scieee Science in your language
[en] (orig)
Schriften des Instituts für Erziehungswissenschaft der
Universität Paderborn, Heft 3
Verabschiedung
Prof. Dr. Gerhard Tulodziecki
Grußworte
Abschiedsvorlesung
Laudationes
Fachkolloquium zum Thema
„Medien in Erziehung und Bildung“
Inhaltsverzeichnis
Vorwort des Institutssprechers ..............................................................5
Grußworte
Rektor der Universität Paderborn
Prof. Dr. Nikolaus Risch..................................................................7
Dekan der Fakultät für Kulturwissenschaften
Prof. Dr. Frank Göttmann..............................................................11
Abschiedsvorlesung
Lernen und Lehren in Zeiten von Computer und Medieneinfluss
Prof. Dr. Gerhard Tulodziecki........................................................13
Laudationes
Mein Kollege Gerhard Tulodziecki
Prof. Dr. Wolfgang Keim................................................................41
Gerhard Tulodziecki als Wissenschaftler
Prof. Dr. Bardo Herzig...................................................................49
Gerhard Tulodziecki und die Paderborner Lehrerausbildung
Prof. Dr. Hans-Dieter Rinkens.......................................................63
Fachkolloquium „Medien in Erziehung und Bildung“
Begrüßung und Einführung der Referenten
Prof. Dr. Peter Reinhold, Dr. Annegret Helen Hilligus,
Universität Paderborn....................................................................73
Zu den Möglichkeiten der Abbildung von Lenkungskompetenz
in komplexen Unternehmenssimulationen
Prof. Dr. Klaus Breuer, René Molkenthin
Johannes Gutenberg-Universität Mainz........................................77
Allgemeine Didaktik und Medien: „Dreiecksgeschichten“
Prof. Dr. Bardo Herzig, Ruhr-Universität Bochum ........................97
Neue Medien in der Lehrerausbildung
Prof. Dr. Sigrid Blömeke,
Humboldt-Universität zu Berlin....................................................109
Bildung und Medien in der Musikpädagogik
Prof. Dr. Georg Maas,
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.................................119
Vorwort des Institutssprechers
Die Entwicklung der 1972 gegründeten Paderborner Gesamthoch-
schule zur Universität mit neuem Logo und neuer Fakultätsstruktur
bedeutet nicht nur den Abschluss ihrer fast 30jährigen Aufbauphase,
sondern zugleich ihre Ausrichtung auf die sich mit der Globalisierung
beschleunigt verändernden gesellschaftlichen Bedingungen. Dieser
Prozess vielfältiger, teilweise auch innerhalb der Hochschule optisch
wahrnehmbarer Veränderungen wird begleitet von einem personellen
Umbruch bislang kaum gekannten Ausmaßes, von dem zweifellos
kein anderes Fach derart betroffen ist wie die Erziehungswissen-
schaft. Nahezu alle ihre Hochschullehrer(innen) wurden noch in der
Gründungsphase der 70er und zu Beginn der 80er Jahre berufen und
haben dann 25 Jahre und länger die Entwicklung des Faches be-
stimmt und d.h. ihm zum einen mit ihren Forschungsschwerpunkten
sein Gesicht verliehen, zum anderen Lehrerausbildung und Diplom-
studiengang Profil vermittelt. Der Prozess des personellen Umbruchs
begann mit dem Ausscheiden der Kollegen Alexander Weber und Willi
Hagemann nach dem Sommersemester 2002 bzw. nach dem Winter-
semester 2004 und er wird abgeschlossen sein mit dem Ausscheiden
des Kollegen Eckard König voraussichtlich nach dem Wintersemester
2008/09 und der Kollegin Gitta Zielke nach dem Sommersemester
2009. Danach wird ein vollständig neu berufenes Kollegium die Erzie-
hungswissenschaft in Paderborn vermutlich in stark veränderte Bah-
nen lenken, die sich mit neuer LPO und neuer Studienordnung für das
erziehungswissenschaftliche Studium, mit Bachelor- und Masterstu-
diengängen, wahrscheinlich aber auch den rapide gestiegenen Stu-
dierendenzahlen entsprechend mit gewandelten Lehr- und Lern-
Formen in nuce bereits abzeichnen.
Zu den Kollegen, deren Ausscheiden den personellen Umbruch
besonders deutlich vor Augen führt, gehört Gerhard Tulodziecki, der
nicht nur die Geschicke des Faches, zunächst vom
FEoLL aus bereits seit Anfang der 70er Jahre, als Fachkollege des
damaligen Fachbereichs 2 seit 1980 maßgeblich mitbestimmt, son-
dern auch an der Entwicklung der Hochschule mehr als ein viertel
Jahrhundert lang entscheidenden Anteil gehabt hat. In den zurücklie-
genden 10 Jahren war er neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit
im Fach an der Entwicklung der Lehrerausbildung auf Hochschulebe-
ne im damals neu geschaffenen Paderborner Lehrerausbildungszent-
rum (PLAZ) an zentraler Stelle beteiligt, weshalb ihn Fach und PLAZ
gemeinsam verabschiedet haben und auch die Dokumentation dieser
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Verabschiedung gemeinsam verantworten. Die überragenden Ver-
dienste von Gerhard Tulodziecki werden in den verschiedenen Lauda-
tiones ausführlich gewürdigt, so dass hier nur noch einmal die beson-
dere Wertschätzung unseres emeritierten Kollegen zum Ausdruck
gebracht, zugleich der Dank an diejenigen abgestattet werden soll, die
Verabschiedung und Drucklegung dieses Heftes ermöglicht und tat-
kräftig unterstützt haben, allen voran Annegret Hilligus und Erika
Wienhusen.
Im Namen des Instituts für Erziehungswissenschaft und des Pader-
borner Lehrerausbildungszentrums
Paderborn, Januar 2007 Wolfgang Keim
Grußwort des Rektors
Nikolaus Risch
Lieber Herr Tulodziecki,
sehr verehrte Frau Tulodziecki,
Herr Keim,
Herr Dekan Göttmann,
liebe Gäste, liebe Angehörige der Fakultät,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich freue mich, dass heute so viele Persönlichkeiten erschienen sind,
die Herrn Tulodziecki auf seinem langen akademischen Weg begleitet
haben. Zugleich freue ich mich außerordentlich darüber, dass anläss-
lich Ihrer Verabschiedung, lieber Herr Tulodziecki, Morgen auch noch
einmal Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier an der Univer-
sität Paderborn zu einem Fachkolloquium zusammenkommen wer-
den, nämlich zum Thema „Medien in Erziehung und Bildung“.
Ich begrüße Sie alle recht herzlich im Namen des Rektorats zu
dieser Akademischen Feier und freue mich, dass Sie, meine sehr
geehrten Damen und Herren, zugegen sein wollen, um einen wirklich
herausragenden Hochschullehrer, Wissenschaftler aber auch einen
ganz besonderen Menschen zu ehren und ihm auch „Danke“ zu sa-
gen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, in den letzten Monaten
war ich häufiger anlässlich von Verabschiedungen in allen fünf Fakul-
täten der Universität. Und mir wird auch heute wieder bewusst, dass
eine Zeit angebrochen ist, in der viele ausgezeichnete Wissenschaft-
ler und Lehrende, die das Gesicht der Universität Paderborn geprägt
haben, in den Ruhestand wechseln. Diese Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler haben unsere Universität entscheidend mitgestaltet
und wie Sie, lieber Herr Tulodziecki, Ihre Spuren oder Handschriften
in dieser Hochschule hinterlassen.
Ich soll und will hier keine Laudatio halten, aber das so genannte BIG-
Projekt „Neue Medien und Lehrerausbildung“ im Rahmen der Initiative
„Bildungswege in der Informationsgesellschaft“ in Kooperation mit der
Heinz Nixdorf- und der Bertelsmann Stiftung, das Sie zunächst zu-
sammen mit mehreren anderen Disziplinen, z.B. mit den Fachdidakti-
ken Deutsch, Informatik, Physik und Mathematik, in Paderborn, dann
mit sechs weiteren Hochschulen durchgeführt haben (HU Berlin, Uni
Bielefeld, Uni Dortmund, Uni Erlangen-Nürnberg, Uni Hamburg, PH
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Weingarten) ist mir als ein Beispiel Ihrer erfolgreichen wissenschaftli-
chen Arbeit in deutlicher Erinnerung.
Herr Tulodziecki, hier in der Universität kennt Sie praktisch jeder.
Das liegt auch an Ihrem unermüdlichen Einsatz für die Universität als
Ganzes, nämlich an der Bereitschaft, in den vielfältigsten Funktionen
für die Universität zu arbeiten. Sie haben sich nie gedrückt, immer
Verantwortung übernommen. Sie waren
zunächst Mitglied, dann mehrere Jahre Vorsitzender des Zent-
rumsrates des FEoLL,
Mitglied des Senats der Universität,
Mitglied der Studienkommission,
Vorsitzender des Unterausschusses für Lehramtsstudiengänge,
Mitglied des Fakultätsrates der Fakultät für Kulturwissenschaft,
Mitglied des Dekanats der Fakultät für Kulturwissenschaften als
Studiendekan,
Dekan und stellvertretender Dekan des ehem. Fachbereichs 2,
mehrfach Sprecher des Faches Pädagogik,
nahezu ständig während seiner Zugehörigkeit zum ehemaligen
Fachbereich 2 Mitglied des Fachbereichsrates,
Sprecher der fachbereichsübergreifenden Kommission für die
Studienordnung für erziehungswissenschaftliche Studien im Rah-
men der Lehramtsstudien,
seit der Gründung des Paderborner Lehrerausbildungszentrums
(1995) stellvertretender Vorsitzender des PLAZ,
Sprecher des fakultätsübergreifenden PLAZ-Arbeitskreises „All-
gemeine Didaktik und Fachdidaktik“,
Sprecher des fakultätsübergreifenden PLAZ-Forschungskollegs
„Neue Medien und Lernen“,
Sprecher der fakultätsübergreifenden PLAZ-Projektgruppe „Neue
Medien und Lehramtsstudium“,
Mitglied oder Vorsitzender in den verschiedensten Berufungs-
kommissionen usw. usw.
Das alles haben Sie nicht nur außerordentlich gut gemacht, Sie haben
es auch mit Überzeugung gemacht und vor allem: vorbildlich! Sie
waren und Sie sind ein Vorbild, für Ihre Studierenden und Mitarbeiter,
aber auch für Ihre Kollegen. Die Studierenden lieben Sie, obwohl es
bei Ihnen nicht leicht war – und weil Sie als Person überzeugt haben!
Sie sind ein wichtiger, ein sichtbarer und eigentlich unersetzbarer
Baustein unserer Universität unersetzlich, das hört sich gefährlich
an: Aber das ist es nicht, denn Sie haben Spuren und ich denke auch
Verhaltensstrukturen erzeugt, die nachwirken werden.
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Herr Tulodziecki, Sie schauen uns mit ganz freundlichen runden Au-
gen an, immer etwas verschmitzt, fast jugendlich verschmitzt lächelnd.
Man weiß nie so ganz genau, was Sie denken. Aber die Art Ihres Um-
gangs mit den Menschen den Studierenden, Mitarbeitern und Kolle-
gen zeigt: Es kann nur etwas Positives sein! Dafür und für alles
andere möchte ich Ihnen persönlich ganz herzlich danken.
Ein solcher Tag ist sicherlich auch mit ein klein bisschen Wehmut
verbunden. Mit dem heutigen Festakt werden Sie offiziell verabschie-
det. Ich bin aber zuversichtlich, dass Sie auch zukünftig weiterhin
unserer, Ihrer Universität mit Rat und Engagement zur Seite stehen
werden.
Lieber Herr Tulodziecki, ich möchte Ihnen abschließend noch einmal
für Ihre intensive und sehr erfolgreiche Arbeit danken und Ihnen für
Ihre Zukunft weiterhin persönlich alles Gute wünschen, Gesundheit,
Fröhlichkeit und Zuversicht.
Herzlichen Dank
Grußwort des Dekans
Frank Göttmann
Lieber Herr Tulodziecki!
Etwa zehn Jahre muss es hier sein, dass wir uns zum ersten Mal be-
gegneten auf einer Podiumsdiskussion über die Notwendigkeit von
Didaktik. Intensiver pflegten wir Umgang, als Sie in den ersten beiden
Jahren unserer neu gegründeten Fakultät für Kulturwissenschaften
das Amt des Studiendekans begleiteten. So anregend, konstruktiv
und freundschaftlich diese Zusammenarbeit auch gewesen ist, stand
doch stets ein strukturelles Grundproblem im Hintergrund, das zeitlos,
schon so lange existiert, wie es Universitäten überhaupt gibt. Max
Beerbaum vermittelt es 1911 seinem Leser in folgender Weise (Sulei-
ka Dobson. Eine Liebesgeschichte aus Oxford. München 1991
[1911]):
„Generationen von Studenten hatten gesagt, [...] [die Universität]
sei schon in Ordnung wenn nur die Professoren nicht wären. Glau-
ben Sie, dass es bei den Professoren keine entsprechende Empfin-
dung gegeben hätte? Die Jugend ist etwas sehr Schönes, wenn man
sie besitzt, zweifellos, aber eine sehr ermüdende Umgebung für das
reife Alter. Überall Jugend springend, schreiend, spottend – fühllose
und fremde Jugend, die man versorgen und lehren und beobachten
muss, als ob es auf nichts anderes ankäme, Semester nach Semester
und nun, ganz plötzlich, [...] dieser Friede, Ataraxie, eine tiefe und
stille Muße. Keine Vorlesungen morgen früh, keine Hausarbeiten
durchzusehen, Zeit für die ungestörte Arbeit reiner Gelehrsamkeit...“
Der Kontext dieser Geschichte ist zwar ein ganz anderer
alle Studenten hatten sich aus Liebeskummer im Fluss ertränkt ,
gleichwohl verheißt sie auch dem emeritierten Professor eine Idylle.
Wie immer auch unser lieber Kollege Tulodziecki seinen Ruhestand
gestalten mag, diejenigen, die er hier im Amt zurücklässt, könnten
neidisch werden, so sehr sie ihm die neue Freiheit auch gönnen. Die
Presse meldet es fast täglich, und wir erfahren es täglich ganz mas-
siv: In der Universität bleibt kein Stein auf dem anderen! Ich kann die
Gedanken unseres Emeritus nicht lesen. Aber ich könnte mir vorstel-
len, dass sich unter die Empfindungen der Freude darüber, die Last
des Hochschullehrers loszuwerden, auch Wehmut und Sorge mi-
schen, was denn wohl aus dem werden wird, was er in langen he-
vollen Jahren aufgebaut und grundgelegt hat und wofür er sich bis zur
Selbstverleugnung engagiert hat. Es muss jedem von uns Zweifel an
der Sinnhaftigkeit des eigenen universitären Tuns wecken, wenn er
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sieht, wie quasi im Handstreich als falsch und unzeitgemäß beiseite
gewischt wird, was wissenschaftlich und pädagogisch große gesell-
schaftliche Erfolge aufzuweisen hat. Mit dieser Feststellung soll kei-
neswegs bestritten werden, dass ein ständiger Reflexionsprozess und
Korrekturen notwendig sind. Doch lehrt die Geschichte: Die Universi-
tät hat in den vielen Jahrhunderten ihres Bestehens noch immer alle
Angriffe und Zumutungen von außen überstanden und alle politischen
Systeme überdauert! Daher bin ich optimistisch, dass das auf längere
Sicht auch künftig so sein wird.
Mit dieser Hoffnung möchte ich von einer melancholischen
Grundstimmung wieder hinleiten zu Freude und Heiterkeit, wie sie
dem heutigen Anlass angemessen sind. Schließlich befinden wir uns
mitten in der „Fünften Jahreszeit“. Und wir wissen ja auch, dass Düs-
seldorf eine Hochburg der Narretei ist.
Lieber Herr Tulodziecki, als Dekan der Fakultät r Kulturwissenschaf-
ten möchte ich mich in Namen der Kolleginnen und Kollegen, aber
auch der Studentinnen und Studenten für ihre erfolgreiche und prä-
gende Arbeit bedanken und möchte mich bedanken, dass wir Ihre
Kollegen und Schüler sein durften. Ich wünsche Ihnen Gesundheit
und noch viele erfüllte Jahre: ad multos annos!
Abschiedsvorlesung
Lernen und Lehren in Zeiten von Computer
und Medieneinfluss
Gerhard Tulodziecki
Noch vor wenigen Jahren dominierten beim Thema „Computer und
Lernen“ positive oder gar euphorische Schlagzeilen. So gab es in den
1990er Jahren in der Presse häufig Beiträge, in denen suggeriert
wurde, mit Multimedia würden die Anstrengungen des Lernens durch
Spaß am Lernen ersetzt. Beispielsweise veröffentlichte die „Neue
Westfälische“ 1995 einen Artikel mit dem Titel: „Multimedia vom
Feinsten. So macht Lernen richtig Spaß“. 1997 kam es in der Wo-
chenzeitung DIE ZEIT zu einem Beitrag des damaligen Bundesbil-
dungsministers Jürgen RÜTTGERS mit der Überschrift „Schulen ans
Netz“, in dem die Nutzung des Computers in der Schule als wichtige
Zukunftsaufgabe begriffen wurde (vgl. S. 50).1998 nahm DER SPIE-
GEL das Thema mit einem Heft zum „Lernen mit dem Computer“ auf
und sprach in dem Leitartikel von einer „Revolution des Lernens“. Im
Untertitel hieß es damals „Kinder lernen am Computer, programmie-
ren Lernspiele oder kommunizieren über Datennetze mit Gleichaltri-
gen in Tokio und New York. Während die Schüler neuen Spaß am
Lernen entdecken, schläft die Kultusbürokratie. In der Lehrerausbil-
dung kommen Computer kaum vor.“ (S. 96)
Seit Beginn des neuen Jahrtausends haben sich die Schlagzeilen
deutlich gewandelt. Immer wieder tauchen nach PISA Artikel auf, in
denen negative Einflüsse der Computer- bzw. Mediennutzung auf
Kinder und Jugendliche vermutet werden. Schon 2002 spricht eben
jener SPIEGEL, der noch 1998 das Lernen mit dem Computer eupho-
risch nahe legte, in einem Beitrag mit dem Titel „Gelangweilt und ab-
gelenkt“ nur noch von den hippeligen Computer-Kids und macht
„Fernsehen und Videos, Internet und Handys“ für die „Misere der
Schüler“ verantwortlich (vgl. S. 64). Dieser Wandel in den Schlagzei-
len setzt sich bis heute fort und im Oktober 2005 betitelt SPIEGEL-
ONLINE einen Artikel sogar mit „Je mehr am Computer, desto düm-
mer“. In ähnlicher Weise hatte es schon im Juli 2005 mit Bezug auf
das Fernsehen in einem Beitrag der Zeitung „Die Welt“ geheißen: „Zu
viele Stunden vor der Flimmerkiste: Studien belegen, dass Fernsehen
im Kindesalter die Entwicklung stören und die Schulleistungen schwä-
chen kann“. Noch einfacher drückt es im September die Neue West-
fälische“ mit der Schlagzeile aus: Fernsehen macht Kinder dumm“
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und im Text wird generalisierend als Resümee zitiert: „Ein Übermaß
an Medienkonsum macht dick, dumm, krank und traurig“. (S.1)
Neben dem Verweis auf mögliche negative Einflüsse der Medien-
nutzung auf die Schulleistung wird auch 2005 in manchen Schlagzei-
len das Problem der Gewalt in den Medien hervorgehoben. Bei-
spielsweise findet sich beim Südwestrundfunk im Januar 2005 in An-
lehnung an einen Buchtitel von Rainer FROMM (2002) „Digital spielen
real morden?“ ein Beitrag unter der Überschrift „Erst fernsehen,
dann schießen? Medienverwahrlosung in Deutschland“ und die „Neue
Westfälische“ berichtet im März 2005 unter der Schlagzeile „Jugend-
schutz bleibt unbeachtet“, dass das brutale Ego-Shooter-Compu-
terspiel „Counter Strike“, das nur für Erwachsene zugelassen ist, be-
reits von vielen 11-12jährigen und fast der Hälfte der 13-14jährigen
gespielt wird (vgl. S.1). Noch anschaulicher war schon vorher zu die-
sem Thema in einem ZEIT-Artikel u.a. ein 11jähriger zitiert worden,
der seiner Mutter „fachmännisch“ erklärt: „Der Arno hat Computerspie-
le, da kann ich gar nicht hingucken. Aber ich muss dir sagen, dass
ich sie spiele.“ „Von wirklicher Gewalt hast du ja wahrscheinlich keine
Ahnung, Mama.“ (1999, S.63)
Waren sensationelle Schlagzeilen zu den Gefahren von Fernse-
hen und Computerspiel früher vor allem durch spektakuläre Einzelfälle
bedingt, z.B. durch den Amoklauf von Robert Steinhäuser in Erfurt
oder durch das Massaker in einer Schule in Littleton (USA), so wur-
den die Schlagzeilen im Jahr 2005 eher durch Veröffentlichungen von
Ergebnissen empirischer Untersuchungen in den USA und Neusee-
land, durch die Studien einer Arbeitsgruppe um den früheren nieder-
sächsischen Justizminister Christian PFEIFFER und durch die Publi-
kationen des Neurobiologen Manfred SPITZER motiviert.
Nun würde allerdings eine differenzierte Auseinandersetzung mit
diesen Arbeiten und auch ihre methodologische Kritik so interessant
beides wäre allein schon die gesamte Vorlesungszeit in Anspruch
nehmen. Dennoch möchte ich mindestens auf drei Aspekte aufmerk-
sam machen:
(1) Die meisten Schlagzeilen beruhen auf weitreichenden
Schlussfolgerungen aus korrelativen Zusammenhängen. So sieht
PFEIFFER (2005) zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen
schlechten Schulnoten und einer Spielkonsole oder einem eigenen
Fernseher im Kinderzimmer (vgl. S. 2 ff.). Dass solche Aussagen nur
auf korrelativen und nicht auf kausalen Analysen beruhen und dass
jeweils viele andere Faktoren im Spiel sind, geht bei der öffentlichen
Darstellung solcher Untersuchungsergebnisse häufig unter.
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(2) Selbst wenn man sich auf korrelative Zusammenhänge ein-
lässt, müssten die pauschalen Aussagen im Hinblick auf das Alter der
Kinder, die Medien- und die Nutzungsart sowie den Umfang der Me-
diennutzung und das jeweilige Milieu, aus dem die Kinder stammen,
relativiert werden. Im Hinblick auf das Alter zeigt z.B. eine 2005 von
ZIMMERMAN & CHRISTAKIS veröffentlichte Studie Folgendes: Kin-
der, die schon ausgeprägt ferngesehen hatten, bevor sie drei Jahre alt
wurden, verfügten über eine geringere Sprachkompetenz als Kinder
ohne frühes Fernsehen. Allerdings wiesen Kindern mit Fernsehnut-
zung im Alter von 3-5 Jahren in einzelnen Bereichen eine höhere
Sprachkompetenz auf als Kinder ohne Fernsehen, wobei der Zusam-
menhang besonders positiv ausfiel, wenn vor der Vollendung des
dritten Lebensjahres kaum ferngesehen wurde (vgl. S. 619 ff.).
Bezogen auf die Medien- und die Nutzungsart wurde in einer Stu-
die von BORZEKOWSKI & ROBINSON (2005) zunächst festgestellt,
dass Kinder der dritten Grundschulklassen, die kein Fernsehgerät in
ihrem Kinderzimmer hatten, bessere Mathematik- und Sprachleistun-
gen aufwiesen als die Kinder mit Fernsehgerät. Gleichzeitig waren bei
einem Zugang zu einem Computer in der Familie jedoch positive Zu-
sammenhänge mit Mathematik- und Sprachleistungen erkennbar (vgl.
S. 607 ff.). Auch bei den im Januar 2006 veröffentlichen neuen PISA-
Ergebnissen ist eine positive Korrelation zwischen der regelmäßigen
Nutzung des Computers zum Lernen und den Schulnoten festgestellt
worden (vgl. „Neue Westfälische“ 2006, S. 2).
Hinsichtlich des Umfangs der Mediennutzung verweisen zusam-
menfassende Studien zur Frage der Schulleistung insgesamt darauf,
dass sich in der Regel bis zu einer Fernsehnutzung von eineinhalb
Stunden pro Tag positive Zusammenhänge mit den Schulleistungen
ergeben. Bei Kindern ungelernter Arbeiter, die sonst offenbar nur we-
nige Anregungen in ihrer Umwelt erfahren, zeigen sich in den USA
positive Zusammenhänge sogar noch bis zu einer Fernsehnutzung
von vier Stunden pro Tag. Erst danach ergeben sich negative Korrela-
tionen. (Vgl. WINTERHOFF-SPURK 2004, S. 101)
(3) Die besondere Aufmerksamkeit, die zur Zeit neurobiologi-
schen Forschungsergebnissen bei der Nutzung von Computerspielen
entgegengebracht wird, hat abgesehen von der generellen Wert-
schätzung, die naturwissenschaftliche Forschung in unserer Gesell-
schaft genießt auch etwas mit der medialen Darstellbarkeit von For-
schungsergebnissen zu tun (vgl. auch LIST 2006). So haben die Neu-
rowissenschaften mittlerweile die Möglichkeit, Hirnaktivitäten mit Hilfe
der funktionellen Magnetresonanztomografie in Bildern darzustellen,
z.B. Hirnaktivitäten beim Videospiel (vgl. SPITZER 2005, S. 217).
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Solche Bilder entfalten offenbar nicht nur bei Journalisten eine so
hohe Suggestivkraft, dass Neurowissenschaftlern nicht nur das damit
Abgebildete, sondern auch alle zum Teil unkritisch verallgemeinern-
den Schlussfolgerungen abgenommen werden. So rechtfertigt z.B.
der bildliche Nachweis, dass bei Gewalt-Videospielen das Dopamin-
system im Gehirn aktiviert wird, noch nicht die eindimensional-
verallgemeinernden Wirkungsannahmen zum aggressiven Verhalten,
wie sie von dem Neurobiologen SPITZER in seinem Buch „Vorsicht
Bildschirm!“ formuliert werden. (vgl. S. 215 ff.)
Dennoch bei aller Kritik an solchen unzulässigen Vereinfachun-
gen und bei insgesamt durchaus heterogenen und zum Teil auch
widersprüchlichen Forschungsergebnissen ist unbestritten, dass die
Nutzung von Computer, Fernsehen und anderen Medien neben mög-
lichen positiven Effekten auch deutliche Risiken für Erziehung und
Bildung, für Lernen und Unterricht enthält. Damit ist zugleich deutlich
geworden, dass man das Thema „Lernen und Lehren in Zeiten von
Computer und Medieneinfluss“ heute nicht mehr nur unter der Per-
spektive bearbeiten kann, welche Vorzüge digitale Medien für das
Lernen und Lehren bieten, sondern immer auch die Frage stellen
muss, was bei der außerschulischen Mediennutzung unter Umstän-
den gelernt wird und was dies für Lernen und Lehren in Schule und
Universität sowie für Erziehung und Bildung insgesamt bedeutet.
Vor dem Hintergrund dieser Grundposition möchte ich im Folgenden
an einigen Beispielen darstellen, wie wir in unserer Arbeitsgruppe mit
den angedeuteten Problemlagen umgegangen sind. Dabei versuche
ich, beide Perspektiven aufzunehmen: sowohl die Perspektive der
möglichen Anregung und Unterstützung von Lernprozessen durch
Medien als auch die Perspektive möglicher Gefährdungen.
Auch wenn der eine oder die andere von Ihnen dabei einzelne
Beispiele aus unserer Arbeit wieder entdeckt, erlaube ich mir ange-
sichts der heterogenen Zusammensetzung des heutigen Kreises ein-
zelne Rückblicke auf unsere Arbeit letztlich allerdings in der Hoff-
nung, mit den eher grundsätzlichen Positionen zugleich den Blick zu
öffnen für eine zukünftige Bearbeitung von Fragen des Lernens und
Lehrens in einer von Medien mitgestalteten Welt.
Wissenschaftlich gesehen stellen sich angesichts des skizzierten
Spannungsfeldes für eine Erziehungswissenschaft, die letztlich dem
Handeln dienen will, bezogen auf das gewählte Thema folgende Fra-
gen:
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(1) Welche Bedingungen sind für das Handeln und damit auch für
Lernen und Lehren in einer von Medien mitgestalteten Welt wich-
tig?
(2) Welche Zielvorstellungen sollten dem Lernen und Lehren in der
so genannten Informations- und Wissensgesellschaft zugrunde
gelegt werden?
(3) Welche Vorgehensweisen bieten sich für das Lernen und Lehren
einschließlich einer sinnvollen Verwendung von Computer bzw.
Medien an?
(4) Welche Erziehungs- und Bildungsaufgaben stellen sich ange-
sichts von Möglichkeiten und Risiken der Mediennutzung?
Diese vier Fragen haben uns in unserer Arbeitsgruppe in den vergan-
genen Jahren immer wieder begleitet. So möchte ich denn auch unse-
re Zugänge zu diesen vier Teilfragen im Folgenden mindestens kurz
erläutern.
Zur Frage (1): Bedingungen für das Handeln in einer von Medien
mitgestalteten Welt
Um Bedingungen für das Handeln von Kindern und Jugendlichen in
der gegenwärtigen Medienlandschaft herauszufinden und dabei eine
Basis für wissenschaftlich fundierte Handlungsvorschläge zu gewin-
nen, haben wir in verschiedenen Fallstudien und auch einzelnen grö-
ßeren empirischen Untersuchungen mit unterschiedlichen Konfliktsi-
tuationen gearbeitet. So haben wir erst kürzlich wieder Schülerinnen
und Schüler einer Hauptschule in Nordrhein-Westfalen und einer Re-
gelschule in Thüringen mit folgender Situation konfrontiert:
Thorsten ist in seiner Schulklasse ein Außenseiter. Umso mehr
freut er sich, als Sebastian ein in seiner Klasse sehr beliebter Schü-
ler ihn fragt, ob er sich am Nachmittag mit ihm treffen wolle. Gern
willigt Thorsten ein. Als Thorsten am Nachmittag seinen Eltern erzählt,
dass er zu Sebastian gehen will, runzeln diese die Stirn. Sie wissen,
dass Sebastian u.a. dadurch bekannt ist, dass er durch seinen älteren
Bruder Zugang zu Computerspielen hat, die von der Bundesprüfstelle
für jugendgefährdende Medien als menschenverachtend eingestuft
wurden und deshalb für Jugendliche verboten sind. Die Eltern wollen
Thorsten von dem Besuch abhalten, weil sie sich Sorgen machen,
dass Sebastian ja doch nur solche Spiele mit Thorsten spielen wolle.
Darauf hin versichert Thorsten, dass sie sich keine Sorgen zu machen
brauchen. Er verspricht, mit Sebastian keine verbotenen Computer-
spiele zu spielen.
Als Thorsten zu Sebastian kommt, hat dieser gerade ein neues verbo-
tenes Spiel installiert und geht selbstverständlich davon aus, dass
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Thorsten mit ihm das Spiel ausprobiert. Thorsten zögert, Sebastian
drängt darauf zu beginnen. Wie soll sich Thorsten verhalten? Schüle-
rinnen und Schüler der Klassen 7 bis 10 haben auf diese Situation
unterschiedlich reagiert. Als Gründe für das Mitspielen wurden u.a.
genannt:
Sonst kann es ja passieren, wenn er nicht mitspielt, dass er ver-
prügelt wird (7. Klasse).
Weil nicht jugendfreie Spiele richtig Spaß machen (7. Klasse).
Vielleicht will er einfach mal mitreden können, wenn seine Klasse
darüber spricht (7. Klasse).
Weil er sonst wie ein Trottel und Feigling dasteht (8. Klasse).
Damit er nicht als Weichei betrachtet wird (10. Klasse).
Allein dass das Spiel indiziert ist, gibt einen großen Reiz (10.
Klasse).
Er möchte kein Außenseiter mehr sein und spielt mit, um cooler
zu wirken (10. Klasse).
Spiele sind meiner Meinung nach nicht gefährlich. Lächerlich sie
nicht zu spielen (10. Klasse).
Als Gründe gegen das Mitspielen wurden u.a. angeführt:
Weil seine Eltern es verboten haben. Weil er Angst hat, dass es
dann rauskommt (7. Klasse).
Damit er nicht kriminell wird und weil er sich sonst strafbar macht
(7. Klasse).
Er hat es seinen Eltern versprochen (8. Klasse).
Er würde das Vertrauen seiner Mutter zerstören. Vielleicht würde
er auch Stubenarrest kriegen (8. Klasse).
Er würde seine Eltern enttäuschen. Er könnte erwischt werden
und die Eltern müssten dann Strafe zahlen (8. Klasse).
Weil er sonst ein schlechtes Gewissen bekommt (10. Klasse).
Da die Spiele illegal und jugendgefährdend sind. Auch wenn er
danach wieder alleine ist, kommt er wenigstens nicht mit dem Ge-
setz in Konflikt (10. Klasse).
Am Beispiel dieser Situationsschilderung und der Äußerungen lassen
sich wichtige Bedingungen der Mediennutzung sowie des Lernens
und des menschlichen Handelns generell aufzeigen.
Erstens wird an den Äußerungen sichtbar, dass in einer solchen Situ-
ation verschiedene Bedürfnisse im Spiel sind, z.B. das Zugehörig-
keitsbedürfnis, wenn ein Jugendlicher sagt, dass Thorsten einfach
mitreden möchte, wenn die Klasse darüber spricht, oder das Gel-
tungsbedürfnis, wenn als Grund angeführt wird, dass er nicht als Feig-
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ling oder Weichei dastehen möchte. Insofern lässt sich Mediennut-
zung zunächst als eine bedürfnisbezogene Handlung deuten.
Zweitens erweist sich das Handeln von Thorsten als situationsbe-
dingt: Ohne die Einladung und das Drängen von Sebastian sowie
seine Außenseiterrolle in der Schule hätte sich das Bedürfnis nach
Zugehörigkeit oder Geltung nicht in dieser Weise gezeigt.
Drittens ist für das Handeln bedeutsam, welches Wissen und wel-
che Erfahrungen Thorsten in die Situation einbringt. Wenn er bei-
spielsweise indizierte Spiele kennt und sie schon einmal als sehr an-
regend und spannend erlebt hat und außerdem noch zu wissen
glaubt, sie seien ungefährlich, wie es in einzelnen Äußerungen der
Jugendlichen zum Ausdruck kommt, wird er sich vermutlich anders
verhalten als wenn dies nicht der Fall ist.
Viertens ist der Stand der sozial-kognitiven Entwicklung wichtig.
Dieser kann sowohl aus intellektueller als auch aus sozial-moralischer
Perspektive betrachtet werden. Intellektuell gesehen wird Thorsten
durch die Situation vor die Handlungsalternative „Zustimmung oder
Ablehnung" gestellt. Er könnte allerdings auch noch andere Möglich-
keiten bedenken, z.B. den Vorschlag machen, ein anderes spannen-
des Spiel auszuprobieren. Sozial-moralisch gesehen bzw. hinsichtlich
von Wertorientierungen wird Thorsten wie die Äußerungen u.a. zei-
gen je nach seinem Entwicklungsstand abwägen, ob er das Risiko
einer Bestrafung eingehen oder lieber den Eltern gehorchen soll, ob
er eher den Erwartungen von Sebastian und seiner Freunde oder
eher den Erwartung seiner Eltern folgen soll, ob er sich eher für oder
gegen den gesellschaftlich geforderten Jugendschutz entscheiden
soll.
Für zukünftiges Handeln sind über die genannten Bedingungen
hinaus die Folgen des jeweiligen Handelns wichtig. Geht man bei-
spielsweise davon aus, dass Thorsten mitspielt und die Einwilligung
ihm die Anerkennung Sebastians bringt und die Eltern davon nichts
erfahren, so wäre falls Thorsten nicht von sich aus ein „schlechtes
Gewissen" verspürt ein Nachgeben in ähnlichen Fällen wahrschein-
licher. Würden es die Eltern jedoch erfahren und daraus ein schwerer
Konflikt entstehen, so wäre ein Nachgeben in späteren ähnlichen
Situationen unwahrscheinlicher.
