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[en] (orig)
2023
HERAUSGEGEBEN VON
LARS JENßEN
DANIEL TÖPPER
NIELS UHLENDORF
INTER
DISZIPLINÄRE
BEITRÄGE
ZUR
BILDUNGS
FORSCHUNG
Lars Jenßen | Daniel Töpper | Niels Uhlendorf (Hrsg.)
Interdisziplinäre Beiträge zur Bildungsforschung 2023
Die Schriftenreihe Bildung interdisziplinär wird herausgegeben von:
Dr. Tanja Mayer Humboldt-Universität zu Berlin
Systematische Didaktik und Empirische Schul-
und Unterrichtsforschung
tanja.mayer@hu-berlin.de
Dr. Lars Jenßen Humboldt-Universität zu Berlin
Mathematik der Primarstufe & Erziehungs-
wissenschaftliche Methodenlehre
lars.jenssen@hu-berlin.de
Daniel Töpper Humboldt-Universität zu Berlin
Historische Bildungsforschung
daniel.toepper@hu-berlin.de
Dr. Niels Uhlendorf Humboldt-Universität zu Berlin
Allgemeine Grundschulpädagogik
uhlendon@hu-berlin.de
Bildung interdisziplinär | Band 1
Interdisziplinäre Beiträge zur Bildungsforschung 2023
IZBF-Nachwuchstag Berlin, 28.09.2021
Herausgeber*innen:
Lars Jenßen
Daniel Töpper
Niels Uhlendorf
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutsche
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de/ abrufbar.
Berlin Universities Publishing, 2023
https://berlin-universities-publishing.de
Berlin Universities Publishing (BerlinUP) ist der Open-Access-Verlag der Freien
Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität
Berlin und der Charité − Universitätsmedizin Berlin im Zusammenschluss der Berlin
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Schwerpunkte der Berliner Forschungslandschaft.
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Diese Veröffentlichung ist unter der Creative Commons Lizenz CC BY 4.0 lizenziert.
Dies gilt nicht für anderweitig gekennzeichnete Inhalte.
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Satz/Layout: Fanny Isensee, Tanja Mayer, Niels Uhlendorf, Daniel Pastenaci
ORCID iD Daniel Töpper:
https://orcid.org/0000-0003-0187-3893
ORCID iD Niels Uhlendorf:
https://orcid.org/0000-0003-1371-4750
ORCID iD Lars Jenßen:
https://orcid.org/0000-0001-9046-1537
ISBN 978-3-98781-003-9 (online)
ISSN 2940-3049 (online)
Online veröffentlicht auf dem institutionellen Repositorium der
Technischen Universität Berlin:
DOI 10.14279/depositonce-16771
https://doi.org/10.14279/depositonce-16771
Inhaltsverzeichnis
Lars Jenßen, Daniel Töpper und Niels Uhlendorf
Editorial
Freya Müller
Die Entwicklung einer Bildungsdokumentation für die Erfassung
naturwissenschaftlicher Potenziale im Übergang von der Kita in die Grundschule
Isabel Wullschleger
Mit der Gitarre „zur Welt sein“: Über das Einüben und Ausgestalten in einer körperlich-
praktischen Tätigkeit
Christin Laschke, Bettina Rösken-Winter und Lars Jenßen
Die dimensionale Struktur diagnostischer Urteilskriterien
Franziska Sophie Proskawetz
Auswahlkriterien von Lehrer*innen Welche Rolle spielt Anstrengungsbereitschaft
von Schüler*innen bei der Stipendienempfehlung durch Lehrer*innen?
Lars Jenßen, Frederik Grave-Gierlinger, Steven Beyer und Katja Eilerts
Erforschung von affektiv-motivationalen Facetten professioneller Kompetenz mittels
Design-Based Research: Projektbeispiele aus der Lehrkräftebildung im Bereich
Mathematik
Mirjam Christ, Martin Fritzenwanker, Sarah Hauswald und Annemarie Marx
Denn wir wissen nicht, was sie tun ein Forschungsprojekt zur Identifikation
beruflicher Kernaufgaben ausgewählter personenbezogener Berufe
Tanja Mayer und Thomas Koinzer
Sind Privatschulen die besseren Schulen? Über Forschungsdesiderate und (bislang)
verpasste Datenerhebungen
Corinna Lautenbach und Lars Jenßen
Does Parents’ Education Make a Difference? Comparing Psychological Resources of
First- and Second-Generation Students in German Higher Education
Fanny Isensee und Daniel Töpper
“Fusion Models” in the Making Academic and Writing Support for PhD Students in the
Humanities in US-American and German Universities
Or: Why we might need some more fast food in the university system
Daniel Töpper, Lars Jenßen und Niels Uhlendorf
Interdisziplinäre Peer-Beratung als Beitrag zur Nachwuchsförderung? Konzept,
Erfahrungen und Weiterentwicklungspotential
1
Lars Jenßen, Daniel Töpper & Niels Uhlendorf
Editorial
In diesem Band werden verschiedene Forschungsbeiträge der Teilnehmer:innen des
Nachwuchstags 2021 des Interdisziplinären Zentrums für Bildungsforschung (IZBF) an
der Humboldt-Universität zu Berlin präsentiert. Das IZBF versteht sich als Zentrum, das
interdisziplinäre Fragen der Bildungsforschung bearbeitet, diskutiert und präsentiert.
Hierfür kooperieren Wissenschaftler:innen u. a. aus geistes-, sozial- und naturwissen-
schaftlicher Disziplinen. Ein zentraler Anker ist hierbei die Unterstützung und
Förderung von Wissenschaftler:innen in Qualifizierungsphasen. Neben einer Summer
School, einer Schreibwoche, einer Peer-Beratung (siehe Töpper et al. in diesem Band)
und Stammtisch-Abenden stellt der Nachwuchstag mitsamt der Veröffentlichung
eine Säule der Förderung von Nachwuchswissenschaftler:innen dar.
Im Rahmen des Nachwuchstages 2021 wurden zahlreiche innovative Ansätze der
Bildungsforschung von Wissenschaftler:innen in Qualifizierungsphasen präsentiert
und führten zu anregenden Diskussionen über die jeweiligen Fachdisziplinen hinweg.
Dabei war es explizit auch möglich, erste Projektskizzen und Forschungsvorhaben
vorzustellen, systematische Forschungsstände darzustellen und/oder methodologische
Innovationen zu reflektieren. Nach den Diskussionen waren alle Teilnehmer:innen der
Tagung neben Vortragenden auch Chairs und Workshopleiter:innen eingeladen,
ihre Beiträge für den Sammelband einzureichen, um Diskussionspunkte der Tagung
einzuarbeiten und die eigenen Herangehensweisen und Ergebnisse einer breiteren
Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Neben Artikeln zu unterschiedlichen Feldern der
Bildungsforschung werden im Band Fragestellungen und Formate diskutiert, die u. E.
für Wissenschaftler:innen in Qualifizierungsphasen relevant sind, etwa zum
wissenschaftlichen Schreiben oder zu Beratungsformen unter Peers.
Der Sammelband knüpft in der Struktur zum Teil an die von Jurik Stiller und Christin
Laschke initiierte Reihe Berlin-Brandenburger Beiträge zur Bildungsforschung(mit
den Bänden 2015, 2017, 2020, 2022) an, setzt jedoch bewusst auch neue Akzente bspw.
durch die große Breite an Beitragsformaten. Zudem legt er nicht nur einen Grundstein
für einen regelmäßig erscheinenden Tagungsband zum Nachwuchstag, sondern er stellt
auch die erste Veröffentlichung innerhalb der IZBF-Reihe Interdisziplinäre Beiträge
zur Bildungsforschung dar. Mit der Reihe soll Raum für die zahlreichen empirischen
wie theoretischen Auseinandersetzungen zur Bildungsforschung aus interdisziplinärer
Perspektive gegeben werden, der von Promovierenden, Postdoktorand:innen wie
auch Professor:innen des IZBF (mit-)gestaltet werden kann. Dadurch soll zunftig
2
eine möglichst große methodologische und inhaltliche Bandbreite innerhalb der
bildungswissenschaftlichen Disziplinen abgedeckt werden.
Zu der u. E. hohen Qualität der hier veröffentlichten Beiträge hat ein umfangreiches
zweistufiges Peer-Review-Verfahren beigetragen, das jeder der veröffentlichten
Artikel durchlaufen hat. In einer ersten Runde des Verfahrens wurden die Texte
einer detaillierten Prüfung und Einschätzung entlang eines vorgegebenen
Bewertungsbogens unterzogen, in einer zweiten Runde wurden die daraufhin
vorgenommenen Veränderungen geprüft und eine Empfehlung zur Annahme oder
Ablehnung ausgesprochen. Jeder Text wurde von zwei Personen unabhängig
begutachtet. Neben den Autor:innen möchten wir den Reviewer:innen daher an
dieser Stelle noch einmal herzlich für Ihre wichtige Arbeit danken: Simone Dunekacke,
Julian Hamann, Fanny Isensee, Lars Jenßen, Christin Laschke, Corinna Lautenbach,
Malte Lehmann, Irene Leser, Annemarie Luise Marx, Tanja Mayer, Anja Omolo,
Franziska Proskawetz, Nathalie Rzepka, Constanze Saunders, Niels Uhlendorf, Jan
Uredat, Josefine Wähler, Matthias Ziegler, Maria Zimmermann und Nicky Zunker.
Wir bedanken uns bei allen Beteiligten für die erfolgreiche Durchhrung des
Nachwuchstages 2021 des IZBFs und die Erstellung des ersten Bandes der Reihe
Interdisziplinäre Beiträge zur Bildungsforschung. Wir bedanken uns außerdem bei
Daniel Pastenaci, ohne dessen unermüdliche Unterstützung der Band nicht zustande
gekommen wäre.
Lars Jenßen, Daniel Töpper und Niels Uhlendorf
Autor:innen
Lars Jenßen, Dr., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung
Mathematik und ihre Didaktik in der Primarstufe, E-Mail: lars.jenssen@hu-berlin.de,
Forschungsschwerpunkte: Frühe mathematische Bildung, Professionelle Kompetenz im Bereich
Mathematik, Leistungsemotionen in Mathematik, v. a. Freude, Angst, Scham und Stolz.
Daniel Töpper, M. A., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Historische
Bildungsforschung, https://orcid.org/0000-0003-0187-3893, E-Mail: daniel.toepper@hu-berlin.de,
Forschungsschwerpunkte: Preußische Schulgeschichte, Medien sexueller Bildung und Erziehung,
Wissensgeschichte der Schulverwaltung.
Niels Uhlendorf, Dr., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung
Allgemeine Grundschulpädagogik, E-Mail: uhlendon@hu-berlin.de, Forschungsschwerpunkte:
Differenzverhältnisse, Diskriminierung und Intersektionalität, Grundschule in der Migrationsgesellschaft,
Multiprofessionelle Kooperationen und Schulsozialarbeit sowie Umgang mit Scham und Beschämung in
der Grundschule.
3
Freya Müller
Die Entwicklung einer Bildungsdokumentation für die Erfassung
naturwissenschaftlicher Potenziale im Übergang von der Kita in die Grundschule
Zusammenfassung: Bereits im Elementarbereich sollen naturwissenschaftliche Begabungspotenziale
durch pädagogische Fachkräfte erkannt werden. Gleichzeitig fehlt es an geeigneten Instrumenten, um
diese in Bildungseinrichtungen beobachten zu können. In diesem Artikel wird ein Forschungsvorhaben
vorgestellt, welches das frühe Erkennen naturwissenschaftlicher Begabungspotenziale im Übergang
von der Kita in die Grundschule fokussiert. Das durch einen Design-Based Research (DBR) realisierte
qualitative Forschungsvorhaben teilt sich in drei Teilstudien auf, wobei erste Ergebnisse aus Teilstudie 1
berichtet werden. Schwerpunkt in der Teilstudie 1 lag auf einer Bedarfsanalyse hinsichtlich der
Übergangsgestaltung zwischen den teilnehmenden Einrichtungen des Projekts, der genutzten
Bildungsdokumentation sowie der Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale. Durch die Erfassung
der Ausgangslage im Rahmen der Teilstudie 1 konnten erste Gelingensbedingungen hinsichtlich der
Konzipierung eines solchen Instruments (NawiKids) ausgemacht werden. Die leitfadengestützten
Interviews mit den pädagogischen Fach- und Lehrkräften lieferten zudem wichtige Hinweise hinsichtlich
der praktischen Übergangsgestaltung und Dokumentation naturwissenschaftlicher Potenziale. Im Rahmen
der Teilstudie 1 wurde überdies ein erster Prototyp der Bildungsdokumentation (NawiKids) zur
Potenzialerkennung entwickelt. Die Ergebnisse der Teilstudie 1 werden abschließend hinsichtlich der
Relevanz für das Forschungsvorhaben, der Entwicklung einer Bildungsdokumentation, eingeordnet.
Schlüsselwörter: frühe naturwissenschaftliche Begabungspotenziale, Übergangsprozess, prozessorientierte
Bildungsdokumentation, DBR (Design-Based Research)
Abstract: Already at the elementary level, scientific talent potentials should be recognized by educational
professionals. At the same time, there is a lack of suitable instruments for observing these potentials
in educational institutions. In this article, a research project is presented that focuses on the early
recognition of scientific talent potential in the transition from daycare to elementary school. The
qualitative research project, implemented through a design-based research (DBR) approach, is divided
into three sub-studies, with initial findings from sub-study 1 reported. The focus in sub-study 1 was on a
needs analysis with regard to the transition design between the participating institutions of the project,
the educational documentation used, and the recording of scientific potential. By recording the initial
situation in the context of sub-study 1, it was possible to identify the first conditions for success with
regard to the conception of such an instrument (NawiKids). The guideline-based interviews with the
pedagogical specialists and teachers also provided important information regarding the practical design
of the transition and the documentation of scientific potential. In addition, a first prototype of educational
documentation (NawiKids) for identifying potential was developed in the context of sub-study 1. Finally,
the results of sub-study 1 are classified with regard to their relevance for the research project, the
development of an educational documentation.
Keywords: early scientific aptitude potentials, transition process, process-oriented educational
documentation, DBR (Design-Based Research)
1. Problemstellung
Die KMK (2009, S. 2) fordert dazu auf, „[…] das frühzeitige Interesse an naturwissen-
schaftlich-technischer Bildung sowie entsprechende Begabungen frühzeitig zu wecken
und kontinuierlich zu fördern.“ Dieses bildungspolitische Ziel ist nicht zuletzt darin
begründet, dass bundesweit seit langem ein MINT-Fachkräftemangel festzustellen ist
(acatech, Körber-Stiftung, 2021; BMBF, 2019). Schäfers und Wegner (2020, S. 7172)
4
schlussfolgern aufgrund von Ergebnissen zu Enrichment-Studien1, dass sich „[…] die
frühzeitige Diagnose einer naturwissenschaftlichen Begabung und eine sich
anschließende, der Begabung entsprechenden Förderung positiv auf das Interesse
und das naturwissenschaftliche Selbstkonzept auswirken, dies die Wahl eines Berufes
im MINT-Bereich begünstigt und nachhaltig eine Reduzierung der offenen MINT-Stellen
erreicht werden kann.
Die Bedeutung einer frühen Förderung von Begabungen allgemein wird auch in Hinblick
auf das Individuum und die Persönlichkeitsentwicklung als hoch eingeschätzt und unter
anderem durch die UN Kinderrechtskonvention (BMFSFJ, 2018, S. 22) bekräftigt, die
besagt, dass „[…] Bildungsziele, Bildungseinrichtungen […] die Persönlichkeit, die
Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung
[…]“ bringen sollen.
Überdies greifen auch Bildungspläne bundesweit den Begabungsbegriff auf und verwei-
sen dabei auf den pädagogischen Dokumentationsprozess mit dem Ziel, frühestmöglich
Begabungen zu erkennen. So heißt es beispielsweise im Berliner Bildungsprogramm:
„Die Beobachtung und Dokumentation der kindlichen Bildungsverläufe sind Grundlage
für die Gestaltung aller weiteren Bildungs- und Erziehungsaufgaben. Sie orientieren sich
an den Zielen für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes, damit evtl. besondere
Begabungen oder Beeinträchtigungen frühzeitig erkannt und entsprechende
Unterstützungen für einzelne Kinder geplant werden können.(Senatsverwaltung für
Bildung, Jugend und Wissenschaft, 2014, S. 10). Auch andere Bildungspläne verweisen
auf die Erfassung und Dokumentation von besonderen Begabungen im pädagogischen
Alltag (z.B. Hamburg und Bayern; (BASFI, 2012; Fthenakis, 2012)). Kritisch zu
bemerken ist dabei jedoch, dass eine klare Definition des Begabungsbegriffs hier meist
fehlt (Müller et al., 2021). Wie im Elementarbereich und im Übergang zur Grundschule
naturwissenschaftliche Begabungspotenziale erkannt werden sollen, bleibt aufgrund der
Unbestimmtheit damit weitgehend offen.
Es fehlt zudem an empirischen Untersuchungen hinsichtlich dem Erfassen naturwissen-
schaftlicher Potenziale im Elementarbereich (Mehrtens et al., 2021; Müller et al., 2021).
Demgegenüber konnten Studien aus dem mathematischem Bereich bereits zeigen, dass
sich Begabungspotenziale schon früh beobachten lassen (Fuchs, 2006, 2019; Makl-
Freund et al., 2019). Auf dieser Grundlage wurden Modelle zur Begabungsentwicklung
konzipiert bzw. weiterentwickelt, bei denen auch motivationale Komponenten wie
Interesse und Neugier als Teilaspekte einbezogen werden (Fuchs, 2019; Käpnick, 2008;
Makl-Freund et al., 2019). Im Bereich der Naturwissenschaften konnten zumindest
1 Enrichment stellt eine Form der Begabungsförderung dar, bei der „[…] eine Anreicherung (Ergänzung,
Vertiefung) des üblichen Schulstoffs, ohne dem Stoff späterer Schuljahre vorzugreifen“ (Käpnick und
Benölken, 2020, S. 220) stattfindet.
5
ausgeprägte Interessen an naturwissenschaftlichen Sachverhalten bei Kindern im
Elementarbereich belegt werden (Brandtner & Hertel, 2018; Nölke et al., 2013). Somit
kann angenommen werden, dass Begabungsmodelle aus dem vorschulisch-
mathematischem Bereich Hinweise zur Beschreibung von naturwissenschaftlichen
Potenzialen geben können.
Dieser Beitrag beschreibt ein Forschungsvorhaben, welches sich diesem Desiderat
widmet und das prozessorientierte Erkennen naturwissenschaftlicher Potenziale im
Übergangsprozess von der Kita in die Grundschule fokussiert. Dafür wird zunächst die
theoretische Grundlage zur anschlussfähigen Übergangsgestaltung und Beschreibung
naturwissenschaftlicher Potenziale dargelegt. Für ein übergeordnetes Verständnis des
im Rahmen von LemaS2 realisiertem Forschungsvorhabens wird anschließend
überblicksartig auf das globale Design und die Methode eingegangen. Anschließend
findet eine detaillierte Beschreibung der abgeschlossenen Teilstudie 1 statt. Aus dieser
werden erste Ergebnisse leitfadengestützter Interviews zur Erfassung der
Bedarfsanalyse hinsichtlich aktuell gestalteter Übergänge sowie der Dokumentation
naturwissenschaftlicher Potenziale präsentiert und ihre Bedeutung für das
Forschungsvorhaben herausgestellt.
2. Anschlussfähige Übergangsgestaltung zwischen Kindertageseinrichtung und
Grundschule und der naturwissenschaftliche Bildungsbereich
Ein bedeutender Übergang in der Bildungsbiographie eines Kindes stellt der Wechsel
von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule dar (Bellenberg & Forell, 2013).
Dieser Übergang, der auch als Transition bezeichnet wird, eröffnet den Weg in das
Schulsystem und ist verbunden mit einer Vielzahl an neuen Anforderungen (Griebel &
Niesel, 2004). Nach dem Transitionsmodell von Griebel und Niesel (2004) steht das Kind
vor einer zu bewältigenden Entwicklungsaufgabe, die auf mehreren Ebenen erfolgt.
Neben der Bewältigung von Emotionen auf individueller Ebene ist das Kind auch mit der
Aufnahme neuer Beziehungen auf interaktionaler Ebene konfrontiert. Gleichwohl
fordern veränderte Rahmenbedingungen der neuen Institution Schule auf kontextueller
Ebene eine erhöhte Anpassungsleistung (Griebel & Niesel, 2011; Sauerhering &
Solzbacher, 2013). Transitionen werden als ko-konstruktive Prozesse verstanden, in
denen nicht nur das Kind, sondern auch Eltern und das pädagogische Personal
mitgestalten. Kindertageseinrichtungen und Schulen nehmen in diesem Geschehen
insbesondere eine begleitende und unterstützende Funktion ein, um einen gelingenden
2 Das Teilprojekt 3 DiaMINT an der Freien Universität Berlin vonLemaS Leistung macht Schule‘ wird
durch Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) unter dem Förderkennzeichen
01JW1801B gefördert.
6
Transitionsprozess zu ermöglichen (Griebel & Sassu, 2013). Folglich legt das
Transitionsmodell einen besonderen Schwerpunkt darauf, alle beteiligten Akteure in
den Übergangsprozess einzubeziehen und dadurch ein prozesshaftes Geschehen zu
verdeutlichen (Griebel & Niesel 2004). Zusätzlich betrachtet Faust (2008, S. 225)
Übergänge an bildungsinstitutionellen Schnittstellen als neuralgische Phasen, die sich
durch Diskontinuitäten hervorheben und demzufolge eine stabile Kooperation beider
Institutionen erfordern. Nach Sauerhering und Solzbacher (2013) sollte der Übergang
weniger als Bruch, sondern eher als Brücke zwischen beiden Institutionen begriffen
werden. Für eine erfolgreiche Übergangsgestaltung wird als notwendig angesehen, dass
pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte in einen fachlichen Austausch gehen und in
ihren Rollen als Moderator:innen im Prozess wirksam werden (Griebel & Niesel 2004).
Der Transitionsansatz verdeutlicht damit die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit
beider Bildungseinrichtungen und berücksichtigt die unterstützenden und
professionsbezogenen Funktionen pädagogischer Fach- und Lehrkräfte (Hanke et al.,
2013; Wörz, 2004).
Auch auf bildungspolitischer Ebene besteht die Forderung nach einer engen
Kooperation zwischen Bildungseinrichtungen, um eine ganzheitliche Förderung
individueller Lern- und Entwicklungsprozesse in der kindlichen Bildungsbiographie zu
gewährleisten (JMK & KMK, 2004; Müller, 2014; Nagel, 2009). In Hinblick auf die
gewünschte Anschlussfähigkeit in den Bildungsbereichen kann hierfür die
Bildungsdokumentation als bedeutsame Komponente im Übergangsprozess betrachtet
werden (Roßbach & Spieß, 2019). Empirische Studien stützen diese Perspektive und
ermitteln, dass die Weitergabe von Bildungsdokumentationen zu einem gelingenden
Übergangsprozess beitragen kann (Ahtola et al., 2011; Hanke et al., 2013; LoCasale-
Crouch et al., 2008). Bildungsdokumentationen könnten also demgemäß auch
hinsichtlich der Förderung früher naturwissenschaftlicher Potenziale eine
Schlüsselfunktion im Übergang von der Kita in die Grundschule übernehmen.
Obwohl der naturwissenschaftliche Bildungsbereich einen bedeutsamen Schwerpunkt
in der Kindheitspädagogik einnimmt, mangelt es derzeit noch an geeigneten Dokumen-
tationsinstrumenten (Müller et al., 2021; Steffensky, 2017). Bildungsdokumentations-
Instrumente beziehen sich aktuell im Wesentlichen auf die Sprachförderung oder den
mathematischen Bereich (Geiling et al., 2015; Lingenauber & Niebelschütz, 2010).
Auch hinsichtlich der Erfassung von Begabungspotenzialen bei Kindern in
Bildungsübergängen lässt sich eine mathematische Schwerpunktsetzung feststellen
(Bugzel, 2017; Fuchs, 2018; Heißenberger et al., 2017; Makl-Freund et al., 2019).
Um der bildungspolitischen Forderung nach früher naturwissenschaftlicher
Begabungsförderung in pädagogischen Kontexten nachzukommen, bedarf es folglich an
7
geeigneten Diagnoseinstrumenten. Im Rahmen des Projekts LemaS-DiaMINT wird eine
Bildungsdokumentation entwickelt, die durch prozessorientierte Beobachtungen
naturwissenschaftliche Potenziale erfassen soll. Hierfür werden im Folgenden das
ebenfalls im Rahmen des Projekts entwickelte grundlegende Modell sowie
theoriebasierte Indikatoren zur Beschreibung früher Potenziale vorgestellt.
3. Theoretische Grundlagen zum Modell naturwissenschaftlicher (Leistungs-)
Potenziale
Geht es darum, frühe Begabungs- bzw. (Leistungs-)Potenziale in Bildungseinrichtungen
erfassbar zu machen, kann angenommen werden, dass es ein inklusives und
pädagogisches Begabungsverständnis braucht (Fraundorfer, 2019; Weigand, 2011).
Gegenüber einer Perspektive auf Begabung, die durch Feststellungsverfahren mithilfe
psychologischer Diagnostik einen Fokus auf Intelligenz setzt, bezieht sich die
pädagogische Sichtweise auf die Entwicklungspotenziale des Kindes (Fraundorfer, 2019;
Rohrmann & Rohrmann, 2017; Stöger et al., 2008). Danach werden die kindlichen
Kompetenzen, damit verbundene Potenziale sowie selbstbildnerische Lernprozesse in
den Blickpunkt gerückt (Gabriele Weigand, 2011). Vermieden wird hierbei eine
Kategorisierung von Hochbegabung über normale Begabung hinzu Minderbegabung.
Das pädagogische Begabungsverständnis nimmt aufgrund der inklusiven
Herangehensweise in jedem Kind eine Begabung an (Fränkel & Kiso, 2021; Weigand,
2011). Nach Fraundorfer (2019) bedarf es demzufolge komplexer Anregungsprozesse in
kognitiven, künstlerisch-kreativen, psychomotorischen und sozialen Bildungs- und
Lernbereichen, die eine Entfaltung domänenspezifischer Begabungspotenziale zulassen.
Nach dem Modell zur Beschreibung naturwissenschaftlicher (Leistungs-)Potenziale von
Köster et al. (im Druck) wird das Phänomen Begabung als ein multidimensionaler und
dynamischer Prozess verstanden. Das bedeutet, dass Begabung als kein statisches
Konstrukt, sondern in Wechselwirkung mit der Umwelt (dynamisch) und durch
Förderung und Anregung (multidimensional) in einem stetigen Entwicklungsprozess
stehend, betrachtet wird (Reintjes et al., 2019). Dabei wirken persönliche
(intrapersonale Katalysatoren) und umweltbezogene (interpersonale Katalysatoren)
Einflüsse auf die domänenspezifische Begabungsentwicklung ein (Fischer, 2015; Fuchs,
2006; F. Käpnick, 2014). Dieses theoretische Modell baut auf dem empirischen Modell
zur mathematischen Begabungsentwicklung Käpnick und Fuchs (2014) auf. Analog zu
Käpnick und Fuchs (2014) werden in dem Modell nach Köster et al. (im Druck)
(überdurchschnittliche) Kompetenzen zentralisiert und als Potenzialgrundlage
betrachtet. Nach Käpnick (2014) wird die Entwicklung von Leistungspotenzialen hin zu
8
Begabung durch hemmende, typpgende3 oder förderliche Einflüsse von intra- (z.B.
kognitive Grundkompetenzen) und interpersonalen (z.B. anregende Lernumwelt)
Katalysatoren bestimmt. Nach dieser Annahme benötigen frühe Potenziale günstige und
förderliche Bedingungen, um sich in Form von Leistungen zu zeigen. Zudem sollte nach
Benölken und Veber (2021, S. 54) eine „Potenzialfokussierung stattfinden, damit sich
eine Begabung entwickeln kann. Weiterhin betonen sie, dass sich frühe Potenziale nicht
immer in Leistung und damit in Begabung umsetzen lassen müssen (ebd.). Erst das
Einwirken förderlicher inter- und intrapersonaler Katalysatoren auf frühe Potenziale
und damit umgesetzter Leistung kann sich im Laufe der kindlichen Bildungsbiographie
zu einer Begabung entwickeln (Mehrtens et al., 2021). Nach dem empirischen Modell
von Käpnick (2014) wird in begabungsstützende Persönlichkeitseigenschaften und
mathematisch bedeutungsvollen Fähigkeiten unterschieden. Diese Einteilung wurde
auch in dem theoretischen Modell nach Köster et al. (im Druck) berücksichtigt (Höner,
2015).
Auf dieser theoretischen Grundlage nehmen Mehrtens et al. (2021, S. 6667) an, dass
(Leistungs-)Potenziale als vorhandene domänenspezifische Kompetenzen eines Kindes
zu einem bestimmten Zeitpunkt zu verstehen sind, die sich aufgrund der gezeigten
Leistung (Performanz) rekonstruieren lassen. Durch den Einfluss von intra- und
interpersonalen Faktoren kann die (Weiter-)Entwicklung der (Leistungs-)Potenziale
gefördert oder gehemmt werden. Bei einer optimalen Förderung der (Leistungs-)
Potenziale können diese sich in überdurchschnittliche Leistung zeigen, die von der
Gesellschaft als Begabungen wahrgenommen werden. Begabung wird folglich nicht als
eine im Menschen vorhandene Anlage, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt
aufgrund gezeigter außerordentlicher Leistung, die durch die (Weiter-)Entwicklung von
(Leistungs-)Potenzialen möglich wurde, verstanden (Müller et al., 2021).
3 Unter typprägend wird nach Käpnick (2014) die Ausprägung unterschiedlicher Begabungstypen
hinsichtlich der gezeigten Leistungen und der Anwendung unterschiedlicher Denk- und Arbeitsweisen
verstanden (Fuchs ,2006; Sjuts, 2017; Sumida, 2010).
9
Abbildung 1. Theoretisches Modell zur Beschreibung naturwissenschaftlicher (Leistungs-)Potenziale in Kita
und Grundschule (Köster et al., im Druck).
4. Theoretische Beschreibung früher naturwissenschaftlicher (Leistungs-)
Potenziale im Übergangsprozess
In Rückgriff auf das Verständnis früher naturwissenschaftlicher (Leistungs-)Potenziale
von Mehrtens et al. (2021) wird zur Operationalisierung dieser der Kompetenzbegriff
herangezogen. Das scientific literacy Bildungskonzept bildet dabei eine inhaltliche
Rahmung naturwissenschaftlicher Kompetenz, welche sich in Teilbereiche untergliedert
(Bybee et al., 2009; Fthenakis et al., 2009). In Anlehnung an dieses Bildungskonzept und
dem naturwissenschaftlichen Kompetenzverständnis nach Anders et al. (2013),
Carstensen et al. (2011) und Steffensky et al. (2018) wird eine Kompetenzunterteilung
in naturwissenschaftliches Wissen, Wissen über Naturwissenschaften sowie affektive
Aspekte vollzogen.
Davon ausgehend beschreibt das Wissen über Naturwissenschaften die Anwendung
basaler Denk- und Arbeitsweisen (z.B. Beobachten, Fragen stellen). Das
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naturwissenschaftliche Wissen meint ein Grundverständnis naturwissenschaftlicher
Konzepte (z.B. Schwimmen/Sinken, Licht/Schatten). Zuletzt werden affektive Aspekte
zumeist über motivationale Faktoren, wie das Interesse oder die Freude und Neugier bei
naturwissenschaftlicher Beschäftigung erfasst (z.B. Bybee et al., 2009; Nölke, 2013;
Pauen, 2013; Steffensky, 2017).
Das oben aufgeführte Modell erfasst die genannten Kompetenz-Komponenten und
beschreibt zudem begabungsstützende Persönlichkeitseigenschaften ( Käpnick, 2014).
Die Merkmale naturwissenschaftlicher Potenziale stellen zudem eine theoretische
Herleitung aus Arbeiten der naturwissenschaftlich-mathematischen Fachdidaktiken für
höhere Klassenstufen und der weiterführenden Schule sowie aus der frühkindlichen
mathematischen Begabungsforschung dar (z.B. Abels & Brauns, 2021; Fuchs, 2019;
Müller et al., 2021). Diese theoretische Orientierung zur Merkmalsableitung ist darin
begründet, dass es noch kein vergleichbares Modell zur Beschreibung
naturwissenschaftlicher Begabungsentwicklung für das Kita- und Grundschulalter gibt
(Mehrtens et al., 2021). Demnach bilden die angeführten Indikatoren einen
Zusammenschluss aus der frühkindlichen mathematischen Begabungsbeschreibung von
Fuchs (2019), aus dem schulischem Kontext naturwissenschaftlicher Begabung von
beispielsweise Wegner (2014), Taber (2007), Harrison (2004) und Höner (2015) sowie
aus der Erfassung naturwissenschaftlicher Kompetenz des Elementarbereichs von u.a.
Fthenakis et al. (2009), Steffensky (2017) und Nölke (2013) ab4.
Für die Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale im Übergangsprozess werden
diese theoriebasierten Indikatoren genutzt und lassen sich folgendermaßen grob
einteilen: (Mehrtens et al., 2021; Müller et al., 2021; Köster et al., im Druck).
4 Zur detaillierten Beschreibung zur Herleitung der einzelnen Indikatoren aus dem Modell siehe Müller et
al. (2021) und Mehrtens et al. (2021).
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Abbildung 2. Komponenten naturwissenschaftlicher (Leistungs-)Potenziale (eigene Darstellung).
Auf Grundlage der hier vorgestellten theoretischen Grundlage lassen sich Übergänge als
einen mehrperspektivischen Prozess verstehen, in dem pädagogische Fach- und
Lehrkräfte eine moderierende Funktion einnehmen. Mithilfe des theoriebasierten
Modells nach Mehrtens et al. (2021) wurde ein erster Ansatz zum Beschreiben und
Erfassen früher naturwissenschaftlicher Potenziale im Übergangsprozess bereitgestellt.
Die Indikatoren eröffnen den Blick, dass auch in frühen Bildungseinrichtungen
besondere frühe naturwissenschaftliche Potenziale mithilfe geeigneter Bildungsdoku-
mentationen erfasst werden können.
5. Forschungsvorhaben
Es besteht daher ein Bedarf an einem praxistauglichen Dokumentationsinstrument,
welches frühe naturwissenschaftlichen Potenziale im Übergangsprozess erfasst, um
diesbezüglich die Anschlussfähigkeit zu sichern und der bildungspolitischen Forderung
nach dem Erkennen von Begabungen gerecht zu werden. Daraus lässt sich folgende
leitende Fragestellung formulieren:
Wie muss eine Bildungsdokumentation zur professionellen Beobachtung von
naturwissenschaftlichen (Leistungs-)Potenzialen für den Übergang von der Kita in die
Grundschule konzipiert sein, damit (potenziell-)begabte Kinder von pädagogischen
Fachkräften prozessorientiert erkannt werden können?
Zur schrittweisen Beantwortung der übergeordneten Forschungsfrage wurde das
Forschungsvorhaben in mehrere Teilstudien, welche unterschiedliche methodische
12
Schwerpunkte setzen, aufgegliedert. Die folgende Grafik stellt den Teilstudien-Überblick
dar.
Abbildung 3. Überblick Teilstudien (eigene Darstellung).
Im Rahmen dieses Beitrags wird die Teilstudie 1 mit den leitenden
Teilforschungsfragen, der methodischen Umsetzung sowie ersten Ergebnissen
in den Blickpunkt gerückt. Zur besseren Nachvollziehbarkeit wird zunächst
überblicksartig das Forschungsvorhaben hinsichtlich des Designs und der Methode
vorgestellt. Daran anschließend wird die Teilstudie 1 ausführlicher dargelegt.
6. Forschungsdesign und Methode Forschungsvorhaben
Im Rahmen des LemaS Forschungsverbunds wird im Teilprojekt 3 dieses Forschungs-
bzw. Promotionsvorhaben realisiert. Nach dem Design-based Research-Ansatz (DBR)
wird in einem qualitativ-explorativen Vorhaben in mehreren Zyklen (siehe Abb. 3) ein
Instrument zur Beobachtung und Dokumentation naturwissenschaftlicher Potenziale für
die pädagogische Praxis in Kitas (NawiKids) entwickelt (Mandl & Kopp, 2006). Das DBR
Design verknüpft anwendungs- und theoriebasierte Forschung, ermöglicht so die enge
Verzahnung von Theorie und Praxis und zielt gleichzeitig sowohl auf einen bildungs-
praktischen Nutzen der Studien als auch auf einen theoretischen Erkenntnisgewinn. Die
folgende Abbildung veranschaulicht den Forschungszyklus des Projekts nach dem DBR
Prinzip.
Forschungsvorhaben:
Entwicklung Bildungs-
dokumentation NawiKids
Teilstudie 1
Bedarfsanalyse
Teilstudie 2
Entwicklungsphase
Teilstudie 3
Validierungsphase
Fertigstellung
Bildungsdokumentation
NawiKids
13
Abbildung 4. Übersicht des DBR-Forschungszyklus Teilprojekt 3 (eigene Darstellung).
Dabei werden für das Projekt Daten aus drei vorschulischen Einrichtungen und drei
Grundschulen von pädagogischen Fach- und Lehrkräften unterschiedlicher
Bundesländer herangezogen. Das methodische Vorgehen des Projekts gliedert sich,
gemäß des DBR Designs, in aufeinander folgende Phasen und Zyklen auf (siehe Abb. 4).
Diese werden durch verschiedene qualitative Erhebungs- und Auswertungsmethoden
empirisch begleitet.
Wie oben bereits angeführt, wird das Forschungsvorhaben zur Entwicklung einer
Bildungsdokumentation (NawiKids) zur Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale in
mehreren aufeinanderfolgenden Teilstudien realisiert. Im folgenden Abschnitt wird die
abgeschlossene Teilstudie 1 genauer betrachtet.
7. Teilstudie 1 Teilforschungsfragen und Methode
Die theoretische Rahmung im Blick, benötigt ein gelingender Übergang u. a. stabile
Kooperationen zwischen den Einrichtungen Kita und Grundschule (Faust, 2008;
Sauerhering & Solzbacher, 2013). Anknüpfend an das Transitionsmodell nach Griebel
und Niesel (2011), welches die jeweiligen professionsbezogenen Aufgaben der
pädagogischen Fach- und Lehrkräfte einbezieht, wird der fachliche Austausch als
notwendig erachtet. Aufgrund des Mangels an geeigneten Bildungsdokumentationen zur
Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale im Übergang (Müller et al., 2021), verfolgt
die Teilstudie 1 das Ziel, eine Bedarfsanalyse und damit eine grundlegende Übersicht
von den teilnehmenden Einrichtungen des Teilprojekts hinsichtlich dieser
Themenbereiche zu erhalten.
Daraus ergeben sich folgende Teilforschungsfragen im Rahmen der Teilstudie 1 (siehe
Abb. 3 & 4):
14
Wie gestaltet sich die Ausgangslage der teilnehmenden Einrichtungen des Elementar-
und Primarbereichs hinsichtlich:
a) der Bildungsdokumentationen im Übergang allgemein,
b) hinsichtlich der Kooperationen zwischen den Bildungsinstitutionen Kita und
Grundschule,
c) speziell der Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale ?
In der abgeschlossenen Teilstudie 1 konnten insgesamt N = 12 Pädagog: innen befragt
werden. Alle interviewten Personen waren weiblich und im Alter zwischen 31 und 58
Jahren. Davon stellten 3 Personen externe Pädagog: innen dar, welche nicht in der
LemaS-Stichprobe enthalten waren.5 Um eine bessere Bandbreite der Bedarfsanalyse
darstellen zu können, wurden ebenso externe Personen einbezogen.
In der Teilstudie 1 wurden in den Kitas und Grundschulen Hospitationen, teilnehmende
Beobachtungen (Thierbach & Petschick, 2014) und leitfadengestützte Interviews
(Helfferich, 2014) durchgeführt. Die Konzeption des Leitfadens erfolgte theoriebasiert
und orientierte sich am Transitionsmodell nach Griebel und Niesel (2011). Die Fragen
weisen demnach besonders einen induktiv-explorativen Charakter auf. Der Leitfaden
diente zwar als klare Strukturierungshilfe, bot aber immer die Möglichkeit, während des
Interviews Nachfragen zu stellen, um tiefere oder breitere Informationen von der
Fachkraft zu erhalten (Niebert & Gropengießer, 2014). Über eine qualitative
Inhaltsanalyse und Entwicklung eines deduktiv-induktiven Kategoriensystems nach
Kuckartz und Rädiker (2020) wurde die Bedarfsanalyse analysiert (Kuckartz & Rädiker,
2014; Schreier, 2014). Der erstellte Leitfaden und die daraus resultierenden
Themenbereiche gaben bei der Inhaltsanalyse die deduktiven Basiskategorien vor
(Kuckartz & Rädiker, 2020) (vgl. Tab. 1, S. 16).
Durch das Forschungsvorhaben, eine praxistaugliche Bildungsdokumentation
(NawiKids) zu entwickeln, sollte mit der Teilstudie 1 das Ziel verfolgt werden, zunächst
einen umfassenden Einblick in die Bedarfe der päd. Fach- und Lehrkräfte zu erhalten.
Diese Ermittlung gibt wichtige Hinweise auf vorhandene Kooperationsstrukturen, der
verwendeten Bildungsdokumentationen, die Erfassung des naturwissenschaftlichen
Bildungsbereichs und einer damit verbundenen Potenzialerkennung. Im Folgenden
werden erste Ergebnisse aus der Teilstudie 1 berichtet.
5 Die LemaS-Stichprobe bezieht sich auf rekrutierte Einrichtungen durch den Forschungsverbund LemaS,
zu Beginn des Projektvorhabens.
15
9. Erste Ergebnisse Teilstudie 1
Mithilfe einer inhaltlich-strukturierenden Inhaltsanalyse und einer deduktiv-induktiven
Kodierung wurde das gewonnene Datenmaterial aus den Interviews ausgewertet (vgl.
Abschnitt Forschungsdesign und Methode). Der Leitfaden bildete die Grundlage für die
deduktive Basiskodierung. Aus dieser wurden dann deduktive6 und induktive Subkate-
gorien generiert. Die folgende Tabelle stellt die gebildeten Basis- und Subkategorien vor
(Tab. 1). Anschließend kommt es zu auszugsweisen Beispielnennungen einzelner Basis-
und Subkategorien von pädagogischen Fach- und Lehrkräften.
6 Die deduktiven Subkategorien wurden ebenfalls aus den Fragen des Leitfadens abgeleitet.
16
Tabelle 1. Darstellung des deduktiv-induktiven Kategoriensystem. Anmerkungen: *= induktive Kategorie;
PFK= pädagogische Fachkraft; LK= Lehrkraft; GS = Grundschule; natuw. = naturwissenschaftlich (eigene
Darstellung).
Basiskategorie (deduktiv)
Subkategorie (deduktiv/induktiv)
Befragte Personen
Übergangsgestaltung
Übergangserfahrung mit Vorschule
LK/ PFK
Übergangserfahrung mit Lehrkräften
PFK
Übergangserfahrung Zusammenarbeit Elementarbereich mit pädagogischem Personal
LK
Übergangserfahrungen mit Eltern*
LK/ PFK
Bildungsdokumentation
Nutzung Bildungsdokumentation GS (aus Kita-Sicht)
PFK
Alltagsnutzbarkeit Bildungsdokumentation in Kita
PFK
Bildungsdokumentationstyp (Aufbau/Format)
PFK/LK
Nutzung & Weiterführung Dokumentation Unterricht
LK
Bildungspolitische Forderungen*
PFK/LK
Naturwissenschaftlicher Bildungsbereich
Haltung Naturwissenschaften*
wenig naturwissenschaftliche Bildung*
Erfassung durch Kompetenzbereiche*
Kurze Erfassung*
fehlende strukturierte Dokumentation*
Alltagsintegrierte naturwissenschaftliche Bildung*
Experimentieren/Forschen*
PFK/LK
PFK/LK
PFK/LK
PFK/LK
PFK/LK
PFK/LK
PFK/LK
Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale
Informationsweitergabe zwischen Institutionen*
PFK/LK
Erfassung Potenzial durch naturw. Denken & Handeln*
PFK/LK
Erfassung Potenzial durch naturw. Wissen*
PFK/LK
Erfassung Potenzial durch affektive Aspekte*
PFK/LK
Einschätzung Vorkommen Potenzial*
PFK/LK
Nicht Erfassung Potenzial*
PFK/LK
Bedarf an Instrument zur Erfassung*
PFK/LK
17
Das Datenmaterial bildet eine heterogene Ausgangslage hinsichtlich der
Übergangsgestaltung, des naturwissenschaftlichen Bildungsbereichs und der
Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale in den Einrichtungen ab.
Übergänge
So konnte durch die Interviews nachvollzogen werden, dass zwar fast überall
Kooperationen zwischen den Kitas bzw. der Vorschule und Grundschule bestehen,
diese sich aber in den Ausprägungen unterscheiden. Diese reicht von keiner bis
anscheinend regelmäßiger Kooperation hinsichtlich eines Informationsaustauschs,
hinzu einer Kooperationsform, bei der es zu einer gemeinsamen Arbeitsgestaltung
kommt.
Ok also da habt ihr auch noch gar keinen Austausch irgendwie in der
Vergangenheit?
Päd. Fachkraft:Nein.‘“ (Subkategorie Übergangserfahrung mit Lehrkräften;
E2_01_IP; päd. Fachkraft)
„Also wir haben sowieso immer diese Kooperation sehr eng mit der Vorschule,
weil die Vorschule ja bei uns im Haus ist. Und da ist es immer so, dass die
Vorschulkollegen schon eine Einschätzung dann im April nochmal geben für die
Kinder, konkret jetzt für die erste Klasse.“ (Subkategorie Übergangserfahrung
Zusammenarbeit Elementarbereich mit pädagogischem Personal; S3_01_IP;
Lehrkraft)
„Diese Kooperation wir haben uns ja auch viele (unverständlich) im evangeli-
schen Bildungszentrum […] sind auch alle Kindergärten und alle Lehrer der
Eingangsstufen ja mitgekommen. Und wir haben zusammen gearbeitet wir
haben zusammen Dinge ausgearbeitet und dadurch hat man sich wirklich gut
kennengelernt und ja das Verhältnis hat sich super angeglichen.“ (Subkategorie
Übergangserfahrung mit Lehrkräften; E1_02_IP;d. Fachkraft)
Bildungsdokumentationen
In Bezug auf die Bildungsdokumentationen hinsichtlich des naturwissenschaftlichen
Bildungsbereichs zeigte sich, dass teilweise keine bereichsspezifischen
Dokumentationen genutzt werden.
„Erfasst nicht, also […], wenn man zum Beispiel Wald-Tage macht […] oder ein
Thema hat, was sich mit Naturwissenschaften befasst, dann kann man das
dokumentieren im Portfolio, das ist das Einzige […].“ (Basiskategorie
Naturwissenschaftlicher Bildungsbereich; E0_02_EP; päd. Fachkraft)
18
Der überwiegende Teil der genutzten Bildungsdokumentationen erfasst zwar den
naturwissenschaftlichen Kompetenzbereich, dieser wird dabei aber eher als kurz
eingeschätzt.
„Das war sehr allgemein gehalten so. Sind […] alle Kompetenzen einfach kurz
beschrieben worden.“ (Subkategorie kurze Erfassung; E0_03_EP; päd.
Fachkraft)
Naturwissenschaftlicher Bildungsbereich
In Hinblick auf den naturwissenschaftlichen Bildungsbereich konnte durch die
qualitativen Angaben ermittelt werden, dass es teilweise eine Distanz seitens des
pädagogischen Personals gegenüber diesem gibt.
„Ich denke, dass eh Naturwissenschaft […] das sowas eher unbeliebt ist, weil man
sich da nicht so gut auskennt oder bei Naturwissenschaft immer denkt, das ist
Chemie Physik Mathe.“ (Subkategorie- Haltung naturwissenschaftliche Bildung;
E0_02_IP; päd. Fachkraft)
In Bezug auf die Durchführung naturwissenschaftlicher Bildung im pädagogischen Alltag
zeigte sich demgegenüber eine heterogene Lage. So gab es Äußerungen, bei denen der
naturwissenschaftliche Bereich eher eine untergeordnete Rolle spielt. Anderseits gaben
Pädagog:innen auch an, täglich naturwissenschaftliche Sachverhalte aufzugreifen.
„Ja, ich muss zugeben, Thema Experimente und so ist immer so ein bisschen zu
kurz gekommen. (Subkategorie wenig naturwissenschaftliche Bildung;
E3_02_IP; päd. Fachkraft)
„Naja, naturwissenschaftliche Sachen haben bei uns ja tagtäglich eine Rolle
gespielt und die wurden, wenn dann in unserem oder für die Kinder in dem
Portfolio angelegt.“ (Subkategorie alltagsintegrierte naturwissenschaftliche
Bildung; 0_04_IP; päd. Fachkraft)
Naturwissenschaftliche Potenziale
In Hinblick auf naturwissenschaftliche Potenziale im pädagogischen Alltag konnte durch
die Angaben der Pädagog:innen nachvollzogen werden, dass diese in diesem
Zusammenhang überwiegend den komprimierten naturwissenschaftlichen
Kompetenzbereich zur Potenzialbeobachtung nannten und demnach keine explizite
Erfassung stattfindet. Es kam zudem zu Aussagen, bei denen sowohl der
naturwissenschaftliche Bereich als auch eine explizite Potenzialerfassung nicht erfasst
werden.
„[…] aber naturwissenschaftlich, nicht. Es gab nix irgendwie was
naturwissenschaftliche Zusammenhänge erfasst oder sowas […], also da gar
19
nichts oder auch überhaupt, dass man also so im Bereich Interesse […], ist auch
nichts angegeben.“ (Subkategorie Nicht-Erfassung naturwissenschaftlicher
Potenziale; E0_04_EP; päd. Fachkraft)
Auch wenn es keine explizite Potenzialerfassung mithilfe von Bildungsdokumentationen
in den teilnehmenden Einrichtungen gab, gaben die Pädagog:innen persönliche
Einschätzungen, wonach sie Potenziale bei Kindern beobachten bzw. erkennen können.
„Und dann gibt es Kinder, die haben wirklich naturwissenschaftliches Interesse.
Die haben sehr genaue Fragen. Die können sie manchmal aber gar nicht so
ausdrücken, weil sie in diesem Alter noch gar dieses Vokabular haben.“
(Subkategorie Erfassung naturw. Potenziale durch affektive Aspekte; S1_02_IP;
Lehrkraft)
„Also mir fällt es manchmal auf, dass Kinder sich unglaublich viel merken können.
Das nenne ich immer dieses Spezialwissen.“ (Subkategorie Erfassung natur.
Potenziale durch natur. Wissen; E3_02_IP; päd. Fachkraft)
Aus den Daten konnten zudem wichtige Hinweise zur Konzeption eines praxistauglichen
Dokumentationsinstruments gewonnen werden. So schätzen beispielsweise die
Pädagog: innen Bildungsdokumentationen, die strukturiert sind und zudem Platz für
freie Anmerkungen lassen, als geeignet hinsichtlich der Nutzbarkeit im pädagogischen
Alltag ein.
In Hinblick auf die gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Nutzung und
Praxistauglichkeit der verwendeten Bildungsdokumentationen in den teilnehmenden
Einrichtungen konnten diese zudem in die erste Konzipierung der Bildungsdoku-
mentation NawiKids miteinfließen. Parallel zu den durchgeführten Interviews wurde
demnach im Rahmen der Teilstudie 1 ein erster Prototyp der Bildungsdokumentation
(NawiKids) auf Grundlage der Potenzialdefinition nach Mehrtens et al. (2021) und dem
Modell nach Köster et al. (im Druck) (vgl. Abb. 1 & 2) entworfen werden.
Dabei wurde der Bogen in die Erfassung der Kompetenzbereiche (affektive Aspekte,
naturwissenschaftliche Konzepte, naturwissenschaftliche Denk- und Handlungsweisen)
und Merkmale naturwissenschaftlichen Potenzials aufgeteilt. Zudem wurde der Bogen
um einen Bereich hinsichtlich der Übergangsgestaltung ergänzt, da sich in den
durchgeführten Interviews zeigte, dass diese teilweise ausbaufähig ist.
10. Fazit für das Forschungsvorhaben aus den Ergebnissen der Teilstudie 1
In Rückgriff auf die Teilforschungsfragen, wonach die Ausgangslage hinsichtlich
der Übergangsgestaltung, der genutzten Bildungsdokumentationen als auch dem
naturwissenschaftlichen Bildungsbereich und einer möglichen verbundenen
Potenzialerfassung erfragt wurden, ergab sich eine heterogene Ausgangslage.
20
Konsistent hingegen war die fehlende explizite strukturierte Erfassung
naturwissenschaftlicher Potenziale in allen Einrichtungen.
Trotz bildungspolitischer Forderung nach einer verzahnten und engen Kooperation
zwischen den Bildungsinstitutionen Kita-Grundschule, kann diese nicht in allen
teilnehmenden Einrichtungen festgestellt werden. Auf Grundlage dessen erscheint es
sinnvoll, den Übergangsprozess in der Konzipierung der Bildungsdokumentation
(NawiKids) mitaufzugreifen, umso eine Anschlussfähigkeit der kindlichen
Bildungsbiographie zu sichern.
In Hinblick auf die Struktur und den Aufbau der zu entwickelnden Bildungsdokumen-
tation gab die Ermittlung der genutzten Instrumente in den Einrichtungen bedeutsame
Hinweise für die Ersterstellung. Wie bereits angeführt, ist besonders ein strukturierter
Aufbau mit genügend Platz für weiterführende Notizen sowie ein kompakter Bogen, der
als Leitfaden dient, für das pädagogische Personal für die Alltagsnutzung wichtig. In
Rückgriff auf das Forschungsvorhaben konnten dadurch zentrale Gelingensbedingungen
für die Konzipierung abgleitet werden.
Geht es um die Erfassung naturwissenschaftlicher Potenziale im Übergangsprozess,
muss zunächst grundlegend die Frage nach dem Vorhandensein des naturwissenschaft-
lichen Bildungsbereich sowohl in den genutzten Bildungsdokumentationen als auch im
pädagogischen Alltag gestellt werden. Auf Grundlage der Bedarfsanalyse zeigte sich,
dass dieser eher rudimentär vorhanden ist. Zudem wurde auch teilweise eine
distanzierte Haltung gegenüber diesem geäußert. Darauf aufbauend wurde NawiKids so
entworfen, dass auch fachfremdes pädagogisches Personal diesen Bogen benutzen kann,
ohne das naturwissenschaftliche Vorkenntnisse vorhanden sein müssen. Ferner könnte
die Bildungsdokumentation den pädagogischen Blick dahingehend öffnen, dass viel
häufiger als angenommen, bereits alltagsintegriert naturwissenschaftliche Bildung
stattfindet.
Auch wenn die genutzten Bildungsdokumentationen nur grob den naturwissenschaft-
lichen Bildungsbereich und keine explizite Potenzialerfassung aufgreifen, kann durch
die qualitativen Daten angenommen werden, dass die Pädagog:innen ein grundlegendes
Verständnis von dem Konstrukt haben. Die empirischen Analysen der Teilstudie 1 geben
erste Hinweise darauf, dass die theoriegeleiteten Indikatoren des Modells zur Erfassung
naturwissenschaftlicher Potenziale empirisch gestützt werden können.
Grundlegend kann durch die empirische Analyse der theoriegeleitete Bedarf an einem
praxistauglichen Dokumentationsinstrument zur Beobachtung früher Potenziale bei
Kindern im naturwissenschaftlichen Bereich gestützt werden.
21
11. Ausblick und Limitation Forschungsvorhaben
Im fortlaufenden Prozess (Entwicklungsphase Teilstudie 2) kam die Bildungsdoku-
mentation NawiKids zum Einsatz in der Praxis und wurde in Designzyklen formativ
mehrfach modifiziert. Aktuell befindet sich das Projekt am Ende der Entwicklungsphase
und die Instrumentenentwicklung nähert sich dem Abschluss. Die formative Evaluation
wurde mithilfe verschiedener Interviewformen durchgeführt. Durch die Angaben des
pädagogischen Fach- und Lehrpersonals konnten viele weitere wichtige Hinweise zur
prozessorientierten Konzipierung einer Bildungsdokumentation gewonnen werden.
Zudem deutet die erste Sichtung der qualitativen Daten aus der Entwicklungsphase
(Teilstudie 2) darauf hin, dass durch die Instrumenteneinführung eine Sensibilisierung
hinsichtlich naturwissenschaftlicher Themenbereiche bei den Pädagog:innen stattfindet.
In Rückgriff auf das Forschungsvorhaben soll der Frage nachgegangen werden, wie eine
Bildungsdokumentation (NawiKids) konzipiert sein muss, um Hinweise auf
naturwissenschaftliche (Leistungs-)Potenziale geben zu können. Durch die Teilstudie 1
konnten zum einen wichtige Hinweise zur Konzipierung einer prozessorientierten
Bildungsdokumentation gesammelt werden. Außerdem wurde durch die Analyse der
Ausgangslage der Bedarf an einem Instrument zur naturwissenschaftlichen
Potenzialerfassung gestützt.
Es bleibt aber vorerst offen, wie das Instrument genutzt werden kann, wenn keine
explizite naturwissenschaftliche Bildung in den Einrichtungen stattfindet.
Aus der Natur von pädagogischer Diagnostik ergibt sich zudem eine weitere
Einschränkung. Es handelt sich bei dem Instrument um kein standardisiertes
Instrument mit entsprechender Verpflichtung zur Vorsicht bei der
Ergebnisinterpretation. Die Frage, ab wann ein naturwissenschaftliches Potenzial
vorhanden ist, sollte daher auch weiter und tiefergehend analysiert werden, als es im
Rahmen dieses praxisnahen Vorgehens der Fall ist. Daran anschließen kann sich eine
bspw. qualitative Exploration des Konstrukts naturwissenschaftliches Potenzial, um der
bisherigen theoretischen auch empirische Konstruktevidenz folgen zu lassen.
Durch die Validierungsphase des Projekts können aber für diese weiterführenden
Forschungsperspektive perspektivisch erste Hinweise in Bezug auf die mögliche
Erkennung von naturwissenschaftlichen Potenzialen gesammelt werden. Zudem
konnte das Projekt durch die enge Verzahnung mit der pädagogischen Praxis eine
gewinnbringende Perspektive auf die Nutzung und Weitergabe von
Bildungsdokumentationen, auf den naturwissenschaftlichen Bildungsbereich
sowie der Übergangsgestaltung erhalten. Die Konzeption des Instruments NawiKids
verfolgt insbesondere das Ziel, pädagogischem Personal bei der Beobachtung und
22
Erkennung naturwissenschaftlicher Potenziale, alltagsintegriert und nach einem
pädagogischen Begabungsverständnis, zu unterstützen.
