scieee Science in your language
[en] (orig)
Parameteridentifikation
an metallischen Werkstoffen
basierend auf numerischen Simulationen
und instrumentierter Eindringprüfung
von
Dipl.-Ing. Jens Sterthaus
Von der Fakultät V,
Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Verleihung des akademischen Grades
Doktor-Ingenieur (Dr.-Ing.)
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss
Vorsitzender:
Gutachter:
Tag der Aussprache:
Prof. Dr. V. Popov
Prof. Dr. rer. nat. W.H. Müller
Prof. Dr.-Ing. R. Mahnken
Prof. Dr.-Ing. J. Villain
Dr.-Ing. habil. K. Weinberg
08.02.2008
Berlin, 2008
D83
Institut für Mechanik, Sekr. MS-2
Lehrstuhl für Kontinuumsmechanik und Materialtheorie
Einsteinufer 5
10587 Berlin
PROMOTIONSAUSSCHUSS
Vorsitzender: Prof. Dr. V. Popov,
Institut für Mechanik, TU Berlin
Gutachter: Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang H. Müller,
Lehrstuhl für Kontinuumsmechanik und
Materialtheorie, Technische Universität Berlin
Prof. Dr.-Ing. R. Mahnken,
Institut für Prozess- und Werkstofftechnik,
Universität Paderborn
Prof. Dr.-Ing. J. Villain,
Fachbereich Elektrotechnik,
Fachhochschule Augsburg
Dr.-Ing. habil. K. Weinberg,
Lehrstuhl für Kontinuumsmechanik und
Materialtheorie, Technische Universität Berlin
Tag der Einreichung: 30.10.2007
Tag der Aussprache: 08.02.2008
1
2
3
Kontakt
Jens.Sterthaus@web.de
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis v
Abbildungsverzeichnis xv
Tabellenverzeichnis xvii
Vorwort xxiii
Kurzfassung xxv
Abstract xxvii
1 Einleitung 1
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren 5
2.1 Prüfkörpergeometrie und Härte . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
2.2 Zusammenhang zwischen Kraft-Weg-Kurve und E-Modul . . . 15
2.3 Dimensionsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.4 Kalibrierung............................ 28
2.4.1 Ermittlung der Flächenfunktion und Nachgiebigkeit als
entkoppelte Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.4.2 Iterative Ermittlung der Flächenfunktion und der
Nachgiebigkeit....................... 33
2.5 Nutzung der Dimensionsanalyse für Größen der Indentation . 38
2.5.1 Linear elastisch-ideal plastisches Material . . . . . . . . 38
2.5.2 Linear verfestigendes Material . . . . . . . . . . . . . . 47
2.5.3 Auswirkungen des Werkstoffmodells auf die zu ermit-
telnden Kenngrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
2.5.4 Auswirkungen einer fehlerhaft bestimmten Rahmen-
nachgiebigkeit....................... 51
v
INHALTSVERZEICHNIS
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation 55
3.1 Beschreibung des Indentermodells und der Vorgehensweise . . 55
3.2 Materialeigenschaften und zu identifizierende Parameter . . . 74
3.2.1 Berücksichtigung der Materialdaten in der FE-Berech-
nung............................ 74
3.2.2 Elastisch-ideal plastisch . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
3.2.3 Elastisch-plastisch, mit linearer Verfestigung . . . . . . 76
3.2.4 Materialmodell nach Ramberg-Osgood ........ 77
3.2.5 Modifiziertes Ramberg-Osgood-Modell mit einem li-
near elastischen Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
3.2.6 Modifiziertes Ludwik-Modell mit einem linear elas-
tischen Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3.3 Konstitutive Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.3.1 Kinematische Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.3.2 Additive Zerlegung der Dehnraten . . . . . . . . . . . . 84
3.3.3 Gleichgewicht und virtuelle Arbeit . . . . . . . . . . . 84
3.3.4 Elastische Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
3.3.5 Plastische Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
3.3.6 Berücksichtigung zeitabhängigen Verhaltens durch Krie-
chen ............................ 88
3.4 Ablaufschema des Programmes . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
3.5 Konischer Indenter und synthetische Referenzdaten . . . . . . 90
3.5.1 Konvergenz des Optimierungsproblems bei zutreffen-
der Materialhypothese . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
3.5.2 Identifikation mit nicht zutreffender Materialhypothese
für ein bilineares Materialmodell . . . . . . . . . . . . . 94
3.5.3 Identifikation mit nicht zutreffender Materialhypothese
für das elastisch-ideal plastische Modell . . . . . . . . . 100
3.6 Identifikationsprozess mit Kugelindenter und synthetischen Mess-
kurven...............................107
3.6.1 Parameterstudie hinsichtlich des Konvergenzverhaltens 107
3.6.2 Kugelindenter und nicht zutreffende Materialhypothese 121
3.7 Vergleich mit anderen Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
4 Zugversuche 129
4.1 Versuchsaufbau für Zugversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
4.2 Ablauf des Zugversuchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
4.3 Auswerteverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.4 Versuchsergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
4.5 Mögliche konstruktive Änderungen . . . . . . . . . . . . . . . 139
vi
INHALTSVERZEICHNIS
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie 141
5.1 Analyse des Eindringkörpers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
5.2 Aufbau eines angepassten Modells mit individuellem Prüf-
körper ...............................146
5.3 Indentation einer Mikrozugprobe aus Aluminium ohne Be-
rücksichtigung viskoser Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
5.4 Indentation einer Mikrozugprobe aus Aluminium mit Berück-
sichtigung viskoser Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
5.5 Vergleich der Spannungs-Dehnungs-Linien aus Mikrozugver-
such und Nanoindentation an Aluminium . . . . . . . . . . . . 155
5.6 Vergleich der Spannungs-Dehnungs-Linien aus Mikrozugver-
such und Nanoindentation an Stahl . . . . . . . . . . . . . . . 157
5.7 Bewertung identifizierter Spannungs-Dehnungs-Kurven . . . . 163
6 Zusammenfassung und Ausblick 167
A 3D-Modell des Indenters 171
B Abhängigkeit der Härte und des E-Moduls von der Eindring-
tiefe 175
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem 179
C.1 Elastischer Kontakt zweier Kugeln . . . . . . . . . . . . . . . . 179
C.2 Elastisch-plastischer Fall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
C.3 Elastisch-plastischer Fall, starrer Indenter: Expanding-cavity-
Modell nach Hill ........................186
D Zugversuche an Sn-Loten 191
D.1 Problembeschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
D.2 Analysemethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
D.3 Praktische Umsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
D.4 Identifizierte Materialparameter und Referenzwerte . . . . . . 206
D.5 Vergleich der Ergebnisse mit anderen Bewertungsverfahren an-
hand derselben Proben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210
D.6 Kritische Betrachtung des Vorgehens . . . . . . . . . . . . . . 212
Literaturverzeichnis 214
vii
INHALTSVERZEICHNIS
viii
Abbildungsverzeichnis
1.1 In Epoxidharz eingebettete Platine mit Halter . . . . . . . . . 3
2.1 Schematische Darstellung des Halters für die Prüfspitze . . . . 6
2.2 Gebräuchliche Indenterspitzen nach [74] . . . . . . . . . . . . . 7
2.3 Berkovich-Prüfkörper in Draufsicht und im Querschnitt ent-
lang einer der drei Symmetrieachsen . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.4 Ausgerundeter Kegel mit der Kontakttiefe hcim Querschnitt . 10
2.5 Von Mises-Spannungen während des Kontaktes mit dem Dia-
manten bei maximaler Last im Schnitt . . . . . . . . . . . . . 13
2.6 Verlauf der vertikalen Verschiebungen entlang der Kante und
entlang der Mitte der Diamantenfläche bei maximaler Last . . 14
2.7 Von Mises-Spannungen während des Kontaktes mit dem Dia-
manten bei maximaler Last in der Draufsicht . . . . . . . . . . 14
2.8 Schematische Darstellung der Oberflächenkontur . . . . . . . . 16
2.9 Schematische Darstellung des Belastungs- und Entlastungs-
vorganges ............................. 17
2.10 Geometrische Ähnlichkeit bzw. Selbstähnlichkeit . . . . . . . . 21
2.11 Ermittlung der Rahmennachgiebigkeit Cf, entkoppelt von der
Flächenfunktion.......................... 30
2.12 Ermittlung der Rahmennachgiebigkeit Cfanhand von Kali-
briermessungen an einem Quarz (fused silica) ......... 35
2.13 Ermittlung der Flächenfunktion A(hc)bei bekannter Rahmen-
nachgiebigkeit Cfmittels verschiedener Ansätze . . . . . . . . 36
2.14 Ermittlung der Flächenfunktion A(hc)für mehrere Messreihen
gleichzeitig............................. 37
2.15 Bestimmung der wahren“ Kontakttiefe hFEM
cund des zugehö-
rigen Kontaktradius rcaus den Kontaktdaten . . . . . . . . . 39
2.16 Linearer Zusammenhang zwischen der normierten Kontakttie-
fe und der normierten Eindringtiefe . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.17 Vergleich der Kontakttiefen nach herkömmlichen Vorschriften
und mittels Kontaktdaten aus der FEM . . . . . . . . . . . . . 41
ix
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
2.18 Vergleich der Härte nach herkömmlichen Vorschriften und mit-
tels Kontaktdaten aus der FEM . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
2.19 Relative Abweichung der traditionell bestimmten Härte gegen-
über ihrer Definition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.20 Zusammenhang der unterschiedlich berechneten Härten mit
derFließspannung......................... 44
2.21 Relative Abweichung des E-Moduls bei Auswertung nach
Oliver und Pharr gegenüber der FEM . . . . . . . . . . . . 45
2.22 Verlauf der mittleren Kontaktspannungen über den normier-
ten Kontaktradius rc/rc,max .................... 46
2.23 Bis εpl = 10% linear verfestigendes, elastisch-plastisches Material-
modell............................... 47
2.24 Vergleich der Kontakttiefen nach herkömmlichen Vorschriften
und mittels Kontaktdaten aus der FE-Rechnung für ein linear
verfestigendes Material . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48
2.25 Relative Abweichung der traditionell bestimmten Härte gegen-
über ihrer Definition für ein linear verfestigendes Material . . 48
2.26 Zusammenhang der unterschiedlich berechneten Härten mit
der Fließspannung für ein linear verfestigendes Material . . . . 49
2.27 Relative Abweichung des E-Moduls bei Auswertung nach
Oliver-Pharr gegenüber der FEM für ein linear verfestigendes
Material.............................. 50
2.28 Einfluss des Fehlers der Rahmennachgiebigkeit auf die zu be-
stimmendeHärte ......................... 53
2.29 Einfluss des Fehlers der Rahmennachgiebigkeit auf den zu be-
stimmenden E-Modul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
3.1 Rotationssymmetrisches FE-Modell des konischen Indenters . 57
3.2 Detailansicht des FE-Modells des Indenters . . . . . . . . . . . 57
3.3 Verlauf der Kraft über die Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.4 Ermittlung der tatsächlichen Lastraten mittels Ausgleichsge-
raden................................ 60
3.5 Weg-Zeit-Diagramm mit Wegdaten der Referenz und der Si-
mulation.............................. 62
3.6 Detail des Weg-Zeit-Diagramms aus Abb. 3.5 während des
Entlastungsvorganges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
3.7 Kraft-Weg-Diagramm, entstanden durch Elimination der Zeit
aus dem Kraft-Zeit-Diagramm und dem Weg-Zeit-Diagramm . 63
3.8 Detail des Kraft-Weg-Diagramms aus Abb. 3.7 während des
Beginns des Entlastungsvorganges . . . . . . . . . . . . . . . . 64
3.9 Interpolation der Daten der Simulation und der Referenz . . . 67
x
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
3.10 Kontaktabstand und sich ausbreitende plastische Zone im Detail 68
3.11 Zusammenhang zwischen Kontaktabstand und Kraft im Detail 68
3.12 Elastisch-ideal plastisches Materialmodell . . . . . . . . . . . . 76
3.13 Bilineares Materialmodell mit Verfestigung . . . . . . . . . . . 77
3.14 Materialmodell nach Ramberg-Osgood ............ 77
3.15 Energiedifferenz zwischen linearer diskretisierter und analyti-
scherDarstellung ......................... 78
3.16 Modifiziertes Ramberg-Osgood-Modell mit anfangs linear
elastischem Bereich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
3.17 Energiedifferenz für das modifizierte Ramberg-Osgood-
Modell............................... 80
3.18 Modifiziertes Ludwik-Modell mit linear elastischem Bereich . 82
3.19 Struktogramm des Optimierungsprozesses . . . . . . . . . . . 89
3.20 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bi-
linearen Materialmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
3.21 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bi-
linearen Materialmodells und einer Verschiebung des Nullpunk-
tes ................................. 92
3.22 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bi-
linearen Materialmodells und einer Verschiebung des Nullpunk-
tes ................................. 93
3.23 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bi-
linearen Materialmodells und einer Verschiebung des Nullpunk-
tes ................................. 94
3.24 Kraft-Zeit-Verlauf für die beiden synthetischen Referenzen und
nachfolgender Simulationen während der Identifikation . . . . 95
3.25 Weg-Zeit-Verlauf zur Identifikation an Referenz A . . . . . . . 96
3.26 Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz A bei erreichtem Optimum . . . . . . . . . . . . . . . . 97
3.27 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum für Refe-
renzA............................... 97
3.28 Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz B bei erreichtem Optimum . . . . . . . . . . . . . . . . 98
3.29 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum für Refe-
renzB ............................... 98
3.30 Beziehung zwischen den Spannungen und totalen Dehnungen
für Referenzen und Optima . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
3.31 Weg-Zeit-Verlauf des Referenzmodells . . . . . . . . . . . . . . 102
3.32 Kraft-Weg-Verlauf der Referenz und der sechs gefundenen Op-
tima ................................102
xi
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
3.33 Differenzen im Weg-Zeit-Verlauf gegenüber dem Referenzmo-
dell.................................103
3.34 Repräsentative Verzerrungen für das bilineare Materialmodell 104
3.35 Verschiedene Formen des Aufwurfs bei identischem Kraft-Weg-
Verlauf...............................105
3.36 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells ...................109
3.37 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells ...................110
3.38 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ramberg-Osgood-Modells . . . . . . . . . . . . . 111
3.39 Verlauf der Spannung über die totalen logarithmischen Ver-
zerrungen für die Referenz und die identifizierten Materialpa-
rameter ..............................112
3.40 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells ...................114
3.41 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells ...................115
3.42 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ramberg-Osgood-Modells . . . . . . . . . . . . . 117
3.43 Verlauf der Spannung über die totalen logarithmischen Ver-
zerrungen für die Referenz und die identifizierten Materialpa-
rameter ..............................118
3.44 Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ramberg-Osgood-Modells . . . . . . . . . . . . . 119
3.45 Schematische Darstellung des Einflusses der Schrittweite auf
das gefundene Optimum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
3.46 Ausschnitt des Modells und Belastungsverlauf für alle Modelle 122
3.47 Verschiebungsdifferenzen für σmax = 400 N
/mm2bei εpl = 0,1. . 122
3.48 Verschiebungsdifferenzen für σmax = 400 N
/mm2bei εpl = 0,15 . 123
3.49 Verschiebungsdifferenzen für σmax = 400 N
/mm2bei εpl = 0,2. . 123
3.50 Verschiebungsdifferenzen für σmax = 400 N
/mm2bei εpl = 0,25 . 124
3.51 Verschiebungsdifferenzen für σmax = 400 N
/mm2bei εpl = 0,3. . 124
3.52 Verschiebungsdifferenzen für σmax = 300 N
/mm2bei εpl = 0,1. . 125
3.53 Aktivierte maximale (totale) Hauptdehnung aufgetragen über
dieVerschiebung .........................126
4.1 Neu konstruierte Halterung mit Gleitlagern und Detailansicht
derProbe .............................130
4.2 Geglättete Messkurven aus mehreren Versuchen gemittelt . . . 133
xii
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
4.3 Schematische Darstellung der Identifikation der Sekantenstei-
gung................................134
4.4 Durch den beschriebenen Algorithmus erkannte Kurve der Wie-
derbelastung............................135
4.5 Fallender Modul bei wiederholten Hysteresen . . . . . . . . . . 136
5.1 NanoVision-Scan der Kontur eines tiefen Eindruckes in eine
Kupferprobe im Vergleich zur berechneten Kontur . . . . . . . 142
5.2 Extrapolation für die restringierte Lösung der Flächenfunktion
über den kalibrierten Bereich von 450 nm ............143
5.3 Interpolation der Flächenfunktion über den kalibrierten Be-
reich von 450 nm .........................145
5.4 Krümmungsradius des Diamanten über den kalibrierten Be-
reich von 450 nm .........................145
5.5 Indentermodell mit dem anhand von Kalibrierdaten nachge-
bildeten sphärischen Eindringkörper . . . . . . . . . . . . . . . 148
5.6 Endstück einer gerissenen Probe aus Aluminium AA6016T4
eingebettet in Epoxidharz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
5.7 Verläufe über die Zeit für eine Indentation an Aluminium
AA6016T4.............................150
5.8 Verlauf der Wegdifferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus
Aluminium AA6016T4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
5.9 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe
aus Aluminium AA6016T4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
5.10 Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Aluminium AA6016
T4 .................................152
5.11 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe
aus Aluminium AA6016T4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
5.12 Kraft-Zeit-Verlauf während der Nanoindentation an einer Pro-
be aus Aluminium AA6016 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
5.13 Weg-Zeit-Verlauf an der Probe aus Aluminium AA6016T4 . . 154
5.14 Verlauf der Wegdifferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus
Aluminium AA6016T4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
5.15 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe
aus Aluminium AA6016T4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
5.16 Identifizierte Spannungs-Dehnungs-Kurven aus Mikrozugver-
such und Nanoindentation für Aluminium AA6016 . . . . . . . 156
5.17 Indentation an einem Probenkopf aus Stahl DX 56 mit einer
maximalen Last von 290 mN ...................157
xiii
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
5.18 Verlauf der Wegdifferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus
StahlDX56............................158
5.19 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe
ausStahlDX56..........................158
5.20 Verlauf der Eindringtiefe über der Zeit für eine Indentation an
einem Probenkopf aus Stahl DX 56 . . . . . . . . . . . . . . . 159
5.21 Verlauf der Wegdifferenz bei gleichverteilter Gewichtung der
Wegdifferenzen; Probe aus Stahl DX 56 . . . . . . . . . . . . . 159
5.22 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei gleichverteilter Gewichtung der
Wegdifferenzen; Probe aus Stahl DX 56 . . . . . . . . . . . . . 161
5.23 Verläufe über die Zeit für eine Indentation an Stahl DX 56 . . 161
5.24 Wegdifferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Stahl DX 56 162
5.25 Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe
ausStahlDX56..........................162
5.26 Identifizierte Spannungs-Dehnungs-Kurven aus Mikrozugver-
such und Nanoindentation an Stahl DX56 . . . . . . . . . . . 163
5.27 Gefüge eines DC04-Stahles mit Kontaktdurchmesser zum Grö-
ßenvergleich............................165
A.1 60-Ausschnitt mit Randbedingungen entsprechend der Sym-
metrieeigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
A.2 Fein diskretisierte Kontaktzone mit einer Ebenen als analyti-
schem Starrkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
A.3 60-Ausschnitt des 250 µmhoch modellierten Probenmaterials
inderAnsicht...........................173
A.4 Visualisierung der Höhen des bleibenden Eindrucks mit der
Form des „ausgebeulten“ Randes . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
A.5 Visualisierung der Höhen des bleibenden Eindrucks mit der
Form des „eingebeulten“ Randes . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
B.1 Mit der Eindringtiefe abnehmende Härte . . . . . . . . . . . . 176
B.2 Ermittelter E-Modul bei einem beschichteten Material . . . . 177
C.1 Zwei Kugeln im Kontakt; Referenzlage und deformierte Lage . 179
C.2 Vergleich des Hertzschen Kontakts mit geometrisch linearer
und nicht linearer FE-Lösung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
C.3 z-Ordinate des Maximums der normierten Schubspannung in
Abhängigkeit von der Querkontraktion . . . . . . . . . . . . . 184
C.4 Maxima der normierten Schubspannung in Abhängigkeit von
der Querkontraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
xiv
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
C.5 Modell mit sich ausdehnendem Hohlraum und plastischer Zone
(expanding-cavity).........................186
D.1 MTS Tytron 250 .........................192
D.2 Viskoelastisches Material bei unterschiedlichen Verzerrungsge-
schwindigkeiten ˙ε.........................193
D.3 Zusammensetzung der durchgeführten Zugversuche . . . . . . 194
D.4 Verlauf der Spannung über die Zeit für die exemplarisch ge-
wählten Materialparameter bei gegebener Dehnrate . . . . . . 198
D.5 Verlauf der Kriechdehnung über die Zeit . . . . . . . . . . . . 199
D.6 Anteil der Kriechdehnung an der Gesamtdehnung . . . . . . . 199
D.7 SnAg4,0Cu0,5-Probe mit befestigten Messmarken für das Ex-
tensometer.............................200
D.8 Schematische Darstellung der Probe mit Abmessungen . . . . 200
D.9 Fehler durch Schiefstellung der Messmarke . . . . . . . . . . . 200
D.10 Glättung der Rohdaten und verschobener Ursprung . . . . . . 201
D.11 Spannungs-Dehnungs-Linien der ermittelten Materialkennwerte 207
D.12 E-Moduln in Abhängigkeit der Beimengung . . . . . . . . . . 207
D.13 Parameter Din Abhängigkeit der Beimengung . . . . . . . . . 208
D.14 Parameter min Abhängigkeit der Beimengung . . . . . . . . . 208
D.15 0,1%-Dehngrenze in Abhängigkeit der Beimengung . . . . . . 209
D.16 0,2%-Dehngrenze in Abhängigkeit der Beimengung . . . . . . 209
D.17 Nicht gerissene Probe bei 120-prozentiger konventioneller Deh-
nung, in zwei um 90verdrehten Ansichten . . . . . . . . . . . 210
D.18 Vergleichswerte nach [42] für den E-Modul Ein Abhängigkeit
derBeimengung..........................211
D.19 Vergleichswerte nach [42] für die 0,2%-Dehngrenze in Abhän-
gigkeit der Beimengung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
xv
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
xvi
Tabellenverzeichnis
2.1 Dimensionstabelle für den Belastungsvorgang eines elastisch-
ideal plastischen Materials. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.2 Dimensionstabelle für den Belastungsvorgang eines elastisch-
plastischen, verfestigenden Materials. . . . . . . . . . . . . . . 24
2.3 Dimensionstabelle für die Kontakttiefe während des Belas-
tungsvorgang eines elastisch-ideal plastischen Materials. . . . . 24
2.4 Dimensionstabelle für den Belastungsvorgang eines viskosen,
elastisch-linear verfestigenden Materials. . . . . . . . . . . . . 26
3.1 Der Optimierung zugrunde gelegte Intervalle der Materialpa-
rameter .............................. 66
3.2 Tabelle der gefundenen Optima eines elastisch-ideal plasti-
schen Materials für eine Referenz nach dem verfestigenden,
bilinearen Materialmodell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
3.3 Tabelle der gefundenen Optima eines verfestigenden Materials
mit abweichend von der Referenz festgelegeten E-Modulen. . . 101
4.1 Hysteresen und ermittelte Moduln in Abhängigkeit vom Schnitt-
punkt mit der Achse der Dehnungen . . . . . . . . . . . . . . 135
4.2 Ermittelte Materialparameter und Kennwerte für DX56 . . . . 138
4.3 Ermittelte Materialparameter und Kennwerte für AA6016 . . 138
4.4 Ermittelte Materialparameter und Kennwerte für ZnAl15 . . . 139
5.1 Tabelle der gefundenen Optima für Indentationen und Zug-
versuch für eine Probe aus Aluminium AA6016. . . . . . . . . 156
5.2 Tabelle der gefundenen Optima für Indentationen und Zug-
versuch für eine Probe aus Stahl DX56. . . . . . . . . . . . . . 160
D.1 Eutektische Punkte ausgewählter bleifreier Lote . . . . . . . . 194
D.2 Exemplarische Materialparameter . . . . . . . . . . . . . . . . 197
D.3 Bereich der zu bestimmenden Parameter . . . . . . . . . . . . 205
D.4 Ermittelte Materialparameter und Kennwerte . . . . . . . . . 206
xvii
xviii
Symbolverzeichnis
αFitparameter der Be- und Entlastungsfunktion, [Nmm]
βKorrekturfaktor der Prüfkörpergeometrie, [-]
˙εDeformationsrate, [1
s]
ǫgeometrieabhängige Konstante von Eindringkörpern, [-]
εHencky-Dehnung, [-]
νQuerkontraktionszahl, [-]
φZielfunktion
ρRadius des Schmiegekreises (Krümmungsradius), [m]
σCauchy-Spannung, [ N
m2]
σyFließspannung, [ N
m2]
σI,σII,σIII Hauptspannung, [ N
m2]
σij Spannungstensor, [ N
m2]
εij Dehnungstensor, [-]
θÖffnungswinkel eines Prüfkörpers, []
θKÖffnungswinkel eines konischen Prüfkörpers bzw. equiva-
lent cone angle, []
ξgeneralisierter Materialparameter
AFläche, [m2]
Apro Projektion der Kontaktfläche, [m2]
C1, C2, C3, C4Parameter des Kriechgesetzes, [m2]
Ccontact compliance, [m
N]
CfRahmennachgiebigkeit, frame compliance, [m
N]
Csspecimen compliance, [m
N]
DAF diamond area function
EE-Modul, [ N
m2]
xix
Eeff, Ereffektiver E-Modul, [ N
m2]
EiE-Modul der Prüfkörpers, [ N
m2]
ETTangentenmodul, [ N
m2]
FKraft, [N]
FBel, FHal, FEnt Kraftverlauf während Belastungs-, Halte- und Entlas-
tungsphase, [ N
m2]
Fmax maximale Kraft, [N]
˙
FLastrate, [N
s]
h(totale) Eindringtiefe, [m]
hMesswert der (totalen) Eindringtiefe inkl. Rahmennach-
giebigkeit [m]
hcKontakttiefe, [m]
hfverbleibende Eindringtiefe nach dem Entlasten, [m]
hsEinsinktiefe gemessen vom Rand des Indenters bis zur
Oberfläche, [m]
Hauf projizierte Kontaktfläche unter maximaler Last bezo-
gene Härte, [ N
m2]
KiFitparameter der Flächenfunktion, [m21+i]
JJacobimatrix
lLänge beim Zugversuch, [m]
mExponent der Entlastungsfunktion, [-]
m,KParameter für Materialvorschrift nach Ludwik
n,DParameter für Materialvorschrift nach Ramberg-
Osgood
pgeneralisierter Materialparameter
RRadius des runden Prüfkörpers, [m]
im Zusammenhang mit der Arrheniusgleichung: univer-
selle Gaskonstante, [ J
mol·K]
rradialer Abstand von der Achse der Rotationssymmetrie
[m]
SSteifigkeit von Material und Indenter, [N
m]
TTemperatur, [K bzw. C]
tZeit, [s]
uVerschiebung bzw. Eindringtiefe des Prüfkörpers oder
Oberfläche im Kontext numerischer Simulationen, [m
s]
xx
vZuggeschwindigkeit beim einachsigen Zugversuch, [m
s]
W(mechanische) Arbeit, [J]
wGewichtung in der Zielfunktion
()cIndex für im Kontakt, z. B. hcoder rc
()FEM Index für Größen aus FEM-Simulationen, z. B. HFEM oder
hFEM
c
()Ref Index für Referenz-Daten, diese können experimentell er-
mittelte Werte sein oder synthetische, durch Simulation
bestimmte, z. B. HRef oder hRef
c
()tra Index für traditionell bestimmte Größen nach der Metho-
de von Oliver und Pharr, z.B. Etra oder Htra
xxi
xxii
Vorwort
Beim Erstellen dieser Arbeit wurde ich dankenswerter Weise von Prof. Wolf-
gang H. Müller vom Lehrstuhl für Kontinuumsmechanik und Materialtheo-
rie, von Prof. Johannes Wilden vom Institut für Werkzeugmaschinen und
Fabrikbetrieb, Fachgebiet Füge- und Beschichtungstechnik und Dr. Kerstin
Weinberg vom Lehrstuhl für Kontinuumsmechanik und Materialtheorie der
TU Berlin unterstützt.
Gespräche mit Dr. Michael Griepentrog von der Bundesanstalt für Material-
forschung und -prüfung steuerten interessante Aspekte zur Indentation bei.
Ihm und Marko Szuggars verdanke ich die Messungen mit dem Kugelinden-
ter, auf denen ein Teil dieser Arbeit basiert. Weitere Messungen kamen von
meinem Kollegen Arion Juritza, der sich unermüdlich um die Versuchsein-
richtungen kümmerte.
Dr. Jörg Hornig, Dr. Sven Kaßbohm und Dr. Klaus Neemann lasen Teile der
Arbeit und machten Vorschläge zur Verbesserung.
Berrit Krahl korrigierte die Rechtschreibung und Christoph Laun half beim
Textsatz und bei Fragen zu dem Satzprogramm L
A
TEX.
Mit Dr. Ralf Wille verbinden mich mehrere Jahre angenehmer und konstruk-
tiver Zusammenarbeit bei Lehrveranstaltungen. Darüber hinaus chte ich
mich bei meinen Kollegen Gisela Glass, Erik Anders, Thomas Böhme, Taoufiq
Hannach, Dr. Alexander Häse und Guido Harneit bedanken, die mit Rat und
Tat zur Seite standen und halfen, die Zeit am Institut in guter Erinnerung
zu behalten.
Meinen Eltern danke ich für die Unterstützung, die mir die Freiheit gab, mich
auf meine Ziele konzentrieren zu können.
xxiii
xxiv
Kurzfassung
Es wird gezeigt, wie die instrumentierte Eindringprüfung, auch als Nanoin-
dentation“ bezeichnet, genutzt werden kann, um Materialeigenschaften zu
charakterisieren. Die instrumentierte Eindringprüfung stellt eine Erweiterung
der klassischen Härteprüfung dar, da hier Kraft, Zeit und Tiefe kontinuierlich
gemessen werden.
Es werden die wichtigsten klassischen Konzepte zur Auswertung der ge-
messenen Daten vorgestellt. Mit diesen können der E-Modul, Härte und in
Näherung die Fließgrenze bestimmt werden.
Für eine Messung mit einem Indenter muss u.a. die Rahmennachgiebigkeit
des Prüfgeräts bestimmt werden. Bei Geräten mit geringer Steifigkeit ergeben
sich große absolute Fehler. Deswegen wird für ausgewählte Abweichungen der
Rahmennachgiebigkeit mittels der durch die Dimensionsanalyse gefundenen
Transformationsbeziehungen und einer aus einer FE-Rechnung gewonnenen,
synthetischen Kraft-Eindringtiefe-Kurve die Auswirkung auf die Ermittlung
von Härte und E-Modul untersucht.
Das am weitesten verbreitete Auswerteverfahren zur Bestimmung von
Härte und E-Modul auf Grundlage der von Oliver und Pharr publizierten
Methode wird vorgestellt und die Abweichungen gegenüber FE-Simulationen
für ein elastisch-ideal plastisches Material, und für ein stark verfestigendes
Material untersucht.
Um darüber hinaus eine uniaxiale Spannungs-Dehnungs-Kennlinie und
auch Parameter der Kriecheigenschaften aus den Daten der Indentation ab-
leiten zu können, wird ein gradientenbasiertes Minimierungsverfahren mit
einem kontinuumsmechanischen Modell gekoppelt, dessen Lösung mit dem
FEM-Programm ABAQUS erfolgt. Es werden Parameterstudien durchge-
führt und theoretische Überlegungen bestätigt, wonach sphärische Prüfkör-
per für die Lösung dieses inversen Problems besonders geeignet sind. Nähere
experimentelle Untersuchungen zeigen, dass die Prüfkörpergeometrie wegen
ihrer deutlichen Abweichung von der Sollform individuell in der Simulation
nachgebildet werden muss.
Dieses Verfahren wird auf Stahl und Aluminiumproben angewandt, an
xxv
denen zuvor Mikrozugversuche durchgeführt wurden. Die Ergebnisse wer-
den verglichen und mögliche Ursachen (wie Größeneffekte, Bestimmung lo-
kaler anstelle makroskopischer Eigenschaften und vernachlässigte Eigenspan-
nungen) für die signifikanten Unterschiede in den ermittelten Spannungs-
Dehnungs-Kurven diskutiert.
xxvi
Abstract
Parameter identification for metallic materials based on numerical
simulations and instrumented indentation tests
In this work it is shown how instrumented indentation tests (often also re-
ferred to as “nanoindentation“) can be used for characterization of material
properties. The instrumented indentation test extends the classical hardness
test in such a way that depth, force and time are continuously monitored.
The classic methods for analysis of the measured data are presented. By
means of these one is able to determine the elastic modulus and, in a first
approximation, the yield-strength.
For an indenter measurement it is necessary to determine the frame-
compliance of the testing apparatus. In case of a device with a low stiffness
large absolute errors arise. For this reason the compliance is selectively va-
ried to show its impact on hardness and elastic modulus by using transfor-
mation relations from dimensional analyses in combination with synthetic
force-depth-data created by FE simulations.
The widely-spread method of Oliver and Pharr used for determination
of the hardness and the elastic modulus is discussed and deviations to FE
analyses are investigated for an elastic, perfectly-plastic as well as a material
capable of hardening.
Moreover, in order to determine an uniaxial stress-strain relationship as
well as creep properties from the data measured by indentation a gradient-
based minimization procedure is coupled with a continuum mechanics model
and analyzed numerically using the FE code ABAQUS. Parametric studies
are performed and theoretical considerations are verified according to which
indenters with a spherical shape are particularly suitable to solve the inverse
problem. Experiments show that the actual indenter geometry needs to be
modeled due to its considerable deviation from the ideal shape.
The method is applied to specimens made of aluminum and steel which
were initially examined in micro-uniaxial-tensile tests. The results are com-
pared and possible reasons for significant differences (such as size-effects, de-
xxvii
termination of local instead of macroscopic properties, as well as neglecting
residual stresses) are discussed.
xxviii
Kapitel 1
Einleitung
Diese Arbeit verifiziert numerisch konventionelle Methoden zur Bestimmung
von Härte und E-Modul und stellt ein Verfahren zur Identifikation von Span-
nungs-Dehnungs-Beziehungen aus instrumentierter Eindringprüfung, auch als
Indentation bezeichnet, an Miniaturproben vor.
Für die beanspruchungsgerechte Konstruktion und Bemessung eines Bau-
teiles gegen mechanische Einwirkungen ist es unerlässlich, seine mechanischen
Eigenschaften zu beschreiben bzw. die angenommenen Eigenschaften nach-
weisen zu können. Ein Werkstoff wird im Allgemeinen charakterisiert durch
seine elastischen Eigenschaften, sein Verhalten bei zeitunabhängigen, irrever-
siblen Verformungen und sein zeitabhängiges Verhalten.
Neben diesen Parametern dient auch der Widerstand gegen das Eindrin-
gen eines anderen (zumeist härteren) Körpers dazu, das Material zu beschrei-
ben. Diese allgemein beschriebene Kennzahl, zu deren Ermittlung es verschie-
dene Ausführungen und Definitionen gibt, wird als Härte bezeichnet.
Andere, in dieser Arbeit aber nicht weiter thematisierte Härtekennwer-
te beschreiben das Verhalten beim Ritzen. Dieses kann qualitativ beschrie-
ben werden, also welcher Stoff ritzt den anderen. Die resultierende Kennzahl
solch einer qualitativen Beschreibung kann die Einordnung in eine Rangskala
(z.B. von 1bis 10 nach der Härteskala von Mohs, eingeführt in den 1820er)
sein oder die quantitative Beschreibung des Widerstandes gegen Einritzen
(scratch hardness).
Diese Verfahren kommen sowohl im makroskopischen als auch im mi-
kroskopischen Bereich zur Anwendung. Makroskopisch dienen sie der zer-
störungsarmen Prüfung. So kann z.B. an einem Stahlträger mit einer Ku-
gel aus Hartmetall der Widerstand gegen das Eindringen bestimmt werden.
Der Stahlträger wird danach eine kleine Delle aufweisen, die seine Tragfä-
higkeit aber nicht beeinflusst. Das quantitative Maß des Widerstandes, für
dessen Bestimmung je nach dem Bedarf späterer Verwendung des Kennwer-
1
1 Einleitung
tes unterschiedliche Definitionen und Methoden existieren, korreliert dann
mit Eigenschaften wie der Fließgrenze oder dem Verschleiß bei mechanischer
Beanspruchung.
Um eine analoge Vorgehensweise auf der mikroskopischen Skala zu ermög-
lichen, muss eine Probe des Werkstoffes herausgetrennt und durch Einbetten
in Trägermaterialien und Präparation der zu prüfenden Oberfläche aufgear-
beitet werden. Dann wird ein kleiner Diamant, der in Form einer Pyramide
zu den am weitesten verbreiteten Prüfkörpern gehört, in das zu prüfende
Material gedrückt. Das Werkstück wird dabei im Allgemeinen unbrauchbar,
weswegen die Prüfmethode nicht zu den zerstörungsfreien oder zerstörungs-
armen Prüfverfahren zählt.
Obwohl es sich bei der Prüfung im Mikrobereich um eine zerstörende
Prüfung handelt, kommt dem Verfahren besondere Bedeutung zu, da es mit
kleinsten Probemengen und Abmessungen auskommt. Die Beschränkung auf
kleine Mengen und Abmessungen und die Möglichkeit das Material in situ,
also unter Einfluss seiner Umgebung zu testen, sind die wichtigsten Vorteile
dieses Verfahrens.
So können Materialien, wie z.B. intermetallische Verbindungen (IMC)
geprüft werden, die sich aus den zu verbindenden Grundstoffwerkstoffen an
Lötstellen bilden und an dem Ort, an dem sie entstehen, lediglich in Dicken
um ein bis zwei Mikrometer vorkommen. Die intermetallischen Verbindungen
weisen oftmals mechanische Eigenschaften auf, deren Kennwerte wie Elasti-
zitätsmodul und Härte weit über denjenigen der Grundstoffwerkstoffe liegen,
aus denen sie hervorgegangen sind. Infolge dessen kommt es an den Grenz-
flächen dann zu Spannungsspitzen, deren Auftreten unter zyklischer Last die
Lebensdauer herabsetzt.
Abb. 1.1 zeigt Aufnahmen, die im Rahmen des BMBF-Projektes LIVE
am LKM1entstanden sind. Die optische Vergrößerung nimmt von links oben
nach rechts unten von 16- bis 1000fach zu. Links oben ist ein Stück einer
in Epoxidharz eingebetteten Platine in der Mitte einer Fixierung zu erken-
nen. Rechts unten in der chsten Vergrößerungsstufe ist ein Raster von
neun mal neun bleibenden Eindrücken aus Indentationen zu sehen. Die drei
Spalten auf der linken Seite haben die Schicht der Leiterbahn aus Kupfer
getroffen, während einige der Prüfungen der fünften Reihe eine Nadel aus
Ag3Sn getroffen haben. Die Indente der Spalten sieben bis neun treffen ein
bleifreies Lot aus SnAg5,5Cu1,0In1,0. Die intermetallische Verbindung liegt
zwischen den Spalten drei und vier.
1Lehrstuhl Kontinuumsmechanik und Materialtheorie (LKM ) der TU Berlin
2
1 Einleitung
Abbildung 1.1: Links oben: In Epoxidharz eingebettete Platine mit Halter
Von links oben nach rechts unten: von 16- bis 1000fach zuneh-
mende Vergrößerung
Weiterhin können mit diesen Prüfverfahren auf der Mikroebene auch dün-
ne Schichten und Filme im Mikrometerbereich getestet werden, um so eine
Größe zu erhalten, die mit der zu erwartenden Abriebfestigkeit korreliert.
Die Anwendung der makroskopischen Verfahren gehört zur klassischen
Härteprüfung, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts von Meyer [51] und
Brinell2eingeführt wurde. In 1950er Jahren wurde sie von Tabor in [69]
eingehend untersucht und weiter entwickelt. Den klassischen Verfahren ist ge-
meinsam, dass man als Ergebnis lediglich einen Quotient aus einer Prüfkraft
und einer je nach Definition anders zu bestimmenden Kontaktfläche erhält,
wodurch der Informationsgehalt eingeschränkt ist.
Im Gegensatz dazu werden bei den modernen Verfahren der instrumen-
tierten Eindringprüfung Messwerte von Kraft, Eindringtiefe des Prüfkörpers
und der Zeit über einen Versuchsverlauf, der sich aus dem Absenken und
dem Anheben des Prüfkörpers zusammensetzt, protokolliert. Diese Messrei-
hen weisen hinsichtlich der zu bestimmenden Werkstoffkennwerte, wie sie im
2Brinell war der erste, der eine Kugel als Prüfkörper vorstellte, die zu geringeren
Scdigungen der zu prüfenden Oberfläche führte.
3
1 Einleitung
konstruktiven Bereich relevant sind, einen sehr viel größeren Informationsge-
halt auf. Dieser bleibt bei der Bestimmung der Härte ungenutzt, da sie sich
im Wesentlichen nur auf den Punkt bei Erreichen der maximalen Last be-
zieht. Ein größerer Teil der Informationen, nämlich die Weg- und Kraft-Daten
des Entlastungsvorganges werden für die Bestimmung des E-Moduls genutzt,
der durch einfaches Auswerten von Beziehungen, die erstmalig von Bulychev
et al. in [18] angegeben wurden, zugänglich ist. Während weitere Größen,
deren Bestimmung mit hohem Rechenaufwand für numerische Simulationen
verbunden ist, in den Messwerten verborgen bleiben.
Wie bereits von Meyer experimentell belegt, besteht ein Zusammenhang
zwischen der im klassischen Zugversuch bestimmten Spannungs-Dehnungs-
Beziehung und der Härte. Der Verlauf einer gemessenen Kraft-Weg-Kurve
einer Indentation muss dann auch von diesen Materialeigenschaften abhängig
sein. Die grundlegende Idee zur Aufdeckung weiterer, nicht direkt zugängli-
cher Informationen, die in den Messdaten einer Indentation enthalten sind,
besteht darin, die Indentation mit einer geeignet zu bestimmenden Span-
nungs-Dehnungs-Beziehung numerisch zu simulieren. Sollte die Simulation
mit diesen angenommenen Materialeigenschaften den Messwerten vergleich-
bare Ergebnisse liefern, so ist ein notwendiges Kriterium dafür erfüllt, dass es
sich um die gesuchte Beschreibung des Materials aus dem Experiment han-
delt. Dieses Konzept, das als Ergebnis die vollständige Spannungs-Dehnungs-
Beziehung liefert, wird in der vorliegenden Arbeit verfolgt.
Diese Arbeit behandelt vorrangig Versuche der instrumentierten Ein-
dringprüfung auf der Mikroebene, die auch als „Nanoindentation“ bezeich-
net werden. Nach Erläuterung der in der gängigen Literatur beschriebenen
Auswertemethodik beschreibt die Arbeit die Verifikation der auf „Handrech-
nungen“ basierenden Auswertemethoden mit numerischen Simulationen. An-
hand von gemessenen und simulierten Indentationen wird dann exemplarisch
dargestellt, wie man eine Lösung, die das notwendige Kriterium befriedigt,
mittels eines Optimierungsverfahrens auffindet. Es wird geprüft, inwieweit
diese Forderung auch hinreichend ist. Weiter wird untersucht, ob die unter
Berücksichtigung unvermeidbarer Messunsicherheiten gefundenen Materia-
leigenschaften durch den Versuch eindeutig beschrieben sind, also der Ver-
such für die zu bestimmenden Größen ausreichend sensitiv ist. Aufgrund der
im Verlauf der Arbeit gefundenen größeren Sensitivität des kugelförmigen
Indenters werden mit diesem abschließend Indentationen und Mikrozugver-
suche an denselben Proben durchgeführt und die identifizierten Parameter
miteinander verglichen.
4
Kapitel 2
Verifikation klassischer
Auswertungsverfahren
instrumentierter
Eindringprüfungen mittels FEM
2.1 Prüfkörpergeometrie und der Begriff der
Härte
Zur Beschreibung der Eigenschaften eines Materials kann seine Härte heran-
gezogen werden. Die Härte bezeichnet den Widerstand des zu untersuchenden
Stoffes gegenüber dem eindringenden Prüfkörper. Dazu wird ein Prüfkörper
in eine Materialprobe gedrückt, und es werden Kraft und Eindringtiefe ge-
messen.
Der Prüfkörper, üblicherweise ein Diamant oder ein Saphir, ist wie in Abb.
2.1 schematisch dargestellt auf den Probenhalter montiert. Der Prüfkörper,
dessen gebräuchlichste Formen in Abb. 2.2 dargestellt sind, sollte deutlich
härter als das zu prüfende Material sein, so dass keine irreversiblen Deforma-
tionen am Prüfkörper auftreten. Der Begriff der Härte ist mit verschiedenen
Definitionen besetzt, wobei den hier betrachteten Härteskalen gemeinsam ist,
dass es sich immer um ein Verhältnis von aufgebrachter Prüfkraft zu einer
Fläche handelt. Diese Härteskalen sind im Wesentlichen an der Quantität
der Kraft, der Form des Prüfkörpers und der Fläche auf die die aufgebrachte
Prüfkraft bezogen wird, ausgerichtet.
Für Kugelindenter gibt es Härtedefinitionen nach Rockwell,Brinell
5
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Diamant
Klebung
Halter
Abbildung 2.1: Schematische Darstellung des Halters für die Prüfspitze nach [74]
und Meyer1. Auch für die spitzen Indenter gibt es unterschiedliche Defi-
nitionen. Diese unterscheiden sich danach, ob die Prüfkraft auf eine Fläche
bezogen wird, die aus dem bleibendem Eindruck gewonnen wird, ob es sich
um die Fläche im Kontakt oder ob es sich um deren Projektion handelt.
Die Nanoindentation stellt eine Form der instrumentierten Eindringprü-
fung dar, d.h. im Gegensatz zu den meisten anderen Verfahren werden zu
jedem Zeitpunkt während der Belastungs- und der Entlastungsphase Kraft
und Weg gemessen, nicht nur am Ende der Belastung bzw. nach der Ent-
lastung. Die Details der Vorgehensweise sind in DIN EN ISO 14577, [26],
geregelt.
Die in dem hier behandelten Aspekt der Nanoindentation zugrunde ge-
legte Definition für die Härte lautet
H=F
A,(2.1)
wobei Anicht die wirkliche Fläche, sondern die Projektion der im Kontakt
befindlichen Fläche ist. Im Weiteren Verlauf dieser Arbeit ist, wenn nicht
ausdrücklich kenntlich gemacht, mit Aimmer die projizierte Fläche bezeich-
net. Die Definition geht auf [51] zurück und wird in [26] (Teil 1, Gl. A.5) als
Eindringhärte HIT bezeichnet.
Dieses Maß hat gegenüber den anderen Definitionen, bei denen die Be-
zugsfläche z.B. durch optisches Vermessen des bleibenden Eindruckes be-
stimmt wird, insbesondere den Vorzug, dass sie auch für Materialien be-
stimmbar ist, die keinen nennenswerten Eindruck hinterlassen, wie es bei
1Diese Prüfverfahren stellen keine instrumentierte Eindringprüfung dar.
6
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Berkovich
Würfelecke
Vickers
Knoop
Konus
Konus mit Sphäre
Abbildung 2.2: Gebräuchliche Indenterspitzen nach [74]
manchen Kunststoffen auftreten kann. Außerdem vermeidet man die Schwie-
rigkeit, die sehr kleinen Eindrücke, deren längste zu bestimmenden Abstände
z.T. unter 1µmbetragen, auffinden und vermessen zu müssen.
Die weitere Betrachtung bezieht sich zunächst auf konische Indenter2. Der
Zusammenhang mit anderen spitzen Indentern wird danach hergestellt.
Der Eindringkörper des Indenters kann nicht ideal spitz sein, unabhän-
gig von der Ausprägung seiner Spitze. Ihre Ausrundung muss zumindest bei
kleinen Eindringtiefen berücksichtigt werden, da dies eine Abweichung von
der idealisierten Sollform darstellt. Die Ausrundung der Diamantspitze des
hier verwendeten Berkovich-Indenters ist vom Hersteller nicht näher spe-
zifiziert. Eine Vermessung des Diamanten unter einem Raster-Elektronen-
Mikroskop kommt üblicherweise nicht in Frage, da die dafür nötige Beschich-
tung die Oberflächeneigenschaften des Diamanten verändern würde und die-
ser dann nicht mehr zur Indentation genutzt werden kann.
Übliche Radien der Ausrundung für den hier betrachteten Nanoinden-
ter bewegen sich um R= 100 nm [30]. Die Ausrundung kann nur indirekt
über die Anpassung einer Korrekturfunktion ermittelt werden. Nach der Er-
mittlung der Rahmennachgiebigkeit (sog. frame compliance)Cfdes Inden-
2Konische Prüfkörper sind in [26] allerdings nicht beschrieben, da es sich dabei um eine
modelltechnische Idealisierung der (pyramidalen) Prüfkörper handelt, die praktisch nur
mit größerer Ausrundung der Spitze bzw. mit einer Abplattung gefertigt werden können.
7
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
ters, die auch die Nachgiebigkeit des Indenterschaftes und des Probenhalters
beinhaltet, kann die Korrekturfunktion für die projizierte Kontaktfläche (sog.
diamond area function)3, im folgenden mit DAF bezeichnet, ermittelt wer-
den. Die Vorgehensweise zur Ermittlung dieser Größen wird im Abschnitt
2.4 dargestellt.
Zuerst einmal sollen die hier verwendeten Prüfkörper bzw. ihre Verbin-
dung zu anderen, modelltechnisch leichter handhabbaren Formen dargestellt
werden.
Der nach Berkovich benannte Prüfkörper hat die Form einer dreiseiti-
gen Pyramide. Er hat einen Öffnungswinkel von θBer = 65,3(Abb. 2.3) [32].
Bei der Indentation duktiler Werkstoffe wird der Verlauf der Last-Eindring-
Kurve im Wesentlichen von der Volumen-Eindringtiefe-Funktion des inden-
tierenden Körpers bestimmt. Demnach kann ein pyramidaler Indenter mit
drei oder vier Seiten oder ein Indenter mit der Form einer Würfelecke (sog.
cube corner) durch das Modell eines konischen Indenters ersetzt werden, der
die gleiche Volumen-Eindringtiefe-Funktion hat.
Das durch eine Pyramide oder durch einen Konus mit beliebiger proji-
zierter Grundfläche Apro verdrängte Volumen ist V=1
3Aprohc, wobei hcdie
Tiefe ist, über die der Prüfkörper mit dem Probenmaterial in Kontakt steht.
Für die betrachteten Prüfkörper kann die Querschnittsfläche als Funktion
der Tiefe hcdargestellt werden, wobei sich für den Berkovich-Indenter
Apro,Ber = 33h2
ctan2θBer (2.2)
und für den Konus
Apro,K=πh2
ctan2θK(2.3)
ergibt. Aus der Forderung gleicher verdrängter Volumina von Berkovich-
Indenter und Konus VBer(hc) = VK(hc)folgt Apro,Ber(hc) = Apro,K(hc), so dass
für den vorgegebenen Winkel θBer der Öffnungswinkel eines dem Berkovich-
Indenter äquivalenten Kegels θK= 70,32beträgt und sich Apro = 24,56h2
c
ergibt.
Diese Eigenschaft eines Ersatzmodells mit äquivalentem Volumen wird
später auch in dieser Arbeit genutzt, um den Rechenzeitbedarf bei einer
numerischen Simulation so gering wie möglich zu halten. Außerdem liegt
diese Eigenschaft implizit auch den üblichen unter Abschnitt 2.2 verwende-
ten Gleichungen zugrunde, da diese, bis auf einen Korrekturfaktor bei der
Bestimmung des E-Moduls, lediglich auf die projizierte Kontaktfläche zu-
rückzuführen sind.
3Diese Bezeichnung für die Flächenfunktion wird im weiteren verwendet, unabhängig
davon, aus welchem Material der Prüfkörper tatsächlich gefertigt ist.
8
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Draufsicht Querschnitt
65,27
77,03
30
a
b
h
l
z
Abbildung 2.3: Berkovich-Prüfkörper in Draufsicht und im Querschnitt ent-
lang einer der drei Symmetrieachsen
Für die Erfassung der Rundung der Diamantenspitze, also zur Bestim-
mung der Flächenfunktion wird die Eigenschaft genutzt, dass die Härte eines
Materials für ausreichend große Eindringtiefen, genauso wie der E-Modul, ei-
ne charakteristische Größe für das Material darstellt. Die Ermittlung der Kor-
rekturfunktion setzt die Bestimmung des E-Modul aus der initialen Steigung
der Entlastungs-Kurve, wie im Abschnitt 2.2 erläutert, voraus. Die freien Pa-
rameter der Korrekturfunktion werden dann so bestimmt, dass entweder die
nominellen Werte der Härte oder die des E-Moduls eines Referenzmaterials,
dem Kalibrierquartz (fused silica), mit den gemessenen übereinstimmen.
Die korrigierte Flächenfunktion, die von der Kontakttiefe hcabhängt,
repräsentiert dann die wahre“ projizierte Fläche, mit der die Bestimmung
von Härte und E-Modul für andere zu untersuchende Materialien aus den
gemessenen Kraft- und Wegdaten möglich wird. Die Flächenfunktion ist ins-
besondere für die Auswertung von Versuchen mit geringen Eindringtiefen
bedeutend. Für große Eindringtiefen ist die Abplattung der Spitze nur von
untergeordneter Bedeutung.
Nachfolgend werden zwei verschiedene Modellierungsmöglichkeiten zur
Abbildung rotationssymmetrischer Eindringkörper vorgestellt, mit denen die
Darstellung einer von der Sollform abweichenden Diamantengeometrie mög-
lich ist.
9
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
h1
h2
Rh2R
r
hshs
h
f(hc)
hc
θK
θK
Absenkung (sink-in)
Aufwurf (pile-up)
Abbildung 2.4: Ausgerundeter Kegel mit der Kontakttiefe hcim Querschnitt
Abb. 2.4 zeigt einen konischen, an der Spitze abgerundeten Indenter, an
dessen Seite sich eine Absenkung (sink-in)hsgebildet hat. Die Tiefe über die
der Prüfkörper mit dem Probenmaterial in Kontakt steht, ist die Kontakttiefe
hc, die oft auch als plastische Tiefe4bezeichnet wird. Die totale Tiefe h=
hc+hssetzt sich aus der Höhe der Absenkung bzw. des Aufwurfes (pile-up)
und der plastischen Tiefe zusammen5. Weiter können der Abbildung folgende
geometrischen Zusammenhänge entnommen werden:
h1=R1
sin θK1und (2.4)
h2=RR2r2=R(1 sin θK).(2.5)
Für die Kontaktfläche mit der Ausrundung ergibt sich für hc< h2:
A(hc) = πR2(Rhc)2=π2Rhch2
c.(2.6)
Für den Fall hc< h2und hcRfolgt aus Gl. (2.6):
A(hc)2πRhc.(2.7)
4Die sog. plastische Tiefe (plastic depth), darf nicht mit dem irreversiblen Anteil der
Verformung bzw. der bleibenden Tiefe nach der Entlastung hfverwechselt werden.
