scieee Science in your language
[en] (orig)
1
Elisabeth Feldbusch und Ernst Storzer
Informationsverarbeitung und
Informationsaustausch
auf der Basis aktueller interdisziplinärer
Forschungsdiskussionen mit dem
Zielgesichtspunkt der Spezifik menschlicher
Kommunikation und Sprache
Teil I
Problemaufriss:
Die Verwendung der Begriffe Information,
Kommunikation und Sprache im
Spannungsfeld zwischen Geistes- und
Naturwissenschaften
Paderborn 2010
„Es ist nicht Liebhaberei verträumter Biologen, zu erfahren, wie die Tiere
sich ‚verständigen’. Wir können und müssen von ihnen noch sehr viel
lernen, damit wir uns selbst verstehen, denn auch in unseren Nerven-
netzen und Sinnesorganen wirken dieselben Gesetze, die den lebendigen
Kosmos auf diesem kleinen Planeten geschaffen haben, für den auch die
Astronautik noch kein Gegenstück finden konnte.“
(Günter TEMBROCK)
*
Vorbemerkung
Beziehungen werden neuerdings in vielen Untersuchungen unterschiedlichster Wissenschafts-
disziplinen als Plot thematisiert und als Wechselwirken bis hin zu Kommunikation und
Sprache beschrieben. Was steckt dahinter?
Die vorliegende Abhandlung versteht sich als Beitrag zur Forschungsdiskussion (Teil 1) und
zur Grundlagenforschung (Teil 2). In Teil 1 breiten wir das interdisziplinäre Spannungsfeld
aus, in dem die Begriffe Information, Kommunikation und Sprache Verwendung finden, und
entwickeln Anforderungen an eine Neuklassifizierung der vielfältigen Beziehungen. In Teil 2
(in Arbeit) leisten wir unseren Beitrag zur Klassifizierung und entwickeln und überprüfen
unter Heranziehung aktueller Forschungsergebnisse Kriterien für die Spezifik menschlicher
Kommunikation und Sprache.
Unser Beitrag ist Jürgen ZIEGLER († 2001) gewidmet, einem besonderen Wissenschaftler
und gemeinsamen Freund, mit dem ich (E.F.) unter anderem 1972 eine Einführungsver-
anstaltung in die Sprachwissenschaft konzipiert habe, an der ich - während Jürgen ZIEGLER
in der damaligen Zeit akuter Stellennot für den wissenschaftlichen Nachwuchs beruflich
andere Wege ging - über Jahre hinweg im Rahmen meiner universitären Lehre weiter gear-
beitet habe und aus der Grundgedanken hier einfließen.
* TEMBROCK, G. (1971). S. 5.
2
3
Inhalt
Teil 1
Vorbemerkung..........................................................................................................................2
Inhalt..........................................................................................................................................3
1. Einleitung.......................................................................................................................4
2. Die Affen lernen es nie..................................................................................................4
3. Alles kommuniziert miteinander.................................................................................5
3.1. Die inflationäre Verwendung der Begriffe Kommunikation
und Sprache in der neueren Forschung................................................................5
3.2. Tierkommunikation................................................................................................6
3.3. Pflanzenkommunikation........................................................................................9
3.4. Bakterienkommunikation....................................................................................11
3.5. Zellkommunikation...............................................................................................12
3.6. Zellinterne Kommunikation.................................................................................15
3.7. Kommunikation der leblosen Materie................................................................17
3.8. Information als existentielle Grundkategorie.....................................................21
3.9. Zusammenfassung.................................................................................................24
4. Ansätze zur Überwindung der dogmatischen Starre...............................................26
5. Die Ergebnisse der neueren Naturwissenschaften als Zündstoff
für eine interdisziplinäre Diskussion über Information,
Kommunikation und Sprache.......................................................................................28
6. Literatur ......................................................................................................................30
7. Homepages...................................................................................................................39
1. Einleitung
Kommunikation und Sprache galten und gelten in jeder Betrachtung der Zusammenhänge der
Welt, der Natur und des Menschen sowohl in den Geisteswissenschaften als auch in den
Naturwissenschaften als entscheidende Parameter. Die Definitionen dieser zentralen Begriffe
sind indes nicht einheitlich. Jede Wissenschaft untersucht die Zusammenhänge aus ihrem
Blickwinkel; innerhalb einer Wissenschaft leiten verschiedene Forschungsinteressen und
ideologische Standpunkte nehmen ebenfalls Einfluss. Das Spannungsfeld der angebotenen
Definitionen bis hin zu gegensätzlichen Polen prägt unterschiedliche Antworten auf die
Fragen nach dem Unterschied zwischen Mensch und Tier, nach der Evolution und im
besonderen nach der Entwicklung des Menschen. Die hohe Aufmerksamkeit, die dem Thema
Evolution im Darwinjahr 2009 zuteil wurde und bis heute weiterhin zuteil wird, und die
daraus resultierende Literaturflut erstreckt sich zu einem großen Teil gerade auch auf die
Erforschung der
Informationsbeziehungen
in der Natur.
2. Die Affen lernen es nie
Wo in der Biologie, in der Gesellschaftswissenschaft, in der Sprachwissenschaft oder in der
Philosophie der Mensch im Zentrum der Forschung steht und eine grundlegende Diskonti-
nuität im Verhältnis des Menschen zum Rest des Tierreiches behauptet wird, werden die Be-
griffe Kommunikation und im besonderen Sprache benutzt, um mit ihnen spezifische, nur dem
Menschen eigene Merkmale zu konstituieren. Sie werden als die entscheidenden Charakte-
ristika des Menschen genannt, die ihn vom Tier unterscheiden. „And the major remaining
bastion for defenders of this discontinuity is the view of language as something categorially
distinct from any lesser system of communication.“1 Wenn etwa John C. MARSHALL die
„intention to
inform
2 oder Konrad LORENZ die „bewußte Absicht3 als eine notwendige
Voraussetzung für Kommunikation und Sprache bestimmen, schließen sie damit alle
Organismen, denen ein absichtliches Verhalten und Handeln abgesprochen wird, von der
Möglichkeit der Kommunikation und der Sprache aus. Kommunikation und Sprache bleiben
so per Definition allein dem Menschen vorbehalten. Karl MARX und Friedrich ENGELS
definieren den Menschen philosophisch durch die Arbeit, verstanden als das grundsätzliche
politisch-historische Verhältnis des Menschen zur Natur und darin eingebettet das Verhältnis
des Menschen zu seinen Mitmenschen. Kommunikation und Sprache werden aus dem
Arbeitsverhältnis dialektisch begründet und per Definition allein an den Menschen
gebunden.4 Noam CHOMSKY, der die Sprachfähigkeit als eine „species-specific, genetically
determined property“5 ausschließlich dem Menschen zuschreibt und im Umkehrschluss den
Tieren eine solche abspricht, äußert sich über Versuche, den Affen das Sprechen
beizubringen: „Anyone concerned with the study of human nature and human capacities must
somehow come to grips with the fact that all normal humans acquire language, whereas
acquisition of even its barest rudiments is quite beyond the capacities of an otherwise
intelligent
a
p
e”
6
. Die Affen haben nach CHOMSKY ebenso wenig eine Sprachfähigkeit
auch keine latente – wie die Menschen eine Fähigkeit zum Fliegen haben.7 Das Augenmerk
1 DUPRÉ, J. (1991). S. 113.
2 MARSHALL, J. C. (1970). S. 235.
3 LORENZ, K. (1964). S. 72.
4 MARX, K. ([1867] 1972). S. 192ff. und ENGELS, F. ([geschrieben1873-1886] [1925] 1975). S. 444-455.
5 CHOMSKY, N. (1976). S. 79.
6 DERS. ([1960] 2006). S. 58.
7 S. dazu CHOMSKY, N. (1980).
4
seiner Sprachwissenschaft richtet sich im wesentlichen auf die Strukturen der Sprache, hebt
deren Komplexität hervor und verwendet diese als entscheidendes Argument gegen alle
Versuche, Ansätze von Sprache bei Tieren zu finden: Was auch immer Primaten leisten
mögen, als Sprache kann man es nicht bezeichnen, denn Nichtmenschen ist die
Sprachfähigkeit per Definition nicht gegeben. Die Botschaft derart humanzentrierter Ansätze
über die Sprache und das Sprechen mündet mediengerecht aufgearbeitet in der apodiktischen
Behauptung: „Die Affen lernen es nie.“8 In der Folge solcher Argumentationen fällt die Kritik
an Forschungen zu den Verständigungsmöglichkeiten anderer Lebewesen am Ende meist
vernichtend aus und nimmt mitunter überhebliche, unwissenschaftliche und polemische
Formen an.9
3. Alles kommuniziert miteinander
3.1. Die inflationäre Verwendung der Begriffe Kommunikation und Sprache in der
neueren Forschung
In den Darstellungen der meisten neueren Forschungsergebnisse in den Naturwissenschaften
wird der Aspekt der Kommunikation bzw. des Informationsaustausches von Systemen /
Organismen in den Fokus gerückt. Entgegengesetzt zur rigiden Position etwa CHOMSKYs
hat sich dabei eine Richtung – man kann es schon eine Mode nennen – herausgebildet, die
eine Ausweitung des Begriffs Kommunikation auf alle Arten von Beziehungen in der belebten
wie in der unbelebten Natur – ob Ursache-Wirkung, oder Informationsaustausch betreibt
und diese dann oft auch mit Sprache gleichsetzt. Der Kommunikationsbegriff wird auf alle
Tier- und Pflanzenarten, schließlich auf jegliche Materie ausgedehnt und Information letztlich
als dritte physikalische Grundgröße angenommen. Berichte in den Medien spitzen durch
einen inflationären Gebrauch der Begriffe Kommunikation und Sprache deren Relevanz
weiter zu: „Grunzen, Grummeln, Grollen. Tiere tauschen erstaunlich differenzierte Botschaf-
ten aus. Allmählich lernt der Mensch, sie zu
verstehen“
10
, „Walsprache hat eine Gramma-
tik“11 , „Also sprach der
Zebrafink“
12
, „Der stille Schrei“13 oder „Hilfeschreie und Lockan-
gebote aus dem Grünen. Forscher entschlüsseln das ausgeklügelte Notrufsystem von Pflan-
zen“14 , „Die Pflanzenflüsterer. Bohnen führen Selbstgespräche, Tabakpflänzchen rufen um
Hilfe, Tomaten schreien vor Schmerzen: Botaniker entschlüsseln die geheime Sprache der
Pflanzen.“15 ,
„Zellgeflüster“
16
, „Die geheime Sprache der Natur. Wie Tiere und Pflanzen sich
verständigen“17 . Es entsteht der Eindruck, dass nach neuesten Forschungen alles miteinander
kommunizieren oder gar sprechen-hören, schreiben-lesen kann und muss. Zudem tummeln
sich auf diesem Gebiet zahlreiche Parapsychologen, Esoteriker und Sektengurus mit
abenteuerlichen
Kommunikationstheorien
18
, denen hier kein Raum geboten wird.
8 Der Spiegel. Heft 43. 1972. S.164-169.
9 Es wird kategorisch zurückgewiesen, dass solche Forschungen in irgendeinem Zusammenhang mit der
Wissenschaft vom Menschen stehen könnten. Vielmehr wird unterstellt, die Biologie wolle mit derartigen
Ansinnen die Geisteswissenschaften unterwandern, hier seien Scharlatane am Werk.
10 VIERING, K. (2009).
11 BODDERAS, E. (2007).
12 HAESLER, S. (2006). S. 52.
13 ECKERT, N. (2007).
14 LEHNEN-BEYEL, I. (2007).
15 BETHGE, Philip. (2006). S. 114.
16 KOECHLIN, F. (2007).
17 FORD, B. J. (1998).
18 Sh. dazu z.B. VON RANDOW, T. (1990).
5
3.2. Tierkommunikation
Die evolutionsgeschichtlich nächsten Verwandten des Menschen kommunizieren unbestritten
auf vielfältige Art miteinander. Seit langem beschäftigt Primatenforscher, Sprach- und Evo-
lutionswissenschaftler die Frage, ob die nichtmenschlichen Primaten im besonderen Sprache
besitzen oder sich aneignen könnten. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts nutzte Richard
Lynch GARNER einen der ersten Phonographen, um Lautaufnahmen von Affen im New
Yorker Zoo und in ihrem natürlichen Lebensraum in Gabun zu machen, und spielte ihnen
diese vor, um ihre Reaktion zu beobachten. Seine noch wenig wissenschaftlichen Ergebnisse
veröffentlichte er 1892 unter dem Titel „The Speech of the Monkeys“.19 Während des 20.
Jahrhunderts gab es einige vielbeachtete Versuche, vor allem Schimpansen die Menschen-
sprache beizubringen.20 Nachdem man dabei über begrenzte Einzelerfolge kaum hinaus-
gekommen war, nicht zuletzt, weil den Affen die für die Menschensprache notwendigen
Sprechorgane fehlen, und nach der rigorosen Kritik CHOMSKYs verlor die Öffentlichkeit
zunächst das Interesse an derartigen Versuchen.
Die Primatenforschung konzentriert sich heute darauf, das kommunikative Verhalten der
nichtmenschlichen Primaten vor allem in ihrem natürlichen Lebensraum zu erforschen. Im
Amboseli-Nationalpark in Kenia nahm Thomas T. STRUHSAKER bereits in den 60er Jahren
des 20. Jahrhunderts mit modernen Aufnahmegeräten und Klangspektrographen, die auch für
den Menschen nicht hörbare Töne registrieren, bei den Grünen Meerkatzen Lautfolgen auf,
untersuchte sie auf ihren möglichen Informationsgehalt und erstellte einen „catalogue of the
audible behavior of the vervet monkey (Cercopithecus aethiops johnstoni). This catalogue is a
list of those sounds of vervets that I was able to distinguish either by ear or from tape
recordings and spectrographic analysis, and is not a pretense at a definitive list.“21 Er stellte
„thirty-six physically and/or audibly distinct sounds“22 zusammen und beschrieb sie differen-
ziert im Zusammenhang mit dem Kontext, in dem sie auftraten, und ihren kommunikativen
Funktionen. „This approach places equal emphasis on the description of the call, behavioral
context in which the call is given, and the apparent response which the call evokes in other
individuals. Such an approach would permit not only a consideration of structural variation
(syntactical) but also of functional variation (pragmatic) and would thus allow distinction
between a variable discrete system and a continuous system of communication.”23 Aufsehen
erregten besonders drei Lautfolgen, mit denen die Grünen Meerkatzen vor jeweils bestimmten
Angreifern warnen: Weibliche Tiere und Jungtiere warnen mit „Chirp calls“24 vor großen
Säugetieren, etwa Löwen, Leoparden oder Servalen. Die Meerkatzen ziehen sich daraufhin in
die Zweige der Bäume zurück. Ein „Rraup call“25 wird dagegen beim Erscheinen großer
Raubvögel ausgestoßen und führt zum Rückzug ins Dickicht. Schließlich lenkt das „Snake
Chutter“26 die Aufmerksamkeit der Vervets auf besonders giftige Schlangen wie Ägyptische
Kobras oder Puffottern. Die von anderen Forschern bestätigte
Entdeckung
27
, dass die Meer-
katzen beim Erscheinen jeweils bestimmter Raubtiere je spezielle Lautfolgen von sich geben
– also vom Hören der Lautfolgen auf die Raubtierart zurückgeschlossen werden kann –,
19 GARNER, R. L. ([1892] 2007).
20 Etwa GARDNER, R. A. und GARDNER, B. T. (1980) oder HERRACE, H. S. (1986).
21 STRUHSAKER, T. T. (1967). S. 281.
22 A.a.O. S. 313.
23 A.a.O. S. 323.
24 A.a.O. S. 311.
25 Ebd.
26 A.a.O. S. 305.
27 Sh. SEYFARTH, R. M. / CHENEY, D. L. / MARLER, P. (1980).
6
führte um 1980 zu der umstrittenen These, dass die Grünen Meerkatzen Lautfolgen mit
Bedeutung belegen und somit “semantische Kommunikation”28 haben.
