Schriften des Instituts für Erziehungswissenschaft der
Universität Paderborn, Heft 4
Verabschiedung
Prof. Dr. Wolfgang Keim
Impressum
Herausgeber: Institut für Erziehungswissenschaft der Fakultät für
Kulturwissenschaften der Universität Paderborn
Prof. Dr. Bardo Herzig (Institutssprecher)
Redaktion: Dr. Ulrich Schwerdt und Jost Biermann
Layout: Irene Dite
Paderborn, im Dezember 2008
Inhaltsverzeichnis
Bardo Herzig
Vorwort des Institutssprechers .................................................................. 5
Nikolaus Risch
Grußwort des Rektors der Universität Paderborn ..................................... 7
Volker Peckhaus
Grußwort des Dekans der Fakultät für Kulturwissenschaften ................. 11
Markus Brenk
Grußwort aus Anlass der Verabschiedung an der Hochschule
für Musik Detmold.................................................................................... 13
Erhard Wiersing
Grußwort aus Anlass der Verabschiedung an der Hochschule
für Musik Detmold.................................................................................... 17
Symposion
„Was bleibt?‟ – 1968 und die Pädagogik
Arno Klönne
„1968 als Laboratorium“ .......................................................................... 25
Klaus Himmelstein
Gegen die Entlastung der Erinnerung
– 1968 und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ............ 35
Hubertus Fischer
Rebellion, Reform, Revision
– 1968 und die deutsche Universität ....................................................... 53
Sigurd Hauff
„Mehr Demokratie wagen“
– 1968 als Ausgangspunkt einer demokratischen Bildungsreform ......... 65
Gerd Steffens
Mündigkeit als pädagogisches Paradigma und die Globalität der
Revolte von 1968 – Ein innerer Zusammenhang am Fallbeispiel........... 73
Bilder von der Verabschiedung ............................................................... 86
5
Vorwort des Institutssprechers
Prof. Dr. Bardo Herzig
Mit diesem Heft der Schriftenreihe des Instituts für Erziehungswissenschaft
wird Wolfgang Keim geehrt, der von 1978 an 30 Jahre lang an der Universität
Paderborn gelehrt und geforscht hat. In einer so langen Zeit finden sich viele
Beispiele für bildungs- und hochschulpolitische Veränderungen und Neuorien-
tierungen. Zu den einschneidendsten Veränderungen für das Fach Erziehungs-
wissenschaft gehören sicherlich die Modularisierung der Lehramtsstudiengänge,
das Auslaufen des Diplomstudienganges und die derzeitige Neukonzeption
eines Bachelor- und Masterstudienganges sowie die Umstrukturierung der
Lehramtsstudiengänge auf ein gestuftes Modell. Insofern verlässt mit Wolf-
gang Keim ein Hochschullehrer aus der „Gründergeneration“ das Fach Erzie-
hungswissenschaft in Zeiten des Umbruchs, aber er kam auch in Zeiten des
Umbruchs, besser gesagt des Aufbaus und der Neugestaltung. Dass Wolf-
gang Keim sich in seiner langen Dienstzeit an Reformen und Neustrukturie-
rungen immer wieder in bemerkenswerter Weise konstruktiv beteiligt und für
die Belange des Fachs eingesetzt hat – und dabei keine Mühe gescheut hat, für
seine Überzeugung und für die Erziehungswissenschaft zu streiten –, davon
zeugen die Laudationes in diesem Band.
Symbolisch für Umbruch und Veränderung in der Geschichte der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts steht die Jahreszahl 1968. Die mit ihr verbunde-
nen sozialen Proteste markierten die wunden Punkte einer Gesellschaft, die
sich der systematischen Reflexion der eigenen Vergangenheit hartnäckig
verweigert hatte. Von der Forderung nach Aufarbeitung des Faschismus und
die Beanstandung der innergesellschaftlichen Missstände über die Kritik des
Imperialismus der ersten und zweiten Welt bis zu emanzipatorisch angelegten
Konzepten der Bildung und Erziehung reichte das Themenspektrum einer
sozialen Gegenbewegung zur restaurativen Nachkriegsordnung. Wolfgang Keim
hat sich den gesellschaftspolitischen und pädagogischen Impulsen, die von
1968 ausgingen, über sein gesamtes Berufsleben verbunden gefühlt. So war
es nur folgerichtig, dass anlässlich seiner Verabschiedung am 1. Februar 2008
an der Universität Paderborn ein Symposion unter dem Titel „Was bleibt?
1968 und die Pädagogik“ veranstaltet wurde. Erziehungs- und Sozialwissen-
schaftler aus der gesamten Bundesrepublik, viele von ihnen langjährige Mitstrei-
ter Wolfgang Keims, gingen der Frage nach, was von den Gegenentwürfen der
späten 60er Jahre angesichts einer dramatisch veränderten gesamt-
gesellschaftlichen Situation geblieben ist. Mögliche Antworten vor allem aber
Diskussionsanregungen bieten die Symposionsbeiträge in diesem Heft.
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Das Institut für Erziehungswissenschaft möchte mit dieser Schrift dem Kol-
legen Keim für sein stetes und außergewöhnliches Engagement im Fach und
in der Hochschule seine besondere Wertschätzung zum Ausdruck bringen.
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Grußwort des Rektors der Universität Paderborn
Prof. Dr. Nikolaus Risch
Sehr geehrte Frau Keim, lieber Herr Keim, Herr Dekan, lieber Herr Peckhaus,
Herr Herzig, sehr geehrte Gäste – von denen ich stellvertretend zwei langjäh-
rige Weggefährten von Herrn Keim namentlich begrüßen möchte: Herrn Prof.
Gamm von der Technischen Universität Darmstadt und Herrn Dr. Springer
vom Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
„Was bleibt?“
Unter diesem Motto haben Sie heute ein Symposion zu Ehren von Herrn
Kollegen Keim veranstaltet. Eines ist sicher: Herr Keim bleibt – und zwar auf
vielfältige Art und Weise. Er hat drei Jahrzehnte in Paderborn gelehrt und
geforscht und für diese Universität gelebt und gestritten.
Es ist seine Universität geblieben, auch wenn sie ihm manchmal Sorgen
bereitet hat. Wie sehr er der Universität verbunden ist und wie sehr sie ihm am
Herzen liegt, zeigt u.a. die Tatsache, dass er nicht mit 65 Jahren aus dem
Hochschuldienst ausgeschieden ist, sondern dass er ihr zwei weitere Jahre
seines Lebens geschenkt hat. Und dies, da bin ich sicher, wird nicht der Ab-
schied sein, sondern nur das Ende eines ganz besonderen Kapitels.
Mehrere Generationen von Paderborner Diplom-, Magister- und vor allem
Lehramtsstudierenden sind durch seine Veranstaltungen ganz wesentlich
geprägt worden – einige von ihnen sind am heutigen Abend anwesend, inzwi-
schen z.T. selbst Lehrende, als Leiter von Erwachsenenbildungseinrichtungen,
als Schulleiter oder auch tätig in der Lehrerbildung.
Als Vertreter einer emanzipatorisch orientierten Kritischen Erziehungswis-
senschaft hat Kollege Keim wissenschaftliche Kontroversen nie gescheut:
• in den 1970er Jahren (und bis heute): als engagierter Streiter für die Ge-
samtschule, allerdings für eine Gesamtschule, die mehr ist als ein bloßes
Organisationsmodell, sondern eine Schule mit einem spezifischen pädago-
gischen Konzept;
• in den 1980er Jahren: im Zentrum einer Kontroverse über die Rolle der
Erziehungswissenschaft in der NS-Zeit und den problematischen Umgang
der Disziplin mit ihrer Vergangenheit;
• in den 1990er Jahren: als Kritiker der Art und Weise des deutsch-deutschen
Vereinigungsprozesses innerhalb der Erziehungswissenschaft, vor allem
des Umgangs mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der
ehemaligen DDR – Herr Keim stammt aus Halle an der Saale.
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Die umfangreichen Buchpublikationen als Resultat herausragender Forschung
sprechen für sich.
In der Lehre war es ihm immer ein zentrales Ziel, Bildungsprozesse anzu-
regen. Das Studium wird von ihm vor allem auch als Chance zur Persönlich-
keitsentwicklung begriffen. Manche Veränderungen in der universitären Lehre
der vergangenen Jahre, die auf eine zunehmende Curricularisierung des
Studiums hinausliefen, betrachtet er daher sehr kritisch und sieht die Gefahr
einer Verschulung der Universität.
Solch kritische Worte sind wichtig, insbesondere wenn, wie ganz aktuell,
ein dynamischer Wandel geschieht. Aber ich bin sicher, dass die Universität
stark genug ist, diesen Wandel zum Wohl der jungen Menschen so zu gestal-
ten, dass Universität als Ort der Suche nach Wahrheit nicht aufgegeben wird –
wir aber andererseits auch die Verantwortung für neue Herausforderungen,
vor denen die jungen Menschen ganz eindeutig stehen, annehmen und neu
gestalten müssen.
Sein gelebtes Verständnis eines Studiums, das Raum lässt für die Bildung
eigener Interessen, für Schwerpunktsetzung, Vertiefung und forschendes
Lernen, zeigte sich vor allem in den regelmäßig durchgeführten Projektsemi-
naren und Exkursionen: Ziele waren die Zentren der bundesdeutschen Schul-
reform, aber auch Reformprojekte in Dänemark, den Niederlanden, der DDR
oder in Österreich.
Daneben führte er immer wieder Studienfahrten mit historischen Schwer-
punkten durch: In den letzten Jahren z.B. „Spurensuche als Lernprozess: Jüdi-
sches Wien“ oder „Erziehung zu internationaler Verständigung am Beispiel
deutsch-polnischer Nachbarschaft“. Häufig waren die Projekte so angelegt,
dass die Studierenden bei Kommilitonen im Ausland privat untergebracht
waren und Gruppen aus den Niederlanden, Österreich oder Polen im Gegen-
zug auch Paderborn besuchten – so dass persönliche Kontakte ermöglicht
wurden, die weit über die jeweiligen Themen der Studienfahrten hinausreich-
ten. Die Studienfahrten mit Herrn Keim dürften für zahlreiche Studierende zum
Anspruchsvollsten, aber auch zum Prägendsten gehören, was sie im Verlauf
ihres Studiums erlebt haben.
Ich verzichte darauf, die überaus vielfältigen Funktionen in der akademi-
schen Selbstverwaltung, die er für die Hochschule und das Fach wahrgenom-
men hat, aufzuzählen, sondern möchte mit ein paar persönlichen Eindrücken
schließen.
Eine Universität wird geprägt durch sehr unterschiedliche Menschen und
Typen. Ich habe selten einen spontan sympathischeren Kollegen und Hoch-
schullehrer als Herrn Keim erlebt, zerbrechlich und stark zugleich. Authentisch
9
und liebenswert, deutlich und auch streitig, aber immer mit dem Ziel, ein posi-
tives Ergebnis zu erzielen, ein hilfreiches und tragfähiges Ergebnis.
Damit, lieber Herr Keim, beschreibe ich Tugenden, die herausragend sind
– aber keineswegs immer im Mainstream liegen. Und damit muss man umgehen
können. Ich bin sicher, Sie werden sich immer treu bleiben, aber hoffentlich auch
der Universität Paderborn, die Ihnen außerordentlich viel zu verdanken hat.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Frau alles erdenklich Gute im
kommenden Lebensabschnitt. Sie sind mit Ihren Studierenden jung geblieben,
das merkt man, wenn man in Ihre Augen schaut. Bleiben Sie so!
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Grußwort des Dekans der Fakultät für Kulturwissenschaften
Prof. Dr. Volker Peckhaus
Die Verabschiedung verdienstvoller Professoren gehört nicht unbedingt zu den
Lieblingsaufgaben eines Dekans. Dies gilt insbesondere dann, wenn es sich
um Professoren wie Wolfgang Keim handelt, der sich nie gescheut hat, im
Rahmen der akademischen Selbstverwaltung Führungsaufgaben in Institut
und Fakultät zu übernehmen, der bis zum letzten Tag seiner Dienstzeit dem
Fakultätsrat der Fakultät für Kulturwissenschaften angehört und der gerade in
den letzten Tagen noch als Kommissionsvorsitzender erfolgreich eine Beru-
fungsliste durch die Gremien gebracht hat.
Ich will in dem kurzen Grußwort nicht weiter auf die Verdienste eingehen,
die Wolfgang Keim in den Jahren seiner Zugehörigkeit zu unserer Universität
erworben hat. Ich will vielmehr von meinen ganz persönlichen Erfahrungen
berichten, die mich Wolfgang Keim näher gebracht und die mich ihn schätzen
gelehrt haben. Als ich 2002 auf den Lehrstuhl für Wissenschaftstheorie und
Philosophie der Technik der Universität Paderborn berufen wurde, befand sich
die Philosophie in einer sehr schwierigen Lage. Im Rahmen der Maßnahmen
des so genannten Qualitätspakts waren alle philosophischen Studiengänge
eingestellt worden, eine Professur war gestrichen worden, eine weitere sollte
ohnehin nicht wiederbesetzt werden und ob es bei den beiden verbliebenen
Professuren bleiben würde, war mehr als fraglich. In dieser Lage stand ich vor
der Entscheidung, entweder das Fach abzuwickeln oder einen Wiederaufbau
anzugehen. Bei dieser Alternative war klar, dass zumindest versucht werden
musste, auf dem zweiten Weg voranzukommen. Die notwendigen Maßnah-
men waren unkonventionell, und es war nicht klar, ob sie mit dem Fakultätsrat
auch nur die erste Hürde nehmen würden. In solchen Situationen lernt man
Lobby-Arbeit. Der Rat, der mir in Hinblick auf die erste Hürde gegeben wurde,
war eindeutig: versuche Wolfgang Keim zu überzeugen, dann wird der Fakul-
tätsrat schon zustimmen.
Ich erinnere mich noch wie heute an unser Arbeitsgespräch mittags beim
Italiener, in dem es um die Perspektiven der Philosophie und die für einen
Wiederaufbau notwendigen Maßnahmen ging. In der prinzipiellen Frage waren
wir uns schnell einig: Eine Universität – eine solche sollte die alte Gesamt-
hochschule ja jetzt werden –, eine Universität ohne Philosophie ist keine Uni-
versität. Das Folgende war dann wirklich ganz leicht. Wolfgang Keim war
überzeugt und setzte sich vehement für die nun gemeinsame Sache ein, der
Fakultätsrat war dann ebenfalls zu überzeugen und der erste Schritt auf dem
letztlich erfolgreichen Weg war getan.
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Die Geschichte, die ich gerade erzählt habe, ist, wie ich meine, typisch für
Wolfgang Keim und seine Rolle in der Universität. Sein Wort hatte und hat
Gewicht. Auch wenn ihm die „Neue Universität“ mit ihren gestuften Studien-
gängen und den neuen Leitungsstrukturen nicht wirklich zusagte, hielt er doch
loyal zu ihr. Den erfolgreichen Weg, den die Universität Paderborn in dieser
Reform gegangen ist, verdankt sie nicht zuletzt kritischen Geistern wie Wolf-
gang Keim. Dieser Kritik geht es nicht ums Bremsen und Verhindern. Ihr geht
es darum, zu verhindern, dass im Überschwang des Reformeifers alles das,
wofür wir berufen worden sind, über Bord geworfen wird: Freiheit von For-
schung und Lehre, wissenschaftsorientierte Ausbildung der Studierenden,
Kollegialität und Teamgeist. Dies sind Tugenden, die die Universität Pader-
born hatte und die sie nach einer Reform mit Augenmaß auch weiterhin pflegt.
Hier hat Wolfgang Keim prägend gewirkt. Und dafür danken wir Dir, Wolfgang.
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Grußwort aus Anlass der Verabschiedung an der Hochschule
für Musik Detmold
Prof. Dr. Markus Brenk
Lieber Herr Keim, liebe Frau Keim, verehrte Kollegen, Freunde, Bekannte und
Studierende von Herrn Keim,
ich möchte Ihren Blick auf drei Rollenpositionen lenken, in denen Wolfgang
Keim an unserer Hochschule für Musik in Detmold gewirkt hat: als Seminarleiter,
Hochschullehrer und als mein Fach-Kollege von der Paderborner Universität.
Als Seminarleiter (was ich erfahren habe): Missionarisch im guten Sinne
und fachlich fordernd, was sich jeweils in einer Fülle von Seminarmaterial und
in umfangreichen Agenden niederschlug, sehr viel Interesse und Freude an
der Arbeit mit unseren Studierenden, und auch viel Verständnis für deren
Situation – dies auch wegen eines starken Interesses an unserem Hochschul-
typ und seinen Aufgaben. Unsere Studierenden haben durch obligatorische
und aufwendige Exkursionen nicht nur viele sog. alternative Schulen vor Ort
kennen gelernt und so einen qualifizierteren Blick auf sog. Normalschulen
erhalten, sondern diese notwendige Verfremdung der Gegenwart, durch die
auch Lehrer-Bildung gekennzeichnet ist, wurde auch durch die historische
Dimension ermöglicht, die eine konstitutive Rolle spielte. Auf diese Weise
erlagen seine Seminare nicht jenem Momentanismus, der für gegenwärtige
Herangehensweisen an pädagogische und didaktische Fragen leider vielfach
kennzeichnend ist.
Als Hochschullehrer: Glücklicherweise mit meinen übereinstimmende Vor-
stellungen von der Rolle der Wissenschaft im Lehramtsstudium. Kennzeich-
nend ist die Reflexivität von Theorie und Praxis, eben kein reduziertes Ver-
ständnis von Berufsvorbereitung als Vorbereitung der Einsozialisation in vor-
findliche Schulpraxis. Auch für ihn nicht: Wissenschaft als Ersatz für praktische
Erfahrungen, sondern Möglichkeiten der Überprüfung wissenschaftlicher
Aussagen an Realitäten von Schule und Überprüfung der Realität an wissen-
schaftlichen Aussagen. Hier scheint schon ein zweiter Aspekt auf:
Zentral ist auch die politische Dimension von Bildung, einmal was die polit-
ökonomische Bedingungsstruktur im Verhältnis zu bildungsphilosophischen
und bildungspolitischen Diskursen angeht (s. Jahrbuch für Pädagogik), und
zum anderen, was die Notwendigkeit und Möglichkeit zur Einübung in Grund-
formen von Demokratie, z.B. Möglichkeiten der Mitbestimmung, der Orientie-
rung an der Aufklärungsbewegung usf. in der Schule betrifft. Dies scheinen
heute vielfach keine bedeutsamen Fragen mehr zu sein, sie stehen nicht auf
der bildungspolitischen Tagesordnung.
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Diese charakterisierte Ausrichtung habe ich seit 2005 als Verantwortlicher
für das erziehungswissenschaftliche Studium an unserer Hochschule gut
mittragen können, gerade auch deshalb, weil sie eine andere Perspektive auf
die Lehrerbildungsaufgabe wirft, als die vielleicht eher bürgerliche, auf päda-
gogisch-didaktische Wirksamkeitssteigerung gerichtete, durchaus ebenfalls
notwendige Perspektive. Hier habe ich immer ein notwendiges und wichtiges
Ergänzungsverhältnis gesehen.
Als Kollege: Loyal, einfühlsam, offen und interessiert an den Belangen in
Detmold (man könnte sagen: Identifikation ganz und gar) – dies in unver-
gleichlicher Weise und mit unvergleichlichem Maß. Hervorzuheben ist: Herr
Keim ist ein ausgleichender und beharrlicher Gesprächspartner auch in kriti-
schen Situationen. Sein Augenmerk hier in Detmold galt immer wieder der
Sicherung des eigenständigen erziehungswissenschaftlichen Studiums im
Lehramt, angesichts der Gefahr, dass dieser nichtkünstlerische Bereich, in
Nichtwahrnehmung seiner Einheit mit dem künstlerischen und pädagogischen
Bereich, leicht vernachlässigt oder gar ausgegliedert wird (wie leider gerade
an der Musikhochschule Lübeck geschehen). Wenn der Wert der Erziehungs-
wissenschaft allerdings nicht musikpädagogisch vermessen werden kann und
eine Nebenexistenz fristet, dann wird ihre Legitimation tatsächlich schwierig.
Sie reduziert sich dann nur noch auf formale Begründungen. Aber angesichts
der gegenwärtigen Bildungsdiskussion, der Verengung der bisherigen künstle-
rischen Arbeitsfelder, der erneuten kritischen Befragung der gesellschaftlichen
Bedeutung von Musikinstitutionen und Musikausübung wird wiederum eher auf
eine übergreifende pädagogische Sichtweise in allen Studiengängen hingear-
beitet. Ich möchte nicht von einem pädagogischen Zeitalter oder gar vom
Säulencharakter einer pädagogischen Leitdisziplin sprechen, aber pädagogi-
sches und didaktisches Denken spielen z. Zt. einfach eine stärkere Rolle. Dies
nehmen wir mit Freude wahr. Es bedarf allerdings eines wissenschaftlich-
pädagogischen und eines kritischen Gesprächspartners wie der Erziehungs-
wissenschaft, die zu einer Kunsthochschule mit pädagogischen Studiengän-
gen dazugehört, möchte man hier nicht hinter die professionellen Standards,
die in der Gegenwart erarbeitet wurden, zurückfallen.
Lieber Herr Keim, ich weiß, Sie hören heute lieber Musik als viele Worte, da-
her schließe ich jetzt. Studierende und Kollegen müssen und wollen sich heute
mit Musik und Wort von Ihnen verabschieden. Für mich ist es nur ein Teilab-
schied, da die Prüfungsberechtigung ja glücklicherweise noch fortbesteht.
Mein abschließender Dank gilt Herrn Kollegen Keim für die Arbeit hier im
Hause, auch ein herzlicher Dank an Herrn Jost Biermann, der in Vertretung
von Herrn Keim einige Seminare mit fruchtbaren Fremdthematiken angeboten
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hat, weiterer Dank gilt last but not least Ulrich Schwerdt für die Seminar- und
Arbeitskooperationen, die noch weit über diesen Tag hinausgehen werden.
Lieber Herr Keim, unsere besten Wünsche für Ihre Zukunft, und eine wei-
terhin rege Teilnahme als Konzertbesucher in unserem Hause!
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Grußwort aus Anlass der Verabschiedung an der Hochschule
für Musik Detmold
Prof. Dr. Erhard Wiersing
Lieber Wolfgang,
es sind inzwischen fast drei Jahre her, dass Du mir vor geladenen Gästen so
gute und treffende Worte auf den Weg in meinen Ruhestand gegeben hast,
dass ich zweifele, ob ich Dir dies mit meinem Dank und meinen guten Wün-
schen für Deine Zukunft und für die mit Uschi zurückgeben kann.
Meine Zeilen sollen vor allem Worte des Freundes an den Freund sein.
Dennoch lassen sich Dein wissenschaftliches Engagement und Deine wissen-
schaftliche Leistung auch für mich nicht ganz ausblenden. Das würde Dir als
Person auch nicht gerecht. So habe ich das erste Mal von Dir eben auch im
wissenschaftlichen Kontext gehört. Ich erinnere mich noch recht genau, wie
mich 1973 ein Kollege am Seminar für Pädagogik an der (damals noch so
heißenden) Technischen Hochschule Hannover auf Dich aufmerksam ge-
macht hat. Er hatte damals vor, über die Gesamtschule zu promovieren und
verpflichtete uns im Doktoranden-Kolloquium (unter der Leitung von Kurt
Aurin), Deine eben erschienene einschlägige Grundschrift zu lesen und dar-
über zu diskutieren. Unser zweiter, nun schon persönlicher, zunächst jedoch
rein dienstlicher Kontakt erfolgte telefonisch 1982, und zwar als der Kooperati-
onsvertrag II Paderborn/Detmold bereits in Umrissen stand, Du Dekan warst
und es galt, ihn auch in der Erziehungswissenschaft umzusetzen und mit
Leben zu erfüllen. Von da an bis zu meiner Entpflichtung habe ich immer
Deine tatkräftige Unterstützung für das kleine Fachgebiet Erziehungswissen-
schaft in Detmold erfahren. Das hatte ich auch nötig. Denn meine Hochschule
hat es mir bei meinem Bemühen, auch den hiesigen Studenten Lehrveranstal-
tungen in dem vom Gesetz vorgesehenen Umfang und von der Sache her
gebotenen Qualität in unserem Fach anzubieten, manchmal nicht leicht ge-
macht. Ohne die jetzt rund ein Vierteljahrhundert erbrachte Bereitschaft und
Leistung von Erziehungswissenschaftlern (hier sind besonders Alexander
Weber und Du zu nennen), Philosophen (vor allem Franz Schupp), Soziologen
(vor allem Frank Benseler) und Psychologen (vor allem Helmut Dieterich und
Michael Krause), von Paderborn „über die Gauseköte hinweg“ zu uns nach
Detmold zu kommen, wäre dies gar nicht möglich gewesen. Ich selbst habe
mich da kaum revanchieren können. Vielmehr habe ich selbst davon insofern
noch profitiert, als der Detmolder Einzelkämpfer Wiersing dadurch mit einem
Schlage Kollegen bekommen hat.
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Wir beide sind uns so alsbald auch persönlich näher gekommen: bei den
Pädagogen-Konferenzen in Paderborn und bei wiederholten Gesprächen über
unsere gemeinsamen historischen Interessen und über unser – nicht von allen
Kollegen geteiltes – Verständnis eines zum kritischen Nachdenken über „Bildung“
in unserer Zeit anleitenden Erziehungswissenschaftlichen Studiums.
Die Brücke zur Freundschaft aber hast schließlich Du allein durch Deine
Einladung an Eva und mich zu einem Martinsgans-Essen geschlagen, mit
anderen, die uns seither ebenfalls zu guten Freunden geworden sind. Auf
Eure, Uschis und Deine, Einladung treffen wir uns mit Hagemanns und Jüttings
nun schon über 15 Jahre bei Euch in Bad Oeynhausen zu einer vorweihnacht-
lichen kulinarischen, intellektuellen und sehr menschlichen Runde. Dafür sind
wir, Eva und ich, Dir und natürlich auch Uschi von Herzen dankbar.
