scieee Science in your language
[en] (orig)
4.
» A
Map
for Rereading4<1
Intertextuaiität
aus
der
Perspektive einer feministischen
Literaturwissenschaft
Gisela
Ecker
>~h
he has his dissertation to write<, said Mr. Ramsay. She knew all about that,
satd Mrs. Ramsay.
He
talked
of
nothing eise.
It
was about the influence
of
somebody upon something.
2
[.
· .] it is so emormously important for women to write fiction
as
women -it
is
part
of
the slow process
of
decolonialising
our
language and
our
basic habits
of
thought.l
Lieb:
A.,
glaubst
Du,
daß
dies das objektive Denken ist, aus dem eine
>Objekti-
Ve<
Astbetik entsteht? Sage
Dir
alle großen Namen der abendländischen Litera-
tur_
auf,
.vergiB
weder
Homer
noch Brecht, und frage Dich, bei welchem dieser
?etstesnesen
Du,
als Schreibende, anknüpfen könntest. Wir haben keine autben-
n_schen
Muster,
das
kostet uns
Zeit,
Umwege, Irrtümer, aber es muß ja nicht nur
etn Nachteil
sein."'
Diese Textstellen
enthalten
bereits viele Stellungnahmen zu Problemen
der
Intertextualität,
die
in
der
feministischen Diskussion eine wichtige Rolle
spielen.
Es
werden
Schwierigkeiten beim intertextuellen Umgang mit ei-
nem Bildungserbe angesprochen, in
dem
Frauen
sich nur verzerrt wieder-
finden; die
Reaktionen
reichen von ironischer Distanz
über
Betroffenheit
und
deutliche
Absage
bis zu Entschlossenheit zur Spurensuche und Bereit-
SChaft
zur
Veränderung
der
eigenen Schreibweise. Aufgrund
der
Forschung
der letzten zehn
Jahre
dürfte kein Zweifel
mehr
darüber
bestehen,
daß
es
keine
ungehindert
reziproke Intertextualität zwischen Texten
der
Ge-
schlechter
gegeben
hat.
Dies
liegt
an
unserer Kultur, in
der
sich die männli-
che Perspektive,
zum
Allgemein-Menschlichen erklärt, als ,natürlich< und
automatisiert durchgesetzt hat.
Die
verschiedenen Möglichkeiten, die be-
schritten
werden,
um dieser Asymmetrie zu begegnen, nämlich sieb um den
~~eis
der
Selbstentfremdung
an
ein falsches Ideal von Geschlechtsneutrali-
tat anzupassen, sich zu separieren und die Gebundenheit an diese Kultur zu
negieren
oder
sich
auf
die parallele Suche nach einer eigenen Tradition zu
~geben
-alle diese Möglichkeiten sind per
se
nicht perfekt
und.
bri~gen
ihre eigenen
Probleme
mit sieb. Diese Situation ist zu berücksichtigen,
1
A.
Kolodny,
:.A
Map for Rereading: Or,
Gender
and
the
Interpretation
of
Lit-
erary
Texts«, New
Ututuy
Hinory,
l1
(1980), 451-467.
: V. Woolf, To the Ughthouae,.
Pantheredition
(St. Albaas, 1977),
~·.
64.
A. Carter, •Notes from tbe
front
lioec, in: Oll Gelttkr
tmd
Wntutg. ed.
M.
4
Wanctor
(London,
1983),
S.
69-77.
~-~.--Poetik
Vcw
Cb. Wolf,
Vo~
ei1fn
Enlllblng:
KartmtlrrJ,
FJ"aawuawa
lesunaen
(Darmstadt, 1983),
s.
146.
. .
l
, .
'
'
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;-
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I
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I
f;
'
I
wenn ich im folgenden drei Bereiche herausgreifen werde, in denen es
zu
Fragen der Intertextualität von der Seite feministischer Literaturwissen-
schaft ganz spezifische Problemkonstellationen gibt.
Daß
im Rahmen dieses Beitrags auf die von den Poststrukturalisten
entwickelte Definition von lntertextualität zurückgegriffen wird, hat eine
doppelte Begründung.
Zum
einen enthält deren globale (in vielem aller-
dings auch problematische) Kritik am westlichen metaphysischen Denken
auch potentiell feministische Positionen,5 die von einigen Vertretern auch
explizit benannt sind,6 zum anderen scheinen mir in
der
Erweiterung des
Begriffs auch erweiterte Anwendungsmöglichkeiten zu liegen. Daneben
wird innerhalb dieser Theorie dezidierten Erkenntnisinteressen Raum
ge-
währt, denn bei der Untersuchung von Intertextualität im weiteren Sinn,
also »the relationship between a text and
the
various languages
or
signifying
practices of a
culture«/
treffen mehrere Systeme aufeinander: der im Mit-
telpunkt stehende Text, die mit diesem in Relation gesetzten »signifying
systems« (die wiederum in Form von Texten auftreten können) und nicht
zu
vergessen die jeweils eingesetzte literaturwissenschaftliche Position, die in
sich ebenfalls intertextuell verankert ist. Die letztere ist umso wichtiger, als
mit dem genannten Konzept von Intertextualität im Prinzip sehr wenig
Grenzen gezogen werden,
da
man -so eine häufige Kritik -alles mit allem
in Beziehung setzen könne und somit das Problemfeld im Grunde wenig
vorstrukturiert werde. Barthes' Beschwörung eines universellen Intertexts
verdeutlicht zum Beispiel auf ironische Weise, daß kein Interpretationsakt
je die Polyphonie der beteiligten Stimmen erfassen könnte und daß der
Text (als »Intertext«) einen unbegrenzten Fundus
an
Anschlußmöglichkei-
ten bietet.
Der
hypothetisch unendlich plurale Text ist das beängstigende
wie
stimulierende Produkt der Texttheorie von Kristeva, Barthes, Derrida
und anderen. Die als Konsequenz für jegliche Anwendung dieser Theorie
nötige Entscheidungsleistung der beteiligten Forscher liegt
im
Bereich der
Selektion des untersuchten Texts, der Auswahl und
Art
der
Vergleichstexte
und schließlich der Vergleichspunkte selbst. Die spezifische Parteilichkeit
eines feministischen Erkenntnisinteresses8läßt sich so in die Untersuchung
von Intertextualität integrieren.
s Mit dieser Problematik setze ich mich detaillierter auseinander in: »Poststrok-
turalismus
und
feministische Wissenschaft: Eine heimliche
oder
unheimliche Al-
lianz?«, in: Frauen -Weiblichkeit -Schrift, ed. R. Berger u. a. (Berlin, 1985),
S.
8-20
und in meiner »lntroduction« zu Feminist Aesthetics, ed. G.
Ecker
(Lon-
don, 1985),
S.
X-XVII.
6
J.
Derrida, Spurs: Nietzsche's Styles (Cbicago, 1979); ders., -.Becoming Woman«,
Semiotext(e), 3 (1978); W.
C.