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26
Autor:in
Freya Müller, M.A., ist seit 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin im vom BMBF geförderten Projekt
LemaS Leistung macht SchuleTeilprojekt 3 DiaMINT Adaptive MINT Übergangskonzepte. Zuvor
war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der WiKO-Studie am DIPF | Leibniz-Institut für
Bildungsforschung und Bildungsinformation.
27
Isabel Wullschleger
Mit der Gitarre „zur Welt sein“: Über das Einüben und Ausgestalten in einer
körperlich-praktischen Tätigkeit
Zusammenfassung: Im Beitrag wird die Besonderheit einer körperlich-praktischen Tätigkeit in Hinblick
auf Erfahrungs- und Gestaltungsräume von Kindern untersucht. Am Beispiel des Gitarrenspiels bzw. des
Erwerbs grundlegender Fertigkeiten des Gitarrenspiels werden bestimmte körperliche, materiale,
räumliche und leibliche Dimensionen des Übens und Spielens beschrieben. Hierzu wird eine begrifflich-
theoretische Einordnung vorgenommen, um die Dimensionen angemessen erfassen zu können. Die
Begriffe des Körperwissens und des Körperschemas bilden ein Gerüst für eine analytische
Unterscheidung: Die funktionale, physisch-räumliche Körperformung wird in einer ‚Draufsicht‘ mit dem
Körperwissen gefasst, während die leiblich-ästhetische Ausgestaltung als ein Zur-Welt-Sein (Merleau-
Ponty) des Selbst, als ein Selbstausdruck und ein (Selbst-)Empfinden mit dem Körperschema umschrieben
wird. Es wird versucht, zwischen dem Einüben von bestimmtem Körperwissen und konkreten
Körpertechniken einerseits und dem ästhetisch-praktischen Ausgestalten im Sinne eines spontanen und
variablen Spiels andererseits zu unterscheiden. Neben der Körperlichkeit und der Leiblichkeit des Kindes
gilt der Materialität und Funktionalität der Gitarre ein besonderes Augenmerk. Die Gitarre ist als
Werkzeug/Instrument in besonderer Weise an der Ausübung der körperlich-praktischen Tätigkeit und an
den Möglichkeiten des (Selbst-)Ausdrucks beteiligt. Dem Beitrag liegt eine qualitative, phänomenologisch
orientierte Forschungsarbeit zugrunde, die sich aus einer schulethnografischen Studie entwickelt hat und
sich mit Ausschnitten aus dem schulischen Musikunterricht befasst.
Schlüsselwörter: Phänomenologie, Musik, Körper, Materialität, Können
Abstract: This article examines the specificity of a physical-practical activity in terms of children's
experiential and creative spaces. Using the example of guitar playing, or the acquisition of basic guitar
playing skills, certain physical, material, spatial, and bodily dimensions of practice and play are described.
For this purpose, a conceptual-theoretical classification is made in order to adequately grasp the
dimensions. The concepts of body knowledge (knowing how) and body schema provide a framework for
an analytical distinction: The functional, physical-spatial shaping of the body is captured in an overhead
viewwith body knowledge, while the bodily-aesthetic shaping as a Zur-Welt-Sein (Merleau-Ponty) of the
self, as a self-expression and a (self-)sensation is circumscribed with the body schema. An attempt is made
to distinguish between the practice of certain body knowledge and concrete body techniques on the one
hand and aesthetic-practical shaping in the sense of spontaneous and variable play on the other. In
addition to the child's corporeality, special attention is paid to the materiality and functionality of the
guitar. The guitar as a tool/instrument is involved in a special way in the exercise of physical-practical
activity and in the possibilities of (self-)expression. The article is based on a qualitative,
phenomenologically oriented research work, which emerged from a school ethnographic study and deals
with excerpts from school music lessons.
Keywords: phenomenology, music, body, materiality, skills
1. Einleitung
In diesem Beitrag wird die Aneignung einer körperlich-praktischen Tätigkeit aus der
Perspektive des Kindes untersucht. Am Beispiel von Kindern, die mit ihren Gitarren
üben, spielen und sich auseinandersetzen, wird nach den Strukturen des Einübens und
des Sich-Aneignens bestimmter Körpertechniken gefragt. Und es wird versucht zu
beschreiben, welche Art von Gestaltungsräumen sich mit dem erworbenen
Körperwissen eröffnen (lassen). Die Ausgangslage bilden (An-)Forderungen, die an die
Kinder gestellt werden. Hierbei handelt es sich nicht um Anforderungen, die den
28
Kindern wie in Schulkontexten üblich in Form von Arbeitszielen, Kompetenzen oder
angestrebten Fertigkeiten aufgegeben werden, sondern um Anforderungen, die sich in
einer körperlich-praktischen Tätigkeit zum Beispiel mit einer Gitarre ergeben. Diese
sind einerseits dem Instrument zuzuschreiben: Die Gitarre hat eingeschriebene Regeln,
die über Machbares und Unmachbares entscheiden und die Tätigkeit des Kindes leiten
und herausfordern. Andererseits sind (An-)Forderungen auf Seiten des Kindes
auszumachen, die ebenso leitend, wie hindernd oder hilfreich am Geschehen einer
Tätigkeit beteiligt sind: Der (funktionale) Körper, der positioniert, stabilisiert und
kontrolliert werden will und das Selbst, welches (An-)Forderungen an die
Klanggestaltung und den (Selbst-)Ausdruck beimischt. Es wird u. a. danach gefragt, wie
die Kinder im Rahmen dieser Tätigkeit, dem Einüben und dem Ausgestalten, auf die
unterschiedlichen (An-)Forderungen antworten.
Als Teil einer qualitativen, phänomenologisch orientierten Forschungsarbeit werden im
Folgenden bestimmte körperliche, materiale und leibliche Dimensionen dieser
praktischen Tätigkeit beschrieben und die Verhältnisse begrifflich-theoretisch
eingeordnet. Nach einer Begriffsbestimmung zu Körperwissen und Körperschema (2.)
wird der Forschungsgegenstand (3.) und die Ausgangslage für die Forschungsfrage (4.)
vorgestellt. Nach einem kurzen Abriss zur Methode (5.) werden in zwei Abschnitten
empirische Befunde sowohl zum Körperwissen (6.) als auch zum Körperschema (7.)
dargestellt. Der Beitrag endet mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick (8.).
2. Begriffliche Vorbestimmungen: Körper-Haben und Leib-Sein
Mit der Unterscheidung zwischen Körper und Leib wird in Anlehnung an Helmuth
Plessner davon ausgegangen, dass wir einen Körper haben und Leib sind.1 Der Körper ist
von außen wahrnehmbar und kann als Gegenstand, Raumding oder Objekt auch
unbelebt untersucht werden. Im Kontrast dazu ist der Leib das Lebendige, welches nur
im Inneren zugänglich und subjektiv wahrnehmbar wird und insbesondere den ‚Ort‘ für
Empfindungen umfasst (vgl. Gugutzer, 2015, S. 20 f.). Die folgende Darstellung basiert
auf dieser analytischen Trennung des Körper-Habens und des Leib-Seins.
Körperwissen
Wenn im Folgenden die Rede von Körperwissen ist, handelt es sich um eine
Wissensform, die im Unterschied zu dem geistigen/kognitiven Wissen
1 Diese analytische, philosophisch-anthropologische Unterscheidung geht auf Plessner und seine Schrift
„Lachen und Weinen“ (1982) zurück. Aufschlussreich hierzu sind die Texte von Thomas Fuchs (2015) und
Robert Gugutzer (2015, S. 12 ff.).
29
körpergebunden und nicht ohne Weiteres in Sprache übersetzbar ist.2 Das Gedächtnis
bildet hier der Körper als Ganzes oder einzelne Körperpartien, die durch (Ein-)Üben ein
Wissen erlangen. Der Körper wird zum Träger und Speicher von Wissen (vgl. Klinge,
2017, S. 93 f.) und das Wissen kann für bestimmte Tätigkeiten abgerufen und stets
angepasst, umgewandelt oder modifiziert werden.
Einerseits wird (hier) der Begriff des Körperwissens verwendet, um die Räumlichkeit
und die Formung des Körpers in einer bestimmten Tätigkeit zu beschreiben. Es
wird eine Draufsicht eingenommen, die sich von einer subjektiven Innenansicht im
Sinne des Erlebens und Erfahrens unterscheidet. Es geht um das Erfassen räumlicher
Anordnungen des Körpers (bzw. bestimmter Körperpartien) und dessen relative
Positionierung vor allem in Bezug auf den Gegenstand, der in die Tätigkeit
eingebunden ist und als Werkzeug verwendet wird , der Weisen der (Um-)Formung
des Körpers und der Hand(-)habungen zugunsten einer angestrebten Tätigkeit.
Insofern ist es eine Sicht auf den Körper, der gewissermaßen instrumentalisiert wird.
Mit Helmuth Plessner ist es das Körper-Haben, welches im Gegensatz zum Körper-Sein
eine Distanzierung zum Selbst impliziert und einer objektiven Betrachtung (eher)
standhält. Andererseits dient der Begriff einer analytischen Trennung gegenüber des
Körperschemas, eines Begriffs, der sich der Innen(an)sicht annimmt und sich auf die
Erfahrung, das Erleben und das (Sich-)Spüren bezieht (s. u.).
Es stellt sich beim Begriff des Körperwissens die Frage, inwiefern es ein körperliches
oder praktisches Können ist. Im Verständnis der folgenden Auseinandersetzung mit
empirischen Daten kann von einem Können im Sinne eines Beherrschens des eigenen
Körpers und/oder des Instruments respektive Werkzeugs, von einem Kennen (vgl.
Bollnow, 1978, S. 22) oder von einem „auf Tätigkeit bezogene[n] Wissen“ (vgl. Bollnow,
1978, S. 22)3 gesprochen werden.
Im Unterschied zu (körper-)soziologischen Perspektiven auf das Körperwissen (vgl.
Keller & Meuser, 2011) lässt sich mit Bollnow die Bezogenheit auf praktische
Tätigkeiten und das Erwerben von Fertigkeiten fassen:
Ein Üben ist vielmehr dort und nur dort erforderlich, wo es sich um eine
praktische Fertigkeit handelt, die der Mensch in sich ausbilden soll. Solche
Fertigkeiten gibt es in der Beherrschung des Leibes, insbesondre [sic] beim
Sport, oder als manuelle Fertigkeiten des Handwerks, als Hobeln, Sägen,
Feilen usw. (Bollnow, 1978, S. 18)4
2 Auch das Denken und kognitive ‚Tätigkeiten‘ können als körperbasiert oder körpergebunden bestimmt
werden (vgl. hierzu Alkemeyer & Brümmer, 2020).
3 Zitiert aus Trübners Deutsches Wörterbuch, 4. Bd. S. 228 ff.
4 Bollnow spricht hier von einer „Beherrschung des Leibes“, bezieht sich aber auf körperliche Tätigkeiten.
Insofern ist hier mit der analytischen Trennung nach Plessner womöglich von der Beherrschung des
30
Hiermit wird deutlich, dass dieser Wissensbegriff (bzw. der Kennensbegriff) keine
soziologische, sondern mitunter eine lerntheoretische, ding- und körper-bezogene, im
weitesten Sinne eine kulturtechnische Dimension innehat. Denn es geht um das Einüben
und Beherrschen von Fertigkeiten, u. U. mit einem Werkzeug/Instrument. Während man
ein (explizites) „Wissen … lehren und eine Einsicht zu erwecken versuchen [kann]“ und
„[i]n beiden Fällen das Üben weder möglich noch notwendig [ist]“ (Bollnow, 1978, S.
19), ist das (Ein-)Üben der einzige Weg, sich ein praktisches Können zu eigen zu
machen. Das wird beispielsweise beim Erlernen des Fahrradfahrens deutlich.
Befassen wir uns mit dem Körperwissen von Kindern, die sich ein Instrument zu eigen
machen (wollen), es zugunsten eines Instrumentalspiels beherrschen lernen (wollen),
wird vermehrt auch von Techniken gesprochen: Spieltechniken, Körpertechniken,
Fingertechniken. Oder von Haltungen, die eingenommen werden (müssen):
Körperhaltungen, Handhaltungen usw. Nick Crossley bezeichnet das Körperwissen als
Körpertechnik (body technique) und bezieht sich konkret auf musikalische und
instrumentale Tätigkeiten:
The ability to play a musical instrument or sing, for example, can be
conceptualised as a body technique, or perhaps rather as a set of interlocking
body techniques … . … Muscles must be strengthened (e.g. the embouchure of
the saxophonist or the finger strength of the guitarist), dexterity and
coordination sharpened, and detailed nuances of movement mastered. …
Learning to play an instrument is not learning to play particular songs by rote
but rather mastering a set of transferable skills and principles. (Crossley,
2015, S. 479)
Hiermit wird gesagt, dass es um konkrete Fertigkeiten, kleinere und größere ‚Prinzipien‘
der Körperformung geht, die nicht nur voneinander getrennt, sondern insbesondere in
ihrer Verschränkung und Relationalität eingeübt sein müssen, um ein Körperwissen als
Basis des Spielens und Musizierens erlangen zu können. Crossley bezieht sich auf
Gitarrist*innen und deren Körpertechniken bzw. deren Körperwissen und schreibt: „A
guitarist must usually be able to form a number of different chord shapes, for example,
and move swiftly and smoothly between them. They need to be able to keep time …
[and] to use a variety of picking and strumming styles.“ (Crossley, 2015, S. 480) Auch
wenn es sich hier um Körpertechniken bzw. das Körperwissen fortgeschrittener
Musiker*innen handelt, lässt sich die Art und Weise der Anforderungen zum Erwerb von
Körperwissen auf beliebige Spielniveaus übertragen.
Körpers die Rede. An anderen Stellen spricht Bollnow in Bezug auf (erworbenes) Können mehrfach von
einer „Körperbeherrschung“ (vgl. z. B. Bollnow, 1978, S. 37).
31
Körperschema
Der Begriff des Körperschemas geht im phänomenologischen Diskurs zurück auf Paul
Schilder, einem Arzt und Psychiater, und sein gleichnamiges Werk „Das Körperschema“
aus dem Jahre 1923. Schilder spricht von einem „Raumbild[], das jeder von sich selber
hat“ (Schilder, 1923, S. 2). Hier wird zwar (auch) von einem Raum(bild), einer
räumlichen Disposition des Körpers gesprochen, es wird aber gleichzeitig auf die
Selbstwahrnehmung, einem Bild von sich selbst hingewiesen, was sich als eine leibliche
Dimension interpretieren lässt. Kerstin Andermann schreibt mit Verweis auf Schilder:
„Die Existenz eines solchen Körperschemas wird als Bedingung einer Erfahrung
angesehen, die diejenige des Körpers als einer zusammenhangslosen Anhäufung von
Organen qualitativ überschreitet“ (Andermann, 2012, S. 353 f.). Der Körper, den wir
haben und der sich vermessen lässt, ist so Andermann eine „zusammenhangslose
Anhäufung“ (s. o.) unterschiedlicher Organe und Körperteile. Dieser (funktionale)
Körper ist zwar essenziell und stets beteiligt, er ist aber hauptsächlich instrumentell in
unser Tun und unser Handeln eingebunden (s. o.rperwissen), während das
Körperschema die Rolle eines Mediums vertritt und in der Erfahrung eine eigene
Qualität annimmt. Weder messbar noch sicht- oder tastbar, handelt es sich hierbei um
ein (vermittelndes) Medium, durch das (hindurch) wir uns als etwas in oder zu der Welt
empfinden und wahrnehmen. Mit Plessner ist hier die Rede vom Leib-Sein, einer
intentionalen Gerichtetheit sowohl nach innen als auch nach außen. Es kann von einer
„Wahrnehmung des eigenen Körpers als ein einheitliches Ganzes“ (Andermann, 2012, S.
353) gesprochen werden, die insbesondere in Bewegungssituationen zu finden ist. In
konkreten „Bewegungs- und Handlungssituationen“ wird das Körperschema zum
„System“, einer Einheit, die als „Zur-Welt-sein“ des eigenen Leibes gespürt und
empfunden wird (vgl. Brinkmann, 2012, S. 185 mit Verweis auf Merleau-Ponty). Mit
Merleau-Ponty lässt sich das Körperschema noch etwas präziser fassen. Es hebt sich
insofern vom Körperwissen ab, als es das „Vermögen“5das bisher eingeübte
Körperwissen sinnvoll und sinnhaft einsetzt, damit eine „Gestalt“ annimmt und
namentlich „spontane Akte“ verkörpert werden (können): „Der Leib im allgemeinen ist
eine Gesamtheit schon vorgezeichneter Wege und schon ausgebildeter Vermögen, der
bereits erworbene dialektische Boden [Körperwissen; I.W.], auf dem eine höhere Form
von Gestaltung vor sich geht, und die Seele ist der Sinn, der sich alsdann etabliert“6
5 Wenn hier und im Folgenden Wörter in „Anführungszeichen“ stehen, beziehen sie sich auf Stellen in
Merleau-Pontys Werken „Die Struktur des Verhaltens“ (1942/1976) und „Phänomenologie der
Wahrnehmung“ (1945/1966), die im Text zitiert und erläutert werden oder in ebendiesen Texten an
benachbarter Stelle zu finden sind. Für eine bessere Lesbarkeit wird nicht bei jedem „Wort“ die
entsprechende Seite angegeben.
6 Der Leib, wie er hier umschrieben ist, kann als Körperschema verstanden werden. Der Begriff
‚Körperschema‘ taucht bei Merleau-Ponty erst in der „Phänomenologie der Wahrnehmung“ wenige Jahre
später auf, wo er die „Räumlichkeit des eigenen Leibes“ thematisiert (vgl. Merleau-Ponty, 1945/1966,
32
(Merleau-Ponty, 1942/1976, S. 244). Der Sinn, der in die „Gestalt“ des Leibes
eingewoben („etabliert“) wird, enthält die (fungierende) Intentionalität und die
Bedeutung einer jeden (sicht- oder unsichtbaren) Bewegung. Mit Merleau-Pontys
Begriffen lässt sich das Körperschema als ein räumliches und sensorisch-motorisches
„Zur-Welt-Sein“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 126) verstehen. Eine
„Situationsräumlichkeit“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 125), die sich dadurch
auszeichnet, dass die körperliche Anordnung nicht in ihrer (relativen) Positionierung
von Bedeutung ist, sondern als ein situatives, mir leiblich verfügbares, zu Anderen und
Anderem gerichtetes, „akzentuiertes“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 125) ‚System‘
erscheint.
Im Unterschied zum Körperwissen handelt es sich hierbei um eine Gestalt(ung) (und
nicht um eine Formung), eine gerichtete Akzentuierung und Polarisierung des Selbst hin
zur Welt und auf die Welt:
Letzten Endes kann mein Leib nur insofern eine ‚Gestalt‘ sein und kann es vor
ihm nur ausgezeichnete Figuren aus gleichgültigem Untergrunde geben, als er
auf seine Aufgabe hin polarisiert ist, auf diese hin existiert und auf sich selbst
sich zusammennimmt, um sein Ziel zu erreichen; dann aber ist das
Körperschema letztlich nur ein anderes Wort für das Zur-Welt-sein meines
Leibes. (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 126)
Der Körper hebt sich also in bestimmter Weise von Anderem ab, rückt eine Gestaltung
in den Vordergrund, indem er „akzentuiert“ wird, sich für eine bestimmte „Aufgabe“
zurechtbiegt oder „polarisiert“ ist (vgl. Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 125f.).
Es ist stets eine Art, der Welt gegenüberzustehen (bzw. ihr zuzustehen), zur Welt zu
sein. Die Begriffe der Akzentuierung und Polarisierung deuten an, dass es keine in
sich abgeschlossenen Momente (oder Körpertechniken) sind, sondern dass das
Körperschema stets dynamisch, situativ-spontan und fungierend ist. Eine Akzentuierung
oder Polarisierung bedarf m. E. einer (inneren und äußeren) Bewegung7, die wie eine
Linie oder eine Melodie auf etwas zugeht, also eine Richtung, eine Gerichtetheit und eine
fungierende Intentionalität aufweist.
Je mehr wir uns mit Merleau-Ponty dem Lern- und Könnensbegriff nähern, desto
deutlicher lässt sich die körperlich vollzogene und intentionale Tätigkeit als ein „Zur-
Welt-Sein des Leibes“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 126), als Körperschema verstehen:
S. 123 ff.) und das Körperschema als „Zur-Welt-sein meines Leibes“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 126)
versteht.
7 ‚Bewegungen‘ sind hier (auch) im übertragenen Sinne gemeint: einerseits körperlich-motorische,
(deutlich) sichtbare Bewegungen des Bewegungsapparates (Körper), dem Körper zuzuordnende, äußere
Bewegungen, andererseits innere (leibliche) Bewegungen, die das Denken, das Sich-Artikulieren und
Äußern, die Emotionen und Erregungen betreffen.
33
Erlernt ist eine Bewegung, wenn der Leib sie verstanden hat, d.h. wenn er sie
seiner ‚Welt‘ einverleibt hat, und seinen Leib bewegen heißt immer, durch ihn
hindurch auf die Dinge abzielen, ihn einer Aufforderung entsprechen lassen,
die an ihn ohne den Umweg über irgendeine Vorstellung ergeht. (Merleau-
Ponty, 1945/1966, S. 168)
Hier wird die Beziehung zwischen einer körperlich vollzogenen Tätigkeit und ihrer
leiblichen, intentionalen ‚Gestalt‘ aufgezeigt: Eine Bewegung ist erlernt oder erworben
im Sinne eines Könnens erst wenn sie Teil des Körperschemas ist.mlich dann, wenn
die Person sich nicht um die Bewegung selbst kümmern muss, sondern durch diese
„hindurch“ sich zur Welt sieht/spürt/erlebt und sich ggf. auch mit oder durch die
Bewegung in bestimmter Weise ausdrücken kann. Der Leib muss sie „verstanden
haben,8 das heißt, die Person nimmt nicht die Bewegung als solche wahr, sondern sie
erlebt sich als Person in und mit dieser (inneren und äußeren) Bewegung. Das Abzielen
auf die Dinge durch den Leib (s. o.) meint dasselbe wie das weiter oben zitierte auf die
Aufgabe hin Existierende und unterstreicht nochmals die Gerichtetheit mit und durch
eine („einverleibte“ bzw. leiblich „verstandene“) Bewegung (vgl. Merleau-Ponty,
1945/1966, S. 126, 174, 168).
Stellen wir uns ein Kleinkind vor und fragen, was ein Gehen-Können bedeutet. Mit den
Überlegungen nach Merleau-Ponty stellt sich m. E. ein ‚Gehen-Können‘ erst ein, wenn
das Kind sich nicht mehr auf das Gehen(-nnen) konzentrieren muss, bzw. dabei stets
umgeworfen oder verhindert wird, sondern wenn das Kind für einen bestimmten Zweck
geht. Das bedeutet, dass das Gehen zum Medium wird, etwas tun zu können, wo
hingehen zu können, etwas holen zu können, sich rum- und austoben zu können „ohne
den Umweg über irgendeine Vorstellung“ (s. o.) , während das Gehen-Lernen (im
Modus eines Noch-nicht-Könnens) in bestimmter Weise einen Selbstzweck hat und noch
nicht als einverleibtes Können im Körperschema vorhanden ist. Insofern ist Lernen
leiblich, weil es darauf abzielt, ein Körperwissen, eine Körper- oder Kulturtechnik als
(potenzieller, einverleibter) Teil eines Körperschemas leiblich zu „verstehen“ (s. o.). Ein
solches Können ist u. a. daran zu erkennen, dass jemand mit seinem (erworbenen)
Körperwissen umgehen kann. Ein Umgang im Sinne einer Gestalt(ung), der als ein
Zur-Welt-Sein des Leibes gezielt, spontan, gerichtet sprich fungierend erscheint. Das
Können kommt zum Vorschein, wenn mit dem vorhandenen ‚Vokabular‘ (Körperwissen)
Sinn ausgesprochen und ausgestaltet werden kann, wenn mit den eingeübten
Bewegungen etwas ausgedrückt wird. Und das wird wie weiter unten gezeigt wird
dann sicht- und hörbar, wenn Kinder mit dem (sinnlich-ästhetischen oder
8 „Verstehen“ heißt nach Merleau-Ponty „die Übereinstimmung erfahren zwischen Intention und Vollzug,
zwischen dem, worauf wir abzielen, und dem, was gegeben ist …“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 174) und
ist keineswegs ein kognitives Phänomen.
34
musikalischen) Material variieren, Wiederholungen ändern und verfremden und
verspielt oder spielerisch spielen!
3. Forschungsgegenstand: Kinder(körper) und Gitarren
Der Forschungsgegenstand, der diesem Beitrag zugrunde liegt, besteht aus Kindern
und Gitarren. Genauer aus Kinderkörpern, die von und mit Gitarrenkörpern
herausgefordert werden. (Leib-)Phänomenologisch betrachtet handelt es sich hierbei
um eine Verschränkung von Körpern, von Körperdingen, aber auch von Leib und
Ding, die Merleau-Ponty als eine gegenseitige oder wechselseitige „Einrichtung“
bezeichnet. Dieses Zusammen mit Gegenständen, die ähnlich wie die Gitarre r
einen bestimmten Zweck an oder um den Körper genommen werden, beschreibt er
folgendermaßen: „Sich an einen Hut, an ein Automobil oder an einen [Blinden-]Stock
gewöhnen heißt, sich in ihnen einrichten, oder umgekehrt, sie an der Voluminosität des
eigenen Leibes teilhaben lassen“ (Merleau-Ponty, 1945/1966, S. 173). Das Einrichten in
die Gitarre ist nicht unbedingt sichtbar, aber, insbesondere für Zuhörende, hörbar und
für das Kind spür- und erlebbar. Es ist eine andere Formulierung eines Zur-Welt-Seins
des eigenen Leibes, wobei der Leib das Medium und eine Art Membran (Husserl spricht
von einer „Umschlagstelle“9) verkörpert, durch die hindurch Erlebbares geteilt werden
kann, sowohl zwischen Menschen als auch zwischen Mensch und Welt, zwischen Mensch
und Ding.
Kinder und ihre Gitarren
Die Kinder einer fünften Klasse (Oberschule) vom Forschungsteam über mehrere
Monate ethnografisch begleitet10erarbeiteten im Musikunterricht gemeinsam ein
Band-Stück mit Schlagzeugen, Keyboards, Gitarren und einem Gesangspart. Die Probe
der Gitarrist*innen fand jeweils in einem kleinen Nebenraum statt. Mit einem Auszug
aus einem Beobachtungsprotokoll wird vorgestellt, wie das Setting räumlich-materiell
gegeben ist und was dieses für den Erwerb eines spezifischen Körperwissens bedeutet:
Im Nebenraum sind wieder alle Gitarrenspieler*innen versammelt. Wieder
haben alle ihre Gitarren, also dieselben, die sie bereits letzte und vorletzte
9 Husserl beschreibt den Leib als eine „Umschlagstelle von geistiger Kausalität in Naturkausalität“ (Husserl,
1952, S. 286); oder etwas konkreter als „Umschlagspunkt“: Auf der einen Seite die „[v]on ‚innen‘ her
gesehen[e] … ‚Inneneinstellung‘ …, mittels [derer] das Subjekt die Außenwelt erfährt“ und auf der anderen
Seite die von außen betrachtete „Außeneinstellung“, in der der Leib als „materielles Ding“ erscheint und „in
kausalen Beziehungen zur realen Außenwelt steh[t]“ (vgl. Husserl, 1952, S. 161). Waldenfels befasst sich
mit dem Leib als Umschlagstelle in „Das leibliche Selbst“ (Waldenfels, 2000, S. 246 ff.).
10 Die Datenerhebung erfolgte innerhalb des vom BMBF geförderten Verbundprojekts „Kulturelle Bildung
und Inklusion“ unter der Leitung von Prof.in Dr. Cornelie Dietrich, Laufzeit 20172019, an der Leuphana
Universität in Lüneburg.
35
Woche spielten. … Sie setzen sich wieder in einen Kreis, erneut nicht einen so
runden, vollständigen wie bei der ersten Probe. Ein Junge sitzt wieder auf dem
Tisch, da zu wenig Stühle vorhanden sind. … Es beginnt jedes Kind für sich,
mit der eigenen Gitarre die Töne wiederzufinden (Gitarrenbünde 11-4-7-9).11
Es sind drei wesentliche Aspekte des (Ein-)Übens erkennbar. Erstens das Moment des
Wiederkehrens der Situation, als Situation des Übens im Sinne eines (wiederkehrenden
bzw. aufbauenden) Prozesses: Die Kinder sind „wieder“ unter sich im Nebenraum,
haben „wieder“ ihre eigenen Gitarren bei sich, sitzen „wieder“ im Kreis, ein Junge sitzt
„wieder“ auf dem Tisch und die Töne (von der letzten Übungsstunde) werden
„wieder“gefunden. In mehrfacher Hinsicht ist es ein Wiederaufnehmen (räumlich,
materiell, thematisch). Es kann aber davon ausgegangen werden, dass weitergeübt und
nicht etwa wieder gespielt wird. Das heißt, etwas wird aus der Vergangenheit
übernommen, aber es verändert sich etwas, nämlich die Art der Auseinandersetzung mit
dem Instrument, das Ziel verfolgend, etwas auf bestimmte Weise zusammen mit der
Gitarre tun zu können, sie in bestimmter Weise hand(-)haben zu können und das
Erklingen der Gitarre bestimmen zu können. Es handelt sich also um eine
wiederkehrende, gleichwohl aufbauende Tätigkeit, in der Körperwissen aufgebaut und
ein bestimmter Umgang mit der Gitarre zu eigen gemacht wird. Zweitens die Zuordnung
der Kinder zu ihren Gitarren, die über mehrere Wochen dieselbe ist, sprich, während des
Übungsprozesses eine Konstante darstellt: Die Gitarre, die ein jedes Kind bei sich hat
und in seine Tätigkeit einbindet ist keine beliebige, sondern immer „dieselbe“, also seine
persönliche Gitarre. Im Anschluss an den erstgenannten Aspekt, den des
wiederkehrenden Moments, lässt sich sagen, dass die über mehrere Wochen
andauernde (individuelle) Auseinandersetzung sich auf eine bestimmte Gitarre bezieht,
dass das Üben immer wieder an derselben Gitarre (und ihren Herausforderungen)
erfolgt und anknüpft,12 dass es also ein Kind-Gitarre-Duo ist, welches sich ‚einübt‘. Und
Drittens die Vorgabe des zu spielenden bzw. zu übenden Tonmaterials, der Tonfolge, die
als Gitarrenpart eingbt werden soll: Es handelt sich um eine Tonfolge von vier Tönen,
die nach ihren Bünden benannt sind (11-4-7-9),13 und ebenso wie die räumlichen und
materiellen Komponenten aus den bisherigen Übungsstunden übernommen werden. Es
ist ein Spielen und ein Üben (auch ein Töne-Suchen) einer bestimmten Tonfolge
(Spielvorgabe), was sowohl individuell als auch im Kollektiv erfolgen kann. Bestimmte
Töne sollen in einer bestimmten Reihenfolge (11-4-7-9) (ein-)geübt und gespielt
11 Auszug aus einem Beobachtungsprotokoll.
12 Es sind unterschiedliche Gitarren im Spiel: größtenteils klassisch gebaute Gitarren (die sich in der Größe
und Farbe leicht unterscheiden), Westerngitarren und je eine halbakustische Gitarre und eine E-Gitarre
(ohne Verstärker).
13 Feldwissen: Bei dieser Vorgabe handelt es sich um die Akkordtöne Cis-Fis-A-H der Akkordfolge fis-h-D-E,
die bei einer um einen Ganzton nach unten korrigierten, tiefsten Saite, klingend D, den Bünden 11-4-7-9
entsprechen. Jeder Bund unterscheidet sich vom nächsten um einen Halbton.
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werden. Hierfür müssen Arme und Finger koordiniert werden, ein Körperwissen dieser
Koordination an den Gitarren(saiten) wird erworben.
Diese drei Aspekte das wiederkehrende Moment, die beständige Zuordnung von Kind
und Gitarre und die vorgegebene Tonfolge bilden die Ausgangslage für das Üben, als
ein wiederkehrendes, aufbauendes Einüben und Festigen bestimmter
Körperbewegungen und Körper(um)formungen zugunsten eines sich entwickelnden
Körperwissens, eines Könnens im Sinne eines Beherrschens und (praktischen)
Vermögens. Sie lassen sich von dem Fallbeispiel lösen: Insbesondere der erste Aspekt ist
konstitutiv für ein Einüben bestimmten Körperwissens, unabhängig von der Art der
körperlichen Tätigkeit. Der zweite Aspekt ist spezifisch, lässt sich aber auch auf andere
Bereiche übertragen: Wird Fahrradfahren geübt (bzw. will/soll Fahrradfahren gelernt
werden), ist es naheliegend, dass vorerst an einem und demselben Fahrrad das
Aufsteigen, das in die Pedalen Treten, das Lenker-Greifen, das Steuern, das Sitzen, das
Balancieren und das Gleichgewicht-Halten eingeübt wird, um stets an das bereits
erworbene kleine und größere Körperwissen anknüpfen zu können. Im Anschluss lässt
sich das Körperwissen bei Bedarf mit anderen (Fahr-)Rädern modifizieren. Der dritte
Aspekt ist ebenso wenig auf die in diesem Setting geltende Vorgabe beschränkt. Eine
Vorgabe im Sinne eines Ziels, eines angestrebten Könnens sowohl von außen
aufgetragen, pädagogisch inszeniert als auch selbst-gewählt oder gar suchend ist beim
(Ein-)Üben einer bestimmten Tätigkeit und eines Körperwissens stets gegeben oder
ergibt sich im Prozess, auch wenn sie sich ändern kann.
Die Anforderungen der Gitarre
Die Gitarre ihrerseits hat eine Geschichte, die von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart
reicht und schreibt mit ihrem Bauplan eine bestimmte Umgangsweise vor, es sei denn,
sie dient als Dekoration, als Ausstellungsstück, als Gegenüber einer materiellen
Untersuchung oder Ähnlichem. Wird sie als Musikinstrument (bzw. als Werkzeug zur
gezielten Klangerzeugung) ein(-)gesetzt, werden die in ihr eingeschriebenen Regeln zu
‚machtvollen Strukturen‘14. Es war zwar einst der Mensch, der sie konstruierte, darüber
entschied, wie sie zu funktionieren hat, aber, will man sie als dieses bestimmte kulturelle
Artefakt verwenden, ist sie diejenige, die bestimmt, wie das Spiel funktioniert, wie etwas
erklingt bzw. erklingen kann, welche Möglichkeiten des Klangerzeugens in ihr stecken.
Ihre Bauweise entscheidet über bestimmte Möglichkeiten und Grenzen des
(Un-)Machbaren. „Die Hand muss in ihren Aktionen zur Tonerzeugung den
physikalischen Charakteristika des Instruments gerecht werden“, schreibt Christoph
Wagner zurAnpassung“ an das Instrument (Wagner, 2005, S. 22). Diese Anpassung
14 ‚Machtvoll‘ wird hier als stark, unnachgiebig, wegweisend oder widerständig verstanden.
37
besteht nach ihm aus „Grundforderungen“ (Wagner, 2005, S. 24), die das Instrument an
den oder die Anwender*in stellt und die von den Anwender*innen geleistet werden
sollen/müssen: „Was immer die Hand im Einzelnen am Instrument bewirken kann,
jedes der Instrumente stellt an die Anpassung vonseiten des Spielers [sic] bestimmte,
nahezu unveränderliche Grundforderungen.“ (Wagner, 2005, S. 24) Dazu gehört beim
Gitarrenspiel beispielsweise die konkrete Forderung an die linke Hand: „Die Saite
muss unmittelbar oberhalb des Bundes heruntergedrückt werden, womit das Zielfeld
der Finger eng umgrenzt ist.“ (Wagner, 2005, S. 56) Aus der Beobachtung und
Miterfahrung vor Ort, wo die Kinder sich (mehrheitlich erstmals) mit einer Gitarre
auseinandersetzten, lassen sich die (An-)Forderungen der Gitarren an die Kinder
weiter ausführen: Die mit Metalldraht umsponnene Saite muss mit einer bestimmten
Ziehkraft aus ihrer Ruheposition gezogen werden, damit die Schwingung für die
Erzeugung eines (stabilen) Tons ausreicht. Ansonsten bleibt das akustische Feedback
bei ‚Nebenprodukten‘, bei Geräuschen. Das Zupfen muss außerdem mit dem Greifen
derselben Saite koordiniert sein, wenn ein bestimmter Ton, ungleich der leeren Saite,
erklingen soll. Hierfür ssen die Finger der linken Hand die Saite so sehr an den
Gitarrenhals andrücken, dass die Saite dem Druck unterliegt. Weiter muss die Saite
während des Zupfens zwischen Finger und Griffbrett eingeklemmt bleiben, ansonsten
‚scheppert‘ der Ton. Die ‚herkömmliche‘15 Spielweise erfordert außerdem, dass der
rechte Arm über den Gitarrenkorpus gelegt wird, um von oben bzw. vorne an die
gespannten Saiten zu gelangen. Die Gitarre soll auf dem rechten Oberschenkel, mehr
oder weniger gegenüber dem rechten Ellenbogen/Oberarm aufliegen. So ist sie
zwischen dem rechten (Ober-)Arm und dem rechten Oberschenkel in der Vertikalen
einigermen eingeklemmt. Die Korpuswölbung soll an der Unterseite der Gitarre mit
der Rundung des Oberschenkels zusammenfallen, sodass die Gitarre auch in der
Horizontalen mehr oder weniger fixiert ist.
4. Forschungsfrage: Wie antworten die Kinder auf die (An-)Forderungen?
Ausgehend von der eben geschilderten Ausgangslage derjenigen der Kinder(körper)
und der Gitarren kann nun die Frage gestellt werden, wie die Kinder auf die
(An-)Forderungen und „Ansprüche“16 der Gitarren und ihrer Selbst antworten, wie
sie damit umgehen. Wie sie die Gitarrensaiten zupfen, anschlagen, zum Schwingen
bringen, worin sich ihre Handhabungen unterscheiden und welche Tendenzen einer
15 ‚Herkömmlich‘ bezieht sich auf die kulturell etablierte, meist über Lehrpersonen vermittelte ‚korrekte‘
Spielweise der klassischen Gitarre.
16 „Anspruch“ wird hier im Sinne Waldenfels‘ als Teil eines Antwortgeschehens (Responsivität) verstanden:
„Was hier mit dem schillernden Ausdruck ‚Anspruch‘ benannt wird, ist dem Antworten [der Kinder; I.W.]
selbst zu entnehmen als das, worauf die Antwort geht und wem sie gilt“ (Waldenfels, 1994, S. 193).
38
gegenstandsbezogenen Körperführung, Körper(um)formung und gegebenenfalls der
machtvollen Struktur der Gitarre unterworfenen Körperfügung zu finden sind. Damit
lassen sich Aussagen darüber treffen, was es für das Kind körperlich bedeutet, eine
Gitarre als Instrument zu nutzen, sie so handzuhaben, dass bestimmte Töne erklingen,
sprich das entsprechende Körperwissen zu erwerben. Und weiter lässt sich
schlussfolgern, was es für das Kind leiblich bedeutet, sich mit und durch das erworbene
Körperwissen zu Anderen und Anderem in ‚Szene zu setzen‘.
Die Antwort auf die Forschungsfrage wird auf zwei Ebenen beantwortet: Es wird erstens
aufgezeigt, wie die Kinder körperlich auf die (An-)Forderungen und „Ansprüche“
antworten, indem sie ihren Körper instrumentalisieren, ihn formen und umformen und
konkretes Körperwissen erwerben. Und zweitens wird gezeigt, wie die leibgebundene
Antwort aussehen kann, indem der Leib respektive das einverleibte Körperwissen als
Medium zwischen Leib und Welt fungiert und ein Raum des Spielens im Sinne eines
zweckbefreiten Ausdrückens und Gestaltens entsteht.
5. Zur Methode
Die diesem Beitrag zugrunde liegende Forschungsarbeit basiert auf einer
schulethnografischen Studie. Die Datengewinnung und -aufarbeitung folgte einem
Forschungsdesign der ethnografischen Feldforschung (Friebertshäuser &
Panagiotopoulou, 2013) mit videogestützten Beobachtungen, konkret einer
„fokussierten Ethnografie“ (vgl. Friebertshäuser & Panagiotopoulou, 2013, S. 308),
die im Rahmen des Forschungsprojektes „Kulturelle Bildung und Inklusion“
durchgeführt wurde (vgl. Dietrich & Wullschleger, 2019; Dederich et al., 2020). Das
in diesem Beitrag vorgestellte und analysierte Datenmaterial stammt einerseits aus
der teilnehmenden Beobachtung (Breidenstein et al., 2020, S. 83 ff.) bzw. der
teilnehmenden Erfahrung (vgl. Kosica, 2020, S. 150 ff.) und andererseits aus erhobenem
Videomaterial (Standbilder). Die Feinanalysen ausgewählter Sequenzen wurden als
dichte Beschreibungen nach Clifford Geertz (1973), bzw. im Anschluss an die
pädagogisch-phänomenologische Videographie nach Malte Brinkmann und Severin
Sales Rödel (2018), sowie als „exemplarische Deskriptionen“ nach Winfried Lippitz
(2019) ausgearbeitet und mit (leib-)phänomenologischen und bildungstheoretischen
Konzepten interpretiert. Sowohl die deskriptiven als auch die begrifflich-theoretischen
Ausarbeitungen sind mit einem phänomenologischen Forschungsansatz gerahmt:
körperliche, leibliche, dingliche und räumliche Dimensionen werden ebenso wie
Sprachliches berücksichtigt.
39
6. Körperlich-praktisches Antworten (Empirie zum Körperwissen)
Das Halten der Gitarre ist nicht bei allen gleich, manche probieren
verschiedene Haltungen aus, wie’s ist, wenn sie die Saite mit dem Daumen von
hinten drücken, ob das einfacher (weniger schmerzvoll) geht.17
Wie vor Ort beobachtet werden konnte, ist die Art und Weise des Haltens bzw.
Handhabens der Gitarre unterschiedlich. In Verbindung mit dem Schmerzempfinden
darauf verweist die Klammerbemerkung wurde festgestellt, dass es unterschiedliche
Handhabungen gibt, und dass (wegen des Schmerzes) alternative Spielweisen
ausprobiert werden, um allenfalls dem Schmerz auszuweichen.18 Das Ausprobieren
verschiedener Haltungen impliziert, dass es rein praktisch Spielräume gibt. Weder
die Kinder noch die Gitarren scheinen auf einer bestimmten Haltung, Handhabung
und Vorgehensweise zu beharren. Die Spielräume respektive Handlungs- und
Handhabungs(frei)räume werden allerdings nur den Kindern zugeschrieben. Ihre
Haltungen sind unterschiedlich, sie probieren aus, sie drücken die Saite von der anderen
Seite (sie, die Kinder, nicht die Gitarren). Agieren (bzw. sich (um-)formen) tun also
vordergründig die Kinder. Sie tun dies aber, um eine bestimmte Tonfolge spielen zu
können und sind auf die Gitarre als Werkzeug angewiesen, die wiederum ihrerseits die
Möglichkeiten und Grenzen vorgibt. Das Kind befindet sich somit eher in einem Re-
Aktionsmodus, in einem Reagieren bzw. Antworten auf die (An-)Forderungen der
Gitarre, zugunsten einer ‚funktionierenden‘ und befriedigenden, auf Körperwissen
beruhenden Fertigkeit.
Unterschiedliche Hand(-)habungen und Körperformungen
Auf den ausgewählten Videostandbilder lassen sich Spielräume in Hinblick auf die
Positionierung der Gitarre am Kind ausmachen: Es scheint, dass insbesondere die
Ausrichtung und Haltung des rechten Beines/Oberschenkels darüber entscheidet, wie
die Gitarre liegt. Sind die Oberschenkel nahe aneinander (Beispiel c und d, Abb. 1), ist die
Gitarre in der Horizontalen relativ parallel zum Oberkörper, während bei (leicht)
gespreizten Beinen (Beispiel a und b) die Gitarre mit einem spitze(re)n Winkel zum
Oberkörper mit dem Gitarrenhals leicht nach vorne zeigt. Auch in der Vertikalen gibt es
leichte Unterschiede: In Beispiel b ist die Gitarre ziemlich genau im rechten Winkel zum
Boden gehalten was mit einer nach vorne und zur Gitarre gerichteten
Oberkörperhaltung zusammenfällt , während bei Beispiel c eine deutliche Neigung der
Gitarre zu sehen ist. Das scheint in umgekehrter Weise, als ob die Gitarre der etwas
17 Auszug aus einem Beobachtungsprotokoll.
18 In einem anderen von der Autorin jüngst veröffentlichten Beitrag wird näher auf den Moment des
Schmerzes eingegangen (siehe Wullschleger, 2022).
40
aufrechteren Oberkörperhaltung angepasst würde. Das überschlagene Bein (Beispiel b)
könnte als zusätzliche Stabilisierung gedeutet werden: Der Oberschenkel ist weniger
zum Boden geneigt im Unterschied zum anderen Bein deutlich sichtbar und bildet
dadurch eine stabilere/waagrechtere Unterlage für den Gitarrenkorpus. Im Gegensatz
dazu kann vermutet werden, dass in Beispiel c die linke Hand mit einem leichten Ziehen
zum Körper hin ein Wegrutschen der Gitarre über der leicht geneigten
Oberschenkeloberfläche verhindert.
Abbildung 1. Vier Weisen des Zupfens, Haltens und Handhabens, a), b), c) und d) (Videostandbilder, Quelle:
eigenes Material).
Ein ähnlicher Effekt wie beim überschlagenen Bein ist in Beispiel d zu sehen bzw. zu
vermuten: Die Füße sind so auf die Stuhlbeine gesetzt, dass die Oberschenkel etwas
erhöht positioniert sind, was ähnlich wie in Beispiel beinen Vorteil in der Haltung
und Stabilisierung der Gitarre ausmachen könnte, weil der Winkel zur Gitarrenzarge
geschlossen(er) ist. Die Gitarre liegt an der Stelle ihrer Einwölbung (Zarge) fast
vollständig auf dem Oberschenkel auf.
Gemeinsam ist den individuellen Handhabungen Folgendes: Es geht erstens um ein
Positionieren und Stabilisieren der Gitarre als Gegenstand um und am Körper, zweitens
um ein Positionieren, Stabilisieren und Kontrollieren bestimmter Körperteile auf, am
und um das Instrument und drittens um eine Freilegung von bestimmten Körperteilen
zugunsten einer möglichst zielorientierten Flexibilität der äußersten Extremitäten, der
Hände und Fingerspitzen. Diese genannten Punkte zeigen in ihrer Bezüglichkeit auf,
dass das Einüben eine Abwägung und ein Ausbalancieren zwischen einer Stabilisierung
und Festigung einerseits und einer Flexibilität und Beweglichkeit andererseits bedeutet.
Die Gitarre wird zwar auf dem Oberschenkel gemittet und zwischen Bein und Arm
‚gehalten‘, aber sie hat in allen abgebildeten Spiel-Positionen ein Bewegungspotential
und könnte leicht zur Seite schaukeln bzw. geschaukelt werden, ohne dabei ihre
Berührungspunkte (Oberschenkel, Arm/Ellenbogen, Hand) bedeutend zu ändern. Das
Schaukeln würde das Spiel nicht verhindern, aber womöglich irritieren oder
erschweren. Die Gitarre ist also nicht vollständig fixiert, aber auch nicht labil/lose,
sondern befindet sich in einer leicht flexiblen Positionierung, die so scheint es stets
41
kontrolliert und in Schach gehalten werden muss. Diese Zusammenhänge können
in ihrer Spezifität verdeutlicht werden, wenn sie in Kontrast zu anderen
Instrumentalspielen gesetzt werden. So ist bspw. das Bespielen eines Klaviers
fundamental anders in der Art und Weise, wie man seinen Körper zum Instrument
(ver-)hält bzw. (ver-)halten muss: Das Klavier (wie auch das Schlagzeug oder das
Standmikrofon als ein Instrument im weitesten Sinne) muss nicht gehalten werden, weil
es auf dem Boden steht. Der Körper muss lediglich hingehalten werden und beim
Bespielen wird nicht zusätzlich noch ein Positionieren, Festhalten, Stabilisieren oder
Ausbalancieren des Instruments verlangt. Damit wird deutlich, dass das Halten und
gleichzeitige Bespielen einer Gitarre für den Körper, dessen Führung und das
Körperwissen (mindestens) zwei Komponenten haben, die parallel verlaufen (müssen)
und sich gegenseitig nicht stören sollten: Das Halten, Festhalten, Positionieren der
Gitarre, eine Art An-sich-Nehmen des Werkzeugs und das konkrete, feinmotorischere,
zweihändige Agieren mit der Gitarre, das Bespielen des Instruments mit gezielten und
durchaus kontrollierten Bewegungen.
7. Leiblich-ästhetisches Antworten (Empirie zum Körperschema)
Am Material kann weiter gezeigt werden, dass die Kinder den Spiel- und Freiraum in der
Auseinandersetzung mit der Gitarre als Ausdrucksraum nutzen (wollen):
Damian beginnt unverzüglich und spielt die Tonfolge vier Mal in Folge (die
anderen vor ihm haben die Tonfolge lediglich zweimal gespielt). Er spielt die
Tonfolge in einem schnelleren Tempo (als seine Vorgänger*innen), er eilt
durch die Lagenwechsel und beschleunigt zusätzlich. Während des Spiels
wirkt Damian zunehmend gehetzt. Sara meldet sich im Anschluss an sein
Spiel, ebenso unverzüglich: „Damian, das- , du bist zu schnell!“. Er erwidert
mit einem schelmischen Lächeln: „Ja, ich kann auch langsam“, gleitet mit der
Greifhand mehrmals über das Griffbrett ….19
In diesem Beispiel aus einer Videoaufzeichnung wird deutlich, dass der Junge das Spiel
variiert und aus der vorgegebenen Tonfolge etwas Neues kreiert. Sein Spiel
unterscheidet sich von dem seiner Mitschüler*innen mehrfach: Er verdoppelt die
Anzahl der Durchgänge (vier anstatt deren zwei), beginnt die Tonfolge in einem leicht
schnelleren Tempo und beschleunigt stetig. Mit der Beschleunigung der Anschläge
muss er auch die Lagenwechsel beschleunigen, was geeilt wirkt. Durch diese beiden
Veränderungen (Verdoppelung und Beschleunigung), die er in sein Spiel integriert,
passiert Folgendes: Sein Beitrag wird im Vergleich zu den Beiträgen seiner
Mitschüler*innen einerseits verlängert, ausgedehnt und zeitlich vergrößert,
19 Auszug aus einer Videodeskription. Die Namen der Kinder wurden anonymisiert.
42
andererseits im Charakter verändert, indem sein schnelleres und insbesondere
beschleunigtes Spiel womöglich virtuoser, überlegen(er), kompetitiv und exklusiv
hervortritt. Mit anderen Worten: Das, was Damian tut, sein Spiel mit der Gitarre, ist
länger, zeitlich größer, nimmt mehr (oder anderen) Raum ein. Und gleichzeitig wirkt
Damian als agierender Mensch, als Gitarristen zumindest auf mich als Beobachterin
und Forscherinschneller, virtuoser, überlegen(er), kompetitiv und sich von den
Anderen absetzend (exklusiv). Das, was Damian in seinem Spiel zeigt bzw. zum
Ausdruck bringt, ist eine (Aus-)Gestaltung, eine Ausdrucksweise, eine Artikulation, die
aus der Sicht des Jungen als Körperschema, als ein bestimmtes Zur-Welt-Sein seines
Leibes interpretiert werden kann. Er zeigt sich mit und durch sein Gitarrenspiel als
jemanden und bringt neue Bedeutungen hervor (vgl. Waldenfels, 2002, S. 28). Sein
erworbenes Körperwissen, welches er hier im Moment modulierend, sprich fungierend
intentional als Teil des Körperschemas präsentiert, ist ein Können im Sinne eines
leiblichen Verstehens und Teil seines Selbst Gewordenen, ein Medium des
Selbstausdrucks.
Es kann aber auch sein, dass der genannte Eindruck nicht von langer Dauer ist und dass
das, was auf mich „zunehmend gehetzt“ wirkt, keinen virtuosen Gitarristen, sondern ggf.
einen leicht überforderten Schüler zeigt, der sich unter Umständen selbst überschätzt
und von der selbst inszenierten ‚Show‘ oder auch der zunehmenden Schwierigkeit der
körperlichen Koordination eingeholt wird. Dann, so ließe sich schlussfolgern,
‚schlitterte‘ der Junge von einem beherrschten Spiel, dem Können und einverleibten
Körperwissen, dem Spielen der (ursprünglichen) Tonfolge, in ein Nicht-mehr-Können
bzw. in ein Scheitern dessen, was er (in Einzelteilen) gerade noch zu können vermochte.
Das heißt, dass das Sich-‚Heraus‘-fordern aus dem bereits Gekonnten zu einem (neuen)
Widerstand, zu einer Irritation des Selbst-Welt-Verhältnisses führen kann/würde. War
er (bisher) mit einem Tempo vertraut, konnte er die Hand- und Fingerführungen
wiederholen und diese in den Wiederholungen festigen, sprich das Körperwissen
sättigen. Wählt er ein schnelleres und beschleunigtes Tempo, sind die
Bewegungsabläufe zwar noch immer dieselben, allerdings in der Zeit verkürzt und
zeitlich enger/dichter aneinandergereiht, was technische Konsequenzen und
Schwierigkeiten mit sich bringt. Die Abläufe benötigen eine bestimmte Zeit, um
ausgeführt zu werden, sodass sich in einem schnelleren Tempo die koordinierten
Bewegungen zeitlich (und auch räumlich!) u.U. überschlagen können, sodass ‚Umwege‘,
(Nach-)Justierungen und Feinabstimmungen nicht mehr drin liegen.
Beiden Lesarten – derjenigen des virtuosen und exklusiv erscheinenden Gitarristen und
derjenigen des überforderten Schülers ist gemein, dass dem (gezielten) Variieren und
Verfremden ein Können im Sinne eines leiblichen Verstehens vorausgeht. Der Junge
äußert sich reflektiert zu seinem Können: „Ja, ich kann auch langsam“, erwidert er auf
43
die beurteilende, aufklärende Reaktion einer Mitschülerin zu seinem „zu schnellen“ Spiel
(s. o.). Er zeigt sich einsichtig, aber weiterhin in einer Rolle, die sich von denjenigen
seiner Mitschüler*innen abhebt. Er scheint implizit sagen zu wollen, dass er nicht nur
das kann, was eigentlich angedacht ist (nicht zu schnell spielen), sondern dass er eben
auch schneller und beschleunigend spielen kann, dass er sowohl beschleunigen als auch
verlangsamen, sprich temporal variieren kann. Er hebt sich von dem, was erwartet wird,
ab und zeigt im Spiel eine Individualität, geradezu ein Charakter(spiel). Darin zeigt sich
weiterhin eine von ihm für sich initiierte Herausforderung was noch nicht bedeutet,
dass er dieser Herausforderung gewachsen ist , es zeigt sich aber auch Mut und
Experimentierfreude, Grenzen zu suchen, auszuloten oder neu zu setzen. Und das
wiederum spricht dafür, dass er ein Bedürfnis hat, nicht lediglich die Tonfolge korrekt
spielen gelernt zu haben, sie zu beherrschen, sondern dass er darüber hinaus das Spiel
als etwas spielen möchte, dass er zusammen mit der Tonfolge respektive zusammen
mit der Gitarre ein Bild von sich, ein „Raumbild“ (Schilder, 1923, S. 2) gestalten will. In
dieser Weise lässt sich das Körperschema des Jungen verstehen und die hierfür
bedeutsame Charakteristik aufzeigen: Während das Körperwissen als eine strategisch
gewählte Körperformung personenübergreifend ähnlich sein kann z.B. wenn mehrere
Kinder sich entscheiden, das Bein unter der Gitarrenzarge zu überschlagen ist es
undenkbar, ein Körperschema eines anderen Menschen zu übernehmen, zu imitieren
oder zu kopieren. Die Variation und Verfremdung, die wir hier bei Damian ausgestaltet
sehen, ließen sich zwar von Anderen übernehmen, aber es ließe sich nicht ebenso
verlässlich das Gefühl des leiblichen Zur-Welt-Seins auf einen anderen Menschen
übertragen.
8. Zusammenfassung und Ausblick
Im Beitrag wurden zwei dem empirischen Material angemessene Begriffe Körper-
wissen und Körperschemavorgestellt und in Beziehung zur anthropologisch-
phänomenologischen Unterscheidung des Körper-Habens und des Leib-Seins gestellt.
Einerseits kann das Körperliche als Teil der physisch-räumlichen Körperformung
beschrieben werden: Der Körper wird instrumentalisiert, um mit der Gitarre gezielt
etwas tun zu können. Dabei wird deutlich, dass der Körper (um-)geformt, angepasst, in
gewisser Weise eingesetzt und eingeübt wird bzw. in Hinblick auf die angestrebte
Tätigkeit werden muss. Hier kann vor allem das Körperliche, das (deutlich) Sichtbare,
‚vermessbare‘ gefasst werden: die Positionierung und die Koordination von Körperteilen
(bzw. der Gitarre) sowie Greif- und Zupftechniken. Es handelt sich um ein Körperwissen
als ein Wissen des Körpers, welches sich jemand durch (Ein-)Übung aneignet. In der
Darstellung wird deutlich, welche Ambivalenz im Erwerb von Körperwissen steckt:
Kontrolle und Stabilität versus Beweglichkeit und Flexibilität. Andererseits kann das
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Leibliche als ein spezifisches Zur-Welt-Sein (Merleau-Ponty) mit und durch die Gitarre
verstanden werden. Am Material wird deutlich, dass die Kinder das Instrument und auch
ihr (erworbenes, einverleibtes) Körperwissen als Medium des ästhetischen (Selbst-)
Ausdrucks verwenden (wollen). Hierzu können Räume (Spielräume) beschrieben
werden, in denen sich den Kindern (potentielle) sinnlich-ästhetische Erfahrungen
zuschreiben lassen.
Innerhalb dieser Doppelstruktur der körperlich-leiblichen Auseinandersetzung mit der
Gitarre als Musikinstrument befindet sich das Kind mehr oder weniger intensiv in
einem Spielraum20 des Übens, Einübens, Sich-Aneignens und Umübens, des Gestaltens
und Sich-Ausdrückens. Dieser Spielraum kann als ‚Körper-Leib-Spielraum‘ bezeichnet
werden, weil er sich zwischen dem Erwerb konkreter Bewegungen und Formungen
bestimmter Körperteile einerseits und dem leiblichen Zur-Welt-Sein als ein Spürraum
der (Selbst-)Empfindung, Ausgestaltung und (Selbst-)Wahrnehmung andererseits
aufspannt. Eine dritte Komponente ist schließlich die Gitarre selbst, als Gegenstand und
als Werkzeug mit eigentümlicher Materialität und spezifischen „Ansprüchen“
(Waldenfels). Sie ist mit ihren eingeschriebenen Regeln und den geradezu ‚machtvollen
Strukturen‘ mitbestimmend für Körper und Leib, ein responsiver Gegenstand, der
sowohl den Körper als auch den Leib adressiert, beim Instrumentalspiel als Konstituens
im Körperwissen verwickelt ist und im Körperschema fungiert.