Und genau dieser von Dir ausgehende Schritt auf den Kollegen und den
Mitmenschen zu ist etwas, das Dich vor fast allen auszeichnet, die im Wissen-
schaftsbetrieb zwar fleißig „Kontakte pflegen“, dabei aber meist Distanz üben.
Dies hat Dir – nicht selten wohl bei einem gemeinsamen Mittagessen – eine
besondere Nähe zu vielen Kollegen in Paderborn, auch über die Fachgrenzen
hinweg, ermöglicht. Dies hat Dir Verständnis für Deine Anliegen auch da noch
eingebracht, wo man sie nicht unterstützen wollte und anderes bevorzugte.
Noch mehr ist mir diese Gabe bei etwas anderem aufgefallen: nämlich, wie es
Dir über die Jahrzehnte immer wieder gelungen ist, auswärtige – auch aus der
DDR und ausländische – Kenner als Referenten für Deine Lehrveranstaltun-
gen und Exkursionen zu gewinnen und im Anschluss daran mit ihnen tragfähi-
ge und freundschaftliche Verbindungen zu knüpfen. Der fachliche Kontakt und
Austausch haben so von Anfang an immer das Moment der persönlichen
Wertschätzung enthalten. Und dieser fachlich und zugleich persönlich moti-
vierte Funke ist immer auch auf Deine Mitarbeiter und Deine Studenten über-
gesprungen. Ich habe das mehrfach erleben können. Eindrücklich ist mir der
Tag, an dem ich in einem Deiner Seminare meinen Humanismus-Band vor-
stellen konnte und ich gleich am Anfang spürte, dass Du in den Begegnungen
davor eine Erwartenshaltung aufgebaut hattest, die mir bei meinen Ausführun-
gen zugute kam.
Wie sehr Du Studenten thematisch ansprichst und sie dabei dann auch
existentiell erfasst, dafür sind mir Deine Detmolder Veranstaltungen der beste
Beleg. Fast alle Schulmusikstudenten wollten wenigstens einmal bei dir gewe-
sen sein, und viele haben sich bei Dir zur Prüfung gemeldet. Ich hoffe, dass
ich dieses Verdienst auch einmal gegenüber dem Dekan und dem Rektor,
sozusagen hochschulöffentlich, zum Ausdruck bringen darf.
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Dieses ungewöhnliche Engagement hat Dich bewogen, zwei Jahre über
den üblichen Eintritt in den Ruhestand hinaus Deiner und meiner Hochschule
in Forschung, Lehre und Verwaltung zu dienen und einer Reihe von Mitarbei-
tern den weiteren beruflichen Weg zu bahnen. Alles dies hat Dir zweifellos
auch selbst Freude gemacht. Jedenfalls bis vor einem Jahr. Seitdem hast Du
mehrmals zu erkennen gegeben, dass es nun gut wäre, diesen Lebensab-
schnitt zu beenden. Dies nicht etwa, weil Dich eine nachlassende körperliche
und seelische Verfassung dazu gedrängt hätte. Sondern weil Du die neuere
Ausrichtung der Forschung auf einen fast ausschließlich gegenwartsbezoge-
nen Utilitarismus, die dementsprechende inhaltliche und organisatorische
Neustrukturierung der Lehre allgemein in Deutschland und Europa und die
technokratische Ausrichtung und die verschulten Vermittlungsformen ganz
besonders auch in unserem Fach als einen Rückschritt in eine längst für
überwunden gehaltene Praxis betrachtest und weil Du so in einer Mischung aus
Ohnmacht gegenüber dem Zeitgeist und aus Trauer über die den Lehrenden
und Studenten genommenen besseren Möglichkeiten der traditionellen deut-
schen Universität auch gar nicht mehr in diesem System mitwirken möchtest.
Mit dieser Einschätzung der neuen Lage und mit diesen Empfindungen
stehst Du freilich nicht allein. Viele von den Kollegen, die in den letzten Jahren
in den Ruhestand getreten sind und unserer Generation angehören, teilen sie.
Wie Du weißt, gehöre ich auch dazu. Man könnte darin ein Schicksal sehen,
das so ähnlich immer schon Menschen beim Abschied von der beruflichen
Aktivität, beim Übergang in das äußerlich weniger aktive sog. dritte Lebensalter
erlitten haben. Die nachfolgende Generation will ihren eigenen Weg gehen
und räumt dabei ziemlich herzlos mit dem auf, das die Alten geschaffen, ge-
schätzt und gepflegt haben. Und sie tun es mit gutem Gewissen, aus ihnen
vernünftig und zeitangemessen erscheinenden Gründen. Wir Alt-68er haben
dies, als wir unsere Vorgänger ablösten, nicht anders gemacht, mit Gründen,
die wir heute noch – wenn auch nicht in allen Punkten – für berechtigt halten.
Diesen Gründen hast Du Dich in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich
gewidmet und darin große Verdienste für die Erziehungswissenschaft und für
die an den Ursachen der deutschen Katastrophe und an ihrer Aufklärung
interessierte Öffentlichkeit erworben. Ich bin mir sicher, dass die Teilnehmer
des Dir zu Ehren abgehaltenen Symposions und die Repräsentanten der
Hochschule diese Verdienste in ihren Reden hervorheben und würdigen wer-
den. Ich möchte hoffen, dass die Rekapitulation Deines Engagements dann
vor allem auch bei den Jüngeren der anwesenden Gäste eine Nachdenklich-
keit auslösen wird. Denn wenn wir auch alle wissen, dass man die Vergan-
genheit nicht eigentlich „bewältigen“, Geschehenes nicht ungeschehen ma-
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chen kann und die Herausforderungen in jeder Zeit immer auch andere und
neue sind, muss doch immer wieder daran erinnert werden. Jedenfalls hat
dies die jetzt abtretende Generation von Erziehern und Lehrern gelehrt und
bewusst gemacht, wie gefährdet das Zusammenleben der Menschen grund-
sätzlich ist, wie leicht Menschen sich von Ideologien verführen lassen und wie
schwer es ihnen dann fällt, eigene Verfehlungen offen einzugestehen, den
Nachwachsenden unter schwierigen Verhältnissen ein Vorbild der Mensch-
lichkeit zu sein und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Wir können nicht wissen, wie uns, die wir in den Jahrzehnten zwischen
1970 und Anfang des 21. Jahrhunderts Professoren für Erziehungswissen-
schaft gewesen sind, die Nachwelt beurteilen wird. Ich hoffe, dass sie aner-
kennt, dass wir uns jenseits aller individuellen und zeitgebundenen Befangen-
heiten und Schwächen „bemüht haben“ (Willy Brandt), die Lektion aus der
jüngeren Geschichte zu lernen. Wir haben es dabei freilich leichter gehabt als
die Generation unserer Eltern. Während diese im und nach dem Ersten Welt-
krieg als Kinder und dann als Jugendliche in eine zugleich jugendbewegt und
nationalistisch aufgeladene Welt hinein geboren sind, sich der Verführungen
eines neuen Aufbruchs zumeist nicht haben erwehren können, im Krieg des-
sen physisches und allemal mentales Opfer geworden sind und danach, mit
untilgbarer Scham beladen, das zerstörte Land haben aufbauen und ihre
Kinder zu anständigen Menschen haben erziehen müssen, haben wir, selbst
schuldlos, sie nur anklagen können und wohl auch müssen und unsere eige-
nen Kinder und Studenten „nur“ engagiert vor jedem Rückfall in die Barbarei
warnen können und müssen. Dieser Pflicht sind wir – und Du ganz besonders
– nachgekommen, nicht zuletzt auch durch unser Eintreten für eine gelebte
Demokratie und, an den Hochschulen, für eine demokratisch verfasste aka-
demische Selbstverwaltung. Wenn dennoch die jüngere Erzieher-, Lehrer- und
Dozentengeneration dafür kaum mehr kämpferisch eintritt und ihren privaten
Alltag, ihren beruflichen Werdegang und ihre gesellschaftliche und politische
Mitwirkung überwiegend bloß pragmatisch sieht und gestaltet, dann müssen
wir uns fragen, ob wir dafür nicht eine Mitverantwortung tragen. Nur als eine
Frage formuliert: Hat die Totalrevision der deutschen Geschichte nicht mit zur
Zerstörung der guten Seiten u.a. des Bildungsbürgertums beigetragen? Wie
kommt es, dass wir – nicht mehr jedoch unsere Kinder – die Schönen Künste,
die klassische Musik, die Bildenden Künste, die Dichtung, auch noch in der
Kritik, lieben, ins Theater und in die Museen gehen, nicht umhin können,
Phänomene historisch und philosophisch zu deuten und uns in Vereinen
kulturell engagieren?
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Mit diesen beiden Fragen bin ich bei dem Punkt angekommen, den man in
vormodernen Zeiten „Muße“, d.h. die des Freien in seiner nicht- und nachbe-
ruflichen Zeit allein würdige Hingabe an die Musenkünste, genannt hat und die
ich Dir zusammen mit Uschi für die Euch gegebenen Jahre in Fülle wünsche.
Dies soll gewiss nicht die weitere wissenschaftliche Forschung ausschließen,
auch natürlich nicht, was Euch beiden sonst noch Freude macht: gemeinsame
Reisen (und auch einzeln mit dem Fahrrad) zu den Orten der Kunst, der Musik
und der schönen Natur, die Arbeit im Garten mit dem Genuss seiner Früchte,
das gesellige Treffen und Tafeln mit Freunden und nicht zuletzt auch die
Begegnung mit Eurem die Welt entdeckenden und die Zukunft in sich tragen-
den Enkelkind und seiner kleinen Familie.
Gerd Steffens, Sigurd Hauff, Hubertus Fischer, Edgar Weiß, Klaus Himmelstein, Arno Klönne
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„1968 als Laboratorium“
Prof. Dr. Arno Klönne (Paderborn)
Ich soll etwas vortragen über „1968 als Laboratorium“, also über Entstehungs-
zusammenhänge, Motive und gedankliche Perspektiven einer historischen
Bewegung. Hier kommt man schon in Schwierigkeiten: Welchen Namen wäh-
len wir eigentlich für das, was wir betrachten wollen. Der Name „Studentenre-
volte“ ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig, denn mit der Chiffre „1968“
verbinden sich ja auch politische Aktivitäten anderer sozialer Gruppen als nur
der Studenten. Oder wollen wir den Namen „Neue Linke“ nehmen? Da kom-
men wir auch in Schwierigkeiten, denn dann müsste man bestimmen, was an
der damaligen „Neuen Linken“ so neu gewesen ist und ob diese damalige
Linke so homogen war, wie der Begriff vortäuscht. Oder reden wir über das,
was sich bei der Chiffre „1968“ mit dem Kürzel APO verbindet, also über eine
vielgestaltige außerparlamentarische Opposition? Auch das wirft die Frage auf,
was im Einzelnen denn in dieser Vielgestaltigkeit steckte. Insofern kann man
erst einmal festhalten, „den“ ’68er Aufbruch gab es nicht und „die“ ’68er – von
denen gegenwärtig überall in den Medien die Rede ist – gab es ebenfalls nicht.
Zur Einstimmung in das Thema einige nachträgliche resümierende Kurzur-
teile. Zu der Frage, was „1968“ denn bedeutet habe, hat neulich Dr. Seltsam,
ein publizistischer Akteur der heutigen linken Szene, geäußert, „1968“ habe
„ganze Generationen dem Kapitalismus entfremdet“. Da kommt man etwas ins
Grübeln. Zeitgleich hat der Berliner Historiker Stefan Malinowski eine andere
Deutung von „1968“ formuliert: „Das Scheitern der Revolte von 1968 liegt in
ihrem unfreiwilligen und nachhaltigen Erfolg, die Anstöße wurden aufgenom-
men, in den Warenstrom eingespeist und in das Gegenteil des Intendierten
verkehrt“. Ich halte diese Deutung für nachdenkenswert, lasse sie aber erst
einmal so stehen. Ein weiterer, sozusagen bilanzierender Hinweis zum Ereig-
nis „1968“, der vor etlichen Jahren schon geäußert wurde, nämlich von Jürgen
Habermas, antwortete auf die Frage, was denn nun von „1968“ übrig geblie-
ben sei: „Rita Süßmuth!“ Da kommt man wiederum ins Grübeln, was nun eine
solche Antwort meint und es kommt hinzu, dass die Positionierung, die sich
mit dem Namen Rita Süßmuth verbindet, in der Gegenwart in der gesellschaft-
lichen Diskussion nicht mehr als anstößig anzusehen ist. Eine letzte Deutung
dieser Art von Peter Schneider, dem Schriftsteller und ehemaligen ’68er. Er hat
kürzlich gesagt, etwas Positives sei aus der Studentenrevolte – so nenne er es –
dann doch hervorgegangen: Ohne diesen ’68er kulturellen Aufstand sei „eine
Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht denkbar gewesen“. Auch da gerät man
26
ins Nachdenken, man weiß nicht so recht, ob Schneider dies vielleicht ironisch
gemeint hat.
Aber lassen wir solche Rätsel mal beiseite und wenden uns der sozial-
historischen Empirie zu. Dazu als erstes zwei Feststellungen, die ich für wichtig
halte: 1. Entgegen einer in der gegenwärtigen deutschen Diskussion häufig
anzutreffenden Lesart von Geschichte war „1968“ keineswegs ein spezifisch
deutsches Ereignis. Eigentlich wissen wir das, aber man muss sich immer
wieder klar machen, dass es so war. Es wäre unzutreffend, die damalige
„Revolte“ oder „oppositionelle Bewegung“ als nur oder nur im Wesentlichen
angeregt oder erzeugt durch einen deutschen Protest einer Jugendgeneration
gegen eine Vätergeneration oder Elterngeneration zu deuten, die, was ja dann
wieder zutreffend ist, nach dem Ende des deutschen Faschismus weithin nicht
bereit war, sich mit dieser Vergangenheit auseinander zu setzen, die stattdes-
sen sich verlegte aufs Verschweigen, Verdrängen, Restaurieren. Ohne Zweifel
war der Protest gegen diese Verhaltensweisen in Westdeutschland ein wichti-
ger Gegenstand der ’68er Kritik und des Protestes, aber unter der Chiffre „1968“
ist eben auch zu erkennen ein weltweiter gesellschaftspolitischer Aufbruchs-
versuch in vielen Varianten, eine in vielen Staaten damals auftretende Revolte
mit international politischen Schnittmengen trotz der jeweiligen nationalen
Spezifika. Einige Stichworte dazu: „1968“ – um das in Erinnerung zu bringen –,
das war ja auch der Prager Frühling, das war der Pariser Mai, das waren die
damaligen sozialen und politischen Kämpfe in Italien, Griechenland, Spanien
und Portugal. Das war die Antikriegsbewegung in den USA, ebenfalls außer-
ordentlich gewichtig in ihrer Wirkung. „1968“ zeigten sich auch heftige opposi-
tionelle Regungen in Japan, Lateinamerika, aber auch in Polen. Und all diese
Vorgänge – und das ist die zweite Feststellung, die ich vorweg treffen will –
lassen sich nicht eingrenzen auf den Zeitraum eines Jahres, auch nicht in ihrer
Entstehung, in ihren Folgen schon gar nicht. Das, was mit „1968“ gemeint ist,
begann vor diesem Jahr und dauerte nach dessen Ende an für eine Weile mit
in den einzelnen Nationen unterschiedlicher Frist. Es gab in diesen Jahren
eine vielgestaltige, überhaupt nicht einheitliche aber doch in bestimmten
Grundtendenzen zusammenhängende internationale Bewegung gegen impe-
rialistische Ansprüche, speziell, wenn man an die Bedeutung des Themas
Vietnam denkt, gegen einen imperialistischen Krieg, gegen autoritäre staatli-
che Herrschaftsformen – und zwar solche in West und Ost – gegen kapitalisti-
sche Machtstrukturen, zum Teil auch gegen staatskapitalistische Systeme
– das darf man nicht vergessen – und für politische und kulturelle Emanzipation.
Nun ist klar, der Begriff Emanzipation ist vieldeutig und auslegungsfähig aber
eben deshalb ist er, glaube ich, treffend für die damalige Bewegung, weil diese
27
Vieldeutigkeit dazu gehörte. Die Internationalität der Vorgänge von „1968“, die
darin liegenden Gemeinsamkeiten aber auch Differenzen, kann ich hier nicht
im Einzelnen schildern.
Ich schränke mich also im Folgenden ein auf den Fall Westdeutschland
und dazu noch einmal: Entgegen einer weit verbreiteten Legende ist „1968“
auch hier, auch in Westdeutschland, nicht vom Himmel gefallen. Keineswegs
hat es sich gehandelt um den plötzlichen Aufbruch von Opposition in einem
bis dahin gesellschaftspolitisch völlig ruhig gestellten Terrain. So war das
nicht, obwohl es vielfach inzwischen so dargestellt wird. Ich nenne nur einige
kurze Hinweise zu den oppositionellen Entwicklungen vor „1968“ in der Bundes-
republik. Es gab bereits in den 1950er Jahren massenhaften Protest gegen die
Remilitarisierung, dann gegen die atomare Rüstung. Es gab am Beginn der
1960er Jahre zunehmend gesellschaftskritische Publizistik, insbesondere
betreffend den damals vorherrschenden Umgang mit der nationalsozialisti-
schen Vergangenheit. Es gab ab 1961 die Ostermarschbewegung der Atom-
waffengegner, die dann relativ rasch hunderttausende von Menschen erreicht
hat; es gab damit verknüpft vor 1968 die Protestbewegung gegen die geplanten
Notstandsgesetze und es existierte schon getrennt von der SPD der Sozialisti-
sche deutsche Studentenbund, der dann zu einem Kern der Revolte auch des
Jahres 1968 geworden ist. Es gab – nebenbei bemerkt – vor 1968 auch be-
reits Umbrüche in der Jugendkultur mit zum Teil deutlich politischen Akzenten
als Öffnung für eine interkulturelle, internationale gesellschaftskritische kultu-
relle Szene innerhalb einer Minorität der damaligen Jugendgeneration. Dass
solche oppositionellen Aktivitäten und Bewegungen vor „1968“ in der Bundes-
republik auf harte Barrieren stießen, hatte historisch-deutsche Gründe; ich
zähle sie kurz auf, um sie in Erinnerung zu bringen: Der entscheidende Hin-
tergrund ist sicherlich, dass die Demokratie in Deutschland nach 1945 gewis-
sermaßen von außen geschenkt war und zunächst für einen Großteil der
deutschen Bevölkerung ein durchaus unerwünschtes Geschenk darstellte.
Das Ende des deutschen Faschismus war nicht einer demokratischen Volks-
bewegung zu verdanken, sondern Folge der militärischen Niederlage, also von
außen bewirkt und selbstverständlich hatten diese spezifischen historischen
Umstände dann auch längerfristig belastende politisch-mentale Folgen. Die
linken und liberalen Traditionen der deutschen Gesellschaftsgeschichte waren
durch die nationalsozialistische Herrschaft zum erheblichen Teil nachhaltig
zerschlagen oder ins Exil verdrängt, auch personell, und die dann ohnehin
nicht gerade wirksam arrangierte Entnazifizierung ist bald wieder beiseite
gelegt worden. Im Zeichen des beginnenden Kalten Krieges wurde West-
deutschland zum Frontstaat erhoben und zwecks antikommunistischer Stabili-
28
sierung wurden dann die normalen, wenn man sie so nennen will, Funktions-
träger des Dritten Reiches wieder gebraucht und verwendet in der Bürokratie,
in den Unternehmen, in der Justiz, im Bildungssystem, in der Universität und
dann auch wieder beim Militär. Angesichts der Ost-West-Konfrontation kamen
Oppositionelle und Kritiker in Westdeutschland leicht in den ausgrenzenden
Verdacht, die politischen Geschäfte des Systemgegners zu besorgen, zumal
ab 1956 das KPD-Verbot galt, was ja keineswegs nur Kommunisten betraf.
Unter solchen Umständen brauchte es dann eine sehr entschiedene und zwar
im Wesentlichen außerparlamentarische Opposition vielfältiger Art, um Demo-
kratie hemmende politisch-kulturelle Blockaden schrittweise aufzubrechen.
Das, so meine ich, war die historische Situation, in der dann die Zuspitzung
„1968“ erklärbar wird.
An diese Oppositionsgeschichte also schloss die mit der Chiffre „1968“ ge-
meinte, allerdings dann großflächige Revolte an, die sehr viel mehr massen-
medial vermittelte Öffentlichkeit als oppositionelle Bewegungen vor „1968“ auf
sich zog und die – wie schon angedeutet – im Kontext einer internationalen
Protestbewegung agieren konnte. Das waren die neuen Eigenschaften der
historischen Situation.
„1968“ zeitigte, verglichen mit davor liegenden oppositionellen Bewegungen,
eine massive Steigerung von Emotionalität, auch von utopischem Überschuss,
zum Teil auch von politischer Radikalität. Meines Erachtens neues charakte-
ristisches Kennzeichen von „1968“ war, dass neben politischen Thematisie-
rungen Fragen an die Sozialisation stärker und bestimmender wurden; also
Fragen an Erziehung, an das Bildungssystem, an Schule und Hochschule
– diese Fragen wurden zu Brennpunkten der Auseinandersetzung mit den
herrschenden Verhältnissen und diese Ausrichtung von Kritik, Protest oder
Aktivitäten, Diskussionen, lässt sich durchaus sinnvoll auf den Sammelbegriff
des Antiautoritären bringen. Ich will wenigstens ein paar Hinweise dazu geben,
wie diese massive Ausweitung, auch der Öffentlichkeitsdurchbruch, die Dra-
matisierung von Opposition um „1968“ zu erklären sind.
Ein herausragender Ort der Konflikte wurde – und zwar erst um diese Zeit –
die Universität. Eine viel beachtete Trägergruppe des Protests wurde wieder-
um erst zu dieser Zeit die nachwachsende akademische Generation und das
war – um eine damals beliebte Bezeichnung aufzugreifen – vom „Establish-
ment“ nicht erwartet worden, ebenso wenig wie die hochgradige massenmedi-
ale Aufmerksamkeit. Diese publicity war eine Reaktion, die unerwartet war, die
auch die Akteure überraschte und die auch – meines Erachtens – einiges an
Fragwürdigkeit enthielt, nämlich so etwas wie klassengebundene Wahrneh-
mung gesellschaftlicher Unruhe. Allerdings steckte in der 1968 rasch stattfin-
29
denden Verschränkung von Protest und massenmedialer Aufmerksamkeit so
etwas wie ein Entfremdungsrisiko, nämlich, dass oppositionelles Agieren un-
bewusst sich einpasste in die Eigendynamik, in die Eigengesetzlichkeit jener
doch kapitalistischen Massenmedien, die eigentlich kritisiert wurden, und da
lag nach meiner Auffassung eine der inneren Verwerfungen der Revolte von
„1968“. Gerade von manchen jugendlichen, studentischen Beteiligten an
dieser Revolte wurden unter dem Eindruck der öffentlichen Aufmerksamkeit
und der spektakulären vielen Ereignisse die systemische Energie und die
systemische Machtfähigkeit und Lernfähigkeit des Kapitalismus völlig unter-
schätzt. Zu wenig wurde das kapitalistische Talent erkannt, kulturellen Wandel
für die Durchkapitalisierung der Lebenswelt zu nutzen und sich dafür dienstbar
zu machen. Um eine kleine Erfahrung nur beispielhaft zu nennen: Binnen
eines Jahres wurde damals der jugendlich-emphatische Begriff der Revolution
in Anspruch genommen und umfunktioniert für neue kommerzielle Werbe-
strategien. Man kann das erkennen, indem man nachsieht, wie sich die Werbe-
anzeigen der großen Firmen dieser Zeit veränderten, die „Revolution“ fand
dann sozusagen in der Modeindustrie statt.
Ein tiefer sitzendes Problem war, dass gerade im jugendlich-bildungs-
bürgerlichen Sektor der revoltierenden Bewegung der tatsächlich stattfindende
Umbruch in der politischen Kultur der Bundesrepublik und die Schreckens-
reaktion der etablierten Politiker oder auch Medien missverstanden wurden als
gesamtgesellschaftlich und auch politisch-ökonomisch revolutionäre oder vor-
revolutionäre Situation. Das war ohne Zweifel eine völlige Fehleinschätzung
der gesellschaftlichen Lage, ihrer Bedingungen und Möglichkeiten.
Ähnlich problematisch war um „1968“ meiner Meinung nach die damals
grassierende romantisierende Identifizierung mit revolutionären oder auch
alternativen Bewegungen oder Systemen in der geopolitischen Ferne, also von
Lateinamerika bis zu China, und daraus entsprang auch das realitätsfremde
Konzept eines bewaffnetes Kampfes in den Metropolen oder ebenso realitäts-
fremd und zugleich, meine ich, den Impuls der Revolte entfremdend etwas
später der vielgestaltige Versuch, aus einer antiautoritären Protestbewegung
das Potenzial zu schöpfen für die Neugründung unterschiedlicher neokommu-
nistischer Kaderparteien.
An dieser Stelle ein kurzer Exkurs: Der vielbeachtete Zeitgeistpublizist Götz
Aly hat in der „Frankfurter Rundschau“ eine Enthüllung unters Volk gebracht.
Er argumentiert dort, dass die ’68er Studentenbewegung in ihrer Mentalität
Parallelen aufgewiesen habe zur klassischen bürgerlichen Jugendbewegung
vor 1933, und zwar problematische Eigenschaften. Darüber kann man nach-
denken. Dann aber bringt Götz Aly diese Beobachtung in einen ganz bestimm-
30
ten politisch-historischen Zusammenhang, der ganz offensichtlich vernichtend
wirken sollte. Er sagt nämlich, die ’68er Studenten seien in der Substanz
gleichzusetzen mit den aktivistischen studentischen Nationalsozialisten der
Jahre kurz vor 1933, beides seien Bewegungen gewesen hin zu einer Jugend-
diktatur. In dem einen Fall sei dies ab 1933 gelungen, was ich für zweifelhaft
halte. In dem anderen Fall, „1968“, sei diese „Machtergreifung“ nicht gelungen.
