistreiche Partnerinnen für ihre Männer, aufgeweckte und
pädagogisch vorgebildete Mütter für ihre Kinder, kostenlos sozial Tätige für die Ge-
sellschaft. Frauen und Mädchen bleiben fixiert auf ein Leben für andere [Hervorhe-
bungen im Original](Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 13).
Gleichzeitig griff die Bildungsexpansion in den 1960er-Jahren. Damit erhielten Mädchen
zunehmend Zugang zu besserer Bildung und mithin bessere Ausbildungs- und Berufsmög-
lichkeiten.
Die Haltungsweise, den jungen Frauen „Ausbildung“ statt „Aussteuer“ mitzugeben
[wurde, A.S] vor allem von deren Müttern unter dem Motto „du sollst es einmal besser
haben“ forciert (Maria Wolf 1995: 100).
Die Einführung der Pille sicherte eine relativ verlässliche Trennung von Empfängnis und
(Hetero)Sexualität. Die auf Fortpflanzung orientierten Anforderungen an Frauen galten
nicht mehr uneingeschränkt.
Die Zweite bzw. Neue Frauenbewegung entstand durch einen Bruch von Frauen mit der
Studentenbewegung. Die „Bräute der Revolution“ (vgl. Maria Wolf 1995) trennten sich
von den Männern.
Die Frauen empfanden die politisch-theoretischen Debatten der Genossen von der
Auflösung der repressiven Zweierbeziehung und der Aufhebung der Fixierung der
Kinder auf ihre Eltern als einen Hohn angesichts des gleichzeitigen Abschiebens der
damit zusammenhängenden Verantwortung ins Private. Diese jahrelang verdrängten
Konflikte lagen quer zu der bereits einsetzenden Spaltung in KP-Fraktionen und Anti-
autoritäre. Die Frauen hatten genug davon, Hausarbeit und Kindergeschrei von den Re-
volutionären, egal welcher Fraktion fern zu halten (Maria Wolf 1995: 102).
Frauen brachen auf politischer und sozialer Ebene auf und kündigten ihre Zuständigkeit für
die Reproduktion. Sie setzten ihre Wut nicht nur für neue Debatten mit Männern ein, son-
dern nutzten sie darüber hinaus, um „sich selbst in Gang zu setzen“ ( Maria Wolf 1995:
104).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
74
Die ins Private verdrängten gesellschaftlichen Probleme und Konflikte wurden öffentlich
thematisiert, um einer Individualisierung von Beziehungsproblemen zu begegnen. „Das
Private ist politisch“ war der Slogan dieser Zeit. Frauen strebten eine Veränderung von
gesellschaftlichen Verhältnissen an, durch eine Strategie der Gleichberechtigung und durch
Ausbau von Frauensubkulturen.
Orientierte sich die Gleichberechtigungsstrategie lange Zeit an weiblichen Defiziten,
die es in einer Art „nachholender Entwicklung“ zu beheben galt (z.B. „Mäd-
chen/Frauen in Männerberufe“ etc.), und die in Forderungen nach gesetzlichen Maß-
nahmen mündeten (Antidiskriminierungsgesetz, Geschlechterquotierung, Ehe und Fa-
milienrechtsreform etc.), versuchte die Frauensubkulturbewegung innerhalb der patri-
archalen Gesellschaft Modelle für das gemeinsame Leben und Arbeiten von Frauen zu
schaffen. Das war eine der wesentlichen Veränderungen gegenüber den Forderungen
der 68er-Frauen. Im Mittelpunkt stand nicht mehr die Veränderung der heterosexuellen
Beziehungen, sondern die Auseinandersetzung mit und Qualifizierung von Frauenbe-
ziehungen [Hervorhebung im Original] (Maria Wolf 1995: 109).
In den siebziger und zu Beginn der achtziger Jahren verwoben sich defizitäre Sichtweisen
auf Frauen und Mädchen und die Betonung spezifischer weiblicher Kompetenzen mitein-
ander.
Vor diesem Hintergrund entstanden Frauen- und Mädchenprojekte. Zunächst fand im
Rahmen der „Modernisierung“ von Jugendarbeit in den 1970er-Jahren eine erneute Segre-
gation von Mädchen statt, denn zentraler Kritikpunkt war die konsumorientierte Erziehung
von Jugendlichen und die bisher fast ausschließliche Orientierung der Jugendarbeit auf die
so genannte Mittelschichtjugend. Jugendlichen sollten sich nun ihre Lebensrealitäten be-
wusst machen und kritisch hinterfragen, es ging um ein politisches Bewusstsein und um
politisches Handeln. In diesem Zusammenhang wurden Schüler- und Jugendzentren ge-
gründet, in denen Selbstverwaltung und Selbstbestimmung erklärte Ziele waren.
Aus der Frauenbewegung heraus entstanden die ersten Ansätze einer feministisch orien-
tierten Mädchenarbeit. In dem 1979 erschienen Buch von Monika Savier und Carola Wildt
„Mädchen zwischen Anpassung und Widerstand“, fand eine radikale Abrechnung mit der
bisherigen Jugendarbeit statt, weil diese sich, so der Vorwurf der Autorinnen, in erster Li-
nie auf Jungen fokussierte. Der Mädchenalltag in gemischtgeschlechtlichen Jugendfrei-
zeiteinrichtungen wurde in diesem Buch ebenso dargestellt, wie Aspekte geschlechtsspezi-
fischer Sozialisation und eine Auseinandersetzung mit den Lebensrealitäten von Mädchen.
Dieser erste Ansatz von Mädchenarbeit war noch stark von einer defizitären Sicht auf
Frauen und Mädchen gemessen an Männern und Jungen geprägt.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
75
1984 erschien der 6. Jugendbericht39. Erstmals wurde eine Untersuchung zu den Lebens-
wirklichkeiten von Mädchen von der Bundesregierung in Auftrag gegeben und dargestellt.
Problemfelder von Mädchen in Familie und Gesellschaft wurden benannt und beschrieben.
Die Herstellung der Chancengleichheit von Mädchen wurde als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe festgestellt und damit wurde die Jugendhilfe in die Pflicht genommen. In der of-
fenen und verbandlichen Jugendarbeit z.B. sollte sich dafür eingesetzt werden, Mädchen
eine selbstbestimmte und selbstverantwortliche Identitätsarbeit und Lebensplanung zu er-
möglichen. Es ist vorrangig engagierten Frauen zu verdanken, dass Angebote für Mädchen,
so z.B. Mädchenläden entstanden.
Nach den Zeiten der Proklamierung der Chancengleichheit in der Koedukation, in der
Geschlechterdifferenzen sich vernebelten und einem Zugriff entzogen, bedeutete die
Einrichtung von Mädchengruppen einen radikal-kritischen und deutlich sichtbaren po-
litischen und pädagogischen Gegenimpuls (Lotte Rose, Albert Scherr 2000: 71).
Die Frauenbewegung veränderte sich in den 1980er-Jahren. Sie differenzierte sich aus und
institutionalisierte sich in unterschiedlichsten Frauen- und Mädchenprojekten.
1990 trat in den neuen und 1991 in den alten Bundesländern das Kinder- und Jugendhilfe-
gesetz (KJHG) als Nachfolger des Jugendwohlfahrtgesetzes (JWG) in Kraft. Mädchen und
ihre „besonderen Lebenslagen“ fanden Eingang in das Gesetz. Dies war ein Fortschritt,
wurden doch Mädchen als eigenständige gesellschaftliche Gruppe explizit benannt. Ge-
messen jedoch an der fachlichen Diskussion im Zusammenhang mit dem 6. Jugendbericht,
bleibt das KJHG hinter den entwickelten Standards zurück (vgl. Claudia Wallner 1997:
13). Lediglich in zwei Paragraphen finden Mädchen direkt oder indirekt Erwähnung. In § 9
Abs. 340, dem so genannten „Mädchenparagraphen“ heißt es:
Die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen sind zu berücksichtigen,
Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen zu
fördern.
39 Die Bundesregierung gibt in regelmäßigen Abständen den sog, Jugendbericht heraus. Erst im aktuellesten,
dem 10. Jugendbericht werden Lebensrealitäten von Kindern mitbenannt. Eine unabhängige Sachverständi-
genkommission wird mit der Aufgabe betraut, eine Umfassende Untersuchung vorzulegen. Die Bundesregie-
rung gibt i.d.R. eine Stellungnahme zu dem Bericht der Sachverständigenkkommission ab.
40 Nach Auffassung von Expertinnen hat der § 9 den Status einer Generalklausel. Das bedeutet, das sämtliche
Leistungsparagraphen an den § 9 gekoppelt werden müssten. In der Jugendhilfeplanung müsste so qua Ge-
setz mädchengerecht geplant werden. Dies passiert jedoch nur in Ausnhamefällen. Die Stadt Hildesheim hat
mit ihrer Planung hier eine Vorreiterrolle eingenommen. Mädchen werden sonst i.d.R. als „Problemgruppe“
oder „Spezialgruppe“ in den Blick genommen (vgl. Claudia Wallner 1997).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
76
Im Berliner Ausführungsgesetz ist dies noch dezidierter nachzulesen. Da heißt es im § 3
Abs. 2:
Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Problemlagen von Mädchen und Jungen
sind Leistungen so zu gestalten, dass sie der Verwirklichung der Gleichberechtigung
von Frauen und Männern dienen und helfen, Benachteiligungen abzubauen. Dazu sind
auch geschlechtsspezifische Leistungen zu entwickeln und anzubieten.
Und im Paragraph 6 Abs. 2 steht:
Für Mädchen und junge Frauen sind zum Abbau von Benachteiligungen in ausreichen-
dem Maße auch eigene Freiräume und Einrichtungen zu schaffen, in denen Selbstän-
digkeit und Selbstverwirklichung entwickelt und gefördert werden können.
Mädchenarbeit hat sich mittlerweile etabliert, so gibt es in den Jugendförderungen Sachbe-
arbeiterinnen für Mädchenarbeit, in der Jugendhilfeplanung finden Bedürfnisse von Mäd-
chen langsam Eingang und in der Ausbildung von Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen und
Diplompädagoginnen werden Mädchen als besondere Zielgruppe von Jugendarbeit immer-
hin benannt. Dennoch: In Zeiten knapper monetärer Ressourcen steht Mädchenarbeit i.d.R.
zuerst zur Disposition, denn Mädchenarbeit wird vielfach noch immer nicht als Quer-
schnittaufgabe in der Jugendarbeit angesehen, sondern als Sonderfall, als Abweichung
konstruiert.
Die Entwicklung von Mädchenarbeit ist mit der Entwicklung der Frauenbewegung ver-
knüpft. Verschiedene Ansätze von Mädchenarbeit wurden diskutiert, verworfen und be-
standen nebeneinander.
3.2 Parteilichkeit als Paradigma außerschulischer Mädchenarbeit
Allen gegenwärtigen Konzepten außerschulischer Mädchenarbeit liegt neben der Forde-
rung nach eigenen Gruppen und Räumen und dem Ziel, an den Kompetenzen von Mäd-
chen anzusetzen, in unterschiedlicher Ausprägung das Paradigma Parteilichkeit zu Grunde.
Kein anderes Paradigma jedoch bleibt in feministischer Pädagogik, in ihrer Theorie und
Praxis, so vage und wird so wenig dezidiert ausgeführt und diskutiert wie dieses. Zwar gibt
es unterschiedliche Auffassungen z.B. über die Dauer, die Mädchen in eigenen Räumen
und geschlechtshomogenen Gruppen idealerweise verbringen sollten. So sehen Renate
Klees et al. diese Räume und Gruppen eher als „Durchlauferhitzer“, als temporäre Ein-
richtungen, aus denen Mädchen gestärkt für einen Alltag im hierarchischen System der
Zweigeschlechtlichkeit hervorgehen (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schuma-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
77
cher 1992: 38). In anderen Konzepten werden eigene (Frei)Räume als dauerhaftes Ange-
bot, als eine „Insel“ beschrieben, auf die Mädchen und Frauen immer wieder zurückkehren
können ( Gabriele Möhlke/Gabi Reiter 1995: 175). Diese Forderungen sind im Gegensatz
zu der Forderung nach Parteilichkeit vergleichsweise transparent. Die folgenden Ausfüh-
rungen beziehen sich auf die Arbeiten von Barbara Kavemann (1995, 1997), die eine kriti-
sche Reflexion des Begriffes der Parteilichkeit geleistet hat.
Barbara Kavemann beschreibt den Parteilichkeitsbegriff in der feministischen Debatte als
durchaus umstritten. So ist es für die einen eine unabdingbare Grundvoraussetzung in der
Arbeit mit Mädchen und Frauen, für Kritikerinnen jedoch tarnt sich eine einseitige, unpro-
fessionelle und konzeptlose Arbeitsweise unter dem Deckmäntelchen der Parteilichkeit
(vgl. Barbara Kavemann 1995: 145). Hier wird deutlich gemacht, wie unpräzise der Be-
griff der Parteilichkeit gefasst ist, und wie schnell Parteilichkeit in den bloßen Ruch der
persönlichen Betroffenheit geraten kann, die sich über Fachliches erhebt.
Die Wandlung und die nicht immer konkret ausgeführte Bedeutung des Begriffes Partei-
lichkeit macht ein Blick auf seine Entwicklung deutlich:
Parteilichkeit hat ihre Wurzeln in der historisch-materialistischen Wissenschaftskritik und
steht in der Tradition der kritischen Sozialwissenschaft. Zu Beginn der 1970er-Jahre war
Parteilichkeit in der sozialarbeiterischen Praxis gekoppelt an eine Kritik der Klassenunter-
drückung. Dies war ein Konzept anwaltlicher Parteilichkeit, innerhalb dessen Sozialarbei-
terinnen und Sozialarbeiter parteilich für die als „Unterschicht deklassierte Randgruppe“
(Barbara Kavemann 1995: 147) agierten. In den Erziehungswissenschaften wurde das
Konzept Parteilichkeit diskutiert und durch Auseinandersetzungen in der StudentenInnen-
bewegung entstand, so Barbara Kavemann, das Konzept von Parteilichkeit als Bil-
dungsprinzip.
Parteilichkeit wurde verstanden als das aktive Eintreten für „bessere gesellschaftliche
Verhältnisse“ und für eine Erziehung zum bewussten Widerstand. Auf der Grundlage
der marxschen Erkenntniskategorien hatte Parteilichkeit zum Ziel, zur Aufklärung der
Arbeiterklasse über gesellschaftliche Realität beizutragen, sowie die durch kapitalisti-
sche Interessen künstlich aufrechterhaltenen Sozialisationsdefizite und Bildungshinder-
nisse der Arbeiterjugend sichtbar und verstehbar werden zu lassen (Barbara Kavemann
1995: 148).
Parteilichkeit war politisches Prinzip und gleichzeitig eine Haltung, mit der pädagogische
Verantwortung ausgedrückt werden sollte.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
78
In feministischen Debatten wurde der politisch so konnotierte Begriff übernommen, wei-
terentwickelt und mit der Frauenbewegung geriet Parteilichkeit zu einem der zentralen
Aspekte feministischer Theorie und Praxis, in deren Rahmen der „Geschlechterwider-
spruch“ den Klassenwiderspruch ablöste. Der Parteilichkeitsanspruch galt allen Frauen,
weil das hierarchische Geschlechterverhältnis klassenübergreifend verstanden wurde.
Die Parteilichkeit der Feministinnen galt Frauen allgemein, unabhängig von ihrer Klas-
senlage, da das Gewaltverhältnis als klassenübergreifend begriffen wurde (Barbara Ka-
vemann, 1997: 185).
Hinter dieser Sicht auf Parteilichkeit schimmert ein vereindeutigendes Machtverständnis,
von „oben und unten“, von „Tätern und Opfern“ durch. Diese Sicht auf Macht stellt immer
nur einen Teil von Machtbeziehungen dar und blendet damit die Ebene von Mittäterinnen-
schaft41 von Frauen und Mädchen aus.
Barbara Kavemann begreift Parteilichkeit differenzierter, denn sie nimmt in ihrem Ver-
ständnis von Parteilichkeit nicht nur vertikale Machtbeziehungen in den Blick, sondern sie
versucht, Machtbeziehungen unter Frauen mit einzubeziehen:
Adäquate Parteilichkeit geht davon aus, dass ein Nebeneinander von Gleichheit und
Ungleichheit zwischen Frauen und Mädchen existiert. Damit ist nicht die einfache Tat-
sache gemeint, dass alle Frauen individuell verschieden sind, sondern dass es diesseits
und jenseits der Individualität gesellschaftliche Unterschiede zwischen Frauen gibt.
(...)[Auslassung A.S.] So universell die Unterdrückung von Frauen in dieser männlich
dominierten Gesellschaft auch ist, so unangemessen ist jede Analyse, die nicht neben
der Hervorhebung der Gemeinsamkeiten die Differenzen genau betrachtet (Barbara
Kavemann, 1997: 195).
Kavemann spricht sich gegen eine parteiliche Haltung aus, die Machtverhältnisse unter
Frauen verwischt. Als weiteres wichtiges Prinzip von Parteilichkeit begreift Barbara Ka-
vemann Distanz im Gegensatz zu Identifikation.
41 Christina Thürmer-Rohr entwickelte die These der Mittäterinnenschaft. Hier wendet sich Christina Thür-
mer-Rohr gegen die Auffassung, Frauen einseitig als Opfer zu sehen. Frauen seien nicht pauschal passiv und
einflußlos, so Thürmer-Rohr. In vielfältigen sozialen Beziehungen verfügen Frauen über Macht, so in den
Beziehungen zu Kindern (vgl. Christina Thürmer-Rohr: 1989). Barbara Kavemann führt in Anlehnung an
Thersea Wobbe die Begrifflichkeiten von „verletzungsoffen“ und „verletzungsmächtig“ ein. Wobbe bezeich-
net damit das Pendeln zwischen Machtlosigkeit und Mächtigkeit. „Auschlaggebend dafür, ob eine Gruppe
„verletzungsoffen“ oder „verletzungsmächtig“ ist, hängt mit der sozialen Konstruktion des Unterschieds
zusammen: Männer und Frauen sind also verschiedenen sozialen Gruppen zuzuordnen und können sowohl zu
den Verletzungsoffenen wie auch zu den Verletzungsmächtigen zählen, bzw. beides zugleich in verschiede-
nen Relationen darstellen. Frauen, das gesellschaftlich machtlosere Geschlecht, partizipieren an der Macht, in
Konstellationen, in denen sie der Mehrheit angehören, die die Macht hat, z.B. gegenüber ausländischen Frau-
en und Männern, oder wenn sie sich in der Position der Erwachsenen als verletzungsmächtig gegen abhängi-
gen und rechtlosen Kindern zeigen“ (Barbara Kavemann 1997: 203).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
79
Das Bedürfnis nach Gleichheit unter Frauen kann zum Wunsch nach Identifikation füh-
ren. Dann besteht die Gefahr, dass Parteilichkeit mit Solidarität42 gleichgesetzt wird.
Ein wichtiger Bestandteil von Parteilichkeit, der oft außer Acht gelassen wird, ist Di-
stanz im Unterschied zu Identifikation. Parteilichkeit stellt sich nicht in der Identifika-
tion mit dem konkreten Gegenüber unter Beweis (Barbara Kavemann 1997: 194).
Aussagen wie „Sie ist sicherlich auch missbraucht worden“ oder „Sie ist sicher auch eine
Lesbe, sie hat es nur noch nicht gemerkt“, benennt Barbara Kavemann als Beispiele für
Identifikationen der Pädagogin mit ihrem Gegenüber (Barbara Kavemann 1997: 226).
Verhaftet in solchen Identifikationen besteht die Gefahr, dass Gemeinsamkeiten zwischen
Pädagogin und Klientel konstruiert und Differenzen ausgeblendet werden. Aus diesem
Grunde, plädiert Barbara Kavemann für Distanz im Prozess der Parteilichkeit.
Das bedeutet, dass im Rahmen von Parteilichkeit das Nebeneinander von Gleichheit und
Ungleichheit zwischen Frauen und Mädchen wahrgenommen werden müsse, so Barbara
Kavemann. Vielfach jedoch wird in Konzepten zu Mädchenarbeit Parteilichkeit mit Identi-
fikation gleichgesetzt und Unterschiede zwischen Mädchen werden kaum in den Blick
genommen. Dieses Verhalten blendet eine Realität aus, in der sich auch Mädchen grenz-
überschreitend bzw. ausgrenzend verhalten.
Dieses Verhalten von Mädchen gerät u.a. dann nicht in den Blick, wenn Mädchenarbeit als
herrschaftsfreier Ort verstanden wird.
Wenn in Ausführungen zu den „Grundsätzen feministischer Mädchenpolitik“ eine
„herrschaftsfreie Gesellschaft“ allein dadurch charakterisiert wird, dass sie ohne Se-
xismen und Zwangsheterosexualität auskommt (Anita Heiliger/Tina Kuhne 1993), dann
wird deutlich, dass die Kritik an Herrschaftsformen, an denen Frauen durchaus als Un-
terdrückende bzw. Gewalttätige beteiligt sind, aus der Formulierung von Zielen partei-
licher Arbeit ausgeklammert werden (Barbara Kavemann 1995: 169).
Patriarchatskritik als Kritik am hierarchischen Geschlechterverhältnis zu begreifen, ist
demnach nicht ausreichend. Vielmehr sollten jegliche Herrschaftsausübungen, die eigene
Beteiligung als Pädagogin und die Beteiligung von Mädchen und das repressive Einfügen
in Strukturen aufgedeckt und kritisiert werden, auch und gerade wenn Frauen und Mäd-
chen beteiligt sind.
42 Fraglich bleibt der Solidaritätsbegriff bei Kavemann. So scheint es, als setze sie Solidarität mit Identifika-
tin gleich. Eine kritische Distanz zum Gegenstand der Solidarität wäre im Solidaritätsbegriff Kavemanns
nicht gegeben. Wenn an Solidarität als einer intergrationspolitischen Kraft festgehalten wird, dann muss der
Tatsache Rechnung getragen werden, das Solidarität nicht einfach nur auf Gleichheit bzw. Gleichartigkeit
beruhen kann, sondern die Vielfalt gesellschaflicher Möglichkeiten anerkannt werden muss. Solidarität wür-
de so nicht Distanz ausschliessen, sondern einschliessen.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
80
Das Interesse an dem Aufdecken der Mittäterschaft geht von einer Parteinahme für
Frauen aus und ist kein Widerspruch, wenn die These der Mittäterschaft als „Angriff
auf die Frau“ zu verstehen ist, denn wer von uns ist denn rundherum einverstanden mit
dem wie Frauen sind, bzw. geworden sind (Barbara Kavemann 1995: 172)?
Ein Verständnis von Parteilichkeit, welches auf einem generalisierten Täter/Opfer-Schema
basiert, greift nach Barbara Kavemann zu kurz und wird der Verwobenheit von Macht-
strukturen in pädagogischen Prozessen i.d.R. nicht gerecht. Parteilichkeit sollte demnach
aus dieser Perspektive von Machtbeziehungen weiter ausdifferenziert werden.
Eine solch aufgefächerte Sicht zeigt Anja Wolf ( 1997) auf. Parteilichkeit gliedert sich in
ihrem Verständnis in drei Ebenen (vgl. Anja Wolf 1997: 25f.): einer politischen, einer päd-
agogisch-fachlichen und einer persönlichen Ebene. Auf der politischen Ebene bedeutet
Parteilichkeit zum einen, dazu beizutragen, die Benachteiligung von Mädchen abzubauen
und darüber hinaus, jegliche Herrschaftsausübung, auch die von Mädchen, in den Blick zu
nehmen. Zum anderen meint dies für die Pädagogin „Sprachrohr für die Belange von Mäd-
chen zu sein“ ( Gabriele Möhlke/Gabi Reiter 1995: 30).
Auf einer pädagogisch-fachlichen Ebene steht die wertschätzende Haltung der Pädagogin
im Mittelpunkt, mit der sie sich den Mädchen und der Arbeit mit ihnen nähert, in der Ver-
zahnung mit einer Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns. Auf einer persönlichen
Ebene heißt dies schließlich für die Pädagogin, Unterschiede zwischen den Mädchen zu
akzeptieren, die womöglich existierende Diskrepanz zwischen ihren eigenen feministi-
schen Ansprüchen und dem Wollen von Mädchen auszuhalten und gleichzeitig emphatisch
zu sein und die eigenen Gefühle sichtbar machen zu können (Anja Wolf 1997: 26).
Der herrschaftskritische Impetus von Parteilichkeit, die Verwobenheit von Machtbezie-
hungen, das Wahrnehmen von Differenzen unter Mädchen, Emphatie und gleichzeitige
Distanz zu den Mädchen und die Reflexion des eigenen Handelns bündeln sich in einem
Verständnis von Parteilichkeit, das prozesshaft und wandelbar erscheint. Parteilichkeit so
begriffen ermöglicht in Pädagogischen Interaktionen eine Bewegung des „Sowohl als
auch“ und bleibt nicht beschränkt auf eine Logik des „entweder/oder“. Diese Grundpfeiler
einer feministischen Parteilichkeit sind unabdingbar, soll Parteilichkeit nicht im Gestus
eines von eigener Betroffenheit gezeichneten Beziehens auf Frauen versanden.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
81
3.3 Analyse ausgewählter Konzepte zur außerschulischen Mädchenarbeit.
Der theoretische Hintergrund der folgenden Analyse wurde ausführlich im ersten Kapitel
der Arbeit dargelegt. Poststrukturalistisches Denken verweist auf Unentscheidbarkeit und
kann den Blick öffnen für weitergehende Betrachtungsweisen in dem Aspekte der Vieldi-
mensionalität von Macht, Subjekten und Geschlecht aufgegriffen werden.
Im Fokus der folgenden Analyse werden diese Ebenen nur gestreift, denn im Mittelpunkt
steht die theoretisch-feministische Verortung ausgewählter Konzepte zur Mädchenarbeit.
Herrschafts- und Dominanzverhältnisse stehen in der Tradition des Denkens der Moderne,
einem Denken, welches in Dichotomien kategorisiert und hierarchisiert. Das hierarchische
System der Zweigeschlechtlichkeit ist durchdrungen von einem Denken in Dichotomien,
es wird konstruiert und reproduziert durch dieses Denken. Überlegungen aus diesem
Denkdilemma heraus sind exemplarisch benannt in der Utopie der Androgynie und dem
Denken von Gleichheit und Differenz (vgl. Kapitel 2.1.2).
Diese Ansätze bieten auf alltagspraktischer Ebene partiell Veränderungspotenzial für den
unmittelbaren Umgang der Geschlechter miteinander. An der Struktur des Systems der
Zweigeschlechtlichkeit vermögen diese Modelle jedoch wenig zu verändern: Androgynie
basiert auf der Unterscheidung von Frau und Mann und bleibt damit verstrickt im Denken
von Dichotomien (vgl. Kapitel 2.1.2.1). Das Denken von Gleichheit birgt i.d.R. eine Ori-
entierung auf Gleichheit mit Männern und würde für Frauen letztlich Assimilation bedeu-
ten (vgl. Kapitel 2.1.2.2: 25). Differenz baut auf die Kategorie „sex“ und bewegt sich auf
einem schmalen Grat, auf ontologischer Ebene geschlechterstereotype Tendenzen zu re-
produzieren. Letztlich bleiben diese Utopien bezogen auf die Struktur des hierarchischen
Geschlechterverhältnisses affirmativ. Auch die dialektische Verbindung von Gleichheit
und Differenz kann diese Mechanismen in sich bergen.
In Postmoderne und Poststrukturalismus wird versucht, den Blick zu schärfen für ein Den-
ken und Wahrnehmen von Dichotomien. Sprache ist der zentrale Ort im Poststrukturalis-
mus, durch Sprache konstituieren sich Diskurse und durch Unterwerfung unter Diskurse
werden Subjekte zu Subjekten und formt sich Subjektivität verschieden, im Sinne von
multiplen Identitäten. Macht erscheint im Denken des Poststrukturalismus als komplexes
Netz von Machtbeziehungen. Sie ist überall und Subjekte sind auf verschiedenen Ebenen
in Machtverhältnisse verwoben, sie sind demzufolge Akteurinnen und Akteure in Kon-
struktionsprozessen. Dekonstruktion ist ein poststrukturalistisches Verfahren und kann
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
82
dazu beitragen, Zuschreibungen in ihren symbolischen Bestand aufzuzeigen und damit
scheinbar „wahre“ Gegebenheiten, Eigenschaften usf. als kulturelle Konstruktion transpa-
rent zu machen. Poststrukturalistische Feministinnen gehen vor diesem Hintergrund von
der Überlegung von Geschlecht als „doing gender“ aus.
Gleichzeitig existieren wir als die Geschlechter, die wir geworden sind, und die Herausfor-
derung besteht darin, von der Kategorie Geschlecht aus eine Veränderung des hierarchi-
schen Geschlechterverhältnisses zu initiieren, verknüpft mit der Überlegung, dass das Ge-
schlecht eine soziale Konstruktion ist, Subjekte nicht als kohärent betrachtet werden kön-
nen, Macht allgegenwärtig ist, und dass das Denken in Dichotomien zur Zementierung des
Systems der Zweigeschlechtlichkeit beiträgt.
Bezogen auf eine Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen können die eben dargestelten
Erkenntnisse nun bedeuten, dass in der Arbeit mit Mädchen ein Balanceakt getan wird,
denn ausgehend von der Kategorie Geschlecht (Mädchen) wird in der Mädchenarbeit ver-
sucht, zu einem egalitären Geschlechterverhältnis beizutragen. Das Geschlechterverhältnis
soll hier dekonstruiert werden im Sinne einer Bedeutungsverschiebung und Enthierarchi-
sierung und gleichzeitig wird es immer wieder reproduziert durch den notwendigen Rück-
griff auf die Kategorie Geschlecht. Dieser hier formulierte Widerspruch ist kaum aufzulö-
sen. Jacques Derrida beschreibt das Dilemma zwischen Dekonstruktion und Rekonstrukti-
on wie folgt:
Wir können keinen einzigen destruktiven Satz bilden, der nicht schon der Form, der
Logik, den impliziten Erfordernissen dessen sich gefügt hätte, was er gerade in Frage
stellen wollte. Nehmen wir ein Beispiel unter vielen: Mit Hilfe des Begriffs des Zei-
chens erschüttert man die Metaphysik der Präsenz. Von dem Augenblick an jedoch, wo
man damit, wie ich es nahe gelegt habe, beweisen will, dass es kein transzendentales
oder privilegiertes Signifikant gibt und dass das Feld Spiel des Bezeichnens von nun an
keine Grenzen mehr hat, müsste man sogar den Begriff und das Wort des Zeichens zu-
rückweisen [Hervorhebung im Original] (Jacques Derrida 1990: 118).
Jacques Derrida verdeutlicht damit, dass für ihn kein „Außerhalb“ existiert, es gibt keinen
Raum, der frei ist von Zuschreibungen, Ansprüchen, Anforderungen usf.. Er zeigt auf, dass
eine Reduktion, ein Denken in Kategorien des „Entweder-oder“ kaum weiterhilft, Wider-
sprüche deutlich zu machen. Im Gegenteil: Dieses Denken versucht, Widersprüche zu til-
gen, denn das ist ein Mechanismus dieses Denkens. Ein Denken des „Sowohl-als-auch“
hingegen versucht, eine Balance zu halten zwischen Dekonstruktion und Rekonstruktion.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
83
Denn es gibt zwei ungleichartige Weisen, die Differenz zwischen dem Signifikanten
und dem Signifikat auszustreichen: die eine, die klassische, besteht darin, den Signifi-
kanten zu reduzieren oder abzuleiten, das heißt letztlich das Zeichen dem Denken un-
terzuordnen; die andere, die wir hier gegen die vorhandene halten, besteht darin, das
System, in dem diese Reduktion funktionierte, in Frage zu stellen [ Hervorhebung im
Original] (Jacques Derrida 1990: 119).
Das System selber soll in Frage gestellt werden. Dieses in Frage stellen kann durch einen
bewussten Umgang mit Widersprüchen, die sich z.B. aus Zuschreibungen ergeben können,
geschehen, so Jacques Derrida.
In der Analyse ausgewählter Konzepte steht die Frage im Mittelpunkt, wie die Autorinnen
mit diesem unauflöslichen Widerspruch umgehen und damit verbunden, wie sie ihr Kon-
zept verorten, welches Denkmodell bzw. welche Utopie sie für ein künftiges Geschlechter-
verhältnis aus ihrer Arbeit heraus entwickeln. Bewegen sie sich im Rahmen von Androgy-
nie? Benennen sie eine Utopie der Egalität in der Differenz? Lehnen sie sich an postmo-
derne und poststrukturalistische Überlegungen an und entwerfen vor diesem Hintergrund
Modelle zu denen ihre Arbeit hinführen soll? Wie (Re)Produzieren sie ein Denken in Di-
chotomien bzw. machen sie Bewegungen aus diesem Denkmodell heraus?
3.3.1 Auswahl der Konzepte
Das erste Buch zur Mädchenarbeit, „Mädchen zwischen Anpassung und Widerstand“
(3.Auflage 1980) von Monika Savier und Carola Wild war sehr politisch. Das Konzept
pendelt zwischen feministischer Analyse, dem Aufwerten von Weiblichkeit, dem radikalen
Verwerfen tradierter Weiblichkeitskonzepte und dem Messen der Fähigkeiten von Mäd-
chen/Frauen an denen von Jungen/Männern und spiegelt das widersprüchliche Denken
bezogen auf das Geschlechterverhältnis der damaligen Zeit wider.
Auf der Grundlage einer kritischen Gesellschaftsanalyse erarbeiteten die Autorinnen ein
Konzept zur Mädchenarbeit, in dem die Entwicklung einer eigenen Identität, das Überwin-
den „passiver weiblicher Sexualität“ und das Ansetzen an den Defiziten der Sozialisation
von Mädchen im Mittelpunkt steht. Dabei transportieren sie einen defizitären Blick auf
Mädchen43, indem Mädchen als förderungsbedürftig dargestellt werden.
43 In nachfolgenden Veröffentlichungen distanzieren sich die Autorinnen von diesem defizitären Blick auf
Mädchen. Vgl hierzu exemplarisch Monika Savier 1982
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
84
Das 198944 erschiene Buch „Mädchenarbeit“ von Renate Klees, Helga Marburger und Mi-
chaela Schumacher kann als Klassiker zum Thema Mädchenarbeit betrachtet werden, denn
Mädchenarbeit wurde mit diesem Buch einer großen Zielgruppe erschlossen. Das mag so-
wohl darin begründet liegen, dass sich die Autorinnen nicht so radikal verorten wie Sa-
vier/Wildt, als auch darin, dass es einen großen Teil mit praktischen Übungen für eine
konkrete Arbeit mit Mädchen gibt und Schritte aufgezeigt werden, das Thema Mädchenar-
beit im jeweiligen Arbeitsbereich zu etablieren. Der „defizitäre Blick“ auf Mädchen, der
bei Monika Savier und Carola Wild angemerkt wurde, wird in diesem Konzept moderater
wieder belebt. Auf der Grundlage androgynen Denkens wird in diesem Buch der „ge-
schlechtspezifische Zurichtungsprozess“ kritisiert. Differenztheoretisch, im Sinne einer
egalitären Differenz, argumentieren Elisabeth Glücks und Franz Gerd Ottemeyer-Glücks in
ihrem Buch “Geschlechtsbezogene Pädagogik” von 1994. Frausein und Mannsein
entwerfen sie als eigene Orte, von denen ausgehend Veränderungen eingeleitet werden
sollen. Das hierarchische System der Zweigeschlechtlichkeit bleibt bei ihnen weitgehend
unangetastet.
Ausdrücklich feministisch verorten sich Gabriele Möhlke und Gabi Reiter in ihrem 1995
erschienenen Buch “Feministische Mädchenarbeit gegen den Strom”. Sie grenzen sich
gegen eine defizitäre Sicht auf Mädchen ab, möchten an den Stärken von Mädchen
ansetzen und entwerfen die Utopie einer “weiblichen Gegenkultur”, auch ihr Konzept kann
differenztheoretisch verortet werden.
Neuere Bücher zum Thema wie bspw. von Claudia Zötsch “Powergirls und
Drachenmädchen” von 1999, wurden nicht in die Analyse einbezogen, denn sie haben mit
politisch-feministischer Kritik nichts mehr gemein. Sie ergehen sich in kuscheligen
“Weiblichen Symbolwelten” und entwerfen auf dieser Basis einen Ansatz mit Mädchen zu
arbeiten.
Wie auch in der Zweiten Frauenbewegung, in der Ausgrenzungen durch eine Fokussierung
auf weiße, heterosexuelle Mittelschichtsfrauen stattfanden, passiert dies ebenfalls in
Konzepten zur Mädchenarbeit. Selten sind antirassistische, interkulturelle Ansätze, mit
Mädchen zu arbeiten, zu finden (vgl. Anja Wolf: 1997). Und auch die Beschäftigung mit
lesbischen Mädchen findet eher am Rande statt – wenn sie überhaupt thematisiert werden.
44 Ich beziehe mich in meiner Arbeit auf die 2. Auflage von 1992, die im wesentlichen identisch ist mit der
Auflage von 1989 und auch mit der 4. Auflage von 2000.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
85
Ausnahme hier sind die Bücher von Bea Trampenau (1989) und Jule Alltag (1996), die
lesbische Mädchen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen.
Bei der Auswahl von Konzepten waren folgende Faktoren entscheidend:
1. Wichtig war, dass die Autorinnen einen ausführlichen theoretischen Zugang entfalten
und begründen, weshalb sie eine Arbeit mit Mädchen als Notwendig erachten. Reine
Handbücher zur Mädchenarbeit, in denen ausschließlich konkrete Übungen für die Ar-
beit mit Mädchen beschrieben werden, schieden aus diesem Grunde aus.
2. Ein weiteres Auswahlkriterium war der Bekanntheitsgrad der analysierten Konzepte.
So sollten sie zum einen in theoretischen Auseinandersetzungen zum Thema Mädchen-
arbeit rezipiert worden sein und zum anderen Pädagoginnen aus der Praxis bekannt
sein. Darüber hinaus war die relative Aktualität der Bücher ausschlaggebend.
Auf Grundlage dieser Überlegungen, wurden das Konzept „Mädchenarbeit“ von Renate
Klees, Helga Marburger und Michaela Schumacher (1992), das Buch „Geschlechtsbezoge-
ne Pädagogik“ von Elisabeth Glücks und Franz Gerd Ottemeier-Glücks (1994), „Femini-
stische Mädchenarbeit gegen den Strom“ von Gabriele Möhlke und Gabi Reiter (1996) und
„ ...eigentlich habe ich es schon immer gewusst.“ von Jule Alltag (1996) analysiert.
In der Analyse von Konzepten wird zunächst eine Darstellung vorgenommen. Um ein Ge-
fühl für das jeweilige Konzept zu vermitteln, orientiert sich diese Darstellung eng an den
Originaltexten. Im Anschluss erfolgt eine Analyse, die sich mit der potenziellen Wirkung
der Konzepte auf das Geschlechterverhltnis sowohl auf der Ebene der realen Lebenswirk-
lichkeiten als auch auf der Ebene der symbolischen Ordnung bezieht.
3.3.2 Die androgyne Utopie: „Mädchenarbeit“ von Renate Klees, Helga Marburger,
Michaela Schumacher
Das Buch „Mädchenarbeit“ richtet sich ausdrücklich an Praktiker und Praktikerinnen in
der Jugendarbeit. Im ersten Teil findet sich die theoretische Grundlage für Mädchenarbeit:
Der Bogen wird gespannt von der Geschichte der Jugendarbeit und den Ausblendungen
von Mädchen bis hin zu Aspekten geschlechtsspezifischer Sozialisation und ihre Bedeu-
tung für Frauen und Mädchen. Im Anschluss werden Ausgangspunkte, Prinzipien, Ziele,
Aufgaben und Forderungen für eine „feministische und parteiliche“ Mädchenarbeit darge-
stellt. Die letzen Teile des Buches beschäftigen sich mit konzeptionellen Hilfestellungen
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
86
und didaktischen Anregungen für eine praktische Mädchenarbeit. Die vorliegende Analyse
bezieht sich auf den theoretischen Teil des Buches.
Im Rahmen der „Realität der Zweigeschlechtlichkeit“ sollen die „Grundthemen des Le-
bens“ Partnerschaft, Ehe Familie, Körperlichkeit, Liebe, Sexualität, Beruf etc. in der Arbeit
mit Mädchen in den Blick genommen werden (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela
Schumacher 1992: 9).
Neben dem Sich-zurecht-finden in der eigenen Lebenswelt muss deshalb gelernt wer-
den, sich die jeweilige Einzigartigkeit und Andersartigkeit mitzuteilen, mit-ein-ander
darüber in Austausch zu treten und sich gegenseitig als gleichwertig zu akzeptieren.
Nur wenn dieser Verständigungsprozess gelingt, sind Vermittlungen und Kompromisse
möglich, die für beide Geschlechter nicht verlust-, sondern gewinnorientiert sind ( Re-
nate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 9).
Aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive soll das Verhältnis der Geschlechter be-
trachtet und auf dieser Basis ein Miteinander, eine gegenseitige Akzeptanz und Wertschät-
zung gefördert werden (Renate Klees et al. 1992: 9).
Um diese geschlechtsspezifische Perspektive herzustellen, beschäftigen sich die Autorin-
nen mit der geschlechtsspezifischen Sozialisation, „oder was kleine Mädchen so alles ler-
nen müssen (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 17)!“
Dabei kritisieren sie die Konstruktion der Zweitrangigkeit von Frauen:
Männer herrschen, Frauen haben sich unterzuordnen. Männliche Standards, Wertvor-
stellungen und die Vorherrschaft männlichen Denkens bestimmen Erziehungsziele,
Normen und Regeln, Verfassungen und Gesetze, Verwaltung und Wirtschaft. Die so-
ziale Ungleichheit von Frauen hat vielerlei Wurzeln. Sie liegt nicht, wie uns oft glauben
gemacht werden soll, in den biologisch-anatomischen Unterschieden begründet. Zu un-
serem geschlechtlichen Selbst-Konzept und Selbst-Verständnis leistet die Erziehung
durch Familie, Kindergarten, Schule und die Kirchen entscheidende Beiträge (Renate
Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 17).
Die durch biologistische Argumentationen begründete Minderwertigkeit von Frauen sollen
Frauen als „männliche Wunschvorstellungen“ entlarven. Tun sie dies nicht, so die Auto-
rinnen, würden sie zu Erfüllungsgehilfinnen eines männlich dominierten Geschlechterver-
hältnisses.
Frauen dürfen diese [Projektion A.S.] ihrerseits weder länger als Realität akzeptieren
noch sich diese erfüllend verhalten. Sie werden sonst zu Mittäterinnen der eigenen
Unterdrückung [Hervorhebung im Original] (Renate Klees, Helga Marburger, Mi-
chaela Schumacher 1992: 18).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
87
Die Autorinnen gehen davon aus, dass die Zweigeschlechtlichkeit zwar eine biologische
Realität ist, doch die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen kulturelle Konstruktionen
sind.
Nicht die Biologie, sondern der Umgang der Geschlechter und Generationen miteinan-
der, d.h. der kulturelle Prozess, beeinflusst und bestimmt das individuelle und kollekti-
ve Selbst-Verständnis von Frau und Mann, d.h. im Sinne der Wesenshaftigkeit gibt es
keine „weibliche“ oder „männliche“ Natur [Hervorhebung im Original] (Renate
Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 18).
Die Zuschreibungen an die Geschlechter sind, wenn sie als ein kulturelles Produkt be-
trachtet werden, veränderbar. Vor diesem Hintergrund stellen die Autorinnen folgende
Forderung:
Wenn Frauen und Männer gleichrangig, gleichberechtigt und gleichwertig sein und
/oder werden sollen, dann müssen sie und ihre Kinder lernen, ganze Menschen zu wer-
den. Menschen, die ihren je gegengeschlechtlichen Anteil annehmen, bewusst integrie-
ren und ihm aktiv handelnd Ausdruck verleihen (Renate Klees, Helga Marburger, Mi-
chaela Schumacher 1992: 18).
Frauen sollen ihre „männlichen“ und Männer ihre „weiblichen“ Anteile bewusst nutzen,
um ihr Leben zu gestalten.
Das Konzept von Mädchenarbeit von Renate Klees, Helga Marburger und Michaela
Schumacher soll Mädchen unterstützen, ihnen Anerkennung, Wertschätzung und Bestäti-
gung geben, um aus dem „Teufelskreis Sozialisation“ ausbrechen zu können (Renate Klees
et al. 1992: 31f.) Mädchenarbeit wird als Ort bzw. Raum begriffen, in dem Mädchen sich
ausprobieren können:
Als parteiliche bietet die Mädchenarbeit innerhalb des Patriarchats eine einzigartige
Chance, sich alternative Quellen der Anerkennung, Wertschätzung, Bestätigung und
Selbst-Überprüfung zu erschließen. Diese Peer-Gruppen können eine existenzielle
Funktion übernehmen, indem sie die Befreiung von den Normen und der Kontrolle der
Erwachsenen leisten und Mädchen bei der Ausformung ihrer originären Geschlechtsi-
dentität unterstützen (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992:
31).
Neben der Ausformung der „originären Geschlechtsidentität“ als Frau, soll Mädchenarbeit
zu einem egalitären Geschlechterverhältnis beitragen. Zur Ausformung dieser Geschlecht-
sidentität soll die „Subjektwerdung“ von Mädchen gefördert und „echte Grenzüberschrei-
tungen“ von der Familie in die „öffentliche Kultur“ ermöglicht werden, so die Autorinnen.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
88
Ziel des Kampfes ist: Jegliche Form der Frauenunterdrückung durch Abbau der herr-
schenden Geschlechtsstereotypen abzuschaffen und gesellschaftliche Verhältnisse zu
schaffen, in denen der Geschlechtszugehörigkeit keine soziale, sondern nur noch eine
individuelle Bedeutung zukommt (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schuma-
cher 1992: 33).
Zu Erreichung dieser Ziele formulieren die Autorinnen drei ihres Erachtens unverzichtbare
Prinzipien der Mädchenarbeit: die Neu- bzw. Aufwertung weiblicher Kompetenzen, die
Parteilichkeit der Pädagogin sowie die Arbeit in geschlechtshomogenen Gruppen und ei-
genen Räumen:
Neu- und Aufwertung weiblicher Kompetenzen
Die Autorinnen konstatieren, dass Fähigkeiten und Kompetenzen von Mädchen und Frau-
en entlang einer androzentrischen Messlatte bewertet werden und gemessen an dieser i.d.R.
schlechter abschneiden. Sie plädieren deshalb für einen androgynen Maßstab. Ein solcher
Maßstab „misst kein ´Entweder-oder´, sondern ein ´sowohl-als auch´“ (Renate Klees et al.
1992: 33).
Mädchenarbeit soll Raum schaffen, damit Mädchen ihre unterdrückten Potenziale männli-
cher Eigenschaften entdecken und wieder beleben können.
Ziel ist es, die gesamte Palette menschlicher Möglichkeiten zu entwickeln und sie nut-
zen zu können wie das Doppelmanual einer Orgel (Renate Klees, Helga Marburger,
Michaela Schumacher 1992: 34).
Sowohl männliche als auch weibliche Eigenschaften würden so nicht abgewertet, sondern
können als gleichrangig betrachtet werden. Gemessen werden Eigenschaften und Kompe-
tenzen nur noch situationsabhängig. Eigenschaften und Kompetenzen könnten so unabhän-
gig vom Geschlecht als positiv oder negativ beurteilt werden. Da Mädchen jedoch auf-
grund ihrer Diskriminierung erst einmal Selbstbewusstsein aufbauen müssten, sollte zu-
nächst an ihren Potenzialen angesetzt und diese neu und positiv bewertet werden, so die
Autorinnen.
Mädchen müssen erfahren und erleben, dass ihre vermeintlichen Schwächen – z.B.
Emphatie, körperlich-seelische Empfindsamkeit, Fürsorglichkeit, zyklisches Denken –
nicht nur zur Opferfähigkeit, sondern auch zur Widerstandsfähigkeit und Menschlich-
keit prädestinieren. Mädchen benötigen diese Erfahrungen, um sowohl ihre realen
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
89
Schwächen zuzulassen, die ihnen zugrunde liegenden Einstellungs-/Verhaltensmuster
aufzubrechen und zu verändern bzw. mit ihnen konstruktiv umgehen zu lernen, als
auch um sich gegen sie unterdrückende Mechanismen und Strukturen aktiv zur Wehr
zu setzen und Situationen und Verhältnisse in ihrem Sinn zu beeinflussen und mitzuge-
stalten (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 35).
Auf dieser Basis soll die Pädagogin die Mädchen handlungsfähig machen und mit ihnen
Lebensmodelle entwickeln, die ihnen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Jemanden handlungsfähig zu machen oder zu erhalten, geht nur, wenn an den vorhan-
denen Potenzialen und dem Vermögen der Betroffenen angeknüpft wird und gleichzei-
tig die strukturellen Bedingungen in ihren Auswirkungen auf die situative Lebenslage
nicht nur berücksichtigt, sondern auch verändernd beeinflusst wird (Renate Klees, Hel-
ga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 35).
Parteilichkeit der Pädagogin
Parteilichkeit der Pädagogin bedeutet für die Autorinnen, Mädchen als „Zugerichte-
te“(Renate Klees et al. 1992: 35) vorurteilsfrei anzunehmen. Die Autorinnen machen deut-
lich, dass dies nicht bedeutet, alles gut zu heißen was Mädchen tun. Parteilichkeit meint
hier, Mädchen zum Ausgangspunkt des pädagogischen Handelns zu machen, das Denken
und Handeln von Mädchen als das ihnen momentan mögliche wertzuschätzen, Wünsche
und Bedürfnisse von Mädchen ernst zu nehmen und jede Form von Unterdrückung von
Frauen zu entlarven und zu bekämpfen (Renate Klees, Helga Marburger, Marburger
Schumacher: 35). Für die Pädagogin bedeutet dieser Anspruch an Parteilichkeit ein hohes
Maß an Reflexion.
Parteilichkeit setzt die Bewusstheit eigener Bedeutsamkeit, Selbst-Stärke, Selbst-
Gewissheit und Selbst-Sicherheit voraus (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela
Schumacher 1992: 35).
Pädagoginnen sollen sich in diesem Zusammenhang Mädchen als Vorbild anbieten, sollen
Mädchen aber nicht in die eine oder andere Richtung beeinflussen, weil sonst Mädchen
nicht Subjekte und das Ziel der pädagogischen Arbeit wären, sondern Objekte, denen die
Pädagogin ihre Ziele überstülpt.
Es geht darum,
-Mädchen zu begleiten, wobei diese ihren Weg selber suchen und bestimmen,
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
90
- ihnen Orientierungen, Ziele, Meinungen und Vorstellungen – eigene und fremde – und
die dahinterstehenden Interessen transparent zu machen und zur Auseinandersetzung
anzubieten, damit die Mädchen ihre eigene Wahl und Entscheidung treffen,
- Mädchen in ihrer Selbst-Annäherung und bei der Ausformung eigener einzigartiger
Konturen zu unterstützen,
- Mädchen weder eigene Erfahrungen zu ersparen noch ihnen Emanzipationsschritte und
Entscheidungen abnehmen zu wollen
- Mädchen für den selbstgewählten Weg zu qualifizieren, sie in der Handhabung des
notwendigen Handwerkszeugs zu unterweisen und sie bei der Realisierung ihrer Le-
benspläne zu unterstützen [Hervorhebungen im Original](Renate Klees, Helga Mar-
burger, Michaela Schumacher 1992: 36).
Parteilich können nur Frauen sein, weil die eben benannten Formen der Parteilichkeit Er-
fahrungswissen voraussetzt. Um Mädchen nicht zu funktionalisieren, müssten die Pädago-
ginnen ihr eigenes Tun reflektieren.