Die in diesem Beitrag vorgestellten begrifflich-theoretischen Einordnungen in Bezug auf
empirisches Material können insofern für weitere Forschungsarbeiten fruchtbar sein, als
sie körperliche und körperbezogene Tätigkeiten/Praxen in einer fundamentalen und
ausführlichen Weise erfassen können. Beispielsweise in der empirischen
Bildungsforschung, in der Lehr-Lern-Forschung oder in der Inklusionsforschung sind
meines Erachtens die Bemühungen, körperliche (und leibliche) Vollzüge in ihren
Besonderheiten zu verstehen, nach wie vor eher dünn gesät. Es ließen sich diesbezüglich
Bemühungen anstellen, noch näher am Geschehen und dichter an der Perspektive des
Kindes und dessen Körper(lichkeit) heranzukommen sowie Räume des Erfahrens und
Wahrnehmens, des Sich-Aneignens, Empfindens und Ausgestaltens zu erfassen.
20 Spielraum im doppelten Sinne: Einmal im metaphorischen Sinne eines Freiraumes, Möglichkeits- oder
Machbarkeitsraumes und einmal im wörtlichen Sinne eines Mikroraumes, in dem Gitarre gespielt und geübt
wird.
45
Literaturverzeichnis
Alkemeyer, T., & Brümmer, K. (2020). Körper und informelles Lernen. EEO Enzyklopädie
Erziehungswissenschaft Online. https://doi.org/10.3262/EEO23200432
Andermann, K. (2012). Schema (Körperschema). In S. Günzel (Hrsg.), Lexikon der Raumphilosophie
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Autor:in
Isabel Wullschleger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der
Humboldt-Universität zu Berlin. Sie forscht im Schnittfeld zwischen Allgemeiner (phänomenologischer)
Erziehungswissenschaft, Ästhetischer Bildung und Musikpädagogik. Kontakt: wullschi@hu-berlin.de
47
Christin Laschke, Bettina Rösken-Winter & Lars Jenßen
Die dimensionale Struktur diagnostischer Urteilskriterien
Zusammenfassung: Diagnostische Urteile sind ein wichtiger Bestandteil der täglichen Praxis von
Lehrkräften und mitentscheidend für die schulische Entwicklung von Schülerinnen und Schülern.
Bisherige Untersuchungen geben Einblicke in Urteilsprozesse und deuten auf unterschiedliche
inhaltsbezogene und generische Kriterien hin, auf deren Basis diagnostische Urteile getroffen werden.
Die Frage, anhand welcher Kriterien angehende Lehrkräfte Lösungen von Schülerinnen und Schülern im
Fach Mathematik in unterschiedlichen Phasen des Lehramtsstudiums beurteilen und wie diese Urteile
strukturiert sind, ist bisher ungeklärt. Dahingehende Befunde können zum Verständnis diagnostischer
Urteile beitragen und perspektivisch Implikationen für die Lehramtsausbildung liefern. Vor diesem
Hintergrund wurden Begründungen zur Beurteilung von Schülerlösungen (n = 110 angehende Lehrkräfte
im Primarstufenstudium) erhoben und inhaltsanalytisch ausgewertet. Auf Basis der identifizierten
Urteilskriterien wurde in mehreren Teilstudien mit weiteren Stichproben angehender
Primarstufenlehrkräfte (n1 = 168, n2 = 209, n3 = 209) die dimensionale Struktur diagnostischer Urteile
angehender Lehrkräfte mittels konfirmatorischer Faktorenanalysen untersucht. Entsprechend der
Ergebnisse weisen diagnostische Urteile von angehenden Lehrkräften die folgenden vier Dimensionen bei
der Beurteilung mathematischer Schülerlösungen auf: Verstehen, Qualität der Lösung, Präsentation der
Lösung und Motivation. Zusätzlich zu den Erkenntnissen über die Struktur diagnostischer Urteile
angehender Lehrkräfte wurde ein Erhebungsinstrument entwickelt, das in weiteren Studien für die
Untersuchung, wie sich diagnostische Urteile durch entsprechende Lerngelegenheiten entwickeln,
genutzt werden kann.
Schlüsselwörter: Urteilskriterien, Diagnostik, dimensionale Struktur, Lehrkräfteausbildung
Abstract: Diagnostic judgements are part of teachers' daily practice and crucial for students' academic
development. Previous studies provide insights into judgement processes and point to different content-
related and generic criteria diagnostic judgements are drawn on. Up to know it has not been clarified
what criteria pre-service teachers use to judge students’ solutions in mathematics in different phases of
teacher education and how these judgements are structured. Findings in this regard can contribute to
the understanding of diagnostic judgements and can provide implications for teacher education. Against
this background, justifications for the judgements of student solutions (n = 110 pre-service teachers in
primary education) were collected and investigated by content analysis. Based on the identified
judgement criteria, the dimensional structure of diagnostic judgements of pre-service teachers was
examined in several sub-studies with further samples of (n1 = 168, n2 = 209, n3 = 209) using confirmatory
factor analyses. According to the results, diagnostic judgements of prospective teachers show the
following four dimensions in the judgements of mathematical student solutions: Understanding, Quality
of solution, Presentation of Procedure, and Motivation. In addition to the findings on the structure of pre-
service teachers' diagnostic judgements, a survey instrument was developed that can be used in further
studies to investigate how diagnostic judgements develop through appropriate learning opportunities.
Keywords: judgement criteria, diagnosing, dimensional structure, teacher education
1. Einleitung
Lehrkräfte stehen regelmäßig vor der Herausforderung, Schülerinnen- und Schüler-
lösungen mit Blick auf ihren Lernstand, insbesondere in Bezug auf den fachspezifischen
Kompetenz- und Wissenserwerb, zu beurteilen. In solchen Anforderungssituationen
kommen diagnostische Urteile zum Tragen. Diese entscheiden nicht nur darüber, was
den Schülerinnen und Schülern zuckgemeldet wird, sondern auch welche weiteren
Lernangebote in welcher Form gemacht werden und haben daher Konsequenzen für die
48
schulische Entwicklung von Schülerinnen und Schülern (Zhu et al., 2018). Ausgehend
von den für die unterschiedlichen Schulfächer formulierten Lernzielen, bilden der
Aufbau und die Verknüpfung von Wissenselementen eine wesentliche Basis für die
Kompetenzentwicklung von Schülerinnen und Schülern. In Anlehnung an die Theorien
der Kognitionspsychologie zur Konzeptualisierung verschiedener Wissenselemente
(Anderson, 2005) nimmt das prozedurale und konzeptuelle Wissen fach- und
gegenstandsübergreifend eine Schlüsselfunktion ein (Scheffler, 1965). Beim Lernen von
Mathematik kommt beiden Wissenselementen eine besonders wichtige Rolle zu (Goldin,
2018). Daraus ergibt sich die Anforderung, zu diagnostizieren, inwieweit prozedurales
und konzeptuelles Wissen erworben wurde. Dies stellt insbesondere im Fach
Mathematik eine besondere Herausforderung für Lehrkräfte dar, da mathematische
Schülerinnen- und Schülerlösungen vielfältig sein können und Aufgaben häufig mehrere
Lösungswege zulassen (Durking et al., 2017).
Bisher gibt es nur wenige und keine einheitlichen Befunde dazu, welche Kriterien
angehende Lehrkräfte ihren diagnostischen Urteilen zugrunde legen, wenn diese
Schülerinnen- und Schülerprodukte in Mathematik beurteilen und inwieweit sich diese
auf konzeptuelles oder prozedurales Wissen konzentrieren. Bisherige Befunde deuten
darauf hin, dass angehende Lehrkräfte bei der Beurteilung von Schülerinnen- und
Schülerlösungen eine fachliche und fachdidaktische Perspektive einnehmen, sich dabei
aber häufig auf die oberflächliche Beschreibung des Vorgehens der Schülerinnen und
Schüler beschränken, daraus aber keine Rückschlüsse auf die Denkwege ziehen, die dem
Vorgehen zugrunde liegen könnten und zudem keine tieferen Analysen dazu
vornehmen, ob Schülerinnen und Schüler ein konzeptuelles Verständnis erlangt haben
(Crespo, 2000; Talanquer et al., 2015; Baldinger, 2020). Bislang liegen keine
umfassenden Erkenntnisse dazu vor, welche Kriterien angehende Lehrkräfte bei der
diagnostischen Beurteilung von Schülerinnen- und Schülerlösungen zugrunde legen und
wie diese strukturiert sind.
Ausgehend von den Ergebnissen einer qualitativen Vorstudie, in deren Rahmen
Kriterien bei der Beurteilung einer mathematischen Schülerlösung offen erhoben
wurden, wurden Items entwickelt und anschließend in drei Teilstudien bei
unterschiedlichen Gruppen von Lehramtsstudierenden eingesetzt, um die dimensionale
Struktur diagnostischer Urteile angehender Lehrkräfte zu untersuchen. In Teilstudie I
wurden die entwickelten Items zur Erfassung der Urteilskriterien mit Ratingskalen
kombiniert, um eine Schülerlösung einer Aufgabe aus dem Bereich
Wahrscheinlichkeiten von angehenden Lehrkräften von zwei Universitäten während
ihres Masterstudiums beurteilen zu lassen. In Teilstudie II wurden die Urteilskriterien
kombiniert mit Ratingskalen zur Beurteilung einer Schülerlösung aus dem Bereich
Arithmetik und angehenden Lehrkräften in unterschiedlichen Phasen ihres
49
Lehramtsstudiums vorgelegt. Ein auf Basis der Ergebnisse von Teilstudie I und II
revidiertes Instrument wurde dann in Teilstudie III erneut bei Lehramtsstudierenden
am Ende ihres Bachelorstudiums eingesetzt. Die in den Teilstudien verwendeten
Schülerlösungen wurden jeweils so gewählt, dass Studierende zu Beginn, im
fortgeschrittenen und am Ende des Bachelorstudiums einbezogen werden konnten.
Folglich stammen die Lösungen aus den Inhaltsbereichen, die in den jeweiligen Phasen
der Lehramtsstudiums gelehrt wurden, um die fachlichen Voraussetzungen für die
diagnostische Beurteilung sicherzustellen.
2. Theorierahmen
Professionelle Kompetenzen bilden eine wichtige Voraussetzung für diagnostische
Urteile und umfassen neben Wissen und affektiven Facetten auch situationsspezifische
Fertigkeiten (Blömeke et al., 2015). Dazu gehören das Wahrnehmen, Interpretieren und
das Treffen von Handlungsentscheidungen, die als Subprozesse des Noticing
konzeptualisiert werden können (van Es & Sherin, 2021; Jacobs et al., 2011) und
insbesondere bei der diagnostischen Beurteilung von Schülerinnen- und
Schülerlösungen zum Tragen kommen. In einem Rahmenmodell, das als Heuristik für
die empirische Analyse diagnostischer Urteilsbildung dienen soll, integrieren Loibl et al.
(2020) diese Subprozesse als Kernstück diagnostischer Urteilsbildung. Das Modell
postuliert, dass die diagnostische Urteilsbildung sowohl von Situationscharakteristika
als auch von Personencharakteristika, wie den Kompetenzen der urteilenden Person,
abhängt. Der Logik des Modells folgend ließe sich für angehende Lehrkräfte annehmen,
dass sich in unterschiedlichen Phasen des Lehramtsstudiums diagnostische Urteile
unterscheiden, basierend auf den dafür notwendigen Kompetenzen, die sich im Laufe
des Studiums entwickeln und in diagnostische Urteile einfließen. Diese Annahme legen
auch Modelle zur professionellen Handlungskompetenz von Lehrkräften (Blömeke et al.,
2015) und diagnostischer Kompetenz (Herppich et al., 2017) nahe, die Kompetenz als
erlernbar, domänenspezifisch und abgrenzbar zu allgemeinen kognitiven Fähigkeiten
verstehen (Koeppen et al., 2008). Dementsprechend könnten diagnostische Urteile zu
Beginn und am Ende des Studiums unterschiedlich strukturiert sein, sofern im Studium
dafür relevante Kompetenzen erworben werden, z.B. dahingehend, welche Kriterien bei
der diagnostischen Beurteilung von Schülerinnen- und Schülerprodukten angewendet
werden sollten. Empirische Befunde, nach denen z.B. die Verfügbarkeit von
Urteilskriterien zu akkurateren Urteilen führt (Quinn, 2020), stützen diese Annahme.
Welche Urteilskriterien, auf die sich diagnostische Urteile von (angehenden)
Lehrkräften stützen können, in den einzelnen Fächern angemessen sind, klärt sich mit
Blick auf die Lernziele. Wie in vielen weiteren Fächern stellt der Erwerb von Wissen zu
50
Konzepten und Prozeduren ein wichtiges Lernziel in Mathematik dar. Neben
prozeduralem Wissen, somit Wissen dazu, wie Verfahren, Algorithmen oder Methoden
umgesetzt werden, ist konzeptuelles Wissen im Sinne eines inhaltlichen Verständnisses
wesentlicher Begriffe und Vorgehensweisen sowie ihrer Wechselbeziehungen (Rittle-
Johnson & Schneider, 2015) ausschlaggebend. Lehrkräfte sollten dementsprechend im
Fach Mathematik bei der Beurteilung von Schülerinnen- und Schülerprodukten
diagnostizieren, inwieweit Prozeduren angemessen und korrekt auf die Aufgabe
angewendet wurde und Schlüsse auf das Schülerinnen- und Schülerdenken und deren
konzeptuelles Verständnis der Inhalte ziehen. Urteilskriterien sollten insofern
fachbezogene prozedurale und konzeptuelle Aspekte adressieren.
Die wichtige Rolle dieser Kriterien für diagnostische Urteile wird mit Blick auf das
heuristische Modell von Loibl et al. deutlich. Urteilskriterien lassen sich den
Personencharakteristika zuordnen, die neben den Situationscharakteristika Einfluss
auf das diagnostische Denken und schließlich auf das diagnostische Verhalten nehmen.
Urteilskriterien kommen in diagnostischen Situationen zum Tragen, in denen
(angehende) Lehrkräfte Schülerinnen- und Schülerlösungen beurteilen, in der Regel mit
dem Ziel, Schlussfolgerungen über den Lernstand und die erworbenen Kompetenzen
zu treffen (Herppich et al., 2017). Was konkret (angehende) Lehrkräfte an einer
Schülerinnen- und Schülerlösung in solchen Situationen wahrnehmen, kann in
simulierten Situationen mittels verschiedener Methoden erhoben werden, z.B. indem
(angehende) Lehrkräfte ihre Überlegungen bei der Beurteilung von Schülerinnen-und
Schülerprodukten im Sinne lauten Denkens dokumentieren (Loibl et al., 2020). Die
wahrgenommenen Aspekte können dann Hinweise auf mögliche Urteilskriterien liefern.
Wie angehende Lehrkräfte diagnostizieren, wurde bisher im Rahmen von Studien zum
Noticing von mathematischen Schülerinnen- und Schülerprodukten untersucht, wobei
insbesondere die Subfacetten der Wahrnehmung und Interpretation in den Blick
genommen wurden. Da die Studien nicht zum Ziel hatten, Kriterien, die angehende
Lehrkräfte für die Beurteilung von Schülerinnen- und Schülerprodukten zugrunde legen,
zu erheben, verweisen die Ergebnisse nur indirekt auf Urteilskriterien und verschiedene
Dimensionen diagnostischer Urteile.
Den empirischen Befunden nach verfolgen angehende Lehrkräfte drei Strategien bei der
Beurteilung von Schülerinnen- und Schülerprodukten: Sie argumentieren mathematisch,
mathematikdidaktisch und mit Blick auf ihre eigene Lösung (Baldinger, 2020). Laut
weiteren Studien beschränken sich die Urteile oft auf eine oberflächliche Beschreibung
des Vorgehens in der Schülerinnen- und Schülerlösungen. Inwieweit deutlich wird, ob
die Schülerinnen und Schüler ein konzeptuelles Verständnis erlangt hat, wird häufig
nicht fokussiert (Talanquer et al., 2015). Weiterhin sind die diagnostischen Urteile
51
angehender Lehrkräfte eher evaluativer als interpretativer Natur und es werden eher
schnelle und umfassende Schlüsse gezogen, anstatt sorgfältig und überlegt zu
interpretieren und Schlussfolgerungen zu den Denkwegen und zum Verständnis zu
ziehen (Crespo, 2000). Weitere Ergebnisse zeigen, dass Fehler, die auf ein mangelndes
konzeptuelles Verständnis der Schülerinnen und Schüler zurückzuführen sind, von
angehenden Lehrkräften als Ergebnis eines fehlenden Verständnisses davon, wie ein
Prozedur anzuwenden ist bzw. wie genau vorzugehen ist, interpretiert werden anstatt
auf mangelndes Konzeptverständnis (Son, 2013) und angehende Lehrkräfte dazu
neigen, direkt darauf zu reagieren oder zu korrigieren, anstatt den Schülerinnen und
Schülern Fragen zu ihren Lösungen zu stellen, um deren Denken zu ergründen (Cai et al.,
2021). Die Ergebnisse von Interventionsstudien deuten jedoch darauf hin, dass
Lernangebote diagnostische Urteile von angehenden Lehrkräften dahingehend
stärken können, dass diese eine genauere Untersuchung des Denkens der Schülerinnen
und Schüler vornehmen (Monson et al., 2018). Die bisherigen Studien zeigen, dass auch
wenn sich angehende Lehrkräfte zwar auf fachbezogene Aspekte wie konzeptuelles
Verständnis und Prozeduren fokussieren, sie sich aber häufig eher auf Oberflächen-
merkmale konzentrieren, um die Schülerinnen- und Schülerlösungen zu beschreiben.
Insgesamt geben die Befunde Einblicke in die Vielfalt der Beurteilungskriterien und
deuten auf eine multidimensionale Struktur des Konstrukts hin.
3. Ziel und Forschungsfragen
Um zu untersuchen, wie diagnostische Urteile strukturiert sind, wurden drei Teilstudien
durchgeführt.
Forschungsfrage in Studie I: Wie sind diagnostische Urteile angehender Lehrkräfte am
Ende des Studiums strukturiert, wenn diese eine Schülerlösung1 aus dem Bereich
Wahrscheinlichkeiten beurteilen?
Es wird ausgehend von dem heuristischen Rahmenmodell von Loibl et al. (2020)
angenommen, dass der Prozess des Noticing einer mathematischen Schülerlösung, der
entscheidend für das diagnostische Urteil ist, davon abhängt, welche Kriterien der
Beurteilung zugrunde gelegt werden. Es wird weiterhin angenommen, dass die Aspekte,
auf die angehende Lehrkräfte fokussieren, wenn sie eine Schülerlösung beurteilen,
Rückschlüsse auf ihre Urteilskriterien zulassen. Die einzelnen Urteilskriterien
repräsentieren die Dimensionen diagnostischer Urteile. Empirische Befunde legen nahe,
dass diagnostische Urteile angehender Lehrkräfte unterschiedliche fachbezogene
Kriterien beinhalten (Baldinger, 2020), die sowohl den Lösungsprozess adressierende
1 Die Lösungen wurden mit Namen von männlichen Schülern kombiniert, daher wird nur die männliche
Form benannt.
52
Oberflächenmerkmale als auch das Verständnis adressierende Tiefenstrukturmerkmale
beinhalten (Talanquer et al., 2015, Crespo).
Forschungsfrage in Studie II: Sind diagnostische Urteile angehender Lehrkräfte über die
Phasen des Studiums hinweg in gleicher Weise strukturiert, wenn diese eine
Schülerlösung aus dem Bereich Arithmetik beurteilen?
Bisherige Befunde geben keine Hinweise darauf, dass für Aufgaben aus
unterschiedlichen mathematischen Bereichen unterschiedliche diagnostische
Urteilskriterien angewandt werden. Insofern wird eine identische dimensionale
Struktur erwartet.
Forschungsfrage in Studie III: Durch welche dimensionale Struktur sind die
diagnostischen Urteile angehender Lehrkräfte am Ende ihres Bachelorstudiums am
besten repräsentiert?
Analog zu den vorherigen Annahmen wird davon ausgegangen, dass das diagnostische
Urteil den Prozess adressierende Oberflächen- und das Konzeptverständnis
adressierende Tiefenstrukturmerkmale umfasst.
4. Methodik
Um die Vielfalt der Beurteilungskriterien zu erheben wurden in einer Vorstudie mit
einer Gelegenheitsstichprobe von n = 110 angehenden Lehrkräften im Rahmen einer
Vorlesung zu Grundlagen der Stochastik für die Grundschule eine Schülerlösung zu einer
Wahrscheinlichkeitsaufgabe (siehe Abb. 1) vorgelegt, die eine diagnostische Beurteilung
mit unterschiedlichen Schwerpunkten und unter Verwendung verschiedener Kategorien
ermöglichte. Die angehenden Lehrkräfte wurden gebeten, die Lösung zu beurteilen und
ihr Urteil zu begründen. Die offenen Antworten der angehenden Lehrkräfte wurden
qualitativ-inhaltsanalytisch einem schrittweisen induktiven Ansatz folgend ausgewertet.
Zunächst wurde ein zufällig ausgewähltes Drittel des Datensatzes von einem
Forschenden mit mathematikdidaktischer Expertise auf Kategorien von Urteilskriterien
hin analysiert, die in den Begründungen ersichtlich wurden. Diese Kategorien wurden
anhand des Materials mit zwei weiteren Forschenden diskutiert. Anschließend wurden
Codebezeichnungen, Definitionen und Ankerbeispiele sowie Abgrenzungsregeln
dokumentiert und in drei Kodierungs- und Rekodierungsrunden überarbeitet, um zu
einem zu den Daten passgenauen Kodiermanual zu gelangen (Mayring, 2015). Unter
Anwendung der identifizierten Kategorien wurde das gesamte Datenmaterial durch
zwei Forschende kodiert. Ein Satz oder mehrere Sätze, die einen Sinnzusammenhang
ergaben, wurden als eine Bedeutungseinheit behandelt und einer Kategorie oder wenn
nötig mehrerer Kategorien zugeordnet. Für den Kodierungsprozess wurde die Software
53
MAXQDA 2018 (VERBI Software 2017) verwendet. Die Intercoder-Übereinstimmung
wurde berechnet und zeigte eine moderate bis starke Konsistenz mit k = .79 und höher
für die vier Kategorien (McHugh, 2012). Die Auswertungen verwiesen auf vier
Kategorien von Urteilskriterien, die angehende Lehrkräfte zugrundelegen, wenn sie die
Schülerlösung beurteilen: Sie fokussierten das Verstehen des Schülers, die angewandte
Prozedur, die formale Präsentation der Lösung und die Motivation des Schülers.
Ein Fokus auf das Verstehen wurden kodiert, wenn die angehenden Lehrkräfte das
Vorhandensein oder das Fehlen eines Verstehens der Aufgabe oder des Problems direkt
oder indirekt erwähnten. Angehende Lehrkräfte mit diesem Fokus betonten häufig, dass
der Schüler das Problem begriffen hat und dadurch in der Lage war es richtig zu lösen,
und stuften in vielen Fällen die Lösung des Schülers als klug, intelligent oder clever ein.
Ein weiterer Fokus auf die Prozedur wurde kodiert, wenn sich die Beurteilungen der
Lösung auf das angewendete Verfahren konzentrierte und darauf verwiesen wurde, dass
der Schüler es richtig oder falsch bzw. vollständig oder unvollständig angewendet hat.
Wenn angehende Lehrkräfte die Präsentation der Lösung benannten, wurde das als
weitere Kategorie kodiert. In diesen Fällen verwiesen die angehenden Lehrkräfte darauf,
wie der Lösungsprozess dargestellt wurde, dass der Schüler das Problem visualisiert hat
oder seinen Lösungsweg dokumentiert und einen Antwortsatz formuliert hat. Sofern das
Bemühen des Schülers eine Lösung zu finden anerkannt wurde, wurde dies als Fokus auf
die Motivation kodiert. Die vier Kategorien wurden unabhängig davon kodiert, ob die
angehenden Lehrkräfte eine defizit- oder eine potentialorientierte Perspektive
einnahmen.
Mit dem Fokus auf Verstehen und „angewandte Prozedur“ nahmen also die angehenden
Lehrkräfte fachbezogene Indikatoren in den Blick, die auf prozedurales und
konzeptuelles Wissen des Schülers hindeuten. Darüber hinaus achteten die angehenden
Lehrkräfte darauf, wie die Lösung formal präsentiert wurde. Häufig mündete der Fokus
auf die Prozedur in der Beurteilung der formalen Präsentation dieser, also auf einer
oberflächlichen Ebene verbleibend. Insofern bilden die beiden Kategorien
möglicherweise eine gemeinsame Kategorie. Der Fokus auf die Motivation als weitere
Kategorie schließt einen nicht-fachlichen Aspekt mit ein.
Ausgehend von den offenen Antworten der angehenden Lehrkräfte wurden für jede
identifizierte Kategorie Items konstruiert. Dazu wurden alle Einzelaussagen in der
jeweiligen Kategorie betrachtet und prototypische Aussagen ausgewählt und pointiert
formuliert, z.B. „Die Lösung zeigt, dass der Schüler das Problem gut verstanden hat.“
(Kategorie „Verstehen“), „Die Lösung enthält nicht alle Schritte“ (Kategorie „angewandte
Prozedur“), „Er hat einen Antwortsatz aufgeschrieben.“ (Kategorie „formale
54
Präsentation der Lösung“), „Er hat sich angestrengt, um eine Lösung zu finden.“
(Kategorie „Motivation“).
Für die Untersuchung der Fragestellung von Teilstudie I wurden die konstruierten Items
mit einer sechsstufigen Ratingskala (von 1 = „stimme voll und ganz zu“ bis 6 = „stimme
ganz und gar nicht zu“) kombiniert und für die Beurteilung einer Schülerlösung zu einer
Aufgabe aus dem Bereich Wahrscheinlichkeiten herangezogen (siehe Abb. 1). Das
Instrument wurde Studierenden zweier Universitäten (n1 = 168) vorgelegt, die sich
überwiegend im ersten oder zweiten Semester des Masterstudium befanden. Die
Erhebung fand im Rahmen von Lehrveranstaltungen statt; die Teilnahme erfolgte
freiwillig.
Abbildung 1. Aufgabe Wahrscheinlichkeiten und Schülerlösung.
Zur Analyse der dimensionalen Struktur der Items wurden konfirmatorische
Faktorenanalysen (CFA) durchgeführt, wobei eine vierdimensionale Struktur mit den
Dimensionen „Verstehen“, „angewandte Prozedur“, „formale Präsentation der Lösung“
und „Motivation“ gegen eine dreidimensionale Struktur „Verstehen“, „Präsentation der
Prozedur“ und „Motivation“ getestet wurde. Items wurden ausgeschlossen, sofern diese
eine geringe Ladung (< .50) auf die jeweilige Dimension aufwiesen.
Um zu prüfen, ob sich die gleiche dimensionale Struktur für Studierende in allen Phasen
des Lehramtsstudiums zeigt, wurden in Teilstudie II die konstruierten Items ebenfalls
mit einer Ratingskala kombiniert um eine Schülerlösung zu einer Aufgabe aus dem
Bereich Arithmetik (siehe Abb. 2) von angehenden Lehrkräften (n2 = 209) beurteilen
zu lassen. Dieser Inhaltsbereich wurde gewählt, da dieser bereits zu Beginn des
Lehramtsstudiums gelehrt wird und in weiteren Veranstaltungen aufgegriffen wird. Die
Erhebung erfolgte online während eines digitalen Semesters. Die Teilnahme war
freiwillig. Um zu prüfen, inwieweit das diagnostische Urteil in gleicher Weise
strukturiert ist, wie durch die Ergebnisse aus Teilstudie I indiziert, wurden CFA
durchgeführt.
55
Abbildung 2. Aufgabe Arithmetik und Schülerlösung.
Die Ergebnisse beider Studien verwiesen auf die gleiche dimensionale Struktur, legten
jedoch eine genauere Untersuchung einer der Dimensionen nahe. Die Dimension
Verstehen adressiert die fachspezifische Anforderung zu diagnostizieren, ob
konzeptuelles Wissen erworben wurde bzw. der Schüler zu konzeptuellem Verständnis
gelangt ist. Die Items die diese Dimension repräsentieren adressieren sowohl das
Verstehen als auch die Qualität der Lösung und adressieren somit möglicherweise zwei
unterschiedliche Urteilskriterien. Vor diesem Hintergrund wurden für Studie III weitere
Items basierend auf typischen Aussagen der angehenden Lehrkräfte, die im Rahmen der
vorangegangenen qualitativen Studie erhoben wurde, konstruiert. Das ursprüngliche
Itemset wurde durch die neu konstruierten Items, die das Schülerverstehen bzw. die
Qualität der Lösung adressieren ergänzt und in Kombination mit einer Ratingskala zur
Beurteilung der Lösung der Wahrscheinlichkeitsaufgabe erneut bei einer weiteren
Stichprobe angehender Lehrkräfte (n3 = 209) am Ende ihres Bachelorstudiums
eingesetzt. Die Erhebung fand im Rahmen einer Lehrveranstaltung statt, nachdem die
Studierenden an einer Vorlesung zu diesem Inhaltsbereich teilgenommen hatten. Die
Datenfreigabe erfolgte freiwillig. Auch hier wurde eine CFA durchgeführt, um die
Struktur des Konstrukts zu prüfen.
Die Qualität der Modellanpassung wurde in den drei Teilstudien anhand etablierter
Anpassungsindizes beurteilt (Hu & Bentler, 1999). McDonald‘s ω wurde als Maß für die
Reliabilität berechnet (Hayes & Coutts, 2020).
5. Ergebnisse
Mittels CFA wurde die dreidimensionale Lösung gegen eine vierdimensionale Lösung
getestet, vor dem Hintergrund, dass die zuvor durchgeführte qualitative Studie auf eine
vierdimensionale Struktur hindeutete. Dazu wurden die Dimensionen „angewandte
Prozedur“ und „formale Präsentation der Lösung“ neben den Dimensionen „Verstehen“
und „Motivation“ im vierdimensionalen Modell als getrennte und im dreidimensionalen
Modell als gemeinsamer Faktor „Präsentation der Prozedur“ modelliert. Die Ergebnisse
der CFA zeigen, dass ein dreidimensionales Modell mit einem gemeinsamen Faktor
Aufgabe
In einem Stall befinden sich 21 Tiere.
Es sind Pferde und Fliegen (mit sechs
Beinen). Zusammen haben sie 96
Beine.
Wie viele Pferde und wie viele
Fliegensind es?
Schülerlösung
56
„Präsentation der Prozedur“ eine bessere Passung zu den Daten aufweist (AIC =
3812,44, BIC = 3909,28, = 37.25, df = 23, p = .031, CFI = .96; RMSEA = .06 KI95%
[.02 ; .09], SRMR = .06) als ein vierdimensionales Modell mit jeweils getrennten
Faktoren für die „formale Präsentation der Lösung“ und die „angewandte Prozedur
(AIC = 5411,88, BIC = 5546,21, = 111,88, df = 47, p = .000, CFI = .89, RMSEA = .09
KI95%[.07 ; .11], SRMR = .08). Mit McDonald‘s ω = .80 wies der gemeinsame Faktor
„Präsentation der Prozedur“ eine ausreichende Reliabilität auf, zusätzlich zu den
Faktoren „Verstehen“ (McDonalds ω = .78) und dem Faktor „Motivation“ (McDonald‘s
ω = .79). Jeder Faktor wurde durch die Items mit substantiellen Ladungen von mehr als
.57 dargestellt. Die Faktoren korrelierten moderat miteinander, wobei die höchste
Korrelation zwischen dem Faktor konzeptioneller Fokus und motivationaler Fokus
bestand (r = .55, p < .001).
In Teilstudie II wurden mittels derselben Items, kombiniert mit einer Ratingskala, die
Beurteilung der Lösung einer arithmetischen Aufgabe von Lehramtsstudierenden aller
Phasen vorgenommen. Die Ergebnisse der CFA bestätigen auch hier eine
dreidimensionale Struktur des Konstrukts ( = 37.29, df = 22, p = .022; CFI = .96;
RMSEA = .06 KI95% [.02; .09], SRMR = .05). Die Indizes deuteten auf eine gute Passung
hin (Hu & Bentler, 1999). Den Analysen zufolge wurde jede der drei Dimensionen durch
drei Items repräsentiert (mit ausreichender Reliabilität, McDonald‘s ω zwischen .75 und
.84 (Hayes & Coutts, 2020; McDonald, 1999), alle Faktorladungen waren substantiell.
Die Faktoren korrelieren moderat (r = .74).
Eine genauere Betrachtung der Itemqualität hinsichtlich der inhaltlichen
Interpretierbarkeit legte eine Überarbeitung der Dimension des Faktors „Verstehen“
nahe. Zwei der Items der Dimension bezogen sich auf die Qualität der Lösung der
Schüler (wie z.B. Die Lösung ist clever.). Ein Item bezog sich zwar explizit auf das
konzeptuelle Verständnis der Schüler ((…) zeigte, dass er das Problem gut verstanden
hat). Daher wurden Items zu beiden Aspekten hinzugefügt, um zu prüfen, ob es sich um
zwei verschiedene Dimensionen handelt. Die Items wurden auf der Grundlage der in der
vorangegangen qualitativen Studie gewonnenen Daten konstruiert.
Die Ergebnisse der CFA in Studie III zeigten, dass ein vierdimensionales Modell am
besten zu den Daten passt (siehe Tab. 1). „Verstehen“ und „Qualität der Lösung“ bildeten
nun zwei verschiedene Faktoren zusätzlich zum Faktor „Präsentation der Prozedur“ und
dem Faktor „Motivation“ ( = 86.10, df = 48, p < .001; CFI = .97, RMSEA = .06 KI95%
[.04 ; .08], SRMR = .05) mit guter Modellanpassung. Den Analysen zufolge, wurden die
vier Dimensionen durch drei Items mit einer standardisierten Ladung von jeweils mehr
als .55 und einer ausreichenden Reliabilität des jeweiligen latenten Faktors (McDonald‘s
ω zwischen .85 und .97) repräsentiert.
57
Dimension
mit Reliabilität
Item
Standardisierte
Ladungen
SE
p-Wert
Verstehen
𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑑𝑑
𝑠𝑠
𝜔𝜔= .97
Die Lösung zeigt, dass der Schüler
das Problem gut verstanden hat.
Die Lösung deutet darauf hin,
dass der Schüler die Aufgabe
durchdrungen hat.
Der Schüler hat die
Problemstellung begriffen.
.96
.95
.96
.01
.01
.01
< .001
< .001
< .001
Qualität der Lösung
𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑑𝑑
𝑠𝑠
𝜔𝜔=
.94
Der Schüler hat sich das klug
überlegt.
Die Lösung ist clever.
Der Schüler hat die Aufgabe
geschickt gelöst.
.91
.94
.91
.02
.01
.03
<
.001
< .001
< .001
Präsentation der
Prozedur
𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑀𝑑𝑑
𝑠𝑠
𝜔𝜔=
.85
Der Schüler hätte die Lösung
besser strukturieren sollen.
Der Schüler hätte eine andere
Schreibweise wählen sollen.
Die Lösung zeigt nicht, wie der
Schüler vorgegangen ist.
.55
.86
.96
.07
.03
.02
< .001
< .001
< .001
Motivation
𝜔𝜔=
.90
Der Schüler hat sich bemüht, die
Aufgabe zu verstehen.
Der Schüler hat sich angesträngt,
die Aufgabe zu lösen.
Der Schüler hat sich Gedanken
gemacht, um eine Lösung zu
finden.
.88
.83
.88
.04
.06
.05
< .001
< .001
< .001
Tabelle 1. Dimensionen diagnostischer Urteile und Items und ihre Ladungen (SE = Standardfehler, p =
Wahrscheinlichkeitsmaß).
Die Faktoren korrelieren moderat miteinander, mit Ausnahme des Faktors „Verstehen“
und des Faktors „Qualität des Lösungsansatzes“, die eine hohe Korrelation aufwiesen
(r = .82, p < .001; siehe Tab. 2). Dennoch müssen diese beiden Dimensionen als zwei
verschiedene Faktoren modelliert werden, da die CFA bestätigte, dass ein
vierdimensionales Modell besser geeignet ist als ein dreidimensionales Modell (∆CFI =
.14).
Verstehen
Qualität der Lösung
Präsentation der Prozedur
Qualität der Lösung
.82***
Präsentation der
Prozedur
.52***
.59***
Motivation
.54***
.51***
.21***
Tabelle 2. Korrelationen zwischen den Dimensionen. Anmerkung. *** p < .001.
58
6. Diskussion
In den drei Teilstudien wurden die relevanten Kriterien diagnostischer Urteile von
Lehramtsstudierenden bei der exemplarischen Beurteilung von Schülerlösungen sowie
die dimensionale Struktur des Konstrukts analysiert. Die angehenden Lehrkräfte
beziehen sich sowohl auf inhaltsspezifische Aspekte wie das konzeptionelle Verständnis,
die Qualität der Lösung und die Art und Weise, wie das Vorgehen präsentiert wurde, als
auch auf allgemeine Aspekte, die die Motivation der Schülerinnen und Schüler
adressieren. Die Ergebnisse der CFA bestätigten eine mehrdimensionale
Faktorenstruktur diagnostischer Urteile und stehen im Einklang mit früheren
Untersuchungen, wonach inhaltsspezifische Aspekte im Mittelpunkt stehen (Baldinger,
2020). Angehende Lehrkräfte scheinen dementsprechend Lernziele wie
aufgabenadäquate Prozeduranwendung und Erwerb konzeptuellen Verständnisses im
Blick zu haben (Rittle-Johnson & Schneider, 2015). Allerdings zeigen die Studien, dass
der Faktor „angewandte Prozedur und „formale Präsentation der Lösung“ eine
gemeinsame Dimension bilden, was mit früheren Erkenntnissen über diagnostische
Urteile angehender Lehrkräfte übereinstimmt, wonach diese einen eher deskriptiven als
interpretativen Ansatz verfolgen und ihre diagnostischen Urteile auf die Beschreibung
der Lösung beschränken und keine Schlussfolgerungen zum Denken der Schülerinnen
und Schüler und deren Verständnis ziehen (Crespo, 2000; Talanquer et al., 2015). Über
die Ergebnisse früherer Studien hinaus, die ebenfalls inhaltsspezifische Dimensionen
identifiziert haben, hat unsere Studie gezeigt, dass die Motivation der Schülerinnen und
Schüler als weitere Dimension berücksichtigt werden sollte, um die diagnostischen
Urteile angehender Lehrkräfte adäquat abzubilden. Mit den beiden Dimensionen
„Motivation“ und „Präsentation der Prozedur“ werden eher Sicht- bzw.
Oberflächenstrukturen der Lösung fokussiert (Kunter & Trautwein, 2013). Die
Ergebnisse von Studie III weisen jedoch darauf hin, dass die Faktoren „Verstehen“ und
„Qualität der Lösung als zwei verschiedene Dimensionen konzeptualisiert werden
sollten, und demnach auch Tiefenstrukturen einer Lösung in den Blick genommen
werden, indem eine differenzierte Beurteilung, die das Denken der Schülerinnen und
Schüler fokussiert, vorgenommen wird (Kunter & Trautwein, 2013).
Mit Blick auf das theoretische Modell, dass als Heuristik diagnostischer Urteilsprozesse
zu verstehen ist (Loibl et al., 2020) war zu erwarten, dass angehende Lehrkräfte in
unterschiedlichen Phasen ihres Studiums unterschiedlich diagnostisch urteilen. Vor
diesem Hintergrund wurde die dimensionale Struktur diagnostischer Urteile an
unterschiedlichen Stichproben mit Studierenden in unterschiedlichen Phasen ihres
Studiums untersucht und mithin an unterschiedlichen Gegenständen, um die fachlichen
Voraussetzungen zur Beurteilung der Schülerlösungen sicherzustellen. Die Struktur der
diagnostischen Urteile scheint den Ergebnissen nach in den einzelnen Phasen des
59
Lehramtsstudiums gleich zu bleiben. Die Ergebnisse von Teilstudie III legen eine
differenzierte Modellierung der Faktoren „Verstehen“ und „Qualität der Lösung“ nahe,
als zwei Dimensionen, die das Denken von Schülerinnen und Schüler fokussieren. Ein
solcher Fokus könnte entsprechend der Ergebnisse der Studie von Monson et al. (2020)
durch Lerngelegenheiten angeregt werden, die für eine Entwicklung der diagnostischen
Kompetenz förderlich sind (Herppich et al., 2017, Koeppen et al., 2008). Da die
Stichprobe in Teilstudie III sich bereits am Ende des Bachelorstudiums befand, kann
angenommen werden, dass bereits Lerngelegenheiten wahrgenommen wurden. Es
bleibt jedoch unklar, inwieweit diese Lerngelegenheiten auf den Erwerb diagnostischer
Kompetenzen ausgerichtet waren. In weiteren Studien könnte geprüft werden,
inwieweit der Erwerb diagnostischer Kompetenzen in den einzelnen
Lehrveranstaltungen des Lehramtsstudiums curricular implementiert ist und inwieweit
diese Lerngelegenheiten prädiktiv für die diagnostischen Urteile von angehenden
Lehrkräften sind. Zudem wäre eine dimensionale Analyse unter Einbezug allgemein-
kognitiver Fähigkeiten vorteilhaft, um die Domänenspezifität diagnostischer Urteile und
die Abgrenzung gegenüber diesen entsprechend der Kompetenzforschung zu validieren
(vgl. Blömeke & Jenßen, 2016; Jenßen et al., 2019).
7. Limitationen
Die Generalisierbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse ist aufgrund der Durchführung
der Teilstudien beschränkt. In allen Teilstudien bildeten Gelegenheitsstichproben die
Datenbasis, weshalb keine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Studierenden im
Studiengang oder einzelne Kohorten gezogen werden können. Die Teilnahme erfolgte
freiwillig, so dass hier möglicherweise ein Bias in Bezug auf die Motivation oder den
Kompetenzstand der Studierenden zu berücksichtigen ist, der sich möglicherweise in
verzerrten Ergebnissen niederschlägt. Entsprechende Kontrollvariablen sollten in
Anschlussstudien einbezogen werden.
Die Items sind aus dem Material, dass im Rahmen der qualitativen Studie erhoben
wurde, formuliert worden. Im Material wurden sehr ähnliche Aussagen zu den
jeweiligen Dimensionen vorgefunden. Dies resultiert in einem jeweils engen Fokus der
Faktoren. Damit wird möglicherweise nicht der möglichen Varianz innerhalb der
Dimensionen Rechnung getragen. Dies wird im Sinne der Praktikabilität von Kurzskalen
beim möglichen Einsatz in zukünftigen Studien in Kauf genommen.
60
8. Schlussfolgerungen
Insgesamt konnte mit den vorliegenden Teilstudien zum Einen zum Verständnis der
Struktur diagnostischer Urteile angehender Lehrkräfte beigetragen werden. Zum
anderen wurde ein standardisiertes Instrument zur Erhebung diagnostischer
Beurteilungskriterien gewonnen. In Kombination mit zwei unterschiedlichen Aufgaben
aus zwei Inhaltsgebieten der Mathematik wurde das Instrument bei angehenden
Lehrkräften in unterschiedlichen Phasen des Lehramtsstudiums eingesetzt und zeigte
eine gute Passung zu den Daten.
Literaturverzeichnis
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Informationen zur Förderung
Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Projektnummer
LA 5067/1-1
Ethische Richtlinien
Ethische (zu stellende Ethikanträge) und rechtliche Anforderungen (Datenschutz-
Konzepte, Einverständniserklärungen etc.) wurden in allen Teilstudien beachtet. Es
62
waren entsprechend der Forderung von AERA, APA & NCME keine negativen
Konsequenzen fu r die Studienteilnehmenden zu erwarten.
Autor:innen
Christin Laschke, Dr., ist Mitarbeiterin in der Abteilung fachbezogener Erkenntnistransfer des Leibniz-
Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik und beschäftigt sich mit den
diagnostischen Kompetenzen von Lehrkräften und Lehramtsstudierenden. Sie hat an der Humboldt-
Universität zu Berlin zum Thema „Angehende Mathematiklehrkräfte für die Sekundarstufe I in
Deutschland und Taiwan - Empirische Befunde und Erklärungsansätze" promoviert und hat in diesem
Zusammenhang einen stipendiengeförderten Forschungsaufenthalt an der National Taiwan Normal
University in Taipei realisiert.
Bettina Rösken-Winter, Prof. Dr., ist Professorin für Mathematik in der Primarstufe an der Humboldt-
Universität zu Berlin und beschäftigt sich in der Forschung schwerpunktmäßig mit Aspekten der
Professionalisierung von Lehrer:innen und Multiplikator:innen. Sie ist stellvertretende Leiterin des DZLM
(Deutsches Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik)-Netzwerks der Abteilung „Fachbezogener
Erkenntnistransfer“ des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik
(IPN).
Lars Jenßen, Dr., studierte Psychologie (Diplom) an der Freien Universität Berlin. Zurzeit ist er
Wissenschaftskoordinator des Arbeitsbereichs Mathematik in der Primarstufe sowie Vertreter der
Professur Erziehungswissenschaftliche Methodenlehre an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein
Forschungsschwerpunkt liegt auf der professionellen Kompetenz von Lehrkräften und frühpädagogischen
Fachkräften mit einem Fokus auf professionelles Wissen und Emotionen.
63
Franziska Sophie Proskawetz
Auswahlkriterien von Lehrer*innen Welche Rolle spielt
Anstrengungsbereitschaft von Schüler*innen bei der Stipendienempfehlung durch
Lehrer*innen?
Zusammenfassung: Ziffernnoten, wie sie in Schule vergeben werden, haben nur eine begrenzte
Aussagekraft und werden u. a. deswegen kritisiert, weil sie soziale Kompetenzen und weitere Merkmale
der Schüler*innenpersönlichkeit, aber beispielsweise auch Anstrengungen, die im Übungsprozess
erbracht worden sind, nicht widerspiegeln. Die Denkhaltung Leistung im Lebenskontext der NRW-
Talentförderung bewertet stattdessen Schulnoten nach persönlichem Lebenskontext und bezieht dabei
auch sozioökonomische Hintergründe der Schüler*innen sowie damit verbundene individuelle
Herausforderungen in die Beurteilung ein und möchte auf diese Weise (Bildungs-)Chancenungleichheit
durch sozioökonomische Benachteiligung überwinden. Inwiefern diese Denkhaltung in der Schule
ebenfalls vertreten wird, ist Thema des vorliegenden Aufsatzes. Er geht der Frage nach, ob neben der
Bewertung von Leistungsergebnissen auch der Leistungsprozess beispielsweise Anstrengungen, die im
Übungsprozess erbracht worden sind beurteilt werden. Ein Zwischenergebnis der diesem Aufsatz
zugrunde liegenden empirisch-qualitativen Studie zeigt, dass dies dann geschieht, wenn Lehrer*innen
Schüler*innen für Stipendienprogramme empfehlen. Hierfür sind Interviews mit Lehrer*innen geführt
worden, die Schüler*innen in der Vergangenheit vermehrt mittels eines Empfehlungsschreibens für das
Stipendienprogramm RuhrTalente nominiert haben. Diese zeigen auf, dass Schüler*innen vorwiegend
aufgrund der Anstrengungsbereitschaft, die sie im Schulalltag zeigen, für das Stipendienprogramm
RuhrTalente empfohlen werden.
Der Aufsatz kommt zu dem Ergebnis, dass in der Schule eine Leistungsprozessbeurteilung durch die
Lehrer*innen stattfindet, die der Denkhaltung der NRW-Talentförderung ähnelt.
Schlüsselwörter: Lehrer*innen, Stipendienprogramme, Anstrengungsbereitschaft, Dokumentarische
Methode, Tertium Comparationis
Abstract: Grades have only limited expressiveness and are criticized, because they do not reflect social
competencies and other characteristics of the student's personality. In addition, grades do not reflect
efforts that have been made during the practice process. Instead, the mindset of assessment of performance
in the life context of the NRW-Talent Development evaluates school grades according to personal living
context and thereby also includes socioeconomic backgrounds of the students and in this way aims to
overcome (educational) inequality. The topic of this paper is to what extent this mindset is prevalent in
schools. It explores the question whether, the performance processfor example, the effort expended in
the practice process is also assessed. An interim result of the empirical-qualitative study on which this
paper is based on shows that this happens when teachers recommend students for scholarship programs.
For this purpose, interviews were conducted with teachers who have nominated students by writing
letters of recommendation for the RuhrTalente scholarship program. In their letters of recommendation,
the teachers primarily assess their students on their learning process in school.
The paper concludes that a performance process assessment by teachers is taking place in schools
similar to the NRW-Talent Development’s mindset.
Keywords: teachers, scholarship programs, effort, documentary method, tertium comparationis
1. Einleitung
Richard David Precht beschreibt in seinem populärwissenschaftlichen Bestseller Anna,
die Schule und der liebe Gott das Bild eines adipösen Kindes, das im Sportunterricht mit
viel Mühe einen Handstand zustande bringt und stellt dies dem Bild eines athletischen
64
Kindes gegenüber, das den Handstand ohne jegliche Anstrengung bewältigt (Precht,
2015, S. 279). Anschließend konfrontiert Precht die Leser*innen mit dem schulischen
Dilemma des Beurteilens und fragt, welche Noten für die beiden beschriebenen
Schüler*innen angebracht wären. Inwiefern kann die Anstrengungsbereitschaft des
adipösen Kindes in die Benotung einbezogen werden? Oder ist allein das Ergebnis des
Übungsprozesses, der formvollendete Handstand, zu beurteilen? Precht verbindet diese
Fragen mit dem Gedanken, wie befreiend es für Lehrer*innen wäre, hier keine Noten
geben zu müssen (Precht, 2015, S. 279). Darüber hinaus setzt sich Precht auch mit der
Frage auseinander, welche Leistungen sich überhaupt durch Noten messen ließen, denn
weder persönliche Vorlieben und Interessen noch entscheidende Aspekte einer
Schüler*innenpersönlichkeit wie soziale Kompetenzen ließen sich in Zensuren abbilden
und würden dementsprechend nicht auf dem Zeugnis dokumentiert (Precht, 2015,
S. 105; S. 129). Eine Ausnahme stellen Wortzeugnisse an Grund- und Gesamtschulen dar,
die versuchen, ein „differenziertes Bild über die kognitive und soziale Entwicklung des
Schülers [zu konstruieren]“ (Terhart, 2014, S. 893). Voraussetzung für ein akkurates
Wortzeugnis sei aber, dass die Lehrer*innen ihre Schüler*innen sehr genau kennen und
beobachten müssen (Precht, 2015, S. 279). Der Populärphilosoph Precht kommt in
seinem Sachbuch zu dem Schluss, dass die Individualität eines jungen Menschen nicht in
ein Ziffernsystem gepresst werden kann und darf (Precht, 2015). Er schließt sich damit
einer Reihe von Bildungswissenschaftler*innen an, die Ziffernnoten bereits lange
kritisieren.
2. Theoretischer Hintergrund und Studienkontext
2.1. Kritik an herkömmlichen Formen der Leistungsbeurteilung
Ziffern-Zensuren unterliegen einer mangelnden Objektivität und sind somit nicht frei
von subjektiven Wertungen (Terhart, 2014, S. 887). Herkömmliche Formen der
Leistungsbeurteilung und die Aussagekraft von Ziffernnoten wurden in der
Vergangenheit in der Bildungsforschung vielfach kritisiert (dazu Ingenkamp, 1971;
Klafki, 1975). In der Schule ist z.B. die Vorstellung davon, wer als begabt gilt, stark an
Noten ausgerichtet. Als Talente gelten folglich Schüler*innen mit guten bzw. sehr guten
Noten der individuelle, der soziale und der kulturelle Kontext der Schüler*innen bleibt
dabei oft unbeachtet (Stamm, 2010). Nach Stamm sind Potenziale nicht ausschließlich
an hohen Schulabschlüssen bzw. guten Noten erkennbar, sondern müssen viel mehr
spezifisch gesucht und erkannt werden. Auch bei Schüler*innen im mittleren Leistungs-
bereich können Begabungen gefunden werden; in ihnen stecken oft vorhandene, aber
kaum sichtbare Potenziale (Stamm, 2010). Bildungswissenschaftler*innen plädieren
deshalb dafür, vermehrt Persönlichkeitsmerkmale, erweiterte Intelligenz-Konzepte wie
65
soziale und emotionale Intelligenzen sowie Fähigkeiten jenseits des schulischen Wissens
in die Beurteilung von Begabungen einzubeziehen (Hoyer, Weigand & Müller-Opplinger,
2013; Stamm, 2016; Winter, 2016, 2018).
Besonders Winter spricht sich für neue Formen der Leistungsbeurteilung aus und
kritisiert, dass sich Lehrer*innen bei der Notengebung in erster Linie an klassen-
internen Bezugssystemen orientieren würden (Winter, 2018, S. 15 und S. 61). Damit
wären Noten über die eigene Klasse hinaus nicht aussagekräftig (Winter, 2018, S. 61).
Zudem erfolgen Bewertungen im Unterricht oft unbewusst und intuitiv, da sie in
Handlungsroutinen eingebettet sind (Schrader, 2014, S. 867; von Hascher, 2008 als
semiformelle Diagnosen bezeichnet). Darüber hinaus haben Studien gezeigt, dass
gleiche Schüler*innenleistungen von Lehrer*innen oft unterschiedlich bewertet
werden (dazu z.B. zusammenfassend Vodafone Stiftung Deutschland, 2014).
Ebenfalls finden sich in der Begabungs- und Ungleichheitsforschung Verweise auf
grundsätzliche Schwierigkeiten, wenn der lebensweltliche Kontext von Schüler*innen
bei der Bewertung von Leistungen außer Acht gelassen wird (dazu z.B. Behrensen &
Solzbacher, 2016, S. 37). Benner unterteilt Ungerechtigkeiten in Erziehungssystemen in
verschiedene Kategorien. Mit Blick auf einzelne Gruppen, Klassen und Schulen kritisiert
er, dass „Leistungsvergleiche nach statistischen Mittelwerten ohne Berücksichtigung
der Hintergrundmerkmale“, also z.B. ohne Berücksichtigung der Bildungsabschlüsse der
Eltern in Schule „als gerecht ausgegeben und zum Maßstab vergleichender Bewertungen
erhoben werden“ (Benner, 2019, S. 36). Behrensen und Solzbacher nennen das Beispiel
von Schüler*innen, die elterliche Hilfe bei der Bewältigung ihres schulischen Alltags
erfahren im Gegensatz zu Schüler*innen, die ihren Schulalltag ohne diese Hilfe
bewältigen und trotzdem gute Leistungen erzielen. Letztere müssen dafür mehr
Anstrengungen aufbringen als Schüler*innen, die elterliche Unterstützung erfahren:
Wenn ein Kind morgens allein aufsteht, sich ein Frühstück macht, seine
Schultasche packt, pünktlich in der Schule erscheint und ohne elterliche
Unterstützung einen Schulwechsel von der Realschule zum Gymnasium
arrangiert, dann ist schnell vorstellbar, dass ein solches Kind erheblich mehr
Aktivitäten, Disziplin, Organisation und vieles mehr aufbringen muss, als ein
Kind, dessen Eltern ihm mit Rücksicht auf Pubert und schulische
Anforderungen vieles abnehmen. (Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 37)
Behrensen und Solzbacher machen allerdings keine Lösungsvorschläge, wie mit diesen
Schwierigkeiten bei Bewertungen umgegangen werden könnte. Dabei ist die Erkenntnis,
dass Sozialisationsbedingungen erheblichen Einfluss auf schulische Leistung und
letztlich auf Bildungserfolg haben, nicht neu, sondern bereits von Klafki in den 1980er
Jahren diskutiert worden (Klafki, 1985). Er argumentiert, dass nicht die erbrachte
Leistung, sondern die Motivation und Bereitschaft zur Leistung beurteilt werden sollte
66
(dazu auch Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 113). Behrensen und Solzbacher weisen
allerdings darauf hin, dass Motivation und Bereitschaft, im Folgenden im weitesten
Sinne als Anstrengungsbereitschaft verstanden, ebenfalls „aufs Engste mit den
Herkunfts- und Sozialisationsbedingungen sowie mit den spezifischen Erfahrungen
des Aufwachsens verwoben sind“ (Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 113).
Winter spricht sich für einen Paradigmenwechsel an den Schulen aus, der an einigen
Stellen bereits eingesetzt hat (Winter, 2018, S. 32): „Die vorherrschende Orientierung
auf Defizite wird verlassen zugunsten einer Orientierung auf Kompetenzen, Stärken und
Ressourcen“ (Winter, 2018, S. 10). Während die Suche nach Fehlern und Defiziten in
Schülerarbeiten meist leicht ist, ist die Qualitätensuche dagegen eine größere
Herausforderung (Winter, 2018, S. 18) besonders dann, wenn auch überfachliche
Kompetenzen und vielfältigere Situationen mit einbezogen würden. Statt von einem
Erkenntnisdefizit spricht Burow eher von einem Umsetzungsdefizit in den Schulen, das
auf deren Veränderungsresistenz beruht, denn „wissenschaftliche Erkenntnisse und
darauf aufbauende kognitive Einsichten [würden im Schulsystem] nur selten zu den
entsprechenden Verhaltensänderungen führen“ (Burow, 2016, S. 8).
Die zitierten Bildungswissenschaftler*innen geben damit eine Haltung wieder, die auch
vom NRW-Talentscouting vertreten wird, die zusätzlich zu den schulischen Noten auch
den Kontext betrachten, in dem diese Noten entstanden sind und dabei primär die
sozialen Herkünfte der am Scouting teilnehmenden Schüler*innenschaft einbeziehen.
2.2. Die NRW-Talentrderung und die Denkhaltung Leistung im Lebenskontext
Im Rahmen des NRW-Talentscoutings führen an landesweit 17 Fachhochschulen und
Universitäten angestellte NRW-Talentscouts Beratungsgespräche durch und begleiten
leistungsorientierte und motivierte Oberstufenschüler*innen von rund 400
Berufskollegs, Gesamtschulen und Gymnasien langfristig auf dem Weg in Ausbildung
und Studium. Die Schüler*innen entstammen größtenteils nicht-akademischen
Elternhäusern und/oder wachsen in weniger privilegierten Verhältnissen auf; sie
werden entweder durch ihre Lehrer*innen in die Beratung gelotst oder melden sich
eigenständig für einen Beratungstermin beim Talentscout an. Generell steht die
Beratung allen Schüler*innen offen. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass
besonders die oben genannte Schüler*innengruppe einen langfristigen Beratungsbedarf
aufweist.