Also nach dem Motto: da sind zwar andere Kappen zu finden aber gleiche
Brüder, studentische Jugend der NS-Bewegung vor 1933 und studentische
Revolte „1968“. Ich nehme ein Zitat aus diesem Aly-Aufsatz, da heißt es: „Wie
die späteren ’68er drängten ihre NS-Vorgänger [gemeint sind also die NS-
Studenten vor 1933, A.K.] auf die gesellschaftliche Relevanz der Studiengegen-
stände. Beide Studentenbewegungen protestierten gegen den Muff von 1.000
Jahren“. Außerdem sind zwei Fotos als Illustration abgedruckt, das eine zeigt
Nazi-Studenten in einer Kundgebung 1933 vor der Universität in Berlin, das
andere zeigt Rudi Dutschke und Genossen bei einer Demonstration 1968.
Bildunterschrift der Redaktion der „Frankfurter Rundschau“: „Ähnliche Ziele“.
Ein solcher Nachruf auf „1968“ und zugleich auf 1933 wie ihn da Götz Aly vor-
stellt, ist meiner Auffassung nach nichts anderes als publizistische, allerdings
geschäftstüchtige Demagogie im Gewande zeitgeschichtlicher Erinnerungsarbeit.
Zurück zum Thema. Was den bewaffneten Kampf in den Metropolen an-
geht – da lag ja die ideelle Herkunftslinie der „Roten Armeefraktion“; ein Na-
me, der meines Erachtens schon etwas Wahnhaftes hatte –, so war dies ein
Weg, der einige der damaligen Akteure in völlige Ausweglosigkeit gebracht
hat. Das soll man nicht herunterreden wollen, aber klarzustellen ist, anders als
jetzt vielfach publizistisch dargestellt, waren es nicht „die ’68er“ auch nicht die
„APO-Aktiven“, die dann zu Terroristen wurden, es handelte sich dabei ein-
deutig um eine Minorität. Dabei muss offen bleiben, inwieweit verdeckte Ein-
flüsse mitwirkten, neben eigenen Wahnvorstellungen, Einflüsterungen gehei-
mer Dienste im Interesse etablierter Machtapparate. Die dafür zur Erforschung
notwendigen Archive sind ja im Unterschied zu den Stasi-Akten bisher nicht
geöffnet.
Zurück zu den Hauptströmungen von „1968“ und ihren Folgen. Ohne Zwei-
fel sind da in etlichen Varianten gravierende Fehleinschätzungen, Illusionen,
ideologische Abwege und auch Sichtverengungen zu erkennen. Was diese
angeht, will ich eine kurz nennen: „1968“ fand ja in der Bundesrepublik unter
den Bedingungen eines bis dahin historisch nicht gekannten hochentwickelten
Wohlstandes für die Mehrheit der Bevölkerung statt, in einem funktionierenden
sozialstaatlichen System. Viele studentische Gruppen von „1968“ empfanden
sich als Umstürzler im so genannten Spätkapitalismus (der damals gängige
31
Begriff), ein Wort, das so klang als stünde dieses Gesellschaftssystem vor
seinem baldigen Ende, was ja doch ein Irrtum war. Die Revoltierenden atta-
ckierten diesen Spätkapitalismus hierzulande, indem sie ihm materielle Beste-
chung einer nicht gerade hungrigen Masse von Arbeitnehmerbevölkerung
vorwarfen. Nicht erkannt, nicht einmal geahnt wurde weithin damals, dass sich
der Kapitalismus auch in den Metropolen erneut brutalisieren könne, dass die
soziale Frage, auch als materielle, sich auf neue und drastische Weise wieder
stellen werde. Das Prekariat – um den aktuellen Begriff zu nehmen – war
gedanklich-analytisch nicht im Blickwinkel der meisten Linken damals um
„1968“. Ein folgenschwerer Irrtum, der, glaube ich, bis heute nachwirkt. Proble-
matisch war auch das kulturelle Wegräumen von konservativen Traditionen
oder Lockerungen altbürgerlicher Konventionen, wie z.B. die Erosion des
herkömmlichen Familienmodells. So etwas wurde oft in der ’68er kulturellen
Revolte als revolutionärer Erfolg gewertet, ohne zu sehen, dass hier auch
ganz andere Faktoren mitwirkten, was Marx und Engels im Kommunistischen
Manifest „das Verdampfen des Traditionellen im Interesse eines sich stets
modernisierenden kapitalistischen Systems“ genannt haben. Zur Nachfolge-
geschichte von „1968“ gehört auch, dass so mancher, der sich damals als
revolutionärer Kämpfer selbst inszeniert hat, später in den Dienst des einst
attackierten Establishments ging. Nicht jeder so, dass er dann Außenminister
wurde in einer wieder kriegführenden Bundesrepublik, auch nicht so, dass
jeder nun Chefredakteur bei einer Zeitung jenes Konzerns geworden ist, der
einmal enteignet werden sollte, aber doch so, dass viele der damals Beteiligten
gerade in der studentisch-bildungsbürgerlichen Schicht der Revolte dann später
in den mittleren Machtapparaten oder Agenturen der herrschenden Gesell-
schaft sich wohnlich einrichteten. Das war übrigens so ganz überraschend
nicht, man kann das ja auch nachlesen im Hinblick auf Biographien von Wort-
führern eines anderen „tollen Jahres“, nämlich des Revolutionsjahres 1848. Da
war das nicht anders, und Bismarck hat später seine Freude an diesen Bekeh-
rungen gehabt. Aber da ist auch die andere Seite der Geschichte:
In großer Zahl haben damals, vor allem zunächst im Protest gegen den
Krieg der USA in Vietnam, gerade junge Menschen begreifen gelernt, dass
Krieg nicht hinzunehmen ist als „Naturereignis“. In großer Zahl haben sich vor
allem junge Leute darin eingeübt, ihre gesellschaftspolitische Sache selbst in
die Hand zu nehmen, also sich selbst zu organisieren, Konflikte zu riskieren,
den Mächtigen öffentlich zu widersprechen und auch unkonventionelle Formen
politischen Agierens zu entwickeln und auszuprobieren. Was dann später kam
– Friedensbewegung, Frauenbewegung, die Initiativen zum Thema Dritte Welt
oder auch die Ökologiebewegung – das alles ist ganz offenbar durch „1968“ in
32
großem Umfange angeregt und vorbereitet worden. Übrigens hat auch die
Willy-Brandt-Politik aus „1968“ ihren Nutzen gezogen – selbst wenn die Regie-
rung Brandt dann später Berufsverbote erließ; der Zusammenhang ist ohne
Zweifel widersprüchlich. Und in großem Umfange ist durch „1968“ die Aus-
einandersetzung mit der deutschen faschistischen Vergangenheit und auch
mit dem Fortwirken faschistischer Ideen oder Mentalitäten vorangebracht
worden. Radikal demokratische Überlieferungen aus der deutschen Geschichte,
gesellschaftskritische Literatur und Theorie sind wieder ans Licht geholt wor-
den, nachdem sie durch den Nationalsozialismus und auch durch die erste
Nachkriegszeit verdrängt waren. In großem Ausmaß ist für etliche Jahre in die
bundesrepublikanischen Hochschulen und Schulen demokratisches Leben
gebracht worden, Reformdruck erzeugend, verlangend und auch erzwingend.
Was den zuletzt genannten Effekt betrifft, ist wiederum mit zu bedenken der
allerdings widerspruchsvolle Zusammenhang von damaliger revoltierender
politischer Bewegung und auf der anderen Seite den Tendenzen kapitalisti-
scher Modernisierung. Chancengleichheit im Bildungssystem, soziale Öffnung
der weiterführenden Schulen, auch der Universitäten lag damals eben auch im
Interesse weiter Teile der Unternehmenswirtschaft, die mehr und besser quali-
fizierte Arbeitskräfte in Deutschland aus sozusagen eigener Produktion
brauchte, und da haben wir inzwischen eine andere, sehr komplizierte Kons-
tellation. Aber dennoch, trotz aller Probleme, vieler Illusionen, mancher Fehl-
wege, war „1968“ ein produktiver Aufbruch, ein Nachholprozess und, die
Umstände nach 1945 bedenkend, ein erheblicher Fortschritt in Richtung auf
Demokratisierung der Altbundesrepublik, eine Hinwendung zu demokratischen
Werten und Gewohnheiten. Allerdings ist keiner dieser Erfolge von „1968“
anzusehen als ein unrevidierbarer, gesicherter demokratischer Fortschritt. Das
ist, um ein hier naheliegendes Exempel zu nennen, z.B. an der Entwicklung im
Terrain der Hochschulen zu sehen: An die Stelle der Revolte gegen den Muff
von 1.000 Jahren ist nun ein Hochschulregime getreten, das – wenn wir das
Bundesland Nordrhein-Westfalen nehmen – für seine Rechtsgrundlage den
Begriff „Hochschulfreiheitsgesetz“ gewählt hat. Da wäre zu hoffen, dass so
etwas wie Selbstironie dabei mitgeklungen hat, das wäre immerhin noch sym-
pathisch, es ist aber zu befürchten, dass das nicht der Fall war. Also von
einem nachhaltigen geschichtlichen Vorgang demokratischer Emanzipation,
einer letzten Endes stets fortschrittlichen Geschichte – das zeigen solche
ernüchternden Erfahrungen – können wir nicht ausgehen; und weil das so ist,
weil demokratischer Fortschritt nichts Selbstläufiges hat, ist meines Erachtens
festzuhalten an der Legitimität der Revolte von „1968“.
33
„1968“ hat keine Revolution stattgefunden, aber vieles, nicht alles, was
damals versucht wurde, hatte etwas Befreiendes und manches davon verdient
noch einmal neu Interesse.
35
Gegen die Entlastung der Erinnerung
– 1968 und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit
Dr. Klaus Himmelstein (Regensburg)
„68“ – eine bedeutende Etappe
Am 2. April 1968, während einer Rede des amtierenden Bundeskanzlers Kurt
Georg Kiesinger im Bonner Bundestag, rief eine junge Frau von der Besucher-
tribüne in den Plenarsaal: „Nazi-Kiesinger, abtreten!“ Der Bundeskanzler
unterbrach seine Rede, die junge Frau, Beate Klarsfeld, wurde kurz festgehal-
ten, dann aus dem Gebäude gebracht. Rund ein halbes Jahr später, am
7. November 1968, verschaffte sich Beate Klarsfeld mit einer Pressekarte
Zutritt zum Bundesparteitag der CDU in der Berliner Kongresshalle, näherte
sich in einer Pause Kiesinger, rief in seinem Rücken dreimal „Nazi!“ und gab
ihm, als er sich umdrehte, eine Ohrfeige. Dafür wurde sie noch am selben Tag
in einem Schnellverfahren zu einem Jahr Haft verurteilt. Diese musste sie
nicht antreten, weil sie neben der deutschen die französische Staatsbürger-
schaft hatte. Im folgenden Jahr wurde die Strafe auf vier Monate reduziert und
zur Bewährung ausgesetzt. Das Ziel dieser spektakulären Aktionen, die Beate
Klarsfeld mit ihrem Mann Serge Klarsfeld vorbereitet hatte, war es, das ehe-
malige Mitglied der Nazipartei Kiesinger wegen seiner aktiven Teilnahme an
der nazistischen Herrschaft – er war stellvertretender Leiter der Rundfunkpoli-
tischen Abteilung im Reichsaußenministerium gewesen – zum Rücktritt zu
zwingen, was damals nicht gelang.
1
In diesen symbolisch inszenierten Aktionen sowie den überwiegend ableh-
nenden Reaktionen darauf bündelten sich 1968 die beiden Seiten in der Aus-
einandersetzung mit der NS-Zeit. Auf der einen Seite, und dies war bei weitem
die Mehrheit der Bevölkerung, herrschte Schweigen oder Ablehnung, sich
überhaupt mit der Nazizeit und den Verbrechen zu beschäftigen. Oder aber der
eigene Leidens- und Opferstatus wurde reklamiert, sei es aufgrund der Vertrei-
bung oder langer Kriegsgefangenschaft, sei es aufgrund von Racheaktionen
etwa der Roten Armee oder der Folgen des Luftkrieges der Alliierten Sieger-
mächte. Dem stand auf der anderen Seite der geschärfte, kritische Blick eines
Teils der jungen Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder auf den Nazis-
mus gegenüber, die den großen Ausweichmanövern der Elterngeneration nicht
mehr folgten. Diese Minderheit begann Ende der 1950er, Anfang der 1960er
1
Zu diesem Abschnitt vgl. Klarsfeld, Beate: Die Geschichte des PG 2 633 930 Kiesinger.
Dokumentation mit einem Vorwort von Heinrich Böll. Darmstadt 1969
36
Jahre sich intensiver mit dem Nazismus, seinen Verbrechen und den Nachwir-
kungen in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik auseinanderzusetzen,
in der viele ehemalige Nazis, wie Kiesinger, in höchste Staatsämter gelangen
konnten und in vielen Bereichen der bundesdeutschen Gesellschaft an führen-
der Stelle tätig waren. Das Fokussieren der Auseinandersetzung mit dem
Nazismus auf das Jahr 1968 verdeckt jedoch deren Verlauf und die Schwer-
punkte, die ’68 zur Folge hatten. Seit dem Ende des Nazismus, des Zweiten
Weltkrieges und dem Morden der Deutschen in Europa, gibt es, je nach politi-
schem Standort, einen phasenweise heftigen „Kampf um die Erinnerung“, um
das „Erinnern und Durcharbeiten“, um die Deutung der nazistischen Vergan-
genheit, in der zwei zentrale Ebenen bis heute auszumachen sind. Dies ist
einmal der Versuch, die Erinnerung zu entlasten durch unterschiedliche Stra-
tegien: durch Schweigen, durch Vermeiden oder Unterlassen bestimmter
Themen, durch thematische Überlagerungen (Luftkrieg, Vertreibung usw.)
oder durch die Trennung, hier die „Deutschen“, dort die „Nazis“. Daneben gibt
es bis heute, wenn auch am Rande der Auseinandersetzung mit dem Nazismus,
eine rechtsextremistische, neonazistische Beschäftigung mit der Nazi-Vergan-
genheit, die geprägt ist von Leugnung, Verfälschung oder Verharmlosung.
Dem steht andererseits das durch die radikale Gesellschaftskritik der „68er“
fundierte, gleichsam dynamisierte und anhaltende Interesse gegenüber, den
Zugang zur NS-Zeit als dem Tiefststand deutscher Geschichte jeweils neu zu
erschließen, die NS-Zeit als Teil des kollektiven Gedächtnisses und als we-
sentlichen Ausgangspunkt der individuellen und kollektiven Identitätsbildung in
Deutschland hervorzuheben, ausgehend von der dauerhaften Beunruhigung,
dass „immerhin in Deutschland der furchtbarste Ausbruch von Barbarei seit
Menschengedenken sich ereignet hat“
2
, wie der Philosoph und Soziologe
Theodor Adorno den Bezugspunkt aufklärender Erziehung nach dem Nazis-
mus in einem Gespräch im April 1968 umriss.
Mit dem Begriff des kollektiven Gedächtnisses nehme ich Bezug auf theo-
retische Überlegungen über die Beziehung von Gedächtnis und Gesellschaft
des französischen Soziologen Maurice Halbwachs, der am 16. März 1945 im
Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde, sowie auf die differenzierte
Fortführung der Problematik der sozialen Bedingtheit des Gedächtnisses einer
Gesellschaft unter dem Begriff des kulturellen Gedächtnisses durch den Kultur-
2
Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Entbarbarisierung. In: Adorno, Theodor W.: Erziehung
zur Mündigkeit. Frankfurt/M. 1971, S.121
37
wissenschaftler Jan Assmann, die hier nicht dargestellt werden können.
3
Da-
nach existiert, vereinfacht zusammengefasst, Vergangenheit nicht als eine
unveränderliche Gegebenheit. Sie ist eine Konstruktion späterer Generatio-
nen, die sich einen grundlegenden Wissensbestand über diese Vergangenheit
in verschiedenen Formen schaffen, ganz allgemein gesprochen, als Text, als
Bild usw. Das Archiv, das angesammelte Wissen, gewinnt „Aktualität“ (Jan
Assmann) in der Sinn suchenden und Sinn gebenden Rekonstruktion der
Vergangenheit in einer jeweiligen Gegenwart. „Archiv“ und „Aktualität“ sind
demnach zwei Modi des kulturellen Gedächtnisses, die entscheidend mitwir-
ken bei der Entwicklung kultureller und politischer Identität in einer Gesell-
schaft. Die Zeit der Herrschaft des Nazismus ist zentraler Bestandteil des
kulturellen Gedächtnisses in Deutschland. Die jeweils aktuelle Auswahl des
Wissens darüber und dessen Interpretation sind wegen des negativen Gehal-
tes bis heute ein heftig umkämpftes Feld der kollektiven Identitätsbildung.
In verschiedenen Wissenschaften, insbesondere in der Geschichtswissen-
schaft, wird der aktuelle Modus des kulturellen Gedächtnisses in der Bundes-
republik – bezogen auf den Nazismus – unter Begriffen wie Vergangenheits-
politik und Erinnerungspolitik diskutiert, was die unterschiedlichen, konkurrie-
renden Interessen politischer oder sozialer Gruppen an der Erinnerung der
NS-Vergangenheit hervorhebt, im Bewusstsein dessen, dass das kulturelle
Gedächtnis als Rahmen die Bildung der individuellen Erinnerung und Sinnbil-
dung entscheidend beeinflusst.
Eine wissenschaftlich ausreichende Darstellung der wissenschaftlichen und
politischen Auseinandersetzung mit dem Nazismus bzw. des kulturellen
Kampfes um die Erinnerung daran in Deutschland nach 1945 gibt es nicht, so
dass sich noch kein zureichendes Gesamtbild zeichnen lässt. Ebenso wenig
lässt sich bisher die Wirkung dieser Auseinandersetzung schlüssig nachwei-
sen. Daneben lassen sich die psychischen Auswirkungen des Nazismus und
seiner Verbrechen in den Generationen nach 1945 erst teilweise überschauen.
4
Deshalb gehe ich im Folgenden so vor, dass ich zunächst unter der Über-
schrift „Von der Vergangenheitsbewältigung zur Erinnerungskultur“ zentrale
Etappen und Tendenzen in der Auseinandersetzung mit dem Nazismus vor
und nach 1968 skizziere. Im Anschluss an dieses Hintergrundbild konzentriere
ich mich – unter wissenschaftshistorischem Aspekt – auf den Umgang mit der
3
Vgl. etwa Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt/M. 1985 u. Assmann,
Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Kultur und Gedächtnis, hrsg. v. Jan
Assmann u. Tonio Hölscher. Frankfurt/M. 1988, S.9-19
4
Vgl. z.B.: Spuren der Verfolgung. Seelische Auswirkungen des Holocaust auf die Opfer
und ihre Kinder, hrsg. v. Gertrud Hartmann. Gerlingen 1992 u. Bar-On, Dan: Die Last des
Schweigens. Gespräche mit Kindern von Nazi-Tätern. Reinbek 1996
38
„gegenwärtigen Vergangenheit“
5
in der Erziehungswissenschaft und hier auf das
Beispiel des Umgangs mit den Vergangenheitsverhältnissen der Geisteswissen-
schaftlichen Pädagogik. Auf eine weitere Einschränkung gilt es noch hinzuwei-
sen, es geht hier um die Westzonen und die Bundesrepublik Deutschland.
Von der Vergangenheitsbewältigung zur Erinnerungskultur
Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Nazismus in Deutschland begann
unmittelbar mit dessen militärischem Ende und ist während der Besatzungs-
zeit geprägt durch Prozesse gegen die NS-Täter.
6
Die Alliierten sowie Vertre-
ter der von Deutschland besetzten Länder hatten während des Krieges
vereinbart, bei einem Sieg die Verantwortlichen für die deutschen Kriegsver-
brechen und das Massenmorden vor Gericht zu stellen und dies nicht den
Deutschen zu überlassen. Seit 1940 begannen die Vorbereitungen dazu. Noch
im Jahr 1945, nach der Übernahme der Regierungsgewalt durch die vier
Alliierten Militärregierungen in Deutschland, konstituierte sich ein Internationa-
les Militärtribunal, das im November 1945 Anklage erhob gegen 24 Haupt-
kriegsverbrecher sowie gegen die verbrecherischen nazistischen Gruppen und
Organisationen, die die Angeklagten repräsentierten: die SA, die SS, der
Sicherheitsdienst (SD), die Gestapo, die Reichsregierung, das Führerkorps
der NSDAP sowie der Generalstab und das Oberkommando der Wehrmacht.
Nach dem Ende des Internationalen Nürnberger Prozesses im Oktober
1946 fanden entsprechend dessen Grundsätzen Folgeprozesse statt gegen
eine Vielzahl Verhafteter aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen,
allerdings, aufgrund der zunehmenden politischen und organisatorischen
Differenzen zwischen den Alliierten, in den jeweiligen Besatzungszonen und in
der Verantwortung der jeweiligen Militärregierung. Die vielen hundert Zeugen-
aussagen und die Fülle der Dokumente im Nürnberger Prozess und in den
Folgeprozessen belegten, über die Taten der Hauptverantwortlichen hinaus-
gehend, die breite Verankerung der mörderischen Nazipolitik in der deutschen
Gesellschaft.
5
Koneffke, Gernot: Auschwitz und die Pädagogik: Zur Auseinandersetzung der Pädagogen
über die gegenwärtige Vergangenheit ihrer Disziplin. In: Erziehungswissenschaft und Nati-
onalsozialismus – Eine kritische Positionsbestimmung, hrsg. v. Wolfgang Keim u.a. Mar-
burg 1990, S.28
6
Vgl. zur folgenden Darstellung u.a.: Der Nürnberger Prozess. Das Protokoll des Prozesses
gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof 14. November
1945 - 1. Oktober 1946, mit einer Einleitung von Christian Zentner, CD-Rom, Directmedia,
Berlin 2004; Kempner, Robert M.W.: SS im Kreuzverhör. München 1965; Boll, Bernd:
Wehrmacht vor Gericht. Kriegsverbrecherprozesse der Vier Mächte nach 1945. In: Ge-
schichte und Gesellschaft 24 (1998), S.570-594
39
Befragungen in der deutschen Bevölkerung nach dem ersten Nürnberger
Prozess ergaben, dass 81 Prozent der Befragten die Urteile, davon 12 Todes-
urteile, als angemessen ansahen. Und bei einer Befragung im Dezember 1945
gaben 84 Prozent an, dass sie etwas über die Verbrechen in der NS-Zeit gelernt
hätten.
7
Unter dem unmittelbaren Eindruck der barbarischen Verbrechen, die
insbesondere nach der Befreiung der Vernichtungslager und nach dem Pro-
zess in Nürnberg unübersehbar und öffentlich wurden, bestand demnach, folgt
man den Ergebnissen verschiedener Befragungen, zunächst eine gewisse
Bereitschaft die Tatbestände der Verbrechen in der NS-Zeit zumindest zur
Kenntnis zu nehmen. In einigen gesellschaftlichen Gruppen und Organisatio-
nen begann eine Diskussion über Schuld und Verantwortung. Das heißt je-
doch nicht, dass die „Siegerjustiz“, wie sie allgemein bezeichnet wurde, damit
akzeptiert war. Darüber hinaus ergab sich eine für die Auseinandersetzung mit
dem Nazismus negative Auswirkung der Prozesse bzw. der zunächst und
dann, nach der Gründung der Bundesrepublik unter deutscher Verantwortung,
bis in die 60er Jahre dominierenden juristischen Auseinandersetzung mit dem
Nazismus. Indem man den engen Kreis der hauptverantwortlichen Täter be-
straft sah, von denen man sich leicht distanzieren konnte, stieg die Erwartung,
dass endlich Schluss gemacht werde mit weiteren Prozessen sowie mit der
parallel laufenden politischen Säuberung, der Entnazifizierung und schließlich
auch mit dem „Wühlen in der Vergangenheit“.
Schweigen und Entlastung in den 1950er Jahren
Nach der von den Westmächten eingeleiteten Gründung der Bundesrepublik
1949, trug die Adenauer-Regierung diesem Erwartungsdruck Rechnung. Es
setzte ein politischer Prozess ein, den der Historiker Norbert Frei als „Vergan-
genheitspolitik“
8
bezeichnet. Deren Kernbereiche waren eine weitgehende
Amnestie der NS-Straftäter, die Integration der vielen ehemaligen Nazis durch
soziale und politische Zugeständnisse bei gleichzeitiger öffentlicher Abgren-
zung gegenüber dem Nazismus als politischem System. Diese Politik war bei
der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung „durch hohe gesellschaftliche
Akzeptanz gekennzeichnet“, wurde „geradezu kollektiv erwartet“
9
, so ein Er-
gebnis der Arbeit von Norbert Frei. Die deutsche Vergangenheitspolitik der
50er Jahre wurde von den West-Alliierten Siegermächten, aufgrund der politi-
schen, wirtschaftlichen und militärischen Einbindung der Bundesrepublik in ihr
7
Vgl. Bergmann, Werner: Die Reaktion auf den Holocaust in Westdeutschland von 1945 bis
1989. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 43 (1992), S.328
8
Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. München 1996
9
Frei, a.a.O., S.13
40
Bündnissystem, in einem gewissen Umfang mitgetragen. Auf die Fülle der
historischen Einzelheiten wird hier nicht eingegangen.
