Fakultät für Kulturwissenschaften
Institut für Kunst, Musik & Textil
Fachgebiet für Populäre Musik und Medien
Warburger Straße 100
33098 Paderborn
Piraten im Binnenmeer DDR – Die Band Freygang
als Leitbild der Subkultur der Langhaarigen
Schriftliche Arbeit
zur Erlangung des Grades
„Bachelor of Popular Music & Media“
von
CHRISTIAN SCHIRMER
Vorgelegt bei Dr. Michael Ahlers
31. März 2010
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung 1
2. Druck erzeugt Gegendruck – Betrachtungen 4
zur Kulturpolitik der DDR
2.1 Grundzüge der Kulturpolitik der DDR 4
2.2 Kulturpolitik und Rockmusik von 1959 bis 1976 7
2.3 Sub-Kulturpolitik: im Zeichen der Repression 10
3. Die Subkultur der Langhaarigen 15
3.1 Das Wesen der Szeneaktivisten 15
3.2 Die Abgrenzungsstrategie der 18
Subkultur der Langhaarigen
4. Freygang als besondere Szeneband 20
4.1 Ein kurzer Blick an Deck 20
4.2 Die Haltung Freygangs – Autonomie als Motiv 23
4.3 Freygangs Stellung innerhalb des Kulturprogramms 27
4.4 Die Bedeutung Freygangs für die Szene 27
5. Schlussbetrachtungen 31
5.1 Die Bedeutung der Rolle der Band Freygang 31
und der Subkultur auf die DDR-Gesellschaft
5.2 Kritische Reflexion der Quellen 33
6. Quellenverzeichnis 34
7. Anhang 37
1
1. Einleitung
Auf den ersten Blick scheint die Band Freygang eine gewöhnliche, weithin unbe-
kannte Blues-Rockband zu sein, die es seit dem Ende der DDR irgendwie ge-
schafft hat, trotz wenig musikalischer Finesse weiter zu bestehen. Und selbst nach-
dem ihr Frontmann André Greiner-Pol, „der Kapitän“, im Dezember des Jahres
2008 von Bord gegangen ist, segeln Freygang zumeist im Gewässer der ehemali-
gen DDR weiter. Besucht man eines ihrer Konzerte, wird man feststellen können,
dass von der Bühne mehr abgestrahlt wird, als reine Begeisterung an der Musik.
Nicht Musik wird transportiert, sondern die Musik ist Medium für Etwas. Diesem
Etwas nachzuspüren war die Motivation für die Entstehung der folgenden Arbeit.
Da in den Diskursen um Popmusik und popkulturelle Phänomene, gerade
im Hinblick auf die aktuelle Situation des permanenten Gebärens neuer Pop-
Sterne und Sternchen, immer wieder die Frage nach der Authentizität der
Künstler und ihrer Darbietung gestellt wird, ist die Beleuchtung dieses Themas
trotz des bevorstehenden historischen Exkurses zeitgemäß. Nur wenn der
Künstler authentisch ist, scheint es möglich, ernsthaft ein großes Stück dieses
Etwas – nennen wir es der Konkretisierung wegen den ‚Lebensentwurf‘ – über
die Musik zu kommunizieren. Diese Kommunikation verläuft aber nicht einseitig
von Musikern zu Rezipienten, sondern erzeugt ebenso Feedback; koppelt zurück
– die Gemeinschaft koppelt sich im Einklang mit der Musik aus der Gesellschaft.
Dieses Auskoppeln bedeutete in Zeiten der Deutschen Demokratischen
Republik (DDR) für die Szene der „Subkultur der Langhaarigen“, wie sie Thomas
Kochan (2002) nennt, sich von dem kulturellen Diktat der DDR klar abzugrenzen
und einen nihilistischen Umgang mit den Werten der Kulturpolitik zu pflegen. Es
soll die Position und Rolle Freygangs für diese Strategie der Szene verdeutlicht
und analysiert werden. Das nach mehr als zwanzig Jahren immer noch spürbare
Moment der Musik, ein Verbundenheitsgefühl erzeugen zu können, ließ es
relevant erscheinen, in der folgenden Arbeit zu untersuchen, aus welcher kon-
kreten einstigen Bedeutung die Band ihre Faszination schöpft. Dabei stützt sich
die Auseinandersetzung mit dem Thema neben bereits vorhandener Literatur
auch auf eigens empirisch erhobene Daten. Es handelt sich hierbei um pro-
2
blemzentrierte, halbstrukturierte Interviews mit Freygang-Anhängern, bei denen
mit einem Leitfaden bezüglich der gestellten Fragen gearbeitet wurde. Es ex-
istierten keine Antwortvorgaben und die Befragten sollten mit größtmöglicher
Offenheit über ihre Erfahrungen berichten können, ohne dabei zu sehr vom The-
ma abzuschweifen. Die Gespräche wurden aufgezeichnet und später ins Normal-
deutsch transkribiert, wobei mundartliche teils Wendungen übernommen wurden.
Die Einführung in die Thematik beginnt mit der Untersuchung der
gesellschaftlichen und kulturpolitischen Gegeben- und Besonderheiten der DDR.
Sie bilden die Rahmenbedingung für das Thema der Arbeit und stehen, um den
Sachverhalt besser kontextualisieren zu können, fundamentartig am Anfang der
Arbeit. Deshalb wird im ersten Abschnitt der Arbeit das kulturpolitische
Binnenklima der DDR hinsichtlich der Herausbildung einer in Widerspruch
tretenden Gegenbewegung umrissen und verdeutlicht.
Da es sich bei der Ausführung der autoritären Kulturpolitik keinesfalls um
einen linearen Prozess handelt, sondern diese während der gesamten Spanne
zwischen Aversion, Reglementierung und Förderung pendelt, ist es notwendig,
auch ihre geschichtliche Entwicklung mit in die Betrachtungen einzubinden.
Literatur hierzu bieten vor allem die wissenschaftlichen Betrachtungen zur
DDR-Rockmusik von Peter Wicke und Michael Rauhut, sowie die von ihnen
benutzten Quellen, welche zum größten Teil den staatlichen Umgang, seine
Reglementierungen mit der DDR-Rockmusik und seinen Anhängern darlegen.
Besonders herauszustellen gilt es in diesem ersten Kapitel, wie der Staat
mit zu Staatsfeinden erklärten, kulturellen Widersachern, insbesondere mit der
Subkultur der Langhaarigen, umgegangen ist. Dazu erschien es wichtig darauf
einzugehen, auf welcher gesetzlichen Grundlage der Staat agierte und welche
Handlungen konkret aus ihr resultierten. Hierbei geben neben der Literatur der
oben genannten Autoren, die eigens geführten Interviews mit den
Szeneaktivisten und Freygang-Fans einen Einblick in den Umgang des Staates
mit Minderheiten.
Der letzte Abschnitt des ersten Kapitels leitet über zur Subkultur der
Langhaarigen, welche das Zielpublikum Freygangs darstellt. Zunächst sollen die
Umstände ihrer heterogenen Zusammensetzung ins Schlaglicht gestellt werden
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und in diesem Zusammenhang der Umstand erläutert werden, warum sie trotz
dessen als eine Subkultur zu betrachten ist. Der Klärung ihres kulturellen
Selbstverständnisses, sowie der geschichtlichen Konstruktion und Herkunft der
Subkultur folgt das Aufzeigen der Gründe ihrer Motivation, sich nonkonform zu
verhalten. Ihren Abgrenzungsstrategien widmet sich der letzte Teil dieses
Abschnittes.
Brauchbare Literatur zu diesem Abschnitt lieferten Michael Rauhut und
insbesondere Thomas Kochan mit seiner 2002 erschienenen ethnographischen
Studie über die Subkultur der Langhaarigen. Die aus dem Anhang zitierten
Interviews tragen ebenso zu einer lebendigen Darstellung bei.
Das darauf folgende Kapitel widmet sich der Band Freygang und ihrer
Bedeutung für die Subkultur der Langhaarigen. Das Kapitel beginnt mit einem
kurzen Portrait der Band. Hier wird die Gruppe in Bezug zu anderen Bands der
Szene gesetzt und ihre Besonderheiten kurz umrissen, sowie ihr geschichtlicher
Werdegang und die Entwicklung ihres eigenen Stils knapp nachgezeichnet. Als
Quellen dienten einerseits die von Michael Rauhut herausgegebene Biografie
der Band, sowie Beiträge aus „Bye bye, Lübben City“, zusammen heraus-
gegeben von Michael Rauhut und Thomas Kochan.
Ein besonderes Merkmal Freygangs war ihre Stärke, weitestgehend
autonom vom staatlichen Kulturdiktat existieren zu können. Michael Rauhut
(2002, S. 83) schreibt über Freygang, dass sie „die Antithese zur Theorie einer
durchregelten DDR“ lieferten. Nachdem im ersten Kapitel die Kulturpolitik der
vermeintlich durchregelten DDR umrissen wurde, folgt nun anhand der
zusammengetragenen Fakten des nonkonformen Auftretens Freygangs die
ausführliche Darlegung der These von Michael Rauhut. Im besonders
ausgeprägten Auffinden von Maschen im Netz der Kulturbürokratie liegt der
Schlüssel des „Kultstatus´“ (Rauhut, 2002, S. 84), den Freygang bei der
Subkultur der Langhaarigen erlangen konnte.
Anschließend folgt ein Exkurs, der Freygang hinsichtlich ihrer Stellung als
Aktanten des Kulturprogrammes der DDR untersucht, sowie ihre Position auf der
Sub- bzw. Main-Ebene aufzeigt. Literatur hierzu lieferte die Promotionsarbeit
Medien(sub)kultur von Prof. Dr. Christoph Jacke.
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Die Bedeutung Freygangs für die Subkultur fungiert im darauf folgenden
und letzten Teil des Kapitels als Gegenstand der Untersuchungen. Es soll
Freygangs Nähe zum Publikum erläutern und klären, inwieweit sie über ihren
Kultstatus Einfluss auf das starke Zusammengehörigkeitsgefühl der Szene
haben konnte. Hier zeigen sich die umfangsbedingten Grenzen der Arbeit. Es
wäre ein interessanter Ansatz zu prüfen, inwieweit das, was Freygang über ihre
Haltung dem Publikum transportiert hat, ein Kohäsionsfaktor für den
Gruppenzusammenhalt der Subkultur darstellt. Allerdings würden derartige
Überlegungen zu weit in das Feld der Sozialpsychologie führen und können
daher lediglich ansatzweise in dieser Arbeit behandelt werden.
In der Schlussbetrachtung wird die Bedeutung Freygangs für die Szene im
Zusammenhang mit dem Einfluss auf das Kulturprogramm der DDR noch einmal
erläutert.
2. Druck erzeugt Gegendruck –
Betrachtungen zur Kulturpolitik der DDR
2.1 Grundzüge der Kulturpolitik der DDR
Die Funktionäre der Deutschen Demokratischen Republik – die den Staat zu
Anfang totalitär, später autoritär leiteten, (vgl.: Jesse, 1994, S. 12-23) hatten
stets zum Ziel, diesen exakt zu kontrollieren und zu lenken. Im Artikel 1 der DDR
Verfassung beanspruchte die allzeit führende Sozialistische Einheitspartei
Deutschlands (SED) bis Ende 1989 die uneingeschränkte Führungsposition bei
der Entscheidung sämtlicher gesellschaftlicher Fragen (vgl.: Koller, 1989, S. 8).
So war auch die Kulturpolitik ein Teil der SED Machtstrategie. Fernziel der
Kulturpolitik war, die Menschen „in Gemeinschaft mit anderen zu fähigen,
gebildeten und überzeugten Erbauern des Sozialismus, zu wahrhaft sozia-
listischen Persönlichkeiten reifen“ (Hager, 1982, S. 11) zu lassen. Mit der Doktrin
eines bestimmten Typus Mensch geht automatisch auch ein dauerwährender
Egalitätsdruck auf die Mitglieder der Gesellschaft einher, denn es galt dieses Ziel
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einheitlich zu erreichen. Soziale und kulturelle Unterschiede sollten durch eine
Politik der Gleichmachung verschwinden (vgl.: Wicke, 1997, S. 38).
Andersdenkende wurden somit zu Randgruppen stigmatisiert, während das vom
„großen Bruder“1 übernommene, idealisierte Menschenbild während der ganzen
Zeit über allen politischen – und folglich auch kulturpolitischen – Entscheidungen
der DDR thronte.
Die Kulturpolitik – und somit auch der Umgang mit der Rockmusik – wurde
durch drei Faktoren geprägt: zum einen von einem ausgeprägten Sicherheits-
und Machtdenken, gekoppelt an die ständige Angst vor Unterwanderung durch
den Klassenfeind. Zweitens durch eine Umerziehungsprogrammatik nach einem
von der Sowjetunion übernommenen Leitbild vom „neuen Menschen“. Zum
Dritten war die Vorstellung des Begriffes Kultur ausschließlich auf Kunst
reduziert. In diesem engen Rahmen war für populäre Musik als eine Form
populärer Kultur kein Platz vorgesehen (vgl.: Wicke, 1996, S. 17f.).
Die DDR betrieb eine Kulturpolitik, die auf oberster staatlicher Ebene
versuchte, alles in ein ideologisches Korsett zu zwängen. Dazu zählte auch die
„zur bürokratischen Zähmung denkbar ungeeignete Rockmusik“ (Müller & Wicke,
1996, S. 7). Ursache für die Schwierigkeiten der Zähmung lagen, so Wicke,
einerseits an der „vielleicht besonders ausgeprägten Widerständigkeit Jugend-
licher“ und vor allem „an der schlichten Unmöglichkeit, wirklich alles den Ord-
nungsvorstellungen eines bürokratischen Apparates zu unterwerfen.“(ebd., S. 7).
Der Versuch, die Rockmusik ideologisch einzubinden vollzog sich jedoch
keinesfalls konsequent oder gradlinig, vielmehr lässt er sich als ein Zickzack-
Kurs zwischen Aversion, Reglementierung und Förderung begreifen (vgl.:
Rauhut, 2002, S. 7). Über mehrere Jahrzehnte hinweg entstand ein völliges
Absurdum: ein schier unüberschaubares Geflecht aus Verwaltungsapparaten
und Instanzen, die sich vielmehr selber behinderten, als ideologisch
Unerwünschtes verhinderten. Zahlreiche Gremien und Initiativen wurden auf
Veranlassung eines „greisen Politbüros“ (vgl.: Wicke, 1997, S. 33) in Gang
gebracht, um der Rockmusik das von der Politik gewünschte Antlitz zu verleihen.
Nach der Absicht, die Beatmusik einheitlich zu unterbinden, wurde sie anschließ-
1 Der Begriff „der große Bruder“ bezeichnet die damalige Sowjetunion.
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end ideologisch zu vereinnahmen versucht. Dafür Sorge tragen sollten staatlich
organisierte Band-Wettbewerbe und Leistungsausscheide, deren Sieger mater-
ielle und finanzielle Förderungen zukamen (vgl.: Rauhut, 2002, S. 9). Rockmusik
war der um Kontrolle ringenden Führungsriege der DDR als schwer administrativ
beherrschbare Form des kulturellen Selbstausdrucks Jugendlicher ein rotes
Tuch. In Walter Ulbricht´s Ära mit den gerade neu aufkommenden, eigeninitiierten
Beatbands noch stärker als in der später eher liberaleren Ära Honeckers ab 1971
(vgl.: Rauhut, 2002, S. 9). Jedoch war die Vorstellung einer Jugendtanzmusik,
die „tanzbar, optimistisch und schwungvoll“ (Erich Honecker, zitiert nach Wicke,
1997, S. 33) sei, nicht kongruent zu der, welche Jugendliche besaßen.
In der DDR galt es besonders auch auf die Jugend erzieherischen Einfluss
auszuüben. Nicht nur über den Weg der Bildungsinstanzen Schule und Beruf
wurde versucht, die staatseigene Ideologie zu propagieren. Die
Freizeitgestaltung wurde mit Hilfe verschiedener Instanzen, wie beispielsweise
dem einzig zugelassenen Jugendverband – der Freien Deutschen Jugend (FDJ)
– ideologisch aufbereitet. Vom Staat nicht kontrollierte Freizeitgestaltungen, wie
das Ausüben von Beat-, Rock- und Bluesmusik waren unerwünscht. Zudem war
die interpretierte Musik westlich geprägt und hatte nach Meinung der
Staatsregierung das Potential zur „ideologischen Diversion und feindlichen
Unterwanderung des Sozialismus“ (Wicke, 1996, S. 11). Westliche Musik war
nach Auffassung der politischen Führungsriege Mittel im Klassenkampf. Um der
Wirkung dieser „Waffe“ etwas entgegen stellen zu können, wurde versucht,
eigenständige Pop- und Rockmusik zu schaffen.
All die Debatten, die rund um das Thema Rockmusik und „harte
Rhythmen“ geführt worden, sind stellvertretend für tiefer liegende Probleme am
sozialistischen System geführt wurden (vgl.: Wicke, 1997, S. 37-38). Die Frage
war „ob der Anspruch auf individuelle Selbstverwirklichung […] eine nach dem
Organisationsprinzip aufgebaute Gesellschaft in ihrem Zusammenhalt gefährde,
oder umgekehrt, deren auch damals schon unübersehbar gewordenen
wirtschaftlichen Effizienzprobleme durch die Mobilisierung von Initiativgeist und
Engagement zu lösen vermocht hätte.“ (ebd., S. 37). „Die Tabuisierung solcher
an sich unerlässlichen Auseinandersetzungen“, so Wicke, „ist kennzeichnend für
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den stalinistischen Führungsstil der SED-Spitze gewesen“ (ebd.). Durch das
Übertragen eines gesellschaftlich derart wichtigen Themas „ist es um die
politische Unschuld des Musikalischen geschehen“ (ebd., S. 38).
