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blick über den postkartenrand
von der schwierigkeit venedig zu fotografieren
Pittoreske Wäscheleinen, Gondeln auf dem Canal Grande, der Markusplatz bei
Sonnenuntergang - Venedig zu fotografieren, ist denkbar schwierig. Zu abgegriffen
sind die Motive, zu verstellt ist der Blick durch die unzähligen und austauschbaren
Bilder, die wir aus dieser Stadt kennen. Dass trotz aller Widrigkeiten aber ein Blick
über den Postkartenrand gelingt, unverstellte Perspektiven auf die Stadt und ihre
Kunst entwickelt werden können, zeigen die Arbeiten der neunzehn Studierenden,
die aus einer Exkursion zur Biennale di Venezia hervorgegangen sind.
Die Aufgabe bestand darin, die Reise nach Venedig fotografisch zu begleiten und
dabei eine ganz eigene Sichtweise auszubilden. Unser Bild von Venedig ist bestimmt
von einer touristischen Wahrnehmung der Stadt, die durch Klischees geprägt ist.
Angesichts der Schönheit und Einzigartigkeit der Stadt, deren Besonderheit darin
besteht, auf Holzpfählen in die Lagune gebaut zu sein, stellten sich die Studierenden
der Herausforderung, das Spannungsverhältnis eines Ortes zwischen
Touristenstrom, Kunstmetropole, Geschichtsträchtigkeit und Alltag künstlerisch zum
Ausdruck zu bringen.
Lässt sich etwas „Authentisches“ entdecken oder besteht die Kunst nicht gerade
darin, Authentizität und Präsenz in der Schaffung einer eigenen Bildsprache zu
entwickeln? Das Phänomen der permanenten Reproduktion der Stadt und ihrer
Motivik in Bildbänden und auf Postkarten bezieht sich nicht allein auf das historische
Venedig, seine Architektur und Malerei. Auch die Biennale di Venezia, die älteste
und eine der wichtigsten Großausstellungen zur zeitgenössischen Kunst, bringt durch
den angeschlossenen Medienapparat eine gewaltige Bilderschwemme in den
Kunstberichterstattungen hervor. Das Kunstforum wirbt mit einem „exklusiven
Fotorundgang“ von 1700 Bildern online. Man könnte sich den Aufwand einer
Exkursion bei einer so ausgereiften medialen Präsentation der ausgestellten Kunst
also scheinbar sparen. Doch wissen wir natürlich trotz aller künstlerischen Versuche
von Marcel Duchamp oder Andy Warhol, die Aura des Kunstwerks als originäre
Einzelerscheinung, d.h. den Charakter des Unikats durch die Gleichsetzung von
Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk in Frage zu stellen, nicht erst seit Walter
Benjamin, dass das „Original“ in der technischen Reproduktion eben nicht aufgeht.
Die Fotografie wird von ihrem Beginn an von fototheoretischen Diskursen begleitet, in
denen es um die Frage nach Realität und Authentizität im Bild geht. Es ist
unumstritten, dass jede fotografische Dokumentation immer einer Konstruktion
entspricht. Genau wie das Sehen ist auch das Fotografieren nicht als mechanisch
funktionierender Projektionsvorgang zu verstehen. Ein Foto gibt häufig mehr vom
Fotografen als vom fotografierten Objekt preis.
Innerhalb ihrer künstlerischen Projekte fokussierten die Studierenden ihre
Wahrnehmung zunächst auf spezifische Phänomene der Stadt. Fotografieren ist
unter kunstpädagogischen Aspekten eine besonders gute Übung, den Blick zu
schulen, die Wahrnehmung zu lenken, sie zu verlangsamen und innerhalb dieser
Entschleunigung Erkenntnisprozesse frei zu setzen.
Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie hat sich die rasche Zugriffsmöglichkeit
auf die uns umgebende Welt verstärkt. Die Arbeit verlagert sich. Nicht mehr die
aufwändige Suche nach einem Motiv steht im Vordergrund, sondern die sich
anschließende Auswahl aus unzähligen Fotos wird zum eigentlichen künstlerischen
Akt. Hinzu kommen die neue Zusammenstellung, die digitale Nachbearbeitung der
einzelnen Bilder, die Bestimmung des Bildausschnittes, die Veränderung der Farben
und Kontraste u.s.w. Der Digitalfotografie ist es zu verdanken, uns erneut ins
Gedächtnis gerufen zu haben, dass ein Foto kein Abbild, sondern ein Bild der
Wirklichkeit darstellt, das aus Datenwerten generiert wird. Der subjektive Blick des
Betrachters setzt sich im Fotografieren fort. Nur dadurch aber besteht die Chance,
mit dem Foto eigene nstlerische Bildwelten zu eröffnen, die neue Sichtweisen
ermöglichen.
Besonders beeindruckend beschäftigt sich Christian Kockhans mit dem Verhältnis
von Dokumentation und Fiktion in der Fotografie. In seinen inszenierten Fotos, in
denen er mit ins Bild gespiegelten Gegenständen absurde Bildkombinationen
erzeugt, die sich erst auf den zweiten Blick erschließen, reflektiert er mit
fotografischen Mitteln den Realitätsbezug der Fotografie.
