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[en] (orig)
Einkommensunterschiede, Armut
und Vulnerabilität in Shenzhen
Stefan Gravemeyer
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 9
1 Disparität, Bildung und Diskriminierung 13
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China . . . . . . . . . . . . . . 14
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
1.2.1 Disparitätsmaße........................... 22
1.2.2 Datensatzbeschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
1.2.3 Deskriptive Fakten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
1.3 EmpirischeAnalyse............................. 35
1.3.1 Bildung als Einkommensdeterminante im Mincermodell . . . . . 36
1.3.2 Ökonometrisches Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.3.3 Ergebnisse.............................. 46
1.3.4 Zerlegung .............................. 51
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
1.4.1 Humankapital............................ 55
Inhaltsverzeichnis 3
1.4.2 Persönliche Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
1.4.3 Soziale Normen und Politikmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . 57
1.4.4 Arbeitsplatzeigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
1.4.5 Auswirkung des Registrierungsstatuses bei Migranten . . . . . . 59
1.5 Zusammenfassung.............................. 63
2 Armut 65
2.1 Armut im urbanen China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
2.2 ArmutinShenzhen............................. 70
2.2.1 Armutsindices............................ 71
2.2.2 Einkommenskorrektur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
2.2.3 Datensatzbeschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.2.4 Deskriptive Fakten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
2.3 EmpirischeAnalyse............................. 82
2.3.1 Armutsdeterminierende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
2.3.2 Ökonometrisches Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
2.3.3 Ergebnisse.............................. 96
2.3.4 Zerlegung .............................. 104
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
2.4.1 Haushaltszusammensetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.4.2 Produktionsfaktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
2.4.3 Soziale Normen und Politikmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . 109
2.4.4 Arbeitsplatzeigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
2.4.5 Diskriminierung der Migranten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
2.5 Zusammenfassung der Armutssituation . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
Inhaltsverzeichnis 4
2.6 Vulnerabilität als neues Konzept der Armutsforschung . . . . . . . . . . 115
2.6.1 Abgrenzung des Begriffs der Vulnerabilität . . . . . . . . . . . . 116
2.6.2 Abgrenzung zu klassischen Armutsmaßen . . . . . . . . . . . . . 118
2.7 EmpirischeAnalyse............................. 119
2.7.1 Ökonometrisches Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
2.7.2 Ergebnisse.............................. 128
2.8 Ursachen der Gefährdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
2.9 Zusammenfassung der Armutsgefährdungssituation . . . . . . . . . . . 137
Fazit 139
Literaturverzeichnis 142
Anhang 155
Abbildungsverzeichnis
1.1 Lorenzkurve der 16-65 jährigen mit Einkommen im Jahr 2005 . . . . . 32
1.2 Theil Index zerlegt nach Bildungsabschlüssen . . . . . . . . . . . . . . 34
2.1 Armutsquotenentwicklung in China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
2.2 Unterschiede in den Variablen relativ zum Medianhaushalt mit dem Min-
destlohn als Armutsgrenze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
2.3 Unterschiede in den Variablen relativ zum Medianhaushalt mit relativer
Armutsgrenze................................ 136
Tabellenverzeichnis
1.1 Shenzhen Haushaltsbefragung 2005: Individualstichprobe . . . . . . . . 31
1.2 Variablen Beschreibung: Einfaches Mincermodell . . . . . . . . . . . . 43
1.3 Variablen Beschreibung: Erweitertes Mincermodell . . . . . . . . . . . . 45
1.4 Regressionsergebnisse mit Indikator Variablen. Einfaches- und erweiter-
tesMincermodell .............................. 46
1.5 Regressionsergebnisse mit Indikatorvariablen. Getrennte Regressionen . 48
1.6 Regressionsergebnisse mit Schuljahren. Einfaches und erweitertes Min-
cermodell .................................. 49
1.7 Regressionsergebnisse mit Schuljahren. Getrennte Regressionen . . . . 50
1.8 Bildungsrenditen .............................. 51
1.9 Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse mit Indikator Variablen . . . . . 53
1.10 Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse mit Schuljahren . . . . . . . . . . 54
2.1 Shenzhen Haushaltsbefragung 2005: Haushaltsstichprobe . . . . . . . . 77
2.2 Armutsindices für Shenzhen 2005 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
Tabellenverzeichnis 7
2.3 Armutsquoten nach Registrierungsstatus . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.4 Variablen Beschreibung: Armutsregressionen . . . . . . . . . . . . . . . 95
2.5 Regressionsergebnisse der Probit Regression für alle Haushalte . . . . . 98
2.6 Regressionsergebnisse der Probit Regression für die städtisch registrier-
tenHaushalte................................ 99
2.7 Regressionsergebnisse der Probit Regression für die Migrantenhaushalte 99
2.8 Regressionsergebnisse der Tobit Regression für alle Haushalte . . . . . 100
2.9 Regressionsergebnisse der Tobit Regression für die städtisch registrierten
Haushalte .................................. 101
2.10 Regressionsergebnisse der Tobit Regression für die Migrantenhaushalte 102
2.11 Regressionsergebnisse der OLS Regression. Alle Haushalte, städtisch re-
gistrierte Haushalte und Migrantenhaushalte . . . . . . . . . . . . . . 103
2.12 Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse der Probit Regression . . . . . . 104
2.13 Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse der Tobit Regression . . . . . . . 104
2.14 Anteile stark gefährdeter Haushalte mit dem Mindestlohn als Armuts-
grenze .................................... 129
2.15 Anteile stark gefährdeter Haushalte mit relativer Armutsgrenze (1/2 Me-
dianeinkommen) .............................. 130
2.16 Anteile leicht gefährdeter Haushalte mit dem Mindestlohn als Armuts-
grenze .................................... 131
2.17 Regressionsergebnisse der Probit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Alle Haushalte . . . . . . . . . . . . . . . 156
2.18 Regressionsergebnisse der Probit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Städtisch registrierte Haushalte. . . . . . 157
Tabellenverzeichnis 8
2.19 Regressionsergebnisse der Probit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Migrantenhaushalte . . . . . . . . . . . . 158
2.20 Regressionsergebnisse der Tobit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Alle Haushalte . . . . . . . . . . . . . . . 159
2.21 Regressionsergebnisse der Tobit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Städtisch registrierte Haushalte . . . . . . 160
2.22 Regressionsergebnisse der Tobit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Migrantenhaushalte . . . . . . . . . . . . 161
2.23 Test auf Misspezifikation der Skedastizitätsfunktion . . . . . . . . . . . 162
2.24 ....................................... 163
2.25 ....................................... 164
2.26 ....................................... 165
2.27 Variablen Beschreibung: Erweitertes Mincermodell . . . . . . . . . . . . 166
2.28 Variablen Beschreibung: Armutsregressionen . . . . . . . . . . . . . . . 167
Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, Einkommensunterschiede und Armut in der chinesischen Stadt
Shenzhen zu untersuchen. Shenzhen, gelegen in der Provinz Guangdong, befindet sich
in geographischer Nähe zu Hongkong. Die Stadt entwickelte sich von einem kleinen
Fischerdorf mit rund 20.000 Einwohnern im Jahre 1970 zu einer großen urbanen Ag-
glomeration mit 300.000 Einwohnern Ende 1980. Zu diesem Zeitpunkt wurde Shenzhen
eine der ersten Special Economic Zones (SEZ) in China. Hierbei handelt es sich um
die erste chinesische Stadt, die diesen Sonderstatus im Zuge einer allgemeinen Stra-
tegie der Öffnung der chinesischen Regierung verliehen bekam. Prinzipiell intendierte
die chinesische Regierung mit der Einführung von SEZ Sonderzonen eine Beschleuni-
gung der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft sowie eine graduelle Öffnung für den
Welthandel. Dies sollte sowohl das Handelsvolumen erweitern als auch Innovation und
Wachstum durch ausländische Direktinvestitionen fördern. Die Einführung dieser Son-
derzonen erwies sich als ausgesprochen erfolgreich, insbesondere im Fall von Shenzhen.
Ende 2006 war aus dem Fischerdorf eine Stadt mit annähernd neun Millionen Einwoh-
Einleitung 10
nern geworden. Die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts war ebenso beachtlich
wie die Bevölkerungszunahme. Zwischen 1980 und 2006 wuchs das Bruttoinlandspro-
dukt durchschnittlich um 27%. Ende 2006 hatte Shenzhen somit ein nominales Brutto-
inlandsprodukt von umgerechnet $75.000.000 sowie ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
von $8800. Dieses massive Wachstum und der damit verbundene Erfolg wird von den
Chinesen oftmals, in Anlehnung an den “American Dream”, als der Shenzhen Dream
bezeichnet. Der massive Zufluss von ausländischen Direktinvestitionen und ein enormes
Wachstum des Handelsvolumens, verursacht durch die Gründung der SEZ, ermöglich-
ten dieses rasante Wachstum (Yeung et al. 2009). Im Zuge dieses Wachstumsprozesses
veränderte sich die Wirtschaftsstruktur von Shenzhen. Früher vom primären Sektor
geprägt, entwickelte sich insbesondere der sekundäre Sektor äußerst schnell. Aufgrund
des Schwerpunktes in industrieller Fertigung wird Shenzhen auch allgemein als Zen-
trum der chinesischen Fabrik bezeichnet. Die Exportindustrie macht hierbei ungefähr
die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts von Shenzhen aus. Hierbei werden die Exporte
dominiert von Softwareprodukten, Mikroelektronik, Unterhaltungselektronik, elektro-
mechanischer Integration sowie durch weitere leichte Industrieprodukte und Energie.
Trotz der weiterhin herausragenden Rolle des produzierenden Gewerbes gewinnt der
Servicesektor durch immer schnellere Wachstumsraten immer mehr an Bedeutung. Die
geographische Nähe zu Hongkong führte weiterhin dazu, dass Shenzhen den größten
Hafen neben Shanghai besitzt. Dies führte zu hohen Handelsvolumina zwischen bei-
den Städten. Große Mengen an Gütern werden von Hongkong importiert, in Shenzhen
weiterverarbeitet und re-exportiert.
Eine Begleiterscheinung, sowie treibender Faktor des Wachstums von Shenzhen, war
die Migration von Arbeitskräften in diese städtische Agglomeration. Der enorme Zu-
Einleitung 11
strom von Migranten1hatte seinen Hauptursprung in den eher armen ländlichen Ge-
bieten Chinas. Ein Resultat dieser starken Binnenmigration ist, dass Shenzhen eine
der jüngsten Städte in China ist, in welcher viele junge Einpersonenhaushalte zu fin-
den sind. Ein negativer Aspekt dieser bemerkenswerten Wachstumsgeschichte ist im
Hinblick auf die Einkommensunterschiede, dass Shenzhen ebenso zu den führenden
Städten in China bezüglich der Unterschiede zwischen arm und reich zählt. Auch in
dieser Hinsicht spielen die Migranten eine besondere Rolle.
Allgemein liegt das besondere Interesse an Shenzhen darin begründet, dass viele
Chinesen diese Stadt und ihre rasante Entwicklung als beispielhaft für eine weitere
Entwicklung des städtischen Chinas sehen. Fraglich ist hierbei inwiefern dieser öko-
nomische Erfolg das Einkommen und den Wohlstand der Einwohner beeinflusst und
verändert hat. Wie wichtig sind persönliche- oder Haushaltseigenschaften, soziale Nor-
men und diskriminierende Faktoren die ihren Ursprung in politischen Entscheidungen
haben für Einkommen, Armut und persönlichen Wohlstand in dieser Stadt? Haben die
Migranten ebenso wie die ursprünglichen städtisch registrierten Einwohner von diesem
Wachstum profitieren können oder werden sie diskriminiert? Wie hoch sind die Einkom-
mensunterschiede und die Armut in dieser Stadt und was bedingt sie? Wie verwundbar
sind die Haushalte und wie gestalten sich die Zusammenhänge zwischen Migration, Ar-
mut und Verwundbarkeit? Ziel dieser Arbeit ist es, eine Antwort auf diese Fragen zu
geben. Grundlage hierfür ist die Shenzhen Haushaltsbefragung 2005 die aufgrund ihrer
Struktur einen einzigartigen Blick auf diese Phänomene erlaubt. Auf Grundlage der
Arbeit an dieser Dissertation sind bereits zwei Veröffentlichungen erschienen auf die an
1In dieser Arbeit bezieht sich Migranten, falls es nicht anders explizit erwähnt wird, immer auf
inländische Land-Stadt Migranten.
Einleitung 12
dieser Stelle als weitere Quelle verwiesen sei. Hierbei handelt es sich um einen Journal-
(Gravemeyer, Gries und Xue 2011-1) sowie einen Buchbeitrag (Gravemeyer, Gries und
Xue 2011-2).
Einkommensdisparität und Armut sind zwei eng miteinander verknüpfte Phänomene.
Die Analyse gliedert sich aus diesem Grund in zwei Hauptteile: Zuerst werden im
ersten Kapitel die Einkommensunterschiede und die Zusammenhänge mit Bildung und
Diskriminierung in Shenzhen untersucht. Das zweite Kapitel baut auf den Ergebnissen
des ersten Kapitels auf und verwendet, soweit möglich, ähnliche erklärende Variablen,
legt aber den Schwerpunkt auf Armut und die Determinanten von Armut sowie auf die
Errechnung von Vulnerabilitätskennziffern für die Haushalte. Da in der Armutsanalyse
generell Haushaltsdaten zugrunde gelegt werden, wird jedoch im Gegensatz zum ersten
Kapitel auf die Haushaltsdaten der Shenzhen Haushaltsbefragung 2005 zurückgegriffen.
1 Disparität, Bildung und Diskriminierung
In den meisten Industrienationen ist Humankapital der dominante einkommensgenerie-
rende Faktor. Es stellt sich die Frage, inwiefern in Shenzhen dieser Produktionsfaktor
ebenso eine dominierende Rolle spielt, oder ob ein Großteil des Einkommens weiterhin
durch soziale Normen, Traditionen oder Diskriminierung bestimmt wird. Ein beson-
derer Schwerpunkt der Analyse liegt bei Faktoren, die einen möglichen Einfluss auf
das individuelle Einkommen ohne einen realen Produktivitätsgewinn haben. Im Zu-
sammenhang mit diesen Faktoren fällt oft auch der Begriff der Lohndiskriminierung.
Der Einfluss dieser Faktoren auf Einkommensunterschiede und Einkommen kann im
Allgemeinen als Indikator für sozio-ökonomische Entwicklung während eines Trans-
formationsprozesses betrachtet werden. Tanzi (1998) stellt fest, dass in Entwicklungs-
und Schwellenländern der Einfluss dieser Faktoren meist höher ist als in entwickelten
Industrienationen, in denen primär Marktkräfte dominieren. Um den Einfluss dieser
Faktoren zu isolieren, muss das in der später folgenden ökonometrischen Analyse zu-
grunde gelegte traditionelle Mincermodell um zusätzliche Variablen erweitert werden.
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 14
Zuerst wird jedoch nach einem Überblick über die in der Literatur diskutierten Ein-
kommensdeterminanten ein deskriptiver Überblick über die Einkommensverteilung in
Shenzhen gegeben. Auf diesem Kapitel basiert auch der Journalbeitrag Gravemeyer,
Gries und Xue (2011-1) auf den hier als zusätzliche englischsprachige Quelle verwiesen
sei.
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China
Es existieren zahlreiche Studien, die sich mit Einkommen und den Einkommensdetermi-
nanten in China befassen. Der geographische Fokus ist hierbei äußerst unterschiedlich.
Die Spannweite umfasst sowohl länderübergreifende als auch regionale oder auf eine
Stadt fokussierte Studien. Die in der Literatur identifizierten Einkommensdeterminan-
ten werden im Folgenden den Kategorien Humankapital und Erfahrung, soziale Normen
und Politikmaßnahmen, sowie persönliche- und Arbeitsplatzeigenschaften zugeordnet.
Humankapital Humankapital und seine Auswirkung auf das persönliche Einkommen
ist ein in vielen Studien zu findender Zusammenhang.1Bezüglich der unterschiedlichen
Formen von Humankapital kann die Aufenthaltszeit in Shenzhen als ein Indikator für
Erfahrung betrachtet werden. Eine längere Aufenthaltszeit erlaubt es, regionenspezifi-
sche Fertigkeiten zu erlernen, sowie soziale Kontakte und Netzwerke aufzubauen. Dies
wird insbesondere von Fan (2001) und Liu et al. (2004) sowie von Wan (2006) her-
ausgestellt. Ihre Studien befassen sich insbesondere mit dem Stadtgebiet Hongkong
1Für eine Übersicht siehe u.a. Card (1999) oder Wößmann (2003).
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 15
und bestätigen eine positive Korrelation zwischen Einkommen und Aufenthaltsdauer.
Dies deutet auf einen positiven Einfluss des Assimilationsprozesses hin. Migranten er-
lernen regional spezifische Fähigkeiten, ebenso wie arbeitsplatzspezifische Fähigkeiten.
Dies führt zu einer besseren Adaption in den lokalen Arbeitsmarkt. Hierdurch wird
ihr Profil für den lokalen Arbeitsmarkt verbessert sowie ihre Produktivität erhöht. Die
positiven Effekte stehen in direktem Zusammenhang mit der Aufenthaltsdauer in der
Stadt. Trotz dieser positiven Effekte, die durch Assimilation verursacht werden, weisen
sie darauf hin, dass nicht davon ausgegangen werden kann, dass es zwangsläufig zu ei-
ner Angleichung der Migrantenlöhne mit denen der städtischen Ursprungsbevölkerung
kommen muss. Die Lohndifferenziale zwischen beiden Gruppen werden zwar verringert,
sind aber dennoch nicht in der Lage die Lohndifferenz, die durch Lohndiskriminierung
verursacht wird, auszugleichen. Des Weiteren wird auch ein Zusammenhang zwischen
Migrationsstatus und Arbeitsplatzmobilität sowie Jobwechseln gesehen. Yueh (2004)
unterstreicht, dass die Arbeitsplatzmobilität von Migranten weitaus höher ist als die
der städtischen Ursprungsbevölkerung. Ebenso ist ein deutlich niedrigeres Lohneinkom-
men der Migranten zu beobachten. In diesem Zusammenhang können niedrigere Löhne
für Individuen die oft den Arbeitsplatz wechseln einen generellen Mangel an Humanka-
pital abbilden. Firmenspezifisches und regionenspezifisches Humankapital wird durch
den Arbeitsplatzwechsel entwertet.
Da die Auswirkungen von persönlichen Eigenschaften, sozialen Normen, Traditio-
nen und institutionellen Faktoren auf das Einkommen einer der Schwerpunkte dieser
Arbeit sind, ist es notwendig, die relevanten nicht produktivitätsorientierten Faktoren
zu identifizieren. In der Literatur werden in Bezug auf China unterschiedliche Varia-
blen identifiziert, die diesen Kategorien zuzuordnen sind und nun im weiteren kurz
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 16
vorgestellt werden.
Persönliche Eigenschaften Geschlecht und Familienstand sind hierbei unter den am
meisten untersuchten persönlichen Determinanten des Einkommens. Ng (2004), Shu
(2005) und Ng (2007) kommen zu dem Schluss, dass Frauen mit vergleichbarer Ausbil-
dung ein niedrigeres Lohneinkommen haben als Männer, wobei dieses Lohndifferenzial
ihrer Aussage nach meist durch Diskriminierung und nicht durch Produktivitätsunter-
schiede verursacht wird. Diese Ergebnisse sind den Resultaten von Knight und Song
(2003) ähnlich. Hughes und Maurer-Fazio (2002) unterstreichen, dass Geschlechter-
diskriminierung mit höherem Bildungsniveau abnimmt. Ein weiteres Ergebnis ihrer
Studien ist, dass Familienstatus ebenso einen Effekt auf das Geschlechterlohndifferen-
zial hat. In China ist zu beobachten, dass das geschlechtsspezifische Lohndifferenzial
zwischen Frauen und Männern für unverheiratete Frauen größer ist als für Verheiratete.
Des Weiteren erläutern Bishop et al. (2005), dass der positive Einfluss einer Heirat für
Frauen geringer ist als für Männer, insbesondere für Frauen mit geringem Einkommen.
Sie argumentieren, dass dies durch die unterschiedlichen geschlechtsspezifischen Effek-
te der Heirat verursacht wird. Gerade Männer arbeiten im Durchschnitt härter und
haben eine höhere Produktivität in ihrer Rolle als Familienernährer, während verhei-
ratete Frauen ihren Arbeitseinsatz verringern, um sich um die Belange der Familie zu
kümmern. Dieses Argument wird ebenso von Li et al. (2006) herausgestellt, der zeigt,
dass in China Männer einen größeren Anteil an dem Beitrag zum Haushaltseinkommen
haben als Frauen. Das Argument, dass Heirat die männliche Produktivität erhöht, ist
ebenso geeignet das Lohndifferential zwischen verheirateten und unverheirateten Män-
nern zu erklären. Unterschiedlicher sozialer Status, der durch Heirat generiert wird,
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 17
kann ebenso ein Erklärungsfaktor sein.
Soziale Normen und Politikmaßnahmen Knight und Song (2003) als auch Cao and Nee
(2005) konstatieren einen positiven Einfluss von Parteimitgliedschaft auf das Einkom-
men. Allerdings ist anzumerken, dass sich eine Mitgliedschaft in der kommunistischen
Partei nicht nur aufgrund von besserer Vernetzung und besseren Kontakten positiv auf
das Einkommen auswirkt, sondern ebenso ein Indikator für Fähigkeit sein kann. Dies
wird insbesondere von Lam (2003) herausgestellt.
Des Weiteren kommt im Falle des urbanen China dem Hukou Registrierungssystem
eine besondere Bedeutung zu. Gravemeyer, Gries und Xue (2008) identifizieren das
Registrierungssystem als einen der Faktoren, der zu äußerst starker Diskriminierung
führt. Chen und Coulson (2002), Du et al. (2005) oder Lu und Song (2006) führen aus,
dass die Migration von armen ländlichen Gebieten in die großen Städte, verursacht
durch wirtschaftliche Anreize, zu einer großen Präsenz von Land-Stadt Migranten mit
einer ländlichen Registrierung in den urbanen Gebieten führt. Der originäre Gedanke
hinter dem Hukou Registrierungssystem bestand darin, Migration zu kontrollieren und
limitieren. Die Begrenzung der Migration durch das Hukousystem war allerdings nur be-
grenzt erfolgreich. Des Weiteren wurden die strikten Regeln des Registrierungssystems
im Laufe des Reformprozesses gelockert. Studien von Lu und Song (2006), Fan (2001)
und Wan (2006) zeigen, dass signifikante Einkommensunterschiede zwischen der Mi-
grantenpopulation in den Städten und der städtischen Ursprungspopulation mit städti-
scher Registrierung existieren. Diese Einkommensunterschiede sind nicht ausschließlich
durch eine bessere Ausstattung mit Produktionsfaktoren zu erklären, sondern werden
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 18
auch u.a. durch Lohndiskriminierung verursacht. Laut Liu (2005) sind nicht städtisch
registrierte Migranten neben den Lohnunterschieden ebenso dadurch benachteiligt, dass
viele Sozialleistungen und öffentliche Güter, wie beispielsweise kostenlose Schulbildung,
ihnen nicht zugänglich sind. Hierbei ist zu beobachten, dass die Wahrscheinlichkeit ei-
ne städtische Registrierung zu erhalten von der Höhe des Bildungsabschlusses oder der
Anzahl an Schuljahren beeinflusst wird.
Ein Hauptproblem der meisten Studien und Analysen ist, dass die Migrantenpopu-
lation in den Städten nicht berücksichtigt werden kann. Meng und Zhang (2001) und
Song et al. (2009) oder Lu und Song (2006) stellen fest, dass diese Knappheit an Da-
tenmaterial eine tiefergehende Analyse der Auswirkungen des Registrierungssystems
deutlich erschwert. Sehr wenige Studien, darunter die von Lu und Song (2006), Fan
(2001) oder Hussain (2003), liefern aus diesem Grunde eine detaillierte Analyse der
Situation der Migranten in den Städten. Selbst bei diesen Studien sind die vorliegen-
den Datenmengen gering und nicht von guter Qualität oder, wie im Falle von Lu und
Song (2006), ebenfalls auf eine Stadt begrenzt. Fan (2001) beschäftigt sich insbesonde-
re mit der Arbeitsmarktsegmentierung in Bezug auf Migranten in Guangzhou im Jahr
1998. Alle Autoren unterstreichen, dass dieser Datenmangel zu einer deutlichen Unter-
schätzung von Armut und Disparität in den chinesischen Städten führt. Aus diesem
Grunde kann eine Analyse der Armut und Disparität in Shenzhen einen notwendigen
Beitrag zur genaueren Erfassung der realen Umstände sowie zum besseren Verständnis
der Situation der Migranten leisten. Daher ist es Ziel dieser Studie, eine Analyse der
Einkommensverteilung sowie der einkommensdeterminierenden Faktoren in Shenzhen
unter Berücksichtigung der Migrantenpopulation durchzuführen.
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 19
Arbeitsplatzeigenschaften Ein weiterer für China sehr spezifischer Faktor sind staatsei-
gene Betriebe. Diese Betriebe zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine höhere Arbeits-
platzsicherheit bieten, überdurchschnittlich gut entlohnen und zahlreiche Vergünsti-
gungen verschiedenster Art bieten (Knight und Song 2003). Arbeitnehmer im priva-
ten Sektor sind mit einer weitaus höheren Arbeitsplatzunsicherheit konfrontiert. Dies
wird insbesondere im wenig qualifizierten Bereich begleitet durch niedrigere Löhne, die
durch ein hohes Arbeitsangebot verursacht werden. Bezüglich einer generell besseren
Entlohnung sind die Meinungen jedoch differenziert, so ermitteln Lu und Song (2006)
oder Heckman und Li (2003) einen negativen Zusammenhang, und es lässt sich kei-
ne eindeutige Tendenz feststellen. Knight und Song (2003) stellen weiterhin fest, dass
Staatsbetriebe meist nur Personen mit einer städtischen Registrierung beschäftigen und
Migranten normalerweise im privaten Sektor arbeiten. Ein Teil des Lohndifferentials
zwischen Migranten und Nichtmigranten mit städtischer Registrierung lässt sich somit
durch Arbeitsmarktsegmentierung erklären. In Bezug auf Firmen, die sich ganz oder
zum Teil in ausländischer Hand befinden, ist eine generell bessere Entlohnung der Mit-
arbeiter zu erwarten (Knight und Song 2003). Ausländische Firmen haben aufgrund
ihres internationalen Netzwerks einen besseren Zugang zu fortschrittlichen Technologi-
en und Organisationsfähigkeiten. Diese Kombination führt zu einer höheren Faktorpro-
duktivität, die zum Teil an die Arbeiter in Form von höheren Löhnen weitergegeben
wird.
In diesem Kapitel wird zuerst die Frage beantwortet, ob diese urbane Erfolgsgeschich-
te sich auch positiv auf das Einkommen aller Einwohner auswirkte. Spielen soziale
Normen, Einstellungen, Traditionen und Diskriminierung immer noch eine gewichtige
Rolle für die Bestimmung des Einkommens? Oder hat Shenzhen einen Entwicklungs-
1.1 Einkommensdeterminanten im urbanen China 20
stand erreicht, wo nur Produktionsfaktoren wie Humankapital das Einkommen deter-
minieren. Welche Rolle spielen die Migranten? War es ihnen möglich an der drastischen
Steigerung des Durchschnittseinkommens teilzuhaben? Hatten sie einen ebenso großen
Wohlfahrtsgewinn wie die städtisch registrierten Einwohner? Gibt es einen Unterschied
in der Entlohnung zwischen Staats- und Privatbetrieben in Shenzhen?
Wie bereits erwähnt ist eine Beantwortung dieser Fragen aufgrund der Datenknapp-
heit meist gar nicht oder nur zum Teil möglich. Die meisten Haushaltsbefragungen
(insbesondere die offiziellen Statistiken) berücksichtigen keine Migrantenhaushalte oh-
ne städtische Registrierung. Diese Analyse verwendet daher die Shenzhen Haushaltsbe-
fragung aus dem Jahre 2005, um eine Antwort auf diese Fragen zu ermöglichen. Ziel ist
es, zu bestimmen, welche Faktoren das Einkommen determinieren und Einkommens-
unterschiede generieren. Ebenso soll der relative Einfluss, den eher institutionell oder
traditionsgeprägte Faktoren im Vergleich zu Produktionsfaktoren wie Humankapital
auf das Einkommen haben, ermittelt werden. Hierbei sollen insbesondere die Lebens-
bedingungen der Land-Stadt Migranten in Shenzhen tiefer gehend analysiert werden.
Um den Einfluss, den das Humankapital auf das Einkommen ausübt, besser analy-
sieren zu können, beginnt die deskriptive Analyse mit der Darstellung der Einkomms-
unterschiede sowie der Zerlegung dieser mittels des Theil Index. Die ökonometrische
Analyse beginnt mit der traditionellen Mincergleichung als Referenzmodell. Die Er-
gebnisse legen nahe, dass Humankapital ein signifikanter einkommensdeterminierender
Faktor ist. Anschließend werden verschiedene Variablen dem Standard Mincer Modell
hinzugefügt, um institutionelle und von Traditionen und sozialen Normen geprägte
Einflüsse berücksichtigen zu können. Die genannten Faktoren lassen sich grob in die
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 21
Kategorien Humankapital, persönliche Charakteristiken, soziale Normen sowie Politik-
maßnahmen einteilen. Des Weiteren wird eine Oaxaca-Blinder Zerlegung durchgeführt
um den Einfluss von Diskriminierung auf das Einkommen der ländlich registrierten
Bevölkerung darstellen zu können.
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen
In welchem Ausmaß entlohnen die Märkte für zusätzliche Produktivität durch höhe-
re Bildung und Qualifikation? Falls zusätzliches Humankapital zusätzliches Einkom-
men generiert können, Unterschiede im Einkommen zumindest teilweise durch unter-
schiedliche Ausstattung mit Humankapital erklärt werden. Die Analyse beginnt mit
einer deskriptiven Darstellung der Einkommensunterschiede in Shenzhen. Mit Hilfe
des Theil Index wird anschließend die Einkommensdisparität zerlegt. Dies ermöglicht
die grafische Darstellung und Messung des Beitrages, den die formale Bildung auf
die Einkommensunterschiede hat. Hierzu wird die Bevölkerung in verschiedene Bil-
dungsgruppen aufgeteilt. Falls die existierenden Einkommensdifferenziale maßgeblich
zwischen den Gruppen beobachtet werden können, deutet dies auf einen starken Ein-
fluss des Humankapitals hin. Ist der Beitrag, den die formale Bildung auf die Summe
der Einkommensunterschiede hat gering, ist dies ein Hinweis darauf, dass ein Großteil
der Einkommensunterschiede innerhalb der verschiedenen Bildungsgruppen generiert
wird. Dann ist davon auszugehen, dass andere Faktoren als Humankapital maßgeblich
für die Bestimmung des Einkommens sind. Zuerst werden jedoch kurz die notwendigen
Eigenschaften von Disparitätsmaßen erläutert sowie die verwendeten Maße vorgestellt.