Am NRW-Zentrum für Talentförderung in Gelsenkirchen, das Formate zur Förderung von
Talenten (wie das NRW-Talentscouting) organisiert und begleitet, ist ebenfalls das
Schüler*innenstipendienprogramm RuhrTalente angesiedelt. Dieses fokussiert eine
ähnliche Zielgruppe wie das NRW-Talentscouting und beabsichtigt, die besonders
67
leistungsorientierten der weniger privilegierten Schüler*innen aus dem Ruhrgebiet ab
der achten Klasse und bis zum Schulabschluss individuell und ideell in Form eines
Bildungsprogramms mit Exkursionen und Sprachreisen zu fördern. Lehrer*innen
haben die Möglichkeit, Schüler*innen mittels eines Empfehlungsschreibens für das
Programm zu nominieren.
Sowohl das NRW-Talentscouting als auch das RuhrTalente-Stipendienprogramm sind so
konzipiert, dass sie auf den anhaltenden engen Zusammenhang zwischen sozialer
Herkunft und Bildungserfolg, auf die heterogenen Lernvoraussetzungen von
Schüler*innen (Sievers, 2012, S. 288) sowie auf deren hohen Bedarf an Ausbildungs-
und Berufsberatung (Vodafone Stiftung Deutschland, 2014, S. 4; dazu auch Isserstedt,
Middendorff, Kandulla, Borchert & Leszczensky, 2010, S. 461) zu reagieren versuchen.
Sie verfolgen so langfristig das Ziel, (Bildungs-)Chancenungleichheit zu überwinden.
Beide Maßnahmen beabsichtigen, Begabungsreserven zu aktivieren, indem sie den
individuellen Lebenskontext der Schüler*innen, die am NRW-Talentscouting teilnehmen
bzw. der Schüler*innen, die sich für das RuhrTalente-Stipendienprogramm bewerben,
einbeziehen. Beispielsweise sollen Schulnoten und außerschulisches Engagement je
nach persönlichem Lebenskontext bewertet werden. Dies soll umgesetzt werden,
indem zum einen der Lebenskontext des einzelnen Schülers/der einzelnen Schülerin
in den Fokus rückt und dieser in die Beratung einbezogen wird und zum anderen eine
positive Haltung bzw. Grundeinstellungen gegenüber den einzelnen Schüler*innen
eingenommen wird, um so u. a. Distanzen und Schwellenängste seitens der
Schüler*innen zu überbrücken (Semercioglu, Ulrich & Peters, 2017). Die Bewerbung
für das Stipendienprogramm ist dabei unabhängig von der Teilnahme am NRW-
Talentscouting.
Besonders bei der Entscheidung für oder gegen eine Aufnahme ins Stipendienprogramm
RuhrTalente, also konkret bei der Frage, welche Schüler*innen als stipendienwürdig
gelten, sollen neben guten bis sehr guten schulischen Leistungen u. a. außerschulische
Interessen und Engagements, aber ebenso sozioökonomische und kulturelle
Hintergründe der Schüler*innen betrachtet und weitere Leistungsbereiche jenseits
einer Schulnotenerfassung, beispielsweise eine Mehrsprachigkeit des Kindes (dazu auch
Uslucan, 2011) einbezogen werden. Die Maßnahmen bezeichnen dieses Prinzip der
ganzheitlichen Betrachtung des einzelnen Schülers/der einzelnen Schülerin als
Bewertung von Leistung im Lebenskontext des Schülers/der Schülerin.
68
2.3. Unterrepräsentation weniger privilegierter Schüler*innen in
Stipendienprogrammen
Schüler*innen aus weniger privilegierten Verhältnissen sind in
Begabtenförderungswerken und Stipendienprogrammen bislang unterrepräsentiert
(z.B. Studienstiftung, 2020). Dieser Befund gilt nicht nur für den deutschsprachigen
Raum, sondern ist international (z.B. Reis & Renzulli, 2004, S. 123 für die USA; Hodges &
Gentry, 2021 für Florida, Stamm, 2009, S. 46‒48 für die Schweiz). Gerade diese
Schüler*innengruppe, die oft über wenige Ressourcen der Unterstützung verfügt, wäre
darauf angewiesen, von Lehrer*innen zur Bewerbung für Stipendienprogramme,
Begabtenförderungswerke und weitere Angebote angeregt zu werden (Stamm, 2014).
Nach Stamm liegt es in der Verantwortung der Lehrer*innen, den Schüler*innen eine
Bewerbung nahezulegen bzw. sie aktiv für Stipendien zu empfehlen (Stamm, 2014,
S. 381; dazu auch Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 111). Die Schüler*innen durchlaufen
auf ihrem Weg ins Stipendienprogramm also zwei Hürdenvon Stamm auch als
Nadelöhre bezeichnet (Stamm, 2014, S. 381) zunächst die Auswahlkriterien der
Lehrer*innen (von Schack & Starko, 1990, S. 347 als Gatekeeper bezeichnet) und dann,
wenn die Schüler*innen für das jeweilige Stipendienprogramm empfohlen worden sind,
die Auswahlkriterien der Stipendiengeber*innen (siehe Abb. 1).1
Abbildung 1. Weg von der Schüler*innenschaft zur Stipendiat*innenschaft (eigene Darstellung).
3. Fragestellung
Mit dem (bereits vorgestellten) Stipendienprogramm RuhrTalente haben Lehrer*innen
an weiterführenden Schulen im Ruhrgebiet die Möglichkeit, eine bislang selten
berücksichtigte Schüler*innengruppe für eine Förderung zu empfehlen. Diese
Möglichkeit wird so zeigen die Daten des Programms genutzt. Es stellt sich die
Frage, ob sich die Bewertung von Leistung im Lebenskontext, nach der das
Stipendienprogramm RuhrTalente Stipendiat*innen auswählt, auch im schulischen
Bereich in Bezug auf Stipendienempfehlungen bei (einzelnen) Lehrer*innen
1 Es ist anzunehmen, dass die Auswahlkriterien der Stipendiengeber*innen dabei auf die Auswahlkriterien
der Lehrer*innen rückwirken, sofern die Lehrer*innen über die Auswahlkriterien des Stipendien-
programms informiert sind.
69
wiederfindet. Im Rahmen eines qualitativ-rekonstruktiv ausgerichteten
Forschungsvorhabens ist die Empfehlungspraxis einer Lehrer*innengruppe, die
vermehrt Empfehlungen für RuhrTalente ausspricht, mithilfe von narrativ-fundierten
Interviews untersucht worden.
Welche Schüler*innen werden durch die Lehrer*innen als stipendienwürdig
konstruiert?
Diese Frage versucht der vorliegende Aufsatz zu beantworten, indem er ein erstes
(Zwischen)Ergebnis eines laufenden Forschungsvorhabens betrachtet.
4. Empirischer Hintergrund
4.1. Datenerhebung und -auswertung
Die 18 im Rahmen des Forschungsvorhabens geführten Lehrer*inneninterviews sind in
Anlehnung an die Dokumentarische Methode nach Bohnsack (z.B. 1989) ausgewertet
worden. Diese rekonstruktive Methodologie ermöglicht den Forschenden, sich Zugang
zum konjunktiven Wissen, also zum impliziten, atheoretischen und handlungsleitenden
Wissen der Interviewpartner*innen zu erschließen und somit in eine tiefere Sinnebene
des empirischen Materials einzudringen, in der sich die geschilderten Erfahrungen als
Dokumente von Orientierungen niederschlagen (dokumentarischer Sinngehalt). Dies
wird realisiert, indem ein Wechsel der Analyseeinstellung vom ‚Was‘ des Gesagten
(Formulierende Interpretation) zum ‚Wie‘ (Reflektierende Interpretation) stattfindet
und betrachtet wird, wie und auf welche Art und Weise ein Thema abgehandelt wird.
Die dokumentarische Auswertung beendet eine sinngenetische Typenbildung (Nohl,
2017). In einigen Fällen wird eine soziogenetische Typenbildung angeschlossen (siehe
Abb. 2).
Abbildung 2. Schritte der Dokumentarischen Methode (eigene Darstellung in Anlehnung an Nohl, 2017).
Um Orientierungen der Interviewpartner*innen herausarbeiten zu können, sind in den
Interviews jeweils zwei erzählgenerierende Fragen denn in Erzählungen und
Beschreibungen kann sich implizites Wissen dokumentieren u. a. zur eigenen
Berufsbiografie (Erzählen Sie doch mal, wie es dazu kam, dass Sie Lehrer*in geworden
sind!) sowie zu empfohlenen Schüler*innen (Erzählen Sie mir gerne von Anfang an Ihre
Geschichte mit einer Schülerin/einem Schüler, die/den Sie für ein RuhrTalente-Stipendium
70
empfohlen haben!) gestellt worden. Es war dabei nicht von Bedeutung, dass der
Schüler/die Schülerin tatsächlich in das Stipendienprogramm aufgenommen worden ist,
da in erster Linie der Prozess der Empfehlung für die Beantwortung der Fragestellung
von Interesse war.
Das Sample besteht aus Lehrer*innen mit unterschiedlichen Fächerkombinationen, die
in Berufskollegs, Gesamtschulen oder Gymnasien des Standorttyps 5 im Ruhrgebiet
unterrichten und in der Vergangenheit vermehrt Schüler*innen also mindestens drei
oder mehr Schüler*innen r RuhrTalente in Form eines Empfehlungsschreibens
vorgeschlagen haben. Bei der Auswahl des Samples ist auf Vielfältigkeit geachtet
worden. So gehören Lehrer*innen unterschiedlicher Altersstufen, unterschiedlichen
Geschlechts, unterschiedlicher sozialer Herkünfte sowie mit und ohne
Migrationshintergrund zum Sample. Ebenso befinden sich drei Seiteneinsteiger*innen
unter den Befragten.
4.2. Methodisches Vorgehen der Rekonstruktion des Tertium Comparationis
Empirische Untersuchungen, die die Methodologie der Dokumentarischen Methode
zugrunde legen, münden meist in einer Typenbildung (siehe Abb. 2). Voraussetzung für
die Generierung von Typen in der Dokumentarischen Methode ist zunächst die
Rekonstruktion eines sogenannten Tertium Comparationis, dessen Identifizieren den
Übergang von der komparativen Analyse hin zur (sinngenetischen) Typenbildung
ermöglicht (Beispiele dafür folgen in Kapitel 5). „Das in den Suchstrategien bei zwei
Fällen gefundene Gemeinsame bildet ein Drittes, ein Tertium Comparationis, auf dessen
Hintergrund im Vergleich Kontraste deutlich werden“ (Nohl, 2007, S. 263). Dieses
„gemeinsame Dritte“ (Bohnsack, 2007, S. 236) oder „gemeinsame Thema“ (Bohnsack,
2007, S. 235, Hervorhebung im Original) wird aus dem Datenmaterial heraus
konstruiert und kann bereits auf der Ebene der formulierenden Interpretation ausfindig
gemacht werden, indem schon dort nach fallübergreifenden Themen gesucht wird. Bei
diesem ersten Interpretationsschritt wird also die Frage, was allen Fällen gemeinsam ist,
beantwortet (Wäckerle, 2018, S. 330). Auf der Ebene der reflektierenden Interpretation
lässt sich das Tertium Comparationis weiter entfalten, schärfen und erweitern
(Wäckerle, 2018, S. 332). Nachdem nun knapp das methodische Vorgehen bei der
Rekonstruktion des Tertium Comparationis erläutert wurde, wird die inhaltliche
Ausgestaltung des Tertium Comparationis für die bereits beschriebene Studie als ein
Ergebnis aufgezeigt.
71
5. Ergebnisdarstellung
Alle interviewten Lehrer*innen konstruieren die von ihnen empfohlenen Schüler*innen
in den Interviews als (von sich aus) überdurchschnittlich anstrengungsbereit und enga-
giert. Die Schüler*innen übertreffen die Erwartungen, die die Lehrer*innen an sie haben.
Diese aus der Perspektive der Lehrer*innen wahrgenommene überdurchschnittliche
Anstrengungsbereitschaft findet sich in den Lehrer*innenerzählungen aller geführten
Interviews, ist also allen Fällen gemeinsam wenn auch unterschiedlich ausgestaltet2
und wird durch die Lehrer*innen (in Form einer Empfehlung für RuhrTalente) honoriert.
Dieses begrifflich als Anstrengungsbereitschaft gefasste Tertium Comparationis setzt
sich aus den vier Komponenten Sichtbarkeit, Eigeninitiative, Soziale Bezugsnorm und
Erwartungsübertreffung zusammen:
1) Sichtbarkeit: Anstrengungsbereitschaft ist etwas Sichtbares, etwas bereits
Gezeigtes und wird nicht als ein Potenzial, also als eine reine Bekundung,
Anstrengung zeigen zu wollen, verstanden, sondern als eine sichtbare
Eigenschaft, die sich in der Vergangenheit bereits gezeigt hat.
2) Eigeninitiative: Die empfohlenen Schüler*innen machen, aus Lehrer*innen-
perspektive, eigeninitiativ auf sich aufmerksam, indem sie ihre Anstrengung
zeigen und nicht erst (durch Lehrer*innen) dazu aufgefordert werden müssen.
3) Soziale Bezugsnorm: Die Wahrnehmung von Anstrengungsbereitschaft tritt
erst vor dem Hintergrund einer Bezugsgruppe in Erscheinung. Schüler*innen
können im klasseninternen bzw. schulinternen Vergleich als besonders
anstrengungsbereit auffallen.
4) Erwartungsübertreffung: Die Erwartungen der interviewten Lehrer*innen an ihre
Schüler*innen werden von den empfohlenen Schüler*innen übertroffen.
Zur Nachvollziehbarkeit der Komponenten sollen einige Aussagen der Interview-
partner*innen, aus denen das Tertium Comparationis u. a. herausgearbeitet worden
ist, exemplarisch angeführt werden:
Monika Bienek3 beispielsweise versteht Anstrengungsbereitschaft nicht als ein
Potenzial, also als eine Bereitschaft, Anstrengung zu zeigen, sondern als eine bereits
sichtbare Eigenschaft. Dies wird in ihrer Erzählung über einen Schüler deutlich, den sie
für das Stipendienprogramm empfohlen hat:
Und ähm Goran war immer n sehr guter, sehr ehrgeiziger Schüler //mhm//
und also der hat das auch in der Klasse gezeigt. (Frau Monika Bienek über den
Schüler Goran)
2 Die Suche nach einem Kontrast in der Gemeinsamkeit, also die Suche nach unterschiedlichen
Ausdeutungen/Rahmungen des Tertium Comparationis, ist Teil eines weiteren Schrittes, der in der
Sinngenetische Typenbildung mündet.
3 Bei den Namen aller Interviewpartner*innen sowie der in den Interviews genannten Schüler*innennamen
handelt es sich um Pseudonyme.
72
In der Erzählung Amit Khans über die Schülerin Stefana, in der Erzählung Thomas
Maurers über den Schüler Owen und in der Erzählung Ulrich Krügers über die Schülerin
Jana wird deutlich, dass die empfohlenen Schüler*innen eigeninitiativ auf sich
aufmerksam machen, z.B. indem sie von sich aus Informationen (u. a. zu zukünftigen
Bildungsmöglichkeiten) einfordern:
Kam hierhin und fiel mir vom ersten Tag an sehr positiv auf im Sinne von,
dass sie von sich aus Informationen eingefordert hat. (Herr Amit Khan über die
Schülerin Stefana)
Sie war die Einzige- wir ham mal n Ausflug in die Stadtbibliothek gemacht, (.)
das mach ich immer mit meinen internationalen Förderklassen. äh und sie
war die Einzige, die sich sofort n Bibliotheksausweis hat ausstellen lassen.
(Herr Amit Khan über die Schülerin Stefana)
Der erste der den Finger gehoben hat ich bin dabei war er //mhm// und ab
dem Fingerzeig mit mit Herzblut also der hat sich eingebracht. (Herr Thomas
Maurer über den Schüler Owen)
Als die Familie umzog von hier von Ruhrstadt-D nach Kleinstadt-V //mhm//
hat sie die letzten zwei Jahre ist sie gependelt von Kleinstadt-V hierher //ja//
Prost Mahlzeit //ja// es gibt nicht so viele Kollegen, die Das machen ne
//@(.)@4// ne geschweige denn so am Anfang da hatte die noch keinen
Führerschein blah blah. (Herr Ulrich Krüger über die Schülerin Jana)
Die Schüler*innen fallen den interviewten Lehrer*innen positiv auf, da sie sich, aus
Lehrer*innenperspektive, vom Rest der Schüler*innenschaft abheben, also im
klasseninternen bzw. schulinternen Vergleich besonders hervorstechen. Dies schildert
beispielsweise die Interviewpartnerin Cara Bernhardt in Bezug auf unterrichtliche
Inhalte. Der Schüler Cihan arbeitet Inhalte intensiver auf als die übrigen Schüler*innen
der Klasse:
Und der Kurs der war auch schon völlig irritiert @und guckte dann schon
immer, ja so Cihan was machst du denn da ne?@ da dacht ich auch so oh mein
Gott was ist das für n Engagement ne? //ja// ist ja der Wahnsinn. //ja// ich
meine wer setzt sich denn hin von den anderen //ja// zu Hause wenn die jetzt
auf haben die sollen eben den Faust lesen. und alle verzweifeln daran, //ja//
und wer setzt sich denn schon hin und guckt dann wirklich mal ins Internet
//mhm// und liest sich zu irgendeiner Szene ne Zusammenfassung durch
damit man mal versteht was passiert denn da eigentlich? (Frau Cara
Bernhardt über den Schüler Cihan)
4 Lachen (der Interviewerin).
73
Die empfohlenen Schüler*innen übertreffen die Erwartungen der interviewten
Lehrer*innen. Dies expliziert besonders die Interviewpartnerin Cara Bernhardt:
Der hat eigentlich immer wirklich viel viel viel viel mehr gemacht //mhm//
als er brauchte. oder als ich jetzt gefordert hab oder so. und das ist schon
aufgefallen, das hat er in anderen Fächern auch gemacht. (Frau Cara
Bernhardt über den Schüler Cihan)
Zusammenfassend ist das Tertium Comparationis inhaltlich definiert als
etwas für die Lehrer*innen Sichtbares,
worauf die Schüler*innen eigeninitiativ aufmerksam machen,
wodurch sie sich (aus Lehrer*innenperspektive) als überdurchschnittlich (im
Vergleich zu anderen der Lehrkraft bekannten Schüler*innen) erweisen,
und somit die allgemeinen Erwartungen der Lehrer*innen an die
Schüler*innen übertreffen.
Insgesamt kann festgehalten werden, dass Anstrengungsbereitschaft ein zentrales
Auswahlkriterium für Lehrer*innen ist, wenn es um die Auswahl von Schüler*innen
geht, die für Stipendienprogramme empfohlen werden (siehe Abb. 3).
Abbildung 3. Anstrengungsbereitschaft als Tertium Comparationis (eigene Darstellung).
74
6. Diskussion
Welche Lehrer*innenvorstellungen von Förderungswürdigkeit im Allgemeinen und
Stipendienwürdigkeit im Speziellen lassen sich aus dem herausgearbeiteten Tertium
Comparationis ableiten? Wie ist das Tertium Comparationis im Zusammenhang mit dem
Prinzip der Leistungsbewertung im Kontext zu verstehen, wie es die NRW-
Talentförderung vertritt? Auf mögliche Antworten auf diese Fragen soll im Folgenden
eingegangen werden. Dazu wird zunächst auf Modelle aus dem Bereich der Forschung
zu Begabung und Hochleistung zurückgegriffen.
Existieren wissenschaftliche Befunde oder Modelle, die diese Denkhaltung stützen
(und sogar legitimieren)? Gibt es speziell im Bereich der Forschung zu Begabung und
Hochleistung Erkenntnisse dazu? Und gibt es an Schulen und unter der
Lehrer*innenschaft praktische Ansätze, die die vielfältigen Lebenskontexte von
Schüler*innen einbeziehen?
6.1. Diskussion der Ergebnisse vor dem Hintergrund herkömmlicher
Begabungsmodelle
Mehrdimensionale Begabungsdefinitionen erklären hohe Leistungen durch mehrere
Faktoren. Sie haben die eindimensionalen Begabungsdefinitionen, in denen
kognitive Merkmale für Begabungsentwicklung bzw. Entstehung von Hochleistung5
als alleinig ausschlaggebend gelten, weitgehend verdrängt. Mehrdimensionale
Begabungsmodelle basieren auf den mehrdimensionalen Begabungsdefinitionen und
sind über die Zeit hinweg immer komplexer geworden (z.B. Hoyer et al., 2013).
Während Renzullis Drei-Ringe-Modell (z.B. 1978) neben einer überdurchschnittlich
hohen Intelligenz auch die Faktoren Kreativität und Motivation einbezieht, sind das
Münchner Hochbegabungsmodell nach Heller (z.B. 2000) und das Differenzierte
Begabungs- und Talentmodell nach Gagné (z.B. 2008) bereits weitaus umfassender und
beziehen neben rein kognitiven Begabungsbereichen zahlreiche weitere Faktoren ein.
Neben den kognitiven Begabungsbereichen, die in allen Begabungsmodellen, auch in
den mehrdimensionalen Modellen, zentral sind, finden sich beim näheren Betrachten
der Modelle jeweils auch Formen von Anstrengungsbereitschaft (die bereits als Tertium
Comparationis für die vorliegende Untersuchung herausgearbeitet worden ist). Um dies
aufzuzeigen, soll exemplarisch ein Blick auf die drei bereits genannten
mehrdimensionalen Begabungsmodelle geworfen werden:
Nach dem Drei-Ringe-Modell nach Renzulli (z.B. 1978) ist Hochleistung neben
hohen intellektuellen Fähigkeiten ebenso durch Persönlichkeitsmerkmale wie
5 Die einzelnen Modelle unterscheiden teils nicht zwischen Begabung und Leistung.
75
eine überdurchschnittlich hohe Kreativität und ein überdurchschnittlich
großes Aufgabenengagement begründet (siehe z.B. Darstellung des Modells
bei Bardy, 2007, S. 17). Diese drei Faktoren bilden die Schnittmenge
Hochleistung. Anstrengungsbereitschaft kann hier im weitesten Sinne dem
Aufgabenengagement zugeordnet werden.
Nach dem Münchner Hochbegabungsmodell nach Heller (z.B. 2000) entsteht
Leistungsexzellenz in Wechselwirkungen zwischen Umweltmerkmalen (u.a.
familiäre Lernumwelt, Familienklima oder kritische Lebensereignisse),
Begabungsfaktoren (u. a. intellektuelle Fähigkeiten, soziale Kompetenzen und
künstlerische Fähigkeiten) und Nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen
(u.a. Motivation, Strategien und Überzeugungen) (Solzbacher, 2019, S. 3334).
2014 ist das Modell um eine wechselseitige Verbindung zwischen den
Umweltmerkmalen und den Nicht-kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen
ergänzt worden (Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 42).
Anstrengungsbereitschaft taucht im Modell im weitesten Sinne unter den Nicht-
kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen unter Leistungsmotivation auf.
Nach dem Differenzierten Begabungs- und Talentmodell nach Gagné (z.B. 2008)
kann Begabung (hier: angeborene Fähigkeit) durch eine Förderung in Talent
(hier: beobachtbare Fähigkeit oder Leistung) übergehen und in verschiedenen
Bereichen liegen (Preckel & Vock, 2013). Umwelt-Katalysatoren, wie
beispielsweise das Umfeld einer Person und bedeutende Personen im Umfeld,
die die Entwicklung von Begabungen beeinflussen und unterstützend wirken
können, werden im Modell ebenfalls aufgeführt. Gagné führt zusätzlich
intrapersonale Katalysatoren wie Motivation, Willenskraft, Persönlichkeit,
Selbstmanagement und weitere auf, die einen Einfluss auf den Übergang von
Begabung in Talent ausüben. Anstrengungsbereitschaft taucht hier im weitesten
Sinne als Motivation oder Willenskraft auf.
Meist unterschiedlich benannt, findet sich das Konstrukt der Anstrengungsbereitschaft
in mehreren Begabungsmodellen wieder. Begabungsvorstellungen von Lehrer*innen
scheinen sich bei der Auswahl von Schüler*innen, die für Stipendienprogramme
empfohlen werden, also mehrheitlich mit mehrdimensionalen, erweiterten
Begabungsvorstellungen zu decken, indem Lehrer*innen neben Begabungsfaktoren wie
den kognitiven Fähigkeiten vor allem auch nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale wie
eine überdurchschnittliche Anstrengungsbereitschaft heranziehen. Diese
Anstrengungsbereitschaft wird, wie beispielweise auch im Münchner Begabungsmodell
aufgezeigt, in Wechselwirkung mit den Umweltmerkmalen der einzelnen Schülerin/des
76
einzelnen Schülers, wie z.B. der familiären Lernumwelt oder kritischen
Lebensereignissen, bewertet.
6.2. Diskussion der Ergebnisse im Zusammenhang mit dem Prinzip der Leistung im
Lebenskontext und weiterer Befunde
Abschließend werden die herausgearbeiteten Erkenntnisse knapp in den größeren
Zusammenhang des bereits erläuterten und zentralen Prinzips der NRW-
Talentförderung sowie des Stipendienprogramms RuhrTalente, Leistungen im
Lebenskontext der einzelnen Schülerin/des einzelnen Schülers zu bewerten, gesetzt.
Zuletzt sollen noch weitere Befunde zum Thema wiedergegeben werden.
Es kann geschlussfolgert werden, dass Lehrer*innen nicht nur rein intellektuelle
Fähigkeiten bei der Auswahl von Schüler*innen, die sie für Stipendienprogramme
empfehlen, einbeziehen, sondern ebenso nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale.
Stipendienwürdigkeit von Schüler*innen wird nicht an reinen Leistungen festgemacht,
sondern es werden ebenfalls Kontextfaktoren, wie eine anstrengungsbereite,
leistungsorientierte Persönlichkeit von Schüler*innen einbezogen. Diese werden in den
Kontext (eines schul- oder klasseninternen Bezugssystems) gesetzt. Es konnte also
aufgezeigt werden, dass Lehrer*innen an Schulen ebenfalls Bewertungen vornehmen,
bei denen neben der reinen Leistungserbringung der Schüler*innen wie durch die
Auswahlkriterien der Stipendiengeber*innen vorgegeben auch ein Kontext einbezogen
wird. Dies geschieht, indem diese die reine Anstrengungsbereitschaft von Schüler*innen
berücksichtigen, (relativ)6 unabhängig davon, ob die Anstrengungsbereitschaft
tatsächlich in sehr gute Leistungen mündet oder nicht. Bewertungen im Kontext, wie von
der NRW-Talentförderung verfolgt, tauchen demnach wenn auch auf eine andere Art
und Weise in der Schule auf. Sowohl das Prinzip der NRW-Talentförderung, den
individuellen Lebenskontext von Schüler*innen einzubeziehen, als auch der
Lehrer*innen, Anstrengungsbereitschaft von Schüler*innen in die Beurteilung von
Stipendienwürdigkeit einzubeziehen, ist wissenschaftlich begründet. Dies ist
beispielsweise an verschiedenen Begabungsmodellen aufgezeigt worden, die sowohl
nicht-kognitive Persönlichkeitsmerkmale wie Motivation, Willenskraft und
Anstrengungsbereitschaft als auch Umweltfaktoren wie den individuellen
Lebenshintergrund in die Entstehung von Hochleistung einbeziehen. Für eine
gelingende Förderung, insbesondere von Schüler*innen aus weniger privilegierten
Elternhäusern, erscheint es erforderlich, diese Faktoren zu berücksichtigen.
6 In der Sinngenetischen Typenbildung der Studie konnten insgesamt drei Lehrer*innentypen generiert
werden. Es werden je nach Lehrer*innentyp Schüler*innen empfohlen, die auch gute bis sehr gute
schulische Leistungen erbringen.
77
Die Ergebnisse der vorgestellten Studie spiegeln sich auch in den Forschungsergebnis-
sen von Kiso (2019), die feststellt, dass sich Lehrer*innen bei der Beurteilung von
Begabungen an bereits erbrachten überdurchschnittlichen Leistungen, die mit einer
ausgeprägten Motivation und einer hohen Lerngeschwindigkeit einhergehen,
orientieren. Auch Sen (2011) stellt fest, dass motivierte Schüler*innen von
Lehrer*innen eher als begabt eingestuft und tendenziell überschätzt werden.
Vor diesem Hintergrund scheint es gerechtfertigt, pädagogische Noten zu vergeben, und
damit Faktoren einzubeziehen, die jenseits der reinen Leistungsperformanz liegen. Nach
Terhart erfolgen Notengebungen durch Lehrer*innen nicht mechanisch, sondern „im
Sinne eines kontextgebundenen Entscheidungsprozesses, bei dem verschiedene
Umstände berücksichtigt bzw. gewichtet werden“ (Terhart, 2014, S. 892).
Beispielsweise können Lehrer*innen sogenannte pädagogische Noten vergeben, sind
also nicht an die rein rechnerische Durchschnittsnote gebunden, wenn es sich z.B. um
die Vergabe von Zeugnisnoten handelt, sondern können eine leicht schlechtere oder
bessere Note vergeben, als es rechnerisch korrekt wäre. Tendenzen in Lern- und
Leistungsentwicklung und weitere Beobachtungen des Schülers/der Schülerin können
dafür einbezogen werden.
Hennig und Ehinger empfehlen Lehrer*innen, z.B. für das erfolgreiche Führen von
Elterngesprächen und um die Kooperationsbereitschaft der Eltern zu erhöhen, u. a. den
individuellen Kontext der Schüler*innen also „die Lebenswelt sowie die Ressourcen
und gegebenenfalls Widrigkeiten, die das Leben der Schülerin/des Schülers und
ihrer/seiner Familie prägen“ (Hennig & Ehinger, 2014, S. 183), besonders zu
berücksichtigen. So raten sie den Lehrer*innen dazu, Faktoren wie die materielle
Situation, die familiäre Konstellation oder die Wohnverhältnisse des Schülers in
Betracht zu ziehen, den Schüler/die Schülerin nicht isoliert zu betrachten und sich in das
Umfeld der Schüler*innen einzufühlen (Hennig & Ehinger, 2014, S. 29). Zudem wird
empfohlen „im Gespräch statt einer defizitorientierten Sicht eine ressourcenorientierte
Sichtweise anzuwenden“ (Hennig & Ehinger, 2014, S. 29). Sie betonen, dass diese
Grundhaltung nicht nur für Elterngespräche gilt, sondern auch auf die Lehrer*innen-
Schüler*innen-Interaktion übertragen werden sollte und regen so zu einer
ressourcenorientierten Perspektive auf die Schüler*innenschaft an. Dafür allerdings sind
eine reflektierte pädagogische Haltung und eine hohe Empathiefähigkeit seitens der
Lehrer*innen nötig (Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 115): „Damit wird das Kind
entlastet und in seinem Selbstwert nicht auf die erbrachte Leistung reduziert“
(Behrensen & Solzbacher, 2016, S. 115). Es finden sich also durchaus Situationen, in
denen Lehrer*innen den Lebenskontext der Schüler*innen in die Beurteilung
einbeziehen.
78
Die vorgestellten Teilergebnisse der Studie zeigen, dass die Lehrer*innengruppe, die
weniger privilegierte Schüler*innen in Stipendienprogramme empfiehlt, vor allem auf
die Anstrengungsbereitschaft dieser Schüler*innen fokussiert. Wie wird diese
Anstrengungsbereitschaft jedoch konkret verstanden und in den Empfehlungen
ausgestaltet? Im weiteren Verlauf der Auswertung der Ergebnisse wird im Rahmen
einer sinngenetischen Typenbildung der Frage nachgegangen, wie die
Anstrengungsbereitschaft durch die interviewten Lehrer*innen unterschiedlich
gerahmt wird.
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Autor:in
Franziska Sophie Proskawetz ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der AG Bildungsforschung der
Universität Duisburg-Essen und forscht u. a. zu Auswahlkriterien für Stipendienprogramme und
Begabtenförderungswerke sowie zu Begabungsvorstellungen von Lehrer*innen.
81
Lars Jenßen, Frederik Grave-Gierlinger, Steven Beyer & Katja Eilerts
Erforschung von affektiv-motivationalen Facetten professioneller Kompetenz
mittels Design-Based Research: Projektbeispiele aus der Lehrkräftebildung im
Bereich Mathematik
Zusammenfassung: Design-Based Research stellt einen vielseitigen und etablierten methodologischen
Ansatz in der Forschung der Lehrkräftebildung dar. Zentral ist dabei der inhärente Praxisbezug bezüglich
des Ziels, praktische Bildungsprobleme mithilfe von entwickelten Interventionen zu lösen und dabei in
einem zirkulären Prozess diese Interventionen stetig zu verbessern. Der vorliegende Beitrag stellt drei
Projekte in der Lehrkräftebildung im Bereich Mathematik für die Primarstufe vor, die sich in
unterschiedlichen Phasen des Design-Based-Research-Zyklus befinden und insbesondere affektiv-
motivationale Kompetenzfacetten als zentral für die Lösung bildungspraktischer Probleme in den
Kontexten Kompetenzentwicklung und Digitalisierung betrachten. Abschließend wird die konkrete
Umsetzbarkeit von Design-Based Research in den Projekten als auch global für die Erforschung
affektiv-motivationaler Kompetenzfacetten von angehenden Lehrkräften diskutiert.
Schlüsselwörter: design-based research, Mathematik, Emotionen, Beliefs, Lehrkräftebildung
Abstract: Design-based research represents a well-established and versatile methodological approach to
research in teacher education. Central to this approach is its inherent practical relevance with regard to
the goal of solving practical educational problems by using developed interventions and thereby
continuously improving these interventions in a dynamic process. This paper presents three projects in
teacher education in the field of mathematics for primary education, which are in different phases of the
design-based research process and consider especially affective-motivational competence facets as central
for solving practical educational problems in the contexts of competence development and digitization.
Finally, the concrete feasibility of design-based research in the projects as well as for research of pre-
service teachers’ affective-motivational competence facets will be discussed.
Keywords: Design-based research, mathematics, emotions, beliefs, teacher education
1. Konzeptualisierung von Design-Based-Research
Design-Based Research (DBR) hat als methodologischer Ansatz hinsichtlich der
Anwendungshäufigkeit im bildungswissenschaftlichen Kontext in den letzten Jahren
zugenommen und galt lange als Hoffnungsträger der Bildungsforschung, hinsichtlich der
Aufgabe, effektive und innovative Lösungen für bildungspraktische Probleme zu liefern
(Anderson & Shattuck, 2012; Hoadley et al., 2002; Reinmann, 2005). Neben dem
konkreten Anliegen, empirisch überprüfbare Interventionen zu entwickeln, um
praktische Probleme zu lösen, kann als ein übergeordnetes Ziel die Verknüpfung von
bildungspraktischem Nutzen der Intervention mit der Generierung theoretischer
Erkenntnisse verstanden werden (Reinmann, 2017).
Der Begriff Intervention kann dabei irreführend sein. Gemeint ist nicht zwingend eine
Form von Treatment, wie es in der Experimentalforschung konzeptualisiert wird,
sondern nach Reinmann (2017) vielmehr jegliche Form von beispielsweise Lehr-Lern-
Konzept, Lehr-Lern-Methode, Lehr-Lern-Material oder digitalem Tool, um die
Erreichung von Bildungszielen für spezifische Zielgruppen zu ermöglichen (z.B.
82
Professionalisierung und Qualifizierung von angehenden Lehrkräften). Die Entwicklung
einer solchen Intervention ist dabei nicht eine Vorbedingung, sondern steht im Zentrum
von DBR. Nach Anderson und Shattuck (2012) kennzeichnen die folgenden
idealtypischen Merkmale den DBR-Ansatz: Situierung in einem realen Bildungskontext,
Fokus auf Design und Überprüfung von Interventionen, Einsatz von Mixed Methods,
stetige Weiterentwicklung der Intervention, Zusammenarbeit von Forschung und Praxis,
Entwicklung von Designprinzipien und Einfluss auf Praxis. DBR steht auf einem breiten
methodischen Fundament (Bell, 2004) und möchte explizit den Austausch zwischen
Wissenschaft und Praxis fördern. In diesem Punkt ähnelt der DBR-Ansatz
transdisziplinärer Forschung. Praktiker:innen sollen möglichst aktiv in den
Forschungsprozess eingebunden werden.
Abbildung 1 soll den Forschungsprozess im Rahmen von DBR illustrieren (siehe hierzu
beispielsweise auch Fraefel, 2014). Ausgangslage jedes Vorgehens im Rahmen von DBR
stellt das bildungspraktische Problem dar. Unter Rückgriff auf bereits bestehende
Theorien und den aktuellen Forschungsstand zu dem Problem wird eine Intervention
abgeleitet. Diese wird im realen Setting erprobt, evaluiert und vor dem Hintergrund der
(Zwischen)Ergebnisse weiterentwickelt. Die Intervention durchläuft dabei mehrere
Zyklen von Erprobung Evaluation Weiterentwicklung. Die Zyklen sind
abgeschlossen, sobald das Ergebnis der Evaluation indiziert, dass das
bildungspraktische Problem gelöst werden kann bzw. konnte. An dieser Stelle wird
deutlich, dass nicht nur theoretisches und methodisches Wissen in dem Prozess
bereitgestellt wird, sondern während der Zyklen auch generiert wird und somit auch als
ein prozessuales Outcome verstanden werden kann. Auch wenn Entwicklung
Erprobung Evaluation Weiterentwicklung wissenschaftliche Termini darstellen, so
verschwimmt die Grenze zwischen Wissenschaft und Praxis doch zunehmend. Dies wird
vor allem dadurch ersichtlich, dass Praktiker:innen konkret in den DBR-Prozess
einbezogen werden. Praktiker:innen werden als Expert:innen angesehen, die
Akteur:innen im Forschungsprozess werden und mit Wissenschaftler:innen
kooperieren. Die Partizipation der Praktiker:innen erfolgt jedoch nicht erst im Prozess,
sondern idealtypisch bereits zu Beginn, indem sie an der Ableitung der Intervention vor
dem Hintergrund bildungspraktischer Probleme ebenbürtig zu Theorien und Evidenzen
einbezogen werden und sollten (Reinmann, 2017). In der realen Bildungsforschung mag
DBR bisweilen auf einer Art Kontinuum hinsichtlich der idealtypischen Anwendung
angesiedelt sein. So zeigt sich, dass beispielsweise die Partizipation oder die
Berücksichtigung bestehender Theorien nicht immer idealtypisch gelingt, was eine
weniger ideale Umsetzung von DBR impliziert.
83
Abbildung 1. Prozessmodell zu Design-Based Research (eigene Darstellung).
DBR hat in der Bildungsforschung vor allem im Kontext der Digitalisierung im Bildungs-
bereich an Bedeutung gewonnen, beispielsweise hinsichtlich Fragen der Entwicklung
und Implementation von technologierorientierten Lernumgebungen (Wang & Hannafin,
2005). Im Zuge der zunehmenden wissenschaftlichen Fokussierung auf den tertiären
Bildungsbereich in den letzten zehn Jahren wurde DBR auch auf den Hochschulkontext
übertragen (Ford et al., 2013), speziell auch für die Lehramtsausbildung (Anderson &
Shattuck, 2012; Fraefel, 2014). Ein Hauptanwendungsfeld von DBR im Bereich der
Lehrkräftebildung besteht z.B. darin, dass Technological Pedagogical Content Knowledge
(TPACK) von Lehrkräften im Rahmen von Fortbildungen zu steigern (Zinger et al., 2017)
oder das DBR-Konzept zu nutzen, um TPACK für das konkrete unterrichtliche Handeln
der Lehrkräfte konzeptionell weiter auszugestalten (Pareto & Willermark, 2019).
Fortbildungsangebote, die dem DBR-Ansatz folgen, bestehen zudem zunehmend auch
domänenspezifisch für Grundschullehrkräfte im Fach Mathematik (z.B. Biccard, 2019).
DBR in der Bildungsforschung fokussierte lange hauptsächlich auf Kognitionen, wie
z.B. Wissen, als Forschungsgegenstand oder speziell als Outcome-Maße von
Bildungsprozessen (Barab & Squire, 2009). In den letzten Jahren lässt sich jedoch auch
eine steigende Zahl von DBR-Beiträgen zur Erforschung von affektiv-motivationalen
Dispositionen in Lernsettings feststellen (z.B. Zhang, Markopoulos, & Bekker, 2020).
Diese sind jedoch auf Kinder limitiert. Unsere Recherche ergab, dass die Untersuchung
affektiv-motivationaler Kompetenzfacetten von angehenden Lehrkräften mittels einer
systematischen Umsetzung von DBR bisher nicht vorliegt.
Ausgangslage:
Bildungspraktisches
Problem
Entwicklung einer
Intervention
Erprobung der
Intervention
Evaluation der
Intervention
Weiterentwicklung
der Intervention
Lösung des
bildungspraktischen
Problems
Bereitstellung und
Generierung von
theoretischem und
methodischem Wissen
Wissenschaft
Praxis
84
2. Affektiv-motivationale Facetten professioneller Kompetenz
Affektiv-motivationale Dispositionen stellen neben kognitiven Dispositionen (z.B.
domänenspezifisches Wissen), situationsspezifischen Fertigkeiten und Performanz
inhärente Bestandteile professioneller Kompetenz von (angehenden) Lehrkräften dar
(Blömeke et al., 2015). Unter ihnen kann eine Reihe von Konstrukten gefasst werden, die
in das Konglomerat affektiv-motivationaler Disposition integriert werden können.
Neben Emotionen und Beliefs stellen beispielsweise auch motivationale Orientierungen
(z.B. Leistungsmotivation), Einstellungen und spezifische Selbstwirksamkeits-
erwartungen bedeutsame affektiv-motivationale Dispositionen in der Lehr-Lern-
Forschung dar. Sie verleihen professioneller Kompetenz einen dynamischen Charakter
und werden in spezifischen Situationen wirksam. Zudem können insbesondere
Emotionen und Beliefs als identitätsformende Dispositionen von Lehrkräften verstanden
werden (Zembylas, 2003).
2.1. Emotionen
In Abgrenzung zu Beliefs beschreiben Emotionen reine Gefühlslagen einer Person
(Hannula, 2012). Sie beinhalten einen affektiven Kern, der als angenehm vs.
unangenehm und aktivierend vs. deaktivierend empfunden werden kann. Dieser Kern
wird auf verschiedenen Ebenen des individuellen Erlebens repräsentiert: kognitiv (i. S.
von mentalen Repräsentationen und Bewertungen), physiologisch (körperliche
Reaktionen), motivational (Handlungsimpulse) und expressiv (z.B. in Körperhaltung
oder Gesichtsausdruck) (Scherer, 2009). Emotionen können sich basaler auf Objekte
beziehen (z.B. Freude, Angst, Ärger; wobei der Begriff Objekte auch andere Individuen
umfasst und nicht nur Dinge und situationale Gegebenheiten) oder aber sie können
sozialer Natur sein und auf das eigene Selbst gerichtet sein (Lewis, 2003), wie z.B.
Scham oder Stolz.
Emotionen sind Bedingungsfaktor und Resultat in Bildungsprozessen, so auch in der
Lehrkräftebildung (Porsch, 2018). Angehende Lehrkräfte sind hierbei als Lernende zu
verstehen, deren Emotionen im Sinne kognitiver Emotionstheorien durch Appraisals in
Lern- und Leistungssituationen geformt werden (Scherer, 2009; Pekrun et al., 2011).
Appraisals stellen dabei individuelle Einschätzungen dar, z.B. hinsichtlich der
wahrgenommenen Kontrolle in einer Situation oder dem Wert bzw. der Bedeutung einer
Situation. Emotionen werden vor dem Hintergrund dieser theoretischen Vorstellung als
Ergebnis dieser Einschätzungen und Bewertungen verstanden. Über sich anschließende
motivationale Dispositionen (z.B. Selbstwirksamkeitserwartung) zeigen die Emotionen
Effekte auf das Wissen in einer Domäne, welches wiederum auch Einfluss auf die
Appraisals (z.B. mehr Wissen erhöht die wahrgenommene Kontrolle in einer
85
Leistungssituation) und damit auf die Emotionen hat (Control-Value Theory: Pekrun,
2006; Pekrun & Perry, 2014). Angehende Lehrkräfte sind aber auch prospektiv
Lehrende, deren Emotionen durch ihre Zielorientierungen im Unterricht und der
Passung dieser mit dem Schüler:innenverhalten bedingt werden und schließlich das
instruktionale Verhalten formen und damit wieder das Erleben und Verhalten der
Schüler:innen beeinflussen (Teacher Emotions Model: Frenzel, 2014; Frenzel, Daniels, &
Burić, 2021). Empirisch zeigen sich enge Zusammenhänge zwischen einer Emotion, die
eine angehende Lehrkraft im Studium in einer Domäne erlebt und der Emotion, die
diese dann als Lehrkraft in der Praxis beim Unterrichten in dieser Domäne erlebt (Eren,
2014; Marbán et al., 2020; Olson & Stoehr, 2019).
2.2. Beliefs
Der Begriff Beliefs per se ist nicht definiert und wird bisweilen als messy construct
bezeichnet (Pajares, 1992; Richardson, 1996). Das Konstrukt gewinnt dann an
Bedeutung, wenn spezifiziert wird, auf welches konkrete Objekt, Subjekt oder Domäne
es sich bezieht. Der Begriff Selbstwirksamkeitserwartung beschreibt beispielsweise
global die Überzeugung, spezifischen Anforderungen kompetent begegnen zu können
und kann domänenspezifisch entsprechend ausformuliert werden (Bandura, 1997).
Domänenspezifische Facetten professioneller Kompetenz von (angehenden)
Mathematiklehrkräften stellen vor allem epistemische Beliefs zur Natur der Mathematik
oder Beliefs zum Lehren und Lernen von Mathematik dar (Felbrich et al., 2008). In
diesem Sinne können Beliefs als mentale Repräsentationen von Verständnis und
Grundüberzeugungen über Objekte, Subjekte oder Domänen eines Individuums
verstanden werden (Fives & Gill, 2015; Richardson, 1996). Wie auch Emotionen können
Beliefs Effekte auf das praktische Verhalten einer Lehrkraft haben (Buehl & Beck, 2015).
Domänenspezifisch können sich Beliefs von Lehrkräften z.B. auf den Nutzen digitaler
Tools zur Entwicklung von Kompetenzen beziehen, die für eine aktive Teilhabe am
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben im 21. Jahrhundert als zentral
erachtet werden (Ertmer, 2005; Ottenbreit-Leftwich et al., 2018). Dabei betreffen die
Beliefs beispielsweise die Einschätzung des Wertes des digitalen Tools (Ottenbreit-
Leftwich et al., 2010), welche wiederum den tatsächlichen Einsatz vorhersagen. Die
Akzeptanz eines digitalen Tools wird in der entsprechenden Forschung als Zielvariable
konzeptualisiert (Venkatesh et al., 2003). Das Technology Acceptance Model (TAM:
Davis, 1989) integriert Beliefs zum Nutzen und zur einfachen Handhabbarkeit eines
digitalen Tools und sagt dabei die Akzeptanz oder Valenz der Einstellung gegenüber
dem digitalen Tool vorher. In der Erweiterung des TAM lässt sich die Akzeptanz bzw.
Einstellung dem digitalen Tool gegenüber als Mediator zwischen Beliefs und
tatsächlicher Nutzung verstehen (Marangunić & Granić, 2015).
86
3. Projektbeispiele
Im Folgenden sollen drei Projekte exemplarisch das Vorgehen im Rahmen von DBR zur
Forschung von affektiv-motivationalen Dispositionen von angehenden
Grundschullehrkräften in Mathematik illustrieren:
Das erste Projektbeispiel stellt exemplarisch die Anwendung von DBR zur
weiteren Erforschung von spezifischen Emotionen bei angehenden
Grundschullehrkräften dar und formuliert diese als Forschungsgegenstand, um
mittelfristig angepasste Bildungsangebote zu schaffen.
Das zweite Projektbeispiel fokussiert die Technologieakzeptanz von angehenden
Grundschullehrkräften in Mathematik hinsichtlich eines entwickelten digitalen
Tools als Outcome und illustriert die Anwendung von DBR-Prinzipien zur
Entwicklung dieses Tools.
Das dritte Projektbeispiel zeigt vor allem die Ausgangslage eines DBR-Prozesses
hinsichtlich Kontroll- und Werteinschätzungen sowie
Selbstwirksamkeitserwartung von angehenden Grundschullehrkräften im
Umgang mit digitalen Medien auf.
Die Projekte haben unterschiedliche bildungspraktische Ausgangslagen und befinden
sich in unterschiedlichen Phasen des DBR-Vorgehens (siehe Abb. 1).
3.1. SHAME: Scham von angehenden Grundschullehrkräften in Mathematik
Mathematik wird aufgrund der Art und Weise wie sie unterrichtet wird von Lernenden
oft als emotional unangenehm erlebt (Goldin, 2014). Angehende Grundschullehrkräfte
berichten mehrheitlich von beschämenden Situationen im Mathematikunterricht,
die sie zum Teil als emotional prägend erleben und die Effekte auf ihre Fächerwahl im
Studium haben, im Sinne einer Entscheidung gegen Mathematik als Studienfach (Jenßen,
Möller et al., 2022). Dies ist vor allem vor dem Hintergrund eines Mangels an
professionalisierten Mathematiklehrkräften in der Grundschule zu bemängeln. Zudem
berichten Lehramtsstudierende für die Primarstufe, dass ihre Scham in Mathematik
subjektiv Konsequenz eines defizitären mathematischen Wissens ist, aber auch zugleich
Ursache dieses Mangels an mathematischem Wissen darstellt (Bibby, 2002). Diese
systematische Forschung deckt sich mit praktischen Eindrücken von Dozierenden in der
Lehramtsausbildung. Vor dem Hintergrund der empirischen Evidenzen und der Berichte
von Grundschullehramtsstudierenden erscheint es als relevant, die subjektiv erlebte
Scham in Mathematik frühzeitig im Studium zu adressieren.
Scham wird als eine unangenehme, aktivierende und selbstbezogene Emotion
verstanden. Im Vordergrund stehen globale Selbstabwertungen. Des Weiteren muss
87
angenommen werden, dass Scham sowohl Leistungs- als auch Identitätsentwicklung von
angehenden Lehrkräften in Mathematik negativ beeinflusst (Hodgen & Askew, 2007;
Pekrun et al., 2011). Der Selbstbezug im Erleben von Scham wird vor allem in der
Aktivierung negativer Selbstschemata unmittelbar nach einem subjektiven Versagen
deutlich (Tracy & Robins, 2004). Diese unmittelbaren Aktivierungen gestalten die
Regulation von Scham als herausfordernd für das Individuum (Velotti et al., 2017).
Problematisch ist insbesondere, dass es an effektiven Interventionen zur
Schamregulation im Bereich Mathematik mangelt (Amidon et al., 2020). Im Allgemeinen
wird davon ausgegangen, dass das Ziel einer Intervention zur Reduktion von
Schamerleben die Förderung von Resilienz gegenüber Schamerfahrungen sein sollte
(Brown, 2006; Turner & Schallert, 2001), z.B. in dem Sinne, dass statt der
schaminduzierenden Narrative alternative selbstwertstärkende Narrative
implementiert werden (Holmstrom et al., 2021). Auf Basis etablierter Interventionen,
die die Reduktion unangenehmer Emotionen im Allgemeinen zum Ziel haben, wurde
eine Intervention mit dem Ziel der Schamreduktion in Mathematik bei angehenden
Grundschullehrkräften im Lehramtsstudium entwickelt und entsprechend der
bestehenden Bedürfnisse (z.B. Fokus auf Mathematik) angepasst.
So wurde die sogenannte three good things Technik aus der Positiven Psychologie
(Seligman et al., 2005) zunächst in der basalen Form als Intervention eingesetzt. Im
Rahmen der Intervention haben die Studierenden drei positive Dinge im Fach
Mathematik systematisch reflektiert. Mögliche Veränderungen im Schamerleben der
Studierenden wurden in einem Prä-Post-Design und der Erfassung mittels eines validen
und reliablen standardisierten Fragebogens gemessen (Jenßen, Roesken-Winter et al.,
2022). Die Intervention erzielte nach einer ersten Erprobung keinen signifikanten Effekt
in der Schamreduktion. Generierte Evidenzen in dieser ersten Erprobung zum
Schamerleben von angehenden Grundschullehrkräften in Mathematik, die sowohl
systematisch im Rahmen von Studien als auch im Rahmen von partizipativen
Feedbackgesprächen mit den Studierenden gewonnen wurden, betonten die Bedeutung
des Selbstaspekts von Scham (Jenßen, 2021; Jenßen et al., 2021). Vor diesem
Hintergrund wurde die Intervention weiterentwickelt. In der modifizierten Form
reflektierten die Studierenden nun drei positive Dinge des Selbst in Mathematik und
wurden aufgefordert, dabei möglichst verschiedene konkrete positive Erfahrungen zu
nennen. Die Intervention wurde unter realen Bedingungen der Lehramtsausbildung
durchgeführt und führte, wieder gemessen mit dem Fragebogen zur Erfassung des
Schamerlebens in Mathematik, nur zu kleinen Effekten in der Reduktion des
Schamerlebens. Unter Einbezug der Studierenden wurden die Ergebnisse diskutiert. Die
Studierenden wiesen auf die zentrale Bedeutung von Fehlern bei mathematischen
Aufgaben für ihr Schamerleben hin. Daher soll zukünftig die Fehlerwahrnehmung bei
88
der nächsten Weiterentwicklung der Intervention berücksichtigt werden. Vor dem
Hintergrund, dass Mathematik sich durch eine hohe Richtig-Falsch-Orientierung
auszeichnet (Goldin, 2014), verspricht diese Modifikation eine weitere Steigerung des
Effekts. Das Ziel der Reduktion des Schamerlebens von Lehramtsstudierenden für die
Primarstufe wurde bisher nur teilweise erfüllt. Zwar zeigte sich bereits eine Reduktion,
jedoch nur mit einer kleinen Effektstärke. Zudem wurde bisher nicht evaluiert, ob dieser
Effekt bereits ausreicht, um den mindernden Effekt von Scham auf das mathematische
Wissen abzufedern und die Fächerwahl der Studierenden für Mathematik als
Studienfach positiv zu beeinflussen. Das bildungspraktische Problem wurde somit
bisher nicht gelöst und der DBR-Prozess somit noch nicht abgeschlossen.
3.2. MATCHED: Technologieakzeptanz im professionellen Lernen angehender
Mathematiklehrkräfte
Die Entwicklung und die Implementation von Bildungstechnologien im Allgemeinen
gelten als komplex und werden im Speziellen für den Bereich der Lehrkräftebildung
aufgrund des Mangels an empirischen Evidenzen zusätzlich erschwert (McKenney &
Visscher, 2019). Der aktuelle Stand der Forschung kennzeichnet sich durch einen
starken Fokus auf Fragen des Einsatzes bzw. die Qualifizierung für den Einsatz von
digitalen Medien im (Mathematik-)Unterricht, allerdings in nur wenigen Fällen durch
Fragen des Einsatzes für das professionelle Lernen von (angehenden) (Mathematik-
)Lehrkräften (Beyer & Eilerts, 2020; McKenney & Visscher, 2019). Für die Entwicklung
von effektiven Bildungstechnologien für das professionelle Lernen sowie deren
nachhaltiger Implementation erscheinen gesicherte Erkenntnisse u. a. über die
Akzeptanz von (angehenden) Lehrkräften als zentral. Ausgehend vom TAM (s. Abschn.
2.2) stellen Beliefs zur wahrgenommenen einfachen Nutzung (perceived ease of use)
und Beliefs zum wahrgenommenen Nutzen (perceived usefulness) die zentralen
Prädiktoren der Technologieakzeptanz und damit dem tatsächlichen Nutzen im Aus-
und Fortbildungskontext dar (Davis, 1989; Nistor, 2018).
Bei dem im Mittelpunkt dieses Projekts stehenden Lernkontext handelt es sich um
schulpraktische Erprobungen von innovativen mathematischen Lernumgebungen im
Kontext von Praxisseminaren und Fortbildungen in der ersten bzw. dritten Phase der
Lehrkräftebildung. Diese Phasen situierten Lernens können den Lernprozess
begünstigen (z.B. Göb, 2017), jedoch liegen in den Transferaktivitäten zahlreiche
Hürden, so dass zielgerichtete Unterstützungsmaßnamen notwendig sind
(bildungspraktisches Problem; z.B. Herold, Denner & Rittersbacher, 2019). Eine
vielversprechende Unterstützungsform kann der Einsatz mobiler Technologien, wie
Chatbots, sein (Beyer & Eilerts, 2020). Aus dieser theoretischen Analyse heraus wurde
ein iterativer, partizipativer Designprozess initiiert, der zum Ziel hat, einen Chatbot zu
89
gestalten, der als digitaler Assistent den handlungsbezogenen Wissenserwerb von
(angehenden) Mathematiklehrkräften während schulpraktischer Erprobungen
innovativer Lernumgebungen unterstützt. In mehreren Zyklen, u. a. Werkstattarbeiten
mit Lehrkräften und Lehramtsstudierenden, wurde ein elementar-funktionsfähiger
Chatbot-Prototyp entwickelt (Beyer, 2022), der nun unter realen Bedingungen in
Seminaren und Fortbildungen angeboten wird.
Im Rahmen des DBR-basierten Entwicklungsprojektes stellt diese Teilstudie eine
Evaluation der Intervention im fortgeschrittenen Status dar und soll Erkenntnisse über
die Annahme und fortgesetzte Nutzung bzw. Zurückweisung in zentralen Zielgruppen
mathematikdidaktischer Forschung liefern. Dazu werden Lehramtsstudierende und
Mathematiklehrkräfte mit einem adaptierten TAM-Fragebogen zu ihrer
Einstellungsakzeptanz befragt. Dabei werden als externe Faktoren im TAM (Davis,
1989) weitere motivationale Konstrukte (z.B. Selbstwirksamkeitserwartung) und
emotionale Konstrukte (z.B. Freude) integriert, um der Bedeutung affektiv-
motivationaler Kompetenzfacetten gerecht zu werden. Zusätzlich werden
soziodemografische und weitere Merkmale im Kontext des Mathematiklehrens erfasst.
Die genannten Konstrukte werden dreimal erhoben, um mögliche Veränderungen zu
erfassen. Zwischen den ersten beiden schriftlichen Befragungen absolvieren die
Lehramtsstudierenden und Mathematiklehrkräfte eine schulpraktische Erprobung
innovativer mathematischer Lernumgebungen mit Hilfe des Chatbots. Dabei werden
auch die Chatbot-Nutzungsdaten erhoben, um Aussagen über die tatsächliche
Verhaltensakzeptanz im Lernprozess zu ermöglichen. Zusätzlich werden in die
Folgebefragung offene Frageitems zu Gründen der (Nicht-)Nutzung aufgenommen, die
z.B. Einschätzungen der Befragten zu Teilfunktionen enthalten könnten.