Mehr und mehr richtete sich die Aufmerksamkeit der Primatenforschung auf das unbestritten
hoch entwickelte Gebärdenrepertoire von Affen. In Versuchen brachten Wendy GORDON
und Francine PATTERSON nach eigenen Angaben zwei Gorillas bis zu 1000 Zeichen der
wohl am weitesten verbreiteten menschlichen Gebärdensprache American Sign Language
(ASL) bei.29 Amy S. POLLICK und Frans B. M. DE WAAL beobachteten Schimpansen- und
Bonobogruppen und kamen zu dem Schluss: „The natural communication of apes may hold
clues about language origins, especially because apes frequently gesture with limbs and
hands, a mode of communication thought to have been the starting point of human language
evolution. (…) Far more than facial expressions and vocalizations, gestures seem subject to
modification, conventionalization, and social transmission.”30 Nicht nur Biologen gelangen
inzwischen zu der These, dass sich Gebärden möglicherweise als das verbindende Glied
zwischen der Sprache der Menschen und den Kommunikationsmöglichkeiten der
Menschenaffen herausstellen.
Schließlich konzentriert sich die Erforschung der Primatenkommunikation mit der techni-
schen Verfügbarkeit zunehmend komplexer computergestützter Aufnahme- und Analysemög-
lichkeiten über Einzeläußerungen hinaus immer mehr auf das Zusammenspiel von Lauten,
Mimik und Gesten: „Das Ziel unserer Forschung in den kommenden Jahren ist, dass wir
genau die drei Stränge zusammenführen wollen, die bisher mehr oder weniger einzeln
verliefen, also Gestik, Mimik und Vokalisation."31 Zunehmend genauer wird hinsichtlich der
kommunikativen Fähigkeiten der Affen auch zwischen dem Erzeugen und dem Verstehen von
Informationen unterschieden: „(...) die Komplexität dieses Kommunikationssystems, die wir
bei den Reaktionen auf Raubfeinde beobachten können, beruht im Wesentlichen auf der
Leistung der Empfänger.“32
Auch bei vielen anderen Tierpopulationen versuchen Forscher Kommunikationsstrukturen zu
entdecken und zu beschreiben. So werden die Gesänge von Walen und die Laute und
Geräusche von Delphinen mit modernsten Aufnahmegeräten und Analyseverfahren
untersucht. Die Biologin Heike VESTER interpretiert die Laute und Geräusche der Grind-
und Schwertwale, die sie vor den Lofoten (Norwegen) aufnimmt und analysiert, dahingehend,
dass sie neben grammatischen Grundstrukturen auch „Signatur-Pfeiftöne“, also individuelle
Namen, beinhalten. Außerdem seien die Signalsysteme einzelner Familienverbände
unterschiedlich, es handele sich um verschiedene „gelernte Dialekte“.33 Jack KASSEWITZ,
der in Florida das Lautrepertoire von Delphinen untersucht, nutzt zur Entzifferung ein
CymaScope, „a new instrument that reveals detailed structures within sounds, allowing their
architecture to be studied pictorially.” Er erhofft von seinen Aufnahmen: „By recording
dolphins as they echolocate on various objects, and also as they communicate with other
dolphins about those objects, we will build a library of dolphin sounds, verifying that the
same sound is always repeated for the same object. The CymaScope will be used to image the
sounds so that each CymaGlyph will represent a dolphin ‘picture word’. Our ultimate aim is
to speak to dolphins with a basic vocabulary of dolphin sounds and to understand their
28 FISCHER, J. (2008). S. 21.
29 PATTERSON, F. / GORDON, W. (1994).
30 POLLICK, A. S. / DE WAAL, F. B. M. (2007). S. 8184-8188.
31 LIEBAL, K. (2009). Primatenforscherin u.a. am Max Planck Institut Leipzig. Interview.
32 FISCHER, J. (2008). S. 32. Weitere Ergebnisse der Primatenforschung sh. im Kapitel 4 der vorliegenden
Arbeit.
33 VESTER, H. (2009). S. 1.
7
responses.” 34 Die Walforscher Ryuji SUZUKI, John R. BUCK und Peter L. TYACK vom
Howard Hughes Medical Institute (HHMI) haben die Gesänge der Buckelwale bei Hawaii mit
den Mitteln der Informationstheorie auf ihren Informationsgehalt untersucht.35 „Information
theory was the right choice because it allows one to study the structure of humpback songs
without knowing what they
mean
36
. Zusammenfassend stellt SUZUKI fest: „Humpback
songs are not like human language, but elements of language are seen in their songs“
37
. Er
hofft, „that knowing the hierarchical structure in humpback songs will inform research in
other fields, such as evolutionary
biology“
38
.
Auch Elefanten haben nach Einschätzung von Elefantenforschern „a well-developed system
of
communication“
39
, um ihren lebensnotwendigen sozialen Zusammenhalt zu sichern. Joyce
POOLE und Katy PAYNE haben während jahrzehntelanger Beobachtungen im Rahmen des
Amboseli Elephant Research Project in Kenia ein großes Repertoire von über 70
verschiedenen Arten von Lauten und etwa 160 visuelle und taktile Signale und Gesten
akustisch und optisch erfasst und ausgewertet. Mit modernen Schallmessgeräten konnten sie
auch die besonders tiefen Infraschalltöne unter der menschlichen Hörgrenze registrieren, die
sich über den Boden meilenweit ausbreiten. „At one end of the spectrum elephants
communicate by rubbing their bodies against one another, at the other end they may respond
by moving toward the sounds of other elephants calling, perhaps 10 kilometers away. They
convey information about their physiological (e.g. sexual/hormonal, body condition, identity)
and emotional state (e.g. whether they are fearful, playful, joyful, angry, excited) as well as
communicating specific ‘statements’ about their intentions or desires.”40 Ein interdisziplinäres
Forschungsteam um die Biologin Caitlin E. O'CONNELL-RODWELL von der Stanford
University hat bei Erkundungen in Namibia entdeckt, dass Elefanten Signale weit entfernter
Artgenossen als seismische Vibrationen über ihre Füße wahrnehmen. „Elephant low-
frequency vocalizations propagate in the ground and seismic playbacks of these vocalizations
are detectable by wild African
elephants”
41
.
Der Computerlinguist J. J. PAIJMANS hatte sich zur Aufgabe gestellt, einen „linguistic
corpus“ für die Tänze der Bienen zu erstellen, kam jedoch aufgrund der zu geringen Daten-
menge (noch) zu keinen Aussagen: „Before data can be analysed it must be collected and
stored in a suitable format. After the explanation of the principles of the honey dance, and the
mathematical principles underlying the Zipfian laws and entropy, we will proceed to the
problems of collecting the data and the analysis or translation to a format that is suitable for
comparing the patterns with those of other (human) languages.”42
Es steht zu erwarten, dass spezielle Forschungen weitere Hinweise auf je besondere Kommu-
nikationsformen bei allen Tierarten ergeben, denn sobald Lebewesen in mehr oder weniger
großen Sozialverbänden leben, benötigen sie Informationen auch voneinander, um ihren Ver-
band zu erhalten. Der Austausch von Informationen bei Einzellern wird bereits untersucht.43
34 KASSEWITZ, J. (2008a).
35 SUZUKI, R. / BUCK, J. R. / TYACK, P. L. (2006).
36 SUZUKI, R. (2006).
37 Ebd.
38 Ebd.
39 POOLE, J. (2009).
40 Ebd.
41 O’CONNELL-RODWELL, C. E. et al. (2004). p. 2554.
42 S. dazu PAIJMANS, J.J. (2008). S. 2.
43 Wir danken Herrn Prof. Wolfgang NELLEN (Universität Kassel, Abt. Genetik) für den Hinweis an dieser
Stelle. Zur Kommunikation der Einzeller sh. im Kapitel 3.4. der vorliegenden Arbeit.
8
Eine Form der tierischen Kommunikation ist schließlich die Kommunikation zwischen
Mensch und Tier. Jeder Haustierbesitzer weiß davon zu erzählen. Um sie zu optimieren,
wurde die Sparte „Tierkommunikation“ kreiert. Sie hat sich offensichtlich zu einem
lukrativen Geschäft entwickelt. Angeblich spezialisierte „Tierkommunikatoren“ bieten ihre
Dienste allgemein oder für einzelne Tierarten an.44
Mit der Erforschung der Kommunikation verschiedenster Tierarten geht oft ein Einsatz der
Forscher einher, der den Schutz und die Achtung der jeweiligen Tierart zum Ziel hat.
Walforscher kritisieren z.B. die Lärmverunreinigung unter Wasser, die zur Desorientierung
der Wale führe. Die Elefantenforscherin J. POOLE versteht ihre Initiative ElephantVoices als
eine Stimme für Elefanten. Das Great Ape Project, das von vielen Wissenschaftlern aus
verschiedenen Fachrichtungen unterstützt wird, erhebt die Forderung: „Menschenrechte für
die Großen Menschenaffen!“45
3.3. Pflanzenkommunikation
Zunehmend wird die Ausweitung des Kommunikationsbegriffs auch auf den Bereich der
Pflanzen gefordert. „Die neuzeitlichen Industrienationen haben einen sehr engen soziologi-
sierenden, sprach- und bewußtseinsfixierten Kommunikationsbegriff ausgeprägt. Als Paradig-
ma stand und steht weitgehend noch das zwischenmenschliche Gespräch mithilfe der Laut-
sprache vor Augen. Diese Orientierung hat lange Zeit eine ernsthafte wissenschaftliche
Untersuchung der Pflanze-Tier und vor allem der Pflanze-Mensch Kommunikation behindert.
Es liegt auf der Hand, daß in diesen Bereichen andere Medien genutzt werden als jene, die
spezifisch für die zwischenmenschliche Kommunikation sind. Ebenso sicher wird man andere
Formen von Sensoren und Effektoren in dieser Kommunikation zwischen den grundver-
schiedenen Lebewesen erwarten müssen, als sie in den Gesprächen zwischen den Menschen
üblich sind.“46
Auch für die Pflanzen werden Achtung und Schutz eingefordert. In der Schweizer Bundes-
verfassung ist die Achtung der „Würde der Kreatur“, also auch die Würde der Pflanzen
verfassungsrechtlich festgeschrieben: „Der Bund erlässt Vorschriften über den Umgang mit
Keim- und Erbgut von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen. Er trägt dabei der Würde
der Kreatur sowie der Sicherheit von Mensch, Tier und Umwelt Rechnung und schützt die
genetische Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten.“47 Mit der Begründung und der inhaltlichen
Füllung des Begriffs Würde der Kreatur ist die Eidgenössische Ethikkommission für die
Biotechnologie im Ausserhumanbereich (EKAH) beauftragt, die dazu zunächst die Frage
stellte, was die moderne Biologie über das Wesen der Pflanze weiß. Als ein Hauptkriterium
für die Würde der Pflanzen nennt Florianne KOECHLIN, ein Mitglied der Kommission, die
Fähigkeit der Pflanzen und ihrer Zellen, sowohl miteinander als auch mit Tieren zu kommu-
nizieren. Sie berichtet beispielsweise von Tomaten, die SOS-Duftstoffe aussenden und damit
Nachbarpflanzen zur Produktion von Abwehrstoffen anregen, von Konversation unter Ahorn-
44 In den Medien, im besonderen im Internet, findet man unter dem Stichwort “Tierkommunikation” für fast jede
Tierart eine Menge Angebote von “Tierflüsterern”, die behaupten, das Verständnis zwischen Tierbesitzer und
Tier – natürlich gegen gutes Geld – optimieren zu nnen. Auch eine Ausbildung zum Tierkommunikator”
wird von einer angeblichen “Tierkommunikationswissenschaft” angeboten.
45 Die Forderung ist der Titel der deutschen Übersetzung der Originalausgabe The Great Ape Project. Equality
beyond Humanity. Original: CAVALIERI, P. / SINGER, P. (eds.). (1994). Dt. Übs.: CAVALIERI, P. / SINGER,
P. (Hrsg.). (1996).
46 GIESECKE, M. (2002).
47 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 (Stand am 7. März 2010). Art.
120, Abs. 2.
9
10
bäumen, Weiden, Pappeln und Birken und von Maispflanzen, die, wenn sie von einer
bestimmten Raupenart, der Spodoptera exigua, befallen werden, diese an ihrem Speichel
erkennen und Duftstoffe, ein Gemisch von Indol und Terpenoiden, aussenden, die wiederum
eine Schlupfwespe der Gattung Cotesia marginiventris anlockt, sodass letztere ihre Eier in die
Raupe ablegt und diese mit der Zeit tötet: „Ein hoch differenziertes und flexibles Dreieck.“48
Anderenorts führt sie an, dass von der Limabohne „etwa 100 Duftstoffvokabeln bekannt“49
seien oder dass Waldbäume mit ihren Wurzeln und Wurzelpilzen „ein riesiges unterirdisches
Kommunikationsnetz bilden, eine Art WWW – Wood Wide Web. Dieses WWW ist
mindestens ebenso gross wie das Volumen des Waldes über der Erde.“50 In den „Rheinauer
Thesen zu Rechten von Pflanzen“ fordert sie zusammen mit anderen Pflanzenforschern sechs
„Anspruchsrechte“
51 der Pflanzen anzuerkennen.