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 22
1.2.1 Disparitätsmaße
Ein Disparitätsmaß, als Maß für die Verteilung des Einkommens in einer Population,
muss um sinnvolle und konsistente Aussagen zu ermöglichen, verschiedenen allgemeinen
Axiomen genügen. Diese Axiome stellen die Eigenschaften der unterschiedlichen Maße
dar und müssen nicht zwangsläufig alle erfüllt sein. Die Wahl des Disparitätsmaßes
steht im engen Zusammenhang mit den durch die Forschungsfrage gestellten Anforde-
rungen an die Eigenschaften der unterschiedlichen Disparitätsmaße. Ist beispielsweise
eine Zerlegung der Disparität gewünscht sowie die Gültigkeit einiger Grundannahmen
gefordert, so existiert nur eine Klasse von Disparitätsmaßen, die diese Anforderungen
erfüllt. Die Darstellung der Axiome beruht weitgehend auf Cowell (2008), der einen
exemplarischen Überblick über die verschiedenen Axiome liefert.
Ist Xdie Menge aller möglichen Einkommensverteilungen sowie eine Untermenge
von Rnund der Vektor ¯xein beliebiges Mitglied der Menge X. Dann sei die Funktion
I:RnReine kontinuierliche und zumindest ordinale Repräsentation der Disparität
der Mitglieder der Menge X.
Eine zentrale Anforderung an die Funktion Iist, dass die Bezeichnung bzw. Reihen-
folge der Komponenten irrelevant ist. Man spricht in diesem Zusammenhang von der
Annahme der Symmetrie:
I(x1, x2, ..., xn) = I(x2, x1, ..., xn) = I(x3, x1, ..., xn) = ... (1.1)
Für die Disparität in einer Population ist bei Gültigkeit des Axioms unerheblich
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 23
welches Mitglied welches Einkommen erhält. Im Weiteren kann nun davon ausgegangen
werden, dass die Einkommen der Größe nach aufsteigend geordnet sind.
Eine weitere häufige Forderung ist die Gültigkeit des Populationsprinzips oder Po-
pulationsrepliaktionsprinzips:
I(x1, x2, ..., xn) = I(x1, x1, x2, x2, ..., xn, xn) = I(x1, x1, x1, x2, x2, x2, ..., xn, xn, xn) = ...
(1.2)
Wird eine Population repliziert, oder zwei identische Populationen zusammengefügt,
verändert sich bei Gültigkeit die gemessene Disparität nicht. Die Disparität ist somit
unabhängig von der Größe der Population.
Cowell (1995) diskutiert die Problematik des Axioms und seine prinzipielle Wünsch-
barkeit mit folgendem Beispiel: Verdoppelt man eine Welt, in der eine Person das kom-
plette Einkommen und die zweite nicht besitzt, so dass zwei Personen sich das Einkom-
men aufteilen und zwei nichts besitzen, so bleibt bei Gültigkeit des Populationsprinzips
die gemessene Disparität gleich. Ob die Ungleichheit in beiden Populationen wirklich
als identisch angesehen werden kann, wird in der Literatur unterschiedlich diskutiert.
Sehr vorteilhaft ist, dass bei Gültigkeit von Symmetrie und Populationsprinzip eine
Einkommensverteilung vollständig durch eine Verteilungsfunktion beschrieben werden
kann (Cowell 2008).
Ein weiteres zentrales Axiom ist die Pigou-Dalton Transfereigenschaft:
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 24
I(x1, ...xi, ...xj, ..., xn)< I (x1, ...xiα, ...xj+α, ..., xn)
α > 0
xi< xj
xiα > 0
(1.3)
Dieses Axiom besagt, dass der Transfer einer Einheit αvon Arm nach Reich die
Ungleichheit in der Population immer erhöht. Es beschreibt somit die Wirkung von
Umverteilung innerhalb der Einkommensverteilung. In der dargestellten Form handelt
es sich um die schwache Form des Transferaxioms. Die starke Form verlangt zusätz-
lich, dass die Veränderung der Ungleichheit bei einem Transfer ausschließlich von der
Distanz der relativen Einkommensanteile der beiden Mitglieder abhängt. Die starke
Transfereigenschaft erlaubt u.a. allen möglichen Einkommensverteilungen eine eindeu-
tige Rangordnung zuzuordnen.2
Die Skaleninvarianz eines Disparitätmaßes bedeutet, dass eine Multiplikation aller
Einkommen mit dem gleichen Wert die gemessene Disparität unverändert lässt:
I(x1, x2, ..., xn) = I(x2, x1, ..., xn) = I(αx1, αx2, ..., αxn) = ...
α > 0
(1.4)
2Für eine genaue Beschreibung der Auswirkungen dieser Annahme und ihrer Relevanz siehe Cowell
(1995).
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 25
Diese Eigenschaft erlaubt es beispielsweise, die Einkommen in einer Population mit-
tels eines Wechselkurses zu transformieren, ohne dass sich die gemessene Ungleichheit
verändert.
Die Eigenschaft der Zerlegbarkeit ermöglicht eine differenzierte Untersuchung der
Ungleichheit innerhalb einer Population. Ist es möglich ein Disparitätsmaß zu zerlegen,
so lässt sich ein Zusammenhang zwischen der gesamten Ungleichheit in einer Populati-
on und der Ungleichheit innerhalb einzelner Subgruppen herstellen. Shorrocks (1980)
definiert die Zerlegbarkeit einer Einkommensverteilung in die Untermengen Xund Y
oder deren Aggregationsfähigkeit mit:
I(X, Y ) = A(I(X), I (Y),X,Y)
A(x) := Stetige, strikt monoton steigende Aggregatorfunktion
x:= Vektor von Verteilungsparametern der Gruppe X
y:= Vektor von Verteilungsparametern der Gruppe Y
(1.5)
Ein Disparitätsmaß gilt zusätzlich als additiv zerlegbar in GUntermengen bzw. Un-
tergruppen, wenn gilt:
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 26
I(X) = I(X1, ..., XG) =
G
X
i=1
wgI(Xg) + B
wg:= Koeffizientenvektor
B:= Innergruppen Disparität
(1.6)
Der Koeffizientenvektor wgund die Innergruppendisparität Bhängen hierbei aus-
schließlich von dem Durschnittseinkommen sowie der Größe der Untergruppen ab. Da-
mit ist es möglich, die gesamte Disparität einer Population in die Disparität innerhalb
der Gruppen sowie die Disparität zwischen den Gruppen zu zerlegen. Ist ein Dispa-
ritätsmaß nicht additiv zerlegbar sind Konstellationen denkbar, in denen trotz eines
Anstieges der Disparität in allen Subgruppen die insgesamt gemessene Disparität zu-
rückgeht. Weitere häufig vorausgesetzte Eigenschaften sind Stetigkeit und Differenzier-
barkeit.
Nach dieser Übersicht über die Eigenschaften von Disparitätsmaßen werden nun
die in dieser Analyse konkret verwendeten dargestellt. Der Gini Koeffizient misst die
Konzentration der Einkommen in einer Population (Cowell 2008):
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 27
G=1
2n2µy
n
X
j=1
n
X
i=1
|yiyj|
yi:= Einkommen des Individuums i
yj:= Einkommen des Individuums j
µy:= Durchschnittseinkommen
n:= Populationsgröße
(1.7)
Der Gini Koeffizient ist normiert auf den Wertebereich zwischen null und eins, wobei
null den Zustand einer vollkommenen Gleichverteilung des Einkommens und eins den
Besitz allen Einkommens durch eine Person abbildet. Oftmals wird er auch als die
normierte Fläche zwischen der Lorenzkurve und der Gleichverteilungsgerade definiert.
Der Gini Koeffizient ist zerlegbar, symmetrisch, genügt dem schwachen Transferaxiom,
ist skaleninvariant und genügt dem Populationsprinzip.
Der Theil Index ist ein Mitglied der General Entropy (GE) Index Familie. Die General
Entropy Index Familie besitzt die folgende allgemeine Darstellung (Cowell 1995; Cowell
und Kuga 1981):
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 28
GE (c) = 1
c2c"1
n
n
X
i=1 yi
µyc
1#
c:= Sensitivitätsparameter
yi:= Einkommen des Individuums i
µy:= Durchschnittseinkommen
n:= Populationsgröße
(1.8)
Der Parameter cgibt hierbei die Sensitivität des spezifischen General Entropy In-
dexes gegenüber unterschiedlichen Teilen der Einkommensverteilung an (Cowell 1981;
Cowell 2000). Bei einer gegebenen Einkommensverteilung gewichtet ein negativer Wert
des Parameters cdie unteren Quantile der Einkommensverteilung stärker. Ein hoher
positiver Wert des Parameters cgewichtet die oberen Quantile proportional stärker.
Liegt der Schwerpunkt des Interesses auf den Einkommensdisparitäten bei den eher
armen Einkommensschichten, ist die Wahl eines niedrigen oder negativen Wertes für
csinnvoll. Sollen die Einkommensdisparitäten in den reicheren Schichten den Schwer-
punkt bilden, ist ein hoher positiver Wert für cadäquat. Ein Hauptvorteil der General
Entropy Index Familie besteht darin, dass sie die einzige Klasse von Ungleichheitsma-
ßen sind, die symmetrisch sind, das Populationsprinzip3erfüllen, sowie skaleninvariant,
stetig, differenzierbar, additiv zerlegbar sind und die starke Pigou-Dalton Eigenschaft
für Einkommenstransfers erfüllen (Bourguignon 1979; Cowell 1980; Shorrocks 1980).
Ein Nachteil ist jedoch, dass diese Indices nicht normiert sind und somit mitunter ein
Vergleich unterschiedlicher Populationen erschwert wird und keine sofortige intuitive
3Dies gilt nur für den Fall des Theilindex.
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 29
Interpretation, wie beispielsweise beim Gini Koeffizienten, möglich ist.
Die Anwendung der L’Hospital’schen Regel und setzen von c=1 liefert aus 1.8 den
Theil Index T(1), der eine approximative Gleichgewichtung der Einkommensverteilung
vornimmt (Cowell 2000; Cowell und Kuga 1981):
GE (1) = "1
n
n
X
i=1 yi
µyln yi
µy#
yi:= Einkommen des Individuums i
µy:= Durchschnittseinkommen
n:= Populationsgröße
(1.9)
Die Eigenschaft der additiven Zerlegbarkeit des Theil Index ist für die vorliegende
Fragestellung von besonderem Interesse. Aufgrund dieser Eigenschaft kann die gesamte
Einkommensdisparität wie sie durch den Theil Index gemessen wird additiv zerlegt
werden, so dass der Beitrag, den die unterschiedlichen Subpopulationen an der Summe
der Disparität haben, errechnet werden kann. Des Weiteren ist es möglich, die gesamte
Disparität in den Anteil der innerhalb und den der zwischen den Gruppen geniert wird
zu zerlegen. Nach Shorrocks (1980) führt eine Zerlegung des Theil Index Thinsichtlich
der einzelnen Beiträge von GSubpopulationen zu der Gesamtdisparität zu:
T=
G
X
g=1
sgTg+
G
X
g=1
sglnµg
µy
, mit sg=ngµg
y
µg:= Durchschnittliches Einkommen der Subpopulation g
sg:= Anteil der Gruppe gan der Summe der Einkommen
(1.10)
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 30
Somit setzt sich die gesamte Disparität aus dem ersten Term, welcher die einkom-
mensgewichtete Disparität innerhalb jeder der gSubpopulationen ausdrückt und dem
zweiten Term, der die Disparität zwischen den einzelnen Subpopulationen wiedergibt
zusammen. Mittels dieser Zerlegung ist es im weiteren Verlauf möglich, den Einfluss
des Humankapitals auf die Einkommen, genauer zu analysieren.
1.2.2 Datensatzbeschreibung
Für die Analyse werden Daten einer Haushaltsbefragung aus dem Jahre 2005 in Shenz-
hen genutzt. Diese Haushaltsbefragung , war die erste ihrer Art die von einer nicht-
staatlichen Organisation in Shenzhen durchgeführt wurde. Im Gegensatz zu bereits
bestehenden Haushaltsbefragungen wurde die Migrantenpopulation explizit berück-
sichtigt. Die Befragung wurde mit Hilfe der Universität Shenzhen durchgeführt. Es
wurde eine mehrstufige Stichprobe gezogen.
Nach offiziellen Quellen (Shenzhen statistisches Jahrbuch 2005) besitzt ein Drit-
tel der Einwohner eine Shenzhen Registrierung während zwei Drittel keine Shenzhen
Registrierung besitzen. Diese Personen können also als Migranten betrachtet werden.
Die Befragung versucht diese Struktur der Grundgesamtheit abzubilden. Aufgrund fi-
nanzieller Einschränkungen wurde die Befragung nur in drei der sechs Stadtbezirke
von Shenzhen durchgeführt. Hierbei handelt es sich um die alte Sonderwirtschaftszo-
ne Louhu, dem Kultur und Bildungsdistrikt Nanshan sowie das neue Industrieviertel
Baoan. Da der Umfang der offiziellen Daten unzureichend war, war es notwendig Infor-
mationen über die Struktur der Stadt (Straßen, Wohnungen und Stadtbezirke) selbst
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 31
zusammenzustellen. Hierzu wurde auf Regierungsinformationen, offizielle Statistiken
und Migrantenbefragungen, die von der Universität Shenzhen durchgeführt wurden,
zurückgegriffen. Nachdem diese Informationen zusammengestellt waren, wurden rund
zehn Straßen von jedem Bezirk zufällig ausgewählt. Anschließend wurden Häuser und
Gebäude und letztlich Haushalte ausgewählt. Die Befragung wurde direkt von einem
Interviewer durchgeführt. Der Datensatz setzt sich wie folgt zusammen:
Distrikt Stichproben-
größe
Shenzhen
Registrie-
rung
Ohne
Shenzhen
Registrie-
rung
Städtische
Registrierung
Ländliche Re-
gistrierung
Nanshan 1.031 368 663 577 454
Luohu 1.065 349 716 636 429
Baoan 850 92 758 350 500
Summe 2.946 809 2.137 1.563 1.383
Tabelle 1.1: Shenzhen Haushaltsbefragung 2005: Individualstichprobe
Fehlende Daten, ebenso wie offensichtlich nachgewiesen falsche Daten, wurden ent-
fernt, um den letztendlich genutzten Datensatz zusammenzustellen. Des Weiteren wur-
den Einkommen unter null oder über 1.250.000 Yuan entfernt und als Ausreißer be-
trachtet. Für die ökonometrische Analyse in diesem Kapitel wurde die Stichprobe wei-
terhin auf die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter zwischen 16 und 65 eingeschränkt.
Die Analyse der Einkommensunterschiede in diesem Kapitel beruht auf den Indivi-
dualdaten. Die Haushaltsdaten werden in den folgenden Kapiteln über Armut und
Vulnerabilität verwendet.
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 32
1.2.3 Deskriptive Fakten
Die Analyse beginnt mit einem Blick auf die Einkommensunterschiede in Shenzhen. Da
in diesem Kapitel die individuellen Einkommen im Vordergrund stehen, wird der Gi-
ni Koeffizient auf Basis der individuellen Einkommen berechnet. Die in Abbildung 1.1
dargestellte Lorzenkurve der Personen zwischen 16 und 65 mit einem positiven Einkom-
men zeigt eine deutliche Ungleichverteilung des Einkommens. Der Gini Koeffizient von
0.6 bestätigt ein drastisches Maß an Disparität in dieser Stadt. Das außergewöhnliche
Wachstum der Stadt in den letzten Jahrzehnten hat zu einer großen Spanne zwischen
den Einkommen geführt.
Abbildung 1.1: Lorenzkurve der 16-65 jährigen mit Einkommen im Jahr 2005
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 33
Berechnet man den Gini Koeffizienten nicht auf Basis der Individualdaten r die
einzelnen Einkommen, sondern auf Basis des pro Kopf Haushaltseinkommens, wie in
vielen Studien üblich, so beträgt er 0.56.4Vergleicht man diesen Wert mit dem Wert
von 0.42 für China insgesamt und mit denen der BRIC Staaten von 0.38 für Russland,
0.37 für Indien und 0.56 für Brasilien, so wird das Ausmaß der Disparität deutlich.5
Einzig in Brasilien herrscht eine ebenso ausgeprägte Einkommensungleichheit vor. Im
Weiteren sollen nun die Gründe für die Einkommensdifferentiale genauer betrachtet
werden.
Da Humankapital als eine der maßgeblichen Einkommensdeterminanten gilt sollten
formale Qualifikation und Einkommensunterschiede unter Marktbedingungen eng mit-
einander verknüpft sein. Wenn also formale Ausbildung und Qualifikation Einkommen
generiert, dann sollten Unterschiede in der formalen Qualifikation Einkommensdifferen-
ziale bedingen. Es stellt sich somit die Frage, ob diese Einkommensdifferentiale haupt-
sächlich zwischen den Ausbildungsgruppen beobachtet werden können oder innerhalb
dieser Gruppen. Hieraus lassen sich Rückschlüsse ziehen, ob Ausbildung der domi-
nante einkommensgenerierende Faktor ist oder andere persönliche Eigenschaften oder
soziale Normen und Politikmaßnahmen weitaus bedeutender sind. Die Bevölkerung
wird bezüglich verschiedener Bildungsabschlüsse beziehungsweise formaler Qualifikati-
on gruppiert. Abschlüsse und formale Qualifikationen werden als Gruppierungsmerk-
male gewählt, da davon auszugehen ist, dass auch in Entwicklungsländern der Einfluss
dieser Faktoren auf das Einkommen hoch ist. Die Ergebnisse der Theilindexszerlegung
bezüglich der verschiedenen Bildungsgruppen sind in Abbildung 1.2 beschrieben. Für
4Vgl. auch Gravemeyer, Gries, Xue 2011-1.
5Quelle: World Development Indicators, Weltbank 2005.
1.2 Einkommensverteilung in Shenzhen 34
Abbildung 1.2: Theil Index zerlegt nach Bildungsabschlüssen
1.3 Empirische Analyse 35
Shenzhen ergibt sich ein Zwischengruppen-Theil-Index von 0,198 und einen gruppenin-
terner Theil-Index von 0,486. Der Gesamtwert des Theil Disparitätmaßes beträgt 0,684.
Hieraus ist ersichtlich, dass ungefähr 30% der Summe der Einkommensdisparität durch
Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Bildungsgruppen generiert wird.
Der Rest der Disparität (ungefähr 70%) wird durch Einkommensunterschiede innerhalb
der verschiedenen Bildungsstufen generiert. Hieraus lässt sich folgern, dass ein großer
Teil der Einkommensdifferentiale nicht ausschließlich durch unterschiedliche Ausstat-
tung mit Humankapital erklärt werden kann. Andere Faktoren scheinen ebenso von
großer Bedeutung zu sein.
Zweck der nun folgenden empirischen Analyse ist es, Faktoren zu finden, die die
Einkommensunterschiede innerhalb der Gruppen erklären können. Insbesondere soll
hierbei zusätzlich auf die Unterschiede zwischen Migranten und Nichtmigranten sowie
die Rolle des Registrierungssystems generell eingegangen werden.
1.3 Empirische Analyse
Auf die deskriptive Darstellung des Problems folgt nun die ökonometrische Analyse,
um den Einfluss, den sowohl Humankapital als auch Faktoren, die unabhängig vom
Humankapital sind auf das Einkommen und somit auch auf die Einkommensdispa-
rität haben, quantifizieren zu können. Politikmaßnahmen, persönliche Eigenschaften
sowie soziale Normen werden als Faktoren identifiziert, die einen signifikanten Einfluss
auf das Einkommen haben und somit die Disparität in den Bildungsgruppen erklären
können. Im Anschluss hieran wird, um den Grad und Einfluss, den Diskriminierung
1.3 Empirische Analyse 36
relativ zu den Produktionsfaktoren ausübt festzustellen, eine Zerlegung der Regression
vorgenommen.
1.3.1 Bildung als Einkommensdeterminante im Mincermodell
Das Mincermodell basiert auf der Humankapitalinvestitionsentscheidung wie sie zuerst
von Becker (1962) und Mincer (1958, 1962) vorgestellt wurde.6Hierbei wird unter-
stellt, dass die Menge an Bildung so gewählt wird, dass sie den Gegenwartswert aller
zukünftigen Einkommen bis zum Renteneintritt T, abzüglich den Kosten der Bildung,
optimiert. Im Optimum ist dann der Gegenwartswert des Schuljahres sgleich den Kos-
ten dieses weiteren Schuljahres. Die Bedingung für das Optimum ist:
Ts
X
t=1
wsws1
(1 + rs)t=ws1+cs
cs:= Kosten der Schulbildung
s:= Schuljahre
rs:= Interne Rendite
ws:= Lohn
(1.11)
Hieraus ergibt sich implizit, dass eine Investition in das Schuljahr sdann getätigt
wird, wenn die interne Rendite für dieses Schuljahr größer ist als die Verzinsung am
6Die hier folgende kurze Zusammenfassung beruht maßgeblich auf Harmon et al. (2001, 2003), die
einen ausführlichen Überblick über die Entwicklung der privaten Humankapitalinvestitionsent-
scheidung, deren empirische Umsetzung und der Kritik daran, liefern.
1.3 Empirische Analyse 37
Markt. Für T ergibt sich aus 1.11 die geometrische Reihe, die die folgende Lösung
hat:
wsws1
rs
=ws1+cs(1.12)
Ist darüber hinaus csausreichend klein, so ergibt sich, dass die Rendite für das
Schuljahr sim Optimum gleich der Einkommensdifferenz zwischen dem Verlassen der
Schule zum Zeitpunkt sund s1ist:
rswsws1
ws1
(1.13)
Somit lässt sich die Rendite für die Schuljahre durch die Veränderung des Einkom-
mens bei Variation der Dauer der Ausbildung ermitteln. Um die letztlich verwendete
Schätzgleichung zu erhalten, müssen weitere Annahmen getroffen werden. Die Rendi-
te rwird als konstant im Verhältnis zu dem potentiellen Einkommen Ytund der in
Ausbildung verbrachten Zeit htangenommen.
r=4Yt
htYt
(1.14)
Bei einer Vollzeitausbildung gilt ht= 1 und somit für das Einkommen nach sJahren
Schule Ys=Y0ers. Für die Zeit nach der Vollzeit Schulausbildung wird von einer
linearen Abnahme der Zeit, die in Ausbildung verbracht wird, ausgegangen: ht=h0
h0
Tt. Für das Jahr xnach der Schulausbildung gilt dann für das Einkommen:
1.3 Empirische Analyse 38
Yx=Ysexp rZx
0
htdt,mit:
Zx
0
htdt =h0x1
2
h0
Tx2
(1.15)
Kann nun Y0als lineare Funktion der persönlichen Eigenschaften Xausgedrückt
werden, dann gilt: Ys=Y0ers =Xβers. Durch einsetzen in 1.15 erhält man für das
Einkommen nach sSchuljahren und xJahren Erfahrung:
Yx=Y0ers exp rh0x1
2
h0
Tx2
log Yx= log Y0+rs +rh0xrh0
2Tx2
(1.16)
Setzt man nun für das tatsächliche Einkommen wx= (1 hx)Yx=YxhxYxein,
so erhält man letztlich:
log wx=Xβ +rs +rh0xrh0
2Tx2+ log (1 hx)(1.17)
Die empirische Approximation dieses humankapialtheoretischen Zusammenhanges
ist die traditionelle Mincergleichung.7Mit ihr lässt sich die private Bildungsrendite
für das Individuum iermitteln. Der quadrierte Wert der potentiellen Erfahrung trägt
hierbei dem parabelförmigen Profil des Einkommens über den Lebenszyklus Rechnung:
7Für weitere Ausführungen zur Herleitung siehe Harmon (2001).
1.3 Empirische Analyse 39
log wi=Xiβ+rsi+δxi+γx2
i+i
X:= Persönliche Eigenschaften
x:= Maß für außerschulische Erfahrung bzw. potentielle Erfahrung
γ, β, r := Schätzparameter
i:= Störterm
(1.18)
Mit Hilfe dieser Gleichung lässt sich nun die private interne Rendite für die schu-
lische Ausbildung ermitteln. Der Koeffizient rgilt dann als private Rendite für ein
Jahr Schulausbildung. Oftmals werden auch Indikatorvariablen, die unterschiedliche
Bildungsabschlüsse repräsentieren anstatt der Schuljahre in der Gleichung verwendet.
Vor- und Nachteile beider Messmethoden werden in der Literatur kontrovers diskutiert.
Schulabschlüsse können eine Signalwirkung8haben und die Annahme eines konstanten
proportionalen Effektes der Schuljahre auf das Einkommen stören (u.a. Card 1999).
Auch Wößmann (2003) stellt die Problematik der Annahme proportionaler Renditen
heraus und plädiert dafür die Renditen in verschiedenen Schulformen unterschiedlich
zu gewichten. Auf der anderen Seite werden die Probleme bei der Bewertung nicht
vollendeter Schulabschlüsse gesehen. Die grundlegende Spezifikation der Mincerglei-
chung stellt er jedoch nicht in Frage. Park (1994) stellt in diesem Zusammenhang
heraus, dass die einfache lineare Spezifikation mittels Schuljahren in der Praxis wenig
Nachteile mit sich bringt. Im weiter unten beschrieben Modell werden um beiden Ar-
gumentationen Rechnung zu tragen, sowohl durchschnittliche Renditen, als auch die
8Oftmals auch als Sheepskin Effekt bezeichnet.
1.3 Empirische Analyse 40
Renditen pro Abschluss verwendet.
1.3.2 Ökonometrisches Modell
Als erster Schritt wird das Standard Mincermodell (Mincer 1958, 1962, 1974; Becker
1962; Becker und Chiswick 1966) eingesetzt, um die Bildungsrenditen zu schätzen.
Trotz häufiger Kritik am Mincermodell, die sowohl die funktionale Form betrifft (Har-
mon et al. 2003) und zahlreicher ökonometrischer Probleme, wie sie u.a. von Griliches
(1977), Murphy und Welch (1990) oder Card (2001) herausgestellt werden, wird das
Mincermodell im Allgemeinen immer noch als valide und robuste Methode zur Schät-
zung von Bildungsrenditen bzw. des Einflusses von Bildung auf das Einkommen gesehen
(Lemieux 2006). Ein häufig angebrachter Kritikpunkt bezieht sich auf unbeobachtete
Fähigkeit bzw. auf individuelle Effekte, die im Fehlerterm aufgefangen werden (Har-
mon et al. 2001). Korreliere diese unbeobachtete Fähigkeit mit der Schulentscheidung
entstünde eine Endogenitätsproblematik. Card (1999) stellt in diesem Zusammenhang
fest, dass die Bildungsrenditen, die mittels des traditionellen Mincermodells geschätzt
werden, nur eine geringe positive Verzerrung im Vergleich zu Zwillingsstudien aufwei-
sen. Dies wird auch durch Psacharopoulos und Patrionos (2002) bestätigt. Sie stellen
fest, dass die Ergebnisse im Durchschnitt mit ihrer international sehr breit aufgestellten
Zusammenfassung der Bildungsrenditen übereinstimmen und folgern, dass die genaue
Schätzmethodik wenig Einfluss auf die Ergebnisse ausübt. Auch Wößmann (2003) stellt
fest, dass sich die log-lineare Mincerspezifikation in zahlreichen arbeitsökonomischen
Studien als beste Approximation erwiesen hat.
1.3 Empirische Analyse 41
Einfaches Mincermodell
Die Analyse beginnt mit der einfachen Form des Mincermodells als Referenz- und Ver-
gleichsmodell. In einem nächsten Schritt werden weitere erklärende Variablen hinzuge-
fügt, um die Auswirkungen dieser Faktoren auf das Einkommen betrachten zu können.
Hierbei wird bewusst darauf verzichtet, dass spezifische Modell aus dem allgemeine-
ren zu entwickeln, um einen Anknüpfungspunkt zu weiteren vergleichenden Studien
zu erhalten. Erst später, im erweiterten Modell, werden insignifikante Variable ohne
zusätzlichen Informationswert aus dem voll spezifizierten Modell eliminiert, um das
verwendete Modell zu erhalten.
ln yi=α+β1agei+β2age2
i+β3lowi+β4seci+β5highi+i(1.19)
Auf der linken Seite der Regressionsgleichungen befindet sich der Logarithmus des
Stundenlohns yi, der hier als Maß für das Einkommen dienen soll. Vorteilhaft bei der
Verwendung des Stundenlohns im Vergleich zu Monats- oder Jahreslöhnen ist, dass ein
höherer Verdienst aufgrund längerer Arbeitszeit berücksichtigt wird. Auf der rechten
Seite befinden sich die Standardvariablen des einfachen Mincermodells. Hierbei han-
delt es sich um das Alter (age), das quadrierte Alter und Indikatorvariablen für die
verschiedenen Schulabschlüsse. Die Indikatorvariablen low, middle und high repräsen-
tieren die entsprechenden Bildungsabschlüsse und entsprechen einer Anzahl von 6, 10,5
und 16,6 Schuljahren. Aufgrund der vorhandenen Datenbasis werden in dieser Analyse
die Abschlüsse lediglich aus den Jahren generiert.
1.3 Empirische Analyse 42
Um eine bessere Vergleichbarkeit mit anderen Studien zu gewährleisten, wird die
gleiche Regression ebenso mit der Anzahl an Schuljahren anstatt der Indikatorvariablen
für die unterschiedlichen Bildungsabschlüsse durchgeführt.
ln yi=α+β1agei+β2age2
i+β3schoolingi+i(1.20)
Es wird das Alter und sein quadrierter Wert verwendet, um potentielle Erfahrung
sowie die abnehmenden Erträge über den Lebenszyklus abzubilden. Laut Harmon et al.