5Die Größe hsist der Vollständigkeit halber für den Fall eines Aufwurfes mit dem in
diesem Falle zu berücksichtigen negativen Vorzeichen eingetragen. Es sei darauf hingewie-
sen, dass im Rahmen der später vorgestellten Berechnungsmöglichkeiten nach Oliver und
Pharr immer ein Einsinken der Oberfläche unterstellt wird.
10
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Nach dem Übergang von der Ausrundung in die Flanke ist für hch2:
A(hc) = π(r+ (hch2) tan θK)2
=π(Rcos θK+ (hch2) tan θK)2
=πR2cos2θK
+ (hch2)Rsin θK+ (hch2)2tan2θK.(2.8)
Die beiden Gleichungen (2.6) und (2.8) hängen von Rbzw. von Rund θKab.
Die Größe h2, die den Übergang zwischen Ausrundung und gerader Flanke
beschreibt, ist ebenfalls eine Funktion von Rund θK. Es kann also die für
die Simulation zugrunde zu legende Geometrie eines abgerundeten Indenters
ermittelt werden, wenn die beiden freien Parameter Rund θKaus den Kali-
briermessungen bestimmt werden. Für große Eindringtiefen sollte θKgleich
dem nominellen Flankenwinkel sein und die verbleibende zu bestimmende
Größe wäre dann R.
Für Rbieten sich zwei Bestimmungsmöglichkeiten an:
Zum einen durch Regression derart, dass die Differenz zwischen der
Flächenfunktion des Modells und den Messpunkten der Kalibriermes-
sung möglichst gering wird. Diese Vorgehensweise bietet sich an, um
die Abweichungen des wirklichen Diamants von der idealen Form zu
berücksichtigen.
Zum anderen einfach durch die Forderung, dass die Nullpunktslage des
Modells mit der der Kalibrierdaten übereinstimmt. D.h., die fehlende
(ideale) Spitze wird mit h1identifiziert, woraus dann Rbestimmt wer-
den kann. Durch Verfolgung dieses Weges ist sichergestellt, dass die
Kontakttiefe hcin der Simulation und in der Auswertung der experi-
mentellen Daten sich auf dieselbe Nulllage beziehen.
Es sei darauf hingewiesen, dass diese Forderung keine direkte Konse-
quenz einer möglichst realitätsgetreuen Modellierung ist, sondern ledig-
lich eine Konsistenz zweier (unabhängiger) Auswerteverfahren herstellt.
Da die Flächenfunktion für geringe Eindringtiefen nicht zuverlässig er-
mittelt werden kann, muss sie durch Extrapolation der Kalibrierfunk-
tion bis zur Eindringtiefe Null bestimmt werden. D.h., dass die Höhe
der fehlenden Spitze von der Wahl der Kalibrierfunktion und der ein-
gehenden Rohdaten abhängt; siehe dazu auch Absatz 2.4.
Abgesehen von der besseren Abbildung der Diamantengeometrie, liegt ein
weiterer Vorteil darin, dass es, wie in [65] gezeigt wird, ausreichend ist, für
11
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
ein solches Modell Kalibrierungen an Belastungskurven durchzuführen. Dar-
über hinaus sind detailreichere Ansätze für die Imperfektion des Diamanten
möglich. Wenn man in dem gerade beschriebenen Modell auf die Annahme
verzichtet, dass die Rundung tangential in die Flanke übergeht, so ergäbe
sich ein dritter zu bestimmender Freiwert. In dem weiter unten vorgestellten
Vorschlag nach [56], [55] erhält man bis zu acht Parameter.
Prinzipiell kann die Form des axialsymmetrischen Indenters direkt aus
der Flächenfunktion gewonnen und diskretisiert werden:
f(hc) = rA(hc)
π.(2.9)
Wenn es aufgrund der geringen Eindringtiefe und fortgeschrittener Abnut-
zung notwendig wird, die Ausrundung mit im Modell zu berücksichtigen, so
sprächen insbesondere praktische Überlegungen für die Wahl eines einfachen
Modells: Die Kontaktzone des ersten Modells wäre frei von Ecken. Das zweite
Modell hätte eine Ecke im Übergang zwischen Rundung und Flanke und die
Diskretisierung der Flächenfunktion hätte viele Ecken im Kontaktbereich, die
allerdings im Rahmen einer numerischen Simulation durch optionales Glät-
ten beseitigt werden könnten. Für einen angenommenen Ausrundungsradius
von ca. R= 100 nm und Eindringtiefen hc= 1000 nm betrüge die Höhe der
Ausrundung dann lediglich h2= 5,8 nm.
Die Kontakttiefe kann aus der Last-Weg-Kurve unter Annahme eines ide-
al elastischen Entlastungsvorganges abgeschätzt werden. Die Kontakttiefe
ist nur für den Fall rotationssymmetrischer Körper ortsunabhängig inter-
pretierbar; im Falle des Berkovich-Indenters z.B. hat jeder Punkt, der
an der Grenze zur Kontaktzone liegt, wenn man die drei Symmetrieebe-
nen unberücksichtigt lässt, eine andere Kontakttiefe. Die für den Berko-
vich-Indenter angegebene Kontakttiefe hcist dann eine fiktive Größe und
bezieht sich immer auf den konischen Prüfkörper mit der gleichen Volumen-
Eindringtiefefunktion.
Um den Sachverhalt zu illustrieren, wird die FE-Berechnung eines Ber-
kovich-Prüfkörpers, der in ein elastisch-ideal plastisches Material drückt,
betrachtet; der Aufbau eines solchen Modells ist im Anhang A erläutert.
Abb. 2.5 zeigt die Verteilung der von Mises-Spannung an einem räumlichen
FE-Modell, aus dem 120herausgeschnitten sind6. An den Kanten tritt eine
Spannungskonzentration auf. In dem Bereich, an dem die Kanten auslaufen,
liegt eine geringere Kontakttiefe vor, da der Aufwurf dort niedriger ausfällt.
6Die Berechnung wurde an einem 60-Modell durchgeführt, das die Symmetrien durch
die entsprechenden Randbedingungen berücksichtigt. Die Darstellung erfolgt durch Spie-
gelung an den Symmetrieachsen.
12
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Abbildung 2.5: Von Mises-Spannungen während des Kontaktes mit dem Dia-
manten bei maximaler Last im Schnitt
Abb. 2.6 zeigt den Verlauf der verformten Oberfläche aus Abb. 2.5 bei
Erreichen der maximalen Last entlang der Kante des Diamanten und entlang
der Mitte der Fläche. Die Öffnungswinkel der im Kontakt stehenden Flächen
variieren gemäß Abb. 2.3 zwischen 65,27und 77,03, weswegen die wirkliche
Kontakttiefe des Berkovich-Indenters eine Funktion des Ortes ist7. Bei dem
hier betrachteten Fall eines elastisch-ideal plastischen Materials, das einen
Aufwurf bildet, liegt die Summe aus Eindringtiefe und Höhe des Aufwurfes
an der Mitte der Fläche 11% unter der der Kante8.
In der Abb. 2.5 ist zu erkennen, dass die Spannungsverteilung in der Tiefe
nicht kugelförmig ist. Dieses steht im Widerspruch zu der Annahme, wie sie
z.B. im expanding-cavity-Modell (siehe auch Abschnitt C.3) für die Grenze
der plastischen Zone zugrunde gelegt wird. In der Draufsicht in Abb. 2.79
kann man sehen, dass die Isoflächen der Spannung auf der Oberfläche mit
zunehmendem Abstand vom Eindruck ringförmig verlaufen.
7Diese Feststellung gilt sinngemäß für alle Indenter, die nicht rotationssymmetrisch
sind.
8Bei den dargestellten Berechnungen wurden keine Kontaktinformationen ermittelt,
weswegen zur Gegenüberstellung die Summen aus Eindringtiefe und Höhe des jeweiligen
Aufwurfes herangezogen werden.
9Die Materialdaten der bilinearen Spannungs-Dehnungs-Beziehung, der den Kontur-
plots zugrunde liegenden Simulationen sind E= 30000 N
/mm2,ν= 0,3,σy= 30 N
/mm2
und σ= 70 N
/mm2bei εpl = 0,4.
13
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 1 2 3 4 5 6 7 8
−1
−0.8
−0.6
−0.4
−0.2
0
0.2
r [µm]
u2 [µm]
Kante
Mitte der Fläche
65,3° 77,0°
u2=−1,122 µm
u2=0,213 µm
u2=0,065 µm
Abbildung 2.6: Verlauf der vertikalen Verschiebungen entlang der Kante und ent-
lang der Mitte der Diamantenfläche bei maximaler Last
Abbildung 2.7: Von Mises-Spannungen während des Kontaktes mit dem Dia-
manten bei maximaler Last in der Draufsicht
14
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
2.2 Grundlegender Zusammenhang zwischen
Kraft-Weg-Kurve und dem E-Modul
Oliver und Pharr geben in [56] den auf Sneddon [64] zurückzuführenden
allgemeinen Zusammenhang zwischen der Kraft F, die auf einen Indenter
wirkt und der Eindringtiefe hdes in die ideal elastische Probe eindringenden
Prüfkörpers mit
FBel =αhm(2.10)
an, wobei min Abhängigkeit von der Geometrie des Prüfkörpers bestimmte
Werte annimmt. Es sind m= 1 für den flachen Stempel, m= 2 für Koni und
m= 1,5für Paraboloide. Für geringe Eindringtiefen verhält sich ein sphäri-
scher Prüfkörper mit dem Radius Rwie ein Paraboloid, der im Berührpunkt
die Krümmung 1/R aufweist.
Im Falle eines elastisch-plastischen Kontaktes muss zwischen den Be-
lastungsphasen unterschieden werden, da es im Allgemeinen zu irreversi-
blen Verformungen kommt. Wie in den Abschnitten C.1 und C.2 über den
Hertzschen Kontakt beschrieben, muss im Falle eines runden Prüfkörpers
erst eine Grenzkraft erreicht werden, nach deren Überschreiten eine irre-
versible Verformung unterhalb der Kontaktstelle innerhalb des Kontinuums
auftritt.
Neben den bereits erwähnten rotationssymmetrischen Körpern sind noch
weitere Prüfkörper gebräuchlich. Die wichtigsten anderen Prüfkörper sind
der nach Berkovich benannte Indenter in Form einer dreiseitigen Pyra-
mide, die nach Vickers benannte vierseitige Pyramide, der nach Knoop
benannte rhombische Indenter und die Würfelecke (sog. cube corner). Von
Zylinder, Paraboloid und Kugel abgesehen, sind alle anderen Typen spitz
und selbstähnlich10. Allen spitzen Indentern gemeinsam ist die Eigenschaft,
dass beim ersten Kontakt mit der Oberfläche des zu prüfenden Werkstoffes
bereits plastische Verformung einsetzt. Es gibt keinen Bereich am Beginn der
Belastung, in dem rein elastische Deformationen auftreten.
Im Falle der Indentation elastisch-plastischer, zeitunabhängiger Stoffe mit
selbstähnlichen Prüfkörpern gilt nach [39]
FBel =kh2.(2.11)
Wie Abb. 2.4 und 2.8 für den Fall eines Einsinkens (sink-in) entnommen
werden kann, kann die Eindringtiefe des Indenters als Addition der Kon-
takttiefe hc, über die der Prüfkörper sich im Kontakt mit der Materialprobe
10Der Begriff der Selbstähnlichkeit wird im folgenden Abschnitt 2.3 erläutert.
15
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
befindet, und hs, dem Einsinken der Umgebung, gemessen gegenüber der
unverformten Oberfläche, gemäß Gl. (2.12) beschrieben werden:
h=hc+hs.(2.12)
(konischer) Prüfkörper
Oberfläche
nach Entlasten
hhshc
hf
unbelastete
Oberfläche
Oberfläche
unter Last
Aufwurf (pile-up)
F
Abbildung 2.8: Schematische Darstellung der Oberflächenkontur während des
Belastungs- und nach dem Entlastungsvorgang, links für ein Ein-
sinken der Oberfläche, rechts für einen Aufwurf; modifiziert nach
[56]
Nach [55] wird, wie beim Hertzschen Kontakt, ein effektiver E-Modul
Eeff definiert, der die elastischen Eigenschaften Eund νdes zu prüfenden
Materials und die des Prüfkörpers Eiund νiberücksichtigt:
1
Eeff
=(1 ν2)
E+(1 ν2
i)
Ei
.(2.13)
Bei allen hier durchgeführten Versuchen wurden ausschließlich Diamanten
als Prüfkörper verwendet. Ihre Eigenschaften werden seitens des Herstellers
mit Ei= 1,141 MN
mm2und νi= 0,07 angegeben.
Abb. 2.9 stellt schematisch den Verlauf einer Indentation dar. Eine Inden-
tation besteht typischerweise aus einer Belastungs-, einer Halte- und einer
Entlastungsphase. Ggf. wird die Entlastungsphase noch einmal durch eine
Haltephase unterbrochen, wenn ca. 10% der maximalen Last erreicht sind.
Die Abbildung zeigt den Verlauf der Kraft über der direkt am Diamanten
gemessenen Eindringtiefe h. Dieser, um die elastischen Verformungen der
Messeinrichtung korrigierte Weg, wird dadurch erhalten, dass die gemessene
fehlerbehaftete Eindringtiefe hum eine im Allgemeinen kraftproportionale
Nachgiebigkeit Cfvermindert wird.
16
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Belasten
FBel
Entlasten
FEnt
Halten
Fmax
CfS
Kraft F
hmax
hc(ǫ= 1)
hc(ǫ= 0,72)
hfTiefe h
möglicher Bereich
für hc
Abbildung 2.9: Schematische Darstellung des Belastungs- und Entlastungsvor-
ganges; modifiziert nach [56]
Nachfolgend beziehen sich alle Angaben für hauf die um die kraftpro-
portionale Nachgiebigkeit Cfkorrigierte Größe
h=hCfF . (2.14)
Lediglich die von der Eindringtiefe abhängige, weiter unten beschriebene Pro-
bensteifigkeit Sbezieht sich auf die nicht korrigierten Größen. Der Weg CfF
aus Nachgeben der Messeinrichtung, der zu haddiert werden müsste, um h
zu erhalten, ist durch die Gerade im Ursprung repräsentiert.
Am Beginn der Entlastungskurve kann die Ableitung bestimmt werden,
für die in [55] und [57]
S=dFEnt
dhhmax
=β2
πEeffA(2.15)
angegeben ist. Dieser allgemeine Zusammenhang (ohne den Faktor β) zwi-
schen der Steigung und dem E-Modul ist das erste Mal in [64] angegeben
worden.
In der obigen Gleichung ist in [55] gegenüber [56] der Faktor β, der von
der Geometrie des Prüfkörpers abhängt, aufgenommen worden. In [55] wird
darauf hingewiesen, dass dieser Faktor, der ca. zwischen 1,02 und 1,08 liegt,
wichtig für ein genaues Ergebnis sei. Es stehen allerdings nur wenige, relativ
weit streuende Angaben zur Größe von βzur Verfügung. Die Angaben sind
17
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
zum Teil widersprüchlich und beziehen sich meist auf rechnerische Untersu-
chungen an rein elastischen Materialien.
In [58] und [17] wird ein Konzept namens effective shape vorgestellt.
Die Idee besteht darin, dass der Entlastungsvorgang rein elastisch ist, und
die Verschiebungsänderung der vormals im Kontakt mit dem Prüfkörper ste-
henden Oberfläche eine Form des Hertzschen Kontaktes eines Paraboloi-
den11darstellt. Im Unterschied zu denen unter einem Prüfkörper stattfinden-
den Prozessen beinhaltet die Kontakttheorie nach Hertz aber insbesondere
die Annahmen, dass
nur kleine Verzerrungen vorliegen,
die „Eindringtiefe” klein im Verhältnis zum Krümmungsradius des Prüf-
körpers ist
für den Kontakt mit einer Ebenen ein elastischer Halbraum vorliegt12
und dass keine Radialverschiebungen auftreten.
Die Abweichung, die entsteht, wenn diese Bedingungen nicht berücksichtigt
werden, hängt von der Geometrie des Prüfkörpers und den Materialeigen-
schaften ab.
Die hier im Folgenden verwendete Gl. (2.16) wurde von [40] angegeben
und bezieht sich einen starren Konus, ein elastisches Material und Variatio-
nen des Halböffnungswinkel θCund der Querkontraktionszahl ν. Die Glei-
chung
β=π
π
4+ 0.1548 cot θC12ν
4(1ν)
hπ
20.8312 cot θC12ν
4(1ν)i2(2.16)
wurde durch Untersuchung analytischer Ausdrücke und FE-Rechnungen be-
stimmt.
Wäre die in Gl. (2.15) benötigte Kontaktfläche Abekannt, so wäre es
ausreichend, die Steigung Snumerisch zu bestimmen. Da die Kontaktfläche
nicht messbar ist, wird eine Abschätzung zu deren Bestimmung benötigt. Die
für die Abschätzung benötigten Größen werden im Folgenden ermittelt. In
[56] wird
FEnt =α(hhf)m(2.17)
11Die Theorie des Hertzschen Kontaktes wurde für Kugeln hergeleitet, kann aber wie
z.B. in [44] gezeigt, für die Anwendung auf Paraboloide und andere Konturen erweitert
werden.
12Vgl. Erläuterung zu Abb. C.2 auf Seite 182 und der Spezialisierung für den Kontakt
einer Kugel mit einer Ebenen.
18
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
als empirisch gefundener Zusammenhang für den Verlauf der Kraft über die
Eindringtiefe während der Entlastung angegeben, während in der zwölf Jahre
späteren Publikation [55] begründet wird, warum es sich dabei um einen all-
gemeingültigen Zusammenhang handelt. Nach Normieren der Eindringtiefe
auf den Wert hmax hf(vgl. Abb. 2.9) erhält man mittels Koeffizientenver-
gleich dann die Gleichung
FEnt =Fmax(hhf
hmax hf
)m.(2.18)
Zum Ermitteln der Kontakttiefe ist Gl. (2.17) ausreichend, da die einzig
benötigte Größe mist. Gl. (2.17) kann durch Logarithmieren in
log FEnt = log α+mlog(hhf)(2.19)
umgeschrieben werden. In dieser doppeltlogarithmischen Darstellung ist Gl.
(2.19) eine Gerade mit der Steigung m, die jetzt als Lösung der linearen
Regression gewonnen wird.
Mit dem jetzt bekannten Exponenten mkann die Entlastungssteigung zu
S=dFEnt
dhhmax
=αm(hmax hf)m1(2.20)
berechnet werden, wie sie zur Auswertung der oben angegebenen Gl. (2.20)
benötigt wird. Die Bestimmung der Entlastungssteigung mit diesem Aus-
druck ist im Allgemeinen günstiger als durch Anpassung und nachträgliche
Ableitung eines Polynoms, schon alleine aufgrund der Tatsache, dass dieser
Potenzansatz nicht oszillieren kann. In der Praxis zeigt sich, dass weder der
Ansatz nach Gl. (2.17) noch ein Polynom immer anpassbar sind, so dass die
erhaltene Kurve deutliche Abweichungen zeigt. Um die Ableitung möglichst
realitätsgetreu zu bestimmen, kann die Menge der Datenpunkte, die in der
Regression berücksichtigt werden, reduziert werden. Für die Bestimmung der
E-Moduln aus „Indentationsvorgängen“, die durch numerische Simulation ge-
neriert werden und eine hohe Aufzeichnungsdichte haben, finden im Rahmen
dieser Arbeit nur die Daten Eingang in die Regression, deren Kraft größer
als 70% der maximal erreichten Kraft sind.
Oliver und Pharr geben in [56] folgende Beziehung an, die sie durch
Rückgriff auf Sneddon [64] abgeleitet haben:
ǫ=m"12Γ( m
2(m1) )
πΓ( 1
2(m1) )(m1)#,(2.21)
hs=ǫFmax
S.(2.22)
19
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Durch Substitution von Gl. (2.21) und Gl. (2.22) in Gl. (2.12) kann
hc=hmax hs=hmax ǫFmax
S(2.23)
für die Kontakttiefe angegeben werden.
Unter Annahme einer bekannten Flächenfunktion A(hc), entweder durch
Kalibrierung gewonnen oder als ideale Flächenfunktion angesetzt, ist die
Kontaktfläche bei maximaler Belastung jetzt bekannt. Nach Gl. (2.1) kann
dann mit A=A(hc)und F=Fmax die Härte bestimmt werden. D.h., dass
wegen des Auftretens der Entlastungssteigung S, bei der hier verwendeten
Definition der Härte, im Gegensatz zu anderen Härtedefinitionen, wie z.B.
derjenigen nach Vickers, prinzipiell auch ein Entlastungsvorgang gemessen
werden muss.
Für den praktischen Bedarf kann es unter Umständen auch ausreichend
sein, für ǫeinen festen Wert anzusetzen. In [55] wird ǫ= 0,75 vorgeschlagen,
da die beobachteten Werte für mzwischen 1,2und 1,6variieren, wodurch
sich Variationen von ǫzwischen 0,74 und 0,79 ergeben. Mit solch einem
festen Wert für ǫist die Messung der Entlastung nicht mehr notwendig, um
die Härte näherungsweise zu bestimmen.
2.3 Dimensionsanalyse
In diesem Abschnitt wird zuerst der Begriff der geometrischen Ähnlichkeit
bzw. der Selbstähnlichkeit exemplarisch dargestellt. Nachfolgend wird dann
eine Dimensionsanalyse des Indentationsvorganges, getrennt nach Belastungs-
und Entlastungsvorgang, vorgenommen. Dabei wird die Eigenschaft der geo-
metrischen Ähnlichkeit genutzt, die Voraussetzung für die Anwendung der
Dimensionsanalyse ist.
Die Selbstähnlichkeit als Sonderfall der geometrischen Ähnlichkeit be-
deutet, dass es nicht möglich ist, einen Maßstab ohne eine externe Referenz
festzulegen. Infolge dessen sind die an einem normierten Ort des zu testenden
Materials auftretenden Verzerrungen in jedem skalierten System gleich. Abb.
2.10 zeigt einen „unendlich” großen Konus mit bekanntem Halböffnungswin-
kel θKund eine Kugel mit bekanntem Radius R1bzw. R2.
Für den Konus bleibt das Verhältnis h
/dvon Tiefe hzum Durchmesser
der Kontaktfläche dkonstant. In einer maßstabsgerechten Darstellung ohne
bekannten Maßstab ist es nicht möglich, die Tiefe hfür den Konus aus der
Zeichnung zu ermitteln. Es wird eine externe Referenz benötigt, um den
Maßstab festzulegen. Im Gegensatz dazu ist es im Falle der Kugel möglich,
die Tiefe aufgrund der Krümmung bzw. des Radius zu ermitteln. Für die
20
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Kugel ändert sich das Verhältnis h
/r, wenn sich die Tiefe händert. Für zwei
Kugeln verschiedener Radi sind geometrisch ähnliche Indentationen möglich,
wenn dass Verhältnis r/Rgleich bleibt.
Dieser Sachverhalt hat insbesondere zwei Konsequenzen: Zum einen re-
duziert die Selbstähnlichkeit die Zahl unabhängiger Parameter, zum anderen
ist es die grundlegende Voraussetzung dafür, dass die Härte eines Materials
als seine charakteristische Eigenschaft in Erscheinung tritt, unabhängig von
der aufgebrachten Kraft.
θK
r1
r2
Kugel
r3
d1
d2
h1
h1
h2
h2
h2
R1
Konus
R2
F
Abbildung 2.10: Geometrische Ähnlichkeit bei der Kugel bzw. Selbstähnlichkeit
im Falle eines spitzen Eindringkörpers am Beispiel eines Konus
nach [31]
Ohne auf die Methode als solche einzugehen, wird hier eine Dimensions-
analyse durchgeführt. Zur Darstellung der Methode der Dimensionsanalyse
sei auf die einschlägige Literatur [10], [38], [59] und [54] verwiesen.
Eine Größe f, definiert als
f=f(x1, x2, ..., xn)(2.24)
sei von ndimensionsbehafteten Größen xiabhängig. Die Dimension von f,
geschrieben als [f]kann als (eines von im Allgemeinen vielen möglichen)
Potenzprodukten (Monomen) der Größen xi, i = 1, ..., n dargestellt werden:
[f] = xk1
1xk2
2...xkn
n.(2.25)
Die Größe fist jetzt darstellbar als das Produkt des Potenzproduktes mit ei-
ner dimensionslosen Funktion Π. Die Beziehungen zwischen den der betrach-
teten Problemstellung zugrunde liegenden Größen und ihren Dimensionen
21
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
kann als Koeffizientenmatrix Aeines Gleichungssystems aufgefasst werden,
dessen Rang r= rg(A)sei. Die Funktion Πhängt dann von p=nr
dimensionslosen Fundamentallösungen πdes Gleichungssystems ab:
f=xk1
1xk2
2...xkn
nΠ(π1, π2, ..., πp),mit p=nr. (2.26)
Die Form der Abhängigkeit von Πvon den Größen πkann durch Modellversu-
che oder z.B. durch numerische Lösungen bestimmt werden. In vielen Fällen
ist unabhängig von dem genauen funktionalen Zusammenhang zwischen der
Funktion Πund ihren Argumenten πbereits die Kenntnis der Skalierung
xk1
1xk2
2...xkn
nzwischen fund Π, bzw. die Kenntnis der Monome, von denen Π
überhaupt nur abhängen kann, aufschlussreich. Aus diesem Grunde werden
im folgenden Absatz die wichtigsten durch Dimensionsanalyse erklärbaren
Zusammenhänge zwischen geometrischen, materiellen und anderen Größen,
die bei der Indentation von Interesse sind, betrachtet.
In [19] ist unter anderem der Zusammenhang zwischen der Kraft auf einen
Indenter und einem Probekörper mit einer Materialvorschrift nach Ludwik,
wie sie in Abschnitt 3.2.6 erläutert ist, angegeben13. Analog dazu wird hier die
Beziehung für ein elastisch-ideal plastisches Material unter einem starren14,
spitzen Indenter betrachtet.
Die Kraft F, die auf den Diamanten ausgeübt wird, ist eine Funktion der
Größen E,ν,σy,hund θ:
FBel =f(E, ν, σy, h, θ).(2.27)
In Tabelle 2.1 sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Größen und ihren
Dimensionen angegeben. Dabei wird als eine mögliche Basis von Dimensio-
nen ein System bestehend aus Kraft F, Länge Lund Zeit Tverwendet15.
Die anzugebende Funktion hängt wegen p=nr= 5 2 = 3 von drei di-
mensionslosen Argumenten πab. Als ein mögliches Monom zur betrachteten
Größe Kraft Fwird [FBel] = [E][h]2gefunden.
13Siehe Abschnitt 3.2.6
14Die Gültigkeit der gefundenen Beziehungen ist nicht auf starre Indenter beschränkt;
es müssten allerdings noch die elastischen Eigenschaften Eiund νides Indenters berück-
sichtigt bzw. Eeff verwendet werden.
15Das in den linken Tabellenspalten auftretenden Formelzeichen Fals Basisgröße der
Kraft darf nicht mit der zu betrachtenden Größe der Kraft bei der Indentation verwechselt
werden.
22
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
E ν σyθ h F
F101001
L-2 0 -2 0 1 0
T000000
Tabelle 2.1: Dimensionstabelle für den Belastungsvorgang eines elastisch-ideal
plastischen Materials.
Als mögliche dimensionslose Argumente ergeben sich dann σy/E,νund θ.
Da die Querkontraktionszahl νbereits dimensionslos ist, darf sie deswegen
bei Aufnahme in die Π-Funktion nicht mehr mit anderen Größen verknüpft
werden. Man erhält:
FBel =Eh2Π1(σy
E, ν, θ).(2.28)
An dieser Stelle ist, abgesehen von seinem Halböffnungswinkel θ, noch kei-
ne Annahme über die Geometrie des Indenters eingegangen, weswegen die
gefundene Beziehung für alle spitzen Indenter richtig ist. Die Funktion Π1
ist allerdings für jede Ausprägung der Geometrie eine andere. Für σy
beschreibt Π1auch das Verhalten eines rein elastischen Materials.
Gl. (2.28) zeigt, dass zu einer gegebenen Indentergeometrie mit ihrem
Halböffnungswinkel θauch noch zwei der drei Größen ν,σyoder Ebekannt
sein müssen, um die verbleibende dritte Größe experimentell bestimmen zu
können.
Für ein Material nach Ramberg-Osgood16 ergibt sich mit dem bereits
dimensionslosen Verfestigungsexponent nanalog zu Gl. (2.28):
FBel =Eh2Π2(D
E, n, ν, θ).(2.29)
Für ein elastisch-plastisches, linear verfestigendes Material ergibt sich ent-
sprechend Tabelle 2.2:
FBel =Eh2Π3(σy
E,ET
E, ν, θ).(2.30)
16Siehe Abschnitt 3.2.4
23
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
E ν σyETθ h F
F1011001
L-2 0 -2 -2 0 1 0
T0000000
Tabelle 2.2: Dimensionstabelle für den Belastungsvorgang eines elastisch-
plastischen, verfestigenden Materials.
Dieses Schema kann für eine beliebig polygonal diskretisierte Spannungs-
Dehnungs-Beziehung mit anfangs elastischem Bereich erweitert werden, wo-
bei jedes Segment des plastischen Bereiches durch σiund ETirepräsentiert
wird:
FBel =Eh2Π4(σy
E,ET
E,ET1
E,ET2
E, ..., ν, θ).(2.31)
Da die Diskretisierung beliebig fein sein könnte, ist die Proportionalität
FBel h2also eine Eigenschaft aller elastisch-plastischen Materialien.
Auch die Kontakttiefe kann solch einer Betrachtung unterzogen werden.
Die Kontakttiefe
hc=f(σy, E, ν, h, θ)
hängt von den elastisch-plastischen Materialeigenschaften17, der Eindringtie-
fe und dem Halböffnungswinkel ab, so dass sich
hc=hΠ5(σy
E, ν, θ)(2.32)
ergibt. Demzufolge muss der Verlauf der Kontakttiefe hc, aufgetragen über
der Tiefe h, durch eine Gerade repräsentiert werden, deren Steigung durch
Π5angegeben wird.
E ν σyθ h hc
F101000
L-2 0 -2 0 1 1
T000000
Tabelle 2.3: Dimensionstabelle für die Kontakttiefe während des Belastungsvor-
gang eines elastisch-ideal plastischen Materials.
17Im Folgenden werden die Funktionale nur für ein elastisch-ideal plastisches Material
angegeben, da sich die Beziehung für hcwie gerade am Beispiel für Fgezeigt, einfach für
jedes elastisch-plastische Material erweitern lässt.
24
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Für die Kontaktfläche eines ideal spitzen Indenters gilt A=Kh2
c, wobei
Kein die Geometrie des Indenters berücksichtigender Beiwert ist, der z.B.
unter Verwendung von Gl. (2.2) bzw. Gl.(2.3) ermittelt werden kann:
H=FBel
A=EΠ1
KΠ5
=EΠ6(σy
E, ν, θ).(2.33)
Da Π1und Π4sowieso schon Funktionen der Indentergeometrie sind, ist K
implizit in Π6berücksichtigt. Gl. (2.33) zeigt, dass die Härte allein eine Funk-
tion der Materialeigenschaften und der Indentergeometrie ist, insbesondere
aber ist sie unabhängig von der Eindringtiefe, weswegen sie eine Materialei-
genschaft ist.
Gemäß [19] kann für den Entlastungsvorgang mit Hilfe der Dimensions-
analyse auch gezeigt werden, dass sowohl das Verhältnis hf/hmax, als auch der
Exponent maus Gl. 2.17 Eigenschaften der elastisch-plastischen Materialpa-
rameter sind, während der Koeffizient αein von der maximalen Eindringtiefe
hmax abhängiger Fitparameter ist. Dass αkeine (tiefenunabhängige) Eigen-
schaft des Materials ist, kann aber auch sofort beim Überführen von Gl.
(2.17) nach Gl. (2.18) erkannt werden, da α=Fmax(hmax hf)mist und die
Proportionalität Fmax h2
max nach Gl. (2.31) bekannt ist.
Durch Anwendung der Dimensionsanalyse auf Gl. (2.18) erhält man
FEnt =Eh2
maxΠ7(σy
E, ν, hf
hmax
,h
hmax
, θ),(2.34)
wobei Fmax wegen des in Gl. (2.28) bereits gefundenen und für hmax ausge-
werteten Zusammenhangs durch Eh2
max ersetzt ist. Mit den Gl. (2.28) und
(2.18) steht jetzt also ein Formelwerk zur Verfügung, mit dem es möglich
ist, eine Kraft-Weg-Kurve eines elastisch-plastischen Materials, bestehend
aus Be- und Entlastungsvorgang, für jede gewünschte maximale Last oder
Eindringtiefe zu skalieren. Die Funktion Π7kann dabei das Resultat eines Ex-
perimentes oder einer numerischen Simulation sein. Der Eindringtiefe-Kraft-
Verlauf der Indentation eines elastisch-plastischen Materials kann durch vier
Größen charakterisiert werden (wenn man unterstellt, dass Gl. (2.18) den
Entlastungsvorgang vollständig wiedergibt): Fmax,hmax,hfund m. Dieses
Quadrupel ist durch die Entlastungskurve vollständig beschrieben, während
die Belastungskurve lediglich die Größen Fmaxund hmax liefert.
Der wesentliche Unterschied der Π-Funktionen des Belastungsvorganges
(Π1bis Π4) und des Entlastungsvorganges (Π7) ist, dass die Π-Funktion des
Belastungsvorganges wegen ihrer Unabhängigkeit von der Eindringtiefe hnur
zur Bestimmung eines Materialparameters dient, während die Π-Funktion des
Entlastungsvorganges von der Eindringtiefe habhängt, d. h., dass mittels
25
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
der Entlastungskurve mehr als nur ein weiterer Materialparameter bestimmt
werden könnte, wenn der Einfluss der Materialparameter auf den Verlauf der
Kurve hinreichend groß im Vergleich zu möglichen Messfehlern wäre. Die
Frage, inwiefern eine eindeutige Lösung des inversen Problems aus einem
vollständigen Indentationvorgang bestimmt werden kann, wird im nächsten
Kapitel untersucht.
Zusätzlich zu den bisher betrachteten zeitunabhängigen Materialvorschrif-
ten sollen jetzt auch zeitabhängige Effekte berücksichtigt werden. In [19] wird
dies für eine zeitabhängige Materialvorschrift vom Typ σ=b˙εcr nbetrachtet.
Diese ist nach [63]18 nach Norton bzw. Bailey benannt. In dieser Arbeit
soll die Beziehung nach Garofalo für das Kriechen ohne Einfluss der Tem-
peratur betrachtet werden, weswegen dann ohne den Arrheniusanteil nur
noch ˙εcr =C1(sinh (C2σ))C3verbleibt. Der Kraftverlauf während des Belas-
tens als Funktion aller Parameter, von der sie jetzt abhängt, lässt sich wie
folgt darstellen:
FBel =f(E, ν, σy, ET, h, ˙
h, C1, C2, C3, θ).(2.35)
Unter Berücksichtigung der in Tabelle 2.4 aufgeführten Dimensionen der Grö-
ßen ergibt sich:
FBel =Eh2Π8(σy
E, ν, ET
E,hC1
˙
h, C2E, C3, θ).(2.36)
E ν σyETC1C2C3θ h ˙
h F
F1 0 1 1 0 -1 0 0 0 0 1
L-2 0 -2 -2 0 2 0 0 1 1 0
T0 0 0 0 -1 0 0 0 0 -1 0
Tabelle 2.4: Dimensionstabelle für den Belastungsvorgang eines viskosen,
elastisch-linear verfestigenden Materials.
Die Kraft hängt jetzt nicht mehr a priori mit dem Quadrat der Eindring-
tiefe zusammen, da Π8auch von dem Ausdruck hC1/˙
habhängt, wodurch FBel
jetzt aufgrund der Beziehung t=Rh(t)
h(0) 1
/˙
hdhimplizit eine Funktion der Zeit
ist. Das heisst, im Falle einer Versuchsdurchführung, bei der h
/˙
hkeine Kon-
stante ist, ist eine Abweichung vom quadratischen Zusammenhang möglich.
18Siehe dort S. 363.
26
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Ob die Abweichung sichtbar wird, weil sie groß genug gegenüber den Mess-
fehlern ist, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden.
In [19] werden verschiedene Formen der Durchführung der Indentation
betrachtet. Mögliche Formen der Steuerung des Belastungsvorganges sind
die Konstanz der Vorschubgeschwindigkeit ˙
h, der Laständerung ˙
Foder der
Verhältnisse h
/˙
hoder F/˙
F. Für die Beschreibung des sekundären Kriechens
wird dort die Beziehung σ=b˙εcr nnach Norton verwendet. Für alle Ver-
suchsdurchführungen außer der mit konstantem F/˙
F, kann eine Abweichung
von der Proportionalität FBel h2mittels der Dimensionsanalyse quantifi-
ziert werden. Außerdem kann ein Zusammenhang der Kriechparameter mit
der gemessenen Härte hergestellt werden. Mit mehreren Messungen bei de-
nen z.B. das Verhältnis h
/˙
hvariiert wird, können dann die Kriechparameter
bund nbestimmt werden.
Umgekehrt kann man auch feststellen, dass es Versuchsanordnungen gibt,
bei denen weiterhin ein quadratischer Zusammenhang bestehen muss. Wenn
der Versuch so ausgeführt würde, dass F=F0ect gälte, so wäre F/˙
F=1
/cund
deswegen konstant, was für die kontinuierliche Steifigkeitsmessung19 (conti-
nuous stiffness measurement, Abk.: CSM) eine oft genutzte Eigenschaft ist.
Im Gegensatz zu dem in [19] verwendeten Kriechgesetz nach Norton ist
es bei dem hier verwendeten Kriechgesetz nach Garofalo nicht möglich,
weitere Erkenntnisse über Zusammenhänge der Größen aus der Dimensions-
analyse zu gewinnen.
Die Beziehung für das sekundäre Kriechen nach Garofalo und die nach
Norton sind beide empirisch gefundene Beziehungen, wobei σ=b˙εcr nun-
ter gewissen Umständen als Sonderfall von ˙εcr =C1(sinh (C2σ))C3aufgefasst
werden kann. Für die sinh-Funktion ist an der Stelle 0die Taylorreihenent-
wicklung
sinh(x)x+1
6x3+Ox5(2.37)
möglich. D.h., wenn C2σausreichend klein ist, kann die sinh-Funktion durch
ihr Argument ersetzt werden. So ist z.B. für C2σ < 0,8sichergestellt, dass
der Fehler bei der Linearisierung der sinh-Funktion kleiner als 10% ist. Es
muss allerdings darauf geachtet werden, dass auch C3klein genug ist, da ggf.
für große C3kleinere Fehlergrenzen bei der Linearisierung verwendet werden
müssen. Wenn für einen zu betrachtenden Fall diese Annahmen Gültigkeit
besitzen, so ist es möglich, auch die in [19] gefundenen weiteren Ergebnisse
zu nutzen.
19Bei dieser Technik wird die Prüfkraft mit einer sehr viel kleineren oszillierenden Kraft
überlagert, so dass zusätzlich zu jedem Messpunkt auch die Steifigkeit Sbestimmt werden
kann.
27
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Wenn man für den Term C2σden Vergleichswert C2σyheranzieht, so sind
für stark kriechende Metallverbindungen mit niedrigen Fließgrenzen bzw.
Rp 0,2-Werten (wie z.B. die in [42] angegebenen SnAgCu-Legierungen) die
Ergebnisse aus [19] nicht nutzbar, da C2σyWerte um 1annimmt und C3
Werte um 6erreicht.
2.4 Kalibrierung
Die oben aufgeführten Beziehungen sind zur Bestimmung der Härte und der
Entlastungssteigung bzw. des E-Moduls notwendig. Neben der konstruktiven
Bedeutung der Kenntnis des E-Moduls sind die beschriebenen Größen vor
allem für die Kalibrierung des Indenters wichtig.
Bis jetzt ist vorausgesetzt worden, dass die Eindringtiefe hdes Diamanten
und die Flächenfunktion A(hc)bekannt sind. Die vom Indenter gemessene
Eindringtiefe henthält auch Wegkomponenten, die dem Nachgeben des Ge-
rätes zuzuordnen sind. Diese zusätzlichen Verformungen entstehen am Schaft
und Halter des Indenters sowie insbesondere am Rahmen.
Dem System werden die gemäß Gl. (2.38) angegeben Nachgiebigkeiten
(compliance) bzw. die entsprechenden Steifigkeiten zugeordnet. Die Nach-
giebigkeit Cist der Kehrwert der entsprechenden Steifigkeit Sund wird
üblicherweise in nm
mN angegeben
C=1
S, Cs=1
Sund Cf=1
Sf
.(2.38)
Die Gesamtnachgiebigkeit des Systems Ckann als Summe der Nachgiebig-
keiten von Rahmen und Halter bzw. Schaft Cfund der Nachgiebigkeit der
Probe Csaufgefasst werden:
C=Cf+Cs=1
S,(2.39)
wenn man als Modell eine Hintereinanderreihung von Federn unterstellt. Die
Formulierung mit Nachgiebigkeiten in Gl. (2.39) findet ihre Entsprechung in
der Formulierung mit Steifigkeiten in
S=1
C=1
1
S+1
Sf
.(2.40)
Durch Einsetzen von Gl. (2.15) und Gl. (2.38) in Gl. (2.39) erhält man:
C=Cf+π
2βEeffA,mit β= 1 .(2.41)
28
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Diese wurde bereits von [18] angegeben und auch in [56] verwendet. Allerdings
wurde dabei der extra eingeführte Korrekturwert βin Gl. (2.41) implizit zu
1angenommen. In [55], die eine nachfolgende Veröffentlichung der beiden
Autoren von [56] ist, wird diese Gleichung auch wieder aufgegriffen. Diese
Beziehung ist insofern inkonsistent bzgl. der anderen Gleichungen in [55], da
diese mit βformuliert sind.
Gl. (2.41) kann jetzt nach Cfaufgelöst und Adurch die Definition der
Härte gemäß Gl. (2.1) substituiert werden, wodurch Gl. (2.42) folgt. Wenn
für die materialabhängigen Größen Hund Edie bekannten Werte HRef und
ERef
eff eines Referenzmaterials sind, so kann die Gleichung
Cf=CπHRef
2ERef
eff
1
Fmax
(2.42)
zur Kalibrierung herangezogen werden.
2.4.1 Ermittlung der Flächenfunktion und Nachgiebig-
keit als entkoppelte Größen
Gl. (2.42) nutzt die Eigenschaft der Konstanz von F/S2bzw. H/E2. Ihre Kon-
stanz über die Eindringtiefe bzw. ihre Unabhängigkeit von der Flächenfunk-
tion ist in [45] experimentell für spitze Prüfkörper bestätigt worden und wird
formal durch Einsetzen von Gl. (2.1) in Gl. (2.15) und nachfolgendem Qua-
drieren erhalten, wodurch sich
F
S2=π
(2β)2
H
E2
eff
(2.43)
ergibt. Diese Gleichung kann in Verbindung mit Gl. (2.42) genutzt werden,
um die Bestimmung der Nachgiebigkeit Cfvon der Kenntnis der Flächen-
funktion zu entkoppeln, die notwendig wäre, um eine Beziehung zur Härte
herzustellen. Aus Gl. (2.42) und Gl. (2.43) folgt, dass Cals Funktion von
1
/Fmax linear sein muss und deswegen Caufgetragen über 1
/Fmax eine Gera-
de ist, deren Versatz Cfauf der C-Achse man nach Regression erhält.
Es wurden drei Messserien mit Haltezeiten von 10 s und drei Messserien
mit 30 s durchgeführt. In Abb. 2.11 ist die Auswertung nach dieser Methode
dargestellt. Als Ergebnis für die Rahmennachgiebigkeit erhält man Cf=
0,92 nm
/mN.
29
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7
0
5
10
15
20
25
30
Cf = 0.923 [nm/mN]
Fmax
−1/2 [(mN)−1/2]
C [nm/mN]
fs_100_650nm_dw30_i05l07_v125_z0y1.txt
fs_100_650nm_dw30_i09l11_v080_z0y1.txt
fs_100_650nm_dw30_i09l11_v125_z0y1.txt
fs_100_650nm_dw10_i05l07_v125_z0y1.txt
fs_100_650nm_dw10_i09l11_v080_z0y1.txt
fs_100_650nm_dw10_i09l11_v125_z0y1.txt
Abbildung 2.11: Ermittlung der Rahmennachgiebigkeit Cf, entkoppelt von der
Flächenfunktion, anhand von experimentellen Kalibriermessun-
gen an einem Quarz (fused silica)
Mit der jetzt bekannten Nachgiebigkeit kann die gemessene, fehlerbehaf-
tete Eindringtiefe hgemäß
h=hFCf(2.44)
korrigiert werden.
Nachdem die Nachgiebigkeit bekannt ist und die korrigierte Eindringtiefe
haus den gemessenen Rohdaten hbestimmt ist, kann die Abweichung der
Diamantengeometrie von der Sollform bestimmt werden. Die Korrektur ist
insbesondere für geringe Eindringtiefen bedeutsam. Mit zunehmender Ein-
dringtiefe nimmt der Einfluss der ausgerundeten Spitze immer weiter ab,
so dass die Flächenfunktion A(hc)mit zunehmendem hcin die des Konus
30
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
übergeht. In [56] 20 ist
A=
8
X
n=0
Kn(hc)21n=K0h2
c+K1hc+K2h1
2
c+K3h1
4
c
+... +K8h
1
128
c(2.45)
vorgeschlagen worden, um die Geometrie des Prüfkörpers zu beschreiben.
Gl. (2.45) kann aus Gründen, die in der nachfolgenden Analyse noch
deutlich werden, als mathematisches Konstrukt aufgefasst werden, d.h., man
muss sie nicht unbedingt als Beschreibung der Geometrie verstehen. Wenn
phänomenologisch die Gleichung als Beschreibung der Geometrie aufgefasst
wird, so kann zwei Termen eine Bedeutung zugewiesen werden. Gemäß Gl.
(2.2) und Gl. (2.3) korreliert der Koeffizient K0mit dem Öffnungswinkel eines
spitzen Indenters, während der Koeffizient K1gemäß Gl. (2.7) die Kontakt-
fläche einer Sphäre beschreibt, falls der Radius der Sphäre sehr viel kleiner
als hcist.
Wie bereits eingangs in Abschnitt 2.1 erwähnt, gibt es auch andere Be-
schreibungsmöglichkeiten der Geometrie als Gl. (2.45). Da diese von Oliver
und Pharr vorgeschlagene Gleichung weder analytisch noch experimentell
begründet ist, ist es auch nicht zwingend, genau diesen Ansatz zu nehmen,
oder etwa alle neun freien Parameter Ki, i = 0, ..., 8zu bestimmen. Vielmehr
ist das Vorgehen praktischen Erwägungen anzupassen. Das weitere Vorgehen
ist unabhängig von der genauen Form des Ansatzes. Durch Auflösen von Gl.
(2.15) nach Aund Ersetzen von Eeff mit ERef
eff des Kalibriermaterials ergibt
sich folgende Gleichung:
A=π
4
S2
(βERef
eff )2.(2.46)
Bei einem konventionellen Indenter existiert zu jedem kompletten Mess-
vorgang, bestehend aus Be- und Entlastungsphase, eine maximale Kontakt-
tiefe hc,max und die Steigung am Beginn der Entlastungsphase S(hc,max). Da
alle Koeffizienten Kilineare Faktoren in Asind, wird das Minimum der Feh-
lerquadrate als geeignete Zielfunktion gewählt. Dadurch reduziert sich die
Suche nach optimalen Parametern Ki, i = 0, ..., 8auf eine lineare Regression
wie folgt.
20In [56] ist der rechte Teil der Gl. (2.45) ohne die Summenformel angegeben, wobei
K0durch den Wert 24,5für die ideale Form des Diamanten ersetzt ist. In [55] ist K0
als zusätzlicher Freiwert aufgenommen worden und die nicht konsistente Summenformel
P8
n=0 Kn(hc)2nangegeben. Diese ist hier konsistent zum rechten Teil der Gleichung
ersetzt worden.
31
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Sei der rechte Teil von Gl. (2.46) für einen Messpunkt jaus mMesspunk-
ten mit yjbezeichnet und der Funktionswert der zugehörigen Flächenfunk-
tion mit Aj. Der ¯n-zeilige Vektor der Koeffizienten Kist kund der Vektor
der Flächen Aist a. Die Fläche Alässt sich dann als
Aj=fT
j·k(2.47)
schreiben und der Vektor der Flächen als
a=
A1
A2
...
Aj
...
Am
=Fk =
fT
1
fT
2
...
fT
j
...
fT
m
K0
K1
...
K¯n1
.(2.48)
Spezialisiert bzgl. Gl. (2.45) wäre fein ¯n-zeiliger Vektor mit fj,1(hc,1) = h2
c,1,
fj,2(hc,2) = hc,2usw.
Aus der Forderung nach dem Minimum des Fehlerquadrates resultiert die
notwendige Bedingung für das Vorliegen eines Extremums, nämlich:
Ki
m
X
j=1
(yjAj(K0, K1, ..., K¯n1))2= 0 ,
mit i= 0,1, ..., ¯n1,und m¯n . (2.49)
Gl. (2.49) wird in Matrix-Vektor-Notation überführt:
k(yFk)T(yFk)= 2FTFk 2FTy=0.(2.50)
Die Lösung von Gl. (2.50) ergibt
FTFk =FTy,(2.51)
was nach kaufgelöst wird:
k=FTF1FTy.(2.52)
Die so erhaltene Lösung ist eindeutig, wenn FTFregulär ist, andernfalls
existiert keine Lösung. Für den Sonderfall m= ¯ngibt es so viele Bestim-
mungsgleichungen wie Unbekannte. Die Lösung der Gl. (2.49) ist für diesen
Fall identisch mit der Lösung des Gleichungssystems yjAj(K0, K1, ..., K¯n1)
= 0, da Fdann quadratisch ist und Gl. (2.52) zu k=F1ydegeneriert.
Unabhängig davon, dass ggf. für schlecht konditionierte FTFein geeig-
netes Lösungsverfahren benötigt wird, kann es wegen der großen Spanne der
32
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Eingangswerte und der großen Unterschiede bei den Potenzen des Ansatzes
zu numerischen Problemen beim Invertieren kommen. Dieses Problem kann
dadurch beseitigt werden, dass die Größe hcverschoben und skaliert wird.
Der Nachteil besteht darin, dass Werte für hcerst in das normierte System
(für das die Koeffizienten Kbestimmt wurden) transformiert werden müssen,
bevor die Flächenfunktion mit den gefundenen Lösungen für die Koeffizienten
ausgewertet werden kann.
Der Vorteil der soeben beschriebenen Methode aus [55] gegenüber der
im nächsten Abschnitt erläuterten Methode aus der ersten Veröffentlichung
von Oliver und Pharr [56] liegt in der Entkopplung der Bestimmung der
Rahmennachgiebigkeit von der Bestimmung der Flächenfunktion. Diese Vor-
gehensweise entspricht Verfahren A3.1 in DIN EN ISO 14577 Teil 4, [26].
2.4.2 Iterative Ermittlung der Flächenfunktion und der
Nachgiebigkeit
In [56] wurde ein iteratives Verfahren zur Bestimmung der Rahmennachgie-
bigkeit und der Flächenfunktion vorgeschlagen. Die Problemstellung resul-
tiert aus der Kopplung zweier Gleichungen durch die unbekannten Koeffi-
zienten Kiin A(hc)nach Gl.(2.45). Ausgehend von Gl. (2.41) könnte die
Nachgiebigkeit Cfbestimmt werden, wenn A(hc)bekannt wäre, in dem C
(also die unkorrigierte Größe 1
/S) über A(hc)1/2aufgetragen würde. Der
Schnittpunkt mit der C-Achse wäre dann Cf. Wegen 1
/S=CCfkönnte
dann Gl. (2.46) verwendet werden, um mittels Regression die Koeffizienten
für A(hc)zu bestimmen.
Abgesehen davon, dass die Flächenfunktion nicht bekannt ist, kann auch
formal die Kontakttiefe nicht bestimmt werden, da die Korrektur für die ge-
messene Eindringtiefe nicht bekannt ist. Vorgeschlagen wird in einem ersten
Schritt die Nachgiebigkeit aus den unkorrigierten Wegdaten zu bestimmen
und dann unter Annahme einer idealen Diamantengeometrie die Koeffizien-
ten für A(hc). Dieser iterative Prozess wird solange wiederholt, bis sich die
Koeffizienten nicht mehr ändern.
Das iterative Vorgehen ist prinzipiell mit dem Risiko behaftet, dass die
gefundene Lösung vom Startwert abhängt, zum anderen ist die Konvergenz
nicht sichergestellt. Diese Probleme umgeht man durch Verwendung des zu-
erst beschriebenen, neueren Verfahrens, wobei die Verwendung auf spitze
bzw. im Verhältnis zur Eindringtiefe schwach verrundete Prüfkörper be-
schränkt ist.
Beiden Verfahren gemeinsam ist noch ein weiteres Problem, das durch den
hohen Polynomansatz für die Flächenfunktion verursacht wird: nämlich das
33
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Oszillieren der Flächenfunktion. Beide Ansätze können nicht sicherstellen,
dass A(hc)in dem Gebiet [hc,min, hc,max], in dem die Daten für die Regression
vorliegen, streng monoton verläuft. Vielmehr muss man damit rechnen, dass
es bei einem erhöhten Grad an Ansatzfunktionen und wenigen Messpunkten,
also einer verminderten Überbestimmtheit, zum Oszillieren kommt.
Rein formal betrachtet, muss die erhaltene Lösung für die Flächenfunkti-
on dahingehend untersucht werden, ob sie im relevanten Bereich lokale Extre-
ma enthält. Dazu bietet sich an, die ermittelten Koeffizienten in die Ableitung
der Flächenfunktion nach der Kontakttiefe
dA
dhc
=
¯n1
X
n=0
21nKn(hc)21n1(2.53)
einzusetzen und numerisch ihre Nullstellen zu bestimmen. Für den Fall eines
lokalen Extremas innerhalb des relevanten Bereiches, muss entweder ein An-
satz geringeren Grades gewählt werden oder eine restringierte Lösung gesucht
werden.
Restringierte Lösungen, die die Forderung Ki0erfüllen, oszillieren
nicht, da dA
/dhcdann nur aus positiven Summanden besteht. Dieses restriktive
Vorgehen hat allerdings den Nachteil, dass die Beschränkung strenger als
notwendig ist und bessere Lösungen im Sinne des Minimalproblems nicht
zur Konkurrenz zugelassen sind.
Abb. 2.12 zeigt die Ermittlung der Rahmennachgiebigkeit Cfnach Gl.
(2.42) anhand von Kalibriermessungen an einem Quarz (fused silica). Die
sechs Serien (wie zuvor für Abb. 2.11) von jeweils zehn Messungen haben alle
dieselben nominellen Eindringtiefen und unterschiedliche Haltezeiten. Es ist
zu erkennen, dass die Streuung mit zunehmender Kontakttiefe abnimmt und
sich die Nachgiebigkeit bei ca. in 1nm
mN einpendelt. Offensichtlich wäre es im
Falle der hier abgebildeten Messwerte günstiger gewesen, weitere Messungen
mit größeren Eindringtiefen (und entsprechend größeren Kräften) vorzuneh-
men.
