Department Chemie
Fachgebiet Chemie und Technologie der Beschichtungsstoffe
Arbeitskreis Prof. Dr. W. Bremser
Korrosionsvorhersage und Modellierung bei
beschichteten Automobilsubstraten
Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrades
Dr. rer. nat.
der Fakultät für Naturwissenschaften
der Universität Paderborn
vorgelegt von
Sabine Zischka
geb. in Böblingen
Paderborn 2010
Erstprüfer: Prof. Dr. Wolfgang Bremser
Zweitprüfer: Prof. Dr.-Ing. Guido Grundmeier
Dissertation Sabine Zischka Erklärung
I
Erklärung
Ich versichere, dass ich diese Dissertation selbstständig angefertigt, nicht
anderweitig für Prüfungszwecke vorgelegt, die benutzten Quellen und Hilfsmittel
angegeben sowie wörtliche und sinngemäße Zitate gekennzeichnet habe.
Sindelfingen, Juni 2010
Sabine Zischka
Dissertation Sabine Zischka Danksagung
II
Danksagung
Insbesondere möchte ich mich bei meinem Betreuer Dr. Michael Bayer
(Mercedes-Benz Werk, Sindelfingen) bedanken, der mir während meiner
Promotionszeit zur Seite stand und mir durch seine hohe fachliche Kompetenz
unglaublich geholfen hat. Durch seine Art ermöglichte er mir eine schöne und
lehrreiche Promotionszeit.
Der gleiche Dank gilt meinem Doktorvater Prof. Dr. Wolfgang Bremser (Universität
Paderborn). Bei ihm möchte ich mich recht herzlich für seine Zeit bedanken, die er
sich für mich genommen hat. Durch seine hilfreichen Fragestellungen und
konstruktive Impulse leistete er mir einen wertvollen Beitrag zu meiner
Dissertation.
Die mir Vorgesetzten im Mercedes-Benz Werk (Sindelfingen) betreffend, bedanke
ich mich bei meinem Abteilungsleiter Dr. Rolf Specht sowie bei meinen
Teamleitern Dr. Michael Gailberger, Alexander Schnell und Robert Mayrhofer.
Jeder von ihnen hat sich trotz der engen Terminpläne für mich Zeit genommen
und mit mir das Interesse an meiner Dissertation geteilt.
Danke an mein Team für die tolle Zusammenarbeit. Gerne war ich ein Teil von
euch/Ihnen und werde an das „Team-Zusammenleben“ mit Freude zurückdenken.
Ein weiteres Dankeschön gilt dem IPA in Stuttgart, vorneweg Dr. Thadeus
Schauer und Dr. Matthias Wanner, die mir mit ihren Ideen und fachlichem Wissen
sehr geholfen haben.
Herrn Dr. Lutz Werner (Firma „syspilot“) danke ich für die Betreuung der
Thermografie-Versuche sowie auch Nobert Schlele und Stefan Theis (PWT/VAS).
Bei Katharina Kleine (Uni Paderborn) möchte ich mich für die schnelle und
zuverlässige Durchführung der TGA-Messungen bedanken.
Dissertation Sabine Zischka Danksagung
III
Bei der, mich während meiner Promotionszeit begleitender Praktikantin Anika
Hensen, Diplomand Dennie Dewald und Bachelorand Martin Mack möchte ich
mich für die tatkräftige Hilfe bedanken.
Des Weiteren gilt mein großer Dank zahlreichen Mitarbeitern des Mercedes-Benz
Werks in Sindelfingen, die sich für mich trotz ihrer alltäglichen Arbeit viel Zeit
genommen haben, und ohne die ich nicht imstande gewesen wäre, meine
Versuche vollständig durchzuführen.
Erwähnen möchte ich insbesondere Günther Erbele und Klaus Kuppler
(PWT/VRT), Manfred Brodbeck (PWT/VFT), Siegfried Kurz (EP/SNV) und Gabriel
Netzer (EP/SNB), Peter Laur (EP/CRU) und aus der Abteilung „PWT/VBT“ Eugen
Dettling, Thomas Maurer und Bernd Hahn.
Danke an alle anderen, die etwas zu meiner Dissertation beigetragen haben,
jedoch nicht namentlich erwähnt wurden.
Dissertation Sabine Zischka Abstract (deutsch)
IV
Abstract (deutsch)
In dieser Arbeit wurde ein Korrosionskurzzeitprüfsystem (TEMRAI-Test) für die
Qualitätsbeurteilung von Substrat/Lack-Systemen entwickelt und untersucht,
welches als Standardprüfverfahren („Norm“) für die Prüfung hinsichtlich Korrosion
etabliert werden soll.
Die Wahl der Belastungskollektive ergab sich aus bereits in Korrosions-
prüfverfahren eingesetzten und erstmalig zugefügten Faktoren (Temperatur,
Elektrolyt, Mechanik, Strahlung), die eine beschleunigte Alterung auf die zu
untersuchenden Substrat/Lack-Systeme ausüben. Wesentliches Element ist dabei
die Erzeugung von inneren Spannungen durch den jeweiligen Belastungsfaktor,
wodurch sich Korrosionsvorgänge schneller ereignen können. Durch die neuartige
Kombination der Belastungskollektive konnte eine deutlich verkürzte Prüfdauer
von nur wenigen Stunden bzw. Tagen erreicht werden (vgl. mit Freibewitterung: im
Jahresbereich; mit Klimawechseltest: 6 Wochen) sowie die Nachteile (z.B. kleine
Prüffläche, fehlende Objektivität, wenige Belastungsarten, einfache Handhabung
durch modularen Aufbau) der bisherigen Kurzzeitprüfsysteme minimiert bzw.
eliminiert werden.
Die Durchführung und Prüfung mit dem modular aufgebauten TEMRAI-Test
gestaltet sich folgendermaßen: Das zu untersuchende beschichtete Blech wird auf
eine temperierbare Bodenplatte gelegt und von oben über einen Teflonblock
festgeschraubt. Die mechanische Belastung erfolgt durch einen Schwingungs-
erreger, der über einen Stößel mit der Unterseite des Prüfblechs verbunden (durch
Klebung) ist. Der Teflonblock besitzt eine kreisrunde Aussparung, in der sich der
Elektrolyt befindet. Diese Aussparung stellt gleichzeitig die Prüffläche des Prüf-
blechs dar. Die Strahlungsbelastung erfolgt über UV- und IR-Lampen, die sich in
der Abdeckung des TEMRAI-Tests befinden.
Die verschiedenen Einzelbelastungen sowie deren Kombination dienen im
Substrat/Lack-System dem Aufbau von inneren Spannungen, die sich ab einer
bestimmten Größe in der Bildung von Beschichtungsfehlstellen (Poren, Risse,...)
äußern. Diese Fehlstellen werden mit Hilfe der elektrochemischen Impedanz-
spektroskopie (EIS) zerstörungsfrei detektiert, und zwar lange Zeit bevor sich eine
optisch sichtbare Oberflächenschädigung ereignet. Durch die EIS werden
Dissertation Sabine Zischka Abstract (deutsch)
V
unterschiedliche Spektren erhalten, die eine Beurteilung der Substrat/Lack-
Systeme zulässt.
Die Prüfergebnisse des TEMRAI-Tests zeigten, dass die Beschleunigungswirkung
der Einzelbelastungen unterschiedlich ist: Eine Temperaturvariation in
Kombination mit Elektrolytanwesenheit verursacht die größte Beschleunigung,
während die Mechanik und die Strahlung eine zusätzliche Verschärfung der
Beschleunigung zur Folge haben, separat jedoch eher eine untergeordnete Rolle
bezüglich der verursachten Alterung spielen.
Eine Korrelation zwischen physikalischen Lackeigenschaften und den
Ergebnissen des TEMRAI-Tests ist zum größten Teil noch nicht möglich. Diese
sollen in einer weiteren Arbeit gefunden werden.
Korrelationen, die in dieser Arbeit zu sehen sind, betreffen die mechanische
Belastung und die Freibewitterung. So sind sowohl bei den Zugversuchen als
auch beim TEMRAI-Test (mit alleiniger mechanischer Belastung) Adhäsions-
verluste zwischen Substrat und Beschichtung zu sehen. Bei den Freibewitterungs-
versuchen wurde hingegen über die Dauer von 2 Jahren keine mit der EIS
messbare Änderung der Beschichtungsparameter beobachtet. Dies war im
TEMRAI-Test mit UV-und IR-Strahlungsbelastung bei den klassischen Komplett-
lackaufbauten ebenfalls zu beobachten gewesen.
Voraussetzung für die Anwendung des TEMRAI-Tests ist die Verwendung planer
Prüfsysteme. Der Untersuchung und Weiterentwicklung von Materialien und deren
Qualitätssicherung sind hingegen kaum Grenzen gesetzt. Folglich ist die
Untersuchung von z.B. Kleber, Dichtstoffen und Schweißnähten durchaus
denkbar.
In weiteren Arbeiten wird der TEMRAI-Test vollständig automatisiert und bietet
damit die Möglichkeit, 24 Stunden am Tag unbeaufsichtigt in Betrieb zu sein.
Zudem ist eine Zielsetzung, die Parametereinstellungen der einzelnen
Belastungsfaktoren so zu variieren, dass spezielle Einstellungen für spezifische
Fragestellungen eingesetzt werden können. Folglich sind Reproduzierbarkeit und
Nachverfolgung der Ergebnisse ohne Probleme gegeben. Gleichzeitig ist damit die
Voraussetzung geschaffen, die Korrelation verschiedener Labortests und
Alltagsfahrbetriebe zu ermöglichen.
Dissertation Sabine Zischka Abstract (englisch)
VI
Abstract (englisch)
In this project, an accelerated test system was developed and engineered for the
quality assessment of substrate/paint systems. This comprises the implementation
of the following selected load principles: a base plate under controlled temperature
conditions, a Teflon block with an opening for the electrolyte and for securing the
test panel to be inspected, a cover with lamp units, and a shaker for the
application of the mechanical load. The selected load spectrum is derived from
parameters (temperature, electrolyte) already used in corrosion tests and factors
(mechanical action, radiation), which have been used for this first time. A
systematically accelerated aging could be expected.
The challenge of combining these load spectra in one test set up was met via the
time-consuming and complex design of the "TEMRAI" test system. Each load
spectrum can be applied separately as well as in any user-defined combination.
The testing using the "TEMRAI" test system was performed as follows: The coated
panel to be inspected is placed on a base plate under controlled temperature
conditions and screwed firmly in place, from above, via a Teflon block. The
mechanical loading is provided by a ram, which is reliably bonded to the back side
test panel. The Teflon block has a ringlike opening in which the electrolyte is
located. This opening represents, at the same time, the inspection surface of the
test panel. The radiation exposure is provided by UV and IR lamps, which are
located in the cover of the "TEMRAI" test system.
The different individual loads, as well as the combination of them, should build up
internal stresses in the substrate/paint system, thus leading to coating defects
(pores, cracks, etc.). These defects are detected, in a nondestructive manner, via
electrochemical impedance spectroscopy (EIS), long before a visual surface
defect becomes apparent. Different spectra, which allow for an assessment of the
substrate/paint systems, are obtained via the EIS.
After development of the “TEMRAI” test, the paint systems of the Rastatt and
Sindelfingen Mercedes-Benz plants were inspected.
The first result gained was the order of influence for each load separately and after
that for the combination of the loads. In addition a comparison of both paint
systems with each other was also possible.
Dissertation Sabine Zischka Abstract (englisch)
VII
The acceleration effect of the individual loads is different: a temperature variation
in combination with the presence of the electrolyte results in maximum
acceleration, while the mechanical action and radiation result in an additional
intensification of the acceleration; they have, however, a more subordinate role
with regard to the resultant aging where they are considered separately.
The result of the individual tests depends significantly on the influence of the
coating thickness, as it constitutes the biggest source of defects. The variation of
the overall coat thicknesses arises due to the deviating coat thicknesses of the
individual layers. This applies for the laboratory setups and definitely for the
generally used production setups. The precise influence, which each paint coat
has, can not be traced due to the number of tests. For this reason, a validation of
the results can only be achieved via a statistically relevant number of test items.
The paint materials represent an additional problem. During the course of the
three-year dissertation, these have been partially changed in the plants and
replaced by other materials. Although it was possible to procure the individual
paint materials again, paintwork application under production conditions was,
however, no longer possible, and the paintwork had to be carried out in the
laboratory instead.
A future goal is the full automation of the "TEMRAI" test system. Additionally the
aim is to get specific load settings for specific problems.
Flat test systems are still the precondition for the use of the "TEMRAI" test system.
On the other hand, there are no limits to the inspection and further development of
materials. The inspection of, for example, adhesives, sealants and insulation
materials is thus conceivable.
In the future, using the “TEMRAI” test system, it will be possible to make forecasts
on corrosion and mechanical properties in a very short time (only about hours or
days). Consequently this test system is applicable for material development and
quality assurance. Looking ahead it should be possible to correlate the results of
the “TEMRAI” test system with the results of other tests or with “authentic data”.
Dissertation Sabine Zischka Inhaltsverzeichnis
VIII
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung....................................................................................................... - 1 -
2 Grundlagen .................................................................................................... - 3 -
2.1 Lack, Lackfilme und Lackhaftung .......................................................... - 3 -
2.1.1 Lack - Aufbau ....................................................................................- 3 -
2.1.2 Diffusion und Permeabilität in Lacken ...............................................- 7 -
2.1.3 Glasübergang bei Lacken................................................................- 13 -
2.1.4 Haftung bei Lacken .........................................................................- 15 -
2.1.5 Lack - Applikationsverfahren...........................................................- 19 -
2.1.6 Einsatz der Lackmaterialien im Mercedes-Benz Werk Sindelfingen
und Rastatt.....................................................................................- 23 -
2.1.7 Lack - Schädigungen.......................................................................- 25 -
2.1.8 Freitragende Lackfilme....................................................................- 25 -
2.1.8.1 Dynamisch-mechanische Analyse (DMA) - 25 -
2.1.8.2 Thermogravimetrische Analyse (TGA) - 29 -
2.1.9 Lack - Haftung.................................................................................- 30 -
2.1.9.1 Lackhaftungsprüfungen - 30 -
2.1.10 Lack - Elastizität: Zugversuche......................................................- 31 -
2.1.11 Lack - Alterung ..............................................................................- 33 -
2.2 Korrosion ............................................................................................... - 37 -
2.2.1 Korrosion - Erscheinungen..............................................................- 39 -
2.2.2 Korrosion - metallischer Substrate ..................................................- 46 -
2.2.3 Korrosion - Schutz...........................................................................- 48 -
2.3 Korrosionsprüfverfahren des Mercedes-Benz Werks Sindelfingen .. - 52 -
2.3.1 Freibewitterung (VDA 621-414).......................................................- 52 -
2.3.2 Klimawechseltest nach Daimler (KWT-D)........................................- 53 -
2.4 Verfahren der Korrosionsdetektion des Mercedes-Benz Werks
Sindelfingen............................................................................................ - 57 -
2.4.1 Schliffpräparation ............................................................................- 57 -
2.4.2 Ritzunterwanderung, SMART..........................................................- 58 -
Dissertation Sabine Zischka Inhaltsverzeichnis
IX
2.4.3 Thermografie...................................................................................- 59 -
2.4.4 Elektrochemische Impedanzspektroskopie (EIS) ............................- 60 -
2.5 Kurzzeittest für Korrosionsvorhersagen........................................... - 79 -
2.5.1 Stand der Technik: „Vorrichtung“ der Firma BASF..........................- 80 -
2.5.2 Entwicklung des TEMRAI-Tests......................................................- 85 -
2.5.2.1 Erzeugung von inneren Spannungen - 87 -
2.5.2.2 Elektrolyt - 90 -
2.5.2.3 Temperatur - 91 -
2.5.2.4 Mechanische Belastung - 93 -
2.5.2.5 IR-Strahlung, UV-Strahlung - 94 -
3 Experimentelles........................................................................................... - 95 -
3.1 Substrate ................................................................................................ - 95 -
3.2 Lackaufbauten ....................................................................................... - 95 -
3.3 Freitragende Lacke................................................................................ - 99 -
3.3.1 EIS-Messungen der freitragenden Lacke........................................- 99 -
3.3.2 DMA-Messungen...........................................................................- 101 -
3.3.3 TGA-Messungen ...........................................................................- 103 -
3.4 Zugproben............................................................................................ - 104 -
3.4.1 Herstellung der Zugproben............................................................- 104 -
3.4.2 Durchführung der Zugprobenversuche..........................................- 104 -
3.5 Korrosionsprüfverfahren: Freibewitterung und KWT-D................... - 107 -
3.5.1 Freibewitterung (VDA 621-414).....................................................- 107 -
3.5.2 Klimawechseltest nach Daimler (KWT-D)......................................- 108 -
3.6 Schliffpräparation................................................................................ - 109 -
3.7 Ritzunterwanderung, SMART ............................................................. - 109 -
3.8 Thermografie........................................................................................ - 109 -
Dissertation Sabine Zischka Inhaltsverzeichnis
X
3.9 Entwicklung des TEMRAI-Tests ......................................................... - 110 -
3.9.1 FMEA ............................................................................................- 110 -
3.9.2 Entwicklung des TEMRAI-Tests: Umsetzung der Erkenntnisse....- 112 -
3.9.2.1 Temperatur - 113 -
3.9.2.2 Elektrolyt - 115 -
3.9.2.3 Mechanische Belastung - 116 -
3.9.2.4 IR-Strahlung, UV-Strahlung - 119 -
4 Ergebnisse und Diskussion ..................................................................... - 121 -
4.1 Freitragende Lacke.............................................................................. - 121 -
4.1.1 EIS-Messung.................................................................................- 122 -
4.1.1.1 KTL - 122 -
4.1.1.2 Komplettlackaufbauten - 127 -
4.1.2 DMA-Messung...............................................................................- 129 -
4.1.3 TGA-Messung...............................................................................- 133 -
4.2 Zugproben............................................................................................ - 139 -
4.2.1 KTL auf eloverzinktem Stahl..........................................................- 140 -
4.2.2 KTL auf Aluminium........................................................................- 146 -
4.2.2.1 Vergleich der KTL-Zugproben - 149 -
4.2.3 Komplettlackaufbau auf eloverzinktem Stahl.................................- 151 -
4.2.3.1a Komplettlackaufbau weiß - 151 -
4.2.3.1b Komplettlackaufbau silber - 156 -
4.2.3.1c Komplettlackaufbau schwarz - 157 -
4.2.3.2 Zusammenfassung der Komplettlack-
aufbauten (verz. Stahlsubstrat) - 158 -
4.2.4 Komplettlackaufbau auf Aluminium ...............................................- 159 -
4.2.5 Problematiken beim Zugproben-Versuch......................................- 163 -
4.3 Freibewitterung und KWT-D ............................................................... - 168 -
4.3.1 Freibewitterung..............................................................................- 169 -
4.3.1.1 EIS-Messung - 169 -
4.3.1.2 Ritzunterwanderung, SMART - 171 -
4.3.1.3 Thermografie - 179 -
Dissertation Sabine Zischka Inhaltsverzeichnis
XI
4.3.2 KWT-D...........................................................................................- 181 -
4.3.2.1 EIS-Messung - 181 -
4.3.2.2 Ritzunterwanderung, SMART - 188 -
4.3.2.3 Thermografie - 190 -
4.4 Korrelation der Ergebnisse (aus Kapitel 4.1 bis 4.3) ........................ - 191 -
4.5 TEMRAI-Test ........................................................................................ - 193 -
4.5.1 Inbetriebnahme .............................................................................- 193 -
4.5.2 mechanische Belastung ................................................................- 194 -
4.5.3 UV- und IR-Strahlung....................................................................- 197 -
4.5.4 Kombination von mechanischer Belastung und Strahlung ............- 202 -
5 Abschließende Diskussion und Ausblick ............................................... - 205 -
6 Literaturverzeichnis .................................................................................. - 217 -
7 Abbildungsverzeichnis ............................................................................. - 222 -
8 Tabellenverzeichnis .................................................................................. - 227 -
9 Anhang……............................................................................................... .- 229 -
Dissertation Sabine Zischka Einleitung
- 1 -
1 Einleitung
Das Verstehen von Korrosion als komplexes Phänomen beinhaltet u.a. die
Verhaltensvorhersage von Substrat/Lack-Systemen und dadurch deren
Qualitätsbeurteilung. Um dieses Phänomen in seiner Komplexität abzubilden, wird
in dieser Arbeit ein neuer Prüfansatz entwickelt. Dementsprechend soll eine
Kurzzeit-Prüfmethode entstehen, in der verschiedene Faktoren kombiniert werden.
Um eine Prüfmethode mit extrem kurzen Prüfzyklen zu erhalten, sind die richtige
Identifizierung, die Auswahl und die Stärke der beschleunigenden Faktoren von
größter Bedeutung.
Abgesehen von dem Vorteil, Systeme qualitativ beurteilen zu können, kann mit
Hilfe dieser komplexen Prüfmethode Materialentwicklung betrieben werden. Die
Gesamtheit der Vorteile führt sowohl zu einer Zeit-, als auch zu einer
Kostenersparnis.
Die Vielzahl an vorhandenen Korrosionsprüfverfahren, die versuchen das
Systemverhalten, welches sich in der Realität ereignet, in verkürzter Zeit
abzubilden, zeigt die Bedeutung für die Entwicklung eines weiteren Kurzzeittests.
Da sich die realitätsnahe Abbildung des Korrosionsverhaltens von Lacksystemen
aufgrund ihrer Komplexität sehr schwer gestaltet, existiert eine große Anzahl an
Testverfahren, bei dem jeder Test spezifische Schadensbilder simuliert und
dadurch seine Berechtigung findet. So zeigt beispielsweise der Klimawechseltest
in 6 Wochen Schadensbilder, die in der Realität nach mehreren Jahren auftreten
können.
Da jedoch der Zeitfaktor in den bisherigen Testverfahren nicht zufriedenstellend
gelöst werden konnte, beinhaltet der Kurzzeittest in dieser Arbeit zusätzliche
beschleunigend wirkende Faktoren (z.B. die Mechanik), die eine verstärkte
Zeitraffung ermöglichen.
Die Gestaltung des Vorgehens für die Entwicklung des Kurzzeittests gliedert sich
in zwei Phasen. Die erste Phase, die durch diese Arbeit abgedeckt wird, ist die
Dissertation Sabine Zischka Einleitung
- 2 -
Kombination von verschiedenen Belastungskollektiven in einer Prüfapparatur
sowie deren Inbetriebnahme. Eine bereits bestehende „Vorrichtung zur
beschleunigten Durchführung von Korrosionstests“ der Firma BASF bildet hierfür
die Basis, die eine Vergleichbarkeit von Lackmaterialien ermöglicht und dadurch
eine Qualitätsbeurteilung zulässt [1]. Sobald die erste Phase stabile und
reproduzierbare Ergebnisse liefert, beginnt die zweite Phase. Diese beinhaltet die
Korrelation der aus der Prüfapparatur erhaltenen Ergebnisse mit bereits
bestehenden Testverfahren, wie z.B. der Freibewitterung. Die zweite Phase soll in
einer weiteren Arbeit behandelt werden.
Für die erste Phase wurden die Belastungskollektive Temperatur, Elektrolyt,
Mechanik und Strahlung gewählt. Diese Wahl ist die Erweiterung der „BASF-
Vorrichtung“, die lediglich die Temperatur und den Elektrolyten zur
Belastungserzeugung beinhaltet. Die Belastung jedes Belastungskollektivs basiert
hierbei auf der Erzeugung von inneren Spannungen. Diese können sich innerhalb
des Substrats, innerhalb des Lacks und an den jeweiligen Grenzschichten
aufbauen. Innere Spannungen können zur Bildung von Fehlstellen und damit zur
Entstehung von Korrosion beitragen.
Untersucht werden in dieser Arbeit zwei verschiedene Lackaufbauten auf den
Substraten verzinkter Stahl (DC04/06) und Aluminium (AC170). Bei den geprüften
Lackaufbauten und Substraten handelt es sich um eine Auswahl der vom
Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen bzw. in Rastatt eingesetzten Materialien.
Parallel zur Entwicklung des Prüfstandes werden Zugversuche,
Freibewitterungsversuche und der Klimawechseltest (KWT-D) durchgeführt sowie
freitragende Lackaufbauten hergestellt. Diese Einzelversuche dienen der
Beurteilung des linearen Zugs, dem Erhalt von Lackparametern (Glasübergang,
Glaszustand und Vernetzung) und der „Langzeituntersuchung“ von 2 Jahren.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 3 -
2 Grundlagen
Das Kapitel „Grundlagen“ beinhaltet die Begriffe und Vorgänge, die für diese
Arbeit von Bedeutung sind. Es ist in zwei Abschnitte unterteilt, der erste befasst
sich mit dem Thema „Lack“ und der zweite Abschnitt mit dem Thema „Korrosion“
bzw. deren Vorgängen. Abschließend wird im Grundlagenkapitel auf den in dieser
Arbeit entwickelten Kurzzeittest für Korrosionsvorhersagen eingegangen. Da er
auf der Entstehung und dem Aufbau von inneren Spannungen im Substrat/Lack-
System beruht, ist deren Erklärung in einem separaten Unterkapitel zu finden.
2.1 Lack, Lackfilme und Lackhaftung
2.1.1 Lack - Aufbau
Aufgrund der verschiedenen Anforderungen an Lacke gibt es unterschiedliche
Lackarten und -aufbauten. So kann beispielsweise zwischen dem klassischen und
dem integrierten Lackaufbau unterschieden werden.
Der klassische Lackaufbau besteht als Grundierung aus dem kathodischen
Elektrotauchlack und den sich darüber befindlichen Lackschichten
Funktionsschicht (Füller), Wasserbasislack und Klarlack. Der integrierte Lack-
aufbau besteht aus KTL, Wasserbasislack 1, Wasserbasislack 2 und Klarlack.
Somit ergibt sich für ein Substrat der folgende Lackaufbau:
Substrat 700 µm
Verzinkung 7 µm
Phosphatierung
1µm
Elektrotauchlack 20 µm
Füller 35 µm
Decklack
5-25 µm
Klarlack
30-35 µm
Substrat 700 µm
Verzinkung 7 µm
Phosphatierung
1µm
Elektrotauchlack 20 µm
Füller 35 µm
Decklack
5-25 µm
Klarlack
30-35 µm
Abbildung 2.1: „Lackaufbau Automobil Standard“ [8/1]
Bevor ein Substrat beschichtet werden kann, muss es vorbehandelt werden.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 4 -
Die Vorbehandlung besteht aus dem Entfetten, Reinigen, Spülen, Aktivieren,
Zinkphosphatieren und nochmaligem Spülen sowie gegebenenfalls abschließend
aus dem Nachspülen und Passivieren.
Durch die Vorbehandlung der Substratoberfläche sollen folgende Funktionen
erfüllt werden [8/2]:
Vergleichmäßigung der Oberfläche
Vorbereitung für die nachfolgende Lackierung, z.B. Elektrotauchlacke
Verbesserung der Haftungseigenschaften zwischen Lackfilm und Substrat
Schutz der Beschichtung bei korrosiver Beanspruchung
Reduzierung und Verlangsamung der Korrosion
Aus dieser Vielzahl der Vorbehandlungsschritte wird aufgrund der bedeutenden
Funktion die Zinkphosphatierung im Detail betrachtet.
a) Verzinkung / Phosphatierung: Zinkphosphatierung
Bei der Zinkphosphatierung werden kleine Impfkristalle aus Titanphosphaten beim
Aktivieren auf die Metalloberfläche aufgebracht. Die Titanphosphate fungieren als
heterogene Nukleationszentren, welche die Ausbildung kleinerer aber
flächendeckender Kristalle ermöglicht. Dadurch entsteht eine gleichmäßige
Zinkphosphatschicht. Die aktivierende Wirkung der Titanphosphatkristalle lässt
während der Badstandzeit stark nach, weshalb die Aktivierungsprodukte stetig
ergänzt werden müssen. Andernfalls können sich die Phosphatschichten nicht
mehr vollständig schließen und die Kristalle beginnen zu wachsen, was sich in der
Zunahme des Schichtgewichts zeigt. Daher ist der Aktivierungsvorgang die Basis
einer geschlossenen Phosphatschicht, deren Funktion in der Unterwanderungs-
und Haftungsbeständigkeit liegt.
Die Zinkphosphatierung beinhaltet die Beiz- und die Schichtbildungsreaktion.
Nach erfolgter Auskristallisation des Zinkphosphates wird die Grenzschicht
zwischen Badlösung und Substrat wieder sauer, da das abgeschiedene
Zinkphosphat H
+
-Ionen freisetzt. Die Beiz- und Schichtbildungsreaktion erfolgen
wieder von neuem. Dieser Prozess wiederholt sich bis die entstandene
Phosphatschicht auf dem Metall so dicht ist, dass kein Beizangriff mehr auf das
Grundmetall erfolgen kann.
Folgende Reaktionsgleichungen zeigen den beschriebenen Vorgang. Heutzutage
handelt es sich bei der Zinkphosphatierung überwiegend um ein
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 5 -
Trikationverfahren. Dies bedeutet, dass die Phosphatierlösung die drei Kationen
Zink, Nickel und Mangan enthält [8/3].
1. Beizreaktion:
Die Beizreaktion ist die Vorbereitung des metallischen Substrats für die
anschließende Schichtbildungsreaktion. Durch H
+
-Ionen kann an der Oberfläche
die Schichtbildung erfolgen. Der metallische Abtrag liegt bei 0,5-2 g/m². Die dabei
ablaufende Reaktion ist für alle metallischen Substrate gleich:
auf Stahl und Eisen: Fe + 2 H
+
→ Fe
2+
+ H
2
auf Zink und verzinktem Stahl: Zn + 2 H
+
→ Zn
2+
+ H
2
auf Aluminiumoxid: Al
2
O
3
+ 6 H
+
→ 2 Al
3+
+ 3 H
2
O
auf Aluminium: 2 Al + 6 H
+
→ 2 Al
3+
+ 3 H
2
2. Schichtbildungsreaktion:
Wie in den obigen Reaktionen sichtbar, werden bei der Beizreaktion H
+
-Ionen
verbraucht. Dadurch wird der pH-Wert an der Grenzschicht
Badlösung/Substratoberfläche minimal verschoben. Diese pH-Wert Verschiebung
verursacht, dass das lösliche Zinkphosphat unlöslich wird. Dieses kristallisiert aus
und bildet an der Substratoberfläche Zinkphosphatkristalle. Die
Schichtbildungsreaktionen unterscheiden sich bei Stahl/Eisen und bei
Zink/Aluminium wie folgt.
Stahl / Eisen:
3 Zn
2+
+ 2 H
2
PO
4-
+ 4 H
2
O → Zn
3
(PO
4
)
2
· 4 H
2
0 + 4 H
+
(Hopeit)
2 Zn
2+
+ Fe
2+
+ 2 H
2
PO
4-
+ 4 H
2
O → Zn
2
Fe(PO
4
)
2
· 4 H
2
O + 4 H
+
(Phosphophyllit)
Zn
2+
+ 2 Mn
2+
+ 2 H
2
PO
4-
+ 4 H
2
O → Mn
2
Zn(PO
4
)
2
· 4 H
2
O + 4 H
+
(Strukturisotyp zu
Hopeit)
Zink / Aluminium:
3 Zn
2+
+ 2 H
2
PO
4-
+ 4 H
2
O → Zn
3
(PO4)
2
· 4 H
2
O + 4 H
+
(Hopeit)
Zn
2+
+ 2 Mn
2+
+ 2 H
2
PO4- + 4 H
2
O → Mn
2
Zn(PO
4
)
2
· 4 H
2
O + 4 H
+
(Strukturisotyp zu
Hopeit)
Um das Ergebnis der beschriebenen Reaktionen zu zeigen, ist in Abbildung 2.2
die REM-Aufnahme einer typischen Zinkphosphatschicht (Substrat: Aluminium)
aus dem Automobilbau zu sehen.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
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Abbildung 2.2: typische Phosphatierschicht im Automobilbau [8/4]
Abbildung 2.2 zeigt eine typische Phosphatierschicht des Automobilbaus. Eine
möglichst gleichmäßige Kristallbildung soll diese Schicht aufweisen, um für die
Lackhaftung der weiteren Lackschicht (KTL) die Basis für den Korrosionsschutz
bilden zu können.
b) kathodischer Elektrotauchlack (KTL)
Der kathodische Tauchlack ist für einen funktionierenden Korrosionsschutz im
Automobilbau unerlässlich. Dessen Bestandteile und Applikation werden in
Kapitel 2.1.5 detailliert beschrieben.
c) Funktionsschicht (Füller) bzw. Wasserbasislack 1
Die Aufgaben der 30µm bis 40µm dicken Funktionsschicht besteht im Ausgleichen
von Unebenheiten des Untergrunds als Vorbereitung für den Basislackauftrag, in
der Haftfestigkeit und im Korrosionsschutz (durch korrosionsschutzaktive
Pigmente) sowie im Steinschlagschutz (durch hohe Elastizität) aufgrund der
speziellen mechanischen Eigenschaften. Die Funktionsschicht ist somit die
Voraussetzung für einen guten Verlauf und daher für die guten optischen
Eigenschaften für die Decklackierung [9/1]. Da sie heutzutage vorwiegend
ebenfalls Grundierungseigenschaften besitzt, kann eine zusätzliche Grundierung
eingespart werden, wodurch die Kosten sinken [10].
d) Basislack bzw. Wasserbasislack 2
Durch Vorhandensein von Bunt- und Effektpigmenten ist der Basislack die
farbgebende bzw. effektgebende Schicht in einer Zweischicht-Decklackierung.
Heutzutage bestehen über 50% aller Automobillackierungen aus wässrigen und
konventionellen Basislacken. Die aufzutragende Schichtdicke von 15µm bis 20µm
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stellt vor allem bei einigen Rot- und Gelbfarbtönen ein Problem hinsichtlich des
Deckvermögens dar. Um dieser Problematik Abhilfe zu verschaffen, werden oft
getönte Füller verwendet. Die Applikation der Basislacke erfolgt im Naß-in-Naß-
Verfahren, bei dem sie zunächst nicht eingebrannt werden, sondern nach kurzer
physikalischer Trocknung klarlackiert werden. Während bei konventionellen
Basislacken eine kurze Umlufttrocknung ausreicht, werden die Wasserbasislacke
mit einer kombinierten IR-/Warmblaszone getrocknet [10].
e) Klarlack
Als abschließende Lackschicht soll der Klarlack dem unter ihm befindlichen
Lackaufbau einen dauerhaften Schutz und eine langfristige Versiegelung geben.
Des Weiteren stehen ein hoher Glanzgrad, Kratzfestigkeit sowie Witterungs- und
Vergilbungsbeständigkeit im Vordergrund.
Für die soeben beschriebenen Lackschichten gibt es jeweils eine optimale
Schichtdicke. Diese ergibt sich als Kompromiss aus den verschiedenen
Anforderungen an die jeweilige Schicht. Im Allgemeinen kann gesagt werden,
dass hohe Schichtdicken einen guten Verlauf zeigen, die optische Abdeckung des
Untergrunds ermöglichen und eine gute Schutzwirkung gegenüber Gasen und
Wasserdampf haben. Allerdings steht diesen positiven Eigenschaften die
Tatsache gegenüber, dass sich die mechanisch-technologischen Eigenschaften
der Schicht verschlechtern und die Kosten mit zunehmender Schichtdicke
steigen [11].
2.1.2 Diffusion und Permeabilität in Lacken
Die Schutzwirkung eines Lackes muss gegenüber mehreren Substanzen
(Feuchtigkeit, Sauerstoff, korrosive Gase wie z.B. SO
2
,…) gewährleistet sein.
Atmosphärische Korrosion eines eisenhaltigen Substrates ist das Ergebnis einer
Reaktion mit Wasser bzw. Sauerstoff. Daher liegt ein großes Augenmerk auf der
Permeabilität von Lacken gegenüber diesen beiden Substanzen. Mayne [2] zeigte,
dass eine typische Korrosionsrate von Stahl im Jahr 70mg/cm² beträgt, wovon
11mg/cm² auf Wasser und 30mg/cm² auf Sauerstoff zurückzuführen ist.
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Eine der ersten Theorien wurde von Graham 1866 aufgestellt. Dieser
entsprechend beinhaltet die Permeabilität die folgenden drei Schritte:
- Sorption von eindringenden Molekülen in das Polymer
- Diffusion dieser Moleküle von hoher Konzentration/Druck zu Stellen niedriger
Konzentration/Druck
- Desorption der Moleküle.
Mathematisch kann dieser Ablauf folgendermaßen beschrieben werden: P=D•S
mit den Koeffizienten P für Permeabilität, D für Diffusion und S für Löslichkeit der
eindringender Substanz in das Polymer.
Eine andere Theorie beinhaltete ein „freies Volumen“-Modell. Bei diesem ereignet
sich die Diffusion einer eindringenden Substanz in das Polymer durch die
kooperative Bewegung der eindringenden Substanz und der Polymersegmente.
Sangaj und Malshe [3] untersuchten ebenfalls die Permeabilität und Barriere-
Eigenschaften von Beschichtungen. Sie stellten fest, dass obwohl beide Prozesse
gegensätzliche Vorgänge sind, diese durch die gleichen Parameter bestimmt
werden.
So werden die nun folgenden Erkenntnisse und Behauptungen, sofern kein
anderer Literaturnachweis vermerkt ist, auf deren Publikation [3] zurückgeführt.
Im Allgemeinen ist die Permeabilität für eine eindringende Substanz in das
Polymer von vielen Faktoren abhängig: von der „Natur“ des Polymers, der
Schichtdicke der Beschichtung, der Größe und Form von der eindringenden
Substanz, dem Druck, der Temperatur und vielem mehr. Die Abhängigkeit der
Permeabilität in Bezug auf den Diffusions- und Löslichkeits-Koeffizienten variiert
mit der Natur der eindringenden Substanz und der des Polymers. Beispielsweise
ist bei Gasen wie O
2
, N
2
und H
2
eine geringe Wechselwirkung mit dem Polymer zu
sehen und die absorbierte Menge ist so niedrig, dass diese keine Veränderung in
der Polymerstruktur (z.B. Quellung, Umordnung) bewirkt. Bei solchen Molekülen
bestimmt die Diffusion den Prozess. Im Fall von Gasen, die leicht kondensieren
(z.B. CO
2
oder Wasserdampf), wird die Permeation aufgrund der hohen Interaktion
mit dem Polymer vor allem durch die Löslichkeit der eindringenden Substanz in
das Polymer bestimmt.
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Diese Beobachtung führte zu der Feststellung, dass die Diffusion die „gasförmige“
Permeation bestimmt und die Löslichkeit für die Permeation von Wasser
ausschlaggebend ist.
Anhand der Beispiele Sauerstoff O
2
und Wasser soll diese Feststellung intensiver
betrachtet werden. Wie bereits erwähnt, besitzen diese beiden Komponenten den
größten Anteil an der atmosphärischen Korrosion von Stahl und sind daher von
großer Bedeutung.
A. Diffusionsfähigkeit von Sauerstoff in eine Beschichtung
Da die Wechselwirkung von Gasen (z.B. O
2
) mit organischen Substraten gering
ist, ist der Löslichkeits-, Diffusions- und Permeations-Koeffizient unabhängig vom
herrschenden Druck bei einer bestimmten Temperatur. Aufgrund dieser Tatsache
muss die Permeation auf die strukturellen Eigenschaften des Polymers
zurückzuführen sein. Diese sind Glasübergangstemperatur, Polarität, Sättigung,
Symmetrie, vorhandene Seitenketten, sterische Behinderung (Monomer-
sequenzen), Vernetzungsgrad, Wasserstoffbrückenbindung, Kristallinität,
Orientierung, usw. Diese Begriffe werden aufgrund ihrer Bedeutsamkeit näher
erläutert.
1. Glasübergang
Die Permeabilität eines Polymers ändert sich stark, wenn sich dieses im
Temperaturbereich seines Glasübergangs T
g
befindet. Die Polymere, die eine
höhere T
g
als Raumtemperatur besitzen, weisen vergleichsweise bessere
Barriereeigenschaften auf. Dies liegt daran, da oberhalb von T
g
das freie Volumen
aufgrund der zunehmenden Beweglichkeit der Moleküle ansteigt.
2. Polarität
Generell sind hydrophile Polymere beispielsweise für O
2
geringer permeabel als
hydrophobe. Dies liegt daran, dass hydrophile Gruppen andere Effekte, wie z.B.
Wasserstoffbrückenbildung, induzieren können, wodurch die Kristallinität des
Polymers ansteigt und es dichter gepackt ist.
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Die Permeabilität von hydrophilen Polymeren hängt zudem von der relativen
Luftfeuchtigkeit ab, die eine Weichmachung des Polymers durch die Spaltung von
Wasserstoffbrückenbindungen zur Folge haben kann, wodurch die Permeabilität
zunimmt.
3. Sättigung
Ein hoher Grad an nicht vorhandener Sättigung innerhalb des Polymer-Rückgrats
führt zu größerer Rotationsfreiheit der Ketten, wodurch das Diffusionsvermögen
von O
2
ansteigt und die Permeabilität erhöht wird.
4. Symmetrie
Die Kettensymmetrie führt zu einem eng gepacktem Polymer und hoher
Kristallinität. Daher sinkt die Permeabilität mit zunehmender Symmetrie.
5. Seitenketten
Die Anwesenheit von Seitenketten verhindert das dichte Packen des Polymers,
das einen Anstieg an freiem Volumen zur Folge hat, wodurch die Permeabiltiät
gefördert wird.
6. Sterische Hinderung
Die sterische Hinderung und ein sperriger Ersatz (bezüglich der Kettensegmente)
führen zu einer verstärkten Permeabilität.
7. Vernetzung
Aufgrund von Vernetzung wird die Beweglichkeit der Kettensegmente
eingeschränkt, wodurch der Diffusionsprozess verlangsamt wird und die
Permeabilität abnimmt. Die Ausprägung der Vernetzung ist von der
Vernetzungsart und der -menge abhängig.
8. Wasserstoffbrückenbindung
Durch polare Gruppen können Wasserstoffbrücken zwischen den Polymerketten
ausgebildet werden. Dies führt zu einer geringeren Flexibilität des Polymers,
wodurch die Permeabilität abnimmt.
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9. Kristallinität
Ist ein Polymer stark kristallin, so besitzt es eine hohe Anzahl an gewundenen
„Durchgängen“, durch die die Diffusion nur langsam stattfinden kann und damit die
Permeabilität sinkt.
10. Orientierung
Die Orientierung der Polymerketten führt, ebenso wie die Symmetrie, zu einer
engeren Packung des Polymers und reduziert dadurch dessen Permeabilität.
B. Diffusionsfähigkeit von Wasser in eine Beschichtung
Die Permeabilität einer Beschichtung gegenüber Wasser ist, bezüglich des
Korrosionsschutzes, von großer Bedeutung. Dies liegt an den folgenden drei
Eigenschaften des Wassers: geringe Molekülgröße, leichte Kondensation und der
Fähigkeit, Wasserstoffbrücken auszubilden.
In hydrophilen Polymeren steigt der Diffusionskoeffizient von Wasser mit
zunehmender Konzentration an Wasser. Die Löslichkeit nimmt schneller als
proportional zum Dampfdruck zu, wodurch konsequenterweise die
Permeationsrate schneller als linear mit dem Dampfdruck ansteigt.
Bei hydrophoben Polymeren wird mit zunehmendem Dampfdruck das Clustern der
Wassermoleküle stärker, wodurch der Diffusionskoeffizient sinkt.
Demzufolge ist die Permeation von Wasser in eine Beschichtung (Lackfilm) ein
komplexer Vorgang, der durch den Unterschied des Dampfdrucks innerhalb des
Lackfilms, die Löslichkeit des Wassers im Film, die Schichtdicke, die Fläche und
die physikalischen Eigenschaften des Lackfilms geprägt wird.
Obwohl die Permeation die Absorption von Wasser beinhaltet, gibt es keine
direkte Beziehung zwischen der Wassermenge, die den Lackfilm durchdringt und
der Menge, die vom Lackfilm absorbiert wird. Genauso wenig kann behauptet
werden, dass eine Beschichtung, die viel Wasser absorbiert, im gleichen Maß für
Wasserdampf durchlässig ist. Dies wird durch die verschiedenen
Transportmechanismen der Vorgänge erklärt.
Die Wasserabsorption ergibt sich aus dem eigenen Konzentrationsgleichgewicht,
somit als Gleichgewicht zwischen Lösemittel und gelöster Substanz. Außerdem
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wird die mögliche Permeation durch die Absorption bzw. das Quellen der
Beschichtung verzögert.
Hingegen ist die Permeationsrate von Wasserdampf von dem Temperatur- und
Konzentrationsgradienten im Film abhängig.
Die Diffusionsdurchlässigkeit des Wassers wird von den gleichen Parametern wie
bei der Sauerstoff-Diffusion bestimmt. Für diese Arbeit liegt das Hauptaugenmerk
im Fall des Wassers lediglich auf der Glasübergangstemperatur.
Da Wasser als Weichmacher bei hydrophilen Polymeren fungiert und dadurch die
Glasübergangstemperatur T
g
des Lackfilms erniedrigen kann, wird dessen
Permeabilität erhöht. Polymere, die bereits bei Raumtemperatur glasartig sind,
zeigen aufgrund von schon vorhandenen Wassermolekülen, die sich in den
Lackfehlstellen befinden, eine höhere Absorption von Wasser.
Auch das Substrat, welches beschichtet wird, kann die
Wasserdampfdurchlässigkeit beeinflussen. Polare Substrate ziehen polare
Molekülkettenbereiche (mit hohem Molekulargewicht) an, während sich nicht-
polare Anteile an der Grenzschicht Beschichtung/Luft aufkonzentrieren.
Beschichtungen mit geringem Molekulargewicht und mit geringer Polarität ordnen
sich an der Beschichtungs/Luft-Grenzschicht an, während sich Beschichtungen
mit geringem Molekulargewicht und hoher Polarität an der Grenzschicht
Metall/Film anordnen. Daher entstehen unterschiedliche Filmstrukturen trotz
identischer Polymerzusammensetzung, abhängig von der Oberflächenpolarität
des beschichteten Substrats. Zudem gibt es Indizien, dass das Substrat eine
Orientierung der Molekülketten während der Filmbildung induzieren kann.
Der Diffusionskoeffizient von Polymeren ist abhängig von dem Ausmaß, mit dem
das Polymer Wasser absorbiert. Im Fall von Polymeren, die weniger als 5%
Wasser absorbieren, ist der Diffusionskoeffizient des Wassers unabhängig vom
Wassergehalt. Jedoch, bedingt durch die weichmachende Wirkung von Wasser,
zeigen die Polymere, die vermehrt Wasser absorbieren, einen Anstieg des
Diffusionskoeffizienten mit Zunahme des Wassergehalts.
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Obwohl die Wasser- und Sauerstoffpermeabilität eine wichtige Rolle in der
Vorhersage bezüglich des Korrosionsschutzes einer Beschichtung spielen, ist die
Fähigkeit einer Beschichtung, eine beständige Adhäsion zum Substrat
aufrechtzuerhalten, genau so wichtig. Allerdings muss für die Schutzwirkung einer
Beschichtung ein Kompromiss zwischen der Forderung nach geringer
Wasserdurchlässigkeit und anderen wichtigen Faktoren, wie z.B. Substrat-
adhäsion, Applikationsfähigkeit und chemischer Stabilität, gefunden werden.
Allgemein kann gesagt werden, dass die Polymere, die die größte Wasser-
resistenz aufweisen für Sauerstoff die größte Permeabilität zeigen und umgekehrt.
Eine konkrete Bestimmung der Diffusionskoeffizienten führten S.G. Croll und B.R.
Hinderliter [4] durch. Sie fanden einen Diffusionskoeffizienten für Wasser in einer
typisch vernetzten Polymerbeschichtung von 1-30•10
-14
m²/s, was bedeutet, dass
Wasser die Beschichtung vollständig durchdringen und sättigen kann, sofern sich
diese über mehrere Stunden in hoher Luftfeuchtigkeit befindet. Korrosive ionische
Substanzen hingegen besitzen einen um 2-9 Größenordnungen kleineren
Diffusionskoeffizienten verglichen mit Wasser.
2.1.3 Glasübergang bei Lacken
Wenn eine organische Beschichtung betrachtet wird, muss berücksichtigt werden,
dass die Temperatur einen Einfluss auf die Beschichtung hat. Im
Filmbildungsprozess aller Arten von Beschichtungen ist der Temperatureffekt
äußerst wichtig, da viele Eigenschaften der Beschichtung durch die
Glasübergangstemperatur T
g
bestimmt werden. Bei amorphen Polymeren wird T
g
als die Temperatur bezeichnet, bei der sich ein Übergang zweiter Ordnung
ereignet. Diese zeichnet sich als starke Änderungsrate des spezifischen Polymer-
Volumens ab.
Die Glasübergangstemperatur von Polymersystemen kann auf verschiedene
Weise bestimmt werden, beispielsweise mit der dynamisch-mechanischen
Analyse (DMA - siehe Kapitel 2.1.9.1).
Unterhalb von T
g
ist keine Beweglichkeit der Polymerketten vorhanden, es findet
lediglich gegebenenfalls eine Umorganisation von Segmenten statt. Der
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Glaszustand bestimmt die mechanischen, elektrischen und Transport-
eigenschaften des Polymers. Oberhalb von T
g
geht das Polymer in einen
gummiartigen Zustand über, in dem die molekulare Beweglichkeit und das freie
Volumen zunehmen. Die Häufigkeit des Auftretens von Beschichtungsfehler ist
größer, wenn die Beschichtung einer Temperatur oberhalb ihrer T
g
ausgesetzt
wird.
Die Transporteigenschaften (z.B. Diffusion, Leitfähigkeit) von polymerbasierten
Beschichtungen unterliegen stark der Glasübergangstemperatur.
Sowohl die Diffusion als auch die Leitfähigkeit spielen eine wichtige Rolle
hinsichtlich Korrosionsschutz und Beständigkeit von Beschichtungen. Damit
Korrosion stattfinden kann, müssen die Permeation und der Transport von
Sauerstoff und von einem Elektrolyten in die Grenzschicht Beschichtung/Substrat
möglich sein. Ist die Transportrate oder die Ladung der limitierende Faktor für
Korrosionsvorgänge an der Metall/Beschichtungs-Grenzschicht, so bewirkt ein
Anstieg der Transportrate bzw. der Ladung eine Beschleunigung der
Korrosionsrate.
J. Li, et al. [5] befasste sich mit der Erforschung von temperaturabhängigen
elektrochemischen Beschichtungseigenschaften. Er verglich einen trockenen
Beschichtungsfilm mit einem Beschichtungsfilm, der in heißem Wasser gelagert
worden war. Dabei machte Li et al. die Entdeckung, dass der trockene
Beschichtungsfilm eine deutlich höhere Glasübergangstemperatur T
g
hat. Die
Abnahme von 105°C auf ca. 80°C hängt mit der Plastifizierung des
Beschichtungsfilms zusammen, bei der er Wasser aufnimmt und dadurch quillt.
Eine weitere Beobachtung war, dass die Beschichtungskapazität aufgrund von
Temperatur und Immersion in Wasser ansteigt. Dies zeigt sich im
niederfrequenten Bereich von EIS-Messungen, in dem die Impedanz mit
zunehmender Temperatur abnimmt. Im hohen Frequenzbereich hingegen ist
dieser Temperatureffekt nicht zu sehen. Generell wurde eine Kapazität von
ca. 1nF über einen breiten Temperaturbereich gemessen. Sowohl bei höheren
Temperaturen wie T
g
als auch beim Abkühlen, waren hingegen höhere
Beschichtungskapazitäten gemessen worden.
Eine Vielzahl anderer Studien beschäftigte sich mit dem Auftreten von inneren
Spannungen und deren Beziehung zur Glasübergangstemperatur. Aufgrund von
inneren Spannungen, d.h. Spannungen innerhalb der Beschichtung bzw. an deren
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Grenzflächen, werden Beschichtungen gegenüber der Entwicklung von Fehlstellen
und folglich für einen Korrosionsangriff anfälliger.
Liegt die Glasübergangstemperatur T
g
der Beschichtung unterhalb der
Umgebungstemperatur, ist die Beschichtung keinen großen inneren Spannungen
ausgesetzt. Im Allgemeinen liegt die Glasübergangstemperatur T
g
jedoch oberhalb
der Gebrauchstemperatur. Dadurch entstehen innere Spannungen. Dies geht
einher mit dem thermischen Ausdehnungskoeffizienten, der bei Polymeren von
der relativen Lage zur Glasübergangstemperatur abhängt. Er ist klein, wenn sich
die Beschichtung unterhalb T
g
befindet und groß, wenn sich die Beschichtung in
ihrem Glasübergangsbereich befindet, da er mit der Beweglichkeit der
Molekülketten ansteigt. So entwickeln sich auch durch die unterschiedlichen
Ausdehnungskoeffizienten von Substrat und Beschichtung vermehrt innere
Spannungen [6].
2.1.4 Haftung bei Lacken
Durch eine starke Haftung bzw. durch starke Adhäsionskräfte zwischen Substrat
und Lack wird die Basis für einen erfolgreichen Korrosionsschutz gelegt. Haftung
bzw. Adhäsion ereignet sich, wenn zwei „Körper“ einen molekularen
Grenzflächenkontakt haben, so dass sie eine Einheit bilden. Die Adhäsion ist ein
komplexes Phänomen, welches durch physikalische Effekte und chemische
Reaktionen erklärt wird. Werden Adhäsionsvorgänge bei der Applikation von Lack
auf ein Substrat betrachtet, beginnen diese sobald der Lack das Substrat berührt
sowie bei der Trocknung bzw. dem Einbrennen des Lacks. Die dabei auftretenden
Adhäsionskräfte können in zwei Kategorien eingeteilt werden: in die primären und
in die sekundären Valenzkräfte. Zu den primären Valenzkräften gehört die
kovalente Bindung (chemische Bindungen), die sekundären Valenzkräfte sind
Wasserstoffbrückenbindung, Dispersions- und (induzierte) Dipol-Kräfte. Die
sekundären Valenzkräfte sind bedeutend schwächer als die primären und treten
vor allem bei Materialien, die polare Gruppen besitzen, auf.
Der tatsächliche Mechanismus, der sich während einer Lackierung ereignet, ist
immer noch nicht vollständig erforscht. Verschiedene Erklärungsmöglichkeiten
basieren auf dem mechanischen Ineinandergreifen, auf chemischen Bindungen,
auf elektrostatischer Anziehung oder auf Diffusionsvorgänge innerhalb des
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Substrats bzw. des Lacks. Im Folgenden werden diese Theorien detaillierter
beschrieben [7].
1. Theorie der Mechanik
Diese Theorie kommt zum Tragen, wenn die zu lackierende Substratoberfläche
Stellen besitzt (z.B. Poren, Löcher oder Risse), in die der Lack eindringen kann. In
diesem Fall fungiert das Substrat als mechanischer Anker für den Lack, wodurch
die Entfernung des Lacks erschwert wird. Beispiele für diese Theorie sind
„gealterte“ Lacke und „sandgestrahlte“ Lacke.
Um eine verstärkte Adhäsion zwischen Substrat und Lack zu erreichen, wird z.B.
im Automobilbau das Substrat mit einer Zinkphosphatschicht versehen. Durch
diese vergrößert sich die Substrat-Kontaktfläche und ermöglicht eine vermehrte
Ausbildung von Adhäsionskräften zwischen Substrat und Lack. Beispielsweise
beschreibt Jamil A. Baghdachi [7], dass die tatsächliche Kontaktfläche an der
Grenzschicht Substrat/Lack mindestens sieben Mal so groß ist wie die
geometrische Form. Obwohl die Oberflächenrauheit generell die Adhäsion
verstärkt, muss darauf geachtet werden, dass keine zu tiefen Fehlstellen im
Substrat vorhanden sind. So können sich beispielsweise Luftblasen in diesen
sammeln, die die Anziehung von Feuchtigkeit zur Folge haben und damit einen
Adhäsionsverlust verursachen.
2. Theorie der chemischen Bindung
Die Ausbildung von chemischen Bindungen ist vorstellbar, tritt jedoch mit geringer
Wahrscheinlichkeit auf und konnte bisher nur in wenigen Fällen zweifelsfrei
analytisch identifiziert werden. Diese Bindungsart stellt zwar die stärkste und die
haltbarste Bindungsmöglichkeit dar, deren Voraussetzung ist jedoch das
Vorhandensein von reaktiven chemischen Gruppen, die an das Substrat bzw. an
die Beschichtung fest gebunden sein müssen [7].
3. Theorie der Elektrostatik
Elektrostatische Kräfte, die sich in Form einer elektrochemischen Doppelschicht
an einer Grenzfläche ausbilden, spielen eine untergeordnete Rolle. Diese sind
lediglich bei extrem stark geladenen Polymeren vorstellbar, haben für eine
Beschichtung jedoch keine Bedeutung.
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Elektrostatische Kräfte sind vorwiegend Dispersionskräfte und Kräfte, die aufgrund
der Interaktion von permanenten Dipolen entstehen. Ein permanenter Dipol
entsteht bei der Dipol-Dipol-Anziehung zwischen einem negativ und einem positiv
geladenen Molekülbereich. Auch induzierte Dipole (London-Kräfte) und van der
Waals-Kräfte tragen zur Adhäsion bei. Diese Art der beschriebenen Kräfte reicht
jedoch nur über geringe Distanzen (0,5nm bzw. 5Å). Ihre Effektivität nimmt mit der
sechsten bzw. siebten Potenz verglichen zur Entfernung ab [7].
4. Theorie der Interdiffusion
Kommen zwei Polymerphasen in Kontakt werden Segmente der Makromoleküle
über die Grenzschicht hinweg diffundieren und zusammen ein Netzwerk
ausbilden. Dieser Vorgang ist abhängig von den Materialeigenschaften und den
Vernetzungsbedingungen. Sowohl die Theorie als auch die Praxis lassen darauf
schließen, dass lokale Segmentdiffusionen eine diffuse Grenzschicht von 10-
1000Å ausbilden können [7].
Die soeben beschriebenen Theorien basieren auf der Tatsache, dass wenn zwei
unterschiedliche Materialien in Kontakt kommen, eine neue Grenzphase auf
Kosten der zwei ursprünglich „freien“ Grenzschichten zur Luft hin, gebildet wird.
Die Wechselwirkungsart an der Grenzschicht bestimmt die Stärke der Bindung,
die sich zwischen dem Substrat und der Beschichtung ausbildet. Das Ausmaß
dieser Wechselwirkung wird durch das gegenseitige Benetzungsverhalten
bestimmt. Folglich kann die Benetzung als Kontakt zwischen Substrat und
Beschichtung gesehen werden [7]. Darüber hinaus ist bedeutend, dass die
Adhäsion zwischen Substrat und Beschichtung bestehen bleibt, auch nachdem die
Beschichtung ausgehärtet ist.
Um den Vorgang der Adhäsion im Detail betrachten zu können, werden im
Folgenden Begriffe beschrieben, die von Bedeutung sind.
