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Philipp Henning
Strategischer Hasstransfer in der
arabischsprachigen Rundfunkpropaganda
NS-Deutschlands
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Henning, P. (2020). Strategischer Hasstransfer in der arabischsprachigen Rundfunkpropaganda
NS-Deutschlands. In S. Schüler-Springorum (Hrsg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 29 (2020) (1. Aufl.,
Bd. 29, S. 231-257). Metropol.
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philipp henning
Strategischer Hasstransfer in der arabischsprachigen
Rundfunkpropaganda NS-Deutschlands
Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches befand sich die arabische Welt in
einem postimperialen Vakuum. Dekolonisierungsbestrebungen, gebrochene Ver-
sprechen der britischen Regierung an die arabische Bevölkerung bezüglich ihrer
Unabhängigkeit sowie politische, ethnische und religiöse Spannungen boten einen
fruchtbaren Nährboden für die Ideologien und Versprechungen, die sich die NS-
Propaganda zunutze machen konnte. Deutschland hatte eine solche Politisierung
des Religiösen und Nutzbarmachung des Unterdrücktseins durch eine äußere
Macht zuvor bereits im eigenen Land erlebt. Hierzu stellt Pankaj Mishra einen
interessanten Vergleich an: So wie es im Deutschland der Befreiungskriege gegen
die napoleonische Besatzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Ermangelung
einer politischen Nation zu einer Hinwendung zu den abstrakten und romanti-
sierten Vorstellungen von „Volk“ und „Kultur“ gekommen war,1 so sei es auch das
Ziel des arabischen Nationalismus gewesen, aus den Trümmern des Osmanischen
Reiches eine arabische Nation, begründet auf Sprache und Kultur, wiedererstehen
zu lassen. „Dieser ‚heilige Krieg‘ [gegen das napoleonische Frankreich] [] ging
dem islamischen Fanatikern zugeschriebenen Dschihad gegen militärischen und
kulturellen Imperialismus um viele Jahrzehnte voraus.2
Eine solche „Politisierung des Spirituellen“ kehrte in ähnlicher Form auch
in die arabische Welt ein.3 Literatur und Dichtung wurden zum Transmitter für
ein künstlich geschaffenes Nationalbewusstsein. Die angestrebte Rückkehr zum
1 Pankaj Mishra, Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart, Frankfurt a. M.
2017, S. 212.
2 Ebenda, S. 217.
3 Ebenda, S. 213.
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ideologisierten religiösen Denken war durch den Hass auf die Besatzungsmacht
Frankreich getrieben, der genutzt wurde, um in Kontrastierung zu ihr ein „rei-
nes“ und „ursprüngliches“ neues Deutschland aufzubauen, und gleichzeitig die-
sem Ziel im Wege stand.4 Ähnlich gestaltete sich die Situation der arabischen
Gebiete ab 1914, die von einem Unterlegenheitsgefühl der Araber gegenüber den
Kolonialmächten geprägt war. Als einzige europäische Großmacht herrschte
Deutschland über keine Muslime im Nahen Osten. Diese aus der späten National-
staatsgndung resultierende koloniale Beschränktheit sollte sich in den beiden
Weltkriegen als Chance herausstellen. Die deutsche Propaganda nutzte die eigene
Erfahrung der Besatzung und verhinderten Nationalstaatsgründung bereits im
Ersten Weltkrieg für ihre Botschaften in die arabische Welt und tauschte das Ele-
ment des „Deutschtums“ gegen das „Arabertum, das Streben nach einem wie-
dergeborenen deutschen Geist gegen einen von den imperialistischen Mächten
bedrohten Islam aus, um diesmal die Sakralisierung der Identität zu exportie-
ren. Im Zweiten Weltkrieg fügten die Propagandisten des Nationalsozialismus
schließlich den radikalen Judenhass hinzu. Das strategische Ziel war, die Gewalt
in den von Frankreich und Großbritannien kontrollierten arabischen Gebieten
zu stimulieren.5
Zwar war sich die NS-Führung einer gewissen Sympathie der arabischen
Welt bewusst, vor 1939 wollte das Regime jedoch keine zu engen Beziehungen
mit der arabischen Seite eingehen, um die Briten nicht zu brüskieren. Denn es
sei die „notorische politische Unzuverlässigkeit der Araber, die man bei einem
Engagement für die Freiheitsbewegung beachten müsse.6 In Mein Kampf hatte
Adolf Hitler die deutschen Pläne für einen Dschihad im Ersten Weltkrieg bereits
kritisiert und seine Meinung zu den Arabern klargestellt: Die „kümmerlichen
Hoffnungen auf den sagenhaften Aufstand in Ägypten“ durch einen „Heiligen
Krieg“ dürften nicht dazu führen, „das Schicksal des eigenen Volkes“ mit der
4 Vgl. ebenda, S. 218.
5 Thomas Kehoe, Fighting for our Mutual Benefit. Understanding and Contextualizing the
Intentions behind Nazi Propaganda for the Arabs during World War Two, in: Journal for
Genocide Research 14 (2012) 2, S. 137157, hier S. 139 f.
6 Akten zur deutschen und ausrtigen Politik 19181945 (ADAP), Ser. D, Bd. V, Nr. 571,
S. 644, Aufzeichnungen der Pol. Abt. VII vom 7. 8. 1937.
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„rassischen Minderwertigkeit dieser sogenannten ‚unterdrückten Nationen‘“ zu
„verketten“.7
Die Sender und der Streit um die Zuständigkeit
Gerade die „Kulturpropaganda“ sollte, laut Hitler, einen hohen Stellenwert in der
Außenpolitik einnehmen und die „geistige Kriegsführung“ das herkömmliche
Kriegsbild erweitern.8 Durch den Rundfunk war erstmals die schnelle und ein-
fache Verbreitung von Ideen und Meinungen in einem immateriellen Raum, der
keine materiellen Träger wie Flugblätter benötigte, möglich. Die seit 1930 beste-
henden Auslandssender bekamen von den Nationalsozialisten als Brücke für die
neue Ideologie eine neue Bedeutung.9 Seit Mitte 1939 meldete jedoch auch das Aus-
rtige Amt (AA) eigene Ambitionen an: Joachim von Ribbentrop forderte eine
Miteinbeziehung in die Rundfunkpropaganda.10 Bis zum Kriegsbeginn konnte
Joseph Goebbels die Vorwürfe des AA mit Berufung auf die Reichskanzlerver-
ordnung vom 30. Juni 1933, in der dem Propagandaminister die „Unterrichtung
des Auslands über Staat, Kultur und Wirtschaft Deutschlands“ übertragen wor-
den war, abwehren.11 Innerhalb der NS-Institutionen brach nun aber ein Konkur-
renzkampf um die Zusndigkeit für die Auslandspropaganda aus. Nach harten
Verhandlungen kam es am 22. Oktober 1941 schließlich zum Arbeitsabkommen.12
7
Adolf Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, München 2016, S. 747; zu den arabischen
Übersetzungsversionen von Mein Kampf Stefan Wild, „Mein Kampf“ in arabischer Überset-
zung, in: Die Welt des Islams 1 (1964), S. 207211; Stefan Wild, National Socialism in the Arab
Near East Between 1933 and 1939, in: Die Welt des Islams 1 (1985), S. 126173, hier S. 147–170.
8 Vgl. Peter Longerich, Propagandisten im Krieg. Die Presseabteilung des Auswärtigen Am-
tes unter Ribbentrop, München 1987, S. 71; Paul Rühlmann, Kulturpropaganda, Charlot-
tenburg 1919.
9 Vgl. Heinz Pohle, Der Rundfunk als Instrument der Politik. Zur Geschichte des deutschen
Rundfunks von 1923/38, Hamburg 1955, S. 424.
10 Vgl. Willi A. Boelcke, Die Macht des Radios. Weltpolitik und Auslandsrundfunk, 1924
1976, Frankfurt a. M. 1977, S. 84 f.
11 Vgl. Ansgar Diller, Rundfunk in Deutschland. Rundfunkpolitik im Dritten Reich, Mün-
chen 1980, S. 184.
12 Bundesarchiv (BArch), R 6/192, Ausbau und Schwächen der deutschen Propaganda, ent-
lt: Arbeitsabkommen zwischen dem AA und dem RMVP vom 22. 10. 1941.
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H auptbestandteil des Abkommens war die Zusammenfassung aller „offen in deut-
scher Hand befindlichen ausndischen Sender, Sendergesellschaften“ zu einer
Gesellschaft, der Interradio AG.13 Das AA „sollte sich bei den fremdsprachlichen
Sender darauf beschränken, allgemeine Richtlinien zu geben, und auf die Herstel-
lung eigener Texte verzichten.14 Jedoch wurde nirgendwo eindeutig festgelegt, wel-
ches Ministerium welche Weisungskompetenz haben sollte. Dies ließ den Schluss
zu, dass beide Ministerien künftig gleichberechtigt sein sollten.
Die Konflikte über die generelle Zuständigkeit der Ministerien über die all-
gemeine Auslandspropaganda gingen auch nach dem Abkommen weiter.15 1944
hatte sich die Reichweite auf 47 fremdsprachige Redaktionen ausgedehnt.16 An
die 500 Mitarbeiter waren Ende 1940 als Redakteure, Sprecher und Techniker in
der Auslandsrundfunkpropaganda bescftigt.17 Die offiziellen Sendungen von
Radio Berlin (Orientzone der Reichsrundfunkgesellschaft [RRG]) zählten zur
weißen“ Propaganda. Eine weitere Sparte der Rundfunkpropaganda waren die
Geheimsender, die „schwarze Rundfunkpropaganda,18 die unter dem Titel „Sen-
der Concordia“ liefen. Diese inoffiziellen Sender wurden von Erich Hetzler vom
AA geleitet, der die Sendergruppe 1940 zusammen mit Adolf Raskin aufgebaut
hatte. Unter diesen Sendern befand sich auch „Stimme des freien Arabertums
(Saut El urubah Alhurrah)19 der Sektion Concordia A, zuständig für die arabische
Welt.20 Die Sender Concordia sendeten von wechselnden Wellenlängen und von
mobilen Sendeeinheiten im besetzten Europa aus. So wurde für den Maghreb auf
Arabisch und Amazigh von Paris (Radio Paris-Mondial) und in Hocharabisch
von Athen aus (Radio Athen) gesendet.21
13 Vgl. Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 143.
14 Vgl. ebenda, S. 61.
15 Vgl. ebenda, S. 144 f.
16 Vgl. Boelcke, Die Macht des Radios, S. 314.
17 Vgl. Werner Schwipps, Wortschlacht im Äther, in: Deutsche Welle (Hrsg.), Wortschlacht im
Äther. Der deutsche Auslandsrundfunk im Zweiten Weltkrieg, Berlin 1971, S. 16.