Das Jenaer Max-Planck-Institut für chemische Ökologie (ICÖ) ist eine der Forschungs-
einrichtungen, die untersuchen, wie Pflanzen über die Abgabe von Duftstoffen Einfluss auf
ihre Umwelt, Nachbarpflanzen und Tiere nehmen.52 Mit Hilfe einer vom Institut entwickelten
künstlichen Raupe, dem computergesteuerten „MecWorm“, überprüfen die Forscher, wann
und mit welchen Düften Pflanzen auf einen Fressfeind reagieren und welche Auswirkungen
ihre Duftreaktionen auf andere Pflanzen und Tiere haben. Mit ihrer „Duftsprache“ senden die
Pflanzen nach Wilhelm BOLAND, dem derzeitigen Direktor des Instituts, zum einen
Warnungen an andere Pflanzen und Pflanzenteile, die daraufhin ihr „Genexpressionsprofil“
ändern, zum anderen locken sie Insekten herbei, die ihrerseits den Fressfeind Raupe
attackieren. BOLAND stellt die Frage: „Können Pflanzen vielleicht auch untereinander
‚kommunizieren’?“ Er kommt zu dem Schluss: „Die Antwort ist eindeutig positiv. Setzt man
nämlich unverletzte Pflanzen dem Duft befallener Nachbarpflanzen aus, so kann man nach
kurzer Zeit feststellen, dass sich in den ‚Empfängerpflanzen’ das Genexpressionsprofil ändert
(...). Besonders betroffen sind Gene, die PR-Proteine (pathogenesisrelated proteins), eine
Lipoxygenase und Terpensynthasen codieren. Damit wird deutlich, dass Pflanzen nicht nur
Duft aussenden können, sondern ihn auch wahrnehmen und darauf reagieren. Es zeichnet sich
ab, dass die Duftkommunikation auch innerhalb ein und derselben Pflanze (Limabohne) eine
Rolle spielt und gewissermaßen einen ‚Expressweg’ darstellt.“53 Das ICÖ ist in einem
interdisziplinären Netzwerk mit der 2006 gegründeten Jena School for Microbial
Communication (JSMC) verbunden, die sich die Erforschung der Kommunikation zwischen
Mikroorganismen und ihrer Umwelt zum Ziel gesetzt hat. „Neu ist die Erkenntnis, dass
Mikroorganismen kommunizieren. Sie erkennen an chemischen Botschaften ihrer Verwand-
ten, dass es sich lohnt, sich in einem Lebensraum zu vermehren. Sie leben in enger Gemein-
schaft mit Pflanzen, Tieren oder dem Menschen und tauschen mit deren Zellen Signale aus.
Auf diese Weise werden sie nicht als Feind, sondern als Freund erkannt. Schädliche Mikroben
wiederum fälschen Botenstoffe, um sich Zugang zu einem Organismus zu verschaffen. Und
sie erkennen dessen Zellen anhand von chemischen Signalen, bevor sie sie befallen.
‚Mikrobielle Kommunikation’ hat viele Facetten und ist in der Natur deshalb häufig sehr
komplex. Diese Sprache dennoch zu verstehen und zu nutzen haben sich Jenaer Wissen-
schaftler zum Ziel gemacht.“54
48 KOECHLIN, F. (2004). Sh. auch Dies. (2007). S. 79-95.
49 KOECHLIN, F. (2008b).
50 KOECHLIN, F. (2008a). S. 42.
51 KOECHLIN, F. / AMMANN, D. / GELINSKY, E. et al. (2008).
52 So beschreibt z.B. Jörg DEGENHARDT die Funktion der Duftstoffe von Maispflanzen zur Gefahrenabwehr.
Sh. DEGENHARDT, J. (2007). Sh. dazu u.a. auch SCHULZE, B. / KOST, C. / ARIMURA, G. BOLAND, W.
(2006). Im weiteren sh. HALITSCHKE, R. / STENBERG, J. A. / KESSLER, D. / KESSLER, A. / BALDWIN, I.
T. (2008).
53 BOLAND, W. (2007). S. 39.
54 Aus der Broschüre der Jena School for Microbial Communication (JSMC). (o.J., seit 2006). S. 3.
3.4. Bakterienkommunikation
Aktuelle molekularbiologische Forschungen entdeckten komplexe Informationsprozesse
bereits auf der Ebene der kleinsten Lebewesen, der Einzeller. Ausgehend von dem Phänomen,
dass Bakterien auf ihre Umwelt und speziell auf andere Bakterien in ihrem Umfeld reagieren,
wurden innerhalb der letzten 20 Jahre viele mikrobiologische Untersuchungen mit dem Ziel
durchgeführt, die Informationsbeziehungen zwischen Bakterien zu entschlüsseln. Einerseits
sind diese Untersuchungen akribisch bemüht, die Signalstoffe zu identifizieren und die
Signalwege zu beschreiben. Andererseits besteht auch hier die Tendenz, auf die beobachteten
Vorgänge ohne weitere Ableitung die Begriffe Kommunikation und Sprache anzuwenden.
„The discovery of species-specific as well as universal intercellular signaling molecules
reveals that bacteria interact with one another using surprisingly sophisticated mechanisms of
communication.”55
Bakterien zeigen ab einer bestimmten Populationsdichte (Quorum) gemeinsame Reaktionen.
Das Bakterium Vibrio Fischeri, eines der ersten, bei dem dieser Sachverhalt erforscht wurde,
beginnt zum Beispiel bei einer bestimmten Populationsdichte zu leuchten.56 Offensichtlich
sind Bakterien in der Lage, chemische Stoffe, sogenannte autoinducers, als Signale auszu-
senden, Signale anderer Populationsangehöriger zu empfangen und einen Biofilm als Verbin-
dungsmedium herzustellen. Sie können dadurch das Eintreten eines Quorums durch Messen
erfahren (sensing) und über ein Genaktivierungsprogramm die Reaktion gleichzeitig starten.
Dieses Quorum-sensing (QS) wird als „Regulationssystem mit großem Wirkungsbereich“57
beschrieben. In der Interpretation der Ergebnisse heißt es inzwischen in vielen derartigen
Forschungsarbeiten, dass Bakterien in „multizellulären Gemeinschaften“ leben und „ein auf-
einander abgestimmtes Verhalten“ zeigen.58 Die dazu erforderlichen Informationsflüsse zwi-
schen Bakterien werden als „cell-cell communication“59 oder „Zell-Zell-Kommunikations-
systeme“60 beschrieben. Das „Phänomen einer interzellulären Kommunikation bei Bakte-
rien“61 sei sowohl bei Bakterien gleicher Spezies als auch als „cross talk“62 zwischen ver-
schiedenen Arten und zwischen Bakterien und Eukaryonten nachzuweisen. Aus den chemi-
schen Formeln der autoinducers wird gefolgert, dass Bakterien sowohl eine „own language“63
für die Kommunikation innerhalb der eigenen Spezies als auch eine „universal LuxS
language“
64
, gleichsam ein „(b)acterial
Esperanto“
65
, für die Kommunikation zwischen
verschiedenen Spezies beherrschen. Um diese „complex and fascinating bacterial languages“
zu verstehen, sei es erforderlich, die Auswirkungen ihrer Signalmoleküle, der „words“, zu
entziffern.66 Als praktische Konsequenzen dieser Sichtweise könnte das Verhalten von Bakte-
rien durch die Beeinflussung ihrer Kommunikation verändert werden. Bei der Bekämpfung
von bakteriellen Infektionen soll z.B. an die Stelle des bisherigen Einsatzes von Antibiotika,
55 FEDERLE, M. J. / BASSLER, B. L. (2003). S. 1298.
56 Sh. dazu RUBY, E. G. / NEALSON, K. H. (1976); im weiteren NEALSON, K. H. / HASTINGS, J. W.
(1979).
57 HECKMANN, S. (2005). S. 14.
58 HECKMANN, S. (2005). S. 1.
59 YOU, L. / COX III, R. S. / WEISS, R. / ARNOLD, F. H. (2004). S. 1. Sh. auch BASSLER, B. L. (2002). S.
421.
60 HECKMANN, S. (2005). S. 1. Ähnlich sh. auch RIEDEL, K. / SCHÖNMANN, S. / EBERL, L. (2005). S.
388.
61 ORSZAG, P. 2008. S. 1.
62 FEDERLE, M. J. / BASSLER, B. L. (2003). S. 1291. Sh. z.B. auch PAI, A. / YOU, L. (2009). S. 8. Ebenso
RIEDEL, K. / SCHÖNMANN, S. / EBERL, L. (2005). S. 386.
63 BASSLER, B. L. (1999). S. 582.
64 SCHAUDER, S. / BASSLER, B. L. (2001). p. 1472.
65 BASSLER, B. L. (1999). S. 584.
66 A.a.O. S. 586.
11
gegen die Bakterien zunehmend resistent werden, eine Inaktivierung der Signalmoleküle
treten.
3.5. Zellkommunikation
Nicht nur zwischen den Lebewesen aller Arten wird heute allenthalben Kommunikation und
Sprache konstatiert, sondern ebenso innerhalb der jeweiligen Organismen. Als Signalträger
zwischen Pflanzenzellen werden seit etwa 1920 chemische Stoffe ausgemacht. Im Projekt
„Role of Reactive Oxygen in Disease“ unter Leitung des Molekularbiologen Heribert HIRT
an der Universität Wien wird z.B. die Rolle der reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) als
gasförmige Informationsübermittler untersucht.67 Große Aufmerksamkeit in den Medien fin-
den die Forschungen von František BALUŠKA, Stefano MANCUSO, Dieter VOLKMANN
u.a. des Instituts für Zelluläre und Molekulare Botanik an der Universität Bonn zu den
Themen „Signaling and Communication in
Plants“
68
. Sie fanden in Versuchen heraus, dass
die Pflanzenzellen neben den hormonell gesteuerten chemischen Signalwegen auch ein
Netzwerk aus Zellen und pflanzlichen Synapsen nutzen, um mittels elektromagnetischer
Wellen untereinander zu kommunizieren, und dass beide Kommunikationswege miteinander
vernetzt sind. Bei Untersuchungen mit Maispflanzen wiesen sie elektrische Signale nach, die
von den Wurzeln über „plant synapses“ schnell von Zelle zu Zelle weitergeleitet werden. Die
Wurzelspitzen sollen dabei wie „Command Centres“ agieren.69 So übermittelt etwa der
Schwerkraftsensor in den Wurzeln Informationen aus dem Boden an die Wachstumszone,
woraufhin diese in kurzer Zeit die Wachsrichtung ändern kann. Am Botanischen Institut der
Gießener Justus-Liebig-Universität und wiederum am Jenaer Max-Planck-Institut für
Chemische Ökologie sind mit Feinglas-Mikroelektroden gerade neue Formen der elektrischen
Reizleitung in verschiedenen Pflanzenarten u.a. im Mais, im Tabak und in der Gerste entdeckt
worden. Hubert H. FELLE, Axel MITHÖFER u.a. untersuchen, wie Pflanzen bei einer Ver-
wundung in kurzer Zeit elektrische Signale von Blatt zu Blatt weitergeben. Sie nennen diese
Form der Reizleitung „systemic signaling“ bzw. „system potentials“.70
Informationsbeziehungen zwischen den morphologisch und funktionell spezialisierten Zellen
eines Körpers sind nicht nur für die Pflanzenzucht, sondern für die Erforschung aller
Organismen von größtem Interesse. Speziell r den Menschen erhofft man mit der Auf-
deckung der Zellkommunikation zwischen den rund zehn Billionen Zellen eines Körpers
unterschiedlichste Krankheiten in den Griff zu bekommen. Wiederum sind es neue For-
schungsgeräte und Methoden, die tiefere Einsichten in die Beziehungen der Zellen zueinander
erst möglich machen. So können bisherige Messungen außerhalb des lebenden Organismus in
vitro, die die Komplexität der Realität kaum wiedergeben konnten und inkonsistente Ergeb-
nisse lieferten, mit dem 2009 von Wissenschaftlern am Forschungszentrum für Regenerative
67 Sh. PITZSCHKE, A. / FORZANI, C. / HIRT, H. (2006). S. 1757f.: „Rapid progress has been made in recent
years in defining ROS as a major signal in diverse biological processes in plants. ROS can react with a large
variety of biomolecules that can cause irreversible damage and lead to necrosis and death (…). On the other
hand, ROS can influence the expression of a number of genes and signal transduction pathways, suggesting that
cells have evolved strategies to utilize ROS as signals that control various biological programs (…). ROS are
ideally suited to act as such signaling molecules since they are small and can diffuse over short distances (…).”
68 In der von František BALUŠKA und Jorge M. VIVANCO herausgegebenen Buchreihe „Signaling and
Communication in Plants“ sind z.B. die Titel BALUŠKA, F. / MANCUSO, S. (eds.). (2009). „Signaling in
Plants“ und BALUŠKA, F. (ed.). (2009). „Plant-Environment Interactions. From Sensory Plant Biology to
Active Plant Behavior” erschienen. Vgl. auch BALKA, F. / MANCUSO, S. / VOLKMANN, D. (eds.).
(2006). „Communication in Plants. Neuronal Aspects of Plant Life”.
69 BALUŠKA, F. / VOLKMANN, D. / HLAVACKA, A. / MANCUSO, S. / BARLOW, P. W. (2006). p. 27.
70 ZIMMERMANN, M. R. / MAISCHAK, H. / MITHÖFER, A. / BOLAND, W. / FELLE, H. H. (2009).
12
Therapien Dresden (CRTD) der DFG und dem Biotechnologischen Zentrum der TU Dresden
(BIOTEC) entwickelten Modular scanning FCS (FCS = Fluorescence Correlation Spectro-
scopy) nunmehr durch Messungen in vivo ersetzt werden.71
In ihrem Artikel „Körperzellen: Dynamische Netzwerke mit Eigensinn – Zellgeflüster“72 be-
schreibt Florianne KOECHLIN die Informationsstrukturen der Zellen als weitverzweigtes
vielfältiges Kommunikationsnetz: „Eine menschliche Muskelzelle betreibt rege Konversation
mit ihren unmittelbaren wie mit ihren weiter entfernten Nachbarinnen. Sie wird konstant
‚angesprochen’, antwortet auf die Botschaften und verändert sich dabei manchmal auch
selber. Jede Zelle gebraucht dabei ihr eigenes Set an Kommunikationsmöglichkeiten. Eine
Muskelzelle kommuniziert anders als eine Fettzelle, und eine Herzmuskelzelle des Embryos
anders als eine Herzmuskelzelle des Erwachsenen.“73 Eine Vielzahl von Sprachen und
Signalen komme dabei zum Einsatz. Als Botenstoffe zwischen den Zellen wurden Proteine,
Fette, Zuckermoleküle, Ionen, gelöste Gase und Biophotone entdeckt. Die Proteine etwa „be-
wegen sich durchs Netz wie Emails. Struktur-Proteine bilden das Meldesystem, vergleichbar
mit Kabeln, Discs oder Modems. Es ist ein Netz winziger Kanäle für die Nachrichten-
übermittlung, sowohl innerhalb der Zellen als auch zwischen den Zellen. Bei den Proteinen
spielt neben der chemischen Zusammensetzung auch die räumliche Struktur eine wichtige
Rolle für die Kommunikation.“74 KOECHLIN vergleicht die Zellmembran der Empfänger-
zelle mit einem Computer, der die eintreffenden Signale sortiert und so miteinander verrech-
net, dass Entscheidungen für angemessene Reaktionen getroffen werden können.