Eigene negative und positive, ent- und ermutigende Erfahrungen der Befreiung und
Ver-Selbst-Ständigung ermöglichen ihnen eine erfahrungs- und wissensgeleitete Be-
gleitung, Betreuung und Beratung der Mädchen. Unsicherheiten hinsichtlich des eige-
nen Emanzipationsniveaus bergen in sich aber auch die Gefahr projektiven Verhaltens
und Handelns, insbesondere dann, wenn Mädchen diese Frauen mit ihren „Schatten“
konfrontieren, mit unemanzipierten Einstellungen, ungeliebten oder abgelehnten, ver-
leugneten Verhaltensmustern, mit leidbesetzten, (noch) unintegrierten eigenen Anteilen
(Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 36).
Geschlechtshomogene Gruppen und eigene Räume
Mädchen brauchen Räume, die frei sind von männlicher Beobachtung und Bewertung, von
der Präsenz männlicher Werte und Anforderungen und von der Konkurrenz um Jungen und
Männer.
Diese Räume und Gruppen sind nicht konfliktfrei, ermöglichten jedoch einen angstfreieren
Umgang mit der eigenen Person.
In einem gemeinsamen Reflexionsprozess arbeiten sie ihre Lern-
/Sozialisationsgeschichte, ihr Gewordensein- und Zugerichtet-Sein auf. Sie analysieren
ihre Benachteiligungs- und Unterdrückungserfahrungen und deren individuellen und
objektiven Ursachen. Sie identifizieren die ihre Identitätsarbeit und Autonomieent-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
91
wicklung behindernden Faktoren und Mechanismen und entwickeln Widerstandsfor-
men und Gegenstrategien (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher
1992: 37).
Mädchen können sich in eigenen Räumen von gesellschaftlichen Zwängen befreien. Sie
erleben sich als Agierende und nicht als Reagierende und als Bedeutsam. Die Autorinnen
begreifen eigene Räume und Gruppen als temporär.
Geschlechtshomogene Gruppen dürfen keine Inseln sein, sie müssen wie Durchlaufer-
hitzer wirken. Sie können nur dann sowohl personale als auch soziale Erfolge erzielen,
wenn sie frauenspezifisch politisierend wirken und dazu befähigen, dass Fachkräfte und
Mädchen an die Öffentlichkeit gehen und im Alltag des Jugendzentrums/ des Verban-
des und in anderen gesellschaftlichen Bereichen sich aktiv für die Gleichstellung von
Frauen und Mädchen engagieren [Hervorhebung im Original](Renate Klees, Helga
Marburger, Michaela Schumacher 1992: 38)
Zusammenfassend formulieren die Autorinnen folgende Kennzeichen feministischer und
parteilicher Mädchenarbeit:
- Das Initiieren von Bewusstseinsprozessen,
- das Analysieren von gesellschaftlichen Normen und Werten, insbesondere im Hinblick
auf Identitätsarbeit,
- das Hinterfragen der Familien- und Mutterideologie, ohne diese zu diffamieren,
- das Aufzeigen alternativer Lebensentwürfe,
- das Analysieren von Lebenszusammenhängen von Mädchen,
- zu versuchen, die verinnerlichte Geringschätzung von Mädchen abzubauen,
- das Aufdecken von Konkurrenzverhalten und seiner gesellschaftlichen Funktion,
- das Deutlich machen, dass Mädchen Veränderungen bewirken können und zusammen
stark sind,
- die Anerkennung und Unterstützung von Mädchen als vollwertige Menschen (vgl. Re-
nate Klees et al. 1992: 38f.).
3.3.2.1 Konzeptanalyse
Im Buch „Mädchenarbeit“ wird Androgynie als zu verwirklichendes Konzept benannt.
Diese Verortung kann als Versuch einer Bewegung zur Erreichung des Ziels der Autorin-
nen, der Herstellung eines egalitären Geschlechterverhältnisses, begriffen werden.
Dass die Autorinnen eine androgyne Sichtweise einnehmen, wird insbesondere dann deut-
lich, wenn sie davon sprechen, dass Menschen „ganze“ Menschen werden sollen, und bei-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
92
de Geschlechter „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften nutzen lernen sollen, wie das
„Doppelmanual einer Orgel“. Um in dieser Metaphorik zu bleiben: das Lernen mit beiden
Manualen umzugehen bedeutet, an der Orgel als Instrument festzuhalten und nicht, ein
anderes Instrument spielen zu lernen bzw. den Sinn des Orgelspielens überhaupt in Frage
zu stellen. Die Orgel versinnbildlicht hier das Konzept der Androgynie und die jeweiligen
Manuale, männliche und weibliche Eigenschaften.
Im Alltag nutzen Mädchen und Jungen Fähigkeiten, die dem jeweils anderen Geschlecht
zugeordnet werden. Aus diesem Grunde ist es befreiend, Fähigkeiten nicht länger als
„weiblich“ oder „männlich“ zu etikettieren, sondern als menschlich. Androgynie bedeutet
in diesem Zusammenhang ein in-Bewegung-setzen und kann damit eine Öffnung eines
Zuschreibungszwanges an die Geschlechter bedeuten. Das Konzept der Androgynie kann
jedoch das hierarchisierende Prinzip, das Denken in Dichotomien, kaum auflösen, denn es
blendet Machtverhältnisse im System der Zweigeschlechtlichkeit aus, in dem es eine
Symmetrie vorgaukelt, die vor dem Hintergrund asymmetrischer Machtverhältnisse zwi-
schen den Geschlechtern kaum zu denken ist (vgl. Kapitel 2.1.2.1). Des Weiteren bezieht
sich diese Utopie auf die Trennung von männlich und weiblich, die es ja gerade zu über-
winden sucht. Das System der Zweigeschlechtlichkeit stellen die Autorinnen nicht in Fra-
ge, sondern setzen im Gegenteil innerhalb dieses Systems auf ein Miteinander und eine
gegenseitige Akzeptanz der Geschlechter.
Vonnöten ist deshalb aus geschlechtsspezifischer Perspektive das Verhältnis der Ge-
schlechter untereinander in den Blick zu nehmen, der jeweiligen Einzigartigkeit Rech-
nung zu tragen und ein mit-ein-ander in Partnerschaft, gegenseitiger Akzeptanz und
Wertschätzung zu fördern (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher
1992: 9).
Dabei setzen die Autorinnen am Geschlecht als gelebter Realität an und wollen mit ihrem
Ansatz von Mädchenarbeit dazu beitragen, Mädchen stark zu machen für ein Leben in die-
ser Zweigeschlechtlichkeit.
An einem wichtigen Paradigma des vorliegenden Konzepts, der Neu- und Aufwertung
weiblicher Kompetenzen lässt sich das Für und Wider der androgynen Utopie nachzeich-
nen.
Damit Mädchen und Frauen nicht länger gemessen an einem androzentrischen Maßstab als
defizitär erscheinen, soll nun ein Maßstab etabliert werden, in dem alle menschlichen Ei-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
93
genschaften beiden Geschlechtern zur Verfügung stehen und diese sich nur noch an der
Angemessenheit ihres situationsbezogenen Einsatzes bewerten lassen müssen.
Um dorthin zu gelangen, argumentieren die Autorinnen, dass zunächst einmal Mädchen
aufgrund ihrer Diskriminierung mit ihren Fähigkeiten in den Mittelpunkt gestellt werden
und diese eine positive Aufwertung erfahren müssten. Mädchen können so erkennen, dass
ihre Fähigkeiten nicht schlechter sind als die von Jungen und Mädchen, sie können auf
diesem Wege mehr Selbstbewusstsein aufbauen wie auch ihre Handlungsspielräume er-
weitern, so Renate Klees et al.. Das Konzept der Androgynie erfordert in diesem Zusam-
menhang die Konstruktion von „typisch“ weiblichen und männlichen Fähigkeiten, die
Autorinnen bezeichnen z.B. als weibliche Fähigkeiten, Emphatie, Fürsorglichkeit und zy-
klisches Denken. Sie machen gleichzeitig deutlich, dass diese Fähigkeiten nicht nur zur
Opferfähigkeit, sondern auch zur „Widerstandsfähigkeit und Menschlichkeit“ prädestinie-
ren (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 35).
„Weibliche“ Eigenschaften/ Kompetenzen wie Emphatie, soziale Sensibilität, emotio-
nale Expressivität, Intuition, Naturverbundenheit, zyklisches und ganzheitliches Den-
ken etc. sind und bleiben Stärken. Wohingegen z.B. Abhängigkeit, Unterwürfigkeit,
Un-Selbst-Ständigkeit, Selbstabwertung, Selbst-Aufopferung, Selbst-Losigkeit etc.
Schwächen sind und bleiben werden (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schu-
macher 1992: 34).
Hier zeigen sie eine empirische Realität auf, in der qua Sozialisation Emphatie, Fürsorg-
lichkeit und zyklisches Denken in der Tat eher bei Mädchen und Frauen zu finden sein
werden, die Autorinnen zeigen jedoch nicht auf, woran gemessen die Stärken von Mäd-
chen kategorisch als Stärken und Schwächen von Mädchen als Schwächen bewertet wer-
den. Mit dieser Polarisierung von Eigenschaften bzw. Kompetenzen in Schwächen und
Stärken nehmen sie selbst Abspaltungen vor, denn Schwächen sind nicht immer nur
Schwächen und Stärken erscheinen nicht immer nur als Stärken. Die vermeintliche Stärke
Emphatie kann auch Schwächen bergen und Selbstaufopferung ebenso zur Stärke werden.
Unstrittig ist, dass die von den Autorinnen als Stärken formulierte Eigenschaften Wider-
standspotenzial haben. Damit benennen sie die Ausblendungen im polaren Ordnungssche-
ma der Zweigeschlechtlichkeit, innerhalb dessen eine Deformierung von so genannten
weiblichen und männlichen Kompetenzen stattfindet, denn i.d.R. wird Emphatie und Für-
sorglichkeit keine Widerstandsmacht zugeschrieben, sondern eher der männlich konno-
tierten Durchsetzungsfähigkeit. Trotz ihrer kritischen Sicht argumentieren die Autorinnen
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
94
in der Logik des polaren Ordnungsschemas, in dem sie z.B. den vermeintlichen Schwächen
kein Widerstandspotenzial zuschreiben.
Gleichzeitig weichen sie das Konzept von Androgynität partiell auch wieder auf, indem sie
dafür plädieren, dass es für Mädchen nicht erstrebenswert sein muss etwas zu lernen, was
Jungen können:
Es geht nicht darum, dass Mädchen das lernen, was Jungen schon können, noch dass
Sanktionen ein Geschlecht abqualifizieren oder unterdrücken...(Renate Klees et al.
1992: 34).
Hier weisen die Autorinnen auf die Bedeutung der Kontextualisierung von Verhalten hin.
Die Autorinnen unternehmen den Versuch einer Verflüssigung von Zuschreibungen an
Mädchen und Jungen.
Mädchen soll nun im Rahmen von Mädchenarbeit deutlich gemacht werden, dass Ge-
schlechtergrenzüberschreitungen möglich sind, und dass ihre Potenziale auch anders ge-
wertet werden können. Dies sind Ansätze, die auf alltagspraktischer Ebene sinnvoll er-
scheinen, die symbolische Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit jedoch nicht antasten, denn
nur wenn Dekonstruktion im Sinne einer Loslösung von Verhaltensweisen von der Katego-
rie Geschlecht möglich wird, könnte ein polares Ordnungsschema von „männlich“ und
„weiblich“ verlassen und die Zweigeschlechtlichkeit angezweifelt werden. In diesem Sinne
jedoch wäre Androgynie keine Androgynie, denn notwendigerweise braucht Androgynie
die ungetrennte Zweiheit, eben Differenz und Trennung in männlich und weiblich (vgl.
Kapitel 2.1.2.1: 22).
Auf der Ebene von Lebensrealitäten kann eingewandt werden, dass eine Frau bzw. ein
Mädchen im Rahmen des Versuchs einer gelebten Androgynie einer Kritik der falschen
Anpassung an eine Männlichkeit unterliegen kann, die als längst obsolet erklärt worden ist.
Männer hingegen werden eine positive Erweiterung ihrer Verhaltensweisen erfahren (vgl.
Kapitel 2.1.2.1: 21). So gesehen unterliegen Mädchen und Frauen im Rahmen der Andro-
gynie einem dreifachen Druck: sich nicht mehr „typisch weiblich“ zu verhalten zu können,
sich an Konstruktionen von Männlichkeit orientieren zu sollen, die nicht mehr zeitgemäß
ist, und eine Anpassung an den vollkommenen, weil androgynen Mann zu vollziehen.
Auf symbolischer und auf alltagspraktischer Ebene erscheinen Frauen und Mädchen dem-
nach in der androgynen Utopie defizitär.
Die Autorinnen konstatieren den Konstruktionscharakter von geschlechterdifferenten Ver-
haltensweisen und in diesem Zusammenhang erscheinen diese Zuschreibungen als verän-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
95
derbar. Gleichzeitig sprechen sie von einer „originären Geschlechtsidentität“, bei deren
Ausformung Pädagoginnen im Rahmen der Mädchenarbeit jungen Frauen behilflich sein
sollen (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schuhmacher 1992: 33). Das Konzept
einer „originären Geschlechtsidentität“ bedeutet im Sinne der Autorinnen, Mädchen bei
ihrer Subjektwerdung zu fördern „durch die Stärkung weiblicher Potenzen, Kompetenzen,
Eigenschaften und Verhaltensweisen entlang eines androgynen Maßstabes“ und durch
Grenzüberschreitung „aus der Familie in die öffentliche Kultur, Politik, Gesellschaft...“
(Renate Klees, Helga Marburger. Michaela Schumacher1992: 31). Die Idee der Ausfor-
mung einer originären Geschlechtsidentität, einer Identität als Frau oder Mann steht im
Widerspruch zur Utopie der Androgynie, in dessen Mittelpunkt der Entwurf eines „ganzen
Menschen“ steht (vgl. Kapitel 2.1.2.1: 20) und damit eine eindeutige Zuordnung zu einem
Geschlecht obsolet werden soll. Auch hier zeigt sich eine Verflüssigung des Konzeptes
von Androgynität. So bewegen sich die Autorinnen nicht starr innerhalb eines androgynen
Rahmens und eröffnen eine weitere Perspektive auf Mädchen und Frauen.
Gleichzeitig verfestigen sie das Konzept der Androgynität, indem sie geschlechterdiffe-
rente Zuordnungen vornehmen, wenn sie von der Vorstellung einer originären, also ur-
prünglichen Geschlechtsidentität ausgehen. Diese ursprüngliche Identität qua Geschlecht
steht darüber hinaus im Widerspruch zu der Argumentation der Autorinnen, dass Verhal-
tensweisen kulturelle Konstruktionen sind, denn im Modell einer Geschlechtsidentität sind
Verhaltensweisen im Ursprung des Geschlechts angesiedelt, die dann im Laufe der Ent-
wicklung des Menschen ausgeformt werden müssen (vgl. Kapitel 2.1.2.2: 24).
Die Autorinnen gehen von der Überlegung des Konstruktionscharakters geschlechtsbezo-
gener Zuschreibungen aus und gleichzeitig reproduzieren sie in ihrem Schreiben über
Mädchen und Frauen tradierte Vorstellungen, in dem sie z.B. Mädchen als „Unterdrückte“,
„Gewordene“ und „Zugerichtete“ begreifen bzw. von einer verinnerlichten „Geringschät-
zung und Minderwertigkeit“ bei Mädchen und Frauen ausgehen, die es durch die Arbeit
mit ihnen abzubauen gilt. Mädchen sind vielfach unterdrückt, zugerichtet und haben Min-
derwertigkeitskomplexe. Überdenkenswert ist gleichwohl die Überlegung der Autorinnen,
das Mädchen dies qua Geschlecht sind, denn Geschlechterstereotype werden so, entgegen
der Intention der Autorinnen, von ihnen reproduziert.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
96
Die Utopie der Androgynie als zu verwirklichendes Modell der Zweigeschlechtlichkeit, zu
dem das hier vorliegende Konzept einen Baustein darstellen möchte, ist zum einen sehr
lebensnah und im Alltag der Geschlechter verankert. Auf der anderen Seite ist dieses Kon-
zept insofern problematisch, als es kaum einen Weg aus dem System der hierarchischen
Zweigeschlechtlichkeit weist.
Als theoretische Grundlage ist es für ein Konzept von Mädchen jedoch zunächst viel ver-
sprechend, denn den Kennzeichen feministischer parteilicher Mädchenarbeit, die die Auto-
rinnen formulieren, so exemplarisch das Initiieren von Bewusstseinsprozessen bei Mäd-
chen, das Analysieren von gesellschaftlichen Normen und Werten, das Aufzeigen alterna-
tiver Lebenszusammenhänge von Mädchen usf., steht das Modell der Androgynie nicht
entgegen, sondern wirkt sogar unterstützend. Mädchen können nun so genannte männliche
Eigenschaften und Kompetenzen nutzen, bzw. wenn sie es schon praktizieren, nicht mehr
als „vermännlicht“ diffamiert zu werden.
Um jedoch dem Modell der Androgynie näher zu kommen, muss von „weiblichen und
männlichen“ Eigenschaften ausgegangen werden. Doch damit werden durch das Modell
der Androgynie Zuschreibungen an Frauen und Männer perpetuiert, an deren substantiellen
Bestimmungen dieses Modell ebenso wenig ändert. Darüber hinaus birgt die Androgynie
einen androzentrischen Maßstab (vgl. Kapitel 2.1.2.1: 21): Der ganze Mensch, den die
Autorinnen sich wünschen, zielt auf den Mann und Frauen haben hier höchstens durch die
Wiederaneignung des abgespaltenen Weiblichen durch das Männliche Platz. Als zu ver-
wirklichendes Modell von Mädchenarbeit im Sinne des Abbaus der „herr-schenden Ge-
schlechtsstereotypen“ und der Etablierung gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen „ Ge-
schlechtszugehörigkeit keine soziale, sondern nur noch eine individuelle Bedeutung zu-
kommt“ (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schumacher 1992: 33) scheint der
vorrangige Bezug auf die Utopie der Androgynie, trotz der zeitweiligen Verflüssigung die-
ses Konzeptes der Androgynie, auf der Ebene der Veränderung von Macht- und Herr-
schaftsverhältnissen auf halbem Wege stehen zu bleiben.
3.3.3 Das Denken der Differenz am Beispiel der „Geschlechtsbezogenen Pädagogik“
von Elisabeth Glücks und Franz Gerd Ottemeier-Glücks (Hrsg.)
Das vorliegende Konzept verortet sich vor dem Hintergrund eines Modells von Differenz
(vgl. Kapitel 2.1.2.2: 25). Mit und durch ihren Ansatz, mit Jugendlichen zu arbeiten, so-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
97
wohl in geschlechtshomogenen als auch in koedukativen Gruppen versuchen die Autorin
und der Autor geschlechtsspezifische Sichtweisen als Normalität und Norm in der Pädago-
gik zu verankern.
1985 begann die geschlechterspezifische Bildungsarbeit in der „Alten Molkerei Frille“45.
Hier wurde ein Konzept entwickelt, in dem parteiliche Mädchenarbeit und antisexistische
Jungenarbeit zusammengedacht und auch erprobt wurden. Die Analyse bezieht sich auf die
Ausführungen zur Mädchenarbeit von Elisabeth Glücks.
Das hierarchische Geschlechterverhältnis ist aktuell eine gesellschaftliche Realität und die
Autorin konstatiert, dass hiervon allenfalls „Ausnahmen die Regel bestätigen“ so z.B. in-
dem Frauen zwar Zugang zu besserer Bildung haben, in Ausbildung und Studium i.d.R. die
besseren Abschlüsse vorweisen, sich durch ihre wachsende Berufstätigkeit eine Teilhabe
am öffentlichen Leben erstritten haben, sie dennoch gleichzeitig in höheren und hohen
Machtpositionen nur zu einem geringen Teil präsent sind. Zu einer Effektivierung dieser
Machtstrukturen ist es gekommen, weil die Kategorie Geschlecht zu wenig in den Blick
genommen wurde, so die Autorin (Elisabeth Glücks 1994: 16). Zwar sind innerhalb des
Systems der Zweigeschlechtlichkeit immer Abweichungen von Rollenzuweisungen mög-
lich, das bedeutet gleichzeitig nicht, dass hierdurch das System der hierarchischen Zweige-
schlechtlichkeit zerstört wurde, denn Abweichungen von der gesellschaftlich akzeptierten
Normalität werden als „gesellschaftlich randständig“ stigmatisiert und ausgegrenzt, so Eli-
sabeth Glücks.
Die Autorin sieht auf alltagspraktischer Ebene ein Potenzial in der Abweichung von „Ge-
schlechtsrollenbildern“. Diese Veränderungen bezogen auf die Zuschreibungen an Ge-
schlecht bedeuten indes nicht die Möglichkeit, „dass sich Frauen wie Männer zu Subjekten
ihres Lebens entwickeln können, wo sie ohne gegenseitige Aus- und Abgrenzung aus-
kommen können“(Elisabeth Glücks 1994: 17).
Subjekt- und Objektzuschreibungen erscheinen nicht eindeutig darstellbar, da sich die
Strukturen und Prinzipien „verselbstständigt“ haben:
Zwischen die Kategorien der Subjekte auf der einen Seite und der Objekte auf der an-
deren Seite, von Herrschenden und Beherrschten, von Unterdrückern und Unterdrück-
45 Die alte Molkerei Frille ist eine Heimvolkshochschule in Petershagen mit dem Schwerpunkt politischer
Jugend- und Erwachsenenbildung.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
98
ten, von Männern und Frauen hat sich die Kategorie des „aktiven Objekts“ gebildet und
geschoben. Das bedeutet bezogen auf das Geschlechterverhältnis: In der Grundstruktur
„Kultur der Zweigeschlechtlichkeit“ hat sich für beide Geschlechter eine Abweichung
innerhalb ihres gesellschaftlichen Status ergeben – die Rolle des „aktiven Objekts“
(Elisabeth Glücks 1994: 17).
Als „aktive Objekte“ bezeichnet die Autorin „Handelnde innerhalb technischer und sozia-
ler Regelsysteme“. Bezogen auf Frauen bedeutet eine Besetzung der Kategorie des „akti-
ven Objekts“ die Möglichkeit, dass sie durch die verstärkte Teilhabe an gesellschaftlichen
Bereichen vom einflusslosen Objekt zum aktiven Objekt entwickeln. In diesem Zusam-
menhang ist es für Frauen notwendig, männlich definierte Persönlichkeitsanteile anzuneh-
men, so die Autorin. Zwar stützen Frauen so das System der Zweigeschlechtlichkeit,
gleichzeitig wird durch diese Aneignung von als männlich konstruierten Eigenschaften und
Kompetenzen die Gleichberechtigung von Frauen befördert:
Auf diese Art und Weise bestätigen sich Frauen jedoch wieder neu ihre lebensge-
schichtlich erfahrenen Double-bind Situation und ihre bereits vertrauten Sozialisati-
onserfahrungen, die von Paradoxien geprägt sind (Elisabeth Glücks 1994: 20).
Hier wird das Modell der Androgynie in seiner Konsequenz aufgezeigt und in seiner di-
chotomen Struktur als kontraindiziert für einen Baustein zu einem egalitären Geschlechter-
verhältnis gedeutet. Die Autorin plädiert deshalb für eine Stärkung von Frauenzusammen-
hängen:
Dazu bedarf es eines weiter entfalteten Frauenbewusstseins und in seinem Gefolge ei-
nes bisher nicht existenten Frauenzusammenhangs, der sich selbst als Maßstab für Ein-
flussnahme und Entscheidungen akzeptiert. Das heißt nichts anderes, als dass dieser
Frauenzusammenschluss von sich selbst ein Subjektverständnis hat und sich als Reak-
tion auf...[Auslassung im Original. A.S.] erschöpft. Ein wesentliches Prinzip wäre hier-
bei, Entscheidungen und Gestaltungsvorhaben rückzukoppeln in diesem weiblichen
Zusammenhang, bevor Frauen in den männlich strukturierten Räumen gestaltend ver-
ändern bzw. Veränderungen zustimmen würden (Elisabeth Glücks 1994: 18).
Für Männer konstatiert Elisabeth Glücks, bezogen auf die Besetzung der Kategorie des
„aktiven Objekts“, einen Abstieg aus einer Subjektposition zum „kleinen Rädchen im Ge-
triebe“ (Elisabeth Glücks 1994: 19). Glücks begreift diesen Schritt für Männer als Chance,
weil die Kategorie des aktiven Objekts dem tradierten Männerbild diametral entgegensteht
und somit eine Möglichkeit zu einer Erweiterung der gesellschaftlichen Konstruktion von
Männlichkeit besteht.
Sie bieten ihnen die Chance, die Struktur männlicher Sozialisation zu entlarven, die sie
gleichzeitig als die Größeren und Stärkeren gegenüber Frauen aufbauen und sie unter-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
99
einander als Konkurrierende – in der Mehrzahl dabei unterliegende – isoliert und ge-
genseitig unter Druck gesetzt. Da, wo Männlichkeit nicht mehr mit dem Zwang zur
Dominanz besetzt ist, wäre es möglich, als Mann mit größerer Offenheit gegenüber an-
deren Männern und Frauen zu leben ohne identitätsbedrohende Angst, in der (ver-
meintlichen) Konkurrenz zu unterliegen (Elisabeth Glücks 1994: 20).
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Rollenaufweichungen kein Garant für eine An-
näherung der „Geschlechter auf struktureller Ebene“ sind, stattdessen spricht sie sich für
eine Bewusstmachung des jeweiligen „geschlechtsspezifischen Standorts“ aus. Vor diesem
Hintergrund entwirft sie ein Modell einer geschlechtsbezogenen Pädagogik, im Rahmen
derer Geschlecht zum Ausgangspunkt von Überlegungen, Konzepten und Zielen gemacht
wird. Als Konsequenz daraus ergibt sich eine neue Sicht auf Geschlecht und eine Reflexi-
on der Geschlechtsidentität für pädagogische Fachkräfte, so Glücks.
Für den Bereich Mädchenarbeit konkretisiert sie diese Überlegungen wie folgt:
Im Rahmen der Arbeit mit Mädchen soll von der „weiblichen Objektperspektive“ abge-
rückt werden, um eine Subjektperspektive für sie zu gewinnen. Mädchen und Frauen sollen
damit eine Stärkung ihrer Kompetenzen und Fähigkeiten erfahren, um in öffentlichen
Räumen als eigenständig agierende Personen präsent zu sein. Dabei ist es Elisabeth Glücks
wichtig, eine Stärkung des „weiblichen Selbstverständnisses“ als Frau mit „eigenem Wert
und Würde“ zu vervollständigen. Diese soll über eine Einbeziehung des weiblichen Kör-
pers in diesem Prozess geleistet werden, denn „Körperbewusstsein“ und „Geistesbewusst-
sein“ sollen zusammengebracht und damit eine polare Spaltung in Körper und Geist aufge-
brochen werden.
Vor diesem Hintergrund formuliert sie folgende Grundsätze für ihren Ansatz, mit Mädchen
zu arbeiten:
Die Akzeptanz der „ganzheitlichen Lebensplanung“ von Mädchen soll in den Mittelpunkt
gerückt werden, auch bzw. insbesondere dann, wenn diese sich auf eine Integration von
Beruf und Familie bezieht.
Mädchenarbeit hat hier die Aufgabe, beide Lebensbereiche in ihren Gewinn- und Ver-
lustseiten zu thematisieren, um eine Entscheidungsbasis zu schaffen (Elisabeth Glücks
1994: 119).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
100
Die Autorin will mit ihrer Arbeit an den „Stärken der weiblichen Sozialisation“ ansetzen
und eine Förderung der Auseinandersetzung bei den Mädchen mit nicht gelebten oder als
männlich eingestuften Erfahrungsmustern herausfordern.
Mädchenarbeit hat hier die Aufgabe, gängige Weiblichkeitsbilder in ihren positiven
und negativen Erscheinungsformen den Mädchen vor Augen zu führen und z.B. ihre
soziale Kompetenz - nach außen sichtbar - zur Stärkung eigener Interessen einzusetzen
und sich nicht im „Für-die-Zufriedenheit-aller-um-mich-herum“ erschöpfen zu lassen
(Elisabeth Glücks 1994: 119).
So genannte „männliche Verhaltensmuster“ sollen im Rahmen der Arbeit in Bezug auf das
„weibliche Rollenrepertoire“ hinterfragt werden. Aus diesem Grund plädiert Glücks für
„weibliche Leitbilder“ in der Arbeit mit Mädchen, damit diese sich mit widersprüchlichen
Erwartungen an Weiblichkeit auseinander setzen können.
Mädchenarbeit hat hier die Aufgabe, Mädchen und Frauen ein ganzheitliches Gefühl
für ihre Person zu vermitteln, d.h. insbesondere den Einklang zwischen Körper und In-
tellekt finden zu lassen (Elisabeth Glücks 1994: 120).
Mädchenarbeit hat zum Ziel, einen Gegenpol zum reglementierten und ritualisierten Alltag
von Mädchen zu schaffen. Mädchen brauchen Freiräume und freie Zeit, so die Autorin.
Zum unverzichtbaren Bestandteil von Mädchenarbeit gehört deshalb Spaß und Lust,
Experimentieren und ungewohntes wagen, um wachsen zu können und Interesse an ei-
genen neuen Entwicklungen und Erfahrungen zu gewinnen (Elisabeth Glücks 1994:
121).
Pädagoginnen sollten in diesem Zusammenhang von Mädchen keine Erkenntnisprozesse in
Richtung einer neuen Identität als Frau erwarten.
Diese Sensibilisierungen für geschlechtsspezifisches Verhalten sind sowohl innerhalb der
Mädchengruppenarbeit als auch im koedukativen Alltag notwendig, so die Autorin. Zentral
ist hierbei die Schulung der Wahrnehmung in Bezug auf geschlechtbedingtes Verhalten
und die kontinuierliche Beobachtung des Alltagsverhaltens von Mädchen und Jungen auf
der Basis eines „die eigene Geschlechtsrolle reflektierenden Standpunktes als Frau in die-
ser Gesellschaft“ (vgl. Elisabeth Glücks 1994: 121).
Im Zusammenhang des Ansatzes der geschlechtsbezogenen Pädagogik fokussiert auf eine
konkrete praktische Arbeit mit Mädchen z.B. in Seminaren, sind für die Autorin folgende
Aspekte bedeutsam:
• Dass ein Mädchenraum zur Verfügung steht.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
101
• Dass Mädchen die Möglichkeit geboten bekommen, sozialen Freiraum selbst zu ent-
decken und Schritte zur Entfaltung ihrer „weiblichen Identität“ einzuleiten.
• Dass Mädchen im Mittelpunkt stehen und zum Maßstab ihres Handelns werden.
• Dass Mädchen unterstützt werden, Verletzungen und Übergriffe ernst zunehmen und
zu thematisieren und lernen, ihrer eigenen Wahrnehmung und Intuition zu vertrauen.
• Dass Mädchen Stärken auf bisher unbekanntem Terrain erleben.
• Dass Mädchen den Seminaralltag über die Mädchengruppe hinaus „feminisieren“.
Die Pädagoginnen können Mädchen in diesem Rahmen als Vertraute oder Fremde erleben,
um so Vertrauen und Akzeptanz in das eigene Geschlecht zu entwickeln.
3.3.3.1 Konzeptanalyse
Die Autorin verortet ihr Konzept ausdrücklich bezogen auf ein Denken Differenz und ver-
wirft androgyne Konzepte zur Durchsetzung egalitärer Geschlechterverhältnisse als kon-
traproduktiv (vgl. Kapitel 2.1.2.1). Ein Denken einer konsequenten Zweiheit der Ge-
schlechter ist die Matrix dieser Überlegung, mit Mädchen zu arbeiten, dabei sollen Mäd-
chen und Frauen lernen, eigene Erfahrungen „ernst zu nehmen“ und den „weiblichen
Blick“ zu schärfen für eine „weibliche Veränderung“ patriarchaler Strukturen.
Elisabeth Glücks geht von der Grundannahme der Zweigeschlechtlichkeit als gesellschaft-
licher Realität aus und versucht von diesem Standort aus, die Kategorie Geschlecht in der
Pädagogik zu etablieren. Sie konstatiert eine Aufweichung von Rollenzuschreibungen an
die Geschlechter und stellt gleichzeitig fest, dass diese Rollenaufweichungen nicht
zwangsläufig zu einer Annäherung der Geschlechter führen. Sie zeigt einen Spagat auf,
den Frauen machen müssen, um am öffentlichen Leben teilzunehmen: Frauen und Mäd-
chen benötigen nach Ansicht der Autorin männlich definierte Persönlichkeitsanteile, bzw.
möchten sich die Freiheit nehmen jene Anteile zu nutzen, um z.B. ihre Karrierechancen zu
verbessern. Dieses Vorgehen stützt zwar das System der hierarchischen Zweigeschlecht-
lichkeit, gleichzeitig wird damit Positives für die Gleichberechtigung von Frauen erreicht.
Elisabeth Glücks spricht sich mit den italienischen Differenztheoretikerinnen für eine Eta-
blierung und Stärkung von Frauenzusammenhängen aus.
Vor diesem Hintergrund plädiert die Autorin für eine „neue Sicht auf Geschlechter“. Sie
setzt mit ihrem Konzept bei Mädchen und ihren Lebensrealitäten an, in dem sie vom Ge-
schlecht als gelebter Existenz ausgeht. Im Rahmen ihres Konzeptes geht es indes nicht in
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
102
erster Linie darum, Mädchen zu stärken und ihre Kompetenzen zu erweitern, sondern um
die Entwicklung einer „symbolischen Ordnung von Frauen“.
Das Denken von Differenz bezogen auf die Etablierung einer symbolischen Ordnung, die
als nichtaffirmativ und prozesshaft begriffen wird, soll im Folgenden mit ihren Potenzialen
und Problemen diskutiert werden.
Der geschlechtsbezogene Ansatz, mit Mädchen zu arbeiten, ist auf einer Ebene des realen
Lebens durchaus nachvollziehbar, und es erscheint wichtig, angesichts gesellschaftlicher
Benachteiligungen von Frauen und Mädchen, an den Bedürfnissen von Mädchen anzuset-
zen und ihre Personen in den Mittelpunkt zu stellen, ohne sie und ihr Handeln als verände-
rungsbedürftig zu diffamieren. Mädchen kann so die Möglichkeit gegeben werden, positive
Erfahrungen bezogen auf ihr Mädchen-Sein zu machen und Mädchen- und Frauenzusam-
menhänge wahrzunehmen und kennen zu lernen.
Die besonderen Dilemmata des Modells der Differenz sind zum einen, die Transparenz
dessen zu gewährleisten, an welchem Maßstab die zu erreichende Egalität gemessen wird,
um sich nicht assimilatorisch an einem androzentrischen Referenzsystem zu orientieren.
Zum anderen bedeutet Differenz die Notwendigkeit der Beibehaltung der Kategorien
Weiblich und Männlich bzw. Frau und Mann. Das Problem hierbei ist, das diese Pole im
System der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit nicht neutral gesetzt sind. Die Aus-
gangsbasis für eine Veränderung beinhaltet demnach immer schon eine Wertung. Elisabeth
Glücks behält die patriarchal konstruierten Kategorien „Frau“ und „weiblich“ bei, kritisiert
sie und begreift sie gleichzeitig als Ausgangsort für ihre Arbeit mit Mädchen.
Die Autorin formuliert, mit ihrer Arbeit dazu beitragen zu wollen, von einer „weiblichen
Objektperspektive“ abzurücken und eine Subjektperspektive für Mädchen zu eröffnen. Aus
dieser Subjektposition heraus, die Mädchen und Frauen in Frauenzusammenhängen erlan-
gen könnten, könnte durch eine Schärfung des „weiblichen Blicks“ eine „weibliche Verän-
derung patriarchaler Strukturen“ (Elisabeth Glücks 1994: 118) eingeleitet werden. Wie
kann jedoch ein „weibliche Blick“ aussehen, der zu einer „weiblichen Veränderung“ von
patriarchalen Strukturen beitragen kann? Wann ist ein Blick weiblich, und wodurch zeich-
net sich dieser Blick aus? Ist dies ein Blick, der frei ist von einer männlichen Definitions-
macht und würde er mithin einen androzentrischen Gleichheitsmaßstab außer Kraft setzen?
Im Modus des dichotomen Denkens ist ein „weiblicher“, von einer männlichen Definiti-
onsmacht freier Blick kaum denkbar, da Frau-Sein i.d.R. in Abgrenzung zu Mann-Sein
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
103
konstruiert wird (vgl. Kapitel 2.1.1: 18). Gefangen in dieser Logik ist es nahezu unmög-
lich, patriarchale Strukturen „weiblich“ zu verändern im Sinne einer Zerstörung dieser
Kultur. Im Gegenteil: Durch das ausgeprägte Beharren auf den Kategorien männlich und
weiblich in diesem Konzept wird Frausein nicht nur biologisch bezogen auf die Kategorie
„sex“ begründet, sondern auch die Kategorie „gender“ wird auf dieser Basis ontologisch
verortet. Die Problematik des Zementierens des Mann-Frau-Dualismus durch ein bloßes
Umkehren der Geschlechterhierarchie, sehen die italienischen Differenztheoretikerinnen,
auf die sich die Autorin mit ihrem Konzept bezieht, und sie versuchen, diese Gratwande-
rung mit Hilfe der Verfahren Dekonstruktion und Mimesis zu leisten46. In diesem Zusam-
menhang bedeutet Dekonstruktion ein Aufdecken des historischen Gewordenseins von
Weiblichkeit als ein von Männern entworfenes Konstrukt, damit entschleiert die Bewe-
gung von Dekonstruktion, Männlichkeit und deren Entwürfe über Weiblichkeit als Maß-
stab. Auf dieser Basis greift Mimesis im italienischen Differenzdenken im Sinne von
Nachahmung und Parodie: durch das Nachahmen, Paraphrasieren und Parodieren besteht
für Frauen eine Möglichkeit, die patriarchale, symbolische Ordnung zu durchqueren und
zu verändern. Diese Veränderung kann möglich werden z.B. durch eine „parasitäre Unter-
werfung“ unter männlich konstruierte Diskursformen, immer im Bewusstsein der ihnen
zugewiesenen Stereotypen ( vgl. Kapitel 2.1.2.2: 27). Gleichzeitig birgt dieses Vorgehen
die Problematik, in bloße Wiederholungen zu verfallen und damit das hierarchische Ge-
schlechterverhältnis zu zementieren. Im vorliegenden Konzept zur Mädchenarbeit treten
die im italienischen Differenzdenken wichtigen Begriffe Dekonstruktion und Mimesis
nicht auf und in diesem Zusammenhang ist die Möglichkeit gegeben, dass das Konzept der
geschlechtsbezogenen Pädagogik eine „neue Weiblichkeit“ propagiert und dichtome Ar-
gumentationen und Zuordnungen nicht aushebelt, sondern diese modifiziert reproduziert.
Elisabeth Glücks misst in ihrem Konzept Frauenzusammenhängen eine große Bedeutung
bei, denn in Beziehungen unter Frauen können sich Frauen gegenseitig Bedeutung, Wert
und Würde verleihen und sich in der Welt bewegen, so Glücks. In diesen Frauenzusam-
menhängen sollen eigene Maßstäbe entwickelt werden, die sich nicht in Abgrenzung zu
bzw. Reaktion auf patriarachale Lebensrealitäten erschöpfen (Elisabeth Glücks 1994: 18).
Der Anspruch, eigene Maßstäbe und Orientierungen zu entwickeln, die frei sind von
46 Auch Judith Butler verweist mit ihrer Überlegung durch Praodieren der Geschlechter subversiv zu agieren,
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
104
männlicher Definitionsmacht, ist ein Balanceakt, denn wie können Frauen, die in die Rea-
lität der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit eingebunden sind, aus dieser Situation her-
austreten?
In diesen Zusammenhang stellen die italienischen Differenztheoretikerinnen das Begehren
von Frauen. Das Begehren soll Ausgangsort ihres Handelns sein, Frauen sollen sich mit
ihren Wünschen und Vorstellungen selbst ins Zentrum der Welt stellen. Die Entwicklung
des Begehrens von Mädchen ist im Konzept der geschlechtsbezogenen Pädagogik eher
indirekt benannt, so in Aspekten wie der Stärkung des weiblichen Selbstverständnisses und
der Achtung des eigenen Denkens, Fühlens, Wahrnehmen und Handelns (Elisabeth Glücks
1994: 118).
Doch auch das Begehren von Frauen und Mädchen ist verwoben mit Konstruktionen dar-
über, welches Begehren Frauen und Mädchen zugestanden wird bzw. sie sich selber zuge-
stehen und dieses Begehren ist letztlich bestimmt durch hegemoniale Zuschreibungen (vgl.
Kapitel 2.1.2.2: 28). So bedeutet der Bezug auf die Kategorie des Begehrens keinen Rück-
griff auf einen neutralen Ort, sondern wiederum auf eine Konstruktion im Rahmen des
Systems der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit
Das vorliegende Konzept der „Geschlechtsbezogenen Pädagogik“ rekurriert zwar auf das
Modell von Differenz, wichtige Aspekte dieses Denkens werden jedoch weitgehend außer
Acht gelassen bzw. nicht thematisiert. Es sind diejenigen Aspekte, die das italienische Dif-
ferenzdenken vom Denken einer „idealisierten Differenz“ unterscheiden (vgl. Kapitel
2.1.2.2) und damit potenziell Bewegungen aus dem Denken in Dichotomien heraus aufzei-
gen könnten. So verkürzt bleibt das Konzept der Differenz auf einer Ebene, die ontologi-
sche Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht perpetuiert und deren Standort im hier-
archischen Geschlechterverhältnis stabilisiert.
Das kritische Pozential, das im Zusammenspiel von Dekonstruktion, Mimesis, dem Begeh-
ren von Frauen und Frauenzusammenhängen vorhanden ist und im Differenzdenken in
einer symbolischen Ordnung von Frauen münden soll, bleibt im Konzept der geschlechts-
bezogenen Pädagogik auf einer pragmatischen Ebene. Weder das Referenzsystem von
Gleichheit und Konstruktion von Zuschreibungen an Geschlechter, noch der schwierige
Balanceakt innerhalb von Frauenzusammenhängen etwas Eigenes, frei von androzentri-
auf Dekonstruktion und Mimesis (vgl Kapitel 2.2.3.1).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
105
schen Maßstäben zu entwerfen und sich gleichzeitig im System der hierarchischen Zwei-
geschlechtlichkeit zu bewegen, auf deren Herstellungsmodi zurückgreifen zu müssen und
sie somit wieder zu reproduzieren, werden konzeptionell aufgegriffen. So verkürzt das
Konzept der geschlechtsbezogenen Pädagogik das Modell von Differenz auf die Betonung
von Weiblichkeit und eines weiblichen Selbstverständnisses in geschlechtshomogenen
Gruppen. Und auch die im differenztheoretischen Denken so wichtige Erkenntnis von Dif-
ferenzen in und unter Frauen und Mädchen werden kaum berücksichtigt, indem pauschal
von „einer weiblichen Sozialisation“ und „ihren Stärken“ und „einer weiblichen Identität“
gesprochen (vgl. Elisabeth Glücks 1994) wird. So gesehen bietet das Konzept der „Ge-
schlechtsbezogenen Pädagogik“ kaum Möglichkeiten, aus einem Denken in Dichotomien
auszubrechen, hierarchische Zweigeschlechtlichkeit in Wanken zu bringen und eine eigene
symbolische Ordnung von Frauen zu etablieren.
Gleichzeitig ist der Versuch des Entwurfs einer symbolischen Ordnung sinnvoll, weil hier
versucht wird, Mädchen mit ihren Lebenszusammenhängen, ihrem Wollen und Tun nicht
als defizitär wahrzunehmen, sondern wertschätzend und dabei nicht vordergründig assimi-
latorisch zu argumentieren. In diesem Zusammenhang ist z.B. die Akzeptanz der Le-
bensplanungen von Mädchen, auch wenn sie nicht der Idee von Lebensplanung der Päd-
agogin entspricht, ein wichtiger Ansatzpunkt.
Gerade in koedukativen Zusammenhängen kann das Konzept der „Geschlechtsbezogenen
Pädagogik“ bezogen auf die Ebene einer praktischen Arbeit zu einer Irritation des hierar-
chischen Geschlechterverhältnisses beitragen – die Struktur dieser Zweigeschlechtlichkeit
und ihre Herstellungsmechanismen werden hingehen kaum angegriffen.
3.3.4 Noch einmal: Das Denken der Differenz: „Feministische Mädchenarbeit gegen
den Strom“ von Gabriele Möhlke und Gabi Reiter
Das vorliegende Buch zur Mädchenarbeit verortet sich in Abgrenzung zu anderen Kon-
zepten ausdrücklich feministisch. Die Autorinnen untersuchen Chancen und Begrenzungen
feministischer Mädchenarbeit sowohl am Beispiel einer autonomen Mädcheneinrichtung
als auch anhand von Mädchenarbeit in gemischtgeschlechtlichen Jugendfreizeiteinrichtun-
gen, um Unterschiede, Rahmenbedingungen und Resonanzen von Besucherrinnen heraus-
zuarbeiten. Es geht Möhlke et al. nicht um Wertung und eventuelle Disqualifizierung von
Mädchenarbeit in gemischten Einrichtungen, sondern um eine Analyse der Bedingungen,
die eine feministische Mädchenarbeit fördern und behindern.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
106
Folgende Ziele bzw. Aufgaben feministischer Mädchenarbeit formulieren die Autorinnen:
• Analyse und Kritik patriarchaler Herrschaftsstrukturen
• Die Abschaffung jeglicher Unterdrückung des weiblichen Geschlechts
• Das in-den-Blick-Nehmen der gesamten Gesellschaft
• Den Entwurf einer eigenständigen weiblichen Gegenkultur (vgl. Gabriele Möhlke, Ga-
bi Reiter 1995: 26).
Feministische Mädchenarbeit wird in diesem Konzept gleichzeitig als feministische Mäd-
chen- und Frauenpolitik begriffen mit dem Ziel, eine Gesellschaft ohne Geschlechterhier-
archie und ohne gewaltsame Unterdrückung zu schaffen:
Heutiges Ziel einer feministischen Mädchenarbeit ist zunächst die volle Entwicklung
einer eigenständigen Persönlichkeit von Mädchen, ihrer Individualität, Ganzheitlich-
keit, Selbstbestimmtheit unter Einschluss der Überwindung und Heilung bereits er-
folgter tiefer Verletzungen und der positiven Bewertung und Selbstbewertung von
Weiblichkeit jenseits patriarchaler Normen (Gabriele Mölke, Gabi Reiter 1995: 25).
Hierzu bedarf es eines „emanzipierten Frauenbildes“, das durch die in der Mädchenarbeit
agierende Pädagogin repräsentiert werden muss, so die Autorinnen.
Grundgedanke des Konzeptes ist, dass nicht einseitig Mädchen und Frauen im Hinblick auf
„männlich strukturiertes“ Denken und Handeln gefördert werden müssen, sondern gleich-
zeitig die Forderung gestellt wird, dass Jungen und Männer „weibliche Fähigkeiten“ mehr
schätzen lernen und sich an ihnen orientieren sollen. Im gegenwärtigen Geschlechterver-
hältnis, so Möhlke/Reiter, kann eine Benachteiligung von Mädchen nur durch eine Über-
betonung von Mädchenförderung zum Ausgleich führen und ein Umdenken bewirken.
Gabriele Möhlke und Gabi Reiter sprechen sich gegen einen Defizitansatz in der Mäd-
chenarbeit aus, der die Zielgruppe dieser Arbeit in erster Linie als Problemgruppe be-
schreibt, da dieser Blick auf Mädchen eine Wahrnehmung als Opfer von gesellschaftlichen
Verhältnissen zementiert und Mädchen als tätige Subjekte ausblendet.
Folgende unabdingbare Prinzipien feministischer Mädchenarbeit benennen Möhlke und
Reiter:
• Räume für Mädchen und Frauen
• Ganzheitlichkeit
• Parteilichkeit der Pädagogin
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
107
• Autonomie
• Rolle der Pädagogin (vgl. Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1994: 29ff.).
Räume für Mädchen und Frauen
Diese Räume werden gefordert als Entwicklungs-, Frei- und Schutzräume für die Identi-
tätsbildung, zur Kraftfindung und zum Einüben von Widerstand. Sie sollen ein Ort positi-
ver Wahrnehmung und Wertschätzung von Frauen sein:
Eine positiv verstandene „Insel“ ermöglicht die notwendige Distanz zu strukturellen
Herrschaftsmechanismen, verhilft, die bestehende geschlechtsbezogene Weltordnung
als Unrechtssystem zu begreifen, die eigene Rolle zu reflektieren, Mut zu finden, er-
lebte Verletzungen aufzuspüren und Konsequenzen auch für das eigene Leben zu zie-
hen und bietet die Chance, eigene Wege und damit zu sich Selbst zu finden (Gabriele
Möhlke, Gabi Reiter 1995: 175f).
Ganzheitlichkeit
Ganzheitlichkeit meint hier die Anerkennung der Komplexität und Widersprüchlichkeit
des weiblichen Lebenszusammenhanges. Die „spezifischen Schwächen und Stärken“ von
Mädchen und Frauen sollen angesprochen werden, und es soll ihnen Platz und Raum ge-
boten werden, ihre Vielfalt zu erfahren und anzuerkennen:
Feministische Mädchenarbeit muss auf die persönlichen Bedürfnisse und Problemlagen
der Mädchen eingehen und sie dabei unterstützen, ihren eigenen, selbstbestimmten
Weg zu finden und zu gehen (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1995: 29).
Parteilichkeit der Pädagogin
Die Pädagogin soll Mädchen und ihre Lebensentwürfe „vorurteilsfrei“ akzeptieren und
darüber hinaus Sprachrohr für die Belange von Mädchen sein. D.h. über ihre pädagogische
Funktion hinaus sollte sie noch eine politische Funktion erfüllen. Die Wünsche und Inter-
essen von Mädchen sollen ernst genommen werden, auch wenn sie nicht den feministi-
schen Vorstellungen der Pädagogin entsprechen:
In einer Atmosphäre des akzeptiert Seins werden Mädchen nach Stärkung und Heraus-
bildung ihres Selbstbewusstseins ihre realen Schwächen zulassen, sie hinterfragen,
konstruktiv verändern, ihre Kompetenzen erweitern und Neues ausprobieren (Gabriele
Möhlke, Gabi Reiter 1995: 30).
Parteilichkeit bedeutet, eine „solidarische Grundposition“ für Mädchen und Frauen einzu-
nehmen, so die Autorinnen.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
108
Autonomie
Mädchen sollen ermuntert und angeleitet werden, sich an Prozessen (politischer) Mitbe-
stimmung zu beteiligen. An ihren vorhandenen Kompetenzen und Stärken soll angesetzt
werden, um Sicherheit zu vermitteln und Mut zu machen, „selbstverantwortlich zu handeln
und eigenständig Entscheidungen zu treffen“ (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1995: 31).
Rolle der Pädagogin
Die Pädagogin sollte sich Mädchen als Identifikationsfigur anbieten und als Vorbild für
Mädchen dienen. Sie sollte sich deshalb ihrer eigenen Bedeutsamkeit, Selbststärke und
Selbstgewissheit bewusst sein, damit sie in diesen Bereichen Mädchen als Vorbild dienen
kann:
Die Pädagogin muss fähig sein, „auf der Basis einer umfassenden Gesellschaftsanalyse
in Distanz zu treten“ und daraus eine stabile Grundlage zu schaffen, die es erst ermög-
licht, gemeinsam Widerstandsformen zu entdecken (Gabriele Möhlke; Gabi Reiter
1995: 31).
Frauen brauchen andere Frauen für die Auseinandersetzung- und Diskussionsprozesse und
für das Vorantreiben von Umdenkungs- und Lernprozessen und Bewusstseinserweiterun-
gen, so die Autorinnen. Mädchen benötigten in diesen Prozessen Pädagoginnen, die ihnen
behilflich sind auf der Suche nach einem „bewussten-feministischen-Weg der Auseinan-
dersetzung mit und in dieser – männerdominierten – Welt“ (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter
1995:170).