18 Sefton Delmer, Die Deutschen und ich, Hamburg 1963, S. 606 ff.
19 BArch, R 55/20851, Aufstellung über die Concordia Sender und der Sprachfärbungen: RGG
Dr. Hetzler an RMVP Dominik, 11. 7. 1942.
20 Vgl. Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 24 f.
21 BArch, R 901/91880, Propagandasendungen auf maghrebinisch, „Gespräch über die Juden-
frage in Marokko, 1941; NL Höpp, ZMO, 01.10.003 Muhammad Adawi als Korrespondent
beim Arabischen Nachrichtendienst, Rahn (Paris), 9. 9. 1942.
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Die Sender verschleierten ihre deutsche Herkunft, indem sie behaupteten, von
oppositionellen Gruppen in den jeweiligen Sendegebieten betrieben zu werden.
Die Hauptaufgabe der Concordia-Sender war die Zersetzungs- und Verwirrpropa-
ganda. Sprecher und Redakteure wurden strikt von den Mitarbeitern der anderen
Auslandssender getrennt und setzten sich ab 1941 hauptsächlich aus Kriegsgefan-
genen zusammen.22 Diese waren meist Nordafrikaner, die zuvor in französischen
Truppen gedient hatten.23 Die „Stimme des freien Arabertums“ sollte ein „gebil-
detes Arabisch“ verwenden und hatte eine tägliche Sendezeit von 55 Minuten.
Die Einleitung begann stets mit einer Sure aus dem Koran.24 G oebbels lobte die
eigenen Sendungen im Fremdsprachenprogramm und bekftigte, dass besonders
die antisemitischen Elemente der Propaganda in ihren Zielgebieten große Erfolge
erzielt haben.25 Das AA hingegen war beglich der Qualität der Programme im
Vergleich zu den britischen nicht zufrieden.26 Die Missgunst der beiden Ministe-
rien ging weiter bis in die letzten Kriegsmonate.27 Die Frage nach der Zuständig-
keit kann demnach nicht absolut beantwortet werden. Eine Aussage muss sich auf
einen bestimmten zeitlichen Abschnitt beziehen.
Die Situation in der arabischen Welt bot eine perfekte Grundlage für die NS-
Propaganda, noch weit mehr, als dies die Situation im Ersten Weltkrieg zuließ.
22 BArch, R 55/24024, Abteilung Rundfunk an Abteilung AP, Schwerter, betr.: Betreuung der
Mitarbeiter des Büros Concordia, 13. 2. 1942, vgl. Boelcke, Die Macht des Radios, S. 207 f.
23 Vgl. Sophie Wagenhofer, „Rassischer“ Feind, politischer Freund? Inszenierung und Ins-
trumentalisierung des Araberbildes im nationalsozialistischen Deutschland, Berlin 2010,
S. 82–95; wie im Ersten Weltkrieg hatten die muslimischen Kriegsgefangenen ein eigenes
Lager mit Moschee, diesmal in Großbeeren.
24 BArch, R 55/20851, Aufstellung über die Concordia Sender und der Sprachfärbungen:
RGG Dr. Hetzler an RMVP Dominik, 11. 7. 1942; 3 tägliche Sendungen von 19:1519:35,
20:1520:35 und 21:15–21:30; R 55/23531, Neue Sendezeiten Concordia A, 18. 3. 1945: tägl.
18:1518:35, 19:15–19:35 und 20:1520:35.
25 Vgl. Joseph Goebbels, Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, hrsg. von
Elke Fröhlich, München 1995, II, Diktate, 8, 29. 4. 1943, S. 179; 8. 5. 1943, S. 229 ff.; Diller,
Rundfunk in Deutschland, S. 332.
26
BArch, R 901/48061-87 ff., Wiedergabe eines Berichts eines „aus Syrien eingetroffenen
V-
Mannes, Deutsche Inf. Stelle III, 31. 1. 1942, S. 1, 88; Politisches Archiv des Ausrtigen
Amts (PA AA), Handakten PO Schmidt, Rundfunk Bericht Gesandter Schmidt, 1. 9. 1942,
zit. nach Diller, Rundfunk in Deutschland, S. 333.
27 Vgl. Goebbels, Die Tagebücher, II, Diktate, 11, 4. 3. 1944, S. 406; II, Diktate, 13, 23. 9. 1944,
S. 570.
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Denn damals war Deutschland mit den Unterdrückern der arabischen Unab-
ngigkeit verbündet. Jetzt hingegen konnte die Propaganda auf die gemeinsam
empfundene Schmach nach dem Krieg, den Verrat der Briten an der arabischen
Unabhängigkeit sowie die potenzielle deutsche Hilfe hinweisen. Arabisch gehörte
deshalb zu den Sprachen, die von Beginn an im fremdsprachlichen Programm
des Kurzwellensenders (KWS) vertreten waren.28 Im Reichsministerium für
Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) wurde das arabischsprachige Pro-
gramm von dessen Rundfunkabteilung mit ihrem Nahostexperten Leopold
von Mildenstein, dem AA und der Propagandaabteilung des Oberkommandos
der Wehrmacht koordiniert. Die Orientzone hatte unter allen fremdsprachigen
Redaktionen absoluten Vorrang. Sie bescftigte achtzig Mitarbeiter, inklusive
der freiberuflichen Sprecher und Übersetzer.29 Das übergeordnete Ziel war die
Erzeugung einer deutschfreundlichen Stimmung und die Unterstützung der Aus-
breitung der anti-britischen Ressentiments in der arabischen Welt. Von 1934 bis
1939 fungierte das mit dem RMVP verbundene Deutsche Nachrichtenbüro (DNB)
in Jerusalem, repräsentiert durch Franz Reichert und Adam Vollhardt, als Verbin-
dungsstelle zwischen arabischen Nationalisten in Palästina und dem NS-Regime.
Teilweise lieferte es auch Material für Artikel in nationalistischen arabischen Zei-
tungen.30 Die deutsch-arabische Freundschaft und die Befreiung vom „Kolonial-
joch“ wurden dabei oft beschworen. Prominente Exilpolitiker wie der seit 1941 in
Berlin lebende „Großmufti“ von Jerusalem Amin al-Husseini31 und der von den
Briten gestürzte irakische Ministerpräsident Rashid al-Gailani traten häufig als
Sprecher auf, wobei sie hauptsächlich für die Geheimsender arbeiteten.32
28 Vgl. Schwipps, Wortschlacht im Äther, S. 32.
29 Vgl. David Motadel, Islam and Nazi Germanys War, London 2014, S. 93, Telefonverzeichnis
der RRG, DRA, RRG 2/002.
30 Vgl. René Wildangel, More than the Mufti. Other Arab-Palestinian Voices on Nazi Ger-
many, 1933–1945, and Their Postwar Narrations, in: Israel Gershoni (Hrsg.), Arab
R esponses to Fascism and Nazism. Attraction and Repulsion, Austin 2015, S. 111.
31 Bei seinem Zusammentreffen mit Hitler am 28. 11. 1941 sagte Husseini laut einem Bericht in
Berlin, die Araber seien die natürlichen Freunde Deutschlands, da sie die gleichen Feinde,
mlich die Engnder, die Juden und die Kommunisten, hätten. Sie seien daher auch bereit,
von ganzem Herzen mit Deutschland zusammenzuarbeiten, und stünden zur Teilnahme
am Kriege zur Verfügung. ADAP, Ser. D, Bd. XIII.2, Nr. 515, S. 718 f., Aufzeichnungen des
Gesandten Schmidt, 30. 11. 1941.
32 Vgl. Schwipps, Wortschlacht im Äther, S. 58.
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Die Orientzone begann ihren arabischen Sendebetrieb laut Gerhard Rott am
25. April 1939.33 Der Hauptsender war Radio Berlin, in der Literatur häufig Radio
Zeesen genannt.34 Denn in Zeesen standen seit den Olympischen Spielen 1936 die
leistungsstärksten Kurzwellentransmitter Deutschlands, die während des Krieges
zu einem Zentrum der NS-Propaganda wurden.35 Der Redakteur Gustav Bofinger
wurde bei Kriegsbeginn für die Orientzone verpflichtet und blieb bis Januar 1941
der einzige deutsche Redakteur für den Orient. „Etwa zwei Dutzend orientalische
Übersetzer und Sprecher“ wurden durch Zeitungsinserate rekrutiert.36 Sie waren
heterogen zusammengesetzt und hatten meist keinerlei Rundfunkerfahrung.
Allerdings konnten sie aufgrund des Mangels an kompetenten Mitarbeitern ihre
(Gehalts-)Forderungen demensprechend anpassen.37
Im selben Jahr– 1939– wurde die Orientzone ausgebaut, und jede Über-
setzungsredaktion bekam zuständige deutsche Redakteure zugeteilt, die jedoch
fast alle Zeitungsjournalisten waren, die, ebenso wie Bofinger, keine Expertise
für den Orient oder den Rundfunk aufwiesen.38 Geeignete Orientalisten zu
finden stellte sich ebenfalls als schwierig heraus. Erster Arabist der Orientzone
wurde schließlich Gerhard Rott, der Leiter der arabischen Redaktion des Draht-
losen Dienstes und ab 1941 Leiter des Concordia–Senders „Stimme des freien
33 Mitteilung von Rott an Schwipps, 10. 1. 1971; Schwipps, Wortschlacht im Äther, S. 96,
Anm. 89.