Im Gegensatz zu Abb. 2.11 kommen die Datenpunkte jetzt in umgekehrter
Reihenfolge zu liegen: Sie sind in der Horizontalen von links nach rechts
vertauscht”. Die Streuung in Abb. 2.12 ist für kleine Kontakttiefen und somit
kleine Kräfte groß. Zum einen ist der relative Fehler bei der Messung der
Kraft größer, zum anderen ist für die Ermittlung der Nachgiebigkeit die ideale
Prüfkörpergeometrie zugrunde gelegt worden, die bei kleinen Eindringtiefen
deutlich von der realen abweicht.
34
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 100 200 300 400 500
0
0.5
1
1.5
2
2.5
hc [nm]
Cf [nm/mN]
fs_100_650nm_dw30_i05l07_v125_z0y1
fs_100_650nm_dw30_i09l11_v080_z0y1
fs_100_650nm_dw30_i09l11_v125_z0y1
fs_100_650nm_dw10_i05l07_v125_z0y1
fs_100_650nm_dw10_i09l11_v080_z0y1
fs_100_650nm_dw10_i09l11_v125_z0y1
Abbildung 2.12: Ermittlung der Rahmennachgiebigkeit Cfanhand von Kali-
briermessungen an einem Quarz (fused silica)
Nachfolgend wird die jetzt bekannte Rahmennachgiebigkeit dazu genutzt,
die Diamantengeometrie nach Gl. (2.46) zu bestimmen. In Abb. 2.13 ist die
Flächenfunktion über die Kontakttiefe aufgetragen. Für einen ideal spitzen
Diamanten ergäbe sich eine durch den Ursprung verlaufende rein quadrati-
sche Funktion. Die ausgewählte Messreihe besteht aus zehn Einzelmessungen.
Es sind Anpassungen von Flächenfunktionen unterschiedlicher Ordnungen
vorgenommen worden. Neben einem Polynom zweiten Grades ist Gl. (2.45)
mit m= 2 bis m= 4 angepasst worden. Alle Ansätze weisen innerhalb des
Intervalls [60 nm; 450 nm] keine (erkennbaren) Extrema auf, allerdings dürfen
die gefundenen Lösungen nicht zur Extrapolation herangezogen werden.
35
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 200 400 600 800 1000
−5
0
5
10
15
20x 106
hc [nm]
A [nm2]
fs_100_650nm_dw10_i09l11_v080_z0y1
K0hc2+K1hc+K2
K0hc2+K1hc+K2hc1/2
K0hc2+K1hc+K2hc1/2+K3hc1/4
K0hc2+K1hc+K2hc1/2+K3hc1/4+K4hc1/8
Abbildung 2.13: Ermittlung der Flächenfunktion A(hc)bei bekannter Rahmen-
nachgiebigkeit Cfmittels verschiedener Ansätze
Zusätzlich werden jetzt, wie in Abb. 2.14 dargestellt, versuchsweise auch
noch weitere Messwerte mit aufgenommen und Ansätze höherer Ordnung ver-
wendet. Es stehen jetzt insgesamt 60 Datenpunkte zur Verfügung, die aber
zum großen Teil Redundanzen aufweisen, da alle Versuche mit denselben
nominellen Solleindringtiefen durchgeführt wurden. Davon abgesehen, dass
zwei der vier Lösungen schlecht konditioniert sind und deshalb wahrschein-
lich nur eine geringe Genauigkeit aufweisen, treten auch hier keine lokalen
Minima auf. Außerhalb des Intervalls der Messdaten darf auch hier nicht
extrapoliert werden. Es ist offensichtlich, dass die Abweichungen von einem
Polynom zweiten Grades für eine zunehmende Anzahl von Freiwerten nach
dem letztem Messwert immer stärker werden.
36
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 200 400 600 800 1000
−5
0
5
10
15
20x 106
hc [nm]
A [nm2]
fs_100_650nm_dw
K0hc2+K1hc+K2hc1/2+...+K7hc1/128
K0hc2+K1hc+K2hc1/2+...+K6hc1/64
K0hc2+K1hc+K2hc1/2+...+K5hc1/32
K0hc2+K1hc+K2hc1/2+...+K4hc1/16
Abbildung 2.14: Ermittlung der Flächenfunktion A(hc)für mehrere Messreihen
gleichzeitig unter Verwendung von Ansatzfunktionen mit sechs
bis acht Koeffizienten
Die Kalibriermessung sollte, um die Flächenfunktion möglichst genau zu
bestimmen, also so durchgeführt werden, dass die Kontakttiefe während der
Kalibriermessung das gesamte Intervall abdeckt, das auch später zum Messen
genutzt werden soll. Die Kalibrierung sollte mehr als die zehn hier verwende-
ten Punkte enthalten und die Punkte sollten möglichst gleichmäßig über das
gesamte Intervall verteilt sein. Außerdem sollte die Messreihe auch noch eini-
ge Messungen bei deutlich größeren Kräften (bzw. Kontakttiefen) enthalten,
um die Nachgiebigkeit sicher bestimmen zu können.
Zusätzlich muss die erhaltene Flächenfunktion dahingehend kontrolliert
werden, dass sie auch in der Darstellung A(hc)1/2ohne Oszillieren verläuft.
Die Darstellung A(hc)1/2reagiert deutlich empfindlicher auf Abweichungen
gegenüber der idealerweise geltenden Proportionalität Ahc2. Die Kon-
trolle ist wichtig, da der Term A(hc)1/2bei einer späteren Bestimmung des
E-Moduls an einer zu messenden Materialprobe in Gl. (2.15) verwendet wird
und die Auswertung einer einwandfreien Messung durch die in der Wurzeldar-
stellung oszillierende Flächenfunktion verfälscht würde.
In der Praxis wird für den vorhandenen Indenter NanoTest der Firma
Micro Materials Ltd., UK ein Polynom zweiten Grades verwendet, da dieses
auch mit wenigen Messpunkten zuverlässig bestimmt werden kann.
Bereits in ihrer Veröffentlichung [56] aus dem Jahre 1992 verwendeten
37
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Oliver und Pharr einen Indenter, der die Möglichkeit der kontinuierlichen
Steifigkeitsmessung (CSM) aufwies. Zusammen mit der sehr viel höheren
Aufzeichnungsdichte moderner Geräte wie des Nanoindenters XP der Firma
MTS besteht eine einzige Kalibriermessung typischerweise aus mehr als 1000
Punkten. So ist es möglich, Ansätze hohen Grades zu verwenden, um die
Flächenfunktion zu beschreiben, die wie oben bereits erläutert, wegen 1
/S=
1
/S1
/Cfnach Gl. (2.46) bestimmt werden kann. Prinzipiell eröffnet diese
große Menge an Daten auch die Möglichkeit, ein kompliziertes Modell für
die Nachgiebigkeit zu verwenden, das dann z.B. Cf(F) = Cf,1+FCf,2lauten
könnte.
2.5 Betrachtung wichtiger Größen der Inden-
tation unter Nutzung der Ergebnisse der
Dimensionsanalyse
2.5.1 Linear elastisch-ideal plastisches Material
Für die zuerst betrachteten Simulationen dieses Abschnitts gilt, da sie ein
elastisch-ideal plastisches Material verwenden, dass sie wie im vorhergehen-
den Abschnitt erläutert bzgl. ihrer Materialeigenschaften allein über das Ver-
hältnis σy/Eund die Querkontraktionszahl charakterisiert werden können.
Die Querkontraktionszahl wird mit ν= 0,3für alle Simulationen dieses Ab-
schnitts festgelegt.
Allen Simulationen dieses Abschnitts 2.5 liegt ein Modell analog dem in
Abb. 3.1 und 3.2 in Abschnitt 3.1 gezeigten und dort erläuterten zugrun-
de. Das hier für die Vergleichsrechnungen verwendete Modell des zu inden-
tierenden Materials hat ebenfalls einen Radius und eine Höhe von 250 µm.
Die größte Elementkantenlänge beträgt ebenfalls 31,25 µm. Allerdings ist die
380 Elemente enthaltende Oberfläche der Kontaktzone mit 15,26 nm Kan-
tenlänge deutlich feiner vernetzt, so dass das gesamte Modell 11115 Knoten
enthält. Alle Simulationen werden weggesteuert mit einer maximalen totalen
Eindringtiefe von 1,5µmausgeführt, so dass die fein diskretisierte Kontakt-
zone im Falle der weichsten“ Parameterkombinationen infolge Bildung eines
Aufwurfes gerade voll ausgeschöpft wird.
Das Verwenden einer extrem kurzen Kantenlänge in der Kontaktzone ist
für die Bestimmung der Kontakttiefe aus den Kontaktdaten und der aus
dieser bestimmten Kontaktfläche essentiell, da die Größe nur an den Stel-
len, die durch einen Knoten diskretisiert sind, bestimmt werden kann. D.h.,
wenn man das Einsinken bzw. Aufwerfen der Kontaktzone außer Betracht
38
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
lässt, kann die Änderung der Kontakttiefe nur in Abständen der totalen Tiefe
von ht=15,26 nm
/tan θK= 5,5 nm erfasst werden. Die Kantenlängen können
allerdings nicht beliebig klein gewählt werden: Zum einen erhöht sich der
Rechenzeitbedarf erheblich, zum anderen ist das Verhältnis zwischen größ-
ter und kleinster Kantenlänge, das hier immerhin 2000 beträgt, durch die
Rechengenauigkeit begrenzt.
Abb. 2.15 zeigt die Bestimmung der wahren“ Kontakttiefe21 hFEM
caus den
Kontaktdaten, die nur knotenweise ermittelt werden können, bei maximaler
Last anhand eines elastisch-ideal plastischen Materials mit σy/E= 103. Das
Material bildet am Rand einen deutlich sichtbaren Aufwurf. Die Kontakt-
tiefe beträgt hFEM
c= 1,85 µm, während die totale Eindringtiefe h= 1,5µm
beträgt.
U, U2
-1.500e+ 00
-1.346e+ 00
-1.191e+ 00
-1.037e+ 00
-8.826e-01
-7.282e-01
-5.739e-01
-4.195e-01
-2.651e-01
-1.108e-01
+ 4.358e-02
+ 1.979e-01
+ 3.523e-01
Step: diamUp
Increment 0: Step Time = 0.000
Primary Var: U, U2
Deformed Var: U Deformation Scale Factor: + 1.000e+ 00
1
2
3
hFEM
c
h
rc
Abbildung 2.15: Bestimmung der wahren“ Kontakttiefe hFEM
cund des zugehö-
rigen Kontaktradius rcaus den Kontaktdaten
Nach Gl. (2.32) muss die normierte Kontakttiefe, aufgetragen über die
normierte Eindringtiefe, eine Gerade sein, deren Steigung u. a. von dem Ver-
hältnis σy/Eabhängt. Aus FE-Analysen für elastisch-ideal plastisches Mate-
rial sind für jedes Inkrement die Kontakttiefe hFEM
cund die Eindringtiefe h
extrahiert worden. Abb. 2.16 bestätigt das Resultat der Dimensionsanalyse
und die zu erwartende Vermutung, dass die Steigung mit zunehmendem σy/E
kleiner wird.
21In den nachfolgenden Ausführungen und Diagrammen (mit normierten Kontakttiefen)
ist mit wahrer“ Kontakttiefe oder Kontakttiefe aus FE-Rechnungen hFEM
cgemeint. Diese
ist dann gemeinsam mit der nach Oliver und Pharr ermittelten Kontakttiefe auf jeweils
einer Achse aufgetragen, die lediglich die Bezeichnung hcträgt.
39
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
1.4
hc/hmax
h/hmax
hc/hmax für verschiedene σy/E
σy/E=1*10−3
σy/E=50*10−3
Abbildung 2.16: Linearer Zusammenhang zwischen der normierten Kontakttiefe
und der normierten Eindringtiefe
Aus FE-Analysen ist es möglich, die Kontakttiefe auf zwei verschiedenen
Wegen auszuwerten. Zum einen kann die wahre“ Kontakttiefe eines jeden
Inkrementes aus den Kontaktdaten ermittelt werden, indem aus der Menge
aller aktuell am Diamanten anliegenden Knoten der chste gesucht und sei-
ne Position bestimmt wird. Zum anderen können die Kraft-Weg-Daten nach
Gl. (2.17) bis Gl. (2.23) ausgewertet werden, genauso, wie es beispielsweise
von der Analysesoftware eines Indenters gemacht wird.
Abb. 2.17 zeigt für ein elastisch-ideal plastisches Material den Verlauf der
normierten Kontakttiefen, aufgetragen über σy/E. Die normierte Kontakttiefe
hc/hmax steigt für kleiner werdende σy/Eimmer weiter an, während die Diffe-
renz zwischen beiden Verläufen immer größer wird. Für Werte σy/E<14·103
kann man ablesen, dass für die aus den Kontaktdaten gewonnene normierte
Kontakttiefe immer hc/hmax >1gilt. Dieser Punkt ist insofern von Bedeu-
tung, als dass hc/hmax = 1 der größte Wert ist, der nach Gl. (2.23) überhaupt
erreicht werden kann. Unterhalb σy/E= 14 ·103liegt (mit kleiner werden-
dem σy/E) ein Aufwurf vor, während rechnerisch bei der Ermittlung aus der
Entlastungssteigung immer das Vorliegen eines Einsinkens unterstellt wird.
40
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Ein in großen Mengen umgesetzter Stahl wie der nach DIN EN 10025, [27],
bezeichnete Baustahl S235JR+AR22 kommt mit 235 N
mm2/210000 N
mm2= 1,1·103
auf einen niedrigen Wert für σy/Eund die zu erwartenden Abweichungen zu
der aus einer Messung bestimmten Kontakttiefe ist dann groß. Umgekehrt er-
hält man für Quarz (fused silica) sehr hohe Werte σy/E. Um das Verhältnis zu
bestimmen, muss die Fließgrenze abgeschätzt werden. Man erhält, wenn mit
den Werten für Quarz aus [56] die Näherung σy3Hnach [69]23 angesetzt
wird: 8800 N
mm2/3
/72000 N
mm2= 40,7·103. Diese Abschätzung stimmt sehr gut
mit dem weiter unten in Abb. (2.18) dargestellten Verlauf der berechneten
Härte H(σy/E)überein, wo man H(σy/E= 40) 8800 N
/mm2ablesen kann.
Aus Abb. 2.17 ist auch sofort ersichtlich, warum Quarz das zum Kalibrieren
bevorzugte Material ist: Die beiden nach verschiedenen Verfahren ermittel-
ten Kontakttiefen liegen dort sehr dicht beieinander, da das Material keinen
Aufwurf bildet.
0 10 20 30 40 50
0.7
0.8
0.9
1
1.1
1.2
1.3
1.4
hc/hmax
10−3σy/E
Kontakttiefe aus FEM
Kontakttiefe mittels Entlastungssteigung
Abbildung 2.17: Vergleich der Kontakttiefen nach herkömmlichen Vorschriften
und mittels Kontaktdaten aus der FEM
An dieser Stelle soll der Einfluss der fehlerhaft ermittelten Kontakttiefe,
die die Grundlage weiterer auszuweisender Größen darstellt, auf Härte und
22Frühere Bezeichnung nach DIN 17100 ist St 37-2 wobei die Streckgrenze 240 N
/mm2
beträgt.
23Dieses Verhältnis ist dort allerdings für die Indentation von Metallen beobachtet wor-
den.
41
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
nachfolgend auf den E-Modul analysiert werden. Dazu wird die Härte Htra,
analog zu der Vorgehensweise wie dieses die Analysesoftware eines Indenters
täte, nach Gl. (2.1) und Gl. (2.23) ermittelt und gegenüber der aus den
Kontaktdaten der Simulation gewonnenen Härte HFEM aufgetragen. Abb.
2.18 zeigt, dass (zumindest für das hier angenommene Materialmodell) die
Härte generell überschätzt wird.
0 10 20 30 40 50
0
2
4
6
8
10
12
103H [N/mm2]
10−3σy/E
HFEM
Htra
Abbildung 2.18: Vergleich der Härte nach herkömmlichen Vorschriften und mit-
tels Kontaktdaten aus der FEM
In Abb. 2.19 sind die Daten aus Abb. 2.18 als prozentuale Abweichung
von Htra gegenüber HFEM aufgetragen. Da die Härte quadratisch mit der (ab-
weichend) ermittelten Kontakttiefe zusammenhängt, wirkt sich die in Abb.
2.17 dargestellte Diskrepanz hier besonders stark aus und kann bis zu über
60% betragen.
42
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 10 20 30 40 50
0
10
20
30
40
50
60
70
(Htra−HFEM)/HFEM [%]
10−3σy/E
Abbildung 2.19: Relative Abweichung der traditionell bestimmten Härte gegen-
über ihrer Definition
In [69] wird für Metalle das Verhältnis H/σy3angegeben, wobei die
Kontaktfläche allerdings durch Vermessen des Eindruckes gewonnen wurde.
Hier soll der Frage nachgegangen werden, ob das Verhältnis von rte zu
Fließspannung H/σykonstant ist. Wieder ergeben sich zwei Möglichkeiten der
Auswertung.
Während das Verhältnis Htra/σyfür die traditionell ermittelte Härte mit
zunehmenden σy/Evon 4,2bis auf 2,5abfällt, bewegt sich der aus den Kon-
taktdaten ermittelte Wert HFEM/σynur in einem kleinen Intervall und fällt mit
zunehmenden σy/Elediglich von 2,6auf 2,2. In dem für Metalle relevanten
Bereich von 1·103(1,1·103für Baustahl S235JR+AR mit σy= 240 N
/mm2
bzw. 1,7·103für S355J2+N24 mit σy= 360 N
/mm2nach [24], Teil 1) bis
11 ·103(mit σy= 2400 N
/mm2nach [9]) für Wälzlagerstähle liegt HFEM/σybei
konstant 2,6.
D. h., falls die Kontakttiefe richtig bestimmt wird und man den E-Modul
kennt, weist die Härte, hier repräsentiert durch HFEM, für ein nicht verfes-
tigendes Material eine sehr gute und einfach auszuwertende Korrelation mit
der Fließspannung auf, weswegen sich die Härteprüfung gerade zur Quali-
tätssicherung in der Metallverarbeitung eignet.
24Frühere Bezeichnung nach DIN 17100 ist St 52-3 wobei die Streckgrenze 360 N
/mm2
beträgt.
43
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 10 20 30 40 50
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3
3.5
4
4.5
H/σy
10−3σy/E
HFEM
Htra
Abbildung 2.20: Zusammenhang der unterschiedlich berechneten Härten mit der
Fließspannung
Gl. (2.15) wird, wenn sie nach Eeff umgestellt ist, verwendet, um mittels
Gl. (2.13) den E-Modul zu bestimmen, wobei die in der ersten Gleichung be-
nötigte, im Kontakt stehende Fläche aus der Kontakttiefe hcermittelt wird,
so dass der Fehler aus der Kontakttiefe auch Einfluss auf den zu bestimmen-
den E-Modul hat.
In dem Diagramm in Abb. 2.21 sind die Abweichungen der E-Moduln
gegenüber dem den FE-Simulationen zugrunde gelegten nach Gl. (2.15) und
(2.13) angegeben. Zusätzlich werden E-Moduln ermittelt, indem anstelle der
Kontakttiefe nach Gl. (2.23) die Höhe der chsten Erhebung bei maximaler
Last aus den Kontaktdaten der Simulation ermittelt werden. Aus der Summe
aus hund der chsten Erhebung über die Oberfläche unter maximaler Last
wird eine Kontakttiefe hFEM
cbestimmt, die anstelle von hcEingang in die
Berechnung des E-Moduls findet, wenn unter Last ein Aufwurf vorliegt. Falls
kein Aufwurf vorliegt, sondern ein Einsinken, so wird die Tiefe gegenüber der
ungestörten Oberfläche gemessen, also hFEM
c=h.
Es ist zu erkennen, dass diese Vorgehensweise bis σy/E= 20 ·103bes-
sere Ergebnisse erzielt als die Bestimmung der Kontakttiefe aus der Entlas-
tungssteigung. Obwohl der letzte Wert, bei dem ein Aufwurf auftritt, bei
σy/E= 12,5·103liegt und ab σy/E= 15 ·103ein Einsinken eintritt, so
wird man im Zweifelsfall einen Aufwurf unterstellen und dann immer noch
ein besseres Ergebnis erhalten.
44
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
In [55] wird auch der Aspekt aufgegriffen, dass eine Indentation, die einen
Aufwurf hervorruft, den ermittelten E-Modul verfälscht. Für den Fall, dass
das Verhältnis hf/hmax >0,7ist, wird eine Verfahrensweise vorgeschlagen,
die auf der Auswertung der während der Indentation verrichteten elastischen
Arbeit beruht. Vorschläge zur Verwendung von Energieformulierungen zur
Bestimmung von E-Moduln aus Indentationen sind bereits 1981 in [61] und
[62] veröffentlicht worden.
0 10 20 30 40 50
−10
0
10
20
30
40
(E−ERef)/ERef [%]
10−3σy/E
E−Modul nach Oliver−Pharr
E−Modul aus Kontur bei pile−up
E−Modul aus Kontur bei sink−in
Abbildung 2.21: Relative Abweichung des E-Moduls bei Auswertung nach
Oliver und Pharr und mittels Konturdaten beim Auftreten
eines Aufwurfes gegenüber der FEM
In dem in [16] veröffentlichten Beitrag wird die mittragende Wirkung des
am Rande des Indents aufgeworfenen Materials in Frage gestellt25. Um dieser
Frage nachzugehen, wird in Abb. 2.22 die auf die ermittelte rte normierte
Kontaktspannung unter dem Diamanten über dem normierten Radius rc/rc,max
des im Kontakt befindlichen Bereiches aufgetragen. Die Härte HFEM ist mit
der wahren“ Kontaktfläche aus den Kontaktdaten der Simulation ermittelt
worden und stellt deswegen die mittlere Kontaktspannung dar. Der Über-
sichtlichkeit halber sind nur ausgewählte Kennlinien aufgetragen.
Für σy/E= 1 ·103und σy/E= 10 ·103liegt ein Aufwerfen vor, wäh-
rend für σy/E= 25 ·103und σy/E= 50 ·103ein Einsinken auftritt. Infolge
der bei der Simulation in der Nähe der Spitze des Konus auftretenden stark
25Seite 95: „The importance of the piled up material around the indent is questionable.“
45
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
verzerrten Elemente, kommt es zu Unstetigkeiten im Spannungsverlauf. Der
betroffene Bereich und die Höhe der Sprünge sind umso größer, je kleiner
das Verhältnis σy/Ewird, weswegen der Verlauf durch ein gleitendes arithme-
tisches Mittel über fünf Punkte geglättet wird. Man erkennt an den beiden
Verläufen für den Fall eines Aufwerfens, dass bis an den Rand rc/rc,max 1
eine deutliche mittragende Wirkung vorliegt. Die hier nicht dargestellten Ver-
läufe für Verhältnisse σy/Ezwischen 1·103und 10·103liegen innerhalb des
Bereiches, der durch die beiden Kennlinien der extremalen Verhältnisse σy/E
aufgespannt wird.
Die Kennlinie für σy/E= 50 ·103weist qualitativ für rc/rc,max 1bereits
den für rein elastisches Verhalten typischen arccosh-Verlauf der Näherung
nach [44]26 auf 27.
Dieser bereits geglättete Verlauf der Kontaktspannungen mit seinen Sprün-
gen im Bereich der Spitze skizziert eines der wesentlichen Probleme der FE-
Simulationen für spitze Indenter, nämlich die unzureichende Abbildung der
Knotenverschiebungen, Elementverzerrungen und auch der Kontaktspannun-
gen für nicht verfestigende Materialien.
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
1.4
rc/rc,max
p/HFEM
1.0 10−3σy/E
10 10−3σy/E
25 10−3σy/E
50 10−3σy/E
Abbildung 2.22: Verlauf der mittleren Kontaktspannungen über den normierten
Kontaktradius rc/rc,max
26Gl. (5.11) auf Seite 113 bzw. Diagramm 5.2a auf Seite 112
27Die Spannungssingularität bei rc
/rc,max = 0 tritt bei der FE-Lösung für das elastisch-
plastische Problem natürlich nicht auf.
46
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
2.5.2 Linear verfestigendes Material
Das zuvor beschriebene linear elastisch-ideal plastische Materialverhalten ist
zwar als Werkstoffmodell im konstruktiven Bereich weit verbreitet (z.B. [24]),
da es eine Annahme darstellt, die für viele Fälle eine konservative Bemessung
sicherstellt. Dieses Materialverhalten unterschätzt aber die Belastbarkeit vie-
ler wirklicher Werkstoffe im Bereich moderater Dehnungen erheblich. Deshalb
wird hier ein weiteres Werkstoffmodell betrachtet, bei dem unterstellt wird,
dass, wie in Abb. 2.23 dargestellt, die Spannung im Werkstoff nach einset-
zendem Fließen bis zum Erreichen einer plastischen Dehnung von εpl = 10%
auf das doppelte der initialen Fließspannung ansteigt.
σ
2σy
σy
εtot
εpl = 10%
E
Abbildung 2.23: Linear verfestigendes, elastisch-plastisches Materialmodell, das
bis εpl = 10% auf das doppelte der initialen Fließspannung
ansteigt.
Gemäß Gl. (2.31) kann auch hier eine Verallgemeinerung der Darstellung
durch Normierung auf σy/Eerreicht werden.
Während nach Abb. 2.17 für kleine σy/EAbweichungen bis 28% der Kon-
takttiefe entstehen, gibt es nach dem entsprechenden Diagramm in Abb. 2.24
nur noch Fehler von chstens 12%, wodurch die Abweichungen aller von
der Kontakttiefe abhängenden Werte jetzt auch wesentlich geringer ausfallen
sollten. Die beiden Graphen laufen schon für vergleichsweise kleine σy/Eauf
einander zu, und ihre Abweichung voneinander ist bereits bei σy/E= 10·103
kleiner als sie für das nicht verfestigende Material im gesamten Intervall von
σy/E= 1 ·103bis 50 ·103wird.
47
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 10 20 30 40 50
0.7
0.8
0.9
1
1.1
1.2
1.3
hc/hmax
10−3σy/E
Kontakttiefe aus FEM
Kontakttiefe mittels Entlastungssteigung
Abbildung 2.24: Vergleich der Kontakttiefen nach herkömmlichen Vorschriften
und mittels Kontaktdaten aus der FE-Rechnung für ein linear
verfestigendes Material
0 10 20 30 40 50
−5
0
5
10
15
20
25
30
(Htra−HFEM)/HFEM [%]
10−3σy/E
Htra/HFEM
Abbildung 2.25: Relative Abweichung der traditionell bestimmten Härte gegen-
über ihrer Definition für ein linear verfestigendes Material
48
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Wie in Abb. 2.25 dargestellt, beträgt die Abweichung der Härte für kleine
σy/Enur noch 26% statt 63%.
Abb. 2.26 zeigt den Quotienten HFEM/σyvon Härte zur (initialen) Fließ-
spannung als Funktion der normierten Fließspannung σy/E. Die Verläufe
der Härten Htra und HFEM konvergieren für zunehmende σy/Egegeneinander
und sind ab σy/E15 ·103deckungsgleich. Auffällig ist, dass das Verhältnis
HFEM/σyjetzt deutlich mit zunehmendem σy/Eabfällt. D.h., selbst wenn es
einem gelänge, bei einer Indentation die wirkliche Kontaktfläche zu bestim-
men und mittels derer die wahre“ Härte HFEM, so wäre ein Rückschluss auf
die Fließspannung nur möglich, wenn zusätzlich auch eine Aussage über die
Verfestigungsfunktion gemacht werden könnte.
0 10 20 30 40 50
2.5
3
3.5
4
4.5
5
5.5
6
H/σy
10−3σy/E
HFEM
Htra
Abbildung 2.26: Zusammenhang der unterschiedlich berechneten Härten mit der
Fließspannung für ein linear verfestigendes Material
Abb. 2.27 zeigt die relative Abweichung beim E-Modul als Funktion der
normierten Fließspannung. Diese beträgt für das vorliegende Materialmodell
im Vergleich mit Abb. 2.21 nunmehr 16%. Auch ist der Bereich, innerhalb
dessen ein Aufwerfen auftritt, von σy/E12,5·103auf σy/E5·103
geschrumpft. Weiterhin ist es aber günstiger ist, bei auftretendem Aufwurf
dessen Höhe zur Berechnung der Kontakttiefe heranzuziehen, als das Verfah-
ren nach Oliver und Pharr zu verwenden.
49
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 10 20 30 40 50
−10
0
10
20
30
40
(E−ERef)/ERef [%]
10−3σy/E
E−Modul nach Oliver−Pharr
E−Modul aus Kontur bei pile−up
E−Modul aus Kontur bei sink−in
Abbildung 2.27: Relative Abweichung des E-Moduls bei Auswertung nach Oli-
ver und Pharr und mittels Konturdaten beim Auftreten eines
Aufwurfs (pile-up) gegenüber der FE-Rechnung für ein linear
verfestigendes Material
2.5.3 Auswirkungen des Werkstoffmodells auf die zu er-
mittelnden Kenngrößen
Aus den betrachteten Simulationen kann geschlossen werden, dass die Verfes-
tigungseigenschaften des zu charakterisierenden Materials einen großen Ein-
fluss auf die Genauigkeit des ermittelten E-Moduls und die Härte haben. Das
angenommene Werkstoffmodell ohne Verfestigung stellt einen Extremfall dar
und ist angesichts der großen Verformungen, zu denen es im Allgemeinen bei
der Indentation kommt, wenig realistisch. Die festgestellten Abweichungen
für das elastisch-ideal plastische Modell stellen den ungünstigsten Fall dar,
da die meisten wirklichen Stoffe eine für die üblichen Indentationsverfahren
günstigere Verfestigung aufweisen. Trotzdem ist dieses Modell in der Litera-
tur recht weit verbreitet und findet beispielsweise Eingang in das expanding-
cavity-Modell (siehe auch [41] bzw. [44] und Erläuterung im Abschnitt C.3).
Falls dieses Materialmodell unzureichend sein sollte, stellt sich allerdings
die Frage, ob die für ein erweitertes Materialmodell benötigten Materialpara-
meter bestimmt werden können. Die in dieser Arbeit für die Identifikation ver-
wendeten Modelle werden in den Abschnitten 3.2.2 bis 3.2.6 dargestellt. Der
Frage nach der Bestimmbarkeit weiterer Parameter wird dann in Abschnitt
50
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
3.5.2 nachgegangen. Auf der anderen Seite stellt die starke Verfestigung des
zweiten, bilinearen Materialmodells das entgegengesetzte Extrem dar: Die
meisten Materialien werden weniger stark verfestigen. Insofern repräsentie-
ren die beiden Modelle die Grenzfälle der zu erwartenden Abweichungen.
2.5.4 Auswirkungen einer fehlerhaft bestimmten Rah-
mennachgiebigkeit
Für die Bestimmung des Einflusses einer fehlerhaft bestimmten Rahmennach-
giebigkeit wird eine synthetische Last-Weg-Kurve ermittelt und dafür ein
elastisch-ideal plastisches Materialverhalten angenommen. Als Kenndaten,
die ein Quarz (fused silica) charakterisieren sollen, werden E= 72000 N
/mm2,
σy= 3000 N
/mm2und ν= 0,17 verwendet, wobei die Fließgrenze wie bereits
erläutert aus der Härte abgeschätzt wurde.
Wie zuvor durch den Vergleich mit den Simulationen festgestellt, hat
Quarz die Eigenschaft, dass es einen einsinkenden Rand ausbildet und die
Auswertung nach Oliver und Pharr liefert für die Härte Htra und den
E-Modul eine sehr gute Übereinstimmung. Da dieses Material für die Aus-
wertemethode besonders geeignet ist, wird es zur näheren Betrachtung her-
angezogen.
Der Entlastungsvorgang einer für eine vorgegebene maximale Eindringtie-
fe ermittelten synthetischen Last-Weg-Kurve kann unter Verwendung einer
Modifikation von Gl. (2.34) für jede maximale Eindringtiefe hmax bzw. ma-
ximale Kraft Fmax skaliert werden. Da die beiden Größen gemäß Gl. (2.28)28
quadratisch zusammenhängen, darf für jeden Berechnungsschritt nur eine frei
gewählt werden, hier ist das Fmax.
Die numerische Simulation liefert eine Folge von nPaaren (hRef;FRef
Ent )i
mit i= 1, ..., n, wobei hier nur der Entlastungsvorgang beinhaltet sein soll.
Diese Folge enthält charakteristische Werte, die extra bezeichnet werden: Die
maximale Eindringtiefe hRef
max und die verbleibende Tiefe hRef
f. Es wird eine
neue normierte Folge hRef
hRef
max ;FEnt
FRef
max ierzeugt und die Π-Funktion
FRef
Ent =FRef
maxΠσRef
y
ERef , νRef,hRef
f
hRef
max
,hRef
hRef
max
, θRef (2.54)
bestimmt. Diese kann jetzt für beliebige Kräfte Fmax nach
FEnt =FmaxΠσRef
y
ERef , νRef,hRef
f
hRef
max
,hRef
hRef
max
, θRef (2.55)
28Diese Gleichung beschreibt zwar den Belastungsvorgang, liefert damit aber auch den
hier allein benötigten Zusammenhang Fmax h2
max .
51
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
ausgewertet werden. Weiterhin kann mit
h=hRefsFmax
FRef
max
(2.56)
die Eindringtiefe skaliert werden. Wenn für hRef die ausgezeichneten Werte
hRef
max oder hRef
feingesetzt werden, so erhält man hmax oder hf. Mit Bezug
auf die normierten Eindringtiefen kann mit dem berechneten hmax alternativ
auch
h=hRef
hRef
max
hmax (2.57)
berechnet werden, so dass man die zugehörige Folge h;FEntierhält. Mit
der Beaufschlagung des zusätzlichen Weges durch das Nachgeben von Schaft
und Rahmen ergibt sich in Anlehnung an Gl. (2.14)
h=h+CfFEnt ,(2.58)
womit jetzt die Information über die durch die Nachgiebigkeit gestörten“
Rohdaten (h;FEnt)ivorliegt. Da hier nur die aus einer fehlerhaft ermittelten
Nachgiebigkeit entstehenden Wegdifferenzen betrachtet werden, wird hier die
Abweichung der Nachgiebigkeit Cfund nicht die Nachgiebigkeit Cfselber
eingesetzt.
Aus solch einem synthetischen Datensatz von Rohdaten kann nach Gl.
(2.16), (2.17), (2.21), und (2.23) die Kontakttiefe bestimmt werden und dann
nach Gl. (2.15) und (2.13) der E-Modul bzw. nach Gl. (2.1) die Härte. Für
die Berechnung der Entlastungssteigung und des Exponenten min Gl. (2.17)
werden nur die oberen 30% der Kraftwerte für die Regression verwendet29.
Die Abweichung der Ergebnisse der Analyse der nach Gl. (2.44) gestör-
ten“ Kurve gegenüber der unbeeinflussten sind in Abb. 2.28 und Abb. 2.29
aufgetragen. Die dem fehlerfreien Verlauf additiv zu überlagernde, kraftpro-
portionale Abweichung ist in der schematischen Darstellung Abb. 2.9 der
Indentation durch den Verlauf der Geraden durch den Ursprung skizziert,
demzufolge der Nullpunkt und die Tiefe des verbleibenden Eindruckes hf
unverändert bleiben.
Nach Abb. 2.12 wird der größte Fehler bei der Ermittlung der Nach-
giebigkeit auf Cf=±0,1nm
mN geschätzt. Für das Intervall der Kraft wird
die maximal vom Indenter NanoTest der Firma Micro Materials Ltd., UK
erreichbare Kraft von 500 mN zugrundegelegt.
29Siehe dazu auch die Erklärung zu Gl. (2.20) in Abschnitt 2.2.
52
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
Wenn die Rahmennachgiebigkeit Cfübersctzt wird, also Cfpositiv
ist, so werden auch rte und E-Modul überschätzt. Die Fehler in der Härte
und dem E-Modul steigen mit zunehmender Kraft an. Für die Härte beträgt
der größte Fehler für die maximale Prüfkraft dem Betrag nach 5% und für
den E-Modul ungefähr 9%. Die Verläufe der Fehler sind dem Vorzeichen nach
nicht symmetrisch, z.B. beträgt der größte Fehler des E-Moduls bei einer
Kraft von 500 mN für Cf= +0,2nm
mN 15%, während er für Cf=0,2nm
mN
20% beträgt.
0 1 2 3 4 5
x 105
−10
−5
0
5
10
Fmax [µN]
H/HRef [%]
0.01 0.05 0.10 0.20 −0.01 −0.05 −0.10 −0.20
Framecompliance [nm/mN]:
Abbildung 2.28: Einfluss des Fehlers der Rahmennachgiebigkeit auf die zu be-
stimmende Härte
53
2 Verifikation klassischer Auswertungsverfahren
0 1 2 3 4 5
x 105
−20
−15
−10
−5
0
5
10
15
Fmax [µN]
(E−ERef)/ERef [%]
0.01 0.05 0.10 0.20 −0.01 −0.05 −0.10 −0.20
Framecompliance [nm/mN]:
Abbildung 2.29: Einfluss des Fehlers der Rahmennachgiebigkeit auf den zu be-
stimmenden E-Modul
54
Kapitel 3
Identifikation elastischer,
plastischer und viskoser
Materialparameter mittels
Nanoindentation
3.1 Beschreibung des Indentermodells und der
Vorgehensweise
In diesem Kapitel wird dargestellt, wie die Identifikation elastischer, plas-
tischer und viskoser Materialparameter durch Abgleich von experimentellen
Daten und numerischer Simulation abläuft. Anhand von Daten, die bei der
Indentation einer ausgeprägtes Kriechverhalten zeigenden SnAgCu-Legierung
gemessen wurden, wird exemplarisch dargestellt, welche Effekte auftreten
und wie diese bei der Parameteridentifikation berücksichtigt werden. Die
Messdaten müssen in geeigneter Weise aufbereitet werden, um als Vergleichs-
werte einer numerischen Simulation dienen zu können, die alle maßgebenden
Effekte des Indentationsvorganges abbildet. Die elastischen, plastischen und
viskosen Materialparameter sind die in einer Berechnung zu variierenden Ein-
gangsgrößen, die solange angepasst werden, bis eine gute Übereinstimmung
der Messdaten und der Simulation erreicht ist.
In der nachfolgenden Beschreibung der Simulation, der Referenzdaten so-
wie der daraus abgeleiteten Zielfunktion wird die Verschiebung gegenüber der
undeformierten Referenzkonfiguration gemessen und mit ubezeichnet. Somit
beschreibt udie Eindringtiefe analog zu der Größe h, die in den zuvor dar-
gestellten Gleichungen zur Auswertung von Indentationen verwendet wurde.
Die als reales oder numerisches Experiment mittels FE-Rechnungen gewon-
55
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
nen Daten, an die danach durch den Identifikationsprozess eine möglichst
gute Näherung ermittelt werden sollen, werden durch einen hochgestellten
Index Ref gekennzeichnet, also z.B. uRef.
Neben der Weggröße u(t)wird die aufgebrachte Kraft F(t)zu jedem Zeit-
punkt tbenötigt. Die Bedeutung der Rahmennachgiebigkeit für die einwand-
freie Ermittlung der Eindringtiefe nimmt mit größer werdenden Kräften zu.
Modelltechnisch wird Cfals kraftproportionale Größe berücksichtigt und liegt
für die hier verwendete Versuchseinrichtung zwischen 0,9nm
mN und 1,1nm
mN
1.
Die Weggröße uRef (t)kann dann aus den Rohdaten als uRef(t) = h(t)
F(t)Cfgewonnen werden. Die genaue Bestimmung dieser Korrekturgröße
ist entscheidend für die Verwertbarkeit der ermittelten Weggrößen. In der
Implementierung des Identifikationsprogrammes ist es möglich, unkorrigier-
te Rohdaten heinzulesen und die Identifikation ggf. mit unterschiedlichen
Rahmensteifigkeiten durchzuführen, wenn man über geschätzte Toleranzen
der ermittelten Rahmensteifigkeiten verfügt. D.h. die zur Identifikation be-
nötigten Daten sind nach der Korrektur der Rahmennachgiebigkeit die Tripel
Kraft, Verschiebung und Zeit. Zu jedem solchem Tripel eines Experiments
wird zu dem vorgegebenen Zeitpunkt und der dann anliegenden Kraft per
Simulation die zugehörige Weggröße bestimmt.
1Der an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, (BAM) verwendete In-
denter, dessen Messwerte einer Kugelindentation später in dieser Arbeit verwendet werden,
weist lediglich eine Nachgiebigkeit von Cf0,1nm
mN , ist also ungefähr zehnmal steifer.
56
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
RP
1
2
3
Symmetrieachse
Höhe 250 µm
Radius 250 µm
Abbildung 3.1: Rotationssymmetrisches FE-Modell des konischen Indenters
RP
1
2
3
Lagerung
Symmetrieachse
Materialprobe
Diamant
Kontaktzone
Abbildung 3.2: Detailansicht des FE-Modells des Indenters aus Abb. 3.1
Abb. 3.1 zeigt das rotationssymmetrische Modell mit einem Radius und
einer Höhe von 250 µm. Die für die Simulationen verwendeten Modelle wer-
den später entsprechend den experimentellen Gegebenheiten, also vor allem
der Eindringtiefe nach angepasst. Alle Modelle verwenden vollintegrierte, axi-
alsymmetrische Vierknoten-Kontinuumselemente und bestehen aus ca. 1200
57
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Knoten. Die größte Elementkantenlänge beträgt 31,25 µm. Abb. 3.2 zeigt die
Detaildarstellung der feiner diskretisierten Kontaktzone, wobei die kleinste
Elementkantenlänge 15 nm beträgt.
Für den Kontakt zwischen dem als analytischen Starrkörper modellier-
ten Diamanten und dem deformierbaren Material wird ein master-slave-
Algorithmus verwendet, der die Kontaktbedingung mittels Lagrange-Multi-
plikatoren gewährleistet [4]. Es wird unterstellt, dass die Materialien wider-
standslos gegeneinander gleiten können und Kontaktkräfte somit nur normal
zur Kontaktfläche wirken. Die Knoten auf der Rotationsachse können sich
nur vertikal bewegen, während die Knoten am Boden sich nur horizontal frei
bewegen können.
Ob diese Annahme für mikroskopische Indentationsvorgänge richtig ist,
kann nicht geprüft werden, da die benötigte Größe ein für die Mikroskala
gültiger Haft- oder Gleitbeiwert wäre, der nicht bekannt ist und auch nicht
ohne Weiteres ermittelt werden kann.
Der Verfeinerungsgrad der Kontaktzone stellt einen Kompromiss aus Re-
chenzeitbedarf und Genauigkeitsanforderung dar. Obwohl bei weiterer Verfei-
nerung der Kontaktzone mit Elementen der halben Kantenlänge nur relativ
wenige Elemente hinzukommen, nimmt der Rechenzeitbedarf stark zu. Jeder
neue in Kontakt geratende Knoten stellt einen Sprung in der effektiven Stei-
figkeit des Systems dar, so dass sich die Feinheit der Diskretisierung in der
Glattheit der zu bestimmenden Last-Verformungs-Kurve widerspiegelt.
Für die Simulation eines Indentationsvorganges gibt es praktisch zwei
Möglichkeiten: Vorgabe eines Verschiebungs-Zeit-Profiles mit konstanter Ge-
schwindigkeit oder Vorgabe eines Kraft-Zeit-Profiles mit konstanter Belas-
tungsrate. Das Verfolgen eines festgelegten, linearen Kraft-Zeit-Profiles ist
mit den meisten Indentern möglich, außerdem ist die Kraft die genauer be-
stimmbare Größe, weswegen für die Simulation ein abschnittsweise linearer
Kraft-Zeit-Verlauf implementiert wurde.
Der reale Versuch wird kraftgesteuert durchgeführt: Die Kraft steigt mit
der Zeit linear an, wird auf einem Niveau gehalten und fällt dann linear mit
derselben Geschwindigkeit wie in der Belastungsphase bis auf 10% des Maxi-
malwertes wieder ab. Bei Erreichen der Stelle, an der 10% des Maximalwertes
der Kraft vorliegen verweilt die Messung bei diesem Kraftwert und misst den
Einfluss der Temperaturänderung. Dieser Effekt wird als thermische Drift
bezeichnet. Danach wird vollständig entlastet.
Die Messdaten, die während der Bestimmung der thermischen Drift anfal-
len und die nachfolgend beim restlichen Entlasten bestimmten Daten werden
nicht zum Abgleich mit der Simulation herangezogen. Die Simulation soll den
in der Zeit linearen Verlauf der Kraft nachbilden. Beim simulierten Entlas-
ten wird die für die oberen 90% des Kraftbereiches des Experimentes, also
58
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
bis zur Bestimmung der thermischen Drift, maßgebende Lastrate verwendet
und danach mit derselben Lastrate weiter bis zum vollständigen Entlastung
gerechnet. Beispielhaft ist solch ein Verlauf in Abb. 3.3 dargestellt.
0 5 10 15 20 25
0
1000
2000
3000
4000
5000
t [s]
F [µN]
Referenz
Simulation
data3
data4
Entlasten
Belasten Halten
Nicht berücksichtigte
Daten
Abbildung 3.3: Verlauf der Kraft über die Zeit; die vertikalen Linien bezeichnen
die Lastwechsel. Die Phasenwechsel wurden hier durch Inspektion
der protokollierten Messdaten getrennt.
Das Profil, dem die Simulation folgt, lässt sich mit Wertepaaren bestehend
aus Zeit und zugehörige Kraft zum Beginn der Phase wie folgt beschreiben:
Beginn: {0; 0},
Belasten: {t1;˙
FBelt1}
Halten: {t2;˙
FBelt1}und
Entlasten: {t3; 0}, mit der Lastrate ˙
FEnt =˙
FBelt1
t3t2.
Das Kraft-Zeit-Profil wird also durch die Kenngrößen t1,t2,˙
FBel und ˙
FEnt
vollständig beschrieben. Wie in Abb. 3.3 zu sehen, werden die nominellen,
mittels der Steuerungssoftware des Indenters vorgegebenen, Laststeigerungs-
raten im Versuch nicht zu allen Zeitpunkten exakt eingehalten, insbeson-
dere nicht an den Stellen des Lastwechsels. Das implementierte Schema für
die Simulation des Indentationsvorganges unterstellt, dass ein vorgegebenes
59
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
ideales Kraft-Zeit-Profil eingehalten wird. Neben der Tatsache, dass der Ver-
such die Vorgaben nur in einem gewissen Rahmen erfüllt, kommt als weiteres
Problem hinzu, dass beim Wechsel der Lastphase kein neuer Messpunkt ein-
gefügt wird, weswegen ein Messpunkt auch nicht unbedingt den Übergang
von einer Lastphase zur nächsten darstellt, also z.B. von „Belasten“ nach
„Halten“. Das Zeitintervall, mit dem die Daten Kraft und Weg aufgezeichnet
werden, kann nicht geändert werden, so dass es nicht möglich ist, eine höhere
Aufzeichnungsdichte zu erhalten.
Um seitens der Simulation trotzdem mit konstanten Belastungsgeschwin-
digkeiten rechnen zu können, werden ohne Berücksichtigung der Punkte im
Bereich der Lastwechsel Geraden mittels linearer Regression bestimmt. Die
Schnittpunkte der drei Ausgleichsgeraden werden wie in Abb. 3.4 dargestellt
bestimmt, indem der gesamte Datensatz unter Ausblendung der „unsiche-
ren“ Datenbereiche in drei Segmente zerlegt wird und für jedes Segment eine
Gerade bestimmt wird.
14 15 16 17 18 19
4200
4400
4600
4800
5000
5200
5400
5600
5800
t [s]
F [µN]
Referenz
data3
Entlasten
Halten
Nicht berücksichtigte
Daten
Ausgleichsgeraden
Simulation
Abbildung 3.4: Ermittlung der tatsächlichen Lastraten mittels Ausgleichsgera-
den
Minimiert wird für jedes einzelne Segment der Ausdruck
φ=
n
X
i=1 FRef
i(t)Fi(t)2,(3.1)
60
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
wobei für die einzelnen F(t)(formal) die folgenden Ansätze gewählt werden:
F(t) = ˙
FBelt, t [0; t1](Belasten), (3.2)
F(t) = FHal, t [t1;t2](Halten) und (3.3)
F(t) = ˙
FEntt+F0, t [t2;t3](Entlasten).(3.4)
Die Lösung für die Bestimmung von FHal ist das arithmetische Mittel der dem
Intervall zugehörigen Daten. ˙
FBel und ˙
FEnt ergeben sich aus aus der Lösung
des Minimums von Gl. 3.1. Aus den Schnittpunkten der Geraden erhält man
t1und t2bzw. aus dem der Entlastungsgeraden mit der Zeitachse t3. Somit
konnte das Kraft-Zeit-Profil durch lineare Regression der Teilprobleme gelöst
werden. Alternativ hätte man die gekoppelten Gleichungen Gl. (3.2), (3.3)
und (3.4) durch ein nichtlineares, iteratives Verfahrens zu lösen.
Die so bestimmten Zeitpunkte und Laststeigerungsraten werden der Si-
mulation zugrunde gelegt. Außerdem wird der Datensatz mit den experimen-
tellen Rohdaten anhand der ermittelten Zeitpunkte in drei Dateien zerlegt.
Für jeden Abschnitt steht ein getrennter Datensatz Tripel Kraft, Verschie-
bung und Zeit FRef;uRef;tRefzur Verfügung.
Mit der beschriebenen Vorgehensweise können voneinander abweichen-
de Kraft-Zeit-Verläufe in Referenz und Simulation vermieden werden. Der
Fehler, der auftritt, wenn die einzelnen Phasen einfach durch Inspektion der
Datei der Messdaten von Hand“ getrennt werden, ist insbesondere in der
Entlastungsphase der Abb. 3.3 zu erkennen.
Abb. 3.5 zeigt das Weg-Zeit-Diagramm mit Wegdaten der Referenz und
der Simulation zu einem frühen Iterationsschritt im Identifikationprozess auf-
getragen über die Zeit. Der Abschnitt mit dem Entlastungsvorgang ist im
Detail in Abb. 3.6 dargestellt. Weiterhin kann der Abbildung entnommen
werden, dass die elastische Rückstellung (im Falle des hier betrachteten Lo-
tes) lediglich 2% des gesamten Weges ausmacht. Diese Tatsache, die auf
die nur schwach ausgeprägte Verfestigung und das geringe Verhältnis von
σy/Ezurückzuführen ist, wird bei der späteren Formulierung der Zielfunktion
gesondert berücksichtigt.
Bei Betrachtung der beiden Abbildungen fällt auf, dass beim Belastungs-
vorgang die Simulation mit einem Rauschen“ überlagert ist, während im
Detail des Entlastungsvorganges deutlich wird, dass auch die Messwerte mit
einem (kleinen) oszillierenden Messfehler beaufschlagt sind, die Simulation
aber sehr glatt verläuft. Dieser Effekt wird weiter unten noch näher betrach-
tet.
61
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 5 10 15 20 25
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
1.4
t [s]
u [µm]
Belasten Halten Entlasten
Referenz
Simulation
Abbildung 3.5: Weg-Zeit-Diagramm mit Wegdaten der Referenz und der Simu-
lation zu einem frühen Iterationsschritt im Identifikationprozess
14 16 18 20 22 24
1.09
1.1
1.11
1.12
1.13
1.14
1.15
1.16
t [s]
u [µm]
data1
data2
Referenz
Simulation
data5
data6
data7
data8
Halten Entlasten
Abbildung 3.6: Detail des Weg-Zeit-Diagramms aus Abb. 3.5 während des Ent-
lastungsvorganges
Der Kraft-Weg-Verlauf, wie in Abb. 3.7 dargestellt, entsteht durch Eli-
62
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
mination der Zeit aus dem Kraft-Zeit-Diagramm Abb. 3.3 und dem Weg-
Zeit-Diagramm Abb. 3.5. Diese Form der Darstellung ist die gebräuchlichste.
Der Abbildung ist zu entnehmen, dass bei konstanter Last der Weg weiter zu-
nimmt. Dieser zeitabhängige Effekt macht das Kriechen des indentierten Ma-
terials deutlich. Die zusätzliche Eindringtiefe während der Haltephase macht
ca. 20% der gesamten Eindringtiefe aus. Bei der hier verwendeten Legierung,
deren Hauptbestandteil Sn ist, ist das Kriechen besonders stark ausgeprägt.
Praktisch tritt es jedoch bei allen Nanoindentationen auf: Während der Hal-
tephase nimmt die Eindringtiefe zu.
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 1.2
0
1000
2000
3000
4000
5000
6000
u [µm]
F [µN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.7: Kraft-Weg-Diagramm, entstanden durch Elimination der Zeit
aus dem Kraft-Zeit-Diagramm Abb. 3.3 und dem Weg-Zeit-
Diagramm Abb. 3.5.
Abb. 3.8 zeigt das Detail des Kraft-Weg-Diagramms aus Abb. 3.7 wäh-
rend des Beginns des Entlastungsvorganges. In dieser Darstellung wird zum
einen deutlich, dass nicht sichergestellt ist, dass die Messdaten als Funktion
der Verschiebungswerte FRef uRefdargestellt werden können. Zum anderen
weist der Vorzeichenwechsel der Steigung darauf hin, dass auch hier ein zeit-
abhängiger Effekt vorliegt: Zu Beginn der Entlastungsphase ist der effektive
Anteil aus den Dehnraten des Kriechens ˙εcr an der Gesamtverformung dem
Betrag nach immer noch größer als die Dehnraten des elastischen Anteils ˙εel,
so dass bei fallender Last noch zunehmende Wege zu beobachten sind.
63
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1.08 1.1 1.12 1.14 1.16 1.18
2500
3000
3500
4000
4500
5000
5500
u [µm]
F [µN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.8: Detail des Kraft-Weg-Diagramms aus Abb. 3.7 während des Be-
ginns des Entlastungsvorganges
Dieses Verhalten schränkt die klassischen Analysemöglichkeiten z.B. nach
Dörner und Nix[28] bzw. nach Oliver und Pharr [56, 55] für die Bestim-
mung des E-Moduls ein, wenn die Haltephase im Versuch nicht so lange auf-
recht gehalten werden kann bis der Einfluss des Kriechens vernachlässigbar
ist. Denn die Verfahren basieren auf der Annahme, dass die Entlastung rein
elastisch erfolgt. Diese Annahme kann wegen der Dominanz der zeitabhängi-
gen Eigenschaften (verursacht durch die zu kurze Haltephase) nicht gerecht-
fertigt werden. Das Verfahren nach Oliver und Pharr benötigt, wie in Ab-
schnitt 2.2 erläutert, zusätzlich noch die Entlastungssteigung S=dFEnt
dhhmax
gemäß Gl. (2.15). Dem Ansatz dieser klassischen Auswerteverfahren läuft
zuwider, dass die Entlastungskurve F(u)wie in Abb. 3.8 dargestellt, nicht
einmal eine Funktion im mathematischen Sinn ist. Der Abbildung ist zu ent-
nehmen, dass die Ableitung, wenn sie denn mittels einer mathematischen
Vorschrift numerisch gebildet würde, das falsche Vorzeichen hätte. Der Ein-
fluss der viskosen Effekte auf den Verlauf des Entlastungsvorganges kann
vermindert werden, indem längere Haltezeiten verwendet werden. Ggf. muss
der Versuch wiederholt werden, und es muss eine ausreichend lange Haltezeit
aufgebracht werden, wenn dies versuchstechnisch möglich ist.