Bevorzugt sollten Pädagoginnen eingestellt werden, die als „feministische Lesben“ leben,
um den Mädchen eine Vielfalt von Lebensentwürfen aufzeigen zu können. Möhlke und
Reiter schreiben darüber hinaus lesbischen Pädagoginnen mehr feministisches Potenzial zu
als heterosexuellen Pädagoginnen:
Pädagoginnen, die ausschließlich in Frauenzusammenhängen arbeiten und/oder auch
als feministische Lesben leben, zeigen durch ihre Lebensweise eine andere, radikalere
Art von Widerstand gegen das Patriarchat. Sie verweigern konsequent, Energien in eine
Aufrechterhaltung oder gar weitere Entwicklung der bestehenden männerdominierten
Ordnung zu stecken; sie leben in anderen „Wirklichkeiten“, jenseits der direkten Aus-
einandersetzung mit Männern, um diese von ihren Zielen und Einstellungen zu über-
zeugen (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter: 177).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
109
Das Einnehmen einer Distanz zur männerdominierten Welt sehen sie als Notwendigkeit für
weiterreichende Analysen und Erkenntnisse über das Geschlechterverhältnis.
In einer gegenseitigen Öffnung und zur Vermeidung von Flügelkämpfen unter Frauen,
sollten auch heterosexuelle Frauen lernen, das radikale Potenzial von lesbischen Frauen
wertzuschätzen und für sich nutzbar zu machen – dafür ist es notwendig, eventuelle
homophobe Einstellungen zu überwinden. Eine solche Offenheit könnte unbewusste
und bewusste Widerstände auflösen und einen gegenseitigen, bunten Lernprozess er-
möglichen.(Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1995: 177).
3.3.4.1 Konzeptanalyse
Die Autorinnen verorten ihr Konzept, mit Mädchen zu arbeiten, ausdrücklich als femini-
stisch, indem sie Mädchenarbeit gleichzeitig als eine Form von Mädchenpolitik begreifen,
der eine patriarchatskritische Gesellschaftsanalyse zu Grunde liegt, denn eine Untersu-
chung von „Herrschafts-, Macht- und Gewaltverhältnissen“ erscheint ihnen als unabding-
bare Grundlage in der Arbeit mit Mädchen (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1995: 23).
Eine wichtige Zielsetzung der Autorinnen ist vor diesem Hintergrund die Entwicklung
einer „eigenständigen weiblichen Gegenkultur“, mit dem Ziel, hierarchische Ungleichhei-
ten zwischen den Geschlechtern zu verändern (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1995: 26). Es
erscheint ihnen notwendig, in eine Distanz zur männerdominierten Welt zu gehen, um
weiterreichende Analysen über das Geschlechterverhältnis zu leisten. Vor diesem Hinter-
grund erachten es die Autorinnen als sinnvoll, Benachteiligungen von Mädchen durch eine
Überbetonung von Mädchenförderung zu kompensieren. Dabei soll an den „spezifischen
Schwächen und Stärken“ von Mädchen angesetzt werden und sie sollen im Prozess hin zu
einer „positiven Bewertung von Weiblichkeit jenseits patriarchaler Normen“ unterstützt
und auf einen „bewussten-feministischen Weg der Auseinandersetzung“ geleitet werden.
Mit diesem Überlegungen nehmen die Autorinnen über ihren feministischen Ansatz hinaus
Bezug auf ein Denken der Differenz (vgl. Kapitel 2.1.2.2), indem sie die Zuschreibungen
von Männer an Frauen kritisieren und sie sich den Forderungen von Savier/Wild ( 1980)
anschließen, „typisch männlich und typisch weiblich neu zu definieren“ (Gabriele Möhlke,
Gabi Reiter 1995: 24).
Die Autorinnen wollen mit ihrer Arbeit ausdrücklich zu einer Veränderung von Macht-
und Herrschaftsverhältnissen beitragen. Welche Potenziale und Probleme weist dieser Dif-
ferenzansatz gekoppelt mit den feministischen Überlegungen der Autorinnen auf?
Zunächst beziehen sich die Autorinnen auf eine Differenz zwischen den Geschlechtern und
entwerfen ihr Konzept mit Mädchen zu arbeiten durch Trennung und Abgrenzung zu be-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
110
stehenden gesellschaftlichen Strukturen (Gabriele Möhlke, Gabi Reiter: 26). So skizzieren
Möhlke et al. eine Utopie einer „weiblichen Gegenkultur“, die in einer konkreten prakti-
schen Arbeit mit Mädchen dazu beitragen kann, dass Mädchen sich mit ihren Wünschen
und Bedürfnissen wahrgenommen fühlen, als wichtig anerkannt werden und ihre Existenz
und ihre Kompetenzen in einen soziokulturellen Kontext eingebunden werden (vgl. Kon-
zeptanalyse 3.3.3.1). Auf einer Ebene von Alltagsphänomenen vermag dieses Denken von
Differenz dazu beitragen, dass hierarchische Geschlechterverhältnis durch ein womöglich
verändertes Verhalten von Mädchen und Frauen und damit durch einen partiell modifi-
zierten Umgang der Geschlechter miteinander zu irritieren.
Gleichzeitig kann die Utopie einer weiblichen Gegenkultur kontraproduktiv wirken, wenn
sie wie im vorliegenden Konzept in Abgrenzung zur männlichen Kultur konstruiert wird.
Im Logos des dichotomen Denkens liegt dem weiblichen Entwurf einer Gegenkultur ein
androzentrisches Referenzsystem zugrunde, denn das hierarchische System der Zweige-
schlechtlichkeit ist mit seinen Werten und Normen männlich determiniert – Gegenentwürfe
können allenfalls auf dieser Folie entworfen werden. Wenn sich Differenz nur auf eine
Entwicklung einer „weiblichen Gegenkultur“ in Abgrenzung zu einer männlichen Kultur
erschöpft, dann würde das Modell von Differenz verstrickt bleiben im Mechanismus di-
chotomen Denkens und auf einer Metaebene letztlich Macht- und Herrschaftsverhältnisse
reproduzieren.
Darüber hinaus birgt der Bezug auf eine spezifisch „weibliche“ bzw. spezifisch „männli-
che“ Kultur das Dilemma, durch diese Annahme der Spezifika mittelbar Zuschreibungen
an die Kategorie Geschlecht vorzunehmen. Durch den Bezug auf die Kategorie Mädchen
können die Autorinnen nicht ohne Zuschreibungen agieren, gerade deshalb erscheint es
sinnvoll, dass sie kritisch mit ihren neuen Konstruktionen über männlich und weiblich um-
gehen, sonst wirkt der Entwurf einer weiblichen Gegenkultur bezogen auf das hierarchi-
sche Geschlechterverhältnis affirmativ, weil er sich auf Dichotomien bezieht, deren Kon-
struktionscharakter und Maßstäbe nicht transparent gemacht werden.
Ein weiteres wichtiges Ziel der feministischen Mädchenarbeit, im Sinne des vorliegenden
Konzeptes, besteht in der Unterstützung von Mädchen zur „vollen Entwicklung einer ei-
genständigen Persönlichkeit" (vgl. Gabriele Möhlke, Gabi Reiter 1995: 25). Individualität,
Selbstbestimmtheit und eine positive Sicht auf die eigene Weiblichkeit sind für die Auto-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
111
rinnen in diesem Zusammenhang von Bedeutung. Mädchen stehen hier mit ihrer Indivi-
dualität im Mittelpunkt und Differenzen unter Mädchen können in den Blick genommen
werden. Durch dieses Vorhaben ziehen die Autorinnen eine weitere Ebene von Differenz
in ihr Konzept von Mädchenarbeit ein, im Sinne einer qualitativen Differenz, im Rahmen
derer Mädchen in ihrer Unterschiedlichkeit als nicht vergleichbar und nicht hierarchisier-
bar erscheinen (vgl. Kapitel 2.1.2.2: 25). Somit kann jedes Mädchen zunächst einmal als
einzigartig in seiner Persönlichkeit wahrgenommen werden. Diese Sicht macht frei für
einen Eindruck von Vielfalt, denn wenn Einzigartigkeit wahrgenommen werden kann,
kann Vielfalt in den Blick genommen werden (vgl. Kapitel 2.1.2.2: 29). Die Persönlich-
keitsentwicklung erscheint hier als prozesshaft, fließend und veränderbar. Beides, sowohl
die Wahrnehmung von Differenzen unter Mädchen als auch die Prozesshaftigkeit von
Subjektivität, bedeuten eine Möglichkeit des Erkennens einer Vieldimensionalität von
Subjekten, indem bisher scheinbar eindeutige Identifizierungen, Zuschreibungen und Be-
zugskategorien ihrer essentiellen Basis beraubt werden. Diese Sicht auf die damit dezen-
trierten Subjekte im Sinne von multiplen Identitäten wendet sich gegen einen bürgerlich –
männlichen Selbstentwurf, der als stabiles hierarchisch organisiertes Subjekt konstituiert
wird und noch immer eine Norm darstellt. Zwar ist diese Norm als Alltagsphänomen brü-
chig, evident findet sie sich auf der Ebene der symbolischen Ordnung (vgl. Kapitel 2.2.2.1:
41). Und auch in diesem Konzept scheint die Kategorie des autonomen Subjekts verbor-
gen, indem sie den Überlegungen der Autorinnen bezogen auf die Entwicklung von Mäd-
chen zu eigenständigen Persönlichkeiten anhaftet, denn dieser Entwurf einer Persönlichkeit
basiert auf der Annahme des Vorhandenseins eines Wesenskerns, der reifen und sich ent-
wickeln kann, um dann irgendwann eine „fertige“ Persönlichkeit zu sein. Dieses Persön-
lichkeitskonzept würde sich als androzentrischer Entwurf enthüllen, gemessen an dem
Mädchen als defizitär erscheinen können, denn wer definiert, wann ein Mädchen eine
„volle eigenständige Persönlichkeit“ ist, und wie sieht diese Persönlichkeit aus? Können
Mädchen in diesem Zusammenhang überhaupt eigenständige Persönlichkeiten sein, wenn
sie doch Mädchen/Frauen sind und nicht Jungen/Männer? Auch das Modell der qualitati-
ven Differenz wird vor diesem Hintergrund brüchig, wenn als Maßstab für Mädchen-Sein
latent die Kategorien Junge/Mann anklingen, denn so kann Differenz zum Mechanismus
einer hierarchisierenden, vergleichenden Relation werden. Diese vergleichende Differenz
ist auch im folgenden Aspekt des Konzeptes zur feministischen Mädchenarbeit bedeutsam.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
112
Für die „volle Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit“ brauchen Mädchen zur
Unterstützung ein „emanzipiertes“ Frauenbild, so Möhlke/Reiter. Dies erscheint insofern
hilfreich, als Mädchen verschiedene Frauenbilder und Möglichkeiten, als Frauen zu leben,
vermittelt werden. In diesem Zusammenhang plädieren die Autorinnen für die Einstellung
bewusst „feministisch, lesbisch“ lebender Pädagoginnen. Möhlke et al. zeichnen ein Bild
einer lesbisch lebenden Pädagogin als Frau mit „mehr feministischen Potenzial“. Die Be-
gründung hierfür liegt für die Autorinnen allein in ihrer Lebensform, da sie in „anderen
Wirklichkeiten leben, jenseits der direkten Auseinandersetzung mit Männern“ (Möhlke/
Reiter 1995: 177).
Das Prinzip von Differenz wird auch an diesem Beispiel wieder deutlich: nicht eine quali-
tative Differenz steht im Fokus der Pädagoginnen, sondern eine Differenz, die Hierarchien
reproduziert. Die Autorinnen stellen lesbische und heterosexuelle Pädagoginnen einander
hierarchisierend gegenüber, freilich unter anderen Vorzeichen als der der heterosexuellen
Setzung.
Damit werden Sichten auf lesbische und heterosexuelle Pädagoginnen konstruiert, in der
Abwertungen von heterosexuellen Pädagoginnen mitschwingen. Dies wirkt wiederum po-
larisierend und entgegen der Zielsetzung einer feministischen Mädchenarbeit, da hier das
unter Frauen reproduziert wird, was zwischen Männern und Frauen aufgebrochen werden
soll, nämlich Hierarchisierung aufgrund von Verschiedenheiten. Dieses Polarisieren steht
im Gegensatz zu dem Plädoyer der Autorinnen, „bewusste und unbewusste Widerstände
auf(zu)lösen und einen gegenseitigen, bunten Lernprozess (zu) ermöglichen“ (Gabriele
Möhlke, Gabi Reiter 1995: 177). Mit diesem Differenzdenken, das Hierarchisierungen
produziert so z.B. bezogen auf Lebensweisen und bezogen auf den Entwurf einer weibli-
chen Gegenkultur, fallen sie hinter diesen Anspruch zurück.
3.3.5 Dekonstruktion und Differenz: „...eigentlich habe ich es schon immer ge-
wusst...“ Lesbisch - feministische Arbeit mit Mädchen und jungen Lesben.
Von Jule Alltag (Hrsg.).
Die Autorinnen dieses Buches kritisieren an anderen Konzepten zur Mädchenarbeit, dass
lesbische Mädchen entweder gar nicht oder nur am Rande erwähnt werden und problemati-
sieren mit ihrem Konzept, dass lesbische Mädchen nicht sichtbar sind.
Eine Lesbe – so entsteht der Eindruck – ist eine erwachsene Frau mit einer heterosexu-
ellen oder undurchsichtigen Lebensgeschichte (Jule Alltag 1996: 12).
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
113
In Mädchenprojekten werden selten lesbische Mädchen einbezogen bzw. lesbische Le-
bensweisen thematisiert und auch in Einrichtungen bzw. Angeboten für lesbische Frauen
werden lesbische Mädchen i.d.R. nicht mitgedacht.
Aus diesem Grund haben Frauen aus der Praxis beschlossen, aus ihrem Arbeitskreis heraus
ein Buch zum Thema Mädchenarbeit zu schreiben, in dessen Mittelpunkt die Arbeit mit
lesbischen Mädchen steht.
Eine Begründung für eine spezifische Arbeit mit lesbischen Mädchen sehen die Autorin-
nen in der Besonderheit der Lebenssituation lesbischer Mädchen: der Findung der lesbi-
schen Identität.
Nicht nur im gesamtgesellschaftlichen Kontext, sondern auch im feministischen Rah-
men von Mädchenarbeit wird ein Mädchen meist solange als heterosexuelles Mädchen
fremddefiniert, bis sie sich selbst als lesbisches Mädchen zu erkennen gibt (Jule Alltag
1996: 21).
Die Autorinnen gehen davon aus, dass der einzige verlässliche Hinweis auf eine lesbische
Identität die Selbstdefinition eines Mädchen als lesbisch sei.
Die Unklarheit darüber, ob wir mit lesbischen oder nicht lesbischen Mädchen arbeiten
– das Fehlen von Schubladen – muss nicht in Verunsicherungen enden, sondern kann
vielmehr als Chance begriffen werden, Mädchen die Vielfältigkeit gleichwertiger Le-
bensformen anzubieten, was nicht nur lesbischen Mädchen zu gute kommt (Jule Alltag
1996: 21f).
Das Grundproblem, so Alltag et al., liegt in der Norm Heterosexualität, im Rahmen derer
heterosexuelle Lebensweisen als normal gekennzeichnet sind und Alternativen dazu als
Abweichung konstruiert werden. Diese heterosexuelle Matrix durchdringt alle Lebensbe-
reiche, demzufolge ist auch die Sozialisation heterosexuell ausgerichtet:
Die Sozialisation ist für heterosexuelle und lesbische Mädchen gleich! Nämlich hetero-
sexuell! Allerdings erlebt ein lesbisches Mädchen dies anders als ein heterosexuelles
Mädchen. Sie erlebt ihre Pubertät anders, hat andere Fragen, andere Antworten, ihre
Welt ist eine andere. Sie wird sich damit beschäftigen müssen, ob sie ihre Liebesge-
fühle für andere Mädchen bewusst wahrnehmen und leben kann und will und ob sie ih-
re eigentliche, nämlich die lesbische Identität leben wird (Jule Alltag 1996: 23).
Die Autorinnen begreifen die Identitätsentwicklung als lebenslangen Prozess, in dem
Identität veränderbar und kontinuierlich erweiterbar ist, dabei verläuft die Entwicklung der
Identitätsfindung für lesbische Mädchen anders als der von heterosexuellen Mädchen, so
Alltag et al.:
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
114
Mit der Erfahrung dieser Selbstwahrnehmung „ich bin anders“ geht die Erfahrung einer
Wertung einher. Das lesbische Mädchen ist nicht einfach anders, sondern sie ist „et-
was“, was öffentlich diskriminiert wird, was nicht ernst genommen wird, was von vie-
len immer noch als krankhaft bezeichnet wird (Jule Alltag 1996: 25).
Auffassungen, Werte und Normen darüber, wie ein „richtiges“ Mädchen, also ein hetero-
sexuelles Mädchen ist bzw. zu sein hat, übernehmen auch lesbische Mädchen. Vor diesem
Hintergrund werten lesbische Mädchen Bilder von lesbischen Frauen und Mädchen. Das
bedeutet, dass sie oftmals nur negative Bilder entwickeln könnten, denn lesbische Lebens-
weisen werden im Rahmen einer heterosexuellen Norm als anders und als negativ kon-
struiert, so die Autorinnen.
Schwerwiegend und schmerzlich ist dabei die Tatsache, dass ein lesbisches Mädchen
all´ die Werte und Normen über „richtiges“ Mädchensein und über lesbische Frauen
genauso verinnerlicht hat, wie andere Menschen auch. Ihre eigene Wertung ihrer selbst
nimmt sie entlang der eigenen verinnerlichten Bilder von Lesben vor. Solange lesbi-
sche Frauen und ihre Lebensweise in unserer Gesellschaft in der gängigen Art diskri-
miniert werden, ist es unwahrscheinlich, das es dem Wunsch, Vorsatz, Ziel oder mora-
lischem Wert eines Mädchens entspricht, lesbisch zu sein. In den meisten Fällen wird
ein negatives Selbstwertgefühl entstehen (Jule Alltag 1996: 25).
Lesbische Mädchen erfahren aus ihrem Umfeld eher selten Unterstützung, i.d.R. werden
ihre Gefühle nicht ernst genommen bzw. als vorübergehende Phase bewertet.
Damit lesbische Mädchen sich nicht mit einem negativen Selbstwertgefühl abfinden müs-
sen, skizzieren die Autorinnen zum einen Alltagsstrategien von lesbischen Mädchen, um in
einer heterosexuell konstruierten Normalität ihr Leben zu bewältigen, und entwerfen zum
anderen Strategien für lesbische Mädchen, um aus der Spirale einer negativ besetzten les-
bischen Identität ausbrechen zu können:
• Mädchen sollen ihr heterosexuelles Umfeld in Frage stellen.
Damit würde sie aber nicht nur die Heterosexualität als allgemein gültige Norm in Fra-
ge stellen, sondern auch von ihr selbst verinnerlichte Werte und Normen. Dies ist eine
Anforderung, die von einem Mädchen selten alleine zu schaffen ist. Hierfür braucht sie
Unterstützung und Verbündete und alternative Werte und Normen (Jule Alltag 1996:
27).
• Oftmals versuchen lesbische Mädchen sich dem Verhalten heterosexueller Mädchen
anzupassen, bzw. dieses Verhalten zu kopieren. Eine andere Möglichkeit, die Mädchen
nutzen, sei hingegen ein Kopieren jungentypischer Verhaltensweisen.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
115
Als Junge könnte ein Mädchen ein anderes Mädchen ohne Sanktionen lieben. Das Aus-
brechen aus dem „typischen“ Mädchenverhalten“ führt das Mädchen in ein Niemands-
land. Sie wird weder als Mädchen noch als Junge akzeptiert (Jule Alltag 1996: 27).
• Lesbische Mädchen versuchen durch Leistung z.B. in der Schule, ihr Selbstwertgefühl
zu steigern.
Dadurch ermöglichen sich die lesbischen Mädchen auch einen Vergleichsbereich mit
anderen Mädchen, in dem sie gleich gut oder besser sein können (Jule Alltag 1996: 27).
• Ein Mittel zu mehr Selbstwertgefühl, was einige Mädchen für sich nutzen, ist ein gro-
ßes soziales Engagement, denn dieses entspricht den tradierten Rollenerwartungen und
bringt deshalb viel Bestätigung. (Vgl. Jule Alltag: 28).
Coming Out
Ein lesbisches Mädchen muss sich irgendwann die Frage stellen, ob sie ihre eigentliche
Identität leben wird oder nicht (Jule Alltag 1996: 28).
Das Alter, in dem Mädchen ihr Coming Out erleben, sinkt. Diesen Umstand erklären All-
tag et al. damit, dass das Selbstvertrauen von lesbischen Mädchen steigt, und sie ihre lesbi-
sche Identität deshalb zulassen können. So ist das Coming Out ein entscheidender Prozess.
Oftmals erleben lesbische Mädchen ihr Coming Out als Befreiung, weil sie ihr Anderssein
nun zuordnen können.
Endlich haben sie eine Erklärung dafür, warum sie sich immer als anders empfunden
haben; endlich erleben sie ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, „ihrer“ Grup-
pe innerhalb der Gesellschaft. Und dieses tolle Gefühl wollen sie mit allen teilen, alle
sollen sich mit ihnen freuen. Ihr Nach-außen-gehen unterliegt allerdings einer beständi-
gen Kontrolle: wem oder welcher und in welcher Situation erzählt sie von ihrem les-
bisch sein (Jule Alltag 1996:29)?
Für ihr Comig Out brauchen Mädchen Unterstützung, damit sie nicht ihre unter Umständen
noch „fragile lesbische Identität“ in Frage stellen.
Vielmehr ist eine Unterstützung darin wünschenswert, ein lesbisches Selbstbewusstsein
zu entwickeln, um sich von der eigenen verinnerlichten Lesbenfeindlichkeit distanzie-
ren zu können und Diskriminierungen durch die Umwelt verletzungsfreier entgegen-
treten zu können (Jule Alltag 1996: 29).
Zu dieser Unterstützung gehört das Angebot von eigenen Räumen.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
116
Räume, in denen sie ihre mögliche Identitätsunsicherheit nicht zu Infragestellungen von
Anderen führt, sondern in denen sie so akzeptiert werden, wie sie sind. Räume, in de-
nen sie andere Mädchen kennen lernen können, die sich in ähnlichen Lebenssituationen
befinden,(...) [Auslassung A.S.]Räume in denen sie auf Pädagoginnen treffen, die selbst
lesbisch sind und erwachsene Bezugspersonen und Identifikationsmodelle für sie sein
können (Jule Alltag: 29).
An eine Pädagogin, die mit lesbischen Mädchen arbeitet, stellen die Autorinnen besondere
Anforderungen. Als Grundvoraussetzung benennen sie eine Reflexionsfähigkeit von „an-
erzogenen und verinnerlichten Bildern von Lesben“ (Jule Alltag 1996: 45). Darüber hinaus
muss eine Pädagogin die Bereitschaft haben, ihre eigene Identität zu hinterfragen.
Miteinbeziehung von lesbischen Mädchen bedeutet für die Pädagogin immer auch, sich
mit der eigenen Identität auseinander zusetzen. Das eigene Coming out und Leben als
Lesbe kann von Verletzungen und /oder Verheimlichungen gekennzeichnet sein. Das
Wissen, dass die Berücksichtigung von lesbischen Lebensweisen für die Mädchen eine
große Unterstützung im Identitätsfindungsprozess und in der Identitätsstabilisierung ist,
setzt lesbische Pädagoginnen manchmal unter Druck, eine Arbeit zu tun, die ihre per-
sönlichen Grenzen überschreitet (Jule Alltag 1996: 44).
Vor diesem Hintergrund stellen die Autorinnen folgende Forderungen an eine lesbisch
feministische Mädchenarbeit:
• Überprüfung von Projekten bzw. deren Konzeptionen auf Heterosexismus.
• Sichtbarmachen lesbischen Lebens sowohl in Konzepten als auch in Angeboten und
Räumen.
• Überprüfung von Angeboten, nach Ausmaß ihres Heterozentrismus und/oder gleichbe-
rechtigter Einbezug anderer Lebensweisen. Wird z.B. das Thema Mädchenfreund-
schaften unter dem Gesichtspunkt „beste Freundin“ oder auch unter dem Gesichtspunkt
„Geliebte“ bearbeitet?
• Thematisierung lesbischen Lebens in der pädagogischen Ausbildung.
• Quotierung pädagogischer Teams nach Heteras und Lesben. (vgl. Jule Alltag: 159).
3.3.5.1 Konzeptanalyse
Im vorliegenden Konzept werden lesbische Mädchen mit ihren Bedürfnissen in den Mit-
telpunkt gerückt, da sie in anderen Überlegungen zu Mädchenarbeit höchstens am Rande
thematisiert werden.
Die heterosexuelle Norm wollen die Autorinnen mit ihrem Konzept kritisch hinterfragen
und so Raum schaffen für die Belange von lesbischen Mädchen.
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
117
Wir möchten deutlich machen, dass das Miteinbeziehen lesbischer Mädchen/lesbischer
Lebensweise in die inhaltliche Arbeit eine Bereicherung darstellt – für alle Mädchen,
Kinder, Jugendliche -, denn erst durch das Sichtbarmachen alternativer Lebensmodelle,
haben Mädchen eine wirkliche Entscheidungsgrundlage (Jule Alltag 1996: 12).
Die heterosexuelle Norm sehen die Autorinnen als Konstruktion an, die sich manifestiert
u.a. in Formen der Darstellung in unterschiedlichen Medien, die die heterosexuelle Le-
bensweise als gegeben voraussetzen (Jule Alltag 1996: 22). Mit ihrem Konzept zur Mäd-
chenarbeit wollen sie dazu betragen, Fremddefinitionen über lesbische Mädchen abzubau-
en und die Norm Heterosexualität als ausgrenzende Konstruktion zu hinterfragen.
Allein durch die Tatsache, dass die Autorinnen lesbische Mädchen mit ihren Lebensreali-
täten in den Mittelpunkt stellen, hinterfragen sie die Norm Heterosexualität. Darüber hin-
aus kritisieren sie Zumutungen, denen lesbische Mädchen vor diesem Hintergrund ausge-
setzt sind, bei dem Bestreben, sich in ein hierarchisches System einzuordnen, in dem ihre
Bedürfnisse abgewertet werden. Alltag et al. wollen Mädchen unterstützen, ihr Lesbisch-
Sein zu entdecken und zu leben. Dies versuchen die Autorinnen in eigenen Räumen und
Gruppen mit der Unterstützung von lesbischen Pädagoginnen, in denen sich Mädchen öff-
nen können, frei von „heterosexistischen“ Zuschreibungen. Jule Alltag et al. benennen Zu-
schreibungen und Zumutungen, die an lesbische Mädchen gemacht werden und thematisie-
ren die Hierarchisierung, die in der Opposition heterosexuell und homosexuell konstruiert
ist. Damit zeigen sie einen Mechanismus dichotomen Denkens auf, in dem sie eine hetero-
sexuelle Orientierung nicht als essentiell, sondern als gesellschaftliche Konstruktion be-
trachten und die Ausblendung der Kategorie Homosexuell kritisieren. So kann das Konzept
von lesbischer Mädchenarbeit dekonstruktiv bezogen auf eine hierarchische Geschlechter-
ordnung wirken, indem Herstellungsmechanismen der Dichotomie Homosexu-
ell/Heterosexualität aufgezeigt werden. Gleichzeitig erzeugen die Autorinnen einen Wider-
spruch zu ihrer Auffassung, dass sowohl Heterosexualität als auch Homosexualität und der
Umgang damit, also eine Stilisierung zur Norm auf der einen Seite und Ausblendung und
Ausgrenzung auf der anderen Seite, gesellschaftliche Konstruktionen sind. Dies tun sie, in
dem sie das Vorhandensein einer „lesbischen Identität“ konstatieren, welche sie als die
„eigentliche“ Identität der Mädchen interpretieren. Diese „eigentliche“ Identität ist unter
„heterosexistischen“ Anforderungen an die Mädchen gleichsam verschüttet und es gilt in
der Arbeit mit lesbischen Mädchen diese Identität freizulegen, so die Autorinnen. Indem
sie von einer „eigentlichen“ Identität ausgehen, reproduzieren sie einen Essentialismus, der
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
118
davon ausgeht, dass Lesbisch-Sein im Kern eines Subjektes angelegt ist und unter begün-
stigenden Rahmenbedingungen ausgeformt werden kann.
Die Überlegung, Mädchen zu unterstützen, die unter Umständen verunsichert sind, wer
bzw. wie sie sind, und ihnen zu helfen, ein womöglich diffuses Gefühl von „Andersein“
zuzulassen und zu verorten, ist eine Basis, um bei Mädchen und an ihren Gefühlen und
Bedürfnissen anzusetzen. Es ist wahrscheinlich, dass Mädchen, die sich als anders empfin-
den und empfunden werden, einen Ort als wohl tuend betrachten, der ihrem „Andersein“
einen Namen gibt, und in dem sie Mädchen und Frauen treffen können, die in ähnlichen
Situationen sind.
Gleichzeitig bergen die Argumentationen der Autorinnen die Problematik, dass sie die
hierarchische Zweigeschlechtlichkeit und mithin die normative Setzung Heterosexualität
reproduzieren, statt sie aufzubrechen. Dies kann geschehen, indem Jule Alltag et al. Les-
bisch-Sein in Abgrenzung zu Heterosexualität konstruieren und auf ein essentielles Identi-
tätsverständnis rekurrieren.
Lesbische Mädchen erfahren sich als „anders“, so die Autorinnen. Hier wird die Norm
Heterosexualität entgegen der Intention der Autorinnen perpetuiert, und dies geschieht,
indem die Autorinnen Lesbisch-Sein in Abgrenzung zu Heterosexuell-Sein entwerfen. Die
lesbische Identität wird in Abgrenzung zu der heterosexuellen Identität konstruiert. Der
Mechanismus zur Reproduktion der heterosexuellen Matrix bildet der Bezug auf eine Dif-
ferenz, die hierarchisierend in Oppositionen verbleibt.
In der Bewegung einer hierarchisierenden Differenz bleiben die Autorinnen auch dann,
wenn sie die Kategorie Lesbisch in Abgrenzung zur Kategorie Heterosexuell konstruieren,
indem sie sich dafür aussprechen, dass sich Mädchen irgendwann entscheiden müssen, ob
sie ihre „eigentliche Identität“ leben wollen. Hier wird Mädchen von den Autorinnen eine
dichotome bzw. bipolare Option eröffnet: Entweder sind Mädchen lesbisch oder heterose-
xuell und dazwischen müssen sie sich entscheiden. Gerade jedoch dieser Zuordnungs-
zwang und demzufolge eine Option von „entweder/oder“ ist ein Strukturmerkmal des Sy-
stems der Zweigeschlechtlichkeit: entweder sind Menschen Frauen oder Männer und leben
entweder homo- oder heterosexuell (vgl. Kapitel 2.2.3.1: 53). Die Frage bleibt in diesem
Zusammenhang offen, inwieweit die sexuelle Orientierung eine individuelle Entschei-
dungsfrage ist. Die in diesem Konzept sonst konstatierte Mächtigkeit des heterosexuellen
Diskurses scheint hier vergessen. Hier wird die heterosexuelle Ordnung zu einem individu-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
119
ellen Problem von Mädchen erklärt, welches durch einen Entschluss zur „eigentlichen“
also richtigen (?) Identität gelöst werden kann. Das Entscheiden, demnach das Einfügen in
eine heterosexuelle Norm, in diesem Fall über die Abgrenzung gegen dieselbe, erscheint
im Sinne eines Aufbrechen des hegemonialen Geschlechterdiskurses zumindest auf der
bene der symbolischen Ordnung auf halbem Wege stehen.
Auf einer Ebene der sozialen Wirklichkeit ist das Benennen lesbischer Lebensweisen und
darüber hinaus die Etablierung von Lesben als Zielgruppe in der Pädagogik wichtig, weil
diese Lebensweise so der Unsichtbarkeit entrissen werden und im täglichen Umgang Irri-
tationen provozieren kann. Eine Gratwanderung ist in diesem Zusammenhang Homo- und
Heterosexualität nicht in Abgrenzung zueinander zu denken, sondern in ihrer nicht ver-
gleichbaren Differenz.
Das hierarchisierende Differenzdenken wird im vorliegenden Konzept auch dann deutlich,
wenn die Autorinnen verallgemeinernd und polarisierend, fast klischeehaft über heterose-
xuelle und lesbische Mädchen schreiben. Die Differenzen unter Mädchen werden im vor-
liegenden Konzept kaum beachtet. Abweichungen zu dieser Ausblendung von Differenzen
finden sich lediglich in einigen Praxisbeschreibungen des Konzepts (vgl. Jule Alltag: 113).
Die Forderungen, die die Autorinnen an lesbisch feministische Mädchenarbeit stellen, er-
scheinen sinnvoll und wichtig, denn die Wachsamkeit gegenüber Heterosexismus, das
Sichtbarmachen lesbischen Lebens, die Aufdeckung von Heterozentrismus und die Be-
rücksichtigung von Heteras und Lesben bei der Zusammensetzung von pädagogischen
Teams sind wichtige Anregungen. Gleichzeitig reproduzieren die Autorinnen die heterose-
xuelle Norm obwohl sie diese kritisch hinterfragen wollen, in dem sie mit ihrem Konzept
in dichotomen Zuordnungen verbleiben.
3.4 Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit im Spannungsverhältnis von De-
konstruktion und Rekonstruktion. Zusammenfassung
Ausgehend von macht- und herrschaftskritischen Überlegungen und im Rückgriff auf Er-
kenntnisse von Postmoderne und Poststrukturalismus wurden vier Konzepte zur Mädchen-
arbeit analysiert. Dabei richtete sich der Fokus auf den Umgang der Autorinnen mit der
skizzierten Interdependenz von Enthierarchisierung des Geschlechterverhältnisses und
einer Reproduktion desselben durch Zementierungen von Zuschreibungen bzw. neuerli-
chen Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht. Diesen Widerspruch zwischen Dekon-
struktion und Rekonstruktion beschreibt Jacques Derrida als unauflöslich (vgl. Kapitel 3.3:
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
120
82). Derrida konstatiert, dass kein Außerhalb von Zuschreibungen existent ist. Der Um-
gang mit Widersprüchen ist für ihn von Bedeutung und das Denken in Dichotomien er-
scheint ihm vor diesem Hintergrund kontraproduktiv, weil mit ihm versucht wird, Wider-
sprüche zu glätten. Er argumentiert für eine Balance von Rekonstruktion und Dekonstruk-
tion, von Rückgriffen auf Bestehendes und einer gleichzeitigen Bedeutungsverschiebung
(vgl. Kapitel 2.2.2.2).
In Rahmen der Konzeptanalyse wurde deutlich, wie verschieden die Argumentationen der
Autorinnen bezogen auf die Zielsetzung ihrer Arbeit, die Veränderung der Geschlechter-
hierarchie, sind.
Androgynie wird im Konzept „Mädchenarbeit“ von Renate Klees, Helga Marburger und
Michaela Schumacher als Strategie benannt. Das androgyne Konzept bietet auf einer all-
tagspraktischen Ebene des Umgangs der Geschlechter Möglichkeiten, empirische Realitä-
ten, bezogen auf die Nutzung so genannter männlicher und weiblicher Fähigkeiten, nicht
zu diffamieren, und bedeutet so die Möglichkeit der Öffnung eines Zuschreibungszwanges
an die Geschlechter. Gleichzeitig rekurriert die androgyne Utopie auf die Kategorien
weiblich/männlich, perpetuiert diese und auch gesellschaftliche Machtverhältnisse finden
in diesem Konzept kaum Raum, denn die Symmetrie im Modell der Androgynie erscheint
aufgrund der realen asymmetrischen Machtverhältnisse kaum denkbar. Das Modell der
Androgynie als Grundlage zur Argumentation für eine parteiliche Mädchenarbeit zu wäh-
len, bedeutet eine Gratwanderung: Androgynie behält das polare Ordnungsschema bei,
bezieht die Kategorie weiblich allenfalls durch eine Wiederaneignung von abgespaltener
Weiblichkeit durch das Männliche ein, greift die substantiellen Bestimmungen von Zu-
schreibungen nicht an und verändert als positive Wirkung gleichzeitig den realen Umgang
der Geschlechter miteinander.
Auf einer Metaebene wird sich das hierarchische Geschlechterverhältnis durch den Rekurs
auf die androgyne Utopie kaum verändern und auch herrschaftskritisches Potenzial lässt
dieses Modell vermissen.
Das Denken von Differenz liegt der Konzeption der „Geschlechtsbezogenen Pädagogik“
von Glücks/Ottemeier-Glücks zu Grunde. Der Bezug auf das konsequente Denken der
Zweiheit der Geschlechter und der Entwurf einer eigenen symbolischen Ordnung von
Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Denkens. Mit diesem Ansatz werden Mädchen nicht
vordergründig als defizitär angesehen, sondern sie können neue Erfahrungen mit ihrem
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
121
Mädchen-Sein machen, indem z.B. ihre Kompetenzen und ihre Fähigkeit in Relation zu
anderen Mädchen betrachtet werden. Die Problematik des Ansatzes der Differenz liegt in
der potenziellen Verwischung des Maßstabes von Gleichheit und dem biologistisch kon-
notierten Bezug von Differenz. Beides wird im Konzept der „Geschlechtsbezogenen Päd-
agogik“ nicht thematisiert und auch die Verfahren von Dekonstruktion und Mimesis wer-
den nicht genutzt. Somit gerät das Konzept in die Nähe der Propagierung einer „neuen
Weiblichkeit“ und bleibt bezogen auf dichotome Zuordnungen und Argumentationen af-
firmativ. Das herrschaftskritische Potenzial dieses Denkansatzes läuft so Gefahr in dicho-
tomen Denkschemata zu versanden.
Das feministische Konzept von Möhlke/Reiter bezieht sich neben seiner mädchenpoliti-
schen Verortung indirekt auf ein Denken von Differenz. In diesem Konzept werden die
Ebenen von quantitativer und qualitativer Differenz berücksichtigt. Mit dem Bezug auf
qualitative Differenz besteht die Möglichkeit, die Verschiedenheiten von Mädchen in den
Blick zu nehmen ohne neue Hierarchisierungen vorzunehmen, wenn der Maßstab von Dif-
ferenz nicht ein Androzentrischer ist. Dies ist jedoch im vorliegenden Konzept von Möhl-
ke/Reiter der Fall und der Bezug auf eine qualitative Differenz bleibt im Entwurf einer
weiblichen Gegenkultur verstrickt. Das Denken der quantitativen Differenz geht einher mit
Hierarchisierungen und ist gefangen im Logos des dichotomen Denkens. Die Autorinnen
des Konzepts der feministischen Mädchenarbeit verbleiben in der Orientierung auf den
Entwurf eines bürgerlich-männlichen Subjekts und in der Polarisierung von lesbischen und
heterosexuellen Pädagoginnen. Die eigene Forderung, ihre Arbeit als Mädchenpolitik zu
begreifen, würde in diesem Zusammenhang konterkariert.
Jule Alltag et al. kritisieren in ihrem Konzept zur Arbeit mit lesbischen Mädchen die ge-
sellschaftliche Konstruktion der Norm Heterosexualität. Gleichzeitig konstruieren sie les-
bische Identitäten durchweg in Abgrenzung zur Heterosexualität. Damit beziehen sie sich
auf eine hierarchische Differenz und schmälern so den positiven Anteil dieses Konzeptes,
einen Ort für lesbische Mädchen zu bieten, wo sie sich frei von Zumutungen zur heterose-
xuellen Norm entfalten können.
Alle analysierten Konzepte haben Potenziale für eine Veränderung sozialer Wirklichkeiten
und bezogen auf diese Ebene, das Geschlechterverhältnis irritieren.
Das gesteckte Ziel, darüber hinaus zum Abbau der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit
beizutragen, erreichen sie hingegen kaum, denn alle Konzepte bleiben im dichotomen
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
122
Denken verstrickt, indem sie die Widersprüche die sich durch die Bezüge auf die verschie-
denen Denkansätze und den Umgang mit diesen Denkansätzen ergeben, glätten. Der Bezug
auf die Kategorie Geschlecht bedeutet in den vorliegenden Konzepten gleichzeitig eine
Zementierung von Zuschreibungen und i.d.R. nicht, von diesen Zuschreibungen abzusehen
bzw. die eigenen konzeptionell bedingten Zuschreibungen zu hinterfragen.
Manchmal durchbrechen die Autorinnen ihre Konstruktionen von Vereindeutigungen und
gelangen in eine Bewegung der Verflüssigung von Zuschreibungen an Mädchen und Jun-
gen.
Würde das Modell der Androgynie in seinem herrschaftsstabilisierenden Potenzial aufge-
zeigt, würde deutlich, dass das hierarchische Geschlechterverhältnis damit nicht abgebaut
werden kann. Durch dieses Aufzeigen würde jedoch ein Widerspruch transparent: die Au-
torinnen beziehen sich auf eine Utopie, die männlich determiniert ist, und versuchen vor
diesem Hintergrund Mädchenarbeit zu konzeptionieren. Würde dieser Umstand benannt,
könnte versucht werden, diesen Maßstab in seiner Bedeutung aufzuzeigen und zumindest
im Kontext von Mädchenarbeit in seiner scheinbaren Naturhaftigkeit zu dekonstruieren.
Das Denken von Differenz büßt sein herrschaftskritisches Potenzial ebenfalls durch ein
Glätten von Widersprüchen ein. Würde der Maßstab von Gleichheit transparent gemacht,
dann wäre sein Protagonist entlarvt und der Widerspruch zwischen einem assimilatori-
schen Gleichheitsverständnis und dem Abbau des hierarchischen Geschlechterverhältnisses
würde aufscheinen. Wenn Differenz sich auf Dekonstruktion und Mimesis bezöge, würde
die Spannung zwischen der herrschenden symbolischen Ordnung und Etablierung einer
symbolischen Ordnung von Frauen offenbart.
Wenn eine quantitative Differenz, die sich durch eine Abgrenzung zu Bestehendem be-
greift, eben jenen Umstand aufzeigt, macht sie ihren Bezugsrahmen deutlich. Mit diesem
Bezugsrahmen kann dann gearbeitet und er kann gleichzeitig hinterfragt werden. Wird der
Bezugsrahmen verschwiegen bzw. nicht transparent gemacht, besteht die die Gefahr, hier-
archische Verhältnisse zu zementieren.
Es scheint vor dem Hintergrund postmoderner und poststrukturalistischer Überlegungen
sinnvoll, Widersprüche nicht zu glätten, sondern die „doppelte Geste“ zu vollziehen, die
Jacques Derrida beschreibt. Es geht in diesem Zusammenhang nicht um eine augenblickli-
che Veränderung von Verhältnissen, sondern um den Rückgriff auf Bestehendes und Ein-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
123
leitung von etwas Neuem. Dabei muss der Bezug auf Bestehendes deutlich gemacht wer-
den, sonst wird das, was kritisiert bzw. verändert werden soll, perpetuiert, so Jacques Der-
rida. Im Rückgriff auf die Kategorie Geschlecht und im Bezug auf Denkansätze wie An-
drogynie und Differenz könnte diese doppelte Geste durch ein Aufdecken von Zuschrei-
bungen, Maßstäben und Herstellungsmechanismen geleistet werden, um etwas Neues, wie
die Zielsetzung von Mädchenarbeit, ein enthierarchisiertes Verhältnis der Geschlechter, zu
verwirklichen.
In den analysierten Konzepten zur Mädchenarbeit wird neben einem androzentrischen
Maßstab, noch ein weiteres Ideal konstruiert, das feministische Mädchenideal (vgl. Maria
Bitzan 1993; Anja Wolf 1997). Mädchen sollen ihr „Geworden- und Zugerichtet-Sein“
aufarbeiten und ihre „Benachteiligungs- und Unterdrückungserfahrungen“ analysieren
(vgl. Klees et al. 1992: 37). Sie sollen ihre „eigenen Bedürfnisse entdecken, zu sich selbst
kommen“ (vgl. Klees et al. 1992: 36). Mädchen sollen ihre „eigenständige Persönlichkeit“
entwickeln und „Widerstand gegen Funktionalisierung von Gewalt im patriarchalen Sy-
stem“ leisten (vgl. Möhlke/Reiter 1995: 25 ff.). Mädchen sollen „gängige Weiblichkeits-
bilder“ hinterfragen, „ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern“ und in „öffentlichen Räu-
men als eigenständig agierende Persönlichkeit präsent zu sein“ (vgl. Glücks/ Ottemeier-
Glücks 1994: 118 ff.). Lesbische Mädchen müssen sich fragen, ob sie ihre „eigentliche
Identität leben wollen“ und trotz „Diskriminierung ein lesbisches Selbstbewusstsein fin-
den“ (vgl. Alltag 1996: 28). Natürlich braucht Pädagogik Zielsetzungen, ohne diese wäre
Pädagogik keine Pädagogik. In Konzepten zur Mädchenarbeit findet sich jedoch ein über-
höhtes Ideal: Mädchen sollen sich gegen geschlechtsstereotype Sozialisation wehren und
sich widerständig zu gesellschaftlichen Anforderungen verhalten. Sie sollen Mechanismen
einer geschlechtshierarchisch organisierten Gesellschaft durchschauen und selbstbestimmt
ihren eigenen Weg gehen lernen. Sie sollen die weibliche Sozialisation wertschätzen und
ihren Körper anerkennen usf.. Neben einem bereits kritisierten androzentrischen Maßstab,
existiert in Konzepten zur Mädchenarbeit demnach ein feministischer. Dieses neue femini-
stische Mädchenideal ist so komplex und so unerreichbar, dass reale Mädchen gemessen
an ihm wider defizitär erscheinen. Ein feministisches Referenzsystem hat ein androzentri-
sches Referenzsystem abgelöst bzw. speist sich aus eben jenem und Mädchen bleiben ge-
messen an beiden defizitär. Problematisch ist an diesem feministischen Mädchendeal dar-
Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit
124
über hinaus, dass Mädchen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen nicht in den Blick gera-
ten, weil die Möglichkeit des Erkennens der Bedürfnisse von Mädchen für die Pädagogin-
nen womöglich verstellt ist, durch die Orientierung auf das feministische Mädchenideal.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
125
4. Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
Nachdem im vorangegangenen Kapitel ausgewählte Konzepte von außerschulischer Mäd-
chenarbeit vor dem Hintergrund poststrukturalistischer, feministischer Denkansätze analy-
siert wurden, stehen in diesem Teil der Arbeit Situationen aus dem Arbeitsalltag von Päd-
agoginnen in der außerschulischen Mädchenarbeit im Mittelpunkt.
Basierend auf der Überlegung, dass durch ein Denken in Dichotomien und daraus abgelei-
teten hierarchisierten Oppositionen das Denken eines Über- und Unterordnungsverhältnis-
ses, bezogen auf das Geschlechterverhältnis, affirmiert wird, war der Schwerpunkt der
Analyse von Büchern zur Mädchenarbeit die Frage, auf welche Diskurse sich Autorinnen
beziehen, um mit ihrem Konzept von Mädchenarbeit zu einem Abbau des hierarchischen
Geschlechterverhältnisses beizutragen. Dabei wurde heraus gearbeitet, dass die gewählten
Denkansätze Androgynie, Differenz und egalitäre Differenz jeweils auf einer Ebene so-
zialer Wirklichkeiten zu einem veränderten Umgang der Geschlechter beitragen können.
Auf einer Ebene der symbolischen Ordnung der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit,
bleiben diese Denkansätze und damit die Konzepte, die auf diese Überlegungen Bezug
nehmen, gefangen im Logos dichotomen Denkens.
Ihr herrschaftskritisches Potenzial verlieren die Argumentationen in den Konzepten zur
Mädchenarbeit durch ein Glätten von Widersprüchen (vgl. Kapitel 3.4: 122) Darüber hin-
aus wird ein feministisches Mädchenideal konstruiert, an dessen Erreichung Mädchen sich
messen lassen müssen. (vgl. Kapitel 3.4: 123).
In diesem Kapitel ist zwar auch eine feministisch-theoriegeleitete Verortung von Pädago-
ginnen von Bedeutung. Im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses steht jedoch des Weiteren
die praxisorientierte Frage nach dem „wie“ in pädagogischen Interaktionen: Wie bewegen
sich Pädagoginnen in ihren Handlungspraxen? Wie gehen sie mit Widersprüchen um, die
sich aus dem Interventionspradox (vgl. S: 127) ergeben? Und daraus folgt, welche Mecha-
nismen spiegeln sich in den Handlungen von Pädagoginnen wider, die bipolare Ordnungs-
schemata dekonstruieren bzw. reproduzieren.
Dieses Vorgehen markiert einen Wechsel der Ebene in der Arbeit und entspricht einer real
existierenden Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. So steht nicht auf einer Metaebene
die Frage nach theoretisch möglichen Herangehensweisen in Konzepten im Mittelpunkt,
sondern unmittelbare Mechanismen pädagogischen Handelns.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
126
4.1 Das methodische Vorgehen und die Geschichte vom Federballspiel
Als Schlüssel für diese Forschung kann eine Geschichte aus der pädagogischen Praxis, die
eine befreundete Pädagogin aus ihrer Arbeit mit Mädchen erzählte, begriffen werden:
Eine Pädagogin, ich nenne sie in dieser Geschichte Sabine, verreist mit ihrer Mädchen-
gruppe, mit der sie schon seit Jahren kontinuierlich im Freizeitbereich arbeitet. In der Ju-
gendherberge angekommen, geht sie hinein, um mit dem Hausmeister organisatorische
Dinge zu besprechen und sieht zufällig, wie die draußen wartenden Mädchen begonnen
haben, Federball zu spielen. Sabine ärgert sich über die Mädchen: „Warum spielen die
jetzt so ein braves Spiel wie Federball?“, denkt sie sich. Sabine spürt ihrem Ärger nach
und gelangt an ihre Erwartungshaltung an die Mädchen: Nach einigen Jahren Mädchen-
arbeit erwartet sie von den Mädchen andere raumgreifendere Aktivitäten so z.B., dass sie
über den Zaun des Herbergsgeländes springen und im angrenzenden Wald auf Bäume
klettern. Sabines Ärger über die Mädchen ebbt erst dann ab, als sie realisiert, dass die
Mädchen eigene Regeln für das Federballspiel erfunden hatten, sich nicht bestehenden
Regeln unterordneten, sondern kreativ neue Regeln entwarfen.
Das Gefühl des Ärgerns ist in dieser Geschichte ein Schlüssel zu Erkenntnis, denn irritiert
über ihr Gefühl reflektiert die Pädagogin Sabine ihre Erwartungshaltung. Frigga Haug
(1990) bezieht sich in ihrem Ansatz von Erinnerungsarbeit auf eben jenes Gefühl des Är-
gerns und wertet ihn als positiv für die Gewinnung von Erkenntnissen. Frigga Haug be-
trachtet das Widersprüchliche in erzählten oder geschriebenen Geschichten als produktiv
und sie sieht das Egalisieren von Widersprüchen und das Harmoniebedürfnis als „Feind“
von Erkenntnisprozessen. Es gehe darum, „die friedliche Koexistenz, die zumeist ein Pro-
dukt von Nichterkennen, von Leugnung und Verdrängen ist, zu durchbrechen“ (Frigga
Haug 1990: 78).
Durch das Gefühl des Ärgerns wird in der zuvor geschilderten Geschichte diese „friedliche
Koexistenz“ durchbrochen und der Pädagogin gelingt es, sich ihren verborgenen Ansprü-
chen an Mädchen zu nähern und in einen Reflexionsprozess über ihr eigenes Handeln und
ihre Wünsche an Mädchen zu treten.