Durch ihren Blick auf die Bewohner der Stadt geben Lisa Meiercord und Nora Maske
Einblicke in soziale Beziehungsgefüge, die sich zwischen Stadtbewohnern und
Touristenströmen bewegen und versuchen sich dabei an dem bisweilen unmöglichen
und absurden Unterfangen, „echte“ von „unechten“ Venezianern zu unterscheiden.
Den Blick auf die verborgenen Winkel Venedigs hat Christine Abel wortwörtlich
genommen, indem Sie die Form der Ecke fokussiert und in geometrischen
Anordnungen arrangiert. Die Farbe Rot zieht sich durch die Bilder von Christine Kaup
und Kerstin Albers-Büker. Durch diesen Fokus legen beide neue Zusammenhänge
zwischen scheinbar Unvereinbarem offen. Musterbildungen bestimmen die
Fotografien von Stephanie Seidel, die sich in den herausgestellten Linienführungen
auf parallele Strukturen konzentriert. In den Bildern von Franziska Dirks sind es
abstrakte Kompositionen von Farbflächen, die durch den Bildausschnitt isoliert
werden und ihre gegenständliche Einordnung verlieren. Mit der Kontrastierung von
Beinen, Holzpfählen und Steinsäulen hert sich Benedikt Klaucke der Metaphorik
einer Stadt auf Stelzen.
Sarah Henneke macht sich selbst zur Biennale-Künstlerin, indem sie ein
künstlerisches Konzept importiert, das darin besteht, das Biennale-Gelände mit
gelben Post-its zu überziehen. Rätselhafte Fragen, wie Where’s the German
Pavillon?“ oder „Is this art?“ hinterfragen subtil die Bedeutung des künstlerischen
Großereignisses. Auffällig ist der Blick auf das Wasser und seine Spiegelungen,
dessen Faszination sich kaum einer der Studierenden entziehen kann. Doris Noeke
eignet sich die Spiegelungen in ihren verschwommen Nacht- und Wasserbildern an
und Ingo Bruweleit lenkt seinen Blick auf die unterschiedlichen Farbtöne der von
Moos und Algen überwucherten Treppenstufen.
Das serielle Prinzip der Fotografie erlaubt die Kombination verschiedener Bilder in
ganz eigenen, dafür geschaffenen Formen. Die Street Art-Bestandsaufnahme von
Neele Drangmeister bedarf der Form eines Leporellos. Ein Holzkasten mit
thematisch sortierten Mappen unterschiedlicher Gegenstandsbereiche birgt die zu
Serien zusammengestellten Schwarz-Weißfotografien Annika Erlenkötters, in denen
sich verschiedene Bildebenen überlagern.
Um den Facettenreichtum der Stadt zum Ausdruck zu bringen, eignet sich die
Collage in besonderer Weise. Während Diana Köckerling sich neben ihren
Schattenbildern der Vielperspektivität des Markusplatzes in einer dreidimensionalen
Fotomontage widmet, wendet sich Mareike Schwirtz in ihrer großformatigen Montage
den formalen Strukturen ihrer Fotografien zu. Sie ordnet einzelne Motive einem
verwirrenden und geschickt konstruierten Netz von sich durchziehenden Linien,
Formen und Farben unter.
Dass selbst ein Motiv wie die Möwe oder die Brücken Venedigs es wert sind, diese
noch einmal so zu fotografieren, dass Neues entsteht, zeigen die Bilder von Svenja
Kies, die in ihren Möwenbildern mit der Schärfe-Unschärfe-Relation, dem Verhältnis
von groß und klein sowie dem unerwarteten Anschneiden des Bildgegenstandes
durch die ästhetische Grenze des Bildrandes arbeitet. Die Brücken schließlich,
wahrscheinlich eines der Hauptmotive aller Postkartensammlungen der
Lagunenstadt, hat Theresa Schwienheer so fotografiert, dass durch den spezifischen
Bildausschnitt Materialkontraste in den Vordergrund rücken.
Angesicht der Schwierigkeit, sich vom Postkartenmotiv zu lösen, haben wir
gemeinsam beschlossen, uns diesem Problem zu stellen und Postkarten Venedigs
zu produzieren.
Angeregt durch das auf der Biennale ausgestellte Werk der polnischen Künstlerin
Aleksandra Mir „VENEZIA (all places contain all others), 2009, I million postcards for
free distribution“, in dem Urlaubsmotive aus aller Welt austauschbar mit dem
Schriftzug "Venezia" unterlegt und mit dem Ziel, durch die hohe Auflage möglichst
weit über die Welt verbreitet zu werden, als Postkarten verschenkt wurden, haben wir
diese Edition erstellt, die ebenso den Charakter der Postkarte künstlerisch
untersucht, dabei aber gerade den Blick auf die Stadt selbst, jedoch über den
Postkartenrand hinaus, wagt.
Prof. Dr. Sara Hornäk, Fach Kunst, Universität Paderborn 2009