Bei der Bestimmung der Materialparameter durch Lösen des inversen
Problems ist es nicht notwendig, besondere Bedingungen an die Dauer der
Haltephase bzw. an die Form des Kurvenverlaufs beim Entlasten zu stellen.
64
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Um den oben beschriebenen Effekten gerecht zu werden, wird zum einen eine
elastisch-plastische und zum anderen eine zeitabhängige Materialvorschrift
zugrunde gelegt. Hier wird beispielsweise für das elastisch-plastische Verhal-
ten die empirische Materialvorschrift nach Ramberg-Osgood verwendet:
ε=εel +εpl mit εel =σ
Eund εpl =σ
Dm
.(3.5)
Zusätzlich zu den zeitunabhängigen Beziehungen wird ein empirisch begrün-
deter Zusammenhang für die Beschreibung des sekundären Kriechens, also
eines zeitabhängigen Verhaltens gewählt:
˙εcr =C1(sinh (C2σ))C3eC4
T.(3.6)
Ansatz (3.6) enthält die multiplikativ verknüpften Anteile ˆ
C1(sinh (C2σ))C3
nach Garofalo und den Arrhenius-Term ˇ
C1eC4
Tnach [63] mit der Kon-
stanten C1=ˆ
C1ˇ
C1. Die Größen C1und C4können nicht unabhängig von
einander ohne Variation der Temperatur bestimmt werden. Da Messungen
einer Probe bei jeweils nur einer Temperatur vorliegen, kann nur das Pro-
dukt C1eC4
Tbestimmt werden. Da dieses aber über viele Größenordnungen
variieren kann, wird C1festgelegt und nur der Parameter C4bestimmt.
Im Rahmen der Identifikationen ist dem Algorithmus die Wahl der Pa-
rameter nur in einem physikalisch sinnvollen Rahmen erlaubt, z. B: sind
negative E-Module physikalisch nicht zulässig. Weiterhin ist es sinnvoll, die
Grenzen noch genauer zu beschreiben, wozu beispielsweise Vergleichswerte
aus der Literatur oder sinnvolle Abschätzungen aus anderen Versuchen her-
angezogen werden können. Tabelle 3.1 gibt obere und untere Grenzen für die
verwendeten Parameter für die Identifikation an einer SnAgCu-Legierung an.
Die Parameter, die das zeitabhängige Verhalten beschreiben, sind [42] ent-
nommen.
65
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Parameter Dimension Minimum Maximum
EN/mm210000 100000
DN/mm220 150
m138,0
C11/s 3,0·1048,0·105
C21/s 0,001 0,1
C31 3,5 6,5
C4K 8000 6500
Tabelle 3.1: Der Optimierung zugrunde gelegte Intervalle der Materialparameter
nach [42]. Der dem Betrag nach größtmögliche Wert des Parameters
C4ist als Minimum eingetragen, da er zur minimalen Kriechrate ˙εcr
gehört.
Die sechs Materialparameter E,D,m,C2,C3und C4werden später durch
sechs normierte Parameter dargestellt. Zu Beginn der Identifikation werden
die drei Datensätze mit den experimentellen Rohdaten eingelesen. Der zuerst
verfolgte Ansatz, die Rohdaten durch einen Funktionsansatz zu interpolieren,
war nicht erfolgreich da entweder die Differenz zwischen Interpolation und
Rohdaten zu groß war oder die interpolierte Funktion zum Oszillieren neigte.
Stattdessen werden die sehr dicht liegenden Daten der Simulation interpo-
liert und an den Stellen, an denen Rohdaten vorhanden sind, ausgewertet.
Die hier betrachtete Kurve mit einer Eindringtiefe von ca. 1,1µmund einer
Belastungsgeschwindigkeit von ca. 750 µN
sweist pro Phase durchschnittlich
81 Punkte auf.
Die in Abb. 3.9 dargestellte Kurve der Belastungsphase illustrieren das
Problem: Aufgrund der geringen Datendichte an gemessenen Verschiebungen
pro Zeiteinheit kann durch eine Interpolation der Rohdaten keine Verringe-
rung möglicher Messfehler erfolgen. Gleichzeitig entsteht aber eine deutliche
Abweichung zu den interpolierten Daten. Im Gegensatz dazu sind die Da-
ten der simulierten Kurve mit deutlichen numerischen Artefakten versehen.
Jedes Mal wenn einer der Knoten, der die Oberfläche des zu verprobenden
Materials diskretisiert, in Kontakt mit dem Diamanten gerät, steigt die ef-
fektive Steifigkeit an. Dieses schlägt sich in einer girlandenförmigen“ Kurve
nieder. Dieser Effekt soll hier noch einmal genauer betrachtet werden.
In Abb. 3.10 sind die in die Betrachtung involvierten Knoten unter der
Spitze des Diamanten kenntlich gemacht und außerdem die akkumulierte
plastische Verzerrung als Konturplot aufgebracht, um die Ausbreitung der
Fließzone zu veranschaulichen. Wie an den noch offenen Kontakten der Kno-
ten 3und 4symbolisiert, wird der Kontaktabstand senkrecht zur Oberfläche
66
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 0.5 1 1.5 2
0
0.05
0.1
0.15
0.2
0.25
0.3
0.35
0.4
t [s]
u [µm]
Referenz (Daten)
Simulation (Daten)
Referenz (Interpolation)
Simulation (Interpolation)
data5
data6
Abbildung 3.9: Interpolation der Daten der Simulation und der Referenz
des Diamanten, die hier die sog. master-surface (nach [4]) darstellt, gemessen.
In Abb. 3.11 ist in der linken Darstellung der Verlauf der Kraft am Dia-
manten über die Kontaktabstände der einzelnen Knoten aufgetragen. Knoten
1ist von Beginn der Simulation an in Kontakt. In der linken Darstellung wä-
re der Verlauf für Knoten 1eine Vertikale aus dem Ursprung. In der rechten
Darstellung ist der Verlauf der Kraft über die totale Tiefe dargestellt, wobei
jeweils der Punkt markiert ist, an dem ein Knoten in Kontakt gerät. Jedes
Mal wenn sich (in der linken Darstellung) ein Kontakt schließt, das heißt, sein
Kontaktabstand 0wird und die Kraft als Funktion der Eindringtiefe vertikal
weiter verläuft, so kommt es (in der rechten Darstellung) zu einem sprunghaf-
ten Anstieg der Kraft. In der rechten Darstellung bezeichnet beispielsweise 2
die Stelle, an der der Knoten gerade in Kontakt gegangen ist und 2a das En-
de der Kontaktiteration. Nach diesem Sprung fällt die effektive Steifigkeit auf
dem Verlauf von 2a nach 3wieder ab, da das an dem in Kontakt gekommenen
Knoten hängende Element sich zunehmend plastisch verformt. In Abb. 3.10
ist gerade Knoten 2in Kontakt gegangen, wonach sich die Fließzone in dem
Element zwischen Knoten 2und 3ausbreitet. Außerdem ist dem rechten Teil
der Abb. 3.11 zu entnehmen, dass die Kraftdifferenz zwischen den bezeichne-
ten Punkten immer weiter ansteigt, was damit zusammenhängt, dass die im
axialsymmetrischen Modell berücksichtigte Kontaktfläche mit dem Abstand
zum Zentrum quadratisch zunimmt.
67
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
(Avg: 75%)
PEEQ
+ 0.000e+ 00
+ 2.714e-02
+ 5.428e-02
+ 8.142e-02
+ 1.086e-01
+ 1.357e-01
+ 1.628e-01
+ 1.900e-01
+ 2.171e-01
+ 2.443e-01
+ 2.714e-01
+ 2.985e-01
+ 3.257e-01
Step: diamDown
Increment 25: Step Time = 1.4036E-03
Primary Var: PEEQ
Deformed Var: U Deformation Scale Factor: + 1.000e+ 00
1
2
3
1
234
Kontaktabstand
Abbildung 3.10: Kontaktabstand und sich ausbreitende plastische Zone im De-
tail
Abbildung 3.11: Zusammenhang zwischen Kontaktabstand und Kraft im Detail
Diese Fehler, die durch feinere Diskretisierung vermindert werden könn-
ten, lassen sich auch ohne erhöhten Rechenaufwand durch Verwendung eines
geeigneten Interpolationsansatzes vermindern. Folgender Interpolationsan-
satz aus Wurzelfunktionen wurde gewählt:
¯u(¯
t) = ¯
t+9
Σ
i=1ai¯
ti
10 ¯
t,(3.7)
68
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
wobei ¯u(¯
t)die von 0bis 1normierte Verschiebung ist und ¯
tdie von 0bis 1
normierte Zeit während der Belastungsphase ist. Ungeachtet der noch zu be-
stimmenden Parameter aigeht dieser Ansatz durch die Punkte ¯u(¯
t= 0) = 0
und ¯u(¯
t= 1) = 1. Außer direkt am Beginn der Simulation tritt praktisch
wegen der hohen Datendichte von über 1000 Punkten kein Oszillieren auf.
Um dieses aber sicher auszuschließen, wird für die durch Minimierung des
Fehlerquadrates zu findenden Parameter ai0 gefordert. Mit den bekann-
ten Parametern aiwerden dann die Daten zu den Zeitpunkten ausgewertet,
zu denen auch die experimentellen Daten vorliegen und die so ermittelten
normierten Verschiebungswerte zurücktransformiert.
Für ideal spitze Indenter und zeitunabhängige Materialien ist wegen des
quadratischen Zusammenhanges zwischen Kraft und Eindringtiefe und der
im Modell konstanten Belastungsgeschwindigkeit gemäß Gl. (2.31) praktisch
nur der zu ¯
t1
2gehörige Koeffizient verschieden von Null. Der Ansatz nach Gl.
(3.7) ist mit von ¯
t1
2verschiedenen Gliedern gewählt worden, damit es möglich
ist, auch die Belastungsvorgänge viskoser Materialien abzubilden, deren Last-
Weg-Funktion wie in Abschnitt 2.3 erläutert und in [19] dargestellt vom rein
quadratischen Zusammenhang elastisch-plastischer Stoffe abweicht.
Für die Haltephase und die Entlastungsphase, in denen der Kontaktalgo-
rithmus solche Phänomene nicht aufweist, werden jeweils kubische Splinein-
terpolationen gewählt. In einem verbesserten Modell, wie es später in dieser
Arbeit beschrieben und eingesetzt wird, sind lediglich die Elemente in der
Nähe der Kontaktzone verfeinert, so dass bei vertretbarem Rechenaufwand
eine nahezu glatte Kurve entsteht, die auch in der Belastungsphase mittels
einer Splineinterpolationen ausgewertet wird.
Die Messwerte werden, wie zuvor erläutert, in drei Datensätze unterteilt,
die mit jindiziert sind und die Abschnitte Belasten, Halten und Entlas-
ten repräsentieren. Jeder Datensatz einer Messung besteht aus njMesswer-
ten FRef
i;uRef
i;tRef
i. An jedem Datenpunkt einer der drei Belastungsphase
kann dann die Differenz ui=ui(E, D, m, C2, C3, C4)uRef
izwischen
diesen Punkten gebildet werden.
Die Aufgabe „Finde einen Parametersatz, der geeignet ist, eine Folge von
Daten uiso zu bestimmen, dass sie möglichst gut mit der vorgegebenen Folge
von Daten uRef
iübereinstimmen“, muss jetzt in geeigneter Weise formuliert
werden. Dazu bietet es sich an eine Funktion, genannt Zielfunktion φzu
definieren, die die Eigenschaft haben muss, ein globales Minimum aufzuwei-
sen, wenn für alle ui= 0 gilt, und dann ihr Minimum zu bestimmen. In
vielen Fällen besteht solch eine Zielfunktion aus Summen der Terme |ui|
oder u2
i. Die Verwendung von u2
iführt dazu, dass vereinzelte größere
Abweichungen uizu überproportionalen Beiträgen führen, wodurch diese
69
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Abweichungen besonders berücksichtigt und vermindert werden. Außerdem
existiert für diese spezielle Problemstellung eine große Auswahl an effizienten
Lösungsalgorithmen.
Mit den Differenzen uiwird unter Berücksichtigung einer zu wählenden
Gewichtung die Zielfunktion formuliert:
φ(E, D, m, C2, C3, C4)
=
3
X
j=1
1
nj
nj
X
i=1
w2
i,j ui(E, D, m, C2, C3, C4)uRef
i2
=
3
X
j=1
1
nj
nj
X
i=1
w2
i,ju2
i.(3.8)
Die Gewichtungsfunktionen wi,j sollen die Bedeutung der einzelnen Differen-
zen für die Zielfunktion beschreiben. Eine solche Gewichtung ist besonders
dann naheliegend, wenn der Fehler an einzelnen Punkten quantifiziert werden
kann. Die Fehler an den einzelnen Punkten sind nicht bekannt. Wie weiter
oben beschrieben, erzeugt der Kontaktalgorithmus während der Phase zuneh-
mender Belastung deutliche Fehler. Weiterhin konnte Abb. 3.5 entnommen
werden, dass die elastischen Rückstellung bei schwach verfestigenden Mate-
rialien (wie z. B. der betrachteten Sn-Verbindung) nur wenige Prozent des
gesamten Weges ausmachen. Damit diese kleinen Änderungen trotzdem an-
gemessen berücksichtigt werden können, wird die Gewichtungsfunktion als
abschnittsweise konstant angesetzt:
φ(E, D, m, C2, C3, C4)
=
3
X
j=1
w2
j
nj
nj
X
i=1 ui(E, D, m, C2, C3, C4)uRef
i2
=
3
X
j=1
w2
j
nj
nj
X
i=1
u2
i.(3.9)
Bei den zu wählenden Werten w1,w2und w3kommt es nur auf das relati-
ve Verhältnis zueinander an. Die Wahl der Gewichte kann nicht in richtig
und falsch eingestuft werden. Ähnlich wie bei einer Mehrkriterienoptimie-
rung muss man der Frage nachgehen, welche Abweichung man am ehesten
eliminieren chte. Wäre die physikalische Beschreibungsfähigkeit des Mo-
dells (hier insbesondere die zugrunde gelegte Materialvorschrift) ausreichend,
70
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
eine Übereinstimmung der simulierten u(t)-Kurve mit der Referenzkurve zu
erreichen (und beide Kurven fehlerfrei), so wäre die Wahl der Gewichte un-
erheblich, da mit zunehmender Zahl der Iterationen Konvergenz gegen das
gleiche Parametertupel einträte. (Der Fall, dass ein anderes lokales Minimum,
als das globale erreicht wird, sei an dieser Stelle nicht betrachtet.) An der
Stelle des Optimums hätte φdann den Wert 0. Dieser Zustand ist praktisch
nicht erreichbar.
Die Notwendigkeit Gewichte einzuführen, resultiert nicht aus der gewähl-
ten Darstellung der Funktion φals diskretisierte Funktion über u(t)uRef
i(t).
Diese Darstellung ist aus zwei Gründen gewählt worden. Zum einen hat die
Darstellung u(t)bzw. u(F(t)) den Vorteil, dass bei einer kraftgesteuerten
Versuchsdurchführung die Wegdifferenz immer bestimmbar ist, während die
Ausdrücke F(u)und FRef(u)in F(u)FRef (u)in jeweils unterschiedlichen
Intervallen für udefiniert sind. Der entsprechend umgekehrte Zusammenhang
gilt für weggesteuerte Versuche. Zum anderen hat die hier gewählte Wegdif-
ferenz die Eigenschaft, dass sie auch für zeitabhängige Materialien immerhin
eine Funktion im mathematischen Sinne darstellt, also jedem Funktionsargu-
ment chstens einen Funktionswert zugeordnet wird. Man kann z.B. Abb.
3.8 entnehmen, dass FRef(u)und F(u)in diesem Sinne keine Funktionen
darstellen.
Wenn es gelänge, den Versuch in der Simulation mit einer vorgeschriebe-
nen Verschiebung, die dem Verlauf von uRef(t)entspricht, nachzufahren, so
könnte unabhängig von der Durchführung des realen Experimentes die For-
mulierung über die Differenz der Kräfte vorgenommen werden. Bei Durch-
führung mit einer vorgeschriebenen Verschiebung könnte die Differenz der
Kräfte F(u(t)) FRef(u(t)) besser in eine Formulierung in Abhängigkeit von
der Zeit F(t)FRef(t)überführt werden und dann auch für Prozesse mit
zeitabhängigem Materialverhalten genutzt werden.
Für elastisch-plastische Materialien ist die Differenz F(u)FRef(u)jedoch
ein geeigneter Ausdruck (und F(Ref)(u)nach Elimination von taus FRef(t)
und uRef(t)die aussagekräftigere Darstellung der Ergebnisse). Wenn FRef(u)
und F(u)frei von Fehlern wären, könnte man
φ=Zu=umax
u=0 FBel(u)FRef
Bel (u)2du
+Zu=umax
u=umin FEnt(u)FRef
Ent (u)2du(3.10)
als Fehlerfunktional wählen, wobei das erste Integral die Belastungsphase
darstellt und das zweite die Entlastungsphase. Da das Integrationsgebiet
[umin, umax]des zweiten Integrals, also der Entlastungsphase, für (nicht ver-
festigende) Metalle typischerweise nur wenige Prozent von umax ist, hätten
71
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
verbleibende Differenzen F(u)FRef(u)im zweiten Integral nur einen ver-
nachlässigbaren Anteil in φ.
Hielte man den Fehler in der Be- und Entlastungsphase für gleich bedeut-
sam, so könnten die Integrale auf das Integrationsgebiet normiert werden:
φ=1
umax Zu=umax
u=0 F(u)FRef(u)2du
+1
umax umin Zu=umax
u=umin F(u)FRef(u)2du . (3.11)
Diese Zielfunktion ist analog zu einem Vorgehen, bei dem bei jeder der beiden
Lastphasen bei einer gleichgroßen Anzahl von Stützstellen über die Gebiete
[0, umax]und [umin, umax]die Kraftdifferenzen ermittelt werden und dann
die Summe der Fehlerquadrate bestimmt wird. Abstrakter kann man dann
analog zu Gl. (3.9) für mehrere Lastphasen über die Zeit
φ(E, D, m, C2, C3, C4)
=
3
X
j=1
w2
j
nj
nj
X
i=1 Fi(E, D, m, C2, C3, C4)FRef
i2
=
3
X
j=1
w2
j
nj
nj
X
i=1
F2
i(3.12)
formulieren.
Prinzipiell funktioniert das hier beschriebene Verfahren unabhängig vom
gewählten Fehlerfunktional, wenn man von der Schwierigkeit absieht, im Fal-
le der weggesteuerten Simulation eines kraftgesteuerten Experimentes eine
interpolierende Beschreibung uRef(t)zu generieren, um die gemessenen Ver-
schiebungen vorzugeben2. Exemplarisch wird hier der Prozess mit der auch
implementierten Fehlerfunktion Gl. (3.9) erläutert. Verfahrensbedingt wird
ein normierter Vektor der zu bestimmenden Größen benötigt, weshalb für die
weitere Beschreibung der Vektor der Parameter p= [E, D, m, C2, C3, C4]
in der Funktion ui(p)eingeführt wird, der mittels linearer Transformation
normiert und mit
pi=1
2(pi,max pi,min)ξi+1
2(pi,max +pi,min)(3.13)
2Bei der weggesteuerten Simulation wird zwischen vorgegeben Stützwerten der Ver-
schiebung linear in der Zeit interpoliert. D. h., wenn zu wenige Messwerte pro Zeiteinheit
vorliegen, müssten zusätzliche Stützwerte für die Simulation generiert werden, um die
Abweichungen zwischen linearem und wirklichem Verlauf zu reduzieren.
72
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
auf den Bereich ξi(1,1) abgebildet wird. Die Verschiebung kann jetzt
in der Form ui,j (p(ξ)) als Funktion der normierten Parameter ξangegeben
werden.
Die Zielfunktion kann dann in generalisierter Form als
φ(p(ξ)) =
3
X
j=1
w2
j
nj
nj
X
i=1 ui,j (p(ξ)) uRef
i,j 2
=
3
X
j=1
w2
j
njuT
j(p(ξ)) uj(p(ξ))(3.14)
geschrieben werden. Das in dieser Arbeit verwendete Optimierungsverfah-
ren nach [21, 22] ist ein gradientenbasiertes Verfahren, weswegen zusätzlich
noch die partiellen Ableitungen in alle Parameterrichtungen an jedem Stütz-
punkt benötigt werden. Die sich dabei ergebende Matrix J=ui(p(ξ))
ξwird in
diesem Kontext als Jacobimatrix bezeichnet. Für eine Iteration des Optimie-
rers wird der Vektor der Differenzen ui(p(ξ)) uRef
iund die Jacobimatrix
J(ξ)benötigt. Da die Ableitungen nicht bekannt sind, werden sie durch die
entsprechenden Sekanten approximiert:
J=ui(p(ξ))
ξ
ui(p(ξ1, ξ2, ..., ξj+ ξj, ..., ξn)) ui(p(ξ1, ξ2, ..., ξj, ..., ξn))
ξj.
(3.15)
Eine Iteration des Optimierers für nMaterialparameter benötigt also n+ 1
Evaluationen des FE-Modells, wobei zuerst ui(p(ξ)) ermittelt wird und dann
der Reihe nach die normierten Parameter um ξvariiert werden. Aufgrund
dieser Verfahrensweise könnte im Gegensatz zu anderen Verfahren (z.B. dem
Nelder-Mead-Simplex-Verfahren, bei dem sich im Allg. bei jeder Evaluation
alle Parameter ändern) hier mit geringen zusätzlichen Rechenaufwand ein
Kalibrierfehler u0als unbekannte Größe mit aufgenommen werden. Die Un-
terroutine, die die FE-Rechnungen kontrolliert, kann dann zusätzlich noch
eine Variation u0(ξu0+ ξu0)generieren, indem auf die schon existierende
Auswertung von ui(p(ξ)) zugegriffen wird und ui(p(ξ)) + u0(ξu0+ ξu0)als
Ergebnis zurückgegeben wird. Obwohl an dieser Stelle keine neue Auswer-
tung des FE-Modells notwendig ist, führt die Aufnahme eines weiteren zu
optimierenden Parameters im Allgemeinen zu einer Steigerung der Anzahl
benötigter Iterationen und somit indirekt zu höherem Rechenbedarf.
Um den Zeitbedarf zu mindern, wurde versucht, das FE-Modell mit ei-
nem Computer, der mit zwei CPUs auf einem Mainboard ausgestattet war,
73
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
zu berechnen. Es zeigte sich, dass das Modell für die parallele Ausführung
einer Evaluation zu klein ist. Es ergaben sich keine Performancegewinne, da
die Gewinne durch verteilte Rechenlast durch Verwaltungsarbeit und Warte-
zeiten bei der Kommunikation zwischen den Prozessen überkompensiert wur-
den. Die Effizienz einer über mehrere CPUs (bzw. Kernen) verteilten Lösung
ist von der Problemstellung, der Zahl verfügbarer CPUs und im wesentli-
chen von der Zahl der Freiheitsgrade abhängig und wird als Skalierbarkeit
bezeichnet. Das hier verwendete FE-Modell ist aufgrund der geringen Anzahl
von Unbekannten in dieser Form nur schlecht skalierbar. Da der Rechenzeit-
bedarf überproportional mit der Zahl der Unbekannten zunimmt, nimmt im
Allgemeinen auch die Skalierbarkeit mit steigender Zahl der Unbekannten zu.
Die für dieses gradientenbasierte Verfahren benötigten Ableitungen müs-
sen wie gesagt mit hohem Aufwand bestimmt werden. Dafür ergibt sich durch
diese Vorgehensweise gegenüber anderen ein weiterer Vorteil: Der Lösungs-
prozess kann über mehrere (vorzugsweise baugleiche) Computer verteilt wer-
den. Im günstigsten Fall stünden n+ 1 Knoten eines Clusters zur Verfügung,
so dass alle benötigten Evaluationen innerhalb einer Iteration parallel aus-
geführt werden könnten. Ein Knoten erstellt dann die Lösung p(ξ)und die
anderen nKnoten die für die Gradienten an der Stelle benötigten Varia-
tionen. Falls ein Rechner mit mehreren Prozessoren bzw. Kernen oder ein
Cluster zur Verfügung steht, besteht der effizienteste Einsatz also in der par-
allelen Abarbeitung der unterschiedlichen Evaluationen und nicht in der über
mehrere Prozessoren verteilten Lösung eines einzelnen Problems.
Bei dieser einfachen Strategie „eine Evaluation pro CPU“ kommt es aber
in anderer Hinsicht zu Effizienzverlusten. Bei einem Problem, das beispiels-
weise fünf Evaluationen auf einem Computer mit vier CPUs erfordert, ver-
blieben bei der Strategie „eine Evaluation pro CPU“ bei der fünften Eva-
luation drei CPUs ohne Tätigkeit, so dass das Verhältnis von genutzter zur
verfügbarer Rechenleistung 5/8 = 62,5% betrüge.
3.2 Materialeigenschaften und zu identifizieren-
de Parameter
3.2.1 Berücksichtigung der Materialdaten in der FE-Be-
rechnung
Es wurde ein Programm entwickelt, das FE-Berechnungen mit ABAQUS
steuert. Das Programm startet mit einem vom Nutzer vorgegeben Parame-
tertupel, wertet die Simulation aus, berechnet die Zielfunktion und generiert
74
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
ein neues Parametertupel. Es wurden verschiedene, weiter unten noch erläu-
terte Materialvorschriften3implementiert. Weitere Materialmodelle könnten
recht einfach mit aufgenommen werden. Für alle Modelle gilt, dass die Quer-
kontraktionszahl νaus programmtechnischer Sicht zwar problemlos mit in
die Liste zu identifizierender Parameter aufgenommen werden könnte, die-
ses aber aus Zweifeln an der Sensitivität der Kraft-Weg-Daten gegenüber
Veränderungen von νerst einmal nicht implementiert wurde. Die Querkon-
traktionszahl muss also aus anderen geeigneten Versuchen gewonnen werden
und ist hier vom Nutzer vorzugeben.
Die unterschiedlichen Materialbeschreibungen können hinsichtlich des
Aufbaus der in die FE-Rechnung eingehenden Daten unterteilt werden und
zwar nach ihrem zeitabhängigen Verhalten und der Form der zeitunabhängig-
en Materialbeschreibung. Für die Berücksichtigung elastischer, plastischer
und viskoser Effekte muss in dem FE-Modell eine geeignete Berechnungsart
gewählt werden. ABAQUS benötigt für die elastisch-plastischen Material-
modelle eine Diskretisierung der Spannungs-Dehnungs-Kurve, dabei sind für
den plastischen Anteil die auf die aktuelle Fläche bezogenen Spannungen und
die zugehörigen logarithmischen Verzerrungen anzugeben. Von der Form des
zeitunabhängigen Anteils der Materialbeschreibung hängt die zu wählende
Diskretisierung ab.
Die Materialvorschriften werden durch eine diskretisierte Kennlinie der
plastischen Dehnungen und Spannungen berücksichtigt, die seitens des FE-
Programmes linear interpoliert wird. Nach dem letzten Datum der diskreti-
sierten Kennlinie setzt das FE-Programm die Beschreibung intern ideal plas-
tisch fort. Eine Materialbeschreibung, die sich als eine Aneinanderreihung
mehrerer linearer Abschnitte auffassen lässt, wird also durch Angabe der
„Eckpunkte“ der Abschnitte fehlerfrei berücksichtigt. Bei der Diskretisierung
einer nichtlinearen Beziehung entsteht dahingegen eine Abweichung zu der
analytischen Repräsentation. Um diesen Fehler zu begrenzen bzw. zu verein-
heitlichen, wird geeignet vorgegangen, wie in dem nachfolgenden Abschnitt
für die einzelnen Modelle erklärt.
Die Einheiten der anzugebenden Materialparameter müssen konsistent
mit den im Modell zugrunde gelegten Einheiten gewählt werden. Das Modell
3Unter Materialmodell wird im Allgemeinen der thermodynamisch begründete Zusam-
menhang zwischen Dehnung und Spannung verstanden, wie z.B. das nach Le-Maitre-
Chaboche benannte Modell. Im Gegensatz dazu geben Materialvorschriften den em-
pirisch gefundenen Zusammenhang wieder, wie z.B. die Vorschriften nach Ramberg-
Osgood oder die das sekundäre Kriechverhalten beschreibende Vorschrift vom Sinus-
Hyperbolicus-Typ. Da in dieser Arbeit lediglich empirisch gefundene Beziehungen verwen-
det werden, also Materialvorschriften, wird zwischen den beiden Begriffen nicht weiter
unterschieden.
75
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
ist in Mikrometern elementiert und die über der in Sekunden gemessenen Zeit
auf den Indenter aufgebrachten Kräfte werden in Mikronewton erwartet. Dar-
aus folgt, dass die Größen E,Dund σin µN
/µm2anzugeben sind, womit die
Angaben denselben Zahlenwert besitzen, als wären sie in N
/mm2angegeben.
Werden die zeitunabhängigen Materialeigenschaften mit dem Kriechgesetz
kombiniert, so ist der Kriechparameter C2in µm2/µNbzw. mm2/Nanzugeben.
Der Kriechparameter C4ist in 1
/Kanzugeben. Eine der in ABAQUS vorge-
sehenen Vorschrift zur Beschreibung des Kriechens lautet:
˙εcr =C1(sinh (C2σ))C3eC4
R(TT0).(3.16)
Um diese auf die Form
˙εcr =C1(sinh (C2σ))C3eC4
T(3.17)
zu bringen, wird T0= 0 K und R= 1 festgelegt. Für alle unter den einzel-
nen Materialmodellen aufgeführten Parametern müssen zutreffende Angaben
über ihre zulässigen Intervalle gemacht werden, innerhalb derer sie gesucht
werden sollen.
3.2.2 Elastisch-ideal plastisch
Das in Abb. 3.12 dargestellte Modell ist das einfachste und verwendet als
Materialparameter den E-Modul Eund die Fließgrenze σy.
σ
σy
ε
E
Abbildung 3.12: Elastisch-ideal plastisches Materialmodell
3.2.3 Elastisch-plastisch, mit linearer Verfestigung
Dieses bilineare Modell nach Abb. 3.13 berücksichtigt verfestigendes, plasti-
sches Verhalten. Die zu bestimmenden Parameter sind der E-Modul E, die
76
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Fließgrenze σy, das Ende des Verfestigungsbereiches εpl und die Spannungs-
differenz σ=σmax σyzwischen der chsten, während der Verfestigung
erreichbaren Spannung σmax und der Fließgrenze, also indirekt der Tangen-
tenmodul. Die Formulierung der Verfestigung über den Spannungszuwachs
σgewährleistet die Monotonie der Spannungs-Dehnungs-Funktion durch
Berücksichtigung der unteren Intervallgrenze σ0.
σ
σmax
σy
εtot
σ
εpl
E
Abbildung 3.13: Bilineares Materialmodell mit Verfestigung
3.2.4 Materialmodell nach Ramberg-Osgood
Abb. 3.14 beschreibt das Verhalten eines verfestigenden Materials nach dem
Ramberg-Osgood-Modell, das keine ausgezeichnete Fließgrenze besitzt und
keinen Bereich in dem lediglich reversible Deformationen auftreten.
σ
σmax
ε
εpl
E
Abbildung 3.14: Materialmodell nach Ramberg-Osgood
77
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Wie schon zuvor exemplarisch mit Gl. (3.5) dargestellt, wird die totale
Dehnung additiv zerlegt
ε=εel +εpl mit εel =σ
Eund εpl =σ
Dm(3.18)
und der plastische Anteil der Dehnung nach σumgestellt:
σ=Dεpl1
m.(3.19)
Der Gl. (3.19) kann entnommen werden, dass die Spannung mit steigender
plastischer Dehnung unbegrenzt steigt. Die Spannung als Funktion der plas-
tischen Dehnung weist keine Asymptote oder obere Grenze auf. Aus Grün-
den der Umsetzbarkeit muss die Diskretisierung nach Erreichen einer Grenze
abgebrochen werden. ABAQUS setzt die Spannungs-Dehnungs-Linie dann
ideal plastisch fort. Diese empirische Materialvorschrift, die ursprünglich zur
Beschreibung zeitunabhängigen elastisch-plastischen Verhaltens vorgesehen
war, ist in einer etwas anderen Notation auch in ABAQUS implementiert,
kann aber nicht mit anderen Effekten kombiniert werden, wie z.B. einem rein
elastischen Bereich oder zeitabhängigen Verhalten.
Um wahlweise ein Materialverhalten nach Ramberg-Osgood beschrei-
ben zu können bzw. das eines Materials, dessen anfängliches Verhalten Ram-
berg-Osgood um einen linear elastischen Teil erweitert, ist eine Routine
implementiert worden, die solch eine Spannungs-Dehnungs-Linie mit einer
definierten Genauigkeit als Polygonzug diskretisiert. Dadurch ist sicherge-
stellt, dass die für das Finite-Differenzen-Schema benötigten Parameterva-
riationen mit ausreichender Genauigkeit in das FE-Modell Eingang finden.
Wie in Abb. 3.15 veranschaulicht, wird als Maß für die Genauigkeit die dis-
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
σ
σ(εpl
1,i)
σ(εpl
2,i)
εpl
εpl
1,i εpl
2,i εpl
max
Wpl
lin
Wpl
RO
Wpl
RO Wpl
lin
Abbildung 3.15: Energiedifferenz zwischen linearer diskretisierter und analyti-
scher Darstellung
78
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
sipierte plastische Energie herangezogen und ihre intervallweisen Werte für
die diskretisierte Form mit der analytischen Lösung verglichen. Die Wahl die
Dichte der Diskretisierung über die Energie zu definieren ist insofern willkür-
lich, als dass auch jedes andere Kriterium denkbar ist, das geeignet ist, die
„Eckpunkte“ des Polygonzuges so zu verteilen, dass die Abweichung gegen-
über der originären Kurve klein ist.
Da die Materialvorschrift nach Ramberg-Osgood ein Sonderfall der
modifizierten, um einen linear elastischen Teil erweiterten Vorschrift ist, wird
nur ein Algorithmus für das allgemeinere Problem benötigt, der im nächsten
Abschnitt beschrieben ist.
3.2.5 Modifiziertes Ramberg-Osgood-Modell mit ei-
nem linear elastischen Bereich
Hierbei wird die in Abb. 3.16 dargestellte Beziehung angenommen:
εtot =
σ
E, für σσyund
σ
E+σσy
Dm,für σ > σy.
(3.20)
Nach Überschreiten der Fließspannung ist dann
εpl =σσy
Dm
für σ > σy.(3.21)
Gl. (3.21) kann nach σumgestellt werden:
σ=Dεpl1
m+σyfür σ > σy.(3.22)
σ
σmax
σy
ε
εpl
max
E
Abbildung 3.16: Modifiziertes Ramberg-Osgood-Modell mit anfangs linear
elastischem Bereich
79
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
aaaaaaaaaaaa
σ
σ(εpl
1,i)
σ(εpl
2,i)
σy
εpl
εpl
1,i εpl
2,i εpl
max
Wpl
lin
Wpl
mRO
Wpl
mRO Wpl
lin
σy(εpl
2,i εpl
1,i)
Abbildung 3.17: Energiedifferenz für das modifizierte Ramberg-Osgood-
Modell
Der Ausdruck (3.22) für das modifizierte Ramberg-Osgood (mRO) kann
dann zur Berechnung in die Gleichung für die dissipierte plastische Energie
eingesetzt werden:
Wpl
ges =Zεpl
max
0
σdεpl =D
1 + 1
mεpl
max1+ 1
m+σyεpl
max ,(3.23)
Für die plastische Energie eines Bereiches der plastischen Dehnungen hεpl
1;εpl
2i
ergibt sich
Wpl
mRO =Zεpl
2
εpl
1
σdεpl =Zεpl
2
εpl
1
Dεpl1
mdεpl +σyεpl
=D
1 + 1
mεpl1+ 1
m+σyεplεpl
2
εpl
1
(3.24)
und für die trapezförmig begrenzte Approximation des Abschnittes erhält
man nach Abb. 3.17
Wpl
lin =Zεpl
2
εpl
1
σdεpl
=1
2Dεpl
11
m+εpl
21
m+σyεpl
2εpl
1.(3.25)
Die Intervalllänge eines jeden Abschnittes der Diskretisierung wird so be-
stimmt, dass sein Fehler gerade dem α-fachen (mit 0< α 1) der gesamten
80
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
plastischen Energie entspricht. In einer Schleife beginnend mit εpl
1= 0 wird
die Gleichung
αWpl
ges =Wpl
mRO εpl
1, εpl
2Wpl
lin εpl
1, εpl
2(3.26)
numerisch für εpl
2gelöst. Die erhaltene Lösung des i-ten Schleifendurchlaufes
wird als εpl
2,i abgespeichert und wird mit εpl
1,i+1 := εpl
2,i als neue untere Grenze
für den nächsten Durchlauf zugewiesen, bis εpl
2,i den Wert εpl
max erreicht. In
der Implementierung wurde α= 106verwendet. Nach Beendigung der Be-
rechnung der Verzerrungen εpl
2wird nach Gl. ( 3.22) die zugehörige Spannung
ermittelt. Die Zahl der ermittelten Intervalle nnimmt mit kleiner werdendem
αzu, wobei nlangsamer wächst als αabnimmt, so dass für den im Nachhinein
ermittelbaren Diskretisierungsfehler W(n1)αWpl
ges WnαWpl
ges gilt.
Für den Grenzwert α0würde die Materialvorschrift fehlerfrei abgebildet.
Aus der Differenz des modifizierten Ansatzes Wpl
mRO Wpl
lin fällt der Term
σy(εpl
2εpl
1)heraus, so dass sie von der Fließgrenze σyunabhängig ist. Ledig-
lich in Wpl
ges des modifizierten Ansatzes ist noch ein mit σyverknüpfter Term
σyεpl
max vorhanden. Die Beschreibung für das „pure“ Ramberg-Osgood- Ma-
terial ergibt sich dann als Sonderfall dieser Beschreibung mit σy= 0.
3.2.6 Modifiziertes Ludwik-Modell mit einem linear elas-
tischen Bereich
Bei diesem Materialmodell werden folgende Gleichungen angesetzt:
σ=
Eε , für σσyund
Kεn,für σ > σy.
(3.27)
Diese Materialvorschrift, die für den Sonderfall σy= 0 ursprünglich auf
Ludwik4zurückgeht und ein Potenzgesetz darstellt, ist in einer modifizierten
Form, in der die von Ludwik um einen linear elastischen Bereich erweitert
wird, zumindest in der Literatur zur Nanoindentation recht weit verbreitet
[19]. Wenn man von νabsieht, wird das Verhalten durch drei unabhängige
Parameter beschrieben, nämlich E,σyund n.Kist dann eine abhängige
Größe. Diese muss so bestimmt werden, dass die Dehnungen am Übergang
vom elastischen zum plastischen Bereich bei σ=σygleich sind, um eine kon-
tinuierliche Spannungs-Dehnungs-Linie zu erhalten. Hier gilt εpl = 0,εel =σy
E
4Die ursprüngliche Vorschrift (und so auch die mit σy= 0) macht keine Aussage über
das Verhalten bei einer Entlastung, so dass es auch nicht glich ist eine dem E-Modul
vergleichbare Größe zu ermitteln.
81
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
σ
σmax
σy
ε
εmax
εel
E
Abbildung 3.18: Modifiziertes Ludwik-Modell mit linear elastischem Bereich
und deswegen ε=εel +εpl =σy
E. Aus der zweiten Zeile der Gleichung (3.27)
ergibt sich dann
σy=Kσy
En
und somit
K=σyE
σyn
.(3.28)
Der einfacheren Formulierbarkeit wegen wird in diesem Fall nicht die plas-
tische, sondern die gesamte Energie als Maß für die Diskretisierung herange-
zogen (mLu):
Wges =Zεmax
0
σdε=Zε=σy
E
0
σdε+Zεpl
ε=σy
E
σdε
=1
2Eσy
E2+K1
n+ 1εn+1εmax
ε=σy
E
(3.29)
WmLu =Zε2
ε1
σdε=K1
n+ 1εn+1ε2
ε1
mit ε1, ε2>σy
Eund (3.30)
Wlin =Zε2
ε1
σdε=1
2K(εn
2+εn
1) (ε2ε1)(3.31)
82
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Mit demselben Algorithmus wie zuvor in Abschnitt 3.2.4 werden jetzt die to-
talen Dehnungen anstelle der plastischen ermittelt. Danach werden nach Gl.
(3.27) die Spannungen und die zugehörigen plastischen Dehnungen ermittelt:
εpl =εKεn
E.(3.32)
Der im Nachhinein zu Wges ermittelte Diskretisierungsfehler bezieht sich
hier auf die gesamte Energie aus elastischen und plastischen Deformationen.
3.3 Konstitutive Gleichungen
3.3.1 Kinematische Beziehungen
Um das Verhalten eines Metalles während der Indentation realitätsnah abbil-
den zu können, wird die Berücksichtigung elastischer, plastischer und zeitab-
hängiger Effekte benötigt. Die nichtlinearen Zusammenhänge zwischen Span-
nung und Dehnung werden wie zuvor beschrieben diskretisiert und das noch
zu beschreibende Randwertproblem mit ABAQUS gelöst. Zur Beschreibung
müssen einige Größen und Beziehungen eingeführt werden [4]. Sei
x=x(X, t)(3.33)
die aktuelle Lage eines Partikels, der zu einem Zeitpunkt t0in der Referenz-
konfiguration die Position Xhabe. Der Deformationsgradient wird dann als
F=x
X(3.34)
definiert. Weiter sind die Geschwindigkeit eines Partikels als
v=x
t (3.35)
und der räumliche Geschwindigkeitsgradient als
L=v
x(3.36)
gegeben. Zwischen dem Geschwindigkeitsgradienten und dem zuvor definier-
ten Deformationsgradienten besteht der Zusammenhang:
L·F=˙
F(3.37)
bzw.
L=˙
F·F1.(3.38)
83
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Der symmetrische Anteil des Geschwindigkeitsgradienten ergibt den Defor-
mationsratentensor
D=1
2 v
x+v
xT!= sym (L)(3.39)
und der antimetrische Anteil den Wirbeltensor
W=1
2 v
xv
xT!.(3.40)
3.3.2 Additive Zerlegung der Dehnraten
Der Deformationsgradient Fwird multiplikativ in einen elastischen Anteil
Fel und einen irreversiblen Anteil Firr zerlegt:
F=Fel ·Firr (3.41)
und Firr gemäß
Firr =Fcr ·Fpl (3.42)
dargestellt. Daraus folgt die additive Zerlegung der Dehnrate D5:
D=Del +Dpl +Dcr .(3.43)
Im Folgenden wird dafür
˙ε=˙εel +˙εpl +˙εcr (3.44)
als Notation gewählt, was für kleine Dehnraten (und moderate Dehnungen)
auch konsistent ist.
3.3.3 Gleichgewicht und virtuelle Arbeit
Die Gleichgewichtsbedingungen sind durch
t=n·σund
x·σ+f= 0 (3.45)
5Die Gl. 3.42 ist in [4] analog zu Gl. 3.41 nur für den elastischen und plastischen Anteil
angegeben und ist dann sinngemäß um den Kriechanteil erweitert worden.
84
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
gegeben, wobei nein Einheitsvektor normal zur Schnittebene ist, tder Span-
nungsvektor auf der aktuellen Fläche und fder Vektor der Volumenkräfte.
Ferner gelte
σ=σT.(3.46)
Die Variation der Arbeit ist
ZS
t·δvdS+ZV
f·δvdV=ZV
σ:δv
xdV . (3.47)
Unter Berücksichtigung, dass für die virtuelle Arbeit, die am Wirbeltensor
verrichtet wird, σ:δW= 0 gilt, kann Gl.(3.47) auch als
ZS
t·δvdS+ZV
f·δvdV=ZV
σ:δDdV . (3.48)
geschrieben werden. Aus der Variation von Gl.(3.39) folgt, dass δDund δv
kompatibel sind:
δD=1
2 δv
x+δv
xT!(3.49)
und δvbei gegebenen geometrischen Randbedingungen Null ist. Die Rate der
(virtuellen) inneren Arbeit aus Gl.(3.48) kann (mit der Cauchy-Spannung)
als Integral über das Referenzvolumen formuliert werden
ZV
σ:DdV =ZV0
Jσ:δDdV 0,(3.50)
wobei J= dV/dV0das Verhältnis zwischen dem Volumen in der Momentan-
konfiguration und dem der Referenzkonfiguration ist. Die Kirchhoff-Spannung
τ=Jσ(3.51)
ist dann die arbeitskonjugierte Größe zur Verzerrungsrate D. Zu dem Green-
schen Verzerrungsmaß
εG=1
2FT·FI(3.52)
ist
˙εG=1
2˙
FT·F+FT·F(3.53)
85
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
die zugehörige Verzerrungsrate und der zweite Piola-Kirchhoff-Spannungs-
tensor
S=JF1·σ·FT(3.54)
die arbeitskonjugierte Spannung. Für einen beliebigen Tensor Twird TJ
als die Jaumann-Rate definiert:
TJ=˙
TW·T+T·W.(3.55)
Die Jaumann-Rate der Änderung der Kirchhoff-Spannung ist dann nach
Anwendung auf Gl. (3.51):
dJ
dt(Jσ) = J(W·σσ·W).(3.56)
Die konstitutiven Gleichungen werden als Spannungsraten pro Referenzvolu-
men dJ
dt(Jσ)definiert.
3.3.4 Elastische Eigenschaften
Der Zusammenhang zwischen dem Spannungstensor σund den elastischen
Verzerrungen εel =εεpl εcr wird mittels des vierstufigen Elastizitätsten-
sors Chergestellt:
σ=
<4>
C:εel .(3.57)
Der Elastizitätstensor hat die Symmetrieeigenschaften Cijkl =Cjikl und
Cijkl =Cijlk . Im isotropen (und orthotropen) Fall sind lediglich C1111,C2222,
C3333,C1122,C1133,C2233,C1212,C1313,C2323 und die zugehörigen symmetri-
schen Einträge von Null verschieden. In dem in dieser Arbeit betrachteten
isotropen Fall kann der Elastizitätstensors Caus den Größen Eund νbe-
stimmt werden.
3.3.5 Plastische Eigenschaften
Der Spannungstensor als zweistufiger Tensor kann additiv zerlegt werden und
ein spurfreier (deviatorischer) Anteil abgespalten werden. Über die Spur des
Spannugstensors wird der hydrostatische Druck pals der sphärische Anteil
p=1
3σ:I=1
3tr(σ)(3.58)
86
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
und der Spannungsdeviator Sdurch
S=pI+σ(3.59)
als der deviatorische Anteil definiert. Weiter wird eine Vergleichsspannung q
nach von Mises definiert:
q=r3
2S:S.(3.60)
Da qnur über den deviatorischen Anteil definiert ist, wirkt sich eine Erhöhung
des hydrostatischen Drucks auf dieses Maß nicht aus.
Mit dem Spannungsdeviator und der Vergleichsspannung wird ein Rich-
tungstensor ndefiniert6:
n=3
2
S
q=r3
2
S
kSk.(3.61)
Analog kann eine deviatorische Verzerrung edefiniert werden:
e=ε1
3tr(ε).(3.62)
Auch für die Dehnrate kann eine skalare Vergleichsgröße definiert werden:
˙
¯εpl =r2
3˙εpl :˙εpl ,(3.63)
bzw. für die Dehnung:
¯εpl =Zt
0
˙
¯εpld˜
t . (3.64)
Die Fließregel ist
depl = d¯epln(3.65)
und beschreibt quasi-statische Inkremente der Dehnungen, was gleichbedeu-
tend mit
dεpl = d¯εpln(3.66)
ist, da die Volumendehnung im plastischen Zustand Null ist und deswegen
dεpl = depl gilt. Im Falle der hier verwendeten ratenunabhängigen Plastizi-
tät ist das Fließen nicht abhängig von der plastischen Dehnrate ˙
¯εpl und die
Fließbedingung lautet
q= ¯σ¯εpl.(3.67)
6Dieser Tensor darf nicht mit dem Vektor aus Gl.(3.45) verwechselt werden.
87
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
3.3.6 Berücksichtigung zeitabhängigen Verhaltens durch
Kriechen
Über die Vergleichsspannung qwird Bezug auf die eindimensionale Kriech-
vorschrift
˙
¯εcr =C1(sinh (C2q))C3eC4
R(TT0)(3.68)
genommen. Dieser Ansatz beschreibt die äquivalente Kriechdehnrate ˙
¯εcr und
kann als Mischform anderer bekannter Ansätze aufgefasst werden: Für kleine
qentspricht er einer Potenzfunktion und geht für große qin eine Exponen-
tialfunktion als Kriechvorschrift über. Die Konstanten C1,C2,C3und C4
beschreiben die Kriecheigenschaften des Materials. Rist die universelle Gas-
konstante und Tdie Temperatur des Materials. T0ist die Bezugstemperatur,
die hier als der absolute Nullpunkt mit 0 K gewählt wird. Der Zusammen-
hang zwischen der skalaren Vergleichskriechdehnrate und der zugehörigen
tensoriellen Größe ˙εcr ist durch
˙εcr =˙
¯εcrn(3.69)
gegeben. Umgekehrt besteht zwischen der tensoriellen und der skalaren Größe
die Beziehung:
˙
¯εcr =r2
3˙εcr :˙εcr .(3.70)
Durch Integration über die Rate erhält man die Kriechdehnung:
¯εcr =Zt
0
˙
¯εcrd˜
t . (3.71)
3.4 Ablaufschema des Programmes
In diesem Abschnitt wird das in Abb. 3.19 dargestellte Schema beschrieben.
Es werden die einzelnen bis jetzt erläuterten Teilschritte in den gesamten
Programmablauf eingeordnet.
Lesen der Referenzdaten: Die in die einzelnen Belastungsphasen (Be-
lasten, ggf. Halten und Last absenken) aufgesplitteten Daten des Nanoinden-
ters Zeit [s], Verschiebung [nm] und Kraft [mN] werden in die Einheiten [µm]
und Kraft [µN] konvertiert und in geeigneten Datenstrukturen abgelegt. Aus
den eingelesenen Daten wird eine vom Nutzer zuvor ausgewählte Anzahl von
Zeit-Verschiebung-Kraft-Tupeln gespeichert. D.h., es werden nicht zwangs-
läufig alle Referenzdaten verwendet.
88
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Lesen der Referenzdaten: Anordnen in Datenstruktur
Optimierer: Minimiert die Zielfunktion unter Beachtung
der Grenzen der normierten Parameter.
Zielfunktion
Transformation der normierten Parameter in reale
Größen und Erzeugen der Datei mit Materialdaten
für .ABAQUS
Aufruf von Warten auf Beendigung und
Kontrolle, ob eine Fehlermeldung generiert wurde.
ABAQUS,
Auswerten der Ausgabedaten; Erzeugen von Text-
dateien, die nach Belastungsphasen getrennt, die
Daten Kraft, Weg und Zeit enthalten.
Einlesen der Datensätze der einzelnen Belast-
ungsphasen. Interpolation des Weges der Simula-
tion an ausgewählten Zeitpunkten der Referenz.
Rückgabe der (ggf. phasenweise gewichteten)
Differenzen.
Abbildung 3.19: Struktogramm des Optimierungsprozesses
Optimierer: Der Optimierer verwaltet das Aufrufen der zu minimieren-
den Zielfunktion. Er übergibt die normierten Materialparameter als Vektor
und erwartet die (gewichteten) Differenzen der Simulation gegenüber den Re-
ferenzwerten als vektorwertigen Rückgabewert. Diese Form der Schnittstelle
ermöglicht es, den Optimierungsalgorithmus problemlos ggf. gegen eine an-
dere Implementierung des selben bzw. eines anderen Verfahrens zu tauschen.
Zielfunktion: Der Begriff Zielfunktion ist streng genommen in diesem
Zusammenhang nur bedingt richtig. Die zu minimierende Zielfunktion φ(p(ξ)),
wie in Gl. (3.14) dargestellt, ist die Summe der gewichteten Fehlerquadrate.
In der hier verwendeten Implementierung werden die zur Minimierung der
Summe der Fehlerquadrate benötigten Ausdrücke vom Optimierer intern ge-
bildet, weswegen wjuj(p(ξ)) übergeben werden muss. Bei der Verwendung
anderer Optimierungsverfahren muss man in den meisten Fällen stattdessen
die skalarwertige Summe der Fehlerquadrate φübergeben.
Das Bilden der Zielfunktion ist in die folgenden Funktionen untergliedert:
Für jede Evaluation wird ein eigenes Verzeichnis angelegt. In diesem Verzeich-
nis werden die zum Aufruf des FEM-Programmes benötigten Eingabedateien
89
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
und die Ausgaben mit den später weiter zu verarbeitenden Ergebnissen ab-
gelegt.
Transformation der normierten Größen in reale Materialwerte und Auf-
bau einer Eingabedatei für das FEM-Programm, wobei im Falle der nicht-
linear verfestigenden Materialien die Stützstellen der Kennlinie, bestehend
aus den Wertepaaren plastische Verzerrung und Spannung, in einer Unter-
funktion wie oben beschrieben ermittelt werden.
Aufruf von ABAQUS: Die Kontrolle über den Programmablauf wird
an ein in Cgeschriebenes Programm übergeben. Dieses verwaltet den Aufruf
von ABAQUS. Nach dem Ende der Berechnung durch ABAQUS wird aus der
Protokolldatei der Fehlerstatus ermittelt. Für den Fall, dass die Berechnung
selber Fehler aufweist, wird der gesamte Identifikationsprozess abgebrochen.
Sollte der Fehler durch ein externes Ereignis ausgelöst worden sein, so wird
die Berechnung mit ABAQUS erneut angestoßen.
Auswerten der Ausgabedaten: Aus der binären Ausgabedatei werden
nach Belastungsphasen getrennt die Daten der Simulation Zeit [s], Verschie-
bung [µm] und Kraft [µN] extrahiert. Außerdem wird die Kontur des verblei-
benden Eindruckes ermittelt und als Datei abgelegt.
Einlesen der Datensätze aus der Simulation: Die Datensätze mit Zeit,
Verschiebung und Kraft werden eingelesen und die benötigten Zwischenwerte
zu den ausgewählten Zeitpunkten der Referenzdaten per Interpolation ermit-
telt.
Die Rückgabe der (gewichteten) Differenzen beendet die Auswertung
der Zielfunktion.
3.5 Parameteridentifikation mit konischem In-
denter und synthetischen Referenzdaten
3.5.1 Konvergenz des Optimierungsproblems bei zutref-
fender Materialhypothese
Nachfolgend dargestellt ist die Identifikation von zwei Materialparametern
anhand synthetischer Last-Zeit-Weg-Kurven.
Es wird für das elastisch-ideal plastische Materialmodell mit den Kenn-
werten E= 100000 N
/mm2,ν= 0,3und σy= 1000 N
/mm2eine Referenzkurve
berechnet. Die so errechneten Rohdaten der Belastungsphase werden gemäß
Gl. (3.7) geglättet, genauso wie die Belastungskurven während des Identifi-
kationsprozesses. Die für die Identifikation festzulegenden Stellgrößen“ sind
neben den Intervallen der zu suchenden Parameter Eund σydie Gewichtung
90
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
0
5
10
15
20
25
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
0.8
1
1.2
1.4
1.6x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
800
1000
1200
1400
1600
Iteration
σy max [N/mm2]
Referenz
Abbildung 3.20: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bi-
linearen Materialmodells; Gewichtung: 1 : 5, normierte Schritt-
weite der finiten Differenzen: 103
der Wegdifferenzen und die normierte Schrittweite für die finiten Differenzen.
