scieee Science in your language
[en] (orig)
Universität Paderborn
Fakultät für Naturwissenschaften
Department Sport & Gesundheit
Zentralnervöse und motorische
Auswirkungen einer Verletzung und
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes
bei sensomotorischen Aufgaben
Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines
Doktor rerum medicinalium
(Dr. rer. medic.)
vorgelegt von
Jochen Baumeister
geboren am 21.09.1971 in Köln
Die vorliegende Arbeit entstand in der Zeit von April 2003 bis Dezember
2006 im Sportmedizinischen Institut der Universität Paderborn
1. Gutachter: Prof. Dr. Michael Weiß
2. Gutachter: Prof. Dr. Heinz Liesen
Tag der mündlichen Prüfung:
für
Neele, Luca und Kornelia
Danksagung
Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. med. Michael Weiß
(Sportmedizinisches Institut der Universität Paderborn) für die
wissenschaftliche Betreuung und sein großes Interesse am Fortgang dieser
Arbeit. Seine umfangreichen Tipps, Denkanstöße und seine besondere Art
haben mir den Spaß an der Arbeit erhalten und die Möglichkeit gegeben,
mich wissenschaftlich und menschlich weiterzuentwickeln. Er hat es
geschafft, mich nach „interpretativen Höhenflügen“ immer wieder auf den
Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Herrn Prof. Dr. med. Heinz Liesen danke ich herzlich für die Übernahme des
Zweitgutachtens und die Entfaltungsmöglichkeit an seinem Institut.
Dem Team des Sportmedizinischen Institutes und der Golfakademie möchte
ich für die Hilfestellungen, die Motivation und die gute Arbeitsatmosphäre
danken. Insbesondere die unermüdlichen Helferinnen Kirsten Reinecke,
Janina Gerkens und Silke Koplin haben durch ihr Engagement einen
wesentlichen Teil zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen. Ein Dankeschön
gilt auch Sandra Bischof, die die Arbeit orthographisch geprüft und damit die
„automatische Rechtschreibprüfung“ ad absurdum geführt hat.
Herrn Dipl.-Ing. Gerd Walter vom Institut für elektronische Messtechnik der
Universität Paderborn sei für die technische Unterstützung gedankt.
Natürlich möchte ich auch meinen Eltern danken. Sie haben mir immer
wieder signalisiert, dass sie mich in dem, was ich tue, mit allen Möglichkeiten
unterstützen.
Der größte Dank gilt Kornelia, Luca und Neele, die gerade in der letzten Zeit
meine Launen ertragen mussten. Bei ihnen konnte ich mich immer wieder
fallenlassen und allein aus ihrem „Dasein“ Kraft schöpfen. Ihnen widme ich
diese Arbeit.
Verzeichnisse 5
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis..........................................................................................5
Abbildungsverzeichnis..................................................................................8
Tabellenverzeichnis..................................................................................... 12
Abkürzungsverzeichnis............................................................................... 13
Abstract........................................................................................................15
Zusammenfassung...................................................................................... 17
1 Einleitung......................................................................................... 20
1.1 Problemstellung ......................................................................................................22
1.2 Begriffsbestimmungen...........................................................................................23
2 Forschungsstand ............................................................................ 27
2.1 Periphere Aspekte der Sensomotorik nach Verletzungen des vorderen
Kreuzbandes..............................................................................................................27
2.1.1 Der periphere Ausgangspunkt: beteiligte Strukturen und methodische
Zugänge........................................................................................................ 28
2.1.2 Winkelreproduktionen .................................................................................. 33
2.1.3 Kraftreproduktionen...................................................................................... 38
2.1.4 Neuromuskuläre Veränderungen nach Verletzungen des vorderen
Kreuzbandes................................................................................................. 41
2.2 Zentrale Aspekte der Sensomotorik nach ACL Verletzung................................44
2.2.1 Das Fenster zum Zentralnervensystem: Beteiligte Strukturen und
methodische Zugänge.................................................................................. 44
2.2.2 EEG und sensomotorische Aufgaben.......................................................... 51
2.2.3 Zentrale Auswirkungen einer Kreuzbandverletzung .................................... 55
2.2.4 Mentale Bewegungsvorstellung im zentralen Abbild ................................... 57
3 Hinführung zum Untersuchungsansatz......................................... 60
4 Ziel- und Fragestellungen............................................................... 62
4.1 Fragestellungen Experiment I: Winkelreproduktion............................................62
Verzeichnisse 6
4.2 Fragestellungen Experiment II: Kraftreproduktion..............................................64
5 Methodik........................................................................................... 67
5.1 Personenstichprobe................................................................................................67
5.2 Untersuchungsgang ...............................................................................................69
5.2.1 Voruntersuchung.......................................................................................... 69
5.2.2 Experiment I: Winkelreproduktion ................................................................ 70
5.2.3 Experiment II: Kraftreproduktion .................................................................. 72
5.3 Messplatz und Parametererhebung.......................................................................73
5.3.1 Aufbau des Messplatzes.............................................................................. 74
5.3.2 Subjektive Beurteilung der Kniefunktionalität – Kniescores......................... 77
5.3.3 Psychometrische Parameter........................................................................ 77
5.3.4 Biomechanische Parameter......................................................................... 80
5.3.5 Neuromuskuläre Parameter......................................................................... 81
5.3.6 Zentrale Parameter und deren Erfassung mittels EEG ............................... 83
5.4 Statistik.....................................................................................................................84
6 Ergebnisse....................................................................................... 86
6.1 Voraussetzungen.....................................................................................................86
6.2 Experiment 1: Winkelreproduktion........................................................................88
6.2.1 Anthropometrische und psychometrische Daten ......................................... 88
6.2.2 Einfluss der Verletzung auf die Winkelreproduktionen ................................ 89
6.2.3 Einfluss der Verletzung auf die mentale Vorstellung ................................. 111
6.3 Experiment 2: Kraftreproduktion.........................................................................115
6.3.1 Anthropometrische und psychometrische Daten ....................................... 115
6.3.2 Einfluss der Verletzung auf die Kraftreproduktionen.................................. 116
6.3.3 Einfluss der Verletzung auf die mentale Vorstellung ................................. 133
7 Diskussion ..................................................................................... 136
7.1 Experiment I: die Winkelreproduktionen............................................................137
7.1.1 Einfluss der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf periphere
und zentrale Parameter während der Winkelreproduktion......................... 138
7.1.2 Einfluss von Übung im Zeitverlauf auf die peripheren und zentralen
Parameter während der Winkelreproduktionen.......................................... 150
7.1.3 Einfluss der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf die
mentale Vorstellung der Winkelreproduktion.............................................. 154
7.2 Experiment II: die Kraftreproduktionen ..............................................................156
Verzeichnisse 7
7.2.1 Einfluss der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf periphere
und zentrale Parameter während der Winkelreproduktion......................... 157
7.2.2 Einfluss von Übung auf die peripheren und zentralen Parameter
während der Kraftreproduktionen............................................................... 161
7.2.3 Einfluss der Rekonstruktion auf die mentale Vorstellung der
Kraftreproduktionen.................................................................................... 163
8 Schlussfolgerungen – das große Ganze ..................................... 165
9 Ausblick.......................................................................................... 170
10 Literaturverzeichnis ...................................................................... 172
11 Anhang................................................................................................I
11.1 Fragebögen................................................................................................................II
11.2 Probandeninformationen.......................................................................................VIII
11.3 Deskription................................................................................................................IX
11.4 Ergebnisse Prüfstatistik....................................................................................... XVI
Publikationen............................................................................................. XXI
Eidesstattliche Erklärung........................................................................ XXIII
Verzeichnisse 8
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Überblick des Sensomotorischen Systems (mod. nach Biedert et al. 1998) .......... 24
Abb. 2: Einteilung der Hirnareale nach Brodmann (Brodmann 1985) ................................. 46
Abb. 3: Studiendesign Experiment I: Winkelreproduktion.................................................... 71
Abb. 4: Studiendesign Experiment II: Kraftreproduktion...................................................... 73
Abb. 5: Umgebauter Messplatz Schnell M3......................................................................... 74
Abb. 6: Übertragung der Drehung der Geräteachse auf das Potentiometer ....................... 75
Abb. 7: Versuchsaufbau der beiden Experimente Winkel- und Kraftreproduktion .............. 76
Abb. 8: Visuelle Analogskala (VAS) zum subjektiven Stressempfinden mit „0“=kein
Stress und „10“=höchster Stress ....................................................................................... 78
Abb. 9: Beispielhafte Darstellung der erhobenen Rohdaten einer Winkelreproduktion.
Hervorgehoben ist die Zeitspanne von 1000 ms beginnend mit dem Anfang der
Plateauphase, die zur Ermittlung der IEMG´s von RF, VM und VL dient.......................... 82
Abb. 10: Standardisiertes, internationales 10:20 System zur Elektrodenpositionierung ..... 83
Abb. 11: Psychometrische Daten der durchgeführten Tests VAS, HAKEMP 90 und STAI
während des Experimentes Winkelreproduktion in den Gruppen control und ACL........... 89
Abb. 12: Ergebnisse der sensomotorischen Leistungen in den Untersuchungsgruppen
zu den Messzeitpunkten M1 – M8 dargestellt anhand der Mittelwerte und
Standardabweichungen des Reproduktionsfehlers [Abweichung vom Zielwinkel in °]
[*/+ p<.05, **/++ p<.01, ***/+++ p<.001]............................................................................. 90
Abb.13: Latenzen [ms] von der ersten Muskelaktivität bis zum Erreichen der
Plateauphase (der Haltephase des Zielwinkels) [*p<.05, **p<.01, ***p<.001]................... 91
Abb. 14: Anteilige Beteiligungen [%] der einzelnen Muskeln an der Gesamtaktivität
[100%] während der Winkelreproduktionen zu den Messzeitpunkten M1 bis M8 in der
Kontroll- und ACL-Gruppe.................................................................................................. 93
Abb. 15: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Theta Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ..................................................................... 95
Abb. 16: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Winkelreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität) 96
Abb. 17: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der fronto-zentralen Elektrodenposition (Fz)..................................... 98
Abb. 18: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der links-frontalen Eleketrodenposition (F3) ..................................... 98
Abb. 19: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
Verzeichnisse 9
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Eleketrodenposition (F4)................................... 99
Abb. 20: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Eleketrodenposition (F4)................................... 99
Abb. 21: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Alpha-1 Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 101
Abb. 22: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Winkelreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)102
Abb. 23: Globale, über alle 17 Elektrodenpositionen gemittelte, spektrale Leistungen
[µV2] im Alpha-1 Frequenzband. Dargestellt sind jeweils MW ± SD in der Kontroll- und
ACL-Gruppe an den jeweiligen Messzeitpunkten............................................................ 103
Abb. 24: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Alpha-2 Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 104
Abb. 25: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Winkelreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)105
Abb. 26: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der fronto-parietalen Eleketrodenposition (Pz) ............................... 106
Abb. 27: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der links-parietalen Eleketrodenposition (P3) ................................. 107
Abb. 28: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-parietalen Eleketrodenposition (P4)............................... 107
Abb. 29: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an den temporalen Elektrodenposition (T3, T4, T5, T6)...................... 108
Abb. 30: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Beta-1 Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 109
Abb. 31: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Winkelreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)110
Abb. 32: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
Verzeichnisse 10
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Theta, Alpha-1, Alpha-2 und Beta-1 Frequenzband während der mentalen Vorstellung
der Winkelreproduktion .................................................................................................... 112
Abb. 33: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der mentalen Vorstellung
der Winkelreproduktionen (M9) und der anschließenden Ruhephase (M10) an den 17
gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe............................ 113
Abb. 34: Psychometrische Daten der durchgeführten Tests STAI (A) und VAS (B)
während des Experimentes Kraftreproduktion in den Gruppen control und ACL............ 116
Abb. 35: Ergebnisse der sensomotorischen Leistungen in den Untersuchungsgruppen
zu den Messzeitpunkten M1 – M8 dargestellt anhand der Mittelwerte und
Standardabweichungen des Reproduktionsfehlers [Abweichung vom Zielwinkel in °].... 117
Abb. 36: Anteilige Beteiligungen [%] der einzelnen Muskeln an der Gesamtaktivität
[100%] während der Kraftreproduktionen zu den Messzeitpunkten M1 bis M8 in der
Kontroll- und ACL-Gruppe................................................................................................ 119
Abb. 37: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Theta Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 120
Abb. 38 : Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen an
den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)
[*p<.05, ** p<.01, ***p<.001] ............................................................................................ 121
Abb. 39: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Elektrodenposition (Fz)................................... 122
Abb. 40: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Elektrodenposition (F3)................................... 123
Abb. 41: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Elektrodenposition (F4)................................... 123
Abb. 42: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Alpha-1 Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 124
Abb. 43: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen an
den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)125
Abb. 44: Globale, über alle 17 Elektrodenpositionen gemittelte, spektrale Leistungen
[µV2] im Alpha-1 Frequenzband. Dargestellt sind jeweils MW ± SD in der Kontroll- und
ACL-Gruppe zu den jeweiligen Messzeitpunkten ............................................................ 126
Verzeichnisse 11
Abb. 45: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Alpha-2 Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 127
Abb. 46: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen an
den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)128
Abb. 47: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der parieto-zentralen Elektrodenposition (Pz)................................. 129
Abb. 48: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-parietalen Elektrodenposition (P3)................................. 129
Abb. 49: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an den temporalen Elektrodenposition (T3, T4, T5, T6)...................... 130
Abb. 50: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Beta-1 Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion mit der jeweiligen Extremität
(M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte) ................................................................... 131
Abb. 51: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen an
den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe zu den
Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)132
Abb. 52: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen Leistungsdichten im
Theta, Alpha-1, Alpha-2 und Beta-1 Frequenzband während der mentalen Vorstellung
der Winkelreproduktion .................................................................................................... 134
Verzeichnisse 12
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Anthropometrische Daten der ACL- und Kontrollgruppe .................................... 67
Tab. 2: Detaillierte Darstellung der ACL-Gruppe............................................................. 68
Tab. 3: Einteilung der Frequenzbänder nach spektraler Frequenzanalyse .................... 84
Tab. 4: Neuromuskuläre Aktivität (iEMG [V]) in MW ± SD der an der Extension............ 92
Tab. 5: Darstellung der Zwischen- und Innersubjekteffekte während der mentalen
Vorstellung der Winkelreproduktion (M9) sowie der anschließenden Ruhephase
(M10 – Augen geschlossen)........................................................................................ 114
Tab. 6: Neuromuskuläre Aktivität (iEMG [V]) in MW ± SD der an der Extension.......... 118
Tab. 7: Darstellung der Zwischen- und Innersubjekteffekte während der mentalen
Vorstellung der Winkelreproduktion (M9) sowie der anschließenden Ruhephase
(M10 – Augen geschlossen)........................................................................................ 135
Verzeichnisse 13
Abkürzungsverzeichnis
Aa Augen auf
Abb. Abbildung
AC Alternating current (Wechselstrom)
ACC anterior cingulated cortex
ACL anterior cruciate ligament
Az Augen zu
Cz centro-zentrale Elektrodenposition
C3 links-zentrale Elektrodenposition
C4 rechts-zentrale Elektrodenposition
cm Zentimeter
DC Direct current (Gleichstrom)
DMS Dehnungsmessstreifen
EEG Elektroenzephalographie
EHI Edinburgh Handedness inventory
EMG Elektromyographie
ERD Event-related Desynchronisation
ERS Event-related Synchronisation
et al. et alteri (und andere)
Fz centro-frontale Elektrodenposition
F3 links-frontale Elektrodenposition
F4 rechts-frontale Elektrodenposition
F7 links-frontale Elektrodenposition
F8 rechts-frontale Elektrodenposition
Fa. Firma
fm fronto-midline
fMRI Funktionelles Magnetresonanz-Imaging
GLM General Linear Model
Hz Hertz
IEMG Integriertes Elektromyogramm
inner Innersubjektfaktor
Kap. Kapitel
kg Kilogramm
KOhm Kilo-Ohm
li Links
LQ Lateralitätsquotient
m Meter
M. Musculus
Verzeichnisse 14
MANOVA Mehrfaktorielle Varianzanalyse
MATB Multi-Attribute-Task-Battery
MOhm Mega-Ohm
MP motor potential
MRCP Movement-related cortical potential
MVC Maximal voluntary contraction
MW Mittelwert
N Newton
O1 links-okzipetale Elektrodenposition
O2 rechts-okzipetale Elektrodenposition
Pz centro-parietale Elektrodenposition
P3 links-parietale Elektrodenposition
P4 rechts-parietale Elektrodenposition
p Signifikanzniveau
P27 Komponente evozierter Potentiale
PET Positronen-Emissions-Tomographie
PubMed englischsprachige textbasierte Datenbank
rCBF Regionaler Blutfluss
re Rechts
Reg.-Nr. Registrierungs-Nummer
RF rectus femoris
sec Sekunde
SEP Somatosensorisch-evozierte Potentiale
SMA Supplementär-motorische Rinde
STAI State-Trait Anxity Inventory
T3 links-temporale Elektrodenposition
T4 rechts-temporale Elektrodenposition
T5 links-temporale Elektrodenposition
T6 rechts-temporale Elektrodenposition
Tab. Tabelle
TDPM Threshold of detecting passive motion
VAS Visuelle Analogskala
VL vastus lateralis
VM vastus medialis
VMIQ Vividness of Motor Imagery Questionnaire
VVIQ Vividness of Visual Imagery Questionnaire
WM working memory
ZNS Zentralnervensystem
Zusammenfassung 15
Abstract
Purpose: Researchers speculate about consequences at the cortical level
due to a reconstruction of the anterior cruciate ligament (ACL). The aim of
the study was to investigate changes at cortical level compared to a healthy
control group and due to the task acquisition. Therefore performance,
neuromuscular activation (EMG) and cortical activity (EEG) were measured
during two different proprioceptive modalities representing the joint position
sense (JPS) and the force sensation (FS) in ACL patients and controls.
Methods: Ten patients after ACL-reconstruction and 12 healthy controls
participated in the study. The task in the first experiment consisted of an
active knee angle reproduction (40°) without visual feedback in a sitting
position (JPS). In the second experiment the subjects were asked to
reproduce 50% of their individual maximal voluntary contraction (MVC)
reproduction in the same set up (FS). In both experiments the participants
have had the possibility to practice with visual feedback before each trial. The
tasks were executed in random order with one week between the
experiments and analyzed in a 2 (ACL vs. controls) x 2 (extremities) x 4
(trials á 3 min) design. The imagination of the real active reproduction
performed before completed each experiment.
Performance (aberrations from the target [degrees/percentage]),
neuromuscular activation [IEMG of RF, VM, VL] and cortical activity [EEG at
17 electrode positions using international standards (10:20 System) and
divided in Theta (4,75-6,75 Hz), Alpha-1 (7,0-9,5 Hz), Alpha-2 (9,75-12,5 Hz)
and Beta-1 (12,75-18,5 Hz) frequencies] were measured.
Results: The JPS task demonstrated significant differences at all three
measured levels. The behavioural data show significant higher aberrations in
the ACL-reconstructed limb compared to the controls. The ACL-patients
demonstrate a significant higher participation of VL in the whole
neuromuscular activity. The brain activity findings – in particular the frontal
Theta and the parietal Alpha-2 power - were able to differentiate between
both groups. This result in significant higher frontal Theta power even on the
uninvolved side of the ACL-group compared to the control group. Alpha-2
Zusammenfassung 16
power shows significant differences only between the reconstructed side of
the ACL-patients and the control group at parietal positions. In contrast to the
JPS task no significant differences were found between the groups during the
FS task neither in the performance nor at the neuromuscular or cortical level.
Practice in both tasks and groups results in an significant increase of Alpha-1
(widespread over the cortex) and Alpha-2 (at parietal-temporal-occipetal /
PTO regions) spectral power.
No differences could be detected in the cortical activity during the imagination
of the tasks between both groups.
Conclusion: The developed instrument was able to measure the influence of
the reconstruction of the ACL at the cortical level. Detailed information about
changes after ACL reconstruction require the measurement on all three
levels: the performance, the neuromuscular and cortical activity. The findings
result in the conclusion that the joint position sense is influenced by ACL
reconstructions whereas the force sensation was not affected. Therefore the
term “changed proprioception” after ACL reconstruction should be handled
with more care.
The results are discussed in terms of differences in focussed attention with
involvement of the anterior cingulate cortex (frontal Theta) and sensory
processing in the parietal somatosensory cortex (Alpha-2) as a part of a
fronto-parietal network. This network seemed to represent parts of the visual-
spatial working memory). That leads to speculations of measurable different
loads of the working memory depending on the proprioceptive modality.
Zusammenfassung 17
Zusammenfassung
Einleitung: Vor dem Hintergrund der Annahme, dass viele Autoren über eine
kortikale Beeinflussung nach Verletzung oder Ruptur des vorderen
Kreuzbandes spekulieren, wurde ein Messinstrumentarium entwickelt, das
synchronisiert die kortikale Aktivierung (EEG), die Muskelaktivität (EMG) und
die Leistung während zweier Experimente, die die beiden propriozeptiven
Modalitäten des Stellungs- und Kraftsinnes (Winkel- und Kraftreproduktions-
Aufgaben) untersuchen, erheben kann. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es,
anhand dieser sensomotorischen Aufgaben zum Stellungs- und Kraftsinn zu
prüfen, ob sich (i) im Vergleich Kreuzbandpatienten zur Kontrollgruppe und
(ii) in der Aneignung der sensomotorischen Aufgabe elektrophysiologische
Veränderungen abbilden.
Methodik: Zehn Patienten nach ACL-Rekonstruktion und zwölf gesunde
Kontrollpersonen nahmen an der Studie teil. Im ersten Experiment sollten die
Probanden einen vorgegebenen Kniegelenkswinkel (40°) nach vorherigen
Übungsversuchen mit visuellem Feedback unter Ausschaltung des visuellen
Kanals aktiv reproduzieren (Stellungssinn). Das zweite Experiment bestand
aus einer Kraftreproduktionsaufgabe, bei der die Probanden 50% der
maximalen, willkürlich möglichen Kraft wiederholt ohne visuelle Hilfe
aufbringen sollten (Kraftsinn). Auch hier konnte vor jedem Durchgang mit
visuellem Feedback geübt werden. Beide Experimente wurden in
randomisierter Reihenfolge in einem 2 (ACL vs. Kontrollgruppe) x 2
(Extremitäten) x 4 (Durchgänge) Design durchgeführt. Darüberhinaus
schloss eine mentale Vorstellung der zuvor durchgeführten realen Bewegung
das jeweilige Experiment ab. Zwischen beiden Experimenten lag jeweils eine
Woche. Während der Experimente wurde auf drei Ebenen die Leistung
(Zielabweichung in Grad bzw. Prozent), die elektrische Muskelaktivierung
(IEMG von RF, VM, VL) und die kortikale Aktivität (EEG nach FFT unterteilt
in Theta, Alpha-1, Alpha-2 und Beta-1 Frequenzband) an 17
Elektrodenpositionen nach internationalen Standards (10:20 System)
gemessen.
Ergebnisse: Die Winkelreproduktionsaufgabe zeigte auf allen drei Ebenen
der Messkette signifikante Unterschiede. Die ACL-Patienten zeigten mit ihrer
Zusammenfassung 18
verletzten Extremität signifikant höhere Abweichungen vom Zielwinkel sowie
eine signifikant höhere, prozentuale Beteiligung des VL an der
Gesamtbewegung als die Kontrollgruppe. In den kortikalen Parametern
zeigte sich insbesondere die frontale Theta Leistung sowie die parietale
Alpha-2 Frequenz als signifikantes Unterscheidungsmerkmal zwischen den
Gruppen. Wohingegen dies für die Alpha-2 Frequenz nur Im Vergleich der
rekonstruierten Seite mit der Kontrollgruppe galt, zeigte sich die nicht
betroffene Seite der Kreuzbandpatienten ebenfalls beeinflusst.
Demgegenüber konnten in der Kraftreproduktionsaufgabe keine
Signifikanzen detektiert werden.
Die Aneignung beider sensomotorischen Aufgabe zeigte sich sowohl in
beiden Gruppen, als auch in beiden Experimenten in einer
Leistungsverbesserung bzw. –stabilisierung. Auf kortikaler Ebene zeigt sich
der Aneignungsprozess im Anstieg der Alpha-1 (verteilt über dem gesamten
Kortex) und Alpha-2 Leistung (verteilt in den posterioren Kortexregionen).
In der mentalen Vorstellung der beiden Aufgaben unterschieden sich die
Kreuzbandpatienten in der kortikalen Aktivierung nicht von den gesunden
Kontrollpersonen.
Diskussion: Anhand der vorliegenden Ergebnisse kann man postulieren,
dass das entwickelte Messinstrument in der Lage ist, kortikale
Veränderungen nach Kreuzbandrekonstruktionen erstmalig differenziert
abzubilden. Um die Veränderungen vor dem Hintergrund veränderter
Afferenzen aus der Körperperipherie zeigen zu können, ist es notwendig, die
gesamte Messkette in die Analyse einfließen zu lassen. Die Ergebnisse der
Untersuchung der beiden propriozeptiven Modalitäten lassen den Schluss
zu, dass in der getesteten Konstellation der Stellungssinn von der
Rekonstruktion beeinflusst wird, der Kraftsinn demgegenüber nicht. Damit
muss auch der Begriff „veränderte Propriozeption“ zukünftig differenzierter
betrachtet werden.
Insbesondere die kortikalen Unterschiede zwischen beiden Gruppen werden
vor dem Hintergrund der fokussierten Aufmerksamkeit unter Einbeziehung
der anterioren Gyrus cinguli (frontale Theta-Leistung) und der sensorischen
Verarbeitung im somatosensorischen Kortex (parietal Alpha-2) diskutiert. In
einem literaturgestützten Modell bilden beide Komponenten ein fronto-
Zusammenfassung 19
parietales Netzwerk, das das visuell-räumliche Arbeitsgedächtnis
repräsentieren könnte. Dieser Zusammenhang führt zu Spekulationen
bezüglich der Messbarkeit der Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses in
den beiden propriozeptiven Modalitäten.
Einleitung 20
1 Einleitung
Verletzungen des Kniegelenkes zählen neben den
Sprunggelenksverletzungen zu den häufigsten traumatologischen
Verletzungsbildern im Sport (Miyasaka et al. 1991). Dabei ist häufig das
vordere Kreuzband betroffen. Die Diagnose einer Ruptur des vorderen
Kreuzbandes bedeutete früher für den Sportler das Ende der Karriere.