2.2 Kulturpolitik und Rockmusik von 1959 bis 1976
Populäre Musik war in der Politik auch in oberster Führungsebene heiß
diskutiert. Zum Thema eigenständiger Musik verkündete Walter Ulbricht – seiner-
zeit Staatsratsvorsitzender der DDR – am 24. April 1959 auf der Bitterfelder
Konferenz: „Es genügt nicht, die kapitalistische Dekadenz in Worten zu
verurteilen, gegen Schundliteratur und spießbürgerliche Gewohnheiten zu Felde
zu ziehen, gegen die „Hotmusik“ und die ekstatischen „Gesänge“ eines Presley
zu sprechen. Wir müssen etwas Besseres bieten“ (Ulbricht, 1960, S. 474).
Im Spätsommer 1965 schwand allerdings das Wohlwollen gegenüber
volkseigener Beatmusik. Unter Erich Honecker, damals Zentral Komitee (ZK)
Sekretär für Sicherheitsfragen, wurde seit 1964 belastendes Material gegen die
Beatformationen gesammelt. Man registrierte Krawalle, alkoholische und
sexuelle Exzesse und „westliches Showgebahren“. Interne Berichte stellten
einen direkten Zusammenhang zwischen der Beatmusik und Vandalismus her
(vgl.: Rauhut 2002, S. 29). So kam es zum Verbot zahlreicher Beatgruppen.
Eine wichtige Zäsur im Umgang mit populärer Musik stellt das 11. Plenum
des ZK der SED im Dezember 1965 dar. Es wurde beschlossen, jegliche Form
offIzieller Förderung von Beatmusik einzustellen (vgl.: Rauhut, 2002, S.38). Unter
Verweis auf seine westliche Herkunft tadelte Staatsoberhaupt Walter Ulbricht:
„Liebe Freunde! Sind wir denn wirklich angewiesen auf die monotonen, west-
lichen Tänze? […] Wir haben interessante und künstlerisch wertvolle Tänze.
Aber stattdessen blicken einige Kunstschaffende nur nach dem Westen und sind
der Meinung, daß die Deutsche Demokratische Republik in kultureller Beziehung
vor allem von Texas lernen kann. Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Mono-
tonie des Jay, Jeh, yeh [sic], und wie das alles heißt, sollte man doch Schluß ma-
chen. […] Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt,
kopieren müssen?“ (Ulbricht, W., 1965, zitiert nach Wicke, 1997, S. 35-36).
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Zwar hatte man es geschafft, unliebsame Beatgruppen aufzulösen, doch
formierten die ehemaligen Mitglieder schnell neue Bands (vgl.: Rauhut, 2002,
S. 40). Am 27. September 1967 einigte sich die Abteilung der Jugend und Kultur
des ZK der SED mit Vertretern des FDJ-Zentralrats und dem Kulturministerium
auf eine „breite ideologische Arbeit“ (SAMPO-BArch, DY 30/IVA2/906/159, zitiert
nach Rauhut, 2002, S. 41) mit den entsprechenden Bands, um die neu
beschlossene Kulturpolitik durchzusetzen.
Die Forderung nach einer eigenen Unterhaltungsmusik bestand und man
beschloss, dass die positiven Potenzen bislang unliebsamer Musik mit in die
„sozialistische Tanz- und Unterhaltungsmusik“ einzubringen seien. DDR-
feindlicher, westlicher Klang hingegen blieb in der Schusslinie der Diskussion
und wurde in einem Artikel des „Neuen Deutschland“ vom 30. Oktober 1968
sogar für den Ausbruch des Prager Frühlings verantwortlich gemacht.
Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker 1971 änder-
ten sich auch die Zielvorgaben der Politik: man wollte eine „weitere Erhöhung
des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes“ (vgl.: Rauhut, 2002,
S. 52) herbeiführen. Die Kulturpolitik jener Zeit ist nicht als liberal, sondern
lediglich als liberaler zu bewerten (vgl.: Kochan, 2002, S. 20). Ihre Kehrseite ist,
dass die Beatmusik nun zwar die Zustimmung der Obrigkeit mit diversen
Einschränkungen erhalten hat, sie aber im Gegenzug zur ideologischen
Erziehung funktionalisiert und vereinnahmt wurde (vgl.: ebd., S. 21).
Während der Aufbruchstimmung der politisch liberaleren Phase startete
die FDJ die Werkstattwoche Jugendtanzmusik, „das wichtigste Unternehmen zur
Amateurrockförderung in der DDR“ (Rauhut, 2002, S. 53). Es gab nun
zweijährlich abgehaltene Leistungsschauen, die „den Einfluss der FDJ auf diesen
wichtigen jugendpolitischen Bereich“ (Müller & Wicke, 1996, S. 202) herstellen
und verstärken sollten. Das Niveau der volkseigenen Tanzmusik sollte dadurch
erhöht, und dessen Inhalte gezielter mitbestimmt werden. Die Politik setzte auf
einen freien Umgang mit der Alltagskultur. Auf den „X. Weltfestspielen der
Jugend und Studenten“ vom 28.Juli bis 5. August 1973 in Berlin mit Gästen aus
über 140 Nationen wollte man sich weltoffen präsentieren. Es spielten über 200
einheimische Bands. In den neun Tagen herrschte ein kultureller
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Ausnahmezustand, der einen „Hauch Freiheit“ (Rauhut, 2002, S. 55) versprühte.
Das Festival diente als Katalysator für die Etablierung Ostdeutscher Rockmusik
und zog 25000 Besucher an. Die an die Peripherien der Stadt gedrängten, auf
Dörfern feiernden Subkultur-Anhänger rückten durch derartige, in der Stadt
abgehaltene Freiluftfestivals Anfang der 1970er Jahre auch wieder verstärkt in
das Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit.
Im zweiten Drittel der 1970er Jahre begannen die Medien sich für Blues-
Musik zu interessieren. Das lenkte die Aufmerksamkeit des Staates auf den
Blues und seine Szene, die so wieder stärker in das Zentrum der Kritik geriet
(vgl.: ebd., S. 66). Die Stasi verstärkte diesen Trend noch und meldete
„alarmierende Vorfälle“(ebd.). Im Fadenkreuz der Stasi-Observierung standen
vor allem „überregionale Fanbewegungen zu Konzerten und Tanzabenden,
Verstöße gegen Ruhe und Ordnung ‚Dekadentes Showgehabe‘,
Alkoholmissbrauch und ‚sexuelle Entgleisung‘“ (ebd.).
Im Juli 1975 legte die „Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe“
(ZAIG) dem ZK der SED, den Ministerien für Kultur sowie dem FDJ Zentralrat
eine Zusammenfassung der Ereignisse von vier verschiedenen
Rockveranstaltungen in Berlin, Gaschwitz und Plauen vor. In Plauen kam es zu
Krawallen, die vorprogrammiert seien, da sich das Publikum partiell aus
„asozialen Elementen“, aus Personen, „die nicht gewillt sind, bestimmte Normen
des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuhalten“ und sich der
„erzieherischen Einflussnahme entziehen“ (BstU, ZA, ZAIG 2411, Bl. 3 und 4,
zitiert nach Rauhut, 2002, S. 68). Das Bekenntnis zu einer Rockgruppe, so die
Folgerung, ist „Ausdruck einer gewissen Oppositionshaltung und gestörter
Beziehung zur sozialistischen Gesellschaft“ (ebd., Bl. 4). Die beschuldigten
Bands – unter ihnen Renft, Karat, City und Lift – orientieren sich an der
westlichen Tanzmusik, welche „in Überlautstärke dargeboten wird“ (ebd., Bl. 2).
Ihre Musik eigne sich „anfällige Jugendliche in Extase zu versetzen“ (ebd.). Man
sah das höhere Ziel, das „Heranwachsen zur sozialistischen Persönlichkeit“
gefährdet, denn die unkontrollierte Musik führe dazu, dass „Dekadenz,
geschmack- und geistlose Unterhaltung zu Leitbildern eines Teils von
Jugendlichen werden“ (ebd., Bl. 2 und 3).
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Einen weiteren Einschnitt in die Kulturpolitik stellt die 1000-Jahr-Feier der
Stadt Altenburg vom 9. bis 11. Juli 1976 dar. Anlass für Beschwerden gaben ca.
2500 „Gammler“ und Jugendliche mit dekadentem Aussehen (vgl. Rauhut, 2002,
S. 70), die sich auf dem Fest wiederfanden. Sie fielen durch verwahrloste
Kleidung, rowdyhaftes Verhalten, Beschädigung öffentlicher Einrichtungen,
staatsfeindliches Verhalten und durch an-die-Staatsmacht- gerichtete
Beschimpfungen auf. Die politischen Konsequenzen waren neben der
Inhaftierung von über 100 Jugendlichen, Weisungen des ZK der SED an die
Vorsitzenden der Räte der Kreise und Bezirke, den FDJ-Zentralrat, die
Ministerien für Kultur, Handel und Versorgung, den Freien Deutschen
Gewerkschaftsbund (FDGB) und viele weitere zentrale Organe. Diese bezogen
sich auf eine Analyse über die Fehler beim Ablauf des Festes und forderten
Veränderungen, die vor allem auf dem Wege der Überzeugung herbei zu führen
seien (vgl.: Rauhut, 2002, S. 70ff.). Konsequenzen waren vor allem, dass das
Aufgebot von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) von nun an erhöht wurde.
2.3 Subkulturpolitik: im Zeichen der Repression
In der DDR gab es kaum Gelegenheiten für einen öffentlichen politischen
Meinungsaustausch. Deshalb ist „das Musizieren wie Kultur insgesamt regelrecht
zum Ersatz für den ausstehenden politischen Diskurs geworden“ (Wicke, 1997,
S. 34). Durch den Umstand, dass Musik in den 1970ern durch die Politik zu
vereinnahmen versucht wurde, erfuhr die ohnehin schon nicht wertfreie Musik
automatisch weitere politische Aufladung und Brisanz. Wollte man offiziell in der
DDR Musik machen, musste man sich darauf einlassen, dass die Texte zensiert
wurden. Die politische Debatte fand daher in den leisen Zwischentönen
metaphorischer Liedtexte statt. Eine tatsächliche direkte politische Konfrontation
war in den Songs der professionellen Rockmusik der DDR nicht möglich.
Konsequenterweise ergab sich aus der Unterdrückung des Äußerns freier
politischer Meinung ein Gegenpol. Dieser wurde vornehmlich von Jugendlichen
gebildet, die auf ihr Recht zur freien Meinungsäußerung und Menschwerdung
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bestanden. Im Schatten der DDR-Stammeskultur mit ihren biederen
Kulturverordnungen bildete sich ein kulturelles Subsystem heraus, das DDR-
Kultur-fremden Idealen unterlag.
Subkulturen zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Bezug auf die
Stammeskultur „selbstständige Lebensweisen entwickeln und ihren sozialen und
materiellen Lebenserfahrungen spezifischen Ausdruck verleihen“ (Kochan, 2002,
S. 15). Sie „müssen um gewisse Aktivitäten und Werte, um gewisse Formen des
Gebrauchs von materiellen Artefakten, territorialen Räumen usw. zentriert sein,
welche sie von der umfassenden Kultur unterscheiden“; es muss jedoch auch
„signifikante Dinge geben, die sie mit der Stammkultur verbinden und
verknüpfen“ (Kochan nach Clarke, 2002, S. 15). Dabei ist es typisch, dass die
Subkultur einen eigenen Kodex in Bezug auf Kleidung, Verhalten, Sprache und
Musik entwickelt, der sie von der in der Gesellschaft vorhandenen
Dominanzkultur differenziert (vgl.: Kochan, 2002, S. 15).
Es entwickelten sich in der DDR verschiedene Subkulturen bzw.
Jugendszenen, wie beispielsweise „Punks“, „Skinheads“, „Heavy-Metal-Fans“
oder „New Romantics“ (BStU, ZA, SED-KL 399, Blatt 5., zitiert nach Rauhut,
2002, S. 116). Ein sehr großer Stellenwert kommt vor allem der Subkultur der
Langhaarigen zu, welche im Folgenden beleuchtet wird.
Die Bands, die diese Subkultur bedienten, waren zum größten Teil
Amateur-Bluesbands. Sie boten einer Minderheit von Jugendlichen eine
Projektionsfläche für ihren Frust über die politischen Missstände. Die Aktivisten
dieser Subkultur – Musiker, wie deren Fans – wurden als innere Opposition
behandelt. Es wurde versucht, diese durch verschiedene Mittel wie Repression
oder „Zersetzung“ mithilfe Inoffizieller Mitarbeiter durch das Ministerium für
Sicherheit (MfS) so weit wie möglich einzudämmen, zu unterdrücken oder auch
umzuerziehen. Die Werkzeuge zur Restriktion waren vielfältig und reichten von
„nervigen Ausweiskontrollen und massiver Präsenz in den Bummelzügen, über
einschüchternde Vorladungen aufs Revier, bis hin zu Schulrelegationen,
Arbeitsplatzbindungen, Aufenthaltsbeschränkungen und Haftstrafen“ (Kochan,
2004, S. 79). Um in der Öffentlichkeit auftretende Oppositionelle gesetzlich
belangen zu können, existierten spezielle Listen mit Gesetzen und
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Verordnungen, die gegen sie angewendet werden konnten. Dafür mussten „die
Personenbeförderungsordnung, das Landeskulturgesetz und die Zeltplatz-
verordnung“ (Kochan, 2004, S. 79) herhalten. Oft zum Einsatz kamen die
Paragrafen 106, 212, 213, 215, 217 und 220 des Strafgesetzbuches (StGB).
Beweise für staatsfeindliches Verhalten war bei den zum Teil randalierenden
Jugendlichen schnell auszumachen (vgl.: Kochan, 2004, S. 79). Der Paragraf
249 des StGB – bei niedriger Arbeitsmoral und Fehlschichten angewandt –
„wurde als Asi Paragraf zum Klassiker in der Szene“ (Kochan, 2004, S. 80).
Was der Staat unter Gruppen innerer Opposition versteht, wird in einer
Fußnote einer Stasi-Dissertation klar: „Unter ‚innerer Opposition‘ im Sozialismus
verstehen die Autoren eine im Widerspruch zur Gesetzmäßigkeit der bewußten
Teilnahme der Werktätigen und der prinzipiellen Interessenübereinstimmung bei
der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft stehende
Gesamtheit antisozialistischer politischer Bewegungen, Zusammenschlüsse und
Kräfte, die einen bestimmten Grad der Organisiertheit und der Wechsel-
beziehungen untereinander aufweisen, ihr Handeln auf die Destabilisierung der
sozialistischen Machtverhältnisse richten und deren Beseitigung zum Ziel haben.
Sie wirken ständig darauf hin, ihre Legalität zu erreichen und als selbstständige
politische Kraft anerkannt zu werden.“ (Dissertation der Juristischen Hochschule
des MfS Potsdam, zitiert nach Poppe, 1995, S. 249).
Bands mit „expliziten Formen gesellschaftskritischer oder oppositioneller
Texte“ wurden „in aller Regel mit der Brachialgewalt des gigantischen
Sicherheitsapparates ausgegrenzt“ (Wicke, 1997, S. 34). Das geschah zum
Beispiel über das Erteilen von Auftrittsverboten für die Bands. Die Grundlage des
Erlaubniswesens der Unterhaltungsmusik wurde am 27. März 1953 durch die
„Anordnung über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik
geschaffen. Diese besagte, dass „Personen, die ständig oder nicht-ständig in
Gaststätten oder bei sonstigen Veranstaltungen aller Tanz- und Unterhaltungs-
musik ausführen […] Berufsmusiker sein“ (Anordnung über die Befugnis zur
Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik vom 27. März 1953, in:
Zentralblatt der DDR, Ausgabe B. Berlin 11/1953, S. 137, zitiert nach Wicke,
1996, S. 19) müssen. Unter bestimmten Bedingungen konnten ebenso
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Amateurbands Tanz- und Unterhaltungsmusik aufführen, doch diese mussten
sich ihre Genehmigung vor einer Zulassungskommission erspielen, die ihre
Darbietung anhand beinahe willkürlich auslegbarer Parameter wie
„gesellschaftliche Wirksamkeit“ oder „äußeres Auftreten“ beurteilten. Diese
Zulassung war zuerst dazu gedacht, das Niveau der Musik anzuheben, fungierte
aber bereits ab den 1960er Jahren als Repressionsmittel. Denn der Entzug der
Erlaubnis kam einem Auftrittsverbot gleich.
