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MODUS-COVID Bericht vom 03.09.2021
Sebastian Alexander Müller1, William Charlton1, Natasa Djurdjevac Conrad2, Ricardo
Ewert1, Christian Rakow1, Hanna Wulkow2, Tim Conrad2, Christof Schütte2, Kai Nagel1
1Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik (“VSP”), TU Berlin
2Zuse-Inst. Berlin (“ZIB”)
Available via TU Berlin repository: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-12336
Date of this version: 03-september-2021
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Website: https://covid-sim.info
Bericht an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vom
03.09.2021:
Zusammenfassung
In Ergänzung zum letzten Bericht untersuchen wir mögliche Maßnahmen für den Herbst.
Ausgangspunkt ist dabei, dass unser Modell für den Herbst unter bestimmten Voraussetzungen
eine schnell ansteigende Infektionsdynamik vorhersagt, gefolgt von schnell ansteigenden
Krankenhauszahlen. Falls ein solcher Fall auftritt, sollten zeitnah erforderliche Gegenmaßnahmen
eingeleitet werden, um eine Überlastung der Krankenhäuser bzw. des Gesundheitssystems zu
verhindern. Wir untersuchen dafür insbesondere Maßnahmen, die auf verschiedenen
Teststrategien beruhen, da diese Maßnahmen vergleichsweise geringe Einschränkungen bzw.
Belastungen der Bevölkerung verursachen. Wesentliche Resultate sind:
Eine wirksame Teststrategie für den Herbst 2021 muss die Geimpften/Genesenen mit
einbeziehen, da diese, auch wenn sie nur selten schwere Verläufe zeigen, trotzdem an der
Übertragung des Virus beteiligt sind.
Eine solche Teststrategie muss, damit sie entsprechende Wirkung zeigt, signifikant
ausgebaut werden - im Vergleich zur bisherigen Praxis. Laut unseren Simulationen
wäre ein Umstieg von Antigen-Tests auf PCR-Tests nötig und eine Erhöhung der Frequenz
auf mindestens drei Tests pro Woche aller Personen mit aushäusigen Aktivitäten.
Es hängt an eher kleinen Details, ob in der Simulation eine kritische Situation in den
Krankenhäusern auftritt oder nicht. Maßnahmen, die dabei helfen, die Infektionsdynamik
ausreichend zu bremsen, um die kritische Situation zu vermeiden, sind:
1. Weiterhin Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr und im Einzelhandel.
2. 2G (Geimpft oder Genesen) statt 3G (Geimpft, Genesen oder Getestet) in Innenräumen mit
hohen Personendichten.
3. Einbeziehung auch der Geimpften/Genesenen in die Teststrategie, also dringende
Empfehlung regelmäßiger Schnelltests vor dem Betreten von Innenräumen mit hoher
Personendichte, auch vor der Arbeit, vor privaten Besuchen, vor Restaurantbesuchen etc.,
vor der Schule. Falls möglich, auch die Möglichkeit der genaueren PCR-Tests schaffen.
Punkt 3 stellt die Entscheidung, die Tests zum Herbst hin kostenpflichtig zu machen, in Frage. Im
Sinne der Infektionsreduktion wäre es zielführender, sie für bestimmte Szenarien kostenfrei zu
lassen, und auf die Geimpften/Genesenen auszudehnen.
1
Aktuelle Zahlen und Vergleich mit dem Ausland
Nach sehr niedrigen 7-Tage Inzidenzen zu Beginn des Sommers - mit einem Minimum Anfang Juli
- steigt dieser Indikator seit Mitte Juli prozentual gesehen wieder stärker an. Seit etwa einer Woche
hat sich dieser Trend zwar etwas abgeschwächt, die Inzidenz steigt aber weiterhin an. Ein
Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigt auch dort einen sehr ähnlichen Anstieg der
Fallzahlen ab Anfang Juli. Im Gegensatz zu Deutschland konnte in vielen dieser Länder, z.B.
Griechenland, den Niederlanden oder Spanien dieser Trend aber mittlerweile wieder gestoppt
(siehe Abb. 1).
Abbildung 1: Tägliche neue bestätigte Fälle von Corona-Infektionen pro einer Million Einwohner.
Quelle: Our World in Data1
Beim genaueren Betrachten dieser Länder fällt auf, dass jeweils länderspezifische Maßnahmen zu
diesen Effekten geführt haben.