(2003) ist ein geringerer Einfluss dieser Variablen im Vergleich zum originalen Mincer-
modell, in dem das schulzeitbereinigte Alter verwendet wird, zu erwarten. Viele Studien
legen jedoch die Verwendung des Lebensalters als Schätzwert für die potentielle Erfah-
rung nahe (vgl. u.a. Mazumdar 1981).
Da in den Daten Heteroskedastizität, welche u.a. durch eine steigende Varianz der
Einkommen mit zunehmendem Lebensalter sowie zunehmende Messfehler bzw. Er-
hebungsfehler bei steigenden Einkommen verursacht werden kann, zu vermuten ist,
wurde ein Breusch-Pagan Test (Breusch und Pagan 1979) sowie ein White Test (White
1980) auf Heteroskedastizität durchgeführt. Der Breusch-Pagan Test verwirft die H0
Hypothese einer konstanten Varianz mit einem 95% Konfidenzniveau. Der White Test
verwirft die Annahme auf einem 99% Niveau. Zur Korrektur der vorliegenden Heteros-
kedastizität werden aus diesem Grunde White-korrigierte Standardfehler verwendet.
Zusätzlich zu den einzelnen in den Tabellen dargestellten Signifikanztests wurden
alle Koeffizienten auch auf blockweise Signifikanz getestet. Hierbei erwiesen sich auch
alle Koeffizientenblöcke bei einem Konfidenzniveau von 99% als signifikant. Neben dem
1.3 Empirische Analyse 43
Name & Erwartetes Vorzei-
chen
Beschreibung
ln yiLogarithmiertes Lohneinkommen pro Stun-
de
Humankapital
low (+) Abgeschlossene Grundschulausbildung
sec (+) Abgeschlossene Sekundärausbildung (Juni-
or High, High School, Technical College)
high (+) Abgeschlossene Tertiärausbildung (Junior
College, Universität, Postgraduierte)
schooling (+) Abgeschlossene Schuljahre
Potentielle Erfahrung
age (+) Alter in Jahren
agesq (+) Alter quadriert
Tabelle 1.2: Variablen Beschreibung: Einfaches Mincermodell
Namen und der Beschreibung der Variablen, wurde ebenso das erwartete Vorzeichen,
in Klammern hinter dem Namen, mit in die Übersicht in Tabelle 1.2 aufgenommen.
ln yi=α+β1agei+β2age2
i+β3lowi+β4seci+β5highi+i(1.21)
Erweitertes Mincermodell
In einem nächsten Schritt wird das Standard Mincermodell um zusätzliche Variablen
erweitert. Um die Relevanz anderer Faktoren als Humankapital festzustellen, sowie
ihren Einfluss auf das Einkommen quantifizieren zu können, werden weitere Variablen
zu dem einfachen Mincermodell hinzugefügt. Die zusätzlichen Variablen Xjlassen sich
in vier Gruppen aufteilen. Die Auswahl der Variablen basiert auf denen in der Literatur
identifizierten Faktoren. Variablen, die den Gesundheitszustand, Zufriedenheit oder
1.3 Empirische Analyse 44
Netzwerkbildung abbilden sollen, wurden aus dem Modell eliminiert. Sie erwiesen sich
als nicht signifikant und konnten ohne eine Verschlechterung des Informationskriteriums
entfernt werden.
ln yi=α+β1agei+β2age2
i+β3lowi+β4seci+β5highi+
J
X
j=6
βjXji +i(1.22)
1.3 Empirische Analyse 45
Name & Erwartetes Vorzei-
chen
Beschreibung
ln yiLogarithmiertes Lohneinkommen pro Stun-
de
Humankapital
low (+) Abgeschlossene Grundschulausbildung
sec (+) Abgeschlossene Sekundärausbildung (Juni-
or High, High School, Technical College)
high (+) Abgeschlossene Tertiärausbildung (Junior
College, Universität, Postgraduierte)
schooling (+) Abgeschlossene Schuljahre
Potentielle Erfahrung
age (+) Alter in Jahren
agesq (+) Alter quadriert
infedu (+) Informelle Ausbildung
stay (+) Aufenthalt in Shenzhen in Jahren
job_changes (+) Anzahl der Arbeitsplatzwechsel
Persönliche Eigenschaften
male (+) Indikator Variable für das Geschlecht
(Männlich=1)
married (+) Indikator Variable für Familienstand (Ver-
heiratet=1)
Soziale Normen und Politik-
maßnahmen
rural (-) Indikator Variable für die Registrierung
(Ländlich=1)
sez (+) Indikator Variable für den Wohnort (Inner-
halb SEZ=1)
commi (+) Indikator Variable für die Mitgliedschaft in
der KP (Mitglied=1)
friendjob (+) Indikator Variable=1 wenn der Arbeits-
platz durch einen Freund beschafft wurde
Arbeitsplatz Eigenschaften
stateshare (+) Indikator Variable=1 für ganzen oder teil-
weisen Staatsbesitz des Arbeitgebers
foreignshare (+) Indikator Variable=1 für ausländischen Ar-
beitgeber oder Joint Venture
Tabelle 1.3: Variablen Beschreibung: Erweitertes Mincermodell
1.3 Empirische Analyse 46
1.3.3 Ergebnisse
Die Ergebnisse aller Regressionen sind in den Tabellen 1.4, 1.5, 1.6 und 1.7 dargestellt.
Um einen Vergleich der Aussagekraft des erweiterten und des einfachen Mincermodells
zu ermöglichen wurde, das Akaike Informationskriterium (vgl. u.a. Greene 2003) aic
für beide Modelle berechnet. Ebenso wird das adjustierte R2(r2_a) sowie die Wurzel
der mittleren quadratischen Abweichung (rmse) angegeben.
model1 model2
b P-Wert SF b P-Wert SF
Age 0.098 (0.000) (0.018) 0.046 (0.011) (0.018)
agesq -0.001 (0.000) (0.000) -0.001 (0.003) (0.000)
low 0.103 (0.400) (0.122) 0.069 (0.492) (0.100)
sec 0.780 (0.000) (0.109) 0.344 (0.000) (0.090)
high 2.214 (0.000) (0.110) 1.232 (0.000) (0.106)
male 0.366 (0.000) (0.039)
infedu 0.173 (0.003) (0.058)
commi 0.199 (0.008) (0.075)
sez 0.208 (0.000) (0.043)
job_changes -0.033 (0.003) (0.011)
married 0.282 (0.000) (0.068)
friendjob -0.137 (0.004) (0.047)
stateshare 0.190 (0.112) (0.119)
foreignshare 0.330 (0.000) (0.062)
stay 0.025 (0.000) (0.003)
rural -0.716 (0.000) (0.055)
_cons -0.721 (0.018) (0.305) 0.571 (0.056) (0.299)
rmse 0.932 0.816
N 1891.000 1879.000
r2_a 0.420 0.555
aic 5108.044 4586.593
Tabelle 1.4: Regressionsergebnisse mit Indikator Variablen. Einfaches- und erweitertes
Mincermodell
Da in der Regression mit Indikatorvariablen für die Bildungsabschlüsse insbesondere
1.3 Empirische Analyse 47
zwischen dem Alter und seinem quadrierten Wert, sowie zwischen den Bildungsstufen
Multikollinearität vermutet werden kann, wurden die Varianz Inflationsfaktoren (VIF)
berechnet (Greene 2003). Wie vermutet liegen hohe Werte knapp unter 60 für die
Altersvariablen (age, agesq) vor. Für die sekundäre und tertiäre Bildung liegen sie
knapp unter sieben was im akzeptablen Bereich liegt. Ansonsten sind die Werte deutlich
unter zwei. Um aufgrund der hohen VIF Werte der Altersvariablen einen Einfluss auf
die Signifikanz der Ergebnisse auszuschließen, wurde die Regression mit Schuljahren
auch ohne Altersvariablen durchgeführt. Dies hat keine signifikante Auswirkung auf
die Signifikanz der erklärenden Variablen.
Nachdem sich, wie Tabelle 1.4 zu sehen ist, herausstellte, dass die ländliche Regis-
trierung ein relevanter Faktor ist, wurde die Äquivalenz der Koeffizienten für beide
Gruppen, ländlich registriert und nicht ländlich registriert, getestet. Hierzu wurde der
Chow-Test bzw. Chow F-Test (Chow 1960) herangezogen. Mit Hilfe dieses Verfahrens
kann mittels eines F-Tests überprüft werden, ob die Annahme konstanter Parameter
in zwei Gruppen aber auch z.B. über mehrere Querschnitte oder auch Zeitreihen, ge-
rechtfertigt ist (Johnston und Dinardo 1997). Mit einem 95% Konfidenzniveau muss die
Annahme gleicher Parameter für beide Gruppen verworfen werden. Hieraus ergab sich,
dass beide Gruppen signifikant unterschiedlich sind und nicht gepoolt werden sollten.
Aus diesem Grunde werden getrennte Regressionen für beide Gruppen durchgeführt.
Hierbei entsprechen die Ergebnisse mit der Endung aden Nichtmigranten und die
Ergebnisse mit der Endung bdenen der Migranten.
1.3 Empirische Analyse 48
model3a model3b
b P-Wert SF b P-Wert SF
Age 0.096 (0.003) (0.032) 0.053 (0.001) (0.016)
agesq -0.001 (0.006) (0.000) -0.001 (0.000) (0.000)
low 0.131 (0.787) (0.484) -0.002 (0.982) (0.075)
sec 0.153 (0.655) (0.342) 0.220 (0.002) (0.070)
high 0.983 (0.004) (0.344) 1.138 (0.000) (0.131)
male 0.333 (0.000) (0.059) 0.443 (0.000) (0.042)
infedu 0.131 (0.047) (0.066) 0.341 (0.003) (0.116)
commi 0.185 (0.022) (0.081) 0.077 (0.598) (0.146)
sez 0.410 (0.000) (0.074) 0.068 (0.133) (0.045)
job_changes -0.051 (0.005) (0.018) -0.019 (0.125) (0.012)
married 0.318 (0.001) (0.095) 0.311 (0.000) (0.073)
friendjob -0.243 (0.005) (0.086) -0.069 (0.164) (0.049)
stateshare 0.202 (0.080) (0.115) -0.014 (0.965) (0.317)
foreignshare 0.353 (0.000) (0.080) 0.233 (0.002) (0.074)
stay 0.024 (0.000) (0.004) 0.016 (0.019) (0.007)
_cons -0.440 (0.454) (0.587) 7.945 (0.000) (0.283)
rmse 0.879 0.634
N 976.000 924.000
r2_a 0.363 0.299
aic 2534.384 1794.562
Tabelle 1.5: Regressionsergebnisse mit Indikatorvariablen. Getrennte Regressionen
Die Unterschiede zwischen dem einfachen und dem erweiterten Mincermodell sind si-
gnifikant. Wie am Akaike Informationskriterium in Tabelle 1.4 zu sehen ist, ist die Güte
des erweiterten Modells höher als die des einfachen. Es ist ein deutlicher Einfluss der
zusätzlichen Variablen auf das Einkommen ersichtlich. Die Variablen des erweiterten
Modells wurden ebenso auf blockweise Signifikanz getestet. Bei einem Konfidenzniveau
von 99% erweisen sie sich als signifikant. Das erweiterte Modell hat mit einem R2von
ca. 54% sowohl für das Modell mit Indikatorvariablen, als auch für das Modell mit
Schuljahren als unabhängige Variable, einen sehr guten Erklärungsgehalt. Auch die
getrennten Regressionen im model3a und model3b weisen mit einem R2zwischen 0.29
1.3 Empirische Analyse 49
model1 model2
b P-Wert SF b P-Wert SF
Age 0.113 (0.000) (0.017) 0.063 (0.000) (0.018)
agesq -0.001 (0.000) (0.000) -0.001 (0.000) (0.000)
schooling 0.192 (0.000) (0.006) 0.107 (0.000) (0.008)
male 0.312 (0.000) (0.039)
infedu 0.190 (0.001) (0.057)
commi 0.204 (0.005) (0.072)
sez 0.209 (0.000) (0.045)
job_changes -0.033 (0.003) (0.011)
married 0.243 (0.001) (0.070)
friendjob -0.147 (0.002) (0.048)
stateshare 0.212 (0.054) (0.110)
foreignshare 0.344 (0.000) (0.064)
stay 0.021 (0.000) (0.003)
rural -0.746 (0.000) (0.058)
_cons -2.083 (0.000) (0.284) -0.339 (0.269) (0.306)
rmse 0.926 0.823
N 1879.000 1867.000
r2_a 0.427 0.547
aic 5048.196 4588.045
Tabelle 1.6: Regressionsergebnisse mit Schuljahren. Einfaches und erweitertes Mincer-
modell
1.3 Empirische Analyse 50
model3a model3b
b P-Wert SF b P-Wert SF
Age 0.098 (0.003) (0.034) 0.061 (0.000) (0.017)
agesq -0.001 (0.009) (0.000) -0.001 (0.000) (0.000)
schooling 0.132 (0.000) (0.015) 0.058 (0.000) (0.007)
male 0.302 (0.000) (0.059) 0.404 (0.000) (0.044)
infedu 0.131 (0.043) (0.065) 0.334 (0.004) (0.116)
commi 0.148 (0.066) (0.080) 0.078 (0.568) (0.136)
sez 0.375 (0.000) (0.075) 0.050 (0.285) (0.047)
job_changes -0.046 (0.010) (0.018) -0.024 (0.046) (0.012)
married 0.277 (0.005) (0.098) 0.287 (0.000) (0.078)
friendjob -0.281 (0.001) (0.085) -0.059 (0.235) (0.050)
stateshare 0.179 (0.092) (0.106) 0.106 (0.800) (0.419)
foreignshare 0.300 (0.000) (0.080) 0.350 (0.000) (0.088)
stay 0.022 (0.000) (0.004) 0.014 (0.026) (0.006)
_cons -1.588 (0.003) (0.532) 7.514 (0.000) (0.284)
rmse 0.879 0.644
N 970.000 918.000
r2_a 0.360 0.277
aic 2517.252 1811.267
Tabelle 1.7: Regressionsergebnisse mit Schuljahren. Getrennte Regressionen
1.3 Empirische Analyse 51
und 0.36 ebenso einen guten Erklärungsgehalt auf. Die Unterschiede in den Koeffizien-
ten der städtisch und der ländlich registrierten Untergruppen sind klar ersichtlich. Um
einen besseren Überblick insbesondere bezüglich der unterschiedlichen Bildungsrendi-
ten zwischen Migranten und Nichtmigranten zu erhalten, werden diese in Tabelle 1.8
aufgeschlüsselt dargestellt. Die Renditen ergeben sich direkt aus den entsprechenden
Koeffizienten der Regressionen wie im Abschnitt 1.3.1 theoretisch erläutert wurde.
Registrierung Primär Sekundär Tertiär Pro Schuljahr
Städtisch (0,13) (01,15) 0,98 0,13
Ländlich (-0,02) 0,22 1,14 0,06
Zusammen (0,07) 0.34 1,23 0,11
Tabelle 1.8: Bildungsrenditen
Eine genauere Interpretation der Ergebnisse erfolgt im Anschluss zusammen mit den
Resultaten der Regressionszerlegung.
1.3.4 Zerlegung
Auf Basis der ökonometrischen Analyse im vorherigen Kapitel wird die Oaxaca-Blinder
Zerlegungsmethode (Oaxaca 1973; Blinder 1973) für Regressionen verwendet, um fest-
zustellen, inwieweit eine unterschiedliche Faktorausstattung oder unterschiedliche Ren-
diten für die Faktoren, die Unterschiede im Durchschnittseinkommen für Migranten und
Nichtmigranten erklären können. Die Faktorausstattung bezieht sich in diesem Kontext
auf die Anzahl an Einheiten einer bestimmten Variable. In diesem Fall beispielsweise
Anzahl der Schuljahre. Die Rendite ergibt sich hierbei aus dem Regressionskoeffizien-
ten. Er spiegelt die Rendite wieder, die aus einer zusätzlichen Einheit dieses Faktors
1.3 Empirische Analyse 52
ceteris paribus generiert werden kann. Die Unterschiede zwischen dem Durchschnitt-
seinkommen beider Gruppen lassen sich dann durch Unterschiede in der Faktoraus-
stattung oder unterschiedlichen Renditen für die Faktoren erklären. Hierbei wird ein
Unterschied in der Rendite als ein nicht erklärter Unterschied aufgefasst, der auf Diskri-
minierung zurückzuführen ist. Zwei unterschiedliche Gruppen erhalten für den gleichen
Faktor eine unterschiedliche Entlohnung, welches ein Hinweis auf Lohndiskriminierung
ist (Oaxaca 1973). Die Zerlegung wird auf das erweitere Mincermodell mit Schuljahren
und Indikator Variablen angewendet. Das Subscript rbezieht sich auf die Bevölkerung
mit ländlicher Registrierung und das Subscript uauf die städtisch Registrierten. Die
allgemeine Formel der Zerlegung lautet (Oaxaca und Ransom 1994):
¯
Yu¯
Yr=¯
Xu¯
Xrβ+¯
Xuˆ
βuβ+¯
Xrβˆ
βr
β:= ˆ
βu+ (IΩ) ˆ
βr
:= Gewichtungsmatrix (Diagonalmatrix)
ˆ
βi:= Vektor der Koeffizienten der Gruppe i
¯
Xi:= Vektor der Mittelwerte der Variablenwerte der Gruppe i
¯
Yi:= Durchschnittseinkommen der Gruppe i
I:= Einheitsmatrix
(1.23)
Die Oaxaca-Blinder Zerlegungsmethode benötigt die Wahl einer Referenzgruppe, zu
der die Unterschiede in das Verhältnis gesetzt werden können. Hierzu muss ein entspre-
chender Wert für die Gewichtungsmatrix gewählt werden. In der Literatur werden
1.3 Empirische Analyse 53
Faktorausstattung Rendite (Diskriminierung)
Nichtmigranten, = 048 % 52 %
Migranten, = I52 % 48 %
Tabelle 1.9: Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse mit Indikator Variablen
unterschiedliche Meinungen in Bezug auf die Wahl der optimalen Gewichtungsmatrix
vertreten (vgl. u.a. Oaxaca und Ransom 1994). Hierbei sind u.a. zwei extreme Gewich-
tungen möglich. In dem hier vorliegenden Fall werden bei = 0die Nichtmigranten als
Referenzgruppe gewählt. Bei = Ibilden die Migranten die Referenzgruppe. Dies ent-
spricht dem Vorgehen von Oaxaca und Ransom (1994) die sowohl die Werte für = 0
als auch für = Iberechnen. Sie gehen davon aus, dass der wahre Wert sich inner-
halb der Grenzen bewegt die durch die Berechnung mit den beiden unterschiedlichen
Gruppen als Referenz generiert werden. Für = 0erhält man aus 1.23:
¯
Yu¯
Yr=¯
Xu¯
Xrˆ
βr+¯
Xuˆ
βuˆ
βr(1.24)
¯
Yu¯
Yr=¯
Xu¯
Xr(ˆ
βuˆ
βr)
2+(¯
Xu+¯
Xr)
2ˆ
βuˆ
βr(1.25)
Der Unterschied im Durschnittseinkommen ¯
Yu¯
Yrder Migranten und Nichtmigran-
ten wird durch zwei Komponenten erklärt. Der erste Term gibt den Unterschied in der
Faktorausstattung an und der zweite Term den Unterschied in den Renditen der Fakto-
ren. Die Herleitung der Formel für = Iist analog. Die Berechnung für das erweiterte
Modell für beide Referenzgruppen sind in den Tabellen 1.9 und 1.10 dargestellt.
Es ist ersichtlich, dass das Ausmaß an Diskriminierung, je nach Wahl der Referenz-
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 54
Faktorausstattung Rendite (Diskriminierung)
Nichtmigranten, = 059 % 41 %
Migranten, = I34 % 66 %
Tabelle 1.10: Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse mit Schuljahren
gruppe, im Modell mit Indikatorvariablen zwischen 48% und 52% schwankt. Dies be-
deutet, dass circa die Hälfte des durchschnittlichen Einkommensunterschiedes zwischen
den Einwohnern mit ländlicher und denen mit städtischer Registrierung durch einen
Unterschied in der Verzinsung der Faktoren und die andere Hälfte durch einen Unter-
schied in der Ausstattung mit diesen Faktoren erklärt werden kann. Die Auswirkung
der gewählten Referenzgruppe ist stärker im Modell mit Schuljahren zu beobachten.
Hier schwankt der Renditeeffekt zwischen 41% und 66%. Unabhängig von der Wahl
der Referenzgruppe und Definition des Modells lässt sich somit ein erhebliches Maß an
Lohndiskriminierung gegen Migranten feststellen.
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen
Die Ergebnisse der ökonometrischen Analyse sowie der Zerlegung werden, nach der
vorgenommenen Kategorisierung der Variablen gegliedert, nun im Folgenden genauer
betrachtet. Insgesamt lässt sich aussagen, dass das Hinzufügen der zusätzlichen Va-
riablen zu einer deutlichen Verbesserung des Basismodells geführt hat. Die Regressi-
onsergebnisse des erweiterten Modells deuten darauf hin, dass neben Humankapital
weitere Faktoren durchaus relevant für das Einkommen in Shenzhen sind. Dies gilt für
die Signifikanz der Variablen aller Kategorien, die gebildet wurden. Einzig die Variable
stateshare erweist sich als durchgehend insignifikant.
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 55
1.4.1 Humankapital
Wie es laut Aussagen der Humankapitaltheorie zu erwarten war sind sowohl formelle
als auch informelle Bildung signifikant und beeinflussen das Einkommen positiv. Ein
Großteil des Einkommens kann durch formelle Bildung erklärt werden. Während ter-
tiäre und sekundäre Bildung einen starken positiven Einfluss auf das durchschnittliche
Einkommen zu haben scheinen, erscheint primäre Bildung insignifikant. Der positive
Einfluss von Bildung auf das Einkommen wächst mit der Höhe des Bildungsabschlusses.
Dies wurde ebenso im Allgemeinen für das städtische China nachgewiesen (Zhang et al.
2005). Die Bildungsrenditen, die sich in ihrer Studie aus dem einfachen Mincermodell
ergeben, sind ähnlich, obwohl sie eine größere Anzahl von Bildungsstufen verwenden
und das letzte beobachtete Jahr 2001 ist. Wird jedoch zu dem einfachen Mincermo-
dell der Indikatorvariable für das Geschlecht hinzugefügt, sind die Bildungsrenditen für
tertiäre Ausbildung deutlich geringer als in dieser Studie in der diese geschlechtsspe-
zifische Indikatorvariable ebenso verwendet wird. In der hier verwendeten Stichprobe
ist nur die Indikatorvariable für tertiäre Bildung betroffen, da der relative Anteil von
Männern mit dem Bildungsniveau steigt. Hierdurch reduziert die geschlechtsspezifische
Indikatorvariable die Rendite signifikant ab diesem Niveau der formalen Qualifikation.
Bezüglich der durchschnittlichen Bildungsrenditen wie sie durch die Schuljahre Varia-
ble schooling ausgedrückt wird, lässt sich sagen, dass Bildung einen stark positiven
Einfluss auf das Einkommen hat. Hierbei sind die Bildungsrenditen für Migranten und
Nichtmigranten durchaus unterschiedlich. Die Rendite für die städtisch Registrierten
ist deutlich höher als die OLS Schätzung von 8.5% von Heckman und Li (2003) für sechs
Provinzen im urbanen China im Jahre 2000. Der Wert nähert sich eher der Rendite von
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 56
6% der Migranten in Shenzhen im Jahre 2005 an. Auf die Unterschiede in den Renditen
zwischen Migranten und Nichtmigranten wird weiter unten genauer eingegangen.
Die Informelle Ausbildung hat ebenso einen positiven und signifikanten Einfluss auf
das persönliche Einkommen. Der Haupterklärungsgrund hierfür liegt in dem Zusam-
menhang zwischen informeller Ausbildung und individueller Produktivität (Xiao 2002).
Die Häufigkeit der Arbeitsplatzwechsel hat einen deutlichen negativen Einfluss auf das
Einkommen. Dies liegt chstwahrscheinlich darin begründet, dass die Häufigkeit der
Arbeitsplatzwechsel als Indikator für einfach substituierbares Humankapital betrach-
tet werden kann. Dieses wird hauptsächlich in minder qualifizierten Bereichen benötigt.
Des Weiteren hat sich gezeigt, dass die Länge des Aufenthaltes in Shenzhen einen po-
sitiven Einfluss auf das Einkommen hat. Dieses Ergebnis spricht für einen positiven
Effekt von Assimilation in die soziale Umgebung und Akkumulation regionenspezifi-
schen Wissens wie auch u.a. von Wan (2006) für Hongkong festgestellt wurde. Insgesamt
lässt sich jedoch feststellen, dass formelle Bildung einen deutlich größeren Einfluss als
informelle Bildung ausübt.
1.4.2 Persönliche Eigenschaften
Sowohl die Indikatorvariablen für Geschlecht ebenso wie diejenige für Familienstand
erweisen sich als hoch signifikant. Geschlechtsspezifische Diskriminierung bezüglich des
Lohneinkommens scheint hiermit auch in Shenzhen präsent zu sein. Auch die Ergebnisse
von Heckman und Li (2003), unterstreichen den positiven Einfluss den ein männliches
Geschlecht auf das Einkommen im urbanen China hat.
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 57
Jedoch ist unklar, ob der positive Einfluss der Ehe hauptsächlich durch traditionel-
le Ansichten und Meinungen oder durch eine bessere Motivation und eine gesteigerte
Produktivität verursacht wird wie er von Bishop et al. (2005), die ebenso einen deut-
lich Einfluss der Heirat feststellen, erklärt wird. Auch eine positive Wirkung auf die
Gesundheit, die sich direkt in einer gesteigerten Produktivität niederschlägt, ist eine
mögliche Erklärung.
1.4.3 Soziale Normen und Politikmaßnahmen
Die Tatsache, dass ein Arbeitsplatz, der mit Hilfe eines Bekannten oder Familienmit-
gliedes beschafft wurde, erweist sich als negativ für das Einkommen. Dies erscheint
insbesondere interessant, da soziale Netzwerke im Allgemeinen in Entwicklungs- und
Schwellenländern eine wichtige Rolle im Allokationsmechanismus spielen und meist
einen positiven Einfluss auf das Einkommen ausüben. Aufgrund der in China sehr
häufigen innerfamiliären Kompensation und Hilfszahlungen und generell starker Fa-
milienbande wurde ein positiver Einfluss dieser Variable unterstellt. Ein positiver Zu-
sammenhang wäre, wie u.a. von Fan (2001) beschrieben, insbesondere für Migranten
zu erwarten gewesen. Aufgrund dieser Zusammenhänge war davon auszugehen, dass
besser bezahlte Positionen im Allgemeinen vorzugsweise mit Familienangehörigen oder
Bekannten besetzt werden.
Das Resultat ist hier jedoch das Gegenteil. Die bestbezahlten Arbeiter fanden, wie
aus dem Datensatz hervorgeht, ihren Arbeitsplatz durch Zeitungsanzeigen. Diese Er-
gebnisse sprechen für einen effizienten Arbeitsmarkt, in dem persönliche Eigenschaften
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 58
und Produktivität ausschlaggebend sind und inoffizielle Arbeitsplatzvergabemechanis-
men, zumindest für besser bezahlte Arbeitsplätze, eher selten sind. Die Ergebnisse
deuten jedoch ebenso darauf hin, dass Hilfe bei der Arbeitsplatzsuche durch Freun-
de, Familie oder Bekannte hauptsächlich benötigt wird von Leuten, die eher minder
qualifiziert sind und daher eher gering bezahlte Arbeit annehmen.
Die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei scheint immer noch, zumindest
teilweise, von Bedeutung zu sein. Die Mitgliedschaft wirkt sich jedoch nur positiv für
die städtisch registrierte Bevölkerung aus. Dieser positive Einfluss der Parteimitglied-
schaft für städtisch Registrierte wird auch von Bishop et al. (2005) bestätigt. Sie stel-
len heraus, dass der Effekt jedoch bei den unteren Einkommensschichten am größten
und von zeitlich abnehmender Tendenz ist. Für den Fall Shenzhen lässt sich jedoch
auch beobachten, dass der Anteil an Mitgliedern in der kommunistischen Partei mit
zunehmendem Bildungsniveau drastisch zunimmt. Nahezu die Hälfte derer, die einen
postgraduierten Abschluss besitzen, sind Mitglieder der kommunistischen Partei, wobei
dies nur für ungefähr 10% der gesamten Stichprobe zutrifft.
Bewohner, die innerhalb der Stadtbezirke wohnen, die eine Special Economic Zone
im Jahre 1980 wurden, haben ein signifikant höheres Einkommen als Bürger, die nicht
in einem dieser Bereiche wohnen. Dies bedeutet einen klar positiven Effekt dieser Po-
litikmaßnahme. Dies stimmt mit den positiven Wachstumseffekten der SEZs in China
und insbesondere in Shenzhen überein (Yeung et al. 2009; Sklair 1991).
Auf die Auswirkungen des Resgistrierungsstatus wird aufgrund seiner großen Bedeu-
tung weiter unten getrennt eingegangen.
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 59
1.4.4 Arbeitsplatzeigenschaften
In Bezug auf die Eigentumsverhältnisse der Arbeitgeber-Firma betreffend zeichnet sich
ein differenziertes Bild ab. Während Staatsbesitz sich nicht signifikant auf das persönli-
che Einkommen auswirkt, ist Besitz durch eine ausländische Firma oder eine Koopera-
tion mit einer ausländischen Firma signifikant positiv für das persönliche Einkommen.
Auch in der Literatur sind die Ergebnisse bezüglich staatseigenen Betrieben differen-
ziert. Die Ergebnisse von Heckman und Li (2003), ebenso wie die von Lu und Song
(2006), weisen eine deutlich negative Auswirkung von Staats- oder Kollektivbesitz aus.
Dies steht im Kontrast zu den Ergebnissen von Knight und Song (2003), die einen ca.
10% Lohnzuschlag bei staatseigenen Betrieben im Vergleich zu Betrieben in Privatbe-
sitz sehen. In Bezug auf ausländische Firmen oder Joint Ventures zeigt sich bei ihnen,
wie auch bei Lu und Song (2006) und in den hier vorliegenden Ergebnissen, ein deutlich
positiver Effekt auf das Einkommen.