Wenn Zellen durch zelluläre und molekulare Kommunikation zur Funktion angeregt oder bei
kommunikativen Störungen von ihr abgehalten werden und ihre kommunikativen Strukturen
von der Grundlagenforschung entschlüsselt werden, können im nächsten Schritt adäquate
Medikamente und Methoden entwickelt werden, mit denen die Medizin in den Kommu-
nikationsprozess eingreifen und die kommunikativen Vorgänge so verändern und steuern
kann, dass Funktionen von Zellen eingeschaltet, abgeschaltet oder umgeformt werden. Im
Forschungsbereich Molekulare und zelluläre Kommunikation: Biotechnologie, Bioinformatik
und Biomedizin in Therapie und Diagnostik der Universität Leipzig werden Möglichkeiten der
Zellsteuerung z.B. zur Neuroregeneration entwickelt: „Hierbei soll das Wachstum von Ner-
venzellen gesteuert und durch Moleküle oder Lichtimpulse (...) in eine bestimmte Richtung
gelenkt werden.“75 Auch für die Leberregeneration und die Stimulierung des Knochen-
wachstums wird der Einsatz von Molekülen getestet.
Zur Zeit werden an vielen Universitäten und Forschungseinrichtungen76 Wege gesucht, um
Fehler in den Signalwegen, die zu Krebs führen können, aufzuspüren. „In den entarteten
Zellen eines Tumors kommt es meist zu Veränderungen, die die beschriebene interzelluläre
Kommunikation stören. Das führt einerseits dazu, dass die Tumorzellen sich unabhängig vom
tatsächlichen Vorhandensein anregender Faktoren vermehren oder wandern. Die Anwesenheit
von aktivierenden Signalstoffen wird dabei lschlich ins Zellinnere gemeldet und/oder
71 Sh. Technische Universität Dresden. (2009). Vgl. RIES, J. / YU, S. R. / BURKHARDT, M. / BRAND, M. /
SCHWILLE, P. (2009).
72 KOECHLIN, F. (2003).
73 Ebd.
74 Ebd.
75 BECK-SICKINGER, A. (o.J.). S. 37.
76 Im deutschsprachigen Raum z.B. in Berlin, Dresden, Erlangen-Nürnberg, Essen, Frankfurt, Freiburg,
Göttingen, Graz, Hamburg, Heidelberg, Innsbruck, Jena, Kiel, Köln, Leipzig, Magdeburg, Marburg, München,
Münster, Regensburg, Ulm, Wien, Würzburg, Zürich in vielfältiger Zusammenarbeit auch mit dem Deutschen
Krebsforschungszentrum Heidelberg und in Zukunft mit dem 2009 von der Bundesregierung gegründeten und
finanzierten Nationalen Konsortium für Translationale Krebsforschung.
13
hemmende Signale werden nicht erkannt.“77 Erforscht werden vor allem Signalproteine und
ihre Signalwege. „Immer wieder entdecken die Forscher neue Signalwege, die für das
Tumorwachstum eine Rolle spielen und Ziele zukünftiger Behandlungsstrategien sein
könnten.“78 Am Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien werden z.B.
„(d)ie Rolle der ‚Sprouty’ Moleküle in der
Zell-Zell-Kom
u
nikation“
79
, das „ ‚Major Vault
Protein’ (MVP)“80 und „Aktivine und Follistatine in der Krebsentstehung“81 untersucht. An
der Universitätsmedizin Göttingen ist die DFG-Forschergruppe FOR 942 unter Leitung von
Lorenz TRÜMPER mit dem Signalprotein Wnt und dem „Wnt-Signalweg in Entwicklung und
Tumorprogression“82 befasst. Es wird die Funktion dieses Signalweges bei gesunden
Personen und bei Patienten mit verschiedenen Krebserkrankungen verglichen. Während bei
gesunden Personen die WNT-Signale genau dosiert abgegeben werden, sind sie bei Tumoren
unkontrolliert aktiv. Die Ergebnisse sollen zu neuen molekularen Behandlungsmethoden
führen.83 Die Projekte aus Wien und Göttingen stehen beispielhaft für die heute nahezu
unüberschaubaren Forschungsbemühungen, die unter dem Paradigma der molekularen und
zellulären Kommunikation neue Methoden und Medikamente entwickeln, um einen perma-
nenten Wachstumsauftrag der Wachstumsrezeptoren an die Krebszellen zu stoppen oder zu
hemmen, ohne dabei die belastenden Nebenwirkungen der Chemotherapie oder der Strahlen-
therapie hervorzurufen.84 Solange allerdings die ungeheure Vielfalt der Kommunikation der
Körperzellen noch nicht überschaut wird, können auch bei der molekularen Krebstherapie
Nebenwirkungen durch ungewollte und schädliche Schaltungen nicht ausgeschlossen werden.
Gerade auch im Bereich der Krebsforschung sind Forschungsergebnisse nicht unumstritten.
So geht etwa der Biophysiker Fritz-Albert POPP davon aus, dass die Steuerung des Zell-
wachstums „nicht im molekularen Bereich beantwortet werden (kann – E.F. / E.S. -), nicht
dadurch, daß man die Moleküle unters Mikroskop legt und irgendwelche Defekte in den Mo-
lekülen erkennt. (...) (S)olange eine Verständigung im Organismus möglich ist, wird es auch
keinen Krebs geben, d.h., Krebs ist immer eine Störung dieser Verständigung zwischen den
Zellen, in denen eben das Wachstum genau bestimmt wird. Und die elementare Verständi-
gungsbasis von Lichtwellen ist von der Physik her betrachtet die Kohärenz, also die Fähigkeit,
Informationen mit elektromagnetischen Wellen zu übertragen. Krebs ist also eine Kohä-
renzstörung, die in der Kommunikation über Licht stattfindet.“85 POPP ist davon überzeugt,
die Wirkung von elektromagnetischen Strahlungen, im besonderen von Lichtwellen, die er
Biophotone nannte, nachgewiesen zu haben.86 Parallelen in der Erforschung elektromagne-
77 SUTTERLÜTY-FALL, H. (o.J.a).
78 Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz). Krebsinformationsdienst (KID). (2009). S. 1.
79 SUTTERLÜTY-FALL, H. (o.J.b).
80 HOLZMANN, K. (o.J.).
81 GRUSCH, M. (o.J.).
82 FOR 942. (o.J.)
83 Sh. ebd.: „Das Ziel der Forschergruppe ist es, durch Untersuchung der Wnt-Signalwege mit besonderem
Augenmerk auf den Parallelen zwischen entwicklungsbiologischen und malignen Prozessen zu einem besseren
Verständnis der Mechanismen der Tumorprogression zu gelangen. Die Entwicklung klinisch-onkologischer
Strategien bei vielen Tumor-Entitäten zeigt in den letzten Jahren, dass die Beeinflussung des Fortschreitens eines
Tumors eine wesentliche Verbesserung der Prognose auch bei inkurabler Situation ermöglichen kann. Dies ist
speziell im Hinblick auf die Entwicklung gezielter molekularer Therapiestrategien von Interesse, wofür auch
beim Wnt-Signalweg bereits vielversprechende Ansätze existieren.“
84 Sh. dazu Deutsches Krebsforschungszentrum (dkfz). Krebsinformationsdienst (KID). (2009). S. 1f.
85 POPP, F.-A. ([1999] 2007). S. XXIV.
86 Sh. ebd.: „Und diese Kohärenzstörung kann auch meßtechnisch nachgewiesen werden. Wir haben das getan in
den letzten Jahren. Es hat sich immer wieder gezeigt im Experiment, daß Tumorzellen eben so reagieren, daß die
Kohärenz, die wir messen können, über eine bestimmte Schwelle hinweg gestört wird. Die Kohärenz geht
verloren, die Zelle kann nicht mehr mit der anderen kommunizieren, und sobald dieser Kontakt abgeschnitten ist,
sobald durch die Hinzunahme einer weiteren Zelle die Kommunikation nicht verbessert, sondern verschlechtert
wird, entsteht ein Tumor.“ POPP wurde für seine Thesen als Spinner angefeindet und verlor 1980 seinen
14
tischer Strahlungen als Kommunikationsinstrument im Körper ergeben sich neuerlich etwa zu
den o.a. Forschungen am Jenaer Max-Planck-Institut für chemische Ökologie und am Bonner
Institut für Zelluläre und Molekulare Botanik. Die Auseinandersetzung um die Priorität der
chemischen oder der elektromagnetischen Zellkommunikation kann und soll hier nicht
entschieden werden. Festzustellen ist, dass beide Richtungen davon ausgehen, dass die Zellen
eines Organismus in jeder Sekunde in vieltausendfacher Weise Informationen austauschen,
und daraufhin das Paradigma der Zellkommunikation konstituieren.
3.6. Zellinterne Kommunikation
Je weiter es der Forschung gelingt, zu den Ursprüngen des Lebens in den Zellen vorzudrin-
gen, desto mehr gewinnt das Phänomen der Information innerhalb der Zelle an Bedeutung.
Auch im zellinternen Bereich verwenden angesehene Forscher und Institutionen für die Be-
schreibung der molekularen Informationsvorgänge die Begriffe Kommunikation und Sprache.
So beschreibt das Schwedische Nobelpreis-Komitee zur Vergabe des Preises für Chemie 2009
die Informationen im Zellgeschehen als Sprachen, die gelesen und übersetzt werden: „The
ribosome reads the information in messenger RNA, and based upon that information, it
produces protein. Scientists refer to this as translation. It is during this translation process,
when DNA / RNA language becomes protein language, that life reaches its full
complexity.87 Neben den hier vorzuweisenden Belegen, dass die Begriffe Kommunikation
und Sprache bis in die zellinternen Beziehungen hinein Verwendung finden, rückt nunmehr
zudem die Frage nach dem Ursprung der Information in den Vordergrund.
Als Grundbaustein des Lebens enthält jede Zelle in ihrer DNS die für ihren Bau und ihre
Aktivitäten notwendigen Informationen. Wesentlicher Bestandteil der DNS sind die für die
Erbinformationen zuständigen Gene. Die vollständige Entschlüsselung des menschlichen
Genoms88 und der darin befindlichen etwa 20.000 –25.000 Gene durch das Human Genome
Project89 im Jahre 2003 erfüllte indes nicht die Hoffnungen einiger Forscher und einer breiten
Öffentlichkeit, nunmehr die Grundfragen des Lebens beantworten zu können. Auch die
großen Krankheiten der Menschheit in unserer Zeit lassen sich nicht einfach durch Ein- oder
Ausschalten von Genen beherrschen. Es wird immer deutlicher, dass die Gene der DNS nicht
nur einseitig über die „messenger-RNA“ Informationen an die Proteinwerkstätten, die Riboso-
me, liefern, sondern in vielfacher Art in das komplexe Geschehen in einer Zelle eingebunden
sind. Zwar sind die Baupläne gegenüber den Umwelteinflüssen weitgehend abgeschirmt und
geschützt, sodass das Erscheinungsbild einer Art langfristig stabil bleibt, doch werden die
Informationen der Gene keineswegs starr übernommen. Die Ein- und Ausschaltung von
Genen, ihre Verortung, Verschiebung und Versetzung sowie die Erstellung von ganzen oder
teilweisen Kopien und deren Kombination unterliegen der Steuerung und Kontrolle durch
Lehrstuhl an der Universität Marburg. Seitdem installierte er 1994 mit Lev V. BELOUSSOV in Moskau den
Forschungsbereich Biophotonik, gründete das International Institute of Biophysics (IIB) mit Sitz in Neuß, heute
„Fritz-Albert Popp Institut“, und setzt sich weltweit für die Anerkennung der Biophotonik ein. Sh. dazu die
Ausführungen auf der Homepage des Fritz-Albert Popp Instituts.
87 Kungl. Vetenskaps-Akademien. The Royal Swedish Academy Of Sciences. (2009). S. 1. Ada E. YONATH,
Thomas A. STEITZ und Venkatraman RAMAKRISHNAN erhielten 2009 den Nobelpreis für Chemie dafür,
dass sie den Aufbau der Ribosome kristallisiert und dadurch sichtbar gemacht, dann gelesen, und ihre Atome in
3D-Modellen kartographiert haben.
88 “A genome is all the DNA in an organism, including its genes. Genes carry information for making all the
proteins required by all organisms. These proteins determine, among other things, how the organism looks, how
well its body metabolizes food or fights infection, and sometimes even how it behaves.” Sh. Human Genome
Project. (2008).
89 Von 1990 bis 2003 haben Institute in zuletzt 18 Staaten unter Führung der USA das menschliche Genom
vollständig entschlüsselt. Sh. ebd.
15
Bestandteile der DNS, die lange Zeit als Gen-Müll oder Junk-DNA betrachtet wurden.
„Transposable elements“90 und „RNA-interference“91 nehmen Einfluss auf die Gene. Die
junge Wissenschaft der Epigenetik hat bei Untersuchungen zur Veränderung des Erbgutes
entdeckt, dass durchaus auch Umwelteinflüsse eine Veränderung des Phänotyps herbeiführen
und diese Änderungen an folgende Generationen weitergegeben werden können. „In some
cases at least, it seems that the effects on gene expression may persist even after the removal
of the inducing agent, and can be passed on, through mitosis, to subsequent cell generations,
constituting a heritable, epigenetic change. If such changes occur in germ cells or their
precursors, then they may be passed on to subsequent generations. Mechanisms are now
known to exist through which an epigenetic change might give rise to a localized change in
DNA sequence exerting the same functional effect, thereby converting an epigenetic to a
genetic change. If the induced genetic change has phenotypic effects on which selection can
act, then this hypothetical chain of events constitutes a potential route through which the
environment might directly influence evolution.”92 Weltweit sind Biologen und Mediziner
mit den einzelnen Abläufen in den Zellen bei gesunden und kranken Menschen befasst.