Den obigen Überlegungen liegt eine Modellvorstellung vom menschli-
chen Handeln zu Grunde, die grafisch in der Abbildung 1 zusammen-
gefasst ist (vgl. TULODZIECKI 1996, S. 53).
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20
Situation
Bedürfnisse
Spannungs-
zustand
(Motivation)
Bedenken und
Bewerten von
Handlungsmöglichkeiten
sozial-kognitives
Niveau
Wissens- und
Erfahrungsstand
Ausführen
einer
Handlung
Verarbeitung von
Handlungsergebnissen
bzw. -folgen
An dem Handlungsmodell wird noch einmal der Zusammenhang von
Voraussetzungen und Bedingungen der Mediennutzung in Konfliktfäl-
len deutlich: Aufgrund eines Spannungszustandes zwischen Bedürf-
nislage und Anforderungen in einer bestimmten Situation werden ver-
schiedene Handlungsmöglichkeiten erwogen, von denen schließlich
eine ausgewählt und realisiert wird. Für die Erwägung ist zum einen
der Stand des Wissens bzw. der Erfahrungen zu der jeweiligen Situa-
tion bedeutsam. Zum anderen ist das sozial-kognitive Niveau wichtig:
einerseits für die Zahl der in den Blick genommenen Handlungsmög-
lichkeiten und andererseits für ihre Bewertung. Zugleich ergeben sich
Bezüge zum Lernen. Dies wird zunächst an der Überlegung erkenn-
bar, dass die Konsequenzen einer Handlung und ihre Verarbeitung
bedeutsam dafür sind, ob eine bestimmte Handlung in der Zukunft
wahrscheinlicher oder weniger wahrscheinlich wird. Gleichzeitig be-
einflussen die Erfahrungen in einer bestimmten Situation den Wis-
sensstand und das sozial-kognitive Niveau. Dies kann zu Verände-
rungen im Verhalten und/oder im Wissensstand und/oder in allgemei-
nen sozial-kognitiven Dispositionen führen. Wenn dies der Fall ist,
dann hat Lernen stattgefunden.
Selbstverständlich war und ist uns bewusst, dass es auch andere
Möglichkeiten gibt, menschliches Handeln zu modellieren gibt es
doch in der Psychologie sowie in handlungstheoretischen Ansätzen in
anderen Wissenschaften vielfältige Modellvorstellungen zum Handeln.
Wie dem auch sei für unsere didaktischen und medienpädagogi-
schen Überlegungen erlaubt das vorgestellte Handlungsmodell wich-
tige Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Unterricht sowie für
medienpädagogisches Handeln. Darauf komme ich später noch ein-
mal zurück.
Des Weiteren erweist es sich als Vorteil, dass das Handlungsmodell
von vornherein auf eine interdisziplinäre Sichtweise der komplexen
Vorgänge um Lernen und Mediennutzung angelegt ist. So haben wir
uns bei unseren Arbeiten in diesem interdisziplinären Sinne
____________________________________________________
21
bezüglich der Bedürfnislage z.B. an dem aus der humanistischen
Psychologie stammenden Ansatz von MASLOW (1981) orientiert,
ergänzt durch aktuelle Akzentuierungen bei DECI & RYAN (1993),
bezüglich der Situation z.B. an Ergebnissen der sozialwissen-
schaftlichen Jugendforschung,
bezüglich des Wissens- und Erfahrungsstands an kognitionsorien-
tierten und konstruktivistischen Lerntheorien und
bezüglich der sozial-kognitiven Entwicklung zum einen an Theo-
rien zur intellektuellen Entwicklung in Weiterentwicklung der An-
sätze von PIAGET (1932) und zum anderen an Ansätzen zur
Wertentwicklung von KOHLBERG (1977) und GILLIGAN (1982),
wobei KOHLBERG ja in besonderer Weise dem Prinzip sozialer
Gerechtigkeit und GILLIGAN dem Prinzip der Verantwortung ver-
pflichtet ist.
Solche Ansätze sind zunächst einmal wichtig, um Bedingungen des
Handelns in ihrer Tragweite einschätzen zu können. Sie reichen je-
doch noch nicht aus, um fundierte Handlungsvorschläge zu entwi-
ckeln. Dazu sind Reflexionen zu wünschenswerten Zielen notwendig.
Damit bin ich bei der zweiten gestellten Frage.
Zur Frage (2): Zielvorstellungen für Lernen und Lehren in einer von
Medien mitgestalteten Welt
Mit Konfliktsituationen – wie dem Computerspiel-Dilemma – kann man
einerseits auf wichtige Bedingungen für Lernen und Lehren aufmerk-
sam machen, man kann sie andererseits aber auch nutzen, um über
Zielvorstellungen für das Handeln nachzudenken. Dies möchte ich im
Folgenden an einem zweiten Beispiel verdeutlichen. Zugleich soll das
Beispiel zeigen, dass man solche Dilemmata nicht nur in der Schule,
sondern auch im Studium sinnvoll einsetzen kann. So haben wir Stu-
dierende der Lehrämter u.a. mit folgendem Dilemma, das in Anleh-
nung an einen Konfliktfall aus der Dissertation von HERZIG (1998)
formuliert wurde, konfrontiert:
Daniel ist Student der Informatik und arbeitet nebenbei in einer
kleinen Software-Firma, die sich auf die Erstellung medizintechnischer
Software spezialisiert hat. Die neueste Software-Entwicklung der Fir-
ma, an der Daniel auch mitgearbeitet hat, besteht in einer Computer-
steuerung zur Nachrüstung älterer Röntgengeräte. Aufgrund des
Steuerungsprogramms kann die Strahlenbelastung bei Röntgenauf-
nahmen bis zu 30% reduziert werden. Die Entwicklung der Software
hat insgesamt große Kosten verursacht, so dass die kleine Software-
Firma für ihr Überleben auf den Erlös aus dem Verkauf des Pro-
gramms angewiesen ist.
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22
Nachdem der Preis kalkuliert und die Software auf dem Markt ist, trifft
Daniel seinen alten Schulfreund Andreas wieder. Dieser hat sein Me-
dizinstudium zügig abgeschlossen im Gegensatz zu Daniel, dessen
Studium sich durch die häufigen Nebentätigkeiten immer mehr ver-
längert hat. Andreas ist nun Assistenzarzt in einem kleinen Kranken-
haus und hat von der neuen Software-Entwicklung gehört. Da das
Krankenhaus nur einen relativ kleinen Etat hat, steht kein Geld r die
Anschaffung der Software zur Verfügung. Andreas bittet deshalb sei-
nen Freund, ihm eine Kopie der Software zu verschaffen. Ein kleinerer
Betrag würde dabei für Daniel direkt herausspringen.
Daniel überlegt, wie er sich verhalten soll zumal er an der Ent-
wicklung beteiligt war und den Eindruck hat, dass er im Verhältnis zu
seinen Leistungen relativ wenig von dem kalkulierten Verkaufspreis
erhalten wird. Wie soll bzw. wird er sich entscheiden?
Zunächst nenne ich wieder einige Argumente, die in diesem Falle
Studierende der Lehrämter zu dieser Situation genannt haben.
Als Argumente für die Herausgabe der Daten wurden u.a. ge-
nannt: Mehr Geld für Daniel. Er kann sein Studium schneller beenden.
/ Ausgleich, Rache für die schlechte Bezahlung. / „Dienst unter
Freunden“ später Hilfe von Andreas zu erwarten. / Das Kranken-
haus könnte die Software sowieso nicht kaufen. / Gerechtigkeit, auch
kleinere Krankenhäuser sollen Zugang zu moderner Medizintechnik
haben. / Die Belastung ist 30% niedriger, Menschenleben könnten
geschont werden. / Programme werden ohnehin immer und überall
kopiert. / Das medizinische System ist eh am Ausbluten. / Und ein
Student vermerkte als Grund für die Herausgabe der Daten kurz und
knapp: Kohle.
Als Argumente gegen die Herausgabe der Daten wurden u.a. an-
gesprochen: Er könnte seinen Job verlieren. / Nach einer Verurteilung
hätte er schlechte Karten für einen Job. / Kopien können Viren enthal-
ten und das Rechnersystem im Krankenhaus blockieren. / Er würde
sich ins eigene Fleisch schneiden, da er letztendlich auch nichts da-
von hat, wenn die Firma Pleite geht. / Er würde die Firma und die
Kollegen hintergehen. / Illegale Handlung, Betrug, schlechtes Gewis-
sen, Angst, dass sein Betrug auffliegen könnte. / Er würde gegen den
unternehmerischen Gedanken verstoßen.
Ohne diese Äußerungen hier im Einzelnen interpretieren und
kommentieren zu können, verweisen sie doch erneut auf die mit dem
Handlungsmodell herausgearbeiteten Handlungsbedingungen: die
Bedürfnislage, die Lebenssituation, den Wissens- und Erfahrungs-
stand und das sozial-kognitive Entwicklungsniveau. Hinsichtlich des
Entwicklungsniveaus bei den Wertorientierungen ist besonders inte-
____________________________________________________
23
ressant, dass die Argumente der Studierenden strukturell betrachtet
zwar zum Teil über die Argumente der Regel- und Hauptschüler
zum Computerspiel-Dilemma hinaus gehen, dass es aber auch große
Überschneidungsbereiche gibt. Um dies in aller Kürze zu verdeutli-
chen, beziehe ich mich auf den bereits angesprochenen theoretischen
Ansatz zur Entwicklung von Wertorientierungen nach KOHLBERG
(1977). Er unterteilt die Entwicklung in insgesamt sechs Stufen mit
unterschiedlichen Orientierungen: von einer Orientierung an Strafe
und Gehorsam sowie einer instrumentell-relativistischen Orientierung
am eigenen Nutzen über die Orientierung an den Erwartungen von
Bezugspersonen sowie die Orientierung an Recht und sozialer Ord-
nung bis zu einer legalistischen Orientierung am Gesellschaftsvertrag
sowie einer Orientierung an universalen ethischen Prinzipien im Sinne
des kategorischen Imperativs von IMMANUEL KANT.
Legt man diesen Ansatz zugrunde, so bleiben bei den Studieren-
den zwar nicht mehr so viele Argumente wie bei den Regel- und
Hauptschülern der ersten Stufe verhaftet, d.h. einer Orientierung an
Bestrafung und Gehorsam; aber viele Argumente der Studierenden
sind wie bei den Jugendlichen zum Computerspiel-Dilemma der
Stufe 2, d.h. einer Orientierung am eigenen Nutzen bzw. einer instru-
mentell-relativistischen Orientierung, oder der Stufe 3, d.h. einer Ori-
entierung an den Erwartungen von Bezugspersonen, zuzuordnen. Nur
wenige Argumente der Studierenden allerdings mehr als bei den
Jugendlichen verweisen im Sinne der Stufe 4 auf die Übernahme
gesellschaftlicher Verantwortung im Sinne einer Orientierung an
Recht und sozialer Ordnung. Diese Einschätzungen zeigen zugleich
wie wichtig es ist, durch Dilemmata dieser Art Anregungen für die
Weiterentwicklung von Wertorientierungen zu geben nicht nur bei
Jugendlichen der Haupt- und Regelschule, sondern auch bei Studie-
renden.
Dies leitet zugleich zu der Fragestellung nach einem wünschens-
werten Handeln über:
Erstens ist für die vorgestellte Situation zu hoffen, dass Daniel
Kenntnisse zum Urheber- und Nutzungsrecht sowie zu der Situation
im Gesundheitswesen hat und damit überhaupt erst die Möglichkeit
besitzt, unter Beachtung rechtlicher Regelungen, d.h. sachgerecht
vorzugehen.
Zweitens ist wünschenswert, dass sich Daniel nicht einfach von
seinem Freund überreden lässt, sondern zu einer eigenen Abwägung
kommt oder anders gesagt: nicht fremdbestimmt, sondern selbstbe-
stimmt handelt.
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Drittens wäre es gut, wenn sich Daniel in solchen oder ähnlichen
Situationen nicht einfach auf vorgegebene Handlungsmöglichkeiten
festlegen ließe, sondern neue bzw. alternative Handlungsmöglichkei-
ten entwickelt, d.h. kreativ agiert.
Viertens wäre ein wünschenswertes Handeln durchaus gekenn-
zeichnet, dass Sebastian die Interessen nicht nur von Olaf, sondern
möglichst vieler Betroffener etwa der anderen Firmenmitglieder sowie
zukünftiger Patienten des kleinen Krankenhauses berücksichtigt, d.h.
sozial verantwortlich handelt.
Damit sind vier Leitideen für das Handeln in einer von Medien mitge-
stalteten Welt sichtbar geworden (vgl. TULODZIECKI 1996, S. 50):
Sachgerechtes Vorgehen,
Selbstbestimmung,
Kreativität und
soziale Verantwortung.
Diese vier Leitideen lassen sich nicht nur mit Blick auf das Beispiel,
sondern auch mit Blick auf die Bedeutung genereller gesellschaftlicher
Strömungen begründen: Beispielsweise wird es bei der Informations-
fülle in unserer Medienlandschaft zunehmend schwieriger, sachlich
richtige von falschen und irreführenden Informationen zu unterschei-
den und sachgerechte Vorgehensweisen zu wählen. Diese Problema-
tik wird schon sichtbar, wenn man sich die eingangs genannten unter-
schiedlichen Informationen zum Thema Medieneinfluss noch einmal
vor Augen führt und wird in ihrer Tragweite besonders deutlich, wenn
man sich die vielfältigen falschen Informationen bewusst macht, die
zum Thema Irak und Irakkrieg über die Medien verbreitet wurden. Im
Januar 2006 hat dies mit Bezug auf die Entführung von Susanne
OSTHOFF ja auch in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ zu einem Titel-
bild und der Titelfrage geführt „Darf man den Medien trauen?“ Diese
Frage unterstreicht nur noch einmal die Notwendigkeit des Zweifels
bzw. die Notwendigkeit, immer auch nach der Glaubwürdigkeit von
Medieninformationen zu fragen.
Vor einem solchen Hintergrund steht die Leitidee eines sachge-
rechten Handelns zugleich gegen mögliche Irreführungen durch Me-
dieninformationen. Im Zusammenhang damit betont die Leitidee des
selbstbestimmten Handeln, dass es immer wichtiger wird, einer mögli-
chen Fremdbestimmung durch Medien entgegenzuwirken. Des Weite-
ren verweist die Leitidee kreativen Handelns auf das Ziel, gegen die
bloße Rezeption von Medien eigene Kreativität – gegebenenfalls auch
mit Medien zu setzen, und schließlich wird mit der Leitidee sozial-
verantwortlichen Handelns die Idee sozialer Gerechtigkeit hervorge-
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25
hoben, die angesichts gesellschaftlicher Strömungen wie Nutzen- und
Profitorientierung, Individualisierung und Narzissmus, Wertepluralis-
mus und Globalisierung besondere Bedeutung gewinnt wobei ich in
diesem Zusammenhang gar nicht über das Problem der Gehälter und
Abfindungen von hochrangigen Managern sprechen möchte.
Zugleich wird mit diesen Anmerkungen deutlich, dass in unserer
heutigen Zeit wichtige philosophische Grundfragen nicht außer Kraft
gesetzt sind, sondern angesichts der Medienentwicklung neue Aktua-
lität erlangen (vgl. auch DOELKER 1998):
die Grundfrage der Erkenntnistheorie: Was ist wahr?
die Grundfrage des Pragmatismus: Was ist (im weitesten Sinne)
nützlich für den Einzelnen und Gesellschaft?
die Grundfrage der Ästhetik: Was ist in sich stimmig bzw. im wei-
testen Sinne schön?
die Grundfrage der Ethik: Welches Handeln ist gerechtfertigt?
Diese Grundfragen gelten sowohl für die Medienmacher als auch für
die Rezipienten und verweisen auf deren Verantwortung. Wir erleben
ja gerade am Beispiel der Karikaturen zum Propheten Mohammed,
welche Wirkungen von medialen Darstellungen ausgehen können.
Dabei bleibt nur zu hoffen, dass bezogen auf solche Auseinanderset-
zungen nicht der französische Medienphilosoph Jean BAUDRILLARD
(1991) recht behält, der in seinem Buch „Die fatalen Strategien“ u.a.
sagt, dass die Welt nicht auf Gleichgewicht angelegt sei, sondern auf
Extreme, was u.a. bedeuten würde, dass Auseinandersetzungen ei-
nem radikalen Antagonismus unterliegen und weder auf Versöhnung
noch auf Synthese zielen (vgl. S. 7).
Umso wichtiger werden die genannten vier Grundfragen, wobei
diese Grundfragen zu stellen keineswegs ausschließt, sondern im
Sinne postmoderner Kritik bzw. im Sinne von Dekonstruktion und
Diskursanalyse durchaus einschließt, auch die Frage zu bedenken,
warum etwas Bestimmtes für wahr, nützlich, schön oder gerechtfertigt
gehalten wird und Anderes eben nicht.
So spannend diese Fragen auch sind es würde den Zeitrahmen
dieser Vorlesung sprengen, sie an dieser Stelle weiter zu verfolgen.
Vielleicht habe ich ja auch nach meiner Emeritierung etwas mehr Zeit,
über die Bedeutung dieser Fragen in einer „nachpostmodernen“ Zeit
nachzudenken.
Halten wir an dieser Stelle kurz inne: Bisher habe ich Bedingun-
gen des Handelns als Voraussetzungen für Lernen und Lehren sowie
Zielvorstellungen bzw. Leitideen für Handeln in einer von Medien mit-
gestalteten Welt skizziert. Für Handlungsempfehlungen stehen jetzt
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26
allerdings noch Überlegungen zu möglichen Vorgehensweisen aus.
Damit bin ich bei unserer dritten Frage.
Zur Frage (3): Vorgehensweisen für Lernen und Lehren
Das Verhältnis der skizzierten Bedingungen von menschlichem Han-
deln und Lernen zu den angesprochenen Zielvorstellungen bzw. Leit-
ideen für das Lernen und Lehren lässt sich auch so beschreiben: Für
ein sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozialverantwort-
liches Handeln sind in Abhängigkeit von der Lebenssituation eine
bestimmte Befriedigung grundlegender Bedürfnisse, ein gewisser
Wissens- und Erfahrungsstand sowie ein bestimmtes Niveau intellek-
tueller und sozial-moralischer Entwicklung notwendig. Für Lernen und
Lehren folgt daraus: Lehren sollte unter Beachtung der Lebenssituati-
on und Bedürfnislage der jeweiligen Kinder, Jugendlichen oder Stu-
dierenden zum einen auf die Erweiterung des Wissens- und Erfah-
rungsstandes, zum anderen aber immer auch auf die Förderung des
sozial-kognitiven Urteilsniveaus zielen.
Dies lässt sich z.B. durch die Auseinandersetzung mit Dilemmata
der skizzierten Art realisieren: Die Dilemmata können wie das Com-
puterspiel-Dilemma aus der Lebenssituation von Kindern und Ju-
gendlichen entnommen werden. Sie sprechen wie die Schüleräuße-
rungen gezeigt haben verschiedene Bedürfnisse an. Bei der Ausei-
nandersetzung kann durch geeignete methodische Maßnahmen si-
chergestellt werden, dass die Jugendlichen den Fall aus verschiede-
nen Perspektiven betrachten, z.B. aus der Perspektive der unmittelbar
Beteiligten und der Eltern sowie aus der Perspektive gesetzlicher
Regelungen zum Jugendschutz. Damit lernen sie neue Perspektiven
und Argumente kennen, die gemäß den zugrunde liegenden Entwick-
lungstheorien einer Förderung der sozial-kognitiven Entwicklung die-
nen. Dabei können neben Ansätzen zur intellektuellen Entwicklung
insbesondere auch die bereits genannten Ansätze zur Wertentwick-
lung von Lawrence KOHLBERG sowie zur Verantwortungsentwick-
lung von Carol GILLIGAN zur Geltung kommen. Auf der Grundlage
dieser Ansätze nnen Jugendliche durch entsprechende Lern- und
Lehrprozesse auch sozial-kognitive Dispositionen erwerben, die es
ihnen erlauben, aggressive Verhaltensmuster aus Fernsehen und
Computerspiel kritisch zu reflektieren, so dass ein Schutz gegen die
Übernahme von Gewaltmustern entsteht.
Bisher habe ich in besonderer Weise die Anregung von Lernpro-
zessen durch Dilemmata in den Blick gerückt. In diesem Zusammen-
hang stellen Dilemmata einen Spezialfall für den allgemeineren Auf-
gabentyp des Entscheidungsfalls dar. Wegen der besonderen Bedeu-
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27
tung von Entscheidungsfällen für entwicklungsförderliche Lernprozes-
se haben wir diesen Aufgabentyp auch in den Fällen, in denen wir an
Medienproduktionen beteiligt waren, für mediale Umsetzungen einge-
bracht. Dies ist z.B. schon während der früheren Zeit am Forschungs-
und Entwicklungszentrum für objektivierte Lehr- und Lernverfahren in
Zusammenarbeit mit dem Schulfunk und dem Schulfernsehen des
Westdeutschen Rundfunks geschehen und später auch in Kooperati-
on mit dem FWU, dem Institut für Film und Bild in Wissenschaft und
Unterricht als Institut der Bundesländer für die Produktion von Bil-
dungsmedien. So enthält die CD-ROM-Produktion des FWU mit dem
Titel „DIE ALPEN“ (1999), die zugleich als Prototyp für den Schulbe-
reich gedacht war, gleich mehrere solcher Entscheidungsfälle. Mit
Hilfe der CD-ROM können sich die Schülerinnen und Schüler u.a. mit
dem Konfliktpotential zwischen ökonomischen und ökologischen Inte-
ressen in den Alpen anhand verschiedener Fallstudien auseinander-
setzen.
Da ist zum Beispiel die Gemeinde Alpkirchen, in der die Verant-
wortlichen im Grundsatz festgelegt haben, dass der durch den Tou-
rismus gestiegene Energiebedarf durch den Bau eines Stausees ge-
deckt werden soll. In einem Planspiel soll nun entschieden werden,
welches der drei angrenzenden Täler für die Flutung ausgewählt wer-
den soll. Neben vielfältigen Informationen zu diesem Fall werden u.a.
auch Konsequenzen möglicher Flutungen auf der CD-ROM darge-
stellt.
Neben Entscheidungsfällen als Ausgangspunkte für Lernprozesse
haben wir in unseren didaktischen Überlegungen immer wieder be-
tont, dass sich auch Probleme sowie Beurteilungs- und Gestaltungs-
aufgaben in besonderer Weise eignen, um entwicklungsfördernde
Lernprozesse anzuregen.
Probleme als Aufgabenstellung können unter Umständen schon in
der Grundschule mit Hilfe von computerbasierten Medien eingeführt
werden. So enthält beispielsweise die CD-ROM „Meine erste Reise
um die Welt“ (MEYER MULTIMEDIA 1996) das Spiel „Schatzsuche“.
Dabei geht es darum, ein Schiff so über eine bestimmte Anzahl von
Feldern nach Norden oder Süden, nach Westen oder Osten zu steu-
ern, dass es unter Vermeidung von Klippen, Seeungeheuern und
gefährlichen Wirbelströmungen zu einer gekennzeichneten Stelle
gelangt, an der ein „Schatz“ zu finden ist. Wenn ein entsprechendes
kleines Programm falsch geschrieben wurde, versinkt das Schiff an
einer gefährlichen Stelle, wird es richtig geschrieben, kann die virtuel-
le Schatzkiste ausgegraben werden.
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28
Ein Beispiel für eine Gestaltungsaufgabe als dritten Aufgabentyp
ist u.a. mit einem Projekt namens „Hello Spring“ oder Frühlingsboten
verbunden, an dem sich auch einzelne Klassen in einem von uns
begleiteten Modellversuch beteiligt haben. In dem Projekt geht es
darum, eine Frühlingskarte für den europäischen Raum zu entwickeln.
Dafür können sich deutsche Schulklassen wie andere interessierte
Klassen aus verschiedenen Ländern aufgrund eines Aufrufes über
das Internet zur Teilnahme melden (vgl. MEYER & MUULI 1997).
Außer deutschen Schulklassen sind bei diesem Projekt z.B. Schul-
klassen aus Estland, Finnland, Dänemark, den Niederlanden, England
und Italien beteiligt gewesen. Im Verlaufe von drei Monaten beobach-
ten die Schülerinnen und Schüler bestimmte Tierarten, z.B. das Er-
scheinen des Weißstorches oder der Rauchschwalbe, sowie die ers-
ten Blüten bestimmter Pflanzenarten, z.B. des Schneeglöckchens
oder des Löwenzahns sowie des Huflattichs. Die Schülerinnen und
Schüler beschreiben ihre Beobachtungen, teilen sie per E-Mail den
beteiligten Klassen mit und werten schließlich die unterschiedlichen
Beobachtungen in verschiedenen Ländern aus und erkennen so, wie
sich der Frühling unter verschiedenen klimatischen Bedingungen aus-
breitet.
Als Beispiel einer Beurteilungsaufgabe wähle ich eine Einfüh-
rungsaufgabe, wie wir sie in einer unserer Veranstaltungen zu „Me-
dien und Informationstechnologien in Erziehung und Bildung“ verwen-
den. Um mögliche Entwicklungen im Bereich von Medien und Infor-
mationstechnologien, die heute zum Teil auch schon eingetreten sind,
zu verdeutlichen und einer kritischen Reflexion zugänglich zu ma-
chen, werden die Studierenden mit einem Szenario konfrontiert, das
hier ausschnittweise in Anlehnung an den Medienpädagogen PET-
ZOLD (2000) formuliert ist:
Beim Frühstück wird nicht Zeitung gelesen, sondern das speziell
nach dem Wunsch der Familie zusammengestellte Menü an News-
Clips auf dem Flachschirm an der Wand neben dem Esstisch ausge-
geben. Plötzlich stoppt das Bild, weil sich die Oma auf dem Bildtelefon
meldet. Sie bittet um Hilfe, weil die gestern über ihren Internet-
Computer bestellten neuen Herztropfen nicht wie erwartet heute früh
im Warenkorb ihres Häuserblocks angekommen waren. Nach dem
Frühstück beginnt der Vater seine Arbeit, verlässt dazu aber nicht das
Haus, da er wie jeden Montag bis Mittwoch am Home-Terminal in
seinem Arbeitszimmer arbeitet. Dort findet er sofort nach dem Login
die Meldung seines Chefs, der um Aufklärung bittet, warum die Be-
antwortung der Kundenbriefe gestern nicht erfolgt sei (der Chef hatte
über seinen Kontrollcomputer erfahren, dass der Vater zwar gestern
____________________________________________________
29
am Home-Terminal saß, aber dort das neue Wettkampf Online-Spiel
„Venus-Invasion“ im Kampf gegen seinen japanischen Kontrahenten
gespielt hat). Nachmittags setzen sich die Kinder zunächst ganz brav
an ihre Hausaufgaben, tauschen allerdings die Ergebnisse per Com-
puter-Link mit Klassenkameraden aus, bevor sie ihre Lösung via E-
Mail an den Schul-Computer abliefern. Erst nach dieser elek-
tronischen Postsendung hat sich das Home-Terminal automatisch für
Videos-On-Demand freigeschaltet, wobei die Auswahl über den Y-
outh-Chip (der Porno- und Gewalt-Inhalte automatisch erkennt) kon-
trolliert wird. Dies wird sofort von den beiden jüngeren Kindern ge-
nutzt, die sich in die Game-Show eines Kabelkanals einklinken und
dort die Fernsteuerung eines Video-Monsters übernehmen. Der ältere
Sohn hat sich in sein Zimmer zurückgezogen und man kann nicht
feststellen, was er dort am Computer macht ... (er hat den Code für
das Überwachungsprogramm geknackt!). Derweil verbringt die Mutter
eine Stunde in einer Videokonferenz zum Thema „Neue Lebensfor-
men im Medienzeitalter“ (dies ist ein Teil ihres Studiums an der Virtu-
ellen Fern-Universität). Soweit das Szenario.
Die Studierenden haben in der Auseinandersetzung mit diesem
Szenario die Aufgabe, Entwicklungstendenzen herauszuarbeiten und
in ihrer Bedeutung für Lernen und Schule, für Beruf und Gesellschaft
zu kommentieren sowie hinsichtlich möglicher Vorzüge und Problem-
lagen zu bewerten. Außerdem könnte das Szenario benutzt werden,
um Bezüge zu verschiedenen Medientheorien herzustellen z.B. zu
den medientheoretischen Überlegungen von Vilém FLUSSER (1998)
oder von Jean BAUDRILLARD (1991).
Die angeführten Beispiele zeigen, dass es sich sowohl für schuli-
sches Lernen als auch für das Studium anbietet, Lernprozesse in
problem-, entscheidungs-, gestaltungs- und beurteilungsorientierter
Weise zu konzipieren und dabei Medien zur Anregung und Unterstüt-
zung zu nutzen. Unter Berücksichtigung kognitionstheoretischer, kon-
struktivistischer und didaktischer Positionen kann man unsere damit
verbundene Grundposition zum Vorgehen beim Lernen und Lehrern
thesenartig mit fünf Merkmalen beschreiben (vgl. TULODZIECKI,
HERZIG & BLÖMEKE 2004, S. 101 ff.):
(1) Bedeutsame Aufgabe mit angemessenem Komplexitätsgrad als
Ausgangspunkt: Lehren und Lernen sollen jeweils von einer für
die Lernenden bedeutsamen Aufgabe ausgehen. Solche Aufga-
ben können Probleme, Entscheidungsfälle, Gestaltungs- und Be-
urteilungsaufgaben sein. Sie sollen einerseits für eine Auseinan-
dersetzung mit einem Thema motivieren und zugleich vorhande-
____________________________________________________
30
nes Wissen und Können als Basis für den folgenden Lernprozess
aktivieren.
(2) Verständigung über Ziele und Vorgehensweisen: Die Lernenden
sollen an der Planung von Lehren und Lernen durch gemeinsame
Überlegungen und Vereinbarungen zu Zielen und Vorgehen in
angemessener Weise beteiligt sein.
(3) Selbsttätige und kooperative Auseinandersetzung mit bedeutsa-
men Aufgaben beziehungsweise Inhalten: Lehren soll eine eigen-
aktive und kooperative Auseinandersetzung der Lernenden mit
einer Aufgabe ermöglichen, indem auf der Basis geeigneter In-
formationen bzw. Grundlagen selbstständig Lösungswege ent-
wickelt und erprobt werden. Dabei soll es in Abhängigkeit von den
Lernvoraussetzungen zu einer Korrektur, Ausdifferenzierung oder
Erweiterung vorhandenen Wissens und Könnens kommen.
(4) Vergleich unterschiedlicher Lösungswege und Lösungen sowie
Systematisierung: Verschiedene Lösungs- oder Handlungsmög-
lichkeiten sollen vorgestellt, artikuliert, diskutiert und zusammen-
fassend eingeordnet werden.
(5) Anwendung und Reflexion des Gelernten: Lehren und Lernen
sollen auf die Anwendung angemessener Kenntnisse und Vorge-
hensweisen sowie deren Weiterführung und Reflexion zielen. So
kann eine Integration von neuen Kenntnissen und Fähigkeiten
und ihre kritische Einordnung erreicht werden.
Diese Merkmale sollten sowohl bei Präsenzveranstaltungen in Schule
und Hochschule als auch bei der Konzeption von E-Learning oder
Blended-Learning bedacht und umgesetzt werden vielleicht bietet
dazu ja auch das zur Zeit an unserer Universität durchgeführte Projekt
Locomotion neue Chancen.
In entsprechenden Lehr-Lernprozessen nnen Computer, Inter-
net und andere Medien mit unterschiedlichen Funktionen lernwirksam
verwendet werden: als Mittel zur Präsentation von Aufgaben, als In-
formationsquelle und Lernhilfe, als Materialpool und Gegenstand von
Analysen, als Werkzeug“ oder Instrument bei Aufgabenlösungen und
Rückmeldungen, als „Werkzeug“ bei der Kommunikation und Koope-
ration sowie bei der Speicherung und Präsentation eigener Arbeitser-
gebnisse (vgl. TULODZIECKI & HERZIG 2004, S. 211).
Im Übrigen: Die Tatsache, dass empirische Untersuchungen zum
Lernen mit digitalen Medien zum Teil nicht die gewünschten Erfolge
zeigen, hängt vor allem damit zusammen, dass solche Funktionen
und die zugrunde liegenden Konzepte nicht in hinreichender Weise
lehr- und lerntheoretisch fundiert wurden. Sich nur auf die Wirksam-
____________________________________________________
31
keit technischer Komponenten zu verlassen kann, in keinem Falle
gute Lernerfolge garantieren.
Dagegen ist in unserem Zusammenhang hervorzuheben, dass die
hier formulierten fünf Anforderungen bzw. Annahmen auch im Lichte
von Ergebnissen der empirischen Lehr-Lernforschung als bewährt
gelten können. Dazu sind auch in unserer Arbeitsgruppe verschiede-
ne empirische Studien, zum Teil als Dissertation durchgeführt worden.
Beispielsweise hat sich in solchen Arbeiten gezeigt, dass es über die
Auseinandersetzung mit Aufgaben der oben genannten Art gelingt,
sowohl den Wissens- und Erfahrungsstand in wünschenswerter Wei-
se zu erweitern als auch das intellektuelle und/oder das sozial-
moralische Urteilsniveau zu fördern (vgl. z.B. HERZIG 1998).
Bei einzelnen empirischen Studien dieser Art haben wir wie bereits
kurz angedeutet das Verfahren einer theoriegeleiteten Entwicklung
und Evaluation von Konzepten für didaktisches oder medienpädago-
gisches Handeln angewendet. Dieses Verfahren lässt sich dies sei
in einem kurzen Exkurs mindestens angedeutet grundsätzlich durch
sechs Schritte charakterisiert:
(1) Ausgangspunkt des Forschungsverfahrens ist jeweils eine praxis-
und zugleich theorierelevante didaktische und/oder medienpäda-
gogische Frage, z.B. wie die Urteilsfähigkeit von Jugendlichen in
Konfliktfällen zur Mediennutzung erhöht werden kann.
(2) Zu der Fragestellung wird ein geeigneter theoretischer Ansatz
unter Beachtung seiner normativen Implikationen und seiner bis-
herigen empirischen Bewährung ausgewählt, z.B. ein entwick-
lungstheoretischer Ansatz zur Urteilsentwicklung.
(3) Auf der Basis des theoretischen Ansatzes werden lern- und lehr-
theoretische Annahmen formuliert. Diese werden anschließend in
Annahmen zu Lernvoraussetzungen, als Zielvorstellungen sowie
als wünschenswerte Lernaktivitäten und geeignete Lehrhandlun-
gen im Sinnen eines Handlungskonzepts ausformuliert.
(4) Auf der Grundlage des Handlungskonzeptes werden Unterrichts-
einheiten oder Projekte für die praktische Umsetzung entworfen,
z.B. im Sinne der oben genannten Merkmale für entwicklungsför-
dernde Lernprozesse.
(5) Ein Evaluationsdesign einschließlich der theoriegeleiteten Aus-
wahl oder Entwicklung von Untersuchungsinstrumenten wird ent-
worfen, z.B. als Kontrollgruppendesigns mit Vor- und Nachtests
zum generellen und medienbezogenen Urteilsniveau.
(6) Die Unterrichtseinheiten werden durchgeführt, die geplanten Eva-
luationsdaten werden gemäß Evaluationsdesign aufgenommen,
ausgewertet und abschließend interpretiert.
____________________________________________________
32
Das Verfahren lässt sich wissenschaftstheoretisch gesprochen
auch als empirische Prüfung von handlungsanleitenden und theorie-
basiert entwickelten Ziel-Voraussetzungs-Vorgehens-Aussagen auf-
fassen (in Unterscheidung zu Erhebungen und Experimenten, in de-
nen es um deskriptive Aussagen oder Hypothesen geht). Über unsere
Arbeit hinaus sehen wir dieses Verfahren für die Didaktik und Päda-
gogik als eine wichtige Erweiterung des üblichen sozialwissenschaftli-
chen Methodenrepertoires an (vgl. TULODZIECKI & HERZIG 1998).
Auf die damit verbundene forschungsmethodische Diskussion kann
ich hier allerdings auch wieder aus Zeitgründen nicht weiter ein-
gehen.
Bisher habe ich versucht, grundlegende Bedingungen bzw. Vor-
aussetzungen, Zielvorstellungen und Vorgehensweisen für Lernen
und Lehren in einer von Medien mitgestalteten Welt aufzuzeigen.