Norbert Frei nimmt an, dass für die Erwartung an eine derartige Vergan-
genheitspolitik die mentale Nachwirkung der nazistischen, volksgemeinschaft-
lichen Bindung verantwortlich ist, die dann zu der „massenhaft praktizierten
Diskretion“, zu einem Beschweigen der Vergangenheit führte, deren „Ausmaß,
Tiefe und Bedeutung“, nach der Ansicht von Norbert Frei, „noch nicht einmal in
Ansätzen erforscht ist.“
10
Dieses mehrheitliche Schweigen über die NS-Zeit in
den 50er Jahren betraf allerdings nicht allein das Beschweigen der Täterschaft
oder die Zusammenarbeit mit den Nazis, das Mitlaufen oder Zuschauen bei
den unsäglichen Verbrechen in dieser Zeit.
11
Sondern es betraf vor allem
diejenigen, die das „andere Deutschland“ verkörperten, die im Widerstand
gegen den Nazismus gestanden hatten, als Überlebende aus den Vernich-
tungslagern oder aus der Emigration zurückgekehrt waren oder auch diejeni-
gen, die im Exil blieben. Sie galten damals vielen als Vaterlandsverräter oder,
wenn sie den Mut zur öffentlichen Kritik am Verhalten vieler Deutscher hatten,
als Nestbeschmutzer, wie dies beispielsweise das erste große, öffentliche
Streitgespräch über die NS-Zeit zwischen den Schriftstellern Thomas Mann
und Frank Thieß sowie Walter von Molo über das Dagebliebensein oder Aus-
wandern, über äußere und innere Emigration zeigte.
12
Dabei ist zugleich eine
generelle Tendenz in der Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur der
Nachkriegszeit bestimmend, die weit bis in die 70er Jahre reichte, das ist die
Ausgrenzung der Juden bzw. ihrer „anderen Erinnerung“
13
. Die damals strei-
tenden Schriftsteller, die nationalkonservativen Dagebliebenen, Frank Thieß und
Walter von Molo, und auch der liberalkonservative, mit einer Jüdin verheiratete
Emigrant, Thomas Mann, nahmen in ihrem Streit gar nicht wahr, dass es für
Jüdinnen und Juden keine Wahl gegeben hatte zwischen Dableiben oder
Gehen nach 1933, dass sie in Deutschland oder in den von Deutschland
eroberten Ländern nicht überleben konnten.
10
Frei, a.a.O., S.13
11
Vgl. dazu Hilberg, Raul: Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933–1945.
Frankfurt/M. 1992
12
Vgl. dazu Mann, Thomas/Thieß, Frank/Molo, Walter von: Ein Streitgespräch über die
äußere und die innere Emigration. o.O., o.J. (Dortmund 1945); Die große Kontroverse. Ein
Briefwechsel um Deutschland, hrsg. v. J. F. G. Grosser. Hamburg 1963
13
Braese, Stephan: Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nach-
kriegsliteratur. 2. Aufl. Berlin/Wien 2002; vgl. auch Schlant, Ernestine: Die Sprache des
Schweigens. Die deutsche Literatur und der Holocaust. München 2001 oder Briegleb,
Klaus: Missachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: „Wie antisemitisch war die
Gruppe 47?“. Berlin/Wien 2003
41
Empörung und Kritik in den 1960er Jahren
Seit dem Ende der 50er Jahre kam es vor dem bisher gezeichneten Hinter-
grund in einer heute kaum mehr abzuschätzenden Zahl von Familien zu teil-
weise harten Konfrontationen zwischen den Generationen über die NS-Zeit,
vor allem dann, wenn die Eltern keinerlei Selbstzweifel zeigten, sich mit den
aus ihrer Sicht positiven Zügen des Nazismus („Hitler hat die Autobahnen
gebaut“) rechtfertigten oder die Kommunikation über die eigene Beteiligung
am NS-System verweigerten.
In den 60er Jahren wuchs die moralisch-politische Empörung in der Gene-
ration der Kriegs- und Nachkriegskinder über die extreme Nachsicht mit den
ehemaligen nazistischen Funktionseliten. Große Prozesse, wie der Eichmann-
Prozess 1961 in Jerusalem oder der vom Hessischen Generalstaatsanwalt
Fritz Bauer angestoßene Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main in den
Jahren 1963 bis 1965, hatten eine breite öffentliche Beachtung und trugen
wesentlich zu der Veränderung der Auseinandersetzung mit dem Nazismus in
der jüngeren Generation bei. Nicht zuletzt die dramatische Verdichtung des
Auschwitz-Prozesses durch den Schriftsteller Peter Weiss in „Die Ermittlung.
Oratorium in 11 Gesängen“
14
, das 1965 an 16 Bühnen uraufgeführt wurde,
verstärkte die Fragen an eine Gesellschaft, die „Auschwitz“ möglich gemacht
hatte. Die moralisch-politische Empörung verband sich in den 60er Jahren mit
der radikaldemokratischen Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung in der
Bundesrepublik, die sich an Universitäten insbesondere durch den Sozialisti-
schen Deutschen Studentenbund (SDS)
15
, bei den Gewerkschaften und in
linken politischen Jugendorganisationen entwickelt hatte. ’68 ist deshalb
– auch – Höhepunkt und dauerhafte Wende in der Auseinandersetzung mit
dem Nazismus und den Verbrechen zwischen 1933 und 1945.
Auch wenn die entschiedene Kritik zunächst nur von einer Minderheit in der
Öffentlichkeit vertreten wurde, so wirkte sie sich doch langfristig und immer
breiter werdend aus. Dies ist beispielsweise ablesbar an einer Reihe von
teilweise sehr heftig geführten, öffentlichen Debatten wie der Historikerdebatte
1986/1987
16
oder dem zehn Jahre später von Daniel Jonah Goldhagen ausge-
lösten Streit um sein Buch „Hitlers willige Vollstrecker“
17
. Es ist weiterhin ab-
14
Weiss, Peter: Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen. Reinbek 1969
15
Fichter, Tilman/Lönnendonker, Siegward: Kleine Geschichte des SDS. 4. überarb. u. erg.
Aufl., Essen 2007
16
„Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der national-
sozialistischen Judenvernichtung. München 1987
17
Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker. Berlin 1996 u. Schoeps, Julius H.
(Hg.): Ein Volk von Mördern? Die Dokumentation zur Goldhagen-Kontroverse und die Rol-
le der Deutschen im Holocaust. Hamburg 1996
42
lesbar an der zunehmenden Präsenz der Auseinandersetzung mit dem Nazis-
mus in verschiedenen öffentlichkeitswirksamen Medien, insbesondere Film und
Fernsehen, sowie an einer Vielzahl von Ausstellungen seit den 1970er Jahren.
Seit den 70er Jahren wuchs zudem, getragen von einer breiter und differen-
zierter werdenden Forschung, das Wissen über die NS-Zeit an.
18
Dabei sind
allerdings zwei Themen, vor anderen, anhaltend prekär: die Rolle der Wehr-
macht im Zweiten Weltkrieg sowie die Ermordung der Juden als Kernbereich der
rassistischen Politik vor 1945.
Die Wehrmachtsausstellungen in den 1990er Jahren haben gegen heftige
Widerstände den Mythos der „sauberen“ Kriegsführung der deutschen Wehr-
macht aufgelöst. Die Debatte darüber sowie die entsprechende Forschung
halten an, zumal durch die Öffnung von Archiven im Bereich der ehemaligen
Sowjetunion neues Quellenmaterial zugänglich wird.
19
Dies gilt auch für die Ermordung der Juden. Hier löste schon 1979 die Fern-
sehserie „Holocaust“ mittels der Personalisierung von Opfern und Tätern eine
intensive öffentliche Diskussion über den Mord an den Juden aus. Der 1986
durch die Relativierungsthesen von Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und den
Widerspruch gegen deren Thesen durch Jürgen Habermas eingeleitete Histo-
rikerstreit um die Historisierung des Nazismus und die Einmaligkeit der nazis-
tischen Judenvernichtung fand, auch wenn es eine Intellektuellendebatte war,
starkes öffentliches Interesse und dokumentierte zugleich, dass die lange in
der Bundesrepublik vorherrschende Gleichgültigkeit gegenüber der Verfolgung
und Ermordung der Juden in Deutschland und Europa nachhaltig aufgebro-
chen war. Der 1987 sich anschließende Briefwechsel
20
zwischen Martin Broszat,
dem Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte und Mitredakteur der
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, und Saul Friedländer, Historiker an den
Universitäten von California, Los Angeles und Tel Aviv, dokumentiert aller-
dings die anhaltende Differenz zur jüdischen Geschichte und Erinnerung.
Broszat, Jahrgang 1926 und Hitlerjunge, erklärt die nichtjüdischen deutschen
Historiker seiner Generation „zum Träger des rationalen Diskurses über die
NS-Vergangenheit“ und hebt diese scharf ab „von der ‚mythischen Erinnerung‘
18
Vgl. dazu bspw. den Symposionsband des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts:
Martin Broszat, der „Staat Hitlers“ und die Historisierung des Nationalsozialismus, hrsg. v.
Norbert Frei. Weimar 2007
19
Vgl. etwa: Verbrechen der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte, hrsg. v. Christian Hartmann,
Johannes Hürter u. Ulrike Jureit. München 2005
20
Broszat, Martin/Friedländer, Saul: Um die „Historisierung des Nationalsozialismus“. Ein
Briefwechsel. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 36 (1988), S.339-372
43
der jüdischen Überlebenden.“
21
So fasst der Broszat nahestehende Historiker
Norbert Frei dessen erkenntnistheoretische Position zusammen. Zugespitzter
stellt Saul Friedländer dazu fest, dass Broszat besorgt war, „daß die Erinne-
rung der jüdischen Opfer die Erinnerung seiner eigenen deutschen Generation
verdrängen könnte.“
22
Wie prekär die Haltung in der Bundesrepublik gegenüber den Juden und
ihren Erinnerungen geblieben ist, verdeutlicht die Walser-Bubis-Debatte 1998
und 1999, nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Anlass war
die Rede des Schriftstellers Martin Walser bei der Verleihung des Friedens-
preises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche. Walsers
Propagierung einer von der Vergangenheit unberührten Sprache sowie seine
Entkoppelung der privaten, durch „Auschwitz“ nicht belasteten Erinnerung von
der kollektiven Erinnerung, widersprach der damalige Vorsitzende des Zentral-
rats der Juden, Ignatz Bubis, und bezeichnete diese Rede als „geistige Brand-
stiftung“. Dies löste eine heftige öffentlich geführte Debatte aus. Diese Debatte
dokumentiert verschiedene aktuelle Ebenen in der Erinnerungskultur nach der
Zusammenführung der beiden deutschen Staaten, auf die hier nicht weiter
eingegangen wird.
23
Walser hat nun nicht erst in dieser Rede seine Forderung nach dem Recht
auf eine private, unbelastete Erinnerung reklamiert, die er nicht durch späteres
Wissen belastet sehen will. 1988 etwa meinte er, dass sich die Geschichts-
schreiber einmal wundern müssten, „wie viele bedeutende Leute nach der
Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich
durch antifaschistische Regungen belebten.“
24
Der Schriftsteller Jurek Becker
meinte dazu bitter:
„Walser tut, als wäre Faschismus eine Streitigkeit innerhalb der Familie gewe-
sen und als litten alle, die nicht müde werden, vor ihm zu warnen, an Einfalls-
losigkeit. Als fräßen sie von einer dummen Sache das Gras ab, das längst
darüber gewachsen ist.
21
Frei, Norbert: Nach Broszat. In: Martin Broszat, der „Staat Hitlers“ und die Historisierung
des Nationalsozialismus, hrsg. v. Norbert Frei. Göttingen 2007, S.13
22
Friedländer, Saul: Ein Briefwechsel, fast 20 Jahre später. In: Martin Broszat, der „Staat
Hitlers“ und die Historisierung des Nationalsozialismus, hrsg. v. Norbert Frei. Göttingen
2007, S.193
23
Bubis, Ignatz/Korn, Salomon/Schirrmacher, Frank/Walser, Martin: Wir brauchen eine neue
Sprache für die Erinnerung. Ein Gespräch. In: Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumen-
tation, hrsg. v. Frank Schirrmacher. Frankfurt/M. 1999
24
Walser, Martin: Über Deutschland reden. In: Walser, Martin: Über Deutschland reden.
Frankfurt/M.1988
44
Tut mir leid, aber von meiner Familie sind an die zwanzig Personen vergast
oder erschlagen oder verhungert worden, irgendwie spielt das für mich noch
eine Rolle. Ich habe nicht so kuschelige Kindheitserinnerungen wie Walser.
Sollte das der Grund sein, warum Deutschland eher seinesgleichen gehört als
meinesgleichen?
Ich kann es nicht ändern, wenn er an dieser Stelle die Augen verdreht, weil
ich schon wieder mit diesen langweiligen Geschichten von gestern komme.
Vielleicht tröstet es ihn, zu hören, dass sie nicht nur ihm nicht gefallen, son-
dern auch mir nicht.“
25
Wir sind auch heute noch weit entfernt von einer Erinnerungskultur, die beide
selbstverständlich einschließt, die Juden und die Nichtjuden, ohne die konkreten,
historischen Fakten zu verschleiern. Die gleichgültige Einstellung in vielen
Kommunen, bei gesellschaftlichen Gruppen und Verbänden zum 27. Januar,
dem Holocaust-Gedenktag anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers
Auschwitz, ist hier ein Beispiel. In München etwa, wo am 27. Januar 2008 der
Faschingsumzug stattfand, gab Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) nach
Kritik immerhin zu, dass bei Planung und Genehmigung „niemand von uns im
Stadtrat [...] die Terminkollision bemerkt“
26
hat.
Für die Geschichtswissenschaft gelte es, fordert deshalb der Historiker
Saul Friedländer, „eine integrierte Geschichte des Holocaust zu verfassen“
bzw. „zwei Geschichten in einem Gesamtbild zu schreiben“
27
. Dieser Anspruch
ist – immer noch – auszuweiten auf andere verfolgte Gruppen in der NS-Zeit
wie beispielsweise die Sinti und Roma, deren Deportation bis 1963 durch ein
Urteil des Bundesgerichtshofs „nicht als Verbrechen, sondern als ‚präventive
Verbrechensbekämpfung‘“
28
angesehen wurde.
Die „gegenwärtige Vergangenheit“ in der Geisteswissenschaftlichen
Pädagogik
An den Hochschulen beginnt in den 1960er Jahren, dann verstärkt durch ’68,
eine erste Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Wissenschaftssystem
und Nazismus, eine, wie sie der Historiker Norbert Frei bezeichnet, „ertrotzte
25
Becker, Jurek: Gedächtnis verloren – Verstand verloren. Antwort an Martin Walser. In:
Jurek Becker, hrsg. v. Irene Heidelberger-Leonard. Frankfurt/M. 1992, S.57
26
Holocaust-Gedenktag fast ohne Resonanz. Faschingszug soll nicht verschoben werden –
Kultusgemeinde beklagt Entehrung der Erinnerungsfeier. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 19:
23.01.2008, S.45
27
Friedländer, Saul: Den Holocaust beschreiben. Göttingen 2007, S.7
28
Rühle, Alex: Der unbekannte Holocaust. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 178: 04./05.08.2007, S.13
45
Aufklärung“
29
. Sie geht weit hinaus über die Vorstellungen der Professoren,
wie denen des angesehenen Historikers Friedrich Meinecke, der 1946 mit
seiner Bilanz-Schrift „Die deutsche Katastrophe“ im nationalkonservativen
Sinne dazu beitragen wollte, die „uns verbliebenen Reste deutscher Volks-
und Kultursubstanz“
30
zu retten. Diese Blick-nach-vorn-Intention vertraten
auch die Geisteswissenschaftlichen Pädagogen, die bis in die 60er Jahre in
der Erziehungswissenschaft der Bundesrepublik maßgeblich den Ton anga-
ben, insbesondere Herman Nohl, Eduard Spranger, Theodor Litt oder Wilhelm
Flitner. Sie galten nach 1945, weil sie nominell nicht Mitglied der NSDAP
gewesen waren, als unbelastet. Auch sie wollten im nationalkonservativen
Sinne die „deutsche Volks- und Kultursubstanz“ retten.
Die in den 1960er Jahren zunehmende, scharfe studentische Kritik an den
konservativen Deutungen der NS-Zeit, in denen der Nazismus „wie ein über
Deutschland hereinbrechendes Fremdregime“
31
erschien, ebenso wie an der
Wiedereinsetzung belasteter Professoren führte an einer Reihe von Universi-
täten zu Vorlesungsreihen über „Wissenschaft und Nationalsozialismus“.
Deren Sprache und Argumentationsweise untersuchte der Philosoph und
Herausgeber der Zeitschrift „Das Argument“, Wolfgang Fritz Haug, 1967 und
bilanzierte diese Veranstaltungsreihen als „hilflosen Antifaschismus“
32
, als
Unfähigkeit einer angemessenen Auseinandersetzung.
Doch im Rahmen der politischen und kulturellen Westorientierung der Bun-
desrepublik seit den 1950er Jahren und vermittelt von Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftlern, die aus der Emigration zurückgekehrt waren, wurden
allmählich gesellschafts- bzw. sozialwissenschaftlich begründete Positionen in
den Kultur- bzw. Geisteswissenschaften wirksam, die sich kritisch mit der
gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik auseinander setzten. Die
Sozialwissenschaften gewannen in den 60er Jahren auch im Lehr- und For-
schungsbetrieb der Erziehungswissenschaft gegenüber der seit der Weimarer
Republik dominanten Geisteswissenschaftlichen Pädagogik an Einfluss.
Ein Ergebnis der Neuorientierung ist beispielsweise das Pestalozzibuch
von Adalbert Rang „Der politische Pestalozzi“, das 1967 in einer Publikations-
reihe des aus dem Exil zurückgeführten Frankfurter Instituts für Sozialfor-
schung erschien. Dessen besonderes Gewicht liegt in der „konkreten Vermitt-
29
Frei, Norbert: Ertrotzte Aufklärung. „Achtungsechzig“ als Nachgeschichte des National-
sozialismus. In: Die Zeit, Nr. 6: 01.02.2001, S.39
30
Meinecke, Friedrich: Die deutsche Katastrophe. Wiesbaden 1946, S.8
31
Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. München 1996, S.406
32
Haug, Wolfgang Fritz: Vom hilflosen Antifaschismus zur Gnade der späten Geburt. Ham-
burg/Berlin 1987
46
lung geistiger Positionen durch deren gesellschaftlichen Ursprünge“
33
, wie
Theodor Adorno in seiner „Vorrede“ betont.
Eine frühe, bedeutende Arbeit, die sich auch mit dem Verhältnis von Erzie-
hungswissenschaft und Nazismus, also mit der Vermittlung geistiger Positio-
nen durch deren gesellschaftliche Ursprünge befasst, ist die 1970 erschienene
und 1987 wieder aufgelegte, ideologiekritisch orientierte Analyse der „Erziehung
und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen Deutschland“
34
von Karl-
Christoph Lingelbach. Auf seinen methodisch differenzierten Ansatz und die
weiterführenden pädagogisch-theoretischen Ergebnisse über die Pädagogik
im Nazismus gehe ich nicht ein. Vielmehr bleibt aus heutiger Sicht anzumer-
ken, dass Lingelbachs Einschätzung der Geisteswissenschaftlichen Pädago-
gen der ersten Generation, wie Herman Nohl u.a., und ihres Verhältnisses
zum Nazismus unbestimmt ist und ein unkritisches Bild fortschreibt. Er bilanziert:
„Hervorragende Gelehrte wie Eduard Spranger, Herman Nohl und Wilhelm
Flitner wählten den Weg der ‚inneren Emigration‘. Beschränkt auf den Insel-
bereich eines bescheidenen Tätigkeitskreises suchten sie die von ihnen ver-
tretenen philosophischen und pädagogischen Traditionen über die Zeit der
Diktatur zu retten“. „Allein nur Theodor Litt war bereit, die Herausforderung
kompromisslos anzunehmen.“
35
„Hervorragende Gelehrte“, „innere Emigration“, „Inselbereich eines be-
scheidenen Tätigkeitskreises“, Rettung ihrer „philosophischen und pädagogi-
schen Traditionen“, zudem ein kompromissloser Theodor Litt – dieses so schön
ausgemalte Bild entsprach wohl dem historischen Forschungsstand von 1970
sowie den damaligen Einstellungen und Erwartungen in der Disziplin. Erst
Anfang der 1990er Jahre, also 20 Jahre später, werden kritische Fragen an
diese Gruppe nationalkonservativer Pädagogen gerichtet, die zwar keine
NSDAP-Mitglieder gewesen waren, deren Verhältnis zum Nazismus aber bis
dahin kaum näher untersucht worden war. Doch die wenigen historisch-
kritischen Ansätze blieben zeitlich und thematisch begrenzt. Bis heute sind
wesentliche wissenschaftshistorische Fragen an die Geisteswissenschaftliche
Pädagogik, den Kernbereich der Erziehungswissenschaft in der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts, und ihrem besonderen Verhältnis zum Nazismus noch
nicht beantwortet worden. Darauf möchte ich in zwei Richtungen kurz eingehen.
33
Rang, Adalbert: Der politische Pestalozzi. Frankfurt/M. 1967, S.8
34
Lingelbach, Karl-Christoph: Erziehung und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen
Deutschland. Frankfurt/M. 1987
35
Lingelbach, a.a.O., S.157
47
Geisteswissenschaftler in den Mordzentralen
Schon im Nürnberger Prozess und in den nachfolgenden Prozessen der Alliier-
ten erstaunte die Ankläger die herausragende Bildung des Führungspersonals
in den Zentralen des Terrors und des Mordens in der NS-Zeit, insbesondere im
Reichssicherheitshauptamt. Es handelte sich also keineswegs „um sozial ent-
wurzelte Desperados, ..., noch um dumpf-überzeugungslose Befehlsempfän-
ger“
36
. Etwa Zweidrittel dieser relativ jungen Männer hatten ein Universitäts-
studium beendet, viele davon mit einer Promotion, die Mehrzahl in Jura,
darüber hinaus aber auch in Germanistik, Geschichte oder anderen Geistes-
wissenschaften. Dabei war ihnen ein Geisteswissenschaftliches Studium
durchaus hilfreich und keineswegs karrierehinderlich, wie das Beispiel des
Hans Achim Ploetz zeigt, der 1934 in die SS eintrat, 1936 an der Berliner
Friedrich-Wilhelms-Universität bei Eduard Spranger und Julius Petersen mit
einer Arbeit über „Die Theorie der Dichtung“ promovierte und schließlich zum
ersten Adjutanten beim Chef der Sicherheitspolizei/Sicherheitsdienst der SS,
Reinhard Heydrich und später Ernst Kaltenbrunner, aufstieg.
37
Ein weitergehendes Beispiel ist Rudolf Levin
38
, der 1935 an der Leipziger
Universität u.a. bei dem Philosophen und Pädagogen Theodor Litt promovier-
te. Er wurde schließlich Referent für „Wissenschaftliche Sonderaufträge“ im
Amt VII des Reichssicherheitshauptamts, im Rang eines SS-Sturmbann-
führers. In seinem „Wissenschaftlichen Werdegang“ schreibt er, dass er von
der philosophischen Fakultät der Leipziger Universität „ausgezeichnete Anre-
gungen“ für sein Interesse an systematischen Geisteswissenschaftlichen
Problemen in der „Verbindung zwischen Philosophie, Soziologie und Geistes-
wissenschaft“ erhalten habe.
39
Von den Professoren, die ihn dabei besonders
beeinflussten, nennt er neben anderen Theodor Litt. In den 1940er Jahren
beteiligte sich Levin an der Entwicklung einer fachübergreifenden, die Politik
anleitenden, wissenschaftlichen Gegnerforschung. Diese müsse, so Levin, an
den politischen Gehalt der Geisteswissenschaften, ihrer Bedeutung für die
Stärkung und das Wachstum des Volksbewusstseins anknüpfen, zwar die
36
Herbert, Ulrich: Weltanschauungseliten. Ideologische Legitimation und politische Praxis
der Führungsgruppe der nationalsozialistischen Sicherheitspolizei. In: Potsdamer Bulletin
für zeithistorische Studien, Heft Nr. 9 (1997), S.4
37
Lebenslauf in Ploetz, Hans Achim: Die Theorie der Dichtung. Berlin 1936, S.52 u. Bundes-
archiv (ehem. BDC) SS-Führerakte, SSO – Hans Achim Ploetz
38
Zum Folgenden Schreiber, Carsten: Von der Philosophischen Fakultät zum Reichssicher-
heitshauptamt. Leipziger Doktoranden zwischen Universität und Gegnerforschung. In:
Sachsens Landesuniversität in Monarchie, Republik und Diktatur, hrsg. v. Ulrich von Hehl.
Leipzig 2005, S.270ff.
39
Zitiert bei Carsten, a.a.O., S.270
48
Unterschiede zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften
beachten, aber eine „Zusammenarbeit von Rassenkunde und Geschichte
herbeiführen“, um „eine geisteswissenschaftlich orientierte Rassenkunde“ bzw.
„eine geschichtliche Rassenmorphologie“ zu entwickeln, „also eine Lehre von
den Formen, Normen und Typen der Rassen, die im Verlaufe der Geschichte
entstanden sind.“
40
Dabei sei, so Levin, die Geisteswissenschaftliche Methodik
der Typenlehre hilfreich, wie sie Wilhelm Dilthey, Max Weber und Eduard
Spranger entwickelt haben.
41
Ohne die hier angedeutete Problematik der Beziehung zwischen Rassen-
kunde und Geisteswissenschaft weiter zu verfolgen, lässt sich mit dem Histori-
ker Lutz Raphael immerhin soviel folgern,„daß [...] die Verbindungen zwischen
NS-Ideologie und zeitgenössischer ‚seriöser‘ Wissenschaft enger waren, als
es das tradierte Klischee vom wahnhaften nationalsozialistischen Weltan-
schauungssyndrom aus Judenhaß, dumpfen Germanenkult und rückwärtsge-
wandtem Blut- und Bodenkult suggerierte.“
42
Denn, soviel lässt sich aus der
bisherigen wissenschaftshistorischen Forschung belegen, dass die „bereitwillige
Teilnahme breiter Mehrheiten in den akademischen Professionen und im uni-
versitären Milieu an der ‚nationalen Revolution‘“ einen pragmatischen Kurs in
der Hochschul- und Wissenschaftspolitik des NS-Regimes zur Folge hatte, so
dass sich „das Regime [...] nach der Ausschaltung grundsätzlicher Kritik sei-
nerseits rasch an die bestehenden Kräfteverhältnisse in den Universitäten
anpaßte und einen begrenzten intellektuellen Meinungsspielraum zuließ“
43
,
solange der politische Führungsanspruch des Nazismus nicht grundsätzlich
bestritten wurde.