1.4.5 Auswirkung des Registrierungsstatuses bei Migranten
Im Allgemeinen lässt sich feststellen, dass die Registrierung einen äußerst wichtigen
Einfluss auf das persönliche Einkommen ausübt. Die getrennten Regressionen die in
den Tabellen 1.5 und 1.7 abgebildet sind, analysieren die Unterschiede zwischen bei-
den Gruppen im Detail. Die Ergebnisse der Zerlegung deuten darauf hin, dass je nach
Berechnungsmethode, über 40% des Einkommens durch Diskriminierung determiniert
werden. Diese Benachteiligung der nicht städtisch registrierten Migranten ist im Ein-
klang mit den Resultaten von Fan (2001) und Lu und Song (2006) die insbesondere
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 60
noch einmal den diskriminierenden Effekt der Registrierung im Falle von Tianjin her-
ausstellen.
Die Ergebnisse der getrennten Regression bestätigen, dass ländliche Registrierung
nicht nur einen absoluten negativen Effekt auf das Einkommen hat, sondern auch den
relativen Einfluss der verschiedenen einkommensdeterminierenden Faktoren verändert.
Viele der Faktoren, die das Einkommen der Personen mit städtischer Registrierung
beeinflussen, haben keinen Effekt auf das Einkommen derjenigen, die eine ländliche
Registrierung besitzen. Dies betrifft insbesondere die Mitgliedschaft in der kommu-
nistischen Partei, Wohnsitz in der SEZ oder Arbeitsplatzbeschaffung durch einen Be-
kannten. Diese Faktoren haben keinen Einfluss auf das Einkommen von Migranten mit
ländlicher Registrierung. Auch Lu und Song (2006) stellen die deutlichen Unterschiede
in den Koeffizienten für Migranten und Nichtmigranten in Tianjin heraus.
Bezüglich der Bildung lässt sich aussagen, dass Personen mit einer ländlichen Regis-
trierung sehr viel höhere relative Renditen für sekundäre und tertiäre Bildung haben als
Personen mit einer städtischen Registrierung. Dasselbe gilt für informelle Ausbildung.
Der Effekt kann maßgeblich durch die Verteilung der Bildung innerhalb der spezifi-
schen Subgruppen verursacht werden. Sehr viel weniger Land-Stadt Migranten haben
einen tertiären Bildungsabschluss. Ähnliches lässt sich bezüglich sekundärer Bildung
feststellen. Während für städtisch Registrierte sekundäre Bildung die Norm ist, haben
bei weitem nicht alle Land-Stadt Migranten sekundäre Bildung erfahren. Dies führt
zur Signifikanz dieser Variablen für ländlich Registrierte. Bezüglich der durchschnittli-
chen Bildungsrenditen, wie sie durch Schuljahre abgebildet werden, lässt sich bezüglich
der unterschiedlichen Gruppen sagen, dass primäre Bildung für beide Gruppen keinen
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 61
signifikant positiven Einfluss auf das Einkommen zu haben scheint. Dies liegt darin
begründet, dass nur sehr wenige Personen keine primären Bildungungsabschluss ha-
ben und somit ein solcher Abschluss kein hinreichendes Differenzierungsmerkmal für
ein höheres Einkommen ist. Trotz der Tatsache, dass beinahe 8% der Personen mit
ländlicher Registrierung keinen primären Bildungsabschluss haben, wirkt sich dieser
dennoch nicht positiv auf das Einkommen dieser Gruppe aus. Hierbei ist offensichtlich,
dass ein längerer Aufenthalt im Bildungssystemen sich besonders positiv für Migranten
auswirkt. Dies trifft sowohl auf sekundäre Bildung als auch insbesondere auf tertiäre
Bildung zu. Sehr viel weniger Personen mit ländlicher Registrierung besitzen einen ter-
tiären Bildungsabschluss, was zu erheblichen Renditen für diesen Abschluss innerhalb
ihrer Gruppe führt. Hieraus lässt sich folgern, dass die Förderung der Bildungsmög-
lichkeiten für die Migranten, insbesondere im tertiären Bereich, sich positiv auf die
Einkommensungleichheiten auswirken könnte.
Wie bereits erwähnt, haben bisher nur sehr wenige Studien diese Problematik in Be-
zug auf China und unter Berücksichtigung der Migranten analysiert. Eine Vergleichs-
möglichkeit besteht mit den Resultaten einer Arbeiterstudie in Tianjin, die ähnliche
aber auch gegensätzliche Zusammenhänge wie in Shenzhen in Tianjin auffindet (Lu
und Song 2006). Lohndiskriminierung gegen Migranten ebenso wie gegen Frauen wer-
den ebenso in dieser Provinz gefunden. Generell berichten sie von einem positiven
Einfluss der absolvierten Schuljahre auf das Einkommen ebenso wie von einem posi-
tiven Einfluss von Fortbildung bzw. informeller Bildung im Allgemeinen. Sie kommen
in Bezug auf die Schuljahre ebenso zu dem Schluss, dass die Bildungsrenditen der Mi-
granten (8%) deutlich niedriger sind als bei den Nichtmigranten (18%). Eine weitere
Studie, die in der Lage ist Bildungsrenditen für Migranten zu berechnen, kommt in
1.4 Einkommensdeterminanten in Shenzhen 62
Shanghai in Bezug auf Schuljahre zu anderen Ergebnissen (Meng und Zhang 2001). Sie
schätzen die durchschnittliche Rendite pro Schuljahr auf 4.8% für Migranten und 3.8%
für Nichtmigranten. Sie vermuten, dass Migranten sich in Segmenten des Arbeitsmarkt
konzentrieren in denen die Rendite höher ist, was mit den hier vorliegenden Ergebnis-
sen für höhere Bildung übereinstimmen würde. Im Gegensatz zu den hier berichteten
Ergebnissen wirkt sich in ihrem Fall jedoch Fortbildung mehr positiv für städtisch
registrierte Personen aus, als für ländlich Registrierte. Ebenso wird eine drastische
Lohndiskriminierung gegen Land-Stadt Migranten bestätigt, welche in diesem Fall si-
gnifikant höher ist als die innerhalb der Beschäftigungsverhältnisse. In einer weiteren
Studie wird nochmals herausgestellt, dass die Land-Stadt Migranten den Hauptteil der
armen Bevölkerung in Changsha ausmachen, wobei das Registrierungssystem ebenso
als Hauptproblem identifiziert wird (Song et al. 2009).
Die vorliegenden Ergebnisse unterstreichen den Einfluss von persönlichen Eigenschaf-
ten, Politikmaßnahmen und sozialen Normen auf die Höhe des Arbeitslohnes in Shenz-
hen. Insbesondere das Hukou Registrierungssystem erscheint als ein entscheidender
Faktor. Aufgrund der Tatsache, dass Shenzhen als erste Stadt den Status einer SEZ
erhielt und sich anschließend besonders schnell entwickelte, hat es eine besondere Rele-
vanz und Vorbildfunktion für die Entwicklung im städtischen Festlandchina insgesamt.
Aufgrund dieses Sonderstatus von Shenzhen sind die hohen Einkommensunterschiede,
die relevant nicht produktiver Faktoren und insbesondere die starke Diskriminierung
von Land-Stadt Migranten von besonderem Interesse. Die Lösung der Probleme er-
scheint hierbei nicht nur relevant für Shenzhen, sondern ebenso wichtig für die weitere
Entwicklung des städtischen China insgesamt.
1.5 Zusammenfassung 63
1.5 Zusammenfassung
Shenzhen dient oftmals als Beispiel für erfolgreiche Stadtentwicklung in China. Die-
se Analyse dient einem besseren Verständnis dieses Urbanisations- und Transformati-
onsprozesses. In Schwellenländern kann allgemein festgestellt werden, dass einerseits
produktivitätsorientierte bzw. marktorientierte Faktoren das Einkommen beeinflussen.
Auf der anderen Seite beeinflussen auch nicht produktivitätsorientierte Faktoren wie
persönliche Eigenschaften, Politikmaßnahmen, soziale Normen und Traditionen das
Einkommen. Der relative Einfluss dieser Faktoren auf das Einkommen wird oft als In-
dikator des sozioökonomischen Entwicklungsstatus während des Entwicklungsprozesses
gesehen. Aufgrund dessen ist diese Analyse besonders interessiert an der Relevanz dieser
nicht produktivitätorientierten Faktoren, ebenso wie an dem Ausmaß an Lohndiskrimi-
nierung in dieser, von vielen Chinesen als vorbildlich angesehenen, Stadt. Wie übersetzt
sich dieser Wachstumsprozess in das Einkommen der Einwohner, beziehungsweise der
verschiedenen Subgruppen? Welchen Einfluss haben soziale Normen, Politikmaßnah-
men und institutionelle Faktoren?
Vielen Studien ist es aufgrund der Datenlage nicht möglich, Migranten explizit zu be-
rücksichtigen. Die Shenzhen Haushaltsbefragung aus dem Jahre 2005 erlaubt es, genau
diese Gruppe expliziter zu betrachten und die einkommensdeterminierenden Faktoren
zu analysieren. Dabei ist erstmalig ein Vergleich dieser Faktoren zwischen Land-Stadt
Migranten und der städtisch registrierten Bevölkerung möglich.
Die Ergebnisse der Theil Index Zerlegung legen nahe, dass ein Großteil der Einkom-
mensdifferentiale nicht ausschließlich durch die Ausstattung mit Humankapital erklärt
1.5 Zusammenfassung 64
werden kann. Die ökonometrische Analyse bestätigt, dass neben Humankapital weitere
Faktoren, die nicht mit Produktivität in Verbindung zu bringen sind, wie persönliche
Charakteristiken, soziale Normen und Einstellungen sowie Politikmaßnahmen, einen
deutlichen Einfluss auf das Einkommen in Shenzhen ausüben. Hierbei sind insbeson-
dere Geschlecht, Familienstatus sowie Eigentümerstruktur der Firma, als auch Politik-
maßnahmen wie die Bildung der SEZ hervorzuheben. Des Weiteren wird deutlich, dass
die Registrierung oder das Hukou System ein äußerst wichtiger Faktor ist. Demnach
hat der Besitz einer ländlichen Registrierung einen signifikant negativen Einfluss auf
das persönliche Einkommen, so dass Migranten, was das durchschnittliche Einkom-
men betrifft, deutlich schlechter gestellt sind. Abgesehen von dem absoluten negativen
Einfluss auf das Einkommen verändert die ländliche Registrierung auch die relative
Relevanz der anderen einkommensgenerierenden Faktoren. Viele Faktoren, die einen
Einfluss auf das Einkommen der ländlich registrierten Migranten haben, haben keinen
Einfluss auf das Einkommen der städtischen Ursprungsbevölkerung.
Diskriminierung, Politikmaßnahmen, soziale Normen und Einstellungen sowie insbe-
sondere das Registrierungssystem haben immer noch einen sehr starken Einfluss auf
das Einkommen der Einwohner in Shenzhen. Dies deutet darauf hin, dass dieses urbane
Zentrum, trotz seines rasanten Entwicklungsprozesses, seinen Transformationsprozess
bei weitem noch nicht abgeschlossen hat und Regierungsstellen ein besonderes Augen-
merk auf diese von Traditionen, sozialen Normen und Institutionen geprägten Faktoren
legen sollten.
2 Armut
Nach der Analyse der Determinanten von Einkommensunterschieden und Ungleichheit
in Shenzhen im letzten Kapitel soll nun die Situation der Armen und das Ausmaß der
Armut in Shenzhen näher untersucht werden. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf den
Zusammenhängen zwischen Migration und Einkommen bzw. Armut.
2.1 Armut im urbanen China
Die von der Weltbank publizierten Armutskennziffern für das Jahr 2008 (World De-
velopment Report 2010) machen deutlich, dass Armut und Armutsbekämpfung welt-
weit weiterhin äußerst bedeutende Themen sind. Im Zuge des International Compar-
sion Projects (ICP) veröffentlichte die Weltbank neben den Armutskennziffern ebenso
neue Purchasing Power Parity (PPP) bzw. Kaufkraftparitätspreise. Diese, die wirkliche
Kaufkraft einer Region oder eines Landes widerspiegelnden Preisindices bzw. Wechsel-
kurse, ermöglichen es eine Währung so in US Dollar umzurechnen, dass sie einer nähe-
2.1 Armut im urbanen China 66
rungsweise überall gleichen Kaufkraft vor Ort entspricht. Die neuen PPP Schätzungen
der Weltbank aus dem Jahre 2008 liefern weltweite länderbasierte PPP Preisindices
bis 2005 die zu einer Anhebung der Weltbank Armutsgrenze von umgerechnet einem
US Dollar auf $1,25 führten. Der neue Armutsbericht unterstreicht nochmals, dass
insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer die Armutsbekämpfung intensivieren
müssen, um den verarmten Bevölkerungsteilen eine Partizipation an dem Wachstum
ihrer Volkswirtschaften zu ermöglichen. Bourguignon (2004) stellt in diesem Zusam-
menhang noch einmal heraus, dass generell davon ausgegangen werden kann, dass mit
zunehmenden Wirtschaftswachstum auch die Armut in einem Land rückläufig ist. Dies
lässt sich in Bezug auf absolute Armut auch für China feststellen. Doch obwohl, un-
abhängig von der Definition der absoluten Armutsgrenze, die gravierende Armut in
China drastisch rückläufig ist, bestehen weiterhin enorme Unterschiede zwischen den
städtischen und ländlichen Gebieten (Knight und Song 1999). Aufgrund dieser großen
Unterschiede zwischen Land und Stadt wurde Armut in China meist als ein ausschließ-
lich ländliches Problem aufgefasst (Khan 1998). Nachdem die Armutsproblematik in
den Städten aus diesem Grunde lange vernachlässigt wurde, tritt sie in der letzten Zeit
wieder deutlicher in den Vordergrund (Knight und Song 2003). Zwar ist die Armut in
den städtischen Gebieten Chinas nicht so gravierend wie in anderen Entwicklungs- und
Schwellenländern, doch ist sie groß genug, um nicht mehr ignoriert werden zu können
(Li 2006). Dies trifft insbesondere dann zu, wenn nicht absolute sondern relative Ar-
mutskennziffern betrachtet werden (Gustafsson et al. 2006). Das Armutsproblem in den
Städten wird insbesondere durch Migration aus den ländlichen Gebieten in die Städte
verstärkt. Begründet liegt dies in der Tatsache, dass die meisten Migranten deutlich
ärmer sind als die Bevölkerung der Städte, in die sie migrieren (Appleton et al. 2008).
2.1 Armut im urbanen China 67
Abbildung 2.1: Armutsquotenentwicklung mit verschiedenen Armutsgrenzen, Daten-
quelle: Weltbank
Ein Problem der Armutsforschung im urbanen China ist, dass die verschiedenen
Schätzungen der Armutskennziffern sehr stark variieren. Dies hängt mit der Verwen-
dung unterschiedlicher Datenquellen, Einkommensdefinitionen und Armutsgrenzen zu-
sammen. Betrachtet man zunächst die Definition der Armutsgrenzen, so existieren drei
prinzipiell unterschiedliche Methoden zu ihrer Berechnung (Coudouel et. al 2002). Eine
Möglichkeit besteht darin, einen für die Lebenshaltung absolut erforderlichen Mindest-
warenkorb zu konstruieren1. Der lokale Preis dieses Mindestwarenkorbes gilt dann als
Armutsgrenze. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Verwendung der bereits erwähn-
ten Kaufkraftparitäten. Die Umrechnung eines bestimmten Dollar Wertes mittels der
PPP Wechselkurse führt zu einem Betrag in der lokalen Währung, der dann als Armuts-
1Auch als “cost of basic needs” Ansatz bekannt.
2.1 Armut im urbanen China 68
grenze verwendet werden kann. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt in der einfacheren
internationalen Vergleichbarkeit von Armutskennziffern. Eine dritte Möglichkeit ist die
Verwendung von relativen Armutskennziffern. In diesem Fall wird die Armutsgrenze
relativ zu einem Referenzwert gesetzt, der hierbei meist das Medianeinkommen der
entsprechenden Population ist. Oft wird dann die Armutsgrenze bei zwei Dritteln oder
der Hälfte des Medianeinkommens gezogen.
Aufgrund der unterschiedlichen Herangehensweisen schwanken, wie bereits erwähnt,
auch die Ergebnisse der verschiedenen Studien zur städtischen Armut in China. Un-
ter Verwendung zweier unterschiedlicher Methoden zur Berechnung des Mindest- oder
Minimalwarenkorbes kommen Meng et. al (2008) zu dem Schluss, dass sowohl die
Armutsquote als auch die Tiefe der Armut in den Städten zwischen 1986 und 2000
deutlich gestiegen ist. Sie schätzen die einkommensbasierte Armutsquote in den Städ-
ten im Jahr 2000 mit 0,3-0,4%, je nachdem welcher Warenkorb zur Generierung der
Armutsgrenze verwendet wird. Ravallion und Chen (2004) verwenden einen wiederum
anders definierten Mindestwarenkorb und schätzen die städtische Armut im Jahre 2002
auf 0,54%.
Studien, die Kaufkraftparitäten zur Berechnung der Armutsgrenze nutzen, kommen
zu anderen Ergebnissen. Appleton et. al (2008) verwenden Daten des China Household
Income Project (CHIP), die es Ihnen ermöglichen, Sozialtransfers sowie kalkulatorische
Mieten zu berücksichtigen. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Armutsquote in den
Städten zwischen 1988 und 2002 gesunken ist. Des Weiteren argumentierten Sie, dass
die offiziellen sowie die von der Weltbank vorgegeben Armutsgrenzen zu niedrig sind.
Für das Jahr 2002 errechnen sie eine Armutsquote von 2,88% und 8,52% bei einer
2.1 Armut im urbanen China 69
Armutsgrenze von $2 bzw. $3 pro Tag. Da Ihre Berechnungen mit der CHIP Welle aus
dem Jahre 1985 beginnen, verwenden Sie durchweg den realen PPP Wechselkurs aus
diesem Jahr. Kahn (1998) kritisiert im gleichem Maße die Verwendung von, zwar bei
der Weltbank üblichen, für China aber zu niedrigen Armutsgrenzen wie $1 pro Tag.
Er stellt in diesem Zuge fest, dass die Verwendung solch niedriger Armutsgrenzen zur
Wegdefinition der urbanen Armut in China führt.
Bezüglich der allermeisten Studien lässt sich jedoch die mangelnde Berücksichtigung
der Migranten kritisieren da, wie erwähnt, die meisten Mikrodatensätze nur städtisch
registrierte Einwohner erfassen oder bestenfalls nur sehr mangelhafte Informationen
über Migranten enthalten (Meng et al. 2008 oder Hussain 2003). Sowohl Appleton
(2008) als auch Park et. al (2004) unterstreichen jedoch die Wichtigkeit der Berück-
sichtigung von Migranten. Die starke Zunahme der Migrationsbewegungen in Kombi-
nation mit der Tatsache, dass die Landbevölkerung allgemein ärmer ist und versucht
durch Migration in die Städte der ländlichen Armut zu entkommen, werden hierfür
als Hauptgründe gesehen. Dieser offensichtliche Mangel an Daten ermöglicht es somit
nicht, die Auswirkungen von Migration auf Armut und die Zusammenhänge zwischen
Migration und Armut genauer zu betrachten. Eine Analyse der Determinanten von
Armut unter Berücksichtigung des Migrationsstatus ist somit bisher nicht möglich.
Ebenso sind Schätzungen von Armutsquoten und anderen Armutsindikatoren vermut-
lich dadurch nach unten verzerrt (Meng et al. 2008). Die Verwendung der Shenzhen
Haushaltsbefragung 2005 als Datenquelle ermöglicht es jedoch Migranten in die Ana-
lyse mit einzubeziehen und somit genauere Schätzungen zu erhalten. Auch können
die Faktoren die Armut begünstigen für Migranten und Nichtmigranten getrennt be-
trachtet werden. Folgende Fragen sollen in diesem Zusammenhang beantwortet werden:
2.2 Armut in Shenzhen 70
Besteht ein Zusammenhang zwischen Armut und Migration? Inwieweit sind Migran-
ten ärmer? Wie unterscheiden sich die Faktoren die Armut begünstigen für Migranten
und Nichtmigranten? Welche Unterschiede bestehen zwischen den Armen und den nicht
Armen? Die Antworten auf diese Fragen erlauben es festzustellen, ob spezifische Bevöl-
kerungsschichten ebenso an dem dramatischen Wachstum der Wirtschaft partizipieren
konnten oder nicht. Das Vorgehen ist wie folgt: Zuerst werden unterschiedliche Armuts-
kennziffern für Shenzhen berechnet. Im Anschluss wird eine ökonometrische Analyse
durchgeführt. Hierbei werden Probit zur Analyse der Armutsinszidenz sowie Tobit
Modelle zur Modellierung der Einkommenslücke geschätzt, um die Zusammenhänge
zwischen unterschiedlichen Faktoren mit Armut und Migration näher zu betrachten.
Schließlich werden die Regressionsergebnisse mit Hilfe einer verallgemeinerten Form
der Oaxaca-Blinder Methode zerlegt, um den Einfluss von Diskriminierung auf das Ar-
mutsrisiko bestimmen zu können. Auf Basis von Teilen dieses Kapitels ist ebenso der
englischsprachige Buchbeitrag Gravemeyer, Gries und Xue (2011-2) entstanden, der als
weitere Referenz dienen mag.
2.2 Armut in Shenzhen
Zur korrekten Quantifizierung der Armut müssen unterschiedliche Aspekte wie die
Wahl der Armutsgrenze, des Wohlfahrtsmaßes oder eine mögliche Bereinigung des
Wohlfahrtsmaßes berücksichtigt werden.
Die Analyse beschränkt sich im Folgendem auf das Einkommen als Wohlfahrtsmaß.
Die Auswirkungen, die die Wahl der Armutsgrenze hat, wurden bereits thematisiert.
2.2 Armut in Shenzhen 71
Des Weiteren ist es notwendig, das der Fragestellung entsprechend adäquate Armuts-
maß zu verwenden. Ebenso ist eine Korrektur des reinen Haushaltseinkommens, wie
im Weiteren erläutert wird, meist sinnvoll.
2.2.1 Armutsindices
Zusätzlich zu den im ersten Kapital vorgestellten Axiomen für Disparitätsmaße, welche
teilweise im gleichen Maße auch für Armutsmaße relevant sind, gilt es ebenso einige
für Armutsmaße spezifische Axiome zu berücksichtigen. Die Wahl des richtigen Maßes
ist maßgeblich davon abhängig, was über die Armut in der zu untersuchenden Popu-
lation in Erfahrung gebracht werden soll. Laut Sen (1976) sind zuerst die aufgrund
der Forschungsfrage gewünschten Eigenschaften, wie sie von den Axiomen beschrieben
werden, festzulegen und dann anschließend das Maß einzusetzen, das diese Axiome er-
füllt. In Ergänzung zu den bereits beschriebenen Axiomen für Disparitätsmaße werden
an dieser Stelle die zusätzlich benötigten Axiome für Armutsmaße erläutert. Die untere
Darstellung folgt maßgeblich Foster (2006) und Zheng (1997), die eine sehr ausführliche
Darstellung der Axiome und Armutsmaße liefern.
Ist Xdie Menge aller möglichen Einkommensverteilungen und eine Untermenge von
Rn, und seien die Vektoren ¯xund ¯ybeliebige Mitglieder der Menge Xund zeine
beliebige Armutsgrenze. Die Funktion P:RnRsei eine kontinuierliche und zumin-
dest ordinale Repräsentation der Armut der Mitglieder der Menge X. Zusätzlich zur
Symmetrie und dem Populationsreplikaionsprinzip wird von den Armutsmaßen auch
Fokussierung erwartet. Wenn xaus ydurch eine Erhöhung des Einkommens einer nicht
2.2 Armut in Shenzhen 72
armen Person generiert wird, muss gelten:
P(x, z) = P(y, z)(2.1)
Dieses Axiom besagt, dass ein Einkommenstransfer außerhalb der armen Population,
der die Anzahl der Armen nicht verändert, auch das Armutsmaß unverändert lassen
soll. Dieses Axiom stellt den fundamentalen Unterschied zwischen Armuts- und Dis-
paritätsmaßen heraus. Armutsmaße befassen sich ausschließlich mit dem Einkommen
bzw. der Wohlfahrt der Armen und berücksichtigen nicht den Teil der Bevölkerung,
der über der Armutsgrenze lebt. Insofern gelten die für Disparitätsmaße aufgestellten
Axiome nur für den armen Teil der Bevölkerung. Eine weitere Eigenschaft, der im Blick
auf die Armutsmaße eine größere Wichtigkeit zukommt, ist die der schwachen Mono-
tonie. Wird xaus ydurch eine Verminderung des Einkommens der Armen generiert,
so muss gelten:
P(x, z)> P (y, z)(2.2)
Pgilt darüber hinaus als stark monoton, wenn gilt
2.2 Armut in Shenzhen 73
P(x, z)< P (y, z)(2.3)
wenn xaus ydurch eine Erhöhung des Einkommens der Armen entsteht. Eine Ver-
schlechterung des Einkommens unter den Armen führt zu einer Erhöhung der gemes-
senen Armut. Bei Vorliegen von starker Monotonie darf zudem die gemessene Armut
nicht steigen, falls die Erhöhung des Einkommens eines Armen dazu führt, dass er über
die Armutsgrenze gehoben wird, also die gemessene Häufigkeit der Armut abnimmt.
Zur Messung der Armut in Shenzhen werden Indizes der von Foster, Greer und
Thorbecke (1984) beschriebenen P-Alpha Familie von Armutsindizes herangezogen.
Hierbei handelt es sich um eine der am häufigsten verwendeten Klassen von Armuts-
maßen, was eine größtmögliche Vergleichbarkeit gewährleistet. Diese Klasse hat die
Eigenschaft der Symmetrie, erfüllt das Populationsreplikationsprinzip, ist fokussiert,
skaleninvariant, monoton, stetig und im Falle von α > 1genügt sie auch dem strengen
Transferprinzip. Die P-Alpha Familie von Armutsindizes hat die folgende allgemeine
Form (Deaton 1997):
2.2 Armut in Shenzhen 74
Pα=n1
n
X
i=1 zxi
zα
1{xiz}
α:= Armutsaversionsparameter
n:= Populationsgröße
xi:= Wohlfahrtsmaß, hier Haushaltseinkommen
z:= Armutsgrenze
1{} := Indikatorfunktion
(2.4)
Der Armutsaversionsparameter αist immer positiv. Je größer αgewählt wird, desto
stärker werden die Haushalte gewichtet, die sich am weitesten unterhalb der Armuts-
grenze befinden, was gleichbedeutend mit einer stärkeren Gewichtung der Tiefe der
Einkommenslücke ist. Für die weitere Analyse der Armut in Shenzhen werden die bei-
den bekanntesten Armutskennziffern der P-Alpha Familie verwendet. Setzt man α= 0
so erhält man die Armutsquote:
P0(z) = 1
n
n
X
i=1
1{xiz}(2.5)
Die Armutsquote gibt die absolute Anzahl der Haushalte an, deren Wohlfahrt bzw.
in diesem Fall Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt. Ein Nachteil dieser Kenn-
ziffer ist, dass die Tiefe der Armut nicht mit berücksichtigt wird. Dies impliziert, dass
die Armutsquote unverändert bleibt, wenn die Schwere der Armut zurückgeht, aber
dieser Rückgang nicht groß genug, ist um die Haushalte über die Armutsgrenze zu
2.2 Armut in Shenzhen 75
heben. Ebenso ist es irrelevant, ob die arme Bevölkerung knapp unter der Armutsgren-
ze lebt oder weit darunter. Anderseits ist die Armutsquote streng monoton, so dass
durch Senkung der Häufigkeit der Armut auch die Armutsquote sinkt. Die Einschrän-
kungen, die sich aus den ersten beiden Eigenschaften für die Messung der Effektivität
von beispielsweise Armutsbekämpfungsmaßnahmen ergeben, sind offensichtlich. Soll die
Schwere der Armut in dem Armutsindex berücksichtigt werden, erhält man für α= 1
die Einkommenslücke:
P1(z) = 1
n
n
X
i=1 zxi
z1{xiz}(2.6)
Der Beitrag eines Haushaltes zur Einkommenslücke ist größer je ärmer der Haushalt
ist. Die Einkommenslücke ist die Summe der Einkommensdifferenzen zur Armutsgrenze,
relativ zur Armutsgrenze und dividiert durch die Populationsgröße. Im Gegensatz zur
Armutsquote ist die Einkommenslücke lediglich monoton.2Die deskriptive Analyse
beschränkt sich auf die Berechnung der Armutsquote und der Einkommenslücke und
lässt weitere Mitglieder der P-Alpha Klasse außer Acht.
Wie bereits erwähnt, besteht eine weitere Schwierigkeit darin, eine adäquate Armuts-
grenze zu wählen. Aufgrund der einfacheren Vergleichbarkeit der unterschiedlichen PPP
Dollar Grenzen wird sich in dieser Arbeit gegen die Verwendung eines Minimalwaren-
korbes als Armutsgrenze entschieden. Ein weiterer Grund für die Verwendung von PPP
Dollar Armutsgrenzen ist, dass in dieser Analyse der Argumentation von Kahn (1998)
und Appelton et al. (2008) gefolgt wird und neben den üblichen auch höhere Armuts-
2Für eine detailliertere Beschreibung der unterschiedlichen Armutsindices und ihre praktische Aus-
sagekraft siehe u.a. auch Deaton (1997) oder Ravallion (1993).
2.2 Armut in Shenzhen 76
grenzen verwendet werden. Neben der in chinesischen Städten eher geringen absoluten
Armut werden ebenso relative Armutsgrenzen berechnet. Relative Armut im urbanen
China ist aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Auswirkungen von gleicher Wich-
tigkeit (Li 2006).