34 Etwa Matthias Küntzel, Von Zeesen bis Beirut. Nationalsozialismus und Antisemitismus
in der arabischen Welt, in: Christian Heilbronn/Doron Rabinovici/Natan Sznaider (Hrsg.),
Neuer Antisemitismus? Fortsetzung einer globalen Debatte, Bonn 2019, S. 182–218.
35 Frank Eckhardt, Olympia im Zeichen der Propaganda. Wie das NS-Regime 1936 die ersten
Medienspiele inszenierte, in: Bernd Heidenreich (Hrsg.), Medien im Nationalsozialismus,
Paderborn 2010, S. 235–252; zu den technischen Details siehe Gerhart Goebel, Fernkampf-
waffen im Rundfunk, in: Deutsche Welle (Hrsg.), Wortschlacht im Äther, S. 105–108.
36 Schwipps, Wortschacht im Äther, S. 58.
37 BArch, R 55/230 77, Leiter Rundfunk an Leiter der Personalabteilung, betr.: Mitarbeiter für
die Orient-Zone der deutschen Überseesender, 12. 4. 1943; R 55/24024 Abteilung Rund-
funk an Abteilung AP, Schwerter, betr.: Betreuung der Mitarbeiter des Büros Concordia,
13. 2. 1942.
38 Vgl. Schwipps, Wortschlacht im Äther; in den 1930er-Jahren lebten etwa 3000 Araber in
Deutschland, die größtenteils Studenten oder Geschäftsleute waren: Faruk Muhammed,
Zwischen Preußenadler und Hakenkreuz, http://www.enfal.de/grund12.htm [30. 7. 2020];
Bernd Bauknecht, Muslime in Deutschland von 1920 bis 1945, Köln 2001.
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Arabertums.39 Deutsche Orientalisten traten 1944 als Sprecher der Rund-
funksender auf.40 Hans Heinrich Schaeder, bis 1957 Professor in Göttingen,
sah den Platz der Orientalistik in der „Selbstmobilisierung der nationalisierten
Wissenschaft und Kollaboration, wie Ellinger konstatierte. Er kam dabei zu
dem Schluss, dass sich die deutsche Orientalistik besonders stark mit dem NS
i dentifizierte.41
Yunus Bahri– Die Stimme Berlins im Orient
Chefsprecher von Radio Berlins hocharabischer Welle war der irakische Journalist
Yunus Bahri.42 Seine Rolle in der deutschen Rundfunkpropaganda ist noch nicht
abschließend gekrt. Bedingt durch sein Leben auf Reisen, kursierten zahlreiche
abenteuerliche Geschichten über ihn,43 wie etwa in der italienischen Zeitschrift
Oriente Moderno, die bereits 1932 ein Bericht über Bahris Reisen veröffentlichte.44
Er wurde bekannt als der „irakische Reisende“ (al-saih al-iraqi). Seine Wege führ-
ten ihn durch den gesamten Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika, Frankreich
39 Übersicht über die am 25. 6. 1942 in Betrieb befindlichen Concordia-Sender, Auslands-
direktor Dr. Winkelnkemper, zit. nach Reimund Schnabel, Mißbrauchte Mikrofone. Deut-
sche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg; eine Dokumentation, Wien 1967, S. 94.
40 Vgl. Hans Goldenbaum, Nationalsozialismus als Antikolonialismus. Die Deutsche Rund-
funkpropaganda für die Arabische Welt, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 64 (2016) 3,
S. 449490, S. 457.
41 Ekkehard Ellinger, Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–45, Edin-
gen-Neckarhausen 2006, S. 419.
42 Vgl. Jennie Lebel, The Mufti Of Jerusalem Haj-Amin El-Husseini And National-Socialism,
Belgrad 2007, S. 138, 151–154, 255; Yunus Al-Bahri, Hunā Berlīn! aiy al-ʿarab! (Hier ist
Berlin! Heil den Arabern!), Beirut 1955; Bahri bezog ein Gehalt von 1700 RM im Monat,
BArch, R 55/230 111, Leiter der Personalabteilung an Herrn Staatssekretär, betr.: Ein-
stellung des türkischen Journalisten Dr. Djelal Esine als Redakteur und Sprecher bei der
Orient- Zone der Deutschen Überseesender der Reichsrundfunkgesellschaft, 21. 4. 1943.
43 Vgl. Nils Riecken, How to read German state archives differently. The case of the „Iraqi
traveller“ Yūnis Barī (ca. 1901–1979) in a global frame, in: ZMO Working Papers 18 (2017),
https://www.zmo.de/publikationen/WorkingPapers/riecken_2017.pdf, S. 1–14, hier S. 5
[30. 7. 2020].
44 Vgl. Virginia Vacca, Oriente in Generale, in: Oriente Moderno 12 (1932) 6, S. 272–273, hier
S. 272.
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bis nach Indonesien (Niederländisch-Ostindien) und Indien. Nach seiner Rück-
kehr in den Irak 1933 begann er seine Tätigkeit als Journalist und schloss sich den
extrem-nationalistischen Kräften an.45 In Bagdad arbeitete er als Redakteur der
antibritischen Zeitung Al-Uqab; im Abessinien-Krieg 1935/36 veröffentlichte er
dort Artikel, in denen er sich proitalienisch positionierte. Außerdem war er als
Sprecher für den irakisch-nationalistischen und antisemitischen Radiosender im
Palast (Qasr al-Zuhur) des irakischen Königs Ghazi I. tätig.46
Durch seine Arbeit im Irak wurde Fritz Grobba, der bei der Werbung der
arabischen Mitarbeiter eine große Rolle spielte, als Gesandter in Bagdad auf Bahri
aufmerksam.47 Mit seiner Hilfe kam Bahri im April 1939 nach Berlin, nachdem
die Briten seine Dienste in der Propaganda abgelehnt hatten, ein Umstand, der
ihn nach dem Krieg in den Verdacht brachte, ein britischer Doppelagent gewesen
zu sein. Er arbeitete als freier Mitarbeiter für den Internationalen Programmaus-
tauch (IPA) der RRG. Diese Sprechertätigkeit machte ihn bis heute in der ara-
bischen Welt bekannt.48 Bahri wurde zu einem der popursten Journalisten im
von der Achse beherrschten Europa.49 In einem britischen Geheimdienstbericht
hieß es über ihn: „Berlin could never have been able to find a better-suited man to
be its propaganda instrument through the Radio. He is a man famous for noth-
ing more than his dirty tongue, intrigues and a firstclass inventor of lies.50 Sein
scharfer Tonfall und seine aggressiven Reden machten seine Sendungen zu einem
der wirksamsten Instrumente der deutschen arabischsprachigen Sender.51 Er war
charismatisch und rhetorisch begabt, was seine Beliebtheit bei der Hörerschaft,
für die er die Stimme des Senders war, steigerte.52
45 Vgl. Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Barī, S. 6.
46 Vgl. ebenda, S. 7.
47 Vgl. Fritz Grobbas schriftliche Aussage vom 5. 3. 1946, http://istmat.info/node/21944, unter
Punkt 4 [30. 7. 2020].
48 Vgl. Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Barī, S. 7.
49 Vgl. Stefano Fabei, Il fascio, la svastica e la mezzaluna, Mailand 2003, S. 248.
50 Informationsblatt zu Yunus Bahri, Juli 1939, gesendet von Lampson (Britische Botschaft
Kairo) an Halifax (Foreign Office), 6. 7. 1939, Alexandria, NA, FO 395/664, zit. nach Mota-
del, Islam and Nazi, S. 93.
51 Vgl. ebenda, S. 93.
52 BArch, R 55/20013-3, Vertraulicher Bericht– Aufkrungsausschuß Hamburg-Bremen an
RMVP, 30. 11. 1939, S. 4.
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Nach 1945 kehre Bahri noch mindestens zweimal nach Deutschland zurück:
1951 als Presseberater des libyschen Königs Idris I. und 1963/4, um die arabische
Zeitschrift Al-Arab in Stuttgart zu gründen.53 Außerdem verfügte er zu der Zeit
über eine Postanschrift in Bonn-Bad Godesberg.54. Das AA erhielt Informatio-
nen über Bahri vor allem von der deutschen Botschaft in Bagdad und dem pen-
sionierten Fritz Grobba.55 Durch weitere Nachforschungen kam das AA so zu
dem Verdacht, Bahri habe während seiner Zeit als Sprecher von Radio Berlin als
„agent provocateur“ gearbeitet und sich deshalb nicht an die Anweisungen seiner
Vorgesetzten gehalten.56 Die Botschaft informierte das AA im März 1964, dass
das Arabic Boycott Office for Israel erkrt habe, Bahri arbeite in Genf für den
israelischen Geheimdienst Mossad.57 Zur Einordnung dieser Information zog
das AA schließlich Grobba zu Rate. Dieser verwarf diese Vorwürfe gegen Bahri
und ordnete den Bericht als Rache des libanesischen Botschafters in Deutsch-
land Amiouni wegen Beleidigungen in Bahris Zeitschrift Al-Arab ein.58 Darü-
ber hinaus versuchte Grobba, Bahri als einen um Ausgleich zwischen Israel und
der a rabischen Welt bemühten Emissär darzustellen. Doch im Irak begann sich
die Auffassung, Bahri betreibe in Deutschland Propaganda für Israel, durchzu-
setzen.59
Einen weiteren Anhaltspunkt für seine Illoyalität gab ein Bericht im Juli 1964.
So habe Bahri schon im Januar 1956 eine Tätigkeit für einen Sender in Amman,
der mit britischer Hilfe aufgebaut wurde, begonnen.60 Eine direkte britische Ein-
flussnahme auf die Sendeinhalte ließ sich daraus jedoch nicht erkennen.61 Auch
hatte das AA Hinweise für eine propagandistische Tätigkeit für die französische
Regierung in Algerien.62 Im August 1965 verließ Bahri Deutschland endgültig
53 PA AA B 11 (Band 1390), PA AA, B 82 Nr. 525, V3-88 19641968.
54 PA AA, B 82 Nr. 525, V3-88 1964–1968.
55 Vgl. Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Barī, S. 10.
56 PA AA B 130, Bd. 6460A.
57 Ebenda.
58 Ebenda.
59 PA AA, B 130, Bd. 6460A, PA AA, B 36 (Band 83), Botschaft in Beirut, 22. 1. 1964, bezüglich
der Aussage von Afif al-Tibi.