Der Parameter νwird im Identifikationsprozesses als fehlerfrei bekannt vor-
ausgesetzt. Für ausgewählte Gewichtungen und Schrittweiten wird bestimmt,
ob die für die Referenzkurve benutzten Materialparameter wiederentdeckt“
werden können. Dargestellt werden die Verläufe der gewichteten Zielfunktion,
der Betrag der prozentualen Abweichung gegenüber der maximalen Eindring-
tiefe, sowie der Verlauf der Parameter Eund σy.
Zusätzlich wird jetzt noch eine konstante Verschiebung der Eindringtie-
fe von u0= 5 nm als durch die Optimierung zu bestimmende Größe mit
aufgenommen, wie sie durch das fehlerhafte Bestimmen der Nullpunktlage
hervorgerufen wird. Alle drei in den Abb. 3.21, 3.22 und 3.23 dargestellten
Varianten des Identifikationsprozesses erreichen mit derselben Anzahl von
Iterationen vergleichbare Fehlermaße. Der Verlauf der gewählten Parameter
ist dabei aber unterschiedlich. Die Wahl der Gewichtung und der Schrittwei-
te ist in den hier untersuchten Fällen von geringer Bedeutung. Die Größe
der Schrittweite gewinnt erst bei Erreichen der Referenzwerte an Bedeutung,
91
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
also in der Nähe des Minimums, da sich bei kleinerer Schrittweite auch die er-
zielbare Differenz verringert. Die höchste Konvergenzgeschwindigkeit ist für
eine Schrittweite von 104erreicht worden. Abb. 3.22 stellt eine Erweiterung
des Versuches aus Abb. 3.20 dar, bei dem die Referenz um 5 nm verschoben
wurde. Abb. 3.20 dient zum Vergleich. Die erweiterte Version verbessert die
Zielfunktion bis zur siebenten Iteration schneller, danach findet keine Ver-
besserung mehr statt, da sie an einem lokalen Minimum „hängen“ geblieben
ist.
Abbildung 3.21: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bili-
nearen Materialmodells und einer Verschiebung des Nullpunk-
tes des Weges; Gewichtung: 1 : 1, normierte Schrittweite der
finiten Differenzen: 103
Der geringe Einfluss der Gewichtung auf die zu identifizierenden Wer-
92
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
te begründet sich dadurch, dass während der Identifikation dasselbe nume-
rische Modell verwendet wird und deswegen sowohl die Referenz als auch
die Simulationen während der Identifikation die gleichen numerischen Fehler
enthalten. Die Schrittweite für die Bildung der Differenzen ist in größerer
Entfernung vom Minimum von geringer Bedeutung, da die durch die Simula-
tion errechneten Zeit-Weg-Kurven durch den Interpolationsansatz während
der Belastungsphase „entstört“ wurden und sich das durch den Kontaktal-
gorithmus hervorgerufene Rauschen deswegen nicht gravierend auf die zu
minimierende Zielfunktion φauswirkt.
1 5 10 15 20 25
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10 15 20 25
0
10
20
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10 15 20 25
0.8
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20 25
800
1000
1200
1400
1600
1800
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20 25
0
2
4
6
8
Iteration
u0 [nm]
Referenz
Abbildung 3.22: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bili-
nearen Materialmodells und einer Verschiebung des Nullpunk-
tes des Weges; Gewichtung: 1 : 5, normierte Schrittweite der
finiten Differenzen: 103
93
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5 10
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10
0
10
20
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10
0.8
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10
800
1000
1200
1400
1600
1800
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10
0
2
4
6
8
Iteration
u0 [nm]
Referenz
Abbildung 3.23: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des bili-
nearen Materialmodells und einer Verschiebung des Nullpunk-
tes des Weges; Gewichtung: 1 : 5, normierte Schrittweite der
finiten Differenzen: 104
3.5.2 Identifikation mit nicht zutreffender Materialhy-
pothese für eine Referenzkurve mit bilinearem
Materialmodell
Das Modell und der Ablauf des Programmes sollen an synthetischen Refe-
renzdaten unter der Annahme getestet werden, dass die dem zu untersuchen-
den Material zugrunde liegende Materialvorschrift nicht bekannt ist.
Die wesentliche Fragestellung ist, ob das Vorliegen einer nicht zutreffenden
94
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Annahme über die Materialeigenschaften bei der Verwendung eines Berko-
vich-Indenters bzw. eines rotationssymmetrischen Ersatzmodelles bemerkt
werden kann. Um diesen Sachverhalt zu prüfen, werden hier synthetische Re-
ferenzen betrachtet, die auf Grundlage bilinearen Materialverhaltens nach
Abb. 3.13 in Kapitel 3.2.3 berechnet werden. Die errechneten Zeit-Weg-
Verläufe für vorgegebene Zeit-Kraft-Verläufe sollen per Identifikationspro-
zess für ein elastisch-ideal plastisches Materialverhalten nach Abb. 3.12 in
Kapitel 3.2.2 so gut wie möglich abgebildet werden, wobei eine zehnfach
höhere Gewichtung der Entlastungskurve gegenüber dem Belastungskurve
vorgenommen wird.
Die beiden für die Betrachtung herangezogenen synthetische Referenzen
haben die gemeinsamen Materialkennwerte E= 200000 N
/mm2,ν= 0,3und
σy= 400 N
/mm2. Sie unterscheiden sich in dem Wert, der die Verfestigung be-
schreibt: Das eine Material Referenz A weist einen Wert von σ1,A= 600 N
/mm2
bei einer Dehnung von εpl = 0,1auf, während das Material Referenz B einen
Wert von σ1,B= 800 N
/mm2hat. Die Spannungs-Dehnungs-Kurven der Re-
ferenzmaterialien sind auch in der weiter unten erläuterten Abb. 3.30 der
Optimierungsergebnisse dargestellt.
Abb. 3.24 zeigt den für die synthetischen Referenzen und den für den
Identifikationsprozess vorgegebenen Kraft-Zeit-Verlauf.
0 5 10 15 20
0
20
40
60
80
100
t [s]
F [mN]
Simulation
Abbildung 3.24: Kraft-Zeit-Verlauf für die beiden synthetischen Referenzen und
nachfolgender Simulationen während der Identifikation; maxi-
male Last: 100 mN
95
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Abb. 3.25 zeigt den Weg-Zeit-Verlauf für das gefundene Optimum zur
Referenz A. Abb. 3.26 zeigt den Wegdifferenz-Zeit-Verlauf und Abb. 3.27
den Kraft-Weg-Verlauf für das gefundene Optimum zur Referenz A.
0 5 10 15 20
0
500
1000
1500
t [s]
u [nm]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.25: Weg-Zeit-Verlauf zur Identifikation an Referenz A
96
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 5 10 15 20
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
0.5
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 3.26: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz A bei erreichtem Optimum
0 500 1000 1500
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.27: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum für Refe-
renz A
Abb. 3.28 zeigt den Wegdifferenz-Zeit-Verlauf und Abb. 3.29 den Kraft-
97
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Weg-Verlauf für das gefundene Optimum zur Referenz B.
0 5 10 15 20
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
0.5
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 3.28: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz B bei erreichtem Optimum
0 200 400 600 800 1000 1200 1400
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.29: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum für Refe-
renz B
98
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
In Tabelle 3.2 sind die Ergebnisse der beiden Identifikationsprozesse ge-
genübergestellt. Aufgrund der starken Betonung der Entlastungskurve durch
die Gewichtung stimmen die E-Moduln der beiden Optima mit ihren Referen-
zen recht gut überein, während die Abweichungen in den Fließspannungen
deutlich sind. Die größte prozentuale Abweichung der Verschiebungen be-
trägt 0,2%. Die Bestimmung der E-Moduln nach der Methode von Oliver
und Pharr liefert große Abweichungen gegenüber dem E-Modul, der in die
Simulation einging. Die Abweichung ist wie auch bereits in Abschnitt 2.5
festgestellt für das nicht verfestigende Material größer als für das verfesti-
gende, während die Abweichung des mit der Höhe des Aufwurfes bestimm-
ten E-Moduls EFEM für alle vier Versuche gering ist. Die nach Oliver und
Pharr bestimmte Härte Htra ist für alle Versuche praktisch gleich, wäh-
rend die aus den Kontaktdaten errechnete HFEM nur zwischen der jeweiligen
Referenz und dem zugehörigen Optimum eine sehr gute Übereinstimmung
liefert.
Abb. 3.30 zeigt den Spannungs-Dehnungs-Verlauf der beiden Referenzen
und ihrer zugehörigen Optima, außerdem sind die Schnittpunkte zwischen
Referenz und Optimum eingezeichnet. Die Schnittpunkte liegen bei einer
totalen Dehnung von ungefähr 0,04.
Messgröße Optimum AReferenz AOptimum BReferenz B
E[N
/mm2] 194112 200000 187954,3 200000
σy[N
/mm2] 490,4 400 568,6 400
σmax [N
/mm2] 600 800
hBel
min [nm] 1,6 0,8
hBel
max [nm] 0,7 0,4
hEnt
min [nm] 2,8 3,3
hEnt
max [nm] 0,4 0,6
h
/hmax [%] 0,2 0,2
Etra [N/mm2] 251886 238187 241733 225450
EFEM [N
/mm2] 202940 206247 196078 205312
Htra [N
/mm2] 2833.6 2838.1 3032.3 3039.4
HFEM [N/mm2] 1280.1 1483.3 1485.8 1881.6
Tabelle 3.2: Tabelle der gefundenen Optima eines elastisch-ideal plastischen
Materials für eine Referenz nach dem verfestigenden, bilinearen
Materialmodell.
99
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 0.05 0.1 0.15 0.2
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
ε
σ [N/mm2]
ERef
A = 200000, σy,A
Ref = 400, σmax,A
Ref = 600 [N/mm2]
EA = 194112, σy,A = 490.4 [N/mm2]
EB
Ref = 200000, σy,B
Ref = 400, σmax,B
Ref = 800 [N/mm2]
EB = 187954.3, σy,B = 568.6 [N/mm2]
Abbildung 3.30: Beziehung zwischen den Spannungen und totalen Dehnungen
für Referenzen und Optima
3.5.3 Identifikation mit nicht zutreffender Materialhy-
pothese für das elastisch-ideal plastische Modell
Es wird hier auch der umgekehrte Fall betrachtet, wobei ein elastisch-ideal
plastisches Material als synthetische Referenz herangezogen wird. Für dieses
Material mit den Kennwerten E= 200000 N
/mm2,ν= 0,3und σy= 400 N
/mm2
wird die Last-Weg-Kurve bestimmt.
Danach wird für das bilineare Materialmodell eine Optimierung mit zehn-
facher Gewichtung des Entlastungsvorganges durchgeführt: Dabei wird die
gleiche Querkontraktion wie für die Referenz verwandt, εpl = 0,1festgelegt
und der E-Modul wird abweichend von der Referenz gewählt. Es verbleiben
die zwei zu optimierenden Parameter σyund σ. Die Spannung σmax bei der
Verzerrung εpl = 0,1beträgt dann σmax =σy+ σ.
Dieser Prozess wird für verschiedene Varianten des innerhalb einer Op-
timierung abweichend festgelegten E-Moduls wiederholt. Dabei betragen die
Moduln von E= 150000 N
/mm2bis E= 250000 N
/mm2. Für jede Variati-
on werden die Parameter σyund σso bestimmt, dass eine möglichst gute
Übereinstimmung der Last-Weg-Kurven vorliegt. Da die Last vorgegeben ist,
ist sie die fehlerfreie Größe. Die größte Abweichung der gefundenen Optima
beträgt 0,8% der maximalen Eindringtiefe, die für die Referenz 1135,2 nm
ist. Diese Abweichung kann unabhängig von etwaigen experimentellen Feh-
100
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Messgröße 1 2 3 4 5 6 Referenz
E[N
/mm2] 150000 175000 190000 210000 225000 250000 200000
σy[N
/mm2] 295,3 274,7 196,9 201,8 285,3 200,7 400
σmax [N
/mm2] 570,7 590,2 731,8 717,9 552,9 702,9 0
hBel
min [nm] 0,4 0,8 1,1 2,3 3,8 3,5
hBel
max [nm] 7,1 4,0 3,6 1,8 0,0 0,0
hEnt
min [nm] 6,8 3,4 2,6 1,0 0,5 1,0
hEnt
max [nm] 7,1 4,0 3,6 1,8 3,2 4,3
h
/hmax [%] 0,6 0,4 0,3 0,2 0,3 0,4
Etra [N/mm2] 170161 196197 199462 221281 257645 265018 261687
EFEM [N
/mm2] 154621 179047 195583 216473 229565 254565 208438
Htra [N
/mm2] 1833,3 1831,4 1831,6 1830,1 1827,8 1828,1 1825,3
HFEM [N/mm2] 1363,1 1372,1 1584,5 1574,5 1302,9 1514,6 1038,3
Tabelle 3.3: Tabelle der gefundenen Optima eines verfestigenden Materials mit
abweichend von der Referenz festgelegeten E-Modulen.
lern toleriert werden, da die Kontaktiteration (wie zuvor in Abb. 3.9 und
3.11 erläutert) bereits Schwankungen in ähnlicher Größe verursacht. Die in
Tabelle 3.3 gemachten Angaben zu den Wegabweichungen beziehen sich auf
die nach Gl. 3.7 vorgenommene Interpolation und Glättung der Rohdaten
aus der FE-Berechnung.
In Abb. 3.31 ist der Weg-Zeit-Verlauf des Referenzmodells aufgetragen
und in Abb. 3.32 sind die Referenz und die sechs gefundenen Optima mit
den abweichend vorgewählten E-Moduln dargestellt.
Um die Abweichungen der verschiedenen Kurven deutlicher hervorzuhe-
ben, werden die Differenzen gegenüber der Referenzlösung aufgetragen. Der
Darstellung in Abb. 3.33 kann entnommen werden, dass die Kurven während
der Entlastung in ihrer Abweichung gegenüber der Referenz einer deutlichen
Tendenz folgen. Sie haben in ihrem gesamten Verlauf entweder eine größere
oder eine kleinere Steigung. Obwohl die Kurven nur um einige Nanometer von
der Referenz abweichen, liegt deutlich sichtbar ein systematischer Fehler vor,
der dem gefundenen Optimum anhaftet. Deswegen wird das Verfahren von
Oliver und Pharr (s.a. Teil 1) auf die erhaltenen Lösungen angewendet,
um eine Aussage darüber machen zu können, was man mit konventionellen
Auswertemethoden als Ergebnis für solch ein Material erhalten hätte. Die
Gültigkeit der Aussagen, die erhalten werden können, ist allerdings dadurch
101
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 5 10 15 20
0
200
400
600
800
1000
1200
t [s]
u [nm]
Referenz
(elastisch−ideal
plastisch)
Abbildung 3.31: Weg-Zeit-Verlauf des Referenzmodells
0 200 400 600 800 1000 1200
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
u [nm]
F [mN]
Abbildung 3.32: Kraft-Weg-Verlauf der Referenz und der sechs gefundenen Op-
tima
102
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
eingeschränkt, dass der Ansatz ein Einsinken des umgebenden Materials vor-
sieht, was hier in keinem Fall gegeben ist. Trotzdem ist die Anwendung nicht
praxisfremd, da zumindest die Materialdaten der Referenz einem idealisierten
handelsüblichen, warm gewalzten Stahl entsprechen. Selbst die Spannungs-
maxima der verfestigenden Stähle erreichen lediglich ca. 50% der chstwerte
von Wälzlagerstählen, deren Fließgrenzen z.T. mit mehr als 2400 N
/mm2(nach
[9]) angegeben werden. Der Tabelle 3.3 kann entnommen werden, dass für die
einzelnen Größen der Tendenz nach dieselben Aussagen wie zuvor in 3.5.2
gelten. Insbesondere ist hervorzuheben, dass obwohl alle Kraft-Weg-Verläufe
nahezu gleich aussehen, die Differenzen in den Steigungen doch immer noch
über die Größenverhältnisse der E-Moduln untereinander Auskunft geben,
da die Sortierung der E-Moduln für die Referenz und die Optima dieselbe
aufsteigende Reihenfolge haben.
0 5 10 15 20
−8
−6
−4
−2
0
2
4
6
8
t [s]
u [nm]
150000 [N/mm2]
175000 [N/mm2]
190000 [N/mm2]
210000 [N/mm2]
225000 [N/mm2]
250000 [N/mm2]
150000
175000
225000
210000
250000
190000
Abbildung 3.33: Differenzen im Weg-Zeit-Verlauf gegenüber dem Referenzmo-
dell
Abb. 3.34 zeigt wie schon zuvor, dass sich alle Spannungs-Dehnungs-
Kurven ungefähr in einem Punkt kreuzen, der wieder bei einer totalen Deh-
nung von ungefähr 0,04 liegt. Diese Tatsache ist bereits 1948 von Tabor
in analoger Form in [68] und später in [8] beschrieben worden. Tabor stell-
te fest, dass einem Indenter und Materialien, die alle derselben Material-
vorschrift genügen, eine „repräsentative Verzerrung“ („representative strain)
εRzugeordenet werden kann, bei der sich alle Spannungs-Dehnungs-Kurven
kreuzen müssen, wenn sie dieselbe Härte haben. Diese Feststellung gilt in
ähnlicher Form auch für die durch Optimierung gefundenen Kurven, wobei
103
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
sich allerdings andere Kreuzungspunkte ergeben, da Tabor eine andere Ma-
terialvorschrift7verwendete und seinen Vergleich nur auf die Härte bezog.
Diese Eigenschaft einem Prüfkörper (und einer Materialvorschrift) eine
spezifische Größe εRzuordnen zu können, ist in [20] genutzt worden, um
mit dualen Versuchen mit spitzen Indentern verschiedener Öffnungswinkel
doch noch elastisch-plastische Materialparameter bestimmen zu können. Da-
bei werden Versuche mit veschiedenen Formen von Prüfkörpern an der selben
Probe durchgeführt. Zusätzlich zu den zwei Parametern, die aus einer Inden-
tation bestimmt werden können, muss für jeden Parameter darüber hinaus
ein weiterer Versuch durchgeführt werden. Der Vorteil, somit auch an kleinen
Probenkörpern, die aufgrund ihrer Abmessung einer Kugelindentation nicht
mehr zugänglich sind, doch noch mehrere Materialparameter bestimmen zu
können, wird allerdings mit dem Nachteil erwirkt, die Individualität“ der
Messung aufgeben zu müssen, da nicht am gleichen Ort zweimal gemessen
werden kann. An dem Ort der zweiten Messung könnten ja prinzipiell andere
physikalische Eigenschaften vorliegen.
0 0.05 0.1 0.15 0.2
0
100
200
300
400
500
600
700
800
ε
σ [N/mm2]
200000 [N/mm2]
150000 [N/mm2]
175000 [N/mm2]
190000 [N/mm2]
210000 [N/mm2]
225000 [N/mm2]
250000 [N/mm2]
200000
150000 225000
175000
210000 250000
190000
Abbildung 3.34: Repräsentative Verzerrungen für das bilineare Materialmodell
7Tabor verwendete Meyer’s law“, ein Potenzgesetz, das heute im deutschsprachigen
Raum meistens nach Ludwik benannt ist. Die Materialvorschrift ergibt sich als Sonderfall
der im Abschnitt 3.2.6 erklärten modifizierten Materialvorschrift mit σy= 0.
104
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
3 4 5 6 7 8
0
50
100
150
200
250
300
r [µm]
u [nm]
200000 [N/mm2]
150000 [N/mm2]
175000 [N/mm2]
190000 [N/mm2]
210000 [N/mm2]
225000 [N/mm2]
250000 [N/mm2]
200000
225000
150000
175000
250000
210000 190000
Abbildung 3.35: Verschiedene Formen des Aufwurfs bei identischem Kraft-Weg-
Verlauf
Für alle Variationen sind die Konturen des verbleibenden Eindruckes
in Abb. 3.35 dargestellt. In der Abbildung ist nicht der gesamte Eindruck
dargestellt, sondern lediglich der Rand des Aufwurfes, der das Niveau der
Ausgangskonfiguration überschreitet. Allen Parameterkombinationen ist ge-
meinsam, dass es kein Einsinken gibt, sondern alle einen Aufwurf aufweisen.
Der größte Aufwurf gehört zur nicht verfestigenden Referenz. Innerhalb der
recht dicht bei einander liegenden Graphen der Gruppe der verfestigenden
Werkstoffe beträgt der Unterschied der Maxima der bleibenden Oberflächen-
verschiebungen weniger als 50 nm. Die Abweichung des größten Maximums
der verfestigenden Materialien zur Referenz beträgt ca. 200 nm. Die Kurven
mit den festgelegten E-Moduln E= 190000 N
/mm2und E= 210000 N
/mm2un-
terscheiden sich lediglich um 5% von der Referenz. Es ist erkennbar, dass für
Materialien mit vergleichbaren Last-Weg-Verläufen die Verfestigungseigen-
schaften einen deutlichen Einfluss auf die Ausbildung des bleibenden Ein-
druckes ausüben.
Die Konsequenz ist, dass mittels des konischen Indenters und unter allei-
niger Verwendung von Kraft-Weg-Daten nur eine eingeschränkte Möglichkeit
zur Identifizierung der Materialparameter besteht. Die Identifizierung wäre
vollständig möglich, wenn sichergestellt wäre, dass ein nicht verfestigendes
Material vorliegt. Des Weiteren wäre die Identifizierung möglich, wenn die
der Referenz zugrunde liegende Werkstoffhypothese und alle bis auf zwei zu
105
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
findende Parameter bekannt wären.
Der erfolgversprechendste Ansatz zur Ermittlung von mehr als zwei Pa-
rameter ist allerdings die Berücksichtigung weiterer Informationen, die dann
mit in die zu minimierende Funktion aufgenommen werden. Prinzipiell be-
steht die Möglichkeit, Informationen über die Beschaffenheit der Oberfläche
zu gewinnen. Zum einen kann die Oberfläche mit einem Kraftmikroskop (ato-
mic force microscope, Abk.: AFM) abgetastet werden, wobei die praktische
Schwierigkeit darin besteht, überhaupt einen der Eindrücke mit der Prüfspit-
ze zu treffen und diesem dann die zugehörige gemessene Kurve zu zuordnen.
Die andere Möglichkeit der Vermessung der Oberfläche ist durch optionale
Aufrüstung einiger Indentermodellen möglich, z.B. dem Nanoindenter XP
des Herstellers MTS, der mit der Option NanoVision ausgestattet werden
kann. Dabei legt der Indenter ein Prüffeld von 64 mal 256 Punkten an und
tastet nach dem Eindringversuch mit einer Kraft von 10 µNdie Umgebung
des Eindruckes ab und protokolliert zu jedem Abtastpunkt seine Koordi-
naten. Das mit den neuen Informationen zu formulierende Problem wird als
Mehrkriterienoptimierung bezeichnet. In Anlehnung an [13] (S. 86) kann eine
geeignete Zielfunktion wie folgt formuliert werden:
φ(p(ξ)) =
3
X
j=1
w2
j
nj
n
X
i=1 ui,j (p(ξ)) uRef
i,j 2+
m
X
k=1 ¯uk(p(ξ)) ¯uRef
k2
=
3
X
j=1
w2
j
njuT
j(p(ξ)) uj(p(ξ))
+1
m¯
uT(p(ξ)) ¯
u(p(ξ)).(3.72)
Dabei ist ¯uidie in der Simulation errechnete Höhe eines Punktes der Oberflä-
che der Kontur des Eindruckes bzw. seiner Umgebung und ¯uRef
iist die Höhe
der entsprechenden abgetasteten Position der Referenz, wodurch sich die Dif-
ferenz ¯u= ¯u¯uRef ergibt. Prinzipiell werden an dieser Stelle verschiedene
Größen (nämlich die Verschiebung des Diamanten und die Höhe der Oberflä-
che) zu einer Zielfunktion zusammengeführt, die zufällig die gleiche Einheit
haben. Daraus ergibt sich das Problem eine geeignete Gewichtung anzuge-
ben, die die beiden Fehlerterme verknüpft und zu einer Formulierung der
Zielfunktion führt, die eine möglichst hohe Sensitivität für alle zu identifizie-
renden Materialparameter hat. Da für den zweiten Summanden kein eigenes
Gewicht ¯w2eingeführt wurde, wäre jetzt nicht nur das Verhältnis w1:w2:w3
von Bedeutung, sondern es käme auch noch auf den absoluten Wert an, da
implizit ¯w2= 1 gälte.
106
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
3.6 Identifikationsprozess mit Kugelindenter un-
ter Verwendung von synthetischen Mess-
kurven
3.6.1 Parameterstudie hinsichtlich des Konvergenzver-
haltens
Wie im Abschnitt 2.3 über die Dimensionsanalyse erläutert, wäre für die
Identifikation von elastischen und plastischen Materialparametern bei spitzen
Diamanten die alleinige Kenntnis der Entlastungskurve ausreichend, wenn
das untersuchte Material sich auch tatsächlich, der zugrunde gelegten Ma-
terialhypothese entsprechend, zeitunabhängig verhielte. Wie in [43] und [19]
mittels Dimensionsanalyse gezeigt, enthält bei runden Indentern auch die Be-
lastungskurve ein Informationspotenzial, das über das der spitzen Indenter
hinausgeht, da keine Selbstähnlichkeit vorliegt. Die Verwendung des run-
den, nicht selbstähnlichen Indenters ist mit dem Nachteil verbunden, dass
die in Kapitel 2.3 angesprochene Eigenschaft der Härte, ein tiefenunabhän-
giger Kennwert und deswegen eine Materialeigenschaft zu sein, nicht mehr
gegeben ist. Vielmehr ist bei der Verwendung runder Indenter die Prüfkraft
vorgeschrieben, um einen einheitlichen, reproduzierbaren Wert für die Härte
gemäß DIN 14577 [26] nach z.B. Rockwell zu erhalten. Zur Identifikati-
on über die Härte und den E-Modul hinausgehender Kennwerte bietet sich
aber die Verwendung eines runden Indenters an, da die Belastungskurve hier
zusätzlich auch verwendet werden kann.
Die Frage nach der sinnvollen Wahl der Gewichtung der Fehlerterme der
einzelnen Belastungsphasen und der Größe der normalisierten Schrittwei-
te für die finiten Differenzen muss auch hier gestellt werden. Zwar besitzt
die Belastungskurve jetzt auch einen verwertbaren Informationsgehalt, doch
auch bei der Simulation der Indentation mit einem runden Indenter ist das
„numerische Rauschen” des Kontaktalgorithmus wie in Abb. 3.11 dargestellt
und in Kapitel 3.1 erläutert, in der Belastungsphase immer noch deutlich
größer als in der Halte- oder in der Entlastungsphase.
Für den Konus war mit Gl. (3.7) ein Ansatz gefunden, der zur Glättung
und Interpolation geeignet war. Im Gegensatz zu den spitzen Indentern ist
für den kugelförmigen Indenter keine solche zwischen den Ergebnissen der
FE-Berechnung interpolierenden Funktion bekannt, die zum Glätten des Os-
zillierens des Kontaktalgorithmus geeignet ist. Während für den Konus also
der Verlauf u(t)in der Belastungsphase nach Gl. (3.7) geglättet und interpo-
liert wurde und für die Halte- und Entlastungsphase eine Splineinterpolation
verwendet wurde, wird hier für den runden Indenter für alle drei Phasen eine
107
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Splineinterpolation verwendet.
Für das modifizierte Ludwik- und das modifizierte Ramberg-Osgood-
Modell sind jeweils zwei synthetische Referenzkurven für eine Indentation
ohne Haltephase erstellt worden. Es handelt sich dabei um eine Indenta-
tion mit einer Kugel mit einem Radius von 68 µm, bei der eine maximale
Eindringtiefe von 2,4% des Kugelradius erreicht wird und eine maximale
plastische Dehnung von ungefähr 5%. Bei der zweiten Indentation wird eine
maximale Eindringtiefe von 7,4% des Kugelradius erreicht und eine maximale
plastische Hauptdehnung von 10%8Nachfolgend sind für den Identifikations-
prozess verschiedene Schrittweiten und Gewichtungen wzwischen Be- und
Entlastungskurve untersucht worden. Die Gewichtungen betragen 1:1 oder
1:5.
Jede der folgenden Abbildungen zeigt die gleiche Anordnung von Dia-
grammen, wobei auf der Abszisse immer der Iterationsschritt abgetragen ist:
der Verlauf der gewichteten Zielfunktion φ, der dem Betrage nach maxima-
len prozentualen Abweichung relativ zur maximalen Eindringtiefe und die
zu identifizierenden Materialparameter. Im Falle des modifizierten Ludwik-
Modells sind dies E,σyund nfür das modifizierte Ramberg-Osgood-
Modell E,σy,Dund m. Für die Berechnung der Referenz als auch der Simu-
lationen während der Identifikation wird eine Querkontraktionszahl von ν=
0,3verwendet. Die Referenzwerte für das modifizierte Ludwik-Modell be-
tragen E= 100000 N
/mm2,σy= 280 N
/mm2und n= 0,11 und die für das modi-
fizierte Ramberg-Osgood-Modell E= 100000 N
/mm2,σy= 280 N
/mm2,D=
300 N
/mm2und m= 2,9. Die Materialparameter der Referenz sind so gewählt,
dass beide Modelle zumindest für Verzerrungen unterhalb εpl = 0,1praktisch
den gleichen Verlauf von (wahren) Spannungen aufgetragen über die loga-
rithmischen plastischen Verzerrungen haben. Da das Ramberg-Osgood-
Modell eine größere Bandbreite an denkbaren Spannungs-Dehnungs-Verläu-
fen darstellen kann, ist erst ein Materialparametertupel für das Ludwik-
Modell gewählt worden und dann sind die Parameter für das Ramberg-
Osgood-Modell so gewählt worden, dass sich ein entsprechender Verlauf
ergibt.
Abb. 3.36 zeigt den Verlauf der Identifikation bei einer maximalen Ein-
dringtiefen von 2,4% des Kugelradius für das modifizierte Ludwik-Modell
und eine normierte Schrittweite der finiten Differenzen von 103. Wie in der
Abbildung zu sehen, werden die Referenzwerte bis auf geringe Abweichung
hin erreicht. Im Verlauf der gewichteten Zielfunktion φist zu erkennen, das
der Optimierungsprozess nicht streng monoton ist. Nach einem „Ausreißer
8Das an vereinzelten Integrationspunkten Auftreten höherer Werte wird hier, wie auch
zuvor, nicht berücksichtigt.
108
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
nach oben” wird aber das vorhergehende Niveau wieder erreicht.
1 5 10 15 20 25 30
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10 15 20 25 30
0
20
40
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10 15 20 25 30
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20 25 30
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20 25 30
0.1
0.15
0.2
0.25
Iteration
n
Referenz
Abbildung 3.36: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells und einer Eindringtiefe von 2,4%
des Kugelradius; Gewichtung: 1 : 5, normierte Schrittweite der
finiten Differenzen: 103
Abb. 3.37 zeigt denselben Versuch wie zuvor Abb. 3.36, allerdings mit
einer kleineren normierten Schrittweite für die finiten Differenzen von 104.
Nach zehn Iterationen ist bereits ein Wert für die Zielfunktion erreicht, die
der vorhergehende Versuch nicht einmal nach 20 Iterationen aufweist. Damit
geht hier auch ein verbessertes Erreichen der Referenzwerte einher.
Abb. 3.38 zeigt den Verlauf der Identifikation bei einer maximalen Ein-
dringtiefen von 2,4% des Kugelradius für das modifizierte Ramberg-Os-
109
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5 10
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10
0
20
40
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10
0.1
0.15
0.2
0.25
Iteration
n
Referenz
Abbildung 3.37: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells und einer Eindringtiefe von 2,4%
des Kugelradius; Gewichtung: 1 : 5, normierte Schrittweite der
finiten Differenzen: 104
110
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5 10 15 20
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10 15 20
0
10
20
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10 15 20
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20
250
300
350
400
Iteration
D [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20
2
3
4
Iteration
m
Referenz
Abbildung 3.38: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ramberg-Osgood-Modells und einer Eindringtiefe
von 2,4% des Kugelradius; normierte Schrittweite der finiten
Differenzen: 103
111
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 0.01 0.02 0.03 0.04 0.05
0
50
100
150
200
250
300
350
400
ε
σ [N/mm2]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.39: Verlauf der Spannung über die totalen logarithmischen Verzer-
rungen für die Referenz und die identifizierten Materialparame-
ter in der 21-ten Iteration des in Abb. 3.38 dargestellten Iden-
tifikationsprozesses (modifiziertes Ramberg-Osgood-Modell;
max. Eindringtiefe 2,4% des Kugelradius)
good-Modell und eine normierte Schrittweite der finiten Differenzen von
103. Die Zielfunktion φerreicht ein den vorhergehenden Minimierungen
ähnlich gutes Ergebnis, weswegen auch die damit korrelierten Wegdifferenzen
ugering sind. Der E-Modul trifft den Referenzwert, während σy,Dund m
deutlich abweichen.
Um zu ergründen, warum Identifikation und synthetische Referenz zwar
im Eindringtiefe-Kraft-Verlauf gut übereinstimmen, aber von einander ab-
weichende Kennwerte σy,Dund mhaben, werden die Spannungs-Dehnungs-
Verläufe über den Bereich dargestellt, der während der Identation aktiviert
wird. Abb. 3.39 stellt den Verlauf der auf die aktuelle Fläche bezogenen
Spannung über die totalen logarithmischen Verzerrungen für die Referenz
und die identifizierten Materialparameter in der 21-ten, also der letzten Ite-
ration des zuvor gezeigten Identifikationsprozesses dar. Der Spannungsverlauf
ist nahezu deckungsgleich. Demzufolge ist die richtige Spannungs-Dehnungs-
Kurve identifiziert worden. Offensichtlich ist die Darstellung von Materia-
leigenschaften mittels des modifizierten Ramberg-Osgood-Modells, wenn
112
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
nur kleine Dehnungsbereiche betrachtet werden und kleine Abweichungen
gegenüber der Referenz akzeptiert werden, mit unterschiedlichen Material-
parametertupeln möglich.
Die Mehrdeutigkeit (bei Vorliegen kleiner Abweichungen) ist eine Eigen-
schaft, die daraus resultiert, mit diesem Modell ein größeres Spektrum an
Spannungs-Dehnungs-Verläufen darstellen zu können, als dies z. B. mit dem
modifizierten Ludwik-Modell möglich ist9.
Abb. 3.40 zeigt den Verlauf der Identifikation bei einer maximalen Ein-
dringtiefe von 7,4% des Kugelradius für das modifizierte Ludwik-Modell
und eine normierte Schrittweite der finiten Differenzen von 103. Da in die
Zielfunktion φdie absoluten Wegdifferenzen ueinfließen, fällt der Wert von
φgrößer aus, wenn dieselben relativen Wegdifferenzen vorliegen. Demzufolge
sind die Werte der gewichteten Zielfunktion nur für gleiche Gewichtungen
und gleiche maximale Eindringtiefen vergleichbar.
Im Verlauf der Optimierung werden geringe Wegdifferenzen uund gerin-
ge Abweichungen von den Referenzwerten erreicht. Lediglich für den E-Modul
wird ein leicht abweichender Wert von E= 106000 N/mm2ermittelt.
Abb. 3.41 zeigt den gleichen Versuch wie zuvor schon Abb. 3.40, wobei
jetzt die normierte Schrittweite der finiten Differenzen 104beträgt.
Es wird ein (lokales) Minimum ermittelt, das ein schlechteres Ergebnis
darstellt als das mit der größeren Schrittweite: Es werden größere relative
Wegdifferenzen uerhalten und somit auch ein höherer Wert für die Ziel-
funktion φ. Im Sinne einer praktischen Anwendung werden die Referenzwerte
nicht für alle Parameter hinreichend genau ermittelt, insbesondere aber der
E-Modul wurde mit E= 115100 N/mm2mit deutlicher Abweichung bestimmt.
Da die Referenzdaten nicht mit einer Störung beaufschlagt wurden, stellt
dieses Experiment die untere Schranke einer Fehlerabschätzung dar und die
Abweichungen müssen als nicht mehr akzeptabel eingestuft werden.
Das Ereignis ist trotz des Nichterreichens der Referenzwerte als günstig“
einzustufen, da ohne Kenntnis der Referenzwerte deutlich erkennbar ist, dass
lediglich ein lokales Optimum erreicht wurde. Der große Fehler der Zielfunk-
tion φ, insbesondere aber der der großen relativen Wegdifferenzen während
des Entlastungsvorganges uEnt
max ist ein Indikator: Trotz der fünffachen Ge-
wichtung liegt der relative Fehler bei fast 1%. Als „ungünstig“ wäre hier
der Fall einzustufen, bei falschen Materialparametern einen kleinen Wert der
Zielfunktion φmit entsprechend kleinen relativen Wegdifferenzen uEnt
max auf-
finden zu können, da dann das Vorliegen eines lokalen Minimums mit kleinem
9Bei dem modifizierten Ludwik-Modell wird der plastische Bereich durch einen Pa-
rameter beschrieben, während bei dem modifizierten Ramberg-Osgood-Modells zwei
Parameter zur Verfügung stehen.
113
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5 10 15 20 25 30
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10 15 20 25 30
0
10
20
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10 15 20 25 30
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20 25 30
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15 20 25 30
0.1
0.15
0.2
0.25
Iteration
n
Referenz
Abbildung 3.40: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells und einer Eindringtiefe von 7,4%
des Kugelradius; normierte Schrittweite der finiten Differenzen:
103
114
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5 10 15
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10 15
0
10
20
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10 15
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15
0.1
0.15
0.2
0.25
Iteration
n
Referenz
Abbildung 3.41: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ludwik-Modells und einer Eindringtiefe von 7,4%
des Kugelradius; normierte Schrittweite der finiten Differenzen:
104
115
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
Wert φmit großen Differenzen bei den ermittelten Parametern einherginge
und der Fehler nicht durch Kontrolle des Ergebnisses erkannt werden könnte.
Abb. 3.42 zeigt den Verlauf der Identifikation bei einer maximalen Ein-
dringtiefe von 7,4% des Kugelradius für das modifizierte Ramberg-Osgood-
Modell und eine normierte Schrittweite der finiten Differenzen von 103. Die
Zielfunktion φerreicht ein der in Abb. 3.40 dargestellten Identifikation ähn-
lich gutes Minimum. Auch hier sind die Wegdifferenzen ugering. Der er-
haltene E-Modul liegt mit E= 103700 N
/mm2etwas zu hoch. Auch die Werte
für σy,Dund mhaben erkennbare Abweichungen.
Wie bereits zuvor, als die Referenzwerte nur annähernd erreicht wurden,
soll auch hier die Spannungs-Dehnungs-Kurve betrachtet werden. Abb. 3.43
zeigt den Verlauf der Spannungs-Dehnungs-Kurve für die 13-te Iteration aus
dem in Abb. 3.42 dargestellten Identifikationsvorgang. Von den 15 berechne-
ten Iterationen weist Nummer 13 den geringsten Wert für die Zielfunktion φ
auf, weswegen die zugehörige Spannungs-Dehnungs-Kurve dieser Iterations-
stufe ausgewertet wird. Innerhalb des maximalen in der Referenz aktivierten
Bereiches der totalen, logarithmischen Dehnungen liegt auch hier eine sehr
gute Übereinstimmung vor.
Der in Abb. 3.42 dargestellte Identifikationsvorgang wird mit einer nor-
mierten Schrittweite der finiten Differenzen von 104wiederholt und ist in
Abb. 3.44 zu sehen. Die Zielfunktion φnimmt am Optimum jetzt einen tau-
sendfach größeren Wert an. Die maximale relative Wegdifferenz ubeträgt
9% und der E-Modul E= 128900 N
/mm2. Beide Abweichungen sind nicht ak-
zeptabel. Es ist kein lokales Minimum in der Nähe des globalen, also der
Referenz, erreicht worden.
Das Problem, kein globales Optimum zu finden, kann unter Umständen
dadurch umgangen werden, in dem ein Raster von Startwerten verwendet
wird, wie es auch bei der Identifikation der Materialparameter aus den Zug-
versuchen implementiert und in Abscnitt D.2 auf Seite 195 erläutert wird.
Der bis jetzt dargestellte Identifikationsprozess wird nur als Teilprozess aufge-
fasst. Der Gesamtprozess besteht dann in dem Abarbeiten einer Menge von
Materialparametertupeln. Jeweils ein Parametertupel geht dann als Start-
wert in den Teilprozess ein. Danach werden die Zielfunktionswerte an den
lokalen Optima ausgewertet. Die Bandbreite der Materialparameter, die zur
Gruppe der kleinsten Zielfunktionswerte gehören, stellt dann das Intervall
dar, innerhalb dessen praktisch gleichwertige Lösungen des globalen Opti-
mierungsproblems vorliegen. Die Realisierung ist durch Einsatz von Clustern
oder Netzen von Computern möglich, ohne dass bedeutende Änderungen am
Programm vorgenommen werden müssten. Vielmehr erhielte jeder Computer
oder Knoten eine Installation des Programmes und die Verteilung der Start-
116
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5 10 15
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5 10 15
0
10
20
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5 10 15
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15
250
300
350
400
Iteration
D [N/mm2]
Referenz
1 5 10 15
2
3
4
Iteration
m
Referenz
Abbildung 3.42: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ramberg-Osgood-Modells und einer Eindringtiefe
von 7,4% des Kugelradius; normierte Schrittweite der finiten
Differenzen: 103
117
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 0.02 0.04 0.06 0.08 0.1
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
ε
σ [N/mm2]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.43: Verlauf der Spannung über die totalen logarithmischen Verzer-
rungen für die Referenz und die identifizierten Materialparame-
ter in der 13-ten Iteration des in Abb. 3.42 dargestellten Iden-
tifikationsprozesses (modifiziertes Ramberg-Osgood-Modell;
max. Eindringtiefe 7,4% des Kugelradius)
118
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
1 5
10−2
100
102
104
106
108
Iteration
φ
1 5
0
10
20
30
Iteration
umax
Bel /umax
Ref [%]
umax
Ent /umax
Ref [%]
1 5
1
1.2
1.4
x 105
Iteration
E−Modul [N/mm2]
Referenz
1 5
250
300
350
400
Iteration
σy [N/mm2]
Referenz
1 5
250
300
350
400
Iteration
D [N/mm2]
Referenz
1 5
2.5
3
3.5
4
Iteration
m
Referenz
Abbildung 3.44: Identifikation der synthetischen Referenzdaten anhand des mo-
difizierten Ramberg-Osgood-Modells und einer Eindringtiefe
von 7,4% des Kugelradius; Gewichtung: 1 : 5, normierte Schritt-
weite der finiten Differenzen: 104
119
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
werte, der Aufruf und die Auswertung der in den Teilprozessen gefundenen
Optima würden durch einen weiteren kontrollierenden Prozess gesteuert.
Die Ergebnisse der Parameterstudie hinsichtlich der Schrittweite für das
Finite-Differenzen-Schema sollen hier noch einmal betrachtet werden. Abb.
3.45 ist eine schematische Darstellung zweier Zielfunktionen, von denen φPhy
das physikalische Problem und φNum eine verrauschte“ numerische Repräsen-
tation von φPhy sei. Das Rauschen wird im Falle des hier betrachteten Modells
u.a., wie bereits in 2.2 beschrieben, durch den Kontaktalgorithmus ausgelöst.
Die Zielfunktionen φsind über eine ausgewählte Richtung im Raum der nor-
mierten Parameter ξaufgetragen. Das Rauschen führt, wenn die Zielfunkti-
on flach verläuft, zu einer Verschiebung des globalen Optimums ξopt,Phy nach
ξopt,Num. Abgesehen von dem Problem, dass das globale Optimum verschoben
ist, besteht die Schwierigkeit darin, überhaupt das globale Optimum ξopt,Num
zu erreichen.
Das verwendete Optimierungsverfahren muss die benötigten partiellen
Ableitungen der Zielfunktion nach allen Parametern durch die Bildung von
Sekantensteigungen ersetzen, da der Lösungsprozess eines FE-Programmes
im Allgemeinen10 diese Größen nicht bestimmt. Wenn das Minimum einer
Funktion mit streng monotoner Krümmung bestimmt werden soll, so soll-
ten möglichst kurze Abstände ξfür die Bestimmung der Sekante genutzt
werden, um eine möglichst hohe Konvergenzgeschwindigkeit zu erreichen und
um dem Optimum möglichst nahe zu kommen. Für große ξund glatte“
Funktionen wird der Abstand des auffindbaren Optimums zur eigentlich Lö-
sung immer größer wird. Der Einfluss zweier Schrittweiten auf die bestimmte
Sekantensteigung an der Stelle ξ0ist in der Grafik dargestellt. Die ermittel-
te Steigung wirkt sich darauf aus, welches „Tal“ angesteuert wird. Ob diese
Senke in einer nächsten Iteration als ein lokales Minimum wahrgenommen
oder durchlaufen wird, hängt wiederum von der Schrittweite ab.
Um die Gefahr zu mindern, in zu großem Abstand vom globalen Minimum
an einem lokalen Minimum „hängen zu bleiben“, ist es sinnvoll, einen Identi-
fikationsprozess zuerst mit einer großen Schrittweite durchzuführen und das
dann gefundene Optimum als Startwert eines weiteren Identifikationsprozes-
ses mit einer kleineren Schrittweite zu verwenden.
Nicht weiter betrachtet wird hier die Form der Zielfunktion. In Abb. 3.45
wird unterstellt, dass die dem physikalischen Problem zugehörige Zielfunk-
tion links und rechts des ausgezeichneten Minimums streng monoton ist.
Wie bereits festgestellt, gibt es mehrere Parameterkombinationen, die nahe-
10Wie z.B. in [49] gezeigt, ist es prinzipiell möglich, die für die Lösung eines Opti-
mierungsproblemes benötigten partiellen Ableitungen innerhalb des Prozesses einer FE-
Berechnung zu bestimmen.
120
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
ξξ0
ξ0+ ξ1
ξ0+ ξ2
ξopt,Phy
ξopt,Num
φ
φ(ξ0)
φ(ξ0+ ξ1)
φ(ξ0+ ξ2)
φopt,Phy
φopt,Num
Sekante 1
Sekante 2
lokales Minimum A
lokales Minimum B
φPhy
φNum
Abbildung 3.45: Schematische Darstellung des Einflusses der Schrittweite auf
das gefundene Optimum
zu dieselbe Spannungs-Dehnungs-Kurve besitzen. Dadurch kann eine Form
von lang gestreckten „Tälern“ entstehen, die nur ein gering ausgeprägtes Mi-
nimum besitzen, wodurch schon ein kleines numerisches Rauschen“ lokale
Minima mit großer Abweichung in den Parametern entstehen lässt.
3.6.2 Identifikation mit Kugelindenter und nicht zutref-
fender Materialhypothese
Analog zu dem vorherigen Vorgehen wird auch für den kugelförmigen Prüf-
körper der Versuch der Identifikation mit einer nicht zutreffenden Material-
hypothese unternommen. Abb. 3.46 zeigt das Modell, das insgesamt 1300
Knoten aufweist und den Belastungsverlauf, der für alle Referenzen und
Identifikationen verwendet wurde. Der Kugelradius beträgt 50 µmund die
Eindringtiefe erreicht bei einer maximalen Kraft von 1600 mN ca. 10% des
Kugelradius. Die Kontaktzone, in der die kürzeste Kantenlänge 0,24 µmbe-
trägt, ist über 32 µmfein diskretisiert.
121
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
(Avg: 75%)
S, Mises
+6.818e+00
+4.201e+01
+7.721e+01
+1.124e+02
+1.476e+02
+1.828e+02
+2.180e+02
+2.532e+02
+2.884e+02
+3.236e+02
+3.588e+02
+3.939e+02
+4.291e+02
Step: diamUp
Increment 0: Step Time = 0.000
Primary Var: S, Mises
Deformed Var: U Deformation Scale Factor: +1.000e+00
ODB: wedgeAxi.odb ABAQUS/STANDARD Version 6.6−3 Sat Apr 07 03:38:54 Westeuropäische Sommerzeit 2007
1
2
3
0 5 10 15 20
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
t [s]
F [mN]
Simulation
Abbildung 3.46: Links: Ausschnitt des Modells (der Referenz) für den in Abb.
3.47 dargestellten Versuch unter maximaler Last; Rechts: Be-
lastungsverlauf für alle Modelle
Es wird jeweils eine synthetische Referenz mit einem verfestigenden, bi-
linearen Ansatz berechnet. Die Gewichtung der Belastungsphase zur Entlas-
tungsphase beträgt 1 : 5 und die normierte Schrittweite der finiten Differen-
zen 103. Alle Referenzmodelle haben einen E-Modul von E= 200000 N
/mm2,
ν= 0,3und eine Fließgrenze von σy= 200 N
/mm2. Die in Abb. 3.47 bis
3.51 dargestellten Identifikationen erreichen eine maximale Spannung σmax =
400 N
/mm2bei variierenden Dehnungen zwischen εpl = 0,1und εpl = 0,3.
Die in Abb. 3.52 dargestellte Identifikation erreicht die maximale Spannung
σmax = 300 N
/mm2bei der Dehnung εpl = 0,1.
0 5 10 15 20
−4.5
−4
−3.5
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
t [s]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
0 1000 2000 3000 4000 5000
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.47: Prozentuale Verschiebungsdifferenzen und Last-Weg-Verlauf
am Optimum; elastisch-ideal plastisches Optimum: E=
174471 N/mm2,σy= 310 N/mm2; bilineare Referenz: σmax =
400 N/mm2bei εpl = 0,1
122
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 5 10 15 20
−4.5
−4
−3.5
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
t [s]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
0 1000 2000 3000 4000 5000 6000
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.48: Prozentuale Verschiebungsdifferenzen und Last-Weg-Verlauf
am Optimum; elastisch-ideal plastisches Optimum: E=
166227 N/mm2,σy= 296 N/mm2; bilineare Referenz: σmax =
400 N/mm2bei εpl = 0,15
0 5 10 15 20
−4
−3.5
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
0.5
t [s]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
0 1000 2000 3000 4000 5000 6000
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.49: Prozentuale Verschiebungsdifferenzen und Last-Weg-Verlauf
am Optimum; elastisch-ideal plastisches Optimum: E=
156553 N/mm2,σy= 287 N/mm2; bilineare Referenz: σmax =
400 N/mm2bei εpl = 0,2
123
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 5 10 15 20
−4.5
−4
−3.5
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
0.5
t [s]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
0 1000 2000 3000 4000 5000 6000
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.50: Prozentuale Verschiebungsdifferenzen und Last-Weg-Verlauf
am Optimum; elastisch-ideal plastisches Optimum: E=
171396 N/mm2,σy= 278 N/mm2; bilineare Referenz: σmax =
400 N/mm2bei εpl = 0,25
0 5 10 15 20
−4.5
−4
−3.5
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
t [s]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
0 1000 2000 3000 4000 5000 6000
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.51: Prozentuale Verschiebungsdifferenzen und Last-Weg-Verlauf
am Optimum; elastisch-ideal plastisches Optimum: E=
169667 N/mm2,σy= 272 N/mm2; bilineare Referenz: σmax =
400 N/mm2bei εpl = 0,3
124
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
0 5 10 15 20
−3
−2.5
−2
−1.5
−1
−0.5
0
t [s]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
(uSim − uRef)/umax
Ref [%]
0 1000 2000 3000 4000 5000 6000
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 3.52: Prozentuale Verschiebungsdifferenzen und Last-Weg-Verlauf
am Optimum; elastisch-ideal plastisches Optimum: E=
172542 N/mm2,σy= 264 N/mm2; bilineare Referenz: σmax =
300 N/mm2bei εpl = 0,1
Bei den Simulationen der Referenzen werden Dehnungen bis ca. εpl = 0,2
aktiviert, während die gefundenen Optima der elastisch-ideal plastischen Ma-
terialien Dehnungen bis ca. εpl = 0,4aufweisen. Während für die Material-
kombinationen in 3.6.1 lediglich Dehnungen bis 0,1aktiviert wurden, ist
durch den Vergleich von dem in Abb. 3.49 dargestellten Versuch mit dem
in Abb. 3.52 offensichtlich, dass auch die Dehnungen zwischen 0,1und 0,2
den Last-Weg-Verlauf merklich beeinflussen, da sich lediglich dieser Bereich
zwischen den beiden Referenzen unterscheidet. Der Abb. 3.52 kann man ent-
nehmen, dass größere maximale Verschiebungen erreicht werden, obwohl die
gleiche maximale Kraft anliegt. Von dem Versuch in Abb. 3.52 abgesehen,
der nur eine prozentuale Abweichung von 3% aufweist, weisen die anderen
jeweils eine Abweichung von ca. 4% auf. Für die hier betrachtete Auswahl
von Radius, Eindringtiefe und Materialparametern muss also eine relative
Abweichung von 3% bereits als das Vorliegen einer unzutreffenden Material-
hypothese betrachtet werden.
Da für den Verlauf der Kraft bei dem Modell des runden Prüfkörpers
keine geeignete Glättungsfunktion zur Verfügung steht, kommt stellenweise
zu einem Verstärken des Rauschenses bei der Bildung der Differenz der Ver-
schiebungen. Dieser Effekt ist in allen Bildern in den Belastungsphasen zu
erkennen. Der Vorteil des runden Prüfkörpers liegt in dem hier betrachte-
ten Fällen darin, dass die falsche Werkstoffhypothese besser erkannt werden
kann. Wie in Abschnitt 3.5.2 betrachtet, betrug beim konischen Indenter, die
Abweichung gegenüber der verfestigenden Referenz lediglich 0,2%, während
sie für den runden Indenter mindestens 3% betrug. Allerdings ist zu beach-
ten, dass beim Konus, bedingt durch seine Selbstähnlichkeit, die aktivier-
125
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
ten Dehnungen nur von den Materialeigenschaften und vom Öffnungswinkel
abhängen, nicht aber von der Eindringtiefe. Bei einem runden Prüfkörper
nimmt die aktivierte Dehnung mit der Eindringtiefe zu. Abb. 3.53 zeigt für
das Referenzmaterial aus Abb. 3.47 den Verlauf der maximalen aktivierten
(totalen) Hauptdehnung11. Ab εpl = 0,1verfestigt das Material nicht mehr,
was eine Ursache für die in der Abbildung bei einer maximalen, plastischen
Hauptdehnung von 0,12 auftretenden „Beule“ sein könnte.
Der Verlauf ergibt eine obere Schranke für die identifizierbare Spannungs-
Dehnungs-Beziehung. Ob die Volumina, die diesen Verzerrungen unterworfen
sind, ausreichend groß sind, um die zugehörige Spannungs-Dehnungs-Bezie-
hung sicher identifizieren zu können, kann daraus aber nicht abgeleitet wer-
den.