In seinem Buch „Das kooperative Gen“93 interpretiert der Mediziner und Genforscher
Joachim BAUER die vielfältigen Beziehungen in einer Zelle als im wesentlichen kommu-
nikative Beziehungen. Er kommt zu dem Schluss: „Erst durch die vollständige Aufklärung der
Genome des Menschen und weiterer Spezies war es möglich, die genomische Architektur und
die Gesetzmäßigkeiten ihrer Entwicklung entlang der Evolution zu entdecken. Genome sind
dank zahlloser Informationen, die ihnen vom Gesamtorganismus bzw. von der Zelle zuflie-
ßen, in der Lage, auf Inputs der verschiedensten Art, insbesondere auf bestimmte Stressoren,
zu reagieren, und sie tun dies nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern nach Regeln, die in
ihnen selbst verankert sind. Die Prinzipien, die bei einem Blick auf die Evolution des Genoms
deutlich werden, sind: Kommunikation, Kooperation und Kreativität.“94 Außerhalb der
Biosphäre lassen sich die drei Grundprinzipien nach BAUER nicht finden.95 Er postuliert,
„Gene als ‚communication molecules’ (...), das heißt als kommunikative Moleküle, und das
Genom als ein ‚highly sensitive organ’ (...), als ein zur Wahrnehmung von äußeren Signalen
befähigtes System, zu betrachten.“96
So zeigen auch BAUERs Ausführungen zum einen, wie der Begriff der Kommunikation heute
von einigen Forschern auf alle Informationsbeziehungen bei Organismen ausgedehnt wird. Er
legt mit seinen Ausführungen zur Entstehung der Gene zum anderen zugleich eine
Möglichkeit nahe, zu verstehen, wie Information im Organismus und für den Organismus
zustande gekommen sein könnte: „Das Leben begann in einer sogenannten RNS-Welt (...):
Erste lebende Systeme bestanden aus kooperierenden und kommunizierenden Ensembles von
RNS- und Proteinmolekülen, die zudem in der Lage waren, sich selbst zu erneuern und zu
reproduzieren. (...) Gene entstanden, weil Zellen im Frühstadium der Evolution (in einem vor
mehr als drei Milliarden Jahren gelegenen Zeitraum (...)) begannen, ‚Sicherungskopien’ ihrer
RNS-Moleküle herzustellen, die in einer Art ‚Bibliothek der Zelle’ aufbewahrt wurden. Das
90 SHAPIRO, J. A. (1999). S. 171. Sh. auch BAUER, J. (2008). S. 25ff. und S. 84f.
91 Für die Entdeckung der „RNA interference“ erhielten Andrew Z. FIRE und Craig C. MELLO 2006 den
Nobelpreis für Medizin. Sh. NYSTRAND, A. (2006).
92TURNER, B. M. (2009). p. 3403.
93 BAUER, J. (2008).
94 A.a.O. S. 142.
95 Sh. a.a.O. S. 17.
96 A.a.O. S. 143. Sh. auch S. 89. Der Ausdruck „communication molecules“ stammt von James A. SHAPIRO,
allerdings nicht aus dem von BAUER angegebenen Artikel SHAPIRO, J. A. (2006), sondern belegt in
SHAPIRO, J.A. (1998). p. 85. Den Ausdruck „highly sensitive organ“ hat BAUER von Barbara McCLINTOCK
übernommen. Sh. McCLINTOCK, B. (1983). p. 198.
16
Material dieser Sicherungskopien war der Stoff, aus dem die Gene sind: Desoxyribonuklein-
säure (DNS).“97 In der Evolution, so könnte man folgern, begann demnach mit dem Zusam-
menwirken der RNS-Moleküle und Proteine das Leben der Zelle und zugleich die Verselbst-
ständigung der Information: Indem Kopien des Ganzen oder seiner Teile produziert wurden
und mit diesen der Text dieser Kooperation gespeichert blieb, konnte die Kopie vom realen
Geschehen gelöst werden und blieb unabhängig vom Geschehen selbst als Information über
das Geschehen erhalten und verwendbar.
BAUERs Thesen sind im Glaubenskrieg zwischen Kreationismus und Darwinismus nicht
unumstritten.98 Sein Buchtitel „Das kooperative Gen“ ist offensichtlich konträr zu Richard
DAWKINS Buch „The Selfish Gene“99 gewählt. Es verwundert deshalb nicht, dass BAUER
aus dem darwinistischen Lager heftige Anfeindungen auf sich zieht und der Nähe zum
Kreationismus verdächtigt wird,100 obwohl er explizit feststellt, dass Glaubensfragen in der
Wissenschaft und der Lehre der Biologie keinen Platz haben.101 Wir stimmen mit den Evolu-
tionsforschern überein, dass es in der Wissenschaft keinen Platz für Kreationismus und
Intelligent-Design gibt. Den Streit darum, ob Gene egoistisch und verhaltensbestimmend oder
kooperativ dem Zellgeschehen eingeordnet sind, können und wollen wir an dieser Stelle nicht
entscheiden. Die Ausführungen Joachim BAUERs wurden hier dargelegt, um zu dokumen-
tieren, mit welcher zentralen Bedeutung die Begriffe Information und Kommunikation in der
Biologie für die Beschreibung der Beziehungen auch der kleinsten und ursächlichen
Bestandteile des Lebens belegt werden.
3.7. Kommunikation der leblosen Materie
Der neutrale Begriff für Relationen von Materieteilchen zueinander ist zunächst das
Wechselwirken bzw. die Wechselwirkung. Am Deutschen Elektronen Synchrotron (DESY) in
Hamburg vergleicht man das Wechselwirken der Elementarteilchen, als der derzeit kleinsten
bekannten Bausteine der Materie, mit einem Fußballspiel: Wie die Spieler eines Fußball-
spieles mit Hilfe des Balles, den sie sich zuspielen, Kontakt miteinander halten, wechsel-
wirken die Elementarteilchen, indem sie nach Spielregeln ein Objekt austauschen. Rolf-Dieter
HEUER, zunächst Forschungsdirektor am DESY, seit 2009 Generaldirektor des CERN,
97 BAUER, J. (2008). S. 35ff.
98 Im Untertitel seines Buches verkündet er den „Abschied vom Darwinismus“. Zwar nimmt man ihm nach der
Lektüre des Buches eine völlige Abkehr von DARWIN nicht ab, doch richtet er seine Argumentation strikt
gegen das „Zufallsprinzip“ in der Evolutionstheorie, sowie vor allem gegen die modernen Varianten der
„darwinistischen Denkschule“ (A.a.O. S. 15. Anm. 14.). „Der Kern der Evolutionstheorie Darwins basierte nicht
auf biologischen Erkenntnissen, sondern hatte ein ökonomisches Kalkül (Thomas MALTHUS – E.F./E.S. –) zur
Grundlage. Biologische Systeme sind im darwinistischen Modell keine Akteure der Evolution, sie leisten keinen
eigenen, genuin biologischen Beitrag zur Entwicklungsgeschichte, sondern sind nach dem Zufallsprinzip
entstandene Produkte bzw. Waren. Und genau hier liegt, wie die Erkenntnisse der letzten Jahre nunmehr
unabweisbar zeigen, der zentrale Fehler des darwinistischen Dogmas.“ (A.a.O. S. 158f.) Als Vertreter der
Soziobiologie bzw. der New Synthesis-Theorie gelten z.B. WILSON, E. O. (1975), KUTSCHERA, U. /
NIKLAS, K. J. (2004) und VOLAND, E. ([1993] 2000).
99 DAWKINS, R. ([1976] 2006).
100So mutmaßt etwa Thomas JUNKER: „Ist dies des Pudels Kern? Ist dies die Lösung für das Rätsel der
‚verschwundenen’ Kreationisten? Und in der Tat: Im Windschatten von Bauers pseudo-sachlicher Darwinismus-
Kritik und mit seiner tatkräftigen Unterstützung ist ein Sammelbecken für all die feigen Kreationisten entstan-
den, die nicht den Mut haben, sich offen zu ihrer Meinung bekennen. Auch Bauer selbst lehnt es nach außen hin
ab, sich als Kreationist (= Schöpfungsgläubiger) zu outen.“ JUNKER, T. (2009).
101 Sh. BAUER, J. (2008). S. 190ff: “Der Kreationismus ist ein aus wissenschaftlicher Sicht völlig unbrauchbares
Konzept. Seine Positionen haben in biologischen Lehrbüchern nichts zu suchen. (…) Wissenschaftliche Beweis-
führungen liegen ausschließlich in der Zuständigkeit der Wissenschaft selbst – insoweit haben auch Konzepte
wie jenes des ‚Intelligent Design’ innerhalb der Biologie keinen Platz.“
17
beschreibt vier unterschiedliche Spiele, die sich nach der Schwere der Bälle unterscheiden:
Drei der Regeln werden durch die Quantentheorie beschrieben, eine durch EINSTEINs Re-
lativitätstheorie. Die Spielregeln sind der Bauplan für das Universum. Sie wurden im Urknall
definiert und weisen eine „fantastische Feinabstimmung“ auf, ohne die (menschliches) Leben
nicht zustande gekommen wäre. Die Physiker u.a. am DESY versuchen diese Spielregeln zu
enträtseln.102
Wie am DESY versucht man auch am europäischen Teilchenphysikzentrum CERN in der
Nähe von Genf mit Hilfe des LHC (Large Hadron Collider) durch die künstliche Herbei-
führung einer Kollision von Elementarteilchen (Protonen) bei nahezu Lichtgeschwindigkeit
dem Urknall möglichst nahe zu kommen. Eine Hoffnung besteht darin, das Teilchen des
Higgs-Feldes, das Higgs, zu entdecken, das nach der Theorie von Peter HIGGS das Spiel der
Elementarteilchen in Gang setzt. Das Higgs-Feld wäre nach Rolf LANDUA, dem Mitinitiator
der Antimaterie-Fabrik am CERN, in der Lage, als kosmische Erbinformation allen anderen
Elementarteilchen mitzuteilen, welche Masse sie haben: „Dieses Higgs-Feld, nach dem wir
suchen, (...) wäre im Grunde genommen so eine Art kosmische DNS, das sagt, (...) dieses
Elektron muss diese Masse haben. Das (Higgs-Feld – E.F./E.S.) enthält (...) diese Information
für alle Elementarteilchen, die existieren. Das heißt also, es gibt in unserem Universum eine
gewisse Struktur, und da steckt also im leeren Raum, in der Form dieses Feldes, (...)
Information.“103
Auch für derartiges Wechselwirken der unorganischen Materie findet sich in physikalischen
Arbeiten der Begriff Kommunikation. Der Physiker Martin ERDMANN, der an der RWTH
Aachen u.a. an der Auswertung der am amerikanischen Proton-Antiproton-Beschleuniger
Tevatron Collider in der Nähe von Chicago gewonnenen Daten beteiligt ist, beschreibt in
einer Darstellung des Standard-Modells der Teilchenphysik derartige Kommunikation: Wie
kommunizieren zwei Materie-Teilchen miteinander? Stellen Sie sich zwei Elektronen vor, die
aufeinander zu fliegen (...) . Beide haben dieselbe elektrische Ladung und werden sich deswe-
gen gegenseitig abstoßen. Es muss also einen Mechanismus in der Natur geben, der die
Information ‚gleich geladen, fliege fort’ zwischen den beiden Elektronen austauscht. Diese
Information wird durch den Austausch eines Lichtteilchens übertragen, das so genannte
‚Photon’. (...) Außer dieser elektromagnetischen Wechselwirkung zwischen geladenen Teil-
chen gibt es weitere Kommunikationsarten zwischen den Materie-Teilchen (...). Die schwache
Wechselwirkung ist z.B. verantwortlich für bestimmte radioaktive Zerfälle. Eines ihrer
Kommunikationsteilchen
ist das bereits erwähnte Z-Teilchen.“104
Das Prinzip der Kommunizierenden Röhren wird bereits Kindern im Sachunterricht der
Grundschule beim Thema Wasserversorgung mit den entsprechenden Vorführgeräten deutlich
gemacht105 : Der Flüssigkeitsstand in einem Gefäß ist exakt so hoch wie der in einem weiteren
mit ihm verbundenen Gefäß, unabhängig davon, wie weit die beiden voneinander entfernt
sind (Prinzip des Hochbehälters). Niemand wird behaupten, die Gefäße sprächen miteinander,
dennoch gelangt die Information über den Flüssigkeitsstand von einem Gefäß zum anderen.
Der Grundgedanke dieses zunächst einfach anmutenden Beispiels für den Gebrauch des
Begriffes Kommunikation in physikalischen Zusammenhängen findet sich im Begriff der Teil-
102 Sh. dazu Interview mit Rolf-Dieter HEUER in: FRIEDL, C. (2002).
103 Rolf LANDUA im Gespräch mit Gert SCOBEL in: SCOBEL, G. (2008). Sh. dazu auch LANDUA, R.
(2008).
104 ERDMANN, M. (2001). S. 127f.
105 Sh. etwa DUDEN. Stoffverteilungsplan. Sachunterricht. Klasse 4. (2010). S. 4: „Versuche zum Transport
von Wasser durchführen und Gesetzmäßigkeiten entdecken; das Prinzip der kommunizierende(n) Röhren erar-
beiten und verstehen“.
18
chenkommunikation wieder: Wie die Kommunizierenden Röhren weisen verschränkte Quan-
ten gleiche Merkmale und Veränderungen auf, die eine Art von Informationsaustausch ver-
muten lassen.
In der Quantentheorie wird der Begriff der Teilchenkommunikation von einigen Forschern
dazu benutzt, die Tatsache zu erklären, dass Elementarteilchen wie Bosome, Leptone, Quarks
und Photone, wenn sie miteinander verschränkt sind, anscheinend untereinander, auf irgend-
eine noch geheimnisvolle Art und Weise, korrespondieren. Albert EINSTEIN klassifizierte
das Phänomen als „spukhafte
Fernwirkungen“
106
. Eine Forschungsgruppe unter Leitung des
Wiener Quantenphysikers Anton ZEILINGER ist darum bemüht, die Verschränkung von
Photonen über immer größere Entfernungen zu überprüfen. Sie schickten 2004 einzelne
Photone eines Lasers etwa über 144 km von La Palma nach Teneriffa oder 2008 von einem
süditalienischen Observatorium über 1500 km zum japanischen Satelliten „Ajisai“ in den
Orbit und ließen sie wieder zur Erde zurückreflektieren. Unabhängig von der dabei herge-
stellten Entfernung der verschickten und der nicht verschickten Teilchen voneinander wiesen
miteinander verschränkte Photone gleiche Eigenschaften (Polarisation, Spin, Drehimpuls) auf.
