Analyse nichtglatter dynamischer Systeme
mit mengenorientierten Methoden
am Beispiel eines
Ultraschall-Stoßbohrsystems
zur Erlangung des akademischen Grades eines
DOKTORS DER INGENIEURWISSENSCHAFTEN (Dr.-Ing.)
der Fakult¨
at f¨
ur Maschinenbau
der Universit¨
at Paderborn
genehmigte
DISSERTATION
von
Dipl.-Ing. Nicolai Neumann
aus Bad Vilbel
Referent: Prof. Dr.-Ing. J¨
org Wallaschek
Korreferent: Prof. Dr. Michael Dellnitz
Tag der Einreichung: 11. Oktober 2007
Tag der m¨
undlichen Pr¨
ufung: 2. Juni 2008
.
Vorwort
Die Arbeiten f¨
ur die vorliegende Dissertationsschrift f¨
uhrte ich w¨
ahrend
meiner dreij¨
ahrigen Stipendienzeit ab 1. September 2003 als Stipendiat
des PaSCo-GKs (DFG Graduiertenkolleg Wissenschaftliches Rechnen des
Paderborn Institute for Scientific Computation: Anwendungsorientierte Mo-
dellierung und Algorithmenentwicklung) und wissenschaftlicher Mitarbeiter
des Lehrstuhls f¨
ur Mechatronik und Dynamik am Heinz Nixdorf Institut
(HNI) der Universit¨
at Paderborn und einem weiteren, vierten Jahr durch.
Zu zweierlei Gruppierungen durfte ich mich dazuz¨
ahlen — einerseits
zu meiner der Fakult¨
at f¨
ur Maschinenbau angeh¨
orenden Fachgruppe, an-
dererseits zum Graduiertenkolleg mit seinem Schwerpunkt in Mathematik,
Ingenieurwissenschaften und Informatik. So genoss ich Betreuung und
Austausch, Beratung und Diskussion in beiden Disziplinen, der Mechanik
und der Mathematik, die beide wissenschaftliche Handwerkszeuge meiner
Arbeit sind.
Dankend m¨
ochte ich die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) nen-
nen, die meine Forschung ¨
uber das PaSCo mit einem Stipendium und der
Finanzierung einer wissenschaftlichen Hilfskraft f¨
ur das letzte halbe Jahr
angenehm gemacht hat sowie zusammen mit der Fachgruppe Mechatronik
und Dynamik des HNIs die Teilnahme und Mitwirkung an Fachkonferenzen
erm¨
oglicht hat. Umfangreiche Laborausstattung, Werkstatt und Rechner-
cluster wurden mir vom HNI zur Verf¨
ugung gestellt.
Fachliche Konsultation erhielt ich auf der Seite des Maschinenbaus durch
meinen Doktorvater und Fachgebietsleiter Prof. Dr.-Ing. J¨
org Wallaschek
und Prof. Dr.-Ing. Thomas Sattel. Besonders m¨
ochte ich hier Thomas Sattel
erw¨
ahnen, der mein Interesse auf die Forschungsarbeiten im Heinz Nixdorf
Institut lenkte. Er hat mich wissenschaftlich mit großem Engagement bis zu-
letzt durch meine Dissertationszeit begleitet und oft wichtige, motivierende
Impulse gegeben.
Fachliche Unterst¨
utzung f¨
ur die faszinierenden mathematischen Belange
meiner Arbeit erhielt ich durch den Sprecher des PaSCo und meinen
Zweitgutachter Prof. Dr. Michael Dellnitz und maßgeblich auch durch
Prof. Dr. Oliver Junge, Mitbegr¨
under und Entwickler der mengenorientier-
ten numerischen Methoden und ihrer Algorithmen.
Meinen Dank m¨
ochte ich auch an all jene richten, die mir w¨
ahrend mei-
ner Zeit in Paderborn begegnet sind und Diskussionspartner, Ideengeber,
iii
Helfer oder Ratgeber waren, im Besonderen an Jens Twiefel, mit dem ich
einige mechanische Modelle und L¨
osungsans¨
atze er¨
orterte, meine sehr an-
genehmen B¨
urokollegen Bj¨
orn Richter und Dr. Jia Du, Christian Potthast,
Stefan Sertl, der mir das Softwarepaket GAIO (Global Analysis of Invariant
Objects) mehrfach kompilierte und mit mir geduldig oft Algorithmen und
Ergebnisse besprach, Dr. Kathrin Padberg, Mirko Hessel von Molo, Dr. Mar-
cus Post, Dr. Martin Ziegler, Dr. Sina Ober-Bl¨
obaum, Dr. Tobias Hemsel,
Martin Liekenbr¨
ocker, Wilfried Br¨
ockelmann, Dr. Walter Littmann, Carme-
lo Quirante Kneba, Marina Kass¨
uhlke, Kerstin Hille, Begona Nasarre, Axel
Keller f¨
ur die freundliche Hilfe mit der Bedienung des Hochleistungsrechners
Arminius des PC2s, Axel Betanski, Dr. Markus Hohenhaus vom Rechnerbe-
trieb des HNI, an meinen Freund und Kommilitonen Dr. Tobias Niemz, der
ein weiterbringendes Dissertationstreffen initiierte.
Abschließend geb¨
uhrt meiner Freundin und Verlobten Rebekka Oeters
ein sehr großer Dank f¨
ur ihre qualitative, wertvolle, unerm¨
udliche und
ausdauernde Unterst¨
utzung, motivierende Hilfe und ihr Mitdenken und
Korrekturlesen.
Die wichtigsten Personen aber, denen ich unermesslich danke, ohne die
diese Arbeit nie entstanden w¨
are, sind meine Eltern Elisabeth Neumann-
Beuerle und Karl-Christoph Neumann, die mir durch ihre dreißigj¨
ahrige,
¨
uberallhin begleitende Unterst¨
utzung zu dieser W¨
urde der Promotion
verhalfen.
Baunatal, im Juli 2008
Nicolai Neumann
iv
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Begriffsdefinition nichtlineares und nichtglattes System . . . . 1
1.2 Dynamische Systeme nichtglatter Charakteristik . . . . . . . 3
1.3 Analyse nichtglatter dynamischer Systeme . . . . . . . . . . 4
1.4 Zielsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.5 Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2 Mengenorientierte numerische Methoden 7
2.1 Invariante Mengen und globale Attraktoren . . . . . . . . . . 8
2.2 Approximation relativer globaler Attraktoren . . . . . . . . . 10
2.3 Aufenthaltswahrscheinlichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . 13
3 Ultraschall-Stoßbohrer 17
3.1 Entwicklung des Ultraschall-Stoßbohrers . . . . . . . . . . . 17
3.2 Aufbau des Ultraschall-Stoßbohrers . . . . . . . . . . . . . . 18
4 Modellierung und Analyse nichtglatter Dynamik —
Stand der Technik 21
4.1 Klassische Methoden zur Analyse nichtlinearer dynamischer
Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
4.1.1 Zeitreihenanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
4.1.2 Phasenportrait . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
4.1.3 Periodische Punkte und Fixpunkte . . . . . . . . . . 23
4.1.4 Ljapunov-Stabilit¨
at und Ljapunov-Exponent . . . . . 23
4.1.5 Poincar´e-Abbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
4.1.6 Verzweigungs- oder Bifurkationsdiagramm . . . . . . 24
4.1.7 Einzugsgebiet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
4.2 Zellabbildungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
4.3 Modellierung von Schwingstoßsystemen . . . . . . . . . . . . 27
5 Modellierung 31
5.1 Herleitung eines Modells 2. Ordnung . . . . . . . . . . . . . 34
5.1.1 Zeitdiskrete Modellierung . . . . . . . . . . . . . . . 34
5.1.2 Herleitung zeitdiskreter Bewegungsgleichungen . . . . 36
5.1.3 Notwendigkeit transzendenter Bewegungsgleichungen 38
5.1.4 Mehrfachst¨
oße . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
v
INHALTSVERZEICHNIS
5.2 Herleitung eines verfeinerten zeitdiskreten Modells . . . . . . 40
5.2.1 Aufstellen des verfeinerten Modells 4. Ordnung . . . 41
5.2.2 Berechnung des Stoßzeitpunktes tk+1 . . . . . . . . . 43
5.2.3 Berechnen der verbleibenden Zustandsgr¨
oßen . . . . . 46
5.2.4 Zusammenfassung des Stoßkontaktmodells 4. Ordnung 48
5.3 Algorithmus zum L¨
osen transzendenter Stoßgleichungen . . . 49
6 Verhalten des Stoßbohrers 53
6.1 Experimentelle Untersuchungen am Schwingstoßpr¨
ufstand . 53
6.1.1 Aufbau des Schwingstoßpr¨
ufstands . . . . . . . . . . 53
6.1.2 Messtechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
6.1.3 Stoßzahlen aus Labormessungen . . . . . . . . . . . . 61
6.2 Simulation des Modells 2. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . 63
6.2.1 Analytische Fixpunktbestimmung . . . . . . . . . . . 63
6.2.2 Periodische und chaotische L¨
osungen . . . . . . . . . 65
6.2.3 Bifurkationsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
6.3 Experimentelle Untersuchungen am Stoßbohrer . . . . . . . 73
6.3.1 Pr¨
ufstand f¨
ur Messungen am Stoßbohrer . . . . . . . 73
6.3.2 Messergebnisse am Stoßbohrer . . . . . . . . . . . . . 75
6.4 Simulation des Modells 4. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . 75
6.5 Vergleich von Modellen und Messungen . . . . . . . . . . . . 78
7 Analyse mit mengenorientierten Methoden 83
7.1 Analyse des Stoß-Modells 2. Ordnung . . . . . . . . . . . . . 84
7.1.1 Der zylindrische Zustandsraum . . . . . . . . . . . . 84
7.1.2 Bestimmung eines relativen globalen Attraktors . . . 86
7.1.3 Berechnung der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten . . . 87
7.1.4 Analyseergebnisse aus Aufenthaltswahrscheinlichkeiten 89
7.1.5 Analyseergebnisse aus Einzugsgebieten . . . . . . . . 94
7.2 Analyse des Stoß-Modells 4. Ordnung . . . . . . . . . . . . . 97
7.2.1 Approximation des relativen globalen Attraktors . . . 97
7.2.2 Analyseergebnisse und Diskussion . . . . . . . . . . . 99
8 Zusammenfassung, Diskussion und Ausblick 105
8.1 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
8.2 Diskussion der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
8.3 Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
vi
Kapitel 1
Einleitung
Die vorliegende Dissertationsschrift betrachtet die Anwendung und den Ein-
satz der ”mengenorientierten numerischen Methoden“. Dadurch leistet sie
einen Beitrag, diese Methoden in den ingenieurwissenschaftlichen Bereichen
st¨
arker zum Einsatz zu bringen und ihren Bekanntheitsgrad zu erh¨
ohen.
Exemplarisch wird im Rahmen dieser Arbeit ein System mit nichtglatten
Eigenschaften aus der realen Ingenieurwelt herangezogen. Hierbei handelt
es sich um ein Ultraschall-Stoßbohrsystem, welches durch seine nichtlineare
Dynamik, die durch die auftretenden Kontaktwechselvorg¨
ange insbesondere
nichtglatten Charakter besitzt, ein Beispiel aus einer herausragenden Klasse
von Systemen darstellt.
In Kapitel 1.1 erkl¨
are ich zun¨
achst die Begriffe linear/nichtlinear und
die Unterscheidung in glatt/nichtglatt — f¨
ur Leser, denen diese Termini im
Kontext dynamischer Systeme nicht gel¨
aufig sind.
Danach gebe ich einen ¨
Uberblick ¨
uber die spezielle Gruppe nichtglatter
dynamischer Systeme und gehe auf deren Analysem¨
oglichkeiten ein. Schließ-
lich pr¨
asentiere ich in den weiteren Unterkapiteln die Zielsetzung und Vor-
gehensweise und erl¨
autere sukzessive den Aufbau der folgenden Arbeit.
1.1 Begriffsdefinition nichtlineares und nicht-
glattes System
Linear / nichtlinear
In einem linearen Modell, das ein physikalisches Ph¨
anomen oder einen
physikalischen Zusammenhang beschreibt, h¨
angt eine Systemgr¨
oße —
z. B. die mechanische Spannung in einem Bauteil — in linearer Weise,
also proportional von einer zweiten Systemgr¨
oße — etwa der Dehnung
— ab (siehe Bild 1.1). Diese Abh¨
angigkeit l¨
asst sich in Form linearer
Modellgleichungen mathematisch beschreiben. In einem kartesischen
Koordinatensystem werden lineare Abh¨
angigkeiten durch gerade Linien
dargestellt. Nichtlinearit¨
aten werden nicht durch lineare, sondern durch
gekr¨
ummte, also z. B. in ihrer Steigung zunehmende Kurven beschrieben.
Zum Basiswissen der Ingenieurwissenschaften geh¨
oren heute g¨
angige
1
KAPITEL 1. EINLEITUNG
Techniken, um das Verhalten solcher linearen Modelle untersuchen und
simulieren zu k¨
onnen. Vergleiche mit Labormessungen, die das Verhalten
eines realen, physikalischen Systems wiedergeben, weisen jedoch in vielen
F¨
allen die Existenz von Ph¨
anomenen auf, die mit linearen, die Realit¨
at
vereinfachenden Modellen, nicht abgebildet werden k¨
onnen. Tragen diese
Ph¨
anomene wesentlich zur Funktion eines Mechanismus bei oder muss
man ihr Auftreten gezielt beeinflussen oder gar verhindern k¨
onnen, so
wird es unerl¨
asslich, die auf sogenannten Nichtlinearit¨
aten beruhenden
Eigenschaften in die Modellgleichungen mit aufzunehmen. Nichtlinear
bedeutet allgemein, dass es keinen linearen Zusammenhang zwischen
verschiedenen physikalischen Systemgr¨
oßen und ihren Ableitungen gibt:
eine Systemgr¨
oße ist nicht ”einfach“ das Vielfache einer ihrer Ableitungen
oder Integrale oder einer anderen Systemgr¨
oße, sondern sie, eine ihrer
Ableitungen oder Integrale kann in Differentialgleichungen als Argument
einer nichtlinearen Funktion (z. B. Polynom zweiter oder h¨
oherer Ordnung,
Exponential-, Logarithmus- oder trigonometrische Funktion) auftreten oder
z. B. in einem Produkt von Zustandsgr¨
oßen mit deren Ableitungen oder
Integralen enthalten sein. Als eine von vielen m¨
oglichen Beispielen hierzu
sei die Arbeit von Neumann [Neumann 2002] genannt, in der lange Zeit
nicht ber¨
ucksichtigte, nichtlineare Effekte in den L¨
angsschwingungen axial
polarisierter, piezoelektrischer Keramiken experimentell nachgewiesen und
in Modellgleichungen mit nichtlinearen Termen umgesetzt wurden.
σ
ǫ
Bild 1.1: Beispiel f¨
ur einen linearen Zusammenhang von Systemgr¨
oßen:
Spannungs-Dehnungs-Diagramm (elastischer Bereich)
Glatt / nichtglatt
Auf einen Spezialfall nichtlinearer Systeme soll innerhalb dieser Arbeit be-
sonderes Gewicht gelegt werden. Es sind sogenannte nichtglatte dynamische
Systeme.
In glatten Systemen l¨
asst sich das Zusammenwirken von Systemgr¨
oßen
durch glatte Kurven veranschaulichen. Glatt bedeutet, die Kurven sind kon-
tinuierlich, d. h. zusammenh¨
angend, und stetig differenzierbar, d. h. ohne
Knick. Die Charakteristika nichtglatter Systeme dagegen k¨
onnen Knicke
oder gar Spr¨
unge enthalten.
Mathematisch definierend ist eine Funktion innerhalb eines Intervalls
dann glatt, wenn alle ihre Ableitungen innerhalb diesen Intervalls kontinu-
ierlich sind, d. h. keinen Sprung besitzen. Glatte Funktionen geh¨
oren somit
2
1.2. DYNAMISCHE SYSTEME NICHTGLATTER CHARAKTERISTIK
der Differenzierbarkeitsklasse C∞an.
Ein offensichtliches Beispiel f¨
ur eine Vielzahl nichtglatter Systeme sind
s¨
amtliche Mechanismen, in denen Stoßprozesse stattfinden. W¨
ahrend eines
Stoßes ¨
andert ein K¨
orper abrupt seinen Bewegungszustand (siehe Bild 1.2).
Seine Geschwindigkeit macht einen Sprung. Der Zeitverlauf der Position des
K¨
orpers erh¨
alt dabei einen Knick.
Zeit
Zeit
Position
Geschwindigkeit
Bild 1.2: Sprunghafte ¨
Anderung der Geschwindigkeit eines K¨
orpers
1.2 Dynamische Systeme nichtglatter Cha-
rakteristik
Nahezu alle Systeme, die heutzutage in Forschung und Wissenschaft — be-
sonders in den Ingenieurwissenschaften — eine Rolle spielen, sind durch
nichtlineare Eigenschaften gepr¨
agt. In einigen F¨
allen ist es legitim, diese
Nichtlinearit¨
aten zu vernachl¨
assigen. H¨
aufig ist es jedoch sinnvoll, sie in die
Modellierung der Systeme mit aufzunehmen, wenn sie deren qualitatives
Verhalten entscheidend mitbestimmen.
Eine besondere Untergruppe der Systeme mit nichtlinearem Verhalten
bilden solche Systeme, in denen nichtglatte Eigenschaften auftreten. Ursa-
chen daf¨
ur k¨
onnen die oben erw¨
ahnten Kontaktwechsel sein. Diese k¨
onnen
erw¨
unscht (z. B. in Stoßbohrern) oder unerw¨
unscht (z. B. Zahneingriffst¨
oße
in Getrieben) sein. Oder man denke an Tankschiffe, die an Hochseebojen vor
¨
Olbohrplattformen vertaut werden. Periodische Anregung durch vorbeizie-
hende Wellenz¨
uge und die wechselnde Elastizit¨
at der Taue k¨
onnen zu uner-
warteten und unerw¨
unschten Bewegungen f¨
uhren. Die Steifigkeit der Taue
h¨
angt hierbei in sprunghafter Weise davon ab, ob sie unter Spannung stehen
oder schlaff durchh¨
angen. Der ¨
Ubergang zwischen diesen beiden benachbar-
ten Zust¨
anden ist durch einen Knick in der Elastizit¨
atskurve der Vertauung
(R¨
uckstellkraft ¨
uber Auslenkung) gekennzeichnet.
3
KAPITEL 1. EINLEITUNG
Eine weitere Gruppe von Systemen mit sehr offensichtlichen nichtglatten
Eigenschaften sind all jene, in denen Stoßvorg¨
ange wesentlich zur Funktions-
weise beitragen, wie etwa s¨
amtliche h¨
ammernden Schlagbohrprozesse. Hier
findet w¨
ahrend des Stoßes ein ¨
Ubergang einer freien (evtl. linearen) Be-
wegung hin zu einem Kontakt statt. Je nach Art der Modellbildung l¨
asst
sich dieses Verhalten wie beim Hochseetankschiff z. B. durch eine Steifigkeit
nachbilden, die in Abh¨
angigkeit einer Systemgr¨
oße — hier der Auslenkung
— ihren Wert sprunghaft ¨
andert. H¨
aufig findet man in der Literatur zur Be-
schreibung solcher St¨
oße den Einsatz der Stoßzahlhypothese nach Newton,
nach der die Geschwindigkeit des Stoßk¨
orpers oder beider Stoßpartner im
Stoßaugenblick schlagartig ihren Wert ¨
andert.
1.3 Analyse nichtglatter dynamischer Syste-
me
Im Prozess der Entwicklung, Gestaltung, Auslegung und Optimierung von
Systemen aus der Mechanik, dem Maschinenbau und der Elektrotechnik
ist stets ein eingehendes Verst¨
andnis des Systemverhaltens unerl¨
asslich.
Hierf¨
ur sind Schritte zum Modellieren des realen Verhaltens und schließlich
zum Analysieren wesentliche und immer wiederkehrende Bestandteile.
Zur Simulation nichtlinearen Verhaltens muss von Fall zu Fall abgewogen
werden, welche der bew¨
ahrten Methoden zur L¨
osung nichtlinearer Diffe-
rentialgleichungen zur Anwendung kommen k¨
onnen oder ob es zul¨
assig
ist, Nichtlinearit¨
aten durch Linearisieren zu vernachl¨
assigen. Oft wird
die letzte Vorgehensweise verwendet, da f¨
ur die Analyse linearer Systeme
robuste und bew¨
ahrte Techniken vorliegen. Hierbei nimmt der Ingenieur
jedoch in Kauf, wesentliche Eigenschaften seines Systems, die allein auf die
Nichtlinearit¨
aten zur¨
uckzuf¨
uhren sind, zu verlieren.
Noch schwieriger wird es, wenn ein Extremfall von nichtlinearen Kenn-
kurven das Systemverhalten beeinflusst, n¨
amlich wenn nichtglatte Effekte
mit im Spiel sind: einige Methoden, die f¨
ur die Untersuchung nichtlinearen
Verhaltens anwendbar sind, sind nur auf glatten Teilbereichen einsetzbar.
Zwar besteht die M¨
oglichkeit, nichtglatte Kennlinien z. B. durch die
Arkustangens-Funktion1zu gl¨
atten, doch solches Vorgehen kann zum
Verlieren oder Verf¨
alschen wesentlicher Effekte f¨
uhren.
Die Reihe der zur Verf¨
ugung stehenden Methoden wurde in den letz-
ten Jahren um die sogenannten mengenorientierten numerischen Methoden
erweitert. Sie ¨
ahneln den Zellabbildungsmethoden, die Hsu seit den 80er Jah-
ren in Berkeley entwickelt [Hsu 1980]. Hsu behandelt die Zustandsgr¨
oßen
nicht als Kontinua, sondern als diskrete Gr¨
oßen, die er in Zellen einteilt.
Einen Unterraum des n−dimensionalen Zustandsraumes diskretisiert er in
1Die Funktion f(x) = 2
πlima→∞ arctan ax konvergiert punktweise gegen die Vorzei-
chenfunktion signum(x), die an der Stelle x= 0 von −1 nach 1 springt. F¨
ur große agibt
2
πarctan ax n¨
aherungsweise die Sprungfunktion in glatter Weise wieder und besitzt alle
Ableitungen, geh¨
ort also der Differenzierbarkeitsklasse C∞an.
4
1.4. ZIELSETZUNG
viele, kleine n−dimensionale Zellen. Die Zellabbildungsmethoden werden in
Unterkapitel 4.2 vorgestellt.
Die mengenorientierten Methoden liefern eine vielversprechende Weiter-
entwicklung des Konzepts von Hsu. Da sie durch einen effektiven Unter-
teilungsalgorithmus nur denjenigen Zustandsbereich fein diskretisieren, in
dem die Dynamik des Systems stattfindet, verh¨
alt sich ihr Rechenaufwand
nicht wie die Anzahl der Zustandsraumdimensionen, sondern wird durch die
(unter Umst¨
anden fraktale) Dimensionsgr¨
oße der Mannigfaltigkeiten2oder
Attraktoren des Systems bestimmt. Dies kann zu einer erheblichen Rechen-
ersparnis f¨
uhren. Dennoch entfalten die mengenorientierten Methoden ihr
Potential besonders mit dem Aufkommen immer leistungsf¨
ahigerer Rechen-
maschinen. In die Grundlagen dieser Methoden wird Kapitel 2einf¨
uhren.
1.4 Zielsetzung
Exemplarisch f¨
ur den oben vorgestellten Systemtypus mit nichtglattem Ver-
halten soll im Rahmen dieser Arbeit ein spezieller Ultraschall-Stoßbohrer
untersucht werden. Das allein auf Stoßvorg¨
angen beruhende Bohrkon-
zept ist auf eine große Klasse von Systemen mit Stoß- oder nichtglat-
ten Vorg¨
angen ¨
ubertragbar. Der Bohrer, der erst vor wenigen Jahren ent-
wickelt wurde, wird in Kapitel 3im Detail vorgestellt. Obgleich seine
Funktion unter Laborversuchen nachgewiesen werden konnte, gibt es bis-
lang nur wenige Arbeiten, die sich auf theoretischer Ebene mit seinem
Funktionsprinzip besch¨
aftigen [Badescu et al. 2005], [Neumann et al. 2007],
[Potthast et al. 2007a]. Ein tiefgehendes Verst¨
andnis der mechanischen Prin-
zipien, die die Funktion des Stoßbohrsystems ausmachen, ist bislang nicht
bekannt. Mit mengenorientierten numerischen Methoden, die in Kapitel 2
beschrieben werden, soll ein Beitrag in Richtung eines tieferen Verst¨
andnisses
des Funktionsprinzips erreicht werden. Ein Bestandteil dieser Arbeit ist, ne-
ben der Einf¨
uhrung und Vorstellung der relativ jungen Methoden, ihre An-
wendung auf das vorgeschlagene, nichtglatte Stoßsystem zu demonstrieren
und ihren Beitrag zum globalen Systemverst¨
andnis eines Bohrprozesses zu
betrachten. In Erg¨
anzung der Analyse mit mengenorientierten Methoden
werden dazu Vorgehensweisen angewandt, die in der Untersuchung nichtli-
nearer Modelle g¨
angig sind. Hierzu wird eine Bifurkationsanalyse der Dyna-
mik in Abh¨
angigkeit von Systemparametern durchgef¨
uhrt. Ziel ist es, Fix-
punkte zu identifizieren sowie deren Periodizit¨
at und Stabilit¨
atsverhalten
zu berechnen. Weiterhin ist zu pr¨
ufen, ob es Bereiche mit koexistierenden
L¨
osungen gibt, f¨
ur die ggf. Einzugsgebiete zu berechnen sind.
F¨
ur die angestrebten Untersuchungen ist die Dynamik einer freien Stoß-
masse als wesentliche Komponente aus dem Inneren des Bohrsystems zu
analysieren. In realen Laborversuchen sind die theoretisch gewonnenen Er-
gebnisse schließlich mit experimentellen Resultaten zu vergleichen.
2die Mannigfaltigkeit: Der Begriff der Mannigfaltigkeit verallgemeinert den Begriff der
Fl¨
ache im Raum, welche man sich als verbogenes St¨
uck eines deformierbaren Materials
vorstellen kann, wie z. B. eine Kugel- oder Torusoberfl¨
ache. [Brockhaus 1989]
5
KAPITEL 1. EINLEITUNG
1.5 Vorgehensweise
Die weiteren Kapitel sind wie folgt aufgebaut: Kapitel 4gibt zun¨
achst
einen ¨
Uberblick ¨
uber klassische Analysetechniken f¨
ur nichtlineare Systeme,
die langj¨
ahrige Forschungsthemen in Mathematik und Mechanik sind und
ebenfalls f¨
ur nichtglatte Systeme Bedeutung haben. Es enth¨
alt daraufhin
Erl¨
auterungen zu Arbeiten, die der modernen Wissenschaft der Systemana-
lyse entstammen und solche, die speziell f¨
ur nichtglatte Systeme entwickelt
wurden. Schließlich beschreibt Kapitel 4Arbeiten, die wichtige Ans¨
atze zur
modellhaften Formulierung von Schwingstoßsystemen geben.
Bevor eine numerische, auf mathematischen Algorithmen basierende Me-
thode auf ein reales System angewandt werden kann, ist es n¨
otig, die Realit¨
at
bis auf ihre wesentlichen Bestandteile zu abstrahieren und mittels mathe-
matischer Gleichungen zu formulieren. Dieser Schritt der Modellierung ge-
schieht f¨
ur die Dynamik im hier untersuchten Bohrprozess in Kapitel 5. Es
werden zwei Modelle unterschiedlicher Verfeinerungsstufen und Ordnungen
vorgeschlagen.
Modellsimulationen sind Thema in Kapitel 6. Hier wird das dynami-
sche Verhalten in der Theorie anhand von periodischen und chaotischen
Zeitreihen und in Bifurkationsdiagrammen besprochen. Der Theorie wer-
den danach experimentelle Studien an vergleichbaren Laborsystemen ge-
gen¨
ubergestellt, um die G¨
ute der Modellbildung bewerten und Annahmen
validieren zu k¨
onnen.
In Kapitel 7schließlich wird die eigentliche Analyse der Modelle vollzo-
gen: die mengenorientierten numerischen Methoden demonstrieren ihr Po-
tential im Einsatz auf nichtglatte Systeme. Dazu werden relative globale
Attraktoren berechnet, die die statistische Wahrscheinlichkeitsverteilung f¨
ur
das Auftreten s¨
amtlicher m¨
oglicher Zust¨
ande der Attraktoren wiedergeben.
Dies vermittelt ein globales Bild der den Systemen zugrundeliegenden Dy-
namik.
Enden wird die vorliegende Arbeit mit einer abschließenden Zusam-
menfassung und Bewertung des Beitrags der eingesetzten Methoden auf
nichtglatte Systeme und einem Ausblick in Kapitel 8.
6
Kapitel 2
Mengenorientierte numerische
Methoden
Ein wichtiger Bestandteil in Entwicklungsprozessen des Maschinenbaus ist
gepr¨
agt vom Verst¨
andnis des dynamischen Verhaltens mechanischer Syste-
me und der M¨
oglichkeit, diese mathematisch simulieren zu k¨
onnen. Fr¨
uher
gab es kaum andere M¨
oglichkeiten, als durch Linearisieren vereinfachte Ab-
bildungen der Wirklichkeit mathematisch zu untersuchen. Mitunter ist es
jedoch entscheidend, Nichtlinearit¨
aten zu betrachten.
Eine Reihe etablierter ”klassischer“ Analyse- und Betrachtungs-
m¨
oglichkeiten f¨
ur nichtlineare Systeme sind im Wesentlichen Zeitrei-
henanalysen, Fixpunktsuche, Stabilit¨
atsbewertung, Phasenportraits,
Poincar´e-Abbildungen und Bifurkationsanalysen. Sie werden in Unterka-
pitel 4.1 zusammenfassend dargestellt. Als Ergebnis der Analyse eines
nichtlinearen Systems liefern sie wichtige und wesentliche Informationen
¨
uber Gleichgewichtspunkte und periodische L¨
osungen.
Wenn Systeme irregul¨
ares bzw. nichtperiodisches (also chaotisches) Ver-
halten aufweisen, ist es sinnvoll, statistische Aussagen treffen zu k¨
onnen.
Fragen wie
Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird eine theoretisch m¨
ogliche
L¨
osungsform in der Realit¨
at tats¨
achlich angenommen?
oder — vorausgesetzt, die dynamische Entwicklung des Systems findet wis-
sentlich innerhalb eines Attraktors statt —
Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird ein Systemzustand inner-
halb des Attraktors angenommen?
k¨
onnen nicht allein durch die oben erw¨
ahnten Methoden bearbeitet werden.
Es kommt vor, dass zur alleinigen Erlangung von erstem Systemverst¨
andnis
oder gar als grundlegende Analysetechnik Langzeitsimulationen anhand
eines Modells praktiziert werden. Ausgehend von einigen Anfangszust¨
anden
berechnet man einige wenige Trajektorien. In Systemen irregul¨
aren oder
chaotischen Verhaltens f¨
uhren Langzeitintegrationen aufgrund begrenzter,
7
KAPITEL 2. MENGENORIENTIERTE NUMERISCHE METHODEN
numerischer Rechengenauigkeiten jedoch m¨
oglicherweise auf fehlerhafte
Resultate.
Eine vielversprechende Alternative und Erg¨
anzung bieten die sogenann-
ten mengenorientierten numerischen Methoden. Wie bei der Zellabbildungs-
methode [Hsu 1987] basieren mengenorientierte Methoden auf Kurzzeitsimu-
lationen sehr vieler Trajektorien. Hierin besteht ein wesentlicher Unterschied
zu anderen Methoden, bei denen Langzeitintegrationen auf fehleranf¨
allige
Trajektorien f¨
uhren. Hinsichtlich der Zellabbildungsmethoden unterscheiden
sich mengenorientierte Methoden unter anderem durch algorithmische Er-
weiterungen, die die Recheneffizienz steigern: der Rechenaufwand h¨
angt hier
nicht wie sonst von der Dimension des zugrundeliegenden Zustandsraumes
ab, sondern von der (unter Umst¨
anden fraktalen, d. h. nicht-ganzzahligen)
Dimension der zu bestimmenden Mannigfaltigkeit.
Im Folgenden wird eine Einf¨
uhrung in die Techniken und Algo-
rithmen gegeben, die den Kern der mengenorientierten numerischen
Methoden bilden. Entwickelt und implementiert wurden die den
Methoden zugrundeliegenden Algorithmen unter anderem am Lehr-
stuhl f¨
ur Angewandte Mathematik der Universit¨
at Paderborn, sie-
he hierzu [Dellnitz & Junge 2002]. Ausf¨
uhrliche Herleitungen und Be-
weise finden sich außerdem in [Dellnitz, Froyland, Junge 2001] und
[Dellnitz & Hohmann 1997]. Zur Untersuchung dynamischer Systeme aus
der Ingenieurspraxis wurden die Methoden zum Beispiel f¨
ur Schienenfahr-
zeuge in [Goldschmidt 2003] verwendet. Die folgenden Abschnitte stellen die
Konzepte der mengenorientierten Methoden vor.
2.1 Invariante Mengen und globale Attrak-
toren
Im Zuge der modellbasierten Entwicklung eines nichtlinearen dynamischen
Systems ist es wichtig, Kenntnisse ¨
uber dessen globales Langzeitverhalten
zu erlangen. Dies bezieht das Auffinden von Gleichgewichtszust¨
anden,
periodischen oder chaotischen L¨
osungen sowie deren Einzugsgebiete
mit ein. Im Falle eines schwach ged¨
ampften Systems, wie es bei vielen
Stoß-Schwing-Anwendungen zu finden ist, kann die Bestimmung von
periodischen Punkten schwierig sein. Aus topologischer Sicht lassen sich
sowohl Gleichgewichtspunkte als auch periodische und chaotische L¨
osungen
den invarianten Mengen zuordnen. ”Invariant“ bedeutet, die Mengen
h¨
angen nur von Systemparametern ab und ver¨
andern sich nicht aufgrund
der dynamischen Entwicklung des Systems mit der Zeit.
Attraktor
Der Begriff des Attraktors wird hier vorgestellt: ein Attraktor beschreibt
einen Bereich oder eine Untermenge eines Zustandsraumes, zu dem sich
8
2.1. INVARIANTE MENGEN UND GLOBALE ATTRAKTOREN
die Systemdynamik im Langzeitverhalten hinentwickelt. Bez¨
uglich der
zeitlichen Evolution eines Systems ist ein Attraktor eine invariante Menge:
wenn der Systemzustand den Attraktor einmal erreicht hat, wird er ihn
unter dem Einfluss der zugrundeliegenden Dynamik nie wieder verlassen.
Daher stellt das Bestimmen von Attraktoren ein wesentliches Mittel dar,
Aussagen ¨
uber das Langzeitverhalten eines Systems zu treffen.
Dynamisches System
Mathematisch l¨
asst sich ein autonomes1, zeitkontinuierliches, dynamisches
System durch ein System von gew¨
ohnlichen Differentialgleichungen beschrei-
ben: dx(t)
dt=g(x(t)) ,g:Rn7→ Rn,x:R7→ Rn.(2.1)
Darin wird gals Vektorfeld bezeichnet, xist der Zustandsvektor, der den
Systemzustand zur Zeit tangibt und Rnist der n-dimensionale Zustands-
raum (auch ”Phasenraum“ genannt), innerhalb dessen sich der Systemzu-
stand mit Voranschreiten der Zeit entwickelt. Ist Gl. (2.1) analytisch nicht
l¨
osbar, so l¨
asst sich die Zustandsentwicklung durch numerische Integration
von (2.1)¨
uber die Zeit berechnen. Dann wird die zugrundeliegende Dynamik
mittels eines zeitdiskreten, dynamischen Systems Tder Form
xk+1 =T(xk), k = 0,1,2,..., T:Rn7→ Rn,(2.2)
angen¨
ahert, wenn eine explizite Integrationsmethode gew¨
ahlt wurde. Der
Anfangszustand ist x0∈Rn, und xk=x(tk) beschreibt den Zustand zum
Zeitschritt tk.
Invariante Menge, Einzugsgebiet und Attraktor
F¨
ur eine Abbildung Tkann der Begriff der invarianten Menge, des Einzugs-
gebietes und des Attraktors entsprechend [Dellnitz & Junge 2002] wie folgt
definiert werden:
Definition invariante Menge und Attraktor:
•Eine Untermenge A ⊂ Rnwird invariant genannt, wenn
T(A) = T−1(A) = A.
•Wenn zu Aein Einzugsgebiet DAexistiert mit A ⊂ DAund
DA⊂Rn, dann wird AAttraktor genannt.
•Das Einzugsgebiet (engl. ”basin of attraction“) eines At-
traktors ist die Menge derjenigen Anfangsbedingungen, von
1autonom: die Anregung eines Systems (meistens auf der rechten Seite der Differenti-
algleichung, die die Dynamik eines Systems beschreibt, notiert) h¨
angt nicht explizit von
der Zeit tab.
9
KAPITEL 2. MENGENORIENTIERTE NUMERISCHE METHODEN
denen aus sich das Langzeitsystemverhalten in den Attrak-
tor hinein bewegt. Formal bildet die Vereinigungsmenge al-
ler R¨
uckw¨
artsabbildungen der fundamentalen Umgebung U
das Einzugsgebiet des Attraktors: DA=Sk∈NT−k(U).
•Falls DA=Rn, dann wird Aglobaler Attraktor genannt.
Zur Bestimmung eines Attraktors kann Rnwegen seiner Unbegrenztheit
numerisch nie vollst¨
andig ber¨
ucksichtigt werden. Anstelle dessen wird der
Zustandsraum auf eine interessierende Untermenge Q ⊂ Rnbegrenzt
und der relative globale Attraktor (”RGA“) AQeingef¨
uhrt (siehe auch
[Dellnitz, Froyland, Junge 2001] und [Dellnitz & Junge 2002]):
Definition relativer globaler Attraktor: AQ(T)— der glo-
bale Attraktor eines dynamischen Systems Trelativ zu einer
interessierenden, gegebenen Menge Q— ist definiert als Schnitt-
menge aller Vorw¨
arts-Abbildungen des Urbildes Q, bzw.