Mein letzter Punkt soll nun speziell den medienbezogenen Erzie-
hungs- und Bildungsaufgaben gewidmet sein.
Zur Frage (4): Erziehungs- und Bildungsaufgaben im Bereich von
Medien und Informationstechnologien
Zunächst einmal ist festzustellen, dass die Verwendung von Medien in
Lehr-Lernprozessen allein nicht ausreicht, um das zu entwickeln, was
man heute gerne mit dem Begriff Medienkompetenz umschreibt. Um
dies zu verdeutlichen, beziehe ich mich noch einmal auf ein Ergebnis
aus einer unserer Fallstudien: In einer Schule, in der Medien und
Computer vielfältig verwendet werden, haben wir fünfzehnjährige
Haupt- und Realschüler gebeten, folgenden Satzanfang zu vervoll-
ständigen: Wenn ich entscheiden soll, ob eine Nachricht glaubwürdig
ist, achte ich auf folgende Punkte. Dieser Satzanfang wurde von den
Schülerinnen und Schülern u.a. folgendermaßen ergänzt:
ob andere diese Nachricht auch senden.
da fällt mir nichts ein.
ob sie logisch klingt.
ob Beweise wie Fotos da sind.
von wo sie kommt; wie oft wird sie gesagt; wo ist sie noch.
meine weibliche Intuition.
Ein zweiter Impuls lautete: Wenn der Hörfunk und das Fernsehen
keine Werbespots ausstrahlen dürften, würde das für die Rundfunk-
anstalten unterschiedliche Konsequenzen haben. Nenne bitte Rund-
funkanstalten, die du kennst, und erläutere, welche Bedeutung die
Werbung für sie hat. Als Antworten wurden genannt:
RTL, PRO 7, die Sender würden sonst Pleite gehen.
Komme mit der Fragestellung nicht klar.
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33
Private Sender werden oft durch Werbung finanziert, öffentliche
Sender - weiß ich nicht.
Private Radiosender - mehr Werbung - mehr Geld - mehr Arbeits-
plätze.
Das will ich nicht beantworten, der Text ist mir zu lang.
Mit diesen Beispielen wird schlagartig deutlich, wie wichtig es ist, die
Verwendung von Medien in medienpädagogische Reflexionen einzu-
betten. Offenbar sind Jugendliche noch nicht allein deshalb medien-
kompetent, weil sie möglicherweise bei Computerspielen differenzier-
te Bedienungsfertigkeiten und hohes Reaktionsvermögen zeigen, in
souveräner Weise Suchmaschinen zur Informationssuche nutzen und
mit Begeisterung im Netz surfen, sich möglicherweise an Chats betei-
ligen und das herkömmliche Briefeschreiben durch Telefonieren,
durch SMS unter Nutzung des Handys oder durch Verschicken von E-
Mails ersetzt haben.
Medienkompetenz meint offensichtlich mehr. In verschiedenen
Schulversuchen haben wir uns zusammen mit Lehrerinnen und Leh-
rern dem Begriff der Medienkompetenz angenähert, in dem wir fol-
gende zunächst pragmatische Überlegungen angestellt haben
(TULODZIECKI 1997, S. 142 ff.): Medienkompetenz setzt Wissen und
Können in zwei verschiedenen Handlungszusammenhängen voraus:
im Zusammenhang der Auswahl und Nutzung vorhandener Me-
dienangebote, z.B. bei der Nutzung von Fernsehen und Compu-
ter, von Radio und Internet für Information und Unterhaltung,
im Zusammenhang der Gestaltung und Verbreitung eigener Me-
dienbeiträge, z.B. bei der eigenen Erstellung einer Home-Page
oder der Gestaltung einer Schülerzeitung im Internet.
Um in diesen Zusammenhängen sachgerecht, selbstbestimmt, kreativ
und sozial verantwortlich handeln zu können, benötigen Kinder und
Jugendliche Kenntnisse sowie Analyse- und Urteilsfähigkeit in drei
inhaltlichen Bereichen
im Bereich der Gestaltungsmöglichkeiten, die in Medien Verwen-
dung finden: von der Schlagzeile in der Bildzeitung über ein reali-
tätsnahes Foto der Paderborner Universität bis zur grafischen
Darstellung der Bevölkerungsentwicklung auf unseren Planeten,
von filmischen Gestaltungstechniken wie Einstellungsperspektiven
und Montage bis zu computerbasierten Techniken der Bildbear-
beitung,
im Bereich der Medieneinflüsse: von individuellen Einflüssen auf
Gefühle, Vorstellungen und Verhaltensorientierungen bis zur Be-
____________________________________________________
34
deutung der Massen- und Individualkommunikation für die öffent-
liche Meinungs- und die politische Willensbildung,
im Bereich der Bedingungen von Medienproduktion und -ver-
breitung: von technischen Voraussetzungen für die Nutzung von
Medien bis zu personalen Bedingungen in einer Rundfunkanstalt,
von rechtlichen Bestimmungen zum Datenschutz bis zu wirt-
schaftlichen Interessen der Computerindustrie und der Netzprovi-
der bzw. der dahinter stehenden Konzerne.
Gerade der Aufgabe, Medieneinflüsse kritisch zu reflektieren, kommt
in der Schule eine besondere Bedeutung zu hat doch die so ge-
nannte Kultivationsforschung schon früh gezeigt, wie stark das je indi-
viduelle Weltbild von der Medienrezeption abhängig ist. So verweisen
bereits frühe Studien darauf, dass damals bezogen auf das Fernse-
hen Vielseher sich in vielerlei Hinsicht von Wenigsehern unterschei-
den: „Mehr Viel- als Wenigseher haben Angst bei Nacht allein durch
die Stadt zu gehen, schützen sich durch Hunde, Waffen oder neue
Schlösser vor Verbrechen, halten die allgemeine Lage für immer
schlechter, halten die Geburt von Kindern in dieser Welt r unverant-
wortlich und haben kein Vertrauen zu den Politikern“ (WINTERHOFF-
SPURK 1999, S. 100). Zudem zeigte sich, dass Vielseher ein größe-
res Vertrauen zur Medizin, zur Polizei, zum Militär, zum Erziehungs-
system, zur Kirche, zur Presse, zum Fernsehen und zu den Gewerk-
schaften haben. Dagegen haben sie ein geringeres Zutrauen zu grö-
ßeren Firmen und zu der Wissenschaft und überschätzen die Häufig-
keit von Doktoren, Rechtsanwälten und Geschäftsleuten in der Ge-
sellschaft sowie die Häufigkeit des Auftretens von bestimmten Krank-
heiten und Haftstrafen (vgl. ebd., S. 102).
Um die damit verbundene Aufgabe sowie die weiteren genannten
Dimensionen bzw. Aufgabenbereiche von Medienkompetenz in Schu-
le und Hochschule umzusetzen, kann man zum einen gestalterisch
und zum anderen analytisch vorgehen. Für beide Vorgehensweisen
möchte ich kurz je ein Beispiel andeuten.
In einem von uns begleiteten Projekt zum eigenständigen Lernen
in der gymnasialen Oberstufe konnten Schülerinnen und Schüler bei-
spielsweise ihre Facharbeit auch in der Form eines medialen Produkts
mit entsprechender Präsentation und Reflexion gestalten. Als Ergeb-
nis dieser Arbeiten entstand u.a. die multimediale Darstellung des
Gedichts „Im Nebel“ von Hermann Hesse.
Neben dem gestalterischen Zugang kann auch ein analytischer
Zugang zu Medienfragen gewählt werden. So haben wir gelegentlich
auch im Studium mit folgendem Entscheidungsfall gearbeitet:
____________________________________________________
35
Jugendliche oder (bei der Anwendung in der Hochschule) Studierende
sollen sich einmal in die Situation einer Nachrichtenredaktion verset-
zen und aus einer Fülle von Meldungen für einen Tag die Meldungen
heraussuchen, die sie der Rolle von Redakteurinnen oder Redakteu-
ren als Topmeldungen präsentieren würden. Dabei kann die Situation
einer Nachrichtenredaktion in verschiedenen Medien simuliert wer-
den: bei der Tagesschau der ARD, bei SAT.1 News, bei einem öffent-
lich-rechtlichen und einem privaten Hörfunksender, bei einer Abon-
nementzeitung, z.B. der Neuen Westfälischen, und bei einer Boule-
vardzeitung, z.B. der Bildzeitung, und bei einer Internetnachrichtenre-
daktion. Beispielsweise lauteten am 02.02.06 einige von mehreren
tausend Meldungen:
Streit um Mohammed-Karikaturen weitet sich mit Massende-
monstrationen aus.
Springer AG verzichtet auf die Übernahme der ProSiebenSat.1-
Fernsehgruppe.
Deutsche Nationalmannschaft will bei der Fußballweltmeister-
schaft in roten Trikots spielen.
Bei Protesten gegen Studiengebühren kommt es zu Ausschrei-
tungen.
EU fordert von der Bundesregierung ein Werbeverbot für Tabak-
waren.
Russische Kernenergiebehörde fordert 40 neue Atomreaktoren.
Rente mit 65 soll es nur noch bis zum Jahrgang 1946 geben.
Heidi Klum gerät mit ihrer TV-Model-Show in Pro7 in harte Kritik.
Geiseln im Irak schweben nach Ultimatum der Entführer in Le-
bensgefahr.
Präsident Bush will Abhängigkeit der US-Wirtschaft vom Erdöl
verringern.
Der Tarifstreit im öffentlichen Dienst spitzt sich zu.
Experten empfehlen wegen der Vogelgrippe neue Stallpflicht.
Papst Benedikt als Kultfigur sein Geburtshaus gibt es jetzt als
Bausatz.
Wenn Kinder und Jugendliche sich in solchen Fällen in verschiedene
Nachrichtenredaktionen versetzen und Top-Meldungen aussuchen
sollen, wird Ihnen sehr schnell deutlich, wie stark ökonomische Inte-
ressen und zum Teil auch technische Bedingungen die Medienaus-
wahl beeinflussen.
Damit ist wenigstens an zwei Beispielen deutlich geworden, wie
medienpädagogische Arbeit in Schule oder Hochschule aussehen
kann.
____________________________________________________
36
Es wäre nun reizvoll zu diskutieren, inwieweit solche und weitere me-
dienpädagogische Beispiele der in der Medienphilosophie von einzel-
nen Autoren postulierten Entwicklung vom linguistic turn über den
symbolic turn zum medial turn Rechnung tragen. Zugleich kann man
reflektieren, inwieweit durch die Beispiele eine der zentralen Fragen
unserer Wahrnehmung von Welt, nämlich die Frage „nach der Erfah-
rung der Wirklichkeit und nach der Wirklichkeit der Erfahrung“ – wie es
MARGREITER (1999) einmal ausgedrückt hat (zitiert nach GROEBEN
2002, S. 13) ins Bewusstsein von Jugendlichen und Studierenden
gehoben werden kann.
In jedem Falle muss Medienkompetenz als wichtige Vorausset-
zung für ein „gesellschaftliche handlungsfähiges Subjekt“ gelten. In
diesem Sinne haben ja zuletzt GROEBEN (2002) und HURRELMANN
(2002) den Begriff der Medienkompetenz vor dem Hintergrund der
Theorie des kommunikativen Handelns nach HABERMAS (1981) und
ihrer Kritik durch den Poststrukturalismus konzipiert. Danach ist die
nachmoderne Gesellschaft nicht nur durch die Pluralisierung von
Wirklichkeitsbildern und die Individualisierung von Lebensgeschichten
gekennzeichnet, sondern vor allem auch durch die Mediatisierung
aller Weltbezüge (vgl. HURRELMANN 2002, S. 122).
Gerade die Mediatisierung als Merkmal unserer gesellschaftlichen
Situation ist ja auch immer wieder ein wichtiges Thema der Medien-
philosophie. So hat der Medienphilosoph Paul VIRILIO die damit ver-
bundene Problemlage einmal folgendermaßen ausgedrückt: „Seinen
Augen nicht mehr zu trauen ist heutzutage zur Lebensnotwendigkeit
geworden.“
Zugleich wird mit dem Merkmal der „Mediatisierung aller Weltbe-
züge“ darauf aufmerksam gemacht, dass in der „Mediengesellschaft“
„öffentliches Handeln“ in der Regel nicht auf einem „herrschaftsfreien
Diskurs“ oder dem besseren Argument beruht, sondern eher auf einer
mediengerechten Inszenierung und dass gilt nicht nur für Wahl-
kampfzeiten, sondern für viele gesellschaftliche Situationen. Vor die-
sem Hintergrund beschließe ich meinen Vortrag mit der doppelten
Hoffnung, dass unsere Gesellschaft und nicht zuletzt auch die Bil-
dungspolitik trotzdem und letztlich doch zum besseren Argument
zurückfindet und dass Lernen und Lehren sowie Medienpädagogik
dazu einen wichtigen Beitrag leisten mögen.
____________________________________________________
37
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159, S. 619–625
Mein Kollege Gerhard Tulodziecki
Wolfgang Keim
Lieber Gerd, liebe Annemarie,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gäste,
als ich anfing, mir Gedanken darüber zu machen, was ich anlässlich
der Verabschiedung meines Kollegen Gerd Tulodziecki sagen könnte,
mit dem ich nicht nur mehr als 25 Jahre lang in einem Fach bzw. Insti-
tut, sondern auch Tür an Tür, also in räumlich enger Nachbarschaft
zusammen gearbeitet habe, fiel mir spontan der Satz ein: „Der Lotse
geht von Bord“. Er gehört zu einer Karikatur auf die Entlassung Bis-
marcks im Jahre 1890 aus der englischen Zeitschrift „Punch“. Viele
von Ihnen kennen sie wahrscheinlich noch aus dem eigenen Schulge-
schichtsbuch. Auf der Karikatur sieht man, wie Bismarck schweren
Schritts, sich am Bug und am Geländer festhaltend, das Fallreep ei-
nes großen Schiffes hinabsteigt.
Nach allem, was wir soeben von Rektor und Dekan über die Be-
deutung Gerd Tulodzieckis für die Hochschule gehört haben, scheint
mir der Satz: „Der Lotse geht von Bord“ ein treffendes Bild zu sein:
Gerd Tulodziecki hat jahrzehntelang nicht nur im Institut, sondern
in fast allen Selbstverwaltungsorganen der Hochschule Verantwortung
getragen und war an wesentlichen Weichenstellungen beteiligt. Kaum
ein Gremium, kaum eine Kommission, der er nicht angehört, kaum
eine Funktion, die er nicht ausgeübt hätte: vom Dekan über den Stu-
diendekan, den Fachsprecher, den Vorsitz in zahlreichen Berufungs-
kommissionen, die Sprecherrolle in den verschiedensten Arbeitskrei-
sen, Ausschüssen, Zentrumsräten und was es dergleichen mehr gibt,
von einfachen Mitgliedschaften ganz zu schweigen.
Ohne der Würdigung von Bardo Herzig vorgreifen zu wollen, kann
man zusammenfassend auch sagen, dass Gerd Tulodziecki auf den
ureigenen und zentralen Arbeitsfeldern jedes Hochschullehrers Über-
ragendes geleistet hat. Was die Forschung angeht, hat er eine beein-
druckende Veröffentlichungsliste vorzuweisen, zuletzt mit grundle-
genden Darstellungen zur Mediendidaktik und Medienerziehung, zu
Computer und Internet im Unterricht, zur Didaktik und kurz vor dem
Abschluss stehend zur Schulpädagogik, letztere Werke im Übrigen
mit Schülern und Schülerinnen gemeinsam publiziert, worauf ich noch
zurückkommen werde. Darüber hinaus gehört er zweifellos zu den
potentesten Mitgliedern des Faches, wenn nicht der gesamten Fakul-
tät, was Forschungsprojekte und Einwerbung von Drittmitteln dafür
____________________________________________________
42
anbelangt, und zwar bei den verschiedensten staatlichen und privaten
Trägern dies ein Ausweis für den Fleiß wie die hohe Qualifikation
Gerd Tulodzieckis!
Entsprechend erfolgreich war seine Lehre. Sein ihm am längsten
und sicherlich engsten verbundener Kollege Willi Hagemann erzählte
mir, dass schon bei der ersten Veranstaltung, die sie gemeinsam
durchgeführt hätten, die Studierenden aus dem vorgesehenen Semi-
narraum regelrecht heraus gequollen seien und dicht gedrängt den
gesamten Flur auf der Ebene H 6 ausgefüllt hätten dies zu Zeiten,
als die Studierendenzahlen sich noch in erträglichen Grenzen hielten.
Daran hat sich bis heute nichts geändert, ganz im Gegenteil, der Zu-
lauf zu seinen Veranstaltungen und zu denen seines Teams hat eher
noch zugenommen. Wie mir einer seiner Studierenden sagte, hat fast
jeder Student wenigstens eines seiner Seminare besucht, überpropor-
tional viele blieben bis zum Staatsexamen. Gerd Tulodziecki war
zweifellos der beliebteste und meist frequentierte Prüfer unseres Fa-
ches, obwohl er dies kann ich aus gemeinsamer Prüfungstätigkeit
bezeugen – durchaus Ansprüche an die Prüflinge gestellt hat.
Gerd Tulodziecki also ein aufgrund seines Engagements und sei-
ner Kompetenz in der Fakultät wie in der gesamten Hochschule be-
kannter und beliebter Hochschullehrer und Kollege. Wenn ein solcher
Kollege nach einem Vierteljahrhundert die Universität verlässt, dann
ist das ein großer Verlust für das Fach wie für die gesamte Hoch-
schule. Dann geht in der Tat „der Lotse von Bord“.
Schauen wir noch einmal auf die Karikatur, dann sehen wir an
Bord oben, mit verschränkten Armen, feixend, Häme im Blick und kein
bisschen traurig, den jungen Kaiser Wilhelm II sich über die Reling
lehnen. Da haben wir nun den ersten großen Unterschied zu unserem
„Lotsen“. Denn im Gegensatz zur Zufriedenheit des unerfahrenen
schnöseligen Kaisers bedauern alle zurückbleibenden Mitglieder des
Instituts, ja eigentlich kann man sagen, bedauert die ganze Hochschu-
le das Ausscheiden von Gerd Tulodziecki außerordentlich.
Vielleicht sehen Sie nicht nur diesen Unterschied, sondern stört
Sie überhaupt ein Vergleich Gerd Tulodzieckis mit dem alten Bis-
marck in dieser Karikatur? Man kann doch nicht ausgerechnet Gerd
Tulodziecki, an dem Kolleginnen und Kollegen wie auch Studierende
übereinstimmend seine Freundlichkeit, Zugewandtheit oder die heute
so seltene Bereitschaft zuzuhören, Interessen anderer ernst zu neh-
men, Kompromisse zu schließen, loben, mit Bismarck, dem eisernen
Kanzler“ und dessen „Blut- und Eisen-Strategie“ vergleichen. Das ist
richtig, aber eine Parallele gibt es doch, die enorme Zuverlässigkeit,
das Verantwortungsgefühl und die Bereitschaft, auch unangenehme
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43
Aufgaben zu übernehmen. Gerd Tulodziecki hat die vielen Ämter und
Funktionen in der Hochschule nicht deshalb bekleidet, weil er dazu
„Lust“ oder mehr Zeit als andere Kollegen gehabt hätte, im Gegenteil,
er tat es oft aus reinem Pflichtbewusstsein. Ich habe es in unserer
über 25jährigen gemeinsamen Hochschullehrerzeit kein einziges Mal
erlebt, dass er ein Amt oder eine Funktion abgelehnt hätte, wenn sie
ihm angetragen wurde oder wenn niemand sonst sich dafür bereit
fand.
Als Historiker und biographisch interessierter Kollege hat mich
nicht erst jetzt die Frage beschäftigt, wie sich die von allen immer
wieder an Gerd Tulodziecki hervorgehobenen sozialen Eigenschaften,
verstanden im Sinne von Kompetenzen, bei ihm entwickelt haben,
stellt er doch damit in der heutigen wie vermutlich auch der früheren
Hochschullandschaft eher eine Ausnahme dar. Sie sind m.E. nicht zu
trennen von seiner gesamten Sozialisation, die eine zwar für die
Nachkriegszeit typische war, freilich mit deutlichen Besonderheiten.
Dazu gehört vor allem die interkulturelle Herkunft, der italienische
Großvater aus der mütterlichen, der polnische aus der väterlichen
Linie bis heute stoßen neue Kolleginnen und Kollegen auf den auf-
fälligen Namen und fragen nach der richtigen Aussprache: Tulodzie-
cki, Tulodschiecki, Tulodzieski usf.
Der italienische Großvater Giordano Olivo, stammte aus Citadella
bei Pavia in Norditalien, aus derselben Gegend, aus der übrigens
auch der besonders beliebte Papst Johannes XXIII. stammte, die
Familiensaga tradiert, dass beide sogar gemeinsam Ziegen gehütet
hätten. Er gehörte als Koch einem Straßenbautrupp an, der zunächst
in den Dolomiten tätig gewesen, später aufgrund der dabei gewonne-
nen Erfahrungen mit gebirgigem Gelände auch für den Straßenbau
auf der Schwäbischen Alb, jenseits der Alpen also, verpflichtet worden
ist. Dort lernte der Großvater die aus Veringenstadt bei Sigmaringen
stammende Großmutter kennen, dort kam auch Gerds Mutter zur
Welt, die somit eine echte Schwäbin war. Doch bevor Gerd geboren
werden konnte, mussten die Großeltern mitsamt der künftigen Mutter
erst noch den Kohlenpott erreichen: die Straßenbauarbeiten auf der
Schwäbischen Alb hatten sich eines Tages erschöpft, dafür gab es
neue Arbeit im Talsperrenbau, ganz in unserer Nähe an Möhne und
Diemel, und als das nicht mehr trug, blieb der Weg ins Ruhrgebiet, wo
der Großvater im Kohlenhandel Arbeit fand. Und eben dort lernte die
Mutter den Vater kennen, dessen Eltern wiederum zu den während
des Kaiserreiches ins Ruhrgebiet eingewanderten Polen gehörten.
Gerd Tulodziecki also mit vielfältigen multikulturellen Lebensbezügen,
wobei er nur den italienischen Großvater mütterlicherseits selbst ge-
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44
kannt hat, der noch im Alter selbst für sich kochte und in der Nach-
kriegszeit Löwenzahn für seine Pasta asciutta sammelte. Es ist glau-
be ich nicht zu weit hergeholt, wenn man in dieser multikulturellen
Herkunft zumindest eine der lebensbedeutsamen Prägungen erkennt,
die das immer um Vermittlung und Ausgleich bemühte Wesen unse-
res Kollegen in seiner Genese verständlich machen können.
In Hamme, im Norden Bochums, kam Gerd Tulodziecki als zwei-
tes Kind Anfang 1941, also im zweiten Kriegsjahr, zur Welt. Zwar
wurde der Vater aufgrund von Unabkömmlichkeit in der Waffenpro-
duktion vom Kriegsdienst freigestellt, doch da Mutter und Kinder we-
gen der zunehmenden Luftangriffe auf das Ruhrgebiet nach Süd-
deutschland in die Heimat der Mutter evakuiert wurden, musste die
Familie wie viele andere jahrelange Trennung in Kauf nehmen. Als sie
nach Kriegsende wieder in Bochum vereint war, stand in der Straße,
in der sie wohnte, nur noch ein einziges Haus; der Krieg hatte auch
hier sehr deutliche Spuren hinterlassen.
Gerd Tulodziecki ist ein echtes Kind des Kohlenpotts. Vom dritten
Stock der elterlichen Wohnung ging der Blick wie damals fast
selbstverständlich auf Hochöfen, glühenden Stahl auf Förderbän-
dern und abgestochene Schlacke, die in bereitstehende Waggons,
sog. Teckel, eingelenkt wurde. Hier hat er eine glückliche und harmo-
nische Kindheit verlebt, mit vielen Onkeln und Tanten der Vater
hatte acht, die Mutter sieben Geschwister. Man feierte viel und gern;
einer der Onkel spielte Ziehharmonika, der Vater, ein ausgesprochen
kommunikativer Mensch, gehörte einem Gesangverein an und über-
nahm Gemeinschaftsaufgaben z.B. die des Kassierers im Kolping. In
dessen Vereinsstrukturen war die gesamte Familie fest eingebunden,
so dass Gerd wie selbstverständlich in den BdKJ (den Bund der Ka-
tholischen Jugend) hineinwuchs, Pfadfinderbücher verschlang und
vielfältige Erfahrungen von Fahrt und Zeltlager machte. Dass ihn die-
se Erfahrungen wirklich geprägt haben, legen die legendären Feiern
in Tulus Keller oder die Wanderungen und Geselligkeiten mit Mitarbei-
tern und Tutoren, von denen wohl jeder der hier versammelten Gäste
wenigstens gerüchteweise gehört haben dürfte, zumindest nahe.
Zu den grundlegenden Kindheitserfahrungen gehörte auch der
Fußball, wobei wiederum der Vater als Vorbild diente, der bei Kol-
pings DJK (Deutsche Jugend Kraft), im Tor stand. Nach dem Kriege
waren es zunächst Stoffbälle, manchmal sogar nur alte Blechdosen,
hinter die getreten wurde, als Spielfelder dienten die Straße oder als
der Verkehr dichter wurde, ausgeräumte Keller von Trümmer-
grundstücken, und zwar lange bevor Gerd Tulodziecki für die Schüler-
und Jugendmannschaften von Westfalia Bochum stürmte und auf
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45
Torjagd ging. Sönke Wortmann hat in seinem großartigen Fußballfilm
über die WM 1954 dieser Erfahrungswelt der Nachkriegszeit ein
Denkmal gesetzt.
Gerd Tulodzieckis Herz gehört bis heute dem Fußball und dem
VfL Bochum. Er ist aber auch vom Arbeitsstil her „Mannschaftsspieler“
geblieben: Einzelkönnerschaft wie Mannschaftsdienlichkeit sind seine
besonderen Stärken: in Kommissionen verschiedenster Art, in der
Zusammenarbeit mit Kollegen und Kolleginnen, und zwar quer durch
Fächer und Fakultäten, aber auch in der Förderung wissenschaftli-
chen Nachwuchses, wovon nicht nur zahlreiche Dissertationen und
bereits renommierte Schüler, sondern auch Teamprojekte Zeugnis
ablegen, zuletzt die bereits erwähnten, in Kooperation mit Bardo Her-
zig und Sigrid Blömeke entstandenen Einführungen in Didaktik, in
Mediendidaktik und in Schulpädagogik. Nicht zuletzt hat sich Gerd
Tulodziecki aus dem damaligen Sport, der noch keine Hoyzers und
Sapinas kannte, seinen Sinn für fair play bewahrt, was auch Studie-
rende zu schätzen wissen. In Veranstaltungen zur Allgemeinen Didak-
tik z.B. wurde nach genauem Ritus ausgelost, wer Unterrichtssimula-
tionen vorstellen durfte.
Gerd Tulodzieckis Bildungsgang ist typisch für einen solchen des
zweiten Bildungsweges. Nach der 4. Klasse der – noch konfessionell
organisierten und streng zwischen Katholiken und Protestanten ge-
schiedenen – Volksschule wurde er zwar für das Gymnasium empfoh-
len, blieb aber in der Volksschule, weil er hier seine Freunde hatte
und die Eltern ihn nicht drängten, sondern ganz im Gegenteil der Va-
ter ihm das „Handwerk mit goldenem Boden“ nahe legte. Er erlernte
den anspruchsvollen Beruf des Modelltischlers. Modelltischler wurden
damals im Ruhrgebiet vor allem zur Anfertigung von Holzmodellen für
spätere Stahl- und Gusseisenstücke gebraucht, wobei die Schwierig-
keit darin bestand, die späteren Endprodukte, z.B. Walzenständer
oder Schiffssteven, gedanklich zu antizipieren, die Konstruktionen
genau zu berechnen und dabei den Schrumpfungsprozess des Stahls
mit einzuplanen. Wie exzellent Gerd Tulodziecki bereits in diesem
seinem ersten Beruf war, und welcher Anerkennung er sich bei seinen
Lehrern erfreute, zeigt die Tatsache, dass sein Berufsschullehrer ihn
zur Mitarbeit an einem Fachbuch zum „Fachrechnen für Modelltisch-
ler“ einlud, für das er sämtliche Zeichnungen anfertigte.
Die Ausbildung als Modelltischler, die weil der Beruf so an-
spruchsvoll war statt nur 3 Jahre dauerte und hohe mathemati-
sche und physikalische Kenntnisse verlangte, entwickelte in Gerd
Tulodziecki die für ihn charakteristische Fähigkeit, strukturell zu den-
ken, in konkreten Formen die Struktur zu erkennen, was ihm nicht nur
____________________________________________________
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in seiner Forschung und Lehre, sondern auch bei der Erarbeitung von
Studienordnungen etwa zugute gekommen ist. Wohl kein anderer
Kollege in dieser Hochschule hat so viele Studienordnungen konzi-
piert und erfolgreich durch die Gremien gebracht wie er. Ihm gelang
es immer, die Matrix der ständig komplizierter werdenden Ordnungen
durchschaubar zu machen, wobei ihm selbstverständlich auch sein
didaktisches Geschick half.
Nach abgeschlossener Lehre hat der inzwischen 17jährige Gerd
Tulodziecki noch ein knappes halbes Jahr als Modelltischler gearbei-
tet und dann Schritt um Schritt über die Berufsaufbauschule und ein
Städtisches Institut zur Erlangung der Hochschulreife das Abitur
nachgeholt, wobei die Auswahlkriterien für den Zweiten Bildungsweg
damals noch relativ streng waren, so dass von 250 Bewerbern nur 50
genommen wurden. Der Studienbeginn verzögerte sich durch
Jahre Bundeswehr. Diese Denkpause führte dazu, dass er seinen
ursprünglichen Plan, Mathematik und Physik für das höhere Lehramt
zu studieren, in Richtung auf das Lehramt an Berufsschulen für Ferti-
gungstechnik, Maschinenbau und Schweißtechnik in Verbindung mit
der Fakultas für Mathematik modifizierte. Statt an der Uni Münster
landete er nun an der RWTH Aachen, was für ihn biographisch be-
deutsam wurde, nicht nur weil er hier seinen akademischen Lehrer
Heinz Zielinski fand, sondern auch Freundschaften wie vor allem mit
Willi Hagemann schloss und spätere Kollegen und Kolleginnen ken-
nen lernte wie z.B. Frau Schöler, die damals bereits Dozentin in Aa-
chen war. Sehr früh erhielt er Werkverträge, kleinere Projektstellen
und wurde schon bald Zielinskis Assistent, mit der Möglichkeit, bei
ihm zu promovieren, was er dann 1970 mit einer Arbeit über den Bei-
trag der „Algorithmentheorie zur Unterrichtswissenschaft“ realisierte,
einem Thema, das damals im Kontext von Programmiertem Unterricht
und Kybernetischer Pädagogik hoch aktuell war. Im selben Zeitraum
legte er auch Erstes und Zweites Staatsexamen ab; er hat also aus-
gesprochen zügig studiert und seine Examina abgelegt, was ihm nach
heutigen Studienkriterien noch einmal besondere Pluspunkte einge-
bracht haben würde. Im Herbst 1971, also vor fast 35 Jahren, unter
dem Rektorat von Prof. Kienecker, wechselte er dann nach Paderborn
an die damalige Pädagogische Hochschule Lippe, Abteilung Pader-
born, und hat deren Weiterentwicklung bis zur Gesamthochschule und
zur jetzigen Universität zunächst mitverfolgt, bald auch aktiv mitgestal-
tet. Wie ist es zu diesem Wechsel nach Paderborn gekommen? Im
Wintersemester 1968/69 hielt unser emeritierter, damals als junger
Wissenschaftler bereits renommierter Kollege Helmar Frank in
____________________________________________________
47
Aachen bei Zielinski einen Vortrag über die von ihm ganz wesentlich
mitgestaltete Kybernetische Pädagogik und berichtete dabei über
seinen Plan, in Paderborn alle Koryphäen auf diesem Gebiet in einem
eigenen Forschungs- und Entwicklungszentrum für objektivierte Lehr-
und Lernverfahren, dem späteren Feoll zu konzentrieren gedacht
war dabei neben Helmar Frank auch an Zielinski selber wie auch an
die damals bekannten Klaus Weltner und Walter Schöler. Gerd Tulod-
ziecki obwohl noch nicht promoviert! wurde gefragt, ob er mit-
kommen wolle. Im Herbst 1971 sagte er zu und erhielt sofort eine
Akademische Oberratsstelle mit vierstündiger Lehrverpflichtung an
der damaligen PH. Da weder Zielinski, noch Schöler, noch Weltner
dem Ruf in die Paderstadt Folge leisteten, stand Gerd Tulodziecki
schließlich ganz allein in der für ihn vorgesehenen Arbeitsgruppe und
wurde so als Dienstältester– zu deren kommissarischem Leiter mit
acht Mitarbeitern ernannt dies mit gerade mal 30 Jahren. 1975 er-
hielt er, nachdem er bereits 1973 kumulativ habilitiert hatte, eine Pro-
fessur für Medienverbund und Mediendidaktik an der inzwischen ge-
gründeten Gesamthochschule mit gleichzeitiger Beurlaubung zum
Feoll, 1980 wechselte er dann voll an die Universität auf eine Stelle
für Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik, die später noch um das
Aufgabengebiet Mediendidaktik erweitert wurde.
Das mehr als ein Vierteljahrhundert währende Wirken Gerd Tu-
lodzieckis auf diesem Lehrstuhl war zweifellos ein erfolg- und ertrag-
reiches: zunächst einmal für das Fachgebiet, das Gerd Tulodziecki
vertreten hat, und zwar in Lehre und Forschung; für Fach und Institut
insgesamt, die er entscheidend mit gestaltet hat, aber auch für den
alten Fachbereich, die neue Fakultät und die ganze Hochschule: sein
Wort hat auf allen Ebenen und in allen Gremien Gewicht gehabt, Gerd
Tulodziecki erfreut sich einer Anerkennung in der Hochschule wie
kaum ein zweiter und er hat als Repräsentant der Hochschule diese in
vielen nationalen wie internationalen Gremien, bei zahlreichen Vorträ-
gen, im Ministerium, bei Stiftungen und in vielen anderen Einrichtun-
gen würdig vertreten und deren Namen bekannt gemacht.
Wir, seine Kolleginnen und Kollegen, danken ihm heute für diese sei-
ne Leistung, ebenso aber auch für die freundschaftliche Kollegialität,
die er uns über Jahrzehnte entgegen gebracht hat. Einen Kollegen
wie Gerd Tulodziecki zu haben, kann sich jedes Fach und jede Hoch-
schule nur wünschen. Es geht mit ihm tatsächlich ein Lotse von Bord,
allerdings geht er, anders als der in der eingangs zitierten Karikatur,
nicht verbittert und gestresst, sondern frischer denn je. Wir, die Kolle-
ginnen und Kollegen, wünschen ihm, dass er endlich etwas mehr Zeit
____________________________________________________
48
hat, sich den angenehmeren Seiten des Lebens zuzuwenden. Dazu
möge unser Geschenk ein kleiner Beitrag sein.
Gerhard Tulodziecki als Wissenschaftler
Bardo Herzig
Lieber Gerd, liebe Annemarie,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
als ich vom Institut für Erziehungswissenschaft gebeten wurde, die
fachliche Laudatio anlässlich der Emeritierung von Gerhard Tulodzie-
cki zu halten, habe ich natürlich sehr gern zugesagt und kann auch
nicht verhehlen, mich durchaus geehrt zu fühlen, diese Aufgabe über-
nehmen zu dürfen.
Doch wie beginnen? Eine chronologische Würdigung der nun-
mehr schon beinahe 40 Jahre dauernden wissenschaftlichen Tätigkeit
Gerhard Tulodzieckis würde wollte man nicht Gefahr laufen, einen
Flickenteppich zu präsentieren unmöglich in einer Laudatio zu leis-
ten sein. Immerhin müssten u.a. über 25 Monographien und Heraus-
geberschaften und über 100 Fachpublikationen berücksichtigt werden,
von der Vielzahl von Forschungsprojekten und -berichten einmal ganz
abgesehen. Ginge man von den Arbeitsgebieten aus, so müssten
mindestens die Allgemeine Didaktik, die Mediendidaktik, die Medien-
erziehung, die Unterrichtsforschung, die Medienforschung, die Wert-
erziehung, die Lehrerbildung, die Curriculumentwicklung, die Wissen-
schaftstheorie und die Hochschuldidaktik angesprochen werden. Auch
dieses Unterfangen wäre nicht annähernd vollständig zu leisten.