Booth, »Freedom
of
Interpretation: Bakhtin and
the Cballenge ofFeminist Crilicism«, Criticallnquiry, 9 (1982).
45-76;
J.
Culler,
On
Deconstruction (London, 1983).
7 J. Culler,
The
Punuit
of
Signs (New York, 1981), S. 103.
8 Vgl. dazu N. Würzbach, •Feministische Forschuna in Literawrwissenscbalt und
298
1.
Negierung von lntertextualität
im
Programm der »ecriture feminine«
»Den Körper schreiben« ist ein zentrales Konzept der französischen Femi-
nistinnen, das implizit Stellungnahmen zur Intertextualität enthält. Es ist
aus dem poststrukturalistischen Programm der Lust hervorgegangen, das
am
explizitesten von Roland Barthes9 formuliert wurde. Jouissance als kör-
perliches Empfinden drückt unbewußtes Begehren und instinkthafte Triebe
aus, die im Prozeß des Schreibens und Lesens auftauchen. Kristeva entwik-
kelt daraus ihre Theorie der symbolischen und semiotischen Anteile der
Schrift, nach der das Körperliche, d. h. Semiotische, über das Symbolische
hinausgeht, es in Frage stellt, es de-zentriert. 10 Bei Kristeva und Derrida
stellt ein Schreiben, das diesen Prozessen Raum gibt, eine avantgardistische
ästhetische Möglichkeit dar, die grundsätzlich beiden Geschlechtern offen-
steht, die aber gleichzeitig bereits mit dem Etikett
»Weiblich«
versehen
WUrde.
Obgleich »Weibliches Schreiben« zunächst nur
als
Gegenbegriff
zum
»phallozentrischen« Schreiben fungieren sollte, verlor dieses Konzept spä-
ter seine universale Zugänglichkeit und wurde auf reale Frauen projiziert:
~enn
eine
Frau
in
der
zeitlichen symbolischen Ordnung
nur
zur Existenz geJangt,
Indem sie sich mit
defD:
Vater
identifiziert,
so
versteht man, daß sie sich [ · ·
·]
vervollkommnet, sobald sich das durchsetzt,
was
sich in ihr dieser Identifikation
entzieht
und
nun
ganz anders,
in
unmittelbarer Nähe des Traums oder des müt-
terlichen
Körpers,
handelt.
Und
hiermit erhält die weibliche Besonderheit in
einer
patrilinearen
Gesellschaft ihre Konturen: Spezialistinnen für das Unbewuß-
t~,
Hexen,
Bacchantinnen, die sich in einer anti-apollinischen, dionysischen Or-
gie
dem
Sinnenrausch hingeben.
11
Cixous, Irigaray, Clement, Duras und andere
12
formulieren daraus ein
ex-
plizites feministisches Programm mit eben dem Argument, daß Frauen da-
für besonders privilegiert seien, weil sie sowieso immer schon innerhalb der
symbolischen kulturellen Ordnungen eine marginale Stellung innehatten.
Volkskunde:
Neue
Fragestellungen und Probleme der Theoriebildung«, in:
Die
9 Frau
und
das
Märchen, ed. S. Früh/R. Wehse (Kassel, 1984),
S.
192-2
14
· .
Le
Vgl.
z.
B. folgende seiner Texte: Roland Barthes par Roland
!larth_es
(1975),
Grain de
Ia
voix (1981
);
Le
Plaisir
du
texte
(1973); Fragmentdun
discoUT$
amou-
re~a
(1977)
10
1.
Kristeva,· Die Revolution
ihr
poetischen Sprache (Frankfurt.
197S)
und=)··
11
Desire in Language: A Semiotic Approach
to
LiteratUre
and Art (Oxford, 1 ·
I. Kristeva, Die Chinesin (Frankfurt, 1982), S. 264. . .
u Vgl.
H.
Cixous, Weiblichkeit in der Schrift (Berlin, 1980); L.
lrigm:ay,
Specul"!".
Spiegel
des
anderen Geschlechts (Frankfurt, 1980); die Beiträge m AltmuztiV.:•
1081109 (1976); New
French
Fmtinism:
An
A~,
ed.
E.
Marxll.
::~
vro
(Ambe
1980) .... löeiOh amerikan•schen
uod
deutsdien
A__..,...
.....
~
n rst, ; zur
e~en.
Aö....
f 1•ecnture ftmi-
vgt.
A. R. Jones, •Writing the body:
Toward
an
un~ntan;;:
~·s
beroiae: A
nine«,
Fm~inin
Studia, 1 (1982),
247-263;
N. Miller, . uer ,.Der
feminist critic
and
her
fictioDS«,
Dl«ritks, 12 (1982).
48-53,
F.
Hassa
ver-rüctte Diskun
der
Spradllcllellc~
Nodz/Nc/t,
2 (1980),
48-65.
1!J9
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1
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l
f
I
l
I
I
t
'
Der
symbolische Bereich,
der
zugunsten eines freieren Ausdrucks von
Körperlichkeit zurückgedrängt werden soll, umfaßt
neben
der allgemeinen
Bildung auch die kanonisierte Literatur,
das
Inventar
der
verfügbaren lite-
rarischen Formen.
Die
Zuwendung zur jouissance des Körpers bedeutet
also gleichzeitig eine Negierung dessen,
was
»Bildungsintertextualität«
ge-
nannt
werden kann. Obwohl sie aus ganz
anderen
Zusammenhängen ent-
standen ist, trifft sich die Negierung von Intertextualität bei
den
Französin-
nen
mit einer schon seit
dem
19.
Jahrhundert
geäußerten
13
und dann bei
Virginia Woolf
und
in
den
siebziger
Jahren
wieder aufgenommenen Klage
über
die Beschaffenheit des »Universums
der
Texte«, die das Zitieren und
Wiederverwenden so kompliziert gestaltet:
But after all, look at what we read. I read Schopenhauer and Nietzsche and
Wittgenstein and Freud and Erickson; I read de Montherland and Joyce
and
Lawrence and sillier people like Miller and Mailer and
Roth
and Philip
Wylie
[
...
] I read
or
read about, without much question, the Hindus and the Jews,
Pythagoras and Aristotle, Seneca, Cato, St. Paul, Luther, Sam Johnson, Rous-
seau, Swift
...
weil, you understand.
For
years I didn't take
it
personally.
14
Aus
der
Not
des Ausschlusses wird im Programm
der
ecriture
f~minine
eine
Tugend gemacht. Problematisch daran ist
nun
weniger die Theorie als de-
ren
Niederschlag in konkreten literarischen Texten.