Aber nicht nur die Musizierenden, auch deren Anhängerschaft wurden
unter staatlichen Druck gesetzt. So wurden Bluesfans als innere Opposition und
als „eine Reserve des Gegners unter der Bevölkerung der DDR“ (Vorschläge zur
vorbeugenden Verhinderung von Vorkommnissen und Ausschreitungen nega-
tiver und dekadenter Jugendlicher zu Veranstaltungen. BstU, ZA: MfS HA XX/4,
Nr. 2360, Bl. 27-28, zitiert nach Kochan, 2002, S. 78) dargestellt. Folglich galt es,
sie zu bekämpfen. So geriet ab Mitte der 1970er Jahre vor allem die Subkultur
der Langhaarigen unter Beschuss und in das Visier verdeckter Ermittlungen.
Über das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wurde eine Vielzahl von
IMs beschäftigt, welche die Aufgabe hatten, die Jugendszene im Verborgenen zu
observieren. Bis Ende der 1980er Jahre entstand ein Netz aus 141.563 IMs,
deren Aufgabe es war, Informationen über die Entwicklung „fremdgeleiteter“
Kultur- schaffender und -rezipierender an die exekutiven Organe der DDR
weiterzuleiten, von denen aus oft sehr harte Maßnahmen zur Eindämmung
oktroyiert wurden.
Die Fangemeinde wurde bei – oder noch vor (vgl.: Eschi, Anlage 2, S. 41)
– ihren Zugfahrten zu den Konzerten, Festivals oder sonstigen (in-) offiziellen
Veranstaltungen quer durch die Republik von der Transportpolizei (Trapo)
aufgegriffen und ihre Daten erfasst. So wurden beispielsweise am 7. Oktober
1969, dem 20. Geburtstag der DDR, bei einem vermeintlichen Konzert der
Rolling Stones auf dem Dach des nahe an der Grenze gelegenen Gebäude des
Axel-Springer Verlages 383 Personen inhaftiert und 621 Personen mit Namen
und Adresse registriert (vgl.: Rauhut, 2002, S. 41-42). Beim alljährlichen
Wasunger Fasching, einem der Ereignisse der eingeschworenen Blues-
Gemeinde, erhielt man nur gegen einen der Aufnahme der persönlichen Daten
14
dienenden, ausgefüllten Anmeldebogen einen trockenen Schlafplatz, wenn man
überhaupt bis in die Stadt hinein kam (vgl.: Kochan, 2002, S. 31). Aus den
gesammelten Daten wurden Fahndungsbücher erstellt, mit Hilfe derer man
auffällige Personen schneller registrieren konnte. Zudem wurden Typisierungen
von Auftreten und Outfit vorgenommen, die ein überregionales, rechtzeitiges
Erkennen der Beschuldigten möglich machen sollten (vgl. Rauhut, 1996, S. 29).
Überhaupt war das Meldewesen einer der wichtigsten Instrumente, um
den Bürger zu kontrollieren. Das Fehlen des Personalausweises wurde in der
DDR weit härter geahndet, als in der heutigen Bundesrepublik. Mindestens
zwölfseitig, war es das wichtigste Dokument für den Bürger in der DDR. Wer
diesen nicht vorzeigen konnte, musste mit einer hohen Strafe rechnen. So
erzählte die Szeneaktivistin Christiane von einer Razzia: „Wir mussten dann alle
aufstehen und dann wurden von jedem die Personalien genommen. Du warst ja
immer verpflichtet, einen Personalausweis dabei zu haben. Wenn du den nicht
hast, dann warst du gleich geliefert. Nach der Wende hatte es ganz lange
gedauert, das wieder raus zu bekommen“ (Christiane, Anlage 2, S. 42)
In der DDR hatte jeder Bürger nicht nur das Recht, sondern auch die
Pflicht zu arbeiten. In Abschnitt 1, Artikel 24, Absatz 2 der Verfassung der
Deutschen Demokratischen Republik steht: „Gesellschaftlich nützliche Tätigkeit
ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit
und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit“ (Verfassung der DDR, S. 29). Der
Staat ging bei Verstößen gegen diesen Grundsatz mit großer Härte vor und
benutzte ihn, um die Subkultur der Langhaarigen unter Druck zu setzen: „Du
musstest nachweisen, wie Du Deinen Lebensunterhalt verdienst. Und wenn Du
das nicht nachweisen konntest, dann bist Du dafür in den Bau gegangen. Dann
warst Du asozial und sie konnten Dich dafür einsperren. In der Zeit, in der Du
eingesperrt warst, haben sie dann deine Wohnung auf den Kopf gestellt“
(Christiane, Anlage 2, S. 44).
Weitere Schikanen, mit denen die Mitglieder der Szene rechnen mussten, waren
nächtliche Razzien, bei denen Personalien aufgenommen wurden. Solche
Razzien fanden in zuvor observierten Wohnungen von Fans statt, in denen sich
nach den Konzerten die Schlafgäste sammelten (vgl.: Anlage 2, S. 42). Ein
15
Erlebnisbericht mit dem Freygang-Fan Eschi schildert, wie die Trapo mit Hilfe
von Polizeihunden ca. 50-60 Freygang-Fans, die auf dem Weg zu einem Konzert
waren, aus dem Zug in LKWs verladen haben, um sie schließlich nachts in einer
völlig abgelegenen Gegend wieder abzuladen: „Da haben die uns einfach alle
eingesammelt, richtig gejagt, mit Hunden. Dann haben sie 50 oder 60 Leute auf
einen LKW geladen, uns an die Elbe gefahren und wieder runter gelassen –
‚Schönen Abend noch!‘ Das war nachts um eins. Und dort war ringsum nichts. 17
Kilometer hier nichts, 17 Kilometer da nichts. Mitten in der Börde einfach
abgeladen. Das war heftig. [...] Die haben Dich ja auch gedroschen und wir
haben uns auch gewehrt. Dann hatte man eben eine angebrochene Rippe,
solche Leute waren da auch dazwischen und das hat auch keinen interessiert.“
(Eschi, Anlage 2, S. 43).
Die Anhänger von Subkulturen, Nonkonformisten und Oppositionelle
hatten in der DDR eines gemein: sie wurden vom Staat benachteiligt und waren
unerwünscht. So waren auch die beruflichen Chancen trotz ausreichender
Qualifizierung eher gering: „Betätigte sich jemand als Oppositioneller, wurde er in
der Regel gesellschaftlich marginalisiert, was meistens bedeutete, dass er
unterhalb seiner beruflichen Qualifikationen arbeiten musste, oder überhaupt
nicht die Möglichkeit erhielt, eine seinen Fähigkeiten entsprechende Ausbildung
zu absolvieren. Nicht wenige entzogen sich aber dem staatlichen Druck, indem
sie wenig qualifizierte Tätigkeiten ausübten und so erhebliche Freiräume für
andere Aktivitäten hatten“ (Eckert, Kowalczuk, Poppe, 1995, S. 21).
3. Die Subkultur der Langhaarigen
3.1 Das Wesen der Szeneaktivisten
Die „Subkultur der Langhaarigen“ ist eine von Thomas Kochan geprägte
Bezeichnung für die schwer zusammenzufassende Szene, die sich selber als
„Blueser, Kunden, Blueskunden, Tramper oder Penner“ (Kochan, 2002, S.10)
16
bezeichnete. Vom Geheimdienst wurden sie als Tramper oder Gammler geführt
(vgl.: ebd.).
Trotz des Umstandes, dass die Szene nie zu einer prägnanten Titulierung
fand, war sie eine Subkultur (vgl.: ebd., S. 10). Ein weiterer Fakt, der das
Zusammenfassen zu einer einheitlichen Szene erschwert, ist die ausgeprägte
Differenzierung der Merkmalsausprägung ihrer Akteure. Die Szene lässt sich als
„ein Sammelbecken von eigensinnigen, auf ihrer Individualität beharrenden
Nonkonformisten“ beschreiben, wobei auch der Bildungsstand der Einzelnen
stark divergiert. Unter ihnen sind Facharbeiter als auch Ungelernte, Oberschüler
und vereinzelt auch Studenten (vgl.: Kochan, 2002, S. 68). Im Mittel ist „der
idealtypische Blueskunde ein junger, städtischer, zudem männlicher
Industriearbeiter oder Auszubildender aus den Ballungsgebieten im Süden der
DDR“ (Kochan, 2002, S. 69).
Ausschlaggebend für die These einer Subkultur waren jedoch „die
signifikanten Gemeinsamkeiten der Szeneaktivisten: die Handlungsmuster, die
Wertvorstellungen und der einheitliche subkulturelle Stil“ (Kochan, 2002, S. 10):
es wurden kollektiv Volksfeste und Konzerte besucht und es existierte ein
gemeinsamer Kleidungsstil. Zudem einte sie die gemeinsame „Ablehnung
staatlich verordneter Kulturmuster“ (Rauhut, 2002, S. 77).
Das kulturelle Selbstverständnis der Szene setzte sich im Wesentlichen
aus drei Entwicklungslinien zusammen: „die Beatbegeisterung der ostdeutschen
Jugend, die Bluesrezeption in der DDR, und die aus dem Westen über die Mauer
schwappende Hippie-Bewegung“ (Kochan, 2002, S. 16). Diese verschiedenen
Stile verwoben sich zu einem einheitlichen subkulturellen Stil und für viele spielte
Woodstock als „beinah mystischer Herkunftsort ihrer Kultur“ (Kochan, 2002,
S. 17) eine bedeutende Rolle für ihr kulturelles Selbstverständnis. Ebenso war
die Verklärung des Blues ein Überbleibsel aus der Hippie-Ära. Ihm wurde der
Nimbus des Authentischen und der reinen Emotionen zugeschrieben. Zudem
wurde die Unterdrückung der Schwarzen als „leidensgeschichtliches
Ahnenmuster“ (Rauhut, 2004, S. 60) angesehen.
Es lassen sich drei historische Entwicklungsphasen der Szene
herauskristallisieren: „die Konstruktionsphase bis Mitte der siebziger Jahre, in der
17
sich die Subkultur formierte und ihren eigenen Stil kreierte, die Hochzeit in der
zweiten Hälfte der siebziger bis Anfang der achtziger Jahre, in der das
„Lebensgefühl Blues“ zum Leitthema der Szene wurde, und die
Stagnationsphase bis Ende der achtziger Jahre“ (Kochan, 2002, S. 16).
Ein wesentliches Merkmal der an den Wochenenden umher reisenden
Szene war, dass sie während der kompletten Zeit ihrer Existenz über ein dichtes
Netzwerk verfügten. Termine der teilweise illegalen Veranstaltungen wurden via
„Buschfunk“ oder aber per Telegramm weitergegeben (vgl.: Anlage 2, S. 39).
Überall in der Republik fand man einen Platz um eine Nacht lang
unterzukommen. Immer wieder betonten die Szeneakteure den Zusammenhalt,
der untereinander geherrscht hatte: „Das war für mich immer eine große Familie,
in der jeder für jeden da war, in der jeder jedem etwas gegeben hat. Dort gab es
beispielsweise Gigs, bei denen du am Ende kein Geld mehr hattest und dann mit
einem Teller rumgegangen bist und Dir jeder was drauf gelegt hat. Drei Wochen
später kam dann eben ein anderer mit einem Teller und dann hat man eben
selber was drauf gelegt. Es war ein Geben und Nehmen.“ (Keule, Anlage 4,
S. 54).
Eine der wesentlichen Ursachen für den engen Zusammenhalt der
Subkultur der Langhaarigen liegt im gemeinschaftlichen Dagegenhalten
begründet. Der Staat belegte die kriminalisierte Jugendkultur massiv mit
Repressalien, man fühlte sich als eine „Minderheit von Verfolgten […] die doch
nur für das Gute kämpften!“ (Lutter, 2004, S. 404). Der Druck, der von außen auf
die wenig schuldbewusste Jugend ausgeübt wurde, ließ genau das entstehen,
was auch Stoffen und Materialien widerfährt, wenn sie in einem
abgeschlossenen System unter Druck geraten: Sie rücken näher zueinander.
Die Strategie der Szene lässt sich mit der von Freygangs Frontmann
Andre Greiner-Pol beschriebenen gleichsetzen. Der entsann sich in einem
Interview an seine Reaktion und „Riesenwut“ nach dem zweitmalig verhängten
Auftrittsverbot der Band, lenkte dann aber ein: „eigentlich bevorzuge ich das
Aikido-Prinzip, ich weiche lieber aus“ (Greiner-Pol, 2000, S. 244). Die szene-
typische Strategie hat zwei Seiten: einerseits weicht sie aus, zieht sich zurück
und verweigert sich, auf der anderen Seite erschafft sie eine „subkulturelle
18
Enklave“ (Kochan, 2002, S. 12), ein Archipel, auf dem die Kulturpolitik der DDR
nur in der Abgrenzung zu ihr existiert.
Das Hervorbringen einer zweiten Kultur ist für eine Opposition zur
Gesellschaft charakteristisch (vgl.: (Eckert, Kowalczuk, Poppe, 1995, S. 21). So
löste die Beatmusik bereits in den 1960er Jahre „auch im Osten eine musika-
lische Massenbewegung aus, die unterschwellig zwar, aber dennoch deutlich
wahrnehmbar eine kulturelle Gegenwelt zu dem verordneten Mief aus
angestaubtem Proletkult und überideologisierter Volkserziehung entstehen ließ“
(Wicke, 1997, S. 35). Das westliche Jugendkulturen im Osten ankommen
konnten, ist nicht mit dem Versagen ostdeutscher Abschirmungsversuche oder
dem unterwandernden Klassenfeind zu erklären. Es bestand bei den
Jugendlichen der DDR das Interesse, an westlichen Populärkulturen zu
partizipieren und diese nachzuleben (vgl.: Häder, S. 450). Unter dem Druck des
Staates konnte somit das Rockkonzert in den Augen der Nonkonformisten zu
einer „autonomen Zone“ (Rauhut, 2002, S. 74) avancieren.
3.2 Abgrenzungsstrategien der Subkultur der Langhaarigen
Die Strategien der Langhaarigen, sich den staatlich verordneten, kulturellen
Vorgaben zu entziehen, basieren auf Rückzug und Abgrenzung zum
bestehenden System. Das taten sie, indem sie sich anders verhielten und ein
anderes Erscheinungsbild wählten, als der vermeintliche Rest der Gesellschaft.
„Die exzessiven Trinkgelage, die Tramps zu den Dorfsälen, die mürben,
geflickten Schellis und der favorisierte Blues“ (Kochan, 2002, S. 76) waren die
Wahl ihrer Waffen.
So antwortete ein Szenemitglied, der Freygang-Fan „Keule“ auf die Frage
nach der Motivation seines Auftretens und Erscheinungsbildes: „Es ging ums
Abgrenzen. Es ging einfach darum den Leuten zu sagen, ich will nicht zu euch
gehören. […] Ich lebe mein Leben. Man wurde manchmal übelst schikaniert,
wenn Du nicht in das „Schema F“ gepasst hast. Wir hatten lange Haare und
waren nicht äußerst gepflegt. Das war ein Ding für sich. Wir wollten mit den
19
anderen nichts zu tun haben, die sollten ihr „DDR – Hurra“ schreien, aber wir
haben eben „Freygang“ gepläckt (Bezeichnung für gerufen, Anmerkung des
Autors)“ (Keule, Anlage 4, S. 55). Mittels dieser Abgrenzung – der Flucht vor
staatlicher Inanspruchnahme und der Verweigerung jeder Art von
gesellschaftlicher Anteilnahme – versuchten die Akteure der Szene dem durch
und durch politisierten Alltag zu entfliehen.
Über das Tragen westlicher Kleidung wollten die Szene-Akteure ihren
Abstand zum Diktat der DDR ausdrücken, sich vom miefigen Spießbürgertum
distanzieren. Sie bedienten sich eines Kleidungsstils, Symbolen sowie Attitüden,
die während dem gesamten Zeitraum des Bestands der Szene bindend blieb.
„Zu den Standards gehörten Bluejeans der Marke Levi´s, schlichte Sandalen
(„Jesuslatschen“) oder „Kletterschuhe“ aus braunem Wildleder [„Klettis“;
Anmerkung des Autors], T-Shirts und grobe, blau-weiß-gestreifte
„Fleischerhemden“ des VEB Berufsbekleidung, altmodische Filzmäntel,
abgetragene, derbe Lederjoppen mit breitem Revers („Thälmannjacken“),
Batikkleider oder eingefärbte Unterröcke. Accessoires wie Hebammentäschchen,
aus heimattümelnd-kitschigen Wandbehängen genähte „Hirschbeutel“,
Stirnbänder, Markameearbeiten oder Nickelbrillen steigerten den Schauwert um
einige Grade auf der sonst eng bemessen Richterskala.“ (Rauhut, 2002, S. 77).
Absolutes Nonplusultra war allerdings ein originaler „Schell“-Parka der US-Army
(vgl.: ebd.). Zudem kleideten sich eingeschworene Fans der Szenebands
Freygang und Monokel unterschiedlich. Bei Monokel wurden vorrangig
dunkelblaue Jeans, schwarze Schuhe und Lederjacken getragen (vgl.: Eschi,
Anlage 2, S. 48).
Die Szene hatte über die Zeit ein gutes Gespür für die Schwächen des
Apparates entwickelt und suchte sich Maschen im Netz der Kulturbürokratie.
Statt an den Veranstaltungen der FDJ zu partizipieren, sammelten sich einige
Jugendliche in eigens ausgebauten, illegal eingerichteten „Beatschuppen“. Das
waren speziell hergerichtete Räumlichkeiten, in denen die Jugendlichen ihre
eigene, zumeist westliche Musik mitbrachten und zu dieser tanzten, feierten und
Alkohol tranken (vgl.: Rauhut, 2002, S. 44).