Diese Schwierigkeit des Zugriffs auf die wissenschaftlichen Leis-
tungen Gerhard Tulodzieckis demonstriert zumindest schon einmal
ein äußerst umfängliches Schaffen. Sie mögen mir daher nachsehen,
dass ich im Folgenden nur einzelne Schlaglichter aufgreife in der
Hoffnung, in eher exemplarischer Weise eine wenigstens annähernd
angemessene inhaltliche Würdigung des Wissenschaftlers Gerhard
Tulodziecki vorzunehmen.
Ich strukturiere meine Überlegungen zunächst anhand einzelner Krite-
rien, von denen ich unterstelle, dass sie die Arbeiten und Arbeitswei-
sen Gerhard Tulodzieckis in besonderer Weise charakterisieren.
Ich werde dabei im Hinblick auf die Arbeitsgebiete und die
Chronologie etwas sprunghaft vorgehen. Diese etwas unorthodoxe
Art mögen Sie mir nachsehen, aus der Sicht der Algorithmentheorie
und ihrer Anwendungen einem der ersten Arbeitsgebiete Gerhard
Tulodzieckis – ist sie allerdings geradezu zwingend.
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50
Ich beginne mit dem Kriterium der wissenschaftstheoretischen Fun-
dierung und zitiere eine kleine Aufgabenstellung: „Das Lichtbogen-
pressschweißen und das Schutzgasschweißen benutzen den Licht-
bogen als Wärmequelle. Das Schutzgasschweißen und das Gas-
schmelzschweißen sind Schmelzschweißverfahren. Welches Verfah-
ren arbeitet ohne Druck und mit dem Lichtbogen als Wärmequelle?“
(Tulodziecki 1970, S. 78). Was zunächst als ein Beispiel für Zungen-
brecher anmutet, wie sie uns von Fischers Fritz und seinen Fängen,
von Brautkleidern und Blaukräutern bekannt sind, ist in diesem Fall
eine Aufgabenstellung, die daraufhin untersucht werden kann, welche
formalen kognitiven Operationen Schülerinnen und Schüler beherr-
schen müssen, um eine solche Aufgabe lösen zu können. Diese Fra-
ge steht im Kontext der Erforschung von so genannten Lernalgorith-
men, d.h. vereinfacht ausgedrückt der Erforschung von Lösungs-
wegen in Form von Einzelschritten, die sich aus fachspezifischen
Regeln und Handlungsvorschriften ergeben (vgl. S. 16) in unserem
Beispiel sind formal-kognitive logische Operationen der Konjunktion
und Disjunktion lösungsrelevant.
Die zitierte Aufgabe stammt aus der Dissertation Gerhard Tulod-
zieckis, deren Ausgangspunkt die Frage war, „inwiefern die Kyberne-
tik die pädagogische Praxis und Theorie befruchten kann“ (S. 4). Am
Beispiel der Algorithmenforschung hat Gerhard Tulodziecki gezeigt,
wie kybernetische Modelle dazu dienen können, „unterrichtliche Fra-
gen neu zu durchdenken und weiterzuentwickeln“ (ebd.). Er nannte
die Arbeit mit Bezug auf Flitner „hermeneutisch-pragmatisch“ (S.
14) mit einem Schwerpunkt auf der pragmatischen Ausrichtung. Be-
gründet wird dies mit dem mehrperspektivischen Vorgehen: Zunächst
gehe es darum so die Argumentation Tulodzieckis –, die Modellthe-
orie als Grundlage der Kybernetik vor dem Hintergrund ihrer Be-
deutung für die Beschreibung von Lehr- und Lernabläufen kritisch
aufzuarbeiten. Ein weiterer wichtiger Schritt sei die Auswertung empi-
rischer Ergebnisse und schließlich die Durchführung eigener Unter-
richtsversuche mit Hilfe von Unterrichtsprogrammen und deren Inter-
pretation. Hermeneutisch nennt Gerhard Tulodziecki dieses Vorge-
hen, weil es darum gehe, das durch historische und anthropologische
Zusammenhänge bedingte Vorverständnis dessen, was Unterricht ist
und sein soll, zu reflektieren. Der pragmatische Aspekt bezieht sich
auf die Entwicklung und den Einsatz von Algorithmen als möglichen
Komponenten unterrichtlichen Handelns im pragmatischen Raum“.
Mit diesen Hinweisen spreche ich Aspekte der wissenschaftstheoreti-
schen Fundierung an, die in allen Arbeiten Gerhard Tulodzieckis in
direkter oder indirekter Weise eine wichtige Rolle spielt.
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51
Exemplarisch habe ich die Dissertation herausgegriffen, weil in ihr
eine wissenschaftstheoretisch grundsätzliche Fragestellung nach dem
Beitrag theoretischer Ansätze zur Entwicklung von Unterrichtskonzep-
ten und deren empirischer Prüfung aufgegriffen wird, die Gerhard
Tulodziecki später in beeindruckender Weise zu einem eigenständi-
gen Forschungsansatz in der Unterrichtswissenschaft entwickelt. Ich
werde darauf eigens zurückkommen.
Ein zweites charakterisierendes Kriterium möchte ich die Lern- und
entwicklungstheoretische Orientierung nennen. Gerhard Tulodziecki
bezieht bereits in die frühe Auseinandersetzung mit Lernalgorithmen
konsequent auch lern- und entwicklungstheoretische Überlegungen
mit ein. So diskutiert er beispielsweise die Bedeutung von Sprungsys-
temen in Lernprogrammen im Hinblick auf die Berücksichtigung von
Vorwissen, von der Fähigkeit zum produktiven Denken und von Inte-
ressen. Und auch hier kann die Dissertation wieder als Keimling einer
Grundauffassung von Lernprozessen gesehen werden, die später in
der handlungsorientierten Didaktik ausführlich entfaltet wird: Lernen
sollte mit einer Aufgaben- bzw. Problemstellung beginnen, die an-
spruchsvoll ist, den Schüler bzw. die Schülerin zum produktiven Den-
ken anregt und deren Bedeutsamkeit den Lernenden deutlich werden
sollte (vgl. S. 120 f.; vgl. auch 1975, S. 33 ff.).
(Im Kontext der jüngeren PISA-Studien wurden entsprechende
Ergebnisse als bedeutsame neue Erkenntnisse kommuniziert dies
darf in der Tat etwas verwundern).
Der allgemeinen Bedeutsamkeit entwicklungsbezogener Voraus-
setzungen im Lernprozess trägt Gerhard Tulodziecki in seinen Arbei-
ten konsequent Rechnung. Sowohl in die allgemeindidaktische als
auch in die medienerzieherische Diskussion trägt er insbesondere die
Frage der sozial-moralischen und der kognitiven Entwicklung. Nur
wenigen deutschen Erziehungswissenschaftlerinnen und Erziehungs-
wissenschaftlern ist es gelungen, diese Aspekte in die Allgemeine
Didaktik bzw. in die Medienerziehung als konstitutive Bestandteile
systematisch zu integrieren. Diese Sichtweise führt zu erheblichen
Konsequenzen. Wenn beispielsweise die moralische Entwicklung von
Kindern und Jugendlichen aus der Sicht der Erwachsenen häufig als
defizitär betrachtet wird, so zeigt die entwicklungspädagogische Be-
trachtung etwa auf der Basis des Ansatzes von Kohlberg –, dass es
sich nicht um defizitäre, sondern um entwicklungsstandbezogene
Sichtweisen von Welt handelt. Es geht also darum, die Sichtweise von
Kindern und Jugendlichen zu verstehen und von dort aus nach ange-
messenen pädagogischen Entwicklungsimpulsen zu fragen. Nicht
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52
Belehrung und Indoktrination, sondern die Schaffung von entwick-
lungsanregenden Lernumgebungen sind die unmittelbaren Konse-
quenzen einer solchen Auffassung. Die Integration von entwicklungs-
theoretischen Ansätzen in die Pädagogik bedeutet bei Gerhard Tulod-
ziecki allerdings nicht Übernahme, sondern Auswertung und Weiter-
führung von Konzepten. So hat er die Stufenfolge des Kohlberg-
Ansatzes und die Niveaus kognitiver Komplexität auf der Basis der
Arbeiten von Schroder, Driver und Streufert in überzeugender Weise
im Hinblick auf Lehr- und Lernsituationen im Allgemeinen und im Be-
sonderen der Medienerziehung aufgearbeitet.
Kritische Reflexion Meine Damen und Herren, es spricht für Gerhard
Tulodziecki, dass er stets eine kritisch-reflektierende Haltung als
weiterem Charakteristikum gegenüber Forschungsgegenständen,
Forschungsverfahren und ihren Ergebnissen eingenommen hat. So
schließt bereits seine frühe Auseinandersetzung mit Algorithmen auch
die Diskussion der Frage ein, ob Algorithmen und Algorithmenfor-
schung nicht im Widerspruch zum pädagogisch nschenswerten
produktiven Denken stünden. Damit spricht er eine Problemlage an,
die sich viele Jahre später im Hinblick auf unterschiedliche Medien
insbesondere Computerprogramme generell wiederholte. Man kann
auch durchaus davon sprechen, dass hier erste medienerzieherische
(Vor-)Überlegungen angestellt wurden. Gerhard Tulodziecki löst“
diese Frage zunächst mit dem Hinweis darauf, dass Produktives Den-
ken sich auf Denkvorgänge beziehe und Algorithmen nur Mittel des
Denkens sind oder „Kanäle“ für das Denken werden (vgl. S. 158).
Entsprechend, so Gerhard Tulodziecki weiter in seiner Argumentation,
sei nicht von der Frage auszugehen, ob Algorithmen einen Gegensatz
zum produktiven Denken bilden, sondern von der Frage, wie Algo-
rithmen gelehrt und gelernt werden müssen, damit sie einen Beitrag
zum produktiven Denken leisten bzw. wie sie in den Unterricht zu
integrieren sind (vgl. S. 158 f.). Was oberflächlich nur wie eine sprach-
liche Korrektur der Fragestellung aussieht, ist meines Erachtens Aus-
druck einer kritischen Sichtweise, die nicht zu einseitigen polaren und
polarisierenden Denkmustern neigt, sondern zu einer reflektierenden
Auseinandersetzung mit Gegenständen und Positionen auf der Basis
einer begründeten Erwägung.
Die in seinen frühen Arbeiten begonnene kritisch-reflektierende
Auseinandersetzung mit objektivierten Lehrverfahren setzt Gerhard
Tulodziecki in den siebziger Jahren fort, als bereits viele das Gebiet
der Unterrichtstechnologie unter dem Generalverdacht des technokra-
tischen Vorgehens ad acta gelegt hatten. Und auch hier ließ Gerhard
____________________________________________________
53
Tulodziecki einen solchen Generalverdacht nicht gelten und forderte
eine differenzierte Auseinandersetzung. Im Rahmen dieser Auseinan-
dersetzung weist er auf mögliche Problemlagen des Einsatzes von
objektivierten Lehr- und Lernverfahren hin, die an Aktualität bis heute
nichts verloren haben, z.B. Systemträgheit oder unerforschte Neben-
wirkungen pädagogischer Interventionen. Gerhard Tulodziecki schlägt
daher vor, die Verwendung von objektivierten Lehrverfahren in einen
Medienverbund zu integrieren, um die Chancen dieser Verfahren pro-
duktiv zu nutzen, mögliche Problemlagen aber weitestgehend zu um-
gehen. Dies ist nicht resignativ im Hinblick auf die Problemlagen und
auch nicht im Sinne eines Minimalkonsenses zu werten, sondern
Ausdruck einer letztlich am Lernprozess in seiner sozialen Bedingtheit
orientierten Grundauffassung, die sich als durchaus weitsichtig erwie-
sen hat.
Kritische Reflexion bedeutet auch, eingeschlagene Richtungen
nicht in insistierender Weise zu verfolgen, sondern mit wissenschaftli-
cher Rationalität, aber auch mit pädagogischer Weitsicht neue Frage-
stellungen aufzuwerfen und sich selbst immer wieder in Frage zu stel-
len und weiter zu entwickeln. So hat Gerhard Tulodziecki die anfängli-
che Frage, wie didaktische Einsichten in die Objektivierung von Lehr-
verfahren integriert werden können, aufgegeben zugunsten der Frage,
wie Medien in den Unterricht integriert werden können.
Ich komme zum Aspekt Interdisziplinarität. Ich habe schon angedeu-
tet, dass Gerhard Tulodziecki in seinen Arbeiten nicht das Bild eines
streng disziplinfixierten Erziehungswissenschaftlers vermittelt. Das
Gegenteil ist der Fall: Gerhard Tulodziecki ist nicht nur selbst immer
wieder an Anregungen aus anderen Disziplinen interessiert, er regt
auch andere dazu an wohl wissend, wie schwierig interdisziplinäre
Arbeit sein kann. So „beklagt“ er zum Ende seiner Dissertation, „um
wie viel leichter ihm die Arbeit gefallen re, wenn er gleichzeitig das
Wissen eines Spezialisten auf dem Gebiet der Erziehungswissen-
schaft, der Kybernetik, Mathematik, der Statistik und Psychologie
besessen hätte“ (1970, S. 187). Auch diese in keiner Weise selbst-
verständliche sprichwörtliche Bescheidenheit ist in den wissen-
schaftlichen Arbeiten programmatisch und wenn ich dies ergänzen
darf – auch einer seiner herausragenden Wesenszüge.
Die interdisziplinäre Ausrichtung der wissenschaftlichen Arbeiten
ist auch für die hochschul- und bildungspolitischen Aktivitäten von
Gerhard Tulodziecki prägend. Ich möchte sogar behaupten, dass die
kreativen und weiterführenden Arbeiten ohne den Blick über den dis-
ziplinären Tellerrand nicht möglich gewesen wären. So fand bei-
____________________________________________________
54
spielsweise das ständige Bemühen um eine Verbindung von Allge-
meiner Didaktik und den Fachdidaktiken Ausdruck in verschiedenen
Hochschularbeitsgruppen und in einem der größten Projekte, die je in
der Paderborner Lehrerausbildung durchgeführt wurden. Ich komme
darauf noch zu sprechen.
Und lassen Sie mich anfügen: Wer einmal das Vergnügen hatte,
mit Gerhard Tulodziecki längere Diskussionen zu führen, der konnte
erleben, welch hervorragender interdisziplinärer Sparringspartner er
ist und wird nachher nicht nur über Schmelzschweißverfahren ge-
staunt haben.
Wenn man überhaupt gewichten wollte, dann würde das Kriterium
empirische und theoretische Ausrichtung, das ich im Folgenden be-
leuchte, sicher einen prominenten Rang einnehmen.
Gerhard Tuldodziecki fühlt sich einer besonderen Verbindung von
Theorie und Praxis verpflichtet. Am besten lässt sich dies vielleicht an
seinem Handlungsverständnis erkennen. Pädagogisches Handeln
solle theoretisch reflektiert sein und theoretische Reflexionen bzw.
Theoriebildungen sollten mittelbar Orientierung für pädagogisches
Handeln bieten und auf ihre empirische Bewährung hin geprüft wer-
den.
Dies drückt sich in einem Forschungsverständnis aus, das eben
sowohl praxisorientiert als auch theoriegeleitet ist. Die Grundlagen
dieses Wissenschafts- und Forschungsverständnisses hat Gerhard
Tulodziecki in zwei hervorragenden Arbeiten aus den Jahren 1982
und 1983 gelegt, die in der „Unterrichtswissenschaft“ publiziert sind
(vgl. Tulodziecki 1982, 1983). Ausgangspunkt dieser Arbeiten ist die
Kritik an der Ende der siebziger Jahre vorherrschenden Meinung, das
Experiment sei das für die Unterrichtsforschung entscheidende For-
schungsverfahren. Gerhard Tulodziecki zeigt, dass die Annahme, das
Prüfen von Hypothesen und das Finden von Gesetzesaussagen seien
auch in der Erziehungswissenschaft das vorrangige Ziel nicht ange-
messen ist. Es gehe nicht darum, theoretische Annahmen experimen-
tell zu prüfen, sondern um „die Prüfung der Zielerreichung bei Einsatz
bestimmter möglichst theoriegeleitet entwickelter Mittel“. Ein sol-
ches evaluatives Verfahren liege so die Argumentation wesentlich
näher an der unterrichtlichen Wirklichkeit und stelle eine angemesse-
nere Entscheidungshilfe für Lehrpersonen dar (vgl. 1982). Auf der
Basis dieser wissenschaftstheoretischen Analyse entwirft Gerhard
Tulodziecki den Ansatz der theoriegeleiteten Entwicklung und Evalua-
tion von Konzepten für pädagogisches Handeln und profiliert damit ein
Verfahren, das in vielen Forschungsarbeiten – insbesondere Disserta-
____________________________________________________
55
tionen seine Bedeutung für die Unterrichtswissenschaft gezeigt hat
und noch immer zeigt. Eine solche Forschung ist bildungspraktisch
relevant und gleichzeitig Impulsgeber für die Theoriediskussion.
Sowohl die Allgemeine Didaktik als auch die Fachdidaktiken profi-
tieren von einer theoriegeleiteten Entwicklung und Evaluation von
Konzepten pädagogischen Handelns, die ja immer auch didaktische
bzw. fachdidaktische Konzepte sind. Denn beide laufen Gefahr, ohne
hinreichende empirische Bewährung für die pädagogische Praxis
folgenlos zu bleiben. Wissenschaftstheoretisch gesehen, geht es da-
bei nicht darum, didaktische Theorien empirisch zu prüfen, sondern so
genannte intendierte Anwendungen entsprechender Ansätze. Dies hat
Gerd Tulodziecki in analytisch präziser und überzeugender Weise
herausgearbeitet. Gegenüber der notwendigen, aber eben nicht
hinreichenden und derzeit sehr einseitig in den Mittelpunkt gestellten
– Bildungssystemforschung ist dies noch einmal umso wichtiger.
Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Überlegungen
zur theoriegeleiteten Entwicklung und Evaluation in der Unterrichts-
wissenschaft ebenso konsequent auf die Medienforschung Anwen-
dung fanden (vgl. 1981).
Wenn man den Ansatz zur theoriegeleiteten Entwicklung und Evalua-
tion von Konzepten für pädagogisches Handeln gewissermaßen als
einen Kulminationspunkt der wissenschaftstheoretischen Arbeiten von
Gerhard Tulodziecki verstehen will, so ließe sich dies für die (allge-
mein-)didaktischen Arbeiten mit dem Ansatz „Unterricht mit Jugendli-
chen“ und für die medienerzieherischen Arbeiten mit dem Ansatz
„Medienerziehung in Schule und Unterricht“ bzw. „Medien in Erzie-
hung und Bildung“ in gleicher Weise tun.
Zunächst zum (allgemein-)didaktischen „Hauptwerk“: „Unterricht
mit Jugendlichen“ stellt eine handlungsorientierte Didaktik dar, die in
den Jahren zwischen 1987 und 1996 in drei Auflagen erschienen und
in der Didaktik inzwischen zu einem Standardwerk geworden ist.
Was ist das Besondere an dieser Didaktik? Gerhard Tulodziecki
entwirft einen didaktischen Ansatz, der in gleicher Weise theoretisch
als auch praktisch ausgerichtet ist. Dies ist für eine allgemeine Didak-
tik nicht selbstverständlich. Ein solches Unterfangen ist immerhin mit
den Gefahren verbunden,
ein pragmatisches Konzept quasi als Unterrichtsrezeptur zu ent-
werfen, das im Hinblick auf seine Begründung zweifelhaft ist oder
ein theoretisches Konzept zu entwerfen, das die Verbindung zum
Schulalltag nicht erkennen lässt und im Hinblick auf seinen Wert
für das unterrichtliche Handeln fragwürdig ist.
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56
Gerhard Tulodziecki ist es gelungen, beide Schwierigkeiten zu umge-
hen. Der Ansatz ist unter Bezugnahme auf lerntheoretische, entwick-
lungstheoretische und handlungstheoretische Überlegungen überzeu-
gend fundiert. Aus diesen Überlegungen heraus werden zum einen
spezifische lern- und entwicklungsfördernde Aufgabenformen für den
Unterricht entwickelt, zum anderen wird ein Grundmuster im Sinne
idealtypischer Abläufe von Unterricht vorgestellt. Dabei nimmt Ger-
hard Tulodziecki sowohl Ergebnisse der empirischen Unterrichtsfor-
schung auf, so dass auf dieser Basis auch von einer empirischen
Bewährung vieler Aussagen gesprochen werden kann.
Neben dem empirischen Blick bekennt sich Gerhard Tulodziecki
in normativer Hinsicht zu einem „sachgerechten, selbstbestimmten,
kreativen Handeln in sozialer Verantwortung“ als Ziel von Erziehung
und Bildung (vgl. 1996, S. 54). Diese Faustformel“ ist mir im Laufe
der Zeit an vielen unterschiedlichen Stellen begegnet was mindes-
tens ein Indiz dafür ist, dass sich die Didaktik nicht nur gut verkauft,
sondern auch gut rezipiert wird. (Wer einmal nach den Begriffen
„googlet“, wird ebenfalls erstaunt sein.)
Vieles von dem eben Gesagten trifft in ähnlicher Weise auf „die“
Medienerziehung zu, die 1988 erstmals und 2003 in vierter Auflage
erschien und derzeit in Vorbereitung für die nächste erweiterte Aufla-
ge ist. Worin liegen die besonderen Akzente und Leistungen dieses
Hauptwerks? Ein wichtiges Verdienst stellt die systematische Aus-
wertung medienerzieherischer Ansätze vom Ende des 19. Jahrhun-
derts bis in die jüngere Vergangenheit dar. Dies dient einerseits der
Einführung in medienerzieherisches Denken, andererseits aber bildet
es schon Profilelemente des eigenen Ansatzes, der dann theoretisch
begründet wird. Hier sind deutliche Parallelen zur Didaktik zu erken-
nen, wenn man entsprechende Stichworte wie Bedürfnisorientierung,
Situations- und Erfahrungsbezug oder Entwicklungsorientierung auf
die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen bezieht (vgl. 1988;
1992, S. 46 ff.). Unter dem Label einer handlungs- und entwicklungs-
orientierten Medienerziehung hat Gerhard Tulodziecki dann Hand-
lungsfelder und Inhaltsbereiche formuliert, die im deutschsprachigen
Raum zu einer konstanten Größe geworden sind und gleichzeitig sei-
ne Auffassung von Medienkompetenz markieren Sie haben dies in
der Abschiedsvorlesung gehört.
Schulische Medienerziehung versteht Gerhard Tulodziecki als ei-
ne fächer- oder fachübergreifende Aufgabe, die in integrativer Weise
im Unterricht umgesetzt und in integrativer Weise alle Medien tradi-
tionelle und computerbasierte umfassen soll. Neben der Ausarbei-
tung eines theoretischen Bezugsrahmens steht auch hier das Bemü-
____________________________________________________
57
hen im Vordergrund, medienpädagogische Überlegungen für den
Schulalltag fruchtbar werden zu lassen. Dies bedeutet insbesondere,
wissenschaftliche Erkenntnisse und Ergebnisse in den bildungspoliti-
schen Diskurs einzubringen. Dies ist in beeindruckender Weise ge-
schehen. 1994 wurden wesentliche Elemente und Grundideen des
Konzepts unter dem Titel „Medienerziehung in der Schule. Orientie-
rungsrahmen der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und
Forschungsförderung“ (Heft 44) verabschiedet und 1995 publiziert.
Ebenso stellten die Kultusminister und -senatoren in ihrer Erklärung
zur Medienerziehung in der Schule fest, „dass Medienpädagogik die
Schülerinnen und Schüler zu einem sachgerechten, selbstbestimmten
und sozial verantwortlichen Umgang mit Medien befähigen muss“
(KMK 1995, S. 1). Die Handschrift dieser Erklärung dürfte Ihnen be-
kannt sein.
Damit hat Gerhard Tulodziecki in entscheidender Weise dazu bei-
getragen, dass Medienerziehung in die Lehrpläne vieler Bundesländer
aufgenommen wurde und Medienerziehung auch bildungspolitisch
deutlich gestärkt wurde.
Im Ergebnis des BLK-Modellversuches „Differenzierte Mediener-
ziehung als Element allgemeiner Bildung" von 1994 bis 1998 der Län-
der Nordrhein-Westfalen und Sachsen entstanden Rahmenpläne für
die Medienerziehung in der Grundschule und in der Sekundarstufe I,
denen ebenfalls das Konzept der handlungsorientierten Medienerzie-
hung zugrunde liegt, allerdings erweitert um Hinweise für die Imple-
mentation einer fächerübergreifenden integrativen Medienerziehung in
der Schule. Neben Nordrhein-Westfalen wird auch in Bayern, Sach-
sen, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern auf das Konzept zu-
rückgegriffen (vgl. Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kul-
tus, Wissenschaft und Kunst 1996, Thüringer Kultusministerium 1999,
Comenius Institut 2004). Dies gilt nicht nur für die Medienbildung in
der Schule, sondern auch für die medienpädagogische Ausbildung an
der Hochschule (vgl. KMK 1998, Ministerium für Schule und Weiter-
bildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-
Westfalen 2000). Angesichts der auch derzeit heftig geführten
Föderalismusdebatte ist diese nachhaltige bildungs- und schulpoliti-
sche Wirkung eines Erziehungswissenschaftlers über die Landes-
grenze hinaus in jeder Hinsicht bemerkenswert.
Mit den letzten Ausführungen habe ich schon auf einige der vielfälti-
gen Projektaktivitäten verwiesen, die Gerhard Tulodziecki im Laufe
seiner Arbeit als Hochschullehrer durchgeführt hat. Allein in den letz-
ten zehn Jahren hat er dazu Forschungsmittel in Höhe von ca. 1,4
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58
Millionen Euro eingeworben. Für eine geisteswissenschaftliche Diszip-
lin ist dies allein quantitativ beeindruckend. Inhaltlich möchte ich kurz
auf ein Projekt eingehen. Das Vorhaben trug den Titel „BIG Bil-
dungswege in der Informationsgesellschaft“ und es war, wie es hieß:
BIG. Gerhard Tulodziecki war für das Teilprojekt „Neue Medien im
Lehramtsstudium“ verantwortlich, das 1996-1998 zunächst an der
hiesigen Universität der Entwicklung und Erprobung eines Konzeptes
zu neuen Medien als Mittel und Inhalt des Lehramtsstudiums im Zu-
sammenwirken von Erziehungswissenschaft und Fachdidaktiken dien-
te. Die Überlegungen mündeten in das Rahmenkonzept „Zukunft des
Lehrens Lernen für die Zukunft: Neue Medien in der Lehrerausbil-
dung“ für das Land NRW ein (vgl. Ministerium für Schule und Weiter-
bildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-
Westfalen 2000). Es ist nicht zuletzt das Verdienst von Gerhard Tu-
lodziecki, diese Entwicklungen in der Lehrerbildung in konsequenter
Weise durch konzeptionelle Arbeit und bildungspolitisches Engage-
ment vorangetrieben zu haben. Gleiches lässt sich auch für die Reali-
sierung eines weiterbildenden Studiengangs namens FESTUM
(FernStudium Medien) in Kooperation mit der FernUniversität in Ha-
gen behaupten.
Es zeichnet Gerhard Tulodziecki in besonderer Weise aus, dass er
neben seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten im engeren Sinne immer
auch dafür Sorge getragen hat, die Anliegen der Didaktik, der Schul-
und der Medienpädagogik an politischer Stelle mit Nachdruck zu ver-
treten und so ihre Bedeutsamkeit zu untermauern. Dies hat er mit
einem kritischen Realismus getan. Wohl wissend, dass nicht alles
pädagogisch Wünschenswerte immer realisierbar ist, hat er stets dar-
auf verwiesen, dass es trotzdem wichtig sei, dieses (pädagogisch
Wünschenswerte) zunächst einmal zu formulieren und zu vertreten.
Und ausgehend von dieser umfassenden Darstellung, die auch zur
Bewusstseinsbildung der Beteiligten beitrug, hat Gerhard Tulodziecki
in der Regel auch bereits das Realisierbare vorgedacht und entspre-
chende Vorschläge in die Verhandlungen einfließen lassen. Diese Art
der Strategie ist eine ihm besonders eigene, die ich auch noch aus
meiner Zeit der Teilnahme an Paderborner Gremien hinreichend gut
kenne und mir im Nachhinein darüber das ein oder andere Schmun-
zeln nicht verkneifen kann.
Die ausgezeichnete Fachexpertise Gerhard Tulodzieckis war und ist
in vielen Kontexten gefragt. Seine Mitwirkung in Gremien zeigt dies
eindrucksvoll. So war bzw. ist er z.B. Mitglied
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der „Steering Group on Educational Technology” des Council of
Europe (einer der Vertreter der BR Deutschland)
der Arbeitsgruppe „Bildungstechnologie“ der BLK (Erarbeitung
von Empfehlungen zu audiovisuellen Medien bzw. zur Bildungs-
technologie)
der Projektgruppe „Medienerziehung“ des Innovationsausschus-
ses der BLK (Erarbeitung eines Orientierungsrahmens)
des Kuratoriums des „FWU-Instituts für Film und Bild in Wissen-
schaft und Unterricht“ mit mehrfacher Übernahme des Vorsitzes
bei den Sitzungen (der Vorsitzende wurde jeweils zum Beginn der
Sitzungen gewählt)
des Arbeitskreises „Telekolleg“ (Länder und Rundfunkanstalten
übergreifender Arbeitskreis, Geschäftsstelle zunächst beim dama-
ligen SWF)
des Beirats der Bertelsmann Stiftung „Schule und Medien“
der Hamburger Kommission Lehrerbildung“ mit der Erarbeitung
eines Konzepts für die Lehrerbildung
des Schulfernsehbeirats beim WDR
der Expertenkommission „Basiscurriculum Erziehungswissen-
schaft“ für die Lehrerausbildung in NRW, Federführung bei der
Erarbeitung von Rahmenvorgaben
der Expertenkommission Medien und Informationstechnologien
in Erziehung und Bildung“, Federführung bei der Erarbeitung ei-
nes Konzepts für die Lehrerbildung in NRW
Expertenkommission „Kerncurriculum Erziehungswissenschaft“,
Erarbeitung von Rahmenvorgaben für NRW,
um nur einige zu nennen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte meine Laudatio
mit Anmerkungen zur didaktischen Selbstreflexivität und zum wissen-
schaftlichen Nachwuchs beenden.
Didaktische Selbstreflexivität Ich habe Ihnen zu skizzieren versucht,
worin das besondere Verdienst des didaktischen Ansatzes von Ger-
hard Tulodziecki liegt und dass ihm die Verbindung von Theorie und
Praxis ein besonderes Anliegen ist. Dies ist eben nicht bloße Theorie,
sondern findet auch konsequente Umsetzung in den Lehrbüchern, in
vielen Vorträgen und Aufsätzen. Über Didaktik zu schreiben heißt
eben nicht, sie im Alltag dann wieder zu ignorieren. Bei Studierenden
hat diese Umsetzung didaktischer Prinzipien hin und wieder zu dem
„Vorwurf“ geführt, Gerhard Tulodziecki schreibe ja Bücher, die man
auch lesen und mit denen man ja arbeiten könne. Seine Auffassung
____________________________________________________
60
ist es eben nicht, dass ein so genanntes Lehrbuch die Gelehrtheit der
Verfasserin oder des Verfassers widerspiegeln solle, sondern dass
ein Lehrbuch und im Grunde ist dafür die Bezeichnung nicht sehr
angemessen ein Mittel ist, um zu einem bestimmten Sachverhalt
oder Gegenstand eine lernförderliche Auseinandersetzung anzuregen
und zu unterstützen.
Neben der Würdigung wissenschaftlicher Arbeiten geraten allzu häu-
fig zwei weitere Aufgabenbereiche von Hochschullehrerinnen und
-lehrern in Vergessenheit: die Lehre und die Förderung und Betreu-
ung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
In Bezug auf die Lehre kann mit Fug und Recht behauptet wer-
den, dass Gerhard Tulodziecki ebenso wie in seinen Schriften, ich
habe dies bereits angesprochen nicht Wasser predigt und Wein
trinkt, sondern dass er in konsequenter Weise seine Didaktik auch in
der Lehre umsetzt. Er zeigt damit, dass eine qualitativ hochwertig
erziehungswissenschaftliche Ausbildung auch dann bei Studierenden
auf äußerst positive Resonanz stoßen kann, wenn die Leistungsmaß-
stäbe hoch angesetzt sind.
Ganz nebenbei hat dies auch dazu beigetragen, den mitunter kol-
portierten Ruf der Erziehungswissenschaft als „weiche“ Disziplin Lü-
gen zu strafen. Eine geradezu unglaubliche Anzahl von Studierenden,
die Gerhard Tulodziecki im ersten Staatsexamen betreut hat, ist kein
Ausdruck einer besonderen Güte oder Milde, sondern Anerkennung
einer fairen, leistungsorientierten und anspruchsvollen Ausbildung.
Wissenschaftlicher Nachwuchs Den Umgang Gerhard Tulodzie-
ckis mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs zu würdigen ist schwie-
rig, allein die Beschreibung stellt sich als nicht trivial heraus im
Grunde muss man es erlebt haben. Annähernd könnte man es viel-
leicht mit dem Begriff implizites Fördern und Fordern“ beschreiben.
Ich unterstelle, dass auch hier die didaktischen Prinzipien tragen:
Wissenschaftlicher Nachwuchs wird nicht gebildet und bekommt keine
Ausbildung „vermittelt“, sondern es geht darum, eine Umgebung zu
schaffen, in der sich jemand entwickeln kann. Dies geschieht sehr
implizit, Verantwortung wird nicht übertragen, sondern es werden
Möglichkeiten der Verantwortungsübernahme geschaffen. Und Ger-
hard Tulodziecki wäre nicht selbiger, wenn er nicht genau die Mög-
lichkeiten schaffte, die dem didaktisch gesprochen Erfahrungs-
und Entwicklungsstand angemessen sind und eine entsprechende
Herausforderung darstellen. Im Übrigen scheut sich Gerhard Tulod-
ziecki auch nicht, „Tacheles“ zu reden allerdings verwendet er dazu
seinen eigenen Code. Wenn es dann einmal heißt: „Im Prinzip finde
____________________________________________________
61
ich das schon recht gut, wenngleich …“ dann ist den Eingeweihten
schon klar, wo die Glocken hängen. Kurzum: Nachwuchsförderung
bei Gerhard Tulodziecki ist eine Chance. Diejenigen, die sie genutzt
haben, werden dies zu schätzen und zu würdigen wissen.