60 PA AA B 130, Bd. 6460A, Bonn 16. 7 1964.
61 Vgl. Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Barī, S. 10.
62 PA AA, B 130, Bd. 6460A, 23. 7. 1964 an Referat V3.
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Strategischer Hasstransfer in der arabischsprachigen Rundfunkpropaganda
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Richtung Frankreich, aus Angst vor einer Verhaftung und Auslieferung nach
Ägypten oder in den Irak.63
Bahri verkaufte seine propagandistischen Fähigkeiten an verschiedene
Mächte. Aus seinem Handeln sprach weder eine tiefe Überzeugung vom Islam
noch vom NS. Demnach, so Riecken, dürfe man nicht zu dem Schluss kommen,
Bahri habe den radikalen Antisemitismus der muslimischen Araber verkörpert,
da man hiermit der intendierten Denkrichtung der NS-Propaganda folgen würde.
Dass Bahri antisemitische und islamistische Inhalte sendete, bedeutete nicht, dass
er oder die anderen arabischen Mitarbeiter diese Überzeugungen auch vollum-
fänglich teilten.64
Bahri bleibt die schillerndste und rätselhafteste Figur der deutschen arabisch-
sprachigen Rundfunkpropaganda, deren vollständige Verwicklung in zahlrei-
che Propagandadienste nach heutigem Wissensstand nicht endgültig aufgekrt
werden kann. Er lebte in verschiedenen imperialen Kontexten, in denen er seine
propagandistischen Fähigkeiten stets zu nutzen wusste. Er entwickelte dabei ein
„inter-imperiales“ Wissen durch seine Tätigkeiten für die Sowjetunion, die Nie-
derlande, Großbritannien, Frankreich, Italien und das Deutsche Reich und war
somit ein gefragter und hochspezialisierter Wanderarbeiter der Propaganda.65
Vermutlich sah Bahri Berlin nur als Station in seiner globalen Karriere. Aus dieser
Perspektive ist seine Tätigkeit für den NS-Rundfunk gänzlich neu zu betrachten.
Rotts Neu-arabische Stilproben– Das erste Jahr der Rundfunkpropaganda
Um die Übersetzungspraxis zu professionalisieren und eine Art Leitfaden zu
geben, verfasste Gerhard Rott im März 1940 die Neu-arabischen Stilproben. Mit
dieser kleinen Zusammenstellung von 50 Beispielmeldungen und deren arabi-
scher Übersetzung lieferte er nicht nur eine einzigartige Quelle zu den tatsäch-
lichen Inhalten der Sendungen (bis 1940), sondern auch einen sehr aufschluss-
reichen und kaum beachteten Einblick in die Art und Weise, mit der die deutschen
63 PA AA, B 82 Nr. 525, V3-88 1964–1968.
64 Vgl. Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Barī, S. 9.
65 Vgl. ebenda, S. 3, 8; PA AA, R 104795, 6. 7. 1939.
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Stellen v ersuchten, die Meldungen überzeugend, modern und glaubhaft-arabisch
zu gestalten. Der Band bestand aus einem kurzen Vorwort, einer Einleitung,
50 Stilproben auf Deutsch und Arabisch sowie eines auf die Texte zugeschnitte-
nen arabischen Glossars, damit die Leserschaft (Mitarbeiter der Orientzone) ihre
Übersetzungs fähigkeiten sogleich trainieren konnte. Rott gab dabei Anleitungen,
worauf zu achten sei und welche Schwierigkeiten bei Übersetzungen ins und aus
dem Arabischen zu beachten waren. Finanziert wurde der Band vom RMVP, was
als Indiz für die Federführung des Ministeriums bei der arabischen Propaganda
gesehen werden kann.66 Auch die arabischen Mitarbeiter des Drahtlosen Diens-
tes, namentlich Bahri, Farraj Allahwerdi, Muhammad Taqi ad-Din al-Hilali und
Kemal-ed-Din Galal, halfen bei der Erstellung des Bandes mit.67 Diese Empfehlun-
gen für die Übersetzung der von den deutschen Redakteuren geschriebenen Nach-
richten für den arabischen Sender waren zweifelsohne für die Wirksamkeit der
Rundfunkpropaganda sehr hilfreich. Da dieser Leitfaden noch aus der Anfangszeit
der arabischsprachigen Rundfunkpropaganda stammte, wird nur von Radio Berlin
und noch nicht vom Sender Concordia (Stimme des Freien Arabertums) in Kairo
und vom Sender Athen (ab 1941) gesprochen. Es ist aber davon auszugehen, dass
beide Sender diese Richtlinien auch für ihre Programme übernahmen.
Rott machte auch auf die Schwierigkeiten der Übersetzung der Meldungen
und auf die Besonderheiten der arabischen Sprache aufmerksam, auf die geach-
tet werden müsse, um den modernen (Presse-)Stil und den Kreis der potenziellen
und anvisierten Hörerschaft in allen Bildungsschichten zu erreichen. Dabei sollte
auf die „blumenreiche“ Sprache der klassischen arabischen Dichter verzichtet
und stattdessen eine moderne Zeitungssprache mit möglichst geringem Vokabel-
schatz, der aber in der gesamten arabischen Welt mit all ihren Dialekten verstan-
den wird, verwendet werden.68 Außerdem wies Rott darauf hin, dass die Überset-
zung keine bloße Übertragung der deutschen Texte und Wörter ins Arabische sei,
sondern sich dem arabischen Stil, teilweise auch inhaltlich, anpassen müsste. So
dürfe kein „deutsch mit arabischen Worten“ geschrieben werden.69 Dieser Fakt
66 Vgl. Gerhard Rott, Neu-arabische Stilproben, Leipzig 1940, S. 7.
67 Vgl. ebenda.
68 Ebenda, S. 5, 8, 11 f.
69 Ebenda, S. 10.
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machte die Problematik mit den Sprechern deutlich, denn eine vollsndige Kont-
rolle des Gesagten in allen Facetten der Sprache war im Sendebetrieb unmöglich.
Mit den Stilproben wollte Rott ein Gefühl für den in der Rundfunkpropaganda
benötigten Tonfall vermitteln.70 Schließlich nahm er die arabischen Sendungen
von Radio Bari sowie der BBC, die „für ihre arabischen Sendungen wiederholt in
den arabischen Sendungen Berlins gebrauchte Ausdrücke übernommen haben
als Beispiel für den Erfolg der deutschen Übersetzungspraxis.71
Auch inhaltlich boten die 50 Beispielmeldungen interessante Einblicke in
die erste Phase der arabischen Rundfunkpropaganda. Nur zwei befassten sich
mit antisemitischen Meldungen. So wurde die arabische Zeitung Falestin (Paläs-
tina) zitiert, die über eine Organisation zur milirischen Ausbildung junger
Jüdinnen und Juden in Tel Aviv sowie über ein französisches Schutzgesetz für
die jüdische Bevölkerung Frankreichs berichtete.72 Die Mehrheit der Stilproben
hatte politische, wirtschaftliche und militärische Inhalte. Sie konzentrierten sich
voll und ganz auf die Zurschaustellung deutscher Überlegenheit im Militär, wie
etwa Berichte über neue Flugzeuge und Schiffe (fünf Meldungen),73 in der Wirt-
schaft und Wissenschaft, besonders Berichte über zivile technische Neuerungen
und deutsche Ingenieurskunst (acht Meldungen),74 sowie auf die britischen und
französischen Schwächen in diesen Bereichen, wie etwa Probleme in den Kolo-
nien, stetiger Verlust von Kriegsschiffen oder wirtschaftliche Probleme in Groß-
britannien.75 Weitere Meldungen beschäftigten sich mit der Unterdrückung der
arabischen Bevölkerung durch diese Kolonialmächte (sechs Meldungen). So gab
es beispielsweise Berichte über Hinrichtungen und Verhaftungen von Arabern
als angeblich willkürliche Strafmaßnahmen der Briten in Palästina.76 Ein großer
Anteil befasste sich mit Nachrichten aus der arabischen Welt, besonders von den
Unabhängigkeitsbestrebungen gegen die Kolonialmächte und die Konflikte in
70 Ebenda, S. 6.
71 Ebenda, S. 12.
72 Ebenda, Stilproben Nr. 28, 41.
73 Ebenda, exemplarisch Stilproben Nr. 33, 34, 50.
74 Ebenda, exemplarisch Stilproben Nr. 11, 14, 25.
75 Ebenda, exemplarisch Stilproben Nr. 18, 43, 46.
76 Ebenda, Stilproben Nr. 8, 16; auch BArch, R 55/1419, Plakat „Wenn Englands Soldaten Ara-
ber zusammenknallen, Dezember 1938.
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Pastina (13 Meldungen).77 Die restlichen 16 Meldungen hatten neutrale Berichte
über alliierte Außenpolitik und Sonstiges zum Thema. In keiner der Stilproben
hingegen ließ sich eine religiöse Thematik erkennen. Das ist ein Hinweis darauf,
dass die Rundfunkpropaganda bis 1940/41 noch kaum antisemitischen und gar
keinen islamischen Charakter hatte.