AQ(T) :=
∞
\
k=0
Tk(Q).(2.3)
Im Folgenden wird die interessierende Untermenge Q”Anfangs-“ oder
”Startbox“ genannt. Sie sei ein rechteckig begrenztes n−dimensionales Ge-
biet, auf das als Ausgangsmenge die Algorithmen angewandt werden, die in
den folgenden Abschnitten vorgestellt werden.
2.2 Approximation relativer globaler At-
traktoren
Dieser Abschnitt zeigt, wie der relative globale Attraktor zu einem ge-
gebenen, zeitdiskreten, dynamischen System Tnumerisch ermittelt wird.
Dazu wird die Idee des mengenorientierten Vorgehens erl¨
autert, welche die
Basis der mengenorientierten numerischen Methoden bildet. Ziel ist es, den
Attraktor mit einer Menge von kleinen, rechteckigen sog. (n-dimensionalen)
Boxen n¨
aherungsweise zu ¨
uberdecken. Der erste Schritt des Vorgehens auf
dem Weg zum relativen globalen Attraktor ist die Wahl eines rechteckigen
Teilgebietes Qaus dem zugrundeliegenden Zustandsraum Rn. Das Teilgebiet
Qwerden wir im weiteren Verlauf mit Startbox bezeichnen. Nur innerhalb
dieser Startbox wird die Analyse stattfinden. Beginnt man eine Analyse
ganz ohne Vorwissen ¨
uber das System, so ist es ratsam, zun¨
achst eine recht
große Startbox zu w¨
ahlen.
Im Folgenden wird ein Box-Unterteilungsalgorithmus vorgestellt
[Dellnitz, Froyland, Junge 2001]. Der Algorithmus besteht aus zwei
Schritten, welche einige Male iteriert2werden. Begonnen wird mit der
rechteckigen Startbox Q(0) =Q. Die zwei Schritte sind:
2iterieren: wiederholen, wiederholt anwenden.
10
2.2. APPROXIMATION RELATIVER GLOBALER ATTRAKTOREN
1. Unterteilung: Gegeben sei der i-te iterative Unterteilungsschritt, nach
dem N(i)Boxen B(i)
k,k= 1,2,...,N(i)vorliegen, und es gelte
N(i)
[
k=1 B(i)
k=Q(i)⊆ Q(0) ⊂Rn.(2.4)
Halbiere im n¨
achsten Schritt i+ 1 jede Box B(i)
k. Dies ergibt 2N(i)
kleinere, verfeinerte Boxen f¨
ur die wieder gilt:
2N(i)
[
k=1 B(i+1)
k=Q(i).(2.5)
2. Auswahl: Bestimme das Urbild T−1(B(i+1)
k), k= 1,...,2N(i)jeder
der verfeinerten Boxen durch Anwendung der invertierten Abbildung3.
L¨
osche daraufhin all jene Boxen B(i+1)
k, deren Urbild die gegenw¨
artige
Menge Q(i)an Boxen nicht schneidet. Die Menge Q(i+1) f¨
ur den
n¨
achsten Schritt i+ 1 ergibt sich aus den ¨
ubrig bleibenden Boxen:
Q(i+1) =
2N(i)
[
k=1
T−1B(i+1)
k∩Q(i).(2.6)
Bei der Unterteilung der n-dimensionalen Boxen B(i)
kwird die Halbie-
rungsebene entlang der nDimensionen des Zustandsraumes zyklisch per-
mutiert. Beispielsweise im Falle eines 2-dimensionalen Systems mit den Zu-
standsgr¨
oßen xund ywird die Halbierung der rechteckigen Boxen zun¨
achst
in x-Richtung, dann in y-Richtung und im n¨
achsten Iterationsschritt wieder
in x-Richtung und so weiter vorgenommen. Die Anzahl der Iterationsschrit-
te isollte (muss aber nicht) ein Vielfaches der Dimensionszahl nbetragen,
so dass die Unterteilung in jede Koordinatenrichtung gleich oft geschieht.
Im Gegensatz zu anderen Zellteilungsverfahren h¨
angt der Rechenaufwand
des hier vorgestellten Verfahrens nicht alleine von der Anzahl der Dimensio-
nen ab, sondern kann in Abh¨
angigkeit von der zugrundeliegenden Dynamik
geringer sein. Ein Attraktor mit schlanker, fein ver¨
astelter Struktur kann
daher mit geringer Rechenzeit angen¨
ahert werden, da nach jedem Untertei-
lungsschritt nur wenige Boxen behalten werden, die weiter unterteilt werden
m¨
ussen.
Bild 2.1 zeigt eine solche Anordnung von Boxen, die durch den Untertei-
lungsalgorithmus entstand. Diese Menge von Boxen ¨
uberdeckt den gesuchten
relativen globalen Attraktor eines dynamischen Systems, welches sp¨
ater in
Kapitel 3vorgestellt wird. F¨
ur die Feinheit der Rechteck-Boxen im gegebe-
nen Beispiel waren 14 Unterteilungsschritte n¨
otig. In diesem Beispiel wird
3Die Existenz der inversen Abbildung T−1stellt in der Praxis keine Voraussetzung dar.
Die Auswahl der zu l¨
oschenden Boxen wird vielmehr derart vorgenommen, dass zun¨
achst
die Bilder jeder der verfeinerten Boxen berechnet werden. Daraufhin werden all solche
Boxen gel¨
oscht, die sich mit keinem der Bilder schneiden.
11
KAPITEL 2. MENGENORIENTIERTE NUMERISCHE METHODEN
der Rechenvorteil des mengenorientierten Ansatzes gegen¨
uber der Zellabbil-
dungsmethode deutlich. In der Zellabbildungsmethode unterteilen die Bo-
xen das gesamte Teilgebiet Q ⊂ Rn: f¨
ur die gew¨
ahlte Verfeinerung m¨
ussten
214 = 16384 Boxen untersucht werden, um den Attraktor zu bestimmen.
Der mengenorientierte Unterteilungsalgorithmus bestimmt in diesem Falle
nur 2925 Boxen — n¨
amlich nur solche, die zum Attraktor geh¨
oren. Die An-
zahl der Boxabbildungen liegt jedoch etwas h¨
oher, da die Anzahl 2925 durch
14 sukzessive Verdoppelungen und Reduktionen der Boxanzahl erreicht wird.
Bild 2.1: Ein relativer globaler Attraktor AQ, der nach 14 Unterteilungs-
schritten durch ¨
Uberdeckung mit 2925 Boxen angen¨
ahert wurde.
Die Bestimmung der Bilder der Boxen, wie es in Schritt 2 des Algorithmus
vorgeschrieben ist, wird durch Abbilden einer großen Zahl von sog. Testpunk-
ten vorgenommen. Die Testpunkte k¨
onnen dazu in unterschiedlichen Weisen
¨
uber jede zu traktierende Box verteilt werden; das Programm GAIO4sieht
hierf¨
ur vier Optionen vor. Die Testpunkte k¨
onnen die Boxen ausf¨
ullen, in
dem sie auf ein regelm¨
aßiges Gitter verteilt werden, wobei die R¨
ander mit-
eingeschlossen werden (Grid) oder nur das Innere mit Testpunkten bedeckt
wird (InnerGrid). Alternativ kann es vorteilhaft sein, die Punkte zufallsver-
teilt zu platzieren (MonteCarlo), oder es gen¨
ugt in gewissen F¨
allen, nur die
R¨
ander der Boxen mit Testpunkten zu versehen (Edges). Die letztgenannte
M¨
oglichkeit, die Rechenzeit einspart, ist sinnvoll, wenn die Abbildung in ei-
ne Dimension sehr stark kontrahierend wirkt, so dass rechteckige Boxen zu
sehr schlanken Bildern transformiert werden.
4Global Analysis of Invariant Objects steht f¨
ur ein Softwarepaket, welches s¨
amtliche
Algoritmen der mengenorientierten Methoden vereint und verf¨
ugbar macht. Bild 2.1 wur-
de so mit dem oben eingef¨
uhrten Unterteilungsalgorithmus erzeugt, der in der GAIO-
Komponente RGA implementiert ist. Details und Anwendungsbeispiele zu der Software
sind ihrem Handbuch [Dellnitz, Froyland, Junge 2001] zu entnehmen.
12
2.3. AUFENTHALTSWAHRSCHEINLICHKEITEN
2.3 Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
Mit dem Box-Unterteilungsalgorithmus des vorigen Unterkapitels k¨
onnen
relative globale Attraktoren angen¨
ahert werden. Kenntnis ¨
uber die Lage
und Form des Attraktors innerhalb des Zustandsraumes lassen jedoch keine
R¨
uckschl¨
usse auf die Bewegung des Systems innerhalb des Attraktors zu.
Oft er¨
ubrigt sich dieser weitere Wissensbedarf: wenn der Attraktor n¨
amlich
einen periodischen Grenzzyklus (engl. limit cycle, kann bei zeitkontinuierli-
chen Systemen auftreten), einen Fixpunkt oder einen 1-periodischen bzw. k
k−periodische Punkte darstellt, so bleiben ¨
uber die Dynamik des Systems,
sobald sich sein Zustand auf dem Attraktor befindet, keine weiteren Fragen
offen. Die geometrische Dimension solcher Attraktoren ist ganzzahlig (Fix-
punkt: dim= 0; geschlossene Zykluskurve: dim= 1).
Wenn dagegen der Attraktor wie in Bild 2.1 keine vollfl¨
achige Form besitzt,
so ist seine Dimension fraktal (1 <dim<2), also eine gebrochene Zahl. In sol-
chen F¨
allen spricht man von einem seltsamen Attraktor. Deterministisches,
also vorherbestimmtes Chaos beherrscht das zeitliche Verhalten der Sys-
temzust¨
ande. Hier ist es sinnvoll, die irregul¨
aren Bewegungen des Systems
tiefgehender zu studieren. Hilfreich ist die Berechnung von sog. invarian-
ten Maßen, wie etwa die Aufenthaltswahrscheinlichkeit eines ist. Sie ist ein
in der zeitlichen Entwicklung unver¨
anderliches Maß, das statistische Aussa-
gen ¨
uber die Wahrscheinlichkeit trifft, mit der die im Attraktor m¨
oglichen
Zust¨
ande vom System erreicht werden.
Die folgenden Abschnitte erl¨
autern die Berechnung von Aufenthaltswahr-
scheinlichkeitswerten f¨
ur alle Boxen, die einen Attraktor approximieren, wie
er z. B. in Bild 2.1 gezeigt ist.
¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsmatrix
Die Berechnung der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten basiert auf der Matrix
der ¨
Ubergangswahrscheinlichkeiten (engl.: transition probability matrix). Sie
wird mit Pbezeichnet und kann f¨
ur einen gegebenen relativen globalen
Attraktor AQberechnet werden. Sie enth¨
alt die Elemente P= [pkl] mit
k, l = 1,...,N.Nstellt die Anzahl der Boxen dar, die den relativen glo-
balen Attraktor AQbilden. Jede Komponente pkl der Matrix Psteht f¨
ur
die ¨
Ubergangswahrscheinlichkeit, mit der das System nach einem Schritt
einen innerhalb Box Blliegenden Zustand hin zu einem in Box Bkliegen-
den Zustand ¨
andert. Die ¨
Ubergangswahrscheinlichkeit pkl wird angen¨
ahert,
indem man viele Testpunkte von innerhalb Box Blabbildet und den Anteil
an Punkten z¨
ahlt, die in Box Bk,k= 1,...,N landen. Die Illustration in
Bild 2.2 verdeutlicht das Vorgehen der Berechnung aller Eintr¨
age pkl der
¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsmatrix P. Die siebte Spalte pk,7erh¨
alt man,
indem man (hier aus Demonstrationszwecken nur) vier Testpunkte xi∈ B7,
die in Box B7liegen, abbildet und danach f¨
ur jede Box die relative Zahl an
Bildpunkten z¨
ahlt.
13
KAPITEL 2. MENGENORIENTIERTE NUMERISCHE METHODEN
10 11
1 2 3
4 5 6
78 9
12 13
14 15 16
Bild 2.2: Fiktiver Attraktor zur De-
monstration der Berechnung von
¨
Ubergangswahrscheinlichkeiten
P=
0
.
.
.
0
··· 1/4···
··· 1/4···
0
.
.
.
··· 2/4···
0
.
.
.
←p6,l
←p7,l
←p14,l
↑
pk,7
Vektor der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
Im vorigen Abschnitt wurden die ¨
Ubergangswahrscheinlichkeiten des Sys-
temzustands von jeder Box in jede Box definiert und berechnet. In diesem
Abschnitt wird nun der Begriff der Aufenthaltswahrscheinlichkeit ykzur Box
Bkdefiniert:
Definition Aufenthaltswahrscheinlichkeit: Gegeben sei ei-
ne Menge von NBoxen Bk,k= 1,...,N, wobei Ndie Anzahl
der Boxen darstellt, die den relativen globalen Attraktor AQbe-
schreiben. Man nehme an, dass sich der Systemzustand xauf
dem Attraktor AQbefinde. Die Aufenthaltswahrscheinlichkeit yk
der Box Bkist definiert als die Wahrscheinlichkeit, mit der der
Systemzustand xinnerhalb der Box Bkliegt.
Es folgt noch die
Definition Aufenthaltswahrscheinlichkeitsvektor: Der
Aufenthaltswahrscheinlichkeitsvektor ist definiert als eine Spal-
tenmatrix aus den Aufenthaltswahrscheinlichkeiten ykaller
Boxen Bk:
y:= [y1, y2,...,yN]T(2.7)
Unter Verwendung der beiden Definitionen kann schließlich die Berech-
nung der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten hergeleitet werden. Nimm dazu
an, der Aufenthaltswahrscheinlichkeitsvektor y= [y1, y2,...,yN]Tw¨
are be-
reits bekannt. ylbezeichnet die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Systemzu-
stand xinnerhalb der Box Blliegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Zu-
stand xvorlag und im n¨
achsten Schritt in Box Bkhinein abgebildet wird,
ist durch das Produkt ¯ykl =pkl ylder ¨
Ubergangswahrscheinlichkeit pkl und
der Aufenthaltswahrscheinlichkeit ylgegeben. Die Summe ¨
uber alle Boxen
Blergibt die gesamte Aufenthaltswahrscheinlichkeit Bk:
yk=
N
X
l=1
¯ykl =X
l
pkl yl.(2.8)
14
2.3. AUFENTHALTSWAHRSCHEINLICHKEITEN
In Matrix-Notation kann Gl. (2.8) als
y=P y (2.9)
geschrieben werden. Verglichen mit dem Standard-Eigenwertproblem λy=
P y stellt Gl. (2.9) das spezielle Eigenwertproblem dar, n¨
amlich eines
mit Eigenwert λ= 1. Der Aufenthaltswahrscheinlichkeitsvektor yist
der Rechts-Eigenvektor der ¨
Ubergangsmatrix Pzum Eigenwert 1. Da
¨
Ubergangsmatrizen stochastischer Natur sind, haben sie stets mindestens
einen Eigenwert 1 [Norris 1997].
15
.
Kapitel 3
Ultraschall-Stoßbohrer
In Kapitel 2wurden die mengenorientierten numerischen Methoden vorge-
stellt. Ihre effiziente Vorgehensweise bei der Approximation niedrigdimen-
sionaler Attraktoren bzw. bei der ¨
Uberdeckung von Mannigfaltigkeiten wur-
de eindrucksvoll z. B. an der H´enon-Abbildung, an Chuas Circuit oder am
Lorenz-System bewiesen [Dellnitz & Junge 2002].
Anwendungen der Methoden auf weitere bzw. neuere Systeme aus dem
Ingenieursalltag sind bislang nur wenige erfolgt. Insbesondere wurden sie
nicht an Systemen mit ausgepr¨
agter nichtglatter Charakteristik erprobt. Die
vorliegende Arbeit m¨
ochte diese L¨
ucke schließen und konzentriert sich daher
auf den Einsatz der mengenorientierten Methoden an einer f¨
ur die Klasse
der nichtglatten Systeme beispielhaften Anwendung. Ausgew¨
ahlt wurde das
neuartige Konzept eines Stoßbohrers. Es besticht durch seinen einfachen,
aus wenigen Komponenten bestehenden Aufbau. Gleichzeitig vereinigt es
daher die M¨
oglichkeit einer analytisch ¨
uberschaubaren Modellierung mit
der Analyse einer sehr komplexen Dynamik. Im Folgenden wird dieses
Bohrsystem vorgestellt.
3.1 Entwicklung des Ultraschall-Stoßbohrers
Vor einigen Jahren befasste sich die kalifornische Raumfahrtbeh¨
orde NASA
mit der Planung einer Mars-Mission. Die Entnahme von Gesteinsproben
sollte f¨
ur deren Untersuchung auf der Marsoberfl¨
ache m¨
oglich sein. Der
Bedarf entstand, einen Bohrer zu entwickeln, der vielen besonderen Anfor-
derungen gen¨
ugte. Herk¨
ommliche Gestein-Schlagbohrer schieden aus, weil
sie einige der wichtigsten Anforderungen nicht erf¨
ullen konnten: so waren
ein niedriges Gewicht und geringe elektrische Leistungsaufnahme wichtige
Bedingungen. Wartungsfreiheit war eine ebenso wichtige Voraussetzung. Da
der Bohrer auf einem kleinen, mobilen Roboter-Fahrzeug, dem Mars-Rover,
zu befestigen war, durfte er weder ein großes Halte-Drehmoment, noch eine
hohe Anpresskraft auf die Bohrstelle ben¨
otigen.
Entwickelt wurde daraufhin ein neuartiges Stoßbohrsystem, welches den
Namen USDC bekam, was f¨
ur Ultrasonic/Sonic Driller/Corer steht; sie-
17
KAPITEL 3. ULTRASCHALL-STOSSBOHRER
he dazu [Bar-Cohen et al. 2001b]. Der Bohrer nutzt Schallwellen sowohl im
Ultraschallbereich (ab 20kHz), als auch im h¨
orbaren Schallbereich (100 Hz–
1000 Hz) und ist in der Lage, Vollquerschnittsbohrungen wie auch Kernloch-
bohrungen zur Probenentnahme vorzunehmen.
Gute Bohrergebnisse in Laborversuchen und die erfolgreiche Anwen-
dung des Bohrkonzepts zur planetaren Gesteinsprobenentnahme (siehe
[Bar-Cohen et al. 2001b]) machen dieses Bohrprinzip f¨
ur terrestrische An-
wendungen interessant. Vorstellbar sind leichte, ger¨
auscharme Handbohrer
mit geringer Leistungsaufnahme f¨
ur spr¨
odhartes Material wie Beton und
Fels. Anwendung k¨
onnten sie im Klettersport, im Baugewerbe, in der Geo-
logie, in der Medizintechnik oder als Versch¨
uttetenbergungsger¨
at f¨
ur Kata-
stropheneins¨
atze finden. Allerdings besteht f¨
ur denkbare Anwendungen noch
Optimierungspotenzial: Probebohrungen zeigten, dass die Bohrzeiten noch
relativ hoch liegen, siehe z. B. [Bar-Cohen et al. 2001a].
3.2 Aufbau des Ultraschall-Stoßbohrers
Bild 3.1 zeigt einen am Heinz Nixdorf Institut gefertigten Labor-Prototypen
des Ultraschall-Stoßbohrers, mit dem experimentelle Messungen gemacht
wurden; in Bild 3.2 ist dessen schematischer Aufbau dargestellt. Deutlich
wird dort ein herausragendes Merkmal, n¨
amlich sein einfacher Aufbau. Au-
ßer der elektrischen Ansteuerung besteht das Bohrsystem aus nur drei Teilen:
•piezoelektrischer Oszillator
•freie Stoßmasse
•Bohrstab
Bild 3.1: Prototyp des Stoßbohrers f¨
ur Laborexperimente
18
3.2. AUFBAU DES ULTRASCHALL-STOSSBOHRERS
Oszillator
Der piezoelektrische Oszillator, f¨
ur den auch die Namen Transducer oder
Aktor benutzt werden, ist ein metallischer Zylinder, in den ein Stapel von
(hier vier) piezoelektrischen Keramiken eingespannt ist. Im Betrieb wird die-
ser Piezostapel durch Anlegen eines harmonisch oszillierenden Spannungs-
signals an seine Elektroden zu Schwingungen angeregt. Als Anregefrequenz
wird die unterste L¨
angseigenfrequenz des Oszillators gew¨
ahlt. Dadurch wird
die erste L¨
angseigenmode in Resonanz zu Schwingungen angeregt. Die erste
L¨
angseigenform eines Stabes beschreibt eine stehende sog. Lambda-halbe-
Welle. Das heißt, an den Stabenden bilden sich Schwingungsb¨
auche, da-
zwischen ein Schwingungsknoten. Der f¨
ur Messungen verwendete Oszilla-
tor hat eine L¨
ange von l= 125 mm, was bei einer Schallwellengeschwin-
digkeit in Stahl von c= 5 km
seiner ersten L¨
angseigenfrequenz von etwa
f=c
2l= 20 kHz entspricht.
Bohrer
Gestein
Piezo-Stapelaktor
Oszillator
Flugmasse
~U
Hülse (Handhalterung)
Bild 3.2: Schematischer Aufbau des Ultraschall-Stoßbohrsystems USDC
Freie Stoßmasse
Der zweite Bestandteil des Bohrers ist eine wenige Gramm schwere, frei-
fliegende Stoßmasse. Sie kann z. B. Unterlegscheiben- oder Kugelform be-
sitzen. Die Stoßmasse fliegt in einem kleinen Zwischenraum zwischen dem
schwingenden Ende des Ultraschall-Oszillators und der dem Bohrgut (Ge-
stein) abgewandten Seite des Bohr-Stabes hin und her. Dadurch ¨
ubertr¨
agt
die Stoßmasse Stoßenergie vom Oszillator hin zum Bohrer. Ihre besondere
19
KAPITEL 3. ULTRASCHALL-STOSSBOHRER
Aufgabe besteht darin, eine Transformation der Ultraschall-Schwingungen
von kleiner Amplitude, wie sie am Ende des Oszillators auftreten, hin zu
K¨
orperschallimpulsen im Bohrstab von großer Intensit¨
at vorzunehmen. Als
weitere Funktion erh¨
alt sich die Stoßmasse den f¨
ur ihre Flugbewegung not-
wendigen Zwischenraum. Die vorliegende Arbeit setzt einen Fokus auf die
Analyse und Beschreibung der Bewegung dieser Stoßmasse, von der der
Bohrprozess im Wesentlichen abh¨
angt.
Bohrstab
Der dritte Teil des Bohrsystems ist der Bohrstab. Er leitet die Stoßwellen,
die wiederholt durch Abprallen der freien Stoßmasse an seiner system-
inneren Seite erzeugt werden, hin zur Bohrer-Gestein-Kontaktstelle, wo sie
im zu bearbeitenden Gestein dessen Bruchspannung ¨
uberschreiten und so
den eigentlichen Bohrfortschritt erzielen.
Obgleich die oben vorgestellte Bohrtechnologie vielversprechend ist,
konnte ihr Verhalten auf dynamischer Ebene bislang kaum entschl¨
usselt und
durchdringend verstanden werden. Beispielsweise ist es noch unklar, inwie-
fern die Gr¨
oße, Gestalt und Materialzusammensetzung der Stoßmasse, die
Anregefrequenz und die Bohrstabgeometrie den Materialabtrag beeinflus-
sen. Ein hinreichendes Systemverst¨
andnis ist allerdings unabdingbar, m¨
ochte
man das System-Design f¨
ur weitere Anwendungsfelder nutzbar machen und
Eigenschaften wie die Bohrgeschwindigkeit optimieren oder nur auf gr¨
oßere
Bohrquerschnitte und h¨
ohere Leistungsaufnahmen skalieren.
20
Kapitel 4
Modellierung und Analyse
nichtglatter Dynamik —
Stand der Technik
Im Fokus der vorliegenden Arbeit steht die Analyse von nichtglatten Sys-
temen der Dynamik. Diese Systeme bilden eine besondere Untergruppe der
nichtlinearen Systeme. Seit einigen Jahrzehnten kommt Nichtlinearit¨
aten in
der Wissenschaft immer gr¨
oßere Aufmerksamkeit zu. Dementsprechend ist
die Literatur, in der man sich mit nichtlinearen Ph¨
anomenen auseinander-
setzt, in dieser Zeit auf eine beachtliche Zahl angewachsen.
In den Anf¨
angen der Arbeit mit nichtlinearen Systemen entwickelten
Mathematiker und Ingenieure mathematische Modelle von technischen Sys-
temen, die von sehr grundlegender Natur waren. Zu den bekanntesten Mo-
dellen z¨
ahlen Differentialgleichungen von Duffing1, van der Pol2und Lorenz3.
Vor dem Zeitalter der maschinellen, numerischen Rechenunterst¨
utzung
waren die Untersuchungsmethoden rein analytisch bzw. experimentell. Die
zur theoretischen Analyse damals entwickelten wichtigsten Methoden sind
1Der deutsche Ingenieur und Experimentalist Georg Duffing (1861–1944) formu-
lierte 1918 die Duffing-Gleichung, indem er dem Potential eines linearen Oszilla-
tors eine kubische R¨
uckstellkraft hinzuf¨
ugte. Das dynamische System entspricht ei-
nem einfachen, ged¨
ampften Feder-Masse-Schwinger mit nichtlinearer Federkennlinie
[Abraham & Shaw 2000].
2Der niederl¨
andische Physiker und Philips-Ingenieur Balthasar van der Pol (1889–
1959) untersuchte 1920 die van der Pol-Gleichung, die einen Feder-Masse-Schwinger mit
nichtlinearer D¨
ampfung modelliert [Van der Pol 1920].
3Der emeritierte Meteorologieprofessor des MIT Edward Norton Lorenz (geb. 1917 in
den USA) stellte ca. 1960 sein Wettermodell auf, aus dessen starker Abh¨
angigkeit von
Anfangsbedingungen der sogenannte ”Schmetterlingseffekt“ hervorging [Lorenz 1963].
21
KAPITEL 4. MODELLIERUNG UND ANALYSE NICHTGLATTER
DYNAMIK — STAND DER TECHNIK
unter anderem den Arbeiten von Lagrange4, Poincar´e5, Ljapunov6und Birk-
hoff7zu verdanken, die heute immer noch Aktualit¨
at genießen. Einige Metho-
den, die auf diese Pioniere zur¨
uckgehen, werden im folgenden Unterkapitel
beschrieben. Im Unterkapitel 4.2 wird auf j¨
ungere Methoden eingegangen,
die erst in den letzten Dekaden mit dem Aufkommen maschineller Rechen-
unterst¨
utzung entwickelt wurden. In dieser Arbeit werden die genannten Me-
thoden auf zwei Schwingstoßsysteme angewendet. Auf Modellierungsans¨
atze
zu ¨
ahnlichen Systemen wird in Unterkapitel 4.3 verwiesen.
4.1 Klassische Methoden zur Analyse nicht-
linearer dynamischer Systeme
Dieses Unterkapitel stellt die g¨
angigsten Methoden zusammenfassend dar,
die f¨
ur Untersuchungen an nichtlinearen dynamischen Systemen in der Lite-
ratur regelm¨
aßig Anwendung finden. Die nichtglatten dynamischen Systeme
geh¨
oren auch in diese Gruppe. Daher bilden die nachfolgenden Techniken
auch f¨
ur alle Schwingstoßsysteme eine wesentliche Grundlage.
4.1.1 Zeitreihenanalyse
Die naheliegendste M¨
oglichkeit, Einblick in die Bewegungsabl¨
aufe eines Sys-
tems zu erhalten, ist die Zeitreihenanalyse. Dabei wird die zeitliche Ent-
wicklung von Zustandsvariablen des Systems in einem Diagramm ¨
uber die
Zeit aufgetragen. Ein Beispiel daf¨
ur zeigt Bild 6.11 auf Seite 66. Die zugrun-
deliegenden Daten k¨
onnen experimentell oder durch Simulation eines ma-
thematischen Modells gewonnen werden. An dieser Darstellungsweise lassen
sich Eigenschaften wie Periodizit¨
at, asymptotisches oder stabiles Verhalten,
Stabilit¨
at oder Chaos in der Regel nicht ablesen. Ihr Vorteil liegt in der ein-
fachen Zug¨
anglichkeit der Bewegungsabl¨
aufe auch f¨
ur Nichtwissenschaftler.
4.1.2 Phasenportrait
Werden die Zeit als Laufparameter im Zustandsraum (auch ”Phasenraum“
genannt) benutzt und die Zustandswerte des Systems in chronologischer Fol-
4Der italienische Sch¨
uler Leonhard Eulers (1707–1783) Joseph-Louis Lagrange (1736–
1813) wurde als Begr¨
under der analytischen Mechanik bekannt [Wikipedia 2007].
F¨
ur die Stabilit¨
atsuntersuchungen nichtlinearer diskreter und kontinuierlicher Sys-
teme lieferte er einen Stabilit¨
atsbegriff zur Klassifikation von L¨
osungsverhalten
[Thompson & Stewart 1986], der aber heute eher ungebr¨
auchlich ist.
5Nach dem franz¨
osischen Mathematiker, Physiker und Philosophen Jules Henri Poin-
car´e (1854–1912) ist die Poincar´e-Abbildung benannt, die den Zustand eines Systems
stroboskopartig zu diskreten, periodischen Zeitpunkten beleuchtet und dadurch besonde-
re Strukturen innerhalb chaotischer Bewegungen enth¨
ullt.
6Aleksandr Mikhailovich Liapounov (1857–1918) wurde ber¨
uhmt f¨
ur seine grundlegen-
den Ideen zum Begriff der Stabilit¨
at von L¨
osungen.
7Der US-amerikanische Mathematiker George David Birkhoff (1884–1944) wurde 1913
durch den Beweis Poincar´es letzten Theorems ber¨
uhmt und arbeitete im Bereich der
statistischen Mechanik.
22
4.1. KLASSISCHE METHODEN ZUR ANALYSE NICHTLINEARER
DYNAMISCHER SYSTEME
ge eingetragen, so entsteht eine Trajektorie (auch Orbit genannt). F¨
ur eine
Darstellung n−dimensionaler Trajektorien, wenn n > 3, muss die Trajekto-
rie in den Raum hinein projiziert werden, der von zwei oder drei Zustands-
variablen aufgespannt wird. Diese Betrachtungsweise erm¨
oglicht das Erken-
nen von sich wiederholenden Zust¨
anden und periodischen Bewegungen. Bei
zeitdiskreten Systemen, die durch Abbilden eines Zustands auf einen fol-
genden Zustand beschrieben werden, besteht eine Trajektorie aus einzelnen
Zustandspunkten, die nicht miteinander verbunden sind. Beispiele f¨
ur dis-
krete Orbits zeigt Bild 6.14 auf Seite 70. Periodische Bewegungen lassen sich
erkennen, wenn Zustandspunkte wiederholt auf sich selbst oder einen ihrer
Vorg¨
anger abgebildet werden. Periodizit¨
at in zeitkontinuierlichen Systemen
ist durch sich schließende Orbits charakterisiert. Aus Phasenportraits las-
sen sich weiterhin auch Aussagen ¨
uber das Langzeitverhalten eines Systems
treffen. Z. B. k¨
onnen die Zustandsbereiche, innerhalb derer sich ein durch
D¨
ampfung begrenztes System aufh¨
alt, abgesch¨
atzt werden. Die Daten, aus
denen sich Phasenportraits erstellen lassen, sind die der Zeitreihe, k¨
onnen
also experimentell aufgezeichnet oder simulatorisch berechnet worden sein.
4.1.3 Periodische Punkte und Fixpunkte
Fixpunkte im Zustandsraum von zeitdiskreten Systemen stellen stabile
Gleichgewichtslagen dar. F¨
ur zeitdiskret dargestellte Systeme repr¨
asentieren
Fixpunkte sich periodisch wiederholendes Verhalten. Besteht ein Orbit aus
mFixpunkten, so wird die Bewegung ”m−periodisch“ genannt. Mehrperi-
odische Fixpunkte lassen sich nur selten analytisch bestimmen. In Phasen-
portraits sind sie aber einfach erkennbar.
4.1.4 Ljapunov-Stabilit¨
at und Ljapunov-Exponent
Eine weitere Charakterisierung des Systemverhaltens kann durch die Be-
schreibung der Stabilit¨
at von L¨
osungen vorgenommen werden. Es gibt meh-
rere Stabilit¨
atsbegriffe. Eine L¨
osung u(t) eines autonomen oder nichtau-
tonomen Differentialgleichungssystems wird Ljapunov-stabil genannt, wenn
f¨
ur jede beliebige, kleine Zahl ǫ > 0 eine Zahl δ=δ(ǫ)>0 existiert,
so dass jede andere L¨
osung v(t), f¨
ur die zur Zeit t=t0die Abstands-
beziehung ku(t0)−v(t0)k< δ gilt, f¨
ur alle Zeiten t > t0die Bezie-
hung ku(t)−v(t)k< ǫ erf¨
ullt [Nayfeh 1995]. Anders ausgedr¨
uckt wird eine
L¨
osung dann Ljapunov-stabil genannt, wenn sie sich ab einem bestimmten
Zeitpunkt nie mehr aus den gedachten Schl¨
auchen begrenzter Durchmesser,
die um alle benachbarten L¨
osungen herum verlaufen, herausbewegt.
Ljapunov-Exponenten hingegen geben ein Maß f¨
ur die Stabilit¨
at einer
L¨
osung an. Dabei vergleicht man zwei Trajektorien, die durch im Zustands-
raum sehr dicht benachbarte Zust¨
ande laufen. In der weiteren zeitlichen
Entwicklung verh¨
alt sich der Abstand zwischen den Zust¨
anden beider Tra-
jektorien im Zustandsraum meistens exponentiell: der Ljapunov-Exponent
gibt die St¨
arke dieser exponentiellen Separation oder Ann¨
aherung an. Ent-
scheidend ist meistens nur das Vorzeichen des Ljapunov-Exponenten. Es gibt
23
KAPITEL 4. MODELLIERUNG UND ANALYSE NICHTGLATTER
DYNAMIK — STAND DER TECHNIK
an, ob es sich um eine stabile oder um eine instabile Bewegung z. B. in Bezug
auf einen Fixpunkt handelt.
4.1.5 Poincar´e-Abbildung
Die Poincar´e-Abbildung ist eine besondere Darstellungsform der Dynamik,
die die Zust¨
ande von zeitkontinuierlichen Systemen nur zu diskreten
Zeitpunkten stroboskopartig beleuchtet. Dieses Vorgehen erzeugt aus einem
kontinuierlichen System eine diskrete Abbildungsvorschrift. Geschlossene
(mehr-)periodische Trajektorien werden zu (mehreren) Fixpunkten und
lassen sich einfach identifizieren. Besondere Relevanz hat die Poincar´e-
Abbildung bei chaotischer Bewegung: irregul¨
ar verlaufende Trajektorien
bilden im Phasenraum ein Liniengewirr. Blitzt man den mit der Zeit durch
den Phasenraum wandernden Zustandspunkt dagegen in periodischen
Abst¨
anden gedanklich mit einem Stroboskop und friert die so entstehenden,
einzelnen Punkte ein, so enth¨
ullt eine deterministisch-chaotische Bewegung
mitunter eine erstaunliche Struktur, die man ”seltsamen Attraktor“ nennt
(siehe auch Unterkapitel 2.3). Als Periodendauer eignet sich bei nichtauto-
nomen Systemen (also solchen mit expliziter Zeitabh¨
angigkeit, etwa durch
eine ¨
außere Kraft- oder Weganregung) f¨
ur die Abbildung die Anregepe-
riodendauer. Bei autonomen Systemen ist die Wahl der Periodendauer
weniger klar. Es eignen sich meistens systemeigene Schwingungsdauern.
4.1.6 Verzweigungs- oder Bifurkationsdiagramm
Mit einem Bifurkations- oder Verzweigungsdiagramm8l¨
asst sich gut die
Abh¨
angigkeit der L¨
osungstypen von einem Systemparameter untersuchen.
Dazu wird der Wert einer Zustandsgr¨
oße an bestimmten Zeitpunkten in
Abh¨
angigkeit des Systemparameters dargestellt. Bei zeitkontinuierlich de-
finierten Systemen wertet man wie bei der Poincar´e-Abbildung den Sys-
temzustand an periodischen, diskreten Zeitpunkten aus. So lassen sich im
Bifurkationsdiagramm periodische L¨
osungen mit ihrer Periodizit¨
atszahl und
chaotische L¨
osungen gut voneinander in Abh¨
angigkeit des Systemparameters
unterscheiden. Bild 4.1 zeigt die f¨
ur nichtlineare und Stoßsysteme typische
Kaskade von Periodenverdoppelungen in Bifurkationsdiagrammen f¨
ur bei-
de Zustandsgr¨
oßen Vund φdes dynamischen Systems 2. Ordnung, das in
Unterkapitel 5.1 hergeleitet wird. Mit gr¨
oßer werdendem Systemparameter
α1leiten die Periodenverdoppelungen ins Chaos ¨
uber, das an den rechten
R¨
andern in Bild 4.1 in Form gestreuter Punkte erkennbar ist.
4.1.7 Einzugsgebiet
In besonderen F¨
allen, die vom Zusammenwirken der Systemparameter
abh¨
angen, k¨
onnen unterschiedliche, station¨
are L¨
osungen (das sind die Be-
8Bifurkation: Gabelung; bifurkare (lateinisch), bifurcer (franz¨
osisch), bifurcate (eng-
lisch): sich (in zwei ¨
Aste) gabeln.
24
4.2. ZELLABBILDUNGSMETHODEN
0.612100 0.612105 0.612110
3.949
3.9491
3.9492
3.9493
3.9494
3.9495
3.9496
α1
V [m/s]
0.612100 0.612105 0.612110
1.491
1.492
1.493
1.494
1.495
1.496
1.497
1.498
1.499
1.5
1.501
α1
φ [π rad]
Bild 4.1: Periodenverdoppelungen im Bifurkationsdiagramm des zeitdiskre-
ten Systems 2. Ordnung (Unterkapitel 5.1) f¨
ur den Systemparameter α1.