„Zwar zeigen die Messungen an beiden Photonen perfekte Korrelationen bei gleich
orientierten Polarisatoren wird auf beiden Seiten die gleiche Polarisation gemessen -, aber
dennoch ist die Annahme falsch, dass die Photonen bereits vor ihrer Messung eine
Polarisation tragen. Durch Messung am ersten Photon nimmt dieses spontan eine Polarisation
an – und das zweite Photon besitzt, ganz egal, wie weit es entfernt ist, von diesem Moment an
ebenfalls eine wohl definierte Polarisation.“107 Wie die Information über derartige Entfer-
nungen von einem Teilchen zum anderen gelangt, ist physikalisch noch völlig ungeklärt. Jede
Signalübertragung der „spooky actions at a distance” müsste nach Untersuchungsergebnissen
einer Gruppe Genfer Physiker um Nicolas GISIN mit mehr als 10.000-facher Lichtgeschwin-
digkeit erfolgen108 und widerspräche somit der Relativitätstheorie. Unabhängig von der Klä-
rung dieses Phänomens wird etwa bei Versuchen zur praktischen Anwendung der Quanten-
physik wie dem Bau von Quantencomputern die „unbestreitbare Tatsache (vorausgesetzt –
E.F./E.S.), dass miteinander verknüpfte Quantensysteme unabhängig von ihrem Standort
immer einen gemeinsamen Zustand bilden und folglich miteinander kommunizieren kön-
nen.“109 Praktisches Ziel vieler Forschergruppen, so auch der Genfer GISIN-Gruppe, ist es,
die Informationssprünge bei den verschränkten Teilchen für die Entwicklung und Einrichtung
neuer, abhörsicherer („Quantenkryptografie“) Kommunikationswege nutzbar zu machen. Der
Begriff Quantenkommunikation wird sowohl für die Informationsabhängigkeit der ver-
schränkten Quanten untereinander als auch für die Möglichkeiten der Erschließung neuer
Kommunikationswege aufgrund dieses Phänomens verwendet. Aus der Quantentheorie leiten
manche Forscher die These ab, dass Information und Kommunikation unabhängig von
Lebewesen diesen vorausgehen und ihren Ursprung in der Entstehung des Weltalls vermuten
lassen (sh. folgendes Kapitel).
Seit dem Beginn der Entwicklung sogenannter intelligenter Maschinen hat der Begriff Kom-
munikation auch in der Technik einen zentralen Platz. Das Bundesministerium für Bildung
und Forschung (BMBF) zählt in seinem Forschungsprogramm zu den Informations- und
Kommunikationstechnologien IKT 2020 unter dem Stichpunkt Next Generation Media als zu
fördernde multimediale Technologien auf: „Mit der Förderung von Entwicklung, Erprobung
und Demonstration von Multimedia-Anwendungen r vernetzte intelligente Systeme (...)
sollen Referenzmodelle und Vorzeige-Beispiele entstehen, die Machbarkeit und wirtschaft-
106 EINSTEIN, A. ([1969] 1982). S. 215.
107 ZEILINGER, A. (2008). S. 61f.
108 SALART, D. / BAAS, A. / BRANCIARD, C. / GISIN, N. / ZBINDEN, H. (2008). S. 861-864.
109 HUBER, B. (2000). S. 8.
19
lichen Nutzen aufzeigen und zur Nachahmung anregen. Die angestrebten Entwicklungen
greifen Begriffe wie Ambient Intelligence, Ubiquitous Computing oder ‚Things that Think’
auf, die den Beginn eines neuen Zeitalters, das ‚Internet der Dinge’, markieren. Die ausge-
wählten Projekte zielen auf technologische Leitinnovationen in den Feldern ‚Konsumelek-
tronik in vernetzten Systemen’, ‚Intelligente Logistiknetze’, ‚Intelligente Vernetzung von
Produktionsanlagen’ und ‚Intelligente Systeme in der Gesundheitsversorgung’.“110 Die
intelligenten Systeme, Rechner und Roboter erfüllen die an sie gestellten Anforderungen nur
dann, wenn sie in der Lage sind, ihre intelligenten Produkte miteinander und mit den
Menschen auszutauschen. Vom IKT 2020 geförderte IKT-Systeme sollen zum Beispiel mit
Hilfe zu entwickelnder „(a)utonome(r) vernetzte(r) Sensorsysteme“ „ihre Umgebung erfassen
und ‚verstehen’ (‚Real World Awareness’) und ihre Informationen kommunizieren.“111
Im Bereich der Mensch-Maschine-Kommunikation (MMK) bemühen sich Forschungsinstitute
darum, Maschinen zu entwickeln, die mittels einer (z.T. sprachlichen) Bedienung durch den
Menschen zielgerichtet oder multifunktional einsetzbar sind. Die Forschung am Lehrstuhl
Mensch-Maschine-Kommunikation der Technischen Universität München beschäftigt sich
z.B. „mit den Grundlagen einer weitgehend intuitiven, natürlichen, und deswegen multimo-
dalen Interaktion zwischen dem Menschen und informationsverarbeitenden Systemen. Alle
Formen der Interaktion (d.h. alle Modalitäten), die dem Menschen zur Verfügung stehen,
werden dazu untersucht. Sowohl die Informationsdarstellung seitens der Maschine, als auch
die Interaktionstechnik muß dabei in Betracht gezogen werden; z.B. Text und Sprache, Schall
und Musik, Haptik, Grafik und Gesichtssinn, Gestik und Mimik, und Emotionen.“112 Das
Institut für Mensch-Maschine-Interaktion an der RWTH Aachen arbeitet in zahlreichen Pro-
jekten daran, dass mit seinem „neuen Ansatz der ‚Projektiven Virtuellen Realität’ (...) kom-
plexe, automatisierte Systeme vom Weltraumroboter bis zur Internationalen Raumstation,
vom Radlader bis zum Holzvollernter, von der Fräsmaschine bis zur Digitalen Fabrik und
vom Industrieroboter bis zum anthropomorphen (menschenähnlichen) Roboter intuitiv
programmier-, bedien- und überwachbar (werden – E.F./E.S.). Die angewandten Grundlagen
für die Realisierung derartiger Konzepte und Systeme liegen in den Bereichen Weltraumro-
botik, Industrierobotik, Mobile Robotik, Maschinelles Sehen, autonome Fahrzeugführung und
Navigation sowie Computergrafik, virtuelle Welten und der Regelungs- und Simulationstech-
nik.“113 Im Bereich der Maschine-zu-Maschine-Kommunikation (M2M) werden Systeme ent-
wickelt, in denen „Anlagen und Maschinen ohne menschlichen Auslöser Daten austau-
schen.“114 Dabei werden vor allem die Möglichkeiten einer Fernübertragung von Daten durch
Mobilfunk eingesetzt. In derart praktischer Forschungsarbeit werden die Begriffe Kommuni-
kation und Interaktion für den Datenaustausch mit bzw. zwischen den Maschinen verwendet.
Zwar sind die kommunizierenden Maschinen als Kreationen des Menschen zunächst von
diesen abhängig. Doch gibt es in der Forschung durchaus die Meinung, dass sie sich bei Wei-
terentwicklung verselbstständigen und als Akteure bzw. „Agenten“ selbstständig kommu-
nizieren könnten. So wurde an der Technischen Fakultät der Universität Bielefeld der künstli-
che Agent Max - the Multimodal Assembly eXpert“115 entwickelt. Ipke WACHSMUTH, der
verschiedenste Versuche mit Max durchführte, resümiert: „Damit zeichnet sich das folgende
110 Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Referat Öffentlichkeitsarbeit (Hrsg.). (2007). S. 60.
111 A.a.O. S. 56.
112 Lehrstuhl für Mensch-Maschine-Kommunikation (MMK) der Technischen Universität München (TUM).
(o.J.).
113 Institut für Mensch-Maschine-Interaktion an der RWTH Aachen. (o.J.).
114 SCHNABEL, P. (o.J.).
115 KOPP, S. (2008). Sh. dort weiter: “Max is situated in a virtual environment for cooperative construction
tasks, where he multimodally demonstrates to the user the construction of complex aggregates and guides the
user through interactive assembly procedures.”
20
Bild eines künstlichen Bewusstseins ab: Kriterien dafür sind Selbstidentifikation, Selbstwahr-
nehmung als handelndes Wesen, Metarepräsentationen und Erinnerungen in Verbindung mit
emotionaler Bewertung. Hiermit ist es denkbar, dass Max sich Formen eines ‚menschlichen’
(dem Menschen vergleichbaren) Bewusstseins annähert. Je vollständiger dies gelingt, mit
desto mehr Recht könnte Max von sich als ‚Ich, Max’ sprechen, und desto mehr würde Max
als ‚menschliche Maschine’ für Menschen als soziales Gegenüber akzeptabel.“116 Wenn
einerseits an der Entwicklung des Robot sapiens gearbeitet wird und andererseits Chips ins
menschliche Gehirn eingepflanzt werden, scheint der Zeitpunkt der Verschmelzung menschli-
cher und maschineller Intelligenz nicht mehr fern.117 Die Idee der Künstlichen Intelligenz
(KI), oder weiter gefasst des künstlichen Lebens, die an hochentwickelte kommunikative
Fähigkeiten gebunden wäre, ist eine potentielle Zielvorstellung vieler Experimente und An-
wendungen mit intelligenten Systemen, Robotern und neuronalen Implantaten.
Auf dem Hintergrund der Quantentheorie und der Mutmaßungen über die Möglichkeit einer
eigenständigen Künstlichen Intelligenz versuchen weltweit Forscher, völlig neue technische
Dimensionen des geistigen Operierens, der Informationsverarbeitung, des Informationsaus-
tausches und damit der Kommunikation zu eröffnen. Wie aus der Quantentheorie leiten auch
aus der Diskussion um die Künstliche Intelligenz manche Forscher die These ab, dass Infor-
mation und Kommunikation unabhängig von Lebewesen existieren und ihrerseits die Lebewe-
sen benutzen.
3.8. Information als existentielle Grundkategorie
Der Ausdehnung des Begriffes Kommunikation auf alle möglichen Beziehungen in der beleb-
ten und in der unbelebten Natur liegen mitunter – teilweise unausgesprochen – Theorien zu-
grunde, die den Inhalt aller Kommunikation, die Information, neben Materie und Energie als
eigenständige dritte, in anderen Bewertungen sogar als erste physikalische Grundgröße aller
Existenz behaupten. Sofern dieser Hintergrund thematisiert wird, geht dies oft mit einem
Hinweis auf Ergebnisse der Quantentheorie und/oder der Forschungen zur Künstlichen Intel-
ligenz einher.
Nachdem in der Evolutionsbiologie die Gene als maßgebliche Informationsgeber für die
biologische Entwicklung der Formen des Lebens identifiziert sind, bleibt die Frage nach der
Erklärung der „cultural
evolution“
118
. Richard DAWKINS postuliert für die Entwicklung aller
kulturellen Errungenschaften analog zu den Genen eine eigene „new kind of replicator“ und
prägt für diesen Replikator in Anlehnung an den Begriff Gen den Begriff „meme“.119 Wie
Gene das Erbgut kopieren und weitergeben, replizieren nach DAWKINS Meme die unter-
schiedlichsten kulturellen Muster und sorgen für ihre Vererbung und ihre Verbreitung. Als
Beispiele für Meme führt er „tunes, ideas, catch-phrases, clothes fashions, ways of making
pots or of building arches”120 an. Als erstes Beispiel nennt er
„Language”
121
; besonders um-
fangreich umreißt er Aspekte eines gemutmaßten „large complex of mutually-assisting
religious memes.”122 Meme setzen sich nach DAWKINS wie Parasiten in den Gehirnen fest,
vermehren sich wie Viren und verbreiten sich durch kommunikative Weitergabe der Gedan-
116 WACHSMUTH, I. (2005). S. 353.
117 Breit publiziert werden derartige Zukunftsbilder etwa vom amerikanischen Futuristen Raymond KURZWEIL.
Sh. z.B. KURZWEIL, R. (2005).
118 DAWKINS, R. ([1976] 2006). S. 190.
119 A.a.O. S. 192.
120 Ebd.
121 A.a.O. S. 189.
122 A.a.O. S. 199.
21
ken von Gehirn zu Gehirn. Als Maßeinheit lassen sich DAWKINS Meme nur ungenau um-
reißen. Wie er „the ‚gene complex’ into large and small genetic units, and units within units”
einteilt, versucht er auch Mem-Einheiten durch Zerlegung von Mem-Komplexen zu finden.123
DAWKINS siedelt die Entstehung und Entwicklung der Meme „in historical time“124 an und
hofft zumindest noch, dass der Mensch sich „against the tyranny of the selfish replicators“125
auflehnen kann. Inzwischen hat sich aus der Befassung mit dem Mem-Begriff eine Lehre von
der Memetik entwickelt, in der den Memen mitunter eine absolute Eigenständigkeit zuge-
sprochen wird. Eine ihrer heftigsten Verfechter, Susan BLACKMORE, geht so weit, dass sie
den Spieß umdreht und mutmaßt, der Mensch sei ohnehin ein nur zeitweise nötiges Werkzeug
der Meme zur Materialisierung von Intelligenz, ihre Kopiermaschine. Mit der Technologie
der Künstlichen Intelligenz werde er zumindest für den Erhalt und die Verbreitung der Meme
überflüssig werden. Durch die modernen Kommunikationstechnologien entstehe bereits ein
drittes Level der Replikatoren, die technologischen Meme, die „Temes“. „At the moment
temes still need us, but if teme machines became self-replicating then we humans would be
redundant and they could carry on without us. The two talks before mine, by Craig Venter and
Paul Rothemund, suggested that this step is closer than I had thought. This is important
because temes currently use us to propagate themselves. In the process they are sucking up
the planet's resources and threatening to make it uninhabitable. If anything of our civilisation
is to survive then either we have to ensure that climate change and environmental degradation
do not kill us off, or self-replicating teme machines must appear before this happens.”126
Rupert SHELDRAKE hält die Bezeichnung Mem für ein ungeeignetes, weil „atomistisches
Wort: Es vermittelt den Eindruck, ein Mem sei eine eigenständige Einheit und befände sich
auf derselben Stufe wie jedes andere.“ Er postuliert seinerseits den Urspung der Information
in „morphischen Feldern“, in denen die Information unabhängig von Sendern und Empfän-
gern existiert und die „in verschachtelten Hierarchien (...) organisiert“ sind.127 „Der Begriff
‚morphisches Feld’ ist ein Gattungsbegriff, und er beinhaltet alle Arten von Feldern, denen
ein Gedächtnis innewohnt, das von morphischer Resonanz herrührt. Und Letztere geht
ihrer(...)seits auf vergangene Systeme ähnlicher Beschaffenheit zurück. Morphogenetische
Felder, motorische Felder, Verhaltensfelder und soziale Felder – sie alle sind morphische Fel-
der, und sie alle haben sich im Wesentlichen durch Gewohnheit ausgeprägt.“128 Immer wieder
in expliziter Anlehnung an die Materiefelder der Quantentheorie sieht SHELDRAKE
morphische Felder als einen ursprünglichen, in seiner jeweiligen Ausprägung entwicklungs-
geschichtlich gewachsenen, weltumspannenden Informationspool, der jeder Materie durch
einen Prozess der „formbildenden Verursachung129 ihre besondere Form zuschreibt und über
den Rückkopplungseffekt der „morphische(n) Resonanz130 Raum und Zeit ohne notwendige
gleichzeitige Energieübertragung überwindet. "Was die Kommunikation der Pflanzen anbe-
langt, so meine ich, daß die heute lebenden Pflanzen durch die morphische Resonanz nicht
123 A.a.O. S. 195f. Er erläutert dies am Beispiel des Mems der Darwinschen Theorie: „The meme of Darwin’s
theory is therefore that essential basis of the idea which is held in common by all brains that understand the
theory. The differences in the ways that people represent the theory are then, by definition, not part of the meme.