In der Gesamtschau dieser Daten soll eine Prognose über das zukünftige
Nutzungspotential des Chatbots für das professionelle Lernen ermöglicht werden. Es
soll erschlossen werden, welche Abwägungen Lehrkräfte vornehmen, wenn sie die
Passung des Chatbots zu ihren Handlungen beurteilen und welche Facetten diese
Abwägungen beeinflussen. Außerdem können mithilfe der Ergebnisse Re-Design-
Anlässe identifiziert werden, u.a. Leerstellen im Funktionsumfang oder
Veränderungsbedarfe bei Teilfunktionen. Sollten dann in Folgezyklen späterhin keine
Re-Design-Anlässe mehr vorliegen und der Chatbot seine intendierte Wirkung als
Unterstützungselement zufriedenstellend unter Beweis gestellt haben, kann das
bildungspraktische Problem als gelöst angesehen werden.
90
3.3. mTPACK: Selbsteinschätzung digitaler Kompetenzen von Grundschullehrkräften
Digitale Kompetenzen gewinnen im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung unserer
Gesellschaft als Teilaspekt des Professionswissens von Lehrkräften zunehmend an
Bedeutung (From, 2017; Krumsvik, 2008). Die universitäre Aus- und Fortbildung von
Lehrkräften hat dieser neuen Anforderung an Lehrkräfte durch die Bereitstellung
entsprechender Angebote Rechnung zu tragen. Daraus ergibt sich das folgende
bildungspraktische Problem: Lehrkräfte sind darauf vorzubereiten, digitale Medien
lernzielorientiert und didaktisch begründet in ihren Unterricht zu integrieren.
Entsprechende Angebote und die dafür notwendige technische Infrastruktur sind jedoch
an vielen Standorten erst im Aufbau begriffen, weswegen es nicht überrascht, dass
Lehrkräfte in Deutschland eine niedrige Selbstwirksamkeit mit Bezug auf den Einsatz
digitaler Medien im Unterricht aufweisen (Fraillon et al., 2019), digitale Medien selten
im Unterricht eingesetzt werden (ebd.) und eine deutliche Ausweitung der Aus- und
Fortbildungsangebote zum Einsatz digitaler Medien von Seiten der Lehrkräfte
gewünscht wird (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2020).
Im Raum Berlin/Brandenburg folgt das durch Prof.in Dr.in Katja Eilerts ins Leben
gerufene math.media.lab der Humboldt-Universität zu Berlin diesem Bedarf und setzt
sich aktiv mit den Bedingungen und der Bedeutung der Digitalisierung für einen
modernen Mathematikunterricht in der Primarstufe auseinander (Beyer et al., 2020).
Im Zentrum aller Aktivitäten steht dabei ein multimedialer Makerspace, der in der Fort-
und Ausbildung von Lehrkräften als Lehr- und Lernlabor zum Einsatz kommt (Grave-
Gierlinger et al., 2021) und unter anderem als Veranstaltungsort für die vom Team des
math.media.lab entwickelten Fortbildungsreihe „Mündigkeit in der digitalen Welt“ dient.
Diese nach den Prinzipien des DBR konzipierte Fortbildung wurde dem in Abschnitt 1
vorgestellten Prozessmodell folgend als Intervention zur Lösung des zuvor benannten
Praxisproblems im Bereich der Lehrkräftequalifizierung gestaltet. Die aktive Beteiligung
der Teilnehmer:innen wurde berücksichtigt, indem Praxisprobleme aus schulischen
Erprobungsphasen in den gemeinsamen Sitzungen aufgegriffen und mit den
Teilnehmer:innen bearbeitet wurden. Die Interventionen wurden zudem durch mehrere
Forschungsprojekte begleitet, um deren Effektivität zu evaluieren. Eines dieser
Forschungsprojekte untersucht aufbauend auf der in Abschnitt 2.1. dargestellten
Control-Value Theory (Pekrun, 2006; Pekrun & Perry, 2014) und dem in Abschnitt 2.2.
eingeführten Konzept der allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura, 1997)
Einflussfaktoren auf die technologisch-pädagogisch-inhaltliche Selbstwirksamkeits-
erwartung von Lehrkräften und leitet hieraus Verbesserungsmöglichkeiten sowohl für
die Fortbildungsreihe als auch für die am Standort angebotenen Seminare für
Lehramtsstudierende ab. Im Folgenden werden Erkenntnisse aus diesem Projekt
aufgezeigt.
91
Erste Befunde aus diesem Forschungsprojekt (Jenßen et al., 2021) legten offen, dass
Angebote zum Einsatz digitaler Medien für Lehramtsstudierende einen deutlichen
Schwerpunkt darauf legen sollten, den Studierenden Kontrollerfahrungen mit digitalen
Medien als didaktische Werkzeuge zu ermöglichen, da die subjektive Beurteilung der
Kontrolle über digitale Medien sich (vermittelt durch das Erleben von Freuden) um ein
Vielfaches stärker auf die Selbstwirksamkeitserwartung auswirkt als eine Veränderung
der subjektiven Beurteilung des Wertes digitaler Medien. Eine laufende Untersuchung
mit aktiven Lehrkräften konnte demgegenüber zeigen, dass bereits an Schulen tätige
Lehrer:innen zwar ebenfalls Möglichkeiten benötigen, um Kontrollerfahrungen mit
digitalen Medien zu machen, jedoch in gleichem Maß auch Wissen zum Wert digitaler
Medien im Sinne ihrer besonderen Potentiale gegenüber analogen Medien benötigen,
um in ihrer Selbstwirksamkeitserwartung gestärkt zu werden. Diese Ergebnisse weisen
darauf hin, dass Interventionen im Kontext der universitären Lehrkräftequalifizierung
andere Schwerpunkte aufweisen sollten als im Kontext von Fortbildungsmaßnahmen
für aktive Lehrkräfte.
Beide Studien zeigten zudem, dass Freude eine relevante Größe in der Vermittlung
zwischen Kontroll- und Werteinschätzung auf der einen Seite und technologisch-
pädagogisch-inhaltlicher Selbstwirksamkeitserwartung auf der anderen Seite darstellt.
Das Erleben von Freude stellt mit anderen Worten und in Übereinstimmung mit den
Ausführungen in Abschnitt 2.1. einen wichtigen Bedingungsfaktor in Bildungsprozessen
zum Einsatz digitaler Medien zu Unterrichtszwecken dar. Im Sinne des DBR-Ansatzes
werden ausgehend von diesen Ergebnissen im nächsten Durchlauf der
Lehrkräftefortbildung sowie der Angebote für Lehramtsstudierende Anpassungen
vorgenommen, die dazu beitragen sollen, die Bedeutung des Erlebens von Freude in
Bildungskontexten hervorzuheben, indem Teilnehmer:innen der neuen Interventionen
während selbstständiger Erprobungsphasen aufgefordert werden auf ihre eigene
emotionale Reaktion auf die eingesetzten digitalen Medien zu achten und positive
Emotionen aktiv wahrzunehmen. Außerdem soll in diesem nächsten Durchlauf der
Interventionen evaluiert werden, welche der eingesetzten Lernaktivitäten zu einer
Verbesserung der wahrgenommenen Kontrolle und welche zu einer Verbesserung des
wahrgenommenen Wertes digitaler Medien führen, um weitere gezielte Anpassungen in
Aufbau und Struktur der Aus- und Fortbildungsmnahmen vornehmen zu können.
4. Impulse für zukünftige Forschung
DBR-Forschung zu affektiv-motivationalen Kompetenzfacetten von angehenden
Grundschullehrkräften sieht sich den grundsätzlichen Problemen von DBR im
Allgemeinen ausgesetzt (für einen Überblick: Anderson & Shattuck, 2012 oder
92
Reinmann, 2017). Im Folgenden sollen einige Impulse für zukünftige DBR-Forschung zu
affektiv-motivationalen Kompetenzfacetten von angehenden Grundschullehrkräften
skizziert werden.
Berücksichtigung von affektiv-motivationalen Kompetenzfacetten. Die Projektillustra-
tionen zeigen, dass bildungspraktische Probleme nicht nur Kognitionen, z.B. das Wissen,
einer angehenden Lehrkraft betreffen, sondern auch ihre affektiven und motivationalen
Dispositionen. Diese zu adressieren, sollte zukünftig ein wesentliches Ziel von DBR in
der Lehrkräftebildungsforschung sein.
Berücksichtigung von Spezifika von angehenden Lehrkräften. Angehende Lehrkräfte sind
einerseits Lernende, aber prospektiv auch Lehrende. Interventionen sollten diesem
spezifischen Umstand Rechnung tragen, indem z.B. Emotionen nicht nur als Lern- und
Leistungsergebnisse verstanden werden, sondern prospektiv auch als Resultate von
unterrichtlichem Geschehen. So könnte Interventionen Scham nicht nur als
identitätsformende Emotion für angehende Lehrkräfte konzeptualisieren wie im Projekt
SHAME, sondern auch als soziale Emotion, die bei Lehrkräften in der Praxis auftreten
kann (Frenzel, 2014). Dies würde zu einer Adaption der Intervention führen.
Erkundung der Wirkungsweise von Interventionen. Die handlungsleitende Frage zu
Entwicklung, Weiterentwicklung und Implementation von DBR-Interventionen sollte
von what works zu how it works hin zu why it works ausgerichtet sein. So stellt sich im
Zusammenhang von affektiv-motivationalen Dispositionen die Frage, ob Kognitionen
oder Bewertungen die wesentlichen Bedingungsfaktoren zu signifikanten
Veränderungen sind, oder ob nicht physiologisch-emotionale Reaktionsmuster
wesentlich zu Veränderungen beitragen (oder vermutlich am ehesten beide gemeinsam
interagieren). Dem Moment der Erfahrung kommt bei DBR eine entscheidende
Bedeutung zu (Zydney et al., 2020). Wir nehmen an, dass die unmittelbare Erfahrbarkeit,
verstanden als bewusstes, vorbewusstes oder unbewusstes Erfahren in der jeweiligen
Interventionssituation, ein Agens in der Wirksamkeit von DBR-Interventionen darstellt.
Um dies aber empirisch untermauern zu können, wären vor allem experimentelle
Designs wie bei SHAME notwendig, die aber um qualitative Analysen wie bei MATCHED
erweitert werden.
Partizipation steigern. Die Projektbeispiele zeigen, dass der Grad der Partizipation von
Praktiker:innen von stark (Projektbeispiel 2) bis gering und ausbaufähig
(Projektbeispiele 1 und 3) variieren kann. Um den idealtypischen DBR-Prozess zu
erreichen, ist aber die Partizipation von Praktiker:innen unabdingbar. Es kann
angenommen werden, dass Praktiker:innen Expertise zu Lösungsansätzen zu den oft
alltäglichen Bildungsproblemen zur Verfügung stellen können, die Forschung und
Theorie bisher nicht ausreichend berücksichtigt haben.
93
Interdisziplinarität fördern. Neben dem Anspruch, Praktiker:innen in den DBR-Prozess
einzubeziehen, mag nochmals betont werden, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit
Motor von DBR ist, denn Lösungen für bildungspraktische Probleme zu erarbeiten
bedarf einer Vielfalt von Wissensbeständen und Zugängen zum Forschungsgegenstand.
Dies betrifft nicht nur die Verschiedenartigkeit von Berufsgruppen, die einbezogen
werden, sondern auch die Suche nach Interventionen, die nicht ausschließlich für
bestimmte Domänen wie der Mathematik geeignet sind, sondern beispielsweise auch
naturwissenschaftliche, kreative oder digitale Bildung einbeziehen.
Methodische Vielfalt unter Berücksichtigung von Qualitätsstandards nutzen. In der
Realität von DBR werden nicht immer verschiedene methodische Zugänge genutzt
(Anderson & Shattuck, 2012). Zu den Standardmethoden von DBR im Bereich affektiv-
motivationaler Dispositionen gehören nach wie vor Beobachtungen und Assessments
basierend auf Selbstberichten (Zhang et al., 2020). Dies trifft auch auf die hier
vorgestellten Projektbeispiele zu. Hinzu kommt, dass es an einem einheitlichen
Verständnis von Qualitätsstandards in der Umsetzung von DBR mangelt (Reinmann,
2017). Zwei Aspekte erscheinen als vielversprechend bei der Erreichung dieser
wissenschaftlichen Qualitätsstandards und stellen möglicherweise die Grundlage für ein
verbindendes Verständnis dar: 1.) ein Mindestmaß an theoretischer Fundierung für die
Entwicklung von innovativen Interventionen (McKenney & Reeves, 2013) und 2.) die
durchgehende Berücksichtigung allgemein-gültiger Gütekriterien sowohl qualitativer als
auch quantitativer bildungswissenschaftlicher Methoden (z.B. für quantitative
Gütekriterien: Jenßen et al., 2015). Diese können einerseits auf genereller Ebene
angesiedelt sein (z.B. Zumutbarkeit der Intervention in Abwägung zur theoretischen
Fundierung der Intervention) und andererseits die konkreten Erhebungsmethoden
betreffen (z.B. Nachvollziehbarkeit des Samplings oder Reliabilität von
Messinstrumenten). Problematisch könnte hierbei sein, dass es z.B. nach wie vor an
validen Testverfahren zur Messung von digitaler Kompetenz bei angehenden
Lehrkräften fehlt (Siddiq et al., 2016), die als kognitive Indikatoren für
Weiterentwicklungen von Interventionen im Bereich der Bildungstechnologien nötig
wären und was somit den Prozess von DBR erschwert. Ein weiteres Ziel in der nahen
Zukunft ist somit ggf. auch die Entwicklung von Messinstrumenten, die Gütestandards
entsprechen.
5. Abschließende Betrachtung
In der Bildungsforschung genießt DBR als Methode zur Bearbeitung bildungspraktischer
Probleme Ansehen. Das erklärt sich u. a. aus der idealtypisch gegebenen Nähe zur Praxis,
die eine höhere Akzeptanz der erarbeiteten Lösungen verspricht. Auch In der Forschung
94
zu affektiv-motivationalen Kompetenzfacetten von angehenden Lehrkräften einem
nach wie vor jungen Forschungsfeld kann DBR, wie die vorgestellten Projektbeispiele
zeigen, einen wertvollen Beitrag leisten. Zugleich ist festzustellen, dass kein festes
methodisches Regelwerk existiert, welches die Qualität der Umsetzung von DBR
absichern könnte. Umso entscheidender ist die Entwicklung valider Messinstrumente,
die zur Evaluierung entwickelter Interventionen dienen können; aber auch die für DBR
charakteristischen Merkmale, wie eine aktive Beteiligung von Praktiker:innen ist
einzufordern, um die Umsetzung von DBR auf hoch qualitativem Niveau abzusichern.
Sollte DBR zukünftig stärkere Beachtung in der Erforschung affektiv-motivatonaler
Kompetenzfacetten angehender Lehrkräfte finden, könnten die hier skizzierten Impulse
zur Verbesserung berücksichtigt werden.
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143(September 2019), 103678. https://doi.org/10.1016/j.compedu.2019.103678
Autor:innen
Lars Jenßen, Dr., studierte Psychologie (Diplom) an der Freien Universität Berlin. Zurzeit ist er
Wissenschaftskoordinator des Arbeitsbereichs Mathematik in der Primarstufe sowie Vertreter der
Professur Erziehungswissenschaftliche Methodenlehre an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein
Forschungsschwerpunkt liegt auf der professionellen Kompetenz von Lehrkräften und frühpädagogischen
Fachkräften mit einem Fokus auf professionelles Wissen und Emotionen.
Frederik Grave-Gierlinger, Dr., studierte Philosophie, Wirtschaftswissenschaften und
Grundschulpädagogik in Wien und Berlin. Aktuell ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-
Universität zu Berlin am Institut für Erziehungswissenschaften im Arbeitsbereich Mathematik in der
Primarstufe. Sein Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt liegt auf Fragen der Professionalisierung von
Mathematiklehrkräften hinsichtlich des fachbezogenen Einsatzes digitaler Medien im
Mathematikunterricht der Grundschule.
Steven Beyer, M.Ed., studierte Grundschulpädagogik und Romanistik an der Universität Erfurt. Aktuell ist
er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für
Erziehungswissenschaften im Arbeitsbereich Mathematik in der Primarstufe. Sein Arbeitsschwerpunkt
liegt auf vielfältigen Fragen zur Digitalisierung im Kontext der Lehrkräftebildung.
Katja Eilerts, Prof. Dr., studierte Lehramt für Primarstufe sowie Sekundarstufe I und II mit Schwerpunkt
Mathemaik und promovierte zum Dr. rer. nat. im Bereich Mathematikdidaktik an der Universität
Paderborn. Aktuell ist sie Inhaberin der Professur für Grundschulpädagogik mit dem Schwerpunkt
Mathematik an der Humboldt-Universität zu Berlin am Institut für Erziehungswissenschaften, Mathematik
in der Primarstufe.
99
Mirjam Christ, Martin Fritzenwanker, Sarah Hauswald & Annemarie Marx
Denn wir wissen nicht, was sie tun1ein Forschungsprojekt zur Identifikation
beruflicher Kernaufgaben ausgewählter personenbezogener Berufe
Zusammenfassung: Was muss man eigentlich als Pfleger*in bzw. als Erzieher*in können? Ein Weg, um
diese Frage zu beantworten, wäre es, einen Blick in das jeweilige Curriculum der entsprechenden
Ausbildung zu werfen. Doch inwieweit stimmen die dort verankerten Inhalte mit den Anforderungen in
der Berufspraxis überein? Ein Forschungsansatz, welcher dieser Frage nachgeht, wird in diesem Beitrag
skizziert. Mit jenem sollen die Kernaufgaben der entsprechenden Berufe identifiziert und ein Beitrag zur
empirischen Fundierung von Ausbildungscurricula geleistet werden. Hierfür werden leitfadenbasierte
Interviews mit Berufsangehörigen sowie im Sinne eines triangulativen Vorgehens nicht-teilnehmende
Beobachtungen durchgeführt. Mit Hilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse werden die Daten schrittweise
reduziert, wodurch die beruflichen Aufgaben hervortreten. Um die Ergebnisse zu validieren, werden sie
im Anschluss von Personen aus der Berufs- und Bildungspraxis kritisch begutachtet und diskutiert.
Schließen wird der vorliegende Beitrag mit einem Ausblick auf Herausforderungen des
Forschungsvorhabens. Erwähnt sei hier bereits, dass diese vor allem in einer operationalisierbaren
Definition des Begriffs berufliche Kernaufgaben liegen. Gleichwohl werden Ergebnisse erwartet, die
Berufsschullehrer*innen künftig bei der Gestaltung der Ausbildung von personenbezogenen Berufen
leiten können.
Schlagwörter: Berufsfeldanalyse, Berufliche Kernaufgaben, Curriculumforschung, Berufliche Didaktik,
Berufliche Ausbildung
Abstract: What do you actually need to be able to do as a nurse or as an educator? One way to answer this
question would be to take a look at the curriculum of the vocational education. But to what extent
corresponds the content of the curriculum with the actual requirements in professional practice? This
article outlines a research approach to this question. It aims to identify the core tasks of both professions
and to contribute to the empirical basis of the vocational education curricula. For this purpose, semi-
structured interviews with members of the professions as well as in the sense of a triangulative
approach non-participant observations are conducted. With the help of qualitative content analysis, the
data are reduced step by step, which allows the professional tasks to emerge. To validate the results, they
are critically reviewed and discussed by professionals and teachers. This paper concludes with an outlook
on challenges of the research project. One of these challenges is to find an applicable definition of the term
“professional core tasks”. Nevertheless, results are expected that can guide vocational school teachers to
design the training according to the most relevant tasks of the profession the so-called core tasks.
Keywords: vocational field analysis, vocational core tasks, curriculum research, vocational didactics,
vocational education and training
1. Forschungslücke und -anlass
Das Ziel einer Berufsausbildung ist allgemein gesprochen dieses: Lernende sollen
eine berufliche Handlungskompetenz entwickeln. Daran schließt sich die weitreichende
Frage an, welche Ausbildungsinhalte zu einer solchen Kompetenz beitragen und somit
die Auszubildenden auf die tatsächlichen Herausforderungen des zukünftigen
Berufsfeldes vorbereiten. Lehrende, welche gewissermaßen zwischen den
1 Das vorliegende Forschungsprojekt verfolgt eine ähnliche Fragestellung wie Bahr und Stalder, welche in
ihrer UntersuchungDenn wir wissen nicht, was sie tun?die Tätigkeiten von pädagogischen Fachkräften
in Kindertageseinrichtungen erforscht haben (2015).
100
Anforderungen des Berufsfeldes und den Lernenden vermitteln, stellen sich nicht selten
die Frage, welche Inhalte sie für einen handlungsorientierten Unterricht auswählen
sollen. Selbstverständlich gibt es Lehrpläne, die gemeinsam mit schulinternen Curricula
die rechtliche Grundlage für die Ausbildung bilden. Durch die Festlegung verbindlicher
Inhalte sichern die Gesetzgeber in Bund und Ländern die Qualität (Lipsmeier, 2014, S.
27). Zumeist entstehen Rahmenlehrpläne auf Bundesebene durch einen entsprechenden
Ausschuss, der von Länderseite konstituiert wird (KMK, 2021, S. 7 ff.). Über die konkrete
Arbeitsweise solcher Rahmenlehrplanausschüsse lassen sich durch Recherchen kaum
detailliertere Informationen erlangen. Spöttl (2014, S. 16) vermutet, dass Curricula „im
Sinne einer ‚Ableitungspraxis‘“ entstehen und ohne empirische Forschung
berufsrelevante Inhalte ermitteln würden, wobei die Kommissionen „oft sehr beliebig
oder nach Interessen der Sozialpartner“ vorgingen. Haasler (2003, S. 5) kritisiert in
diesem Zusammenhang bereits im Jahr 2003, dass „berufliches Lernen in der
Erstausbildung […] vorrangig von den Vorgaben und den Anforderungen der abstrakten
Prüfungen determiniert [wurde]“. Deshalb fungieren die Prüfungsordnungen nicht
selten als inoffizieller Lehrplan.
Aus den Forderungen der Kultusministerkonferenz (2011) geht jedoch hervor, dass die
beruflichen Tätigkeiten grundlegende Orientierung für das Lehren und Lernen bieten
sollen. So wird „von beruflichen Aufgaben- oder Problemstellungen ausgegangen,
die aus dem beruflichen Handlungsfeld entwickelt und didaktisch aufbereitet werden
(KMK, 2021, S. 11). Die Inhalte von Lehrplänen sollten demnach realistische Repräsen-
tationen der (Arbeits-)Welt sein und bedürfen somit einer empirischen Fundierung
(Huisinga & Buchmann, 2006, S. 32 f.; Lisop & Huisinga, 2004, S. 127). Pätzold und
Rauner (2006, S. 7) konstatieren, dass auf einer allgemeinen berufswissenschaftlichen
Ebene eine empirische Fundierung der Curriculumentwicklung vernachlässigt worden
ist. So mangelt es an Studien2 zur Erkundung der beruflichen Arbeitswelt, insbesondere
in personenbezogenen beruflichen Fachrichtungen (Liebig, 2020, S. 101; Walter, 2015, S.
2). An dieser Stelle setzt die Qualifikationsforschung durch gezielte Berufsfeldanalysen
an (Becker & Spöttl, 2015, S. 31 f.; Huisinga & Buchmann, 2006, S. 29). Die Formulierung
im Titel weist auf dieses Defizit hin: Denn wir wissen nur unzureichend, was u. a.
Pflegende und Erzieher*innen tun, worin also ihre beruflichen Kernaufgaben bestehen.
Um den Umfang des Beitrags einzuhalten, beziehen sich die Beispiele im Folgenden auf
die (stationäre) Pflege. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass im
2 Das Fehlen der Studien lässt sich historisch begründen. So sind „Gesundheit und Pflege“ sowie
„Sozialpädagogik“ die jüngsten beruflichen Fachrichtungen in der Lehrer*innenbildung. Zudem sind sie nur
an wenigen universitären Standorten vertreten. Schließlich fokussieren die Forschungsbemühungen der
Berufspädagogik bislang vorwiegend den gewerblich-technischen und wirtschaftlichen Bereich (Bals &
Weyland, 2010, S. 525 f.; Gängler, 2010, S. 571).
101
Projekt3 noch weitere Berufe integriert sind. Doch da auch im Rahmen des Projekts
nicht alle Berufe in den beruflichen Fachrichtungen Gesundheit und Pflege sowie
Sozialpädagogik erforscht werden können, wurden diejenigen ausgewählt, in welche
die meisten Absolvent*innen einmünden. Für den Bereich Gesundheit und Pflege
sind dies Pflegefachfrauen und -männer (Statistisches Bundesamt, 2019a, o. S. und
2019b, o. S.), medizinische Fachangestellte (Verband medizinischer Fachberufe, 2019,
S. 1) und Physiotherapeut*innen (Statistisches Bundesamt, 2019c, o. S.). Für die
berufliche Fachrichtung Sozialpädagogik sind Erzieher*innen die quantitativ
bedeutsamste Berufsgruppe. Als Hauptarbeitsfeld ist die Kindertageseinrichtung
zu nennen (Autorengruppe Fachkräftebarometer, 2017, S. 21).
Zusammenfassend verfolgt das Projekt folgende Forschungsfrage: Welche beruflichen
Kernaufgaben lassen sich für die personenbezogenen beruflichen Fachrichtungen
Gesundheit und Pflege sowie Sozialpädagogik identifizieren? Im Fokus steht dabei die
Kategorie „Kernaufgabe“. Daher ist es notwendig, diese zunächst genauer zu bestimmen.
2. Annäherung an den Begriff „Berufliche Kernaufgaben“
Die Begrifflichkeit der beruflichen Kernaufgaben wird in zahlreichen Publikationen im
Kontext beruflicher Bildung verwendet (siehe u. a. Messner & Reusser, 2000, S. 158;
Rupprecht, 2015, S. 4; Schneider et al. 2019, S. 26; Semmer, 2017, S. 24). Gleichwohl
zeigt die Literaturrecherche eine unzureichende theoretische Aufarbeitung der
Begrifflichkeit (Semmer, 2017, S. 24). Nach Spöttl (2014, S. 18) ließe sich durch
Arbeitsprozessanalysen „in der Regel ein Set von Kernarbeitsprozessen feststellen“.
Welche Merkmale jene Kernarbeitsprozesse kennzeichnen, bleibt jedoch unklar.
Lediglich Semmer (2017) und Schneider et al. (2019) versuchen, berufliche
Kernaufgaben näher zu definieren. Semmer (2017, S. 24) schreibt von Kernaufgaben,
die das Rollenverständnis im Besonderen prägten und daher die berufliche Identität der
Arbeitenden konstituierten. Dieses und weitere Merkmale beruflicher Aufgaben greifen
Schneider et al. (2019, S. 26) auf und definieren die Kernaufgaben bezogen auf die Pflege
wie folgt:
Kernaufgaben sind zu verstehen als zentrale und komplexe Aufgaben, die
gegenwärtig und zukünftig typisch für einen Arbeitszusammenhang sind und
den Hauptbestandteil eines Berufes ausmachen. Sie haben einen
3 Das diesem Artikel zugrundeliegende Teilprojekt „Berufsfeldanalyse in personenbezogenen
Fachrichtungen zur Stärkung des doppelten Praxisbezuges“ des Vorhabens „Synergetische Lehrerbildung
für das Lehramt an berufsbildenden Schulen" (TUD-Sylber-BBS) wird im Rahmen der gemeinsamen
„Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ von Bund und Ländern mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung
und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01JA2022 gefördert (03/202012/2023). Das Teilprojekt
wird geleitet von Prof.‘in Anja Walter. Der Antrag geht auf Prof.‘in Roswitha Ertl-Schmuck zurück. Prof. Hans
Gängler berät aus sozialpädagogischer Perspektive.
102
prozesshaften Charakter und typische Aufgabenmerkmale. Kernaufgaben
tragen zur Entwicklung einer beruflichen Identität bei […]. (Schneider et al.,
2019, S. 26)
Diese Definitionsversuche werfen zahlreiche Fragen auf: Was sind zentrale Aufgaben?
Was sind komplexe Aufgaben? Wie kann verlässlich beantwortet werden, welche
Aufgaben in Zukunft typisch sein werden? Was sind Aufgaben, die eine berufliche
Identität konstituieren? Den vorliegenden Definitionsversuchen fehlt es folglich an
Eindeutigkeit. Sie zeigen aber zwei Prämissen auf, die für einen Definitionsversuch
unumgänglich erscheinen:
Einerseits erscheint zunächst eine Explikation des bisher eher umgangssprachlich
verwendeten Begriffs der beruflichen Kernaufgaben sinnvoll. Diese Explikation verfolgt
mehrere Ziele: zum einen soll der Begriff dem umgangssprachlichen Begriff in seiner
Bedeutung weiterhin ähneln. D.h. er soll nicht vollkommen neu konnotiert werden. Zum
anderen werden exakte Merkmale festgelegt, die anderen Forschenden zur Verfügung
stehen. Dies wiederum dient dazu, den Begriff für die Theoriebildung und -entwicklung
sowie für die Forschung in einem bestimmten Wissensgebiet fruchtbar zu machen
(Brühl, 2021, S. 140 ff.). Im Falle dieses Forschungsprojekts wird die Perspektive der
Berufsfelddidaktik eingenommen und Kernaufgaben sollten aus diesem Blickwinkel im
Sinne der Exemplarität verbindlicher Inhalt einer Ausbildung sein (Lisop & Huisinga,
2004). Andererseits muss bei der Definitionsentwicklung beachtet werden, ob die an
diesem Beruf beteiligten Menschen diese Arbeitsaufgaben selbst als Kernaufgaben
bezeichnen würden.
Im Folgenden werden daher weiterführende Überlegungen aufgezeigt, die auf eine
Operationalisierung beruflicher Kernaufgaben abzielen. Zunächst ist aber im
Allgemeinen zu klären, was wir meinen, wenn wir von einer beruflichen Kernaufgabe
sprechen, um im Anschluss diese Merkmale näher zu erläutern. Um zu eruieren, was aus
berufspädagogischer Perspektive berufliche Kernaufgaben sind, tauschten wir uns mit
verschiedenen Mitarbeiter*innen des Berufspädagogischen Instituts der TU Dresden zu
verschiedenen Möglichkeiten aus. Im Ergebnis dessen entstand folgende vorläufige
Arbeitsdefinition:
Berufliche Kernaufgaben sind berufliche Arbeitsaufgaben, deren erfolgreiche Bewältigung
hinreichende Bedingung dafür ist, den Beruf überhaupt ausüben zu können.
Jene Arbeitsaufgaben zeichnen sich durch folgende drei Merkmale aus, wobei zusätzlich zu
einem dieser drei Merkmale das vierte Merkmal erfüllt sein muss, um von einer beruflichen
Kernaufgabe sprechen zu können:
1) sie müssen wiederkehrend im Arbeitsalltag bewältigt werden und/oder
2) sie erfüllen die spezifischen Merkmale des Berufs umfänglich und/oder
103
3) ohne deren Bewältigung kann man den Beruf nicht oder nicht auf Dauer ausüben
und
4) für den jeweiligen Beruf relevante Gruppen erachten diese Arbeitsaufgabe als so
wichtig, dass sie aus deren Perspektive Inhalt einer Berufsausbildung sein sollte.
Das Forscher*innenteam geht davon aus, dass berufliche Kernaufgaben in vielen
unterschiedlichen Arbeitssettings eines Berufes häufig wiederkehren. D.h. ein Merkmal
einer Kernaufgabe könnte einerseits die Quantität des Auftretens dieser Aufgabe,
andererseits die flächendeckende Wiederholung dieser Aufgabe sein. Für die Pflege
wäre dies zum Beispiel die Körperpflege. Jene kehrt häufig wieder und wird in
verschiedenen Settings (z.B. stationäre, ambulante Pflege) vollzogen. Außerdem ist sie
in Bezug auf verschiedene Adressat*innengruppen (Alter, Geschlecht, Grad der
Pflegebedürftigkeit etc.) relevant (siehe Merkmal 1).
Zudem könnte mit „Kern“ auch das Widerspiegeln des Berufs gemeint sein. D.h., dass
diese beruflichen Aufgaben in besonderer Weise durch ihre Merkmalsausprägung
beinahe symbolisch für den Beruf stehen und daher besonders zur Schaffung beruflicher
Identität aus der Perspektive der Berufsangehörigen beitragen. Semmer (2017, S. 24)
beschreibt dies mit den Worten: „Pflegende pflegen“. Solche Aufgaben können auch
selten vorkommen, erfüllen die Merkmale des Berufs aber so umfänglich, dass sie
durchaus das Potenzial für Kernaufgaben besitzen. Das Haarewaschen im Bett
beispielsweise gehört üblicherweise nicht zur o. g. Körperpflege, da es äußerst
aufwendig ist und der Bedarf nur bei einem geringeren Teil von Patient*innen, die
über lange Zeit bettlägerig sind, besteht. Genau deswegen wird das Haarewaschen im
Bett im beruflichen Alltag eher selten bewältigt. Dennoch ist es eine Arbeitsaufgabe, die
im Besonderen die Merkmale der Leibbezogenheit und der Wiederherstellung des
Wohlbefindens der zu Pflegenden erfüllt und daher das Potenzial einer Kernaufgabe
aufweist (Remmers, 2011, S. 27 f.) (siehe Merkmal 2).
Weiterhin scheint es Aufgaben zu geben, die von ihrer Merkmalsausprägung den Beruf
nicht symbolisch widerspiegeln und dennoch eine berufliche Kernaufgabe darstellen,
weil sie zum Beispiel rechtlich verpflichtend sind. Hierzu gehört beispielsweise die
häufig erwähnte und durch Pflegende auch als nicht rollenspezifisch angegebene
Dokumentation (Semmer, 2017, S. 25 f.). Zudem geht das Forscher*innenteam davon
aus, dass es berufliche Kernaufgaben gibt, ohne die der Beruf nicht ausführbar wäre.
Beispielhaft seien hier lebensrettende Sofortmaßnahmen in Notfallsituationen genannt.
Vielleicht müssen Pflegende niemals solche Maßnahmen ergreifen und dennoch müssen
sie aufgrund der möglichen Folgen beherrscht werden (siehe Merkmal 3).
Mit dem Begriff berufliche Kernaufgaben werden überdies ausschließlich
Arbeitsaufgaben bezeichnet, die so grundlegend für die Ausübung des Berufs sind, dass
104
Berufsangehörige und andere berufsrelevante Gesellschaftsgruppen (z.B. Pfleger*innen,
Patient*innen, Praxisanleiter*innen, Berufsschullehrer*innen) der Meinung sind, dass
diese Aufgaben ein Teil der Ausbildung sein sollten (siehe Merkmal 4).
Demzufolge kann es auch Arbeitsaufgaben geben, welche, obgleich sie eines der ersten
drei Merkmale erfüllen, durch für den Pflegeberuf relevante gesellschaftliche Gruppen
nicht als Kernaufgaben angesehen werden. Im Bereich der stationären Pflege muss
beispielsweise mehrmals am Tag der sogenannte „unreine Raum“, in welchem unter
anderem Urinflaschen und Steckbecken aufbereitet werden, aufgeräumt werden. Dies
erfordert durchaus Umsichtigkeit und die Arbeit nach geltenden hygienischen Regeln
sowie den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen usw. Es ist jedoch fraglich, ob diese
Aufgabe durch berufsrelevante gesellschaftliche Gruppen als Kernaufgabe bezeichnet
werden würde.
Bezogen auf die Definition der beruflichen Kernaufgaben lässt sich ein fortbestehendes
Spannungsverhältnis aus deskriptiven und normativen Anteilen innerhalb der
Merkmale der beruflichen Kernaufgaben ausmachen. Auf der einen Seite besitzen
Kernaufgaben Merkmale, deren Erfüllung man objektiv beschreiben kann. Auf der
anderen Seite besitzen sie Merkmale, deren Erfüllung oder auch deren Nicht-Erfüllung
auch von der Meinung der Berufsangehörigen und anderer berufsrelevanter Gruppen
abhängen, ohne dass eine an Merkmalen orientierte Begründung vorliegen muss. Damit
können durchaus auch intuitive, also dem Bewusstsein unzugängliche Begründungen
gemeint sein, die auf sogenannten Subjektiven Theorien beruhen (Schwarz-Govaers,
2021, S. 254). Diese lassen sich letztlich nicht objektiv durch eine Form der
Merkmalserfüllung prüfen.
3. Berufsfeldanalysen in personenbezogenen beruflichen Fachrichtungen
Da die Kernaufgaben in den beruflichen Fachrichtungen Gesundheit und Pflege sowie
Sozialpädagogik bislang nicht ausreichend empirisch eruiert wurden, liegt dem Projekt
ein qualitatives Forschungsdesign zugrunde. Dieses umfasst zwei Phasen. In der ersten
Phase werden berufliche Aufgaben durch Interviews und Beobachtungen erhoben. Eine
Besonderheit ist, dass Studierende im Rahmen von forschungsorientierten Seminaren
an der Erhebung beteiligt werden. Mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse werden aus
den vorliegenden Daten anschließend die beruflichen Kernaufgaben extrahiert. In der
zweiten Phase wiederum werden die Ergebnisse mit Berufsangehörigen und weiteren
Akteur*innen diskutiert und hierdurch validiert.
105
Abbildung 1. Forschungsphasen im Überblick
3.1. Erste Forschungsphase: Erhebung von beruflichen Kernaufgaben
In der berufswissenschaftlichen Forschung werden zur Erhebung von beruflichen
Aufgaben im Wesentlichen zwei Methoden verwendet: die Arbeitsbeobachtung und
teilstrukturierte Interviews (Spöttl, 2008, S. 174 ff.). Augenscheinlich mag die Methode
Beobachtung genügen, da sich berufliche Aufgaben in Handlungen und zum Teil in sehr
routinierten Abläufen widerspiegeln. Dafür spräche außerdem, dass häufig
durchgeführte und verinnerlichte Handlungen weniger gut erläutert werden können
und laut Flick (2016, S. 281) für die Erhebung von Handlungen die Beobachtung eine
besonders geeignete Methode ist. Denn Beobachtungen ermöglichen generell ein
methodisch kontrolliertes Erfassen und Fremdverstehen von Handlungen (Lamnek &
Krell, 2016, S. 515). Zu Bedenken ist allerdings, dass in Gesundheits- und Pflegeberufen
sowie in sozialpädagogischen Berufen vor allem im Gegensatz zu gewerblich-
technischen nicht die Schaffung eines Produkts im Vordergrund steht. Ein Großteil der
beruflichen Aufgaben wird durch die Bedürfnisse der Adressat*innen hervorgerufen
(Kreher, 2005, S. 321 ff.) und diese wollen zunächst durch die Berufstätigen
wahrgenommen werden. Hierüber warum welche Handlungen wie angebahnt,
ausgeführt, abgebrochen oder auch unterlassen werden können Interviews Aufschluss
geben. Diese können auf Themen verweisen, deren Erfassung durch reines Beobachten
nicht möglich ist (Flick, 2011, S. 327), wie beispielsweise die subjektiven Sichtweisen
der beruflich Tätigen (Flick, 2016, S. 201). Demzufolge ist es im vorliegenden Projekt
unerlässlich, ein triangulatives Vorgehen zu wählen, welches Beobachtungen sowie
Interviews umfasst. Durch die Interviews werden die Relevanzsetzungen durch die
Berufstätigen fokussiert und mittels Beobachtungen ein Blick von außen auf die
beruflichen Handlungen geworfen. Die damit erhobenen Daten können sich
wechselseitig ergänzen (Lamnek & Krell, 2016, S. 145) und mögen letztlich ein
genaueres Bild der beruflichen Kernaufgaben erzeugen.
Erste Forschungsphase
Berufsfeldanalysen
Leitfadengestüzte Interviews
und nicht-teilnehmende
Beobachtungen mit
teilstandardisierten
Protokollen
Zweite Forschungsphase
Diskussion der Ergebnisse
mit der World-Café-Methode
unter Teilnahme von
Berufsangehörigen,
Praxisanleiter*innen,
Berufsschullehrer*innen und
Wissenschaftler*innen
106
3.2. Erhebungsmethoden: Interviews und Beobachtungen
Interviews wurden als eine von zwei Erhebungsmethoden herangezogen, da in diesen
bewusste kognitive Prozesse, die während einiger beruflicher Handlungen ablaufen,
näher erläutert werden können (Misoch, 2015, S. 255). Die Interviews sind deshalb auch
nicht biographisch ausgerichtet, sondern lassen sich als akteur*innenspezifische
Interviews beschreiben (Mey & Mruck, 2007, S. 254). Nicht die Biographie der befragten
Personen steht im Vordergrund, sondern ihre Funktion als Berufstätige in den
untersuchten Feldern, ihr Handeln und die Aufgaben, welche ihnen tagtäglich
begegnen. Weiterhin wurde für die Interviews eine leitfadengestützte Form gewählt.
Sie strukturiert den Kommunikationsprozess dadurch, dass sie die relevanten
Themenkomplexe auflistet, und gewährleistet hierdurch eine bessere Vergleichbarkeit
der erhobenen Daten (Misoch, 2015, S. 66). Um die beruflichen Kernaufgaben ermitteln
zu können, umfasst der Leitfaden eine Erzählaufforderung zur Beschreibung eines
typischen Arbeitstages und Fragen nach beispielhaften beruflichen Situationen sowie
Steuerungs- und Aufrechterhaltungsfragen, um detaillierte Informationen zu den
einzelnen Aufgaben zu erhalten.
Um aber Arbeitsprozesse sowie die dazugehörigen Handlungssituationen detailliert
erfassen zu können, wird außerdem die Methode Beobachtung verwendet. Das
eingesetzte Verfahren lässt sich als nicht-teilnehmende und teilstandardisierte
Beobachtung bezeichnen. Bei einer nicht-teilnehmenden Beobachtung betrachtet
der*die Beobachter*in das interessierende Verhalten gleichsam von außen (Lamnek,
2005, S. 561). Das heißt, dass er*sie als Beobachter*in erkennbar ist und idealtypischer
Weise nicht mit dem Feld interagiert (Lamnek, 2005, S. 562). Hierdurch soll eine
genauere Erfassung der Handlungen sichergestellt werden, indem diese von der nur
beobachtenden Person direkt protokolliert werden können. Die Beobachtung kann
teilstandardisiert stattfinden, da sie einer spezifischen Forschungsfrage folgt und das
Ziel der Beobachtung, Einzelhandlungen zu dokumentieren, damit bereits feststeht
(Lamnek, 2005, S. 560). Da die Notizen strukturiert in einem vorgegebenen Raster
festgehalten werden, können überdies unterschiedliche Forscher*innen die
Beobachtungen durchführen (Lamnek, 2005, S. 560) und die Ergebnisse dennoch
miteinander verschränkt werden. Dafür werden im Beobachtungsprotokoll Ort und
zeitlicher Rahmen der Beobachtung, die beruflichen Einzelhandlungen sowie die
dazugehörige Handlungssituation aufgezeichnet.
107
3.3. Auswertung: Qualitative Inhaltsanalyse
Als Auswertungsverfahren sowohl für die Interviewtranskripte als auch für die
Beobachtungsprotokolle wird die qualitative Inhaltsanalyse herangezogen, da das
Analyseziel durch die Forschungsfrage bereits festliegt: in mehreren Stufen von
beruflichen Einzelhandlungen über berufliche Aufgaben sollen letztlich berufliche
Kernaufgaben erschlossen werden. Das Vorgehen orientiert sich dabei an der
zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (2015, S. 85), um das
Abstraktionsniveau Schritt für Schritt zu erhöhen. Durch diese Herangehensweise soll
das Datenmaterial zudem möglichst gegenstandsnah und ohne Verzerrungen durch
Vorannahmen der Forscher*innen abgebildet und ausgewertet werden (Mayring, 2015,
S. 86). Zunächst werden dafür die inhaltstragenden Textteile in der Sprache der
Interviewten paraphrasiert. Dazu zählen die beruflichen Einzelhandlungen, aber auch
formulierte Arbeitsaufträge, die sich in den Daten finden lassen, und durch die Befragten
als relevant gesetzte Tätigkeiten. Nach der Bündelung von inhaltsgleichen Paraphrasen
werden die Einzelhandlungen unter berufliche Aufgaben subsumiert, wodurch ein
weitläufiges Kategoriensystem entsteht. Nach diesem Schritt können anhand der
Definition von beruflichen Kernaufgaben diese bestimmt und extrahiert (Mayring &
Brunner, 2010, S. 327) aus dem erhobenen Material Kategoriensysteme für die
einzelnen Berufe zu erstellen, welche die beruflichen Kernaufgaben als Oberkategorien
sowie die beruflichen Aufgaben als Kategorien auf mittlerer Ebene und
Einzelhandlungen als Unterkategorien beinhalten.
3.4. Zweite Forschungsphase: Netzwerktagungen und Gruppendiskussionen
Wie beschrieben werden in der ersten Forschungsphase Arbeitsaufgaben über mehrere
reduzierende Analyseschritte aus den Daten extrahiert. Um innerhalb dieser
Arbeitsaufgaben die beruflichen Kernaufgaben verlässlicher zu identifizieren, schließt
sich eine weitere Forschungsphase an.
Laut der Arbeitsdefinition werden potenzielle berufliche Kernaufgaben erst dann zu
solchen, wenn berufsrelevante Gruppen diese Arbeitsaufgaben als Kernaufgaben
identifizieren. Zu diesen relevanten Gruppen gehören jene Menschen, die ein gut
begründetes Interesse daran haben, dass soeben ausgebildete Berufsangehörige
berufliche Arbeitsaufgaben bewältigen können, die man als hinreichend erachtet, um
diesen Beruf überhaupt ausüben zu können. Hierzu gehören: Berufsangehörige,
Berufsschullehrer*innen, Mitarbeiter*innen der entsprechenden Lehrstühle an
Universitäten, Angehörige anderer Berufe, die mit dem entsprechenden Beruf
zusammenarbeiten, aber auch im Falle der personenbezogenen Berufe die
Dienstleistungsempfänger*innen. Innerhalb der Forschung arbeitet ein kleines
108
Forscher*innenteam, das nur einen äußerst kleinen Teil der relevanten Gruppen
repräsentiert. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, dass die Forschungsergebnisse
zumindest einem Teil dieser Gruppen präsentiert werden und eine Diskussion
bezüglich dieser Forschungsergebnisse ermöglicht wird.
Ausgewählte Ergebnisse der ersten Forschungsphase werden bei Netzwerktagungen
vorgestellt. Diese Netzwerktagungen werden durch eine heterogene Gruppe
gekennzeichnet sein wie z.B. Mitarbeiter*innen von berufsbildenden Schulen,
Hochschulen und Betrieben. Dementsprechend können die Ergebnisse der ersten
Forschungsphase reflektiert, diskutiert und möglicherweise ergänzt werden (Brown &
Isaac, 2005, S. 3 ff.). Ziel ist letztlich die Präzisierung und Konkretisierung der
identifizierten beruflichen Kernaufgaben. Die World-Café-Methode eignet sich als
Gruppendiskussions-Methode, um in heterogenen Gruppen einen Erkenntnisgewinn auf
spezifische Fragen zu erzielen (Brown & Isaac, 2005, S. 3 ff.). Entsprechend der World-
Café-Methode wird an den Cafétischen folgende Leitfrage zu den verschiedenen
vorgestellten Aufgaben gestellt: Erachten Sie diese berufliche Aufgabe als so wichtig,
dass sie verbindlicher Inhalt der beruflichen Ausbildung sein sollten? Es werden aber
auch Cafétische eingesetzt, um zu klären, ob es sich bei der vorliegenden Aufgabe
überhaupt um eine Aufgabe dieses Berufs handelt. Entsprechend ist es wichtig, dass die
Tische möglichst heterogen durch verschiedene Vertreter*innen der unterschiedlichen
Gruppen besetzt werden. Dass die beschriebene Methode erfolgreich mit diesem Ziel
angewendet werden kann, zeigte Walter (2015, S. 16 f.) in ihrer pflegebezogenen
Curriculumforschung.
Diese zweite Forschungsphase erhöht folglich die Wahrscheinlichkeit, dass die
Arbeitsaufgaben, die als berufliche Kernaufgaben identifiziert wurden, durch viele
Menschen, welche diesen Gruppen angehören, als berufliche Kernaufgaben erachtet
werden. So handelt es sich bei diesem Teil des Forschungsdesigns eben nicht nur um ein
einfaches „peer debriefing“ (Misoch, 2014, S. 243), bei welchem Forscher*innen, die
nicht direkt am Forschungsprozess beteiligt sind, das Verfahren und die Ergebnisse
kritisch prüfen. Es handelt sich vielmehr um ein communitiy debriefing, bei welchem
Vertreter*innen (berufs-) relevanter Gruppen ausgewählte Ergebnisse der Forschung
prüfen. Der Einbezug möglichst vieler Menschen dieser Gruppen stellt dabei die
Erfüllung des oben beschriebenen selektiven Samplings dar und zudem wird eine
Multiperspektivität auf den Forschungsgegenstand ermöglicht. Dabei kann im konkreten
Forschungsprojekt keine statistische Repräsentativität hergestellt werden, aber
dennoch können die Forschungsergebnisse dadurch an Validität gewinnen und die
intersubjektive Nachvollziehbarkeit kann deutlich erhöht werden (Flick, 2000, S. 82).
109
4. Fazit und Ausblick
Das Forschungsprojekt, welches auf dem oben beschriebenen Design basiert, wird seit
dem Wintersemester 2020/2021 durchgeführt. Aufgrund der Covid-19-Pandemie
und der Besonderheit, dass Studierende in die Forschung einbezogen werden, konnten
in diesen sehr vulnerablen Berufsfeldern noch keine Beobachtungen stattfinden.
Dementsprechend wurden bisher insgesamt 37 Interviews in ausgewählten Berufen der
beruflichen Fachrichtung Gesundheit und Pflege und 16 Interviews mit Erzieher*innen
geführt.
Im Zuge dessen traten einige Herausforderungen auf: die Interviewantworten sind
häufig eher technisch, sodass die Befragten seltener von sozialen Interaktionen
berichten, sondern vielmehr von instrumentellen Handlungen, wie z.B. der
Vorbereitung von Infusionen. Durch die hinzukommenden Beobachtungen sollten die
Daten eine entsprechende Ergänzung erfahren. Zudem ist bei der Datenauswertung
die Distinktion zwischen einer beruflichen Einzelhandlung und einer beruflichen
Aufgabe in einigen Fällen schwer zu setzen, weil die Übergänge fließend sind. Dies
erfordert häufige Treffen zur konsensuellen Validierung im Forscher*innenteam.
Auch das Finden einer geeigneten Arbeitsdefinition der beruflichen Kernaufgaben und
deren Operationalisierung stellt sich als Herausforderung dar, sodass sich das
Autor*innenteam von den Publikationen im Zuge des Projekts einen kritischen Diskurs
der wissenschaftlichen Gemeinschaft dahingehend erhofft.
Trotz aller Herausforderungen birgt dieses Forschungsvorhaben große Chancen für die
Berufsfelddidaktik. Die begründete Auswahl von Inhalten beruflicher Ausbildungen
bedarf aus Perspektive des Forscher*innenteams zweier Säulen: auf der einen Seite
stützen normative Annahmen und Forderungen aller berufsrelevanter Personen-
gruppen und selbstverständlich auch die entsprechenden Gesetze die Ansprüche an eine
berufliche Ausbildung. Auf der anderen Seite werden Berufsangehörige jeden Tag vor
Aufgaben gestellt, die sie bewältigen müssen. Eine Antwort auf diese zweite Säule kann
nur die empirische Forschung geben, obgleich klar ist, dass auch die empirische
Forschung Erkenntnisgrenzen aufweist (Rauner, 2002, S. 530540). Daraus folgt, dass
normative Ansprüche und empirische Gegebenheiten bezogen auf das Eruieren
möglicher Inhalte beruflicher Ausbildungen komplementär verwendet werden sollten.
110
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Autor:innen
Mirjam Christ studierte Erziehungswissenschaft an der Universität Regensburg und Childhood Research
and Education an der TU Dresden. Nach einem Forschungsprojekt zur Ausbildung von Erzieher*innen für
Inklusion arbeitet sie aktuell als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sozialpädagogik
einschließlich ihrer Didaktik an der TU Dresden.
Martin Fritzenwanker ist gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger und studierte Lehramt an
berufsbildenden Schulen in der beruflichen Fachrichtung Gesundheit & Pflege und dem Fach Wirtschafts-
und Sozialkunde an der TU Dresden. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der
Professur für Gesundheit und Pflege/Berufliche Didaktik an der TU Dresden.
Sarah Hauswald ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin und studierte Lehramt an
berufsbildenden Schulen in den beruflichen Fachrichtungen Gesundheit & Pflege und Sozialpädagogik an
der TU Dresden. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für
Sozialpädagogik einschließlich ihrer Didaktik an der TU Dresden.
Annemarie Marx studierte Lehramt an berufsbildenden Schulen in den beruflichen Fachrichtungen
Gesundheit & Pflege und Sozialpädagogik an der TU Dresden. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche
Mitarbeiterin an der Professur für Sozialpädagogik einschließlich ihrer Didaktik an der TU Dresden.
113
Tanja Mayer & Thomas Koinzer
Sind Privatschulen die besseren Schulen? Über Forschungsdesiderate und
(bislang) verpasste Datenerhebungen
Zusammenfassung: Für diesen Beitrag wurde eine Befragung Berliner Eltern als Grundlage genommen
um herauszufinden, welche elterlichen Assoziationen in Bezug auf öffentliche und private Schulen
vorliegen. Dabei zeigt sich, dass Privatschulen von den befragten Eltern deutlich positiver wahrgenommen
werden als Schulen in öffentlicher Trägerschaft. In einem zweiten Schritt wurde dann anhand empirischer
Studien und weiterer statistischer Daten versucht, die von Eltern aufgestellte These der besseren
Privatschulen zu überprüfen. Dabei wurde sich thematisch an den von den Eltern genannten Aspekten in
Bezug auf öffentliche und private Schulen orientiert.
Dabei kann und will dieser Beitrag die Frage, ob Privatschulen die besseren Schulen sind, nicht
beantworten. Stattdessen führt der tiefere Blick in die derzeitige Studien- und Datenlage vor allem dazu,
die umfangreichen Forschungsdesiderate und Datenlücken im Feld der Privatschulforschung aufzuzeigen.
Der Beitrag ist daher, neben einem Überblick über den aktuellen Forschungsstand, hauptsächlich ein
Appell an Bildungsforscher*innen, sich mehr mit dem bislang eher vernachlässigten Privatschulbereich zu
beschäftigen sowie eine Aufforderung an die Bildungsverwaltung, umfangreichere Daten in der amtlichen
Statistik auch für Privatschulen bereit zu stellen.
Schlüsselwörter: Privatschule, Forschungsdesiderate, Datenlage, Schulqualität, Elternperspektive
Abstract: For this article, data from a parent survey in Berlin was used to find out which parental
associations exist with regard to public and private schools. The results show that private schools are
perceived much more positively by the parents surveyed than schools run by the state. In a second step,
empirical studies and further statistical data were used to test the thesis of better private schools.
Thematically, the aspects mentioned by the parents with regard to public and private schools were taken
into account.
This article cannot and does not want to answer the question of whether private schools are the better
schools. Instead, the deeper look into the current study and data situation leads above all to pointing out
the extensive research desiderata and data gaps in the field of private school research. Therefore, in
addition to an overview of the current state of research, this article is mainly a call to educational
researchers to deal more with the private school sector, which has been rather neglected so far, as well as
a request to the education administration to provide more comprehensive data in the official statistics
also for private schools.
Keywords: private schools, research desiderata, missing data, school quality, parents’ perspective
1. Einleitung
Bei Betrachtung der deutschsprachigen Forschung zum Thema Privatschulen1 fällt auf,
dass sich diese um zwei Themen gruppiert: Zum einen liegt der Fokus auf der Frage, ob
Privatschulen (Bildungs-)Ungleichheiten verstärken bzw. die soziale Segregation
erhöhen (ja, das tun sie an verschiedenen Stellen). Zum anderen wird diskutiert, ob es
Kompetenz- oder Leistungsunterschiede, also ob es einen sogenannten Privatschuleffekt
gibt und Privatschüler*innen mehr lernen als Kinder und Jugendliche an öffentlichen
1 Wir betrachten hier nur allgemeinbildende Ersatzschulen.
114
Schulen (nein, das tun sie eher nicht). Diese beiden Fragen sind mittlerweile
einigermen gut untersucht (zusammenfassend: Klemm et al., 2018; Mayer & Koinzer,
2019). Allerdings nur einigermen, weil die Datengrundlagen, wie im Folgenden noch
ausführlicher dargestellt wird, nicht immer vollständig sind. Daneben sind die meisten
Forschungsprojekte nur für einen kleinen Teilbereich aussagekräftig, z.B. für eine
bestimmte Region oder einen bestimmten Privatschultyp wie beispielsweise
Waldorfschulen, internationale Schulen, katholische oder evangelische Schulen.
Darüber hinaus fällt auf, dass Privatschulen vermutlich aufgrund ihres segregierenden
Effekts im Bildungssystem (Klemm et al., 2018) von Bildungsforscher*innen eher
kritisch betrachtet werden (Helbig et al., 2017; Nikolai & Helbig, 2021). Im Gegensatz
dazu zeichnet die allgemeine Einstellung der von uns befragen Eltern ein anderes Bild:
Privatschulen werden hier meist als die besseren Schulen wahrgenommen. Dies ist ein
Aspekt, auf den zu Beginn des Beitrags nochmal ausführlicher mit Daten aus dem
Forschungsprojekt CHOICE2 eingegangen wird.
An dieser Stelle stellen wir uns die Frage, was aus wissenschaftlicher Perspektive
bislang über Privatschulen bekannt ist bzw. inwiefern für einen Vergleich von
öffentlichen und privaten Schulen weitere Daten und empirische Studien notwendig
sind. Dabei wollen wir übergreifend der Frage nachgehen, ob Privatschulen wirklich die
besseren Schulen sind. Dieser Beitrag versucht, sich diesen Fragestellungen sowohl
anhand von Ergebnissen einer Berliner Elternbefragung als auch mit Rückgriff auf
bestehende Forschungsergebnisse und Statistiken zu nähern. Ziel ist es, sowohl
Forschungsdesiderate als auch Datenlücken in der Schulstatistik aufzuzeigen.