0 1000 2000 3000 4000 5000
0
0.05
0.1
0.15
0.2
0.25
u [nm]
εmax
maximale Hauptdehnung
Abbildung 3.53: Aktivierte maximale (totale) Hauptdehnung aufgetragen über
die Verschiebung für das bilineare Material E= 200000 N/mm2,
ν= 0,3,σy= 200 N/mm2,σmax = 400 N/mm2bei εpl = 0,1; siehe
dazu auch Referenzmaterial in Abb. 3.47
11Der hier ausgewiesene Wert ist ein Maximum, das lediglich lokal eng begrenzt auftritt.
126
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
3.7 Vergleich mit anderen Verfahren
In dieser Arbeit wird als Strategie die schrittweise Minimierung einer Ziel-
funktion verwendet. Diese Strategie kann mit unterschiedlichen Verfahrens-
weisen der Minimierung verfolgt werden, z.B. mit einem Simplex-Verfahren,
das keine Gradienten benötigt oder wie hier mit einem gradientenbasierten
Verfahren. Das Auffinden einer Näherung an das globale Minimum ist nur
durch Variation der Startwerte und die Bestimmung lokaler Minima möglich.
Prinzipiell könnten stochastische Verfahren wie genetische Algorithmen
[36] oder simulated annealing [47] verwendet werden, um nach einem globalen
Optimum zu suchen. Diese Verfahren sind eher in der Lage, ein globales
Minimum zu finden. Ihr Nachteil besteht darin, dass sie zum Auffinden sehr
viele Modellbewertungen benötigen und sich deshalb nur für Probleme mit
geringem Rechenaufwand pro Iteration anbieten. Aus diesen Grunde finden
diese Verfahren im Zusammenhang mit der Parameteridentifikation auf Basis
der Simulation von Indentationen keine Anwendung.
Eine andere Strategie besteht in der Verwendung von Antwortflächenver-
fahren (response surface methodology, RSM) wie sie allgemein z.B. in [11]
vorgestellt werden. Die Antwortflächenverfahren liefern eine (mehrdimen-
sionale) Interpolationsfunktion, deren Stützpunkte durch Auswertung von
FE-Simulationen bestimmt werden. Die ermittelten Antwortflächen, die nun
mit geringem Rechenaufwand ausgewertet werden, können dann mit (nicht-
deterministischen) Minimierungsverfahren kombiniert werden. Das Nutzbar-
machen der Antwortflächenverfahren hängt davon ab, ob es gelingt, eine ge-
eignete Art der Interpolation zu finden sowie davon, wie die Simulationen im
Parameterraum angeordnet werden. In [72] werden u.a. solche unterschied-
lichen Designkonzepte vorgestellt. In [73] wird ein globales Optimierungs-
verfahren vorgestellt, das die Antwortflächen mit genetischen Algorithmen
verbindet. Darin wird für einen Satz von FE-Simulationen eine Antwortflä-
chenfunktion bestimmt und (in dieser noch groben Approximation) nach dem
globalen Minimum gesucht. Um das gefundene Minimum wird dann mit suk-
zessive eingeengtem Parameterraum eine neuer Satz von FE-Simulationen
für die Interpolation bestimmt. Der Nachteil dieses Verfahren liegt im expo-
nentiellen Wachstum der benötigten FE-Simulationen in Abhängigkeit von
den der Anzahl zu bestimmender Parameter.
Eine vielversprechende Strategie liegt in der Verwendung künstlicher neu-
ronaler Netze (artificial neural network, ANN). Dabei werden aufbauend
auf einer Datenbasis von FE-Simulationen Gewichtungsfunktionen derart be-
stimmt, dass alle eingegangenen Daten exakt repräsentiert werden und dazwi-
schen interpoliert wird. ANN eignen sich (je nach Auslegung) entweder zur
Interpolation von Last-Weg-Verläufen oder um das inverse Problem direkt zu
127
3 Parameteridentifikation mittels Nanoindentation
lösen. In [43] und [70] wurden ANN erfolgreich zur Identifikation elastischer,
plastischer und viskoser Materialparameter im Zusammenhang mit runden
Prüfkörpern eingesetzt. Auch hier ergibt sich das Problem, dass die Zahl
der benötigten FE-Simulationen exponentiell mit der Anzahl zu variierender
Parameter ansteigt. Der praktische Einsatz solcher Verfahren erfordert die
Nutzbarmachung von Ähnlichkeitsbeziehungen und Dimensionsanalyse. Das
heißt, dass das neuronale Netz wie in [43] für eine dimensionslos gemachte
Beziehung angelernt wird, was mit der Eigenschaft verbunden ist, dass der
Prüfkörper nicht nennenswert von der Form einer Kugel abweichen darf12.
In [53] wurde ein neuronales Netz und Last-Eindring-Kurven eines als
Referenz modellierten konischen Indenters zur Identifikation der Parameter
des modifizierten Ramberg-Osgood-Materials nach Angaben des Autors
erfolgreich verwendet. Wie die Untersuchung in Abschnitt 3.5.2 und 3.5.3
zeigen, wäre der praktische Einsatz allerdings durch unvermeidliche experi-
mentelle Messunsicherheiten problematisch.
12In [43] wurden makroskopische Kugelindente vorgenommen, wobei die Maßhaltigkeit
des Prüfkörpers besser sichergestellt werden kann, als bei der Verwendung von Nanoin-
dentern.
128
Kapitel 4
Zugversuche
4.1 Versuchsaufbau zur Untersuchung der
Grundwerkstoffe von Hartlotverbindungen
bei Schweißnähten
Aufbauend auf der im Anhang D erläuterten Verfahrensweise zur Parame-
teridentifikation an Sn-Loten mittels Mikrozugversuchen wird in diesem Ab-
schnitt das Vorgehen dargestellt, wie die Parameter von Aluminium AA6016-
T4 und Stahl DX56 und dem Hartlot ZnAl15 bestimmt werden können. Die
Endstücke der verwendeten Aluminium- und Stahlproben werden im Kapitel
5 zusätzlich mit dem Indenter untersucht und die nach dem Lösen des in-
versen Problems bekannten Spannungs-Dehnungs-Beziehungen miteinander
verglichen.
Die Analyse von Verbesserungspotenzialen führte zu Modifikation der für
die Sn-Lote verwendeten Versuchseinrichtung, so dass die Durchführung und
Implementierung des Auswerteverfahrens weitgehend konform mit der ein-
schlägigen Norm [25] ist.
Ein weiters Ziel, das aber nicht in dieser Arbeit verfolgt wird, wird es sein,
den Einfluss von unterschiedlichen Schweißverfahren und somit von unter-
schiedlichen eingebrachten Wärmemengen zu untersuchen. In dieser Arbeit1
wird ausschließlich die Methodik vorgestellt, die zum Ermitteln von Parame-
tern geeignet ist, die für einen Vergleich mit der Indentation herangezogen
werden können.
Um den Einfluss der eingebrachten Wärmemenge auf das Werkstoffver-
1Die Untersuchungen sind Teil des AiF-Projektes 09382/06DVS-Nr. 3.081 „Steigerung
der Prozesssicherheit bei gleichzeitiger Verringerung der Produktionskosten durch den Ein-
satz gasförmiger Flussmittel beim Lichtbogenlöten“.
129
4 Zugversuche
halten zu beschreiben, ist das Erodieren kleiner Probenkörper notwendig,
um den „lokalen Charakter“ der Materialeigenschaften zugänglich zu ma-
chen. Da jede so gefertigete Mikrozugprobe ein Unikat darstellt, ist es gerade
nicht möglich, mehrere Proben des vermeintlich gleichartigen“ Materials mit
unterschiedlichen Verfahren zu prüfen. Deshalb ist es notwendig, alle Mate-
rialparameter innerhalb eines einzigen Versuchs möglichst fehlerfrei zu be-
stimmen. Die Proben können auch nicht größer erodiert werden, da sonst der
lokale Charakter der Materialeigenschaften verloren geht. Der E-Modul kann
auch nicht gesondert mittels Ultraschall bestimmt werden, da die Proben mit
Abmessungen von ca. 17 mm Gesamtlänge dafür deutlich zu klein sind.
Die Bestimmung des E-Moduls als eine der wichtigsten von mehreren
Größen ist durch besondere Sensitivität gegenüber Messfehlern und Einflüs-
sen des Kraftschlusses am Beginn der Messung geprägt. Abb. 4.1 zeigt die
Probenhalterung mit Gleitlagern, die eine Verbiegung der Probe auf Grund
unvermeidbarer Maßtoleranzen verhindern. Der Versuch soll weggesteuert,
mit konstanter, vorgegebener Verzerrungsgeschwindigkeit ausgeführt werden.
Nach ersten Versuchen ist die Verwendung einer Klemmvorrichtung als Pro-
benhalterung wegen der hohen Belastung der filigranen Probe beim Einbau
nicht mehr in Betracht gezogen worden. Da die Steuerung der MTS wäh-
rend des Versuchs nicht von kraft- auf weggesteuert geändert werden kann,
ohne, dass es zu unkontrollierbaren Bewegungen der Halterung kommt, die
die Probe beschädigen würden, wird beim Einbau wie folgt vorgegangen.
Abbildung 4.1: Links: Neu konstruierte Halterung mit Gleitlagern; Rechts: De-
tailansicht der Probe mit Marken und den Bolzen auf den Lagern
4.2 Ablauf des Zugversuchs
Für den Einbau der Probe verfährt die Probenhalterung zu einer vorgege-
ben Position und verharrt dort, so dass die Probe eingelegt werden kann.
Nach dem Einlegen besteht kein Kraftschluss zwischen Probe und Bolzen.
130
4 Zugversuche
Danach wird die Halterung verfahren, bis ein Schwellwert für die zu messen-
de Kraft detektiert wird. Nach kurzem Verweilen wird dieser Vorgang noch
zweimal wiederholt. Danach erfolgt eine Pause von definierter Dauer, hier
10 s. Danach beschleunigt die Zugmaschine auf die vorgegebene Geschwin-
digkeit. Die Länge der für die Versuchsdurchführung programmierten Halte-
dauer und ihr Startzeitpunkt werden in der neuen Auswerteprozedur auch in
dem Programm hinterlegt, so dass die Referenzlänge l0der Probe und auch
eine näherungsweise korrigierte Nulllage für die Längenänderung im Gegen-
satz zu dem in Anhang D dargestellten Verfahren direkt aus den Messdaten
bestimmt werden können.
Die Geschwindigkeit kann aufrecht erhalten werden, bis eine Verformung
entstanden ist, die den Bruch der Probe sicherstellt. Mit dieser Vorgehens-
weise wurden deutlich geringere „Ausreißer“ in Form von Messfehlern der
Dehnung erzielt als mit der Vorgehensweise, die in D dargestellt ist. Aller-
dings kommt es immer noch zu nennenswerten „Ausreißern“ bei geringen
Verzerrungen, wodurch die Bestimmung des E-Moduls erschwert wird. Ein
Teil der Messunsicherheiten wird durch das Extensometer selbst verursacht,
da es für einen Messbereich von 50 mm, [29], ausgelegt ist, von dem ledig-
lich 5 mm genutzt werden. Im ungünstigsten Fall müsste davon ausgegangen
werden, dass sich die angegebene Messunsicherheit für die Längenänderung
proportional von 0,2% auf 2% erhöht.
Die zu messenden Wegdaten werden durch eine geeignete Kalibrierung
rauschärmer und mit höherer Auflösung gemessen. Dazu erfolgen die Messun-
gen mit vier Kanälen, wobei man je zwei Kanäle pro Messmarke verwendet.
Die Kanäle werden so kalibriert, dass je ein Kanal pro Marke konventionelle
Dehnungen bis 60% mit seinem gesamten Auflösungsvermögen abbildet und
je ein Kanal Dehnungen bis 6%. So ist es möglich, einen hoch aufgelösten
Datensatz für die Ermittlung der Materialparameter und des Rp0,2-Wertes
zu erhalten und einen weiteren, niedrig aufgelösten, der zur Bestimmung der
Bruchspannung und Bruchdehnung geeignet ist.
Der bedeutend größere Fehler, der aber gemindert werden kann, rührt aus
dem Bewegungsvorgang während des Kraftschlusses zu Beginn der Messung:
Anfänglich hat die Probe mit drei Bolzen der Halterung Kontakt und mit
steigender Last richten sich die Gleitlager aus, so dass Kraftschluss an allen
vier Bolzen vorliegt. Bei weiter ansteigender Last vergrößern die stählernen
Bolzen, die wesentlich härter als das zu charakterisierende Material sind, ihre
Kontaktfläche und graben“ sich tiefer in die Probe ein.
Um die beschriebenen Fehler am Beginn des Belastungsvorganges zu ver-
mindern, wird die Entlastungssteigung bestimmt, um daraus den E-Modul
zu ermitteln. Bei einer nominellen Dehnung von 0,5% wird die Last auf 10%
der erwarteten maximalen Last gesenkt. Beide Größen, sowohl die vorge-
131
4 Zugversuche
gebene Last als auch der programmierte Beginn des Entlastungsprozesses,
werden allerdings nur mit geringer Genauigkeit eingehalten. Nach dem Ab-
senken der Last beschleunigt die Vorrichtung wieder auf Sollgeschwindigkeit
und verfährt dann mit konstanter Geschwindigkeit bis zum Erreichen der
maximalen Längenänderung.
4.3 Auswerteverfahren
Ziel der im folgenden anhand der Abb. 4.3 und 4.4 erläuterten Verfahrenswei-
se soll es sein, den E-Modul als eine von mehreren Größen aus einem Versuch
so fehlerarm wie möglich bestimmen zu können. Die sichere Bestimmung aus
der Tangentensteigung erweist sich als schwierig, falls kein ausgeprägter li-
near elastischer Bereich am Beginn der Messung vorliegt oder die Fehler in
den Messdaten bei erstmaliger Belastung und geringen Kräften groß sind. In
Anlehnung an einen Hinweis in [25] wird die im folgenden erläuterte Verfah-
rensweise implementiert.
Abb. 4.2 zeigt aus mehreren Versuchen gemittelte und geglättete Mess-
kurven. Für alle gemittelten Messungen wurde die gleiche Verfahrgeschwin-
digkeit als Funktion der Zeit verwendet. Bei Stahl und Aluminium ist die
Öffnung der Hysterese von der selben Größenordnung wie die Messunsicher-
heit während bei ZnAl15 die Hysterese deutlich zu erkennen ist. Abb. 4.3
zeigt die schematische Darstellung eines Wiederbelastungsvorganges an ei-
ner metallischen Zugprobe. Die Probe weist der Hysterese zufolge (leicht)
viskose Eigenschaften auf. Nach [25] wäre hier sinngemäß die Sekantenstei-
gung Ebei Ezu ermitteln. Die Bestimmung der Geraden durch die Punkte
Bund Cist in der Praxis so nicht möglich, wenn die Weite der Öffnung der
Hysterese gering ist bzw. klein gegenüber dem Messfehler. In dem Fall führt
auch ein Glätten der Kurve zu keinem akzeptablen Ergebnis. Das zu imple-
mentierende Verfahren darf also nicht davon abhängen, dass die Messkurve
auch tatsächlich der schematischen Darstellung folgt.
Aus den gemessenen chronologisch sortierten Tripeln Länge, Kraft und
Zeit werden die Spannungen bezogen auf die Referenzfläche und Dehnun-
gen ermittelt und der Datensatz sukzessive aufgetrennt, um die Tupel, die
zur Hysterese gehören, zu bestimmen. In einem ausreichenden Abstand vom
Nullpunkt wird das Minimum der Spannung Bbestimmt. In dem zeitlich
vor Bliegenden Segment wird das Maximum Aermittelt. Die Daten in dem
zwischen den Punkten Aund Bliegenden Segment gehören zum Entlas-
tungsvorgang. Aus den Daten des Entlastungsvorganges wird die maximale
Dehnung am Punkt Fermittelt2. Aus den Daten des Wiederbelastungsvor-
2Ob Fwie in Abb. 4.2 oberhalb von Cliegt oder wie in der schematischen Darstellung
132
4 Zugversuche
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
200
0.0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5 0.6 0.7 0.8 0.9 1.0
ZnAl
DX56
AA60
ε[%]
σ[N/mm²]
15
Abbildung 4.2: Geglättete Messkurven aus mehreren Versuchen gemittelt; tech-
nische Spannungen aufgetragen über konventionelle Dehnungen
ganges werden diejenigen ausgewählt, deren maximale Dehnung kleiner als
am Punkt Fist, wodurch der Punkt Cbestimmt ist. Die Daten des zwi-
schen Aund Bliegenden Segmentes werden reduziert auf die Daten, deren
Spannung unterhalb der bei Cliegt.
Nach dem Abarbeiten dieses Algorithmus existieren die Datenbereiche
vom Anfangspunkt bis A, was den anfänglichen Belastungsvorgang wieder-
gibt, von Cbis B, was den Prozess der Entlastung während der Hysterese
beschreibt und von Daten Bbis C, was den Prozess der Wiederbelastung
während der Hysterese darstellt. Außerdem existiert noch ein Datensatz von
Dbis zum Versuchsende. Die zu den Bereichen Cbis Bund Bbis Cgehö-
renden Daten werden zur linearen Regression einer Geradengleichung heran-
gezogen. Den E-Modul erhält man dann als den Koeffizienten des linearen
Anteils der Gradengleichung. Abb. 4.4 zeigt die Anwendung des Algorithmus
auf die gemessene Spannungs- Dehnungs-Kurve an einer Probe aus Alumini-
um AA6016T4. Die Daten des Bereiches vom Beginn bis Aund von Dbis
zum Versuchsende sind mit grünen Punkten gekennzeichnet, der Bereich von
Abis Bin blau und der von Bbis Din rot. Die in der Abbildung dargestellte
Messung stellt hinsichtlich der Messfehler bei den Miniaturproben eine „feh-
lerarme“ Messung dar. Eine Gerade parallel zur ermittelten Regressionsgera-
de ist in den Ursprung eingezeichnet. Die Messung weist einen ausgeprägten
linearen Bereich aus, aber keine Hysterese. Die in die Regression einzubezie-
henden Punkte sind sicher erkannt worden. Auf dieser Grundlage wird der
E-Modul festgelegt, und es können nachfolgend die Korrektur der Nulllage
der Verzerrungen und die Parameter von Materialvorschriften identifiziert
Abb. 4.3 unterhalb, hat für den beschriebenen Algorithmus keine Bedeutung.
133
4 Zugversuche
ε
σ
A
B
C
D
E
F
Abbildung 4.3: Schematische Darstellung der Identifikation der Sekantenstei-
gung
werden, wodurch die Anzahl der durch eine nachfolgende Optimierung zu
findenden Parameter um eins reduziert wird.
Die nominelle Verzerrungsgeschwindigkeit betrug ˙
˜εnom = 0,1mm
s/8,0mm
= 0,0125s1und war ca. halb so gr wie die in [42] benutzte. Die Abtastrate
beträgt 50Hz, wodurch zusammen mit der halbierten Verzerrungsgeschwin-
digkeit sichergestellt ist, dass der Versuch durch eine ausreichende Datendich-
te beschrieben wird. Da anfangs die nominelle Geschwindigkeit nicht erreicht
wird, nimmt die Datendichte, wenn sie nicht als Abtastungen pro Zeit son-
dern als Abtastungen im Verhältnis zur Verzerrung gemessen wird, ab. Dieser
Effekt ist in Abb. 4.4 deutlich zu erkennen.
Die Messung des E-Moduls darf nicht durch mehrere versetzte Hysteresen
erfolgen, da ZnAl15 bei einer Messung mit neun Hysteresen einen abfallenden
Modul aufweist. Abb. 4.5 zeigt solch eine Messprozedur mit neun versetzten
Hysteresen. Die Module wurden in Tabelle 4.1 über den Schnittpunkt der
Ausgleichsgeraden mit der Dehnungsachse aufgetragen und fielen dabei mo-
noton von 64000 N
/mm2bei 0,23% auf 37000 N
/mm2bei 8,88%. Ein Vergleich
von E-Moduln unter Berücksichtigung der Schnittpunkte der Ausgleichsge-
raden mit der Dehnungsachse an einfach wiederbelasteten Aluminiumproben
ergab keine signifikante Abhängigkeit. Allerdings bewegten sich die Schnitt-
punkte lediglich in einem Intervall von 0,32% bis 0,52%. Da die Messun-
gen der späteren Bestimmung von Eigenschaften eines Verbundes, der auch
134
4 Zugversuche
0 2 4 6 8 10
x 10−3
0
20
40
60
80
100
120
140
160
ε
σ
Abbildung 4.4: Durch den beschriebenen Algorithmus erkannte Kurve der Wie-
derbelastung
ε[%] 0,23 0,93 1,85 2,85 4,08 5,26 6,45 7,65 8,88
E[N/mm2] 64090 49520 45320 41710 42050 39260 38810 38520 37190
Tabelle 4.1: Hysteresen und ermittelte Moduln in Abhängigkeit vom Schnitt-
punkt mit der Achse der Dehnungen
ZnAl15 enthält, dienen soll, wird die Hysterese bei allen Messungen nur ein-
mal durchfahren werden und soll möglichst dicht am Ursprung liegen und bei
allen Messungen eines Werkstoffes bei der gleichen Dehnung3stattfinden.
Auf das intervallweise Bilden von Mittelwerten für Dehnung und Span-
nung wie bei der im Anhang D dargestellten Methode, wird verzichtet. Statt-
dessen werden alle wie in Anhang D beschrieben vorbereiteten Messwerte,
die zu dem auszuwertenden Datenbereich gehören, als Eingangsdaten für die
Optimierung verwendet, wobei die mit zunehmender Dehnung sinkende In-
formationsdichte in noch zu erklärender Weise Berücksichtigung finden muss.
Es sind die modifizierte Materialvorschrift nach Ludwik gemäß Gl. (3.27)
3Das angeführte Intervall der Dehnungen von 0,32% bis 0,52% entstand durch die
Abweichungen der Steuerung der Versucheinrichtung bei Verwendung des selben program-
mierten zeit- und weggesteuerten Versuchsablaufs.
135
4 Zugversuche
ZnAl15
0
50
100
150
200
250
012345678910
ZnAl15
ε[%]
σ[N/mm²]
Abbildung 4.5: Fallender Modul bei wiederholten Hysteresen; technische Span-
nungen aufgetragen über konventionelle Dehnungen
und die modifizierte Vorschrift nach Ramberg-Osgood gemäß Gl. (3.20)
implementiert worden. Auf die Bildung der analytischen Ableitungen analog
zu Gl. (D.19) bzw. Gl. (D.22) wird zugunsten einer größeren Flexibilität bei
neu zu implementierenden Vorschriften verzichtet. Stattdessen sind finite Dif-
ferenzen analog zu Gl. (3.15) verwendet worden. In beiden Fällen wird der
E-Modul aus der Wiederbelastung ermittelt und in die Materialvorschrift
eingesetzt. Der Optimierer bestimmt unter Verwendung eines Rasters von
Startwerten die verbleibenden Materialparameter und zusätzlich die Korrek-
tur der Nulllage iterativ durch eine Prozedur analog zu der im Anhang am
Ende von D.2 erläuterten.
Die Zielfunktion für die modifizierte Materialvorschrift nach Ramberg-
Osgood lautet:
φ(D, m, σy, ε0) =
n
X
i=1
wi˜εi(E, D, m, σy, ε0)εRef
i2=
n
X
i=1
wiεi
2.(4.1)
Wie erläutert ist der E-Modul aus dem Wiederbelastungsvorgang dabei be-
reits bekannt und ist deswegen keine mehr durch die Optimierung zu be-
stimmende Größe. Die formulierte Zielfunktion enthält zusätzlich die Ge-
wichtung wi. Die Gewichtung berücksichtigt die abnehmende Informations-
dichte von Messpunkten pro Dehnungseinheit, da andernfalls das Ergebnis
der Optimierung von dem mit hoher Informationsdichte beschriebenen Belas-
tungsvorgang dominiert würde und insbesondere die Fließspannung und die
136
4 Zugversuche
Spannungen bei 0,1% bzw. 0,2% Dehnung stark verfälscht wären. Aus dem
zu betrachtenden Datensegment wird der größte Abstand max εRef
i+1 εRef
i
einer steigenden Folge von εRef
iermittelt. Danach wird mit dem ermittel-
ten Abstand intervallweise die Anzahl von Messpunkten nvon der kleinsten
Dehnung beginnend bis zum Maximum bestimmt. Für alle zu einem Inter-
vall gehörenden Messpunkte εRef
iwird die Gewichtung wi=max(εRef
i+1εRef
i)/n
bestimmt. Das größte mögliche Gewicht beträgt also 1in dem Intervall mit
dem größten Abstand und ist in allen anderen kleiner.
4.4 Versuchsergebnisse
Die Parameter der ca. 1 mm dicken Proben der Grundwerkstoffe Stahl DX56
(Werkstoffnr. 1.0322), Aluminium AA6016T4 und dem Lot ZnAl15 sind in
den Tabellen 4.2, 4.3 und 4.4 angegeben. Die in den Tabellen aufgeführten
Werte sind alle in N
/mm2angegeben, bis auf m, welches einheitenlos ist. Die
Tabellen weisen die Werte für jeden Versuch und das arithmetische Mittel,
die maximale Abweichung vom Mittel nach unten und nach oben und die
Standardabweichung aus.
Beim Stahl ist der E-Modul mit einem Mittel von 161000 N
/mm2unge-
wöhnlich niedrig. Für dieses Material konnte in [48] ein Vergleichswert von
162200 N
/mm2bis 165300 N
/mm2gefunden werden. Die Streuung um das Mittel
mit bis zu 37800 N
/mm2entsprechend 23,4% des Mittels und die Standardab-
weichung zu 21600 N
/mm2entsprechend 13% des Mittels sind allerdings unbe-
friedigend. Auch die Fließgrenze weist große relative Schwankungen um das
Mittel auf, während die Spannungen Rp 0,1und Rp 0,2nur geringe Streuungen
aufweisen. Im Falle von Rp 0,2beträgt die relative Abweichung der Standard-
abweichung 4,8% bezogen auf das arithmetische Mittel. Im Vergleich mit
[48], wo für Rp 0,1im Mittel 158,6158,7N
/mm2statt 142 N
/mm2, für Rp 0,2
163,9164,0N
/mm2statt 150 N
/mm2und für Rm303,9N
/mm2anstelle von
284 N
/mm2angegeben werden, fallen die hier ermittelten Größen im Mittel
alle niedriger aus.
Für Aluminium AA6016T4 und ZnAl15 sind keine Vergleichswerte verfüg-
bar. Beide Materialien weisen E-Moduln um 60000 N
/mm2und Standardabwei-
chungen von ca. 7000 N
/mm2auf, was 12% des Mittels entspricht. Analog wie
schon zuvor beim Stahl gilt, dass neben der Ermittlung des E-Moduls, die Er-
mittlung der Fließgrenze mit größeren Unsicherheiten behaftet ist, während
die Spannungen Rp 0,1und Rp 0,2lediglich geringen Streuungen unterliegen.
Im Falle einer späteren Untersuchung eines gefügten Werkstückes wird
man deswegen die Auswirkungen des Fügeprozesses eher auf den Vergleich
von Rp 0,1und Rp 0,2eingrenzen, um überhaupt ein deutbares Ergebnis zu
137
4 Zugversuche
erhalten.
Probe E D m σyRp 0,1Rp 0,2Rm
[N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2]
001 152535 434 3.7 69 135 149 283
002 141934 212 4.0 100 138 145 283
003 138607 543 2.0 127 143 150 287
004 130993 255 4.4 76 129 139 277
005 190520 234 4.0 103 144 152 283
006 166032 169 3.7 114 139 145 278
007 165368 556 2.0 121 139 146 278
011 165222 215 4.1 109 148 155 293
012 198971 353 2.4 1389 158 165 298
Ø161131 330 3.4 106 142 150 284
unten 30139 161 1.436 12 11 7
oben 37840 226 1.0 31 17 16 14
Std.-abweich 21634 139 0.9 21 8 7 7
Tabelle 4.2: Ermittelte Materialparameter und Kennwerte für DX56
Probe E D m σyRp 0,1Rp 0,2Rm
[N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2]
002 55546 271 3.0 102 128 136 256
003 60025 217 3.3 99 125 132 251
004 52373 472 1.9 126 137 143 264
009 60467 276 3.0 99 125 133 253
010 70472 246 3.7 87 126 134 256
011 66936 223 3.8 99 134 142 267
012 49188 278 4.1 71 122 132 255
Ø59287 283 3.2 98 129 136 257
unten 10099 66 1.426 746
oben 11185 189 0.8 28 9 7 9
Std.-abweich 7064 80 0.7 15 5 4.3 5
Tabelle 4.3: Ermittelte Materialparameter und Kennwerte für AA6016
138
4 Zugversuche
Probe E D m σyRp 0,1Rp 0,2Rm
[N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2] [N/mm2]
001 59329 659 3.3 54 136 155 226
002 56100 763 3.0 71 145 165 230
003 73458 785 3.0 72 150 170 239
004 55678 767 3.0 64 141 161 242
009 49591 737 3.0 74 145 164 229
010 58509 755 2.9 70 142 161 231
011 63579 786 3.0 65 143 163 230
Ø59463 750.2 3.0 68 144 163 232
unten 9873 91 0.114 786
oben 13994 36 0.3 7 7 8 10
Std.-abweich 6937 40 0.1 7 4 4 5
Tabelle 4.4: Ermittelte Materialparameter und Kennwerte für ZnAl15
4.5 Mögliche konstruktive Änderungen
Die als nächstes umzusetzende Maßnahme zur Verminderung der Messfehler
sollte das Einrichten einer Klemmvorrichtung hinter den in Abb. 4.1 gezeig-
ten Bolzen der Halterung in Längsrichtung der Probe sein, falls dieses mit
den Umständen des Probeneinbaus durch eine Modifikation des program-
mierten Messvorganges zu vereinbaren wäre. Diese Klemmvorrichtung soll
im vorgespannten Zustand den Probenkopf gegen die Bolzen pressen, um
das später während der Belastung eintretende Ausrichten der Lager und das
Einpressen der Bolzen in den Probenkopf zu vermindern. Das noch nicht ge-
löste Problem besteht darin, dass während des Klemmvorganges der taillierte
Bereich der Probe kraftfrei bleiben und danach auf eine weggesteuerte Ver-
suchsdurchführung umgeschaltet werden muss, ohne dass es dabei zu einem
unkontrollierten Verhalten der Zugmaschine kommt.
139
4 Zugversuche
140
Kapitel 5
Parameteridentifikation mit
modellseitiger Berücksichtigung
der kalibrierten Geometrie des
sphärischen Prüfkörpers und
Vergleich mit Mikrozugproben
5.1 Analyse des Eindringkörpers
Um ein möglichst weites Spektrum der Spannungs-Dehnungs-Kurven identi-
fizieren zu können, sind anfangs besonders tiefe Indents mit totalen Tiefen
von ca. 1600 nm gemacht worden. Die Parameteridentifikation wurde mit ei-
nem Modell einer idealen Kugel mit anfangs 55 µmRadius durchgeführt. Die
rechnerisch für das gefundene Optimum ermittelte Kontur wird mit einer Ab-
tastung der Oberfläche des Probenkörpers mittels NanoVision1verglichen.
Bei der Abtastung des Indents mittels NanoVision wird eine Serie von Mess-
reihen angelegt, die durch den verbleibenden Abdruck gehen. Abb. 5.1 zeigt
die berechnete Kontur und zwei abgetastete Reihen von Messwerten aus ei-
ner Serie von Messreihen. Die beiden dargestellten Reihen sind diejenigen, die
nahe des Zentrums des Abdrucks zu liegen kamen. Offensichtlich liegen große
Abweichungen in den Konturen vor. Wenn zum Vergleich die Schnittpunkte
des aufgetragenen Radius mit der Nulllinie der Tiefe betrachtet werden, so
1Alle in diesem Kapitel im Zusammenhang mit der Indentation aufgeführten Messun-
gen und Kurven, die als Referenzdaten verwendet werden, sind Messung von Dipl-Ing.
M. Szuggars und Dr. M. Griepentrog an der Bundesanstalt für Materialforschung und
-prüfung, (BAM ).
141
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
erhält man für die Simulation des Prüfkörpers mit einem Kugelradius von
55 µmeinen Schnittpunkt bei 12 µmund für die Messung bei 17 µm. An
dieser Stelle weist die Simulation also einen Radius von ca. 70% der Mes-
sung auf, demzufolge betrüge die projizierte Fläche der Simulation an dieser
Stelle lediglich 50% der gemessenen. Nachfolgend wurden Identifikationen
unter Annahme eines Kugelradius von 68 µmgemacht. Auch hier kam es zu
vergleichbaren Abweichungen gegenüber den NanoVision -Abtastungen.
-1.6
-1.4
-1.2
-1
-0.8
-0.6
-0.4
-0.2
0
0.2
0.4
0 10 20 30 40 50
Simulation
Messreihe A
Messreihe B
Radius [µm]
Tiefe [µm]
Abbildung 5.1: NanoVision-Scan der Kontur eines tiefen Eindruckes in eine Kup-
ferprobe im Vergleich zur berechneten Kontur bei Eindrücken mit
einer Kugel von 55 µmRadius am Optimum der Zeit-Kraft-Weg-
Daten
Da Zweifel an der Maßhaltigkeit des Eindringkörpers bestehen, soll des-
sen Form überprüft werden. Die durch die Kalibrierung an einem Quarz an
diskreten Stellen bekannte Funktion A(hc)kann nicht mittels dem von Oli-
ver und Pharr vorgestellten Ansatz nach Gl. (2.45) angepasst werden, da
das Resultat der Anpassung oszilliert.
Die Terme im Ansatz der Flächenfunktion einer idealen Kugel sollen nä-
her betrachtet werden. Die Flächenfunktion A(hc) = π(2Rhch2
c)für den
kugelförmigen Abschnitt eines spitzen Indenters nach Gl. (2.6) muss im Falle
einer idealen Kugel für den gesamten Eindringkörper gelten. Der Vergleich
der Flächenfunktion mit dem Ansatz nach Gl. (2.45) zeigt, dass der Ansatz
geeignet ist, die Funktion exakt abzubilden. Mit der auch anwendungstech-
nisch sinnvollen Einschränkung, dass die Eindringtiefe hckleiner als der Ra-
dius Rist, gilt dA
dhc=π(2R2hc)>0und d2A
dh2
c=2π < 0.
142
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
Die hinreichenden (aber nicht notwendigen) Bedingungen an die Koef-
fizienten Knin Gl. (2.45), um die geforderten Eigenschaften der Ableitun-
gen befriedigen zu können, lauten dann: K0<0,K1>0und Kn<0,
mit n {2; 3; ...; 7}. Für das Anpassen der in der Funktion A(hc)linearen
Koeffizienten Knan die Messwerte ergibt sich also ein restringiertes Opti-
mierungsproblem. Als Lösung erhält man K0=200 und K1= 349000 nm
und alle anderen Kn= 0. Aufgrund der Restriktionen, die auch ein Oszillie-
ren ausschließen, ergeben sich alle höheren Koeffizienten zu 0. Der Form der
Lösung nach zu urteilen, liegt dann eine ideale Kugel vor.
Der Abb. 5.2 ist allerdings zu entnehmen, dass die angepasste Funktion
zum Teil auch sichtbare Abweichungen von den Messwerten aufweist. Die
Betrachtung des Koeffizienten in der Gleichung der idealen Flächenfunktion
liefert R=K1/2π= 55513 nm, womit der nominelle Radius von 50 µmmit
einer Abweichung von 11% eingehalten wäre. Der Abb. 5.2 kann weiterhin
entnommen werden, dass die Bedingung dA
dhc>0im extrapolierten Bereich
ab hc'800 nm verletzt ist, was als schwerwiegend zu beurteilen ist, da die
Bedingung idealerweise für den gesamten Bereich hc< R hätte erfüllt sein
sollen. Aufschluss liefert der Wert K0: Dieser hätte im Idealfall lediglich den
Wert πanstelle von K0=200 aufweisen dürfen, wodurch die angepasste
Funktion A(hc)für ein zunehmendes Argument hczu geringere Werte im
extrapolierten Bereich aufweist.
0 200 400 600 800 1000
0
2
4
6
8
10
12
14
16x 107
hc [nm]
A [nm2]
Experiment
Flächenfunktion (Fit)
A(hc) = K0hc
2+K1hc
Abbildung 5.2: Extrapolation für die restringierte Lösung der Flächenfunktion
über den kalibrierten Bereich von 450 nm
143
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
Die Koeffizienten K0und K1für die Anpassung der Flächenfunktion
A(hc)an die Form einer Kugel haben gezeigt, dass die angenommene Form
keine ausreichende Erklärung für die Messwerte A(hc)liefert. Um die Form
des Diamanten beurteilen zu können, soll an dieser Stelle seine Krümmung
betrachtet werden.
Das zuvor angesprochene Oszillieren des Ansatzes für die Flächenfunk-
tion nach Oliver und Pharr ist erst im Nachhinein beim Auswerten der
Krümmung deutlich geworden, was prinzipiell unabhängig von der Form der
Flächenfunktion A(hc)möglich ist. Der Krümmungsradius kann nach
ρ(hc) = 1 + r23
2
r′′ mit ( )=d ( )
dhc
(5.1)
aus der Radiusfunktion r(hc)gemäß Gl. (2.9) berechnet werden:
r(hc) = rA
πmit A(hc),
woraus sich die Ableitungen
r(hc) = 1
2π1
2A1
2Aund (5.2)
r′′ (hc) = 1
4π1
2A3
2A2+1
2π1
2A1
2A′′ (5.3)
berechnen lassen. Jeder Krümmungswechsel in A(hc), auch wenn er bei der
Auswertung von A(hc)nicht zu wesentlichen Störungen führte, liefert bei der
Bestimmung des Krümmungsradius ρ(hc)eine Singularität und führt in ihrer
Umgebung zu nicht verwertbaren Ergebnissen.
Ein deutlich besseres Ergebnis kann mit dem Ansatz
hc(r) = p4r4+p3r3+p2r2+p1r(5.4)
erzielt werden. Dazu wird jedes Paar (hc;A)der Kalibriermessung mittels Gl.
(2.9) in (hc;r)überführt. Danach können die Koeffizienten p1bis p4der Funk-
tion hc(r)mittels Regression ermittelt werden. Abb. 5.3 stellt die mit diesem
Ansatz repräsentierbare Flächenfunktion als in rparametrisierte Funktion
[hc(r); A(r)]Tdar.
Die Krümmung kann dann durch
ρ(r) = 1 + h
c
23
2
h′′
c
mit ( )=d ( )
dr(5.5)
144
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 100 200 300 400 500
0
2
4
6
8
10
12x 107
hc [nm]
A [nm2]
Experiment
Flächenfunktion
Abbildung 5.3: Interpolation der Flächenfunktion über den kalibrierten Bereich
von 450 nm
0 100 200 300 400 500
0
1
2
3
4
5
6
x 104
hc [nm]
ρ [nm]
Krümmungsradius (nominell)
Krümmungsradius (kalibriert)
Abbildung 5.4: Krümmungsradius des Diamanten über den kalibrierten Bereich
von 450 nm im Vergleich zur Herstellerangabe von 50 µm
145
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
ermittelt werden und als in rparametrisierte Funktion [hc(r); ρ(r)]T, wie in
Abbildung 5.4 gezeigt, dargestellt werden.
Die Abbildung zeigt deutliche Abweichungen gegenüber dem vom Herstel-
ler angegebenen Sollradius. Einschränkend muss allerdings erwähnt werden,
dass für geringer werdende Eindringtiefen zu erwarten ist, dass der relative
Fehler in A(hc)größer wird und somit die Bestimmung des Krümmungsra-
dius für kleine Werte hcmit größeren Unsicherheiten behaftet ist. Das in der
Abbildung erkennbare Ansteigen der Funktion hc(r)für kleiner werdende r
ist keine Singularität, die der Form des Ansatzes für hc(r)nach Gl. (5.4)
geschuldet ist, da h′′
c(r= 0) auch Werte verschieden von 0annehmen kann.
5.2 Aufbau eines angepassten Modells mit in-
dividuellem Prüfkörper
Der an der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) ste-
hende Nanoindenter verfügt über den zuvor beschriebenen verrundeten Ein-
dringkörper mit einem nominellen Radius von 50 µm. Unter der maximalen
Last von 500 mN konnte bei Kalibriermessungen zur Bestimmung der Flä-
chenfunktion mittels CSM eine Kontakttiefe von 450 nm erreicht werden.
Auf Grund der großen Abweichungen von der Kugelform ist auch die Mög-
lichkeit der Extrapolation der Funktion A(hc)über den kalibrierten Bereich
[0 nm; 450 nm] hinausgehend ausgeschlossen. Gemäß der im Abschnitt 2.1
unter Nutzung der Radiusfunktion nach Gl. (2.9) erläuterten Vorgehenswei-
se wird die Geometrie des Diamanten aus den Kalibrierdaten bestimmt. Die
an diskreten Stellen bekannte Funktion A(hc)wird weder mittels des von
Oliver und Pharr vorgestellten Ansatzes nach Gl. (2.45) interpoliert noch
auf Grundlage des zuvor erläuterten Ansatzes nach Gl. (5.4), da dieser für die
Analyse des Krümmungsradius eingeführte Ansatz erst nachträglich ermit-
telt wurde. Stattdessen werden die „Definitionslücken“ in A(hc)nach einem
in [33] vorgestellten Interpolationsverfahren geschlossen. Dieses Verfahren er-
zeugt keine oszillierenden Ergebnisse, da die Forderung d2A(hc)
dh2
c6= 0 implizit
durch das gewählte Interpolationsverfahren berücksichtigt wird, weswegen
die Funktion A(hc)im gesamten Gebiet keine Änderung des Vorzeichens der
Krümmung haben kann. Die Forderung, dass die zweite Ableitung keine Null-
stelle aufweisen darf, führt im Allgemeinen zu einer größeren Abweichung
gegenüber den Stützwerten als die Verwendung einer Splinefunktion. Ei-
ne Splineinterpolation mit kubischen Hermitansätzen hätte die Eigenschaft,
stetig durch alle vorgegebenen Stützpunkte zu verlaufen und außerdem die
Stetigkeit der ersten und zweiten Ableitungen im gesamten Interpolationsge-
146
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
biet zu gewährleisten. Daraus resultiert bei der Anwendung auf verrauschte“
Messwerte im Allgemeinen ein „Überschwingen“ im Bereich der Stützpunkte.
In ABAQUS kann die Geometrie eines analytischen Starrkörpers auch als
Aneinanderreihung von geradlinigen Segmenten beschrieben werden, also als
Polygonzug. Um die numerische Stabilität des Modells zu gewährleisten, soll
das Abbild des Starrkörpers aber keine Ecken haben, anderenfalls könnten
im Kontakt stehende Knoten sich daran verhaken”. ABAQUS stellt optional
die Möglichkeit zur Verfügung die Ecken auszurunden, wobei der größtmög-
liche Ausrundungsradius durch die kleinste Segmentlänge beschränkt wird.
Um wie gewünscht einen möglichst großen Ausrundungsradius und trotzdem
tolerierbare Abweichungen von A(hc)zu erhalten, ist es also notwendig, die
Radiusfunktion so auszuwerten, dass möglichst gleichlange Segmente entste-
hen. Es ist ein Algorithmus erstellt worden, der diese Forderung erfüllt und
dann den bekannten, kalibrierten Bereich der Diamantenabbildung tangen-
tial verlängert. Der erweiterte Kontaktbereich des Diamanten gewährleistet
die numerische Stabilität des Berechnungsverlaufes auch dann, wenn bei einer
Berechnung während der Optimierung der Prüfkörper tiefer als der kalibrierte
Bereich in das Probenmaterial eindringt2.
Abb. 5.5 zeigt einen Ausschnitt des aus 1299 Knoten bestehenden Net-
zes bei nahezu voller Ausschöpfung der kalibrierten Diamantengeometrie.
Die kleinsten Kantenlängen von 69,7 nm befinden sich in der 6,1µmgroßen
Kontaktzone. Mit zunehmendem Abstand erreicht die maximale Kantenlän-
ge 35,7µm. Diese Elemente sind in dem ca. 20 µmbreitem Aussschnitt aber
nicht mehr abgebildet. Das Modell und die verfeinerte Kontaktzone ist für die
Messreihen mit geringen Kontakttiefen bis 450 nm erstellt worden. Der fein
vernetzte Bereich und die kalibrierte Diamantengeometrie werden, wie hier
dargestellt, unter maximaler Last nahezu voll genutzt. Der nicht im Kontakt
befindliche Teil des Starrkörpers stellt die tangentiale Verlängerung dar. Die
darunter liegenden Knoten des Probenmaterials gehören auch noch zu dem
vom definierten Kontaktpaar berücksichtigten Bereich.
2Das zu tiefe Eindringen infolge „zu weich” gewählter Parameter bei vorgegebener Belas-
tung führt zu einem hohen Wert der Zielfunktion, weswegen der erweiterte Kontaktbereich
das Ergebnis der Minimierung der Zielfunktion nicht verfälscht.
147
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
(Avg: 75%)
S, Mises
+ 3.820e-02
+ 6.273e+ 01
+ 1.254e+ 02
+ 1.881e+ 02
+ 2.508e+ 02
+ 3.135e+ 02
+ 3.762e+ 02
+ 4.389e+ 02
+ 5.016e+ 02
+ 5.643e+ 02
+ 6.269e+ 02
+ 6.896e+ 02
+ 7.523e+ 02
Step: diamDown
Increment 602: Step Time = 29.65
Primary Var: S, Mises
Deformed Var: U Deformation Scale Factor: + 1.000e+ 00
1
2
3
kalibrierter
Bereich
6,1µm
0,4µm
Über-
gang
tangentiale
Verlängerung
Abbildung 5.5: Ausschnitt der Kontaktzone des Indentermodells mit dem an-
hand von Kalibrierdaten nachgebildeten sphärischen Eindring-
körper bei maximaler Last von 140 mN an einer Probe aus Alu-
minium AA6016T4.
148
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
5.3 Indentation einer Mikrozugprobe aus Alu-
minium ohne Berücksichtigung viskoser Ef-
fekte
Nach der Durchführung eines Zugversuches an einer Probe aus Aluminium
AA6016T4, wie in 4.2 beschrieben, wird das Endstück der gerissenen Probe
wie in Abb. 5.6 dargestellt in Epoxidharz eingebettet. Die im Zugversuch
unbelastete und nicht geschädigte Rückseite liegt frei und wurde präpariert.
Abbildung 5.6: Endstück einer gerissenen Probe aus Aluminium AA6016T4, in
Epoxidharz eingebettet. Eine unbelastete, nicht geschädigte Stel-
le liegt frei und wurde präpariert.
Nach Vorversuchen werden Nanoindentationen so ausgeführt, dass nur
der kalibrierte Bereich des Prüfkörpers bei der Indentation in Kontakt tritt.
Der Versuch erreicht eine maximale Last von 140 mN und hat eine Haltezeit
von 30 s. Da die viskosen Eigenschaften nur gering ausgeprägt sind, werden
zuerst lediglich die zeitunabhängigen, elastischen und plastischen Parame-
ter des modifizierten Ramberg-Osgood-Materials bestimmt und dazu die
Querkontraktionszahl zu ν= 0,35 festgelegt. Die Daten der Haltephase wer-
den aus dem Datensatz der Messdaten entfernt. Abb. 5.7 zeigt den Verlauf
der Kraft und den des Weges aufgetragen über der Zeit.
149
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 10 20 30 40 50 60
0
20
40
60
80
100
120
140
t [s]
F [mN]
Simulation
(a) Kraft-Zeit-Verlauf
0 10 20 30 40 50 60
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
t [s]
u [nm]
Referenz
Simulation
(b) Weg-Zeit-Verlauf
Abbildung 5.7: Verläufe über die Zeit bei herausgetrennter Haltephase für eine
Indentation an einem Probenkopf aus Aluminium AA6016T4 mit
einer maximalen Last von 140 mN
Abb. 5.8 zeigt den Verlauf der Differenzen uüber der Zeit. Die größte
Abweichung beträgt 5 nm, was etwas mehr als 1% des maximalen Weges
entspricht.
0 10 20 30 40 50 60
−5
−4
−3
−2
−1
0
1
2
3
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 5.8: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Aluminium AA6016
T4, maximale Last 140 mN
Abb. 5.9 zeigt den Verlauf der Kraft über die Eindringtiefe für Simulation
150
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
und Referenz.
0 100 200 300 400 500
0
20
40
60
80
100
120
140
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.9: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe aus
Aluminium AA6016T4, maximale Last 140 mN
Analog wird eine weitere Indentation mit einer maximalen Last von 130 mN
ausgewertet. Abb. 5.10 zeigt den Verlauf der Differenzen uüber der Zeit.
Die größte Abweichung beträgt mit 11 nm mehr als 2% des maximalen Weges.
Abb. 5.11 zeigt den Verlauf der Kraft über dem Weg für Simulation und Re-
ferenz.
151
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 10 20 30 40 50 60
−10
−8
−6
−4
−2
0
2
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 5.10: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Aluminium AA6016
T4, maximale Last 130 mN
0 100 200 300 400 500
0
20
40
60
80
100
120
140
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.11: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe aus
Aluminium AA6016T4, maximale Last 130 mN
152
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
5.4 Indentation einer Mikrozugprobe aus Alu-
minium mit Berücksichtigung viskoser Ef-
fekte
Von den beiden zuvor betrachteten Identifikationen wird der Versuch mit ei-
ner maximalen Last von 140 mN, der die bessere Übereinstimmung mit den
experimentellen Werten zeigte, nun unter Hinzunahme der viskosen Mate-
rialeigenschaften noch einmal untersucht. Dabei werden für die elastischen
und plastischen Parameter die Werte für E,σy,Dund m, die zuvor un-
ter Vernachlässigung der Daten aus der Haltephase identifiziert wurden, als
Startwerte verwendet.
Abb. 5.12 zeigt den Verlauf der verwendeten Kraft-Zeit-Kurve, und Abb.
5.13 zeigt den Verlauf des Weges über die Zeit für Simulation und experi-
mentelle Referenz.
Abb. 5.14 zeigt den Verlauf der Differenzen uüber die Zeit. Die größte
Abweichung beträgt 8 nm und erreicht damit fast 2% des maximalen Weges.
Abb. 5.15 zeigt den Verlauf der Kraft über den Weg für Simulation und
Referenz.
0 20 40 60 80 100
0
20
40
60
80
100
120
140
t [s]
F [mN]
Simulation
Abbildung 5.12: Kraft-Zeit-Verlauf während der Nanoindentation an einer Probe
aus Aluminium AA6016 mit einer maximalen Last von 140 mN
153
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 20 40 60 80 100
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
t [s]
u [nm]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.13: Weg-Zeit-Verlauf an der Probe aus Aluminium AA6016T4, ma-
ximale Last 140 mN
0 20 40 60 80 100
−2
0
2
4
6
8
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 5.14: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Aluminium AA6016
T4, maximale Last 140 mN
154
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 100 200 300 400 500
0
20
40
60
80
100
120
140
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.15: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe aus
Aluminium AA6016T4, maximale Last 140 mN
5.5 Vergleich der Spannungs-Dehnungs-Linien
und zugehöriger Materialkennwerte von Mi-
krozugversuch und Nanoindentation an Alu-
minium AA6016T4
Abb. 5.16 zeigt den Verlauf der beiden durch die Indentation ermittelten
Spannungs-Dehnungs-Kurven und die aus dem Zugversuch ermittelten. Da
in den Indentationen, von punktuellen Ausreißern abgesehen, nur plasti-
sche Dehnungen bis 3,8% aktiviert wurden, wurde auch der für die Bestim-
mung aus dem Zugversuch zu berücksichtigende Bereich so gewählt, dass
er damit übereinstimmt. Die Daten oberhalb wurden nicht zur Bestimmung
der Materialkennwerte herangezogen. Vom E-Modul abgesehen, weichen die
Spannungs-Dehnungs-Kurven der beiden Indentationen erheblich von der des
Zugversuches ab. Die identifizierten zeitunabhängigen Kennwerte sind in Tab.
5.1 angegeben.
155
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4
0
100
200
300
400
500
600
ε [%]
σ [N/mm2]
Alu_AA6016_T4\DATA_005.DAT
E = 72911 N/mm2
D = 698 N/mm2
m = 1.337
σy = 143 N/mm2
∆ε = 0.01 %
σ0.1% = 146.6 N/mm2
σ0.2% = 149.3 N/mm2
ε = σ/E , σ < σy
ε = σ/E + ((σσy)/D)n, σ σy
Indentation Fmax = 130 mN
Indentation Fmax = 140 mN
Zugversuch (Fit)
Zugversuch (Rohdaten)
Abbildung 5.16: Identifizierte Spannungs-Dehnungs-Kurven eines modifizierten
Ramberg- Osgood-Modells aus Mikrozugversuch und Na-
noindentation an einer Probe aus Aluminium AA6016
Messgröße 130 mN 140 mN Zugversuch
E[N/mm2] 70448 70012 72911
σy[N/mm2] 316 298 143
Tabelle 5.1: Tabelle der gefundenen Optima für Indentationen und Zugversuch
für eine Probe aus Aluminium AA6016.
Bei den gezeigten Ergebnissen handelt es sich um die besten gefundenen
Optima. Es kann allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass es noch bes-
sere Optima gibt, in dem Sinne, dass die Zielfunktion einen kleineren Wert
annimmt, da insbesondere die erzielten Verschiebungsdifferenzen umaxi-
male relative Abweichungen gegenüber der maximalen Eindringtiefe von 2%
aufweisen.
156
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
5.6 Vergleich der Spannungs-Dehnungs-Linien
und zugehöriger Materialkennwerte aus
Mikrozugversuch und Nanoindentation an
Stahl DX56
Dieselbe Vorgehensweise wie schon zuvor für die Aluminiumprobe wird hier
für eine Probe eine Stahls DX56 wiederholt. Für den Stahl sind größere Kräfte
notwendig, um eine möglichst große Ausnutzung des kalibrierten Bereiches
des Prüfkörpers zu erzielen. Die verwendeten maximalen Prüfkräfte betragen
290 mN und 300 mN. Die Querkontraktionszahl wird auf ν= 0,30 festgelegt.
Nach der Bestimmung der (hier nicht gezeigten) zeitunabhängigen Größen
werden diese wieder als Startwerte zur Bestimmung der Größen E,σy,D,
m,C2,C3, und C4herangezogen. Abb. 5.17 zeigt den Verlauf der Kraft und
den des Weges aufgetragen über der Zeit.
0 20 40 60 80 100
0
50
100
150
200
250
300
t [s]
F [mN]
Simulation
(a) Kraft-Zeit-Verlauf
0 20 40 60 80 100
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
t [s]
u [nm]
Referenz
Simulation
(b) Weg-Zeit-Verlauf
Abbildung 5.17: Indentation an einem Probenkopf aus Stahl DX 56 mit einer
maximalen Last von 290 mN
Abb. 5.18 zeigt den Verlauf der Differenzen uüber die Zeit. Die größte
Abweichung beträgt 13 nm, was 2,5% des maximalen Weges entspricht. Abb.
5.19 zeigt den Verlauf der Kraft über dem Weg. Die Abweichungen zwischen
Referenz und Simulation sind auch in dieser Darstellung deutlich zu erkennen.