Aufgrund neuer operativer Verfahren, intensiver Forschungsbemühungen
und der ständigen Weiterentwicklung der Rehabilitation können Sportler
heute häufig wieder in ihre Sportart zurückkehren. Eine Literatursuche über
die medizinische Datenbank PubMed zum Thema „anterior cruciate ligament“
resultiert in 7065 Literaturstellen. Dies dokumentiert die intensive
Auseinandersetzung mit dem Thema. In der Literatur werden inhaltlich
verschiedene Veränderungen wie propriozeptive Defizite (Barrett et al. 1991;
Roberts et al. 1999; Wilke 2000), defizitäre funktionelle Stabilisierung
(Lysholm et al. 1998; O´Connell et al. 1998), geringerer Kraftoutput (Elmquist
et al. 1988; Seto et al.1988; Baumeister et al. 2002), Defizite bei funktionellen
Aufgaben (Chmielewski et al. 2002; Patel et al. 2003) und biomechanische
Veränderungen (Chmielewski et al. 2001; Alkjaer et al. 2002; Rudolph et al.
2004) beschrieben. Im Zusammenhang mit zentralen / kortikalen
Veränderungen nach einer Verletzung oder Rekonstruktion sind allerdings
nur wenige Untersuchungen bekannt (Valeriani 1996 & 1999; Ochi 1999 &
2002; Pitman 1992; Engelhardt 2001; Barthel 2004). Dies deutet hinsichtlich
der 7065 das vordere Kreuzband betreffenden Publikationen auf ein
deutliches Defizit in diesem Bereich hin.
Ausgehend von der Annahme, dass bei Verletzungen und Rekonstruktionen
des vorderen Kreuzbandes Rezeptoren beschädigt werden, die
Informationen aus dem Gelenk an das Gehirn übermitteln, ist davon
auszugehen, dass sich dieser Informationsfluss verändert darstellt
(Johansson et al. 1991; Wojtys et al. 1994; St. Clair Gibson et al. 2002;
Ageberg 2002; Sjölander et al. 2002) und es sich hier möglicherweise nicht
um eine muskuläre, sondern um eine neurophysiologische Dysfunktion
handelt (Kapreli et al. 2006). Diese Annahme führt zu einer Forschungsfrage
Einleitung 21
von großer Bedeutung: Zieht eine Kreuzbandverletzung bzw. –rekonstruktion
Veränderungen auf höchster Steuerungsebene, dem Gehirn, nach sich ?
Noch vor nicht allzu langer Zeit nahm man an, dass kortikale
Repräsentationsareale in ihrer Organisation unveränderlich seien. Heute
wissen wir allerdings, dass das zentrale Nervensystem (ZNS) die Fähigkeit
hat, sich an gegebene Situationen in kürzester Zeit anzupassen. In der
modernen Neurowissenschaft umschreibt man diesen Vorgang mit
Neuroplastizität. Dies ist der erste Hinweis darauf, dass solche
Anpassungsvorgänge auch nach Verletzungen des vorderen Kreuzbandes
stattfinden könnten. Des Weiteren gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass
sich nach einer Deafferenzierung eines Gelenkes oder einer Extremität z.B.
nach Amputation (Dettmers et al 1999; Reddy et al 2001; Schwenkreis et al.
2001), nach Gehirnläsionen (Honda et al. 1997; Gerloff et al. 2006) oder bei
der Aneignung neuerer motorischer Fertigkeiten (Krings et al. 2000; Hund-
Geogiades et al. 1999) die kortikalen Repräsentationsareale verändern und
funktionell anpassen. Zusammengenommen führen diese Hinweise zu der
Vermutung, dass auch nach der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes
funktionelle Adaptationsvorgänge im Gehirn stattfinden.
Um diese Veränderungen sichtbar und möglicherweise in einem weiteren
Schritt für die Diagnostik oder Therapie nutzbar zu machen, bedarf es
geeigneter Methoden, die in der Lage sind, diese möglichen Veränderungen
zu messen. In der modernen Neurowissenschaft wird in diesem
Zusammenhang häufig auf bildgebende Verfahren wie z.B. Positronen-
Emmissions-Tomographie (PET) oder das funktionelle Magnet-Resonanz
Imaging (fMRI) zurückgegriffen. Für den Einsatz im Rehabilitationsverlauf
kommen diese Geräte aus Mobilitäts- und Kostengründen nicht in Frage. So
bietet sich eine weitere Methode an, die in der Lage ist, solche
Veränderungen aufzudecken: Die Elektroenzephalographie (Quante et al.
1999; Kapreli et al. 2006). Die EEG-Systeme messen zeitlich sehr genau und
räumlich in einem angemessenen Rahmen. Sie sind transportabel und
kostengünstig und wären somit für den Einsatz in der Rehabilitation geeignet.
Das Sichtbarmachen einer solchen kortikalen Re-Organisation nach
Kreuzbandverletzung oder –rekonstruktion wäre von hoher klinischer
Relevanz. Das Wissen um Veränderungen auf zentralnervöser Ebene könnte
Einleitung 22
möglicherweise nicht nur bestehende Fragen (als Beispiel sei hier genannt,
den Hinweisen nachzugehen, dass die nicht verletzte Seite auch betroffen
ist), sondern auch Ansätze zur Vorbeugung von solchen Verletzungen und
möglichen neuen Strategien des „motor Re-Learning“ in der Therapie liefern.
Übergeordnetes Ziel dieser Arbeit ist es, anhand sensomotorischer Aufgaben
zu zeigen, dass eine Kreuzbandrekonstruktion Veränderungen auf kortikaler
Ebene nach sich zieht.
1.1 Problemstellung
Viele Autoren spekulieren inzwischen im Zusammenhang mit einer Ruptur
oder der anschließenden Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes über
eine Veränderung der kortikalen Verarbeitungsprozesse (Wojtys et al. 1994;
St. Clair Gibson et al. 2002; Ageberg 2002; Sjölander et al. 2002), die für
sichtbare Defizite in der Bewegungsausführung und –kontrolle verantwortlich
sein sollen. In dieser Arbeit wird, anhand einer experimentellen Studie, die
Veränderung der zentral kortikalen Aktivität während einer zielmotorischen
Aufgabe nach der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes im Vergleich zu
einer altersgleichen, gesunden Kontrollgruppe untersucht.
In einem komplexen Zusammenhang sollen anhand einer Messkette
„kortikale Aktivität (EEG) – neuromuskuläre Aktivierung (EMG) –
biomechanischer Output (Winkel, Kraft)“ folgende, übergeordnete
Fragestellungen beantwortet werden:
- Verändert sich die kortikale Aktivität im Vergleich zwischen
Kreuzbandpatienten und gesunden Kontrollpersonen in der realen und
mentalen Durchführung eines Winkelreproduktionstestes
(Stellungssinn) ?
- Stellt sich die kortikale Aktivität im Gruppenvergleich während der
realen und mentalen Durchführung eines Kraftreproduktionstest
(Kraftsinn) verändert dar ?
Die einzelnen Ziele und Hypothesen werden im Kapitel 4 nach dem
Literaturüberblick zum Thema dargestellt.
Einleitung 23
1.2 Begriffsbestimmungen
Im Hinblick auf die Thematik dieser Arbeit scheint es sinnvoll, die Begriffe
Sensomotorik, Somatosensorik, Tiefensensibilität, Propriozeption und
Kinästhetik näher zu beschreiben. Für diese Begriffe existiert keine
allgemeingültige inhaltliche Abgrenzung. Nach Meinung vieler Experten
verschwimmen die Grenzen dieser Begrifflichkeiten oder werden häufig im
falschen Zusammenhang benutzt (Quante et al. 1999; Wilke 2000). Daher
soll eine Definition der Begrifflichkeiten zum besseren Verständnis der Arbeit
vorangestellt werden.
Somatosensorik
Der Begriff Somatosensorik fasst Empfindungen zusammen, die durch
Reizung verschiedener Sensoren unseres Körpers hervorgerufen werden.
Die Somatosensorik umfasst nach Schmidt & Thews (2005) neben der
Wahrnehmung des Bewegungsapparates (Propriozeption) auch die Sensorik
der Körperoberfläche (Ekterozeption, Hautsensibilität) und der inneren
Organe (Enterozeption) sowie die Nozizeption. Die Wahrnehmung des
Gleichgewichtes (vestibuläres System) genauso wie das visuelle,
olfaktorische und auditive System (die „klassischen“ Sinne) werden nicht
unter dem Oberbegriff Somatosensorik geführt. Der Begriff Somatosensorik
bezeichnet nur die Wahrnehmung bestimmter Reize und die
Informationsleitung zur „Endstation“, dem somatosensorischen Kortex.
Sensomotorik
Die Sensomotorik oder auch „Sensumotorik“ - abgeleitet vom lateinischen
sensus für „Sinn“ und motorius für „beweglich“ – bezeichnet die Gesamtheit
der an Bewegungsabläufen beteiligten sensorischen und motorischen
Funktionen (Hanser 2001). Die Wahrnehmung interner und externer Reize
wird durch unterschiedliche Rezeptoren ermöglicht, die die afferenten
Informationen aus der Peripherie in das ZNS senden, wo sie auf
unterschiedlichen Ebenen (spinal oder supraspinal) verarbeitet werden.
Diese auch als sensomotorische Integration bezeichnete Verarbeitung in
verschiedenen Strukturen des ZNS (siehe Kap 2.2.1) verknüpft sensorische
Eingänge und motorische Ausgänge zur Erzeugung von Verhalten (Abb.1).
Einleitung 24
Abb. 1: Überblick des Sensomotorischen Systems (mod. nach Biedert et al. 1998)
Durch einen Feedbackmechanismus (sensorische Rückkopplung,
Reafferenzsynthese) wird eine kontinuierliche Anpassung der Aktionen an
momentane Bedingungen sichergestellt. Dieser Regelkreis wird als
sensomotorisches System bezeichnet, das durch Sensorik und Motorik in
Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht. Sensomotorische Leistungen sind
messbare Ergebnisse, die vom sensomotorischen System hervorgebracht
werden. In der Rehabilitation werden diese Ergebnisse genutzt, um Defizite
innerhalb des sensomotorischen Regelkreises aufzudecken.
Propriozeption
Schon im 19.Jahrhundert wird von Sherrington der Begriff der
Propriorezeption geprägt. Er bezeichnet damit die Eigenwahrnehmung („den
verborgenen sechsten Sinn“), die es uns ermöglicht, „unseren Körper als uns
zugehörig, als unser „Eigen-tum“, als uns selbst zu erleben“ (Sacks 1999).
Sherrington selbst beschreibt die Propriorezeption als einen Sinn, der neben
Muskelorganen und Gelenkorganen auch den Vestibulärapparat einschließt
(Sherrington 1906). In der heutigen Literatur wird mit Propriozeption meist die
Wahrnehmung über die Stellung einzelner Körperteile zueinander
Einleitung 25
(Stellungssinn), die Wahrnehmung von Bewegungen (Bewegungssinn) sowie
die Wahrnehmung der Kraft, die für das Halten einer Gelenkstellung oder die
Durchführung einer Bewegung zuständig ist (Kraftsinn) bezeichnet.
Etymologisch besteht der Begriff aus den lateinischen Teilen
proprius=“eigen“ und percipio=“erfassen“ und bezeichnet das bewusste und
unbewusstes Eigenwahrnehmen von Informationen aus dem Körper. Für die
Informationsaufnahme sind unterschiedliche Rezeptoren (Muskelspindeln,
Sehnenorgane, Gelenkrezeptoren und Hautrezeptoren) zuständig (Kap.
2.1.1), die auch mit dem Begriff Propriozeptoren oder Propriorezeptoren
bezeichnet werden. Die Propriozeption ist ein Teil der Somatosensorik.
Nomenklatorisch ist es wichtig, dass die Propriozeption ein rein afferentes
System darstellt (Quante et al. 1999; Birbaumer & Schmidt 2006). Wird die
Motorik bei der funktionellen Betrachtung mit einbezogen, spricht man bereits
von Sensomotorik. Demnach wäre ein propriozeptiver Test oder ein Test des
propriozeptiven Systems im eigentlichen Sinne ein Testverfahren im Bereich
der Wahrnehmung bzw. Reizleitung im afferenten System (z.B. Testung der
Bewegungswahrnehmung). Aktive Winkelreproduktionstests wären demnach
als sensomotorische Testverfahren zu bezeichnen.
Tiefensensibilität
Auch die Tiefensensibilität wird von den Autoren unterschiedlich eingeteilt.
Nach Klinke/Silbernagel (1994) schließt sie neben dem propriozeptiven Anteil
(Informationen über Stellung, Bewegung und Kraft) auch die Nozizeption mit
ein. Birbaumer (2006) und das Lexikon der Neurowissenschaft (2001) setzen
die Tiefensensibilität mit der Propriozeption gleich. Die Nozizeption stellt bei
den letztgenannten Autoren ein eigenständiges System dar.
Kinästhetik
Auch dieser Begriff erfährt in der Literatur keine einheitliche Beschreibung.
Ein Teil der Autoren bezeichnet mit Kinästhetik die bewusste und
unbewusste Wahrnehmung von Gelenkstellungen und –bewegungen (Enoka
1998; Wilkerson et al. 1994), wohingegen andere den Begriff ausschließlich
einzelnen propriozeptiven Sinnen, also auch dem Kraftsinn zuweisen
(Lephardt 1998; Guyton et al. 1996; Gandieva 1992; McCloskey 1987).
Einleitung 26
Ausgehend von den griechischen Wortstämmen kinesis=“Bewegung“ und
ästhesie=“Wahrnehmung“ bezeichnet der Begriff Kinästhetik im eigentlichen
Sinne den Bewegungssinn.
Forschungsstand 27
2 Forschungsstand
Im folgenden Teil werden die peripheren und zentralen Komponenten des
sensomotorischen Funktionskreises in Bezug auf ihre Funktion und den
Einfluss einer Verletzung / Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes
anhand der aktuellen Literatur dargestellt.
2.1 Periphere Aspekte der Sensomotorik nach Verletzungen des
vorderen Kreuzbandes
Erst seit den neunziger Jahren wird der funktionellen Stabilität nach
Verletzungen und Rekonstruktionen des vorderen Kreuzbandes wachsende
Bedeutung beigemessen. Stand vorher nur die mechanische Stabilität mit
wechselnden Operationsmethoden und –materialien im Vordergrund, rückten
später insbesondere Untersuchungen zu sensomotorischen und
neuromuskulären Defiziten und in der Rehabilitation der Muskelaufbau in den
Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Insbesondere im Hinblick auf
Nachbehandlungskonzepte stellte die periphere Sensomotorik einen
wichtigen Eckpunkt dar. Im Folgenden sollen diese peripheren
Veränderungen im Licht der aktuellen Forschung dargestellt werden.
Die ersten Arbeiten beschäftigten sich in den 80er und 90er Jahren mit der
Problematik der Kraftdefizite nach Kreuzbandverletzungen und -rekon-
struktionen. Dabei wurden sowohl isometrische, als auch dynamische und
isokinetische Messungen zu verschiedenen Zeitpunkten vor bzw. in
unterschiedlichen Zeiträumen nach der Operation durchgeführt. Seto et al.
(1988) untersuchte die Kraftfähigkeiten fünf Jahre nach erfolgter
Rekonstruktion mittels eines Patellasehnentransplantates. Er stellte – selbst
nach diesem langen Zeitraum – anhand isokinetischer Drehmomente ein
signifikantes Kniextensionsdefizit im Vergleich zur nicht betroffenen Seite
fest. Die Knieflexion zeigte keine Unterschiede. Andere Autoren kamen zu
ähnlichen Ergebnissen (Elmquist et al. 1988; Davies et al. 1984; Baumeister
& Weiß 2002). Gegen Ende der 90er Jahre wurde der damalige
„Goldstandard“ (der Ersatz mit einem Drittel der Patellasehne) durch den
Forschungsstand 28
Ersatz mit der Semitendinosussehne mehr oder weniger ersetzt. Laurie et al.
(2000) verglichen die beiden oben genannten Operationsmethoden (Patella-
und Semitendinosussehne) in unterschiedlichen Winkelgeschwindigkeiten
(konzentrisch und exzentrisch) ein Jahr nach Operation mit einer
Kontrollgruppe. Dabei zeigte sich das auch schon in früheren Studien
beschriebene Kraftdefizit der Knieextensoren in beiden Kreuzbandgruppen
im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Knieextension war bei beiden Gruppen
betroffen und zeigte zwischen den nach unterschiedlichen
Operationsmethoden rekonstruierten Kreuzbändern der Extremitäten keine
Unterschiede, wohingegen in der Flexion Defizite in der Semitendinosus-
Gruppe bestanden, die von den Autoren mit der Transplantatentnahmestelle
in Verbindung gebracht wurden.
Anhand der Kraftdefizite hatte man einen ersten Anhaltspunkt, dass
möglicherweise das Gesamtsystem Kniegelenk nach einer Rekonstruktion
des vorderen Kreuzbandes durch übergeordnete Faktoren beeinflusst wird.
Die Kraftdefizite wurden u.a. mit Hemmmechanismen in Zusammenhang
gebracht. Diese Außenansicht anhand eines Parameters reichte im Hinblick
auf eine detaillierte Beschreibung der Problematik nicht aus. Aufgrund der
sensorischen Aufgaben des Kreuzbandes versuchte man in einem weiteren
Schritt, aufgrund der Annahme einer defizitären Wahrnehmung durch die
Zerstörung von Rezeptorstrukturen (Johansson et al. 1991; Wojtys et al.
1994), einen Einfluss der Verletzung/Rekonstruktion auf sogenannte
„propriozeptive Aufgaben“ (die eigentlich sensomotorische Aufgaben sind,
siehe Kap. 1.2) zu entdecken. Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass
durch Verletzung und Operation die Afferenzen, die zum Gehirn gelangen,
verändert sind, und sich so auf die biomechanischen und sensomotorischen
Leistungen auswirken. Insbesondere auf die veränderten Afferenzen und die
damit einhergehenden sensomotorischen Defizite soll im Folgenden
eingegangen werden.
2.1.1 Der periphere Ausgangspunkt: beteiligte Strukturen und
methodische Zugänge
Verschiedene Autoren berichten über eine veränderte Propriozeption nach
Verletzungen bzw. Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes (Johansson et
Forschungsstand 29
al. 1991; Wojtys et al. 1994; St. Clair Gibson et al. 2002; Ageberg 2002;
Sjölander et al. 2002). Diese werden auf die veränderten Wahrnehmungen
der sich im Kreuzband befindlichen, unterschiedlichen Rezeptoren
zurückgeführt.
Die für die Propriozeption zuständigen Rezeptoren befinden sich in den
Kniegelenksbändern, den Menisken, den Sehnen, der Gelenkkapsel und der
das Knie umgebenden Muskulatur. Die Mechanorezeptoren wandeln
Spannungen und deren Änderungen in afferente elektrische Signale um und
ermöglichen so das Erkennen von Kräften und Bewegungen. Dabei sind
nach Reizspezifität und Adaptationverhalten verschiedene Rezeptortypen
beteiligt.
Als eine der ersten identifizierten Freeman und Wyke (1967) vier
unterschiedliche Sensortypen, die sie als Typ I, II, III und IV bezeichnen.
Diese werden in folgenden Untersuchungen auch oft als, Ruffini-Endigungen,
Vater-Pacini Körperchen, Golgi-Sehnenorgane und freie Nervenendigungen
bezeichnet (Schultz et al. 1984; Zimny et al. 1986; Johansson et al. 1991).
Die Ruffini-Endigungen (Typ I) zeigen schon bei geringen Spannungen
Aktivität. Sie senden auch in Ruhe Impulse, so dass sie möglicherweise eine
Rolle bei der Aufrechterhaltung des Muskeltonus spielen. Die Ruffini-
Endigungen spielen dabei in statischen und dynamischen Situationen eine
Rolle und zeigen kleinste Gelenkbewegungen und Veränderungen des
intraartikulären Drucks an (Johansson et al. 1991; Grabiner et al. 1993).
Die Vater-Pacini Körperchen (Typ II) sind den Ruffini-Endigungen sehr
ähnlich. Sie adaptieren im Vergleich zu den erstgenannten Rezeptoren sehr
schnell und sind daher im immobilen Zustand nicht aktiv. Ihre Funktion
besteht in der Detektion von Beschleunigungen (und damit kleinsten
Bewegungen) und Vibrationen. Sie sind in erster Linie in die Gelenkkapsel
eingebettet und zählen zu den dynamischen Rezeptoren (Lattanzio et al.
1998; Schmidt & Schaible 2001).
Die größten Rezeptoren sind die Golgi-Sehnenorgane (Typ III). Sie besitzen
eine sehr hohe Reizschwelle und adaptieren nur langsam, was dazu führt,
dass sie im immobilisierten Gelenk völlig und sogar teilweise bei aktiven und
passiven Bewegungen inaktiv sind. Die Golgi-Organe senden ihre Impulse,
wenn physiologische Grenzen oder große Traktionskräfte am Gelenk
Forschungsstand 30
angreifen. Topographisch ist dieser Rezeptorentyp direkt auf den Ligamenten
zu finden. Er wird auch als Spannungskontrollsystem bezeichnet (Lattanzio
et al. 1998; Schmidt & Schaible 2001).
Die freien Nervenendigungen (Typ IV) bilden die Nozizeption des Gelenkes.
Sie besitzen eine vollkommen andere Funktion als die oben beschriebenen
Mechanorezeptoren. Sie werden nur in pathophysiologischen Zuständen
aktiv, wenn z.B. Rupturen an Bändern oder Deformationen an den
Gelenkstrukturen auftreten. Zusätzlich reagieren sie auf chemische Stoffe,
die insbesondere in Entzündungsreaktionen ausgeschüttet werden (Newton
et al. 1982; Reuter et al. 1994). Im Kniegelenk sind die freien
Nervenendigungen der häufigste Rezeptortyp. Sie kommen insbesondere im
Stratum fibrosum der Gelenkkapsel und in den Fettpolstern der Plicae bzw.
Villi synovialis vor und sind häufig mit kleinen Gefäßästen assoziiert
(Nürnberger 1997).
Verschiedene Forschergruppen untersuchten die Bedeutung der im Gelenk
befindlichen Mechanorezeptoren zunächst am Bandapparat der Katze und
stellten fest, dass bereits geringe Dehnungen des medialen Seitenbandes zu
erhöhten Impulsraten führen (Andrew et al. 1954). Die Forschergruppe um
Ferrell (1980) bestätigt diese Ergebnisse. Sie zeigen, dass langsam
adaptierende Mechanorezeptoren auch zwischen den Extremstellungen die
Position des Kniegelenkes signalisieren. Somit schreiben beide Gruppen den
Mechanorezeptoren im Kniegelenk der Katze wichtige Funktionen im Bezug
auf den Stellungssinn zu. Der Transfer zum humanen Gelenk gestaltete sich
nicht so einfach. Dies gelingt wiederum der Arbeitsgruppe um Ferrell (1987),
die zeigen können, dass trotz Ausschaltung von Muskelspindeln und
Hautafferenzen die Probanden mit einer gewissen Fehlertoleranz
Bewegungen erkennen können. Nach Gabe eines Lokalanästhetikums wurde
der afferente Informationsfluss unterbrochen und die Fehlerrate stieg stark
an. Die Autoren schließen daraus, dass Gelenksensoren Informationen zum
ZNS senden und sehen diese Information als Ergänzung zu den
Muskelspindelinformationen, die besonders wichtig werden, wenn
Muskelspindelafferenzen ausfallen. Dem Argument einiger Forscher, die
annehmen, dass die Schädigung der Gelenkrezeptoren bei Verletzung oder
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes sehr gering ist und daher nach
Forschungsstand 31
deren Ansicht nicht bedeutend ist, treten Macefield et al. (1990) entgegen.
Sie kommen nach ihren Untersuchungen mithilfe der intraneuralen
Stimulation einzelner ausgesuchter Mechanosensoren im Kniegelenk zu dem
Schluss, dass ein einziger Gelenkrezeptor in der Lage ist, eine spezifische
und sinnvolle Information zu liefern.
Der wichtigste Rezeptor in der kniegelenksumgebenden Muskulatur ist die
Muskelspindel. Sie besitzt den höchsten Komplexitätsgrad aller Rezeptoren,
da sie aus aktivierbaren und rezeptiven Anteilen konzipiert ist.
Muskelspindeln liegen parallel zur Arbeitsmuskulatur (extrafusal). Die
Erfassung und Regelung der Muskellänge ist abhängig von drei
Komponenten: spezialisierte Muskelfasern (intrafusal) nehmen die
Längenänderung wahr; Sensorische Axone der Gruppen I (primäre
Muskelspindelafferenzen) und II (sekundäre Muskelspindelafferenzen)
messen die Länge und übertragen die Information zum ZNS. Die Gamma-
Motoneurone stellen die Empfindlichkeit der Sensoren ein. Der adäquate
Reiz ist eine Längenveränderung der intrafusalen Muskulatur in der
Äquatorialregion der Spindeln. Das Verhalten der Sensoren wird als
proportional-differentiell bezeichnet, was bedeutet, dass die Sensoren
dynamische und statische Komponenten einer Längenänderung erfassen.
Zusammenfassend dienen die Muskelspindeln als Längenkontrollsystem
(Schmidt & Schaible 2001).
In der aktuellen Sichtweise sind Muskelspindeln sowohl für den
Stellungssinn, als auch für den Bewegungssinn eines Gelenkes zuständig
(Proske 2005). Die Experimente von Burke (1988) und Gandieva (1976,
1983, 1992) zum Einfluss der Muskelspindeln auf den Stellungs- und
Bewegungssinn lassen den Schluss zu, dass Stellungen und Bewegungen
innerhalb eines Gelenkes hauptsächlich von Informationen der
Muskelspindeln abhängen. Reuter et al. (1997) bestätigen dies mit der
Aussage, dass die größte Information über die Bewegung über die
Muskelspindeln erlangt wird und erst an zweiter Stelle die Gelenksensoren
Einfluss nehmen. Allerdings sei auch an dieser Stelle noch mal an die
Untersuchung von Ferrell et al. (1987) erinnert, die Bewegungen des
Fingergelenkes untersuchten, bei der die Muskulatur funktionell
ausgeschaltet war. Bei den darauf folgenden passiven kleinen Bewegungen
Forschungsstand 32
konnten diese mit einer gewissen Fehlerrate erkannt werden. Nach Gabe
eines Lokalanästhetikums stieg die Fehlerrate rapide an. Dabei war die
Reaktion nach lokaler Anästhesie der dorsalen Haut nicht so fehlerbehaftet
wie nach intraarthronaler Injektion. Die Autoren schlossen daraus, dass die
Mechanorezeptoren des Gelenkes für die Wahrnehmung der Bewegung
wichtig sind und das Bewegungsempfindungen nicht vorwiegend von
Hautafferenzen abhängen.