2. Das positive Bild der Privatschulen: Ergebnisse aus einer Berliner
Elternbefragung
Daten einer Elternbefragung, die wir im Rahmen des Forschungsprojekts CHOICE
durchgeführt haben, zeigen, dass Privatschulen positiver wahrgenommen werden als
öffentliche Schulen. Wir haben zum Zeitpunkt der Einschulung 1417 Eltern in Berlin
gefragt: „Woran denken Sie als erstes, wenn Sie an private Schulen denken?“ Die Frage
haben wir zudem analog für öffentliche Schulen gestellt. Die offenen Antworten wurden
im Anschluss sowohl zu inhaltlichen Kategorien zusammengefasst, als auch hinsichtlich
ihrer Bewertung (positiv, neutral und negativ) eingeschätzt. So wurde z.B. die Antwort
„zu viele Kinder in den Klassen“ negativ gewertet und der Kategorie große Klassen
zugeordnet, während eine Aussage wie „kleinere Klassenverbände“ positiv gewertet und
2 Das Projekt Schulwahl und sozio-kulturelle Passung (CHOICE) wurde an der HU Berlin und der WWU
Münster von 20142018 durchgeführt und von der DFG gefördert. Mehr Informationen: https://choice.hu-
berlin.de
115
der Kategorie kleine Klassen zugeordnet wurde. Ein Beispiel für eine neutrale Wertung
in Bezug auf die Klassengröße wäre „es gibt je nach Schule mal eher große und mal eher
kleine Klassen“.
Die Ergebnisse zeigen, dass die befragten Eltern private Schulen deutlich positiver
wahrnehmen als öffentliche Schulen (siehe Abb. 1). So werden negative Assoziationen
häufiger bei öffentlichen Schulen genannt als bei privaten Schulen (74 % vs. 42 %).
Zugleich werden Privatschulen von den Eltern positiver bewertet (52 % vs. 15 %).
Neutrale Bewertungen sind für beide eher die Ausnahme, wobei etwas mehr auf
öffentlichen Schulen entfallen (11 % vs. 5 %).
Abbildung 1. Wahrnehmung der öffentlichen bzw. privaten Schulen durch die Eltern, Daten: CHOICE-Projekt.
In Bezug auf die inhaltliche Auswertung verbinden Eltern mit öffentlichen Schulen am
häufigsten große Klassen (n = 210), einen schlechten Gebäudezustand (n = 83) sowie eine
schlechte Schulfinanzierung (n = 81). Zudem werden die Größe (n = 72) der öffentlichen
Schulen und häufiger Unterrichtsausfall (n = 57) bemängelt. Auffällig ist, dass, in Bezug
auf öffentliche Schulen, unter den ersten Nennungen lediglich negative Assoziationen zu
finden sind.
15%
52%
74%
42%
11% 5%
0%
10%
20%
30%
40%
50%
60%
70%
80%
90%
100%
Öffentliche Schule Private Schule
positiv negativ neutral
116
Im Vergleich dazu sind zwar die ersten beiden Assoziationen zu Privatschulen ebenfalls
negativ konnotiert (hohes Schulgeld, n = 196 und hohe soziale Segregation3, n = 164). Die
folgenden Nennungen sind aber alle durchwegs positiv, denn die Eltern verbinden
darüber hinaus mit Privatschulen kleine Klassen (n = 138), eine kindorientierte
Pädagogik sowie individuelle Förderung (n = 71) und ein gutes Schulkonzept bzw. -profil
(n = 44).
Will man sich dem Feld der Privatschulen nicht auf einer normativen Ebene nähern,
sondern datengestützte Rückschlüsse und Vergleiche zur Schulqualität öffentlicher
Schulen ziehen, zeigt sich, dass eine gewisse positive Überschätzung der Privatschulen
in den hier vorliegenden Daten zumindest nicht ausgeschlossen werden kann: Denn der
geringe Forschungsstand zeichnet eher ein Bild davon, dass vor allem bei gängiger
statistischer Berechnung (z.B. Berücksichtigung von Kompositionsunterschieden)
Privatschulen schlichtweg ganz normale Schulen sind, die öffentlichen Schulen in nichts
nachstehen, aber auch nicht wirklich besser sind (zusammenfassend Klemm et al. 2018).
Privatschulen sind oft von den gleichen Problemen betroffen wie öffentliche Schulen
(beispielsweise dem Lehrkräftemangel) und sind in Bezug auf pädagogische Profile und
inhaltliche Schwerpunkte dabei ebenso divers wie öffentliche Schulen (Reimann et al.,
2021).
Um dies weiter zu eruieren, versuchen wir im Folgenden anhand statistischer Daten und
empirischer Studien öffentliche und private Schulen zu vergleichen. Wir wollen klären,
ob Eltern Privatschulen zu Recht als bessere Schulen wahrnehmen, wobei wir uns an den
von den Eltern genannten Aspekten orientieren und die oben genannten Ergebnisse als
Grundlage für einen empirisch fundierten Vergleich nutzen. Gleichzeitig und hier
nehmen wird ein Ergebnis bereits vorweg wird der Fokus dabei vor allem auf das
Fehlen von Daten gerichtet sein, was einen faktenbasierten Vergleich an vielen Stellen
unmöglich macht.
3. Sind Privatschulen die besseren Schulen? Oder: Beispiele für fehlende Daten im
Feld der Privatschulforschung
In den folgenden Abschnitten soll jeweils kurz umrissen werden, welche Daten und
Forschungsergebnisse bezüglich der von den Eltern thematisierten Aspekte für
öffentliche und private Schulen vorliegen. Schulqualität wird hierbei das ist wichtig zu
betonen entlang der elterlichen Wahrnehmung dargelegt und nicht an
Einzelmerkmalen evidenzbasierter Forschung zur Schulqualität bzw. an Befunden der
Educational Effectiveness Forschung orientiert. Die empirische Schulqualitätsforschung
3 Es gab auch Eltern, die eine hohe Segregation positiv werteten, z. B. in Form von besseres soziales Umfeld
mit weniger Problemkindern“.
117
zeigt, dass Schulqualität ein hochgradig mehrdimensionales Konstrukt ist, in welchem
die verschiedenen Aspekte in komplexen Wechselwirkungen zueinander stehen
(zusammenfassend Ditton & Müller, 2011). Es gibt hier also keine klaren Determinanten
oder Faktoren, anhand derer eine gute Schule eindeutig bestimmt werden kann, sondern
eher ein Merkmalbündel aus verschiedenen harten und weichen Faktoren. Zudem wird
Qualität erst durch Bewertungsprozesse festgelegt und kann sich je nach Situation,
Personengruppe sowie auch zwischen Systemen und Institutionen unterscheiden
(Ditton & Müller, 2011). Eltern sind dabei eine Personengruppe, die sowohl in Hinsicht
auf praktische Schulerfahrungen relevant ist, als auch aufgrund ihres
Schulwahlverhaltens einen Einfluss auf gesellschaftliche Bildungsdisparitäten hat
(Mayer & Koinzer, 2019). Es erscheint daher sinnvoll, sich zunächst entlang jener
Qualitätsmerkmale zu bewegen, die aus der Elternperspektive formuliert werden, und
diese dann in einem weiteren Schritt (Abschnitt 3.10) um zusätzliche Merkmale zu
erweitern.
Dabei ist es nicht das Ziel dieses Beitrags, den gesamten (deutschsprachigen)
Forschungsstand zu Privatschulen bzw. alle Faktoren der Schulqualität darzustellen.
Vielmehr soll gezeigt werden, in welchen Bereichen Daten fehlen, um die Frage nach der
Qualität privater Schulen bzw. nach den Unterschieden zwischen öffentlichen und
privaten Schulen beantworten zu können. Mit Blick auf die bundeslandspezifischen
Regeln fokussieren wir uns im Weiteren beispielhaft auf Berlin. Die Befragung der Eltern
fand in Berlin statt und dementsprechend beziehen sich deren Aussagen auf dieses
Bundesland. Ebenfalls ist der Forschungsstand der Berliner Privatschullandschaft
vergleichsweise umfangreich, weswegen hier oftmals mehr Daten vorliegen als aus
anderen Bundesländern.
3.1. Schulgeld
Auf die Frage nach Assoziationen zu Privatschulen wurde von den Eltern der Aspekt des
Schulgeldes zuerst genannt. Dazu existieren mittlerweile einige Veröffentlichungen
sowohl aus der Wissenschaft (Helbig et al., 2017) als auch aus der amtlichen Statistik
(Statistisches Bundesamt, 2020).
Die wissenschaftlichen Beiträge thematisieren vor allem die Umsetzung des
sogenannten Sonderungsverbots, das im Grundgesetz Artikel 7 festgeschrieben ist und
wonach der Besuch einer Privatschule nicht von den Besitzverhältnissen der Eltern
abhängig gemacht werden darf. Wie diese Vorgabe konkret umgesetzt wird,
unterscheidet sich in Deutschland je nach Bundesland. Beispielsweise dürfen Kinder in
Berlin, die eine Lernmittelbefreiung erhalten4, mit maximal 100 € Schulgeld pro Monat
4 In der Regel erfolgt eine Lernmittelbefreiung, weil Eltern staatliche Transferleistungen erhalten.
118
belastet werden (Abgeordnetenhaus Berlin, 2019). Allerdings weisen Wrase und Helbig
(2016) darauf hin, dass das Sonderungsverbot und vor allem die Höhe des tatsächlich
erhobenen Schulgelds in vielen Bundesländern nur unzureichend und nicht regelmäßig
überprüft werden. Darüber hinaus werden Zusammenhänge zwischen dem erhobenen
Schulgeld und der sozialen Selektivität von Privatschulen aufgezeigt (Helbig et al., 2017),
die sich auch bereits bei niedrigen Schulgeldhöhen manifestieren.
Will man sich dieser Thematik weiter nähern, fällt auf, dass konkrete und vergleichbare
Daten zur Höhe des Schulgelds fehlen. Zum einen liegt dies daran, dass die amtliche
Statistik die Höhe des Schulgelds nicht systematisch erhebt, zum anderen daran, dass
sich auch auf Einzelschulebene viele Privatschulen bezüglich der Höhe des Schulgeldes
bedeckt halten. Häufig werden zudem weitere Beiträge erhoben, wie z.B.
Aufnahmegebühren, oder es fallen weitere Ausgaben an, wie beispielsweise für
verpflichtende Schulkleidung (z.B. Phorms Berlin, 2022).
Das Statistische Bundesamt hat erstmals 2020 auf Basis der Lohn- und
Einkommensstatistik eine kurze Übersicht zur durchschnittlichen Schulgeldhöhe
veröffentlicht. Dies ist möglich, weil Eltern pro Kind 30 % des Schulgeldes (inklusive
Aufnahmegebühren) steuerlich geltend machen können, höchstens jedoch 5.000
jährlich. Demnach beträgt das durchschnittliche Schulgeld an deutschen Privatschulen
ca. 2000 €/Jahr, wobei es je nach Region starke Abweichungen geben kann: Das höchste
Schulgeld wird im Rhein-Kreis Neuss erhoben und liegt dort bei durchschnittlich 7.428
€ (Statistisches Bundesamt, 2020, 10ff.). Berlin liegt mit einem durchschnittlichen
Schulgeld von 2.322 €/Jahr nahe am bundesdeutschen Durchschnitt (Statistisches
Bundesamt, 2022). Auch diese Zahlen sind nur bedingt belastbar, denn es werden in der
Statistik nur die Fälle berücksichtigt, in denen Eltern das Schulgeld in der
Steuererklärung angegeben haben.
Zudem muss festgehalten werden, dass es erhebliche Unterschiede in der Schulgeldhöhe
je nach Trägerschaft der Privatschule gibt. Während vor allem Schulen in Trägerschaft
der Kirchen eher ein geringes oder zum Teil auch gar kein Schulgeld erheben (z.B.
Erzbistum Berlin, 2022; Erzbistum Köln, 2022), liegen andere Privatschulträger deutlich
über den oben genannten Durchschnittsbeträgen (z.B. Phorms Berlin, 2022).
3.2. Segregation
Es gibt viel Evidenz dafür, dass Privatschulen die soziale Segregation verstärken. So
befinden sich beispielsweise an privaten Schulen mehr Kinder ausreichen und
bildungsnahen Familien sowie weniger Kinder aus dem Ausland (Görlitz et al., 2018;
Helbig et al., 2017; Statistisches Bundesamt, 2019, 2020; Wrase & Helbig, 2016). Die
Ursachen werden vor allem im Zusammenhang mit unterschiedlichen
119
Schulwahlentscheidungen verortet, die Eltern aufgrund rationaler Abwägung und
habitueller Prägung treffen. Zudem werden auch verschiedene Faktoren auf Seiten der
Schulen, der Nachbarschaft und des Wohnungsmarkts sowie Einflüsse von
Bildungsverwaltung und -politik diskutiert (Mayer & Koinzer, 2019). Dabei ist
schulische Segregation nicht nur auf Privatschulen beschränkt: Segregation findet auch
an öffentlichen Schulen statt, meist aufgrund einer primär vorliegenden räumlichen
Segregation, die, über Schuleinzugsgebiete und Schulweglänge vermittelt, die soziale
Zusammensetzung der Schülerschaft beeinflusst (Morris-Lange et al., 2013; Parade &
Heinzel, 2020).
Es ist allerdings festzuhalten, dass weitergehende Analysen, wie Vergleiche zwischen
öffentlichen und privaten Schulen oder zwischen verschiedenen Privatschultypen, kaum
möglich sind. Auch das Ausmaß der Segregation bzw. die Größe des Effekts, den
Privatschulen hier im Bildungssystem verursachen, ist bislang nicht zu ermitteln.
Die Datenlage ist vor allem in Bezug auf die Privatschulen rudimentär. Während
beispielsweise in Berlin öffentliche Schulen Informationen zu ihrer Schülerschaft
(z.B. dem Anteil an Schüler*innen mit nicht-deutscher Herkunftssprache) öffentlich
bereitstellen müssen, liegen keine systematisch erhobenen Daten für Privatschulen vor
(SenBJF, 2022). Auch an wissenschaftlichen Studien nehmen Privatschulen häufig nicht
teil. Viele Ergebnisse zur Segregation an deutschen Privatschulen basieren auf
standardisierten Elternbefragungen mit teilweise erheblich verzerrten Stichproben
(z.B. Helbig, 2020; Schwarz et al., 2017). Studien wie das Sozio-Ökonomische Panel
(SOEP) (Görlitz et al., 2018) können zwar die Segregation in Bezug auf verschiedene
sozio-ökonomische Merkmale gut und repräsentativ bestimmen. Darüber hinaus
werden aber meist keine weitergehenden Fragen z.B. nach Privatschultypen,
Schulwahlgründen oder anderen erklärenden Faktoren miterhoben. Thematisch
einschlägige, groß angelegte Längsschnittstudien wie z.B. das Nationale Bildungspanel
(NEPS) erheben die Trägerschaft der Schule ebenfalls nicht. Hier sind zwar viele
Variablen zu Bildungsentscheidungen und -verlauf vorhanden, aber eine Unterschei-
dung nach öffentlicher und privater Trägerschaft ist wenn überhaupt nur über
Umwege möglich. Zudem kann auch nicht nach den verschiedenen Privatschultypen
differenziert werden (Sauermann, 2022).
3.3. Klassengröße
Mit Klassengröße assoziieren die befragten Eltern an Privatschulen eher kleine Klassen,
während öffentliche Schulen mit großen Klassen verknüpft werden. Das Statistische
Bundesamt (2021b) berechnet auf aggregierter Ebene die Unterschiede in den
Klassengrößen zwischen privaten und öffentlichen Schulen und kommt zu dem Schluss,
dass an Privatschulen durchschnittlich ein*e Schüler*in pro Klasse weniger zu finden ist
120
als an öffentlichen Schulen. Auch differenziert nach Schulformen (Förder- Grund-,
Realschulen und Gymnasien) sind kaum Unterschiede festzustellen (Statistisches
Bundesamt, 2021b). Allerdings werden in der Bildungsstatistik Waldorfschulen als
einziger Privatschultyp grundsätzlich getrennt betrachtet und dargestellt. Während sich
die Klassengrößen zwischen Waldorfschulen und den anderen weiterführenden Schulen
kaum unterscheiden, sind im Primarbereich an Waldorfschulen meist deutlich mehr
Schüler*innen pro Klasse anzutreffen als an anderen öffentlichen und privaten
Grundschulen. Waldorfschulen machen dabei einen vergleichsweise kleinen Anteil an
Privatschulen aus (ca. 6 % aller Privatschulen mit ca. 10 % aller Schüler*innen privater
Schulen; Statistisches Bundesamt, 2021a), dennoch ist nicht nachvollziehbar, warum
Waldorfschulen hier nicht in der Gruppe der Privatschulen berücksichtigt werden,
sondern gesondert ausgewiesen werden.
Darüber hinaus kann angenommen werden, dass die Unterschiede in der Klassengröße
jeweils innerhalb der Gruppe der öffentlichen bzw. innerhalb der Gruppe der privaten
Schulen größer sind, als der hier berichtete durchschnittliche Unterschied von eine*r
Schüler*in pro Klasse. Ergänzende Angaben wie Varianz und Standardabweichung
werden nicht berichtet, wären hier aber hilfreich um die Streuung innerhalb der beiden
Gruppen zusätzlich vergleichen zu können. Ebenso wären weitere statistische Werte5
sinnvoll, um die berichteten Mittelwerte besser einordnen und gegenüber stellen zu
können.
3.4. Kindorientierte Pädagogik und Förderung
Während die Klassengröße eine recht einfache empirische Überprüfbarkeit aufweist, ist
der folgende Aspekt deutlich schwerer zu operationalisieren: So verknüpfen die
befragen Eltern mit Privatschulen eine kindorientierte Pädagogik und eine bessere
individuelle Förderung ihres Kindes. Häufig genannte Stichworte sind hier z.B. „bessere
Förderung“, „Berücksichtigung der Individualität“ oder „ganzheitliche Betrachtung des
Kindes“ Urteile, die einem eher reformpädagogisch orientierten Unterricht
zuzuordnen sind.
Um die Annahme zu überprüfen, ob Privatschulen im Vergleich zu öffentlichen Schulen
tatsächlich eher das Kind in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Praxis stellen,
müssten entsprechende Daten erst noch erhoben werden. Neben vorliegenden Studien
zur Rekonstruktion pädagogischer Praktiken (Reh et al., 2015), wären hier auch
inhaltsanalytische Betrachtungen der Programme der Schulen möglich, um sich einer
5 Hilfreich wären weitere Werte wie z. B. Modus, Median, Minimum, Maximum und Kurtosis. Sofern die
Voraussetzungen dafür gegeben sind (z. B. Normalverteilung), wären auch T-Tests eine gute Möglichkeit,
die Aussagekraft für den Vergleich der beiden Mittelwerte zu erhöhen.
121
solchen Fragestellung zu nähern. Darüber hinaus wären systematische Beobachtungen
des Unterrichts denkbar, wie sie für öffentliche Schulen schon im großen Umfang in
Form von Schulinspektionen vorliegen. Die im Rahmen der Schulinspektionen
durchgeführten Unterrichtsbeobachtungen liefern meist vergleichbare Skalen zur
Differenzierung und Individualisierung (SenBJF, 2017). Während die Teilnahme für
öffentliche Schulen meist verpflichtend ist6, steht es privaten Schulen frei, an ihnen
teilzunehmen. Sofern private Schulen an der Schulinspektion teilnehmen, können sie in
einigen Bundesländern (z.B. Nordrhein-Westfalen) zusätzlich selbst entscheiden, ob die
Ergebnisse veröffentlicht oder für weitere Analysen freigeben werden sowie eigene
Prüfer*innen entsenden (Ottersbach & Quasten o. J.).
Ein Blick in das Berliner Schulgesetz zeigt, dass weitere vergleichende Analysen in
Bezug auf die kindorientierte Pädagogik und Förderung sinnvoll wären: In §4 wird
festgehalten, dass alle Schulen, öffentlich wie privat, verpflichtet sind, die Schüler*innen
hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Selbstständigkeit zu fördern, wobei
individuelle Unterschiede beachtet werden müssen. Zudem ist in Abschnitt 2
festgehalten, dass der Unterricht „so zu differenzieren [ist], dass alle Schülerinnen und
Schüler Lern- und Leistungsfortschritte machen können“ (Schulgesetz Berlin § 4, 2).
Demnach gibt es berechtigte Zweifel, ob individuelle Förderung und differenzierter
Unterricht nur den Privatschulen zuzuschreiben sind. Allerdings sind hier weitere Daten
wichtig, die die konkrete Umsetzung dieser Aspekte im Unterricht in den Blick nehmen
und Unterschiede quantifizieren, um Differenzen zwischen öffentlichen und privaten
Schulen aufzeigen zu können.
3.5. Konzept / Schulprofil
Eng mit dem vorangegangenen Aspekt verknüpft ist die Annahme der Eltern, dass
Privatschulen über ein besseres pädagogisches Konzept bzw. Schulprofil verfügen. Was
ein gutes und was ein schlechtes Profil ist, lässt sich aus wissenschaftlicher Perspektive
nur schwer empirisch bestimmen. Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass
Familien bei der Schulwahl auf eine Passung zwischen ihren habituellen Präferenzen
sowie den Begabungen des Kindes auf der einen und dem Profil und den Angeboten der
Schule auf der anderen Seite achten. Ein gutes Schulprofil ist demnach ein Schulprofil,
dass zu den Eltern und zum Kind passt (Mayer & Koinzer, 2019). Aus wissenschaftlicher
bzw. datengestützter Perspektive sollten daher vor allem die Vielfalt der Profile und
Konzepte in Kombination mit den elterlichen Orientierungen in den Blick genommen
werden (Schwarz et al., 2018).
6 Dies gilt nur für diejenigen Bundesländer, die Schulinspektionen durchführen, da diese nicht in allen
Bundesländern stattfinden.
122
Häufig wird dabei angenommen, dass Privatschulen im Vergleich zu öffentlichen
Schulen mehr Freiheiten zur Ausgestaltung schulischer Profile und Konzepte haben,
allerdings ist das nicht wirklich belegbar. Öffentliche Schulen verfügen über ähnliche
Gestaltungsräume und sind ebenso breit aufgestellt, was pädagogische Konzepte und
schulische Schwerpunktsetzungen betrifft (Schwarz et al., 2018; Stirner et al., 2019).
Berliner Grundschulen sind sogar qua Gesetz (Grundschulverordnung § 2) dazu
verpflichtet, sich ein besonderes Profil oder einen pädagogischen Schwerpunkt zu
geben. Darüber hinaus können pädagogische Konzepte von öffentlichen Schulen in
Schulversuchen erprobt und bei positiver Evaluation verstetigt werden (Schulgesetz
Berlin § 18).
Zudem werden Privatschulen häufig als Antriebskraft für neue pädagogische Konzepte
und Vorreiter in der Umsetzung dieser dargestellt (u. a. Barz, 2018). Allerdings sind
auch die öffentlichen Schulen durchaus innovativ, was ein Blick auf die Preisträger des
Deutschen Schulpreises zeigt: So wurden seit 2006 drei private und elf öffentliche
Schule für ihr überzeugendes und innovatives Schulkonzept ausgezeichnet (Deutscher
Schulpreis, 2022).
3.6. Gebäudezustand
Nach den großen Klassen verbinden die befragten Eltern mit öffentlichen Schulen am
zweithäufigsten einen schlechten Gebäudezustand. Dabei ist es an dieser Stelle möglich,
dass die Wahl des Bundeslandes in der Befragung maßgeblich ist, denn diese Aussage ist
für Berliner Schulen in hohem Maße zutreffend: So wurde 2016 durch die
Landesregierung ein Sanierungs- und Investitionsrückstau von ca. 5,5 Milliarden €
festgestellt (SenBJF, 2016, 2020b). Der schlechte Zustand der Berliner Schulgebäude ist
den Eltern zudem über eine breite, auch überregionale mediale Berichterstattung
bekannt (z.B. T-Online, 2019).
Während die Situation für die Berliner öffentlichen Schulen (medial) präsent und durch
die Bedarfserhebung der Senatsverwaltung transparent ist, können keine Aussagen zum
Gebäudezustand privater Schulen getroffen werden, denn es gibt hierzu keine
Berichterstattung. Allerdings wird in den Dokumenten der Senatsverwaltung für
Bildung, Jugend und Familie (2019) deutlich, dass auch Privatschulen Mittel für die
Gebäudesanierung beantragen können und einige private Schulen dies wohl auch in
Anspruch nehmen wollen. Es bleibt jedoch unklar, wie hoch der Renovierungs- und
Sanierungsbedarf bei privaten Schulen ist.
Während die Situation in Berlin zumindest für öffentliche Schulen eindeutig ist, sind
deutschlandweit größere Unterschiede zu erwarten. Insgesamt liegt laut GEW (2021)
der Investitionsrückstand bei 46,5 Milliarden €. Da die Sanierung öffentlicher Gebäude
123
in der Regel von den Kommunen getragen wird, ist auch die Wirtschaftskraft und
ökonomische Lage der Städte und Gemeinden ausschlaggebend für den Gebäudezustand
der Schulen. Diese Einflussfaktoren unterscheiden sich regional erheblich und werden
durch fehlende Einnahmen aufgrund der Corona-Pandemie noch verstärkt (GEW, 2021).
3.7. Schulfinanzierung
Allgemeinbildende Schulen, worunter sowohl öffentliche Schulen als auch Privatschulen
zu verstehen sind, werden in Deutschland in erster Linie staatlich finanziert. In Bezug
auf die Höhe der Schul- bzw. Bildungsfinanzierung veröffentlicht das Statistische
Bundesamt seit 2008 regelmäßig Zahlen. Für die öffentlichen, allgemeinbildenden
Schulen geben die öffentlichen Haushalte durchschnittlich 8.900 € pro Schüler*in aus.
Aufgrund der föderalen Struktur unterscheiden sich die Ausgaben je Bundesland zum
Teil erheblich. Berlin gibt mit durchschnittlich 12.100 € pro Schüler*in hier am meisten
aus7, Nordrhein-Westfalen mit 7.800 € am wenigsten (Statistisches Bundesamt, 2021a).
Anders als die jährlich aktualisierten Daten zu den öffentlichen Schulen werden Daten
zu den privaten Schulen nur unregelmäßig veröffentlicht und weniger detailliert
dargestellt (Statistisches Bundesamt, 2016). Die aktuellsten Zahlen beziehen sich auf das
Jahr 2013, wo an privaten, allgemeinbildenden Schulen durchschnittlich 8.200€ pro
Schüler*in aufgewendet wurden (im Vergleich zu damals 7.100 € an öffentlichen
Schulen). Begründet wird die finanzielle Differenz damit, dass viele Förderschulen mit
einem hohen Kosten-pro-Schüler*in-Satz nicht in öffentlicher, sondern in privater
Trägerschaft sind. Unterschiede in der Finanzierungshöhe in Bezug auf Gymnasien,
Grund- und Realschule sind nicht vorhanden (Statistisches Bundesamt, 2016).
Durchschnittlich werden Privatschulen nur zu 74 % durch die öffentliche Hand
finanziert (Klemm et al., 2018). Allerdings unterscheidet sich die
Privatschulfinanzierung je nach Bundesland. In Berlin erhalten allgemeinbildende
Privatschulen „93 % der Personalkosten entsprechender öffentlicher Schulen“ (KMK,
2019). Da sich Schulkosten aus mehr als nur Personal(kosten) zusammensetzen, sind
die Privatschulen auf weitere Finanzierungsquellen wie Spenden, Eigenmittel der Träger
und Schulgeld angewiesen. Ob sich die Höhe der Finanzmittel, die öffentliche und
private Schulen zur Verfügung haben, grundlegend unterscheidet, ist daher auch von
den Finanzierungsmodellen der jeweiligen Einzelschule abhängig und kann auf
empirischer Basis bislang nicht beantwortet werden.
7 Vor allem auch wegen sehr hoher Personalausgaben, die unter anderem durch die fehlende Verbeamtung
der Lehrkräfte entstehen. So müssen hier beispielsweise Krankenversicherungsbeiträge und Rentenbezüge
mit in die Gehälter des schulischen Personals eingerechnet werden, die bei verbeamteten Lehrkräften
entfallen oder durch andere Haushaltsressorts erbracht werden und nicht in die Berechnung einfließen
(Barz 2021).
124
Die Zahlen der amtlichen Statistik sind zudem fehleranfällig und zum Teil unvollständig
(Barz, 2021). Probleme sind hier zum einen eine Mischfinanzierung innerhalb der
öffentlichen Hand, die aus Kommunen, Landkreisen, Bundesländern und oft auch auf
staatlicher und sogar europäischer Ebene besteht. Zum anderen sind bei der
Schulfinanzierung verschiedene Haushalte und Ressorts betroffen und es ist nicht
immer möglich, z.B. die Pensionsansprüche von Lehrkräften von denen anderer
Beamt*innen zu trennen (Barz, 2021).
Die amtliche Statistik berichtet im Vergleich zu anderen Teilaspekten komplexe und
umfassende Zahlen zur Schulfinanzierung, wenn auch deutlich umfassender und
regelmäßiger für öffentliche als private Schulen. Dennoch fällt auf, dass Fragen der
Bildungsfinanzierung und vor allem auch der Effizienz von finanziellen Investitionen für
Deutschland bislang kaum wissenschaftlich erforscht sind (Barz, 2021). Die negative
Wahrnehmung der öffentlichen Schulfinanzierung durch die Eltern kann als Indiz dafür
gesehen werden, dass eine gute bzw. auskömmliche Finanzierung nicht immer auch eine
effiziente Finanzierung ist (siehe vorangegangener Abschnitt zum Gebäudezustand).
3.8. Schulgröße
Die Schulgröße scheint auf den ersten Blick eng mit der Klassengröße verbunden zu
sein. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Größe der Schule, anders als die
Klassengröße, je nach Alter der Schüler*innen unterschiedlich interpretiert wird. So soll
die Grundschule in Bezug auf die Gesamtzahl der Schüler*innen eher klein und vor allem
familiär sein (Krüger, 2020). Im Gegensatz dazu ist anzunehmen, dass bei der Wahl der
weiterführenden Schule eher große Schulen mit vielen Schüler*innen bevorzugt werden,
da dies neben vielfältigen sozialen Kontakten und Netzwerken auch eine breitere
Auswahl an Kursen und eine interessensgeleitete Spezialisierung ermöglicht (Zunker et
al., 2018).
Anhand der Daten des Statistischen Bundesamts (2021a) lässt sich die durchschnittliche
Schulgröße allgemein und explizit für einzelne Schulformen für das Schuljahr 2020/21
berechnen. Eine durchschnittliche allgemeinbildende Privatschule besuchen 210
Schüler*innen8. Private Grundschulen9 sind mit durchschnittlich 163 Schüler*innen pro
Schule kleiner. An einer allgemeinbildenden öffentlichen Schule lernen hingegen
durchschnittlich 267 Schüler*innen und eine öffentliche Grundschule besuchen im
8 Man könnte zudem auch die Anzahl der Klassen betrachten, um sich der Schulgröße empirisch
anzunähern. Gerade für Gymnasien und weiterführende Schulen ist dies aber problematisch, denn in der
Oberstufe werden in der Regel die Klassenverbände aufgelöst, weshalb das Statistische Bundesamt (2021)
hier keine validen Zahlen bereitstellen kann.
9 Hier wurden die Freien Waldorfschulen, die in der Statistik gesondert ausgewiesen werden, mit
eingerechnet. Da Waldorfschulen in der Regel mit Klasse 1 starten, wurden sie in ihrer vollen Schulgröße in
die Berechnung integriert.
125
Schnitt 188 Kinder. Privatschulen sind durchschnittlich also etwas kleiner als öffentliche
Schulen, sowohl im Primar- als auch im Sekundarschulbereich.
Analog zur Klassengröße erweist sich hier eine ähnliche Problematik: Da die Werte
lediglich aggregiert berichtet werden und nur das arithmetische Mittel ausgewiesen
wird, ist ein tiefergehender Vergleich der Mittelwerte nicht möglich. Zwar sind in Bezug
auf die Schulgröße die Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Schulen
durchaus größer als bei der Klassengröße, allerdings wären weitere Kenngrößen
wichtig, wie beispielsweise die Varianz und die Standardabweichung, um die Streuung
der Mittelwerte miteinbeziehen zu können und um belastbarere Vergleiche anstellen zu
können.
3.9. Unterrichtsausfall
Abschließend soll die elterliche Perspektive auf häufigen Unterrichtsausfall an
öffentlichen Schulen näher betrachtet werden. Da sich die Erfassung und der Umgang
mit Unterrichtsausfall stark nach Bundesland unterscheiden (Abgeordnetenhaus Berlin,
2020b), wird im Folgenden vorrangig von der Berliner Ausgangslage berichtet: Im
Schuljahr 2018/1910 sind an allgemeinbildenden, öffentlichen Schulen in Berlin 2,1 %
der Unterrichtsstunden komplett ausfallen (SenBJF, 2020a). Darüber hinaus wurden
rund 9,5 % der Unterrichtsstunden vertreten, wodurch insgesamt ca. 11,6 % der
Unterrichtstunden nicht nach Plan unterrichtet wurden. Hauptgrund für Ausfall und
Vertretungen sind Erkrankungen (inkl. Kur und Mutterschutz) der Lehrkräfte (57,7 %).
Weitere 16,1 % sind durch „dienstliche Abwesenheit“ und schulische Veranstaltungen
begründet (SenBJF, 2020a).
Unterrichtsausfall und -vertretung werden nicht nur von den Eltern, sondern auch von
der Bildungspolitik kritisch betrachtet: So wird Vertretungsunterricht auch mal mit
„Mandala-Malen“ und „Filme schauen“ verknüpft (Abgeordnetenhaus Berlin, 2020a).
Der Blick auf die tatsächlich umgesetzten Vertretungsmaßnahmen zeigt jedoch ein
anderes Bild. Mit Abstand am häufigsten werden ausgefallene Unterrichtsstunden durch
die Zusammenlegungen von Klassen oder die Aufhebung von Teilungen kompensiert
(SenBJF, 2020a). Zudem werden zwischen 10 und 14 % der vertretenen Stunden durch
Mehrarbeit anderer Lehrkräfte, Änderung im Stundenplan oder die Vertretungsreserve
der Schule ausgeglichen. Stunden, die nicht von Lehrkräften, sondern beispielsweise
Erzieher*innen vertreten werden, gelten dabei als ausgefallen und nicht als vertreten,
10 Hier wurden nicht die aktuellsten Zahlen verwendet, da ab 2020 aufgrund der Corona-Pandemie und den
Schulschließungen die Erfassung des Unterrichtsausfalls für die vorliegenden, aktuelleren Jahrgänge nicht
aussagekräftig ist.
126
wobei davon ausgegangen werden kann, dass die Schüler*innen auch hier durchaus
fachbezogen-curriculare Lerngelegenheiten erhalten können.
Auch wenn ca. jede zehnte Unterrichtsstunde nicht wie geplant stattfindet, ist der
tatsächliche Unterrichtsausfall für Berlin eher als gering einzustufen. Dennoch ist davon
auszugehen, dass die Lage an einzelnen Schulen deutlich vom Durchschnitt abweichen
kann, weshalb weitere Kennzahlen, beispielsweise zur Varianz und
Standardabweichung, hilfreich wären. Unklar bleibt zudem, wie hoch der Ausfall an
Unterrichtsstunden an privaten Schulen ist. Leider liegen hier bislang keine Daten vor,
weshalb auch ein Vergleich nicht möglich ist.
3.10. Weitere relevante Aspekte und Datencken
Bislang haben wir uns bei der Frage, ob Privatschulen die besseren Schulen sind, an den
Aussagen der Eltern orientiert. Das ist aus zwei Gründen durchaus sinnvoll: Erstens sind
Eltern relevante Akteure mit einer spezifischen (Schul-)Expertise. Zweitens sind (Schul-)
Forschende auf bestimmte Themen fokussiert im Falle der Privatschulforschung vor
allem auf Bildungsungleichheiten, die durch Privatschulen verstärkt werden können.
Natürlich ist es aus gesellschaftlicher Perspektive wichtig, sich damit zu beschäftigen,
allerdings zeigen die elterlichen Aussagen zu privaten und öffentlichen Schulen weitere,
bislang von der Privatschulforschung eher vernachlässigte Aspekte auf, die vor allem der
Unterrichts- und Schulqualität zuzuordnen sind. Gewinnbringend wäre es, die
Ergebnisse aus der Schuleffektivitätsforschung aufzugreifen und Aspekte der
Schulqualität, insbesondere mit Bezug zur Trägerschaft, vergleichend zu analysieren. Da
vor allem die methodisch-didaktische Gestaltung und Durchführung des Unterrichts
relevant für Schulleistungen ist (Köller, 2012), sollte hierauf ein besonderer Fokus gelegt
werden.
Neben einem eingehenderen Blick auf die Schul- und Unterrichtsqualität sollte auch die
Kompetenzentwicklung an Privatschulen mehr im Fokus stehen. Zwar gibt es hierzu
einzelne Teilstudien, wie z.B. im Rahmen des Programme for International Student
Assessment (PISA), des Nationalen Bildungspanels (NEPS) oder anhand der
Bildungstrends des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) (Klemm
et al., 2018). Aber da Privatschulen an diesen Leistungstests nicht verpflichtend
teilnehmen müssen, sind einerseits nur geringe Substichproben vorhanden und
anderseits auch nur ausgewählte Privatschulen untersuchbar. Die bisherigen Ergebnisse
zeichnen eher das Bild, dass unter Kontrolle der Schülerkomposition Privatschulen nicht
besser in der Kompetenzvermittlung sind oder nur in wenigen Teilaspekten bessere
Leistungen erreichen (Klemm et al., 2018). Detailliertere Analysen, auch zu
127
verschiedenen Privatschultypen, fehlen aber und sind in der Regel mit den bislang
vorliegenden Daten kaum oder gar nicht möglich.
Ein weiterer relevanter Punkt, der nicht zuletzt auch von den Eltern kritisch angeführt
wird, ist die Qualität des Lehrpersonals11. Da Lehrkräfte zentral für das erfolgreiche
Lernen der Schüler*innen sind (Fischer & Platzbecker, 2018), ist kaum nachvollziehbar,
warum bislang keine vergleichenden Studien zu Lehrkräften an öffentlichen und
privaten Schulen vorliegen. Während Eltern an Privatschulen eher besser qualifiziertes
Lehrpersonal vermuten, kann dagegen angenommen werden, dass insbesondere
hinsichtlich der Rekrutierung der Lehrkräfte umfangreiche Herausforderungen durch
private Schulträger zu meistern sind. So müssen Lehrkräfte an Schulen in christlicher
Trägerschaft was ein kurzer Blick in entsprechende Stellenanzeigen offenlegt ein
klares Bekenntnis zum christlichen Glauben aufweisen und eine aktive Zugehörigkeit zu
einer christlichen Kirche belegen können. Dies macht für konfessionsfreie Lehrkräfte
einen Kircheneinritt nötig, wenn sie dauerhaft an diesen Schulen unterrichten wollen.
Auch bei anderen Privatschulträgern sind mitunter pädagogisch-weltanschauliche
Bekenntnisse nötig, die den individuellen pädagogisch-professionellen Überzeugungen
konträr laufen können. Zudem sind Privatschulen von dem allgegenwärtigen
Lehrkräftemangel betroffen, aufgrund schlechterer Bezahlung der Lehrkräfte und
fehlendem Beamtenstatus an Privatschulen häufig sogar stärker als öffentliche Schulen
(Otto-Moog, 2019; Wiarda, 2019). Weitere Forschung und detaillierte Daten zur
(sozialen wie professionellen) Situation von Lehrkräften an Privatschulen, der Vergleich
von Lehrkräften an öffentlichen und privaten Schulen sowie die Perspektive von
Schüler*innen und Eltern auf die Lehrkräfte sind damit weitere Forschungsdesiderate.
4. Fazit
Die Frage, ob Privatschulen die besseren Schulen sind, kann (und wollte) dieser Beitrag
nicht beantworten. Die präsentierten Daten legen zum einem knapp die Sicht der Eltern
dar und das Imageproblem öffentlicher Schulen. Zum anderen decken sie (zum Teil
gravierende) Probleme öffentlicher Schulen und des Schulsystems auf. Leider fehlen
meist aussagekräftige Daten zur Lage an Privatschulen, um diese dann mit öffentlichen
Schulen in Beziehung zu setzen. Es verwundert, dass Letztere nicht umfassend erhoben
und veröffentlicht werden, steht doch das „gesamte Schulwesen“ unter der Aufsicht des
Staates (Grundgesetz, Artikel 7 (1)). Da Schulen in privater Trägerschaft den
öffentlichen Schulen gleichgestellt sind, kann ähnlich wie in England und Schweden
eine verpflichtende Teilnahme an entsprechenden Tests und Evaluationen sowie die
11 Bei der Frage zu den öffentlichen Schulen nennen Eltern schlechte Lehrkräfte/Personal auf Platz 11, bei
der Frage zu den Privatschulen werden gute Lehrkräfte/Personal auf Platz 6 genannt.
128
Offenlegung von Daten durch die jeweiligen Schulträger für die allgemeine
Bildungsstatistik abgeleitet werden (Nikolai & Wrase, 2017).
In Bezug auf die amtliche Statistik sind weitere Veränderungsbedarfe zu benennen:
Vermutlich wäre es bei einzelnen Aspekten schon ausreichend, weitere Kennzahlen,
z. B. Varianz und Standardabweichung, zu veröffentlichen, um klarere Aussagen zu
Privatschulen treffen zu können (siehe Klassen- und Schulgröße). Zudem sollten
Forschende vorhandene Daten der Bildungsstatistik mehr nutzen.
Bundeslandübergreifend einheitlich erhobene Zahlen und Indikatoren würden hier
Vergleiche vereinfachen, ebenso wie ein einfacherer Zugang zu den Daten selbst. Auch
detailliertere Daten auf Individual- oder zumindest Schulebene müssten natürlich
unter Beachtung des Datenschutzes für wissenschaftliche Analysen (einfacher) zur
Verfügung gestellt werden. Auch ist es nötig, dass Privatschulen und ihrer Träger deren
(Schul-)Leistungen evidenz- und datenbasiert einschätzen lassen, um sie mit denen
öffentlicher Schulen in Bezug setzen zu können. Wenn Privatschulen, wie auch von
ihnen selbst artikuliert, öffentliche Schulen in nicht-staatlicher Trägerschaft sind, dann
müssen sie in punkto Offenlegung und Überprüfbarkeit mehr Öffentlichkeit wagen.
Danksagung
An dieser Stelle bedanken wir uns herzlich bei Sabine Gruehn, Judith Schwarz und
Corinna Habeck für die Unterstützung im Projekt CHOICE und bei der Datenerhebung,
ohne die dieser Beitrag nicht möglich gewesen wäre. Außerdem geht Dank an Diana
Pugachova für die Unterstützung beim Verfassen des Beitrags.
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Autor:innen
Tanja Mayer, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt Universität am Institut für
Erziehungswissenschaften. Sie forscht seit 10 Jahren zu Privatschulen, unter anderem im DFG-Projekt
Choice (https://choice.hu-berlin.de). Dabei fokussiert sie vor allem Themen der sozialen Ungleichheit und
der elterlichen Schulwahl. Kontaktadresse: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für
Erziehungswissenschaften, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, tanja.mayer@hu-berlin.de
Thomas Koinzer, Prof. Dr., ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu
Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind empirische Schul- und Unterrichtsforschung, insbesondere zu
Schulen in privater Trägerschaft sowie zu Schule und Unterricht im digitalen Wandel, Schulwahlforschung
und Schultheorie. Kontaktadresse: Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Erziehungswissenschaften,
Unter den Linden 6, 10099 Berlin, thomas.koinzer@hu-berlin.de
132
Corinna Lautenbach & Lars Jenßen
Does Parents’ Education Make a Difference? Comparing Psychological Resources
of First- and Second-Generation Students in German Higher Education
Abstract: This study explores if first-generation students (i.e., students whose parents lack tertiary
education) differ from second-generation students in German higher education. Using nation-wide data
from the German National Educational Panel Study we compared first-and second-generation students’
psychological resources, like personality traits, and academic experiences in three selected fields of study
(medicine/health sciences, teacher education, social sciences). Further, we identified factors that
influence the academic achievement of students and analyzed if the influence of these predictors varies
between first- and second-generation students. For this, multilevel regression und multigroup regressions
were computed. Results suggest that first-generation students differ from their peers in their
psychological resources, but not in their academic achievement. The extent of the differences varied
notably between the psychological resources, with rather small effect sizes overall, and some variation
across the academic fields. Most psychosocial resources were correlated with academic achievement.
There were some differences between the predictors’ influences on academic achievement for first- and
second-generation students, indicating that different resources are relevant for the academic success of
the two groups. Results are discussed with regard to future directions in this field of research.
Keywords: first generation students; educational inequalities; higher education; academic achievement
Zusammenfassung: Die vorliegende Studie untersucht, ob sich Studierende, deren Eltern keinen
Hochschulabschluss haben von Studierenden aus akademischen Herkunftsfamilien im deutschen
Hochschulwesen unterscheiden. Anhand von bundesweiten Daten des Nationalen Bildungspanels haben
wir die psychologischen Ressourcen von Studierenden aus akdamischen und nicht-akademischen
Herkunftsfamilien, wie z.B. Persönlichkeitsmerkmale, und Studienerfahrungen in drei ausgewählten
Studienfächern (Medizin/Gesundheitswissenschaften, Lehramt, Sozialwissenschaften) verglichen.
Außerdem haben wir Faktoren identifiziert, die Effekte auf die akademischen Leistungen der
Studierenden zeigen, und analysiert, ob die Effekte dieser Prädiktoren zwischen den Studierenden-
gruppen variieren. Hierfür wurden Mehrebenenregressionen und Mehrgruppenregressionen berechnet.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Studierende aus nicht-akademischen Herkunftsfamilien in
Bezug auf ihre psychologischen Ressourcen von den Studierenden akademischer Herkunftsfamilien
unterscheiden, nicht jedoch in Bezug auf ihre akademischen Leistungen. Das Ausmaß der Unterschiede
variierte deutlich zwischen den psychologischen Ressourcen, mit insgesamt eher geringen Effektstärken
und einer gewissen Variation zwischen den akademischen Bereichen. Die meisten psychosozialen
Ressourcen waren mit der akademischen Leistung korreliert. Es gab einige Unterschiede zwischen den
Effekten der Prädiktoren auf die akademischen Leistungen von Studierenden der ersten und zweiten
Generation, was darauf hindeutet, dass unterschiedliche Ressourcen für den akademischen Erfolg der
beiden Gruppen von Bedeutung sind. Die Ergebnisse werden im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen
in diesem Forschungsbereich diskutiert.
Schlüsselwörter: soziale Herkunft; Bildungsungleichheit; Hochschule; Studienleistung
1. Introduction
In the wake of the expansion of education, higher education institutions must manage
increasing numbers of applicants and face the challenge to offer fair opportunities for
educational success on the basis of students’ individual performances and commitment
levels, not on their social or cultural backgrounds (OECD, 2015). The number of children
from educationally disadvantaged groups taking part in higher education has risen
distinctively in Germany in recent decades (Lörz & Schindler, 2011). Overall, little is
133
known about the complex interplay of social origins, psychological resources, and
educational success in the context of higher education. Existing studies from the field of
social inequality research have generally not accounted for the role of students’
psychological resources like personality traits when explaining behavior and success of
students in higher education (i.e. Lörz et al., 2016; Lörz et al., 2011). In line with the
sociological tradition, current research focuses on the role of differences in financial,
cultural, and social resources concerning the intergenerational transmission of
educational inequalities. But when predicting students’ academic success, including
psychological resources are indisputable requirements (Richardson et al., 2012). On the
other hand, studies focusing on psychological predictors of students’ academic
achievement in tertiary education have usually not analyzed effects of students’ social
background and the financial, cultural and social resources stemming from that (i.e. Dai,
Lin, Su & Li, 2021; Komarraju et al., 2008; Macakova & Wood, 2020 ). In line with
psychological perspectives, these studies have stressed the importance of psychological
resources for educational attainment. Research in which both perspectives have been
integrated is rare. One exception includes research on first-generation students (FGS;
i.e., students whose parents lack tertiary education). Here, parental education, and
therefore the financial, cultural and social resources of students, is analyzed in relation
to students’ psychological resources, plus their academic development, persistence, and
success (Aymans, 2020; Lohfink & Paulsen, 2005; Soria & Stebleton, 2012; Warburton et
al., 2001). Research on FGS has primarily referred to higher education in the U.S. In
Germany, there is only very rudimental knowledge about FGS (Büchler, 2012). As far as
we know, no comprehensive analysis has integrated students’ educational background
with regard to their first-generation status, psychological resources, and academic
success in Germany. This paper contributes to closing this research gap by comparing
FGS to their peers, focusing on the question of possible differences in psychological
resources and academic success. By this comparison of FGS and SGS the generational
status of the students is used as a proxy for their social or, more precisely, educational
background. By integrating aspects of research on personality and achievement into the
framework of social status, academic success, and the reproduction of inequalities, this
study addresses questions about psychological predictors of academic achievement and
adds to the sociological discussion of educational status reproduction and to the
psychological discussion of personality traits and achievement. Moreover, knowledge
about which factors influence academic success has important implications for learning
and education (O’Connor & Paunonen, 2007).
134
2. Theoretical Background and State of Research
2.1. Social Position and Financial, Social, Cultural and Psychological Resources
The intergenerational social reproduction of educational chances and academic
achievement can be ascribed to the unequal distribution of cultural capital (Bourdieu,
1986). Social classes vary in their capital, which is transmitted from parents to their
children and reproduced within social groups (Bourdieu, 1986) and leads to status-
specific lifestyles, values, knowledge, qualifications, as well as thinking and acting the
habitus. As the educational system is an institution of the middle class (Bourdieu 1986),
the habitual distance to academia can be assumed to be greater for students whose
cultural capital is lower (Brändle & Lengfeld, 2016a). As a result, students from lower
social status groups are less likely to enter and to complete higher education and the
institutionalized cultural capital is thereby reproduced (Brändle & Lengfeld, 2016a;
Patfield, Gore & Fray, 2020). The relation of social status and individual development is
also explained by theories of socialization, in which it is argued that being part of a social
class leads not only to a class-specific habitus, but status-specific personality
psychological resources. Accordingly, the socialization process strongly influences how a
person thinks and acts, his preferences and motives. Family is seen as central entity of
mediation of the reproduction of class-specific resources (Kohn, 1977), especially
through class-specific parenting which shapes personalities to conform to the parents’
occupational conditions and tasks (Kaiser & Diewald, 2014b). It has been shown that
parental educational background influences “parenting methods” (Hoff et al., 2002), and
that parenting methods (Heaven & Ciarrochi, 2008) and parents’ social status and
personality (Kaiser & Diewald, 2014a) affect a child’s personality and achievement
(Steinberg et al., 1992). Anger (2012b) shows that parents’ psychological resources coin
their children’s personality traits and cognitive abilities. The correlation of
intergenerational cognitive abilities is hereby stronger than of personality. Existing
studies show that the socio-economic status (SES) is a predictor of a child’s personality:
Children from families with higher SES are less impulsive (Delaney & Doyle, 2012) more
altruistic, and less selfish (Bauer et al., 2014), more patient, less likely to make risk
seeking choices (Deckers et al., 2015), are more conscientious (Kaiser & Diewald, 2014)
and score significantly higher on IQ tests (Bradley & Corwyn, 2002). The
intergenerational transmission of abilities and personality occurs not only through
parenting, socialization and education, but also directly through genetics (Anger, 2012a;
Diewald et al., 2015).1
1 The two main channels for the transmission of characteristics between generations inheritance of genes
vs. transmission by a positive productivity effect of parental educationinteract in complex ways (Anger &
Heineck, 2010). Therefore recent approaches argue that a distinction is obsolete and that additive models
135
2.2. First-generation Students
In line with the theories presented, it can be expected that students from families with a
low SES differ in their cultural capital, habitus, personality traits, psychosocial resources
and school achievement from other students.2 In this context parental education is the
most important social status dimension (Schneider, 2004). Students whose parents have
not obtained a university/college degree are generally defined as FGS (Spiegler &
Bednarek, 2013), in contrast to second-generation students (SGS). In the U.S., it has been
shown that FGS differ from SGS in a number of ways: in their academic experiences and
development, their persistence and retention (Lohfink & Paulsen, 2005; Markle &
Dyckhoff Stelzriede, 2020; LeMire et al., 2021; Pascarella et al., 2004) in their academic
success (Ishitani, 2003; Pike & Kuh, 2005) as well as their personality, school
achievement, and psychosocial factors (Warburton et al., 2001). There seems to be a
cultural mismatch between the mostly middle-class norms that are institutionalized in
universities and the norms that FGS are socialized by; a personal misfit that may lead to
a struggle to integrate the social category of being an academic into their social self
(Stephens et al., 2012). This idea is backed by research that found that FGS are less
engaged and integrated (Stebleton & Soria, 2012).
2.3. First-generation Students in German Higher Education
To our knowledge, there are only few studies that deal with selected experiences and
psychological resources of (future) FGS students in higher education in Germany (Janke
et al., 2017; Peter & Storck, 2015; Wittner & Kauffeld, 2021). Thus, overall there is very
little knowledge about German FGS. Theoretical considerations and empirical evidence
from other higher education systems suggest that the associations between parental
education and students’ psychological resources and academic achievement can also be
found in German higher education. In this context, the specificities of German education
need to be considered. Compared with other education systems, the German education
system is strongly stratified and hierarchically organized (Kerckhoff, 2001). Therefore,
the extent to which previous findings apply to Germany has yet to be determined. One of
the main goals of the current study is to contribute to answering this question by testing
whether German FGS and SGS differ in their psychological resources, including their
attitudes towards education, academic self-concept, personality, and prior school
achievement. In addition, we focused on possible differences in the academic
of nature and nurture are outworn, abilities are “susceptible to environmental influences […] and also have
genetic components. These factors interact to produce behaviors and abilities that have both a genetic and
acquired character” (Cunha & Heckmann 2007, p. 32).
2 In the line of reasoning it is assumed that disparities in personality of children from different socio-
economic background persist until adulthood (Deckers et al., 2015).
136
experiences and academic success of FGS. We analyzed whether FGS differ from their
peers in their current academic and social integration and their current academic
achievement.
2.4. Predictors of Academic Achievement in Higher Education
Educational success in higher education is of paramount importance for subsequent life
chances (Reimer & Pollak, 2010). Therefore, it is important to determine not only
whether FGS and SGS differ in psychological resources but also which roles these
resources play in helping students attain educational success. General cognitive ability
and prior educational achievements can be seen as traditional determinants of academic
achievement (i.e. Chamorro-Premuzic & Furnham, 2003; Roth et al., 2015), but there is
also a range of non-intelligence-related correlates of academic achievement (Komarraju
et al., 2008; Richardson et al., 2012). The Big Five can account for variance in academic
achievement. Conscientiousness has been most consistently associated with scholastic
achievement (Chamorro-Premuzic & Furnham, 2003; Wagerman & Funder, 2007), and
agreeableness has also been found to have a positive effect on academic success
(Poropat, 2009; Saklofske et al., 2012). The results on relations of neuroticism,
openness, and extraversion with academic achievement have been less consistent
(Komarraju et al., 2008; Poropat, 2009). Academic self-concept and identity as a sense of
belonging to the environment as well as attitudes towards education and social and
academic integration have been shown to predict tertiary achievement (Hughes, 2010;
Jackson, 2003; Richardson et al., 2012; Robbins et al., 2004).
Overall, there is some empirical evidence that personality, psychosocial factors,
cognitive abilities, and school achievement all predict academic achievement in higher
education. Moreover, some results indicate that FGS and SGS may differ in the ways in
which these psychological resources are related to educational outcomes (i.e. Janke et
al., 2017). Thus, the second main goal of this study is to take a closer look at this relation
and determine whether there are differences in the factors that predict academic
achievement for FGS and SGS.
3. Research Questions
In this study a sociological perspective is taken by comparing students with different
social background (FGS and SGS) and integrated with a psychological perspective by
focusing on differences in psychological resources such as self-concept or personality
traits. In order to do so we explore how parental education and students’ psychological
resources and academic achievement are connected in three selected fields of study
(medicine/health sciences, teacher education, and social sciences).
137
For this purpose, we examine exploratorily whether FGS and SGS differ in their
psychological resources, including their academic self-concept, personality, attitudes
towards education and school achievement as well as their academic and social
integration and academic achievement. In addition, we answer the question whether
FGS and SGS differ in the ways in which the psychological resources are related to
educational outcomes by analyzing if there are differences in the factors that predict
academic achievement for FGS and SGS.
As the questions are answered exploratorily and due to the extensive set of variables
included in the analyses, no hypotheses were formulated a priori.
4. Method
4.1. Sample
We used data from the German National Educational Panel Study (NEPS), which
comprises longitudinal data based on random sampling. 3 This nation-wide data set
comprises university students who began their studies in the winter semester
2010/2011 (Blossfeld et al., 2011). A single-stage stratified cluster sample was drawn
from students at public and private universities. Because each area of studies at a given
university represents a cluster, we had two-level data with students clustered in areas of
study at universities.
The data were collected at different points of time throughout the first five semesters at
university: school achievement and educational background in the first semester;
academic self-concept, academic determination and identification as well as social
integration in the third semester; personality and attitude towards education in the
fourth semester and academic achievement in the fifth semester.
Although the study design should have rendered the sample as representative as
possible, the level of commitment that was required from each student led to some self-
selection in the sample and nonresponse bias.4
Given that students at different types of institutions (i.e., traditional universities,
universities of applied science) vary in personality, achievement potential, and social
background (Kramer et al., 2011), we included only students at traditional universities
3 This paper uses data from the National Educational Panel Study (NEPS): Starting Cohort First-Year
Students, https://doi.org/10.5157/NEPS:SC5:6.0.0. From 2008 to 2013, NEPS data were collected as part
of the Framework Program for the Promotion of Empirical Educational Research funded by the German
Federal Ministry of Education and Research (BMBF). As of 2014, NEPS is carried out by the Leibniz Institute
for Educational Trajectories (LIfBi) at the University of Bamberg in cooperation with a nationwide network.
4 From the overall number of 6,938 cases in the three fields of study, 2,995 cases contained full data sets
and used in the analyses (listwise exclusion in MPLUS was used); this equals around 43 percent of the cases.
138
in the present study. As grading differ greatly between different academic fields
(Wissenschaftsrat, 2012), we computed the analyses separately for three academic
fields (medicine/health sciences, teacher education, and social sciences) in order to
provide comparability for the variable of academic achievement.5
Women
Age (on average)
Migration background (by place of birth)
72.9%
21.4 years
13.6%
Table 1. Sample characteristics*. *N = 2,995
Academic field
FGS in percent
Overall (N = 2,995)
49.8
Social sciences (n = 371)
48.5
Medicine/ Health Sciences (n = 314)
24.5
Teacher Education (n = 2,310)
53.6
Table 2. Share of FGS.
4.2. Measures
FGS are operationalized as students with no parent or guardian who has earned a
degree at a higher education institution. We took a comprehensive approach concerning
overall academic self-concept because no reference point (e.g., other students) was
included in the items (Wohlkinger et al., 2016). The academic self-concept scale included
four items (based on Dickhäuser et al., 2002), for example “Learning new things is … for
me”. Participants provided their answers on a 7-point Likert scale ranging from 1
(= easy) to 7 (= difficult). Generalized attitudes towards education were captured using
a six-item unidimensional scale (Stocké, 2014) to which three items were added to
specifically include attitudes toward higher education. The participants rated the items
(e.g., “Attending school for a long time is a waste of time”) on a 5-point Likert scale
ranging from 1 (= disagree strongly) to 5 (= agree strongly). Social integration was
captured by two scales covering integration with teachers and fellow students, and
answers were provided on a 4-point Likert scale ranging from 1 (= does not apply) to 4
(= applies completely).