Der
Theorie nämlich
kann
kaum mehr ein platter Biologismus unterstellt werden, wenn sie der-
art
explizit darauf insistiert,
daß
der
Körper
nicht dominant abbildhaftauf
den
Geschlechtscharakter verweist, sondern eingesetzt wird,
um
verfestigte
Codierungen in Bewegung geraten zu lassen. Dies verlangt allerdings ver-
änderte Leseeinstellungen, vor allem die Bereitschaft, die Skepsis
der
Post-
strukturalisten an
der
Referentialität des Zeichens
zu
teilen. Gleichzeitig
aber
-
und
darin manifestiert sich eine paradoxe Situation -liegt es in der
Natur
literarischer Texte,
daß
nicht
nur
der
intendierte intertextuelle Bezug
(das heißt hier: die negierte Intertextualität) zum
Tragen
kommt, sondem
alles, was vom Leser und
der
Leserio als ein solcher erkannt
und
assoziativ
verbunden wird. Dies ist ein wichtiges Postulat
der
Intertextualitätsdebatte,
die sich
der
erweiterten Definition des Begriffs bedient. Wie schon
im
Beitrag von
Lerner
deutlich wurde, ist es schwierig, wenn nicht unmöglich,
der
Intertextualität zu entfliehen.
Es
entstehen nicht-reflektierte intertextu-
elle Anschlüsse.
So
korrespondiert zum Beispiel das Weiblichkeitsideal der
ecriture fbninine bis
in
den
Wortlaut hinein mit
den
um
die Jahrhundert-
wende
in
der Literatur männlicher
Autoren
auftauebenden sinnlieben Frau-
enbildern von Lulu bis Molly, »Spezialistinnen«, von denen Kristeva sprach
und
die ihrerseits bereits viele Vorbilder hatten.
Ein
solches radikales ,.Her-
u So
z.
B.
an
mehreren SteHen bei Elizabeth Barren B,....._,."iAo Awona Leigh
( 1857). .
·--
..-ae'
14
M. French,
The
Women'1
Room (Loadoo, 1978). S.
1fJ7.
austreten aus
der
Kultur
-
an
deren
Konstitution als, wenn auch schwei-
gende, Folie
die
Frau
immer
beteiligt war«
15
-ist
eben
unmöglich und
schafft gefährliche
Anhindungen
an
Stereotypen, die andernorts attackiert
werden.
Ähnliche
Vorbehalte
gelten
auch für
Texte,
die nicht explizit aus
dem
Programm
der
ecriture feminine eiWachsen sind,
aber
den
gleichen Gestus
~es
entschlossenen
Nicht-Partizipierensaneiner
sie ausschließenden Tradi-
tion aufweisen.
Die
vielen Krankheitsgeschichten, in denen die IUusion
v~rmittelt
wird,
daß
körperliebe
und
psychische Extremzustände
ohne
stili-
Stische
Formgebung
dargestellt werden, stellen einen unfreiwilligen Bezug
zum Typus
der
kränkelnden
und
passiven
Frau
in
der
Literatur mehrerer
Jahrhunderte
her.
Als
besonders
problematisch gilt diese potentielle
und-
auf die
Autorinnen
bezogen -ungewollte Intertextualität bei Texten, in
de_n~n
weibliche
Protagonisten
durch
den
Rückzug in die Natur,
der
gleich-
~~~g
ein intensiveres
Körpererleben
mit
sich bringt, zu einem neuen Iden-
titätsgefühl
gelangen,
zum Beispiel
in
Kate
Chopin,
The
Awakening,
Joan
Bartoot, Gaining Ground,
Margaret
Atwood, Surfacing und vielen weite-
ren Texten, die
in
Gefahr
kommen
könnten,
in die Nähe
der
vielfältigen
Stereotypen
von
der
Frau
als Naturwesen zu geraten, eines jener erstarrten
Frauenbilder,
die
zu
Recht
heftig angegriffen worden sind.
Sicher ist
es
wichtig,
die
Probleme
einer
solchen Intertextualität
zu
er-
kennen
und
auch
im
Werk
von
Autorinnen
kritisch
zu
behandeln, wenn sie
zu
so starren
Festlegungen
führen,
wie sie
zum
Beispiel bei
D.
H. Lawrence
~finden
sind.
In
den
drei
genannten
Romanen
jedoch
sollen die Protago-
rustinnen
gerade
nicht
in
eine patriarchalische Gese11schaft integriert wer-
den.
Die
metonymische Angleichung an
Natur
bedeutet
für
Edna (Cbopin),
Abra
(Bartoot)
und
die
bezeichnenderweise namenlose Hauptfigur bei
At·
WOOd
erst
einmal
den
ersten
gesellschaftlich möglichen Schritt
zu
einer
weniger
entfremdeten
Existenz
und
aus
der
Negation
der
kulturellen Co-
dierungen erwächst ein Veränderungsprozeß, der im Gegensatz
zu
einer
fest umschriebenen
Rolle
steht. So gesehen könnte eine Untersuchung
der
intertextuellen
Relation
zu entsprechenden männlichen
Weiblichke~tsmy
then
sogar
zu
einer
differenzierteren Erkenntnis
der
eigentlichen
LeJStun_g
dieser
Romane
führen.
Auch
»writing
the
body• wird immer als dynauu-
seher
Prozeß
und
nicht als biologistische Reduktion definiert.
Das
Schreiben
nach
dem
Diktat
der
jouisslmee bringt daneben aucb
hochgradig intertextneUe
Texte
hervor, wie
sich
am Beispiel
v~
B~
oder
bei
den
von
den Poststrukturalisten favorisierten Autoren zagen läßt.
Auch
Cixous
produziert
intertextueU dicbte Prosa, wenn sie
~
auf
Dora,
Oance Lispecteur oder Eurydike beziebt und dabei mit
symbiotischen
For-
301
?
..
f
..
,_
'
'
men
der
Aneignung
und
Verarbeitung eines Prätexts experimentiert. Die
entstehenden systemreferentiellen Bezüge verweisen
auf
das automatische,
vom
Unterbewußten
gesteuerte Schreiben
der
Surrealisten.
2. »A Map for Rereading« als feministisches Forschungsprogramm
Eine
Vielzahl von Untersuchungen gilt
heute
der
Erforschung einer paralle·
len
Literaturgeschichte von Frauen. Aufgrund
der
feministischen Analyse
herkömmlicher Literaturwissenschaft
und
~geschichte
-die ich hier
als
bekannt
voraussetzen möchte -wurden Revisionsprozesse verlangt und
auch
bereits
in
Angriff
genommen, die nicht
nur
ein Auffüllen der Litera·
turgeschichte
um
die bisher nicht berücksichtigten Texte von Autorinnen
verlangten,
sondern
auch
ein
Wiederlesen bereits kanonisierter Schriftstel-
lerinnen.16 Probleme
der
lntertextualität gehen
auf
vielfältige Weise in ein
solches Forschungsprogramm ein,
denn
sowohl
Einzeltext~
als auch System-
referenz sind wichtige
Aspekte
einer
jeden
Literaturgeschichte, die
Tradi~
tionslinien und Gruppenbildungen herausstellen will.