20
Bereits Ende der 1960er Jahre wurden die Beatfans aus den Innenstädten
an die Stadtränder und in die Dorfkneipen gedrängt, wo sie für die Öffentlichkeit
weniger sichtbar waren. Zudem war der kulturbürokratische Verwaltungsapparat
in den ländlicheren Regionen der DDR weniger stark ausgeprägt. Oft wurde nach
der Devise „bloß nicht auffallen“ gehandelt. In abgelegen Regionen, vornehmlich
im ländlichen Süden der Republik, wie „Gaschwitz, Auerbach-Hinterhain,
Annaberg-Buchholz, Röderau, Mülsen St. Niclas, Limbach-Oberfrohna,
Pönnneck-Schlettwein, Ebersbrunn, Teichwolframsdorf, Schöneiche, Werben“
(Rauhut, 2002, S. 78) und vielen anderen konnten so regelrechte Blues-
Hochburgen entstehen. „Dort führten geschäftstüchtige Betreiber ein
anarchisches Regime, das sich um Hygiene, Jugend- und Brandschutz ebenso
wenig kümmerte, wie um die offizielle Zulassung der Bands. […] Wer hier den
Einlass passiert hatte, betrat quasi rechtsfreien Raum.“ (Rauhut, 2002, S. 78).
4. Freygang als besondere Szeneband
4.1 Ein kurzer Blick an Deck
Freygang gründete sich 1977 als eine Bluesrock-Kapelle. Ihr Name – eine
Abwandelung des Begriffes für Häftlingsurlaub – war alleine schon ein Reizwort
in den Ohren der Funktionäre und klingt „wie die Faust, die endlich mal auf den
Tisch haut“ (Rauhut, 2000, S. 6). Sie war zusammen mit Monokel und Engerling
eine der wesentlichen Blues-Acts, zu der die Subkultur der Langhaarigen jedes
Wochenende pilgerte. Daneben gab es weitere Künstler und Bands wie Hansi
Biebl, Passat, Jürgen Kerth, Stefan Diestelmann, Caravan oder Zenit, deren
Konzerte allerdings weniger zum Brennpunkt der Szene avancierten (vgl.:
Kochan, 2002, S. 22).
Freygang hatte viele Umbesetzungen, gerade in der Anfangsphase. Bis
zum Jahre 2009 spielten 43 verschiedene Mitglieder in der Band. Gründe dafür
lagen einerseits darin, dass die Bandmitglieder aus unterschiedlichen Städten
kamen und es daher schwierig war, die Kapelle zusammen zu halten. Ein
21
anderer Grund war die Vielzahl gestellter Ausreiseanträge der Mitglieder. Durch
den Umstand, dass diese keine Ambitionen hatten, längerfristig ein geregeltes
Leben in der DDR zu führen, war ihr Wille auf der Bühne „ihre Seelen
aufzuklappen“ im Umkehrschluss umso höher (vgl.: Pol, 2000, S. 242).
Freygang kam erst 1982, nach Beitritt des Bassisten Andreas Kersten und
einem neuen Drummer zu festeren Strukturen. (vgl.: Pol, 2000, S. 241). Einzig
beständiges Mitglied war der Frontmann und Begründer der Band André Greiner-
Pol, der die Band bis zu seinem Tod im Dezember 2008 personifizierte (vgl.: Pol,
2000, S. 239).
Durch die Neue Deutsche Welle zu neuem Ruhm gelangt, erhielten nun
auch deutsche Texte Einzug im Repertoire Freygangs. André Greiner Pol „war es
leid, immer nur englisch zu singen“ (Pol, 2000, S. 285) und so interpretierte er
Titel der Westberliner Politrockband Ton Steine Scherben, den Fehlfarben, und
ins Deutsche übersetzte Stücke von Mon Dhy. Vorlage für den Klang lieferte „der
fette elektrische Sound von Paul Butterfield und Magic Dick.“ (Pol, 2000, S. 241).
Später schrieb Frontmann Greiner-Pol – inspiriert von Ton Steine Scherben –
eigene, politisch motivierte Texte und die Band fand zunehmend zu einem
eigenen Profil.
Anfang der 1980er Jahre vermischte sich der bluesige Stil Freyangs
zudem mit Elementen aus Rock´n´Roll und Punk. Das rührt von gemeinsamen
Aufritten der befreundeten Punkband Die Firma, um die damals geforderte
Spieldauer von bis zu über vier Stunden besser bestreiten zu können. Somit
durchmischte sich das Publikum zu einer Melange aus Bluesern, Hippies und
Punks. Ein Grund, warum konsequente Bluespuristen Freygang zum Teil den
Rücken kehrten.
André Greiner-Pol stilisierte sich selber oft als Pirat. Er trat nicht selten mit
Dreispitz auf und hisste die Totenkopfflagge auf der Bühne. In gewisser Weise
lassen sich einige „piratentypische“ Muster und Verhaltensweisen auch auf den
kulturpolitischen Kontext der Band und der Subkultur übertragen2.
2 Der Begriff „Pirat“ ist laut dem Historiker M. Kempe eine Fremdbeschreibung, um Handlungen
und Gewaltanwendungen des Gegners zu delegitimieren und diesen im gleichen Zug
rechtmäßig per eigener Gewaltanwendung zurückzuweisen (vgl.:Kempe, 2009, S. 10).
Freygang, wie auch die Subkultur wurden als politische Feinde betrachtet, gegen die
gleichermassen mit Gewalt vorgegangen wurde. Waren Piraten gewalttätig gegenüber dem
22
Vergleicht man Freygangs Sound mit dem von Monokel – der Band, mit
der sie sich wohl die meisten Fans teilten – so waren sie „ruppiger […] teilweise
auch musikalisch nicht so perfekt, dafür aber unorthodoxer und frischer.“ (Pol,
2000, S. 241) als Monokel. Ihre Stellung als Blueskapelle beschreibt Pol wie
folgt: „Wir hatten weniger Angst vor Fehlern und waren nicht so akademisch
drauf. […] Wir machten unser Ding so mehr frisch von der Leber. Das fanden die
anderen Kollegen scheiße, wir waren denen zu räudig.“ (Pol, 2000, S. 242).
Kay Lutter – studierter Musiker, Fan und später Bassist Freygangs –
schätzt die Band ähnlich ein: „Rein musikalisch gehörten Freygang für mich zu
den schlechteren Vertretern dieser Gattung. […] Die Bluespuristen konnten sie
nicht leiden, weil sie wirklich eine lausige Bluesband waren; ihre Improvisationen
klangen tatsächlich schrecklich“ (Lutter, 2004, 405).
Insbesondere Greiner-Pol ging es nicht darum, dass die Band technisch
anspruchsvolle Musik darbot. Die Kompassnadel des von „der Urwut geküssten“
(Pankonin, 2000, S. 234) Frontmannes nordete sich stets auf Kollisionskurs mit
der Staatsgewalt ein.
Diese Grundhaltung wird nicht nur über den an der Szene gemessenen
verhältnismäßig harten Sound zum Ausdruck gebracht, sondern auch über die
symbiotisch mit ihm einhergehenden Texte: „Aber sie benutzen deutsche Texte,
die in ihrer Direktheit entwaffnend waren: „Haste was, biste was“, „Bürokratie“,
„Schwätzer“. Hier wurden keine hochgestochenen Lieder […] interpretiert,
sondern „Halte durch, es wird Winter“ gerockt. Keine verklausulierten
Halbbotschaften, einfach nur – die Wahrheit. Diese Band hatte ein eigenes,
wenn auch schlichtes Konzept: Songs mit Haltung“ (Lutter, 2004, S. 405).
Freygang ist eine der Berliner Bands, die unter dem Begriff „die anderen
Bands“3 zusammengefasst wurden. Sie standen für eine neue Generation von
Musikern, die den „fragilen kulturpolitischen Kompromiss aufzukündigen
begonnen hatten und ohne Rücksicht auf die DDR-spezifischen Spielregel
Rest der Gesellschaft, stellten sie doch innerhalb ihres Subsystems eigene, teils
demokratischen Regeln auf. So schafften sich auch Freygang sowie die Subkultur, innerhalb der
DDR ein nach eigenen Regeln funktionierendes Netzwerk, eine Enklave, zu etablieren.
3 „Die anderen Bands“ ist eine begriffliche Zusammenfassung für Bands, die in den letzten Jahren
der DDR zumeist mit offener Systemkritik in ihren Texten agierten.
23
ebenso eigenständige und eigenwillige Wege gingen.“ (Müller & Wicke, 1996,
S. 117).
Freygang wurde im Juli 1983 in das Berliner Haus der Kultur geladen, wo
eine Aussprache bezüglich ihres Verhaltens in der Öffentlichkeit und der Inhalte
der eigenen Texte stattfand. Die Folge der Aussprache war ein einjähriges
Spielverbot der Band (Pol, 2000, S. 93). Das zweite Verbot der Band folgte dann
im Oktober 1986. Diesmal auf Lebenszeit für André Greiner Pol.
4.2 Die Haltung Freygangs – Autonomie als Motiv
Freygangs oberste Priorität war ihre eigene Autonomie und wie sie ihre
Zuhörerschaft ermutigen konnten, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen. Die
Band wollte sich vom Staat weder die Musik, noch die Art ihres öffentlichen
Auftretens vorschreiben lassen: „Wir sind autonom statt autognom. Uns muss
kein Staat erklären, was Kultur ist. Wir können uns selber organisieren, und wir
wollen dem Publikum Orientierungspunkte geben“ (Pol, 2000, S. 49). Auch der
aktuelle Gitarrist Brian Bosse teilt diese Ansicht: „Wir wollen den Leuten nicht
erzählen, wie wer was zu machen hat. Aber die grobe Message ist, dass jeder
[…] sich seine Freiheit auch selber nehmen kann, wenn er die Kraft dazu hat
oder es machen sollte“ (Bosse, Anlage 5, S. 58).
Sie besingen in ihren Liedern ihre Abkehr vom Staat, so etwa in ihrem
Song Das Kartenhaus: „Das Kartenhaus fällt ein, das ist uns einerlei. Der Staat
ging uns schon immer am Arsch vorbei. Mit wunderbaren Sprüchen oder mit viel
Geld – wir machen sowieso was uns gefällt!“ (Anlage 6, S. 68). Doch Freygang
kommuniziert ihre Abkehr von der Gesellschaft nicht nur auf textlicher Ebene.
Vielmehr verbinden sich alle Elemente ihrer Erscheinung, ihrer Attitüde, zu einem
anarchistischen Gesamtbild.
Freygang war, anders als andere wichtige Bands der Szene wie Monokel,
Engerling, Passat oder Stefan Diestelmann die einzige, die aufgrund ihres
öffentlichen Auftretens und ihrer eigenen Texte Spielverbot erteilt bekommen hat.
Das schlichtweg „Freche“ (Ameise, Anlage 3, S. 51), dass vor allem durch die
24
ungeheuerlich „ketzerischen Sprüche“ des Frontmanns, die sonst niemand wagte
(vgl.: Lutter, 2004, S. 406), zum Ausdruck kam und dass sie „das gesagt haben,
was anlag“ (Keule, Anlage 4, S. 54) – kurzum ihre ständige Provokation war es,
was sie von den restlichen Bands der Szene unterschied. Sie hatten mehr als
andere Szenebands das Bedürfnis und die Courage ihren Unmut gegenüber
gesellschaftlichen Zwängen zu äußern.
Ihr starker Drang nach Selbstbestimmung konnte nur in einem mit Druck
arbeitenden Gesellschaftssystem entstehen. Doch eben dieser Druck verstärkte
im Gegenzug nur den Widerstand der Unterdrückten. Die Auftrittsverbote, die der
Kapelle auferlegt wurden, führten im Umkehrschluss nur zu größerer Popularität.
Klaus-Peter „Egon“ Kenner – seit 1984 Gitarrist in der Band – meint hierzu: „Das
haben wir uns nicht gewünscht, aber das Verbot kam immer im richtigen
Moment. Das war ja der Aberwitz: Desto mehr du unter Repression gerätst und
wieder aufstehst, desto mehr freuen sich die Leute, dass du wieder da bist“
(Egon, Anlage 5, S. 62). Gerade durch den Umstand, dass die Band immer am
Rand der Existenz stand, dass wenn man zu ihren Konzerten fuhr „man
eigentlich nie wusste, ob man ankommt“ (Christiane, Anlage 2, S. 40), säte den
Reiz des Verbotenen und mit die ihm verbundene Anziehungskraft der Band für
die Szene.
Freygang ist „ein Paradebeispiel für den enormen Spielraum der Szene“
und „liefert die Antithese zur Theorie einer „durchregelten DDR“ (Rauhut, 2002,
S. 83). Sie haben ein feinsinniges Gespür, Grauzonen im schwarz-weißen
Kosmos der Kulturpolitik auszuloten und widersetzten sich permanent staatlichen
Verordnungen. Diese These lässt sich anhand mehrerer Punkte belegen.
Um tatsächlich als Paradebeispiel zu fungieren, müssen die Musiker
Freygangs somit den Rahmen der staatlich-kulturpolitischen Vorgaben in
irgendeiner gearteten Weise stärker überschreiten als andere Bands der Szene.
Sie benötigen Alleinstellungsmerkmale gegenüber ihnen.
Durch den – gemessen an anderen Bands der Szene – höheren Grad der
Repression staatlicherseits, waren sie stärker gezwungen, sich zu behaupten,
wenn sie weiter bestehen wollten. Keine Bluesband war aufmüpfiger und häufiger
verboten. Der „Spielraum“, der Freygang staatlicherseits zugestanden wurde, war
25
folglich deutlich enger, als der der anderen bedeutenden Formationen der
Subkultur, Monokel oder Engerling. Das absurde Vorgehen des Staates, mithilfe
von Spielverboten den gesellschaftlichen Einfluss der Band herabzusetzen, war
der antreibende Motor für den Kult um die Band. Unter dem Druck seines
kulturellen und gesellschaftlichen Diktates entstand Widerstand, der sich durch
oppositionelles und nonkonformes Verhalten äußerte. Diesem wiederum wurde
entweder mit erneutem Druck – im Falle Freygangs mit Spielverbot – oder durch
den Versuch kultureller Einnahme – wie zum Beispiel durch das Redigieren der
Texte – begegnet. Verstärkte sich daraufhin das widerständige Verhalten,
begann der Kreislauf von vorne und verstärkte sich zunehmend. Das Behaupten
Freygangs wider alle Repressalien verhalf ihnen zum Kultstatus. So avancierten
sie zu Rädelsführern der Oppositionellen, deren aufbegehrendes Gebären
wegweisend für die Szeneaktivisten war.
Sich auf „eigenständigen und eigenwilligen Wegen“ an das bestehende
System anzupassen, fing für die Band damit an, das nötige Equipment selber zu
bauen oder aus dem Westen zu schmuggeln. Das Faktum permanenter
wirtschaftlicher Not des Staates wurde so auf autonome Art und Weise
ausgehebelt.
Freygang war eine Amateurband. Um eine Platte auf dem staatlich
kontrollierten Label Amiga veröffentlichen zu können, hätten ihre Texte redigiert
werden müssen. Zwar hatte die Band kurzen Kontakt zum Label, doch nachdem
einer der Produzenten die Band während eines eskalierenden Konzertes in
Augenschein nahm, war das Zustandekommen eines Plattenvertrages
gescheitert. Freygang war – im Gegensatz zu Monokel oder auch Engerling, die
Platten auf Amiga veröffentlicht hatten – nicht systemkonform genug.
Während der gesamten Spanne ihrer Existenz in der DDR ist die
Formation länger verboten als erlaubt gewesen. Doch Fans und Scouts der
Gruppe organisierten neue Locations, in denen sie trotz des Entzugs der
Spielerlaubnis auftreten konnten. Freygang stand immer in engem Kontakt zu
seinen Fans. Termine für die Veranstaltungen wurden über den archaisch
anmutenden, aber effektiv arbeitenden „Buschfunk“4 weitergegeben. Dabei
4 Buschfunk ist ein anderer geläufiger Begriff für das mündliche Weitergeben von Informationen
26
wurde Freygang zum Teil aus den Reihen der FDJ geschützt (vgl.: Pol, 2000, S.
246). Den „ganzen Bürokratenscheiß“ (Pol, 2000, S. 246), der zur Organisierung
eines Konzertes nötig gewesen war, erledigten Leute aus dem Umfeld
Freygangs. Während ihrer Zeit nach dem ersten Spielverbot hatte die Band eine
lokal eingeschränkte Spielerlaubnis, die den damaligen sogenannten
„Sputnikbereich“ umfasste. Das war der beamtendeutsche Begriff für die Zone
um und in Berlin. Der „Sputnikbereich“ wurde von der Band rücksichtslos auch
auf die darüber hinaus liegenden Bereiche ausgedehnt (vgl.: Lutter, 2004, S.
408).