1. Benetzungsverhalten und Oberflächenenergie
Die Benetzung ist für die Adhäsion ein notwendiges Kriterium. Nur wenn eine
effektive Benetzung zwischen Substrat und Beschichtung gegeben ist, können
sich Adhäsionsvorgänge ereignen. Die Benetzung kann thermodynamisch
beschrieben werden. Die Oberflächenspannung der Beschichtung im flüssigen
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Zustand und die Oberflächenenergien des Substrats und der Beschichtung im
ausgehärteten Zustand sind wichtige Parameter, welche die Stärke der
Grenzflächenbindungen und die Adhäsionsvorgänge beeinflussen.
Die Moleküle bzw. Atome an der Oberfläche eines homogenen Feststoffs oder
Flüssigkeit unterscheiden sich von denen, die sich im Inneren der Phase befinden.
Im Inneren ist jedes Molekül von der gleichen Anzahl Nachbar-Moleküle umgeben,
wobei die durchschnittliche Entfernung zwischen ihnen durch den Austausch
anziehender und abstoßender Kräfte bestimmt wird. Die Moleküle an der
Oberfläche hingegen werden nicht in jede Richtung gleichmäßig angezogen. Sie
interagieren mit der Substanz, die sich über ihnen befindet (meist Luft), während
sie nach Innen, von den sich innen befindlichen Molekülen, angezogen werden.
Durch die Anziehung der Moleküle, die „unterhalb“ von ihnen liegen, werden sie
Richtung innerer Phase gezogen, damit die Anzahl der an der Oberfläche
vorhandenen Moleküle möglichst gering gehalten und dadurch die Oberfläche
minimal wird. Verglichen mit den Molekülen im Innern der Phase ist zwischen den
Oberflächen-Molekülen ein größerer molekularer Abstand, der ihnen einen
höheren energetischen Zustand verleiht. Daher muss Arbeit verrichtet werden, um
Moleküle aus dem Innern der Phase an die Oberfläche zu bringen [7].
2. Thermodynamik an der Grenzfläche
Wie gut eine Beschichtung im flüssigen Zustand das Substrat benetzt, kann über
den Kontaktwinkel θ gemessen werden. Ist dieser null, benetzt die Beschichtung
das Substrat vollkommen. Eine komplette Benetzung ereignet sich dann, wenn die
Kräfte zwischen Substrat und Beschichtung größer sind als die innerhalb der
flüssigen Beschichtung. Die Oberflächenspannung
γ
steht mit dem Kontakt-
winkel θ über die (Young-) Gleichung in Verbindung.
θγγγ
cos⋅+=
LVSLSV
mit den „Grenzschichten-Indizees“ sv für solid/vapor, sl für solid/liquid und lv für
liquid/vapor.
Ob eine Beschichtung eine feste Substratoberfläche benetzen wird, hängt von der
Oberflächenspannung beider Substanzen ab. Die Fähigkeit einer Flüssigkeit zu
benetzen und sich auf dem Feststoff zu verteilen, wird durch den „Spreitungs-
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Koeffizient S
SL
“ beschrieben, der wie folgt mit der Oberflächenspannung in
Verbindung steht.
LVSLSVSL
S
γγγ
−−=
Ein großer positiver Wert von S
SL
zeigt, dass die Flüssigkeit spontan benetzen und
sich verteilen wird. Negative Werte stehen für eine mangelnde Benetzung und
Verteilung sowie für die Existenz eines Kontaktwinkels θ>0 [7].
2.1.5 Lack - Applikationsverfahren
Die Applikationsverfahren unterscheiden sich nach der Art des aufzutragenden
Lacks und des zu beschichtenden Substrats. Dementsprechend werden
verschiedene Verfahren beschrieben.
a) Elektrotauchlackierung
Die Elektrotauchlackierung dient der Applikation des kathodischen
Elektrotauchlacks (KTL) auf einem metallischen Substrat. Mit ca. 80% ist der
größte Bestandteil des Elektrotauchlacks das vollentsalzte Wasser (VE-Wasser).
Zusätzlich sind im Elektrotauchlack geringe Mengen an organischem
Lösungsmittel (1-2%), an Säuren (0,4 %) und an Additiven vorhanden. Eine
besondere Funktion nimmt das Bindemittel ein, das zusammen mit der
Pigmentpaste den Hauptteil des etwa 20%igen Feststoffgehalts des Lacks bildet.
Abbildung 2.3 zeigt eine schematische Darstellung der KTL-Applikation.
Abbildung 2.3: Applikation des kathodischen Tauchlacks [12]
Wie in Abbildung 2.3 zu sehen, besteht eine Bindemittel-Mizelle aus den drei
Bereichen Vernetzer, Harz und Säure. Jeder dieser Bereiche erfüllt eine
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bestimmte Funktion im Applikationsprozess. Der Hauptbestandteil des
Bindemittels und der Pigmentpaste ist meist Epoxidharz. Um dieses in eine
wasserdispergierbare Form zu bringen, wird eine organische Säure verwendet.
Häufig erfolgt nur eine teilweise Umsetzung der funktionellen Gruppen mit dem
Neutralisationsmittel (Säure). Daher ist ein bestimmtes Verhältnis von Säure zu
den funktionellen Gruppen erforderlich, um die gewünschte Wasser-
dispergierbarkeit des Epoxidharzes zu erreichen. Dieses als „Neutralisationsgrad“
bezeichnete Verhältnis sollte um 30% liegen.
Das Bindemittel wird aufgrund seiner unterschiedlichen Ladungen zu den jeweils
entgegen gesetzt geladenen Elektroden gezogen. Hierbei sind Vernetzer und Harz
der positiv geladene Kern des Bindemittels, während die negativ geladene Säure
die „Hülle“ um den Kern bildet. Daher wird die negativ geladene Säure von der
positiv geladenen Anode und der positiv geladene Kern von der negativ geladenen
Kathode (dem Automobil) angezogen. Abbildung 2.4 zeigt den elektrochemischen
Ablauf der KTL-Abscheidung.
Abbildung 2.4: Abscheidung der KTL [12]
Die Applikation des kathodischen Tauchlacks erfolgt in einem elektrochemischen
System, bei dem die Anode und die Kathode über eine Spannungsquelle
geschlossen sind, wodurch ein Stromfluss möglich wird (siehe Abbildung 2.4). Der
Stromfluss wird somit einerseits von den Elektronen, die über den äußeren
Stromkreis von der Anode zur Kathode fließen, und zum anderen von den im
Elektrolyten (hier Wasser H
2
O) vorhandenen Ionen gebildet.
Durch diesen Ladungstransfer werden an der Anode Sauerstoff-Gas (O
2
), welches
aus dem System entweicht sowie Protonen (H
+
) und Elektronen (e
-
) gebildet. Die
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- 21 -
an der Anode entstehenden Elektronen werden über die äußere Spannungsquelle
U der Kathode wieder zugeführt.
An der Kathode entstehen Hydroxidionen (OH
-
) und Wasserstoff-Gas (H
2
),
welches aus dem System entweicht.
Die KTL-Abscheidung findet an der Kathode statt. Dies bedeutet, dass in der
Automobilindustrie die Autokarosserien als Kathode geschaltet werden.
Bei der Applikation des kathodischen Tauchlacks finden an der Anode und an der
Kathode unterschiedliche Reaktionen statt.
An der Anode entwickelt sich Sauerstoff (O
2
) und es entstehen Protonen (H
+
),
wodurch sich eine Grenzschicht mit einem pH-Wert von 2-3 bildet. Durch die
Entstehung der Protonen wird der negativ geladene Säurerest angezogen. Beides
reagiert an der Anode (besitzt spezielle Anionenaustauschermembranen)
miteinander zur Säure, die über das Anolytsystem ausgetragen wird.
An der Kathode hingegen bildet sich Wasserstoff (H
2
), der aus dem System
entweicht und Hydroxidionen (OH
-
), durch die eine basische Grenzschicht mit
einem pH-Wert von ca.10 gebildet wird. Die positiv geladenen Lackpartikel
wandern zur Kathode, auf der sie mit den OH
-
-Ionen koagulieren.
Typische Abscheideparameter bei der Elektrotauchlackierung sind [10]:
angelegte Spannung: 350–500 V
Schichtdicke der KTL: 18–25 µm
Abscheidezeit: 2-3 min
pH-Wert des KTL-Bads: 5,6-6,6
Badtemperatur: 26°C
Badgrößen: 200-500 m³
Folglich setzt sich die Technik des KTL-Beckens aus den folgenden Bestandteilen
zusammen: Gleichrichter zur Versorgung der Anlage mit Gleichspannung,
Dialysezellen (meist Anoden), Umwälzsystem (Vermeidung von
Pigmentsedimentation), Temperaturregelung, Filteranlagen (Entfernung von
eingetragenen Schmutzpartikeln) und Ultrafiltrationsanlagen.
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- 22 -
Beim abschließenden Trocknen der KTL bilden sich im epoxidharzhaltigen Lack
lineare Kettenmoleküle, die durch ihre dreidimensionale Vernetzung eine stabile
Struktur ergeben. Die Vernetzungsreaktion wird entweder bei Raumtemperatur mit
Hilfe von Katalysatoren (chemisch) oder durch hohe Temperaturen aktiviert
(„Einbrennen“).
b) Spritzlackieren
Das Spritzlackieren mit Luftzerstäubern dient der Applikation von flüssigen
Lacken. Luftzerstäubung bedeutet, dass der zu applizierende Lack durch die ihn
umgebende Luft hoher Geschwindigkeit in so genannte Ligamente zerrissen und
anschließend in Tropfen zerstäubt wird.
Durch die Wahl der eingestellten Applikationsparameter des verwendeten
Zerstäubers sind die Eigenschaften (z.B. Farbton und Verlauf) der aufgebrachten
Lackschicht beeinflussbar. Wichtig sind u.a. das Verhältnis zwischen Lack- und
Luftvolumenstrom, der Luftdruck und der Arbeitsabstand. Dies bestimmt die
Eigenschaften des Sprühstrahls bzw. der Tropfen (z.B. Größenverteilung,
Geschwindigkeit, Abdunstverhalten). Aufgrund des großen Nachteils des relativen
niedrigen Auftragwirkungsgrad kommt dieses Verfahren nur bei bestimmten
Anforderungen, z.B. zur Erreichung besonderer optischer Effekte, zum Einsatz.
c) Elektrostatische Applikation (ESTA)
Bei dieser Applikationstechnik wird das Lackmaterial in einem elektrischen Feld
elektrisch aufgeladen. Durch die Kombination der Anziehungskraft zum Gegenpol
(entlang der Feldlinien) und der inneren Abstoßung durch die gleichartige
Ladungsansammlung driftet das Lackmaterial auseinander und scheidet sich auf
dem zu beschichtenden Substrat ab.
Eine Grundvoraussetzung für die Anwendbarkeit der elektrostatischen Applikation
ist die elektrische Leitfähigkeit des Beschichtungsstoffes. Der Vorteil dieser
Applikationsart liegt in der sehr guten Lackausbeute mit einem
Auftragwirkungsgrad von fast 100%. Dadurch ergeben sich geringere VOC
(„volatile organic compound“)-Emissionen, weniger Lackschlamm und eine
geringere Verschmutzung der Kabine sowie die Beschichtung betreffend ein sehr
guter Umgriff und aufgrund der geringen mechanischen Beanspruchung kein
Verschleiß an der Sprühkante.
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- 23 -
Der Nachteil hingegen ist eine geringere Ausflussrate, die unzureichende
Beschichtung von Hohlräumen, die Gefahr der Überbeschichtung an Kanten sowie
die Empfindlichkeit der Kante des Sprühsystems gegenüber mechanischer
Beschädigung.
2.1.6 Einsatz der Lackmaterialien im Mercedes-Benz Werk
Sindelfingen und Rastatt
Die in dieser Arbeit eingesetzten Materialien sind die der Mercedes-Benz Werke in
Rastatt und in Sindelfingen. Die heutzutage verwendeten Materialien sind das
Ergebnis vieler Entscheidungen und Entwicklungen. Kurz werden im Folgenden
die diesbezüglichen Unterschiede der Werke zusammengefasst.
KTL:
Die allgemeinen Bestandteile der KTL sind in Kapitel 2.1.5 nachzulesen. Die
exakte Zusammensetzung ist aus den vorhandenen Datenblättern nicht zu
entnehmen, da diese nur wenig aussagekräftige Fakten enthalten.
Werk Sindelfingen: Füller, Basislack und Klarlack
Um die Emissionen von Lösemittel zu reduzieren und die
Chemikalienbeständigkeit der Lacke zu erhöhen, wurden in den 70er und 80er
Jahren 2K-Lacke UNI-Farben entwickelt. Jedoch entstand bei dieser Entwicklung
das Problem, dass ein zur gleichen Zeit entwickelter 2K-Klarlack mit den
herkömmlichen, lösemittelhaltigen Basislacken nicht kombiniert werden konnte, da
er durch Anlösen zu Farb- und Effektveränderungen führte. Als Funktionsschicht
wurde ein Spritzgrundsystem herkömmlicher Art verwendet
(Alkyd/Epoxid/Melamin).
Die so lackierten Fahrzeuge benötigten jeweils eine Spritzkabine, in der UNI- bzw.
Metallic-Farben lackiert werden konnte. Die nötige Kapazitätserhöhung von
metallic-lackierten Fahrzeugen und die gleichzeitige Forderung der
Emissionssenkung ohne neue Lackieranlagen bauen zu müssen, führte zu der
Entwicklung von Wasser verdünnbaren Funktionsschichten, UNI- und Metallic-
Basislacken. Diese Basislacke konnten mit einem bereits früher entwickelten
2K-Acryl/Isocyanat-Klarlack beschichtet werden. Der stets weiterentwickelte
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 24 -
2K-Klarlack wurde durch ein kratzfesteres System abgelöst. Als
Beschichtungsaufbau für das Werk Sindelfingen ergibt sich abschließend somit
die Abbildung 2.5.
KTL + wässriges
Füllersystem
End-
trocknung
+ 2K-Klarlack
(kratzfest)
Trocknung Zwischen-
trocknung
Trocknung
+ wässriges UNI-
Basislacksystem
KTL + wässriges
Füllersystem
End-
trocknung
+ 2K-Klarlack
(kratzfest)
Trocknung Zwischen-
trocknung
Trocknung
+ wässriges UNI-
Basislacksystem
Abbildung 2.5: schemat. Darstellung des klassischen Lackaufbaus (Sindelfingen)
Werk Rastatt: Füller, WBL1, WBL2
In Rastatt sollte ein Lackierprozess entwickelt werden, der deutlich
kostengünstiger und emissionsärmer sein musste als der Sindelfinger Prozess.
Die Firmen „BASF-Coatings“ und „Dürr“ erarbeiteten ein entsprechendes
Beschichtungssystem, das innerhalb von vier Jahren prozesssicher entwickelt
wurde. Das Beschichtungssystem des Werks Rastatt besteht aus:
KTL + WBL1
(wässriger Füller)
Vernetzungstrocknung aller bisher
nur „zwischengetrockneten“
Systeme
+ Slurry 2
(wässriger Klarlack)
Trocknung Zwischentrocknung
+ WBL2
(wässriger UNI- bzw.
Metallic-Basislack)
Zwischentrocknung
KTL + WBL1
(wässriger Füller)
Vernetzungstrocknung aller bisher
nur „zwischengetrockneten“
Systeme
+ Slurry 2
(wässriger Klarlack)
Trocknung Zwischentrocknung
+ WBL2
(wässriger UNI- bzw.
Metallic-Basislack)
Zwischentrocknung
Abbildung 2.6: schemat. Darstellung des integrierten Lackaufbaus (Rastatt)
Aus Abbildung 2.6 ist nicht zu entnehmen, dass es sich bei dem WBL1 und WBL2
um ähnliche Systeme handelt, wie sie auch in Sindelfingen Anwendung finden.
Slurry 2 hingegen ist eine Weiterentwicklung des Pulverslurrys, da dieser im
vernetzten Zustand am Fahrzeug unzureichende Chemikalienbeständigkeit
aufwies. Slurry 2 ist ein im wässrigen Zustand geblocktes 2K-System
(Acrylat/Isocyanat).
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- 25 -
2.1.7 Lack - Schädigungen
Für den Schutz von korrosionsanfälligen Substraten ist eine Vielzahl von
Parametern entscheidend: die Schichtdicke, die Haftung der Beschichtung zum
Untergrund und die Geschlossenheit der Schutzschicht [11/1].
Bei der Applikation mögliche eingebrachte Lufteinschlüsse und
Benetzungsstörungen können je nach Rheologie des Lacks Poren in diesem
verursachen. Die Poren können sich entweder separat in den einzelnen Schichten
befinden oder vom Substrat bis zum Klarlack durchgängige Kapillaren bilden. Ist
das letztere der Fall so ist es möglich, dass Wasser und Elektrolyte bis zum
Substrat vordringen.
2.1.8 Freitragende Lackfilme
Unter freitragenden bzw. freien Lackfilmen wird ein Lackfilm ohne Substrat (z.B.
Metall) verstanden. Diese haben den Vorteil, dass die Eigenschaften eines
Lackfilmes/einer Beschichtung bestimmt werden können, ohne dass das Substrat
die Ergebnisse beeinflusst. Zu den spezifischen Lackparametern gehören unter
anderem die Glasübergangstemperatur T
g
und die Wasserpermeabilität, die mit
der dynamisch-mechanischen Analyse (DMA) erhalten werden können.
2.1.8.1 Dynamisch-mechanische Analyse (DMA)
Die dynamisch-mechanische Analyse (DMA) dient der dynamischen Erfassung
von mechanischen Eigenschaften von freien Lackfilmen und stellt somit ein
Charakterisierungsverfahren von Beschichtungen dar.
Die Charakterisierung kann beispielsweise über die Bestimmung der
Glasübergangstemperatur T
g
erfolgen. Der Glasübergang trennt den unterhalb
liegenden spröden energieelastischen Bereich (Glasbereich) vom oberhalb
liegenden weichen entropieelastischen Bereich (gummielastischer Bereich).
Allgemein steigt die Glasübergangstemperatur mit der Vernetzungsdichte [13].
Dadurch ist es möglich, Rückschlüsse auf die Zusammensetzung und auf die
physikalischen Eigenschaften der Werkstoffe zu ziehen.
Eine periodisch wechselnde, meist sinusförmige, Kraft belastet die Filmprobe,
worauf diese als Polymer mit einer zeitlich verzögerten Deformation reagiert.
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- 26 -
Folglich wird die Probe (z.B. freier Lackfilm) mit einer dynamischen Kraft bei einer
definierten Frequenz angeregt (Erregersignal), worauf die Probe mit einer
dynamischen Deformation als Antwortsignal reagiert. Die Deformation hat dieselbe
Frequenz wie die eingeleitete Kraft, jedoch ist diese zeitlich verzögert, was durch
die Phasenverschiebung sichtbar wird. Abbildung 2.7 zeigt den beschriebenen
Ablauf.
Lack-
film
Kraft
Weg
t
δ
Lack-
film
Kraft
Weg
t
δ
Abbildung 2.7: DMA [14]
Aus der in Abbildung 2.7 gezeigten Kraft- und Deformationsamplitude, der
Phasenverschiebung sowie aus den Abmessungen des Lackfilms
(„Geometriefaktor“) kann der Elastizitätsmodul E* berechnet werden.
Voraussetzung für diese Berechnung ist, dass die Probe nur im linearelastischen
Bereich („Hookescher Bereich“) belastet wird. Ist diese Voraussetzung erfüllt,
ergibt sich der Elastizitätsmodul E* aus dem Speichermodul E` (in Phase mit der
angeregten Kraft) und dem Verlustmodul E`` (90° phasenverschoben) [14]. Der
Speichermodul charakterisiert somit das elastische Verhalten der Probe, da hier
die Deformation in Phase zu der angelegten periodischen Kraft erfolgt. Der
Verlustmodul ist durch die Phasenverschiebung von 90° zwischen Kraft und
Deformation gekennzeichnet und ist daher ein Maß für die in Wärme
umgewandelte mechanische Energie.
Unabhängig von der Probenform ist hingegen der Verlustwinkel tan δ = E``/E`.
Dieses Verhältnis von Verlust- zu Speichermodul ist ein Maß für die mechanische
Dämpfung oder innere Reibung eines viskoelastischen Systems. Daher
kennzeichnet ein hoher tan δ-Wert ein Material mit hohem nichtelastischem
Verformungsanteil, während ein niedriger tan δ-Wert für ein elastischeres Material
spricht [15].
Folglich zeigen die aufgezeichneten Kurven in Abhängigkeit von der Temperatur
und der Zeit drei verschiedene Bereiche: bei niedrigen Temperaturen den
energieelastischen Bereich (= Glaszustand), gefolgt vom Glasübergang
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- 27 -
(Übergang von dem einen zu dem anderen Zustandsbereich) und den entropie-
elastischen (gummielastischen) Bereich.
Im Glasübergang ist die Glasübergangstemperatur T
g
der Filmprobe an einer
Stufe in der E`-Kurve und einem Maximum in der tan δ-Kurve erkennbar [14].
Das temperaturabhängige Verhalten einer Filmprobe kann dadurch erklärt werden,
dass bei niedrigen Temperaturen die Moleküle so unbeweglich sind, dass sie der
aufgebrachten Schwingung nicht folgen können. Je höher die Temperatur wird,
desto beweglicher werden die Molekülabschnitte und folgen mühelos den
Belastungen. Tritt der Fall auf, dass die Molekülbewegungen den periodischen,
sinusförmigen Auslenkungen gerade noch folgen können, wird pro Auslenkung
das Maximum an innerer Reibung und nicht elastischer Verformung umgesetzt.
Dies spiegelt sich durch ein Maximum des Verlustmoduls wieder. Der
Speichermodul fällt hingegen im Glasübergang bei der Erwärmung extrem stark
ab [15].
Die Reaktion einer Probe auf die einwirkende Kraft kann auf drei verschiedene
Arten erfolgen (Abbildung 2.8):
Abbildung 2.8: Verhaltensweisen der Probendehnung nach Krafteinleitung
Wie in Abbildung 2.8 zu sehen, kann sich die untersuchte Filmprobe auf drei
verschiedene Art und Weisen verhalten.
1. rein elastisches Verhalten, d.h. die Probe reagiert ohne zeitliche
Verzögerung auf die einwirkende Kraft → ∆φ = 0
2. rein viskoses Verhalten, d.h. die größte Dehnung tritt beim Nulldurchgang
der einwirkenden Kraft auf → ∆φ = π/2 = 90°
3. viskoelastisches Verhalten – dieses liegt zwischen dem 1. und 2. Punkt,
d.h. die Verformung folgt der Kraft mit einer bestimmten
Phasenverschiebung im Bereich von → 0° < ∆φ < π/2 = 90°
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- 28 -
Die untersuchten Filmproben bestehen aus Polymeren, die grundsätzlich ein
viskoelatisches Verhalten aufweisen. Dabei gilt, dass je kleiner der Phasenwinkel
∆φ ist, desto höher ist der energieelastische Anteil des Polymers [16].
Die DMA-Messungen können auf zwei verschiedene Arten durchgeführt werden:
kraftgesteuert oder dehnungsgesteuert. Diese unterscheiden sich entsprechend
der Größe, die vorgegeben wird. Die kraftgesteuerte Messung gibt eine zyklisch
angreifende Kraft vor, worauf die Probe mit einer Verformung reagiert, aus der die
Dehnung erhalten wird. Bei der dehnungsgesteuerten Methode erfolgt zuerst die
Verformung der Probe um eine definierte Größe, durch die eine Spannung
entsteht. Diese Spannung ist über die gemessene Lagerkraft und über die
Probengeometrie gegeben.
Eine häufige Darstellungsweise des E-Moduls (E*), Speicher (E’) - und
Verlustmoduls (E’’) sowie des Verlustfaktors tan δ ist in der folgenden Abbildung
zu sehen.
Abbildung 2.9: schemat. Darstellung von DMA-Kurven - amorpher Kunststoff
Abbildung 2.9 zeigt, dass unterhalb der Glasübergangstemperatur E* und E’ groß
und nahezu identisch sind. Eine Erklärung hierfür ist, dass nur kleine
Belastungsamplituden aufgebracht werden und in diesem Bereich die Probe sich
elastisch verhält, wodurch der Verlustmodul eher gering ist. Daher ist der
Verlustfaktor ebenfalls klein.
Ab der Glasübergangstemperatur ist eine zunehmende Polymerketten-
beweglichkeit zu erwarten. Dadurch tritt eine erhebliche Materialerweichung auf,
die einen Abfall des E* und E’ sowie eine Zunahme von E’’ und tanδ zur Folge hat.
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- 29 -
Bei weiter ansteigender Temperatur fallen alle Werte stark ab, da die
fortschreitende Erweichung zu einer kaum nennenswerten Steifigkeit führt. Die
Abweichung von E* zu E’ während des Glasübergangs ist durch den erhöhten
plastischen Anteil E’’ erklärbar.
Die DMA bietet viele Einsatzmöglichkeiten, die Qualität einer Beschichtung zu
beurteilen. In dieser Arbeit ist das Langzeitverhalten von Beschichtungen unter
dem Einfluss von Feuchte, Wasser, Temperatur und Licht von besonderer
Bedeutung [14].
Durch die Bestimmung der Glasübergangstemperatur T
g
können Rückschlüsse
auf die Entstehung von Eigenspannungen des untersuchten Systems gezogen
werden [17]. Mit der Zeit steigt die Glasübergangstemperatur, durch z.B.
vermehrte Quervernetzung, an. Damit erhöhen sich die inneren Spannungen und
die Beschichtung versprödet [18].
2.1.8.2 Thermogravimetrische Analyse (TGA)
Die TGA bzw. Thermogravimetrie ist eine analytische Methode, bei der die
Massenänderung einer Probe in Abhängigkeit von Temperatur und Zeit gemessen
wird. Dieser Prozess wird von der Probennahme, über die Messung bis hin zur
Ergebnisauswertung vollständig analytisch aufgenommen. Interessante
Fragestellungen bezüglich der zu untersuchenden Probe sind das
Zersetzungsverhalten, die Gehaltsanalyse, die thermische Stabilität u.v.m..
Die freien Lackfilmproben werden dazu in einem temperaturbeständigen Tiegel
auf Temperaturen bis ca. 650 °C erhitzt. Dabei ist der Probenhalter an eine
Mikrowaage gekoppelt, welche die Massenänderung während des homogenen
Aufheiz- und Abkühlvorgangs anzeigt. Der Probenraum kann je nach Bedarf mit
verschiedenen Gasen gespült werden. Stickstoff-Gas dient z.B. der Verhinderung
von Oxidationsvorgängen.
Eine Zunahme der Masse wird über die Aufnahme von Reaktionspartnern
verursacht, z.B. bei einer Oxidation. Die Abnahme ereignet sich bei
Zersetzungsreaktionen, beim Sublimieren bzw. Verdampfen von flüchtigen
Komponenten und bei Reduktionsvorgängen. Aufgrund der sich ereignenden
Massenänderung können Rückschlüsse auf die Zusammensetzung der Probe
gezogen werden.
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- 30 -
2.1.9 Lack - Haftung
Gleichgültig wie fehlerfrei eine Beschichtung bzw. ein Beschichtungssystem ist,
kann diese ihre Schutzwirkung nicht ausüben, wenn sie auf dem Substrat nicht
oder nur teilweise haftet. Auch die Einwirkung von Umweltbelastungen, wie z.B.
Feuchtigkeit, Salze, Licht oder Gase, darf die Haftung nicht gefährden. Die
Haftung wird vom Beschichtungssystem, vom Substrat und von der richtigen
Kombination beider bestimmt [11/2]. Die Haftfestigkeit einer Beschichtung muss
vor allem unter der Einwirkung von feuchtem Medium gegeben sein. In diesem
Fall wird auch von der „Nasshaftfestigkeit“ gesprochen [19/1]. Die
Nasshaftfestigkeit unterscheidet sich je nach dem, ob es sich um ein
Beschichtungssystem Substrat/Beschichtung oder um einen freien Lackfilm
handelt. Dies geht auf die unterschiedliche Wasserabsorption zurück. Wird sie
verglichen, so ist feststellbar, dass das System Substrat/Beschichtung mehr
Wasser absorbiert als ein vergleichbarer freier Lackfilm. Die vermehrte
Wasserabsorption geht auf die Einlagerung von Wasser in die Grenzfläche
Substrat/Beschichtung zurück.
2.1.9.1 Lackhaftungsprüfungen
Es gibt verschiedene Prüfungen, die die Lackhaftung untersuchen. Als
Schnelltests dienen die Gitterschnittprüfung nach DIN EN ISO 2409, die
Kugelstrahlprüfung nach DIN 53154, der Schäl- bzw. Peelingtest sowie die Kratz-
und Radierprobe. Durch diese Prüfmethoden können keine direkt quantitativen
Ergebnisse erhalten werden, jedoch ist es möglich anhand von Vergleichsbildern
den Schädigungsgrad zu beurteilen. Diese Methoden sind relativ einfach
durchzuführen und liefern reproduzierbare Ergebnisse [11/3].
Ist das Ziel, Maßzahlen für die Verbundfestigkeit von Lackaufbauten zu erhalten,
wird die minimale Zug- bzw. Torsionsspannung, welche nötig ist, um den Lack
vom Substrat zu trennen, bestimmt. Diese Untersuchungsmethode wird mit Hilfe
des Twistometers durchgeführt. Zu dieser direkten Prüfung zählt ebenfalls die
Stirnabzugsmethode nach DIN EN 24624 (=ISO 4626). Als indirekte Verfahren der
Prüfung von Lackhaftung kommen Ultraschall-, Wärmefluss- oder Schall-
emissionsmessungen in Frage.
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- 31 -
2.1.10 Lack - Elastizität: Zugversuche
Zugversuche stellen ein genormtes Standardverfahren der Werkstoffprüfung dar.
Durch diese werden die Zugfestigkeit und andere Werkstoffkennwerte, wie z.B.
Plastizität, Sprödigkeit und Elastizität ermittelt [20]. Aufgrund dieser
Werkstoffkenngrößen erfolgt die Dimensionierung statisch beanspruchter Bauteile
[21]. Die Prüfung zählt zu den quasistatischen, zerstörenden Verfahren und wird
im Folgenden näher erläutert [22].
Die Zugproben werden bis zum Bruch gleichmäßig, stoßfrei und mit konstanter
Geschwindigkeit gedehnt. Während dieser Dehnung werden die Parameter Kraft F
an der Probe mit bekanntem Ausgangsquerschnitt S
0
und die verursachte
Längenänderung ∆L gemessen. Somit kann mit der Kraft F und der
Querschnittsfläche S
0
die Nennspannung σ
n
berechnet werden:
0
S
F
n=
σ
.
Die Totaldehnung ε
t
wird entsprechend aus dem Quotienten der Längenänderung
∆L und der Ausgangslänge der Messstrecke L
0
berechnet:
0
L
L
t
∆
=
ε
.
Das Ergebnis des Zugversuchs ist das Nennspannungs/Totaldehnungs-
Diagramm. Daraus können die technischen Werkstoffkenngrößen abgelesen
werden [22]. Wie es die Bezeichnung des Diagramms vermuten lässt, stellt die
Nennspannung die Funktion der Totaldehnung dar (Abbildung 2.10).
Abbildung 2.10: schemat. Darstellung eines Nennspannungs-/Totaldehnungs-Diagramms
mit Legende [23]
R
eL
Legende:
R
M
: Zugfestigkeit
R
p
: obere Streckgrenze
R
el
: untere Streckgrenze
ε: Dehnung der Probe [%]
σ: Spannung in der Probe [N/mm²]
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- 32 -
Wie Abbildung 2.10 zeigt, verhalten sich viele Werkstoffe zu Beginn einer
Beanspruchung linear-elastisch [22]. In diesem Bereich gilt das Hookesche
Gesetz, das bedeutet, dass eine Proportionalität zwischen der Dehnung und der
Nennspannung besteht. Die Steigung (bzw. die Proportionalitätskonstante) der
Hookeschen Gerade stellt das Elastizitätsmodul dar [21].
Das Elastizitätsmodul E wird folglich als Quotient aus der Spannung σ in der
Probe und der Dehnung ε der Probe berechnet:
ε
σ
=E
.
Eine elastische Beanspruchung zeichnet sich dadurch aus, dass der Werkstoff in
seinen Ausgangszustand bei Aussetzen der Beanspruchung wieder zurückkehrt.
Dem linear-elastischen Bereich folgt der nicht-linear elastische Bereich, in dem die
Verformung noch reversibel (d.h. elastisch), der Spannung aber nicht mehr
proportional ist [20].
Die obere Streckgrenze R
p
ist durch den ersten wahrnehmbaren Spannungsabfall
gekennzeichnet. Sie stellt das Ende der Hookeschen Gerade dar [21]. Sobald die
obere Streckgrenze R
p
erreicht wird, setzt die plastische Verformung ein. Dies
bedeutet, dass der Werkstoff auch ohne Belastung seinen Ausgangszustand nicht
mehr erreicht. Der Verlauf ab dieser Streckgrenze ist stark werkstoffabhängig.
Die untere Streckgrenze R
eL
gibt die kleinste Spannung im Fließbereich bei weiter
zunehmender Probenverlängerung an [21].
Es tritt häufig der Fall auf, dass der Beginn der Deformation nicht eindeutig im
Diagramm durch das Abknicken der Zugkurve sichtbar ist. Abhilfe wird dadurch
geschaffen, dass stattdessen die Dehngrenze unter Angabe der verwendeten
plastischen Deformation angegeben wird (z.B. R
p0,2
für die Dehngrenze bei 0,2%
plastischer Verformung) [22].
Die Dehngrenze R
p0,2
wird daher als so genannte Ersatzstreckgrenze ermittelt, da
die meisten Stahlsorten keinen ausgeprägten Übergang vom elastischen in den
plastischen Bereich aufweisen. Sie ist die Spannung bei einer nicht-proportionalen
Dehnung mit 0,2% bleibender Verformung [21].
Einer der wichtigsten Werkstoffkennwerte kann aus Abbildung 2.10 entnommen
werden. Dies ist die Zugfestigkeit R
M
(Maximum der Zugverfestigungskurve), die
den Einschnürungsbeginn anzeigt. Der dem Zugfestigkeitswert R
M
zugehörige
Dehnungskennwert heißt Gleichmaßdehnung. Bis zu dieser zeigen die Proben
keine makroskopische Einschnürung (Querschnittsverjüngung) [22].
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- 33 -
Wird die Zugfestigkeit R
M
überschritten, bricht das Bauteil. Diese Spannung wird
als Quotient aus der Höchstzugkraft F
M
und dem Anfangsquerschnitt S
0
der Probe
berechnet [21].
Die Werkstoffe, die bei der Zugfestigkeit noch nicht brechen, zeigen daher eine
deutliche Einschnürung. Anders beschrieben bedeutet das, dass die wahre
Spannung im Zugversuch ab R
M
weiter ansteigt, da sich die Querschnittsfläche
aufgrund der soeben beschriebenen Einschnürungen verringert [20].
2.1.11 Lack - Alterung
Alterung nach DIN 50035 umfasst die Gesamtheit aller im Laufe der Zeit in einem
Material irreversibel ablaufenden chemischen und physikalischen Vorgänge mit
und ohne äußere Einwirkung [24].
Unter Lackalterung wird somit die Wirkung der Beanspruchung durch Einflüsse
jeglicher Art verstanden. Ist das System der Umwelt ausgesetzt, wie es bei
Automobilen der Fall ist, so überwiegen die äußeren Einwirkungen. Diese sind u.a.
UV-Strahlung aus dem Sonnenlicht, Luftsauerstoff, Kälte, Hitze, Salze und Wasser
in Form von Dampf, Tau, Reif, Regen oder Schnee.
In Tabelle 2.1 sind mögliche Ursachen von äußeren Beanspruchungen und deren
Folgen aufgeführt.
Tabelle 2.1: Ursachen und Folgen der Lackalterung (25 und 11/ 4)
Tabelle 2.1 zeigt, dass jede Ursache unterschiedliche Veränderungen der
Lackbestandteile zur Folge hat. UV-Strahlung verursacht z.B. Kettenbrüche oder
neue Quervernetzungen. Dies äußert sich in der Versprödung und Schwächung
der inneren Festigkeit des Lacks. Somit kann das Einsetzen von inneren
Spannungen als Beginn der Versprödung gesehen werden [17]. Des Weiteren
Ursache Wesentliche Folgen
Thermische Beanspruchung Thermische Alterung, z.B. Abgabe von flüchtigen
Abbauprodukten
Chemische Beanspruchung Chemischer Abbau
Mechanische Beanspruchung Molekülspaltung
Beanspruchung durch ionisierende
Strahlung Strahlungsvernetzung, Strahlungsabbau
Biologische Beanspruchung Biologischer Abbau (z.B. Kompostierung)
Beanspruchung durch Witterung Fotochemische Alterung, z.B. Molekülabbau
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 34 -
verursachen Nachpolymerisation und Abbaureaktionen in Form von
Kettenspaltungen bzw. Autoxidationen die Alterung [18].
Um die Schutzwirkung einer Beschichtung zu erhalten, stehen dagegen die
makromolekularen Filmbildner im Vordergrund [26].
Eine andere Möglichkeit, Lackalterungen zu beschreiben, ist die Charakterisierung
der zur Alterung führenden Reaktionen.
In Tabelle 2.2 sind bekannte Abbauprozesse aufgelistet, bei denen Polymere
irreversibel chemisch verändert werden. Diese Abbauprozesse werden unter dem
Begriff „fotochemische Alterung“ zusammengefasst.
Tabelle 2.2: Formen der fotochemischen Alterung [25]
Fotooxidation
Fotodissoziation (z.B. Dehydrochlorierung bei PVC)
Peroxid- und Hydroperoxidkonversion
Norrish-Reaktionen Typ I und II
Foto-Fries-Reaktion
Fotosubstitution
Fotoaddition
Fotoelimination
Fotodimersion
Fotokondensation
Fotoisomerisation
Fotoionisation
Die in der Tabelle 2.2 aufgeführten Formen der fotochemischen Alterung können
sowohl parallel, als auch nacheinander stattfinden. Die vorwiegend ablaufende
Reaktion ist die Fotooxidation, da die Beanspruchung durch Bewitterung immer in
Anwesenheit von Sauerstoff stattfindet.
Abhängig von der Wetterbeständigkeit wird hierbei entweder das Pigment oder
das Bindemittel bevorzugt abgebaut. Abbildung 2.11 zeigt diese auftretenden
Erscheinungsformen des Materialabbaus an der Lackoberfläche.
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- 35 -
Abbildung 2.11: Erscheinungsformen des witterungsbedingten Materialabbaus an der
Oberfläche pigmentierter Oberflächen [25]
Wie in Abbildung 2.11 zu sehen, äußert sich Kreidung dadurch, dass durch den
Bindemittelabbau Pigmentpartikel freigesetzt und bei Berührung leicht auf andere
Materialien übertragen werden können. Wird hingegen das Pigment bevorzugt
abgebaut, führt dies zu einer Erhöhung der Rauheit der Lackoberfläche. Dies zeigt
sich meist als Glanzverlust oder Vergrauung des Lacks.
Des Weiteren hat Wasser auf die meisten Polymere des Lacks eine
beschleunigende Alterung zur Folge. Wasser kann dabei als Niederschlag oder
als (relative) Luftfeuchtigkeit vorliegen bzw. sich gelöst im Bindemittel im Innern
der Lackschicht befinden.
Tabelle 2.3: Auswirkung von Wasser auf die Lackalterung
Wirkung Folge
Katalyse der Spaltung der O
2
-Moleküle durch
UV-Strahlung
Beschleunigung der Fotooxidation durch
Bildung der hochreaktiven sauerstoffhaltigen
Radikale OH· und OH
2
· nach folgendem
Reaktionsmechanismus:
⋅+⋅↔++
222
HOOHOHhO
ν
Senkung der Glastemperatur Begünstigung der O
2
-Diffusion im
Lackbindemittel
Hydrolyse des Polymers Molekülabbau & Erhöhung der Zahl der als
Chromophoren wirkenden
Enddoppelbindungen
Mechanischer Stress durch zyklische
Quellung und Schrumpfung Rissbildung und Enthaftung bei ausreichend
gealteter Lackierung
Herauslösen von Additiven Verluste an Lichtschutzmitteln
Bewuchs durch Algen und Schimmelpilze Bildung von Pinholes (1,5µm tiefe Krater)
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 36 -
Abgesehen von den in Tabelle 2.3 aufgeführten Wirkungen des Wassers, ist eine
weitere bekannte Wirkung, dass Wasser in Polymeren als Weichmacher fungiert
und ab einer bestimmten Wasseraufnahme der Lackschicht die
Glasübergangstemperatur verringern kann. Durch die Abnahme der
Glasübergangstemperatur findet eine beschleunigte Diffusion des aus der Luft in
der Lackschicht eindringenden Sauerstoffs statt. Dies hat wiederum einen
schnelleren Antransport des Sauerstoffs an die Reaktionsstellen zur Folge,
wodurch die Lackalterung zusätzlich beschleunigt wird.
Liegt Wasser als relative Luftfeuchte vor, so zeigt sich, dass bei Lackierungen auf
z.B. einer Acrylat-Melamin-Basis dieses einen enormen Einfluss auf die
Lackalterung hat. Bei einer relativen Luftfeuchte von >90% ist die Alterung um den
Faktor vier größer als bei einer relativen Luftfeuchte von >1%. Ursache der
schnelleren Alterung sind hierbei die zunehmenden Kettenbrüche und der Anstieg
an Oxidationsprodukten. Jedoch ist keine lineare Abhängigkeit zwischen der
Bildung von Oxidationsprodukten und der Änderung bestimmter
Lackeigenschaften (z.B. Farbe, Glanz und Kratzbeständigkeit) gegeben.
Bei Klarlacken mit geringer Wasseraufnahme kann das Wasser nicht in die
inneren Lackschichten vordringen und bleibt daher an der Lackoberfläche. In
diesem Fall entfaltet es seine alterungsfördernde Wirkung durch den Wechsel von
hoher und niedriger Beanspruchung, d.h. durch den Wechsel von Nässe und
Trockenheit. Das dadurch verursachte Quellen und Schrumpfen des Klarlacks
führt zu Spannungen, die sich in der mechanischen Zerstörung der Lackierung
äußern können. Sichtbar werden diese durch einen glanzmindernden Abbau,
Rissbildung und gegebenenfalls durch das Abplatzen des Lacks. Voraussetzung
ist jedoch, dass der Lack eine gewisse Wassermenge aufnehmen kann.
Zusammenfassend können zwei Arten von Schädigungstypen unterschieden
werden. Die eine betrifft die Optik, d.h. Farbtonveränderungen, Glanz-
verminderung oder Kreidung und die andere umfasst alle Faktoren, wodurch die
Schutzfunktion des Lacks beeinflusst wird (durch z.B. Blasen-, Rissbildung,
Delamination).
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2.2 Korrosion
Der Begriff Korrosion ist nach DIN 50900 Teil 1 wie folgt definiert: „Korrosion ist
die Reaktion eines metallischen Werkstoffes mit seiner Umgebung, die eine
messbare Veränderung des Werkstoffes bewirkt und zu einer Beeinträchtigung
der Funktion eines metallischen Bauteils oder eines ganzen Systems führen kann.
In den meisten Fällen ist die Reaktion elektrochemischer Natur, in einigen Fällen
kann sie chemischer oder metallphysikalischer Natur sein.“
Korrosionsuntersuchungen haben das Ziel, die Ursachen und Mechanismen der
Korrosionsvorgänge aufzuklären sowie die Korrosionsgeschwindigkeit des zu
untersuchenden Werkstoffes zu bestimmen und durch gezielte Maßnahmen
(Beschichten, Legieren, …) einen effektiven Korrosionsschutz zu erreichen. Die
angewandten Untersuchungsmethoden lassen sich in chemisch-analytische
Verfahren (z.B. Gewichtsverlustmessung, Lösungsanalyse), optische und
akustische Methoden, moderne Oberflächenanalytik und in elektrochemische
Verfahren unterteilen. Da es sich bei Korrosionsvorgängen in Gegenwart eines
Elektrolyts um elektrochemische Abläufe an der Werkstoffoberfläche handelt, sind
elektrochemische Messmethoden, bei denen Ströme und Spannungen gemessen
werden können besonders gut geeignet, um schnelle und präzise Aussagen über
das Korrosionsverhalten machen zu können. Eine entsprechende Messmethode
ist die elektrochemische Impedanzspektroskopie (EIS), die in dieser Arbeit
angewendet und im Kapitel 2.4.4 im Detail beschrieben wird.
Korrosionsreaktionen sind freiwillige und irreversibel ablaufende Reaktionen, die
nur geringe Aktivierungsenergien benötigen. Daher hat das betrachtete Material
stets das Bestreben in seinen Ursprungszustand zurückzukehren, d.h. die
entsprechenden Korrosionsprodukte zu bilden.
Der Mechanismus der Korrosion wird durch die Art der Leitfähigkeit
(Elektronenleitung, Ionenleitung) des Metalls und des Mediums bestimmt.
Unterschieden werden:
die elektrochemische Korrosion: Metall und Medium sind gute elektrische Leiter
die chemische Korrosion: Medium ist schlechter elektrischer Leiter bzw. Isolator
die metallphysikalisch geprägte Korrosion: Metallreaktion in flüssigen Metallen
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 38 -
Die soeben aufgeführten Korrosionsabläufe können durch eine Vielzahl von
Faktoren gefördert werden. Diese können Heterogenitäten im Metall bzw. im
Medium, unterschiedliche physikalische Bedingungen, mechanische Spannungen
bzw. Schwingungen, Verschleißkomponenten und eine Legierungsbildung bzw.
ein Ineinanderlösen von Metallen sein.
Des Weiteren können Korrosionsstimulanzien (Schadstoffe) in die Grenzschicht
von Substrat und Beschichtung permeieren. Deren Konzentration reichert sich
gemäß einer e-Funktion an, wobei erst ab dem Erreichen eines bestimmten
Schwellenwerts die Korrosion einsetzt [27]. Zutritt an die Grenzfläche
Substrat/Beschichtung wird durch das Vorhandensein von Defekten (Risse, Poren,
Brüche, alterungsbedingte Versprödung, …) in einer Beschichtungen ermöglicht.
Die Faktoren können die folgenden Auswirkungen haben, die möglicherweise zur
Korrosion und den entsprechenden Schäden führen können [28]:
Ablagerung von Salz auf Fahrzeugen unter feuchten Bedingungen
bei der Herstellung von Produkten durch chemische Reaktion in Apparaturen
bei der Verbrennung von Treibstoff in Motoren und der Ableitung von Abgasen
durch Abgassysteme
beim Kontakt von Schiff- und Stahlkonstruktionen (Bohrinseln) mit Meerwasser
sobald Bauwerke und technische Anlagen der Witterung und dem Erdboden
ausgesetzt sind
Somit ist Korrosion allgegenwärtig und von enormer wirtschaftlicher Bedeutung.
Die durch Korrosion entstehenden Kosten untergliedern sich in direkte (Material-
und Bauteilersatz) und in indirekte Kosten (Produktionsausfall, Wartungskosten,
Qualitätsverlust, Umweltverschmutzung…) [29].
Studien der letzten Zeit zeigten, dass sich die Kosten für den volkswirtschaftlichen
Verlust durch Korrosion weltweit auf ca. 180 Milliarden Dollar beliefen. Um diese
Summe ausgleichen zu können, sind 4-5% des Bruttosozialprodukts der USA und
anderer Industrienationen nötig [30]. Für Deutschland werden die direkten Kosten
durch Korrosionsschäden pro Jahr auf vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts
geschätzt. Dies wäre ein Verlust von 64 Milliarden Euro [29].
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 39 -
Ein anderer wichtiger Aspekt ist das Auftreten von Gefährdungspotentialen für
Mensch und Umwelt durch Anlagen, Maschinen bzw. technischen Geräten, sofern
diese aufgrund von Korrosion ihre Funktion nicht mehr richtig erfüllen können [31].
Würde das heutige verfügbare Wissen über den Verlauf und die Kontrolle der
Korrosion konsequent angewendet, so könnten ca. 15% der durch Korrosion
entstehenden Kosten gesenkt werden [30].
2.2.1 Korrosion - Erscheinungen
Die folgenden Abbildungen und Erklärungen sind, sofern nicht anders vermerkt,
der Literatur [32] entnommen. In dieser wird die Erscheinung der Korrosion in zwei
Hauptgruppen unterteilt: in die gleichmäßige Flächenkorrosion (gleichmäßiger
Abtrag der Oberfläche) und in die selektive Korrosion (Angriff einzelner
Legierungs- oder Gefügebestandteile).
Der Reaktionsablauf, der jeder Korrosionsart zugrunde liegt, ist entweder die
Säurekorrosion oder die Sauerstoffkorrosion.
a) Säurekorrosion
Metallauflösung und Reduktion der Wasserstoff-Ionen (H
+
) in saurer Lösung:
Abbildung 2.12: Säurekorrosion
Wie in Abbildung 2.12 zu sehen, ist die Säurekorrosion durch die Oxidation des
Metalls in saurer Lösung (Freisetzung von Metall-Ionen Me
+
) unter gleichzeitiger
Reduktion der Wasserstoff-Ionen H
+
zum gasförmigen Wasserstoff H
2
gekennzeichnet. Dies veranschaulicht nochmals die folgende Reaktionsgleichung
mit Eisen Fe als Metallbeispiel: Fe + 2 H
+
→
Fe
2+
+ H
2
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 40 -
b) Sauerstoffkorrosion
Metallauflösung und Reduktion des im Wasser gelösten Sauerstoffs in neutraler
Lösung:
Abbildung 2.13: Sauerstoffkorrosion
Wie Abbildung 2.13 zeigt, ist die Sauerstoffkorrosion dadurch gekennzeichnet,
dass sich ebenfalls, wie bei der Säurekorrosion, die Metall-Ionen Me
+
aus dem
Metall lösen, jedoch aus dem neutralen Elektrolyt mit Hilfe des Sauerstoffs
alkalische Hydroxid-Ionen OH
-
gebildet werden. Diese Hydoxid-Ionen bilden
zusammen mit den Metall-Ionen ein unlösliches Produkt.
In den folgenden Reaktionsgleichungen ist dieser Vorgang mit dem Metall Eisen
(Fe) gezeigt, das Eisenhydroxidkomplexe (Fe(OH)
2
) sowie durch eine weitere
Reaktion den unlöslichen Rost FeO(OH) bildet.
Fe + ½ O
2
+ H
2
O
→
Fe(OH)
2
2 Fe(OH)
2
+ ½ O
2
→
2 FeO(OH) + H
2
O
Am folgenden Beispiel der Eisen-Korrosion werden die oben aufgeführten
Korrosions-Abläufe, die zur Entstehung von örtlicher Korrosion führen, nochmals
deutlich gemacht.
Abbildung 2.14: Zusammenspiel der Säure- und Sauerstoffkorrosion
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 41 -
Wie in Abbildung 2.14 zu sehen, ist der örtliche Korrosionsabtrag durch das
Entstehen von örtlichen Anoden, an denen die Metalloxidation stattfindet, bedingt.
An der Anode werden Metall-Ionen Me
+
an den Elektrolyten abgegeben, während
die im Metall verbleibenden Elektronen e
-
in Richtung Kathode wandern.
Dort werden diese Elektronen benötigt, um im Falle der Säurekorrosion die aus
dem Elektrolyten stammenden Wasserstoff-Ionen H
+
zum gasförmigen
Wasserstoff H
2
zu reduzieren.
Handelt es sich um die Sauerstoffkorrosion, werden Hydroxid-Ionen OH
-
aus dem
neutralen Elektrolyten in Anwesenheit von Sauerstoff gebildet.
Somit unterscheiden sich die zwei möglichen Reduktionsreaktionen an der
Kathode, je nach dem um welche Art von Korrosion es sich handelt.
Je nach Korrosionsart gibt es typische Erscheinungsformen, die im Folgenden
aufgelistet sind und anschließend näher beschrieben werden [33]:
1. Gleichmäßige Korrosion (uniform corrosion)
2. Kontaktkorrosion (galvanic corrosion)
3. Spaltkorrosion (crevice corrosion)
4. Lochfraß (pitting corrosion), Muldenkorrosion
5. Wasserstoffinduzierte Werkstofftrennung (hydrogen damage)
6. Interkristalline Korrosion (intergranular corrosion)
7. Selektiver Angriff auf Legierungskomponenten (dealloying)
8. Erosionskorrosion (erosion corrosion)
9. Spannungsrisskorrosion (stress corrosion cracking)
1. Gleichmäßige Korrosion
Die gleichmäßige Korrosion ist ein ebener, gleichförmiger Abtrag über große
Bereiche der Metalloberfläche. Dies kommt v.a. bei Werkstoffen im aktiven
Zustand vor. Typische Beispiele sind Zink und unlegierte sowie niedriglegierte
Stähle, die in neutralen Wässern bzw. an feuchter Luft korrodieren.
Aus technischer Sicht ist der gleichmäßige Flächenabtrag weniger problematisch,
da die Korrosionsrate meist gering ist und zudem einfach ermittelt werden kann. In
der Praxis kommt diese Korrosionserscheinung aufgrund von geometrischen,
werkstoffseitigen und medienbedingten Inhomogenitäten sowie durch die Bildung
von Deckschichten und Korrosionsprodukten eher selten vor.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 42 -
2. Kontaktkorrosion (Bimetallkorrosion)
Bei der galvanischen Korrosion stehen unterschiedliche Metalle in einem leitenden
Kontakt, wie z.B. durch einen gemeinsamen Elektrolyten.
Abbildung 2.15: Kontaktkorrosion zwischen zwei unterschiedlich edlen Metallen
Wie Abbildung 2.15 zeigt, bildet das unedlere Metall, welches ein größeres
Bestreben aufweist, in Lösung zu gehen, die Anode. Die bei der Metallauflösung
zurückbleibenden Elektronen werden bei der kathodischen Teilreaktion, die an der
Phasengrenze des edleren Metalls zum Elektrolyten stattfindet, verbraucht.
Auf diese Weise schreitet die Korrosion des unedleren Metalls weiter voran,
während die des edleren Metalls verhindert wird, somit vor Korrosion geschützt ist.
Dieser, als „kathodischer Schutz“ bekannte Vorgang, wird bewusst für den
Korrosionsschutz eingesetzt.
3. Spaltkorrosion
Nach DIN EN ISO 8044:1999 ist die Spaltkorrosion eine örtliche Korrosion, die in
Spaltbereichen auftritt, welche sich z.B. zwischen einer Metalloberfläche und einer
anderen Oberfläche (metallisch oder nichtmetallisch) ausgebildet haben.
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- 43 -
4. Lochfraß, Muldenkorrosion
Der Lochfraß bzw. die Muldenkorrosion ist eine örtliche, nadelstichartige, in die
Tiefe gehende Korrosion.
Abbildung 2.16: Lochfraß, Muldenkorrosion
Der in Abbildung 2.16 gezeigte Lochfraß ist in der Realität, d.h. auf einem Substrat
schwer erkennbar, da er sich in das Substrat hineinfrisst und nur eine punktuelle
Beschädigung der Oberfläche aufweist. Auftreten kann er z.B. an nichtrostenden
Stählen in chloridhaltigen, wässrigen Lösungen. Der Lochfraß gehört zu der
Kategorie der örtlichen Korrosion. Dabei werden bei ungleichmäßigem
Flächenabtrag Mulden gebildet, deren Durchmesser größer ist als ihre Tiefe.
5. Wasserstoffinduzierte Werkstofftrennung
Enthalten Medien Wasserstoff, können Metalle mit diesem auf verschiedene
Weise reagieren und entsprechende Schädigungen von sich tragen. Tritt der
Schaden an der Oberfläche auf, handelt es sich um äußere Korrosion, tritt er im
Werkstoff auf, wird von innerer Korrosion gesprochen.
Den meisten durch Wasserstoff verursachten Schäden liegen metallphysikalische
Vorgänge zugrunde. Bei diesen reagiert der atomar im Gitter gelöste Wasserstoff
nicht chemisch mit dem Metall, sondern wirkt wie ein Legierungselement. Das
bedeutet, er diffundiert im metallischen Werkstoff zu Bereichen größter Löslichkeit
und kann dadurch an mechanisch belasteten Bauteilen Schäden auslösen.
Weitere Möglichkeiten der Schadensursache durch Wasserstoff sind chemische
Reaktionen. Hierbei werden Hydride gebildet, die zum einen zur gleichmäßigen
Korrosion führen und zum anderen eine Volumenzunahme innerhalb des
Werkstoffs verursachen können, wodurch infolge der Gitterverzerrung der
Werkstoff bei mechanischer Belastung spröde reagiert.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 44 -
Bei niedrig- und unlegierten Stählen kann molekularer Wasserstoff bei hohen
Partialdrücken im Metallgitter absorbiert werden, was zur Gasanreicherung an
Korngrenzen führt. Dadurch verschlechtern sich die mechanischen Eigenschaften
des Stahls.
6. Interkristalline Korrosion (Kornzerfall)
Tritt eine interkristalline Korrosion auf, wird das Gefüge eines Metalls in den
Korngrenzen selektiv angegriffen.
Abbildung 2.17: Interkristalline Korrosion
Ursache der in Abbildung 2.17 dargestellten interkristallinen Korrosion sind die im
Vergleich zur Matrix edleren und unedleren Ausscheidungen, die an den
Korngrenzen netzwerkartig angeordnet sind. Anfällig für diese Korrosionsart sind
z.B. nichtrostende Stähle, Kupfer-Zink-Legierungen und einige Aluminium-
legierungen.
7. Selektiver Angriff auf Legierungskomponenten
Eine Ergänzung zur interkristallinen Korrosion ist der selektive Angriff auf
Legierungskomponenten, bei dem nur bestimmte Anteile eines Werkstoffs
korrodiert werden. Dabei kann es sich um einzelne Legierungs- bzw. um
Gefügebestandteile handeln, die bevorzugt vom Elektrolyten angegriffen werden.
8. Erosionskorrosion
Infolge von mechanischem Oberflächenabtrag und Korrosion ist ein
Werkstoffabtrag bei der Erosionskorrosion zu beobachten. Hierbei wird die
Korrosion durch die Zerstörung von Schutzschichten als Folge der Erosion
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- 45 -
ausgelöst. Der erosive Angriff ist laut Definition gegen die Schutzschicht gerichtet
und nicht gegen den Werkstoff. Dieser unterliegt nach der Zerstörung der
Schutzschicht dem korrosiven Angriff der umgebenden Sauerstoffatmosphäre.
9. Spannungsrisskorrosion (SpRK)
Abbildung 2.18: Spannungsrisskorrosion
Voraussetzung für die in Abbildung 2.18 gezeigte SpRK ist das gleichzeitige
Auftreten von Korrosion und Dehnung eines Metalls in Anwesenheit eines
korrosiven Mediums. Die Dehnung kann durch Eigenspannungen im Metall oder
durch Zugspannungen erfolgen. Die SpRK tritt somit auf, wenn zu dem
chemischen Angriff durch einen Elektrolyten eine mechanische Beanspruchung
(Zug, Druck, Biegung, Torsion oder Eigenspannung) auf den Werkstoff wirkt. Die
Spannungen verursachen, dass die Rissbildung weiter voranschreitet, wodurch
die Korrosion erleichtert und beschleunigt wird. SpRK kann bei allen Werkstoffen
auftreten und erfolgt je nach Werkstoff und Elektrolyt interkristallin oder
transkristallin.