Es
bestehen unterschiedliche Meinungen
darüber,
ob
es eine lückenlose
parallele Geschichte
überhaupt
gibt, denn:
Zu
schemenhaft voneinander getrennt geistern die Künstlerinnen durch die Ge·
schichte.
ihr
Tun blieb nach ihnen zumeist folgenlos,
ihr
Schaffen wurde bis auf
weniges aufgesogen in
den
männlichen Traditionen, als
daß
sich eine ganz selb-
ständige gegenläufige Tradition nachträglich konstruieren ließe.
17
Dagegen sind amerikanische
und
englische Wissenschaftlerinnen sehr viel
optimistischer:
[ · · ·]
one
can perform two simultaneaus and compensatory gestures:
the
archaeological
and
rehabilitative act
of
discovering and recovering
,.}ost«
woroen
writers and the reconstructive and
re~valuative
act
of
establishing a
panitel
literary tradition (
...
}
The
advantage
of
these moves is
that
tbey make visible an
otherwise invisible intertext: a reconstituted record
of
predecession and pre-
figuration. debts acknowledged and unacknowledged, anxieties and enthu-
siasms.18
Ungeachtet dieser Unterschiede besteht dahingebend Einigkeit, daß auf
diesem
Gebiet
die Forschung weiter
betrieben
werden
muß.
Dabei
ergibt sieb eine paradoxe Situation: Einerseits
werden
bestehende
Ausgrenzungen kritisiert, auch wenn sie so rührend schmeichelhaft ausfal-
len
wie Max Wildis
Cbarakterisieruag
des
»Fraueoromaos«,
dessen
K.enn-
16 Vgl.
E.
Moers,
I...iterrlry
Womm
.(New
York·.
:tan\
••
-..~
·ShoJralter
A
·J.Jtmi-
IJU'e
of Thdr Own . . . . ,
&7.
'1
'1NN
..
t
17
. . . . .
~
1978). .
. . ' ; ; ' .
S. Boveaschen.
•Über
die Frage:
Gibt
es
eine
>weibliche<
Asthetik?«,
Astlaetik
..
.lfllll
~,.
7 (1976), 60-'H.
..
·
··
f!l.,·lllilfcr-.
.&
mp'
n;
·AIILkck/Pioladlnd·~
iD'WOIDCJlrs
,yteÜOßc,
PLMA~
96
(1981),.~
··~·ll-;o,tL•.,,m;,~~·-~;~';'
..
"'~·t<I•Vi
' -
:
(",~
·
..
-·.·
_;_
,,, .
-
zeichen
>>ein
zartes,
empfindliches Gefühl für
Maß
und
Rundung«
und
des-
sen »Gewebe [
...
]
in
seinen
Proportionen
reiner
und im Ganzen durchsich-
tiger«19
sei,
andererseits
werden
mit
diesem Forschungsprogramm ganz of-
fensichtlich
zunächst
Texte
von
Frauen
in ihren Relationen zueinander un-
tersucht
und
aus
der
allgemeinen Literaturgeschichte isoliert. Die Betonung
muß
hier
auf
»zunächst« liegen,
denn
die bestehende Asymmetrie kann
nicht allein
durch
quantitatives Aufstocken ausgeglichen werden.
In
die
Definition
von
Bildungsroman
sind
zum Beispiel so viele typische Elemente
männlicher Sozialisation als
Strukturelemente
eingegangen, daß
Romane
von Schriftstellerinnen
mit
weiblichen Protagonisten, wie etwa Antonia
White, Frost
in
May,
Dorothy
Richardson, Pilgrimage
oder
Rita
Mae
Brown,
Ruby
Fruit Jungle,
immer
wieder durch die verfügbaren
Raster
fallen
und
in
allgemeinen
Abhandlungen
fehlen. Einzeluntersuchungen ha-
ben bereits gezeigt,
daß
die
Struktur
der
Suche (quest) anders aussehen
wird,
daß
die
Position
der
Mutter
stärker
besetzt ist und daß
Handeln
anders
definiert
wird.
20
Da
also
der
Einzeltext immer wieder demselben
Selektionsprinzip
unterwoden
wird, nämlich
daß
er
aufgrund der einseiti-
gen Kriterien als
deviant
erkannt
und
ausgegrenzt wird, kann eine Verände-
rung
der
Gattungsdefinitionen
selbst
nur
über
eine intertextuelle Analyse
der
ausgegrenzten
Texte
laufen.
Dabei
geht
es
vorwiegend
um
Fragen
der
Motivübemahme,
der
Wiederholung
und
Variation von Themen und in
~edem
Fall
neben
den
explizit
markierten
auch die weniger markierten
mtertextuellen
Anknüpfungen.
Ein
-allerdings noch recht weit entferntes
-Ziel
einer
solchen Praxis
könnte
gerade
eine gerechtere und weniger
asymmetrische allgemeine Literaturgeschichte sein.
Als Sammelbegriff
für
das
einer
Vielzahl von Einzeluntersuchungen zu-
grundeliegende
Zielprojekt
eignet sieb
der
der
Literaturgeschichte
nur
be-
dingt,
da
zum
Beispiel
der
Aspekt
der
Chronologie
nur
von sekundärer
Relevanz ist. Kolodnys »map for rereading« verweist mit dem Bild
der
Landkarte
auf
die
Idee
einer
flächendeckenden Intertextualitit, die bewußt
nicht
nach
den
Prinzipien
linearer
Genealogie konzipiert ist. Virginia Woolf
und
viele
nach
ihr
haben
das Bewußtsein
dafür
geschärft, daß ein solches
»parallel
mapping
of
a new geography«
nur
unter Berücksichtigung
der
SllCZifischen
Produktions-
und
Rezeptionsbedingungen erstellt werden
kann.
Dabei
wird
sowohl die Geschichte
von
Behinderungen, von Roßen-
t
t
l
i
I
I
I
I
I
i
1
t
I
I
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I
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I
l
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t
f.
:0:.
:i,.
~
~:
..
[
_.!
f'
~~
-~i
konflikten
und
den
daraus
resultierenden
»Süences«
21
erforscht als
auch
versucht,
auf
konstruktive Weise die möglichen positiven Rückkopplungen
zwischen sozialen Bedingungen
und
Texten
zu
erfassen.
Eine
eben projek-
tierte komparatistisch angelegte Literaturgeschichte weiblicher Texte
fragt
unter
anderem
nach
den
Orten
der
Literaturproduktion,
von mittelalterli-
chen
Klöstern
über
Höfe,
Salons,
dem
Familieneßtisch bis
zum
~room
of
one's
own«.
Wenn
mit
Intertextualität »less a
name
for a work's relation
to
particular
prior
texts
than
a designation
of
its participation in the
discursive
space
of
a culture«
22
gemeint ist,
dann
wird
eine
solche Literaturgeschichte
zur
Kulturgeschichte
23
erweitert,
innerhalb
derer
Prozesse
der
Textualisie-
rung
von
Kontext
erforscht
werden.
Mit
dem
neuen
Forschungsinteresse sind viele deutlich markierte inter-
textneUe Bezüge
erst
ins Blickfeld gerückt.