Abgrenzung und Zusammenarbeit
Bezogen auf die Geisteswissenschaftliche Pädagogik und ihr Verhältnis zum
Nazismus kann die Forschung nicht bei den zeitweise unterschiedlichen Ab-
grenzungen vom Nazismus der Geisteswissenschaftlichen Pädagogen bzw.
40
Zitate aus Levin, Rudolf: Geisteswissenschaftliche Methodik der Gegnerforschung. In: Grund-
probleme der Gegnerforschung. Vorträge, gehalten auf der Oktobertagung 1943 des RSHA,
Amt VII, in Schliersee. Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte in München, EK 115, S.6f.
41
Levin, a.a.O., S.10
42
Raphael, Lutz: Radikales Ordnungsdenken und die Organisation totalitärer Herrschaft:
Weltanschauungseliten und Humanwissenschaftler im NS-Regime. In: Geschichte und Ge-
sellschaft 27 (2001), S.7
43
Zitate aus Raphael, a.a.O., S.12
49
deren „Ja, aber“
44
stehen bleiben. Vielmehr müssen die „Neuarrangements in
der Rangordnung ihrer Argumentationen“
45
in der Zeit des Nazismus noch näher
untersucht werden, das bedeutet: die Anpassung ihrer Theoriekonstruktionen an
den, durch die extreme Nationalisierung und Biologisierung eingeleiteten, Wis-
senschaftswandel im Nazismus sowie an die Einflüsse der Kriegsvorbereitung
und der imperialistischen Großraumplanung.
Noch immer fehlt zudem eine systematische Analyse dieser Pädagogen-
gruppe als Intellektuelle, die nicht nur Theoriekonstrukteure in ihren Denkstu-
ben und keineswegs begrenzt wurden auf den „Inselbereich eines bescheide-
nen Tätigkeitskreises“ (s.o.), sondern die auch als Theoriepolitiker mit ihrem
professionellen Wissen in vielfältigen Formen Einfluss nahmen in der wissen-
schaftlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit der NS-Zeit: sei es durch
Vorträge, sei es durch Auslandsreisen, sei es durch Artikel in Zeitschriften,
Tageszeitungen und Wochenzeitungen, sei es durch Mitgliedschaft in wissen-
schafts- und kulturpolitischen Organisationen u.a.
Wir sind noch weit von einer umfassenden, kritischen Wissenschaftsge-
schichte der nichtnazistischen Erziehungswissenschaft entfernt, die Mentalitä-
ten, Institutionen, Ideologien und Handeln der Protagonisten in der NS-Zeit mit
ihren Theorieentwicklungen verbindet, Kontexte sichtbar macht, über den
Disziplinrand hinausschaut und die „Resonanzkonstellationen“
46
der Erzie-
hungswissenschaft in der nazistisch umrahmten Öffentlichkeit untersucht. Es
gilt auch die Wissenschaftsgeschichte der „unverdächtig“ erscheinenden
Geisteswissenschaftlichen Pädagogik in den Jahren des Nazismus unter dem
Forschungsaspekt der möglichen Zusammenarbeit mit dem Nazismus zu
erweitern.
Was bleibt?
Die Deutschen sehnen sich vergeblich nach Normalität, meint der amerikani-
sche Übersetzer und Lyriker Charles Kenneth Williams in einem Essay, mit
Blick auf Walsers Paulskirchenrede: „Sie sind ein symbolisches Volk geworden
– wie einst die Juden.“ Sie gelten weltweit als Tätervolk, als „symbolisches Volk
der Täter“ und „Symbole haben eine tiefere Wirkung und eine größere Intensität
als Ideen.“ Deshalb darf von den Deutschen erwartet werden, so Williams:
44
Rang, Adalbert: „Ja, aber“. Reaktionen auf den Nationalsozialismus in der Zeitschrift Die
Erziehung im Frühjahr 1933. In: Soziale Arbeit und Faschismus, hrsg. v. Hans-Uwe Otto u.
Heinz Sünker. Frankfurt/M. 1989, S.250-272
45
Raphael, a.a.O., S.29
46
Resonanzkonstellationen. Die illusionäre Autonomie der Kulturwissenschaften, hrsg. v.
Georg Bollenbeck u. Clemens Knobloch. Heidelberg 2004
50
„dass sie den Wert ihrer Nation nicht nach der Effizienz ihrer Fabriken und ih-
res Außenhandels bemessen, sondern durch Taten belegen, zu denen andere
Nationen nicht verpflichtet sind. Keine andere Nation hat eine Dialektik erfah-
ren, die so tief in die Fundamente der sittlichen Existenz eingedrungen ist.“
47
Es bleibt, nicht erst seit „68“, die Aufgabe, den vielfältigen Bestrebungen einer
Entlastung der Erinnerung entgegenzuarbeiten und Rahmenbedingungen zu
schaffen für die andauernde, jeweils neu zu erarbeitende Erinnerung der Ge-
schichte, so auch der nichtnazistischen Erziehungswissenschaft in der NS-Zeit.
Anmerkung zum Abschluss
Abschließend möchte ich im Zusammenhang mit dem Thema noch Anmer-
kungen zu Wolfgang Keim machen, der ja nun seinen Lehrstuhl in Paderborn
verlässt:
Wolfgang Keim beteiligt sich seit den 1980er Jahren wissenschaftlich und
wissenschaftspolitisch an der Auseinandersetzung mit „Pädagogen und Päda-
gogik im Nationalsozialismus“, so der Titel einer von ihm veranstalteten Vor-
tragsreihe an der Gesamthochschule Paderborn, deren Publikation immerhin
drei Auflagen erlebte.
48
Vielfach nahm er in wissenschaftspolitischen Konflikten Stellung, wie 1984
bei der Ernennung Theodor Wilhelms zum Ehrenmitglied der Deutschen Ge-
sellschaft für Erziehungswissenschaft, die er, durch Quellenmaterial aus der
Zeit Wilhelms vor 1945 gestützt, ablehnte.
Durch die Publikation von Arbeiten in der von ihm verantworteten Reihe
„Studien zur Bildungsreform“ beim Frankfurter Lang Verlag unterstützte er in
konfliktträchtigen Auseinandersetzungen über einzelne Pädagogen neue,
kritische Sichtweisen. Erinnert sei beispielsweise an die Bücher von Kurt
Beutler und Anna Siemsen über Erich Wenigers Militärpädagogik vor und nach
1945.
49
Ende der 80er Jahre gelang ihm das Kunststück, Kollegen und eine Kolle-
gin zusammenzuführen, deren kritische Positionsbestimmung zum Verhältnis
von „Erziehungswissenschaft und Nationalsozialismus“ 1990 durch eine ent-
sprechende Arbeitsgruppe auf dem Bielefelder Kongress der Deutschen Ge-
47
Zitate aus Williams, Charles Kenneth: Das symbolische Volk der Täter. In: Die Zeit, Nr. 46:
07.11.2002, S.37
48
Keim, Wolfgang (Hrsg.): Pädagogen und Pädagogik im Nationalsozialismus – Ein unerle-
digtes Problem der Erziehungswissenschaft. Frankfurt/M. 1988
49
Beutler, Kurt: Geisteswissenschaftliche Pädagogik zwischen Politisierung und Militarisie-
rung – Erich Weniger. Frankfurt/M. 1995 u. Siemsen, Barbara: Der andere Weniger.
Frankfurt/M. 1995
51
sellschaft für Erziehungswissenschaft vertreten wurde und durch eine entspre-
chende Publikation
50
für nachhaltige Wirkung sorgte.
Das Ergebnis seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der NS-
Zeit hat Wolfgang Keim dann in der zweibändigen Monographie „Erziehung
unter der Nazi-Diktatur“
51
publiziert, die, 1995 und 1997 erschienen, vor allem
dem gerecht wird, was Saul Friedländer als integrierte Geschichtsschreibung
fordert, indem er ausführlich auch die „andere“ Pädagogik in der NS-Zeit
darstellt. Im Vorwort der „Erziehung unter der Nazi-Diktatur“ hebt Wolfgang
Keim die Motivation für seine anhaltende Auseinandersetzung mit der Thematik
hervor, sie ist für ihn als Kriegskind „lebensbedeutsam geworden“
52
. Er ist
demnach ein echter ’68er und nun ein ’68er-Pensionär, aber damit sicher nicht
am Ende seiner
wissenschaftlichen Arbeit angekommen.
50
Erziehungswissenschaft und Nationalsozialismus – Eine kritische Positionsbestimmung,
hrsg. v. Wolfgang Keim u.a. Marburg 1990
51
Keim, Wolfgang: Erziehung unter der Nazi-Diktatur, 2 Bände. Darmstadt 1995 u. 1997
52
Keim, a.a.O., 1995, S.IX
53
Rebellion, Reform, Revision
– 1968 und die deutsche Universität
Prof. Dr. Hubertus Fischer (Hannover)
Erlauben Sie mir eine Vorbemerkung. Von Paderborn kannte ich bisher nur
den östlichen Teil des ehemaligen Fürstbistums. Damals war ich den
Haxthausens auf der Spur, die in regem Verkehr mit den Brüdern Grimm
standen und ihnen etliche Märchen zukommen ließen.
1
Umso lieber bin ich
jetzt nach Paderborn selbst gekommen, das sich, zumindest mit seiner Uni-
versität, entschlossen von der Märchenzeit abgewandt hat.
2
Die „Universität
der Informationsgesellschaft“ blickt ja schon ihrem Namen nach programma-
tisch in die Zukunft hinein – hoffen wir, dass ihr eine informierte Gesellschaft
zur Seite steht. Da wir uns zur Verabschiedung von Wolfgang Keim aber
weder unter dem Motto „Es war einmal“ noch unter dem Motto „Communication
unlimited“ zusammengefunden haben, sondern uns das Was bleibt von den
Veranstaltern aufgegeben ist, beginne ich sogleich im Hier und Jetzt der deut-
schen Hochschullandschaft.
3
„Die deutsche Hochschule hat sich selbst verloren; sie spricht nicht mehr für
sich. Sie läßt sich von ‚Gesellschaften mit beschränkter Haftung‘ durch die
Manege führen, als gäbe es sie aus eigenem Recht gar nicht. Die Politik hat
sich von der Hochschule verabschiedet, obwohl sie täglich von ihr spricht. Ab-
handen gekommen ist ihr die Vorstellung, daß Hochschulpolitik ein eigenstän-
diges Feld des politischen Handelns ist. Befreit sich die Hochschulpolitik aber
nicht aus der Gemengelage von Wirtschafts-, Regional- und Strukturpolitik,
dann bleibt die Hochschule der Fremdbestimmung unterworfen. Mit der
Fremdsteuerung durch Hochschulentwicklungs-, Evaluations- und Akkreditie-
rungsagenturen bildet diese Art von Hochschulpolitik ein schleichendes Gift.
Es lähmt die Hochschule und macht sie in ihren Aufgaben und Zielen zuneh-
mend unkenntlich. Werden diese aber nicht mehr erkannt, dann erscheint die
Hochschule nur mehr als Kostgänger der öffentlichen Hand.
1
Anlass war die Entdeckung des handgeschriebenen Liederbuchs der Anna von Haxthau-
sen, der vier Jahre jüngeren Tante der Droste; es harrt noch immer der Ausgabe. Von den
Mitgliedern der Haxthausen-Familie war es Anna, die den Grimms die meisten Märchen
vermittelt hat; vgl. Westfälische Märchen und Sagen aus dem Nachlaß der Brüder Grimm,
hrsg. v. Karl Schulte Kemminghausen. 2. Aufl. Münster 1963, S.12f. u. 172-176
2
Gleichwohl einen Haxthausenhof aufzuweisen hat.
3
Auf eine Auseinandersetzung mit den jüngst erschienenen Darstellungen von Jürgen
Busche u. Gerd Koenen sowie dem von Daniel Cohn-Bendit mit herausgegebenen Band
über ’68 wird zugunsten einer biographischen Perspektive verzichtet.
54
An dieser Situation ist die Hochschule nicht schuldlos. Sie hat sich dem Dik-
tat der Ökonomisierung unterworfen, obwohl sie kein Unternehmen ist. Sie
verleugnet ihr eigenes Profil und läßt sich an Harvard und MIT messen, ob-
wohl die Masse der US-Universitäten keineswegs Klasse ist. Das sind Sym-
ptome für den dramatischen Selbstverlust der deutschen Hochschule. An
jüngsten Beispielen fehlt es nicht. Eilfertig springt sie auf den Elitezug auf, ob-
wohl sie weiß, daß dieser Zug sein Ziel nicht erreichen wird [...]. Die deutsche
Hochschule läuft blind hinter tagespolitisch motivierten Wendungen her, be-
sonders wenn dies ihre finanzielle Notlage zu lindern verspricht. Dieser
Selbstverlust steht in einem Mißverhältnis zu ihren Möglichkeiten, erst recht
aber zu den Herausforderungen, denen sie sich heute ausgesetzt sieht.“
Diese Sätze habe ich unter der Überschrift „Anstoß nehmen“ als Prolog des
Memorandums Hochschule neu denken der Gruppe 2004 formuliert.
4
Darin
haben sich fünfzehn Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaftler aus Deutsch-
land und der Schweiz die Aufgabe gestellt, aus diesen „Möglichkeiten“ länger-
fristige Zielperspektiven zu entwickeln. Das Memorandum endet mit einem
„Epilog“, der seinerseits „Anstoß geben“ will:
„Hochschule und Wissenschaft: das ist eine zu wichtige Angelegenheit, um sie
Administrationen und Agenturen zu überlassen. Die Hochschulangehörigen
müssen wieder Verantwortung für sie übernehmen, damit sie zu ihrer Angele-
genheit wird. In dem Maße, in dem das geschieht und die Hochschulangehöri-
gen ihre Aufgabe im Horizont einer Weltgesellschaft im Wandel begreifen, wird
die Hochschule der offene Ort einer ideenreichen Zukunftswerkstatt sein.
Selbständigkeit und Selbstreflexion werden in ihr ebenso zu Hause sein wie
ein verantwortungsvoller Umgang mit dem hohen öffentlichen Gut Wissen-
schaft.“
5
Das ist, wenigstens für mich, die Essenz von „1968 und die deutsche Universi-
tät“: Für Hochschule und Wissenschaft in allen Gruppen Verantwortung über-
nehmen, damit sie zur ureigensten Angelegenheit wird; diese Aufgabe als
Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft begreifen, da Forschung, Lehre und
Technologieentwicklung keine Privatangelegenheiten einzelner Hochschulan-
gehöriger sind, sondern gesellschaftliche Güter und Prozesse, die alle betref-
fen und über deren Ziele und Folgen ein offener Dialog mit der Gesellschaft zu
führen ist; zu diesem Zweck außer Methoden- und Fachkompetenz Selbstän-
4
Gruppe 2004: Hochschule neu denken. Neuorientierung im Horizont der Nachhaltigkeit –
Ein Memorandum –. Frankfurt/M. 2004, S.7-8
5
Ebd., S.38. – Siehe auch Hubertus Fischer: Das globale Dorf als interdisziplinäres For-
schungsprojekt. In: Politische Ökologie 93, München, April 2005, S.34-36
55
digkeit im Denken und Handeln wagen und nicht zuletzt Selbstreflexion im
Umgang mit Gegenstand und Geschichte des eigenen Faches üben.
Wenn das in einem die Fakultätsgrenzen überschreitenden Memorandum
unserer Tage wieder angemahnt wird, zeigt sich, dass die Essenz von 1968
keineswegs abgegolten ist. Es zeigt aber auch, dass ein Prozess der „Revisi-
on“ in Gang gekommen ist, der diese „Essenz“ zum Nachteil der Hochschulen
verkümmern lässt – um nicht von denen zu sprechen, die im „Kampf um die
Deutungshoheit dessen, was ’68 war,“
6
diese Essenz verleugnen und zum
verbalen Exorzismus neigen.
7
Selbst an der Universität Hamburg, wo sich die „Rebellion“ in Grenzen hielt,
hat dieser Impuls tief in die Hochschule hineingewirkt. Man begann 1967/68 –
im Jahr zuvor war ich von München nach Hamburg gewechselt – vermehrt
Verantwortung zu übernehmen für die eigene Geschichte, indem man das
Studium nicht bloß als Studium, sondern als Aufklärung und Selbstaufklärung
betrieb. Fritz Fischers Vorlesungen und Seminare boten hierzu die beste
Gelegenheit, zumal die sogenannte Fischer-Kontroverse unvermindert an-
hielt.
8
Man begann sich verstärkt zu engagieren, weil man sah, welche Hin-
dernisse und Defizite es zu überwinden galt. Während der Debatte um die
Notstandsgesetze, die nicht nur im Parlament, sondern auch in vielen Medien
mit Rücksicht auf den Bestand der Demokratie und das Ende von Weimar
geführt wurde, bot ein ahnungsloser Professor, als ich ihm sagte, wir müssten
an diesem Tag demonstrieren, ernsthaft an, in seinem Seminar über das
Widerstandsrecht im Mittelalter
9
zu diskutieren. Er war im Übrigen ein honori-
ger Mann.
6
„Halten wir fest: Die 68er sind an allem schuld“. Interview mit Joschka Fischer. In: Der
Tagesspiegel, 30. Dezember 2007, S.S1 u. S3, hier S.S3. – Stolz und Schuld – 16 Rebel-
len von damals diskutieren über „68“ und die Folgen. In: Der Spiegel, Nr. 44, 29. Oktober
2007, S.74-96. – Irmela Hannover/Cord Schnippen: I can’t get no – Ein paar 68er treffen
sich und rechnen ab. Köln 2007. – Die 68er. Wie eine Generation die Welt veränderte. In:
Stern, Nr. 47, 15. November 2007, S.30-64; Nr. 48, 22. November 2007, S.88-104 etc. –
Unter der Schlagzeile „Mythos 1968: Sex & Rebellion? Wie es wirklich war“ verkommt der
68er-Rückblick mehr und mehr zum Potpourri der Beliebigkeiten. In: Der Tagesspiegel, 6.
Januar 2008, S.S1-S5
7
Kai Diekmann: Lob der Achtundsechziger. In: Ders.: Der große Selbstbetrug. Wie wir um
unsere Zukunft gebracht werden. 2. Aufl. München 2007, S.151-154
8
Vgl. George F. W. Hallgarten: Das Schicksal des Imperialismus im 20. Jahrhundert. Zweite
Abhandlung: Deutsche Selbstschau nach 50 Jahren: Fritz Fischer, seine Gegner und Vorläu-
fer. Frankfurt/M. 1969
9
Vgl. Fritz Kern: Gottesgnadentum und Widerstandsrecht im früheren Mittelalter. Zur
Entwicklungsgeschichte der Monarchie, hrsg. v. Rudolf Buchner. Leipzig 1914. Nachdruck
Darmstadt 1954
56
1999, vierzig Jahre nach dem die Kontroverse auslösenden ersten Aufsatz
Fischers über „Deutsche Kriegsziele“, hat Gerd Krumeich in der Frankfurter
Allgemeinen Zeitung eine abgewogene Bilanz der Fischer-Kontroverse gezogen:
„Und so müssen vierzig Jahre später auch die, die Fritz Fischer bekämpften
oder seinen moralinsauren Abrechnungen skeptisch gegenüberstanden, se-
hen, daß es seine Fragen und [...] Thesen waren, die nicht allein die Diskussi-
on über den Ersten Weltkrieg beflügelt haben, sondern die deutschen Histori-
ker in einem wichtigen Moment vom Druck der Tradition befreit und neue
Wege des ,historischen Verstehens‘ gebahnt haben.“
10
Das bleibt und ist geblieben weit über den engeren Kreis der Historiker hinaus,
denn diese Befreiung vom „Druck der Tradition“ wirkte wesentlich mit bei der
verspäteten inneren Gründung der westdeutschen Nachkriegsdemokratie.
Angesichts des Mehltaus, der damals auf der Germanistik lag, war Ver-
gleichbares von ihr nicht zu erwarten. Umso eingehender setzte man sich mit
ihr auseinander. Das Fehlen einer Methodengeschichte führte zur Bildung
einer studentischen Gruppe, die in einjähriger Arbeit ein umfangreiches Manu-
skript erstellte.
11
Unmittelbarer Anlass war das Erscheinen des Buches „Syn-
thetisches Interpretieren“ des in Madison (USA) lehrenden Jost Hermand. Bei
diesem Versuch, aus eigener Kraft Wissenschaftsgeschichte als Methoden-
geschichte zu schreiben, wirkten auch die Sätze Karl Otto Conradys auf dem
Deutschen Germanistentag 1966 in München mit:
„Es bleibt eine Forderung an unser Fach, den Gesellschafts- und Wissen-
schaftsprozeß, der den Weg der Germanistik ins Dritte Reich bereitet hat, in
seiner ganzen Komplexität aufzuklären, und zwar um der Klärung und Siche-
rung der heutigen Grundlagen des Faches willen. Solche Beschäftigung mit
der Geschichte der Deutschen Philologie gehört in den größeren Rahmen
jener von Eduard Baumgarten verdeutlichten Aufgabe gerade auch der Uni-
versitäten: auf der Basis der geschichtlichen Erfahrung die Momente aufzu-
spüren, die unserem Selbst- und Weltverständnis, unserer Pädagogik, unserer
geistigen Kultur und unserem öffentlichen Leben jene Verfassung gegeben
10
Gerd Krumeich: Das Erbe der Wilhelminer. Vierzig Jahre Fischer-Kontroverse: Um die
deutschen Ziele im Ersten Weltkrieg stritten die Historiker, weil man vom Zweiten ge-
schwiegen hatte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 257, 4. November 1999, S.56
– Vgl. auch Gregor Schöllgen: Herr der Kontroversen. Revolutionär wider Willen: Zum
neunzigsten Geburtstag des Historikers Fritz Fischer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Nr. 54, 5. März 1998, S.43
11
Vgl. später erschienene Publikation von Marie Luise Gansberg u. Paul Gerhard Völker:
Methodenkritik der Germanistik. Materialistische Literaturtheorie und bürgerliche Praxis.
2. Aufl. Stuttgart 1971
57
haben, die unsere wiederholten nationalen Katastrophen nicht nur nicht ver-
hindert, sondern sie mitbereiten half.“
12
Das empfand man so selbstverständlich als Aufgabe, dass man es gar nicht
erst als Forderung an die Institution Universität delegierte. Man ging den direkten
Weg der Selbstorganisation – auch wenn es andere Defizite auszugleichen
galt. Als ich in der Fachschaft mit Fragen der Studienreform befasst war, führte
ich mit Studenten und Studentinnen ein autonomes Seminar zum Thema
„Roman und Geschichte“ durch, weil derartiges nicht auf dem Lehrplan stand.
An einer Stelle tat sich jedoch ein unverhoffter Freiraum auf.
Es begann in einem Hauptseminar des Goethe-Experten Heinz Nicolai im
Sommersemester 1968, wo ich, einigermaßen enerviert von der dort eingeübten
adorierenden Haltung, meinen Vortrag über den Typus der Märchennovelle
mit der Bemerkung einleitete, ich könne mir nicht helfen, aber ich fühlte mich
wie im „säkularisierten Konfirmandenunterricht“ – was, wie sich denken lässt,
einige Unruhe nicht nur bei dem Seminarleiter auslöste. Unsere Aufgabe als
Literaturwissenschaftler sei es, methodisch nachvollziehbare Textanalysen zu
liefern und die jeweiligen Bauformen des Erzählens
13
freizulegen. Ich muss es
zur Ehre Nicolais sagen, er lud uns und darunter besonders diejenigen, die ein
Ungenügen empfanden, ins Oberseminar, wo wir uns der Gegenwartsliteratur
und Gegenwartsproblemen zuwandten. Wolfgang Keim war dabei, auch der
Studienfreund Jens Flemming, der heute in Kassel Neuere Geschichte lehrt.
Eine gemeinsame Habermas-Lektüre schloss sich an, und der Versuch, die so
gewonnenen Erkenntnisse für eine theoretische Selbstverständigung zu nutzen.
Vor dem Hintergrund der Münsteraner und Mainzer Erfahrungen sollte dies
wohl ein Schlüsselerlebnis für Wolfgang Keim gewesen sein. Jedenfalls haben
Kritik und Selbstreflexion bleibende Spuren in seinen Arbeiten hinterlassen.
Es war wohl auch das erste Mal in der westdeutschen Nachkriegsgerma-
nistik, dass in einem Oberseminar Erwin Strittmatters frühes Stück „Katzgra-
ben – Szenen aus dem Bauernleben“
14
Gegenstand einer sozialgeschichtli-
chen Analyse wurde. Vor dem Hintergrund von Nicolais Werdegang
15
nimmt
sich das mehr als ungewöhnlich aus, und es wirkt wie historische Ironie, wenn
12
Karl Otto Conrady: Deutsches Literaturwissenschaft und Drittes Reich. In: Germanistik –
eine deutsche Wissenschaft. Beiträge von Eberhard Lämmert, Walther Killy, Karl Otto
Conrady u. Peter v. Polenz. Frankfurt/M. 1967, S.73-105, hier S.105
13
Eberhard Lämmert: Bauformen des Erzählens. Stuttgart 1955
14
Erwin Strittmatter: Katzgraben – Szenen aus dem Bauernleben. Mit einem Nachspiel:
Katzgraben 1958. Berlin 1958
15
Vgl. Ludwig Jäger: Seitenwechsel. Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der
Germanistik. München 1998, S.285-291
58
Strittmatter selbst sich später von seinem Werk distanzierte und es eine „Sünde
wider die Kunst“
16
nannte.