Die Verzweigungsdiagramme werden beispielhaft f¨
ur beide Zustandsgr¨
oßen
Vund φgezeigt.
wegungen, die sich nach einiger Zeit einstellen und danach ihre Eigenschaf-
ten f¨
ur alle Zeiten beibehalten) gleichzeitig in einem System existieren. Die
Menge an Zustandspunkten, die von allen Trajektorien eingenommen wer-
den, nachdem Anfangsbewegungen (”transiente“ oder ”instation¨
are Bewe-
gungen“) abgeklungen sind, werden Attraktoren genannt (siehe Unterkapi-
tel 2.1). Eine L¨
osungstrajektorie wird nach einiger Zeit immer in einen der
Attraktoren laufen. Von welchem Attraktor sie ”angezogen“ wird, ist allei-
ne vom Anfangszustand abh¨
angig, bei dem ihre Berechnung begann. Das
Einzugsgebiet (engl. basin of attraction oder domain of attraction) eines
Fixpunktes markiert diejenigen Anfangsbedingungen auf einer ”Karte“ im
Zustandsraum, von denen aus Trajektorien in einen bestimmten Attraktor
hinein laufen. Bild 7.7 auf Seite 96 zeigt die beiden Einzugsgebiete zu zwei
Attraktoren (weiß und schwarz). Gemeinsam f¨
ullen sie den Zustandsraum
komplett aus.
4.2 Zellabbildungsmethoden
Seit etwa dem Ende des 20. Jahrhunderts stehen der Wissenschaft
H¨
ochstleistungsrechenzentren zur Verf¨
ugung, deren gewaltige Rechenleis-
tung Jahr f¨
ur Jahr weiter nach oben schnellt. So entstehen auf dem Gebiet
der Analyse nichtlinearer Systeme und der Chaosforschung M¨
oglichkeiten
zur Entwicklung immer neuer, numerischer Verfahren: Hsu aus Berkeley dis-
25
KAPITEL 4. MODELLIERUNG UND ANALYSE NICHTGLATTER
DYNAMIK — STAND DER TECHNIK
kretisiert den Zustandsraum des Systems und entwickelt die Zellabbildungs-
methoden, die in Fachkreisen unter dem Namen ”Cell-to-Cell Mapping“
bekannt geworden sind. Publiziert wurden sie in [Hsu 1980], [Hsu 1981],
[Hsu 1987] und [Hsu 1992]. Ein System kann damit global, also in seinem
gesamten (aber technisch bedingt f¨
ur die Berechnungen dennoch begrenz-
ten) Zustandsraum betrachtet werden. Eingesetzt und erweitert wurden die
Zellabbildungsmethoden unter anderen von Tongue in [Tongue 1987] und
[White & Tongue 1994].
In diesem Unterkapitel soll die Funktionsweise der Zellabbildungsmetho-
den erl¨
autert werden. Denn dieser Technik in der Grundidee ¨
ahnlich, aber
um entscheidende Verfeinerungen erg¨
anzt, sind die recht jungen ”mengen-
orientierten numerischen Methoden“, die seit etwa einer Dekade entwickelt
werden. Detaillierte Informationen dazu sind Kapitel 2zu entnehmen.
Funktionsweise
Nach der Idee der Zellabbildungsmethode betrachtet man den Phasen-
oder Zustandsraum nicht wie herk¨
ommlich als Kontinuum, sondern als An-
sammlung sehr vieler Zustandszellen. Jede Zelle soll einen Zustandsbereich
repr¨
asentieren. Hsu unterscheidet dabei zwei Arten, n¨
amlich die Einfache
Zellabbildung (”Simple Cell Mapping“) und die Generalisierte Zellabbildung
(”Generalized Cell Mapping“). In der einfachen Zellabbildung wird der
Zustandsbereich einer jeden Zelle nur auf eine einzige Zelle abgebildet.
Diese Methode dient prim¨
ar zur Darstellung periodischer Systemantworten.
Falls die Abbildungsvorschrift in einer Dimension expandierend ist, so
erstreckt sich der Bildbereich einer Zelle ¨
uber mehrere Bildzellen. Weil
die einfache Zellabbildung, die nur eine Bildzelle ber¨
ucksichtigt, so zu
Verf¨
alschungen der tats¨
achlichen Systemantwort f¨
uhren kann, entstand die
Erweiterung der generalisierten Zellabbildung. Danach kann jede Zelle eine
endliche Zahl von Bildzellen aufweisen. Die Bildzellen werden bestimmt,
indem eine endliche Zahl von Anfangsbedingungen, die innerhalb der
Ursprungszelle liegen, einmal integriert (d. h. abgebildet) werden. Bildzellen
sind jene, die durch diesen Schritt ”getroffen“ wurden. Aus diesem Vorgehen
l¨
asst sich eine ¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsverteilung konstruieren. Die
¨
Ubergangswahrscheinlichkeiten f¨
ur alle NZellen k¨
onnen in einer N×N
großen Matrix abgelegt werden, die danach die gesamte Information
¨
uber die Dynamik des Systems enth¨
alt. Ein Bild des globalen Verhaltens
nichtlinearer Systeme entsteht. Seltsame Attraktoren, periodische Orbits
und statistisch-deterministische Eigenschaften lassen sich lokalisieren.
Aufbauend auf dem Konzept der Zellabbildung haben sich mittlerwei-
le in verschiedene Richtungen Erweiterungen oder ¨
Anderungen aufgetan.
Zu nennen ist die Interpolierende Zellabbildungsmethode und die Zellabbil-
dungsmethode f¨
ur diskontinuierliche Systeme. Auf beide Erweiterungen wird
in den n¨
achsten Abschnitten eingegangen.
26
4.3. MODELLIERUNG VON SCHWINGSTOSSSYSTEMEN
Interpolierende Zellabbildungsmethode
Die Zellabbildungs-Methoden betrachten ein Kontinuum — n¨
amlich den
Zustandsraum — notwendigerweise als Diskontinuum. Um wegen der be-
grenzten Feinheit der Diskretisierung hieraus m¨
oglicherweise resultierende
Verf¨
alschungen auszuschließen, schl¨
agt Tongue die Interpolierende Zellabbil-
dung (”Interpolated Cell Mapping“) vor [Tongue 1987]. Hierin werden die
Bildpunkte der integrierten Anfangsbedingungen mit ihren exakten Werten
im Kontinuum gespeichert. Durch eine bi-lineare Interpolationsstrategie
gelingt es, die Trajektorie zu jeder Anfangsbedingung zu ermitteln, solange
sie im Feld der Zellen bleibt. Somit gewinnen die L¨
osungen wieder ihren
urspr¨
unglich kontinuierlichen Charakter zur¨
uck.
Zellabbildungsmethode f¨
ur diskontinuierliche Systeme
In [Kraker, van der Spek und van Campen 1999] werden einige Erweiterun-
gen der Zellabbildungsmethoden f¨
ur diskontinuierliche Systeme vorgeschla-
gen. Zus¨
atzlich beschreiben die Autoren eine Parametervariationsmethode
f¨
ur Zellabbildungen und eine Erweiterung f¨
ur Systeme mit vielen Freiheits-
graden.
Die Erweiterung der Parametervariations-Zellabbildung baut auf der ein-
fachen Zellabbildung auf. Mit ihr ist es m¨
oglich, die Evolution — also die
Verschiebung und Verformung — der Einzugsgebietsgrenzen zu bestimmen,
wenn sich Systemparameter ver¨
andern. Ein spezieller Algorithmus berechnet
hierf¨
ur nur die ¨
Anderung der Grenzen, anstelle sie f¨
ur jeden Systemparame-
terwert neu zu berechnen. Dies f¨
uhrt zu Einsparungen an Rechenoperatio-
nen.
Die Zellabbildungsmethode f¨
ur Systeme mit vielen Freiheitsgraden wurde
durch den exponentiellen Anstieg der Zellenanzahl mit dem Zunehmen der
Systemfreiheitsgrade motiviert. Dies erfordert ein hohes Speichervolumen.
Zur Zeit der Entwicklung dieser Erweiterung war es kaum m¨
oglich, Sys-
teme mit mehr als zwei Freiheitsgraden mit Zellabbildungsmethoden zu
untersuchen. Die Darstellung bzw. Auswertung von Ergebnissen aus Zu-
standsr¨
aumen mit mehr als zwei Dimensionen auf Papier oder einem Monitor
erfordert stets die Projektion auf einen zu w¨
ahlenden 2-dimensionalen Un-
terraum Σ des Zustandsraumes (also eine Ebene). Eine große Datenmenge
bleibt ungenutzt. Die Idee der Erweiterung ist, die Wahl der Projektions-
ebene Σ vorab zu treffen und nur f¨
ur solche Anfangsbedingungen das Lang-
zeitverhalten zu berechnen, die in der betrachteten Ebene Σ liegen. Aufgabe
ist es folglich, die Schnittmenge zwischen Σ und dem Attraktor zu finden.
4.3 Modellierung von Schwingstoßsystemen
In unz¨
ahligen Bereichen — nicht nur in den Ingenieurswissenschaften —
wechseln Systeme ihre Bewegungsgleichung, sobald eine Zustandsgr¨
oße —
etwa eine Verschiebungs- oder Geschwindigkeitsgr¨
oße — einen Schwellen-
27
KAPITEL 4. MODELLIERUNG UND ANALYSE NICHTGLATTER
DYNAMIK — STAND DER TECHNIK
wert ¨
uberschreitet. In vielen Anwendungsgebieten des Maschinenbaus treten
Unstetigkeiten oder St¨
oße auf. In der Elektrotechnik wechseln beispielsweise
Dioden ihr Verhalten bei einer Durchlassspannung. Dies f¨
uhrt dazu, dass
sich die ¨
außeren Einfl¨
usse, die das Systemverhalten bestimmen, ¨
andern.
Wegen ihrer Relevanz und dem h¨
aufigen Vorkommen entsprechender An-
wendungen gewinnen nichtglatte dynamische Systeme in der Vergangenheit
und heute große Aufmerksamkeit. Dieser Trend macht sich auch in der Li-
teratur bemerkbar. [Leine & Nijmeijer 2004] unterteilen ”nichtglatte dyna-
mische Systeme“ in drei Kategorien:
1. Systeme, die eine R¨
uckstellkraft in ihrer Bewegungsdifferentialglei-
chung enthalten, die eine vom (z. B.) Verschiebungszustand abh¨
angig
nichtglatte, aber kontinuierliche Kennlinie besitzt. Beispiel: Feder-
Masse-Schwinger, der mit einer zweiten Feder erst ab einer gewissen
Verschiebung in Kontakt steht. Die zweite Federkraft ist eine kontinu-
ierliche aber, nichtglatte Funktion der Verschiebung.
2. Systeme, die einen Kraftterm enthalten, der nichtkontinuierlich vom
(z. B.) Geschwindigkeitszustand abh¨
angt. Beispiel: Bei trockener Rei-
bung oder Visko-Elastizit¨
at h¨
angt die Wirkrichtung der Reibungskraft
vom Vorzeichen der Geschwindigkeit ab. Beim ¨
Uberschreiten der Null-
Geschwindigkeit springt die D¨
ampferkraft.
3. Systeme, bei denen eine Zustandsgr¨
oße nichtkontinuierliche Spr¨
unge
aus¨
uben kann. Beispiel: Bei einem Stoß zwischen zwei K¨
orpern ¨
andert
der Geschwindigkeitszustand sprunghaft seinen Wert. Bei den in dieser
Arbeit untersuchten Stoßsystemen handelt es sich um Systeme dieser
dritten Art.
Eine interessante Auswahl von Arbeiten aus dem Gebiet
der nichtglatten Dynamik sind [Babitsky 1998], [Brogliato 1996],
[Leine et al. 2000], [Leine & Nijmeijer 2004], [Neumann et al. 2007] und
[Pavlovskaia & Wiercigroch 2003].
Babitsky baut in seinem Buch die Theorien ¨
uber Schwingstoßsysteme
aus und nutzt Methoden, die auf dem Konzept der sog. harmonischen,
¨
aquivalenten Linearisierung basieren. Dies ist bei periodischem Systemver-
halten m¨
oglich. Schwingstoßsysteme definiert er als solche, bei denen St¨
oße
systematisch mit der Frequenz des Schwingers auftreten. Im Rahmen dieser
Arbeit wird der Begriff des Schwingstoßsystems auf Systeme aufgeweitet, in
denen eine schwingende Komponente in die Stoßdynamik involviert oder f¨
ur
diese verantwortlich ist.
Leine entwickelt Pfadverfolgungstechniken zur Bifurkationsanalyse von
periodischen L¨
osungen in nichtglatten mechanischen Systemen weiter, in
denen trockene Reibung eine Unstetigkeit in der Kraft erzeugt (siehe 2. in
der Unterteilung oben).
Eine Art Stoßbohrer f¨
ur Erdbohrungen (engl. ”ground moling machi-
nes“), bei der eine harmonisch kraftangeregte Masse erst nach ¨
Uberwinden
eines leeren Zwischenraumes Kontakt mit einem Feder-D¨
ampfer-Element
hat, untersucht Wiercigroch. Auch Schiffsvert¨
auungen an Hochseebojen f¨
ur
28
4.3. MODELLIERUNG VON SCHWINGSTOSSSYSTEMEN
¨
Ol- und Gastanker fallen in diese Kategorie. Die turmf¨
ormigen Bojen sind
mit ihrem Fuß am Meeresgrund verankert und oszillieren, harmonisch an-
geregt von vorbeilaufenden Meereswellen, durch die Auftriebskraft wie ein
kopfstehendes Pendel. Ein daran vert¨
autes Tankschiff verh¨
alt sich im Ver-
gleich zur Pendelschwingbewegung wie ein festes Objekt. Mit den Pendelbe-
wegungen in die eine Richtung spannt sich das Tau und h¨
angt in die andere
Richtung schlaff durch. Die R¨
uckstellkraft, die der Bojenturm durch das
Tau erf¨
ahrt, ist nicht kontinuierlich und somit nichtglatt. Diese nichtglatte
Steifigkeitskennlinie kann in diesem Fall zu gef¨
ahrlichen, unerwarteten, sub-
harmonischen Resonanzen f¨
uhren [Thompson & Stewart 1986]. Ein großes
Anwendungsgebiet f¨
ur aus St¨
oßen resultierende Dynamik ist Getrieberat-
tern und -klacken, das aufgrund der Zahneingriffst¨
oße, von Teilungsfehlern,
im lastfreien Betrieb oder bei Lastwechseln kaum vermeidbar ist.
Nichtglatte Modellierung ist in allen weiteren Stoßbohruntersu-
chungen [Wiercigroch, Wojewoda, Krivtsov 2000], [Neumann et al. 2007],
[Potthast et al. 2007a] oder auch bei Druckh¨
ammern in Druckmaschinen
notwendig. Eine weitere Anwendung von Ultraschallwellen in Bohrprozessen
ist im DFG-Projekt Tieflochbohren zu finden, in dem h¨
ohere Bohrraten und
exaktere Bohrergebnisse durch ultraschall¨
uberlagertes Bohren erm¨
oglicht
werden [Potthast et al. 2007b].
”Bouncing Ball“ Systeme
Im System des Stoßbohrers, der in [Bar-Cohen et al. 2001b],
[Badescu et al. 2005] und Kapitel 3vorgestellt wird, bewegt sich eine
freie Stoßmasse zwischen einer oszillierenden Transducerspitze und der
R¨
uckseite eines Bohrstabes. Die Stoßmasse kann aufgrund ihrer geringen
Gr¨
oße und Masse als starres Element angesehen werden. Somit wird sie
in Modellen als Massepunkt beschrieben. Ein vergleichbares System, das
Mathematiker und Physiker schon lange besch¨
aftigt, ist unter dem Namen
”bouncing ball“ bekannt. In der Partikel-Physik fand das System Anwen-
dung, wobei hierf¨
ur mit rein elastischen St¨
oßen (Stoßzahl 1.0) gerechnet
wird. Mittlerweile stellt das Bouncing Ball System ein Standard-Beispiel der
Stoßdynamik und mathematischen Analyse nichtglatter Systeme dar. Sehr
detailliert wurde es bisher untersucht, unter anderen von [Holmes 1982],
[Guckenheimer & Holmes 1983], [Tufillaro, Mello, Choi, Albano 1986],
[Mello, Tufillaro 1985]. Mitunter wird das Modell des Bouncing Ball Sys-
tems sogar ”dissipative Standard-Abbildung“ genannt. Dabei wird oft die
vereinfachende Annahme getroffen, die Flugh¨
ohe l¨
age um Gr¨
oßenordnungen
¨
uber der Schwingamplitude der Anregung [Holmes 1982]. Nur mit
dieser Annahme ist es m¨
oglich, die Abbildung explizit zu definieren.
[Tufillaro, Mello, Choi, Albano 1986] stellen jedoch eine implizite, exakte
Abbildung auf und weisen Periode-1-Fixpunkte samt deren Stabilit¨
at durch
Linearisieren und Vorzeichenauswerten der Eigenwerte analytisch nach.
So lassen sich f¨
ur die Parameterebene ”Anregeamplitude ¨
uber Quadrat
der Anregefrequenz“ Grenzkurven zwischen Gebieten unterschiedlicher
Periodizit¨
at bestimmen, die erstaunlicherweise alle Geraden sind.
29
KAPITEL 4. MODELLIERUNG UND ANALYSE NICHTGLATTER
DYNAMIK — STAND DER TECHNIK
Die ¨
Ahnlichkeiten des Bouncing Ball Systems mit dem Ultraschall-
Stoßbohrsystem aus Kapitel 3, das in den folgenden Kapiteln in unter-
schiedlichen Modellen beschrieben und untersucht wird, beschr¨
anken sich
auf die Modellierungsweise mit Newtons Stoßzahl und die Art der Phasen-
raumdarstellung. [Brogliato 1996] benennt die Abbildungsvorschriften, die
als Differenzengleichung die Bewegungsgleichungen f¨
ur Stoßsysteme ohne
speichernde Elemente darstellen, ”impact map“ und hat damit gleichzeitig
die Poincar´e-Abbildung f¨
ur derartige Systeme definiert. Neu bez¨
uglich
der nichtlinearen Systemtheorie ist, dass in der Poincar´e-Abbildung der
”impact map“ die m¨
oglicherweise unregelm¨
aßigen Stoßzeitpunkte anstelle
periodischer Zeitpunkte gew¨
ahlt werden. Somit ist die Poincar´e-Abbildung
bereits durch die Differenzenbewegungsgleichung gegeben.
In einem wesentlichen Punkt unterscheidet sich die Dynamik der
Stoßmasse im Ultraschall-Stoßbohrer stark von der des ”bouncing balls“:
letzterer ist unbeschr¨
ankt bzgl. seiner Flugh¨
ohe. Somit l¨
asst eine hohe
Abfluggeschwindigkeit eine große Flugh¨
ohe und somit eine lange Flugzeit
folgen. Im Stoßbohrer gilt dieser Zusammenhang reziprok: die Flugh¨
ohe
ist beschr¨
ankt; somit bedingt eine große Abfluggeschwindigkeit der Masse
eine kurze Flugdauer. Vielfach finden die analytischen, numerischen oder
experimentellen Untersuchungen des ”bouncing balls“ in der Literatur
in einem unteren Frequenzbereich statt, indem Anregeperiode und Stoß-
periode gleiche Gr¨
oßenordnung haben k¨
onnen. Den Besonderheiten, die
bei Frequenzen im Ultraschallbereich auftreten, ist noch nicht Rechnung
getragen worden. So bedingen die im Vergleich zur Anregeoszillation
m¨
oglicherweise flachen Flugbahnen besondere Ber¨
ucksichtigung beim
numerischen L¨
osen der impliziten Bewegungsgleichungen. Auf einen speziell
auf dieses Problem zugeschnittenen Algorithmus wird in Unterkapitel
5.3 eingegangen. Weiterhin ist es notwendig, sogenannte Mehrfachst¨
oße
(siehe dazu Fußnote auf Seite 37) gesondert zu ber¨
ucksichtigen: unter
bestimmten Voraussetzungen kann es zwischen Oszillator und Stoßmasse
zu wiederholtem Aufeinanderstoßen kommen, bevor ein vollst¨
andiges L¨
osen
der Stoßmasse vom Oszillator m¨
oglich ist.
In den folgenden Kapiteln dieser Arbeit wird das oben beschriebene,
dynamische System mit begrenzter Flugh¨
ohe in zwei Varianten analy-
tisch untersucht. Im ersten Modell (Unterkapitel 5.1) wird die begrenzte
Flugh¨
ohe auf einem festen Wert gehalten; im zweiten Modell (Unterkapi-
tel 5.2) ist die Flugh¨
ohe variabel und wird als Systemzustand aufgenommen.
30
Kapitel 5
Modellierung des
Ultraschall-Stoßbohrers
Notwendiger und wesentlicher Schritt hin zur analytischen oder numerischen
Untersuchung eines realen Systems ist zun¨
achst die mathematische Abbil-
dung des Systems in einem Modell. Diesem ersten Schritt muss Beachtung
geschenkt werden, da von der G¨
ute eines Modells nachweislich die Ergeb-
nisse einer Simulation, die Optimierung von Systemeigenschaften oder die
Systemauslegung abh¨
angen.
Ein Modell beschreibt stets ein Abbild der Natur. H¨
aufig idealisiert man
darin Eigenschaften, die f¨
ur das Systemverhalten keine oder nur unterge-
ordnete Rollen spielen und abstrahiert das Verhalten auf die wesentlichen,
zu untersuchenden Merkmale.
Modelle realer Systeme k¨
onnen in bestimmten F¨
allen als konservativ –
also energieerhaltend – angen¨
ahert werden, und unter Umst¨
anden kann eine
lineare Formulierung brauchbare L¨
osungen liefern. Wichtige Ph¨
anomene der
meisten realen, mechanischen Systeme sind jedoch auf Nichtlinearit¨
aten und
Dissipation mechanischer Systemenergie zur¨
uckzuf¨
uhren, was oft eine
•dissipative und
•nichtlineare Modellierung erfordert.
Dissipativ — also energieverzehrend — sind reale Systeme, weil die me-
chanische Systemenergie entweder durch mechanische Reibung, D¨
ampfung
oder durch inelastische St¨
oße dissipiert1wird.
Lineare Systeme sind zwar in bestimmten F¨
allen in der Lage, einen ers-
ten Eindruck des Systemverhaltens zu geben. F¨
ur eine Vorhersage s¨
amtlicher
tats¨
achlicher Ph¨
anomene eines realen Modells sind nichtlineare Terme in den
Modell-Differentialgleichungen jedoch unerl¨
asslich. F¨
ur die Analyse hat das
Konsequenzen: w¨
are ein dissipatives System linear, so bes¨
aße es genau eine
stabile L¨
osung, zu der jegliches Langzeitverhalten hin tendiert. Nichtlinea-
re Systeme beinhalten besondere Ph¨
anomene wie die Koexistenz mehrerer
1Dissipation bedeutet w¨
ortlich ”Zerstreuung“ und bezeichnet damit die Zerstreuung
mechanischer Energie, die dadurch in W¨
arme umgewandelt wird und somit als f¨
ur das
mechanische System verloren gilt.
31
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
Attraktoren, nichtperiodisches (also chaotisches) Verhalten, selbst wenn das
System periodisch angeregt wird, und unterschiedliche Arten von Bifurka-
tionen, also pl¨
otzliches ¨
Andern von L¨
osungseigenschaften wie Vielfachheit,
Form, Art, Ausdehnung und Stabilit¨
at, wenn ein Systemparameter seinen
Wert infinitesimal2variiert. Dergleichen Ph¨
anomene nichtlinearer Systeme
verlangen besondere Analysemethoden, die f¨
ur lineare Systeme nicht n¨
otig
sind.
Systemzustand und Parameter
Das Verhalten eines Systems h¨
angt von System- und Prozessparametern ab.
Systemparameter bemessen Eigenschaften, die dem System fest anhaften.
Prozessparameter sind Gr¨
oßen, die sich w¨
ahrend des Betriebes ergeben oder
eingestellt und ver¨
andert werden k¨
onnen.
Von den folgenden Parametern h¨
angt das Verhalten des Ultraschall-
Stoßbohrers ab:
Systemparameter sind
•Materialeigenschaften wie Dichte oder Elastizit¨
at des Transducers (Os-
zillators), des Bohrers und der freien Stoßmasse,
•Oberfl¨
achenbeschaffenheiten (Rauhigkeit, Kr¨
ummung, H¨
arte) der
Kontaktfl¨
achen, die in St¨
oße involviert sind,
•Geometriegr¨
oßen (L¨
angen und Querschnittsfl¨
achen der K¨
orper) und
•mechanische Vorspannung der Piezokeramiken.
Prozessparameter sind
•elektrische Anregespannung,
•Anregefrequenz,
•Anpressdruck des Bohrers auf das Bohrgut (Gestein),
•Flugabstand der Stoßmasse und
•Umgebungstemperatur.
Ein mathematisches Modell will das Verhalten eines Systems beschrei-
ben. Der Begriff des Systemverhaltens bezeichnet die Angabe des gesamten
Systemzustands zu allen Zeiten. Unter dem Systemzustand versteht man die
zahlenwertige Angabe s¨
amtlicher Zustandsgr¨
oßen, die den Systemzustand
eindeutig definieren.
Zeitabh¨
angige, ver¨
anderliche Zustandsgr¨
oßen k¨
onnen z. B.
•Schwerpunktsgeschwindigkeiten aller starren K¨
orper in drei Dimensio-
nen,
•Schwerpunktspositionen aller starren K¨
orper in drei Dimensionen,
2infinitesimal: unendlich klein werdend
32
•Winkelgeschwindigkeiten aller starren K¨
orper in drei Dimensionen,
•Winkellagen aller starren K¨
orper in drei Dimensionen oder
•Verformungen der elastischen K¨
orper in drei Dimensionen
sein.
Ein Modell mit dem Anspruch der Vollst¨
andigkeit w¨
urde versu-
chen, in Abh¨
angigkeit aller System- und Prozessparameter die zeitlichen
Ver¨
anderungen all dieser Zustandsgr¨
oßen miteinander in Beziehung zu set-
zen. Der Aufwand, ein Systemverhalten derart vollst¨
andig zu beschreiben,
w¨
are enorm. Es erg¨
abe sich eine Komplexit¨
at hohen Ausmaßes, die numeri-
sches L¨
osen kaum noch m¨
oglich machte. Schließlich w¨
are die Flut an Ergeb-
nisdaten nicht mehr auswert- oder begreifbar.
Daher ist es das Ziel des Wissenschaftlers zu erkennen, welche System-
gr¨
oßen f¨
ur eine Analyse des Verhaltens berechnet werden m¨
ussen und wel-
che Parameter die Entwicklung der Systemgr¨
oßen maßgeblich beeinflussen.
Dabei ist es ein bew¨
ahrtes Vorgehen, sich von sehr einfach gehaltenen Mo-
dellen, die reales Verhalten noch zu ungenau wiedergeben werden, hin zu
aufw¨
andigeren Modellen zu verbessern, um die Komplexit¨
at so gering wie
m¨
oglich und nur so hoch wie n¨
otig zu halten.
Modellierungsvorgehen f¨
ur den Ultraschall-Stoßbohrer
In Kapitel 3wurde das reale System des Ultraschall-Stoßbohrers vorgestellt.
Das vorliegende Kapitel wird sich der modellhaften Beschreibung von
dessen Eigenschaften in mathematischer Sprache widmen. Es werden zwei
Modelle hergeleitet werden: zun¨
achst ein einfaches, grundlegendes Modell in
Unterkapitel 5.1. Es dient in erster Linie einer Einf¨
uhrung in die Thematik
der nichtglatten Systemanalyse. Es ist bewusst einfach gehalten und zeigt
dem Leser so das Potential der mengenorientierten Numerik, mit der
die Modelle in Kapitel 7untersucht und studiert werden. Die Zahl der
Zustandsgr¨
oßen bleiben hier auf zwei beschr¨
ankt; dieses Modell fokussiert
ausschließlich auf die Bewegung der freien Stoßmasse.
Jede Modellierung der Wirklichkeit abstrahiert das tats¨
achliche
Verhalten auf diejenigen Vorg¨
ange, die f¨
ur den Zweck der angestrebten Un-
tersuchungen relevant erscheinen. Gleichzeitig stellt man Zusammenh¨
ange
idealisiert dar. So reduziert man z. B. einen K¨
orper auf eine Punktmasse,
wenn Wellenausbreitungen innerhalb des K¨
orpers und Verformungen
vernachl¨
assigbar sind und man annehmen darf, dass er nur translatorische
(und keine rotatorischen) Bewegungen ausf¨
uhrt. In dieser Vernachl¨
assigung
stecken zwei Annahmen: erstens nimmt man an, dass sich das gesamte
System, in dem dieser K¨
orper eine Komponente ist, genau so verh¨
alt,
wie wenn es sich um einen starren, also unverformbaren K¨
orper handeln
w¨
urde. Zweitens geht man davon aus, dass Rotationen des K¨
orpers mit
endlicher Ausdehnung entweder nicht stattfinden oder so klein sind, dass
sie das untersuchte Verhalten des Gesamtsystems nicht beeinflussen. Die
Bewegungsgleichungen k¨
onnen dann einfach gehalten werden, was eine
33
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
wichtige Voraussetzung f¨
ur eine Analyse darstellt.
Prinzipiell ist es wichtig, der Modellierung zugrundeliegende Annahmen
zu validieren. F¨
ur die Validierung des einfach gehaltenen Modells aus Kapitel
5.1 wurde ein reales System im Labor untersucht. Der Pr¨
ufstand und die
Messverfahren werden in Kapitel 6beschrieben. Der Vergleich des Modells
mit der Wirklichkeit wird im Unterkapitel 6.5 durchgef¨
uhrt.
Das zweite Modell, das anschließend in Unterkapitel 5.2 hergeleitet wird,
stellt eine Verfeinerung des ersten Modells in einigen Aspekten dar: die im
realen Bohrsystem freie Beweglichkeit des Oszillators wird in dieses Modell
mit zwei zus¨
atzlichen Zustandsgr¨
oßen aufgenommen. Außerdem werden der
Prozessparameter Anpresskraft und der Systemparameter Oszillatormasse
zus¨
atzlich in die Modellgleichungen einfließen.
Unterkapitel 5.3 geht im Detail auf die Implementierung eines L¨
osungs-
algorithmus ein, der die f¨
ur die Modellgleichung erforderliche Bestimmung
der Schnittpunkte einer gegebenen Gerade mit einer Kosinusfunktion und
einer gegebenen Parabel mit einer Kosinusfunktion vornimmt. Im Kontext
dieser Anwendung ist es nicht von Belang, alle Schnittpunkte zu finden,
sondern es ist wichtig, den numerisch kleinsten der Menge an Schnittpunkten
zu identifizieren, da dieser den Zeitpunkt des Stoßkontaktes zwischen zwei
Stoßk¨
orpern des Stoßbohrsystems beschreibt.
5.1 Herleitung eines Modells 2. Ordnung
Die Bewegung der frei-fliegenden Masse innerhalb des Stoßbohrers ist von
zentraler Bedeutung f¨
ur die Funktionsweise des Bohrsystems. In diesem Un-
terkapitel wird ein einfaches Modell in Form von mathematischen Bewe-
gungsgleichungen aufgestellt. Es modelliert ein einfaches Schwingstoßsystem,
das in den folgenden Kapiteln simuliert und schließlich unter Anwendung der
mengenorientierten Methoden untersucht wird.
5.1.1 Zeitdiskrete Modellierung
Dieser Abschnitt leitet ein System zeitdiskreter Bewegungsgleichungen
2. Ordnung – also mit zwei Zustandsvariablen — her. Bild 5.1 zeigt eine Skiz-
ze des Modells. Die Bohrrichtung ist in der schematischen Skizze bewusst
horizontal angenommen, um gedanklich den Einfluss eines Gravitationsfeldes
auf die Bewegung der Masse zu vernachl¨
assigen. Wegen der kurzen Flugzei-
ten der Masse zwischen zwei Richtungswechseln ist diese Annahme selbst
f¨
ur das Bohren vertikaler L¨
ocher n¨
aherungsweise gerechtfertigt bzw. gilt im
Falle horizontalen Bohrens. Der Bohrstab ist hier mit seiner systeminneren
Kontaktseite als starre, unbewegliche Wand (Prallplatte) dargestellt. Die
Starrk¨
orperbewegungen des gesamten Oszillators werden in diesem Modell
vernachl¨
assigt, um zun¨
achst mit wenigen Freiheitsgraden die Komplexit¨
at
des Modells zu begrenzen und sich ganz auf die Dynamik der Masse zu kon-
zentrieren. Demzufolge ist die Anregung durch die Oszillatorspitze allein als
eine harmonische Fußpunkterregung dargestellt.
34
5.1. HERLEITUNG EINES MODELLS 2. ORDNUNG
Vk
−Uk
α1α2
u
Wk=−u0Ω sin Ωtk
x
h
Oszillatorspitze
Prallplatte
Bild 5.1: Einfaches Modell 2. Ordnung des Stoßbohrers
Von 5 Systemparametern h¨
angt das Modellverhalten ab:
Prozessparameter sind
•u0: Anregeamplitude und
•Ω: Anregekreisfrequenz,
Modellparameter sind
•α1,α2: Stoßzahlen nach Newton und
•h: Abstand zwischen Nulllage der harmonischen Fußpunkterregung
und Prallplatte.
Wk,Uk,Vkbezeichnen die Geschwindigkeiten der Oszillatorspitze, der
Stoßmasse vor und der Stoßmasse nach dem Stoß k; dabei zeigt die
positive Bewegungsrichtung nach rechts. usymbolisiert die Position der
Oszillatorspitze.
In vielen F¨
allen werden Bewegungsgleichungen in zeitkontinuierlicher
Form, also als Differentialgleichungssystem aufgestellt. Dies kann sinnvoll
sein, wenn eine stetige, kontinuierliche und glatte Bewegung beschrieben
werden soll. Bei nichtglatten Systemen wie dem Vorliegenden wechselt das
System bei jedem Stoßkontakt die Bewegungsgleichungen. Die Dynamik l¨
asst
sich dann nicht mehr in Form eines geschlossenen Differentialgleichungssys-
tems beschreiben. Es eignet sich hier eine zeitdiskrete Formulierungsweise.
Der Systemzustand wird nicht mehr kontinuierlich zu jeder Zeit tdefiniert,
sondern nur zu diskreten Zeitpunkten. F¨
ur den Stoßbohrer ist es sinnvoll,
diese Zeitpunkte in die Augenblicke zu legen, in denen die Stoßmasse auf
den Oszillator st¨
oßt. In diesen Momenten wird der Systemzustand durch die
Phasenlage des Stoßes in Bezug auf die harmonische Anregung und die Ab-
fluggeschwindigkeit der Masse nach dem Stoß eindeutig definiert. Aus diesen
zwei Zustandsgr¨
oßen l¨
asst sich problemlos der gesamte Bewegungsverlauf bis
zum n¨
achsten Masse-Oszillator-Stoß ableiten.
Ein System von zwei Differenzengleichungen wird aufgestellt. Es definiert
eine Abbildungsvorschrift, die vom Stoßzustand jauf den Stoßzustand j+ 1
abbildet. ¨
Ahnliche Vorgehensweisen zur Modellierung von Stoßsystemen
35
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
sind aus [Holmes 1982], [Guckenheimer & Holmes 1983], [Brogliato 1996],
[Mello, Tufillaro 1985] oder [Neumann & Sattel 2007] bekannt.
Folgende vereinfachende Annahmen wurden f¨
ur diese erste Modellbil-
dung getroffen:
•die harmonische Oszillatorschwingung l¨
asst sich nicht durch die St¨
oße
der Stoßmasse beeinflussen, d. h. die Verschiebung u(t) der Oszillator-
spitze wird als harmonische Fußpunkterregung fest vorgegeben.3
•die Starrk¨
orperbewegungen des Bohrstabes werden vernachl¨
assigt, die
Kontaktfl¨
ache des Bohrstabes mit der Kugel wird als eine Prallplatte
abgebildet.
•die Starrk¨
orperbewegungen des gesamten Oszillators werden in diesem
Modell zun¨
achst ignoriert.
•das systeminnere Bohrstabende — hier als Prallplatte modelliert —
und die Mittelposition u= 0 der Oszillatorspitze befinden sich in kon-
stantem Abstand hzueinander.
•der Stoßvorgang zwischen dem Oszillator und der Stoßmasse wird als
unendlich kurz angesehen und durch Newtons Stoßhypothese mit Stoß-
zahl α1beschrieben.
•der Stoßvorgang zwischen der Stoßmasse und dem systeminneren
Bohrstabende (Prallplatte) wird ebenfalls durch die Stoßhypothese mit
Stoßzahl α2beschrieben.
•Gravitation beeinflusst die Bewegungen nicht4.
5.1.2 Herleitung zeitdiskreter Bewegungsgleichungen
Zwischen zwei St¨
oßen f¨
uhrt die modellierte Stoßmasse eine unged¨
ampfte Be-
wegung konstanter Geschwindigkeit aus. Somit ist es angebracht, ihr Lang-
zeitverhalten wie oben beschrieben als zeitdiskrete Entwicklung aufeinander-
folgender Kontakte mit dem Oszillator zu beschreiben. Anstelle von zeitkon-
tinuierlichen Zustandsgr¨
oßen x(t),˙x(t) werden zur eindeutigen Beschreibung
des Systemzustands die Zustandsvariablen
•tk, Zeitpunkt des k-ten Kontaktes zwischen Stoßmasse und Oszillator
und
•Vk, Geschwindigkeit der Stoßmasse nach dem k-ten Stoß am Oszillator
verwendet. Die Abbildung (tk, Vk)7→ (tk+1, Vk+1) wird als Differenzenglei-
chungssystem definiert, das im Folgenden hergeleitet wird.
3Zur Validierung dieser Annahme siehe Unterkapitel 6.1.2, Seite 56.
4Weil die Gravitationskraft nicht auf die Stoßmasse wirkt, fließt die Gr¨
oße der Stoß-
masse in dieses Modell nicht ein.