Die aufgeführten Korrosionserscheinungen können zu unterschiedlichen
Korrosionsschäden führen. Wird der Automobilbau betrachtet, so sind die
Hauptursachen für Korrosion an Lackoberflächen bzw. in Hohlräumen das
Zusammentreffen von feuchtem Medium, Salz und gegebenenfalls der
Temperatur.
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- 46 -
2.2.2 Korrosion - metallischer Substrate
Die Korrosion von metallischen Substraten geht mit der Auflösung des Metalls in
Anwesenheit eines Elektrolyten einher. Diese Art der Korrosion wird auch als
elektrochemische Korrosion bezeichnet. Merkmal der elektrochemischen
Korrosion ist, dass sich die entsprechenden Metall-Ionen aus dem Metall
herauslösen, welche dadurch im Elektrolyten als Ladungsträger fungieren. Die im
Metall zurückbleibenden Elektronen werden über einen äußeren Stromkreis
abgezogen und der Gegenelektrode wieder zugeführt. Durch diesen Elektronen-
und Ionenfluss stellt sich an den Elektroden während des Korrosionsvorgangs ein
Potential ein, welches den Stromkreis schließt und ein Stromfluss ermöglicht.
Dieser Vorgang findet bei der atmosphärischen Korrosion von Eisen statt. Zwar
sind Anoden- und Kathodenreaktion meist räumlich voneinander getrennt, aber
dadurch, dass sie sich meist auf demselben Untergrund befinden, ist eine leitende
Verbindung hergestellt [34]. Die folgende Abbildung 2.19 zeigt die Metallauflösung
am Beispiel des Eisens.
Anodische Teilreaktion:
Fe → Fe
2+
+ 2e
-
Kathodische Teilreaktion:
2H
+
+ 2e
-
→ H
2
Abbildung 2.19: Korrosionsprozess am Beispiel von Eisen [31
]
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 47 -
Wie in Abbildung 2.19 gezeigt, besteht die Korrosion von Eisen (d.h. dessen
Auflösung) aus zwei Teilreaktionen, die gleichzeitig ablaufen. Dies sind die
anodische und die kathodische Teilreaktion.
Bei der anodischen Teilreaktion lösen sich Eisen-Ionen Fe
2+
aus dem Eisen und
gehen in den Elektrolyten über. Dadurch, dass die Eisen-Ionen positiv geladen
und die im Eisen verbleibenden Elektronen e
-
negativ geladen sind, stellt sich an
der Phasengrenze Eisen/Elektrolyt ein Potential, d.h. ein Ladungsunterschied ein.
So fällt, verglichen mit dem Ausgangszustand, das Halbzellenpotential der Anode.
Anders formuliert bedeutet dies, dass die Phasengrenze Eisen/Elektrolyt durch
den Potentialunterschied negative Ladung/positive Ladung gekennzeichnet ist.
An der Kathode findet die Reduktion des Protons H
+
/H
3
O
+
(bzw. O
2
-Reduktion)
statt. Dafür werden die Elektronen, die über den äußeren Stromkreis von der
Anode zur Kathode fließen, benötigt. Folglich ist die kathodische Teilreaktion
dadurch gekennzeichnet, dass sich an der Phasengrenze Metall/Elektrolyt ein
Halbzellenpotentialanstieg ergibt. Das Metall wird während der Reduktion des
Wasserstoffprotons (H
+
) zu H
2
positiv aufgeladen, da es die Elektronen an zwei
Wasserstoffprotone abgibt.
Somit bedeutet die Phasengrenze Metall/Elektrolyt eine Ladungstrennung von
negativ/positiv. Im Falle der Korrosion im Sauren entweicht der an der Kathode
entstehende Wasserstoff H
2
als Gas aus dem System.
Durch Schadstoffionen wird der Korrosionsprozess an der Anode und an der
Kathode stimuliert. Da sie mit den Eisen-Ionen leicht lösliche Salze bilden,
verbleiben sie im Korrosionsprozess und verhindern somit stabile und dichte
Deckschichten [34].
Allgemeine Voraussetzung, dass sich in diesem Beispiel das Eisen auflöst und
nicht das Metall, welches als Kathode fungiert, ist, dass das Eisen verglichen mit
dem „kathodischen“ Metall unedler sein muss. Dies bedeutet, dass jedes Metall,
welches in der Spannungsreihe ein höheres Potential als das Eisen aufweist, edler
ist, und daher als Kathode fungieren kann .
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 48 -
Ist es hingegen das Ziel, das Eisen vor der Auflösung zu schützen, muss das
Eisen die Kathode sein. Dies ist dann der Fall, wenn es mit einem unedleren (in
der Spannungsreihe negativer) Metall in Verbindung steht.
Eine Passivität der Eisenoberfläche wird im Potentialbereich oberhalb von
ca. 200mV gegen die gesättigte Kalomelelektrode erreicht. In diesem Bereich ist
die Korrosionsreaktion inhibiert.
Die Höhe des (Ruhe-) Potentials gibt über den Passivitätszustand Auskunft.
Dieser ist mit Hilfe der Ruhepotentialanalyse bestimmbar. Als elektrochemische
Prüfmethode misst diese das freie Korrosionspotential eines Prüfkörpers in einem
Elektrolyten. Aussagen über die Stabilität der Passivierung können jedoch nicht
getroffen werden [34].
2.2.3 Korrosion - Schutz
Unter Korrosionsschutz werden Maßnahmen verstanden, die das Ziel haben
Korrosionsschäden zu vermeiden. Eine absolute Korrosionsbeständigkeit kann
jedoch nicht hergestellt werden, daher ist das Ziel der Schutzmaßnahmen, einen
Zustand der Passivität oder Immunität der Metalloberfläche zu erzeugen und
möglichst lange aufrecht zu erhalten [17].
Allgemein wird unter einem Korrosionsschaden die Beeinträchtigung der
Funktionalität eines Bauteils durch einen Korrosionsangriff verstanden [siehe
Kapitel 2.2.2].
Der Begriff „Korrosion“ findet heute nicht mehr nur bei metallischen Werkstoffen
Anwendung, sondern ebenfalls bei Glas, Kunststoffen, Baustoffen, etc.
Die Verfahren des Korrosionsschutzes werden in aktive und passive
Schutzmaßnahmen unterteilt.
Der aktive Korrosionsschutz ist ein direkter Eingriff in den Korrosionsvorgang.
Er erfolgt durch die Entfernung bzw. Beeinflussung angreifender Stoffe oder durch
das Eingreifen in den elektrochemischen Vorgang. Beim aktiven kathodischen
Korrosionsschutz schützen z.B. unedlere Schichten das Werkstück und fungieren
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 49 -
dabei als Opfer- oder Schutzanode. Diese lösen sich bevorzugt auf und erhalten
somit möglichst lang die Funktion des Bauteils [35].
Korrosionsschutz durch einen unedleren Überzug wird erreicht, wenn dieser
infolge von Hemmung der kathodischen Korrosionsteilreaktion oder von Hemmung
der anodischen Metallauflösung korrosionsstabil ist. Beispiel für diese Art des
Korrosionsschutzes ist das Verzinken von Eisen [36].
Eine andere Möglichkeit des kathodischen Korrosionsschutzes stellt die
Verwendung von Fremdstrom und Fremdstromanoden dar. Diese Elektroden
werden mit Gegenspannung, verglichen mit der des zu schützenden Bauteils,
gespeist.
Passiver Korrosionsschutz wird durch geeignete Überzüge des Werkstoffes
erreicht, wodurch der Angriff des korrodierenden Mediums verhindert wird. Hierbei
findet eine Trennung von Werkstoff und Angriffsmedium durch eine
Zwischenschicht statt. Diese können künstliche Deck- und Schutzschichten sowie
metallische und nichtmetallische Überzüge sein.
Beispiele hierfür sind Lack, Email, Gummi oder eine Konversionsschicht, d.h. eine
Phosphatierung, eine Eloxalschicht, eine Chromatierung oder andere
Umwandlungsschichten. Galvanotechnisch oder chemisch erzeugte, metallische
Deckschichten aus Gold, Nickel, Kupfer, u.a. dienen ebenfalls dem
Korrosionsschutz [35]. In all diesen Fällen ist das Überzugsmetall edler als das
entsprechende Grundmetall [36].
Ein großer Nachteil des passiven Korrosionsschutzes ist, dass die aufgebrachten
Schichten vollständig dicht und fehlerfrei sein müssen, da ansonsten an Poren
und anderen Fehlstellen die Korrosion beginnen kann [35].
Die Passivierung einer Stahloberfläche ist eine wesentliche Voraussetzung für
ihren Schutz vor Korrosion. Mit Hilfe der Ruhepotentialanalyse kann die
passivierende Wirkung von Inhibitoren, Pigmenten, Bindemitteln und Mischungen
daraus quantitativ bestimmt werden. Durch die Bestimmung der kritischen
Schadstoffkonzentration (bis zu dieser setzt keine Korrosion ein) kann die Stärke
der Inhibierung beurteilt werden [34].
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 50 -
Eine weitere Möglichkeit des Korrosionsschutzes ist die Verwendung von
Korrosionsschutzpigmenten/-additiven und Korrosionsinhibitoren, die im
Folgenden näher erklärt werden.
Korrosionsschutzpigmente:
Diese haben die Funktion, eine dünne Schicht unlöslicher Korrosionsprodukte auf
der Substratoberfläche auszubilden und dadurch die Korrosionsreaktion zu
verringern bzw. zu unterbinden. Bekannte Korrosionsschutzpigmente sind
Chromate, die aber aufgrund ihrer Gesundheitsgefährdung immer weniger bzw.
gar nicht mehr zum Einsatz kommen. Eine Alternative ist das Zinkphosphat, das
unter Abscheidung von Eisenphosphaten die Substratoberfläche passiviert [19/2].
Die Korrosionsschutzpigmente werden in vier Gruppen eingeteilt:
aktiv, chemisch wirksam:
Korrosionsstimulatoren, wie z.B. Sulfat oder Chlorid, werden durch die Bildung
unlöslicher Verbindungen abgefangen (Bsp. Zinkoxid)
aktiv, elektrochemisch wirksam:
Es erfolgt eine Passivierung der Metalloberfläche durch die Ausbildung dünner
Schichten (Chromat- oder Phosphat-Schichten). Beispiel hierfür ist
entsprechend der ausgebildeten Schichten Zinkchromat und Zinkphosphat.
Diese Pigmente unterscheiden sich deutlich. Da Chromate sowohl im
kathodischen als auch im anodischen Bereich wirksam sind, erfüllen sie zwei
Funktionen. Durch Abfangen der im anodischen Bereich entstehenden
Elektronen werden weitere Korrosionsvorgänge blockiert und es bilden sich
durch chemische Reaktionen defektfreie inhibierende Oxidschichten auf der
Metalloberfläche. Die Phosphatpigmente erfüllen ihre Funktion dadurch, dass
sie die Substratoberfläche abschirmen. Die Wirkung von Zinkphosphat kann
durch Zusatz von organischen Inhibitoren verbessert werden [34].
aktiv, kathodisch schützend:
z.B. Zinkstaub, der als Opferanode wirkt und dadurch das Substrat schützt
passiv schützend:
Diffusionswege für die Korrosionsstimulatoren werden verlängert (z.B. Eisen-
glimmer)
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 51 -
Eine weitere Unterteilungsmöglichkeit der Korrosionsschutzpigmente kann über
deren Löslichkeit im Korrosionsmedium erfolgen.
Ein anderes Beispiel für die Optimierung des Korrosionsschutzes ist die
Weiterentwicklung von Phosphatpigmenten. So werden auf der Basis von speziell
modifizierten Phosphatpigmenten die modernen „Wide Spectrum Anticorrosives
(WSA)-Pigmente“ entwickelt, die ein breites Anwendungsspektrum bei
herausragenden Schutzeigenschaften bieten. Durch synergetische Effekte, die
sich über eine geeignete Kombination der WSA-Phosphatpigmente mit
organischen Korrosionsinhibitoren erreichen lassen, wird der Korrosionsschutz
optimiert [34].
Korrosionsinhibitoren:
Unter Korrosionsinhibitoren werden in einem flüssigen Medium gelöste
Substanzen verstanden, die sich an der Phasengrenze Metall(oxid)/Medium
anreichern und dadurch eine Schutzschicht bilden.
Korrosionsadditive:
Aus den Korrosionsinhibitoren entwickelten sich die Korrosionsadditive, die eine
Reihe von weiteren benötigten Anforderungen bezüglich des Korrosionsschutzes
erfüllen. Zu diesen Forderungen gehören die gute Löslichkeit im flüssigen Lack,
die Verträglichkeit mit Lackbindemitteln, die geringe Löslichkeit im getrockneten
Lack, leichte Einarbeitbarkeit sowie keine negativen Nebenwirkungen, wie z.B. die
Verfärbung der Beschichtung.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 52 -
2.3 Korrosionsprüfverfahren des Mercedes-Benz Werks
Sindelfingen
Im Folgenden werden die Korrosionsprüfverfahren beschrieben, die im Mercedes-
Benz Werk (Sindelfingen) zum Einsatz kommen. Es werden lediglich die
Verfahren aufgeführt, die in dieser Arbeit durchgeführt wurden.
2.3.1 Freibewitterung (VDA 621-414)
Der VDA-Test dient der Prüfung des Korrosionsschutzes von
Kraftfahrzeuglackierungen durch Freibewitterung unter Verwendung von Salz [37].
Das bedeutet, es wird die Korrosionsschutzwirkung von Lackierungen unter dem
Einfluss der natürlichen Bewitterung und zusätzlicher Beanspruchung durch
Besprühen mit Salzlösung ermittelt. Natürliche Bewitterung heißt, dass die zu
untersuchenden Proben auf Vorrichtungen (mit Neigungswinkel von 5° zur
Horizontalen) befestigt und dem jeweiligen Klima ausgesetzt werden. Da bei
diesem Test unveränderte Klimabedingungen herrschen, können die
Korrosionsvorgänge und -bilder mit denen aus der „Praxis“ verglichen werden.
Durch das Aufsprühen von Salzlösung auf die Proben wird eine zeitraffende
Wirkung der Vorgänge erreicht [38].
Um den Einfluss verschiedener Klimata und Sonneneinstrahlungen auf die
Lackierungen vergleichen zu können, hat die Daimler AG weltweit Orte, an denen
die Proben ausgelagert werden. Diese sind u.a. in den USA, in Dubai, in Spanien,
in Kanada und in Dänemark. Somit reicht das Klima-Spektrum von „sonnig, heiß
und trocken“ bis zu „kalt, nass und salzig“.
Die Bewertung der Korrosionsschutzwirkung von Beschichtungen erfolgt über die
Bestimmung der Unterrostung. Diese ist die von der definiert angebrachten
Verletzungsstelle (Ritz) ausgehende Korrosion in der Grenzfläche zwischen
Anstrich und Untergrund. Die Halbwertbreite der Unterrostung dient als Maß für
den Korrosionsschutz der Lackierung [37].
Zur Beschleunigung des Unterrostungs-Vorgangs werden die Proben wöchentlich
mit einer 3%-igen NaCl-Lösung besprüht.
Dass die Freibewitterung eine häufig durchgeführte Prüfmethode ist, ist bekannt.
Folglich nutzten M.E. Nichols et al. [39] diese, um deren Effekt auf die Stress-
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 53 -
Verteilung und auf die mechanische Effizienz von Automobil-Lacksystemen zu
untersuchen. Die Basis hierfür war u.a. die Untersuchungen von Perera und
Shiga, die herausfanden, dass die Stress-Relaxation (Entspannungsphase)
wichtig für die Quantifizierung der Stress-Antwort vom System ist [40, 41].
Als Hauptquellen, die für den Stress auf Automobillacke verantwortlich sind, stellte
Nichols die folgenden fest: die thermische Ausdehnung, Fehlstellungen innerhalb
des Lacks, die Einwirkung von Luftfeuchtigkeit und die Verdichtung des Klarlacks.
Ein weiterer Faktor, der für das Verhalten einer Beschichtung in der
Freibewitterung von Bedeutung ist, sind die im Lack eingearbeiteten Additive.
Deren gezielte Kombination verbessert in der Anfangsphase der Bewitterung das
Schutzverhalten und optimiert das Langzeitschutzverfahren [34].
2.3.2 Klimawechseltest nach Daimler (KWT-D)
Der KWT-D ist eine Form von zeitraffender Prüfung des Korrosionsschutzes von
Kraftfahrzeuglackierungen (bzw. aller korrosionsschutzrelevanten Materialien) bei
zyklisch wechselnder Beanspruchung. Dieses Verfahren bewirkt
Korrosionsvorgänge und erzeugt Korrosionsbilder, welche mit denen im
Fahrbetrieb und denen in der Freibewitterung (VDA 621-414) entstehenden
Ergebnissen gut korrelieren. Das anhand realer, korrosiver Klimabedingungen
erarbeitete Prüfverfahren soll in kürzester Zeit aussagekräftigere Ergebnisse als
der VDA-Test für alle Substrate bezüglich der Korrosion im Kundenbetrieb
ermöglichen [42].
Die Prüfzeit im KWT-D beträgt vorzugsweise sechs Gesamtzyklen, die sechs
Wochen entsprechen. Je nach Bedarf kann die Gesamtzyklus-Anzahl erhöht
werden, so oft bis die gewünschte Beeinträchtigung der Probe eintritt.
Der Gesamtzyklus von einer Woche beinhaltet die drei Tageszyklen A, B und C,
wobei er immer mit dem ersten Tag des Zyklus A beginnt.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 54 -
Die Abbildungen 2.20-2.22 zeigen die drei Tageszyklen des KWT-D.
Abbildung 2.20: KWT-D_Tageszyklus A
Wie in Abbildung 2.20 zu sehen, variiert im Tageszyklus A sowohl die Temperatur
als auch die Feuchte. Hohe Temperaturen bei gleichzeitig hoher relativer
Luftfeuchtigkeit spiegelt z.B. das Klima in Dubai wieder. Zusätzlich erfahren die
Prüfkörper maximal vier Mal pro Woche eine Salzbelastung (1%ige NaCl-Lösung)
von 2 Stunden.
Die folgende Abbildung 2.21 zeigt den nächsten Tageszyklus B.
Abbildung 2.21: KWT-D_Tageszyklus B
Temperatur- und Feuchteverlauf des KWT-D (Zyklus A)
0
10
20
30
40
50
60
0 4 8 12 16 20 24
Zeit [h]
Tem peratur [°C ]
0
20
40
60
80
100
120
rel. L uftfe u ch te [% ]
Temperatur Feuchte
morgendliche Betauung
Abtrocknung am
Nachmittag
Bedingungen
Dubai
2 h Salzbelastung
max. 4x / Woche
Mo./Di./Mi./Do.: Zyklus A; Fr.: Zyklus B; Sa./So.: Zyklus C
Temperatur- und Feuchteverlauf des KWT-D (Zyklus B)
-20
-10
0
10
20
30
40
50
60
0 4 8 12 16 20 24
Zeit [h]
Tem p eratur [°C ]
0
20
40
60
80
100
120
rel. L uftfeu ch te [% ]
Temperatur Feuchte
Abtrocknung am
Nachmittag
Bedingungen
Dubai
Mo./ Di./ Mi./ Do.: Zyklus A; Fr.: Zyklus B; Sa./So.: Zyklus C
Einfrierphase
Feuchteregelung abgeschaltet
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 55 -
Wie in Abbildung 2.21 sichtbar, unterscheidet sich der Tageszyklus B durch eine
Einfrierphase von ungefähr 2 Stunden und der fehlenden Salzsprühphase.
Ansonsten entsprechen der Temperatur- und Luftfeuchteverlauf dem des
Zyklus A. Während der Einfrierphase ist die Feuchteregelung abgeschaltet.
Der dritte Tageszyklus C zeigt Abbildung 2.22.
Abbildung 2.22: KWT-D_Tageszyklus C
Der Tageszyklus C ist in Abbildung 2.22 dadurch gekennzeichnet, dass in diesem
die Einfrier- und Salzsprühphase fehlen. Ansonsten gleicht er dem Tageszyklus A.
Abbildung 2.23 zeigt die zusammenfassende Darstellung aller drei Tageszyklen.
Abbildung 2.23: Zusammenfassung des Temperatur- und rel. Feuchteverlaufs im KWT-D
Temperatur- und Feuchteverlauf des KWT-D (Zyklus C)
0
10
20
30
40
50
60
0 4 8 12 16 20 24
Zeit [h]
Tem peratur [°C ]
0
20
40
60
80
100
120
rel. L uftfe u ch te [% ]
Temperatur Feuchte
morgendliche Betauung
Abtrocknung am
Nachmittag
Bedingungen
Dubai
Mo./Di./Mi./Do.: Zyklus A; Fr.: Zyklus B; Sa./So.: Zyklus C
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 56 -
Eine detaillierte Beschreibung der Abbildung 2.23 ist in den jeweiligen
Tageszyklen (Abbildungen 2.20-2.22) zu finden.
Die gesamte Testzeit eines KWT-D Zyklus beträgt 6 Wochen. Die einzelnen
Tageszyklen ergeben zusammen 1 Woche, die insgesamt sechs Mal durchgeführt
werden.
Die Aufteilung der Tageszyklen innerhalb 1 Woche ist die folgende:
4 Tage: Tageszyklus A – ohne Einfrierphase, mit 2 h Salzsprühphase
(1%-ige NaCl-Lösung)
1 Tag: Tageszyklus B – mit Einfrierphase, ohne Salzsprühen
2 Tage: Tageszyklus C – ohne Einfrierphase, ohne Salzsprühen
Für den in Abbildung 2.23 aufgeführten Gesamtzyklus steht zusammenfassend
Tabelle 2.4.
Tabelle 2.4: Aufstellung der Zyklen im KWT-D
Mo. Di.
Mi.
Do.
Fr.
Sa.
So.
1. Woche A A A A B C C
2. Woche A A A A B C C
3. Woche A A A A B C C
4. Woche A A A A B C C
5. Woche A A A A B C C
6. Woche A A A A B C C
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- 57 -
2.4 Verfahren der Korrosionsdetektion des Mercedes-Benz Werks
Sindelfingen
Das Sindelfinger Mercedes-Benz Werk verfügt über eine Vielzahl von
Untersuchungsmethoden, mit denen Korrosion im Allgemeinen erkannt sowie
deren Fortschreiten und die dabei entstehenden Korrosionsprodukte untersucht
werden können.
Im Folgenden werden die Methoden beschrieben, die für die Detektion von
Korrosion in dieser Arbeit Anwendung gefunden haben.
2.4.1 Schliffpräparation
Im Rahmen der Arbeit erfolgte bei besonderen Fragestellungen eine gezielte
Schliffpräparation der Metallsubstratstellen mit Lackaufbau [43]. Zu diesen
Fragestellungen gehörte beispielsweise die Untersuchung der einzelnen
Lackschichten nach mechanischer Belastung oder nach Einstrahlung
verschiedener Lichtquellen. Wichtig bei der Probeentnahme ist es, dass die zu
untersuchende Stelle vollständig im Schliff vorhanden ist.
Die Entnahme der Probe erfolgt in dieser Arbeit durch Sägen. Dabei muss
beachtet werden, dass die durch das Sägen entstehende Erwärmung zu keiner
Probenveränderung führt. Da die Probenstellen jedoch leicht zugänglich waren,
bestand diese Gefahr nicht.
Nach Probeentnahme erfolgte das „Vorschleifen“. Dies ist für die weitere
Präparation notwendig, um grobe Unebenheiten zu entfernen.
Für die Schliffherstellung wird der Probenrohling eingebettet. Die Einbettung
erfolgt mit dem Kalteinbett-Verfahren. Der Epoxidaminvernetzer besteht dabei aus
zwei Komponenten, der Flüssigkeit und dem Kunststoffpulver, die in einem
bestimmten Mischungsverhältnis gemischt werden. Der Probenrohling wird in die
Einbettmasse gestellt und mit der noch anfänglich zähflüssigen Masse
übergossen, die nach einiger Zeit unter Wärmeentwicklung aushärtet. Sobald die
eingebetteten Proben abgekühlt sind, werden diese geschliffen. Der
Schleifvorgang erfolgt von grober bis sehr feiner Körnung in mehreren Schritten,
um Unebenheiten vollständig zu entfernen. Abschließend wird die fein geschliffene
Probe noch poliert. Das Polieren trägt die Unebenheiten des Schleifvorgangs ab.
Als Poliermittel werden in dieser Arbeit Diamantsuspensionen verwendet. Diese
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- 58 -
unterscheiden sich ebenfalls, wie das Schleifpapier, in der Korngröße, die zum
Ende des Poliervorgangs hin, abnimmt. Abschließend wird die Schliffprobe
mikroskopisch (z.B. mit dem Elektronenrastermikroskop REM) untersucht und
dokumentiert.
2.4.2 Ritzunterwanderung, SMART
Die Ritzunterwanderung wurde in dieser Arbeit mit zwei verschiedenen Methoden
bestimmt. Die erste Methode war die Bestimmung nach der Prüfanweisung von
Daimler (PA PP PWT 3106). Diese beschreibt die Prüfung von Anstrichen im
Naturversuch und ist ebenso gültig für die Auswertung der Ritzunterwanderung bei
KWT-D belasteten Prüfblechen [44].
Nach dieser Prüfanweisung wird die vom Ritz nach beiden Seiten ausgehende
Unterrostung mit dem Lineal gemessen. Um diese besser erkennen zu können,
wird vor dem Messen die Unterrostung mit einem Dampfstrahlgerät entfernt. Zur
Auswertung wird die durchschnittliche Gesamtbreite der Unterrostungszone in mm
gemessen. Dazu wird die Breite an 10 Stellen bestimmt und der arithmetische
Mittelwert gebildet. Die Unterwanderung (U/2) wird anschließend nach folgender
Gleichung berechnet: U/2 = (d-do)/2 und in mm angegeben. Hierbei ist „d“ der
berechnete Mittelwert und „do“ die Breite der ursprünglichen Ritzspur.
Die zweite Methode „SMART“ („Surface Multi Analyses and Reporting Tool“) dient
zur Kontrolle der ersten Methode. Die Bildanalyse Software SMART wird zur
Bestimmung visuell erkennbarer Schäden bzw. zur Kategorisierung
unterschiedlicher Bereiche in Oberflächen verwendet und kann daher zur
Auswertung der Ritzunterwanderung eingesetzt werden. Die Unterscheidung
bezieht sich auf Farb- und/oder Helligkeitsabweichungen innerhalb der Proben.
Dazu wird jedes Blech mit einer Digitalkamera fotografiert und anschließend mit
SMART die unterwanderte Fläche berechnet. Das Ergebnis stellt SMART in Form
von Plots und Histogrammen graphisch dar.
In dieser Arbeit wurden stichprobenartig Prüfbleche mit SMART ausgewertet, um
die Ergebnisse beider Methoden miteinander vergleichen zu können. Dadurch soll
festgestellt werden, ob die Ergebnisse der „herkömmlichen Mess-Methode“ mit
denen der SMART-Auswertung vergleichbar sind.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 59 -
2.4.3 Thermografie
Die Thermografie unterteilt sich in die passive und in die aktive Thermografie. Die
passive zeichnet sich dadurch aus, dass die Prüfstücke ohne vorhergehende
Wärmezufuhr mit einer Wärmebildkamera untersucht werden.
Die in dieser Arbeit verwendete aktive Thermografie ist die sogenannte
Impulsthermografie. Hierbei wird die Oberfläche der zu untersuchenden Prüfteile
einmalig mit einem Blitzlichtgerät angeregt. Die Wärmebildkamera nimmt das
Abkühlungs- und das Erwärmungsverhalten der betroffenen Regionen auf. Diese
Daten stehen denen der unbelasteten Regionen gegenüber. Die Bereiche, die
abweichende Eigenschaften aufzeigen, deuten auf Veränderungen hin, die als
Fehlstellen interpretierbar sind [45]. Dies bedeutet, dass die Impulsthermografie
durch die unterschiedliche Bereichserwärmung eine Differenzierung verschiedener
Materialregionen zulässt, jedoch erfolgt von diesen keine chemische
Differenzierung.
Aufgrund der möglichen Früherkennung von Korrosionsschäden, der objektiven
Beurteilung der Messergebnisse durch eine speziell entwickelte Software, der
Zeitersparnis und der zerstörungsfreien Prüfung, findet die Impulsthermografie im
Mercedes-Benz Werk Sindelfingen vermehrt Einsatz.
Zu diesen gehören u.a. die Untersuchung von Schweißpunktverbindungen, das
Erkennen von Materialfehlstellen und, wie im Fall dieser Arbeit, die Untersuchung
der Ritzunterwanderung von den in Sindelfingen, Florida und Dänemark
freibewitterten Stahl- und Aluminiumblechen.
Da die freibewitterten Bleche je einmal im Jahr mit der Impulsthermografie
untersucht werden, kann nicht nur eine Ritzunterwanderung festgestellt, sondern
auch die Geschwindigkeit der Unterwanderung bestimmt werden. Als Referenz
bzw. Vergleich für die Freibewitterung dienen die im KWT-D belasteten Bleche,
die über 12 Wochen Testdauer wöchentlich ebenfalls mit der Impulsthermografie
geprüft werden.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 60 -
2.4.4 Elektrochemische Impedanzspektroskopie (EIS)
a) Grundlagen der EIS:
Die Untersuchung von Elektrodenvorgängen an der Phasengrenze
Metall/Elektrolyt erfolgt hauptsächlich mit Hilfe elektrischer Methoden. Diese sind
entweder die Strom-Zeit-Messung, die Spannungs-Zeit-Messung oder Strom-
Spannungs-Messung.
Unterschieden werden zwei Messmethoden, je nach dem welche der
vorgegebenen Größen „Strom“ bzw. „Spannung“ konstant gehalten (stationäre
Methode) oder nach einer bestimmten Zeitfunktion verändert (instationäre
Methode) wird. Häufig verwendete Zeitfunktionen sind lineare, sprungförmige oder
sinusförmige Änderungen der vorgegebenen Größe [46].
Ein besonderer Vorteil der instationären Meßmethode, wie beispielsweise der EIS,
ist die mögliche Auftrennung des Gesamtvorgangs in nacheinander ablaufende
Teilvorgänge. Bei der EIS wird als instationäre Größe die Spannung gewählt,
welche sich sinusförmig ändert.
Einer der großen Vorteile der EIS ist, dass es sich bei ihr um ein In-situ-Verfahren
handelt, somit die Ergebnisse bereits „vor Ort“ zur Verfügung stehen. Des
Weiteren stellt sie eine nahezu zerstörungsfreie Prüfung dar, wodurch die Probe
nach der Messung unverändert vorliegt und für weitere Prüfungen zur Verfügung
steht.
Die EIS ermöglicht in kurzer Zeit (Minuten bzw. Stunden) die Beurteilung von
Beschichtungen und von Korrosionsvorgängen. Diese wird durch den
gemessenen Widerstand einer Beschichtung gegenüber einem Elektrolyten
ermöglicht.
Der Widerstand von defekten Beschichtungen (z.B. durch Poren und Risse)
unterscheidet sich durch dessen geringeren Wert verglichen mit dem
Widerstandswert von fehlerfreien Beschichtungen. Die Korrelation zwischen
gemessenem Widerstand und Fehler in der Beschichtung zeigt, dass der
vorhandene Widerstand einer Beschichtung ein Maß für die Schutzwirkung der
Beschichtung gegenüber Korrosion ist.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 61 -
Mit Hilfe der EIS können eine Vielzahl von Beschichtungseigenschaften untersucht
werden. Als Beispiel dienen der Wassergehalt, die Porosität, die Vernetzung, die
Einbrennbedingungen, die Fläche der Delamination und die daraus folgende
zeitabhängige Degradation einer Beschichtung [33].
Um die Beschichtungseigenschaften messen und beurteilen zu können, werden
die Grundlagen der elektrochemischen Impedanzspektroskopie nun im Detail
beschrieben.
Kohlrausch, Wien und Warburg zeigten bereits im 19. Jahrhundert, dass beim
Anlegen einer sinusförmigen Wechselspannung an eine mit Elektrolyt gefüllte
Messzelle mit zwei Elektroden kein Ohmsches Verhalten auftritt, sondern starke
kapazitive und induktive Eigenschaften [9].
Die Bestimmung der Impedanz erfolgt in einer elektrochemischen Messzelle,
bestehend aus der Arbeitselektrode (Messobjekt), der Gegenelektrode, der
Referenzelektrode und dem Elektrolyten. Da es sich um ein System mit mehreren
Bestandteilen handelt, wird hier die Gesamtimpedanz aller beteiligten Phasen
gemessen, d.h. die Impedanz der einzelnen Elektroden und die Impedanz des
Elektrolyten. Somit setzt sich die Gesamtimpedanz u.a. aus den folgenden
Phaseneigenschaften zusammen: Ionenkonzentration im Elektrolyten,
dielektrische Eigenschaften der Grenzschichten, elektrochemische Doppelschicht
der Arbeitselektrode sowie Durchtritts- und Diffusionsprozesse.
Durch die Impedanzbeiträge können Rückschlüsse auf Reaktionsmechanismen
und -kinetiken oder auf Korrosionsraten gezogen werden.
Zu beachten ist, dass sich zwar die Teilimpedanzen zur Gesamtimpedanz
addieren, diese jedoch in ihrem dynamischen Verhalten unterschiedlich sind.
Dieser Unterschied ist durch eine andere Phasenlage sichtbar. Das bedeutet,
dass sich der resultierende Gesamtstrom aus Anteilen unterschiedlicher
Phasenlagen zusammensetzt.
Durch das Impedanzspektrum können qualitative und quantitative Aussagen
getroffen werden. Zu den qualitativen Informationen gehören der Mechanismus,
die Kinetik, die Struktur und die Topologie.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 62 -
Quantitative Informationen beinhalten den Widerstand, die Kapazität und
Diffusionsparameter, die über die Zahlenwerte der Impedanzelemente angegeben
werden.
In der Versuchsdurchführung erfolgt die Anregung des zu untersuchenden
elektrochemische Systems mit einer Wechselspannung der Form
(
)
(
)
um
tUtU
ϕω
+=
sin
mit den folgenden Parametern U
m
= Amplitude der Wechselspannung,
t = Zeit,
φ
u
= Phasenwinkel der Wechselspannung und
ω = 2
π
f = Kreisfrequenz (f = Frequenz).
Dadurch wird das System aus einem (quasi-)stationären Zustand ausgelenkt und
in einen neuen (quasi-)stationären Zustand überführt. Diese Auslenkung kann
beispielsweise durch eine periodische, sinusförmige Erregung der Frequenz
erfolgen.
Bei kleiner Spannungsamplitude U
m
ist die Antwort der Erregung, d.h. der durch
das System fließende Wechselstrom, ebenfalls sinusförmig:
(
)
(
)
im
tItI
ϕω
+=
sin
mit den Parametern: I
m
= Amplitude des Wechselstroms,
t = Zeit,
φ
i
= Phasenwinkel des Wechselstroms und
ω = 2
π
f = Kreisfrequenz (f = Frequenz).
Der resultierende Wechselstrom unterscheidet sich von der Wechselspannung
durch die Größe der Amplitude und die Phasenlage zwischen Strom und
Spannung. Die Stromantwort des Systems ist phasenverschoben. Die Phase des
Stroms kann der Phase der aufgegebenen Spannung „vorauseilen“ oder
„nachziehen“. Die Phasen beider Größen stehen mit der folgenden Gleichung in
Beziehung:
iu
ϕϕϕ
−=
.
Die Analyse der Antwort des Systems auf die angelegte Wechselspannung kann
im Zeitbereich oder durch die entsprechenden Transformationen im
Frequenzbereich erfolgen. Aus messtechnischer Sicht wird die letztere Methode
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 63 -
bevorzugt angewandt, die eine Fourier-Transformation der Spannungs- und
Stromfunktion für den Übergang vom Zeit- in den Frequenzbereich nötig macht.
Die Berechnung der Impedanz erfolgt daher über ein System aus linearen
Differentialgleichungen. Dazu werden die Spannungs- und Stromfunktionen
zueinander ins Verhältnis gesetzt, durch welches sich die frequenzabhängige
elektrochemische Impedanz Z(jω) ergibt.
Sie ist eine komplexe Größe mit der imaginären Einheit 1−=j und kann wie
folgt berechnet werden:
( )
( )
ZjZeZe
I
U
jZ
j
j
m
m
iu
′′
+
′
=⋅=⋅=
−
ϕ
ϕϕ
ω
wobei
( ) ( )
22
ZjZZ ′′
+
′
=
mit dem Realteil:
ϕ
cos⋅=
′ZZ
und dem Imaginärteil:
ϕ
sin⋅=
′′ ZZ
.
Die Darstellung des Real- und Imaginärteils der Impedanz in der Gaußschen
Zahlenebene ergibt die komplexe Impedanz (siehe Abbildung 2.25).
Abbildung 2.25: Darstellung der komplexen Impedanz in der Gaußschen Zahlenebene
In Abbildung 2.25 stellt der Ohmsche Widerstand den Realteil Z` dar, während
sich der Imaginärteil Z`` der komplexen Impedanz aus dem kapazitiven und dem
induktiven Widerstand zusammensetzt.
Der Winkel, der durch den Impedanzvektor und den Realteil gebildet wird,
entspricht der Phasenverschiebung φ.
Wird zu einer bestimmten Frequenz die entsprechende Impedanz ermittelt und
anschließend diese Frequenz des Wechselspannungssignals um einen
bestimmten Betrag verändert, entsteht ein Satz an Frequenzen, der in einem
Impedanzspektrum dargestellt werden kann. Je nach dem, welche grafische
ϕ
cos⋅Z
Z
Z
′
Z
′
′
−
(
)
ω
jZ
ϕ
ϕ
sin⋅
Z
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 64 -
Auftragung gewählt wird, ergibt sich entweder ein Nyquist- oder ein Bode-
Diagramm. Beide Diagramm-Formen sind in den Abbildungen 2.26 und 2.27
dargestellt. Die Berechnung der Impedanzelemente wird anhand der Abbildungen
2.29 und 2.30 gezeigt.
0
0
2
ϕ
1
ϕ
2
Z
1
Z
(
)
2
ω
jZ
(
)
1
ω
jZ
E
R
DE
RR
+
Imaginärteil (Ω)
Realteil (Ω)
-500
1200
0
0
2
ϕ
1
ϕ
2
Z
1
Z
(
)
2
ω
jZ
(
)
1
ω
jZ
E
R
DE
RR
+
Imaginärteil (Ω)
Realteil (Ω)
-500
1200
Abbildung 2.26: Nyquist-Diagramm mit dazugehörigem Ersatzschaltbild
Wie in Abbildung 2.26 zu sehen ist, erfolgt im Nyquist-Diagramm die Auftragung
des Imaginärteils (Z``) gegen den Realteil (Z`). Die Impedanz Z ergibt sich als
diagonaler Vektor aus dem Realteil (x-Achse) und aus dem negativen Imaginärteil
(y-Achse). Der Phasenwinkel φ wird durch die als Vektor dargestellte Impedanz Z
und die x-Achse gebildet.
Im Bode-Diagramm erfolgt die Auftragung der Messwerte folgendermaßen (siehe
Abbildung 2.27).
0
0
Z
E
R
DE
RR +
Impedanz (Ω)
Frequenz (Hz)
1000
100001000100
10
1
0,1
ϕ
- 80
0
500 - 40
Phase °
0
0
Z
E
R
DE
RR +
Impedanz (Ω)
Frequenz (Hz)
1000
100001000100
10
1
0,1
ϕ
- 80
0
500 - 40
Phase °
Abbildung 2.27: Bode-Diagramm mit dazugehörigem Ersatzschaltbild
Wie Abbildung 2.27 zeigt, wird im Bode-Diagramm als x-Achse die Frequenz in
logarithmischer Skalierung und als y-Achse die absoluten Impedanzwerte und die
Phasenverschiebung aufgetragen.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 65 -
Für die Auswertung der aufgenommenen Impedanzspektren ist die Erstellung
eines physikalischen Modells, dem Ersatzschaltbild, nötig. Da elektrochemische
Vorgänge meistens wie Widerstände, Kondensatoren, Spulen oder Kombinationen
dieser Elemente wirken (siehe Tabelle 2.5), kann sich dies zu Nutze gemacht
werden.
Für einen rein Ohmschen Widerstand gilt, dass zwischen angelegter
Wechselspannung und durch den Widerstand fließenden Wechselstrom keine
Phasendifferenz besteht.
Wird ein Kondensator betrachtet, so besteht zwischen angelegter Spannung und
dem durch den Kondensator fließenden Strom eine Phasendifferenz von φ=-
π
/2,
während bei einer Spule die Spannung dem durch die Spule fließenden Strom um
φ=+
π
/2 voraus eilt.
Für ein entstehendes Modell wird eine theoretische Übertragungsfunktion
berechnet, die so oft mit der experimentellen Übertragungsfunktion abgeglichen
wird, bis diese mit ihr übereinstimmt (numerische Anpassung).
Tabelle 2.5: Häufig verwendete Impedanzelemente [47]
Element Symbol
Impedanzausdruck
Widerstand R (jωC)
Kapazität C (jωC)
-1
Induktivität L jωL
Warburg Z
diff
K
diff
(jω)
-0,5
Element mit konstanter Phase CPE K(jω)
a
mit 0,5 ≤a ≤ 1,0
Legende zur Tabelle 2.5:
1−=j: Imaginärteil der Impedanz
R: Ohmscher Widerstand einer Beschichtung bzw. bei einem
Korrosionsprozess für den Polarisations- oder Durchtrittswiderstand an
der Arbeitselektrode
C: Kapazität der Beschichtung bzw. bei einem Korrosionsprozess die
Doppelschichtkapazität (Cdl) der Arbeitselektrode
L: (Leitungs-) Induktivität, die bei v.a. hohen Frequenzen auftritt
CPE: nicht-ideales kapazitives Verhalten, dessen Ursache eine ungleich-
mäßige Stromdichteverteilung infolge von inhomogenen Oberflächen ist
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 66 -
Z
diff
: Ursache liegt in einem diffusionskontrollierten elektrochemischen
Prozess; dies gilt ebenfalls für K
diff
:
DcFz
RT
K
diff
0
22
⋅
=
mit R = ideale Gaskonstante ≈ 8,31 J/mol·K
T = Temperatur in Kelvin (K)
z = beteiligte Ladung
F= Faraday-Konstante ≈ 96485,339 C/mol
c
0
= Konzentration der diffundierenden Teilchen
D = Diffusionskonstante der diffundierenden Teilchen.
Da sowohl der Widerstand, als auch die Kapazität für jede Beschichtung
spezifisch sind, sollen diese Begriffe im Folgenden genauer betrachtet werden.
Der Widerstand R:
Der Widerstand R ist die Summe aller der im System auftretenden und in die
Messung einbezogenen Widerstände. Daher muss zwischen dem Widerstand, der
durch den Elektrolyten verursacht wird, und dem Widerstand, der durch die
Elektroden verursacht wird, unterschieden werden.
1) Elektrolyt-Widerstand
Der Widerstand einer ionischen Lösung ist ein bedeutender Faktor in der
elektrochemischen Zelle. Er hängt von vielen Parametern ab: der
Ionenkonzentration, der Art der Ionen, der Temperatur, der Geometrie des
Gefäßes, durch das der Strom fließt, u.v.m.
2) Polarisations-Widerstand
Eine Elektrodenpolarisation findet dann statt, wenn sich das Elektrodenpotential
von seinem Arbeitsstrom-Wert entfernt. Dieser Vorgang erfolgt nicht freiwillig,
sondern er muss erzwungen werden. Die Polarisation einer Elektrode kann dazu
führen, dass ein Strom aufgrund von elektrochemischen Reaktionen, die an der
Elektrodenoberfläche stattfinden, fließt.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 67 -
Die Strommenge wird zum einen durch die Reaktionskinetik der Reaktionen und
zum anderen durch die Diffusion der Reaktanden zur Elektrode hin und von ihr
weg bestimmt.
In Zellen, in denen eine einheitliche Korrosion stattfindet, ist der Arbeitsstrom
durch das Gleichgewicht von zwei verschiedenen elektrochemischen Reaktionen
gegeben: der kathodischen und der anodischen Reaktion. Beide verursachen
folglich den kathodischen Strom und den anodischen Strom.
3) Ladungs-Transfer-Widerstand
Stehen ein metallisches Substrat und ein Elektrolyt miteinander in Kontakt, fließen
Elektronen aus der Lösung in das Metall, während das Metall Ionen in die
Elektrolytlösung abgibt. Ist der Strom direkt proportional zur Elektronenmenge,
ergibt sich die allgemeine Beziehung zwischen Strom und Spannung durch die
Gleichung:
mit i
0
= Austausch Stromdichte,
c
0
= Konzentration des Oxidans an Elektrodenoberfläche,
c
0*
= Konzentration des Oxidans in der Menge,
c
R
= Konzentration des Reduktans an Elektrodenoberfläche,
c
R*
= Konzentration des Reduktans in der Menge,
η = Überspannung (E
app
– E
oc
),
α = Reaktionsnummer und
n = involvierte e
-
Anzahl.
Ist die allgemein herrschende Konzentration gleich der Konzentration an der
Elektrodenoberfläche, dann ist c
0
=c
0*
und c
R*
=c
R
, wodurch sich obige Gleichung
zur Butler-Volmer-Gleichung vereinfacht:
.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 68 -
Die Doppelschicht-Kapazität
Die elektrische Doppelschicht besteht zwischen einer Elektrode und dem sie
umgebenden Elektrolyten. Sie wird durch Ionen gebildet, die an der
Elektrodenoberfläche haften. Dabei können folgende Fälle auftreten:
die geladene Elektrode ist von den geladenen Ionen getrennt oder
die Ladungen sind vollständig getrennt und bilden dadurch einen Kondensator
Der Wert der Doppelschicht-Kapazität (Cdl) ist u.a. von den folgenden Parametern
abhängig: dem Elektroden-Potential, der Temperatur, der Ionenkonzentration, der
Ionenart, den Oxidschichten und der Rauheit der Elektrode.
Die Vielzahl der soeben beschriebenen Impedanzelemente ermöglicht die
Erstellung von Ersatzschaltbildern von fehlerfreien, defekten und korrosions-
belasteten Beschichtungen.
1) Defektfreie Beschichtung („Randles-Modell“)
Wird von einer idealen Beschichtung ausgegangen, so verhält sich diese wie ein
Plattenkondensator. Ein Kondensator besteht aus zwei leitenden Platten, die
durch ein nicht leitendes Material (z.B. Beschichtung) getrennt sind. Die Kapazität
C
c
des Plattenkondensators ergibt sich aus der Fläche A der Platten und deren
Abstand d sowie aus der Dielektrizitätskonstante ε des nicht leitenden Materials:
d
A
C
C
⋅⋅
=
εε
0
.
Mit ε
0
=
Dielektrizitätskonstante des Vakuums (≈ 1,0 As/Vm bei 18°C und
Frequenz = 50 Hz). ε von Wasser beträgt 80 As/Vm, während eine trockene
Beschichtung einen ε-Wert von 4-8 As/Vm haben kann. Somit steigt die Kapazität
einer Beschichtung, wenn eine Wasseraufnahme erfolgt.
Diese Veränderung, und somit auch die Schutzwirkung der Beschichtung, ist mit
der EIS anhand der Kapazität C
1
und des Filmwiderstand-Werts R
0
bestimmbar
(vgl. Abbildung 2.28). Eine gute Schutzwirkung wird erreicht, wenn die Kapazität
C
1
gering ist (d.h. geringe Wasseraufnahme) und ein hoher Filmwiderstands-
wert R
0
auftritt. Ist dieser größer als 10
8
Ωcm², dann liegt eine gute Schutzwirkung
vor, bei Werten von kleiner als 10
6
Ωcm² ist die Schutzwirkung hingegen
schlecht [19/3].
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 69 -
Das Schaltbild einer defektfreien Beschichtung wird als Reihenschaltung
bestehend aus dem Elektrolytwiderstand R
0
und aus dem
Beschichtungswiderstand R
1
, der mit der Beschichtungskapazität C
1
parallel
geschaltet ist, dargestellt.
Abbildung 2.28: Typisches Ersatzschaltbild einer defektfreien Beschichtung, „Randles-
Modell“
Abbildung 2.28 zeigt eine defektfreie Beschichtung als Ersatzschaltbild mit den
Parametern Widerstand (R
0
und R
1
) und der Kapazität der Beschichtung (C
1
). R
0
ist der Ohmsche Widerstand, der durch die Elektrolytlösung verursacht wird, R
1
der Polarisationswiderstand (Beschichtungswiderstand), d.h. der Widerstand, der
durch die Polarisation der Beschichtung hervorgerufen wird und daher von den
Beschichtungseigenschaften abhängig ist.
Bei hohen Frequenzen verhält sich der Kondensator C
1
durchlässig, das heißt, es
wird lediglich R
0
gemessen. Bei niedrigen Frequenzen fließt der Strom hingegen
durch die beiden Widerstände R
0
und R
1
. Daher überwiegt bei hohen Frequenzen
die Impedanz des Kondensators. Bei niedrigen Frequenzen nimmt die
Stromdurchlässigkeit durch die parallel geschaltete Kapazität stetig ab, so dass
bei sehr niedrigen Frequenzen nur noch der Beschichtungswiderstand und der
Elektrolytwiderstand als Impedanz gemessen werden. Durch die Anwesenheit der
Kapazität erfolgt eine Phasenverschiebung, was bedeutet, dass die Maxima der
Strom- und der Spannungsamplitude nicht mehr gleichzeitig erreicht werden.
Die Impedanz Z ergibt sich aus der Reihenschaltung des Ohmschen Widerstands
R
0
mit den beiden parallel geschalteten Parametern, Ohmschen Widerstand R
1
und Kondensator C
1
, nach folgender Gleichung:
11
1
0
1RCi
R
RZ ⋅⋅⋅+
+=
ω
mit den zusätzlichen Parametern: i = Stromdichte und ω = 2
π
f = Kreisfrequenz.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 70 -
Die Abbildungen 2.29 und 2.30 zeigen die Berechnung der Impedanzelemente je
nach Auftragungsart.
1
R
MP
0
R
Z`` - Imaginärteil (Ω)
Z`- Realteil (Ω)
2
1
R
r=
∞
→
v
0
→
v
max
v
Abbildung 2.29: Nyquist-Diagramm zur Berechnung der Impedanzelemente (für
Ersatzschaltbild aus Abbildung 2.28)
Wie Abbildung 2.29 zeigt, ergibt sich im Nyquist-Diagramm der Betrag der
Impedanz Z aus dem Realteil Z und dem Imaginärteil Z`` wie folgt:
22
``` ZZZ +=
mit Realteil
( )
2
11
1
0
1
`
RC
R
RZ ⋅⋅+
+=
ω
und Imaginärteil
( )
2
11
2
11
1
``
RC
RC
Z⋅⋅+
⋅⋅
=
ω
ω
.
Mit Hilfe des Real- und Imaginärteils kann die Phasenverschiebung φ berechnet
werden:
`
``
tan
Z
Z
=
ϕ
.
Der bisher noch fehlende Kapazitätswert des Kondensators C
1
ist aus der
Frequenz v
max
am Halbkreisscheitelpunkt (Maximalwert des Imaginärteils Z``)
ermittelbar:
1max
1
2
1
Rv
C⋅⋅⋅
=
π
.
Soll die Schutzwirkung der Beschichtung aus dem Nyquist-Diagramm qualitativ
beurteilt werden, so spricht ein steiler Ansatz des Halbkreises für eine gute
Schutzwirkung. Diese lässt mit der zunehmenden Ausbildung des Halbkreises
nach.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 71 -
Das Bode-Diagramm enthält die Impedanzelemente wie in Abbildung 2.30 gezeigt.
Abbildung 2.30: Bode-Diagramm zur Berechnung der Impedanzelemente (für
Ersatzschaltbild aus Abbildung 2.28)
Die Parallelen zur Abszisse stellen in Abbildung 2.30 die Ohmschen Komponenten
des Ersatzschaltbildes aus Abbildung 2.28 dar, während die kapazitiven
Komponenten durch eine Gerade mit der Steigung m=-1 gekennzeichnet sind.
Wird der Phasenwinkel φ mit der Abszisse zusammen betrachtet, so liegt dessen
Wert bei rein kapazitivem Verhalten bei φ = -90° und bei rein ohmschem Verhalten
bei φ = 0°.
Wie beim Nyquist-Diagramm kann ebenfalls beim Bode-Diagramm die Beurteilung
der Schutzwirkung einer Beschichtung erfolgen.
Diese ist gut, wenn die Gerade über den gesamten Frequenzbereich die Steigung
m=-1 hat. Tritt hingegen ein zur Abszisse paralleler Kurvenast im niederfrequenten
Bereich auf, zeigt dies eine nachlassende Schutzwirkung an.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 72 -
2) Defekte Beschichtung
Abbildung 2.31: Typisches Ersatzschaltbild für eine defekte Beschichtung
Der Unterschied zwischen einer defektfreien und einer defekten Beschichtung ist,
wie Abbildung 2.31 zeigt, dass ein zusätzlicher Parameter Z
I
(Impedanz) in das
Ersatzschaltbild eingefügt wird. Dieser zusätzliche Parameter gibt an, dass die auf
das System einwirkende Elektrolytlösung bis zur Grenzfläche
Substrat/Beschichtung vordringt. Z
I
wird daher in Reihe zu R
1
geschaltet.
R
1
gibt in diesem Schaltbild nicht den Polarisationswiderstand der Beschichtung
an, sondern wird von der Geometrie der vorhandenen Defekte und der
Leitfähigkeit der darin enthaltenen Elektrolytlösung bestimmt.
Da die zusätzlich auftretende Impedanz Z
I
anfänglich der Messungen von der
Impedanz der Beschichtung überlagert wird, tritt Z
I
meistens erst bei
fortgeschrittener Zerstörung der Beschichtung auf. Die Impedanz Z
I
kann auch
mehrere Parameter beinhalten, welche entweder parallel oder in Reihe geschaltet
sind.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 73 -
3) Beschichtung mit beginnender Metall-Korrosion („Rebar-Modell“)
Die soeben erwähnte Impedanz Z
I
spielt eine wichtige Rolle, sobald sich der
Beginn von Metallkorrosion ereignet. In der folgenden Abbildung ist ein
entsprechendes Ersatzschaltbild zu sehen.
Abbildung 2.32: Ersatzschaltbild für eine Beschichtung mit beginnender Metall-Korrosion,
„Rebar-Modell“
Wie Abbildung 2.32 zeigt, besteht bei einer Beschichtung mit beginnender Metall-
korrosion das Impedanzelement Z
I
aus den beiden Parametern Cdl und R
polar
.
Beide sind miteinander parallel geschaltet sind, befinden sich jedoch in Reihe mit
dem vorhergehenden Beschichtungs- bzw. Porenwiderstand R
1
.
Voraussetzung für eine beginnende Metallkorrosion ist, dass der Elektrolyt die
Beschichtung durchdringen kann und mit dem Substrat in Kontakt kommt. Je
höher die Menge des Elektrolyten ist, desto größer ist auch die mit ihm in Kontakt
stehende Metallfläche. Sowohl die Doppelschichtkapazität Cdl, als auch der
Polarisationswiderstand R
polar
, sind flächenabhängige Größen. Cdl ist direkt
proportional und R
polar
umgekehrt proportional zur Fläche.
Da R
polar
und Cdl charakteristische Merkmale des Metallsubstrats sind, werden sie
erst sichtbar, wenn der Elektrolyt das Metall berührt. Es können mit Hilfe dieser
beiden Parameter Aussagen über Adhäsion bzw. Adhäsionsverlust zwischen
Beschichtung und Substrat getroffen werden („Delaminationsvorhersage“).
Kommt der Elektrolyt mit dem Metall in Kontakt, so entsteht die Grenzfläche
Elektrolyt/Metall. Mit der Doppelschichtkapazität Cdl und dem
Polarisationswiderstand R
polar
können das Verhalten bzw. die Eigenschaften
dieser Grenzfläche bestimmt werden.
Folglich gibt die Doppelschicht die Ladungsverteilung im Elektrolyten und im
Metall wieder und deren Kapazität Cdl die Speicherfähigkeit dieser Doppelschicht.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 74 -
Typische Werte von Cdl betragen ≈ 10-40 µF/cm² und liegen damit deutlich höher
als die der Beschichtungskapazität mit ca. 1nF/cm² [48].
Vom Polarisationswiderstand R
polar
kann die Korrosionsrate abgeleitet werden.
Dieser ist umgekehrt proportional zu ihr. Da R
polar
elektrodenflächenabhängig ist,
muss er normiert werden. Typische Werte betragen ca. 5000Ω/cm² [48].
Obwohl diese Parameter eindeutig angewandt werden müssen, um das
entsprechende Ersatzschaltbild herstellen zu können, ist in diesem Stadium die
Korrosion optisch noch nicht sichtbar [48].
Zusammenfassend zeigt die folgende Abbildung 2.33 das Prinzip der EIS.
Abbildung 2.33: schematische Darstellung des EIS-Prinzips [19/4]
Wie in Abbildung 2.33 zu sehen, ist eine Vielzahl von Schritten notwendig, um die
Ergebnisse einer EIS-Messung exakt interpretieren zu können.
Erregerfunktion
Vergleich der Erregerfunktion mit der Antwortfunktion nach deren Transformation in den
Frequenzbereich (experimentelle Übertragungsfunktion)
zu
untersuchendes
System
(
)
(
)
um
tUtU
ϕ
ω
+
=
sin
Antwortfunktion
(
)
(
)
im
tItI
ϕω
+= sin
Darstellung der experimentellen Übertragungsfunktion in ein Nyquist- bzw. Bode-Diagramm
Anpassung der theoretischen an die experimentelle Übertragungsfunktion durch Optimierung der
Parameter
Korrelation der optimierten Parameter mit den Eigenschaften des untersuchten Systems
Aufstellung der zu diesem Ersatzschaltbild zugehörigen (theoretischen) Übertragungsfunktion
Erstellung des Ersatzschaltbildes mit den entsprechenden Parametern
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 75 -
Ein wichtiger Schritt hierfür ist die Anpassung von der theoretischen
Übertragungsfunktion an die experimentelle Übertragungsfunktion. Dies erfolgt
meist über eine numerische Anpassung, die nun beschrieben werden soll.
Die numerische Anpassung - Simulation
In diesem Abschnitt wird nicht auf den mathematischen Hintergrund der
numerischen Anpassung eingegangen, sondern auf deren Anwendung, die für die
Simulierung von EIS-Kurven nötig ist.
Mit Hilfe der numerischen Anpassung können aus den gemessenen EIS-Spektren
die Beschichtungsparameter (z.B. Widerstand, Kapazität) angezeigt werden. Der
Ablauf dieser Anpassung setzt sich folgendermaßen zusammen:
Zuerst wird die zu untersuchende Beschichtungsprobe mit der EIS vermessen.