If Darwin’s theory can be subdivided into components, such that some people believe component A but not
component B, while others believe B but not A, then A and B should be regarded as separate memes. If almost
everybody who believes in A also believes in B – if the memes are closely ‘linked’ to use the genetic term – then
it is convenient to lump them together as one meme.”
124 A.a.O. S. 190.
125 A.a.O. S. 201.
126 BLACKMORE, S. (2008).
127 SHELDRAKE, R. (2008). S. 265.
128 A.a.O. S. 232.
129 A.a.O. S. 113-117.
130 A.a.O. S. 141f.
22
nur rund um die Erde mit anderen Pflanzen kommunizieren können, sondern ihnen steht auch
die gesamte Erfahrung ihrer Art zur Verfügung, seit es sie auf der Erde gibt. In diesem Sinn
ist die morphische Resonanz sowohl eine Datenbank der Natur, als auch ein umfassendes
Kommunikationssystem."131
Bestrebungen, den Begriff der Information unabhängig von den Grundkategorien Materie und
Energie als eigenständige physikalische Grundgröße zu definieren, finden sich gerade auch in
der Wissenschaft von der Information, der Informatik, Informationstheorie oder Kybernetik.
Von Norbert WIENER, einem ihrer ersten Protagonisten, stammt der Leitsatz: „Information is
information, not matter or energy. No materialism which does not admit this can survive at
the present day.“ 132 Der Biologe und Computerfachmann Tom STONIER hat diese These in
seinem Buch „Information and the Internal Structure of the Universe. An Exploration into
Information Physics“133 mit Inhalt gefüllt und zu einer infon theory134 entwickelt.
Information exists. It does not need to be perceived to exist. It does not need to be
understood to exist. It requires no intelligence to interpret it. It does not have to have meaning
to exist. It exists. Without this insight it becomes impossible either to understand the physical
universe, or to try to develop a general theory of information. And without a general theory, it
not only becomes impossible to convert knowledge engineering and software production into
a science, it becomes impossible to truly understand the behaviour of advanced systems –
biological, social and economic.”135 Als Maß für die Information eines Systems bestimmt er
den Grad seiner Organisation. Organisation und Ordnung sind Ausdruck der Information.
Wenn die Information eine zu Materie und Energie gleichrangige eigene Strukturgröße, eine
bisher „hidden
dimension“
136
, des Universums ist, so folgert STONIER, dann müssen die
Erkenntnisse der Physik umgeschrieben und physikalische Ereignisse aus der Sicht einer noch
zu entwickelnden Wissenschaftsdisziplin, der Informationsphysik, analysiert werden. Zum
Aufbau einer solchen „Information - Physics"
137
, gehöre es zunächst anzuerkennen, dass
neben den Grundeinheiten der Materie und der Energie auch materielle Grundeinheiten der
Information existieren. Derartige Informationsteilchen, er nennt sie „infons“, vermutet
STONIER als masselose Bestandteile des Atoms, die sich mit mehr als Lichtgeschwindigkeit
fortpflanzen können: „(T)he implications of a theory of information for particle physics,
suggest that the basic structure of the universe consists not only of fermions and bosons, but
of infons as well. That is, there exists a class of particles which possesses neither mass nor
momentum, but whose movement is intimately concerned with reorganising the internal
structure of matter. Infons would include particles such as phonons, excitons, and the holes
left in atomic shells by ejected electrons. Therefore not only may matter and energy exist in
particulate form so may information.”138
Die wissenschaftlich bisher nicht nachgewiesenen Informationseinheiten, ob Meme, mor-
phische Felder oder Infons, sollen die Information als eine physikalische Grundgröße
ausweisen, die die in Form gebrachte Welt in allen Daseinsformen durchdringt und bestimmt.
In je spezifischen Graden haben nach diesen Theorien alle Existenzen Anteil an ihnen und
werden in die Lage versetzt, Information zu verarbeiten und auszutauschen, i. e. zu kommuni-
zieren.
131 Interview mit Rupert SHELDRAKE in KERNER, D. / KERNER, I. ([1992] 1994). S. 111f.
132 WIENER, N. (1948). S. 155.
133 STONIER, T. (1990).
134 A.a.O. S. 115.
135 A.a.O. S. 21.
136 A.a.O. S. 147.
137 A.a.O. S. 21 – 31.
138 A.a.O. S. 116.
23
3.9. Zusammenfassung
Elefanten, Wale, Affen und Bienen verständigen sich durch komplexe Signalsysteme
untereinander, Tomaten, Bohnen und Tabak senden in Reaktion auf Fressfeinde Warnsignale
aus, die Bäume und Pilze des Waldes sind durch ein „WWW – Wood Wide Web“
miteinander verbunden, Zellen stehen in molekularen und elektromagnetischen Verbindungen
zueinander und Quanten wirken auch bei großen Entfernungen aufeinander ein: Die aktuellen
Forschungsergebnisse aus den unterschiedlichsten Disziplinen der Naturwissenschaften bestä-
tigen in faszinierender Weise die Erkenntnis, dass es in der Natur und im Kosmos kein bloßes
Nebeneinander der Dinge gibt, sondern dass alle Teilchen, Zellen, Pflanzen und Tiere ebenso
wie die Menschen in einer Vielfalt komplexer Wechselbeziehungen zueinander stehen. Die
Parallelen erscheinen frappant und es überrascht nicht, dass zur Erfassung, Beschreibung und
Analyse der Strukturen derartiger Wechselwirkungen dieselben Begriffe herangezogen
werden, die in den am Menschen ausgerichteten Gesellschaftswissenschaften den sozialen
Austausch der Menschen beschreiben: Information, Kommunikation und Sprache. Über die
Humanwissenschaften hinaus erhalten diese Begriffe nunmehr auch in den Naturwissen-
schaften einen zentralen Stellenwert. Überall im Mikro- und im Makrokosmos, in den Zell-,
Pflanzen- und Tierwelten ebenso wie in der Technik werden Informationsbeziehungen aufge-
funden und analysiert und deren Regeln analog zur humanen Kommunikation beschrieben.
Möglich wird die neue Sichtweise in den Naturwissenschaften erst durch die rasante Entwick-
lung technischer Möglichkeiten und Mittel in den letzten Jahrzehnten. Heute nehmen hoch-
wertige Geräte differenziert bewegte Bilder, Töne, Duftstoffe und Vibrationen über und unter
Wasser auf, speichern sie und geben sie in verschiedenen Formen wieder. Mit modernen
Schallmessgeräten werden z.B. die Infraschalltöne von Elefanten unter der menschlichen
Hörgrenze erst wahrnehmbar. Über das CymaScope werden Laute der Wale für eine Analyse
ihres Informationsgehaltes sichtbar und dadurch handhabbar gemacht. Duftstoffgemische von
Pflanzen werden in Laboren absorbiert und mit Gaschromatographen in ihre Bestandteile
zerlegt.139 Komplexe Laboranlagen und Systeme zeichnen molekulare und elektromagne-
tische Bewegungen in Organismen auf. Mittels Feinglas-Mikroelektroden werden elektrische
Reizleitungen in Pflanzen entdeckt. Mit modernen, hochauflösenden optischen Geräten wer-
den atomare Mikro- und kosmische Makrostrukturen und ihre Veränderungen registriert und
analysiert. Photone werden per Laser über Tausende von Kilometern verschickt. In den
Großanlagen für Teilchenbeschleuniger des Tevatron Collider bei Chicago, des DESY in
Hamburg und des CERN in Genf werden Teilchenkollisionen herbeigeführt, um etwa durch
eine Simulation des Urknalls neue Einsichten in die Struktur der Materie zu erhalten. Mit
exponentiell wachsenden Rechnerkapazitäten werden riesige Datenmengen innerhalb kür-
zester Zeit verarbeitet. Für besondere Versuchsanordnungen werden etwa Olfaktometer
(=Duftstoffanbieter), spezielle Fressmaschinen wie die künstliche, computergesteuerte Raupe
„MecWorm“ oder Roboter wie Max entwickelt und eingesetzt. Neuartige Methoden etwa mit
dem Modular scanning FCS (FCS = Fluorescence Correlation Spectroscopy) erlauben
Messungen nicht nur in vitro sondern auch in vivo. Nicht zuletzt das World-Wide-Web, das
seinen Ursprung am CERN nahm, forciert die naturwissenschaftlichen Forschungen, indem es
Datenaustausch und Diskussion zwischen den beteiligten Wissenschaftlern in kurzer Zeit
gewährleistet. Mit dem WWW wird der neuen Situation, dass nicht mehr einzelne Wissen-
139 Sh. DEGENHARDT, J. (2007). S. 437f.: „Die Abgabe von flüchtigen Pflanzenstoffen konnte erst in den
letzten zwei Jahrzehnten untersucht werden, nachdem empfindliche Methoden zur Sammlung und Analyse
dieser Duftstoffe entwickelt wurden.(...) Mithilfe absorbierender Materialien können (...) Duftstoffe aus dem die
Pflanze umgebenden Luftraum (headspace) gesammelt werden. Das Duftstoffgemisch wird anschließend mit
einem Gaschromatographen aufgetrennt und die Komponenten werden nachfolgend mittels Massenspektrometrie
analysiert“.
24
schaftler „im stillen Kämmerlein über Jahre hinweg eine Theorie ausarbeite(...)n“, sondern ein
„Netzwerk von miteinander kommunizierenden Wissenschaftlern in der ganzen Welt“140 er-
forderlich ist, Rechnung getragen. Mit derartig ausgefeilten technischen Einrichtungen und
den damit einhergehenden enormen Erkenntnisfortschritten der Naturwissenschaften, etwa der
Entschlüsselung von Genomen, eröffnen sich immer neue Forschungsgebiete, z.B. die Epige-
netik, Verfahren und Möglichkeiten, in Bereiche des Kosmos und der Natur vorzudringen, die
bisher nicht verstanden werden konnten, weil sie nicht zugänglich waren.
Sowohl physikalische und chemische Wechselwirkungen als auch die Verhältnisse der Tiere
und der Pflanzen zueinander und zu ihrer Umwelt können zunehmend genauer beobachtet,
erfasst und ausgewertet werden. Die Ergebnisse sind faszinierend. Wer die Weite der Felder
zu ermessen versucht, die es hier noch zu bearbeiten gibt, kann leicht zu dem Eindruck
gelangen, man befinde sich am Anfang einer Sicht von der Welt, in der durch ein vielfältiges
Zusammenspiel von Tönen, Duftstoffen, Vibrationen, Gebärden und Strahlen über elektro-
magnetische und molekulare Informationsmedien und -wege mittels verschiedenster Boten-
stoffe wie Proteine, Fette, Zuckermoleküle, Ionen, Gase, Biophotone oder Quanten alles in
einer Vielzahl von Sprachen und Signalsystemen miteinander kommuniziert. Die ganze Welt
erscheint mit Kommunikationsnetzen durchzogen. Information wird zu einem Grundbegriff
allen Daseins.
Über die Einsichten hinaus faszinieren die Aussichten und Hoffnungen auf ihre Nutzbar-
machung: Je weiter es gelingt, die Strukturen derartiger Netze im Organismus zu analysieren,
desto genauere Eingriffsmöglichkeiten eröffnen sich. Wenn Krankheiten wie Krebs durch
Kommunikationsprobleme hervorgerufen werden, könnten sie dadurch besiegt werden, dass
einerseits Störungen auf den Informationswegen behoben werden, andererseits die Signale der
Tumorzellen abgeschaltet bzw. zerstört werden. Der Streit zwischen den jeweiligen Befür-
wortern der chemischen und der elektromagnetischen Zellkommunikation mag den Fortschritt
beschleunigen.
Maßgeblicher Hintergrund der Kommunikationsthese ist der Evolutionsgedanke. Demnach
haben sich der Kosmos und die Natur vor dem Menschen aus sich heraus entwickelt. Auch
ihre Informationsbeziehungen müssen entsprechend zunächst unabhängig vom Menschenbild
und seinen Kommunikationsformen erforscht werden. Der Mensch erscheint als ein Ergebnis
unter vielen einer mehr oder minder spezialisierten, kontinuierlichen Entwicklung aller Orga-
nismen. Er ist demnach eine Ausprägung der Natur wie andere Spezies auch. Seine Kommu-
nikationsmöglichkeiten mögen spezifisch sein, das sind aber die anderer Populationen auch,
der Mensch kann sie nur nicht mehr oder noch nicht ausreichend verstehen.
In dem Maße, in dem Lebewesen Kommunikationsmöglichkeiten zugesprochen werden,
steigt schließlich offenbar auch der Respekt ihnen gegenüber: Tier- und Pflanzenforscher, die
sich das Verstehen ihrer Untersuchungsobjekte zum Ziel gesetzt haben, treten diesen mit Ach-
tung entgegen und setzen sich für deren Überleben ein. Wer wie Jack KASSEWITZ das kom-
plexe Verständigungssystem der Wale erforscht, kämpft auch dafür, dass ihr Lebensraum
nicht durch vom Menschen verursachten Unterwasserlärm und Plastikmüll zerstört wird: „At
SpeakDolphin.com, we often wonder what the dolphins will have to say to humanity, when
we are finally able to fully speak with them. Very possibly, the first words out of their mouths
will have something to do with cleaning up our mess in the waters of the world!”141 Die
Organisation „ElephantVoices“ wurde von der Elefantenforscherin Joyce POOLE ins Leben
gerufen, „(t)o inspire wonder in the intelligence, complexity and voices of elephants, and to
140 LANDUA, R. (2008). S. 13.
141 KASSEWITZ, J. (2008b).
25
secure a kinder future for them through research and the sharing of knowledge.”142 . Es
werden Forderungen nach einem besonderen, gesetzlich geregelten Schutz erhoben. Primaten-
forscher haben die Bewegung „Menschenrechte für Menschenaffen“143 gegründet; Pflanzen-
forscher haben die „Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen“144 aufgestellt.