36
5.1. HERLEITUNG EINES MODELLS 2. ORDNUNG
Die Fußpunktverschiebung u(t) des harmonisch schwingenden Oszillators
sei vorgegeben als
u(t) = u0cos Ωt . (5.1)
F¨
ur die Herleitung der Modellgleichungen f¨
uhren wir drei Geschwindig-
keiten als Hilfsgr¨
oßen ein, die auch in Skizze 5.1 enthalten sind:
Uk:= ˙x(tk−), Vk:= ˙x(tk+), Wk:= ˙u(tk),(5.2)
Ukund Vkbezeichnen die Geschwindigkeit der Stoßmasse vor bzw. nach
dem Stoß kam Oszillator, und Wkist die Oszillatorgeschwindigkeit zum
Stoßzeitpunkt.
Die St¨
oße der Stoßmasse mit dem Oszillator bzw. der Prallplatte sind
teilelastisch. Die Energiedissipation beim Stoß wird mittels Stoßzahlen nach
Newton ber¨
ucksichtigt, die wie folgt definiert werden:
α1: Stoßzahl zwischen Oszillator und Stoßmasse:
α1:= −Vk−Wk
Uk−Wk
Vk+1 = (1 + α1)Wk+1 −α1Uk+1 (5.3)
α2: Stoßzahl zwischen Stoßmasse und Bohrstab:
α2:= −Uk+1
Vk
Uk+1 =−α2Vk(5.4)
Mit dem unver¨
anderlichen Abstand hzwischen der Mittelposition der
Oszillatorspitze und der Prallplatte kann die Zeitspanne zwischen zwei auf-
einanderfolgenden St¨
oßen am Oszillator berechnet werden, wenn man von
der M¨
oglichkeit eines Mehrfachstoßes5absieht:
tk+1 −tk= ∆tOszillator→Prallplatte + ∆tOszillator←Prallplatte
=h−u(tk)
Vk
+h−u(tk+1)
−Uk+1
.(5.5)
Einsetzen von Uk+1 aus Gl. (5.4) und u(t) aus Gl. (5.1) und Umstellen
f¨
uhrt auf
0 = tk+1 −tk−1
Vkh1 + 1
α2−u0cos Ωtk−u0
α2
cos Ωtk+1.(5.6)
Die transzendente6Gleichung (5.6) kann explizit nicht nach der gesuch-
ten Zustandsgr¨
oße tk+1 aufgel¨
ost werden. Die zweite zeitdiskrete Zustands-
gleichung gibt die Folge der Abfluggeschwindigkeiten Vknach jedem Masse-
Oszillator-Stoß an. Sie folgt aus Gl. (5.3) durch Einsetzen von (5.2) und
(5.4):
Vk+1 =α1α2Vk−(1 + α1)u0Ω sin Ωtk+1 .(5.7)
5Ein sogenannter Mehrfachstoß meint in diesem Zusammenhang einen Mehrfachstoß
am Oszillator und bezeichnet das mehrfache Aufeinandertreffen von freier Stoßmasse
und Oszillator, ohne dass die Stoßmasse dazwischen Kontakt mit der Prallplatte hat.
Dies geschieht immer dann, wenn Vk<0 oder wenn Vkeinen betragsm¨
aßig kleinen Wert
erreicht. Dann n¨
amlich wird die Stoßmasse den Aktionsradius (u0) der Oszillatorspitze
nicht verlassen, bevor sie von der harmonischen Schwingung wiederholt eingeholt wird.
6transzendent: siehe Fußnote auf Seite 45.
37
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
Somit ist das System von zwei Differenzengleichungen mit den Zustands-
gr¨
oßen xk= [Vk, tk]Tdefiniert durch die implizite Gleichung
g(xk+1,xk) = 0(5.8)
mit
g(xk+1,xk) :=
tk+1 −tk−1
Vkhh1 + 1
α2−u0cos Ωtk−u0
α2cos Ωtk+1i
Vk+1 −α1α2Vk+ (1 + α1)u0Ω sin Ωtk+1
.
(5.9)
5.1.3 Notwendigkeit transzendenter Bewegungsglei-
chungen
W¨
unschenswert ist es, die die Bewegung beschreibende Differenzengleichung
(5.9) in einfacherer, also expliziter Form zu formulieren, um sie analytisch
l¨
osen und eine Zeitreihe berechnen zu k¨
onnen. Guckenheimer und Hol-
mes [Guckenheimer & Holmes 1983] bzw. Holmes [Holmes 1982] treffen im
Bouncing-Ball Problem (siehe Unterkapitel 4.3) die Annahme, die Flugh¨
ohe
der Masse sei der Oszillatoramplitude um Gr¨
oßenordnungen ¨
uberlegen, wes-
halb die sich ¨
andernde Oszillatorspitzenposition vernachl¨
assigt werden kann.
Im realen Stoßbohrer stellt sich dieser Abstand jedoch variabel ein und
nimmt mitunter sehr kleine Werte an.
F¨
ur das vorliegende, einfach gehaltene Modell wollen wir uns jedoch auf
feste Abst¨
ande hin der Gr¨
oßenordnung von Millimetern beschr¨
anken, wie
sie auch sp¨
ater in einem Laborexperiment eingestellt werden sollen (Un-
terkapitel 6.1). Realistische Amplitudenwerte der Oszillatorspitze liegen im
Bereich von ca. 10 µm. Wir k¨
onnten vereinfachend die Annahme treffen, dass
die Masse nahezu auf einer H¨
ohe von 0 m mit dem Oszillator kollidiert. Der
relative Fehler, den wir in Kauf nehmen m¨
ussten, l¨
age lediglich bei
∆s
s<u0
h=10µm
1mm = 1% (5.10)
und erscheint hinnehmbar. Wird also in Gleichung (5.5)
u(tk)≈u(tk+1)≈0 (5.11)
angenommen, folgt anstelle von Gleichung (5.6) f¨
ur die Flugdauer
tk+1 −tk=h
Vk1 + 1
α2mit ∆(tk+1 −tk)
tk+1 −tk≈1% .(5.12)
Wie setzt sich dieser geringe Fehler nun aber in der unver¨
andert geltenden
Gl. (5.7)
Vk+1 =α1α2Vk−(1 + α1)u0Ω sin Ωtk+1 (5.13)
fort? Die Flugdauer tk+1 −tkmit einem relativen Fehler von 1% geht hier in
die Sinus-Funktion ein. Wegen ihrer Periodizit¨
at muss der absolute Fehler
38
5.1. HERLEITUNG EINES MODELLS 2. ORDNUNG
des Arguments herangezogen und auf eine Periodendauer bezogen werden.
In Laborversuchen wird sich sp¨
ater zeigen, dass f¨
ur h= 5 mm Flugdau-
ern von bis zu 50 ms erreicht werden k¨
onnen (siehe Bild 6.6). Bei einer
Frequenz von 20 kHz entspricht ein 1%-Fehler der Flugdauer bereits dem
10-fachen einer Periodendauer. Somit k¨
onnte bereits jedes Argument des Si-
nus innerhalb einer Periode fehlerhaft erreicht werden. Der relative Fehler
der Geschwindigkeits-Zustandsgr¨
oße kann wie folgt nach oben abgesch¨
atzt
werden:
∆Vk+1
Vk+1 ≤(1 + α1)u0Ω (max[sin Ωtk+1]2π
0−min[sin Ωtk+1]2π
0)
α1α2Vk−(1 + α1)u0Ω sin Ωtk+1
=2(1 + α1)u0Ω
α1α2Vk−(1 + α1)u0Ω sin Ωtk+1
≤2(1 + α1)u0Ω
α1α2Vk−(1 + α1)u0Ω
=2
Vk
u0Ω
α2
1+1/α1−1(5.14)
F¨
ur α1∈[0,1] und α2∈[0,1] ist der Term
α2
1 + 1/α1∈[0,0.5] .
F¨
ur Ω = 2π·20 kHz ≈1.3·105rad/s, u0∈[1,10] µm und Vk∈[0.1,10] m/s
ist der Term Vk
u0Ω∈[0.08,1.3] .
Somit ist der gesuchte relative Fehler
∆Vk+1
Vk+1 ∈[−200,8]% .(5.15)
Mit bis zu 200% Abweichung vom tats¨
achlichen Wert f¨
ur die Abflug-
geschwindigkeit Vkfolgt die Notwendigkeit, f¨
ur die genaue Abflugposition
die momentane Auslenkung u(tk) der Oszillatorspitze zum Abflugzeitpunkt
mit zu ber¨
ucksichtigen, was auf die transzendente, implizite Differenzenglei-
chung (5.6) f¨
uhrt.
Diese Notwendigkeit k¨
onnte bez¨
uglich des realen Experiments allenfalls
dadurch relativiert werden, dass eine pr¨
azise Festlegung des Abstandes h
kaum m¨
oglich ist; weiterhin wird sp¨
ater eine starke Empfindlichkeit des Ver-
haltens bez¨
uglich der Stoßzahlen festgestellt (Kapitel 6.2.3), die im Modell
als konstant angenommen werden.
5.1.4 Mehrfachst¨
oße
Die Abbildungsfunktion (5.9) beschreibt die Bewegung der Stoßmasse un-
ter der Annahme, dass sie nach einem Stoß am Oszillator direkt auf die
39
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
Prallplatte zufliegt. Tats¨
achlich kann es jedoch vorkommen, dass sie vor-
her mehrfach auf den Oszillator st¨
oßt. Diesen Vorgang bezeichnet man als
Mehrfachstoß. Sein Auftreten ist selten und wird von kleinen oder negativen
Abfluggeschwindigkeiten Vkverursacht. In solchen F¨
allen verl¨
asst die Masse
den Aktionsradius des schwingenden Oszillators nicht, bevor dessen Spitze
wiederholt auf die Masse trifft. Bild 5.2 zeigt m¨
ogliche F¨
alle eines doppelten
und eines dreifachen Mehrfachstoßes. Nach jedem Stoß der Masse am Oszil-
t
ex(t)
u(t)
Bild 5.2: Zeitverlauf der Stoßmasse ex(t) sowie des Oszillators u(t) w¨
ahrend
Mehrfachst¨
oßen
lator lautet ihre kontinuierliche Bewegungsgleichung bis zum n¨
achsten Stoß
ex(t) = Vk(t−tk) + u0cos Ωtk.(5.16)
Ein Mehrfachstoß tritt genau dann auf, wenn ein tk+1 existiert mit
ex(tk+1) = u(tk+1),(5.17)
was auf die Bedingung
u0
Vk
(cos Ωtk+1 −cos Ωtk) = tk+1 −tk, tk< tk+1 (5.18)
f¨
uhrt. Numerisch zu bestimmen, ob ein tk+1 existiert, welches Gl. (5.18)
erf¨
ullt, stellt eine Herausforderung dar. Existiert solch ein tk+1 nicht, so
findet kein Mehrfachstoß statt und es ist die Abbildungsgleichung (5.9) zu
l¨
osen, um tk+1 zu bestimmen.
5.2 Herleitung eines verfeinerten zeitdiskre-
ten Modells
Das in Unterkapitel 5.1 untersuchte einfache Modell 2. Ordnung gab
einen konstanten Abstand zwischen Oszillatorschwerpunkt und Prallplat-
te (Bohrer) vor. Eine Eigenschaft des USDC-Prototypen ist jedoch ein sich
selbst¨
andig einstellender Abstand. Das folgende Unterkapitel leitet ein ver-
feinertes Modell her, das diesem Umstand gerecht wird. Es ber¨
ucksichtigt
die Starrk¨
orperbewegung des Aktors. Da in diesem Modell auch die Stoß-
masse durch den Einfluss der Schwerkraft beschleunigt wird, geht hier auch
40
5.2. HERLEITUNG EINES VERFEINERTEN ZEITDISKRETEN
MODELLS
ihre Masse als Parameter in die Gleichungen mit ein. Zur Erinnerung —
im ersten, einfacheren Modell spielte die Masse der Stoßmasse keine Rolle,
da hier kein Einfluss der Schwerkraft vorausgesetzt wurde (wie es etwa bei
horizontalem Bohren der Fall ist). Somit wurde die Bewegung allein durch
kinematische7Gesetze bestimmt.
5.2.1 Aufstellen des verfeinerten Modells 4. Ordnung
¯u(t) = u0cos Ωt
Oszillator
y(t)
u(t)
x(t)
FA
g
M
m
Bild 5.3: Verfeinertes Modell 4. Ordnung
Bild 5.3 zeigt den Oszillator, dessen unteres Ende infolge der angereg-
ten ersten L¨
angseigenmode (in der Skizze rechts vom Oszillator dargestellt)
harmonisch schwingt, und die Stoßmasse (dargestellt als Kugel). Die Posi-
tionen x(t) des Oszillators sowie y(t) der Stoßmasse werden als H¨
ohe ¨
uber
dem Boden gemessen. So kann die Auslenkung des Oszillator-St¨
oßels u(t)
als eine an den Oszillator gekoppelte Bewegung ¯u(t) := u0cos Ωtformuliert
werden:
u(t) = x(t)−¯u(t).(5.19)
Um ein Eindringen der K¨
orper ineinander auszuschließen, wird voraus-
7Die Kinematik ist die Lehre von der Bewegung von K¨
orpern. Nur geometrische
¨
Uberlegungen fließen in die kinematischen Gesetze ein. Im Ggs. dazu ist die Kinetik die
Lehre von der Wirkung von Kr¨
aften.
41
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
gesetzt:
0≤y(t)∀tund y(t)≤u(t)∀t . (5.20)
Auf den Oszillator wirke die Anpresskraft FA. Diese kann positiv, nega-
tiv oder Null sein. Auf beide K¨
orper wirke außerdem ihre Gewichtskraft.
Von 7 Systemparametern h¨
angt das Modellverhalten ab:
Prozessparameter sind
•u0: Schwingamplitude der Oszillatorspitze,
•Ω: Anregekreisfrequenz,
•FA/M: Oszillatorschwerpunktsbeschleunigung aus Anpresskraft und
•g: Erdbeschleunigungskomponente in L¨
angsrichtung;
Modellparameter sind
•α1,α2: Stoßzahlen nach Newton und
•µ=M
m: Massenverh¨
altnis Oszillatormasse zu Stoßmasse.
Vier Zustandsgr¨
oßen
Im Betrieb des Bohrers kommt es zu Stoßkontakten zwischen den drei Kon-
taktpartnern Oszillatorspitze, freie Stoßmasse (im Folgenden als ”Kugel“
bezeichnet) und dem inneren Ende des Bohrstabes. Dieses Ende des Bohr-
stabes soll im Folgenden mit ”Prallplatte“ bezeichnet werden, um auf seine
Starrheit und Fixiertheit hinzuweisen, die wir in dieser Modellierung voraus-
setzen. Zwischen zwei aufeinanderfolgenden St¨
oßen f¨
uhren die beiden beweg-
lichen K¨
orper Oszillator und Kugel freie, beschleunigte Bewegungen durch,
die dem zweiten Newtonschen Axiom (Kraft pro Masse = Beschleunigung)
gehorchen und durch Anfangsgeschwindigkeit sowie Anfangsauslenkung ein-
deutig festgelegt sind. Somit gen¨
ugt zur eindeutigen Beschreibung der Bewe-
gungen der beiden K¨
orper allein die Angabe des Bewegungszustands beider
K¨
orper nach jedem Stoß sowie die Angabe des Zeitpunktes, an dem der je-
weilige Stoß stattfand. Bis zum Auftreten des n¨
achsten Stoßes k¨
onnen die
Bewegungen damit als gegeben angesehen werden.
Folglich wird der dynamische Zustand des Systems nur zu diskreten Zeit-
punkten beschrieben, n¨
amlich genau zu den Zeitpunkten, an denen ein Stoß
zwischen Kugel und Oszillator auftritt. Durch die folgenden vier Zustands-
gr¨
oßen wird der Systemzustand demnach vollst¨
andig beschrieben:
tk: Stoßzeitpunkt
x(tk) : Oszillator-Position im Stoßzeitpunkt
˙x(t+
k) : Oszillator-Geschwindigkeit direkt nach dem Stoß
˙y(t+
k) : Kugel-Geschwindigkeit direkt nach dem Stoß
42
5.2. HERLEITUNG EINES VERFEINERTEN ZEITDISKRETEN
MODELLS
Anmerkung: Da Kugel und Oszillator im Stoßzeitpunkt in Kontakt sind,
ist wegen x(tk) = y(tk) die Kugel-Position y(tk) im Stoßzeitpunkt ebenso
gegeben. Abk¨
urzend werden die Symbole
xk:= x(tk)
˙x+
k:= ˙x(t+
k)
˙y+
k:= ˙y(t+
k)
eingef¨
uhrt; damit lautet der Zustandsvektor
xk:= tk, xk,˙x+
k,˙y+
kT.(5.21)
Wie im Fall des einfachen, dynamischen, 2-dimensionalen Modells aus
Unterkapitel 5.1 wird die Dynamik also durch ein zeitdiskretes dynamisches
System definiert. Das heißt, die Bewegungsgleichungen werden durch ein
System von vier Differenzengleichungen gebildet, welche im Weiteren
aufgestellt werden sollen. Die Differenzengleichungen bilden den Zustand
des Systems im Zeitpunkt tkauf den Zustand im Zeipunkt tk+1 ab. Somit
handelt es sich hier um die Abbildung:
tk
xk
˙x+
k
˙y+
k
Abbildung von
−−−−−−−−−−−−−−−−→
Stoß knach Stoß k+ 1
tk+1
xk+1
˙x+
k+1
˙y+
k+1
Die Abbildungsvorschrift wird in den folgenden Abschnitten hergeleitet.
5.2.2 Berechnung des Stoßzeitpunktes tk+1
Die Bewegung der Kugel y(t) nach Stoß kist durch folgendes Anfangswert-
problem (AWP) gegeben:
¨y=−gBewegungsdifferentialgleichung
˙y(tk) = ˙y+
kAnfangsgeschw. (Abfluggeschw. v. Oszill.) (5.22)
y(tk) = u(tk) Anfangspos. (Kontakt mit Oszillator)
F¨
ur die Anfangsposition gilt
u(tk) = x(tk)−¯u(tk) = xk−u0cos Ωtk.(5.23)
L¨
osen des AWPs (5.22) f¨
uhrt auf die Bewegungsgleichung f¨
ur die Kugel
nach Stoß k:
y(t) = −g
2(t−tk)2+ ˙y+
k(t−tk) + xk−u0cos Ωtk, tk≤t < tk+1 .(5.24)
43
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
Die Bewegung des Oszillators x(t) nach Stoß kist gegeben durch das
AWP
¨x=−g−FA/M Bewegungsdifferentialgleichung
˙x(tk) = ˙x+
kAnfangsgeschw. (Abfluggeschw. v. Kugel)(5.25)
x(tk) = xkAnfangsposition
L¨
osen des AWPs (5.25) f¨
uhrt auf die Bewegungsgleichung f¨
ur den Oszil-
lator nach Stoß k:
x(t) = −g+FA/M
2(t−tk)2+ ˙x+
k(t−tk) + xk, tk≤t < tk+1 .(5.26)
Nun gilt es zu bestimmen, wann der n¨
achstfolgende Stoß auftritt: gesucht
ist tk+1 . Dabei muss zwischen zwei m¨
oglichen F¨
allen unterschieden werden:
1. M¨
oglichkeit: Stoß Kugel-Prallplatte zum Zeitpunkt tWkmit tk< tWk<
tk+1
Stoßbedingung: y(tWk) = 0
2. M¨
oglichkeit: Mehrfachstoß Kugel-Oszillator zum Zeitpunkt tk+1
Stoßbedingung: y(tk+1) = u(tk+1)
Unter der Annahme, nach dem Abflug der Kugel vom Oszillator geschieht
der n¨
achste Stoß der Kugel an der Prallplatte (1. M¨
oglichkeit), wird tWk,
also der Zeitpunkt des Stoßes zwischen Kugel und Prallplatte, aus folgender
Kontaktbedingung berechnet:
y(tWk) = 0,gesucht: tWk.(5.27)
Die Bedingung f¨
uhrt auf ein quadratisches Polynom in (tWk−tk), das
sich zu
tWk1,2=tk+1
g
˙y+
k∓s( ˙y+
k)2+ 2g(xk−u0cos Ωtk)
|{z }
=u(tk)>0
(5.28)
l¨
ost. Die Minus-L¨
osung interessiert nicht, da sie zu einem tWkmit tWk< tk
f¨
uhren w¨
urde, was physikalisch nicht m¨
oglich ist.
Unter der Annahme, es komme zum Mehrfachstoß (2. M¨
oglichkeit), also
einem wiederholten Kontakt zwischen Kugel und Oszillator ohne zwischen-
zeitlichen Kontakt mit der Prallplatte, wird der Kontaktzeitpunkt tMFS
k+1 ge-
sucht, an dem dieser Mehrfachstoß (MFS) auftritt. Die Bedingung f¨
ur einen
Oszillator-Kugel Kontakt ist
y(tMFS
k+1 ) = u(tMFS
k+1 )
=x(tMFS
k+1 )−¯u(tMFS
k+1 ).
44
5.2. HERLEITUNG EINES VERFEINERTEN ZEITDISKRETEN
MODELLS
Hier werden die Bewegungs-Funktionen y(t) (5.24), x(t) (5.26) und ¯u(t)
eingesetzt:
⇒ −g
2(tMFS
k+1 −tk)2+ ˙y+
k(tMFS
k+1 −tk) + xk−u0cos Ωtk
=−g+FA/M
2(tMFS
k+1 −tk)2+ ˙x+
k(tMFS
k+1 −tk) + xk−u0cos ΩtMFS
k+1
⇔FA
2MtMFS
k+1 −tk2+˙y+
k−˙x+
ktMFS
k+1 −tk
=−u0(cos ΩtMFS
k+1 −cos Ωtk) (5.29)
Gesucht ist nun das kleinste, reelle tMFS
k+1 mit tk< tMFS
k+1 , welches die letzte
Gleichung (5.29) l¨
ost, also:
tMFS
k+1 = min tMFS
k+1 |tk< tMFS
k+1 ∧y(tMFS
k+1 ) = u(tMFS
k+1 ).(5.30)
Diese Aufgabe stellt kein triviales Problem dar, da Gleichung (5.29)
transzendent8ist. Allgemein l¨
asst sich der Problemtypus folgendermaßen
formulieren: ”Finde s¨
amtliche Schnittpunkte zwischen einer Parabel und
einem Kosinus.“ Die Anzahl der Schnittpunkte variiert in Abh¨
angigkeit
von den Parametern zwischen Null und unendlich. Die Behandlung dieses
Problems wird im folgenden Unterkapitel 5.3 beschrieben.
Das aus Gleichung (5.29) gefundene tMFS
k+1 wird mit dem unter der
Prallplattenstoß-Annahme (1. M¨
oglichkeit) gefundenen tWk(Gleichung
(5.28)) verglichen:
Falls
tMFS
k+1 < tWk,
tritt ein Mehrfachstoß am Oszillator — und kein Prallplattenstoß — auf und
tk+1 ist gefunden:
tk+1 =tMFS
k+1 .
Andernfalls (tWk< tMFS
k+1 ∨tMFS
k+1 =∅) tritt ein Prallplattenstoß der
Kugel zum Zeitpunkt tWkauf (1. M¨
oglichkeit).
In diesem Fall muss noch der nachfolgende Stoßzeitpunkt tk+1 der Kugel
mit dem Oszillator bestimmt werden. Zun¨
achst wird angenommen, dass der
dem Prallplattenstoß folgende Stoß der Kugel mit dem Oszillator erfolgt.
(Es gibt seltene Situationen, in denen es zu einem Mehrfachstoß an der
Prallplatte kommen kann. Dies kann insbesondere dann passieren, wenn die
(Anpress)kraft FAnegativ ist. Siehe hierzu die Fußnote 13 auf Seite 77.)
8transzendente Gleichung: (lateinisch trancendere: ¨
uberschreiten) Eine Gleichung, die
keine algebraische Gleichung ist bzw. eine Gleichung, die unterschiedliche transzendente
Funktionen (Logarithmus, Exponentialfunktion, trigonometrische Funktion) enth¨
alt. Eine
transzendente Gleichung l¨
asst sich nur in impliziter Form darstellen. L¨
osungen k¨
onnen
numerisch oder grafisch, jedoch im Allgemeinen nicht analytisch gefunden werden.
45
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
Die absorbierte Energie beim Stoß der Kugel mit der Prallplatte wird
nach der Newtonschen Stoßhypothese ¨
uber die Stoßzahl α2modelliert, wel-
che wie folgt definiert ist:
α2:= |vKugel nach Stoß mit Prallplatte|
|vKugel vor Stoß mit Prallplatte|=˙y+
Wk
−˙y−
Wk
(5.31)
Darin ist ˙y−
Wk= ˙y(tWk) die Geschwindigkeit der Kugel vor dem Stoß mit der
Prallplatte und ˙y+
Wkdie Geschwindigkeit der Kugel nach dem Stoß mit der
Prallplatte. Wegen ˙y−
Wk<0 (Flug in negative Richtung) und |˙y+
Wk|<|˙y−
Wk|
(aufgrund Energiedissipation in jedem realen Stoß) gilt α2∈(0,1).
Aus Gleichung (5.31) folgt mit Gleichung (5.24)
˙y+
Wk=α2g(tWk−tk)−˙y+
k.(5.32)
Die Bewegung y2(t) der Kugel nach dem Stoß mit der Prallplatte wird
durch das Anfangswertproblem
¨y2(t) = −g
˙y2(tWk) = ˙y+
Wk(5.33)
y2(tWk) = 0
beschrieben, das von
y2(t) = −g
2(t−tWk)2+ ˙y+
Wk(t−tWk) (5.34)
gel¨
ost wird.
F¨
ur den Kontaktzeitpunkt tk+1 zwischen Oszillator und Kugel muss gel-
ten:
y2(tk+1) = u(tk+1) = x(tk+1)−u0cos Ωtk+1 ∧y2(tk+1)>0.(5.35)
Werden f¨
ur y2(t) und u(t) die jeweiligen Bewegungsfunktionen eingesetzt,
folgt wieder eine transzendente Gleichung in tk+1, das heißt, es m¨
ussen wie-
der alle (reellen) Schnittpunkte zwischen einer Kosinusfunktion und einer
Parabel gefunden werden. Daraus folgt
tk+1 = min {tk+1|tWk< tk+1 ∧y2(tk+1) = u(tk+1)∧y2(tk+1)>0}.
(5.36)
Also ist der kleinste, reelle Schnittpunkt tk+1 mit tWk< tk+1 der gesuchte
Stoßzeitpunkt. Wenn er nicht existiert (weil y2=ukeine L¨
osung besitzt
oder weil y2(tk+1)<0), so tritt der seltene Fall eines Mehrfachstoßes an der
Prallplatte auf. Beachte hierzu die Fußnote auf Seite 77.
5.2.3 Berechnen der verbleibenden Zustandsgr¨
oßen
Bislang wurde f¨
ur die beiden m¨
oglichen F¨
alle des Oszillator-Prallplatte-
Oszillator Stoßes (1. M¨
oglichkeit) und des Oszillator-Oszillator Mehr-
fachstoßes (2. M¨
oglichkeit) die Stoßzeit tk+1, an der die Kugel wieder
46
5.2. HERLEITUNG EINES VERFEINERTEN ZEITDISKRETEN
MODELLS
vom Oszillator abprallt, berechnet. F¨
ur die vollst¨
andige Angabe des
Systemzustands fehlt noch die Berechnung der drei weiteren Zustands-
gr¨
oßen Abfluggeschwindigkeit der Kugel vom Oszillator nach dem Stoß,
Oszillatorschwerpunktsgeschwindigkeit nach dem Stoß sowie Oszillator-
bzw. Kugel-Position beim Stoß.
Zur kinematischen Beschreibung des Stoßes am Oszillator wird die Stoß-
zahl α1eingef¨
uhrt:
α1:= −v+
Kugel −v+
Oszillatorspitze
v−
Kugel −v−
Oszillatorspitze
=−˙y+
k+1 −˙u+
k+1
˙y(2)(tk+1)−˙u(tk+1)(5.37)
mit ˙u+
k+1 = ˙x+
k+1 −˙
¯u(tk+1).
Die Geschwindigkeit der Kugel vor dem Stoß v−
Kugel wird beim Mehrfach-
stoß am Oszillator durch ˙y(tk+1) und beim Prallplattenstoß durch ˙y2(tk+1)
erhalten. Die beiden F¨
alle wurden in der letzten Gleichung durch die einge-
klammerte (2) im Index der Geschwindigkeit gekennzeichnet.
Eine zweite Gleichung f¨
ur die zwei gesuchten Geschwindigkeiten folgt aus
der Impulserhaltung:
m·v−
Kugel +M·v−
Oszillatorschwerpunkt =m·v+
Kugel +M·v+
Oszillatorschwerpunkt ,
bzw. mit den hier verwendeten Symbolen:
m·˙y(2)(tk+1) + M·˙x(tk+1) = m·˙y+
k+1 +M·˙x+
k+1 .(5.38)
Darin sind m= Masse der Kugel, M= Masse des Oszillators.
Es sei erw¨
ahnt, das die Kugelmasse merstmals in der Impulsbilanz (5.38)
ins Modell miteinfließt. Die Oszillatormasse Mhatte bei endlicher Anpress-
kraft FAbereits Einfluss auf die Bewegungsgleichung des Oszillators.
Es wird das Massenverh¨
altnis µeingef¨
uhrt:
µ:= M
m.(5.39)
Die beiden in den gesuchten Geschwindigkeiten linearen Gleichungen
(5.37) und (5.38) werden nun nach den Geschwindigkeiten aufgel¨
ost:
˙x+
k+1 =1
1 + µ(1 + α1)( ˙y(2)(tk+1) + ˙
¯u(tk+1)) + (µ−α1) ˙x(tk+1)(5.40)
˙y+
k+1 =1
1 + µµ(1 + α1)( ˙x(tk+1)−˙
¯u(tk+1)) −(µα1−1) ˙y(2)(tk+1).
(5.41)
Schließlich kann die Position des Oszillators im Stoßmoment durch Ein-
setzen von tk+1 in die Bewegungsgleichung f¨
ur x(t) (5.26) angegeben werden:
xk+1 =x(tk+1) = −g+FA/M
2(tk+1 −tk)2+ ˙x+
k(tk+1 −tk) + xk.(5.42)
47
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
5.2.4 Zusammenfassung des Stoßkontaktmodells
4. Ordnung
Das Modell besitzt sieben Parameter, von denen sein Verhalten abh¨
angig
ist. Die Systemparameter des Stoßbohrermodells 4. Ordnung sind α1,α2
und µ=M/m welche f¨
ur die Stoßzahl zwischen Stoßmasse und Oszillator,
die Stoßzahl zwischen Stoßmasse und Prallplatte und f¨
ur das Verh¨
altnis
Oszillatormasse zu Stoßmasse stehen.
Die Prozessparameter des Stoßbohrermodells sind u0, Ω, FA/M und g,
die f¨
ur die Schwingamplitude der Oszillatorspitze, die Anregekreisfrequenz,
die Beschleunigung aus axialer Anpresskraft auf den Oszillator und den
Anteil der Erdbeschleunigung in L¨
angsrichtung stehen.
Die vier diskreten Zustandsgr¨
oßen des Stoßbohrermodells 4. Ordnung
sind die Stoßkontaktzeit tkder Kugel am Oszillator, die Position des Os-
zillatorschwerpunktes xkim Stoßzeitpunkt, die Geschwindigkeit des Oszilla-
torschwerpunktes ˙x+
kunmittelbar nach dem Stoß und die Geschwindigkeit
der Kugel ˙y+
kunmittelbar nach dem Stoß.
Ausgehend von dem Zustand xk=tk, xk,˙x+
k,˙y+
kT, der einen Kontakt
zwischen Stoßmasse und Oszillator beschreibt, wird die Abbildung des Zu-
stands kauf den Zustand k+ 1 als implizite Funktion
f(xk,xk+1) = 0(5.43)
angegeben, die sich zusammensetzt aus den Gleichungen f¨
ur tk+1 (5.30)
bzw. (5.36), xk+1 (5.42), ˙x+
k+1 (5.40) und ˙y+
k+1 (5.41).
Die Berechnung des Folgezustands xk+1 gliedert sich in zwei Schritte
auf. Im ersten Schritt wird der Kontaktzeitpunkt tk+1 berechnet. Im zwei-
ten Schritt werden die drei ¨
ubrigen Zustandsgr¨
oßen xk+1,˙x+
k+1,˙y+
k+1 berech-
net. Um im ersten Schritt die Kontaktzeit tk+1 zu berechnen, wird zwischen
zwei m¨
oglichen F¨
allen unterschieden, n¨
amlich dem Oszillator-Prallplatte-
Oszillator Stoß (1. M¨
oglichkeit) und dem Oszillator-Oszillator Mehrfachstoß
(2. M¨
oglichkeit). Um festzustellen, welcher Fall auftritt, werden zwei Zeit-
punkte berechnet und miteinander verglichen. Einerseits ist dies die theore-
tische Kontaktzeit tWkder Kugel mit der Prallplatte (oder ”Wand“)
tWk=tk+1
g˙y+
k+q( ˙y+
k)2+ 2g(xk−u0cos Ωtk),(5.44)
siehe (5.28). Andererseits muss ¨
uberpr¨
uft werden, ob ein Mehrfachstoß zwi-
schen Kugel und Oszillator auftrat, bevor der Kugel-Prallplatte Stoß tWk
stattfinden w¨
urde. Hierf¨
ur muss der Zeitpunkt tMFS
k+1 berechnet werden aus
tMFS
k+1 = min tMFS
k+1 |tMFS
k+1 > tk∧y(tMFS
k+1 ) = u(tMFS
k+1 ),(5.45)
siehe (5.30). Die beiden Zeitpunkte tWkund tMFS
k+1 werden miteinander ver-
glichen. Der Fall, in dem ein Kugel-Prallplatte Stoß direkt auf einen Kugel-
Oszillator Stoß folgt (1. M¨
oglichkeit), tritt auf, falls
tWk< tMFS
k+1 ∨tMFS
k+1 =∅.(5.46)
48
5.3. ALGORITHMUS ZUM L ¨
OSEN TRANSZENDENTER
STOSSGLEICHUNGEN
F¨
ur diesen Fall erh¨
alt man den Zeitpunkt f¨
ur den n¨
achsten Kugel-Oszillator
Kontakt tk+1 aus
tk+1 = min {tk+1|tk+1 > tWk∧y2(tk+1) = u(tk+1)∧y2(tk+1)>0},(5.47)
wobei u(tk+1) = x(tk+1)−u0cos Ωtk+1 mit x(tk+1) = xk+1 aus Gleichung
(5.42).
Im anderen Fall, wenn tMFS
k+1 < tWk, wenn also ein Kugel-Oszillator Mehr-
fachstoß auftritt, d. h. zwei aufeinanderfolgende Kugel-Oszillator Kontakte
ohne einen zwischenzeitlichen Kugel-Prallplatte Stoß erfolgen, erh¨
alt man
den gesuchten Zeitpunkt
tk+1 =tMFS
k+1 (5.48)
aus Gleichung (5.45).
Nachdem der diskrete Zeitpunkt tk+1 bekannt ist, folgt der zweite der bei-
den Schritte, in dem die restlichen drei der vier diskreten Zustandsgr¨
oßen in
expliziter Weise aus den Gleichungen (5.40)–(5.42) mit µ=M/m resultie-
ren:
˙x+
k+1 =1
1 + µ(1 + α1)( ˙y(2)(tk+1) + ˙
¯u(tk+1)) + (µ−α1) ˙x(tk+1),
˙y+
k+1 =1
1 + µµ(1 + α1)( ˙x(tk+1)−˙
¯u(tk+1)) −(µα1−1) ˙y(2)(tk+1),
xk+1 =−g+FA
M
2(tk+1 −tk)2+ ˙x+
k(tk+1 −tk) + xk.(5.49)
Als Ergebnis der gesamten Prozedur kann schließlich der Zustandsvektor
xk+1 = [tk+1, xk+1,˙x+
k+1,˙y+
k+1]Taufgeschrieben werden.
5.3 Algorithmus zum L¨
osen transzendenter
Stoßgleichungen
Eine besondere Schwierigkeit stellt das Finden der Schnittpunkte zwischen
einer linearen Funktion (einer Geraden) und einer harmonischen Funktion
(z. B. der Kosinusfunktion) dar. Im Fall der horizontalen (gravitationsfreien)
Bewegung im Schwingstoßsystem 2. Ordnung finden keine Beschleunigungen
statt. Daher bewegt sich die Stoßmasse auf einer geraden Flugbahn. Ihre
gerade Flugbahn beginnt — falls ein sog. Mehrfachstoß auftreten wird
(kein Erreichen der Prallplatte vor dem folgenden Oszillator-Stoß) —
auf der Position der Oszillatorspitze im Stoßzeitpunkt (Kosinusfunktion),
andernfalls an der Prallplatte mit jeweils gegebener Abfluggeschwindigkeit
der Kugel vom Oszillator bzw. von der Prallplatte.
Wird das Modell 2. Ordnung zum Modell 4. Ordnung erweitert, indem
m¨
ogliche Starrk¨
orperbewegungen des Oszillators zugelassen werden und
Anpress- und Gravitationskr¨
afte wirken k¨
onnen, so haben die Flugbahnen
parabelf¨
ormigen Verlauf. Im Zuge der L¨
osungsfindung der Bewegungs-
gleichungen dieses Modells m¨
ussen die Schnittpunkte zwischen einer
49
KAPITEL 5. MODELLIERUNG
Kosinusfunktion und einer Parabel — also einem Polynom 2. Ordnung
— gefunden werden, was ein ungleich schwierigeres Problem als das mit
linearer Flugbahn darstellt.