Dies ergibt ein für diese Probe spezifisches EIS-Spektrum. Diesem Spektrum
entspricht ein bestimmtes Ersatzschaltbild (defektfreie oder fehlerhafte
Beschichtung). Nun wird das passende Ersatzschaltbild dem aufgenommenen
Spektrum „hinterlegt“. Über diese Hinterlegung wird ein neues Spektrum dem
aufgenommenen Spektrum überlagert und dessen Widerstands- und
Kapazitätswerte angezeigt.
Entspricht das überlagerte Spektrum nicht dem gemessenen Spektrum, so wird
das überlagerte Spektrum angepasst („gefittet“). Die Anpassung erfolgt über die
Veränderung der angezeigten Widerstands- und Kapazitätswerte. Dies erfolgt so
oft, bis das überlagerte Spektrum mit dem gemessenen Spektrum übereinstimmt.
In Abbildung 2.34 ist eine solche Überlagerung der EIS-Spektren dargestellt.
Abbildung 2.34: numerische Anpassung
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 76 -
In Abbildung 2.34 ist die rote Linie die „überlagerte und angepasste“ Linie für die
blaue Impedanzlinie und die türkisfarbene Kurve die „überlagerte und angepasste“
Kurve zur grünen Phasenlage. Ziel dieser Anpassung ist es, dass das überlagerte
(rot, türkis) EIS-Spektrum möglichst genau dem aufgenommenem (blau, grün)
EIS-Spektrum entspricht. Ist diese Entsprechung gegeben, so werden die
gesuchten Widerstands- und Kapazitätswerte angezeigt.
b) Versuchsanordnung bei der EIS:
Die Messung der elektrochemischen Impedanz erfolgt mit der Drei-Elektroden-
Methode. Diese steht natürlich in Analogie zu den in diesem Kapitel aufgezeigten
elektrischen Ersatzschaltbildern (Abbildung 2.28, 2.31 bzw. 2.32). Die analoge
Darstellung zwischen Messzelle und Ersatzschaltbild ist im Anschluss an die
Erklärung der einzelnen Elektroden zu finden (siehe Abbildung 2.35).
Die drei verwendeten Elektroden sind die Arbeitselektrode, die Referenzelektrode
und die Gegenelektrode.
Arbeitselektrode
Die Arbeitselektrode liefert das gesuchte Potential. Die in dieser Arbeit
verwendeten Arbeitselektroden stellen jeweils das zu prüfende Blech (verzinkter
Stahl, Aluminium) mit dem zu untersuchenden Beschichtungsaufbau dar.
Da das gesuchte Potential an der Arbeitselektrode nicht absolut, sondern nur
relativ bestimmbar ist, werden für die Ergebnisinterpretation die Gegen- und die
Referenzelektrode benötigt.
Referenzelektrode
Da das absolute Potential einer einzelnen Elektrode nicht bestimmbar ist, sondern
nur die Potentialdifferenz zwischen zwei Elektroden (der Arbeits- und
Gegenelektrode), wird eine Referenzelektrode benötigt.
Die Referenzelektrode besitzt ein konstantes Gleichgewichtspotential, das sich
schnell und reproduzierbar einstellt. Welche Referenzelektrode bei einer Messung
verwendet wird, sollte angegeben werden, da sich die verschiedenen
Referenzelektroden in ihren Potentialen unterscheiden.
Damit eine Potentialdifferenz überhaupt messbar ist, müssen beide Elektroden
über einen Ionenleiter in Verbindung stehen. Die Ionenleiter können entweder ein
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 77 -
Elektrolyt oder ein elektrischer Leiter mit einem Messgerät, wie z.B. ein Voltmeter
oder ein Potentiometer, sein.
Da die gemessenen Elektrodenpotentiale temperaturabhängig sind (Nernst-
Gleichung) müssen vergleichbare Messungen bei konstanter Temperatur
durchgeführt und die Elektrodenpotentiale mit dem Ergebnis angegeben werden.
Die in dieser Arbeit als Referenzelektroden verwendeten Silber-Silberchlorid-
Elektroden (Ag/AgCl/Cl
-
) sind Elektroden zweiter Art. Elektroden zweiter Art sind
Metall-Ionenelektroden, bei denen sich die Metall-Ionen in der Lösung mit einem
schwerlöslichen Salz des Metalls im Gleichgewicht befinden. Darüber hinaus
enthält die Lösung das Anion des schwerlöslichen Salzes. Die das Potential
bestimmende Konzentration der Metall-Ionen in der Lösung ergibt sich aus der
Anion-Konzentration und dem Löslichkeitsprodukt des schwerlöslichen Salzes.
Somit ist das Elektrodenpotential von der Anion-Konzentration in der Lösung
abhängig.
Gegenelektrode
An ihr laufen elektrochemische Vorgänge in kontrollierter Weise ab. Das Potential
wird dazu mit einer Referenzelektrode gemessen und falls nötig z.B. mit einem
Potentiostaten geregelt. Häufig wird eine so genannte inerte Gegenelektrode
eingesetzt. Das bedeutet, dass an der Oberfläche der Elektrode die
elektrochemischen Reaktionen von den im Elektrolyten gelösten Stoffen ablaufen,
ohne dass die Elektrode an der eigentlichen Reaktion beteiligt ist. Dabei werden je
nach Potential die gelösten Stoffe oxidiert oder reduziert. Somit fungiert die
Gegenelektrode als Elektronenakzeptor oder -donator.
Inerte Gegenelektroden sind häufig aus Quecksilber, Gold, Glaskohlenstoff und -
wie in dieser Arbeit - aus Platin oder Graphit.
Die Analogie zwischen den soeben beschriebenen Elektrodenarten und dem
elektrischen Ersatzschaltbild zeigt die folgende Abbildung.
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- 78 -
Abbildung 2.35: Analogie zwischen Messzelle und Ersatzschaltbild
Die genaue Beschreibung der Abbildung 2.35 ist im Fall von einer defektfreien
Beschichtung aus der Beschreibung der Abbildung 2.28 und im Fall einer defekten
Beschichtung aus der Beschreibung der Abbildung 2.31 bzw. 2.32 nachzulesen.
Beschichtungs-
widerstand
Elektrolytwiderstand
Referenz-
elektrode
Arbeitselektrode
Gegenelektrode
Beschichtungs-
kapazität
Messzelle
Ersatzschaltbild
(defektfreie Beschichtung)
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- 79 -
2.5 Kurzzeittest für Korrosionsvorhersagen
In der heutigen Zeit gibt es eine Vielzahl von Korrosionsprüfverfahren. Da diese
Prüfungen jedoch relativ viel Zeit benötigen und dadurch kostenintensiv sind, ist
es bei der Entwicklung weiterer Prüfverfahren u.a. das Ziel, eine Verkürzung der
Prüfdauer zu erreichen.
Dabei zu beachten ist, dass aufgrund der Beschleunigung im Testverfahren keine
Veränderung des Alterungsmechanismus im System stattfindet. Zudem sollen die
Ergebnisse eine korrekte Aussage über die Zukunft des Systemverhaltens liefern.
Die Herausforderung dieser Arbeit liegt in der Entwicklung eines Testverfahrens,
das neben den bereits bestehenden Korrosionsprüfverfahren des Sindelfinger
Mercedes-Benz Werks (vgl. Kapitel 2.3) durch dessen verkürzte Prüfdauer
Anwendung findet und bei speziellen Fragestellungen den vorrangigen Einsatz zur
Folge hat.
Um diese Aufgabenstellung bearbeiten zu können, wurden die Parameter der
bestehenden Prüfverfahren zusammengetragen. Die umzusetzende verkürzte
Prüfdauer des zu entwickelnden Testverfahrens ergab sich nach der Überlegung,
die bereits eingesetzten Parameter zu forcieren und zudem neue Parameter
einzufügen, die eine zusätzliche beschleunigende Wirkung haben.
Die anschließende Vorgehensweise beinhaltete eine Recherche nach bereits
vorhandenen Testverfahren, die eine deutlich verkürzte Prüfdauer aufweisen
konnten (vgl. Kapitel 2.5.1).
Es soll vorweg genommen werden, dass ein dementsprechendes Testverfahren in
der „Vorrichtung“ der Firma BASF (Ludwigshafen) gefunden wurde. Die Parameter
dieser Vorrichtung deckten teilweise diese der Korrosionsprüfverfahren des
Mercedes-Benz Werks in Sindelfingen ab. Daher wurde die Vorrichtung als
„Basistestverfahren“ für diese Arbeit ausgewählt. Durch die Modifizierung der
Parameter und entsprechende Schritte der Weiterentwicklung entstand der in
dieser Arbeit entwickelte „TEMRAI-Test“.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 80 -
2.5.1 Stand der Technik: „Vorrichtung“ der Firma BASF
Neben der Vielzahl von Korrosionsprüfverfahren, deren Dauer zwischen Wochen
und Jahren liegt (vgl. Kapitel 2.3), gibt es lediglich eine geringe Anzahl von
entwickelten Kurzprüfverfahren. Diese sollen im Folgenden aufgeführt werden.
a) Verfahren und Vorrichtung zur Messung der Korrosionsschutzwirkung
von Beschichtungen und Inhibitoren
Dieses Patent wurde im Jahr 1999 von der Universität Heidelberg angemeldet. Es
beinhaltet ein Verfahren und eine Vorrichtung, mit deren Hilfe es möglich ist, die
Wirksamkeit von Korrosionsschutzmaßnahmen zu bestimmen. Der Grundgedanke
liegt in dem Erfassen von einer oder mehreren optischen Eigenschaften von einer
auf dem Substrat dünn aufgetragenen Werkstoffschicht, wodurch Rückschlüsse
auf die Wirksamkeit der jeweiligen Korrosionsschutzmaßnahme gezogen werden
können.
Unter anderem wird in dieser Aufgabenstellung die Motivation erwähnt,
Korrosionserscheinungen objektiv und automatisiert erfassen zu können sowie
einen größeren Messbereich als von nur wenigen mm² zerstörungsfrei und
gegebenenfalls in-Situ zu untersuchen.
Die Vorgehensweise besteht in dem Aufbringen einer dünnen Werkstoffschicht
(<5µm-10µm) auf einem durchsichtigen Substrat und der anschließenden
Messung der optischen Eigenschaften (z.B. Reflektivität). Durch diese dünnen
Schichten wird die Einwirkzeit der korrosiven Umgebung deutlich verringert.
Geeignet für dieses Prüfverfahren sind Korrosionsschutzmittel, Lackkomponenten
und -zusätze, um deren Korrosionsschutzeigenschaften zu beurteilen.
b) Modulares Kurzprüfsystem: „Testen nach dem Baukastenprinzip“
Das im Jahr 2007 in der Zeitung „Farbe & Lack“ veröffentlichte modulare
Kurzprüfsystem basiert auf der Grundlage der statistischen Bewertung bereits
bestehender Prüfverfahren, wobei die wirksamsten für dieses modulare
Kurzprüfverfahren ausgewählt wurden. Dabei werden Wichtungsfaktoren auf der
Basis der Prüfergebnisse, unterstützt durch erfahrene Prüfer und
Beschichtungsstoffhersteller, festgelegt. Die Wichtungsfaktoren geben hierbei das
Gewicht der jeweiligen Einzelbelastung wieder, die ebenfalls miteinander
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 81 -
kombiniert werden können. Durch die Wichtungsfaktoren wird das Ziel verfolgt, in
kurzer Zeit objektive Korrosionsergebnisse zu erhalten.
Als Ergebnis wurde festgestellt, dass ein modulares Kurzprüfsystem Aussagen
über die Haltbarkeit von Beschichtungen zulässt. In dieser Publikation ist es
jedoch unklar, ob das modulare Kurzzeitprüfsystem ein eigenständiges
Messverfahren darstellt. Es scheint eher der Fall zu sein, dass sich die Ergebnisse
rein mathematisch aus den Wichtungsfaktoren der einzelnen Prüfverfahren
(Salzsprühtest,…) ergeben. Ein dazugehöriges Aufbauschema wurde nicht
aufgezeigt.
c) Korrosionsschnellprüfung für Pulverbeschichtung (KSP-Test)
Die im Journal für Oberflächentechnik JOT (2/2002) veröffentlichte
Korrosionsschnellprüfung (KSP-Test) hatte als Ziel einen schnellen
Korrosionsverlauf bei gleichzeitiger Richtigkeit und Vergleichbarkeit der
Ergebnisse zum Salzsprühtest, zu simulieren. Die Untersuchungen wurden an
pulverbeschichteten Oberflächen durchgeführt. Basis für diesen Test war der
Machu-Test, bei dem mit verkürzter Prüfzeit angeritzte Beschichtungen mittels
essigsaurem Medium (pH 3,0-3,3) und in Anwesenheit von NaCl und
Wasserstoffperoxid bei 37°C über 48h belastet werden.
Bedingung für die Anwendbarkeit des KSP-Tests, als spezielle Entwicklung für die
Prüfung von pulverbeschichteten Proben, ist die Beständigkeit des Pulverlacks
gegenüber dem Prüfmedium und der Prüftemperatur. Dessen Aufbau ist in der
folgenden Abbildung 2.36 zu sehen.
Abbildung 2.36: Korrosionsschnellprüfgerät (LHS 290)
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 82 -
Wie in Abbildung 2.36 dargestellt, sind die Belastungsfaktoren für die
Pulverbeschichtung lediglich die Temperatur und die Testlösung. Weitere
Belastungsparameter sind nicht vorhanden. Für die Durchführung einer Prüfung
werden die präparierten Proben über eine festgelegte Zeit (max. 72h) einer
aggressiven Testlösung bei erhöhter Temperatur ausgesetzt. Deren Lagerung
erfolgt in speziellen, beheizbaren Testbehältern aus beständigem
Kunststoffmaterial. Die mit dieser Prüfapparatur erhaltenen Ergebnisse stimmten
gut mit den Ergebnissen aus dem Salzsprühtest überein.
Wie die Beispiele a) - c) zeigen, ist unter diesen Entwicklungen keine
Prüfapparatur vorhanden, die in kombinierter Form Belastungsfaktoren auf
Beschichtungen aufbringen kann. Es konnte lediglich für spezielle Fragestellungen
hinsichtlich Einzelbelastungen die Prüfzeit verkürzt werden. Das Ziel dieser
Prüfverfahren, eine verkürzte Prüfdauer bei gleichzeitiger Objektivität und
Korrelation zu bereits bestehenden Prüfverfahren zu erreichen, konnte nur für
Einzelfragestellungen erreicht werden.
Folglich ergibt sich die Motivation dieser Arbeit aus der Kombination der
verschiedenen, bereits im Einsatz befindlichen, Belastungsfaktoren (z.B.
Temperatur und Feuchte), die ein breites Anwendungsgebiet abdecken sollen. Die
Anwendbarkeit wird damit um die Untersuchung von Substrat-/Beschichtungs-
systemen erweitet.
Die Kombination der unterschiedlichen Belastungskollektive soll in einer
selbständigen Prüfapparatur erfolgen. Dabei bleibt das Ziel, die Prüfdauer zu
verkürzen, die erhaltenen Ergebnisse objektiv beurteilen zu können und die
Prüfungen mit einer zerstörungsfreien Messmethode erfolgen zu lassen. Des
Weiteren soll eine Automatisierung der Prüfapparatur möglich gemacht werden,
um unbeaufsichtigt und durchgängig Prüfungen durchführen zu können.
Durch die Entwicklung des in dieser Arbeit entstehenden Kurzzeittests (TEMRAI-
Test) können in kürzester Zeit (Stunden bzw. Tage) die unterschiedlichsten
Beschichtungen im tatsächlich eingesetzten Aufbau zerstörungsfrei bestimmt
werden. Eine in-Situ Situation ist somit gegeben, wodurch das Substrat/-
Beschichtungssystem als Ganzes (und nicht nur als Einzelschichten) beurteilt
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 83 -
werden kann. Dadurch können die Beschichtungen in ihrer eingesetzten
Schichtdicke untersucht und gegenseitige Wechselwirkungen der Schichten
untereinander mit einbezogen werden.
Die bisher einzig bekannte Prüfapparatur, die eine Kombination verschiedener
Belastungskollektive vorsieht, stellt die aktuelle Entwicklung zur beschleunigten
Korrosionsprüfung dar, welche auf der Offenlegungsschrift DE 10 2004 027 792
A1 („Vorrichtung und Verfahren zur beschleunigten Durchführung von
Korrosionstests“ der Firma BASF [1]) basiert.
Da in dieser Vorrichtung eine mögliche Kombination von Belastungskollektiven
gegeben ist, wurde sie als Basis für den in dieser Arbeit entstehenden Kurzzeittest
(TEMRAI-Test vgl. Kapitel 2.5.2) ausgewählt. Aufgrund dessen wird die
Vorrichtung im Folgenden detailliert beschrieben.
Dieses Verfahren dient der beschleunigten Durchführung von Korrosionstests,
insbesondere von beschichteten metallischen Blechen, unter Verwendung einer
Vorrichtung (siehe Abbildung 2.37), die von der Firma BASF (Ludwigshafen)
entwickelt wurde. Die Messbedingungen sollen möglichst nahe an
Umweltbedingungen angelehnt sein, um mit bestehenden Prüfmethoden zur
zeitlich beschleunigten Korrosion korrelieren zu können.
Abbildung 2.37: Darstellung der „Vorrichtung zur beschleunigten Durchführung von
Korrosionstests“ von BASF, Ludwigshafen
Wie in Abbildung 2.37 zu sehen, beinhaltet die patentierte Vorrichtung eine
Kühlplatte mit ebener Oberfläche aus einem wärmeleitenden Material wie z.B.
Stahl, Aluminium, Kupfer oder Messing. Da die Kühlplatte temperierbar sein soll,
ist diese entweder mit Kühlschlangen durchzogen oder es befindet sich im Innern
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 84 -
der Platte ein einzelner Hohlraum, in den die Kühlflüssigkeit eingeleitet werden
kann. Die Zuführung des Kühlmediums (z.B. Wasser) erfolgt über entsprechende
Schlauch- bzw. Rohrverbindungen, wobei die Temperatur der Kühlflüssigkeit über
die Kühleinheit eingestellt wird. Die Kühleinheit muss so gewählt werden, dass
deren Leistung für eine schnell einstellbare Temperierung ausreicht. Die
einstellbaren Temperaturbereiche hängen vom verwendeten Kühlmedium ab.
Auf diese Kühlplatte werden die zu untersuchenden Proben eben aufgelegt, auf
denen Gefäße für die Elektrolytlösung befestigt werden. Da es sich bei den
Gefäßen um Plexiglas- bzw. PVC-Röhren handelt, erfolgt die Befestigung über
einen Kleber. Die festgeklebten Röhren werden mit dem gewünschten Elektrolyten
befüllt.
Oberhalb der Elektrolytgefäße befindet sich in der BASF-Vorrichtung eine
Heizeinheit. Mit dieser wird der Versuchsaufbau über geeignete Wärmequellen,
wie z.B. Heizschlangen, Wärme- oder Glühlampen, beheizt.
Die Bedienung der Heizvorrichtung und der Kühleinheit erfolgt über eine
Steuereinheit. Ein weiteres Kontrollelement stellen die Temperaturfühler dar, die
die Temperatur direkt an den Proben aufnehmen.
Die Möglichkeit zur Inbetriebnahme von Strahlungsquellen wie UV/VIS oder IR-
Strahlern wird in der Offenlegungsschrift erwähnt.
Die Prüfvorrichtung basiert auf der Eigenschaft, dass sich während der
Temperaturzyklisierung innere Spannungen (vgl. Kapitel 2.5.2.1) in der
Beschichtung aufbauen, die beispielsweise zur Riss- bzw. Porenbildung und
dadurch zur Korrosion des Substrats führen können. Dies kann bereits in der
frühen Entstehungsphase mit Hilfe der elektrochemischen Impedanzspektroskopie
(EIS) ermittelt werden, in der optisch noch keine Fehlstellen sichtbar sind. Mit
dieser Messmethode ist es zusätzlich möglich, Aussagen hinsichtlich der
Wasserdiffusion, Delamination und Unterrostung zu treffen. Die gezielte
Programmierung der Temperaturzyklisierung unter Mitwirkung der Feuchte bzw.
Elektrolyten ermöglicht es, die Testdauer zu beeinflussen und die Korrelation mit
der Praxis zu optimieren.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 85 -
2.5.2 Entwicklung des TEMRAI-Tests
Die in Kapitel 2.5.1 beschriebene „Vorrichtung zur beschleunigten Durchführung
von Korrosionstests“ der Firma BASF ist die Basis für die Entstehung des in dieser
Arbeit entwickelten TEMRAI-Tests. Durch die erhebliche Erweiterung der BASF-
Vorrichtung sollen Korrosionsphänomene umfassend dargestellt werden.
Beinhaltet die „BASF-Vorrichtung“ als Parameter lediglich die Temperatur, enthält
hingegen der entstehende Prüfstand die folgenden Parameter: Temperatur,
Elektrolytvariationen, mechanische Belastung und Strahlungsbelastung.
Die Parameter „Temperature“, „Electrolyte“, „Mechanic“, „Radiation“ finden sich im
Namen des „TEMRAI-Tests“ wieder. Diese verursachen eine beschleunigte
Alterung („Ageing“), welche über die Aufnahme der Impedanz („Impedance“)
gemessen wird.
Bei den zu untersuchenden Lacksystemen kann jeder dieser Parameter innere
Spannungen im Lack verursachen, vor allem wenn diese kombiniert auftreten.
Innere Spannungen können wiederum zu einer Schädigung des Lacks (z.B.
Poren- oder Rissbildung) bis hin zur Entstehung von Korrosion führen. Da die
Entstehung von inneren Spannungen die Grundvoraussetzung der in dieser Arbeit
entstehenden Mess-Ergebnisse ist, wird sie in Kapitel 2.5.2.1 detailliert
beschrieben.
Bisher sind keine Korrosionsprüfverfahren im Labormaßstab mit dieser
Parameterzusammenstellung bekannt. Prüfverfahren, welche im Sindelfinger
Mercedes-Benz Werk die Mechanik und Strahlung als Belastungskollektive
beinhalten, ist der Test „MeKo dynamisch“ und der „Weltdauerläufer“.
Abbildung 2.38 gibt einen Gesamtüberblick über den Ablauf beider Testarten.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 86 -
Abbildung 2.38: „MeKo dynamisch“-Test [angelehnt an Quelle: A. Gimmler, Mercedes-
Benz]
Der „MeKo dynamisch“-Test beinhaltet ein 16 Wochen-Korrosions-Kollektiv mit
unterschiedlichen Wegbeschaffenheiten sowie Temperatur-/Feuchte-/Salz-
Variationen mit anschließender Demontage des PKWs und Bewertung (siehe
Abbildung 2.38).
Die Testdauer des „Weltdauerläufers“ beträgt insgesamt 7 Jahre. In diesen
durchläuft er ebenfalls entsprechend Abbildung 2.38 verschiedene Klimazonen mit
unterschiedlichen Temperatur-/Feuchte- und Salzbelastungen. Während dieser
7 Jahre werden Auswertungen vorgenommen. Eine entsprechende Gesamt-
auswertung erfolgt nach Abschluss des Tests.
Da diese beiden Testverfahren mit funktionstüchtigen PKWs durchgeführt werden,
sind sie für den Labormaßstab ungeeignet.
Ein weiterer Vorteil, den der TEMRAI-Test bietet ist die Möglichkeit, dessen
Anwendung auf andere Materialien (z.B. Kleber) auszuweiten, die separat geprüft
werden können.
Hitze
z. B.
Südafrika
Salznebel
z.B.
Dänemark
Kälte
z.B.
Kanada
Feuchtwärme
z.B.
Florida
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 87 -
2.5.2.1 Erzeugung von inneren Spannungen
Die Funktion und Qualität eines Beschichtungssystems ist, laut einer Publikation
von Eberhard Jürgens et al. [6], entscheidend von ihrer fehlerfreien Haftung auf
dem Substrat abhängig. Diese fehlerfreie Haftung kann u.a. durch das Auftreten
von inneren Spannungen in einer Beschichtung negativ beeinflusst werden.
So erzeugen innere Spannungen innerhalb eines Substrats, einer Beschichtung
bzw. an der Grenzschicht Substrat/Beschichtung einen Stress, der sich auf
verschiedene Art zeigen kann.
Infolge irreversibel ablaufender chemischer und physikalischer Vorgänge altert
eine Beschichtung. Diese Vorgänge können innere Spannungen, d.h.
Spannungen innerhalb der Beschichtung erzeugen.
Zu den Vorgängen gehören die Nachpolymerisation, die Polymerdegradation, die
Diffusion, die Migration und die Abdunstung weichmachender Komponenten. Dies
findet aufgrund von Energiezufuhr in Form von Wärme oder UV-Strahlung, durch
chemische Einflüsse oder durch Temperaturwechsel statt [17].
Die Erzeugung des Aufbaus von inneren Spannungen ist daher eine
Grundvoraussetzung für die Wirkung der verschiedenen Faktoren im Kurzzeittest.
Durch deren Vorhandensein soll eine Alterung des Systems hervorgerufen
werden, wodurch „Fehlstellen“ in der Beschichtung oder an den Grenzschichten
entstehen, die in dieser Arbeit mit der Messmethode der elektrochemischen
Impedanzspektroskopie (EIS) detektiert werden.
Um die Auswirkung der Belastungskollektive auf die zu prüfenden Lacksysteme
beurteilen zu können , werden die physikalischen Einflussfaktoren auf die
Beschichtungssysteme mit Hilfe der DMA, TGA und EIS ermittelt.
Diese Messmethoden ermöglichen die Herstellung von Korrelationen der aus
ihnen erhaltenen Ergebnisse und dadurch den Vergleich des klassischen und des
integrierten Lackaufbaus. Des Weiteren dient z.B. die Bestimmung der
Glasübergangstemperatur der Lacke der Temperatureinstellung im TEMRAI-Test.
Korrelationen zwischen den oben erwähnten Messmethoden und dem TEMRAI-
Test sind nur bedingt möglich (da noch zu wenige Messungen). Denkbar ist
beispielsweise die Korrelation zwischen Pigment-/Bindemittelanteil eines
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 88 -
Lacksystems und der optischen Erscheinung des Prüflings nach
Kombinationsbelastung im TEMRAI-Test (Kreidung bei vermehrtem
Bindemittelanteil bzw. Rauheit der Lackoberfläche bei vermehrtem Pigment-
abbau [25]).
Ebenfalls könnte eine Korrelation zwischen ermittelter Glasübergangstemperatur
der einzelnen Lacksysteme und der Auswirkung auf das Verhalten der Prüflinge
im TEMRAI-Test bei konstant eingestellter Maximaltemperatur bestehen.
Der Temperatureinfluss wird mit der dynamisch-mechanischen Analyse (DMA)
bestimmt. Durch diese können Rückschlüsse auf den Glaszustand (E-Modul im
Niedertemperaturbereich), der Glasübergangstemperatur T
g
und der
Vernetzungsdichte (E-Modul im Hochtemperaturbereich) geschlossen werden.
Die Beständigkeit gegenüber Elektrolyten lässt sich durch das Quellverhalten der
Beschichtungssystems nach Immersion im Elektrolyten bestimmen.
Die mechanische Beeinflussung wird durch die linearen Zugversuche untersucht,
wobei es auch zu unterscheiden gilt, ob sich Fehlstellen im Beschichtungssystem
oder Haftungsverluste ereignen.
Die Auswirkung der Strahlung wird kombiniert mit Elektrolyt und Temperatur in
den Freibewitterungsversuchen untersucht.
Mit Hilfe dieser Versuche sollen Korrelationen zwischen den erhaltenen
Beschichtungseigenschaften hergestellt werden können (siehe Tabelle 4.22).
Mit diesen Korrelationen können zum einen, die Lacksysteme miteinander
verglichen, und zum anderen die richtigen Parametereinstellungen gefunden
werden, die zu einer beschleunigten Lackalterung im TEMRAI-Test führen. Sofern
keine beschleunigte Alterung im TEMRAI-Test erzielt wird, besteht durch die
Korrelationsversuche die Möglichkeit der Ursachenforschung, d.h. welche
Parametereinstellung eventuell noch nicht für die gewünschte Lackschädigung
ausreichend ist.
Dass die Durchführung der Korrelationsversuche (DMA, TGA, EIS) wichtig ist,
zeigt die Veröffentlichung von Dan Y. Pereras aus dem Jahr 2002 [49]. In dieser
wird die Alterung als Anstieg in der Glasübergangstemperatur und an Crosslink-
Reaktionen, welches sich beides in Form von Stress zeigt, beschrieben. Zudem
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 89 -
zeigte er, dass während der Alterung die Beschichtungen polarer und daher
gegenüber der Wasseraufnahme und der Permeation empfindlicher werden.
Dass die Wasserpenetration die Korrosion nicht nur begünstigt, sondern auch
inneren Stress in einer Beschichtung induziert, wird in einer Publikation von A.S.
Castela et al. [50] erwähnt. Diese inneren Spannungen können aufgrund der
extrahierenden Wirkung von löslichen Komponenten kontrahierender Natur sein
oder sich in einem expansiven Stress durch Quellen äußern.
Die Stressintensität wird von der Beschichtungszusammensetzung, der Art des
Substrates und von Umweltbedingungen bestimmt. Stress in den Beschichtungen
tritt auf, da Anforderungen an diese zur Folge haben, dass die
Glasübergangstemperatur höher als die Umgebungstemperatur ist. Daher
entstehen Brüche und es ereignen sich Delaminationen. Schon allein bei dem
Prozess der Filmbildung erfährt dieser eine Schrumpfung, die einen zugbelasteten
Stress darstellt.
In welchem Maße der Stress auftritt ist laut M.M. Abdel Whab et al. [51] vom Ort
abhängig. Dies bedeutet, dass eine andere Stressintensität an Ecken auftritt als
z.B. an planaren Stellen. Dieselbe Beobachtung machte Y. Yu et al. [52], in dem
er feststellte, dass das Stress-Maximum von der Geometrie und dem Eindringen
von Feuchtigkeit abhängt.
Andrei A. Stolov et al. [53] stellten im Jahr 2001 fest, dass die durchschnittlich
auftretende innere Spannung eines Systems von der Beschichtungsart und
Untersuchungsmethode beeinflusst wird. Daher steht die Beschichtungsqualität
mit dem Vorhandensein von inneren Spannungen im starken Zusammenhang.
Denn die Adhäsion zwischen Substrat und Beschichtung ist von dem an dieser
Grenzschicht auftretenden Stress abhängig.
Dies hat zur Folge, dass bevor ein System gestresst werden kann, eine Adhäsion
zwischen der Beschichtung und dem Substrat vorhanden sein muss.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Betrachtung, ob sich das System
Substrat/Beschichtung frei bewegen kann oder fixiert ist. So untersuchten A.F.
Abdelkader und J.R. White [54] diese Problemstellung. Es stellte sich heraus,
dass sich die Entwicklung von inneren Spannungen während der Trocknung
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 90 -
ereignet. Dabei trat während der Filmaushärtung bei frei beweglichen Systemen
ein höherer Stress auf als bei fixierten Systemen.
Eine andere Beobachtung machte Eberhard Jürgens et al. [6] im Jahr 2006. In
dieser Publikation stellte er fest, dass während der Filmbildung eine Abnahme im
Volumen stattfindet, der so genannte Schrumpfungsprozess. So lang sich die
Schrumpfung ereignen kann, entsteht in der Beschichtung keine Zunahme an
Stress. Dies tritt generell bei Beschichtungen auf, die noch nicht auf dem Substrat
haften. Der entstehende Stress ist ebenfalls für die Beschichtungen
vernachlässigbar, deren Glasübergangstemperaturbereich unterhalb der
Umgebungstemperatur liegt. In diesem Fall ist die Beweglichkeit der
Polymersegmente groß genug, um Umorganisationen zuzulassen, so dass der
Stress sich wieder entspannen kann.
Da die soeben beschriebenen inneren Spannungen die Lackalterung fördern, ist
es das Ziel dieser Arbeit, solche in den zu untersuchenden
Beschichtungssystemen zu erzeugen.
Dies soll durch die im Folgenden beschriebenen Parameter und durch deren
Kombination erfolgen.
2.5.2.2 Elektrolyt
Hygroskopischer Stress wird laut Y. Yu et al. [52] durch die Ausdehnung des
Bindemittels bestimmt, welches die Feuchtigkeit bzw. den Elektrolyten absorbiert.
Da jedes Bindemittel den Elektrolyten unterschiedlich stark absorbiert, entsteht
eine Art von Feuchtegradient über das Bindemittel hinweg. Daher finden
unterschiedliche Ausdehnungen, abhängig vom betrachteten Bindemittel statt,
was bei der Berechnung des hygroskopischen Stresses berücksichtigt werden
muss.
In der Publikation von Michael Dornbusch [55] wurde im Jahr 2007 gezeigt, dass
nicht nur die Elektrolytart, sondern auch die Dicke des Elektrolytfilms einen
starken Einfluss auf die Korrosion von Metallen hat. Es wurde die Korrosionsrate
von mit Elektrolytfilm belasteten Proben bestimmt. Das Ergebnis war, dass eine
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 91 -
sehr dünne Elektrolytschicht eine bis zu sieben Mal höhere Korrosionsrate zur
Folge hatte als ein dicker Elektrolytfilm. Erklärt wird dieses Phänomen durch die
hohe O
2
-Konzentration (aus der Luft) an der dünnen Elektrolytschicht, die zu einer
Zunahme an O
2
-Diffusion führt.
2.5.2.3 Temperatur
Der Parameter „Temperatur“ findet seine Begründung u.a. in der Publikation von
H. De Deurwaerder et al. [56]. In dieser wird beschrieben, dass sowohl
kompressiver als auch zugdehnbarer Stress, der sich während der Immersion in
Feuchtigkeit und der Trocknung entwickelt und dadurch der Haftung
entgegenwirkt, bestimmend für die Schutzeigenschaften einer Beschichtung ist.
Der zugdehnbare Stress tritt während des Schrumpfungsprozess, d.h. während
der Entfernung des absorbierten Wassers, auf. Der kompressive Stress hingegen
ereignet sich nach dem Eintauchen.
Auch Dan Y. Perera [49] stellte im Jahr 2002 fest, dass die Variation von
Luftfeuchte und Temperatur die soeben beschriebenen Stressformen
„zugbelastet“ und „komprimiert“ hervorrufen. Diese Schlussfolgerung zog er aus
zwei Versuchen, bei denen eine Beschichtung einem tropischen Klima (warm und
feucht) ausgesetzt wurde. Bei dem einen Versuch variierte er die Temperatur von
0°C bis 80°C bei einer konstanten relativen Luftfeuchte von 5%. Die Ergebnisse
zeigten, dass die Kombination von geringer Temperatur (ca. 5°C) mit der relativen
Luftfeuchte von 5% zu einem hohen zugbelasteten Stress führt, entsprechend der
Tendenz, dass sich die Beschichtung zusammenziehen will. Beim zweiten
Versuch hingegen wurde die Temperatur konstant auf 21°C gehalten und die
relative Luftfeuchte zwischen 0% und 100% variiert. Aus diesen Ergebnissen lies
sich ableiten, dass die Kombination von höherer Temperatur (21°C) mit relativer
Luftfeuchte (5%) einen hohen komprimierten Stress zur Folge hat. Dies entspricht
der Tendenz, dass sich die Beschichtung ausdehnen möchte.
Ist hingegen die Temperatur unverändert und die Luftfeuchte hoch, so migriert
Wasser in die Beschichtung bzw. in die Grenzschicht Beschichtung/Substrat,
wodurch die Adhäsion abnimmt.
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 92 -
Der häufige Wechsel der Kombinationen von Temperatur und relativer Luftfeuchte
äußert sich in dem sogenannten Ermüdungsstress. Auf diesen bauen eine
Vielzahl von Korrosionstests auf, wie z.B. der KWT-D oder der MeKo-Test im
Mercedes-Benz-Werk Sindelfingen.
Eine weitere Publikation von Eberhard Jürgens et al. [6] zeigte, dass die Funktion
einer Beschichtung entscheidend von der Haftung auf dessen Substrat bestimmt
wird. Dies gilt ebenfalls für die thermischen und hygroskopischen Eigenschaften
der Beschichtung. Enthält die Beschichtung eine Fehlstellung kann eine Änderung
von Temperatur oder Luftfeuchtigkeit zu einem Voranschreiten des Fehlers
aufgrund der Entwicklung von Temperatur- und Feuchte-Stress führen.
Delaminationen und die Bildung von Rissen sind Beispiele für die durch den
Stress entstehenden Defekte.
G. Guisbiers et al. [57] veröffentlichte, dass der thermische Stress durch den
Unterschied der thermischen Ausdehnungskoeffizienten des Substrats und des
Beschichtungsmaterials verursacht wird, wobei sich der Stress vorwiegend in der
Abkühlungsphase aufbaut.
Weitere Versuche der thermischen Belastung von Beschichtungen veröffentlichte
U. Holzhausen et al. 2009 [18]. Als Ergebnis der temperatur- und zeitabhängigen
Wärmelagerung konnte gezeigt werden, dass die Glasübergangstemperaturen T
g
mit der Alterungsdauer t unabhängig von der Messmethode nach der Abhängigkeit
ctkT
Lg
+⋅=
ln
steigen und die inneren Spannungen zunehmen.
Dass die Glasübergangstemperatur einen besonderen Stellenwert bezüglich der
Schutzeigenschaften hat, erwähnt auch L. Valentinelli et al. [58]. Die
Beschichtungen werden während des Temperaturanstiegs durchlässiger und
verlieren an schützender Wirkung aufgrund der Öffnung der Polymerstruktur.
Diese Öffnung bzw. Erweiterung ereignet sich insbesondere bei Überschreiten der
Glasübergangstemperatur. Findet zudem noch eine thermische Zyklisierung
während einer Elektrolytimmersion statt, so stellt dies eine intensive Möglichkeit
dar, eine schnelle Schädigung der Filmeigenschaften zu provozieren.
Diese beschleunigende Wirkung der Zyklisierung bestätigt ebenfalls die
Untersuchung von L. Fedrizzi et al. aus dem Jahr 2003 [59].
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 93 -
Allein die Forderung an Beschichtungen eine Glasübergangstemperatur T
g
oberhalb der Raumtemperatur zu haben, erzeugt eine Stresssituation für die
Beschichtungen. Diese Feststellung machte Perera in seiner Veröffentlichung aus
dem Jahr 2002 [49]. Das Zustandekommen der hohen Glasübergangstemperatur
ergibt sich aus einer Vielzahl anderer Anforderungen an das
Beschichtungssystem, das dieses gewährleisten muss.
2.5.2.4 Mechanische Belastung
Über 90 Prozent der Korrosionsschäden beruhen auf mechanischen Defekten
oder Brüchen [60].
Durch chemische, physikalische und strukturelle Änderungen infolge von Alterung
und Versprödung entstehen Risse. Die Rissbildung stellt ein zentrales Problem
des Korrosionsschutzes dar. So entstehen mechanische Brüche an dem Verbund
Substrat/Beschichtung, wenn die belastenden Spannungen die Adhäsions- und
Kohäsionsfestigkeit (Verbundfestigkeit) übersteigen. Durch Alterung einer
Beschichtung können die Adhäsions- und Kohäsionsfestigkeiten abnehmen und
die Eigenspannungen in der Beschichtung ansteigen [17].
Die Publikation aus dem Jahr 2002 von A.C. Bastos et al. [61] beschreibt die
Degradation von gedehntem Stahl. Bei der Dehnung des Stahls verändern sich
die Positionen der Zink-Kristalle und in der Phosphatschicht bilden sich orthogonal
zu der Gleitrichtung des Zinks Risse. Im Allgemeinen zeigt die Beschichtung
Defekte in der Nähe der Pigmente.
Während der Dehnung können Wasser und Ionen in die Beschichtung
diffundieren, wodurch sich die Pigmente von der Matrix ablösen. Das Ablösen der
Pigmente hat die Bildung von Löchern zur Folge. Des Weiteren wurde festgestellt,
dass Brüche und Deadhäsionen mit dem Dehnungsstress ansteigen. Die Dehnung
verursacht somit Defekte durch Adhäsionsverlust zwischen Polymer und
Pigmenten.
A.C. Bastos et al. zeigten in ihrer Veröffentlichung aus dem Jahr 2004 [62]
Ergebnisse von beschichteten Proben, auf die Spannungen aufgebracht wurden.
Dabei wurde eine gute Korrelation zwischen dem Beschichtungswiderstand und
Dissertation Sabine Zischka Grundlagen
- 94 -
der ausgeübten Spannung beobachtet. Die Abnahme des Widerstands war auf
Defekte und Brüche in der Phosphatschicht und auf den Adhäsionsverlust in der
Polymer/Pigment-Zwischenschicht zurückzuführen. Abhängig von der
Beschichtung variiert deren Wasseraufnahme nach mechanischer Belastung.
Dabei ist eine vergleichsweise schnellere Degradation zu beobachten, wenn der
abschließende Klarlack fehlt. Sofern durch die mechanische Belastung Löcher im
Lack entstehen, sind diese bedingt durch die Freisetzung bzw. Trennung der
Pigmentpartikel. Auch das Substrat zeigt ein Netzwerk von Brüchen und die
Zinkkristalle der Zinkphosphatschicht richten sich nach der Spannungsrichtung
aus. Je nach Belastungsart tritt dabei ein anderes Schadensbild auf.
2.5.2.5 IR-Strahlung, UV-Strahlung
Mark E. Nichols stellte 2002 [63] in seiner Veröffentlichung Untersuchungs-
ergebnisse der Freibewitterung in Florida vor.
Florida zeichnet sich durch eine hohe Sonneneinstrahlung bei hoher
Luftfeuchtigkeit aus. Diese Extrembedingungen sind u.a. ein Grund, weshalb
Florida in dieser Arbeit als Auslagerungsort gewählt wurde.
Durch die UV-Absorption des Lacks ist eine chemische Veränderung des Lacks zu
beobachten. Diese Veränderung ist oft die Photooxidation des Polymer-
Bindemittels, wodurch freie Radikale entstehen. Die freien Radikale greifen die
Klarlackpolymere durch Spaltung bzw. Änderung der Crosslinks an oder
verursachen Kettenbrüche. Chemische Brüche können sich durch Glanzverlust,
Farbveränderungen, Vergilben, Risse oder Abblättern zeigen. Die UV-Schäden
sind von den im Lack enthaltenen Additiven abhängig. So erwähnt Dan Y. Perera
in seiner Veröffentlichung von 2003 [64], dass durch die Photooxidation, die durch
die UV-Strahlung induziert wird, es zu vielen verschiedenen Effekten in der
Beschichtung kommen kann. Diese sind z.B. die Oxidation von Doppelbindungen
und die Spaltung von Polymersegmenten bzw. Cross-linkings.
Auch Ghislain de Joussineau zeigte in seiner Publikation von 2005 [65], dass das
Abblättern einer Beschichtung vom Substrat durch innere Spannungen
hervorgerufen wird, die durch Temperatur- und Belichtungsvariationen verursacht
werden.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 95 -
3 Experimentelles
In diesem Kapitel werden zuerst die verwendeten Materialien und anschließend
die Durchführung der einzelnen Versuche aufgeführt und beschrieben. Die
Teilversuche behandeln die Themen „freitragende Lacke“, „Zugproben“ und
„Freibewitterung/KWT-D“. In separaten Kapiteln wird beschrieben, welche
Untersuchung mit welchem Probekörper durchgeführt wurde. Das Kapitel
„Experimentelles“ wird mit der Entwicklung der einzelnen Bestandteile und dem
Aufbau des TEMRAI-Tests abgeschlossen.
3.1 Substrate
Die in dieser Arbeit verwendeten Substrate sind verzinkter Stahl DC04/06 und
Aluminium AC170. Beide Substrate wurden deshalb ausgewählt, da sie die meist
verbauten Substrate der Mercedes-Benz Werke Sindelfingen und Rastatt sind. So
findet sich im Werk Sindelfingen der verzinkte Stahl z.B. in der Seitenwand der S-
Klasse wieder, während aus Aluminium (AC170) die Motorhaube der S-Klasse
gebaut wird. In Rastatt hingegen wird als Substrat nur verzinkter Stahl verwendet.
3.2 Lackaufbauten
Für die Versuche „freitragende Lacke“, „Zugproben“ und „Freibewitterung/KWT-D“
werden die gleichen Lackaufbauten verwendet, so dass hier der Fehler aufgrund
von der Verwendung von unterschiedlichen Lackmaterialien minimiert werden
kann.
Es wird daher auf die einzelnen Lacke in den jeweiligen Kapiteln nicht erneut
eingegangen. Die untersuchten Lacksysteme aus den Werken Sindelfingen
(klassischer Lackaufbau) und Rastatt (integrierter Lackaufbau) sind der
kathodische Tauchlack (KTL) und die Komplettlackaufbauten mit den Farben
silber, weiß und schwarz. Folglich werden insgesamt acht Lackaufbauten
untersucht. Diese drei Farbtöne wurden deshalb ausgewählt, da sie die große
Bandbreite der unterschiedlichen Basislacke widerspiegelt. So ist mit dem
silbernen Basislack (ca. 30% Pigment) ein Metalliclack vertreten, der zudem, der
noch meist gewünschte Farbton ist. Schwarz ist ein Unilack, der einen
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 96 -
Pigmentanteil von nur ca. 10% aufweist, und damit den geringsten Pigmentanteil
hat. Weiß beinhaltet den höchsten Pigment- und einen geringen Bindemittelanteil.
Der Anteil von Pigment und Bindemittel ist deshalb erwähnt, da bei der Alterung
(v.a. durch UV-Licht) vorwiegend das Bindemittel zerstört wird, dessen Effekt als
„Kreidung“ bekannt ist.
Die KTL wird als einzelne Lackschicht untersucht, da sie die Grundvoraussetzung
für einen funktionierenden Korrosionsschutz bildet.
Die entsprechenden Lackmaterialien sind in den Tabellen 3.1 und 3.2 aufgeführt.
Tabelle 3.1: Verwendete Lackmaterialien, Werk Sindelfingen
Lackschicht Firma Bezeichnung
kathodischer Tauchlack (KTL) BASF Cathoguard (CG) 500
Funktionsschicht (FS) für BL
weiß bzw. silber Hemmelrath Hydro-Füllgrund 113
(MB 7746) Silbergrau
Funktionsschicht (FS) für BL
schwarz Hemmelrath Hydro-Füllgrund 112
Anthrazit PUR OT GL HRG
Basislack (BL) silber PPG Waterborne Basecoat iridiumsilber
(MB 9775)
Basislack (BL) weiß PPG WBBC Optibase Calcitweiß
(MB 9650)
Basislack (BL) schwarz BASF Colorbrite Wasser-Uni-Basislack
(MB 9040) schwarz
Klarlack (KL) PPG 2K-CeramiClear (MB 7746)
Tabelle 3.2: Verwendete Lackmaterialien, Werk Rastatt
Lackschicht Firma Bezeichnung
kathodischer Tauchlack (KTL) Dupont Aqua EC 3000 grau
Wasserbasislack (WBL) 1 für WBL2 silber BASF mondsilber (MB 9706)
Wasserbasislack (WBL) 1 für WBL2 schwarz
BASF meteorgrau (MB 7-195)
Wasserbasislack (WBL) 1 für WBL 2 weiß BASF schneeweiß (MB 9153)
Wasserbasislack (WBL) 2 silber BASF polarsilber (MB 9761)
Wasserbasislack (WBL) 2 schwarz BASF nachtschwarz (MB 9696)
Wasserbasislack (WBL) 2 weiß BASF cirrusweiß (MB 9650)
Klarlack (KL) BASF Slurrygloss 4621 (FY 70-0105)
Durch die passende Zusammenstellung von KTL, Funktionsschicht/WBL1,
Basislack/WBL2 und Klarlack lassen sich die gewünschten Lackaufbauten der
Werke Sindelfingen und Rastatt herstellen.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 97 -
Die Herstellung der verschiedenen KTLs zeigt die folgende Tabelle 3.3.
Tabelle 3.3: Zusammensetzung der KTL-Materialien, Herstellung und Beschichtungs-
parameter
KTL Aqua EC 3000
(Fa. DuPont)
Cathoguard 500
(Fa. BASF)
Ansatz [g] 4000 4000
Bindemittel [g] 1772 1668
VE-Wasser [g] 1828 2118
Pigmentpaste [g] 400 214
Abscheideparameter
Badtemperatur [°C] 30 32
Vorwiderstand [Ω] 100 200
Spannung [V] 320 300
Beschichtungszeit [s] 120 120
Einbrennparameter
Objekttemperatur [°C] 175 175
Zeit [min] 15 15
Die aus obiger Tabelle eingesetzten Komponenten (Bindemittel, Pigmentpaste)
müssen vor der Verwendung homogenisiert werden. Bei der Herstellung im Labor
wird das Bindemittel in einem 5 l-Becherglas mit einem Magnetrührer eingewogen.
Unter Rühren mittels des Magnetrührers werden das VE-Wasser und
anschließend die Pigmentpaste zugegeben. Dieses Gemisch wird für eine Stunde
bei einer Geschwindigkeit von 500 U/min gerührt. Die Beschichtung und
Einbrennung der KTL erfolgt nach den, in der Tabelle 3.3 angegebenen
Parametern.
Die Auftragung der anderen Lackschichten erfolgt mit einem Spritzautomaten
„SuperSemiTech“ der Firma Limann und einer Glockentellerfamilie der Firma Dürr.
Für die einzelnen Lackschichten werden unterschiedliche Glocken benötigt,
welche in der Tabelle 3.4 und 3.5 aufgeführt sind.
Tabelle 3.4: Verwendete Glocken für die jeweilige Lackschicht (Sindelfingen)
Funktionsschicht (FS) Ecobell Standard (ungerändelt): Glocke 44
Basislack (1. Auftrag) Ecobell 2 high flow (ungerändelt): Glocke 59
Basislack (2. Auftrag) Ecobell M (ungerändelt): Glocke 48
Klarlack (KL) Ecobell Standard (ungerändelt): Glocke 58
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 98 -
Tabelle 3.5: Verwendete Glocken für die jeweilige Lackschicht (Rastatt)
Wasserbasislack 1 Glocke 52 (ungerändelt)
Wasserbasislack 2 Glocke 52 (ungerändelt)
Klarlack (KL) Glocke 52 (ungerändelt)
Nach dem Auftrag jeder einzelnen Lackschicht muss diese bei entsprechenden
Bedingungen eingebrannt werden, bevor der nächste Lackauftrag stattfinden
kann.
Die Einbrennbedingungen unterscheiden sich je nach dem, ob die Beschichtung in
der Produktion oder im Labor erfolgt. Generell kann gesagt werden, dass die
Labor-Einbrennbedingungen bei höheren Temperaturen und längerer Dauer
stattfinden. Dies liegt darin begründet, da im Labor die Aufheizphase bis der
Wärmeschrank die entsprechende Temperatur erreicht hat, mit berücksichtigt
werden muss.
In der Produktion hingegen ist die erforderliche Temperatur bereits ab der ersten
Sekunde gegeben.
Die jeweiligen Einbrennbedingungen für die Funktionsschicht, den Basislack und
den Klarlack zeigt Tabelle 3.6.
Tabelle 3.6: Einbrennbedingungen
Min °C
Funktionsschicht 5 70
10 150
Basislack: für Laborprüfungen 5 70
für Produktion 3 60
Klarlack 22 140
Nach der Applikation der Funktionsschicht, des Basislacks und des Klarlacks ist
eine Ablüftzeit vor der jeweiligen Einbrennung erforderlich. Diese beträgt 5 min bei
der Funktionsschicht und dem Basislack, während sie beim Klarlack 7 min lang
andauert.
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- 99 -
3.3 Freitragende Lacke
Prinzipiell können zwei unterschiedliche Methoden angewandt werden, um den
gesamten Lackaufbau oder einzelne Lackschichten als freitragende (bzw. freie)
Lackfilme herzustellen.
Dabei unterscheiden sich die Methoden, je nach dem, um welche Lackschicht es
sich handelt. Die Lackschichten aus Funktionsschicht, Basis- und Klarlack bzw.
ein Filmaufbau aus diesen drei Schichten erfolgt durch die Beschichtung eines
unbeflammten PP-EPDM (Polypropylen-Ethylen-Propylen-Dien-Kautschuk) und
anschließenden Einbrennen der Lacke bei den jeweiligen Bedingungen.
Voraussetzung, die das PP-EPDM besitzen muss, ist die Temperatur- und
Formbeständigkeit bis zu 150°C. Die eingebrannten Lackfilme lassen sich
aufgrund der geringen Oberflächenenergie des unbeflammten PP-EPDM
problemlos abziehen. Um eine Streckung des Films beim Abziehvorgang zu
vermeiden, werden die Filme mit Hilfe einer Rolle aus PP-EPDM abgezogen.
Die Herstellung von freien KTL-Filmen und von Komplettlackaufbauten kann nicht
auf dem oben beschriebenen Weg erfolgen, da zur Abscheidung der KTL ein
leitfähiges Substrat (Kathode) benötigt wird.
Daher werden für diese Abscheidung polierte und hydrophobierte Edelstahlbleche
verwendet. Die Hydrophobierung hat zur Folge, dass die später abgeschiedenen
KTL-Filme und Komplettlackaufbauten sich nach dem Einbrennen wieder gut
ablösen lassen [9/2].
3.3.1 EIS-Messungen der freitragenden Lacke
Die im Kapitel 3.2 aufgeführten Lackaufbauten werden als freie Lacke hergestellt
und mit der elektrochemischen Impedanzspektroskopie mit Hilfe eines „EIS-
Zweikammersystems“ (Abbildung 3.1) vermessen.
Abbildung 3.1: „EIS-Zweikammersystem“- Aussparungen sind die waagerechten Löcher
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 100 -
Das linke Bild der Abbildung 3.1 zeigt die einzelnen Bestandteile des
Zweikammersystems zur Messung der EIS von freien Lackfilmen. Beide
Teflonblöcke besitzen eine runde Aussparung, die mit O-Ringen abgedichtet ist.
Der freie Lackfilm wird zwischen diesen beiden Aussparungen platziert, die Blöcke
zusammengeklappt und mit dem Feststellhebel fixiert.
Das rechte Bild von Abbildung 3.1 zeigt das an die EIS-Messstation
angeschlossene Zweikammersystem. Der freie Lack befindet sich bereits als
Membran zwischen den beiden Teflon-Elektrolytkammern. Die Kammern sind mit
einer 5%igen NaCl-Lösung gleichmäßig hoch gefüllt, so dass auf den Film kein
hydrostatischer Druck wirkt.
Die Referenzelektrode Ag/AgCl (Potential ca. 220mV) und die Gegenelektrode
(Graphitstab mit orange/rot-Anschluss) werden zusammen in der einen Kammer
befestigt, während sich in der anderen Kammer die Arbeitselektrode (Graphitstab
mit blau/grün-Anschluss) befindet. Wird nun eine Wechselspannung angelegt, so
ist ein Stromfluss durch den Film gegeben. Der Membran- bzw. Filmwiderstand
wird mit dem Messsystem „Gamry Instruments Reference 600“ bestimmt, welches
zur Messung aller in dieser Arbeit vorkommenden EIS-Spektren verwendet wurde.
Da sich der Film die vollständige Messzeit über im Elektrolyten befindet, nimmt er
zunehmend Elektrolyt auf bzw. es erhöht sich die Zeit, in der sich Fehlstellen
bilden können. Sobald eine Art von Fehlstelle auftritt, ist dies in der Abnahme des
Film-Widerstandwerts im EIS-Spektrum sichtbar. Eine eventuell erfolgte Quellung
des Films ist über die Kapazitätsänderung zugänglich.
Die Messdauer kann beliebig variiert werden. Jedoch hat es sich nach einer
Langzeitmessung von über zwei Wochen gezeigt, dass sich nach der ersten
Abnahme des Beschichtungswiderstands (ca. 7 Tage) keine weitere Abnahme
ereignet. Somit wurden die Messungen nach der ersten Widerstandsabnahme
beendet.
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- 101 -
3.3.2 DMA-Messungen
Die Durchführung der DMA erfolgte am Fraunhofer Institut „IPA“ in Stuttgart. Zur
Anwendung kam der „Dynamisch Mechanische Analysator 242, Modell DMA 242
C“ des Herstellers Netzsch. Die einzelnen Bestandteile der „DMA 242 C“ sind in
der folgenden Abbildung 3.2 [66] zu sehen.
Abbildung 3.2: Aufstellungsplan der „DMA 242 C“
Abbildung 3.2 zeigt die einzelnen Bestandteile der „DMA 242 C“ und deren
Anordnung. Der Aufstellungsplan beinhaltet die Komponenten, welche für die
Durchführung einer DMA-Messung notwendig sind. Dazu gehören ein
Vorratsgefäß für das Kühlmittel, ein Thermostat, der TA-System Controller 414/4,
der DMA-Controller, ein Computer mit Drucker und als Kernstück der DMA, das
Messteil. Dessen Arbeitsweise ist in der folgenden Abbildung 3.3 detaillierter
aufgeführt.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 102 -
Abbildung 3.3: Arbeitsweise der „DMA 242 C“ [65]
Abbildung 3.3 zeigt die einzelnen Bestandteile, aus denen das DMA-Messteil
besteht.
Um vollständige DMA-Spektren für jeden freien Lack zu erhalten, mussten
mehrere Messungen für einen Lack durchgeführt werden. Für die KTL wurde der
Temperaturbereich von 25°C bis 140°C gewählt, da in diesem der Glaszustand,
die Glasübergangstemperatur und das Vernetzungsverhalten vertreten waren. Für
die Komplettlackaufbauten reichte dieser Temperaturbereich nicht aus, da in
diesem keine Aussage über den Glaszustand getroffen werden konnte. Somit
wurde dieser bis auf -20°C erweitert, so dass die DMA-Spektren der
Komplettlackaufbauten einen Temperaturbereich von -20°C bis 140°C abdecken.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 103 -
3.3.3 TGA-Messungen
Die Durchführung der thermogravimetrischen Analyse (TGA) erfolgte mit der TGA-
Messapparatur „TGA/SDTA851
e
“
der Firma Mettler Toledo und dem
Massenspektrometer „ThermoStar“ der Firma Pfeiffer Vakuum an der Universität
Paderborn. Für die Untersuchung der freien Lackfilme wurde das folgende
Temperaturprofil gewählt:
Abbildung 3.4: Temperaturprofil für die Untersuchung der freien Lackfilme
Wie in Abbildung 3.4 zu sehen, erfolgt die Erwärmung der freien Lacke in 50°C-
Stufen. Diese Stufen werden über einen Temperaturanstieg von 2K pro Minute
erreicht. Sobald eine 50°C-Stufe erreicht ist, wird diese über 30 Minuten isotherm
gehalten bevor die nächste Temperaturerhöhung stattfindet. Dieses
Temperaturprofil bis 350°C wird für die Unterscheidung der einzelnen
stufenförmigen Gewichtsabnahmen verwendet.
Ein weiteres Temperaturprofil von 25°C bis 650°C, bei dem die
Temperaturerhöhung um jeweils 20K pro Minute erfolgt, wird für die Bestimmung
des Bindemittelanteils und der anorganischen Lackbestandteile (anorganische
Pigmente und Füllstoffe) angewandt.