Am
offensichtlichsten ist ein
solches gegenseitiges
Zitieren
bei Lyrikerinnen.
Die
Countess
of
Winchil-
sea
greift
Sappho
auf, Elizabeth Barrett-Browning schreibt
über
George
Sand,
Amy
Lowell
über
Barrett-Browning,
Lola
Ridge
über
Amy
Lowell,
Elizabeth Bisbop
über
Marianne
Moore,
Anne
Sexton
über
Silvia Plath,
Denise
Levertov
und
Adrienne
Rieb
über
eine
große
Zahl von Vorgänge-
rinnen,
und
so ließe sich die
Reihe
weiter
ausbauen.24
Bei
aller
Verschie-
denheit
des
Sprechtans
und
der
poetischen
Mittelläßt
sich
als
Gemeinsam·
keit
die positive
Anknüpfung
erkennen,
die
als Preis,
in
Form
von Referenz
auf
die Biographie
der
Vorgängerin,
und
im
Vergleich mit
der
eigenen
poetologischen Selbstaussage
edolgt.
Borges'
Aussage
,.1be
fact
that
every
writer
creates
bis
own
precursor~
wird
in
einer
ganz
spezifischen Weise auf
»her
precursors« ausgedehnt,
die
Gilbert
und
Gubar
mit
der
ungleich
schwierigeren Position von Lyrikerinnen
(im
Vergleich
von
Romanautorin-
nen)
erklären.
26
Es läßt sich leicht nachweisen, daß
noch
bis
in
dieses Jahr-
....
_,_.--
. : ;
.,~.-.
_.;.
_:_
.::··
-
hundert hinein die Rolle
der
Dichterin als »angemaßte«
und
als unweibliche
betrachtet
wurde,
zumal
ja
auch
die Position Frau für die Muse und das
besungene
Objekt
reserviert war.
In
der
Lyrik ist diese Vorstellung des
Weiterschreibens
besonders
ausgeprägt
und
historisch durchgängig
zu
fin-
den,
während
sie
in
der
Romanliteratur erst seit Virginia Woolf und ver-
stärkt in
der
Literatur
der
siebziger
Jahre
auftaucht.
Als Beispiel für komplex strukturierte Einzeltextreferenz könnte
man
Jean
Rhys'
Geschichte
der
»madwoman in
the
attic« aus
Jane
Eyre
in ihrem
Roman
Wide Sargasso Sea
und
das Umschreiben desselben Texts in Daph-
ne du
Mautiers
Rebecca anführen;
27
ein wichtiges intertextuelles Motiv ist
zum Beispiel
der
Geschlechtertausch;28 ein bis
zu
Virginia Woolfs Bemer-
kungen
in
A
Room
of
One's
Own
nicht beachtetes intertextuelles Thema ist
das
der
Beziehungen zwischen
Frauen
in
Romanen von Schriftstellerin-
nen;29
eine
Herstellung
der
Gattungsreferenz feministischer Utopien von
Gilman,
LeGuin,
Ross
und
Piercy fördert neue Perspektiven
zum
Thema
»alternative Welten«;
30
zum
Komplex rekurrierender Bilder gibt es trotz
bereits vorliegender Einzeluntersuchungen noch viel
zu
entdecken;
im
Be-
reich
der
Systemreferenz »plot-Struktur«
muß
noch weiter
an
der Untersu-
chung
der
geschlechtsspezifischen Dramatisierung des »divided self• in Tex-
ten
von
Plath,
Gilman,
Sexton,
H.
D.,
Lessing, Mortimer, Piercy, Ferguson
gearbeitet
werden.
31
Mit
dem
Referenzbezug
»Mythos•
läßt sich eine
ganz
andere intertextu-
eHe
Reihe
beschreiben.
Er
findet sich
zum
Beispiel bei
so
unterschiedlichen
Autorinnen
wie
H.
D.,
Adrienne
Rieb, Cbrista Wolf
oder
Angela Carter.
32
Sisters, S.
XV--
XXVI.
zu
dieser typischen Funktion der Intertextualität
vgl.
auch G. Brinker-Gablers Einleitung zu
Deutsche
Dichterinnen
vom
16.
Jllhthun-
dert bis zur
Gegenwll11,
ed. G. Brinker-Gabler (Frankfurt,
1978},
S.
17-66.
27 Vgl.
A.
Light, »)Retuming
to
Manderley•-
Romance FICtion, Fernale Sexuality
and
Oassc,
Feminist Review,
16
(1984),
7-25;
R. Scbarfman, »Mirroring and
Molhering in Simone Schwarz-Bart's
Pluie
et
vent
nu
Tlllunh
Minrck and Jean
Rhys' Wide
SargaJSo
Seo«,
Yale
French
Studies,
62
(1981), 88-106. . .
28 I. Stephan, »)Daß ich Eins und doppelt bin
.•.
< Geschlechtertausch
~
literan-
sches
Thema«,
in:
I.
Stephan!S. Weigel, Die
Vebo"ent
F'"!"' (Berlin,
1983).
S.
153-175;
s.
M. Gilbert, »CoitumeS of tbe
Mind:
Traasvesnsm
as
Me~
m
Modem
Literaturec, in: Writing twl.
Salllll
Difforenct,
ed. E. Abel (BriJhtoa,
1982),
s.
193-220.
. . .
CoiJ..
» E. A.bel, »(E)MergüJa Identitiet:
Tbc
Dynamics of Fcmalc
f'nelld:dttp
an.
tetDpOtaty
FJCtioD
by Womenc,.
Sips,.
6 (1981), 413-435; N. Auerbada.
Commlllfities
ofWomm
(Cambridp, Mals.,
1~).
. . .
»
V&l.
meinea
Artikel
•'l11e
PoJiCb
of
F.._,
1D
ltcceat
AaueriCIII
Womea I
Novels«,
EASt,
6 (1984), 503-Slf). -- -
·--.
.-
- . ' -
31
B.
H.
Ripey,
M--.lllfll
Sexlllli
l'tilllb
in
IM
F~
1/ow/~,
l98Z),
bietetlliertNteiaeaentdtlüdilti.;41ieP'1'1xl•tlyUde•~-
....
•--::~-:~::.=::==~~,fl~~•r•~••rw...-,Emlt-
'*"'F:
&
.......
cA*
Carter,
ftf
"_."
of
l*w
Ew
(Loacbt.-
lf'17).
-.
·
-
·_').:
~
_;
~:
;
H
r-
J
'
.
~
'
.
~
:~
...