Beispiel Niederlande (pink): Nach der Aufhebung fast aller Corona-Maßnahmen Ende Juni
stieg die Zahl der Neuinfektionen explosionsartig an. Die Regierung ließ daraufhin erneut
Diskotheken und Bars schließen und verbot Festivals und Partys. Effekt: die
Infektionszahlen sanken wieder.
1
https://ourworldindata.org/explorers/coronavirus-data-explorer?yScale=log&zoomToSelection=true&time=20
21-05-31..latest&facet=none&pickerSort=desc&pickerMetric=new_cases_smoothed_per_million&Metric=Con
firmed+cases&Interval=7-day+rolling+average&Relative+to+Population=true&Align+outbreaks=false&count
ry=DEU~FRA~ITA~NLD~GRC
2
Beispiel Griechenland (türkis): Nach stark steigenden Infektionszahlen entschied sich auch
hier die Regierung ab Anfang Juli für neue Schutzmaßnahmen - so wurde etwa ein
Tanzverbot in Bars angeordnet und Besucher dürfen sich nur noch sitzend und in kleineren
Gruppen dort aufhalten. Effekt: die Infektionszahlen stabilisieren sich.
Beispiel Frankreich (schwarz): Auch Frankreich hat nach der Aufhebung vieler
Corona-bedingten Restriktionen ab Mitte Juni einen starken Anstieg der Fallzahlen erlebt.
Mitte Juli kündigte die Regierung an, für ungeimpfte Bürger würden bald wieder starke
Einschränkungen gelten und führte einen sog. Gesundheitspass ein. Innerhalb weniger
Wochen ließen sich daraufhin mehr als 10 Millionen Franzosen impfen und die Anzahl der
durchgeführten Corona-Tests stieg deutlich an. Im Ergebnis stabilisierten sich die
Fallzahlen und sanken zuletzt deutlich.
Unser Modell
In früheren Berichten hatten wir gezeigt, dass unser Modell eine 4. Welle für den Herbst
prognostiziert, welche insbesondere durch einen saisonalen Effekt (also das Verlegen von Treffen
in Innenräume) zu erklären ist. Dass das exponentielle Wachstum nun bereits früher (also in der
warmen Jahreszeit) eingesetzt hat, ist laut unserem Modell mit dem Reiseverkehr in der Ferienzeit
zu erklären. Die Daten des RKI zeigen deutlich, dass ein signifikanter Teil der Infektionen in dieser
Zeit im Ausland stattgefunden hat. Zwar hat sich auch im Sommer 2020 ein größerer Teil der
Reisenden im Urlaub infiziert, jedoch ist davon auszugehen, dass der Effekt der
Reiserückehrenden auf die Dynamik hierzulande in diesem Jahr größer ist. Wir gehen davon aus,
dass dies auf die Delta-Variante zurückzuführen ist. Laut unserem Modell hat dieser Eintrag von
außen wesentlich dazu beigetragen, dass die Delta Variante bereits Ende Juni in Deutschland
dominant wurde und damit aufgrund der hohen Ansteckbarkeit dieser Variante das exponentielle
Wachstum eingesetzt hat.
Simulationsergebnisse
Laut unseren Simulationen kann es sein, dass es unter bestimmten ungünstigen Umständen trotz
Impfungen nochmals zu einer Überlastung der Krankenhäuser kommen wird. Dies kann
passieren, weil auch Geimpfte/Genesene (GG) an der Übertragung des Virus beteiligt sind (vgl.
z.B. “REACT Study” 2021), dadurch eine explosive Dynamik entsteht, und alle dadurch
ausgelösten schweren Verläufe, hauptsächlich bei den Nicht-Geimpften/Genesenen (NGG),
nahezu gleichzeitig ins Krankenhaus müssen.