Kurz nachdem Greiner-Pol das Spielverbot auf Lebenszeit ausgesprochen
wurde, absolvierten sie im Winter 1986/1987 unter dem Phantomnamen OK
Band eine von der FDJ geförderte Tournee an der sowjetischen Erdgastrasse
und unterliefen dreist das Spielverbot. Indem André Greiner-Pol zusammen mit
dem Gitarristen Gerry Franke 1988 der thüringischen Band Pasch beitraten,
ignorierten sie erneut den Entzug der Spielerlaubnis. André Greiner-Pol verfolgte
weitere musikalische Projekte, so zum Beispiel die Organisierung eines Festivals,
bei dem er selber mit der Formation André und die Raketen auf der Bühne mit-
wirkte, sowie Einspielungen für die Plattenaufnahmen für Feeling B, aus denen
später Rammstein hervorgehen sollten.
Freygang – und insbesondere Greiner-Pol, der sie personifizierte – arrang-
ierten sich mit den auferlegten Verboten und den bestehenden Mängeln. Sie
fanden eigenständig Wege, Barrieren zu umgehen oder auszuhebeln und sich in
den aufgezeigten Grenzen weitestgehend unabhängig von kulturpolitischen Vor-
gaben zu bewegen. Die offizielle Wiederzulassung der Band bedeutet hierbei die
symbolische, nicht zu überwindende Grenze des Entfaltungsfreiraumes Frey-
gangs. Erst durch die auf Bühnen vor Zuhörerschaft vorgetragene, eigene spiel-
erische Auslegung von auferlegter Eindämmung, konnten sie zum Paradebeispiel
für das Ergreifen eigener Freiheiten wider kulturpolitischer Diktate werden. Somit
widerlegen sie die These einer durchregelten DDR.
von Person zu Person.
27
4.3 Freygangs Stellung innerhalb des Kulturprogramms
Um die Bedeutung Freygangs für die (Sub-) Kultur herauszustellen, folgt nun die
Klassifizierung ihrer Stellung als Aktanten innerhalb des Kulturprogramms.
Freygang sind durch ihr besonders exzentrisches Verhalten ein wichtiger
Bezugspunkt für das subkulturelle Milieu, in dem sie sich bewegen. In einem Sys-
tem, das der Subkultur keinen Platz zum Ankern der eigenen Ideen ließ, waren
die Konzerte die buchstäblichen Häfen der Andersdenkenden: „Dort [auf den
Konzerten Freygangs, Anmerkung des Autors] hast du dich wiedergefunden, mit
deinen eigenen Gedanken, die du hattest“ (Christiane, Anlage 2, S. 39). Sie
repräsentierten über Texte und Bühnenpräsenz ihre Haltung und fungierten als
Opinion Leader der Subkultur. Im Rahmen des Kulturprogramms der DDR lassen
sie sich somit als Anti-Stars verstehen, da sie „Anbieter alternativer
Kulturprogrammanwendungen“ (Jacke, 2004, S. 298) und in ihrem subkulturellen
Umfeld vergleichsweise „bekannt und beliebt“ (ebd.) sind. Anti-Stars sind in der
Lage, etablierte gesellschaftliche Differenzen umzucodieren (vgl: ebd., S. 298).
Es liegt aufgrund ihrer populären Position innerhalb der Subkultur nahe, sie als
eine Main-Erscheinung des Sub-Gefildes zu klassifizieren 5(vgl.: ebd. S. 285).
Jacke (ebd.) bemerkt, dass es Anti-Stars, die sich Gehör im Main verschaffen,
„synthe-seartig gelingen [kann], Interpretationen und Anwendungen aus Sub-
programmen populär zu machen und somit zum Wandel der Kulturprogramme
beizutragen“. Freygang selbst hatten zu DDR Zeiten zwar keine offiziellen LP-
Veröffentlichungen machen können, doch ist ihre Bedeutung für die Szene und
deren Einfluss auf die Main-Kultur der DDR von hohem Stellenwert.
4.4 Die Bedeutung Freygangs für die Szene
„Wir wollten keine angepasste Musik. Wir wollten Konfrontation“ (Christiane, Anlage 2, S. 46).
Während die Sektion Rock des Komitees für Unterhaltungskunst im Januar 1987
nichts bleibt, als konsterniert zu konstatieren, dass: „es in der DDR-Rockmusik
5 Da sie innerhalb der Subkultur der Langhaarigen eine bekannte Formation sind.
28
eine sich verstärkende Tendenz zu ihrer ästhetischen Gestalt nach glatten und
inhaltlich belanglosen Liedern gibt“ und „die soziale Wirklichkeit eines Großteils
der potentiellen Hörerschaft […] nicht mehr eingefangen“, und Rockmusik
dementsprechend nur noch als „plakativ und unglaubhaft empfunden“ (SAMPO-
BArch, DY 24/115446, zitiert nach Rauhut, 2002 S. 99) wird, sind die Zeilen
Freygangs die unter lautem Rock´n´Roll Getöse hervorgebrachte, sonst im
öffentlichen Diskurs verschriene Verbalisierung der politisch initiierten
Fehllenkungen der Gesellschaft.
Freygangs Konzerte – meist in verräucherten Dorfkneipen, in kleinen
Sälen auf dem flachen Land – dienten den Besuchern als „nötiges Ventil“ (Pol,
2000, S. 245). Es wurde Energie raus gelassen und getanzt. Sie lassen sich als
Refugien, als geschützte Räume verstehen, in denen die Alltagswelt der DDR
ausgeklammert wurde (vgl.: Pol, 2000, S. 244f.). Ein Archipel, fernab von
Alltäglichkeiten, irgendwo im unbekannten Hinterland der DDR, mit sonst in
herkömmlicher Umgebung nur schwer auszumachenden Gleichgesinnten. Es
wurde mittels exzessiven Alkoholkonsums eine alltagsferne Realität konfiguriert;
„die Gesellschaft außer Kraft gesetzt“ (Pol, 2000, S. 245). Umso kontrastierender
zur miefigen Alltagswelt, desto stärker konnte sich ein „Freiheitsfeeling“ (Rauhut,
2000, S. 10) einstellen, das wieder über die durchweg triste Alltagswelt der
Woche retten konnte. So resümierte der Fan Ferfi über seine Konzertbesuche
nach dem ersten Verbot der Band: „Als die Band dann wieder spielte, war ich
jedes Mal dabei. Das gab Kraft für die Woche.“ (Pol, 2000, S. 142).
Freygang erschufen durch ihre Konzerte einen „Raum für
Andersdenkende“: „Man konnte ja die Texte, auch wenn die von den Scherben
[Kurzform für Ton Steine Scherben, Anmerkung des Autors] waren, auch auf die
DDR beziehen und auch auf das System. Das war einfach was für
Andersdenkende. Dort hast du dich wiedergefunden, mit deinen eigenen
Gedanken, die du hattest. Es gab nicht viele Orte, an denen du dich wiederfinden
konntest“ (Christiane, Anlage 2, S. 39).
Auch der Freygang-Fan Keule bestätigt im Interview, dass die Band für ihn
prägend war, er sich mit ihr vollkommen identifizieren kann und sie für „alles, das
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komplette Leben“ (Anlage 4, S. 53) mitbestimmend ist6. Sie waren
gleichermaßen das, was er „hören “ wollte und was er „gelebt“ (ebd. S. 54) hat.
Diese Verquickung aus „Hören und Leben“ ist entscheidend für die Bedeutung
Freygangs. Sie waren authentische Identifikationsfiguren, waren
Leidensgenossen, die ebenfalls mit den Repressalien des Staates umzugehen
hatten. Höhere Repression auf Freygang bedeutete somit, noch stärker
identifikations-stiftend, sowie Vorbild zu sein, sich trotz des Druckes zu
behaupten.
Als besonders empfand Keule in der Freygang-Szene „das
Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Leuten, die damals da waren“ (ebd.,
S. 53). Der gemeinsame Feind brachte die sich-Ausgrenzenden dicht
zueinander.
Freygang standen dem Publikum immer sehr nah. Einerseits rekrutierten
sich die Mitglieder der Band aus den hinterherfahrenden Fans (Pol, 2000,
S. 241). Andererseits waren die Musiker nach den Konzerten oft unter dem
Publikum, um gemeinschaftlich zu feiern (vgl.: Anlage 5, S. 63-65). „So nach und
nach bauten wir uns eine richtige Infrastruktur auf, und es entstanden sogar
Freundschaften. Die Art von Publikumsnähe unterschied Freygang von den
anderen Bluesbands ganz erheblich“ (Lutter, 2004, S. 410). Die Band und einige
ihre Fans machen bis heute gemeinschaftliche Unternehmungen und helfen sich
gegenseitig aus, fahren zusammen in den Urlaub (vgl.: Anlage 5, S. 66).
Diese symbiotische Verbundenheit schafft einen engen Bezug zueinander
und der Austausch untereinander erfährt dadurch eine zusätzliche Tiefe.
Freygangs Mitglieder sind selbst Teil der Subkultur, mit dem feinen
Unterschied, dass sie aufgrund ihrer exponierten Stellung als Band wie ein
Sprachrohr jener Subkultur fungieren konnten.
Der Umstand des verbotenen, öffentlichen politischen Diskurses und die
Tatsache, dass Freygang es über Texte und Haltung schafften, den Nerv der
6 Trotz des Umstandes, dass das Interview mit Keule im Beisein seiner Freunde stattfand, und so
der Eindruck entstand, seine Antworten könnten aus dem Anlass sozialer Erwünschtheit
übertrieben ausfallen, lassen sich Tendenzen und Einstellungen aus seinen Aussagen ableiten.
Dieser Eindruck sozialer Erwünschtheit flaute mit dem Fortschreiten des Interviews jedoch
zunehmend ab.
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Aktivisten der Subkultur zu treffen, machte sie zum idealen Werkzeug7, um den
Widerstand gegen den Versuch ideologischer Vereinnahmung zu artikulieren. In
einem Staat, in dem allein jede Abweichung von der Norm des durch Institutionen
zu kontrollieren versuchten Klanges schon zu einem politischen Statement
wurde, trieb Freygang es auf die Spitze. Sie hielten sich nicht mit dem Einhalten
klanglicher Normen oder verklausulierten Halbbotschaften auf, deren Metaphern
der Zuhörer erst zu entschlüsseln hatte, sondern zeigten ganz klar und ohne
Umschweife ihre Kritik am System.
Sie fungierten als Medium zwischen der unterdrückten Subkultur und ihren
Widersachern: den politischen Funktionären, den Spießbürgern, Bürokraten und
Angepassten. Ihre – gemessen am herkömmlichen und floskelhaften DDR Rock
– drastische Nonkonformität bat eine Projektionsfläche für die Lebensvorstellung
vieler hartgesottener Subkultur-Anhänger. Die Musiker Freygangs verkörperten in
hohem Maße das Leitbild der Szene. Fan dieser Band zu sein hieß – über die
musikalische Präferenz hinaus – auch, ihre Ideale zu teilen. Es bedeutete,
gleichsam Haltung gegenüber dem System zu zeigen.
Den Mitgliedern von Freygang war es nie ein Anliegen, ihrer Zuhörerschaft
zu diktieren, an welchen Maximen sie sich ausrichten sollten. Denn Vorgaben
existierten bekanntermaßen bereits von Seiten des Staates. Die Leute kamen an
den Wochenenden zu den Konzerten um dort den ideologisierten Alltag
vergessen zu können und in der Gemeinschaft die eigene Lebensauffassung
auszuleben.
In der DDR bedurfte es eines hohen Maßes an Mut, Courage und
Konfliktbereitschaft, die eigene Lebenshaltung – war sie nicht mit dem Leitbild
des sozialistischen Menschen zu vereinbaren – in der Öffentlichkeit zu
präsentieren. Dieses Ausleben hatte in der autoritären Gesellschaft als
Konsequenz politische Verfolgung und Strafe mit sich gebracht.
Die Haltung Freygangs ist vielen ein Vorbild gewesen, ebenso die
Repressionen für die eigene Lebensvorstellung zu erdulden. In Zeiten der DDR
ein Begeisterter oder Anhänger dieser Band gewesen zu sein war mehr, als die
bloße Bekundung einer Musikbegeisterung, sondern ebenso eine Überzeugung
7 Sofern man das Sprachrohr im Sinne eines Instrumentes zum sich-Gehör-verschaffen begreift.
31
und Haltung. Es ist die Verbrüderung mit den Ansichten der Band und eine
Bezeugung gemeinschaftlichen Dagegenhaltens. Die Intensität des
Zusammenhaltes der Gemeinschaft steigt äquivalent mit der vermittelten
Nonkonformität Freygangs. Die Szeneakteure hatten das Gefühl, das Richtige zu
tun und „nur für das Gute“ (Lutter, 2004, S. 404) zu kämpfen. Die Auflehnung
gegen einen gemeinsamen Feind, der einem, im Glauben, das Richtige zu tun,
mit Repressalien belegte, schaffte unter ihnen ein sehr ausgeprägtes
Zusammengehörigkeitsgefühl, das bis heute anhält und immer noch zu spüren
ist.
5. Schlussbetrachtungen
5.1 Die Bedeutung der Rolle der Band Freygang und der Subkultur auf die
DDR-Gesellschaft
Bis zum Aufkommen der Punkbewegung in den 1980er Jahren ist die Subkultur
der Langhaarigen „die einzige nichtinstitutionalisierte Sozialisationsinstanz
außerhalb des Elternhauses“ (Kochan, 2002, S. 71) gewesen. Sie fungierte
deshalb als Kristallisationspunkt für verschieden sozialisierte Jugendliche, die
sich nicht an das System anpassen wollten und geschlossen die staatlich
verordneten Kulturmuster ablehnten. Sie distanzierten sich von der Gesellschaft
durch ihr bizarres Äußeres und durch ihre tabufreie Auffassung von Sexualität,
Genuss und Moral. Sie boten somit einen Gegenentwurf zur Spießigkeit und zum
Egalitätsdruck in der DDR (vgl.: Rauhut, 2002, S. 77).
„Was die Bluesszene bis heute bedeutsam macht, ist ihre Rolle als
Katalysator einer zaghaften, alltagskulturellen Umwälzung und Modernisierung
der ostdeutschen Gesellschaft“ (Kochan, 2004, S. 77-78). Mit feinem Gespür
fassten sie die aus dem Westen kommenden Trends auf, entfernten ihnen
Färbungen kapitalistischer Vermarktung und sozialistischer Verteuflung und
banden sie in das kulturelle Gefüge der DDR. Ihre Verdienste für die
Gesellschaft sind „lockere Benimmregeln, legere Kleidungsvorschriften, gesunde
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Skepsis gegenüber Autoritäten, und eine unverkrampfte Sexualität, ökologisches
Denken und ein entspanntes Verhältnis zur Lohnarbeit“ (Kochan, 2004, S. 78).
Die Szeneakteure waren die Trendsetter für die westliche Kultur; „Kulturrebellen
mit Pioniergeist, die die steife ostdeutsche Gesellschaft peu à peu
umkrempelten“ (Kochan, 2004, S. 78).
Nach ihrem Vorbild standardisierte sich das Tragen längeren Haares und
mächtiger Kotletten auch für andere Bürger der DDR und wurde zu einer
modischen Selbstverständlichkeit. Ebenso erging es mit den in der DDR
verpönten Jeans. Waren West-Jeans zu Anfang noch Zeichen von Opposition
gegen die Gesellschaft, so waren sie bald ein gerne getragenes Importprodukt.
Die Subkultur der Langhaarigen stellt eine eigenständige Gruppe
innerhalb der DDR dar, die der spießbürgerlichen Gesellschaft zeigte, dass es
möglich ist, sich trotz aller Repression und Strafen seine eigene Freiheit zu
nehmen. Sie ist ein Zusammenschluss von Menschen, die für Freiheit und gegen
Fremdbestimmung eintreten. Freygang waren innerhalb dieser Szene besonders
starke Verfechter eigener Autonomie. Sie gingen mit – szenenintern
gemessenen Maßstäben – gutem Beispiel voran und waren in der Lage, die
Szeneaktivisten zu ermutigen, ebenfalls ihr Leben nach eigenen
Wertvorstellungen zu kreieren.
Mit den Aktivisten der Subkultur war zu rechnen, sie hatte eine
Bestandsdauer von über zwei Jahrzehnten. Durch permanentes Gegenhalten
lockerten sie die kulturpolitischen Bestimmungen. Denn was der Staat nicht im
Stande war zu verbieten oder zu unterdrücken, duldete oder erlaubte er auf kurz
oder lang.
Die Montagsdemonstrationen, die schlussendlich zur Auflösung der DDR
geführt haben, waren nichts weiter als ein Zusammenschluss ermutigter und vom
politischen Geschehen desillusionierter Bürger, die gemeinschaftlich für ihre
Freiheit einstanden. Vielleicht liegt hierin die bedeutendste Rolle der Subkultur:
Vorbild zu sein, sich gemeinschaftlich gegen Repression und Diktat
auszusprechen.