Obwohl ich meinte, die wissenschaftlichen Arbeiten Gerhard Tulod-
zieckis einigermaßen gut zu kennen hatte ich doch das Vergnügen,
einige Jahre mit ihm in Paderborn arbeiten zu dürfen wurde ich bei
der Vorbereitung dieser Laudatio doch immer wieder überrascht. Zum
einen überrascht, was die Breite und den Umfang der Arbeiten an-
geht, zum anderen von der Stringenz, Kohärenz und der konsequen-
ten Weiterentwicklung der Ansätze im Laufe der Zeit und ihrer nach-
haltigen Implementation in die Praxis. Und dies alles in einer beein-
druckend fundierten, analytischen, kreativen und reflektierten Art und
Weise.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Literatur (Auswahl)
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht, Kultus, Wissenschaft
und Kunst (Hrsg.) (1996): Medienerziehung in Bayern. Einfüh-
rung in das Gesamtkonzept. Donauwörth: Auer
Blömeke, S./ Herzig, B./ Tulodziecki, G. (2006): Zum Stellenwert em-
pirischer Forschung für die Allgemeine Didaktik. Erscheint in:
Unterrichtswissenschaft
Comenius Institut (Hrsg.) (2004): Eckwert zur Medienerziehung. Re-
form der sächsischen Lehrpläne. Radebeul: Comenius Institut
Hagemann, W./ Tulodziecki, G. (1979): Einführung in die Mediendi-
daktik. Köln: vgs
KMK [Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bun-
desrepublik Deutschland] (1998): Zur Rolle der Medienpädago-
gik, insbesondere der Neuen Medien und der Telekommunikati-
on, in der Lehrerbildung. Bericht des Schulausschusses vom
11.12.1998
KMK [Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bun-
desrepublik Deutschland] (1998): Medienpädagogik in der
Schule. Erklärung vom 12.05.1995
____________________________________________________
62
Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und For-
schung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2000): Zu-
kunft des Lehrens – Lernen für die Zukunft: Neue Medien in der
Lehrerausbildung. Rahmenkonzept. Frechen: Ritterbach
Rüttgers, J. (1997): „Eine Ära geht zu Ende. Das muß auch die Schu-
le lernen und lehren.“ Lernen in der Medienwelt - die Position
von Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers. DIE ZEIT,
39/1997
Tenorth, H.-E. (1986): „Lehrerberuf s. Dilettantismus“. Wie die Lehr-
profession ihr Geschäft verstand. In: Luhmann/ Schorr (Hg.):
Zwischen Intransparenz und Verstehen. Fragen an die Pädago-
gik. Frankfurt am Main, S. 275-322
Thüringer Kultusministerium (Hrsg.) (1999): Empfehlungen für das
fächerübergreifende Thema „Umgang mit Medien und Informa-
tionstechnologien (UMI)“. Erfurt: Kultusministerium
Tulodziecki, G. (1970): Beiträge der Algorithmenforschung zu einer
Unterrichtswissenschaft. Aachen: Fotodruck Mainz
Tulodziecki, G. (1973): Ansätze zur Entwicklung einer Theorie des
Schulfernsehens. In: FEoLL (Forschungs- und Entwicklungs-
zentrum für objektivierte Lehr- und Lernverfahren) (Hrsg.):
Schulfernsehen im Unterricht. Paderborn, Hannover: Ferdinand
Schöningh, Hermann Schroedel Verlag KG
Tulodziecki, G. (1975): Einführung in die Theorie und Praxis objekti-
vierter Lehrverfahren. Stuttgart: Klett
Tulodziecki, G. (1977): Schulfernsehen in der Bundesrepublik
Deutschland. Köln: vgs
Tulodziecki, G. (1980): Kommunikativ orientierte Unterrichtsplanung
als Konsequenz der Kritik des unterrichtstechnologischen An-
satzes. In: König, E. et al. (Hrsg.): Diskussion der Unterrichts-
vorbereitung. München: Fink
Tulodziecki, G. (1981): Einführung in die Medienforschung. Köln: vgs
Tulodziecki, G. (1982): Zur Bedeutung von Erhebung, Experiment und
Evaluation für die Unterrichtswissenschaft. In: Unterrichtswis-
senschaft 10 (4), S. 364-377
Tulodziecki, G. (1983): Theoriegeleitete Entwicklung und Evaluation
von Lehrmaterialien als eine Aufgabe der Unterrichtswissen-
schaft. In: Unterrichtswissenschaft 11 (1), S. 27-45
Tulodziecki, G. (1996): Unterricht mit Jugendlichen. 3. Aufl., Bad
Heilbrunn: Klinkhardt
Gerhard Tulodziecki und die
Paderborner Lehrerausbildung
Hans-Dieter Rinkens
Wer wie ich das Vergnügen hatte, schon mehrmals Vorträgen von
Gerhard Tulodziecki zu lauschen und auch heute in seiner Ab-
schiedsvorlesung hat er mich da nicht enttäuscht –, der kennt seine
Vorliebe für Fallbeispiele. Was liegt also näher, ihm zu Ehren mit ei-
nem Fallbeispiel zu beginnen.
Ort der Handlung:
Wohnzimmer einer ehemaligen Hausmeisterwohnung
Zeit der Handlung:
Montag, 18.15 Uhr (da ist das Seminar beendet, da ist die Fakultäts-
besprechung vorbei, ...)
Handelnde Personen (etwaige Ähnlichkeit mit lebenden Personen
sind natürlich keineswegs zufällig, Namen wurden bis zur Unkennt-
lichkeit verändert):
Peer, der kühle heute würde man sagen: coole Physiker von
der Küste, seines Zeichens Experte der Expertiseforschung.
Standards in der Lehrerausbildung
____________________________________________________
64
Derek, der rheinische Mathematiker, der sich auf Pythagoras be-
ruft und dessen Credo „Alles ist Zahl“ gerne zu politischen
Zwecken missbraucht.
Helen, die lippische Deutsch-Engländerin, die Französisch, Italie-
nisch und Spanisch studiert hat und deshalb Protokoll schreiben
muss, wofür sie sich rächt, indem sie aufschreibt, was die ande-
ren am besten gesagt hätten.
Gottfried, aus Tief im Westen, der Erziehungswissenschaftler,
sein Name ist Programm.
Ihr Thema: Standards in der Lehrerausbildung
Helen hat eine Literaturrecherche gemacht. Das beeindruckt.
Aber nur kurz.
Dann erschlägt Peer Oser, nicht weil Oser Pädagoge ist, sondern
er schleudert Weinert nach ihm und das sitzt.
Derek nervt: „Das verstehen meine Kollegen alles nicht!“ Da aber
Mathematiker bekanntlich nicht unter einem eingeschränkten Er-
kenntnisvermögen oder gar Selbstbewusstsein leiden, muss es an
den anderen und deren Sprache (oder Denke?) liegen.
Der Kampf der Argumente tobt.
Da meldet sich Gottfried behutsam zu Wort: „Ich finde Eure Anre-
gungen alle sehr gut, zumal sie von ganz unterschiedlichen
Standpunkten aus das Thema beleuchten. Vielleicht hilft es wei-
ter, wenn wir unterscheiden, auf welcher Ebene wir von Standards
sprechen: ob wir Standards für auszubildende Personen (Bil-
dungsstandards), Standards für Lehr- und Lernprozesse (Pro-
zessstandards), Standards für Institutionen der Ausbildung (Insti-
tutionenstandards) oder Standards für die staatliche Sy-
stemsteuerung (Systemstandards) meinen.“ 1
Kurzes allgemeines Nachdenken. Das klingt plausibel. Man einigt
sich auf eine Ebene. Und erneut geht’s los.
Helen strahlt: So tte es von Anfang an laufen müssen und so
steht’s am Ende auch im Protokoll. Und nicht nur im Protokoll,
sondern auch in Produkten, die aus solchen Runden entstehen.
1
vgl. Gerhard Tulodziecki: Bildungsstandards im erziehungswissenschaft-
lichen Studium für Lehrämter. PLAZ-Forum. Heft C-08-2004. Paderborn:
Universität 2004, S. 30.
____________________________________________________
65
Kurze Interpretation des Fallbeispiels
1. Das Sozialverhalten der handelnden Personen:
Einzelheiten überspringe ich jetzt in Anbetracht der Zeit. Für uns heu-
te interessant ist vor allem die Rolle Gottfrieds. Er ist von allen akzep-
tiert
als „trouble shooter“ – nein, das ist die falsche Bezeichnung; denn
trouble mag er nicht und Schießen erst recht nicht –,
als „ausgleichendes Element“ nein, das klingt zu sehr nach Ni-
vellierung und das ist nicht sein Ding –,
als ... . Ach, wissen Sie was: Sie bilden jetzt Gruppen zu fünft,
diskutieren das Problem. Jede Gruppe wählt eine Sprecherin oder
einen Sprecher und ... .
Na gut, dann eben nicht.
Fazit ist jedenfalls, dass Gottfried die übrigen Personen in ihrer Exper-
tenstellung bestärkt und ihnen zugleich, ohne es explizit zu sagen,
klar macht, dass sie noch lange keine Experten für das zu behandeln-
de Thema sind, aber schon auf einem akzeptabel guten Weg dahin.
2. Die Herangehensweise an das Thema:
Über viele Themen im Bildungsbereich und dazu gehört auch die
Lehrerausbildung kann man vortrefflich reden, wie man im Feuille-
ton schreibt: belehrend oder beklagend, witzig oder sarkastisch, intel-
ligent oder auch nicht, in jedem Fall mit dem Anspruch, einen wichti-
gen Beitrag zu leisten, denn man ist schließlich irgendwie Beteiligter,
hat seine Erfahrungen und weiß, wie es besser ginge. Der wissen-
schaftsbasierte Diskurs ist mühsamer: er sichert ab, er wägt ab, er
liebt die Frage, er tut sich schwer mit der Antwort, er konstruiert Spra-
che als Werkzeug, er ist immer in der Gefahr, die falschen Werkzeuge
zu benutzen, sich am Spiel mit den Werkzeugen zu ergötzen, er wägt
ab, er sichert ab.
Das ist Gottfrieds Welt: der wissenschaftsbasierte Diskurs.
Das ist die Welt der PLAZ-Diskurse über zentrale Themen der Leh-
rerausbildung. Und diese Welt wurde seit der Gründung des PLAZ vor
zehn Jahren wesentlich von Gerd Tulodziecki geprägt. Seine beson-
dere Gabe ist es, die Sprache als Werkzeug so einzusetzen, dass die
Ergebnisse verständlich und pragmatisch dargestellt werden und dass
so Veränderungen auch gelingen können.
____________________________________________________
66
3. Das Thema selbst:
Das „S“ von „Standards“ bildet den Anfang des Akronyms SPEE.
SPEE steht für das Paderborner Modell zur Innovation in der Leh-
rerausbildung, das 2004 vom Stifterverband für die Deutsche Wissen-
schaft und von der Stiftung Mercator ausgezeichnet wurde. Im Pader-
borner Beitrag des Wettbewerbs hieß es:
„Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Stand der
Diskussion sehen wir es in Paderborn als wesentliches Moment
für die nachhaltige Wirksamkeit der Implementierung von Stan-
dards in der Lehrerausbildung an, dass unter Einbeziehung des
Forschungsstandes diejenigen Personen die Standards entwi-
ckeln, die durch ihre Lehre für den Kompetenzerwerb verantwort-
lich sind.“2
Dass uns Rahmenvorgaben „von oben“ dabei nicht hinderlich sind,
liegt daran, dass wir entscheidend daran mitwirken konnten. So ent-
wickelten sich aus Diskursen wie dem in dem Fallbeispiel geschilder-
2
A. H. Hilligus, P. Reinhold, H.-D. Rinkens, G. Tulodziecki: SPEE: Stan-
dards Profile Entwicklung Evaluation: Innovation in der Lehreraus-
bildung an der Universität Paderborn. PLAZ-Forum. Heft C-08-2004. Pa-
derborn: Universität 2004, S. 12.
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PLAZ-Modell zur Innovation in der
Lehrerausbildung
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67
ten zum einen ministerielle, zum anderen hausinterne Rahmenvorga-
ben und Anregungen für fächerinterne Modulbeschreibungen.
Dabei ist die Standard-Diskussion nur ein Intermezzo in einer
Bühnenmusik, deren Ouvertüre bereits die wichtigsten Themen ent-
hielt. Das PLAZ hat seit seiner Gründung vor zehn Jahren aufgefor-
dert und unaufgefordert zu grundsätzlichen Fragen der Lehrerausbil-
dung Stellung genommen. Damit war implizit auch ein gemeinsames
Grundverständnis, ein Leitbild von Lehrerausbildung, gefordert. Auf
Gerd Tulodzieckis Anregung hin haben wir 1998 den Versuch unter-
nommen, dieses in „Thesen zur Lehrerausbildung in Paderborn“ ex-
plizit zu machen. Die Thesen beginnen:
„Lehrerausbildung an der Universität soll den Studierenden die
Möglichkeit bieten,
die wissenschaftlichen Grundlagen für die Wahrnehmung der
späteren Aufgaben in Schule und Unterricht zu erwerben,
wissenschaftliche Grundlagen auf berufliche Aufgaben zu be-
ziehen und erste Erprobungen durchzuführen sowie
die eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Lehrerausbildung orientiert sich damit am Berufsfeld Schule.“3
Aus einem Leitbild von Schule wird dann auf die benötigten Qualifika-
tionen von Lehrerinnen und Lehrern geschlossen und hieraus werden
Forderungen an die Lehrerausbildung und die Gestaltung eines ent-
sprechenden Lehramtsstudiums entwickelt. Sozusagen als Fazit heißt
es am Schluss:
„Entscheidende Schritte für eine Reform der Lehrerausbildung
können unmittelbar hochschulintern begonnen werden ohne
Warten auf einschneidende Strukturveränderungen. Wir die
Lehrenden und die Studierenden können noch heute damit be-
ginnen.“
Das war 1998. Das ist Axiom unseres Handelns bis heute geblieben.
Von den zahlreichen Impulsen, die von Gerd Tulodziecki ausge-
gangen sind, will ich noch kurz eine zweite Entwicklungslinie aufzei-
gen – kurz, weil über dieses Thema heute und morgen noch mehrfach
gesprochen wird. Es ist das Thema „Medien in der Bildung“.
Wenn damit seit „1984“ nicht so unangenehme Assoziationen
verbunden wären, könnte man Gerd Tulodziecki auch „BIG Brother“
3
PLAZ-Vorstand (Hrsg.): Thesen zur Lehrerausbildung an der Universität
Paderborn. 1998; überarbeitete Fassung: Positionspapier zur Lehreraus-
bildung an der Universität Paderborn. in PLAZ-Forum. Heft C-04-2001.
Paderborn: Universität 2001 (Neuauflage 2003).
____________________________________________________
68
nennen. Denn „BIG“ steht für „Bildungswege in der Informationsge-
sellschaft“, einem von der Heinz Nixdorf Stiftung geförderten Projekt,
und „Brother“ für die Tatsache, dass Gerd Tulodziecki Kolleginnen
und Kollegen aus den Fachdidaktiken Deutsch, Informatik, Mathema-
tik und Physik, dem Fachgebiet Informatik und Gesellschaft und dem
AVMZ mit ins Boot holte. Aus diesem Projekt entstand später die
Möglichkeit einer Zusatzqualifikation für Studierende, die im WS
1999/2000 landesweit erstmalig an der Universität Paderborn einge-
führt wurde. Ziel des Programms „Medien und Informationstechnolo-
gien in Erziehung, Unterricht und Bildung“ ist es, den Schülerinnen
und Schülern einen sachgerechten, selbstbestimmten, kreativen und
sozial-verantwortlichen Umgang mit Medien und Informationstechno-
logien zu ermöglichen. Dazu sollen die zukünftigen Lehrerinnen und
Lehrer die entsprechenden Kompetenzen erwerben.
Was hier mit dem Bereich Medien begann, hat sich inzwischen zu
einem weiteren Markenzeichen der Paderborner Lehrerausbildung
entwickelt, das im SPEE-Projekt mit dem Buchstaben „P“ wie „Profile
angesprochen wird. In dem immer komplexer werdenden Berufsfeld
Schule stellt der „Einheitslehrer“, der alle Eventualitäten im Griff hat,
eine Fiktion dar, an der er nicht selten scheitert. Wir gehen davon aus,
dass zukünftig Lehrerinnen und Lehrer gefragt sein werden, die zu-
sätzlich zur notwendigen Breite in spezifischen Bereichen Expertise
besitzen, eine Expertise, die von Kolleginnen und Kollegen in An-
spruch genommen werden kann. Diese Entwicklung zeigt sich heute
bereits in vielen der schulscharfen Ausschreibungen.
Die Universität Paderborn bietet deshalb zurzeit drei standortspe-
zifische, für das Berufsfeld Schule relevante Profile an: „Medien und
Bildung“, „Gesundheitsfördernde Schule“ und „Umgang mit Heteroge-
nität“. Mit der Profilbildung soll im Zusammenwirken der beteiligten
Fächer ein systematisches und sinnstiftendes Lehrangebot bereitge-
stellt werden mit gemeinsamen Leitbildern, fächerübergreifenden Fra-
gestellungen und einer Forschungsorientierung. Die Profile können
von den Studierenden je nach Interesse und eigener Schwerpunktbil-
dung auf freiwilliger Basis studiert werden, wobei sie dabei keine zu-
sätzlichen Veranstaltungen absolvieren müssen, sondern im Rahmen
des für den Studiengang vorgesehenen Stundenkontingents je nach
Fächerkombination spezifische Schwerpunktbildungen vornehmen
können.
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69
Annegret H. Hilligus Hans-Dieter Rinkens University of Paderborn/Germany
ATEE 30th Annual Conference Amsterdam 22 26 October 2005
Gender
Ethnic background
Social background
Ability/disability
School-lifestyle
Nutrition
Class-rooms arrangement
Daytime structuring
Cross-curricular Study Profiles
Health
Promotion
Dealing with
Diversity
Media and
Education
Quality
Development
Strategies
Introduction
of Standards
Development
of Profiles
Assessment
and Portfolio
Evaluation
and Research
Conclusion
Die durch die Profilbildung zu erwerbende Expertise ist so geartet,
dass sie auch in außerschulischen Feldern (z. B. Förderinstitutionen,
Beratungsinstitutionen, Verbänden) von Bedeutung ist. Mit der Profil-
bildung wird deshalb einerseits die Professionalisierung für das Be-
rufsfeld Schule im Sinne von Expertise gestärkt und zugleich die Leh-
rerausbildung in Richtung auf Polyvalenz weiterentwickelt.
Von den „Thesen zur Lehrerausbildung in Paderborn“ mit dem darin
formulierten Leitbild zur Entwicklung von Standards und Kompetenzen
in modularisierten Studiengängen, von BIG über die Zusatzqualifikati-
on „Medien und Informationstechnologien in Erziehung, Unterricht und
Bildung“ bis zu den heutigen Profilen der Lehrerausbildung in Pader-
born das sind zwei von vielen Wegen, lieber Gerd, die wir im PLAZ
gemeinsam mit anderen gegangen sind. Wir danken dir für deine Be-
gleitung.
Zur PLAZ-Kultur der Lehrerausbildung in Paderborn gehört auch, den
Abschied, dem bekanntlich ein neuer Anfang inne wohnt, würdig zu
gestalten. Jedes Semester verabschieden wir so unsere Lehramtsab-
solventinnen und -absolventen in einem mit Personen und mit Atmo-
sphäre gefüllten Auditorium Maximum. Ich weiß nicht, wie oft Du, lie-
ber Gerd, uns dabei Deine Nachbetrachtungen und Deine Gedanken
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70
Wir gratulieren herzlich
zum bestandenen Examen
und wünschen Ihnen alles Gute
für den weiteren Lebens- und Berufsweg.
Der Mensch, der den Berg ver-
setzte,
war derselbe, der anfing,
kleine Steine wegzutragen.
(Altes chinesisches Sprich-
wort)
Der Mensch, der den Berg ver-
setzte,
war derselbe, der anfing,
kleine Steine wegzutragen.
(Altes chinesisches Sprich-
wort)
Wir gratulieren herzlich
zur verdienstvollen Emeritierung
und wünschen Dir alles Gute
für den weiteren Lebens- und Berufsweg.
zum Übergang in den nächsten Abschnitt des Berufslebens vermittelt
hast. Es hat nicht nur mich beeindruckt.
Am Schluss auch das gehört zum Ritual der PLAZ-Kultur – ge-
ben wir den scheidenden Studierenden einen Spruch mit auf den
Weg, den der Kollege oder die Kollegin aussucht, der / die die Ab-
schiedsrede hält. Einer der Sprüche, den Du gewählt hast, war
Lieber Gerd, Du hast viele, ja, sehr viel kleine Steine weggetragen.
Wenn ich jetzt sagen würde, Du hast den Berg versetzt, würdest Du
Dich in deiner Bescheidenheit sehr unwohl fühlen. Ich halte es als
Dein Weggefährte und Steineschlepper auch nicht für angemessen,
solch ein Urteil zu fällen. Außerdem: die Lehrerausbildung ist ein
Bergland. Welchen der Berge sollte ich nennen?
In jedem Fall gilt:
____________________________________________________
71
Halt, werden Sie sagen, „Berufsweg“ passt nicht. Doch, das war kein
Versehen. Als wir letzte Woche per Email einen Termin für die nächs-
te Sitzung der Projektgruppe „Kompetenz-Entwicklung und -Messung
(KEM)“ suchten, kam folgende Mail:
Zu Deiner Erleichterung, lieber Gerd, habe ich daraus eine Formatvor-
lage gemacht:
Das ist unser Wunsch:
Hilf uns auch weiterhin noch, kleine Steine wegzutragen.
Von:
Gerhard Tulodziecki [mailto:[email protected]]
Gesendet: Donnerstag, 2. Februar 2006 21:35
Betreff: Re: Re: [PG_Kompetenzentwicklung_und_-messung_ (KEM)]
Termin für die nächste Sitzung
Liebe Mitglieder der Projektgruppe KEM,
da ich bin, will ich
schnell mitteilen, dass ich teilnehmen könnte.
Beste Grüße
Gerd Tulodziecki
Von:
Gerhard Tulodziecki [mailto:[email protected]]
Gesendet: Donnerstag, 2. Februar 2006 21:35
Betreff: Re: Re: [PG_Kompetenzentwicklung_und_-messung_ (KEM)]
Termin für die nächste Sitzung
Liebe Mitglieder der Projektgruppe KEM,
da ich bis zum Ende Februar auch noch offiziell im Dienst bin, will ich
schnell mitteilen, dass ich am 21. oder 22. 2. teilnehmen könnte.
Beste Grüße
Gerd Tulodziecki
____________________________________________________
72
Standards in der Lehrerausbildung
Begrüßung zum Fachkolloquium
„Medien in Erziehung und Bildung“ und
Einführung der Referenten
Peter Reinhold und Annegret Helen Hilligus
Warum für das Fachkolloquium aus Anlass der Emeritierung von Ger-
hard Tulodziecki das Thema „Medien in Erziehung und Bildung“ ge-
wählt wurde dazu muss nach der Laudatio von Bardo Herzig nichts
mehr gesagt werden. Es ist unbestritten, dass sich Gerhard Tulod-
ziecki als Medienpädagoge über Paderborn hinaus einen Namen ge-
macht hat. Diesen Lehr- und Forschungsbereich aufzugreifen und mit
Experten zu diskutieren erschien uns zum einen als eine gute Abrun-
dung seiner Dienstzeit an der Universität Paderborn. Zum anderen
erschien uns das Fachkolloquium mit Medien-Experten aber auch als
ein geeignetes Forum für den Austausch zukunftsweisender Perspek-
tiven in der Medienbildung, die sowohl für die Erziehungswissenschaft
als auch für die PLAZ-Tätigkeit relevant sind zukunftsweisende Per-
spektiven, die Gerhard Tulodziecki sicherlich auch nach seiner Emeri-
tierung weiterhin mit bestimmen wird?
Im Rahmen des Fachkolloquiums hören wir Vorträge von einer
„Schülerin“ und drei „Schülern“ von Gerhard Tulodziecki. Sie werden
die Medien unter ihren Lehr- und Forschungsperspektiven in den Blick
nehmen und damit unterschiedliche, aber sich ergänzende Zugänge
vertreten.
Klaus Breuer
Prof. Dr. Klaus Breuer von der Universität Mainz kommt aus dieser
Gegend, und zwar aus Wittgenstein. Er hat an der RWTH Aachen
Deutsch und Bauingenieurwesen für das berufsbildende Schulwesen
studiert. Als Assistent am Institut für Erziehungswissenschaft bei Prof.
Dr. Johannes Zielinski promovierte er 1979 zu dem medienpädagogi-
schen Thema „Computerunterstützes Lernen auf der Basis eines In-
formationsprogramms“.
Nach der Promotion ist er an die Universität Paderborn gewech-
selt. Dort war er der erste Hochschulassistent von Gerhard Tulodzie-
cki.
Die beiden Facetten Lehren und Lernen mit Medien einerseits und
Berufsbildung andererseits haben ihn 1995 nach Mainz an die Johan-
nes Gutenberg-Universität geführt, wo er im Fachbereich Rechts- und
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74
Wirtschaftswissenschaften einen Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik
inne hat. Er forscht dort in den Bereichen:
Empirische Lehr-Lernforschung,
Computerunterstützte Aus- und Weiterbildung und
Berufsbezogene pädagogische Diagnostik.
Bardo Herzig
Prof. Dr. Bardo Herzig promovierte 1997 bei Gerhard Tulodziecki in
der Erziehungswissenschaft zum Dr. phil. und habilitierte sich 2002 im
Fach Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn zum Thema
„Analoge und digitale Medien im Bildungsprozess. Theoriebasierte
Entwicklung einer integrativen Sichtweise für die Medienbildung“. Von
1992 bis 2002 war er zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter, später
wissenschaftlicher Assistent in der Arbeitsgruppe „Allgemeine Didaktik
und Medienpädagogik“ von Gerhard Tulodziecki.
2002 hatte Bardo Herzig eine Lehrstuhlvertretung an der FernUni-
versität Hagen für die Lehrgebiete „Theorie der Schule und des Unter-
richts sowie Medientheorie und Medienpädagogik“ übernommen. Seit
April 2004 hat er eine Professur an der Ruhr-Universität Bochum im
Institut für Pädagogik für das Lehrgebiet „Lehr- und Lernforschung“
inne.
Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind neben dem
„Lehren und Lernen mit Medien“ die „Allgemeine Didaktik“, die „Schul-
und Unterrichtsforschung“, „Curriculumentwicklung und Hochschuldi-
daktik“.
Sigrid Blömeke
Prof. Dr. Sigrid Blömeke war von 1995 bis 2001, also in dessen Grün-
dungs- und Etablierungsphase, Geschäftsführerin des Paderborner
Lehrerausbildungszentrums (PLAZ). Gemeinsam mit dem Vorsitzen-
den Hans-Dieter Rinkens und dem Stv. Vorsitzenden Gerhard Tulod-
ziecki institutionalisierte sie das PLAZ als eine zentrale wissenschaft-
liche Einrichtung mit Aufgaben im Zusammenhang der Weiterentwick-
lung von Lehre und Forschung.
Sigrid Blömeke promovierte 1999 im Fach Soziologie zur Ge-
schichte der Volksschullehrerausbildung und habilitierte 2001 mit dem
Thema „Kompetenzerwerb in der universitären Lehrerausbildung.
Theoretische und empirische Fundierung am Beispiel medienpädago-
gischer Kompetenz“.
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75
2002 nahm sie einen Ruf an die Universität Hamburg auf eine C3-
Professur für Medienpädagogik mit dem Schwerpunkt neue Medien
und knapp ein halbes Jahr später, im September 2002, ein Ruf an die
Humboldt-Universität zu Berlin auf eine C4-Professur für Systemati-
sche Didaktik und Unterrichtsforschung an.
Ihre aktuellen Forschungs- und Arbeitsfelder sind die Lehr- und
Lernforschung, dort speziell das Lehren und Lernen mit neuen Medien
und das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern. Sie beschäftigt sich
mit Evaluation und Leistungsmessung im Kontext von Medienkompe-
tenz und von internationaler vergleichender Lehrerausbildung. Schul-
pädagogik und Systematische Didaktik im Zusammenhang der Re-
form der Lehrerausbildung sowie Bildungs- und Wissenschaftsge-
schichte des 19./20. Jahrhunderts sind weitere Arbeitsfelder.
Georg Maas
Prof. Dr. Georg Maas hat an der Musikhochschule Detmold Schulmu-
sik und Erziehungswissenschaft und an der Universität Paderborn
Germanistik studiert. Zwischen 1984 und 1995 war er wissenschaftli-
cher Angestellter, wiss. Assistent und Oberassistent an der Universität
Paderborn im Fach Musik. 1988 hat er bei Gerhard Tulodziecki über
Begriffsbildung in der Musik auf der Basis des lerntheoretischen An-
satzes von Hans Aebli promoviert. Habilitiert hat er sich 1994 an der
Universität Paderborn.
1995 ist Georg Maas einem Ruf an die Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg gefolgt und hat dort seitdem eine Professur für Mu-
sikpädagogik inne. Seit 2003 ist er Dekan der Philosophischen Fakul-
tät. Die Arbeits- und Forschungsschwerpunkte von Georg Maas sind
die empirische Unterrichtsforschung, Film und Musik sowie die Didak-
tik der Pop-/ Rockmusik. Georg Maas setzt sich insbesondere dafür
ein, dass Populäre Musik und Filmmusik „unterrichtsfähig“ werden. Er
engagiert sich in der Curriculumentwicklung und entwickelt Arbeitshef-
te für den Musikunterricht mit Audio CD und Videokassetten und stellt
Informationen und Modelle für die Unterrichtspraxis zusammen.
Zu den Möglichkeiten der Abbildung von
Lenkungskompetenz in komplexen
Unternehmenssimulationen
Klaus Breuer und René Molkenthin
1 Problemstellung
1.1 Orientierung
Die Begriffe Unternehmenssimulation und Unternehmensplanspiel
werden in der Literatur häufig synonym verwendet (vgl. u. a. SCHÖL,
1999, S. 27f). Unternehmensplanspiele repräsentieren ein gedachtes
oder ein reales Unternehmen in medialer Form. Darin treffen die Teil-
nehmer in einer zugewiesenen Funktion, wie z. B. als Geschäftsführer
oder als Leiter einer Aktivität des Unternehmens, betriebswirtschaft-
lich relevante Entscheidungen. Das erfolgt periodisch wiederkehrend,
um das durch ein Simulationsmodell abgebildete Unternehmen über
die Zeit hinweg nach eigenen oder fremden Zielvorgaben möglichst
erfolgreich zu steuern (SCHELLHAAS, 1994, S. 84).
Im diesem Rahmen grenzt SCHÖL (1999) die Unternehmenssi-
mulation vom Unternehmensplanspiel über die Abbildung des Wett-
bewerbs in einem ebenfalls simulierten Markt ab. In einem Unterneh-
mensplanspiel stehen die Teilnehmer der einzelnen Unternehmen in
Konkurrenz zueinander. In einer Unternehmenssimulation werden die
Konkurrenzunternehmen durch den Computer simuliert. Dieses Be-
griffsverständnis wird auch in diesem Beitrag verwendet.
Unternehmenssimulationen bzw. Unternehmensplanspielen wird
in der Literatur nicht zuletzt ein großes Potenzial zur Förderung der
Lernmotivation, zur Vermittlung von Wissen zu betriebswirtschaftli-
chen Sachverhalten sowie zur Förderung der Planungs- und Ent-
scheidungsfähigkeit zugesprochen (vgl. REBMANN, 2001). Zum Ler-
nen mit Unternehmensplanspielen wird auf das Paradigma des pro-
blemlösenden Lernens Bezug genommen. Es wird angenommen,
dass über die Auseinandersetzung mit einem komplexen betriebswirt-
schaftlichen Problem sowohl Wissen über die im Modell abgebildeten
betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge erworben wird als auch die
Problemlösefähigkeit verbessert werden kann. So konnte FÜRSTE-
NAU (1994) z. B. eine Verbesserung des Problemlöseverhaltens im
Rahmen des Planspiels „Jeansfabrik“ zeigen.
Die Abbildung der Problemlösefähigkeit wird über zwei diagnosti-
sche Zugänge angestrebt. Zunächst kann der Zustand des simulierten
Unternehmens über betriebswirtschaftliche Indikatoren dargestellt
____________________________________________________
78
werden. Dieses Vorgehen orientiert sich an den Ergebnissen, die sich
als Folge des Problemlöseprozesses einstellen. Defizite innerhalb des
Problemlöseprozesses werden so nur indirekt sichtbar. Entsprechend
bietet sich über diesen Weg auch kein Zugang für eine gezielte Förde-
rung der Problemlösekompetenz (FÜRSTENAU, 1994). Diese Form
der Diagnostik erfolgt aus einer betriebswirtschaftlich orientierten Per-
spektive. Der Zugang ist informationstechnisch vergleichsweise ein-
fach zu realisieren, da die Daten unmittelbar in dem Simulationsmo-
dell berechnet werden. Deshalb handelt es sich auch um den traditio-
nellen diagnostischen Weg im Zusammenhang von Unternehmens-
planspielen und -simulationen. Wenn betriebswirtschaftlich anerkann-
te Kennzahlen bzw. Kennzahlensysteme verwendet werden, bietet er
zudem eine hohe ökologische Validität per Augenschein. Allerdings
ergeben sich bei der Interpretation bzw. bei der Bewertung der er-
reichten Zielzustände diagnostische Probleme, da z.B. einzelne
schwerwiegende Fehler einen überwiegend erfolgreichen Problemlö-
seprozess überlagern können (HASSELMANN, 1993). Aus diesem
Grund wird neben den Endwerten auf prozessbezogene Werte (z. B.
relative Häufigkeit von Änderungen bei Kennzahlen) bzw. Abwei-
chungsmaße (Abweichungen von Zielvorgaben) zurückgegriffen
(HASSELMANN, 1993).
Der zweite Zugang, der zugleich die (wirtschafts-)pädagogische
Perspektive betont, stützt sich auf die Analyse des Problemlösepro-
zesses, der zu einem bestimmten Zustand des Unternehmens führt.
So sollen auch Defizite im Prozess, die zu schlechteren Ergebnissen
bei den Unternehmenskennzahlen führen können, greifbar werden.
Solche Defizite können, in der Kombination mit der Analyse der Kenn-
zahlen, eine Grundlage für eine gezielte Förderung zum Umgang mit
einer Unternehmenssimulation bilden (vgl. FÜRSTENAU, 1994). Al-
lerdings gestaltet sich die Erfassung und Analyse solcher prozessbe-
zogener Indikatoren als weitaus aufwändiger als die Erfassung der
betriebswirtschaftlichen Kennzahlen (vgl. DÖRNER et al., 1983). Der
Problemlöseprozess der Teilnehmer an einer Unternehmenssimula-
tion muss bislang, in der Regel über den Ansatz des Lauten Denkens,
erfasst und über ein inhaltsanalytisches Verfahren in geeigneten Pro-
zessmaßen abgebildet werden. Aufgrund des erheblichen Aufwandes
ist eine individuelle Erfassung des Problemlöseprozesses für viele
Teilnehmer kaum realisierbar. Die Vorgehensweise ist auch nur in
einem summativen Zugang realisierbar. Prozessbezogene Daten
werden erst ex post verfügbar. Neuere, insbesondere webbasierte
Technologien bieten heute ein Potenzial für die automatisierte Erfas-
sung von Explorations- und Entscheidungsprozessen einzelner Teil-
____________________________________________________
79
nehmer in einer Unternehmenssimulation. Solche Daten können ggf.
auch für eine formative Evaluation verfügbar werden, um Teilnehmern
Hilfestellungen zu ihrem Problemlöseverhalten zu geben. Das wird
insbesondere dann bedeutsam, wenn Arbeitsplätze im Web genutzt
werden, für die keine personale Betreuung vor Ort gegeben ist.
1.2 Intention
Das übergeordnete Ziel unserer aktuellen Arbeiten ist auf eine indivi-
duelle Unterstützung der Lernprozesse von Teilnehmern an einer
Unternehmenssimulation gerichtet. Damit wird sowohl die Elaboration
des Mentalen Modells in Bezug auf das Modell der Unternehmenssi-
mulation als auch die Verbesserung des Problemlöseprozesses selbst
betrachtet, da eine wechselseitige Abhängigkeit angenommen wird
(FÜRSTENAU, 1994; vgl. HILLEN, 2004). Ein Mentales Modell wird
von einer Person bei der Auseinandersetzung mit einer Problemstel-
lung aufgebaut (SEEL, 2000, S. 254). Es enthält Wissen über die
Elemente des Unternehmens und deren Wirkungszusammenhänge
sowie Wissen über Eingriffsmöglichkeiten zur Steuerung des abgebil-
deten Realitätsbereichs. Dadurch wird es einem Teilnehmer in einer
Simulation möglich, Ereignisse zu erklären und insbesondere die Wir-
kungen von Entscheidungen zu antizipieren (vgl. KLUWE, 1990; vgl.
BREUER et al., 2001; vgl. Hillen, 2004). Eine Verbesserung des indi-
viduellen Problemlöseprozesses kann somit auch eine Elaboration
des Mentalen Modells nach sich ziehen. Einen Ansatz hierfür bietet
ein individuelles Feedback zur Qualität des Problemlöseprozesses
während einer Simulation. Die notwendige Voraussetzung für ein
Feedback ist eine Diagnostik des Problemlöseprozesses.