Wir können nicht vorhersagen, ob diese Situation eintreffen wird. Um eine frühzeitige Erkennung
zu gewährleisten, empfehlen wir insbesondere die Krankenhaus-Inzidenz sowie deren
Belegungsquote konsequent zu beobachten und - wenn erforderlich - zeitnah Maßnahmen zu
ergreifen. Wir haben mit unserem Modell untersucht, ob es Kombinationen von Einschränkungen
nur für NGG mit Teststrategien (für NGG oder für alle) gibt, die dann das Wachstum in der
Infektionsdynamik signifikant reduzieren könnten. Dies ist insbesondere wichtig, da laut unserer
Simulation in den nächsten Monaten ein R-Wert von bis zu 1,8 erreicht werden könnte. Wichtige
Resultate dieser Simulationen sind (vgl. Tabelle 1):
A. Den Ausschluss von Ungeimpften (also ein 2G Szenario) bei 50% aller Freizeitaktivitäten
senkt den R-Wert (nur) um 0,2, also bei weitem nicht ausreichend für die betrachtete
Situation.2
2Wir rechnen hier mit 2G nur für 50% aller Freizeitaktivitäten, weil ca. 50% der Freizeitaktivitäten z.B. private
Besuche sind, wo die 2G-Regel nicht greift. Im Modell gehen wir davon aus, dass diese Freizeitaktivitäten
für Ungeimpfte dann wegfallen; diese Annahme ist bzgl. der infektionsreduzierenden Wirkung optimistisch,
da damit zu rechnen ist, dass ein Teil der Aktivitäten in private Räume verlegt wird.
3
B. Wenn Ungeimpfte vor 60% aller Freizeitaktivitäten einen PCR-Test machen (also 3G mit
PCR- statt dem derzeit üblichen Antigen-Test), dann sinkt der R-Wert (nur) um 0,1 -
wiederum bei weitem nicht ausreichend für die betrachtete Situation.
C. Selbst wenn Ungeimpfte vor 60% aller Freizeit-, Schul- oder Arbeitsaktivitäten einen
PCR-Test machen würden, sinkt der R-Wert nur um 0,2 - abermals bei weitem nicht
3
ausreichend für die betrachtete Situation.
D. Auch die Kombination von 2G und stark ausgeweitetem Testen von Ungeimpften bringt
4
keine weitere Absenkung des R-Wertes.
Insgesamt führt keine von uns für machbar gehaltene Strategie zu einer deutlichen
Absenkung des R-Wertes, solange die Strategie nur die Ungeimpften betrifft.
Wenn man allerdings die bereits Geimpften/Genesenen in die Teststrategie miteinbezieht (auch in
die derzeit laufenden Teststrategien, also in Berlin 2x Antigen-Schnelltests/Woche vor Schule und
(geschätzt) 1 Antigen-Schnelltest/Woche vor Arbeit), dann finden wir:
E. Wenn alle Personen vor 60% aller Freizeit-Aktivitäten einen PCR-Test machen, dann sinkt
der R-Wert um 0,9 - dies würde reichen, um das Wachstum der Infektionen zu stoppen.
F. Wenn alle Personen vor nur 20% aller Freizeit-Aktivitäten einen PCR-Test machen, dann
benötigt man zusätzliche PCR-Tests 3x/Woche vor Schule und Arbeit für die gleiche
Absenkung.
G. Zusätzliche Nicht-Zulassung von Ungeimpften (2G) bei 50% aller Freizeitaktivitäten (und
Wegfall dieser Freizeitaktivitäten) senkt den R-Wert nochmals weiter um ca. 0,1 ab.
Insgesamt lässt sich zusammenfassend sagen:
Nicht-Zulassung von Ungeimpften (2G) bei 50% aller Freizeitaktivitäten hat eine
Wirkung, aber sie ist bei weitem nicht ausreichend, um bei schnell ansteigenden
Infektionszahlen eine Überlastung der Krankenhäuser abzuwenden.
Es ist möglich, den Anstieg nur mit einer Teststrategie zu bremsen, aber sie muss (1)
weitreichend sein, und (2) die Geimpften einbeziehen, da auch diese das Virus
übertragen können.
Mit “weitreichend” ist gemeint: PCR-Tests statt Antigen-Tests sowie eine Frequenz von 2-3 Tests
pro (mobilem) Einwohner pro Woche.