Häufig existieren nach Verletzungen oder Rekonstruktionen des vorderen
Kreuzbandes Symptome wie funktionelle Instabilitäten, das sogenannte
„giving-way“ Phänomen und muskuläre Defizite. Schon 1965 postulierte
Freeman, dass dies möglicherweise auf eine teilweise Deafferenzierung der
Kapsel und des Bandes im Zusammenhang mit dem geschädigten Gelenk
zusammenhängen könnte. Die Bedeutung der Mechanorezeptoren für die
dynamische Stabilität / Kontrolle der Gelenke ist heute allgemein anerkannt
(Skinner et al. 1984; Johansson et al. 1991; Swanik et al. 1997). Diese
Deafferenzierung von Teilen der Mechanorezeptoren findet nicht nur bei der
Verletzung selbst, sondern auch bei der Operation zur Rekonstruktion statt.
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ist sogar ein einzelner Gelenksensor
in der Lage, spezifische und sinnvolle Informationen zu liefern (Macefield et
al. 1990). Da somit eine Operation nicht ohne Schädigung der
Rezeptorstrukturen durchgeführt werden kann, ist davon auszugehen, dass
die zum Gehirn übermittelten propriozeptiven Informationen – die
sensorischen Afferenzen – sich verändert haben (Johansson et al. 1991;
Wojtys et al. 1994; St. Clair Gibson et al. 2002; Ageberg 2002; Sjölander et
al. 2002).
Die dargestellte Deafferenzierung nach Rekonstruktionen des vorderen
Kreuzbandes lässt den Schluss zu, dass die Messung von sensomotorischen
Leistungen über derartige Defizite Auskunft geben könnte. Orientiert man
sich in den Messungen an den Funktionen der beteiligten Rezeptoren,
wurden bisher drei unterschiedliche Messungen von den Untersuchern
favorisiert: die Messung des Bewegungssinnes, der Richtungen und
Geschwindigkeiten von Bewegungen misst, die Messung des
Stellungssinnes, der über die Winkelstellung der Gelenke Auskunft gibt und
die Messung des Kraftsinnes, der das Ausmaß an Muskelkraft abschätzt, das
Forschungsstand 33
notwendig ist, um Bewegungen auszuführen oder Stellungen beizubehalten
(Wilke 2000).
Die Quantifizierung der Bewegungswahrnehmung versuchte man über die
Bestimmung von Wahrnehmungsschwellen bei passiven Bewegungen zu
realisieren (Threshold for detecting passive motion = TDPM). Verschiedene
Autoren berichten übereinstimmend über signifikante Unterschiede zwischen
Patienten zu verschiedenen Zeitpunkten nach der Verletzung des vorderen
Kreuzbandes (Roberts et al. 2000; Pap et al. 1999; Corrigan et al. 1991). Alle
Autoren benutzten eine externe Kontrollgruppe und fanden Unterschiede in
beiden Extremitäten verglichen mit den Kontrollpersonen. Dies deutet auf ein
bilaterales Defizit nach einer Kreuzbandverletzung hin. Nach Rekonstruktion
des ACL liegen weniger Studien vor. Hier zeigen die Ergebnisse von Risberg
et al. (1991) nach Rekonstruktion keine Unterschiede. Leider sind die Tests
zur Quantifizierung des Bewegungssinnes aufgrund der unterschiedlichen,
angewandten Methodiken (liegen, sitzen, unterschiedliche Bewegungs-
geschwindigkeiten und Ausgangspositionen etc.) schlecht vergleichbar.
Allein Reider et al. (2003) testeten sowohl vor, als auch nach der
Rekonstruktion und verglichen die Ergebnisse mit einer Kontrollgruppe. Sie
fanden signifikante Unterschiede sowohl zwischen der verletzten Seite vor
der Operation als auch der kontralateralen Extremität und den externen
Kontrollpersonen, wohingegen keine signifikanten Unterschiede im Verlauf
von drei, sechs, zwölf und 24 Wochen nach Verletzung festzustellen waren.
Eine weitere Möglichkeit der Quantifizierung des Einflusses einer
Kreuzbandschädigung auf sensomotorische Leistungen stellen bezüglich des
Stellungssinnes die Winkelreproduktionstests dar, auf die im Folgenden
näher eingegangen werden soll.
2.1.2 Winkelreproduktionen
Auch in den Winkelreproduktionstests gibt es verschiedene Faktoren, die
einen Vergleich der Ergebnisse der Messungen schwierig machen. In der
Literatur findet man verschiedene Arten der Winkelreproduktion, sowohl am
Modell, wie auch passiv und aktiv. Auf die Darstellung der Methode zur
Nachstellung des Kniegelenkswinkels anhand eines Modells (Barrett et al.
1991b; Carter et al. 1997) und der Reproduktion von Kniegelenkswinkeln im
Forschungsstand 34
Stehen (Bullock Saxton et al. 2000; Hopper et al. 2003) soll an dieser Stelle
verzichtet werden.
Beim passiven Winkelreproduktionstest (passive Nachstellung eines
vorgegebenen Winkels) wird das Kniegelenk sowohl bei der Voreinstellung
durch den Untersucher, als auch bei der Reproduktion des Winkels passiv
bewegt, so dass der Patient keine aktive Muskelkraft aufwenden muss. Mit
der passiven Winkelreproduktion wird versucht, den Einfluss der
Muskelspindeln auszuschalten und damit die Gelenkrezeptoren isoliert zu
messen. Der größte Teil dieser Untersuchungen wurde an Patienten mit
rupturiertem, vorderem Kreuzband durchgeführt.
Die Ausgangsuntersuchung bezüglich passiver Winkelreproduktionstests
wurde von Barrett et al. (1991) durchgeführt. Er verglich kreuzbandverletzte
und –rekonstruierte Patienten mit einer externen Kontrollgruppe. Die
Genauigkeit der im Liegen passiv reproduzierten Winkel war in der Gruppe
der Kreuzbandverletzten signifikant geringer im Vergleich zu Patienten nach
einer Rekonstruktion, als auch zur gesunden Kontrollgruppe. Die Autoren
zogen daraus den Schluss, dass die Propriozeption eine große Rolle in der
Wiederherstellung der Funktionen nach Verletzung / Rekonstruktion besitzt.
In Anlehnung an die von Barrett eingeführte Methodik untersuchten Jerosch
et al. (1996) 30 gesunde Probanden und fanden keine Unterschiede in der
Genauigkeit der Winkelreproduktion in den beiden Extremitäten. Des
Weiteren fanden die Untersucher einen signifikant schlechteren
Stellungssinn in einer präoperativen Gruppe von Kreuzbandpatienten (n=14)
im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe. Auch die gesunde Extremität der
Kreuzband-Gruppe wies signifikant schlechtere Ergebnisse aus, als die der
Kontrollpersonen und wies damit auf ein bilaterales Defizit hin. Auch die
postoperative Kreuzbandgruppe (n=11) reproduzierte die Winkel
hochsignifikant schlechter als die Kontrollgruppe. Damit konnten die
Ergebnisse von Barrett (1991) bestätigt werden. Weiterhin untersuchten sie
den Einfluss von unterschiedlichen Winkelstellungen, die reproduziert
werden sollten (10°, 35°, 60°, 80°). Die größten Abweichungen in der
Reproduktion wurden im Bereich von 60° gefunden. Diese zeigten sich
signifikant größer als 35° und den streckungsnahen Winkeln von 10° in
beiden Extremitäten. Die Autoren schlossen daraus, dass die Abweichungen
Forschungsstand 35
im mittleren Bewegungsausmaß am größten sind. Leider fehlen Hinweise auf
den Einfluss der Seitigkeit, wie sie später von unserer Arbeitsgruppe
aufgedeckt wurden (Barthel et al. 2002; Baumeister et al. 2004).
Fremerey et al. (1998) modifizierten die Messvorrichtung dahingehend, dass
die Probanden im Sitzen gebeten wurden, einen vom Untersucher
voreingestellten Winkel passiv bei einer Winkelgeschwindigkeit von 0,5 °/sec
wiederzuerkennen. Damit verglichen sie Patienten mit Ruptur des vorderen
Kreuzbandes in der Akutphase (innerhalb der ersten 12 Tage, n=10) und
Patienten mit chronischer Knieinstabilität vor und drei bzw. sechs Monate
nach der Kreuzbandrekonstruktion (n=20) untereinander und mit einer
Kontrollgruppe (n=20). Bei den Probanden der Kontrollgruppe unterschieden
sich die Ergebnisse von dominantem und nicht dominantem Bein nicht,
wohingegen in der Akutphase, sowie in der Gruppe vor und drei Monate
nach der Rekonstruktion signifikante Unterschiede in der Genauigkeit der
Reproduktion zwischen betroffener und nicht betroffener Extremität
bestanden. Diese Unterschiede konnten sechs Monate nach der Operation
nicht mehr bestätigt werden. Die Autoren führen die Unterschiede in der
Akutphase auf die generalisierte Gelenkschwellung zurück. Nach der
Rekonstruktion verbessert sich zwar die Genauigkeit der Reproduktion, kann
aber nach Aussage der Autoren erst im Seitenvergleich nach sechs Monaten
annähernd wieder hergestellt werden.
Die Ursache möglicher propriozeptiver Defizite ist nicht im alleinigen Ausfall
von einzelnen Rezeptorstrukturen auf dem bzw. im Kreuzband zu suchen,
sondern muss im Kontext aller sensiblen Strukturen gesehen werden, die an
den propriozeptiven Informationen aus dem Gelenk beteiligt sind (Hoffmeier
2005). Um sich funktionell den Alltagssituationen anzunähern, kam in den
letzten Jahren vermehrt der aktive Winkelreproduktionstest in
Untersuchungen zum Einsatz, die dadurch charakterisiert sind, dass der
Untersucher einen Winkel im Kniegelenk des Probanden einstellt, der
danach aktiv vom Probanden reproduziert werden soll (Wilke 2000).
Auch die aktive Winkelreproduktion kann auf kein standardisiertes Verfahren
zurückgreifen, was in der Konsequenz dazu führt, dass erhobene Ergebnisse
schwer vergleichbar und nur vor dem aufgabenspezifischen Hintergrund
interpretiert werden dürfen.
Forschungsstand 36
Wilke (2000, 2003) untersuchte in einer gesunden Kontrollgruppe (n=24) den
Einfluss von aktiver oder passiver Vorgabe der Winkel und der
Positionierungsart (Liegen, Sitzen, Stehen) auf die aktive Winkelreproduktion
im Kniegelenk und verglich daraufhin die Kontrollgruppe mit einer Gruppe
Patienten nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes (n=20). Wilke
konnte zeigen, dass die Kontrollpersonen Winkel nach aktiver Vorgabe
besser reproduzieren konnten, als nach passiver. Bezüglich der
Positionierungsart stellte sich heraus, dass die Kontrollpersonen bei
Messung in Rückenlage die schlechtesten Ergebnisse erzielten, was nach
Meinung der Autorin mit der veränderten Rekrutierungsfolge der Muskulatur
in horizontaler Lage und dem veränderten Einfluss der Schwerkraft im Liegen
zusammenhängt. Im Vergleich der Kreuzbandpatienten mit der
Referenzgruppe konnte festgestellt werden, dass die gesunden Personen
einen aktiv vorgegebenen Winkel im Sitzen signifikant besser reproduzieren
als die Kreuzbandgruppe.
In einer Untersuchung von Reider et al. (2003) (nach Aussage der Autoren
der einzigen Längsschnittuntersuchung) wurden Kreuzbandpatienten
präoperativ und 3, 6, 12 und 24 Wochen nach dem operativen
Kreuzbandersatz unter Zuhilfenahme aktiver Winkelreproduktionstests
sowohl im Seitenunterschied innerhalb der Untersuchungsgruppe als auch
mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. Der Vergleich der betroffenen
und nicht betroffenen Seite zeigte bei den Patienten signifikant besser
reproduzierte Winkel sechs Monate nach der Operation. Ein Vergleich der
betroffenen Seite mit der externen Kontrollgruppe zeigte signifikant bessere
Leistungen der Patienten zu den Zeitpunkten präoperativ und sechs Monate
postoperativ. Auch die gesunde Extremität reproduzierte mit einem
geringeren Fehler als die externe Kontrollgruppe zum Zeitpunkt drei Wochen
nach der Rekonstruktion. Diese Untersuchung eignet sich gut, um einige
kritische Anmerkungen zur Methodenwahl zu verdeutlichen. Die Autoren
selbst führen die besseren Reproduktionsleistungen der Kreuzbandpatienten
auf einen möglicherweise eingetretenen Lerneffekt über die verschiedenen
Testzeitpunkte zurück, wohingegen die Kontrollgruppe nur einen Termin
absolvierte. Ein weiterer Kritikpunkt zu den anderen Studien besteht darin,
dass die Ausgangsposition eine volle Extension war und der Winkel durch
Forschungsstand 37
aktive Flexion eingenommen werden musste. Dies ist konträr zu dem
üblichen Vorgehen, bei dem die Startposition als 90° Flexion beschrieben
wird und der Winkel durch Extensionsbewegungen eingenommen werden
muss.
Auch Friden et al. (1997) untersuchten 16 Patienten nach arthroskopisch
gesicherter Kreuzbandverletzung, ließen sie in seitlich liegender Position
aktiv Winkel reproduzieren und verglichen die Ergebnisse mit gesunden
Kontrollpersonen (n=19). Dabei fanden sie keine signifikanten Unterschiede
zwischen den Untersuchungsgruppen noch innerhalb der beiden Gruppen
bezüglich der Extremitäten. Ebenfalls aus dieser Arbeitsgruppe stammt eine
Untersuchung an Patienten mit rekonstruiertem vorderen Kreuzband (n=20)
24 Monate nach dem operativen Eingriff (Roberts et al. 2000). Anhand
derselben Methodik (seitlich liegend) wurde auch hier die aktive
Winkelreproduktion im Vergleich zu einer Referenzgruppe erhoben. Auch
hier fanden sich keine Unterschiede zwischen den Gruppen. In ihrer
Diskussion stellen beide Autoren ihre Methodik in Frage. Insbesondere die
Ausgangslage scheint hier Einfluss auf die Ergebnisse zu nehmen.
Die Arbeitsgruppe um Fischer-Rasmussen (2001) verglich 15
Kreuzbandpatienten zwei bis zehn Wochen nach Rekonstruktion mit einer
gesunden Referenzgruppe, sowohl hinsichtlich des Bewegungssinnes und
der passiven Reproduktion (beides im Liegen), als auch anhand des aktiven
Wiedereinnehmens der Winkelposition unter einem Kraftaufwand, der 20%
der vorher getesteten Maximalkraft entsprach. Es zeigten sich in keinem Test
Unterschiede zwischen den Untersuchungsgruppen. Problematisch
erscheinen in diesem Fall die geringe Versuchsanzahl (4 Versuche pro Test)
und die fehlende Randomisierung der Test- und Extremitätenreihenfolge.
Zusätzlich ist zu bedenken, dass die Probanden gleichzeitig zwei Aufgaben
zu bewältigen hatten: Einmal die Reproduktion des Winkels und gleichzeitig
das visuell überprüfte konstante Halten der Drehmomente auf 20%. Des
Weiteren weisen die Autoren darauf hin, dass der aktive Test mit 20% der
Maximalkraft tatsächlich nur eine Aussage für diese spezielle Situation
zulässt und daher nicht mit den andere aktiven Winkelreproduktionen
verglichen werden kann.
Abschließend wurden aktive und passive Winkelreproduktionstests auf ihre
Forschungsstand 38
Gütekriterien hin verglichen. Dabei zeigten Gottlieb et al. (1994) in ihren
Untersuchungen, dass ein aktiver Winkelreproduktionstest genauere und
reproduzierbarere Werte liefert, als beispielsweise ein Test, bei dem die
Gelenke der Probanden passiv bewegt wurden. Beynnon et al. (2000)
verglichen diverse Winkelreproduktionstests mit unterschiedlichem Setting
(aktiv/passiv, am Modell, im Stehen/im Sitzen, Flexion/Extension) und kamen
zu dem Ergebnis, dass die aktive Winkelreproduktion in die Extension das
Testverfahren mit der größten Reliabilität und Validität sei.
Der Forschungsstand zur Winkelreproduktion zeigt, dass es keine
feststehende Methodik diesbezüglich zu geben scheint. Aus diesem Grunde
sind die Untersuchungen auch nur schwer vergleichbar und dienen immer
der Beantwortung einer spezifischen Fragestellung im Gesamtkontext der
Untersuchung. Dabei weist die Mehrzahl der Untersuchungen auf signifikante
Reproduktionsunterschiede zwischen Kreuzbandverletzten bzw. –
rekonstruierten verglichen mit gesunden Kontrollpersonen hin. Allerdings
scheinen bei der Durchführung von Winkelreproduktionstests Faktoren wie
die Lagerung des Probanden, die reproduzierende Winkelstellung, die
Bewegungsrichtung, die Ausgangsstellung und die Wiederholungszahl und
ein möglicher Lerneffekt eine große Rolle zu spielen. Diese Faktoren müssen
bei einem Messaufbau zwingend bedacht werden (siehe Kap. 5.3).
Eine letzte Untersuchungsmethode, die zur Quantifizierung der dritten
propriozeptiven Modalität - dem Kraftsinn - herangezogen wird, soll im
folgenden Abschnitt detaillierter beschrieben werden.
2.1.3 Kraftreproduktionen
Der Kraftsinn wird in den bekannten Übersichten als dritte propriozeptive
Modalität beschrieben. Er bezeichnet die Fähigkeit, für motorische Aufgaben
die adäquaten Muskelkräfte einzuschätzen (Schmidt & Thews 2001;
Birbaumer & Schmidt 2006). Erstaunlicherweise findet man in der
internationalen Literatur kaum Ansätze, die den Kraftsinn untersuchen,
obwohl einige Autoren dies für durchaus aussichtsreich halten (Pfeiffer et al.
2003; Dover et al. 2005). Héroux et al. (2005) gehen sogar soweit zu
behaupten, dass trotz der funktionellen Relevanz des Kraftsinnes im
sensomotorischen System, dieser in der Untersuchung der Konsequenzen
Forschungsstand 39
nach Kniegelenksverletzungen bisher ignoriert wurde.
Bei den wenigen bekannten Untersuchungen wurden verschiedene Ansätze
verfolgt, die allerdings, ebenso wie bei der Winkelreproduktion beschrieben,
(Kap 2.1.2) aufgrund der methodischen Unterschiede nicht vergleichbar sind.
Eine standardisierte Testform des Kraftsinnes existiert nicht.
Eine der bekannten Studien beinhaltet die Untersuchung des Kraftsinnes bei
Kreuzbandpatienten (Héroux et al. 2005). In einer Pilotstudie wurde
untersucht, inwieweit Patienten nach Verletzung des vorderen Kreuzbandes
(n=10) in der Lage waren, geringe Gewichtsveränderungen (+.09, +.20, +.28,
+.50 kg) in der Knieextension auseinanderzuhalten und dem
wahrgenommenen Gewicht nach einzuteilen. In dieser
Diskriminierungsaufgabe dienten gesunde Probanden als Kontrollgruppe
(n=8). Die verletzte Extremität zeigte im Vergleich zur nicht betroffenen Seite
eine reduzierte Genauigkeit, die Veränderungen der Gewichte zu erkennen.
Dieser Unterschied existierte in der Kontrollgruppe nicht. Dort unterschieden
sich die beiden Extremitäten in ihren Diskriminanzfähigkeiten nicht. Die
Autoren schließen daraus, dass die Genauigkeit der Kraftwahrnehmung nach
einer Verletzung des vorderen Kreuzbandes als Folge eines Verlustes des
sensorischen Feedbacks aus dem Kreuzband reduziert ist. Weitere
Untersuchungen zum Kraftsinn in der speziellen Situation nach Verletzung
oder Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes sind in der Literatur nicht zu
finden.
Eine weitere Arbeit, die die Abweichung bei der Kontrolle der Muskelkraft bei
arthrotischen Kniegelenken zum Thema hat, wurde 2004 von Hortobágyi et
al. durchgeführt. Sie untersuchten, ob Patienten mit Kniearthrose im
Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen in der Lage waren, die
vorgegebenen Zielkräfte 50N und 100N exzentrisch, isometrisch und
konzentrisch zu reproduzieren. Dabei kam heraus, dass die Kniepatienten
sowohl in der exzentrischen, als auch in der konzentrischen Situation
signifikant größere absolute Abweichungen von der Zielkraft hatten, als die
Referenzgruppe. Die isometrische Kraftreproduktion zeigte keine
Unterschiede zwischen den Gruppen. Ein Faktor, den es bei der
Interpretation zu Bedenken gibt, ist der Einfluss des höheren Alters der
Patienten. Enoka et al. (2003) merken in diesem Zusammenhang an, dass
Forschungsstand 40
die Fähigkeit, Kräfte genau zu reproduzieren, im Alter nachlässt. Die Autoren
stellen allerdings fest, dass dies trotzdem eine adäquate Methode zur
Quantifizierung von Defiziten in der propriozeptiven Modalität des Kraftsinns
darstellt.
Weitere Untersuchungen zu Kraftreproduktionen oder –diskriminationen, die
das Kniegelenk betreffen, sucht man vergebens. Vereinzelt gibt es noch
Untersuchungen zu anderen Gelenken des menschlichen Körpers. So
zeigten Dover et al. (2005) anhand von Kraftreproduktionen im
Schultergelenk, dass diese mit hoher Reliabilität die Kraftwahrnehmung in
der Schulter messen. Dazu mussten die Probanden im Stehen 50% der
willkürlich aufwendbaren Maximalkraft (maximal voluntary contraction MVC)
mit Hilfe eines visuellen Feedbacks in die Innenrotation reproduzieren, bevor
für die tatsächliche Reproduktionsaufgabe das visuelle Feedback entfernt
wurde. Auch dies wurde von den Autoren als reliable Methode zur
Quantifizierung sensomotorischer Leistungen dargestellt.
Eine letzte Untersuchung, die hier beschrieben werden soll, ist eine
Untersuchung zur visuellen Kontrolle isometrischer Handkräfte (Vaillancourt
et al. 2001). Dazu wurden Parkinson-Patienten mit einer gesunden
Referenzgruppe verglichen. Die Aufgabe bestand darin, die 5%, 25% und
50% vom MVC zunächst mit visuellem Feedback und später ohne dieses zu
reproduzieren. Die Autoren stellten fest, dass sich die Gruppen unter
Zuhilfenahme des visuellen Feedbacks in der Reproduktion nicht
unterschieden. Erst die Wegnahme des Feedbacks führte zu signifikant
schlechteren Ergebnissen (die reproduzierten Kräfte waren geringer als die
vorgegebenen) in der Parkinson-Gruppe. In der Diskussion der Ergebnisse
gehen die Autoren davon aus, dass dieser größer werdende
Reproduktionsfehler in der Parkinson-Gruppe nicht auf Defizite in den
sensorischen Afferenzen, sondern auf supraspinale sensorisch-motorische
Prozesse zurückzuführen ist und diese Defizite anhand der dargestellten
Methode gemessen werden können.
Auch im Bereich der Kraftreproduktion gibt es ebenso wie bei der
Winkelreproduktion kein feststehendes „gebräuchliches“ Testparadigma. Im
Unterschied zur Winkelreproduktion ist jedoch eine deutlich geringere Anzahl
an Publikationen zu diesem Thema festzustellen. Insbesondere im Bereich
Forschungsstand 41
der Kreuzbandverletzungen - und im Zusammenhang damit mit den
sensomotorischen Defiziten - gibt es einen deutlichen Handlungsbedarf die
Kraftreproduktion als Quantifizierungsmethode sensomotorischer Leistungen
zu untersuchen.
2.1.4 Neuromuskuläre Veränderungen nach Verletzungen des vorderen
Kreuzbandes
Einhergehend mit den von außen sichtbaren und weiter oben beschriebenen
Defiziten wie Kraftverlust und afferenten Veränderungen nach Verletzungen
oder Rekonstruktionen des vorderen Kreuzbandes zeigt sich auch die
neuromuskuläre Ansteuerung als efferentem Zweig des sensomotorischen
Systems beeinträchtigt.
Solomonow et al. beobachteten erstmals 1987, dass direkt induzierter Stress
auf das vordere Kreuzband die EMG Aktivität der Extensorengruppe
(M.quadrizeps) hemmt, wohingegen die der Kniegelenksbeuger (Hamstrings)
deutlich an Aktivität zunimmt. Die Autoren schließen aufgrund der
Ergebnisse auf eine kniegelenksstabilisierende Funktion der Beuger nach
Verletzungen des vorderen Kreuzbandes. In einer weiteren Untersuchung
zur neuromuskulären Aktivität in einer Population von Kreuzbandverletzten
konnte gezeigt werden, dass sich die Rekrutierungsreihenfolge und das
Muskel-Timing auf eine von außen zugefügte tibiale Translation (nach vorn)
verändert darstellt (Wojtys et al. 1994).
Auch in der Knieextension wurden bei isometrischen und dynamischen
Kontraktionen EMG Signale abgeleitet. Dabei fanden sich häufig geringere
neuromuskuläre Aktivitäten der Kniegelenksstrecker in der betroffenen
Extremität im Vergleich zur gesunden Seite bzw. einer Kontrollgruppe. Nach
Branch et al. (1989) erlaubt die Ableitung der Summenaktionspotentiale die
indirekte Messung des efferenten Schenkels der propriozeptiven Steuerung.
Sie wiesen erniedrigte Aktivität in M. quadriceps femoris und M.
gastrocnemius und erhöhte Aktivität der ischiocuralen Muskulatur bei
Patienten mit rupturierten vorderen Kreuzbändern nach. Fink et al. (1994)
untersuchten 35 Patienten 71 bis 84 Monate nach der Rekonstruktion sowie
25 Kreuzbandpatienten mit chronischer Kniegelenksinstabilität. Sie konnten
demonstrieren, dass die elektrische Aktivität der einzelnen beteiligten
Forschungsstand 42
Muskeln während einer Extensions- und Flexionsbewegung sehr
unterschiedlich ist. Sie fanden im Seitenvergleich eine niedrigere Aktivität
des M.vastus medialis, während sich die anderen Muskeln nicht
unterschieden. Die Autoren führen dies auf veränderte afferente
Informationen oder nervale Kompensationsmechanismen zurück.