Für mich schloss sich an diese kurze, aber sehr intensive gemeinsame Zeit
die Arbeit in der Initiativgruppe Studienreform Hamburg an. Mit ihren an ver-
schiedenen Stellen publizierten Grundsatzüberlegungen wollte sie Einfluss auf
den in Gang gekommenen Reformprozess nehmen.
17
Von heute aus gesehen,
haben diese Überlegungen vielleicht einiges Nachdenken bewirkt, vor allem
aber sind sie ein Zeitdokument, das seine geistigen Ziehväter Karl-Otto Apel,
Hans-Georg Gadamer, Jürgen Habermas und Albrecht Wellmer nicht verleugnen
kann. Auf Theorievergessenheit antwortete es mit Theorieversessenheit
– immerhin verständlich geschrieben, und der Grundimpuls von Kritik und Re-
form ist geblieben. 1971 schloss sich, inzwischen an der Freien Universität Berlin,
die mit einer Gruppe von Kollegen verfasste „Reformierte Altgermanistik“ an.
18
Die unverhoffte Wiederbegegnung mit Wolfgang Keim in Berlin war die
Wiederbegegnung mit einem vom Reformelan beflügelten Pädagogen, dem
die Gesamtschulidee zum Leitbild geworden war.
19
Seine Begeisterung hatte
für meine Frau und mich ganz handgreifliche Folgen: Die für das Zweite
Staatsexamen entwickelte „Variable Unterrichtsplanung am Beispiel China“
20
durften wir im Klassensatz – pro Schüler zwei prallgefüllte Aktenordner –
kopieren, sortieren, lochen und heften. Bevor er dann selbst einige Jahre
später nach China aufbrach, schrieb er mir noch am Abreisetag: „Der Ruf soll
in den nächsten Tagen kommen, einen Termin fürs Ministerium hab’ ich auch
schon. Und ich ginge gerne von Köln weg, da das Klima an unserer Hoch-
schule oft mehr als bedrückend ist: elitäres Gehabe, Dünkel, Falschheit und
16
Ralf Schnell: Geschichte der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Stuttgart/Weimar
1995, S.161
17
Initiativgruppe „Studienreform“ Hamburg (Wolfgang Dittmann, Hubertus Fischer, Dieter
Flader u.a.): Studienreform und Hermeneutik. In: Olaf Schwencke (Hrsg.): Literatur in Stu-
dium und Schule. Loccumer Experten-Überlegungen zur Reform des Philologiestudiums
(I). Ergebnisse und Dokumente des Kolloquiums vom April 1970. Loccum 1970 (= Loccu-
mer Kolloquien 1), S.1-12. – Wieder in: Regensburger Universitäts-Zeitung, 8. Jg., Heft 8,
August 1970, S.21-24. – Erneut in: Linguistische Berichte 12 (1971), S.69-77
18
Wolfgang Dittmann, Hubertus Fischer, Dieter Kartschoke u.a.: Reformierte Altgermanistik.
Bericht über ein Grundstudienmodell am Germanischen Seminar der Freien Universität
Berlin. Pressedienst Wissenschaft der FU Berlin, Heft 3, März 1972 – Wieder in: BAK
[Bundesassistentenkonferenz] (Hrsg.): Zum Beispiel: Altgermanistik. Historische Wissen-
schaft und Lehrerausbildung. Bonn, im Dezember 1972 (= Texte zur Studienreform 3),
S.16-95 – Erneut in: Jahrbuch für Internationale Germanistik IV/Heft 1 (1972), S.108-157
19
Wolfgang Keim: Gesamtschule – Bilanz ihrer Praxis. 2. Aufl. Hamburg 1976
20
Wolfgang Keim: Variable Unterrichtsplanung am Beispiel China. Frankfurt/M./Köln 1974
59
viel leeres Stroh [...].“
21
Es war der Ruf nach Paderborn. Die Ideen von ’68
scheinen nicht überall auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Sie konnten
aber auch sehr verschiedene Gestalt annehmen.
Als ich 1971 nach Berlin kam, war die relativ offene Studentenbewegung in
die sogenannte Organisationsphase eingetreten – mit der Folge, dass es allein
am Germanischen Seminar der Freien Universität verschiedene „Parteien der
Arbeiterklasse“ gab. Aus Hamburg kommend, wo sich die Verhältnisse recht
übersichtlich gestalteten, schwirrten jetzt Akronyme durch den Raum, mit
denen ich wenig anzufangen wusste: KPD/AO, PL/PI, KPD/ML, MLHG, ADSG
etc. Zur Anhörung um die Assistentenstelle – sechs Bewerber wurden neben-
einander aufs Podium gesetzt – traten Agitationskollektive auf und ein altger-
manistischer Lehrkörper, der zum älteren, in diesem Fall weiblichen Teil, alten
Zeiten anhing. Die Agitationskollektive waren harmloser als ihr Name verhieß,
die Vertreterinnen der Fachtradition kämpferischer als sich vermuten ließ. Das
zeigte sich in Zeitungsartikeln,
22
Rechtsaufsichtsbeschwerden und Mandats-
niederlegungen,
23
aber auch in dem Versuch, über einflussreiche Organisatio-
nen, wie die „Notgemeinschaft für eine Freie Universität“, mittels Denunziationen
Druck auszuüben.
24
Diese Reform musste auf dem Weg einer Revision des Curriculums theore-
tisch und praktisch erkämpft werden. Den Vorteil hatten diejenigen, die an-
dernorts mit „gemäßigten“ Varianten aufwarteten. Solche Laborzeiten, in
denen alles auf den Prüfstand kommt, braucht es heute mehr denn je, denn
die Verregelung der Curricula, die inzwischen – von wegen Mobilität! – zur
Verriegelung der Studiengänge mutiert ist, droht jede lebendige Fachentwick-
lung zu ersticken.
21
Wolfgang Keim an Hubertus Fischer, Köln, 28. Juni 1977; als Begleitbrief zu Wolfgang
Keim: Schulische Differenzierung. Eine systematische Einführung. Köln 1977
22
Prof. Dr. Ursula Hennig: Der altgermanistische Weg zu der Theorie von Marx. Kritische
Bemerkungen zu einem Grundstudienmodell am Germanischen Seminar der FU. In: Der
Tagesspiegel, 2. Juni 1971 – Vgl. Dieter Richter:
Die Zukunft der Altgermanistik. Ein dis-
kreditiertes Fach auf dem Weg zur radikalen Reform. In: Frankfurter Rundschau, 3. März
1973, S.VIII
23
U[we] S[chlicht]: Professorinnen legen Mandat nieder. Kritik an der Entwicklung im Fach-
bereich Germanistik der FU. In: Der Tagesspiegel, 19. Oktober 1971
24
Notgemeinschaft für eine Freie Universität (Hrsg.): Freie Universität unter Hammer und
Sichel, X, 1. September 1971 – (Tsp): Die Rolle der SEW an der FU. Notgemeinschaft
warnt vor wachsendem Einfluß. In: Der Tagesspiegel, 1. Oktober 1971 – (Tsp): Teil der
Germanistik-Dozenten klagt gegen Notgemeinschaft. In: Der Tagesspiegel, 14. Oktober
1971 – Dozenten wehren sich gegen „Notgemeinschaft“. In: Berliner Morgenpost. 14. Ok-
tober 1971 – „Freie Universität“ unter Hammer und Sichel. In: Deutsche National-Zeitung,
22. Oktober 1971, S.3 u. 5 – Fachbereich Germanistik setzt sich zur Wehr. In: FU-Info,
hrsg. v. Präsidenten der FUB, Nr. 25, 1. November 1971, S.5-6
60
Die Zeit übrigens, die man in Sitzungen der vielgescholtenen Gruppenuni-
versität zubrachte, nimmt sich gegenüber der heutigen Dauerbeanspruchung
durch Evaluierung, Akkreditierung, Reportierung vergleichsweise bescheiden
aus. Vor allem war sie besser angelegt, weil sie den eigenen Angelegenheiten
zugute kam, während sich die akademische Rastlosigkeit heute im bloßen
Vollzugs- und Auftragshandeln erschöpft. Selig die Zeiten des Obrigkeitsstaa-
tes, als ein Königlich preußischer Professor der Friedrich-Wilhelms-Universität
zu Berlin harsche Beschwerde führte, weil ihm das Ministerium „Zudringlich-
keiten“ in Gestalt eines kleinen Fragebogens machte.
25
Heute kann das
Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) der privaten Bertelsmann-Stiftung
mit Unterstützung der Hochschulleitungen die Dienste zigtausender deutscher
Professorinnen und Professoren in Anspruch nehmen, um nach Belieben
Datenmengen und Informationen aus hundert Universitäten herauszuziehen.
Was bleibt? Oder besser: Was bleibt zu tun? Die Universität ist wieder aus
ihrer Mitte heraus so zu gestalten, dass sie nicht länger unverantwortlichen
Steuerungen von außen ausgesetzt ist, die, wie inzwischen allenthalben zu
sehen, gravierende Fehlentwicklungen im Innern nach sich ziehen.
Auch in institutioneller Hinsicht bleibt mehr von ’68, als auf den ersten Blick
erkennbar ist.
„Interfakultative Zusammenarbeit ist notwendig“, hat Peter Szondi in jenem
Jahr in einer Diskussion mit Münchener Germanistikstudenten erklärt.
26
Die-
ses Diktum gilt nach wie vor, da die traditionelle Versäulung der deutschen
Universität die von der Entwicklung der Wissenschaften geforderte horizontale
Verflechtung nach wie vor behindert oder erschwert. Ansätze zu Trans- und
Interdisziplinarität hat es bereits in der Kritischen Universität 1967/68 gege-
ben.
27
Neben Szondi war es Helmut Gollwitzer, der sich in den Auseinander-
setzungen um die Kritische Universität persönlich engagierte.
28
Vor diesem
Hintergrund versteht man besser, dass ich einige Jahre später als junger
25
Brief von Johann Georg Droysen, 15. April 1884: „Wie kann er sich es erlauben, Zudring-
lichkeiten, die allenfalls den Subalternbeamten gegenüber hergebracht sein mögen, Leu-
ten zu machen, die kaum die Empfindung haben, Beamtete zu sein, gewiß aber das Recht
haben, sich nicht als Untergebene des Ministers und seiner Räte zu fühlen?“ Zitiert nach:
Wolfgang Neugebauer: Die preußischen Staatshistoriographen des 19. und 20. Jahrhun-
derts. In: Das Thema „Preußen“ in Wissenschaft und Wissenschaftspolitik des 19. und 20.
Jahrhunderts (= Beiheft 8 der Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Ge-
schichte N. F.). Berlin 2006, S.17-60, hier S.49, Anm. 103
26
Peter Szondi: Über eine „Freie (d.h. freie) Universität“. Stellungnahmen eines Philologen.
Frankfurt/M. 1973, S.110
27
Kritische Universität – Provisorisches Verzeichnis der Studienveranstaltungen im Winter-
semester 1967/68, hrsg. v. AStA der Freien Universität Berlin, Hochschulabteilung
28
Vgl. Szondi, Über eine „Freie (d.h. freie) Universität“, a.a.O., S.70
61
Assistent keine Mühe hatte, Gollwitzer für ein Seminar über Literatur des
Bauernkrieges zu gewinnen, um mit ihm und den etwa zweihundert Studenten
die theologische Sicht auf den Zusammenhang von Obrigkeit und Widerstand,
Religion und Revolution anhand der Schriften Luthers, Emsers und Müntzers
zu diskutieren.
Geblieben ist die „interfakultative Zusammenarbeit“, die sich heute an einer
stark technisch geprägten Universität in der Zusammenarbeit mit Landschafts-
architekten realisiert. Daraus ist das 2006 in der ehemaligen Israelitischen
Gartenbauschule Ahlem veranstaltete Symposium „Gärten und Parks im Leben
der jüdischen Bevölkerung nach 1933“ entstanden,
29
das in diesem Jahr mit
einem Symposium am Franz Rosenzweig Zentrum in Jerusalem fortgesetzt
wird. Ist es Zufall, dass sich dieses jüngere Forschungsinteresse mit Wolfgang
Keims Forschungsthema der vergangenen zwanzig Jahre berührt?
30
Ich glaube
nicht; es ist wohl auch ein Teil von dem, „was bleibt“.
Zwei Nachbemerkungen. Heute wohne ich hundert Meter von jener Stelle
entfernt, wo am 2. Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizis-
ten erschossen wurde. Die Bild-Zeitung schrieb damals nach der Tat, Ohne-
sorg sei Opfer der von „politischen Halbstarken“ inszenierten Krawalle: „Sie
müssen Blut sehen.“
31
Die erste Reaktion unter Hamburger Studenten wäh-
rend einer Trauerkundgebung auf dem Campus waren Fassungslosigkeit und
Entsetzen. Dieser Tod löste eine tiefe Glaubwürdigkeitskrise der Nachkriegs-
demokratie aus, überlagert durch eine Glaubwürdigkeitskrise der westlichen
Führungsmacht.
32
Ohne diese Erschütterung hätte es den Umschlag des Protests in die Stu-
dentenbewegung nicht gegeben. Was bleibt, ist ein Erinnerungsmal, das seit
Dezember 1990 vor der Deutschen Oper Berlin steht. Es stammt von Alfred
Hrdlička, der dieses Relief „Der Tod des Demonstranten“ bereits 1971 schuf.
Ob ein Besucher der Oper darauf aufmerksam wird, ist schwer zu sagen; denn
was es mit diesem Erinnerungsmal auf sich hat, ist nur im Knien zu erfahren.
Das kleine Schild mit erklärendem Text ist kaum sichtbar unterhalb des Bron-
29
Hubertus Fischer/Joachim Wolschke-Bulmahn (Hrsg.): Gärten und Parks im Leben der
jüdischen Bevölkerung nach 1933. München 2008
30
Vgl. Wolfgang Keim (Hrsg.): Pädagogen und Pädagogik im Nationalsozialismus – Ein
unerledigtes Problem der Erziehungswissenschaft. 2., durchgesehene Aufl. Frankfurt/M.
u.a. 1990 [1. Aufl. 1988] (= Studien zur Bildungsreform, 16)
31
Zit. nach: Stern, Nr. 47, 15. November 2007, S.41
32
Vgl. die von der Bundeszentrale für politische Bildung konzipierte Ausstellung „’68 Brenn-
punkt Berlin“, die vom 31. Januar bis 31. Mai 2008 im Amerika Haus Berlin gezeigt wird
und von einem Diskussionsprogramm begleitet wird; die letzte Runde steht übrigens unter
dem Thema „’68 – und was ist übrig geblieben?“
62
zereliefs angebracht. Vielleicht hängt es mit dieser Diskretion zusammen, dass
die Umbenennung des Platzes „An der Oper“ in „Benno-Ohnesorg-Platz“
2007, vierzig Jahre nach der Tat, im Rathaus keine Mehrheit fand.
Die zweite Nachbemerkung: Es war im selben Jahr 2007, als ich mit einem
Kollegen des Historischen Seminars über seine lokalgeschichtlichen For-
schungen zur NS-Zeit sprach und er beiläufig bei der Erwähnung der Stadt
Hildesheim das Stichwort „Schule“ fallen ließ. Ich fragte ihn nach Professor Dr.
Ferdinand Roßner, der am Gymnasium Andreanum über Jahre mein Biologie-
lehrer war, und erfuhr, dass dieser 1922 in Greifswald promovierte Professor
der Hochschule für Lehrerinnenbildung Hannover nahezu ausschließlich mit
Rassenkunde und Vererbungslehre befasst war. Seit 1936 arbeitete er im
Rassenpolitischen Gauamt Hannover mit, dessen kommissarische Leitung er
1943 übernahm. Im selben Jahr wurde er zum Leiter der neugegründeten
Anstalt für Germanische Volks- und Rassenkunde in der Gauhauptstadt Han-
nover berufen und führte ab 1944 zusätzlich das Gauschulungsamt. In der
Schrift „Rasse und Religion“ erklärte er 1942 ganz offen, „daß bald ‚der letzte
Jude als Blutsträger des Judentums aus Deutschland, vielleicht aus Europa‘
verschwunden sein werde, das jüdische Gedankengut aber von ‚artfremden
Weltanschauungen konserviert und weitergeschleppt‘ werde, vor allem von
den christlichen Kirchen. Dagegen gelte es eine ‚artgemäße‘ Rassereligion zu
propagieren, denn das ‚Wissen von der Rasse‘ sei ‚unser deutsches Evange-
lium‘“.
33
Dieser Propagandist einer „im wahrsten Sinne des Wortes mörderischen
Ideologie“
34
wurde nach der Kapitulation zunächst in das Internierungslager
Staumühle bei Paderborn gebracht, schließlich in die Kategorie IV („Mitläufer“)
eingestuft und am humanistischen Gymnasium Andreanum Anfang der 1950er
Jahre als Studienrat wieder eingestellt, wo man ihm bedenkenlos Sextaner
anvertraute.
35
Aufklärung, das zeigt dieser Fall, tut nach wie vor not. Dass sie
33
Hans-Dieter Schmid: Die „Anstalt für Germanische Volks- und Rassenkunde in der Gau-
hauptstadt Hannover“. In: Schreibtischtäter? Einblicke in die Stadtverwaltung Hannover
1933 bis 1945. Ein Kooperationsprojekt von Historischem Seminar der Universität und
Stadtarchiv Hannover. Begleitheft zur Ausstellung. Bearbeitet von Wolf-Dieter Mechler und
Hans-Dieter Schmid. Hannover 2000 (= Kleine Schriften des Stadtarchivs Hannover Nr. 2),
S.57-72, hier S.61 – Siehe auch den Zeitungsartikel: Die Feierstunde der Partei: Der Ras-
segedanke, – Kern unsrer Weltanschauung. Professor Dr. Roßner sprach über das Thema
„Die Sünde wider Blut und Rasse ist die Erbsünde dieser Welt“. In: Hildesheimer Beobach-
ter, 24. Februar 1941
34
Schmid, Anstalt, a.a.O., S.61
35
Das Gymnasium Andreanum besuchte von 1917 bis 1928 auch Dr. Otto Ohlendorf, Leiter
der Einsatzgruppe D, die unter seinem Kommando in der Ukraine 91.678 Juden und Re-
gimegegner ermordete; vgl. Jason Weber: Normalität und Massenmord. Das Beispiel des
63
so spät kommt, ist ein Indiz mehr für die immer noch vorhandenen Defizite in
der Erforschung von Schulen und Hochschulen in der NS-Zeit. Darauf hat
Wolfgang Keim besonders im zweiten Band seines Standardwerks „Erziehung
unter der Nazi-Diktatur“ aufmerksam gemacht.
36
Die „auf Reintegration und
nicht auf Verurteilung nationalsozialistischer Täter“
37
ausgerichtete westdeut-
sche Nachkriegsgesellschaft hat eine kollektive Amnesie betrieben, die erst
mit dem Auschwitzprozess und der ’68er Bewegung allmählich aufbrach.
– Was bleibt? Es bleibt noch viel zu tun.
Einsatzgruppenleiters Otto Ohlendorf. In: Joachim Perels/Rolf Pohl (Hrsg.): NS-Täter in
der deutschen Gesellschaft. Hannover 2002 (= Diskussionsbeiträge des Instituts für Politi-
sche Wissenschaft der Universität Hannover, Bd. 29), S.41-68
36
Wolfgang Keim: Erziehung unter der Nazi-Diktatur. Bd. 1: Antidemokratische Potentiale.
Machtantritt und Machtdurchsetzung. Darmstadt 1995; Bd. 2: Kriegsvorbereitung, Krieg
und Holocaust. 2. Aufl. Darmstadt 2005 [1. Aufl. Darmstadt 1997]
37
Schmid, Anstalt, a.a.O., S.63
65
„Mehr Demokratie wagen“
– 1968 als Ausgangspunkt einer demokratischen Bildungsreform
StD Sigurd Hauff (Berlin)
Erwarten Sie bitte von mir kein fachwissenschaftliches Referat, sondern Erfah-
rungen, Beobachtungen und Gedanken eines früheren Pädagogen und frühe-
ren Politikers, der sich an diese Zeit und an die Zeit danach in Berlin erinnert.
Der Titel meiner Ausführungen enthält zwei Themenkomplexe: das Jahr
1968 und die Regierungserklärung Willy Brandts im Oktober 1969. Wie hän-
gen sie zusammen, was haben sie miteinander zu tun, und inwiefern kann
man diese Zeit als Ausgangspunkt einer demokratischen Bildungsreform
betrachten? Wie ist es zu dieser demokratischen Bildungsreform gekommen?
Dazu erscheint es mir zunächst sinnvoll, den Horizont zeitlich und räumlich
etwas weiter zu fassen und den Blick auf das Jahr 1957 zu richten. Im Oktober
1957, dem Monat, in dem ich gerade als frischgebackener Bachelor of Arts
nach zwei Jahren Studium in den Vereinigten Staaten nach Deutschland
zurückgekehrt war, wurde Amerika völlig unerwartet vom Sputnik-Schock
getroffen. Ich erinnere mich daran, dass dies in der Zeit des Kalten Krieges als
ein wichtiges Ereignis im Wettstreit der ideologischen Systeme angesehen
wurde. Und die Vereinigten Staaten und Westeuropa haben bekanntlich da-
nach große Anstrengungen in der Weltraumtechnik, der Wissenschaft und
auch der Bildungsreform unternommen. Für mich ist dies ein Beispiel dafür,
wie nüchtern man bei der Suche nach Motiven fortschrittlicher Reformen
gelegentlich sein sollte, auch wenn man darauf hinweisen kann, dass bereits
Ende der 1950er Jahre die „Free Speech Movement“ der Studenten in Kalifor-
nien bei der Jugend in Europa auf großes Interesse stieß.
Aus meiner persönlichen Erinnerung an diese Zeit möchte ich auf drei Er-
eignisse hinweisen. Im Rahmen der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ fand
1959 in Berlin der Studentenkongress gegen Atomrüstung statt, bei dem sich
u.a. die Professoren Helmut Gollwitzer und Wilhelm Weischedel engagierten
und bei dem als Gast auch der amerikanische Nobelpreisträger Linus Pauling
teilnahm.
Am 18. Januar 1960 fand in Berlin auf dem Steinplatz eine Gedenkfeier für
die Opfer des Nationalsozialismus statt, an der etwa 3.000 Studenten und
Professoren teilnahmen. Als ich gemeinsam mit weiteren neun Studenten
Plakate mit den Namen belasteter Mandatsträger hochhielt, z.B. von Hans
Globke, Staatssekretär von Konrad Adenauer, der in der NS-Zeit einen Kom-
mentar zu den Nürnberger Rassegesetzen geschrieben hatte, entstand erheb-
liche Unruhe, die zu unserer Festnahme durch die Polizei führte, allerdings
66
auch zu bundesweiten und internationalen Pressekommentaren, die sich für
uns einsetzten. Es war das bisher einzige Mal, dass es mir gelang, mit einem
Foto nicht nur im „Neuen Deutschland“, sondern auch in der „New York Times“
abgedruckt zu werden.
Als 1966 in Bonn die Große Koalition gebildet wurde, war ich Vorsitzender
der Jungsozialisten in Berlin-Kreuzberg und schickte in deren Auftrag ein
Protesttelegramm an den damaligen Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Herbert
Wehner. Franz Müntefering, mit dem ich vor kurzem Jugenderinnerungen
austauschte, meinte, dass damals sein Protest auch nicht erfolgreich war –
zum Glück, wie wir im Nachhinein einig waren.
Bereits im Jahr 1964 hatte Georg Picht mit seinem Buch „Die deutsche Bil-
dungskatastrophe“ die Öffentlichkeit aufgerüttelt und damit einer neuen Bil-
dungspolitik in Deutschland ganz wesentliche und starke Impulse gegeben.
Bei ihm konnte man sowohl ökonomische Argumente wie auch Motive der
sozialen Gerechtigkeit und der Gleichheit der Bildungschancen finden, wenn
er zum Beispiel auf die Benachteiligung der katholischen Mädchen auf dem
Lande hinwies.
In Berlin war Carl-Heinz Evers 1963 – noch unter Willy Brandt als Regie-
rendem Bürgermeister – zum Schulsenator gewählt worden und bereitete mit
Nachdruck die Einführung der Integrierten Gesamtschule in Berlin vor. 1966
richtete er mit engagierten Kolleginnen und Kollegen eine Planungsgruppe für
die „Gesamtschule Britz-Buckow-Rudow“ ein, in der ich zwei Jahre lang jeden
Freitagnachmittag mitarbeitete, bevor ich dann 1968 an der Walter-Gropius-
Schule, der ersten Gesamtschule Berlins, meinen Dienst als Studienrat antrat.
An einem dieser Freitage, es war der 2. Juni 1967, hörte ich auf der Heim-
fahrt von der Planungsgruppe die Nachricht vom Tod Benno Ohnesorgs, den
ein Polizist bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien erschossen
hatte. So nahe beieinander waren damals in Berlin Reformarbeit und eine
tödlich verlaufende Demonstration.
Auch im Jahr 1968 fand in Berlin schon im Februar eine Demonstration ge-
gen den Vietnamkrieg statt, an der unter anderem der damalige Charlotten-
burger Volksbildungsstadtrat Harry Ristock als führender Vertreter der linken
SPD in Berlin teilnahm. Er wurde dafür vorübergehend aus der Partei ausge-
schlossen und nur drei Jahre später zum stellvertretenden Senator für Schul-
wesen ernannt.
Die allgemeinpolitische und gesellschaftspolitische Bedeutung der Ereig-
nisse des Jahres 1968 kann hier nicht gewürdigt werden, die Osterunruhen in
Berlin mit den Schüssen auf Rudi Dutschke, die Mai-Unruhen in Paris, die
Tragödie der Ereignisse im August in Prag und die Unruhen in vielen europäi-
67
schen Städten seien hier nur erwähnt, um auf die Schlüsselbedeutung dieses
Jahres hinzuweisen.
