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„Eine Nacht in der Bibliothek …“ Rara aus dem 17. bis 19. Jahrhundert
Der Verein für Geschichte an der Universität Paderborn (VfG) in der Universitätsbibliothek am 7. Februar 2008
Jens Schneider, Michael Ströhmer, Guido M. Berndt, Jürgen Strothmann
Ehemals „Gesamthochschulbibliothek“, auf dem Campus gerne
„Bibo“ oder „UB“ genannt: die Bibliothek der Universität Pader-
born ist eine wissenschaftliche Einrichtung, die auch externen
Nutzern zur Verfügung steht. Sie hat einen Bestand von 1,7
Millionen Büchern und anderen Medien, darunter etwa 2.000
Zeitschriftenabonnements. Ein Schwerpunkt, der zunehmend
ausgebaut wird, betrifft die Universitätsbibliothek als virtuellen
Dienstleister. Neben der Bereitstellung von Datenbanken, Nach-
schlagewerken und rund 38.000 Zeitschriften in Form von Cam-
puslizenzen oder ähnlichen Nutzungsmöglichkeiten wird seit
kurzem auch die Möglichkeit zur elektronischen Publikation
wissenschaftlicher Arbeiten über den Dokumenten- und Publi-
kationsservice (DuPS) angeboten (http://ubdok.uni-
paderborn.de). – Was weniger bekannt ist, sind die unter der
Signaturengruppe 06 magazinierten seltenen und wertvollen
Bände, die auch den regionalhistorischen Auftrag der Hoch-
schule spiegeln.
Dieser bescheidene, aber nicht uninteressante Bestand der Rara
wurde am 7. Februar 2008 im Rahmen einer gemeinsamen Ver-
anstaltung des VfG mit der Universitätsbibliothek präsentiert.
Nach der Begrüßung der rund 40 Vereinsmitglieder durch den
zweiten Vorsitzenden Prof. Dr. Frank Göttmann führten Biblio-
theksdirektor Dr. Dietmar Haubfleisch und die Fachreferentin für
Geschichte, Julia Weidner M. A., durch das Haus. Im Anschluss
an eine allgemeine Vorstellung der Bibliothek und ihrer Ange-
bote wurden ausgewählte Titel durch einige Vereinsmitglieder
vorgestellt (Guido M. Berndt, Manuel Koch, Jens Schneider,
Michael Ströhmer, Jürgen Strothmann). Die Auswahl richtete
sich hierbei nach dem auf Paderborn und das Hochstift gerichte-
te Forschungsinteresse des VfG, folgte aber auch bibliophilen
Gesichtspunkten.
Als ältestes Buch aus dem Bestand ist die „Agenda Ecclesiae
Paderbornensis“ aus dem Jahre 1602 zu nennen, die früher
irrtümlich dem Abdinghofer Abt Leonard Ruben zugeschrieben
wurde. Dieses Handbuch zur Sakramentenspende mit detaillier-
ten liturgischen Anweisungen ist als Teil des Programms Bischof
Dietrichs von Fürstenberg zur Rekatholisierung der Bevölkerung
anzusehen, zu dem auch die Gesangbücher von 1609 und 1628
gehörten. Die Agende von 1602, die wohl bis 19. Jahrhundert in
den Pfarrhäusern stand, ist auch wegen des Druckers interes-
sant: Sie ist von Matthäus Pontanus gedruckt, den der Pader-
borner Bischof aus Münster geholt hatte und der seine Werkstatt
am Kamp einrichtete (vgl. Hermann-Josef Schmalor: Vierhundert
Jahre Paderborner Ritualien. 1602 – 2002. Paderborn 2002:
http://www.eab-paderborn.de/aus_agende.htm und Maria
Kohle: Familie Pontanus und ihr Druckwerk. Neuigkeiten zur
ersten Paderborner Offizin. In: Westfälische Zeitschrift. Bd. 156
(2006), S. 369-375).