Auch Cooper et al. (1999) untersuchten die isometrische Kontraktion von 41
Patienten nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes hinsichtlich der
Muskelaktivierung der Kniegelenksextensoren und verglichen die Ergebnisse
mit einer gesunden Referenzgruppe. Das integrierte EMG zeigte
Gruppenunterschiede mit signifikant niedrigerer Aktivität zu den
Messzeitpunkten drei bzw. fünf Monaten postoperativ. Diese Unterschiede
konnten allerdings schon nach sechs Monaten nach der Rekonstruktion nicht
mehr bestätigt werden. Die Autoren vermuten, dass die gleichzeitig noch
bestehenden, auffälligen Kraftdefizite der Extensoren auf ein Defizit im
neuralen Antrieb zurückzuführen sind, das aufgrund abweichender
zentralnervaler Mechanismen auftritt. Eine ähnliche Begründung führt
Engelhardt (1998) an, der ebenfalls reduzierte Kraftwerte auf der verletzten
Seite fand. Er bringt dies damit in Zusammenhang, dass „…die
Kraftminderung verstärkt auf zentrale Ursachen und nicht primär auf
hemmende Einflüsse der Nozizeptoren zurückzuführen ist (…), wobei
Veränderungen bis in die Persönlichkeit hereinreichen können.“ (Engelhardt
1998). Ducke (2006) untersuchte Patienten vier Jahre nach der
Rekonstruktion, fand ebenfalls kein signifikanten Unterschiede zwischen
nicht betroffener und verletzter Extremität als auch zu einer gesunden
Kontrollgruppe. Er resümierte, dass die neuromuskulären Aktivitäten
(M.rectus femoris, M.vastus medialis und M.vastus lateralis) mittelfristig nach
der Rekonstruktion wiederhergestellt sind, obwohl sich deskriptiv angedeutet
hat, dass die mittlere Amplitude des M.vastus medialis gegenüber dem
Referenzwert etwas erniedrigt ist.
Aaldersberg et al. (2005) untersuchten Kreuzbandverletzte (n=12; < sechs
Monate nach Verletzung) und gesunde Kontrollpersonen (n=10) hinsichtlich
der elektrischen Aktivierung der Muskulatur in einer isometrischen
Positionierungsaufgabe in unterschiedlichen Winkelstellungen und einer
langsamen dynamischen Knieextension. Beiden Aufgaben wurden mit
Forschungsstand 43
unterschiedlicher, geringer Vorbelastung (15 Nm und 30 Nm) anhand
unterschiedlich langer Hebel (120 und 300 mm) durchgeführt. Zwischen den
beiden Untersuchungsgruppen gab es keinen Unterschied. Innerhalb der
Gruppen wurden bei beiden Aufgaben mit den unterschiedlichen
Konstellationen signifikante Unterschiede hinsichtlich des Kniewinkels und
des Hebelarmes in allen untersuchten Muskeln gefunden. Mit steigender
Vorbelastung (längerer Hebelarm) steigt auch die neuromuskuläre Aktivität in
allen Muskeln an, die jeweils im streckungsnahen Bereich (volle
Streckung=0° bis 20°) am höchsten ist. In einer hierarchischen Ordnung
weist der M.rectus femoris im Vergleich zu den beiden anderen Muskeln die
geringste Aktivität auf.
In einem relativ neuen Ansatz wurde im Sitzen die jeweilige Extremität der
Probanden in 90° Flexion fixiert. In einem Zielprotokoll mussten die
Probanden durch isometrische Kontraktion in verschiedene Richtungen
(extension, rotation, inferior load, adduction) aus verschiedenen
Ausgangsstellungen einen Cursor in ein Ziel manövrieren. Dabei wurden die
neuromuskulären Aktivitäten der beteiligten Muskeln abgeleitet und ein
Spezifitäts-Index der einzelnen Muskeln gebildet. Williams et al. (2004)
fanden im Vergleich von Patienten nach Kreuzbandverletzung und Gesunden
heraus, dass das EMG vor der Operation gegenüber Gesunden verändert
war (insbesondere M.vastus lateralis). In einer weiteren Untersuchung der
Arbeitsgruppe fand man nach Rekonstruktion mit der Semitendinosussehne
keine Veränderungen in der Muskelaktivierung des M.semitendinosus und
des M.gracilis verglichen mit den Daten vor der Operation. Die Autoren
sehen ihren Ansatz als hervorragende Möglichkeit, neuromuskuläre
Strategien während einer sensomotorischen Zielaufgabe abzubilden und
Defizite nach Kreuzbandverletzung bzw. –rekonstruktion aufzudecken.
Bezüglich weiterer neuromuskulärer Veränderungen bei
Kreuzbandinsuffizienz bzw. nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes
bei funktionellen Bewegungen wie Gehen, Laufen, Springen etc. soll auf die
entsprechende Literatur verwiesen werden (Ciccotti et al. 1994; Pfeifer 1996;
Bulgheroni et al. 1997; Devita et al. 1997; Rudroff et al. 2003; Knoll et al.
2004; Waite et al. 2005).
In den letzten Jahren wurden die neuromuskulären Aktivitäten nicht mehr nur
Forschungsstand 44
anhand maximaler exzentrischer, isometrischer und konzentrischer
Kontraktionen beurteilt, sondern zunehmend anhand von sensomotorischen
Zielaufgaben. Insbesondere diese scheinen in der Lage zu sein,
neuromuskuläre Defizite nach Kreuzbandschädigungen noch früher
aufdecken zu können.
2.2 Zentrale Aspekte der Sensomotorik nach ACL Verletzung
Mit der Entwicklung immer neuer Methoden zur Erfassung zentraler
Aktivitäten nimmt auch das Wissen bezüglich der an der Sensomotorik
beteiligten Strukturen zu. In diesem Kapitel werden verschiedene Methoden
beschrieben, die in der Lage sind, das Fenster zum Zentralnervensystem zu
öffnen. Insbesondere das EEG spielt in der Zusammenfassung eine Rolle.
Studien mit einem Zusammenhang von EEG und Sensomotorik bzw. dem
zentralen Einfluss einer Kreuzbandschädigung schließen dieses Kapitel ab.
2.2.1 Das Fenster zum Zentralnervensystem: Beteiligte Strukturen und
methodische Zugänge
Die Rückenmarksebene stellt die erste integrative Verarbeitungsebene der
sensorischen Information dar. Die Informationen werden einerseits direkt zu
supraspinalen Zentren weitergeleitet, andererseits gelangen sie zu weiteren
unterschiedlichen Neuronengruppen: (i) den Interneuronen, die die
segmentale und intersegmentale Informationsverarbeitung über Hemmung
und Aktivierung bestimmen, (ii) die Alpha-Motoneurone, die über direkte
Signale aus Muskelspindelafferenzen monosynaptische Reflexe auslösen
und (iii) die Projektionsneuronen, die Informationen an supraspinale Zentren
weiterleiten (Quante & Hille 1999; Jankowska 1992).
Die sensorischen Afferenzen werden über drei anatomisch und funktionell
gut unterscheidbare Bahnsysteme zum Gehirn geleitet. Dabei vermittelt der
spino-thalamische Trakt (Tractus spinothalamicus) vorwiegend
Informationen, die die Schmerz- und Temperaturwahrnehmung betreffen,
zum Thalamus. Das zweite aufsteigende Bahnsystem wird als
Kleinhirnseitenstrang (Tractus spinocerebelaris posterior) bezeichnet und
vermittelt wichtige Informationen von der Haut und den Propriozeptoren an
Forschungsstand 45
das Kleinhirn (Noth 1996). Die dritte Bahn, das Hinterstrangsystem
(Funiculus dorsalis) ist dafür zuständig, Afferenzen von der Haut und aus den
Muskeln, Sehnen und Gelenken an das Gehirn zu transferieren. Dies
geschieht zwar auch über die anderen beiden Bahnsysteme, allerdings
zeichnet sich das Hinterstrangsystem dadurch aus, dass es die
somatosensiblen Reize zeitlich und räumlich exakt kodiert (Davidoff 1989).
Die im Gehirn ankommenden Informationen aus der Peripherie werden in
verschiedenen subkortikalen und kortikalen Gebieten zu adäquaten
motorischen Antworten integriert und über absteigende Bahnen zum Effektor
geleitet.
Auf subkortikaler Ebene werden die Informationen insbesondere im Kleinhirn,
dem Thalamus und den Basalganglien verarbeitet. Das Kleinhirn ist
grundsätzlich beim Erlernen und der Ausführung aller Bewegungen beteiligt.
Es integriert neben den beschriebenen Afferenzen aus den Gelenken auch
die Informationen aus anderen sensorischen Systemen wie z.B. dem
Gleichgewichtssystem oder dem visuellen System und ist an der Planung
und Programmierung von Bewegungen beteiligt. Darüberhinaus findet über
einen „Soll-Ist-Wert Vergleich“ die Kontrolle ablaufender Bewegungen statt.
Anteile des Kleinhirns vergleichen eine Kopie des Bewegungsplanes, der
sogenannten Efferenzkopie, mit den Rückmeldungen über den
Programmierungs- und Bewegungsablauf. Sobald die Bewegung vom
geplanten Verlauf abweicht, werden aus diesem Vergleich Korrektursignale
erarbeitet. Diese erreichen die ausführenden Systeme und führen die
Bewegung zurück auf den geplanten Verlauf (Noth 1996; Schmidt & Thews
2005). Informationen aus dem Kleinhirn werden sowohl direkt zu den
motorischen Zentren des Hirnstammes, als auch über den Thalamus zum
primär motorischen Kortex projiziert (Birbaumer & Schmidt 2006; ein
ausführliches Review zum Zusammenhang Kleinhirn und motorisches
System findet sich bei Ramnani 2006).
Die Basalganglien, als zweitem an der Verarbeitung von Afferenzen
beteiligtem Gebiet des Gehirns, sind neben der Steuerung von Extremitäten
und Augenmotorik an der Verwertung und Verarbeitung sensorischer
Informationen sowie an der Anpassung des Verhaltens an den emotionalen
und motivationalen Kontext beteiligt. Die Aufgaben der Basalganglien liegen
Forschungsstand 46
einerseits in der Beteiligung an der Umsetzung von Bewegungsplanung in
ein Bewegungsprogramm, das die ausführenden motorischen Zentren
steuert. Zusätzlich sind sie dabei insbesondere bei der Festlegung von
Bewegungsparametern wie Amplitude, Richtung, Geschwindigkeit und Kraft
einer Bewegung beteiligt. Über die einlaufenden sensorischen Informationen
sind die Basalganglien in der Lage, die gerade ablaufenden Bewegungen zu
kontrollieren. Im Zusammenhang mit ihrer entscheidenden Rolle in der
motorischen Aufmerksamkeit sind sie in der Lage, bestimmte Bewegungen
bei gleichzeitiger Hemmung anderer zu bevorzugen (Schmidt & Schaible
2001; Review der funktionellen Anatomie der Basalganglien bei Herrero
2002).
Der Thalamus und der Kortex bilden eine funktionelle Einheit. Fast alle
sensorischen Afferenzen werden im Thalamus vor ihrer Weiterleitung
umgeschaltet. Damit ist der Thalamus das Tor zum Kortex und spielt daher
auch eine entscheidende Rolle in der Steuerung des
Aufmerksamkeitsverhaltens und der rhythmischen elektrischen Aktivität der
kortikalen Gebiete.
Abb. 2: Einteilung der Hirnareale nach Brodmann (Brodmann 1985)
Über thalamo-kortikale Projektionen auf alle Areale des Kortex sowie die
rückläufigen Bahnen aus den unteren Schichten des Großhirns steht dem
Forschungsstand 47
Thalamus stets eine Efferenzkopie vor allem der motorischen Kommandos
zur Verfügung (Birbaumer & Schmidt 2006; ausführliches Review zur
funktionellen Anatomie ebenfalls bei Herrero 2002). Auf kortikaler Ebene ist
insbesondere der parietale Kortex mit der Verarbeitung somatosensorischer
Informationen befasst. Der primäre somatosensorische Kortex (SI, Gyrus
postcentralis, Brodmann Areal 1, 2, 3) schließt sich unmittelbar dorsal an den
motorischen Kortex an und ist das Projektionsfeld des weiter oben
beschriebenen Hinterstrangsystems. Die Organisation des Projektionsfeldes
ist somatotrop, d.h. es existiert eine geordnete räumliche Zuordnung
zwischen somatosensorischem Kortex und der Körperperipherie, dem
sogenannten Hommunculus. Dabei ist die Größe des Projektionsareales
direkt proportional zum Auflösungsvermögen der Rezeptoren in den
unterschiedlichen Körperregionen (Noth 1996; Thompson 2001). Weiter
dorsal schließt sich der somatosensorische Assoziationskortex (Brodmann
Areal 5) an, der für die Weiterverarbeitung der somatosensorischen
Informationen zuständig ist.
Es bestehen reziproke Projektionen zum prämotorischen Kortex und zum
supplementär-motorischen Areal (SMA), die die Bedeutung des sensorischen
Assoziationskortex für die motorischen Funktionen verdeutlicht.
Die motorischen Assoziationsareale unterteilen sich in den prämotorischen
Kortex und das supplementär-motorische Areal (SMA), die beide dem Areal
6 nach Brodmann (1985) entsprechen. Funktionell unterscheiden sich beide
Areale. Während der prämotorische Kortex in erster Linie Aufgaben der
Selektion und Integration von Signalen aus den mit ihm in Verbindung
stehenden kortikalen Assoziationsarealen (parietaler, präfrontaler und
visueller Kortex) und dem Kleinhirn wahrnimmt, erhält die SMA Informationen
aus den Basalganglien, dem Thalamus und vom primär-motorischen Kortex.
Beide Assoziationsareale projizieren zum primär-motorischen Kortex
(Brodmann Areal 4).
Der primär-motorische Kortex erhält Zuflüsse aus dem Thalamus, den
präfrontalen und parietalen, kortikalen Gebieten sowie aus dem Hirnstamm
und ist für die Umsetzung der in den Assoziationsarealen entstandenen
Bewegungsentwürfe in Bewegungsprogramme zuständig. An dieser Stelle
beginnt die Kette derjenigen Strukturen, die vor allem für die
Forschungsstand 48
Bewegungsausführung verantwortlich zeichnen. Das Brodmann Areal 4 hat
aufgrund seiner starken kortiko-spinalen Projektionen zu den Motoneuronen
den direktesten Zugang zum motorischen Ausgang.
Verschiedene bildgebende Untersuchungsmethoden werden in der Literatur
zur Untersuchung von Gehirnfunktionen bei sensomotorischen Aufgaben
angewandt (ein ausführliches Review: Rossini 2004). Einige Messmethoden
untersuchen den regionalen Blutfluss und metabolische Veränderungen. Zu
diesen Methoden gehören die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und
das funktionelle Magnet-Resonanz-Imaging (fMRI).
Die PET-Technologie basiert auf dem raschen radioaktiven Zerfall von
Positronen in Radioisotope. Die Anzahl der Zerfälle wird gezählt und als Bild
des Blutflusses für eine Minute nach der Injektion des Radioisotopes
dargestellt. Über die Injektion verschiedener Radioisotope als Marker lassen
sich verschiedene Transmitter und Stoffwechselprodukte im Gehirn
beobachten. Die bereits erwähnte Besonderheit der PET, regionale
Stoffwechselvorgänge nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ erfassen
zu lassen, hat es ermöglicht, sie in der Grundlagenforschung effizient
einzusetzen. Die hohe Auflösung der anatomischen, auch subkortikalen
Strukturen bei der Lokalisation neuronaler und metabolischer Aktivität ist
dabei der größte Vorteil dieser Methode, die allerdings durch das geringe
zeitliche Fenster limitiert ist. Auch sind rasche Veränderungen mit dieser
Methode nicht messbar (Thompson 2001). Im Zusammenhang mit
sensomotorischen Aufgaben sei hier beispielhaft die Untersuchung von
Bodegard et al. (2003) angeführt. Das Ziel dieser Studie bestand darin,
Neuronenpopulationen im somatosensorischen Kortex zu lokalisieren, die
während unterschiedlicher sensomotorischer Aufgaben aktiv sind. Zu den
Aufgaben zählten statischer und dynamischer Druck, sowie Positionswechsel
des Zeigefingers während einer Flexionsbewegung des Zeigefingers. Die
Autoren fanden heraus, dass im Vergleich zur Ruhebedingung bei allen
Aufgaben die Brodmann Areale 3b, 1 und 2 im Zusammenhang mit
afferenten, mechanorezeptiven Informationen aus der Peripherie aktiv waren.
Das Areal 3a war nur in den dynamischen Bedingungen aktiv, woraus die
Autoren schlossen, dass hier die Informationen der Muskelspindeln
eingehen. Die Untersuchung zeigt deutlich die Vorteile in der Lokalisation
Forschungsstand 49
von Gehirnaktivitäten, kommt aber aufgrund der hohen Kosten und der
zeitlichen Limitierung für die angewandte Forschung nicht in Frage.
Die zweite bildgebende Methode ist das funktionelle Magnet-Resonanz-
Imaging (fMRI). Betrachtet man die Publikationen pro Jahr zu den Themen
Kognition, Emotion und Motorik ist das fMRI seit 1993 die am häufigsten
angewandte Methode. Das Prinzip dieser Methode basiert auf der Erzeugung
von Schnittbildern des menschlichen Gehirns (oder auch des Körpers)
anhand der Stoffwechselsituation. Dazu wird ein Magnetfeld um den Körper
platziert und es werden Dichte und Relaxationszeiten magnetisch erregter
Wasserstoffatomkerne (Protonen) im menschlichen Körper erfasst. Sowohl
die Dichte, als auch die Relaxationszeiten können als Funktionen des Ortes
bildgebend dargestellt werden (Thompson 2001; Birbaumer & Schmidt
2006). Als ein Beispiel der Bearbeitung sensomotorischer Fragestellungen
mit dem fMRI soll eine Untersuchung von Ciccarelli et al. (2005) dienen. Sie
untersuchten kortikale und subkortikale Gehirnstrukturen, die während
aktiver und passiver Bewegung des Sprunggelenkes aktiv sind. Die Autoren
fanden heraus, dass während passiver und aktiver Bewegungen die
Lokalisation der Aktivierung (motorischer und sensorischer Kortex) nahezu
gleich war, wobei die Höhe der Aktivierung bei aktiven Bewegungen größer
war. Zusätzlich konnte nachgewiesen werden, dass nicht nur kortikale,
sondern auch subkortikale Areale wie das ipsilaterale Kleinhirn und das
kontralaterale Putamen aktiv sind. Auch diese bildgebende Methode findet
aufgrund der hohen Kosten und des hohen apparativen Aufwandes nur
selten Eingang in die anwendungsbezogene Bewegungsforschung. In
Kombination mit der Elektroenzephalographie stellt diese Methode das zur
Zeit optimale Messverfahren in den Neurowissenschaften dar (Birbaumer &
Schmidt 2006).
Die Beispiele verdeutlichen, dass die Methoden – sowohl PET als auch fMRI
– mit einem hohen Aufwand neuroanatomisch sehr genau messen können.
Demgegenüber steht mit der Elektroenzephalographie (EEG) eine weitere,
nicht-invasive und kostengünstige Methode zur Erhebung neuronaler
Aktivitäten des menschlichen Gehirns zur Verfügung. Letztendlich werden
Aktivitäten des Gehirns, ähnlich fMRI oder PET, nur mit einem anderen
Mediator, der elektrischen Aktivität erhoben. Gemessen werden neuronale
Forschungsstand 50
Erregungszustände größerer Neuronenverbände, die primär aus dem Kortex,
der Hirnrinde des menschlichen Gehirns stammen. Gerade deshalb ist das
EEG als Substrat von Kognition und Verhalten von großer Bedeutung, weil
sich trotz der scheinbar unübersichtlichen Vielfalt zellulärer Prozesse
trotzdem ein geordnetes Muster elektrischer Potentiale abbildet, das mit den
psychischen Vorgängen eng zusammenhängt (Birbaumer & Schmidt 2006).
Heute geht man davon aus, dass rhythmischen Erregungen durch
subkortikale Hirnregionen (z.B. Thalamus oder Hippocamus) gesteuert und
moduliert werden (Shaw 2003; Hasselmo 2005; Gevins et al. 1997).
Demnach stellt das EEG das elektrische Korrelat summierter erregender
Nervenzellaktivität dar (Niedermeyer 2005). Um die im EEG enthaltenen
Informationen analysieren zu können, wird die Amplitude der Signale
innerhalb der Frequenzbereiche differenziert an den unterschiedlichen
Elektrodenpositionen ausgewertet (Mechau 2001). Als Parameter gibt die
spektrale Leistung dabei die elektrische Energie pro Zeiteinheit in einem
Frequenzbereich an (µV2). Die Leistungsdichte gibt die Gesamtleistung eines
Frequenzbereiches dividiert durch die Bandbreite des Frequenzbereiches an
(µV2/Hz).
Da die informationsverarbeitenden Prozesse im Gehirn in der Regel sehr
schnell ablaufen, erfordert ihre Messung eine hohe Zeitauflösung, die die
bildgebenden Verfahren in der Regel nicht aufweisen. Die elektrischen
Aktivitäten können im EEG als farblich kodierte topographische Hirnkarte
dargestellt werden. Dies stellt einen Kompromiss zu PET und fMRI
Untersuchungen dar und kann somit auch zu den Brain-Mapping Verfahren
gezählt werden.
In der Elektroenzephalographie unterscheidet man zwischen den beiden
Methoden der Messung spontaner Aktivität und evozierten (reizabhängigen)
Potentialen. Die spontane elektrische Aktivität – Gegenstand dieser Arbeit –
beschreibt definierte Zustände während unterschiedlicher Verhaltensweisen
und verschiedener Aufgaben, die sowohl kognitiv, als auch motorisch geartet
sein können. Die leichte Anwendbarkeit und die Transportabilität macht die
Elektroenzephalographie zur Methode der Wahl in der Bearbeitung
sportmedizinischer und bewegungswissenschaftlicher Fragestellungen.
Forschungsstand 51
2.2.2 EEG und sensomotorische Aufgaben
Im Vordergrund einer sensomotorischen Aufgabe stehen Prozesse der
Informationsaufnahme und -verarbeitung und deren Umsetzung in
Bewegungen. Sie sind immer an klar definierten Zielen orientiert. Die
Grundstruktur der Aufgaben stellt ein nach dem Soll-Ist-Wert Vergleich
arbeitendes sensomotorisches System dar. Der Hauptgegenstand
sensomotorischer Aufgaben ist die Bewegungsafferenz, wobei die
Rückmeldung bezüglich der Zielerreichung von zentraler Bedeutung ist.
Systematische Variationen von z.B. Zielgröße, Geschwindigkeit, Richtung
und zu bedienende Instrumente bedingen Einfachheit und Komplexität der
Aufgabe.
Zur Regulation dieser zielgerichteten Bewegungen bedarf es zentraler
informationsverarbeitender Prozesse, die ein bestimmtes Aktivitätsniveau
des ZNS voraussetzen. Das elektrische Korrelat dieses Aktivitätsniveaus
kann man mit der Messung des spontanen EEG erfassen. Die Literatur und
auch die vorliegende Studie gehen über die reine Kennzeichnung des
Funktionszustandes bei sensomotorischen Anforderungen hinaus. Durch die
Wiederholung der Aufgaben erfasst man darüber hinaus die Entwicklung
kortikaler Aktivitäten in der Aneignungs- bzw. Lernphase der Anforderung. In
diesem Zusammenhang sind verschiedene Aufgaben im Sport und in der
Bewegungswissenschaft untersucht worden. Smith et al. (1999) meinen
sogar, dass im Zusammenhang mit dem spontanen EEG ein deutliches
Defizit an Studien bezüglich z.B. Aneignung einer Bewegung besteht. Sie
merken an:
„… the Issue of how spectral features of the ongoing EEG change during skill
acquisition is a topic that has been largely ignored in the modern literature on
human neurophysiology” (Smith et al. 1999).
Die Arbeitsgruppe um Beyer et al. (1994) untersuchte die
Aktivierungsprozesse bei sensomotorischen Trackingaufgaben. Dabei sollten
13 Probanden den Winkel im Ellbogengelenk durch Strecken und Beugen
gemäß einem wandernden Lichtpunkt auf dem Bildschirm ändern. Dabei gab
es zwei Modalitäten: einen Sprung von einem Winkel zum anderen und einen
sinusförmigen Wechsel zwischen zwei Winkelgrenzen. Während der
Aufgabendurchführung nimmt die Alpha- und Beta-Frequenz über den
okzipitalen, parietalen und zentralen Rindengebieten im Vergleich zur
Forschungsstand 52
Ruhemessung (Sitzen ohne Aktivität) ab. Bei der Aufgabe „Sinus“ stellten die
Autoren signifikante Abfälle in der Alpha-1 und Alpha-2 Frequenz fest,
wohingegen beim „Sprung“ nur die Alpha-2 Frequenz signifikante Abfälle
zeigte. Die spektrale Theta-Leistung zeigte sich nur während des Sprunges
fronto-zentral erhöht. Mittels EEG-Messung können also sensomotorische
Aufgaben differenziert werden und die Autoren spekulieren anhand des
unterschiedlichen elektrischen Aktivitätszustandes über die Beteiligung
unterschiedlich starker Momente der bewussten Bewegungsregulation am
Bewegungsprogramm.