Die deutschen Erfolge zu Kriegsbeginn ließen in der arabischen Welt ein Bild
der Unbesiegbarkeit entstehen. Die Hoffnung der arabischen Nationalisten auf
einen West-gegen-West-Konflikt hatte sich realisiert. Jedoch, so betonte Bashir
Nafi, war die Auffassung, dass die Araber NS-Deutschland vorbehaltlos unter-
stützt hätten, falsch. Sie gingen sehr vorsichtig und pragmatisch vor.78 Nachdem
der Nimbus der militärischen Stärke der Achse in der Schlacht von al-Alamein
1942 gebrochen wurde, nahm auch die arabische Bereitschaft zur Kollabora-
tion mit ihr ab. Man wollte nicht auf das falsche Pferd setzen. In Berlin wiede-
rum mahnte der Leiter der Politischen Abteilung des AA Ernst Woermann zur
Vorsicht. Deutschland dürfe sich nicht in das arabische „Spiel“ ziehen und gegen
Italien ausspielen lassen.79
Als die erste Flaute an militärischen Siegesmeldungen im Herbst 1940 ein-
setzte, bestand erstmals die Notwendigkeit, auch politische Ziele in den Mittel-
punkt der Propaganda zu stellen.80 Nachdem die Feindbilder aufgebaut waren,
kam die Auslandspropaganda Ende 1941 an einen Wendepunkt, da die Sieges-
propaganda mit dem Stocken der Wehrmacht an der Ostfront nicht mehr fort-
gesetzt werden konnte.81 Zusätzlich erforderte die Anwesenheit deutscher Trup-
pen in Nordafrika neue Propagandakonzepte.82 Mit Rücksicht auf die kolonialen
77 Rott, Neu-arabische Stilproben, exemplarisch Stilproben Nr. 17, 36, 38, 45.
78
Vgl. Bashir M. Nafi, The Arabs and the Axis. 1933–1940, in: Arab Studies Quarterly 19 (1997)
2, S. 1–24, hier S. 9.
79 ADAP, Ser. D, Bd. X, Nr. 200, 21. 7. 1940, S. 215 f.
80 Vgl. Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 77.
81 Vgl. ebenda, S. 85.
82 Der Sender Tunis wurde vom Propagandazug des Afrikakorps in Betrieb genommen,
NL Höpp, ZMO, 1.10.02 Vorläufige Sprachregelung für Propagandazug und Sender Tu-
nis (1942), Megerle an Gesandten Krümmer, 20. 11. 1942: „Achsenmächte sind Freunde
der Mohammedaner. Alle arabischen Länder beten für ihren Sieg. [Sie] respektieren []
m ohammedanische Völker und kämpfen mit ihnen gegen anglo-amerikanische Unterdrü-
cker und gegen Judentum.
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Interessen Italiens, Vichy-Frankreichs und Spaniens waren die Äußerungen der
Propaganda Beschränkungen unterworfen.83 Der Orient-Ausschuss des AA gab
im Februar 1942 einen Leitsatz für die Orientpropaganda heraus,84 der aber nach
der militärischen Winterkrise 1941/42, bzw. der Kriegswende 1942/43 nicht mehr
berücksichtigt wurde. Die Bedeutung der Feindbilder stieg als Reaktion auf die
fehlenden milirischen Erfolgsmeldungen an, was in der arabischen Welt vor
allem Angst- und Hetzpropaganda gegen die Juden bedeutete.85 Festzuhalten ist
in jedem Fall, so der Historiker Peter Longerich, dass die Propagandalinien des
AA weitaus defensiver und zurückhaltender als die des RMVP und stärker von
außenpolitischem Kalkül als von ideologischen Aspekten beeinflusst waren.86
Zunehmende Hetze gegen Juden und die Bedeutung des Islam
für die Propaganda
Die inhaltlich wichtigsten Programmpunkte waren, trotz ihrer letztlichen Abset-
zung 1943, die sogenannten Talks, die sich vor allem mit innerarabischen Fragen
auseinandersetzten. Die Hauptprogrammpunkte bis 1941 waren die suggerierte
Überlegenheit des Deutschen Reiches,87 die Neuordnung Europas sowie die poli-
tische, wirtschaftliche und militärische Schwäche, Dekadenz und Grausamkeit
der Kriegsgegner, insbesondere im Mandatsgebiet.88 Dem Islam hingegen brächte
Deutschland eine hohe Wertschätzung entgegen. Auch wahre Nachrichten wur-
den mit Übertreibungen angereichert und dramatisiert. So wurde etwa behaup-
tet, britische Polizisten und Soldaten hätten unschuldige Zivilisten ermordet und
83 Schnabel, Mißbrauchte Mikrofone, Dok. 110, Aufzeichnung zur arabischen Frage, Woer-
mann, AA Pol. Abt., 7. 3. 1941, S. 259–265; ADAP, Ser. D, XII,1, Aufzeichnungen zur arabi-
schen Frage, 7. 3. 1941, S. 193–200.
84 NL Höpp, ZMO, 1.10.008 Richtlinien Propaganda, Woermann, Paris, 18. 2. 1942; ADAP,
Ser, D, XII,1, Woermann, Aufzeichnungen zur arabischen Frage, 7. 3. 1941, S. 193–200.
85 Vgl. Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 96; Ausrtiges Amt, Zusammenstellung der
Standardthesen und Richtlinien für die deutsche Auslandspropaganda, o. O. 1943, Nr. 20
vom 11. 2. 1942, Nr. 23 vom 19. 5. 1942.
86 Vgl. Longerich, Propagandisten im Krieg, S. 108.
87 BArch, R78/1822, Tagesplan vom 20. 4. 1941; BArch, R 78/1808, Tagesplan vom 6. 6. 1940.
88 Vgl. Rott, Neu-arabische Stilproben.
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246
i slamische Heiligmer seien von „Negersoldaten“ geschändet worden.89 Der
Pastinakonflikt wurde als Angelpunkt aller antikolonialistischen Bestrebun-
gen und als Ursache für die Lage der arabischen Bevölkerung stilisiert.90 Einen
Wendepunkt stellte der Putschversuch gegen die pro-britische Regierung unter
Nuri as-Said in Bagdad durch die achsenfreundlichen, irakischen Nationalisten
unter Gailani im Mai 1941 dar.91 Erst im Zuge dessen brachte Berlin der arabisch-
nationalistischen Bewegung mehr Interesse entgegen und entsandte letztlich gar
militärische Berater unter dem „Sonderstab F“ nach Bagdad.92 Die regionalen
Nachrichten nahmen nun im Rundfunk zu.93 Nachdem die Briten den Putsch
am 31. Mai niedergeschlagen hatten, kam es am 1./2. Juni zu einem Pogrom, der
F arhud, gegen die Juden Bagdads.94
Der Talk vom 24. Juni 1941 setzte sich mit den britischen Strafmaßnah-
men gegen die arabischen Täter auseinander. Bemerkenswert war der radikale
und hetzerische antisemitische Ton der Sendungen: „Die Briten haben die []
Regierung des Irak gezwungen, ihre jüdischen Freunde für die im Laufe des
irakischen Befreiungskampfes zerstörten Geschäfte zu entschädigen. Mit echt
jüdischer Frechheit wurden Entschädigungssummen verlangt, die weit über den
Wert der erlittenen Schäden hinausgehen. Das Geld für die Juden wird aus der
armen arabischen Bevölkerung mit allen Mitteln herausgepresst. [] Die Juden
sind täglich bemüht, ihren britischen Freunden bei der Knebelung der arabischen
89 BArch, R 78/1822, Tagesplan vom 17. 4. 1941.
90 Vgl. Goldenbaum, Nationalsozialismus als Antikolonialismus, S. 467.
91 Vgl. Bashir M. Nafi, The Arabs and the Axis. 19331940, Arab Studies Quarterly 19 (1997) 2,
S. 124, S. 12 f; Nafi stellt in seinem Artikel klar, dass die irakischen Offiziere und Nationa-
listen nicht ideologisch oder religiös für einen Putsch motiviert waren, sondern einzig aus
politischen Gründen handelten; vgl. Orit Bashkin, Iraqi Shadows, Iraqi Lights. Anti-Fascist
and Anti-Nazi Voices in Monarchic Iraq, 1932–1941, in: Gershoni, Arab Responses to Fas-
cism and Nazism, S. 141–170.
92 ADAP, Ser. D, Bd. XII, 2, S. 718; Führerweisung 32; vgl. Wilhelm Kohlhaas, Hitler-Aben-
teuer im Irak. Ein Erlebnis-Bericht, Freiburg im Breisgau 1989.
93 BArch, R 78/1823, Tagespläne vom 2. 5. 1941.
94 Vgl. Daphne Tsimhoni, Farhud, in: Dan Diner (Hrsg.), Enzyklopädie jüdischer Geschichte
und Kultur (EJGK), Stuttgart 2012, S. 324–327; zur Farhud auch: Philip Mattar, The Mufti
of Jerusalem. Al-Hajj Amin al-Husayni and the Palestinian National Movement, New York
1992, S. 94; Klaus-Michael Mallmann/Martin Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz. Das
Dritte Reich, die Araber und Pastina, Darmstadt 2006, S. 80–82.
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247
B evölkerung t euflische Henkersdienste zu leisten. [] Die Saat, die hier von den
Juden gesät wird, wird [] sich in einer furchtbaren Abrechnung gegen das Juden-
pack entladen.95
Antikolonialismus und Antisemitismus schienen mittlerweile völlig mitein-
ander verschmolzen zu sein: „Die Briten beweisen [] durch ihre scndlichen
Taten immer wieder, [] dass britisch und jüdisch dasselbe ist.96 Von nun an
wurde der Antisemitismus in den Sendungen zunehmend thematisiert.97 Juden
wurden als illoyale, gefährliche „Dritte“ dargestellt, die nicht zum nationalen
Kollektiv gehören.98 Nach der deutschen Eroberung Tobruks 1942 und beflügelt
durch eine erhoffte Wende im Afrikakrieg, sendete die „Stimme des freien Ara-
bertums“ aus Kairo einen offenen antisemitischen Aufruf. Der Sender hetzte, jeder
Ägypter sei in der Pflicht, „die Juden und ihren Besitz zu vernichten.99 Da der
Islam nach Überzeugung der NS-Propaganda „nach Ursprung und Wesen eine
politische Religion“ war, stellt er einen zentralen Bezugspunkt in den Rundfunk-
sendungen dar,100 was sich durch die Rezitation von Koranstellen, die Nutzung
religiösen Vokabulars oder die Anrede der Zuhörerschaft als Muslime äußerte.
Die Sendungen konzentrierten sich auf eine Auswahl von (politisch nutzbarer)
religiöser Terminologie, Parolen und Rhetorik.101 Jeffrey Herf sieht im Koran
sogar den wichtigsten Text, den das NS-Regime nutzte, um durch eine „selektive
Aneignung und Interpretation“ einen „kulturellen Zugangspunkt“ zu bekom-
men, über den die eigenen ideologischen und politischen Inhalte dem arabischen
P ublikum übermittelt werden konnten.102
95 BArch, R 78/1825, Talk vom 24. 7. 1941.
96 Ebenda; auch R 78/1802, Bericht über Rede Ben Gurions „Aus dieser Rede des Juden Ben
Gurion geht hervor, dass das Weltjudentum den Krieg Englands als einen Krieg der Juden
betrachtet“, Talk vom 22. 1. 1940.