Ein Reflexionsprozess kann neue Sichten eröffnen und Verständnis für das Gegenüber
fördern. Der Reflexionsprozess in dieser Situation bildet eine Bewegung der Pädagogin des
„sowohl-als-auch“ ab: Zunächst nimmt Sabine das wahr, was die Mädchen nicht tun: auf
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
127
Bäume klettern und den angrenzenden Wald erforschen. Sie ärgert sich und kann zunächst
nur ein „Entweder-oder“ erkennen, im Rahmen dessen Mädchen entweder wild sind und
auf Bäume klettern, oder brav sind und ein verregeltes Spiel spielen. Das Wahrnehmen von
„Zwischentönen“ im Spiel der Mädchen ist ihr zunächst nicht möglich. Durch ihre Refle-
xion der Situation gelangt sie aus der Logik des „Entweder-oder“ hinaus: die Mädchen
spielen ein verregeltes Spiel, ordnen sich diesem Spiel unter und gleichzeitig eben auch
nicht, indem sie kreativ die Regeln verändert haben.
Diese Geschichte ist paradigmatisch bezogen auf die Praxis von Mädchenarbeit und kann
Hinweise zur Beantwortung der in diesem Kapitel untersuchten Fragen geben, denn in die-
ser Geschichte wird das „Interventionsparadox“47( vgl. Lothar Böhnisch 1997: 264) in
pädagogischen Prozessen deutlich. Das Interventionsparadox bezeichnet eine Diskrepanz
zwischen den (theoretisch) gegebenen Interventionsmöglichkeiten von Pädagoginnen und
der gleichzeitigen Eventualität des Scheiterns der pädagogischen Absichten am Eigensinn
der Adressaten (vgl. Kapitel 5.2.2). So formuliert der Sozialpädagoge Lothar Böhnisch
über das „Interventionsparadox“:
Wir haben es nicht nur mit diesen begrenzenden und frustrierenden Interventionsbarrie-
ren zu tun, sondern sind auch dem Eigensinn unserer Klienten und Adressaten ausge-
setzt, die sich zu allem Überdruss noch zusätzlich gegenläufig verhalten können: sie
teilen oft nicht unsere Diagnose, passen sich manchmal lieber den für sie verhängnis-
vollen Umständen an, als dass sie aus ihnen hinauszukommen trachten und sehen unser
Hilfeangebot eher als Einmischung oder gar als Gefahr des Verlustes ihrer personalen
und sozialen Eigenständigkeit (Lothar Böhnisch 1997: 264).
Mit dem Hinterfragen der Annahme, dass steigendes Wissen über strukturelle Bedingun-
gen automatisch zu einer Steigerung der Interventionsmacht bei Sozialpädagoginnen führt,
zeigt Lothar Böhnisch einen Mechnismus auf, dessen Offenlegung dazu beitragen kann,
den Eigensinn der Subjekte in pädagogischen Prozessen nicht als störend empfinden zu
müssen und nicht Gefühle von Ohnmacht und Frustration auf beiden Seiten hervor zurufen
(vgl. Einleitung: 10).
47 Der Begriff Intervention wird in der vorliegenden Arbeit im Sinne von Unterstützung und Beratung von
Adressaten sozialer Arbeit begriffen. Das bedeutet, das Adressaten durch soziale Arbeit dahingehend unter-
stützt und beraten werden, weitestgehend eigenverantwortlich und eigenlegitimiert Gestaltungsspieleräume
zu erweitern bzw. neue Gestaltungsspielräume zu eröffnen. Demgegenüber steht eine Sicht auf Intervention
die Adressaten sozialer Arbeit als abweichend von der Norm begreift. Dieses Verständnis von Intervention
steht im Zusammenhang mit einer Deutung von Prävention als Maßnahme zur Verhinderung bzw. Verfesti-
gung „abweichenden Verhaltens“. Intervention und Prävention konstruieren in diesem Verständnis Adressa-
ten sozialer Arbeit als defizitär, denn Maßstab hier ist eine Angleichung an hegemoniale Normen.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
128
Um nicht Gefühle von Ohnmacht und Frustration sowohl auf Seiten der Pädagoginnen als
auch auf Seiten der Adressaten zu produzieren, ist zum einen der Umgang mit den Mög-
lichkeiten der Interventionen und zum anderen der Umgang mit dem Eigensinn der Adres-
saten von Bedeutung. In der Geschichte über das Federballspiel konnte dieses Paradox
durch die Analyse und Reflexion der Situation von der Pädagogin aufgehoben werden. Der
Eigensinn der Mädchen führte so nicht zu Frustration und Ohnmacht. Um dem Umgang
von Pädagoginnen mit dem Interventionsparadox auf die Spur zu kommen, wurden der
Geschichte über das Federballspiel ähnliche gesammelt und Pädagoginnen befragt. Im Fo-
kus der Interviews stand der Umgang mit den Widersprüchen und der Umgang mit dem
Eigensinn der Mädchen in ihren pädagogischen Praxen.
Als Methode, um Geschichten aus der pädagogischen Praxis gleichsam „zu heben“, wurde
das narrative Interview ( Schütze1977, Glinka 1997) gewählt. Das narrative Interview ist
eine Form des offenen Interviews, in dem die Interviewte dahin geführt wird, Erlebnisse
als Geschichten zu erzählen.
Das narrative Interview eignet sich als Erhebungsinstrument immer dann besonders
gut, wenn es dem Forscher um die Rekonstruktion komplexer Sachverhalte in der so-
zialen Wirklichkeit geht, die auch als Geschichte [ Hervorhebung im Original] erzählt
werden können – so beispielsweise um lebensgeschichtliche Prozesse, um interaktions-
geschichtliche Sachverhalte, um kollektiv-historische oder einfach auch um all-
tagspraktische Sachverhalte (Glinka 1997: 25).
Als Einleitung der Interviews wurde eine Schlüsselfrage gestellt, die die Reflexion von
Pädagoginnen über ihre Arbeit anregen kann und, bezogen auf den Ansatz der Erinne-
rungsarbeit, eine „widerspruchsfreundliche“ Fragestellung ist:
„Gab es Situationen, in denen du dich über die Mädchen mit denen du gearbeitet hast, ge-
ärgert hast?“ Diese Frage ist insofern eine Schlüsselfrage, als dass sie nach einem Span-
nungsverhältnis im Sinne des Interventionsparadox fragt. Diese Spannung liegt begründet
in den potenziellen Zielen der Pädagogin, dem Verhalten der Pädagogin und dem Agieren
der Mädchen.
Zur Erläuterung des Anliegens wurde Sabines Geschichte vom Federballspiel erzählt und
die Interviewpartnerinnen wurden gebeten, sich ähnliche Situationen aus ihrer Arbeit mit
Mädchen zu vergegenwärtigen. Ein Interviewleitfaden war, wie es die Methode des narra-
tiven Interviews nahe legt, nicht entwickelt worden, sondern es wurden je nach Situation
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
129
Verständnisfragen gestellt, oder auch zur weiteren Impulsgebung Situationen aus der eige-
nen Arbeit der Forscherin mit Mädchen erzählt. Die Kommunikation wurde bewusst wenig
strukturiert. Das hatte zur Folge, dass vielfach lange Pausen entstanden, in denen die be-
fragten Pädagoginnen über das Thema nachsannen und ihre Handlungen reflektierten.
Hans-Jürgen Glinka konstatiert, dass die Möglichkeit zur Reflexion qua Verfahren der
Methode des narrativen Interviews potenziell ist. Die interviewte Person bekommt inner-
halb des geschützten Rahmens des Interviews die Möglichkeit zur Selbstreflexion, denn
durch das Erzählen einer Begebenheit ordnet sich das vormals womöglich diffuse Erleben
zu einer Gesamtgestalt (Glinka 1997: 26):
Der Erzähler taucht, wie Schütze immer wieder so plastisch formuliert, noch einmal in
das damals erlebte ein, lässt sich von den damaligen Wirkungsmechanismen für Ent-
wicklungs- und Veränderungsprozesse gewissermaßen mitreißen, hat dann aber in der
aktuellen Interaktionssituation „Interview“ ebenso die genannten Möglichkeiten für ei-
ne distanzierte und differenzierende Draufsicht [Hervorhebung im Original] und
analytische Durchdringung (Glinka: 26).
Die Pädagoginnen standen mit diesem Verfahren im Mittelpunkt und wurden im Laufe des
Interviews selbst zu Fragenden. D.h., sie befragten sich selbst und begannen im Interview
vielfach ihr Handeln zu reflektieren. Das taten sie in den langen Minuten des Schweigens
oder zeigten sich irritiert über Aussagen, die sie gerade zuvor gemacht hatten. Die Pädago-
ginnen konnten sich in dieser wenig strukturierten Interviewsituation Raum nehmen und
das Thema in ihrer eigenen Sprache und in ihrem eigenen Symbol- und Relevanzsystem
entfalten. Ralf Bohnsack führt hierzu aus:
Allen offenen Verfahren ist gemeinsam, dass diejenigen, die Gegenstand der Kommu-
nikation sind, die Strukturierung der Kommunikation im Rahmen des für die Untersu-
chung relevanten Themas so weit wie möglich zu überlassen, damit diese ihre Rele-
vanzsysteme und ihr kommunikatives Regelsystem entfalten können und auf diesem
Weg die Unterschiede zum Relevanzsystem des Forschers überhaupt erst erkennbar
werden zulassen (Ralf Bohnsack, 1991: 21).
Dass die Pädagoginnen ihre eigenen Relevanzsysteme entfalteten, wurde deutlich in der
irritierten Nachfrage der ersten Pädagogin, die interviewt wurde, denn sie fragte, warum
nur nach Ärgernissen geforscht wurde und nicht auch nach Erlebnissen, die die Pädago-
ginnen als positiv einschätzen bzw. Situationen, in denen sie sich über die Mädchen, mit
denen sie arbeiteten gefreut haben. Der Fokus wurde deshalb erweitert auf positive Erfah-
rungen in der Arbeit mit Mädchen. Die Frage „Kannst du dich an Situationen in deiner
Arbeit mit Mädchen erinnern, in denen du dich über die Mädchen gefreut hast?“ wurde
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
130
dann gegen Ende der Interviews gestellt und ermöglichte so einen neuen Impuls zum
Nachdenken für die Pädagoginnen.
Methodisch wird an diesem Beispiel ein Prozess deutlich, in dem die Befragten als Exper-
tinnen ihrer eigenen Arbeitsbiografie auftreten damit wird der Forschungsprozess als einer
gekennzeichnet, der Entwicklung und Erkenntnisgewinn sowohl auf Seiten der Beforsch-
ten als auch auf Seite der Forscherin ermöglicht (vgl. Hans-Jürgen Glinka 1997: 11ff und
25 ff.). Demonstriert wird an diesem Beispiel darüber hinaus, dass die Herangehensweise
an die Interviews und später an die Interviewauswertung immer geprägt und eingeengt ist,
durch das erkenntnisleitende Interesse. Das ist auf der einen Seite legitim, denn es kann
nicht alles gefragt, berücksichtigt, ausgewertet und interpretiert werden, sondern der Blick
muss fokussiert werden, um nicht auszuufern und um zu Aussagen kommen zu können.
Auf der anderen Seite bedeutet dies, wachsam zu sein und sich den eigenen Blick, der im-
mer mitschwingt, zu vergegenwärtigen. Annedore Prengel beschreibt dies bildlich als
„Betontheitsrelief“:
Voraussetzungen des Blicks, bedingt durch prägende Erfahrungen und Bedürfnisse und
erkenntnisleitende Interessen führen dazu, dass wir das, was wir sehen durch unsere
Motive prägen. GRAUMANN (1960, S. 141ff) nennt darum den wahrgenommenen
und motivational geprägten Ausschnitt „Relief“. Indem Strukturen des Motivs und des
Ausschnitts zusammenspielen, treten wichtige Elemente als erhabene hervor, unwichti-
ge Element verblassen und verflachen, so dass ein „Betontheitsrelief“ entsteht (Anne-
dore Prengel 1997: 607).
4.1.1 Die Interviewpartnerinnen und die Interviewdurchführung
Die Thematik des Interviews würde heikel sein, denn sie verlangte von den Pädagoginnen,
einen tiefen Einblick in ihre pädagogische Praxis geben zu müssen. Die Frage nach Mo-
menten des Ärgerns kann mit einem Gefühl des Scheiterns verknüpft sein. Das Gefühl des
Ärgerns ist mit dem Erreichen von Grenzen in der pädagogischen Praxis verwoben und
auch, wie in dem Beispiel von Sabine deutlich wird, mit der Reflexion über die eigene Per-
son, über eigene Erwartungshaltungen und eigenes Handeln, denn Sabine wird in ihrer
Geschichte durch ihr Gefühl an ihre Erwartungshaltung geführt.
Vertrauen ist demzufolge eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Interviews.
Eine Pädagogin überlegte aus diesem Grunde zunächst eine längere Zeit, bevor sie die Zu-
stimmung für das Interview gab, die anderen beiden sagten spontan zu. Die Anzahl der
Interviews ist klein gehalten worden, denn diese geringe Anzahl an Interviews zeigt ein
Spektrum von Differenzierungen auf: Da ist zum einen das unterschiedliche Alter der Be-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
131
fragten, die älteste interviewte Pädagogin war zum Zeitpunkt des Interviews 55 Jahre alt
und die anderen beiden Pädagoginnen 32 und 33 Jahre alt. Zum anderen berichteten die
Pädagoginnen über ihre Arbeit aus verschiedenen historischen Perioden: die älteste aus den
siebziger und achtziger Jahren und die jüngeren aus den neunziger Jahren. Darüber hinaus
konnten die Pädagoginnen Einblicke in unterschiedliche Strukturen von Mädchenarbeit
geben, von der Arbeit in einem offenen, gemischten Jugendzentrum, von der Arbeit im
Rahmen von sozialer Gruppenarbeit bis hin zur Arbeit in Jugendbildungsstätten, sowohl in
geschlechtshomogenen als auch in geschlechtsheterogenen Gruppen.
Bei der vorliegenden Erhebung geht es nicht um Repräsentativität. Es sollten vielmehr
Einblicke in Mikrozusammenhänge pädagogischer Handlungspraxen gegeben werden,
gleichsam „hinter die Kulissen“ gesehen werden.
Die Interviews entstanden im Dezember und Januar 1998/99. Zunächst wurden die Päd-
agoginnen gebeten, kurz zu skizzieren, warum sie sich entschlossen hatten mit Mädchen
bzw. jungen Frauen zu arbeiten, dann wurde Sabines Geschichte vom Federballspiel er-
zählt. Die zwei jüngeren Pädagoginnen konnten Sabines Gefühl in der Situation gut nach-
vollziehen und erlebten die Frage über ihren Ärger in der Arbeit mit Mädchen als Entla-
stung, indem sie sich im Interview über von ihnen als analog eingeschätzte Situationen
mitteilen konnten. Die ältere interviewte Pädagogin konnte sich überhaupt nicht an ähnli-
che Begebenheiten aus ihrer Arbeit erinnern – im Gegenteil, sie besann sich ausschließlich
auf positive Momente in ihrer Arbeit mit Mädchen. Alle drei Interviews dauerten jeweils
ca. 60 Minuten.
Am Ende des Interviews wurden die Pädagoginnen gebeten, eine Kurzbiografie zu schik-
ken, um diese biografischen Daten in die Arbeit mit einfließen lassen zu können. Die Da-
ten sind anonymisiert, so dass die Personen nicht identifizierbar sind. So wurden z.B. Ge-
burtsdaten minimal verändert, oder andere Ortsamen verwendet. Selbstverständlich sind
auch die Namen der Interviewpartnerinnen andere.
4.1.2 Auswertung der Interviews
Die Interviews wurden in Anlehnung an die von Glaser und Strauss48 begründete Strategie
der „Grounded Theory“ ausgewertet.
48 Die Grounded Theorry wurde von Glaser und Strauss 1965 im Rahmen einer Feldstudie zum Umgang von
Klinikpersonal mit sterbenden Menschen entwickelt. (Vgl. Anselm Strauss, 1994: 30)
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
132
Methodologisch gesehen ist die Analyse qualitativer Daten nach der Grounded Theory
auf die Entwicklung einer Theorie gerichtet, ohne an spezielle Datentypen, Forschungs-
richtungen oder theoretische Interessen gebunden zu sein. In diesem Sinne ist die
Grounded Theory keine spezifische Methode oder Technik. Sie ist vielmehr als ein Stil
zu verstehen, nach dem man Daten qualitativ analysiert und der auf eine Reihe von cha-
rakteristischen Merkmalen hinweist (Anselm Strauss, 1998: 29f.).
Im Rahmen der Grounded Theory geht es um die Entwicklung von Theorien, die in den
jeweiligen Datensätzen „gründen“. Zu Beginn steht ein Untersuchungsbereich, und was in
diesem Bereich relevant erscheint, stellt sich im Laufe des Forschungsprozesses heraus. In
diesem Zusammenhang ist die prinzipielle Offenheit während des Forschungsprozesses
wichtig um nicht Gefahr zu laufen, die eigene Sicht bzw. Leitideen der Untersuchung den
Interviews im Rahmen der Auswertung quasi „überzustülpen“.
Die Datenauswertung der Grounded Theory erfolgt durch verschiedene Ebenen des Kodie-
rens: das offene, das axiale und das selektive Kodieren (vgl. Anselm Strauss, 1998: 57f.).
In der Auswertungspraxis gehen diese Ebenen des Kodierens oftmals ineinander über.
Strauss selbst betrachtet seine vorgeschlagenen Methoden auch eher als Leitlinien, denn als
starres Auswertungsschema, sie werden im Forschungsprozess als Orientierung begriffen
(vgl. Anselm Strauss, 1998: 32).
Das offene Kodieren dient der Eröffnung des Forschungsprozesses. Das transkribierte
Material soll Wort für Wort und Zeile für Zeile erschlossen werden um Interviews, bezo-
gen auf die dort reflektierten Phänomene zu sichten.
Offenes Kodieren zwingt den Forscher schon bald, die Daten analytisch aufzubrechen
oder zu knacken, und es führt unmittelbar zu Aufregung und zu der unumgänglichen
Belohnung, in Daten gegründete Konzepte zu erhalten (Anselm Strauss, 1998: 59).
Hierfür steht exemplarisch folgendes Beispiel:
Und natürlich dann auch Mädchenarbeit, also mich sehr stark mit meiner eigenen In-
volvenz noch in diesem Emanzipationsprozess. Da war ich noch so stark dran, auch so
in meiner Kindheit und in meiner unvollkommenen Rolle als Frau. Das Patriarchat ist
so stark in mir oder wie es ist auf dem Weg dahin, das so wegzuwerfen und abzulegen
und neue Sachen zu lernen, sie benennen zu können und sich vor allem auch so ver-
halten zu können. Ick wusste noch ganz doll wie schwer das ist und wie viel Scheiße
ich auch als junges Mädchen so gebaut habe. (Pädagogin I.)
Aus den Eindrücken des offenen Kodierens können beispielhaft erste Kategorien gewon-
nen werden
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
133
- Hat eine emotionale Akzeptanz für die Mädchen, die aus ihren eigenen Kindheits- und
Jugenderfahrungen herrührt.
- Der Emanzipationsprozess der Pädagogin wird verwoben mit dem der Mädchen.
- Emanzipation synonym für das Ablegen patriarchaler Prägungen
- Fühlt sich als Frau unvollkommen. Minderwertigkeitsgefühle?
Der nächst Schritt ist dann der des axialen Kodierens, in dem eine bestimmte, für das Un-
tersuchungsphänomen wichtige Kategorie näher untersucht wird, die aus dem Material
gewonnen wurde.
Der Begriff axiales Kodieren ist für diesen zutreffend, weil sich die Analyse ab einem
bestimmten Punkt um die „Achse“ einer Kategorie dreht (Anselm Strauss, 1998: 63).
Exemplarisch kann hier die zuvor heraus gearbeitete Kategorie der „emotionalen Akzep-
tanz“ begriffen werden. Um die „Achse“ dieser Kategorie würden sich dann Aussagen wie
„ich hatte die absolute Akzeptanz“, „das kannt ich von mir – viel zu gut“, „ich hab mich
immer in denen gesehen“ usf. drehen. Diese Kategorien stehen im Zusammenhang mitein-
ander und können untereinander mit den dazugehörigen Interviewsequenzen in Bezug ge-
setzt werden.
Beim selektiven Kodieren, werden die Schlüsselkategorien kodiert. Diese zentralen Kate-
gorien werden in Beziehung zu anderen Kategorien gesetzt und ausgearbeitet.
Selektiv kodieren heißt also, dass der Forscher den Kodierprozess auf solche Variablen
begrenzt, die einen hinreichend signifikanten Bezug zu den Schlüsselkodes aufweisen,
um in einer auf einen spezifischen Bereich bezogenen Theorie verwendet zu werden
(Anselm Strauss, 1998: 63).
Schlüsselkategorien sind bezogen auf das Interview von Frau I. z.B.: „Ich steckte noch in
den Kinderschuhen, was dieses Bewusstsein betraf.“, „Das Patriarchat ist so stark in mir“,
Das war damals, fand ick, noch ganz anders“, „Ja, ich hab mich immer in denen gesehen“.
Diese Schlüsselkategorien werden in Bezug gesetzt zu anderen Kategorien, dass können
z.B. Kategorien sein, die beim axialen Kodieren heraus gearbeitet wurden. So können Zu-
sammenhänge, die sich im Rahmen des axialen Kodieren heraus kristallisierten, bestätigt
werden oder es können neue Bezüge hergestellt werden.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
134
Quer zu allen Kodierungsschritten liegt das Theoretical Sampling. Damit ist die Überle-
gung des Forschers gemeint, sich auf einer analytsichen Grundlage zu entscheiden welche
Daten erhoben werden und wo diese Daten gefunden werden können.
Die grundlegende Frage beim Theoretical sampling lautet: Welchen Gruppen oder Un-
tergruppen von Populationen, Ereignissen Handlungen (um voneinander abweichende
Dimensionen, Stratgien usw. zu finden) wendet man sich bei der Datenerhebung als
Nächstes zu? Und welche theoretische Absicht steckt dahinter (Anselm Strauss 1998:
70)?
Es wurden Mottos für jedes Interview formuliert, diese Mottos sind jeweils prägnante Sät-
ze aus den Interviews, die im Hinblick auf das Erkenntnisinteresse, die Stimmung des je-
weiligen Interviews widerspiegeln. Das Motto, das sich für das Interview mit der Pädago-
gin I. herauskristallisierte ist der Satz: „...weil das kannt ich ja von mir – viel zu gut“. Dar-
über hinaus ist dieser Schritt hilfreich für eine weitere Annäherung und eine „emotionale
Auseinandersetzung“ mit dem Text (vgl. Eva Jaeggi/Angelika Faas 1993: 145).
Die Interviews wurden mehrmals durchgearbeitet, angelehnt an die zuvor nachgezeichne-
ten Auswertungsschritte. Diese Bewegung um die Interviews, beschreiben Eva Jaeggi und
Angelika Faas plastisch als „zirkuläres Dekonstruieren“.
Der Begriff des Zirkulären Dekonstruierens leitet sich aus dem konkreten Vorgehen ab:
unser Ausgangsmaterial ist ein Text. In kreativen Gedankenschleifen bewegen wir uns
intuitions- und theoriegeleitet um diesen Text herum. Damit „dekonstruieren“ wir zir-
kulär und rekursiv den Text und setzen ihn anschließend so zusammen, dass implizite
Sinngehalte sichtbar werden können. Auf diese Weise findet ein mehrfacher Perspekti-
venwechsel statt, durch den wir Bausteine für eine Theorie über unseren Forschungs-
gegenstand finden, die neuartige Erkenntnisse verspricht (Eva Jaeggi/Angelika Faas,
1993: 143).
Folgende Themenschwerpunkte kristallisierten sich, basierend auf den geschilderten Aus-
wertungsschritten und fokussiert auf die Schlüsselkategorien, aus fast allen Interviews her-
aus:
- Zugänge zur Mädchenarbeit
- Erwartungshaltungen der Pädagogin an die Mädchen, mit denen sie arbeitet
- Bilder, die die Pädagogin über die Mädchen, mit denen sie arbeitet, entwirft
- Enttäuschungen der Pädagogin, bezogen auf eine Diskrepanz zwischen ihren Zielset-
zungen und dem Verhalten von Mädchen
- Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit mit Mädchen als positiv einschätzt
- Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
135
Die Themenschwerpunkte sind nicht von den Interviewten Pädagoginnen selbst so formu-
liert worden, sie ergaben sich aus den Schlüsselsätzen und den damit verbundenen Inter-
viewsequenzen. So basiert das Thema „Zugänge zur Mädchenarbeit“ bei der Pädagogin I.
z.B. in einem Rückgriff auf ihre eigene Person. Schlüsselsätze, die diesem Thema zuge-
ordnet werden können, sind Folgende: „Ich hab das ja nie auf dem Hintergrund gesamtge-
sellschaftlicher Verhältnisse gesehen“. „Ich konnte nur aus meiner Persönlichkeit schöp-
fen“, „..ich steckte noch in den Kinderschuhen was dieses Bewusstsein betraf.“, „..ich sah
mich gar nicht als eigenständige Person“, „das Patriarchat ist so stark in mir.“
Bei der Pädagogin G. sind Schlüsselsätze zu diesem Schwerpunkt z.B.: „Es geht immer
darum etwas zu erreichen.“, „..diese feministischen Ideen die ich auf der abstrakten Ebene
hatte, dann halt in der konkreten Arbeit umzusetzen.“
Diese Themenschwerpunkte sind nicht losgelöst von der Fragestellung zu verstehen und
der Bezug zum Gegenstand des Interviews ist deutlich:
Das Thema „Zugänge zur Mädchenarbeit“ ist zwangsläufig ein Schwerpunkt, denn die
Pädagoginnen wurden zu Beginn des Interviews gebeten, kurz zu schildern, wie sie zur
Mädchenarbeit gekommen waren und mit welcher Intention sie arbeiteten. Hinweise auf
diese Kategorien kann die Beantwortung folgende Fragen geben: Geht die Pädagogin theo-
riegeleitet an die Arbeit? Bezieht sie sich auf ein konkretes Konzept? Schöpft die Pädago-
gin aus sich selbst heraus? Welche Ziele formuliert sie für ihre Arbeit mit Mädchen: sollen
die Mädchen in der Erweiterung ihrer Stärken und Kompetenzen gefördert werden, sollen
sie selbstbewusster werden usf.. In einem interdependenten Verhältnis dazu steht die Kate-
gorie „Erwartungshaltungen der Pädagogin an die Mädchen, mit denen sie arbeitet“. So
beeinflusst die Herangehensweise der Pädagogin ihre Erwartungshaltung und vice versa.
Entwickelt die Pädagogin Ziele bzw. Ideale für die Mädchen? Hat die Pädagogin die Vor-
stellung, dass sich Mädchen an diesen von ihr protegierten Idealen orientieren? Geht die
Pädagogin frei von Erwartungen in die Arbeit mit Mädchen? Hat sie ihre eigenen Maßstä-
be? Die Kategorien „Enttäuschung der Pädagogin, bezogen auf die Diskrepanz zwischen
ihren Zielsetzungen und dem Verhalten von Mädchen“ und „Momente, die die Pädagogin
als positiv einschätzt“ stehen im Zusammenhang mit der Schlüsselgeschichte, in der es ja
um Momente des Ärgerns und der Freude ging. Wünscht sich die Pädagogin ein bestimm-
tes Verhalten in einer bestimmten Situation von den Mädchen? Ärgert sie sich, wenn die
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
136
Mädchen sich nicht so verhalten, wie sie es sich vielleicht wünscht? Freut sie sich im Ge-
genzug über das Verhalten der Mädchen? Wie reagieren die Mädchen in bestimmten Si-
tuationen? Kommen sie einem Ideal nahe, welches die Pädagogin konstruiert? Reagiert die
Pädagogin mit positiven und/oder negativen Gefühlen? Verhalten sich die Mädchen wider-
ständig bzw. passen sie sich den Anforderungen der Pädagogin an?
Der Themenschwerpunkt „Bilder, die die Pädagogin über die Mädchen, mit denen sie ar-
beitet, entwirft“ formuliert eine Haltung bzw. Bewegung, mit der die Pädagogin die Mäd-
chen bzw. jungen Frauen im Nachhinein betrachtet. Wie deutet die Pädagogin das Verhal-
ten der Mädchen? Das Thema „Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns“ ist be-
dingt durch die „reflexionsfreundliche“ Fragestellung und der Methode des narrativen In-
terviews. Die Themen hier sind: Hinterfragt die Pädagogin ihr eigenes Handeln? Ist sie
bereit, sich und ihr Handeln in den Blick zu nehmen? Übernimmt sie Verantwortung für
die Situationen, die sie beschreibt bzw. weist sie dieses von sich?
Die Aussagen der Pädagoginnen wurden unter den zuvor beschriebenen Kategorien un-
kommentiert und uninterpretiert zusammengefasst und jedes Interview und jede Frau steht
zunächst für sich. Im Anschluss an die Darstellung der Interviews steht eine Interpretation,
die das Handeln und die Reflexionen jeder einzelnen Pädagogin beleuchtet.
Im Anschluss daran wurde eine horizontale, eine interviewübergreifende Auswertung vor-
genommen, im Rahmen derer die Frage im Mittelpunkt steht, wie sich Pädagoginnen in
Interaktionen mit Mädchen bewegen.
4.2 Geschichten, die die Praxis schreibt
4.2.1 „..was ich toll finde, finden die halt nicht toll.“ - Geschichten aus der Bildungs-
und Freizeitarbeit mit Mädchen von G.
4.2.1.1 Biographische Zugänge - die Kurzbiographie von G.
G. ist 1967 geboren. Die ersten Zugänge zum Feminismus werden ihr mit 15, 16 Jahren
über eine „feministische Mutter“, die ihr Simone de Beauvoir, Anja Meulenbelt und Alice
Schwarzer zu lesen gibt, eröffnet. Später beschäftigt sie sich mit Svende Merian, und durch
das Engagement in der Friedensbewegung liest sie Dorothee Sölle. Zunächst hat G. den
Wunsch, eine Logopädieausbildung zu machen. Da sie jedoch keinen Ausbildungsplatz
bekommt, beginnt sie Sonderpädagogik zu studieren. Durch den Streik der Studierenden
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
137
1988/89 zieht sie diese Studienentscheidung in Zweifel und studiert schließlich Sozial-
pädagogik. Ihre Studienschwerpunkte sind dort Frauenforschung, Rassismus und antirassi-
stische Jugendbildung.
Seit einigen Jahren arbeitet G. als Honorarkraft im Rahmen von Jugendbildungsarbeit. Ihr
besonderes Augenmerk liegt hierbei in der Verbindung von feministischer Theorie und
praktischer Mädchenarbeit. Sie arbeitete mehrere Jahre mit einer sozialpädagogischen
Mädchengruppe.
4.2.1.2 Die Arbeitszusammenhänge von G.
G. berichtet im vorliegenden Interview über zwei Arbeitsfelder, in denen sie mit Mädchen
tätig ist. Da ist zum einen ihre Arbeit als Teamrein in einer Jugendbildungsstätte in der
Schulklassen fünf Tage zusammen zu bestimmten Themen wie z.B. Liebe, Sexualität ar-
beiten. Die Jugendbildungsstätte in der G. tätig ist, hat einen explizit geschlechtsdifferen-
ten Arbeitsansatz, d.h. dass die Schulklassen i.d.R. während ihres gesamten Aufenthaltes in
Jungen- und Mädchengruppen aufgeteilt werden. In einem vorbereitenden Schulbesuch
werden die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, sich Arbeitsgruppen zuzuordnen. Die
Teamerinnen betreuen die Mädchengruppen und die Teamer sind für die Jungengruppen
zuständig. Die Jugendlichen, mit denen sie in der Bildungsstätte arbeitet, sind im Durch-
schnitt zwischen 15 und 18 Jahre alt.
Zum anderen betreut sie regelmäßig eine Mädchengruppe, deren Teilnehmerinnen zwi-
schen zehn und dreizehn Jahre alt sind. Hier handelt es sich um Freizeitangebote im Rah-
men der sozialen Gruppenarbeit (§ 29 KJHG). Das Jugendamt unterbreitet den Mädchen
den Vorschlag an dieser Gruppe teilzunehmen. Andere Mädchen, die nicht über das Jugen-
damt an diese Gruppe verwiesen werden, müssen einen Aufnahmeantrag stellen, der i.d.R.
positiv beschieden wird. Die Pädagogin hat die Mädchen im Schnitt 2-3 Jahre in ihrer
Gruppe, je nach dem wie hoch das Jugendamt den Betreuungsaufwand einschätzt. In der
Auswertung kennzeichne ich, ob die Situationen von denen G. spricht im Zusammenhang
von Jugendbildungsarbeit oder von sozialer Gruppenarbeit zu sehen sind.
4.2.1.3 Zugänge zur Mädchenarbeit
G. geht mit dem Wunsch in die Mädchenarbeit, feministische Ideen in die Praxis umzuset-
zen.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
138
Also es ist schon wirklich lange her, dass ich damit angefangen habe, aber ich hab
ziemlich von Anfang an am Frauenschwerpunkt studiert an der Uni und ich glaube, al-
so das ich hab dann ja irgendwann mal angefangen, mich für diesen Bereich Jugendar-
beit zu interessieren und dass die feministische Mädchenarbeit für mich einfach so`n
oder ich jedenfalls gehofft habe, dass das für mich so ein Weg ist, diese feministischen
Ideen, die ich so auf der abstrakten Ebene kannte, halt in der konkreten Arbeit umzu-
setzen.
G. schildert, dass sie mit einem erfahrungsbezogenen Ansatz arbeitet „es geht mir um ihre
Erfahrungen“ und versucht, Mädchen für ihre „eigenen Bedürfnisse zu sensibilisieren“. Sie
versucht, den Mädchen, mit denen sie arbeitet, eine Möglichkeit zu geben, Alltagssituatio-
nen nachzuspielen und in diesem Spiel andere als gewohnte Handlungsmuster auszupro-
bieren. Die Erfahrungen von Mädchen sind ihr wichtig: „Es geht mir um ihre Erfahrungen.
Es geht mir darum, was zu machen, was ihnen Spaß macht“. Ein biografischer Ansatz mit
Mädchen zu arbeiten war ihr im Rahmen der Bildungsarbeit wichtig „...wir hatten ja auch
einen biografischen Ansatz, und auch um festzustellen, was sie auch für Träume haben,
wie sie sich ihr eigenes Leben vorstellen“.
In ihren Überlegungen zur Mädchenarbeit möchte G. Mädchen mit ihren eigenen Bedürf-
nissen, Erfahrungen und Träumen in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Arbeit stellen.
4.2.1.4 Erwartungshaltungen der Pädagogin an die Mädchen, mit denen sie arbeitet.
G. formuliert, dass sie von den Mädchen erwartet, dass sie Interesse für Themen oder Ak-
tivitäten aufbringen, die sie vorbereitet hat. Sie wünscht sich „´ne eindeutige Rückmel-
dung“ von den Mädchen, dabei scheint ihr weniger wichtig zu sein, ob sich die Mädchen
positiv oder negativ äußern, sondern eher der Umstand, dass sich die Mädchen überhaupt
äußern. G. beschreibt ihren Wunsch, dass die Mädchen offen sind für Vorschläge, die sie
macht und sich dafür begeistern können und mit ihrer Begeisterung andere Mädchen an-
stecken - „dann hätten sie sozusagen begeistert den anderen erzählen können“. Sie wünscht
sich, dass sie z.B. über Rollenspiele ins Gespräch kommen und Lösungsvorschläge der
Mädchen gemeinsam mit ihnen zu diskutieren. G. möchte, dass sich die Mädchen ihr an-
vertrauen und mit ihr über persönliche Belange sprechen und wünscht sich von den Mäd-
chen, dass „die sagen mir jetzt mal was sie wirklich denken oder die erzählen mir auch
mal, was sie wirklich erlebt haben“. Sie wünscht sich, dass die Mädchen von sich aus auf
sie zukommen. So schildert sie bezogen auf eine Seminarsituation im Rahmen der politi-
schen Bildung:
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
139
Ich hätte es zum Beispiel toll gefunden letzte Woche, wenn mir eine mal ganz von sich
aus, ohne das ich irgendwie fünf mal die gleiche Frage stelle, mir irgendwas erzählt
hätte aus ihrem Leben.
Der Wunsch, das sich Mädchen ihr gegenüber öffnen, ist hier als temporär formuliert, zieht
sich jedoch durch das gesamte Interview.
Sie beschreibt im Interview ihren Wunsch, dass die Mädchen sie als Pädagogin akzeptie-
ren, „dass die mich jedenfalls wahrnehmen oder nicht von vorne herein zum Kotzen finden
als Pädagogin“.
4.2.1.5 Bilder, die die Pädagogin über Mädchen, mit denen sie arbeitet, entwirft.
G. beschreibt Mädchen, mit denen sie arbeitet, während des Interviews mehrfach als nega-
tiv. Sie bezeichnet sie auf der einen Seite als „blöd“, als „desinteressiert“, „rumkichernd“
und als „nett aber da kam halt nichts“. Diese Sichtweise auf Mädchen bezieht sich häufig
auf Schilderungen im Rahmen der Jugendbildungsarbeit. Auf der anderen Seite stellt sie
die Mädchen, insbesondere im Rahmen der Freizeitarbeit, als beziehungsorientiert dar:
Die kommen, weil die was von mir wollen und ich soll ihnen auch was bieten. Und
wenn sie zum Beispiel mich belügen, dann belügen die mich so, dass ich es merke, weil
ich soll eben auch merken dass sie mich belügen können und die waren halt total orien-
tiert auf diese Beziehung zu mir.
Aber auch die Mädchen aus der sozialen Gruppenarbeit bezeichnet sie als „extrem nervig“,
als „besserwisserisch“ und „blöd“.
Im Verlauf des Interviews nimmt sie eine abweisende, distanzierte Haltung den Mädchen
gegenüber ein.
„Also wo die mir einfach zu blöd waren jetzt. Und ich keine Lust hatte mir das anzuhö-
ren deren Geschichten“.
4.2.1.6 Enttäuschungen der Pädagogin, bezogen auf eine Diskrepanz zwischen ihren
Zielsetzungen und dem Verhalten von Mädchen
Das Gefühl der Enttäuschung schildert G. i.d.R. dann, wenn sie Mädchen Vorschläge für
Aktivitäten macht und diese dann abgelehnt werden. Bezogen auf die Freizeitarbeit schil-
dert sie:
Und das war am Anfang halt schon ein bisschen frustrierend. Weil ich hab mich am
Anfang wahnsinnig viel vorbereitet. Ich saß zu Hause, hab mir tausend Sachen ausge-
dacht und das fanden sie alles blöd.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
140
Sie schildert ihre Frustration darüber, dass bei den Mädchen nicht ankommt, was sie für sie
geplant hat. Diese Enttäuschung über Mädchen spürt G. bei sich oft: „Aber da war ich
schon ziemlich enttäuscht. Und das hatt ich schon oft. Also einfach dieses zu merken, was
ich toll finde, finden die halt nicht toll.“
G. führt aus, das sie sich in „so vielen Situationen über Mädchen ärgert“. Als eine Enttäu-
schung auf einer „feministischen“ Ebene verortet G. folgendes Beispiel aus der Freizeitar-
beit:
Dazu fällt mir eine Situation ein, wiederum mit dieser Mädchengruppe. Die wollten
unbedingt eine Disco machen und auch Jungs einladen und das fand ich ja auch alles
toll und sollte auch geschehen und dann ging´s darum welche macht die Musik und
dann haben sie plötzlich alle gesagt: „Du, wenn da Jungs kommen, dann machen die
Jungs die Musik. Das ist immer so.“ Und ich war am Anfang relativ relaxt und hab ge-
sagt: „Ne, und macht ihr das mal, ist ja schließlich eure Party“. Und dann haben die
sich total darin verbissen und haben immer gesagt:“ Ne, und das ist so und die kommen
dann und das ist immer so und die können das auch besser und wir machen die Musik
nicht.“ Und das hat mir so gestunken. Dann hab ich gesagt :“O.k., dann gibt es keine
Party. Entweder ihr macht Musik oder es gibt keine Party.“ So hart habe ich normaler-
weise nicht reagiert. Ich hab halt mit so krassen Sanktionen, das hat natürlich sofort
gewirkt weil sie alle völlig scharf auf diese Party waren. Mit so krassen Sanktionen ha-
be ich noch nicht gearbeitet. Ich dachte das darf doch nicht wahr sein. Das die im Ernst
erzählen, sie brauchen sich jetzt noch nicht mal Gedanken um die Musik zu machen,
weil die Jungs das sowieso viel lieber machen.
4.2.1.7 Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit mit Mädchen als positiv ein-
schätzt.
Als positives Moment ihrer Arbeit beschreibt G. Situationen, in denen sie meint, dass die
Mädchen mit denen sie arbeitet „etwas von ihr wollen“:
Ja, was halt nett ist und was für vieles entschädigt ist, dass halt immer klar ist, die wol-
len ganz viel von dir. Also ich hab immer gewusst, die wollen halt unbedingt von mir
beachtet werden und das war ganz wichtig was ich sage und so. Das sind halt völlig an-
dere Arbeitsbedingungen. Dann ist es nicht so schlimm, wenn sie dann nicht unbedingt
machen was ich vorschlage, weil immerhin wollen die was von mir
Diese Äußerung bezieht sich auf die Arbeit im Freizeitbereich. Zu den Mädchen mit denen
G. im Rahmen der Bildungsarbeit arbeitet, macht sie keine positive Äußerung.
4.2.1.8 Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns
In Rahmen der Bildungsarbeit beschreibt G. ihr Handeln als „total didaktisch“ denn es geht
„immer darum etwas zu erreichen. Also zum Beispiel für ihre eigenen Bedürfnisse im Be-
reich Sexualität zu sensibilisieren“.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
141
Im Rahmen der Freizeitarbeit geht es eher darum,
...das zu machen was ihnen Spaß macht. Also ich hatt ziemlich schnell den Eindruck,
ich krieg da nur `nen Fuß auf den Boden, wenn ich was mache was die auch wollen.
Wozu sie Lust haben.
G. beschreibt einen Lernprozess bezogen auf ihr pädagogisches Handeln. So ist sie davon
abgekommen, sich zu Hause „wunderbare Bildungsspiele auszudenken“ sondern sie ver-
sucht, spontan auf die Bedürfnisse und jeweiligen Stimmungen von Mädchen im Freizeit-
bereich zu reagieren.
Na ja, und im Laufe der Zeit findest du dann schon heraus was ihnen dann mehr Spaß
macht und auch weniger. Oder warum ihnen bestimmte Sachen keinen Spaß machen.
Oder ob sie es nicht machen weil es ihnen keinen Spaß macht.
Bezogen auf einige Situationen reflektiert sie ihre Reaktionen als „zu hart“ oder empfindet
sich selber als zu „genervt“ und zu „grob“ um angemessen zu reagieren. In der Rückschau
ärgert sie sich manchmal über sich und ihr Handeln.
Ja, ich hab mich oft geärgert, weil ich so ungeduldig war. Also ich hab dann auch im
nach hinein gedacht, ich hätte dann in Situationen geduldiger sein müssen.
4.2.1.9 Interpretation
G. beschreibt in ihrem Interview zwei Arbeitsgebiete, zum einen das der außerschulischen
Jugendbildung und zum anderen das der sozialpädagogischen Gruppenarbeit mit Mädchen.
Strukturell sind beide Bereiche unterschiedlich. Im Bereich der außerschulischen Jugend-
bildung bewegt sich die Pädagogin in einem Rahmen, der im Gegensatz zur Arbeit im
Freizeitbereich relativ verregelt ist, denn sowohl die Themen als auch die Zeiten, in denen
pädagogische Arbeit geleistet wird, sind vorgegeben, weil die außerschulische Jugendbil-
dung in dieser Bildungsstätte ein Äquivalent zu Schule bzw. Berufsausbildung darstellt.
Der Rahmen der Gruppenarbeit hingegen ist weniger verregelt. Zwar wird den Mädchen
vom Jugendamt ein erhöhter Betreuungsbedarf attestiert, dennoch kommen die Mädchen
freiwillig dort hin, um sich zu treffen und um Spaß zu haben.
Obgleich beide Arbeitsbereiche unterschiedlich sind, schildert G. nur eine Intention mit der
sie in die Arbeitsfelder geht, nämlich „feministische Ideen“ in die Praxis umzusetzen. Da-
bei möchte sie an den Erfahrungen von Mädchen ansetzen und sie für ihre eigenen Bedürf-
nisse sensibilisieren. Ihr Handeln bezogen auf die Bildungsarbeit beschreibt sie als „total
didaktisch“ und es geht in dieser Arbeit immer darum, „etwas zu erreichen“, im Sinne von
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
142
etwas in Bewegung setzen. G. formuliert vor diesem Hintergrund im Zusammenhang der
Bildungsarbeit folgende Ansprüche an die Mädchen, mit denen sie arbeitet: Mädchen sol-
len sich öffnen, ihr sagen „was sie wirklich denken“ und ihr „erzählen, was sie wirklich
erlebt haben“, sie sollen in Rollenspielen „realistische Lösungsmöglichkeiten“ erarbeiten
und diese anschließend diskutieren und reflektieren. Exemplarisch für die Wünsche steht
folgende Situation aus der Bildungsarbeit mit Mädchen:
Zum Beispiel fanden die Rollenspiel toll, ja, wollten unbedingt Rollenspiel machen, wo
mit ich gar nicht gerechnet hatte. Also weil Rollenspiele erfordert ja schon `nen ganz
schönen Einsatz. Und dann haben sie, ich hatte so Rollenspiele zur Selbstverteidi-
gungssituationen, also zum Beispiel Situationen: Der Mathelehrer erklärt dir was nach
dem Unterricht und legt die den Arm um die Schulter und du willst das eigentlich nicht
und wie reagierst du. Und das haben die dann gespielt. Die haben wahnsinnig gekichert
dabei, nur rumgekichert und das dann irgendwie gespielt und die ganzen Situationen
dann eigentlich so aufgelöst, das sie dann zum Lehrer gesagt haben:“ Geh weg du
Arschloch“ und rausgelaufen sind. Also relativ unrealistische Lösungsvorschläge. Und
dann aber sozusagen den nächsten Schritt zu gehen und dann mit ihnen drüber zu spre-
chen ist das realistisch oder nicht und warum ist das nicht realistisch und was gäbe es
eigentlich für Lösungsmöglichkeiten, das war halt wiederum nicht drin, weil reden mit
denen nicht funktionierte. Und so was ist halt total frustrierend. Also einfach auch zu
merken, das kommt bei denen überhaupt nicht an was ich machen will.
Diese Situation lässt sich ähnlich wie die Eingangsgeschichte über das Federballspiel le-
sen. Das pädagogische Interventionsparadox (vgl. S. 127) scheint hier durch: Rollenspiele
erfordern nach Ansicht der Pädagogin einen „ganz schönen Einsatz“ und sind verbunden
mit einer pädagogischen Intention. In dieser Situation scheint die Intention von G. zu sein,
die Kompetenzen bezogen auf Selbstverteidigung bei den Mädchen zu fördern. Enttäuscht
ist die Pädagogin, als sie realisiert, dass die Mädchen das Rollenspiel nicht so spielen, wie
sie es sich vorgestellt hat. Die Selbstinszenierungen der Mädchen, und damit verbunden
eine andere Auflösung der Geschichte und in den Augen der Pädagogin damit „unrealisti-
sche Lösungsvorschläge“ anzubieten, werden hier als „frustrierend“ von der Pädagogin
beschrieben. Diese Frustration ist nachvollziehbar, wenn sie auf einer Annahme basiert, die
davon ausgeht, dass sozialwissenschaftliche Erkenntnisse automatisch Veränderungswis-
sen produzieren. In dieser Annahme wird jedoch der Realität der Eigendynamik von Sub-
jekten nicht Rechnung getragen. Diese Situation endet für die Pädagogin mit Frust und der
Eigensinn der Mädchen wird hier nicht produktiv genutzt, weder für ein In-Bewegung-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
143
setzen der Mädchen, noch für eine Reflexion der Herangehensweise der Pädagogin. Dies
spiegelt sich auch in der folgenden Geschichte wieder:
Ich hab ja früher fast immer nur Mädchengruppen gehabt. Und dann dacht ich immer,
also wir hatten ja auch einen biographischen Ansatz, und auch um festzustellen was sie
auch für Träume haben, wie sie sich ihr eigenes Leben vorstellen, so Bilder von allen
möglichen verschiedenen Frauen, Fotos aus Zeitschriften, aber möglichst auch Alte,
und alle Nationalitäten und alles, die sollten möglichst unterschiedlich Aussehen, aus-
geschnitten und jedes Mädchen soll sich dann eine raussuchen und dann sagen, warum
sie die sympathisch findet und ob sie sich vorstellen kann, dass die so lebt wie sie auch
mal selbst leben möchte und dann sich `ne Geschichte ausdenken, wie diese Frau so
lebt. Jetzt hab ich mir gedacht, warum eigentlich nur mit Frauen und eigentlich kann
ich das ja auch mit Männern machen und vielleicht gibt es ja bestimmte Mädchen die
gern so leben möchten wie Männer. Und eigentlich glaube ich, das stimmt auch. Bloß,
so wie ich das dann gemacht habe, ging es irgendwie völlig in die Hose, weil die mir
nicht zugehört haben und sich dann einfach nur einen rausgegriffen haben und sich
dann irgendwelche Armanimodelltypen, die sie dann besonders gut aussehend fanden,
rausgesucht haben. Und das ging halt nicht darum, dass die sich jetzt halt wahnsinnig
mit dem identifizieren und auch am liebsten ein männliches Modell wären, sondern es
geht halt schon darum, dass der halt gut aussieht und deswegen haben sie den ausge-
sucht. Viele Mädchen hatten sich dann Männer rausgesucht, und die Jungs zum Teil
auch und irgendjemand hat es aufgebracht, also irgendein Junge hat es aufgebracht; ei-
ne Frage die sie beantworten sollten zu den Bildern war: Was wünscht sich diese Per-
son für die Zukunft? Und dieser Junge hatte geschrieben, er möchte mit Pamela Ander-
sen ins Bett gehen. Und darauf hin alle Mädchen auch das Gleiche über ihre männli-
chen Modells. Sein größter Traum ist es, mit Pamela Andersen ins Bett zu gehen. Und
das war halt. (Pause) Also, erstens war es nicht möglich zu sagen, wir wollen mit ihnen
sprechen, weil es war ja eh nicht möglich mit ihnen zu sprechen. Und dann hat ich in
dieser Situation halt schon den Eindruck, es geht, in der reinen Mädchengruppe wär das
anders gelaufen. Die Mädchen hätten das nicht geschrieben. Ich weiß es nicht ob es so
ist. Aber ich hatte schon so das Gefühl, das es halt, dass sich da so ein Gruppenkonsens
etablieren konnte, der in dem Fall halt sehr stark von den Jungen beeinflusst war. In der
reinen Mädchengruppe wär’s wahrscheinlich nicht so gewesen und dann wär’s wahr-
scheinlich auch leichter gewesen mit ihnen darüber zu sprechen.
G. greift in dieser Situation auf eine Methode zurück, die sich bei ihr im Rahmen der Mäd-
chenarbeit bewährt hat und überträgt diesen Ansatz auf eine gemischtgeschlechtliche
Gruppe im Rahmen der Bildungsarbeit. Ihre Erwartungen scheinen in dieser Situation von
den Jugendlichen nicht erfüllt worden zu sein. Ihr Ziel ist, dass die Jugendlichen Fotos von
Personen heraussuchen, und sich überlegen, wie diese Personen leben und ob sie auch gern
so leben würden wie diese Personen. Die Pädagogin äußert die Hoffnung, dass Mädchen
sich Fotos von Männern heraussuchen, weil sie gern so leben würden wie Männer. Es
scheint, als wollte G. mit dieser Übung Abweichungen von geschlechterstereotypen Zu-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
144
schreibungen und Erweiterungen von Lebensentwürfen erreichen und muss nun erkennen,
dass sich die Jugendlichen im Gegenteil in diese Zuschreibungen hineinbegeben.