Die notwendigen Bezüge ergeben sich aus der umfangreichen
Forschung zum komplexen Problemlösen (u. a. DÖRNER et al., 1983)
und der darauf basierenden aktuellen Konzeption der Diagnostik der
Problemlösekompetenz in der internationalen Vergleichsstudie PISA
(u. a. LEUTNER et al., 2004) sowie aus dem Ansatz der „Strategi-
schen Management Simulationen“ nach STREUFERT (1988; vgl.
auch BREUER/ STREUFERT, 1995; BREUER/ SATISH, 2003). Aus
diesen Zusammenhängen wird das Konzept der Lenkungskompetenz
entwickelt, welches die Integration der betriebswirtschaftlichen Per-
spektive mit einem prozessbezogenen Ansatz ermöglicht. Dies erfolgt
in der Abgrenzung zum Konzept der Problemlösekompetenz in den
PISA-Studien, welche auf eine fächerübergreifende Kompetenz ge-
richtet sind. Während im Rahmen der PISA-Studie der Einfluss des
____________________________________________________
80
bereichsspezifischen Wissens auf die Problemlöseleistung möglichst
gering gehalten wurde, bildet es in Unternehmensplanspielen und
-simulationen einen zentralen Bestandteil bzw. der Erwerb bereichs-
spezifischen Wissens stellt ein zentrales Ziel des Lernens mit Unter-
nehmenssimulationen dar. Daraus ergibt sich die Vorstellung, sowohl
den betriebswirtschaftlichen Focus im Sinne einer erfolgreichen Len-
kung eines Unternehmens als auch eine Sicht auf den Problemlöse-
prozess in einer Diagnostik zu kombinieren. Eine Diagnostik der Len-
kungskompetenz in komplexen Unternehmenssimulationen erfasst
somit die Problemlösekompetenz in einem spezifischen (betriebswirt-
schaftlichen) Handlungsbereich.
1.3 Weitere Einflussfaktoren auf die Problemlöseleistung
Im Weiteren wird die Betrachtung auf Unternehmenssimulationen im
oben beschriebenen Sinne beschränkt, da die Interaktion zwischen
wettbewerbsorientierten Gruppen in einem Unternehmensplanspiel
eine zusätzliche und wesentliche Schwierigkeit bei der Entwicklung
einer Diagnostik der Lenkungskompetenz darstellt. Gruppendynami-
sche Prozesse ergeben sich auch, wenn eine einzelne Gruppe eine
Unternehmenssimulation durchführt, d. h. in Konkurrenz zu simulier-
ten Marktteilnehmern. Auch diese Einflussfaktoren sollen zunächst
ausgeschlossen werden. Somit wird in einem ersten Ansatz der Pro-
zess eines Teilnehmers pro Simulationslauf betrachtet, d. h. bei meh-
reren Teilnehmern agiert jeder Teilnehmer in einer „eigenen“ aber
strukturell gleichen Simulation.
Ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Problemlöseleistung stellt
die Fähigkeit eines Teilnehmers zum schlussfolgerndem Denken
(„Reasoning“ oder Verarbeitungskapazität) als einen Kernbereich der
Intelligenz dar (SÜß, 1996; KLIEME et al., 2001; LEUTNER et al.,
2004). Problemlöseleistungen ergeben sich in dieser Sicht aus der
Interaktion von schlussfolgerndem Denken und dem bereichsspezifi-
schen Wissen (vgl. SÜß, 1996; vgl. KLIEME et al., 2001). Da Unter-
nehmenssimulationen komplex sind, im Sinne vernetzter Variablen mit
dynamischen Wirkungszusammenhängen, können Teilnehmer leicht
überfordert werden. Als Folge stellt sich oft ein Versuchs-und-Irrtum-
Verhalten ein (KLIEME et al., 2001), was insbesondere bei komplexe-
ren Simulationen die Zuordnung zwischen Entscheidungen und deren
Konsequenzen erschwert und zu Lenkungsleistungen auf einem nied-
rigen Niveau führen kann. Eine Überforderung der Teilnehmer tritt vor
allem dann auf, wenn von ihnen noch keine ausreichend komplexen
____________________________________________________
81
kognitiven Strukturen aufgebaut wurden, mit denen sich die Komplexi-
tät der Unternehmenssimulation bewältigen lässt (vgl. MINNAMEIER,
2005). Eine empirische Kontrolle der gegebenen Befähigung zum
schlussfolgernden Denken und des verfügbaren Vorwissens bietet
somit einen Zugang, die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Teilneh-
mer und Unternehmenssimulation den Voraussetzungen des Teil-
nehmers anzupassen (vgl. SÜß, 1996).
Über eine semantische Einbettung einer Unternehmenssimulation
kann entsprechendes Vorwissen des Teilnehmers aktiviert werden
(vgl. SÜß, 1996). Ist dieses Vorwissen im Einklang mit der Realität,
widerspricht aber der im Simulationsmodell abgebildeten Struktur
bzw. den darin unterlegten Entscheidungsregeln, kann sich der Bezug
auf das Vorwissen negativ auf die Lenkungsleistung auswirken (vgl.
KRÖNER, 2001). Aus der Bereichsspezifität von Unternehmenssimu-
lationen ergeben sich somit entsprechende Anforderungen an die
ökologische Validität der genutzten Modelle. Die Struktur des Modells,
die Wirkungszusammenhänge sowie die verwendeten Instrumente,
wie z. B. die des Rechnungswesens, müssen betriebswirtschaftlich
begründet und anerkannt sein. Damit wird zudem sichergestellt, dass
das während einer Unternehmenssimulation erworbene Wissen an-
schlussfähig an andere bereichsspezifische Lernumgebungen bzw. an
reale Handlungssituationen ist.
So liegt der im Forschungszusammenhang entwickelten prototy-
pischen webbasierten Unternehmenssimulation „solarSYDUS“ das
betriebswirtschaftlich anerkannte Modell der Wertschöpfungskette
nach PORTER (1985) zugrunde. Es handelt sich um eine generische
Unternehmensstruktur, die semantisch in die Solarbranche eingebet-
tet worden ist. Modellzweck ist die Darstellung der zentralen betriebs-
wirtschaftlichen Strukturen eines Industriebetriebes vom Typ Lagerfer-
tiger sowie der darin wirksamen wesentlichen Entscheidungsregeln
(vgl. BERENDES, 2002). Die Struktur ist für die Teilnehmer transpa-
rent dargestellt. Sie können in den verschiedenen Bereichen Ent-
scheidungen treffen, um das abgebildete Unternehmen nach entspre-
chenden externen Vorgaben zu steuern. Z. B. können sie im Bereich
der Eingangslogistik entsprechende Mengen an Halbzeug bestellen,
um die Produktion zu bedienen, oder im Bereich Marketing den Preis
des Produktes festsetzen. Dabei sind realitätsgerechte Zeitverzöge-
rungen, z. B. in der Form von Lieferzeiten, zu beachten. Die Auswir-
kungen der jeweiligen Entscheidungen lassen sich für jede einzelne
Aktivität anhand von spezifischen Berichten mit den entsprechenden
Verläufen der Kennzahlen explorieren, wozu unter anderem auch das
Rechnungswesen, mit einer validen Bilanz und Gewinn- und Verlust-
____________________________________________________
82
rechnung, als betriebswirtschaftliche Instrumente zählen. Für die Ag-
gregation der einzelnen Kennzahlen zu einem betrieblichen Kennzah-
lensystem wurde auf das Konzept der „Balanced Scorecard“ (KAP-
LAN/ NORTON, 1997) zurückgegriffen.
2 Lenkung von Unternehmenssimulationen
2.1 System- und Lenkungswissen
Der Lenkungsbegriff geht auf die Kybernetik zurück, die sich als for-
male Wissenschaft mit den Prozessen der Steuerung, Regelung und
Rückkopplung von Systemen befasst (WIENER, 1948). Die Prinzipien
insbesondere der Rückkopplung wurden in der Managementkyberne-
tik auf den Prozess des Managements von Unternehmen übertragen
(SCHWANINGER, 1994). Lenkung wird dabei in die Prozesse der
Steuerung und der Regelung unterschieden (ULRICH/ PROBST,
1995). Steuerung bezeichnet den Prozess der zielgerichteten Ausrich-
tung eines Systems. Die Ziele für die Steuerung stellen einen Sollwert
bzw. Sollzustand dar. Der Prozess der Regelung bezieht sich auf
eintretende Abweichungen des Istwertes vom Sollwert während der
Steuerung. Die Regelung umfasst die Feststellung der Abweichung
und deren Rückmeldung an die Steuerstelle sowie ggf. Anweisungen
für weitere Steuerungsmaßnahmen (ULRICH/ PROBST, 1995, S.
79f). Aus der Analyse der Rückmeldungen werden von der Steue-
rungsstelle neue Anweisungen an das System gegeben, um die ermit-
telte Abweichung zu korrigieren. Als Beispiel kann der Bestellprozess
in einem Lager angeführt werden, welches ein Produktionssystem
bedient. Als Ziel- und somit Steuergröße für das Lager dient ein Min-
destbestand. Solange der Lagerbestand größer als der Mindestbe-
stand ist, wird keine Bestellung ausgelöst. Wenn die Abweichung vom
Mindestbestand einen kritischen Wert erreicht, wird eine Bestellung
ausgelöst. Den zugehörigen Soll-Ist-Abgleich kann der Lagerist perio-
disch vornehmen und daraus die Notwendigkeit einer Bestellung nach
der beschriebenen Logik ableiten. Er übernimmt so die Regelungs-
funktion, die, nach der beschriebenen Entscheidungslogik, jedoch
auch automatisiert ablaufen kann. Die Zielgröße selbst kann ebenfalls
in einen übergeordneten Regelkreis eingebunden und somit variierbar
sein, um z. B. die Effizienz des zugeordneten Regelprozesses zu
verbessern oder um das Bestellsystem an sich verändernde Produkti-
onsbedingungen anzupassen.
Im Kontext der Lenkung von Unternehmensprozessen ergeben
sich folgende Implikationen. Zunächst müssen aus übergeordneten
____________________________________________________
83
Zielen geeignete Zielgrößen als Steuergrößen für die betreffenden
Prozesse abgeleitet werden. Z. B. könnte man aus dem Ziel, die Ab-
satzmenge um einen bestimmten Betrag zu erhöhen, eine Erhöhung
der Produktionsmenge und daraus eine Erhöhung der Bestellmenge
von Halbzeug ableiten. Die Regelung bezieht sich auf die Erreichung
des Zieles durch geeignete Maßnahmen und Korrekturen von Abwei-
chungen innerhalb festgelegter Toleranzgrenzen (ULRICH/ PROBST,
1995). Zur Formulierung zielgerichteter Maßnahmen müssen Informa-
tionen über den aktuellen Zustand des Systems eingeholt werden und
Prognosen über die Wirksamkeit von möglichen Maßnahmen getrof-
fen werden. Die Entscheidung für die Umsetzung einer Maßnahme
führt zu einem neuen Systemzustand, der Rückschlüsse zur Effektivi-
tät der Maßnahme zulässt und gleichzeitig den Ausgangspunkt für die
Planung neuer Eingriffe darstellt. Dadurch ist ein geschlossener Re-
gelkreis beschrieben. Die kognitive Bewältigung des Zusammenhangs
von der Zieldefinition bis zur Kontrolle der Maßnahmen kann als Pro-
blemlöseprozess verstanden werden (s. Kapitel 2.2.2). Die Lenkung
von Unternehmensprozessen durch Personen kann demzufolge als
ein Problemlöseprozess betrachtet werden.
Das zur Lenkung der Prozesse notwendige Wissen wurde zu-
nächst global als bereichsspezifisches Wissen bezeichnet. Eine diffe-
renziertere Betrachtung dazu findet sich bei HILLEN (2004; vgl. auch
den Beitrag in diesem Band). Sie unterscheidet in System- und Len-
kungswissen. Systemwissen bezieht sich mit 8 kumulativen Katego-
rien auf das Wissen über die im Modell abgebildete Struktur, mit
anderen Worten das Wissen über die Systemelemente sowie deren
Wirkungszusammenhänge. Das Systemwissen wird als Vorausset-
zung für Lenkungswissen im Sinne der aktiven Lenkung einer Simula-
tion betrachtet. Das Lenkungswissen wird, entsprechend der Reich-
weite von Entscheidungen sowie der Berücksichtigung von Nebenwir-
kungen und Zeitverzögerungen im Zusammenhang mit einer Ent-
scheidung, selbst wiederum in sechs weitere kumulative Kategorien
differenziert. Auf Basis des erworbenen Wissens werden Entschei-
dungen in den jeweiligen Unternehmensbereichen getroffen. Das
Kategoriensystem nach HILLEN bietet einen differenzierten Rahmen
für die Analyse von Leistungen bei der Lenkung des simulierten Un-
ternehmens. Nach einem Ausschlussverfahren kann das Niveau des
verfügbaren Lenkungswissens auf der Ebene der Ergebnisse in den
einzelnen Simulationsschritten festgestellt werden. Ausgehend von
der höchsten Kategorie könnte man diejenigen Aspekte eingrenzen,
die bei einer Entscheidung nicht beachtet wurden. So können etwa
Entscheidungen in unterschiedlichen Bereichen nicht aufeinander
____________________________________________________
84
abgestimmt worden sein. Das weist auf ein vorliegendes Defizit in der
systemischen Sicht des Unternehmens hin und führt zu einer Analyse
auf dem Niveau der darunter liegenden Kategorie. Dadurch erhält
man gleichzeitig eine mögliche Erklärung für schlechtere Lenkungs-
leistungen auf der Basis des erworbenen Lenkungswissens. Darin
schließt sich die Frage nach dem Erwerb von Lenkungswissen an.
Der Prozess des Wissenserwerbs wurde bereits als ein Problemlöse-
prozess beschrieben. Im Folgenden wird dieser Prozess deshalb in
Bezug auf die Forschungen von DÖRNER und Koautoren näher be-
trachtet. Dabei besteht das Ziel darin, Ansatzpunkte für die Analyse
des Problemlöseprozesses im Kontext von Unternehmenssimulatio-
nen zu finden.
2.2 Komplexes Problemlösen nach DÖRNER
2.2.1 Komplexe Probleme
Die Arbeiten von DÖRNER et al. (s. DÖRNER et al., 1983; oder
DÖRNER, 1989) beziehen sich im Schwerpunkt auf das komplexe
Problemlösen mit Simulationen. Probleme und Problemlöseprozesse
gründen in individuell wahrgenommenen unerwünschten Ausgangs-
zuständen und gewünschten Zielzuständen für gegebene Situationen.
Der Ausgangszustand wird über eine so genannte Transformation in
den Zielzustand überführt (DÖRNER, 1976). Um eine Transformation
durchführen zu können, müssen dem Individuum Mittel bzw. Operati-
onen bekannt sein, die den Zustandswechsel herbeiführen können.
Wenn dem Individuum diese Mittel bekannt sind, handelt es sich nach
DÖRNER (1976) nicht um ein Problem, sondern um eine Aufgabe.
Wenn hingegen keine geeigneten Operationen bekannt sind, besteht
für das Individuum ein Problem. Ein Problem ist durch eine Barriere
gekennzeichnet, die eine unmittelbare Transformation verhindert
(DÖRNER, 1976, S. 10). Aus den verschiedenen Typen von Barrieren
ergeben sich unterschiedliche Problemtypen: Interpolationsbarriere
bzw. Interpolationsproblem, Synthesebarriere bzw. Syntheseproblem
und Dialektische Barriere bzw. dialektisches Problem.
Eine Interpolationsbarriere besteht, wenn zwar die möglichen Mit-
tel zur Zielerreichung bekannt sind, jedoch nicht deren spezifische
Kombination (DÖRNER, 1976, S. 12). Es besteht dabei eine Vielzahl
von Kombinationsmöglichkeiten, von denen aber nur wenige effizient
zum Ziel führen. Eine Synthesebarriere besteht, wenn einzelne Ope-
rationen zur Zielerreichung unbekannt sind. Bei einer dialektischen
Barriere bzw. bei einem dialektischen Problem ist der Zielzustand
____________________________________________________
85
nicht bekannt. Somit stehen zunächst auch keine geeigneten Operati-
onen zur Verfügung (DÖRNER, 1976, S. 13). Erst wenn eine dialekti-
sche Barriere vorliegt, bezeichnet DÖRNER ein Problem als komplex.
Komplexe Problemsituationen sind zudem durch die Vernetztheit
der Variablen, durch Eigendynamik, Intransparenz und Polytelie ge-
kennzeichnet (DÖRNER et al., 1983; DÖRNER, 1989). Im Rahmen
der Forschungsarbeiten von DÖRNER et al. wurden die Teilnehmer in
verschiedenen Simulationen mit einer komplexen Umgebung konfron-
tiert, die sie steuern sollten. So übernehmen z. B. die Teilnehmer in
der Simulation „Lohhausen“ (DÖRNER et al., 1983) die Rolle eines
Bürgermeisters, der sein neues Amt antritt. Als Zielvorgabe erhalten
sie den Auftrag, „für das Wohlergehen der Stadt in der näheren und
ferneren Zukunft zu sorgen“ (DÖRNER et al., 1983, S. 107). Das Ziel
ist somit eher unbestimmt, die Teilnehmer müssen den Zielzustand
„Wohlergehen“ zunächst operationalisieren. Die Mittel zur Transforma-
tion des gegebenen Ausgangszustands in den spezifizierten Zielzu-
stand sind ebenfalls noch unbekannt. Die Simulation zeichnet sich
durch miteinander vernetzte Variablen aus, deren Wirkungszusam-
menhänge den Teilnehmern nicht vollständig transparent sind und die
zum Teil zeitverzögert sind. Es gibt 17 Eingriffsmöglichkeiten, um das
System zu beeinflussen. Durch mehrere Rückkopplungskreise be-
kommt das System eine Eigendynamik. Die Ausgangssituation bildet
somit für die Teilnehmer ein komplexes Problem, da das Ziel unbe-
stimmt ist und der Handlungsraum die Merkmale einer komplexen
Umgebung aufweist. Zur Lösung eines komplexen Problems be-
schreibt DÖRNER (DÖRNER et al., 1983; DÖRNER, 1989; DÖRNER/
WEARING, 1995) einen idealtypischen Problemlöseprozess.
2.2.2 Der Problemlöseprozess
Den idealtypischen Problemlöseprozess nach DÖRNER und Koauto-
ren zeigt Abbildung 1. Da ein komplexes Problem durch die Unbe-
stimmtheit des Ziels gekennzeichnet ist, sollte zunächst eine Zielaus-
arbeitung (Phase 1) erfolgen. Die Sammlung der notwendigen Infor-
mationen sollen die Bildung eines Mentalen Modells für den gegebe-
nen Realitätsausschnitt ermöglichen, in dem dessen Struktur, das
heißt die Vernetzung der für die formulierten Ziele bedeutsamen Vari-
ablen, erfasst wird. Auf der Grundlage des entwickelten Modells wird
in der nächsten Phase die Entwicklung des Realitätsbereiches über
die Zeit prognostiziert. Anhand der unterschiedlichen Entwicklungs-
möglichkeiten können dann entsprechende Maßnahmen geplant,
____________________________________________________
86
entschieden und durchgeführt werden (Phase 4). In der letzten Phase
werden die Wirkungen der durchgeführten Maßnahmen erfasst und im
Hinblick auf die Zielerreichung überprüft. Führt eine Maßnahme nicht
zu der gewünschten Wirkung, ist zunächst zu überprüfen, ob die
Maßnahme aufgrund der Modellannahmen überhaupt effektiv sein
konnte. Gegebenenfalls muss das Mentale Modell selbst überprüft
und aufgrund neuer Informationen über die Struktur des Realitätsaus-
schnittes angepasst werden (DÖRNER, 1989).
Abbildung 1: Der Problemlöseprozess nach DÖRNER (1989)
Die Abfolge der dargestellten Schritte ist nicht als linear zu sehen,
sondern wird durch mögliche Rücksprünge in vorherige Phasen ge-
kennzeichnet (vgl. DÖRNER, 1989). Abbildung 1 zeigt keine „Anlei-
tung“ zur Lösung eines komplexen Problems, sondern einen systema-
tischen Rahmen zur Analyse des Problemlösehandelns der Teilneh-
mer in komplexen Problemsituationen. Mit der Simulation „Lohhau-
sen“ konnten DÖRNER et al. (1983) verschiedene typische Hand-
lungsfehler von Teilnehmern in den Phasen des Problemlöseprozes-
ses aufzeigen. Ein Beispiel für einen Handlungsfehler in der Entschei-
dungsphase sind die so genannten ballistischen Entscheidungen, bei
denen die Auswirkungen der betreffenden Eingriffe in ein System
nicht kontrolliert werden (DÖRNER, 1989). So werden insbesondere
Nebenwirkungen der getroffenen Entscheidungen nicht wahrgenom-
men.
____________________________________________________
87
Das Auftreten von Handlungsfehlern lässt auf einen inadäquaten Um-
gang mit komplexen Problemen schließen, der die Problemlöselei-
stung beeinträchtigt. Zudem ist die Beschreibung der Handlungsfehler
nach DÖRNER nicht auf den Kontext bezogen, in dem der Problemlö-
seprozess abläuft. Damit wird eine Übertragung des Analyserahmens
auf andere Kontexte und damit insbesondere auch auf Unterneh-
menssimulationen möglich. Somit kann die Identifizierung der Hand-
lungsfehler einen Zugang zur Qualifizierung von Problemlöseprozes-
sen eröffnen.
Einen weiteren Zugang eröffnet die Unterstützung des Problemlö-
seprozesses in den verschiedenen Phasen. Dazu ergeben sich meh-
rere Ansätze. Die Ableitung von Unterzielen aus der übergeordneten
Zielvorgabe kann für die jeweiligen Unternehmensbereiche implizit
wie explizit erfolgen. Wenn den Teilnehmern vor einem Simulations-
lauf und anschließend in regelmäßigen Abständen abverlangt wird,
entsprechende Angaben für die verschiedenen Unternehmensberei-
che zu machen, dann kann der Prozess der Zieldefinition aktiv unter-
stützt werden. Damit lassen sich die Prozesse der Regelung in Bezug
auf das gegebene Ziel wie auch die der Steuerung im Sinne der An-
passung des Ziels abbilden. Neben der Unterstützung des Problemlö-
seprozesses ergibt sich gleichzeitig ein diagnostischer Zugang zur
Angemessenheit des Mentalen Modells, da sich die Ableitung der
Ziele aus einer übergeordneten Zielvorgabe sachlogisch ergibt. Der
Regelungsprozess wiederum wäre über Abweichungsmaße zu dem
vorgegebenen Ziel bewertbar. Die auftretenden Abweichungen von
den Zielen liefern zudem Rückmeldungen zu den vorausgegangen
Entscheidungen, womit ein Feedback zur Entscheidungsgüte gege-
ben wird. Eine weitere Unterstützung des Entscheidungsprozesses
kann über die Abgabe von Prognosen zu den erwarteten Wirkungen
auf verschiedene Kerngrößen durch die Teilnehmer erfolgen. Neben
der Reflexion der Entscheidung bietet auch diese Maßnahme einen
diagnostischen Zugang, da die Prognose sich auf das Mentale Modell
zum Unternehmensmodell stützt. Wie bereits oben beschrieben, kön-
nen Abweichungen zwischen prognostizierten und eingetretenen Wer-
ten als Differenz im Erklärungswert des entwickelten Mentalen Mo-
dells und des Unternehmensmodells interpretiert werden. Allerdings
stellt sich unter diesem Aspekt das Problem der Bewertung der Ab-
weichungen. Da Unternehmenssimulationen sehr komplex sind und
insbesondere Zeitverzögerungen enthalten, sind präzise Vorhersagen
eher unwahrscheinlich. Deshalb muss eine Bewertung der Abwei-
chung zum tatsächlichen Wert eine Toleranz zulassen. Das eröffnet
die Möglichkeit zu einem Blick auf tendenzielle Übereinstimmungen.
____________________________________________________
88
Zur Analyse kritischer Handlungsmuster kann auf das Instrument der
„Time-Event-Matix“ nach Streufert (vgl. STREUFERT/ SWEZEY,
1986) zurückgegriffen werden. Abbildung 2 zeigt eine Adaption aus
dem Zusammenhang der Simulation „solarSYDUS“.
Dargestellt ist die Sequenz der Explorationsschritte, die ein Teilneh-
mer während eines Probelaufs vorgenommen hat. Dabei sind die
Explorationsschritte den Unternehmensbereichen von „solarSYDUS“
zugeordnet. Die nicht ausgefüllten Punkte repräsentieren Entschei-
dungen in dem jeweiligen Unternehmensbereich. Der Teilnehmer
zeigt eine systematisch wiederholte Abfolge von Explorationsschritten
und Entscheidungen. Daraus ist zu erkennen, dass auf die Berichte
nur auf der Ebene des verschiedenen Unternehmensbereichs zuge-
griffen worden ist. Das übergeordnete Kennzahlensystem, d. h. der
Bereich „solarSYDUS Berichte“ in der Form einer angepassten
„Balanced Scorecard“ wurde nicht in den Blick genommen. Das sys-
tematische Ausblenden dieser übergeordneten Informationsquelle
kann als ein Beispiel für ein kritisches Handlungsmuster interpretiert
werden und als Anlass für ein entsprechendes Feedback genutzt
werden.
2.3 Problemlösekompetenz im Rahmen von PISA
Einen aktuell genutzten Zugang zur Diagnostik der Problemlösekom-
petenz bietet das Vorgehen im Rahmen der internationalen Studie
zum Schulleistungsvergleich PISA. Problemlösekompetenz wird in
diesem Zusammenhang als „Fähigkeit einer Person, kognitive Pro-
zesse zu nutzen, um sich mit solchen realen, fächerübergreifenden
____________________________________________________
89
Problemstellungen auseinanderzusetzen und sie zu lösen, in denen
der Lösungsweg nicht unmittelbar erkennbar ist und die zur Lösung
nutzbaren Wissensbereiche nicht einem einzelnen Fachgebiet der
Mathematik, der Naturwissenschaften oder des Lesens entstammen“
(OECD, 2003, S. 156). Problemlösekompetenz wird danach als fä-
cherübergreifend in Bezug auf die in PISA abgebildeten Basiskompe-
tenzen verstanden. Gemäß der Vorarbeiten zur Entwicklung der Defi-
nition der Problemlösekompetenz werden die motivationalen und
emotionalen Facetten des Problemlöseprozesses von den kognitiven
Prozessen getrennt (KLIEME et al., 2001). Die Problemlösekompe-
tenz wird somit funktional als kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten
zur Bewältigung bestimmter fächerübergreifender Problemstellungen
beschrieben.
Im Rahmen von PISA werden zwei Typen des Problemlösens un-
terschieden: analytisches und dynamisches Problemlösen (LEUTNER
et al., 2004). Beim analytischen Problemlösen sind alle relevanten
Informationen gegeben oder durch schlussfolgerndes Denken er-
schließbar und das Ziel ist bekannt. Der in den Vorarbeiten entwickel-
te Aspekt der Bereichsspezifität (vgl. KLIEME et al., 2001) wird durch
die Kontextualisierung der Problemstellungen in den Bereichen „Pri-
vat-Persönliches“, „Arbeit und Freizeit“ sowie „Gesellschaft“ berück-
sichtigt (LEUTNER et al., 2004). Beim dynamischen Problemlösen
sind nicht alle zur Problemlösung notwendigen Informationen bekannt
oder ableitbar. Die für die Lösung zusätzlich benötigten Informationen
müssen durch eine Manipulation der Situation und die Bewertung der
Effekte erschlossen werden. Mit diesem zusätzlichen Wissen über die
Effekte von Eingriffen kann eine Problemlösung entwickelt werden.
Diesen Prozess bezeichnet LEUTNER (2004, S. 163) als „selbstregu-
liertes und feedback-gesteuertes Lernen (Learning by doing)“.
Während analytisches Problemlösen mit einem Papier-und-
Bleistift-Test erfasst werden kann, werden zur Erfassung des dynami-
schen Problemlösens computersimulierte dynamische Systeme ver-
wendet, die individuelles Feedback zu Eingriffen in das System geben
können. Zur Erfassung werden zwei Simulationen verwendet, die eine
Anpassung einer gegebenen Parabel an eine Zielparabel mit Hilfe
verschiedener Regler zum Gegenstand haben. Die Funktion der ver-
schiedenen Regler muss durch systematische Manipulation erschlos-
sen werden. Die beiden Simulationen sind strukturell identisch aber
semantisch unterschiedlich eingebunden. Die Problemsituation, die
sich ergibt, wird unter Bezug auf die Merkmale nach DÖRNER als
komplex bezeichnet (LEUTNER et al., 2004).
____________________________________________________
90
Es bestehen jedoch deutliche Unterschiede zwischen den Simulatio-
nen nach DÖRNER und denen nach PISA. Bei PISA ist das Ziel, also
die Anpassung der Parabel, von Anfang an bekannt. Deshalb kann
nicht von einer dialektischen Barriere und somit von einem komplexen
Problem in Sinne von DÖRNER gesprochen werden. Zudem gilt das
Problem als gelöst, wenn die Anpassung der Parabel erreicht ist; da-
nach folgt ein weiterer Durchlauf mit einer anderen Parabel (LEUT-
NER et al., 2004). In den Simulationen von DÖRNER, z. B. „Lohhau-
sen“, existiert keine eindeutige Problemlösung. Durch die Eigendyna-
mik des Systems verändert sich zudem der Status auch ohne Eingriff,
so dass ein erreichter Status auch durch geeignete Eingriffe gehalten
werden muss. Weiterhin sind die Simulationen nach DÖRNER bezüg-
lich der Variablenzahl und deren Vernetzung wesentlich komplexer.
Diese Unterschiede erlauben es, in dem Zugang in PISA, vor die
Problemlöseaufgabe einen Test zu dem in der Explorationsphase
erworbenen Wissen durchzuführen. Durch die geringe Variablenzahl
kann davon ausgegangen werden, dass das notwendige Lenkungs-
wissen für die Lösung des Problems in der Explorationsphase erwor-
ben werden kann.
Unternehmenssimulationen kann man zwischen beiden Ansätzen
verorten. Hinsichtlich ihrer Komplexität sind sie mit den Simulationen
nach DÖRNER vergleichbar. Allerdings liegt für die Auseinanderset-
zung mit Unternehmenssimulationen in der Regel eine Zielvorgabe
mit einer betriebswirtschaftlichen Bedeutung vor. In dieser Hinsicht
entsprechen sie eher dem Ansatz nach PISA. Die übergeordnete Ziel-
vorgabe muss allerdings in Teilziele für die verschiedenen Unterneh-
mensbereiche herunter gebrochen werden. Dabei entsteht der An-
spruch, diese Teilziele aufeinander abzustimmen und von lokalen
Optima abzugrenzen. Deutlich unterscheiden sich Unternehmenssi-
mulationen von dem Ansatz in dem Konzept nach PISA unter dem
Aspekt des vorausgesetzten bereichsspezifischen Wissens. Im Unter-
schied zu den Simulationen im Zusammenhang von PISA kann auf-
grund der Komplexität von Unternehmenssimulationen nicht davon
ausgegangen werden, dass das notwendige Lenkungswissen in einer
voraus laufenden Explorationsphase in einem hinreichendem Ausmaß
erworben werden kann. Obwohl eine Explorationsphase zum Wis-
senserwerb notwendig ist (vgl. z. B. LEUTNER, 2002), stellt der Er-
werb von Lenkungswissen auch während eines Simulationslaufes
einen wesentlichen Aspekt des Problemlöseprozesses dar. Eine klare
Trennung zwischen einer Phase der Exploration und einer der An-
wendung auf der Basis des erworbenen Lenkungswissens ist bei der
Bearbeitung von Unternehmenssimulationen kaum möglich.
____________________________________________________
91
2.4 Problemlösekompetenz und Lenkungskompetenz
Aus den Unterschieden zwischen den beiden referierten Ansätzen,
die sich beide auf das Konstrukt Problemlösekompetenz beziehen,
folgt die Notwendigkeit zu einer begrifflichen Abgrenzung. Die Simula-
tionen zur Parabelanpassung sind so konstruiert, dass sie (weitge-
hend) vorwissensneutral sind (LEUTNER et al., 2004). Im Vorder-
grund steht die Diagnostik einer fächerübergreifend konzipierten Prob-
lemlösekompetenz. Der Fokus einer Diagnostik der Lenkungskompe-
tenz im Zusammenhang mit Unternehmenssimulationen hingegen
liegt auf dem Wirksamwerden der Problemlösekompetenz in einem
bereichsspezifischen, durch notwendiges betriebswirtschaftliches
(Vor-)Wissen gekennzeichneten Kontext. Die Lenkungsleistung im
Sinne von Steuerung und Regelung kann als Indikator für die Ange-
messenheit des Mentalen Modells in Bezug auf eine Simulationsum-
gebung dienen (STERMAN, 2000).
Die Definition der Lenkungskompetenz entspricht somit der Ar-
beitsdefinition von Kompetenz aus den Vorarbeiten zu PISA. Kompe-
tenz wird dabei als ein „System aus spezifischen, prinzipiell erlernba-
ren Fertigkeiten, Kenntnissen und metakognitivem Wissen, die es
erlauben, eine Klasse von Anforderungen in bestimmten Alltags-,
Schul- und Arbeitsumgebungen zu bewältigen“ (KLIEME et al., 2001,
S. 182). Mit dieser funktionalen Definition werden bereichsspezifische
kognitive und metakognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten erfasst und
systematisch von motivationalen Orientierungen getrennt (KLIEME et
al., 2001). Lenkungskompetenz in Bezug auf Unternehmenssimulatio-
nen umfasst somit die kognitiven sowie metakognitiven Fähigkeiten
und Fertigkeiten, die zur erfolgreichen Steuerung und Regelung von
Unternehmensprozessen erforderlich sind. Die Diagnostik zur Len-
kungskompetenz bezieht sich somit auf die Dimensionen der Anwen-
dung und des Erwerbs von Lenkungswissen während einer Simulati-
on. Der Erwerb von Lenkungswissen wird als ein Problemlöseprozess
aufgefasst, der verschiedene Qualitäten aufweisen kann, bzw. der
den Erwerb von Lenkungswissen durch Handlungsfehler behindern
kann. Damit bezieht man sich sowohl auf die bereichsspezifischen
kognitiven als auch die metakognitiven Fähigkeiten.
____________________________________________________
92
3 Von der Diagnostik zur Förderung von Lenkungs-
kompetenz
Die Qualität der Lenkung eines simulierten Unternehmens lässt sich
mit dem Verlauf von Kennzahlen erfassen. Dabei wird davon ausge-
gangen, dass die Kennzahlen sich umso zielgerichteter entwickeln, je
elaborierter das Lenkungswissen im Sinne der Kategorisierung nach
HILLEN ist. Jedoch stellt das Lenkungswissen im Laufe einer Simula-
tion keine statische Größe dar. Durch die Wahrnehmung und Interpre-
tation der Auswirkungen von Systemeingriffen, d. h. Entscheidungen
in den Unternehmensbereichen, kann zusätzliches Lenkungswissen
erworben bzw. vorhandenes angepasst werden. Ein Erwerb von zu-
sätzlichem Lenkungswissen sollte sich entsprechend der Annahmen
in einer Verbesserung der Kennzahlen äußern. Mit einer traditionellen
kennzahlenbasierten Analyse kann jedoch nur das Ergebnis, nicht
aber der Prozess des Wissenserwerbs erfasst werden. Der Prozess
wurde als Problemlöseprozess beschrieben, der bestimmten Hand-
lungsfehlern unterliegen und somit den Erwerb von Lenkungswissen
behindern kann. Als ein wesentliches Kriterium wird dabei der Zu-
sammenhang zwischen Explorations- und Entscheidungsprozessen in
Hinblick auf die Wahrnehmung von Konsequenzen von Entscheidun-
gen angenommen. Insbesondere ob Teilnehmer die Rückmeldung in
Form von Berichten in einer Unternehmenssimulationen wahrnehmen,
stellt einen wichtigen Aspekt dar. Demzufolge kombiniert eine Dia-
gnostik der Lenkungskompetenz in Unternehmenssimulationen die
traditionelle kennzahlenbasierte Analyse mit einer Analyse des Prob-
lemlöseprozesses. Der Problemlöseprozess wird dabei auf das Vor-
handensein von kritischen Handlungsmustern untersucht.