Diese Ergebnisse werden von der Arbeitsgruppe Häufler et al. (2000)
bestätigt. Sie untersuchten das Zielen (6 sek) bei Anfängern und Könnern im
Pistolenschießen während 40 Versuchen. Beide Gruppen führten zusätzlich
neben dem Schießen noch zwei kognitive Vergleichstests (Punktlokalisation
und Wortfindungstest) durch. Die zentrale elektrische Aktivität wurde sowohl
hinsichtlich der Aufgaben, als auch der Gruppen verglichen. Die spektralen
Leistungen im Theta-Frequenzband waren in allen drei Aufgaben bei den
Könnern signifikant höher als bei den Anfängern. Die Autoren diskutieren
dies als Ausdruck von erhöhter Aufmerksamkeit bei den Könnern. Zusätzlich
waren die Theta-Leistungen in beiden Gruppen linkshemisphärisch höher als
in der rechten Hemisphäre. Sowohl im Alpha-1, als auch im Alpha-2
Frequenzband waren die Leistungen der Könner links temporal, parietal und
okzipital höher als bei den Anfängern. Verglichen mit den kognitiven Tests
zeigten die Alpha Leistungen während des Schießens ebenfalls einen
Anstieg. Im Betafrequenzband zeigten die Anfänger im Vergleich zu den
Könnern höhere Leistungen während des Schießens an allen abgeleiteten
Positionen außer T3. Die Autoren bringen die erhöhte Alpha- und niedrigere
Beta Aktivität der Könner während des Schiessens mit einer Ökonomisierung
kortikaler Prozesse in Zusammenhang.
In einer weiteren Studie wurde anhand eines Videospieles (“frustrated
maze“) der Einfluss von Zeitdruck (als komplexere Aufgabengestaltung) auf
die Aufgabendurchführung und auf die kortikale Verarbeitung bei acht
gesunden Probanden gemessen (Slobounov et al. 2000). In der
Aufgabendurchführung stiegen mit dem Zeitdruck auch zunehmend die
Fehler in der Leistung. Relevante Ergebnisse waren bezüglich der
Forschungsstand 53
komplexeren Aufgabe unter Zeitdruck bei erfolgreichen Durchgängen ein
Anstieg der frontalen Thetafrequenz (Fz) und ein Abfall im rechts-parietalen
Alpha-2 Band. Dabei zeichneten sich erfolgreiche Versuche durch einen
deutlicheren Anstieg der Thetafrequenz und eine größere Suppression der
Alpha-2 Frequenz an den oben beschriebenen Positionen aus.
Aufgabenkomplexität und Erfolg bei der Durchführung sind nach Ansicht der
Autoren Faktoren, die die kortikale elektrische Aktivität bei visuomotorischen
Aufgaben beeinflussen.
Etnier et al. (1996) untersuchten die Aneignung einer neuen
sensomotorischen Aufgabe (mirror trace task), bei der die Probanden einen
Stern nur über ein Spiegelbild für acht Sekunden nachfahren mussten. Die
Probanden wurden zufällig in eine Experimental- (n=31) und eine
Kontrollgruppe (n=30) eingeteilt. Während die Experimentalgruppe am
Aneignungstag 175 Versuche hatte, die Bewegung zu üben, führten die
Kontrollpersonen 10 Versuche zu Beginn durch, hatten für die Zeit der 155
Versuche in der Experimentalgruppe eine Pause und führten dann die letzten
10 Versuche durch. Am nächsten Tag führten beide Gruppen nur 20
Versuche durch. Die Performance (Fehler und Distanz) als äußerer
Parameter verbesserte sich in beiden Gruppe innerhalb der ersten und
letzten Versuche in der Aneignung, als auch zwischen der Aneignung und
dem Tag der Wiederholung (Retention). Die Analyse der EEG Daten zeigte,
dass die Experimentalgruppe nach den ersten 10 Aneignungsversuchen im
Vergleich zu den Kontrollpersonen immer eine höhere Alpha Aktivität
aufwies. Die Autoren schließen daraus, dass eine steigende Alpha Aktivität
im Zusammenhang mit dem Erlernen einer neuen Aufgabe steht.
Die Arbeitsgruppe um Smith et al. (1999) untersuchte neurophysiologische
Veränderungen während kognitiver (3-back working memory task) und
visuomotorischer (tracking-Videospiel Space Fortress) Aufgaben an acht
gesunden Probanden. Die Autoren fanden ähnliche Ergebnisse wie Häufler
et al. (2000). Im Verlauf der visuomotorischen Aufgabe stieg die frontale
Theta-Leistung an. In der langsamen Alpha Frequenz stieg die Leistung mit
zunehmender Übungspraxis auch, allerdings erreichten die Ergebnisse im
Zeitverlauf für das Alpha-2 Frequenzband im parietal-temporal-okzipitalen
(PTO) Bereich im Gegensatz zu den kognitiven Aufgaben keine Signifikanz.
Forschungsstand 54
Auch hier argumentierten die Autoren im Zusammenhang mit der frontalen
Theta-Frequenz mit Veränderungen in der fokussierten Aufmerksamkeit und
bezüglich der Veränderungen in der Alpha Frequenz mit einer
Ökonomisierung kortikaler Prozesse (in dieser Region der sensorischen
Verarbeitung).
Bei allen beschriebenen Untersuchungen spielte die visuelle Wahrnehmung
als wichtigster sensorischer Kanal eine große Rolle. Grunwald et al. (2001)
untersuchten unter Ausschaltung der visuellen Kontrolle die kortikale
Aktivierung bei haptischen Aufgaben unterschiedlicher Komplexität unter
besonderer Berücksichtigung der oben beschriebenen Sensitivität der
frontalen Thetafrequenz. Die Aufgabe der Probanden (n=6) bestand darin,
verschiedene Reliefs mit unterschiedlichem Schweregrad zu ertasten. Die
Autoren fanden eine lineare Korrelation zwischen frontalem Theta und der
durchschnittlichen Explorationszeit zum Ende der Aufgabe, allerdings nicht
zu Beginn. Die Untersucher schließen daraus, dass die Korrelation zum
Ende auf eine höhere Auslastung des Arbeitsgedächtnisses in
Zusammenhang mit der höheren Thetafrequenz hindeutet und dies zu
Beginn der Untersuchung noch nicht der Fall war. Die spektrale Theta-
Leistung zeigte sich auch ohne visuelle Stimmuli sensibel bei motorischen
Wahrnehmungsaufgaben.
Der Literaturüberblick zeigt, dass insbesondere die Thetafrequenz und das
Alphafrequenzband mit seinen beiden Komponenten Alpha-1 (langsam) und
Alpha-2 (schnell) während sensomotorischer Aufgaben reagieren.
Komplexitätsgrad, Lernzustand und die Aneignung der Aufgabe lassen sich
in diesen kortikalen Parametern abbilden und differenzieren. Dabei scheint
die frontale Thetafrequenz mit Aufmerksamkeit und die parietale Alpha-2
Frequenz mit der Beanspruchung bei sensorischer Verarbeitung in
Zusammenhang zu stehen. Zur kortikalen Aktivierung während
sensomotorischer Aufgaben nach orthopädisch-traumatologischen
Verletzungsbildern (z.B. nach einer Kreuzbandverletzung/-rekonstruktion)
liegen bisher keine Informationen vor. Dort wurde bislang der
neurophysiologische Zugang über somatosensorisch-evozierte Potentiale
(SEP´s) gewählt.
Forschungsstand 55
2.2.3 Zentrale Auswirkungen einer Kreuzbandverletzung
Eine Literaturrecherche bezüglich zentraler Auswirkungen einer Verletzung /
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes bringt nur wenige Ergebnisse,
was auf den Handlungsbedarf in diesem Forschungsfeld hinweist. Die am
häufigsten angewandte Methode sind die somatosensorisch evozierten
Potentiale (SEP), bei denen periphere Strukturen elektrisch gereizt werden
und die dazugehörige elektrische Antwort im Kortex gemessen wird, um
Aussagen über Modifikationen nach Verletzungen machen zu können.
Die erste Untersuchung in diesem Bereich stammt von Pitman et al. (1992).
Die Autoren untersuchten neun Patienten während einer Knieathroskopie
anhand somatosensorisch evozierter Potentiale (SEP). In allen Fällen
konnten SEP´s im Kortex gemessen werden. Es war den Autoren ferner
möglich, den gesamten Weg der somatosensorischen Nervenleitung vom
peripheren Nerven über das sensorische Hinterstrangsystem bis zum
somatosensorischen Kortex zu messen. Dabei wurde die höchste Amplitude
der Potentiale dann abgeleitet, wenn der mittlere Teil des vorderen
Kreuzbandes stimuliert wurde. Die Autoren sehen darin den Beweis, dass
sich im gesunden vorderen Kreuzband innerhalb des menschlichen
Kniegelenkes aktive Rezeptoren befinden, die Informationen an zentrale
Strukturen senden. Damit wurde die Basis für die Hypothese gelegt, dass
aufgrund von Schädigungen veränderte Afferenzen auch Veränderungen in
der zentralen Verarbeitung bedeuten könnten.
Valeriani et al. (1996) untersuchen darauf aufbauend die Wahrnehmung der
Position des Kniegelenkes und SEP´s nach der Stimulation des N.peroneus
bei 19 Patienten nach der Ruptur des vorderen Kreuzbandes. Zehn der
evaluierten Patienten zeigten eine verminderte sensomotorische Leistung,
was bei sieben Probanden mit einem Fehlen des kortikalen P27 Potentials
einherging (P steht für die Positivität des Signals und 27 für die Latenz
ausgehend von der Reizsetzung). Nach Meinung der Autoren weist dies
darauf hin, dass eine Dysfunktion der zentralen somatosensorischen
Nervenleitung oberhalb des Hirnstammes vorliegt, die nur bei Reizung des
N.peroneus besteht. Die Autoren schließen daraus, dass auch kleine
Schädigungen mit einer veränderten Afferenz aufgrund einer Verminderung
der Rezeptoren – wie am Beispiel des vorderen Kreuzbandes gezeigt – in
Forschungsstand 56
einer Veränderung der kortikalen Verarbeitung resultieren können.
In einer Erweiterung der Forschungsfrage untersuchte dieselbe
Arbeitsgruppe fünf Patienten mit gerissenem vorderem Kreuzband vor und
nach der Rekonstruktion (Valeriani et al. 1999). Im Gegensatz zur gesunden
Seite zeigten die Patienten auch hier ein Fehlen der P27-Komponente, die
auch nach der Rekonstruktion nicht ableitbar war. Die Autoren schlossen aus
den Ergebnissen, dass der Verlust von Mechanorezeptoren im Kniegelenk
anhand von Veränderungen der ZNS-Reaktionen verfolgt werden kann und
auch nach der Rekonstruktion keine anderen neuronalen Strukturen diesen
Verlust kompensieren.
Ochi et al. (1999) untersuchten anhand der vorgestellten Methodik (SEP) ein
erweitertes Klientel und verglichen Patienten mit rupturiertem (n=32) und
rekonstruiertem (n=23) vorderem Kreuzband mit gesunden Probanden
(n=14). Im Gegensatz zu Valeriani et al. konnten SEP´s sowohl in der
gesunden, als auch in der Probandengruppe mit rekonstruiertem vorderem
Kreuzband abgeleitet werden, in der allerdings nur in 15 von 32 Fällen SEP´s
gefunden wurden. Die Autoren vertreten in ihrer Diskussion die Meinung,
dass ihre Ergebnisse darauf hindeuten, dass eine „sensorische Re-
Innervation“ nach Rekonstruktion im vorderen Kreuzband stattfindet.
Die mittels somatosensorisch evozierten Potentialen gewonnenen, teilweise
konträren Ergebnisse, scheinen darauf hinzudeuten, dass es zu
Veränderungen im ZNS kommt (insbesondere im somatosensorischen
Kortex). Angesichts kleiner Probandenzahlen und inhomogener Kollektive ist
insbesondere vor dem Hintergrund der in diesem Zusammenhang
möglicherweise unzureichend validierten Methodik die Literaturlage für einen
schlüssigen Beweis jedoch noch nicht zwingend.
Einen anderen Ansatz wählten Barthel et al. (2004). Sie untersuchten die
Bewegungsplanungsphase von Antritten auf dem Ergometer anhand von
Movement-related-cortical-potentials (MRCP) von 18 Kreuzbandpatienten (8
rechts- und 10 linksverletzte Probanden) und verglichen die Ergebnisse mit
einer gesunden Kontrollgruppe. Bei gleichen biomechanischen
Antrittsparametern zeigten sich Unterschiede zwischen Linksverletzten und
Gesunden im frontalen Motor Potential (MP), sowie zwischen Gesunden und
Rechtsverletzten im parietalen MP. In ihrer Zusammenfassung
Forschungsstand 57
schlussfolgern die Autoren, dass die Methode der MRCP´s geeignet ist,
Unterschiede zwischen Gesunden und Kreuzbandverletzten zu zeigen, und
dass aufgrund der Lokalisation der veränderten MP´s auf kortikale
Kompensationsmechanismen in der Bewegungsplanung im
somatosensorischen (Brodmann Areal 1, 2, 3) und supplementär-
motorischen Assoziationsarealen (Brodmann Areal 6) rückzuschließen ist.
2.2.4 Mentale Bewegungsvorstellung im zentralen Abbild
Die Idee, anhand der reinen Vorstellung einer sensomotorischen
Bewegungsaufgabe, Aussagen zur zentralen Aktivierung, zur Aneignung,
zum Lernen oder zum Unterschied zwischen Gruppen zu machen, ist nicht
neu. Es gibt eine Vielzahl an neurophysiologischen Studien, die diese
Bewegungsvorstellungen mit unterschiedlichen Methoden untersuchen (für
ein ausführliches Review siehe Jeannerod 1994). Im Zusammenhang mit
einer Kreuzbandverletzung oder –rekonstruktion ist keine Literatur zu finden.
In den klassischen Studien (Roland 1980a; Roland 1980b) konnte anhand
einer PET Untersuchung beobachtet werden, dass der zerebrale Blutfluss
(rCBF) während der Vorstellung einer Fingerbewegung im supplementär-
motorischen Areal erhöht war. Die Ergebnisse wurden in einer fMRI
Untersuchung von Roa et al (1993) bestätigt. Weitere bildgebende
Untersuchungen wiesen übereinstimmend Aktivierungen in der SMA und im
prämotorischen Kortex (Brodmann Areal 6) nach. Neurone in der SMA sind
bei der Bewegungsvorbereitung beteiligt, die mit der Bewegungsvorstellung
große Ähnlichkeit aufweist (Jeannerod 1995). Die Ergebnisse hinsichtlich
einer Beteiligung des primären motorischen Areals (Brodmann Areal 4)
werden kontrovers diskutiert. Während die klassischen Studien von Roland
(1980) keine Beteiligung nachweisen konnten, wurde von verschiedenen
Autoren während der Vorstellung einer einfachen Fingerbewegung mittels
fMRI eine Beteiligung nachgewiesen (Sabbah 1995; Lotze 1999; Nair 2003).
Welche Ergebnisse kann die Elektroenzephalographie in diesem
Zusammenhang liefern? Hansen et al. (1991) untersuchten das mentale
Üben an 10 mit mentalem Training vertrauten Schwimmern und erhoben
dabei den kortikalen Aktivierungszustand im Vergleich zu einer anfänglichen
Ruhephase. Die Aufgabe bestand darin, sich das Durchschwimmen einer
Forschungsstand 58
100m Strecke vorzustellen. Im Vergleich zur Ruhe ist der allgemeine
Aktivitätszustand in den Vorstellungsphasen erhöht, was sich insbesondere
in den parietalen, okzipitalen, zentralen und nach Wiederholung auch
frontalen Veränderungen in der spektralen Alphaleistung zeigt. Hansen
diskutiert die Ergebnisse im parietalen und okzipitalen Alphaband als Hinweis
für eine Beteiligung des visuellen Kortex an der Bewegungsvorstellung. Die
spezifische Aktivierung motorischer Areale scheint erst bei Wiederholung der
Vorstellung aufzutreten (Veränderungen im Beta-1 Frequenzband). Die
Autoren schließen daraus, dass die Vorstellung mindestens einmal
wiederholt werden muss, damit Effekte in der motorischen Aktivierung
auftreten.
Dieselbe Arbeitsgruppe untersuchte Unterschiede zwischen der Vorstellung
einer Armbewegung bei Schlaganfallpatienten (n=12) und einer
Referenzruhephase (Weiss et al. 1994). Die Patienten zeigten sowohl einen
signifikanten Abfall im Alphafrequenzband, als auch der Beta-1 Leistung im
Vergleich zur Referenz. Damit konnten ähnliche Veränderungen wie bei den
gesunden Personen (Hansen et al. 1991) gezeigt werden.
Nach Marks et al. (1995) hängt die kortikale Aktivität auch davon ab, ob die
Versuchspersonen über eine hohe Vorstellungsfähigkeit verfügen. Sie
fanden einen links-posterioren Abfall der Alphafrequenz bei den Probanden
mit guter Vorstellung.
Das Ziel der Untersuchung von Horn (1999) bestand darin, nachzuweisen,
dass sensomotorische und visuelle Prozesse an der Vorstellung motorischer
Fertigkeiten beteiligt sind. Dazu hatten 24 Probanden die Aufgabe, einen
Fingerappositionstest durchzuführen, sich die Bewegung vorzustellen und
zusätzlich eine reine Bildvisualisation durchzuführen. Sowohl die reale, als
auch die mentale Fingerapposition führte im Vergleich zur
Ruhereferenzphase zu signifikanten Abnahmen in der Alpha (8-13 Hz),
Alpha-1 (8-10 Hz) und Beta-1 Frequenz (> 13 Hz) über zentralen sowie prä-
und postzentralen Arealen. Charakteristische Unterschiede zur visuellen
Vorstellung konnten nicht gefunden werden.
Dem stehen andere Untersuchungsergebnisse gegenüber. Neuper et al.
(2005) untersuchten 14 Probanden dahingehend, ob sie die Bewegung
fühlen oder diese in der Vorstellung visualisieren. Die Ergebnisse deuten
Forschungsstand 59
darauf hin, dass die unterschiedliche Art der Bewegungsvorstellung auch
unterschiedliche EEG Aktivitätsmuster hervorrufen kann. Während bei der
Visualisierung der Vorstellung keine klaren spezifischen Aktivitätsmuster zu
finden waren, deutet bei der „kinästhetischen“ Vorstellung vieles darauf hin,
dass hier im Besonderen die sensomotorischen Handareale aktiv sind.
Zusammenfassend scheint der Literaturüberblick darauf hinzudeuten, dass
sinkende Aktivitäten im Alpha und Beta Frequenzband im Vergleich zu
Ruhesituationen auf eine Aktivierung an den entsprechenden
topographischen Positionen während mentaler Vorstellung verschiedener
Bewegungen hindeuten.
Hinführung zum Untersuchungsansatz 60
3 Hinführung zum Untersuchungsansatz
Die Literaturübersicht ergibt kaum wissenschaftliche Daten, die den Einfluss
einer Verletzung bzw. Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf das
Gehirn und seine kortikale Aktivität darstellen. Es gibt allerdings schon
Hinweise von verschiedenen Autoren, dass Veränderungen im
propriozeptiven / sensomotorischen System Einfluss auf zentral kortikale
Informationsprozesse und motorisch-regulative Vorgänge nehmen
(Johansson et al. 1991; Barrett 1992; Wojtys et al. 1994; Valeriani et al 1996;
Ochi et al. 1999; St. Clair Gibson et al. 2002; Fremerey et al. 2000; Ageberg
2002; Sjölander et al. 2002; Bonfirm et al. 2003; Reider et al. 2003; Barthel et
al. 2004; Kapreli et al. 2006).
Um zu weiteren Erkenntnissen hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen
peripherer Verletzung und kortikaler Informationsverarbeitung zu gelangen,
muss ein Messinstrumentarium aufgebaut werden, das in der Lage ist,
anhand der Messkette „kortikale Aktivität – neuromuskuläre Aktivierung –
biomechanischer Output“ mögliche Einflüsse einer Kreuzbandrekonstruktion
auf den verschiedenen Ebenen abzubilden. Wohingegen für den
biomechanischen Output und die neuromuskuläre Aktivierung mit
Kraftmessung, Goniometrie und Elektromyographie in diesem
Forschungsgebiet bekannte Instrumentarien zur Verfügung stehen, ist zur
Messung der Gehirnaktivitäten ein System gefordert, das zeitlich-räumlich in
der Lage ist, die kortikalen Aktivitäten hinreichend genau während der
Bewegungen aufzuzeichnen. Die Elektroenzephalographie erfüllt diese
Bedingungen, ist transportabel und scheint für den Einsatz in der
Rehabilitation geeignet zu sein.
Parallel dazu muss ein Untersuchungsparadigma entwickelt werden, das in
der Lage ist, die möglichen propriozeptiven Defizite auf den drei
Untersuchungsebenen EEG, EMG, Biomechanik abzubilden. Dazu bieten
sich gemäß der vorangegangenen Literaturübersicht sensomotorische
Aufgaben an, bei denen innerhalb der propriozeptiven Modalitäten Stellungs-
und Kraftsinn die Genauigkeit der Reproduktion überprüft wird.
Hinführung zum Untersuchungsansatz 61
Dazu wurde im Sportmedizinischen Institut der Universität Paderborn in
Zusammenarbeit mit dem Institut für Elektrische Messtechnik ein
Messinstrumentarium entwickelt, das die vorgenannten Bedingungen erfüllt
und synchronisiert auf allen drei Ebenen Daten aufzeichnet (Kap 5.3).
Hinsichtlich der vermuteten propriozeptiven Defizite bei Kreuzbandpatienten
sollte nicht nur der Stellungssinn (also die Winkelreproduktion), sondern auch
der Kraftsinn als weitere propriozeptive Modalität untersucht werden, um
differenziertere Aussagen bezüglich des propriozeptiven Defizites machen zu
können. Bisherige Untersuchungen zur aktiven Winkelreproduktion zeigen
aufgrund unterschiedlicher Aufgabenstellungen und verschiedener
Messzeitpunkte ein uneinheitliches Bild (Barrett 1991; Jerosch et al. 1996;
Friden et al. 1997; Fremerey et al. 1998; Beynnon et al. 2000; Roberts et al.
2000; Fischer-Rasmussen 2001; Reider et al. 2003). Untersuchungen zur
Kraftreproduktion fehlen hingegen fast vollständig, werden aber von
verschiedenen Autoren als durchaus aussichtsreich zur Detektion von
Veränderungen nach Kreuzbandverletzungen angesehen (Pfeiffer et al.
2003; Dover et al. 2005; Héroux et al. 2005).
Im Folgenden werden die Ziel- und Fragestellungen dieser Untersuchung
formuliert, die sich aus dem Forschungsstand ableiten.
Methodik 62
4 Ziel- und Fragestellungen
Mit der vorliegenden Arbeit wird das Ziel verfolgt, anhand zweier
Experimente, die die beiden propriozeptiven Modalitäten des Stellungs- und
Kraftsinnes untersuchen sollen, zu zeigen, dass das entwickelte
Messinstrumentarium in der Lage ist, insbesondere den Einfluss einer
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf die kortikale Aktivierung (aber
auch auf die anderen Ebenen Performance und neuromuskuläre Aktivierung)
nachzuweisen. Damit würde erstmalig während sensomotorischer Aufgaben
gezeigt, dass sich die zentrale Informationsverarbeitung von Patienten nach
der Rekonstruktion verändert und damit die Operation/Verletzung nicht nur
Veränderungen auf muskulärer Ebene nach sich zieht. Des Weiteren soll der
Frage nachgegangen werden, ob sich die Ergebnisse der beiden
propriozeptiven Modalitäten gleichen. Im Einzelnen sehen die
Fragestellungen in den beiden Experimenten Winkel- und Kraftreproduktion
wie folgt aus:
4.1 Fragestellungen Experiment I: Winkelreproduktion
Performance
Aufgrund der Annahme, dass bei Patienten mit rekonstruiertem Kreuzband
die afferente Information bezüglich geschädigter Rezeptorstrukturen eine
andere ist als bei gesunden Kontrollpersonen, kann man erwarten, dass es
zu einem Defizit in der Bewegungsregulation kommt, das sich auf die
Genauigkeit der Winkelreproduktionen auswirkt. Bisherige Untersuchungen
zur aktiven Winkelreproduktion zeigen aufgrund unterschiedlicher
Aufgabenstellungen und verschiedener Messzeitpunkte ein uneinheitliches
Bild.
Fragestellung:
Unterscheiden sich Patienten nach Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes (ACL-Gruppe) bezüglich der Zielgenauigkeit bei
Winkelreproduktionen von gesunden Kontrollpersonen?
Methodik 63
Neuromuskuläre Aktivität
In der Darstellung des Forschungsstandes konnte keine einheitliche
Systematik für Veränderungen der neuromuskulären Kontrolle von
Bewegungen nach Kreuzbandrekonstruktionen gefunden werden. Die
Ergebnisse scheinen sich aufgabenspezifisch abzubilden (Aaldersberg et al.
2005; Engelhardt 1998; Williams et al. 2005). Trotzdem ist vielen
Untersuchungen gemein, dass sie eine geringere elektrische Aktivierung auf
Seiten der Kreuzbandpatienten vorfinden, als bei gesunden Kontrollpersonen
(Fink et al. 1994; Cooper et al. 1999; Ducke 2005). Veränderungen des
Informationszuflusses führen zu einer differenten Muskelaktivierung, die im
EMG sichtbar gemacht werden kann.
Fragestellung:
Treten bei den kreuzbandoperierten Probanden Veränderungen der
neuromuskulären Aktivierung im Vergleich zur Kontrollgruppe auf?
Zentrale Aktivität
Verschiedene Autoren spekulieren im Zusammenhang mit der
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes mit einer Veränderung kortikaler
Aktivitäten. Bislang ist es nur in einer Untersuchung gelungen,
Veränderungen auf kortikaler Ebene nachzuweisen (Barthel et al. 2004). Alle
anderen Untersuchungen nutzten die Methode somatosensorisch evozierter
Potentiale und schlossen auf eine Veränderung auf kortikaler Ebene
(Valeriani 1996 & 1999; Ochi 1999). Die Verarbeitung der afferenten
Informationen (die von den SEP´s nicht gemessen wird) kann durch
elektrische Aktivitäten im EEG dargestellt werden. Somit ist zu erwarten,
dass sich der Einfluss einer Kreuzbandverletzung/-rekonstruktion in
Veränderungen der kortikalen Aktivierung zeigt. Darüberhinaus wird auch die
mentale Vorstellung der Winkelreproduktion untersucht. Daten im Vergleich
dieser beiden Gruppen liegen bislang nicht vor. Es wird angenommen, dass
sich die kortikale Aktivität während der Vorstellung der Winkelreproduktion
von der gesunder Probanden unterscheidet.
Fragestellung:
Unterscheiden sich die kortikalen Aktivitäten während der realen und
mentalen Winkelreproduktion in der ACL-Gruppe im Vergleich zur gesunden
Kontrollgruppe?