5 The academic fields were chosen based on overall large numbers of students in each chosen field and on
the number of FGS student and therefore their place in the “social structure of academic fields”. In order to
cover the variety compositions, three fields with different compositions of students were chosen: teacher
education has a high number of FGS, social sciences an average number of FGS and medicine/ health science
a low number of FGS.
139
Variable
Items
α
M
SD
Min
Max
N
Academic achievement
1
3.83
0.52
0.00
5.00
2995
School achievement6
1
1.88
0.60
0.10
3.00
2937
Academic self-concept
4
.83
4.98
0.82
1.25
7.00
2473
Academic determination
3
.48
0.06
0.81
2.55
1.53
2430
Academic identification
3
.83
0.08
0.84
3.01
1.41
2430
Social integration (fellow students)
3
.83
0.07
0.86
2.84
1.35
2423
Social integration (lecturers)
4
.75
0.01
0.79
2.74
1.95
2423
Attitudes towards education
6
.59
0.05
0.79
2.70
2.62
2579
Extraversion
2
.75
3.81
0.79
1.00
5.00
2594
Neuroticism
2
.55
2.71
0.79
1.00
5.00
2594
Openness
2
.55
3.67
0.87
1.00
5.00
2594
Conscientiousness
2
.50
3.86
0.74
1.00
5.00
2594
Agreeableness
3
.37
3.66
0.53
1.70
5.00
2594
Table 3. Descriptive statistics. Source: NEPS SC5; own calculations.
The scale covering the integration with teachers contained four items (e.g., “I get along
well with my teachers”). The scale used to measure social integration with students
contained three items (e.g., “I know many fellow students with whom I talk about
subject-specific questions”). Academic integration or commitment was captured by a
two-dimensional scale including six items on the dimensions determination/effort (e.g.,
“Concerning my academic performance, I set high standards for myself”) and
identification/affect (e.g., “My studies give me a lot of pleasure”; Dahm & Lauterbach,
2016). The scales included three items, each which was rated on a 5-point Likert scale
ranging from 1 (= does not apply) to 5 (= applies completely).
Validity and reliability of the academic self-concept, attitudes towards education, social
integration, and academic integration scales were established in previous research and
from the results of the NEPS pilot studies (Dahm & Lauterbach, 2016; Dickhäuser et al.,
2002; Stocké, 2014). For the attitudes towards education, social integration, and
academic integration scales, we conducted exploratory factor analyses to confirm the
factor structure of each scale. The factor scores that we identified were used in the
analyses.
The internal consistencies of the academic self-concept, academic identification, social
integration, and social integration scales were satisfactory (see Table 3) despite the
6 School achievement comprises the average grade from the Abitur which was originally measured on a
scale from 1 (very good) to 4 (sufficient). In order to achieve an easier understanding of the measure, the
values were transformed to a scale reaching from 0 (low school achievement) to 3 (high school
achievement).
140
small numbers of items on each scale. The attitudes towards education and academic
determination scales were not very internally consistent (α < .70).
We used the Big Five Inventory (BFI-10; Rammstedt & John, 2007) to measure
personality. The factors are captured with two to three items each, for example, for
extraversion, “I see myself as someone who is outgoing, sociable”. Answers were
provided on a 5-point Likert scale ranging from 1 (= disagree strongly) to 5 (= agree
strongly) and were aggregated into single values for each personality factor.
Academic achievement
School achievement
Academic self-concept
Academic
determination
Academic identification
Social integration
(fellow students)
social integration
(lecturers)
Attitudes towards
education
Extraversion
Neuroticism
Openness
Conscientiousness
Agreeableness
Academic achievement
--
School achievement
.32
--
Academic self-concept
.37
.21
--
Academic
determination
.24
.18
.15
--
Academic
identification
.18
.06
.46
.39
--
Social integration
(fellow students)
.02
.10
.16
.13
.27
--
social integration
(lecturers)
.18
.06
.33
.13
.38
.37
--
Attitudes towards
education
.06
.04
.06
.11
.09
.01
.03
--
Extraversion
.01
.09
.13
.02
.10
.31
.10
.01
--
Neuroticism
.03
.03
.21
.19
.13
.07
.13
.06
.23
--
Openness
.08
.04
.16
.07
.12
.11
.06
.05
.09
.01
--
Conscientiousness
.20
.18
.13
.48
.19
.09
.08
.10
.03
.10
.06
--
Agreeableness
.01
.05
0.01
.04
.05
.15
.09
.03
.06
.01
.10
.09
--
Table 4. Zero-Order Correlations. Source: NEPS SC5; own calculations.
Previous results have suggested that the BFI-10 scales retain significant levels of
reliability and validity, but that compared with the original BFI-44, there are some
noticeable losses in reliability, especially for the agreeableness scale (Rammstedt &
John, 2007; Rammstedt et al., 2013). This was confirmed in the present sample such that
the internal consistency of the scales was rather low, especially for agreeableness.
141
However, because of the small number of items, low consistencies were to be expected
(Rammstedt & John, 2007).
The grade point average the students reported in their fourth semester was used to
indicate their academic achievement. Self-reported final school grades from the Abitur
were used as a measure of school achievement. Gender was a dichotomous item
indicating whether students classified themselves as male or female. Age and migration
background were self-reported measures. Migration background was a dichotomous
item indicating whether a student’s parents or grandparents were born outside of
Germany.
4.3. Data Analysis
The analyses were conducted in two stages: First, to determine the net differences
between FGS and other students on single variables multilevel regression models in
MPlus 7 (Muthén & Muthén, 19982012) were computed with students (Level 1) nested
in universities (Level 2).7 We regressed psychological resources and academic
experiences on a dummy variable representing FGS versus other students while
controlling for gender, migration background and age. The regression coefficients can be
interpreted as mean differences between the two groups. We report Cohen’s d as effect
size in these cases (Cohen, 1988), whereby values around .20 indicate small effects,
values around .50 indicate medium effects, and values around .80 indicate large effects.
In a second step, we aimed to identify the factors that influence the academic
achievement of students in three academic fields. Thus, zero-order correlations with
academic achievement were computed. Second, multigroup regressions were computed
to test the extent to which the independent variables predict the dependent variable
(academic achievement). The clustered data structure was accounted for by cluster-
robust standard errors by using TYPE=COMPLEX (Muthén & Muthén, 19982012) and
we controlled for gender, migration background, and age. We applied stepwise forward
selection to identify the best-fitting model in each of the three academic fields. The
models with the best fit are presented including only predictors that explain an
incremental part of the variance. We ran these regression analyses with two groups
(FGS and SGS) and used Wald tests to test for differences in the predictive power of the
independent variables between the groups. When no significant differences were found,
7 There is some variance of the variables on the institutional level. As an example, here the intraclass
correlation coefficients (ICC) for the dependent variable, students’ academic achievement, separately for
FGS and SGS: medicine/health sciences: 0.00/0.11; social sciences: 0.03/0.06; teacher education: 0.07/0.03.
142
the factors were constrained to be equal between the two groups. We report
unstandardized coefficients to provide comparable results between the groups.
We used the Full Information Maximum Likelihood procedure to deal with missing data
because it allowed us to integrate cases with missing values in single variables (Lüdtke
et al., 2007).
5. Results
5.1. Comparison of First- and Second-generation Students’ Psychological Resources
In teacher education and the social sciences, FGS show a less favorable school
achievement (Cohen’s d: .10 to .17; see Table 5) and a less distinct academic self-concept
(Cohen’s d: .10 to .18) than SGS. In the social sciences, FGS were more motivated than
their peers (Cohen’s d: .20). FGS in teacher education and medicine/health science were
less open to experience (Cohen’s d: .11/.18), less extraverted (Cohen’s d: .05/.13), and
more conscientious (Cohen’s d: −.11/.30). FGS and SGS did not differ in agreeableness
and only slightly in neuroticism (Cohen’s d of −.10 in medicine/health sciences). In the
social sciences, FGS identified more strongly with their academic field, whereas in
medicine/health sciences, they were more academically determined than their peers
(Cohen’s d: −.32). FGS were less socially integrated with their fellow students (Cohen’s
d: .08 to .13), and in teacher education also with the lecturers (Cohen’s d: .13). Overall,
the results suggested that students with a nonacademic background in German higher
education differed from SGS in their psychological resources. The extent of these
differences varied notably, with rather small effect sizes overall that are partly not
statistically significant, and variation across the academic fields.
143
Teacher
Education
Social
Sciences
Medicine/
Health Sciences
School achievement
.10 (.05)*
.17 (.13)
.00 (.09)
Academic self-concept
.10 (.04)
.18 (.10)
.06 (.07)
Personality
Extraversion
.05 (.04)
.02 (.10)
.13 (.10)
Neuroticism
.03 (.04)
.03 (.10)
.10 (.11)
Openness
.11 (.02)**
.02 (.13)
.18 (.08)*
Conscientiousness
.11 (.03)**
.01 (.07)
.30 (.08)**
Agreeableness
.00 (.03)
.01 (.06)
.02 (.10)
Attitudes towards education
.04 (.05)
.20 (.08)*
.03 (.12)
Academic determination
.00 (.05)
.04 (.09)
.32 (.13)*
Academic identification
.03 (.05)
.11 (.13)
.00 (.12)
Social integration (fellow students)
.08 (.04)*
.13 (.11)
.12 (.14)
Social integration (lecturers)
.13 (.04)*
.02 (.09)
.05 (.08)
Academic achievement
.05 (.03)
.05 (.06)
.01 (.08)
Table 5. Mean differences between FGS and SGS: Regression coefficients from multilevel regression models
run separately for each variable in each academic field (0 = FGS, 1 = SGS). Source: NEPS SC5; own
calculations. ** p < .001, * p < .05 (robust standard error in parentheses); controlled for gender, migration
background, age
5.2. Predictors of Students’ Academic Achievement
The academic achievement of FGS and SGS did not vary significantly in any of the fields.
Nevertheless, some of the factors that influenced academic achievement still varied
between FGS and SGS. In a first step, our results confirmed that many psychosocial
resources and personality traits were correlated with academic achievement (see Table
6).
144
Teacher
Education
Social
Sciences
Medicine/ Health
Sciences
School achievement
.37**
.41**
.22**
Academic self-concept
.41**
.35**
.22*
Personality
Extraversion
.01
.01
.06
Neuroticism
.02
.08
.06
Openness
.11**
.04
.01
Conscientiousness
.22**
.25**
.12
Agreeableness
.01
.09
.01
Attitudes towards education
.08*
.04
.01
Academic determination
.27**
.28*
.12
Academic identification
.23**
.16**
.01
Social integration (fellow
students)
.07*
.01
.15*
Social integration (lecturers)
.20**
.25**
.06
Table 6. Zero-order correlations with academic achievement in three academic fields. Source: NEPS SC5;
own calculations.
** p < .001, * p < .05
In a next step, we tested the predictors’ influences on academic achievement and
whether their influence differed between FGS and SGS. As can be observed in Tables 7, 8,
and 9, school achievement was one of the strongest predictors of academic achievement
in all fields of study (unstandardized regression coefficient between .07 and .32.). The
same finding held for academic self-concept (unstandardized regression coefficient
between .05 and .24). Academic determination was a significant positive predictor in all
fields but medicine (unstandardized regression coefficient between .09 and .12).
Interacting with lecturers was a positive predictor only in medicine/health sciences
(unstandardized regression coefficient: .13/.14), and medicine/health sciences students
who interacted more with fellow students had lower academic performances
(unstandardized regression coefficient: .23). In medicine/health sciences and social
sciences, students with higher neuroticism scores performed better (unstandardized
regression coefficient: .19/.14). Extraversion had a positive effect for first-generation
medicine/health sciences students (unstandardized regression coefficient: .28).
Around one third of the variance of academic achievement was explained by the
predictors included in the models. There was notable variation in the explained variance
across the academic fields: In the social sciences and teacher education, about one third
of the variance was explained, whereas in medicine/health sciences, only one fifth of the
variance was explained.
145
Regression coefficients
FGS
SGS
School achievement
0.25 (0.02)**
0.25 (0.02)**
Academic self-concept
0.20 (0.01)**
0.20 (0.01)**
Conscientiousness
0.03 (0.01)*
0.03 (0.01)*
Academic determination
0.09 (0.18)**
0.09 (0.18)**
.31
.36
Table 7. Multigroup regression predicting academic achievement in teacher education. Source: NEPS SC5;
own calculations. ** p < .001, * p < .05. (standard errors in parentheses). Controlled for gender, migration
background, age. The model with the best fit is presented. Factors that were constrained to be equal
between the two groups when testing for differences showed no significant differences.
Regression coefficients
FGS
SGS
School achievement
0.07 (0.05)
0.37 (0.08)**
Academic self-concept
0.24 (0.05)**
0.05 (0.04)
Neuroticism
0.19 (0.04)**
0.02 (0.03)
Attitudes towards education
0.03 (0.03)
0.03 (0.03)
Academic determination
0.12 (0.03)**
0.12 (0.03)**
.34
.33
Table 8. Multigroup regression predicting academic achievement in the social sciences. Source: NEPS SC5;
own calculations. ** p < .001, * p < .05. (standard error in parentheses). Controlled for gender, migration
background, age. The model with the best fit is presented. Factors that were constrained to be equal
between the two groups when testing for differences showed no significant differences.
Regression coefficients
FGS
SGS
School achievement
0.32 (0.13)*
0.32 (0.13)*
Academic self-concept
0.01 (0.08)
0.23 (0.03)**
Neuroticism
0.14 (0.05)**
0.14 (0.05)**
Extraversion
0.28 (0.10)**
0.0 (0.07)
Attitudes towards education
0.02 (0.05)
0.02 (0.05)
Social integration (fellow students)
0.23 (0.04)**
0.23 (0.04)**
Social integration (lecturers)
.013 (0.05)**
0.14 (0.05)**
.22
0.21
Table 9. Multigroup regression predicting academic achievement in medicine/health sciences. Source:
NEPS SC5; own calculations. ** p < .001, * p < .05. (standard error in parentheses). Controlled for gender,
migration background, age. The model with the best fit is presented. Factors that were constrained to
be equal between the two groups when testing for differences showed no significant differences.
6. Discussion
6.1. Differences in FGS and SGS’ Psychological Resources and Academic Success
With this study, we explored whether and how psychological resources, academic
experiences, and success are related to the social backgrounds of German university
146
students. Our findings support the hypothesis that parental education is correlated with
psychological resources of university students as some differences between the groups
of FGS and SGS were found. The differences were in parts rather weak, and some
correlations did not occur in all fields. Therefore, the results of this study do not fully
conform to previous results from the U.S. This could be explained by the specificities of
the German educational system that is based on academic tracking. Throughout the
educational pathway there are numerous transitions, which are not only based on prior
educational achievement but that are highly correlated with the students’ educational
background (Stocké, 2007; Stubbe, 2009), e.g. the transition from primary to secondary
school (Maaz et al., 2010). In addition, the access to higher education (OECD, 2015;
Schindler & Reimer, 2010), the choice of higher education institution (Kramer et al.,
2011), and the choice of field of study (Becker et al., 2010) are related to the students’
social background. The numerous selection processes taking place in the German
educational system before and when entering higher education, could be responsible
that only FGS with rather similar psychological resources to SGS manage to enter and
successfully remain in higher education. Moreover, certain educational pathways
influence not only school achievement but also the development of all psychological
resources, so that an assimilation of FGS and SGS up to entering higher education can
have occurred. Nevertheless, the selection processes do not seem to have eliminated all
status-related differences between FGS and SGS. According to our analyses, the two
groups of students differ to some extent in their psychological resources.
6.2. Disparities between Academic Fields
The current findings suggest that there are distinct disparities between the academic
fields concerning the psychological resources of FGS and SGS and the predictors of
academic achievement. The disparities between the fields can be explained from
different perspectives. First, in accordance with prior results (Duru-Bellat et al., 2008;
Lautenbach, 2018), the social composition of the academic fields included in this study is
diverse (see Table 2): Medicine is a field that is mostly chosen by SGS, whereas in the
social sciences, the proportions of FGS and SGS are balanced, and teacher education is a
field of social advancement that attracts a large number of FGS. Second, the fields differ
in admission practices, assessment modes, and educational setting that can lead to
different requirements in order to succeed. Depending on these, psychological resources
have varying influences on educational success (Feyter et al., 2012). In our analyses we
can see that in social sciences and medicine/health studies for FGS neuroticism has a
larger positive effect than for SGS. It could be argued that FGS in these fields have a
greater fear of failure which results in a stronger urge to avoid errors which leads to
more academic success. We do not find this correlation in teacher education which could
147
be explained by it being highly structured, having a comparatively short study duration
(Statistisches Bundesamt, 2016), and its reputation of being a less demanding course of
study (Pohlmann & Müller, 2010; Preißer, 2003). These overall characteristics could
lead to less fear of failure and the non-existent effect of neuroticism on achievement in
this field. These results show that it is advisable for future studies to conduct analyses
separately for different fields.
6.3. Predictors of Academic Success
With regard to the relations between the psychological resources, the results of this
study are in line with previous research. School achievement was most consistently
positively associated with academic achievement, but psychosocial factors, especially
academic self-concept and academic determination, and personality traits also predicted
academic achievement. About one third of the variance in academic success was
explained, although not all factors that have been shown to predict academic success
could be measured in this study (e.g., measures of self-efficacy (Bong, 2012), seminar
attendance (Gbadamosi, 2013), or learning styles (Diseth, 2003)). Looking at the roles of
personality traits, the results indicate that not just single personality traits but a
combination of these traits could be influential through interaction effects. For example,
openness understood as intellectual curiosity might contribute to quick thinking and
reasoning which are in turn favorable for achievement. Conscientiousness understood
as self-discipline might facilitate learning. Besides these single effects, both factors show
interacting effects on achievement (see Moutafi et al., 2006, for further explanation
regarding to this relationship).
6.4. Research Desiderata and Limitations of the Present Study
The current study is based on representative, nation-wide data allowing for detailed
investigations of FGS in German higher education for the first time. Some limitations
apply to the analyses and reveal that further research is needed in this context.
Because we operationalized academic success as self-reported GPA after four semesters
of study, there was comparably small variance due to the upward limitation of the
grading scale. Moreover, as a self-reported measure its reliability and validity remain
unclear (Kuncel et al., 2005) and the study should be replicated using objective
measures of students’ academic success.
From a methodological perspective, the analyses were conducted on manifest rather
than latent variables due to the available data. Because assumptions of normality were
violated, and the sample size was rather small for some of the analyses, the standard
148
errors might be underestimated, but this can be assumed not to be too problematic (Eid
et al., 2013).
In this study, we accounted for but did not explicitly analyze differences between higher
education institutions. Institutional predictors of academic achievement such as
teaching quality, or student-lecturer ratio could be assumed to potentially account for
unexplained variance. Future research could include institutional predictors and
possible interaction effects with psychological predictors of academic achievement.
When interpreting the results, it should be borne in mind that due to a sophisticated
study design, some self-selection and nonresponse bias has occurred. Especially as some
studies show that university dropouts’ risk is higher for FGS (Klein & Müller, 2020), the
panel mortality might lead to distorted results. Future research is therefore needed to
verify and substantiate our findings.
7. Conclusions
To our knowledge, this study is the first to compare German FGS with SGS using
representative data. Our results contribute to the comparably little knowledge about
this group of students in higher education and provide insight into the “still far from
complete” research on “individual characteristics and social influences that link social
origin and destination” (Diewald et al., 2015, p. 373). Our data and analyses should not
be interpreted in isolation but rather in the context of previous studies as a contribution
to the growing evidence on the importance of parental education and family background
for students’ psychological functioning in higher education. The findings of this study
indicate that parental educational background does not seem to impair academic
success in German higher education. This question of educational status and educational
success surely needs further investigation. Next to being the result of selection
processes before and when students enter higher education, it could be assumed that
there are additional selection processes throughout higher education. The dropping out
of higher education by some students (Heublein, 2014), could have led to a positive
selection of the FGS still attending higher education. Moreover, universities may have
already adapted to the changing student body and growing number of FGS in the last
decades. A growing number of universities in Germany offer support for FGS, especially
in the beginning of their studies.
Thus, future research is greatly needed to obtain a deeper understanding of the relation
between first-generation status and academic success as well as retention over the
course of study.
149
Besides the equal academic achievement of FGS and SGS, this study also provides
evidence of differences between the two groups of students concerning various
psychological resources. These differences could be considered to support the
assumptions of a status-specific socialization, which leads to different psychological
resources that persist throughout the educational system. It can be argued that FGS have
less competence in navigating the higher education landscape (Davis, 2010), experience
some discomfort in the higher education environment (Brändle & Lengfeld, 2016), and
therefore are less socially integrated and have a less positive academic self-concept. It
seems reasonable to assume that these differences between FGS and SGS would lead to
FGS performing less well academically, but the results of our study contradict this idea
as we found that FGS and SGS did not differ in their academic achievement. This can be
explained by assuming that the psychological resources that are predictive of academic
achievement differ between FGS and SGS. We were able to show that for FGS and SGS the
psychological resources seem to be divergently associated with academic achievement.
In order to further explore this possible explanation, future research needs to test
whether the identified predictors of academic achievement vary between the two
groups of students.
Moreover, as the students were in their fourth semester of study, the influence of the
time already spent at university on psychological resources such as academic self-
concept remains unclear. Further research is needed to learn more about the potential
development psychological resources throughout higher education and to understand
what role the university plays.
Finally, academic performance is only one aspect of academic success, and future
research should also include other factors. Subjective aspects such as satisfaction with
one’s course of study and its predictors in relation to parental educational background
should be considered in particular because they are especially relevant in the context of
attrition and degree completion (Sarcletti & Müller, 2011) and are better predicted by
psychosocial and motivational predictors than objective criteria (Blömeke, 2009).
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Autor:innen
Corinna Lautenbach, Dr., studied Sociology and English/American Studies at the University of Potsdam
and completed her doctorate on students' social origin and academic competencies at Humboldt-
Universität zu Berlin. She is working as a researcher in the field of instructional research at Humboldt-
Universität zu Berlin.
Lars Jenßen, Dr., received his Diploma in Psychology at Freie Universität Berlin. Currently, he is the
scientific coordinator of the research area Mathematics in Primary Education as well as an interim
professor for Research Methods in Education at the Humboldt-Universität zu Berlin. His research focuses
on the professional competence of primary school teachers and early childhood teachers with a special
focus on professional knowledge and emotions.
155
Fanny Isensee & Daniel Töpper
“Fusion Models” in the MakingAcademic and Writing Support for PhD Students
in the Humanities in US-American and German Universities
Or: Why we might need some more fast food in the university system
Abstract: With growing complaints about the length of doctoral studies and their lack of compatibility
with the labor market since the 1990s, the structure of doctoral studies in Germany was modified to some
extent. In the humanities, these changes are also reflected in structures of writing support, which this
contribution focuses on as a starting point to explore the broader context of the more general changes. In
the Anglo-Saxon world there is a vivid culture and exchange related to the topic of academic writing and
support structures for PhD students. With few exceptions, German academia generally does not consider
writing support as an institutionalized part of university structures. In this contribution, we argue that
this lack of writing infrastructure is rooted in the German university tradition and the idea of the “solitary
dissertation” and the dyadic supervision structure, which differs from US-American perceptions of
academic work. Yet, this antagonism has changed in the last two decades and some support structures for
PhD students have found their way into the German academic system in the form of new concepts and
models. Supported by culinary metaphors and a standardized website analysis this contribution examines
how and to which extent new structures were implemented, which models they are based on and in how
far the idea of the “solitary dissertation” is impacted and altered by these structures.
Keywords: PhD support, academic writing, writing centers, transfer USA-Germany, graduate schools
Zusammenfassung: Mit den seit den 1990er Jahren zunehmenden Klagen über die Dauer der Promotion
und deren mangelnde Arbeitsmarktkompatibilität hat sich die Struktur der Promotion in Deutschland in
gewissem Umfang verändert. In den Geisteswissenschaften spiegeln sich diese Veränderungen auch in
den Strukturen der Schreibförderung wider, auf die sich dieser Beitrag konzentriert, um den weiteren
Kontext dieser allgemeinen Veränderungen zu erkunden. In der angelsächsischen Welt gibt es eine rege
Austauschkultur zum Thema wissenschaftliches Schreiben und Betreuungsstrukturen für Promovierende.
Mit wenigen Ausnahmen wird in der deutschen Wissenschaft die Schreibunterstützung im Allgemeinen
nicht als institutionalisierter Teil der Hochschulstrukturen betrachtet. In diesem Beitrag wird
argumentiert, dass dieser Mangel an Schreibinfrastrukturen in der deutschen Universitätstradition und
der Idee derin Einsamkeit verfassten Dissertationund der dyadischen Betreuungsstruktur verwurzelt
ist, die sich von US-amerikanischen Vorstellungen über akademisches Arbeiten unterscheidet. Dieser
Gegensatz hat sich jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten geändert und einige Unterstützungsstrukturen
für Doktorand:innen haben in Form neuer Konzepte und Modelle Eingang in das deutsche
Hochschulsystem gefunden. Gestützt auf kulinarische Metaphern und eine standardisierte Webseiten-
Analyse wird in diesem Beitrag untersucht, wie und in welchem Umfang neue Strukturen installiert
wurden, auf welchen Modellen sie beruhen und inwieweit die Idee der in Einsamkeit verfassten
Dissertationdurch diese Strukturen beeinflusst und verändert wird.
Schlüsselwörter: Promotionsunterstützung, wissenschaftliches Schreiben, Schreibzentren, Transfer USA-
Deutschland, Graduiertenschulen
1. Initial Reflections Crafting your essay like a hamburger
We will start this text with a personal account of one of the authors and with a some-
what far-fetched comparison: the resemblance of an academic paper to a hamburger.
The first time I was introduced to an institutionalized form of writing support was
during a study abroad stay at a small liberal arts college in the USA. I had entered the
center to learn more about academic writing in the US-American context and because
the classes I took required many written assignments that varied in length and style.
156
To my surprise, the writing tutor I met for one of my appointments likened the structure
of an essay to the layers of a hamburger and drew an image of the different parts the
top part of the bun, the lettuce, the tomato, the patty, and the bottom part of the bun.
The bun forms the introduction and conclusion while the lettuce, tomato and patty (or
any other things you like on your hamburger) comprise the main body of the paper, they
explained. Each of the three parts of the main body makes a specific point and consists of
a topic sentence, the support for the argument, and a concluding sentence. And there
you have it a straightforward formula to an essay that you can hand in for your
reflection assignment.
I was surprised shouldn’t there be more to academic writing than following this simple
structure, and did it have to be a hamburger? When writing mirrors eating, do I feel
academic satiety? From the writing experience I had previously acquired in the German
university system, I had internalized the perception that writing needed to be complex;
it was considered good style to use fancy words and complex sentence structures to
make the writer sound more educated and well-versed in the topic they are writing
about. And here, in US-American academia, it was possible to whittle down such a
difficult task to a straightforward recipe. And of course, passive structures, one of the
staples of German academic writing, were considered bad style, and, on the contrary,
don’t make the writer sound educated. What I had also learned when writing German
academic papers was that your writing style and command of academic vocabulary were
scrutinized when you asked readers to comment on the written piece – so I internalized
to better not show earlier versions to my classmates or even professors, as they might
consider the style poor or the piece lacking academic reflection. Until you deemed the
text you were working on to be almost finished, you worked on it on your own and only
showed very advanced versions to your critics. In metaphorical terms, writing, like
cooking, was more highly valued when the process was pursued in an undisturbed and
private manner until the product reached the stage of perfection, and you as the writer
felt confident enough to share the piece with somebody. Only then would you ask for an
external opinion. Opinion here being less an atmosphere of supportive encouragement
and more a muddled expression of light recognition mixed with plain-spoken honesty.
Thus, working with tutors in writing centers who looked at early stages of your work
was a very unusual experience for me. Back then, I was a bit intimidated by the
opportunity that somebody was willing to read early versions of a text I would not have
shown to German readers. When I think of it now, it was in this moment that my
experience with academic writing from a German context clashed with the perception of
scholarly writing in US-American academia. I thought that writing was something you
just had to know how to do and that you worked on your texts on your own until you felt
confident enough to share them. Writing felt like a laborious and solitary process. The
157
writing center introduced me to a new perception of writing a craft that can be
acquired with certain tools and that you can work on and perfect over time. This felt
more like following a recipe that broke writing an academic essay down into
manageable parts, making the where and how to start seem more straightforward,
ultimately lowering the stakes and apprehension that went along with writing.
Reflecting on these experiences now, I realize that I learned about one of the major
differences between German and US-American academia first-hand, which might turn
out to be the most central one when it comes to the academic stage of writing a PhD in
the humanities. You could say that century-long regional traditions of academic culture
still cast long shadows onto current socialization processes in academia, and writing
either can be taught or should be learned on your own, but as this contribution will
show, this duality has become more and more blurred in the past decades.
2. Doctoral Studies and Academic Writing in German and US-American Contexts
We decided to start this article with a personal reflection of some specific aspects
related to PhD (writing) support structures in the USA and Germany. Here, we mainly
focus on PhD programs in the humanities and liberal arts, as writing support plays a
more significant role in these academic branches than in the STEM fields. Moreover, the
educational science structures that our article draws on empirically are mostly situated
in the arts and humanities. Still, even within this empirical package, there are sub-
disciplinary characteristics and methodological orientations that also influence the role
of support structures and the status of academic writing, respectively. A quantitative-
oriented educational researcher might place less emphasis on writing support than a
scholar focusing on qualitative research. This is why all empirical results have limited
significance for the entire field of educational science and even more so for the entire
field of humanities. Nevertheless, writing, writing support, and their analysis are
significant to varying degrees. Support structures for PhD students usually consist of
different components (such as how to navigate administrative matters, supervision
structures, workshops on specific theoretical and methodological approaches or support
related to balancing a PhD program and taking care of your family and relatives and
your own mental health), but we will stay within the scope of academic writing support
to highlight a key element of successfully completing a PhD, and use this as an entry
point to reflect on the broader support structures and their changes that occurred over
the last 30 years. In the main body of the article, we will move beyond personal
experience and look into general and writing support structures, discuss their
foundations and concepts and contrast the differing results and impressions we
aggregated. Academic writing is perceived and handled quite differently, although a
transfer of support structures from the leading US-American contexts to Germany
158
(among other academic systems) has occurred, creating more structured doctoral
programs in German universities. As Delamont, Atkinson and Parry point out doctoral
research represents a significant step in academic socialization and “is the key passage
through which young academics gain entry to the academy” (Delamont, Atkinson &
Perry, 2000, p. 2). To gain this access, doctoral candidates need to acquire and expand
their writing skills to successfully convey their research and knowledge.1
Completing a doctoral degree is an enormously complex task (for the history of the
academic degree see Jamme & Schröder, 2011; Schwinges, 2007) that requires a variety
of competencies and activities (for an overview of these activities and suggestions on
how to cluster them, see Carell et al., 2011). The “academic socialization”
(Schneijderberg, 2018) into these activities can be understood as a task performed by
the doctoral student, the professor (in the role of the supervisor), and the university
(Herzog, 2009, p. 14). However, all three entities are situated in a cultural continuum in
which established modes of initiation into institutions and traditions have been
aggregated. In German-speaking universities, the individual doctorate and the image of
the dissertation in “solitude and freedom” (“Einsamkeit und Freiheit”, Schelsky, 1963)
dominated for many years as an identity-forming cliché, which influenced the way
“academic socialization was conceptualized and institutionally organized. Schelsky
(1963) and others have noted that socialization specific to academics and PhD
candidates moved away from a life in “solitude and freedom” that Schelsky declared as
the founding idea of the reorganization of reform universities at the beginning of the
nineteenth century. What followed chronologically according to him was an academic
life as a form of “bonding and cooperation”, which aimed at “innovation and creativity”.
In this new image, creativity denotes the scholar’s ability to produce research and
knowledge in the context of collaborative research, which is typical of the STEM fields
(Schelsky, 1963, pp. 252253). Although Schelsky’s diagnosis, which was politically
directed against an expansion of student numbers achieved by an opening up of
universities to broader societal groups, is set in a specific historical time, we can still
observe continuities of his assessment inscribed in structures that concretely affect PhD
candidates to this day: Academic writing is mostly still conducted in a solitary fashion,
although collaborative research has contributed to new writing experiences. Support
structures have been implemented, but are sometimes difficult to assess and mostly
depend on the individual’s willingness and efforts. In this prevailing image ofsolitude
and freedom”, PhD candidates acquired the necessary competencies in a non-formalized
1 In fact, they do not only need training in specific types of (academic) writing, but rather in diverse writing
skills, ranging from producing different text types to being able to switch between different writing phases.
In the following, we will use the umbrella term “academic writing” to include creative writing skills.
However, for the purpose of this contribution we exclude writing support and resources targeted at
undergraduate students as this distinction matters for our research question.
159
process and found their own path to uncovering the results of their research. One leaves
the student alone and trusts in the independently running process in the sense of a
maturation, almost like some dishes are based on the fact that the ingredients, such as
the cabbage for sauerkraut, have undergone independent refinement processes. The
little formalized support that actually existed in Schelsky’s own time was primarily
linked to professional and methodological dimensions, whereas role-finding and the
organization of professional and private life around the doctorate were individualized
tasks.
For this case study, we argue that although the discourse on the significance of (writing)
support for PhD students has gained momentum in the last decades a development
that was influenced in large part by US-American academic models the image of the
doctoral thesis as a solitary and individual task remains dominant and is thus still
reflected in the resources and perspectives offered by (writing) support institutions. Our
aim is not to analyze discursively if and how a transfer occurred (Bosbach, 2009;
Schneijderberg, 2018) or present a traditional comparison. Neither will we look at
specific writing contents or exercises (Bammer, 2015; Nerad, 2004) nor will we propose
a transfer of distinct features or role models of PhD support structures (Boud, 2009).
Instead, we will try to map and reflect upon the results of transfer processes that have
already occurred.
To shed light onto the reception processes, we will first briefly describe the
characteristics of PhD programs for the German and US-American case, initially
presenting the structures in the USA before looking at the changes and transitions in
academic socialization in German universities.2 As an empirical basis, we conducted a
standardized website analysis (Korff & Roman, 2013) of 51 German universities that we
selected based on their classification and their annual output of PhD graduates.3 All
comprehensive universities with more than 1,000 successful PhDs graduates in 2020
were included (Statistisches Bundesamt, 2021). We examined which support structures
are offered, how they are organized, financed and promoted, and if and how academic
writing is featured among them. On this basis we then discuss which image of an ideal
doctoral candidate is conveyed in the resources and websites of the different
universities. This research design circumvents the difficult and at times ambiguous data
situation when it comes to the overall number of successfully completed dissertations or
the drop-out rates in PhD programs. As far as we know there is a lack of detailed
2 For a more current overview of different models of academic writing and its instruction see Gruber (2010).
A classic reference here is Galtung (1981) who introduces and discusses different writing styles ascribed to
specific intellectual styles (teutonic, saxonic, nipponic, gallic). For the term “socialization” with regard to
doctoral supervision see Schneijderberg (2018).
3 See also Banscherus & Pickert (2013) for a proposal on how to analyze and assess the accessibility and
representation of institutional support structures based on their web presence.
160
numbers in these areas. Furthermore, due to methodological constraints this
contribution does not strive for an international comparison between Germany and the
USA regarding the completion rates of PhD programs. Also, although the differences
between disciplines pertaining to completion rates (see e.g., Statisches Bundesamt,
2021b, p. 11; U.S. Department of Education, 2020) could be an indicator for the quality
of (structured) PhD programs in which, as we would argue, support structures play a
significant role the overall effects are highly debatable and would require a more solid
empirical basis.
3. US-American Models Support Structures and Resources
PhD programs in the USA have a different structure than most of their counterparts in
Europe (see e.g., McMaster & Murphy, 2016; Murphy & Thaiss, 2020). Before joining a
PhD program, candidates need to take the hurdle of applying to one of the
approximately 1,500 universities in the USA that offer PhD programs. In 2018-2019, a
total of 187,568 doctoral degrees were conferred (U.S. Department of Education, 2021).
The selection processes of graduate programs are highly competitive and usually
require specific scores on the Graduate Record Examination (GRE) (Nerad, 2004, p. 85).
Once accepted, the question of funding becomes increasingly pertinent, as students in
doctoral programs are faced with tuition fees that are unmatched in European academic
contexts. In turn, PhD students gain a comprehensive educational experience since they
can conduct independent research on the one hand, and are required to participate in
courses geared towards broadening their field of study on the other hand. Many of these
graduate programms offer courses or structures that focus on academic writing.4 What
is more, in most universities doctoral programs include a mandatory teaching element,
which gives PhD students the opportunity to teach undergraduate courses and gain
experience in teaching and grading.5 These characteristics form a structured PhD
program that is set up to guide the candidates through the process of completing a PhD
thesis. This guidance aspect is furthered by a strong bond between the doctoral
candidates and their supervisors as well as their PhD committees and university, who all
have a fixed and codified role with respect to the PhD student.
4 There is a plethora of research literature on academic writing and writing centers. Some starting points,
among others, are the following works: Girgensohn (2017); Mackiewicz (2018); Mackiewicz & Thompson
(2018).
5 As far as we could tell none of the structures we looked at below involved mandatory teaching. As it is an
important factor in academic PhD programs we still thought it necessary to mention it. Of course, there are
advanced PhD candidates who teach classes at German universities, but this is not necessarily coupled with
the PhD education. Thus, “research and teaching” are surprisingly structurally separated within academic
socialization.
161
Further, many of the universities in the USA maintain graduate schools that
accommodate specialized PhD programs. These graduate schools focus on specific
research areas, provide curricular studies and courses, organize academic social life, and
set up counseling and support structures.
All in all, we can observe that there is an institutional structure to support PhD students,
we find activities that connect students with each other, and there are multiple advisors
supporting the student. Moreover, we can find a structured PhD curriculum as well as
support structures targeted at supervisors. Since the 1990s, elements of this model have
been gradually introduced to European and specifically German universities to form
clusters of PhD programs that encompass specific current research topics.
4. PhD and Writing Support at German Universities Traditions and Trajectories
Since the 1980s, a process of differentiation of PhD studies at German universities has
set in, which expanded the norm of the individual doctorate to include graduate schools
and other formats and gave rise to the second main type of doctoral studies, the
“structured PhD program”, which is characterized by complementary formats and
support, and was inspired by the US-American model of graduate schools and graduate
centers (see e.g., Berning & Falk, 2005; Nünning & Sommer, 2007; for the interrelations
between the two models and the persistence of the “master-disciple” relationship see
Schneijderberg, 2018, pp. 309310; for support structures for supervisors see Bosbach,
2009, see here also forms of “‘multiplesupervision” in the US-American case, p. 59).6 In
the German research literature, studies on doctoral programs, support for PhD students,
and doctoral supervision are increasingly extended to both the “individual” and
“structured doctorate” and all intermediate or transitionary structures between these
antipodes. However, although considered, recorded, and characterized, the proposed
support structures are primarily addressed and observed in a general manner, without
going into detail about individual content and support for specific parts and tasks of
completing a PhD (Korff & Roman, 2013; Schneijderberg, 2018; Wergen, 2009; Wergen,
2011).7 Often statistics on PhD programs and graduation rates are aggregated while
interviews conducted with PhD students and/or their supervisors that replicate the
dyadic structure continue to be less focused on in the research literature. In this
contribution, we will specifically examine writing support structures as parts of the
6 We use this binary categorization and intentionally exclude PhD programs that are part of third-party
funded graduate schools as well as so-called “cotutelle-PhD structures”. It would be of course interesting to
look into those as well, but as important and prevalent as these third-party funded structures are in the
German university context, they are from our understanding and due to their funding still additions and
competing options to the “standard PhD” procedures and the standards embedded therein.
7 On the transformations of the breadth of the doctoral landscape through structured formats, and with a
focus on the educational sciences, see also Fiedler & Schedel (2009).
162
general institutional structures targeted at doctoral candidates and will focus on if and
how writing is viewed as an institutional and not only an individual undertaking. We will
also question if PhD writing tasks are treated separately or as part of the standard
within the universities’ institutional writing support structures (Girgensohn &
Liebetanz, 2010, pp. 194195; Girgensohn, 2018).
The subject area of academic writing in the context of doctoral studies is addressed
extensively, almost always mentioned, but rarely discussed in detail in this context. It is
therefore difficult to assess the extent to which new forms of doctoral support are
actually established and whether and to what extent these go beyond the aspects of
“solitude and freedom” which would also implicate individual and/or dyadic (in the
sense of supervisor and PhD candidate) responsibilities. When assessing the structures,
we will look into how these incorporate US-American models and to what extent they go
beyond giving individual advice or providing counseling structures and rather deal with
institutional standards of writing support. Moreover, we are interested in how the
specific writing task of the doctorate is dealt with (on the specificity of this task see
Girgensohn & Liebetanz, 2010, p. 179; Günauer et al., 2012; Rauschner, 2012).8 As
mentioned before, in the USA in particular, the stronger involvement of university
structures in PhD programs is a key aspect, so the question is, can we make a similar
case for German universities?9
5. Empirical Findings on PhD and Writing Support Structures in German
Universities Terms, Concepts, Curriculum
5.1. Data Basis and Methodological Approach
It is difficult to find a specific overview regarding what exactly is offered for PhD
students in German universities that goes beyond empirically aggregated student
numbers. As an approximation, we decided to bring together empirical data by
conducting a standardized website analysis based on Korff and Roman’s approach (2013,
pp. 4244). As a first criterion we only considered universities located in Germany that
8 In general, the academic writing needed within the PhD process differs from academic writing in the
context of undergraduate studies, e.g., regarding the thematic and temporal scope, the social-academic
involvement of the dissertation work, the higher pressure during the process, the social embeddedness of
writing, the professional dimension of writing, related to career issues, material issues (what material, what
scope), and limitation issues (where to end, how long to supervise).
9 Furthermore, it could be interesting to examine which concrete formats of writing education are
institutionalized, who is responsible for them, and which notions of writing responsibility are inscribed. In
sum, forms of “self-help”, forms of improving the “mentoring” aspect, “group education opportunities”, the
provision of “externalized writing spaces”, and peer formats can be found in the research literature, e.g., in
Mertlitsch & Struger (2007), Girgensohn & Liebetanz (2010), Herzog (2009), Schneijderberg (2018), Korff
& Roman (2013). Again, a look at studies shows that primarily optimization and advice to writers are laid
out as an orientation for PhD candidates.
163
offer PhD programs and thus are granted the right to award doctorates. We then
reduced the sample by focusing on universities with more than 1,000 completed PhDs in
2020 (Statistisches Bundesamt, 2021) as only these our preliminary assumption
have the necessary funds to create support structures for graduate students. We
secondly developed an explorative analytical frame based on our previous knowledge to
identify possible support structures in general and specifically for academic writing, and
specified the characteristics and type of these structures. We first analyzed all websites,
noting our respective analytical results, before in a second step all notes and entries
were re-evaluated by the second author, switching after each one of us had analyzed half
of the sample. This way, we made sure that both of us examined the websites, allowing
for a thorough analysis and discussion of certain classification decisions.
As we are first and foremost interested in support structures for academic writing for
PhD candidates, we narrowed down our analytical categories. First, we investigated if
there were any support structures at all on the central university level and if they
included writing centers or at least offered academic writing courses on the PhD level.
We looked at the central university structure, the level of the faculty in the German
sense of the term (“Fakultät”), and the departmental level. If we found such structures,
we noted where exactly they were situated (general, department, faculty), how they
were financed (university budget, third-party funds, funded by participants) and if
external support structures were mentioned. We then focused in more detail on the
specific writing support structures that were offered, asking which kinds of formats
were featured and whom these formats addressed. We further examined if any of these
support structures were obligatory, by which we aimed to answer the question whether
a stronger and “commitment-based” relation between doctoral students and the faculty
is encouraged or already in place. Finally, from these results we aimed to uncover which
type of role-expectations are prevalent in the university in general. We looked at
academic writing on the doctoral level and discussed whether it is framed and
supported as an individual endeavor and whether or not the PhD process is supported
by university structures or substructures, and if academic writing is understood as
something that can be acquired and supported, so to speak made “easily digestible”, and
if not, which barriers stand in the way to less sophisticated “eating habits”. Following
these results, we discussed if and how structural changes were inspired by the US-
American role model.
5.2. Results and Highlighted Analytical Findings
Regarding support structures, nearly if not all universities offered such structures
targeted at the dissertation process by at least providing a web presence with a
summary of information on (administrative) procedures before, during, and after the
164
PhD program.10 It seems that the universities followed the expectation of gathering all
the information in an overarching organizational structure, covering all PhD resources
in so-called “graduate centers”.11 Secondly, in widely differing depth all universities
addressed the fact that completing a PhD is (no longer) a process between two persons,
but instead they expressed an understanding that support structures represent a key
element for facilitating successful PhDs. How they reflected the parallel existence
between individual and structured doctorates differed even more, though there were
hardly any universities that did not touch on the addition of structured dissertation
support. Further, the majority of universities featured some type of graduate school,12
in most cases as a central structure, in many cases also in the form of graduate schools
funded through specific research grants or under the auspices of the “Excellence
Initiative” as a separate structure for specific academic fields.13 This dual structure is
both necessary and complex. Since third-party funds are necessarily limited to a certain
amount and time and often oriented towards specific research fields a permanent
basic structure must be provided additionally. This leads either to duplication of support
or gaps in services. The larger universities (e.g., Humboldt-Universität zu Berlin and
Freie Universität Berlin) try to counter this problem by feeding the resources of the
third-party funded graduate schools into the structure of the central graduate school.
This, however, creates a distance to the scholars and emerging researchers. The
contents of the externally funded programs follow different schedules and goals, and
address a different cohort than the central structure would require. At the same time, it
can be understood as an attempt to reduce costs and produce synergies. Some
universities offer specific “writing centers” (Universität Tübingen, Universität Bayreuth,
Universität Bielefeld to name a few) and “welcome centers” (e.g., Universität Konstanz,
Universität Regensburg, Universität Potsdam) structures that address specific
challenges of the PhD process or particular groups (e.g., international students) within
the PhD cohort. Nearly all universities addressed the point of potential ethical or
individual conflicts that might arise during the PhD phase and therefore reference
ombuds-positions that are offered within their structure. The majority of universities as
well refer to their counseling structures, which often involve counseling throughout the
10 Here information on third-party funded graduate schools was also included.
11 In our sample we found different terms for these structures. Some are called “Graduiertenzentren”,
“Graduiertenakademien”, “Research Academies”, and so on. In some cases, specific names were used that
alluded to the university or region, or referenced specifics of the institutional concept or self-concept of the
structure. From our impressions it is not possible to use the terms as the basis for a definite classification.
12 Their denomination in German differs as well quite a bit and varies between “graduate schools”,
“Graduiertenschulen”, Graduiertenkollegs”, etc. Although they basically entail the same underlying concept
of a structured PhD program oriented at certain academic disciplines, they are called slightly differently
depending on the university.
13 The name of these structures varies, some have English, some university-related names. The names of the
offered qualification measures as well as the type of their financing can differ as well: Some are completely,
some partly, and some are not at all financed by the university.
165
PhD process. Ombuds-structures and counseling structures differ widely when it comes
to staff, how much specific attention is directed towards PhD students, and how much
attention is devoted to career-specific questions. Further, most universities had
information and support available that dealt with so-called supervision agreements
(“Betreuungsvereinbarungen”).
On a very formal and general level we propose to summarize these broad constellations
under three distinct aspects. The newly structured support for PhD students consists of:
information, qualification, and non-specialized support. This third area can be
understood as a provision of specific PhD process support structures that include
counseling, supervision support structures, and ombuds offices.14 The majority of
universities saw the need to aggregate and combine all general information on the PhD
process, and offer information on the process itself, the supervision constellation, and
further university structures. They integrated this information into their graduate
school structures and included it in their (overarching) consultation services for faculty,
staff, and students. Not all but many institutions further included qualifying structures,
which added knowledge, competencies or certificates that in turn included writing
center structures in the cases with further differentiated resources.
What our analysis found to be less common are structures that are meant to allow for
peer or other networking structures. There are exceptions that have more elaborate
networking offers, but they are not as common as the aforementioned three aspects.15
Usually, networking opportunities remain on the level of regular meetings in the form of
a “Stammtisch” (informal group meeting that takes place regularly). Another element
that often involves offers on writing are award structures dedicated to early career
researchers. Support structures that especially address female researchers form a
further offer (e.g., at Universität Potsdam, Universität Frankfurt am Main, Universität
Bochum, Universität Bielefeld). Connected to this, but not entirely similar, are support
structures that generally asked for a mentor. For example, at the Technische Universität
München (TUM) having a mentor was even mandatory. As mentioned before teaching
opportunities or teaching supervision were as far as we can assess from our research
design not offered.
Beyond the more general impressions discussed above we also raised the question
concerning who exactly is addressed by the support structures. Though in some cases
there were qualifying measures on counseling and in some universities mentorship
14 Some universities also offered qualification structures addressing the supervising professors, some
integrated this type of career support into the support structures for postdoctoral faculty.
15 Networking structures denote programs and services that allow for the networking of PhD students. In
the Bavarian universities, at Universität Bremen, and at universities in North-Rhine Westphalia we also
identified regional support structures, meaning structures that connected the support structures and
students between different universities.
166
programs, in most cases the PhD students were personally addressed and all measures
started with them. Nearly all structures are understood as measures that support the
individual PhD journey and only in rare cases the supervisors were explicitly
addressed.16 The exception being the TUM, were a PhD curriculum and a mentor are
explicitly made mandatory and the requirements ask for a supervision committee that
consists of exactly three people. This obligation might occur in reduced form at more
universities, but only at TUM is it made very explicit and interestingly the USA as a
source of inspiration is highlighted. Moreover, there are other universities which have
some basic requirements in place: The Universität Stuttgart asks their PhD students to
publish contributions based on their research during their doctoral studies. In some
cases, there are semi-mandatory structures in place, in which PhD students do not have
to attend such courses, but it is advised and the incentive is increased by offering
participants a certificate. Some universities feature two models of PhD programs, the
faculty PhD and the structured doctorate. As part of the latter the student is required to
complete a specifically structured program. Universität Kassel, for example, has set up
such a structured program that compliments and at the same time competes with the
formerly “normal” case of the individual PhD, offering a specific certificate upon
completion. Still, the majority of universities with a structured program offers them in
the form of voluntary PhD qualification structures.
When looking at the financial aspects we can conclude that the majority of universities
provides the funds for the overarching general structure. Some of the universities that
also offer a qualification program specifically geared towards PhD students employ their
own staff (Universität Stuttgart, Universität Tübingen, Universität Bayreuth, Universität
Erlangen-Nürnberg, Technische Universität Berlin, Universität Hamburg, Universität
Kassel, Universität Bielefeld, to name a few) with the number of positions significantly
varying , some employ their other academic staff (Universität Hamburg, Universität
Bremen) and some hire external staff members (Universität Potsdam). Since their
program mostly addresses incoming international students, Universität Heidelberg has
a co-financing structure supported by the DAAD. As discussed before, Humboldt-
Universität zu Berlin and Freie Universität Berlin use their graduate schools as a
superstructure that aggregates the qualification programs of all their third-party-funded
graduate schools. On a higher level, affiliations between universities such as the Berlin
University Alliance (BUA) or the Universitätsallianz Ruhr (UAR) also offer support
16 In the German-speaking academic context, PhD supervisors are usually referred to as “PhD parents”
(“Doktoreltern”), in most cases doctoral candidates have a PhD “mother” or “father” (“Doktormutter” or
“Doktorfather”). This person is their main supervisor and provides guidance for the duration of the
candidate’s PhD journey. Ideally, the relationship and support structures between PhD parent and doctoral
candidate are tightly knit, however, in practice the relationship might not be as close as the system and
name might suggest.
167
structures targeted at early career researchers. Nonetheless, the question remains how
the information flow and the contact to the PhD students is achieved and maintained.
Only TUM has a structure in place that centrally registers and addresses newly enrolled
PhD students, TU Darmstadt has a welcome structure but most universities do not
register new PhD students and therefore cannot easily reach out to them, but instead
rely on the communication structures of the subordinate units and the PhD supervisors.
When we now look in more detail at the writing structures we can observe that writing
courses are often included in the PhD program structures offered by the graduate
schools, or in the case of Stuttgart, Tübingen, and Bielefeld by the writing
schools/writing centers.17 At Universität Bremen the language center offers special
courses and counseling on English academic writing for PhD students. In other
universities this resource is integrated into the courses offered by the graduate centers,
though at Universität Bremen this is highlighted as a part of the support structures for
PhD students. Some universities specifically address English or German academic
writing, some explicitly address international students (only). The specific content of
these writing structures is difficult to categorize, we would therefore propose a
distinction along different lines: There are course offers addressing specific text types
(exposé, introduction, journal articles, essays, etc.), the aforementioned specific
academic language (English, German), and courses that address certain parts of the PhD
process (beginning, writing phase, end, defense etc.). Then there are problem-specific
offers, writing counseling as an offer (groups and individual counseling services), net-
and co-working opportunities, contact and process support as well as retreat and
workshop offers (writing weeks etc.). Some universities have specific writing guidelines
(e.g., the diversity-oriented writing approach at Universität Tübingen) and the level of
differentiation varies between the writing structures as well as the way they are
integrated into the PhD programs.
When looking beyond this broad area, which can be interpreted as an overall acceptance
of the supporting task of the university, the similarities dwindle very quickly. Some
cases would profit from more detailed analysis, e.g., the cases of TUM, Universität
Bremen, Universität Hamburg, and Universität Bielefeld. While TUM specifically situates
itself within a broader (US-American oriented) reform movement seeking to install
structured PhDs, their program is indeed very distinguished and elaborate, the Hamburg
case with its clever usage of university staff is very interesting especially for the field of
educational science while Universität Bremen offers a very distinguished (writing)
counseling and networking structure.18 Bielefeld represents an interesting case as the
17 The writing center in Tübingen explicitly addresses PhD students but also master’s students.
18 At Universität Hamburg the department for educational studies has its own graduate school, a feature
which we did not find in any of the other examined cases.
168
writing center situated here is one of the forerunners of academic writing support
structures and the staff is very engaged in further developing and disseminating writing
support, including some creative third mission attempts (see e.g., Lahm, Meyhöfer,
Neumann, 2021). Universität Stuttgart and Universität Tübingen as well would be
extremely interesting to analyze further due to their writing center structures, as these
offer very elaborate writing courses and innovative formats. When we understand the
PhD as a complex process that should involve more people all these universities could
be relevant cases regarding attempts at implementing formats on a structural level. One
might also add the universities in Erlangen-Nürnberg and Stuttgart as well as TUM since
they feature specific support structures for the supervisors.
What is also striking is that the majority of the more centrally-oriented programs are
financed by the universities themselves. Kassel andrzburg are exciting cases,
because here the dyad is very clearly separated and two models stand in parallel.
Further interesting cases are those with mandatory requirements like TUM (with its
very specific mentoring program) and Universität Stuttgart (with its publication
obligation), because these go furthest into the direction of a mandatory structured
graduation the way it is conceptually imagined in the USA. One could also argue for
certain similarities exhibited by the so-called reform universities that were founded in
the 1960s and 1970s as they feature a wider array of support structures than many of
their counterparts, especially when it comes to academic writing and the support of
female researchers. There is a varying intensity of networking between headquarters
and subunits and we noticed different levels of involvement of the subunits as well as a
varying intensity of the efforts made by the headquarters. All in all, these cases could
serve as examples that stand for more elaborately structured PhD programs which
indeed could challenge the still prevalent notion of the doctorate as an individual
endeavor formed in the dyadic master-pupil structure.
6. Discussion and Outlook
Moving on to the “bottom bun” of this text, to us the most striking feature was the
unanimity with which the structured PhD is accepted as the new orientation point at
least as represented on the universities’ websites. Thus, we would argue that the fusion
between the established German and the Anglo-Saxon model (heavily inspired by the
US-American model) has been taking place, and we can detect manifestations of this
fusion in the public image universities want to convey. Although not yet standardized on
the level of specific elements and content within these elements, the consensus at least
comprises the expectation that information on PhD programs, qualifications acquired
during the PhD, and accompanying support structures form essential elements and are
169
made visible to the public. Of course, the images represented on the institutions’
websites do not necessarily lead to the inference that the structures have been
completely implemented and that PhD programs have been significantly altered we
would assume that, e.g., the relationship between PhD student and supervisor has
largely remained dyadic but the first steps towards a change in the underlying
structures can be discerned, be it in the form of supervision agreements
(“Betreuungsvereinbarung”), an emphasis on structured programs encouraged by
graduate schools or the increasing amount of support structures, among which writing
support has been our main focus. Our analysis of university websites obviously has its
limits, especially since the institutions’ web presence remains a significant component of
the image they want to convey to the public and to prospective staff, faculty, and (PhD)
students. To delve deeper into the success of institutionalized support structures our
analysis could be followed up by conducting interviews with current and former PhD
students. To gain an overview of the PhD student cohort, it would be highly interesting
to conduct a survey regarding the experiences as well as struggles that PhD candidates
report when describing their PhD program.
Our observations could be discussed along the lines of sociological frameworks
according to at least three tracks: One could observe (1) historical developments that
have led to an opening of the higher education system to students who do not have an
academic family background a development that has been discussed for German
higher education since the so-called educational expansion (“Bildungsexpansion”) that
gained momentum in the 1960s. This development stayed intact and accelerated over
the next decades, turning PhD programs into another field of the “Verschulung” of
society (a process of implementing characteristics typically assigned to schools and
schooling in educational programs that take place outside of school). The extension of
support structures for PhD students could also be interpreted as a result of the (2)
growing pressure on universities to remain relevant in the ever-expanding higher
education field, which has become even more competitive due to incentives such as the
“excellence initiative”. What is more, (3) in the last decades universities have acquired
the status of organizational actors that need to act strategically and are held accountable
for, e.g., their graduation rates (Krücken & Meier, 2006). This in turn could help to
explain the institutions’ interest in supporting PhD students throughout their doctorate.
It is hard to decide which interpretation mattered the most in this process, probably
all three influenced the general trend towards a weakened but persisting focus on the
dyadic bond between supervisor and PhD candidate and a stronger management
perspective on university research, which can also be observed with respect to
other shifts within the higher education landscape. One could as well interpret the
observed trends as a confirmation of Schelsky’s prediction of a time of “bonding and
170
cooperation” and thereby stress his causal assumptions of STEM superiority and the
“Americanization” of university structures, but based on our data these interpretations
would be built on shaky grounds. As our data consists mostly of homepage content and
allows insights into the cultural self-presentation of universities, we would argue that
there is to a certain extent a lack of recognizable and specific images of support of
professors and professional qualification processes for PhD students. We would connect
this to a blank space that remains about questions of the meaning of university
qualifications and the relevance and function of universities. This, in turn, can be linked
to a general tendency towards weakened structures of meaning and difficulties to create
useful shared assumptions and points of orientation. Highlighted by a certain uniformity
in the communicated support structures, what seems to be lacking to us are specific
images and ideas about what constitutes the newly emerging common ground.