In
der
Forschung hat sich in den letzten Jahren eine verstärkte
Beschäfti-
gung mit
der
dichterischen Verarbeitung von Mythen abgezeichnet,
aus
der
sich auch neue theoretische Zugänge entwickelten. Ausgangspunkt
ist
die
These, daß die Spurensuche nach
dem
weiblichen Intertext bis in
präpa-
triarchalische Gesellschaften zurückgehen muß. »Wir haben keine
authenti-
schen Muster«, sagt Christa
Wolf
in ihren Frankfurter Vorlesungen,
und
die
Forschung von Heide Göttner-Abendroth
33
verbindet diese Suche nach
der
intertextuellen Spur mit
der
Definition eines anderen Kunstbegriffs, der
das
Rituelle mit einbezieht, zu einem utopischen Konzept »matriarchaler
Kunstausübung«. Göttner-Abendroths Thesen sind bierzulande sehr
um-
stritten, wären aber durchaus
an
K.ristevas Vorstellung vom »kollektiven
Erinnern« und an Foucaults weit gefaßtes Konzept des »Archivs«
an-
schließbar.
Die
Behandlung des Themas Sexualität im Roman einer Schriftstellerin
wird so gut wie nie von
der
traditionellen Literaturkritik als akzeptabel
befunden. Dabei reicht die Palette
der
Verdikte von
der
frustrierten
Pasto-
rentochter
über
die frigide Intellektuelle bis zur nymphomanischen Zeitge-
nossin. Eine Möglichkeit, jenseits dieser häßlichen Projektionen
zwischen
Verklärung und Verteufelung
zu
einer adäquateren Einschätzung
zu
kom-
men, ist
nur
in
Siebt, wenn erstens die üblichen biograpbistischen
Kurz-
schlüsse aufgegeben werden, zweitens im intertextuellen Vergleich erst
ein-
mal die Bandbreite
der
fiktionalen Umsetzungen des Themas Sexualität
erforscht und ernsthaft als Aussage eines literarisch und biographisch
defi-
nierten »Subjekts« zur Kenntnis genommen wird und drittens, wenn
dann
auch in Relation zu den jeweiligen historischen Normen »Frauenphanta·
sien« genauso als kulturspezifischer Ausdruck differenziert betrachtet
wer-
den, wie es offensichtlich im Fall
der
»Männerphantasien« leichter
möglich
ist.
Aus diesen Beispielen sollte ersichtlich
~erden,
daß die ganze Bandbrei-
te von Typen und Bezugsformen
der
Intertextualität in einem solchen For-
schungsprogramm vertreten ist. Das Wichtige dabei ist die durchgehend
erkennbare Tendenz
der
Einzeluntersuchungen,
es
nicht bei
der
Analyse
von
intertextuellen Bezügen zu belassen, sondern gleichzeitig auf gängige
Beurteilungskriterien verändernd einzuwirken.
Es
wird
sich
noch zeigen
müssen, wo Gattungsdefinitionen grundsätzlich verändert werden
müssen,
um
Texte von Frauen aufnehmen zu können,
w-o
Sonderformen eingefügt
werden müssen
und
überhaupt
wel~
Fonnen solch eine (utopisclle) Lite-
raturp:schic:bte· annehmen
müßte~
um
dem im allgemeinen gesetzten Arr
sprliCh
der
Universalität gerecht zu werden. · ·
)S,,··~--
Die6öttin.f11111~·"__oft.•~''l-)und.J>ie.
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-
3.
Der Einzeltext im Spannungsfeld widersprüchlicher Teilnahme
an
kultu-
rellen Codes
W~rend
intertextuelle Bezüge durch die Literaturwissenschaft im allge-
memen
unter
dem
Aspekt
der
Verarbeitung und der Einverleibung in einen
neuen
kohärenten
Text
untersucht werden, verlagern die Poststrukturali-
sten
den
Schwerpunkt ihres Interesses
auf
die in einem Werk intertextuell
evozierten
Texte
selbst
und
auf
das Spannungsverhältnis, das sich aus ihrem
Zusammentreffen ergibt.
Anstatt
sich wie bisher auf das Aufgehen der
Prätexte in
einerneuen
ästhetischen Konstruktion zu konzentrieren, gestat-
ten
sie
den
»fremden Texten« ein stärkeres Eigenleben; diese werden auf
eine Weise
erneut
»ins Spiel« gebracht,
daß
sie selbst wiederum als Vertre-
~er
literarischer
und
gesellschaftlicher Diskurse aktiv werden, die sich nicht
Immer problemlos aufeinander projizieren lassen. Das intertextneUe Spiel
innerhalb eines Einzeltexts wird vorwiegend in Brüchen und Widersprü-
chen eines
Werks
lokalisiert
und
als ein dialogisches Einschreiben heteroge-
ner
Elemente
und
Textwelten betrachtet, deren Reibungsflächen neue
Les-
arten ermöglichen.
Die
dekonstruktivistische Praxis so unterschiedlicher
Autoren wie
Derrida,
J. Hillis
Milleroderde
Man setzt jeweils bei einer
solchen Erforschung von Diskontinuitäten an.
Das Konzept des dialogischen Texts bietet Anknüpfungspunkte für die
Analyse von
Texten
weiblicher Autoren.
Es
kann nämlich davon ausgegan-
gen werden,
daß
im
Werk
von Autorinnen keinesfalls authentische •Weib-
lichkeitsaussagen« zu finden sind, sondern
daß
Frauen auf eine spezifische
Weise
an
der
gesellschaftlichen Realität teilhaben, indem sie nur teilweise
und
immer
gespalten
an
den öffentlichen Diskursen beteiligt sind, und daß
sich diese Situation in
den
Kulturprodukten von Frauen niederschlagen
wird.
Die
Möglichkeiten, die Sigrid Weigel mit
der
Metapherdes
•schielen-
den
Blicks« zusammenfaßt, sind vielfältig, so
zum
Beispiel »partielle
An-
passung
und
Unterwerfung -als Strategie, als Schutz
oder
auch ganz uD-
problematisiert als verinnerlichte Verhaltensnorm«.
34
Da
es in
der
literari-
schen
Produktion
um
eine Wiederverarbeitung von Kultur geht, muß sich
ein solcher Konflikt zwischen Affirmation und Distanz von kulturellen Co-
d.ierungen von Weiblichkeit in
der
dialogischen Struktur eines Textes spie-
geln. Intratextuelle dialogische Formen können
als
Widerstreit zwischen
der
eigenen
und
den
fremden Stimmen als auch zwischen den fremden
Prätexten untereinander auftreten. Bei Nancy Mißer erscheint die
.eigene
Stimme« als
eine
zusätzliche Struktur,
als
»empbasis added«, die
über
den
im
Text
geleisteten
Anschluß
an
die
dominaßte Kultur Jlinagsreicbt:
•the
empbasis is alway$
tbere',
to
be
read, and it
points
to
another
tm«.
JS
An
34 •Der
scbiclcade
Blick: Thesal zur Getdlidlte
weibfidaet
SdlrdbpraXil«.
ia;
Wd-
pi/Stepllaa, Die
.,
.......
.".,,
s
....
15
•Bmfta•
Adllr+,.
47.
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9
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·-
:
-~
··~
anderer Stelle bezeichnet sie dieses Phänomen als »italicization«, »the
ex-
travagant wish for a story
that
would
turn
out differently«.