4. Ansätze zur Überwindung der dogmatischen Starre
Neben den polarisierten Thesen Sprache ist ausschließlich dem Menschen eigen oder Alles ist
Kommunikation gibt es Untersuchungen mit dem Anspruch, Informationsbeziehungen nicht
pauschal mit Etiketten wie Kommunikation und Sprache zu versehen, sondern unter Heran-
ziehung wissenschaftlicher Kriterien zu überprüfen.
Die Geschichte der Anerkennung der menschlichen Gebärdensprache als Sprache liefert ein
Beispiel für die gegen eine seinerzeit weit verbreitete Überzeugung durchgesetzte Anwen-
dung der Ergebnisse der Sprachwissenschaft auf eine scheinbar minderwertige Kommunika-
tionsmöglichkeit mit weitreichenden auch praktischen Konsequenzen. Noch bis zur Mitte des
20. Jahrhunderts wurden Gebärdensprachen gehörloser Menschen als „Affensprache“145
abgewertet. Erst im Verlaufe der letzten 60 Jahre wurden sie nach und nach als eigenständige
Sprachen anerkannt. Maßgeblichen Anteil daran hatten die Arbeiten William C. STOKOEs,
der sich auch hinsichtlich der Standardisierung und der Ausarbeitung eines Notationssystems
für die American Sign Language (ASL) verdient gemacht hat („Stokoe-notation“). Gegen die
Abwertung „Affensprache“ stellt STOKOE die These auf, dass die entwickelte Gebärden-
sprache eine „full and functioning language“146 sei, und belegt seine These mit sprachwissen-
schaftlichen Argumenten. Er greift zunächst auf das von MARTINET aufgestellte Sprach-
kriterium der „doppelten Gliederung“147 von Zeichen zurück und zeigt auf, dass auch die be-
deutungstragenden Elemente, die Zeichen, der Gebärdensprache aus
bedeutungskonstituierenden Einheiten, die er als Pendant zu den gesprochenen Phonemen
„Chereme“ (gr. χείρ = Hand) nennt,148 zusammengesetzt werden und beschreibt diese im
einzelnen. Er folgert daraus, dass die Gebärdensprache derselben doppelten Gliederung
unterworfen ist, die als Kriterium für Sprache bis dahin allein der gesprochenen Sprache
zugesprochen wurde. Als zweites Sprachkriterium zieht STOKOE die u.a. von CHOMSKY
postulierte Notwendigkeit der Satzeinheit aus Nominal- und Verbalteil heran und belegt, dass
auch Äußerungen in der Gebärdensprache jeweils Nominal- und Verbalteile aufweisen und
demnach Sätze sind: „Once a language had taken hold – a lucky chance for us if there ever
was one – handshapes represented people and animals and things (the contents of the visible
world) and movements represented actions and changes (observed and reflected on).
Together, they did not represent sentences they were sentences. The key to this development
142 POOLE, J. (2009). Seite: ElephantVoices mission.
143 CAVALIERI, P. / SINGER, P. (Hrsg.). (1996).
144 KOECHLIN, F. / AMMANN, D. / GELINSKY, E. et al. (2008).
145 Sh. dazu FISCHER, R. (2009). S. 58.
146 STOKOE, W. C. (1960 1993). S. II.
147 Zur doppelten Gliederung sh. MARTINET, A. (1967). S. 13-21, im Besonderen S. 13-15: “La double articu-
lation du langage”.
148 Chereme, i.e /ker´iym/, and allocher are proposed as names for the concepts corresponding with phoneme
and allophone (The combining form, cher-, ‘handy’, as old as Homeric Greek has been preferred to the learned
chir- or cheir-).” STOKOE, W. C. (1960 1993). S. 33.
26
is that only gesture use could have initiated syntax, a necessary feature of language.”149 Indem
STOKOE nachweist, dass die Gebärdensprache entscheidende Sprachparameter erfüllt,
erreicht er schließlich ihre Anerkennung als Sprache. Inzwischen ist die Gebärdensprache als
„eigenständige Sprache“ in vielen Staaten (in der Bundesrepublik Deutschland seit 2002
150
)
auch regierungsamtlich anerkannt worden.
Allerdings nimmt STOKOE ausgerechnet Sprachdefinitionen zum Maßstab, die ausschließ-
lich die gesprochene Sprache als Sprache zulassen. Während er diese rigorose Eingrenzung
auf die gesprochene Sprache hinsichtlich der Gebärdensprache aufweichen will, übernimmt er
sie unreflektiert selbst hinsichtlich der geschriebenen Sprache und sst diese seinerseits
ebenso wie eine breite opinio communis der Sprachwissenschaftler nicht als Sprache zu.151
Nicht zufällig dehnt STOKOE seine Betrachtung des menschlichen Gebrauchs der Gebärden-
sprache auf evolutionäre Ereignisse aus und folgert, dass die Gebärdensprache der gesproche-
nen Sprache evolutionsgeschichtlich vorausgegangen sei und dass der syntaktisch-seman-
tische Gebrauch von Gebärden am Anfang der Geschichte der Menschen und ihrer Sprache
stehe. „The species that began to use gestures in this syntactic-semantic way, whether it was
Homo erectus or Homo sapiens, really began the human story.“152
Die Primatenforscher Dorothy L. CHENEY und Robert M. SEYFAHRT verwenden Sprach-
kriterien, um die Informationsverfahren ihrer Baboons (= Cercopithecus aethiops, Grüne
Meerkatzen) möglichst genau zu beschreiben. Anknüpfend an die Ergebnisse
STRUHSAKERs153 analysieren sie zahlreiche eigene und weitere empirische Befunde im
Verhalten nichtmenschlicher Primaten nach zeichentheoretischen und sprachwissenschaft-
lichen Kriterien, auch wenn diese noch nicht systematisch und vollständig herangezogen
werden. Ihre Beobachtungen geben differenzierte Hinweise, welche Kriterien von Sprache in
welchem Maße auf die Verständigung der Meerkatzen zutreffen und welche nicht: Semanti-
sche Bezüge lassen sich eher feststellen als grammatische Strukturen. Auf dem Hintergrund
eines nicht näher erläuterten Kommunikationsmodells beachten sie jeweils speziell produ-
zierende und rezipierende Aktionen ihrer Baboons sowie anderer Primaten und stoßen dabei
auf einen evidenten Unterschied in den Leistungen der Probanden: Informationsaufnahme und
–verarbeitung sind weit ausgeprägter als die Informationsproduktion: „In sum, whereas call
production in primates is relatively fixed, the cognitive mechanisms that underlie call
perception are considerably more complex. Underlying primates’ assessment of call meaning
is a rich conceptual structure in which calls are linked both to objects and relations in the
world and to other calls in the species’ repertoire. When responding to calls, monkeys act as if
they recognize individuals and have concepts like leopard, eagle, close associate, and so on.
The contrast between impoverished production and rich, conceptually based perception argues
strongly against the view that a concept cannot be acquired unless it is instantiated in one’s
149 STOKOE, W. C. (2002). S. XIII.
150 Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). (2002 2007): „§ 6 Gebärdensprache und andere
Kommunikationshilfen (1) Die Deutsche Gebärdensprache ist als eigenständige Sprache anerkannt. (2) Laut-
sprachbegleitende Gebärden sind als Kommunikationsform der deutschen Sprache anerkannt. (3) Hörbehinderte
Menschen (Gehörlose, Ertaubte und Schwerhörige) und sprachbehinderte Menschen haben nach Maßgabe der
einschlägigen Gesetze das Recht, die Deutsche Gerdensprache oder lautsprachbegleitende Gerden zu ver-
wenden. Soweit sie sich nicht in Deutscher Gebärdensprache oder mit lautsprachbegleitenden Gebärden verstän-
digen, haben sie nach Maßgabe der einschlägigen Gesetze das Recht, andere geeignete Kommunikationshilfen
zu verwenden.
151 Sh. STOKOE, W. C. u.a. ([1960] 1993). Preface. S. i. Zur Kritik an der Einstellung der opinio communis zur
geschriebenen Sprache sh. FELDBUSCH, E. (1985).
152 STOKOE, W. C. (2002). S. XIII; s. auch S. 20.
153 Sh. dazu Kapitel 3.2. der vorliegenden Arbeit.
27
language (…). Monkeys and apes have many concepts for which they have no words.“154 Für
die Evolution deuten sie demnach: Als die Vorfahren der Menschen oder die frühen
Menschen in der Produktion von Sprache aktiv wurden, hatten sie schon viel Rezeption
gelernt: “Before hominids produced syntactic utterances, they assigned meaning to other
individuals’ calls and extracted syntactic, rule-governed, propositional information from the
vocal interactions of others. Language-like perception and cognition thus preceded and set the
stage for language-like production.”155 Es geht CHENEY und SEYFAHRT ausdrücklich
nicht darum, den Baboons eine Sprache zu attestieren: „Unser Ziel ist nicht, zu beweisen, daß
Affen eine Sprache besitzen. Sondern, im Sinne von Hockett (1960), gebrauchen wir Sprache
als einen Ausgangspunkt für eine vergleichende Studie der Kommunikation bei nicht-
menschlichen Primatenarten. Wir hoffen, daß unsere Analyse über ebenso viele Unterschiede
wie auch Ähnlichkeiten zwischen menschlicher und nichtmenschlicher Kommunikation bei
Primaten Aufschluß geben wird.“156
Sowohl die Arbeiten STOKOEs als auch die von CHENEY und SEYFAHRT zeigen, wie es
unter der Einbeziehung von Sprachkriterien möglich wird, Übergänge zwischen qualitativ
wohlunterschiedenen Kommunikationsstufen in den Blick zu nehmen und die Sprachent-
stehung als Prozess des Werdens erkennen zu lassen. Beide legen den Schluss nahe, dass die
Verständigung mittels Gebärden im Laufe der Evolution eine entscheidende Stufe auf dem
Weg zur Sprache bildete.
5. Die Ergebnisse der neueren Naturwissenschaften als Zündstoff für eine interdiszipli-
näre Diskussion über Information, Kommunikation und Sprache
Zwischen den im 2. und 3. Kapitel dargestellten Positionen zu den Begriffen Information,
Kommunikation und Sprache im Spannungsfeld der Geistes- und der Naturwissenschaften
besteht ein unversöhnlicher Widerspruch. Auf der einen Seite werden Kommunikation und
Sprache als Wesensmerkmale allein dem Menschen vorbehalten. Auf der anderen Seite wird
jede Beziehung in der Natur als Kommunikation beschrieben und Information zur physikali-
schen Grundgröße erhoben. Um die dogmatische Starre zu überwinden halten wir es für not-
wendig, die Forschungsergebnisse der jeweils gegensätzlichen Position als Zündstoff für die
eigene Weiterentwicklung zur Kenntnis zu nehmen und dadurch schließlich zu einem sich
gegenseitig befruchtenden interdisziplinären Austausch zu kommen.
Ausgehend von den keineswegs neuen Erkenntnissen, dass in der Natur alles miteinander in
Beziehung steht und evolutionär geprägt ist, gilt es zunächst, die Beziehungen mit modernen
Untersuchungstechniken so genau wie möglich zu erfassen und zu beschreiben, ohne sie vor-
schnell mit Etiketten zu belegen, für die in anderen Disziplinen differenzierte Definitionen
vorliegen.
Auf der Basis der Einzelbeschreibungen sind Vergleiche und Klassifizierungen möglich.
Dazu können die Einteilungen von Beziehungen in Relationen der unbelebten, der belebten
und der menschlichen Natur bzw. in Ursache-Wirkung, Reiz-Reaktion und (menschliche)
Kommunikation verwendet werden. Auch diese Einteilungen sind nicht neu, die Zuordnungen
sind aber aufgrund der aktuellen Untersuchungsergebnisse neu zu überprüfen. So stellt sich
etwa die Frage, inwieweit in der nicht-menschlichen Natur über die Relationen Ursache-
Wirkung und einfache Reiz-Reaktion hinaus komplexere Beziehungen bestehen, die als
154 CHENEY, D. L. / SEYFARTH, R. M. (2007). S. 262.
155 A.a.O. S. 272.
156 CHENEY, D. L. / SEYFARTH, R. M. (1994). S. 140.
28
29
Wechselwirkung bis hin zu Kommunikation im umfassenden Sinne beschrieben werden kön-
nen. Zu ergründen ist auch, ob Information schon auf der Ursache-Wirkung-Ebene statt-
findet.
Bei der Begriffswahl ist zu beachten, dass mit den Begriffen sowohl die Gemeinsamkeiten als
auch die Unterschiede beschrieben werden können. Zu enge oder zu weite Fassungen sind
dysfunktional, da entweder die Gemeinsamkeiten oder die Unterschiede aus dem Blick
geraten. Werden Begriffe, die in einem Bereich wohl definiert sind, auf einen anderen Bereich
angewandt, müssen die wissenschaftlichen Kriterien der jeweiligen Definition für den neuen
Bereich überprüft werden, wie es die in Kapitel 4 beschriebenen Beispiele mit dem Begriff
Sprache in Ansätzen leisten.
Wenn jede Wissenschaftsdisziplin die Beziehungen ihrer Untersuchungsgegenstände und die
daran beteiligten Faktoren analysiert und hinsichtlich differenzierter Begrifflichkeiten einge-
ordnet hat, können im Vergleich der jeweils erreichten unterschiedlichen Stufen der unbe-
lebten, der belebten und der menschlichen Natur sowie im Besonderen der Übergänge dazwi-
schen neue, interdisziplinär aufeinander abgestimmte Antworten gefunden werden auf die
thematisch zentrale Frage: Was an den beschriebenen Beziehungen ist gleich, was ver-
schieden?.157 Am Ende kann eine Beschreibung von stufenweisen Beziehungs- und Infor-
mationsgefügen stehen, die auch Einblick in die Evolution der Kommunikation und in die Ge-
schichte der Sprachentstehung erlaubt.
157 Die Frage ist nicht neu, bisher haben die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen aufgrund der
unterschiedlichen Interessen und Begrifflichkeiten jedoch weitgehend isoliert und aneinander vorbei nach
Antworten gesucht.
30
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