Bevor die einzelnen freien Lackfilme in einer Doppelbestimmung gemessen
wurden, sind diese in einem Klimaschrank für 48 Stunden bei 20°C und einer
relativen Luftfeuchte von 50% ausgelagert worden. Dadurch befinden sich die
freien Lackfilme vor der TGA-Messung im gleichen Ausgangszustand.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 104 -
3.4 Zugproben
Eine Zugprobe ist das Teststück bzw. Versuchsstück der Werkstoffprüfung. Durch
diese können Werkstoffkenndaten wie z.B. die Zugfestigkeit ermittelt werden.
Während des Zugs werden für die Auswertung Spannungs-/Dehnungs-
Diagramme aufgenommen. Eine detaillierte Beschreibung der Diagramme findet
sich in Kapitel 2.1.10.
3.4.1 Herstellung der Zugproben
Die folgende Abbildung 3.5 zeigt die schematische Darstellung einer Zugprobe,
die aus verzinkten Stahl- bzw. Aluminiumplatten ausgeschnitten wird.
Abbildung 3.5: Zugprobe mit den vorgegebenen Maßen in Millimeter
Wie in Abbildung 3.5 zu sehen, hat die Zugprobe A80 eine spezielle Form. Die
Maße der Zugprobe sind an die DIN EN 10002-1 angelehnt und somit einheitlich.
Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass die Materialkennwerte verschiedener
Zugproben miteinander verglichen und Fehler aufgrund verschiedener Maße bei
der EIS minimiert werden können.
3.4.2 Durchführung der Zugprobenversuche
Die Zugproben werden mit der Zugmaschine „Zwick“ im Mercedes-Benz Werk
Sindelfingen gezogen. Hierbei werden zwei Zuggeschwindigkeiten gewählt:
2mm/min und 200mm/min. Bei einer Geschwindigkeit von 2mm/min soll dem
System Zeit gegeben werden, sich an die entsprechende Dehnung „anzupassen“
(zu relaxieren), während 200mm/min für die Nachstellung einer Delle bzw. eines
Eindrucks gewählt wurde. Folglich können aus diesen Ergebnissen mehrere
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 105 -
Aussagen abgeleitet werden. Zum einen über den Zusammenhang zwischen
Dehnungsgeschwindigkeit und Beschichtungswiderstand sowie über den
Vergleich der Lacksysteme untereinander und zum anderen über die Haftung
zwischen dem Substrat und dem Lack (Adhäsion) bzw. der Haftung innerhalb des
Lacks (Kohäsion).
Da die Substrate verzinkter Stahl und Aluminium nach einer Dehnung von 30mm
bzw. 20mm reißen, werden diese unterschiedlich weit gedehnt. So erfährt der
verzinkte Stahl eine Dehnung von 5, 10, 15, 20 und 25mm während das
Aluminium lediglich um 5, 10 und 15mm gezogen wird. Nach jeder aufgebrachten
Dehnung wird der Beschichtungswiderstand mit der EIS gemessen.
Die Auswertung erfolgt einerseits mit der zur Prüfmaschine zugehörigen
Prüfsoftware „testXpert V9.01“ der Firma Zwick/Roell und andererseits mit der
EIS-Messung. Diese zwei Auswertemethoden sind in den folgenden Abbildungen
3.6 und 3.7 zu sehen.
0 2 4 6
0
100
200
300
Dehnung in mm
Spannung in N/mm²
Abbildung 3.6: Zug-Dehnungsdiagramm einer Zugprobe
Abbildung 3.6 zeigt ein Zug-Dehnungsdiagramm einer bis zu 5mm gezogenen
Zugprobe. Die Dehnungsgeschwindigkeit von 2mm/min kann aus diesem
Diagramm nicht entnommen werden.
Jede weitere Dehnung erfolgt in 5mm-Schritten. Nach jeder Dehnung wird die
elektrochemische Impedanz gemessen, so dass den jeweiligen Dehnungsstufen
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 106 -
eine entsprechende Impedanzkurve zugeordnet werden kann. Eine für die EIS-
Messung vorbereitete Zugprobe zeigt die folgende Abbildung:
Abbildung 3.7: EIS-Messung einer Zugprobe
In Abbildung 3.7 ist eine für die EIS-Messung angeschlossene Zugprobe zu
sehen. Die Arbeitselektrode (grün/blau) wird an einer vom Lack befreiten Stelle
angeschlossen, während die Gegenelektrode (rot/orange) an einem Graphitstab
angeschlossen ist. Als Referenzelektrode dient eine Ag/AgCl-Elektrode, die in
einer 0,5%igen NaCl-Lösung als Elektrolyt getaucht ist. Die mit dem Elektrolyten
belastete Zugprobenfläche beträgt 19cm².
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 107 -
3.5 Korrosionsprüfverfahren: Freibewitterung und KWT-D
Das Mercedes-Benz Werk (Sindelfingen) hat zahlreiche Prüfverfahren, um
Korrosionsvorhersagen von Materialien und PKWs unter verschiedenen
Testbedingungen treffen zu können.
Bei den in dieser Arbeit angewandten Prüfverfahren gilt es zu unterscheiden, dass
die Freibewitterung eine Langzeituntersuchung unter realen Umweltbedingungen
ist, während der KWT-D ein Prüfverfahren darstellt, bei dem verschiedene
klimatische Bedingungen in verkürzter Prüfdauer simuliert werden. Beide
Verfahren korrelieren gut miteinander.
3.5.1 Freibewitterung (VDA 621-414)
Die Freibewitterung der Stahl- und Aluminiumsubstrate mit den jeweiligen
Lackaufbauten wurden in drei verschiedenen Ländern durchgeführt: in
Deutschland (Sindelfingen), Dänemark (Kopenhagen) und in den USA (Florida,
Miami).
Durch die Wahl dieser drei Länder wird ein großes Spektrum an Klimata
abgedeckt: von feucht, salzhaltig und kalt bis zu feucht, salzhaltig und warm.
Jedes Freibewitterungsblech erfuhr einmal wöchentlich die Besprühung mit einer
5%-igen NaCl-Lösung.
Abbildung 3.8 zeigt die Freibewitterungsstation in Florida, während in Abbildung
3.9 exemplarisch ein Freibewitterungsblech zu sehen ist.
Abbildung 3.8: Freibewitterungsbleche, Auslagerungsort Florida
Wie Abbildung 3.8 zeigt, werden die Freibewitterungbleche in einem
Neigungswinkel von 5° auf einem Gestell befestigt, so dass sie auch bei Wind
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- 108 -
fixiert sind. Die Orientierung der Bleche erfolgt mit dem Ritz nach unten, um so
eine möglichst lange Belastungszeit durch die aufgesprühte Elektrolytlösung und
durch den Regen zu erreichen.
Abbildung 3.9: Freibewitterungsblech
In Abbildung 3.9 ist zu sehen, dass auf dem Freibewitterungsblech eine Fläche für
die EIS-Messung und ein Ritz vorhanden sind. Sowohl die Referenz der EIS-
Messung, wie auch die EIS-Messungen, welche jährlich durchgeführt wurden,
erfolgten auf dieser Fläche.
Der Ritz dient zur Beobachtung der Unterwanderung. Dieser wurde ebenfalls als
Referenz vor der Freibewitterung thermografisch aufgenommen und jährlich
vermessen, um das Fortschreiten der Unterwanderung beurteilen zu können und
die verschiedenen Substrate sowie Lackaufbauten miteinander vergleichen zu
können.
3.5.2 Klimawechseltest nach Daimler (KWT-D)
Der KWT-D erfolgte nach der im Kapitel 2.3.2 beschriebenen Vorgehensweise. Da
der KWT-D ein bedeutendes Testverfahren des Sindelfinger Mercedes-Benz
Werks zur Korrosions-Beurteilung ist, wurde er als „Referenz-Test“ mit den
gleichen Substraten und Lackaufbauten (vgl. Kapitel 3.1 und 3.2) durchgeführt.
Fläche für die EIS-Messung
Ritz (Unterwanderung)
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- 109 -
3.6 Schliffpräparation
Die Durchführung der Schliffpräparation erfolgte nach der im Kapitel 2.4.1
vorgestellten Methode. In dieser Arbeit wurden lediglich Proben, bei denen sich
eine spezielle Fragestellung ergab, durch metallographische Querschliffe
untersucht.
3.7 Ritzunterwanderung, SMART
Die Bestimmung der Ritzunterwanderung ist nach Beschreibung im Kapitel 2.4.2
durchgeführt worden.
3.8 Thermografie
Die Thermografieuntersuchungen erfolgten an dem Ritz der Freibewitterungs- und
der KWT-D-Bleche. Die Durchführung der Thermografie ist in Kapitel 2.4.3
beschrieben.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 110 -
3.9 Entwicklung des TEMRAI-Tests
Die Entwicklung des TEMRAI-Tests unterteilt sich in zwei Kapitel, die den
theoretischen Ablauf (Kapitel 3.9.1) und die Umsetzung der theoretischen
Erkenntnisse (Kapitel 3.9.2) behandeln.
3.9.1 FMEA
Nachdem die Belastungskollektive für den TEMRAI-Test festgelegt wurden,
erfolgte die Erstellung einer FMEA. FMEA ist die Abkürzung für „Failure Mode and
Effects Analysis“ bzw. „Fehler-Möglichkeits- und Einflussanalyse“ oder auch
„Auswirkungsanalyse“. Bei der FMEA werden mögliche Fehlerquellen tabellarisch
erfasst und priorisiert. Die Priorisierung/Bewertung erfolgt zum einen nach der
Wahrscheinlichkeit des tatsächlichen Auftretens und zum anderen nach der
Schwere der Auswirkung für den Test. So ergibt sich ein „Ranking“ der einzelnen
Fehlermöglichkeiten. Anschließend erfolgt die Erstellung von Abhilfemaßnahmen
für die einzelnen Fehler, d.h. eine spezifische Problemlösung, wodurch sich das
„Ranking“ ändern kann (siehe Tabelle 3.7).
Durch die FMEA ist es möglich bereits im Vorfeld, d.h. vor der Herstellung der
Messstation, Fehler auszuschließen bzw. zu minimieren. Gleichzeitig sind
aufgrund der erfolgten Problemlösung Abhilfemaßnahmen zur Hand, die bei
Bedarf sofort eingesetzt werden können. Diese Vorgehensweise erspart in der
Entwicklungs- und Produktionsphase sowohl Zeit als auch Geld.
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 111 -
Tabelle 3.7: FMEA – Bewertungskriterien [67]
Tabelle 3.7 zeigt für die möglich auftretenden Fehler die entsprechende
Bewertung. Durch diese Bewertung ergibt sich in Summe die Gewichtung der
einzelnen Problemmöglichkeiten, die in der darauf folgenden Entwicklung des
TEMRAI-Tests berücksichtigt und vermieden werden sollen.
Nach erfolgter FMEA wurde für den TEMRAI-Test ein sehr hoher RPN-Wert
(=2508) festgestellt. Je höher der RPN-Wert, desto größer ist das mögliche
Auftreten von Problemen. Somit ist es das Ziel, den RPN-Wert möglichst gering zu
halten.
Bei der Entwicklung des TEMRAI-Tests entstand dieser hohe Wert zum größten
Teil aufgrund der ersten Idee, eine Messapparatur mit vier parallel zu messenden
Bereichen herzustellen. Somit musste die Dichtheit für vier
Elektrolytaussparungen zeitgleich gewährleistet werden. Dieses Ziel konnte mit
diesem Aufbau jedoch nicht realisiert werden. Daher wurden die Messbereiche auf
einen einzelnen reduziert. Die geforderte Dichtheit lies sich durch ein bis zwei O-
Ringdichtungen und Schrauben einfach umsetzen. Zudem konnte mit diesem
Aufbau gewährleistet werden, dass der zentrale Messbereich mit allen
Belastungskollektiven gleichmäßig beaufschlagt wird. Ein anderes Problem war
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 112 -
die Hitzeentwicklung bei der Beleuchtungseinheit. Diesem wurde dadurch Abhilfe
geschaffen, dass in die Abdeckung Belüftungsschlitze eingefügt wurden.
Grundvoraussetzung bei der Entwicklung des TEMRAI-Tests war natürlich dessen
Korrosionsbeständigkeit. Durch das Verwenden korrosionsbeständiger Materialien
(Edelstahl, Teflon) wurde diese umgesetzt.
Nach diesen Maßnahmen war eine deutliche Reduktion des RPN-Werts um 30%
auf 764 zu sehen.
Anschließend folgte die Herstellung der einzelnen Bestandteile und der
Zusammenbau des TEMRAI-Tests (siehe Kapitel 3.9.2).
3.9.2 Entwicklung des TEMRAI-Tests: Umsetzung der Erkenntnisse
Nach den gewonnenen Erkenntnissen aus Kapitel 3.9.1 wurde die
Konstruktionszeichnung des TEMRAI-Tests angefertigt (siehe Abbildung 3.10a).
Die jeweiligen Belastungskollektive sind durch die Herstellung der separaten
Bauteile realisiert worden. Abbildung 3.10b zeigt die reale Umsetzung des
TEMRAI-Tests.
Abbildung 3.10a: Konstruktionszeichnung des TEMRAI-Tests
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- 113 -
Abbildung 3.10b: TEMRAI-Test „in Realität“
Abbildungen 3.10a und 3.10b zeigen, dass die Konstruktionszeichnung des
TEMRAI-Tests sehr gut mit der tatsächlichen Ausführung übereinstimmt. Der
TEMRAI-Test enthält alle geforderten Belastungskollektive „Temperatur“,
„Elektrolyt“, „Mechanik“ und „Strahlung“, die in den Kapiteln 3.9.2.1 bis 3.9.2.4
detailliert beschrieben werden.
3.9.2.1 Temperatur
Durch die Temperierung nimmt die Beweglichkeit der Polymersegmente zu [49],
da sich die Polymerstruktur erweitert [58] (z.B. durch Bindungsspaltung). Dadurch
wird die Beschichtung gegenüber Wasseraufnahme empfindlicher, was zur
Quellung führen kann [50].
Für die Temperierung des Prüfblechs stehen mehrere Möglichkeiten zur
Verfügung. Die Temperierung des Elektrolyten ist in Kapitel 3.9.2.2 nachzulesen.
Die anderen Möglichkeiten sind zum einen die Temperierung der Bodenplatte
(siehe Abbildung 3.11a) und zum anderen die Temperierung über die IR-Strahlung
in der Abdeckung (siehe Abbildung 3.11b).
Abdeckung mit IR- und UV-Lampe
(vgl. Kapitel 3.9.1.1 und Kapitel 3.9.1.4)
Teflonblock im Innern der Abdeckung
(vgl. Kapitel 3.9.1.2)
Prüfkörper (planes Blech)
Bodenplatte, zweiteilig
(vgl. Kapitel 3.9.1.1)
Stößel zur Kraftaufbringung
(vgl. Kapitel 3.9.1.3)
Schwingerreger 4808
(vgl. Kapitel 3.9.1.3)
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- 114 -
Abbildung 3.11a: Temperierbare Bodenplatte
Abbildung 3.11a zeigt die temperierbare Bodenplatte. Zur Verwirklichung des
Temperaturgradienten sind in diese Kühlschlangen eingefräst, durch die das
Kühlmedium fließt. Das Kühlmedium Glykol kann hierbei relativ zur
Umgebungstemperatur gekühlt (-40° bis -30°C) oder beheizt (ca. 200°C) werden.
Außerdem besitzt die Bodenplatte eine kreisrunde Aussparung, um durch diese
den Stößel des Schwingungserregers an der Unterseite des Prüfblechs direkt
befestigen zu können (mechanisches Belastungskollektiv siehe Kapitel 3.9.2.3).
Abbildung 3.11b: IR-Strahlung
Wie in Abbildung 3.11b zu sehen, befindet sich zur Erwärmung des zu
untersuchenden Prüfblechs die IR-Lampe in der Abdeckung. Damit wird das
Prüfblech von oben mit Strahlung beaufschlagt. Durch An- und Ausschalten kann
die gewünschte Temperatur von 23°C bis zu ca. 110°C erreicht werden. Zusätzlich
sind zwei Abschirmungsbleche zu sehen, die gewährleisten, dass die Strahlung
die vollständige Prüffläche (d.h. die Aussparung) erreicht.
Kühlschlangen
kreisrunde Aussparung für den Stößel
des Schwingungserregers, der direkt
am Prüfblech angeklebt wird.
UV-Lampe
IR-Lampe
Abschirmung
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- 115 -
3.9.2.2 Elektrolyt
Nur in Anwesenheit von Elektrolyten sind elektrochemische Korrosionsvorgänge
möglich. Während der Lackalterung werden die Beschichtungen polarer und
hinsichtlich der Wasseraufnahme empfindlicher [49]. Durch die Wasserpenetration
wird die Entstehung von inneren Spannungen begünstigt, was zur Quellung des
Beschichtungssystems führt [50]. Der hygroskopische Stress wird u.a. durch die
Ausdehnung des Bindemittels bestimmt [52], weshalb der Bindemittelanteil der in
dieser Arbeit verwendeten Lackaufbauten bestimmt wird (vgl. Kapitel 3.3.3).
Die Belastung des Prüfblechs mit dem Elektrolyten wird durch eine kreisrunde
Aussparung im Teflonblock ermöglicht.
Abbildung 3.12: Teflonblock mit Anschlüssen
Abbildung 3.12 zeigt den angefertigten Teflonblock, der eine im Durchmesser
10cm große Aussparung enthält, in die der Elektrolyt gefüllt wird. Die Befüllung mit
Elektrolyt kann entweder per Hand erfolgen oder sie ist temperierbar über einen
Zu- und Ablauf geregelt. Die Grenzwerte der möglichen Temperierung ergeben
sich aus dem Gefrier- und Siedepunkt des zu temperierenden Elektrolyts. Des
Weiteren sind mehrere Bohrungen sichtbar, die für die Elektrode,
Temperaturfühler und Kabelführungen vorgesehen sind. Der Elektrolyt kann über
eine Umwälzpumpe, für die ebenfalls Aussparungen vorhanden sind, temperiert
werden.
Wichtig, den Teflonblock betreffend, ist dessen Temperaturbeständigkeit und
Dichtheit. Die Dichtheit wird über einen O-Ring und über acht Schrauben zur
Befestigung an der Bodenplatte realisiert.
kreisrunde Aussparung für die Befüllung mit
Elektrolyt, die bis auf das Prüfblech durchgeht
O-Ring-Dichtung(en) für die Dichtheit zum
Probeblech
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- 116 -
3.9.2.3 Mechanische Belastung
Da über 90% der Korrosionsschäden aufgrund von mechanischen Defekten bzw.
Brüchen entstehen [60], sollen die Lacksysteme hinsichtlich ihrer mechanischen
Belastbarkeit untersucht werden. Eine der Auswirkung der mechanischen
Beanspruchung ist, dass während der Dehnung Wasser und Ionen in die
Beschichtung diffundieren und sich Pigmente von der Matrix ablösen können [60].
Folglich werden die Lacksysteme in linearen Zugdehungsversuche geprüft (siehe
Kapitel 3.4) sowie deren Pigmentanteil bestimmt (siehe Kapitel 3.3.3). Diese
Ergebnisse stehen den Ergebnissen des TEMRAI-Tests gegenüber, so dass sie
miteinander verglichen werden können.
Mit Hilfe von verschiedenen Simulationsversuchen werden die Kräfte und
Spannungen simuliert, die auf PKW-Karosseriebereiche während des
Alltagsfahrbetriebs wirken. Aufgrund von diesen Ergebnissen wird der
Schwingungserreger ausgewählt, der im TEMRAI-Test zum Einsatz kommen soll.
Torsionssimulationen von Karosseriebereichen „im Alltagsfahrbetrieb“ zeigten
auftretende Kräfte von maximal 2567N. Die dabei herrschenden Vergleichs-
spannungen variieren je nach Frequenz. Es ergibt sich bei 23Hz eine Spannung
von 58N/mm², bei 34Hz von 55N/mm² und bei 40Hz von 92N/mm².
Abbildung 3.13a: Torsionssimulation des Alltagfahrbetriebs eines Karosseriebereichs
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 117 -
Abbildung 3.13b: Torsionssimulation des Alltagfahrbetriebs einer Karosserie
In den Abbildungen 3.13a und 3.13b ist eine Simulation der Spannungen sichtbar,
die auf eine Karosserie im Alltagsfahrbetrieb wirken. Hierbei treten maximale
Spannungen bis zu 55N/mm² auf. Diese Bereiche („rot“), sind u.a. auch
korrosionskritische Stellen. Bereiche, die geringe Kräfte bzw. Spannungen
erfahren sind in der Farbe „blau“ dargestellt. Anhand der simulierten Kräfte
erfolgte die Wahl des Schwingerregers, der ebenfalls im Stande sein muss, diese
Spannung in Form von Kraft auf den Prüfkörper aufzubringen.
Werden diese Simulationsversuche auf die Simulation einer Blechverformung
(Durchmesser 100mm) übertragen und wird dieses mit einer Kraft von 10N zentral
belastet, tritt folgende Spannungsverteilung auf.
Abbildung 3.14a: Simulationsversuch Blechverformung_Spannung
Wie in Abbildung 3.14a zu sehen, treten bei einer zentralen Belastungskraft von
10N Spannungen bis ca. 26N/mm² auf. Die hierbei erzeugte Kraftverteilung ist in
Abbildung 3.14b zu sehen.
„rot“ zeigt die Bereiche mit den größten
wirkenden Kräften bzw. Spannungen an
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 118 -
Abbildung 3.14b: Simulationsversuch Blechverformung_Anregungskraft 10N
Abbildung 3.14b zeigt, dass bei einer zentralen Belastungskraft von 10N die sich
auswirkende Kraft gleichmäßig zum Blechrand hin (bezogen auf das Zentrum)
abnimmt. Folglich ist die maximal erreichbare mechanische Belastung des Blechs
in dessen Zentrum bei zentraler Anregung (wie dies im TEMRAI-Test durchgeführt
wird).
Die Ergebnisse dieser Simulationsversuche sind maßgebend für die Auswahl des
im TEMRAI-Test einzusetzenden Schwingerregers. Dieser muss in der Lage sein,
dementsprechende Spannungen bzw. Kräfte auf den zu untersuchenden Prüfling
aufzubringen. So erfolgt die Umsetzung der mechanischen Belastung mit dem
„Schwingerreger 4808“ der Firma Brühl & Kjaer (siehe Abbildung 3.15).
Abbildung 3.15: Schwingerreger 4808 (Fa. Brühl & Kjaer)
Abbildung 3.15 zeigt den ausgewählten Schwingerreger, der Kräfte bis zu 100N
auf den Prüfkörper aufbringen kann. Daher sind die für die Simulation des
Stößel
Plättchen für Kleber
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 119 -
Alltagfahrbetriebs erforderlichen Spannungen von maximal 55N/mm² abgedeckt.
An dem Schwingerreger wird ein Kraftaufnehmer befestigt, welcher an der
Unterseite des Prüfkörpers verklebt wird. Dieser sorgt für die Einleitung und
„Überwachung“ der Kraft, die auf den Prüfkörper wirken soll. Die Kraftaufbringung
kann über verschiedene Schwingungsformen, z.B. sinus-Funktion, erfolgen oder
es können die Daten des realen Fahrbetriebs eingespeist werden.
Über den Verstärker „Power Amplifier Type 2719“ der Firma Brüel&Kjaer wird die
entsprechende Spannung bzw. der Strom eingestellt. Der Verstärker ist der
limitierende Faktor, da sowohl Spannung als auch Strom nicht beliebig erhöht
werden können.
3.9.2.4 IR-Strahlung, UV-Strahlung
Die IR-Strahlung dient der Erzeugung der benötigten Prüftemperatur (siehe auch
Kapitel 3.9.2.1 - Temperatur), während mit Hilfe des UV-Strahlers eine Lack-
alterung hervorgerufen werden soll.
Dieser, als fotochemische Alterung bezeichneter Abbauprozess [25], beinhaltet
u.a. z.B. die Spaltung von Doppelbindungen. Als Folge erweitert sich das
Polymernetzwerk, wodurch der Elektrolyt einfacher in die Beschichtung
diffundieren kann.
Weitere mögliche Folgen des witterungsbedingten Materialabbaus ist zum einen
der selektive Bindemittelabbau, wodurch Pigmente freigesetzt werden („Kreidung“)
und zum anderen der selektive Pigmentabbau, der zur einer Erhöhung der
Rauheit der Lackoberfläche führt. Dieser äußert sich meistens durch Glanzverlust
oder Vergrauung des Lacks [25]. Aufgrund dieser Beobachtung wird mit der TGA-
Methode der Bindemittel- und der Pigmentanteil der jeweiligen Lacksysteme
bestimmt.
In der angefertigten Abdeckung befindet sich von der Firma Osram neben der IR-
Lampe „Halotherm ITT 500/235-0170K“ der UV-Hochdruckstrahler „Supratec HAT
150-221“ (siehe Abbildung 3.11b).
Beide Lampen wurden nach den Empfehlungen von Fachbereichen und aufgrund
der Herstellerangabe („für künstliche Materialalterung geeignet“) ausgewählt.
Dadurch war zum einen gewährleistet, dass die Temperaturerzeugung von
ca. 110°C durch die IR-Strahlung gegeben ist und zum anderen, dass das
Dissertation Sabine Zischka Experimentelles
- 120 -
benötigte Strahlungsspektrum der UV-Strahlung Berücksichtigung findet (siehe
Abbildung 3.16).
Abbildung 3.16: Wellenlängenspektrum des UV-Hochdruckstrahlers
Abbildung 3.16 zeigt sowohl den UVA- als auch den UVB-Strahlungsbereich. Die
UVB-Strahlung liegt im Kurzwellenbereich von 280nm bis 315nm, die UVA-
Strahlung reicht hingegen von 315nm bis 400nm.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 121 -
4 Ergebnisse und Diskussion
Das Ergebnis-Kapitel unterteilt sich in die fünf großen Abschnitte: „freitragende
Lacke“, „Zugproben“, „Freibewitterung / KWT-D“, „Korrelation der Ergebnisse (der
Kapitel 4.1 bis 4.3)“ und TEMRAI-Test. In jedem dieser Kapitel sind in separaten
Unterkapiteln die Ergebnisse der verschiedenen durchgeführten Messarten
dargestellt. Zusätzlich erfolgt gegebenenfalls die Unterscheidung zwischen „KTL“
und „Komplettlackaufbau“ bzw. zwischen den Substraten „verzinkter Stahl“ und
„Aluminium“.
4.1 Freitragende Lacke
Die Untersuchung der freitragenden Lacke dient dazu, spezifische Eigenschaften
des Lacks ohne Beeinflussung durch ein Substrat bestimmen zu können.
So stellten Sangaj und Malshe [3] fest, dass sich unterschiedliche Filmstrukturen
des gleichen Polymers, abhängig von der Oberflächenpolarität des zu
beschichteten Substrats, ausbilden. Zudem erwähnten sie, dass es Indizien dafür
gibt, dass das Substrat während der Filmbildung eine Orientierung der
Molekülketten hervorrufen kann.
Eine weitere Beobachtung war, dass sich innere Spannungen unterschiedlich
stark entwickeln, je nach dem, ob eine Beschichtung auf einem Substrat oder als
freier Lackfilm aushärtet. Diese verursachen die verschiedenen thermischen
Ausdehnungskoeffizienten von Substrat und Beschichtung [6].
Die Ergebnisse der freien Lackfilme werden in die drei Untersuchungsmethoden
EIS, DMA und TGA unterteilt. Zusätzlich erfolgt die Unterscheidung zwischen den
KTL-Lacken und den Komplettlackaufbauten.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 122 -
4.1.1 EIS-Messung
Zur Untersuchung der freien Lackfilme mit der Methode der elektrochemischen
Impedanzspektroskopie wurde jeweils eine Doppelbestimmung der Lackaufbauten
durchgeführt.
Da sich die Lackfilme für eine Woche in einer 5%igen NaCl-Lösung befinden,
werden mit der EIS eine mögliche Quellung der freien Filme (durch die Änderung
der Beschichtungskapazität) und die Änderung des Beschichtungswiderstands
bestimmt. Die Beschichtungsparameter ergeben sich aus der jeweiligen
numerischen Anpassung (vgl. Kapitel 2.4.4), die im Anhang zu finden ist.
4.1.1.1 KTL
Die folgenden beiden Abbildungen 4.1a und 4.1b zeigen das elektrochemische
Verhalten der KTL aus dem Mercedes-Benz Werk Rastatt.
Abbildung 4.1a: freitragender Lack: Rastatt_KTL 2
Wie in Abbildung 4.1a zu sehen, ist bereits im Referenzzustand ein
Porenwiderstand R
1
durch dessen geringen Wert (10
8
Ω) erkennbar. Dieser deutet
auf eine beschädigte Oberfläche hin, da unbeschädigte Lackoberflächen R
1
-Werte
zwischen 10
11
Ω und 10
12
Ω aufweisen. Nach 7 Tagen Immersion vergrößerte sich
die Beschädigung, wodurch der Porenwiderstand weiter abnimmt. Die
Beschichtungsparameter der „Rastatter KTL 2“ zeigt Tabelle 4.1a, wobei deren
zugehörigen numerischen Anpassungen im Anhang zu finden sind.
Freitragende Lacke: Rastatt_KTL 2
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Im p e d a n z [O h m ]
Referenz
7.Tag
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 123 -
Tabelle 4.1a: Beschichtungsparameter, freitragender Lack: Rastatt_KTL 2
Rastatt KTL 2 Referenz
7. Tag
R
1
[Ω/cm²] 1.05E+08
2.12E+07
R
0
[Ω/cm²] 1.76E-12
2.95E-12
C
1
[F/cm²] 1.85E-10
1.79E-10
Goodness of fit
88.55% 97.94%
Tabelle 4.1a bestätigt die beschriebene Abnahme des Porenwiderstands. So liegt
der Beschichtungswiderstand der Referenz bei 10
8
Ω und nach 7 Tagen Immersion
bei 10
7
Ω. Widerstände geringer als 10
7
Ω zeigen nach David Loveday et al. [68]
an, dass die Beschichtung unzureichende Schutzeigenschaften gegenüber
Korrosion aufweist.
Die Werte der Beschichtungskapazität von 10
-10
F liegen im Wertebereich von
0,1nF bis 1nF, der in der Publikation von David Loveday et al. [48] angegeben
wird. Es ist eine kaum merkliche Zunahme der Kapazität zu sehen, die im
Fehlerbereich der berechneten Kapazitätswerte liegt. Dies deckt sich mit der
Aussage von Li et al. [5], der feststellte, dass eine deutliche Zunahme der
Kapazität erst bei Kombination von erhöhter Temperatur mit Immersion in Wasser
im niederfrequenten Bereich stattfindet. Erhöhte Temperatur bedeutet
Temperaturen im Glasübergangsbereich, die mit der Raumtemperatur (ca. 20°C)
während der Messung für die KTL-Filme (T
g
ca. 95°C) nicht erreicht wird. So lag
bei Li et al. der Kapazitätswert über einen weiten Temperaturbereich ebenfalls bei
ca. 1nF.
Der geringere „Goodness of fit“ Wert der Referenz zeigt, dass mit dem „Randles“-
Modell das Verhalten der KTL-Probe nicht exakt nachgebildet werden kann. Die
unzureichende Übereinstimmung zwischen Anpassung und Messung beruht in
diesem Fall auf dem Abknicken der Impedanzkurve im niederfrequenten Bereich.
Die Abnahme der Impedanz im Niederfrequenzbereich darf aus theoretischen
Gründen nicht stattfinden und kann daher nicht simuliert werden. Um die
„restliche“ Impedanzkurve erfolgreich zu simulieren, wird dieser Teil außer Acht
gelassen.
Eine andere Möglichkeit, weshalb der „Goodness of fit“ Wert kleiner ist, ist die,
dass die Referenzmessung unmittelbar nach dem Starten der Messung
aufgenommen wird. So benötigt das System eventuell etwas Zeit, um sich zu
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 124 -
stabilisieren. Denn nach 7 Tagen Immersion kann das Verhalten der KTL-
Beschichtung durch das „Randles“-Modell zufriedenstellend abgebildet werden.
Die zweite KTL-Probe aus Rastatt ist in Abbildung 4.1b zu sehen.
Abbildung 4.1b: freitragender Lack: Rastatt_KTL 5
Abbildung 4.1b zeigt, dass der Beschichtungswiderstand der Referenzmessung im
Niederfrequenzbereich unterhalb dem des 7. Tages liegt. Dennoch ist ebenfalls
am 7. Tag durch das Plateau im Niederfrequenzbereich die Entwicklung eines
Porenwiderstands zu sehen. Die entsprechenden Parameter der Rastatter KTL5
sind in Tabelle 4.1b aufgeführt.
Tabelle 4.1b: Beschichtungsparameter, freitragender Lack: Rastatt_KTL 5
Rastatt KTL 5 Referenz
7. Tag
R
1
[Ω/cm²] 1.05E+08
1.39E+09
R
0
[Ω/cm²] 1.76E-12
1.86E-11
C
1
[F/cm²] 1.85E-10
2.15E-10
Goodness of fit
97.73% 91.29%
Die in Tabelle 4.1b gezeigten Beschichtungsparameter spiegeln den Verlauf des
EIS-Spektrums (Abbildung 4.1b) wider. So ist eine Zunahme des
Beschichtungswiderstands nach 7 Tagen von 10
8
Ω (Referenz) auf 10
9
Ω zu sehen.
Die Kapazitätswerte bleiben nahezu unverändert und liegen wie bei der „KTL 2
aus Rastatt“ im Bereich von 0,1-1nF, der auch in der Publikation von David
Loveday et al. [48] angegeben wird.
Freitragende Lacke: Rastatt_KTL 5
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Im pedanz [Ohm ]
Referenz
7.Tag
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 125 -
Die folgende Abbildung 4.2 zeigt das elektrochemische Verhalten der KTL aus
dem Mercedes-Benz Werk Sindelfingen.
Abbildung 4.2: freitragender Lack: Sindelfingen_KTL 2
In Abbildung 4.2 ist ein rein kapazitives Verhalten der Referenz und des 7. Tages
zu sehen. Trotz geringfügiger Abnahme der Impedanzwerte nach Tag 7 deutet
dieses Verhalten auf eine intakte KTL-Beschichtung hin. Die
Beschichtungsparameter der „Sindelfinger KTL 2“ zeigt Tabelle 4.2, wobei deren
zugehörigen numerischen Anpassungen im Anhang zu finden sind.
Tabelle 4.2: Beschichtungsparameter, freitragender Lack: Sindelfingen_KTL 2
Sindelfingen KTL 2
Referenz
7. Tag
R
1
[Ω/cm²] 1.20E+11
5.03E+10
R
0
[Ω/cm²] 2.57E-11
3.83E-11
C
1
[F/cm²] 2.99E-10
3.31E-10
Goodness of fit 98.85% 96.48%
Tabelle 4.2 zeigt Beschichtungswiderstände einer intakten Beschichtung (>10
9
Ω).
Dieses Verhalten ändert sich nach 7 Tage langer Immersion im Elektrolyten nicht.
Die Kapazitäten bleiben mit 10
-10
F ebenfalls nahezu unverändert. Die hohen
„Goodness of fit“ Werte zeigen die gute Übereinstimmung zwischen der
numerischen Anpassung und dem gemessenen EIS-Spektrum.
Für die freien KTL-Filme kann festgestellt werden, dass die größte Fehlerquelle in
der Herstellung der freitragenden Filme liegt. So ist bereits im Referenzzustand
häufig eine optisch sichtbare Oberflächenschädigung zu sehen gewesen. Eine
Freitragende Lacke: Sindelfingen_KTL 2
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
7.Tag
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 126 -
Beschichtung mit intakten Schutzeigenschaften sollte einen
Beschichtungswiderstand von 10
9
Ω aufweisen können [48]. Das ist hier nahezu
nicht der Fall, weshalb bei alleiniger KTL-Beschichtung von unzureichenden
Schutzeigenschaften gegenüber Korrosion ausgegangen werden kann.
Jedoch muss sich bewusst gemacht werden, dass eine alleinige KTL-
Beschichtung mit einem Widerstand von 10
7
Ω bis 10
9
Ω den größten Beitrag zu
einem funktionierenden Korrosionsschutz leistet. So wird durch einen
Komplettlackaufbau lediglich eine zusätzliche Zunahme der
Beschichtungswiderstände um nur 2 bis 3 Größenordnungen auf ca. 10
10
-10
12
Ω
erreicht.
Im Allgemeinen besteht nach erfolgter Immersion der freien KTL-Schichten im
Elektrolyten die Möglichkeit einer „Heilung“ (Zunahme der Beschichtungs-
widerstände) oder das Ausmaß der Oberflächenschädigung kann zunehmen
(Abnahme der Beschichtungswiderstände). Beide Fälle waren in dieser Arbeit zu
beobachten. Wann sich welche der beiden Möglichkeiten ereignet, hängt davon
ab, ob sich ein Verschluss von Fehlstellen ereignet oder nicht. Da es sich bei der
gemessenen KTL-Fläche um einen sehr kleinen Bereich (<1cm²) handelt, findet
ein Verschluss eher zufällig statt. Zudem ist es auch zufällig, welcher Bereich des
ca. 5cm² großen Films für die EIS-Messung ausgewählt wurde. So wurde die Wahl
nur aufgrund von optischer Begutachtung getroffen.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 127 -
4.1.1.2 Komplettlackaufbauten
Es soll vorweg genommen werden, dass sich die Komplettlackaufbauten in ihrem
Verhalten aufgrund der Farbe, und ob es sich um einen Sindelfinger oder
Rastatter Lackaufbau handelt, nicht unterscheiden. Die Beschichtungswiderstände
nahezu aller freien Lackfilme liegen bei ca. 10
11
Ω. Das Verhalten der
Komplettlackaufbauten wird anhand des folgenden Beispiels Komplettlackaufbau
Rastatt schwarz beschrieben.
Abbildung 4.3: freitragender Lack: Rastatt_schwarz 1
Wie Abbildung 4.3 zeigt, sind die Widerstandswerte der Referenz und des
7. Tages nahezu identisch. In Tabelle 4.3 sind die berechneten Beschichtungs-
parameter aufgelistet.
Tabelle 4.3: Beschichtungsparameter des freitragenden Lacks: Rastatt, Komplettlack-
aufbau schwarz 1
Rastatt
Komplettlackaufbau
schwarz 1
Referenz
7. Tag
R
1
[Ω/cm²] 4.00E+10
5.00E+10
R
0
[Ω/cm²] 342.6 317
C
1
[F/cm²] 8.86E-11
1.10E-10
Goodness of fit 91.35% 87.02%
Tabelle 4.3 zeigt die fast identischen Beschichtungswiderstände des
Komplettlackaufbaus vom Referenzzustand und nach 7 Tagen. Beide liegen mit 4
bzw. 5•10
10
Ω im Bereich, der nach David Loveday et al. [68] für eine intakte
Schutzwirkung der Beschichtung spricht.
Freitragende Lacke: Rastatt_schwarz 1
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Im pedanz [Ohm]
Referenz
7.Tag
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 128 -
Eine, verglichen mit den KTL-Filmen, deutlich höhere Kapazitätszunahme des
schwarzen Lackfilms ist nach 1 Woche zu sehen. Dies entspricht der Publikation
von Li et al. [5]. Er stellte im Niederfrequenzbereich eine Zunahme der Kapazität
aufgrund von Wasserabsorption („Quellung“ des Films) fest. Dass bei dem
Komplettlackaufbau eine vermehrte Quellung im Vergleich zu den KTL-Filmen
möglich ist, ist nachvollziehbar. Aufgrund des Vorhandenseins von insgesamt vier
Schichten stehen zum einen mehr Grenzflächen zur Verfügung, in die sich Wasser
einlagern kann und zum anderen sind mehr Schichten vorhanden, die das Wasser
absorbieren können.
Um den Anteil, den jede einzelne Schicht zur Wasserabsorbtion beiträgt,
beurteilen zu können, sollte ursprünglich jede Lackschicht separat hergestellt und
vermessen werden. Da jedoch zum Beispiel, die Schichtdicke des Basislacks nur
ca. 13µm beträgt, kann diese lediglich in Verbindung mit dem Klarlack untersucht
werden.
Der geringe „Goodness of fit“ Wert des schwarzen Rastatter Komplettlackaufbaus
nach 7 Tagen, kommt durch die fehlende Übereinstimmung der Phase mit der
numerischen Anpassung zustande. Allgemein gibt der „Goodness of fit“ Wert an,
wie gut die numerische Anpassung mit dem gemessenen EIS-Spektrum
übereinstimmt, und setzt sich daher aus der Impedanz- und der
Phasenübereinstimmung zusammen.
Eine andere generelle Problematik, die einen geringen „Goodness of fit“ Wert in
diesem Fall verursacht, kann eine unzureichende Abschirmung sein, die vor allem
im niederfrequenten Bereich sichtbar wird.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 129 -
4.1.2 DMA-Messung
Mit der DMA-Messung werden die spezifischen Parameter Glaszustand,
Glasübergangstemperatur und Vernetzungsverhalten für die freien Lacke
bestimmt. So ist es laut Sangaj und Malshe [3] möglich, über die
Glasübergangstemperatur T
g
, Aussagen bezüglich der Barriereeigenschaften
einer Beschichtung treffen zu können. Das Vernetzungsverhalten lässt hingegen
Rückschlüsse auf die Permeabilität eines Lackes ziehen, die für dessen
„Alterungs-Verhalten“ eine bedeutende Rolle spielt. So stellte Perera [49] fest,
dass die Alterung eines Beschichtungssystem einen Anstieg der
Glasübergangstemperatur und eine Zunahme der Vernetzung (Abnahme der
Permeabilität) zur Folge hat.
Die Durchführung der DMA erfolgte für jeden freien Lack auf die gleiche Art und
Weise. Stellvertretend ist in Abbildung 4.4 die DMA-Messung des Sindelfinger
Komplettlackaufbaus silber zu sehen. Die DMA-Spektren der verbleibenden freien
Lacke befinden sich im Anhang. Zusammengefasst sind die DMA-Ergebnisse
jedes freien Lacks in Tabelle 4.4 aufgeführt.
Abbildung 4.4: DMA des Sindelfinger Komplettlackaufbaus silber
Wie Abbildung 4.4 zeigt, waren drei Lackproben des „Sindelfinger
Komplettlackaufbaus silber“ nötig, um ein vollständiges DMA-Spektrum zu
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 130 -
erhalten. Es ist aber ebenfalls sichtbar, dass die einzelnen Proben nahezu
identisch übereinander liegen.
Das E`-Modul im Niedertemperaturbereich zeigt den Glaszustand. Das Maximum
von Tan d (Peak) gibt die Glasübergangstemperatur T
g
an und bei hohen
Temperaturen lässt das E`-Modul Aussagen über das Vernetzungsverhalten zu.
Tabelle 4.4: DMA-Ergebnisse der freitragenden Lacke
Freier Film Glaszustand [MPa]
Glasübergang Tan d (T
g
) Vernetzung [MPa]
Sindelfingen KTL 3518,52 1,25 (94,2°C) 3,37
Rastatt KTL 3556,28 0,60 (95,4°C) 6,69
Sindelfingen
Komplettlackaufbau weiß 4317,59 0,56 (94,4°C) 24,04
Sindelfingen
Komplettlackaufbau silber 3834,73 0,50 (90,1°C) 30,00
Sindelfingen
Komplettlackaufbau schwarz 3608,89 0,68 (89,1°C) 12,10
Rastatt
Komplettlackaufbau weiß 3363,50 0,52 (99,3°C) 10,99
Rastatt
Komplettlackaufbau silber 3622,32 0,69 (81,4°C) 8,92
Rastatt
Komplettlackaufbau schwarz 3369,55 0,69 (102,4°C) 5,62
Damit die Ergebnisse aus Tabelle 4.4 miteinander verglichen werden können,
wurden die Vernetzungen für jeden freien Lack bei 136°C bestimmt. Der
Glaszustand wurde aufgrund der unterschiedlichen Temperaturbereiche bei den
Komplettlackaufbauten bei -19°C, für die KTLs bei 25°C betrachtet. Die
Modulbestimmung erfolgte bei einer Frequenz von 1Hz.
Sowohl die Sindelfinger als auch die Rastatter KTL zeigen ein recht ähnliches
Verhalten. Die Glaszustände und die Glasübergangstemperatur T
g
sind nahezu
identisch. Lediglich die Vernetzung unterscheidet sich stark. Sie ist bei der
Sindelfinger KTL halb so hoch wie bei der Rastatter KTL. Dies könnte darauf
hindeuten, dass die Sindelfinger KTL noch nicht vollständig vernetzt war. Eine
mögliche Ursache kann die unzureichende Einbrennung der Sindelfinger KTL
sein.
Durch stattfindende Vernetzung der Polymerketten wird die Beweglichkeit der
Kettensegmente eingeschränkt, wodurch Diffusionsprozesse verlangsamt werden
und die Permeabilität der Beschichtung abnimmt. Eine Zunahme der Permeabilität
müsste sich daher in einer Abnahme des Beschichtungswiderstands äußern [3].
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 131 -
Dieser ist nach Bastos et al. [61] ein Maß für die Barriereeigenschaften einer
Beschichtung gegenüber der Ionen-, Gas- und Wasserdurchlässigkeit. Werden die
DMA-Ergebnisse mit denen der EIS-Messungen verglichen, ist bezüglich der
Vernetzung und des Beschichtungswiderstands jedoch keine Korrelation zu
sehen. Das heißt, trotz unterschiedlichem Vernetzungsverhalten war kein
unterschiedliches Verhalten des Beschichtungswiderstands zu beobachten. Eine
mögliche Erklärung könnte sein, dass die Immersionszeit von 7 Tagen zu kurz
war, um eine deutliche Abnahme des Beschichtungswiderstandes hervorzurufen.
Generell kann bei höheren Vernetzungswerten davon ausgegangen werden, dass
die inneren Spannungen des Lacks größer sind [6]. Damit müsste der klassische
Lackaufbau silber mit dem höchsten Vernetzungswert von 30MPa, die größten
inneren Spannungen aufweisen. Ein Indiz, das tatsächlich dafür sprechen würde,
wäre, dass bei diesem Lackaufbau die größte Anzahl an Messungen (aufgrund
von frühzeitigem Reißen der Probe) durchgeführt werden musste, um ein
vollständiges DMA-Spektrum zu erhalten. Dennoch müsste dies nochmals
überprüft werden, denn auch ein fehlerhaftes Einspannen der Proben kann zu
frühzeitigem Reißen führen.
Bei den Komplettlackaufbauten liegt der Glaszustand im Bereich von 3363MPa bis
4317MPa. Tendenziell ist feststellbar, dass unabhängig von der Farbe, der
klassische Komplettlackaufbau höhere Glaszustände aufweist als der integrierte
Lackaufbau.
Während der Glaszustand der integrierten Komplettlackaufbauten einen
geringfügigen Unterschied zeigt, ist dieser bei den Glasübergangstemperaturen
stark ausgeprägt. Diese reichen von ca. 81°C bis 102°C.
Beim klassischen Komplettlackaufbau hingegen ist der Glaszustand stark
unterschiedlich, die Glasübergänge liegen jedoch mit 89°C bis 94°C recht nahe
beieinander.
Das Vernetzungsverhalten weist ebenfalls einen großen Bereich von 5MPa bis
30MPa auf. Hierbei zeigen die klassischen Komplettlackaufbauten deutlich höhere
Vernetzungswerte als die integrierten Komplettlackaufbauten. Dies würde mit den
gemessenen Glaszuständen übereinstimmen. Ein hoher Vernetzungsgrad bewirkt
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 132 -
durch die „Unbeweglichkeit“ der Moleküle einen höheren Glaszustand, der für die
Härte eines Lacks steht.
Die Annahme trifft in dieser Arbeit jedoch nicht für jeden freien Lack zu.
Gleichzeitig wäre eine logische Schlussfolgerung, dass je höher der Glaszustand /
die Vernetzung, desto höher auch die Glasübergangstemperatur T
g
sein müsste.
Das würde auf der Vorstellung basieren, dass je stärker ein Lackfilm vernetzt ist,
desto mehr Bindungen „gelöst“ werden müssten (was mehr Energie, d.h.
Temperatur, erfordert), um diesen in seinen Glasübergangsbereich bringen zu
können. Jedoch kann diese Überlegung nicht bestätigt werden.
Sangaj und Malshe [3] beschrieben, dass das freie Volumen und dadurch die
Beweglichkeit oberhalb der Glasübergangstemperatur zunehmen und dadurch die
Permeabilität des Lacks ansteigt. Dies würde sich mit den Ergebnissen der EIS-
Messungen decken, da bei diesen die Komplettlackaufbauten höhere
Kapazitätswerte nach 7 Tagen Immersion im Elektrolyt, verglichen mit den KTL-
Filmen, zeigten. Eine höhere Kapazität bedeutet, dass der Lackfilm gequollen ist,
d.h. Wasser absorbiert hat, was eine größere Lackpermeabilität gegenüber
Wasser voraussetzt.
Allgemein kann für die DMA-Messung festgehalten werden, dass um weitere
Aussagen bezüglich der Lackaufbauten treffen zu können, die Einzelschichten der
Lacke vermessen werden könnten. Dadurch wäre es möglich, den spezifischen
Beitrag jeder Schicht zum Glaszustand und zur Vernetzung des
Komplettlackaufbaus festzustellen. Der Glaszustand eines Komplettlackaufbaus
ergibt sich jedoch höchstwahrscheinlich nicht durch die Aufsummierung der
einzelnen Beiträge. Folglich dürfte der integrierte Komplettlackaufbau (Werk
Rastatt) schwarz (3369MPa) keinen niedrigeren Glaszustand haben, wie die
Rastatter KTL (3556MPa) allein.
Dennoch scheint es aufgrund der relativ hohen Glaszustände der KTLs so zu sein,
dass sie, wie auch in den EIS-Messungen beschrieben, einen großen Einfluss auf
das Verhalten eines Komplettlackaufbaus haben.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 133 -
4.1.3 TGA-Messung
Die TGA-Messung gibt Auskunft über die Permeabilität der Lacksysteme. Da die
Lacke vor der Messung im Klimaschrank gelagert wurden, kann durch die TGA-
Messung das Verhalten der Lacksysteme bezüglich der Wasserabsorbtion
festgestellt werden. Eine größere Absorption bedeutet gleichzeitig eine höhere
Permeabilität des Lacks, die wiederum auf geringere Barriereeigenschaften (d.h.
Abnahme des Beschichtungswiderstands) schließen lässt [3].
Für jeden Lackfilm gilt es, vier verschiedene Abbildungsarten zu unterscheiden.
Die erste Abbildung zeigt die Bestimmung des anorganischen Anteils (Temperatur
bis 650°C), die zweite Abbildung die Doppelbestimmung der freien Lacke
(Temperaturerhöhung bis 350°C), die dritte Abbildung die Vergleichbarkeit der
Doppelbestimmung und die vierte Abbildung die Ausarbeitung der Stufen für die
Doppelbestimmung.
Da dieses Vorgehen für die freien Lackfilme identisch war, ist hier exemplarisch
die „Sindelfinger KTL“ Probe aufgeführt. Die TGA-Spektren der verbleibenden
Lackfilme befinden sich im Anhang.
Am Ende dieses Kapitels ist eine tabellarische Zusammenfassung der gesamten
TGA-Ergebnisse dargestellt (Tabelle 4.5).
Die folgenden Abbildungen zeigen die vier TGA-Spektren der Sindelfinger KTL.
Abbildung 4.5a: TGA bis 650°C der Sindelfinger KTL
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 134 -
Wie Abbildung 4.5a zeigt, ist eine Masseabnahme bei der Sindelfinger KTL von
85,9% zu sehen. Da diese Messung in Luft durchgeführt wird, ist ein Verbrennen
des Bindemittels bis 650°C gewährleistet. Die verbleibende Masse des freien
Lacks spiegelt dessen anorganischen Anteil (anorganische Pigmente und
Füllstoffe) wider. Dieser liegt bei 14,1%.
Die folgenden Abbildungen 4.5b-c zeigen die Doppelbestimmung der freien Lacke
bis 350°C.
Abbildung 4.5b: TGA Doppelbestimmung der Sindelfinger KTL
Abbildung 4.5c: TGA Vergleichbarkeit der Doppelbestimmung der Sindelfinger KTL
Die Abbildungen 4.5b und 4.5c zeigen die Doppelbestimmung der Sindelfinger
KTL, die bis zu einer Temperatur von 350°C durchgeführt wird. Es soll hier
einmalig die Vergleichbarkeit beider Kurven gezeigt werden, die sichtbar macht,
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 135 -
dass die gemessenen Kurven nahezu identisch sind. Aufgrund dieser
Vergleichbarkeit wird lediglich eine Kurve herangezogen, um die
Stufenauswertung zu machen.
Abbildung 4.5d: TGA Stufenauswertung der Sindelfinger KTL
Wie in Abbildung 4.5d zu sehen, konnten drei Stufen der Masseabnahme bei der
Sindelfinger KTL ausgewertet werden. So zeigt die 1. Stufe bis ca. 100°C eine
Gewichtsabnahme von 0,49%. Hier kann davon ausgegangen werden, dass es
sich um leicht gebundenes Wasser (H
2
0) handelt, das absorbiert bzw.
oberflächengebunden vorliegt. Die 2. Stufe bis ca. 200°C spiegelt den
Wasseranteil wider, der in fest gebundener Form (z.B. durch Wasserstoff-
brückenbindungen) vorliegt. Dieser Gewichtsverlust beträgt 2,43%. Bei der 3.
Stufe bis ca. 250°C ereignet sich eine Zerstörung der Polymere. Durch den Abbau
der Polymere entsteht Kohlenstoffdioxid (CO
2
) und Wasser (H
2
0), welches
abgegeben und als Masseverlust detektiert wird. Dieser Verlust beträgt 5,89%. Es
kann in diesem Fall kein absorbiertes bzw. fest gebundenes Wasser sein, da
dieses bereits bei geringeren Temperaturen (bis 200°C) nahezu vollständig aus
dem Lack entwichen wäre.
Die gesamte Gewichtsabnahme, durch Wasserverlust und bereits beginnende
Polymerzerstörung, ergibt sich aus der Addition der einzelnen Stufen. Diese
beträgt 8,81%.
Um die obige Erklärung der Stufenauswertung zu bestätigen, wurde mit der
Kombination von TGA und Massenspektrometrie die Abnahme der Masse
genauer untersucht. Dadurch können die für die Gewichtsabnahme
verantwortlichen Substanzen bestimmt werden. Stellvertretend wurde dies mit der
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 136 -
„Rastatter KTL“ und mit dem „klassischen Komplettlackaufbau weiß“ (siehe
Anhang) durchgeführt. Das massenspektrometrische Ergebnis der „Rastatter KTL“
ist in der folgenden Abbildung zu sehen.
Abbildung 4.6: TGA-Massenspektrometrie der Rastatter KTL
Wie Abbildung 4.6 zeigt, sind zwei stark ausgeprägte Peaks ab 200°C zu sehen.
Da die Masse von Wasser bei 18min (100°C) liegt, kann die Gewichtsabnahme
durch diese beiden Peaks nicht aufgrund von Wasser erfolgt sein. Im Allgemeinen
kann davon ausgegangen werden, dass bis zu 200°C Wasser in lockerer und fest
gebundener Form aus dem freitragenden Lack entweicht.
Somit ist die Erklärung für diese Massenreduzierung durch die Zersetzung der
Polymere gegeben, die aufgrund der Entstehung von Wasser und
Kohlenstoffdioxid abgebaut werden.
Die folgende Tabelle zeigt zusammenfassend die Ergebnisse der TGA-
Messungen der freien Lackfilme. Die entsprechenden TGA-Spektren der
einzelnen freien Lackfilme sind im Anhang zu finden.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 137 -
Tabelle 4.5: TGA Auswertung
Freier Film
Binde-
mittel-
anteil
[%]
anorg.
Anteil
[%]
1.Stufe
[%]
bis
100°C
2.Stufe
[%]
100°C-
200°C
3.Stufe
[%]
ab
200°C
Masse-
verlust:
Summe
Stufen
[%]
Summe
H
2
O
bis 200°C
[%]
Sindelfingen KTL 85,90 14,10 -0,49 -2,43 -5,89 -8,80 -2,91
Rastatt KTL 73,88 26,12 -0,48 -0,38 0 -0,86 -0,86
Sindelfingen
Komplettlackaufbau weiß 66,62 33,38 -0,92 -1,84 0 -2,75 -2,75
Sindelfingen
Komplettlackaufbau silber 72,88 27,12 -0,53 -0,91 -2,33 -3,77 -1,44
Sindelfingen
Komplettlackaufbau schwarz 79,01 20,99 -0,51 -1,19 -2,54 -4,25 -1,71
Rastatt
Komplettlackaufbau weiß 70,41 29,59 -0,54 -2,08 0 -2,63 -2,63
Rastatt
Komplettlackaufbau silber 87,62 12,38 -0,39 -1,92 -3,32 -5,63 -2,31
Rastatt
Komplettlackaufbau schwarz 62,03 37,97 -0,31 -1,04 0 -1,35 -1,35
Wie Tabelle 4.5 zeigt, sind keine lackspezifischen Masseverluste erkennbar. So
liegt der Masseverlust aufgrund des Wassers bis 200°C zwischen 0,86% und
2,9% der Ausgangsmasse.
Erstaunlicherweise sind diese beiden Extremwerte bei den KTL-Filmen gemessen
worden. Verglichen mit den DMA-Ergebnissen, bei denen eine Übereinstimmung
der Glasübergangstemperatur T
g
gemessen werden konnte, kann darauf
geschlossen werden, dass die KTL-Schicht eine stark hydrophobe Lackschicht ist.
So wurde in einer Publikation festgestellt, dass Wasser bei hydrophilen Polymeren
eine weichmachende Wirkung hat, was sich in der Abnahme von T
g
zeigt [3].
Da der hydrophobe Bindemittelanteil der KTLs sehr verschieden ist, müsste sich
dieses, wenn die KTL hydrophil wäre, auch in der Wasserabsorption bemerkbar
machen. Diese Vermutung scheint der hohe Masseverlust durch Wasser von
2,91% zu bestätigen. Folglich müsste die KTL-Schicht doch hydrophil sein?
Da Lackschichten jedoch Schutzwirkungen und Barriereeigenschaften aufweisen
müssen, ist diese angebliche Hydrophilität höchst fraglich. Der große
Masseverlust durch das Wasser kommt sehr wahrscheinlich durch die
unzureichende Vernetzung der „Sindelfinger KTL“ zustande. Dadurch ist eine
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 138 -
vermehrte Wassereinlagerung in die Beschichtung möglich, das jedoch bis 200°C
entweichen wird.
Außerdem hätte sich die unterschiedliche Wasserabsorption auch bei den EIS-
Messungen, durch die Abnahme des Beschichtungswiderstands bei erfolgter
Quellung, gezeigt.
Die Diskussion der „KTL-Ergebnisse“ macht deutlich, dass die Ergebnisse der
verschiedenen Messmethoden zusammen betrachtet werden müssen, damit keine
Fehlschlüsse aufgrund von Einzelergebnissen gezogen werden. Offensichtlich
entstand der Diskussionsbedarf durch die fehlerhafte Herstellung (unzureichende
Vernetzung) der KTL. Hätte eine vollständige Vernetzung der Sindelfinger KTL
stattgefunden, wäre aufgrund des hohen Bindemittelanteils (der für den
Vernetzungsgrad verantwortlich ist) ebenfalls der Glaszustand deutlich höher.