2.2.2 Einkommenskorrektur
Ein weiterer zu beachtender Faktor ist die Auswirkung der Haushaltsgröße sowie der
Haushaltszusammensetzung auf die Wohlfahrt des Haushaltes. Wenn davon ausgegan-
gen werden kann, dass größere Haushalte Skalenerträge realisieren können oder Kinder
und ältere Personen weniger Ressourcen benötigen, dann ist ein durch die Anzahl
der Personen dividiertes Gesamteinkommen kein adäquates Maß für die Haushalts-
wohlfahrt (Deaton 1997). Ohne eine Korrektur würde eine größere Anzahl an nicht
arbeitenden Haushaltsmitgliedern die gemessene Wohlfahrt stärker mindern als dies
real der Fall ist. Somit würde die Armut in einer Population überschätzt. Es existiert
eine Vielzahl verschiedener allgemeiner und spezifischer Methoden ein so korrigiertes
Äquivalenzeinkommen zu berechnen. Dies reicht von speziellen Tabellen für Regionen,
Länder, Geschlecht und Alter bis zu verallgemeinerten Formeln (Deaton 1997). Für
diese Analyse wird auf die allgemeine OECD Äquivalenzskala zurückgegriffen, um das
Äquivalenzeinkommen zu berechnen. Die Verwendung der OECD Skala erscheint im
Falle von Shenzhen berechtigt und ermöglicht größere Vergleichbarkeit. Die Skala korri-
giert das Haushaltseinkommen um Skalenerträge, berücksichtigt aber nicht die Struktur
des Haushaltes und wird wie folgt berechnet (Grootaert und Braithwaite 1998):
2.2 Armut in Shenzhen 77
xeq
i=xi
n0,7
xi:= Wohlfahrtsmaß
n:= Anzahl der jeweiligen Haushaltsmitglieder
(2.7)
2.2.3 Datensatzbeschreibung
Der Analyse liegen im Gegensatz zum ersten Kapitel, in dem auf Individualdaten zu-
rückgegriffen wurde, die Haushaltsdaten der Shenzhen Haushaltsbefragung 2005 zu-
grunde. Eine Schwierigkeit bestand hierbei in der Datenverfügbarkeit. Da die Rohda-
ten nicht alle notwendigen Variablen direkt auf Haushaltsebene enthalten, müssten die
Werte für einige Variablen zuerst aus den Individualdaten aggregiert und anschließend
mit den Haushaltsdaten verknüpft werden.
Distrikt Stichproben-
größe
Shenzhen
Registrie-
rung
Ohne
Shenzhen
Registrie-
rung
Städtische
Registrierung
Ländliche Re-
gistrierung
Nanshan 340 119 204 181 142
Luohu 343 117 243 216 144
Baoan 289 31 258 121 168
Summe 972 267 705 518 454
Tabelle 2.1: Shenzhen Haushaltsbefragung 2005: Haushaltsstichprobe
Da bei der Berechnung der Armutskennziffern u.a. auf Kaufkraftparitätspreisen ba-
sierende Armutsgrenzen zurückgegriffen wird, ist eine Umrechnung der Haushaltsein-
kommen notwendig. Zur Berechnung der realen Einkommen wird auf die neuen 2008 pu-
2.2 Armut in Shenzhen 78
blizierten Kaufkraftparitäten des Weltbank Internationl Comparsion Projektes (ICP)
zurückgegriffen. In diesem Bericht werden Kaufkraftsparitätsdaten für das Jahr 2005
erstmals veröffentlicht. Da die Daten der Shenzhen Haushaltsbefragung im Jahr 2005
erhoben wurden, liegen somit Wechselkurse für das gleiche Jahr vor. Problematisch
ist jedoch, dass die angegebene Kaufkraftparität für gesamt China angegeben wird.
Da sowohl große Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Regionen
in China bestehen, würde die Verwendung dieser Kaufkraftparitäten die wahren Le-
bensbedingungen sowie das Preisniveau in Shenzhen nur stark verzerrt wiedergeben.
Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich bei Shenzhen um eine der
am weitesten entwickelten und reichsten Städte in China handelt. Um ein möglichst
unverzerrtes reales Einkommen zu erhalten, werden die ICP-Kaufkraftparitäten somit
mit einem regionalen Preisdeflator bereinigt. Brandt und Holz (2006) ermittelten die
umfangreichsten und genauesten regionalen Warenkörbe für ganz China. Da Ihre Da-
ten jedoch lediglich bis 2000 reichen, wird ihr regionaler Warenkorb für das städtische
Shenzhen mit Daten des staatlichen National Bureau of Statstics für die Jahre 2000
bis 2005 korrigiert. Zur Korrektur wird der offizielle regionale Konsumentenpreisindex
für die städtischen Regionen in Shenzhen verwendet. Mit Hilfe dieser Korrekturen sind
die Armutsschätzungen für Shenzhen mit Armutsschätzungen für andere Städte und
Regionen die ebenfalls auf realen relativen Preisen beruhen vergleichbar. Ebenso er-
möglicht diese Korrektur eine weitestgehend reale Abbildung der absoluten Armut in
Shenzhen.
2.2 Armut in Shenzhen 79
2.2.4 Deskriptive Fakten
Nach der Darstellung der angewandten Methodik und der Daten folgen nun die kon-
kreten Armutskennziffern für Shenzhen im Jahre 2005. Zuerst wurde die Armutsquote
für unterschiedliche absolute Armutsgrenzen berechnet, wobei als Armutsgrenze die
alte Weltbank Armutsgrenze von $1 pro Tag sowie die im ICP 2008 verwendete neue
Armutsgrenze von $1,25 pro Tag verwendet wird. Ebenso werden die breiter gefassten
$2 und $3 pro Tag Armutsgrenzen, die Appelton et al. (2008) vorschlagen verwendet,
um eine möglichst vollständige Sicht auf die absolute Armut in Shenzhen zu erhal-
ten. Zwecks Analyse der relativen Armut werden die Armutsindices auch mit dem
halben und zwei-drittel Medianeinkommen als Armutsgrenze berechnet. Um die loka-
len Verhältnisse besser abbilden zu können, wird ebenso der offizielle Mindestlohn als
Armutsgrenze gewählt.
Die Ergebnisse der Berechnungen für die unterschiedlichen Armutsgrenzen, Korrek-
turen und Indices sind in Tabelle 2.2 zusammengefasst.
Um einen Eindruck von der dem Zusammenhang zwischen Armut und Migrationssta-
tus zu erhalten, wurden die Armutsindices ebenso für Migranten und Nichtmigranten
in Tabelle 2.3 getrennt berechnet.
Die berechneten Werte legen nahe, dass die absolute Armut in Shenzhen sehr niedrig
ist, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass Migranten berücksichtigt wurden.
Gemessen nach dem neuen Weltbank Standard aus dem Jahre 2008 von $1,25 pro Tag
leben sehr wenig Personen in Shenzhen unterhalb der Armutsgrenze. Legt man aller-
dings die breitere Definition von Armut mit den zwei oder drei Dollar Grenzen am Tag
2.2 Armut in Shenzhen 80
Armutsquote in % Armutslücke in %
Äquivalent Unverändert Äquivalent Unverändert
Unverändertes Einkommen
Relative Armut (1/2 Median) 24.8 22.8 8.41 7.77
Relative Armut (2/3 Median) 35.8 33.5 13.98 13.07
Shenzhen mind. Lohn (RMB 9,600) 15.9 26.23 4.4 9.26
Dollars a Day in PPP $1 0 0 0 0
Dollars a Day in PPP $1.25 0 0.28 0 0.03
Dollars a Day in PPP $2 0.34 0.97 0.02 0.2
Dollars a Day in PPP $3 0.81 4.41 0.18 0.98
CPI bereinigtes Einkommen
Dollars a Day in PPP $1 0 0.19 0 0.03
Dollars a Day in PPP $1.25 0.09 0.38 0.01 0.07
Dollars a Day in PPP $2 0.48 2.59 0.12 0.52
Dollars a Day in PPP $3 2.69 7.47 0.6 1.76
Tabelle 2.2: Armutsindices für Shenzhen 2005
Bereinigtes Einkommen
(pro Tag)
Armutsquote Migranten Armutsquote Nicht-
migranten
$1 0% 0%
$1,25 0,21% 0%
$2 0,86% 0,17%
$3 4,92% 0,87%
Shenzhen Mindestlohn 27,6% 6,1%
Tabelle 2.3: Armutsquoten nach Registrierungsstatus
2.2 Armut in Shenzhen 81
zu Grunde, zeigt sich eine deutliche Armut in Shenzhen. Die Tiefe der Armut, gemessen
in Form der Einkommenslücke, erweist sich, unabhängig von der gewählten Armuts-
grenze, als sehr niedrig. Eine Anpassung des Einkommens mittels Äquivalenzskalen hat
einen deutlichen Einfluss auf das Ausmaß der Armut. Dies spiegelt die Relevanz der
Haushaltsgröße in Amtsberechnungen wieder. Einen ebenso deutlichen Einfluss hat die
Anpassung des Einkommens durch den regionalen Warenkorb. Werden auf diese Art
und Weise die realen Lebenskosten in Shenzhen in Betracht gezogen, steigt die Armut
drastisch. Die Schätzungen der Armut, bei denen das Einkommen durch den regionalen
Konsumentenpreisindex korrigiert wurde, bei denen aber keine Äquivalenzskalenkorrek-
tur vorgenommen wurde, sind vergleichbar mit den Ergebnissen von Appelton et al.
(2008) für das städtische China im Ganzen. Von den durchgeführten Armutsschätzun-
gen sind jene, die sowohl eine Anpassung des Einkommens mittels Äquvalenzskalen
als auch durch den regionalen Konsumentenpreisindex zugrunde legen, am präzises-
ten. Die unter Verwendung des angepassten Einkommens berechneten Armutsindices
für Migranten und Nichtmigranten zeigen eine deutlich höhere Armut in der Migran-
tenpopulation. Wählt man die $3 Armutsgrenze, ist die geschätzte Armut circa fünf
mal höher bei Migranten als bei Nichtmigranten. Ein Blick auf die Schätzungen der
Armut unter Verwendung der relativen Armutsgrenzen zeigt eine deutlich stärkere Ar-
mut. Die Armut ist sowohl weiter verbreitet als auch tiefer. Ebenso verdienen vier mal
mehr Migranten im Vergleich zu Nichtmigranten weniger als den lokalen Mindestlohn.
Beinahe ein Drittel der Haushalte insgesamt verdienen weniger als den Mindestlohn.
Dieser Wert sinkt auf ca. 15% wenn das Haushaltseinkommen durch Äquivalenzskalen
angepasst wird. Dies ist ein weiterer Hinweis auf die hohen Einkommensunterschiede,
die in dieser Stadt vorzufinden sind.
2.3 Empirische Analyse 82
2.3 Empirische Analyse
In der ökonometrischen Analyse wird eine genaue Betrachtung der Faktoren vorge-
nommen, die relative Armut in Shenzhen verursachen. Die Wahl einer relativen Ar-
mutsgrenze erscheint sinnvoll und gerechtfertigt, da absolute Armut in Shenzhen eher
gering und die Stadt so hoch entwickelt ist, dass eine Nutzung des relativen Ansatzes,
wie er oft in den industrialisierten westlichen Staaten verwendet wird, interessanter
und adäquater ist. Es wird ein genauer Blick auf den Zusammenhang zwischen Regis-
trierungsstatus und Armut geworfen. Weiterhin wird versucht herauszufinden, welche
Unterschiede zwischen Migranten und Nichtmigranten im Hinblick auf die Faktoren,
welche Armut verursachen, bestehen. Werden Migranten diskriminiert? Da Migranten
einen immer größeren Anteil an der arbeitenden Bevölkerung in China haben, sind
diese Fragen für die Armutsanalyse von äußerster Wichtigkeit.
2.3.1 Armutsdeterminierende Faktoren
Die Weltbank definiert Armut als ein multidimensionales und dynamisches Phänomen
mit engen Verbindungen zu Vulnerabilität und Produktionsfaktoren. Wie erwähnt, wird
die folgende Untersuchung den Fokus auf die Einkommensdimension der Armut legen.
Einkommensarmut ist ein dynamisches Konzept, das aus mehreren Kategorien zusam-
mengesetzt ist. Produktionsfaktoren wie Arbeit, Humankapital und andere produktive
Faktoren, genauso wie die Haushaltszusammensetzung, soziales Kapital und weitere
soziale Faktoren, sind Teile des Armutskonzepts. Dabei sind Produktionsfaktoren alle
akkumulierten Faktoren, materiell oder immateriell, die es einem Haushalt erlauben,
2.3 Empirische Analyse 83
Einkommen durch die Verwendung dieser Faktoren zu generieren.
Für die nun folgende ökonometrische Analyse werden Variablen gewählt die diesen
Kategorien zuzuordnen sind. Die bekannten Kategorien werden um die Kategorie so-
ziale Normen und chinaspezifische Faktoren bzw. Politikmaßnahmen ergänzt, welche
Determinanten beinhaltet, von denen ein Einfluss auf die Armut erwartet wird, die
aber äußerst spezifisch für die Situation in China sind.
Es ist herrschende Meinung, dass die allgemeine Zunahme an Ungleichheit, die Ab-
schaffung von Nahrungsmittelgutscheinen, die Restrukturierung und Privatisierung der
staatseigenen Betriebe sowie weitere Reformen des Sozialstaates einen starken Einfluss
auf die Armutssituation in China hatten (Meng et al. 2008). Auf der Haushaltsebene
identifizieren sie die demographische Struktur des Haushaltes, Arbeitsmarktpartizipati-
on sowie Humankapital als Haupteinflussfaktoren. Des Weiteren werden der Sektor des
Arbeitsplatzes, Migrationsstatus und Selbständigkeit als Faktoren mit einem starken
Einfluss auf die Armutswahrscheinlichkeit eines Haushaltes gesehen (Khan 2008). Im
selben Zusammenhang stellt Khan auch den Zusammenhang zwischen Selbständigkeit
und Migration her, da weitaus mehr Migranten sich in Selbständigkeit befinden als die-
jenigen, die nicht migrierten. Auch von Xue und Zhong (2003) wird die Bedeutung von
Migration für die städtische Armut in ihrer Bedeutung herausgestellt. Ausgehend von
der Klassifizierung der Weltbank werden die den folgenden Kategorien zugeordneten
Variablen für die ökonometrische Analyse verwendet:
Haushaltszusammensetzung Die Kategorie Haushaltszusammensetzung fasst Charak-
teristika zusammen, die die Struktur und Größe des Haushaltes beschreiben. Die Zu-
2.3 Empirische Analyse 84
sammensetzung des Haushaltes wird als ein einflussreicher Faktor in Bezug auf den
Wohlstand eines Haushaltes und seine mögliche Armut gesehen (Meng et al. 2008).
Zur Abbildung der Altersstruktur des Haushaltes sowie vorhandener potentieller Er-
fahrung wird das durchschnittliche Alter aller Haushaltsmitglieder in die Analyse mit
einbezogen. Ebenso werden der Quotient aus nicht arbeitenden und arbeitenden Haus-
haltsmitgliedern als Maß für die Abhängigkeit sowie die Anzahl der Haushaltsmitglie-
der3mit aufgenommen.
Produktionsfaktoren Im Gegensatz zum ersten Kapitel, in dem die empirische Unter-
suchung auf Individualdaten basiert, werden alle Variablen, die Humankapital abbil-
den, hier als Produktionsfaktoren des Haushalts bezeichnet. Diese Bezeichnung ist im
Zusammenhang mit Haushaltseigenschaften eingänglicher und dient ebenso der besse-
ren Vergleichbarkeit mit den von der Weltbank definierten Kategorien (Coudouel et
al. 2002). Die Indikatorvariable für männliches Geschlecht des Haushaltsvorsitzenden
wurde ebenso dieser Kategorie hinzugefügt, obwohl der positive Einfluss, den ein männ-
liches Geschlecht auf das Einkommen ausübt, sowohl durch Produktivitätseffekte als
auch durch Diskriminierung verursacht werden kann (Shu 2005; Ng 2007). Für den
Haushalt stellt dieser Fakt in jeder Hinsicht einen Faktor dar, aus dem zusätzliches
Einkommen generiert werden kann. Aus diesem Grunde wurde die Variable nicht in
der Kategorie soziale Normen und Politikmaßnahmen eingruppiert.
Als Näherungswert für das in dem Haushalt vorhandene Humankapital werden die
durchschnittlichen Jahre der Schulausbildung sowie eine Indikatorvariable für infor-
3Es werden nur Haushaltsmitglieder bzw. Familienmitglieder erfasst, die auch tatsächlich in dem
Haushalt zu dem Zeitpunkt der Befragung gewohnt haben.
2.3 Empirische Analyse 85
melle Ausbildung dem Modell hinzugefügt. Der positive Einfluss von Humankapital
auf das Einkommen in China wurde vielfach nachgewiesen (u.a. Zhang et al. 2005).
Meng et al. (2008) unterstreichen ebenso die Bedeutung in Bezug auf die Armutssitua-
tion der Haushalte. Neben den durchschnittlichen Schuljahren werden ebenso die Jahre
des Aufenthaltes in Shenzhen berücksichtigt, da wie bereits in Abschnitt 1.1 erläutert,
davon ausgegangen werden kann, dass eine längere Aufenthaltsdauer die Bildung von
lokal spezifischen Wissen und sozialem Kapital ermöglicht (Fan 2001).
Soziale Normen und Politikmaßnahmen Unterschiede in dem Hukou Registrierungssta-
tus werden oft als einer der Haupterklärungsgründe für Einkommensunterschiede zwi-
schen Migranten und Nichtmigranten gesehen (Liu 2005). Da viele aus den meist eher
armen und unterentwickelten ländlichen Gebieten in die weiter entwickelten urbanen
Agglomerationen migrieren, lässt sich in den meisten chinesischen Großstädten eine
große Migrantenpopulation finden (Chen und Coulson 2002). Des Weiteren lässt sich
meist eine große Einkommensdifferenz zwischen diesen Land-Stadt Migranten und der
städtischen Ursprungsbevölkerung feststellen (Lu und Song 2006). Da aufgrund der
Ergebnisse der Mincer Regression auf Basis der Individualdaten im vorherigen Kapi-
tel davon auszugehen ist, dass der Hukou Registrierungsstatus einen Einfluss auf das
Haushaltseinkommen ausübt, wird eine Indikatorvariable für den Hukou Status in das
Modell eingefügt. Da, wie bereits in Kapitel eins erläutert, die Einführung der Son-
derwirtschaftszonen in Shenzhen ein wichtiger Grund für das rapide Wachstum der
Agglomeration war, wird hier ebenso eine Indikatorvariable für den Haushaltssitz in
der SEZ eingefügt (Yeung et al. 2009).
2.3 Empirische Analyse 86
Arbeitsplatzeigenschaften Eine weitere Einkommensdeterminante, die in dem ökono-
metrischen Modell berücksichtigt werden soll, sind die Eigenschaften des Arbeitsplat-
zes, den der Haushaltsvorsitzende inne hat. Staatsbetriebe entlohnen oftmals anders
als privatwirtschaftliche Unternehmen und stellen meist nur Bewohner mit einer städ-
tischen Registrierung ein (Knight und Song 2003). Selbständigkeit kann, wie bereits
erläutert, ebenso einen deutlichen Einfluss auf das Einkommen ausüben. Gleiches gilt
für ausländische Betriebe bzw. Kooperationen mit ausländischen Betrieben (Lu und
Song 2006). Aus diesem Grunde, werden Indikatorvariablen die Staatsbesitz, Selbstän-
digkeit oder die Beteiligung ausländischer Investoren abbilden, berücksichtigt.
2.3.2 Ökonometrisches Modell
Um die Auswirkungen der unterschiedlichen Variablen auf den Armutsstatus des Haus-
haltes ermitteln zu können, wird zuerst ein Probit Modell verwendet. Probit sowie Lo-
git Modelle finden in der Armutsforschung häufig Verwendung (z.B. Appleton 1996;
Grootaert 1997). Ein Hauptvorteil bei der Verwendung von Probit Modellen für die
Armutsanalyse liegt darin, dass sie keine Verzerrung bei einem steigenden Messfehler
aufweisen wie herkömmliche OLS Modelle (Grootaert und Braithwaite 1998). Diese,
teils Heteroskedastie verursachende, Verzerrung kann durch die Korrelation des Stör-
terms mit dem Haushaltseinkommen verursacht werden. Dies liegt darin begründet,
dass in Haushaltsbefragungen bei steigendem Einkommen dieses oftmals zunehmend
ungenauer erfasst werden kann. Die Transformation des Einkommens in eine binäre
Variable, wie sie für das Probit Modell vonnöten ist, umgeht dieses Problem, bringt
aber auch einen Informationsverlust mit sich. Aus diesem Grund ist seine Verwendung
2.3 Empirische Analyse 87
nicht unumstritten (Ravallion 1996). Trotz Kritik findet es in der Armutsforschung
weitgehend Verwendung und wird gerade auch aus dem Grunde der Vergleichbarkeit4
an dieser Stelle verwendet.
Das Probit Modell ist wie folgt spezifiziert:
PR (Y= 1|X) = Φ (α+Xβ)
Y:= Binäre Armutsindikatorvariable
Φ := Kumulative Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung
α:= Konstante
β:= Koeffizientenvektor
X:= Variablenvektor
PR () := Wahrscheinlichkeit
(2.8)
Das Probit Modell wird ebenso wie das Logit Modell zur multivariaten Analyse
binärer abhängiger Variablen angewendet.5Sowohl Logit und Probit als auch Tobit
Modelle sind sogenannte Limited Dependent Variable (LDV) Modelle. Hierbei handelt
es sich um Modelle, bei denen der Wertebereich der abhängigen Variable stark einge-
schränkt ist. Bei Logit und Probit Modellen handelt es sich um eine binäre abhängige
Variable.6Im Falle eines Tobit Modells ist die abhängige Variable in ihrem Wertebe-
4Siehe u.a. Appelton et al. (2008), Li (2006).
5Die folgenden Ausführungen zum Probit Modell basieren auf Wooldrige (2006).
6Sie werden aus diesem Grunde auch oft als Binary Choice Modelle bezeichnet (Greene 2003).
2.3 Empirische Analyse 88
reich von oben oder unten eingeschränkt. Die Schätzung der Parameter erfolgt mittels
der Maximum Likelihood Methode. Das Logit Modell verwendet im Unterschied zum
Probit Modell die kumulative Verteilungsfunktion der logistischen Verteilung.
Beide Modelle können aus einem Modell mit einer latenten bzw. unbeobachteten
Variable abgeleitet werden. Hierbei wird davon ausgegangen, dass für die unbeobachtete
Variable Ygilt:
Y=α+Xβ +eund Y= 1{Y>0}(2.9)
Hierbei nimmt die Indikatorfunktion 1den Wert eins an wenn Ygrößer Null ist
und Null falls Ykleiner oder gleich Null ist. Die latente Variable kann nicht direkt
beobachtet werden und drückt in diesem Zusammenhang die Nutzendifferenz zwischen
Y= 1 und Y= 0 aus. Es kann jedoch lediglich die Wahl zwischen Y= 1 und Y= 0
beobachtet werden, wobei Y= 1 gewählt wird, wenn die latente Variable Ygrößer
Null ist.
Die Wahrscheinlichkeit dass Y= 1 gewählt wird, ergibt sich unter der Annahme,
dass der Störterm eunabhängig und symmetrisch um null verteilt ist, aus:
PR (Y= 1|X) = PR (Y>0|X) = PR (e > (α+Xβ)|X)
= 1 Φ ((α+Xβ)) = Φ (α+Xβ)
(2.10)
2.3 Empirische Analyse 89
Da aufgrund der latenten Variablendefinition lediglich der Effekt der unabhängigen
Variablen auf die latente Variable Ygemessen werden kann, ist der Koeffizientenwert
βiwenig aussagekräftig. Lediglich die Richtung des Effekts, die durch das Vorzeichen
gegeben wird, ist für Yund Ygleich. Um eine Aussage über die relative Auswirkung
der unabhängigen Variablen auf Yzu erhalten, müssen die marginalen Effekte errechnet
werden:
PR (Y= 1|X) = PR (x)
xi
=φ(α+Xβ)
φ(z) := dΦ
dz (z)
(2.11)
Diese marginalen Effekte geben ceteris paribus den Anstieg in der Armutswahrschein-
lichkeit des Haushaltes bei einer marginalen Veränderung der entsprechenden Variable
an. Im Falle von Indikatorvariablen entspricht der Anstieg in der Wahrscheinlichkeit
einem Wechsel in der Variable von null auf eins.
Der Vektor der unabhängigen Variablen Xfasst die Charakteristiken des Haushal-
tes zusammen, von denen ein Einfluss auf den Armutsstatus des Haushalts erwartet
wird. Von allen möglichen Armutslinien erweist sich die Hälfte des Median Einkom-
mens als die sinnvollste und aussagekräftigste Armutsgrenze. Als Vergleich und zur
Ergebniskontrolle werden ebenso die Resultate der Regressionen unter Verwendung des
Mindestlohns als Armutsgrenze berichtet. Hierbei wird für das Haushaltseinkommen
lediglich ein Äquivalenzeinkommen berechnet, da eine Umrechnung in lokale Preise bei
2.3 Empirische Analyse 90
einem regionalen Mindestlohn nicht sinnvoll ist. Für alle anderen Regressionen wurde
als Ausgangsbasis das regional deflationierte Äquivalenzeinkommen verwendet.
Zwecks Modellierung der Einkommenslücke und zur Analyse der Einkommensdeter-
minanten der armen Bevölkerung wird ein Tobit Modell verwendet. Die Armutsgrenze
dient hierbei als Grenze für die Zensur. Mithilfe des von James Tobin 1958 vorgeschla-
genen Tobit Modells ist es möglich, für zensierte Daten konsistente Schätzergebnisse zu
erhalten, die mit einem herkömmlichen linearen OLS Modell nicht zu erhalten wären.
Im Falle der Armutsanalyse bietet sich die Armutsgrenze als Zensurpunkt an.
Das Tobit Model ist wie folgt definiert:
Y=z, wenn Yzund Y=Y,wenn Y< z
Y=α+Xβ +e
Y:= Logarithmus des bereinigten Äquivalenzeinkommens
α:= Konstante
β:= Koeffizientenvektor
X:= Variablenvektor
e:= Störterm
(2.12)
Um die benötigten bedingten Erwartungen zu erhalten, betrachtet man die ab-
geschnittene Normalverteilung. Für Ygilt die Annahme der Normalverteilung mit:
YN[µ, σ2]. Für den Störterm wird davon ausgegangen, dass er mit eN[0, σ2]
2.3 Empirische Analyse 91
normalverteilt ist. Die Momente einer abgeschnittenen Normalverteilung haben folgen-
de Eigenschaften: 7
E(Y|AB) = µ+σλ (α)
V(Y|AB) = σ2[1 δ(α)]
α=(aµ)
σ
λ(α) = φ(α)
1Φ (α),falls für den Abtrennungspunkt AB gilt: x>a
λ(α) = φ(α)
Φ (α),falls für den Abtrennungspunkt AB gilt: x<a
δ(α) = λ(α) [λ(α)α]
Φ := Kommulative Dichtefunktion der Standardnormalverteilung
φ:= Dichtefunktion der Standardnormalverteilung
a:= Konstante
(2.13)
Im Falle der Armutsregression wird allgemein die Armutsgrenze zals Abtrennungs-
punkt verwendet. Die Funktion λ(α)wird auch als inverses Mills Verhältnis bezeichnet.
Für das Regressionsmodell mit µ=Xβ gilt dann für den Fall einer linksseitigen Grenze
für den bedingten Erwartungswert:
E(Y|Y > a) = Xβ +σλ (α) = Xβ +σφaXβ
σ
1ΦaXβ
σ(2.14)
7Die Darstellung folgt weitestgehend Greene (2003).
2.3 Empirische Analyse 92
Die bedingte Wahrscheinlichkeit E(Y|Y > a)ergibt sich aus der Summe aus dem
geschätztem Mittelwert und dem Produkt aus Standardabweichung und inversem Mills
Verhältnis. Bei einer Begrenzung der Daten von der rechten Seite gilt:
E(Y|Y < a) = Xβ +σλ (α) = Xβ +σφaXβ
σ
ΦaXβ
σ(2.15)
Auch bei dem Tobit Modell haben die Werte der geschätzten Koeffizienten wenig
Aussagekraft. Ist man an der relativen Auswirkung der Variablen auf den nicht abge-
schnittenen Teil der Verteilung interessiert, muss die partielle Ableitung des bedingten
Erwartungswertes gebildet werden, um den marginalen Effekt zu erhalten. Für den
verallgemeinerten Fall, sowohl linksseitig oder rechtsseitig als auch beidseitig abge-
schnittener Daten, lautet partielle Ableitung des bedingten Erwartungswertes:
E (Y|x)
xi
=βPR (a<Y< b)
Y=awenn Ya
Y=bwenn Yb
Y=Ysonst
(2.16)
In dem hier vorliegenden Fall wird der marginale Effekt der erklärenden Variable auf
das Einkommen für einen Haushalt unter der Armutsgrenze angegeben.
2.3 Empirische Analyse 93
Zur Überprüfung der anderen Modelle sowie zur Analyse der Einkommensdeter-
minanten für die gesamte Bevölkerung wird auch eine einfaches lineares OLS Modell
geschätzt:
Y=α+βX +e
Y:= Logarithmus des bereinigten Äquivalenzeinkommens
α:= Konstante
β:= Koeffizientenvektor
X:= Variablenvektor
e:= Störterm
(2.17)
Die Verwendung aller drei Modelle unter Beibehaltung der gleichen erklärenden Va-
riablen ist Vorteilhaft für die Armutsanalyse (Grootaert and Braithwaite 1998). Das
lineare OLS Modell kann unter Verwendung schwächerer Annahmen bezüglich des Stör-
terms angewandt werden, zudem wird die Einkommensvariable nicht wie im Falle des
Probit Modells in eine binäre Variable transformiert (Ravallion 1996). Vielmehr wird
der Einfluss der erklärenden Variablen auf das Einkommen im Allgemeinen erklärt.
Ravallion (1996) plädiert in diesem Zusammenhang auch dafür, die geschätzten Wahr-
scheinlichkeiten direkt aus der OLS Regression zu errechnen und auf ein Probit oder
Logit Modell vollständig zu verzichten. Auch ließe sich anstatt des Tobit Modells auf
Quantil Regressionen zurückgreifen (Deaton 1997). Hierbei werden, ebenso wie bei der
Modellierung der Einkommenslücke mit dem Tobit Modell, keine konstanten Parame-
2.3 Empirische Analyse 94
ter über die Verteilung angenommen und eine Analyse der Einkommensdeterminanten
der unteren Einkommensschichten ist möglich. Dennoch ist die Verwendung der Pro-
bit, Tobit und OLS Verfahren in der Armutsforschung weit verbreitet und ermöglicht
es vor allem, die hier vorliegenden Ergebnisse mit den wenigen Studien, die Migran-
ten in China berücksichtigen können, zu vergleichen.8Ebenso stellt die relativ geringe
Stichprobengröße ein Problem dar.
In Tabelle 2.4 sind die verwendeten erklärenden Variablen, die sich aus Basis der vor-
angegangen Literaturdiskussion ergeben, zusammengefasst. Neben dem Namen und der
Beschreibung ist in Klammern das zu erwartende Vorzeichen angegeben. Die Richtung
des Vorzeichens bezieht sich auf die Auswirkungen auf das Einkommen. Bezüglich der
Armutswahrscheinlichkeit, wie sie mittels des Probit Modelles geschätzt wird, ist von
dem umgekehrten Vorzeichen auszugehen.