Methodik 64
Aneignung der Aufgabe
Die Aneignung einer neuen sensomotorischen Aufgabe ist dadurch
charakterisiert, dass sich die Performance verbessert oder stabilisiert und
sich der Lernfortschritt in einer Ökonomisierung kortikaler Ressourcen
abbildet. Eine Ökonomisierung scheint sich in der frontalen Thetafrequenz,
der globalen Alpha-1 Frequenz und der parietalen Alpha-2 Leistung während
des Übens der Aufgabe abzubilden (Etnier et al. 1996; Smith et al. 1999;
Slobounov et al. 2001). Ähnliches kann auch bei Kreuzbandpatienten und
der gesunden Kontrollgruppe beim Üben der Winkelreproduktionen erwartet
werden. Dies wurde bislang in keiner Studie untersucht.
Fragestellung:
Findet während des Übens der Winkelreproduktion ein Aneignungsprozess
statt, der sich in der Performance, der neuromuskulären und kortikalen
Aktivierung zeigt ?
4.2 Fragestellungen Experiment II: Kraftreproduktion
Performance
Der Kraftsinn ist im Zusammenhang mit sensomotorischen Aufgaben die am
wenigsten untersuchte propriozeptive Modalität. In der Literatur wird dieser
Teil der propriozeptiven Information als relativ genau bei gesunden Personen
beschrieben (Birbaumer & Schmidt 2006). Zum Vergleich von
Kreuzbandpatienten und gesunden Kontrollpersonen liegt nur eine
Untersuchung vor, die Kreuzbandpatienten ein schlechteres
Diskriminierungsvermögen von unterschiedlichen Gewichten bescheinigt
(Heróux et al. 2005). Die Literaturlage zeigt, dass hier ein deutlicher
Forschungsbedarf besteht. Von vielen Autoren wird die Testung des
Kraftsinnes unabhängig voneinander als vielversprechende Methode
angesehen (Héroux et al. 2005; Pfeifer 2003).
Fragestellung:
Unterscheiden sich Patienten nach Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes (ACL-Gruppe) bezüglich der Zielgenauigkeit der
Kraftreproduktionen von der gesunden Kontrollgruppe?
Methodik 65
Neuromuskuläre Aktivität
Da im Vergleich zur Winkelreproduktion der Kraftoutput in diesem
Experiment zur Kraftreproduktion ungleich höher liegt, könnte man erwarten,
dass bestehende Defizite in der neuromuskulären Aktivierung deutlicher
erkennbar sind. Zu diesen isometrischen Kraftreproduktionen liegen für den
Vergleich der beiden Untersuchungsgruppen keine Ergebnisse vor. Von
isometrischen Kontraktionen ist bekannt, dass Kreuzbandpatienten über eine
geringere elektrische Muskelaktivierung verfügen (Fink et al. 1994; Cooper et
al. 1999; Ducke 2005)
Fragestellung:
Treten bei den kreuzbandoperierten Probanden Veränderungen in der
neuromuskulären Aktivierung im Vergleich zur Kontrollgruppe auf ?
Zentrale Aktivität
Mit der im Forschungsstand zusammengestellten Literatur zentraler Aktivität
bei sensomotorischen Aufgaben wird auch bei diesem Experiment
angenommen, dass sich die ACL-Gruppe von den gesunden
Kontrollpersonen unterscheidet. In Anlehnung an das Vorgehen bei der
Winkelreproduktion wird auch hier angenommen, dass sich die kortikale
Aktivität während der Vorstellung der Kraftreproduktion von der gesunder
Probanden unterscheidet. Es liegen bis heute keinerlei Untersuchungen vor,
die diese Konstellationen untersuchen.
Fragestellung:
Unterscheiden sich die kortikalen Aktivitäten während der realen und
mentalen Kraftreproduktion in der ACL-Gruppe im Vergleich zu gesunden
Kontrollpersonen?
Aneignung
Im Bezug auf die Aneignung einer Aufgabe durch mehrmaliges Üben kann
man davon ausgehen, dass sich dieser Aneignungsvorgang in der
Performance (Verbesserung) zentraler Aktivierung (Ökonomisierung) ähnlich
abbildet wie bei den Winkelreproduktionen und hier im Gruppenvergleich
keine Unterschiede im Übungsverlauf, allerdings Anpassungen insbesondere
in der Performance und den Frequenzbändern Theta (frontal), Alpha-1 und
Alpha-2 (parietal), stattfinden.
Methodik 66
Fragestellung:
Findet während des Übens der Kraftreproduktion ein Aneignungsprozess
statt, der sich in der Performance, der neuromuskulären und kortikalen
Aktivierung zeigt?
Methodik 67
5 Methodik
5.1 Personenstichprobe
Insgesamt nahmen 22 Probanden an den Untersuchungen teil, die sich aus
der Studentenschaft der Universität Paderborn rekrutierten. Davon bildeten
12 Probanden die Kontrollgruppe, die sich aus Sportstudenten des
Departments Sport & Gesundheit zusammensetzten. Zehn Patienten nach
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes (ACL-Gruppe) bildeten das
Patientenkollektiv. Eine Teilnehmerin aus der ACL-Gruppe absolvierte die
Winkelreproduktion und fiel danach wegen Krankheit längerfristig aus, so
dass die Winkelreproduktionen von zehn, die Kraftreproduktionen nur von 9
Probanden absolviert wurden. Die Untersuchungen fanden im Zeitraum
zwischen September 2004 und April 2005 statt. Alle Teilnehmer gaben ihr
schriftliches Einverständnis zur Teilnahme an der Studie. Die Durchführung
der dargestellten Studie wurde von der Ethikkommision der Ärztekammer
Westfalen-Lippe und der medizinischen Fakultät der WWU Münster
genehmigt (Reg.-Nr: 5 V Weiß).
Tab. 1: Anthropometrische Daten der ACL- und Kontrollgruppe
ACL-Gruppe
Winkel Kraft
(N=10) (N=9)
Kontrollgruppe
(N=12)
Alter [Jahre] 26 ± 5 26 ± 5 24 ± 3
Gewicht [kg] 76,27 ± 13,10 76,78 ± 12,20 75,53 ± 9,70
Größe [cm] 181 ± 10 182 ± 10 181± 8
Rechtshänder 8 7 11
Rechtsfüßler 8 7 10
Alle Probanden beider Gruppen entsprachen den vorher festgelegten
Eingangs- und Ausschlusskriterien. Sie waren Studenten im Alter zwischen
Methodik 68
20 und 35 Jahren und litten nach eigener Angabe nicht unter Herz-Kreislauf-
Krankheiten, Lungenerkrankungen, chronische entzündlichen Erkrankungen
oder Geisteskrankheiten. Des Weiteren wurden sie als medikament- und
drogenfrei klassifiziert. Sie waren bereit, jeweils am Tag vor den
Experimenten auf psychische sowie physische Belastungen und 24 Stunden
vor der Untersuchung auf Alkohol zu verzichten. In der Kontrollgruppe waren
keine Verletzungen der unteren Extremitäten bekannt.
Die ACL-Gruppe setzt sich aus 7 männlichen und 3 weiblichen
Versuchspersonen zusammen. Zur subjektiven Erfassung der Gelenk-
stabilität und –funktion bezüglich Schmerz / Bewegungseinschränkungen
wurde der Lysholm-Score, zum Aktivitätslevel der Tegner-Score erhoben.
Detaillierte Daten zur Anamnese der Patienten sind Tab. 2 zu entnehmen.
Tab. 2: Detaillierte Darstellung der ACL-Gruppe
Nr.
Alter
[Jahre]
Geschlecht
[m / w]
ACL
[Seite]
OP
[Methode]
postOP
[Monate]
Tegner
[Score]
Lysholm
[Score]
1 35 M Re pat 21 7 90
2 24 M Li semi 15 6 95
3 21 W Re semi 12 3 84
41 24 M Li semi 13 3 95
5 28 M Li semi 11 3 79
6 23 M Re semi 5 3 87
7 21 M Re semi 6 6 94
8 22 W Re semi 13 7 89
9 31 M Li semi 12 6 80
102 32 W Re semi 19 4 90
pat = Kreuzbandersatz mittels lig.patellae semi = Kreuzbandersatz mittels lig.semitendinosus
Alle Probanden beider Gruppen sind sportlich aktiv. Es durften bei der
Befragung mehr als eine Sportart genannt werden. In der Kontrollgruppe
verteilte sich die Aktivität auf folgende Sportarten: Fußball (4), Schwimmen
1 Patient wurde nach acht Monaten postOP unter Narkose mobilisiert
2 Patientin absolvierte nur Experiment 1, die Winkelreproduktion
Methodik 69
(3), Laufen (2), Handball (2), Fitness (2), Badminton (2), Tennis (1),
Basketball (1) und Karate (1). Demgegenüber wurden in der ACL-Gruppe
folgende Aktivitäten angegeben: Fußball (6), Schwimmen (2), Laufen (2),
Handball (2), Fitness (2), Badminton (1), Tennis (2), Golf (2) und Voltigieren
(1).
5.2 Untersuchungsgang
Die Gesamtuntersuchung unterteilte sich in eine Run-In Phase
(Voruntersuchung) und zwei Hauptuntersuchungstermine, zu denen in
randomisierter Reihenfolge einmal Winkel- und beim anderen Termin
Kraftreproduktionen durchgeführt wurden. Zur Vermeidung des zirkadianen
Einflusses (Mechau 1998) wurden die Probanden jeweils zur gleichen
Tageszeit an den drei Terminen einbestellt. Zwischen den einzelnen
Untersuchungstagen lag eine Woche. Die Vorbereitungen und
Untersuchungen wurden in allen Fällen vom selben Versuchsleiter
durchgeführt.
5.2.1 Voruntersuchung
Die Versuchspersonen wurden an einem Run-In Termin eine Woche vor der
eigentlichen Untersuchung über die Versuchsdurchführung aufgeklärt und
anamnestisch erfasst. Der Run-In Termin diente der Gewöhnung der
Versuchspersonen an die Testsituation, das Labor, den Untersucher und die
Messapparatur. Dazu wurden sie auf dem Messstuhl positioniert und zur
EEG-Messung vorbereitet. Nach einer Ruhemessung (EEG) bekamen die
Probanden die Aufgabe, unter Zuhilfenahme des visuellen Feedbacks einen
vom Testleiter vorgegebenen Gelenkwinkel mit einer Extremität zu
reproduzieren. Daraufhin hatten die Probanden vier Minuten Zeit, den
vorgegebenen Winkel ohne visuelle Überprüfung zu reproduzieren.
Währenddessen wurde die elektrische Gehirnaktivität aufgezeichnet. Die
Probanden erhielten kein Feedback über die erbrachte Leistung. Danach
mussten die Probanden Fragebögen zur Händigkeit, Füßigkeit und zur
allgemeinen Befindlichkeit beantworten. Zusätzlich zu diesen Daten wurden
in der ACL-Gruppe die Knie-Scores nach Lysholm (Lysholm 1985) und
Methodik 70
Tegner (Tegner 1985) erhoben (Anhang 11.1). Zum Abschluss des Run-In
erklärten sich die Probanden schriftlich bereit, freiwillig an der Untersuchung
teilzunehmen (Einverständniserklärung im Anhang 11.2). Der Termin für die
beiden Hauptuntersuchungen wurde festgelegt. Die Experimente fanden in
randomisierter Reihenfolge statt. Die Teilnehmer wurden darauf
hingewiesen, dass unmittelbar vor den Untersuchungstagen auf
ausreichenden Nachtschlaf geachtet und auf psychische und physische
Belastungen am Vorabend verzichtet werden sollte.
5.2.2 Experiment I: Winkelreproduktion
Nachdem die Teilnehmer als gesund und medikamentenfrei klassifiziert
wurden, begann das Experiment mit der Vorbereitung der Probanden auf die
Untersuchung. Dazu wurden die Oberflächenelektroden zur Messung der
elektrischen Muskelaktivität nach Vorbereitung der Ableitstelle (rasieren,
reinigen) an der vorderen Oberschenkelmuskulatur (M.quadrizeps femoris,
M.vastus medialis, M.vastus lateralis; Applikationskriterien siehe Kap. 5.3.5)
beider Extremitäten aufgebracht. Nachdem dem Probanden die
Elektrodenhaube aufgesetzt wurde, sollte er sich in liegender Position für
zehn Minuten entspannen (Ruhephase).
Nach dieser Ruhephase wurden Fragebögen zur augenblicklichen
Befindlichkeit (STAI X1) ausgefüllt, sowie mit einer visuellen Analogskala
(VAS) der subjektive, augenblickliche Stresslevel ermittelt.
Der Proband wurde auf dem Messstuhl so positioniert, dass er bequem
sitzen konnte und die Kniegelenksachse mit der Geräteachse des
Messgerätes übereinstimmten. Dazu wurden Sitzhöhe und –fläche individuell
an den Probanden angepasst.
Nach einer Überprüfung der abzuleitenden Signale auf deren Qualität und
Artefaktfreiheit (EMG: Testbewegung der Kniestreckung unter visueller
Signalüberprüfung, EEG: Impedanzmessung) wurde für zwei Minuten ein
spontanes EEG in der Testposition bei geschlossenen und offenen Augen (2
x 2 Minuten; Messung M0) abgeleitet.
Die weitere Messung war in acht Messblöcke (M1-M8) von je drei Minuten
Länge eingeteilt (Abb. 3). Die Aufgabe bestand für den Probanden darin,
einen Kniegelenkswinkel von 40 ° (eine komplette Kniestreckung würde in
Methodik 71
diesem Fall einer Winkelstellung von 0° entsprechen) ohne visuelles
Feedback unter dem Aspekt Genauigkeit zu reproduzieren. Jeweils vor den
einzelnen Messblöcken konnten sich die Probanden unter visuellem
Feedback das Einnehmen des Zielwinkels aneignen bzw. ihre subjektiv
empfundenen Fehler korrigieren (5-7 Bewegungen). Innerhalb der
Kontrollgruppe wurde die Extremität, mit der die Untersuchung begonnen
wurde, zufällig ausgewählt, wohingegen die ACL-Gruppe immer mit der
gesunden Extremität startete. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, um den
Patienten der ACL-Gruppe ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln. Während der
dreiminütigen Messblöcke wurden alle Daten (peripher: Winkel, Kraft, EMG –
zentral: spontanes EEG) synchron aufgezeichnet. Die Probanden
absolvierten jeweils 4 Messblöcke pro Extremität.
Abb. 3: Studiendesign Experiment I: Winkelreproduktion
Nach acht Messblöcken wurden die Teilnehmer aufgefordert, die Augen zu
schließen und sich die Bewegung mit der zuletzt (bei M8) benutzten
Extremität innerhalb von drei Minuten angelehnt an die realen Messblöcke
wiederholt vorzustellen (M9). Währenddessen wurde das spontane EEG
abgeleitet.
Das subjektive Stressempfinden wurde zu Beginn, nach dem Wechsel der
Methodik 72
Extremitäten (nach M4), jeweils vor und nach der mentalen Vorstellung und
zum Ende der Untersuchung erhoben (Abb. 3).
Den Abschluss bildete wiederum die schon oben beschriebene Ableitung des
spontanen EEG´s (M10; 2 x 1 Minute; Augen zu – Augen auf), sowie die
abschließende Erfassung von augenblicklicher Befindlichkeit und
subjektivem Stressempfinden.
5.2.3 Experiment II: Kraftreproduktion
Die Vorbereitung des Probanden, sowie die Positionierung auf der
Messapparatur entsprachen dem Vorgehen beim Experiment I
(Winkelreproduktion). Der Proband wurde sitzend mit einem Kniewinkel von
90° auf dem Messplatz positioniert. Der Hebelarm war in dieser Stellung
arretiert, so dass der Proband in der Lage war, isometrisch gegen den
Hebelarm zu kontrahieren. Bei allen Bewegungen wurden die Probanden
durch einen Beckengurt fixiert und die Gelenkachse stimmte mit der
Geräteachse überein.
Nach einer Überprüfung der abzuleitenden Signale auf deren Qualität und
Artefaktfreiheit (EMG: Testbewegung der isometrischen Kontraktion unter
visueller Signalüberprüfung, EEG: Impedanzmessung und visuelle
Inspektion) wurde für zwei Minuten ein spontanes EEG in der Testposition
bei geschlossenen und offenen Augen (M0; 2 x 1 Minute) abgeleitet.
Als Referenzmessung zur Bestimmung der Maximalkraft erfolgten drei
isometrische Maximaltests über jeweils drei Sekunden mit einer jeweiligen
Pause von einer Minute für das Bein, welches von M1-M4 bzw. M5-M8 aktiv
war. Dabei wurde die Kraft und das Elektromyogramm des M.rectus femoris,
M.vastus medialis und M.vastus lateralis des jeweiligen Beines ermittelt.
Die weitere Messung ist in 8 Messblöcke in randomisierter Reihenfolge der
Extremitäten von je drei Minuten Länge eingeteilt. (Abb. 4). Vor jedem Block
hatte der Patient die Möglichkeit in einer kurzen Phase mit visuellem
Feedback die Genauigkeit seiner Reproduktionen zu überprüfen (5-7
isometrische Kontraktionen). Innerhalb der Messblöcke wurden
Kraftreproduktionen mit 50% der zu Beginn der Untersuchung ermittelten
Maximalkraft durchgeführt. Während dieses Teiles der Untersuchung wurden
Kraft und EMG der oben genannten Muskeln des jeweiligen Beines und das
Methodik 73
EEG kontinuierlich abgeleitet.
In dem darauf folgenden mentalen Messblock (M9) stellten sich die
Teilnehmer die Bewegung wiederholt mit dem Bein vor, welches zuletzt
während des achten Messblockes aktiv war. Während der Vorstellungsphase
wurde das EEG aufgezeichnet.
Abb. 4: Studiendesign Experiment II: Kraftreproduktion
Das subjektive Stressempfinden wurde wie in Experiment I anhand der
visuellen Analogskala nach den Messzeitpunkten M0, M4, M8, M9 und M10
erhoben.
Den Abschluss bildete wiederum die Ableitung des spontanen EEG´s (M10;
2 x 1 Minute; Augen zu – Augen auf), sowie die Erfassung der
augenblicklichen Befindlichkeit mit Hilfe des STAI.
5.3 Messplatz und Parametererhebung
Zur synchronisierten Messung biomechanischer, elektromyographischer und
elektroenzephalographischer Parameter wurde ein neuer Messplatz
entwickelt. Dieser orientierte sich an dem Ziel, alle zu messenden
Komponenten synchron an einer Zeitleiste auszurichten. Zu diesem Zweck
wurde in Zusammenarbeit mit der Fakultät für Elektrotechnik, Informatik und
Methodik 74
Mathematik der Universität Paderborn (Institut für Messtechnik) ein
Messaufbau entwickelt, mit dem diese Ziele realisiert werden konnten.
5.3.1 Aufbau des Messplatzes
Im Mittelpunkt des neuen Messplatzes steht das Trainings- und Messgerät
M3 der Fa. Schnell, das für die Studie umgebaut wurde. Zunächst wurde
eine Rückenlehne an das Gerät gebaut, um den Probanden eine angenehme
Sitzposition zu gewährleisten.
Abb. 5: Umgebauter Messplatz Schnell M3
Um eine möglichst genaue Messung der Kräfte ermöglichen zu können,
wurde auf die von der Fa. Schnell angebotene, auf Druck- und Zugsensoren
beruhende, Messtechnik verzichtet und stattdessen die Messung von
Torsionskräften auf der Drehachse mittels zweier Dehnungsmessstreifen
(DMS) realisiert.
Die an der Welle axial angreifenden Momente führen zu einer Torsion
(Verdrehung) und damit zu einer Dehnung der Oberfläche der Achse. Diese
Dehnung wird mit aufgeklebten Folien-DMS (FAED-12-35-S6E-P; Vishay
Measurements Group GmbH) gemessen. Die DMS sind zu einer
Wheatstoneschen Brückenschaltung zusammengeschaltet. Je nach Stärke
des auf die Welle einwirkenden Torsionsmomentes verändert sich die
Dehnung der Oberfläche und somit auch die Diagonalspannung der
Methodik 75
Brückenschaltung, die erfasst und verstärkt wird. Dehnmessstreifen ändern
ihren elektrischen Widerstand proportional zur Dehnung. Damit lassen sich
auch sehr kleine Widerstandsänderungen genau erfassen. Anschließend
wurde die Apparatur im Institut für Kunststofftechnik der Universität
Paderborn mithilfe genauer Kalibrierungswaagen kalibriert.
Abb. 6: Übertragung der Drehung der Geräteachse auf das Potentiometer
Die für die Messung der Winkelgrade zuständige Veränderung des
Messgerätes M3 beruht auf einer einfachen Übertragung der Drehung der
Geräteachse auf ein Potentiometer.
Das im Aufbau benutzte Potentiometer (Novotechnik Typ P 4501 A202)
besitzt einen elektrischen Messbereich von 350° und eine Standardlinearität
von ±0,075 %, die sich aber nicht auf die Messgenauigkeit auswirken, da
Winkeldifferenzen gemessen werden. Durch Vergleichsmessungen sowohl
anhand manueller Winkelmesser, als auch einem bereits kalibrierten
Winkelmesser der Fa. Biovision konnte der Aufbau mit einer hohen
Genauigkeit kalibriert werden.
Die elektrische Aktivierung der Muskulatur wurde anhand der
Oberflächenelektromyographie erhoben. Dazu diente die Messtechnik der
Fa. Biovision. Alle Datenkanäle (Kraft, Goniometer, EMG) liefen in der
Biovision Input-Box zusammen. Die Synchronisation der beschriebenen
Methodik 76
Daten mit den EEG-Daten des CATEEM/CATERPA fand über eine
umgebaute Schnittstelle Data Translation DT9801 A/D Wandler (Umbau Fa.
Biovision) statt. Im Folgenden werden die einzelnen Komponenten und die
dabei erhobenen Parameter genauer beschrieben.
Im Abstand von ca. 2 m wurde ein Bildschirm in Augenhöhe des Probanden
platziert, der ein visuelles Feedback bezüglich ihrer Winkel- bzw.
Kraftreproduktion ermöglichte. Der Versuchsleiter saß für den Probanden
uneinsehbar zur Bedienung und Überwachung der Messapparatur hinter
einem Sichtschutz (Abb. 7).
Abb. 7: Versuchsaufbau der beiden Experimente Winkel- und Kraftreproduktion
Zur Datenaufnahme wurden zwei unterschiedliche Softwareprodukte
verwendet. Zur Erfassung und Analyse der EEG Daten wurde das CATEEM3
System (Fa. MediSyst, Langen, Germany) benutzt. Die biomechanischen
und elektromyographischen Daten wurden mit der Mess-Software DasyLab
7.0 (Fa. measX GmbH, Germany) aufgezeichnet.
3 Computer Aided Topographical Electro-Encephalometry Measurement
Versuchsperson Versuchsleiter
90.00°
Sichtblende
Winkelanzeige
Sichtblende
DMS
Kr aft
EMG
EEG
Goniometer
CATEEM / CATERPA
DasyLab
A/D Wandler
Verstärker
Verstärker
Filter
A/D Wandler
EMG Tri gger
Datenreduktion
Datenanalyse
DasyLab
DasyLab
EXCEL
Methodik 77
5.3.2 Subjektive Beurteilung der Kniefunktionalität – Kniescores
Sowohl in der Literatur, als auch in der Praxis haben sich zwei Scores zur
subjektiven Evaluation der Funktionalität und Stabilität des Kniegelenkes
durchgesetzt: der Lysholm- (Lysholm & Gillquist 1982) und der Tegner Score
(Tegner & Lysholm 1985).
Der Lysholm Sore versucht, subjektive Parameter mit einer Rangskala zu
erfassen. Der erreichte Summenscore soll Aufschluss über das körperliche
Empfinden des Patienten geben. Die Patienten wurden mit einem
Fragebogen dazu aufgefordert, ihr subjektives Empfinden bezüglich ihres
Kniegelenkes anhand der Variablen Hinken, Tragen eines Gewichtes,
Treppensteigen, Hinhocken, Instabilität, Schmerz, Schwellung und
Blockierung zu beschreiben. Der maximal erreichbare Summenscore beträgt
100 Punkte. Die subjektive Einschätzung wird folgendermaßen bewertet
(Lysholm / Gillquist 1982):
0 – 68 unbefriedigendes Körperempfinden
69 – 77 befriedigendes Körperempfinden
78 – 90 gutes Körperempfinden
91 – 100 sehr gutes Körperempfinden
Der Lysholm Score eignet sich insbesondere in der frühen Phase der
Rehabilitation und hat sich als hochvalider Parameter erwiesen (Risberg et
al. 1994).
Demgegenüber erlaubt der Tegner-Activity-Score die Einschätzung der
sportlichen Aktivitäten des Patienten. Der Score kann Werte von 0 bis 10
annehmen, wobei die Extreme 0 keinerlei Aktivität und 10 keinerlei
Einschränkung durch Knieprobleme bedeuten (Tegner & Lysholm 1985). Das
Instrument ermöglicht es, über das sportliche Aktivitätsniveau auf die
Belastungsfähigkeit des Kniegelenkes zu schließen (Risberg 1994).
5.3.3 Psychometrische Parameter
VAS (visuelle Analogskala) Stress
Die visuelle Analogskala (Abb. 8) ist ein einfaches Hilfsmittel, mit dem die
Teilnehmer ihr subjektives Stressempfinden ausdrücken können. In einem
zehn Zentimeter großen Sichtfenster, bei dem das rechte Ende „keinen
Stress“ und das linke Ende „höchsten Stress“ repräsentiert. Der Teilnehmer
Methodik 78
kann nun einen Balken innerhalb diese Sichtfensters verschieben und wird
gebeten, sein momentanes Stressempfinden zwischen den beiden
erläuterten Enden einzustellen. Auf der Rückseite, für den Patienten nicht
sichtbar, ist die zehn Zentimeter lange Strecke in gleich große Abschnitte
skaliert. Dadurch kann die subjektive Stresseinstellung des Teilnehmers
aufgrund der Übertragbarkeit in Zahlenwerte für einen aussagekräftigen Wert
umgewandelt werden.
Abb. 8: Visuelle Analogskala (VAS) zum subjektiven Stressempfinden mit „0“=kein
Stress und „10“=höchster Stress
State-Trait Angstinventar
Beim STAI handelt es sich um die deutschsprachige normierte Adaptation
des „State-Trait Anxiety Inventory“ nach Spielberger (Laux et al. 1981;
Anhang 11.1). Unter Zuhilfenahme dieses Instrumentes lassen sich sowohl
momentane Zustandsangst, als auch Angst als überdauerndes
Persönlichkeitsmerkmal erheben.