Dass bei der Sindelfinger KTL sogleich der größte Polymerabbau (5,89%)
stattgefunden hat, kann mit der unzureichenden Vernetzung zusammenhängen,
die bei der DMA-Messung festgestellt wurde. So reichen bereits geringere
Temperaturen für eine vermehrte Polymerspaltung aus.
Die Lackbestandteile „Bindemittel“ und „anorganischer Anteil“ unterscheiden sich
je nach Lack. Sowohl die KTLs, als auch der Sindelfinger bzw. Rastatter
Lackaufbau, zeigen eine große Bandbreite von 66,6% bis 87,6% an Bindemittel.
Der Bindemittelanteil ist unabhängig von der Farbe und vom Produktionsort. Das
gleiche Verhalten ist bezüglich des Polymerabbaus bzw. der Wasserabsorption zu
beobachten gewesen.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 139 -
4.2 Zugproben
Durch die Zugversuche wird u.a. das Auftreten von inneren Spannungen während
der Filmbildung imitiert. Deurwaerder et al. [56] zeigten, dass während der
Trocknung (Schrumpfung) ein zugdehnbarer Stress im Film auftritt, der
Auswirkung auf die Adhäsion zwischen Substrat und Lack hat.
Durch die Zugversuche werden auf das Substrat/Lack-System lineare
Spannungen aufgebracht, die das System beanspruchen. Folglich kann anhand
der Zugversuche bestimmt werden, wie stark die Adhäsion zwischen Substrat und
Lack bzw. die Kohäsion innerhalb der Lackschichten ist. Dies bedeutet, dass
anhand der Zugdehnungsversuche Rückschlüsse hinsichtlich der Haftung
gezogen werden können, weshalb zu unterscheiden ist, ob sich eine
Beschichtungswiderstandsabnahme bei der EIS aufgrund von Fehlstellenbildung
ereignet oder aufgrund der fehlenden Haftung. Dies lässt eine Vergleichbarkeit der
einzelnen Lacke zu.
Des Weiteren kann durch die Zugversuche untersucht werden, ob das Substrat
einen Einfluss auf die Beschichtung hat. Da in Kapitel 4.1 die
Beschichtungsparameter für die „freien“ Lacke bestimmt wurden, kann in diesem
Kapitel ein Vergleich mit vorhandenem Substrat gezogen werden. So zeigten
Sangaj und Malshe [3], dass das Substrat eine Orientierung der Molekülketten
während der Filmbildung induzieren kann.
Die Ergebnisse der Zugproben werden in drei separaten Abschnitten behandelt:
KTL, Komplettlackaufbau auf verzinktem Stahl und Komplettlackaufbau auf
Aluminium. Wie bereits erwähnt ist hierbei zu beachten, dass Aluminiumsubstrate
lediglich in Sindelfingen beschichtet werden, und dass die Zugproben mit zwei
Zuggeschwindigkeiten (2mm/min und 200mm/min) gezogen wurden.
Ist in der Legende der Zugdiagramme „Risse schon sichtbar“ vermerkt, sind die
Zugproben beim anschließenden Zug gerissen. Somit konnten für diese Züge
keine EIS-Kurven aufgenommen werden.
Um den Unterschied zwischen Startzustand (Referenz) und Endzustand (nach
maximal gezogener Zuglänge) zu verdeutlichen, sind die Beschichtungsparameter
der Referenz und des 25mm-Zugs (bei verzinktem Stahl) bzw. des 15mm-Zugs
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 140 -
(für Aluminium) zusammengefasst für jede Zugprobe in entsprechenden Tabellen
am Ende der jeweiligen Kapitel aufgeführt.
Abschließend werden in Kapitel 4.2.5 die Problematiken, die während der
Zugprobenversuche auftraten, beschrieben. Da bei jeder Zugprobe die gleichen
Schwierigkeiten relevant waren, werden sie in einem separaten Kapitel
besprochen.
4.2.1 KTL auf eloverzinktem Stahl
Die folgenden beiden Abbildungen 4.7a und 4.7b zeigen je eine Sindelfinger und
eine Rastatter KTL-Zugprobe, die mit der Zuggeschwindigkeit 2mm/min gedehnt
wurden. Es soll vorweg genommen werden, dass deren Verhalten alle
gemessenen KTL-Zugproben auf eloverzinktem Stahl widerspiegelt (unabhängig
von der Zuggeschwindigkeit). Daher werden lediglich diese beiden detailliert
diskutiert.
Zugprobe SS2: KTL Sindelfingen 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
SS2_gezogen_5mm
SS2_gezogen_10mm
SS2_gezogen_15mm
SS2_gezogen_20mm
SS2_gezogen_25mm (Risse schon sichtbar)
Abbildung 4.7a: Zugprobe SS2: KTL Sindelfingen 2mm/min
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 141 -
Zugprobe RK3: KTL Rastatt 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
RK3_gezogen_5mm
RK3_gezogen_10mm
RK3_gezogen_15mm
RK3_gezogen_20mm
RK3_gezogen_25mm
Abbildung 4.7b: Zugprobe RK3: KTL Rastatt 2mm/min
Wie in den Abbildungen 4.7a und 4.7b zu sehen ist, weisen die Stahlzugproben,
die mit KTL beschichtet wurden, im Referenzzustand Beschichtungswiderstände
von 10
5
Ω (Sindelfingen) bis 10
6
Ω (Rastatt) auf. Nach einer Publikation von
Loveday et al. [68] spricht ein Wert dieser Größenordnung für eine Beschichtung
mit unzureichenden Schutzeigenschaften gegenüber Korrosion.
Für den Unterschied der Beschichtungswiderstände kommt beispielsweise die
Schichtdickenvariation in Frage. So stellte David Loveday et al. in seiner
Publikation vom Februar 2005 [68] fest, dass die Variation der Schichtdicke die
größte Fehlerquelle ist.
Bei der Sindelfinger KTL liegt sie mit durchschnittlich 33µm etwas höher als bei
der Rastatter KTL (26µm). Eigentlich ist bei einer geringeren Schichtdicke die
Wahrscheinlichkeit höher, dass es zur Fehlstellenbildung in der Beschichtung
kommt, durch die der Elektrolyt bis auf das Substrat vordringen kann. Jedoch
konnte bereits bei den freien Lacken festgestellt werden, dass die Vernetzung der
Sindelfinger KTL nicht vollständig stattgefunden hatte (vgl. Kapitel 4.1.2). Durch
die fehlende Vernetzung kann der Elektrolyt leichter bis auf das Substrat
vordringen als bei einer KTL mit geringerer Schichtdicke, die jedoch vollständig
vernetzt wurde.
Dass der Elektrolyt durch die Sindelfinger KTL leichter permeieren kann,
widerspricht jedoch den Ergebnissen der EIS-Messung (vgl. Kapitel 4.1.1). Bei
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 142 -
diesen zeigte die Sindelfinger KTL mit 10
11
Ω einen höheren
Beschichtungswiderstand als die Rastatter KTL (10
8
Ω).
Eine Erklärung für die widersprüchlichen Messergebnisse kann sein, dass
verschiedene Stellen eines KTL-Films für die einzelnen Messungen benötigt
werden. Da die KTL-Probe bei der DMA-Messung zerstört wird, steht diese für
weitere Messungen nicht mehr zur Verfügung. Daher mussten aus einem KTL-
Film verschiedene Stellen für die jeweiligen Messungen herauspräpariert werden.
Folglich besteht die Möglichkeit, dass bei der DMA-Messung ein KTL-Bereich mit
Fehlstellen verwendet wurde, wodurch dessen Vernetzungswert gering ist. Für die
EIS-Messung könnte hingegen eine vollkommen intakte Stelle des KTL-Films
verwendet worden sein. In diesem Fall scheint die Auswahl der KTL-Film Bereiche
einen größeren Einfluss auf die Messergebnisse als die Schichtdicke zu haben, da
diese bei der Sindelfinger und bei der Rastatter KTL nahezu identisch waren.
Werden die Beschichtungswiderstände der KTL-Proben miteinander verglichen,
sind große Unterschiede zwischen den EIS-Ergebnissen der freien Lacke und
denen der Zugproben zu sehen. Tendenziell sind die Beschichtungswerte der
freien Lacke um 2 Größenordnungen höher als die der Zugproben.
Der Unterschied kann dadurch erklärt werden, dass das Substrat die
Beschichtungswiderstände der KTL-Schicht stark beeinflusst. So zeigten Sangaj
und Malshe [3] dass, abhängig von der Oberflächenpolarität des beschichteten
Substrats, unterschiedliche Filmstrukturen des gleichen Polymers entstehen.
Zudem verwiesen sie darauf, dass es Indizien dafür gibt, dass das Substrat eine
Orientierung der Molekülketten während der Filmbildung induzieren kann.
Eine andere Begründung für die verschiedenen EIS-Messergebnisse wäre, dass
die Zugproben die Serienbeschichtung durchliefen, während die freien Lacke im
Labor hergestellt wurden. Innerhalb der Serienbeschichtung waren optisch
sichtbare Oberflächenunterschiede des Lacks auffällig, abhängig vom
„Beschichtungsplatz“ der Probe und von der Intensität des leitenden Kontakts
zwischen Probe und Elektrode.
Unabhängig von den Erklärungen für die geringen Widerstandswerte der
Zugproben-Referenzen, sprechen diese zusammen mit dem langen
frequenzunabhängigen Plateau, für bereits zu Anfang vorhandene
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 143 -
Oberflächenschwachstellen. Poren, Risse und Ähnliches können vor den
durchgeführten Zugdehnungen in der Beschichtung vorhanden sein, die sich in
den geringen Beschichtungswiderständen zeigen. Wird eine solche Schwachstelle
gezogen, führt dies zu ihrer Erweiterung. Damit liegen die
Beschichtungswiderstände der maximalen Zuglänge von 25mm mit 10
3
Ω bis 10
4
Ω
deutlich niedriger.
Ein weiteres Merkmal der beiden Abbildungen 4.7a und 4.7b ist, dass es keinen
systematischen Abfall der Beschichtungswiderstände nach den jeweiligen
Zuglängen gibt. Folglich ist es keine Ausnahme, dass die Referenzwerte unterhalb
der Zugwerte liegen bzw. die nicht so stark gezogenen Zugproben (z.B. 5mm)
unterhalb der Werte von den 15mm gezogenen Zugproben (vgl. Kapitel 4.2.5).
Eine mögliche Begründung aus Kapitel 4.2.5 soll vorweggenommen werden, um
die Auswahl des verwendeten Ersatzschaltbilds zu begründen. Diese betrifft die
Bildung von Korrosionsprodukten.
Vorhandene Fehlstellen können nach dem Zug durch Korrosionsprodukte wieder
verschlossen werden, was sich in der Zunahme der Beschichtungswiderstände
zeigt.
Für die Simulierung der Impedanzkurven wird das „Rebar“-Ersatzschaltbild
verwendet (vgl. Kapitel 2.4.4, Abbildung 2.31). Über dieses ist es möglich, eine
Anpassung zwischen 91% und 99% zu erreichen.
Die sich aus der numerischen Anpassung ergebenden Beschichtungsparameter
für die Sindelfinger („SS2“) und Rastatter („RK3“) KTL-Zugprobe zeigen die
Tabellen 4.6a und 4.6b.
Tabelle 4.6a: Zugprobe SS2_Beschichtungsparameter
Zugprobe SS2 Referenz
5mm 10mm 15mm 20mm 25mm
R
0
[Ω/cm²] 17.43 1.16E+03
850 1.06E+03
640.60 2.494
R
polar
[Ω/cm²] - - 1.55E+05
3.85E+05
5.45E+04
1.42E+04
Cdl [F/cm²] - - 9.30E-07
4.75E-09
4.56E-09
3.66E-08
C
1
[F/cm²] 3.53E-09
1.89E-10
1.25E-10
1.32E-10
1.30E-10
9.45E-11
R
1
[Ω/cm²] 3.64E+05
3.85E+06
3.46E+04
1.73E+05
2.43E+04
3.89E+03
Goodness of fit 93,73% 93,02% 91,15% 95,95% 73,06% 86,73%
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 144 -
Tabelle 4.6b: Zugprobe RK3_Beschichtungsparameter
Zugprobe RK3 Referenz 5mm 10mm 15mm 20mm 25mm
R
0
[Ω/cm²] 0 551.4 766.2 1.00E+03
3.07E-18 888.5
R
polar
[Ω/cm²] 2.12E+05 229 339.1 6.53E+05
7.49E+04
9.20E+03
Cdl [F/cm²] 8.29E-09 1.53E-06
5.56E-07 1.86E-09 5.89E-09 2.30E-07
C
1
[F/cm²] 6.87E-10 2.96E-10
2.18E-10 3.12E-10 1.98E-10 2.97E-08
R
1
[Ω/cm²] 1.68E+06 3.01E+05
4.93E+05
3.12E+04
3.99E+03
1.97E+03
Goodness of fit
99.55% 96.17% 98.12% 93.99% 91.43% 97.41%
Die Tabellen 4.6a und 4.6b enthalten die Parameter, die durch das „Rebar“-
Ersatzschaltbild vorgegeben werden: den Elektrolytwiderstand R
0
, den
Beschichtungswiderstand (Porenwiderstand) R
1
, die Beschichtungskapazität C
1
und den Polarisationswiderstand R
polar
sowie die Doppelschichtkapazität Cdl. Der
„Goodness of fit“ Wert gibt die Übereinstimmung von der Anpassung mit den
gemessenen Werten in Prozent an. Je größer der Wert ist, desto exakter
korrespondieren die Werte. Die Übereinstimmung setzt sich hierbei sowohl aus
der Impedanzkurve als auch aus der Phasenkurve zusammen.
Beispielsweise kommen im Fall der Zugprobe RK3 die geringen „Goodness of fit“
Werte durch die fehlende Übereinstimmung mit der Phase zustande. Dies wirkt
sich auf die Bestimmung der Kapazitätswerte aus, die daher nicht ideal mit dieser
numerischen Anpassung simuliert werden konnten.
Wie aus den Beschichtungsparametern ersichtlich, nimmt der Porenwiderstand R
1
erwartungsgemäß nach den einzelnen Zügen bei der Rastatter Zugprobe RK3
kontinuierlich ab. Bei der Sindelfinger Zugprobe SS2 ist dies nicht der Fall. Nach
den Zügen ist ein Wechsel zwischen Ab- und Zunahme des
Beschichtungswiderstands zu beobachten. Dennoch hat auch bei SS2 ein Abfall
von R
1
im Endzustand (25mm-Zug) verglichen zum Referenzzustand von
2 Größenordnungen stattgefunden.
Die Beschichtungskapazität C
1
nimmt bei RK3 vom Referenzzustand bis zum
25mm-Zug von 10
-10
F zu 10
-8
F zu. Dies lässt sich dadurch erklären, dass C
1
proportional zum Kehrwert der Schichtdicke ist und folglich die Schichtdicke bei
RK3 durch die Zugdehnung abnimmt.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 145 -
Einen weiteren starken Einfluss auf die Kapazität einer Beschichtung übt deren
Wasseraufnahme aus. Folglich stellten Li et al. [5] fest, dass die Kapazität durch
Immersion der Beschichtung in Wasser ansteigt. Bei dieser, als Quellung
bekannte Vorgang, hat das Wasser eine Art plastifizierende Wirkung auf das
Polymer, wodurch die Permeabilität der Beschichtung erhöht wird, was sich
wiederum in der Abnahme des Beschichtungswiderstands R
1
zeigt. Diese
Beobachtung trifft auf die Rastatter KTL-Zugprobe RK3 zu.
Bei der Sindelfinger KTL-Zugprobe hingegen nimmt C
1
vom Referenzzustand zum
25mm-Zug ab. Eine Erklärung könnte die bei der DMA-Messung festgestellte
unzureichende Vernetzung sein. Dadurch stehen zwar vermehrt Hohlräume für die
Wassereinlagerung zur Verfügung, die aber gegebenenfalls weniger fest das
Wasser binden können, das wiederum zu keiner Quellung (Kapazitätszunahme)
der Sindelfinger KTL führt. Zudem kann es sein, dass aufgrund der fehlenden
Vernetzung, die Schichtdicke durch die Züge nicht in dem Maß abnimmt, da die
Dehnung zu keinen Brüchen in der Vernetzung führt (eher „elastisches“ Verhalten
der KTL).
Werden zudem noch die TGA-Ergebnisse in Betracht gezogen, wurde bei der
Sindelfinger KTL ein höherer Bindemittelanteil festgestellt als bei der Rastatter
KTL. Die größere Menge an hydrophoben Bindemittel könnte ebenfalls eine
verminderte Wasserabsorption erklären.
Nach Loveday et al. [48] halten sich typische Beschichtungskapazitäten im
Bereich von 0,1nF bis 1nF auf. Diese Werte sind vom untersuchten Material und
dessen Dicke abhängig. Die hier gemessenen Beschichtungskapazitäten liegen
ungefähr in dem erwähnten Bereich.
Wird die Beschichtungskapazität C
1
mit der Doppelschichtkapazität Cdl verglichen,
muss die Doppelschichtkapazität Cdl nach Loveday et al. [48] um ca. 3 Größen-
ordnungen höher liegen. Dort angegebene Cdl-Werte belaufen sich auf ca. 10µF
bis 40µF. Dies stimmt zum größten Teil mit den Cdl-Ergebnissen der beiden
Zugproben überein.
Da nach Bastos et al. [61] die Doppelschichtkapazität der Kontaktfläche
Elektrolyt/Substrat zugehörig ist, kann Cdl als Delaminationsmaß gesehen
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 146 -
werden. Folglich würde ein hoher Cdl-Wert für eine große Kontakt- bzw.
Delaminationsfläche stehen. Dies bezüglich stellte er fest, dass Cdl mit
zunehmender Dehnung ansteigt. Diese Beobachtung konnte bei beiden
Zugproben jedoch nicht bestätigt werden. Eine Bestätigung hingegen kann für die
Aussage, dass Cdl erst bei R
1
< 10
7
Ω sichtbar wird, für beide Zugproben gegeben
werden.
Des Weiteren wird für den Polarisationswiderstand R
polar
ein Wert von ca. 5000Ω
angegeben [48]. Dieser Bereich trifft für die Zugprobe SS2 relativ genau zu. RK3
hingegen zeigt eine breite Streuung der R
polar
-Werte von minimal 230Ω bis
maximal 6,5*10
5
Ω.
4.2.2 KTL auf Aluminium
Die folgenden zwei Abbildungen zeigen die mit KTL beschichteten
Aluminiumzugproben. Es ist sowohl eine Zugprobe, die mit 2mm/min, als auch
eine, die mit 200mm/min gezogen wurde, aufgeführt.
Zugprobe S.Al8: KTL Sindelfingen 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
S.Al8_gezogen_5mm
S.Al8_gezogen_10mm
S.Al8_gezogen_15mm
Abbildung 4.8a: Zugprobe S.Al8: KTL Sindelfingen 2mm/min
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 147 -
Zugprobe S.Al17: KTL Sindelfingen 200mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
S.Al17_gezogen_5mm
S.Al17_gezogen_10mm
S.Al17_gezogen_15mm
Abbildung 4.8b: Zugprobe S.Al17: KTL Sindelfingen 200mm/min
Wie in den Abbildungen 4.8a und 4.8b zu sehen, liegen die
Beschichtungswiderstände der Referenz mit 10
8
Ω bis 10
9
Ω deutlich höher als die
der Stahlzugproben (ca. 10
6
Ω). Bei alleiniger KTL-Beschichtung auf Aluminium
kann von einer Beschichtung mit intakten Schutzeigenschaften gegenüber
Korrosion gesprochen werden [68]. Die höheren Referenzwiderstände können bei
Aluminium aber auch in dessen Fähigkeit liegen, eine Passivschicht auszubilden.
So bildet sich auf einer Aluminiumoberfläche sofort eine Oxidschicht (in
Verbindung mit Luftsauerstoff), die eine zusätzliche Barrierewirkung gegenüber
dem Elektrolyten haben kann.
Ebenfalls wie bei den Stahlzugproben liegen die Beschichtungswiderstände R
1
der
Referenz teilweise unterhalb der Widerstandswerte nach erfolgtem Zug. Eine
Abstufung von R
1
nach den jeweiligen Zuglängen ist nicht deutlich ausgeprägt.
Im Hinblick auf die Zuggeschwindigkeit konnte auch bei den Aluminiumzugproben
kein Unterschied festgestellt werden.
Folgende Tabelle 4.7 zeigt die Beschichtungswerte für die Aluminium KTL-
Zugproben aus der Simulation mit dem „Rebar“-Ersatzschaltbild.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 148 -
Tabelle 4.7: Zusammenfassung_Beschichtungsparameter der Aluminium KTL-Zugproben
Sindelfingen_Alu_KTL_2mm/min
Referenz
15mm
R
0
[Ω/cm²] 0.012 207.4
R
polar
[Ω/cm²] 3.87E+04
3.42E+06
Cdl [F/cm²] 2.74E-09 6.46E-10
C
1
[F/cm²] 1.51E-09 3.00E-10
R
1
[Ω/cm²] 5.96E+08
4.03E+04
Die Diskussion der in Tabelle 4.7 enthaltenen Beschichtungsparameter soll kurz
gehalten werden, da dessen Beurteilung im Vergleich mit den eloverzinkten KTL-
Stahlzugproben interessanter ist (Kapitel 4.2.2.1).
Es soll lediglich festgehalten werden, dass der Beschichtungswiderstand nach
Erwartung abnimmt und die Beschichtungskapazität sich ebenfalls verringert.
Erstaunlicherweise sind keine Größenunterschiede zwischen C
1
und Cdl zu
sehen. Der Polarisationswiderstand liegt hingegen nahezu im erwarteten Bereich
um die 5000Ω [48].
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 149 -
4.2.2.1 Vergleich der KTL-Zugproben
Die folgenden beiden Tabellen sollen in einer Übersicht die Unterschiede
zwischen den eloverzinkten Stahlzugproben und den Aluminiumzugproben, die mit
KTL beschichtet wurden, zeigen. Verglichen werden die EIS-Messungen der
Referenzen mit denen der jeweils maximalen Zuglängen.
Tabelle 4.8a: Zusammenfassung_Beschichtungsparameter der eloverzinkten Stahl KTL-
Zugproben
Sindelfingen_eloverz. Stahl_KTL_2mm/min
Rastatt_eloverz. Stahl_KTL_2mm/min
Zugprobe SS2 Referenz
25mm
Zugprobe RK3 Referenz
25mm
R
0
[Ω/cm²] 17.43 2.494
R
0
[Ω/cm²] 0 888.5
R
polar
[Ω/cm²] - 1.42E+04
R
polar
[Ω/cm²] 2.12E+05
9.20E+03
Cdl [F/cm²] - 3.66E-08
Cdl [F/cm²] 8.29E-09 2.30E-07
C
1
[F/cm²] 3.53E-09 9.45E-11
C
1
[F/cm²] 6.87E-10 2.97E-08
R
1
[Ω/cm²] 3.64E+05
3.89E+03
R
1
[Ω/cm²] 1.68E+06
1.97E+03
Goodness of fit 93,73% 86,73%
Goodness of fit 99.55% 97.41%
Tabelle 4.8b: Zusammenfassung_Beschichtungsparameter der Aluminium KTL-Zugproben
Sindelfingen_Alu_ KTL_2mm/min
Referenz
15mm
R
0
[Ω/cm²] 0.012 207.4
R
polar
[Ω/cm²] 3.87E+04
3.42E+06
Cdl [F/cm²] 2.74E-09 6.46E-10
C
1
[F/cm²] 1.51E-09 3.00E-10
R
1
[Ω/cm²] 5.96E+08
4.03E+04
Eine detailliertere Beschreibung der einzelnen Beschichtungsparameter ist in den
jeweiligen Kapiteln nachzulesen. Die „auffälligen“ Unterschiede der Tabellen 4.8a
und 4.8b sollen jedoch kurz festgehalten werden:
Tabelle 4.8a zeigt, dass nur für die Referenzmessung der „Sindelfinger KTL“-
Zugproben das „Randles“-Ersatzschaltbild ausreicht, um eine Simulations-
genauigkeit von ca. 94% zu erreichen. Für die anderen Messungen muss das
„Rebar“-Ersatzschaltbild angewandt werden. Dieses deutet auf bereits
stattfindende Korrosionsvorgänge hin.
Der Beschichtungswiderstand R
1
nimmt beim Sindelfinger und Rastatter
Lackaufbau um 2-3 Größenordungen nach maximaler Zuglänge ab. Beide
Referenzwerte sind jedoch schon zu Anfang mit 10
5
Ω bis 10
6
Ω relativ gering. Die
Beschichtungskapazität nimmt nach Maximalzug beim Sindelfinger Lackaufbau
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 150 -
um 2 Größenordnungen ab, während sie beim Rastatter Lackaufbau um
2 Größenordnungen ansteigt. Dieser Anstieg ist beim Rastatter Lackaufbau auch
bei der Doppelschichtkapazität Cdl zu sehen. Der Polarisationswiderstand fällt
hingegen um 2 Größenordnungen.
Ein Vergleich der R
1
-Werte mit Tabelle 4.8b zeigt, dass die Aluminiumzugproben
einen deutlich höheren Beschichtungswiderstand im Referenzzustand aufweisen.
Dies kann mit der Eigenschaft des Aluminiums, eine Passivschicht auszubilden,
zusammenhängen.
Nach maximaler Zuglänge hingegen fand ein starker Abfall um 4 Größen-
ordnungen auf ca. 10
4
Ω statt, somit ein deutlich größerer Abfall als bei den
Stahlzugproben. Die Beschichtungskapazität C
1
der Aluminiumzugproben liegt in
dem Bereich von den Stahlzugproben. Es ist lediglich feststellbar, dass diese
Werte nahezu identisch mit denen der Doppelschichtkapazität sind, wobei Cdl
eigentlich um ca. 3 Größenordnungen größer als C
1
sein sollte. Der
Polarisationswiderstand R
polar
nimmt ebenfalls gegen Erwartungen von 10
4
Ω auf
10
6
Ω zu.
Da R
polar
und Cdl zusammenhängende Parameter sind, die erst sichtbar werden,
wenn der Elektrolyt mit dem Substrat in Kontakt kommt, kann davon ausgegangen
werden, dass die Simulation dieser beiden nicht erfolgreich stattgefunden hatte.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 151 -
4.2.3 Komplettlackaufbau auf eloverzinktem Stahl
Jede Art von Zugprobe wurde dreimal hergestellt, um eine statistische Auswertung
zu ermöglichen. Es soll vorweg genommen werden, dass es nicht gelungen ist, die
Zugproben eines Typs identisch herzustellen. Folglich wurde durch die
gemessenen EIS-Spektren eine Vielzahl an unterschiedlichem „Verhalten“ der
einzelnen Zugproben nach erfolgter Zuglängendehnung beobachtet.
Um einen Eindruck des Verhaltens der Zugproben zu bekommen, werden
ausgewählte EIS-Spektren diskutiert. Diese spiegeln die Gesamtheit des
unterschiedlichen Verhaltens wider. Es soll bereits jetzt darauf hingewiesen
werden, dass ein bestimmtes Verhalten der Zugproben unabhängig von der
Farbe, dem Lackaufbau und der Zuggeschwindigkeit auftrat. Die nicht hier
aufgeführten EIS-Spektren sind im Anhang zu finden, wobei deren
Verhaltensmuster in diesem Kapitel vertreten ist.
4.2.3.1a Komplettlackaufbau weiß
Zugprobe SK3: Komplettlackaufbau weiß Sindelfingen Stahl 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
SK3_gezogen 5mm
SK3_gezogen 10mm
SK3_gezogen 15mm
SK3_gezogen 20mm
SK3_gezogen 25mm
Abbildung 4.9a: Zugprobe SK3: Lackaufbau weiß Sindelfingen, verz. Stahl 2mm/min
Abbildung 4.9a zeigt eine deutliche Abnahme der Beschichtungswiderstände nach
den Zuglängen. Bei dieser Zugprobe fallen die Zuglängen von 5mm und 10mm
sowie die von 15mm, 20mm und 25mm zusammen. Der Referenzwiderstand von
10
11
Ω spiegelt einen Wert wider, der bei einer intakten Beschichtung erwartet wird
[68]. Eine Erklärung für den Abfall der Beschichtungswiderstände kann sein, dass
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 152 -
sich in der Beschichtung schon von Beginn an Fehlstellen befinden, die durch den
Zug vergrößert werden bzw. sich Fehlstellen nach dem Zug entwickelt haben.
Diese Beobachtung, dass Brüche und Deadhäsionsvorgänge mit dem
Dehnungsstress ansteigen, machte auch Bastos et al. [61].
Insgesamt hat sich ein Abfall des Beschichtungswiderstands um 5 Größen-
ordungen auf 10
6
Ω (bei maximaler Zuglängenbeanspruchung von 25mm) ereignet.
Die Beschichtungsparameter der Zugprobe SK3 sind in Tabelle 4.9 als Ergebnisse
der numerischen Anpassung mit dem „Randles“-Ersatzschaltbild aufgeführt.
Tabelle 4.9: Zugprobe SK3_Beschichtungsparameter
Zugprobe SK3 Referenz
5mm 10mm 15mm 20mm 25mm
R
1
[Ω/cm²] 2.47E+11
8.27E+07
7.05E+07
2.09E+06
2.05E+06
1.64E+06
R
0
[Ω/cm²] 2.59E-10
5.33E-10
1.44E-09
1.06E+03
225.5 125.6
C
1
[F/cm²] 1.57E-10
4.57E-11
4.60E-11
4.23E-11
4.26E-11
4.24E-11
Goodness of fit
91.51% 97.12% 97,45% 99,20% 99.43% 99.70%
Tabelle 4.9 zeigt die Beschichtungsparameter der Zugprobe SK3. Der „Goodness
of fit“ Wert gibt die Übereinstimmung der numerischen Anpassung mit dem
gemessenen EIS-Spektrum für die Impedanz und für die Phase an. Je höher der
Wert ist, desto größer ist die Übereinstimmung. Der vergleichsmäßig geringe
„Goodness of fit“ Wert bei der Referenz kommt durch die schlechte
Übereinstimmung mit der Phase zustande.
Der Beschichtungswiderstand R
1
nimmt stufenförmig ab. Der 5mm- und 10mm-
Zug liegt auf einer Stufe sowie die Züge von 15mm bis 25mm. Die
Beschichtungswiderstände der zweiten Stufe befinden sich knapp unterhalb des
Grenzwerts 10
7
Ω, der zwischen einer intakten und einer defekten Schutzschicht
unterscheiden lässt [68]. Folglich nimmt die Schutzeigenschaft der Zugprobe SK3
durch die Dehnung des Lacks deutlich ab.
Die Beschichtungskapazität C
1
verändert sich lediglich von der Referenz
(1,57•10
-10
F) zu den Zügen (ca. 4•10
-11
F). Diese Abnahme erfolgte bereits nach
dem 5mm-Zug und änderte sich anschließend fast nicht mehr. Durch die Züge
wäre eigentlich eine Zunahme der Kapazität zu erwarten gewesen.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 153 -
Diese Erwartung wird durch die folgenden beiden Erklärungen begründet. Zum
einen verhält sich die Kapazität im Hochfrequenzbereich umgekehrt proportional
zur Schichtdicke des Lacks, die durch die Zuglängendehnung tendenziell
abnehmen müsste.
Zum anderen ist die Kapazität ein Maß für die mögliche Wasserabsorption. Da
durch die Züge vermehrt Fehlstellen in der Beschichtung auftreten, könnte
angenommen werden, dass sich in diese ebenfalls vermehrt Wasser einlagert,
wodurch die Kapazität ansteigen müsste.
Dennoch, wie bereits erwähnt, kam es zu keiner Kapazitätszunahme. Eine
mögliche Begründung kann sein, dass unterschiedliche Elektroden für die
einzelnen Messungen verwendet wurden, wodurch eine gewisse Streuung der
Ergebnisse zustande kommt.
Eine andere Erklärung für die Kapazitätsabnahme könnte ein zunehmender
Adhäsions- bzw. Kohäsionsverlust sein. Folglich würde die Vernetzung innerhalb
der Schichten bzw. die Haftung von Lack zum Substrat abnehmen. Aus einer
„feinen“ Vernetzung, in die sich Wasser einlagern kann und „fest gehalten“ wird,
wird eine „grobmaschige“ Vernetzung, in die zwar vermehrt Wasser eingelagert
werden kann, aber dafür das Wasser weniger „fest halten“ kann.
Die „Adhäsionsproblematik“ spielte bei den Zugproben tatsächlich eine große
Rolle (siehe Abbildung 4.15) und trat nicht selten auf.
Dennoch muss in diesem Fall durch weitere Untersuchungen die Ursache für die
Kapazitätsabnahme geklärt werden.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 154 -
Ein anderes Verhalten zeigt der klassische Komplettlackaufbau weiß (Abbildung
4.9b).
Zugprobe SK17: Komplettlackaufbau weiß Sindelfingen Stahl 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
SK17_gezogen 5mm
SK17_gezogen 10mm
SK17_gezogen 15mm
SK17_gezogen 20mm
SK17_gezogen 25mm
Abbildung 4.9b: Zugprobe SK17: Lackaufbau weiß Sindelfingen, verz. Stahl 2mm/min
Die Abbildung 4.9b zeigt schon zu Beginn der Zugversuche („Referenz“) einen
deutlich niedrigeren Beschichtungswiderstand R
1
von 10
8
Ω. Dieser wurde bei der
vorhergehende Zugprobe SK3 (Abbildung 4.9a) erst nach den Zügen von 5mm bis
25mm erreicht. Dies spricht dafür, dass die Zugprobe SK17 bereits im
unbelasteten Zustand einen fehlerhaften Komplettlackaufbau besitzt. Die
Abstufung zwischen den Zuglängen 5mm und 10mm (liegen auf Referenzkurve)
und 15mm bis 25mm Zuglänge kann wie folgt erklärt werden.
Die für die im Referenzzustand bereits vorhandene Oberflächenschädigung kann
durch die 5mm bzw. 10mm Dehnung nicht so vergrößert werden, dass dies im
EIS-Spektrum sichtbar wird. Dies zeigt, wie groß die Oberflächenschädigung
schon von Beginn an sein musste. Ab 15mm ist hingegen ein Effekt sichtbar. R
1
fällt um 2 Größenordnungen, wodurch darauf zu schließen ist, dass die
Oberflächenschädigung messbar vergrößert wurde.
Eine andere Erklärung für dieses Verhalten könnte die Bildung von
Korrosionsprodukten sein, die erst ab der 15mm-Dehnung nicht mehr ausreicht,
um die Fehlstellen zusetzen zu können (vgl. Kapitel 4.2.5).
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 155 -
In der folgenden Abbildung 4.9c ist der gleiche Lackaufbau mit einer
Zuggeschwindigkeit von 200mm/min zu sehen. Dieser Vergleich soll es
ermöglichen, die Auswirkung der Zuggeschwindigkeit zu beurteilen.
Zugprobe SK21: Komplettlackaufbau weiß Sindelfingen Stahl 200mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E+12
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
SK21_gezogen 5mm
SK21_gezogen 10mm
SK21_gezogen 15mm
SK21_gezogen 20mm
SK21_gezogen 25mm
Abbildung 4.9c: Zugprobe SK21: Lackaufbau weiß Sindelfingen, verz. Stahl 200mm/min
In Abbildung 4.9c ist deutlich sichtbar, dass sich die größte Abnahme des
Beschichtungswiderstands bereits nach dem ersten Zug (von 10
11
Ω
bzw. 10
12
Ω
auf 10
7
Ω) ereignet hat. Die Abnahme von vier Größenordnungen vergrößert sich
bis zur maximalen Zuglänge von 25mm nur noch um ca. eine Größenordnung auf
10
5
Ω bzw. 10
6
Ω. Die Reihenfolge nach den erfolgten Zügen ist annähernd
gegeben. Dass bereits nach dem ersten Zug von 5mm die größte Abnahme des
Beschichtungswiderstands zu sehen ist, kann dadurch erklärt werden, dass die
Zuggeschwindigkeit dem Lacksystem keine Möglichkeit lässt, auf diese
Beanspruchung elastisch zu reagieren. Folglich werden bei einer
Zuggeschwindigkeit von 200mm/min so starke Lackbeschädigungen bzw.
Lackfehlstellen verursacht, die sich nicht mehr regenerieren können.
Aufgrund dieser bereits zu Anfang schon verursachten Schädigung zeigen die
weiteren Zuglängen keinen großen Effekt mehr. Es kann angenommen werden,
dass es sich in diesem Fall um eine Erweiterung bereits vorhandener Fehlstellen
handelt und weniger um „neu“ zugefügte Fehlstellen.
Eine andere Erklärung, weshalb die weiteren Züge keinen so großen Einfluss auf
den Beschichtungswiderstand haben, hängt mit der Adhäsion zwischen Substrat
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 156 -
und Beschichtung zusammen. Folglich kann bereits durch den ersten Zug ein
starker Adhäsionsverlust verursacht worden sein. Erfährt die Zugprobe
anschließend weitere Züge, haben diese auf die Beschichtungswiderstände
keinen starken Einfluss mehr, da der Lack auf dem Substrat der Dehnung,
aufgrund fehlender Adhäsion, keinen Widerstand mehr leistet. Auf diese Theorie
wird in Kapitel 4.2.5 detaillierter eingegangen.
Bei der Zugprobe SK21 ist zu beachten, dass es sich bei diesem Verhalten
hinsichtlich der Zuggeschwindigkeit um einen Einzelfall handelt. Dennoch wurde
sie zur Vollständigkeit aufgeführt.
4.2.3.1b Komplettlackaufbau silber
Abbildung 4.10: Zugprobe SK60: Lackaufbau silber Sindelfingen, verz. Stahl 2mm/min
Wie in Abbildung 4.10 zu sehen, unterscheidet sich das Verhalten der Zugprobe
SK60 lediglich darin, dass die Beschichtungswiderstände der Referenzkurve
unterhalb der der Züge liegen. Bereits der Referenzzustand ist mit einem
Beschichtungswiderstand von <10
7
Ω der einer Beschichtung mit unzureichenden
Schutzeigenschaften.
Zugprobe SK60: Komplettlackaufbau silber Sindelfingen 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Im p e d a n z [O h m ]
Referenz: nicht gezogen
SK60_gezogen 5mm
SK60_gezogen 10mm
SK60_gezogen 15mm
SK60_gezogen 20mm
SK60_gezogen 25mm
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 157 -
4.2.3.1c Komplettlackaufbau schwarz
Zugprobe SK68: Komplettlackaufbau schwarz Sindelfingen Stahl 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E+12
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
SK68_gezogen 5mm
SK68_gezogen 10mm
SK68_gezogen 15mm
SK68_gezogen 20mm
SK68_gezogen 25mm
Abbildung 4.11: Zugprobe SK68: Lackaufbau schwarz Sindelfingen, verz. Stahl 2mm/min
Auf den ersten Blick zeigt Abbildung 4.11 keinen großen Unterschied zur
Abbildung 4.9a. Wird die Abbildung jedoch genauer betrachtet, so ist feststellbar,
dass die Referenz einen Beschichtungswiderstand von 10
8
Ω hat, während nach
einem Zug von 20mm der Beschichtungswiderstand angestiegen ist (ca. 5·10
11
Ω).
Jedoch ist bei der Zugprobe SK68 eine Reihenfolge der Abstufung nach erfolgtem
Zug sichtbar. Folglich liegt nach maximaler Zuglänge von 25mm der
Widerstandswert zwischen 10
6
Ω und 10
7
Ω, während die der Zuglängen von 5mm
bis 15mm bei ca. 10
8
Ω liegen. Eine mögliche Begründung, weshalb der
Beschichtungswert R
1
der Zuglänge von 20mm die Größe einer intakten
Beschichtung zeigt und damit oberhalb der Kurven geringerer Zuglängen liegt,
kann sein, dass sich Korrosionsprodukte gebildet haben. Im Detail bedeutet dies,
dass aufgrund der Ruhezeit zwischen den Zügen gebildete Korrosionsprodukte
die Möglichkeit haben, bestehende Lackfehlstellen zu verschließen und dadurch
eine intakte Beschichtung zu imitieren.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 158 -
4.2.3.2 Zusammenfassung der Komplettlackaufbauten (verz. Stahlsubstrat)
Eine Gegenüberstellung der Zugproben-Ergebnisse der Komplettlackaufbauten
auf eloverzinktem Stahl ermöglicht Tabelle 4.10. Um einen großen Unterschied zu
erreichen, erfolgt lediglich der Vergleich zwischen der Referenz und der
maximalen Zuglänge (25mm). Da dieses Verhalten unabhängig von der
Zuggeschwindigkeit ist, sind die Ergebnisse für 2mm/min dargestellt.
Tabelle 4.10: Zusammenfassung Beschichtungsparameter Zugproben (verzinktes Stahl-
substrat)
Sindelfingen_verzinkter Stahl_2mm/min
Rastatt_verzinkter Stahl_2mm/min
R
1
[Ω/cm²] Referenz 25mm R
1
[Ω/cm²] Referenz 25mm
weiß 5.67E+11 8.10E+06 weiß 1.63E+11 1.26E+07
silber 5.91E+07 1.31E+06 silber 1.73E+11 2.37E+07
schwarz 5.57E+07 1.81E+06 schwarz 2.75E+11 2.11E+07
C
1
[F/cm²] Referenz 25mm C
1
[F/cm²] Referenz 25mm
weiß 1.48E-10 4.56E-11 weiß 3.93E-11 5.75E-11
silber 4.74E-11 4.37E-11 silber 6.36E-11 4.70E-11
schwarz 4.34E-11 3.56E-11 schwarz 6.39E-11 5.00E-11
Wie in Tabelle 4.10 zu sehen, liegen die Beschichtungswiderstände R
1
aller
Rastatter Zugproben und der Sindelfinger Zugprobe (weiß) mit 10
11
Ω im Bereich
für Beschichtungen mit intakten Schutzeigenschaften gegenüber Korrosion.
Der Sindelfinger Komplettlackaufbau in den Farben silber und schwarz hatte
bereits im Referenzzustand einen deutlich geringeren R
1
-Wert (10
7
Ω). Diese
beiden liegen im Bereich für Beschichtungen mit unzureichenden
Schutzfunktionen [68].
Nach dem 25mm-Zug ist deren R
1
-Wert-Abnahme von nur 1 Größenordnung
jedoch sehr gering. Die Komplettlackaufbauten mit intakten Schutzeigenschaften
zeigen einen deutlich größeren Abfall der Beschichtungswiderstände von 4 bis 5
Größenordnungen.
Eine mögliche Begründung für die unterschiedliche Auswirkung der
Zuglängendehnung kann sein, dass bei dem silbernen und schwarzen Sindelfinger
Komplettlackaufbau bereits im Referenzzustand vermehrt Lackfehlstellen
vorhanden waren. Folglich würde sich der Lack aufgrund der Fehlstellen beim
25mm-Zug noch „elastisch“ verhalten, d.h. es würden durch die Dehnung keine
bzw. wenig Brüche im Lack verursacht werden.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 159 -
Eine andere Begründung könnte eine fehlerhafte Adhäsion zwischen Substrat und
Lackaufbau sein. Diese Problematik ist in Kapitel 4.2.5 detailliert beschrieben.
Unabhängig von den Begründungen belegen die Widerstandswerte, dass bereits
im Referenzzustand die beiden Beschichtungen nicht intakt sind.
Dennoch wird ein R
1
-Wert von 10
6
Ω nach der 25mm-Dehnung bei keiner
Zugprobe unterschritten.
Die Beschichtungskapazität C
1
ist mit 10
-10
F bis 10
-11
F bei allen Referenzen und
den 25mm-Zuglängen relativ konstant.
4.2.4 Komplettlackaufbau auf Aluminium
Die folgenden drei Abbildungen zeigen den Sindelfinger Komplettlackaufbau auf
Aluminium in der Farbe silber. Es wird dieser Komplettlackaufbau im Detail
beschrieben, da sich in seinem Verhalten der Aluminium-Komplettlackaufbau weiß
und schwarz wiederfinden lässt.
Zugprobe AK22: Komplettlackaufbau silber Sindelfingen Aluminium 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E+12
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
AK22_gezogen 5mm
AK22_gezogen 10mm
AK22_gezogen 15mm
Abbildung 4.12a: Zugprobe AK22: Lackaufbau silber Sindelfingen, Alu_2mm/min
Wie in Abbildung 4.12a zu sehen, erfolgt erst ab einer Zuglänge von 15mm ein
Abfall der Widerstandswerte auf 10
8
Ω bzw. 10
9
Ω. Dass die Kurve des 5mm-Zugs
oberhalb der Referenz und der des 10mm-Zugs liegt, kann durch die in Kapitel
4.2.5 aufgeführten Fehlerquellen verursacht werden. Dass Korrosionsprodukte die
Fehlstellen schließen und daher die 5mm-Kurve über der 10mm-Kurve liegt, ist
eher unwahrscheinlich. Um Aluminium korrodieren zu lassen, sind stärkere äußere
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 160 -
Einflüsse als die reine Ruhezeit zwischen den einzelnen Zügen nötig (vgl. CASS-
Test mit Essigsäure für Aluminiumkorrosion und KWT-D-Test mit NaCl für
Stahlsubstrate).
Auffällig in dieser Abbildung sind die sprunghaften Änderungen der
Beschichtungswiderstände des 15mm-Zugs. Diese Sprünge können mit dem
Gamry-Messsystem zusammenhängen. Dieses besitzt für jeden Frequenzbereich
einen sogenannten Frequenzfilter. Übersteigt die für die Messung benötigte
Frequenz dessen Bereich, so kommt ein anderer Filter zum Einsatz. Beim
Wechsel von dem einen zu dem anderen Frequenzfilter kann es zu solchen
sprunghaften Änderungen im EIS-Spektrum kommen.
Deutlicher ist dieser Filterwechsel in der folgenden Abbildung 4.12b bei der
Aufnahme der Referenz-Kurve zu sehen.
Zugprobe AK27: Komplettlackaufbau silber Sindelfingen Aluminium 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
AK27_gezogen 5mm
AK27_gezogen 10mm
AK27_gezogen 15mm
Abbildung 4.12b: Zugprobe AK27: Lackaufbau silber Sindelfingen, Alu_2mm/min
Wie Abbildung 4.12b zeigt, ist bei der Aufnahme der Referenz-Kurve eine
deutliche sprunghafte Änderung der Beschichtungswiderstände zu sehen. Diese
ist auf die benötigte Verwendung der verschiedenen Frequenzfilter während der
EIS-Messungen zurückzuführen (Abbildung 4.13).
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 161 -
Abbildung 4.13: Zugprobe AK27: Korrelation EIS-Spektrum und Frequenzfilter
Wie Abbildung 4.13 zeigt, ist eine eindeutige Zuordnung der Frequenzfilter (grün)
mit den Sprüngen in dem EIS-Spektrum (blau) möglich. Die roten Linien wurden
nachträglich eingefügt, um diese Sprünge hervorzuheben.
Die folgende Abbildung 4.14 ist eine dritte Aluminium-Zugprobe. Diese beinhaltet
alle soeben aufgeführten Faktoren.
Zugprobe AK31: Komplettlackaufbau silber Sindelfingen Aluminium 2mm/min
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: nicht gezogen
AK31_gezogen 5mm
AK31_gezogen 10mm
AK31_gezogen 15mm
Abbildung 4.14: Zugprobe AK31: Lackaufbau silber Sindelfingen, Alu_2mm/min
Wie in Abbildung 4.14 sichtbar, ist bei dieser Zugprobe eine Reihenfolge der
Abnahme bzw. Abstufung der Widerstandswerte nicht erfüllt. Folglich liegt die
Impedanzkurve des 15mm-Zugs über der des 10mm-Zugs. Bei der Referenz ist im
Niederfrequenzbereich schon eine leichte Abnahme zu beobachten. Diese prägt
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 162 -
sich nach den Zügen zunehmend aus. Auch die Sprünge durch den Filterwechsel
sind beim 15mm-Zug vertreten.
Werden die Komplettlackaufbauten hinsichtlich der Widerstandswerte betrachtet,
so zeigt der Vergleich zwischen den Aluminium- und den Stahlzugproben, dass
der Maximal-Zug von 15mm (maximale Zuglänge bei Aluminium: 10
7
Ω) einen
geringeren Abfall der Widerstandswerte als der Maximal-Zug von 25mm bei den
Stahlzugproben (10
4
Ω) zur Folge hat. Aluminiumproben mit maximaler Zuglänge
verfügen demzufolge noch über ausreichende Barriere- bzw. Schutzeigenschaften
gegenüber Elektrolytbelastung. Dies ist bei den maximal gezogenen
Stahlzugproben nicht mehr der Fall.
Der „Widerstands-Grenzwert“, der zwischen einer vor Korrosion schützender und
einer unzureichend schützender Beschichtung unterscheidet, liegt nach Loveday
et al. [68] bei 10
7
Ω. Beschichtungswiderstände über 10
9
Ω zeigen einen adequaten
Korrosionsschutz der Beschichtung an. Dieses Verhalten wurde sowohl durch
Labor- als auch durch Feld-Proben belegt.
Folgende Tabelle 4.11 soll abschließend einen Überblick über die
Beschichtungsparameter der Aluminiumzugproben mit Komplettlackaufbau geben.
Da das Verhalten der Zugproben unabhängig von der Zuggeschwindigkeit war,
werden die Beschichtungsparameter für 2mm/min angegeben.
Tabelle 4.11: Zusammenfassung Beschichtungsparameter Zugproben (Sindelfinger
Lackaufbau, Substrat: Aluminium, Zuggeschwindigkeit 2mm/min)
R
1
[Ω/cm²] Referenz 15mm
weiß 1.09E+12 1.02E+09
silber 1.53E+11 1.75E+08
schwarz 4.09E+11 1.52E+11
C
1
[F/cm²] Referenz 15mm
weiß 4.94E-11 4.82E-11
silber 7.07E-11 5.26E-11
schwarz 1.31E-10 5.08E-11
In Tabelle 4.11 ist zu sehen, dass die Referenzwiderstandswerte aller
Aluminiumzugproben mit 10
11
Ω bis 10
12
Ω für eine intakte Beschichtung sprechen.
Nach der Maximalzuglänge von 15mm ist eine unterschiedliche Abnahme
feststellbar. Der Beschichtungswiderstand des schwarzen Komplettlackaufbaus
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 163 -
nahm kaum ab, während beim silbernen und beim weißen Komplettlackaufbau
eine maximale Abnahme von 3 Größenordnungen zu messen war.
Die Beschichtungskapazitäten aller Zugproben änderten sich kaum und waren mit
10
-10
F bis 10
-11
F relativ konstant.
Werden die Zugproben-Ergebnisse der Komplettlackaufbauten mit denen der KTL-
Beschichtung verglichen, so ist feststellbar, dass sich die gleichen Tendenzen
abzeichnen.
Konkret bedeutet dies, dass die Aluminiumzugproben im Referenzzustand und
nach dem Maximalzug höhere Beschichtungswiderstände zeigen als die
entsprechenden Stahlzugproben. Jedoch erfahren die Aluminiumzugproben mit
der maximalen Zuglänge von 15mm nicht die gleich große Dehnung wie die
Stahlzugproben (maximal 25mm).
4.2.5 Problematiken beim Zugproben-Versuch
Allgemein wird bei den Zugproben angenommen, dass die
Beschichtungswiderstände mit zunehmender Dehnungsbelastung abnehmen.
Belegt wird diese Annahme durch Bastos et al. [61, 62], der zeigte, dass Brüche
und Deadhäsionsvorgänge mit dem Dehnungsstress ansteigen und dadurch der
Beschichtungswiderstand abnimmt.
Dass sich die Abnahme des Beschichtungswiderstands nach erfolgtem Zug nicht
der Reihenfolge nach ereignet hat, kann anhand von mehreren Vermutungen
erklärt werden.
1. Die Prüffläche ist zwar durch einen Anschlag an der Prüfvorrichtung
festgelegt, jedoch ist eine minimale Verschiebung möglich. Ist eine defekte
Stelle des Lacks unmittelbar am Rand der Prüffläche, kann es sein, dass
bei der einen Messung diese Fehlstelle detektiert wird, bei der anderen
Messung aber außerhalb des Prüfbereichs liegt.
2. Die EIS-Messungen der Zugproben erfolgten nicht mit der gleichen
Elektrode, so dass dadurch Schwankungen in den Messergebnissen
auftreten können.
3. Die Dauer der Ruhephase zwischen den einzelnen Zügen kann einen
Einfluss auf die „Regeneration“ der Zugproben haben. Diese war aufgrund
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 164 -
der auseinander liegenden Örtlichkeiten (für den Zug und für die EIS-
Messung) unvermeidbar und durch den Belegungsplan der Zugmaschine
unterschiedlich lang. Dadurch unterscheidet sich die Dauer der
Regenerationsphase, in der sich das System gegebenenfalls wieder
„relaxiert“.
Punkt 1 bis 3 betreffen die Problematiken in der Durchführung der
Zugprobenmessungen.
Maßgebend für die nicht vorhandene Korrelation zwischen Abnahme des
Beschichtungswiderstands und der Zuglängendehnung, kann die Bildung von
Korrosionsprodukten sein. Die Korrosionsprodukte können vorhandene Fehlstellen
(Poren, Risse, ...) in der Beschichtung zusetzen, wodurch der Elektrolyt nicht mehr
bis zum Substrat vordringen kann und der Beschichtungswiderstand wieder
zunimmt. Dadurch liegt die „zugesetzte“ Impedanzkurve oberhalb der, bei der die
Fehlstellen noch offen sind.
Die Vermutung, dass Korrosionsvorgänge stattgefunden haben, wurde durch eine
metallographische Untersuchung (Abbildung 4.16a-c) nachgewiesen. Da bei den
Zugproben recht häufig ein Adhäsionsverlust zwischen Substrat und Lack
festgestellt wurde, sollte die Korrosion als Ursache bestätigt werden.
Abbildung 4.15: Delamination (Adhäsionsverlust) bei einer Zugprobe (verzinktes
Stahlsubstrat)
Wie Abbildung 4.15 zeigt, ist eine deutliche Delamination des Lacks vom Substrat
zu sehen. Folglich zeigen die Abbildungen 4.16a-c metallographische Aufnahmen,
die den Adhäsionsverlust belegen.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 165 -
Abbildung 4.16a: Lackrückseite mit Abbildung 4.16b: Blechoberseite, Zink-
Phosphatkristalle und Phosphatkristalle
Abbildung 4.16c: Korrosion durch Chloridverbindung
Die Abbildungen 4.16a-c zeigen, dass sich Phosphatkristalle auch auf der
Lackrückseite (Abbildung 4.16a) befinden, obwohl die Zinkphosphatierung die
Schicht auf der Substratoberfläche ist, an der die KTL und somit auch der
Komplettaufbau haften sollte. Die Blechoberseite (Abbildung 4.16b) zeigt die
erwarteten Phosphat- und Zinkkristalle. Somit muss ein Kohäsionsbruch innerhalb
der Phosphat- und Zinkschicht stattgefunden haben, der zu dem Adhäsionsverlust
Substrat/Beschichtung geführt hat. Wie Abbildung 4.16c zeigt, hat sich dieser
aufgrund von stattfindender Korrosion durch die Anreicherung von Cl
-
-Ionen
ereignet.
Dass die Anordnung der Zinkkristalle einen Einfluss auf die Zinkphosphatschicht
und deren Funktion hat, stellte Bastos et al. in seiner Publikation von 2002 [61]
fest. Er zeigte, dass sich durch die Zugdehnung des Stahls die Zinkkristalle nach
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 166 -
der Spannungsrichtung ausrichten, wodurch die Phosphatschicht Brüche
bekommt. Die mikroskopische Untersuchung der Phosphatschicht ergab, dass
Defekte und Brüche zu einer Abnahme des Beschichtungswiderstands führen [62].
Festzuhalten ist zudem, dass es sich nach der Publikation von Bastos et al. [62]
bei dem stattfindenden Adhäsionsverlust um Stahl als Substrat handelt. Bei den
Zugprobenversuchen in dieser Arbeit kann diese Beobachtung bestätigt werden.
Folglich wurde nur bei den eloverzinkten Stahlzugproben ein Adhäsionsverlust
beobachtet, nicht aber bei den Aluminiumzugproben. So stellten auch Piens und
Deurwaerder [69] fest, dass die Adhäsion mit der Beschichtungspolarität, d.h. dem
Sauerstoffgehalt ansteigt. Dass der polare Anteil einer Oberfläche eine wichtige
Position bei Haftungsprozesse einnimmt, wird ebenfalls in [78] sinngemäß wie
folgt beschrieben: Für eine gute Haftung sind die Gleichheit der Polaritäten von
Beschichtung und Substrat notwendig. Dies lässt die Annahme zu, dass die
Polarität des Aluminiums der Polarität des Lacks eher gleicht als es beim
verzinkten Stahlsubstrat der Fall ist. Da zudem Aluminium in atmosphärischer
Umgebung unmittelbar eine Oxidschicht ausbildet, spricht das ebenfalls für
dessen größere Polarität.
Weitere Parameter, über die nach Loveday et al. [48] eine Aussage bezüglich
Adhäsionsverlust/Delamination getroffen werden kann, sind der Polarisations-
widerstand R
polar
und die Doppelschichtkapazität Cdl.
Da beide Parameter charakteristisch für das Substrat sind, werden sie erst
sichtbar, wenn der Elektrolyt durch die Beschichtung dringt und mit dem Substrat
in Kontakt kommt. Der daraus resultierende Korrosionsvorgang unterhalb der
Beschichtung kann den erfolgten Adhäsionsverlust der Beschichtung auf dem
Substrat verursachen.
Bastos et al. [61] zeigte in seiner Publikation, dass die Doppelschichtkapazität Cdl
erst auftritt, wenn der Porenwiderstand unterhalb von 10
7
Ω liegt, d.h. bei Proben
mit hoher Dehnung. Zudem stellte er fest, dass Cdl der Kontaktfläche
Elektrolyt/Substrat zugehörig ist und sie folglich als Maß für erfolgte Delamination
gesehen werden kann.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 167 -
Ein weiteres häufig auftretendes Problem bei den Zugproben war, dass der
Beschichtungswiderstand R
1
im Niederfrequenzbereich zunehmend absinkt. Dies
lässt auf erfolgte Degradation (Elektrolyse des Substrats bei wenig
barrierewirksamen Systemen) während der Messung schließen. Jedoch kann eine
Degradation nicht simuliert werden, da in den „korrekten“ EIS-Spektren R
1
aus
theoretischen Gründen im niederfrequenten Bereich nicht absinken darf.
Um dennoch die Auswertung der Beschichtungsparameter zu ermöglichen, wird
dieser Bereich „ignoriert“, damit die Simulation des verbleibenden EIS-Spektrums
korrekt erfolgen kann. Dadurch stimmt die angepasste Impedanzkurve mit der
tatsächlichen Kurve im Niederfrequenzbereich nicht überein, was zu einem
niedrigen „Goodness of fit“ Wert führt.