97 BArch, R 78/1810, Tagesplan vom 23. 7. 1940.
98 Vgl. Klaus Holz, Die antisemitische Konstruktion des „Dritten“ und die nationale Ordnung
der Welt, in: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.), Das „bewegliche“ Vorurteil.
Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, S. 54.
99 Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven 2011, S. 125.
100 Reinhard Hübner, Hadsch Muhammed Amin el-Husaini. Der Mufti von Jerusalem, in:
Hans Heinrich Schaeder (Hrsg.), Arabische Führergestalten, Berlin 1944, S. 137.
101 BArch, R 901/73039 „Die Propagandamittel im Islam.
102 Herf, Nazi Propaganda, S. 262.
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Von dieser bestimmenden Bedeutung des Koran ist anhand der Sendungs-
pläne und der Stilproben jedoch nicht auszugehen, wurden die islamischen Inhalte
anfangs doch eher als Beiprogramm in die Sendungen eingeflochten. Es muss
allerdings klargestellt werden, dass diese formelhafte Verwendung islamischer
Sprache einzig der Islamisierung säkularer Inhalte dienen sollte und keinesfalls
aus inhaltlicher Übereinstimmung mit Glaubensinhalten des Islam erfolgte. Viel-
mehr handelte es sich um eine bewusste Verwendung des Vokabulars, um isla-
mische Tradition für die Vermittlung eigener nationalsozialistischer Positionen
zu nutzen.103 In den Sendungen gab es säkulare sowie islamisierte Aspekte, die
jeweils aufeinander aufbauten, in der Überzeugung, Arabertum und Islam stellten
eine „ontologische Wesenseinheit“ dar. So verknüpfte die deutsche Propaganda
den Islam mit modernen antisemitischen Mythen, was in der muslimischen Welt
bisher präzedenzlos war.
Am 22. Mai 1943 wurde in dem Talk „Islam und Nationalsozialismus“ auf
gemeinsame Werte wie Ordnung, Disziplin, Arbeit und Stärke hingewiesen, die
beide Ideologien verbänden.104 Laut Gerhard Rühle, Leiter der Rundfunkpoliti-
schen Abteilung im AA, lag die Aufgabe dieser „religiösen Wochentalks“ darin,
das Interesse des Publikums auch für die anderen Sendungen der deutschen Sen-
der zu wecken.105 Tenor der Sendungen war, die Muslime seien schwach, da sie
sich vom rechten Pfad des Islam entfernt hätten. Einzig die Religion könnte sie
wieder stark machen.106 Die „Erneuerung“ sollte in der Tradition des Propheten
erfolgen. Modernismus und Aberglaube seien von den Feinden des Islam, die mit
Berufung auf Sure 5 in den Juden ausgemacht wurden, gestreut worden.107 In
103 Vgl. Reinhard Schulze, Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, München
2003, S. 21 f.
104 BArch, R 78/1808, Tagesplan vom 6. 6. 1940; Broadcast Monitoring Script „Voice of Free
Arabism: Bolshevism and Islam, 7. 9. 1942 (recorded), USNA, RG 84, Entry UD 2410, Box
77, zit. nach Motadel, Islam and Nazi, S. 98; auch vgl. Volker Koop, Hitlers Muslime. Die
Geschichte einer unheiligen Allianz, Berlin 2012, S. 5364.
105 BArch, R 901/73039 „Religiöser Wochentalk: Die Frömmigkeit“, 5. 12. 1940; „Die Wahrhaf-
tigkeit“, 26. 12. 1940; „Die gute Behandlung des Dieners, Sklaven und Tieres“, 23. 12. 1941;
„Kultureller Talk: Die Wahrhaftigkeit und die Stärke des Glaubens“, 31. 12. 1940; „Relig-
ser Talk: Die Pilgerfahrt“, 2. 1. 1941.
106 BArch, R 901/73039, „Religiöser Wochentalk: Die Freigebigkeit“, 12. 12. 1940.
107 BArch, R 901/73039, „Neuerungen und Aberglaube im Islam, 20. 2. 1941.
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diesem Zusammenhang wurde auch deutlich, dass die Propagandisten des AA
sehr darauf bedacht waren, Rezitationen aus der islamischen Welt zu senden, weil
sie diese als authentischer betrachteten als jene, die in Deutschland entstanden
waren.108 Direkt nach der Besetzung von Tunis wurde deshalb nach Aufnahmen
lokaler Imame gesucht.109 Ähnliches galt auch in der für die Hörergewinnung
nicht zu vernachlässigenden Unterhaltungssektion. So wurde 1942 eigens orienta-
lische Musik auf Schallplatten aus Paris besorgt.110
Inhaltlich unterschieden sich Sendungen von Radio Berlin im maghrebini-
schen Arabisch nicht wesentlich von denen in Hocharabisch, ausgenommen ihre
Fokussierung auf lokale Ereignisse. Die religiösen und politischen Richtlinien
waren hingegen dieselben. Das galt auch für Radio Athen und Radio Paris-Mon-
dial, das zudem über die muslimische Bevölkerung in Vichy-Frankreich berich-
tete.111 Die Skandalisierung der Verletzung kultureller Tabus, wie der Zerstörung
von Moscheen, sollte ihre Empörung gegen Großbritannien schüren und die kul-
turell-religse arabische Identität ansprechen.112 So wurden wiederholt Berichte
über den Alltag der islamischen Gemeinde in Berlin und die Hochachtung, die
dieser von deutscher Seite entgegengebracht würde, gesendet.113 Wie bereits im
Ersten Weltkrieg wurden dabei die islamischen Hochfeste genutzt, um Propa-
ganda zu betreiben.114 Husseini beklagte zum Maulid an-Nabi die Unterdrü-
ckung der gesamten islamischen Welt durch „feindliche Besatzer“ und warnte vor
108 BArch, R 901/73039, „Das Gedicht als Propagandamittel im Islam, „Das politische Gedicht
im Islam, Januar 1941.
109 PA AA, R 27768, Rühle an Rahn, 13. 3. 1943, Berlin; R 27766, Antwort, Rahn an Rühle,
4. 4. 1943, Tunis.
110 Vgl. Schwipps, Wortschlacht im Äther, S. 31.
111 PA AA, 1116C, Schleier an AA, 15. 1. 1943, Paris, interner Vermerk, „Reportage in arabi-
schen Arbeitslagern der Organisation Todt“, 21. 1. 1943.
112 BArch, R 78/1822, Tagesplan vom 17. 4. 1941.
113 BArch R 78/1814, Tagespläne vom 18. 10. 1940, 21. 10. 1940; Talk: Islamische Feste: Islami-
sche Gemeinde Berlin feiert Id-al-Fitr. In mehreren Vorträgen wurde auf „das große Ver-
ständnis und die Freundschaft des deutschen Volkes für die islamische Welt hingewiesen.
Tagesplan vom 2. 11. 1940.
114 BArch R 78/1814, Talk: Islamische Feste, 2. 11. 1940: Islamische Gemeinde Berlin feiert
Id-al- Fitr. Es wurde auf „das große Verständnis und die Freundschaft des deutschen
V olkes für die islamische Welt hingewiesen.
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der „jüdischen Pest“ in Palästina, die das Land „zu verjuden“ bezwecke und alle
benachbarten arabischen Gebiete bedrohe.115
Nachdem im Juni 1942 als Reaktion und Vorbereitung eines möglichen Vor-
dringens deutscher Truppen und der damit befürchteten Ausweitung der Ver-
nichtung der jüdischen Bevölkerung auf den Nahen Osten (im Falle eines deut-
schen Sieges in Nordafrika stand eine SS-Einheit in Athen unter Walther Rauff
bereit116) die Haganah gegründet wurde, wussten die deutsche Propaganda und
besonders Husseini diesen Umstand für sich zu nutzen.117 Am 7. Juli 1942, wäh-
rend der Euphorie durch die deutsche Einnahme Tobruks, sendete die „Stimme
des freien Arabertums“ eine bis dato noch nicht erreichte Botschaft des Hasses.
An der Ostfront waren die Todeslager und Deportationen in vollem Gange. In
diesem Kontext muss die Sendung mit dem Titel „Tötet die Juden, bevor sie euch
töten“ gesehen werden.118 Der militärische Vorstoß sollte, so Herf, mit Aufstache-
lung zum Massenmord begleitet werden und damit den Weg für die Ausweitung
der „Endlösung“ auf den Nahen Osten und Nordafrika ebnen. Die arabischspra-
chige Propaganda unterschied sich in dem Punkt, dass das NS-Regime dem ara-
bischen Hörerpublikum nicht– wie in Europa– versicherte, es würde die Juden
vernichten, sondern sie aufforderte, dies selbst zu tun. Denn in der Zwischenzeit
war eine deutsche Psenz in der Region nicht mehr gegeben. Husseinis Erfolg
machte die Fähigkeit aus, die Mythen, Geschichten und religiösen Gefühle in
einer Sprache zu transportieren, die seine Interpretationen verbindlich erschei-
nen ließen.119
115 Muammad An Al-Husainī/Gerhard Höpp (Hrsg.), Mufti-Papiere. Briefe, Memoranden,
Reden und Aufrufe Amīn al-usainīs aus dem Exil, 19401945, Berlin 2004, Nr. 73, Rede
zum Maulid, 19. 3. 1943, S. 152 f.
116 Vgl. Mallmann/Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz, S. 137148; Laut Goldenbaum ging
Radio Berlin Ende November 1942 auf den Völkermord in Osteuropa ein. Dies stellt einen
Widerspruch zu Herf dar, der festgehalten hatte, dass es in den arabischsprachigen Rund-
funksendungen keinerlei Verweise oder Berichte über die Judenvernichtung gegeben habe.