Im Hinblick auf die persönliche Rolle und das politische Verhalten Willy
Brandts mag es interessant sein, was er selbst über seinen Sohn Peter schrieb:
„Peter wurde bei den Osterunruhen 1968 festgenommen und wegen eines
Demonstrationsdeliktes mit einer Strafe belegt. [...] Für mich war es wichtig,
dass ich in der eigenen Familie mit den Gedanken und Emotionen dieser Ge-
neration konfrontiert wurde. Wir hätten öfter und gründlicher miteinander reden
müssen. Dennoch verlor ich wohl niemals das Gespür für die Fragen, die
Probleme, die Denk- und Gefühlswelt der eigenen Söhne, ihrer Freunde und
Altersgenossen.“
1
Alles bisher Gesagte kann im Zusammenhang meines Themas als Vorlauf für
die Bewertung der Bundestagswahlen im September 1969 und der Wahl Willy
Brandts zum Bundeskanzler im Oktober 1969 dienen, die wohl als der Beginn
eines neuen Abschnitts in der Geschichte der Bundesrepublik gelten kann.
Der Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ aus der Regierungserklä-
rung Willy Brandts vom 28. Oktober 1969 ist nicht nur für viele Menschen zum
Leitmotiv der damals neuen sozial-liberalen Regierungskoalition geworden,
sondern inzwischen auch zu einem vielseitig verwendeten Schlagwort, so
dass es angemessen erscheint, den entsprechenden Passus im Zusammen-
hang zu zitieren:
„Unser Volk braucht, wie jedes andere, seine innere Ordnung. In den 70er
Jahren werden wir aber in diesem Lande nur so viel Ordnung haben, wie wir
an Mitverantwortung ermutigen. Solche demokratische Ordnung braucht au-
ßerordentliche Geduld im Zuhören und außerordentliche Anstrengung, sich
gegenseitig zu verstehen. Wir wollen mehr Demokratie wagen. Wir werden
unsere Arbeitsweise öffnen und dem kritischen Bedürfnis nach Information
Genüge tun. Wir werden darauf hinwirken, dass [...] jeder Bürger die Möglich-
keit erhält, an der Reform von Staat und Gesellschaft mitzuwirken.“
2
Willy Brandt hat diesen Satz später selber so kommentiert:
„Ein Satz, über den später viel polemisiert wurde, besagte, wir wollten mehr
Demokratie wagen. Wir hatten tatsächlich die Absicht, unsere Arbeit durch-
sichtiger zu gestalten, dem kritischen Bedürfnis nach Information mehr entge-
genzukommen. Wir gingen auch davon aus, dass mehr Mitbestimmung und
mehr Mitverantwortung unserem Land von innen her mehr Ordnung und die
1
Willy Brandt: Begegnungen und Einsichten. Die Jahre 1960–1975. Hamburg 1976, S.266
2
Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt.
Eingeleitet u. kommentiert v. Klaus v. Beyme. München/Wien 1979. S.251-281
68
Kraft zur Mobilität geben würden. Keine Perfektion schwebte uns vor, wohl
aber eine Gesellschaft, die mehr Freiheit bietet und mehr Mitverantwortung
fordert. Im selben Sinne sagte ich: ‚Wir stehen nicht am Ende unserer Demo-
kratie, wir fangen erst richtig an.‘ Gewiss eine provokative Äußerung, aber
nicht ungewollt.“
3
Und wenig später schrieb er:
„Reformpolitik hatte für mich immer auch mit Hoffnung zu tun – dies vor allem
in einer Zeit, in der auch viele der jüngeren Menschen im Blick auf die Zukunft
mehr von Sorge und Angst bewegt waren: Angst vor der Vernichtungsgewalt
militärischer Apparaturen, Sorge um die Lebensgrundlagen in einer gefährde-
ten Umwelt, Sorge um die Dritte Welt, Angst auch vor dem Manipuliertwerden
und Misstrauen, das durch ein ‚Unterangebot‘ an Wahrhaftigkeit bedingt war.“
4
Es kann kaum einen Zweifel darüber geben, dass der Regierungsantritt Willy
Brandts 1969 ein Signal war, mit dem Antworten und Lösungen für lang auf-
gestaute, nun aber gesellschaftlich virulent gewordene Fragen, Probleme und
Forderungen gefunden werden sollten. Es war ein kraftvolles, selbstbewuss-
tes, weithin gehörtes, von vielen verstandenes Signal. Man kann wohl sagen,
dass die Bundesrepublik am Beginn der sozial-liberalen Koalition vor Opti-
mismus und Reformbereitschaft strotzte, der Staat öffnete sich seinen Bürgern
gegenüber auf bis dahin ungekannte Weise. Es gelang damals, nicht nur die
demokratische Linke, sondern auch ganz allgemein die jungen Menschen im
Wesentlichen politisch zu integrieren, was eine nicht hoch genug zu bewertende
gesellschaftspolitische Leistung darstellt. Leider konnte diese Integrations-
leistung in den folgenden Jahren nicht immer und nicht auf allen Feldern
durchgehalten werden. Es gab damals einen breiten politischen Konsens, eine
demokratische Bildungsreform zu wagen, die nicht nur von den Entschei-
dungsträgern gewollt, sondern auch von weiten Kreisen der Gesellschaft
befürwortet und vorangetrieben wurde.
Dazu kam der nüchterne ökonomische Ehrgeiz, die bisher unzureichend
genutzten Bildungsreserven in Deutschland zu mobilisieren, auch im Hinblick
auf den internationalen Wettstreit. Für viele erschien es verlockend, durch
bessere Bildung und mehr Chancengleichheit einen gesellschaftlichen Auf-
stieg zu erreichen.
Daneben stand das Ziel, durch Schul- und Bildungsreform mehr soziale
Gerechtigkeit als bisher zu verwirklichen. Der Bildungserfolg des Einzelnen
sollte möglichst unabhängig von seiner sozialen Herkunft sein. Auf der Suche
3
Brandt, Begegnungen und Einsichten, a.a.O., S.306
4
Ebd., S.312
69
nach einer idealen Schule für alle, die sowohl integriert wie auch differenziert,
die leistungsstark und gerecht ist und nicht nach Herkunft selektiert, wurden
Gesamtschulen zunächst als Modell- und Versuchsschulen geplant und gegrün-
det, die später zur Einführung der Gesamtschule als Regelschule führen sollten.
Um ein zu frühes Sortieren der Schüler in homogene Lerngruppen zu ver-
meiden, wurde ein möglichst langer gemeinsamer Bildungsweg angestrebt, im
Idealfall von der Vorschule bis zum Abitur und als Ganztagsschule. Das erforder-
te allerdings auch neue Organisationsstrukturen, Curricula und Bewertungs-
methoden. Neben den kognitiven sollten soziale Lernziele mehr als bisher
berücksichtigt werden. Und es sollte – unter Beibehaltung des dualen Prinzips
in der Berufsbildung – ein erstes Kennenlernen der Berufswelt einen Platz im
Unterrichtsplan bekommen.
In der Lehrerbildung gab es Bestrebungen, der Didaktik gegenüber der
fachlichen Bildung mehr Gewicht zu geben. Und es gab Tendenzen zur Ver-
einheitlichung der Lehrerbildung, denn es kam vor, dass Lehrer mit verschie-
dener Laufbahn und Vorbildung denselben Lehrauftrag zu erfüllen hatten, von
der unterschiedlichen Besoldung ganz zu schweigen.
In Berlin verabschiedeten wir im Landesparlament Anfang der 70er Jahre
(ich war von 1971 bis 1981 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin) ein
Schulverfassungsgesetz, um neben den Lehrern auch den Schülern und
Eltern mehr und bessere Möglichkeiten der Mitwirkung und Zusammenarbeit
als bisher zu geben.
All diese Hoffnungen, Pläne und Reformanstrengungen sind bekannt und
sollen hier nicht weiter vertiefend behandelt werden. Aber die Anfangsfrage
des Symposions „Was bleibt?“ ist natürlich nicht vergessen. Zunächst erinnere
ich mich persönlich gern an diese pädagogisch aufregend lebendigen An-
fangsjahre der Berliner Gesamtschule. Unsere ersten vier Versuchsschulen,
die wir im Scherz „Mutterklöster“ nannten, hatten den großen Vorteil, dass
sämtliche Lehrerinnen und Lehrer freiwillig und mit großem pädagogischen
Elan dorthin gegangen waren. Es gab öffentlichen Zuspruch, Resonanz und
mehr Anmeldungen als Plätze.
Man kann vielleicht nachvollziehen, dass einige von uns skeptisch reagier-
ten, als bereits im Jahr 1970 in Berlin die Gesamtschule als Regelschule
gesetzlich verankert wurde und damit nicht mehr überall mit dem gleichen
großen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer an Gesamtschulen gerech-
net werden konnte. Architektonische Unzulänglichkeiten der neuen großen
Bildungszentren beeinträchtigten ihre Akzeptanz. Dazu kamen im Parlament
und in der Öffentlichkeit zunehmend die ideologischen Grabenkämpfe mit dem
traditionellen Schulsystem.
70
Es sind in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik viele wichtige Anstöße
und Schritte zur Reform der Bildung unternommen worden; vieles ist heute
verwirklicht und erscheint uns geradezu selbstverständlich, zum Beispiel die
gründlich revidierten Lehrpläne, die verbesserten Mitwirkungsmöglichkeiten für
Eltern, Schüler und Lehrer bei Entscheidungen für die Schule und vieles mehr.
Anderes hat sich nicht durchsetzen lassen, wie zum Beispiel eine ausge-
wogene Zusammensetzung der Schülerschaft im Hinblick auf soziale Herkunft
und Leistungsbereitschaft. Nicht bewährt hat sich bei genauerem Hinsehen die
Auffassung, die Zahl formaler Schulabschlüsse sei ein Kriterium der Leistungs-
fähigkeit von Schulen.
Es gibt aber auch Fragestellungen und Forderungen, die heute so aktuell
sind wie vor vierzig Jahren. Dazu gehören unter anderem die Lehrerbildung und
die Motive für die Wahl des Lehrerberufs. Wer könnte heute sagen, welche
gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen erfüllt sein
müssten und welches Bewusstsein vorhanden sein müsste, um einen so
nachhaltigen Reformanstoß wie damals wieder möglich zu machen?
Aber eines wird man mit Sicherheit sagen können: Ohne den Elan, den
Ideenreichtum und die große Reformbereitschaft der Jahre nach 1968 wären
nicht nur die Schulen, sondern unsere gesamte Gesellschaft in schlechterer
Verfassung als heute.
Zum Abschluss meiner Ausführungen möchte ich noch kurz erläutern, warum
ich wohl gebeten worden bin, bei der Verabschiedung von Wolfgang Keim
einen Beitrag zu leisten. Ich konnte es beim Nachsehen in alten Unterlagen
kaum glauben, dass Wolfgang Keim und ich nur etwa anderthalb Jahre lang
an der Walter-Gropius-Gesamtschule in Berlin-Neukölln gemeinsam unterrichtet
und Pläne geschmiedet haben, vom Frühjahr 1971 bis zum Spätherbst 1972.
Aber da es eine intensive und pädagogisch aufregend lebendige Zeit war und
wir sehr bald bis heute enge Freunde wurden, erscheint sie mir heute in der
Erinnerung viel länger.
Als Wolfgang 1971 zu uns stieß, hatte ich mit einem Kollegen ein Buch über
die Didaktik und Organisation des Deutschunterrichts an der Gesamtschule
Berlin (BBR), 9. Jahrgangsstufe, veröffentlicht, war inzwischen Leiter der Ober-
stufe und wurde im März zum Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin
gewählt, wo ich natürlich versuchte, im Schulausschuss besonders die Themen
Schulreform, Gesamtschule und Ganztagsschule zur Geltung zu bringen.
Wolfgang und ich wohnten damals beide in Kreuzberg, er am Carl-Herz-
Ufer 5 direkt am Landwehrkanal, und ich nur wenige Gehminuten entfernt in
der Fontanepromenade. Meine Frau und ich erinnern uns gern und mit Ver-
gnügen daran, dass Wolfgang an den Wochenenden oft zum Mittagessen bei
71
uns war und dabei die pädagogischen Fragen, die während der Woche nicht
gebührend gewürdigt worden waren, endlich am Wochenende genauer erör-
tert werden konnten.
Ich wünsche mir manchmal, dass jüngere Pädagogen auch heute das
Glück haben und die Situationen vorfinden werden, um mit gleichgesinnten
Kolleginnen und Kollegen die notwendigen Fragen und Aufgabenstellungen
mit Engagement und Reformeifer zu erörtern und für die Schule fruchtbar zu
machen.
Mit besonderem Vergnügen erinnere ich mich daran, dass Wolfgang in der
Schule einmal eine Unterrichtseinheit über Asterix und Obelix, jene populäre
Comicserie über die fiktiven Abenteuer eines listigen Galliers in römischer Zeit,
plante und auch durchführte, was damals wesentlich revolutionärer war als
heute, wobei ich auch gestehen muss, dass ich nicht mehr weiß, ob das im
Deutschunterricht, im Fach Geschichte oder in Politischer Weltkunde stattfand.
Es blieb damals auch offen, soweit ich mich erinnere, ob der Lehrer Wolfgang
Keim oder die Klasse das größere Vergnügen am Thema hatte. Aber weder
das eine noch das andere wäre eine Schande.
73
Mündigkeit als pädagogisches Paradigma und die Globalität
der Revolte von 1968
– Ein innerer Zusammenhang am Fallbeispiel
Prof. Dr. Gerd Steffens (Kassel)
Auch für die Akteure von ’68 hat gegolten, was sie selbst als Dialektik der
Geschichte wieder entdeckt haben. „Die Menschen machen ihre Geschichte
selbst, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken“, so hatte Marx unnach-
ahmlich das Verhältnis von Subjektivem und Objektivem, Handlung und Struktur,
Absicht und Folge, Akteurssicht und historischem Ergebnis-Panorama ausge-
drückt und damit einer hundert Jahre später erneuerten historisch-
materialistischen Perspektive die emblematische Formulierung geschenkt.
Jeder Schub der Historisierung des Ereignisses ’68 belegt die Triftigkeit des
Marxschen Diktums aufs Neue und bringt ein erweitertes Panorama hervor, in
welchem – oft nicht ohne aktuelle geschichtspolitische Absicht – das Verhältnis
von Aktion und Entwicklung, von Subjektivität und Gegebenheit, von Intention
und Ergebnis anders konstelliert erscheint.
Dass ’68 in einem Maß rethematisierungsfähig ist wie sonst kaum etwas in
der Geschichte der Bundesrepublik, weist nicht nur auf die Reichhaltigkeit des
Ereignisses selber hin, nicht nur auf eine Fortdauer seiner polarisierenden
Kraft, nicht nur auf ein weit verbreitetes Empfinden epochaler Evidenz, sondern
vor allem auf die fortbestehende Strahlkraft zentraler Themen und Motive, die
ihre Pervertierung in Zerfallsprodukten der Studentenbewegung wie RAF und
K-Gruppen, Selbsterfahrungsgruppen und esoterischen Sekten ebenso über-
standen zu haben scheinen wie mehrere Wellen konservativer Dethemati-
sierungsversuche.
In diesem Jahr 2008 scheinen die vergegenwärtigenden Impulse vor allem
von dem wiederentdeckten Umstand auszugehen, dass ’68 ein globales Er-
eignis mit globalen Themen und Fragestellungen war.
1
Ich möchte im Folgen-
den der Frage nachgehen, in welcher Beziehung zu dieser Globalität von ’68
die so spezifisch deutsch erscheinenden Fragen und Impulse stehen, die von
der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und autoritären Traditio-
nen ausgehen und in welcher Beziehung die Rekonstruktion des Mündigkeits-
Paradigmas in der Pädagogik dazu steht.
1
Vgl. Schmierer, Joscha: Wider die Provinzialisierung und Verdeutschung von 68. In: Kommu-
ne 4/2007, S.6-14; Frei, Norbert: 1968. Jugendrevolte und globaler Protest. München 2008
74
Spontaner Universalismus und die historisch unerledigte Aufgabe
An zwei gerade für die deutsche Studentenbewegung zentralen Ereignissen
lässt sich die Bedeutung des globalen Horizonts und seine Verknüpfung mit
Vor-Ort-Gegebenheiten und nationaler Geschichte gut zeigen. Kein anderes
Ereignis hat – nach einhelligem Urteil – in Deutschland einen stärkeren Schub
der Erweiterung und Legitimierung der Studentenbewegung bewirkt als der
2. Juni 1967. Es war eine Demonstration gegen das staatsterroristische Regime
des Schahs von Persien in Westberlin, bei der der Student Benno Ohnesorg
durch einen Polizisten in Zivil kaltblütig erschossen wurde. Die Demonstranten
waren durch einen – das gab es damals – kritischen Bestseller von Bahman
Nirumand über die Zustände im Iran aufgeklärt, und sie verstanden sie mit
Nirumand als exemplarischen Ausdruck einer neoimperialistischen „Diktatur
der freien Welt“, wie es im Titel hieß.
2
Dass sie das, was beispielsweise in
Persien geschah, etwas anging und sie es – theoretisch und praktisch – in
einer solchen Intensität zu ihrer Sache machten, war das schlechthin Neue,
das diese Protestbewegung von herkömmlicher Opposition unterschied. Das
Recht auf Befreiung aus Unterdrückungsverhältnissen war unteilbar, galt über-
all und war daher überall zu unterstützen. Dieser spontane Universalismus, das
Denken und Empfinden in menschheitlichen Horizonten, hatte – und das machte
seine Stärke aus – ein Fundament in Gegenwartserfahrung und einem kriti-
schen Blick für gesellschaftlich-historische Zusammenhänge. Hatte der Polizei-
präsident Duensing, der in die Demonstration hineinstechen wollte wie in eine
Leberwurst, seine taktischen Meriten nicht als Stabschef einer Heeresgruppe
im NS-Vernichtungskrieg im Osten erworben? Was war das für eine Demokra-
tie, deren Repräsentanten einen Diktator mit bluttriefenden Händen hofierten?
Und war die „freie Welt“, als deren „Frontstadt“ Westberlin galt, nichts anderes
als ein Euphemismus für imperialistische Machtverhältnisse, in deren Namen
gerade in Vietnam ein Krieg gegen ein Volk geführt wurde, das sich aus neu
eingekleideten, kolonialen Unterdrückungsverhältnissen befreien wollte?
Der weltweite Protest gegen den Krieg in Vietnam war das gewiss sicht-
barste, stärkste und wirkungsvollste Zeichen für den globalen, menschheit-
lichen Selbstverständnishorizont von ’68. Ein spektakulärer Höhepunkt in
Deutschland war der Vietnam-Kongress vom 17./18. Februar 1968 in Berlin.
„Vietnam ist das Spanien unserer Generation“, hieß es in dem von zahlreichen
international bekannten Schriftstellern und Intellektuellen unterzeichneten Auf-
ruf. Die Berufung auf Spanien galt einem mit Bedeutung hoch aufgeladenen
politischen Symbol. Im spanischen Bürgerkrieg 1936–1939 hatten republikani-
2
Vgl. Nirumand, Bahman: Persien – Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der
freien Welt. Reinbek 1967
75
sche Legitimität gegen den Staatsstreich einer Militärkaste, Arbeiterklasse und
städtische Bevölkerung gegen die Oligarchie der herrschenden Klasse, aufge-
klärtes, selbstbewusstes Bürgertum gegen die klerikale Kontrolle des Lebens
gestanden, hatten republikanische, sozialistische, kommunistische und anar-
chistische Kräfte und Organisationen gegen eine drohende faschistische
Diktatur gekämpft und waren dabei von einer beispiellosen Welle internationaler
Solidarität, vor allem auch im persönlichen Eingreifen und Mitkämpfen in den
Internationalen Brigaden, unterstützt worden. Der Sieg Francos, mithin der
spanischen Variante des Faschismus, war auf beiden Seiten weltweit, zeitge-
nössisch und aus historischem Abstand, als eine real und symbolisch schwer
wiegende Niederlage im letzten Versuch begriffen worden, der menschenver-
achtenden, sich immer weiter entgrenzenden Aggressivität des Faschismus
Einhalt zu gebieten. Vietnam in Analogie zu Spanien zu sehen, rückte den
Protest gegen den Vietnamkrieg in einen Zusammenhang, der den spontanen
Universalismus des Mitleidens und der Empörung über Unrecht mit einer
historisch unerledigten Aufgabe und mit einer Perspektive verband, in der die
Herstellung einer grundlegend anderen Gesellschaft die unerlässliche Bedin-
gung für eine Welt ohne Krieg und Faschismus war.
Was am Spanien-Motiv im Vietnam-Aufruf sich an politisch-historischer
Weltsicht explizieren lässt, bildete 1968 den Horizont einer weithin schon
einvernehmlich geteilten Weltsicht. Die Welt und die Rechte an ihr als gleich
und unteilbar zu betrachten, wann und wo auch immer für Emanzipation und
Selbstbestimmung und gegen Unterdrückungsverhältnisse einzutreten, bildete
einen normativen Maßstab, der – weil er auf die Menschheit und die Vernunft als
ihr gemeinsames Vermögen setzte, also weltgesellschaftlich dachte und welt-
bürgerlich empfand – nach den Regeln des moralischen Universalismus funk-
tionierte, auch wenn er sich nicht ausdrücklich, Kantianisch gar, so begründete.
Der darin wiedergewonnene Gedankenkern der Aufklärung bildete das Fun-
dament einer Kritik, die – an den mörderischen, rassistischen Ungleichheits-
verhältnissen des Nationalsozialismus geschult und historisch beglaubigt –
sich nun sozialen und politischen Unterdrückungsverhältnissen der Gegenwart
zuwendete. Und eben weil die Geschichte des Nationalsozialismus, der Ju-
denvernichtung und des Weltkrieges weltweit als ein Rückfall in die Barbarei
gelesen wurde, der mit Zivilcourage, Mut, Tatbereitschaft, also politischem
Engagement zu verhindern gewesen wäre, musste Kritik zwingend zu politi-
scher Praxis werden – sei es im wirkungsvollen, ganze Gesellschaften ergrei-
fenden Protest gegen den Vietnamkrieg, sei es in der Auseinandersetzung mit
den Universitätsstrukturen oder der Machtkonzentration im Pressewesen etc.
Geschichte war kein Schicksal, sondern machbar, wenn man es nur wollte.
76
Im Hintergrund: Moralischer Universalismus als postfaschistischer und
postkolonialer Konsens
Sicher zu Recht wird gegenwärtig auch der voluntaristische Zug von ’68
– etwa an der Ikone Dutschke – hervorgehoben und wurde auch seinerzeit
schon als „Aktionismus“ häufig kritisiert. Doch ihre Überzeugungskraft gewannen
die Handlungsappelle nur durch ihre – wenn auch häufig impliziten – Rückgriffe
auf die im Hintergrund wie selbstverständlich präsente Ressource eines mora-
lischen Universalismus, der sich nicht nur zwingend und konkurrenzlos aus
den Lehren der jüngsten Geschichte ergab, sondern sich auch täglich als
Instrument der Kritik gegenwärtiger Ungerechtigkeit und Unterdrückung be-
währte. Eben dies wird heute, gerade auch in der Betonung des globalen
Charakters von ’68, häufig übersehen. Die Substanz dieser Globalität, ihr Er-
möglichungsgrund in den Anschauungsweisen der weltweit Beteiligten, lag
eben in der geteilten Überzeugung, dass eine menschenwürdige Welt nur auf
der Grundlage eines vernunftgeleiteten moralischen Universalismus weltbürger-
licher Gleichheit möglich sei.
Gerade darin hatte übrigens die Durchsetzungskraft von ’68 – auch wenn
dieses Argument hochidealistisch klingt – eine auch in den heutigen Diskursen
kaum wahrgenommene Ursache. Eben weil die intellektuellen Selbstverständi-
gungsdiskurse der postfaschistischen und postkolonialistischen Gesellschaften
– sowohl der „Täter-“ wie der „Opfergesellschaften“ – normativ antirassistisch
waren, mithin menschheitliche Gleichheit als Prinzip rechtlicher Verhältnisse,
gesellschaftlicher Strukturen und politischer Konzepte um keinen Preis mehr
hintergehbar sein sollte, bildeten Grundüberzeugungen des moralischen Univer-
salismus, auch wenn sie praktisch häufig genug verletzt wurden, die einzige
weltweit nicht bestreitbare und – lagerübergreifend – nicht bestrittene Legitimati-
onsressource. Sich auf diese Legitimationsressource zu berufen, die politischen
Praxen und gesellschaftlichen Verhältnisse an ihnen zu messen, mithin zu
zeigen, dass Praxen und Verhältnisse der Gesellschaften ihren eigenen Prin-
zipien nicht entsprachen, ihre Legitimation also als ideologisch zu entlarven,
war umso überzeugender und wirkungsvoller, je größer die Fallhöhe zwischen
normativ-universalistischem Anspruch und Wirklichkeiten war. Die Sichtbarkeit
von Widersprüchen, ihre aktualisierbare, womöglich massenwirksame Evidenz,
hing ja nicht nur von der Wahrnehmung skandalöser, ungerechter Verhältnisse
ab, sondern auch von einer Unbezweifelbarkeit von Normen, die selbst von den-
jenigen nicht in Frage gestellt werden konnte, die sie praktisch missachteten.
Deshalb ist der weltweite Nachkriegskonsens, dass Politik und Gesellschaft
sich an den Grundregeln des moralischen Universalismus zu messen hätten,
in einem doppelten Sinn eine sine-qua-non-Bedingung von ’68. Er war einer-
77
seits ein mächtiger Sozialisationsfaktor, an dem die in den Nachkriegsge-
sellschaften Heranwachsenden ihre moralische Urteilskraft herausbildeten.
Zugleich war er unbestreitbarer Maßstab der Kritik von Verhältnissen, die ihren
Gleichheits- und Gerechtigkeitsansprüchen nicht genügten.