Die Berücksichtigung von Ausgaben für Medikamente oder allgemeinen Gesundheits-
ausgaben als Richtwert für den Gesundheitszustand wurde aufgrund des Endogenitäts-
problems zwischen Haushaltseinkommen und Gesundheitsausgaben verworfen. Ebenso
erwiesen sich die Indikatorvariablen für Arbeitsplatzbeschaffung durch einen Freund
oder Verwandten, Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei sowie Familienstand,
wie in den Mincer Regressionen mit Individualdaten verwendet, in allen Spezifikationen
als insignifikant und wurden aus dem endgültigen Modell entfernt.
Im nächsten Abschnitt folgt nun die Darstellung der Ergebnisse der verschiedenen
Regressionen.
8Siehe u.a. Appelton et al. (2008), Li (2006), Song (2009) et al., Meng et al. (2008).
2.3 Empirische Analyse 95
Name & Ewartets Vorzeichen Beschreibung
ln yiLogarithmiertes jährliches Pro-Kopf Äqui-
valenzeinkommen
Haushaltseigenschaften
av_age (-) Durchschnittsalter der Haushaltsmitglieder
dpr (-) Abhängigkeitsverhältnis (Alter < 16 & Al-
ter > 65 / 16 >= Alter <= 65)
family_size (+) Anzahl der Familienmitglieder im Haushalt
Produktionsfaktoren
av_schooling (+) Durchschnitt der abgeschlossenen Schuljah-
re der Haushaltsmitglieder
infedu (+) Haushaltsvorsitzender hat informelle Aus-
bildung genossen
male (+) Indikator Variable für das Geschlecht des
Haushaltsvorsitzenden (Männlich=1)
stay (+) Aufenthalt des Haushaltsvorsitzenden in
Shenzhen in Jahren
Soziale Normen und Politik-
maßnahmen
rural (-) Indikator Variable für die Registrierung des
Haushaltsvorsitzenden (Ländlich=1)
sez (+) Indikator Variable für den Wohnort (Inner-
halb SEZ=1)
Arbeitsplatz Eigenschaften
foreignshare (+) Indikator Variable=1 für ganzen oder teil-
weisen Besitz des Arbeitgebers des Haus-
haltsvorsitzenden durch ausländische Fir-
men
soe (+) Indikator Variable=1 für Staatsbesitz des
Arbeitgebers des Haushaltsvorsitzenden
self_employed (-) Indikator Variable=1 für Selbständigkeit
Tabelle 2.4: Variablen Beschreibung: Armutsregressionen
2.3 Empirische Analyse 96
2.3.3 Ergebnisse
Aufgrund des Chow Tests (Chow 1960)9ergibt sich, dass die Parameter der erklären-
den Variablen in allen Modellen signifikant unterschiedlich zwischen Migranten und
Nichtmigranten sind, wurden für alle Modelle ebenso getrennte Regressionen für beide
Subpopulationen durchgeführt.
Die Signifikanz aller Koeffzienten wurde mittels des Wald Tests (vgl. u.a. Greene
2003) auch auf Gruppenweise bzw. Blockweise Signifikanz getestet. Hierbei wurden die
in Tabelle 2.4 verwendeten Kategorien als Blöcke verwendet. In allen Modellen erwiesen
sich die Koeffizientenblöcke mit einem Konfidenzniveau von 99% als signifikant.
Für das OLS Modell werden zwecks Test auf Multikollinearität die Varianzinfla-
tionsfaktoren (VIF) errechnet (vgl. u.a. Greene 2003). Hierbei ergab sich ein durch-
schnittlicher VIF Wert von 1.23 und ein maximaler VIF Wert von 1.56, was keinen
deutlichen Hinweis auf ein Vorliegen von starker Multikollinearität liefert. Da in den
Daten Heteroskedastizität, welche u.a. durch eine steigende Varianz der Einkommen
mit zunehmendem Lebensalter sowie zunehmende Messfehler bzw. Erhebungsfehler
bei steigenden Einkommen verursacht werden kann, wurde ein Breusch-Pagan Test
(Breusch und Pagan 1979) sowie ein White Test (White 1980) auf Heteroskedastizität
durchgeführt.10 Der Breusch-Pagan Test verwirft die H0Hypothese einer konstanten
Varianz mit einem 99% Konfidenzniveau. Der White Test verwirft diese Hypothese
ebenso auf einem 99% Niveau. Zur Korrektur der vorliegenden Heteroskedastizität
9Siehe die Diskussion in Abschnitt 1.3.3.
10Bereits in der OLS Regression mit Individualdaten im ersten Kapitel wurde das Vorligen von He-
teroskedastizität festgestellt.
2.3 Empirische Analyse 97
werden aus diesem Grunde White-korrigierte Standardfehler für die OLS Regression
verwendet. Die Transformation des Einkommens in eine binäre Variable beseitigt das
Problem der Heteroskedastizität in den Probit Regressionen (Deaton 1997; Grootaert
und Braithwaite 1998). Für die Tobit Regression wurden Standardfehler ebenso Whi-
te korregierte Standardfehler berechnet. Außerdem wurden die Standardfehler mittels
des Bootstrap Verfahrens errechnet (Cameron und Trivedi 2009). Hierbei ergaben sich
keine Abweichungen bezüglich Signifikanz oder Richtung der Koeffizienten.
Da die Koeffizienten der Probit und Tobit Modelle keine Interpretation über den rela-
tiven Einfluss einer erklärenden Variablen zulassen, sondern wie erwähnt lediglich eine
Interpretation des Vorzeichens der Variablen zulassen, werden die marginalen Effekte
der Koeffizienten berichtet. Die Koeffizienten sind mit der Endung raw und die mar-
ginalen Effekte mit der Endung marg bezeichnet. Ebenso wird das pseudo R2(r2_p)
als Gütemaß berichtet.
2.3 Empirische Analyse 98
probit_a_raw probit_a_marg
b SF b Xmfx_X SF
med_cpi_eq_poor
av_age 0.010 (0.006) 0.002 30.334 (0.001)
family_size -0.164** (0.057) -0.038** 3.060 (0.013)
dpr 0.184** (0.060) 0.043** 0.760 (0.014)
av_schooling -0.137*** (0.021) -0.032*** 9.283 (0.005)
infedu (d) -0.688** (0.213) -0.122*** 0.148 (0.026)
stay -0.019* (0.008) -0.004* 9.525 (0.002)
male (d) -0.752** (0.275) -0.233* 0.960 (0.102)
rural (d) 0.682*** (0.119) 0.164*** 0.455 (0.029)
sez (d) -0.396*** (0.106) -0.099*** 0.691 (0.028)
soe (d) 0.197 (0.169) 0.049 0.120 (0.045)
foreignshare (d) -0.622** (0.227) -0.108*** 0.082 (0.028)
self_employed (d) 0.154 (0.116) 0.037 0.250 (0.029)
_cons 1.249** (0.422)
N 1026.000 1026.000
r2_p 0.252 0.252
Tabelle 2.5: Regressionsergebnisse der Probit Regression für alle Haushalte
2.3 Empirische Analyse 99
probit_ur_raw probit_ur_marg
b SF b Xmfx_X SF
med_cpi_eq_poor
av_age 0.009 (0.010) 0.001 30.289 (0.001)
family_size -0.415*** (0.119) -0.031** 3.166 (0.010)
dpr 0.215* (0.101) 0.016* 0.825 (0.008)
av_schooling -0.173*** (0.037) -0.013*** 10.733 (0.003)
infedu (d) -0.591* (0.285) -0.034* 0.222 (0.013)
stay -0.025* (0.012) -0.002* 11.125 (0.001)
male (d) -0.821* (0.365) -0.117 0.945 (0.081)
sez (d) -0.489** (0.189) -0.047* 0.755 (0.023)
soe (d) 0.163 (0.266) 0.014 0.170 (0.025)
foreignshare (d) -0.737 (0.434) -0.034** 0.104 (0.012)
self_employed (d) 0.473* (0.214) 0.049 0.143 (0.030)
_cons 2.437*** (0.602)
N 559.000 559.000
r2_p 0.262 0.262
Tabelle 2.6: Regressionsergebnisse der Probit Regression für die städtisch registrierten
Haushalte
probit_r_raw probit_r_marg
b SF b Xmfx_X SF
med_cpi_eq_poor
av_age 0.019* (0.008) 0.007* 30.387 (0.003)
family_size -0.039 (0.066) -0.015 2.934 (0.025)
dpr 0.227** (0.087) 0.087** 0.683 (0.033)
av_schooling -0.125*** (0.025) -0.048*** 7.547 (0.010)
infedu (d) -0.805* (0.331) -0.258** 0.060 (0.080)
stay -0.010 (0.010) -0.004 7.610 (0.004)
male (d) -0.687 (0.427) -0.268 0.979 (0.158)
sez (d) -0.279* (0.132) -0.107* 0.615 (0.051)
soe (d) 0.344 (0.259) 0.135 0.060 (0.103)
foreignshare (d) -0.520 (0.287) -0.180* 0.056 (0.087)
self_employed (d) 0.017 (0.136) 0.007 0.379 (0.052)
_cons 1.019 (0.575)
N 467.000 467.000
r2_p 0.105 0.105
Tabelle 2.7: Regressionsergebnisse der Probit Regression für die Migrantenhaushalte
2.3 Empirische Analyse 100
Die Probit Regressionen liefern die erwarteten Ergebnisse. Die getrennten Regressio-
nen zeigen die erwarteten Unterschiede zwischen beiden Subgruppen. Die Ergebnisse
mit dem Minimallohn bestätigen die Resultate der Regressionen unter Verwendung der
relativen Armutsgrenze. Die Ergebnisse erscheinen robust in Hinblick auf die Wahl der
Armutsgrenze.
tobit_a_raw tobit_a_marg
b SF b Xmfx_X SF
model
av_age -0.006* (0.003) -0.001* 30.334 (0.001)
family_size 0.045 (0.033) 0.009 3.060 (0.007)
dpr -0.133*** (0.030) -0.026*** 0.760 (0.006)
av_schooling 0.064*** (0.010) 0.012*** 9.283 (0.002)
infedu (d) 0.361** (0.114) 0.062*** 0.148 (0.017)
stay 0.014** (0.004) 0.003** 9.525 (0.001)
male (d) 0.430** (0.138) 0.105* 0.960 (0.041)
rural (d) -0.379*** (0.066) -0.076*** 0.455 (0.013)
sez (d) 0.225*** (0.052) 0.046*** 0.691 (0.011)
soe (d) -0.090 (0.084) -0.018 0.120 (0.018)
foreignshare (d) 0.378*** (0.113) 0.063*** 0.082 (0.016)
self_employed (d) -0.050 (0.057) -0.010 0.250 (0.011)
_cons 8.614*** (0.217)
sigma
_cons 0.551*** (0.030)
N 1026.000 1026.000
r2_p 0.250 0.250
Tabelle 2.8: Regressionsergebnisse der Tobit Regression für alle Haushalte
2.3 Empirische Analyse 101
tobit_ur_raw tobit_ur_marg
b SF b Xmfx_X SF
model
av_age -0.007 (0.006) -0.001 30.289 (0.001)
family_size 0.239** (0.081) 0.030** 3.166 (0.010)
dpr -0.161** (0.061) -0.020** 0.825 (0.008)
av_schooling 0.103*** (0.024) 0.013*** 10.733 (0.003)
infedu (d) 0.341 (0.176) 0.040* 0.222 (0.019)
stay 0.019* (0.008) 0.002* 11.125 (0.001)
male (d) 0.561* (0.225) 0.089* 0.945 (0.044)
sez (d) 0.304** (0.111) 0.041** 0.755 (0.016)
soe (d) -0.059 (0.151) -0.008 0.170 (0.020)
foreignshare (d) 0.465 (0.267) 0.050* 0.104 (0.025)
self_employed (d) -0.264* (0.119) -0.036* 0.143 (0.017)
_cons 7.639*** (0.395)
sigma
_cons 0.623*** (0.073)
N 559.000 559.000
r2_p 0.267 0.267
Tabelle 2.9: Regressionsergebnisse der Tobit Regression für die städtisch registrierten
Haushalte
2.3 Empirische Analyse 102
tobit_r_raw tobit_r_marg
b SF b Xmfx_X SF
model
av_age -0.011** (0.004) -0.003** 30.387 (0.001)
family_size -0.033 (0.035) -0.010 2.934 (0.011)
dpr -0.158*** (0.040) -0.048*** 0.683 (0.012)
av_schooling 0.053*** (0.011) 0.016*** 7.547 (0.003)
infedu (d) 0.405* (0.159) 0.101** 0.060 (0.032)
stay 0.009 (0.006) 0.003 7.610 (0.002)
male (d) 0.339* (0.169) 0.126 0.979 (0.075)
sez (d) 0.154* (0.062) 0.048* 0.615 (0.019)
soe (d) -0.179 (0.117) -0.060 0.060 (0.043)
foreignshare (d) 0.307* (0.127) 0.080** 0.056 (0.028)
self_employed (d) 0.023 (0.063) 0.007 0.379 (0.019)
_cons 8.834*** (0.247)
sigma
_cons 0.512*** (0.030)
N 467.000 467.000
r2_p 0.127 0.127
Tabelle 2.10: Regressionsergebnisse der Tobit Regression für die Migrantenhaushalte
Die Ergebnisse des Tobit Modells weisen auf große Unterschiede in den Determinan-
ten des Einkommens für die arme und nicht arme Bevölkerung hin. Gleiches lässt sich
für die unterschiedlichen getrennten Tobit Regressionen für Migranten und Nichtmi-
granten feststellen. Die Ergebnisse sind robust mit einer generell zufriedenstellenden
Güte.
2.3 Empirische Analyse 103
ols_all ols_ur ols_ru
b SF b SF b SF
av_age -0.006* (0.003) -0.009 (0.004) -0.010** (0.003)
family_size 0.110*** (0.027) 0.203*** (0.044) -0.001 (0.034)
dpr -0.078* (0.031) -0.080 (0.043) -0.081 (0.044)
av_schooling 0.084*** (0.009) 0.097*** (0.014) 0.071*** (0.011)
infedu 0.211** (0.066) 0.166* (0.079) 0.329** (0.111)
stay 0.013*** (0.003) 0.014*** (0.003) 0.006 (0.005)
male 0.343* (0.141) 0.293 (0.187) 0.414** (0.136)
rural -0.688*** (0.059)
sez 0.283*** (0.049) 0.386*** (0.080) 0.119* (0.059)
soe -0.072 (0.075) -0.108 (0.095) -0.109 (0.111)
foreignshare 0.388*** (0.080) 0.330** (0.102) 0.432*** (0.123)
self_employed -0.104 (0.056) -0.314** (0.105) 0.065 (0.061)
_cons 8.620*** (0.207) 8.276*** (0.272) 8.501*** (0.225)
rmse 0.718 0.794 0.583
N 1026.000 559.000 467.000
r2_a 0.461 0.253 0.186
Tabelle 2.11: Regressionsergebnisse der OLS Regression. Alle Haushalte, städtisch registrierte Haushalte und Mi-
grantenhaushalte
2.3 Empirische Analyse 104
Die Ergebnisse der linearen OLS Regressionen in Tabelle 2.11 bestätigen generell
die Ergebnisse der Probit Regressionen. Die Koeffizienten sind gleich signifikant und
besitzen, wie es zu erwarten war in, unterschiedliche Vorzeichen. Die genaue Diskussion
und Interpretation der Ergebnisse erfolgt, nach der Darstellung der Ergebnisse der
Zerlegung der Regressionen, geschlossen im nächsten Abschnitt.
2.3.4 Zerlegung
Zwecks Schätzung des Ausmaßes an Diskriminierung gegen Migrantenhaushalte wird
eine Oaxaca-Blinder Zerlegung der Probit und Tobit Regressionen vorgenommen. Der
Renditeanteil der Zerlegung dient auch hier als Schätzwert für das Ausmaß an Diskrimi-
nierung. Da die traditionelle Oaxaca-Blinder Zerlegungsmethode nur für den linearen
Fall angewendet werden kann, findet hier die Generalisierung der Methode für den nicht
linearen Fall von Bauer und Sinning (2006) Anwendung. Die Ergebnisse der Zerlegung
sind in den Tabellen 2.12 sowie 2.13 zusammengefasst.11
Faktorausstattung Rendite (Diskriminierung)
Nichtmigranten, = 0 50,8% 49,2%
Migranten, = I48,3% 51,7%
Tabelle 2.12: Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse der Probit Regression
Faktorausstattung Rendite (Diskriminierung)
Nichtmigranten, = 0 48,8% 51,2%
Migranten, = I32,2% 67,8%
Tabelle 2.13: Oaxaca-Blinder Zerlegungsergebnisse der Tobit Regression
11Für eine genauere Darstellung der Methode siehe Abschnitt 1.3.4.
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 105
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen
Die Ergebnisse der ökonometrischen Analyse unterstreichen die Multidimensionalität
der Ursachen von Armut. Haushaltszusammensetzung, Produktionsfaktoren, soziale
Faktoren und die Eigenschaften des Arbeitsplatzes haben alle einen signifikanten Ein-
fluss auf den Armutsstatus. Selbiges lässt sich für die Relevanz dieser Variablen für
das Einkommen der Armen sowie das Einkommen der Gesamtbevölkerung aussagen.
Die meisten Variablen innerhalb dieser Kategorien sind signifikant und robust in Bezug
auf unterschiedliche Schätzmethoden für Armut und unterschiedliche Subpopulationen.
Die Hauptergebnisse sind: Migranten haben eine sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit
arm zu sein als Nichtmigranten. Die Determinanten der Armut unterscheiden sich sub-
stantiell zwischen Migranten und Nichtmigranten. Insbesondere Produktionsfaktoren
scheinen von größerer Bedeutung für Migranten zu sein. Migranten sind mit einem
großen Ausmaß an Lohndiskriminierung konfrontiert.
Aufgrund der Ergebnisse wird deutlich, dass Migranten ein deutlich niedrigeres Ein-
kommen erzielen als Nichtmigranten. Des Weiteren erhöht ihr ländlicher Registrierungs-
status drastisch die Wahrscheinlichkeit für Armut. Die getrennten Regressionen zeigen
deutlich, dass sowohl das Einkommen der Armen als auch die Faktoren die den Ar-
mutsstatus an sich bedingen, äußerst unterschiedlich für Migranten und Nichtmigranten
sind. Der Armutsstatus von Migrantenhaushalten scheint mehr von Produktionsfakto-
ren und den Eigenschaften des Arbeitsplatzes des Haushaltsvorsitzenden bestimmt zu
werden als bei Nichtmigranten. Ähnliches gilt für den Einfluss von Produktionsfak-
toren auf das Einkommen der Armen insgesamt. Auf der anderen Seite ergeben die
Resultate der Zerlegung, dass es für Migranten schwerer ist, Nutzen aus ihren Pro-
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 106
duktionsfaktoren zu generieren, da die Einkommensdifferenz zwischen Migranten und
Nichtmigranten zu einem großen Teil durch Lohndiskriminierung erklärt werden kann.
Diese Tatsache ist besonders besorgniserregend, da die Datenanalyse gezeigt hat, dass
das Einkommen und der Armutsstatus der Migrantenhaushalte insbesondere durch die
Produktionsfaktoren des Haushalts beeinflusst wird.
2.4.1 Haushaltszusammensetzung
Betrachtet man die Kategorien einzeln wird deutlich, dass die Haushaltszusammen-
setzung von großer Bedeutung ist. Ein höheres durchschnittliches Alter des Haushalts
erhöht die Armutswahrscheinlichkeit. Die Familiengröße ebenso wie der Quotient aus
nicht arbeitenden Haushaltsmitgliedern und arbeitenden Haushaltsmitgliedern hat den
erwarteten Effekt sowie die erwarteten unterschiedlichen Vorzeichen in Bezug auf die
Wahrscheinlichkeit des Haushaltes arm zu sein. Eine Familie mit weniger arbeitenden
Haushaltsmitgliedern hat größere Probleme das notwendige Einkommen zu generieren,
das sie frei von Armut hält. Auch das Einkommen der Armen wird durch mehr abhän-
gige Familienmitglieder negativ beeinflußt. Diese Resultate sind vergleichbar mit den
Ergebnissen für ganz China von Appelton et al. (2008) wobei der negative Effekt der
Famliengröße12 auf das Einkommen im Falle von Shenzhen nur für arme Migranten-
haushalte gilt. Li (2006) erkennt in diesem Zusammenhang einen negativen Einfluss
der Familiengröße auf die Armutswahrscheinlichkeit, der auch für Shenzhen bestätigt
werden kann. Auch Meng et. al (2008) entdecken einen positiven Zusammenhang zwi-
schen Haushaltsgröße und Armut. Sie nehmen anstatt des Abhängigkeitsverhältnisses
12Appelton et al. (2008) verwenden die Anzahl erwachsener Haushaltsmitglieder anstatt der Haus-
haltsgröße.
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 107
den Prozentsatz der arbeitenden Haushaltsmitglieder in die Gleichung mit auf.
Unterscheidet man zwischen Migranten und Nichtemigrantenhaushalten, wird deut-
lich dass das durchschnittliche Alter im Haushalt, sowie das Abhängigkeitsverhältnis,
die Wahrscheinlichkeit arm zu sein im Fall eines Migrantenhaushalts weitaus stärker
beeinflusst als im Fall des Nichtmigrantenhaushalts, in welchem Fall die Familiengrö-
ße von größerer Wichtigkeit ist. Das Gleiche lässt sich für das Einkommen der armen
Haushalte aussagen. Betrachtet man die Unterschiede zwischen armen und nicht ar-
men Haushalten insgesamt, ist die Größe des Haushalts ein sie stark unterscheidender
Faktor.
2.4.2 Produktionsfaktoren
Humankapital ausgedrückt durch durchschnittliche Bildungsjahre sowie informelle Aus-
bildung übt einen großen Einfluss auf den Armutsstatus des Haushalts aus. Das Vor-
handensein einer ausreichenden Menge an Humankapital erlaubt es, dem Haushalt Ein-
kommen zu generieren und reduziert seine Armutswahrscheinlichkeit. Dieser negative
Einfluss der Bildung auf die Armutswahrscheinlichkeit wird auch von Meng et al. (2008)
bestätigt. Auch Appelton et al. (2008) unterstreichen den negativen Zusammenhang
zwischen Armut und Bildung.
Es existieren jedoch große Unterschiede zwischen Migranten und Nichtmigranten.
Der Einfluss von Humankapital auf den Armutsstatus des Haushaltes ist weitaus größer
im Falle der Migrantenpopulation. Hier handelt es sich um den Faktor mit dem größten
Einfluss. Betrachtet man die Bildungsrenditen ist offensichtlich, dass die Armen eine
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 108
weitaus geringere Bildungsrendite generieren können als die Durchschnittsbevölkerung.
Unabhängig davon, ob arm oder nicht, haben Migranten ebenso eine niedrigere Rendite
für Humankapital. Auf der anderen Seite ist ihre Rendite für informelle Ausbildung
höher als bei Nichtmigranten.
Die Aufenthaltsdauer des Haushaltsvorsitzenden in Shenzhen, die als Indikator für
die Ausbildung sozialer Netzwerke sowie die Akkumulation regionenspezifischen Wis-
sens betrachtet werden kann, hat einen negativen Einfluss auf die Armutswahrschein-
lichkeit. Die Auswirkung dieses Effekt ist jedoch relativ klein. Dieser negative Effekt
ist konform mit dem positiven Einfluss den Wan (2006) für das Einkommen feststellt.
Die Wirkung eines männlichen Haushaltsvorsitzenden ist unterschiedlich. Für alle be-
deutet ein männlicher Haushaltsvorsitzender ein weitaus geringeres Armutsrisiko. Ein
positiver Effekt auf das Einkommen lässt sich ebenso für die armen Migranten als auch
für die Migranten im Allgemeinen feststellen, nicht jedoch für die durchschnittlichen
Nichtmigranten. Auch Meng et al. (2008) und Li (2006) ermitteln, dass die Armuts-
wahrscheinlichkeit in China durch einen weiblichen Haushaltsvorsitzenden erhöht wird.
Die Analysen von Appelton et al. (2008) bestätigen den negativen Einfluss eines weib-
lichen Geschlechts des Haushaltsvorsitzenden sowie den des Abhängigkeitsquotienten.
Der stärkere Einkommenseffekt eines männlichen Haushaltsvorsitzenden im Falle von
Migrantenhaushalten wird auch von Song et al. (2009) im Falle von Changsha festge-
stellt.
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 109
2.4.3 Soziale Normen und Politikmaßnahmen
Alle sozialen und China spezifischen Faktoren erweisen sich als signifikant. Die ländli-
che Registrierung des Haushaltsvorsitzenden übt einen sehr negativen Einfluss auf das
Einkommen und einen positiven Einfluss auf die Armutswahrscheinlichkeit aus. Die
Diskriminierung ländlich registrierter Arbeiter ebenso wie der Mangel an adäquater
Ausbildung in ländlichen Gebieten, welches einen negativen Einfluss auf das Humanka-
pital hat, führt zu der signifikant höheren Wahrscheinlichkeit der Armut für Haushalte
mit einem ländlich registrierten Haushaltsvorsitzenden. Es wird deutlich, dass die Mi-
granten, deren ursprüngliches Ansinnen es ist, der Armut in den ländlichen Regionen
durch Migration zu entkommen, ein weitaus größeres Armutsrisiko besitzen als städ-
tisch registrierte Nichtmigranten. Diese Ergebnisse stimmen mit dem für ganz China
nachgewiesenen großen Einkommensdifferential zwischen Migranten und Nichtmigran-
ten überein (Liu 2005). Auch Song et al. (2009) können für Changsha eine explizite
Benachteiligung der Migranten nachweisen. Gleiches gilt für Lu und Song (2006) im
Falle von Tianjin. Ebenso ist zu erkennen, dass der negative Einfluss der ländlichen
Registrierung auf das Einkommen weniger drastisch für die arme Population ist.
Die Politikmaßnahme der Sonderwirtschaftszone erweist sich als ebenso signifikant.
Befindet sich der Haushalt in einer dieser SEZ in Shenzhen sinkt die Armutswahr-
scheinlichkeit. Dies deutet daraufhin, dass innerhalb der Sonderwirtschaftszonen bes-
sere Arbeitsplätze und Arbeitsmöglichkeiten vorhanden sind, was konform mit dem
generell konstatierten ökonomischen Erfolg der Sonderwirtschaftszonen in China und
insbesondere in Shenzhen ist (Yeung et al. 2009; Sklair 1991). Die Politikmaßnahme
der Sonderwirtschaftszone hat den stärksten Einfluss auf das Einkommen der Nichtmi-
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 110
granten.
2.4.4 Arbeitsplatzeigenschaften
Die Ergebnisse für die Indikatorvariablen, die die Arbeitsplatzeigenschaften abbilden,
sind gemischt. Ein unerwartetes Ergebnis hierbei ist, dass der Staatsbesitz des Arbeit-
gebers einen positiven Einfluss auf die Armutswahrscheinlichkeit ausgeübt. Die Variable
ist jedoch nicht signifikant. Ursprünglich wurde in diesem Zusammenhang ein positiver
Zusammenhang zwischen Armut und Selbständigkeit und ein negativer Zusammenhang
mit dem Staatsbesitz der Firma vermutet. Jedoch zeigen die Ergebnisse für Shenzhen,
dass weder der stabilisierende, noch der Selektionseffekt eines Staatsbetriebes einen
Einfluss ausübt. Dieser positive Einfluss auf die Armutswahrscheinlichkeit ist ähnlich
den Ergebnissen von Heckman und Li (2003) oder Lu und Song (2006). Diese weisen
eine deutlich negative Auswirkung von Staats- oder Kollektivbesitz auf das Einkom-
men aus. Li (2006) sieht einen leicht negativen Zusammenhang zwischen Armut und
Staatsbesitz, wobei dies stark von der Art des Staatsbetriebes abhängig ist. Städtische
Kollektivbetriebe führen zu einer erhöhten Armutswahrscheinlichkeit der Angestellten.
Auf der anderen Seite stellen Knight und Song (2003) einen ca. 10% Lohnzuschlag bei
staatseigenen Betrieben im Vergleich zu Betrieben in Privatbesitz fest.
Selbständigkeit, welche im Normalfall mit wenig Lohn und Einmannunternehmen
in Zusammenhang gebracht wird, ist nicht relevant für Migranten, jedoch relevant für
Nichtmigranten. Sie übt einen negativen Einfluss auf das Einkommen der armen so-
wie auf das Einkommen des durchschnittlichen städtisch registrierten Einwohners aus.
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 111
Hierbei wird ebenso die Wahrscheinlichkeit unter die Armutsgrenze zu fallen, erhöht.
Li (2006) berichtet in diesem Zusammenhang von einer leicht erhöhten Armutswahr-
scheinlichkeit für Selbständige in allen Bevölkerungsteilen in ganz China.
Eine vollständige oder teilweise ausländische Beteiligung an dem Arbeitgeber hat
einen negativen Einfluss auf die Armutswahrscheinlichkeit. Dies mag in der Tatsache
begründet sein, dass Joint Ventures, beziehungsweise ausländische Firmen, einen hö-
heren Lohn zahlen, oder aber auch darin begründet sein, dass eine größere Anzahl
qualifizierter Arbeiter in diesen Firmen angestellt sind. Der Einfluss dieses Effekts ist
besonders stark für Migranten. Ihre Armutswahrscheinlichkeit wird dadurch deutlich
gesenkt. Auch Lu und Song (2006) ermitteln einen deutlichen positiven Effekt von
ausländischer Beteiligung auf das Einkommen. Song et al. (2009) können in Changsha
allerdings hauptsächlich eine positiven Einkommenseffekt für die städtische Bevölke-
rung und nicht für die Migranten ausmachen.
2.4.5 Diskriminierung der Migranten
Die Ergebnisse der Oaxaca-Blinder Zerlegung zeigen, dass in Abhängigkeit von der
Referenzgruppe 49-68% des Einkommensunterschiedes zwischen Migranten und Nicht-
migranten auf Lohndiskriminierung zurückzuführen ist. Dieser Wert steigt auf 50-68%
an, werden die Ergebnisse der Tobit Regression, die das Einkommen der Armen abbil-
det, zugrunde gelegt. Diese Benachteiligung der Migranten stimmt mit den Resultaten
von Fan (2001) und Lu und Song (2006) überein, die insbesondere noch einmal den
diskriminierenden Effekt der Hukou Registrierung herausstellen.