36
Aus diesen Formulierungen geht hervor, daß es sich
um
eine
im
Akt
des
Rezipierens konstituierte Dialogizität handelt,
um
eine nachträgliche
Set-
zung, die keiner bewußten auktorialen Intention entsprechen muß. »But
there
is one place where this multiplicity is focused
and
that
place
is
the
reader,
not,
as was hitherto said,
the
autor<<,
37
so
Barthes'
Kommentar
zu
den
Konsequenzen einer Sicht des Texts als Polylog.
Bei
der
beschriebenen
Betrachtungsweise jedoch, nach
der
bestimmte dialogische Strukturen
als
ästhetische Transformation
der
sozialen und kulturellen Position von
Schriftstellerinnen aufgefaßt werden,
muß
die von
Barthes
postulierte
UD-
begrenztheit
der
Herstellung intertextneUer Bezüge eingeschränkt werden
auf
die historisch möglichen
und
auf diejenigen, die an
der
Konstruktion
von Weiblichkeit teilhaben. Auch das Subjekt tritt uns hier nicht als völlig
dezentriertes gegenüber,
da
es als historisches
Subjekt
erhalten bleibt, das
allerdings gleichzeitig in seiner Eigenart als Schnittpunkt divergierender
Codierungen ins Blickfeld gerät. Daß
trotz
dieser Eingrenzungen
das
so
verstandene Konzept
der
Dialogizität
mehr
leistet als
nur
eine Erhellung
des
Kontexts, soll
an
den
beiden folgenden Beispielen kurz vorgeführt wer-
den.
Sie sind bewußt nicht aus dem Bereich
der
Moderne,
dem
privilegier-
ten
Anwendungsbereich poststrukturalistischer
Theorien,
gewählt.
Es
soll
deutlieb werden,
daß
sich in
den
gezeigten
heterogenen
Textstrukturen
generalisierbare Widersprüche manifestieren, die sich aus
der
Teilnahme
der
Autorinnen
an
einer geschlechtsdichotom geteilten Kultur ergeben.
Der
Typ
der
selbständigen bis kratzbürstigen
Frau
hat
bei
Jane
Austen
eine
recht differenzierte Ausprägung erfahren.
Doch
ausnahmslos landen
diese Heldinnen in konventionellen Eben,
in
denen
sämtliche Schwierigkei-
ten,
die die Protagonistinnen zunächst mit
den
Normen
der
Gesellschaft
hatten,
ausgeräumt scheinen. Diese Widersprüchlichkeit findet auch eine
Entsprechung in formaler Hinsicht, denn während
Jane
Austen mittels sub-
til
ausgestalteter Dialoge
und
einem Wechsel von ironischem Erzählerbe-
richt
und
Reflexionen
der
Hauptfiguren
deren
Sich-Quersteilen gegen die
gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit
breit
entfaltet, sind
be-
reits die Heiratsanträge
und
das kurz darauffolgende
Ende
der
Romane
eigentümlich farblos.
Die
dialogische Umsetzung fehlt
oder
ist stark redu-
ziert, die Heidin reflektiert nicht mehr.
Jane
Austen
setzt
ihre
stilistischen
Fähigkeiten deutlich
merkbar
nicht
mehr
ein,
so
daß
das
Ende
der
Romane
nur
mehr
bedingt einen Höhepunkt darstellt,
50
wie
es
in
konventionellen
Frauenromanen
übüch ist.
Es
wäre
sicher
Zu
weit
gepnp,
hier
eine
impli-
zite aber deutliche Stellungnahme
ge&en
die Ehe
iu
se~en-
(und dalnit eine
-
r-'
35 •Empllalis Addecl«. 44.
" l11t11p-Mwk-Tat
(LoDdoD,
19'77),
S.
146.
-
..
c.~
'
·;::
..;_."-··•.
..=-_.i.:-.:.-,'.:·
·····-:
..
.
.;.";.:•-:::
...
~
...
-
.....
Reduktion
zugunsten
einer
eindeutigen Emanzipationsaussage vorzuneh-
men); vielmehr wird
hier
ein
Widerspruch deutlich, der nicht aufgelöst
werden kann: Zeitgenössisch vorstellbar sind viele differenzierte
Formen
v~n
Auflehnung
und
weiblieber Individualisierung abseits vom Stereotyp,
rucht
aber
Konsequenzen
in
Form
von
großen
Lösungen. Intertextuelllas-
sen sich sowohl
die
zeitgenössischen conduct
books
als auch die Texte
der
bereits
etablierten
Gegenkonvention
der
»disagreeable woman«38 anschlie-
ßen
(als »lesbare«
Versionen
etwa
John
Gregory, A Father's Legacy to His
Daughters
gegen
Mary
Wollstonecraft, A Vindication
of
the Rights
of
Wo-
man). Es
könnten
-
ganz
im Stil einer dekonstruktivistischen Lesart -
jeweils
Textzitate
angeführt werden, die ein deutliches Echo
zu
diesen bei-
den
Texten
anklingen lassen.
Die
Formen
der
schlagfertigen Replik, der
aufmüpfigen Verhaltensweisen
und
der
gelegentlich radikal eigensüchtigen
Einstellungen
dürfen
weder
verabsolutiert werden noch vom Ausgang her
eine Relativierung
erfahren.
Es
spricht viel dafür,
daß
das gesamte Span-
nungsverhältnis
der
beteiligten Diskurse, auch das historische Dilemma
der
Autorin,
bei
detn
auch
die
Normen
des Romantypus eine Rolle spielen,
aufrecht
erhalten
wird.
In
Charlotte
Brontes
Roman
]OM
Eyre wird im Verlauf des Texts in
einem
rationalen
Diskurs
das
Bestreben
der
Hauptfigur nach Gleichstellung
mit
Rochester
vorgeführt.
Jane
istagensder
Handlung
auch
durch
ihr
Ar-
gumentieren
und
durch
den
vorübergehenden Rückzug. Sie insistiert
auf
»equality«
und
ist selbstbewußt stolz darauf,
daß
sie die Bedingungen
an-
gibt,
unter
denen
die Beziehung eingegangen wird. Indem Rochester noch
von
anderer
Seite
her,
nämlich durch
das
Schicksal, auf ihre Stufe gebracht
Wird, ergibt sich
ein
deutlicher Bruch
in
der
Motivierung
der
Handlung.
Das
Schicksal als
t~gens
eines plot wäre poetologisch keine Besonderheit,
Wohl
aber
in
diesem Roman,
in
dem die aktive Hektin
sieb
dieser
RoUe
selbst
bewußt
ist. Zwischen
der
Vehemenz von Janes Aufbegehren
und
der
Passivität in
der
Annahme
des
(allerdings nach ihren Wünsdlen
sidl
voßzie·
henden)
Schicksals
besteht
ein
Widerspruch, der nicbt
einfach
aufgelöst
werden
kann.