Problembeschreibung
Bei den genannten Aufgaben existieren (Null-Geschwindigkeiten ausge-
schlossen) jeweils endlich viele L¨
osungen. In allen F¨
allen ist es entscheidend,
genau eine bestimmte L¨
osung zu finden, n¨
amlich diejenige, die zeitlich dem
Startpunkt der Flugbahn am n¨
achsten liegt, also am fr¨
uhesten auftritt. Sei
der Startpunkt mit xsbezeichnet, so ist also die kleinste L¨
osung xcmit
xs< xcgesucht. Im Folgenden sollen die m¨
oglichen Verfahren beschrieben
werden, durch die die gesuchte L¨
osung numerisch angen¨
ahert werden kann.
Schnittpunkte zwischen Gerade und Kosinusfunktion
Problem: Gesucht ist die kleinste L¨
osung xcmit
xc> xsund bx +c= cos(x), b, c, xs∈R, b 6= 0 .
Schnittpunkte zwischen Parabel und Kosinusfunktion
Problem: Gesucht ist die kleinste L¨
osung xcmit
xc> xsund ax2+bx +c= cos(x), a, b, c, xs∈R, a 6= 0 .
L¨
osungsalgorithmus
Zun¨
achst kann auf einfache Weise bestimmt werden, ob die Parabel y=
ax2+bx +cden Wertebereich [−1,1] der Kosinusfunktion schneiden kann:
F¨
ur a < 0 ist die Parabel nach unten ge¨
offnet. Die Parabel kann die Kosi-
nusfunktion h¨
ochstens dann schneiden, wenn f¨
ur ihren Extremwert
ye=−b2
4a+c
folgendes gilt: ye>−1 . Es k¨
onnen daraufhin die Stellen des Ein- und Aus-
tritts der Parabel aus dem Wertebereich [−1,1] der Kosinusfunktion berech-
net werden. Dadurch ergibt sich f¨
ur −1< ye<1 ein Intervall [x1, x2] mit
x1=1
2a−b−pb2−4a(c+ 1)(5.50)
x2=1
2a−b+pb2−4a(c+ 1)(5.51)
bzw. f¨
ur ye>1 ergeben sich zwei Intervalle [x1, x2] und [x3, x4] mit
x1=1
2a−b+pb2−4a(c+ 1)(5.52)
x2=1
2a−b+pb2−4a(c−1)(5.53)
x3=1
2a−b−pb2−4a(c−1)(5.54)
x4=1
2a−b−pb2−4a(c+ 1)(5.55)
50
5.3. ALGORITHMUS ZUM L ¨
OSEN TRANSZENDENTER
STOSSGLEICHUNGEN
in denen xch¨
ochstens liegen kann.
Ferner l¨
asst sich zeigen, dass, wenn eine Funktion in [x1, x2] den Wertebe-
reich [−1,1] durchquert, ihre kleinste Schnittstelle mit der Kosinusfunktion
auch in [x1, x1+ 2π] liegen muss. Folglich liegt die kleinste Schnittstelle in
[x1, x2]∪[x1, x1+ 2π] bzw. falls ye>1 in [x1, x2]∪[x1, x1+ 2π] oder in
[x3, x4]∪[x3, x3+ 2π]. Also kann die gesuchte Schnittstelle auf ein Intervall
[xli, xre] mit Breite <2πeingegrenzt werden, dessen Mitte an der Stelle
xmi =xli+xre
2liegt.
In einem zweiten Schritt werden nun die Schnittstellen numerisch ermit-
telt. Hierzu wird die Problemstellung zun¨
achst in ein neues Koordinatensys-
tem mit
z=x−xmi
transformiert. Durch diese Koordinatentransformation l¨
asst sich das Pro-
blem wie folgt formulieren:
Schnittpunkte zwischen Parabel und Kosinusfunktion
Problem: Gesucht sind alle L¨
osungen zcder Gleichung
a(zc+xmi)2+b(zc+xmi) + c= cos(zc+xmi) (5.56)
innerhalb des symmetrisch zu z= 0 liegenden Intervalls
−xre −xli
2,xre −xli
2mit xre −xli
2≤π .
Mit der trigonometrischen Umformung
cos(α+β) = cos α·cos β−sin α·sin β
l¨
asst sich Gl. (5.56) schreiben als
a(zc+xmi)2+b(zc+xmi) + c−cos xmi ·cos zc+ sin xmi ·sin zc= 0 .(5.57)
In Gl. (5.57) ersetzen wir die beiden harmonischen Funktionen cos zcund
sin zcnun durch ihre Potenzreihen. Die gesuchten L¨
osungen zcliegen wie
oben erl¨
autert innerhalb des Radius rmit r < π um z= 0. In dieser
Umgebung ist der Fehler zwischen dem Taylorpolynom 8. Ordnung der
harmonischen Funktionen und ihrem tats¨
achlichen Wert hinreichend klein
(”<10−8“).
S¨
amtliche Nullstellen des so gebildeten Polynoms lassen sich mittels Ei-
genwertberechnung der Companion-Matrix der Polynomialkoeffizienten nu-
merisch berechnen. Die kleinste reelle Nullstelle
zc> zsmit zs=xs−xmi
wird bestimmt und zur x−Koordinate xczur¨
ucktransformiert.
Zur Erh¨
ohung der Genauigkeit k¨
onnen ausgehend von der gefundenen
L¨
osung xcnoch einige Schritte mit dem Newton-Verfahren durchgef¨
uhrt wer-
den.
51
.
Kapitel 6
Verhalten des Stoßbohrers
In diesem Kapitel wird das Bewegungsverhalten des Stoßbohrers be-
schrieben. Hierzu wurden im Labor Experimente mit einem Schwingstoß-
pr¨
ufstand, der dem Modell 2. Ordnung aus Unterkapitel 5.1 entspricht,
und einem Prototypen des Ultraschall-Stoßbohrers, der in Kapitel 3vor-
gestellt wurde, durchgef¨
uhrt. Mit verschiedenen Messverfahren werden
Starrk¨
orperbewegungen der Stoßmasse und des Oszillators ermittelt. Das
dynamische Verhalten beider in Kapitel 5hergeleiteten Modelle wird simu-
liert und dem Verhalten der realen Laborsysteme gegen¨
ubergestellt.
Die Unterkapitel 6.1 und 6.2 beinhalten Experimente und Simulationen
zum System 2. Ordnung. Die Unterkapitel 6.3 und 6.4 beinhalten Experi-
mente und Simulationen zum System 4. Ordnung. Unterkapitel 6.5 vergleicht
die theoretischen Simulationsergebnisse der Modelle mit den praktisch ge-
wonnenen Daten der realen Laborversuche.
6.1 Experimentelle Untersuchungen am
Schwingstoßpr¨
ufstand
Dieses Unterkapitel beschreibt die Experimente, die am System 2. Ord-
nung durchgef¨
uhrt wurden. Nachdem der Aufbau des Pr¨
ufstands im Labor
erl¨
autert wird, werden die Messverfahren, mit denen ein Zugang zur Bewe-
gung der Kugel m¨
oglich ist, vorgestellt. Der letzte Abschnitt gibt Messdaten
f¨
ur die Stoßzahlen wieder.
6.1.1 Aufbau des Schwingstoßpr¨
ufstands
Zur experimentellen Analyse der Stoßdynamik wurde ein Laborversuch auf-
gebaut, der sich an dem in Abschnitt 5.1 aufgestellten Modell 2. Ordnung
orientiert. Bild 5.1 auf Seite 35 zeigt dieses Modell schematisch. Den Os-
zillator bildet im Laborexperiment ein Ultraschalltransducer, wie er links
im Photo auf Seite 18 zu sehen ist. Der Stapelaktor aus vier Piezokera-
mikscheiben wird mit einer sinusf¨
ormigen Wechselspannung gespeist, die
¨
uber einen Verst¨
arker von einem Sinusgenerator erzeugt wird und in Fre-
quenz und Amplitude eingestellt werden kann. Die Anregefrequenz wird auf
53
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
Oszilloskop
Speicher-
Controller
-15 V +15 V
0 V
Netzteil
1.2 kΩ
1 kΩ1 kΩ
Generator
Verst¨
arker
Piezo-Oszillator
FastCam
Laser Doppler
Vibrometer
digkeits-
Kamera
Laser
Hochgeschwin-
Waveform
Vibrometer
Bild 6.1: Skizze des Schwingstoßpr¨
ufstands
die erste L¨
angseigenfrequenz eingestellt, die den Oszillator in seiner ersten
L¨
angseigenmode anregt. F¨
ur den verwendeten Oszillator betr¨
agt diese Fre-
quenz f= 20.19 kHz. Die erste L¨
angseigenmode ist auf Seite 41 in Bild 5.3
rechts des Oszillators gezeigt: an den Enden des Oszillatorstabes befinden
sich Schwingungsb¨
auche, dazwischen ein Schwingungsknoten. Die Schwin-
gungsb¨
auche lassen die Enden in L¨
angsrichtung sinusf¨
ormig schwingen. Im
Schwingungsknoten wird der Oszillatorstab gehalten und auf den Labortisch
geschraubt.
Im Abstand von 11 mm in L¨
angsrichtung von der Oszillatorspitze wird
als Gegenprallelement (”Prallplatte“; in den Skizzen gr¨
un dargestellt)
eine Hammerbahn1auf den Labortisch geklemmt. Die Hammerbahn und
die platte Schwingfl¨
ache des Oszillators stehen parallel zueinander. Im
Zwischenraum wird als frei fliegende Masse eine Stahlkugel mit 6 mm
Durchmesser pendelnd aufgeh¨
angt (in den Skizzen rot dargestellt). Sie kann
sich horizonal in Schwingungsrichtung in einem Freiraum von h= 5 mm frei
bewegen. Zum Start des Experiments werden Sinusgenerator und Verst¨
arker
eingeschaltet. Die frei pendelnde Kugel muss leicht angestoßen werden,
gerade so stark, dass sie einmal mit dem Schwinger in Kontakt kommt.
1Die Hammerbahn bezeichnet die flache Seite eines Hammerkopfes.
54
6.1. EXPERIMENTELLE UNTERSUCHUNGEN AM
SCHWINGSTOSSPR ¨
UFSTAND
Nach einigen wenigen transienten St¨
oßen stellt sich eine Bewegung der
Kugel ein, bei der sie in ihrem Freiraum hin- und herfliegend abwechselnd
St¨
oße am schwingenden Ende des Oszillators und an der Hammerbahn
ausf¨
uhrt.
Bild 6.2: Stabf¨
uhrung
gelochter Scheibe
Bild 6.3: F¨
uhrung
¨
uber r¨
ohrchenf¨
ormigen
”Balken“
Bild 6.4: F¨
uhrung
durch Blattfeder
Um die Kugelbewegung auf eine 1-dimensionale und nahezu geradlinige
Flugbahn zu begrenzen, ist eine 5-wertige Lagerung der Kugel notwendig
(eine Kugelf¨
uhrung, die die Kugelbewegung in 5 ihrer 6 Freiheitsgrade ver-
hindert): diese F¨
uhrung soll die Bewegung der Kugel in L¨
angsrichtung des
Oszillators nicht beeinflussen, jedoch eine translatorische Bewegung entlang
der zwei weiteren Raumdimensionen und eine rotatorische Bewegung um alle
drei Raumrichtungen unterbinden. Die Bilder 6.2–6.4 zeigen einige realisierte
F¨
uhrungsm¨
oglichkeiten. Als nachteilig im Sinne einer 1-dimensionalen Bewe-
gung haben sich die L¨
angsstabf¨
uhrung (Bild 6.2) und die Blattfederf¨
uhrung
(Bild 6.4) erwiesen. Um die Stoßmasse auf einem Stab in L¨
angsrichtung
gleiten zu lassen, wurde eine kreisrunde, scheibenf¨
ormige Metallscheibe im
Zentrum gelocht und auf einem runden Stab gef¨
uhrt. Die Reibung zwischen
Stab und Loch der Scheibe l¨
asst diese taumeln und sich verkanten. Die Be-
wegung der Scheibe entspricht anstelle eines geradlinigen Fluges einer kom-
plizierten, 3-dimensional translatorischen und rotatorischen Bewegung um
ihre Raumachsen. Somit ist diese F¨
uhrungsvariante f¨
ur eine Bewegungsstu-
die von begrenzter Komplexit¨
at ungeeignet. Eine klarere Bewegung f¨
uhrt
die in einer Blattfeder gehaltene Kugel aus, die weit entfernt von deren sta-
tischer Gleichgewichtslage betrieben wird. Die in Bewegungsrichtung sehr
biegeweich gew¨
ahlte Blattfeder ist jedoch auch um ihre eigene L¨
angsachse
torsionsweich, sodass die Kugel eine schlackernde Bewegung ausf¨
uhren kann.
Eine passable F¨
uhrung der Kugel konnte mit einem r¨
ohrchenf¨
ormigen Bal-
ken2geringer Eigenmasse erzielt werden (Bild 6.3), der drehbar an einer
2Der Balken bezeichnet in der Kontinuumsmechanik ein elastisches Element, das Quer-
und L¨
angskr¨
afte sowie Biege- und Torsionsmomente ¨
ubertragen kann.
55
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
Welle gelagert ist. Nur geringf¨
ugig werden die Kugelbewegungen von den
Biegeschwingungen des d¨
unnen Metallr¨
ohrchens beeinflusst.
6.1.2 Messtechnik
Um die Bewegung der Kugel zu erfassen, ist eine ber¨
uhrungsfreie Mess-
technik notwendig, die die Bewegung der Kugel nicht beeinflusst. M¨
ogliche
Messmethoden sind in Tabelle 6.1 aufgef¨
uhrt.
Messmethode Messziel
Laser-Doppler-Vibrometrie Auslenkung der Oszillatorspitze
Strommessung Piezoaktor Stoßzeitpunkte am Oszillator
Hochgeschwindigkeitsfilmen Kontinuierliche Position der Stoßmasse
Elektrische Kontaktdetektion Stoßzeitpunkte aller St¨
oße
Tabelle 6.1: Verschiedene Messmethoden zur Aufnahme der Kugelbewegung
Laser-Doppler-Vibrometrie
Der Einsatz eines Laser-Doppler-Vibrometers3zur Aufnahme der Kugelbe-
wegung gestaltet sich schwierig, weil das Messobjekt im makroskopischen4
Bereich seine Position ¨
andert. So ist es nicht m¨
oglich, den Laserstrahl auf
die Kugel zu fokussieren. Auch kann die Kugel nicht l¨
angs ihrer Bewegungs-
richtung per Laserstrahl erfasst werden, da Oszillator und Gegenprallplatte
die Kugel auf ihrer Flugachse ”umschließen“. Das Laser-Doppler-Vibrometer
wurde aber eingesetzt, um die ultraschallfrequente Schwingung des Oszil-
lators in Frequenz und Amplitude zu erfassen. Hierf¨
ur wurde es unter ei-
nem Winkel von 45◦auf die schwingende Oberfl¨
ache gerichtet. So wurde der
Strahl nicht durch die Flugbahn der Kugel unterbrochen.
Bild 6.5 zeigt das Geschwindigkeitssignal der Oszillatorspitze und
best¨
atigt eine Annahme, die f¨
ur die Modellierungen getroffen wurde: in den
Modellen wurde der Oszillator als eine kinematische Fußpunktanregung for-
muliert, dessen harmonische Bewegungen im Modell durch die St¨
oße am
Oszillator unbeeinflusst bleiben. Das Messsignal zeigt, dass die Oszillator-
schwingung durch die Stoßimpulse beeinflusst wird. Nach einem Stoß ”er-
holt“ sich die Schwingbewegung jedoch sehr schnell und befindet sich vor
dem n¨
achsten Stoß wieder in ihrer station¨
aren, freien Schwingungsmode.
3Die Laser-Doppler-Vibrometrie nutzt den Doppler-Effekt, nach dem die von einer
bewegten Oberfl¨
ache reflektierte Welle eine von der urspr¨
unglich ausgesandten Welle un-
terschiedliche Frequenz besitzt. Dadurch l¨
asst sich die Geschwindigkeit einer bewegten
Oberfl¨
ache messen.
4Die Bezeichnung makroskopisch besagt (im Ggs. zu mikroskopisch), dass etwas mit
bloßem Auge, ohne optisch-vergr¨
oßernde Hilfsmittel erkennbar ist.
56
6.1. EXPERIMENTELLE UNTERSUCHUNGEN AM
SCHWINGSTOSSPR ¨
UFSTAND
−8
0
8
Kontakt−
Signal [V]
0 0.05 0.1 0.15 0.2 0.25
−2
−1
0
1
2
Zeit t [s]
Laser−Vibrometer
Signal [m/s]
Bild 6.5: Kontaktsignal und Laservibrometersignal
Messung der Stromaufnahme
Die Messung des Stromsignals ist die mit Abstand einfachste und somit si-
cherste M¨
oglichkeit, auf indirekte Weise Auskunft ¨
uber die ungef¨
ahren Zeit-
punkte der Kugel-Oszillator-St¨
oße zu erhalten. Lediglich eine Strommesszan-
ge wird verwendet, um den Stromfluss vom Verst¨
arker zum Piezotransducer
zu messen. Das Stromsignal l¨
asst sich mit einem Speicheroszilloskop auf-
zeichnen. Die indirekte Ermittlung der Stoßzeitpunkte ist m¨
oglich, da die
Stromaufnahme kurzzeitig ansteigt oder abf¨
allt, wenn die Stoßwelle, die die
Stoßmasse in den Transducerstab einbringt, die freie Resonanzschwingung
des Piezotransducers ¨
uberlagert. Die Laufzeit der Stoßwelle durch den 60 mm
langen Transducerstab (ca. 12 µs) entspricht etwa einer Viertelschwingungs-
periode und ist f¨
ur eine grobe Zeitpunktsbestimmung daher weitgehend ver-
nachl¨
assigbar. Den exakten Zeitpunkt des Stoßes nur anhand des Stromsi-
gnales festzustellen ist jedoch schwierig, da die Abweichung des Stromsignals
vom bisherigen harmonischen Verlauf bewertet werden muss. Die Messme-
thode der Stromaufnahme trifft keine Aussage ¨
uber die Bewegung der Ku-
gel zwischen zwei St¨
oßen am Oszillator. Bild 6.6 zeigt das Messergebnis des
Stromsignals zusammen mit dem ¨
uberlagerten Kontaktmesssignal.
Einsatz einer Hochgeschwindigkeitskamera
Aussagen ¨
uber die Kugelbewegung zwischen ihren St¨
oßen liefert allein die
Hochgeschwindigkeitskamera, da sie die Kugelposition in direkter Weise op-
tisch zu jedem Zeitpunkt erfasst. Ein weiterer, großer Vorteil dieser Messme-
thode ist, dass s¨
amtliche makroskopischen Bewegungen zeitlich fein aufgel¨
ost
57
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
0.145 0.15 0.155 0.16 0.165 0.17 0.175 0.18
−1
0
1
Zeit t [s]
Kontaktsignal in [8V]
Stromverlauf in [6.4A]
Bild 6.6: Kontaktsignal und Stromsignal: Deutlich zu sehen sind die Strom-
einbr¨
uche und -spitzen, die durch die St¨
oße am Oszillator hervorgerufen
werden; vor dem jeweils folgenden Stoß befindet sich die Stromaufnahme
wieder im harmonisch-station¨
aren Zustand.
wiedergegeben werden k¨
onnen. Problemlos lassen sich die Schwingungen der
umgebenden Struktur qualitativ analysieren und ihr Einfluss auf die Dy-
namik der Kugel beurteilen. So l¨
asst sich schnell abw¨
agen, welche Art der
Kugelf¨
uhrung inwieweit nachteilig erscheint.
Auch zur quantitativen Analyse der Kugelbewegung k¨
onnen fein
aufl¨
osende Bilder der Hochgeschwindigkeitskamera herangezogen werden: ein
Formerkennungsalgorithmus in der Software Photron Motion Tools wurde
genutzt, um die Position der Kugel auf jedem aufgenommenen Einzelbild
zu quantifizieren. So entsteht eine genaue Zeitreihe der Kugelbewegung. Da
pro Zeitschritt ein Bild erzeugt und zur sp¨
ateren Auswertung digital gespei-
chert wird, ist der Speicherbedarf f¨
ur diese Methode hoch und erm¨
oglicht
vergleichsweise kleine Aufnahmedauern.
Ein Einzelbild des Hochgeschwindigkeitsfilms der Kugelbewegung zeigt
Bild 6.7. Die kleinen roten +- Zeichen markieren den Verlauf des oberen
Kugelrandes auf den ersten 63 Einzelbildern der Aufnahme, was bei einer
Aufnahmerate von 5000 fps (frames per second) einer Aufnahmedauer von
12.4 ms entspricht. Die Wellenform der Spur ist ein Hinweis auf eine nicht-
geradlinige oder leicht bogenf¨
ormige Bewegung, wie man es von einem mas-
selosen und unendlich steifen F¨
uhrungsbalken erwartet h¨
atte. Statt dessen
¨
ubt die Biegeschwingung des Metallr¨
ohrchens, das die Kugel ¨
uber eine 80 mm
entfernte Drehachse f¨
uhrt, einen deutlichen Einfluss auf die Kugelbewegung
aus.
Die Positionsbestimmung der Stoßmasse in allen aufeinanderfolgenden
Bildern der Hochgeschwindigkeitsaufnahme f¨
uhrt zu einem kontinuierlichen
Bewegungsablauf, der in Bild 6.8 ¨
uber der Zeit aufgetragen ist. Die Aus-
wertung von Hochgeschwindigkeitsdaten ist f¨
ur einen derartigen Pr¨
ufstand
die einzige M¨
oglichkeit, ber¨
uhrungsfrei makroskopische Positionen aufzuneh-
men. Dar¨
uberhinaus ist es eine direkte Methode zur Positionsbestimmung.
Die anderen hier genannten Messverfahren lassen nur indirekt auf die Bewe-
gung der Stoßmasse schließen. Hierf¨
ur war bisher die Annahme Vorausset-
zung, dass die Stoßmasse zwischen den St¨
oßen eine unbeschleunigte Bewe-
gung ausf¨
uhrt. Die Analyse der Kameradaten in Bild 6.8 validiert nun diese
Annahme.
58
6.1. EXPERIMENTELLE UNTERSUCHUNGEN AM
SCHWINGSTOSSPR ¨
UFSTAND
Bild 6.7: Einzelbild der Hochgeschwindigkeitskamera mit Spur (+++) der
Positionsidentifizierung der Kugel w¨
ahrend 12.4 ms; am unteren Bildrand ist
die Oszillatorspitze zu sehen, am oberen Rand die Hammerbahn.
3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8
0
1
2
3
Zeit t [s]
Position [mm]
Flugmasse
−−−−−−−−−−−−− Wand (Hammer−Bahn) −−−−−−−−−−−−−
−−−−−−−−−−−−− Oszillator −−−−−−−−−−−−−
Bild 6.8: Position ¨
uber Zeit der Stoßmasse aus der Positionserkennung der
Hochgeschwindigkeitsaufnahme
Elektrische Kontaktmessung
Bei der elektrischen Kontaktmessung wird die Leitf¨
ahigkeit der metallischen
Stoßpartner ausgenutzt, um durch Schließen und ¨
Offnen elektrischer Kreise
den Kontaktzustand zu ¨
ubermitteln. Hierf¨
ur m¨
ussen der Oszillator, die Ku-
gel sowie der Hammer elektrisch voneinander getrennt auf den Labortisch
montiert werden. Dies l¨
asst sich erreichen, indem man die Bauteile z. B. zwi-
schen Pertinaxplatten einspannt oder sie mit Magnetf¨
ußen ausstattet, die
¨
uber Kunststofffolien vom metallenen Labor-Spanntisch isoliert werden. Zu
beachten ist, dass der Transducerstab des Oszillators ¨
uber die Wechselspan-
nungserregung vom Verst¨
arker immer geerdet ist. Die ¨
ubrigen zwei Teile
m¨
ussen daher vom ebenfalls geerdeten Labortisch elektrisch isoliert werden.
Die Skizze 6.1 zeigt die elektrische Verschaltung der Bauteile. Dem Ham-
merkopf als Gegenprallfl¨
ache wird aus einem Gleichspannungsnetzteil ein
Potential von +15 V, dem Oszillator ein Potential von -15 V auferlegt. Eine
feine, auf die Kugel gel¨
otete Einzellitze5und der 0 V-Ausgang des Netzteils
werden an einen Messkanal eines Speicheroszilloskops angeschlossen. Besteht
w¨
ahrend eines Stoßes elektrisch leitender Kontakt zwischen Kugel und Oszil-
lator, so wird ein Stromkreis geschlossen, der aus einer Reihenschaltung aus
5Eine Litze ist ein sehr d¨
unnes Metalldr¨
ahtchen. Flexible, elektrische Leitungen beste-
hen aus einem Verbund vieler Metalllitze.
59
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
der 15 V–Spannungsquelle, einem 1 kΩ– und einem 1.2 kΩ–Widerstand be-
steht. Der am gr¨
oßeren Widerstand entstehende Spannungsabfall von 8.3 V
wird von einem potentialgetrennten Eingang des Oszilloskops aufgezeichnet.
Die 1 kΩ–Widerst¨
ande dienen lediglich dem Vermeiden von Kurzschl¨
ussen
w¨
ahrend Einstellarbeiten am Versuchsaufbau. Der 1.2 kΩ–Widerstand be-
schleunigt das Entladen von oszilloskopseitigen Kapazit¨
aten nach Trennung
der Kontakte.
W¨
ahrend einer Messung wird der Spannungsverlauf dieses Messkanals
im Oszilloskop mit einer hohen Abtastrate6von 5 MS/s aufgezeichnet, aus
dem sich mit hoher zeitlicher Genauigkeit auf die Stoßzeitpunkte und die
Kontaktdauern schließen l¨
asst.
Ein derart entstandener Kontaktspannungsverlauf ist in roter Farbe in
Bild 6.5 und Bild 6.6 zu sehen; Bild 6.9 zeigt den Kontaktspannungsverlauf
eines einzelnen Stoßes zusammen mit dem Auslenkungssignal der Oszilla-
torspitze, das aus Integrieren des Laservibrometersignals gewonnen wurde.
Rot gezeichnet ist in Bild 6.9 die Zeitspanne, w¨
ahrend der metallischer Kon-
takt zwischen beiden Stoßpartnern besteht. Beginn und Ende des Kontaktes
lassen sich aus der Kontaktspannung ableiten. Deutlich sieht man den expo-
nentiellen Anstieg und das Abklingen der Spannung, bedingt durch Induk-
tivit¨
aten und Kapazit¨
aten in Kabeln und Oszilloskop. Als Kontaktbeginn
und –ende werden jeweils die Startzeitpunkte der Spannungsanstiege bzw. -
abf¨
alle ausgewertet.
0 11 20 30 40 50
−8
−6
−4
−2
0
Kontaktsignal [V]
0 11 20 30 40 50
−8
−6
−3
0
3
6
8
Zeit t [µs]
Auslenkung Oszillator [µm]
Bild 6.9: Messdaten w¨
ahrend eines Stoßes (rot) am Oszillator: Kontaktspan-
nungsverlauf (oben) und Auslenkung der Oszillatorspitze (unten)
6Die Abtastfrequenz oder engl. Samplingrate wird in der Einheit samples per second
(S/s) angegeben.
60
6.1. EXPERIMENTELLE UNTERSUCHUNGEN AM
SCHWINGSTOSSPR ¨
UFSTAND
Paralleler Einsatz verschiedener Messmethoden
Die unterschiedlichen hier vorgestellten Messmethoden schließen sich gegen-
seitig nicht aus, sondern sind synchron nebeneinander einsetzbar. Allein die
spannungsliefernden Messverfahren machen sich gegenseitig Konkurrenz bei
der hochfrequenten zeitlichen Abtastung der Spannungssignale in den Os-
zilloskopeing¨
angen. Bei einer hohen Abtastrate k¨
onnen nicht alle vier Mess-
signale aufgezeichnet werden. Die Bilddaten der Kamera werden in einem
kamerainternen 40 GB großen RAM (Speicher) erfasst. Zur Synchronisati-
on aller Aufzeichnungen ist es jedoch n¨
otig, auch einen Triggerkanal mit
aufzuzeichnen, der so einen weiteren Datenfluss erzeugt. Die zeitsynchro-
ne Auswertung der Messdatenverl¨
aufe ergab, dass sich die unterschiedlichen
Methoden gegenseitig verifizieren k¨
onnen. Die Hochgeschwindigkeitsfilmauf-
nahmen haben gezeigt, dass die Annahme nichtbeschleunigter Kugelbewe-
gungen gerechtfertigt ist.
6.1.3 Stoßzahlen aus Labormessungen
Der Parametersatz des hier untersuchten Stoßschwingers 2. Ordnung um-
fasst die zwei Prozessparameter u0und Ω sowie die drei Systemparameter
h,α1und α2. Die Stoßzahlen α1und α2beschreiben die D¨
ampfungseffekte
w¨
ahrend der St¨
oße. Es ist nicht m¨
oglich, den Wert der Stoßzahlen allein
aus Kr¨
ummungsradien der Oberfl¨
achen, Oberfl¨
achenbeschaffenheit, Materi-
alzusammensetzung, H¨
arte und Temperatur der Stoßpartner zu berechnen,
vielmehr ist er in der Praxis auch von Stoß zu Stoß leicht schwankend. Aus
einer Serie von Messreihen, die f¨
ur die Flugweiten h= 3 mm und h= 5 mm
unter nach M¨
oglichkeit ansonsten konstanten Bedingungen durchgef¨
uhrt
wurden, wurden Abweichung und Mittelwert der Stoßzahl α2f¨
ur den Stoß
zwischen der frei fliegenden Kugel (”Stoßmasse“) und der eingespannten
Hammerbahn (”Prallplatte“) experimentell bestimmt.
Da f¨
ur die Stoßzahl der Zusammenhang (5.4) (Seite 37) gilt, waren die
Geschwindigkeiten vor und nach jedem Stoß zu bestimmen. Die Kugelge-
schwindigkeiten sind nicht direkt messbar. Sie wurden indirekt aus den
Laufzeiten zwischen dem Oszillatorstoß und dem Prallplattenstoß bestimmt.
Bild 6.10 gibt im oberen Diagramm die Verteilung der Stoßzahlen
aus 520 Messungen in einem Histogramm wieder. Das Maximum der
H¨
aufigkeitsverteilung liegt bei α2,max = 0.84, der Mittelwert bei α2,Mittelw. =
0.81. Physikalisch m¨
oglich und sinnvoll sind nur Stoßzahlen im Intervall [0,1].
4% der Messdaten liegen außerhalb dieses Intervalls im grau unterlegten Be-
reich. Eine Erkl¨
arung f¨
ur diese Messwerte liegt in der Natur des Messver-
fahrens. Liegen Stoßzahlen oberhalb von Eins, so l¨
asst sich mit Gewissheit
ein Laufzeitenverh¨
altnis gr¨
oßer Eins ableiten. Das heisst, die Kugel brauchte
f¨
ur den Hinweg zum Hammer weniger Zeit als f¨
ur den Weg zur¨
uck zum Os-
zillator. Das Laufzeitenverh¨
altnis mit dem Stoßgeschwindigkeitenverh¨
altnis
gleichzusetzen setzt aber eine konstante Geschwindigkeit der Kugel auf ihrem
Weg vom Oszillator zum Hammer und zur¨
uck voraus. Eine Zeitlupenanaly-
61
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
se mittels Hochgeschwindigkeitskameraaufnahme enth¨
ullte aber, dass diese
Voraussetzung nicht ausnahmslos G¨
ultigkeit beansprucht. Die Biegeschwin-
gungen der r¨
ohrchenf¨
ormigen Aufh¨
angung der Kugel ¨
uberlagern sich zur
Flugbewegung der Kugel. Dieser Effekt ist in Bild 6.8 kaum ersichtlich, ist
in der 2-Dimensionalit¨
at der roten Positionsspur in Bild 6.7 jedoch deutlich
erkennbar.
Bild 6.10 zeigt im unteren Diagramm die gleichen Messdaten wie im
Histogramm dar¨
uber. Hier ist zus¨
atzlich die Information enthalten, bei wel-
chen Geschwindigkeiten und bei welchen Flugabst¨
anden die Messdaten er-
zeugt wurden. Untersuchungen in der Literatur ist zu entnehmen, dass
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 1.2 1.4
0
10
20
30
40
50
60
70
80
gemessene Stoßzahl α2
Häufigkeit
0 0.2 0.4 0.6 0.8 1 1.2 1.4
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
Ankunftsgeschwindigkeit
an Hammerbahn [m/s]
gemessene Stoßzahl α2
+: h = 3mm
+: h = 5mm
Bild 6.10: Experimentelle Messung der Stoßzahl α2an der Hammerbahn
62
6.2. SIMULATION DES MODELLS 2. ORDNUNG
Stoßzahlen auch von der Stoßgeschwindigkeit abh¨
angig sind. Ein Zusam-
menhang zwischen Stoßzahl und Geschwindigkeit, ¨
uber den unter Mitein-
beziehung von Wellenausbreitungsvorg¨
angen im stabf¨
ormigen Stoßpartner
in [Seifried, Schiehlen, Eberhard 2004] berichtet wurde, kann in den erhal-
tenen Messwerten nicht beobachtet werden. Die Modelle, die in Kapitel 5
aufgestellt wurden, beschreiben die kinematischen Zusammenh¨
ange in den
Stoßzeitpunkten durch die Stoßzahlenhypothese nach Newton. Hier wird ei-
ne zeitlich konstante Stoßzahl angenommen, die sich f¨
ur einen Parametersatz
nicht ¨
andert. Dieses in der Literatur g¨
angige Vorgehen (siehe Unterkapitel
4.3) vernachl¨
assigt die in der Praxis beobachtete Streuung der Stoßzahlen-
werte. Abschnitt 6.2.3 wird die qualitative Auswirkung einer Stoßzahlen-
streuung auf den L¨
osungstypus betrachten.
6.2 Simulation des Modells 2. Ordnung
Dieses Unterkapitel betrachtet das Verhalten des Modells 2. Ordnung. Wir
werden Fixpunkte analytisch bestimmen und Zeitverl¨
aufe f¨
ur sowohl periodi-
sche als auch chaotische L¨
osungen sehen. Um die Parameterabh¨
angigkeit von
periodischen L¨
osungen zu verstehen, werden wir eine Bifurkationsanalyse f¨
ur
die Systemparameter Flugabstand hsowie die Stoßzahl α1durchf¨
uhren.
6.2.1 Analytische Fixpunktbestimmung
Die Analyseergebnisse in Kapitel 7.1 werden zeigen, dass f¨
ur einen effizien-
ten Betrieb des Stoßbohrsystems ein periodisches Verhalten der Stoßmasse
angestrebt wird. Ein Fixpunkt der Abbildung, die das Modell 2. Ordnung
definiert, stellt eine periodische Bewegung der Stoßmasse dar, denn bei je-
dem Stoß wird das System wiederholt den gleichen Zustand annehmen. Dies
motiviert die Bestimmung von Fixpunkten.
Aufgrund der impliziten Natur der Abbildungsgleichung (5.9) ist es
nicht m¨
oglich, Fixpunkte von mehrperiodischen Bewegungen analytisch zu
bestimmen. Dies geschieht auf numerische Weise in Abschnitt 6.2.3 mittels
einer Bifurkationsanalyse. Im Folgenden wird gezeigt, dass Fixpunkte
[t∗, V ∗]Tzu 1-periodischen L¨
osungen analytisch gefunden werden k¨
onnen.
Eine Anmerkung sei vorab zur Angabe der ersten Komponente eines Zu-
standswertes gegeben: bisher war die erste Zustandskomponente die Stoßzeit
tk. Im Folgenden wird bei der Angabe eines Zustands oft anstelle der abso-
luten Stoßzeit tkderen relative Phasenlage φkin Bezug zur harmonischen
Anregung durch den Oszillator angegeben. Aus tkwird somit φkdurch die
Transformation
φk= (tkmod T)·Ω.(6.1)
Ein Zustand [φ∗, V ∗]Theißt genau dann Fixpunkt der Abbildung T, wenn
T[φ∗,V∗]T= [φ∗,V∗]T.
63
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
F¨
ur eine 1-periodische Bewegung folgt hieraus die Periodizit¨
atsbedingung
φ∗
k+1 =φ∗
k∧V∗
k+1 =V∗
k∀k∈N.
Wegen der Transformation (6.1) folgt f¨
ur die Zustandsgr¨
oße ”Stoßzeitpunkt“
tk
t∗
k+1 =t∗
k+n T, n ∈N,
weil der Zeitverzug eines nachfolgenden Stoßes dem Vielfachen einer An-
regeperiodendauer T=2π
Ωgleichen muss. Damit gilt f¨
ur die Auslenkung
u(t) = u0cos Ωtder Oszillatorspitze
u(t∗
k) = u(t∗
k+1).
Unter Ausnutzung diesen Zusammenhangs folgt aus der Differenzenglei-
chung (5.6) des Stoßzeitpunktes die Flugdauer ∆t=t∗
k+1 −t∗
kzwischen
zwei aufeinanderfolgenden St¨
oßen
∆t=1 + 1
α2h−u0cos Ωt∗
V∗=n T . (6.2)
Mit der Differenzengleichung (5.7) ergibt sich f¨
ur die periodische Abflugge-
schwindigkeit die Bedingung
V∗=α1α2V∗−(1 + α1)u0Ω sin Ωt∗.(6.3)
Umstellen von Gleichung (6.2) und Gleichung (6.3) nach V∗und Gleichset-
zen f¨
uhrt auf h
u0
= cos Ωt∗−bsin Ωt∗(6.4)
oder
1 = asin Ωt∗−arctan b−1(6.5)
mit
a=u0
h√1 + b2
b= 2πn 1 + α1
(1 −α1α2)(1 + 1
α2), α1,2∈(0,1) .
Aus Gleichung (6.5) folgt
Ωt∗= arcsin 1
a+ arctan 1
b(6.6)
und aus Gleichung (6.3) kann V∗berechnet werden:
V∗=−1 + α1
1−α1α2
u0Ω sin Ωt∗.(6.7)
Die Fixpunkte [t∗, V ∗]Tsind gefunden. Aufgrund der nicht-expliziten For-
mulierbarkeit der Abbildungsgleichungen ist es nicht m¨
oglich, die Stabilit¨
at
der Fixpunkte analytisch zu bestimmen. In den folgenden Abschnitten wird
sich mittels numerischer Zeitreihenintegration zeigen, dass f¨
ur bestimmte
Parameterbereiche einer der Fixpunkte stabil ist.