Auch hier ist G. nicht zufrieden mit der Situation, die Selbstinszenierungen der Jungen und
Mädchen veranlasst sie zu der fast resignativen Aussage, dass es „nicht möglich war mit
ihnen zu sprechen“. Den Widerspruch den sie bei den Jugendlichen mit ihrer pädagogi-
schen Intervention erzeugt, in dem sie sich analog der Zuschreibungen an die Geschlechter
verhalten haben, greift sie in diesem Fall nicht auf, sondern glättet ihn, indem sie die Ver-
antwortung für das Scheitern am Ende dieser Situation den Jugendlichen ( „reden war mit
ihnen nicht möglich“) bzw. der Zusammensetzung der Gruppe ( „in einer reinen Mädchen-
gruppe wär das anders gelaufen“) zuschreibt.
Ihren Ärger bzw. ihre Enttäuschung stellt G. in Zusammenhang mit der Ablehnung der
Mädchen gegenüber den Angeboten, die sie vorbereitet hat, „die sind irgendwie nie so
drauf eingestiegen, was ich vorgeschlagen hab wie ich mir das gewünscht hätte.“ Beispiele
hierfür sind Rollenspiele, die sie vorbereitet hat, und im Rahmen derer sie nicht so mit den
Mädchen diskutieren kann, wie sie sich das gewünscht hätte „weil reden mit denen nicht
möglich war“, oder Übungen zum Thema Lebensentwürfe, bei denen Mädchen nicht die
Personen wählen, die G. sich gewünscht hätte bzw. ihre Wahl in den Augen der Pädagogin
nicht adäquat begründen.
G. betont, dass es ihr um die Erfahrungen der Mädchen geht „es geht mir um ihre Erfah-
rungen, es geht mir darum, was zu machen, was ihnen Spaß macht.“ Lehnen die Mädchen
das von G. vorbereitete Angebot ab, fühlt sie sich als Person missachtet „also diese kom-
plette Missachtung meiner Person, dass ärgert mich dann.“ G. wünscht sich von den Mäd-
chen Anerkennung, „dass die mich jetzt jedenfalls irgendwie wahrnehmen“. Hier spiegelt
sich ein Verhältnis von Nähe und Distanz und von Erwartung und Enttäuschung wieder.
Nachdem aus einer Situation von Nähe („es geht mir um ihre Erfahrungen“) nicht das pas-
siert was die Pädagogin erwartet hat („dass die mich jetzt irgendwie wahrnehmen“), geht
die Pädagogin mit ihrer Enttäuschung auf Distanz.
Es scheint, dass G. sich in solchen Momenten von den Mädchen distanziert, als entziehe
sie ihnen ihre Unterstützung, in dem sie sich abwertend über Mädchen äußert, sie im Inter-
view als blöd bezeichnet oder ihnen unterstellt, dass „reden nicht mit denen nicht funktio-
nierte“. G. scheint in diesem Zusammenhang im Rahmen ihrer Bildungsarbeit in eine Be-
wegung der Entlastung zu gehen. Mit feministischen Ansprüchen hat dies zunächst nicht
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
145
unmittelbar zu tun, vielmehr schimmert hier ein verbreitetes pädagogisches Muster durch,
dem die Annahme zu Grunde liegt, dass von der Pädagogin z.B. für Jugendliche Ziele for-
muliert werden, die mit der „richtigen“ Herangehensweise, also der adäquaten Methode
erreicht werden könnten. Pädagogik bekommt so etwas Vereinnahmendes, etwas „Über-
stülpendes“, wird sinnbildlich gesprochen, zu einem Trichter, indem nicht mehr Jugendli-
che selbst mit ihren Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen, sondern die von anderen formu-
lierten Ziele und damit verbundenen Methoden. Gleichzeitig ist diese „allgemein pädago-
gische“ Herangehensweise im vorliegenden Interview verbunden mit feministischen Über-
zeugungen. Die Pädagogin beschreibt ihren Zugang zum Feminismus als sehr persönlich,
über eine „feministische Mutter“. Die pädagogischen Interventionen sind so gekoppelt an
eine feministische Überzeugung, die von sich in Anspruch nimmt, etwas Positives für
Mädchen und Frauen erreichen zu wollen. So werden die Interventionen noch über allge-
meine pädagogische Ansprüche hinaus moralisch verwoben mit feministischen Argumen-
tationen. Die Strategie, die von G. geschildert wird, interpretiere ich im Rahmen des Inter-
views als „Rationalisierung49 von Scheitern“: nicht die Pädagogin selbst mit ihren Zielvor-
stellungen und Methoden unterzieht sich einer Reflexion, sondern die Pädagogin ver-
schiebt zu ihrer nachträglichen Entlastung die Verantwortung für die Situation auf die
Mädchen und wertet sie mit ihren Äußerungen ab. Damit wandelt sich ihr distanziertes
Verhalten den Mädchen gegenüber in abwehrendes Verhalten. Dieses Vorgehen kann der
Struktur geschuldet sein, in der sich G. im Rahmen der Bildungsarbeit bewegt. Zwar sind
die Umstände nicht so verregelt wie im schulischen Bereich, da jedoch die Jugendlichen
freigestellt werden von der Schule für die Zeit, die sie in der Bildungseinrichtung verbrin-
gen, schwingt in der Arbeit implizit die Forderung mit, dass die Jugendlichen „etwas ler-
nen“ sollen. Interessant ist nun, wie sich G. im Rahmen der Freizeitarbeit mit Mädchen
verhält.
G.`s im Interview formulierte Intention die „feministischen Ideen“ in die Praxis umzuset-
zen äußert sich in der sozialen Gruppenarbeit mit Mädchen in ihrer Erwartung, dass Mäd-
chen von tradierten Geschlechterstereotypen abweichen, mit Jungen Fußball spielen (vgl.
S. 147) und sich auf Partys für die Musik verantwortlich fühlen (vgl. S. 146). Ein femini-
stisches Mädchenideal ( vgl. Kapitel 3.4: 123), welches die Vorstellung von einem starken,
49 Tiefenpsychologisch bezeichnet Rationalisierung das verstandesmäßige Rechtfertigen eines Verhaltens,
sozusagen eine “innere Ausrede“. „Das Ich ersetzt aus dem Es stammende wahre, aber nicht eingestandene
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
146
mutigen, selbstbewussten Mädchen beschreibt, ist ein wichtiger Aspekt in G.`s Herange-
hensweise an die Arbeit mit Mädchen. Erfüllen die Mädchen dieses Ideal nicht, beschreibt
G. ihre Enttäuschung darüber als „feministisches Ärgern“. In Situationen, in denen dieses
feministische Ärgern auftritt, reagiert G. ähnlich wie in den Situationen, die sie aus der
Bildungsarbeit schildert: sie entzieht sich der Situation und reagiert nach dem Motto:
„wenn die Mädchen nicht annehmen wollen was ich ihnen biete, dann sind sie eben blöd“:
Dazu fällt mir eine Situation ein, wiederum mit dieser (...) Mädchengruppe. Die wollten
unbedingt eine Disco machen und auch Jungs einladen und das fand ich ja auch alles
toll und sollte auch geschehen und dann ging´s darum welche macht die Musik und
dann haben sie plötzlich alle gesagt: „Du, wenn da Jungs kommen, dann machen die
Jungs die Musik. Das ist immer so.“ Und ich war am Anfang relativ relaxt und hab ge-
sagt: „Ne, und macht ihr das mal, ist ja schließlich eure Party“. Und dann haben die
sich total darin verbissen und haben immer gesagt:“ Ne, und das ist so und die kommen
dann und das ist immer so und die können das auch besser und wir machen die Musik
nicht.“ Und das hat mir so gestunken. Dann hab ich gesagt :“O.k., dann gibt es keine
Party. Entweder ihr macht Musik oder es gibt keine Party.“ So hart habe ich normaler-
weise nicht reagiert. Ich hab halt mit so krassen Sanktionen, das hat natürlich sofort
gewirkt weil sie alle völlig scharf auf diese Party waren. Mit so krassen Sanktionen ha-
be ich noch nicht gearbeitet. Ich dachte das darf doch nicht wahr sein. Das die im Ernst
erzählen, sie brauchen sich jetzt noch nicht mal Gedanken um die Musik zu machen,
weil die Jungs das sowieso viel lieber machen.
G. möchte, dass die Mädchen auf ihrer eigenen Party sich selbst für die Musik zuständig
fühlen. Ihrer Situationsbeschreibung nach wird diese Erwartung jedoch nicht erfüllt. G.
muss hingegen feststellen, dass die Mädchen trotz ihrer kontinuierlichen Arbeit mit ihnen
wie selbstverständlich den Jungen den Part des Musikmachen überlassen wollen. G rea-
giert ärgerlich „das hat mir so gestunken“ und sanktioniert das Verhalten der Mädchen mit
dem Absagen der Party. Damit entzieht G. ihnen ihre Unterstützung, bestraft die Selbstin-
szenierungen der Mädchen und glättet so den Widerspruch, zwischen ihren Anforderungen
an die Mädchen und dem Verhalten der Mädchen in der Situation.
Sie nimmt damit eine distanzierte Haltung zu den Mädchen ein, in dem sie zunächst nicht
ihre pädagogische Intention in Frage stellt, sondern ihre Zielgruppe. Damit kommt G.`s
Ansatz mit Mädchen zu arbeiten in dieser Situation, die „feministischen Ideen, die ich so
kannte, in die Praxis umzusetzen“, einem „Trichtermodell“ von Pädagogik nahe.
Motive (vom Über-Ich verboten) durch unwahre, aber eingestandene Motive (vom Über-Ich nicht verbo-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
147
Im Unterschied zu der Arbeit im Bildungsbereich jedoch, begibt sie sich im Interview in
einen Ansatz einer Bewegung der Reflexion ihres Tuns, in dem sie z.B. ihr Handeln als
„hart“ einschätzt weil sie die Party dann eben absagt, wenn die Mädchen die Musik nicht
machen wollen. Ihre Reflexion bezieht sich jedoch in erster Linie auf die Sanktion, die sie
ausgesprochen hat und nicht bezogen auf das Verhalten der Mädchen. Das Verhalten der
Mädchen ist ihrer Einschätzung nach weiterhin sanktionswürdig. Dies ist in der folgenden
Situation anders. Im Rückgriff auf ihr eigenes Mädchen-Sein wird sie sensibilisiert für das
Verhalten der Mädchen:
Wir sind über Monate immer mit der Gruppe auf so ein Sportfeld gegangen. So mit
Fußballplatz und Abenteuerspielplatz und Basketballplatz. Am Anfang war das so, dass
die ganz gerne selber auch so was wie Basketball oder Fußball gespielt haben (Pause)
Da muss ich mal überlegen. Wir waren da häufig alleine Irgendwann gab es mal eine
Situation, als die auch schon ein bisschen älter waren die meisten Mädchen in der
Gruppe, das wir da hinkamen und da haben Jungs gespielt. Fußball oder Basketball.
(Pause) Ja genau, da war es so, dass einige von den Mädchen sich dann daneben ge-
stellt haben und zugeguckt haben und dann hab ich gesagt:“ Ja, wenn ihr mitspielen
wollt, könnt ihr die ja mal fragen.“ Und die haben dann gesagt: “Die Jungs, die spielen
doch viel besser als wir. Mit Jungen können wir nicht mitspielen und wollen wir auch
überhaupt nicht.“ Das fand ich schon mal blöd. Dann habe ich versucht sie überreden,
dass wir was anderes machen und das wollten sie dann auch nicht. Da haben sie ge-
sagt:“ Ne, wir bleiben jetzt hier stehen und wir gucken die ganze Zeit den Jungs zu.“
Und da hab ich auch, also das fand ich zwar blöd aber dann (Pause) ich hab dann nicht
gesagt, das dürft ihr nicht. Ich war da ziemlich hilflos im Gegensatz zu dieser Musik-
situation.
Auch diese Situation schildert G. so, dass ihre Enttäuschung über die Mädchen deutlich
wird „das fand ich ziemlich blöd“. G. hat den Wunsch, dass die Mädchen aktiv mitspielen,
dass die Mädchen nur zuschauen wollen, gefällt ihr nicht. Der Mechanismus, eine distan-
zierte Haltung gegenüber den Mädchen einzunehmen, wird in dieser Situation jedoch
durchbrochen. Sie findet die Situation und die Mädchen blöd und fühlt sich gleichzeitig
hilflos. Hier scheint sie den Widerspruch zwischen pädagogischer Intervention und dem
Verhalten der Mädchen aufzunehmen, denn im Rückgriff auf ihr eigenes Mädchen-Sein
hat sie Verständnis für die Mädchen und kann sie vor diesem Hintergrund in ihrem Eigen-
sinn wahrnehmen.
ten)“(Dorsch Psychologisches Wörterbuch, 1998: 715).
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
148
Ich hätte auch nie in dem Alter mit Jungs Fußball gespielt. Ich habe es immer gehasst,
wenn wir mit den Jungs Sport hatten. Soweit kann ich ihnen da schon folgen. Das kann
ich total verstehen.
G. scheint sich auf die Mädchen im Rahmen der sozialen Gruppenarbeit eher einlassen zu
können. So beschreibt sie, dass sie im Verlaufe ihrer Arbeit zu der Erkenntnis gelangt ist,
spontan auf die Bedürfnisse der Mädchen reagieren zu können und zu müssen. Dennoch,
ihre Enttäuschung über Mädchen schildert sie immer wieder. Gleichzeitig fühlt sie sich
von den Mädchen in der sozialen Gruppenarbeit eher angenommen als von denen in der
Bildungsarbeit „Die waren total orientiert auf die Beziehung zu mir“ und sie fühlt sich für
vieles entschädigt, weil die Mädchen „was von ihr wollen“. Die Mädchen wollen zwar
nicht unbedingt das, was G. sich für sie vorstellt, ihr „feministischer Ärger“ darüber aber
wird gemildert: „Dann ist das nicht so schlimm, wenn sie nicht unbedingt das machen was
ich vorschlage, weil immerhin wollen die was von mir.“
In dem Moment, in dem G. sich als Person und als Pädagogin von den Mädchen ange-
nommen fühlt, kann sie ihren Mechanismus der Verantwortungsverschiebung und die Ve-
hemenz mit der sie in eine distanzierte Haltung zu den Mädchen geht, zwar nicht komplett
aufgeben, ihn jedoch reflektieren und relativieren. Vor diesem Hintergrund wird deutlich,
dass die Strukturen, in denen sich die Pädagogin mit ihrem pädagogischen Handeln be-
wegt, Einfluss haben auf die Art und Weise mit der sie sich auf die Mädchen, mit denen sie
arbeitet, einlassen kann.
4.2.2 „Da hätt ich mir ein bisschen mehr professionelle Distanz gewünscht. Von mir
selber.“ Geschichten aus der Mädchenbildungsarbeit von E.
4.2.2.1 Biographische Zugänge – die Kurzbiographie von E.
E. ist 1966 in Westdeutschland geboren. Während ihres Studiums der Politologie und der
Geschichte ist sie ehrenamtlich in Frauengruppen aktiv. Zunächst in der studentischen
Frauenfachbereichsgruppe und später im Lesbenreferat der ASTA einer Universität in
Berlin. Neben ihrem Studium, arbeitet E. als Teamerin in der politischen Jugendbildung.
Später wirkt sie in Australien an der Erstellung eines Handbuchs für Studentinnen mit und
konzeptioniert eine Praktikumbörse für Studentinnen. Zurzeit ist sie als Jugendbildungsre-
ferentin tätig.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
149
4.2.2.2 Die Arbeitszusammenhänge von E.
E. arbeitet wie G. innerhalb von Bildungszusammenhängen mit Mädchen. Das Setting ist
identisch: Fünf Tage kommt eine Schulklasse in eine Bildungsstätte um zu einem Thema
zu arbeiten. Die Klassen werden i.d.R. in geschlechtshomogene Gruppen geteilt und bear-
beiten in diesen Kleingruppen Aspekte des Wochenthemas. Die Einteilung der Arbeits-
gruppen erfolgt in einem vorbereitenden Besuch in der Schule. E. arbeitet dann im Seminar
mit den Mädchen bzw. Frauengruppen. In ihrem Interview berichtet sie über ihre Semina-
rerfahrungen mit jungen Frauen im Alter von 16-23 Jahre.
4.2.2.3 Zugänge zur Mädchenarbeit.
E. beschreibt, wie sich ihre Herangehensweise mit Mädchen zu arbeiten im Laufe ihrer
praktischen Arbeit verändert hat.
Ja und mein Konzept von Mädchenarbeit hat sich seitdem ich in der Mädchenarbeit ar-
beite sehr, sehr verändert. Also am Anfang bin ich auch so angetreten, so ähnlich wie
bei der Möhlke/Reiter also insofern hat`s auch `ne Geschichte auch warum ich mich
darüber so aufrege. Als ich angefangen hab in der Mädchenarbeit zu arbeiten war ich,
ja mit hehren Zielen befrachtet von: die armen Mädchen sind unterdrückt und ich
möchte ihnen helfen sich zu entfalten und irgendwie ihre Räume zu erkämpfen und sich
mehr zur Wehr zu setzen und dass sie sich ihrer Unterdrückung bewusst sind.
Sie schätzt ihr Konzept zur Mädchenarbeit als theoriegeleitet ein und beginnt im Rahmen
ihrer Arbeit neue Prioritäten für ihr Konzept mit Mädchen bzw. jungen Frauen zu arbeiten
zu entwickeln.
Natürlich hat ich da ganz viel Theorie auch zu im Kopf und die würde ich auch nach
wie vor sagen, die stimmt auch heute noch so. Also ein gesamtgesellschaftlicher Blick
ist sozusagen, da gibt’s einfach Hierarchisierungen und ich find, die sind auch anzumä-
keln und auch den Mädchen deutlich zu machen, dass ihre Erfahrungen die sie machen
nicht nur, ja sozusagen ihre persönlichen, individuellen, vielleicht sogar noch Schuld,
also schuldhafte Erfahrungen sind, sondern dass das einfach gesellschaftliche Struktu-
ren sind und Zwänge, in denen sie leben, und mit denen sie auch behandelt werden.
Wichtig wird ihr im Verlaufe ihrer Arbeit zunehmend, die Differenzen zwischen Mädchen
in den Blick zu nehmen.
Der andere Teil, der aber zunehmend wichtiger geworden ist, ist erst mal einsehen, dass
es `ne Differenz auch zwischen den Mädchen gibt. Also ein Mädchen ist nicht wie das
andere, es gibt also auch Hierarchisierungen auch in Mädchengruppen und die Art und
Weise, wie sie mit ihren Schwierigkeiten untereinander umgehen fand ich zunehmend
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
150
lohnenswerter in den Blick oder lohnenswerter mit ins Ziel zu nehmen. Also eben nicht
nur zu sagen: ihr Armen, ihr seid alle unterdrückt und jetzt wollen wir mal gucken wie
wir gemeinsam gegen die bösen Jungs, also auch das wieder sehr platt, sondern dass
ich zunehmend mehr dazu hingekommen bin auch kritisch, also nicht nur zu stärken,
sondern sie auch kritisch zu hinterfragen. Und (Pause) Jetzt muss ich mal überlegen, al-
so, ja, dass heißt es geht mir also sehr da drum sie zu fragen, wo grenzen sie aus, wie
grenzen sie aus, warum grenzen sie aus und wenn irgendwas schwierig wird, wie gehen
sie denn dann damit untereinander um.
4.2.2.4 Die Erwartungshaltungen der Pädagogin an Mädchen, mit denen sie arbei-
tet.
E. schildert ihren Wunsch an die jungen Frauen, mit denen sie arbeitet, dass sie in der Lage
sind, ihre Bedürfnisse zu artikulieren: „So klare Statements“. Sie beschreibt, dass sie die
jungen Frauen provozieren möchte, aus ihrer „Bedienhaltung“ herauszukommen. Sie
wünscht sich Eigenverantwortlichkeit:
Eigenverantwortlichkeit und für das Eigene auch einstehen, für das eigene Wollen ein-
stehen und das eigene Wollen und die eigenen Interessen artikulieren und dann mitge-
stalten und sich damit bewusst werden, dass sie sozusagen mitgestalten, also sie sind
nicht passiv, also es gibt nicht Nichttun.
Wichtig ist ihr auch, das junge Frauen beginnen, zu „hinterfragen“ und damit ihren Hori-
zont erweitern. Sie erwartet von den jungen Frauen, dass sie mit ihnen in „Verhandlung“
treten kann, und sie wünscht sich Ehrlichkeit, insbesondere bezogen auf Ohnmachterfah-
rungen von jungen Frauen.
Da würd ich mir vielmehr Ehrlichkeit wünschen. Auch wegen mir eingestehen der
Ohnmacht und dann zu überlegen, was geht denn dann weiter.
4.2.2.5 Bilder, die die Pädagogin über Mädchen, mit denen sie arbeitet, entwirft.
E. beschreibt junge Frauen im Interview als „lethargisch“, resigniert „das klappt ja eh
nicht“ und als passiv.
Also wenn ihnen irgendwas nicht passt, ziehen sie sich zurück, anstatt dann dafür ein-
zustehen, dass sich irgendwas verändert, dass es ihnen passt. Und ich glaube, die kom-
men noch nicht mal auf die Idee, dass sie das tun könnten. Also es ist nicht mal `ne be-
wusste Entscheidung dagegen, sondern diese Alternative gibt es nicht.
Sie vermisst bei den jungen Frauen den „Kämpferinnengeist“ und moniert das ihrer An-
sicht nach unüberlegte Einfügen der jungen Frauen in scheinbar vorgezeichnete Lebens-
wege.
Also es ist einfach nicht in ihrem Kopf drin, dass es Nebenwege an dem einen oder an-
deren Punkt gibt. Alternative Lebensgestaltung oder einfach mal überlegen, von das ist
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
151
gut oder ist das denn nicht so gut oder ja und das wird dann einfach auch nicht auspro-
biert. Es wird nicht gedacht.
4.2.2.6 Die Enttäuschungen der Pädagogin, bezogen auf eine Diskrepanz zwischen
ihren Zielsetzungen und dem Verhalten von Mädchen mit denen sie arbeitet.
E. ist enttäuscht, wenn sie etwas vorbereitet hat und die jungen Frauen keine keine Lust
dazu haben, diese Unlust jedoch nicht klar formulieren.
Aber erst mal merk ich, dass mich das sehr ärgert, diese Art und Weise des rausziehens.
Und ich glaube, dass das in ganz vielen Situationen passiert.
Sie moniert eine „lethargische Haltung“ die sie „tierisch hochbringt“.
4.2.2.7 Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit als positiv einschätzt.
Als positive Momente bewertet E. solche, in denen sie das Gefühl hat, mit den Mädchen in
Verhandlung treten zu können.
Ja, da freu ich mich dann, also wenn ich im Seminar an so`n Punkt gekommen bin, wo
ich das Gefühl hab: ja, also wir können miteinander reden über das wie wir das gestal-
ten und welche Inhalte.
Positiv bewertet E. darüber hinaus, wenn die jungen Frauen ihren Fokus erweitern und z.B.
andere Lebenswege in den Blick nehmen.
Und wenn sie dann da zurückkommen, gibt es manchmal die Situation, dass sie sagen:
oh, da bin ich gar nicht drauf gekommen dass man das so machen kann. Also das ist
dann so was, was mich dann auch freut.
Eine Abweichung vom „Mainstream“ möchte E. mit ihrer Arbeit provozieren. Sie bewertet
es als „klasse“ wenn die jungen Frauen sich darauf einlassen.
4.2.2.8 Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns
E. beschreibt einen Veränderungsprozess in ihrer pädagogischen Haltung. Sie versucht, die
Verantwortung für das Seminargeschehen teilweise an die Teilnehmerinnen abzugeben,
ihnen Entscheidungen abzuverlangen und sie so verantwortlich mit einzubeziehen.
Ja und letztlich möchte ich gerne also für mich emotional sozusagen dahin kommen,
dass wenn sie sich dagegen entscheiden, dieses Wissen oder diese Handreichung, wie
du es nennst anzunehmen, dann ist das ihre Entscheidung.
E. wünscht sich diesbezüglich mehr Souveränität von sich selbst und konstatiert in diesem
Zusammenhang bei sich einen „gewissen missionarischen Mitteilungsgeist“.
Es ist so`ne Idee von dass ich da doch ganz schön dahinterstehe also im Sinne von su-
peridentifiziert bin und es dann wirklich als ne persönliche Kränkung empfinde, wenn
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
152
sie das nicht annehmen. Also ich glaube, da muss oder möchte ich gern `n bisschen
loslassen von, also mehr an den Punkt kommen von das ist ein Angebot und ein groß-
artiger Schatz den wir euch da bieten und wenn ihr das nicht wollt, dann habt ihr eure
Gründe.
Auf einer anderen Ebene reflektiert sie ihre hohe Anspruchshaltung, die sie an die jungen
Frauen hat und findet, das „wir den Mädchen damit zu viel zumuten“.
Und ich hab den Eindruck, wir haben in unserem heimlichen Lehrplan stehen: Reflexi-
on des Weiblichkeitskonzepts, Bezugnahme auf reale Situationen, also eine Abglei-
chung auf die Realsituation der Mädchen und ´ne Veränderung.
4.2.2.9 Interpretation
E. beschreibt ihre Arbeit in einer Bildungsstätte, in der relativ verregelte Arbeitsbedingun-
gen herrschen. So muss u.a. eine bestimmte Anzahl an Seminarstunden pro Tag geleistet
werden, und die Jugendlichen sind verpflichtet an dem Seminar teilzunehmen.
E. beschreibt einen sehr theoriegeleiteten Zugang zur Mädchenarbeit zu haben, denn ex-
pressis verbis bezieht sie sich auf das Konzept von Gabriele Möhlke und Gabi Reiter (vgl.
Kapitel 3.3.4). Vor diesem Hintergrund möchte E. Mädchen mit und durch ihre Arbeit un-
terstützen, aus ihrer im hierarchischen Geschlechterverhältnis zugeschriebenen, unterge-
ordneten Position heraus zu treten. Sie möchte ihnen helfen, sich „zu entfalten und irgend-
wie ihre Räume zu erkämpfen und sich mehr zur Wehr zu setzen, und dass sie sich ihrer
Unterdrückung bewusst sind.“
In E.´s Reflexion ihrer praktischen Arbeit fließen sowohl gesellschaftlich determinierte
Benachteiligungen von Mädchen und jungen Frauen mit ein, als auch ein Wahrnehmen
von Hierarchien und Machtdynamiken innerhalb von Mädchengruppen. Ihr Ansatz in der
Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen, besteht zum einen in der positiven Bewertung
bzw. Aufwertung von Mädchen und zum anderen in einer kritischen Sicht auf Mädchen
und junge Frauen, „also nicht nur sie zu stärken, sondern sie auch kritisch zu hinterfragen.“
E. wünscht sich von den Teilnehmerinnen, dass sie sich klar und deutlich positionieren.
Das würde E. als „als tollen Erfolg“ für sich und ihre Arbeit werten. Stattdessen verhalten
sich die Mädchen bzw. jungen Frauen aus E.`s Sicht scheinbar passiv:
...ich biete ihnen was an und find das eigentlich auch klasse und denke ich mach ihnen
das auch deutlich warum ich das klasse finde und sie wollen das einfach nicht. Sie fin-
den’s einfach nicht toll (lacht) Und sie wollen’s nicht, dass ist noch nicht das was mich
ärgert also das ist dann erst mal so. Aber die Art und Weise wie sie dieses Nichtwollen
ausdrücken da muss ich ganz stark aufpassen also nicht in so`ne Motzstimmung zu
kommen und dann total gegen zuhauen sozusagen. Also das sie dann irgendwie, sie
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
153
verweigern sich, sie ziehen sich zurück, sie schmollen, kommen zu spät oder entziehen
sich, anstatt sich hinzustellen und zu sagen: so nun hör mal zu hier, das passt uns nicht
wir wollen das und das. So, das sind sie zum Teil aus ihrer Schule gewöhnt auch da ha-
ben sie keine anderen Möglichkeiten in diesen Strukturen aber sie transportieren das
auch völlig in die Arbeit mit mir und da merk ich, dass ich mich persönlich darüber är-
ger (...) Also ich wünsche mir an dem Punkt wirklich welche die dann dastehen und sa-
gen: das ist ja nett, was du hier vorbereitet hast, aber das möchte ich nicht. Und damit
kann ich gut leben. Also das, ja, das möchte ich nicht und ich möchte gern das und das.
Also ich denk damit, ja, das würde mir gefallen. Das fände ich `nen tollen Erfolg. Also
müsst ich mal gucken was es dann ist konkret und ob ich dann mich dann da persönlich
gekränkt fühle oder so. Aber erst mal merk ich, dass mich das sehr sehr ärgert, diese
Art und Weise des rausziehens.
In dieser Situation wird eine Diskrepanz zwischen der Intention der Pädagogin und dem
Handeln bzw. der Verweigerung der jungen Frauen deutlich. Das Gefühl des Ärgerns über
die Selbstinszenierungen der jungen Frauen illustriert dies.
„Sie verweigern sich, sie ziehen sich zurück, sie schmollen, kommen zu spät oder entzie-
hen sich.“ E. wünscht sich stattdessen, dass die Mädchen offensiv für ihre Interessen ein-
treten, „...sich hinzustellen und zu sagen: so nun hör mal zu hier, dass passt uns nicht, wir
wollen das und das.“ E. nimmt wahr, dass sich Mädchen in ihren Seminaren analog der
gesellschaftlichen Zuschreibungen an Mädchen und Frauen folgend, passiv verhalten.
Gleichzeitig thematisiert sie die Möglichkeit einer persönlichen Kränkung, sollten die jun-
gen Frauen tatsächlich ihrer Anforderung folgend aktiv in das Seminargeschehen eingrei-
fen und E.´s Vorschläge offensiv ablehnen. Trotz dieser Überlegung wünscht sie sich
„Kämpferinnengeist“ von den jungen Frauen:
Ja und ich glaube diese, ich sag jetzt mal die Lethargie, die ich da manchmal spür, also
vor allem dieses: öh das klappt ja eh nicht. So mit denen sie also, ja hab ich den Ein-
druck, ja, die sehr produziert ist durch die derzeitige aktuelle Situation aber mich ein-
fach tierisch ärgerlich macht. Also das zieht sich durch in Beziehungen, das zieht sich
durch in der Art und Weise der Berufsfindung, obwohl ich sehr wohl weiß, wie schwie-
rig es ist `nen Ausbildungsplatz zu kriegen oder so und wie aussichtslos es für manche
Mädchen ist. Das ist jetzt mal also jenseits dessen das weiß ich und trotzdem so diese
lethargische Haltung von: oh, muss ich gar nicht probieren, hat ja keinen Sinn, die
bringt mich wahnsinnig hoch. Also, ja, da vermiss ich viel an, ja, Kämpferinnengeist
oder so.
Auch diese Situation illustriert, dass die Pädagogin sich ärgert, wenn die jungen Frauen
eben nicht den gewünschten Kämpferinnengeist zeigen. Sie ärgert sich zwar, versucht je-
doch gleichzeitig Verständnis für die Lebensrealitäten der jungen Frauen aufzubringen und
kann so ihren Ärger relativieren.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
154
E. ärgert sich i.d.R. dann über Mädchen und junge Frauen, wenn sie meint, dass sie sich
ohne Alternativen in den Blick zu nehmen, in tradierte Konventionen von Frausein in die-
ser Gesellschaft fügen.
Alternative Lebensgestaltung oder einfach mal überlegen von ist das den gut oder ist
das denn nicht so gut und das wird dann einfach auch nicht ausprobiert. Es wird nicht
gedacht.
Als positives Moment ihrer Arbeit benennt E. Situationen, in denen sie das Gefühl hat,
dass sich die jungen Frauen für ihr Seminarkonzept öffnen und alternative Möglichkeiten
der Lebensgestaltung in den Blick nehmen.
Also die waren 19, 20 so, war`n schon in der Ausbildung und `ne andere hat gesagt sie
hätte irgendwie erfahren, dass es auch Nebenwege gäbe, die man einschlagen kann und
die total fruchtbar sind und nicht alles in diesem Mainstream läuft. Und das ist so was
wo ich denke: ja. Das fand ich klasse. Und was jetzt nicht heißt, und das hab ich dann
noch mal ganz klar gesagt und das war ihnen auch klar: Mainstream ist Scheiße per se.
Also es ist auch in Ordnung zu sagen, ich entscheide mich an dem Punkt für Mainstre-
am.
Wichtig ist ihr darüber hinaus, mit den Teilnehmerinnen „in Verhandlung“ treten zu kön-
nen.
Während des Interviews beginnt E. ihr pädagogisches Handeln zu reflektieren. Mit ihren
feministischen Zielsetzungen beschreibt sie sich als „superidentifiziert“ und formuliert,
dass sie es als „persönliche Kränkung“ empfindet, wenn junge Frauen nicht das Angebot
annehmen, welches sie ihnen macht. E. wünscht sich, dass sie in eine Position gelangt, in
der sie es schafft, mehr von ihren feministisch geprägten Idealvorstellungen abzurücken.
Also, da muss ich oder möchte ich gern ein bisschen loslassen von. Also mehr an den
Punkt kommen, von das ist ein Angebot und ein großartiger Schatz, den wir euch da
bieten und wenn ihr das nicht wollt, dann habt ihre eure Gründe.
Die hohen Anforderungen die im Rahmen der Mädchenarbeit an Mädchen und junge Frau-
en gestellt werden, betrachtet sie angeregt durch das Interview ebenfalls kritisch:
Am Anfang meiner Arbeit hab ich immer gewollt, dass die Mädchen was weiß ich in
Form von Rollenspielen versuchen, alternative Handlungsweisen auszuprobieren.(...)
Also dass sie sozusagen, was weiß ich einen Beziehungskonflikt spielen und da natür-
lich mit Bravour sozusagen rausgehen. Also, du hörst meine Ironie also (lacht) das ist
sozusagen, irgendwie dass sie da `ne andere Form der Handlungsmöglichkeiten finden
als die, die sie bisher haben. Und das hat sich in den letzten Jahren auch zunehmend
verändert. Zum einen hab ich meine Erwartungen auch wirklich runter geschraubt, weil
da glaub ich wirklich, dass unsere Fünftagesseminare zu überfrachtet werden, wenn wir
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
155
glauben würden, dass sich da irgendwie schon in so`ner finde ich ja auch sehr drasti-
schen Form was verändern würde und also ich glaube auch, dass wir den Mädchen da-
mit zu viel zumuten.(...) Und ich hab den Eindruck, wir haben in unserem heimlichen
Lehrplan stehen: Reflexion des Weiblichkeits- oder Weiblichkeitskonzepte, Bezug-
nahmen auf reale Situationen, also eine Abgleichung auf die Realsituation der Mädchen
und `ne Veränderung.(...)
Das sind mindestens drei Punkte die wir in diesen fünf Tagen unterzubringen versu-
chen. Und ich glaube, also was heißt ich glaube, ich bin davon überzeugt, dass das
nicht funktioniert.
Dieses Beispiel zeigt die „doppelte Anforderung“ von feministischer Pädagogik auf. Ne-
ben den allgemeinen Zielen von Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten, Reflexionen
des eigenen Handelns und Transferleistungen des Gelernten in die eigene Lebenswelt, wird
hier noch die Interdependenz mit feministischen Ansprüchen deutlich: Die jungen Frauen
sollen all das darüber hinaus in Beziehung setzen zur Situation von Frauen in der Gesell-
schaft. Das Interventionsparadox kann sich aufgrund dieser zusätzlichen Aufgaben, die
eine feministische Pädagogik an ihre Adressatinnen und Pädagoginnen stellt, noch verstär-
ken und darüber hinaus verwoben sein, mit der womöglich sehr persönlich geprägten Mo-
tivation der Pädagogin mit Mädchen zu arbeiten. E. konstatiert in diesem Zusammenhang,
dass sie bzw. ihr pädagogisches Handeln oftmals „etwas missionarisch Übergestülptes“
hat:
Es soll dir mal besser gehen als mir. Völliger Blödsinn, aber es ist so. Also, na ja, es hat
schon was sehr missionarisch Übergestülptes. Also ich weiß, was gut für euch ist.
Eine allgemeine pädagogische Haltung „ich weiß was gut für euch ist“ wird bei E. gekop-
pelt mit ihrem feministischen Anspruch „das hat schon was mit Mädchen zu tun“. Interde-
pendent mit E.´s Wunsch an sich selbst, „loslassen“ zu wollen, mehr zu dem Punkt zu ge-
langen, ihre Angebote an Mädchen als „Handreichungen“ zu betrachten, und zu sagen, „
o.k. ich biete ihnen hier was an und sie haben die Möglichkeit es zu nehmen oder es lassen.
Die Verantwortung dafür müssen sie dann selbst tragen.“ gelingt ihr eine Suchbewegung:
Zum einen thematisiert sie ihren Ärger über junge Frauen als eine „persönliche Kränkung“
weil sie „superidentifiziert“ ist mit den Zielen von feministischer Mädchenarbeit und zum
anderen ist sie fähig zu einer kritischen Selbstreflexion und möchte „ein bisschen loslas-
sen“. E. behält zwar ihre feministisch geprägten Zielvorstellungen im Blick und begibt sich
gleichzeitig in eine Bewegung, mit der sie die realen Mädchen mit ihren Bedürfnissen und
ihr eigenes Tun als Pädagogin nicht ausblendet. Diese Suchbewegung kann E. dahinge-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
156
hend unterstützen, die Diskrepanz zwischen der eigenen pädagogischen Intentionen und
dem Handeln der jungen Frauen nicht als Kränkung, als frustrierend und ohnmächtig zu
erleben, sondern mit diesem Widerspruch produktiv umzugehen und in eine Bewegung
einer professionellen Distanz zu gehen, die sich durch Reflexionsfähigkeit, durch profes-
sionelles Wissen und Methoden auszeichnet50.
4.2.3 „...weil das kannt ich ja von mir - viel zu gut.“ Die Pädagogin I.
4.2.3.1 Biographische Zugänge – die Kurzbiographie von I.
1944 ist I. als ältestes von fünf Kindern geboren. Sie verlässt die Schule mit dem Haupt-
schulabschluss. Ihr Berufsweg verläuft verschlungen: Sie arbeitet als Frisörin, als Verkäu-
ferin und im Arbeitsamt als Vermittlerin. Mitte der siebziger Jahre beginnt sie eine Erzie-
herinnenausbildung und arbeitet im Bereich der offenen Jugendarbeit. Zunächst in Frei-
zeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche und später in einem Bezirksamt in der Ju-
gendförderung als Sachbearbeiterin für Mädchen und junge Frauen.
4.2.3.2 Die Arbeitszusammenhänge von I.
I. beschreibt in ihrem Interview Situationen aus ihrer Arbeit in einer gemischtgeschlechtli-
chen Jugendfreizeiteinrichtung in öffentlicher Trägerschaft. I. und ihre Kollegin bieten eine
Mädchengruppe an. Da Mädchenarbeit in den siebziger Jahren noch keine Selbstverständ-
lichkeit war, ist es in erster Linie dem Engagement von I. und ihrer Kolleginnen zu ver-
danken, dass Mädchenarbeit in dieser Einrichtung stattfinden konnte. Die Mädchen, mit
denen I. arbeitet, waren 14-16 Jahre alt.
4.2.3.3 Zugänge zur Mädchenarbeit.
I. ist quasi eine Pionierin auf dem Gebiet der Mädchenarbeit. Ihr „Handwerkszeug“ für die
Arbeit mit Mädchen bezog sie zum einen aus ihrer Erzieherinnenausbildung und zum an-
deren, was sie im Interview immer wieder stark betont, aus sich selbst heraus, aus der Re-
flexion ihrer Pubertät und Adoleszenz und ihrer Auseinandersetzung mit der Frauenbewe-
gung.
50 Vgl. hierzu Birgit Rommelspacher (1987), die die Problematik von Frauen in sozialen Berufen beschreibt,
sich durch ihr professionelles Wissen vom alltäglichen Helfen abzugrenzen. Den Status als Professionelle
verfolgten Frauen nur halbherzig, weil sie weiterhin das Ziel haben, in der Berufssituation private Verhältnis-
se herzustellen, so Rommelspacher.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
157
Da war ich immer noch so stark dran, auch so in meiner Kindheit und in meiner un-
vollkommenen Rolle als Frau, also das Patriarchat ist so stark in mir oder wie es ist auf
dem Weg dahin, den so abzuwerfen und abzulegen und neue Sachen zu lernen, sie be-
nennen zu können und sich vor allen Dinge auch verhalten zu können. Ick wusste noch
ganz doll, wie schwer das ist und wie viel Scheiße ich auch so als junges Mädchen ge-
baut habe, ob das Mode war, ob das anpassen war, ob det sexuell war, also keine eige-
nen Ansprüche stellen, immer nur auf den Mann ausgerichtet, was der will, ja das muss
man eben mitmachen. Dass ich die Mädchen sehr gut noch so emotional verstehen
konnte.
Vor diesem Hintergrund stellt sie sich gegen die damalige Forderung, dass Mädchen „jun-
gentypische Sachen“ machen müssten, um sich zu emanzipieren.
Also ick war überhaupt nicht von diesem Anspruch beseelt, die müssten jetzt so jun-
gentypische Sahen machen, ja, damit meine Arbeit irgendwo Früchte trägt.
4.2.3.4 Erwartungshaltungen der Pädagogin an Mädchen, mit denen sie arbeitet
I. formuliert keine konkreten Erwartungen an die Mädchen mit denen sie arbeitet:
Aha, da ist ja in so kurzer Zeit Verhaltensänderung möglich. Habe ich nie erwartet, ick
denke, mir das war, da bin ich ganz gut geschult worden oder ja, muss ja von irgendwo
hergekommen sein, dass die jahrhundertelange Tradition von Frauen durch diesen kur-
zen Aufbruch der Emanzipation der Ersten und zweiten Frauenbewegung und damals
war die Frauenbewegung ja wirklich noch sehr jung. Dass die eben nicht so schnell
aufzubrechen ist und das die Erwartung, je höher sie gesteckt ist, umso eher nach unten
purzeln müssen, weil es einfach seine Zeit braucht und das habe ich ja an mir selbst ge-
sehen.
4.2.3.5 Bilder, die die Pädagogin über Mädchen mit denen sie arbeitet, entwirft
I spricht im Verlaufe des Interviews sehr wohl wollend über die Mädchen. Wenn sie über
konkurrentes Verhalten der Mädchen untereinander, über Probleme der Mädchen in der
Pubertät berichtet, tut sie dies i.d.R. verständnisvoll:
Also da hab ick mich auch nicht drüber ärgern können, weil das kannt ich ja von mir –
viel zu gut. Und ich hab immer ganz viel, weil ich mich so oft in deren Situation ver-
setzen konnte.
4.2.3.6 Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit mit Mädchen als positiv ein-
schätzt
I. sagt, dass sie sich i.d.R. über die Mädchen, mit denen sie arbeitete gefreut hat, sie
mochte und sie beschreibt, dass es ihr damals selbst als Person so gut ging, und dass sie
dieses positive Gefühl auf die Mädchen „übertragen“ hat.
Und ich habe diese Wohlgefühl, dies habe ich auch so auf die Mädchen übertragen,
dass die es auch schaffen oder, dass ich ein Stück dazu beitragen kann durch meine ei-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
158
gene Entwicklung, ihnen zu zeigen, dass das auch für sie ein Weg ist. Und ich konnte
von daher absolut akzeptieren.
Ihr Verständnis für die Mädchen speist sich aus dem Rückgriff auf ihre eigene Person:
Also ich hab da immer so ganz viele Parallelen zu mir gesehen. Und von daher musste
ich dann eigentlich eher immer schmunzeln und hab das also, da kam mir so gut wie
nie Aggressionen hoch.
4.2.3.7 Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns
Im Rahmen ihrer Arbeit mit Mädchen beschreibt sich I. als unterstützend und verhandelnd.
Also das war immer so mein Part in meiner Rolle zu vermitteln und zu und beide Par-
teien zu befragen, warum die eine das und das und die andere das sieht und warum die
überhaupt in Konkurrenz treten müssen. Das war also das hatte ich so als meinen Part
angesehen.
Wichtig ist ihr dabei zu betonen, dass sie die Mädchen in Hinblick auf den Umgang mit
Jungen zu stärken versucht hat. Als Pädagogin hatte sie, so formuliert sie im Interview,
eine „Modellfunktion“ bzw. „Vorbildfunktion“ für die Mädchen und in diesem Zusam-
menhang erzählte sie den Mädchen viel über ihre eigenen Lebenserfahrungen. Als sehr
wichtig schildert sie das Aufbauen von Beziehungen zu Mädchen.
Erst mal stand diejenige für mich im Mittelpunkt und das war o.k. und so habe ich sie
gestärkt und na ja, in dem Moment der Akzeptanz, da kommen, ick mein da ist ja dann
so ein Beziehungsverhältnis da. Dass die eben och dann ihre Fassade och bröckeln las-
sen und dann is da nicht nur das schöne Mädchen, was sich da aufpoppt, sondern da
kommen ja dann darüber dies Sachen, wie sieht’s hier drinnen aus, was läuft für `ne
Scheiße zu Hause. Wat is mit den Eltern, also da über diese Akzeptanz laufen ja dann
diese vielen kleinen Unwegsamkeiten, die sie mit sich rumtragen, die dann eben nach
draußen kommen.
Bezogen auf ihre pädagogische Arbeit sagt sie, dass sie „immer nur aus ihrer Persönlich-
keit schöpfen“ konnte.
Sie grenzt sich ab, gegen pädagogischen Ansprüche von Kolleginnen und Kollegen, die
den Jugendlichen etwas „überstülpen“ wollen:
Wenn jemand von sich aus glaubt, das ist der Weg und das sind die Richtlinien meines
pädagogischen Maßstabes und so muss es lang laufen. Widerspricht so meinem ganz
persönlichem Freiheitsdrang und Lebensdrang, der Entfaltung, wenn so, wenn man ei-
nen so an die Strippe oder an die Kette legt, damit er den ordentlichen Weg des Er-
wachsenwerdens geht.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
159
I. reflektiert die Rollenverteilung im Team der Jugendfreizeiteinrichtung und kritisiert die
Haltung ihrer männlichen Kollegen die „so`ne Rollenerweiterung für Jungs in der Rich-
tung gar nicht vorgemacht haben“. Und auch die Jugendlichen in der Einrichtung beziehen
sich unterschiedlich auf die Männer und Frauen im Team:
So sind die Jungen so was Gefühlsangelegenheiten [anging. A.S.] oft zu uns Mitarbei-
terinnen gekommen. Aber wenn’s um so sachliche Sachen ging, dann sind die eben
doch zu Kollegen gegangen. Während die Mädchen mit den sachlichen Themen ebben
auch zu uns gekommen sind, zu uns Frauen.
4.2.3.8 Interpretation
I. arbeitete in einer offenen, gemischtgeschlechtlichen Jugendfreizeiteinrichtung. Die
Strukturen, in denen sie sich bewegte, sind damit weniger strikt als die in der Bildungsar-
beit, von denen die Pädagoginnen E. und G. berichten.
I. ist die Älteste, der in dieser Arbeit zu Wort kommenden Frauen, und berichtet aus der
Rückschau über ihre Arbeit mit Mädchen in den siebziger und achtziger Jahren. Dies un-
terscheidet I. ebenfalls von den anderen beiden Pädagoginnen, die zu der Zeit, als die In-
terviews entstanden noch aktiv in der Mädchenarbeit tätig waren bzw. es heute noch sind.
Die Pädagogin I. ist darüber hinaus die Einzige, der die Impulsgeschichte nicht half, sich
an „Ärgernisse“ aus ihrer pädagogischen Praxis zu erinnern. Im Gegenteil, I. erzählte, dass
sie Situationen, in denen sie sich über die Mädchen, mit denen sie arbeitete, ärgerte, nicht
kennt. Anders als bei den anderen beiden interviewten Pädagoginnen, fußt I.`s pädagogi-
sche Arbeit mit Mädchen nicht auf theoretischen Konzepten zur Mädchenarbeit, denn diese
existierten in den siebziger Jahren noch nicht (vgl. Kapitel 3.1).
I. berichtet, dass sie durch den Kontakt mit Frauengruppen in den siebziger Jahren einen
Impuls bekam, über ihre Situation als Frau nachzudenken. Bislang sah sie ihre Unzufrie-
denheit mit den Anforderungen an sich, als individuelles Problem, dass sie erst nach dem
Kontakt mit Frauengruppen auf einer Metaebene, einer gesamtgesellschaftlichen Ebene,
verorten konnte.
Nicht nur privat, sondern auch beruflich wird I. mit der Frauenbewegung und ihren Forde-
rungen konfrontiert und die Konfliktlinien wirken in ihre Ehe hinein. So beschreibt I., dass
ihr in dieser Zeit deutlich wurde, dass sie sich in erster Linie über ihre Rolle als Ehefrau
und Mutter definierte.
Und deswegen waren ja meine, als ich dann in der Erzieherschule, da war ja das Thema
damals auch ganz groß und in den Anfängen 75, über die Rolle der Frau so reflektierte,
mich als Anhängsel damals meines Ehemannes und dergleichen sah, dass ich eigentlich
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
160
meine Weiblichkeit und meine Rolle als Ehefrau wirklich nur über den Mann und in
der Ehe definierte und mich gar nicht als eigenständige Person sah.
So ist auch I.s Zugang zur Mädchenarbeit geprägt: Sie begibt sich in einen Emanzipations-
prozess und wünscht sich für Mädchen, dass auch sie die Möglichkeit bekommen, für sich
neue Wege zu entdecken. I. begründet ihren Ansatz mit Mädchen zu arbeiten nicht mit
dem Anspruch, abstrakt feministische Ideen in die Praxis umzusetzen. Ihr ist in diesem
Zusammenhang wichtig, mit ihrer Arbeit, Mädchen zu stärken und ihnen Unsicherheiten
zu nehmen.
Weil ich meine, dass durch diese die ja dieses spannende Alter, des Brustkriegens, die
Periode bekommen, Gefühle verändern sich, das erste Verliebtsein, die Freundin tu-
scheln immer das was da. Also ick, weil ich kann mich noch so gut an meine Zeit, was
es heißt das erste Mal verliebt zu sein, dieses Kribbeln in seinem Körper zu spüren, die
Sexualität zu entdecken, die Fähigkeit sich sexuell am Körper zu entdecken und dieses
Gefühl des ersten Orgasmus kennen zu lernen. Ja, ick kann mich noch wie gestern an
diese Zeit erinnern und es ist ick finde det is eine der spannensten, schönsten aber auch
unsichersten Zeiten eines im Leben eines jungen Menschen. Insbesondere, ick kenn es
nun als Mädchen ja. Und ja und das finde ick so spannend sich darüber auszutauschen,
den Mut zu haben und mit Mädchen darüber zu sprechen. Was ist positiv daran sich
anzufassen, sich zu berühren, seinen ersten Orgasmus zu erleben, was spürt man dabei,
hat man ein schlechtes Gewissen oder nicht, und so all diese Neu-Entdeckungen, ja das
ist einfach schön und toll und deswegen ist, und denn auch die ja, dann die Sicherheit
mit auf den Weg zu geben, dass das alles ausprobiert werden muss, was da an Wün-
schen und Gefühlen auf sie zukommt. Dieses schlechte Gewissen, wann schlaf ich das
erste Mal mit nem Jungen, was soll ich zulassen, was nicht. Was darf ich zulassen, wie
war meine Erziehung und dieses Stück Aufklärungsarbeit, wenn sie daran interessiert
sind, so oder so was kann man machen, dann mit ihnen zusammen das können wir ma-
chen, jenes können wir machen, ihnen dann Tipps zu geben, also denk ich selbst, dass
ich mit meinen 54 Jahren heut noch solchen Spaß dran hätte, dass ich nicht glaube, dass
je für sie zu alt werde ja. Ja, ick kenn, also finde nichts schade als in dieser Zeit so von
Unsicherheit belastet zu werden als sich auf das Erwachsenwerden zu freuen ja. Also
das ist so ein Gefühl, das möchte ich denen auch vermitteln ja. Das wär das Wesentli-
che daran. Unsicherheiten zu nehmen und ja auch Fragen, die einfach von denen kom-
men, beantworten zu können oder nicht. Ich kann ... wo können wir uns kundig ma-
chen, was fehlt dir, was brauchst du, was ist wichtig.