Structured PhD programs, as well as “bonding and cooperation” are affirmations of
entanglements, but they are hardly descriptive or specific about the self-understanding
of their social function. There is no overarching meaningful narrative about what exactly
a PhD program entails. Of course, there cannot be just one narrative. As an example, one
might wish for the post-patriarchy or queer university to facilitate discussions about
what might constitute the university and what its specific function could be. Maybe, by
following Schelsky, one misses an idea about the mode of scientific work, which is
precise and distinct, and that there are hardly any such functional understandings of
structural support structures would be a surprising finding. The inclusive mass
university seems to lack an idea of what type of researchers it aims to socialize its
emerging researchers into becoming.
A model transfer alone cannot bridge this lack of potential meaning as the transferred
model is, of course, only an aggregated imagination of what is actually happening in the
USA, which is much more complex than the form of support discussed and implemented
at German universities. A closer look could be gained by implementing “micro transfers”
aiming to alter particular structures and working styles that could be transferred from
specific universities in the USA to specific universities in Germany. The gap related to
the role of the university pertaining to support structures could also be approached by
transferring cultural meaning and orientations from the respective social surroundings,
and one could interpret some findings in this direction. A few universities labeled their
emerging structures with keywords that hint at their location, thereby stipulating local
specificities by establishing a particular local name or in line with the Universität
Tübingen’s writing one could set a political aim as the funding idea of the structure:
This “diversity-oriented writing center” offers a broader term indicating a specific
understanding of writing center, which is on an abstract level concrete and thereby
171
different from other writing support structures. Through this, the center contributes to
an image of what a university could look like today.
Writing support structures and the general support structures could be a starting point
to re-think what universities have to offer to society in general, staying with our culinary
metaphors in the sense of meals, but also invite to think about their work from the
perspective of the menu, and maybe even the whole interior design of the restaurant.
Writing support, and more specifically PhD support, understood as a process that aligns
with the production of fast food, comprises knowledge on frying and seasoning with the
aim to have a fast produced, replicable and easily digestible product is as we would
argue still somewhat removed from culinary practices in German universities. Still, the
times of traditional regional university ideals, the so to speak “sauerkraut times”, which
rely on long and undisturbed fermenting processes that involve the creation of unique
tastes but were prone to turn sour when left unattended or not specifically cared for for
too long, are not to everybody’s liking (anymore). The result of course has to be
understood as some type of fusion kitchen, that consist of “fusion models” of PhD
(writing) support in other words a very specific sauerkraut burger which integrates
the specific regional culinary tradition (the individual agency as part of the PhD
structure) into the newly embraced idea of the structured programs that add to the
tradition. These individual PhD journeys embedded in collective structures again might
not be to everybody’s taste, but the different regional burger concepts and unique fast
food options still take a bit longer to cook and might even be a bit more expensive than
the ready-made PhD program, but offer an interesting constellation of institutional
developments. In turn, this allows for further research questions and comparisons and
interesting “food reviews”. Seeing the different chefs and their recipes for writing
support underlines this interesting touch of modern “PhD cooking”. This cookbook
already contains some delicious chapters featuring the formation of different
addressees, different language foci as well as various institutional structures and faculty
constellations, new writing expertise, new teaching subjects, new expert positions, new
modes and models for writing support, and different counseling approaches. It will be
interesting to see what research universities and university alliances, which have yet to
choose their fixed menu and create their own permanent support structures, are
cooking for their large and very diverse student populations. As critics we hope for more
elaborate recipes maybe the creation of a Michelin guide on PhD support could
support this honorable endeavor.
172
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Fanny Isensee, M. A., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Historische
Bildungsforschung, http://orcid.org/0000-0001-7348-9255, e-mail: fanny-lynne.isensee@hu-berlin.de,
research interests: institutionalization of age-grading in the USA, concepts of age, history of school
transportation, comparative transatlantic history of education.
Daniel Töpper, M. A., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Historische
Bildungsforschung, https://orcid.org/0000-0003-0187-3893, e-mail: daniel.toepper@hu-berlin.de, research
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administration.
174
Daniel Töpper, Lars Jenßen & Niels Uhlendorf
Interdisziplinäre Peer-Beratung als Beitrag zur Nachwuchsförderung? Konzept,
Erfahrungen und Weiterentwicklungspotential
Abstract: In diesem Beitrag wird das im Interdisziplinären Zentrum für Bildungsforschung (IZBF) an der
Humboldt-Universität zu Berlin von Mai 2021 bis Mai 2022 erstmals durchgeführte Format der
Interdisziplinären Peer-Beratung hinsichtlich Konzeption und Durchführung beschrieben sowie
Evaluationsergebnisse der ersten Kohorte vorgestellt. Im abschließenden Ausblick wird das Format vor
dem Hintergrund sich wandelnder universitärer Promotionsstrukturen diskutiert auch in Hinblick auf
Probleme, Potentiale und Weiterentwicklungen.
Schlüsselwörter: Beratung; Nachwuchsförderung; Peer-to-peer; wissenschaftliche Karriere
Abstract: In this article, the format of Interdisciplinary Peer Counseling, which was conducted for the first
time at the Interdisciplinary Center for Educational Research (IZBF) at the Humboldt-Universität zu Berlin
from May 2021 to May 2022, is described with regard to conception and implementation, and evaluation
results of the first cohort are presented. In the concluding outlook, the format is discussed against the
background of changing university doctoral structures also with regard to problems, potentials and
further developments.
Keywords: counseling; promotion of early career researchers; peer-to-peer; academic career
1. Einleitung
Die Sozialisation in eine akademische Tätigkeit hinein bleibt ein spannungsreiches
Unterfangen (zum Sozialisationsbegriff in Hinblick auf die Promotionsphase siehe
Schneijderberg, 2018). Wir verstehen Sozialisation in diesem Kontext als „ein Netz aus
Prozessen, Strukturen und Möglichkeiten der Einflussnahme, welche die Gestaltung der
Promotionsphase […] prägen“ (ebd., S. 413) und Nachwuchsförderung als strukturelles
Unterstützungssystem dieses Prozesses. Bereits Paulsen (1966) diskutierte das
Sozialisationsproblem, also die Frage wie der generationale Wandel an der Universität
pädagogisch gestaltet werden soll: Neben materiellen Bedingungen des Studiums und
rechtlichen Ausführungen zum Status der Universitäten finden sich auch Ausführungen
zum Universitätsunterricht, der Rolle des Universitätslehrenden und der Studierenden.
Im Sinne der Kernaufgaben Forschung und Lehre wird auch die Initiation des
wissenschaftlichen Nachwuchses durch die Doktoreltern diskutiert hin zu „selbständig
denkenden und wenn möglich mitarbeitenden Gelehrten“ (ebd., S. 77). Auch
Spannungen wurden hier schon deutlich, bspw. die Fokussierung der Lehrpersonen
vor allem auf Forschungsleistungen unter Vernachlässigung der Betreuung von
Studierenden. Dennoch blieb es beim Modell des „Meisterateliers“ in welchem „ein
175
Meister des Lehrens (…) Schüler (anzog), die bei ihm die wissenschaftliche Arbeit und
zugleich die Kunst, sie zu lehren, lernten und sie dann weiter trugen“ (ebd., S. 283)1.
Auch andere einschlägige Werke zur Beschreibung der akademischen Sozialisation
diskutieren mehr die materiellen Hintergründe des Studierens und die akademische
Sozialisation außerhalb der Universität (Weber, 1919), ohne sich detailliert der
Sozialisation innerhalb des universitären Feldes zuzuwenden, also den Prozessen und
Strukturen, die die Einübung der wissenschaftlichen Rolle begleiten.
Vereinheitlichungen und Standards bleiben aufgrund der Differenzierungsbewegung des
Forschens und den jeweiligen fachlichen Anforderungen und Besonderheiten
rudimentär, weswegen vor allem die dyadische Struktur von Promotionsbetreuer:in
und Doktorand:in als Orientierungsfigur beibehalten wird.2 Die hierin eingeschriebene
Positioniertheit der Promovierenden in Einsamkeit und Freiheit (Schelsky, 2017) wird in
der Forschungswirklichkeit oftmals als schwierig erlebt (Tenorth, 2013). Ironisch wurde
dies in der Figur der Promo-Viren (Meuser, 1994) problematisiert, um häufig
vorkommende Konfliktfälle und Schwierigkeiten in einem medizinisch-pathologischen
Register zu verhandeln und Reformanstöße zu liefern. Sich hier entwickelnde
Passungsprobleme wurden vielfach als individuelle Konfliktlagen beschrieben,
systematische Hintergründe werden vor allem im Rahmen von kategorialen
Problematisierungen diskutiert (Achterberg & Dahmen, 2014; Dülcke et al., 2021;
Meuser, 1994). Die sogenannten strukturierten Promotionsprogramme sind als eine
etablierte Antwort zu verstehen, die aber wie wir argumentieren in bestimmten
Kontinuitäten verbleiben.3 Wir wollen in diesem großen Rahmen ausgehend von der
Annahme eines systematischen Zusammenhangs zwischen Passungsproblemen und
Sozialisationsformat eine ergänzende Denkweise und Praxis akademischer Sozialisation
diskutieren, die sich als Beitrag zur Ausgestaltung der nicht-inhaltlichen Bereiche der
Promotionsbetreuung versteht und bisher kaum an Universitäten angesiedelt ist,
obwohl mit der Peer-Struktur u. E. eine Reihe von Vorteilen verbunden ist.
1 An anderer Stelle als „Meister-Lehrlings-Verhältnis“, „Einzelpromotion“ oder Lehrstuhlpromotion
bezeichnet.
2 Obwohl es mittlerweile Graduiertenkollegs und eine Vielzahl an anderen strukturierten Promotions-
programmen gibt (Lessenich & Königs, 1996; siehe für einen quantitativen und qualitativen Überblick
Konsortium Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs, 2021), bleibt die dyadische Struktur auch in
diesen Programmen die gängigste Form der Begleitung des wissenschaftlichen Nachwuchses, indem in den
strukturierten Programmen bspw. die Figur eines Hauptbetreuers eingeführt ist (siehe auch Helga Knigge-
Illner, 2012). Allerdings bieten die Graduiertenkollegs sicherlich im Durchschnitt bessere und vielfältigere
Betreuungsumgebungen, in welchen mehr verschiedene Ansprechpersonen und Austauschformate
gegeben sind (siehe für eine Vermessung der Neuheiten, Unterschiede und prozentualen Einschätzungen
Wergen, 2011, und hierin insbesondere die Beiträge von Kottmann, Enders, Schmidt und Holländer).
3 Zum Begriff der strukturellen Promotion siehe Nünning & Sommer, 2007, S. 920, für einen
Ordnungsvorschlag dieser Strukturen siehe Korff & Roman, 2013, S. 7274; für einen Überblick über
verschiedene Formen der strukturierten Programme siehe auch Herzog, 2009, spezifisch zu den
Erziehungswissenschaften siehe Fiedler & Schedel, 2009 und Nieke, 2009.
176
Ausgehend von einer empirischen Auswertung der Rückmeldungen zur Peer-Beratung
beschreibt und diskutiert der Beitrag Möglichkeiten und Grenzen des Formats zur
Nachwuchsförderung, dass in dieser strukturierten Form unseres Wissens nach selten
bis nie an Universitäten in Deutschland eingeführt wurde.
2. Promotionsberatung als Problem Zum Ausgangspunkt der Peer-Beratung
Ansatzpunkt und Motivation für den Versuch im Bereich der Promotionsunterstützung
ein Format zu entwickeln waren häufige Diskussionen darum, dass laufende
strukturierte Programme und häufig auch die einzelnen Promotionsverhältnisse nicht
immer genügend dabei unterstützen, die pluralen Promotionsanforderungen zu
bewältigen (Korff & Roman, 2013; Schneijderberg, 2018). Für die Relevanz des
Problems sind weiterhin grundlegende Wandlungen im universitären Betrieb relevant,
die wir hier in drei Strängen kurz andeuten. Konkret geht es um einen Rückgang an
zeitlichen Ressourcen für die Betreuung bei gleichzeitiger Aufgabenausdifferenzierung,
eine zunehmende generationale Differenz der akademischen Arbeitsbedingungen und
zuletzt das Fehlen vermittelnden Personals.
Die erste Problemkonstellation ist eine Folge eines generellen Trends zur
Akademisierung verschiedener Berufsfelder und einer zunehmenden Ausweitung des
Anteils der Studierenden in den jeweiligen Alterskohorten, die an den Universitäten
wachsende Betreuungsaufgaben produzieren, während sich die Anzahl der
universitären Professuren nicht in gleichem Umfang und gleicher Geschwindigkeit
erhöht (Statistisches Bundesamt, 2020). Dieser zeitliche Mehraufwand wird begleitet
durch die Auseinandersetzung mit sich erweiternden Verantwortlichkeiten im Bereich
der Wissenschaftskommunikation, einen größeren Anteil an first generation students,
wachsenden Anforderungen in medialen Kompetenzen bei der Bearbeitung von Studium
und Lehre und einer sich (inter-)disziplinär ausdifferenzierenden
Wissenschaftslandschaft, die eine Orientierung im Feld zusätzlich erschwert. Ein
Zeugnis der Folgen dieser sich verschärfenden Thematik sind unter anderem Studien,
die zeigen, dass professorales Personal an den Universitäten von zunehmenden
Berufsbe- und -überlastungen berichtet (Jackenkroll & Scherm, 2017; Julmi & Scherm,
2016; Oelsnitz, 2015).
Ein zweites hiermit verbundenes Problemfeld lässt sich als wachsende Distanz zwischen
Doktorand:in und betreuender Person markieren. Insbesondere der Ausbau an
mehrheitlich befristeten und tendenziell häufiger drittmittelfinanziertenStellen für
den akademischen Mittelbau (siehe bspw. Holderberg & Seipel, 2017) führt zu einer
Diversifizierung von Anstellungs- und Personalverhältnissen. Die Zahl der festen
Lehrstuhlmitarbeiter:innen ist inzwischen gegenüber den temporären
177
Projektanstellungsverhältnissen geringer geworden, bei einer gleichzeitigen Verschie-
bung des prozentualen Verhältnisses zwischen Professor:innen und Doktorand:innen
(Holderberg & Seipel, 2021; Statistisches Bundesamt, 2020). Gleichzeitig erweitert sich
in einer sich rapide wandelnden Forschungslandschaft die Aufgabe den
Promovend:innen Handlungsorientierung zu vermitteln: Neue Medien, Themen und
Publikations- und Förderungslandschaften erfordern Anpassungen und Strategien, die
in den vorherigen Generationen nicht in diesem Maße gefordert waren. Hinzu kommt,
dass auch die Tätigkeit des Beratens und Betreuens selbst in der professoralen Kohorte
nur selten explizit zum Thema gemacht wurde (Fiedler & Schedel, 2009). Viele
universitäre Leitfäden zur Promotionsbetreuung entstehen und entstanden erst im
letzten Jahrzehnt (siehe bspw. Research Academy Leipzig, 2021) und Vorbereitungen
des professoralen Personals werden selten verpflichtend eingesetzt (Kottmann &
Enders, 2011).
Zum Dritten kommt hinzu, dass Postdoktorand:innen als potentiell vermittelnde
Instanzen zwischen professoraler und Doktorand:innenebene den gleichen wachsenden
Anforderungen ausgesetzt sind, bei oft befristeter Anstellung (Statistisches Bundesamt,
2020). Auch hier ist das quantitative Verhältnis zwischen Doktorand:innen und
Postdoktorand:innen keineswegs günstig (exakte Zahlen sind nur zu schätzen, siehe
hierzu Krempkow, 2016). Zwar sind in strukturierten Promotionsprogrammen die
Problemlagen der unzureichenden Betreuungskonstellationen adressiert (Kottmann &
Enders, 2011), allerdings bleiben auch hier dyadische, teilweise triadische Verhältnisse,
vor allem aber Strukturen präsent, in denen die Fokussierung auf den Inhalt und eine
fachliche Nähe (inklusive aller machtvollen Konkurrenz- und Abhängigkeitsstrukturen)
und andere Aspekte der Promotion, wie etwa Rollenfindung oder Lebensplanung (Carell
et al., 2011), bleiben hier nachgeordnet oder nur begrenzt thematisierbar, werden also
weiterhin tendenziell nicht thematisiert.
Zusammenfassend zeigte sich die dyadische Betreuungsbeziehung als alleinige Struktur
zunehmend als unzureichend. Solche Passungskonflikte sind keineswegs neu und
werden bereits durch verschiedene Formate der strukturierten Promotion bearbeitet, in
denen aber oftmals diese dyadische Figur erhalten bleibt. Gleichzeitig orientieren sich
nicht nur die Beziehungsgestaltung, sondern auch die anderen Unterstützungsinhalte
stark an der tradierten Form der Promotion, sind also eher inhaltlich ausgerichtet. Es
gab und gibt als Leerstelle für die nicht-inhaltliche Bereiche der Betreuung kein
explizites Programm. Dabei werden angesichts der pluralen Anforderungen
disziplinenübergreifender Austausch und Rückmeldungen von Personen, die nicht
die/der eigene Betreuer:in sind, immer wichtiger, auch da immer weniger Personen
permanent in der eigenen Disziplin bleiben. Deshalb ist es u. E. sinnvoll, strukturell
ergänzende Formen und Formate zu konzipieren und zu erproben, die bestenfalls
178
fachübergreifend funktionieren. Hier ist die Einsatzstelle der Interdisziplinären Peer-
Beratung zu sehen. Diese ist nicht als institutionelles Angebot zu verstehen, in der die
Betreuung an eine eigens hierfür bestehende Fachperson oder Fachstelle ausgelagert
wird (Herzog, 2009; Fiedler & Schedel, 2009; Carelle et al., 2011), sondern versucht das
Personenfeld, das um die Promotionserarbeitung herum besteht, zu erweitern. Daher
fokussiert die Peer-Beratung auch explizit auf die nicht-fachlichen Aspekte der
Promotion (Carell et al., 2011; Herzog, 2009).
3. Konzeptualisierung der Peer-Beratung
3.1. Theoretischer Hintergrund
Beratung ist nach Schubert et al. (2016) nicht als eine Form der Intervention zu
verstehen, sondern als ein Setting, in dem eine beratende Person einer ratsuchenden
Person Wissen zur Verfügung stellt, damit diese individuelle Ziele erreichen kann. Ziel
einer Beratung ist die Bewältigung von (aktuellen) Herausforderungen mithilfe des
Wissens der beratenden Person. Beratung ist somit auch von Supervision, Coaching,
Psychotherapie oder Mediation abzugrenzen (Schubert et al., 2016). Peer-Beratung stellt
eine besondere Form der Beratung insofern dar, als dass relativ gleichrangige
Personengruppen Beratungsbeziehungen eingehen. Peer-Beratung ist von verwandten
Konzepten wie Peer-Tutoring oder Peer-Support abzugrenzen: Peer-Tutoring hat
explizit zum Ziel, Lernprozesse zu unterstützen, wobei Peer-Support als Intervention
vor allem dann eingesetzt wird, wenn es um die Bewältigung belastender Ereignisse
geht. Die Grenzen zwischen den Konzepten sind jedoch teilweise fließend. So wird im
Hochschulkontext in Settings zur Förderung des Forschenden Lernens von Studierenden
auch von Peer-Beratung gesprochen (Artmann, 2021). Auf Ebene der Mitarbeitenden
der Universitäten findet Beratung meist in Form von kollegialen Hospitationen,
Fallberatung oder Fallsupervision statt (Rohr et al., 2016) und wird oft als Teil
wissenschaftlicher Weiterbildung der Mitarbeitenden verstanden (Jütte & Rohs, 2020).
Theoretische Modelle zur Erklärung der Wirksamkeit von Beratungskonzepten
bedienen sich in der Regel der sozialen Lerntheorie von Bandura (1977) oder der
Diffusionstheorie nach Rogers (1962). Beide Theorien begründen das soziale Setting
und damit einhergehende soziale Prozesse wie die Persuasion als wesentliches Agens
der Beratung. Im Vordergrund steht entsprechend der beiden Theorien die modellhafte
Vermittlung von umfassendem Wissen oder Strategien, das Aufzeigen von Sinnhaftigkeit
und Vorteilen der Strategien durch die Berater:innen sowie die Begleitung der
Entscheidung im Beratungsprozess bis hin zur Umsetzung und der anschließenden
179
gemeinsamen Reflexion. Angelehnt an Schubert et al. (2016) gliedert sich der
Beratungsprozess idealtypisch in die folgenden sechs Phasen:
1) Schaffung einer tragfähigen Beziehung
2) Klärung des Beratungsbedarfs
3) Formulierung von Zielen
4) Bearbeitung (v.a. Bereitstellung von Informationen) im Sinne des Zweckes
und der Ziele der Beratung (siehe 3.)
5) Überprüfung der Zielerreichung
6) Beendigung der Beratungsbeziehung
3.2. Prinzipien der Interdisziplinären Peer-Beratung
Die Peer-Berater:innen wurden angeregt, die nach Schubert et al. (2016) formulierten
Phasen des Beratungsprozesses in der Interdisziplinären Peer-Beratung umzusetzen.
Dabei wurde ihnen zu Beginn theoretisches Wissen zum Beratungsprozess und zum
Aufbau einer tragfähigen Beziehung im Beratungssetting vermittelt. Beispielsweise
wurde besprochen, dass Beratung auch im Hochschulkontext hinsichtlich der Haltung
der Berater:innen von den Prinzipien Empathie, Kongruenz (Echtheit) und
Wertschätzung geprägt ist (Rohr et al., 2016; Rogers, 1972). Den Berater:innen wurde
darüber hinaus die Relevanz verdeutlich, keine persönlichen Interessen zu verfolgen. Im
Vordergrund stehen vielmehr die Bedürfnisse der Promovierenden mit ihren
individuellen Beratungsanliegen.
Prozessual war die Interdisziplinäre Peer-Beratung durch eine hohe Freiwilligkeit der
Teilnehmenden gekennzeichnet. Handlungsleitendes Prinzip stellt die Hilfe zur
Selbsthilfe dar, wobei keine aktive Unterstützung seitens der Peer-Berater:innen
geleistet wird, sondern vielmehr die Entwicklungsförderung durch Informationsgabe
fokussiert wird. Im Rahmen der konzeptualisierten Interdisziplinären Peer-Beratung
basierten diese Informationen vor allem auf dem Erfahrungswissen im akademischen
Forschungsbetrieb, über das die Peer-Berater:innen verfügen. Hinsichtlich der
Merkmale von Beratung nach Schubert et al. (2016) wurde die Interdisziplinäre Peer-
Beratung als Fachberatung konzeptualisiert, wobei nicht die Vermittlung konkreter
fachlicher Inhalte im Vordergrund stand, sondern vielmehr die Förderung des
interdisziplinären Gesprächs in der übergeordneten Domäne der Bildungsforschung zu
nicht-inhaltlichen Anteilen der eigenen Arbeit und weiteren Fragen und Themen, die die
Beteiligten im Rahmen der eigenverantwortlich organisierten Treffen vereinbarten, sich
vorzunehmen.
Hinsichtlich der Struktur lässt sich die Interdisziplinäre Peer-Beratung als formale
Beratung kennzeichnen, wobei die Beratung in informellen Settings realisiert wurde. Die
180
Form der Beratung umfasste aus rechtlicher Perspektive auch die Einhaltung der
Schweigepflicht aller Teilnehmenden.
3.3. Durchführung der Interdisziplinären Peer-Beratung
Ausgehend von diesen Überlegungen wurde eine Beratungsstruktur am
Interdisziplinären Zentrum für Bildungsforschung (IZBF) der Humboldt-Universität zu
Berlin initiiert. Die Peer-Beratung bezog sich hierbei nur lose auf andere universitäre
Promotionsberatungsversuche und formierte sich ergänzend zu vorhandenen
psychologischen, formalen und Konfliktberatungsangeboten. Die Beratung sollte
nicht durch hierfür professionell vorgebildete Personen ausgeführt werden, war also
keine institutionalisierte Antwort auf den Beratungsbedarf. Stattdessen wurde eine
flexible, vernetzte und plurale Beratung auf der Basis von Berater:innen-Initiative
angegangen (siehe zu anderen Beratungsangeboten für Promovierende bspw. Knigge-
Illner & Kaluza, 2012; Wergen, 2019).
Die Ausgangsidee bestand darin, dass Promovierende von Post-Doktorand:innen
(= Peer-Berater:innen) hinsichtlich Rahmenaspekten der Promotion (z.B.
Zeitmanagement, Herausforderungen durch Kinderbetreuung und Promovieren,
Überwinden von Schreibblockaden, Netzwerken auf Kongressen, Initiierung von
Kooperationen mit anderen Bildungsforscher:innen, strategische Gedanken zum
kumulativen Promovieren, Beziehung zur begutachtenden/betreuenden Person)
beraten werden sollten. Eine Beratung zu inhaltlichen Fragen der Promotion oder
weiterer Forschungsvorhaben sollte die Beratung zunächst nicht umfassen. Eine
inhaltliche Beratung wurde als inhärentes Ziel für die gestifteten Beratungsbeziehungen
verworfen, womit jedoch die möglichen interdisziplinären Diskussionen nicht
verhindert, sondern nur in den Bereich der optionalen Gestaltung verschoben wurden.
Post-Doktorand:innen sollten die Möglichkeit bekommen, auf diesem Weg ihre
Kompetenzen im Bereich der Nachwuchsförderung zu erweitern, die für ihre eigene
Qualifikationsphase essentiell sind. Die vom IZBF moderierten Intervisionstreffen
sollten dem Austausch mit anderen beratenden Personen sowie die Reflexion der
Beratungsrolle im professionellen Setting ermöglichen. Weiterhin wurde angestrebt,
die Berater:innen und zu Beratenden aus Mitarbeiter:innen aus verschiedenen, aber in
Beziehung zueinander stehenden Fachbereichen zusammenzustellen, wodurch auch
interdisziplinäre Kontakte und Kooperationen angeregt werden sollten.
Die Peer-Beratung startete im Mai 2021. In einem ersten Schritt wurden Peer-
Berater:innen akquiriert und Doktorand:innen hatten die Möglichkeit, sich für die Peer-
Beratung anzumelden. Insgesamt wurden 16 Beratungstandems mit einer 1:1 Beratung
gebildet. Um die Zuordnung zu ermöglichen, füllten die Post-Doktorand:innen und die
181
Promovierenden jeweils einen statusgruppenspezifischen Bogen aus, in dem sie
Angaben zu Fachrichtung, Phase der Promotion, Motivation zur Teilnahme, konkrete
Beratungsanlässe, Entwicklungszielen und offene Fragen im Rahmen der Beratung
machten. Auf deren Basis wurden Promovierende den Peer-Berater:innen zugeordnet,
wobei eine möglichst hohe Passung zwischen Bedürfnissen der zu beratenden Personen
und Kompetenzen der Peer-Berater:innen hergestellt wurde. Hierbei wurde eine
etwaige fachliche Nähe angestrebt, wobei eine direkte institutionelle Zusammenarbeit
ausgeschlossen wurde.
Die Zuordnung zu den Tandems wurde kurz vor dem ersten Treffen veröffentlicht. Das
erste Kennenlernen der Gesamtgruppe aus Peer-Berater:innen und Promovierenden
fand im Mai 2021 aufgrund der pandemischen Lage digital im Rahmen eines
Auftakttreffens statt, geleitet von den Nachwuchsvertreter:innen des IZBF. Die
Teilnehmenden wurden hinsichtlich der theoretischen Konzeption von Beratung
aufgeklärt (siehe 3.1. und 3.2.) und über Form der Durchführung, Inhalte und Grenzen
der Peer-Beratung informiert. Vorgabe war, dass mindestens drei Beratungstermine
realisiert werden sollten.4 Den Peer-Berater:innen wurden exemplarische Hinweise zu
geeigneten Gesprächsanlässen mit den Promovierenden zur Verfügung gestellt. In einer
anschließenden 1:1-Situation wurde das erste Kennenlernen der Tandems angebahnt.
Im weiteren Verlauf wurden die Beratungen von den Tandems eigenständig realisiert.
Um die Qualität des Beratungsangebots aufrechtzuerhalten, wurden den Gruppen der
Berater:innen und Promovierenden jeweils mehrere Gruppenintervisionssitzungen
angeboten. Die Teilnehmenden bekamen hier die Möglichkeit, die
Beratungsbeziehungen gemeinsam zu reflektieren und mögliche Konflikte und
Probleme anzusprechen. Für die Post-Doktorand:innen wurden zwei Intervisionen
durchgeführt. Die Intervisionen wurden von einem Psychologischen Psychotherapeuten
begleitet. Das Programm wurde durch eine gemeinsame Abschlusssitzung im April 2022
in Präsenz zu Ende geführt.
4. Evaluation der Peer-Beratung
4.1. Anliegen der Evaluation
Eine offene und standardisierte Evaluation wurde zum Ende des Durchgangs der
Interdisziplinären Peer-Beratung, also etwa 12 Monate nach Beginn der Beratung,
durchgeführt. Ziel war es, ein globales Stimmungsbild der Teilnehmenden zu erhalten,
4 Es wurde darauf hingewiesen, dass ein derart geringer Umfang ein klar abgegrenztes singuläres
Beratungsthema voraussetzt. Es ist davon auszugehen, dass der zeitliche Beratungsumfang mit der Anzahl
der Beratungsthemen positiv korreliert.
182
welches sowohl durch quantifizierbare wie auch offene Antwortmöglichkeiten geprägt
war. Die Ergebnisse sollten zudem die Möglichkeit zur Weiterentwicklung des Konzepts
geben. Die Evaluation erfolgte vollständig anonym und wurde online durchgeführt.
4.2. Stichprobe
An der Evaluation nahmen von den 16 Tandems acht Doktorand:innen und elf Post-
Doktorand:innen teil. Die Mehrheit der Doktorand:innen (42,9 %) gab an, sich in der
Mitte der Promotionsphase zu befinden, jeweils 28,6 % gaben an, am Anfang bzw. kurz
vor Abschluss der Promotion zu sein. Den persönlichen Beratungs- bzw.
Unterstützungsbedarf in Hinblick auf die wissenschaftliche Tätigkeit schätzten 14,3 %
als hoch und 85,7 % als mittelgradig ein.
Alle Post-Doktorand:innen gaben an, dass die eigene Dissertation vor mindestens zwei
Jahren abgegeben wurde. Die eigene Beratungs- und Unterstützungskompetenz wurde
auf einer dreistufigen Skala (0 = niedrig, 1 = mittel, 2 = hoch) mit einem Mittelwert von
M = 1,10 (SD = 0,6) eingeschätzt.
4.3. Variablen und Messinstrumente
Die Evaluation erfolgte hinsichtlich verschiedener Variablen: Formale Durchführung
der Interdisziplinären Peer-Beratung, Zufriedenheit mit der Durchführung und
wahrgenommene Qualität der Beratungsbeziehung.
Formale Durchführung. Um einen Eindruck der formalen Durchführung zu erhalten,
wurde die realisierte Anzahl der Treffen erfasst, die durchschnittliche Dauer der Treffen
und das dominanteste Thema in den Beratungsgesprächen (jeweils eingeschätzt durch
die Post-Doktorand:innen).
Zufriedenheit. Um die Zufriedenheit erfassen zu können, wurde als Indikator gefragt, ob
die teilnehmende Person wieder an der Peer-Beratung teilnehmen würde und ob sie die
Teilnahme anderen Personen weiterempfehlen würde. Darüber hinaus wurde auf einer
5-stufigen Skala von 0 (= schlecht) bis 4 (= sehr gut) um die Einschätzung verschiedener
Aspekte bezüglich der Organisation der Beratung gebeten.
Wahrgenommene Qualität der Beratungsbeziehung. Um die wahrgenommene
Beziehungsqualität auf Seiten der Doktorand:innen zu erfassen, wurde eine adaptierte
Version der Skala Therapeutische Allianz - Revised (STA-R; Brockmann et al., 2010)
eingesetzt. Da sich Beratungsbeziehung und therapeutische Beziehung konzeptionell
voneinander unterscheiden, wurden lediglich die Subskalen Positive emotionale
Beziehung und Zuversichtliche Zusammenarbeit eingesetzt. Im therapeutischen Kontext
erreichen die Subskalen zufriedenstellende Reliabilitäten (Cronbachs Alpha zwischen
183
0,86 und 0,87: Brockmann et al., 2010). Die Doktorand:innen wurden gebeten, die von
dem Beratungskonzept adaptierten Formulierungen auf einer 5-stufigen Likertskala von
0 (= trifft gar nicht zu) bis 4 (= trifft voll und ganz zu) einzuschätzen. Die Post-
Doktorand:innen wurden im Sinne einer Ein-Item-Messung gebeten, auf einer 5-stufigen
Skala von 0 (= schlecht) bis 4 (= sehr gut) das Beratungsverhältnis zu raten. Die
verwendeten Items sind in Tabelle 2 angegeben.
Weiterentwicklung des Formats. Außerdem sollten durch offene Fragen Rückmeldungen
erhoben werden, die im Anschluss qualitativ ausgewertet wurden. Die offenen Fragen
zielten einerseits im weitesten auf die Weiterentwicklung des Formats ab, fragten nach
weiteren Themen und Probleme („Gab es weitere Themen über die Sie gerne gesprochen
hätten, wozu es aber nicht gekommen ist?“; „Haben Sie Kritik oder Verbesserungs-
vorschläge für das Format?“) und andererseits interessierte uns eine Reflexion der
Beteiligten („Inwiefern hat die Peer-Beratung zur Weiterentwicklung Ihrer
wissenschaftlichen Arbeit beigetragen?“; „Wie würden Sie Ihre interdisziplinäre Peer-
Beratungserfahrung im Rahmen des IZBF in ein oder zwei Sätzen beschreiben?“;
„Gibt es sonstige Anmerkungen, die Sie uns mitteilen wollen?). Die Fragen an Post-
Doktorand:innen und Doktorand:innen waren weitestgehend identisch in der
Formulierung aber rollenspezifisch angepasst.
4.4. Auswertungsmethode
Die quantitative Auswertung der Variablen erfolgte lediglich deskriptiv, es wurden
keine inferenzstatistischen Analysen angestrebt oder durchgeführt. Die qualitative
Inhaltsanalyse (nach Mayring, 2010a, 2010b) wurde zur Zusammenfassung
der Rückmeldungen genutzt und bezieht sich auf die Antworten in den freien
Antwortfeldern der Evaluation. Aufgrund der niedrigen Fallzahlen wurden
weitergehende Auswertungen und Kategorienbildungen nicht verfolgt. Ausgehend
von den offenen Ausgangsfragen wurden zu den Auswertungsinteressen passende
Antworten identifiziert, gruppiert und in rollenspezifische Zusammenfassungen
gebracht.
4.5. Ergebnisse
4.5.1. Quantitative Ergebnisse
Formale Durchführung
Die Teilnehmenden gaben an, dass durchschnittlich M = 4,27 Treffen realisiert wurden,
wobei das empirische Minimum bei 3 und das Maximum bei 6 lag. Die Mehrheit (72,7 %)
gab an, dass die Treffen durchschnittlich mehr als 60 Minuten gedauert haben, 27,3 %
gab an, dass die Treffen durchschnittlich zwischen 15 und 60 Minuten gedauert haben.
184
Die dominantesten Themen im Rahmen der Beratungen waren Zeitmanagement (36,4
%), die Beziehung zur promotionsbetreuenden Person (27,3 %) und mit jeweils 9,1 %
die strategische Karriereberatung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Vortrags- und
Präsentationsberatung und wissenschaftliches Schreiben.
Zufriedenheit
Alle Doktorand:innen gaben an, dass sie wieder an der Beratung teilnehmen würden
und dass sie sie weiterempfehlen würden. Die Mehrheit (85,7 %) gab an, dass sie auch
als Berater:innen teilnehmen würden, etwa 14,3 % waren diesbezüglich noch unsicher.
Auf Seiten der Post-Doktorand:innen gaben 90,9 % an, dass sie wieder teilnehmen
würden, 9,1 % waren diesbezüglich unsicher. Alle Post-Doktorand:innen würden die
Beratung weiterempfehlen. Die Angaben von sowohl Doktorand:innen als auch Post-
Doktorand:innen zur Zufriedenheit mit verschiedenen Aspekten der Organisation sind
in Tabelle 1 dargestellt.
Doktorand:innen
Post-Doktorand:innen
Anmeldeverfahren
3,86
3,89
Zuordnungsverfahren
3,57
3,30
Tandem
3,86
3,64
Begrüßungstreffen
3,00
3,63
Doktorand:innentreffen
2,80
-
Intervisionstreffen 1
-
3,67
Intervisionstreffen 2
-
3,67
Abschlusstreffen
3,50
3,00
Vernetzung
2,71
2,80
Programm insgesamt
3,57
3,27
Tabelle 1. Zufriedenheit der Teilnehmenden hinsichtlich der Organisation (Mittelwerte).
Wahrgenommene Qualität der Beratungsbeziehung
Das Verhältnis zu den Doktorand:innen wurde auf Seiten der Post-Doktorand:innen
durchschnittlich mit M = 3,82 (SD = 0,41) als eher sehr gut eingeschätzt. Die Angaben
der Doktorand:innen zur wahrgenommenen Qualität der Beratungsbeziehung auf den
beiden Subskalen des STA-R sind in Tabelle 2 dargestellt.
185
Subskala mit Items
M
SD
Min
Max
Positive emotionale Beziehung
Ich glaube, dass mein:e Berater:in mich schätzt.
3,20
0,84
2
4
Ich glaube, mein:e Berater:in mag mich.
3,20
0,45
3
4
Mein:e Berater:in und ich verstehen einander.
3,80
0,45
3
4
Meiner:m Berater:in liegt etwas an mir, auch wenn ich Dinge tue, die
sie:er mir nicht geraten hat.
3,20
1,30
1
4
Zuversichtliche Zusammenarbeit
Ich glaube, dass die Erfahrungen in der Peer-Beratung mir geholfen
haben, Veränderungen zu erreichen, die ich mir wünsche.
3,00
1,20
1
4
Was ich in der Peer-Beratung erfahren habe, erschloss mir neue
Sichtweisen meiner Probleme.
3,40
0,55
3
4
Als ein Ergebnis meiner Peer-Beratung ist mir jetzt klarer, wie ich die
Probleme angehen kann.
3,20
0,84
2
4
Ich glaube, dass ich durch die gemeinsamen Anstrengungen von mir
und meiner:m Berater:in von meinen Problemen entlastet wurde.
3,60
0,55
3
4
Tabelle 2. Deskriptive Ergebnisse zur Beratungsbeziehung aus Perspektive der Doktorand:innen.
4.5.2. Qualitative Ergebnisse
In Hinblick auf die Weiterentwicklung des Formats gab es von Seiten der
Doktorand:innen nur vereinzelte Rückmeldungen, in denen keine Antworten mehrfach
genannt wurden. Es wurden mehr persönliche Treffen gewünscht, eine leichte
Verkürzung der Einführungsveranstaltung vorgeschlagen und der Wunsch geäußert,
unsichere Arbeitsbedingungen und Vereinbarkeit Kind/Beruf stärker in der Beratung zu
thematisieren.
In Hinblick auf die Reflexion der Beteiligten kamen bei den Doktorand:innen mehr
Themen auf. Eine Gruppierung der Ergebnisse ist auch hier nur begrenzt möglich,
allerdings finden sich in den acht Textteilen einige Auffälligkeiten. So sprechen mehrere
Personen von Unsicherheiten, die in der Beratung adressiert werden konnten und somit
die Selbstsicherheit gefördert werden konnte. Es kommen Begriffe wie beruhigen,
zuhören und Austausch wiederholt vor, die insbesondere auch in Abgrenzung zu
anderen universitären Settings gesetzt werden, in denen der Austausch aus
verschiedenen Gründen als weniger unterstützend erlebt wird. Insgesamt interpretieren
die Doktorand:innen die Beratung als Unterstützung, die zu einer Verbesserung des
eigenen (wissenschaftlichen) Handelns geführt habe. Die Interdisziplinäre Peer-
Beratung wird vor allem konturiert in Abgrenzung zu anderen Räumen, indem dort
vorhandene Attribute („Profilierungsdruck“) oder Leerstellen („Bedürfnisse ernst
186
nehmen“; unbefangenes Sprechen“) zur Beschreibung der Peer-Beratung herangezogen
werden. Auch Elemente des (Erfahrungs-)Austauschs und der Vernetzung werden
angenehm erlebt und als Gewinn des Formats herausgestellt.
Die Evaluationsergebnisse der Berater:innen stellten prominent auch vor allem die
Gewinne für die Doktorand:innen heraus, wenngleich auch Vorteile für die Beratenden
wahrgenommen werden: Gesehen wurde hier ein Kennenlernen anderer Perspektiven
und eine erlebte Vernetzung mit anderen, die als positiv interpretiert wird. Es finden
sich außerdem einige konkrete Weiterentwicklungshinweise für die Peer-Beratung. So
wird einerseits eine schriftliche Vorlage zur Zielvereinbarung vorgeschlagen, um
Absprachen zu unterstützen. Außerdem wird vorgeschlagen, den Zuordnungsbogen zu
verbessern, indem Kategorien aufgeführt werden, wozu die Post-Doktorand:innen nicht
beraten können. Auch Weiterentwicklungen des Formats wurden angedacht: einerseits,
indem Tandems als Angebot für bereits promovierte Personen vorgeschlagen werden,
andererseits indem Treffen für mehrere Peer-Tandems vorgeschlagen werden und diese
gemeinsamen Themen besprechen. Letzteres kann als Idee der Weiterentwicklung der
in der Beratung aufgekommenen Themen verstanden werden.
Auch in diesem Bereich wurden Wissensverbreiterung, Vernetzungs- und neue
Rollenerfahrung als positive Ergebnisse wahrgenommen. Die Beratungsaktivität war
auch Anlass, über (eigene) wissenschaftliche Arbeitsbedingungen und die universitären
Strukturen nachzudenken und zuletzt wurde auch wenngleich selten die Rolle der
Beratenden als solche thematisiert. Eine Person drückte ihre Erfahrung als Peer-
Berater:in wie folgt aus: „Ich nehme mich noch stärker als kompetente Berater:in war,
bin (wieder) sensibilisiert für die Herausforderungen der verschiedenen
Qualifikationsphasen und nehme gleichzeitig die strukturellen Missstände des
Wissenschaftsbetriebs noch deutlicher wahr“.
5. Diskussion
Bevor wir auf die Interpretation und Einordnung der Ergebnisse eingehen, möchten wir
im Folgenden die Limitationen der Evaluation darstellen. Die Rücklaufquote der
Evaluation betrug für die Doktorand:innen 50 % und für die Berater:innen etwa 68 %
und fallen für Feldstudien somit relativ hoch aus. Sowohl die Doktorand:innen als auch
die Berater:innen wurden mehrmals zur Teilnahme der Evaluation erinnert. Somit gab
es kein weiteres verfügbares Mittel, die Rücklaufquote zu steigern, vor allem, da die
Gründe für die Nicht-Teilnahme nicht offensichtlich sind (typische Gründe bei
Feldstudien wie Nicht-Erreichbarkeit der Teilnehmenden können beispielsweise
ausgeschlossen werden). Trotz hoher Rücklaufquoten können in Anbetracht der kleinen
Population und der daraus resultierenden geringen Stichprobengröße für die Evaluation
187
jedoch nur sehr eingeschränkte Aussagen getroffen werden, die über die explorative
Analyse nicht hinausgehen. Mit dem STA-R wurde ein validiertes und etabliertes
Messinstrument eingesetzt, welches jedoch für den Beratungskontext adaptiert werden
musste. Inwieweit die Items in diesem Kontext valide Schlussfolgerungen erlauben, ist
daher eine offene Frage. Die Güte der qualitativen Aussagen ist eingeschränkt, da das
Erhebungsformat keine weiterführenden Nachfragen erlaubte und tiefergehende
Analysen nicht möglich sind. Ebenso erlaubt die Schlagwortartigkeit der Aussagen nur
begrenzt tiefergehende Analysen. Ebenso wurden die besprochenen Themen in den
Beratungen nur aus Sicht der Berater:innen erfragt. Hier wurde angenommen, dass
diese aus ihrer analytischen Position in der Beratungsdyade diese valider beschreiben
können. Inwieweit diese aber mit den von Doktorand:innen wahrgenommenen Themen
übereinstimmen, kann nicht bestimmt werden. Zusammenfassend kann also festgestellt
werden, dass die geringe Stichprobengröße und die Validität der eingesetzten
Indikatoren dazu führen, dass nur ein grobes Bild hinsichtlich der Evaluation der
Interdisziplinären Peer-Beratung gezeichnet werden kann.
Insgesamt haben 16 Tandems an der Interdisziplinären Peer-Beratung teilgenommen.
Somit kann unterstellt werden, dass es eine gewisse Nachfrage nach unterstützenden
Strukturen gibt, die außerhalb der bestehenden Arbeitszusammenhänge angesiedelt
sind. Für ein Nachwuchsförderangebot liegt eine relativ hohe Teilnahmezahl vor und die
entsprechenden Rückmeldungen, aber auch die erneut relativ hohen Anmeldezahlen für
den zweiten Durchgang, stützen diese Einschätzung. Unterstützungsangebote in den
bestehenden Arbeitszusammenhängen werden oftmals nicht explizit als Anlaufpunkte
für Problemlösungen wahrgenommen. Insofern kann die Interdisziplinäre Peer-
Beratung als ein Beitrag verstanden werden, die bisherige Sozialisationspraxis von
Doktorand:innen zu hinterfragen und Beratungsangebote von Personen außerhalb der
eigenen Arbeitsgruppen hinzuzuziehen.
Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse der Evaluation, dass bestehende Problemlagen
hiermit nicht vollständig ausgeglichen werden. Die Peer-Beratung funktionierte in
gewisser Weise als Indikation für Zufriedenheit, strukturelle Problemlagen bzw. aktuelle
Themenstellung der bestehenden Sozialisationsstrukturen und mögliche
Weiterentwicklungen. Auf einige solche Weiterentwicklungen und weitergehenden
Themen wollen wir abschließend eingehen. Deutlich geworden ist im Beratungsprozess,
dass die grobe Unterteilung in Post-Doktorand:innen und Doktorand:innen hilfreich ist,
aber bei der Angebotsplanung weiter differenziert werden könnte. Die Rückmeldungen
aus der Teilnehmer:innenschaft, sprachen sowohl einen Beratungsbedarf für Post-Docs
an, als auch einige Personen anmerkten, dass es einen erheblichen Unterschied macht,
ob die zu beratende Person gerade mit der Promotion beginnt oder sich kurz vor dem
Abschluss derselben befindet. Weitere Statusunterschiede innerhalb des
188
wissenschaftlichen Nachwuchses sind bisher nicht adressiert. Man könnte bspw. an
Differenzierungen denken entsprechend primärer Tätigkeiten, ungefährer zeitlicher
Verortung im Rahmen von WissZeitVG, Vertragssituation, soziale Lage etc. Deutlich
wurde in einigen Fällen, dass die konzeptionelle Trennung zwischen inhaltlichen und
nicht-inhaltlichen Fragen schwierig war. Ob sich hierin der Wunsch zeigt, zusätzlich zur
inhaltlichen Beratung durch die Betreuungsperson weitere Beratung zu erhalten, bleibt
Spekulation.
Im Format stellte sich vor allem auch heraus, dass sowohl Beraten-Werden aber auch
das Beraten selbst als herausfordernde Rollen wahrgenommen wurden. Die
Beratungsbeziehungskonstellationen haben auch deutlich den Einfluss der persönlichen
Beziehung und der persönlichen Passung gezeigt, ein Umstand, der im Rahmen der
Meister:invorstellung unserer Einschätzung nach selten beachtet wird. Ist die implizierte
Anpassungsanforderung noch zeitgemäß und wie ließe sich sinnvoll über persönliche
akademische Beziehungen sprechen?
Es zeigte sich in jedem Fall tendenziell der Wunsch individuelle um weitere
Unterstützung in der Gruppe zu ergänzen, die man als kollektive Betreuung bezeichnen
könnte; trotz oder gerade wegen der etablierten individuellen Form der
wissenschaftlichen Qualifikationstätigkeit.
Gleichzeitig haben wir es mit der Adressat:innen-Gruppe in Hinblick auf Ausgangslagen
und Bedürfnisse mit einer sehr diversen Gruppe zu tun. Das zeigt sich nicht zuletzt in
der Varianz der Themen, Häufigkeiten der Treffen, Dauer etc. und wurde auch als
Herausforderung in verschiedenen Beiträgen beim Abschlusstreffen thematisiert. Dies
wurde von den Teilnehmenden als anspruchsvoll erlebt und erforderte vor allem eine
ausgeprägte Unterstützungsbereitschaft und empathische Offenheit auf Seiten der
Berater:innen. In jedem Fall lässt die hohe Teilnahmezufriedenheit vermuten, dass ein
ausreichend flexibles Format gefunden wurde, dass, wie die hohen Werte auf den
Subskalen des STA-R unterstreichen, die Bedeutung der Beziehung für den
Beratungskontext hat einbringen können. Das ist insofern interessant, als dass die Post-
Doktorand:innen ihre Beratungskompetenz durchschnittlich als mittel eingestuft haben
und es sich ohnehin vermutlich um eine eher unerfahrene Population hinsichtlich
Beratung handelt (wobei die Vorerfahrungen lediglich im Sinne der subjektiven
Einschätzung abgefragt wurden). Positiv herausgestellt wurden auch die
Intervisionstreffen, vielleicht auch, da es solche Formen des Austauschs untereinander
zu Fragen der akademischen Sozialisation sonst seltener gibt. Zu beachten sind auch die
höheren Standardabweichungen auf den beiden Items Meiner:m Berater:in liegt etwas an
mir, auch wenn ich Dinge tue, die sie:er mir nicht geraten hat und Ich glaube, dass die
Erfahrungen in der Peer-Beratung mir geholfen haben, Veränderungen zu erreichen, die
189
ich mir wünsche. Dies weist auf eine höhere Variabilität in den Antworten hin und lässt
vermuten, dass einzelne Teilnehmende diesem Item entschieden nicht zugestimmt
haben. Dieser Aspekt könnte ein Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung bzw. für
zukünftige Intervisionstreffen sein. So könnte der erste Punkt aktiv bei den
Berater:innen adressiert werden, indem auf die Bedeutung der Variablen der
gelingenden Gesprächsführung bzw. Beziehungsgestaltung nach Rogers (1972)
verwiesen wird. Gegebenenfalls müssten Berater:innen hier auch aktiv geschult werden,
da diese (vermutlich) nicht über eine entsprechende Professionalisierung verfügen. Der
zweite Punkt könnte dahingehend aufgegriffen werden als dass auch hier die
Berater:innen stärker darin geschult werden, die Gesprächsinhalte eng an den
Beratungsbedürfnissen der Doktorand:innen auszurichten. Inwieweit dies bei der
Durchführung der Interdisziplinären Peer-Beratung gelungen ist oder nicht, kann nicht
eindeutig beantwortet werden. Die Varianz bei dem Rating des Items lässt aber, wie
bereits erwähnt, vermuten, dass es hier individuelle Verbesserungsangebote bedarf.
Ebenso verweisen die in Relation gesehenen niedrigen Mittelwerte bei dem Aspekt
Vernetzung und bei der Einschätzung des Format des Doktorand:innentreffens auf eine
Möglichkeit, unser Angebot für die Doktorand:innen zu verbessern. Inwieweit beide
Aspekte miteinander zusammenhängen, lässt sich vor dem Hintergrund unserer Analyse
nicht sagen. Auch hier müssten die konkreten Bedürfnisse der Doktorand:innen
tiefergehend erfragt werden. Eine mögliche Erklärung kann sein, dass das
Doktorand:innentreffen nur digital stattgefunden hat und es keinen direkten Austausch
untereinander geben konnte. Ebenso entsprach das Format nicht typischen
Doktorand:innentreffen - es gab keinen konkreten Input, sondern ausgehend von den
bishergen Erfahrungen der Doktorand:innen im Rahmen der Betreuung sollten die
Themen aus der Gruppe heraus erarbeitet werden. Dies mag ein ungewöhnliches
Format gewesen sein. Ebenso kann es auch sein, dass das Format als unnötig
angesehen wurde, da bei der damaligen Durchführung kein starkes Gesprächsbedürfnis
festgestellt werden konnte. Inwieweit die Interdisziplinäre Peer-Beratung den
Aspekt der Vernetzung zukünftig ansprechen kann, ist fraglich. Hierfür gibt es andere
Angebote im Rahmen des IZBFs, die dafür genutzt werden können. Dennoch mag unser
entwickeltes Beratungskonzept ein Einstiegsangebot für diese weiterführenden
Vernetzungsformate sein. Diese können auch nicht nur die Doktorand:innen betreffen,
sondern können auch ebenso für die Post-Docs gestaltet sein. Im Sinne der Intervision
könnte unser Beratungskonzept auch hier direkt sinnvoller Ausgangspunkt sein.
Qualifizierungsinteresse und Qualifizierungsmöglichkeiten für Post-Docs werden hier
ebenfalls als wichtiges Thema sichtbar und strukturelle Problemlagen der
wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen werden erkennbar und innerhalb der
Strukturen thematisierbar.
190
6. Schlussfolgerung und Ausblick Die Peer-Beratung als Beitrag im Bereich der
akademischen Sozialisation
Zusammenfassend deuten wir die erste Runde der Interdisziplinären Peer-Beratung als
erfolgreich, nicht allein in der individuellen Unterstützung, sondern auch als Schritt
einer Diskussion und Weiterentwicklung aktuell laufender Formate akademischer
Sozialisation an der Humboldt-Universität zu Berlin, die die Wahrnehmung struktureller
Probleme förderte, interdisziplinäre Vernetzung ermöglichte und informelle Lern- und
Austauschwirkungen bewirkte. So brachte die Peer-Beratung offene Fragen und
Qualifizierungsbedürfnisse zu verschiedenen Teilbereichen der wissenschaftlichen
Arbeit in den Blick, ebenso wie psycho-soziale Belastungen, spannungsreiche
Problemfelder, die strukturell bedingt sind und Wissenslücken in Hinblick auf eine
Reihe von universitären Strukturen. Die Peer-Beratung kann einen Großteil dieser
Eindrücke und die hier bemerkten Probleme zunächst nur für die Einzelpersonen und
vermittelt für die Gesamtgruppe sichtbar machen und Hinweise auf bestimmte
Auffälligkeiten gegenüber für Nachwuchsförderung zuständigen Stellen oder innerhalb
des IZBFs kommunizieren. Einzelfallunterstützung und Weitervermittlung sind ebenso
möglich, ebenso wie die hierdurch informell geleistete Intensivierung der
institutionellen Vernetzung helfen kann, die Bildung von Initiativen zur Bearbeitung
einzelner Themen zu erleichtern. Wenn wir die oben eingeführten Problemlagen zur
Vertiefung dieser Diskussion heranziehen, kann die Peer-Beratung, da sie nicht
inhaltlich ausgerichtet ist, kaum die fehlende Betreuung der Doktoreltern ersetzen. Sie
kann allerdings dabei helfen, Probleme in der Betreuung einzuordnen und
Umgangsweisen mit dieser ebenso zu suchen, wie Zugänge zu weiteren
Unterstützungskreisen zu weisen. Auch die wachsende Vielfalt von wissenschaftlichen
Aufgaben kann durch ansprechbare kollegiale Unterstützung und hierdurch fundierte
Netzwerke qualitativ besser erarbeitet werden. Hier fällt auch die generationale Lücke
zwischen Doktoreltern und Promovent:innen weniger ins Gewicht. Die zurückgehende
Zahl an Post-Doc-Personen sowie deren zunehmend prekärer werdender Status kann
auch die Peer-Beratung nicht kompensieren. Sie kann den Post-Doktorand:innen jedoch
Reflexion und Weiterqualifizierung ermöglichen und Netzwerke aufbauen, die
außerhalb des eigenen Arbeitsbereichs Anschlüsse ermöglichen. Eine Initiierung einer
Folgerunde wurde ab Mai 2022 ausgehend von den Ergebnissen und Erfahrungen der
ersten Runde begonnen. In Hinblick auf die Beratung wären mögliche
Weiterentwicklungsmöglichkeiten einerseits eine Weiterentwicklung der
Beratungstätigkeit dahingehend, dass man die in der Interdisziplinären Peer-Beratung
gemachten Erfahrungen zertifizieren könnte. Ebenso ließe sich überlegen, die
Begleitung der Beratung im Sinne einer Professionalisierung und Übertragbarmachung
des Modells zu standardisieren. In eine andere Richtung denkend könnte ebenso
191
überlegt werden, dass relativ flexible Beratungsmodell auszuweiten oder für eine
anders gefasste Adressat:innengruppe neu anzubieten und auf diesem Weg eine Peer-to-
Peer oder Peer-Beratung für Post-Docs oder anders kategorial zusammengestellte
Teilmengen aus dem wissenschaftlichen Mittelbau zu erproben. Zuletzt ließe sich aus
einer strukturellen Perspektive heraus überlegen, ob man die Peer-Beratung stärker als
Mittel nutzt, um bestimmte Problemlagen innerhalb des wissenschaftlichen
Nachwuchses zum Thema zu machen und eine stärkere forschende Begleitung und
qualitative Auswertung der Erfahrungen vorzunehmen, um auf diesem Wege aus einem
anderen Forschungszugang die gegenwärtigen Qualifizierungsbedingungen und hierin
eingeschriebene Probleme erkennen zu können.
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Forschungsschwerpunkte: Preußische Schulgeschichte, Medien sexueller Bildung und Erziehung,
Wissensgeschichte der Schulverwaltung.
Lars Jenßen, Dr., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung
Mathematik und ihre Didaktik in der Primarstufe, E-Mail: lars.jensse[email protected],
Forschungsschwerpunkte: Frühe mathematische Bildung, Professionelle Kompetenz im Bereich
Mathematik, Leistungsemotionen in Mathematik, v. a. Freude, Angst, Scham und Stolz.
Niels Uhlendorf, Dr., Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Erziehungswissenschaften, Abteilung
Allgemeine Grundschulpädagogik, E-Mail: uhlendon@hu-berlin.de, Forschungsschwerpunkte:
Differenzverhältnisse, Diskriminierung und Intersektionalität, Grundschule in der Migrationsgesellschaft,
Multiprofessionelle Kooperationen und Schulsozialarbeit sowie Umgang mit Scham und Beschämung in
der Grundschule.
20
23
INTER
DISZIPLINÄRE
BEITRÄGE
ZUR
BILDUNGS
FORSCHUNG
ISBN 978-3-98781-003-9 (online)
DOI 10.14279/depositonce-16771