Unabhängig von den soeben beschriebenen Punkten, können diese
Problematiken keinen Einfluss auf den Anfangszustand einer Zugprobe haben. Da
es jedoch häufig der Fall war, dass bereits der Referenzzustand einer Zugprobe
einen geringeren Beschichtungswiderstand hatte, ist die größte Problematik beim
Zugproben-Versuch die einwandfreie Herstellung der beschichteten Zugproben.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 168 -
4.3 Freibewitterung und KWT-D
Dieses Kapitel beschreibt das „Alterungsverhalten“ der Substrat/Lack-Systeme,
welches bei der Freibewitterung in „realer Zeit“ und beim KWT-D Test in
„beschleunigter Zeit“ stattfindet.
Da die Alterung eines Systems ein weiterer Faktor ist, der innere Spannungen
verursacht, dienen diese Versuche deren Untersuchung. Folglich können die
inneren Spannungen eines Substrat/Lack-Systems durch die Alterung stark
zunehmen. Perera [49] zeigte, dass sich die Zunahme von inneren Spannungen
durch den Anstieg der Glasübergangstemperatur (durch vermehrte Vernetzung)
äußert. Zudem stellte er fest, dass Beschichtungen während des
Alterungsvorgangs polarer und dadurch empfindlicher gegenüber
Wasseraufnahme und Permeation werden.
Ein Vergleich mit den Zugproben kann ebenfalls stattfinden. Folglich äußert sich
eine geringe Temperatur mit relativer Luftfeuchte (5%) in einem
Zugdehnungsstress. Diese Umgebungsbedingungen entsprechen einem
typischen europäischen Winter. Ein häufiger Wechsel von unterschiedlicher
Temperatur und Luftfeuchte äußert sich in dem sogenannten Ermüdungsstress.
Auf diesem basiert der KWT-D Test.
Das Kapitel untergliedert sich in die Freibewitterungsversuche und in den KWT-D
Test. Die Messmethoden sind die EIS-Messung auf einer definierten Fläche des
Substrat/Lack-Systems und die Bestimmung der Ritzunterwanderung. Die
Ritzunterwanderung wird mit dem „Lineal“ und mit dem Computerprogramm
„SMART“ ausgewertet, der Verlauf der Ritzunterwanderung wird durch die
Thermografie festgehalten.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 169 -
4.3.1 Freibewitterung
Die Komplettlackaufbauten weiß, schwarz und silber des klassischen und des
integrierten Lackaufbaus wurden in Sindelfingen, Florida und Dänemark
ausgelagert und wöchentlich mit einer 5%igen NaCl-Lösung besprüht. Jeder
Lackaufbau wurde dabei in einer Mehrfachbestimmung ausgelegt.
4.3.1.1 EIS-Messung
Die aufgenommenen EIS-Spektren jedes Freibewitterungsblechs zeigen nahezu
das gleiche Verhalten (Abbildung 4.17). Da dieses unabhängig von Farbe,
Substrat, Lackaufbau und Auslagerungsort ist, wird exemplarisch lediglich ein EIS-
Spektrum diskutiert.
Florida: Blech F219 weiß, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E+12
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Start
1.Jahr
2.Jahr
Abbildung 4.17: Freibewitterung Florida: Blech F219 Lackaufbau weiß, Sindelfingen
Abbildung 4.17 zeigt das EIS-Spektrum des Freibewitterungsblechs F219, das mit
dem klassischen Lackaufbau weiß beschichtet und in Florida ausgelagert wurde.
Das Spektrum zeigt, dass der Beschichtungswiderstand der Referenzmessung
und des ersten Jahres nahezu identisch ist, während der des zweiten Jahres eine
Größenordnung darüber liegt.
Bei diesem Unterschied ist von einem Messfehler auszugehen, da nicht mit
denselben Elektrode die Spektren aufgenommen werden konnte. Als Ergebnis ist
jedoch eindeutig, dass der Komplettlackaufbau nach 2 Jahren immer noch eine
Beschichtung mit intakten Schutzeigenschaften darstellt [48].
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 170 -
In Tabelle 4.12 sind die Beschichtungsparameter des Freibewitterungsblechs
F219 aufgezeigt.
Tabelle 4.12: Beschichtungsparameter des Blechs F219
Blech F219
Referenz
1. Jahr 2. Jahr
R
1
[Ω/cm²] 1.36E+10
2.51E+10
1.59E+11
R
0
[Ω/cm²] 9.95E-08
2.92E-09
6.58E-09
C
1
[F/cm²] 1.25E-10
1.15E-10
7.04E-10
Wie Tabelle 4.12 zeigt, liegen die Werte des Beschichtungswiderstands R
1
mit
10
11
Ω in der Größenordnung einer intakten Beschichtung. Dass es sich um ein
rein kapazitives Verhalten handelt, war schon in Abbildung 4.17 zu sehen. Dieses
verändert sich auch nach 2 Jahren Auslagerung nicht. Typische Werte für die
Beschichtungskapazität einer intakten Beschichtung liegen zwischen 0,1nF/cm²
und 1nF/cm². Diese geringen Werte treffen für das Blech F219 zu [48].
Mit Hilfe der EIS-Messung kann nach 2 Jahren Freibewitterung keine Zunahme
der inneren Spannungen (durch Abnahme des Beschichtungswiderstands)
festgestellt werden. Nach Perera [49] verursachen Kombinationen von Temperatur
und Luftfeuchte zugbelastenden bzw. komprimierenden Stress in einer
Beschichtung. Ist dieser groß genug, bilden sich Fehlstellen in der Beschichtung,
die über die Beschichtungsparameter festgestellt werden können. Folglich ist
anzunehmen, dass die Auslagerungsdauer von zwei Jahren für einen mit der EIS
messbaren Unterschied, bezüglich der inneren Spannungen, zu kurz ist.
Dies bestätigt auch Schulz et al. [70], der u.a. die optischen Eigenschaften eines
Klarlacks nach der Freibewitterung untersuchte. Er stellte fest, dass sich diese
über eine lange Dauer der Freibewitterung (ca. fünf Jahre) nahezu kaum
verändern.
Bei dieser Aussage muss jedoch berücksichtigt werden, dass sich auf dem
Freibewitterungsblech neben der Prüffläche für die EIS-Messung der eingefügte
„Ritz“ befindet. Folglich wäre es denkbar, dass sich die inneren Spannungen
zuerst am Ritz „entspannen“ bevor sich diese in der EIS-Prüffläche bemerkbar
machen [49].
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 171 -
4.3.1.2 Ritzunterwanderung, SMART
Das Stahlsubstrat zeigte nach zwei Jahren Freibewitterung messbare
Ritzunterwanderungen. Beim Aluminiumsubstrat hingegen trat unabhängig vom
Auslagerungsort keine Filiformkorrosion auf. Daher enthält dieses Kapitel lediglich
die Ergebnisse des Stahlsubstrats.
Um die Ritzunterwanderung zu bestimmen, wurden zwei Methoden angewandt.
Zum einen erfolgte die Ausmessung der Unterwanderung mit dem Lineal, zum
anderen mit dem Computerprogramm „SMART“ (vgl. Kapitel 2.4.2).
Da die Auswertungsmethoden sehr gut übereinstimmen, werden im Folgenden
lediglich die mit dem Lineal bestimmten Ritzunterwanderungen aufgeführt
(Tabellen 4.13-4.15). Abschließend zeigt Abbildung 4.19 die Übereinstimmung
zwischen beiden Messmethoden an dem Blech F219.
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- 172 -
a) Sindelfingen
Folgende Tabelle 4.13 zeigt die Ritzunterwanderung der einzelnen
Komplettlackaufbauten, ausgelagert in Sindelfingen.
Tabelle 4.13: Ritzunterwanderung Sindelfingen-Freibewitterung, verz. Stahlsubstrat
Lackaufbau_verz. Stahl
Blech
U/2 [mm] Schichtdicke [µm] Ø U/2 [mm] Ø Schichtdicke [µm]
Sindelfingen weiß F211 0,9 51,4 0,78 60,02
Sindelfingen weiß F218 0,7 68,0
Sindelfingen weiß F225 0,7 60,7
Sindelfingen silber F347 0,9 77,8 0,85 90,60
Sindelfingen silber F399 0,7 96,3
Sindelfingen silber F401 1,0 97,6
Sindelfingen schwarz F287 0,7 94,3 0,58 88,90
Sindelfingen schwarz F289 0,5 87,1
Sindelfingen schwarz F322 0,5 85,3
Rastatt weiß F502 (2,7) 95,3 0,8 (1,4) 89,13
Rastatt weiß F513 0,7 87,0
Rastatt weiß F522 0,9 85,1
Rastatt silber F35 0,7 83,2 0,73 82,49
Rastatt silber F65 0,9 82,2
Rastatt silber F66 0,7 82,1
Rastatt schwarz F34 0,6 82,7 0,63 79,87
Rastatt schwarz F111 0,6 77,6
Rastatt schwarz F146 0,7 79,3
Wie in Tabelle 4.13 zu sehen, ist eine Reihenfolge der Ritzunterwanderung
erkennbar. Die Ritzunterwanderung beim klassischen Komplettlackaufbau steigt
von schwarz, weiß zu silber, während der integrierte Lackaufbau die Reihenfolge
schwarz, silber und weiß zeigt.
Zudem ist beim integrierten Komplettlackaufbau eine Korrelation zwischen
Ritzunterwanderung und Schichtdicke feststellbar: je höher die Schichtdicke, desto
größer ist die Unterwanderung. Diese Korrelation ist beim klassischen Lackaufbau
nicht zu erkennen.
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- 173 -
b) Florida
Tabelle 4.14 zeigt die Ritzunterwanderung der verschiedenen Komplettlack-
aufbauten des Auslagerungsorts Florida.
Tabelle 4.14: Ritzunterwanderung Florida-Freibewitterung, verz. Stahlsubstrat
Lackaufbau_verz. Stahl
Blech
U/2 [mm] Schichtdicke [µm] Ø U/2 [mm]
Ø Schichtdicke [µm]
Sindelfingen weiß F212 3,1 53,5 2,98 65,32
Sindelfingen weiß F213 2,4 69,0
Sindelfingen weiß F219 3,5 73,5
Sindelfingen silber F375 3,4 90,3 3,10 101,07
Sindelfingen silber F377 3,0 105,8
Sindelfingen silber F393 2,9 107,1
Sindelfingen schwarz F313 2,2 105,6 2,28 94,79
Sindelfingen schwarz F314 2,3 89,3
Sindelfingen schwarz F315 2,4 89,4
Rastatt weiß F517 4,4 82,7 4,13 83,40
Rastatt weiß F518 3,9 90,5
Rastatt weiß F532 4,1 77,0
Rastatt silber F121 3,4 81,5 3,54 81,64
Rastatt silber F147 4,1 84,6
Rastatt silber F201 3,1 78,9
Rastatt schwarz F28 3,5 78,5 3,73 82,52
Rastatt schwarz F32 3,8 80,3
Rastatt schwarz F33 3,9 88,8
Die Reihenfolge der Ritzunterwanderung in Tabelle 4.14 ist für den klassischen
Lackaufbau die gleiche wie beim Auslagerungsort Sindelfingen. So nimmt die
Unterwanderung von schwarz, weiß nach silber zu. Eine Korrelation mit der
Schichtdicke ist nicht zu sehen.
Der integrierte Lackaufbau zeigt eine etwas andere Reihenfolge. So schneidet der
silberne Lackaufbau am besten ab, gefolgt von schwarz und weiß. Eine
Korrelation mit der Schichtdicke ist auch bei den in Florida ausgelagerten
Prüfblechen gegeben.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 174 -
c) Dänemark
Die folgende Tabelle 4.15 zeigt die Ritzunterwanderung der
Komplettlackaufbauten, in Dänemark ausgelagert.
Obwohl sich nach Bautista [71] Filiformkorrosion häufig in mariner Umgebung
ereignet, konnte auch nach der Auslagerung in Dänemark (ca. 2km Entfernung
zum Meer) beim Aluminiumsubstrat keine Filiformkorrosion festgestellt werden.
Tabelle 4.15: Ritzunterwanderung Dänemark-Freibewitterung, verz. Stahlsubstrat
Lackaufbau_verz. Stahl
Blech
U/2 [mm]
Schichtdicke [µm] Ø U/2 [mm]
Ø Schichtdicke [µm]
Sindelfingen weiß F228 0,3 76,67 0,43 62,07
Sindelfingen weiß F251 0,6 47,47
Sindelfingen silber F360 0,7 92,47 0,55 93,62
Sindelfingen silber F368 0,5 84,20
Sindelfingen silber F400 0,6 104,20
Sindelfingen schwarz F302 0,4 78,93 0,39 83,07
Sindelfingen schwarz F317 0,3 82,87
Sindelfingen schwarz F318 0,5 87,40
Rastatt weiß F131 0,3 91,53 0,43 86,64
Rastatt weiß F143 0,4 76,40
Rastatt weiß F195 0,6 92,00
Rastatt silber F75 0,4 84,63 0,38 83,53
Rastatt silber F86 0,4 87,47
Rastatt silber F120 0,4 78,50
Rastatt schwarz F38 0,4 81,40 0,49 83,71
Rastatt schwarz F98 0,5 85,97
Rastatt schwarz F196 0,7 83,77
Wie in Tabelle 4.15 zu sehen, entspricht die Reihenfolge der Ritzunterwanderung
beim klassischen Komplettlackaufbau, der von den in Sindelfingen und Dänemark
ausgelagerten Blechen. Auch hier ist keine Korrelation zwischen Schichtdicke und
Unterwanderung erkennbar.
Der integrierte Komplettlackaufbau zeigt eine dritte Reihenfolge. So nimmt die
Ritzunterwanderung von silber, nach weiß zu schwarz zu. Eine Korrelation zur
Schichtdicke zeigt dieses Mal auch der integrierte Lackaufbau nicht.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass der klassiche Lackaufbau ein in
der Ritzunterwanderung unabhängiges Verhalten vom Auslagerungsort zeigt. So
nimmt die Ritzunterwanderung bei allen drei Auslagerungsorten von schwarz,
nach weiß zu silber zu. Eine Korrelation mit der jeweiligen Schichtdicke ist nicht zu
beobachten.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 175 -
Der integrierte Lackaufbau zeigt bezüglich der Ritzunterwanderung ein anderes
Verhalten. So unterscheidet sich die Reihenfolge der Ritzunterwanderung je nach
Auslagerungsort. Die Korrelation zur Schichtdicke zeigte sich im Auslagerungsort
Sindelfingen und Florida, bei Dänemark hingegen konnte keine Korrelation
festgestellt werden.
d) Zusammenfassung der Ergebnisse bezüglich der Ritzunterwanderung
Die beschriebenen Ergebnisse zusammengefasst, zeigt Tabelle 4.16. Für den
Vergleich der Freibewitterung und des KWT-D Tests werden die Ergebnisse der
Ritzunterwanderung aus dem KWT-D-Test der 12. Woche mit aufgeführt.
Tabelle 4.16: Ritzunterwanderung der Freibewitterungs- und KWT-D-Bleche, verzinktes
Stahlsubstrat
Lackaufbau_verz. Stahl
Sindelfingen
Ø U/2 [mm]
Florida
Ø U/2 [mm]
Dänemark
Ø U/2 [mm]
KWT-
D_Woche 12
Ø U/2 [mm]
Sindelfingen weiß 0,78 2,98 0,43 1,83
Sindelfingen silber 0,85 3,1 0,55 2,27
Sindelfingen schwarz 0,58 2,28 0,39 2,25
Rastatt weiß 0,80 4,13 0,43 2,37
Rastatt silber 0,73 3,54 0,38 2,77
Rastatt schwarz 0,63 3,73 0,49 2,53
Tabelle 4.16 zeigt, dass der Auslagerungsort einen großen Einfluss auf das
Ausmaß der Ritzunterwanderung hat. Werden die drei Auslagerungsorte
verglichen, so stellt sich folgende Reihenfolge (beginnend mit der geringsten
Unterwanderung) dar: Dänemark, Sindelfingen und Florida.
Allgemein kann bei einer Freibewitterung festgestellt werden, dass die inneren
Spannungen einer Beschichtung während der Dauer aufgrund mehrerer Einflüsse
zunehmen. So zählte Nichols et al. [72] als Ursachen die folgenden beiden
Faktoren auf: Der thermische Ausdehungskoeffizient steigt als Zeitfunktion der
Bewitterung und der Klarlack wird zunehmend hygroskopisch, was zu einem
größeren Feuchtigkeits-induzierten Stress führt.
Deflorian et al. [73] beschrieb, dass der Einfluss dieser Faktoren stark von den
spezifischen Umgebungsbedingungen (marin, industriell, tropisch,…) abhängt.
Zudem beschrieb er die Schwierigkeit, die Umgebungsbedingungen exakt
definieren zu können. Diese Schwierigkeit führt zu der Aussage von Valentinelli et
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 176 -
al. [74], die beinhaltet, dass kein Test imstande ist, die realen Bedingungen
absolut identisch zu simulieren.
Den starken Einfluss des Klimas zeigen die in dieser Arbeit erhaltenen
Ergebnisse. Die Ritzunterwanderung zwischen Dänemark und Sindelfingen
unterscheidet sich um den Faktor zwei, wohingegen bei den Prüfblechen aus
Florida die weit aus größte Unterwanderung (maximal Faktor 10 Unterschied)
feststellbar ist.
Die extreme Ritzunterwanderung, die bei den „Florida-Blechen“ zu beobachten
war, kann nach Perera [49] durch das Zusammenspiel von Temperatur und
relativer Luftfeuchte begründet werden, wodurch hohe innere Spannungen
entstehen. So herrschte im Jahr 2009 in Florida (Miami) eine maximale relative
Luftfeuchte von 93% in Kombination mit einer Höchsttemperatur von 35°C. Diese
Extremwerte stehen den Minimalwerten 43% relative Luftfeuchte und 12°C
gegenüber. Der Wechsel zwischen den Maximal- und Minimalwerten führt zu
zugbelasteten und komprimierenden Spannungen in der Beschichtung [49], deren
Auswirkung sich vorwiegend an der „Beschichtungsfehlstelle Ritz“ bemerkbar
macht. Dieser Vorgang läuft bei der Freibewitterung in „realer“ Zeit ab, während er
beim KWT-D Test „zeitgerafft“ stattfindet.
Durch den eingefügten Ritz wird in der Beschichtung eine Art
„Entspannungsstelle“ geschaffen, das auch der Grund dafür sein kann, dass die
Freibewitterungsbleche in der EIS-Messung nach zwei Jahren unverändert
vorliegen. Eine Publikation von Valentinelli et al. [74] bestätigt diese Aussage. Er
beschrieb, dass der Anstieg an inneren Spannungen einer Beschichtung zuerst in
einer, vom Ritz ausgehenden, Delamination zu sehen ist.
Werden die Unterwanderungswerte der Freibewitterung mit denen aus dem
KWT-D Test verglichen, so reichen 12 Wochen KWT-D Test nicht aus, um die
Ritzunterwanderung der „Florida-Bleche“ zu simulieren. Die aus dem KWT-D Test
erhaltenen Ergebnisse liegen um den Faktor 1,3 bis 1,8 niedriger als die
Unterwanderungs-Ergebnisse der „Florida-Bleche“.
Bei dieser Aussage muss jedoch berücksichtigt werden, dass die Prüfbleche in
den jeweiligen Tests unterschiedlich gelagert werden. Im Fall der Freibewitterung
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 177 -
liegen die Bleche mit einem Neigungswinkel von ca. 5° aus, bei dem sich die
Feuchtigkeit auf der Oberfläche des Blechs „halten“ kann. Im KWT-D Test
hingegen stehen die Prüfbleche mit einem Winkel von ca. 45°, wodurch die
Feuchtigkeit schnell wieder von der Blechoberfläche und damit vom Ritz abfließt.
Da nach Deflorian et al. [73] die Schichtdicke einen starken Einfluss auf das
Verhalten von Prüfblechen in der Freibewitterung hat, zeigt Tabelle 4.17 die
Gegenüberstellung von erfolgter Ritzunterwanderung und Schichtdicke. Die
Begründung des Schichtdicken-Einflusses liegt darin, dass die beschleunigte
Degradation v.a. an der Metall-Beschichtungs-Grenzschicht stattfindet, die
„schneller“ bei einer geringeren Schichtdicke erreicht wird.
Tabelle 4.17: Korrelation Schichtdicke und Ritzunterwanderung der Freibewitterungsbleche
Lackaufbau_verz. Stahl
Ø U/2 [mm] Ø Schichtdicke [µm]
Sindelfingen weiß 1,4 62,5
Sindelfingen silber 1,5 95,1
Sindelfingen schwarz 1,1 88,9
Rastatt weiß 1,8 86,4
Rastatt silber 1,6 82,5
Rastatt schwarz 1,6 82,0
Tabelle 4.17 zeigt, dass die applizierte Schichtdicke mit von 82µm bis 95µm relativ
konstant ist. Der Sindelfinger weiße Komplettlackaufbau zeigt mit ca. 63µm die
geringste Schichtdicke.
Entgegengesetzt zu Deflorian et al. [73], kann in diesem Versuch keine
Abhängigkeit der erfolgten Ritzunterwanderung von der Schichtdicke festgestellt
werden. Eine mögliche Begründung hierfür ist, dass Deflorian diese Abhängigkeit
bei extrem stark variierender Schichtdicke (45µm und 100µm) beobachtet hat.
Diese breite Schichtdickenstreuung von über Faktor 2 ist jedoch in Tabelle 4.17
nicht gegeben.
Zudem scheint das herrschende Klima einen größeren Einfluss auf das
Voranschreiten der Ritzunterwanderung zu haben als die Schichtdicke.
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- 178 -
SMART-Auswertung
Anhand des Blechs F219 wird die Auswertung der Ritzunterwanderung mit dem
Computerprogramm „SMART“ gezeigt.
Abbildung 4.18: SMART des Blechs F219
In Abbildung 4.18 ist die Digitalkameraaufnahme des Blechs F219 zu sehen. In
„rot“ dargestellt, ist die ausgewertete Fläche der Ritzunterwanderung.
Das Ergebnis dieser Auswertung ist in der folgenden Abbildung 4.19 detaillierter
zu sehen.
Abbildung 4.19: SMART-Auswertung der Ritzunterwanderung (Blech F219)
Abbildung 4.19 zeigt einen Ritzunterwanderungswert von 3,53mm. Die mit dem
Lineal gemessene Unterwanderung beträgt 3,47mm. Dies zeigt die
Übereinstimmung beider Messmethoden.
Linealauswertung
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- 179 -
4.3.1.3 Thermografie
Die Thermografie-Aufnahmen der Freibewitterungsbleche zeigen die erfolgte
Ritzunterwanderung durch entsprechende Temperaturprofile. Die Aufnahmen
ermöglichen es, vorhandene Korrosion zerstörungsfrei zu detektieren. Das heißt,
die Prüfbleche werden lediglich für die Dauer der Thermografieaufnahmen dem
Testzyklus entzogen und anschließend unverändert diesem wieder zugeführt.
Durch die Thermografie ergeben sich am unterwanderten Ritz, verglichen mit
intakten Stellen des Prüfblechs, heterogene Temperaturprofile. Diese entstehen
dadurch, da sich Stellen mit gebildeten Korrosionsprodukten/-blasen bzw. vom
Lack freigelegte Stellen, stärker erwärmt werden als unbeschädigte Stellen.
Aufgrund der immensen Datenmenge (ca. 15 Gigabyte) werden lediglich ein Stahl-
und ein Aluminiumbeispiel (Blech F219 und Blech FA3) aufgeführt, um die
Unterschiede in der Ritzunterwanderung zu verdeutlichen.
Abbildung 4.20: Thermografie-Aufnahme des Blechs F219, Sindelfinger Lackaufbau weiß,
verzinktes Stahlsubstrat, Auslagerungsort Florida nach 2 Jahren
Rechts in Abbildung 4.20 ist die Temperaturskala von 22°C bis 34°C zu sehen,
welche die unterschiedlichen Temperaturen des Blechs je nach Stelle aufzeigt.
Die Temperaturprofile geben den vertikalen und horizontalen Temperaturverlauf
an. Die dünne weiße Linie stellt den Ritzverlauf auf dem Blech dar.
Oberhalb und unterhalb dieser Linie sind deutliche „Auswüchse“ sichtbar, die eine
große Unterwanderung des Ritzes aufzeigen (vgl. U/2 = 3,5 mm).
Temperaturskala
Ritz
Temperaturprofil
horizontal
Temperaturprofil vertikal
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- 180 -
Zum Vergleich zeigt Abbildung 4.21 das Temperaturprofil des Aluminiumblechs
FA3, auf dem keine Unterwanderung stattgefunden hatte.
Abbildung 4.21: Thermografie-Aufnahme des Blechs FA3, Sindelfinger Lackaufbau weiß,
Aluminiumsubstrat, Auslagerungsort Florida nach 2 Jahren
Abbildung 4.21 zeigt keine „Auswüchse“ oberhalb und unterhalb des Ritzes. Alle
Aluminiumbleche sind nach 2 Jahren Auslagerung unabhängig vom
Auslagerungsort bezüglich des Ritzes unverändert geblieben. Folglich hat sich
keine Filiformkorrosion oder Ähnliches ereignet.
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- 181 -
4.3.2 KWT-D
Der Ergebnisteil des KWT-D Tests unterteilt sich, wie bei der Freibewitterung in
die Messmethoden EIS, Auswertung der Ritzunterwanderung und
Thermografieaufnahmen.
4.3.2.1 EIS-Messung
Die Prüfbleche zeigten nach dem KWT-D Test eine Vielzahl von unterschiedlichen
EIS-Spektren. Die Unterteilung der Spektren erfolgt nach dem Substrat.
a) verzinktes Stahlsubstrat
Die folgenden Abbildungen 4.22a-d zeigen die unterschiedlichen EIS-Spektren
während des KWT-D Tests.
Abbildung 4.22a: KWT-D Blech F361 Lackaufbau silber, Sindelfingen
Wie Abbildung 4.22a zeigt, handelt es sich bei der Referenzmessung mit dem
Widerstandswert von 10
10
Ω um eine intakte Beschichtung. Bereits nach 6 Wochen
ist ein deutlicher Abfall des Widerstands zu sehen. Überraschenderweise liegt der
Beschichtungswiderstand der 12. Woche oberhalb des der 6. Woche. Die
Beschichtungsparameter ergeben sich aus folgender Tabelle.
KWT-D: Blech F361 silber, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Im p e d a n z [ O h m ]
Referenz
Woche 6
Woche 12
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- 182 -
Tabelle 4.18: Beschichtungsparameter KWT-D Blech F361 silber, Sindelfingen
Blech F361 Referenz 6 Wochen
12 Wochen
R
0
[Ω/cm²] 5,84E-13 5,19E+03 645
R
polar
[Ω/cm²] - 1,47E+07 6,20E+06
Cdl [F/cm²] - 2,64E-06 1,85E-07
C
1
[F/cm²] 1,62E-10 4,90E-10 2,27E-10
R
1
[Ω/cm²] 4,58E+11 5,78E+04 3,43E+06
Tabelle 4.18 bestätigt die Beschreibung der Abbildung 4.22a. Die
Referenzmessung des KWT-D Blechs F361 kann noch mit dem „Randles“-Modell
abgebildet werden, während für die numerische Anpassung der 6. und 12. Woche
das „Rebar“-Modell verwendet werden muss.
Wird der Beschichtungswiderstand R
1
betrachtet, so handelt es sich bei der
Referenz mit einem R
1
-Wert von 10
11
Ω um eine intakte Beschichtung. Dieser
nimmt zur 6. und 12. Woche jedoch stark ab. In der 6. Woche liegt er in der
Größenordnung von 10
4
Ω und in der 12. Woche von 10
6
Ω. Dass R
1
in der
12. Woche größer als in der 6. Woche ist, kann damit zusammenhängen, dass
sich Korrosionsprodukte gebildet haben, welche die entstandenen Fehlstellen
zusetzen und dadurch der Beschichtungswiderstand wieder ansteigt.
Die Beschichtungskapazität C
1
befindet sich mit ca. 10
-10
F über die Testzeit von
12 Wochen auf dem gleichen Niveau.
Beim Polarisationswiderstand R
polar
ist eine geringfügige Abnahme von 10
7
Ω auf
6•10
6
Ω festzustellen, während die Doppelschichtkapazität um
ca. 1 Größenordnung auf 2•10
-7
F fällt.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 183 -
Ein anderes Verhalten zeigt das Blech F365, das ebenfalls mit dem klassischen
Komplettlackaufbau silber lackiert wurde.
Abbildung 4.22b: KWT-D Blech F365 Lackaufbau silber, Sindelfingen
Wie Abbildung 4.22b zeigt, sind keine großen Unterschiede zwischen den
Beschichtungswiderständen der Referenz, der 6. Woche und der 12. Woche zu
sehen. Dennoch zeichnet sich im Niederfrequenzbereich der 12. Woche eine
leichte Abweichung ab. Dies kann auf einen Beschichtungsfehler hindeuten, der
nun im EIS-Spektrum sichtbar wird. Eine andere Erklärung wäre eine
unzureichende Abschirmung, die sich in den schwankenden Messwerten
bemerkbar macht.
Im Hochfrequenzbereich ist ebenfalls eine starke Abweichung zu sehen. Diese
kann durch dass Messsystem verursacht worden sein, welches für die
verschiedenen Frequenzbereiche unterschiedliche Frequenzfilter verwendet. Ein
„Umschalten“ von einen auf den nächsten Filter ist durch einen „Sprung“ im EIS-
Spektrum sichtbar (vgl. Zugproben).
KWT-D: Blech F365 silber, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Im pedanz [Ohm ]
Referenz
Woche 6
Woche 12
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 184 -
Ein weiteres Verhalten des silbernen klassischen Komplettlackaufbaus ist bei dem
Blech F382 zu sehen (Abbildung 4.22c).
Abbildung 4.22c: KWT-D Blech F382 Lackaufbau silber, Sindelfingen
Abbildung 4.22c zeigt den Fall, dass der Widerstandswert der 6. Woche nahezu
identisch mit dem der 12. Woche ist. Aufgrund dieses Schaubilds, scheint die
Beschichtung sich während dieser beiden Messungen kaum verändert zu haben.
Die Beschichtungsparameter sind in Tabelle 4.19 aufgezeigt.
Tabelle 4.19: Beschichtungsparameter KWT-D Blech F382 silber, Sindelfingen
Blech F382 Referenz
6 Wochen
12 Wochen
R
0
[Ω/cm²] 2.21E-13
1.16E-13
3.02E-13
C
1
[F/cm²] 1.07E-10
2.48E-10
2.30E-10
R
1
[Ω/cm²] 6.72E+11
4.97E+08
5.17E+08
Tabelle 4.19 bestätigt die aus Abbildung 4.22c abgeleiteten Ergebnisse. Der
Beschichtungswiderstand R
1
nimmt von der Referenz auf Woche 6 bzw. 12 um
drei Größenordnungen ab. Dies bedeutet, dass sich ein Porenwiderstand (10
8
Ω)
entwickelt hat. Die Kapazität hingegen bleibt über 12 Wochen mit 10
-10
F nahezu
konstant.
Die folgende Abbildung 4.22d zeigt ein EIS-Spektrum, das der eigentlichen
Erwartung entspricht, d.h. eine kontinuierliche Abnahme des
Beschichtungswiderstands mit zunehmender Testdauer.
KWT-D: Blech F382 silber, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Im pe da nz [O hm ]
Referenz
Woche 6
Woche 12
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- 185 -
Abbildung 4.22d: KWT-D Blech F157 Lackaufbau silber, Rastatt
In Abbildung 4.22d ist ein Abfall des Beschichtungswiderstands entsprechend der
Testdauer zu sehen. Die Referenz weist den Widerstandswert für eine intakte
Beschichtung auf.
In der folgenden Tabelle 4.20 werden die einzelnen Beschichtungsparameter
aufgelistet.
Tabelle 4.20: Beschichtungsparameter KWT-D Blech F157 silber, Rastatt
Blech F157 Referenz 6 Wochen 12 Wochen
R
0
[Ω/cm²] 8,56E-13 1,04E-12 1,21E+03
R
polar
[Ω/cm²] - - 6,93E+06
Cdl [F/cm²] - - 1,38E-07
C
1
[F/cm²] 1,33E-10 1,98E-10 3,34E-10
R
1
[Ω/cm²] 2,57E+11
2,70E+09 3,65E+05
Tabelle 4.20 zeigt entsprechend der Testdauer eine kontinuierliche Abnahme des
Beschichtungswiderstands R
1
. So hat die Referenz mit 10
11
Ω einen Widerstands-
wert von einer intakten Beschichtung. Nach 6 Wochen Testdauer liegt dieser mit
10
9
Ω immer noch im Bereich für eine intakte Beschichtung.
Am Testende (12. Woche) ist er jedoch stark abgefallen (10
5
Ω). Folglich kann
nicht mehr von einer Beschichtung mit intakten Schutzeigenschaften
ausgegangen werden [68]. Die Beschichtungskapazität bleibt mit ca. 10
-10
F über
die Testdauer nahezu konstant.
KWT-D: Blech F157 silber, Rastatt
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Im pe danz [Ohm ]
Referenz
Woche 6
Woche 12
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- 186 -
b) Aluminiumsubstrat
Die folgenden Abbildungen 4.23a-c zeigen die Komplettlackaufbauten auf dem
Aluminiumsubstrat.
Abbildung 4.23a: KWT-D Blech FA136 Lackaufbau silber, Sindelfingen
Abbildung 4.23a zeigt einen geringen Abfall des Beschichtungswiderstands nach
der 6. Woche im KWT-D Test. Der Widerstandswert der 12. Woche liegt hingegen
wieder nahezu auf der Referenzkurve. Im Niederfrequenzbereich zeichnen sich
jedoch Messungenauigkeiten ab bzw. diese Unregelmäßigkeiten könnten auf den
Beginn der Entwicklung eines Porenwiderstands hinweisen.
Trotz dieser schwankenden Messwerte im Niederfrequenzbereich, ist die
Beschichtung nach 12 Wochen KWT-D Test intakt und erfüllt ihre
Schutzeigenschaften gegenüber Korrosion.
Abbildung 4.23b: KWT-D Blech FA11 Lackaufbau weiß, Sindelfingen
KWT-D: Blech FA136 silber, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
Woche 6
Woche 12
KWT-D: Blech FA11 weiß, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Im pedanz [Ohm ]
Referenz
Woche 6
Woche 12
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- 187 -
Diese Abbildung ähnelt sehr der Abbildung 4.23a. Folglich liegt der
Widerstandswert der 12. Woche oberhalb des Beschichtungswiderstands nach der
6. Woche, jedoch nicht auf der Referenzkurve. Zu unterscheiden gilt ebenfalls,
dass sich hier noch kein Porenwiderstand gebildet hat und damit ein rein
kapazitives Verhalten sichtbar ist. Nach 12 Wochen Testdauer ist aufgrund der
Beschichtungswiderstände von einer intakten Beschichtung auszugehen. Diese
nahmen lediglich um eine Größenordnung von 10
10
Ω auf 10
9
Ω ab.
Abbildung 4.23c: KWT-D Blech FA266 Lackaufbau schwarz, Sindelfingen
Abbildung 4.23c zeigt eine leichte Abstufung der Widerstandswerte nach der
Testdauer. Folglich liegt der Beschichtungswiderstand der 12. Woche unterhalb
des Beschichtungswiderstands nach 6 Wochen KWT-D Test. Die Abnahme des
Widerstandswerts ist jedoch so gering, dass die Beschichtung immer noch ihre
Schutzeigenschaften gegenüber Korrosion besitzt.
Für die Messmethode „EIS“ ist beim Teilversuch „KWT-D Test“ allgemein
feststellbar, dass die Ergebnisse farbunabhängig und unabhängig vom
Lackaufbau sind.
Aber es kann ein deutlicher Unterschied zwischen dem Aluminium- und dem
verzinktem Stahlsubstrat festgestellt werden: Aluminium ist relativ unempflindlich
gegenüber dem KWT-D Test, während der verzinkte Stahl eine größere
Angreifbarkeit zeigt. So liegen die Beschichtungswiderstände der Aluminium-
Proben nach 12 Wochen Testdauer über 10
9
Ω, während beim Stahlsubstrat
teilweise deutlich niedrigere Widerstände (10
6
Ω) auftraten.
KWT-D: Blech FA266 schwarz, Sindelfingen
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05
Frequenz [Hz]
Im ped an z [O h m ]
Referenz
Woche 6
Woche 12
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- 188 -
4.3.2.2 Ritzunterwanderung, SMART
Die Auswertung der Ritzunterwanderung erfolgte nach der in Kapitel 2.4.2
beschriebenen Methode.
Zu unterscheiden sind das verzinkte Stahl- und das Aluminiumsubstrat, deren
Ergebnisse die folgenden beiden Tabellen enthalten.
Tabelle 4.21a: Ritzunterwanderung KWT-D Bleche, verzinktes Stahlsubstrat
Lackaufbau
Ø U/2 [mm] Ø Schichtdicke [µm]
Sindelfingen weiß 1,83 83,0
Sindelfingen silber 2,27 102,7
Sindelfingen schwarz 2,27 94,0
Rastatt weiß 2,37 99,3
Rastatt silber 2,77 89,3
Rastatt schwarz 2,53 87,7
Tabelle 4.21b: Ritzunterwanderung KWT-D Bleche, Aluminiumsubstrat
Lackaufbau
Ø U
F
[mm]
Ø Filiform
max. Fadenlänge [mm]
Ø Schichtdicke
[µm]
Sindelfingen weiß 0,50 2,25 91,5
Sindelfingen silber 0,40 2,17 89,3
Sindelfingen schwarz 0,68 2,20 107,0
In Tabelle 4.21a ist zu sehen, dass die Unterwanderungsbreite aller KWT-D
Bleche beim verzinkten Stahlsubstrat zwischen 1,8mm und 2,8mm liegt.
Tendenziell zeigen die weißen Komplettlackaufbauten die geringste
Ritzunterwanderung. Der größte Unterwanderungswert (Ø 2,77mm) wurde beim
Rastatter Lackaufbau silber (Schichtdicke ca. 89µm) gemessen.
Beim klassischen Komplettlackaufbau waren geringere Unterwanderungswerte als
beim integrierten Lackaufbau zu sehen. Werden die Farben miteinander
verglichen, schneidet der weiße Komplettlackaufbau am besten ab.
Während beim klassischen Komplettlackaufbau in der Unterwanderung kein
Unterscheid zwischen den Farben silber und schwarz feststellbar war, zeigte der
schwarze integrierte Komplettlackaufbau einen geringeren Unterwanderungswert
als der silberne.
Allgemein war beim verzinkten Stahlsubstrat keine Korrelation zwischen
Ritzunterwanderung und Schichtdicke erkennbar. Dieses Ergebnis wurde
ebenfalls bei der Freibewitterung erhalten.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 189 -
Dass der KWT-D Test mögliche Schadensbilder beim Stahlsubstrat „schneller und
intensiver“ simuliert als beim Aluminiumsubstrat, zeigt Tabelle 4.21b. Es sind
deutlich geringere Unterwanderungswerte U
F
für das Aluminiumsubstrat
feststellbar.
Dennoch erfüllt der KWT-D Test die Bedingung einer feuchten und Salz-
belasteten Atmosphäre, die die Grundvoraussetzung für die Entstehung von
Filiformkorrosion ist. Nach Bautista [71] ereignet sich zudem eine Filiformkorrosion
nur dann, wenn die getesteten Beschichtungen Fehlstellen aufweisen.
Eine solche Fehlstelle wurde durch den „Ritz“ bewusst eingefügt. Folglich sammelt
sich die Feuchtigkeit vorwiegend im Ritz, was nach Nichols et al. [72] aufgrund der
Einfrierphase und der Auftauphase zu inneren Spannungen in der Beschichtung
führt.
Die maximale Länge der Filiformfäden betrug nach 12 Wochen Testdauer
ca. 2,2mm. Dieser Wert übersteigt die von Bautista [71] gemachte Angabe, der auf
eine Fadenlänge von 1mm bei Aluminium verwies. Jedoch fehlte die
Beschreibung, unter welchen Bedingungen er diesen Wert erhielt.
Werden die Farben der Aluminiumprüfbleche verglichen, unterscheiden sich die
Ergebnisse deutlich vom verzinkten Stahlsubstrat.
Der silberne Komplettlackaufbau zeigt den kleinsten U
F
-Wert (0,40mm). Beim
schwarzen Komplettlackaufbau war der größte U
F
-Wert (0,68mm) messbar.
Die maximale Fadenlänge von ca. 2,2mm war bei allen Komplettlackaufbauten
nahezu identisch.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 190 -
4.3.2.3 Thermografie
Aufgrund der großen Datenmenge ist in Abbildung 4.24 lediglich ein Beispiel der
Thermografieauswertung der 12 Wochen KWT-D Test zu sehen. Anhand dieser
Thermografieaufnahmen wird das Voranschreiten der Ritzunterwanderung
gezeigt.
Abbildung 4.24: Ritzunterwanderung Wochen 2 bis 12, Blech F157 silber, Rastatt
In Abbildung 4.24 ist der Verlauf der Ritzunterwanderung des Blechs F157
(integrierter Komplettlackaufbau silber) zu sehen. Die Thermografieaufnahmen
zeigen jede zweite Woche des KWT-D Tests. Werden die Aufnahmen der 2. und
der 12. Woche miteinander verglichen, so ist eine deutliche Zunahme der
Ritzunterwanderung zu sehen. Diese ist an der Zunahme der „Auswüchse“ ober-
und unterhalb der weißen Linie (Ritzverlauf) zu sehen.
F157_ Woche 2 F157_Woche 4
F157_ Woche 6 F157_Woche 8
F157_ Woche 10 F157_Woche 12
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 191 -
4.4 Korrelation der Ergebnisse
(aus Kapitel 4.1 bis 4.3)
Aufgrund der großen Menge an Messdaten und da diese im Detail in den
jeweiligen Kapiteln zu finden sind, werden nur die Ergebnisse in Tabelle 4.22
gezeigt, bei denen sich Korrelationen herstellen ließen.
Tabelle 4.22: Korrelation der Ergebnisse (aus Kapitel 4.1 bis 4.3)
DMA TGA
Lackaufbau Glaszu-
stand
[MPa]
Glasüber-
gang T
g
[°C]
Ver-
netzungs-
dichte
Binde-
mittel-
anteil
[%]
anorg.
Anteil
[%]
Summe
H
2
O
bis
200°C
[%]
Masse-
verlust,
gesamt:
[%]
Sindelfingen
KTL
3519 94.2 3.4 85.9 14.1 -2.9 -8.8
Rastatt
KTL
3556 95.4 6.7 73.9 26.1 -0.9 -0.9
Sindelfingen
weiß
4318 94.4 24.0 66.6 33.4 -2.8 -2.8
Sindelfingen
silber
3835 90.1 30.0 72.9 27.1 -1.4 -3.8
Sindelfingen
schwarz
3609 89.1 12.1 79.0 21.0 -1.7 -4.3
Rastatt
weiß
3364 99.3 11.0 70.4 29.6 -2.6 -2.6
Rastatt
silber
3622 81.4 8.9 87.6 12.4 -2.3 -5.6
Rastatt
schwarz
3370 102.4 5.6 62.0 38.0 -1.4 -1.4
Wie in Tabelle 4.22 zu sehen, können einige Korrelationen zwischen den
Ergebnissen der Prüfungsmethoden DMA und TGA hergestellt werden. Folglich ist
feststellbar, dass je geringer der Bindemittelanteil (d.h. je höher der anorganische
Anteil) ist, desto geringer ist der Masseverlust durch Wasser bis 200°C und der
Gesamtmasseverlust. Dies erscheint logisch, da die Hohlräume im vernetzten
Bindemittel vorwiegend durch den anorganischen Anteil (z.B. Pigmente) besetzt
werden und dadurch weniger Wasser gebunden werden kann. Zudem steht schon
von Beginn an weniger Bindemittel zur Verfügung, in das Wasser eingelagert
werden kann. Da sich der Gesamtmasseverlust noch zusätzlich aus der
Polymerzerstörung zusammensetzt, ereignet sich diese in dem Maß, in dem das
Bindemittel zur Verfügung steht. Anders formuliert bedeutet das, dass sich bei
wenig vorhandenem Bindemittel eine geringere Polymerzerstörung ereignet.
Als weitere Korrelation ergab sich, dass je kleiner der Bindemittelanteil, desto
höher die Glasübergangstemperatur T
g
ist. Dies kann dadurch erklärt werden, da
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 192 -
bei einem geringeren Bindemittelanteil vermehrter anorganischer Anteil vorhanden
ist, wodurch das Lacksystem spröder, d.h. härter wird. Dies macht sich im Anstieg
von T
g
bemerkbar. Dementsprechend sind die Glaszustände ebenfalls höher, je
geringer der Bindemittelanteil ist. Diese Beobachtung gilt jedoch nur für den
klassischen Lackaufbau (Werk Sindelfingen). Beim integrierten Lackaufbau (Werk
Rastatt) ist die Korrelation zwischen Bindemittelanteil und Glaszustand nicht zu
sehen. Es sei aber angemerkt, dass der Glaszustand beim Rastatter Lackaufbau
relativ konstant (zwischen 3363MPa und 3622 MPa) ist.
Im Allgemeinen muss noch zugefügt werden, dass wenn sich zu erwartende
Korrelationen nicht eingestellt haben, die Ursache die verschiedenen für die
jeweiligen Messmethoden verwendeten Lackteilbereiche sein kann.
Gefundene Korrelationen dieser Messergebnisse mit den Ergebnissen des
TEMRAI-Tests betreffen zum einen die mechanische Belastung und zum anderen
die Freibewitterungsversuche.
Folglich konnte im TEMRAI-Test, ebenso wie beim Zugproben Versuch, ein
Adhäsionsverlust zwischen dem verzinkten Stahlsubstrat und der Beschichtung
nach mechanischer Belastung beobachtet werden.
Die Freibewitterungsversuche (Komplettlackaufbauten) hingegen zeigten nach
zwei Jahren Auslagerungszeit keine mit der EIS messbare Änderung der
Beschichtungseigenschaften. Ebenso blieben im TEMRAI-Test bei
entsprechender Strahlungsbelastung die Komplettlackaufbauten bezüglich der mit
der EIS erfassbaren Beschichtungseigenschaften unverändert.
Da diese Arbeit die Konstruktion und Inbetriebnahme des TEMRAI-Tests abdeckt,
gilt es in den folgenden Arbeiten weitere Korrelationen zu finden.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 193 -
4.5 TEMRAI-Test
Der Ergebnisteil des TEMRAI-Tests untergliedert sich in dessen Inbetriebnahme,
in Versuche mit separaten Belastungsarten und abschließend in die Kombination
der Belastungen.
4.5.1 Inbetriebnahme
Die Inbetriebnahme des TEMRAI-Tests gestaltet sich sehr aufwändig und es sind
einige Problematiken aufgetreten, die es zu analysieren und anschließend zu
lösen galt. So zeigt die folgende Abbildung 4.25 ein EIS-Spektrum, das zwei
Messungen enthält, deren Widerstandswerte bis in den Petaohm-Bereich reichten.
Zu erwartende Beschichtungswiderstände liegen jedoch bei den untersuchten
Komplettlackaufbauten im Giga- bis Teraohm-Bereich.
Sindelfingen Komplettlackaufbau schwarz (nicht isoliert - isoliert)
1,00E+00
1,00E+01
1,00E+02
1,00E+03
1,00E+04
1,00E+05
1,00E+06
1,00E+07
1,00E+08
1,00E+09
1,00E+10
1,00E+11
1,00E+12
1,00E+13
1,00E+14
1,00E+15
1,00E-02 1,00E-01 1,00E+00 1,00E+01 1,00E+02 1,00E+03 1,00E+04 1,00E+05 1,00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz: Messstation
Referenz: Kontrolle
Referenz: isoliert
Abbildung 4.25: TEMRAI-Test_ Problematik Isolierung
Wie in Abbildung 4.25 zu sehen, liegen die Widerstandswerte der Messungen
„Referenz: Messstation“ und „Referenz: Kontrolle“ im Petaohm-Bereich. Die
Ergebnisse der zuerst durchgeführten Messung „Referenz: Messstation“ wurden
durch eine zweite Messung kontrolliert, die in einem Faradaykäfig stattfand, in
dem zuvor nachweislich korrekte Messungen durchgeführt wurden. Da die
Kontrollmessung jedoch den gleich hohen Widerstandswert ergab, konnte daraus
geschlossen werden, dass eine unzureichende Abschirmung des Prüfblechs nicht
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 194 -
die Ursache ist. Für diese wurde ein bestehender Kontakt zwischen Prüfkörper
und Bodenplatte gefunden. Durch das Einlegen einer Isoliermatte zwischen den
Prüfkörper und der Bodenplatte lagen die Beschichtungswiderstände im
erwarteten Giga- bis Teraohm-Bereich.
4.5.2 mechanische Belastung
Die Problematik, die sich bei der mechanischen Belastung ergab, war es, die
Parametereinstellungen zu finden, die eine beschleunigte Alterung des
Lacksystems zur Folge hatte bzw. einen Aufbau von inneren Spannungen
bewirkte.
Für die Parametereinstellung der folgenden Messung wurde eine Sinusfunktion
gewählt, deren Startfrequenz bei 500Hz, die Stopfrequenz bei 2,5kHz und die
Phase bei 0 Grad lag. Über den Verstärker wurden mit dieser Vorgabe ein Strom
von 2,0A und eine Spannung von ca. 14V erreicht.
Der Verstärker ist gleichzeitig der limitierende Faktor, da dieser nicht beliebig
hochgeregelt werden kann.
Blech A: Sindelfingen Komplettlackaufbau schwarz
1,00E+00
1,00E+01
1,00E+02
1,00E+03
1,00E+04
1,00E+05
1,00E+06
1,00E+07
1,00E+08
1,00E+09
1,00E+10
1,00E+11
1,00E+12
1,00E+13
1,00E+14
1,00E+15
1,00E+16
1,00E+17
1,00E-01 1,00E+00 1,00E+01 1,00E+02 1,00E+03 1,00E+04 1,00E+05 1,00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 17h25min Belastung
nach 26h15min Belastung
nach 40h05min Belastung
nach 65h50min Belastung
Abbildung 4.26: Blech A: klassischer Lackaufbau schwarz
Wie Abbildung 4.26 zeigt, kann keine Aussage bezüglich der Beschädigung durch
die mechanische Sinusfunktion getroffen werden. Dies liegt daran, dass die
Problematik der fehlerhaften Isolierung noch vorhanden gewesen war.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 195 -
Dennoch sollte bereits in der zweiten Parametereinstellung die mechanische
Belastung intensiviert werden. Dies erfolgte durch die Anwendung einer
Dualsinusfunktion mit den in Tabelle 4.23 aufgeführten Parametern (Strom: 2A,
Spannung: ca. 15V).
Um die Auswirkung der mechanischen Belastung zusätzlich zu erhöhen, wurde für
diese Parametereinstellung ein Blech („Blech 15“) mit lediglich 21µm
Gesamtschichtdicke gewählt.
Tabelle 4.23: Parametereinstellung_Dualsinusfunktion (Blech 15: 21µm Schichtdicke)
Level 1 3 Vrms
Start Frequenz 1 1 kHz
Stop Frequenz 1 5 kHz
Start Phase 1 0 Deg.
Level 2 2 Vrms
Start Phase 2 0 Deg.
Frequenz Differenz F1-F2: 500 Hz
Wie in obiger Tabelle zu sehen, wurde die Start- und Stopfrequenz erhöht, um
eine Schädigung zu erreichen. Mit diesen Parametereinstellungen entstand das
folgende EIS-Spektrum.
Blech 15: 7µm Zink + 4µm KTL + 10µm Klarlack
= 21µm Gesamtschichtdicke
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 61h25min Belastung
nach 148h30min Belastung
Abbildung 4.27: mechanische Belastung „Dualsinus“_Blech 15 (21µm Gesamtschichtdicke)
Abbildung 4.27 zeigt, dass sich nach ca. 61h Belastung eine deutliche Abnahme
des Beschichtungswiderstands ereignet hat.
Aufgrund der Abnahme des Widerstands im Niederfrequenzbereich, die
theoretisch nicht stattfinden kann, müsste die Referenz-Messung wiederholt
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 196 -
werden (Problematik: Abschirmung bzw. beginnende Substratdegradation). Nach
der maximalen Belastungsdauer von 148h ist eine weitere minimale Abnahme des
Widerstandswerts zu beobachten. Tabelle 4.24 enthält die Beschichtungs-
parameter des Blechs 15.
Tabelle 4.24: Beschichtungsparameter Blech 15, mechanisch belastet
mechanische Belastung Blech 15
KTL+Klarlack (21µm)
Referenz
61h25min
148h30min
R
1
[Ω/cm²] 1.16E+05
8.64E+04
6.87E+04
C
1
[F/cm²] 2.48E-10
2.69E-10 2.81E-10
R
polar
[Ω/cm²] 1.15E+05
5.02E+05
4.79E+05
Cdl [F/cm²] 3.66E-07
2.12E-07 5.56E-07
Wie in Tabelle 4.24 zu sehen, wurde das „Rebar“-Ersatzschaltbild verwendet, um
eine Übereinstimmung zwischen Messkurven und Simulation zu erreichen. Dass
das „Rebar“-Ersatzschaltbild für die Simulation nötig ist, kündigte sich bereits bei
der Messung der Referenzkurve an. In ihrem Niederfrequenzbereich sank die
Impedanz stark ab, was aus theoretischen Gründen nicht stattfinden darf und
daher auf Substratdegradation zurückzuführen ist. Daher werden die
„substratspezifischen“ Parameter R
polar
(Polarisationswiderstand) und Cdl
(Doppelschichtkapazität) sichtbar.
Der Beschichtungswiderstand R
1
sinkt nach Belastungsdauer kontinuierlich ab.
Die größte R
1
-Abnahme war nach ca. 61h sichtbar. Die zusätzliche
Belastungsdauer auf insgesamt ca. 149h verursachte hingegen ein kaum
wahrnehmbares Absinken des Beschichtungswiderstands.
Die Beschichtungskapazität ist während der gesamten Belastung nahezu
konstant. Eine Zunahme der Kapazität durch Quellen kann hier nicht stattfinden,
da die Belastung ohne Elektrolyt erfolgte. Die Werte der Doppelschichtkapazität
sind konstant und erfüllen die von Loveday et al. [48] erwähnte Angabe, nach der
diese um ca. 3 Größenordnungen höher sind als die Werte der Beschichtungs-
kapazität. Ebenfalls liegt R
polar
in der beschriebenen Größenordnung um 5000Ω
und bleibt nahezu konstant.
Bezüglich der mechanischen Belastung kann zusammenfassend festgestellt
werden, dass mit den bisherigen Parametereinstellungen eine tendenzielle
Schädigung der Beschichtungen erreicht wurde. Durch unterschiedliche
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 197 -
Variationen der Parametereinstellungen für die mechanische Belastung kann das
Ausmaß der Schädigung erhöht werden.
Das weitere Vorgehen beinhaltet die Bestimmung der Eigenresonanz des
Prüfblechs, da im Eigenresonanzbereich eine schnellere Schädigung erwartet
werden kann. Zudem soll ein Signal aus dem „Alltagsfahrbetrieb“ für die
mechanische Belastung verwendet werden, um eine Korrelation zwischen „Labor“
und „Realität“ herzustellen.
4.5.3 UV- und IR-Strahlung
Die Strahlungsbelastung der Komplettlackaufbauten und KTL-Beschichtung erfolgt
mit gleichzeitiger IR- und UV-Strahlung. Die Wärmeentwicklung der IR-Strahlung
(ca. 100°C) soll die beschleunigte Alterung des Lacks verursachen.
So stellten Valentinelli et al. [74] und Fedrizzi et al. [75] fest, dass eine zyklische
Temperaturbelastung ober- und unterhalb der Glasübergangstemperatur einen
synergetischen Degradationseffekt in die Beschichtung hinein ausübt. Dieser
ereignet sich nach Valentinelli aufgrund des vermehrten Elektrolyttransports durch
die Beschichtung und gegebenenfalls dessen Akkumulation. Aufgrund der
Temperaturbelastung im Bereich des Glasübergangs wird die Polymerstruktur der
Beschichtung „erweitert“, wodurch die Beschichtung empfindlicher gegenüber
äußeren Einflüssen wird.
Es soll vorweg genommen werden, dass die folgenden Abbildungen EIS-Spektren
des Komplettlackaufbaus und der KTL-Beschichtung zeigen, die unter alleiniger
Strahlungsbelastung standen. Daher konnte kein vermehrter Elektrolyttransport
stattfinden.
Dennoch wurden die Versuche auf diesem Weg durchgeführt, um den separaten
Einfluss der Strahlung auf die Beschichtung feststellen zu können. Zu erwarten
wäre nach Valentinelli kein merklicher Effekt.
Die folgenden Abbildungen 4.28a-c zeigen den klassischen Komplettlackaufbau
schwarz und silber sowie die KTL-Beschichtung nach unterschiedlich langer
Strahlungsbelastung.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 198 -
Blech1: Sindelfinger Komplettaufbau schwarz
1.00E+00
1.00E+01
1.00E+02
1.00E+03
1.00E+04
1.00E+05
1.00E+06
1.00E+07
1.00E+08
1.00E+09
1.00E+10
1.00E+11
1.00E-02 1.00E-01 1.00E+00 1.00E+01 1.00E+02 1.00E+03 1.00E+04 1.00E+05 1.00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 20h40min
nach 61h20min
nach 101h25min
nach 115h10min
nach 130h35min
nach 145h55min
nach 160h50min
nach 176h25min
Abbildung 4.28a: Strahlungsbelastung, Blech 1 (klassischer Lackaufbau schwarz)
Abbildung 4.28a zeigt, dass der Beschichtungswiderstand durch die
Strahlungsbelastung abgenommen hat. Die Abnahme der Widerstandswerte
ereignete sich jedoch nicht nach der Belastungsdauer. Folglich liegt der
Beschichtungswiderstand nach der Maximaldauer von 176h oberhalb des
Beschichtungswiderstands der 20h Belastungsdauer.
Abbildung 4.28b zeigt den klassischen Komplettlackaufbau silber, der über 166h
mit Strahlung belastet wurde.
Blech 2: Sindelfingen Komplettlackaufbau silber
1,00E+00
1,00E+01
1,00E+02
1,00E+03
1,00E+04
1,00E+05
1,00E+06
1,00E+07
1,00E+08
1,00E+09
1,00E+10
1,00E+11
1,00E+12
1,00E-02 1,00E-01 1,00E+00 1,00E+01 1,00E+02 1,00E+03 1,00E+04 1,00E+05 1,00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 75h20min
nach 116h45min
nach 166h45min
Abbildung 4.28b: Strahlungsbelastung, Blech 2 (klassischer Lackaufbau silber)
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 199 -
Wie in Abbildung 4.28b zu sehen, erfolgte nach 166h Strahlungsbelastung eine
kaum messbare Abnahme des Beschichtungswiderstands R
1
. Dieser ist nach
ca. 75h nur geringfügig kleiner als nach der Maximalbelastungszeit.