64
6.2. SIMULATION DES MODELLS 2. ORDNUNG
6.2.2 Periodische und chaotische L¨
osungen
In Abschnitt 5.1 wurde ein Modell 2. Ordnung aufgestellt, welches die Dy-
namik des zentralen Elements des Ultraschall-Stoßbohrers simulieren soll.
Genauer gesagt interessieren die Bewegungen der Kugel, die durch St¨
oße
des schwingenden Oszillators angeregt und durch Kontakt mit einer Prall-
platte in ihrem Aktionsradius begrenzt wird. Um einen ersten Eindruck von
der Bewegung der Kugel zu erhalten, wollen wir ihre Dynamik in diesem
Abschnitt simulieren.
Das Modell 2. Ordnung wurde mit dem Differenzengleichungssystem
(5.9) auf Seite 38 definiert. Der Zustandsvektor [tk+1, Vk+1]Twurde dort
iterativ aus einer Abbildung
tk+1
Vk+1 =Ttk
Vk (6.8)
erzeugt, wobei die Funktion T:R27→ R2nicht explizit definierbar ist. Um
diese zeitdiskreten Bewegungsgleichungen ¨
uber der Zeit zu ”integrieren“,
berechnet man eine Folge aufeinanderfolgender Zust¨
ande. Diese Folge von
Zustandspunkten ergibt einen sog. Orbit bzw. eine sog. Trajektorie. Man
beginnt die Iterationen bei einem Anfangszustand [t0, V0]Tbzw. [φ0, V0]T
und iteriert diesen Zustand ¨
uber die Abbildung (6.8).
Wir w¨
ahlen einen Parametersatz7
Oszillator– Stoßzahl an Flug-
Ampl. Kreisfrequenz Osz. Bohrer abstand
u0Ωα1α2h
10 µm 2π·20.19 kHz 0.6121 0.7879 5 mm
(6.9)
und iterieren eine Zeitreihe ausgehend von einer zuf¨
allig gew¨
ahlten Anfangs-
bedingung, etwa φ0
V0=0.265518 πrad
17.349077 m/s .
In Bild 6.11, obere H¨
alfte, ist der so entstandene Bewegungsverlauf ge-
zeichnet. Die iterierten Zustandswerte geben die Stoßzeiten tkbzw. die Ab-
fluggeschwindigkeiten Vkder Stoßmasse am Oszillator wieder, der in Bild
6.11 am unteren Bildrand in blauer Farbe dargestellt ist. Die kontinuierli-
che Flugbahn wurde unter Annahme beschleunigungsfreier Bewegung, also
konstanter Geschwindigkeit aus der Geschwindigkeit Vkfortgesetzt bis zum
Erreichen der Prallplatte (gr¨
une Farbe, oberer Bildrand) im Abstand von
h= 5 mm. Mit der Stoßgleichung (5.4) wird die Abfluggeschwindigkeit Uk+1
7Flugabstand, Anregefrequenz und Anregeamplitude wurden entsprechend den in La-
borversuchen eingestellten Werten gew¨
ahlt. Die Stoßzahlen liegen im Bereich der Werte,
die im vorigen Kapitel experimentell ermittelt wurden und somit f¨
ur den Pr¨
ufstand rea-
listisch sind.
Die hohe Genauigkeit, mit der die Stoßzahlen und die Anfangsbedingungen hier angege-
ben wurden, ist f¨
ur die Praxis wenig sinnvoll, f¨
ur die rein mathematische Untersuchung
und die Erzeugung von Periodizit¨
at hier jedoch zwingend notwendig und gilt auch f¨
ur die
¨
ubrigen Parameter.
65
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
0 0.05 0.1 0.15
0
h
Position
0 0.05 0.1 0.15
0
h
Position
Zeit t [s]
Bild 6.11: Zeitreihe aus dem Modell 2. Ordnung; oben: chaotische Bewe-
gung; unten: periodische Bewegung —mit chaotischer Bewegung - - - zum
Vergleich (Das rasche Auseinanderstreben der zwei Zeitverl¨
aufe mit nahezu
identischem Anfang, d. h. das Entstehen der chaotischen L¨
osung ist erkenn-
bar.)
nach dem Stoß an der Prallplatte berechnet und ebenfalls als Fluggerade
in den Zeitverlauf eingezeichnet. Aus dem Zeitverlauf l¨
asst sich eine erste
Vorstellung der simulierten Bewegung der Kugel f¨
ur einen kleinen Zeitraum
und f¨
ur diesen einen Parametersatz und die speziellen Anfangsbedingun-
gen gewinnen. Eine Regelm¨
aßigkeit der Bewegung l¨
asst sich nicht erkennen.
Da sich diese Behauptung durch bloßes Betrachten eines Zeitverlaufes noch
nicht mit Sicherheit aufstellen l¨
asst, werden wir im n¨
achsten Abschnitt in
einer Bifurkationsanalyse eine andere Sichtweise auf die Art der Bewegung
bekommen.
Vorher wollen wir mit dem gleichen Parametersatz eine weitere Zeitreihe
bilden, die von anderen Anfangsbedindungen ausgeht. Zur Wahl der An-
fangswerte ¨
ubernehmen wir die obige Startbedingung und erh¨
ohen lediglich
die Anfangsgeschwindigkeit in der letzten bezifferten Stelle:
φ0
V0=0.265518 πrad
17.349078 m/s .
Das Resultat der Bewegung, ausgehend von den vorgegebenen Bedingungen,
ist in Bild 6.11, untere H¨
alfte, dargestellt. Augenscheinlich stellt sich nach
zwei Oszillatorst¨
oßen eine ein-periodische Bewegung ein8. Tats¨
achlich kann
man zeigen, dass die Fixpunktbedingung
Tφ∗
V∗=φ∗
V∗von φ∗
V∗=1.49542278921781 πrad
3.94968938856343 m/s
erf¨
ullt wird. Die Periodendauer der Stoßbewegung ist hier 2.87 ms bzw. ent-
spricht einer Frequenz von 1/2.87 ms = 348 Oszillatorst¨
oßen pro Sekunde.
8Die Startwerte zu der periodischen L¨
osung mit einer — verglichen mit der Fixpunkt-
geschwindigkeit — hohen Geschwindigkeit von 17 m/s wurden f¨
ur dieses Beispiel ermit-
telt, indem ein L¨
osungsalgorithmus f¨
ur die inverse Abbildungsvorschrift T−1aufgestellt
und programmiert wurde. Ausgehend von dem zu diesem Zeitpunkt bereits bekannten
Fixpunkt als Startbedingung wurden auf der instabilen Mannigfaltigkeit von Teinige
Schritte r¨
uckw¨
arts iteriert.
66
6.2. SIMULATION DES MODELLS 2. ORDNUNG
Plausibel erscheint dieses Ergebnis im Vergleich mit Untersuchungen
des Ultraschall-Stoßbohrers am Jet Propulsion Laboratory in Pasade-
na: die Stoßfrequenz liegt im Bereich, der dort festgestellt wurde, siehe
[Bar-Cohen et al. 2001a].
Bei exakt gleich gehaltenen Parametern f¨
uhren zwei sich minimal un-
terscheidende Anfangsbedingungen nach kurzer Zeit auf zwei voneinander
verschiedene L¨
osungen. Diese f¨
ur deterministisch chaotische Systeme typi-
sche Eigenschaft weist auf mindestens zwei koexistierende L¨
osungen hin,
die nebeneinander existieren [Strogatz 1994]. Jede der beiden m¨
oglichen
L¨
osungsformen besitzt ihr eigenes Einzugsgebiet von Anfangsbedingungen.
Wie sich die Einzugsgebiete ¨
uber den Zustandsraum erstrecken, werden wir
in Kapitel 7.1 untersuchen.
Die rasche Separation der beiden dicht beieinander beginnenden Trajek-
torien aus Bild 6.11 verdeutlicht Bild 6.12, in dem die periodische L¨
osung
(durchgezogen —) und die chaotische (gestrichelt ---) in das selbe Ach-
sensystem ¨
ubereinander gelegt wurden. Der erste Vergr¨
oßerungsausschnitt
a hebt den dritten Stoß, der bei einer Phasenlage des Oszillators von
etwa φk=1.355 πrad stattfindet, hervor. Die periodische L¨
osung erreicht
den Oszillator wenig sp¨
ater, was der Oszillatormaximalgeschwindigkeit
(bei Phase 1.5π) geringf¨
ugig n¨
aher liegt. Daher ist der Impuls auf die
Kugel, die sich auf der chaotischen Flugbahn bewegt, geringer. So erreicht
sie den Oszillator im n¨
achsten Zyklus bereits deutlich sp¨
ater als die
periodische Flugbahn (Ausschnitt b ) und hinkt der Periodizit¨
at einen
weiteren Stoß sp¨
ater bereits eine dreiviertel Phase hinterher (Ausschnitt
c ). Die Oszillatorgeschwindigkeit ist in diesem Stoßmoment aber nahezu
Null, genau genommen sogar negativ, wodurch die Abfluggeschwindigkeit
sogar leicht gebremst wird. Dies verursacht die lange sechste Flugdauer
und begr¨
undet die Irregularit¨
at der weiteren Bewegung, siehe Bild 6.11 oben.
0 0.005 0.01 0.015 0.02
0
2
4
x 10−3
Position [m]
Zeit
t [s]
−1
0
1
x 10−5
−1
0
1
2
x 10−5
−1
0
1x 10−6
Position [m]
b
c
a
Bild 6.12: Transiente Phase der periodischen Zeitreihe —mit ¨
uberlagerter
chaotischer L¨
osung - - - ; darunter drei Detailvergr¨
oßerungen.
67
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
6.2.3 Bifurkationsanalyse
Bevor wir die Dynamik des Modells 2. Ordnung detailliert unter Anwendung
der mengenorientierten Methoden f¨
ur einen ausgew¨
ahlten Parametersatz
im folgenden Kapitel 7analysieren und interpretieren werden, soll dieser
Abschnitt einen ¨
Uberblick ¨
uber die Abh¨
angigkeit der Dynamik von den
Parametern des Modells geben. Wie wir sp¨
ater genauer sehen werden,
ist die am h¨
aufigsten anzutreffende Form der Bewegung eine irregul¨
are,
d. h. chaotische. Unter gewissen Parameterkonstellationen koexistieren
auch chaotische und periodische Bewegungen von unterschiedlicher Peri-
odizit¨
atszahl. Im vorigen Abschnitt wurde ein solcher Parametersatz (siehe
(6.9)) gew¨
ahlt und die sensible Abh¨
angigkeit des L¨
osungstypus von den
Anfangsbedingungen anhand eines Beispiels gezeigt. Wie verh¨
alt sich das
System aber, wenn sich Prozess- oder Systemparameter ¨
andern? In welchen
Parameterbereichen existieren periodische L¨
osungen neben chaotischen?
Gibt es Parameter, f¨
ur die periodisches Verhalten nicht m¨
oglich ist? Wie
verschieben sich die Fixpunkte periodischer L¨
osungen, wenn sich ein Para-
meter ver¨
andert? Diesen Fragen soll in diesem Abschnitt auf numerischem
Wege nachgegangen werden.
4.9995 5 5.0005
x 10−3
3.9488
3.949
3.9492
3.9494
3.9496
3.9498
3.95
h [m]
V [m/s]
4.9995 5 5.0005
x 10−3
1.49
1.491
1.492
1.493
1.494
1.495
1.496
1.497
1.498
1.499
1.5
h [m]
φ [π rad]
Bild 6.13: Bifurkationsdiagramm mit Bifurkationsparameter h: erkennbar ist
die Kaskade von Pitchfork-Bifurkationen f¨
ur minimal abnehmendes h. Der
Ausschnitt zeigt einen Bereich von nur ca. 1µm Breite!
Die Verzweigungs– oder Bifurkationsanalyse entschl¨
usselt die Exis-
tenz von periodischer versus chaotischer Dynamik in Abh¨
angigkeit eines
Prozess- oder Systemparameters. Man erstellt ein sogenanntes Bifurkations-
diagramm, in welches man eine (beliebig) gew¨
ahlte Zustandsvariable ¨
uber
68
6.2. SIMULATION DES MODELLS 2. ORDNUNG
den interessierenden Parameter auftr¨
agt, dessen Abh¨
angigkeit untersucht
werden soll (siehe auch Abschnitt 4.1.6). Die Wahl der Zustandsvariablen ist
weitestgehend frei. Die Abszisse9des Diagramms wird in feine Parameter-
Schritte unterteilt. F¨
ur jeden Parameterwert wird daraufhin die Trakjektorie
von einem Anfangszustand aus integriert. Nachdem transiente Einschwing-
vorg¨
ange abgeklungen sind, wertet man den Systemzustand xwiederholt an
einzelnen Zeitpunkten aus, die im Abstand einer Periodendauer Taufeinan-
der folgen, wobei t0das gesch¨
atzte Ende der Einschwingzeit kennzeichnet:
x(t0),x(t0+T),x(t0+ 2T),x(t0+ 3T), . . . .
Etwa 100 Zustandspunkte ermittelt man so. Die Werte der gew¨
ahlten
Zustandsvariablen aus jedem der Zustandspunkte plottet man als einzel-
ne Punkte in das Diagramm ¨
uber die Stelle des Systemparameters. Falls
sich das System bei diesem Systemparameter 1-periodisch verh¨
alt, so wird
die Zustandsvariable nach jeder Periode Twieder den gleichen Wert an-
nehmen. Im Bifurkationsdiagramm entsteht nur ein Punkt. Liegt eine 2-
periodische L¨
osung vor, so werden zwei diskrete Punkte entstehen, da das
System erst wieder nach stets 2 Periodendauern Tzum ersten Zustands-
punkt zur¨
uckkehrt. Findet dagegen chaotisches Verhalten statt, so liegen
die Punkte verstreut10. Nachdem f¨
ur den festgehaltenen Parameter die etwa
100 Zustandspunkte geplottet wurden, r¨
uckt man ihn ein kleines Inkrement
oder Dekrement11 weiter und wiederholt den Vorgang.
Bei zeitkontinuierlichen, nichtautonomen12 Systemen bietet sich bei periodi-
scher Anregung als Zeitmaß Tdie Wahl der Anregeperiode an, zu dem die
integrierte Trajektorie wiederholt ausgewertet wird.
Im Falle des zeitdiskreten Modells liegt bereits eine Abbildungsvorschrift
vor, die von einem Zustandspunkt in einem diskreten Schritt zum n¨
achsten
Punkt abbildet. Diese Schrittweite wird als ein Periodenzeitschritt (T)
angesehen. Genauso wie beim zeitkontinuierlichen System lassen sich so
1-periodische von 2-periodischen von mehr-periodischen von chaotischen
(”unendlich-periodischen“) Attraktoren unterscheiden.
Bedingt durch die komplizierte Dynamik, die nichtglatte Stoßsysteme
aufweisen, koexistieren oft mehrere Attraktoren nebeneinander. Die Analy-
se des vorliegenden Systems zeigte, dass f¨
ur alle Parameterkombinationen
stets ein chaotischer Attraktor existiert. Dies erzeugt eine Schwierigkeit bei
9Abszisse: (lateinisch: die abgeschnittene Linie) horizontale Achse eines Koordinaten-
systems
10In einer Poincar´e-Abbildung, in der sehr viele solcher Zustandspunkte im Zeitabstand
Tstroboskop¨
ahnlich in ein Zustandsdiagramm eingezeichnet werden, erkennt man eine
seltsame Struktur, die den Determinismus, also die Vorherbestimmheit, des nur ober-
fl¨
achlich zuf¨
allig wirkenden Chaos nachweist. Diese Struktur nennt man ”seltsamen At-
traktor“.
11Das Inkrement: (lateinisch ”Zuwachs“) Betrag, um den eine Gr¨
oße zunimmt. Das
Dekrement: Verminderung.
12Ein nichtautonomes Differentialgleichungssystem verh¨
alt sich von der Zeit abh¨
angig,
meist durch einen zeitabh¨
angigen Erregerterm auf der rechten Seite. Beispiel: rechte Seite
=u0cos Ωt .
69
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
1.49 1.495 1.5
3.949
3.9492
3.9494
3.9496
1
2
3
4
5
6
7
φ [π rad]
V [m/s]
1.49 1.495 1.5
3.949
3.9492
3.9494
3.9496
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
φ [π rad]
V [m/s]
Bild 6.14: Trajektorien f¨
ur mehrperiodische L¨
osungen; links: 2-periodisch
(h= 4.9996 mm), rechts: 4-periodisch (h= 4.99949 mm)
der Bestimmung der Bifurkationen von periodischen L¨
osungen: es ist not-
wendig, dass die Anfangsbedingungen zum Nachweis periodischer L¨
osungen
stets innerhalb des Einzugsgebietes der periodischen L¨
osungen liegen. Mit
weiterr¨
uckendem Bifurkationsparameter ver¨
andert sich auch das Einzugs-
gebiet geringf¨
ugig. F¨
ur das vorliegende System wurde daher eine Strategie
implementiert, die als Anfangsbedingung den Fixpunkt aus der Rechnung
mit dem vorigen Parameter verwendet. Bei n-periodischen L¨
osungen (n≥2)
wird derjenige der nFixpunkte mit dem betragsm¨
aßig gr¨
oßten Zahlenwert
im Geschwindigkeitszustand gew¨
ahlt, da dieser maximal weit entfernt vom
chaotischen Attraktor liegt, der typischerweise in Bereichen kleinerer Ge-
schwindigkeiten residiert. Durch dieses Vorgehen kann bei gen¨
ugend kleiner
Parameterschrittweite nahezu sichergestellt werden, dass die Anfangsbedin-
gungen mit dem Einzugsgebiet der periodischen L¨
osungen mitwandern.
Bifurkationsparameter h
Im vorigen Abschnitt 6.2.2 wurde eine 1-periodische L¨
osung bei einem Flug-
abstand von h= 5 mm mit dem Fixpunkt
φ∗
V∗=1.49542278921781 πrad
3.94968938856343 m/s
gefunden. Im Labor l¨
asst sich der Flugabstand zwar einstellen, jedoch ist dies
nur mit begrenzter Pr¨
azision m¨
oglich. In der folgenden Bifurkationsanalyse
soll daher untersucht werden, welchen Einfluss hauf die Lage und die Art
des Fixpunktes hat. Bild 6.13 zeigt zwei Bifurkationsdiagramme mit dem Bi-
furkationsparameter h. Das linke Diagramm wurde f¨
ur die Zustandsvariable
Vk, das rechte f¨
ur die Zustandsvariable φkerzeugt. F¨
ur den Parameterwert
h= 5 mm finden wir den zuvor gefundenen Fixpunkt [φk, Vk]Tin den Dia-
grammen wieder. Ausgehend von h= 5 mm wurde der Flugabstand in feinen
Schritten zun¨
achst erh¨
oht, dann verringert. W¨
achst han, so steigt die Fix-
punktgeschwindigkeit, und die Phasenlage des Fixpunktes n¨
ahert sich von
unten dem Oszillatorgeschwindigkeitsmaximum bei φk= 3/2πrad. Die pe-
riodische L¨
osung existiert mit Periode eins weiterhin, lediglich der Fixpunkt
70
6.2. SIMULATION DES MODELLS 2. ORDNUNG
4.9995 5 5.0005
x 10−3
1.492
1.494
1.496
1.498
1.5
h [m]
φ [π rad]
4.9995 5 5.0005
x 10−3
3.949
3.9495
3.95
h [m]
V [m/s]
1.4921.4941.4961.498 1.5
3.9490
3.9492
3.9494
3.9496
3.9498
3.9500
φ [π rad]
V [m/s]
Bild 6.15: Ortskurve des Bifurkationsdiagramms f¨
ur den Laufparameter h
verschiebt sich mit steigendem hetwas im Zustandsraum. Sobald der Pa-
rameter jedoch den Flugabstand von 5.00066 mm ¨
ubersteigt, verschwindet
die stabile Fixpunktl¨
osung pl¨
otzlich und weicht der alleine dominierenden
chaotischen L¨
osung. F¨
ur h > 5.00066 mm breitet sich die Punktewolke, die
das Chaos beschreibt, bei Geschwindigkeitszust¨
anden, die unterhalb des ge-
zeigten Ausschnitts im Bild links liegen und sind im Diagramm daher nicht
sichtbar.
Verringert man den Parameter ausgehend von der 1-periodischen L¨
osung
bei h= 5 mm schrittweise, so passiert ¨
Uberraschendes bei h≈4.9998 mm:
der Ast periodischer L¨
osungen verzweigt sich. Der Ast vormals stabiler
1-periodischer L¨
osungen wechselt seine Stabilit¨
at hin zu einem weiterlaufen-
den Ast von instabilen Fixpunkten. Da die instabilen L¨
osungen durch das
beschriebene Vorgehen nicht erhalten werden, wird der Ast 1-periodischer
L¨
osungen im Diagramm nicht fortgesetzt. Wie aus dem Nichts verzweigen
sich aus dem Ast 1-periodischer L¨
osungen zwei Zweige. Sie enth¨
ullen die
Existenz 2-periodischer L¨
osungen. Dieses Ph¨
anomen nennt man Perioden-
verdoppelung bzw. Heugabel-Verzweigung (engl. pitchfork bifurkation).
Startet das System von einem Anfangszustand aus dem Einzugsbereich
der 2-periodischen L¨
osung, so konvergiert die Reihe in wenigen Schritten
gegen die zwei Fixpunkte. Diesen Vorgang zeigt die Trajektorie in Bild 6.14,
linke H¨
alfte. Im Zustandsdiagramm ist die Reihenentwicklung als Punkt-
Reihe Vk¨
uber φkeingezeichnet. Die Ziffer ”1“ markiert die Startbedingung,
von der aus etwa 15 Schritte iteriert wurden. Die Trajektorie der ersten
transienten St¨
oße (grau gestrichelt) n¨
ahert sich etwa ab dem 6. Schritt der
station¨
aren, stabilen periodischen L¨
osung. Die periodische Trajektorie, die
71
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
0.61200 0.61205 0.61210
3.9489
3.949
3.9491
3.9492
3.9493
3.9494
3.9495
3.9496
α1
V [m/s]
0.61200 0.61205 0.61210
1.49
1.492
1.494
1.496
1.498
1.5
α1
φ [π rad]
Bild 6.16: Bifurkationsdiagramm f¨
ur Parameter α1
zwischen den zwei gelb hinterlegten Fixpunkten hin- und herspringt, ist
t¨
urkis gef¨
arbt. Weiteres Verringern von hf¨
uhrt zu weiteren Periodenver-
doppelungen. Bild 6.14, rechte H¨
alfte, zeigt die transiente Trajektorie hin
zur stabilen 4-periodischen L¨
osung.
Mit weiterer schrittweiser Verkleinerung des Flugabstands ergibt sich
eine Kaskade immer ¨
ofter auftretender Periodenverdoppelungen, die schließ-
lich f¨
ur etwa h < 4.9994 mm in Chaos m¨
unden.
Die Darstellungsweise in den Bifurkationsdiagrammen in Bild 6.13
bew¨
ahrt sich, um den Grad der Periodizit¨
at der L¨
osungen zu erkennen. In
Bild 6.15 ist die Ortskurve der periodischen Fixpunkte mit dem Laufpara-
meter hgezeigt, die der Darstellung im Bifurkationsdiagramm entspricht.
Farben kennzeichnen den Grad der Periodizit¨
at von 1-periodisch (blau) bis
16-periodisch (lila). Ablesen l¨
asst sich hier leicht, dass die Bewegungsform
mit gr¨
oßter Abfluggeschwindigkeit Vdie 1-periodische Bewegung ist.
Bifurkationsparameter α1
In einer weiteren Bifurkationsanalyse wollen wir die Periodizit¨
atsexistenz be-
leuchten, wenn eine der Stoßzahlen variiert wird. In Unterkapitel 6.1 sahen
wir, dass die Stoßzahlen in der Praxis schwankende Gr¨
oßen sind. Dies mo-
tiviert das Interesse der Wahl von α1f¨
ur die Parameterstudie. Mit dem fol-
genden Parametersatz, f¨
ur den wir im vorigen Abschnitt Periode-4-Verhalten
72
6.3. EXPERIMENTELLE UNTERSUCHUNGEN AM STOSSBOHRER
sahen, beginnen wir die Variation von α1= 0.6121 aus:
Oszillator– Stoßzahl an Flug-
Ampl. Frequenz Oszillator Bohrer abstand
u0f α1α2h
10 µm 20.19 kHz [0.6120 0.61211] 0.7879 4.9995 mm
(6.10)
Bild 6.16 zeigt das Bifurkationsdiagramm f¨
ur α1, Bild 4.1 hebt mit einer
200-Schritt-Aufl¨
osung des rechten Randes die Periodenverdoppelungskaska-
de hervor. Je h¨
oher α1, desto geringer ist die Systemd¨
ampfung. Entspre-
chendes l¨
asst sich aus den Diagrammen ablesen: Bewegungen mit großen
Stoßgeschwindigkeiten ergeben sich f¨
ur gr¨
oßere Stoßzahlen. Jenseits von
α1= 0.61211 herrscht jedoch wieder Chaos vor. Der Bereich, in dem die
Stoßzahl variieren kann, um Periodizit¨
at zu erm¨
oglichen, ist weit schmaler
als die Streuung der Werte in der Praxis. Dies erkl¨
art, warum periodische
L¨
osungen in der Praxis so gut wie nie beobachtet werden.
6.3 Experimentelle Untersuchungen am
Stoßbohrer
Im bisherigen Teil dieses Kapitels wurde das dynamische Verhalten der zen-
tralen Komponente des Ultraschall-Stoßbohrers — der freien Stoßmasse —
untersucht. Der Bohrer, der als Gegenprallelement f¨
ur die Stoßmasse auf der
einen Seite fungiert, wurde festgehalten und durch eine Hammerbahn ersetzt.
Der Antrieb des Bohrers — der Ultraschall-Transducer, auch Oszillator ge-
nannt — wurde mit einem konstanten Abstand zum Gegenprallelement im
Pr¨
ufstand eingespannt. Die Auswirkungen des in Schwingungsrichtung frei
beweglichen Oszillators auf die dynamischen Eigenschaften des Bohrsystems
werden in diesem Unterkapitel experimentell und im folgenden simulierend
untersucht.
6.3.1 Pr¨
ufstand f¨
ur Messungen am Stoßbohrer
Wie im bisherigen Pr¨
ufstand stellt die F¨
uhrung der Stoßmasse eine Schwie-
rigkeit dar, denn sie soll die Kugel in Flugrichtung nicht beeinflussen, quer
dazu jedoch begrenzen. Bild 6.2 auf Seite 55 zeigt den Aufbau eines Stoß-
bohrers, bei dem als Stoßmasse eine runde Scheibe mit zentralem Loch
zur F¨
uhrung gew¨
ahlt wurde. Ein F¨
uhrungsstab in L¨
angsrichtung verhindert
Querbewegungen der Scheibe. Die Reibung an seinem Umfang f¨
uhrt jedoch
zum Verkanten und Taumeln der Scheibe.
Eine verbesserte Version der F¨
uhrung wurde von Dipl.-Ing. Chris-
tian Potthast aufgebaut, zu sehen auf den Bildern 6.17 und 6.18
[Potthast et al. 2007a]. Als Stoßmasse bewegt sich eine Stahlkugel mit
Durchmesser 8 mm in einer Aluminiumh¨
ulse mit geringf¨
ugig gr¨
oßerem
Durchmesser. Eine Aussparung in der H¨
ulse erm¨
oglicht das optische Er-
fassen der Kugelposition. W¨
ahrend der Messung sitzt der Bohrer auf einem
73
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
Bild 6.17: Gesamter Pr¨
ufstand mit Linearf¨
uhrung f¨
ur den Stoßbohrer;
Pr¨
ufstandskonzeption und Bild: C. Potthast
Transducer FreeMass DrillStem
Bild 6.18: Stoßbohrer aus Pr¨
ufstand: Oszillator, Kugel und Bohrer mit
F¨
uhrungsh¨
ulse; Bild: C. Potthast
Kraftmesser, auf dem er in vertikaler Richtung nicht fixiert ist. F¨
ur die Mess-
datenaufzeichnung wurde eine Hochgeschwindigkeitskamera verwendet, die
mit einer Frequenz von 9000 Bildern pro Sekunde Photographien speicherte.
74
6.4. SIMULATION DES MODELLS 4. ORDNUNG
6.3.2 Messergebnisse am Stoßbohrer
Die Messung am Stoßbohrer mit dem oben beschrieben Pr¨
ufstand wurde
von Dipl.-Ing. Christian Potthast mit dem Parametersatz
Oszillator– Kugel– Anpress– Gravitations-
Ampl. Frequenz Masse Masse Kraft Beschl.
u0f M m FAg
5µm 20.19 kHz 264.7 g 2.1 g 3 N 9.81 m/s2
(6.11)
durchgef¨
uhrt. Einen Ausschnitt von 63 ms der Hochgeschwindigkeitskamera-
auswertung zeigt Bild 6.19. Sichtbar ist eine Starrk¨
orperbewegung des Boh-
rers (gr¨
un), der seinerseits St¨
oße mit dem Untergrund (im Pr¨
ufstand war
dies ein Kraftsensor) ausf¨
uhrt.
0.57 0.58 0.59 0.6 0.61 0.62
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3
3.5
4
Position [mm]
Zeit t [s]
Bild 6.19: Gemessene Bewegung von Oszillator,Kugel und Bohrer
6.4 Simulation des Modells 4. Ordnung
In den Unterkapiteln 6.1 und 6.2 wurden die m¨
oglichen Bewegungsabl¨
aufe
der Stoßmasse (Kugel) im Inneren des Bohrsystems mithilfe eines auf zwei
Zustandsvariablen reduzierten Grundmodells studiert. In Unterkapitel 5.2
wurde durch Verfeinern des vorigen Modells die Fesselung des Oszillators
ans Inertialsystem aufgehoben: wie die Stoßmasse kann er sich frei bewegen.
Auch wurde der Einfluss der Schwerkraft und einer Anpresskraft mit in das
Modell aufgenommen. Diesen Aspekten wird in einer Erweiterung des vor-
mals untersuchten Modells 2. Ordnung Rechnung getragen. Im Gegensatz
75
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
zu diesem Modell ist es von Ordnung vier und simuliert ebenfalls diskrete
Zeitschritte. Zus¨
atzlich zu den beiden Zustandsgr¨
oßen des ersten Modells
(Stoßphase und Abfluggeschwindigkeit der Kugel) ber¨
ucksichtigt das erwei-
terte Modell die Geschwindigkeit und Position des beweglichen Oszillators
im Zeitpunkt jedes Stoßes zwischen Stoßmasse und Oszillator.
Durch eine einfache Zeitreihensimulation ist es wie zuvor hilfreich und
n¨
utzlich, sich zun¨
achst einen ¨
Uberblick ¨
uber die zu studierende Dynamik zu
machen. Hierzu iterieren wir das Modell 4. Ordnung ausgehend von einem
festgelegten Anfangszustand. Die Bewegungen von Stoßmasse und Oszillator
halten wir in einer Zeitreihendarstellung fest, wie auch schon auf Seite 66 in
Bild 6.11 f¨
ur das reduzierte Modell 2. Ordnung. Die Gleichungen (5.43) bis
(5.49) iterativ angewendet liefern xk, ˙xkund ˙ykjeweils zu den Stoßzeitpunk-
ten tk. Die Positionen des Oszillatorschwerpunktes x(t), der Oszillatorspitze
u(t) und der Stoßmasse y(t) in kontinuierlicher Zeit zwischen den Stoßer-
eignissen werden aus den Anfangswertprobleml¨
osungen (5.24), (5.26) und
(5.34) berechnet.
F¨
ur die Simulationen werden der Parametersatz
Oszillator– Stoßzahl an Massen– Beschleunigung aus
Ampl. Frequ. Osz. Bohrer verh¨
altn. Anpresskraft Gravitat.
u0f α1α2M/m =µ FA/M g
15 µm20.19 0.5 0.6
264.7 g
2.0 g
3 N
0.2647 kg 9.81 m/s2
kHz = 132 = 11 m/s2
sowie als Anfangsbedingungen f¨
ur die Zustandsvariablen
Startgeschwindigkeit Startpos.
Startzeit Stoßmasse Oszillator
t0˙y+
0˙x+
0x0
37.7 µs -3.33 m/s 0 m/s 1.42 mm
benutzt.
Die erste halbe Sekunde der mit den angegebenen Parametern und
Startbedingungen simulierten Zeitreihe zeigt Bild 6.20. Im unteren Teil der
Zeitreihe ist die Entwicklung der Stoßfrequenzen aufgetragen, d. h. ¨
uber jede
Stoßzeit ist der Kehrwert der Dauer bis zum n¨
achsten Stoß aufgetragen. Die
gepunktete Linie (···) bei 1.3 kHz kennzeichnet die mittlere Stoßfrequenz,
wobei die (extrem kurzen) Flugdauern von Mehrfachst¨
oßen hier und auch
im Diagramm nicht auftauchen.
Das Histogramm in Bild 6.21 zeigt die H¨
aufigkeitsverteilung der Fre-
quenzen: die meisten St¨
oße folgen mit einer Frequenz von 500 Hz aufeinan-
der. An der Lage der lokalen Maxima der Stoßfrequenzverteilung unter der
Zeitreihendarstellung erkennen wir, dass dichte Stoßfolgen auftreten, wenn
die Oszillatorlage ein lokales Minimum einnimmt, bedingt durch minimale
Flugwege f¨
ur die Stoßmasse.
76
6.4. SIMULATION DES MODELLS 4. ORDNUNG
0
1
2
3
4
5
Positionen [mm]
Bohrer Flugmasse Oszillator
0 0.1 0.2 0.3 0.4 0.5
102
103
104
Zeit t [s]
Stoßfre−
quenz [Hz]
Bild 6.20: Zeitreihensimulation (oben): Oszillator,Kugel und feststehender
Bohrer; Stoßfrequenzen (unten) mit Markierung (···) der mittleren Stoßfre-
quenz
Detaillierteren Einblick in die Flugbahnen der Kugelmasse zeigen die Bil-
der 6.22 bis 6.24. Bild 6.22 hebt einen Ausschnitt von 70 ms aus der iterierten
Zeitreihe hervor, Bilder 6.23 und 6.24 zeigen Detailausschnitte aus Bild 6.22.
Lilafarbene Abschnitte der Fluggeraden markieren Mehrfachst¨
oße der Kugel
am Oszillator. Mehrfachst¨
oße treten auf, wenn die Kugel nach ihrem Oszilla-
torstoß noch weiter in dessen Richtung fliegt oder wenn sie sich zu langsam
in Richtung auf den Bohrer bewegt und von der gleichen Schwingphase des
Oszillators eingeholt wird. Selten kommt es vor, dass die Kugel mit geringer
Geschwindigkeit den Schwingradius des Oszillators verl¨
asst, viele Perioden-
dauern sp¨
ater vom Oszillator aber ein weiteres Mal getroffen wird. Auch
diese M¨
oglichkeit muss im Modell ber¨
ucksichtigt werden.
Vereinzelt kommt es zu Mehrfachst¨
oßen am Bohrer. Sie mathematisch
zu beschreiben f¨
uhrt auf das Paradoxon von Zeno, wenn die Kugel unend-
lich oft auf den Bohrer trifft, bevor sie wieder in Kontakt mit dem Oszillator
kommt.13 Trifft der Oszillator erst nach dieser endlichen Zeit unendlich vieler
13Eines von Zeno von Eleas vier Paradoxen von Zeit und Bewegung war, dass Zeit
unendlich unterteilbar ist. Die Dichotomie besagt: Um das Intervall [0,1] zu durchschrei-
ten, muss zun¨
achst einmal die erste H¨
alfte dieser Distanz, also das Intervall [0,1
2] tra-
versiert werden. Hierzu ist es jedoch wiederum notwendig, dessen erste H¨
alfte, sprich
das Intervall [0,1
4] zu durchmessen, usw. Folglich sind zun¨
achst unendlich viele Reise-
Einheiten notwendig, um sich ¨
uberhaupt vom Start zu entfernen. Dies ist in endlicher
Zeit nicht m¨
oglich — daher kann der Reisende nie am Ziel ankommen. Aristoteles er-
kl¨
arte, Achilles k¨
onne die Schildkr¨
ote niemals einholen, die 10m vor ihm starte und 10
77
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Stossfrequenzen [kHz]
Bild 6.21: Histogramm–Verteilung der Stoßfrequenzen: die typische Stoßfre-
quenz liegt bei 500 Hz.
St¨
oße auf die dann ruhende Kugel, so kann er sie gem¨
aß dem in Unterkapitel
5.1 aufgestellten Starrk¨
orpermodell nie mehr in Bewegung versetzen. Labor-
versuche zeigen jedoch, dass dies m¨
oglich ist. F¨
ur diese Situation versagt
das Modell folglich — es muss auf ein elastostatisches Modell gewechselt
werden. Im Rahmen dieser Arbeit wurde in solchen F¨
allen — anstelle einer
Anpassung des Modells — von weiteren Iterationen abgesehen.