Vgl. Goldenbaum, Nationalsozialismus als Antikolonialismus, S. 472; Jeffrey Herf, Ara-
bischsprachige nationalsozialistische Propaganda während des Zweiten Weltkriegs und des
Holocaust, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft
(GG) 37 (2011) 3, S. 359–384, hier S. 373.
117 Vgl. Mallmann/Cüppers, Halbmond und Hakenkreuz, S. 137–141, 166.
118 „Kill the Jews before They Kill You, 21. 7. 1942, in: Herf, Nazi Propaganda, S. 125.
119 Vgl. ebenda, S. 126.
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Letztlich muss konstatiert werden, dass der Islam und die islamisierten Inhalte
in der Literatur meist überbewertet wurden. Der Islam war zwar– besonders
ab 1941– sehr präsent im Programm vertreten, jedoch stets nur als Mittel zum
Zweck und nicht aus religiöser Überzeugung. Er diente als eine Art „Botenstoff,
als kulturell vertrauter und anerkannter Tger der politischen und ideologischen
Botschaften des NS. Die Versuche des Muftis, dem NS „einen Anstrich von islami-
scher Seriosität zu verleihen, überzeugten kaum.120 Auch die Heterogenität in der
Zusammensetzung der arabischen Mitarbeiterschaft der Orientzone– Säkulare,
Neo-Salafisten, Panarabisten und arabische Nationalisten– legte starke Differen-
zen unter den Propaganda-Ausführenden nahe.121 Von einer geschlossen, für die
Ideale und Ziele des NS kämpfenden Gruppe konnte nicht gesprochen werden.
Ohnehin führen solche Zugehörigkeitszuschreibungen von „Container-artigen
Entitäten“122 wie „Islam, „arabischer Nationalismus“ oder „Nationalsozia lismus“
zur Einordnung der Akteure in eine falsche Richtung. Da sich die arabische Mitar-
beiterschaft– wie besonders an Bahri zu sehen ist– in interkulturellen und inter-
imperialen Sphären bewegte, produziert eine Fixierung auf eine dieser E ntitäten
zwangsläufig ein falsches Bild.
Evaluierung der Propagandawirkung
Durch die hohe Analphabetenrate in der arabischen Welt versprach die Radiopro-
paganda eine höhere Reichweite als gedruckte Medien,123 doch auch die Zahl der
Radiogeräte war in der Region gering. Ferner war zu bedenken, dass die meisten
Kurzwellenempfänger in Palästina, Marokko, Algerien, Ägypten und dem Irak
Juden oder alliierten Soldaten gehörten, die wohl eher weniger auf die deutsche
120 Gilbert Achcar, Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Ge-
schichtsschreibungen, Hamburg 2012, S. 149.
121 Vgl. Goldenbaum, Nationalsozialismus als Antikolonialismus, S. 477 f.
122 Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Ba, S. 4.
123 Analphabeten in den 1930er-Jahren: Ägypten 79 % Männer, 95 % Frauen; Pastina 85 %;
Syrien 63 %, Libanon 54 %, unter den Beduinen Syriens unter 1 %, in: Virginia Vacca, „Ar-
Radyo. Le radio arabe e doriente e le loro pubblicazioni, in: Oriente Moderno 9 (1940),
S. 444–451 hier S. 444.
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Propaganda ansprachen.124 Jedoch war der Multiplikationsfaktor zu beachten,
der durch das zu der damaligen Zeit weltweit übliche gemeinschaftliche Hören in
Cafés, Klubs oder Friseursalons eine ungleich höhere Zahl an Hörern erreichen
konnte und eine wichtige Rolle bei der Dezentralisierung der Debatte im öffent-
lichen Raum spielte.125 Laut Munif war das Radio beispielsweise in Amman wäh-
rend des Zweiten Weltkrieges die einzige Nachrichtenquelle, was die potenzielle
Bedeutung der Sender erhöhte.126 Schon 1939 veranlassten Briten und Franzosen
Gegenmaßnahmen und Verbote gegen das Hören italienischer und deutscher Sen-
der in der Öffentlichkeit, gleichwohl blieb der Einfluss der Achsensender jeden-
falls bis zur Kriegswende 1942 bestehen.127 Richtschnur war jedoch, so Schwipps,
dass die Propaganda nicht nur für die städtische Bevölkerung, sondern auch „für
Menschen fern der Meere“ versndlich bleiben musste.128
Diese schichtenabhängige Rezeption wird in der Literatur wenig differenziert;
bei Herf findet sie kaum statt,129 einzig Goldenbaum problematisiert sie.130 Eine
Aussage über die Wirksamkeit zu treffen ist äußert schwierig, denn Erhebungen
zum Hörerverhalten wurden stets von einer Kriegspartei durchgeführt und waren
damit parteiisch. Betrachtet man die Analysen der Alliierten bezüglich der NS-
Propaganda, so lässt sich beweisen, dass diese deren potenzielle Wirkung durch-
aus ernst genommen haben.131 Hitler selbst trauerte der verpassten Chance durch
124 Joel Beinin, Review, in: International Journal of Middle East Studies 42 (2010), S. 689692,
hier S. 690.
125 Vgl. Ulrike Freitag/Israel Gershoni, The Politics of Memory. The Necessity for Historical
Investigation into Arab Responses to Fascism and Nazism, in: GG 37 (2011) 3, S. 312331,
hier S. 324.
126 Vgl. Abd ar Ran Munīf, Sīrat Madīna: ʿAmmān fī l-ar-baʿīt. (Biografie einer Stadt.
Amman in den vierziger Jahren), Beirut 1994, S. 140.
127 Vgl. Political Report, Syria. No. 26, 17. 10. 1939, in: Gilbert MacKereth/Michael Fry/Itamar
Rabinovich (Hrsg.), Despatches from Damascus. Gilbert MacKereth and British policy in
the Levant, 1933–1939, Tel Aviv 1985, S. 25.
128 Schwipps, Wortschlacht im Äther, S. 60; PA AA, R 67484, Botschafter von Papen (Ankara)
an AA: „wenn überhaupt“ seien nur die „unteren Klassen“ von dieser Art Propaganda zu
beeinflussen, 3. 5. 1940.
129 Vgl. Herf, Nazi Propaganda, S. 62.
130 Vgl. Goldenbaum, Nationalsozialismus als Antikolonialismus, S. 483.
131 Analyse Axis Propaganda in the Moslem World, 1941, abgedruckt in: Wolfgang G. Schwa-
nitz, The German Middle Eastern Policy, 1871–1945, in: ders. (Hrsg.), Germany and the
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den zu zögerlichen Umgang mit der arabischen Welt 1945 nach: „Der italienische
Verbündete war uns [] überall im Wege. [] Dabei bebte die islamische Welt in
Erwartung unserer Siege. [] [Das Bündnis] lähmte uns und verursachte überdies
bei unseren mohammedanischen Freunden ein Mißbehagen []. Dabei war für
uns Deutsche eine großzügige proislamische Politik so einfach und naheliegend.
Sie ist uns versaut worden.132
In einem Bericht von 1957 für das amerikanische Militär stellte Fritz Grobba
die These auf, die arabische Nationalbewegung habe den Zweiten Weltkrieg stär-
ker ausgenutzt als Deutschland die arabische Nationalbewegung.133 In seinen
zehn Jahre nach diesem Bericht erschienenen Memoiren rechnete Grobba mit
der deutschen Orientpolitik ab: „Die Chance, die wir im Mittleren Orient durch
die freundliche Stimmung der Araber hatten, haben wir im letzten Krieg nicht
benutzt, []. Der wahre Grund war aber wohl, daß er [Hitler] [] nicht einse-
hen wollte, daß die semitischen Araber für uns eine wertvolle Unterstützung sein
könnten.“134
Grobbas Nachkriegsaussagen sind selbstverständlich mit Vorbehalt zu betrach-
ten. Der in der Propaganda formulierte Aufruf zu Aufsnden und Gewalt gegen
die Kolonialmächte und die Juden blieb– mit Ausnahme des Farhud- Pogroms
erfolglos. Der Blick auf die Akteure in der zweiten Reihe der arabischen NS-Kol-
laborateure gibt ein präziseres Bild auf die Kooperation als die bisherige falsche
Annahme, Husseini und Gailani hätten diese allein bestimmt.135 Im arabischen
Diskurs spielt etwa Bahri eine prominentere Rolle als in Europa.136 Ohne M itarbeit
Middle East 18711945, Princeton 2004, S. 16 f; die New York Times warnte 1942 vor den
deutschen Sendungen: C. L. Sulzberger, Axis Radio Blankets Islam. American Aid Needed
to Fight Propaganda Aimed at Lands of the Middle East, in: New York Times, 1. 2. 1942.
132 Adolf Hitler/Martin Bormann, Hitlers politisches Testament. Die Bormann Diktate vom
Februar und April 1945, hrsg. von Fraois Genoud, Hamburg 1981, 4. 2. 1945.
133 Supplement zu MS/P-207 „German Exploitation of the Arab Nationalist Movements in
World War II, Hellmuth Felmy u. Walter Warlimont für die Historical Division der US
Armee in Europa, 1957; vgl. Wolfgang G. Schwanitz, „The Jinnee and the Magic Bottle.
Fritz Grobba and the German Middle Eastern Policy 19001945, in: ders., Germany and the
Middle East, S. 111.
134 Fritz Grobba, Männer und Mächte im Orient. 25 Jahre diplomatischer Tätigkeit im Orient,
Göttingen 1967, S. 317.
135 Vgl. Riecken, „Iraqi traveller“ Yūnis Barī, S. 12.
136
Etwa Khaled Abdul Moneim Al-Ani, Notizen des Reisenden Yunus Bahri (arab.), Beirut 2005.
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der Exilanten, Kriegsgefangenen und Kollaborateure wäre weder im Ersten noch im
Zweiten Weltkrieg eine arabischsprachige deutsche Propaganda möglich gewesen.