33
5.2 Kritische Reflexion der Quellen
Die zur Bearbeitung des Themas verfügbaren Texte von Peter Wicke, Lothar
Müller und Michael Rauhut ergaben eine gute Grundlage, um sich mit den
kulturpolitischen Gegebenheiten der DDR auseinander zu setzen. Sie berichten
aus der Vogelperspektive über die damaligen Umstände. Die Texte sind eine
vornehmlich sachlich-wissenschaftliche Abhandlung der Thematik und verzichten
weitestgehend auf die Verarbeitung von Interviewsequenzen. Ihre Texte waren
besonders geeignet um kulturpolitische Zusammenhänge zu verdeutlichen, aber
verschafften einen lediglich spärlichen Einblick in die Subkultur der
Langhaarigen. Anders als Thomas Kochan: seine Veröffentlichungen konnten
einen direkten Einblick in das Leben und Denken der Subkulturaktanen der
Szene gewährleisten, da hier verstärkt mit Erfahrungsberichten und Interviews
gearbeitet wurde. Doch auch diese Texte konnten nur in begrenztem Umfang
Einblick in die Szene rund um Freygang vermitteln. Deshalb erschien es
notwendig, die Fans sowie die Band direkt zu befragen. Dabei kann bei der
Menge der erhobenen Daten lediglich ein exemplarischer Einblick gewährleistet
werden. Zudem entstand bei einigen der Interviewpartnern, insbesondere bei
„Keule“, der Eindruck, dass soziale Erwünschtheit die Güte einiger Aussagen
leicht beeinträchtigte. Interviewpartner „Ameise“ hatte Probleme, die in den
Fragen formulierten Aspekte in der Antwort aufzugreifen, sodass der Eindruck
entstand, die Fragen seien nicht vollständig verstanden worden. Vieles war
undeutlich artikuliert und kaum zu transkribieren. Trotzdem erschien es wichtig,
gerade seine Ansichten mit einzubringen, da er einer der ältesten und treusten
Freygang-Anhänger ist.
34
6. Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
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Zitierte Literatur:
Anordnung über die Befugnis zur Ausübung von Unterhaltungs- und Tanzmusik
vom 27. März 1953. in: Zentralblatt der DDR. Ausgabe B. Berlin 11/1953. S. 137.
Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst: Standpunkt zur
Entwicklung der Rockmusik in der DDR. 21.05.1984 SAMPO-BArch,
DY30/39004.
Ulbricht, Walter (1960). Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur und
Kunst. in: Zur sozialistischen Kulturrevolution. Bd. 2. Berlin: o. A.. S. 474.
Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (1969). Berlin:
Staatsdruckerei der Deutschen Demokratischen Republik.
37
7. Anhang
Seite
Anlage 1 Abkürzungsverzeichnis 38
Anlage 2 Interview mit Christiane aus Stendal und 39
„Eschi“ aus Brandenburg, 22. August 2009
Anlage 3 Interview mit Kai Uwe „Ameise“, 22. August 2009 51
Anlage 4 Interview mit „Keule“ aus Heidenau bei Dresden, 52
21. August 2009
Anlage 5 Interview mit Klaus-Peter „Egon“ Kenner, 58
Tatjana Besson, Brian Bosse, Maik „Smolle“
Smolarczyk und Andreas Kick; aktuelle Mit-
glieder der Freygang-Band, 10. Oktober 2009
Anlage 6 Songtext „Das Kartenhaus“ von Freygang 68
38
Anlage 1
Abkürzungsverzeichnis
DDR: Deutsche Demokratische Republik
FDGB: Freier Deutscher Gewerkschaftsbund
FDJ: Freie Deutsche Jugend
IM: Inoffizieller Mitarbeiter
MfS: Ministerium für Staatssicherheit
SED: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
StGB: Strafgesetzbuch
Trapo: Transportpolizei, Bahnpolizei der DDR
VEB: Volkseigener Betrieb
ZAIG: Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe
ZK der SED: Zentral-Komitee der Sozialistischen Deutschen Einheitspartei
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Anlage 2
Interview mit Christiane (C) aus Stendal und Eschi (E) aus Brandenburg,
22. August 2009
Wie lange kennst und hörst du die Musik von Freygang?
C: Seit 1982.
Welchen Stellenwert hat ein Konzert von Freygang für dich?
C: Es war das Größte und das Wichtigste, jedes Wochenende irgendwohin,
Telefone gab es ja noch nicht. Dann kam von Eschi immer ein Telegramm:
Freitagabend da und da, Samstagabend da und da, Sonntag dann immer
Frühschoppen. So funktionierte das damals. Dann hat man halt geguckt, wann
ein Zug fuhr, oder wo man hintrampen kann. Meistens war das irgendwo um
Berlin rum oder auf sächsischen oder thüringischen Dörfern. Das fand dann
meistens in Sälen statt, damals hatte ja jede Kneipe noch einen Saal. Das haben
sie aus dem Grund gemacht, weil sie dort auch keiner kannte. Dann konnte kein
Wirt sagen, nein ihr spielt hier nicht, sonst waren sie auch oft genug verboten,
dass sie dann nicht auftreten konnten.
Inwieweit hat Freygang ein bestimmtes Lebensgefühl unterstützt?
C: Man konnte ja die Texte, auch wenn die von den Scherben waren auch auf die
DDR beziehen und auch auf das System. Das war einfach was für
Andersdenkende. Dort hast du dich wiedergefunden, mit deinen eigenen
Gedanken, die du hattest. Es gab nicht viele Orte, an denen du dich wiederfinden
konntest. Da gab es entweder die Kirche oder Musik.
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Fand in der Kirche dann auch eher etwas Alternatives statt?
C: Die Kirche war auch ein Ort, an dem man anders denken konnte, es war aber
eben nicht unseres. Wir sind auch nicht mehr christlich erzogen worden, dann hat
man den Bezug auch einfach nicht so. Es war auch gut. Es gab dort die
Bluesmesse in Berlin, das war auch ein Ort, an dem man sich treffen konnte.
Oder auch auf dem Petersberg-Treffen in Halle. Aber mit Glauben hatte das
nichts zu tun. Das war ein Ort für uns, an dem man anders denken konnte und
auch drüber reden konnte.
Hast du bei Freygang eine Kulturform gefunden, die du im Kulturangebot der
DDR nicht gefunden hast?
C: Ja, genau, das gab es ja sonst nicht. Später dann, als es die Skeptiker gab.
Ich glaube es war 1989, als es dann so richtig losging mit diesen ganzen Bands.
Und es war egal, wo du hingegangen bist, du hast immer die gleichen Leute
gesehen, das waren dann eben die Freygänger.
E: Was war das damals: Es waren Keimzeit, Monokel, Travelling Blues Band,
Engerling, Kirsche und Co. Die waren aber später, das waren eher so
Nachahmer, dort ist man erst hingefahren, als Freygang verboten war.
C: Und sie waren ja auch Vorband zu Rio Reiser in Berlin 1988.
E: War ja auch kein anderer mehr so richtig da.
War es denn dann trotzdem immer was besonders bei Freygang zu sein?
C: Ja klar! Das war ein Lebensgefühl gewesen. Es war ja das kurios bei
Freygang: Das André in die Masse schreien konnte: „Ihr seid Schweine!“ Und sie
haben trotzdem da gestanden und geschrien: „André“ (lacht). Es wurde ja auch
viel getrunken, das war einfach so, man hatte auch nichts anderes und Alkohol
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war eben billig und es war dass, mit dem man sich betäubt hat. Dafür haben wir
eben keine Drogen genommen.
E: Es haben auch viele Bands als Gastbands da gespielt. Alte Ossis die in den
Westen rüber sind kamen dann nach Dresden und haben dann dort gespielt,
auch Ton Steine Scherben und solche. Später nachts haben sie (die Stasi,
Anmerkung des Autors) dann den Saal gestürmt. Es standen drei LKWs draußen
und haben versucht, die Leute platt zu machen, haben sie aber nicht auf die
Reihe bekommen.
C: Es war auch immer ziemlich spannend, zu den Konzerten zu fahren, weil man
eigentlich nie wusste, ob man ankommt. Es war so, dass die Trapo nach
Langhaarigen mit Schelliparka und Klettis oder Jesuslatschen geguckt hat. Und
ganz besonders schlimm war es, wenn man ins Grenzgebiet gefahren ist.
E: Die hatten auch Fahndungsbücher.
Du erwähntest gerade Fahndungsbücher. Was war das genau?
E: Das sind so große dicke Bücher in denen sie die Personen mit Bild, Name,
Adresse und Personennummer drin hatten. Dann standest du eben dort drin.
Und mit denen haben sie dann auch die Züge kontrolliert?
C: Schon auf dem Bahnhof, schon vorher. Ich kann mich erinnern auf dem
Bahnhof in Halle mussten wir mal umsteigen. Und dann haben die dich
eingeschlossen in einem Abteil in dem du dann dort so drin gesessen hast.
E: Aber wir waren ja clever. Wir wussten das ja schon und hatten dann ein
Schlüssel dabei, das war ja nur so ein Vierkant.
Und das haben die legitim machen dürfen?
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C: Ja, da war alles legitim. Wir waren es nicht, aber (lacht)
E: Die sind zu dir hingekommen und haben dich angekettet, das war legitim, das
war so.
Aus welchem Grund? Weil du zu irgendwelchen illegalen Veranstaltungen
gegangen bist?
E: Weil du so aussiehst, wie du aussiehst!
C: du hast ja damit was ausgedrückt. Es hat schon gereicht anders auszusehen,
anders zu sein hat ausgereicht.
Ist es euch mal passiert, dass ihr in einem solchen Abteil eingeschlossen
wurdet?
C: Ja, klar! (lacht)
E: Ich war 14 oder 15 Mal in Untersuchungshaft. Das längste Mal hatten sie mich
in Coswig, das waren 14 Tage.
C: Was sie auch gerne gemacht haben, war einfach irgendwo eine Razzia. Wenn
du irgendwo auf einem Konzert warst, und man kannte ja viele Leute aus dem
ganzen Land, bei denen man übernachten konnte, haben die das beobachtet und
dann später kamen sie nachts einfach rein. Wir haben das oft erlebt, dass dann
nachts einfach eine Razzia war.
E: Dann ging die Tür auf, wie von Geisterhand (lacht). Es standen schwer
bewaffnete Bullen da, das kannst du dir nicht vorstellen.
C: Wir mussten dann alle aufstehen und dann wurden von jedem die Personalien
genommen. du warst ja immer verpflichtet, einen Personalausweis dabei zu
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haben. Wenn du den nicht hast, dann warst du gleich geliefert. Nach der Wende
hatte es ganz lange gedauert, das wieder raus zu bekommen.
E: Früher gab es auch noch keine Kabelbinder, da gab es richtige Handschellen.
Und die haben auch immer genügend dabei gehabt. Wie damals in Havelberg.
Da haben die uns einfach da raus an die Elbe gefahren. Es war auch ein großes
Freygang Konzert, an einem Freitag. Da haben die uns einfach alle
eingesammelt, richtig gejagt, mit Hunden. Dann haben sie 50 oder 60 Leute auf
einen LKW geladen, uns an die Elbe gefahren und wieder runter gelassen.
‚Schönen Abend noch!‘ Das war nachts um eins. Und dort war ringsum nichts. 17
Kilometer hier nichts, 17 Kilometer da nichts. Mitten in der Börde einfach
abgeladen. Das war heftig. (schweigen)
Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.
E: Die haben dich ja auch gedroschen und wir haben uns auch gewehrt. Dann
hatte man eben eine angebrochene Rippe, solche Leute waren da auch
dazwischen und das hat auch keinen interessiert.
C: Hm!(zustimmend)
E: Du lagst am Boden und dann zack drauf. Langhaariges Schwein, Penner,
Assi.
C: Ja! Du hattest lange Haare und somit asozial.
Ich habe auch häufig gelesen, dass man offiziell als Gammler beschrieben
wurde.
C: Als Assi.
44
E: Ja. Asozialer. Der Begriff war ja vor der Wende richtig definiert. Du hattest
damals nicht das Recht, sondern die Pflicht zu arbeiten.
C: Du musstest nachweisen, wie du deinen Lebensunterhalt verdienst. Und wenn
du das nicht nachweisen konntest, dann bist du dafür in den Bau gegangen.
Dann warst du asozial und sie konnten dich dafür einsperren. In der Zeit, in der
du eingesperrt warst, haben sie dann deine Wohnung auf den Kopf gestellt.
E: Das haben sie auch gemacht, wenn du am Wochenende unterwegs warst. Du
bist dann Sonntag wieder angekommen und deine Bude war auf einmal total
durcheinander. Gegen wen willst du dann eine Anzeige machen? Gegen den
Staat etwa?
C: Und wenn du raus gekommen bist, durftest du nicht drüber sprechen. Man
bekam einen Bewehrungshelfer, bekamst deine Arbeitsstelle zugewiesen,
bekamst eine Wohnung zugewiesen. So lief das. Und die Wohnungen waren die
letzten Löcher. Man konnte nicht sagen, Wow, dann hab ich eine tolle Wohnung,
wenn ich einmal in den Bau gehe, so war es auch nicht.
Ihr habt aber offiziell gearbeitet?
C: Ja.
Ihr seid aber trotzdem immer damit konfrontiert worden?
E: Immer!
C: Gearbeitet haben wir immer, wir waren keine Leute, die nicht arbeiten wollten.
E: Es waren ganz wenige abgefahrene Leute, die das so gemacht haben.
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Nochmal wegen der Legitimation von Staats-Seiten her: Ihr hattet doch Arbeit,
wie konnten sie euch dann trotzdem inhaftieren?
C: Nein das hatte ja damit nichts zu tun.
E: Nein, es ging vielmehr darum was sie gesucht haben: Staatsfeindlichkeiten
oder ähnliches. Flugblattschreiber.
C: Staatsfeindliche Äußerungen. Was ich einmal ganz herrlich fand: Als wir
einmal nach Prag fahren wollten, wir beide (und Eschi, Anmerkung des Autors)
(lacht). Da kamen dann so ein paar Fußballfans, weißt du das noch? (zu Eschi)
Die hatten sich Metalldosen als Rasseln umgebaut und du hast so einem Jungen
die Rassel abgenommen, hast deinen Schellparka verkehrt herum angezogen
und bist mit dem Ding durch die Straßen von Dresden gelaufen und hast immer
gerufen „Ihr Sündiger dieser Stadt“.
E: Ach! (zustimmend, sich erinnernd)
C: Und irgendwann hast du das Ding weggeschmissen. Als wir dann am Bahnhof
ankamen, hatten sie uns. Und es war ein ganz junger, hoch motivierter Polizist
dabei, der dann als wir dort standen wegen ruhestörendem Lärm, ankam und
meinte: „Ich melde: Ruhendestörendes Objekt sichergestellt“. (lacht). Das weiß
ich noch genau (lacht). Der hatte also diese Rassel eingesammelt. Und du
wolltest dich immer aufregen und ich hatte immer Angst, dass wir dann nicht
nach Prag kommen.
E: Mensch Christiane, das ist 20 Jahre her, woher soll ich das noch wissen.
C: Es war ja auch so, dass du, wenn du nach Prag fahren wolltest, immer über
Dresden fahren musstest. Und in Bad Schandau haben sie den letzten Wagon
des Zuges abgehängt. Dort waren alle Leute drin, die denen nicht passten. Die
kamen dann nicht nach Prag. Der war immer voll.
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E: Aber alle, die durchgekommen sind, saßen dann im U Flekú irgendwo. Dort
haben wir gefeiert ohne Ende. Das waren schöne Zeiten.
Konntet ihr euch mit der Musik von Freygang identifizieren, bzw. besser
identifizieren als mit der Musik von anderen Ostrockbands?
C: Wir haben ja nichts anderes gehört (lacht). Die anderen Ostbands, die wirklich
bekannt waren, uns hat das überhaupt nicht interessiert.
E: Du kamst auch nicht hin, oder hast Termine erfahren, z. B. bei Stern Meißen
oder Orion und anderen Sachen, die es damals gab.
C: Ja, aber das war auch nicht das, was uns interessiert hat. Das war
angepasste Musik und wir wollten keine angepasste Musik. Wir wollten
Konfrontation. (lacht). Und wenn wir dann mal auf solchen Konzerten waren,
wenn man da so reingeschlittert ist, …
E: Da sind wir dann zu Joshi Braun gegangen. Das war ein tschechischer
Nationalheld, der auch ganz bekannt im Osten war. Den haben wir dann von der
Bühne runtergeholt und ihn mit zum Bier trinken genommen. Den haben wir in
unsere Mitte genommen, da war er weg. Die Stasi-Leute sind nervös geworden.
Wir waren so 14 oder 15 Leute und die kamen an den Kerl nicht dran. Dann
haben wir ihn mit vorgeschleppt an den Tresen, Bier getrunken und ein Foto
gemacht und dann haben wir ihn wieder auf die Bühne gestellt. Dann haben sie
uns alle verhaftet (lacht). Oder Karrel Gott im Flekú. Wo ich dann dort hinten rein
bin mit Flake. Denn kennst du doch noch, Flake von Rammstein. Da sind wir dort
hinten durch beim Flekú und standen in einem großen Saal, wo dieses Kabarett
drin ist. Flake dann „Kann man hier Licht anmachen drin, hier sieht man ja
überhaupt nichts!“ Dann kamen dort zwei Kellner an, haben uns mitgenommen,
aber nicht raus gebracht und uns ein Bier hingestellt. Und wir sollten leise sein.
Mit Karl und Flake hat getrommelt.
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C: Aber was es heute nicht mehr so gibt und das ist das, was ich glaube alle
heute alle vermissen und darum ist das hier (Anmerkung des Autors: das
Hohenlobbese Festival) auch so gut, ist dieses Zusammengehörigkeitsgefühl.
Und das solidarische untereinander, das war schon toll.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl war noch stärker früher?
C: Ja, klar!