1968 und das pädagogische Paradigma der Mündigkeit
Es ist eben diese gesellschaftliche Rekonstruktion des moralischen Universa-
lismus gewesen, welche die innere Voraussetzung auch für den pädagogi-
schen Paradigmenwechsel bildet, der zu Recht mit ’68 in Verbindung gebracht
wird. Denn mit ihr werden Denkmotive einer aufgeklärten, emanzipatorischen
Pädagogik wiederentdeckt und weiter entwickelt, die durch völkische, kollektive
und autoritäre Traditionen verschüttet und stillgestellt worden waren. Diese
Rekonstruktionsarbeit ist, insbesondere in Deutschland, im Theoretischen
keine originäre Leistung der ’68er selbst gewesen, aber aus den Reihen ihrer
Generation kamen die Akteure und Träger der zahllosen Gruppen und Initiati-
ven zur Veränderung formeller und informeller Bildungspraxen von den Uni-
versitäten bis zu den Kindergärten. Sie brachten nicht nur eine heute kaum
mehr vorstellbare Fülle und Varietät von Publikationen vom Flugblatt bis zum
Bestseller-Sachbuch hervor, sondern auch eine solidarische Kultur der Koope-
ration unter den jungen Lehrerinnen und Lehrern, die in den Jahren nach ’68
von den bewegten Universitäten in das expandierende Schulwesen strömten.
So wahrhaft bunt und vielfältig diese Aktivitäten waren, so hatten sie doch
einen gemeinsamen theoretischen Fokus in einem Begriff von Mündigkeit
(oder Autonomie/Emanzipation/Selbstbestimmung), wie er von Gesellschafts-
theoretikern, insbesondere des Instituts für Sozialforschung (Adorno, Haber-
mas, v. Friedeburg) und gesellschaftstheoretisch argumentierenden Pädago-
gen (Heydorn, Gamm, Koneffke) erneuert worden war. Dass das aus dem
Kantischen Aufklärungsverständnis wieder gewonnene Mündigkeits-
Paradigma nicht blasses Theorem oder historische Devotionalie blieb, sondern
höchst gegenwartsrelevant und wirkungsmächtig wurde, beruhte m.E. vor
allem auf zwei wesentlichen Ursachen:
• In seinen zeitdiagnostischen, öffentlichkeitswirksamen Vorträgen hat insbe-
sondere Adorno Mündigkeit als diejenige Maxime von Erziehung und Bil-
dung entwickelt, aus der allein die gesellschaftliche Kraft zum Widerstand
gegen Rückfälle in die Barbarei zu hoffen sei. „Die Forderung, daß Auschwitz
nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung“. Oder: „Die einzig
wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn
ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf, die Kraft zur Reflexion, zur
Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“ Oder: „Menschen, die blind in
Kollektive sich einordnen, machen sich selber schon zu etwas wie Material,
78
löschen sich als selbstbestimmte Wesen aus“.
3
Wie an diesen dann gera-
dezu emblematisch gewordenen Formulierungen zu sehen, antwortete
Adornos Argumentation sowohl auf die virulenten Sorgen der Zeit vor Ent-
demokratisierung, autoritärer Staatlichkeit und der fortbestehenden Gefahr
des Faschismus wie auf die Frage nach einer – wie man heute sagen würde –
„nachhaltigen“ Aufarbeitung der Vergangenheit in einer Gesellschaft, deren
Strukturen und Eliten nach 1945 weithin unverändert geblieben waren. Dass
er dem Bildungswesen dabei eine zentrale Rolle zuschrieb, traf auf einen aus
den verschiedensten Quellen (Nachkriegs-Schulerfahrungen; anhebende
Debatten um Bildungsgerechtigkeit; Anfänge der Bildungsökonomie) ge-
speisten Krisen-Diskurs.
• Das Paradigma der Mündigkeit machte, wie auch Adornos Argumentation
zeigt, die Individuen und ihren Anspruch auf ein eigenes, selbstbestimmtes
Leben stark. Dies richtete sich gegen alle Formen der Erziehung zur Ein- und
Unterordnung in Hierarchien und Kollektive und traf auf das Zentralmotiv
einer aufbegehrenden Jugend, für die Selbstbestimmung nicht nur einen
politisch-gesellschaftlichen, sondern einen eminent lebenspraktischen Sinn
hatte. Seine gesellschaftlich legitimierende, öffnende, aber auch verpflichtende
Kraft gewann es aber aus einer Eigenart seiner gedanklichen Struktur, die
Habermas später als die „Gleichursprünglichkeit“ von Individuation und Ver-
gesellschaftung bezeichnet hat.
4
Diese eigentümliche Doppelpoligkeit von
Autonomie – als eigene, sich nur zugleich als die der anderen denken zu
können – findet sich ja schon in der zentralen Denkfigur eines vernunftbe-
gründeten moralischen Universalismus bei Kant, nämlich im kategorischen
Imperativ. Auch wenn dieser selbst in den Diskursen von ’68 keinerlei Rolle
spielte, so bildete doch seine Grundintention, sich selbst nur zugestehen zu
können, was man zugleich auch allen anderen zugesteht, den selbstverständ-
lichen normativen Hintergrund von Kritik und Protest, weil sich damit Exklu-
sions-, Unterordnungs- und Ausbeutungsverhältnisse aufdecken ließen.
Für die Praxis der jungen ’68er-Pädagogen in den folgenden Jahren wurden
die diskurs- und sozialisationstheoretischen Weiterentwicklungen und Anwen-
dungen der Kantischen Impulse insbesondere durch Habermas und Apel
außerordentlich wichtig. Was bei Kant noch innerer Prozess des Einzelnen ist,
wird nun als sozialer Prozess der Kommunikation nach außen verlagert. In die
Grundstrukturen von Kommunikation und Argumentation, so zeigen Habermas
und Apel, sind Verhältnisse wechselseitiger Anerkennung eingewoben, die als
3
Zitate aus Adorno, Theodor W.: Erziehung zur Mündigkeit. Frankfurt/M. 1970, S.88, 93, 97
4
Vgl. Habermas, Jürgen: Erläuterungen zur Diskursethik. Frankfurt/M. 1991 u. ders.: Fakti-
zität und Geltung. Frankfurt/M. 1992
79
menschheitlicher Grundbestand von Logik und Rationalität nicht partikulari-
sierbar sind und deshalb Grundlage selbstbestimmter und selbstgesteuerter
sozialer Praxis sein können.
5
Praxen pädagogischer Mündigkeit – Die Hessischen Rahmenrichtlinien
als Fallbeispiel
Es ist eben dieser als soziale Praxis gewendete Universalismus der Moral, der
stillschweigend den normativen Bezugsrahmen eines bildungspolitischen
Unternehmens bildete, welches als „Hessische Rahmenrichtlinien“ zu einem
republikweiten Kulturkampf führte. Dieser Versuch, das Paradigma der Mün-
digkeit curricular zu implementieren, war mit ’68 nicht nur über die wichtigste
theoretische Hintergrundannahme verknüpft, sondern auch – auf mehreren
Ebenen – durch die Akteure. Der zuständige Minister v. Friedeburg, weit von
der Alterskohorte entfernt, war Mitglied des Frankfurter Instituts für Sozialfor-
schung und hatte durch seine jugendsoziologischen Untersuchungen in den
1960er Jahren dazu beigetragen, den Blick für emanzipatorische Chancen zu
schärfen. Die Verfassergruppe, kaum älter als die ’68er, teilte mit diesen basis-
demokratische und emanzipatorische Interessen, und die zahlreichen jungen
Lehrer, die nun in die Schulen kamen, waren fasziniert von der Möglichkeit,
die emanzipatorische und kritische Perspektive in Bildungsprozessen gleich-
sam institutionalisieren zu können. Gerade dagegen lief die konservative
Öffentlichkeit in allen ihr zu Gebote stehenden Arenen Sturm, erzwang nach
den hessischen Landtagswahlen von 1974 den Rücktritt des Ministers
v. Friedeburg und versuchte mit dem Kongress „Mut zur Erziehung“ 1976
einen pädagogischen Paradigmenwechsel zu propagieren.
Tatsächlich hatten die Hessischen Rahmenrichtlinien – und in besonders
prägnanter Form die Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre – einen tiefen
Bruch mit den herkömmlichen Curricula und ihrer Produktionsweise vollzogen.
Nicht mehr für unterschiedliche Schulformen, sondern bezogen auf die
Schulstufen waren die neuen Pläne formuliert; daher wurde in jedem Fach im
Bereich der Sekundarstufe I (Klasse 5-10) ein für Hauptschule, Realschule,
Gymnasium und Gesamtschule gleicherweise geltender Plan vorgelegt. Wäh-
rend die herkömmlichen Pläne durch die Behörde in Kraft gesetzt wurden und
bis zu ihrem Widerruf galten, wurden nun Schulen und Lehrer zur Teilnahme
an einem als prinzipiell unabgeschlossenen gedachten Prozess der Verände-
rungen und Verbesserung von Lehrplänen aufgefordert. In der als Erprobung
charakterisierten Anwendung der Pläne durch die Lehrer war eine Unterrichts-
5
Vgl. Apel, Karl-Otto: Diskurs und Verantwortung. Frankfurt/M. 1990; Habermas, Jürgen:
Erläuterungen zur Diskursethik. Frankfurt/M. 1991
80
praxis intendiert, in der die Lehrer ihre didaktischen Entscheidungen unter
Bezug auf die „allgemeinen Lernziele der Rahmenrichtlinien“ begründen konn-
ten. Die Lehrer sollten also nicht Anweisungen ausführen, sondern erhielten
den Status eines kompetenten Partners in der Diskussion über curriculare
Entscheidungen. Begründungsfähigkeit und Begründungspflicht des Lehrers
galten als entscheidende Voraussetzungen einer analogen Veränderung auch
der Position des Schülers. Eine „Erziehung zu bewusster Organisation von
Lernen“, deren wesentliches Medium eben die Begründungen des Lehrers
– und mithin auch deren Überprüfung – für jeweiliges Lernen bilden sollten,
sollte inneres Strukturprinzip allen Unterrichts sein, damit die Schüler sich als
Subjekte ihres eigenen Lernprozesses begreifen könnten.
Neben diese für alle damaligen Rahmenrichtlinien postulierten Struktur-
elemente, die ihrerseits ja schon recht bedeutende institutionelle Möglichkeiten
für Prozesse rationaler Selbstverfügung bereitstellten, trat im Falle der Gesell-
schaftslehre eine neue, spezifische Strukturierung des Gegenstandsbereiches.
Die traditionellen Fächer Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde wurden im
neuen Fach Gesellschaftslehre zusammengefasst. Ihre innere Begründung
hatte diese Verschmelzung auf der Ebene des Lehrplans darin, dass der
Versuch, die Relevanz jedes der drei Fächer für schulisches Lernen zu be-
gründen, jeweils auf dasselbe grundlegende Argument sich beziehen muss:
Dass die in ihnen thematisierten Gegenstände gerade nicht wegen ihrer Leis-
tung für den materiellen Reproduktionsprozess als Unterrichtsgegenstände
gerechtfertigt werden können, sondern weil an ihnen Fähigkeiten vermittelt
werden sollten, durch die die Weise der materiellen Reproduktion selbst und
die durch sie geprägten Formen der Vergesellschaftung sollten beurteilt wer-
den können. Während die bisherigen Einzelfächer Segmente von Gesellschaft
oder von Bedingungen zum Verständnis von Gesellschaft dargeboten hatten,
sollte Gesellschaft jetzt als reale Gesamtheit gefasst sein, und während bisher
die Unterrichtsgegenstände gleichsam als Naturprodukte der Fächer erschie-
nen, ihre Genese den Schülern nicht, den Lehrern kaum erkennbar und be-
greifbar war, sollte jetzt über sie unter dem Kriterium entschieden werden,
inwieweit sie zum Verständnis gesellschaftlicher Verhältnisse und zur Befähi-
gung zu „reflektiertem Handeln“ beitragen, ob sie also die als gesellschaftlich
ausgeübte Verfügung über sich selbst erweitern. Damit verwandelten sich die
Unterrichtsinhalte aus – wie der vorherige Lehrplan sie noch genannt hatte –
„Bildungsgütern“ undurchschauter, scheinbar selbstverständlicher, jedenfalls
unbefragbarer Herkunft in solche, die nur dann zu Gegenständen des Lernens
werden sollten, wenn sie zur Befähigung beitragen könnten, gesellschaftlich über
die gesellschaftlichen Bedingungen der menschlichen Existenz zu verfügen.
81
Die Stellung der Schüler änderte sich damit entscheidend. Nicht als Rezi-
pienten von Produkten von Fachwissenschaften und Fachdidaktiken, deren Be-
ziehung zum gesellschaftlichen Lebensprozess diesen selbst fremd geworden
ist, sollte ihre Rolle im Unterricht mehr bestimmt sein, sondern als derjenigen,
die Wissen und Fähigkeiten um der selbstbewussten Beherrschung dieses
Prozesses willen aneigneten. Daher wurde in der inneren Strukturierung des
neuen Faches selbst die Beziehung zwischen Schüler und Gegenstands-
bereich unter dem Gesichtspunkt eben dieses Zwecks thematisiert. Die Glie-
derung der Gesellschaftslehre in die vier Lernfelder Sozialisation, Wirtschaft,
öffentliche Aufgaben und intergesellschaftliche Konflikte erfolgt unter der
Fragestellung, „wo und wie Schüler Gesellschaft erfahren und welche Auswir-
kungen solche Erfahrungen auf ihre Fähigkeit und Möglichkeit zur Selbst- und
Mitbestimmung haben“.
Diese neuen Lehrplanstrukturen sollten – so könnte man ihre Wirkung
zusammenfassen – Wege für selbst beherrschte und selbstbewusste Formen
der Aneignung von Fähigkeiten und Wissen durch eine Beseitigung von tradi-
tionell, also unbefragt geltenden Elementen der Lernorganisation freilegen.
In den „Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre“
6
von 1972, so kann gesagt
werden, wurde die als „Selbst- und Mitbestimmung“ gefasste Autonomie als
Bildungsziel zu einem Prinzip, welches die Konstruktion des Curriculums in
einem beträchtlichen Umfang tatsächlich, nicht nur proklamatorisch, bestimmte.
Die grundsätzliche Freigabe aller hinsichtlich des obersten Lernziels als rele-
vant begründbarer Themen, die Aufhebung der verdinglichten Fächerstruktur
durch einen Perspektivenwechsel, durch den der Lernbereich vom Subjekt des
Lern- und Vergesellschaftungsprozesses aus strukturiert wird, die ausdrückliche
Thematisierung eben dieser Einbeziehung der Jugendlichen in den gesell-
schaftlichen Reproduktionsprozess, die Schärfung des Blicks für Zusammen-
hänge zwischen gesellschaftlichen Umständen oder „privaten“ Lebensverhält-
nissen und Ökonomie, die Auflösung verdinglichender Anschauungsweisen
gesellschaftlicher Verhältnisse und schließlich ein Verständnis von Geschichte,
nach welchem diese auf die Zukunft bezogene Reflexionsform gegenwärtiger
Problemstellungen gerade deswegen sein kann, weil auch die Gegenwart
Geschichte ist und die gesellschaftlich handelnden Subjekte ihre Autoren sein
können: dies waren die wesentlichen Momente eines Lehrplans, der sich der
Notwendigkeit bewusst zeigte, auch stille, scheinbar naturhaft wirkende Pro-
zesse der Systemintegration zum Gegenstand von Lernen als selbstbe-
herrschter Vergesellschaftung zu machen.
6
Hessischer Kultusminister: Rahmenrichtlinien Gesellschaftslehre 1972
82
Der öffentliche Streit um die Hessischen Rahmenrichtlinien Gesellschafts-
lehre 1972–1974 war eine für die Bundesrepublik exemplarische Auseinander-
setzung. Auch wenn es darin immer um mehr als politische Bildung ging, weil
die Strukturen von Schule und Curricula überhaupt impliziert waren, so belegen
doch die Heftigkeit und Grundsätzlichkeit der Auseinandersetzung die hohe
Bedeutung, die alle Beteiligten der politischen Bildung der Heranwachsenden
beimaßen. Diese Auseinandersetzung, die übrigens zur Formierung eines in
den 1970er und 80er Jahren einflussreichen neokonservativen intellektuellen
Lagers führte, war eine der wesentlichen Selbstverständigungsdebatten, in
denen die Gesellschaft der Bundesrepublik Modernisierungskrisen und -konflikte
abarbeitete.
Auf der Mikroebene der Schulen entsprach dem ein Konflikt- und Debatten-
typus, in dem sich Ereignisse und Handlungen auf antithetischen Begriffsfel-
dern möglichst grundsätzlich und abgrenzend ordneten. In diesen Debatten
um „alt“ und „neu“, „autoritär“ und „antiautoritär“, „affirmativ“ und „kritisch“,
„konservativ“ und „fortschrittlich“, so überpointiert sie im Einzelnen auch wa-
ren, bildeten sich, weil sie sich an konkreten pädagogisch-didaktischen Aufga-
ben und Problemstellungen entzündeten, erhebliche Fähigkeiten kontroverser
Erörterung, selbständiger Planung, der Konstruktion und Legitimation von
Unterrichtsprojekten heraus. Von diesen Ressourcen hat die Praxis des politi-
schen Unterrichts in Form von selbst konstruierten Unterrichtseinheiten und
schulinternen Curricula lange gezehrt und zehren müssen. Denn nach dem
politischen Scheitern des Rahmenrichtlinienkonzepts 1974 gelang es der
hessischen Landesregierung erst 1995, neue Rahmenlehrpläne zu erlassen.
In all den Jahren dazwischen hatten formell die Bildungspläne von 1956 weiter
gegolten, de facto aber hatte der Unterricht in der Kompetenz der Fachkonfe-
renzen der Schulen bzw. der Lehrer und ihrer informellen Kooperation gele-
gen. Diese Freiheitsräume wurden, wenn auch gewiss in unterschiedlichem
Maße, aus den Impulsen und Anregungspotenzialen gefüllt, die die ’68er
Generaldebatte über ein neues Selbstverständnis der Gesellschaft bereitge-
stellt und die Hessischen Rahmenrichtlinien für eine Neureflexion schulischer
Bildungsprozesse aufgenommen hatten. Beiden gemeinsam war – bei allem
Pathos der individuellen Selbstbestimmung – ein Verständnis der Selbstent-
faltungsrechte der Individuen, die eben, wie alle wussten, für jeden einzelnen
nur zusammen mit denen aller anderen zu haben waren.
Was bleibt?
Wie steht es heute, vierzig Jahre danach, mit der normativen Geltungskraft
des moralischen Universalismus, dieser in meinen Augen wichtigsten Antriebs-
kraft von ’68? Sie ist, so möchte ich abschließend kurz pointieren, in den
83
letzten (beiden) Jahrzehnten in zahlreichen Delegitimierungsversuchen ange-
griffen worden, von denen ich drei hervorheben möchte:
• Die neoliberale Revolution trägt diesen anspruchsvollen Namen deshalb nicht
zu Unrecht, weil sie das neoklassische Paradigma nicht nur für die Ökonomie,
sondern auch für die Politik (einschließlich der Wissenschafts- und Bildungs-
politik und ihrer sozialwissenschaftlichen Rechtfertigungen) weithin als alter-
nativlos durchgesetzt hat. Das neoklassische Paradigma besteht im Kern in
einer Theorie menschlichen Wahlverhaltens, dessen Rationalität in strikt indi-
viduell gedachter Nutzenmaximierung bestehen soll, welche als konstantes
Bedürfnis menschlicher Natur generalisiert wird. Der „methodologische Indivi-
dualismus“ dieses Paradigmas lässt Gesellschaftlichkeit ausschließlich als
Nebenfolge von Handlungen entstehen, die auf den individuellen Nutzen ge-
richtet sind. Damit schließt sich dieser Denkansatz hermetisch gegen all jene
sozialen Theorien ab, nach denen Gesellschaftlichkeit gerade aus einer Ver-
schränkung von ego- und alter-Perspektiven entsteht. Die Denkfigur des kate-
gorischen Imperativs, nach welcher der Einzelne sich selbst nur zugesteht,
was er auch allen anderen zugesteht, die Grundidee eines moralischen Uni-
versalismus aus individueller Autonomie, ist damit prinzipiell eliminiert. Im Maß
der Durchsetzung des neoklassischen Paradigmas werden mithin all diejeni-
gen Denkansätze und Konzepte obsolet, für die Gesellschaft mehr ist als ein
Nebenprodukt ökonomischer Entscheidungen und die die Gesellschaft be-
wusst, d.h. diskursiv gestalten wollen, für die also Politik die Form ist, in der
sich Gesellschaften dabei selbst steuern.
7
• Nach dem 11. September 2001 hat sich die verbliebene Supermacht, die
sich auf dem Sprung zum Weltimperium glaubte, ausdrücklich und unter
Berufung auf einen weltweiten Krieg gegen den Terror von jenem Nach-
kriegskonsens verabschiedet, der die Legitimität internationaler Politik an
die Wechselseitigkeiten eines moralischen Universalismus band, wie er im
Völkerrecht, der UN-Charta und der Menschenrechtskonvention konstitu-
tionalisiert worden war. An seine Stelle ist – sowohl im Hinblick auf Staaten
wie auf Individuen – eine Trennung von Binnen- und Außenmoral getreten,
die die Geltung von Normen vom Gattungsbezug löst und im Außenbereich
Handlungen von normativen Bindungen völlig oder weitgehend freistellt.
Der rechtlos gestellte, seiner Qualität als Person entkleidete Guantanámo-
Mensch ist nur der sinnfällige Ausdruck einer aus der Perspektive der Super-
macht vorgenommenen Aufspaltung der Welt in Sphären unterschiedlicher
7
Näher dazu Steffens, Gerd: Ist der homo oeconomicus gesellschaftsfähig? Denkansätze
der Ökonomie und politische Bildung. In: Gerd Steffens (Hrsg.): Politische und ökonomi-
sche Bildung in Zeiten der Globalisierung. Münster 2007, S.258-275
84
moralischer und rechtlicher Standards. Aus der Zugehörigkeit zur Gattung
an sich erwachsen nach dieser Sicht der Dinge keine subjektiven Rechte
auf Gleichheit, Anerkennung und Respekt mehr.
8
• Globalisierung ruft auch die Frage nach einer globalen Moral herauf. Merk-
würdigerweise aber stärken weder die Vorschläge dazu noch die beobacht-
baren Alltagspraxen die Position des moralischen Universalismus. Stattdes-
sen wird eine Ethik propagiert und politisch und medial praktiziert, die von
angeblich evidenten und zweifelsfreien Gut-Böse-Verhältnissen leben will. In
der von den Soziologen Levy und Sznaider (2004) angebotenen Version soll
diese Ethik ihre zweifelsfreie Unterscheidungskraft aus der universell gewor-
denen Erinnerung an den Holocaust gewinnen und sie auf heutige Täter-
Opferverhältnisse übertragen, deren Evidenz durch die weltweite Gegenwart
medial erzeugter Bilder hergestellt wird. Die subjektive moralische Praxis
bestünde hier in der Übereinstimmung, der affektiven Identifikation mit medial
beglaubigten Täter-Opfer- und Gut-Böse-Verhältnissen, nicht mehr in der
Autonomie, der Mündigkeit des Einzelnen, der die Grundsätze seiner Hand-
lung aus der Probe auf ihre menschheitliche Verallgemeinerbarkeit gewinnt.
9
Trotz dieser mächtigen Gegentendenzen hat aber eine Pädagogik, die am
Paradigma der Mündigkeit festhält, keinen Grund zur Resignation. Die gesell-
schafts- und bildungstheoretischen Diskurse der letzten Jahrzehnte haben das
Mündigkeits-Paradigma in so elaborierten, gegenwartsbezogenen Begründun-
gen und Anwendungen weiter entwickelt, dass es seine kritische Kraft gerade
auch an mächtigen Gegentendenzen bewähren kann. Wolfgang Keim hat
dazu in seiner Arbeit ungemein viel beigetragen, ja man kann sagen, dass er
dem Ziel einer mündigkeitsorientierten Pädagogik seine wissenschaftliche
Lebensarbeit gewidmet hat. Dies gilt nicht nur für seine kritischen Analysen
von Erziehung und Erziehungswissenschaft im Nationalsozialismus und deren
Nachwirkungen, sondern gerade auch für das Periodikum „Jahrbuch für Päda-
gogik“ als ein Forum kritischer, gesellschaftstheoretisch inspirierter Pädagogik.
Wolfgang Keim hat es zum richtigen Zeitpunkt, im epochalen Umbruch der
frühen 1990er Jahre, angeregt und bis zu diesem Jahr 2008 als primus inter
pares der Herausgeber mit seinen sanften, aber entschiedenen und richtungs-
weisenden Impulsen begleitet.
8
Näher dazu Steffens, Gerd: Bushs Irakkrieg als gegenrevolutionäre Herausforderung
(auch) der Bildung. In: Jahrbuch für Pädagogik 2004, S.375-386
9
Näher dazu Steffens, Gerd: Kann die Erinnerung an den Holocaust zum Aufbau einer
weltbürgerlichen Moral beitragen? Eine Auseinandersetzung mit einem neuen Vorschlag
zur Universalisierung der Holocaust-Erinnerung. In: Wolfgang Keim/Gerd Steffens (Hrsg.):
Bildung und gesellschaftlicher Widerspruch. Hans-Jochen Gamm und die deutsche Päda-
gogik seit dem Zweiten Weltkrieg. Frankfurt/M. 2006, S.155-167
86
Bilder von der Verabschiedung
Sigurd Hauff, Hubertus Fischer, Edgar Weiß, Klaus Himmelstein, Arno Klönne
Bardo Herzig Willi Hagemeier
87
Wolfgang Keim und Jürgen-Matthias Springer
Wolfgang Keim und Wilhelm Hagemann
88
Wolfgang Keim und Nikolaus Risch Carsten Gerwin und Antje Tölle
Wolfgang Keim im Kreise von Familie und Freunden