2.4 Ursachen der Armut in Shenzhen 112
Desweiteren unterstreichen die Ergebnisse der ökonometrischen Analyse die Schwie-
rigkeit der Situation, in der sich Migranten befinden. Die Unterschiede in den Fakto-
ren, die Armut zwischen Migranten und Nichtmigranten generieren sind äußerst un-
terschiedlich. Der Migrantenpopulation war es nicht möglich im gleichen Umfang an
den starken Wohlfahrtsgewinnen teilzuhaben und sieht sich hierbei weiterhin starker
Lohndiskriminierung ausgesetzt. Hierbei bestätigt die Situation in Shenzhen die Be-
nachteiligung der Migranten, die in ganz China vorzufinden ist (u.a. Liu 2005; Fan
2001).
Politikmaßnahmen, die eine bessere Faktorakkumulation für Migranten erlauben,
insbesondere die von Humankapital, scheinen angebracht. Ebenso erscheint ein Vor-
gehen gegen die existierende Lohndiskriminierung gegen Migranten als sinnvoll. Auf
der anderen Seite lassen sich eventuell auch positive Effekte, die auf das Hukou Re-
gistrierungssystem zurückzuführen sind, finden. Zwar ist dieses Registrierungssystem
allgemein einer der Hauptgründe für das niedrigere Einkommen und größere Armut
unter Migranten in ganz China (Liu 2005). Auf der anderen Seite jedoch, kann es zur
Milderung anderer negativer Effekte, die durch Migration verursacht werden, beitra-
gen. Da das Hukou Registrierungssystem die Opportunitätskosten von Migration in
die Städte deutlich erhöht, indem es die Kosten für die Migranten durch unterschied-
liche Kanäle steigert, kann es auch als Migrationsbarriere interpretiert werden. Diese
Barriere gegen zu große Migration kann mit dazu beitragen dass negative Effekte zu
starker Migration in die Städte hinein, wie es in vielen Entwicklungsländern beobach-
tet werden kann, vermieden werden. Aus diesem Grunde ist eine genaue Abwägung der
Kosten und des Nutzens der unterschiedlichen Armutsbekämpfungsmaßnahmen not-
wendig. Des Weiteren sollte angemerkt werden, dass viele der Land-Stadt Migranten
2.5 Zusammenfassung der Armutssituation 113
im Falle der vollständigen Verarmung die Option der Rückkehr in die Dörfer haben.
Diese Option kann als ein letztes Sicherungsnetz interpretiert werden.
2.5 Zusammenfassung der Armutssituation
Die Schätzungen der Armut im urban China schwanken aufgrund der Vielzahl an un-
terschiedlichen Definitionen von Armutslinien und der Verwendung unterschiedlicher
Wohlfahrtsmaße. In dieser Arbeit wird eine breitere Definition der Armut verwendet,
um die Armutsinzidenz auf Basis unterschiedlicher Armutsgrenzen für Shenzhen zu
berechnen. Die Zusammenhänge zwischen Migration und Armut wurden beleuchtet
und versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, warum Migranten ärmer sind als
Nichtmigranten. Des Weiteren wurden die Unterschiede in den Faktoren, die Armut
bei Migranten und Nichtmigranten verursachen, herausgearbeitet. Ebenso wurde ana-
lysiert inwiefern sich die arme von der nicht armen Bevölkerung in Hinsicht auf diese
armutsgenerierenden Faktoren unterscheidet.
Zur präziseren Schätzung der Armut in Shenzhen war es notwendig, eine Einkom-
menskorrektur mittels eines für das Jahr 2005 aktualisierten regionalen Preisdeflators
vorzunehmen. Hierzu wurde der von Brandt und Holz (2006) erstellte Warenkorb in
regionalen Preisen, aktualisiert mit Werten des regionalen städtischen Konsumenten-
preisindex, der vom nationalen chinesischen Amt für Statistik herausgegeben wird,
verwendet. Zwecks Berücksichtigung von Skalenerträgen innerhalb eines Haushaltes
wurde auch das Äquivalenzeinkommen berechnet. Die absolute Armut ist gering, va-
riiert jedoch stark in Abhängigkeit von den Einkommensanpassungen. Dies und der
2.5 Zusammenfassung der Armutssituation 114
mit westlichen Industriestaaten vergleichbare ökonomische Entwicklungsstand legen
die Verwendung einer relativen Armutsgrenze für die Analyse der Determinanten von
Armut in Shenzhen nahe.
Um eine genauere Kenntnis über die Ursachen der Armut in Shenzhen zu erhalten,
wurden multiple Regressionen unter Verwendung verschiedener Modelle durchgeführt.
Zur Identifizierung der Faktoren, die die Armutswahrscheinlichkeit beeinflussen, wur-
de ein Probit Modell verwendet. Zwecks Modellierung der Einkommenslücke und der
Determinanten des Einkommens der Armen wurde ein Tobit Modell verwendet. Ab-
schließend wurde zur Abbildung der einkommensgenerierenden Faktoren im Allgemei-
nen sowie zur Überprüfung ein lineares OLS Modell verwendet. Um die Migranten und
Nichtmigranten getrennt betrachten zu können, wurden jeweils getrennte Regressio-
nen für beide Subpopulationen durchgeführt. Um das Ausmaß an Lohndiskriminierung
abschätzen zu können, wurde eine Zerlegung der Regressionen vorgenommen. Die ver-
wendeten erklärenden Variablen lassen sich den Kategorien Haushaltseigenschaften,
Produktionsfaktoren, soziale Normen und Politikmaßnahmen sowie Arbeitsplatzeigen-
schaften zuordnen.
Als ein Hauptergebnis lässt sich festhalten, dass der Migrationsstatus einen stark po-
sitiven Einfluss auf das Armutsrisiko sowie einen negativen Einfluss auf das Einkommen
ausübt. Migranten sind zusätzlich einem erheblichen Ausmaß von Lohndiskriminierung
ausgesetzt. Dieser Tatbestand ist von besonderer Bedeutung, da der Armutsstatus so-
wie das Einkommen der armen Migranten besonders stark durch die Produktionsfak-
toren des Haushaltes beeinflusst werden.
Die hier vorgestellten Ergebnisse stellen die problematische Situation, in der sich
2.6 Vulnerabilität als neues Konzept der Armutsforschung 115
Land-Stadt Migranten befinden, heraus. Hieraus kann gefolgert werden, dass obwohl
Shenzhen eines der Paradebeispiele für eine erfolgreiche ökonomische Entwicklung auf
dem Festland von China ist, Probleme der Armutsbekämpfung und Diskriminierung
akut sind und raschen Handelns bedürfen.
2.6 Vulnerabilität als neues Konzept der Armutsforschung
In diesem Abschnitt soll die Vulnerabilität der Haushalte in Shenzhen als Erweiterung
zu den klassischen Armutskennziffern ermittelt werden. Vulnerabilität wird hierbei als
eine Kennziffer verstanden, die die Wahrscheinlichkeit ausdrückt, mit der ein Haushalt
in der Zukunft arm oder noch ärmer ist (Coudouel et al. 2002; Pritchett et al. 2000).
Das Konzept der Vulnerabilität bietet aufgrund seiner dynamischen, in die Zukunft
gerichteten Sichtweise der Armutsproblematik einige Vorteile gegenüber den Ansätzen
der traditionellen Armutsforschung. Die konkrete Umsetzung des Konzepts gestaltet
sich jedoch oft schwierig. Nach einer Einführung in das Konzept der Vulnerabilität
werden auf Basis der vorgenommenen Vulnerabilitätsschätzungen für Shenzhen meh-
rere Kennziffern vorgestellt, um einen Überblick über die Vulnerabilität der Haushalte
und die Zusammenhänge mit den bereits vorgestellten klassischen Armutskennziffern
zu erhalten.
2.6 Vulnerabilität als neues Konzept der Armutsforschung 116
2.6.1 Abgrenzung des Begriffs der Vulnerabilität
In ihrem aktuellen weltweiten Entwicklungsbericht betont die Weltbank die Zusam-
menhänge zwischen Sicherheit, Chancengleichheit und Armut.13 Im Zusammenhang
hiermit stehen die Konzepte von Unsicherheit und Risiko, wobei Unsicherheit als das
Risiko eines negativen Wohlfahrtsschocks interpretiert werden kann. Diese Schocks kön-
nen sowohl ideosynkratischer als auch systemischer Natur sein (Ligon und Schechter
2003). Ist das Ausmaß eines solchen Schocks groß genug, vermag er einen Haushalt un-
ter die Armutsgrenze zu drücken. Häufig genannte ideosynkratische Schocks die einen
großen negativen Einfluss auf die Wohlfahrt des Haushalts haben können, sind unter
anderem Tod, Krankheit oder Arbeitslosigkeit und häufige systemische Schocks sind
Krieg, Dürren sowie politische Instabilität (Coudouel et al. 2002). All jene Faktoren,
die einen negativen Einfluss auf das Haushaltseinkommen haben können, erhöhen das
Armutsrisiko. Sie erhöhen somit ebenso die Vulnerabilität des Haushalts, indem sie ihn
verletzlicher, beziehungsweise anfälliger machen. Aufgrund von Datenbeschränkungen
werden in der folgenden Analyse ausschließlich ideosynkratische Schocks berücksichtigt.
Neben dem Risiko eines negativen Wohlfartsshocks werden weitere Determinanten
der Vulnerabilität in der Literatur diskutiert. Alwang et al. (2002) teilen die gesamte
Vulnerabilität eines Haushalts in drei verschiedene Komponenten auf: Das Risiko an
sich, Möglichkeiten des Risikomanagements sowie die Realisation in Form des Wohl-
fahrtsverlustes. Abhängig vom Forschungsschwerpunkt wird unterschiedliches Gewicht
auf eine dieser Dimensionen gelegt. Risiko steht in direkter Verbindung mit Vulne-
13Soweit nicht anders angegeben, basieren die folgenden Aussagen bezüglich der Vulnerabilität maß-
geblich auf dem World Development Report 2010 sowie dem Poverty Reducation Strategy Paper
(PRSP) Sourcebook.
2.6 Vulnerabilität als neues Konzept der Armutsforschung 117
rabilität, da es Haushalte anfällig für unerwünschte Zustände macht (Alwang et al.
2002). Risiken unterscheiden sich in Ausmaß und Dauer. In Abhängigkeit davon ob ein
Ereignis bereits eingetreten ist, können Risiken durch ex-ante und ex-post Risikoma-
nagementmaßnahmen des Haushaltes abgeschwächt werden. Das Risiko in Verbindung
mit der Antwort des Haushalts auf dieses Risiko führt schließlich zum realisierten Er-
gebnis. Dieses Ergebnis wird meist in Form von Wohlfahrtsverlust quantifiziert und
hängt von dem Ausmaß und der Dauer des Risikos, ebenso wie von den Risikoma-
nagementmaßnahmen des Haushaltes ab. Das realisierte Ergebnis wird oft mit einem
minimal akzeptablen Ergebnis verbunden, um eine Analyse zu ermöglichen (Alwang et
al. 2002). Oft wird eine Armutsgrenze als dieses minimal akzeptable Ergebnis genutzt.
Politikmaßnahmen zur Bekämpfung von Vulnerabilität können an allen drei Risikodi-
mensionen ansetzen. Die empirische Untersuchung in dieser Arbeit befasst sich jedoch
ausschließlich mit dem Risiko der Armut und betrachtet weder das Risikomanagement
noch den Wohlfahrtsverlust.
Das Konzept der Wohlfahrt ist ebenso sehr breit definiert. Unterschiedliche Fakto-
ren wie Gesundheit, Bildung und Einkommen bilden zusammen die Wohlfahrt eines
Haushalts und können alle auf unterschiedliche Art und Weise durch Risiken gefähr-
det sein. Aufgrund der Allgemeinheit der Konzepte ist eine Begrenzung zur besseren
Analyse notwendig. Die weitere Analyse wird sich somit auf die Einkommensdimensi-
on der Vulnerabilität beschränken. Zwar ist die Beschränkung auf Einkommen als das
Wohlfahrtsmaß durchaus diskutabel, doch erscheint es in diesem Zusammenhang und
aufgrund seiner guten Beobachtbarkeit als sinnvoll. Des Weiteren wird eine Armuts-
grenze als minimal akzeptables Ergebnis gewählt und Wohlfahrtsverluste, die nicht zu
Armut führen, ignoriert. Die hier zu Grunde gelegte Definition begreift also Vulnera-
2.6 Vulnerabilität als neues Konzept der Armutsforschung 118
bilität als das aktuelle Risiko in der Zukunft arm oder noch ärmer zu sein (Coudouel
et. al 2002; Pritchett et al. 2000). Hierbei werden lediglich die Einkommensseite und
die ideosynkratischen Schocks berücksichtigt.
2.6.2 Abgrenzung zu klassischen Armutsmaßen
Das Konzept der Vulnerabilität unterscheidet sich von klassischen Methoden der Ar-
mutsmessung in mehrerlei Hinsicht.14 Im Gegensatz zur statischen Armutsanalyse ist
das Konzept der Vulnerabilität dynamischer Natur. Die klassische Kennziffer der Ar-
mutsquote erlaubt es beispielsweise festzustellen, wie viele Individuen beziehungsweise
Haushalte heute arm sind. Dies kann als ein ex-post Indikator oder als ex-post Maßzahl
für den Wohlstand eines Haushaltes betrachtet werden. Diese Kennziffer sagt jedoch
nichts über die Wahrscheinlichkeit und die Möglichkeiten eines armen Haushalts, in Zu-
kunft der Armut zu entkommen aus. Ebenso wenig wird die Wahrscheinlichkeit, dass
ein nicht armer Haushalts in der Zukunft arm sein könnte, berücksichtigt. Da viele
Politikmaßnahmen darauf ausgerichtet sind, die Armut in Zukunft zu reduzieren oder
Haushalte von der Armut zu bewahren, scheint ein in die Zukunft gerichtetes Konzept
der Armutsschätzung und Messung sinnvoll (Coudouel et al. 2002). Das Konzept der
Vulnerabilität bietet sich aufgrund seiner dynamischen Natur als ein solches voraus-
schauendes Instrument an. Die Vulnerabilität eines Haushalts betrachtet die aktuelle
Realisation eines dynamischen Prozesses. Sie ist ein Ergebnis, das durch frühere syste-
mische oder ideosynkratische Ereignisse und Charakteristiken beeinflusst wird, sowie
eine Schätzung der möglichen Entwicklung der Haushaltswohlfahrt in der Zukunft.
14Vgl. hierzu Ligon und Schechter (2003).
2.7 Empirische Analyse 119
Diese Art von dynamischen Prozessen wird am besten unter Verwendung von Längs-
schnittdaten analysiert. Viele Studien zur Vulnerabilität verwenden deshalb Längs-
schnittdatenmethoden, falls die nötigen Daten vorhanden sind. Jedoch müssen teils
rigide Annahmen getroffen werden um Vulnerabilitätskennziffern ermitteln zu können.
Unter Verwendung einer ähnlichen Definition von Vulnerabilität messen Pritchett et
al. (2000) die Vulnerabilität in Indonesien. Raghav und Imai (2009) verwenden sowohl
die oben erwähnte Definition von Vulnerabilität, als auch zwei weitere Definitionen, um
Vulnerabilität in Indien unter Verwendung eines Längsschnittdatensatzes zu schätzen.
Problematisch ist hier, dass viele Datensätze aus Entwicklungsländern keine richtigen
Längsschnittdaten sind, sondern es sich lediglich um mehrfache Querschnitte handelt.
Aus diesem Grunde können Längsschnittdatenmethoden, die traditionell zu Berech-
nungen und Schätzung von Vulnerabilität verwendet werden, hier keine Anwendung
finden. Diese Restriktionen auf der Datenseite sollten jedoch nicht zu einer vollstän-
digen Ablehnung des Konzepts der Vulnerabilität für diese Art von Daten führen, da
die Vorteile dieser Methode die Nachteile, welche sich in notwendigen methodologi-
schen Restriktionen und theoretischen Annahmen manifestieren, aufwiegen könnten
(Chaudhuri et al. 2002).
2.7 Empirische Analyse
Da das Konzept der Vulnerabilität, wie es hier als das erwartete Armutsrisiko An-
wendung findet, mögliche Einkommensschocks mit abbilden soll, muss neben dem
Mittelwert des Haushaltseinkommens ebenso die Varianz des Haushaltseinkommens
2.7 Empirische Analyse 120
berücksichtigt werden. Diese Varianz des Haushaltseinkommens kann als die Summe
der ideosynkratischen und systemischen Risiken, denen der Haushalt ausgesetzt ist,
interpretiert werden (Ligon und Schechter 2003). Die Vulnerabilität eines Haushalts
bestimmt sich somit aus zwei Größen, dem Mittelwert seines Einkommens sowie der
Varianz dieses Einkommens. Hieraus folgt, dass auch ein Haushalt mit einem hohen
Durchschnittseinkommen eine hohe Vulnerabilität aufweisen kann, falls die Varianz
dieses Einkommens groß genug ist. Ein Schätzwert dieser Varianz wird im optimalen
Fall aus den historischen Zeitreihendaten des Haushaltseinkommens generiert (Prit-
chett et al. 2000). Das Vorliegen solcher Daten in Verbindung mit makroökonomischen
Zeitreihendaten erlaubt im besten Fall eine Berücksichtigung sowohl ideosynkratischer
als auch systemischer Schocks (Ligon und Schechter 2003). Da es sich bei dem hier ver-
wendeten und bereits vorgestellten Shenzhen Haushaltsdatensatz jedoch lediglich um
einen einfachen Querschnittdatensatz handelt, ist ein solches Vorgehen nicht möglich.
Um diese Datenrestriktion zu umgehen, findet im Weiteren ein Ansatz von Chaudhuri
(2003) und Chaudhuri et al. (2002) Anwendung. Grundsätzlich besteht seine Herange-
hensweise darin die erklärbare Varianz des Haushaltseinkommens aus dem Querschnitt
zu schätzen und dann, zusammen mit dem geschätzten Mittelwert des Einkommens
mit Hilfe der Normalverteilung, einen Schätzwert für die Vulnerabilität des Haushalts
zu ermitteln. Es sei jedoch angemerkt, dass aufgrund der zu treffenden Annahmen die
so ermittelten Vulnerabilitätskennziffern in ihrer Aussagekraft eingeschränkt sind.
2.7 Empirische Analyse 121
2.7.1 Ökonometrisches Modell
Chaudhuri (2003) stellt ein ökonometrisches Modell vor, mit dem unter Verwendung
des dreistufigen Feasible Generalizes Least Squares (FGLS), wie es von Amemiya (1977)
definiert wird, Vulnerabilitätsschätzungen aus Querschnittdaten gewonnen werden kön-
nen. Das FGLS Verfahren wird meist zweistufig angewendet, um vorliegende Heteros-
kedastie in den Daten zu bereinigen. Der Unterschied zu dem Weighted Least Squares
Verfahren (WLS) bzw. Generalized Least Squares (GLS) liegt darin, dass die Werte
mittels denen die Daten zur Beseitigung der Heteroskedastizität transformiert werden
müssen unbekannt sind und geschätzt werden müssen (Greene 2003). Im zweistufigen
Fall werden die Residuen einer OLS Regression auf dieselben erklärenden Variablen
regressiert und anschließend die geschätzten Werte als Gewichte in einer gewichteten
OLS Regression verwendet. Chaudhuri (2003) verwendet hingegen das Verfahren mit
drei Stufen. Neben Chaudhuri (2003) und Chaudhuri et al. (2002) findet die Metho-
dik im gleichen Zusammenhang bei Tesliuc und Lindert (2002), Alayande (2004) und
in angepasster Form bei Jadotte (2010) sowie Thomas (2003) Anwendung. Die von
ihm vorgeschlagene Neuerung liegt jedoch nicht in dem Verfahren an sich, sondern pri-
mär in der Idee und den damit verbundenen Annahmen, die es ermöglichen aus einem
Querschnitt eine Schätzung der Varianz des Haushaltseinkommens zu ermitteln. Da die
obige Definition der Vulnerabilität als Armutsrisiko eines Haushaltes sich aus seinem
Einkommen sowie aus der Varianz des Einkommens zusammensetzt, ist eine präzise
und konsistente Schätzung der Varianz des Haushaltseinkommens notwendig. Anders
als andere Studien nimmt Chaudhuri (2003) diese Varianz nicht als konstant über alle
Haushalte im Querschnitt an, sondern setzt sie in Abhängigkeit zu den Haushaltseigen-
2.7 Empirische Analyse 122
schaften. Um diese sowie das erwartete Einkommen effizient und konsistent schätzen
zu können wendet er dann das FGLS Verfahren an.
Es wird davon ausgegangen, dass der folgende Prozess das Haushaltseinkommen
generiert:15
ln ih=Xhβ+eh
ih:= Pro Kopf Äquivalenzeinkommen des Haushalts h
Xh:= Vektor der Haushaltscharakteristiken
β:= Koeffizientenvektor
eh:= Störterm mit E(eh)=0
(2.18)
Der Störterm ehbildet in dieser Spezifikation die ideosynkratischen Schocks, die
ein Haushalt erfährt ab und erklärt somit die Einkommensunterschiede zwischen zwei
ansonsten identisch ausgestatteten Haushalten.16 Es muss die Annahme getroffen wer-
den, dass diese Schocks identisch und gleich verteilt über die Zeit, aber nicht über alle
Haushalte sind. Ebenso wird ein stabiler, sich nicht verändernder Koeffizientenvektor β
angenommen. Dies impliziert eine sich nicht verändernde Makroökonomie und schließt
jedwede systemische bzw. aggregierte Schocks aus. Diese limitierenden Annahmen sind
notwendig, um Vulnerabilitätsschätzungen aus einem reinen Querschnitt genieren zu
können (Chaudhuri et al. 2002). Weiterhin wird die Annahme getroffen, dass die Va-
15Die Darstellung der Methodik folgt Chaudhuri et al. (2002). Für eine ausführliche Darstellung der
Methodik siehe auch Chaudhuri (2003). Eine allgemeine Darstellung der FGLS Methode ist u.a.
in Greene (2003) oder Wooldrige (2010) zu finden.
16Zur Bildung des Äquivalenzeinkommens siehe Abschnitt 2.2.2.
2.7 Empirische Analyse 123
rianz des Haushaltseinkommens von den gleichen erklärenden Variablen abhängig ist
wie das Haushaltseinkommen selbst:
σ2
eh=XhΘ
σ2
eh:= Varianz des Haushaltseinkommens des Haushalts h
Xh:= Vektor der Haushaltscharakteristiken
Θ := Koeffizientenvektor
(2.19)
Die Koeffizientenvektoren βund Θwerden mittels eines dreistufigen FGLS Verfah-
rens ermittelt (Amemiya 1977). Der Vorteil dieses Verfahrens liegt u.a. in der Korrektur
von Messfehlern und Verzerrungen, die Heteroskedastizität verursachen. Des Weiteren
ist es im Vergleich zur Verwendung von White-korrigierten Standardfehlern und einer
normalen OLS Regression effizienter solange der Typ bzw. Form der Heteroskedastizi-
tät bekannt ist (Wooldrige 2010).
Zuerst wird das in 2.18 spezifizierte Modell mittels OLS geschätzt. Die aus dieser
Schätzung herrührenden Residuen werden quadriert und anschließend auf dieselben
erklärenden Variablen mittels OLS regressiert:
ˆ
e2OLS,h =XhΘ + h(2.20)
Hierbei muss eine spezifische Fehlervarianzmatrix bzw. Skedastizitätsfunktion un-
terstellt werden ˆ
Xh=XhΘ. Der geschätzte Mittelwert dieser Regression wird
2.7 Empirische Analyse 124
anschließend verwendet, um die Gleichung zur Schätzung der Varianz zu transformie-
ren:
ˆ
e2OLS,h
Xhˆ
ΘOLS
=Xh
Xhˆ
ΘOLS Θ + h
Xhˆ
ΘOLS
(2.21)
Die so transformierte Regressionsgleichung wird anschließend ebenfalls mittels OLS
geschätzt. Die sich hieraus ergebende Schätzung ist asymptotisch effizient und liefert
eine konsistente Schätzung der ideosynkratischen Varianz des Haushaltseinkommens
ˆσ2
e,h =Xhˆ
ΘF GLS. Dies rührt daher, dass der OLS Schätzer ˆ
β=X0X1X0ynur
der minimalvariante linearere erwartungstreue Schätzer ist, wenn die Annahmen des
Gauß-Markov-Theorems gelten (u.a. Judge et. al 1988). Dies setzt unabhängige bzw.
unkorrelierte und homoskedatische Fehler voraus. Für die Fehlervarianzmatrix gilt
dann = σ2I(Cameron und Trivedi 2008). Gilt diese Annahme nicht und wird von
einer bekannten Fehlervarianzmatrix ausgegangen, so erhält man den Generalized Least
Squares Schätzer (GLS): ˆ
β=X01X1X01y. Durch die Transformierung des
Modells erhält man wiederum unkorrelierte und homoskedastische Fehler und somit
einen minimalvarianten lineareren erwartungstreuen Schätzer (Cameron und Trivedi
2008). Da jedoch in der Praxis nicht bekannt ist, muss die Fehlervarianzmatrix
geschätzt werden. Dies führt zum FGLS Schätzer: ˆ
β=X0ˆ
1X1
X0ˆ
1y. Ist die
Fehlervarianzmatrix ˆ
= ˆ
Xhrichtig spezifiziert, so ist auch der FGLS Schätzer
ein minimalvarianter linearerer erwartungstreuer Schätzer und liefert konsistente und
effiziente Schätzergebnisse (Cameron und Trivedi 2008).
Da die Varianz des Störterms hier als Schwankung des Haushaltseinkommens in-
2.7 Empirische Analyse 125
terpretiert wird und direkten Einfluss auf die Vulnerabilität des Haushaltes hat, ist
die Korrektur besonders wichtig, da ansonsten die Verwundbarkeit überschätzt werden
könnte und nicht nur lediglich die Signifikanz der Variablen betroffen wäre. Ähnliches
gilt für das weiter unten geschätzte erwartete Einkommen, das ebenso zur Berechnung
der Vulnerabilität verwendet wird. Eine Verzerrung des geschätzten Wertes nach oben
würde zu einer Unterschätzung der Vulnerabilität führen. Hierin liegt auch ein maß-
geblicher Unterschied zu den Standardverfahren zur Schätzung der Vulnerabilität von
Haushalten, da die Varianz des Haushaltseinkommens nicht als reiner Störterm inter-
pretiert und für alle Haushalte als gleich angenommen wird, sondern ebenso von den
Haushaltseigenschaften abhängt (Chaudhuri 2003).
Im Weiteren wird die Wurzel aus der geschätzten Varianz des Haushaltseinkommens
benötigt:
ˆσe,h =pXhˆ
ΘF GLS (2.22)
Diese wird verwendet, um letztlich die Ausgangsgleichung 2.18 zu transformieren,
um nach dem oben beschriebenen FGLS Verfahren eine konsistente und asymptotische
effiziente Schätzung der Koeffizienten zu ermöglichen.
ln ih
ˆσe,h
=Xhβ
ˆσe,h
+eh
ˆσe,h
(2.23)
Die geschätzten Koeffizienten ˆ
βund ˆ
Θwerden anschließend verwendet, um das er-
wartete Haushaltseinkommen sowie die erwartete Varianz des Haushaltseinkommens
2.7 Empirische Analyse 126
zu ermitteln:
ˆ
E[ln ih|Xh] = Xhˆ
β
ˆ
V[ln ih|Xh] = σ2
eh=XhΘ
(2.24)
Die Varianz und der Erwartungswert des Haushaltseinkommens sind nun als Ver-
teilungsparameter des Haushaltseinkommens ermittelt. Um unter Verwendung dieser
Parameter die Vulnerabilität bzw. Armutswahrscheinlichkeit zu ermitteln, muss eine
Verteilungsannahme getroffen werden. Chaudhuri (2003) folgt der in der Literatur häu-
fig vorzufindenden Annahme eines normalverteilten logarithmieren Einkommens (vgl.
u.a. Deaton 1997).
Unter der Annahme, dass der Logarithmus des Haushaltseinkommens normalverteilt
ist, kann nun unter Verwendung der geschätzten Verteilungsparameter die Vulnerabi-
lität des Haushalts, in Form eines Schätzwertes für die mögliche zukünftige Armut des
Haushalts, errechnet werden. Verwendet man zals minimal akzeptables Einkommen
bzw. Armutsgrenze, dann ergibt sich unter Verwendung der Verteilungsfunktion der
kumulativen Standardnormalverteilung die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt in
Zukunft unter die Armutsgrenze fallen könnte aus:
vh=PR (ln ih<ln z|Xh)=Φ ln zXhˆ
β
pXhˆ
Θ!(2.25)
Um dem Problem einer einer Fehlspezifikation der Skedastizitätsfunktion zu begeg-
2.7 Empirische Analyse 127
nen, die in Gleichung 2.20 unterstellt wurde, schlagen Cameron und Trivedi (2009) die
OLS Schätzung mit den FGLS Gewichten unter Verwendung von White-korrigierten
Standardfehlern durchzuführen. Ein Vergleich beider Modelle weist nur sehr geringe
Unterschiede in den Signifikanzen und Standardfehlern auf und ist ein Indikator für die
Robustheit der Ergebnisse.
Das angewendete Verfahren weist laut Chaudhuri et al. (2002) mehrere Vorteile
auf: Einer der Vorteile dieser Methode zur Berechnung von Vulnerabilitätswerten auf
Basis von Regressionsergebnissen liegt darin, dass die Varianz des Einkommens, wie er-
wähnt, direkt von den Haushaltscharakteristiken abhängig ist. Somit kann die Varianz
des Einkommens zwischen den Haushalten variieren und muss nicht, wie bei anderen
Methoden, als konstant angenommen werden. Dies impliziert auch, dass zwischen dem
Mittelwert des Einkommens und dessen Varianz keine monotone Abhängigkeit besteht
und beide unabhängig von einander schwanken können. Da ein Haushalt durchaus arm
sein und somit trotz eines niedrigen Durchschnittseinkommen, eine hohe Varianz des
Einkommens aufweisen kann, bildet diese Eigenschaft des Modells die Realität besser
ab. Weiterhin wird durch die Korrektur der geschätzten Varianz ein möglicherweise
vorliegender Mess- bzw. Erhebungsfehler in den Daten bereinigt. Wie bereits an mehr-
facher Stelle erwähnt, kann das Vorliegen eines solchen Messfehlers zu Heteroskedas-
tie und einer Verzerrung der geschätzten Werte nach oben führen. Meist betrifft dies
die Schätzung des durchschnittlichen Einkommens. Die Korrektur beseitigt ebenso die
Auswirkungen unbeobachteter aber deterministischer Effekte, denen ein Haushalt aus-
gesetzt sein kann. Dies bezieht sich ebenso auf unbeobachtete geographische Ereignisse
mit Auswirkungen auf das Haushaltseinkommen. Jedoch bleibt, wie bereits erwähnt,
die Aussagekraft der Kennziffern aufgrund der verfügbaren Daten und notwendigen
2.7 Empirische Analyse 128
Annahmen eingeschränkt.