157
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 20 40 60 80 100
−2
0
2
4
6
8
10
12
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 5.18: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Stahl DX 56, maxi-
male Last 290 mN
0 100 200 300 400 500 600
0
50
100
150
200
250
300
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.19: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe aus
Stahl DX 56, maximale Last 290 mN
158
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 20 40 60 80 100
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
t [s]
u [nm]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.20: Verlauf der Eindringtiefe über der Zeit für eine Indentation an
einem Probenkopf aus Stahl DX 56 mit einer maximalen Last
von 290 mN bei einer gleichverteilten Gewichtung der Wegdif-
ferenzen
0 20 40 60 80 100
−8
−6
−4
−2
0
2
4
6
8
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 5.21: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum und einer gleichverteilten Ge-
wichtung der Wegdifferenzen; Probe aus Stahl DX 56, maximale
Last 290 mN
159
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
Mit den soeben gefundenen Materialparametern als Startwerten wird die
Identifikation noch einmal wiederholt, wobei die Gewichtung der Belastungs-,
Halte- und Entlastungsphase gleich ist. Man erkennt jetzt in Abb. 5.20 eine
deutlich größere Abweichung von der Referenz während der Haltephase. Abb.
5.21 kann man jetzt entnehmen, dass die Abweichungen über Belastungs- und
Haltephase gleichmäßiger verteilt sind und die Abweichungen während des
Entlastens immer noch gering bleiben. Die Ungleichverteilung der Abwei-
chungen, bedingt durch die geringe Abweichung während der Entlastungs-
phase, mag damit zusammenhängen, dass die Optimierung sich in einem
lokalen Minimum in der he des Startwertes verhakt” hat. In der Darstel-
lung 5.22 sind lediglich geringe Abweichungen zwischen den beiden Verläufen
zu erkennen.
Wie schon zuvor, jetzt aber bei einer Indentation mit einer maximalen
Last von 300 mN und nach Heraustrennen der Haltephase, wird noch ein-
mal eine Identifikation der zeitunabhängigen Parameter vorgenommen. Die
Ergebnisse sind in den Abb. 5.23 bis 5.25 dargestellt.
Nachfolgend sind die Ergebnisse der Identifikation der elastisch-plastischen
Materialparameter beider Indentationen und des dazugehörigen Zugversu-
ches abgebildet.
Auch hier ergibt sich ein Bild vergleichbar den Ergebnissen der Identi-
fikation an der Aluminiumproben: Die Resultate der unterschiedlichen Ver-
suchsformen zur Bestimmung der Materialeigenschaften sind nur schwer mit-
einander vereinbar. Die identifizierten zeitunabhängigen Kennwerte sind in
Tab. 5.2 angegeben.
Messgröße 290 mN 300 mN Zugversuch
E[N/mm2] 171840 171212 166032
σy[N/mm2] 494 431 135
Tabelle 5.2: Tabelle der gefundenen Optima für Indentationen und Zugversuch
für eine Probe aus Stahl DX56.
160
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 100 200 300 400 500 600
0
50
100
150
200
250
300
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.22: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum und ei-
ner gleichverteilten Gewichtung der Wegdifferenzen; Probe aus
Stahl DX 56, maximale Last 290 mN
0 10 20 30 40 50 60
0
50
100
150
200
250
300
t [s]
F [mN]
Simulation
(a) Kraft-Zeit-Verlauf
0 10 20 30 40 50 60
0
50
100
150
200
250
300
350
400
450
500
t [s]
u [nm]
Referenz
Simulation
(b) Weg-Zeit-Verlauf
Abbildung 5.23: Verläufe über die Zeit bei herausgetrennter Haltephase für eine
Indentation an einem Probenkopf aus Stahl DX 56 mit einer
maximalen Last von 300 mN
161
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 10 20 30 40 50 60
−1
0
1
2
3
4
5
6
7
8
t [s]
u [nm]
u = uSim − uRef [nm]
Abbildung 5.24: Verlauf der Wegdifferenz zwischen der Simulation und der Re-
ferenz bei erreichtem Optimum; Probe aus Stahl DX 56, maxi-
male Last 300 mN
0 100 200 300 400 500
0
50
100
150
200
250
300
u [nm]
F [mN]
Referenz
Simulation
Abbildung 5.25: Kraft-Eindringtiefe-Verlauf bei erreichtem Optimum; Probe aus
Stahl DX 56, maximale Last 300 mN
162
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
0 0.5 1 1.5 2 2.5 3 3.5 4 4.5 5
0
100
200
300
400
500
600
700
800
900
1000
1100
ε [%]
σ [N/mm2]
Stahl_DX56Z100MB\DATA_006.DAT
E = 166032 N/mm2
D = 748 N/mm2
m = 1.448
σy = 135 N/mm2
∆ε = 0.01 %
σ0.1% = 141.3 N/mm2
σ0.2% = 145.2 N/mm2
σm = 278 N/mm2
ε = σ/E , σ < σy
ε = σ/E + ((σσy)/D)n, σ σy
Indentation Fmax = 290 mN
Indentation Fmax = 300 mN
Zugversuch (Fit)
Zugversuch (Rohdaten)
Abbildung 5.26: Identifizierte Spannungs-Dehnungs-Kurven eines modifizierten
Ramberg-Osgood-Modells aus Mikrozugversuch und Nanoin-
dentation an einem Probenkopf aus Stahl DX56
5.7 Bewertung der identifizierten, stark diffe-
rierenden Spannungs-Dehnungs-Linien für
Aluminium- und Stahlprobe
Die Spannungs-Dehnungs-Kennlinien aus Zugversuch und Indentation für
die Stahl- und die Aluminiumproben unterscheiden sich, wenn man vom E-
Modul absieht, erheblich. Folgende Ursachen kommen als Erklärung für die
Diskrepanz in Betracht:
Das gefundene Optimum hat in der Zeit-Weg-Darstellung noch eine ma-
ximale Abweichung bis zu 2% der maximalen Eindringtiefe, was hin-
sichtlich der Untersuchung in Abschnitt 3.6.2 bereits als grenzwertig
einzustufen ist.
Die maximale Eindringtiefe ist zu gering, da die Geometrie des Prüf-
körpers relativ zum Krümmungsradius nicht weiter kalibriert werden
konnte.
Die Bestimmung der Form des Prüfkörpers aus den Kalibrierdaten weist
für geringe Tiefen große relative Unsicherheiten auf.
163
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
Der Gleitwiderstand zwischen Prüfkörper und Oberfläche ist nicht be-
kannt3.
Es werden keine Schädigungsmechanismen im Modell berücksichtigt4.
Insbesondere kann keine Aussage über den Eigenspannungszustand ge-
macht werden5.
Eine weitere Ursache kann in der Mikrostruktur des zu prüfenden Mate-
rials vermutet werden. Die Abb. 5.27 zeigt links das Schliffbild eines dem
DX56 ähnlichen Tiefziehstahles DC04 aus [46]. Zum Größenvergleich ist der
maximale Kontaktdurchmesser des kalibrierten Bereiches eingezeichnet. Die
Abbildung rechts (mit einem anderen Maßstab) lässt erkennen, dass die Kör-
ner bei der Aluminiumlegierung noch deutlich größer sind. Das Gefüge ist
allerdings wie [5] zu entnehmen ist wärmebehandelt und gealtert, weswegen
die Körner größer als in der indentierten Probe sein dürften.
Auffällig ist, dass für beide untersuchten Materialien die E-Moduln sehr
gut übereinstimmen, während die Fließspannungen oder der Verlauf der Span-
nungen mit zunehmenden Dehnungen stark unterschiedlich ist. Die Betrach-
tung der Tiefenabhängigkeit für die ermittelten Werte eines beschichteten
Systems in Anhang B legt nahe, dass mit dem E-Modul eher eine weitere
Umgebung“ bzw. größere Tiefe mitgemessen wird, während die Härte, die
wie in Abschnitt 2.5 gezeigt mit der Fließspannung korreliert, stärker vom
„nahen Umfeld“ abhängt, also eine oberflächennahe Eigenschaft misst.
3In [12] wird der Einfluss des Gleitwiderstandes auf die gemessene Härte (scratch hard-
ness) in Abhängigkeit von den elastischen und plastischen Materialparameter bestimmt.
Inwieweit die bei einer Indentation gemessene Härte davon betroffen ist, kann daraus al-
lerdings nicht abgeleitet werden.
4Bei kleinen Eindringtiefen ist das Auftreten von Schädigungen selten. In den hier
gemachten Experimenten ist die Oberfläche des verbleibenden Eindrucks allerdings nicht
darauf hin untersucht worden.
5In [66] wird ein Verfahren vorgestellt, mit dem experimentell die Eigenspannung ab-
geschätzt werden kann. Allerdings ist die ermittelte Eigenspannung, die als lokale und
volumenbezogenes Größe unterschieden wird, nicht unbedingt mit der am Ort des Indents
vorherrschenden identisch.
164
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
50 mµ
12 µm
Abbildung 5.27: Links: Gefüge eines DC04-Stahles [5] mit zum Größenvergleich
eingetragenen Kontaktdurchmesser von 12 µm, wie er von dem
hier verwendeten Kugelprüfkörper erzeugt würde. Rechts: Alu-
minium AA6013 (wärmebehandelt und gealtert), Abbildung
aus [46]
Ungeachtet dessen kann man zu dem Schluss kommen, dass in den meisten
Fällen lediglich ein Korn im Kontakt mit dem Indenter stehen wird. Selbst
wenn es gelungen wäre, einen ideal runden Prüfkopf mit 50 µmRadius ca.
5µmin die Probe zu drücken, wie es für die Versuche anfangs geplant war,
so wären selbst im günstigeren Falle des Stahles trotzdem nur wenige Körner
in Kontakt getreten. Die gemessenen Last-Weg-Kurven sollten von der Aus-
richtung des einzelnen Korns abhängen und stellen somit Unikate und kei-
ne repräsentativen Ergebnisse dar, weswegen die Annahme eines isotropen
Werkstoffes im Nachhinein ungeeignet erscheint. Letztendlich muss festge-
stellt werden, dass mit solch einem kleinen Prüfkörper nur Einkristalle oder
sehr viel feinkörnigere oder amorphe Materialien untersucht werden sollten.
Zusätzlich sollte in Betracht gezogen werden, das klassische kontinuumsme-
chanische Modell aufzugeben und stattdessen nicht-lokale Materialmodelle
zu verwenden. Ein geeignetes mikromechanisches Modell muss in der Lage
sein, die bei der Mikro- bzw. Nanoindentation auftretenden Größeneffekte,
also das Ansteigen der Härte bei kleiner werdender maximaler Eindringtiefe,
abbilden zu können6. In [34] wird ein Modell, dass einen Größeneffekt be-
rücksichtigt, vorgestellt. Auch in neueren Arbeiten wie [6] und [7] wird ein
mikromechanisches Modell zugrunde gelegt und gezeigt, dass der experimen-
tell ermittelte Größeneffekt abgebildet werden kann.
6In Abschnitt 2.3 ist durch Dimensionsanalyse gezeigt worden, dass die Härte eines
homogenen und isotropen Materials, ermittelt mit einem selbstähnlichen Prüfkörper, eine
(tiefenunabhängige) Materialeigenschaft sein muss.
165
5 Parameteridentifikation mit kalibrierter Geometrie
Diese Feststellung schränkt aber nicht die Verwendbarkeit des entwickel-
ten Programmes als solches ein: Nach dem Skalieren des FE-Modells stünde
dem Einsatz des Programmes zur Identifikation von Materialparametern mit
einem größeren Prüfkörper nichts entgegen.
166
Kapitel 6
Zusammenfassung und Ausblick
In dieser Arbeit wurde erläutert, wie die instrumentierte Eindringprüfung,
die eine Erweiterung der klassischen Härteprüfung darstellt, genutzt werden
kann, um Materialeigenschaften zu charakterisieren. Während der Begriff der
instrumentierten Eindringprüfung unabhängig von der Eindringtiefe bzw. der
aufgebrachten Last ist, wurde in dieser Arbeit die Parameteridentifikation
anhand von Messwerten durchgeführt, die Eindringtiefen um 0,4µmhatten.
Diese Versuche werden in der Literatur oft als „Nanoindentation“ bezeich-
net, obwohl es sich im Sinne der einschlägigen Norm [26], Teil 1, um den
Mikrobereich handelt.
Es wurden die wichtigsten Konzepte zur Auswertung der gemessenen Da-
ten Kraft, Eindringtiefe und Zeit vorgestellt. Neben dem E-Modul können für
Sonderfälle auch noch einige viskose Eigenschaften bestimmt werden, wenn
die Kriecheigenschaften durch ein Potenzgesetz beschrieben werden.
Die spitzen Prüfkörper wurden einer Dimensionsanalyse unterzogen. Die
Erkenntnisse über die geometrische Ähnlichkeit und die selbstähnlichen For-
men der Prüfkörper ermöglichten die Interpretation der Härte als (von der
Eindringtiefe unabhängige) Materialeigenschaft. Die Ähnlichkeitsbeziehun-
gen könnten unter anderem dazu genutzt werden, um die normierten Model-
le, die einem Antwortflächenverfahren (response surface methodology, RSM)
oder dem Training eines künstlichen neuronalen Netzes (artificial neural net-
work, ANN) zu Grunde lagen, mit den Daten eines Experimentes zu ver-
knüpfen.
Um die gemessenen Daten von Fehlern durch ein Nachgeben des Prüfge-
rätes und durch Abweichungen des Prüfkörpers von der Sollform zu berei-
nigen, ist ein Kalibrieren der Prüfeinrichtung und das Bestimmen der Rah-
mennachgiebigkeit und der Flächenfunktion unumgänglich. Dazu sind in der
Praxis zwei Verfahren weit verbreitet, von denen das einfacher zu handha-
bende nur für spitze Prüfkörper angewendet werden darf und das kompli-
167
6 Zusammenfassung und Ausblick
ziertere, aber nicht eindeutige Lösungen garantierende Verfahren, für runde
und spitze Prüfkörper bzw. für spitze Prüfkörper bei geringen Eindringtie-
fen verwendet wird. Beide wurden vorgestellt und auf Kalibriermessungen
des am LKM1vorhandenen Indenters angewandt. Für ausgewählte Abwei-
chungen der Rahmennachgiebigkeit wurde mittels der durch die Dimensi-
onsanalyse gefundenen Transformationsbeziehungen und einer synthetischen
Kraft-Eindringtiefe-Kurve die Auswirkung auf die Ermittlung von Härte und
E-Modul bestimmt.
Das am weitesten verbreitete Auswerteverfahren zur Bestimmung von
Härte und E-Modul auf Grundlage der von Oliver und Pharr in [56]
und [55] publizierten Methode, wurde vorgestellt und die Abweichungen ge-
genüber FE-Simulationen für ein elastisch-ideal plastisches Material und für
ein stark verfestigendes Material untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass
sich für weit verbreitete Stähle unter der Annahme, dass sie sich elastisch-
ideal plastisch verhalten, deutliche Abweichungen ergeben, wohingegen für
das entgegengesetzte Extrem, nämlich einem stark verfestigenden Material,
gute Übereinstimmungen erzielt wurden. Es konnte gezeigt werden, dass das
Maß der Übereinstimmung davon abhängt, dass ein Einsinken des Randes
auftritt und kein Aufwerfen.
Nach der Betrachtung der konventionellen Gleichungen wurde eine Ver-
fahrensweise vorgestellt, die ein gradientenbasiertes Minimierungsverfahren
mit FE-Simulationen koppelt. Zu diesem Zweck wurde eine geeignete Ziel-
funktion gewählt, und es wurden Parameterstudien zum Konvergenzverhal-
ten erstellt. Die gefundenen, das Konvergenzverhalten günstig steuernden
Parameter, wurden für die nachfolgenden Identifikationsprozesse verwendet.
Für kugelförmige und spitze Indenter wurden synthetische Referenzkurven
für Kraft und Eindringtiefe ermittelt. Diese Kurven wurden dann den ver-
schiedenen Identifikationsprozessen mit nicht zutreffenden Materialvorschrif-
ten zugrunde gelegt. Die an den gefundenen Optima ermittelten Verläufe von
Eindringtiefe über Zeit wiesen für den kugelförmigen Indenter die größeren
Residuen auf. Für die untersuchten Kombinationen von Materialparametern
für spitze Indenter bzw. Materialparametern und Eindringtiefe für kugelför-
mige Indenter, zeigte Letzterer die höhere Sensitivität. Im Falle des konischen
Indenters können bei Verwendung der zutreffenden Materialhypothese prak-
tisch lediglich zwei Materialkennwerte, z.B. Fließgrenze und E-Modul sicher
ermittelt werden.
Dieses Verhalten ist in der Selbstähnlichkeit aller spitzen Indenter be-
gründet. Für ein elastisch-plastisches Material zeigte die Dimensionsanaly-
se des selbstähnlichen Prüfkörpers, dass die ermittelte Π-Funktion für die
1Lehrstuhl Kontinuumsmechanik und Materialtheorie (LKM ) der TU Berlin
168
6 Zusammenfassung und Ausblick
Kraft des Belastungsvorganges nicht von der Eindringtiefe abhängt. Durch
die Selbstähnlichkeit reduziert sich für ein elastisch-plastisches Material der
Informationsgehalt der parabelförmigen Belastungsfunktion auf einen Punkt
der Kurve2, während die Entlastungskurve solchen Beschränkungen nicht un-
terliegt. Folglich enthält die Entlastungsfunktion des spitzen Indenters den
gesamten Informationsgehalt einer Indentation. Im Gegensatz dazu sind beim
runden Indenter die Π-Funktion der Kraft sowohl für den Belastungsvorgang
als auch für den Entlastungsvorgang Funktionen der Eindringtiefe.
Nach Zugversuchen an Stahl und Aluminiumproben wurden an unbe-
lasteten Querschnittsteilen der Proben Indentationen mit runden Prüfkör-
pern durchgeführt. Unter besonderer Berücksichtigung der Form des Prüf-
körpers, die durch Kalibiermessungen mit ihrer ermittelten Geometrie in das
FE-Modell aufgenommen wurden, zeigten die identifizierten Spannungs-Deh-
nungs-Kurven große Abweichungen gegenüber den einachsigen Mikrozugver-
suchen. Der wesentliche Ursprung der Abweichung dürfte den Größenverhält-
nissen von Indent und Korngröße geschuldet sein. Der Kontaktdurchmesser
betrug nur einen Bruchteil des Durchmessers des Kornes, weswegen die Ver-
wendung eines homogenen, isotropen Materialansatzes ungeeignet war.
Folglich sollten zur Indentation in der Mikroskala nur Einkristalle bekann-
ter Ausrichtung oder amorphe Materialien herangezogen werden. Andern-
falls müsste das Vorliegen gegenüber dem Indent ausreichend großer Körner
sichergestellt sein, deren Orientierung ermittelt, und dann zur Identifikati-
on anisotrope Materialmodelle und dreidimensionale FE-Modelle verwendet
werden. Dabei entfällt im Allgemeinen die Nutzbarkeit von Symmetrien, was
einen zur Zeit praktisch noch nicht beherrschbaren Rechenaufwand zur Folge
hätte.
Das vorgestellte Verfahren ist prinzipiell unabhängig von der Größe der
Indentation. Die Berücksichtigung der Abweichung von der Sollform des run-
den Eindringkörpers ist aber nur für kleine Eindingkörper relevant.
Selbst wenn das vorgestellte Konzept mit ausreichend großen Prüfkörpern
und Eindringtiefen verwendet wird, so müssten z.B. folgende Gebiete noch
untersucht werden:
Der Einfluss schwer erfassbarer Eigenschaften wie Eigenspannungen
Reibung zwischen Prüfkörper und Materialprobe
Den abschätzbaren, aber hier nicht betrachteten Unsicherheiten bei der
Bestimmung von Kraft und Eindringtiefe auf die zu identifizierenden
Materialparameter.
2Die Belastungsfunktion enthält auch Informationen zu viskosen Eigenschaften, da sie
in Abhängigkeit von der Viskosität von der Parabelform abweicht, [19].
169
6 Zusammenfassung und Ausblick
Für eine breit gefächerte Untersuchung der Sensitivität ist das vorgestell-
te Verfahren weniger geeignet. Für eine Sensitivitätsuntersuchung bieten sich
vielmehr die Verwendung von Antwortflächenverfahren oder neuronalen Net-
zen an: Nach der Ermittlung einer synthetischen Referenzkurve kann diese
gezielt gestört“ werden und der Einfluss der Störung auf die zu ermittelnden
Materialparameter untersucht werden.
Das hier vorgestellte Verfahren benötigt in der Anwendung sehr viel mehr
Rechenleistung als das in [43] vorgestellte, auf neuronalen Netzen basierende
Verfahren, das in seiner Anwendung, also nachdem es mit Simulationsergeb-
nissen trainiert wurde, keine FE-Simulationen mehr verwendet. Der Vorteil
des hier vorgestellten Verfahrens liegt in der Flexibilität, die dem Versuch
zugrunde liegende reale Form des Indenters oder ein anderes Materialmo-
dell einfach implementieren zu können, so dass keine Einschränkung auf die
Verwendung antrainierten Wissens und die Annahme idealer Geometrien not-
wendig ist.
170
Anhang A
3D-Modell des Indenters
Im Folgenden wird der Aufbau des 3D-Modells erläutert. Dieses Modell könn-
te im Austausch mit dem Modell des konischen Indenters, wie er in Abschnitt
3.1 vorgestellt wurde, und einer Zielfunktion gemäß Gl. (3.72), die die Kontur
des bleibenden Eindruckes berücksichtigt, verwendet werden, um Material-
parameter mit dem Berkovich-Prüfkörper zu bestimmen, wenn genügend
Rechenleistung vorhanden wäre.
Wie in Abb. 2.3 auf Seite 9 gezeigt, verfügt der Berkovich-Prüfkörper
über drei Symmetrieachsen, so dass es ausreichend ist, einen 60-Ausschnitt
zu modellieren. Um die Symmetrieeigenschaften nutzen zu können, müssen
die entsprechenden Randbedingungen gemäß Abb. A.1, die die 1-3-Ebene
darstellt, verwendet werden. Die geschnittenen Seiten sind durch radial ver-
schiebliche Lager gestützt, während im Zentrum die Verschiebung der Kno-
ten in der 1-3-Ebene verhindert ist. Alle Randknoten der Materialprobe sind,
abgesehen von denen am (nicht dargestellten) Boden, in der 2-Richtung frei
verschiebbar. Der eingezeichnete Diamant ist im Modell durch eine (blau
gezeichnete) Ebene als Starrkörper (analytic rigid) modelliert. Das Modell
besteht aus 38125 Hexaedern und 1150 Pentaedern entlang der Achse im
Zentrum, insgesamt aus 39275 Elemente und 42999 Knoten. Es wurden aus-
schließlich vollintegrierte Elemente mit linearen Ansätzen verwendet. Das
Netz wird von außen mit Kantenlängen von 31,25 µmbeginnend nach in-
nen hin immer engmaschiger. Die kleinsten in der Kontaktzone befindlichen
Elemente haben in Radialrichtung eine Kantenlänge von 61,0 nm. Abb. A.2
zeigt die fein diskretisierte Kontaktzone der Ebenen als analytischem Starr-
körper und Abb. A.3 den 60-Ausschnitt in der Ansicht auf das Zentrum und
die entsprechend den Symmetriebedingungen gelagerten Seiten des 250 µm
hoch modellierten Probenmaterials.
Für die Visualisierung wird das Modell gespiegelt und gedreht, um die
Darstellung des gesamten Kontinuums zu erhalten. Abb. A.4 visualisiert die
171
A 3D-Modell des Indenters
12
3
250 µm
Abbildung A.1: 60-Ausschnitt mit Randbedingungen entsprechend der Symme-
trieeigenschaften und Repräsentation des Diamanten durch die
blau eingezeichnete starre Ebene (analytic rigid)
Z
TR
Z
Y
X
RP
1
2
3
Abbildung A.2: Fein diskretisierte Kontaktzone mit einer Ebenen als analyti-
schem Starrkörper
172
A 3D-Modell des Indenters
Z
TR
Z
Y
X
RP
1
2
3
Abbildung A.3: 60-Ausschnitt des 250 µmhoch modellierten Probenmaterials
in der Ansicht; der Übersicht halber ohne sichtbargemachte
Randbedingungen
Kontur des Höhenverlaufs des bleibenden Eindrucks mit der Form des „aus-
gebeulten“ Randes wie sie für Materialien, die einen Aufwurf bilden, typisch
sind. Hier dargestellt am Beispiel eines schwach verfestigenden Materials. In
Abb. A.5 ist die typische Form des bleibenden Eindrucks mit „eingebeultem“
Rand zu erkennen, wie sie bei stark verfestigenden Materialien1, die eine
einsinkende Oberfläche ausbilden, auftreten.
Diese Konturdaten könnten zum Abgleich mit denen aus einer AFM-
Abtastung erhaltenen Daten herangezogen werden und in eine analog zu Gl.
(3.72) formulierte Zielfunktion einfließen.
1Die formal bis εpl = 1 definierte Spannungs-Dehnungs-Kurve wird lediglich direkt
unter der Spitze ausgeschöpft, was ein Artefakt darstellt, das durch die ideal spitze Mo-
dellierung hervorgerufen wird.
173
A 3D-Modell des Indenters
U, U2
−1.965e+00
−1.754e+00
−1.544e+00
−1.333e+00
−1.123e+00
−9.123e−01
−7.018e−01
−4.914e−01
−2.809e−01
−7.049e−02
+1.400e−01
+3.504e−01
+5.609e−01
Step: diamUp
Increment 220: Step Time = 10.00
Primary Var: U, U2
Deformed Var: U Deformation Scale Factor: +1.000e+00
ODB: wedgeAxi.odb ABAQUS/STANDARD Version 6.6−3 Mon Aug 06 00:53:30 CEST 2007
12
3
Abbildung A.4: Visualisierung der Höhen des bleibenden Eindrucks mit der
Form des „ausgebeulten“ Randes, wie sie für Materialien, die
einen Aufwurf bilden, typisch sind. Hier am Beispiel eines
schwach verfestigenden bilinearen Materials dargestellt (E=
100000 N/mm2,ν= 0,3,σy= 100 N/mm2und σ= 200 N/mm2
bei εpl = 1).
U, U2
−1.264e+00
−1.158e+00
−1.053e+00
−9.478e−01
−8.425e−01
−7.372e−01
−6.319e−01
−5.266e−01
−4.213e−01
−3.159e−01
−2.106e−01
−1.053e−01
+0.000e+00
Step: diamDown
Increment 246: Step Time = 6.340
Primary Var: U, U2
Deformed Var: U Deformation Scale Factor: +1.000e+00
ODB: wedgeAxi.odb ABAQUS/STANDARD Version 6.6−3 Sun Sep 09 00:52:46 CEST 2007
1
2
3
Abbildung A.5: Visualisierung der Höhen des bleibenden Eindrucks mit der
Form des „eingebeulten“ Randes wie sie für Materialien, die ei-
ne einsinkende Oberfläche bilden, typisch sind. Um die Tendenz
zu veranschaulichen, ist hier das Beispiel eines hypothetischen,
stark verfestigenden Materials (E= 100000 N/mm2,ν= 0,3,
σy= 3000 N/mm2und σ= 30000 N/mm2bei εpl = 1) dargestellt.
174
Anhang B
Abhängigkeit der Härte und des
E-Moduls von der Eindringtiefe
bei geschichteten Materialien
Um die Tiefenabhängigkeit der aus den Messdaten ermittelbaren Werte für
die Härte und den E-Modul bei geschichteten Materialien exemplarisch be-
trachten zu können, wird ein geeignetes Modell erstellt. Das Modell soll ein
Material mit einer harten, dünnen Deckschicht repräsentieren. Das Modell,
das analog dem in Abb. 3.1 und 3.2 in Abschnitt 3.1 gezeigten ist, hat aber
mit einem Radius und einer Tiefe von 500 µmeine doppelt so große model-
lierte Umgebung.
Die größte Elementkantenlänge beträgt 31,25 µmund die kleinste Ele-
mentkantenlänge der Kontaktzone 15,26 nm. Das gesamte Modell enthält
11386 Knoten. Die harte Schicht hat eine Dicke von 15,63 µmentsprechend
3,1% der Modellhöhe. Es werden weggesteuerte Indentationen der Beschich-
tung simuliert, wobei die maximalen, totalen Eindringtiefen zwischen 1% und
15% der Dicke der Beschichtung variiert werden.
Für die harte Beschichtung wird ein stark verfestigendes Material mit
E= 200000 N
/mm2,ν= 0,3,σy= 1000 N
/mm2, und σ= 2000 N
/mm2bei εpl =
0,1und σ= 3000 N
/mm2bei εpl = 0,3angenommen, während das Substrat
die Werte E= 100000 N
/mm2,ν= 0,3,σy= 100 N
/mm2, und σ= 200 N
/mm2
bei εpl = 0,1und σ= 300 N
/mm2bei εpl = 0,3aufweist.
Abb. B.1 zeigt den Verlauf der Härte aufgetragen über die Eindringtiefe
relativ zur Schichtdicke der Beschichtung. Der Verlauf zeigt anfangs kleine
Schwankungen, die eine Folge der Diskretisierung sind. Bei einer relativen
Tiefe von 13% ist die zu messende Härte bereits um mehr als 10% abgefallen.
Die Härte für das nicht beschichtete Material allein beträgt 629 N
/mm2.
In Abb. B.2 ist der Verlauf des nach Oliver und Pharr bestimm-
175
B Abhängigkeit der Härte und des E-Moduls von der Eindringtiefe
0 5 10 15
4200
4400
4600
4800
5000
5200
5400
ht/hcoat [%]
H [N/mm2]
HärteOP
HärteOP
coat
Abbildung B.1: Mit der Eindringtiefe (relativ zur Schichtdicke der Beschichtung)
abnehmende Härte; die Härte des Substrats ohne Beschichtung
beträgt 629 N/mm2.
176
B Abhängigkeit der Härte und des E-Moduls von der Eindringtiefe
0 5 10 15
1.5
1.6
1.7
1.8
1.9
2
2.1x 105
ht/hcoat [%]
E [N/mm2]
E−Modul
E−Modulcoat
Abbildung B.2: Durch Auswerten der errechneten Kraft-Weg-Daten ermittelter
E-Modul bei einem beschichteten Material, relativ zur Dicke der
Beschichtung aufgetragen. Das Material der Beschichtung hat
einen E-Modul von 200000 N/mm2, während das Substrat einen
Modul von E= 100000 N/mm2aufweist.
ten E-Moduls aufgetragen. Der Modul der reinen Beschichtung würde so zu
E= 206000 N
/mm2bestimmt und der des reinen Substrats zu 109000 N
/mm2.
Der E-Modul fällt mit zunehmender Eindringtiefe ht/hcoat kontinuierlich ab.
Bei einer Eindringtiefe von 15% ist der E-Modul bereits um 50000 N
/mm2
abgefallen, was bereits der Hälfte der Differenz der E-Moduln der beiden
Materialien entspricht.
Die gemessene Härte einer harten Beschichtung verläuft anfangs nahezu
unabhängig von der Tiefe, um dann einzubrechen. Bei der Bestimmung des
E-Moduls eines beschichteten Material misst man schon bei kleinen Eindring-
tiefen die Eigenschaften des Substrats, also der Umgebung mit, während die
Härte anfangs von den „lokalen“ Eigenschaften dominiert wird.
177
B Abhängigkeit der Härte und des E-Moduls von der Eindringtiefe
178
Anhang C
Analytische Lösungen zum
Kontaktproblem
C.1 Elastischer Kontakt zweier Kugeln
Der Kontakt zweier Kugeln kann wie in [44] dargestellt, nach Hertz unter-
sucht werden. Darin sind R1, R2die Radien, E1, E2die E-Moduln und ν1, ν2
die Querkontraktionszahlen der Kugeln 1 bzw. 2. In der deformierten Lage
ist die Fläche im Kontakt ein Kreis mit dem Radius a. Mit den Annahmen
die Kontaktflächen seien stetig und haben in der unbelasteten Refe-
renzkonfiguration nur einen gemeinsamen Berührpunkt,
kleiner Verzerrungen,
beide Kugeln seien elastische Halbräume,
R1
E1, ν1
R2
E2, ν2
F
Faa
h
z
Abbildung C.1: Zwei Kugeln im Kontakt; Referenzlage und deformierte Lage
179
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
die resultierende Kontaktspannung wirke parallel zur Berührungsnor-
malen, also vertikal in Abb. C.1, und
die Kontaktflächen seien reibungslos,
können folgende Gleichungen für die zu den Kugeln 1 und 2 zugehörige mitt-
lere Krümmung 1/R und dem effektiven E-Modul Eeff, der die homogenen,
isotropen Materialeigenschaften repräsentiert, abgeleitet werden:
1
R=1
R1
+1
R2
(C.1)
1
Eeff
=1ν2
1
E1
+1ν2
2
E2
.(C.2)
Die Gleichung (C.2) setzt einen elastischen Halbraum voraus und die An-
nahme, dass die Kontaktspannung identisch mit dem (vertikalen) Druck p
ist1, was zu der Einschränkung2aRführt. Durch Integration der Druck-
verteilung püber die Kontaktfläche kann eine resultierende Kraft Fund eine
mittlere Spannung pmin Abhängigkeit von der Relativverschiebung hder
beiden Kugeln gegeneinander bestimmt werden.
p=p01r2
a21
2
,(C.3)
p0=3
2pm,(C.4)
pm=3F
2πa2=6FE2
eff
π3R21/3
.(C.5)
In der belastungsfreien Referenzkonfiguration, in der die Verschiebung h= 0
beträgt, haben die beiden Körper nur einen gemeinsamen Berührpunkt. Die
mit zunehmender Kraft Fund Verschiebung hder beiden Körper aufeinander
zu entstehende Kontaktfläche ist ein Kreis mit dem Radius a, wie folgt:
a=3FR
4Eeff 1/3
,(C.6)
1Dieses ist Voraussetzung für die in [67], Seite 170, angegebene Gleichung (11.53). Zu
deren Ermittlung wurde die auf Boussinesq zurückgehende Lösung, Seite 168, Gleichung
(11.47) für das Problem des durch eine (vertikale) Einzelkraft belasteten Halbraumes ver-
wendet.
2Zusätzlich wird die Einschränkung durch eine geometrische Näherung notwendig: In
[67], Seite 169, wird ausgehend von Abbildung 11.5 die Beziehung r
2R1z1=z1
rgefunden
und daraus die Näherung z1=r2
2R1abgeleitet, die nur für z1R1gültig ist.
180
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
h=a2
R=9F2
16RE2
eff 1/3
,(C.7)
F=4
3EeffR1/2h3/2.(C.8)
Aus Symmetriegründen sind entlang der Rotationsachse z σr, σθund σz
Hauptspannungen, und es ist σr=σθ. Es lässt sich zeigen, dass:
σr=σθ=p0(1 + ν) 1z
aarctan a
z+1
21 + z2
a21!(C.9)
σz=p01 + z2
a21
.(C.10)
Für den kugelförmigen Indenter, der auf eine ebene Probe trifft, ergibt sich
für die Spezialisierung R2 R=R1. Die in Abb. C.1 dargestellte
Hinterschneidung hist dann die Eindringtiefe des Indenters in die Material-
probe.
Der Vergleich einer geometrisch linearen und einer geometrisch nicht li-
nearen FE-Lösung mit der Lösung nach Gl. (C.8) für E= 100000 N/mm2,
ν= 0,3und R= 50 µmin Abb. C.2 zeigt den Einfluss der Nichtlinearität
und verschieden großer modellierter Proben. Die Graphen sind mit einem
rotationssymmetrischen Modell ähnlich dem in Abb. 3.1 auf Seite 57 berech-
net worden, wobei hier eine starre Kugel mit einem Radius von 50 µmals
Prüfkörper verwendet wird. Die Probenkörper haben einen Radius und eine
Höhe von 250,1000 bzw. 16000 µm. Bei 5µmVerschiebung liegt die Kraft
der nichtlinearen Lösung für ein Modell mit 250 µmRadius 1% unter der des
linearen Modells. Weiterhin ist zu erkennen, dass alle FE-Lösungen oberhalb
der Lösung nach Hertz verlaufen, die den geometrisch linearen Fall dar-
stellt3. Die FE-Lösungen nähern sich für große modellierte Probenkörper der
Lösung nach Hertz4. Der Darstellung zu Folge ist es bei der praktischen An-
wendung der für ein ebenes, unendliches Kontinuum spezialisierten Lösung
wesentlich, dass die eingangs gemachte Annahme, die Eindringtiefe sei klein
im Vergleich zum (starr gelagerten) Probenkörper, eingehalten ist, während
der Einfluss der Nichtlinearität dagegen gering ist. Für das rein elastische
Problem muss der modellierte Bereich des Probenmaterials sehr viel größer
3Der Übersichtlichkeit wegen ist auf die Darstellung weiterer Simulationen für den
geometrisch linearen Fall verzichtet worden
4Für das alleinige Betrachten der Spezialisierung des Kontaktes einer Kugel mit dem
ebenen Halbraum wäre die Verwendung von infiniten Elementen glich.
181
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
sein, als für ein elastisch-ideal plastisches oder schwach verfestigendes Ma-
terial. Für die elastisch-plastischen Materialien ist ein Modell mit 250 µm
Radius und Höhe ausreichend.
012345
0
2
4
6
8
10
12
14x 106
u [µm]
F [µN]
E = 100000 N/mm2,ν= 0.3, R = 50 µm
Hertz, analytisch
Abbildung C.2: Vergleich der Lösung für den Hertzschen Kontakt mit der geo-
metrisch linearen und der geometrisch nicht linearen FE-Lösung
Die analytische Lösung unterliegt desweiteren noch der Annahme der li-
nearen Elastizität. Die Grenze der Gültigkeit für die Lösung des elastischen
Problems ist erreicht, wenn irgendwo im Körper Fließen auftritt. Aus der
Differenz der Hauptspannungen ergibt sich die Schubspannung τ1, die für
Versagen nach dem Schubspannungskriterium von Tresca maßgeblich ist.
Deren Ableitung nach der Ordinate in Tiefenrichtung zkann analytisch be-
stimmt werden:
τ1=1
2|σzσθ|,(C.11)
τ1
z =1
23a3z
(a2+z2)2+ (1 + ν)a3z+az3
(a2+z2)2+ arctan a
z
(C.12)
Die Lösung des zugehörigen Nullstellenproblems ist nur numerisch für dis-
krete νmöglich, z.B. für ν= 0,3ergibt sich:
τ
z ν=0,3
= 0 zmax = 0,48a, (C.13)
182
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
τ1(zmax) = 0,31p0= 0,47 F
πa2= 0,47pm.(C.14)
Die numerische Auswertung von τ1(z)für ν= 0,3ergibt mit τ1(0) = 0,1p0
ein relatives Minimum an der Oberfläche und mit τ1(0,48a) = 0,31p0ein ab-
solutes Maximum im Körper. Am Ort der maximalen Hauptschubspannung,
die somit im Kontinuum 3,1mal größer als an der Oberfläche ist, tritt bei
Überschreiten der elastischen Grenzlast die erste plastische Verformung ein.
Mit den Hauptspannungen σI, σII und σIII lässt sich die Fließspannung
σyfür die meisten duktilen Materialien nach von Mises über die zweite
Invariante des Spannungs-Deviators
J21
6(σIσII)2+ (σII σIII)2+ (σIII σI)2=k2=σy2
3(C.15)
oder nach Trescas Schubspannungskriterium
max {|σIσII|,|(σII σIII|,|σIII σI|} = 2k=σy(C.16)
ermitteln.
In Abhängigkeit vom Spannungszustand unterscheiden sich die Fließspan-
nungen von Mises bzw. Tresca bis zu einem Verhältnis von σy/3
σy/2= 1,15.
Im Falle des einachsigen Spannungszustandes liefern beide Kriterien dieselbe
Fließspannung. Auf der z-Achse sind die Spannungen (σr, σθ, σz)eine Super-
position der hydrostatischen Druckspannung σrund des einachsigen Span-
nungszustandes (0,0, σzσr), so dass für einen Werkstoff mit ν= 0,3wegen
0,47pm=τ1(zmax) = 1
2σydie mittlere Druckspannung pm, unter der erstmalig
Fließen eintritt, pm= 1,1σybeträgt.
Wie in Abb. C.3 und C.4 für das bei metallischen Werkstoffen interessan-
te Intervall 0,25 < ν < 0,35 dargestellt, variiert sowohl die Ordinate des
Maximums als auch das Maximum selber nur gering mit der Querkontrakti-
onszahl, weshalb i. A. pm1,1σyangegeben wird.
Der Indenterversuch kann als Sonderfall des Hertzschen Kontaktes auf-
gefasst werden. Der aus einem Diamanten gefertigte Prüfkörper weist die
Materialwerte E= 1,14MN/mm2,ν= 0,07 und eine Fließgrenze von ca.
σy= 1000N/mm2auf. Ein typisches Lot weist einen E-Modul um E=
30000N/mm2,ν= 0,35 und eine Fließgrenze von ca. σy= 35N/mm2auf.
Der Indenter erfährt entsprechend nur rein elastische Deformationen. Bei der
Indentation weicher Werkstoffe darf die elastische Kompression am Indenter
gegenüber der Gesamtverschiebung vernachlässigt werden, so dass der Prüf-
körper als starr betrachtet werden kann. Daraus resultiert die weitere Spezia-
lisierung E1 Eeff =E2
1ν2
2. Von den in den Gleichungen auftretenden
Größen sind lediglich die Kraft Fund die Tiefe hkontinuierlich messbar. Der
183
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
0.26 0.28 0.3 0.32 0.34
Νin @-D
0.465
0.47
0.475
0.48
0.485
0.49
0.495
0.5
za in @-D
Abbildung C.3: z-Ordinate des Maximums der normierten Schubspannung in
Abhängigkeit von der Querkontraktion
0.26 0.28 0.3 0.32 0.34
Νin @-D
1.04
1.06
1.08
1.1
1.12
pmΣyin @-D
Abbildung C.4: Maxima der normierten Schubspannung in Abhängigkeit von der
Querkontraktion
184
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
Kontaktradius akann lediglich im Nachhinein auf polierten Metallschichten
als sichtbarer Abdruck erkannt werden. Diese Messgröße war in der früher
verbreiteten dynamischen Härteprüfung neben der vorgegeben Fallhöhe und
dem bekannten Eigengewicht des Prüfkörpers von Bedeutung [69].
Entsprechend der in 2.3 beschriebenen Vorgehensweise kann in einer Di-
mensionsanalyse die Zahl der Parameter reduziert werden. Mit den neu ein-
geführten dimensionslosen Größen ergibt sich F=F
Eeff R2, h=h
R, ν bzw.
F(h, E, ν). Versuchsanordnungen mit geometrisch ähnlichen Parametern,
also identischem normierten h, müssen im Falle eines isotropen, homogenen
Werkstoffes die selben Kurven für die normierte Last liefern.
C.2 Elastisch-plastischer Fall
Zuvor wurde der Fall zweier (unbegrenzt) elastischer Körper betrachtet. Nun
soll der Fall behandelt werden, dass die Fließgrenze eines Körpers überschrit-
ten wird. Der Beginn einer plastisch werdenden Zone kann prinzipiell an der
Kraft-Weg-Kurve erkannt werden. Dazu wird Gl. (C.8) mittels Transforma-
tion als lineare Funktion dargestellt. Die doppeltlogarithmische Darstellung
ln F= ln 4
3EeffR1/2+3
2ln h(C.17)
ist, da der Nullpunkt (h, F) = (0,0) nicht abbildbar ist, unpraktisch. Die
Darstellung h3/2, Fbzw. h, F3/2mit gebrochenen Exponenten vermei-
det diesen Nachteil. Wenn die elastische Grenze unterhalb der Oberfläche
überschritten wird, führt dies, da der Tangentenmodul ETnach dem ersten
Auftreten plastischer Verformungen kleiner ist als der initiale Modul E, zu
einem Steifigkeitsabfall. Für den Fall eines durch ein Experiment gewonne-
nen Graphen h3/2, Fkönnte der Punkt der elastischen Grenzlast, prinzipiell
durch Augenschein, als derjenige identifiziert werden, an dem der Graph aus
der Geraden abweicht. Aus der Grenzlast und der zugehörigen Eindringtiefe
könnte die Fließspannung ermittelt werden. Praktisch wird diese Vorgehens-
weise dadurch erschwert, dass der Graph der elastisch-plastischen Funktion
sich im Punkte der Grenzlast an den linearen Graph der elastischen Funk-
tion anschmiegt und dieser Punkt daher nur schwer mit hoher Genauigkeit
identifiziert werden kann.
185
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
a
b
c
p
Abbildung C.5: Modell mit sich ausdehnendem Hohlraum und plastischer Zone
(expanding-cavity)
C.3 Elastisch-plastischer Fall, starrer Indenter:
Expanding-cavity-Modell nach Hill
Um eine Näherungslösung für den Kontakt eines starren Indenters mit einem
elastisch-plastischen Material zu erhalten, wird zuerst die benötigte Lösung
für den deformierbaren Körper hergeleitet und die weitere Ergänzung kurz
erläutert.
In der auf Hill zurückgehenden Lösung, [41], des elastisch-ideal plas-
tischen Problems wird, basierend auf der Lösungen von Lamé, das Modell
einer Sphäre mit dem Innendruck pbetrachtet. Dieses in Abb. C.5 darge-
stellte Modell eines sich ausdehnenden Hohlraums (expanding-cavity) habe
den Innenradius aund den Außenradius bbzw. die anfänglichen Radien a0
und b0. Der Radius c, mit a < c < b, gibt die Größe der plastischen Zone an,
die ab dem Erreichen eines Druckes ¯pvon abis creicht. Das Modell wird für
den Sonderfall a0= 0 und b0 spezialisiert:
u(r) = 2(1 2ν)σy
3E
3(1 ν)
2(1 2)νc
r31c
b3+ ln r
c3r
fürarc. (C.18)
Das Modell geht von einer sich ausdehnenden ideal plastischen Zone aus, die
durch das im Intervall [c, b]liegende elastische Material gestützt wird. Die
186
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
elastischen Anteile der Deformation in der plastischen Zone werden nicht
vernachlässigt.
Voraussetzungen
Seien die Verschiebungen und Spannungen im elastischen uel und σel
bzw. im plastischen Teil upl und σpl.
Es herrsche elastisch-ideal plastisches Materialverhalten.
Kugelsymmetrie sei gegeben: σpl
rr(r), σpl
ϕϕ(r) = σpl
ϑϑ(r),upl = (u(r),0,0),
alle anderen σij = 0.
Linear elastische Lösung für den an die plastische Zone angrenzenden
Außenbereich:
σel
rr =p
b
r
31
b
a
31
σel
ϕϕ =σel
ϑϑ(r) = p
b
r
31
b
a
31,alle anderen σij = 0 (C.19)
uel(r) = p
E(1 2ν)r+(1 + ν)b3
2r21
b
a
31, c rbund (C.20)
p=2σy
31a3
0
b3
0.(C.21)
Übergangsbedingung:
Gleichgewicht : σel
ijr=c=σpl
ij r=c(C.22)
Kompatibilität: uel
ijr=c=upl
ij r=c(C.23)
Von Mises Fließkriterium σy2=3
2SijSij mit Sij =σij 1
3σkkδij
Impulsbilanz: div σpl
ij = 0i
Mit der Randbedingung u(r=a) = akann
du(r)
dc=3(1 ν)σyc2
Er22(1 2ν)σy
E1c3
b3
0r
c(C.24)
187
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
zu
du(a)
dc=3(1 ν)σyc2
Ea22(1 2ν)σy
E1c3
b3
0a
c(C.25)
spezialisiert werden. Als Nährungslösung der Differentialgleichung wird
a3
a3
0
= 1 + 3(1 ν)σyc3
Ea3
02(1 2ν)σy
E3 ln c
a0
+ 1 c3
b3
0(C.26)
angegeben. Die Ableitung der angegebenen Lösung ist:
da
dc=a3
0
3a2
d
dc 1 + 3(1 ν)σyc3
Ea3
02(1 2ν)σy
E3 ln c
a0
+ 1 c3
b3
0!
=3(1 ν)σyc2
Ea22(1 2ν)σy
E1c3
b3
0a
c
a3
0
a3.(C.27)
Gl. (C.26) enthält Terme σy
Evon erster Ordnung. Für den in der Ableitung
am Ende stehenden Term ergibt sich a3
0
a3=1
1+O(σy
E)1O(σy
E), so dass sich
unter Vernachlässigung kleiner Glieder σy
Evon quadratischer Ordnung Gl.
(C.25) ergibt.
Die Lösung wird jetzt mit b0 für den später für das Modell von
Johnson benötigten Fall des Halbraumes spezialisiert:
a3=a3
0+3(1 ν)σyc3
E
2(1 2ν)σy
E3a3
0ln c3a3
0ln a0+a3
0(C.28)
Weiter wird mit a00vorausgesetzt, dass der Hohlraum anfangs noch nicht
vorhanden ist. Mit
lim
a00a3
0ln a0= lim
a00
ln a0
a3
0
= lim
a00
a1
0
3a4
0
= lim
a00a3
0
3= 0 (C.29)
ergibt sich
c
a=E
3(1 ν)σy1
3
.(C.30)
Setzt man dieses in Gl. (C.25) unter Beachtung von b0 ein, so erhält
man
du(a)
dc=a
c2(1 2ν)σy
E
a
c.(C.31)
188
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
Für Metalle ist σy
E103, und der zweite Term kann vernachlässigt werden,
wodurch sich der materialabhängige konstante Ausdruck da
dc=a
cergibt. Für
Metalle ist c
a5...6, und p4σy. Setzt man Gl. (C.30) in
p= 2σyln c
a+2σy
31c3
b3
0(C.32)
unter Beachtung von b0 ein, so erhält man
p=2σy
31 + ln E
3(1 ν)σy.(C.33)
Auch in der in [15] angegebenen Lösung des elastisch-plastischen Problems
für das mit Hlinear verfestigende Material in der Form
σ=σy+εH, ε > ε0(C.34)
σ=Eε, ε ε0(C.35)
werden sich ausbreitende Sphären zugrunde gelegt. Im Unterschied zu der
zuvor dargestellten Lösung wird hier unterstellt, dass der elastische Anteil
in der plastisch verformten Zone vernachlässigbar ist und deshalb dort keine
Volumenänderung erfolgt. Es ergibt sich
c
a=E
(1 + ν)σy1
3(C.36)
und somit ein Innendruck von
p=2σy
31 + ln E
(1 + ν)σy+2π2
27 H.(C.37)
Die Lösung für c
aweicht für nicht verfestigendes, inkompressibles Material
um 12% von Gl. (C.33) ab. Beiden Modellen ist gemeinsam, dass die nicht
belastete Oberfläche keine vertikalen Verschiebungen erfährt und so weder
ein Einsinken noch ein Aufwurf der Materialprobe an der Oberfläche zulässt.
Nachdem das Verhalten des deformierbaren Materials bekannt ist, kann
das Modell des sich ausbreitenden Hohlraumes um einen hydrostatischen
Kern, [44], erweitert werden, der die von einem starren Prüfkörper aufge-
brachte Kraft als Druck püberträgt. Es wird unterstellt, dass das kugelför-
mige Ausbreiten der plastischen Zone für alle Formen von Prüfkörpern gültig
ist, so dass pals die Arbeit an einem Einheitsvolumen aufgefasst werden kann
und die Kraft Fam Indenter nur vom Volumen des erzeugten Hohlraumes
abhängt.
189
C Analytische Lösungen zum Kontaktproblem
Das um den hydrostatischen Kern erweiterte Modell kann wegen der zuvor
ausgeführten Unverschieblichkeit der Oberfläche praktisch nicht zur Parame-
teridentifikation genutzt werden, da die unterstellte Kontaktfläche deutlich
von der Realität abweicht. Für spitze Indenter und elastisch-plastisches Ma-
terial ist die auf die totale Eindringtiefe normierte Kontur der Oberfläche
eine Funktion, die nur noch von den Materialeigenschaften abhängt. Somit
ist mit diesem Modell selbst das Bestimmen einer einzigen Größe aus ge-
messenen Kraft-Weg-Kurven, beispielsweise der Fließgrenze bei bekanntem
E-Modul, chstens mit großen Fehlern möglich.
Moderne Formulierungen des expanding-cavity-Modells sehen z.B. die Be-
rücksichtigung von Gradientenplastizität [34] und zusätzlichen Größeneffek-
ten (indentation size effects) [35] vor. Die Voraussetzung, um diese Modelle
anwenden zu können, ist allerdings die zuverlässige Bestimmung der Kon-
taktfläche. Die Abweichungen, die sich durch eine fehlerhaft ermittelte Kon-
takttiefe bzw. Kontaktfläche für Härte und E-Modul ergeben, sind in den
Abschnitten 2.5.1 und 2.5.2 dargestellt worden.
190
Anhang D
Zugversuche an Sn-Loten
D.1 Problembeschreibung
Um den neueren Anforderungen im Hinblick auf die Entsorgung und Wie-
derverwendung von Elektronikschrott [2][1][3] gerecht zu werden, müssen in
elektronischen Bauteilen die Lotverbindungen bleifrei ausgeführt werden.
Um mit diesen zukünftigen Materialien bedarfsgerecht konstruieren zu
können, werden ihre mechanischen Kenndaten benötigt. Diese Kenngrößen
können in elastische bzw. plastische sowie zeitabhängige bzw. zeitunabhängi-
ge Größen unterteilt werden. Ein Ziel der im Rahmen des BMBF-Projektes
LIVE an der FH Augsburg und am LKM1vom Autor von [42] durchgeführten
Zugversuche war die Ermittlung zeitunabhängiger elastischer und plastischer
Materialparameter bleifreier Lote unterschiedlicher Zusammensetzung. Die in
dem Projekt ermittelten Messwerte sind zum Teil bereits in [42] ausgewertet
worden. Dort finden sich auch weitere Angaben zu den mechanischen Eigen-
schaften bzw. dem Herstellungsprozess der Proben. In dieser Arbeit werden
die Messdaten noch einmal kritisch betrachtet und mit einer alternativen
Vorgehensweise ausgewertet.
Die Rohdaten solcher Versuche umfassen die einander zugeordneten Grö-
ßen Zeit, Kraft und ein kalibriertes Spannungssignal, das proportional zur
Wegänderung bzw. zur Dehnung ist. All diese Größen sind am Beginn des
eigentlichen Versuches nicht unbedingt gleich Null. So beginnt der Zugver-
such mit einer Ruhephase, danach beschleunigt der pneumatische Antrieb
auf Sollgeschwindigkeit. In der Ruhephase wird im Allgemeinen bereits eine
elektrische Spannung gemessen, die auf eine Dehnung ungleich Null hinweist.
Entsprechendes gilt für die Kraft. Beide Größen beinhalten Fehler, die zum
einen von der Messeinrichtung und zum anderen durch Abweichungen und
1Lehrstuhl Kontinuumsmechanik und Materialtheorie (LKM ) der TU Berlin
191
D Zugversuche an Sn-Loten
Deformationen während des Einbaus der Probe verursacht werden und aus
denen deswegen eine korrekturbedürftige Nullpunktsverschiebung herrührt.
Die zu ermittelnden Parameter würden verfälscht, da die anzupassende Ma-
terialvorschrift zwangsläufig für die Verzerrung Null auch die Spannung Null
aufweist.
Aus den gemessenen Rohdaten können durch geeignete, weiter unten noch
zu beschreibende Verfahren, Spannungs-Dehnungs-Verläufe abgeleitet wer-
den. Diese müssen, um aus ihnen Kennwerte zu gewinnen, mit einem ge-
eigneten Materialmodell bzw. einer geeigneten Materialvorschrift assoziiert
werden.