Letztlich hatten die eingesetzten neuen Medien nicht die Wirkung, die Goebbels
von ihnen erhoffte. So war das bloße Senden von Inhalten nicht ausreichend, um
bei den Empfängern die gewünschte Wirkung zu erzielen. Es kam auf die Interpre-
tation, das Vorwissen der Hörerschaft an.137 Dies wurde von deutscher Seite meist
nicht hinreichend berücksichtigt. Die oberflächliche Islaminterpretation rief zwar
keine vernehmbaren Proteste von höheren islamischen Religionsgelehrten hervor,
die offensichtliche Ignoranz für innerarabische Debatten und das ständige Anpas-
sen der Propaganda entlang von militärischen Entwicklungen führten aber auch
nicht zu einer gesteigerten Glaubwürdigkeit.138
Fazit
Anhand der Rundfunkpropaganda lässt sich zeigen, wie das NS-Regime den
Islam und die Muslime im Zweiten Weltkrieg für sich zu gewinnen suchte. Dies
war zwar nicht erfolgreich, öffnete aber die Tür zu einer Instrumentalisierung der
Religion Islam und dem Streben nach Unabhängigkeit in der post-osmanischen
Region des Nahen Ostens und Nordafrikas. Die Propaganda wurde je nach
Kriegslage den militärischen und geostrategischen Umständen angepasst, um
den deutschen Interessen am besten zu dienen. Die Annahme, der wachsende
Antizionismus in Pastina sei durch die NS-Propaganda in einen Antisemitismus
nach europäischem Vorbild gewandelt worden,139 kann pauschal nicht bestätigt
werden. Die arabische Auseinandersetzung mit der faschistischen und national-
sozialistischen Ideologie war weit differenzierter. Viele Beobachter waren von
Hitlers Aufstieg und der Modernisierung Deutschlands fasziniert, aber vom
137 Vgl. Bernd Heidenreich, Medien im Nationalsozialismus, Paderborn 2010, S. 7.
138 Vgl. Francis R. Nicosia, Arab Nationalism and National Socialist Germany, 19331939.
Ideological and Strategic Incompatibility, in: International Journal of Middle East Studies 3
(1980), S. 351–372, hier S. 366.
139 rzlich wurde dieser übergangslose Zusammenhang erneut hergestellt: Matthias Küntzel,
Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand, Leipzig 2019.
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T otalitarismus und Rassismus abgestoßen.140 Die Auseinandersetzung mit der
Situation in Deutschland zeigte vor allem den Wunsch nach sozialer und poli-
tischer Veränderung im eigenen Land.141 Ein kritikloser inhaltlicher Transfer
durch die Radiopropaganda fand nicht statt. Aktuelle Tendenzen, die die Auswir-
kungen der NS-Propaganda als zentrale Ursache für den modernen arabischen
Antisemitismus sehen, nehmen eine Vergegenwärtigung der Geschichte ohne die
notwendige Einordnung in den historischen Kontext vor.
Der vorliegende Text hingegen hat gezeigt, dass das Interesse beider Seiten
aneinander letztendlich begrenzt und mehrheitlich durch eine eher ablehnende
Skepsis geprägt war. So sprachen sich etwa 1939 die palästinensischen Medien ein-
deutig für die Alliierten im Krieg gegen NS-Deutschland aus.142 Das trifft auch zu,
obwohl sich in Bezug auf die arabisch-nationalen Ziele der Unabhängigkeit bereits
Ende 1945 das Gefühl einer verpassten Chance einsetzte– ausgelöst durch das
britische Verhalten nach dem Krieg.143 Die Annahme, es gäbe eine kontinuierliche
Linie vom Antisemitismus des Muftis bis hin zur islamistischen Holocaustleug-
nung heute, lässt die Geschehnisse seit 1945 völlig außer Acht.144 Diese Tenden-
zen einer an der Gegenwart orientierten Suche nach historischen Kontinuitäten
führen dabei zwangsläufig in eine falsche Richtung. So dürfen die Ereignisse im
140 Vgl. Gershoni, The Crime of Nazism, S. 231–241; Bashkin, Iraqi Shadows; Israel Gershoni,
Confronting Nazism in Egypt. Tawfiq al-Hakim‘s anti-totalitarianism 19381945, in: Tel
Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 26 (1997), S. 121150; NL Höpp, ZMO, 1.23.048
Araber lesen „Mein Kampf.
141 Vgl. Götz Nordbruch, The Arab World and National Socialism, 2012, in: http://www.
perspectivia.net/publikationen/orient-institut-studies/1-2012/nordbruch_arab-world,
S. 57 [30. 7. 2020]; René Wildangel, Zwischen Achse und Mandatsmacht. Pastina und
der Natio nal sozialismus, Berlin 2007; Götz Nordbruch, Nazism in Syria and Lebanon. The
Ambivalence of the German Option, 19331945, London 2011.
142 Vgl. Azmi Bishara, Die Araber und die Shoa. Die Problematisierung einer Konjunktion, in:
Rainer Zimmer-Winkel (Hrsg.), Die Araber und die Shoa. Über die Schwierigkeiten dieser
Konjunktion, Trier 2000, S. 22; Israel Gershoni, „The Crime of Nazism against Humanity“.
Ahmad Hasan al-Zayyat and the Outbreak of World War II, in: Gershoni, Arab Responses
to Fascism and Nazism, S 231 f.
143 Vgl. Esther Webman, The War and the Holocaust in the Egyptian Public Discourse, 1945
1947, in: Gershoni, Arab Responses to Fascism and Nazism, S. 258.
144 Vgl. Peter Wien, Coming to Terms with the Past. German Academia and Historical Rela-
tions Between the Arab Lands and Nazi Germany, in: International Journal of Middle East
Studies 42 (2010) 2, S. 311–321.
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Nahen Osten der 1930er- und 1940er-Jahre nicht unter der gleichen Perspektive
wie der in Europa interpretiert werden.145
Mehrere Studien haben gezeigt, dass es eine lebhafte Debatte und zahlreiche
antifaschistische und antinationalsozialistische Stimmen in der arabischen Welt
der 1920er- und 1930er-Jahre gab.146 Schon 1938 protestierte George Antonius,
der Vater der arabisch-nationalistischen Geschichtsschreibung, gegen das Kli-
schee des antibritischen Arabers.147 Das Ringen um das „korrekte“ Erinnern war
immer eine öffentlich ausgetragene Kontroverse. Die Ereignisse der Nakba von
1948 prägten die moderne arabische Antisemitismusdebatte stark.148 Arabische
Nationalisten sahen im Zionismus eine weitere Form des europäischen Imperi-
alismus, der als eine Bedrohung der arabischen Identität und als Hindernis für
selbstbestimmte arabische Staaten angesehen wurde. Nicht zur Apologie, sondern
zum Verständnis des arabischen Antisemitismus ist diese feine Unterscheidung
deshalb essenziell.
Jede Seite wurde seitdem von der eigenen „hegemonialen Erinnerungskul-
tur“ bestimmt.149 Der arabische Antisemitismus, so der israelische Historiker
Y ehoshafat Harkabi, sei hauptsächlich eine Post-Shoa-Erscheinung, während
es sich beim europäischen vorwiegend um eine Prä-Shoa-Erscheinung handel-
te.150 Der französisch-libanesische Politologe Gilbert Achcar wiederum legte die
145 Vgl. Freitag/Gershoni, The Politics of Memories, S. 314.
146 Vgl. Israel Gershoni/James P. Jankowski, Confronting Fascism in Egypt. Dictatorship versus
Democracy in the 1930s, Stanford 2010; Mustafa Kabha, The Palestine National Movement
and its Attitude towards the Fascist and Nazi Movements 19251945, in: GG 37 (2011) 3,
S. 437450; Peter Wien, Iraqi Arab nationalism. Authoritarian, totalitarian, and pro-fascist
inclinations, 1932–1941, London 2006.
147 Vgl. George Antonius, Arab Awakening. The Story of the Arab National Movement, London
1938, S. 392 (Antonius schrieb sein Buch 1937 in der Villa des Muftis in Jerusalem); René
Wildangel, „Der größte Feind der Menschheit“. Der Nationalsozialismus in der arabischen
öffentlichen Meinung in Pastina während des Zweiten Weltkrieges, in: Gerhard Höpp/
Peter Wien/René Wildangel (Hrsg.), Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit
dem Nationalsozialismus, Berlin 2004, S. 117–122.
148 Vgl. Freitag/Gershoni, The Politics of Memories, S. 315 f.
149 Karin Joggerst, Vergegenwärtigte Vergangenheit(en), in: Höpp/Wien/Wildangel (Hrsg.),
Blind für die Geschichte?, S. 297.
150 Vgl. Yehoshafat Harkabi, Noch einmal über arabischen Antisemitismus, Jerusalem 1980,
S. 247–259 [hebr.].
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a ktuellste und umfassendste Darstellung der arabischen Positionen gegenüber
NS-Deutschland und Italien vor, die auch zahlreiche arabische Quellen verwen-
det. Er verurteilt jene arabische Nationalisten, die sich blind den Italienern und
Deutschen anschlossen, ohne deren Ideologie zu hinterfragen.151 Israelische His-
toriker, so der palästinensische Philosoph Azmi Bishara, schenkten den Beziehun-
gen der palästinensischen Nationalbewegung zu NS-Deutschland höchste Auf-
merksamkeit, und arabische Wissenschaftler bemühten sich, die Verbindungen
zwischen zionistischen Organisationen und den Nazis aufzudecken.152 Für beide
Seiten stellte der Nazismus den Inbegriff des Bösen dar, und jede Partei versuchte,
ihn mit dem jeweiligen Gegner in Zusammenhang zu bringen.153 Eine hier nicht
zu beantwortende Frage bleibt allerdings, inwieweit die arabische Wahrnehmung
die Voraussagen der NS-Propaganda über die bevorstehende Vertreibung der Ara-
ber aus Palästina nach 1948 als eine Art nachträgliche Bestätigung der deutschen
Sendungen betrachtete. Aussagen über Erfolge der Propaganda sind ebenso pro-
blematisch wie Aussagen über ein mögliches Fortleben des Gedankenguts nach
dem Krieg.
151 Vgl. Achcar, Die Araber und der Holocaust, S. 183–191.
152 Vgl. Bishara, Die Araber und die Shoa, S. 29.
153 Vgl. Mehnaz M. Afridi, Shoah through Muslim Eyes, Brighton, MA 2017.
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