Auf nach wie vor ungebrochenes Interesse stieß die Präsenta-
tion der beiden Klassiker der westfälisch-paderbörnschen Ge-
schichtsschreibung: zum einen die zwei Bände der „Annales
Paderbornenses“ (Bd. 1: Erstauflage Neuhaus 1693, Bd. 2:
Nachdruck Münster 1775), in denen der Jesuitenpater Nikolaus
Schaten (1608–1676), Hofhistoriker des humanistisch gebilde-
ten Fürstbischofs Ferdinand von Fürstenberg, in 18 Büchern
erstmals eine quellenkritisch anspruchsvolle Bistumsgeschichte
der Jahre 772 bis 1500 vorlegte. Posthum erschienen, gelten die
Annalen des in Schloß Neuhaus begrabenen Verfassers bis auf
den heutigen Tag als reichhaltiger Fundus für relativ verlässliche
Urkundenabschriften, deren Originale bereits den Zeitgenossen
nicht immer zugänglich waren und dem Historiker über die Jahr-
hunderte oft verlorengegangen sind: ein unschätzbares Werk für
die moderne Landes- und Regionalgeschichtsforschung. In
dieselbe Kategorie gehören zum anderen die ebenso populären
„Monumenta Paderbornensia“ (Erstauflage 1672), welche von
Ferdinand von Fürstenberg weniger als nüchterne Faktenge-
schichte seines Bistums denn eher als welthistorische Bühne
des glorreichen Paderborner Welttheaters konzipiert worden
sind. Auch die vorliegende Ausgabe von Christoph Riegel aus
dem Jahr 1713 wird durch die bekannten Rudolphi-Stiche mit
Ortsansichten zu den legendären Schauplätzen und „Erinne-
rungsorten“ des Hochstifts illustriert. Mit ihnen wollte der eben-
so bibliophile wie ambitionierte Landesherr die antiken und
mittelalterlichen Highlights seiner westfälischen Heimatregion
einer breiteren europäischen Öffentlichkeit ins historische Ge-
dächtnis zurückrufen: Paderborn, der Ort der Varusschlacht und
Fluchtburg für asylsuchende Päpste!
Die „Acta pacis Westphalicae oder Westfälische Friedenshand-
lungen und Geschichte“ in sechs Teilen, herausgegeben von
Johann Gottfried von Meiern (Hannover 1734–1736), stellten vor
der Herausgabe der „Acta Pacis Westphalicae“ durch Konrad
Repgen und seine Bonner Arbeitsstelle die maßgebliche Quel-
lensammlung zu den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden
von 1648 dar. „Carolus M. Romanorum Imperator et Francorum
rex Romano-Catholicus“ von 1679 ist eine umfangreiche Streit-
schrift Nikolaus Schatens (1608–1676). Er wandte sich damit
gegen die Angriffe des Bielefelder Lutherischen Predigers Chris-
tian Nifanius, der 1670 behauptet hatte, dass Karl der Große
nicht „päpstlich“, also eigentlich eine Art Protestant gewesen
sei. Der Jesuit Schaten verteidigt Karl den Großen vor diesem
aus seiner Sicht ungeheuerlichen Angriff unter anderem unter
Hinweis auf seine Verbundenheit mit den Bischöfen des Rei-
ches. Karl der Große steht für ihn in einer Reihe mit dem römi-
schen Kaiser Theodosius, der als besonders fromm galt. Ob
wohl die Verbundenheit Paderborns und der Paderborner mit
Karl dem Großen auch hier eine besondere Rolle spielt?
Des Weiteren verfügt die Universitätsbibliothek Paderborn über
eine zweibändige Ausgabe der „Historia Augusta“ aus dem Jahr
1671 (Lugd. Batavorum. Ex Officina Hackiana). Die „Historia
Augusta“ ist eine der umstrittensten Quellen der Alten Ge-
schichte; die textlich wie inhaltlich sehr heterogene Sammlung
enthält – nicht im heutigen Wortsinn zu verstehen – Biographien
der römischen Kaiser von Hadrian (117–138) bis Carinus (283–
285), dem Vorgänger Diokletians. Der Herausgeber, Frans Hack,
hat darin den vollständigen Text sowie die äußerst umfangrei-
chen Kommentare und gelehrten Noten des Casaubon, Janus
Gruter und Claudius Salmasius aufgeführt. Auf insgesamt mehr
als 2.000 Seiten wird der vollständige Text geboten. Die Initialen
der einzelnen Kapitel sind verziert. Jedem Band ist ein Stich des
Künstlers G. Wingendorp vorangestellt.
Weitere Titel sind dem Katalog zu entnehmen, der den Gesamt-
bestand elektronisch verzeichnet.
Die Veranstaltung, die von einer erfreulich hohen Zahl inte-
ressierter Mitglieder wahrgenommen wurde und in der „Campus
Lounge“ ausklang, darf als voller Erfolg bezeichnet werden.
Der Bestand der Universitätsbibliothek und ihre weiteren Ange-
bote zur Recherche und Buchbeschaffung stehen den Vereins-
mitgliedern offen; Ansprechpartnerin ist als Fachreferentin Frau
Julia Weidner, deren Büro auf der Eingangsebene der Bibliothek
zu finden ist (Tel. 05251 / 60-2020).