Zwischen der gemessenen Referenzfunktion und der mittels der Materi-
alvorschrift gebildeten Funktion ergibt sich eine Differenz. Aus dieser Dif-
ferenz wird die Zielfunktion gebildet. Das durch ein Optimierungsverfahren
gefundene (lokale) Minimum der Zielfunktion, das Optimum, stellt ein Mate-
rialparametertupel dar, das eine mögliche Lösung des noch zu erläuternden
Identifikationsprozesses ist. Das gefundene Tupel und die sich damit ergeben-
de Differenz zur Referenzfunktion müssen bewertet und mit möglicherweise
weiteren auffindbaren (lokalen) Minima verglichen werden.
Abbildung D.1: MTS Tytron 250
Die MTS-Zugmaschine (vgl. Abb. D.1) ermöglicht weg- bzw. geschwindig-
keitsgesteuerte Zugversuche an Miniaturproben. Die größte von der Messdose
aufnehmbare Kraft beträgt 250 N, [52]. Der Fehler wird seitens des Herstel-
lers zu 0,05% angegeben. Diese Angabe ist auf die chste messbare Kraft
von 250 N zu beziehen: 250 N ·0,05% = 0,125 N. Die Geschwindigkeit kann
zwischen 0,3·106mm
sund 5,0·102mm
svariiert werden. Um auszuschlie-
192
D Zugversuche an Sn-Loten
ßen, dass Kriecheffekte einen Einfluss auf das Messergebnis haben, muss die
Verformungsgeschwindigkeit hinreichend hoch gewählt werden. Die Verfor-
mungsgeschwindigkeit muss nach oben hin allerdings auch begrenzt werden,
da der Einfluss viskoelastischer Effekte prinzipiell mit zunehmender Verfor-
mungsgeschwindigkeit ˙εzunimmt. Abb. D.2 illustriert den Verlauf der Span-
nungs-Dehnungs-Linie für das viskoelastische Materialgesetz σ=E(ε+τ˙ε).
Identifizierte man die Materialparameter eines solchen viskoelastischen Ma-
terials mit einem zeitunabhängigen Gesetz, so beschrieben die gefundenen
Parameter mit steigender Verformungsgeschwindigkeit nicht mehr die Situa-
tion des Versuchs.
ε
σ
˙ε1
˙ε2>˙ε1
˙ε3>˙ε2
Abbildung D.2: Viskoelastisches Material bei unterschiedlichen Verzerrungsge-
schwindigkeiten ˙ε
Voraussetzung zur Bestimmung der viskosen Materialeigenschaften wären
Versuche mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Diese Eigenschaften konnten
im Rahmen der Versuchsreihen, insbesondere wegen der begrenzten Anzahl
verfügbarer Proben nicht bestimmt werden. Es wurden Miniaturzugversuche
und Kriechversuche unter konstanter Last durchgeführt. Durch die geeig-
nete Wahl der Verformungsgeschwindigkeit lassen sich aus dem Zugversuch
die zeitunabhängigen und aus dem Kriechversuch die zeitabhängigen Größen
ermitteln, ohne dass eine wechselseitige Beeinflussung vorliegt. Neben den
Zugversuchen mit relativ hohen Verformungsgeschwindigkeiten wurden Ver-
suche mit langen Belastungsphasen unter konstanter Spannung durchgeführt,
um die Materialparameter des Sekundärkriechens zu ermitteln.
Im Rahmen des LIVE-Projektes2sind sechs bleifreie Zinn-Silber-Kupfer-
Legierungen, eine Zinn-Silber-Legierung und eine Zinn-Probe vom Fachbe-
reich Elektrotechnik der FH Augsburg gegossen worden. Diese Legierungen
2Siehe dazu auch [42]
193
D Zugversuche an Sn-Loten
wurden bei 170C 110 Minuten getempert. Die Proben bestehen im Wesent-
lichen aus Zinn mit kleinen Beimengungen von Silber oder Kupfer. Es wird
die [23] folgende Nomenklatur zugrunde gelegt: Die Komponenten werden
ihrem Anteil nach abfallend geordnet, wobei hinter den Beimengungen eine
Zahl angegeben wird, die den Anteil der Komponente in Massenprozenten
repräsentiert.
Abbildung D.3: Zusammensetzung der durchgeführten Zugversuche; nach [42]
mit modifizierten ausgewerteten Zusammensetzungen
Abb. D.3 zeigt ein Phasendiagramm, in dem zu jeder Zusammensetzung
der ternären Mischung der Erstarrungspunkt angegeben ist. Die Zusammen-
setzung bei minimaler Schmelztemperatur wird als Eutektikum bezeichnet.
Die untersuchten Mischungen, deren Lage im Diagramm jeweils durch einen
Punkt repräsentiert wird, haben eine Zusammensetzung nahe am eutekti-
schen Punkt. Zum Vergleich sind die eutektischen Punkte einiger bleifreier
Lote nachfolgend tabelliert, [14].
Material SnAg3,5 SnAg3,8Cu0,7 SnCu0,9
Schmelzpunkt [C]220,3 216,9 226,8
Tabelle D.1: Eutektische Punkte ausgewählter bleifreier Lote
Die Proben tragen entsprechend der oben erläuterten Nomenklatur die
folgenden Bezeichungen: SnAg4Cu1,2, SnAg4Cu0,5, SnAg3Cu0,9, SnAg3,5,
194
D Zugversuche an Sn-Loten
SnAg2Cu1,2, SnAg2Cu0,5, Sn und SnAg3Cu0,5 und sind in Abb. D.3 einge-
tragen. Ein Ziel der Versuche war die Gewinnung der zu den Proben zuge-
hörigen mechanischen Materialparameter.
D.2 Analysemethode
Zuerst soll der Einfluss des Kriechens auf die aus den Messgrößen Kraft
und Verschiebung abgeleiteten Größen bestimmt werden. Dazu werden die
auftretenden Verzerrungen betrachtet. Die Gesamtverzerrung εsst sich wie
folgt darstellen:
ε=εel +εpl +εcr.(D.1)
Die konventionelle (oder infinitesimale) Dehnung ˜εist mit den im Versuch
gemessenen Größen l0für die Ausgangslänge und lbzw. lfür die aktuelle
Länge verknüpft:
˜ε=l
l0
=ll0
l0
.(D.2)
Die Längenänderung kann auch auf die aktuelle Länge anstelle der Aus-
gangslänge bezogen werden. Zwischen dieser Größe ε, die als natürliche oder
logarithmische Dehnung bezeichnet wird, und der auf die Ausgangslänge be-
zogenen konventionellen Verzerrungsgröße ˜εbesteht die Beziehung, [37],
ε=
l
Z
l0
d¯
l
¯
l= ln l
l0
= ln (1 + ˜ε),bzw. (D.3)
˜ε= exp (ε)1.(D.4)
Der Beziehung (D.3) kann entnommen werden, dass ε˜εist, falls k˜εk 1
ist. Diese Voraussetzung der kleinen Verzerrungen ist hier gegeben, da der
später für die Bestimmung der Materialparameter betrachtete Bereich auf
Dehnungen ˜ε0,5% beschränkt wird. Die Beschränkung des für die Iden-
tifikation zu berücksichtigenden Bereiches ergibt sich aus konkurrierenden
Zielen wie folgt:
Die zu ermittelnden Parameter müssen mindestens für die im steren
Gebrauch auftretenden Beanspruchungen gültig sein. Für die betrachteten
Legierungen wird keine ausgeprägte Fließgrenze erwartet. Deshalb wird die
übliche 0,2%-Dehngrenze [60] verwendet. Bei plastischen Dehnungen εpl, die
195
D Zugversuche an Sn-Loten
größer als 0,2% sind, wird in der Spannungs-Dehnungs-Linie erfahrungsge-
mäß eine deutliche Verringerung der Steigung beobachtet, was einem Steifig-
keitsverlust entspricht. Im Gebrauchsfall sollten so große Verzerrungen nicht
auftreten. Um möglichst viele Messpunkte mit geringem relativen Fehler mit
in die Beobachtung aufzunehmen, muss der Bereich der berücksichtigten Deh-
nung ausreichend groß gewählt werden.
Zur Erzielung einer möglichst guten Abbildung der gemessenen (fehler-
behafteten) Daten durch die Parameter der Materialvorschrift sollte der be-
rücksichtigte Bereich lediglich den technisch relevanten abdecken. Die Be-
schränkung auf ˜ε0,5% stellt also einen Kompromiss dar, um die wider-
sprüchlichen Forderungen zu befriedigen. Infolge dieser Einschränkung wäre
es nicht mehr nötig, zwischen den beiden Größen ˜εund εzu unterschei-
den. Für die Untersuchung des Einflusses des Kriechens auf die Verzerrun-
gen wird die Unterscheidung zwischen den beiden Verzerrungsmaßen und den
unterschiedlichen Spannungen aufgegeben. In den Gleichungen für den wei-
ter unten beschriebenen Algorithmus zur Identifikation der zeitunabhängigen
Materialeigenschaften jedoch wird der Unterschied berücksichtigt, um einen
späteren universellen Einsatz zu ermöglichen.
Für die elastisch-plastischen Eigenschaften wird eine Materialvorschrift
benötigt, die das Verhalten eines Materials ohne ausgeprägte Fließgrenze
möglichst gut abbilden kann. Es wird der nach Ramberg-Osgood benann-
te Ansatz verwendet. Dieser Ansatz ist eine empirische Beziehung zwischen
der Größe εund der auf den aktuellen Querschnitt bezogenen (wahren) Span-
nung σ. Diese Spannung σhängt mit der auf die Referenzfläche bezogenen
Spannung σgemäß σ=σ(1 + ˜ε)zusammen. Analog gilt hier σ˜σ, falls
k˜εk 1ist. Es wird ein wie in Abschnitt 3.2.4 beschriebener Ansatz nach
Ramberg-Osgood verwendet, da die zu betrachtenden Legierungen erfah-
rungsgemäß keine ausgezeichnete Fließgrenze aufweisen:
ε=εel +εpl mit εel =σ
Eund εpl =σ
Dm
.(D.5)
Zusätzlich zu den zeitunabhängigen Beziehungen wird auch noch ein empi-
risch begründeter Zusammenhang für die Beschreibung des Kriechens, also
eines zeitabhängigen Verhaltens gewählt, [63]:
˙εcr =C1(sinh (C2σ))C3eC4
T(D.6)
Dieser Ansatz enthält die multiplikativ verknüpften Anteile ˆ
C1(sinh (C2σ))C3
nach Garofalo und den temperaturabhängigen Term ˇ
C1eC4
Tnach Arrhe-
nius mit der Konstanten C1=ˆ
C1ˇ
C1. Nach Ableiten der Gleichung (D.5)
196
D Zugversuche an Sn-Loten
nach der Zeit können die Dehnungsinkremente
˙ε= ˙εel + ˙εpl + ˙εcr,(D.7)
˙εel =˙σ
E,(D.8)
˙εpl =m1Dm˙σ, (D.9)
substituiert und die sich ergebende Gleichung nach ˙σaufgelöst werden:
˙σ=˙εC1(sinh (C2σ))C3eC4
T
1
E+n1Dn.(D.10)
Für eine gegebene Dehnrate kann die resultierende Differentialgleichung nu-
merisch z.B. mit dem Runge-Kutta-Verfahren gelöst werden. Mit dem
dann bekannten Verlauf der Spannung über die Zeit σ(t), lässt sich die
Kriechdehnung εcr bestimmen:
εcr = ˙εt σ
Eσ
Dm.(D.11)
Zur Abschätzung des Einflusses der Zeit auf die Messdaten, werden die
zu erwartenden Materialparameter exemplarisch gewählt und mit den in
Tabelle D.2 angegeben Werten der Anteil der Kriechdehnung an der Ge-
samtdehnung ermittelt. Die Vorschätzung der Parameter E,Dund mer-
folgt so, dass für eine vorgeschriebene Verzerrung eine größere Spannung
als im Versuch erwartet wird. Dadurch ergibt sich eine Überschätzung der
Kriechdehnung. Die Parameter der viskosen Eigenschaften sind für SnAg-
Cu nach [50] gewählt worden. Die nominelle Geschwindigkeit beträgt in
allen Versuchen 10,0mm
min = 0,167 mm
s. Bezogen auf eine Probenlänge von
7,5mm ergibt sich die vorgesehene nominelle Verzerrungsgeschwindigkeit von
˙ε= 10mm
min/7,5mm = 0,022s1. Da sich die Zugprüfanlage bei kleinen Verzer-
rungen noch in der Beschleunigungsphase befindet, ist die wirkliche Verzer-
rungsgeschwindigkeit deutlich geringer. In exemplarisch betrachteten Mess-
kurven betrug sie im Mittel ˙ε
=ε
t=1,32·102
1,08 s = 0,0122 s1. Diese niedrigere
Verzerrungsgeschwindigkeit wird als vorgegebene Größe für die Lösung von
E= 80000 N
mm2C1= 8,0·105s1
D= 110 N
mm2,C2= 0,035mm2
N
m= 3,7C3= 6,0
T= 293 K C4= 8000 K
Tabelle D.2: Exemplarische Materialparameter
197
D Zugversuche an Sn-Loten
Gl. (D.10) verwendet. Abb. D.4 beschreibt den Spannungsverlauf über die
Zeit bei vorgegebener konstanter Verzerrungsgeschwindigkeit. Der Verlauf
der Kriechdehnung ist in Abb. D.5 dargestellt und der prozentuale Anteil
der Kriechdehnung an der Gesamtdehnung ist in Abb. D.6 dargestellt.
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1
0
5
10
15
20
25
30
35
t [s]
σ [N/mm2]
Abbildung D.4: Verlauf der Spannung über die Zeit für die exemplarisch gewähl-
ten Materialparameter bei gegebener Dehnrate
Das hier betrachtete Intervall erreicht eine maximale Dehnung ε= 1,22%,
wobei der Anteil der Kriechdehnung an der Gesamtdehnung εcr
εweniger als
0,025% beträgt. Die zu erwartenden Kriecheigenschaften sind von vernach-
lässigbarem Einfluss auf die Messgrößen und liegen weit unterhalb der Mess-
fehler der Kraftmessdose und des Extensometers. Entsprechend wird ledig-
lich der Anteil aus Gl. (D.5) des Ansatzes mit in die Parameteridentifikation
aufgenommen, um nur zeitunabhängige Effekte zu berücksichtigen.
Abb. D.7 zeigt die Probe, deren Abmessungen Abb. D.8 zu entnehmen
sind, mit befestigten Messmarken. Diese „Fähnchen“ werden angebracht, um
den Strahl des Lasers zu reflektieren und darüber die ngenänderung zu
ermitteln. Da der Laserstrahl mit ca. 2 mm breiter als die Probe mit 1 mm
Durchmesser ist, trifft wie in Abb. D.9 dargestellt, ein Teil des Laserstrahls
auch die Verlängerung der Messmarke. Wenn bei Beginn des Messvorganges
die Kraft aufgebracht wird, scheint dieses zu einer kurzzeitigen Schiefstellung
der Marke zu führen, wobei die Auswirkung auf das Messergebnis durch den
längeren Hebel des „Fähnchens”, wie in Abb. D.9 dargestellt, verstärkt würde.
198
D Zugversuche an Sn-Loten
00.2 0.4 0.6 0.8 1
-0.5
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3x 10-6
t [s]
εcr [%]
Abbildung D.5: Verlauf der Kriechdehnung über die Zeit
00.2 0.4 0.6 0.8 1
-0.005
0
0.005
0.01
0.015
0.02
0.025
t [s]
εcr/ε[%]
Abbildung D.6: Anteil der Kriechdehnung an der Gesamtdehnung über die Zeit
199
D Zugversuche an Sn-Loten
Abbildung D.7: SnAg4,0Cu0,5-Probe mit befestigten Messmarken für das Ex-
tensometer
7,5
21,0
3,2
1,0
Abbildung D.8: Schematische Darstellung der Probe mit Abmessungen
l0l1
Laserstrahl
Abbildung D.9: Fehler durch Schiefstellung der Messmarke
200
D Zugversuche an Sn-Loten
-0.02 0 0.02 0.04 0.06 0.08 0.1 0.12
-1
-0.5
0
0.5
1
1.5
2
2.5
ε[%]
σ[N/mm2]
D:\Data\Sn968Ag20Cu12\T_173_C\data_011.dat
1
2
3
4
5
6
6
7
Abbildung D.10: Glättung der Rohdaten und verschobener Ursprung
Anhand Abb. D.10 können nun wie nachfolgend beschrieben aus den ge-
messenen Rohdaten l0und lidie Materialparameter ermittelt werden. Nach
Gl. (D.2) ergeben sich aus den gemessenen Längen3die nicht korrigierten,
konventionellen Dehnungen. Diese Daten können in Intervallen, deren Grö-
ße in Spannungsrichtung definiert ist, gefiltert werden, indem jedem solchem
Intervall ein arithmetisches Mittel der Spannungs- und Dehnungswerte zuge-
ordnet wird. Diesen Daten kann a priori kein Nullpunkt zugeordnet werden.
Punkt 7bezeichnet die Lage des Ursprungs, auf den sich die die originären
Messwerte beziehen. Von dem kleinsten zugeordneten Spannungswert begin-
nend mit 1wird in jedem Intervall der Spannung mit der festen Intervall-
breite 6, das Zentrum der Spannungs- und Dehnungsmesswerte 4bestimmt4.
Wenn in kleinen Intervallen genügend Messpunkte 3mit gleichverteilten Feh-
3Die wirklichen protokollierten Rohdaten sind ein Spannungspegel pro Messmarke, de-
nen mittels einer Kalibriergrößen enthaltenden Rechenvorschrift Positionsdaten zugeord-
net werden können. Aus diesen Positionsdaten werden schließlich die ngenänderungen
ermittelt.
4Diese Vorgehensweise entspricht der in [42] und ist aus Gründen der Kontinuität über-
nommen worden. Bei näherer Betrachtung ist dieses Vorgehen nicht notwendig. Es ist
zweckmäßiger die Rohdaten direkt, ohne Mittelung, für die Ermittlung der Zielfunktion
zu verwenden.
201
D Zugversuche an Sn-Loten
lerwahrscheinlichkeiten zusammenkommen, verringert sich der Einfluss der
Fehler.
In dem Intervall zwischen 1und 2wird durch Mittelwertbildung die
Nulllage für die Spannungsskala bestimmt. Der dort gefundene Mittelwert
für Spannung und Dehnung wird als Fehlerkorrektur von allen gemittelten
Messwerten abgezogen. Die so korrigierten Zentren (gekennzeichnet durch 4)
stellen die Referenzwerte der konventionellen Dehnung εRef
isowie die Refe-
renzwerte der konventionellen Spannung für die Optimierung dar. Die Kor-
rektur der Nulllage der Spannungsskala ist hiermit abgeschlossen. Für die
Nulllage der Dehnung wird unterstellt, dass sie um den Betrag (der kon-
ventionellen Dehnung) ε0verschoben ist. Punkt 5bezeichnet die Projektion
von 4auf die Spannungs-Dehnungs-Linie. Die Spannungen werden gemäß
σ= ˜σ1 + ln 1 + εRef
iauf die momentane Bezugsfläche umgerechnet, wo-
bei die Verschiebung der Skala der Dehnung um ε0, ihres geringen Einflusses
wegen, unberücksichtigt bleibt. Punkt 5bezeichnet die Projektion von 4auf
die Spannungs-Dehnungs-Linie. Der horizontale Abstand εzwischen diesen
beiden Punkten ist ˜εi(E, D, m, ε0)εRef
i. Mit ihnen wird die Zielfunktion for-
muliert:
φ(E, D, m, ε0) =
n
X
i=1 ˜εi(E, D, m, ε0)εRef
i2=
n
X
i=1
εi
2.(D.12)
Wenn man die zu optimierenden Größen als Vektor in der Form p= [E, D, m,
ε0]darstellt, dann ist dφ
dpj= 0 das hinreichende Kriterium für das Vorliegen
eines lokalen Extremums. Dieses vom Startwert abhängige lokale Extremum
wird mit einem Verfahren nach [21] und [22] iterativ bestimmt. Verfahrensbe-
dingt muss auf normierte Parameter zurückgegriffen werden. Die Normierung
ist eine lineare Transformation, welche den normierten Parameter E(bzw. D,
mund ε0) auf den wirklichen Parameter abbildet, so dass dann beispielsweise
E(E=1) = Emin und E(E= 1) = Emax gilt. Der Vektor der normierten
Größen wird im Folgenden mit ξbezeichnet. Die Parameter pin der Funktion
˜εi(p)werden mittels der linearen Transformation
pj=1
2(pj,max pj,min)ξj+1
2(pj,max +pj,min)(D.13)
normiert auf den Bereich ξi(1,1) dargestellt. Die Funktion der konven-
tionellen Dehnungen ˜εikann dann als
˜εi= ˜εiE(E), D(D), m(m), ε0(ε0)(D.14)
geschrieben werden. Der Optimierer startet an einer vorgegebenen Stelle mit
den normierten Parametern ξ0= (E0, D0, m0, ε0,0)und benötigt für jeden
202
D Zugversuche an Sn-Loten
Iterationsschritt die vektorwertige Differenz
ε= ˜εiE(E), D(D), m(m), ε0(ε0)εRef
i= ˜εi(p(ξ)) εRef
i.(D.15)
Zusätzlich wird die Jacobimatrix J=ǫi(p(ξ))
ξberechnet, welche die partiellen
Ableitungen der Differenz in Richtung aller gesuchten Parameter an jedem
Stützpunkt enthält. Da εRef
iin dem abzuleitenden Ausdruck ˜εiεRef
ikonstant
ist, reicht es die Ableitungen von ˜εizu betrachten. Die infolge einer konstant
angesetzten Verschiebung der Nulllage der Wegmesswerte um ε0korrigierte
konventionelle Verzerrung ˜εierhält man nach Einsetzen von Gl. (D.5) in Gl.
(D.4). Somit ergeben sich
˜εiε0= exp (εi)1, (D.16)
und nach Einsetzen von Gl. (D.5)
˜εi= exp σi
Dm+σi
E+ε01.(D.17)
Dann erhält man die partiellen Ableitungen
˜εi
E =d˜εi
dE
dE
dE=σi
E2exp σi
Dm+σi
EEmax Emin
2,(D.18)
˜εi
D =d˜εi
dD
dD
dD=m
Dexp σi
Dm+σi
Eσi
DmDmax Dmin
2,(D.19)
˜εi
m =d˜εi
dm
dm
dm
= exp σi
Dm+σi
Eσi
Dmln σi
Dmmax mmin
2,(D.20)
˜εi
ε0
=d˜εi
dε0
dε0
dε0
=ε0,max ε0,min
2,(D.21)
bzw. in der generalisierten Darstellung:
˜εi(p(ξ))
ξ=˜εi(p(ξ))
p
p(ξ)
ξ=˜εi(p(ξ))
p
pmax pmin
2.(D.22)
Alternativ zu der hier gewählten Vorgehensweise, die analytisch bestimmba-
re Jacobimatrix an den Optimierer zu übergeben, besteht die Möglichkeit,
lediglich die Differenz εzu übergeben. Wird die Jacobimatrix nicht überge-
ben, so werden die benötigten Ableitungen intern mittels finiter Differenzen
errechnet. Um die Jacobimatrix durch finite Differenzen zu ermitteln, ist bei
jeder Iteration eine zusätzliche Funktionsauswertung pro gesuchter Variable
notwendig, hier also vier zusätzliche. Insgesamt sind dann also fünfmal so
203
D Zugversuche an Sn-Loten
viele Funktionen für das Verfahren mit finiten Differenzen auszuwerten. Die
Zahl der benötigten Iterationen um ein qualitativ vergleichbares Ergebnis zu
erhalten, z.B. gemessen am Residuum, bleibt gleich5.
Prinzipiell sind alle gradientenbasierten Optimierer lediglich in der Lage,
ein lokales Minimum zu finden, wobei das auffindbare lokale Minimum der
Zielfunktion vom gewählten Startpunkt der Optimierung abhängen kann.
Da für die zu identifizierenden Parameter das globale und nicht irgendein
lokales Minimum gesucht wird, sind zusätzliche Betrachtungen notwendig.
Wären die partiellen Ableitungen der Zielfunktion φin alle Parameterrich-
tungen streng monoton, so wäre ein gefundenes Minimum auch gleichzeitig
das globale. Dieser Nachweis der strengen Monotonie konnte in dem hier
vorliegendem Fall nicht erbracht werden.
Daher wird ein Raster von Startwerten erzeugt, mit diesen jeweils der
Optimierer aufgerufen, und die gefundenen lokalen Minima werden nach ihren
Residuen φaufsteigend sortiert. Es werden nur die Minima betrachtet, deren
Residuen unterhalb einer Grenze φLimit liegen. Aus den gefundenen relevanten
Tupel (E, D, m, ε0)der Minima werden die extremalen Werte ermittelt, so
dass danach Intervalle
[E(Emin), E(Emax)],
[D(Dmin), D(Dmax)],
[m(mmin), m(mmax)] und
[ε0(εmin), ε0(εmax)]
angegeben werden können, die lokale Minima vergleichbarer Güte enthalten.
Eine große Spannbreite einzelner oder mehrerer Intervalle erschwert die In-
terpretation und schränkt die Brauchbarkeit des Ergebnisses ein.
D.3 Praktische Umsetzung
Da für Dmin und Dmax keine Anhaltspunkte bekannt sind, werden diese aus
anderen vorgeschätzten Größen wie folgt ermittelt: Der Term für die plasti-
schen Verzerrungen aus Gl. (D.5) wird nach Dumgestellt
D=σ(εpl)1
m.(D.23)
Unter der Annahme, dass mzwischen 3und 8liegt und die Spannungen
zwischen σ= 5 N
mm2und σ= 50 N
mm2bei εpl = 0,1% bzw. εpl = 0,2%
5Vorausgesetzt die ermittelten finiten Differenzen stimmen ausreichend gut mit den
ausgewerteten analytischen Ableitungen überein.
204
D Zugversuche an Sn-Loten
vorgeschätzt werden, kann Gl. (D.23) jetzt bei extremalen Werten für m
ausgewertet werden. Für σ= 5 N
mm2,m= 8 und εpl = 0,2% ergibt sich
D= 10,87 N
mm2und für σ= 50 N
mm2,m= 3 und εpl = 0,1% wiederum
D= 500,0N
mm2. Die Grenzen für ε0werden so angesetzt, dass der neu
zu bestimmende Nullpunkt des Koordinatensystems in dem in Abb. D.10
dargestellten Intervall zwischen den Punkten (1) und (2) zu liegen kommt,
welches die Schwankungsbreite des Weges um den Kraftnullpunkt darstellt.
Die Grenzen für die zu bestimmenden Parameter sind in Tab. D.3 dargestellt.
Minimaler Wert Maximaler Wert
E10000 N
mm210000 N
mm2
D10 N
mm2500 N
mm2
m3 8
ε0min εRef
Kraftnullpunktmax εRef
Kraftnullpunkt
Tabelle D.3: Bereich der zu bestimmenden Parameter
Im Raum der normierten Parameter wird ein äquidistantes Raster mit
drei Gitterpunkten pro Parameterrichtung erzeugt, so dass jeder Parame-
ter ξidie Werte 1,0und 1annehmen kann. Mit den so entstehenden
34= 81 Startwerten erfolgt dann jeweils ein Aufruf des Optimierers. Falls
einem Startwert kein Optimum innerhalb der Grenzen zuzuordnen ist, wer-
den die Versuchsergebnisse als nicht verwertbar verworfen. Da der Verlauf
der Zielfunktion nicht bekannt ist, stellt die Wahl des Abstandes der Git-
terpunkte einen Unsicherheitsfaktor dar. Sollten die Abstände zu groß ge-
wählt sein, wird möglicherweise ein lokales Minimum, das im ungünstigsten
Fall auch das globale ist, übersprungen. Aus Gründen der Effizienz können
die Abstände nicht beliebig klein gewählt werden, denn die Zahl der zu be-
trachtenden Startpunkte nimmt exponentiell mit der Zahl der Gitterpunkte
pro Parameterrichtung zu. Für den halben Gitterabstand entstünden bereits
54= 625 Startwerte.
Bei den hier betrachteten 62 Versuchen konnten für 12 Versuche Materi-
alparameter innerhalb der vorgegebenen Grenzen ermittelt werden. Für diese
sind die arithmetischen Mittel und die Standardabweichungen in der nach-
folgenden Tabelle angegeben. Für die verbleibenden 50 Versuche konnten
Optima innerhalb vorgegebener Grenzen nur gefunden werden, falls man die
Grenze für den E-Modul auf unrealistisch hohe Werte erhöhte. Dieser Ansatz
ist nicht weiter verfolgt worden, da die nicht auswertbaren Versuche sichtbare
205
D Zugversuche an Sn-Loten
Material Anzahl E[N/mm2]D[N/mm2]m[1] Rp 0,1[N/mm2]Rp 0,2[N/mm2]
SnAg40Cu12 2/5 33720 ±9968 128,5±42,0 5,7±1,0 35,1±3,9 39,9±5,3
SnAg40Cu05 2/12 60460±16744 99,3±11,4 4,4±1,0 19,1±5,1 22,4±5,1
SnAg35 2/6 40116 ±6929 125,9±32,2 4,6±1,2 25,3±6,9 29,5±6,9
SnAg30Cu09 0/8 −−−−−
SnAg30Cu05 3/11 48956±16682 56,7±12,4 6,7±1,0 19,4±2,0 21,6±2,3
SnAg20Cu12 2/8 59950±31320 101,0±15,1 4,4±0,5 20,8±0,3 24,3±0,0
SnAg20Cu05 1/8 21292 62,6 6,5 21,8 24,2
Sn999 0/4 −−−−−
Tabelle D.4: Ermittelte Materialparameter und Kennwerte
Anomalien in den gemessenen Spannungs-Dehnungs-Linien aufweisen. Diese
Messungen wurden deshalb als zu stark fehlerbehaftet verworfen.
D.4 Identifizierte Materialparameter und Refe-
renzwerte
Tab. D.4 zeigt in der zweiten Spalte die Anzahl der verwertbaren Versuche
und die gesamte Anzahl von Proben pro Legierung. In den nachfolgenden
Spalten sind die mit der zuvor beschriebenen Vorgehensweise ermittelten
Materialparameter E,Dund msowie die Spannungswerte für die 0,1%- und
0,2%-Dehngrenze angegeben. Für die identifizierten Parameter sind die zu-
gehörigen Spannungs-Dehnungs-Linien in Abb. D.11 dargestellt. Alle Versu-
che verwenden dieselbe nominelle Verzerrungsgeschwindigkeit ˙
˜ε= 0.022s1.
Diese stimmt nicht mit dem in [42] angegebenen Wert überein. Dort wurde
die Verzerrungsgeschwindigkeit ermittelt, in dem die Verschiebungsgeschwin-
digkeit an der Gesamtprobe auf die Grundlänge zwischen den Messmarken
bezogen wurde, während sie sich hier, gemäß EN 10002, [25], auf die gesamte
taillierte Länge bezieht, wie in Abb. D.8 dargestellt. Deswegen kommt [42]
zu Verzerrungsgeschwindigkeiten, die um ca. um den Faktor 7.5mm
5,0mm 1,5
größer sind als die hier richtig ausgewiesenen.
Nachfolgend sind die tabellierten Materialparameter und die Dehngrenzen
in Abhängigkeit von dem massenprozentualen Gehalt an Beimengungen auf-
getragen. Wie Tab. D.4 zu entnehmen, konnte für die Proben SnAg30Cu09
und Sn kein verwertbares Parametertupel gefunden werden. In den nachfol-
genden Balkendiagrammen Abb. D.12 bis D.16 sind diese Werte durch einen
Balken mit weißer Spitze repräsentiert. In Abb. D.12 sind die E-Moduln auf-
getragen.
206
D Zugversuche an Sn-Loten
00.1 0.2 0.3 0.4 0.5
0
10
20
30
40
50
ε[%]
σ[N/mm2]
Abbildung D.11: Spannungs-Dehnungs-Linien der ermittelten Materialkennwer-
te
0
10000
20000
30000
40000
50000
60000
70000
E [N/mm²]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cAg [M-%]
cCu [M-%]
Abbildung D.12: E-Moduln in Abhängigkeit der Beimengung
207
D Zugversuche an Sn-Loten
0,00
20,00
40,00
60,00
80,00
100,00
120,00
140,00
D [N/mm²]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cAg [M-%]
cCu [M-%]
Abbildung D.13: Parameter Din Abhängigkeit der Beimengung
0
1
2
3
4
5
6
7
m [1]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cAg [M-%]
cCu [M-%]
Abbildung D.14: Parameter min Abhängigkeit der Beimengung
Für die Parameter Dund mlaut Abb. D.13 bzw. D.14 kann kein Zusam-
menhang mit der Beimengung hergestellt werden.
Abb. D.15 und D.16 zeigen die Werte der 0,1%-Dehngrenze bzw. 0,2%-
Dehngrenze. Diese liegen erwartungsgemäß dicht beieinander. Die Werte für
reines Zinn liegen mit 11,5bzw. 12,5N
mm2offenbar zu niedrig, hier ist zu be-
achten, dass nur ein verwertbares Resultat vorliegt. Als Anhaltspunkt kann
hier nur die von [71] für Zinn angegebene Fließgrenze von 30 N
mm2herange-
zogen werden. Dies legt nahe, dass die ermittelten Werte für die Dehngrenze
fehlerhaft sind.
Abb. D.11 zeigt die Spannungs-Dehnungs-Kurven der Proben, bei denen
eine Identifikation innerhalb der angesetzten Grenzen der Parameter erfolg-
208
D Zugversuche an Sn-Loten
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
0,1 [N/mm²]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cAg [M-%]
cCu [M-%]
σ
Abbildung D.15: 0,1%-Dehngrenze in Abhängigkeit der Beimengung
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
0,2 [N/mm²]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cAg [M-%]
cCu [M-%]
σ
Abbildung D.16: 0,2%-Dehngrenze in Abhängigkeit der Beimengung
209
D Zugversuche an Sn-Loten
Abbildung D.17: Nicht gerissene Probe bei 120-prozentiger konventioneller Deh-
nung, in zwei um 90verdrehten Ansichten
reich war. Die Proben, die lediglich kleine Änderungen der Komposition auf-
weisen, zeigen ein stark unterschiedliches Verhalten. Der weit differierende
Verlauf ist nicht zwangsläufig der Materialkomposition zuzuordnen, sondern
eher der Eigenschaft, dass es sich wahrscheinlich um einen Einkristall (oder
wenige ähnlich ausgerichtete Kristalle) handelt. Dieses wird zumindest durch
ein typisches Verformungsverhalten der Zugproben nahegelegt, wie es in Abb.
D.17 dargestellt ist. Die Proben mit originär rundem Querschnitt verformen
sich deutlich richtungsabhängig.
D.5 Vergleich der Ergebnisse mit anderen Be-
wertungsverfahren anhand derselben Pro-
ben
Die gewonnenen Daten aus den hier untersuchten Proben sollen den in [42]
ermittelten gegenüber gestellt werden. In [42] wurden der E-Modul und die
0,2%-Dehngrenze ermittelt, indem ein Polynomansatz geeigneten Grades n
durch die intervallweise gemittelten Messdaten σgelegt wurde. Für den An-
210
D Zugversuche an Sn-Loten
satz
σ(ǫ) = n
Σ
i=0aiǫi(D.24)
ist dann das Minimum der Fehlerquadrate bestimmt worden. In der Arbeit
wurde der Grad des Polynoms so variiert, dass der Kurvenverlauf den ge-
mittelten Rohdaten möglichst gut folgt, aber noch nicht oszilliert. Mit den
angepassten Parametern des Polynomansatzes wurden dann der E-Modul
als die Steigung im Ursprung und die 0,2%-Dehngrenze durch numerische
Lösung des Nullstellenproblems gelöst. Bei solch einer Vorgehensweise wer-
den Materialkennwerte ermittelt, die stark mit dem jeweils (unterschiedlich)
gewählten Grad des Polynomansatzes variieren. Die so ermittelten Werte
beinhalten einerseits eine durch das interpretationsbedürftige Vorgehen große
Unsicherheit, andererseits aber eine größere Datenbasis verwertbarer” Ergeb-
nisse, da nicht so viele Ergebnisse zurückgewiesen werden müssen bzw. nicht
zurückgewiesen werden können. Abb. D.18 zeigt keine erkennbare Abhängig-
keit des E-Moduls von den Beimengungen. Die Werte liegen im Wesentlichen
in derselben Größenordung wie in Abb. D.12. Die in Abb. D.19 angegebe-
nen Dehngrenzen weisen keine Tendenz auf und liegen etwas niedriger als die
Werte in Abb. D.16. Insgesamt betrachtet streuen die Werte in Abb. D.19
weniger. Beiden gemeinsam ist, dass die Zusammensetzung SnAg4,0Cu1,2
den maximalen Wert aufweist.
Die eingehende Analyse aller 62 verfügbaren Messprotokolle der Versu-
che legt nahe, dass Probleme sowohl mit der Probenhalterung als auch mit
0
10000
20000
30000
40000
50000
60000
70000
E [N/mm²]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cCu [M-%]
cAg [M-%]
Abbildung D.18: Vergleichswerte nach [42] für den E-Modul Ein Abhängigkeit
der Beimengung
211
D Zugversuche an Sn-Loten
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
σ0,2 [N/mm²]
0,0 2,0 3,0 3,5 4,0
0,0
0,5
0,9
1,2
cAg [N/mm²]
cCu [N/mm²]
Abbildung D.19: Vergleichswerte nach [42] für die 0,2%-Dehngrenze in Abhän-
gigkeit der Beimengung
dem Laserextensometer vorlagen. Das schlagartige Auftreten negativer Deh-
nungen bei Zugspannungen, die ca. die Hälfte der Spannungen an der 0,2%-
Dehngrenze betragen, weisen auf mangelhafte Fixierung durch den Proben-
halter hin. Die großen Schwankungen in der Lage des Nullpunkts für den
Weg als auch die „Breite“ des Rauschens legen eine nicht ausreichende Kali-
brierung des Extensometers nahe. Analoges gilt für die Kraftmesseinrichtung
bzw. für die Steuerung. Weitergehende Betrachtungen bzw. Vergleiche erüb-
rigen sich auf Grund dieser großen Messfehler.
D.6 Kritische Betrachtung des Vorgehens
Motivation der Miniaturversuche war das Auffinden makroskopischer Materi-
alparameter. Die erheblichen Schwierigkeiten bei der Versuchsdurchführung
an den kleinen Proben und die damit einhergehenden Messfehler wurden
in Kauf genommen, um effektive Materialparameter an Proben mit kleinen
Querschnitten zu gewinnen. Da das Gefüge in der Probe von dem Tempe-
raturverlauf während der Abkühlphase abhängt, müssen alle Proben bei der
Herstellung denselben Temperaturverlauf aufweisen. Dieses ist bei der Her-
stellung berücksichtigt worden. In der Nachbetrachtung verdichten sich die
Anhaltspunkte6für eine zu grobe Kornstruktur der Probekörper, so dass die
ermittelten Kennwerte sich nur auf wenige Körner oder gar nur auf ein Korn
beziehen, deren Ausrichtung aber nicht ermittelt wurde.
6Den verfügbaren Unterlagen nach existieren keine Schliffbilder.
212
D Zugversuche an Sn-Loten
Die hier erhaltenen Ergebnisse sind „homogenisierte” Materialkennwerte
von nicht näher untersuchten Anordnungen unterschiedlicher Phasen. Aus
der nachträglichen Betrachtung heraus wäre es zusätzlich wünschenswert
gewesen, die Eigenschaft der am häufigsten vertretenden Phasen zu ermit-
teln und zusätzlich zu beschreiben, welche Phasen sich in Abhängigkeit vom
Temperaturverlauf im Abkühlungsprozess bilden. Mit diesen Daten wäre die
Berechnung effektiver Materialwerte beliebiger Probengrößen möglich, da
der Temperaturverlauf während der Abkühlung durch Simulation dargestellt
werden könnte. Zur Bestimmung der effektiven Parameter eines beliebigen
Gefüges hätte dann die Belegung der Proben mit den einzelnen Phasen die-
nen können.
Kritisch anzumerken ist, dass die verwertbaren Versuche nicht mit Mitteln
der Statistik untersucht werden können, da in den meisten Fällen nur zwei
und bei einigen Serien sogar nur ein verwertbares Ergebnis zur Verfügung
stand. Die mangelnde Anzahl schränkt die Verwertbarkeit der Resultate stark
ein, da die den Ergebnissen anhaftenden Unsicherheiten nicht quantifiziert
werden können.
Im Nachhinein müsste insbesondere die Auflösung der protokollierten
Werte erhöht werden. In dem für die Auswertung relevanten Bereich bis
0,5% Dehnung7werden die Abstände der Messpunkte auf der Dehnungsachse
immer größer, da sich die Messeinrichtung noch in der Beschleunigungspha-
se befindet und die Sollgeschwindigkeit der Verzerrung noch nicht erreicht
ist. Die geringe Auflösung steht der bereichsweisen Mittelwertbildung der
Messwerte entgegen, da bei zunehmender Verzerrung nicht genügend Werte
zur Verfügung stehen, um eventuelle Fehler so wirkungsvoll zu minimieren.
Aufgrund der geringen Auflösung ist es auch nicht möglich, eine modifizier-
te Ramberg-Osgood-Materialvorschrift zu verwenden, da die ermittelte
Fließgrenze besonders stark von Messfehlern und einer zu geringen Aufzeich-
nungsdichte beeinflusst wird.
7Unabhängig davon, dass der hinsichtlich der konstruktiven Bemessung relevante Be-
reich deutlich früher endet, muss der berücksichtigte Bereich groß genug sein, um wenigs-
tens die Umgebung der zur 0,2%-Dehngrenze gehörenden Messwerte zu erfassen.
213
D Zugversuche an Sn-Loten
214
Literaturverzeichnis
[1] Richtlinie 2002/95/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom
27. Januar 2003 zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefähr-
licher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten (RoHS). 2003.
[2] Richtlinie 2002/96/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom
27. Januar 2003 über Elektro- und Elektronik-Altgeräte (WEEE). 2003.
[3] Gesetz über das Inverkehrbringen, die cknahme und die umweltver-
trägliche Entsorgung von Elektro- und Elektronikgeräten (Elektro- und
Elektronikgerätegesetz - ElektroG). 2005.
[4] ABAQUS Version 6.6 Documentation. ABAQUS Inc, 2006.
[5] Adamowski, J.:Technique: Optical microscope, reflected light; Alu-
minium AA6013-T6. Department of Production Engineering, Ther-
moenergetics and Mathematical Models, University of Genoa, Italy, zu-
letzt geprueft am 01.10.2007.
[6] Al-Rub, R. K. A.:Prediction of micro and nanoindentation size effect
from conical or pyramidal indentation. Mechanics of Materials, 39:787–
802, 2007.
[7] Al-Rub, R. K. A. und G. Z. Voyiadjis:Analytical and experimental
determination of the material intrinsic length scale of strain gradient
plasticity theory from micro- and nano-indentation experiments. Inter-
national Journal of Plasticity, 20:1139–1182, 2004.
[8] Atkins, A. und D. Tabor:Plastic indentation in metals with cones.
13:149–164, 1965.
[9] Bader, M.:Beitrag zur Charakterisierung der Wälzbeanspruchung von
Gradientenschichten - Am Beispiel von Nitrierschichten. Dissertation.
TU Bergakademie Freiberg, 2002.
215
LITERATURVERZEICHNIS
[10] Barenblatt, G. I.:Scaling, self similarity, and intermediate asympto-
tics. Cambridge Univ. Press, 1996.
[11] Beck, J. V. und J. K. J. Arnold:Parameter Estimation in enginee-
ring and science. Wiley, 1977.
[12] Bellemare, S.,M. Dao und S. Suresh:Effects of mechanical pro-
perties and surface friction on elasto-plastic sliding contact. 2007.
[13] Bestle, D.:Analyse und Optimierung von Mehrkörpersystemen.
Springer-Verlag, 1994.
[14] Biedorf, R. und R. Schmidt:Herstellung und Untersuchung von eu-
tektischen SnAg- und SnAgCu-Lotbumps auf modifizierten Unterbump-
metallisierungen.
[15] Bishop, R. F.,R. Hill und N. F. Mott:The Theory of Inden-
tation and Hardness Tests. The Proceedings of the Physical Society,
57(321):147–159, 1945.
[16] Blau, P. J. und B. R. Lawn:Microindentation Techniques in Mate-
rials Science. American Society for Testing and Materials, 1985.
[17] Bolshakov, A.,W. C. Oliver und G. M. Pharr:Thin Films: Stres-
ses and Mechanical Properties V, edited by S. P. Baker. Mater. Res. Soc.
Proc. 356, Pittsburgh, PA, S. 675–680, 1995.
[18] Bulychev, S.,V. Alekhin,M. Shorshorov,A. Ternovskii und
G. Shnyrev:Determination of Young’s modulus according to the in-
dentation diagram. Industrial Lab, 41:1409–1412, 1975.
[19] Cheng, Y.-T. und C.-M. Cheng:Scaling, dimensional analysis, and
indentation measurements. Materials Science and Engineering Reports,
44(4-5):91–149, Aug 2004.
[20] Chollacoop, N.,M. Dao und S. Suresh:Depth-sensing instrumen-
ted indentation with dual sharp indenters. Acta Materialia, 51:3713–
3729, 2003.
[21] Coleman, T. und Y. Li:On the Convergence of Reflective Newton Me-
thods for Large-Scale Nonlinear Minimization Subject to Bounds. Ma-
thematical Programming, 67(2):189–224, 1994.
216
LITERATURVERZEICHNIS
[22] Coleman, T. und Y. Li:An Interior Trust Region Approach for Non-
linear Minimization Subject to Bounds. SIAM Journal on Optimization,
6:418–445, 1996.
[23] Deutsches Institut für Normung:DIN 1310, Zusammensetzung
von Mischphasen (Gasgemisch, Lösungen, Mischkristall); Begriffe, For-
melzeichen. 1984-02.
[24] Deutsches Institut für Normung:DIN 18800 Stahlbauten, 11.90,
korregierte Fassung. 1990.
[25] Deutsches Institut für Normung:Deutsche Fassung EN 10002-1,
Metallische Werkstoffe - Zugversuch. 2001.
[26] Deutsches Institut für Normung:DIN EN ISO 14577, Instru-
mentierte Eindringprüfung zur Bestimmung der Härte und anderer
Werkstoffparameter, Teil 1 bis 4. 2002.
[27] Deutsches Institut für Normung:DIN EN 10025, Warmgewalzte
Erzeugnisse aus Baustählen, 02.2005 bzw. 04.2005. 2005.
[28] Doerner, M. und W. Nix:A method for interpreting the data from
depth-sensing indentation instruments. Journal of Materials Research,
1(4):601–609, Jul-Aug 1986.
[29] Fiedler Optoelektronik GmbH:Laser Extensometer - Technical
Documentation. Produktinformation von MTS, 2002.
[30] Field, J. S.:Understanding the penetration resistance of modified sur-
face layers. Surface and Coatings Technology, 36(3-4):817–827, Dec
1988.
[31] Fischer-Cripps, A.:Introduction to contact mechanics. Mechanical
Engineering Series. Springer-Verlag New York, 2000.
[32] Fischer-Cripps, A.:Nanoindentation. Mechanical Engineering Series.
Springer-Verlag New York, 2002.
[33] Fritsch, F. N. und R. E. Carlson:Monotone Piecewise Cubic In-
terpolation. SIAM J. Numerical Analysis, 17:238–246, 1980.
[34] Gao, H.,Y. Huang,W. D. Nix und J. W. Hutchinson:Mechanism-
based strain gradient plasticity. Journal of the Mechanics and Physics
of Solids, 47:1239–1263, 1999.
217
LITERATURVERZEICHNIS
[35] Gao, X.-L.:New expanding cavity model for indentation hardness inclu-
ding strain-hardening and indentation size effects. Journal of Materials
Research, 21(5):1317–1326, May 2006.
[36] Goldberg, D.:Genetic Algorithms in Search, Optimization and Ma-
chine Learning. Addison-Wesley Professional, Jan 1989.
[37] Gross, D.,W. Hauger und P. Wriggers:Hydromechanik, Elemen-
te der Höheren Mechanik, Numerische Methoden. Springer-Lehrbuch,
2002, 4. Aufl.
[38] Görtler, H.:Dimensionsanalyse: Theorie de physikalischen Dimensio-
nen mit Anwendungen. Ingenieurwissenschaftliche Bibliothek. Springer
Verlag, 1975.
[39] Hainsworth, S. V.,H. W. Chandler und T. F. Page:Analyses of
nanoindentation load-displacement loading curves. Journal of Materials
Research, 11(8):1987–1995, Aug 1996.
[40] Hay, J.,A. Bolshakov und G. Pharr:A critical examination of
the fundamental relations used in the analysis of nanoindentation data.
Journal of Materials Research, 14(6):2296–2305, Jun 1999.
[41] Hill, R.:The mathematical theory of plasticity. Nachdruck 1986. Ox-
ford University Press, 1950.
[42] Häse, A.:Miniaturmessverfahren zur Bestimmung mechanischer Kenn-
werte von Lotwerkstoffen aus der Mikroelektronik. Dissertation. TU Ber-
lin, D 83, 2006.
[43] Huber, N.:Anwendung Neuronaler Netze bei nichtlinearen Problemen
der Mechanik. Habilitation. Forschungszentrum Karlsruhe GmbH, 2000.
[44] Johnson, K. L.:Contact mechanics. Korregierter Nachdruck der 1.
Auflage. Cambridge University Press, 1985.
[45] Joslin, D. L. und W. C. Oliver:A new method for analyzing data
from continuous depth-sensing microindentation tests. Journal of Ma-
terials Research, 5(1):123–126, 1990.
[46] Kannengiesser, T. und P. Xu:Abschlußbericht: Parameterstudie
zur Prozesssicherheit beim Laser-, MAG und Widerstandspunktschwei-
ßen von galvanisch mit reinem Aluminium beschichteten Stahlfeinble-
chen. Aktenzeichen VH5613. Bundesanstalt für Materialforschung und
-prüfung (BAM), 2006.
218
LITERATURVERZEICHNIS
[47] Kirkpatrick, S.,C. D. Gelatt und M. P. Vecchi:Optimization
by Simulated Annealing. Science, 220(4598):671–680, 1983.
[48] Lord, J.,M. Loveday,M. Rides und I. McEnteggart:Computer
Controlled Tensile Testing Machines: Validation of European Standard
EN 10002-1; WP2 Final Report: Digital Tensile Software Evaluation.
2005.
[49] Mahnken, R.:Theoretische und numerische Aspekte zur Parameteri-
dentifikation und Modellierung bei metallischen Werkstoffen. Habilita-
tion. Universität Hannover, 1996.
[50] Meuwissen, M.,E. Veninga,M. Tijdink und M. Meijerink:Com-
puter Assisted Design Study of a Low-Cost Pressure Sensor. S. 516–523,
2005.
[51] Meyer, E.:Untersuchungen über Härteprüfung und Härte. Z. Ver.
Deutsche Ing., 52:645–654, 1908.
[52] MTS Systems Corporation:Tytron 250 Microforce Testing System.
Produktinformation von MTS, 1998.
[53] Muliana, A.,R. Steward,R. M. Haj-Ali und A. Saxena:Arti-
ficial Neural Network and Finite Element Modeling of Nanoindentation
Tests. Metallurgical and Materials, 33a(9):1939–1947, Jul 2002.
[54] Pawlowski, J.:Die Ähnlichkeitstheorie in der physikalisch-technischen
Forschung; Grundlagen und Anwendung. Springer Verlag Berlin, 1971.
[55] Pharr, G. und W. Oliver:Measurement of hardness and elastic mo-
dulus by instrumented indentation: Advances in understanding and refi-
nement to methodology. Journal of Materials Research, 19(1):3–20, Jan
2004.
[56] Pharr, G. und W. Oliver:An improved technique for determining
hardness and elastic modulus using load and displacement sensing in-
dentation experiments. Journal of Materials Research, 7(6):1564–1583,
June 1992.
[57] Pharr, G.,W. Oliver und F. Brotzen:On the generality of the
relationship among contact stiffness, contact area, and elastic modulus
during indentation. Journal of Materials Research, 7(3):613–617, Mar
1992.
219
LITERATURVERZEICHNIS
[58] Pharr, G. M. und A. Bolshakov:Understanding nanoindentation
unloading curves. Journal of Materials Research, 17(10):2660–2671, Oct
2002.
[59] Sedov, L. I.:Similarity and Dimensional Methods in Mechanics. 2.
Auflage. Academic Press Inc., 1961.
[60] Shackelford, J. F.:Werkstofftechnologie für Ingenieure; Grundlagen
- Prozesse - Anwendungen. 6., überarbeitete Auflage. Pearson Studium,
2005.
[61] Shorshorov, M. K.,S. I. Bulychev und V. P. Alekhin:Work
of plastic and elastic deformation during indenter indentation. Soviet
Physika Doklady, 26:769–771, 1981.
[62] Shorshorov, M. K.,A. Ternovskii und G. Shnyrev:Work of pla-
stic and elastic strains during indenter impression. Doklady Akademia
Nauk SSSR, 259(4):839–842, 1981.
[63] Skrzypek, J. J.:Plasticity and Creep. CRC Press, Inc., 2000. (über-
setzt von Richard B. Hetnarski).
[64] Sneddon, I. N.:The relation between load and penetration in the axi-
symmetric Boussinesq problem for a punch of arbitrary profile. Interna-
tional Journal of Engineering Science, 3(1):47–57, May 1965.
[65] Sun, Y.,S. Zheng,T. Bell und J. Smith:Indenter Tip Radius and
Load Frame Compliance Calibration using Nanoindentation Load Cur-
ves. Philosophica Magazine Letter, 79(9):649–658, Jan 1999.
[66] Suresh, S. und A. Giannakopoulos:A new method for estimating
residual stresses by instrumented sharp indentation. Acta Materialia,
46(13):5755–5767, 9 October 1998.
[67] Szabó, I.:Höhere Technische Mechanik. Springer-Verlag, 1964, 4. Aufl.
[68] Tabor, D.:A simple theory of static and dynamic hardness. 192:247–
252, 1948.
[69] Tabor, D.:The Hardness of Metals. Oxford At The Clarendon Press,
1951.
[70] Tyulyukovskiy, E.:Identifikation von mechanischen Eigenschaften
metallischer Werkstoffe mit dem Eindringversuch. Dissertation. Institut
für Materialforschung, Forschungszentrum Karlsruhe GmbH, 2005.
220
LITERATURVERZEICHNIS
[71] Ubachs, R.,P. Schreurs und M. Geers:Microstructural behaviour
of solder joints. XXI ICTAM, 15-21 August 2004, Warsaw. Poland.
[72] Wang, G. und Z. Dong:An Extension to Design of Experiment for
Design Optimization with Implicit Parametric Models and Virtual Pro-
totypes. IEEE International Conference on Systems, Man, and Cyber-
netics, 1998., 4:3977–3982, Oct 1998.
[73] Wang, L.,S. Shan und G. Wang:Mode-pursuing sampling method
for global optimization on expensive black-box functions. Engineering
Optimization, 36(4):419–438, Aug 2004.
[74] http://www.microstartech.com/nanoindenters.pdf, zuletzt geprüft
am: 27.04.2007.
221