2.7.2 Ergebnisse
Die Schätzungen der Vulnerabilität beruhen auf den Haushaltsdaten der Shenzhen
Haushaltsbefragung 2005. Als erklärende Variablen wurden dieselben Variablen ge-
wählt, die zur Erklärung der Armut herangezogen wurden. Aufgrund der engen Ver-
knüpfung zwischen Armut und Vulnerabilität erscheint es sinnvoll, die bereits erprobten
Modellvariablen zu verwenden.17
Starke Gefährdung
Im folgenden Schritt wird mit Hilfe der geschätzten Werte der Varianz und des Mit-
telwerts die Vulnerabilität des Haushalts mittels der kumulativen Standardnormalver-
teilung berechnet. Als Armutsgrenze fungiert der offizielle Mindestlohn in Shenzhen.
Die durchschnittliche Vulnerabilität aller Haushalte ist dann 0,22 mit einer Standard-
abweichung von 0,23. Wählt man einen Vulnerabilitätswert von 0,5 als Grenzwert, um
einen Haushalt als verwundbar zu bezeichnen, dann gelten 16,6% der Haushalte in
Shenzhen als gefährdet bzw. verwundbar. Dies steht einem Wert von 15,9% der Haus-
halte gegenüber, die unterhalb der Armutsgrenze leben und somit im klassischen Sinne
als arm gelten. Ein Vulnerabilitätsgrenzwert von 0,5 besagt, dass ein Haushalt eine
Wahrscheinlichkeit von 50% oder größer, hat in der Zukunft arm zu sein. Die Festle-
gung einer 50% Grenze ist zwar gewissermaßen willkürlich, wird in der Literatur aber,
17Für eine genaue Darstellung der Variablen und der Gründe für ihre Berücksichtigung sei auf Tabelle
2.4 verwiesen.
2.7 Empirische Analyse 129
Kennziffer Gesamt Nichtmigranten Migranten
Durchschnittliche Vulnerabilität 0,22 0,083 0,39
Prozent der gefährdeten Haushalte 16,6% 1,07% 35,3%
Quotient Vulnerabilität/Armut 1,04 0,17 1,27
Tabelle 2.14: Anteile stark gefährdeter Haushalte mit dem Mindestlohn als Armuts-
grenze
nicht zuletzt wegen der intuitiven Zugänglichkeit, als häufigste Grenze gewählt (u.a.
Pritchett et al. 2000).
Teilt man die Stichprobe in Migranten und Nichtmigranten auf und berechnet die
durchschnittliche Vulnerabilität getrennt, so unterscheiden sich die Werte deutlich. Die
städtisch registrierten Nichtmigranten haben eine durchschnittliche Vulnerabilität von
0,083 mit einer Standardabweichung von 0,10. Verwendet man denselben 50% Grenz-
wert, dann gelten 1,07% der Nichtmigrantenhaushalte als gefährdet. Die Migrantenpo-
pulation weist eine durchschnittliche Vulnerabilität von 0,39 mit einer Standardabwei-
chung von 0,24 auf. Hierbei hat sie einen Anteil von insgesamt 35,3% an gefährdeten
Haushalten insgesamt.
Um das Verhältnis von Armut und Vulnerabilität in Shenzhen genauer untersuchen
zu können, wurde ebenso der Quotient aus Vulnerabilität und der Armutsquote berech-
net (Pritchet et al. 2000). Für die gesamte Population beträgt dieser Quotient 1,04. Für
die Nichtmigranten 0,17 sowie für die Migranten 1,27. Je höher dieser Quotient ausfällt,
desto gleichmäßiger ist die Vulnerabilität in der entsprechenden Population verteilt. Die
Migrantenpopulation weist also eine gleichmäßigere Verteilung der Armutsgefährdung
auf. Die Ergebnisse sind in Tabelle 2.14 zusammengefasst.
Die Vulnerabilität der Haushalte wurde, um Robustheit der Ergebnisse gegenüber
2.7 Empirische Analyse 130
Kennziffer Gesamt Nichtmigranten Migranten
Durchschnittliche Vulnerabilität 0,26 0,11 0,44
Prozent der gefährdeten Haushalte 20,6% 1,07% 43,7%
Quotient Vulnerabilität/Armut 0,83 0,12 1,09
Tabelle 2.15: Anteile stark gefährdeter Haushalte mit relativer Armutsgrenze (1/2 Me-
dianeinkommen)
der Wahl der Armutsgrenze und eine gute Vergleichbarkeit mit den Armutskennziffern
zu ermöglichen, ebenso für das halbe Median Einkommen als relative Armutsgrenze
berechnet. Die durchschnittliche Vulnerabilität ist, wie zu erwarten, höher als bei den
Schätzungen, denen der Mindestlohn zugrunde liegt. Gleiches gilt für die Vulnerabilität
in den Subgruppen und den drastischen Unterschieden zwischen ihnen. Die Verteilung
der Armutsgefährdung ist in allen Fällen gleichmäßiger.
In einer der wenigen Studien, die vergleichbar sind, kommen Tesliuc und Lindert
(2002) bezüglich der Situation der Migranten in Guatemala zu unterschiedlichen Ergeb-
nissen bezüglich der starken Armutsgefährdung. Die durchschnittliche Vulnerabilität
beträgt 0.58. 64.1% aller Haushalte sind demnach stark gefährdet. Sie ermitteln eine
durchschnittliche Vulnerabilität von 0.57 für Nichtmigranten und 0.75 für Migranten.
Die Spanne zwischen beiden Gruppen ist somit ebenso beachtlich, die jeweiligen Nive-
aus sind jedoch deutlich höher. Die Unterschiede in dem Quotienten aus Vulnerabilität
und Armutsquote sind mit 1.15 für Migranten und 1.08 für Nichtmigranten deutlich
kleiner. Somit ist die Gefährdung in beiden Gruppen gleichmäßiger verteilt. Dies liegt
vor allem jedoch in der weitaus größeren Armut der Nichtmigranten begründet, die
mit 54.8% äußerst hoch ist. Alayande (2004) errechnet in Nigeria eine Durchschnittli-
che Vulnerabilität der Bevölkerung von 68.5 mit 87% stark gefährdeten Haushalten. Der
Quotient aus Vulnerabilität und Armut beträgt 1.37. Chaudhuri et al. (2000) errechnet
2.7 Empirische Analyse 131
Kennziffer Gesamt Nichtmigranten Migranten
Prozent der gefährdeten Haushalte 44,1% 16,0% 77,7%
Quotient Vulnerabilität/Armut 2,77 1,0 4,88
Tabelle 2.16: Anteile leicht gefährdeter Haushalte mit dem Mindestlohn als Armuts-
grenze
in Indonesien eine durchschnittliche Vulnerabilität von 0.23, wobei 8% der Haushalte
stark gefährdet sind. Leider liegen keine Vergleichsmöglichkeiten mit Schwellen- oder
Industriestaaten vor, die eine größere Ähnlichkeit mit Shenzhen aufweisen würden.
Leichte Gefährdung
Der gewählte Grenzwert von 50% für die Gefährdung eines Haushaltes kann auch le-
diglich als Grenze für eine starke Gefährdung gesehen werden (Chaudhuri et al. 2000).
Chaudhuri schlägt die Verwendung eines relativen Wertes als Grenze für die Verwund-
barkeit eines Haushaltes vor. Hierbei wird die aktuelle Armutsquote herangezogen. Ist
die Wahrscheinlichkeit eines Haushaltes in der Zukunft arm zu sein höher als die ak-
tuelle Armutsquote, gilt er als leicht gefährdet. Legt man diese Definition zu Grunde
und errechnet die Anteile der gefährdeten Haushalte in Shenzhen, so ergibt sich, das
in Tabelle 2.16 dargestellte Bild.
Wiederum ist die Vulnerabilität unter den Migrantenhaushalten weitaus höher als
bei den Nichtmigranten. Ebenso ist die Armutsgefährdung weitaus gleicher verteilt.
Festzustellen ist, dass der Anstieg in der Anzahl der gefährdeten Haushalte insbeson-
dere bei den Nichtmigranten besonders hoch ist, wenn die leichte anstatt die starke
Armutsgefährdung betrachtet wird. Viele städtisch registrierte Nichtmigranten schei-
2.8 Ursachen der Gefährdung 132
nen leicht aber nicht stark armutsgefährdet zu sein. Zwar sind fast zwei Drittel der
Migranten leicht gefährdet, es sind jedoch auch bereits ein Drittel stark gefährdet. Ver-
gleicht man den Prozentsatz aller leicht gefährdeten Haushalte mit dem von 37% den
Chaudhuri et al. (2000) für Indonesien errechnet, so erscheint die hauptsächlich durch
Migranten verursachte leichte Gefährdung hoch.
2.8 Ursachen der Gefährdung
Um zu ermitteln, inwiefern die Haushalte eher aufgrund eines zu geringen Durchschnitt-
seinkommens oder aufgrund einer zu hohen Varianz des Einkommens gefährdet sind,
werden die die Vulnerabilität verursachenden Komponenten nun im einzelnen betrach-
tet. Chaudhuri (2003) schlägt vor, hierzu einen repräsentativen Haushalt zu generieren.
Dieser fiktive Haushalt wird mit den Median Werten des Einkommens, der Varianz des
Einkommens sowie dem Median der Vulnerabilität ausgestattet. Anschließend wer-
den die Differenzen in den jeweiligen Werten der Variablen der Haushalte zu diesem
repräsentativen Medianhaushalt betrachtet. Gruppiert man die Population, so ist es
möglich, den maßgeblich die Vulnerabilität verursachenden Faktor zu ermitteln. Die
Ergebnisse für die gesamte Population, sowie für die städtisch registrierte und ländlich
registrierte Migrantenpopulation, sind in Grafik 2.2 zusammengefasst. Die erste Grafik
gibt die Abweichung vom Medianhaushalt an der vertikalen Achse abgezeichnet, die
untere an der horizontalen Achse. An der Höhe der Abweichung der jeweiligen Vul-
nerabilitätskomponente im Vergleich zur Abweichung zu dem Medianhaushalts bzw.
den entsprechenden Werten der anderen Gruppe, lässt sich die primäre Quelle für eine
2.8 Ursachen der Gefährdung 133
erhöhte oder erniedrigte Vulnerabilität erkennen. Wie erwähnt setzt sich die Vulne-
rabilität eines Haushaltes aus erwartetem Einkommen oder Varianz des erwarteten
Einkommens zusammen. Die Abweichung in der Höhe der Vulnerabilität im Vergleich
zum Medianhaushalt ist ebenso abgezeichnet. Betrachtet man beispielsweise in Abbil-
dung 2.2 die obere Grafik, so ist ersichtlich, dass die ländlich registrierten Haushalte
ein deutlich niedrigeres erwartetes Einkommen haben als der Medianhaushalt. Dies ist
die Hauptquelle für ihre erhöhte Vulnerabilität. Ebenso sieht man, dass die städtisch
registrierte Bevölkerung ein deutlich höheres erwartetes Einkommen besitzt als der Me-
dianhaushalt. Die deutlich erhöhte Vulnerabilität der Migrantenhaushalte ist ebenfalls
abgezeichnet. Die Varianz des Einkommens ist ebenso höher als bei den Nichtmigran-
ten. Die untere Grafik überträgt den selben Sachverhalt in ein Säulendiagramm bei
dem die Unterschiede zum Medianhaushalt auf der Horizontalen Achse abzulesen sind.
2.8 Ursachen der Gefährdung 134
Abbildung 2.2: Unterschiede in den Variablen relativ zum Medianhaushalt mit dem
Mindestlohn als Armutsgrenze
2.8 Ursachen der Gefährdung 135
Man erkennt, dass die Migranten maßgeblich aufgrund eines geringen Durchschnitt-
seinkommens gefährdet sind. Der durchschnittliche Migrantenhaushalt weist aber eben-
so eine höhere Varianz des Einkommens auf als die städtisch registrierten Nichtmigran-
ten. Bezüglich des Einkommens sind die Unterschiede jedoch weit drastischer. Verwen-
det man die relative Armutsgrenze für die Schätzung der Vulnerabilität werden diese
Aussagen bestätigt. Eine zu hohe Varianz als Hauptquelle für Verwundbarkeit ist auch
in Indonesien aufzufinden. Chaudhuri (2003) stellt fest, dass 40% der Haushalte auf-
grund einer zu hohen Varianz des Einkommens verwundbar sind.
2.8 Ursachen der Gefährdung 136
Abbildung 2.3: Unterschiede in den Variablen relativ zum Medianhaushalt mit relativer
Armutsgrenze
2.9 Zusammenfassung der Armutsgefährdungssituation 137
Die Ergebnisse machen deutlich, dass wenn man ideosynkratische Risiken in ein in
die Zukunft gerichtetes Vulnerabilitätsmaß integriert, viele Haushalte in Shenzhen als
gefährdet angesehen werden können. Hierbei sind die Unterschiede zwischen den Mi-
granten und Nichtmigranten deutlich. Die Migrantenhaushalte weisen im Durchschnitt
eine weitaus höhere Vulnerabilität auf. Sie ist auch gleichmäßiger zwischen den Haus-
halten verteilt. Die Vulerabilität wird maßgeblich durch ein zu niedriges Einkommen
verursacht. Das geringe Durchschnittseinkommen sowie die geringe Einkommensstreu-
ung in dieser Gruppe sind vereinbar mit diesen Ergebnissen. Bezüglich der Nichtmi-
granten lässt sich eine Konzentration der Gefährdung auf eine relativ kleine Gruppe
feststellen. Jedoch steigt die Anzahl der verwundbaren Haushalte drastisch an, wenn
schwache anstatt starke Armutsgefährdung betrachtet wird.
2.9 Zusammenfassung der Armutsgefährdungssituation
Die Bekämpfung der Armut ist ein wichtiges Thema in den meisten Entwicklungs-
und Schwellenländern. Da die klassischen Armutsmaße nur ein ex-post Bild der vor-
handenen Armut liefern, sind sie zur Entscheidungsunterstützung bei Armutsbekämp-
fungsmaßnahmen nicht optimal geeignet. Vulnerabilitätsmaße auf der anderen Seite
ermöglichen im Optimalfall eine dynamische, in die Zukunft gerichtete Analyse, wie
sie mit den klassischen Armutsmaßen nicht möglich ist. Da es sich bei der Shenz-
hen Haushaltsbefragung 2005 lediglich um einen Querschnittdatensatz handelt, wird
eine neue, jedoch eingeschränkte, Methodik zur Ermittlung von Vulnerabilitätskenn-
ziffern aus Querschnittdaten verwendet. Da der Datensatz eine getrennte Betrachtung
2.9 Zusammenfassung der Armutsgefährdungssituation 138
von Migranten und Nichtmigranten ermöglicht, werden die Unterschiede zwischen bei-
den Gruppen betrachtet. Die empirische Analyse legt offen, dass Migrantenhaushalte
weitaus gefährdeter sind als Nichtmigrantenhaushalte. Mehr als ein Drittel der Mi-
grantenhaushalte gelten als gefährdet im Vergleich zu etwas mehr als einem Prozent
der Nichtmigrantenhaushalte. Die Vulnerabilität unter den Migrantenhaushalten ist
gleichmäßiger verteilt und wird maßgeblich durch ein zu geringes Durchschnittsein-
kommen verursacht. Im Vergleich zu den Migranten steigt die Anzahl der leicht gefähr-
deten Haushalte bei den städtisch registrierten Nichtmigranten deutlich stärker an. Die
berechneten Vulnerabilitätswerte deuten auf die Möglichkeit einer steigenden Armut
unter den Migranten hin. Maßnahmen, die das Durchschnittseinkommen der Migran-
ten erhöhen, würden zu einer Reduktion ihres Armutsrisikos stark beitragen. Da die
Gefährdung unter den Migranten relativ gleich verteilt ist, sollten Politikmaßnahmen
möglichst auf alle Migrantenhaushalte gerichtet sein. In Bezug auf die Nichtmigranten
wären einzelne, gezielte Maßnahmen für gefährdete Haushalte am sinnvollsten.
Fazit
Ungleiche Einkommensverteilung, Armut und Vulnerabilität sind eng miteinander ver-
knüpfte Phänomene. Je nach Schwerpunkt der Analyse, werden die unterschiedlichen
Eigenschaften einer Einkommensverteilung mit den entsprechenden Methoden analy-
siert, um die entsprechende Forschungsfrage zu beantworten. Diese Arbeit beleuchtet
alle drei Aspekte der Einkommensverteilung in Shenzhen, um ein möglichst vollständi-
ges Bild von den Lebensumständen der Bewohner zu liefern. Hierbei wurde klar, dass
das rasante Wachstum von Shenzhen und die damit verbundenen Wohlfahrtsgewinne
nicht alle Teile der Bevölkerung gleichermaßen haben profitieren lassen. Insbesondere
die Land-Stadt Migranten, die in großen Mengen in diese urbane Agglomeration wan-
derten und ihr schnelles Wachstum erst ermöglichten, sind in vielerlei Hinsicht schlech-
ter gestellt als die städtisch registrierte Urbevölkerung. Der durch das Hukou System
festgelegte Registrierungsstatus wirkt sich für Migranten äußerst negativ aus. Zwar ist
das Einkommen in Shenzhen generell äußerst ungleich verteilt, doch ist die Gruppe
der Migranten besonders benachteiligt. Ihr Durchschnittseinkommen ist deutlich ge-
Fazit 140
ringer und die Renditen, die Migranten für ihre formale Bildung generieren können,
sind im Durchschnitt deutlich niedriger. Ein deutliches Maß an Lohndiskriminierung
ist erkennbar. Die Faktoren, die Einkommen generieren, unterscheiden sich substantiell
zwischen Migranten und Nichtmigranten.
Migranten haben nicht nur ein geringeres Einkommen als Nichtmigranten, sondern
sind auch deutlich ärmer. Zwar ist die absolute Armut in Shenzhen sehr gering, was
als ein sehr positives Ergebnis des Wachstumsprozesses und der damit einhergegangen
Politikmaßnahmen gewertet werden sollte. Die relative Armut ist jedoch substantiell
und weitaus präsenter bei den Migranten. Die Faktoren, die Armut verursachen als auch
die Faktoren die das Einkommen der Armen determinieren sind äußerst unterschiedlich
in beiden Gruppen. Auch bei der Zerlegung der Armutsregressionen lässt sich ein großes
Maß an Diskriminierung gegen Migranten feststellen.
Die Betrachtung der Vulnerabilität in Shenzhen schließt die Analyse ab, indem sie
sowohl einen Blick in die Zukunft als auch eine Einbeziehung der Einkommensschwan-
kungen an sich ermöglicht. Es zeigt sich, dass starke Armutsgefährdung bei Migranten
weitaus ausgeprägter ist. Bei der urbanen Urbevölkerung ist die Abweichung von der
gemessen Armut minimal, wobei die Gefährdung bei den Migranten deutlich höher
ist als die gemessenen Armut. Legt man eine relative Gefährdungsgrenze zu Grunde
und erfasst die schwach gefährdeten Haushalte, so sind auch unter den Nichtmigranten
nicht unerheblich viele Haushalte gefährdet. Insbesondere steigt die Anzahl der gefähr-
deten Haushalte bei den Nichtmigranten beim Wechsel der Gefährdungsgrenze stärker
an. Allgemein ist die Armutsgefährdung unter den Migranten deutlich gleichmäßiger
verteilt.
Fazit 141
Insgesamt lässt sich feststellen, dass Maßnahmen seitens der Politik, die Ungleich-
heit und Armut bekämpfen wollen, insbesondere bei den Migranten ansetzten soll-
ten. Gezielte Maßnahmen, um ihr Einkommen zu stärken, Bildung zu fördern und die
Schwankungen in ihrem Einkommen einzudämmen, würden einen großen Beitrag zur
Verbesserung ihrer Wohlfahrt leisten. Ebenso wäre das generelle Überdenken des Re-
gistrierungssystems sinnvoll, da es Diskriminierung erleichtert. Da Shenzhen oftmals
als herausragendes Beispiel und Vorbild für die Entwicklung anderer Städte in Fest-
landchina gesehen wird, sind die Probleme, die hier erkannt und gelöst werden von
großer Bedeutung für die Entwicklung in China insgesamt.
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Anhang
Anhang 156
probit_amw
b SF
minw_eq_poor
av_age 0.001 (0.001)
family_size -0.007 (0.010)
dpr 0.044*** (0.010)
av_schooling -0.016*** (0.003)
infedu (d) -0.073*** (0.020)
stay -0.005** (0.002)
male (d) -0.207* (0.095)
rural (d) 0.120*** (0.025)
sez (d) -0.066** (0.022)
soe (d) 0.046 (0.036)
foreignshare (d) -0.061** (0.023)
self_employed (d) 0.011 (0.022)
_cons
N 1026.000
r2_p 0.207
Tabelle 2.17: Regressionsergebnisse der Probit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Alle Haushalte
Anhang 157
probit_urmw
b SF
minw_eq_poor
av_age 0.000 (0.000)
family_size -0.012 (0.007)
dpr 0.012* (0.006)
av_schooling -0.005* (0.002)
infedu (d) -0.013 (0.009)
stay -0.003*** (0.001)
male (d) -0.055 (0.048)
sez (d) -0.020 (0.013)
soe (d) 0.004 (0.013)
foreignshare (d) -0.013 (0.009)
self_employed (d) 0.014 (0.014)
_cons
N 559.000
r2_p 0.268
Tabelle 2.18: Regressionsergebnisse der Probit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Städtisch registrierte Haushalte.
Anhang 158
probit_rmw
b SF
minw_eq_poor
av_age 0.005 (0.003)
family_size 0.027 (0.021)
dpr 0.093*** (0.028)
av_schooling -0.029*** (0.007)
infedu (d) -0.162* (0.063)
stay -0.003 (0.004)
male (d) -0.312 (0.171)
sez (d) -0.093* (0.045)
soe (d) 0.190 (0.099)
foreignshare (d) -0.111 (0.073)
self_employed (d) -0.009 (0.046)
_cons
N 467.000
r2_p 0.098
Tabelle 2.19: Regressionsergebnisse der Probit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Migrantenhaushalte
Anhang 159
tobit_amw
b SF
model
av_age -0.001 (0.001)
family_size 0.001 (0.006)
dpr -0.025*** (0.005)
av_schooling 0.008*** (0.002)
infedu (d) 0.045** (0.015)
stay 0.003*** (0.001)
male (d) 0.079* (0.033)
rural (d) -0.062*** (0.012)
sez (d) 0.032** (0.010)
soe (d) -0.012 (0.015)
foreignshare (d) 0.046** (0.015)
self_employed (d) -0.001 (0.010)
_cons
sigma
_cons
N 1026.000
r2_p 0.226
Tabelle 2.20: Regressionsergebnisse der Tobit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Alle Haushalte
Anhang 160
tobit_urmw
b SF
model
av_age -0.001 (0.001)
family_size 0.019* (0.009)
dpr -0.019** (0.006)
av_schooling 0.008*** (0.002)
infedu (d) 0.020 (0.016)
stay 0.005*** (0.001)
male (d) 0.046 (0.027)
sez (d) 0.025* (0.012)
soe (d) 0.003 (0.015)
foreignshare (d) 0.031 (0.018)
self_employed (d) -0.014 (0.012)
_cons
sigma
_cons
N 559.000
r2_p 0.304
Tabelle 2.21: Regressionsergebnisse der Tobit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Städtisch registrierte Haushalte
Anhang 161
tobit_rmw
b SF
model
av_age -0.002* (0.001)
family_size -0.015 (0.008)
dpr -0.042*** (0.010)
av_schooling 0.010*** (0.003)
infedu (d) 0.071** (0.027)
stay 0.002 (0.002)
male (d) 0.101 (0.062)
sez (d) 0.036* (0.017)
soe (d) -0.054 (0.035)
foreignshare (d) 0.057* (0.025)
self_employed (d) 0.009 (0.017)
_cons
sigma
_cons
N 467.000
r2_p 0.124
Tabelle 2.22: Regressionsergebnisse der Tobit Regression unter Verwendung des Min-
destlohnes als Armutsgrenze. Migrantenhaushalte
Anhang 162
fgls_test1 fgls_test2
b SF b Xmfx_X SF
av_age -0.004 (0.003) -0.004 (0.003)
family_size 0.110*** (0.026) 0.110*** (0.027)
dpr -0.086** (0.031) -0.086** (0.031)
av_schooling 0.079*** (0.008) 0.079*** (0.009)
infedu 0.221*** (0.066) 0.221*** (0.067)
stay 0.014*** (0.003) 0.014*** (0.003)
male 0.346** (0.108) 0.346* (0.134)
rural -0.682*** (0.056) -0.682*** (0.060)
sez 0.272*** (0.050) 0.272*** (0.049)
soe -0.062 (0.073) -0.062 (0.075)
foreignshare 0.377*** (0.087) 0.377*** (0.081)
self_employed -0.105 (0.056) -0.105 (0.057)
_cons 8.921*** (0.174) 8.921*** (0.202)
N 1026.000 1026.000
r2_p
Tabelle 2.23: Test auf Misspezifikation der Skedastizitätsfunktion
Anhang 163
Tabelle 2.24:
stats income (I) Age schooling stay jobchanges married friendjob
mean 50779.46 34.62274 11.32523 8.943634 .9651685 .8697183 .168008
sd 79384.11 9.431422 4.137843 8.444526 1.500684 .3366978 .3739675
p50 24000 33 12 7 0 1 0
N 1988 1988 1974 1987 1958 1988 1988
Maßzahlen. Mittelwert (mean), Standardabweichung (sd), Median (p50), Anzahl (N)
Anhang 164
Tabelle 2.25:
stats income (H) equivincome av_age av_schooling family_size dpr self_employed
mean 140759.6 61497.11 30.34509 9.2624 3.07197 .7665237 .2452652
sd 656674 271387.9 9.090807 3.498795 1.052431 .9271324 .4304482
p50 50000 23391 29.1 9 3 .5 0
N 1056 1056 1056 1056 1056 1049 1056
Maßzahlen. Mittelwert (mean), Standardabweichung (sd), Median (p50), Anzahl (N)
Anhang 165
Tabelle 2.26:
stats stateshare foreigshare male infedu commi sez
mean .0201207 .0779678 .5809859 .1358149 .0875252 .7032193
sd .1404486 .2681884 .4935218 .3426781 .2826742 .456954
p50 0 0 1 0 0 1
N 1988 1988 1988 1988 1988 1988
Maßzahlen. Mittelwert (mean), Standardabweichung (sd), Median (p50), Anzahl (N)
Anhang 166
Name & Erwartetes Vorzei-
chen
Beschreibung
ln yiLogarithmiertes Lohneinkommen pro Stun-
de
Humankapital
low (+) Abgeschlossene Grundschulausbildung
sec (+) Abgeschlossene Sekundärausbildung (Juni-
or High, High School, Technical College)
high (+) Abgeschlossene Tertiärausbildung (Junior
College, Universität, Postgraduierte)
schooling (+) Abgeschlossene Schuljahre
Potentielle Erfahrung
age (+) Alter in Jahren
agesq (+) Alter quadriert
infedu (+) Informelle Ausbildung
stay (+) Aufenthalt in Shenzhen in Jahren
job_changes (+) Anzahl der Arbeitsplatzwechsel
Persönliche Eigenschaften
male (+) Indikator Variable für das Geschlecht
(Männlich=1)
married (+) Indikator Variable für Familienstand (Ver-
heiratet=1)
Soziale Normen und Politik-
maßnahmen
rural (-) Indikator Variable für die Registrierung
(Ländlich=1)
sez (+) Indikator Variable für den Wohnort (Inner-
halb SEZ=1)
commi (+) Indikator Variable für die Mitgliedschaft in
der KP (Mitglied=1)
friendjob (+) Indikator Variable=1 wenn der Arbeits-
platz durch einen Freund beschafft wurde
Arbeitsplatz Eigenschaften
stateshare (+) Indikator Variable=1 für ganzen oder teil-
weisen Staatsbesitz des Arbeitgebers
foreignshare (+) Indikator Variable=1 für ausländischen Ar-
beitgeber oder Joint Venture
Tabelle 2.27: Variablen Beschreibung: Erweitertes Mincermodell
Anhang 167
Name & Ewartets Vorzeichen Beschreibung
ln yiLogarithmiertes jährliches Pro-Kopf Äqui-
valenzeinkommen (equivincome)
Haushaltseigenschaften
av_age (-) Durchschnittsalter der Haushaltsmitglieder
dpr (-) Abhängigkeitsverhältnis (Alter < 16 & Al-
ter > 65 / 16 >= Alter <= 65)
family_size (+) Anzahl der Familienmitglieder im Haushalt
Produktionsfaktoren
av_schooling (+) Durchschnitt der abgeschlossenen Schuljah-
re der Haushaltsmitglieder
infedu (+) Haushaltsvorsitzender hat informelle Aus-
bildung genossen
male (+) Indikator Variable für das Geschlecht des
Haushaltsvorsitzenden (Männlich=1)
stay (+) Aufenthalt des Haushaltsvorsitzenden in
Shenzhen in Jahren
Soziale Normen und Politik-
maßnahmen
rural (-) Indikator Variable für die Registrierung des
Haushaltsvorsitzenden (Ländlich=1)
sez (+) Indikator Variable für den Wohnort (Inner-
halb SEZ=1)
Arbeitsplatz Eigenschaften
foreignshare (+) Indikator Variable=1 für ganzen oder teil-
weisen Besitz des Arbeitgebers des Haus-
haltsvorsitzenden durch ausländische Fir-
men
soe (+) Indikator Variable=1 für Staatsbesitz des
Arbeitgebers des Haushaltsvorsitzenden
self_employed (-) Indikator Variable=1 für Selbständigkeit
Tabelle 2.28: Variablen Beschreibung: Armutsregressionen