Die Diagnostik der Lenkungskompetenz kann so ebenfalls die
Grundlage für eine gezielte Förderung abgeben. Ein Feedback für den
einzelnen Teilnehmer zu seinem Problemlöseverhalten kann auf kriti-
sche Defizite hinweisen. So könnte etwa die Rückmeldung im weite-
ren Simulationsverlauf verhindern, dass Entscheidungen nicht verfolgt
oder relevante Bereiche der Unternehmenssimulation systematisch
ausgeblendet werden. Der Erfolg eines Feedbacks sollte sich in einer
Verbesserung der Lenkungskompetenz äußern. Allerdings setzt ein
individuelles Feedback während einer Simulation eine kontinuierliche
Prozessanalyse voraus, die nur automatisiert möglich ist. In unseren
Forschungs- und Entwicklungsarbeiten wird deshalb zur Erfassung
und Analyse der Explorations- und Entscheidungsprozesse auf web-
basierte Technologien zurückgegriffen. Mit der Verbindung einer kon-
tinuierlichen Diagnostik und eines darauf aufbauenden Feedbacks
____________________________________________________
93
während einer Simulation zielen wir auf die Realisierung eines Kon-
zepts, was BUNDERSON et al. bereits 1993 (S. 386) als vierte Gene-
ration computerbasierter Tests bzw. als „Intelligent Measurement“
bezeichnet hat.
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Allgemeine Didaktik und Medien
„Dreiecksgeschichten“
Bardo Herzig
In der öffentlichen Diskussion um neue, d.h. computerbasierte, Me-
dien wird häufig suggeriert, diese würden das Lernen in besonderer
Weise erleichtern, zu schnelleren und besseren Lernergebnissen
führen und eine neue Lernkultur schaffen. In diesem Beitrag wird die
Frage aufgenommen, wie angemessen solche Hoffnungen sind und
welche Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Nutzung lernförder-
licher Potenziale und für eine individuelle Förderung von Schülerinnen
und Schülern wichtig sind.
1 Medien als Strukturmoment von Unterricht
Der Ausweis von Medien als ein Strukturmoment von Unterricht ist in
der Allgemeinen Didaktik nicht seit jeher selbstverständlich. Lange
Zeit wurden sie in der Didaktik nur als (bloße) Hilfsmittel im Kontext
methodischen Vorgehens gesehen. Spätestens aber mit der Entwick-
lung des Fernsehens und seit den didaktischen Überlegungen von
Paul Heimann werden sie als eigenständiges Strukturelement von
Lehren und Lernen betrachtet. Dies bedeutet insbesondere, dass
Medien in ihrer Wechselwirkung zu anderen Strukturelementen von
Lehren und Lernen wie etwa den Lernaktivitäten und Lehrhandlun-
gen, den Lernvoraussetzungen, den Zielvorstellungen, den Sozialfor-
men und den Inhalten gesehen werden ssen. Medien können als
eine besondere Form der Erfahrung in der Auseinandersetzung mit
einem Lerngegenstand verstanden werden. Solche Erfahrungsformen
als Art und Weise, wie ein Lernender mit einem Lerngegenstand in
Beziehung tritt können real, modellhaft, abbildhaft oder symbolisch
sein (vgl. Tulodziecki/ Herzig 2004, S. 12 ff.). Die unterrichtliche Aus-
einandersetzung mit z.B. dem Wattenmeer könnte demnach in unmit-
telbarer Begegnung, über ein Modell, mit Hilfe von Fotos, Diagram-
men oder Schaubildern, Filmen und Animationen oder über Texte und
Vorträge erfolgen.
Im Kontext der nachfolgenden Überlegungen ist es zweckmäßig,
den Medienbegriff auf abbildhafte und symbolische Erfahrungsformen
einzugrenzen und nur solche Artefakte als Medien zu bezeichnen, bei
denen die Präsentation, Speicherung, Übermittlung, Verarbeitung
oder Verknüpfung von Zeichenaspekten mit technischer Unterstüt-
____________________________________________________
98
zung geschieht. Als Neue Medien werden computerbasierte Medien
bezeichnet.
Die Verortung von Medien als Strukturmerkmal von Lehren und
Lernen ist mit einer spezifischen Vorstellung vom Lernen verbunden.
Diese Vorstellung explizit zu machen ist wichtig, weil die jeweilige
Auffassung vom Lernen Auswirkungen auf die Einschätzung der lern-
förderlichen Potenziale von Medien und damit auf die Gestaltung von
Unterricht hat und weil Medienangebote z.B. Lernsoftware selbst
implizite Vorstellungen vom Lernen repräsentieren. In der hier vertre-
tenen Auffassung werden Lernprozesse als aktive Prozesse des Indi-
viduums in der Auseinandersetzung mit der Umwelt betrachtet, die
dem Ziel einer Ausdifferenzierung, Erweiterung oder Veränderung von
Entwicklungsständen und kognitiven Strukturen dienen (vgl. Tulod-
ziecki/ Herzig/ Blömeke 2004, S. 15 ff.). Diese Prozesse finden auf
der Basis des Vorwissens oder allgemeiner: des jeweiligen Erfah-
rungs- und Kenntnisstandes sowie des Standes der sozial-kognitiven
Entwicklung statt. Damit sind sowohl kognitions-theoretische als
auch konstruktivistische Aspekte angesprochen. Die konstruktivisti-
schen Ansätze stellen heute den theoretisch bedeutsamsten Rahmen
zur Beschreibung von Lernprozessen dar. Allerdings sind die Spielar-
ten und Varianten so zahlreich, dass von einer einheitlichen Theorie
nicht gesprochen werden kann. Wertet man die verschiedenen Lesar-
ten aus, so lassen sich erkenntnistheoretische, kognitive und soziale
Akzentuierungen unterscheiden. Auf die didaktische Diskussion ha-
ben insbesondere Ansätze des situierten Lernens Einfluss gewonnen,
die zu den kognitivistisch und sozial ausgerichteten Varianten des
Konstruktivismus zählen. Didaktisch sind diese Annahmen insofern
mit weitreichenden Konsequenzen verbunden, als die Annahme einer
„Übertragung“ von Wissen im Sinne objektiv vorhandener Wissens-
bestände damit nicht mehr haltbar ist. Darüber hinaus gilt es, Wis-
sen in solche Kontexte einzubetten, in denen es zur Anwendung
kommen kann. Da der Erwerb des Wissens zunächst an die jeweilige
Erwerbssituation gebunden ist, müssen Möglichkeiten des Transfers
didaktisch gefördert und gefordert werden. Darüber hinaus lässt sich
Folgendes festhalten:
Lehren und Lernen sollen jeweils von einer für die Lernenden
bedeutsamen – Aufgabe ausgehen. Solche Aufgaben können z.B.
Problemstellungen, Entscheidungsfälle, Gestaltungs- und Beurtei-
lungsaufgaben sein.
Lehren und Lernen sollen darauf gerichtet sein, vorhandenes
Wissen oder bestehende Fertigkeiten zu einem Themengebiet zu
aktivieren und von dort ausgehend eine Korrektur, Erweite-
____________________________________________________
99
rung, Ausdifferenzierung oder Integration von Wissen und Vorstel-
lungen zu erreichen.
Lehren soll eine aktive und kooperative Auseinandersetzung der
Lernenden mit einer Aufgabe ermöglichen, indem auf der Basis
geeigneter Informationen – selbstständig Lösungswege entwickelt
und erprobt werden.
Lehren soll den Vergleich unterschiedlicher Lösungen ermögli-
chen sowie eine Systematisierung und Anwendung angemesse-
ner Kenntnisse und Vorgehensweisen sowie deren Weiterführung
und Reflexion.
Im Rahmen dieser grundsätzlichen Anforderungen gilt es zu prüfen,
welche Rolle neue Medien bei der Anregung und Unterstützung von
Lehr- und Lernprozessen leisten können.
2 Funktionen von neuen Medien in Lehr- und Lernprozessen
Medien wurden im bisherigen Verlauf der Argumentation als konstitu-
tiver Bestandteil von Lehr- und Lernprozessen ausgewiesen und in
ihrer Wechselbeziehung zu anderen Strukturelementen von Unterricht
betont. Diese Vorstellung geht zunächst einmal davon aus, dass Leh-
rende und Lernende in interfazialen Settings miteinander lernen, d.h.
sich in realen Räumen befinden. Prinzipiell nnen Lehrhandlungen
aber auch durch ein Lehrsystem realisiert werden, z.B. ein Software-
Angebot, das die Funktion der Lernanregung und Lernunterstützung
übernimmt. Dabei variiert der Grad der Übernahme von Lehraktivitä-
ten. Die Pole bilden „didaktisch geschlossene“ Angebote z.B. im
Sinne eines Lehrprogramms zur Buchführung und didaktisch offe-
ne“ Angebote z.B. Arbeits- und Kooperationsplattformen mit be-
stimmten Groupware-Funktionalitäten oder Softwarewerkzeugen, wie
z.B. ein Grafik- oder Textverarbeitungsprogramm. Das Extrem der
geschlossenen Angebote ist inhaltsgebunden und enthält eine „im-
plementierte Didaktik“, d.h. möglichst viele Lehrfunktionen bzw. in-
struktionale Elemente sind in das Angebot selbst verlagert. Eine
Betreuung oder eine Einbettung in soziale Kontexte ist nicht oder
nur eingeschränkt über tutorielle Unterstützung vorgesehen. Das
andere Extrem stellen inhaltsneutrale Angebote dar, die über medien-
spezifische Funktionalitäten z.B. Kommunikationstools, Visualisie-
rungswerkzeuge, Dokumentenverwaltungen usw. verfügen, d.h. die
didaktische Gestaltung des Lernprozesses ist nicht im Vorhinein fest-
gelegt, sondern wird durch die Art der Nutzung des Mediums be-
stimmt.
____________________________________________________
100
Medien können als Artefakte verschiedene Funktionen übernehmen.
Dazu zählen das Darstellen und Präsentieren, das Speichern und
Übermitteln von Informationen bzw. Zeichenaspekten. Hinzu kommen
als spezifische Eigenschaften computerbasierter Medien das Ar-
rangieren, Verknüpfen und Verändern bzw. Verarbeiten von Objekten.
Diese Medienfunktionen sind zunächst einmal Funktionen techni-
scher Artefakte, die im Kontext von Lehren und Lernen genutzt wer-
den können. Sie beziehen sich auf abbildhaft und/ oder symbolisch
codierte Darstellungsformen, also z.B. Bilder, Filme, Texte, Grafiken,
Tondokumente usw. Verbindet man die (primären) Medienfunktionen
mit grundsätzlichen Anforderungen an Unterricht bzw. an Lehr- und
Lernprozesse, so gewinnen die technischen Funktionalitäten eine
didaktische Qualität oder genauer gesagt: den Medienfunktionen
wird durch die Gestalter des Lernprozesses eine didaktische Qualität
zugeschrieben. Insgesamt können computerbasierte Medien in Lehr-
und Lernprozessen in folgenden didaktischen Funktionen genutzt
werden (vgl. auch Tulodziecki/ Herzig 2002, S. 87 ff.):
als Mittel der Präsentation von Aufgaben,
als Informationsquelle und Lernhilfe,
als Werkzeug oder Instrument bei Aufgabenlösungen,
als Gegenstand von Analysen und Material für weitere eigene
Verwendungen und Bearbeitungen,
als Instrument der Planung, des Austausches und der Kooperati-
on oder
als Werkzeug der Speicherung und der Präsentation von Ergeb-
nissen.
Gleichzeitig erlauben bzw. unterstützen die technischen Funktionalitä-
ten verschiedene Lernaktivitäten, die in Lehr- und Lernprozessen
ermöglicht werden sollten. Dazu zählen z.B. Aktivitäten der Recher-
che, des Informierens, der Gestaltung, der Problemlösung, der Beur-
teilung, der Kommunikation oder der Kooperation. Und nicht zuletzt ist
mit der Kombination von Lernaktivitäten und didaktischen Medienfunk-
tionen immer eine bestimmte Form der Sozialität verbunden, die von
der selbstständigen Einzelarbeit bis hin zu betreutem Lernen in Grup-
pen reicht, wobei sich noch einmal reale und virtuelle (telemediale)
Formen der Betreuung unterscheiden lassen.
Fasst man diese Dimensionen zusammen, so erhält man einen
„Raum“, innerhalb dessen computerbasierte bzw. computerunterstütz-
te Lehr- und Lernarrangements analytisch verortet werden können
(vgl. Abb. 1). Die Skalierung dieses Raums ist dabei so offen gehal-
____________________________________________________
101
ten, dass die zuvor genannten Angebotsvarianten online oder offli-
ne, mit personaler oder telemedialer Begleitung – mit erfasst werden.
Präsentation von
Aufgabenstellungen LernhilfeInformationsquelle
AnalysegegenstandPlanungsinstrument
Kooperationsinstrument
Werkzeug/
Instrument bei
Aufgabenlösungen
Präsentation/ Speicherung
von Arbeitsergebnissen
informieren
recherchieren
kooperieren
analysieren
kommunizieren
konstruieren
entscheiden
beurteilen
gestalten
problemlösen
Sozialformen
Computerbasierte Lehr-
und Lernarrangements
rezipieren
Abb. 1 „Didaktischer Raum“ zur analytischen Verortung computerba-
sierter Lehr- und Lernarrangements
3 Didaktik „inside“
Unter Lehrhandlungen lassen sich u.a. all diejenigen Aktivitäten von
Lehrpersonen verstehen, die instruktionale Maßnahmen, welche die
Anpassung von Lehrhandlungen an die Lernvoraussetzungen, Rück-
meldungen zu Lernaktivitäten sowie die Variation und Gestaltung von
Sozial- und Arbeitsformen betreffen. Grundsätzlich lässt sich dabei
unterscheiden, in welcher Form und in welchem Ausmaß diese Lehr-
handlungen in das jeweilige Medienangebot implementiert sind. Mit
anderen Worten: die didaktischen Aufgaben bzw. Teile davon
werden in das Medienangebot verlagert. Dies führt zu folgenden
Konstellationen:
Implementation instruktionaler Elemente in das Medienangebot,
Adaption des Medienangebots an individuelle Lernvoraussetzun-
gen,
Kombination des Medienangebots mit weiteren Lehr-Lernformen.
____________________________________________________
102
Implementation instruktionaler Elemente in das Medienangebot
Im Zusammenhang von Forschungen zum Instruktionsdesign ist eine
Reihe von Ansätzen entwickelt worden, die Aussagen darüber treffen,
in welcher Folge Lehrinhalte in einzelnen Kursen oder Curricula an-
geordnet werden sollten und welche Schritte sinnvoll sind, damit Ler-
nende mit bestimmten Voraussetzungen Lehrziele einer bestimmten
Art erreichen (vgl. z.B. Merrill 1987; Reigeluth 1983). Die Entwicklung
medialer Produkte nach diesen Ansätzen umfasst entsprechend die
Bestimmung von Lernzielen, die Identifizierung von Eigenschaften der
Lernenden (im Sinne von Lernvoraussetzungen), die Auswahl und
Aufbereitung der Inhalte sowie die Gestaltung von Kontroll- und Feed-
back-Elementen. Welche Lehrfunktion dabei konkret im jeweiligen
Angebot realisiert wird, hängt vom Instruktionsmodell und der damit
verbundenen lerntheoretischen Auffassung sowie den jeweils ange-
strebten Zielen ab. Die Umsetzungen reichen von der Darbietung
kleiner Informationseinheiten mit anschließenden Kontrollfragen über
strukturierte Wissenseinheiten mit Anwendungsaufgaben bis hin zu
offenen Lernumgebungen mit der Präsentation von fallbasierten Auf-
gaben, zu denen Informationen eigenständig erarbeitet und ausge-
wertet werden müssen, ohne dass eine detaillierte Anweisung für
einzelne Arbeitsschritte vorliegt (vgl. Merrill/ Li/ Jones 1990). Dies
bedeutet auch, dass die einzelnen Instruktionsmodelle von unter-
schiedlich ausgeprägten Fähigkeiten zur Selbststeuerung des Lern-
prozesses ausgehen. Während einzelne Lehrfunktionen in lern-
förderlicher Weise in das Lernangebot integriert werden können z.B.
die Präsentation von Aufgabenstellungen, der Aufweis von bedeutsa-
men Anwendungskontexten, die Formulierung wichtiger Fragestellun-
gen im Hinblick auf die Aufgabenlösung, die Angabe von Zielvorstel-
lungen oder die Bereitstellung grundlegender Informationen sind
andere nur eingeschränkt zu realisieren, insbesondere wenn sie der
Heterogenität von Lernenden Rechnung tragen sollen. Dies betrifft
z.B. Formen der Lernerfolgskontrolle oder der Qualitätssicherung,
individuelle Rückmeldungen zum Lernprozess sowie kommunikations-
und verständigungsorientierte Elemente solange auf unidirektionale
Kommunikationsformen zurückgegriffen wird (z.B. Aufforderungen,
Anweisungen, Hilfetexte usw.).
____________________________________________________
103
Adaption des Medienangebots an individuelle Lernvoraussetzungen
Geht man davon aus, dass Lernen zwar ein sozial eingebetteter, aber
in hohem Maße von individuellen Eigenschaften und Voraussetzun-
gen abhängiger Prozess ist, dann wird deutlich, dass Lehrmedien
ohne personale Komponente schnell Gefahr laufen, den unterschied-
lichen Voraussetzungen nicht hinreichend gerecht zu werden. Aus
diesem Grunde werden computerbasierte Angebote z.T. mit techni-
scher/ software-technischer Hilfe an die Lernvoraussetzungen adap-
tiert. Dies kann zum einen bedeuten, dass Einstellungen in der Soft-
ware eine Anpassung an die Lernvoraussetzungen ermöglichen
(adaptierbare Systeme) oder dass sich die Systeme automatisch an
die Voraussetzungen der Lernenden anpassen (adaptive Systeme).
Einfachere Formen solcher Maßnahmen beziehen sich z.B. auf die
Anpassung der Lernzeit (d.h. die Frage, ob bei einem diagnostizierten
Wissensstand noch weitergearbeitet oder schon ein neues Ziel ange-
strebt werden soll), auf die Auswahl der zu bearbeitenden Aufgaben,
die Dauer ihrer Präsentation, auf die Dauer von Reaktionszeiten (die
das System abwartet), auf die Anpassung von Schwierigkeitsgraden
und von kontextbezogenen Hinweisen sowie von Informationen an die
Interessen des Lernenden (vgl. Leutner 2002, S. 120 ff.). Darüber
hinaus sind sogenannte intelligente tutorielle Systeme (ITS) in der
Lage, sich situativ an Lernereigenschaften anzupassen. Solche Sys-
teme enthalten eine Wissensbasis für die Inhalte sowie ein Modul, das
den jeweils aktuellen Wissensstand des Lernenden repräsentiert und
Informationen über Lernwege und deren Angemessenheit unter be-
stimmten Bedingungen enthält. Im idealen Falle sind wissensbasierte
Systeme selbst lernfähig, d.h. sie verändern in der Folge ihrer „Erfah-
rungen“ die Lehrstrategie.
Aus didaktischer Sicht werden mit der Adaption bzw. mit „intelli-
genten“ Systemen wichtige Funktionen im Lernprozess erfasst, die
sich auf die Berücksichtigung von Lernvoraussetzungen sowie auf
Rückmeldungen, z.B. zum aktuellen Wissensstand, beziehen. Aller-
dings ist in Anbetracht der denkbaren unterschiedlichen Lernvoraus-
setzungen die erforderliche Komplexität bzw. Anzahl von Lernermo-
dellen so groß, dass der mit der Entwicklung verbundene Aufwand
unverhältnismäßig im Hinblick auf den zu erwartenden Erfolg er-
scheint. Bisher sind auch nur einzelne Funktionen von „intelligenten“
tutoriellen Systemen in Beispielen implementiert. Adaptive („unintelli-
gente“) Maßnahmen hingegen sind leichter zu realisieren und z.B. bei
Lernerfolgskontrollen oder Leistungstests in der Fehleranalyse und
-diagnose bei solchen Aufgaben sinnvoll, in denen es um die Anwen-
____________________________________________________
104
dung von Schemata und Regeln geht, zu denen typische Fehler be-
kannt sind.
Kombination des Medienangebots mit weiteren Lehr-Lernformen
Die Implementation von instruktionalen Maßnahmen und die Anpas-
sung von Lehrstrategien an die Lernvoraussetzungen sind stärker auf
das Einzellernen ausgerichtet. Da bestimmte Phasen des Lernpro-
zesses, insbesondere solche, die mit sozialem Austausch, Emotionali-
tät und sozialer Nähe verbunden sind, nicht oder nicht angemessen
medial simuliert werden können, ergibt sich die Notwendigkeit, ver-
schiedene Medienangebote miteinander zu kombinieren und/ oder in
Formen personaler Begleitung oder unmittelbarer sozialer Präsenz
einzubetten („hybride Angebote“).
Dazu werden telemediale Angebote z.B. mit Software-Tools kom-
biniert, so dass ein Austausch zwischen Lernenden (E-Mail, Chat,
Newsgroups), eine Beratung durch Mentoren (Tele-Tutoren, Tele-
Coaches) oder Gruppenarbeiten (workspaces mit Groupware-
Funktionalitäten) möglich werden. Auch die Durchführung von Prä-
senzveranstaltungen kann in den Phasen von Lernprozessen, in de-
nen personale Anwesenheit eine hohe Bedeutung hat, eine angemes-
sene Ergänzung darstellen. Formen der Lernerfolgskontrolle bei-
spielsweise lassen sich durch Einsendeaufgaben mit individueller
Rückmeldung oder in Form von Videokonferenzen durchführen.
Bei diesen Formen besteht aus didaktischer Sicht die Aufgabe,
die Lernarrangements so zu gestalten, dass eine sinnvolle und lern-
förderliche Auseinandersetzung mit bestimmten Aufgabenstellungen
möglich wird. So kann beispielsweise im Kontext eines Teleseminars
eine Präsenzphase zur Präsentation der ggf. medienunterstützten
Aufgabenstellung, zur Verständigung über Zielvorstellungen, zur Be-
sprechung von Arbeitsschritten und -formen sowie zur Bildung von
Lern- und Arbeitsgruppen genutzt werden, bevor in einer virtuellen
Umgebung relevante Informationen zusammengetragen, bearbeitet
und präsentiert sowie in vergleichender Weise diskutiert werden. In
der Phase der Erarbeitung nnen zusätzlich OfflineMedien, z.B. ge-
eignete CD-ROMs, genutzt werden. Die individuelle Rückmeldung zu
Schwierigkeiten in den individualisierten Phasen kann über Telekom-
munikationsdienste sichergestellt werden. Die Verbindung traditionel-
ler Medien und präsenzgebundener Lernformen mit den besonderen
Vorzügen computerbasierter Angebote wird auch unter dem Stichwort
des „blended learning“ diskutiert allerdings nicht immer auf der Ba-
sis didaktischer Überlegungen.
____________________________________________________
105
4 Konsequenzen im Hinblick auf individuelle Förderung
Die bisherigen Überlegungen machen deutlich, dass bei allen compu-
terbasierten Angeboten grundsätzlich die didaktische Aufgabe beste-
hen bleibt, diese mit ihrer jeweiligen medieninternen didaktischen
Struktur so zu gestalten und zu verwenden, dass eine lernwirksame
Wechselwirkung zwischen medieninternen Momenten (instruktionales
Design, didaktische Struktur der Inhalte, Darstellungs- und Interakti-
onsformen usw.) und medienexternen Momenten (individuelle Lern-
voraussetzungen, personale, reale Begleitung, sozialer Kontext usw.)
entsteht. Je nach Angebot ist es also erforderlich, einzelne Lehrfunkti-
onen, Kommunikations- oder Kooperationsfunktionen im Kontext des
Medieneinsatzes zu planen und zu realisieren.
Diese grundsätzliche Bedeutung des Lehrkonzepts lässt sich
auch auf der Basis empirischer Daten deutlich machen. Wertet man
die Vielzahl von Studien zur Frage der Lernwirksamkeit neuer Medien
aus, so lässt sich zeigen, dass neben bestimmten Medienmerkmalen
etwa den Codierungs-, Gestaltungs- und Interaktionsformen der
Wahl des didaktischen Konzepts eine besondere Rolle zukommt (vgl.
Tulodziecki/ Herzig 2004, S. 76 ff.). Dies spricht nicht gegen die lern-
förderlichen Potenziale computerbasierter Medien, sondern verweist
darauf, dass neue Medien nicht per se lernförderlich wirken, sondern
dass die erfolgreiche Nutzung und damit auch die Möglichkeiten
einer individuellen Förderung abhängig ist von der Passung“ zwi-
schen den Lernvoraussetzungen, dem Lernarrangement und dem
(medialen) Lernangebot.
Lernende(r)
(Lernvoraussetzungen)
Lehrperson
(Unterrichtsskripts, didaktische Gestaltung)
Passung?
Notwendige
Fähigkeit, selbst-
gesteuert zu lernen
Passung?
Passung?
Medienangebot
(Lernsoftware)
didaktische
Gestaltung
Medienangebot
(Lernsoftware)
didaktische
Gestaltung
Lernende(r)
(Lernvoraus-
setzungen)
Abb. 2: „Passungsprobleme“ beim Medieneinsatz
____________________________________________________
106
Ein solches „Passungsproblem“ stellt sich insbesondere mit Blick
auf die individuelle Förderung – in zweierlei Hinsicht (vgl. Abb. 2):
Im Falle einer Nutzung von Software durch Einzellernende wird es
insbesondere auf die Passung zwischen den individuellen Lern-
voraussetzungen und der Gestaltung des Medienangebots an-
kommen, d.h. die Adaptivität des Mediums stellt eine wichtige Ge-
lingensbedingung dar. Gewissermaßen muss das System in der
Lage sein, die diagnostischen Fähigkeiten einer Lehrperson zu
simulieren und anschließend die Systemparameter (z.B. In-
haltsauswahl, Aufgabenschwierigkeit, Art und Inhalt der Rückmel-
dungen, Bearbeitungshinweise etc.) an die Lernvoraussetzungen
anpassen. Dies unterstellt ein sehr differenziertes Lernermodell,
das die durch Lehrpersonen diagnostizierte Lernschwierigkei-
ten aufgreifen und noch nicht oder in noch nicht hinreichendem
Maße individuell verfügbare Fähigkeiten in ihrer Entwicklung för-
dern und unterstützen kann. Im Bereich der Rechtschreibung bei-
spielsweise liegen hier entsprechende Angebote vor. Ihre Wirk-
samkeit hängt allerdings in entscheidendem Maße davon ab, wie
gut die Lernenden mit den typischen bzw. typisierten Eigenschaf-
ten von Lernermodellen etwa in Bezug auf Fehlerklassen, die
mit Hilfe des Medienangebots bearbeitet werden können über-
einstimmen. Lehrkräfte können die Potenziale solcher Angebote
trotz ihrer grundsätzlichen Beschränkungen für die individuelle
Förderung dann möglichst effizient nutzen, wenn sie zunächst ü-
berlegen, welche Lernaktivitäten für die Entwicklung der spezifi-
schen Kompetenzen sinnvoll oder erforderlich sind. In einem
nächsten Schritt gilt es dann, Softwareangebote daraufhin zu prü-
fen, ob sie diese Lernaktivitäten ermöglichen, anregen und unter-
stützen. In der Regel gilt, dass die Anforderungen an bestimmte
Fähigkeiten selbstregulierten Lernens bei solchen Angeboten, die
in Einzelarbeit ohne unmittelbare Betreuung einer Lehrperson be-
arbeitet werden, höher sind als bei der Bearbeitung in Gruppen
oder in betreuten Unterrichtssituationen (vgl. Herzig 2001) (s.u.).
Im Falle einer Nutzung von Softwareangeboten im Unterricht wird
das Problem der Passung neben den Aspekten der Lernvoraus-
setzungen und den adaptiven Möglichkeiten des Programms noch
erweitert um die Passung zwischen der didaktischen Konzeption
der Software und den damit verbundenen impliziten Annahmen
zu Lernprozessen und der didaktischen Gestaltung des Unter-
richts durch die Lehrperson sowie ihre subjektiven Vorstellungen
von Lernprozessen (d.h. den subjektiven Theorien der Lehrper-
son). Dieses Passungsproblem ist nicht zu unterschätzen, im ex-
____________________________________________________
107
tremen Fall kann es passieren, dass die didaktischen Konzepte
der Software („inside“) und die Unterrichtsskripts der Lehrperson
nicht miteinander korrespondieren oder sich sogar widersprechen.
Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn eine Simulationssoft-
ware, die der Förderung von Problemlösfähigkeit und der Entwick-
lung kognitiver Komplexität dient, in einem Frontalunterricht zu
Demonstrationszwecken eingesetzt würde. Wenn dies auch nicht
notwendigerweise schaden muss, so sind doch die lernförderli-
chen Potenziale des Medienangebots damit in keiner Weise ge-
nutzt. Dies bedeutet, dass ein bestimmtes Medienangebot auch
eine bestimmte Form der unterrichtlichen Einbettung und damit
der didaktischen Gestaltung von Unterricht erfordert (vgl. Tulod-
ziecki/ Herzig 2002, S. 87 ff.). Und nicht zuletzt ist auch dies ein
Hinweis darauf, dass die (medien-)didaktischen Fähigkeiten der
Lehrperson in besonderer Weise gefragt sind.
Damit ist auch noch einmal betont, dass Medien als technische Arte-
fakte einzelne Lernphasen bzw. die damit zusammenhängenden indi-
viduellen Denkprozesse in lernförderlicher Weise unterstützen kön-
nen, aber weder Organisatoren von Lernprozessen sind noch automa-
tisch eine besondere Qualität von Lernprozessen sicherstellen. Eine
solche Qualität sowohl im Bezug auf den Prozess als auch auf die
erreichten Lernziele – wird im Wesentlichen davon abhängen, inwie-
weit es gelingt, eine handlungs- und entwicklungsfördernde Ausei-
nandersetzung des Einzelnen bzw. von Gruppen mit bedeutsamen
Aufgabenstellungen in Verbindung mit neuen Medien anzuregen und
zu unterstützen. Für die fruchtbare Nutzung spezifischer Potenziale
neuer Medien für die Förderung individueller Entwicklung ist eine ho-
he diagnostische higkeit in Verbindung mit entsprechenden (me-
dien-)didaktischen Kompetenzen eine grundlegende Voraussetzung.
Die Annahme einer sich quasi automatisch entfaltenden medieninhä-
renten Wirksamkeit ist ebenso wenig sinnvoll wie der Versuch, in ge-
neralisierender Weise das Lernen mit neuen Medien mit dem „traditi-
onellen“ Unterricht zu vergleichen.
____________________________________________________
108
Literatur
Herzig, B. (2001): Selbst gesteuertes Lernen mit Multimedia. Lernthe-
oretisch und didaktisch begründete Anforderungen an Lern-
umgebungen zum selbst gesteuerten Lernen. In: Pfeil, G./
Hoppe, M./ Hahne, K. (Hrsg.): Neue Medien Perspektiven
für das Lernen und Lehren in der beruflichen Bildung. Biele-
feld: Verlag Bertelsmann, S. 41-88
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und Informationssysteme. In: Issing, L.J./ Klimsa, P. (Hrsg.):
Information und Lernen mit Multimedia und Internet. Wein-
heim: Beltz PVU 2002, S. 115-125
Merrill, M.D. (1987): The New Component Display Theory: Instructio-
nal Design for Courseware Authoring. Instructional Science
16(1987)1, S. 19-34
Merrill, M.D./ Li, Z./ Jones, M.K. (1990): Second Generation Instructi-
onal Design (ID2). Educational Technology 31(1990)6, S. 7-
12.
Reigeluth, C.M. (1983): Instructional Design: What is it and why is it?
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Tulodziecki, G./ Herzig, B. (2002): Computer & Internet in Schule und
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Berlin: Cornelsen Scriptor
Tulodziecki, G./ Herzig, B. (2004): Mediendidaktik. Medienverwen-
dung in Lehr- und Lernprozessen. Stuttgart: Klett-Verlag
Tulodziecki, G./ Herzig, B./ Blömeke, S. (2004): Gestaltung von Unter-
richt. Eine Einführung in die Didaktik. Bad Heilbrunn: Klink-
hardt
Neue Medien in der Lehrerausbildung
Sigrid Blömeke
Wenn man über neue Medien in der Lehrerausbildung sprechen soll,
ist nicht auf Anhieb klar, was inhaltlich gemeint ist. Je nachdem, mit
welcher Gruppe an Medienpädagogen man sich unterhält, lassen sich
drei Zugänge zum Thema unterscheiden (siehe Grafik 1):
Einer ersten Gruppe geht es um die Nutzung der Medien als
Werkzeuge zur Verbesserung der Lehre. Diese muss keineswegs
einen Zusammenhang zum Thema neue Medien aufweisen. Me-
dienpädagogisch gesehen handelt es sich um einen didaktischen
Zugang, in dem eine Kernfrage ist, welche Kompetenz die Hoch-
schullehrenden aufweisen müssen, damit sie neue Medien ziel-
angemessen und effektiv einsetzen können.
Einer zweiten Gruppe geht es dagegen um die Vorbereitung der
Studierenden und Referendare auf ihre zukünftigen beruflichen
Aufgaben als Lehrerinnen und Lehrer. Hier werden die Medien
selbst zum inhaltlichen Gegenstand der Lehrerausbildung. Auf der
Ebene der Schule hieße dieser Bereich der Medienpädagogik
„Medienerziehung“. Auf der Ebene der Lehrerausbildung, wo wir
es mit erwachsenen Lernern zu tun haben, ist dieser Zugang mit
dem Begriff der Medienbildung belegt.
Es gibt noch eine dritte Gruppe an Kolleginnen und Kollegen, für
die ich interessanterweise keinen genuin medienpädagogischen
Begriff gefunden habe, um sie innerdisziplinär zuordnen zu kön-
nen. Das sind diejenigen, die empirisch auf die Studierenden und
Referendare als Lernende schauen: Welche Voraussetzungen
bringen sie mit, welche Kompetenzen erwerben sie im Laufe ihrer
Ausbildung und wovon hängt dies ab?
____________________________________________________
110
Mediendidakti-
sche Kompetenz
der Lehrenden
Berufliche
Anforderungen
der Schule
Voraussetzungen/
Kompetenz der
Studierenden
Neue Medien in der Lehrerausbildung
medienpädagogisch gesehen
Medien als Werkzeug
(Mediendidaktik)
Medien als Gegenstand
(Medienbildung)
Grafik 1: Drei Zugänge zum Thema „Medien in der Lehrerausbildung“
Konzeptionell machen erst alle drei Zugänge zusammen die Medien-
pädagogik aus und es ist kein Zufall, dass die drei Zugänge die
Eckpunkte eines klassischen didaktischen Dreiecks bilden. Genauso
wenig ist es Zufall, dass für den empirischen Zugang keine originär
disziplinäre Kategorie existiert, hat sich die Medienpädagogik in der
Vergangenheit doch vor allem auf eher normativ geprägte Zugänge
konzentriert. Es gibt wenige Medienpädagogen, die alle drei Zugänge
beherrschen Gerhard Tulodziecki stellt eine der wenigen Ausnah-
men dar.
Im Folgenden werden in Bezug auf die ersten beiden Zugänge
zunächst kurz zwei Beispiele aus der Lehrerausbildung an der Hum-
boldt-Universität zu Berlin dargestellt. Dann gehe ich etwas ausführli-
cher auf den empirischen Zugang ein, wofür ich eine Sekundäranaly-
se von Daten aus einer Vollerhebung präsentiere, die an der Universi-
tät Paderborn durchgeführt worden ist. Leitende Fragestellung ist, wie
bereichsspezifisch Studierende Erfahrung mit dem Einsatz von Me-
dien sammeln müssen, damit sie eine Bereitschaft entwickeln, sie in
ihrem beruflichen Alltag einzusetzen. Daraus lassen sich weit rei-
chende Folgerungen für die Lehrerausbildung ableiten.