6.5 Vergleich von Modellen und Messungen
Im Sichtvergleich der Zeitsimulation in Bild 6.22 mit dem Ausschnitt aus
der Messaufzeichnung in Bild 6.19 l¨
asst sich eine hohe ¨
Ubereinstimmung
mal langsamer sei. Denn nachdem Achilles die ersten 10 m gelaufen war, hatte sich die
Schildkr¨
ote um 1m weiterbewegt. In der Zeit, die Achilles aber f¨
ur diesen Meter ge-
braucht hatte, war die Schildkr¨
ote um 1
10 m voran gekrochen, usw.. Die unendlich vie-
len Etappen, die Achilles zur¨
ucklegen muss, addieren sich jedoch auf nicht mehr als
101+ 100+ 10−1+ 10−2+... =P∞
−11
10 k= 10 + 1
1−1
10
. Kommen wir auf die frei
fliegende Kugel zur¨
uck, f¨
ur die Whitrow die gleiche Dichotomie(”Zweiteilung“) formu-
lierte: Angenommen, die Kugel pralle mit der Geschwindigkeit v0in vertikaler Richtung
vom feststehenden Bohrer ab und beschleunigt, ohne den Oszillator zu treffen, mit der
Erdbeschleunigung gwieder zum Bohrer zur¨
uck, so wird diese Flugdauer 2v0
gdauern. F¨
ur
den n¨
achsten Stoß betr¨
agt die Abprallgeschwindigkeit nur noch v0·α2, usw. Die Kugel
wird unendlich viele sich verkleinernde und dichter folgende St¨
oße mit der Prallplatte
aus¨
uben, also scheinbar nie zur Ruhe kommen. Allerdings ben¨
otigen diese unendlich vie-
len sich verk¨
urzenden St¨
oße nur eine Zeitspanne von 2v0
g+2v0α2
g+2v0α2
2
g+...=2v0
g
1
1−α2,
wonach die Kugel bewegungslos auf dem Bohrer liegen muss.
78
6.5. VERGLEICH VON MODELLEN UND MESSUNGEN
0.38 0.39 0.4 0.41 0.42 0.43 0.44
0
0.5
1
1.5
2
2.5
3
3.5
4
Zeit t [s]
Positionen [mm]
Bild 6.22: Ausschnitt aus einer Zeitreihensimulation: Oszillator,freie Stoß-
masse und feststehender Bohrer
zwischen Messung und Modell feststellen. Allerdings muss der Vergleich
mit Vorsicht gezogen werden, da die Bedingungen des Gegenpralls am
Bohrstab unterschiedlich sind. Das Modell ber¨
ucksichtigt weder die Wellen-
ausbreitungsvorg¨
ange im Bohrstab, noch dessen Starrk¨
orperbewegungen.
Die Vor- und Nachgeschichte der Bewegungsabl¨
aufe von Simulation und
Messung gleichen sich nicht in gleichem Maße wie die gezeigten Ausschnitte,
sondern verlaufen ihren deterministischen Regeln folgend chaotisch. Die
mittlere H¨
ohe, in die sich der Oszillator hebt, liegt zwischen Messung
und Simulation dicht beieinander. Einen leichten Unterschied gibt es in
der Stoßfrequenz. In der Simulation liegt sie — wie auch durchschnittlich
im gezeigten Ausschnitt — ¨
uber der Stoßfrequenz in der Messung. Dies
wird auf den Bohrer mit seiner h¨
oheren Aufnahmef¨
ahigkeit kinetischer
Energie und D¨
ampfung am Untergrund zur¨
uckzuf¨
uhren sein. Die Stoßzahlen
des Modells wurden f¨
ur die Simulation so angepasst, dass die vom Os-
zillator erreichten mittleren H¨
ohen sich in Messung und Simulation gleichen.
Messungen der Kontaktkr¨
afte des Bohrers in [Potthast et al. 2007a]
zeigen, dass die Kraftspitzen und vermutlich die gr¨
oßten Bohrraten dann
erfolgen, wenn die Oszillatorposition ein lokales Minimum einnimmt.
Dieses Verhalten ist in der Simulation insofern wiederzufinden, als dass die
Stoßfrequenz in solchen Phasen Maximalwerte erreicht. Die Mechanismen,
die diesem Ph¨
anomen jeweils zugrunde liegen, k¨
onnen aber in Realit¨
at und
Simulation unterschiedliche sein. Im Laborversuch ist es m¨
oglich, wenn
auch nur f¨
ur sehr kurze Zeitr¨
aume, dass Oszillator, Kugel und Bohrer
79
KAPITEL 6. VERHALTEN DES STOSSBOHRERS
0.379 0.3795 0.38 0.3805 0.381
0
0.05
0.1
0.15
0.2
0.25
0.3
Zeit t [s]
Positionen [mm]
Bild 6.23: Detail aus Bild 6.22 bei t= 0.38 s: in dieser Vergr¨
oßerung ist
die harmonische Schwingung des Oszillators u(t) sichtbar. Die Flugbahn der
freien Masse ist lilafarben gezeichnet, w¨
ahrend die Stoßmasse einen Mehr-
fachstoß am Oszillator erf¨
ahrt.
aufeinander liegen, also alle gleichzeitig die Position 0 m einnehmen. Somit
¨
ubertr¨
agt der schwerere Oszillator seinen Stoßimpuls gelegentlich direkt an
den Bohrstab, was die Stoßkraftmaxima in [Potthast et al. 2007a] erkl¨
art.
Im Modell hingegen entspricht der Zustand eines Dreierkontaktes dem
Flugabstand ”Null“, der einem unendlich kleinen zeitlichen Stoßabstand
gleichbedeutend ist, was wiederum eine unendlich hohe Stoßfrequenz
symbolisiert. Diese ¨
Uberlegungen w¨
urden in der Theorie jedoch nur mit
einem nicht-schwingenden Oszillator harmonisieren. Die Schwingungen des
Oszillators begrenzen die Dauer solch eines Dreierkontaktes und limitieren
auch die Stoßwiederholrate maximal auf die Anregefrequenz.
Zusammenfassend l¨
asst sich sagen, dass zwischen beiden simulierten Mo-
dellen und dem realen Verhalten in Laborpr¨
ufst¨
anden eine große qualitative
¨
Ubereinstimmung festgestellt wurde. Quantitativ bewegen sich die Zust¨
ande
in Theorie und Praxis in den gleichen Gr¨
oßenordnungen. In beiden Modellen
sind die Stoßzahlen die einzigen Parameter, die im Labor nicht eingestellt
oder abgelesen werden k¨
onnen. Eine messtechnische Bestimmung der Stoß-
zahlen von ¨
uber 500 St¨
oßen hat eine Streuung der Werte gezeigt. Obwohl im
Modell zeitlich konstante Stoßzahlen eingesetzt werden, war es m¨
oglich, sie
so einzustellen, dass sich die Oszillatorbewegungen in Simulationen und Ex-
perimenten in ann¨
ahernd gleicher Flugh¨
ohe bewegen. Der Grund f¨
ur unter-
schiedliche Stoßfrequenzen der Stoßmasse im Modell 4. Ordnung und im Ver-
80
6.5. VERGLEICH VON MODELLEN UND MESSUNGEN
0.43 0.4305 0.431 0.4315 0.432
0
0.05
0.1
0.15
0.2
0.25
0.3
0.35
Zeit t [s]
Positionen [mm]
Bild 6.24: Detail aus Bild 6.22 bei t= 0.43 ms: durch die hier geringe H¨
ohe
des Oszillators ¨
uber dem Bohrer (Flugabstand f¨
ur Kugelmasse nur 0.3 mm)
erh¨
oht sich die Stoßfrequenz der Kugelmasse auf 3 kHz, wodurch die Fallbe-
wegung des Oszillators gebremst wird.
such am Stoßbohrsystem resultieren aus den verschiedenen Bohrerbedingun-
gen: im Labor war dieser beweglich gef¨
uhrt und konnte somit durch sprung-
haftes ¨
Andern seiner Starrk¨
orpergeschwindigkeit im Stoßzeitpunkt mit der
Stoßmasse von dieser mehr kinetische Energie abf¨
uhren als im Modell, in
dem der Bohrer als starre, teilelastische Prallplatte modelliert wurde. F¨
ur
die exakte Abbildung des beweglichen Bohrstabes im Modell k¨
onnte eine
weitere Verfeinerungsstufe gew¨
ahlt werden, die aber nicht mehr im Umfang
dieser Arbeit lag.
81
.
Kapitel 7
Numerische Analyse mit Hilfe
der mengenorientierten
Methoden
Kapitel 7behandelt den Schwerpunkt dieser Arbeit, n¨
amlich die Anwen-
dung der mengenorientierten numerischen Methoden. Ihr vielversprechen-
der Einsatz wurde bereits durch mehrere Anwendungen der Methoden auf
Systeme mit komplizierter Dynamik nachgewiesen. Die zugrundeliegenden
Modelle konnten in solchen F¨
allen durch explizite Bewegungsgleichungen
in wenigen Zeilen formuliert werden und waren glatter und kontinuierlicher
Art, also ohne sprunghafte Wechsel der Bewegungsgleichungen. Ihre An-
wendbarkeit auf diskrete, also nicht-kontinuierliche Systeme bzw. solche mit
Sprungph¨
anomenen wurde bislang noch nicht demonstriert. Weiterhin ist die
Verwendung bei Modellen mit transzendenten Bewegungsgleichungen nicht
bekannt.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird der Einsatz der mengen-
orientierten Methoden erstmals auf ein nichtglattes, zeitdiskretes System
demonstriert und beschrieben. Insbesondere wird ein System aus der Praxis
behandelt. Dies stellt bereits an die mathematische Modellbildung hohe
Anforderungen, auf die in Kapitel 5eingegangen wurde.
Kapitel 7ist in zwei Teile unterteilt. Im ersten Teil wird das Analysevor-
gehen anhand des Systems 2. Ordnung demonstriert, das in Unterkapitel 5.1
aufgestellt wurde. Dieses bewusst einfach gehaltene und auf zwei Dimensio-
nen beschr¨
ankte Modell erm¨
oglicht ein eingehendes Verst¨
andnis der Funk-
tionsweise der Methodik. Die Ergebnisse der Analyse lassen sich bequem
im 2-dimensionalen Zustandsraum auf der Papierebene darstellen, und die
Eigenschaften und Vorteile der Methoden werden daran besprochen.
Der zweite Teil dieses Kapitels demonstriert, wie sich der Einsatz der Me-
thoden auf h¨
oherdimensionale Systeme, wie sie der Realit¨
at n¨
aher kommen,
eignet. Hierzu verwenden wir das Modell 4. Ordnung, das in Unterkapitel 5.2
hergeleitet wurde. Seine h¨
ohere Dimensionszahl erschwert die Interpretation
der Ergebnisse, die nur unter Verwendung geeigneter Projektionen auf die
2-dimensionale Papierebene visualisiert werden k¨
onnen.
83
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
7.1 Analyse des Stoß-Modells 2. Ordnung
Die Algorithmen, welche die mengenorientierten Methoden ausmachen, sind
alle im Softwarepaket Gaio implementiert [Dellnitz, Froyland, Junge 2001].
Gaio steht f¨
ur Global Analysis of Invariant Objects. Die Software wird in
der Arbeitsgruppe ”Angewandte Mathematik — Numerische Mathematik
und dynamische Systeme“ am Institut f¨
ur Mathematik der Universit¨
at Pa-
derborn entwickelt und stetig erweitert. Die Softwarepakete sind in der Pro-
grammiersprache Cgeschrieben, daher m¨
ussen die zu untersuchenden Mo-
dellgleichungen in dieser Sprache kodiert werden. Hierf¨
ur steht eine Schnitt-
stelle zur Verf¨
ugung, in der die rechte Seite des Differentialgleichungssystems
erster Ordnung definiert wird. Das geschieht in der C-Funktion ”right hand
side“
void rhs(double *x, double *u, double *y).
Im Vektor xwerden die Zustandsgr¨
oßen dem Modell ¨
ubergeben; der Vek-
tor ywird w¨
ahrend der Modellauswertung berechnet und enth¨
alt danach den
berechneten Zustand einen Zeitschritt dtsp¨
ater (bei kontinuierlichen Model-
len) bzw. bei diskreten Modellen einen Iterationsschritt sp¨
ater. Im Kopf der
Modell-Datei lassen sich die Modellparameter definieren und Einstellungen
vornehmen: hier wird angegeben, um welche Art der Modellbeschreibung
(diskrete Abbildungsvorschrift ”map“ oder kontinuierliches Differentialglei-
chungssystem ”ode“) es sich handelt.
7.1.1 Der zylindrische Zustandsraum
An dieser Stelle ist es n¨
otig, den f¨
ur die vorliegende Art von Schwing-
stoßsystemen angebrachten Phasen- oder Zustandsraum einzuf¨
uhren. Der
Zustandsraum f¨
ur den betrachteten Fall hat zwei Dimensionen. Dies sind
die Stoßzeit tkund die Abfluggeschwindigkeit Vk. Man k¨
onnte die Zeit
herk¨
ommlicherweise auf die Abszisse auftragen und die Geschwindigkeit auf
die Ordinate. Ein Systemzustand entspr¨
ache einem Koordinatenpunkt in
diesem Koordinatensystem und w¨
urde durch einen Abbildungsschritt auf
einen weiter rechts liegenden Zustand abgebildet werden. Durch diese Dar-
stellungsweise von Zustandspunkten k¨
onnte periodisches oder anders struk-
turelles Verhalten nicht identifiziert werden. Die (Uhr-)Zeit der aufeinan-
derfolgenden Stoßzust¨
ande spielt in der Analyse eine untergeordnete Rolle,
n¨
amlich nur zur Bestimmung der Stoßfrequenzen (Stoßwiederholraten); viel-
mehr ist es entscheidend, in welcher Phasenlage der harmonischen Oszilla-
torschwingung ein Stoß am Oszillator auftritt. Daher ist es naheliegend, die
Stoßzeit tk[s] mit
eϕk=tk
2π
Tmit T= 1/f
zun¨
achst auf das Winkelmaß eϕk[rad] zu konvertieren und dieses dann mit
ϕk=eϕkmodulo 2π
84
7.1. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 2. ORDNUNG
auf eine einzige Periodendauer zur¨
uckzumodulieren1. Anstelle des kar-
tesischen Phasenraumes R×Rbenutzen wir folglich den zylindrischen
Phasenraum S1×R, der zur besseren Anschauung in Bild 7.1 skizziert ist.
Die Bewegungsgleichung des Systems 2. Ordnung ist eine Abbildung des
Zylinders auf sich selbst.
π/2π2π
3/2π
Vk
φk
Bild 7.1: Zylinderf¨
ormiger Zustandsraum f¨
ur Phasen- und Geschwindigkeits-
zustand, nach unten durch gr¨
une Sinuslinie begrenzt. rechts: abgerollter Zu-
standsraum.
Die topologische ”Zylindrisierung“ des Phasenraumes erm¨
oglicht es nun,
die Unendlichkeit der zeitlich fortschreitenden Entwicklung innerhalb einer
Periodendauer darzustellen. Alle Phasendiagramme zum Modell 2. Ordnung
in diesem Unterkapitel nutzen diese Darstellung, bei der sie, aufgeschnit-
ten an der ϕ≡0−Ordinate ≡2π−Ordinate2, flach abgerollt wiedergegeben
sind. Der stets in Rechteckform gezeichnete Zustandsraum ist ¨
uber seine
rechte Seite hinaus in seine linke Seite hinein (und umgekehrt) fortgesetzt
zu lesen. Somit liegt ein Zustandspunkt an der rechten Seite einem Punkt an
der linken Seite sehr nahe. Der abgerollte, flach dargestellte Zustandsraum
zeigt sich in der Phasendimension zu beiden Seiten begrenzt. Beim Stoß-
bohrer ist er außerdem in der Geschwindigkeitsdimension begrenzt: die Ab-
1Modulofunktion: f¨
ur a, b ∈Ngilt: amod b= Rest von a
b; f¨
ur den vorliegenden Fall ist
die allgemeinere Definition n¨
otig: f¨
ur a∈R+, b ∈R+\0 gilt: amod b=a−n b mit n=a
b,
wobei nauf die n¨
achst-tiefere ganze Zahl abgerundet werde. In Worten: amodulo bist
der verbleibende Rest, nachdem man bsooft wie m¨
oglich (nmal) von asubtrahiert hat,
wobei man sich in den positiven reellen Zahlen bewege.
2Ordinate: senkrechte Koordinatenachse, oft ”y-Achse“ genannt.
85
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
fluggeschwindigkeiten Vkk¨
onnen niemals kleiner als die Oszillatorgeschwin-
digkeit im Stoßmoment sein. Andernfalls m¨
usste die Stoßmasse nach dem
Stoß in den Oszillator eindringen, was physikalisch nicht m¨
oglich ist. Die
Nicht-Eindringbedingung lautet dementsprechend:
Vk≥ −u0Ω sin Ωtk.(7.1)
Diese untere Schranke ist in Bild 7.1 und in den Zustandsdiagrammen als
gr¨
une Kurve eingezeichnet. Sie begrenzt die physikalisch m¨
oglichen Zust¨
ande
nach unten hin. Der gesamte Zustandsraum ist also nur noch nach oben in
Richtung +Vkunbeschrankt und ¨
ahnelt somit einer Litfaßs¨
aule3mit schr¨
ag
abgeschnittenem Boden und unbegrenzter H¨
ohe. Bild 7.1 zeigt diesen soge-
formten Zustandsraum, der von
S1×R={(ϕ, V )|0≤ϕ < 2π, −u0Ω sin ϕ < V < ∞}
beschrieben wird. Die Darstellungsweise auf dem Zylinder erm¨
oglicht das
Erkennen von Fixpunkten, mehr-periodischen L¨
osungen und seltsamen At-
traktoren.
7.1.2 Bestimmung eines relativen globalen Attraktors
Unterkapitel 2.2 beschreibt, wie sich der relative globale Attraktor eines
dynamischen Systems approximieren l¨
asst. Relativ zu einer Untermenge
Qdes globalen Zustandsraumes n¨
ahert er die attraktive Menge an. Diese
umfasst jene Systemzust¨
ande, die vom System aufgrund seiner periodischen
oder chaotischen Dynamik eingenommen werden k¨
onnen. Folglich bildet
ein Attraktor eine Teilmenge des Zustandsraumes. Startet das System mit
Anfangsbedingungen, die weit außerhalb des begrenzten Attraktorgebietes
liegen, so entwickelt sich das System innerhalb weniger Iterationsschritte
hin zum Attraktor, auf dem alle zuk¨
unftigen Zust¨
ande verbleiben.
Zielsetzung dieser Arbeit ist das Aufzeigen der Analysem¨
oglichkeiten
durch Bestimmung relativer globaler Attraktoren AQmit mengenorientier-
ten Methoden. F¨
ur zwei verschiedene Parameters¨
atze wird in diesem und
den folgenden Abschnitten das Vorgehen anhand des Systems 2. Ordnung
erl¨
autert, das in Bild 5.1, Seite 35, skizziert und in Gleichung (5.9), Seite 38,
modelliert ist. Zun¨
achst werden die f¨
unf Parameter wie folgt gesetzt:
u0Ωα1α2h
1µm 2π·22 kHz 0.9 0.9 20 µm.(7.2)
Der Boxunterteilungs-Algorithmus (siehe Unterkapitel 2.2) zur
Ann¨
aherung des relativen globalen Attraktors wurde 14 mal angewandt.
Das heißt, in jeder Dimension wurde der zu untersuchende Anfangsbereich
(Startbox Q:) 7 mal unterteilt. Dies f¨
uhrt auf eine Aufl¨
osung von 214 Boxen
bezogen auf die Startbox. Die 5821 Boxen, die den Attraktor ¨
uberdecken,
3Litfaßs¨
aule: Eine Anschlags¨
aule, benannt nach dem Berliner Buchdrucker E. Litfaß.
86
7.1. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 2. ORDNUNG
zeigt Bild 7.2. Innerhalb der untersuchten Startbox nimmt der Attraktor
etwa 36% der Zust¨
ande ein. H¨
atte man die Startbox zu Beginn in 214
Boxen unterteilt, w¨
aren 64% der Zellabbildungen unn¨
otig vorgenommen
worden. (Allerdings waren zur Approximation des Attraktors 14 Untertei-
lungsschritte n¨
otig; in jedem Schritt wurden die vorhandenen Unterboxen
untersucht. Dies erh¨
oht die Anzahl abzubildender Boxen.) Zur Abbildung
der Boxen wurde ein Gitter mit 30×30 Testpunkten in jede Box gelegt und
deren Bildpunkte berechnet.
0 0.5 1 1.5 2
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
Stoßphase φ [πrad]
Abfluggeschwindigkeit V [m/s]
Bild 7.2: Ein relativer globaler Attraktor AQ, der nach 14 Unterteilungs-
schritten durch ¨
Uberdeckung mit 5821 Boxen angen¨
ahert wurde.
7.1.3 Berechnung der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
Im vorigen Abschnitt wurde der globale Attraktor zum Parametersatz (7.2)
durch ¨
Uberdeckung mit Boxen bestimmt. Wir lesen an ihm ab, welche
m¨
oglichen Zust¨
ande das System in seinen s¨
amtlichen, m¨
oglichen Bewegungs-
formen einnehmen kann, nachdem transiente Einschwingvorg¨
ange abgeklun-
gen sind. Im vorliegenden Fall wird ersichtlich, dass Abfluggeschwindigkei-
ten gr¨
oßer 1.1 m/s nie auftreten. Nachdem wir wissen, welche Zust¨
ande vom
System w¨
ahrend seiner zeitlichen Evolution prinzipiell eingenommen wer-
den, stellt sich die Frage, ob es Priorit¨
aten bez¨
uglich bestimmter Zust¨
ande,
die dem Attraktor angeh¨
oren, gibt.
Es ist m¨
oglich, die Information, welche Zust¨
ande wie wahrscheinlich ein-
genommen werden, zu erhalten. Anders ausgedr¨
uckt l¨
asst sich berechnen,
wie oft sich im Durchschnitt jeder Systemzustand einstellen wird. Die Ge-
nauigkeit f¨
ur diese Angabe ist die Feinheit der Boxen. F¨
ur jede Box wer-
87
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
den wir den Wert ihrer ”Aufenthaltswahrscheinlichkeit“ erhalten. Da diese
berechnete Information bez¨
uglich der zeitlichen Entwicklung der Dynamik
unver¨
anderlich ist, bildet die Aufenthaltswahrscheinlichkeit ein ”invariantes
Maß“, siehe Unterkapitel 2.3.
Wie in Unterkapitel 2.3 beschrieben, wird zur Berechnung der Aufent-
haltswahrscheinlichkeiten die sogenannte ¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsma-
trix Pben¨
otigt. Im entsprechenden Abschnitt auf Seite 13 wurde defi-
niert, dass die ¨
Ubergangswahrscheinlichkeit die Wahrscheinlichkeit angibt,
mit der das System innerhalb eines Iterationsschrittes (also von einem
Stoß zum n¨
achsten) von einem bestimmten Zustandsbereich in einen an-
deren (oder den selben) Zustandsbereich wechselt. Jede der Boxen um-
fasst einen Zustandsbereich. Hier wurden 302Testpunkte auf einem recht-
winkligen Gitter in jeder Box gew¨
ahlt, um ihr Bild zu approximieren (vgl.
schematische Darstellung 2.2, Seite 14). Da jede der 5821 Boxen des re-
lativen globalen Attraktors auf jede andere Box abbilden kann, besitzt die
¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsmatrix die Gr¨
oße 5821×5821. Die meisten Bo-
xen bilden nur auf wenige Boxen ab, weshalb viele Eintr¨
age der Matrix ver-
schwinden. Die Matrix ist daher d¨
unnbesetzt (engl.: sparse), wof¨
ur es spe-
zielle Eigenwertl¨
oser innerhalb der Software Matlab4gibt. Diese werden
genutzt, um die in Gleichung (2.9) formulierte Eigenwertaufgabe zu l¨
osen.
Das Ergebnis davon zeigt, dass die hiesige ¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsma-
trix zwei Eigenvektoren y1und y2mit jeweils dem Eigenwert Eins besitzt.
Folglich existieren innerhalb des relativen globalen Attraktors AQf¨
ur den
einen festen Parametersatz zwei Aufenthaltswahrscheinlichkeitsverteilungen,
die jede f¨
ur sich f¨
ur eine eigene Art der Dynamik stehen. Aus der Theorie
der Eigenwerte ist aber bekannt, dass jede Linearkombination der zwei Ei-
genwerte,
y=αy1+βy2, α, β ∈R,
wiederum einen g¨
ultigen Eigenvektor mit Eigenwert Eins liefert. Ge-
nau zwei voneinander linear unabh¨
angige5Vektoren dieser unendlich vie-
len, m¨
oglichen neuen Eigenvektoren beschreiben die zwei Bewegungs-
m¨
oglichkeiten. Zwei Bedingungen m¨
ussen f¨
ur diese zwei neuen Eigenvektoren
gelten, damit ihre Eintr¨
age im Kontext zweier konkurrierender Attraktoren
physikalisch sinnvolle Aufenthaltswahrscheinlichkeiten enthalten. Mit Hilfe
dieser beiden Bedingungen k¨
onnen die Linearfaktoren αund βbestimmt
werden. Zur Erinnerung sei erw¨
ahnt, dass die Eintr¨
age ¯y1kbzw. ¯y2kder Ei-
genvektoren je eine von zwei m¨
oglichen Aufenthaltswahrscheinlichkeiten der
Box Bkdes relativen globalen Attraktors AQenthalten.
Die zwei Bedingungen lauten:
1. Ausschlussbedingung:
Liegt der Systemzustand aufgrund einer Bewegung gem¨
aß des einen
Attraktors mit einer endlichen Wahrscheinlichkeit in einer bestimmten
4Matlab: Rechenumgebung mit großer Bibliothek numerischer Algorithmen der Firma
The MathWorks, Inc., Boston, zur Programmierung sowie numerischen und symbolischen
Rechnung mit komplexwertigen Matrizen.
5Lineare Unabh¨
angigkeit zweier Vektoren bedeutet, dass die Vektorpfeile nicht durch
Verl¨
angern oder Verk¨
urzen ineinander ¨
uberf¨
uhrbar sind.
88
7.1. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 2. ORDNUNG
Box, so kann der Systemzustand aufgrund einer Bewegung gem¨
aß des
anderen Attraktors nie, also mit verschwindender Wahrscheinlichkeit,
in dieser Box liegen. Einfacher ausgedr¨
uckt: wo der eine Attraktor
eine von Null verschiedene und positive Zahl enth¨
alt, muss der andere
Attraktor eine Null enthalten. Gleiches gilt umgekehrt und muss f¨
ur
jede der NBoxen des relativen globalen Attraktors erf¨
ullt sein. Erf¨
ullt
sein m¨
ussen:
¯y1k6= 0 ⇒¯y2k= 0 und
¯y2k6= 0 ⇒¯y1k= 0 , k = 1,2,...,N . (7.3)
2. Summenbedingung:
Durch die attraktive Eigenschaft jedes Attraktors befindet sich der
Systemzustand (im station¨
aren Verhalten) 100%ig auf dem Attraktor.
Da die Wahrscheinlichkeit, dass der Zustand irgendwo auf dem At-
traktor liegt, gleich der Summe der Einzelwahrscheinlichkeiten aller
den Attraktor ¨
uberdeckenden Boxen ist, gilt immer
X
k
¯yik = 1, i = 1,2.(7.4)
Weitere Details zur Wahl geeigneter Linearfaktoren sind
[Dellnitz & Junge 1999] zu entnehmen.
7.1.4 Analyseergebnisse aus Aufenthaltswahrschein-
lichkeiten
Im vorigen Unterkapitel haben wir zwei m¨
ogliche Verteilungen der Aufent-
haltswahrscheinlichkeiten auf das in Boxen unterteilte Attraktorengebiet be-
rechnet. Die Resultate haben wir in den Vektoren ¯
y1und ¯
y2abgelegt. Zur In-
terpretation der Daten werden wir die Wahrscheinlichkeitswerte einer Farb-
skala zuordnen und die Boxen entsprechend den in ¯
y1bzw. in ¯
y2abgelegten
Wahrscheinlichkeitswerten einf¨
arben. F¨
ur den in (7.2) gegebenen Parame-
tersatz sind die Wahrscheinlichkeitsverteilungen in den Bildern 7.3 bzw. 7.4
gezeigt. Bild 7.3 enth¨
alt f¨
ur beinahe alle Boxen die Nullwahrscheinlichkeit
(dunkelblau gef¨
arbte Boxen). Die auftretenden Systemzust¨
ande beschr¨
anken
sich gem¨
aß der Grafik nur auf einen kleinen Bereich des globalen Attraktors
um den Zustand 0.96 m/s und 1.24πrad. Nach dem Abklingen instation¨
arer
Vorg¨
ange konzentriert sich der Systemzustand nur noch um einen einzigen
Punkt, dem er sich spiralf¨
ormig asymptotisch n¨
ahert. Hierbei handelt es
sich um einen periodischen Punkt: Stoß f¨
ur Stoß l¨
auft unter immer wieder-
kehrend gleichen Bedingungen ab, also bei gleicher Phase und mit gleicher
Geschwindigkeit.
Von den Anfangsbedingungen oder St¨
orungen, die auf das System
einwirken, h¨
angt es ab, ob die periodische L¨
osung eingenommen wird oder
die, ¨
uber welche Bild 7.4 Auskunft gibt. Dort sind all jene Boxen eingef¨
arbt,
deren Zust¨
ande unter der periodischen Bewegung nicht eingenommen
werden. Demnach befindet sich der Systemzustand mit unterschiedlicher
89
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
Wahrscheinlichkeit auf dem ¨
uberwiegenden Teil des globalen Attraktors. Im
Vergleich der beiden Bilder sehen wir die Erf¨
ullung der Ausschlussbedingung
1, Gleichung (7.3): farbige, nicht dunkelblaue Boxen in Bild 7.3 besitzen in
Bild 7.4 Nullwahrscheinlichkeit (dunkelblau und umrandet) und umgekehrt.
0 0.5 1 1.5 2
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
Stoßphase φ [πrad]
Abfluggeschwindigkeit V [m/s]
2
4
6
8
10
12
14
16
18
Bild 7.3: Aufenthaltswahrscheinlichkeiten [%] des periodischen Attraktors ¯
y1
innerhalb des relativen globalen Attraktors AQ. Rot im Hintergrund ist das
Einzugsgebiet der periodischen L¨
osung dargestellt.
Die Ermittlung eines globalen Attraktors und die Berechnung des Auf-
enthaltswahrscheinlichkeitsfeldes vermittelt neuartige Einblicke in das dyna-
mische Verhalten eines Prozesses. Die komplizierte Dynamik wird in r¨
aum-
licher und zeitlicher Dimension ausgedehnt ber¨
ucksichtigt und mit tiefge-
hender ¨
Ubersicht visualisiert. Die Begrenzung des globalen Attraktors gibt
schnell einen Eindruck der vom System nie eingenommenen Zust¨
ande. In
Bild 7.4 erkennen wir, dass in einer chaotischen Bewegung nie Abflugge-
schwindigkeiten oberhalb von 0.67 m/s zu erwarten sind, und dies ist un-
abh¨
angig von den Anfangsbedingungen. Unter Ber¨
ucksichtigung der peri-
odischen Fortsetzung des Zustandsraums in Phasendimension (”Zylindrisie-
rung“) erkennt man weiterhin, dass der Attraktor ein zusammenh¨
angendes
Gebiet beschreibt. Die Farbkodierung gibt wieder, wie unterschiedlich oft
die in Boxen gefassten Bereiche auftreten. Aus diesen Erkenntnissen folgt
der Schluss, dass der zweite Attraktor eine deterministisch chaotische Dy-
namik repr¨
asentiert. Innerhalb des farbigen Gebietes springt der Zustand
scheinbar regellos. Doch auch im Chaos gibt es Struktur: Zust¨
ande hoher
Geschwindigkeiten und Phasen um 3/2 πtreten bevorzugt auf. Auf die An-
wendung des Stoßbohrers ¨
ubertragen stehen hohe Stoßgeschwindigkeiten f¨
ur
90
7.1. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 2. ORDNUNG
große Stoßenergien; die Phase 3/2 πentspricht dem Maximum der Oszilla-
torschwingungsgeschwindigkeit, welches die hohen Abfluggeschwindigkeiten
begr¨
undet. Durch Langzeitsimulationen der chaotischen Dynamik w¨
are die-
se Struktur nicht erkennbar gewesen; das h¨
aufige Auftreten von Zust¨
anden,
die den Bohrfortschritt beg¨
unstigen, erh¨
alt erst in dieser Analyse statistische
Quantit¨
at.
Eine Bemerkung sei zu den Zahlenwerten der Wahrscheinlichkeitswerte
f¨
ur die einzelnen Boxen gegeben. Die Verteilung der Wahrscheinlichkeiten
infolge der chaotischen Dynamik in Bild 7.4 gibt auf der Farbskala kleine
Zahlen wieder. Sie liegen zwischen 0 und 0.14%. Diese Zahlen stehen jede
f¨
ur sich f¨
ur eine relative Wahrscheinlichkeit. Sie bezieht sich auf die Gr¨
oße
(genauer: das ”Volumen“) der einzelnen Box, f¨
ur die sie gilt. Je kleiner die
Box, desto seltener f¨
allt der Zustand in genau den Zustandsbereich, der
von der Box umfasst wird. Dementsprechend kleiner wird der angezeigte
Wahrscheinlichkeitswert f¨
ur diese Box. Durch Erf¨
ullung der Summenbedin-
gung (7.4) ergibt die Integration der Wahrscheinlichkeitsverteilung ¨
uber den
gesamten Zustandsraum stets Eins.
0 0.5 1 1.5 2
0
0.2
0.4
0.6
0.8
1
1.2
Stoßphase φ [πrad]
Abfluggeschwindigkeit V [m/s]
0
0.02
0.04
0.06
0.08
0.1
0.12
0.14
Bild 7.4: Aufenthaltswahrscheinlichkeiten [%] des chaotischen Attraktors ¯
y2
innerhalb des relativen globalen Attraktors AQ. Der Bereich weißen Hinter-
grunds markiert das Einzugsgebiet dieses chaotischen Attraktors.
Die bisherigen Ergebnisse wurden mit dem Parametersatz (7.2) erzielt.
Im Folgenden wird die Bestimmung des globalen Attraktors und der Auf-
enthaltswahrscheinlichkeiten an einem zweiten Parametersatz demonstriert.
Die Anregeamplitude u0sowie der Flugabstand hwerden auf gr¨
oßere Werte
gesetzt, die in Unterkapitel 6.2 f¨
ur Laborversuche und Simulationen einge-
91
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
stellt wurden:
Oszillator– Stoßzahl an Flug-
Ampl. Kreisfrequenz Osz. Bohrer abstand
u0Ωα1α2h
10 µm 2π·20.19 kHz 0.6121 0.7879 5 mm
.(7.5)
0 0.5 1 1.5 2
−1
0
1
2
3
4
Stoßphase φ [πrad]
Abfluggeschwindigkeit V [m/s]
0.1
0.2
0.3
0.4
0.5
0.6
0.7
0.8
0.9
Bild 7.5: Box¨
uberdeckung des relativen globalen Attraktors f¨
ur den Parame-
tersatz (7.5). Die Farbkodierung zeigt die Aufenthaltswahrscheinlichkeiten
[%] des chaotischen Attraktors. Dar¨
uber liegt in roter Farbe das Einzugs-
gebiet des periodischen Attraktors, dessen Fixpunkt mit einem +markiert
ist.
Bild 7.5 zeigt den durch die Box¨
uberdeckung angen¨
aherten, relativen
globalen Attraktor. Es wurden 10 Unterteilungsschritte angewandt, wodurch
der gezeigte Zustandsraumausschnitt in vertikaler und horizontaler Richtung
in 25= 32 Boxen unterteilt ist. F¨
ur die Boxabbildungen wurde jeweils ein
Gitter von 20 ×20 Testpunkten in die Boxen gelegt. Der globale Attraktor
zeigt, dass sich mit den eingestellten Parametern Geschwindigkeiten ¨
uber
4.2 m/s im Langzeitverhalten nie beobachten lassen. Die Verteilung der Auf-
enthaltswahrscheinlichkeiten wurde wieder farbkodiert, und es zeigt sich eine
Dominanz von Zust¨
anden mit hoher Kugelabfluggeschwindigkeit bei einer
Phase um 3/2π. Bei der Suche nach L¨
osungen der speziellen Eigenwertglei-
chung (2.9)y=P y l¨
asst sich genau ein Eigenvektor y1finden. Er ist in
Bild 7.5 durch die Farbwerte dargestellt. Es kann ¨
uber Trajektorienberech-
nung f¨
ur den Parametersatz (7.5) gezeigt werden, dass einer der Fixpunkte
stabil ist. Demzufolge ist zu erwarten, dass es einen zweiten Eigenvektor y2
gibt, der der Eigenwertgleichung gen¨
ugt.
92
7.1. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 2. ORDNUNG
Zur Erkl¨
arung, warum in dem hier gezeigten Fall kein zweiter Eigenvek-
tor gefunden werden kann, m¨
ussen wir das Einzugsgebiet der periodischen
L¨
osung betrachten. Ein Verfahren zur Berechnung von Einzugsgebieten
wird im folgenden Abschnitt erl¨
autert. In Bild 7.5 ist das Einzugsgebiet
der periodischen L¨
osung rot ¨
uber den Attraktor gelegt. Nehmen wir an,
es existiere ein Eigenvektor ¯
y2, der ¯
y2=P¯
y2erf¨
ullt und dessen Wahr-
scheinlichkeitsverteilung einer stabilen, periodischen L¨
osung entspricht.
Nehmen wir weiter an, der Fixpunkt der periodischen L¨
osung bef¨
ande sich
innerhalb der Box Nr. j. In guter N¨
aherung w¨
are folglich zu erwarten,
dass y2,j = 1, denn s¨
amtliche (oder die meisten) Testpunkte aus der Box
Nr. jwerden erwartungsgem¨
aß in Box Nr. jhinein abbilden. Anders
ausgedr¨
uckt erwartet man, dass das Bild der Box Nr. jinnerhalb dieser
Box selbst liegt. Der Eintrag pj,j auf der Hauptdiagonalen in der Zeile jder
¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsmatrix w¨
are dann pj,j = 100%. Voraussetzung
f¨
ur die getroffenen Annahmen der Selbstabbildung ist, dass die Box mit
dem Fixpunkt vollst¨
andig innerhalb des Einzugsgebietes der periodischen
L¨
osung liegt. Der stabile Fixpunkt ist in Bild 7.5 durch ein +markiert.