E: Da hat jeder jedem geholfen früher. Da sind immer alle weggekommen (von
den Festivals und Feiern, Anmerkung des Autors). Es gab keine Taxis und keine
Autos, aber es sind immer alle weggekommen. Es ging meistens nur bis 22Uhr
oder 23Uhr und es waren alle weg. Das war im letzten Dorf. Da fragst du dich oft:
„Wie bin ich da hingekommen, wie bin ich da weggekommen?“
C: Ja, das frag ich mich oft, wenn ich heute darüber nachdenke. Und manchmal
bist du auch nicht mehr reingekommen. Du standest draußen und drinnen
spielten sie „Halte durch, halte durch, es wir Winter“ und du standest draußen
und kamst nicht rein (lacht).
E: Schön waren auch die Feten. Das waren absolute Highlights. Das war aber
nur für absolut geladene Gäste, weil das gegen den Staat war. Das ging dann
drei Tage lang, da warst du dann ‚draußen‘. So etwas gab es natürlich dann
auch. So etwas hat dann Keimzeit aber auch gemacht.
Seht ihr euch als Teil einer Szene und hat Freygang diese mitgeprägt?
C: Das ist ja eigentlich schon beantwortet. Man muss sich das so vorstellen: wir
sind ja der Band hinterher gefahren. Jedes Wochenende, wenn Freygang
Konzerte gespielt haben, sind wir dort auch hingefahren. Und in den Zeiten, in
denen sie verboten waren, sind wir zu denen gegangen, die dem nahe kamen.
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E: Oder zu richtigem Blues. Zum Blues waren wir auch oft unterwegs. In der
Hardrock-Szene waren wir eigentlich nie.
C: Aber in Potsdam waren wir dann auch mal eine Weile da, wo die „Metaller“
waren.
E: Das war aber eigentlich auch nur, weil nichts anderes da war.
C: Stimmt. Danach kam dann noch Die Firma, das war ja Tatjanas Band
gewesen, das war dann eher so Punk.
Gab es eurer Meinung eine bestimmte Kleiderordnung, wenn man zu den
Konzerten von Freygang fuhr?
C: Ja!
E: Blau, Grün, und Haare lang!
C: Was hatten wir denn alles: Einen Schelli, Fleischerhemden, gebatikte
Unterhemden von unseren Großeltern, bei den Mädels auch diese alten
Unterröcke, die wir eingefärbt haben, oder wir haben uns aus Bettlaken
Klamotten genäht und gefärbt, Malerhosen haben viele getragen, die Keimzeit-
Fans haben diese roten Latzhosen getragen.
Hat es sich auch von Band zu Band unterschieden, was man getragen hat?
E: Oh ja! Monokel: dunkelblaue Jeans, schwarze Schuhe, Lederjacken.
C: Thälmannjacken wurden doch auch akzeptiert.
E: Ja, aber nicht bei Monokel, das war bei dieser anderen Bluesband, wie hießen
die gleich?
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Silly?
E: Nein, da hätten wir Steine geschmissen!
C: Silly, da war ich auch mal. Aber das war eben nicht unseres! Das hat uns
damals eben nicht interessiert. Alles was legalisiert worden ist vom Staat und
was der Staat gefördert hat, hat uns nicht interessiert. Das war gar nicht so
kritisch, wie wir das haben wollten. Und sie haben sich ja auch angepasst, auch
wenn sie das heute anders darstellen wollen, natürlich haben sie sich angepasst,
sonst würden sie gar nicht.
Ich habe teilweise Auszüge gelesen, wie sie die Texte daraus redigiert haben
und Passagen System-konformer gemacht haben. Die Bands wurden dann
teilweise auch von der FDJ gefördert!
E: Es ging ja auch alles darüber. Singewettstreit nannte sich das. Und damit
wurden junge Bands gefördert. Zum Beispiel junge Bands, da fielen die Pudhys
dann komischerweise auch drunter. Dann gab es noch diesen Musikrat von der
DDR, das war auch bei den Kulturschaffenden. Dort saßen welche, die haben
schon nach Erde gerochen, vor der Tür. Wenn dann dort ein 60 jähriger sitzt mit
einem FDJ Hemd, dem das Ding von der Haut fault.
Die letzte Frage: Gibt es einen besonderen Zusammenhalt zwischen den Fans
untereinander oder zur Band?
C: Nach der Wende war es dann erst mal weg, weil dann die Band nicht mehr
aufgetreten ist. Sie mussten sich selber erst mal neu orientieren.
E: (kommt mit seinem Schelli Parka) Hier der ist echt, 1956.
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C: (lacht) Der musste immer echt sein, egal wie oft der geflickt war, Hauptsache
original. Wir haben auch keine Ost-Jeans getragen.
Nur die Levis 501?
C: Die am liebsten, ja! Obwohl eine Wrangler war auch okay.
Wie war es denn mit den Hirschbeuteln?
C: Die Hirschbeutel. Die waren aber mehr aus Sachsen. Ich hatte so ein Ding nie
(lacht). Im „Russenmagazin“ waren das Wandbehänge.
Was sind denn Russenmagazine?
Es gab ja Garnisonsstädte, in denen Soldaten stationiert waren! Die hatten dann
eigene Läden und diese hießen dann Magazin. Bei denen heißt das so. Dort gab
es dann diese Wandbehänge, auf denen Hirsche waren und die haben sich die
Leute gekauft und Taschen daraus genäht.
E: Da passte ein Schlafsack rein, vier Flaschen Bier und ein paar Schachteln
Karo.
Es haben viele Karo geraucht, oder?
E: Ja, immer wenn wir sie bekommen haben, aber wir haben sie eigentlich immer
irgendwoher bekommen. Das war ja auch reduziert.
C: Ich hab keine Karo geraucht, die Mädchen haben die nicht so geraucht, aber
die Jungs schon. Wir eher so alte Juwel. Und Menthol Zigaretten haben wir uns
selber gebastelt. Dann haben wir aus der Apotheke Menthol geholt und haben
die Menthol Stangen da selber reingestopft. […]
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Nach der Wende hatten alle Treffpunkte, die wir so hatten alle dicht gemacht.
Und da haben sich viele auch aus den Augen verloren, weil auch alle in tausend
verschiedene Richtungen gingen
Ihr habt euch dann aber auch wieder neu gefunden nach einer Weile?
E: Das hat aber zwei, drei Jahre gedauert.
C: (zu Eschi) Wir haben uns ja auch verloren, aber weil ich in den Westen
gegangen bin nach der Wende.
Anlage 3
Interview mit Kai Uwe „Ameise“ (A), 22. August 2009
Wie lange kennen und hören sie schon Musik von Freygang?
A: Seit 1978. Ein halbes Jahr, nachdem sie angefangen haben, habe ich sie
kennengelernt. Seit dem bin ich da so eine Art inoffizielles Bandmitglied, ich
singe da ab und zu mit.
Welchen Stellenwert hat ein Konzert von Freygang für Dich?
A: Freygang ist eine Band, wie jede Band. Freygang sind wie meine Geschwister.
Das ist mit allem so, wenn ich in der Welt bin. Wenn ich im Urlaub bin, hab ich
das Gefühl, ich kenne die Menschen schon immer.
Inwieweit verbindest Du mit Freygang ein Lebensgefühl und wie weit kannst du
dich mit der Band identifizieren?
A: Freygang hat mir geholfen, selbstsicherer zu werden. Ich war früher immer
ängstlich.
Was unterscheidet denn Freygang deiner Meinung nach von anderen Bands der
Ost-Rock-Szene?
A: Ja, das Freche. Er hat viel Heinrich Heine gelesen und sich auf die Texte
seinen eigenen Reim gemacht. Zum Beispiel bei „Schwätzer“. Andre hat immer
ein Problem gehabt mit Monokel, immer wenn sie zusammen gespielt haben,
haben sie sich richtig aufgeheizt.
Hast du irgendwelche Erfahrungen mit dem Staat gemacht?
A: Die wollten mich als Spitzel haben, ich war mal drei Wochen lang in U-Haft.
Anlage 4
Interview mit Keule (K) aus Heidenau bei Dresden, 21. August 2009
Wie lange kennst und hörst du schon die Musik von Freygang?
K: Seit 1981.
Welchen Stellenwert hat ein Konzert von Freygang für dich?
K: Sehr hoch.
Inwieweit hat Freygang ein bestimmtes Lebensgefühl bei dir unterstützt?
K: Alles. Das komplette Leben.
Also es hat dich geprägt in dem, was du bist und was du machst?
K: Auf jeden Fall!
Hast du etwas bei Freygang gefunden, was du im Kulturangebot der DDR nicht
gefunden hast?
Ja!
Hat es dir was gegeben, was dir etwas anderes nicht gegeben hat?
K: Das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Leuten die damals da waren.
Konntest du dich mit der Musik identifizieren oder besser identifizieren wie mit
anderer Musik der damaligen Ost-Rock-Szene?
K: Sicher konnte ich mich mir der Musik von Freygang identifizieren.
Auch besser als bei anderen Bands wie Monokel oder ähnlichen?
K: Nein. Damals gab es zwei Bands, das waren Monokel und Freygang. Das war
immer so ein hin und her und man konnte sich immer nie entscheiden, zu wem
man fährt. Die beiden Bands waren damals genial. Ich habe vor 2 Wochen erst
wieder mit dem Herrn Kühnert (Gitarrist von Monokel) geredet und gesagt, dass
es mich ankotzt, dass es zu ihrer Auflösung gekommen ist.
Worin unterscheidet sich Freygang von den anderen Bands der Ostrock-Szene?
K: Sie haben das gesagt, was anlag.
Also die Direktheit der Texte?
K: Ganz genau, deswegen waren sie ja auch nicht umsonst ein paar Mal
verboten. Sie sagen dir das aus, was du hören willst und was du gelebt hast.
Siehst du dich sich selber als Teil einer Szene?
K: Ja!
Und hat Freygang diese mitgeprägt?
K: Ja!
Wie würdest du die Szene beschreiben, was ist besonders an ihr?
K: Das war für mich immer eine große Familie, in der jeder für jeden da war, in
der jeder jedem etwas gegeben hat. Dort gab es beispielsweise Gigs, bei denen
du am Ende kein Geld mehr hattest und dann mit einem Teller rumgegangen bist
und dir jeder was drauf gelegt hat. Drei Wochen später kam dann eben ein
anderer mit einem Teller und dann hat man eben selber was draufgelegt. Es war
ein Geben und Nehmen. Es war einfach leben pur.
Gab es deiner Meinung nach eine bestimmte Kleiderordnung?
K: (lacht) Höchstens eine Flaschenordnung.
Ich habe oft gelesen, dass einige mit Shelli-Parkas unterwegs waren.
K: Ja, die gab es, aber man muss sich mal überlegen, dass die damals tausend
Ostmark gekostet haben. Angerückt bist du mit dem, was du hattest.
Hauptmerkmal war doch Anfang der 1980er der Hirschbeutel.
Konntest du dich mit den Dingen abgrenzen von den anderen?
K: Es ging ums abgrenzen. Es ging einfach darum den Leuten zu sagen: ‚Ich will
nicht zu euch gehören. Ich lebe mein Leben.“
Und wie hat sich das Leben unterschieden von denen der anderen?
K: Durch Repression seitens der Polizei. Man wurde manchmal übelst
schikaniert, wenn du nicht in das ‚Schema F‘ gepasst hast. Wir hatten lange
Haare und waren nicht äußerst gepflegt. Das war ein Ding für sich. Wir wollten
mit den anderen nichts zu tun haben, die sollten ihr „DDR – Hurra“ schreien, aber
wir haben eben „Freygang“ gepläckt (Bezeichnung für gerufen, Anmerkung des
Autors).
Ich habe es so ähnlich schon mal gefragt, dennoch: Gab es zwischen den Fans
untereinander ein starkes Verbundenheitsgefühl, bzw. zur Band, mehr als bei
anderen Bands?
K: Ich denke mal auf jeden Fall. Denn ich glaube nicht, dass es irgendwelche
Pudhys-Fans gab, die, wenn die Band in England spielt, dann dort hin fahren. Ich
war in England bei Freygang, ich war in Ungarn bei Freygang, ich war überall, wo
die gespielt haben. Die Musik hat verzaubert. (schweigt)
Gibt es sonst noch eine Anekdote, die du erzählen kannst, oder möchtest?
K: (lacht) Eine? Was willst du denn hören? Ich könnte dir eine aus dem Jahre
1982 oder 1983 aus dem „Kohlenpott“ (Schenke) erzählen! Der Saal ist offiziell
zugelassen für denke ich 500 Personen, es waren aber über tausend. Draußen
war die Stasi in ihren langen Ledermänteln und ihren Hunden und drinnen sang
der Pol „Halte durch es wird Winter“ und mit einem riesigen Krach kam diese
riesige Tür reingeflogen und mit Tür meine ich mit Rahmen so etwa 3 Meter hoch
und 2 Meter breit. Mit Rahmen haben die Fans die reingedrückt. Ich selber hatte
eine Eintrittskarte. Der Koch hatte mich durch die Küche rein gelassen, weil ich
ihm meine Karte gezeigt habe. Und als ich drin war haben sich oben durch das
Oberlicht drei Mann abgeseilt und standen plötzlich auf der Bühne. Am Ende bist
du über einen 20cm hohen Scherbenhaufen gelaufen und in dem Saal war nichts
mehr ganz. Und der Pol: „Genau das wars! Geil!“ Es entstand ein
Gesamtschaden von glaube ich zweiundzwanzig tausend Ostmark und im Saal
war nichts mehr wie es war. Danach haben sie den Saal umgebaut, das war der
erste und der letzte Gig für Freygang dort. Und draußen steht die Stasi, drinnen
singt der Pol: „Halte durch, Halte durch, es wird Winter“ von den Scherben, das
war herrlich. Und sie haben nichts gemacht und sie konnten auch nichts machen,
die hätten die da drin völlig niedergewalzt. Die tanzten da drinnen auf den
Stühlen und Tischen, das ist dann alles zusammengebrochen. So etwas habe ich
noch nie gesehen. Das war das, was er brauchte (Pol, Anmerkung des Autors).
Dann hast du die Staatsgewalt dort gespürt?
K: Die hast Du immer gespürt bei Freygang. Da gab es genügend Dinger!
Dann war das bei Freygang immer ein gemeinschaftliches dagegenhalten?
K: Ich hab mit denen noch einen Gig durch in Forst zu Pfingsten. Die haben ja
immer ihre Pfingsttreffen gemacht und sind mit ihren Fahnen durch die Straßen
„Heil, meine DDR“ und so. Der Pol steht auf de Bühne und wedelt mit so einem
Winkelement und ich wusste doch genau, dass die Stasi im Publikum war. Ich
dachte: „Pol, ob du das nun mal lässt, sonst ist doch hier der Ofen aus!“ und der
sagt (überlegt), ich weiß es nicht mehr, aber der war so gegen den Staat, aber
der hat das voll durchgezogen. Mit dem hab ich Dinger durch (lacht). Oder in
Stolpen. Vierzehn Tage später hatten sie wieder Spielverbot.
Marco Kusche: Es gab auch „F-Termine“. Du bist dort immer hin gefahren und
wusstest nie, spielen sie, oder spielen sie nicht. Du bist ja immer auf Verdacht
dort hin gefahren. Wenn nicht, dann war das dann ein „F-Termin“, ein Fehltermin.
Dankeschön!
Anlage 5
Interview mit Klaus-Peter „Egon“ Kenner, Tatjana Besson, Brian Bosse,
Maik „Smolle“ Smolarczyk und Andreas Kick; aktuelle Mitglieder der
Freygang-Band, 10. Oktober 2009
Seht ihr euch als Vertreter eines bestimmten Lebensgefühls oder Lebens-
haltung?
Egon: Es sind keine Vertreter dabei. Der Begriff Vertreter ist immer schwierig,
aber ich weiß natürlich, was du meinst.
Habt ihr dass Gefühl ihr seid in der Lage etwas zu transportieren?
Egon: Ich bin ein ganz schlechter Interviewpartner.
Brian: Wir wollen den Leuten nicht erzählen, wie wer was zu machen hat. Aber
die grobe Message ist, dass jeder selbst schuld ist, für das was er macht, und
das er sich seine Freiheit auch selber nehmen kann, wenn er die Kraft dazu hat
oder es machen sollte. Oder, was meint ihr?
Versucht ihr das ein Stück weit so zu vermitteln?
Egon: Allein schon wenn du auf der Bühne stehst – das vermittelt ja auch was.
Wir sind nicht Botschafter für irgendwas, aber dadurch das die Texte da sind,
dass wir versuchen mit der Musik so umzugehen, dass wir Spaß daran haben, ist
das vielleicht das, was wir vermitteln können, und auch den Ernst.
Wie stark schätzt ihr den Einfluss eurer Texte oder Lebenshaltung auf euer
Publikum ein?
Brian: Ich glaube schon, dass es den Menschen Kraft gibt, über die Woche zu
kommen.
Ich habe von Fans gehört, dass die Textzeile „Halte durch“ ihnen Kraft gegeben
hat, genau das tun zu können.
Brian: Ich weiß noch, wie es mir ging als ich Fan war und Freygang hinterher
gefahren bin, dass ich mich gefreut habe, endlich ist die Woche wieder vorbei,
ich kann wieder zu Freygang fahren.
Egon: Aber Musik ist eben nur ein Transportmittel, wenn wir schon mal bei
Transport sind. Wenn wir nur Musik machen würden, würde keiner hingehen, das
wäre Schwachsinn. Die Texte sind das wichtigste überhaupt, ohne die Texte
wäre die Band völlig belanglos.