Der klassische Komplettlackaufbau silber besitzt eine Schichtdicke von 105µm
und wurde um 10h weniger als der schwarze Lackaufbau (Schichtdicke 89µm)
belastet. Dass in diesem Fall nahezu keine Veränderung der
Beschichtungswiderstände feststellbar ist, kann daher durch die Schichtdicke bzw.
Belastungsdauer begründet werden. Folglich ist die Belastungsdauer von 166h
beim silbernen Komplettlackaufbau mit einer Schichtdicke von 105µm zu gering,
um einen großen messbaren Effekt im EIS-Spektrum zu bewirken. Dieses
Ergebnis stimmt mit der Beobachtung von Deflorian et al. [73] nicht überein. In
seiner Publikation stellte er fest, dass die Schichtdicke sich nur in dem
Referenzwiderstandswert bemerkbar macht. Nach der Belastungsdauer mit UV-
Strahlung beobachtete er hingegen, dass sich der Widerstandswert unabhängig
von der Schichtdicke auf ähnlichem Niveau befand. Jedoch muss hinzugefügt
werden, dass es sich um identische Proben handelte, die sich lediglich in ihrer
Schichtdicke unterschieden.
Somit könnte die fehlende Übereinstimmung mit der Beobachtung von Deflorian et
al. [73] damit begründet werden, dass sich der silberne und der schwarze
Komplettlackaufbau, sowohl in ihrem Füller, als auch in ihrem Basislack
unterscheiden.
Um einen möglichst großen Effekt der Strahlung zu erreichen, wurde ein Prüfblech
mit alleiniger KTL-Beschichtung („Blech 3“) der UV- und IR-Strahlung unterzogen.
Die Belastung erfolgte in Zyklen, wobei ein Zyklus eine Belastungsdauer von
1h30min mit einer Pause von 1h beinhaltet. Die Belastungszeit von 1h30min
wurde deshalb gewählt, da innerhalb dieser Zeit eine Temperatur bis 100°C
erreicht und gehalten wurde. Die Glasübergangstemperatur der Sindelfinger KTL
liegt bei ca. 94°C, wodurch sich die Beschichtung bei 100°C in einem
„gummiartigen Zustand“ befindet, in dem sie nach Castela et al. [76] einer
struktureller Entspannung unterworfen wird.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 200 -
Blech 3: Sindelfinger KTL
1,00E+00
1,00E+01
1,00E+02
1,00E+03
1,00E+04
1,00E+05
1,00E+06
1,00E+07
1,00E+08
1,00E+09
1,00E+10
1,00E+11
1,00E-02 1,00E-01 1,00E+00 1,00E+01 1,00E+02 1,00E+03 1,00E+04 1,00E+05 1,00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 3 Zyklen
nach 5 Zyklen
nach 9 Zyklen
nach 11 Zyklen
nach 16 Zyklen
Abbildung 4.28c: Strahlungsbelastung, Blech 3 (Sindelfinger KTL)
Wie Abbildung 4.28c zeigt, war bereits nach der maximalen Belastungsdauer von
16 Zyklen, d.h. einer reinen Strahlungszeit von nur 24h, eine deutliche Abnahme
des Beschichtungswiderstands zu erkennen.
Um auf die obige Fragestellung zurückzukommen, ist feststellbar, dass diese
kurze Strahlungsdauer ausreicht, um messbare Veränderungen einer
Beschichtung von geringer Schichtdicke (ca. 33µm) zu bewirken.
Zudem war eine gelbliche Verfärbung der KTL-Prüffläche nach der Belastung zu
sehen. Dass die Energie der UV-Strahlung ausreicht, um bemerkbare
Oberflächenschädigungen einer Beschichtung zu verursachen, bestätigte auch
Deflorian et al. in seiner Veröffentlichung des Jahres 2007 [73]. Folglich könnten
nach Perera [77] die Oxidation von Doppelbindungen, Polymersegment-
trennungen oder „geschnittene“ Vernetzung in der Beschichtung stattfinden.
Welcher Vorgang sich bei der in dieser Arbeit untersuchten KTL-Bleche ereignet
hat, ist eine interessante Fragestellung für die Zukunft und müsste noch genauer
untersucht werden.
Abschließend werden in Tabelle 4.25 die Beschichtungsparameter der
Abbildungen 4.28a-c aufgeführt. Um eine Vergleichbarkeit herstellen zu können,
werden die Impedanzkurven der Referenzen und der Maximalbelastungen
ausgewertet.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 201 -
Tabelle 4.25: Beschichtungsparameter Strahlungsbelastung
R
1
[Ω/cm²] Referenz max. Belastungsdauer Schichtdicke [µm]
KTL 5.96E+11 8.75E+08 33
silber 4.56E+11 2.45E+11 105
schwarz 3.35E+11 1.41E+10 89
C
1
[F/cm²] Referenz max. Belastungsdauer Schichtdicke [µm]
KTL 3.01E-10 2.81E-10 33
silber 1.08E-10 8.46E-11 105
schwarz 1.18E-10 1.03E-10 89
Tabelle 4.25 zeigt, dass jedes geprüftes Blech mit nahezu identischer Referenz „in
die Strahlungsbelastung“ gegangen ist. Die Beschichtungswiderstände liegen im
Bereich von 10
11
Ω und die Beschichtungskapazitäten im Bereich von 10
-10
F.
Im Fall des geprüften KTL-Blechs soll auf die Zugprobenversuche (Kapitel 4.2.1)
verwiesen werden, bei denen die alleinige KTL-Beschichtung auf verzinktem
Stahlsubstrat lediglich R
1
-Werte um die 10
6
Ω erreichte. Bei den Zugversuchen
wurden diese geringen Widerstände mit deren „Beschichtbarkeit“ erklärt. Tabelle
4.24 zeigt jedoch, dass eine alleinige KTL-Beschichtung vollständige
Schutzeigenschaften gegenüber Korrosion aufweisen kann.
Werden die Referenz-Beschichtungswiderstände der KTL mit denen des
Komplettlackaufbaus verglichen, so ist durch den Komplettlackaufbau kein
höherer Widerstandswert erreicht worden.
Nach maximaler Belastungsdauer ist bei der KTL (auf 10
8
Ω) als auch beim
schwarzen Komplettlackaufbau (10
10
Ω) eine deutliche Abnahme des
Beschichtungswiderstands zu sehen. Der silberne Komplettlackaufbau zeigte
nahezu keine Abnahme. Mit der jeweiligen Schichtdicke konnte keine Korrelation
hergestellt werden.
Die Beschichtungskapazität bleibt über die Versuchsdauer konstant und ist mit
10
-10
F bei den drei Prüfblechen nahezu identisch.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 202 -
4.5.4 Kombination von mechanischer Belastung und Strahlung
Da bei alleiniger mechanischer Belastung bzw. Strahlungsbelastung die erreichte
Oberflächenschädigung der Beschichtungen relativ gering war, sollte diese durch
die Kombination beider Faktoren erhöht werden.
Durch die Kombination der einzelnen Belastungsarten werden die verschiedenen
„natürlichen“ Faktoren simuliert, die im „Alltagsfahrbetrieb“ einen Einfluss auf die
Beschichtung haben [73].
Dabei wurden Zyklen gefahren, wobei ein Zyklus bedeutet, dass das Prüfblech
1h30min mit Mechanik (Parametereinstellung: siehe Tabelle 4.23) und Strahlung
belastet wurde und anschließend 1h relaxieren konnte.
In der folgenden Abbildung ist der silberne klassische Komplettlackaufbau zu
sehen, der über 35 Zyklen belastet wurde. Die dazugehörigen Parameter der
mechanischen Belastung sind Tabelle 4.23 zu entnehmen.
Blech 23: Sindelfingen Komplettlackaufbau silber
1,00E+00
1,00E+01
1,00E+02
1,00E+03
1,00E+04
1,00E+05
1,00E+06
1,00E+07
1,00E+08
1,00E+09
1,00E+10
1,00E+11
1,00E+12
1,00E-02 1,00E-01 1,00E+00 1,00E+01 1,00E+02 1,00E+03 1,00E+04 1,00E+05 1,00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 2 Zyklen
nach 14 Zyklen
nach 24 Zyklen
nach 35 Zyklen
Abbildung 4.29: Kombination von mechan. Belastung und Strahlung, Blech 23 (Sindelfinger
Lackaufbau silber)
Wie Abbildung 4.29 zeigt, sind nach 35 Zyklen, d.h. einer Belastungsdauer von
ca. 52h keine Lackschädigungen mit Hilfe der EIS zu erkennen. Der
Widerstandswert des 4. Zyklus liegt oberhalb dem des 35. Zyklus. Diese
Beobachtung bestätigt folgende Tabelle 4.26.
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 203 -
Tabelle 4.26: Beschichtungsparameter klassischer Lackaufbau (Blech 23)
Sindelfingen silber 23
Referenz Zyklus 35
R
1
[Ω/cm²] 2,83E+11 1,10E+11
R
0
[Ω/cm²] 435,4 462,8
C
1
[F/cm²] 8,56E-11 8,22E-11
Tabelle 4.26 zeigt die Beschichtungsparameter des klassischen
Komplettlackaufbaus silber (Blech 23) nach der Kombination von mechanischer
Belastung und Belastung durch Strahlung.
Da bereits das EIS-Spektrum zeigt, dass Blech 23 nach maximaler
Belastungsdauer unverändert vorliegt, wurden lediglich die
Beschichtungsparameter der Referenz und des 35. Zyklus bestimmt.
Sowohl der Beschichtungswiderstand R
1
(≈10
11
Ω) als auch die
Beschichtungskapazität C
1
(≈10
-11
F) liegen nach der Belastung nahezu
unverändert vor. Mit der EIS konnte somit keine Veränderung des Lackaufbaus
nach erfolgter Belastung festgestellt werden.
Da bei der Entwicklung des TEMRAI-Tests eines der Ziele die verkürzte Prüfdauer
war, wurde im Folgenden ein Prüfblech mit alleiniger KTL-Beschichtung (ca. 33µm
Schichtdicke) untersucht. Abbildung 4.30 zeigt die EIS-Spektren nach erfolgter
Belastung.
Blech 24: Sindelfinger KTL
1,00E+00
1,00E+01
1,00E+02
1,00E+03
1,00E+04
1,00E+05
1,00E+06
1,00E+07
1,00E+08
1,00E+09
1,00E+10
1,00E+11
1,00E-02 1,00E-01 1,00E+00 1,00E+01 1,00E+02 1,00E+03 1,00E+04 1,00E+05 1,00E+06
Frequenz [Hz]
Impedanz [Ohm]
Referenz
nach 5 Zyklen
nach 17 Zyklen
nach 32 Zyklen
Abbildung 4.30: Kombination von mechan. Belastung und Strahlung, Blech 24
(Sindelfinger KTL)
In Abbildung 4.30 ist eine deutliche Abnahme der Beschichtungswiderstände zu
erkennen. Diese ist größer als die Widerstandsabnahme nach der alleinigen
Dissertation Sabine Zischka Ergebnisse und Diskussion
- 204 -
mechanischen Belastung. Bereits nach 5 Zyklen ist die größte Abnahme von
10
11
Ω (Referenz) auf fast 10
9
Ω zu sehen. Diese Abnahme nimmt zum 35. Zyklus
um eine weitere Größenordnung zu. Folglich liegt der Widerstandswert nach dem
35. Zyklus, d.h. einer reinen Belastungszeit von 52h30min, im Bereich von 10
8
Ω.
Tabelle 4.27 zeigt die ausgewerteten Beschichtungsparameter. Da sich in diesem
Versuch keine Korrosion ereignet hatte, ist das „Randles“-Ersatzschaltbild für die
Simulierung anwendbar.
Tabelle 4.27: Beschichtungsparameter Sindelfinger KTL (Blech 24)
Sindelfingen KTL
(Blech 24) Referenz Zyklus 5 Zyklus 17
Zyklus 32
R
1
[Ω/cm²] 1,04E+11
1,61E+09
5,18E+08
1,15E+08
R
0
[Ω/cm²] 1,68E+03
344,2 316,9 254,7
C
1
[F/cm²] 1,99E-10 2,22E-10 2,38E-10 1,99E-10
In Tabelle 4.27 ist die soeben beschriebene Abnahme der
Beschichtungswiderstände mit zunehmender Zyklus-Anzahl zu sehen. Die
Beschichtungskapazität bleibt hingegen konstant (10
-11
), was auch in Abbildung
4.30 durch die Überlagerung der einzelnen Kurven im höheren Frequenzbereich
zu sehen ist.
Zusammenfassend zeigen die Messungen des TEMRAI-Tests, dass der wichtigste
Schritt für die beschleunigte Alterung einer Beschichtung die Parameterwahl ist.
Folglich können die gewählten Parameter bei der einen Beschichtung eine
Schädigung verursachen, bei der anderen Beschichtung jedoch nicht. Ein
wichtiger Faktor hierbei spielt die Schichtdicke.
Zudem sind die zu erwartenden Schädigungen bei einer Beschichtung größer,
wenn die Belastung in Kombination mit einem Elektrolyten stattfindet. Dieser
permeiert in eine beschädigte bzw. relaxierte Beschichtung, wodurch sich der
Kapazitätswert der Beschichtung deutlich verändert.
Um effizient Prüfungen durchführen zu können, sollte grundsätzlich bereits vor der
Messung mit dem TEMRAI-Test die Fragestellung, welche geklärt werden soll,
bekannt sein. Nur so kann dementsprechend über Parametervariationen die
Prüfung sinnvoll erfolgen.
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 205 -
5 Abschließende Diskussion und Ausblick
Die abschließende Diskussion stellt die wichtigsten Ergebnisse der einzelnen
Versuche „freitragende Lacke“, „Zugproben“, „Freibewitterung/KWT-D“ und
TEMRAI-Test zusammen und zeigt die entsprechenden Korrelationen auf.
Untersucht wurden der klassische Lackaufbau (Mercedes-Benz Werk,
Sindelfingen) und der integrierte Lackaufbau (Mercedes-Benz Werk, Rastatt).
Diese wurden mit verschiedenen Pigmentierungen hergestellt, so dass die
Komplettlackaufbauten in den Farben „weiß“, „silber“ und „schwarz“ untersucht
wurden sowie der kathodische Tauchlack (KTL) als Einzelschicht.
Darüber hinaus zeigt der Ausblick, welches Potential der in dieser Arbeit
entstandene TEMRAI-Test für die Prüfung von Substrat/Lacksystemen bietet.
Die Untersuchung der freitragenden Lackfilme erfolgte mit Hilfe dreier
Messmethoden.
Bei der „EIS“-Messung zeigten die freien Lackfilme hinsichtlich des
Beschichtungswiderstands zwei Verhaltensweisen. Nach Immersion der Lackfilme
von 7 Tagen in 5%iger NaCl-Lösung war zum einen eine „Heilung“ (Zunahme des
Beschichtungswiderstands) und zum anderen eine Zunahme an
Oberflächenschädigung (Abnahme des Beschichtungswiderstands) zu sehen.
Welches Verhalten auftrat, war lediglich von dem Teilbereich, der aus dem freien
Lackfilm für diese Messung herausgetrennt wurde, abhängig und unabhängig von
der Farbe bzw. dem Lackaufbau. Da die verlängerte Dauer der Immersion auf
14 Tagen keinen Unterschied zu den Ergebnissen nach 7 Tagen zeigte, wurden
die Lackfilme für lediglich 7 Tage dem Elektrolyten ausgesetzt.
Bei der Untersuchung der freien Lackfilme mit der „DMA“-Messung zeigten die
KTL-Filme im Glaszustand und in der Glasübergangstemperatur T
g
ein ähnliches
Verhalten. Deutlicher Unterschied hingegen war in der Vernetzung zu sehen.
Dieser Unterschied konnte jedoch auf den Herstellungsfehler der geringen
Einbrennung bei der „Sindelfinger KTL“ zurückgeführt werden.
Ein Vergleich der DMA-Ergebnisse mit denen der EIS-Messungen zeigt jedoch
bezüglich der Vernetzung und des Beschichtungswiderstands keine Korrelation.
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 206 -
Folglich wäre bei einer geringeren Vernetzung ebenfalls ein geringerer
Beschichtungswiderstand bzw. eine Kapazitätszunahme durch Quellung denkbar
gewesen. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Immersionszeit zu kurz
war, um eine deutliche Abnahme des Beschichtungswiderstandes hervorzurufen.
Anzumerken ist hierbei auch, dass verschiedene Teile des freien Lackfilms für die
DMA-Messung und für die EIS-Messung verwendet wurden. So besteht die
Möglichkeit, dass bei der EIS-Messung ein Film-Abschnitt verwendet wurde, der
eine bessere Vernetzung aufzeigt (z.B. aufgrund ungleicher Temperaturverteilung
im Einbrennofen).
Das Vernetzungsverhalten wurde deshalb untersucht, da dieses Aussagen über
innere Spannungen eines Lacksystems zulässt. So kann generell bei höheren
Vernetzungswerten davon ausgegangen werden, dass die inneren Spannungen
des Lacks größer sind [6]. Diese Annahme konnte beim „Sindelfinger
Komplettlackaufbau silber“ bestätigt werden. Mit dem höchsten Vernetzungswert
von 30MPa müsste er die größten inneren Spannungen aufweisen. Ein Indiz, das
dafür sprechen würde, ist das extrem frühzeitige Reißen der Proben während der
DMA-Messung. Jedoch käme auch ein fehlerhaftes Einspannen der Probe in
Frage. Ebenfalls kann die Sprödigkeit des Lackfilms für das frühzeitige Reißen
verantwortlich sein. Für die Beantwortung dieser Fragestellung müssten weitere
Versuche durchgeführt werden.
Das Vernetzungsverhalten (E`-Modul bei hohen Temperaturen) der freien
Lackfilme weist im Allgemeinen einen weiten Bereich von 5MPa bis 30MPa auf.
Hierbei zeigen die klassischen Komplettlackaufbauten deutlich größere
Vernetzungswerte als die integrierten Komplettlackaufbauten. Dies stimmt mit den
gemessenen Glaszuständen überein.
Der Glaszustand (E`-Modul im Niedertemperaturbereich) liegt bei den
Komplettlackaufbauten in einem recht weiten Bereich zwischen 3363MPa und
4317MPa. Es konnte tendenziell festgestellt werden, dass, unabhängig von der
Farbe, der klassische Lackaufbau höhere Glaszustände aufweist als der
integrierte.
Während der integrierte Komplettlackaufbau nur geringfügige Unterschiede
hinsichtlich des Glaszustands zeigt, ist dieser beim klassischen Lackaufbau
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 207 -
deutlich größer. Werden hingegen die Glasübergangstemperaturen betrachtet, so
sind diese beim integrierten Lackaufbau sehr verschieden (von 81°C bis 102°C),
beim klassischen Lackaufbau liegen diese jedoch eng beieinander (von 89°C bis
94°C).
Um weitere konkrete Aussagen bezüglich der Lackaufbauten treffen zu können,
wäre es sinnvoll die Einzelschichten der Lacke zu vermessen, um den Beitrag,
den eine jeweilige Schicht zum Gesamtlackaufbau liefert, beurteilen zu können.
Um Aussagen bezüglich des Gesamtsystems treffen zu können, wird jedoch eine
einfache Aufsummierung der Einzelergebnisse nicht dem tatsächlichen
Verbundergebnis entsprechen, da bei dieser die Wechselwirkungen an den
Grenzflächen außer Acht gelassen werden.
Mit Hilfe der „TGA“-Messungen sollte das unterschiedliche Quellverhalten der
freien Lackfilme untersucht werden, welches u.a. von deren Vernetzung abhängt.
Trotz unterschiedlichem Vernetzungsverhalten konnte bei der „TGA“-Messung
kein lackspezifischer Masseverlust erkannt werden. Dieser lag zwischen 0,86%
und 2,9% der Ausgangsmasse.
Ebenfalls wurde bei der Bestimmung des Bindemittelanteils keine Tendenz
hinsichtlich des Lackaufbaus bzw. Farbe sichtbar. Der Anteil reichte von 66,6% bis
87,6%. Das gleiche Verhalten ist bezüglich des Polymerabbaus bzw. der Wasser-
absorption zu beobachten.
Allgemein muss für diese drei Messmethoden festgehalten werden, dass die
Ergebnisse jeder einzelnen Methode „im Ganzen“, d.h. unter Miteinbeziehung der
anderen Ergebnisse betrachtet werden müssen. Andernfalls ist es leicht möglich
fehlerhafte Rückschlüsse zu ziehen.
Zusätzlich macht die Versuchsdurchführung deutlich, dass idealer Weise die exakt
identische Probe untersucht werden müsste, um definierte Aussagen treffen zu
können. Folglich ergibt sich als Fehlerquelle u.a. die Verwendung der
unterschiedlichen Teilbereiche eines Lackfilms.
Der „Zugproben“-Versuch diente der Einschätzung, inwiefern zum einen das
Substrat einen Einfluss auf die Beschichtung ausübt und zum anderen welche
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 208 -
Auswirkung der zugdehnbare Stress auf die Adhäsion zwischen Substrat und Lack
hat.
Tendenziell konnte festgestellt werden, dass die Beschichtungswerte der freien
Lacke um 2 Größenordnungen höher lagen als die der Zugproben. Mögliche
Begründung für dieses Ergebnis kann die Beeinflussung der Beschichtung durch
das Substrat sein oder die Produktionsart ist hierfür verantwortlich (Zugproben aus
der Serienbeschichtung und freitragende Lacke aus dem Labor). Dies müsste
durch weitere Versuche abgeklärt werden.
Allgemein ist bei den Zugversuchen auffällig, dass es keinen systematischen
Abfall der Beschichtungswiderstände nach den jeweiligen Zuglängen gab. Zudem
zeigten die Komplettlackaufbauten auf dem eloverzinkten Stahlsubstrat ein von
Farbe, vom Lackaufbau und von der Zuggeschwindigkeit unabhängiges Verhalten.
Das Verhalten der KTL-Zugproben unterschied sich je nach Substrat. So wiesen
die Aluminiumzugproben im Referenzzustand einen deutlich höheren
Beschichtungswiderstand als die eloverzinkten Stahlzugproben auf. Dies kann mit
der Eigenschaft des Aluminiums, eine Passivschicht auszubilden, zusammen-
hängen.
Nach maximal erfolgter Zuglänge ereignete sich bei den Aluminiumzugproben
jedoch ein starker Abfall (4 Größenordnungen), d.h. ein deutlich größerer Abfall
als bei den eloverzinkten Stahlzugproben.
Werden hingegen die Komplettlackaufbauten hinsichtlich der Widerstandswerte
betrachtet, so zeigt ein Vergleich zwischen den Aluminium- und den
Stahlzugproben, dass der Maximal-Zug von 15mm (maximale Zuglänge bei
Aluminium: 10
7
Ω) einen geringeren Abfall der Widerstandswerte als der Maximal-
Zug von 25mm bei den Stahlzugproben (10
4
Ω) zur Folge hatte. Aluminiumproben
mit maximaler Zuglänge verfügen demzufolge noch über ausreichende Barriere-
bzw. Schutzeigenschaften. Dies ist bei den maximal gezogenen Stahlzugproben
nicht mehr der Fall.
Allgemein liegen die Referenzwiderstandswerte aller Aluminiumzugproben mit
10
11
Ω bis 10
12
Ω im Bereich für eine intakte Beschichtung. Auch nach den
erfolgten Maximal-Zuglängen wurde der R
1
-Wert von 10
6
Ω (Grenze zwischen
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 209 -
intakter und defekter Beschichtung) bei keiner Zugprobe, unabhängig vom
Substrat, unterschritten.
Die gemessene Beschichtungskapazität C
1
der Komplettlackaufbauten war bei
allen Referenzen und den Maximal-Zuglängen mit 10
-10
F bis 10
-11
F relativ
konstant. Bei den KTL-Zugproben konnte hingegen im Einzelfall eine deutliche
Kapazitätszunahme beobachtet werden. Dies kann dadurch erklärt werden, dass
C
1
proportional zum Kehrwert der Schichtdicke ist und folglich die Schichtdicke bei
der KTL-Zugprobe durch die Zugdehnung im größeren Maß abnimmt als bei den
Komplettlackaufbauten. Eine andere mögliche Begründung hierfür kann auch die
Verwendung von verschiedenen Elektroden bei gleicher Zugprobe sein.
Bei den Zugproben war die beginnende Korrosion deutlich bemerkbar, weshalb
das „Rebar“-Ersatzschaltbild eingesetzt werden musste. Folglich war diese durch
einen teilweise sehr großen Adhäsionsverlust zwischen Substrat und
Beschichtung zu sehen. Ob diese „geringe“ Adhäsion bereits zu Anfang der
Zugproben bestand oder erst durch die durchgeführten Züge hervorgerufen
wurde, müsste noch abgeklärt werden. Dennoch ist gezeigt, dass durch die Züge
der Adhäsionsverlust optisch sichtbar wird. Interessanter Weise ist dieser
Adhäsionsverlust lediglich bei den Stahlzugproben zu sehen gewesen. Dies findet
sich in der Publikation von Bastos et al. [62] wieder, in der der stattfindende
Adhäsionsverlust ebenfalls nur auf Stahlsubstrat beobachtet werden konnte. Piens
und Deurwaerder [69] führten diese Beobachtung auf die unterschiedliche
Beschichtungspolarität zurück.
Allgemein war bei dem Zugproben-Versuch die größte Problematik die
einwandfreie Herstellung der beschichteten Zugproben, was einen enormen
Einfluss auf die erhaltenen Versuchsergebnisse hatte.
Die Versuche Freibewitterung/KWT-D dienten der Beurteilung der Lackalterung.
Die aus diesem Teilversuch erhaltenen Ergebnisse stehen mit den
Versuchsergebnissen der Teilversuche „freie Lacke“ und „Zugproben“ in
Verbindung. So zeigte Perera [49], dass sich die Zunahme von inneren
Spannungen durch den Anstieg der Glasübergangstemperatur (durch vermehrte
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 210 -
Vernetzung) äußert, der wiederum die Folge von Lackalterung ist. Ein möglicher
Vergleich mit den Zugproben-Ergebnissen kann deshalb stattfinden, da sich die
Umgebungsbedingung „geringe Temperatur mit relativer Luftfeuchte (5%)“ in
einem Zugdehnungsstress äußert. Diese Umgebungsbedingungen sind bei einem
typischen europäischen Winter gegeben. Ein häufiger Wechsel von
unterschiedlicher Temperatur und Luftfeuchte hingegen äußert sich in dem
sogenannten Ermüdungsstress, auf dem der KWT-D Test basiert.
Die zu prüfenden Probebleche besaßen eine „unbeschädigte“ Fläche für die EIS-
Messung und einen eingefügten Ritz für die Bestimmung der Ritz-
unterwanderung.
Die Ergebnisse der Freibewitterungsversuche zeigten in den aufgenommenen
EIS-Spektren nahezu das gleiche Verhalten. Dieses war unabhängig von Farbe,
Substrat, Lackaufbau und Auslagerungsort. Nach zwei Jahren Freibewitterung
lagen die Beschichtungswiderstände unverändert vor und mit ca. 10
11
Ω in dem
Bereich für eine Beschichtung mit intakten Schutzeigenschaften [48]. Das
bedeutet, dass das Maß wie stark sich innere Spannungen entwickeln, für eine
Fehlstellenentwicklung in der Beschichtung zu gering ist, um detektiert zu werden.
Andererseits besteht die Möglichkeit, dass sich die inneren Spannungen am
eingefügten „Ritz“ entspannen.
Die Untersuchung der Ritzunterwanderung der verzinkten Stahlsubstrate ergab,
dass sich der klassische Lackaufbau unabhängig vom Auslagerungsort verhält.
Dennoch war ein Ranking der Farben zu sehen. So nahm die Ritzunterwanderung
bei allen drei Auslagerungsorten von „schwarz“, nach „weiß“ zu „silber“ zu. Eine
Korrelation mit den Schichtdicken war nicht gegeben.
Der integrierte Lackaufbau zeigte ein anderes Verhalten. Die erfolgte Ritzunter-
wanderung war je nach Auslagerungsort verschieden. Jedoch war eine Korrelation
mit der Schichtdicke beim Auslagerungsort Sindelfingen und Florida zu sehen, bei
Dänemark hingegen jedoch nicht.
Die Aluminiumsubstrate zeigten in der Ritzunterwanderung ein vom Lackaufbau
und Farbe unabhängiges Verhalten. Nach 2 Jahren Auslagerung hatte sich keine
Filiformkorrosion ereignet.
Werden die Ergebnisse der erfolgten Ritzunterwanderung unabhängig von
Substrat, Lackaufbau und Farbe sondern nur hinsichtlich des Auslagerungsorts
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 211 -
betrachtet, war eine Reihenfolge sichtbar. Die geringste Unterwanderung
ereignete sich nach der Auslagerung in Dänemark, gefolgt von Sindelfingen und
abschließend von Florida.
Beim Versuch „KWT-D Test“ zeigten die EIS-Messungen farbunabhängige und
vom Lackaufbau unabhängige Ergebnisse. Ein deutlicher Unterschied war jedoch
zwischen dem Aluminium- und dem verzinktem Stahlsubstrat feststellbar: während
Aluminium relativ unempflindlich im KWT-D Test war, zeigte der verzinkte Stahl
eine große Angreifbarkeit. Folglich lagen die Beschichtungswiderstände der
Aluminium-Proben nach 12 Wochen Testdauer über 10
9
Ω, während beim
Stahlsubstrat teilweise deutlich niedrigere Widerstände (10
6
Ω) auftraten.
Bezüglich der Ritzunterwanderung zeigten im Allgemeinen die weißen
Komplettlackaufbauten die geringsten Werte. Der größte Unterwanderungswert
(2,77mm) wurde beim integrierten Lackaufbau „silber“ gemessen. Der klassische
Komplettlackaufbau zeigte geringere Unterwanderungswerte. Am besten schnitt
mit 1,83mm der „weiße“ Komplettlackaufbau ab.
Allgemein konnte beim verzinkten Stahlsubstrat keine Korrelation zwischen
Ritzunterwanderung und Schichtdicke festgestellt werden. Dieses Ergebnis wurde
ebenfalls bei der Freibewitterung erhalten.
Wird das Aluminiumsubstrat hinsichtlich erfolgter Filiformkorrosion betrachtet,
betrug die maximale Fadenlänge nach 12 Wochen Testdauer 2,2mm. Dieser Wert
war bei allen Komplettlackaufbauten nahezu identisch. Ein Farbvergleich innerhalb
der Aluminiumbleche zeigte ein anderes Ergebnis als das verzinkte Stahlsubstrat.
Folglich trat beim „silbernen“ Komplettlackaufbau der kleinste U
F
-Wert (0,40mm)
und beim schwarzen Komplettlackaufbau der größte U
F
-Wert (0,68mm) auf.
In dieser Arbeit wurde ein Korrosionskurzzeitprüfsystem (TEMRAI-Test) für die
Qualitätsbeurteilung von Substrat/Lack-Systemen entwickelt und untersucht. Um
bereits im Vorfeld die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Problematiken zu
minimieren, wurde eine „FMEA“ durchgeführt.
Der modulare Aufbau des TEMRAI-Tests enthält für die Umsetzung der
ausgewählten Belastungsprinzipien eine temperierbare Bodenplatte, einen
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 212 -
Teflonblock mit Aussparung für den Elektrolyten und zur Befestigung des zu
untersuchenden Prüfblechs, eine Abdeckung mit Lampeneinheiten sowie einen
Schwingungserreger, der die mechanische Belastung auf den Prüfling aufbringt.
Die Wahl der Belastungskollektive ergab sich aus bereits in
Korrosionsprüfverfahren eingesetzten und erstmalig zugefügten Faktoren
(Temperatur, Elektrolyt, Mechanik, Strahlung), die eine beschleunigte Alterung auf
die zu untersuchenden Substrat/Lack-Systeme ausüben. Wesentliches Element ist
dabei die Erzeugung von inneren Spannungen durch den jeweiligen
Belastungsfaktor, wodurch sich Korrosionsvorgänge schneller ereignen können.
Folglich werden durch den Faktor Temperatur aufgrund der unterschiedlichen
Ausdehnungskoeffizienten des Substrats und der Beschichtung innere
Spannungen erzeugt, die durch die Relaxierungsphasen im Test nicht abgebaut
werden können. Darüber hinaus erfährt die Beschichtung durch
Temperaturerhöhung eine Erweiterung ihres Polymernetzwerks, durch dieses z.B.
ein Elektrolyt leichter eindringen und Korrosionsvorgänge ermöglichen kann.
Ebenfalls wird durch die mechanische Belastung eine Erweiterung des
Polymernetzwerks provoziert, bei der sich Kettenbrüche in diesem ereignen
können oder die zum Haftungsverlust (Adhäsionsverlust) zwischen Beschichtung
und Substrat (verzinkter Stahl) führen kann.
Durch die UV-Strahlung werden selektiv Beschichtungsbestandteile abgebaut,
wodurch mehr Netzwerkdefekte im Beschichtungssystem entstehen, durch die der
Elektrolyt besser eindringen kann.
Im Allgemeinen ist feststellbar, dass die Faktoren Temperatur, Mechanik und
Strahlung die Funktion haben, das Polymernetzwerk des Beschichtungssystems
auf unterschiedliche Weise zu erweitern (z.B. Spaltung von Bindungen,
Pigmentabbau,…) bzw. die Adhäsion zwischen Substrat und Beschichtung
verringern, so dass der Elektrolyt leichter in dieses eindringen kann, wodurch
Korrosionsvorgänge an der Phasengrenze Substrat/Beschichtung ermöglicht
werden.
Die Herausforderung, diese Kollektive in einem Versuchsstand zu kombinieren,
wurde durch die aufwändige Konstruktion des TEMRAI-Tests erfüllt. Mit diesem
neu konstruierten Prüfgerät kann jedes Belastungskollektiv separat, als auch in
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 213 -
beliebiger Kombination geschaltet werden. Dadurch kann das zu untersuchende
beschichtete Prüfblech verschiedenartigen Belastungen unterzogen werden.
Die Durchführung der Prüfung mit Hilfe des TEMRAI-Tests gestaltet sich
folgendermaßen: Das zu untersuchende beschichtete Blech wird auf eine
temperierbare Bodenplatte gelegt und von oben über einen Teflonblock
festgeschraubt. Die mechanische Belastung erfolgt durch einen
Schwingungserreger, der über einen Stößel mit der Unterseite des Prüfblechs
verbunden (durch Klebung) ist. Der Teflonblock besitzt eine kreisrunde
Aussparung, in der sich der Elektrolyt befindet. Diese Aussparung stellt
gleichzeitig die Prüffläche des Prüfblechs dar. Die Strahlungsbelastung erfolgt
über UV- und IR-Lampen, die sich in der Abdeckung des TEMRAI-Tests befinden.
Die verschiedenen Einzelbelastungen sowie deren Kombination dienen im
Substrat/Lack-System dem Aufbau von inneren Spannungen, die sich ab einer
bestimmten Größe in der Bildung von Beschichtungsfehlstellen (Poren, Risse,...)
äußern. Diese Fehlstellen werden mit Hilfe der elektrochemischen
Impedanzspektroskopie (EIS) zerstörungsfrei detektiert, und zwar lange Zeit bevor
sich eine optisch sichtbare Oberflächenschädigung ereignet. Durch die EIS
werden unterschiedliche Spektren erhalten, die eine Beurteilung der
Substrat/Lack-Systeme zulässt.
Nach der Entwicklung und Inbetriebnahme des TEMRAI-Tests dienten die ersten
Prüfungen der Kontrolle, ob dieser die Funktion eines Korrosionskurz-
zeitprüfverfahrens erfüllt. Die Durchführung der Prüfung erfolgte mit dem
Lackaufbau des Sindelfinger Mercedes-Benz-Werks (klassischer Lackaufbau) auf
verzinktem Stahl als Substrat.
Die Prüfergebnisse zeigten, dass der TEMRAI-Test die Funktion eines
Korrosionsskurzzeittests erfüllt, und zwar in deutlich kürzerer Zeit, verglichen mit
bisher angewandten Korrosionsprüfverfahren. So liegt die Prüfdauer der
Freibewitterung im Jahresbereich und die des Klimawechseltests im
Wochenbereich. Beim TEMRAI-Test stehen hingegen bereits nach einigen
Stunden bis Tagen (je nach Lackaufbau) Ergebnisse zur Verfügung.
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 214 -
Nicht nur die sehr kurze Prüfdauer, sondern ebenfalls die Bestätigung von aus
Literatur bekannten Ergebnissen (z.B. UV-Instabilität der KTL), zeigen das hohe
Potential des TEMRAI-Tests als Korrosionsprüfmethode.
Als weiteres Ergebnis wurde die Reihenfolge des Einflusses, den ein einzelnes
Belastungskollektiv auf das Substrat/Lack-System ausübte sowie der Einfluss
durch deren Kombination bestimmt.
Die Beschleunigungswirkung der Einzelbelastungen ist unterschiedlich: Eine
Temperaturvariation in Kombination mit Elektrolytanwesenheit verursacht die
größte Beschleunigung, während die Mechanik und die Strahlung eine zusätzliche
Verschärfung der Beschleunigung zur Folge haben, separat jedoch eher eine
untergeordnete Rolle bezüglich der verursachten Alterung spielen.
Durch weitere Arbeiten wird der TEMRAI-Test vollständig automatisiert und bietet
damit die Möglichkeit, 24 Stunden am Tag unbeaufsichtigt in Betrieb zu sein.
Zudem steht das Ziel, die Parametereinstellungen der einzelnen
Belastungsfaktoren so zu variieren, dass spezielle Einstellungen für spezifische
Fragestellungen eingesetzt werden können. Folglich werden einzelne Dateien mit
den entsprechenden Parametereinstellungen angefertigt, die je nach
Fragestellung und Material eingesetzt werden können. So sind Reproduzierbarkeit
und Nachverfolgung der Ergebnisse ohne Probleme gegeben.
Das Ziel, welches dadurch verfolgt wird, ist den TEMRAI-Test als
Standardprüfverfahren („Norm“) für die Prüfung hinsichtlich Korrosion zu
etablieren.
Durch die neuartige Kombination der Belastungskollektive wurde eine deutlich
verkürzte Prüfdauer von nur wenigen Stunden bzw. Tagen erreicht. Die
Zeitersparnis wird durch die Erzeugung von inneren Spannungen im
Substrat/Lacksystem hervorgerufen. Zum einen wurden die inneren Spannungen
über die Kombination der vier Belastungsarten Temperatur, Elektrolyt, Mechanik
und Strahlung erreicht und zum anderen über die Durchführung der Versuche in
sogenannten Prüfzyklen, die zum „Aufschaukeln“ der inneren Spannungen führen.
Wird der TEMRAI-Test mit den Kurzzeitprüfungen aus Kapitel 2.5.1(a-c)
verglichen, so zeigt sich, dass der TEMRAI-Test die Nachteile der bisherigen
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 215 -
Kurzzeitprüfsysteme minimiert bzw. eliminiert hat und entsprechende
Erweiterungen beinhaltet. Folglich wurde die Prüffläche vergrößert, es können
Komplettlackaufbauten und nicht nur Einzelschichten untersucht werden, es wurde
Objektivität durch die EIS-Messmethode (computergenerierte Ergebnisse)
geschaffen, es erfolgte die Erweiterung auf vier Belastungskollektive und durch die
modulare Bauweise können die Prüflinge mit wenig Aufwand gewechselt und bei
Bedarf einzelne Module ausgetauscht und repariert werden.
Die Korrelation der physikalischen Lackeigenschaften mit den Ergebnissen des
TEMRAI-Tests steht zum größten Teil noch aus. Diese sollen in einer weiteren
Arbeit gefunden werden.
Korrelationen, die in dieser Arbeit zu sehen sind, betreffen zum einen die
mechanische Belastung und zum anderen die Freibewitterung. So sind sowohl bei
den Zugversuchen als auch beim TEMRAI-Test (mit alleiniger mechanischer
Belastung) Adhäsionsverluste zwischen Substrat und Beschichtung zu sehen.
Die Freibewitterungsversuche zeigten hingegen über die Dauer von 2 Jahren
keine mit der EIS messbare Lackveränderung. Dies war im TEMRAI-Test mit UV-
und IR-Strahlungsbelastung bei den klassischen Komplettlackaufbauten ebenfalls
zu beobachten gewesen.
Der Entwicklungsprozess des TEMRAI-Tests erfolgte nach dem „Top-down“-
Prinzip. Die Arbeitsrichtung geht somit vom „Allgemeinen“ in Richtung zum
„Konkreten“. Für diese Arbeit bedeutet das, dass wie bereits erwähnt, in der
frühen Phase der Inbetriebnahme noch keine speziellen Korrelationen hergestellt
werden können.
Für die Anwendung des TEMRAI-Tests sind bisher plane Prüfsysteme die
Voraussetzung. Der Materialentwicklung und auch der Durchführung von
Qualitätssicherungen sind hingegen kaum Grenzen gesetzt. Folglich lässt sich die
Prüfung durch den TEMRAI-Test auf andere Materialien (z.B. Kleber, Dichtstoffe,
Schweißnähte) und Fragestellungen unkompliziert ausweiten.
In Zukunft können mit dem TEMRAI-Test auf kleinstem Raum und in kürzester
Zeit Korrosions- bzw. Verhaltensvorhersagen von Materialien getroffen werden.
Dissertation Sabine Zischka Abschließende Diskussion und Ausblick
- 216 -
Diese Eigenschaft ist für die hervorragend geeignet. Gleichzeitig ist damit die
Voraussetzung geschaffen, die Korrelation verschiedener Labortests und
Alltagsfahrbetriebe zu ermöglichen. Nach vollständiger Automatisierung des
TEMRAI-Tests und entsprechenden Korrelationsuntersuchungen kann die
Aufnahme des TEMRAI-Tests als Standardprüfverfahren bzw. als neue Norm
erfolgen.
Dissertation Sabine Zischka Literaturverzeichnis
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Abbildung 2.2: typische Phosphatierschicht im Automobilbau.........................- 6 -
Abbildung 2.3: Applikation des kathodischen Tauchlacks.............................- 19 -
Abbildung 2.4: Abscheidung der KTL............................................................- 20 -
Abbildung 2.5: schemat. Darstellung des klassischen Lackaufbaus .............- 24 -
Abbildung 2.6: schemat. Darstellung des integrierten Lackaufbaus..............- 24 -
Abbildung 2.7: DMA ......................................................................................- 26 -
Abbildung 2.8: Verhaltensweisen der Probendehnung nach Krafteinleitung.- 27 -
Abbildung 2.9: schemat. Darstellung von DMA-Kurven-amorpher Kunststoff- 28 -
Abbildung 2.10: schemat. Darstellung eines Nennspannungs-/Total-
dehnungs-Diagramms mit Legende.......................................- 31 -
Abbildung 2.11: Erscheinungsformen des witterungsbedingten Material-
abbaus an der Oberfläche pigmentierter Oberflächen ..........- 35 -
Abbildung 2.12: Säurekorrosion......................................................................- 39 -
Abbildung 2.13: Sauerstoffkorrosion ...............................................................- 40 -
Abbildung 2.14: Zusammenspiel der Säure- und Sauerstoffkorrosion ............- 40 -
Abbildung 2.15: Kontaktkorrosion zwischen zwei unterschiedlich edlen
Metallen.................................................................................- 42 -
Abbildung 2.16: Lochfraß, Muldenkorrosion....................................................- 43 -
Abbildung 2.17: Interkristalline Korrosion........................................................- 44 -
Abbildung 2.18: Spannungsrisskorrosion........................................................- 45 -
Abbildung 2.19: Korrosionsprozess am Beispiel von Eisen.............................- 46 -
Abbildung 2.20: KWT-D_Tageszyklus A .........................................................- 54 -
Abbildung 2.21: KWT-D_Tageszyklus B .........................................................- 54 -
Abbildung 2.22: KWT-D_Tageszyklus C .........................................................- 55 -
Abbildung 2.23: Zusammenfassung des Temperatur- und rel. Feuchte-
verlaufs im KWT-D ................................................................- 55 -
Abbildung 2.25: Darstellung der komplexen Impedanz in der Gaußschen
Zahlenebene..........................................................................- 63 -
Abbildung 2.26: Nyquist-Diagramm mit dazugehörigem Ersatzschaltbild .......- 64 -
Abbildung 2.27: Bode-Diagramm mit dazugehörigem Ersatzschaltbild...........- 64 -
Dissertation Sabine Zischka Abbildungsverzeichnis
- 223 -
Abbildung 2.28: Typisches Ersatzschaltbild einer defektfreien Beschichtung,
„Randles-Modell“ ...................................................................- 69 -
Abbildung 2.29: Nyquist-Diagramm zur Berechnung der Impedanzelemente
(für Ersatzschaltbild aus Abbildung 2.28) ..............................- 70 -
Abbildung 2.30:
Bode-Diagramm zur Berechnung der Impedanzelemente
(für Ersatzschaltbild aus Abbildung 2.28) ..............................- 71 -
Abbildung 2.31: Typisches Ersatzschaltbild für eine defekte Beschichtung ....- 72 -
Abbildung 2.32: Ersatzschaltbild für eine Beschichtung mit beginnender
Metall-Korrosion, „Rebar-Modell“...........................................- 73 -
Abbildung 2.33: schematische Darstellung des EIS-Prinzips..........................- 74 -
Abbildung 2.34: numerische Anpassung.........................................................- 75 -
Abbildung 2.35: Analogie zwischen Messzelle und Ersatzschaltbild............... - 78 -
Abbildung 2.36: Korrosionsschnellprüfgerät (LHS 290)...................................- 81 -
Abbildung 2.37: Darstellung der „Vorrichtung zur beschleunigten Durch-
führung von Korrosionstests“ von BASF, Ludwigshafen........- 83 -
Abbildung 2.38: „MeKo dynamisch“-Test [angelehnt an Quelle: A. Gimmler,
Mercedes-Benz] ....................................................................- 86 -
Abbildung 3.1: „EIS-Zweikammersystem“- Aussparungen sind die
waagerechten Löcher............................................................- 99 -
Abbildung 3.2: Aufstellungsplan der „DMA 242 C“ ......................................- 101 -
Abbildung 3.3: Arbeitsweise der „DMA 242 C“............................................- 102 -
Abbildung 3.4: Temperaturprofil für die Untersuchung der freien Lackfilme - 103 -
Abbildung 3.5: Zugprobe mit den vorgegebenen Maßen in Millimeter ........- 104 -
Abbildung 3.6: Zug-Dehnungsdiagramm einer Zugprobe............................- 105 -
Abbildung 3.7: EIS-Messung einer Zugprobe..............................................- 106 -
Abbildung 3.8: Freibewitterungsbleche, Auslagerungsort Florida................- 107 -
Abbildung 3.9: Freibewitterungsblech .........................................................- 108 -
Abbildung 3.10a:Konstruktionszeichnung des TEMRAI-Tests .......................- 112 -
Abbildung 3.10b:TEMRAI-Test „in Realität“ ...................................................- 113 -
Abbildung 3.11a:Temperierbare Bodenplatte.................................................- 114 -
Abbildung 3.11b:IR-Strahlung ........................................................................- 114 -
Abbildung 3.12: Teflonblock mit Anschlüssen ...............................................- 115 -
Dissertation Sabine Zischka Abbildungsverzeichnis
- 224 -
Abbildung 3.13a:Torsionssimulation des Alltagfahrbetriebs eines
Karosseriebereichs..............................................................- 116 -
Abbildung 3.13b:Torsionssimulation des Alltagfahrbetriebs einer Karosserie - 117 -
Abbildung 3.14a:Simulationsversuch Blechverformung_Spannung...............- 117 -
Abbildung 3.14b:Simulationsversuch Blechverformung_Anregungskraft 10N - 118 -
Abbildung 3.15: Schwingerreger 4808 (Fa. Brühl & Kjaer)............................- 118 -
Abbildung 3.16: Wellenlängenspektrum des UV-Hochdruckstrahlers ...........- 120 -
Abbildung 4.1a: freitragender Lack: Rastatt_KTL 2.......................................- 122 -
Abbildung 4.1b: freitragender Lack: Rastatt_KTL 5.......................................- 124 -
Abbildung 4.2: freitragender Lack: Sindelfingen_KTL 2 ..............................- 125 -
Abbildung 4.3: freitragender Lack: Rastatt_schwarz 1 ................................- 127 -
Abbildung 4.4: DMA des Sindelfinger Komplettlackaufbaus silber ..............- 129 -
Abbildung 4.5a: TGA bis 650°C der Sindelfinger KTL...................................- 133 -
Abbildung 4.5b: TGA Doppelbestimmung der Sindelfinger KTL....................- 134 -
Abbildung 4.5c: TGA Vergleichbarkeit der Doppelbestimmung der
Sindelfinger KTL..................................................................- 134 -
Abbildung 4.5d: TGA Stufenauswertung der Sindelfinger KTL......................- 135 -
Abbildung 4.6: TGA-Massenspektrometrie der Rastatter KTL.....................- 136 -
Abbildung 4.7a: Zugprobe SS2: KTL Sindelfingen 2mm/min ........................- 140 -
Abbildung 4.7b: Zugprobe RK3: KTL Rastatt 2mm/min.................................- 141 -
Abbildung 4.8a: Zugprobe S.Al8: KTL Sindelfingen 2mm/min.......................- 146 -
Abbildung 4.8b: Zugprobe S.Al17: KTL Sindelfingen 200mm/min.................- 147 -
Abbildung 4.9a: Zugprobe SK3: Lackaufbau weiß Sindelfingen,
verz. Stahl 2mm/min............................................................- 151 -
Abbildung 4.9b: Zugprobe SK17: Lackaufbau weiß Sindelfingen,
verz. Stahl 2mm/min............................................................- 154 -
Abbildung 4.9c: Zugprobe SK21: Lackaufbau weiß Sindelfingen,
verz. Stahl 200mm/min........................................................- 155 -
Abbildung 4.10: Zugprobe SK60: Lackaufbau silber Sindelfingen,
verz. Stahl 2mm/min............................................................- 156 -
Abbildung 4.11: Zugprobe SK68: Lackaufbau schwarz Sindelfingen,
verz. Stahl 2mm/min............................................................- 157 -
Dissertation Sabine Zischka Abbildungsverzeichnis
- 225 -
Abbildung 4.12a:Zugprobe AK22: Lackaufbau silber Sindelfingen,
Alu_2mm/min.......................................................................- 159 -
Abbildung 4.12b:Zugprobe AK27: Lackaufbau silber Sindelfingen,
Alu_2mm/min.......................................................................- 160 -
Abbildung 4.13: Zugprobe AK27: Korrelation EIS-Spektrum und
Frequenzfilter.......................................................................- 161 -
Abbildung 4.14: Zugprobe AK31: Lackaufbau silber Sindelfingen,
Alu_2mm/min.......................................................................- 161 -
Abbildung 4.15:
Delamination (Adhäsionsverlust) bei einer Zugprobe
(verzinktes Stahlsubstrat)....................................................- 164 -
Abbildung 4.16a: Lackrückseite mit Phosphatkristalle....................................- 165 -
Abbildung 4.16b: Blechoberseite, Zink- und Phosphatkristalle.......................- 165 -
Abbildung 4.16c: Korrosion durch Chloridverbindung ....................................- 165 -
Abbildung 4.17: Freibewitterung Florida: Blech F219 Lackaufbau weiß,
Sindelfingen.........................................................................- 169 -
Abbildung 4.18: SMART des Blechs F219 ....................................................- 178 -
Abbildung 4.19: SMART-Auswertung der Ritzunterwanderung (Blech F219)- 178 -
Abbildung 4.20:
Thermografie-Aufnahme des Blechs F219, Sindelfinger
Lackaufbau weiß, verzinktes Stahlsubstrat, Auslagerungsort
Florida nach 2 Jahren..........................................................- 179 -
Abbildung 4.21:
Thermografie-Aufnahme des Blechs FA3, Sindelfinger
Lackaufbau weiß, Aluminiumsubstrat, Auslagerungsort Florida
nach 2 Jahren......................................................................- 180 -
Abbildung 4.22a:KWT-D Blech F361 Lackaufbau silber, Sindelfingen...........- 181 -
Abbildung 4.22b:KWT-D Blech F365 Lackaufbau silber, Sindelfingen...........- 183 -
Abbildung 4.22c:KWT-D Blech F382 Lackaufbau silber, Sindelfingen...........- 184 -
Abbildung 4.22d:KWT-D Blech F157 Lackaufbau silber, Rastatt ...................- 185 -
Abbildung 4.23a:KWT-D Blech FA136 Lackaufbau silber, Sindelfingen.........- 186 -
Abbildung 4.23b:KWT-D Blech FA11 Lackaufbau weiß, Sindelfingen............- 186 -
Abbildung 4.23c:KWT-D Blech FA266 Lackaufbau schwarz, Sindelfingen ....- 187 -
Abbildung 4.24: Ritzunterwanderung Wochen 2 bis 12,
Blech F157 silber, Rastatt....................................................- 190 -
Abbildung 4.25: TEMRAI-Test_ Problematik Isolierung ................................- 193 -
Abbildung 4.26: Blech A: klassischer Lackaufbau schwarz...........................- 194 -
Dissertation Sabine Zischka Abbildungsverzeichnis
- 226 -
Abbildung 4.27: mechanische Belastung „Dualsinus“_Blech 15
(21µm Gesamtschichtdicke)................................................- 195 -
Abbildung 4.28a:Strahlungsbelastung, Blech 1
(klassischer Lackaufbau schwarz).......................................- 198 -
Abbildung 4.28b:Strahlungsbelastung, Blech 2
(klassischer Lackaufbau silber) ...........................................- 198 -
Abbildung 4.28c: Strahlungsbelastung, Blech 3 (Sindelfinger KTL) ................- 200 -
Abbildung 4.29:
Kombination von mechan. Belastung und Strahlung,
Blech 23 (klassischer Lackaufbau silber) ............................- 202 -
Abbildung 4.30:
Kombination von mechan. Belastung und Strahlung,
Blech 24 (Sindelfinger KTL)................................................- 203 -
Dissertation Sabine Zischka Tabellenverzeichnis
- 227 -
8 Tabellenverzeichnis
Tabelle 2.1: Ursachen und Folgen der Lackalterung ...................................- 33 -
Tabelle 2.2: Formen der fotochemischen Alterung ......................................- 34 -
Tabelle 2.3: Auswirkung von Wasser auf die Lackalterung..........................- 35 -
Tabelle 2.4: Aufstellung der Zyklen im KWT-D ............................................- 56 -
Tabelle 2.5: Häufig verwendete Impedanzelemente....................................- 65 -
Tabelle 3.1: Verwendete Lackmaterialien, Werk Sindelfingen.....................- 96 -
Tabelle 3.2: Verwendete Lackmaterialien, Werk Rastatt .............................- 96 -
Tabelle 3.3:
Zusammensetzung der KTL-Materialien, Herstellung und
Beschichtungsparameter..........................................................- 97 -
Tabelle 3.4: Verwendete Glocken für die jeweilige Lackschicht (Sindelf.) ...- 97 -
Tabelle 3.5: Verwendete Glocken für die jeweilige Lackschicht (Rastatt)....- 98 -
Tabelle 3.6: Einbrennbedingungen..............................................................- 98 -
Tabelle 3.7: FMEA – Bewertungskriterien..................................................- 111 -
Tabelle 4.1a: Beschichtungsparameter, freitragender Lack: Rastatt_KTL 2 - 123 -
Tabelle 4.1b: Beschichtungsparameter, freitragender Lack: Rastatt_KTL 5 - 124 -
Tabelle 4.2: Beschichtungsparameter, freitragender Lack:
Sindelfingen_KTL 2................................................................- 125 -
Tabelle 4.3:
Beschichtungsparameter des freitragenden Lacks: Rastatt,
Komplettlackaufbau schwarz 1...............................................- 127 -
Tabelle 4.4: DMA-Ergebnisse der freitragenden Lacke .............................- 130 -
Tabelle 4.5: TGA Auswertung....................................................................- 137 -
Tabelle 4.6a: Zugprobe SS2_Beschichtungsparameter...............................- 143 -
Tabelle 4.6b: Zugprobe RK3_Beschichtungsparameter ..............................- 144 -
Tabelle 4.7: Zusammenfassung_Beschichtungsparameter der
Aluminium KTL-Zugproben ....................................................- 148 -
Tabelle 4.8a:
Zusammenfassung_Beschichtungsparameter der
eloverzinkten Stahl KTL-Zugproben.......................................- 149 -
Tabelle 4.8b: Zusammenfassung_Beschichtungsparameter der
Aluminium KTL-Zugproben ....................................................- 149 -
Tabelle 4.9: Zugprobe SK3_Beschichtungsparameter...............................- 152 -
Dissertation Sabine Zischka Tabellenverzeichnis
- 228 -
Tabelle 4.10: Zusammenfassung Beschichtungsparameter Zugproben
(verzinktes Stahlsubstrat).......................................................- 158 -
Tabelle 4.11: Zusammenfassung Beschichtungsparameter Zugproben
(Sindelfinger Lackaufbau, Substrat: Aluminium,
Zuggeschwindigkeit 2mm/min)...............................................- 162 -
Tabelle 4.12: Beschichtungsparameter des Blechs F219............................- 170 -
Tabelle 4.13: Ritzunterwanderung Sindelfingen-Freibewitterung,
verz. Stahlsubstrat..................................................................- 172 -
Tabelle 4.14: Ritzunterwanderung Florida-Freibewitterung,
verz. Stahlsubstrat..................................................................- 173 -
Tabelle 4.15: Ritzunterwanderung Dänemark-Freibewitterung,
verz. Stahlsubstrat..................................................................- 174 -
Tabelle 4.16:
Ritzunterwanderung der Freibewitterungs- und KWT-D-Bleche,
verzinktes Stahlsubstrat .........................................................- 175 -
Tabelle 4.17: Korrelation Schichtdicke und Ritzunterwanderung der
Freibewitterungsbleche..........................................................- 177 -
Tabelle 4.18: Beschichtungsparameter KWT-D Blech F361 silber,
Sindelfingen ...........................................................................- 182 -
Tabelle 4.19: Beschichtungsparameter KWT-D Blech F382 silber,
Sindelfingen ...........................................................................- 184 -
Tabelle 4.20: Beschichtungsparameter KWT-D Blech F157 silber, Rastatt.- 185 -
Tabelle 4.21a: Ritzunterwanderung KWT-D Bleche,
verzinktes Stahlsubstrat .........................................................- 188 -
Tabelle 4.21b: Ritzunterwanderung KWT-D Bleche, Aluminiumsubstrat.......- 188 -
Tabelle 4.22: Korrelation der Ergebnisse (aus Kapitel 4.1 bis 4.3) ..............- 191 -
Tabelle 4.23: Parametereinstellung_Dualsinusfunktion
(Blech 15: 21µm Schichtdicke)...............................................- 195 -
Tabelle 4.24: Beschichtungsparameter Blech 15, mechanisch belastet ......- 196 -
Tabelle 4.25: Beschichtungsparameter Strahlungsbelastung......................- 201 -
Tabelle 4.26: Beschichtungsparameter klassischer Lackaufbau .................- 203 -
Tabelle 4.27: Beschichtungsparameter Sindelfinger KTL ............................- 204 -
Dissertation Sabine Zischka Anhang
- 229 -
9 Anhang
Der Anhang befindet sich auf der beigefügten CD.