Offensichtlich ist eine mögliche Alternative zu einer solchen sehr ausgeweiteten Teststrategie eine
erneute Einführung von Kontaktbeschränkungen. Diese geschehen als Reaktion auf genügend
viele schwere Verläufe teilweise freiwillig. Wir haben diesen Effekt aus den Daten der
Vergangenheit quantifiziert, sind aber unsicher, ob die in einer Bevölkerung von Ungeimpften
diesbezüglich auftretende Vorsicht auch für Geimpfte gelten wird. In unseren Simulationen ist
erkennbar, dass bereits kleine Veränderungen im Verhalten der Bevölkerung die sich zur Zeit
aufbauende Welle weit genug “strecken” könnten, so dass die Krankenhausfälle nacheinander
statt gleichzeitig auftreten. Damit würde die auftretende Belastung des Gesundheitssystems
beherrschbar bleiben. Solche “kleinen” Maßnahmen sind:
1. Weiterhin Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr und im Einzelhandel.
2. 2G statt 3G in Innenräumen mit hohen Personendichten.
3. Einbeziehung auch der Geimpften/Genesenen in die Teststrategie, also dringende
Empfehlung regelmäßiger Schnelltests vor dem Betreten von Innenräumen mit hoher
4Umsetzung in der Simulation: 50% der Freizeitaktivitäten fallen bei Ungeimpften weg; bei 60% der
verbleibenden Freizeitaktivitäten muss ein gültiger PCR-Test vorliegen. Bei 60% der Schul- oder
Arbeitsaktivitäten muss ein gültiger PCR-Test vorliegen.
3“Tests vor 60% aller Schul- oder Arbeitsaktivitäten” bedeutet Tests 3x pro Woche.
4
Personendichte, auch vor der Arbeit, vor privaten Besuchen, vor Restaurantbesuchen, vor
der Schule, etc. Falls möglich, auch die Möglichkeit der genaueren PCR-Tests schaffen.
Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, ob es genau in der jetzigen Phase der Pandemie
zielführend ist, die Antigen-Schnelltests kostenpflichtig zu machen. Sehr viel besser im Hinblick
auf die Belastung der Krankenhäuser wäre laut unseren Simulationen die Beibehaltung der
jetzigen Teststrategie, verbunden mit einem Aufruf auch an die Geimpften/Genesen, sich vor
Aktivitäten mit hoher Personendichte in Innenräumen testen zu lassen. Und optimalerweise sogar
5
die Aufnahme der genaueren PCR-Tests in den Katalog derjenigen Tests, die auch ohne Anlass
kostenfrei in Anspruch genommen werden können.
(Nur) 2G bei
50%
Freizeit-Aktivit
äten
Tests einschl.
Geimpfte?
Test vor X%
der
Freizeit-Aktivit
äten
Tests vor X%
einer
Kita-/Ausbildu
ngs-Aktivität
Test vor X%
der
Arbeits-Aktivit
äten
Reduktion des
R-Wertes
0
nein
nein
current
current
current
A
ja
nein
current
current
current
-0.2
B
nein
nein
PCR 60%
current
current
-0.1
C
nein
nein
PCR 60%
PCR 60%
PCR 60%
-0.1
D
ja
nein
PCR 60%
PCR 60%
PCR 60%
-0.3
E
nein
ja
PCR 60%
current
current
-0.9
F
nein
ja
PCR 20%
PCR 60%
PCR 60%
-0.8
G
ja
ja
PCR 20%
PCR 60%
PCR 60%
-0.9
G
ja
ja
PCR 60%
current
current
-0.9
Tabelle 1: Reduktion des R-Wertes durch unterschiedliche Strategien. Laut unseren Simulationen
könnte bei einem schnellen Anstieg der Krankenhauszahlen eine kurzfristige Reduktion des
R-Wertes um bis zu 0,8 nötig werden. Auffallend an obiger Tabelle ist, dass selbst das stärkste
gerechnete Maßnahmenpaket bei weitem nicht ausreicht, wenn die Geimpften/Genesen nicht
einbezogen werden (Zeile D).
Die Simulationsresultate finden sich unter folgenden URLs:
https://covid-sim.info/2021-09-02/1
https://covid-sim.info/2021-09-02/2
https://covid-sim.info/2021-09-02/3
https://covid-sim.info/2021-09-02/4
Die Simulationsresultate der vier URLs enthalten jeweils leicht andere Annahmen, die auf der
Website oben erläutert sind. Die in der obigen Tabelle genannten Maßnahmen wirken in allen vier
Versionen in etwa gleich stark.
Quellen
“REACT Study.” 2021. 2021. https://www.reactstudy.org/.
5Solange nicht wieder eine neue Virusvariante auftritt, sollte die Notwendigkeit der Tests dann in den
nächsten Sommer hinein entfallen.
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