Die Zustandsangst (State anxiety) wird durch 20 Items erfasst, bei denen der
Proband auf einer 4-Punkt-Liket-Skala (von „überhaupt nicht“ bis „sehr“)
angeben soll, wie sein momentanes Befinden ist. Die Skala misst die
Intensität eines emotionalen Zustandes, der durch Anspannung, Besorgtheit,
Methodik 79
Nervosität, innere Unruhe und Furcht vor zukünftigen Ereignissen
charakterisiert wird. Die Angst als Persönlichkeitsmerkmal (trait anxiety) wird
ebenfalls durch 20 Items erfasst, durch die der Proband in der selben Form
angeben soll, wie er sich im Allgemeinen fühlt. Die Skala misst die Häufigkeit
(von „fast nie“ bis „fast immer“) und damit die Tendenz, Situationen als
bedrohlich zu bewerten. Beide Skalen enthalten Items, die in Richtung Angst
bzw. Angstfreiheit ausgerichtet sind. Die Addition der Einzelitems ergibt
jeweils einen Summenscore, der die oben beschriebene Tendenz angibt
(Laux et al. 1981). Der Trait-Angstfragebogen wir einmal zu Beginn in der
Run-In Phase angewandt, der State-Angstfragebogen bei jedem Experiment
jeweils zu Beginn und zum Ende.
HAKEMP 90
Handlungskontrollprozesse werden durch die Neigung einer Person zur
Handlungs- vs. Lageorientierung maßgeblich beeinflusst. Lageorientierung
ist dabei gekennzeichnet durch immer wieder auftauchende Gedanken über
eigenes Verhalten, gegenwärtige oder gewünschte Handlungsergebnisse,
sowie zurückliegende Misserfolge. Demgegenüber heißt
Handlungsorientierung Aufmerksamkeitsausrichtung auf die zur Ausführung
einer Handlung notwendigen zentralen Aspekte. Zur Messung der
dispositionellen Determinanten wurde von Kuhl (1990) ein Fragebogen
entwickelt, der Skalen für drei unterschiedliche Typen von Handlungs- vs.
Lageorientierung, je nach dem entsprechenden Teilaspekt der
Handlungskontrolle umfasst:
1. Handlungs-/Lageorientierung nach Misserfolgserfahrungen (HLOM)
2. Grad der Entscheidungs- und Handlungsplanung (HLOP)
3. Handlungs-/Lageorientierung bei der Tätigkeitsausführung (HLOE)
Zu jedem Teilaspekt existiert eine Skala mit 12 Situationsbeschreibungen,
wobei jede Situation zwei Antwortalternativen zulässt (handlungsorientiertes
Verhalten / lageorientiertes Verhalten). Für die Berechnung des Testwertes
ist eine Summierung der handlungsorientierten Verhaltensalternativen nötig.
Methodik 80
Händigkeitsanalyse
Die Händigkeit wurde mit Hilfe eines errechneten Lateralitätsquotienten (LQ)
aus der übersetzten Fassung des „Edinburgh Handedness Inventory“ (EHI)
von Oldfield (1971) ermittelt (Anhang A). Für Rechtshänder beträgt der
maximale LQ +100, für Linkshänder –100. Im Bereich zwischen -30 < 0 < 30
lassen sich Intermediärtypen erfassen.
5.3.4 Biomechanische Parameter
Messung der Gelenkwinkel (Goniometrie)
Unter Goniometrie wird im Allgemeinen die Messung von Gelenkwinkeln
anhand mechanischer Vorrichtungen verstanden. Zur Erfassung der
Gelenkwinkelstellungen wurde ein spezielles goniometrisches Messsystem in
das Trainingsgerät M3 der Fa. Schnell integriert (Details siehe Kap. 5.3.1).
Die sich ändernden Widerstände des Potentiometers werden in elektrische
Signale umgewandelt, vorverstärkt und ändern sich proportional zu den
(Dreh)-Bewegungen der Geräteachse und damit bei genauer Positionierung
des Probanden / Patienten (Geräteachse stimmt mit Gelenkachse überein)
zur Kniegelenkwinkelstellung. Nach Umwandlung der Spannungsdaten (A/D
Wandler Data Translation DT9801, Fa. Biovision, Deutschland) werden die
Daten von der Software DasyLab 7.0 aufgezeichnet und ausgewertet. In die
statistische Weiterverarbeitung gehen die Parameter Winkelstellung und
Abweichung von den mit Feedback reproduzierten Winkeln ein.
Messung des Drehmomentes
Mit Hilfe des umgebauten Trainingsgerätes M3 der Fa. Schnell (sieh Kap.
5.3.1) wurden während der Winkelreproduktionen die Drehmomente und
während der Kraftreproduktion sowohl die maximalen, als auch die
prozentualen Drehmomente der Kniestrecker während der
Reproduktionsdurchgänge gemessen. Die Werte wurden dabei jeweils
entlang einer Zeit-Kurve aufgezeichnet und während der Untersuchung
laufend visuell überwacht.
Methodik 81
5.3.5 Neuromuskuläre Parameter
Zur Erfassung der Muskelaktivität wurden die bei einer Kontraktion
entstehenden elektrischen Biosignale von drei Muskeln elektromyograhisch
abgeleitet. Um eine Vergleichbarkeit während des jeweiligen Experimentes
gewährleisten zu können, verblieben die Elektroden während der gesamten
Untersuchungszeit an der gleichen Position. Die
oberflächenelektromyographischen Signale wurden mit einer EMG-Anlage
(Fa. Biovision, Wehrheim; Bandpass-Filter 10-500 Hz, 3db) mit einer
Abtastrate von 1024 Hz aufgezeichnet.
Die Ableitung erfolgte bipolar über vorgegelte, selbstklebende Ag/AgCl –
Oberflächenelektroden (ARBO HealthCare HG 24, Fa. Kendall GmbH). Die
Oberflächenelektroden konnten schmerzfrei am Patienten positioniert werden
und gewährleisten damit, dass die Bewegungsausführung nicht
beeinträchtigt wird. Die Elektroden werden jeweils im Abstand von 20 mm
zueinander (Mittelpunkt zu Mittelpunkt) angeordnet. Zur Reduzierung des
Übergangswiderstandes zwischen Haut und Elektrode wurden die
entsprechenden Hautstellen mit Einwegrasierern rasiert, gereinigt und
entfettet (SENIAM Guidelines; Hermens et al. 2000). Die von den Elektroden
wegführenden Kabel wurden mit Tape an der Extremität fixiert, um die
Kabelbewegungsartefakte zu minimieren. Störende Spannungsquellen
wurden entfernt. Die abgeleiteten Signale wurden vorverstärkt.
Zur Analyse wurden beidseitig der M.rectus femoris (RF), M.vastus medialis
(VM) und der M.vastus lateralis (VL) herangezogen. Das jeweilige
Elektrodenpaar wurde nach SENIAM-Richtlinien (Hermens et al. 2000) in
Muskelfaserrichtung appliziert (RF: 50 % der Linie zwischen anteriorer spina
iliaca superior und der oberen Patella; VM: 80 % der Linie zwischen
anteriorer spina illiaca superior und dem medialen Gelenkspalt des
Kniegelenkes; VL: 2/3 der Linie zwischen anteriorer spina iliaca superior und
der lateralen Seite der Patella). Die Referenzelektrode wurde in einer
elektrisch neutralen Umgebung auf der Patella platziert. Zur Überprüfung der
Elektroden und der Ableitungsmodalitäten wurden die Signale vor Beginn
des Experimentes überprüft (visuelle Inspektion der Null-Linie, EMG
Kurveninspektion bei manuellen Muskeltests).
Für die Datenübertragung auf den Laborrechner (Notebook Fujitsu-Siemens
Methodik 82
AMILO 7400) wurde ein angepasstes A/D Wandlermodul DT 9801 mit USB-
Anschluss (Fa. Data Translation GmbH, Bietigheim-Bissingen, 12-bit
Auflösung; Wertebereich ±5 V) und die Software DasyLab 7.0 (Fa. measX
GmbH, Mönchengladbach) verwendet.
Abb. 9: Beispielhafte Darstellung der erhobenen Rohdaten einer Winkelreproduktion.
Hervorgehoben ist die Zeitspanne von 1000 ms beginnend mit dem Anfang der
Plateauphase, die zur Ermittlung der IEMG´s von RF, VM und VL dient.
Mithilfe der Auswertesoftware BioProc Version 2.0 (University of Ottawa,
Canada) wurden die Daten fullwave gleichgerichtet und das integrierte EMG
der jeweilig abgeleiteten Muskeln vom Punkt des Erreichens des Zielplateaus
(bei Winkelreproduktion 40°, bei Kraftreproduktion 50 % vom MVC) innerhalb
eines Zeitfensters von 1000 ms (IEMG1000 ; Abb.9) berechnet. Zur Analyse
wurden einerseits die über einen Messdurchgang gemittelten IEMG1000
Werte der einzelnen abgeleiteten Muskeln herangezogen, andererseits
wurde die prozentuale Beteiligung der einzelnen Muskelaktivitäten (des
M.rectus femoris, M.vastus medialis und M.vastus lateralis) an der
Gesamtbewegungsaktivität (RF% + VM%+ VL% = 100 %) innerhalb eines
Messdurchganges ermittelt.
Methodik 83
5.3.6 Zentrale Parameter und deren Erfassung mittels EEG
Die topographische EEG-Aktivität wird mittels 17 Elektroden nach dem inter-
national üblichen 10:20-Elektrodensystem (Jasper 1958) mit der Cz-
Elektrode als physikalischer Referenz erfasst. Zur Erleichterung der Elektro-
denpositionierung wird eine Elektrodenhaube (Fa. Electro Cap , Eaton, Ohio,
USA) verwandt, die an die Kopfgröße angepasst ist und während des ge-
samten Experimentes nicht abgenommen wurde.
Abb. 10: Standardisiertes, internationales 10:20 System zur Elektrodenpositionierung
Der batteriebetriebene Verstärker wurde in der Nähe des Kopfes des
Probanden mit einem Abstand von ca. 30 cm platziert. Das Analogsignal des
EEG´s wurde verstärkt und zum digitalen Signal konvertiert (512 Hz / 12 bit).
Ein hoher Eingangswiderstand des Verstärkers (AC = 10 M; DC = 20 M)
sicherte einen ausreichenden Signal-Stör-Abstand mit
Elektrodenimpedanzen von unter 50 KOhm. Die Hochpassfiltereinstellung lag
zur Erfassung der spontanen EEG´s bei 0,86 Hz. Ein Faraday-Käfig ist nicht
notwendig, da das Signal über ein Lichtleiterkabel zum CATEEM-System
(Fa. MediSyst, Linden, Germany) übertragen wird. Vor Beginn jeder
Datenaufzeichnung werden die transferierten Daten einer Impedanzmessung
unterworfen. Die Daten werden simultan auf einem Monitor dargestellt und
einer benutzerdefinierten Artefakterkennung unterworfen. Diese werden
anhand der Amplitude, der Anstiegssteilheit einer Schwingung oder
gleichzeitiger Schwingungsveränderungen an mehreren Elektroden-
positionen erkannt. Zusätzlich wurden alle Rohdaten einer visuellen
Methodik 84
Inspektion unterworfen und kontaminierte Datensegmente wurden eliminiert.
Tab. 3: Einteilung der Frequenzbänder nach spektraler Frequenzanalyse
Bezeichnung Frequenzbereich
Theta 4,75 – 6,75 Hz
Alpha-1 7,00 – 9,5 Hz
Alpha-2 9,75 – 12,5 Hz
Beta-1 12,75 – 18,5 Hz
Während der Reproduktionen in Experiment I und II wurde das spontane
EEG kontinuierlich von 17 Elektrodenpositionen (Fz, F3, F4, F7, F8, Cz, C3,
C4, Pz, P3, P4, T3, T4, T5, T6, O1, O2) abgeleitet. Unter Verwendung der
Lagrange Interpolationsmethode werden 82 zusätzliche virtuelle
Elektrodenpositionen errechnet. Eine Fast-Fourrier-Transformation (50%
overlapped, 512 sample Hanning window) wurde damit auf 99
Elektrodenpositionen (17 reale und 82 virtuelle) angewendet und über 4 sec
Epochen gemittelt und in sechs Frequenzbereiche eingeteilt, von denen 4
Frequenzbänder in dieser Untersuchung ausgewertet wurden (Tab. 3). Die
einzelnen Frequenzbereiche werden über die jeweilige Messzeit numerisch
als Leistung [µV2] und graphisch als mittlere spektrale Leistungsdichten
[µV2/Hz] topographisch für alle Elektrodenpositionen farblich kodiert als
Hirnkarte wiedergegeben.
5.4 Statistik
Die in Experiment I und II erhobenen Daten werden mit dem Softwarepaket
SPSS 12.0G statistisch weiterverarbeitet. Anschließend wurden Mittelwerte
(MW) und Standardabweichung mit SPSS 12.0 berechnet. Die Daten wurden
unter Zuhilfenahme des Tests auf Abweichung zur Normalverteilung
überprüft.
Nach der Prüfung mit dem Kolmogorov-Smirnov-Test auf Normalverteilung
wurden Datensätze mit hinreichender Normalverteilung mit dem „General
Linear Modell“ jeweils mit der ersten (M1-M4) und der zweiten Extremität
Methodik 85
(M5-M8) in einem 2 (Gruppe) x 4 (Messblöcke) Design (GLM mit
Messwiederholung; früher: MANOVA mehrfaktorielle parametrische
Varianzanalyse) auf Zwischen- bzw. Innersubjekteffekte getestet. Sphärizität
wurde anhand des Mauchley Tests verifiziert. Eine Verletzung dieser
Forderung drückt sich in einem signifikanten Ergebnis aus und geht nach
Bortz (2005) mit einer starken Erhöhung des α-Fehlers einher. Dem kann
entgegengewirkt werden, indem der F-Test unter Verwendung modifizierter
Freiheitsgrade gerechnet wird. Hier wurde das α nach Greenhouse-Geisser
zur Korrektur verwandt. Erbrachte der Mauchley-Sphericity-Test kein
signifikantes Ergebnis, so wurde keine Korrektur vorgenommen. Bei
signifikantem Innersubjekteffekt wurden jeweils mittels T-Test für gepaarte
Stichproben sowohl aufeinander folgende Messzeitpunkte, als auch
Unterschiede zum Ausgangsmesszeitpunkt für jede Extremität untersucht.
Signifikante Zwischensubjekteffekte wurden mit dem T-Test für
unverbundene Stichproben anhand der Variable „Gruppe“ weiterverfolgt.
Nicht normalverteilte Daten wurden bezüglich der Messzeit mittels
Friedmann Test und post hoc mit dem nichtparametrischen Wilcoxon-Test
auf Innersubjekteffekte anhand des Faktors „Gruppe“ mit dem Mann
Whitney-U Test auf Zwischensubjekteffekte überprüft.
Ergebnisse 86
6 Ergebnisse
Die Darstellung der Ergebnis wurde anhand der Experimente in Winkel- und
Kraftreproduktion unterteilt und ordnet sich innerhalb der Experimente in
Anthropometrie und psychometrische Erhebungen, sowie in die drei
Messebenen Performance, periphere neuromuskuläre Aktivität und zentrale,
kortikale Parameter. In den Darstellungen ist die Kontrollgruppe mit control
und die Gruppe der Patienten mit rekonstruiertem Kreuzband mit ACL
bezeichnet.
Insgesamt gilt für alle Abb. diese Legende:
p<0,001= *** p<0,001=+++
p<0,01 = ** parametrisch p<0,01 =++ nicht parametrisch
p<0,05 = * p<0,05 =+
6.1 Voraussetzungen
Da die EEG Aktivität anhand von absoluten spektralen Leistungen in den
unterschiedlichen Rindenregionen dargestellt und einer statistischen Prüfung
unterzogen wurde, mußten zunächst einige Voraussetzungen erfüllt sein.
Verschiedene Autoren beschrieben die Problematik des unterschiedlichen
Ausgangsniveaus zweier Untersuchungsgruppen, die sich insbesondere im
Alpha-Bereich oft unterscheiden. In dieser Arbeit wurde bewusst auf die
Darstellung der „Rohwerte“ (abs. spektrale Leistung [µV2]) zu den einzelnen
Messzeitpunkten in den beiden Experimenten zurückgegriffen, um (i) die
darin enthaltene Information nicht zu verändern und (ii) die Vergleichbarkeit
mit anderen Studien in den absoluten Werten zu gewährleisten. Von
verschiedenen Autoren wurde in diesem Zusammenhang die Veränderung
der spektralen Leistungen im Bezug auf eine Referenzmessung zu
Untersuchungsbeginn als legitim angesehen. Geeignet schien den Autoren
hier ein prozentualer Bezug zum Ausgangsniveau (Schellenberg 1995;
Schober 1995; Stock 1996; Mechau 1999). Dies führte zur Nivellierung
grundsätzlicher Unterschiede im EEG. Allerdings schien es problematisch,
Ergebnisse 87
stabile Ausgangsbedingungen zu schaffen, da diese Ruhe-Referenzmessung
immer durch vorausgehende oder nachfolgende bzw. vom Probanden
erwartete Tätigkeiten oder Bedingungen beeinflusst werden kann (Brach
2000). Außerdem konnte es zu sogenannten Baseline-Effekten kommen.
Beispielhaft soll hier eine Untersuchung von Kubitz (1996) angeführt werden.
Eine Experimentalgruppe zeigte vor einem Ergometertest höhere
Ausgangswerte in der Alpha-Intensität als eine Kontrollgruppe, die einen
Videofilm erwartete (3,43 µV2 vs. 2,76 µV2). Die maximalen mittleren
Intensitäten während der Versuchsphasen lagen im Vergleich dazu bei 3,03
µV2 vs. 2,78 µV2, so dass die Alpha-Intensität in der Experimentalgruppe
abnimmt, wohingegen sie bei einem ausgeglichenen Basiswert zugenommen
hätte. Das Beispiel soll verdeutlichen, dass bei einer Relation zum
Ausgangswert der Bestimmung desselben große Bedeutung zukommt
(Brach 2000). Daher wurden in dieser Arbeit die „tatsächlichen“
Entwicklungen anhand der absoluten spektralen Leistung dargestellt. Um
dies auch statistisch abzusichern, wurden die zu Beginn der Messung
erhobenen Ausgangs-Ruhewerte (1 Minute Augen zu, 1 Minute Augen auf)
auf signifikante Unterschiede zwischen den Gruppen, sowie Interaktionen
innerhalb der Gruppen in beiden Experimenten überprüft. Dabei ergab die
GLM mit Messwiederholung nach Prüfung auf Normalverteilung im
Experiment I (Winkelreproduktion) einen Zwischensubjekteffekt in der Alpha-
2 Frequenz an der Elektrodenposition O2 (F1,21=6,178; p=.021), der sich post
hoc in signifikant höheren spektralen Alpha-2 Leistungen in der
Kontrollgruppe während der Ausgangsmessung mit geschlossenen Augen
(T(-2,522); p=.020) zeigt. Innerhalb des Experiments I traten keine weiteren
Zwischensubjekteffekte in den Frequenzen Theta, Alpha-1, Alpha-2 und
Beta-1 an den 17 Elektrodenpositionen auf. Im zweiten Experiment – der
Kraftreproduktion – konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den
beiden Gruppen control und ACL festgestellt werden Anhang 11.4).
In einer weiteren statistischen Voranalyse wurde die Kontrollgruppe in beiden
Experimenten im Seitenvergleich rechts vs. links verglichen. Nach der
Prüfung auf Normalverteilung mit dem Kolmogorov-Smirnov Test wurde bei
vorliegender Normalverteilung mit Hilfe des T-Tests für abhängige
Stichproben auf Unterschiede in den Frequenzbändern an den einzelnen
Ergebnisse 88
Elektrodenpositionen abhängig davon untersucht, ob die Kontrollpersonen
die Winkelreproduktionen mit der rechten oder linken Seite durchgeführt
haben. Nach Bonferroni-Korrektur zeigten sich weder in der Winkel-, noch in
der Kraftreproduktion signifikante Unterschiede zwischen der linken und
rechten Extremität der Kontrollgruppe. Im weiteren Vorgehen wird davon
ausgegangen, dass sich beide Extremitäten der gesunden Probanden in den
Experimenten nicht unterscheiden.
6.2 Experiment 1: Winkelreproduktion
6.2.1 Anthropometrische und psychometrische Daten
Die Untersuchungsgruppen unterschieden sich nicht in den
anthropometrischen Daten Alter, Größe und Gewicht. In der Kontrollgruppe
befanden sich zwei Probanden mit einer dominanten linken Extremität,
wohingegen in die ACL-Gruppe nur ein linksdominanter Patient
eingeschlossen war.
Des Weiteren zeigten sich in der psychologischen Disposition hinsichtlich der
Handlungs- bzw. Lageorientienung in den unterschiedlichen Subitems keine
Unterschiede zwischen den Untersuchungsgruppen (Abb.11). Die Verteilung
zeigt die Lageorientierung nach Misserfolg (LOM) bei jeweils einem
Probanden der Gruppen und bei der Handlungsplanung (LOP) bei sechs
Probanden der Kontroll- und fünf Patienten der Kreuzbandgruppe.
Hinsichtlich der Lageorientierung im Subitem nach Tätigkeitsausführung sind
bis auf einen Probanden der Kontrollgruppe alle lageorientiert (LOT).
In ihrer allgemeinen Angstneigung (STAI X2) stellten sich die Werte der ACL-
Gruppe etwas höher als die der Kontrollgruppe dar. Der Unterschied
erreichte aber kein Signifikanzniveau. Dieser Trend bestätigte sich in der
Frage nach der momentanen Angstneigung vor und nach dem Experiment.
Hier zeigt sich ein Gruppeneffekt (F1,21=4,791; p=.040), der auf die sich
schwach signifikant unterscheidenden Werte der Befragung nach dem
Experiment zurückzuführen ist (T(-2,144), p=.044).
Ergebnisse 89
a b
c
Abb. 11: Psychometrische Daten der durchgeführten Tests VAS, HAKEMP 90 und
STAI während des Experimentes Winkelreproduktion in den Gruppen control
und ACL
Hinsichtlich des subjektiven Stressempfindens wurde eine visuelle
Analogskala eingesetzt. Die statistische Analyse wies weder auf einen
Innersubjekteffekt, noch einen Zwischensubjekteffekt hin. Anhand der Werte
erreichen die Kontrollpersonen ihre höchsten subjektiven Stresswerte nach
den Winkelreproduktionen mit der zweiten Extremität (M8), wohingegen die
ACL-Gruppe den größten subjektiven Stress schon zur Befragung nach dem
ersten Teil des Experimentes (M4) angab. Absolut gesehen lagen die
Höchstwerte beider Gruppen auf einem Niveau (Abb. 11a).
6.2.2 Einfluss der Verletzung auf die Winkelreproduktionen
6.2.2.1 Performance
Die Performance bzw. Leistung im Experiment Winkelreproduktion wurde
anhand der tatsächlichen Abweichung der Reproduktionsbewegungen ohne
Feedback zum Zielwinkel 40° (mit Feedback) dargestellt. Im Mittel führten die
Kreuzbandpatienten 16 Winkelreproduktionen zu jedem Messzeitpunkt
Ergebnisse 90
durch, wohingegen die Kontrollgruppe 12 Wiederholungen der
Reproduktionsaufgabe absolvierte. Die mehrfaktorielle Varianzanalyse mit
Messwiederholung zeigte von Messzeitpunkt M1 bis M4 (erste bzw.
unverletzte Extremität) einen Innersubjekteffekt (F3,60=3,028; p=.036),
allerdings keinen Unterschied zwischen den Untersuchungsgruppen. Der
Innersubjekteffekt über die Zeit wurde vom signifikanten Absinken des
Reproduktionsfehlers zwischen M1-M2 (T(2,653), p=.022), M1-M3 (T(2,482),
p=.030) und M1-M4 (T(2,948), p=.012) innerhalb der Kontrollgruppe
getragen. Demselben Trend unterliegt auch der Verlauf der unverletzten
Seite der Kreuzbandpatienten, ohne jedoch Signifikanzniveau zu erreichen
(Abb.12).
Abb. 12: Ergebnisse der sensomotorischen Leistungen in den Untersuchungsgruppen
zu den Messzeitpunkten M1 – M8 dargestellt anhand der Mittelwerte und
Standardabweichungen des Reproduktionsfehlers [Abweichung vom
Zielwinkel in °] [*/+ p<.05, **/++ p<.01, ***/+++ p<.001]
In der statistischen Analyse der Messzeitpunkte M5 bis M8 (zweite bzw.
verletzte Extremität) waren sowohl der Gruppenvergleich zu den
Messzeitpunkten M5 (Z(-2,440), p=.015), M7 (Z(-2,308), p=.021) und M8 (Z(-
2,506), p=.012), als auch der horizontale Vergleich anhand des Faktors
Messzeitpunkte signifikant (Chi23=8,891; p=.022). Die post hoc Tests zeigten
einen signifikanten, geringer werdenden Winkelreproduktionsfehler zwischen
M5 und M8 (Z(-2,293), p=.022). Die Abweichungen in der Kontrollgruppe
Ergebnisse 91
entwickelten sich über die Messzeitpunkte nur marginal nach unten (Abb.
12).
Als weiterer, die Performance beschreibender Parameter, wurde die Latenz
vom Bewegungsbeginn, festgemacht am ersten Onset (erste Muskelaktivität)
der an der Bewegung beteiligten Muskeln M.rectus femoris, M.vastus
medialis und M.vastus lateralis bis zum Erreichen der Plateauphase, d.h.
dem „Halten“ des Zielwinkels vom jeweiligen Probanden erhoben.
Abb.13: Latenzen [ms] von der ersten Muskelaktivität bis zum Erreichen der
Plateauphase (der Haltephase des Zielwinkels) [*p<.05, **p<.01, ***p<.001]
Die Latenzzeiten unterschieden sich kaum (Abb. 13). Die Analyse der
Innersubjektsubjekte stellte sich als signifikant zwischen M1-M4
(F3,60=6,365); p=.001) heraus. In der Kontrollgruppe detektierten die
abhängigen post hoc t-Tests signifikante geringer werdende Latenzen von
M1 zu M2 (T(2,508); p=.029), M1 zu M3 (T(2,648); p=.023) und M1 zu M4
(T(3,663); p=.004), wohingegen in der ACL-Gruppe die Latenz nur während
der Winkelreproduktionen mit der unverletzten Seite (M1-M2; T(2,952);
p=.016) signifikant abnahm. Sowohl Zwischen- (Gruppe) als auch
Innersubjekteffekt (Messzeitpunkte) in der zweiten Hälfte der Untersuchung
ergaben nach statistischer Prüfung keine signifikanten Unterschiede.