Hier wird deutlich, wie sehr I. als Pädagogin aus ihrer „eigenen Persönlichkeit“ schöpft
und sich auf ihre eigenes Mädchensein zurück besinnt. I. grenzt sich in ihrer Schilderung
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
161
von Ansätzen der Mädchenarbeit ab, in denen die Mädchen sich Jungen zugeschriebene
Verhaltensweisen und Fähigkeiten aneignen sollten.51
Mit und durch ihre Arbeit möchte I. eine Verhaltensänderung bei den Mädchen bewirken,
dabei geht sie davon aus, dass diese Veränderungen Zeit brauchen, „dass die Erwartung, je
höher sie gesteckt sind, umso eher nach unten purzeln müssen, weil es einfach seine Zeit
braucht.“ Mit dieser Einschätzung ist I. in der Lage, das „Interventionsparadox“ zu durch-
brechen, in dem sie nicht davon ausgeht, dass pädagogische Interventionen automatisch
und unmittelbar Veränderungswissen bei Mädchen produzieren. Diese Sicht kann I. frei
machen für das Wahrnehmen der Mädchen, für ihr Wollen und ihre Potenziale. Pädagogik
hat in diesem Zusammenhang nichts Vereinnahmendes, nichts „Überstülpendes“, was I. als
pädagogische Maxime sowieso ablehnt.
Die Mädchen sollen, so I.`s Wunsch, selbstbewusster werden und lernen, ihren eigenen
Standpunkt zu vertreten. In diesem Zusammenhang ist es I. wichtig, dass die Mädchen in
erster Linie selbstbewusster in ihren Beziehungen zum anderen Geschlecht werden. I.
möchte ihnen deutlich machen,
dass wenn die Mädchen über einen eigenen Standpunkt verfügen, ja also sie bei weitem
nicht Angst haben müssen, dass sie dadurch ihren Partner verlieren oder dass sie da-
durch Freundesverlust haben. Sondern dass darin die Chance sich verbirgt, attraktiver
zu werden, interessanter zu werden.
Beziehungen und Verhalten der Mädchen untereinander werden seltener thematisiert und
Themen, die. I. mit Mädchen behandelt wie z.B. Liebe, Sexualität werden bezogen auf das
andere Geschlecht bearbeitet:
Und das waren auch immer dann ganz intensive Gespräche wie ist das Männerverhal-
ten, was nehmen die sich heraus, wie kleiden die sich selbst, wie geben die selbst und
wie verhalten sich Mädchen dazu. Das für die das gar nicht die Bedeutung hat wie für
die Jungs umgekehrt, die dann gleich die Mädchen eben so sexuell belästigen und na ja,
immer glauben dann Freiwild zu haben in ihrer Anmache. Det war so in erster Linie
meine Funktion. Dann gingen sie in dem, es ging natürlich immer viel um Liebe, also
das war ja das Alter, 13, 14, 15, 16 so was ja. Es ging immer ganz viel um Liebe und
Partnerschaft und Beziehung. Und wie eine Mode war und wie sich Mode auswirkt auf
Beziehung Mann und Frau, war das ein Ding. Dann ging es um Zeugung, Sexualität,
und was lassen Mädchen mit sich machen und zu welchem Zeitpunkt, in welchem
Rahmen stellen sie eigene Ansprüche. Det war natürlich auch teilweise sehr mau bei
den Mädchen und so ein Anspruch und Bewusstsein, was will ich, auch noch sehr ver-
51 Mädchenarbeit schien Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre in erster Linie dann gelungen,
wenn Mädchen, inspiriert durch die pädagogische Arbeit mit ihnen, Interesse an Tätigkeiten entwickelten, die
eher Jungen zugeordnet waren. Vgl. Savier/Wildt 1980.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
162
kümmert (... )Dann ging’s dann also um Verhütungssache. Da haben wir uns ja dann
auch zu Eigen gemacht, dass wir dann mit den Mädchen zu Pro-familia gegangen sind
uns da in der Gruppe haben beraten lassen und dann sind so einige Mädchen, die feste
Beziehungen hatten, dann mit ihren Freunden noch mal zur Beratung gegangen. Ja, also
das war ein ganz schweres Kapitel, die Sexualität. Da Bewusstsein zu schaffen, dass sie
ja letztendlich diejenigen sind, die schwanger werden und das ging alles nur so theore-
tisch als Information, aber det wat se in der Praxis gemacht haben, lief doch dennoch
darauf hin, letztendlich darauf hinaus, das was der Junge macht, das machen wir im
Bett im Grunde auch. Aus Angst ihn zu verlieren.
Die Möglichkeit, dass Mädchen trotz der Aufklärungsbemühungen der Pädagogin in alte
Muster zurückfallen („das was der Junge macht, das machen wir im Bett im Grunde
auch“), führt bei I. nicht zur Resignation, zu distanziertem oder abwehrenden Verhalten,
sondern zu Verständnis für die Situation der Mädchen („aus Angst ihn zu verlieren“). Die
Mädchen werden so mit ihrem Verhalten und ihren Ängsten ernst genommen.
Deutlich wird, dass sie im Rahmen von koedukativen Situationen in der Jugendeinrichtung
i.d.R. in Konflikten zwischen Jungen und Mädchen, Partei für die Mädchen ergreift.
Also gerade zur Disko waren die Mädchen immer also wirklich sexy hoch drei, und in
der einer Form gekleidet, wo, ja wo dann auch so die Sprüche kommen, ja wer sich so
kleidet muss sich nicht wundern, wenn er angedatscht wird oder angemacht wird oder
als Nutte bezeichnet wird. Das war für mich ganz klar, dass ich dieses, diesen einer-
seits, also es war im Grunde ja gar kein Mut der Mädchen unbedingt, nichts Bewusstes,
sie haben sich natürlich so gekleidet, weil sie sexy sein wollten, und sie haben sich so
gekleidet, weil sie anmachen wollten. Und weil das ihrem Schönheitsideal entsprach.
Aber aus diesen Situationen, wenn sie dann wirklich oft in der Reaktion von den Jun-
gen, gerade wenn sie vielleicht mit denen nicht gehen wollten und die wollten was von
denen, dann kam ja sehr viel Häme rüber, ne, und dann haben sie die Mädchen wirklich
in Dreck gezogen. Das waren dann so Anlässe, wo ick die Mädchen in ihrer Richtung
unterstützt habe, dass wenn sie dass schon finden und wenn sie dahinter stehen, dass
das verdammt noch mal den Jungs nicht das Recht gibt, dass sie sie als Nutten bezeich-
nen.
Die Mädchen erleben in dieser Situation die Unterstützung der Pädagogin gegen die Jun-
gen. Auch wenn die Mädchen womöglich nicht so gekleidet sind bzw. sich so verhalten
wie I. es für richtig hält bzw. das Verhalten der Mädchen nicht unbedingt dem feministi-
schen Ideal der Pädagogin entspricht, verhält sie sich parteilich.
Auch in Konflikten unter den Mädchen versucht sie zu vermitteln.
Da liefen dann immer sehr viel Gespräche, ja, auch Gespräche unter den Frauen, unter
den jungen Frauen untereinander, die die dann so sehr sexyhaft und nuttenhaft wirkten,
hatten natürlich dann auch unter den Frauen viele Konkurrentinnen, die dann eben ein
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
163
bisschen bieder waren und die so - was weiß ick - so ein bisschen mehr auf der intel-
lektuellen Ebene waren. Die hatten dann natürlich wieder die weibliche Konkurrenz
und haben dann natürlich auch entsprechend bissige Sachen denen gegenüber abgelas-
sen, während die, die so schick aussahen, das war für die gar keen Thema. Die haben
dann höchstens reagiert und gesagt, na du als graue Maus, du kriegst sowieso keenen
ab. Also die haben sich auch untereinander fertig gemacht.
Und auch hier ist es für I. nicht von belang, ob sich die Mädchen analog feministischer
Ideale verhalten, sondern wie sie generell miteinander umgehen. Auch hier distanziert sie
sich nicht von den Mädchen, sondern sieht ihre Aufgabe darin, zu vermitteln.
Als wichtiges Moment in ihrer Arbeit beschreibt I. den Aufbau von Beziehungen, im
Rahmen derer Mädchen sich nicht hinter „Fassaden“ verstecken müssen. So stehen Mäd-
chen selbst im Mittelpunkt der Arbeit: „erst mal stand diejenige für mich im Mittelpunkt,
und das war o.k. so und so habe ich sie gestärkt.“
Ein wichtiges pädagogisches Prinzip der Pädagogin I. ist, so wird im Interview deutlich,
dass der „Akzeptanz“. I.`s Akzeptanz Mädchen gegenüber ergibt sich aus der Auseinan-
dersetzung mit dem eigenen Leben als Frau. I. konstatiert für sich, dass das „Patriarchat so
stark in mir“ ist. Über den eigenen Emanzipationsprozess ist I. sehr stolz:
...weil ich mich in dieser Zeit selbst so gemocht habe und ich froh war über auch eben
den, über meinen Entwicklungsstand, ja, dass ich so mitten drin im Leben stand, dass
ich für mich in meiner Rolle als Frau von den kleenen Mädchen son Sprung geschafft
habe in eine Welt, wo ich für mich das Gefühl hatte ich steh als Frau mit beiden Beinen
auf dem Boden, ich verdiene mein eigenes Geld, ich bin stolz, dass ich allein erziehend
meine Tochter groß kriege, also ich war alles in allem stolz auf mich und auf meine
Entwicklung aus dieser Scheiß-Erziehung so viel geschafft zu haben.
Dieser Stolz auf den eigenen Entwicklungsprozess ist für I. eine Quelle, aus der ihr Enga-
gement für Mädchen entspringt.
Und ich habe dieses Wohlgefühl, dies habe ich auch so, auf die Mädchen übertragen,
dass die es auch schaffen oder, dass das auch ein Weg sein ist. Und ich konnte von da-
her absolut akzeptieren.
Da I. diese „absolute Akzeptanz“ für Mädchen aufbringt, äußert sie auch keinen Ärger
oder Frust über die Mädchen, wie es die anderen beiden interviewten Pädagoginnen tun.
Immer wieder betont sie, wie gut sie die Mädchen verstehen kann. Dieses Verständnis be-
gründet sie immer wieder mit dem Blick auf ihre eigene Person:
Det waren so Punkte, da, aber da hab ick mich auch nicht richtig, also da hab ich mich
nicht drüber ärgern können, weil das kannt ich ja noch von mir - viel zu gut. Und ich
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
164
hab dann immer ganz viel, weil ich mich so oft in deren Situation versetzen konnte, ick
hab dann, ick war wirklich noch so nah dran an meine Pubertät, ja, und das was Männer
auch für ein Scheiß mit mir gemacht haben, ja. Wie ich mich hab richtig missbrauchen
lassen, was sie gar nicht als Missbrauch damals erkannt haben. Da habe ich so ganz viel
drüber erzählt, ja, so aus meinen eigenen Lebenserfahrungen, die ich, wie blöde ich
war, und was ich alles gemacht habe und ihnen dann die Beispiele aufgezeigt, das hatte
ich ja nun inzwischen auch gelernt.
Die Aussage „das kannt ich von mir – viel zu gut“ ist signifikant für die Haltung I.`s. In
dieselbe Richtung gehen Aussagen wie: „Ich habe dieses Wohlgefühl auf die Mädchen
übertragen“, „..da hab ick immer so ganz viele Parallelen zu mir gesehen“, „Ja, ick hab da,
ick hab mich immer in denen gesehen“, „..ick konnte nur aus meiner Persönlichkeit schöp-
fen“. Bezogen auf diese Aussagen entsteht der Eindruck, dass hier die Akzeptanz, die I. für
die Mädchen, mit denen sie arbeitete, aufbringt, manchmal in Richtung Identifikation mit
Mädchen kippt. In ihrer Tendenz zur Identifikation scheinen die Grenzen zwischen der
Pädagogin und den Mädchen zu verschwimmen. Diese Akzeptanz, die I. für die Mädchen
aufbringt, gekoppelt mit der Einsicht, dass Mädchen sich eigensinnig verhalten, dass Ver-
haltensänderungen Zeit brauchen, kann dazu führen, dass I. keine Situation des Ärgerns
aus ihrer pädagogischen Arbeit kennt. Die Mädchen, mit denen sie arbeitete, konnten so
von ihrer Empathie profitieren. Gleichzeitig kann I. mit ihrer „absoluten Akzeptanz“ eben
auch jene Widersprüche glätten, deren Hervorhebung förderlich wäre. Womöglich wäre es
in manchen Situationen angebrachter, Mädchen mehr herauszufordern, ohne permanent die
eigene Person bzw. Sichten oder Einschätzungen bezogen auf die eigene Pubertät und
Adoleszenz in die Interaktionen einfließen zu lassen. Eine Bewegung zwischen professio-
neller Distanz und emotionaler Akzeptanz könnte hier hilfreich sein. Durch das Glätten der
Widersprüche zwischen pädagogischer Intention und dem Verhalten der Mädchen, können
die Reaktionen bzw. das Verhalten der Mädchen relativiert werden und damit eben auch
der Eigensinn der Mädchen.
4.3 Dekonstruktion und Rekonstruktion - Bewegungen im pädagogischen Handeln.
Im Folgenden wird pointiert herausgearbeitet, wie sich die interviewten Pädagoginnen in
ihrer Arbeit mit Mädchen bewegen. Damit steht die Frage im Mittelpunkt, welche Mecha-
nismen pädagogischen Handelns unmittelbar und mittelbar zu einer Dekonstruktion bzw.
Rekonstruktion des hierarchischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit beitragen.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
165
Verwiesen werden soll an dieser Stelle auf die im Theoriekapitel herausgearbeiteten Erträ-
ge. Es wurde dargestellt, dass sich Herrschafts- und Domianzverhältnisse in einem Denken
in Dichotomien widerspiegeln und immer wieder reproduzieren. Das Denken der Postmo-
derne wurde als ein Denken von Unentscheidbarkeit skizziert, welches beitragen kann, den
kritischen Blick zu schärfen für ein Denken und ein Wahrnehmen von dichotomen Ord-
nungschemata. Die Abkehr von der Kategorie des autonomen Subjektes lässt zu, gelebte
Widersprüche z.B. in Selbstinszenierungen von Mädchen und Frauen entpathologisieren zu
können. Das Verständnis der Vieldimensionalität von Macht erweitert den Fokus für ein
Erkennen von hegemonialen Diskursen und Machtpraktiken in Mädchenprojekten. Die
Überlegung des doing gender schließlich macht darauf aufmerksam, dass Geschlecht in
Interaktionen hergestellt wird.
Wie bewegen sich die Pädagoginnen vor diesem skizzierten Hintergrund in ihren pädago-
gischen Praxen mit Mädchen? Zur Annäherung an diese Frage werden zunächst die bishe-
rigen Ergebnisse der Interviewauswertung skizziert. Im Anschluss wird das Handeln der
einzelnen Pädagoginnen ausschnittweise untersucht.
Zugänge zur Mädchenarbeit
Unterschiedliche Zugänge zur Mädchenarbeit sind herausgearbeitet worden. Bei der Päd-
agogin G. steht der Wunsch im Mittelpunkt, „feministische Ideen in die Praxis umzuset-
zen“ und Mädchen mit ihren Bedürfnissen und Erfahrungen in den Mittelpunkt der Arbeit
stellen. Sie äußert den Wunsch an die Mädchen, „dass die mich jetzt irgendwie wahrneh-
men oder mich nicht von vorne herein zum Kotzen finden“. Die Pädagogin E. bezieht sich
ausdrücklich auf das Konzept „Feministische Mädchenarbeit gegen den Strom“ von Ga-
briele Möhlke und Gabi Reiter und beschreibt, wie sich ihr Ansatz, mit Mädchen zu arbei-
ten, durch ihre Berufspraxis verändert hat. So ist es ihr zunehmend wichtiger geworden,
die Differenzen und Verwobenheiten in Machtverhältnisse von Mädchen in den Blick zu
nehmen. Die Pädagogin I. rekurriert in ihrer Arbeit immer auf die eigene Persönlichkeit
und lehnt feministische Forderungen der damaligen Zeit, Mädchen müssten „jungentypi-
sche Sachen machen“, ab.
Erwartungshaltungen der Pädagogin an Mädchen, mit denen sie arbeitet
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
166
Die Erwartungshaltungen der Pädagoginnen an Mädchen, mit denen sie arbeiten, sind in
ihrem Zusammenhang mit den unterschiedlichen Zugängen zur Mädchenarbeit verschie-
den. G. wünscht sich engagierte Mädchen, die sich bei Rollenspielen einsetzen und Lö-
sungsvorschläge diskutieren, sie erwartet, dass Mädchen ihr erzählen „was sie wirklich
denken“ oder was sie „wirklich erlebt haben“. Sie wünscht sich, dass Mädchen sich ihr
gegenüber öffnen. Dieser Wunsch bezieht sich auf beide Bereiche, in denen G. mit Mäd-
chen tätig ist. E. möchte, dass Mädchen ihre Bedürfnisse klar und deutlich artikulieren, „so
klare Statements“ abgeben. Sie möchte, dass Mädchen sich darauf einlassen, andere Le-
bensweisen zur Kenntnis zu nehmen und dass sie „hinterfragen“ und mit ihr in „Verhand-
lung“ treten.
Die Pädagogin I. beschreibt keine besonderen Erwartungen an die Mädchen, mit denen sie
arbeitet, und begründet dies mit der Aussage, dass je höher die Erwartungen gesteckt sind,
sie „umso eher nach unten purzeln müssen“. Veränderungen von Verhaltensweisen brau-
chen lange, das hat I. aus eigener Erfahrung gelernt.
Bilder, die die Pädagogin über die Mädchen, mit denen sie arbeitet, entwirft
Die Bilder, die die Pädagoginnen über die Mädchen, mit denen sie arbeiten, entwerfen,
changieren zwischen einer oftmals negativen Sicht auf Mädchen als „blöd“, „desinteres-
siert“, besserwisserisch“ bei G., zu einer modifizierteren Einschätzung als „lethargisch“,
„resigniert“ und „passiv“ bei E., bis hin zu einer wohl wollenden, verständnisvollen Sicht
bei I.
Hier wird deutlich, dass in der Pädagogik immer auch mit Bildern über Andere gearbeitet
wird: Seien es Bilder der Abgrenzung und/oder Bilder der Annäherung und Idealisierung.
Bilder in der Pädagogik geben eine Orientierung für die Pädagogin in der Annäherung an
den Anderen und haben so Auswirkungen auf pädagogisches Handelns.
Die Enttäuschungen der Pädagogin bezogen auf eine Diskrepanz zwischen ihren Zielset-
zungen und dem Verhalten der Mädchen.
Die Enttäuschungen der Pädagoginnen bezogen auf eine Diskrepanz zwischen den Zielset-
zungen der Pädagoginnen und dem Verhalten von Mädchen lassen sich wie folgt zusam-
menfassen: G. reagiert i.d.R. frustriert, wenn die Mädchen nicht das machen, was sie ihnen
vorschlägt. Darüber hinaus ist sie auf einer „feministischen Ebene“ enttäuscht, wenn die
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
167
Mädchen sich nicht so verhalten, wie G. es sich nach Jahren feministischer Arbeit mit ih-
nen vorstellt. Auch E. beschreibt ihren Ärger darüber, wenn die Mädchen nicht das an-
nehmen, was sie zu Hause für sie vorbereitet hat. Noch mehr stört sie sich jedoch an der
„Art und Weise des Rausziehens“, indem Mädchen eben nicht klar und deutlich formulie-
ren, was sie wollen. Bei I. fällt die Kategorie der Enttäuschung über Mädchen weg. Sie
gründet ihre Arbeit nicht auf zu verwirklichende Ziele, sondern bezieht ihre Intention, mit
Mädchen zu arbeiten, aus der Reflexion ihres eigenen Emanzipationsprozesses.
An den Beispielen der Pädagogin E. und G. wird deutlich, das auch in der Pädagogik die
Vernunft regiert und es sind in erster Linie „adäquate“ und „vernünftige“ Lösungen, die
von den Pädagoginnen akzeptiert werden. Potenziale von Wildheit, von Kichern und Ge-
lächter z.B. werden schnell als irrational und belanglos abgetan. Die Impulse der Mädchen
liegen manchmal quer zu den Intentionen der Pädagoginnen und können auch Agressionen
gegen die „herrschenden“, gegen die Pädagoginnen in sich bergen.
Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit als positiv einschätzt
In dem Themenschwerpunkt „Momente, die die Pädagogin in ihrer Arbeit als positiv ein-
schätzt“ ist die Pädagogin I. diejenige, die beschreibt, dass sie sich über die Mädchen, mit
denen sie arbeitete, gefreut hat und sie größtenteils mochte. Sie betont, dass sie viele Pa-
rallelen zwischen sich und den Mädchen gesehen hat und musste eher über Mädchen
„schmunzeln“, als dass sie Aggressionen ihnen gegenüber hegte. Die Pädagogin G. be-
schreibt positive Momente, wenn sie sich von Mädchen angenommen fühlt, wenn Mäd-
chen „etwas von ihr wollen“. Diese Aussage bezieht sich auf die Beziehungsebene zwi-
schen Pädagogin und Mädchen und weniger auf eine inhaltlich fachliche Anerkennung der
Angebote der Pädagogin. E. benennt positive Momente sowohl bezogen auf eine Bezie-
hungsebene als auch bezogen auf eine inhaltliche Ebene. So freut sie sich, wenn sie das
Gefühl hat, mit den jungen Frauen in Verhandlung treten zu können und bewertet es als
„klasse“, wenn sich die Teilnehmerinnen auf ihre inhaltlichen Angebote so einlassen, wie
sie es sich vorgestellt hat.
Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns
Die Pädagoginnen reflektieren ihr eigenes pädagogisches Handeln verschieden. Die Päd-
agogin G. beschreibt die pädagogische Arbeit in der Bildungsstätte als „total didaktisch“,
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
168
bei dieser Arbeit geht es immer darum, etwas „zu erreichen“. Im Rahmen der sozialen
Gruppenarbeit wollen die Mädchen Spaß haben und G. beschreibt, wie sie im Laufe der
Arbeit immer weniger vorbereitet hat z.B. im Sinne von „Bildungsspielen“ und gelernt hat,
sich mehr auf die aktuellen Bedürfnisse der Mädchen einzustellen. Im Rückblick beurteilt
G. ihr Handeln manchmal als zu hart. Diese Reflexion bezieht sich jedoch eher auf ihre
Sanktionen. Es schwingt mit, dass zwar das Verhalten der Mädchen in bestimmten Fällen
sanktioniert werden sollte, aber eben nicht in der Art und Weise, wie G. es tat. Hier schei-
nen die eigenen Widersprüche der Pädagogin auf und ihre Ambivalenz zwischen Zielori-
entierung auf der einen und dem Verhalten der Mädchen auf der anderen Seite tritt durch
ihre Reflexion hervor.
E. beschreibt einen Veränderungsprozess bezogen auf ihre pädagogische Haltung. Sie ist
abgerückt von den relativ starren Zielvorstellungen bezogen darauf, wie im Rahmen von
Mädchenarbeit gehandelt werden und was mit Mädchen bearbeitet werden sollte. Zuneh-
mend wird ihr in ihrer pädagogischen Arbeit wichtiger, Differenzen unter Mädchen und
deren Verwobenheit in Machtverhältnisse in den Blick zu nehmen. Sie möchte eine ent-
spanntere Haltung gewinnen und ihre Angebote an Mädchen als Handreichung begreifen,
die die jungen Frauen annehmen können oder auch nicht. Die Pädagogin I. grenzt sich ge-
gen Sichten von Pädagogik ab, die einen pädagogischen Maßstab transportieren, der die
Jugendlichen in ihrem Weg des Erwachsenwerdens beschneidet, der ihnen Ansprüche
„überstülpt“. Sie wollte in ihrer Arbeit eher „Modellfunktion“ für die Mädchen haben, sie
unterstützen und mit ihnen in Verhandlung treten. Maßstab ihres Handelns waren die Mäd-
chen selber, diese standen im Mittelpunkt mit ihren Bedürfnissen und Problemen. Darüber
hinaus beschreibt sie die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung im Jugendfreizeitheim, in
dem die männlichen Kollegen für die „Sachthemen“ zuständig waren und die weiblichen
Kolleginnen für die „Gefühlsarbeit“.
Das in Konzepten zur Mädchenarbeit entworfene Ideal eines starken, mutigen, selbstbe-
wussten und eigenverantwortlich handelnden Mädchens stellt bei den beiden jüngeren
Pädagoginnen insofern eine Orientierung dar, als dass sie sich auf Konzepte zur Mädchen-
arbeit beziehen. So möchte die Pädagogin G. die Mädchen, mit denen sie arbeitet, u.a. für
die eigenen Bedürfnisse sensibilisieren und die Pädagogin E. versucht, in ihrer Arbeit den
„Kämpferinnengeist“ in Mädchen zu wecken und Abweichungen vom „Mainstream“ zu
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
169
provozieren. Gemeinsam ist beiden Pädagoginnen, dass sie in ihren jeweiligen Arbeitsfel-
dern auf der Folie eines idealisierten Mädchenbildes, welches in Konzepten zur Mädchen-
arbeit konstruiert wird, arbeiten. Suggeriert wird in den pädagogischen Konzepten auch die
„Machbarkeit“ dieses Ideals. Ausgehend von der Forderung nach einer Aufwertung und
Stärkung weiblicher Kompetenzen, einem zentralen Paradigma in der Mädchenarbeit( vgl.
exemplarisch Kapitel 3.3.2), das sich auf der Annahme gründet, dass Mädchen verände-
rungsbedürftig sind, bezogen darauf, wie Jungen und Männer sind und/oder bezogen auf
ein feministisches Mädchenideal, soll mit und durch Mädchenarbeit „prozessorientiert“
gearbeitet werden. Dabei darum, die „originäre Geschlechtsidentität von Mädchen auszu-
formen“, ihre Kompetenzen zu erweitern und ihre Handlungsfähigkeit zu vergrößern usf.
(vgl. Kapitel 3.3.2).
Einzig die Pädagogin I. bedient sich keines klar umrissenen Ideals. Dies ist zum einen der
Zeit geschuldet, in der sie mit Mädchen arbeitete und zum anderen stellt sie in der Mäd-
chenarbeit einen ausdrücklichen Rückbezug zur Entwicklung ihrer Person her.
In den Reflexionen über die Ausprägung und das Wirken eines feministischen Mädcheni-
deals in die eigenen Handlungen hinein sind die Pädagoginnen ebenfalls unterschiedlich.
Um die Reflexionen der Pädagoginnen näher zu beleuchten, wird noch einmal zurückge-
griffen auf den Gedanken von Frigga Haug, in dem sie Widersprüche als produktiv und
Harmonie als Feind von Erkenntnisprozessen begreift (vgl. Frigga Haug 1990: 78). Haug
bezieht diese Aussage zunächst auf den Umgang mit niedergeschriebenen Geschichten. Es
ist jedoch legitim diesen Fokus zu erweitern, so formuliert Frigga Haug selbst:
Erinnerungsarbeit beginnt ganz subjektiv. Aber weil sie die Eingelassenheit der ganzen
Person in ihre Welt zum Gegenstand hat, ist auch die Ganze Welt Gegenstand der Er-
forschung (Frigga Haug1990: 7).
So soll im Folgenden die von Haug formulierte Produktivität der Reflexion von Wider-
sprüchen innerhalb pädagogischer Handlungspraxen transferiert werden. Diese Brüche und
Widersprüche treten in der pädagogischen Praxis i.d.R. dann auf, wenn Diskrepanzen zwi-
schen den (feministischen) Intentionen der Pädagoginnen und ihren Deutungen der Situa-
tionen auftreten. Der Umgang der Pädagoginnen mit dem Eigensinn der Mädchen ist in
diesem Teil der Interviewauswertung insofern von Bedeutung, als dass der Eigensinn und
mithin der Umgang mit ihm, als Indikator für das Auftreten des Interventionsparadox be-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
170
griffen wird. Zu Beginn dieses Kapitels wurde dahingehend argumentiert, dass Situtionen,
in denen das Interventionsparadox auftritt, sich besonders für eine weitere Analyse anbie-
ten. Die Pädagoginnen reflektieren die Situationen in der Regel auf der Folie der Kategorie
Geschlecht. Diese Sichtweise begründet sich durch ihr Arbeitsfeld und ihren feministi-
schen Hintergrund. Das poststrukturalistische Verfahren der Dekonstruktion eröffnet wei-
tere Betrachtungsweisen so bezogen auf Unentscheidbarkeit, die Allgegenwärtigkeit von
Macht, die Vieldimensionalität von Subjekten, das doing gender und das Wahrnehmen von
Dichotomien. Die Bewegungen der Pädagoginnen im Spannungsfeld von Rekonstruktion
und Dekonstruktion der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit werden am Beispiel einzel-
ner Interviewsequenzen aufgezeigt. Hierbei stehen die unmittelbaren Interaktionen im
Mittelpunkt.
4.3.1 Dekonstruktion und Rekonstruktion in pädagogischen Interaktionen – die
Pädagogin G.
Die Pädagogin G. geht mit dem Anspruch in die Arbeit mit Mädchen, feministische Ideen
in die Praxis umzusetzen und gleichzeitig Mädchen als Subjekte pädagogischen Handelns
in den Mittelpunkt zu stellen.
Wie bewegt sich G. unmittelbar im Spannungsfeld von Dekonstruktion und Rekonstrukti-
on des Systems der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit in ihren pädagogische Handlun-
gen? Exemplarisch soll dies an folgender, von G. beschriebener Situation aus ihrer Praxis
in der Bildungsarbeit diskutiert werden:
Ich hab ja früher fast immer nur Mädchengruppen gehabt. Und dann dacht ich immer,
also wir hatten ja auch einen biographischen Ansatz, und auch um festzustellen, was sie
auch für Träume haben, wie sie sich ihr eigenes Leben vorstellen, so Bilder von allen
möglichen verschiedenen Frauen, Fotos aus Zeitschriften, aber möglichst auch Alte,
und alle Nationalitäten und alles die sollten möglichst unterschiedlich Aussehen, ausge-
schnitten und jedes Mädchen soll sich dann eine raussuchen und dann sagen, warum sie
die sympathisch findet und ob sie sich vorstellen kann, dass die so lebt, wie sie auch
mal selbst leben möchte und dann sich `ne Geschichte ausdenken, wie diese Frau so
lebt. Jetzt hab ich mir gedacht, warum eigentlich nur mit Frauen und eigentlich kann
ich das ja auch mit Männern machen und vielleicht gibt es ja bestimmte Mädchen, die
gern so leben möchten wie Männer. Und eigentlich glaube ich, das stimmt auch. Bloß,
so wie ich das dann gemacht habe, ging es irgendwie völlig in die Hose, weil die mir
nicht zugehört haben und sich dann einfach nur einen rausgegriffen haben und sich
dann irgendwelche Armanimodelltypen, die sie dann besonders gut aussehend fanden,
rausgesucht haben. Und das ging halt nicht darum, dass die sich jetzt halt wahnsinnig
mit dem identifizieren und auch am liebsten ein männliches Modell wären, sondern es
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
171
geht halt schon darum, dass der halt gut aussieht und deswegen haben sie den ausge-
sucht. Viele Mädchen hatten sich dann Männer rausgesucht und die Jungs zum Teil
auch und irgendjemand hat es aufgebracht, also irgendein Junge hat es aufgebracht; ei-
ne Frage die sie beantworten sollten zu den Bildern war: Was wünscht sich diese Per-
son für die Zukunft? Und dieser Junge hatte geschrieben, er möchte mit Pamela Ander-
sen ins Bett gehen. Und darauf hin alle Mädchen auch das Gleiche über ihre männli-
chen Modells. Sein größter Traum ist es, mit Pamela Andersen ins Bett zu gehen. Und
das war halt. (Pause) Also, erstens war es nicht möglich zu sagen, wir wollen mit ihnen
sprechen, weil es war ja eh nicht möglich, mit ihnen zu sprechen. Und dann hat ich in
dieser Situation halt schon den Eindruck, es geht, in der reinen Mädchengruppe wär das
anders gelaufen. Die Mädchen hätten das nicht geschrieben. Ich weiß es nicht, ob es so
ist. Aber ich hatte schon so das Gefühl, dass es halt, dass sich da so ein Gruppenkon-
sens etablieren konnte, der in dem Fall halt sehr stark von den Jungen beeinflusst war.
In der reinen Mädchengruppe wär’s wahrscheinlich nicht so gewesen und dann wär’s
wahrscheinlich auch leichter gewesen, mit ihnen darüber zu sprechen.
Der Ansatz der Pädagogin kann als dekonstruktiv bezogen auf das System der hierarchi-
schen Zweigeschlechtlichkeit interpretiert werden, indem sie versucht, mit dieser Übung
Konstruktionen über Weiblichkeit und Männlichkeit als gesellschaftlich hergestellt zu
entlarven. So ist ihre Intention, den Jugendlichen verschiedene Bilder von Frauen und
Männern zur Auswahl anzubieten und ihnen damit eine Erweiterung von Lebensentwürfen
aufzuzeigen. Damit wird von ihr das Spiel mit der Kategorie gender befördert: Mädchen
sollen sich Bilder von Jungen bzw. Männern heraussuchen und sich überlegen, wie es wäre
als Mann zu leben und vice versa. An dieser Stelle deutet sich an, dass die Pädagogin von
einer Veränderbarkeit der Kategorie gender ausgeht, indem sie die Jugendlichen ermutigt,
sich auch gegengeschlechtliche Identifikationsfiguren herauszusuchen. Diese Idee erweist
sich in der oben geschilderten Situation als Gratwanderung, wie die Pädagogin in der Er-
zählsituation reflektiert („ Bloß so wie ich das dann gemacht habe, ging es irgendwie völlig
in die Hose...“): Ein Junge hat sich einen Mann ausgesucht und seine Wahl mit sexuali-
sierten Aussagen begründet. Und auch die anderen Jungen und Mädchen schließen sich
diesem Verhalten an. Für die Pädagogin ist diese Situation gescheitert, „weil es war ja eh
nicht möglich mit ihnen zu sprechen“ und sie resigniert. Die ursprünglich als dekonstruktiv
verortbare Überlegung der Pädagogin nimmt durch das Verhalten der Gruppe und das Ver-
halten der Pädagogin eine „rekonstruktive Wendung“, indem sie die Selbstinszenierungen
der Jugendlichen analog der normativen Vorgaben im System der hierarchischen Zweige-
schlechtlichkeit interpretiert. Indem die Pädagogin ihr didaktisches Vorhaben und ihre Re-
flexion der Situation auf der Folie der Kategorie Geschlecht vollzieht, ist das Gefühl des
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
172
Scheiterns bezogen auf ihre Intention einer Veränderung über Konstruktionen von Weib-
lich und Männlich nachvollziehbar, denn die Mädchen erscheinen als passiv und die Jun-
gen als aktiv und dominant.
Poststrukturalistisches Denken zeichnet sich durch Unentscheidbarkeit aus und das Verfah-
ren der Dekonstruktion eröffnet weitere Deutungsoptionen: So kann die Situation gleich-
zeitig unter dem Aspekt von Macht gedeutet werden: Mächtig ist der Junge zunächst durch
seine Aussage, mit Pamela Andersson ins Bett gehen zu wollen, denn damit greift der Jun-
ge auf einen Diskurs zurück, der die machtvollere Position der Pädagogin relativiert und
sie und die Mädchen als Objekte eines Diskurses konstruiert: Die Mädchen und die Päd-
agogin haben die Positionen von Sexualobjekten inne und vor diesem Hintergrund konsti-
tuiert sich der Junge als machtvoll. Gleichzeitig ermächtigen sich die Mädchen auch, in-
dem sie durch ihre Wahl und die Begründung ihrer Wahl von männlichen Modells für sich
eine Aneignung männlicher Selbstinszenierungen konstruieren.
Auch anders kann die Situation gedeutet werden: So versucht sich der Junge aus seiner
machtlosen Position heraus zu begeben, indem er imaginiert, dass er an die mächtige Pa-
mela Anderson herankommen kann.
Durch die Berücksichtigung der in dieser Situation herrschenden Diskurse, könnte die Päd-
agogin aus ihrer „rekonstruktiven Perspektive“ ausbrechen und andere Optionen für die an
dieser Situation Beteiligten eröffnen: So könnte sie hier das Verhalten der Mädchen nicht
ausschließlich als passiv und angepasst deuten, sondern sie als aktiv Handelnde anerken-
nen, als machtvoll und sich ermächtigend. Hieran anknüpfend können weitergehende päd-
agogische Prozesse initiiert werden, z.B. könnte ein Gespräch über die Bilderauswahl und
die Begründung dieser Auswahl mit den Mädchen und Jungen geführt werden. Dabei
könnte die Motivation der Jugendlichen im Vordergrund stehen. Die Bewegung von Re-
konstruktion kann vor diesem Hintergrund hin zu einer Perspektive von Dekonstruktion
des hierarchischen Geschlechterverhältnisses und konkretisiert auf die geschilderte Situati-
on, auf den Umgang von Jungen und Mädchen pendeln, indem die Pädagogin die Selbstin-
szenierungen der Mädchen und der Jungen als Inszenierungen anerkennt. Mädchen und
Jungen sind dann nicht einfach Mädchen und Jungen und verhalten sich ausschließlich qua
Geschlecht, sondern sie sind so, weil sie es tun. Die Pädagogin wirkt ebenfalls an diesem
Konstruktionsprozess mit. Geschlecht als Interaktion als doing gender zu begreifen be-
deutet, seine Veränderbarkeit anzuerkennen und zu realisieren, dass das Verhalten der
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
173
Mädchen und Jungen in einer anderen Situation ganz anders sein kann und wiederum an-
ders gedeutet werden kann.
So könnte die Pädagogin in dieser Situation, um nur eine Möglichkeit der Deutung heraus-
zugreifen, durch ihre Anerkennung der Aneignung von männlichen Subjektpositionen der
Mädchen zu einer Verflüssigung von Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht beitra-
gen, indem sie Mädchen (und Jungen) unterstützt, mit der Kategorie gender spielerisch
umzugehen, ohne die Praktiken von Macht in dieser Situation auszublenden.
Ein weiteres Beispiel, in der die Pädagogin sich im Rahmen der Bildungsarbeit in eine
Bewegung von Dekonstruktion und Rekonstruktion des hierarchischen Geschlechterver-
hältnisses begibt, ist folgende Situation:
Zum Beispiel fanden die Rollenspiel toll, ja, wollten unbedingt Rollenspiel machen, wo
mit ich gar nicht gerechnet hatte. Also weil Rollenspiele erfordert ja schon `nen ganz
schönen Einsatz. Und dann haben sie, ich hatte so Rollenspiele zur Selbstverteidi-
gungssitiuationen, also zum Beispiel Situationen: Der Mathelehrer erklärt dir was nach
dem Unterricht und legt dir den Arm um die Schulter und du willst das eigentlich nicht
und wie reagierst du. Und das haben die dann gespielt. Die haben wahnsinnig gekichert
dabei, nur rumgekichert und das dann irgendwie gespielt und die ganzen Situationen
dann eigentlich so aufgelöst, das sie dann zum Lehrer gesagt haben:“ Geh weg du
Arschloch“ und rausgelaufen sind. Also relativ unrealistische Lösungsvorschläge. Und
dann aber sozusagen den nächsten Schritt zu gehen und dann mit ihnen drüber zu spre-
chen, ist das realistisch oder nicht und warum ist das nicht realistisch und was gäbe es
eigentlich für Lösungsmöglichkeiten, das war halt wiederum nicht drin, weil reden mit
denen nicht funktionierte. Und so was ist halt total frustrierend. Also einfach auch zu
merken, das kommt bei denen überhaupt nicht an, was ich machen will.
Auch hier geht die Pädagogin mit einem Ansatz in die Arbeit hinein, der als dekonstruktiv
bezogen auf das hierarchische Geschlechterverhältnis begriffen werden kann: Ihr geht es
um eine Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten von Mädchen bezogen auf ihre Selbst-
verteidigungskompetenzen. Potenziale von Dekonstruktion hat dieses didaktische Vorha-
ben deshalb, weil hiermit ein Beitrag geleistet werden kann, festgezurrte Verhaltensweisen
bei den Mädchen aufzubrechen. Die Pädagogin erlebt die Situation als frustrierend, weil
die Mädchen ihr ihres Erachtens „unrealistische Lösungsvorschläge“ anbieten. Ihre Inten-
tion war es, mit den Mädchen verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren und eine
Nachdenklichkeit bei den Mädchen über diese Situation anzuregen. So wünscht sie sich,
mit den Mädchen über realistische und unrealistische Lösungsvorschläge diskutieren zu
können. Die Mädchen verhalten sich hier aber nicht, wie die Pädagogin es erwartet, sie ist
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
174
enttäuscht und reproduziert mit ihrer Erwartungshaltung an die Mädchen und ihrer Reakti-
on auf die Mädchen eine tradierte Sicht auf die Kategorie Mädchen.
Auch an dieser Stelle kann ein Denken von Unentscheidbarkeit zu weiteren Betrachtungs-
weisen der Situation beitragen, indem Diskurse von Macht, die sich hier zeigen, zu einer
weiteren Ebene von Reflexion der Situation einbezogen werden: Der Mathelehrer nimmt in
der Geschichte eine mächtige Position ein. Er hat diese mächtige Stellung qua seiner
Funktion als Lehrer und qua seines Geschlechts inne. Die Mädchen haben in diesem Rol-
lenspiel zunächst eine machtlose Position. Im Verlauf der Situation zeichnet sich jedoch
ab, dass die Protagonistinnen nicht durchweg mächtig und durchweg machtlos sind. Der
Mathelehrer nutzt seine machtvollere Position den Mädchen gegenüber aus, indem er den
Mädchen bei seinen Erklärungen den Arm auf die Schulter legt. Die Mädchen reagieren, in
dem sie schreien „Hau ab du Arschloch“ und wegrennen. Die Mädchen brechen aus der
Rolle des vernünftigen Mädchens aus, sie werden aktiv und beschimpfen den Lehrer. Die
Bedeutung des Verhaltens der Mädchen lässt sich in diesem Kontext als durchaus wehrhaft
verstehen. Und so vermittelt sich das Verhalten der Mädchen als dekonstruktiv angelegt,
indem sie sich nicht in die Rolle des vernünftigen, abwägenden Mädchens fügen. Durch
diese Wahrnehmung der Situation wird deutlich, dass die Mädchen mit der Kategorie gen-
der spielen und sich anderer Selbstinszenierungen bedienen, als die Pädagogin erwartet
hat. Die Pädagogin erlaubt es ihnen in dieser Situation jedoch nicht, potenzielle Erfahrun-
gen mit anderen Selbstinszenierungen auszuprobieren. Dies wird daran deutlich, dass sie
das Verhalten der Mädchen als „unrealistisch“ bewertet und in dieser Situation nicht in der
Lage ist, sich von ihren eigenen Vorstellungen, wie sich Mädchen in dieser Situation hät-
ten verhalten sollen, zu lösen. Auch hier kristallisiert sich ein Ansatzpunkt heraus, um in
eine Bewegung von Rekonstruktion und Dekonstruktion des hierarchischen Geschlechter-
verhältnisses zu gelangen.
Das Verhalten der Mädchen in dieser Situation kann je nach Deutungshintergrund anders
entschlüsselt werden. Den Fokus auf bestimmte Strukturen von Macht zu richten, kann zur
eben geschilderten Deutung führen. Andere Möglichkeiten der Entschlüsselung52 von
Praktiken der Mädchen könnten unter den Aspekten des doing gender und der Vieldimen-
sionalität von Subjekten geleistet werden.(Vgl. Kapitel 5.2)
52 Entschlüsseln kann als ein Aspekt von Dekonstruktion begriffen werden. Dekonstruktion als Balanceakt
des Aufdeckens von Begriffen und Zuschreibungen in ihrem symbolischen Bestand, bedeutet eben auch
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
175
Bei der Reflexionen der Pädagogin G: steht in der Regel die Kategorie Geschlecht im Vor-
dergrund. Dies ist bedingt durch ihre große Verbundenheit mit feministischen Ideen und
durch ihr Arbeitsfeld. Durch diesen eingeengten Blick jedoch vergibt sich die Pädagogin
einiges an Interventionsmöglichkeiten und trägt durch ihr Handeln eher zu einer Rekon-
struktion, denn zu einer Dekonstruktion des Systems der hierarchischen Zweigeschlecht-
lichkeit bei. Die Pädagogin ist in ihrem Handeln und in ihrer Reflexion entschieden. Damit
hält sie hält sich wenig offen und in der Schwebe. Pädagogik bedeutet jedoch immer auch
Prozess und Prozesse sind i.d.R. in der Schwebe befindlich, halten Möglichkeiten offen
und lassen sich gleichzeitig beeinflussen. Der Blick der Pädagogin ist eingeengt durch ihre
Reflexion der Situation auf der Ebene der Kategorie Geschlecht. Durch diese Fokussierung
nimmt die Pädagogin in ihrer Reflexion nur einen Ausschnitt dessen wahr, was in der Si-
tuation passiert. Sie deutet kaum das Zusammenspiel der verschiedenen Diskurse, die in
diesen Situationen wirken. Deren Berücksichtigung könnte jedoch dazu beitragen, Mäd-
chen als anders bzw. als Andere wahrzunehmen und anzuerkennen, indem sie z.B. Macht-
praktiken und Selbstinszenierungen von Mädchen rückbindet an Aspekte von Macht, Sub-
jektivität und Geschlecht. In den von ihr geschilderten Situationen misst sie die Mädchen
und ihr Handeln jedoch in erster Linie am Maßstab feministischen-pädagogischen Ansprü-
che. Dabei kann sie Facetten von Mädchen, z.B. deren Spiel mit der Kategorie gender,
kaum wahrnehmen, weil dieses Spiel, so wie es in den Situationen von ihr geschildert wur-
de, nicht so recht mit dem feministischen konstruierten Mädchenideal zusammenpasst.
Vordergründig liegt wenig Übereinstimmung in dem Handeln der Mädchen mit dem Ideal
der Pädagogin. Ihre persönliche Strategie ist, so wird im Interview deutlich, sich von Mäd-
chen und ihrem Verhalten zu distanzieren.
Durch die Bewegung dieser Distanzierung können ihr die Handlungen der Mädchen als
Irrational und unverständlich erscheinen. Es findet kaum Annäherung an die Mädchen
statt, sondern es kann eine Phantasmagorie entstehen, welche aus Projektionen bzw. ver-
worfenen Elementen entsteht. Mädchen werden so als völlig andere konstruiert und ihr
Handeln kann in diesem Zusammenhang von der Pädagogin als defizitär und unverständ-
lich beschrieben werden. Der Eigensinn von Mädchen wird als störend in pädagogischen
Interaktionen begriffen und in diesem Zusammenhang sind Abwehrmechanismen notwen-
dig, um diese störenden Aspekte auszublenden. Das kann exemplarisch bedeuten, dass sich
entschlüsseln von z.B. Strukturen, Verhaltensweisen und sozialen Praktiken.(Vgl. auch zur Bedeutung von
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
176
Pädagoginnen mit Idealbildern von Mädchen identifizieren, reale Mädchen und ihre Wün-
sche und Bedürfnisse, die womöglich nicht feministisch sind, zurückweisen. So beharrt die
Pädagogin G. in ihren Erzählungen relativ stark auf ihren Ziel- bzw. Idealvorstellungen
und rückt selten von ihnen ab. In einer Situation schimmert eine Aufweichung dieser Ziel-
setzung durch, als sie sich auf ihr eigenes Mädchen-Sein zurück besinnt. Sie versucht
nachzuvollziehen, was in den Mädchen vorgeht und reflektiert so ihr Handeln auf dieser
Basis. Sonst greift bei G. in Situationen, in denen ihre Vorstellungen über das Ziel ihrer
Arbeit nicht mit dem Verhalten der Mädchen übereinstimmen, oft ein Mechanismus des
Unterstützungsentzuges, in dessen Zusammenhang sie Mädchen dann einfach „blöd“ fin-
det. Den Eigensinn von Mädchen empfindet sie dann als störend, denn selten stellt die
Pädagogin im Rahmen des Interviews ihre Handlungsintentionen in Frage, sondern viel-
mehr die Mädchen als Personen. Diese Bewegung wurde als Rationalisierung von Schei-
tern bezeichnet, als Abwehrmechanismus, der über eine distanzierte Haltung Mädchen
gegenüber hinaus geht. G. begibt sich mit ihren negativen Äußerungen über Mädchen im
Interview in eine Bewegung von Abwehr. Annähern kann sich die Pädagogin G. dann an
Mädchen, wenn „klar ist, die wollen ganz viel von mir“. Diese Annäherung beschreibt sie
jedoch nur im Zusammenhang mit Mädchen aus dem Freizeitbereich. Wenn Mädchen dann
nicht das tun, was sie vorschlägt, kann sie dies auf dieser emphatischen Basis, die die
Mädchen herstellen, tolerieren. Im Interview relativiert G. manchmal ihre abwehrende
Haltung, indem sie ihr eigenes Handeln als zu hart einstuft. Diese Reflexion führt jedoch
nicht zu einer Annäherung an die Mädchen, denn G. kritisiert lediglich den Grad ihrer
Sanktion den Mädchen gegenüber und nicht ihre Annahme der Notwendigkeit einer Sank-
tion selbst. Die Mädchen erscheinen so in der Sicht der Pädagogin weiterhin kritik- und
veränderungsbedürftig, da sie nur den Grad ihrer Sanktion einer Revision unterzieht und
nicht den Anlass.
Feministische Identitätskonzepte werden realen Mädchen oftmals von G. gegenüber ge-
stellt. Damit konstruiert sie eine Opposition, in der reale Mädchen als untergeordnet begrif-
fen werden können. Auch damit kann die Pädagogin mittelbar zu einer Rekonstruktion
defizitärer Sichtweisen auf Mädchen beitragen.
Entschlüsseln sozialer Praktiken im Zusammenhang mit Dekonstruktion letztes Kapitel: 198)
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
177
4.3.2 Dekonstruktion und Rekonstruktion in pädagogischen Interaktionen – die
Pädagogin E.
Die Pädagogin E. bezieht sich in ihrer Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen auf ein kon-
kretes Konzept zur Mädchenarbeit und fühlt sich mit diesem Konzept „superidentifiziert“.
Sie wertet im Interview ihre Arbeit mit Mädchen oftmals dann als erfolgreich, wenn sie
meint, dass die Mädchen ihre Identifikationsangebote angenommen haben. Gleichzeitig
beschreibt sie, wie sie sich im Laufe ihrer Praxiserfahrungen immer weiter von diesem
Konzept verabschiedet hat und ihr zunehmend die Mädchen selbst und die Differenzen
unter Mädchen wichtig geworden sind.
Wie bewegt sich E. unmittelbar im Spannungsfeld von Dekonstruktion und Rekonstruktion
der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit? Auch hier soll diese Frage an Beispielen aus
der Bildungsarbeit von E. diskutiert werden:
...ich biete ihnen was an und find das eigentlich auch klasse und denke ich mach ihnen
das auch deutlich warum ich das klasse finde und sie wollen das einfach nicht. Sie fin-
den’s einfach nicht toll (lacht) Und sie wollen’s nicht, dass ist noch nicht das was mich
ärgert also das ist dann erst mal so. Aber die Art und Weise wie sie dieses Nichtwollen
ausdrücken da muss ich ganz stark aufpassen also nicht in so`ne Motzstimmung zu
kommen und dann total gegen zuhauen sozusagen. Also das sie dann irgendwie, sie
verweigern sich, sie ziehen sich zurück, sie schmollen, kommen zu spät oder entziehen
sich, anstatt sich hinzustellen und zu sagen: so nun hör mal zu hier, das paßt uns nicht
wir wollen das und das. So, das sind sie zum Teil aus ihrer Schule gewöhnt auch da ha-
ben sie keine anderen Möglichkeiten in diesen Strukturen aber sie transportieren das
auch völlig in die Arbeit mit mir und da merk ich, dass ich mich persönlich darüber är-
ger (...) Also ich wünsche mir an dem Punkt wirklich welche die dann dastehen und sa-
gen: das ist ja nett was du hier vorbereitet hast aber das möchte ich nicht. Und damit
kann ich gut leben. Also das, ja, das möchte ich nicht und ich möchte gern das und das.