Gilbert
und
Gubar
haben
detailliert eine
in
der
Forsdnmg auch ander-
Weitig
bestehende
lntetpRJtaDon
der
»madwomaJI
iD
the atbec
~~
beitet, nach
der
Bertba
als
Ptojektions.,stalt
des·
iD
dieser~
&eschidtte-
Verddagfea-aeae.llen
11terden
tama."
Dia~
~
auf
eiae
implizite:
Weise,-
datcb
ParaDeaCJßltrUttioDea-
DIICI
~
die
Bil-
der. Die.
I~>-
...
/·-
......
ftJwJizk
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stummtinihrer anaJysiereDdea
~und~
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r:
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: ...
~-t;_
.<
Thema
»equality«; was sonst
an
(sexuellem?)
Begehren,
Auflehnung
und
Widersprüchen bei
Jane
auftaucht, wird
in
den
melodramatischen Bereich
von
Irresein
und
monströser
Bestialität abgeschoben.
Der
Vollzug der
Be-
ziehung wird
nur
möglich,
wenn
er
zum
karitativen
Akt
reduziert ist.
Ob-
wohl keinerlei Einigung
in
der
Forschung
über
die genauere inhaltliche
Füllung des Bildbereichs
der
»madwoman«
und
der
Funktion
des Schicksals
besteht,
werden
diese
Punkte
durchgehend
als »Ungereimtheit« des Texts
bezeichnet.
Doch
gerade
durch diese
Ungereimtheiten
wird für uns der
Status
der
vorgeführten
Utopie
als historisch bedingte Teillösung erkenn-
bar,
eine
»Union
of
equal
minds«
(aber
eben
nur
von »minds«}, eine ästhe-
tisch umgesetzte
Forderung
der
in
der
Tradition
der
Aufklärung stehenden
feministischen
Debatte.
Gerade
dadurch,
daß
diese Brüche -
zwischen
realistischen
und
melodramatischen
Erzählelementen,
zwischen expliziter
Kommentierung
und
Beschreibung, zwischen widersprüchlichen
Prinzipi~n
der
plot-Gestaltung -
erkennbar
werden,
weist
der
Roman
so
deutlich
Wle
wenige
andere
über
sich hinaus
und
gestaltet,
nach
Maßgabe
der
zeitgenÖS-
sischen narrativen Mittel
und
unter
Verwendung
des Bilds der »mad-
woman« poetisch verschlüsselt,
das
rational nicht
Denkbare
und
unter den
historischen Bedingungen nicht
Ausdrückbare
mit.
40
Das
Hauptinteresse
einer
solchen Analyse gilt
der
SinnkonstJtunon,
die
anders
ausfällt, wenn
der
Text
als grundsätzlich dialogisch behandelt
wird.
Die
Untersuchung
der
beteiligten literarischen, philosophischen,
~e
sellschaftlichen etc. Sinnsysteme wird
bei
einer
feministischen Analyse etn-
gegrenzt (es wird nie
der
Anspruch
auf
Vollständigkeit
erhoben)
auf
solche,
die
an
der
jeweiligen Konstruktion
des
Weiblichen teilhaben. Erforscht
werden
Diskontinuitäten
in
literarischen
Texten
als Kulturäußerung einer
Gruppe,
deren
Teilhabe
an
und
Ausschluß
von
öffentlichen Diskursen
zum
jeweiligen historischen
Zeitpunkt
interdisziplinär untersucht werden kann
(und
die sich intertextuell manifestiert).
Diese
Diskontinuitäten verweisen
auf
einen
weiteren
Text
»zwischen
den
Zeilen«,
auf
»empbasis added« oder
einen
strategischen Fluchtpunkt.
In
den
Ansätzen, die ich hier vorgeführt
habe,
ist
es
müßig zu fragen,
welche generellen Unterschiede
denn
zwischen
Texten
männlicher und
weiblicher
Autoren
bestünden.
Die
benützten
Konzepte
von Intertextuali·
tit
erlauben
es,
als heuristische Schaltstellen für
eine
Reihe
von
Einzelpro-
blemen
benützt
zu
werden
und
damit
über
allzu
platt
antagonistische
Pro-
blemk.onstruktionen hinauszugehen.
Zwar
können
·Prozesse
der
Differen--
zierung
sichtbar
gemacht
werden,
aber
nicht
Universalien
gescblechtsspezi."
fisc~e~
~usdrucksformen.
Als
ein weiterer positiver Anknüpfungspunkt für
fenumstlsche
Forschung
mag
die Tatsache gelten, daß poststrukturalistische
Theorien Positionen
außerhalb
festgefahrener literaturwissenschaftlicher
Pra~tiken
markieren,
von
denen
aus das Unternehmen einer »map for re-
readmg« möglich wird.
S. Imitation und IntertextuaJität
bei
Robert Loweß
Manfred Pfister
1.
lntertextualität im Werk Robert Lowells
Robert
Lowell gilt vielen Kritikern als
der
bedeutendste amerikanische
Dichter
der
Moderne
seit T. S. Eliot
und
Ezra Pound, und ihren wie seinen
Werken
ist als eine Bedingung dieser Bedeutsamkeif gemeinsam,
daß
ihnen
die Sprach-
und
Stimmenvielfalt
der
Weltliteratur eingeschrieben ist. Lo-
wells
Werk,
das
nun
seit seinem Tod
1977
zumindest äußerlich abgeschlos-
sen vor uns liegt, entfaltet sich, ähnlich dem Eliots und Pounds und hierin
deutlich in
deren
Nachfolge stehend, als ein dichtes und komplexes Netz-
werk intertextneUer Bezüge, als ein Rhizom von Wurzeln und Spuren, das
tmmer
wieder
die eigene Situation und den eigenen Text mehr
oder
weniger
deutlich
oder
verdeckt mit früheren und fremden Texten verbindet.
Gemeinsame
biographische Voraussetzung ist dabei bei allen dreien
schon,
daß
sie vielfältig belesen und sprachkundig waren. Während jedoch
Eliot
und
Pound
ihre Belesenheit nach anfänglichen philosophischen Uni-
versitätsstudien außerhalb akademischer Institutionen sozusagen privat er-
Weiterten
und
vertieften,
kehrte
Lowell, einer
der
führenden Familien des
gesellschaftlichen
und
kulturellen Establishments von New England ent-
stammend,
Zeit
seines Lebens nie ganz
academia
den Rücken. Er verkör-
pert
damit
die
Reinform
des
modernen poeta doctus, den dozierenden
Dichter
beziehungsweise dichtenden Literaturdozenten, und diese Perso-
nalunion
von
Dichter
und
Kritiker bedingt
und
begünstigt natürlich die
Entwicklung eines anspielungs-und beziehungsreichen Werkes, dessen in·
tendierte
und
ideale
Rezipienten, wie
oft
kritisch überpointiert
ein~wen
det
wird, selbst wieder Literaturwissenschaftler sind.1 Eine solche Dichtung
steht
damit
immer
in
der
Gelabt,
sich
in
hermetischer Unzugingtichkeit
abzuschließen.
und
in
eißer
lauzgCscblossenen innerakademischen Zirtula-
311
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