Das rot dargestellte Einzugsgebiet der periodischen L¨
osung besitzt f¨
ur den
aktuellen Parametersatz eine filigrane Struktur, die sich als d¨
unne F¨
aden
beschreiben l¨
asst, die sich spiralf¨
ormig um den Zylinderzustandsraum herum
winden und dabei wiederholt teilen. Das Einzugsgebiet ist im Bereich des
Fixpunktes so d¨
unn, dass es einen großen Teil der Box mit dem Fixpunkt
nicht abdeckt. Infolgedessen liegt ein Großteil der Bildpunkte aus dieser
Box innerhalb des chaotischen Attraktors, weshalb y2,j << 1 gilt und kein
Eigenwert ¯
y2existiert. Der globale Attraktor muss in einem solchen Fall
durch h¨
aufigere Boxunterteilungen in wesentlich feinere Boxen unterteilt
werden, um die zweite Eigenl¨
osung finden zu k¨
onnen.
Zur globalen Analyse des Stoßsystems 2. Ordnung wurden relative glo-
bale Attraktoren berechnet. F¨
ur Parameters¨
atze, bei denen innerhalb des
berechneten Attraktors zwei L¨
osungen — eine chaotische und eine periodi-
sche Bewegung — existieren, wurde eine Box¨
uberdeckung des Attraktors ge-
zeigt. Durch Berechnen der Aufenthaltswahrscheinlichkeitsverteilungen f¨
ur
die Boxmenge des Attraktors wurden in einem Fall beiden L¨
osungen statis-
tische Informationen hinzugef¨
ugt, im anderen Fall wurde gezeigt, dass sehr
hohe Boxaufl¨
osungen notwendig sein k¨
onnen.
Aus der statistischen Verteilung der Zust¨
ande auf dem chaotischen At-
traktor ließ sich eine Grenzgeschwindigkeit ablesen, oberhalb derer das
System im station¨
aren Verhalten nie existieren wird. Die Geschwindigkei-
ten der periodischen Punkte sind gr¨
oßer als die Grenzgeschwindigkeit der
chaotischen Attraktoren. Hieraus resultiert f¨
ur die Praxis, dass eine Be-
triebsart des Bohrsystems mit periodischem Stoßverhalten f¨
ur eine große
Bohrrate anstrebenswert ist. Die in der Praxis beobachteten Bohrerfolge
[Bar-Cohen et al. 2001a] lassen sich aus der Wahrscheinlichkeitsverteilung
der Zust¨
ande auf dem chaotischen Attraktor erkl¨
aren: die Wahrscheinlich-
keit f¨
ur Zust¨
ande von großer Stoßmassengeschwindigkeit (woraus eine hohe
Abbaurate folgt) ist wesentlich h¨
oher als f¨
ur die ¨
ubrigen Bereiche des At-
93
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
traktors.
7.1.5 Analyseergebnisse aus Einzugsgebieten
Im vorigen Abschnitt studierten wir das L¨
osungsverhalten zu Parame-
ters¨
atzen, bei denen zwei L¨
osungen nebeneinander existieren. Offen war,
unter welchen Bedingungen das System welche L¨
osung einnimmt. Von
Interesse ist ferner, welche Wahrscheinlichkeit dem Erreichen der periodi-
schen und welche der chaotischen L¨
osung zuzuordnen ist, wenn man das
Schwingstoßsystem unter nicht festgelegten oder zuf¨
alligen Bedingungen
betreibt.
Um auf die Fragestellungen einzugehen, wollen wir die Einzugsgebiete6
der jeweiligen L¨
osungen ermitteln. In den vorigen drei Bildern wurden
die Einzugsgebiete in roter Farbe in die Zustandsdiagramme mit hin-
eingezeichnet. Verantwortlich daf¨
ur, nach welcher der m¨
oglichen stabilen
L¨
osungen sich das Systemverhalten richtet, ist alleine die Anfangsbedin-
gung, bei der das System startet, bzw. die das System als Trajektorie
durchl¨
auft. Das Einzugsgebiet einer L¨
osung beschreibt genau jenes Gebiet
von Anfangsbedingungen im Zustandsraum, von denen aus das System in
diese L¨
osung ”eingezogen“ wird. Der Zustandsraum eines Systems, dessen
Parametersatz zwei koexistierende L¨
osungen besitzt, l¨
asst sich in genau
zwei zusammenh¨
angende Gebiete unterteilen.
Einige transiente Trajektorien, die von Startzust¨
anden aus dem Ein-
zugsgebiet nahe um den Fixpunkt herum ausgehen, sind in Bild 7.6 zu se-
hen. Sie zeigen auch die Entstehung des Punktes an der Parameterstelle
h= 5.00066 mm am rechten Rand im Bifurkationsdiagramm Bild 6.13. Dort
war zu sehen, dass bei nur minimal gr¨
oßerem Abstand hdie periodische
L¨
osung abrupt verschwindet und ganz der chaotischen Bewegung weicht.
Um das Einzugsgebiet etwa der periodischen L¨
osung zu ermitteln, k¨
onnte
man einen großen Teil des gesamten Zustandsraumes in kleine Unterboxen
einteilen (diskretisieren) und f¨
ur jede der Unterboxen bestimmen, ob sie Teil
des Einzugsgebietes ist. Hierzu k¨
onnte man eine oder mehrere Trajektorien
mit Startbedingungen aus der Unterbox heraus iterieren und jeweils ihren
Verlauf untersuchen. N¨
ahert sich die Mehrheit der Trajektorien aus einer
Unterbox asymptotisch dem Fixpunkt der periodischen L¨
osung, so weist
man diese Unterbox dem Einzugsgebiet der periodischen L¨
osung zu. Die
verbleibenden Unterboxen sind folglich dem Einzugsgebiet der chaotischen
L¨
osung zuzurechnen.
Das geschilderte Verfahren ist ein m¨
ogliches, jedoch f¨
ur hohe De-
tailgenauigkeit ein sehr rechenaufw¨
andiges. Auf der Grundlage des
oben beschriebenen Boxunterteilungsalgorithmus der mengenorientierten
Methoden wurde der Fortsetzungsalgorithmus gum (”global unstable
manifold“) entwickelt, der innerhalb der Software Gaio implementiert ist
6Einzugsgebiet: engl.: basin of attraction oder domain of attraction
94
7.1. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 2. ORDNUNG
−1 −0.5 0 0.5 1
x 10−8
−5
0
5
x 10−10
φ − φFixpunkt [π rad]
V − VFixpunkt [m/s]
Bild 7.6: Transiente Trajektorien f¨
ur 1-periodische L¨
osung von verschiedenen
Anfangszust¨
anden des 1-periodischen Einzugsgebietes ausgehend
[Dellnitz, Froyland, Junge 2001]. Er n¨
ahert das Einzugsgebiet als instabile
Mannigfaltigkeit per R¨
uckw¨
artsiteration durch eine Boxmenge an. F¨
ur die
R¨
uckw¨
artsiteration der Abbildungsvorschrift ist das Aufstellen der Umkehr-
abbildung T−1notwendig, was nicht in allen F¨
allen oder nur unter großem
Aufwand m¨
oglich ist.
Zum Berechnen der instabilen Mannigfaltigkeit wird der betrachtete Zu-
standsraum zun¨
achst in Zustandsboxen diskretisiert. Sodann f¨
ugt man die-
jenige Box, die den Fixpunkt enth¨
alt, zur bislang noch leeren Boxmenge des
Einzugsgebietes hinzu. Ausgehend von dieser Box wird die Mannigfaltigkeit
durch Fortsetzung bestimmt. Dies geschieht in zwei Schritten, die wiederholt
ausgef¨
uhrt werden:
1. R¨
uckw¨
artsabbildung derjenigen Boxen, die im letzten Schritt neu zur
Boxmenge hinzugekommen sind.
2. Hinzuf¨
ugen derjenigen Boxen zur Boxmenge, in denen wenigstens ein
Bildpunkt eines Testpunktes aus einer der Abbildungen von Schritt 1
liegt und die noch nicht der Boxmenge angeh¨
oren.
Der Algorithmus stoppt selbst¨
andig, sobald keine neuen Boxen mehr
hinzugef¨
ugt wurden.
Bild 7.7 zeigt die auf diese Weise approximierten Einzugsgebiete f¨
ur die
periodische (rotes Gebiet) und die chaotische L¨
osung (weißes Gebiet). Stellt
man sich das Einzugsgebiet um den zylinderf¨
ormig dargestellten Zustands-
raum (Bild 7.1) herum gelegt vor, so f¨
allt auf, dass beide Zustandsgebiete
aus einem zusammenh¨
angenden Gebiet bestehen. Zur leichteren Betrachtung
der zylindrischen Fl¨
ache des Zustandsraumes in der Papierebene ist das Zu-
standsgebiet in der Abbildung ¨
uber drei Zyklen fortgesetzt dargestellt.
Wie bereits die chaotischen Attraktoren des hier untersuchten Systems
nach gen¨
ugend vielen Boxunterteilungen zeigen, besitzt auch das Einzugs-
95
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
gebiet der periodischen L¨
osung Z¨
uge fraktaler Gebilde, wenn man auf die
selbst¨
ahnliche Fortsetzung schaut: der Beginn der Entstehung des Gebietes
Bild 7.7: Einzugsgebiet zu chaotischer (weiß) und zu periodischer (rot)
L¨
osung
liegt im Bereich des Fixpunkts. Das rotgef¨
arbte Einzugsgebiet entwickelt
sich in positiver Drehrichtung spiralf¨
ormig um den Zustandsraumzylinder
herum weiter. F¨
ur ansteigende Phase verzweigt es sich fortw¨
ahrend in zwei
¨
Aste, von denen der obere Ast gr¨
oßerer Abfluggeschwindigkeit wenig sp¨
ater
endet und der untere Ast sich wiederholt verzweigt.
Um auf die Frage der Wahrscheinlichkeit des Erreichens der einen oder
anderen L¨
osung zu antworten, nehmen wir uns das Einzugsgebiet zu Hilfe:
die Wahrscheinlichkeit, mit der die periodische L¨
osung bei zuf¨
alliger An-
fangsbedingung erreicht wird, gleicht dem Fl¨
achenanteil, den das dunkle
96
7.2. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 4. ORDNUNG
Einzugsgebiet am gesamten Zustandsraum hat. Da sich dieser in positive
V−Richtung des Zustandsraumes ins Unendliche ausdehnt, ist ein begrenz-
ter Bereich zu w¨
ahlen, innerhalb dessen die fl¨
achenm¨
aßige Aufteilung der
Einzugsgebiete gewertet wird.
F¨
ur das in Bild 7.7 dargestellte Einzugsgebiet ist die Wahrscheinlichkeit,
von einem rot gef¨
arbten Zustand aus zu starten, 7.89%, wohingegen ein
Anfangszustand mit komplement¨
aren 92.11% im hellen Teil beginnen wird.
Die hohe Wahrscheinlichkeit, bei nicht exakt steuerbarem Ausgangszustand
in den chaotischen Attraktor hineinzulaufen, liefert eine weitere Erkl¨
arung
daf¨
ur, dass in der Praxis nie regul¨
are Bewegungen beobachtet wurden.
Die Ermittlung der Einzugsgebiete der einzelnen, koexistierenden At-
traktoren ist ein wichtiger Bestandteil einer umfassenden Systemanaly-
se. Sie liefert ein Maß f¨
ur die Wahrscheinlichkeiten, mit der die einzel-
nen Attraktoren bei einem Iterationsstart mit zuf¨
alligen Anfangsbedin-
gungen erreicht werden. Es wurde gezeigt, dass die Einzugsgebietsberech-
nung f¨
ur Schwingstoßsysteme sehr effizient durch die Anwendung eines Box-
Fortsetzungsalgorithmus durchgef¨
uhrt werden kann.
7.2 Analyse des Stoß-Modells 4. Ordnung
Dieses Unterkapitel enth¨
alt die Untersuchung des Modells 4. Ordnung mit
den mengenorientierten numerischen Methoden. Im ersten Abschnitt wird
wieder eine Startbox im Zustandsraum gew¨
ahlt und ihr relativer globaler
Attraktor bestimmt. Der zweite Abschnitt bespricht die Analyseergebnisse,
die aus der Bildung der Attraktoren abgeleitet werden k¨
onnen.
7.2.1 Approximation des relativen globalen Attrak-
tors
Wie f¨
ur das zuvor behandelte, einfachere Modell sollen auch anhand des
deutlich komplexeren Modells 4. Ordnung die mengenorientierten Metho-
den demonstriert werden, um Informationen ¨
uber die globale Dynamik
des Systems zu gewinnen. Wieder wird der in GAIO implementierte rga-
Algorithmus (Boxunterteilungsalgorithmus) zur Bestimmung relativer glo-
baler Attraktoren auf die in C-Code ¨
ubersetzte Modelldatei angewendet.
Wir verwenden f¨
ur s¨
amtliche Analysen innerhalb dieses Unterkapitels die
selben System- und Prozessparameter, die in Unterkapitel 6.4 benutzt wur-
den:
Oszillator– Stoßzahl an Massen– Beschleunigung aus
Ampl. Frequ. Osz. Bohrer verh¨
altn. Anpresskraft Gravitat.
u0f α1α2M/m =µ FA/M g
15 µm20.19 0.5 0.6
264.7 g
2.0 g
3 N
0.2647 kg 9.81 m/s2
kHz = 132 = 11 m/s2
97
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
Bild 7.8: Projektion der Box¨
uberdeckung des relativen globalen Attraktors
AQnach 21 Unterteilungsschritten in den ˙y−x−˙x−Raum mit Farbkodierung
der Aufenthaltswahrscheinlichkeiten in [%].
F¨
ur die schrittweisen Boxunterteilungen innerhalb des rga-Algorithmus
wurden f¨
ur alle in diesem Unterkapitel gezeigten Rechnungen die Untertei-
lungsrichtungen zyklisch durch alle 4 Zustandsdimensionen gewechselt in der
Reihenfolge φ- ˙y-x- ˙x. Zur approximativen Abbildung der 4-dimensionalen
Boxen wurden jeweils 34= 81 Testpunkte mit der Option ”MonteCarlo“
innerhalb der Boxen einschließlich ihres Randes zufallsverteilt. Diese Test-
punktanzahl zeigte sich als hinreichend groß f¨
ur die Ann¨
aherung des dyna-
mischen Verhaltens. Gleichzeitig blieb die Rechenzeit in einem akzeptablen
Rahmen. Die gew¨
ahlte, 4-dimensionale Startbox Qwurde in allen Bildern
durch einen roten Rahmen angedeutet. In der Phasendimension ¨
uberdeckte
sie stets den gesamten Zustandsbereich φ∈[0,2π].
Zur Erl¨
auterung der Analyse eines Systems 4. Ordnung werden auf die-
sen Seiten exemplarisch einige Ergebnisse dargestellt: Bild 7.8 zeigt die Aus-
dehnung der Boxmenge nach 21 Unterteilungsschritten. Durch die zyklische
Permutation der Unterteilungsrichtungen wurden die Boxen somit 6-mal in
φ-Richtung und 5-mal in den 3 ¨
ubrigen Dimensionen zweigeteilt.
In Bild 7.8 ist ersichtlich, dass die Boxmenge den Rand der Startbox
Qin negative ˙x-Richtung und in negative ˙y-Richtung tangiert. Es scheint
naheliegend zu sein, die Startbox in diesem Beispiel gr¨
oßer zu w¨
ahlen, um
die globale Dynamik zu beschreiben. Jedoch liegt die Ursache f¨
ur die Rand-
ber¨
uhrung in der langsamen Konvergenz dieses Systems.
Es gibt mehrere M¨
oglichkeiten, um solch einem Systemverhalten zu be-
gegnen. Das Vorgehen, eine wesentlich gr¨
oßere Anzahl an Unterteilungs-
schritten zu durchlaufen, ist aus praktischen Gr¨
unden begrenzt. Durch die
98
7.2. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 4. ORDNUNG
langsame Konvergenz fallen die transienten Boxen nur sehr langsam weg und
m¨
ussen sehr oft mitunterteilt werden. Dies f¨
uhrt zu sehr hohen Boxzahlen
und hohem Speicherbedarf sowie großer Rechenzeit.
Alternativ w¨
are es denkbar, eine adaptive Boxunterteilungsstrategie an-
zuwenden: dabei wird das invariante Maß berechnet und Boxen mit einem
Maß unter dem Durchschnittswert aller Boxmaße werden nicht unterteilt
bzw. Boxen, deren Maß unter einem gew¨
ahlten Schwellenwert liegt, werden
aus der Menge gel¨
oscht.
Eine weitere M¨
oglichkeit, mit langsamer Konvergenz umzugehen, ist die
Folgende. Anstatt f¨
ur die Iterationsvorschrift die einfache Abbildungsvor-
schrift Tanzuwenden, kann die Iterationsschrittweite auf einen Wert gr¨
oßer
Eins gesetzt werden. F¨
ur das betrachtete System wurde die Schrittweite
auf 5 gesetzt. Somit wurde die Abbildung T5betrachtet, die eine schnellere
Konvergenz zum invarianten Maß besitzt als die urspr¨
ungliche Abbildung
T1. Die Bilder 7.11 und 7.12 zeigen eine Attraktor¨
uberdeckung nach 22 Un-
terteilungsschritten f¨
ur die Abbildung T5desselben Systems mit denselben
Parametern.
Der folgende Abschnitt erl¨
autert dieses Vorgehen.
Bild 7.9: Ausblenden transienter Boxen des Attraktors aus Bild 7.8.
7.2.2 Analyseergebnisse und Diskussion
Im vorhergehenden Abschnitt wurde die Berechnung von invarianten Men-
gen, den relativen globalen Attraktoren des Modells 4. Ordnung, erl¨
autert.
Da das System im 4-dimensionalen Zustandsraum definiert ist, besitzt auch
die Gestalt der Attraktoren 4 Dimensionen. F¨
ur die grafische Darstellung der
Attraktoren auf einem 2-dimensionalen Medium (Papier, Bildschirm) oder
99
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
3-dimensional perspektivisch muss der Attraktor zwei- bzw. einmal entlang
einer Zustandsgr¨
oße projiziert werden. Dies erschwert die Auswertung, da
bei der Betrachtung der projizierten Gestalt Informationen vernachl¨
assigt
werden m¨
ussen. Daher muss ¨
uberlegt werden, entlang welcher Achse proji-
ziert werden soll.
Bild 7.10: 2D-Ansicht der Attraktordarstellung aus Bild 7.9, farbkodierte
Aufenthaltswahrscheinlichkeiten in [%].
Zum Erkennen der dynamischen Eigenschaften des Bohrer-Modells
ist die zeitliche Information, die Auskunft ¨
uber die Phasenlage φkder
Stoßkontakte gibt, im Vergleich zu den drei anderen Zustandsgr¨
oßen
entbehrlich. Integriert man die 4-dimensionalen Boxen des Attraktors
¨
uber eine Periodendauer, erh¨
alt man eine 3-dimensionale Abbildung des
Attraktors. Bild 7.8 zeigt das Resultat dieses Vorgehens. Die Boxmenge
approximiert einen Bereich im Zustandsraum. Zur Quantifizierung des
dynamischen Verhaltens auf der Boxmenge wurde wie f¨
ur das System
2. Ordnung die ¨
Ubergangswahrscheinlichkeitsmatrix berechnet und de-
ren Eigenvektor zum betragsm¨
aßig gr¨
oßten Eigenwert, der fast Eins
ist, numerisch berechnet. Nach einer Normierung, so dass die Summe
aller Eigenvektoreintr¨
age Eins ergibt, stellen die Eigenvektorelemente die
Aufenthaltswahrscheinlichkeiten des Systems f¨
ur jede Box dar. In den
dargestellten Box¨
uberdeckungen innerhalb dieses Unterkapitels sind die
Aufenthaltswahrscheinlichkeitswerte durch eine Farbkodierung den Boxen
zugeordnet, wobei die Skalenwerte auf den Farbskalen stets in der Einheit
[%] angegeben sind. Durch die logarithmische Skalierung der Wahrschein-
lichkeitswerte auf der Farbskala werden die um einige Gr¨
oßenordnungen
unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten deutlich. Blaue bis gr¨
une Farbt¨
one
stehen f¨
ur sehr kleine Wahrscheinlichkeiten von etwa 10−25% bis 10−10%.
Da Langzeititerationen zeigen, dass Geschwindigkeitsbetr¨
age von Oszillator
bzw. Kugel gr¨
oßer 3 m/s bzw. 10 m/s nicht zu erwarten sind, zeigt Bild 7.9
100
7.2. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 4. ORDNUNG
die gleiche Box¨
uberdeckung wie in Bild 7.8, jedoch sind hier nur Boxen
mit Wahrscheinlichkeiten ¨
uber dem Schwellenwert von 10−10% dargestellt.
Die verbleibenden Boxen stellen eine bessere Ann¨
aherung an die invariante
Mannigfaltigkeit des Systems, die die Langzeitdynamik beschreibt, dar.
In der Seitenansicht von Bild 7.9, die in Bild 7.10 gezeigt ist, l¨
asst sich
erkennen, dass sich im station¨
aren Systemverhalten nie Kugel- oder Oszil-
latorabfluggeschwindigkeiten gr¨
oßer 2 m/s in positive Richtung (sich vom
Bohrstab entfernend) ergeben. In Richtung auf den Bohrstab (in negative
Koordinatenrichtung) liegen die maximalen Geschwindigkeiten im Bereich
um 8 m/s bzw. 2.5 m/s. Aus den maximalen Geschwindigkeiten lassen sich
f¨
ur das betrachtete Anwendungsbeispiel des Stoßbohrsystems maximale
Stoßenergien ableiten und ¨
uber das invariante Maß gewichten.
Im vorigen Abschnitt wurde auf die Tangierung des Startboxrandes durch
die Boxmenge eingegangen. Ausblenden der Boxen, die aufgrund ihres Wahr-
scheinlichkeitsmaßes der transienten Menge zugeordnet werden k¨
onnen, war
eine Maßnahme, um das station¨
are Verhalten der langsam konvergenten
Menge anzun¨
ahern. Die zweite, hier umgesetzte Maßnahme ist die Unter-
suchung einer mehrfach Iterierten der einfachen Abbildung. Bei f¨
unffacher
Iteration der Testpunkte bildet die in den Bildern 7.11 und 7.12 dargestellte
Box¨
uberdeckung eine Ann¨
aherung an die invariante Menge. Die Boxmenge
in Bild 7.11 zeigt einen sehr schmalen Bereich um große, negative Geschwin-
digkeiten herum. Es l¨
asst sich daraus ablesen, dass hohe Geschwindigkeiten
sowohl von der Kugel als auch vom Oszillatorschwerpunkt nur in direk-
ter N¨
ahe zum Bohrstab (bei minimaler Position x) auftreten k¨
onnen. Die
gr¨
oßten auftretenden Abst¨
ande xvon Kugel und Oszillator vom Bohrstab
im Stoßaugenblick liegen im Bereich von 2 cm. Kleinere Flugh¨
ohen sind je-
doch um Gr¨
oßenordnungen wahrscheinlicher.
Die Ursache der abgeflachten Seite der Attraktormenge in Richtung −x
liegt in der Bedingung xk−u0cos Ωtk>0, nach der die Kugel und der
Oszillator nicht in den Bohrstab eindringen k¨
onnen. Diese Bedingung stellt
eine Grenzebene Γ1in diesem projizierten Zustandsraum dar:
Γ1={( ˙y, x, ˙x)|x=u0}.
Eine weitere, schr¨
ag liegende Ebene Γ2begrenzt die Boxmenge in Richtung
+ ˙yund −˙xdurch die Nichteindringbedingung von Kugel und Oszillator
direkt nach einem Stoß:
Γ2={( ˙y, x, ˙x)|˙x−u0Ω = ˙y}.
Bild 7.12 zeigt die Projektion derselben Boxmenge wie in Bild 7.11 in
den φ- ˙y- ˙x-Raum. Im Unterschied zum Ergebnis der chaotischen Bewegung
des Systems 2. Ordnung l¨
asst sich hier ablesen, dass keine Phasenlage ein
pr¨
adestinierter Stoßzustand ist. In dieser Ansicht l¨
asst sich wieder die In-
formation gewinnen, dass Wahrscheinlichkeiten f¨
ur das Auftreten kleinerer
Geschwindigkeiten von Kugel und Oszillator hoch sind. Die Boxmenge in
dieser Projektion wird wegen der Nichteindringbedingung nach unten durch
101
KAPITEL 7. ANALYSE MIT MENGENORIENTIERTEN METHODEN
Bild 7.11: Projektion des relativen globalen Attraktors AQder f¨
unffach ite-
rierten Abbildung T5in den ˙y−x−˙x−Raum. Blau-gr¨
une Einf¨
arbungen
der Boxen entsprechen kleiner, rot-braune Farben entsprechen großer Auf-
enthaltswahrscheinlichkeit des Systems in der jeweiligen Box.
die Fl¨
ache
Γ3={( ˙y, x, ˙x)|˙x+u0Ω sin Ωt= ˙y}
begrenzt, was die sinuswellenf¨
ormige Gestalt der Boxmenge begr¨
undet.
Zust¨
ande jenseits der Grenzebenen Γ1,Γ2oder Γ3k¨
onnen physikalisch
nicht auftreten.
Die Berechnung von relativen globalen Attraktoren des Systems 4. Ord-
nung erm¨
oglicht die Identifizierung struktureller Systemeigenschaften des
Langzeitverhaltens. Statistische Eigenschaften k¨
onnen als invariantes Maß
auch f¨
ur h¨
oherdimensionale Systeme aus Eigenvektoren berechnet werden.
Sie stellen eine weitere Information zur Bewertung des Attraktorgebietes
auf der Boxmenge dar. In Kombination mit adaptiven Algorithmen k¨
onnen
Verfahren angewendet werden, um die Approximation invarianter Mengen
langsam konvergenter Systeme zu beschleunigen.
102
7.2. ANALYSE DES STOSS-MODELLS 4. ORDNUNG
Bild 7.12: Projektion des relativen globalen Attraktors AQder f¨
unffach ite-
rierten Abbildung T5in den φ- ˙y- ˙x-Raum. Blaue Boxen entsprechen einem
kleinen, rot-braune Boxen einem großen Wahrscheinlichkeitsmaß.
103
.
Kapitel 8
Zusammenfassung, Diskussion
und Ausblick
8.1 Zusammenfassung
In der vorliegenden Arbeit stand die Analyse nichtlinearer dynamischer Sys-
teme — im speziellen die Beschreibung und Analyse nichtglatter Systemdy-
namik — im Mittelpunkt. F¨
ur diese Aufgabe, die f¨
ur Ingenieure aller Fach-
richtungen ein wichtiges Thema darstellt, sollte der Einsatz einer neuartigen
Methodenklasse, der ”mengenorientierten numerischen Methoden“, gepr¨
uft
und demonstriert werden. Diese Methoden hatten sich bereits vielfach im
Einsatz auf nichtlineare Systeme bew¨
ahrt. F¨
ur die Klasse der nichtglatten
dynamischen Systeme war in dieser Arbeit zu untersuchen, inwiefern sie
sich f¨
ur deren Analyse eignen. Exemplarisch f¨
ur eine Vielzahl von Schwing-
stoßsystemen wurde eine vor wenigen Jahren entstandene Entwicklung ei-
nes Stoßbohrsystems f¨
ur spr¨
odharte Stoffe wie Gestein herangezogen. Dieses
System zeichnet sich durch seinen einfachen Aufbau aus und wird dennoch
von einer hochkomplexen Dynamik beherrscht. Weiterhin motivierte die Er-
langung von tiefergehendem Verst¨
andnis des dynamischen Verhaltens des
Bohrprozesses die Untersuchung dieses Systems, welches in der Literatur
bisher nur in wenigen Arbeiten behandelt wurde.
Zur mathematischen Beschreibung des Systemverhaltens waren geeigne-
te Modelle zu bilden. Zur Validierung der theoretischen Simulationen waren
Pr¨
ufst¨
ande mit Laborprototypen aufzubauen und mittels geeigneter Mess-
verfahren Zeitreihen der Stoßmassendynamik aufzunehmen.
Zentrale Komponente dieses Systems ist eine Stoßmasse, die mit Fre-
quenzen im Schallbereich zwischen einem Bohrstab und einem Ultraschall-
Oszillator Flugbewegungen ausf¨
uhrt. Die zum Gesteinsbohren n¨
otige
Stoßenergie wird von der Stoßmasse in ihrer Intensit¨
at und Frequenz
transformiert. Im Zentrum der Untersuchung stand die Bewegungsanalyse
dieser Stoßmasse.
F¨
ur das Erreichen der Ziele wurde das Stoßbohrsystem in zwei Schrit-
ten untersucht: zun¨
achst wurde die Dynamik des Systems in ihrer Kom-
plexit¨
at reduziert, indem die Annahme getroffen wurde, dass nur die Stoß-
105
KAPITEL 8. ZUSAMMENFASSUNG, DISKUSSION UND AUSBLICK
masse Bewegungen ausf¨
uhren kann. Das reduzierte System wurde aufgrund
der Stoßkontakte als zeitdiskretes dynamisches System mathematisch mo-
delliert. Differenzengleichungen 2. Ordnung wurden hergeleitet und ein spe-
zieller Algorithmus zur L¨
osung der impliziten, transzendenten Modellglei-
chungen aufgestellt. In einem zweiten Schritt wurde das Modell verfeinert,
um die Dynamik des beweglichen Ultraschalloszillators mit einzubeziehen.
Dies f¨
uhrte auf ein verfeinertes Differenzengleichungssytem 4. Ordnung.
Das Verhalten beider Systeme wurde sowohl in der Praxis als auch in der
Theorie untersucht. Ein Laborpr¨
ufstand wurde f¨
ur das reduzierte System
entwickelt und aufgebaut. Mit verschiedenen ber¨
uhrungslosen Messverfah-
ren wurden Zeitreihen des realen Verhaltens aufgenommen. Techniken aus
dem Gebiet der nichtlinearen Dynamik wurden angewandt sowie Fixpunkte
und periodische L¨
osungen bestimmt, in Zeitreihen wurden periodische mit
chaotischen L¨
osungen verglichen, Bifurkationsanalysen stabiler periodischer
L¨
osungen wurden f¨
ur verschiedene Systemparameter durchgef¨
uhrt, und ein
Einzugsgebiet der periodischen L¨
osung wurde berechnet.
Best¨
atigt und erg¨
anzt durch diese Grunduntersuchungen wurden mithil-
fe der mengenorientierten numerischen Methoden relative globale Attrakto-
ren und Aufenthaltswahrscheinlichkeitsverteilungen auf diesen Attraktoren
bestimmt. Aufbauend auf einem Boxunterteilungsalgorithmus, auf dem die
mengenorientierten Methoden basieren, wurde ein Algorithmus zur Berech-
nung von Einzugsgebieten der periodischen L¨
osungen implementiert, mit
dem instabile Mannigfaltigkeiten der Umkehrabbildung des Systems iteriert
wurden.
8.2 Diskussion der Ergebnisse
Die Anwendung der mengenorientierten numerischen Methoden hat verdeut-
licht, dass diese Techniken zur Analyse nichtglatter Systeme der Stoßdyna-
mik eine wichtige und sinnvolle Erg¨
anzung der bisherigen ”klassischen Me-
thoden“ bilden. Es hat sich gezeigt, dass die mengenorientierten Ans¨
atze
daf¨
ur keiner Anpassung bedurften. Allerdings ist eine besondere, zeitdiskre-
te Modellierungsweise, die dem nichtglatten Systemcharakter gerecht wird,
n¨
otig. Sofern die Beschreibung der Bewegungsabl¨
aufe mit Differenzenglei-
chungssystemen m¨
oglich ist, kann der mengenorientierte Ansatz angewendet
werden, ohne Anpassungen f¨
ur Stoßsysteme vornehmen zu m¨
ussen. Gezeigt
wurde die Bestimmung relativer Attraktoren, die ein komplettes Bild der ge-
samten Systemdynamik liefern, ohne dass eine Vorkenntnis ¨
uber das System-
verhalten n¨
otig ist. Der Nachweis von Aufenthaltswahrscheinlichkeiten ¨
uber
die Attraktorenzust¨
ande war f¨
ur nichtglatte Systeme m¨
oglich. Fixpunkte, die
durch Attraktoren lokalisiert werden konnten, wurden f¨
ur eine Robustheits-
und Parameterstudie einer Verzweigungsanalyse unterzogen. Dabei hat sich
gezeigt, dass periodische L¨
osungen nur auf einem sehr schmalen Parameter-
intervall existieren und durch Periodenverdoppelungsbifurkationen ins Chaos
¨
ubergehen.
Besonderen Wert zeigen die Methoden beim Ermitteln des station¨
aren
Langzeitverhaltens. Die exponentielle Divergenz benachbarter L¨
osungen
106
8.2. DISKUSSION DER ERGEBNISSE
erschwert aufgrund der begrenzten Rechenpr¨
azision den iterativen Einsatz
von Integrationsmethoden. Hier liefern die mengenorientierten Methoden
einen wichten Beitrag, da sie das Langzeitverhalten ausschließlich durch
Ein-Schritt-Integrationen (im Fall langsamer Konvergenz diskreter Systeme
kann die Iterationsschrittweite geringf¨
ugig erh¨
oht werden) ermitteln.
F¨
ur das konkrete Beispiel eines Ultraschall-Stoßbohrers mit eindimen-
sionaler Bewegung einer Stoßmasse und doppelseitigem Stoßkontakt wurde
eine Modellierungstechnik dargestellt, die allein auf Differenzengleichungen
beruht. Die Technik ist auch anwendbar auf ¨
ahnliche Systeme, in denen es
sinnvoll ist, von Stoß zu Stoß zu iterieren. Beispielsweise resultierte aus der
Analyse, dass in der station¨
aren, chaotischen Bewegung nur Geschwindig-
keiten unterhalb eines Grenzbereichs erreicht wurden. Die Betrachtung der
statistischen Ergebnisse offenbarte, dass Zust¨
ande hoher Geschwindigkeit
im System 2. Ordnung dominieren und tr¨
agt somit zur Erkl¨
arung des
Funktionsprinzips des Bohrsystems bei.
Periodische L¨
osungen konnten nur am reduzierten Modell 2. Ordnung
gezeigt werden. Sie besaßen f¨
ur alle untersuchten Parameterkombinationen
eine gr¨
oßere Energie¨
ubertragungsleistung als chaotische L¨
osungen, was aus
den h¨
oheren Abfluggeschwindigkeiten der Stoßmasse bei periodischem Ver-
halten hervorgeht.
In der Analyse dieses Bohrsystems hat sich gezeigt, dass eine große Sen-
sibilit¨
at bez¨
uglich der Systemparameter besteht. Einige Parameterbereiche
konnten gefunden werden, innerhalb derer verschiedene L¨
osungen nebenei-
nander koexistieren k¨
onnen. So wurden mehrfach-periodische L¨
osungen ne-
ben chaotischen nachgewiesen. Eine große Streuung der Stoßzahlen, die in
Versuchen beobachtet wurde, trug dazu bei, dass periodische L¨
osungen in
der Praxis nicht auftreten konnten. Der Grund hierf¨
ur liegt in der starken
Abh¨
angigkeit des L¨
osungstypus (irregul¨
ar/regul¨
ar) von den Stoßzahlen.
Weiterhin zeigte die Berechnung von Einzugsgebieten, dass bei zuf¨
alligen
Anfangsbedingungen die Wahrscheinlichkeit f¨
ur chaotische Bewegung sehr
groß ist.
Die Auswertung experimenteller Daten best¨
atigte eine Hypothese, die
der Modellbildung zugrunde lag. Es wurde angenommen, dass die Reso-
nanzl¨
angsschwingungen des Oszillators vor jedem Stoß ihre maximale Re-
sonanzamplitude besitzen. Die beim Stoß ¨
ubertragene Schwingungsenergie
war in einem Bruchteil der Stoßmassenflugzeit wieder der Schwingungsform
zugef¨
uhrt worden, so dass sich die station¨
are Schwingung wieder vor dem
n¨
achsten Stoß einstellen konnte.
Die Analyse des verfeinerten Systems 4. Ordnung resultierte in einer be-
grenzten Boxmenge, aus der die transienten Boxen durch Berechnung eines
invarianten Maßes herausgefiltert wurden. So konnten die m¨
oglichen System-
zust¨
ande unter der chaotisch-deterministischen Langzeitdynamik als stati-
on¨
are, invariante Menge extrahiert werden.
107
KAPITEL 8. ZUSAMMENFASSUNG, DISKUSSION UND AUSBLICK
8.3 Ausblick
Die mengenorientierten numerischen Methoden liefern einen wichtigen
Beitrag nicht nur f¨
ur die Systemanalyse nichtlinearer Systeme, sondern
k¨
onnen auch das Systemverst¨
andnis nichtglatter Systeme verst¨
arken. In der
vorliegenden Arbeit wurde ein reduziertes System in 2 Dimensionen und
ein verfeinertes System in 4 Dimensionen analysiert. Das verfeinerte System
beanspruchte deutlich mehr Rechenleistung, was darauf zur¨
uckzuf¨
uhren ist,
dass die beobachteten Mannigfaltigkeiten die volle Systemdimension beibe-
halten. F¨
ur die vorliegenden Untersuchungen wurden zur ¨
Uberwindung der
langsamen Konvergenz des Systems dessen Mehrfachiterierte untersucht.
Zur Anwendung der mengenorientierten Methoden wird es hilfreich sein,
das Konvergenzverhalten realer Systeme - insbesondere langsam konver-
genter Systeme - unter verschiedenen Kombinationen von Parametern wie
Anzahl der Testpunkte, Boxunterteilungstiefen oder Iterationsschrittweiten
exemplarisch zu betrachten.
Zwei mechanische Ersatzsysteme wurden aus dem Ultraschall-
Bohrsystem zur Untersuchung abgeleitet. Zeitreihensimulationen und Poin-
car´e-Portraits beider Modelle als auch Laboruntersuchungen an realen Sys-
temen wiesen im Einklang mit mengenorientierten Analysen eine starke Do-
minanz von chaotischem Verhalten nach. Im Zuge einer Optimierung der
Bohrfortschrittsgeschwindigkeit w¨
are es denkbar, eine Regelung zu entwer-
fen, die das System in periodischen Zustand f¨
uhrt. Auf die Nichtvorher-
sagbarkeit der Stoßzahlen und die hohe St¨
oranf¨
alligkeit der periodischen
L¨
osungen w¨
are hierbei zu achten.
108
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