1 Ein mediendidaktischer Zugang: Medien als Werkzeug
Zunächst zum ersten Zugang, dem Einsatz neuer Medien in der Leh-
rerausbildung. Es klingt wie ein Allgemeinplatz, dass Technik allein
nicht hinreichend ist, wenn es um eine höhere Lernwirksamkeit geht,
____________________________________________________
111
sondern dass diese durch entsprechende didaktisch-methodische
Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden ergänzt werden muss. Empi-
rische Studien zeigen eine stufenförmige Entwicklung der Implemen-
tation neuer Medien in die Lehre: Ohne weitere didaktisch-metho-
dische Unterstützung verbleiben Lehrerinnen und Lehrer auf der zwei-
ten von fünf Stufen. Sie können neue Medien dann zwar in den Unter-
richt integrieren und sehen dies auch als wichtig an. Ihre prinzipiellen,
über Jahrzehnte gewonnenen Handlungsroutinen verändern sie aller-
dings nicht, und höhere Lernerfolge stellen sich dadurch auch nicht
ein. Dennoch ist die Fokussierung auf Infrastrukturmaßnahmen noch
immer eher die Regel, wie kürzlich die Vergabe der BMBF-Förderung
im Programm „eLearning-Dienste für die Wissenschaft“ deutlich ge-
macht hat. Mit nur wenigen Ausnahmen sind die Bewilligungen in der
von den Medien- und Rechenzentren zu verantwortenden Förderlinie
a) technisch orientiert. Eine der Ausnahmen ist die Humboldt-
Universität. Das Rechenzentrum lässt sich beim Aufbau einer moder-
nen Infrastruktur didaktisch-methodisch beraten, um Fehler zu ver-
meiden, die an anderen Hochschulen gemacht wurden. Ihre Analysen
der Entwicklung hatte ergeben, dass reine Infrastrukturmaßnahmen
auch an Universitäten zum Scheitern verurteilt sind, wenn man Erfolg
an mehr messen will als an der Einführung von Beamern oder Inter-
netanschlüssen und wenn man auch über die technischen Disziplinen
hinweg schaut.
Mit „Zuckerbrot“ und „Peitsche“ wird dieses Thema in den näch-
sten drei Jahren bearbeitet werden. Das Zuckerbrot ist die Installation
von mediendidaktisch versiertem Servicepersonal auf allen Ebenen
(in Instituten, Fakultäten und zentral). Diese Personen werden die
Lehrenden in der Vorbereitung ihrer Lehre individuell unterstützen und
darüber hinaus formale Weiterbildungsangebote machen. Die Peit-
sche ist die im Gegenzug verpflichtende Integration von eLearning-
Angeboten in allen Bachelor- und Masterstudiengängen.
Die Lehrerausbildung wird in diesem Prozess aufgrund ihrer
Querstruktur eine Vorreiterrolle einnehmen. Das Modul „Unterrichten,
Lernprozesse gestalten und erforschen“, das alle Lehramtsstudieren-
den im Master belegen müssen, wird nur noch in Form eines blended
learning mit online-Vorlesungen, begleitenden Tutorien und teil-
webgestützten Seminaren angeboten werden. Damit sind alle Leh-
renden und Studierenden gezwungen, sich mit der Nutzung neuer
Medien für Lehre bzw. Studium vertraut zu machen. An der Humboldt-
Universität ist dies ein bedeutsamer Schritt. Vor dem Hintergrund
____________________________________________________
112
einer 200 Jahre alten Tradition besitzen gedruckte Texte in Papier-
form und Präsenzveranstaltungen ein hohes Ansehen.
2 Ein medienbildnerischer Zugang: Medien als Gegenstand
Betrachtet man die neuen Medien als inhaltlichen Gegenstand der
Lehrerausbildung ist es auch hier gelungen, über alle Fakultäten hin-
weg eine strukturelle Verankerung zu erreichen. Das Instrument hier-
für waren Standards für die Lehrerausbildung. Deutlicher als in den
bundesweiten Standards kommen Medien, vor allem neue Medien in
Berlin an prominenter Stelle vor. Das bedeutet auf einer ersten Stufe,
dass Studierende Konzepte der Medienpädagogik und -psychologie
kennen sowie glichkeiten und Grenzen eines anforderungs- und
situationsgerechten Einsatzes von Medien im Unterricht einschätzen
können müssen. Hier ist vor allem die Universität gefordert, was in
einigen Jahren auch evaluiert werden wird. Auf der zweiten Stufe, die
an der Universität vorbereitet und im Referendariat abgeschlossen
werden muss, sind moderne Informations- und Kommunikationstech-
nologien didaktisch sinnvoll in den Unterricht zu integrieren und zu
reflektieren. Auch dies wird in einigen Jahren evaluiert.
3 Eine empirischer Zugang: Voraussetzungen und Kompe-
tenzerwerb
Im dritten Teil des vorliegenden Beitrags erfolgt nun eine empirische
Perspektive auf das, was die Studierenden in die Ausbildung mitbrin-
gen und was sie dort erlernen. Die einleitend bereits dargelegte For-
schungsfrage lässt sich noch einmal spezifizieren:
1. Lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Schulerfahrung mit
dem Einsatz von Medien und entsprechenden Einstellungen fest-
stellen?
2. Wie spezifisch müssen diese Erfahrungen sein, damit sie die Ein-
stellungen beeinflussen?
Wie bedeutsam diese Fragen für die Lehrerausbildung sind, soll fol-
gendes Beispiel deutlich machen. Wenn es wichtig ist, in welchem
Unterrichtsfach die Erfahrungen mit dem Medieneinsatz gemacht
werden, würde dies für eine stärkere Verankerung erfahrungsbezoge-
ner mediendidaktischer Ausbildung in den Fachdidaktiken sprechen.
Wenn es dagegen eher wichtig ist, überhaupt entsprechende Erfah-
rungen zu machen, würde es hinreichend sein, diese Erfahrungen in
____________________________________________________
113
einem Unterrichtsfach oder im fachübergreifenden Teil der Ausbildung
zu machen. Sie können dann offensichtlich transferiert werden. Soll-
ten sich Erfahrungen dagegen als völlig belanglos erweisen, sind er-
fahrungsbezogene Angebote überflüssig. Es wäre hinreichend, dass
die Studierenden und Referendare im Bereich der Mediendidaktik
kognitives Wissen erwerben. Die Hypothesen lauten:
H1: Der Umfang an medienbezogener Schulerfahrung beeinflusst
die Einstellungen von Lehramtsstudierenden signifikant positiv.
H2: Je spezifischer diese Erfahrungen sind, desto größer ist der
Einfluss, und dies gilt
H2a: in Bezug auf alle Medienarten, alle Schulstufen, alle Un-
terrichtsfächer und alle Lehrmethoden sowie auch
H2b: im Vergleich von Schulerfahrung und privater Mediener-
fahrung.
Die Datenanalyse erfolgt anhand einer Vollerhebung, die bei allen
Erstsemestern in einem Lehramtsstudiengang hier an der Universität
Paderborn durchgeführt wurde. Die Stichprobe umfasste mit 180 Per-
sonen etwa die Hälfte der formal Eingeschriebenen. H1 wurde mit
einfachen bivariaten Korrelationen geprüft, für H2 wurden Regressi-
onsanalysen durchgeführt.
Merkmal r Merkmal r Merkmal
Zeitung .44*** Bücher .38*** Fernseher .11
Radio .35*** Tonträger .33*** Computer .08
Fotos .34*** OHP .25**
Primarstufe .30*** Sek. I .23** Sek. II .14*
Mathe/ NW .37*** GW .40*** Sprachen .43***
Einzelarbeit .36*** Gruppenarb.
.32*** Frontal-U. .11
Tab. 1: Zusammenhang von Schulerfahrung und Bereitschaft zum Medien-
einsatz
Die Daten stützen die erste Hypothese zur Bedeutung von Mediener-
fahrung für sechs von acht Medientypen, darüber hinaus für alle drei
Schulstufen, für alle Unterrichtsfächer und für zwei der drei Lehrme-
thoden (siehe Tabelle 1). Diese Stützung erfolgt jeweils mit bedeut-
samen Effekten. Die Hypothese kann also auf breiter Front als bestä-
tigt angesehen werden wenn die drei Ausnahmen auch sehr inte-
____________________________________________________
114
ressant sind, unter anderem gehören ja auch die neuen Medien dazu.
Wenn man die absoluten Zahlen ansieht, fällt auf, dass es sich in
allen drei Fällen um Merkmale handelt, bei denen die Studierenden
eine sehr positive Einstellung aufweisen. Gleichzeitig unterscheidet
sich aber der Grad an Erfahrung. Computer wurden nur selten im
unterrichtlichen Einsatz erlebt, was die fehlende Korrelation hinrei-
chend erklärt. Der Einsatz des Fernsehers und ein Medieneinsatz im
Frontalunterricht waren dagegen gängige Praxis. Offensichtlich waren
diese Erfahrungen aber nicht so überzeugend, dass die Studierenden
daraus ihre Motivation ziehen, positiv für einen entsprechenden Me-
dieneinsatz motiviert zu sein.
Im nächsten Schritt wird die zweite Hypothese geprüft, dass Er-
fahrung mit Medieneinsatz bereichsspezifisch sein muss, um wirksam
zu werden. Um das zu prüfen, sind Regressionsanalysen das geeig-
nete Verfahren. Dabei werden mögliche Einflussfaktoren parallel be-
rücksichtigt und dann jeweils berechnet, wie groß der Einfluss eines
einzelnen Faktors ist, wenn alle anderen konstant gehalten werden.
Die Ergebnisse der Berechnungen lassen sich vergleichen, wenn man
die standardisierten Gewichte der einzelnen Faktoren betrachtet.
Am Beispiel der Unterrichtsfächer lässt sich erläutern, welche Er-
gebnisse theoretisch denkbar sind. Dasselbe Prinzip gilt für alle übri-
gen Analysen:
In vier Gruppen an Fächern wurden Erfahrungen mit dem Einsatz
von Medien gemacht. Zu diesen liegen auch medienbezogene Ein-
stellungen vor. Blickt man beispielsweise auf die Sprachen, könnte
das Gewicht der medienbezogenen Erfahrung in den sprachlichen
Unterrichtsfächern für die Einstellung zu einem Medieneinsatz in die-
sen Fächern prinzipiell weniger wichtig sein als das Gewicht der me-
dienbezogenen Erfahrungen in irgendeinem anderen Fach. Das ist
Fall 1 und würde der Hypothese widersprechen. Das Gewicht könnte
aber auch wichtiger sein als alle anderen Unterrichtsfächer. Dieses
Ergebnis wäre Fall 2 und würde die Hypothese stützten. Das Gewicht
könnte aber auch quasi als Zuspitzung der Hypothese nicht nur
das wichtigste, sondern sogar das einzige Merkmal sein, das signifi-
kant Varianz in den Einstellungen der Studierenden erklärt. Das wäre
Fall 3 und ließe eine Zuspitzung der Hypothese zu.
____________________________________________________
115
Merkmal Modell Merkmal Modell Merkmal Modell
Zeitung 2 Bücher 2 Fotos 2
Radio 2 Tonträger 2 OHP 3
Primarst. 3 Sek. I 2 Sek. II 1
Mathe/ NW 3 GW 3 Sprachen 3
Einzelarbeit 3 Gruppenarb. 3
Tab. 2: Ergebnis der Analysen zum Gewicht von Erfahrungen auf Einstellun-
gen
Auch diese Hypothese wird von den Daten weitgehend gestützt. Mit
nur einer Ausnahme der Sekundarstufe II haben spezifische Er-
fahrungen immer einen höheren Einfluss als unspezifische Erfahrun-
gen. Diese Fälle sind mit „2“ und 3“ gekennzeichnet. In vielen llen
gilt zudem, dass die spezifischen Erfahrungen die einzigen sind, die
auch signifikant Varianz erklären. Diese Fälle sind mit einer 3“ ge-
kennzeichnet. Dieses Ergebnis trifft für alle Fächer und für alle Lehr-
methoden zu. Für medienbezogene Einstellungen in Mathematik und
Naturwissenschaften spielt es beispielsweise keine Rolle, wenn man
medienbezogene Erfahrungen in den Sprachen gemacht hat. Das
einzige was zählt, sind Erfahrungen mit dem Einsatz von Medien in
Mathematik und Naturwissenschaften. In Bezug auf die Lehrmetho-
den gilt strukturell Vergleichbares: Für medienbezogene Einstellungen
zur Gruppenarbeit ist es nicht relevant, welche Erfahrungen man im
Frontalunterricht gemacht hat. Das einzige was zählt, sind Erfahrun-
gen mit dem Einsatz von Medien in der Gruppenarbeit.
Interessanterweise gilt dieses strenge Ergebnis nicht für die Me-
dienarten. Zwar weisen hier die korrespondierenden Medienarten
immer auch das höchste Beta-Gewicht auf, es ist aber nie das einzi-
ge, das signifikant Varianz erklärt. Zudem ist festzustellen, dass Er-
fahrungen mit bestimmten Medienarten Einstellungen zu anderen
sogar negativ beeinflussen. Dies gilt insbesondere für die neuen Me-
dien. Je mehr Erfahrungen mit ihrem Einsatz in der Schule gemacht
wurden, umso negativer sind die Einstellungen zu einem Einsatz von
Büchern, Fotos und Tonträgern. Angesichts der Multimedialität von
Computern ist dies auch plausibel: Warum nur visuelle Repräsenta-
tionen einsetzen, wenn man sie mit auditiven kombinieren kann?
Eine letzte Analyse erfolgt schließlich zum Verhältnis von privater
Medienerfahrung und schulischer Medienerfahrung. Die derzeitige
____________________________________________________
116
Generation an Lehramtsstudierenden bringt von zu Hause eine Me-
dienerfahrung mit wie keine Generation zuvor. Ob sich dies auch posi-
tiv auf den unterrichtlichen Einsatz auswirkt, ist zumindest umstritten.
Für die Datenanalyse wird die private Medienerfahrung noch einmal
unterteilt nach rezeptiver Mediennutzung, also z.B. nur Zeitunglesen
und im Internet recherchieren, und produktiver Mediennutzung, also
z.B. Zeitungsartikel verfassen und Webseiten produzieren. Wenn sich
private Medienerfahrung als relevant erweisen sollte, gilt dies vermut-
lich eher für die produktive Seite als für die reine Nutzungsseite.
Einstellungs-
merkmal r R2 F Schulerfahrung/ Medien-
produktion/ Mediennutzung
Zeitung .44 .19 12.51***
.41*** / .08 / .09
Buch .40 .16 9.90*** .39*** / .02 / .09
Radio .33 .11 6.31*** .31*** / .09 / -.02
Tonträger .37 .13 8.11*** .35*** / .04 / -.11
Fotos .38 .14 8.92*** .32*** / .19* / .03
OHP .26 .07 6.13*** .25** / .04 / -
Fernseher .31 .09 5.61** .12 / .05 / .27***
Computer ns .05 / .08 / .03
Tab. 3: Einfluss von schulischer und privater Erfahrung mit Medien auf Ein-
stellungen
Auch in diesem Fall stützen die Daten die Hypothese weitgehend
(siehe Tabelle 3). Schulbezogene Medienerfahrungen sind weit rele-
vanter als die privaten Medienerfahrungen, die tendenziell überhaupt
nicht signifikant werden. Wie schon in den vorhergehenden Analysen
stellen das Fernsehen und der Computer eine Ausnahme dar. In Be-
zug auf den Computer habe ich bereits darauf hingewiesen, dass der
Umfang an schulbezogener Erfahrung vergleichsweise gering ist. Und
in Bezug auf das Fernsehen war die Schulerfahrung offensichtlich
nicht sehr überzeugend. Dies ist gerade im Vergleich zur privaten
Fernsehnutzung ein wichtiges Argument. Während private Fernseh-
nutzung Unterhaltung und Entspannung bedeutet (wie wir aus ande-
ren Untersuchungen wissen, für diese Altersgruppe häufig viel mehr
____________________________________________________
117
als bei jedem anderen Medium), bedeutet die Nutzung des Fernse-
hens in der Schule Lernen und Anstrengung.
4 Folgerungen für die Gestaltung der Lehrerausbildung
Zusammenfassend und abschließend sollen einige Folgerungen die-
ser Ergebnisse für die Lehrerausbildung diskutiert werden, richten sie
doch einige kritische Fragen an die derzeitige Gestaltung der medien-
bezogenen Ausbildung. Da die Schulerfahrungen der Lehramtsstudie-
renden nicht mehr geändert werden können, liegt es nahe, aus dem
engen Zusammenhang von Erfahrung und Einstellungen insofern
Konsequenzen für die Lehrerausbildung zu ziehen, als diese ihnen
entsprechende Erfahrungen ermöglichen muss. Damit erfolgt eine
Verknüpfung mit Feld 1 des anfänglichen didaktischen Dreiecks (sie-
he Grafik 1). Eine mediendidaktisch angemessene Gestaltung der
universitären Lehre könnte helfen, sind formale mediendidaktische
Angebote doch höchstens in Form von ein oder zwei Lehrveranstal-
tungen in den Studienordnungen verankert. Allerdings die Daten
zeigen auch, wie notwendig spezifische Erfahrungen sind. Bisher
finden die meisten Lehrveranstaltungen zum Thema neue Medien im
erziehungswissenschaftlichen Studium statt. Wenn es hier nicht ge-
lingt, fach- und stufenspezifische Bezüge herzustellen, drohen die
Anstrengungen zu verpuffen. Noch besser wäre natürlich, wenn sich
entsprechende Inhalte in jedem Unterrichtsfach verankern ließen, und
zwar erfahrungsorientiert und nicht auf eine einzige Lehrveranstaltung
beschränkt.
Bildung und Medien in der Musikpädagogik
Georg Maas
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
lieber Gerhard,
das mir gestellte Thema lässt sich nicht erörtern, ohne das Verhältnis
von Musik und Medien zunächst im Allgemeinen anzusprechen. Greift
man dabei zu einem sehr weiten Medienbegriff, so ließe sich prokla-
mieren, Musik jenseits des Singens sei von Alters her nicht ohne Me-
dien vorstellbar, denn um Musik zum Klingen zu bringen, ist sie auf
Mittler sprich: Medien angewiesen, nämlich Musikinstrumente von
der Knochenflöte frühester menschlicher Kulturen bis zur Soundkarte
der Gegenwart. Und da Musik flüchtig ist, kann sie jenseits oraler
Tradierung nur durch die Zuhilfenahme von Medien festgehalten, kon-
serviert werden, sei es durch Notenschrift auf Papier, sei es als digita-
le Datei beispielsweise im mp3-Format. Selbst wenn ich mit Blick auf
das mir zur Verfügung stehende Zeitbudget den Medienbegriff enger
fasse und auf Massenmedien, sagen wir Printmedien und audiovisuel-
le Medien einschränke, so müsste ich einen erheblichen Zeitraum von
rund 200 Jahren in den Blick fassen. Ich bitte um Verständnis, wenn
ich deshalb die geschichtliche Perspektive nur kursorisch einbeziehe
und mich stattdessen zügig der Gegenwart zuwende.
Für die Gegenwart unseres Musiklebens lässt sich unschwer die
Aussage treffen, dass Medien und Musik in einem engen, regelrecht
symbiotischen Verhältnis zueinander stehen, ja, dass die Entwicklung
des Musiklebens maßgeblich durch Medien und technische Entwick-
lungen in diesem Bereich bestimmt wird. So ist es für uns heute bei-
spielsweise eine Selbstverständlichkeit, jede Art von Musik via Ton-
träger oder Internet-download verfügbar zu haben oder als Fernseh-
zuschauer an der Auswahl zukünftiger „Superstars“ beteiligt zu wer-
den. Und lässt sich eine steile Karriere wie die der Sopranistin Anna
Netrebko ohne Medien vorstellen? Nur das Fernsehen macht den
metaphorischen Sprung von Gottschalks Couch an die Spitze der
Verkaufshitparaden derart effektiv möglich. Wir hören aber auch die
Klagen der Musikindustrie, dass die Verfügbarkeit von Musik im Inter-
net dazu geführt habe, dass sich die Absätze an CDs dramatisch ver-
ringerten, so dass die Wertschöpfung massiv eingebrochen sei, was
sich unter anderem auch darauf auswirkt, dass die Förderung von
Nachwuchsmusikern durch CD-Produktionen nur noch sehr vorsichtig
und zögerlich betrieben wird.
____________________________________________________
120
Musikpädagogik, und das mag zunächst regelrecht trivial wirken, war
und ist stets in der jeweiligen musikalischen Gegenwart verankert. Sie
hat als Bezug das zeitgenössische Musikleben, die zeitgenössische
Musikpraxis, vermittelt beispielsweise akzeptierte Kompositionsregeln,
verwendet übliches Instrumentarium und bedient sich akzeptabel ein-
geschätzter Formen des Musizierens. Technische Veränderungen, die
das Musikleben beeinflussen, strahlen damit auch in die Musikpäda-
gogik aus. Als beispielsweise Aloys Senefelder durch die Erfindung
der Lithografie die Voraussetzungen schuf für eine massenhafte Her-
stellung preiswerter Notenausgaben, war dies eine wesentliche Vor-
aussetzung für die Ausbreitung der Hausmusik und die Entstehung
von Klavierhits wie das unsägliche „Gebet einer Jungfrau“ von Tecla
Badarczewska. Zugleich entwickelte sich so aber auch ein Markt für
einen in bürgerlichen Kreisen vor allem in der Mädchenerziehung
üblichen Klavierunterricht. Die Auswirkungen auf die Musikpädagogik
können Sie sich unschwer ausmalen.
Für das Musikleben Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhun-
derts wurde entscheidend, dass durch das Grammophon und später
durch den Rundfunk Musik konservierbar wurde und der Aufführungs-
ort vom Ort des Musikhörens getrennt wurde.
Was bedeutete dies für den schulischen Musikunterricht und sei-
ne Haltung gegenüber den Medien, mithin für ein Unterrichtsfach, das
sich erst langsam von einem liedbasierten Schulfach „Singen“ eman-
zipierte? Man kann sagen, dass der schulische Musikunterricht wie
auch andere Schulfächer ein ambivalentes Verhältnis zu den mo-
dernen Massenmedien einnahm. Das Grammophon und der Rund-
funk standen beispielsweise zunächst unter dem Verdacht der
Verbreitung von Kitsch, andererseits wurde aber auch deutlich, dass
Medien den Unterricht im Sinne eines mediendidaktischen Einbezugs
bereichern können. Noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahr-
hunderts waren sich Musiklehrer in beiden Teilen Deutschlands darin
einig, dass die durch den Rundfunk und die Schallplatte verbreitete
Schlager- und Rock ’n’ Roll-Musik durch den Musikunterricht zu be-
kämpfen sei. Gleichzeitig war aber der Rundfunk durch seine Schul-
funkangebote ein durchaus geschätzter Partner vieler Musiklehrer in
der alten Bundesrepublik. Das Medium Rundfunk wurde sozusagen in
janusförmiger Gestalt wahrgenommen.
Heute mag man über solche „Kulturkämpfe“ lächeln, aber die Zei-
ten sind noch gar nicht lange her, dass das Musikfernsehen mit sei-
nen Videoclips als große Gefahr für das Musikerleben auf das Heftig-
ste von Musikpädagogen bekämpft wurde...
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Die Kämpfe gegen Medien und medientechnische Entwicklungen „zur
Rettung des musikalischen Abendlandes“ sind unübersehbar einem
gewissen Pragmatismus gewichen nicht zuletzt, weil die heutige Leh-
rergeneration in ihrer Biografie von Medien begleitet wurde und des-
halb über keine nennenswerten Berührungsängste verfügt. Stattdes-
sen werden nicht nur Medien als lehrmethodische Bereicherung im
mediendidaktischen Sinne in den Unterricht einbezogen der Musik-
fachraum ist üblicherweise der medial bestausgestattete Raum an
Schulen –, sondern auch neue musikalische Themen für den Unter-
richt entdeckt, die untrennbar mit Medien verbunden sind. Die päda-
gogische Absicht bzw. der Bildungsgedanke dahinter besteht darin,
die von Medienerfahrungen geprägte Lebenswelt der Schülerinnen
und Schüler im Unterricht zu reflektieren und damit den Anspruch
einzulösen, nicht für die Schule, sondern für das Leben zu lehren (frei
nach Seneca). Ein solches Thema, mit dem ich mich in den zurücklie-
genden Jahren intensiv beschäftigt habe, ist die Symbiose von Film
und Musik in Musikfilm und Filmmusik. Ich möchte Ihnen an diesem
Thema durch einige wenige Beispiele andeuten, wie medial einge-
bundene Musik, man spricht auch von funktionaler Musik, zu unter-
richtlichen Perspektiven für das Fach Musik führt, die über die Musik,
ihre Geschichte und Faktur weit hinaus weisen. Es sind einige wenige
Beispiele, aber – wie ich hoffe – treffende.
Filmbeispiel 1: Mondsüchtig (Moonstruck, USA 1987, Regie: Norman
Jewison)
Zur Handlung: „Für die verwitwete, sehr attraktive Loretta [Cher],
Tochter einer italo-amerikanischen Familie in New York steht fest: Sie
wird eine Vernunftehe mit Johnny eingehen. Als dieser nach Sizilien
muss, um noch einmal seine todkranke Mutter zu besuchen, lernt
Loretta seinen Bruder Ronny [Nicolas Cage] kennen.“
Die Szene: Loretta und Ronny haben sich zu einem ersten abend-
lichen Treffen verabredet, einem Besuch der Metropolitan Opera. Auf
dem Spielplan: Puccinis La Bohème. Die Handlung rührt Loretta zu
Tränen und Ronny tastet zaghaft nach ihrer Hand. Der Beginn einer
Romanze, musikalisch begleitet von den Opernklängen auf der Büh-
ne. Was erzählt die Szene aus musikalischer Sicht? Zunächst einmal
knüpft die Szene an dem (Vor-) Urteil an, dass alle Italiener Opern
lieben. Der Opernbesuch trägt demnach zu einer dem Filmpublikum
plausiblen Charakterisierung der Italo-amerikanischen Protagonisten
bei, ebenso wie Pizza, Rotwein und temperamentvoll ausgetragene
Familienkonflikte. Ferner gilt Oper als besonders gefühlsintensive
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musikalische Gattung und rührt Loretta zu Tränen, vergleichbar der
Reaktion Vivians (Julia Roberts) in der Opernszene in Pretty Woman
(USA 1990). Lag der Grund für Vivians Gefühle in der Identifikation
des Callgirls mit dem tragischen Liebesschicksal der Kameliendame
in La Traviata, so fühlt Loretta offenbar mit der letztlich traurigen Lie-
besgeschichte von Mimì und Rodolfo im Milieu der Pariser Bohème
mit. So zumindest der nahe liegende Gedanke des Operkundigen,
während der Unkundige die leidenschaftliche Musik und ein romanti-
sches Bühnenbild als ausreichende Begründung für Lorettas Gefühl-
aufwallungen akzeptieren wird. Es gibt allerdings noch einen weiteren
Grund, warum die Filmproduzenten gerade diese Oper wählten. Die
populärste Nummer in La Bohème ist zweifellos Rodolfos Arie Wie
eiskalt ist dies Händchen (Che gelida manina), und wie der Film im
Fortgang zeigen wird, könnte Ronny dies auf sich selbst beziehen:
ihm wurde eine Hand amputiert. Ein etwas makabrer Gag für Einge-
weihte…
Wofür steht nun dieses Beispiel? Das in weiten Gesellschaftskrei-
sen mit negativen Konnotationen besetze Wort „Oper“ kann im Unter-
richt massive Reaktionen bei den Schülerinnen und Schülern hervor-
rufen, wie sie sich Pawlow nicht schöner hätte wünschen können: Das
Thema Oper rangiert bei Schülerumfragen seit Jahrzehnten ganz weit
am Ende der Beliebtheitsskala. Die Ankündigung im Unterricht, dass
das Thema Oper im Mittelpunkt der nächsten Musikstunden stehen
solle, könnte zu einer schlagartigen Eintrübung des Unterrichtsklimas
führen. Anders, wenn eine Filmszene angekündigt wird, die dann
quasi unbemerkt von den Schülern zum Thema Oper leitet. Ein-
gebettet in die Filmhandlung ergeben sich dann plötzlich Fragen, de-
ren Beantwortung unter der Perspektive des Films von Interesse wer-
den kann: Warum schickt der Regisseur sein potenzielles Liebespaar
in New York in die Oper und nicht in ein Musical? Warum wählt er
gerade diese Oper? Und dann noch der regelrechte Insiderwitz mit
der Arie…!
Sie merken: Durch den Film wird ein Kontext angesprochen, der
Oper möglicherweise näher an den Interessenhorizont der Schülerin-
nen und Schüler heranrückt. Eingebettet in einen medialen Rahmen
erhält eine von den Jugendlichen zunächst als uninteressant einge-
schätzte Musik ansprechendere Züge, wird zum Gegenstand des
Nachfragens. In die gleiche Richtung geht auch die Beobachtung,
dass „klassische Musik“, eingebettet in die Filmmusik eines attraktiven
Films, durchaus auch von solchen Zuschauern akzeptiert wird, die
sich keineswegs als Liebhaber derartiger Musik bezeichnen würden:
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Man denke etwa an den Verkaufserfolg der Soundtrack-Schallplatten
zum Mozart-Film Amadeus (USA 1984)…
Zugegeben, der Beispielfilm ist etwas betagt, aber analoge Fälle
können auch in aktuellen Filmerfolgen aufgespürt werden, in Werbe-
spots etc.
Filmbeispiel 2: Vom Winde verweht (Gone With The Wind, USA 1939,
Regie: Victor Fleming)
Als Hollywood 1927 das Zeitalter des Tonfilms eröffnete, ver-
schwand zunächst die Filmmusik weitestgehend. Sie kehrte erst mit
dem Film King Kong 1933 ins Kino zurück. Mit diesem Film gab der
Komponist Max Steiner Standards des Musikeinsatzes vor, die für
Jahrzehnte den Publikumsfilm dominierten. Er orientierte sich dabei
einerseits an der Stummfilmpraxis, vor allem aber auch am Musik-
drama Richard Wagners. Die wichtigsten Merkmale in Stichworten:
Leitmotive: Personen, aber auch Örtlichkeiten, Beziehungen und
andere Elemente der Handlung, werden mit charakteristischen
musikalischen „Etiketten“ versehen, die sich dem Handlungsver-
lauf folgend auch verändern können. Steiner war ein Meister die-
ser Technik und gestaltete z. T. seine Leitmotive derart raffiniert
aus, dass sie faktisch während des Filmbetrachtens vom Publi-
kum gar nicht angemessen „entschlüsselt“ werden können.
Underscoring: Die Musik wird großflächig unter dem Film ausge-
breitet, wobei für Dialoge und Geräusche entsprechend zurück-
genommen instrumentierte Partien komponiert werden oder
aber die Lautstärke bei der Mischung einfach heruntergeregelt
wird.
Mickey-mousing: Nach der Praxis der Disney-Cartoonfilme be-
zeichnet können Vorgänge auf der Leinwand lautmalerisch durch
die Musik verdoppelt werden, beispielsweise wenn das Herab-
schreiten einer Treppe durch absteigende Orchesterklänge unter-
legt wird.
Mood-music: Musik wird genutzt, um die Emotionen von Personen
hörbar und nacherlebbar zu machen.
Die Szene: Gerald O’Hara, Südstaatenfarmer mit irischen Wurzeln,
reitet in verwegenem Galopp über seine Ländereien und trifft auf sei-
ne Tochter Scarlett (Vivien Leigh). Im anschließenden Gespräch ent-
hüllt O’Hara seiner Tochter, dass Ashley, den Scarlett heimlich liebt,
heiraten wird. Den kaum zu unterdrückenden Gefühlsaufwallungen
seiner Tochter stellt der Vater den Wert des eigenen Landes entge-
gen, der Plantage Tara.
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Der vorgestellte kurze Filmausschnitt aus dem Anfang von Vom Win-
de verweht, ebenfalls mit Musik Max Steiners, lässt die vier typischen
Merkmale der Hollywood-Sinfonik unschwer erkennen. Die gesamte
Szene ist durchgängig mit Musik im Sinne des Underscoring unterlegt.
Besonders das populäre Leitmotiv für Tara wird eindrucksvoll in Sze-
ne gesetzt, wenn am Ende des Ausschnitts das Herrenhaus der Plan-
tage vor dem dramatisch gefärbten Abendhimmel gezeigt wird, aber
auch Gerald O’Hara und Scarlett erhielten eigene Leitmotive das
eine mit Anklängen an irische Musik, das andere ausgesprochen
zickig –, die sich aber in dieser Szene nicht so auffällig präsentieren
wie das Tara-Motiv.
Mickey-mousing ist auffällig eingesetzt, wenn der wilde Ritt von
O’Hara durch das Orchester begleitet wird und dieses sozusagen
jeden Sprung über Gatter und durch das Wasser musikalisch quittiert.
Und die Gefühlswallung Scarletts, als sie von der bevorstehenden
Hochzeit erfährt, spiegelt sich unmittelbar in der Musik wider.
So, wie der Musikunterricht beispielsweise die Stil- und Gattungs-
merkmale eines barocken Concerto grosso zum Thema macht und
damit vor allem die differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit der Schüler
unterstützt, stünde in diesem Beispiel eine zeitgebundene musikäs-
thetische Praxis im Mittelpunkt, die hier nun in einem spezifischen
medialen Kontext zu sehen ist: die Hollywood-Sinfonik. Und diese
Praxis ist ja heute keineswegs vollkommen verschwunden. Ganz im
Gegenteil: In großen Filmproduktionen von Harry Potter bis zu Peter
Jacksons King Kong lebt diese Praxis modifiziert weiter.
Filmbeispiel 3: Big Jake (USA 1971, Regie: George Sherman)
Ein letztes Beispiel stellt die Beeinflussbarkeit der Wahrnehmung
durch Musik in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit. Ich möchte dabei
nicht den Kritikern das Wort reden, die Filmmusik als ausschließlich
manipulativen Bestandteil des Films sehen wollen. Dann müsste man
schließlich auch über praktisch alle Opernkomponisten den Stab bre-
chen, denken Sie beispielsweise an die hochdramatische und düstere
Wolfsschluchtszene im Freischütz.
Filmmusik ist vielmehr im Sinne der kognitiven Filmrezeptionsthe-
orien als ein Bereich anzusehen, der uns als Zuschauern und nota
bene Zuhörern hilft, den Film „zu lesen“, um eine sehr treffende
Wortwahl von James Monaco zu verwenden. Man könnte auch sagen,
die Musik kann uns Hinweise geben, wie wir die Filmbilder interpretie-
ren sollen. Das können Sie nun selbst nachvollziehen, wenn Sie sich
bei der folgenden Szene fragen, wie es weitergeht, wenn die Reiter
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die Ranch erreicht haben werden. Vier Versionen biete ich Ihnen an
mit jeweils unterschiedlicher Musik bei gleich bleibender Bildspur...
Die Szene stammt aus dem Filmanfang: Eine Gruppe von Reitern
nähert sich einer Ranch.
Solche Experimente lassen sich auch mit Schülern gestalten. Sie
sensibilisieren für Fragen der musikalischen Wahrnehmung, die weit
über den filmmusikalischen Kontext hinaus weisen: Wie offen ist Mu-
sik für Deutungen hinsichtlich Stimmungsgehalt etc.? In welchem
Verhältnis stehen die Wahrnehmungsvorgänge von Auge und Ohr?
Mit den drei filmischen Beispielen wollte ich auf folgende Aspekte
hinweisen:
1. Durch zeitgemäße mediale Einbindungen historischer Musik kön-
nen Themen des Musikunterrichts für die Schülerinnen und Schü-
ler Relevanz erhalten, wie ich dies am Beispiel „Oper“ versucht
habe zu zeigen.
2. Medienspezifische musikalische Erscheinungsformen können
selbst zum Thema des Musikunterrichts werden, worin sich auch
das grundsätzliche Verhältnis zwischen Musik bzw. Musikleben
und Medien(entwicklung) spiegelt.
3. Eingebettet in mediale Kontexte kann auch die Wirkung von Musik
selbst zum Gegenstand im Unterricht werden, immerhin eine Fra-
ge, die die Menschheit seit der „Erfindung“ der Musik beschäftigt.
Und damit wird nun doch noch ein historischer Bogen geschlagen,
der größer nicht sein könnte.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
Impressum
Herausgeber:
Institut für Erziehungswissenschaft der Fakultät für Kulturwissenschaf-
ten der Universität Paderborn
Prof. Dr. Bardo Herzig (Institutssprecher)
Redaktion:
Dr. Annegret Helen Hilligus (PLAZ)
Erika Wienhusen (Institut für Erziehungswissenschaft)