Aber es ist schon immer noch die Mischung aus Musik und Text. Wäre dort
Bossa drunter, würde es sicher auch nicht funktionieren.
Egon: Das ist klar. Es passieren ja auch unterwegs so Sachen, da fällt uns
unterwegs irgendwas ein. Da passieren so Glücksmomente, wo das beides so
ineinander verzahnt ist, wo du merkst, dass es stimmt. Die wollen mit mir hier ja
nicht Shadows spielen.
Was ist das?
Egon: Das ist eine Surfband, so ´65 bis ´71, nur langsamer. (lacht) Ohne Text,
sehe ich keinen Grund zu spielen.
Wie wichtig war euch politische Stellungnahme zu Zeiten der DDR?
Egon: Du hast es schon mitgekriegt. Licht geht aus, shootest sofort und hoffst,
hoffentlich kommst du hier morgen heil wieder raus. Dadurch hat jeder von uns
irgendeine Stellung bezogen, aber Stellung ist wieder so n Ding wie ein
Standpunkt, da bewegst du dich ja nicht. Sich Meinungen aussetzen macht jeder
von ganz alleine, das ist ja klar, und was ist denn nicht politisch?
Ihr hattet ja schon politische Texte. War es euch da nicht wichtig, ein Statement
zu geben?
Egon: Klar, was dort aus dem Publikum wiederkam war das Wichtigste für mich.
Die Geschichten finden sich dann wieder in den Texten von Andre oder Tatjana. [
Albern wegen einem neuen Song] Die ganze Zeit nur ernst, das ginge ja nie.
Was wäre ein politisches Statement ohne Humor? Ich habe keinen gesehen in
einem Kittel von einem Rote-Front-Kämpfer.
Smolle: Aber wir waren beim G8 Gipfel.
Egon: Smolle spielt gerne mit Bullen. Wenn es G8 nicht gegeben hätte, hätte
man es erfinden müssen!
Tatjana: Andre hat das ja auch gerne gemacht.
Egon: Du kommst ja auch gar nicht vorbei an der Polizei, das ist ja Wahnsinn,
selbst wenn du es möchtest. Aber du möchtest ja eher wissen: Hat die Band
einen politischen Hintergrund? Aber es ist doch klar, wenn die Band auf der
Bühne steht, ist doch sofort eine Projektionsfläche da. Aber damit kannst du ja
keinem helfen.
Brian: Wenn wir so lala Texte machen würden, bräuchten wir auch gar keine zu
machen. Es muss zum Schluss auch was hängen bleiben, wenn wir solche Texte
machen.
Egon: Und das ist jetzt nicht finanziell gemeint. (scherzt) Wir rennen nicht dem
Geld hinterher, das würde auch gar nicht gehen, wir sind eine kleine Band. Uns
geht es nicht um die Charts oder irgendwas.
Brian: Aber es wäre schon schön, wenn die Masse auch mal zuhören würde und
nicht immer nur die, die sowieso schon zuhören.
Wie groß schätzt ihr denn eure Fangemeinde?
Brian: Auf unsere Konzerte kommen immer so 100 bis 200 Leute.
Egon: Aber unsere Fangemeinde ist größer. Das könnten so 2000, vielleicht
3000 Leute sein.
Hat sich bei euch mit dem neuen –Staatssystem an der politischen Einstellung
irgendetwas verändert oder inwiefern habt ihr darauf reagiert?
Egon: Das kann man so nicht vergleichen.
Tatjana: Der Zusammenhalt ist immer noch da.
Egon: Es hat sich natürlich was verändert. Dadurch, dass die Grenzen ein
anderes Gefüge haben, hat sich für jeden etwas verändert, das ist klar. Aber da
müsste man zwei Gespräche führen, das eine wäre, in der DDR gab es Grenzen.
Das hat für viele Leute Druck erzeugt, den sie ablassen mussten, und da war so
ne Band natürlich wunderbar. Und jetzt kannst du sagen was du willlst, es
passiert trotzdem nichts. Deswegen ist der Zusammenhalt zwischen den Leuten
trotzdem da, weil die sich auch alle Gedanken machen. Aber es ist nicht mehr so
dass wie in den 80er Jahren die Läden auseinander gebrochen sind, das ist klar.
Jetzt das System ist so subtil, das fängt das ohne Probleme ab, da kannst du
auch gegen eine Gummiwand hopsen oder so, deswegen aufzuhören ist falsch.
Gibt es irgendetwas besonderes, dass euch von der damaligen Ost-Rock-Szene
abgegrenzt hat, z. B. gegenüber Silly oder Pudhys. Ihr ward ja viel politischer und
nicht zensiert, oder aber gegenüber Monokel?
Egon: Da gibt es doch immer so Geschichten bei Bands, dass irgendwelche
Leute dann eine Band hassen. Aber das hat sich dann auch geklärt. Silly und die
ganzen etablierten Bands, das war ja eine ganz andere Flagge, unter der die
gefahren sind. Deswegen waren die auch nicht verboten, aber wir. Das haben wir
uns nicht gewünscht, aber das Verbot kam immer im richtigen Moment. Das war
ja der Aberwitz: Desto mehr du unter Repression gerätst und wieder aufstehst,
desto mehr freuen sich die Leute, dass du wieder da bist. Das hat nicht immer
was mir doofer Laune zu tun, aber was ganz kleines schon, das ist klar.
Brian: Ich hab immer das Gefühl, also ich war ja (überlegt) also wenn ich im
Nachhinein die Musik aus Ostzeiten so höre, habe ich immer das Gefühl, die
Musik war immer so schön. Und Freygang war dann immer so Dreck. So
richtiger, dreckiger Roch ´n´ Roll. Ich fand die andere Musik auch nicht schlecht,
aber sie war mir eben zu schön.
Egon: Wir waren ja auch nicht alleine. Es ab ja auch noch die ganzen Punk
Bands. Tatjana kam von der Firma. Wenn wir zusammen gespielt haben, dann
gab das immer eine Katastrophe. Wir waren als Bluesband eingestuft, die als
Punkband, selbst für uns war das immer für jeden anders, also in der alten Band,
in der ganz alten Band. Dann sprachen die, Mensch das ist doch scheiß Musik
und dann hörst du dir das zehn, zwanzig Jahre später an und denkst, nein das
war überhaupt keine scheiß Musik, das war großartige Musik. Kay Lutter hatte so
was nie gesagt, der hatte mit der Musik kein Problem.
Tatjana: Aber wir hätten ohne Freygang auch nie ne Chance gehabt. Dadurch
dass wir immer mitgefahren sind auf die Dörfer haben wir auch noch was gelernt.
Wir konnten ja auch nicht allzu viel anfangen mit unseren drei Griffen da.
Egon: Die Texte waren auch vom Feinsten, da war dann auch alles klar. Es gab
natürlich auch ein Haufen Dinge, die uns getrennt haben, aber es gab eine
bestimmte Richtung, einen gemeinsamen Feind. Ich kann jetzt natürlich nicht
sagen, die DDR an sich wäre mein Feind gewesen, ich werde einen Teufel tun,
aber je mehr du mitkriegst, und das hatte was mit Macht zu tun, desto mehr sagst
du dann: Na gut, das dann eben nicht. Und dann war das eben alles vorbei. Und
die Frage ist, was ist dann jetzt? Jetzt haben wir alle schön Wohnungen, wie wir
sie in der DDR auch hatten, nur jetzt sind sie eben teurer.
Es gibt nicht mehr dieses offensichtliche Feindbild?
Egon: Das kannst du nach wie vor natürlich auch haben. Ich kann natürlich nicht
sagen, dass Westerwelle mein Freund ist.
Smolle: Wenn ich an den Teufelsplatz fahre, dann habe ich ein eindeutiges
Feindbild. Da könnt ich einen Pflasterstein nehmen, weil ichs zum kotzen finde,
weißt du?!
Egon: Da passieren dann natürlich so Dinger, ich wohn da in der Nähe, da kanns
sein das ich die Fenster eingeworfen bekomme. Jetzt ist da natürlich ein
riesengroßer Wirr Warr, den kannst du gar nicht aufdröseln, also musst du immer
wieder neu eine Haltung entwickeln, du musst dich immer wieder neu sortieren.
Brian: Ein Feindbild an sich ist immer schwierig. Also ich hab kein direktes
Feindbild. Den einzigen Feind den ich sehe ist Missmut und Stunk. Ich hab nichts
gegen Yuppies oder so, jeder macht sein Ding. Aber trotzdem ist es so dass
unser Klientel, oder die Leute die wir kennen schon überlegen, wie kann man
sich selber treu bleiben, auch wenn jeder heute mitschwimmen muss.
Habt ihr das Gefühl, dass ihr durch die Verbundenheit, die ihr zum Publikum
hattet, eure Fans besser erreichen konntet? Ich habe da ein Zitat von Kay Lutter
der sagte: „So nach und nach bauten wir uns eine richtige Infrastruktur auf, und
es entstanden sogar Freundschaften. Diese Art von Publikumsnähe unterschied
Freygang von dem Rest der Bluesbands ganz erheblich“
Brian: Die Nähe zum Publikum, ich weiß ja nicht genau wie das bei anderen
Bands so gewesen ist, man sagte immer, dass Monokel immer reserviert waren,
was wir manchmal ja auch sind, wenn hier alle drei Minuten jemand Backstage
reinkommt und will irgendwas, dann nervt das natürlich auch irgendwann. Aber
nach der Mugge sind wir auf dem Saal mit denen Schnaps saufen.
Smolle: Basert hat gesagt, wir sind die Einzigen, die nach der Musik noch mit den
Fans am Tresen stehen und trinken.
Tatjana: Ehrlich? Das kann ich mir gar nicht vorstellen! Wir machen ja mit den
Leuten, die zu unseren Konzerten kommen ja auch noch ganz andere Dinge,
Dächer decken zum Beispiel, oder Staken gehen im Spreewald.
Egon: Genau, das ist das, der Typ der hier grad reinkam, der junge. Das ist
unfassbar: der fährt Motorradrennen, hat ein großes Gehöft, ne Scheune, ist
überhaupt kein Kapitalist, nichts. Bei dem sind wir dann gefahren. Aber es ist
nicht nur das fahren, sondern eben auch, dass die Leute da sind. Sie hätten ja
auch sagen können mit euch Idioten kann ich nichts anfangen. Das genaue
Gegenteil passiert.
Tatjana: Und viele von den Leuten, die zu uns kommen haben so sehr ihr
eigenes Leben, dass ich das richtig gut finde, also solche totalen Individualisten.
Die fahren nicht dröge einer Welt hinterher, sondern…
Brian: Handwerker – es gibt so viele Leute, die einem was erzählen können von
Dingen, von denen man keine Ahnung hat. Ob das jetzt Patrick ist, der auf dem
Motorrad zwei Mal Deutscher Meister geworden ist.
Egon: Der Steinmetz zum Beispiel. Der ist ein bisschen älter, der meinte: Mensch
Egon, wenn ich zu euch komme, dann wird es anarchisch, und das ist eben
genau das, was ihm fehlt. Du hast eine Familie, hast zu tun mit den Kindern, mit
der Frau, um überhaupt Arbeit zu kriegen, und der meinte: „wenn ich bei euch
bin, dann fällt eine Last von mir ab und ich kann dann wieder was machen.“
Tatjana: Oder dein Freund, der immer zu uns kommt, der Wissenschaftler.
Egon: Hannes aus Jena? Der ist ein Genforscher aus Jena, mit dem habe ich
das Abi gemacht. Und der meint nach dem Konzert fällt ihm immer was ein, was
er mit seinen Leuten dann macht. Die Kombinationen im Kopf sind dann anders
und er kommt aus so einem bestimmten Trott raus.
Brian: Mir gefällt an dem Publikum, wie viele fähige Leute dort auch sind. Wenn
man mal nachfragt, kommt da auch was. Klar sind alle besoffen danach.
Tatjana: Nee, das ist einfach nicht so ne Sackgasse, wo die Band was sendet,
und da ist dann irgendwie so ne dröge Masse die vor einem steht und hinterher
rennt, sondern es ist immer im Austausch.
Egon: Und das schöne ist, selbst wenn jemand wirklich nicht bei allen Sachen
mitkann, das ist egal. Die nimmst du mit für einen Augenblick. Sonst nimmt
überhaupt keiner irgendeinen mit. Kannst ja auch nicht die ganze Zeit
philosophieren, mach doch was du willst, Anarcho-Arschloch. Du merkst ja wir
sind ganz unterschiedlich. Es ist ja nicht so, dass eine Band dort vorne steht und
alle haben den gleichen Anstrich, das geht ja überhaupt nicht.
Hat sich euer Publikum gewandelt seit der Wende?
Andreas: Ich war ja zehn Jahre nicht auf Freygang Konzerten gewesen, nur in
Berlin und mir ist aufgefallen es sind einfach noch viele jüngere Leute mit dazu
gekommen, es sind auch weniger geworden auch dadurch, dass viele in den
Westen gegangen sind um zu arbeiten. Durch die Grenzeröffnung haben sich die
Lebensräume bzw. Einzugskreise mächtig erweitert.
Egon: Es sind noch andere Sachen: Du kannst jetzt tonnenweise Bands hören.
Damals ´89, hab ich mich gesträubt zu den Bands zu fahren, die ich eigentlich
mochte. Ich hatte die Karten, bin aber nicht hingegangen.
Ja, heute ist es möglich gerade vom Abseits des Mainstreams ne Menge guter
Bands zu entdecken.
Egon: Hier fahren Bands rum, die sind vom feinsten. Zum Beispiel Dyse. Es gibt
doch nicht so ein riesiges Potential, Freygang mögen zu müssen. Für manche
Leute steht das so und andere fahren woanders hin. Ich freue mich immer wenn
die Schweden kommen. Die singen englische Texte, richtige Rockbands, die sind
fröhlich drauf und schön hart. Aber sanft geht natürlich auch. Ich weiß ja nicht wie
du vögelst! Sanft ist auch gut. Du kannst ja hören was du willst. Und wenn ich
Brain richtig verstanden habe: Hauptsache es sind Leute, die sich bewegen.
Selbst wenn sie sich in die falsche Richtung bewegen, aber sie bewegen sich
eben.
Haben sich eure Texte radikalisiert? Stichwort: Der Blues muss bewaffnet sein!
Egon: Das hat was damit zu tun dass die Band im Laufe der Zeit auch Leute
kennen lernt, wie den, der den Text geschrieben hat. Bernd Papenfuß, der
schreibt eben so was, das fällt dem ja nicht jeden Tag ein.
Brian: Bei der Blues muss bewaffnet sein, das weiß ich noch, den Satz hat Andre
als er in der Kneipe mit dem Papenfuß gesessen hat gebracht. So
Sonntagabend, da war sicher auch Alkohol mit im Spiel, da hat Andre den Satz,
so wie eben ist gesagt „Der Blues muss bewaffnet sein!“ Da hatte Papenfuß ne
Vorlage und da ist dann der Text dabei rausgekommen. […] Wenn Andre zu
DDR Zeiten „Schwätzer habt ihr Probleme“ gesungen hat, dann stimmt das heute
auch noch, und es ist genauso arg wie „der Blues muss bewaffnet sein“, bloß
eben anders. Wir können ja nicht 30 Jahre lang dieselben Texte singen.
Egon: Was für uns natürlich gut gewesen wäre, dann wären viele Leute dabei
geblieben. Die fragen, warum singt ihr denn nicht eure alten Songs?
Es haben ja wirklich viele Bands das Problem.
Tatjana: Also ich habe das Gefühl, dass unsere Platte mit den Songs, die André
ja teils noch mit eingesungen schon radikal geworden ist, ohne dass wir uns das
vorgenommen haben vorher.
Bassist: Also kein Aufruf zur Radikalität, aber schon radikal, ja.
Worin seht ihr eine Ursache dafür?
Tatjana: Das kam von Innen heraus.
Egon: Einfach das, der eine hat Kinder und der andere hat Kinder.
Dankeschön!
Anlage 6
Songtext „Das Kartenhaus“ von Freygang
Komp. André Greiner-Pol / Klaus-Peter „Egon“ Kenner
Text: André Greiner-Pol
Das Kartenhaus fällt ein
Das ist uns einerlei
Der Staat ging uns schon immer
Am Arsch vorbei
Mit wunderbaren Sprüchen
Oder mit viel Geld
Wir machen sowieso
Was uns gefällt
Die Bürokratie
Die macht alles tot.
Die Quelle versiegt
Wir sind in Not
Da steht sie da
Die Beine breit
Ich werf` ihr meine Lieder entgegen
Und wenn sie dann tobt
Und wenn sie dann schreit
Dann weiß ich:
Ich bin noch am Leben.
Doch wenn ein Panzer rollt
Und `ne Kanone grollt
Wenn der Wald versengt
Wenn der Mensch verbrennt
Was gibt `s da noch
Was übrig bleibt
Macht endlich Schluss
Es wird höchste Zeit
Es ist die letzte Gelegenheit
Sonst ist `s aus mit der Gemütlichkeit
Biomasse marschiert
Hologramme marschier `n
Ihr könnt mich mal
Hörst du die Räder rollen
Shalom
Saddam Hussein
Eins
Neun
Dreiunddreißig
Hey, hey, hey