Also ich denk damit, ja, das würde mir gefallen. Das fände ich `nen tollen Erfolg. Also
müsst ich mal gucken was es dann ist konkret und ob ich dann mich dann da persönlich
gekränkt fühle oder so. Aber erst mal merk ich, dass mich das sehr sehr ärgert, diese
Art und Weise des rausziehens.
Die Diskrepanz zwischen dem Wunsch der Pädagogin an die Mädchen, aktiv für ihr Wol-
len einzutreten und der scheinbaren Passivität der Mädchen wird hier deutlich. E´s Ansin-
nen, dass die Mädchen sich hinstellen und sagen: „so nun hör mal zu hier, das passt uns
nicht wir wollen das und das“, illustriert ihre Nähe zu Konzepten von Mädchenarbeit, in
denen die Erweiterung der Handlungskompetenzen von Mädchen als ein Baustein zu ei-
nem enthierarchisierten Geschlechterverhältnis begriffen wird.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
178
E. reflektiert diese Situation bedingt durch ihre Position als Pädagogin, die mit Mädchen
arbeitet, in erster Linie vor dem Hintergrund der Kategorie Geschlecht, indem sie sich über
die scheinbare Passivität der Mädchen ärgert. Stattdessen sollen die Mädchen aktiv sein
und „Kämpferinnengeist“ zeigen, wie sie an einer anderen Stelle des Interviews schildert.
Mit diesem Wunsch setzt sie die Eigenschaft Aktivität der Eigenschaft Passivität polarisie-
rend entgegen und begibt sich damit in eine Reproduktion des hierarchischen Geschlech-
terverhältnisses. Dies tut sie, indem sie den Mädchen passives Verhalten zuordnet und
gleichzeitig das Handeln der Mädchen abwertet. Damit konstruiert sie eine Dichotomie, in
der das Verhalten der Mädchen als passiv gedeutet und abgewertet wird, indem sie es ei-
nem aktiven Verhalten hierarchisierend entgegensetzt. Aktivität ist eine Eigenschaft, die
Männern zugeschrieben und höher bewertet wird als Passivität, die Frauen zugeordnet und
i.d.R. als abgewertet konstruiert wird.
Gleichzeitig wird durch ihre Deutung der Situation die Verwobenheit der Kategorie Ge-
schlecht mit Diskursen von Macht illustriert. Damit geht die Pädagogin in eine Bewegung
von Dekonstruktion, indem sie die Situation nicht eindimensional reflektiert, sondern eine
weitere Ebene in ihre Deutung einbezieht: E. konstatiert, dass sie das Verhalten der Mäd-
chen insofern ärgert, als dass sie Strukturen von Schule in die Arbeit der Bildungsstätte
hinein transportieren. Die Mädchen antizipieren in der Bildungsstätte Machtpraktiken, de-
nen sie in der Schule unterworfen sind. In der Schule verweigern sich die Mädchen, indem
sie sich den Strukturen unterwerfen: Sie sind passiv, sie ziehen sich zurück. E. schildert ihr
Verständnis dafür, dass die Mädchen in der Schule kaum eine andere Möglichkeit haben,
als „passiv“ zu agieren. Die Mädchen sollen nun in der Bildungsstätte begreifen, dass dort
alles ganz anders ist. Damit verkennt E. ihre machtvolle Position als Pädagogin und die
machtvollen Strukturen der Bildungsstätte, die ein Äquivalent zum Schulbesuch darstellt.
Durch ihren Ärger bekräftigt E. diese Strukturen und die Mädchen werden bestätigt in ihrer
Wahrnehmung, dass in einer Bildungsstätte letztlich ein ähnlicher Diskurs hegemonial ist
wie in einer Schule.
Die Deutung dieser Situation vor dem Hintergrund von Machtpraktiken kann noch weiter
ausdifferenziert werden. So kann das Verhalten der Mädchen als durchaus machtvoll be-
griffen werden, indem ihr Widerstand als solcher anerkannt würde. Der „Ort der großen
Weigerung“ ist im poststrukturalistischen Denken nicht vorgesehen und Widerstand ist nur
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
179
innerhalb der Machtbeziehungen möglich. Insofern ist das scheinbar passive Verhalten der
Mädchen als aktives Handeln innerhalb des Diskurses von Macht deutbar. Dabei soll hier
nicht eine Perpetuierung der Dichotomie Passiv/Aktiv betrieben werden, sondern veran-
schaulicht werden, dass Passivität immer auch Aktiviät bedeutet und vice versa. Mit Hilfe
dieser Deutung könnte die Pädagogin die Reproduktion der hierarchischen Zweige-
schlechtlichkeit im unmittelbaren Umgang mit den Mädchen dekonstruieren, indem sie das
Verhalten nicht analog tradierter Zuschreibungen als passiv bewertet. Damit verflüssigt sie
Vereindeutigungen bezogen auf die Kategorie Mädchen, indem sie die Dichotomie ak-
tiv/passiv mit ihren Wertungen und der Verortungen dieser Eigenschaften auf die Ge-
schlechter in dieser Situation durchbrechen kann.
Ein Beispiel, in dem die Pädagogin die Interdependenz der Diskurse Geschlecht und Macht
in ihrer Reflexion aufzeigt, ist folgende Aussage:
Der andere Teil, der aber zunehmend wichtiger geworden ist, ist erst mal einsehen, dass
es `ne Differenz auch zwischen den Mädchen gibt. Also ein Mädchen ist nicht wie das
andere, es gibt also auch Hierachisierungen auch in Mädchengruppen und die Art und
Weise, wie sie mit ihren Schwierigkeiten untereinander umgehen fand ich zunehmend
lohnenswerter in den Blick oder lohnenswerter mit ins Ziel zu nehmen. Also eben nicht
nur zu sagen: ihr Armen, ihr seid alle unterdrückt und jetzt wollen wir mal gucken wie
wir gemeinsam gegen die bösen Jungs, also auch das wieder sehr platt, sondern das ich
zunehmend mehr dazu hingekommen bin auch kritisch, also nicht nur zu stärken, son-
dern sie auch kritisch zu hinterfragen. Und (Pause) Jetzt muss ich mal überlegen, also,
ja, dass heißt es geht mir also sehr da drum sie zu fragen, wo grenzen sie aus, wie gren-
zen sie aus, warum grenzen sie aus und wenn irgendwas schwierig wird, wie gehen sie
denn dann damit untereinander um.
Vor dem Hintergrund der Kategorien Geschlecht und Macht nimmt die Pädagogin die
Vieldimensionalität von Subjekten in den Blick: Mädchen sind gleich und doch verschie-
den und auch in Mädchengruppen sind Hierarchien existent. Damit stellt sie die Zuordnung
der Kategorien in den Dichotomien Mädchen /Junge und unterdrückt/ unterdrückend in
Frage. Ihre Intention ist es, Mädchen zu stärken und gleichzeitig zu hinterfragen. Mit ihrem
differenzierten Blick kann ihr eine Bewegung der Dekonstruktion der hierarchischen
Zweigeschlechtlichkeit in der unmittelbaren Interaktion mit Mädchen gelingen. Dies ge-
schieht, indem sie die Selbstinszenierungen der Mädchen anerkennen kann. Sie stellt damit
nicht das Handeln der Mädchen per se in Frage, sondern kontextualisiert es durch den Be-
zug auf Differenz. Sie dichotomisiert und hierarchisiert in ihrer Reflexion nicht, sondern
sie hält die Widersprüche, die sie in den Selbstpositionierungen der Mädchen aufspürt,
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
180
wach und setzt an ihnen an. Damit verflüssigt sie Zuschreibungen an das Verhalten von
Mädchen, indem sie deren Verhalten nicht ausschließlich rückbindet an die Kategorie Ge-
schlecht, sondern die Adäquatheit des Verhaltens der Mädchen bezogen auf die Situation
deutet.
E. ärgert sich über Mädchen, wenn sie sich nicht so verhalten, wie E. es von ihnen erwar-
tet, der Eigensinn von Mädchen wird hier als störend empfunden. Gleichzeitig versucht sie,
die Lebensrealitäten von Mädchen in den Blick zu nehmen und möchte von ihren Idealvor-
stellungen abrücken. Sie schildert im Interview, dass sie zu einer Haltung zu gelangen ver-
sucht, die es ihr ermöglicht, ihre feministischen Identitätsangebote als Angebote zu be-
trachten, welche Mädchen annehmen können oder nicht, ohne dass sie sich als Pädagogin
gekränkt fühlt. Ihr Wunsch nach „professioneller Distanz“ illustriert diese Bewegung. Sie
selbst konstatiert in ihrer Arbeit mit Mädchen eine „missionarisch übergestülpte“ Konno-
tation, von der sie gerne wegkommen würde. E. versucht, den Eigensinn der Mädchen
nicht als Kränkung zu begreifen, sondern produktiv mit ihm umzugehen. E. orientiert sich
in ihrer Praxis zwar an einem feministischen Ideal, versucht jedoch gleichzeitig, eine Per-
spektive von Differenz in ihre Arbeit einfließen zu lassen, indem sie Mädchen und deren
Handeln kritisch hinterfragt. E. durchbricht mit ihrer Reflexion vor dem Hintergrund von
Differenz, ein Denken in Dichotomien und bezieht Ebenen von Ambiguität in ihre Deu-
tungen mit ein. Das bedeutet, dass sie das Verhalten von Mädchen eher anerkennen kann,
weil sie es situativ, auf den Kontext bezogen deutet und damit eine Vieldimensionalität
von Subjekten, Maccht und Geschlecht eher wahrnehmen kann.
4.3.3 Dekonstruktion und Rekonstruktion in pädagogischen Interaktionen – die
Pädagogin I.
Die Pädagogin I. beschreibt, dass die Basis ihrer Arbeit mit Mädchen ihr eigener Emanzi-
pationsprozess ist. Ihr Ansatz ist es, Mädchen, mit denen sie arbeitet, zu stärken und sie
formuliert keine konkreten Wünsche an Verhaltensänderungen bei den Mädchen. Bei I.
wirkt kein feministisches Ideal normierend, sie konstatiert im Interview stattdessen, eine
„absolute Akzeptanz“ für die Mädchen zu haben. Dieses Gefühl speist sich bei ihr aus dem
Emanzipationsprozess der eigenen Person. I. schildert, dass sie die Mädchen, mit denen sie
arbeitete, alle gemocht hat. Von einem pädagogischen Denken, dass auf einer Annahme
gründet, dass pädagogische Interventionen zu unmittelbaren Verhaltensänderungen führen,
distanziert sie sich. Sie konstatiert, dass je höher Erwartungen gesteckt sind, „umso eher
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
181
sie nach unten purzeln müssen“. Bei I. lässt sich ein Zusammenhang zwischen ihrem päd-
agogischen Anspruch und ihrer Eingelassenheit in ihren Emanzipationsprozess und mithin
das Einbringen ihrer ganzen Person in pädagogische Praxen herstellen.
Wie bewegt sich nun diese Pädagogin im Spannungsfeld von Dekonstruktion und Rekon-
struktion des hierarchischen Geschlechterverhältnisses? Dies soll im Folgenden ebenfalls
an zwei Interviewsequenzen verdeutlicht werden.
Also gerade zur Disko waren die Mädchen immer also wirklich sexy hoch drei, und in
der einer Form gekleidet, wo, ja wo dann auch so die Sprüche kommen, ja wer sich so
kleidet muss sich nicht wundern, wenn er angedatscht wird oder angemacht wird oder
als Nutte bezeichnet wird. Das war für mich ganz klar, dass ich dieses, diesen einer-
seits, also es war im Grunde ja gar kein Mut der Mädchen unbedingt, nichts Bewusstes,
sie haben sich natürlich so gekleidet, weil sie sexy sein wollten, und sie haben sich so
gekleidet, weil sie anmachen wollten. Und weil das ihrem Schönheitsideal entsprach.
Aber aus diesen Situationen, wenn sie dann wirklich oft in der Reaktion von den Jun-
gen, gerade wenn sie vielleicht mit denen nicht gehen wollten und die wollten was von
denen, dann kam ja sehr viel Häme rüber, ne, und dann haben sie die Mädchen wirklich
in Dreck gezogen. Das waren dann so Anlässe, wo ick die Mädchen in ihrer Richtung
unterstützt habe, dass wenn sie das schön finden und wenn sie dahinter stehen, dass das
verdammt noch mal den Jungs nicht das Recht gibt, dass sie sie als Nutten bezeichnen.
In dieser Situation verteidigt die Pädagogin I. die Mädchen gegenüber den Jungen. Die
Mädchen, so konstatiert sie, haben sich „sexy hoch drei“ gekleidet und die Jungen, die bei
den Mädchen „abgeblitzt“ sind, bezeichnen die Mädchen als Nutten. In dieser Situation
stellt sich die Pädagogin auf die Seite der Mädchen.
Die Selbstinszenierungen der Mädchen treffen bei ihr auf Verständnis: „sie haben sich na-
türlich so gekleidet, weil sie sexy sein wollten“. Das Schönheitsideal der Mädchen stellt sie
damit nicht in Frage, sondern sie akzeptiert es, solange die Mädchen selbst „dahinter ste-
hen“. Im Rahmen einer Reflexion dieser Situation auf der Folie der Kategorie Geschlecht,
reproduziert sie zunächst tradierte Auffassungen darüber, was schön und was sexy ist und
perpetuiert die gesellschaftliche Setzung von Heterosexualität als Norm, durch ihre Auf-
fassung, dass Mädchen sich für Jungen schön machen. Damit greift sie die Bilder und ge-
sellschaftlich konstruierte Auffassungen darüber, wie Mädchen sind bzw. zu sein haben,
nicht an, sondern bekräftigt sie (mit und) durch ihre Akzeptanz. Die Konformität der Kate-
gorien sex und gender wird damit von ihr nicht infrage gestellt, sondern affirmiert.
Die Reflexion der Pädagogin kann vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Überlegun-
gen weitergehend gedeutet werden: So begibt sich die Pädagogin I. in eine Bewegung von
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
182
Dekonstruktion, weil sie die mächtige Position der Jungen in dieser Situation bricht, indem
sie Partei für die Mädchen ergreift. Sie unterstützt die Mädchen, indem sie sie in ihrem
Sein akzeptiert und nicht das Verhalten der Mädchen als veränderungswürdig kritisiert,
sondern das der Jungen. Die Jungen greifen die Subjektpositionen der Mädchen an, in dem
sie sie als Sexualobjekte zu konstruieren versuchen. Die Pädagogin „rettet“ den Subjekt-
status der Mädchen und weist damit die Objektposition, die die Jungen den Mädchen ver-
suchen zuzuordnen, zurück. Dadurch dekonstruiert sie einen hegemonialen Diskurs, der
sich in Sichten über Frauen und Mädchen als Sexualobjekte widerspiegelt.
Weitergehend kann in dieser Situation gedeutet werden, dass die Pädagogin mit einer in
der Pädagogik verbreiteten Auffassung, dass die Anderen, die Pädagogisierten, in diesem
Falle die Mädchen, defizitär sind, bricht. So dekonstruiert sie letztlich auch einen Diskurs
feministischer Mädchenarbeit, Mädchen an ein feministisches Ideal heranzuführen. Das tut
sie, indem sie die dem feministischen Ideal nicht entsprechenden Selbstinszenierungen der
Mädchen anerkennt und nicht als veränderungsbedürftig diffamiert.
Auf der einen Seite stärkt die Pädagogin die subjektive Kraft der Mädchen und verflüssigt
damit die den Mädchen von den Jungen zugewiesene Objektposition. Auf der anderen
Seite reproduziert sie durch ihren starken Bezug auf die Kategorie sex gesellschaftliche
Konstruktionen über Mädchen-Sein und bekräftigt damit diese Zuschreibungen an Mäd-
chen auf einer essentiellen Ebene. In dieser Pendelbewegung liegen Potenziale und gleich-
zeitig Fallen, denn die Frage bleibt offen, ob es ausreicht, Mädchen in ihrer Subjektpositi-
on zu stärken und das Verhalten der Mädchen nicht gleichzeitig auch zu hinterfragen. Auf
einer Metaebene gedacht, wird die Konstruktion der Übereinstimmung von sex und gender
und die Setzung von Heterosexualität als gesellschaftliche Norm affimiert und damit zu
einer Reproduktion des hierarchischen System der Zweigeschlechtlichkeit beigetragen,
indem dessen basale Kategorien und die Zuschreibungen an und Konstruktionen über diese
Kategorien nicht erschüttert werden.
Bei der Pädagogin I. lässt sich damit folgender Mechanismus in ihrem pädagogischen
Handeln aufzeigen: Zum einen trägt sie durch ihre Bereitschaft bestimmte Vorstellungen
über Mädchen und Jungen als gegeben, quasi natürlich und damit essentiell begründet hin-
zunehmen, zur Reproduktion von Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht bei. Zum
anderen geht sie in eine Bewegung von Dekonstruktion, weil sie ihren Fokus zur Deutung
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
183
der Situationen erweitert und nicht allein zuspitzt auf eine Reflexion bezogen auf die Kate-
gorie Geschlecht. Dieser Mechanismus lässt sich auch im folgendem Beispiel nachzeich-
nen:
Und das waren auch immer dann ganz intensive Gespräche wie ist das Männerverhal-
ten, was nehmen die sich heraus, wie kleiden die sich selbst, wie geben die selbst und
wie verhalten sich Mädchen dazu. Das für die das gar nicht die Bedeutung hat wie für
die Jungs umgekehrt, die dann gleich die Mädchen eben so sexuell belästigen und na ja,
immer glauben dann Freiwild zu haben in ihrer Anmache. Det war so in erster Linie
meine Funktion. Dann gingen sie in dem, es ging natürlich immer viel um Liebe, also
das war ja das Alter, 13, 14, 15, 16 so was ja. Es ging immer ganz viel um Liebe und
Partnerschaft und Beziehung. Und wie eine Mode war und wie sich Mode auswirkt auf
Beziehung Mann und Frau, war das ein Ding. Dann ging es um Zeugung, Sexualität,
und was lassen Mädchen mit sich machen und zu welchem Zeitpunkt, in welchem
Rahmen stellen sie eigene Ansprüche. Det war natürlich auch teilweise sehr mau bei
den Mädchen und so ein Anspruch und Bewusstsein, was will ich, auch noch sehr ver-
kümmert (... )Dann gings dann also um Verhütungssache. Da haben wir uns ja dann
auch zu Eigen gemacht, dass wir dann mit den Mädchen zu Pro-familia gegangen sind
uns da in der Gruppe haben beraten lassen und dann sind so einige Mädchen, die feste
Beziehungen hatten, dann mit ihren Freunden nochmal zur Beratung gegangen. Ja, also
das war ein ganz schweres Kapitel, die Sexualität. Da Bewusstsein zu schaffen, dass sie
ja letztendlich diejenigen sind, die schwanger werden und das ging alles nur so theore-
tisch als Information, aber det wat se in der Praxis gemacht haben, lief doch dennoch
darauf hin, letztendlich darauf hinaus, das was der Junge macht, das machen wir im
Bett im Grunde auch. Aus Angst, ihn zu verlieren.
Auch hier scheint das Verständnis für das Verhalten der Mädchen wieder auf: Der Pädago-
gin I. geht es in dieser Situation darum, Mädchen aufzuzeigen, dass Verhaltensänderungen
sinnvoll und wichtig sein können, indem sie z.B mit den Mädchen zu Pro-familia geht.
Dabei stehen auch hier wieder die Interaktionen und das Verhältniss zwischen Mädchen
und Jungen im Mittelpunkt ihres Agierens. Die Selbstinszenierungen der Mädchen geht sie
nicht an, sondern zeigt im Gegenteil Verständnis für das Handeln der Mädchen: „...das was
der Junge macht, das machen wir im Bett im Grunde auch. Aus Angst, ihn zu verlieren.“
Mit diesem Hinnehmen des Verhaltens der Mädchen verfestigt sie die stereotype Haltung
der Mädchen und relativiert ihre Überlegung, bei den Mädchen „ein Bewusstsein“ zu
schaffen, wieder mit ihrer „absoluten Akzeptanz“ der Mädchen. Denn wie kann sie Mäd-
chen in Bewegung setzen, bzw. Prozesse von Verhaltensänderungen initiieren, wenn die
Mädchen annehmen können, dass das, was sie tun, adäquates Verhalten ist? Zwar versucht
die Pädagogin auf der „theoretischen Ebene“ etwas zu verändern, bleibt jedoch, bildlich
gesprochen, auf halbem Wege stehen durch ihre Haltung der absoluten Akzeptanz. Mit
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
184
dieser Haltung fühlt sich die Pädagogin so in ihr Gegenüber ein, dass sie Mädchen kaum
noch als Andere wahrnehmen kann. Damit besteht die Möglichkeit, Mädchen potenziell als
Projektionsleinwand53 zu benutzen. Gleichzeitig bringt die Pädagogin den Mädchen Wert-
schätzung, Emphatie und Akzeptanz entgegen.
Die Pädagogin I. stärkt in der eben geschilderten Situation den Subjektstatus der Mädchen
bezogen auf Jungen. Auch an dieser Stelle bezieht sie Position für Mädchen und unterstützt
sie in ihrem Sein. Sie versucht zwar, ein Nachdenken bei den Mädchen zu befördern und
spiegelt ihnen gleichzeitig wider, dass sie so, wie sie sind, in Ordnung sind. Die Pädagogin
nimmt Ebenen von Macht zwischen Mädchen und Jungen wahr („was lassen die Mädchen
mit sich machen“) und thematisiert die Unterwerfung von Mädchen unter Strukturen von
Macht. Diesen Unterwerfungsakt der Mädchen deutet sie jedoch nicht negativ. Sie dicho-
tomisiert hier nicht das Verhalten von Mädchen und Jungen als negativ und positiv. Mit
dieser Perspektive agiert sie nicht entscheidbar und vereindeutigend, sondern mehrdimen-
sional und eröffnet sich und den Mädchen eine größere Offenheit im Handeln und in der
Reflexion über das Handeln.
Dennoch: Die soziale Konstruktion der Übereinstimmung der Kategorie sex und gender
bleibt auch hier wieder unangetastet. Damit rekonstruiert sie auch hier wieder Zuschrei-
bungen an die Kategorie Geschlecht und bestärkt die Setzung Heterosexualität als Norm,
indem sie das Verhalten der Mädchen in erster Linie bezogen auf Jungen und Männer
deutet. Darüber hinaus vergibt sie eine Möglichkeit, durch kritische Rückmeldungen bezo-
gen auf das Verhalten der Mädchen, diesen weitere Optionen der Selbstinszenierungen zu
eröffnen.
Der Handlungsrahmen der Pädagogin I. ist in erster Linie geprägt durch ihren eigenen
Emanzipationsprozess. Ihr geht es in ihrer Arbeit darum, dass Mädchen in der Lage sind,
sich aus patriarchalen Zuschreibungen zu befreien, das Patriarchat „wegzuwerfen“, wie sie
sagt. Im Rückgriff auf ihren eigenen Emanzipationsprozess kann sie eine gemeinsame Ba-
sis zwischen sich und den Mädchen herstellen. Von einem feministischen Ideal, welches
verbunden ist mit dem Erwerb von „jungentypischen“ Fähigkeiten, grenzt sie sich ab.
53 Projektion bezeichnet das Verlagern von Vorgängen im Inneren nach außen. „Projektion ist die unbe-
wusste Verlagerung von Triebimpulsen, eigenen Fehlern, Wünschen, Schuld- und ähnlichen Gefühlen auf
andere Personen, Situationen oder Gegenstände“( Dorsch Psychologisches Wörterbuch, 1998: 664).
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
185
Im Rahmen des Interviews macht sich die Pädagogin oftmals mit Mädchen gleich und läuft
damit Gefahr, Mädchen als Andere nicht mehr wahrnehmen zu können („ick hab mich
immer in denen gesehen“) und ihnen zwar nicht unbedingt ein feministisches Mädchenide-
al überzustülpen, sondern das Modell ihres eigenen Emanzipationsprozesses. So ist die
Möglichkeit gegeben, Differenzen unter Mädchen und Unterschiede zwischen Mädchen
und der Pädagogin selbst nicht mehr wahrnehmen zu können und damit Mädchen in ihrem
Eigensinn zu relativieren. Gleichzeitig findet in ihrem Handeln keine Spaltung von Ideal
und Realität statt und das bedeutet eben auch, den Eigensinn und die Eigendynamik von
Mädchen anerkennen zu können. Durch diesen Umgang mit Mädchen bewegt sich die
Pädagogin I. in einem Spannungsfeld von Dekonstruktion und Rekonstruktion. In eine
Bewegung von Dekonstruktion begibt sie sich durch ihre Anerkennung der Subjektpositio-
nen und Selbstinszenierungen von Mädchen und damit defizitäre Sichten auf Mädchen
verflüssigt. In eine Bewegung von Rekonstruktion begibt sie sich, indem sie ihre Tendenz
Mädchen nicht als Andere wahrzunehmen, den kritischen Blick auf Mädchen verliert und
die Selbstinszenierungen der Mädchen auch dann „absolut“ akzeptiert, wenn sie sich ana-
log tradierter Zuschreibungen an die Kategorie Mädchen verhalten und damit soziale Kon-
struktionen an Mädchen nicht hinterfragt, sondern bekräftigt.
4.3.4 Zusammenfassung
Die hier skizzierten Interpretationen der Situationen sollen als Deutungsangebote verstan-
den werden, denn poststrukturalistisches Denken schliesst endgültige Analysen und Inter-
pretationen aus. Die Entscheidbarkeit von Deutungen würde eine Bewegung von Dekon-
struktion unmöglich machen und den Blick auf die Produktivität von Unentscheidbarkeit
und Vieldimensionalität von Subjekten, Macht und Geschlecht verstellen.
Die interviewten Pädagoginnen bewegen sich im Spannungsfeld von Dekonstruktion und
Rekonstruktion der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit verschieden.
Die Pädagogin G. geht mit einer Intention in die Arbeit mit Mädchen, die als dekonstruktiv
begriffen werden kann. Dekonstruktiv ist ihre Intention insofern, als dass sie Mädchen z.B.
Optionen von Lebensentwürfen aufzeigen möchte und sie dazu ermutigt, mit der Kategorie
gender, also den gesellschaftlichen Zuschreibungen an Mädchen, spielerisch umzugehen.
Im Verlauf der von ihr geschilderten Situationen zeichnet sich dann jedoch eine rekon-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
186
struktive Wendung ab, indem die Pädagogin die Selbstinszenierungen von Mädchen ent-
lang normativer Anforderungen an die Kategorie Geschlecht interpretiert. Die Pädagogin
lehnt vor diesem Hintergrund oftmals die Selbstpositionierungen von Mädchen ab und
reagiert abwehrend, indem sie die Mädchen als blöd und desinteressiert bezeichnet und
Mädchen wiederum als veränderungsbedürftig konstruiert. Mit dieser Haltung verfestigt
sie letztlich Zuschreibungen bzw. Einschätzungen über Mädchen als defizitär. Nachvoll-
ziehbar bedingt durch ihre persönliche Verwobenheit mit ihrem Arbeitsgebiet und gleich-
zeitig problematisch ist ihre Reflexion der Situationen nahezu ausschließlich auf der Folie
der Kategorie Geschlecht. Mit diesem Hintergrund ihrer Reflexion wird der Versuch der
Pädagogin, entscheidbar zu handeln, verständlich und so ist auch ihr Verhalten von Ab-
wehr den Mädchen gegenüber begreifbar.
Die Pädagogin E. hat zum Ziel, in ihrer Arbeit mit Mädchen die Handlungskompetenzen
von Mädchen zu erweitern. Damit trägt sie potenziell zu einer Verflüssigung von Zu-
schreibungen an die Kategorie Geschlecht bei. Ähnlich wie G. hat auch sie die Erwar-
tungshaltungen an die Mädchen, die oftmals enttäuscht werden. Anders als G. geht die
Pädagogin E. jedoch nicht in eine Bewegung von Abwehr den Mädchen gegenüber, son-
dern sie versucht, Differenzen und Hierarchien unter und zwischen Mädchen und Jungen,
in den Blick zu nehmen. Damit gelangt sie in eine Position, in der sie die Selbstinszenie-
rungen der Mädchen und deren Verhalten kontextualisiert begreifen kann und nicht ver-
knüpfen mit Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht muss. Damit gelingt der Päd-
agogin eine Reflexion ihres Handelns und dem Handeln der Mädchen auf mehreren Ebe-
nen. So eröffnet sie sich eine größere Offenheit bezogen auf ihre pädagogischen Interven-
tionen und ihrer Betrachtungsweisen. Das bedeutet gleichzeitig nicht, das sie alles akzep-
ziert was die Mädchen tun, denn in ihrer Enttäuschung über das Verhalten der Mädchen,
geht E. im Gegensatz zu G. in eine Bewegung von Distanz.
Die Pädagogin I. akzeptiert in ihren pädagogischen Praxen relativ uneingeschränkt das
Verhalten der Mädchen. So stellt sie z.B. deren Schönheitsideal (sexy hoch drei) nicht in
Frage. Damit greift sie Konstruktionen über Mädchen nicht an, sondern bekräftigt sie
durch ihre absolute Akzeptanz. Hierdurch geht I. zunächst in eine rekonstruktive Bewe-
gung bezogen auf die Kategorie Geschlecht und das Geschlechterverhältnis. Auf der ande-
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
187
ren Seite geht sie in eine Bewegung von Dekonstruktion durch ein Beharren auf den Sub-
jektstatus der Mädchen gegenüber der Jungen und auch gegenüber eines feministischen
Ideals. I. entpathologisiert das Verhalten der Mädchen vielfach. Auch durch diese Bewe-
gung gelingt ihr eine größere Offenheit im Umgang mit den Mädchen. Da sie sich weniger
auf einer kognitiven Ebene dem Thema Mädchenarbeit angenähert hat, doch vielmehr aus
ihrer Persönlichkeit und ihrem Emanzipationsprozess schöpft, kann sie vielleicht eher als
die beiden jüngeren Pädagoginnen nachvollziehen, dass pädagogisches Handeln nicht ent-
scheidbar sein kann. Durch ihre absolute Akzeptanz macht I. sich mit den Mädchen
manchmal gleich, dieser Mechanismus kann dazu führen, Mädchen auf einer emphatischen
Basis anerkennen und wertschätzen zu können und auch dazu, sich so sehr mit Mädchen zu
identifizieren, dass sie kaum noch als Andere wahrgenommen werden.
Die skizzierten Bewegungen im pädagogischen Handeln verdeutlichen Mechanismen des
Umgangs mit dem Anderen, mit dem Fremden. Die Pädagoginnen bleiben in ihrem Pen-
deln zwischen Dekonstruktion und Rekonstruktion auf verschiedenen Ebenen in dichoto-
men Ordnungsschemata verhaftet, indem sie unterschiedlich auf Subjektpositionen, Selb-
stinszenierungen und damit auf den Eigensinn von Mädchen eingehen. In dem Maße, wie
sich die Handlungen der Pädagoginnen und die Reflexionen über ihr Handeln und das der
Mädchen nicht in dichotomen Zuschreibungen bewegen zeigen sie ihre Potenziale von
Dekonstruktion und Rekonstruktion von Zuschreibungen z.B. an die Kategorie Geschlecht
und in dieser Interdependenz auch mit der Reproduktion des hierarchischen Geschlechter-
verhältnisses auf. In dem Maße, wie sich die Pädagoginnen in ihrem Handeln aus dichoto-
men (Zuschreibungs)Modi lösen, können sie den Eigensinn der Subjekte und damit die
gelebten Widersprüche von Mädchen in den Blick nehmen und den Fokus erweitern auf
Diskurse, die in Mädchenprojekten darüber hinaus wirksam sind. Durch die Öffnung des
Blicks z.B. auf Diskurse und Praktiken von Macht ist damit eine Verschiebung von Be-
deutung möglich und damit eine Dekonstruktion von Zuschreibungen an Mädchen.
Bei den Bewegungen der interviewten Pädagoginnen im Spannungsfeld von Dekonstrukti-
on und Rekonstruktion des hierarchischen Geschlechterverhältnisses geht es in ihrem päd-
agogischen Handeln nicht nur allein um die Vermittlung von theoretischen Erkenntnissen
z.B. der Erweiterung von Selbstverteidigungkomptenzen bei Mädchen, sondern darüber
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
188
hinaus um die Vermittlung von Erkenntnissen, die verwoben sind mit der eigenen Ge-
schichte der Pädagogin, mit ihren Erfahrungen, Kränkungen und Hoffnungen, Idealen und
auch mit Abwehrbewegungen. Dies wird deutlich in den verschiedenen Zugängen, die die
Pädagoginnen zur Mädchenarbeit schildern: So ist die eine „superidentifiziert“ und möch-
te, dass es „den Mädchen einmal besser geht“, die andere schöpft aus ihrer Person, aus
ihrem „eigenen Emanzipationsprozess“ und der Dritten geht es um die Umsetzung femini-
stischer Ideen, mit denen sie sich identifiziert. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass
feministische Mädchenarbeit ein persönlich aufgeladenes Feld ist.
Im pädagogischen Handeln ist es immer der „ganze Mensch“, der sich in Prozesse mit an-
deren Menschen begibt und dort auf den oder das Andere stößt. In diesem Sinne begegnen
auch die in dieser Arbeit befragten Pädagoginnen den Mädchen und Jungen mit den An-
teilen ihres eigenen Selbst, und es ist von Bewandtnis, wie sie eigene Wünsche und Hoff-
nungen in die Anderen projizieren. Bedeutsam ist, wie Pädagoginnen im Umgang mit den
Anderen bzw. im Handeln der Anderen Lösungen suchen, die sie idealisieren können, oder
wie sie Aspekte der eigenen Person und der eigenen (Lebens) Geschichte abwehren bzw.
bekämpfen müssen. Die Haltungen der interviewten Pädagoginnen den Mädchen gegen-
über reichen von Abwehr und Distanz bis hin zu Identifikation. Diese Haltungen der Päd-
agoginnen spiegeln sich in ihrem Umgang mit den Anderen bzw. der Anderen wider und
zeigen auf, wie sie sich im Spannungsfeld von Dekonstruktion und Rekonstruktion bewe-
gen.
In den Momenten der pädagogischen Praxis, in der es den Pädagoginnen gelang, ihren Är-
ger über Mädchen als Schlüssel zu begreifen und Widersprüche nicht zu glätten, begaben
sie sich in einen Reflexionsprozess, der es ihnen möglich machte, das eigene Handeln, die
eigenen Ansprüche und das Tun der Mädchen in den Blick zu nehmen, sich so den Mäd-
chen, deren Bedürfnissen und deren Eigensinn zu nähern.
Diese Bewegung findet sich wieder in einem zentralen Paradigma außerschulischer Mäd-
chenarbeit, der Parteilichkeit (vgl. Kapitel 3.2). In ihr findet sich eben jene Verknüpfung
von Erkennen und Hinterfragen von Machtbeziehungen in feministischen Projekten und
pädagogischen Interaktionen, dem Wahrnehmen von Differenzen unter Mädchen, der Em-
phatie und gleichzeitiger Distanz zu den Mädchen und der Reflexion des eigenen pädago-
gischen Handelns.
Brüche, Ansprüche, Widersprüche. Interviews mit Pädagoginnen
189
Prozesse pädagogischen Handelns können so bedeuteten, die Andere als Eigenständige,
Differente und damit auch als Fremde zu akzeptieren und die Spannung zwischen Verste-
hen und nicht Verstehen, zwischen Identifikation und Abwehr auszubalancieren. Das be-
deutet auch, sich von einer Pädagogik der Entscheidbarkeit zu lösen und den Schritt zu
mehr Offenheit und Unentscheidbarkeit in pädagogischen Prozessen zu tun und sich
gleichzeitig nicht pädagogischer Zielsetzungen zu entledigen.
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
190
5. Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außer-
schulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und Ausblick
Vor dem Hintergrund poststrukturalistischer Überlegungen wurden ausgewählte Konzepte
und Handlungspraxen außerschulischer Mädchenarbeit untersucht.
Als erkenntnisleitend für diese Analysen lassen sich Folgende poststrukturalistische Ar-
gumentationen skizzieren:
• Es wurde aufgezeigt, dass Herrschaft- und Dominanzverhältnisse durch ein Denken in
Dichotomien hergestellt und reproduziert werden. Die dargestellten feministischen Ar-
gumentationsstränge Androgynie, Differenz, und egalitäre Differenz bewegen sich im
Rahmen von binären Zuschreibungen und reproduzieren auf der Ebene der symboli-
schen Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit ein hierarchisches Geschlechterverhältnis.
Im Rahmen der sozialen Wirklichkeit können sie empirischen Realitäten Rechnung
tragen und durch veränderte Interaktionsmöglichkeiten von Mädchen und Frauen un-
mittelbar auf das Geschlechterverhältnis einwirken.
• Postmodernes/poststrukturalistisches Denken wurde als ein Denken von Unentscheid-
barkeit gekennzeichnet, dass den Blick öffnen kann für ein Wahrnehmen von Dualis-
men und bipolaren Ordnungsschemata. Das poststrukturalistische Verfahren der De-
konstruktion stellt eine Möglichkeit dar, Mechanismen zur Herstellung von Dualismen,
Hierarchien und scheinbar naturhaften „Wahrheiten“ in ihrem symbolischen Bestand
aufzuzeigen und zu hinterfragen. Dekonstruktion verweist auf die Unmöglichkeit, sich
aus dem zu dekonstruierenden Gebiet zu entfernen, also etwas zu kritisieren und dieses
gleichzeitig nicht zu reproduzieren. Dekonstruktion bedeutet so einen Rückgriff auf
Bestehendes und beschreibt die Bewegung der „doppelten Geste“.
• Es wurde diskutiert, dass eine Dezentralisierung des Subjekts im poststrukturalistischen
Denken eine Abkehr von der Kategorie des bürgerlichen autonomen Subjekts bedeutet.
Stattdessen werden Subjekte als mehrdimensional begriffen, die sich von Diskurs zu
Diskurs verschieden verhalten. Beispielhaft kann hierfür eine Brüchigkeit der so ge-
nannten „Normalbiografie“ benannt werden, deren vorgebliche Homogenität auf einer
Alltagsebene schon inkohärent geworden ist. Poststrukturalistisches Denken bedeutet
in diesem Zusammenhang, „Abweichungen“ von dieser Konstruktion von Norm nicht
pathologisieren bzw. glätten zu müssen, sondern räumt die Möglichkeit ein, gelebte
Widersprüche und den Eigensinn von Subjekten aufscheinen zu lassen.
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
191
• Macht wird, so wurde aufgezeigt, im poststrukturalistischen Denken als Vielfalt von
Kräfteverhältnissen gedacht und als entindividualisierte Denkkategorie begriffen, die
sich permanent selbst reproduziert. Damit werden Subjekte zunächst dekonstruiert und
gleichzeitig ermöglicht die Unterwerfung unter Macht eine Subjektwerdung. Diese
Subjektwerdung geschieht z.B. in sozialen Praktiken wie exemplarisch Sexualität und
mithin durch die Unterwerfung unter diese Praktiken, die jene Diskurse fundieren, in
denen sich die Basen zur Konstitution der Subjekte bilden. Macht ist so begriffen all-
gegenwärtig und jeder und jede ist in Diskurse von Macht verwoben. So können auch
feministische Projekte und Handlungen von Pädagoginnen nicht als machtfrei begriffen
werden.
• Die Kategorie Geschlecht als gesellschaftlichsoziale Konstruktion zu deuten, zeigt das
Potenzial auf, diese Kategorie verändern zu können, hegemoniale Zuschreibungen zu
dekonstruieren und in ihrem symbolischen Bestand aufzuzeigen. Beispielhaft spiegelt
sich diese Überlegung in der Argumentation, dass die Herstellung von Geschlecht eine
Interaktion, im Sinne von doing gender ist. Für feministische Strategien zur Verände-
rung des hierarchischen Geschlechterverhältnisses kann dies bedeuten, dass sie auf die-
ser Basis des Geschlechts als Existenzweise, als Ausgangskategorie ansetzen und von
diesem Ort aus versuchen, die hierarchische Zweigeschlechtlichkeit zu dekonstruieren.
Dekonstruktion bedeutet in diesem Zusammenhang, eine Bedeutungsverschiebung von
Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht.
Zusammenfassend werden im Folgenden die wichtigsten Erkenntnisse aus der Analyse von
Konzepten zur Mädchenarbeit und der Auswertung der Interviews mit Pädagoginnen aus
der Praxis außerschulischer Arbeit mit Mädchen dargestellt. Im Anschluss werden Bau-
steine einer (de)konstruktiven Mädchenarbeit skizziert.
5.1 Analysen von ausgewählter Theorie und Praxis außerschulischer Arbeit mit
Mädchen unter poststrukturalistischen Perspektiven - Zusammenfassung
Die Kategorie Geschlecht ist Ausgangsort in Konzepten zur außerschulischen Arbeit mit
Mädchen, deren Hauptzielsetzung es ist, zum Abbau des hierarchischen Geschlechterver-
hältnisses beizutragen. Damit bewegen sich diese Konzepte in einem Spannungsfeld von
Dekonstruktion und Rekonstruktion. Dekonstruktion, indem versucht wird, in der Arbeit
mit Mädchen tradierte Zuschreibungen an Mädchen als gesellschaftlich hergestellt aufzu-
zeigen und diese Zuschreibungen zu verändern und Rekonstruktion, weil durch den Bezug
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
192
auf die Kategorie Geschlecht und ein Abgrenzen von Geschlechterstereotypen das hierar-
chische Geschlechterverhältnis nahezu unausweichlich reproduziert wird. Die zentrale
Fragestellung der Konzeptanalyse ist, wie die Autorinnen der Konzepte zur Mädchenarbeit
sich in diesem eben dargestellten Spannungsverhältnis bewegen. Zur Klärung dieser Fra-
gestellung wurde der Fokus der Untersuchung auf die feministischen Diskurse gerichtet,
auf deren Basis die Autorinnen ihre konzeptionellen Überlegungen gründen. Dabei wurde
herausgearbeitet, dass die Überlegungen der Autorinnen Beiträge leisten können zur Ver-
änderung sozialer Wirklichkeiten und diese Konzepte das Potenzial haben, Interaktionen
der Geschlechter zu irritieren. Androgynie, Differenzdenken und ein Denken egalitärer
Differenz greifen empirische Realitäten von Mädchen z.B. bezogen auf ihre Fähigkeiten
und Kompetenzen auf und leisten damit einen Beitrag, Mädchen mit ihren Lebensrealitä-
ten, Wünschen und Bedürfnissen in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen. Gleichzeitig
wirken diese Ansätze auf einer Metaebene kontraproduktiv, bezogen auf eine Veränderung
des hierarchischen Geschlechterverhältnisses. (Vgl. Kapitel 3.4)
Die androgyne Utopie, die sich im Konzept „Mädchenarbeit“ von Renate Klees et al. fin-
det, bezieht sich auf die Kategorien weiblich/männlich und perpetuiert diese. Androgynie
als Basis für ein Konzept von Mädchenarbeit zu wählen bedeutet insofern eine Gratwande-
rung, als dass in dieser Utopie das bipolare Ordnungsschema beibehalten wird und Lebens-
realitäten von Frauen und Mädchen in diesem Modell kaum ihren Ort finden, denn der
„ganze Mensch“ auf dessen Konstruktion Androgynie zielt, kann als männlich konnotiert
begriffen werden. Androgynie reproduziert Konstruktionen über männlich und weiblich
und greift die substantiellen Bestimmungen von Zuschreibungen nicht an.
Das Modell der Differenz findet sich in dem Konzept der „Geschlechtsbezogenen Pädago-
gik“ von Elisabeth Glücks et al.. Durch die Ausblendung der Verfahren Dekonstruktion
und Mimesis in diesem Konzept gerät es in die Nähe eines Modells einer „neuen Weib-
lichkeit“ und bleibt bezogen auf eine Veränderung des hierarchischen Geschlechterver-
hältnisses affirmativ. Der Maßstab, an welchem Gleichheit gemessen wird, wird in diesem
Konzept ebenso wenig thematisiert, wie die verschiedenen Ebenen von Differenz wie z.B.
Differenzen unter Mädchen. Gleichzeitig bedeutet der Ansatz von Differenz, dass Mäd-
chen andere Erfahrungen machen können, so indem ihre Kompetenzen und Stärken in Be-
zug auf andere Mädchen betrachtet werden.
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
193
In dem Konzept „feministische Mädchenarbeit gegen den Strom“ beziehen sich Gabriele
Möhlke et al. auf ein Denken von Differenz, indem sie die Verschiedenheiten von Mäd-
chen in den Blick nehmen. Zugleich bleibt dieses Konzept im Entwurf einer weiblichen
Gegenkultur verstrickt und geht einher mit Hierarchisierungen. So werden z.B. die Fähig-
keiten lesbischer Pädagoginnen für die Arbeit mit Mädchen als wertvoller eingeschätzt, als
die von heterosexuellen Pädagoginnen. Damit verbleibt das Konzept mit Mädchen zu ar-
beiten durch seinen Bezug auf eine hierarchische Differenz im Logos dichotomen Den-
kens.
Das Konzept zur Arbeit mit lesbischen Mädchen von Jule Alltag bezieht sich auf ein Mo-
dell von hierarchischer Differenz. Zwar zeigt die Autorin den Konstruktionscharakter der
Norm Heterosexualität auf, gleichzeitig werden hier „lesbische Identitäten“ in Abgrenzung
zu „heterosexuellen Identitäten“ konstruiert.
Auf der Ebene von sozialen Wirklichkeiten können die Konzepte mitwirken, den Umgang
der Geschlechter zu irritieren. Zugleich erreichen sie ihr Ziel, zum Abbau des hierarchi-
schen Geschlechterverhältnisses beizutragen, auf einer Metaebene nur bedingt. So greifen
die Autorinnen die Widersprüche in ihren Argumentationen selten auf, sondern glätten
diese, so u.a., indem der Maßstab von Gleichheit nicht transparent gemacht wird, oder der
Bezugsrahmen von Differenz nicht herausgearbeitet wird.
In den analysierten Konzepten wird darüber hinaus ein Mädchenideal konstruiert, dessen
Erreichung angesichts der hohen Anforderungen, die dieses Ideals stellt, nahezu utopisch
ist. So werden normativen Bildern über Mädchen so exemplarisch aus Medien neue, femi-
nistische Anforderungen gegenübergestellt, die womöglich entgegengesetzte Ideale trans-
portieren. Die Protagonistin in Konzepten zur außerschulischen Arbeit mit Mädchen ist
stark und mutig, andere Bilder von Mädchen z.B. in Jugendzeitschriften54 sind zum Teil
stark sexualisiert. Mädchen bewegen sich in einem Spannungsfeld von patriarchaler Zu-
schreibungen und feministischen Anforderungen.
54 Die sozialisatorische Wirkung von Zeitschriften wiesen Ricarda Gregor und Nicole Lotz in ihrer verglei-
chenden Studie zu Mädchenzeitschriften nach. „Zwischen Zeitschrift und Leserin besteht ein dynamischer
Wechselwirkungsprozeß, in dem das Medium die bei den Konsumentinnen vorhandenen Bilder und Träume
aufgreift, an Interessen der Mädchen anknüpft und diese dabei auch in eine bestimmte Richtung lenken,
„überabeiten“ kann“ ( Ricarda Gregor; Nicole Lotz 2000: 316).
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
194
Eine weitere Ebene in der vorliegenden Arbeit stellt die Beschäftigung mit der Praxis in
der Arbeit mit Mädchen dar. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, wie sich
Pädagoginnen in ihren Interaktionen mit Mädchen bewegen. Dabei ist weniger eine theo-
riegeleitete, feministische Verortung der Pädagoginnen von Bedeutung, als vielmehr die
Überlegung, wie Pädagoginnen mit Widersprüchen in ihrer Arbeit umgehen. Wie nehmen
die Pädagoginnen den Eigensinn der Mädchen auf und wie tragen sie in und durch ihr
Handeln zur Dekonstruktion bzw. Rekonstruktionen des hierarchischen Geschlechterver-
hältnisses bei?
Es wurde herausgearbeitet, dass die Pädagoginnen sich unterschiedlich im Spannungsfeld
von Dekonstruktion und Rekonstruktion bewegen.
Die Pädagogin G. begibt sich in ihren pädagogischen Praxen in eine Pendelbewegung von
Dekonstruktion und Rekonstruktion. Das bedeutet, dass ihre Intentionen mit Mädchen zu
arbeiten, zunächst eine dekonstruktive Ausprägung haben. Als dekonstruktiv können sie
insofern gedeutet werden, als dass sie zu einer Verflüssigung von Zuschreibungen an die
Kategorie Geschlecht beitragen und Mädchen Optionen zur Selbstinszenierung eröffnen.
Exemplarisch bildet sich dies in einer Übung ab, in der die Pädagogin den Mädchen und
Jungen verschiedene Bilder von Männern und Frauen zur Auswahl gibt und versucht, ih-
nen damit eine Erweitrung von Möglichkeiten von Lebensentwürfen aufzuzeigen. Dabei
ermutigt sie die Jugendlichen, Bilder von gegengeschlechtlichen Personen auszuwählen.
So versucht die Pädagogin ein Spiel mit der Kategorie gender anzuregen. Eine rekonstruk-
tive Wendung nimmt die Situation, indem die Pädagogin in ihrer Reflexion das Verhalten
der Mädchen in erster Linie vor dem Hintergrund der Kategorie Geschlecht deutet. Der
Fokus ihrer Deutung ist verwoben mit ihrem Arbeitsfeld und ihrer Identifikation mit femi-
nistischen Ideen und Idealen. Andere Diskurse und Praktiken, die in dieser Situation be-
deutsam sind, blendet sie in ihren Rückblick auf die Situation nicht ein. So reagiert die
Pädagogin enttäuscht darüber, dass die Mädchen sich vordergründig analog tradierter Zu-
schreibungen verhalten. Oftmals lehnt die Pädagogin deshalb die Selbstpositionierungen
der Mädchen ab und erlebt Mädchen einmal mehr als veränderungsbedürftig. Mit ihrer
Position den Mädchen, deren Selbstinszenierungen bzw. deren Eigensinn gegenüber begibt
sich die Pädagogin in eine rekonstruktive Wendung, indem sie Zuschreibungen an Mäd-
chen z.B. als defizitär wahr nimmt.
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
195
Die Pädagogin E. möchte mit ihrer Arbeit dazu beitragen, Handlungskompetenzen von
Mädchen zu erweitern und verflüssigt damit potenziell Zuschreibungen an Mädchen. Auch
E. schildert oftmals ihre Enttäuschung über Mädchen dann, wenn Mädchen sich nicht so
verhalten, wie E. es sich von ihnen wünscht. E. versucht jedoch, Differenzen unter Mäd-
chen in den Blick zu nehmen. Die Selbstinszenierungen von Mädchen kann sie vor diesem
Hintergrund kontextbezogen deuten und verknüpft das Verhalten von Mädchen nicht un-
bedingt mit Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht. Mit ihrem differenzierten und
reflektierten Blick kann sie andere Ebenen der Deutung in ihre Reflexion einbeziehen und
ihr so eine Bewegung der Dekonstruktion bezogen auf die Interpretation ihres Handelns
und des Handelns der Mädchen gelingen. Dies geschieht z.B., indem sie vor dem Hinter-
grund von Differenz, die Selbstinszenierungen der Mädchen anerkennen kann und Mäd-
chen nicht per se als veränderungsbedürftig konstruiert. E. gelangt in ihrem Handeln und in
ihrer Reflexion ihres Handelns zu einer größeren Offenheit gegenüber den Mädchen und
ihren Selbstinszenierungen.
Die Pädagogin I. akzeptiert uneingeschränkt das Verhalten der Mädchen mit denen sie
arbeitet. In ihrem pädagogischen Handeln stellt sie die Selbstinszenierungen von Mädchen
kaum in Frage, sondern nimmt sie fast als naturgegeben hin. So ist es eben so, wenn Mäd-
chen sich für Jungen schön machen, oder sich im Rahmen ihrer Sexualität so verhalten,
wie es die Jungen möchten, weil Mädchen sonst Angst haben ihren Freund zu verlieren.
Mit ihrer „absoluten Akzeptanz“ dem Verhalten der Mädchen gegenüber festigt die Päd-
agogin I. Zuschreibungen an Mädchen und die gesellschaftliche Setzung von Heterosexua-
lität als Norm, indem sie das Handeln der Mädchen ausschließlich bezogen auf Jungen
deutet. Auf der anderen Seite begibt sie sich in eine Bewegung von Dekonstruktion, indem
sie den Subjekstatus, die subjektive Kraft der Mädchen den Jungen gegenüber stärkt. Da-
mit verflüssigt sie auch defizitäre Sichtweisen auf Mädchen, seien sie transportiert durch
Jungen oder durch feministische Ideale. I. entpathologisiert Mädchen und ihr Verhalten.
Dadurch gelingt ihr eine Bewegung einer großen Offenheit den Mädchen gegenüber.
In ihren Bewegungen im Spannungsfeld von Dekonstruktion und Rekonstruktion bleiben
die Pädagoginnen in verschiedenen Ausprägungen in Dichotomien verhaftet - indem sie
auf den Eigensinn und die Selbstinszenierungen der Mädchen eingehen, sie als verände-
rungsbedürftig einstufen bzw. verwerfen. In dem Maße, wie sich die Pädagoginnen in ih-
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
196
rem Handeln und ihren Reflexionen über ihr Handeln und das der Mädchen nicht in di-
chotomen Zuschreibungen bewegen, zeigen sie Potenziale von Dekonstruktion von Zu-
schreibungen an die Kategorie Geschlecht auf.
Aus den Interviews mit Pädagoginnen kristallisiert sich darüber hinaus heraus, wie persön-
lich aufgeladen das pädagogische Handlungsfeld der Mädchenarbeit ist. So geht es dort
nicht allein um das Vermitteln pädagogischen Veränderungswissens, sondern es ist auch
immer die Verwobenheit der Emanzipations- und Lebensgeschichte der Pädagogin von
Bedeutung. Da im pädagogischen Handeln immer die ganze Person in Prozesse eingewo-
ben ist und sich in Interaktionen mit den Anderen begibt, sind die Umgangsweisen der
Pädagoginnen mit den Anderen, mit den Fremden, mit den Mädchen besonders relevant:
Die Haltungen der Pädagoginnen den Mädchen gegenüber reichen von Abwehr, Distanz
bis hin zur Identifikation. Eine Balance im pädagogischen Handeln zu halten, indem die
Andere als eigenständig und different akzeptiert wird und gleichzeitig die Spannung zwi-
schen Identifikation und Abwehr, zwischen Verstehen und Nichtverstehen auszuhalten,
bedeutet eine Bewegung von Dekonstruktion und Rekonstruktion, von Verflüssigung und
Verfestigung von Zuschreibungen an die Andere in pädagogischen Prozessen.
Aus der Analyse von Konzepten zur Arbeit mit Mädchen und der Auswertung von Inter-
views mit Pädagoginnen aus Handlungsfeldern von Mädchenarbeit wird deutlich, das bei-
de Bereiche zu einer Perpetuierung des hierarchischen Geschlechterverhältnis beitragen
und gleichzeitig Potenziale haben, diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Das Denken in Dichotomien glättet Widersprüche, und ein Denken und Wahrnehmen von
Zwischentönen erscheint kaum möglich. So entstehen „Abweichungen“ von der so ge-
nannten Norm: indem u.a. das männliche Prinzip als menschliches Prinzip konstruiert und
Weiblichkeit hiervon i.d.R. negativ abgeleitet wird, so auch, indem Heterosexualität als
Normalität begriffen wird und Homosexualität als Abweichend diffamiert wird. Im Rah-
men der Konstruktion eines feministischen Ideals können nichtfeministische Verhaltens-
weisen von Frauen und Mädchen abgewertet werden. Der Eigensinn von Mädchen und
Frauen kann entlang dieser Abgrenzung kaum akzeptiert werden.
Sowohl in Konzepten zur Mädchenarbeit als auch in den Handlungen von Pädagoginnen
können Tendenzen zum Glätten von Widersprüchen aufgezeigt werden und dieses Glätten
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
197
von Widersprüchen ist in beiden Bereichen verbunden mit dichotomen Argumentationen
bzw. Bewegungen in pädagogischen Interaktionen. Auf der Ebene von unmittelbarer Inter-
aktion kann so womöglich kurzzeitig der Umgang der Geschlechter irritiert werden, auf
einer Metabene führt dieses Verharren in bipolaren Denkschemata jedoch eher zu einer
Verfestigung, denn zu einem Abbau des hierarchischen Geschlechterverhältnisses sowohl
real als auch kategorial. Momente, in denen ein Aufbrechen möglich zu sein scheint, treten
dann auf, wenn der dichotome Modus durchbrochen wird so z.B. in einer Akzeptanz des
Eigensinns von Mädchen.
Durch das Verfahren der Dekonstruktion im Sinne einer „doppelten Geste“ werden diese
Widersprüche zwischen den Veränderungspotenzialen verschiedener Ansätze bzw. Um-
gangsweisen, bezogen auf soziale Wirklichkeiten und der gleichzeitigen Möglichkeit der
Kontraproduktivität, bezogen auf eine Veränderung von Macht- und Herrschaftsverhältnis-
sen nicht geglättet, sondern herausgearbeitet. Damit kündigt Dekonstruktion vermeintliche
Sicherheiten im Umgang mit dem Anderen auf und so wird eine Beziehung zum Anderen,
zu den Mädchen, möglich.
Dekonstruktion kann so zu einer Reflexion von Theorie und Praxis außerschulischer Arbeit
mit Mädchen beitragen, indem Mädchen als Andere wahrgenommen und anerkannt wer-
den und so ihr Eigensinn, ihre Unberechenbarkeit aufscheinen können.
5.2 Poststrukturalistische Perspektiven und ihre Relevanzen für Theorie und Pra-
xis außerschulischer Arbeit mit Mädchen
Welche Möglichkeiten und Grenzen weisen nun poststrukturalistische Überlegungen über
die eben skizzierten Ergebnisse der Analysen von ausgewählter Theorie und Praxis außer-
schulischer Arbeit mit Mädchen hinaus auf? Im Folgenden werden die zentralen Aspekte
des Denkens der Postmoderne/Poststrukturalismus wie Macht, Subjekt, und die feministi-
sche poststrukturalistische Sichtweise des Geschlechts als soziale Konstruktion in Bezug
auf Arbeit mit Mädchen skizziert. Dabei können diese verschiedenen Aspekte nicht trenn-
scharf heraus gearbeitet werden, da sie einander bedingen.
5.2.1 Arbeit mit Mädchen unter dem Aspekt der Vieldimensionalität von Macht
Poststrukturalistische Sichtweisen auf Macht verdeutlichen, dass Subjekte nie außerhalb
von Macht stehen, Macht ist allgegenwärtig, auch in sozialen Praktiken und Beziehungen.
So sind auch feministische Projekte nicht als machtfreie Orte zu betrachten. Machtfrei sind
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
198
diese Projekte insofern, als dass sie als frei von körperlichen Zugriffen von Männern ange-
sehen werden können. Macht kann in Konzepten und Praxis der Mädchenarbeit auf ver-
schiedenen Ebenen benannt werden: auf der Ebene der Macht des feministischen Diskur-
ses, der Ebene von Konzepten und der Ebene von pädagogischen Handlungen. Das Macht-
gefälle zwischen Pädagogin und Mädchen gehört hierzu ebenso wie die verschiedenen
Ebenen von Macht unter Mädchen und die strukturelle Macht in Projekten von Mädchen-
arbeit.
In feministischen Zusammenhängen wäre es sinnvoll zu fragen, durch welche Diskurse,
Regeln und Normen unbewusst das hierarchische System der Zweigeschlechtlichkeit re-
produziert wird. Vor diesem Hintergrund plädiert Susanne Szemerédy, die sich mit der
Thematik der Nutzbarmachung von Dekonstruktion in der Arbeit mit missbrauch-
ten/misshandelten Mädchen beschäftigt hat, dafür, die „habitualisierten Praktiken“ von
Pädagoginnen und Mädchen in den Blick zu nehmen und soziale Praktiken unter dem
Aspekt von Macht zu entschlüsseln (vgl. Susanne Szemerédy 1996: 73).
Die Entschlüsselung alltäglicher Praktiken auf dem Hintergrund von Foucaults Analy-
tik der Macht, kann wesentlich zu einer differenzierteren Erkenntniskompetenz bezo-
gen auf das eigene Verhalten beitragen (Susanne Szemerédy 1996: 77).
Susanne Szemerédy verdeutlicht diese Entschlüsselung55 sozialer Praktiken am Beispiel
von Autoaggression bei missbrauchten/misshandelten Mädchen:
Hinter dem autoaggressiven Verhalten von missbrauchten Mädchen verbergen sich oftmals
Trauer und Schmerz, die durch den Missbrauch bzw. durch die Misshandlung ausgelöst
wurden, so Susanne Szemerédy. Schuldgefühle über den Missbrauch bzw. eigene aggres-
sive Tendenzen werden von Mädchen so kompensiert. Autoaggressives Verhalten kann
zunächst als geschlechtsspezifisches Verhalten entschlüsselt werden. Susanne Szemerédy
spricht sich nun für eine weitergehende Aufschlüsselung dieser Praktik unter dem Aspekt
von Macht aus: Wie funktioniert Macht in der Praktik der Selbstbeschädigung? Mädchen
müssen sich in dieser Praktik als Handelnde erleben, denn dies kann ein Schritt in Rich-
tung Verhaltensänderung sein, so Susanne Szemerédy:
Eine genaue Entschlüsselung dieser Praktik schließt mit ein, dass das Mädchen zuge-
ben darf, z.B. einen Lustgewinn aus dem Ritzen zu ziehen. Die aktive Seite zu be-
leuchten bedeutet auch, die Selbstverantwortlichkeit zu betonen. So übernehmen die
Mädchen die Verantwortung dafür, dass sie sich mit ihren Wunden in Lebensgefahr
55 Vergleiche zum Zusammenhang von Entschlüsselung und Dekonstruktion Fußnote 52
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
199
bringen und unterstützen sich selbst, wenn sie sich durch das Ritzen in der Realität
halten und sich vor psychotischen Zuständen bewahren (Susanne Szemerédy 1996: 76).
Mädchen können so unterstützt werden zu differenzierten Aussagen und letztlich auch zu
differenzierten Einschätzungen über ihr eigenes Verhalten zu gelangen (vgl. Susanne Sze-
merédy 1994: 70). Auch Pädagoginnen können auf der Basis von entschlüsselten Praktiken
differenzierter auf Mädchen eingehen.
Dieser Fokus auf die Arbeit mit missbrauchten und misshandelten Mädchen und dem An-
setzten an deren autoaggressiven Verhalten kann auf Ansätze außerschulischer Arbeit mit
Mädchen allgemein erweitert werden.
Das Gefühl des Verlustes von Macht bei adoleszenten Mädchen haben Lyn M. Brown und
Carol Gilligan (1994) mit dem „Verlust der Stimme“ gekennzeichnet. Lyn M. Brown et al.
beschreiben in ihrer Studie die schwierigen und auch schmerzhaften Anpassungsprozesse
von Mädchen auf deren Weg zum Erwachsenwerden. Die Autorinnen arbeiteten heraus,
wie Mädchen den Verlust ihrer Stimme und damit auch den Verlust der Verbindung zu
ihrem Selbst erleben. „Ich weiß nicht...“ ist eine Aussage, die Lyn M. Brown et al. im Lau-
fe des Forschungsprozesses von Mädchen in der Adoleszenz hörten. Mädchen schieben
vielfach ihre Erfahrungen beiseite und modulieren ihre Stimme, wenn sie sich zu jungen
Frauen entwickeln (vgl. Lyn M. Brown, Carol Gilligan 1994: 238 f.).
Wenn Mädchen in der Adoleszenz sagen, was sie fühlen und denken, bedeutet das nach
der Beschreibung vieler Mädchen, dass sie das Risiko eingehen, ihre Beziehungen zu
verlieren und machtlos und ganz allein sind (Lyn M. Brown, Carol Gilligan 1994: 239).
Mit der Entschlüsselung sozialer Praktiken unter dem Gesichtspunkt von Macht und der
Betonung der Selbstverantwortlichkeit von Mädchen kann dazu beigetragen werden, dem
„Verlust der Stimme“ (vgl. Lyn M Brown, Carol Gilligan 1994) von Mädchen in der Ado-
leszenz zu begegnen. Die Entschlüsselung sozialer Praktiken von Mädchen unter dem
Aspekt von Macht kann Impulse geben, Mädchen als eigenverantwortlich und aktiv Han-
delnde in den Blick zu nehmen und sie dahingehend zu unterstützen, sich selbst als solche
wahrzunehmen. Exemplarisch kann dies an der Aussage von Mädchen „Ich weiß nicht...“
aufgezeigt werden: Wenn Mädchen als aktiv Handelnde akzeptiert werden, können sie sich
selbst als aktive, handelnde Subjekte anerkennen. Dies kann dazu beitragen, dass dieser
Satz („ich weiß nicht“) von Mädchen umformuliert wird zu Aussagen, in denen sie deut-
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
200
lich machen, warum sie etwas wie tun. An diesen Aussagen von Mädchen kann dann im
weiteren pädagogischen Prozess angesetzt werden.
Wie schwierig es jedoch ist, den Eigensinn der Mädchen wahrzunehmen und zu akzeptie-
ren, wird deutlich in der Auswertung der Interviews. So schildert die Pädagogin G. eine
Situation, in der Mädchen eine Party machen wollen und den Part des Musikmachens an
Jungen delegieren. Die Pädagogin will daraufhin die Party absagen (vgl. Kapitel 4.2.1.9:
146). Das Handeln der Mädchen wird in dieser Situation von der Pädagogin in erster Linie
bezogen auf die Kategorie Geschlecht gedeutet (vgl. Kapitel 4.3.1). Darüber hinaus kann
jedoch eine Analyse sozialer Praktiken bezogen auf Macht dazu beitragen, die Mädchen
als eigenverantwortlich Handelnde anzuerkennen. Indem die Pädagogin das tut, müsste sie
in ihrer Arbeit nicht in eine negative Sicht auf die Mädchen gelangen und ihrem Impuls
nachgeben, aus ihrer Frustration heraus die Party abzusagen. Unter Berücksichtigung des
Aspektes von Macht besteht für die Pädagogin die Möglichkeit, sich in eine Verhandlung
mit Mädchen zu begeben, und Fragen aufzuwerfen: Warum reagieren die Mädchen so?
Warum machen Jungen in der Regel Musik? Was wollen die Mädchen stattdessen an Ver-
antwortlichkeit für ihre Party übernehmen?
Anerkennung des Handelns der Mädchen bedeutet in diesem Fall eben auch, Verhalten von
Mädchen auch dann nicht zu sanktionieren, wenn sie sich analog tradierter Geschlechter-
stereotypen verhalten und sich u.U. auf dieser Party für das Buffet zuständig fühlen. Hier
greift eine weitere Dimension von Macht, nämlich eine Abgrenzung feministischer Mäd-
chenideale zu Aspekten der Existenz von Mädchen: So ist Realität in Konzepten und Pro-
jekten außerschulischer Arbeit mit Mädchen, dass die Vielfalt von Lebensentwürfen von
Frauen und Mädchen, so z.B. Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Wunsch nach
Kindern, in eben jenen feministischen Zusammenhängen reduziert wird und damit eine
feministische Hierarchisierung von Lebensentwürfen stattfindet.
Diese Bereitschaft bzw. das Vermögen den Eigensinn von Mädchen wahrzunehmen, die-
sen zu akzeptieren und auf ihn einzugehen, scheint gekoppelt an den Grad der Loslösung
der Pädagoginnen von feministischen Konzepten zur Mädchenarbeit, an denen sie sich
orientierten. So schildert die Pädagogin E. ihren Wunsch, sich von ihrer Haltung „Ich
weiß, was gut für euch ist“ zu lösen und ihre Angebote als Handreichungen für Mädchen
zu betrachten. (Vgl. Kapitel 4.2.2.9: 155)
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
201
Ein wichtiger Gesichtspunkt in Michel Foucaults (1977) Ausführungen zur Macht ist, ne-
ben der Überlegung, Macht als vieldimensional und relational zu begreifen auch der, dass
Macht immer auch Potenzial von Widerstand hat. Dabei rekurriert Foucault nicht auf einen
„großen Ort der Weigerung“, sondern auf ein Widerstandspotenzial innerhalb von Macht-
diskursen (vgl. Kapitel 2.2.2.1). Es ist demzufolge nicht möglich, sich mit seinem Wider-
standsverhalten außerhalb von hegemonialen Machtstrukturen zu bewegen. Bettina Fritz-
sche (1994), die sich in ihrer Arbeit mit Selbstinszenierungen von Mädchen und Frauen im
System der Zweigeschlechtlichkeit beschäftigt hat, macht dieses Verbleiben innerhalb von
Machtstrukturen an folgendem Beispiel deutlich:
Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn Frauen im Sommer beschließen, sich vor der
„Anmache“ der Männer zu schützen, indem sie sich so kleiden, dass diesen der Anblick
ihrer Körperformen weitgehend versagt bleibt. Eine solche Selbstinszenierung erlaubt
zwar ein souveräneres und unbefangeneres Verhalten in der Öffentlichkeit, bedeutet
dabei gleichzeitig eine Selbstbeschränkung, welche sich der männlichen Sexualisie-
rungsmacht beugt (Bettina Fritzsche 1994: 76f.).
Dieses Zitat verdeutlicht, wie Diskurse von Macht durch Unterwerfung auf einer Ebene
von Alltagsverhalten von Subjekten perpetuiert werden. Das bedeutet gleichzeitig jedoch
nicht, dass im Rahmen dieser Unterwerfungen keine Anknüpfungspunkte für Widerstand
existent sind. Eine Möglichkeit ist, Subjekten die Vielfältigkeit von Diskursen aufzuzeigen
um ihnen, wenn auch beschränkte, Wahlmöglichkeiten und Ansatzpunkte zum Widerstand
zu eröffnen (vgl. Chris Weedon 1991: 136).
Für eine Arbeit mit Mädchen eröffnet diese Sicht auf Macht und Widerstand durchaus Per-
spektiven, wie Bettina Fritzsche aufzeigt. Sie plädiert dafür, dass Pädagoginnen in der Ar-
beit mit Mädchen z.B. das Interesse von Mädchen am gegenseitigen Schminken anerken-
nen und nicht als einseitige Orientierung von Mädchen auf Jungen und Männer zu verwer-
fen.
Denkbar wäre in diesem Fall beispielsweise ein Workshop, in welchem die kollektive
Körperkultur der Mädchen beim gegenseitigen Bemalen, Verkleiden und Fotografieren
ausgebaut werden könnte. Ihre Make-up-Kompetenzen (welche der Pädagogin abgehen
mögen) könnten dabei für das Ausprobieren verschiedener Gesichtsinszenierungen ge-
nutzt werden (Bettina Fritzsche 1994: 79).
Das Aufgreifen dessen, was Mädchen gern tun, eröffnet Möglichkeiten für Widerstand im
Sinne von Bedeutungsverschiebung bezogen auf die Kompetenzen von Mädchen. Diese
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
202
erscheinen so nicht nur bezogen in ihrer Kontextualität auf das andere Geschlecht, sondern
zeigen ein „Potenzial kollektiver Kreativität“ auf:
Ein solcher Blickwechsel erlaubte dabei einerseits eine größere Anerkennung ihrer
Kompetenzen und machte darüber hinaus die mögliche Vielfalt von Bedeutungen
transparent (Bettina Fritzsche 1994: 79).
Bettina Fritzsches Überlegungen stellen einen Baustein für eine (de)konstruktive Arbeit
mit Mädchen dar. Gleichzeitig verdeutlichen auch sie eine Hegemonialität feministischer
Diskurse über Mädchen: Zwar plädiert Bettina Fritzsche dafür, am Eigensinn von Mädchen
anzusetzen (wenn Mädchen sich gerne Schminken, dann wird ein Schminkkurs angeboten)
und wertet ihn nicht von vorne herein ab. Zugleich erscheint es aber notwendig das Han-
deln der Mädchen in seiner Bedeutung zu verschieben, damit es nicht nur als „männerfi-
xiert“ gedeutet wird und Pädagoginnen die Schminkkompetenzen der Mädchen besser an-
erkennen können. So werden Mädchen auch in der Argumentation von Bettina Fritzsche
als veränderungsbedürftig konstruiert, vor dem Hintergrund eines feministisch geprägten
Maßstabes, der hier nicht transparent, jedoch inhärent ist.
In Theorie und Praxis von außerschulischer Mädchenarbeit erscheint es notwendig, Inter-
pretationen von Handeln und Verhalten von Mädchen nicht allein auf die Kategorie Ge-
schlecht zu beziehen, sondern gleichzeitig auf Aspekte von Macht. Dabei ist von Bedeu-
tung, auch die existenten feministischen Konstruktionen über Mädchen aufzudecken und
die Diskurse, auf denen die Konzepte basieren, zu reflektieren.
5.2.2 Die Vieldimensionalität von Subjekten und ihre Bedeutung für eine außer-
schulische Arbeit mit Mädchen.
Die Konzeption des modernen souveränen Subjekts wird Descartes als einer der „kopfge-
bärenden Väter“ (Susanne Maurer 1996) zugeordnet (vgl. Kapitel 2.2.2.1). Die Idee des
modernen souveränen Subjekts veränderte sich mit zunehmender Komplexität von Gesell-
schaften.
Die Konstruktion des stabilen Subjekts der Aufklärung, wird durch gesellschaftliche Ver-
schiebungen bzw. neuen Bewegungen, wie z.B. die Entdeckung des Unbewussten, struktu-
ralistische und poststrukturalistische Argumentationen, die Disziplinarmacht und feministi-
sche Bewegungen brüchig, dezentriert und dekonstruiert hin zu den postmodernen, fragilen
Identitäten. Die Überlegungen, bezogen auf „multiple Identitäten“ (Bilden; Keupp 1989),
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
203
verweisen auf eine Vieldimensionalität von Subjekten. In diesem Zusammenhang ist der
Aspekt der Vielfalt im Denken nichthierarchischer Differenzen bedeutsam, so benennen
die italienischen Differenztheoretikerinnen die verschiedenen Ebenen von Differenzen in
und unter Frauen (vgl. Kapitel 2.1.2.2) und beziehen damit soziale Wirklichkeiten von
Frauen und Differenzen und Vielfalt in und unter Frauen ein.
Von diesen Veränderungen und Vielschichtigkeiten ist das Subjekt der Pädagogik (Wer
lernt was und auf welche Weise? Wer kann gebildet werden?) ebenso betroffen, wie z.B.
das Subjekt der Erkenntnistheorie (Wer denkt und auf welche Weise?), das Subjekt in der
Politik und Geschichte (Wer handelt? Wer nimmt teil?) (vgl. Susanne Maurer 1996:
112ff.).
Das Subjekt in der Pädagogik ist weder ahistorisch noch geschlechtsneutral. Das belegt die
Zuordnung des Denkens der Pädagogik auf vornehmlich männliche Denker ( vgl. Ilse
Brehmer 1993), die Verortung der Praxis der Pädagogik als „weibliche Domäne“ und „gei-
stige Mütterlichkeit“( vgl. Ilona Ostner 1986), die Segregation von Mädchen und jungen
Frauen aus der Jugendbewegung (vgl. Magdalena Musial 1995, Irmgard Klönne 1985) und
auch das Subsumieren von weiblichen Jugendlichen im Rahmen der Jugendarbeit der
Nachkriegszeit ( vgl. Monika Savier, Carola Wild 1980; Klees et al. 1992). Erst mit der
zweiten Frauenbewegung und der Entwicklung von Ansätzen außerschulischer Mädchen-
arbeit, gelangt eine Geschlechterdifferenz bezogen auf Subjekte der Pädagogik in den
Blick (vgl. Kapitel 3.1).
Zwar wird in der pädagogischen Tradition das Subjekt als Zentrum seines Tuns begriffen,
doch gleichzeitig wird es im Zusammenhang mit der Überlegung der Bildbarkeit und Bil-
dungsnotwendigkeit als veränderbar verstanden (vgl. Susanne Maurer 1996: 116). Dies
verweist auf eine Sicht auf Subjekte in der Pädagogik, die das Potenzial hat, den Eigensinn
und die Wandelbarkeit von Subjekten anzuerkennen. Das Subjekt kann in poststrukturali-
stischen Diskursen als fragil und brüchig gekennzeichnet werden. Diese Widersprüche
deuten den Eigensinn und die Eigendynamik von Subjekten und die Differenzen von und
in Subjekten an. Astrid Albrecht-Heide beschreibt die Produktivität von Widersprüchen,
wenn sie kontextualisiert und wach gehalten werden:
Es geht m.E. darum, die in der multiplen Identität wach gehaltenen Widersprüche und
Brüchigkeiten wachzuhalten; denn sie können eine Empathie- und Veränderungsquelle
sein. Wird die „multiple Identität“ hingegen, wie erwähnt, bewusstlos oder machtstra-
tegisch ausgelebt, so ist sie eher gewalthaltig oder gewalt(re)produzierend (Astrid Al-
brecht-Heide 1995b: 8).
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
204
Vor diesem Hintergrund erscheint eine Notwendigkeit, die Sichten auf Subjekte in der
Pädagogik zu überprüfen: wird mit einem pädagogischen Konzept bzw. einer Herange-
hensweise das Subjekt als Adressat bzw. Adressatin gesehen, mit der Intention auf ein be-
stimmtes Ziel hinzuarbeiten? Oder wird das Subjekt in pädagogische Prozesse einbezogen,
deren Verläufe und Ausgänge offen sind? Letzteres würde bedeuten, den Eigensinn und
die Widersprüchlichkeiten von Subjekten anzuerkennen. Pädagogik kann scheitern, wenn
sie diesen Eigensinn nicht mit einbezieht.
Zu fragen ist vor diesem Hintergrund, ob bzw. wie der Eigensinn und die Eigendynamik in
der Pädagogik und, fokussierter auf den Gegenstand der Arbeit, in Theorie und Praxis von
außerschulischer Mädchenarbeit wahr- und ernst genommen wird.
Bezogen auf Konzepte zur Mädchenarbeit bedeutet dies, zu überprüfen, inwieweit dort
Vorstellungen für eine Arbeit mit Mädchen entworfen werden, die zielorientiert auf etwas
hinarbeiten. Das kann ein feministisches Ideal sein, welches in Konzepten entworfen wird,
dass kann ein verdeckter androzentrischer Maßstab sein, entlang dem Mädchen bestehen
sollen und das können auch Vorstellungen über bestimmte Identitäten sein, die die Mäd-
chen ausformen bzw. annehmen sollen.
Für eine pädagogische Praxis bedeutet diese Sicht auf Subjekte, die eigenen Ansprüche als
Pädagogin, das eigene Tun und die eigenen Identifizierungen und Abwehrmechanismen
immer wieder zu reflektieren. Als Beispiel soll auch an dieser Stelle eine Situation aus den
Interviews benannt werden, in der die Produktivität der Reflexion des eigenen Handelns
bezogen auf die Subjektivität von Mädchen deutlich wird:
Die Pädagogin G. berichtet, dass sie über einen längeren Zeitraum mit den Mädchen mit
denen sie arbeitete, zu einem Fußballplatz ging und die Mädchen dort Fußball spielten. An
einem Tag jedoch, war der Fußballplatz besetzt von einer Gruppe Jungen, die dort spielten.
Die Mädchen stellten sich an den Rand und sahen den Jungen beim Spielen zu. Die Päd-
agogin forderte die Mädchen auf, doch mit den Jungen gemeinsam zu spielen. Die Mäd-
chen verweigerten sich jedoch und die Pädagogin ärgerte sich über das Verhalten der Mäd-
chen und wusste nicht, wie sie reagieren sollte
Durch die Interviewsituation begab sie sich in eine Reflexion der Situation und gelangte zu
der Erkenntnis, dass auch sie als Mädchen, obwohl sie immer viel Sport getrieben hatte,
den gemeinsamen Sportunterricht mit Jungen abgelehnt hat und nie mit Jungen Fußball
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
205
gespielt hätte (vgl. Kapitel 4.2.1.9: 147). In dem sie sich auf ihr eigenes Mädchen-Sein
zurück besinnt, kann sie die Vielschichtigkeit von Mädchen, und deren situativ unter-
schiedliches Verhalten erkennen und akzeptieren und damit Widersprüchlichkeit wach
halten, zwischen ihrem intendierten Ziel und dem Wollen der Mädchen. Auch bei der Päd-
agogin I. ist es der Rückgriff auf ihre eigene Pubertät und ihren eigenen Emanzipations-
prozess, der es ihr ermöglicht, die Mädchen so anzunehmen wie sie sind, und den Eigen-
sinn der Mädchen aufscheinen zu lassen.
Die Erfahrung, dass die Erinnerung an die eigene Mädchenzeit hilfreich ist für den Um-
gang mit Mädchen, konnte von mir auch immer wieder in Weiterbildungen zum Thema
„Mädchenarbeit“ gemacht werden. Die Pädagoginnen bekamen dort die Aufgabe, sich zu-
rück zu erinnern an ihre eigene Pubertät und Adoleszenz. Durch diese Reise in ihre Ver-
gangenheit, beschrieben sie, Mädchen und ihr Verhalten nun besser nachvollziehen zu
können. Die Pädagoginnen gingen nach der Weiterbildung zum einen mit einem Fundus
von theoretischen Überlegungen in die Arbeit mit Mädchen und konnten zum anderen,
diese Überlegungen und Konzeptionen in Beziehung zu sich selber setzen und zu den
Mädchen, mit denen sie arbeiten. Durch ihre Fähigkeit zur Reflexion war es ihnen mög-
lich, in ihrem pädagogischen Alltag einen „Schritt neben sich zu treten“ und fundierter das
eigene Handeln zu reflektieren: Stülpten sie Mädchen gerade eine Konstruktion von Mäd-
chensein über? Konfrontierten sie sie mit einem feministischen Ideal? Übertrugen sie eige-
ne Anteile auf die Mädchen usf.. Diese Reflexion ermöglicht das Wachhalten und die Ak-
zeptanz eigener Widersprüchlichkeiten als Frau und als Pädagogin. Dieses Erkennen der
eigenen Widersprüchlichkeit kann durch die Begegnung und später mit dem Wachhalten
des eigenen Mädchen-Seins befördert werden. Reflexion kann dazu beitragen, in der Päd-
agogik einen Prozess zu initiieren, in dem nicht allein eine Erreichung eines von Konzep-
ten o. Ä. formulierten Ziels im Mittelpunkt steht, sondern verstärkt auch die Mädchen
selbst. Auch die Differenzen in und unter Mädchen stehen damit im Fokus und sie sind
Subjekte pädagogischen Handelns. Ihr Eigensinn muss von der Pädagogin nicht als störend
und frustrierend empfunden werden, sondern kann als bereichernd und als Anknüpfungs-
punkt für pädagogische Angebote und Anregungen begriffen werden. Diese Herangehens-
weise, die sowohl eine Rückgriffsmöglichkeit auf konzeptionelle Überlegungen bzw. päd-
agogisches Wissen, als auch eine Ebene der Reflexion und ein in-Verhältnis-setzen des
eigenen Handelns bezogen auf die Adressatinnen ist, kann das „Interventionsparadox“ in
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
206
der außerschulischen Mädchenarbeit relativieren, indem Mädchen in ihrer Subjektivität
akzeptiert werden.
5.2.3 Die Kategorie Geschlecht als soziale Konstruktion – Perspektiven für eine au-
ßerschulische Mädchenarbeit
Geschlecht (sex) wird im feministischen Poststrukturalismus als kulturell produzierte Ka-
tegorie und Geschlechtsidentität (gender) als kulturelle Zuschreibung betrachtet. Weder der
Geschlechtskörper noch die Geschlechtsidentität bzw. das soziale Geschlecht bedingen
sich biologisch. Judith Butler (vgl. Kapitel 2.2.3.1) argumentiert gegen eine Monokausali-
tät in der Konformität von sex und gender, denn weder die Konstruktion Mann kann allein
dem männlichen Körper, noch die Konstruktion Frau allein dem weiblichen Körper zuge-
ordnet werden. Dies impliziert jedoch keine Beliebigkeit, in der Geschlecht gewechselt
werden kann, denn die Herstellung von Geschlecht ist ein interaktiver Akt. So betont Ju-
dith Butler, dass mit der Entkoppelung von Geschlecht und Geschlechtskörper der Wegfall
des Identitätszwanges, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen, obsolet werden kann.
Sie argumentiert dahingehend, dass wir nicht die Geschlechter sein müssen, die wir ge-
worden sind. Geschlecht ist das, was wir tun und nicht das, was wir sind, im Sinne von
doing gender. Gleichzeitig existieren wir als die Geschlechter, die wir geworden sind, und
dieses Geschlecht ist der Ausgangsort, um Veränderungen bezogen auf das hierarchische
Geschlechterverhältnis einzuleiten (vgl. Kapitel 2.3). Judith Butler begreift Geschlechter
als Inszenierungen und in der Abweichung von Wiederholungszwängen liegt ein Potenzial
von Subversion, so Judith Butler.
Das Abweichen von gängigen Bezeichnungspraxen und das Parodieren der Geschlechter
begreift Judith Butler als Wege zur Politik einer Veränderung bezogen auf eine Verschie-
bung von Geschlechternormen. In der Möglichkeit des Modifizierens von Bezeich-
nungspraxen liegt ein Baustein für eine Arbeit mit Mädchen. Bettina Fritzsche verweist auf
eben jene Überlegungen Butlers und formuliert als eine Bedeutung für Mädchenarbeit:
Der besondere Nutzen, welcher sich bezüglich einer feministischen Pädagogik aus
Butlers Überlegungen ziehen lässt, liegt meines Erachtens in ihrer radikalen Absage an
Ansätze, welche einen feministischen Widerstand jenseits von Macht- und Geschlech-
ternormen suchen, sowie in ihrem Aufruf zu einem strategischen Vorgehen innerhalb
der Normen und mit diesen (Bettina Fritzsche 1994: 81).
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
207
Wichtig ist Bettina Fritzsche, Mädchen eine Bandbreite an Optionen von Selbstinszenie-
rungen und leiblichen Stilen unabhängig von deren geschlechtlicher Besetzung aufzuzei-
gen.
Für ebenso nützlich wie das Erproben männlich besetzter Selbstinszenierungen halte
ich dabei das Spiel mit vorherrschenden Darstellungen von Weiblichkeit in der Mäd-
chenpädagogik. Ein spielerisches Umgehen mit den gängigen Weiblichkeitsklischees
könnte hierbei die Strukturen, welche diese aufrechterhalten sowie ihre Vor- und
Nachteile verdeutlichen. Ein solcher Prozess stellte eine geeignete Grundlage für die
Überwindung habitualierter Inszenierungsmuster dar (Bettina Fritzsche 1994: 82).
Die Anregung von Butlers Denken, bezogen auf Parodie und Subversion in der Mädchen-
arbeit durch eine Bedeutungsverschiebung Konstruktionen von Weiblichkeit und Männ-
lichkeit als solche zu entlarven, ist produktiv für eine Perspektive von Mädchenarbeit.
Gleichzeitig kann das Ziel nicht die Überwindung von habitualisierten Inszenierungsmu-
stern sein, wie Bettina Fritzsche es formuliert, sondern eher das Entschlüsseln dieser Selb-
stinszenierungen. Der Anspruch von Überwindung verwirft wieder etwas – im Zweifel den
Eigensinn und die Lebensrealitäten von Mädchen. Durch eine Entschlüsselung hingegen,
können die habitualisierten Inszenierungsmuster beibehalten und gleichzeitig deren Kon-
struktionscharakter und damit deren Veränderungspotenzial aufgezeigt werden. Auch in
diesem Zusammenhang greift die „doppelte Geste“ von Dekonstruktion, die die Notwen-
digkeit von Dekonstruktion und Rekonstruktion aufzeigt.
5.3 Bausteine einer (de)konstruktiven Arbeit mit Mädchen - Resümee
Die Beschäftigung mit poststrukturalistischen Sichtweisen und das Verfahren von Dekon-
struktion im Sinne einer „doppelten Geste“ ermöglicht ein Aufzeigen von Mechanismen
zur Herstellung von Geschlecht und Geschlechterverhältnis und ein gleichzeitiges in Fra-
gestellen von essentiellen Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht. Ausblendungen in
feministischen Überlegungen zur Mädchenarbeit können so heraus gearbeitet werden.
Die Erkenntnis, dass Mädchenprojekte keine machtfreien Orte sind, fordert dazu auf, die
verschiedenen Diskurse in Konzepten und in Praxen von Mädchenarbeit aufzudecken. Da-
bei sind die habitualisierten Praktiken von Pädagoginnen ebenso zu hinterfragen, wie die
Praktiken von Mädchen. Bei der Entschlüsselung dieser Praktiken ist es wichtig, den Ei-
gensinn von Mädchen zu akzeptieren. Diese Akzeptanz des Eigensinns gilt auch in Über-
legungen bezogen auf Widerstand, der überall dort potenziell ist, wo Macht ist. Mädchen
eine Vielfältigkeit von Diskursen aufzuzeigen, damit sie sich ihnen Optionen eröffnen, ist
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
208
dabei ebenso von Belang, wie eine Bedeutungsverschiebung bezogen auf Kompetenzen
von Mädchen. Gleichzeitig gilt es hegemoniale, feministische Diskurse und Konstruktio-
nen über „ideale Mädchen“ transparent zu machen. Und auch hier muss die Anerkennung
der Mädchen in ihrem Sein und mit ihrem Wollen ein wichtiger Aspekt sein. Es gilt zu
überprüfen, mit welchem pädagogischen Konzept bzw. welcher Haltung in die Arbeit mit
Mädchen gegangen wird.
Bezogen auf die Praxis ist es unablässig, die eigenen Identifikationen und Abwehrmecha-
nismen immer wieder zu reflektieren. Hilfreich kann hier ein Rückgriff auf die eigenen
Erfahrungen der Pädagogin in der Pubertät und Adoleszenz sein. Bereichernd in der Arbeit
mit Mädchen ist darüber hinaus, die Überlegungen poststrukturalistischer Feministinnen
für eine konkrete pädagogische Arbeit nutzbar zu machen. Exemplarisch durch einen
spielerischen Umgang mit geschlechtlichen Identitäten und mit Hilfe von Parodie, um
Selbstinszenierungen von Mädchen zu dechiffrieren.
Poststrukturalismus ist ein Denken von Ambiguität und kann den Blick öffnen für ein
Wahrnehmen von Dualismen und Differenzen. Für eine außerschulische Mädchenarbeit
bedeutet dies, angesichts der realen Segregation von Mädchen und Frauen in der Gesell-
schaft, am Geschlecht als Existenzweise mit seinen Implikationen anzusetzen und Mäd-
chenarbeit als Baustein für eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses in einer Per-
spektive von egalitärer Differenz zu begreifen. Das heißt, den Maßstab für Gleichheit offen
zu legen und gleichzeitig die Perspektive der Anderen zu beachten. Um die Perspektive der
Anderen wach halten zu können, ist das Verfahren der Dekonstruktion von Bewandtnis:
Die Akzeptanz dessen, den Anderen bzw. die Andere nicht einordnen zu können, weder
seine Bedeutung für das eigene Handeln noch die Wirksamkeit des eigenen Handelns auf
den Anderen bzw. die Andere berechnen zu können, bedeutet einen Abschied von einer
pädagogischen Fiktion, Menschen nach Idealbildern formen zu können. Damit wird die
Idee einer planmäßigen Erziehung durch das theoretische Feld des Poststrukturalismus in
Frage gestellt. Das Interventionsparadox wird vor diesem Hintergrund verflüssigt. Und in
dem dieses Interventionsparadox mit seinen Implikationen von Gefühlen der Ohnmacht
und der Frustration aufgeweicht wird, kann der Blick geöffnet werden, für eine Pädagogik,
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
209
die eine Akzeptanz für die Unplanbarkeit von pädagogischen Handlungen und Prozessen
goutiert.
Poststrukturalismus und Dekonstruktion auf Pädagogik zu beziehen, ist eine Anregung,
Menschen mit ihren Lebensweisen in den Blick zu nehmen und bedeutet, Mädchen als
Subjekte und Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt zu akzeptieren. Das meint gleichzeitig
nicht eine der Postmoderne vorgeworfene Beliebigkeit, kein „anything goes“56, sondern
eine Akzeptanz und Offenheit der eigenen Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten.57
Poststrukturalismus und Dekonstruktion bezogen auf pädagogische Praxis zu denken, be-
deutet nicht Handlungsunfähigkeit, sondern eine Erweiterung von Handlungsmöglichkei-
ten, in dem Widersprüche und Brüche eben nicht geglättet werden, sondern in dem sie auf-
gegriffen und an ihnen angesetzt, pädagogische Prozesse initiiert werden können.
Und auch der Machtanspruch von Pädagogik (ich weiß was gut für dich ist) kann durch
Dekonstruktion im Annehmen von Unentscheidbarkeit und Differenz transparent gemacht
werden. Zu einer Abkehr der Zielorientierung in der Pädagogik können bestehende Kon-
zepte zur Mädchenarbeit, nach kritischer Auseinandersetzung mit ihnen, beitragen. Ange-
sichts der Notwendigkeit der Akzeptanz von Differenz und Unentscheidbarkeit können
auch Konzepte zu einer (de)konstruktiven Arbeit mit Mädchen beitragen, die die Anerken-
nung der Perspektive der Anderen in den Mittelpunkt stellen und die die Neugier auf die
Einmaligkeit der Einzelnen58 wach halten. Beispielhaft hierfür steht das Konzept der „Päd-
agogik der Vielfalt“ von Annedore Prengel (1993)59 (vgl. zu Annedore Prengel Kapitel
2.1.2.2).
56 Diese Angst vor postmoderner Beliebigkeit in der Pädagogik spiegelt sich eindrücklich in dem Sammel-
band von Dieter Baacke et al. (1985) wieder.
57 Der Sozialpädagoge Manfred Kappeler argumentiert für eine Anerkennung des Subjektstatus von Kindern
und Jugendlichen in allen Feldern der Jugendhilfe und redet damit wider einer „Gefälligkeitspädagogik“:
„Wenn wir Akzeptanz in einem professionellen Sinn begreifen wollen, dann steckt darin die Frage an die
Offenheit unserer Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten bezogen auf Lebensbedingungen und subjektive
Entscheidungen von Kindern und Jugendlichen, die sich in anderen Lebenswelten bewegen, als den unseren.
Dazu gehört auch, dass wir ihre Entscheidungen und Schritte, die wir als „Notlösungen“ empfinden, so ver-
stehen, dass auch die Notlösung eine Lösung ist, in diesem Moment, in dem eine Entscheidung getroffen
werden muß. Im weiteren ist zu sehen, in welche Situationen von Not dieser Weg der Lösung sie wieder
bringt. Das ist unsere Aufgabe, sie damit zu konfrontieren; aber nicht, um ihnen Weg vorzuschreiben, son-
dern um zu klären, wie sie das durchstehen und überleben können“ (Manfred Kappeler 1999: 395).
58 Der Mechanismus, dass eine Gemeinsamkeit sich erst durch die Anerkennung der Einzelnen erkennen läßt,
findet sich auch in der Dialektik von Gleichheit und Differenz (vgl. Kapitel 2.1.2.2: 29).
59 Annedore Prengel verortet ihre Studie im Feld der Kritischen Theorie und rekurriert damit nicht auf Post-
moderne und Poststrukturalismus. Sie verweist jedoch auf den Nutzen der Verknüpfung von Postmoderner
und Kritischer Theorie, den sie in der Vertiefung von demokratischem Denken in der Dimension von Plura-
lität verortet (vgl. Annedore Prengel 1993: 19).
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
210
Pädagogik der Vielfalt ist ein Plädoyer für Prozesshaftigkeit in pädagogischen Interaktio-
nen und für die Unbestimmbarkeit von Menschen. Dabei wendet sich dieser Ansatz von
Pädagogik gegen jegliche Verdinglichungen in Gestalt von Definitionen und das bedeutet
auch, den Verzicht von Leitbildern in der Pädagogik (vgl. Annedore Prengel 1995: 185).
Ansätze, in der Pädagogik den Anderen in den Mittelpunkt zustellen, können bereichert
werden durch poststrukturalistische Sichtweisen auf die Vieldimensionalität von Macht
und Subjekten und der Argumentation, dass das Geschlecht eine soziale Konstruktion ist.
Macht- und herrschaftskritische Überlegungen können so in ein Denken und in eine Päd-
agogik egalitärer Differenz, einbezogen werden. Diese poststrukturalistischen Impulse
können z.B. durch das Verfahren der Dekonstruktion, Referenzsysteme von Egalität und
Differenz transparent machen und so die Grenzen des Spannungsfeldes von egalitärer Dif-
ferenz aufzeigen. Zu einer Überschreitung dieser Grenzen können poststrukturalistische
Argumentationen beitragen.
Angesichts der komplexen Theorie von Poststrukturalismus und Dekonstruktion kann
kaum ein neues Konzept für Theorie und Praxis einer außerschulischen Mädchenarbeit
entworfen werden. Die hier skizzierten Aspekte sollen vielmehr als Bausteine für eine
„(de)konstruktive Mädchenarbeit“ begriffen werden und Anregungen und Ansatzpunkte
für eine weitergehende Reflexion von Theorie und Praxis außerschulischer Arbeit mit
Mädchen sein.
An dieser Stelle soll noch einmal verwiesen werden, auf die erkenntnisleitenden post-
strukturalistischen Überlegungen (vgl. Kapitel 2.4).
Postrukturalistisches Denken bedeutet ein Denken von Ambiguität und verweist auf Mehr-
deutigkeit und Unentscheidbarkeit. Diese Unentscheidbarkeit kann als produktiv für Pro-
zesse in der Pädagogik begriffen werden. Unentscheidbarkeit bedeutet, sich Optionen zu
eröffnen und sich von einem Modell von „Trichterpädagogik“ verabschieden zu können.
Unentscheidbarkeit bedeutet darüber hinaus, Situationen in der Pädagogik weitergehend
deuten zu können und mithin einen größeren Interventionsspielraum zu erlangen, weil sich
mehr Ansatzpunkte für pädagogische Prozesse eröffnen (vgl. Kapitel 4.3.) Das Denken von
Ambiguität kann dazu beitragen, den Fokus in pädagogischen Prozessen zu erweitern und
dichotome Ordnungschemata z.B. bezogen auf die Kategorie Geschlecht zu hinterfragen.
Dekonstruktion als analytisches Verfahren leistet hierzu seinen Betrag, indem mit Hilfe
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
211
dieses Verfahrens, Mechanismen aufgezeigt werden können, durch die Zuschreibungen an
die Kategorie Mädchen verflüssigt bzw. verfestigt werden.
Im Zusammenspiel von poststrukturalistischen Sichtweisen von der Vieldimensionalität
von Macht, Subjekt und Geschlecht (doing gender) können Verhaltensweisen und Selb-
stinszenierungen von Mädchen und jungen Frauen entpathologisiert werden. So müssen
sich Deutungen von pädagogischen Interaktionen eben nicht auf die Kategorie Geschlecht
erschöpfen, sondern ihre Interdependenz mit anderen Kategorien kann berücksichtigt wer-
den. Bezogen auf den Aspekt Macht kann dies bedeuten, habitualisierte Praktiken von
Mädchen zu entschlüssen, ihre Verwobenheit in Machtstrukturen aufzuzeigen und sie als
aktiv Handelnde wahrzunehemen.
Bezogen auf doing gender kann dies bedeuten, Verhalten von Mädchen nicht ausschließ-
lich auf ihr Geschlecht zu deuten, sondern als Inszenierungen zu begreifen: Mädchen sind
dann nicht einfach Mädchen, sondern sie sind es, weil sie es tun und weil die Pädagogin-
nen mit tun.
Dekonstruktion im Sinne der „doppelten Geste“ bedeutet, dass neue Entwürfe einer Arbeit
mit Mädchen auf Bestehendes zurückgreifen und gleichzeitig Neues, Verändertes aufzei-
gen. Das meint, dass bestehende Konzepte zur außerschulischen Mädchenarbeit eben nicht
verworfen werden, sondern dass sie aus einer Perspektive analysiert werden, die ihre Inter-
dependenzen in Prozesse von Dekonstruktion und Rekonstruktion der hierarchischen
Zweigeschlechtlichkeit aufzeigt.
Wichtig ist, dass die Notwendigkeit von außerschulischer Mädchenarbeit nicht länger mit
verdeckten defizitären Sichtweisen auf Mädchen und jungen Frauen definiert und argu-
mentiert wird. Und auch eine unreflektierte Vermischung von Mädchenarbeit und Mäd-
chenpolitik reproduziert eine funktionalisierende Tendenz von Pädagogik. Andere Felder
der Jugendhilfe, wie z.B. Jugendhilfeplanung eignen sich eher für eine unbestritten not-
wendige Politik für die Durchsetzung der Interessen von Mädchen und vor allem mit Mäd-
chen. Außerschulische Arbeit mit Mädchen muss ihre Rechtfertigung in erster Linie aus
den komplexen Lebensrealitäten von Mädchen und jungen Frauen beziehen. Bei der Be-
wältigung dieser Aufgaben haben sie Anspruch auf eine vielfältige Unterstützung, deren
Poststrukturalistische Perspektiven auf Theorie und Praxis außerschulischer Mädchenarbeit. Ergebnisse und
Ausblick
212
Umfang, Art und Weise von ihnen selbst zu wählen und zu bestimmen sind. Vor diesem
Hintergrund wird deutlich, dass eine Diskussion ob bzw. inwieweit außerschulische Mäd-
chenarbeit von Bedeutung ist, obsolet ist. Es darf nicht darum gehen, die Idee von der Ar-
beit mit Mädchen als eigenständige Zielgruppe von Jugendarbeit aufzugeben und auch
nicht, die Forderungen nach eigenen Räumen und ausreichender finanzieller Ausstattung
einzustellen. Mädchenarbeit muss sich jedoch in ihrer Theorie und Praxis einer kritischen
Reflexion unterziehen und sich so verändern, das insbesondere informelle kulturelle Prak-
tiken von Mädchen Akzeptanz im Rahmen von Mädchenarbeit erfahren und nicht allein
feministische Theorien und ihre Durchsetzung in den Vordergrund der Arbeit gerückt wer-
den.
Das ist kein Plädoyer für eine nichtfeministische Arbeit mit Mädchen, sondern ein Appell
dahingehend, sich funktionalisierende Tendenzen in der Mädchenarbeit bewusst zu ma-
chen.
Außerschulische Arbeit mit Mädchen ist ein persönlich aufgeladenes Feld und immer auch
sind die Pädagoginnen mit ihren eigenen Lebensgeschichten und ihren eigenen Emanzipa-
tionsprozessen in die Arbeit mit Mädchen eingewoben. Vor diesem Hintergrund wäre es
sinnvoll, Konzepte für Mädchenarbeit bezogen auf Anforderungen für Pädagoginnen zu
entwerfen. So würden nicht neue Forderungen und mithin Zuschreibungen an Mädchen im
Mittelpunkt konzeptioneller Überlegungen stehen, sondern eine noch weitergehende Fun-
dierung von Handlungs- und Reflexionskompetenzen von Pädagoginnen.
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