Ergebnisse 92
6.2.2.2 Neuromuskuläre Aktivität
Die neuromuskuläre Aktivität wurde bei den an der Kniestreckung beteiligten
Muskeln M.rectus femoris, M.vastus medialis und M.vastus lateralis
abgeleitet.
Das absolute integrierte EMG (iEMG für die Dauer von 1000 ms nach
Erreichen der Plateauphase) des M. rectus femoris zeigte sich im
Gruppenvergleich zu allen Messzeitpunkten in der ACL-Gruppe niedriger als
im Vergleich zur Kontrollgruppe (Tab. 4). Es fiel auf, dass die unverletzte
Seite der Kreuzbandgruppe ebenfalls zu den Messzeitpunkten M1-M4
geringere Aktivitäten zeigte. Die statistische Prüfung konnte aufgrund der
individuellen Streuungen weder Zwischen- noch Innersubjekteffekte in den
absoluten iEMG Aktivitäten detektieren.
Tab. 4: Neuromuskuläre Aktivität (iEMG [V]) in MW ± SD der an der Extension
beteiligten Muskeln M.rectus femoris, M.vastus medialis und M.vastus lateralis
Ähnlich sieht das Aktivitätsmuster des M. vastus medialis aus. Hier erreichte
die ACL-Gruppe wiederum eine deutlich geringere Aktivität zu allen
Messzeitpunkten – auch auf der unverletzten Seite (M1 bis M4) - im
Vergleich zur Kontrollgruppe. Die statistische Analyse stützte dies mit
signifikant niedrigeren Aktivitäten zu den Messzeitpunkten M6 (Z(-2,110);
p=.036) und M7 (Z(-2,440); p=.014). Des Weiteren stellt sich ein
Innersubjekteffekt im Verlauf von M1 zu M4 (F3,20=3,104; p=.033) dar, der in
der weiteren Analyse zwischen den Messzeitpunkten M2 und M4 (T(-3,332);
p=.009) sowie M3 und M4 (T(-2,546); p=.031) in der ACL-Gruppe ansteigt
und sich ebenfalls in einem Anstieg von M2 zu M4 (T(-2,566); p=.026) in der
Kontrollgruppe zeigt (Tab.4).
Ergebnisse 93
Bei der Betrachtung des M.vastus lateralis wurde deutlich, dass dieser
während der Winkelreproduktionen die höchsten Aktivitäten in beiden
Gruppen im Vergleich zu den anderen Muskelaktivitäten zu allen
Messzeitpunkten aufwies. Zeigten von M1 bis M4 die Kontrollpersonen noch
eine höhere elektrische Aktivität als die Patienten, hob sich dieser
Unterschied von M5 bis M8 auf. Die Aktivitäten beider Gruppen erreichten
ein ähnliches Niveau.
Abb. 14: Anteilige Beteiligungen [%] der einzelnen Muskeln an der Gesamtaktivität
[100%] während der Winkelreproduktionen zu den Messzeitpunkten M1 bis M8
in der Kontroll- und ACL-Gruppe
Um einen Eindruck der Beteiligung der einzelnen Muskelaktivitäten an der
Gesamtbewegung zu erhalten, zeigt Abb. 14 die prozentualen Anteile an den
Winkelreproduktionen ausgehend von einer Gesamtaktivität aller Muskeln
von 100% (RF + VM + VL = 100%). Es war auffällig, dass insbesondere im
Vergleich zwischen der betroffenen Seite der Kreuzbandpatienten und der
gesunden Extremität der Kontrollgruppe Unterschiede in der prozentualen
Verteilung beim M.vastus medialis und M.vastus lateralis zu bestehen
schienen. Dabei sah es so aus, dass die Kreuzbandpatienten eine niedrigere
Aktivität des M.vastus medialis und dafür eine höhere des M.vastus lateralis
aufweisen. Dies wurde teilweise von der Statisik bestätigt, die im
Ergebnisse 94
Gruppenvergleich einen signifikant höheren prozentualen Anteil des M.
vastus lateralis in der ACL-Gruppe zu den Messzeitpunkten M5 (Z(-2,176);
p=.030) und M6 (Z(-2,308); p=.021) aufwies. Der Gruppenunterschied von
M5-M8 beim M.vastus medialis konnte nur eine Tendenz aufweisen
(F1,20=3,668; p=.069). Zu keinem Messzeitpunkt erreichte der M.rectus
femoris im Gruppenvergleich Signifikanzniveau.
Im Verlauf über die einzelnen Messzeitpunkte konnte des Weiteren auch
keine signifikante Interaktion festgestellt werden.
6.2.2.3 Zentrale Aktivität
Die Analyse zentraler Aktivitäten wurde anhand der vier Frequenzbänder
Theta (4,75-6,75 Hz), Alpha-1 (7,0-9,5 Hz), Alpha-2 (9,75-12,5 Hz) und Beta-
1 (12,75-18,0 Hz) an frontalen (Fz, F3, F4, F7, F8), zentralen (Cz, C3, C4),
parietalen (Pz, P3, P4), temporalen (T3, T4, T5, T6) und okzipitalen (O1, O2)
Elektrodenpositionen ausgewertet. Im Folgenden werden die Ergebnisse
anhand von Frequenzbändern zunächst qualitativ im Überblick anhand von
Brain Maps (Gehirnkarten) beschrieben. Über eine Farbauswahl wird die
spektrale Leistungsdichte [µV2/Hz] in den Brain Maps dargestellt (von rot bis
schwarz = niedrige, über gelb bis hellbläulich = hohe Leistungsdichten). Die
Hirnkarten sind dargestellt mit frontaler Orientierung links. Danach werden
die absoluten Leistungen [µV2] quantitativ dargestellt und statistisch
überprüft. Zur Datenreduktion werden nicht signifikante Ergebnisse nicht
dargestellt.
Theta Frequenz (4,75 – 6,75 Hz)
Die in Abbildung 15 dargestellten Brain Maps (Gehirnkarten) repräsentieren
die beiden Untersuchungsgruppen jeweils zum ersten Messzeitpunkt beider
Extremitäten (M1 und M5). Über die Farbauswahl der Brain Maps (so
genannte Darstellung im Glow mode / „Glühkörper“) zeigten diese quantitativ
topographische Veränderungen anhand der spektralen Leistungsdichte
(Leistung / Bandbreite des Frequenzbereiches). Sowohl in der
Kontrollgruppe, als auch in der Gruppe der Kreuzbandverletzten bildeten sich
die höchsten Leistungsdichten im Theta-Frequenzband jeweils frontal ab. Die
Aktivität in der ACL-Gruppe war dabei deutlich höher in diesem Bereich.
Ergebnisse 95
Abb. 15: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Theta Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Auch okzipetal fanden sich Aktivitätsregionen, die sich in der Intensität der
Aktivität zu Gunsten der Kreuzbandpatienten darstellten. An den einzelnen
Elektrodenpositionen spiegelte sich das Bild wider (Abb. 15). Man konnte
deutlich die gesteigerte Aktivität in beiden Gruppen in frontalen Hirnarealen
(Fz, F3, F4, F7, F8) erkennen. Im Gruppenvergleich lagen sowohl zum
Messzeitpunkt M1 als auch M5 höhere Leistungswerte auf Seiten der ACL-
Gruppe vor. Die höchsten Aktivitäten lagen in der Kontrollgruppe zu M1 und
M5 jeweils links-frontal an der Elektrodenposition F7, wohingegen die ACL-
Gruppe die höchsten Aktivitäten jeweils an der Elektrodenposition F8 hatte.
Ausnahmslos an allen Positionen waren höhere Leistungswerte bei den
Kreuzbandpatienten im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe existent.
Signifikant sind diese zu beiden dargestellten Messzeitpunkten an den
Elektrodenpositionen F3, F4, F8, O1 und O2, was auch der qualitativen
Beschreibung entspricht. Die weiteren, vereinzelt unsystematisch
auftretenden Signifikanzen sind im Anhang dargestellt (Anhang 11.4).
Ergebnisse 96
Abb. 16: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der
Winkelreproduktionen an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der
Kontroll- und ACL-Gruppe zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte
Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)
[*p<.05, ** p<.01, ***p<.001]
Ergebnisse 97
Die spektrale Leistung lieferte an der Elektrodenposition Fz einen
Innersubjekteffekt (F3,60=3,196, p=.030), der sich post hoc in der ACL-
Gruppe in einer Leistungsabnahme zwischen M2-M3: T(2,711), p=.024 und
einer Zunahme zwischen M1-M4: T(-2,755), p=.022 manifestiert (Abb.15).
Qualitativ liegt die Leistung der Kreuzbandpatienten zu allen acht
Messzeitpunkten höher als die der Kontrollgruppe. Eine weitere statistische
Prüfung ergab keine weiteren Signifikanzen.
Links-frontal an der Position F3 ergab die statistische Prüfung anhand des
nicht parametrischen Mann-Whitney-U Tests in der ersten Hälfte (M1-M4)
einen Effekt mit dem Faktor Gruppe zu M1 (Z(-2,642), p=.008), M2 (Z(-
2,678), p=.007), M3 (Z(-2,180), p=.030) und M4 (Z(-2,343), p=.019). In der
zweiten Hälfte unterschieden sich die Gesunden von der rekonstruierten
Seite der ACL-Gruppe in M5 (Z(-2,673), p=.008), M6 (Z(-2,279), p=.023), M7
(Z(-1,947), p=.050) und M8 (Z(-2,606), p=.009). Hier detektierte die
nichtparametrische Prüfung mittels Friedman-Test einen Innersubjekteffekt
(Chi2=7.867, p=.049), der sich als signifikante Leistungssteigerung in der
Gruppe der Kontrollpersonen von M5 zu M7 (Z(-2,044), p=.041)
herausstellte.
Die Prüfung an der topographisch ebenfalls links-hemisphärisch liegenden
Elektrodenposition F7 wies durchgehend höhere Theta Leistungen in der
ACL-Gruppe auf, die allerdings sowohl im Zwischen- als auch im
Innersubjektvergleich kein Signifikanzniveau erreichten.
Rechts-hemisphärisch (F4) ergab die statistische Überprüfung der Faktors
Gruppe im Frontallappen signifikant höhere Werte in der ACL-Gruppe im
Vergleich zur Kontrollgruppe sowohl in der ersten (M1 (Z(-2,704), p=.007),
M2 (Z(-2,835), p=.005), M3 (Z(-2,607), p=.009), M4 (Z(-3,004), p=.002)), als
auch in der zweiten Phase des Experimentes (M5 (Z(-2,939), p=.003), M6
(Z(-2,408), p=.016), M7 (Z(-2,377), p=.017), M (Z(-3,038), p=.002)).
Vergleiche zwischen den Messzeitpunkten innerhalb der Gruppen konnten
keine signifikanten Unterschiede zeigen.
Ergebnisse 98
Abb. 17: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der fronto-zentralen Elektrodenposition (Fz)
[*p<.05, **p<.01, ***p<.001]
Abb. 18: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der links-frontalen Eleketrodenposition (F3)
[+p<.05, ++p<.01, +++p<.001]
Ergebnisse 99
Abb. 19: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Eleketrodenposition (F4)
[+ p<.05, ++ p<.01, +++ p<.001]
Abb. 20: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Eleketrodenposition (F4)
[+ p<.05, ++ p<.01, +++ p<.001]
Ergebnisse 100
An der Position F8 zeigten beide Seitenvergleiche M1-M4 und M5-M8
signifikant höhere Werte bei den Kreuzbandpatienten. Detailliert wurde das
Signifikanzniveau zu den Messzeitpunkten M1 (Z(-2,345), p=.017), M2 (Z(-
2,845), p=.003), M3 (Z(-2,215), p=.025) und M4 (Z(-2,869), p=.003) erreicht.
Dasselbe Bild zeigte sich im Vergleich der gesunden Seite der
Kontrollgruppe und der rekonstruierten Seite der Untersuchungsgruppe ACL
(M5 (Z(-2,410), p=.016), M6 (Z(-2,638), p=.008), M7 (Z(-2,177), p=.029), M8
(Z(-2,573), p=.010)).
In der qualitativen Betrachtung stellten sich die Aktivitäten im Theta
Frequenzband in den okzipitalen Arealen in der ACL-Gruppe statistisch
abgesichert höher dar, als in der Kontrollgruppe. Die spektralen Theta-
Leistungen der Patientengruppe ergaben an O1 (M1: (Z(-2,641); p<.008);
M2: (Z(-3,003); p<.003); M3: (Z(-2,244); p<.025); M4: (Z(-2,547); p<.011))
und an O2 im jeweiligen Vergleich beider Extremitäten (M1: (Z(-3,108);
p<.002); M2: (Z(-3,336); p<.001); M3: (Z(-2,409); p<.016); M4: (Z(-2,411);
p<.016); M5: (Z(-2,544); p<.011); M6: (Z(-2,279); p<.023); M7: (Z(-2,343);
p<.019); M8: (Z(-2,318); p<.020) signifikant höhere Leistungen im Vergleich
zu den Kontrollpersonen. Der Friedman Test ergab eine Interaktion zwischen
den Messzeitpunkten an der Position O1 (M1-M4: Chi2=12,188 p=.007; M5-
M8: Chi2=9,075, p=.028) und an der Position O2 (M5-M8: Chi2=8.829,
p=.032) im Zeitverlauf. Innerhalb der Gruppen war ein signifikanter Anstieg
der Leistungswerte post hoc an O1 (M1-M2: Z(-2,231), p=.021; M1-M4: Z(-
2,295), p=.022; M5-M6: Z(-2,654), p=.008; M5-M7: Z(-2,041), p=.041)
ausschließlich in der Gruppe der Kreuzbandrekonstruierten existent,
wohingegen an der Position O2 die Kontrollgruppe zwischen M2-M3: Z(-
2,249), p=.025 und M1-M3: Z(-2,033), p=.042 sowie die ACL-Gruppe
zwischen M5-M8: Z(-2,549), p=.011 Unterschiede aufwiesen.
Alpha-1 Frequenz
In der qualitativen Betrachtung der Alpha-1 Frequenz zu den
Messzeitpunkten M1 (erste / unverletzte Extremität) und M5 (zweite /
verletzte Extremität) fiel die geringere spektrale Leistungsdichte
insbesondere in den parietalen und temporalen Hirnarealen in der ACL-
Gruppe im Vergleich zur gesunden Kontrollgruppe auf.
Ergebnisse 101
Abb. 21: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Alpha-1 Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Dies zeigte sich sowohl in der linken, als auch in der rechten Hemisphäre. Im
Vergleich der der beiden Extremitäten innerhalb der Gruppen konnten zum
Messzeitpunkt M1 geringfügig höhere Aktivitäten festgestellt werden, die sich
fronto-zentral in beiden Gruppen zeigten (Abb. 21).
Der Gruppenunterschied spiegelte sich an den einzelnen
Elektrodenpositionen wider. An allen Elektrodenpositionen war eine höhere
spektrale Leistung in der gesunden Kontrollgruppe zu erkennen (Abb. 22).
Die statistische Analyse war allerdings in keinem Areal des Gehirns
signifikant. Die deutlichsten Gruppenunterschiede zeigten sich konform zu
der qualitativen Bewertung der Brain Maps (parietal: Pz, P3, P4; temporal:
T3, T4, T5, T6). Die geringfügig höheren Leistungswerte zum Messzeitpunkt
M1 im Vergleich zu M5 bestätigten den Eindruck der Brain Maps an der
Elektrodenposition Fz.
Ergebnisse 102
Abb. 22: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der
Winkelreproduktionen an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der
Kontroll- und ACL-Gruppe zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte
Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)
Ergebnisse 103
Die Statistik konnte auch im globalen Alpha-1 Leistungsspektrum (gemittelt
über alle Elektroden) zu den einzelnen Messzeitpunkten keine signifikanten
Unterschiede zwischen den Gruppen ermitteln.
Abb. 23: Globale, über alle 17 Elektrodenpositionen gemittelte, spektrale Leistungen
[µV2] im Alpha-1 Frequenzband. Dargestellt sind jeweils MW ± SD in der
Kontroll- und ACL-Gruppe an den jeweiligen Messzeitpunkten
[* p<.05, ** p<.01, *** p<.001]
Allerdings zeigte sich ein signifikanter Innersubjekteffekt in der GLM von M1
bis M4 (F3,20=13,064, p=.002). Post hoc bestätigte sich dieser Effekt
innerhalb der Kontrollgruppe von M1 zu M2 (T(-2,220); p=.048), M2 zu M3
(T(-2,567); p=.026) und M1 zu M4 (T(-2,734); p=.019). Die durchweg
geringeren spektralen Leistungen der globalen Alpha-1 Frequenz zeigten in
der ACL-Gruppe lediglich ein signifikant höheres Niveau von M4 verglichen
mit M1 (T(-4,362); p=.002), M2 (T(-3,370); p=.008) und M3 (T(-2,689);
p=.025). Eine detaillierte statistische Analyse ergab an verschiedenen
Elektrodenpositionen Innersubjekteffekte, die durch signifikant höhere Alpha-
1 Leistungen in der Kontrollgruppe zustande kamen und im Einzelnen im
Anhang aufgeführt sind (Anhang 11.4). Die Prüfung der anderen/verletzten
Extremität ergab keine Signifikanzen innerhalb der Untersuchungs- bzw. der
Kontrollgruppe.
Alpha-2 Frequenz (9,75-12,5 Hz)
Die Brain Maps des Alpha-2 Frequenzbandes zeigten deutlich höhere
spektrale Leistungsdichten in der Kontrollgruppe, die insbesondere in den
Ergebnisse 104
parietalen und okzipitalen Rindenregionen des Gehirns auffällig waren.
Während man in der Kontrollgruppe im Seitenvergleich zum Zeitpunkt M1
eine höhere Leistungsdichte anhand der helleren Farben erkennen konnte,
zeigte sich eine Zunahme der Alpha-2 Aktivität von M1 zu M5 in der
Untersuchungsgruppe rechts-parietal (Abb. 24).
Die Betrachtung der einzelnen Elektrodenpositionen vermittelte in der
Übersicht ein ähnliches Bild. In der Kontrollgruppe waren die höchsten
Alpha-2 Leistungswerte an den Elektrodenpositionen P3, P4, Pz und T4
existent, wohingegen die höchsten Werte der ACL-Gruppe an den Positionen
O1 und O2 lagen (Abb. 25).
Der nichtparametrische Mann-Whitney-U Test detektierte in der zweiten
Untersuchungshälfte von M5-M8 zwischen der gesunden Extremität der
Kontrollgruppe und der verletzten Seite der Kreuzbandpatienten signifikant
höhere Alpha-2 Aktivitäten an den links-parietalen Elektrodenposition P3
(M7: Z(-2,012); p=.044; M8: Z(-2,608); p=.009) und zu den Messzeitpunkten
M5 (Z(-2,210); p=.027) und M7 (Z(-2,243); p=.025) rechts-parietal (P4).
Abb. 24: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Alpha-2 Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz =deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Ergebnisse 105
Abb. 25: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der
Winkelreproduktionen an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der
Kontroll- und ACL-Gruppe zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte
Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)
Ergebnisse 106
Abb. 26: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der parietalen Eleketrodenposition (Pz)
Des Weiteren ergab die GLM einen Zwischensubjekt an T6 (F1,20=5,118;
p=.035) der sich post hoc zum Messzeitpunkt M8 (T(2,267); p=.035)
manifestierte. Im zentralen parietalen Bereich (Pz) konnte man durchgehend
höhere Alpha-2 Aktivitäten in der Kontrollgruppe erkennen, die aber kein
Signifikanzniveau erreichten.
Bezüglich der Innersubjekteffekte lohnte sich ebenfalls eine genauere
Betrachtung der parietalen und temporalen Elektrodenpositionen, da sich in
diesen Arealen Interaktionen innerhalb der Gruppen zeigten. Links-parietal
(P3) ergab der Friedman Test von M5 bis M8 eine signifikante Interaktion
(Chi2=14,958; p=.002). Die weitere Prüfung wies hier in der Kontrollgruppe
zwischen M5 und M6 (Z(-2.049); p=.040) und M5-M8 (Z(-2.002); p=.045)
sowie in der ACL-Gruppe eine Interaktion zwischen M5 und M8 (Z(-2,552);
p=.011) auf. Darüberhinaus erreichten die Innersubjekteffekte in den
Gruppen kein Signifikanzniveau, haben allerdings in der Kontrollgruppe die
Tendenz, über die Messzeitpunkte anzusteigen, wohingegen die ACL-
Gruppe mit ihren Leistungswerten unterhalb der Kontrollgruppe und zu den
Messzeitpunkten auf ähnlichem Niveau bleibt.
Betrachtet man die Entwicklung der Alpha-2 Leistungen an den temporalen
Positionen fällt zunächst die hohe Variabilität in der Kontrollgruppe an T6 im
Ergebnisse 107
Vergleich zu T3, T4 und T5 auf.
Abb. 27: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der links-parietalen Eleketrodenposition (P3)
[+ p<.05, ++ p<.01, +++ p<.001]
Abb. 28: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-parietalen Eleketrodenposition (P4)
[+ p<.05, ++ p<.01, +++ p<.001]
Ergebnisse 108
Von M5 bis M8 zeigte die Statistik einen signifikanten Unterschied zwischen
den Gruppen von M5 bis M8 (F1,20=5,118; p=.035). Aufgrund der schon
beschriebenen hohen Standardabweichungen war dieser
Gruppenunterschied nur zum Messzeitpunkt M8 (T(2,267); p=.035)
vorhanden.
Prüfte man temporal in beiden Hemisphären auf Interaktionen zwischen den
Messzeitpunkten, so erhielt man rechtshemisphärisch an der
Elektrodenpositionen T4 zwischen M1 und M4 (F3,20=4,579; p=.006; post hoc
nur in der ACL-Gruppe zwischen M1-M2: T(-2,928); p=.017 und M1-M3: T(-
2,415); p=.039) und zwischen M5 und M8 (F3,20=3,424; p=.023; post hoc nur
in der Kontrollgruppe zwischen M5-M6: (T(-2,209); p=.049), M6-M7: T(-
2,808); p=.017 und M5-M7: T(-4,360); p=.001), sowie an T6 zwischen der
gesunden Seite der Kontrollgruppe und der unverletzten Seite der
Untersuchungsgruppe (M1-M4) einen signifikanten Effekt (F3,20=2,783;
p=.003), der sich in einem Anstieg von M2 zu M4 (T(-2,325); p=.045) in der
ACL-Gruppe widerspiegelte.
Abb. 29: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an den temporalen Elektrodenposition (T3, T4, T5, T6)
[* p<.05, ** p<.01, *** p<.001]
Ergebnisse 109
Weiterhin war linkshemisphärisch an T5 zwischen M5 und M8 einen
Innersubjekteffekt ((F3,20=2,370; p=.044) zu finden, der in der weiteren
Analyse in der Gruppe der Kreuzbandpatienten in einem signifikanten
Anstieg von M5 zu M8 (T(3,408); p=.008) deutlich wird.
Beta-1 Frequenz (12,75-18,5 Hz)
Bei der qualitativen Betrachtung der Messzeitpunkte M1 und M5 innerhalb
des Beta-1 Frequenzspektrums fielen keine Unterschiede zwischen beiden
Gruppen auf. In beiden Gruppen spiegelten die gelben Farbtöne eine höhere
Beta-1 Aktivität in den frontalen und besonders in den okzipitalen Hirnarealen
wider. Dies galt sowohl für die erste/unverletzte, als auch für die
zweite/verletzte Extremität.
Bei einer detaillierteren Betrachtung bezüglich der einzelnen
Elektrodenpositionen verfestigte sich das Bild. Hier zeigte sich die deutlich
erhöhte Aktivität insbesondere in den okzipitalen Elektrodenpositionen. Die
höchsten Beta-1 Aktivitäten ließen sich in der Kontrollgruppe an den
Abb. 30: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Beta-1 Frequenzband zu Beginn der Winkelreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Ergebnisse 110
Abb. 31: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der
Winkelreproduktionen an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der
Kontroll- und ACL-Gruppe zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte
Extremität) und M5 (zweite/verletzte Extremität)
Ergebnisse 111
Elektrodenpositionen O1 und O2, in der Gruppe der Kreuzbandverletzten an
O1, T4 und T5 erkennen.
Der größte Unterschied zwischen beiden Gruppen fiel zum Messzeitpunkt
M1 links-okzipital mit höheren Werten in der Kontrollgruppe und zum
Messzeitpunkt M5 fronto-zentral (Fz) auf. Die Unterschiede hielten jedoch
keiner statistischen Analyse stand. Auch an den anderen
Elektrodenpositionen konnte im Beta-1 Frequenzband weder ein signifikanter
Zwischen-, noch ein Innersubjekteffekt gezeigt werden.
Zusammenfassend kann man festhalten, dass sich auf kortikaler Ebene die
entscheidenden Ergebnisse im Vergleich zwischen den Gruppen in der
frontalen Theta-Leistung, sowie in der parietalen Alpha-2 Frequenz zeigten.
Wohingegen die Unterschiede in der frontalen Thetafrequenz durchgehend
für beide Extremitäten über alle Messzeitpunkte existent waren, stellten sich
Unterschiede in der parietalen Alpha-2 Leistung nur im Vergleich der
betroffenen Seite der Kreuzbandpatienten im Vergleich zu den gesunden
Kontrollpersonen ein. Bezüglich der Aneignung der Aufgabe zeigten sich
kortikal elektrische Veränderungen insbesondere in einem Anstieg der Alpha-
1 Frequenz weit verteilt über dem Kortex, sowie in den Alpha-2
Leistungswerten an parietal-temporalen Elektrodenpositionen.
6.2.3 Einfluss der Verletzung auf die mentale Vorstellung
Bei der Betrachtung der Brain Maps in den Frequenzen Theta, Alpha-1,
Alpha-2 und Beta-1 waren Unterschiede zwischen den Gruppen der
Kreuzbandpatienten und den gesunden Kontrollpersonen festzustellen.
In der spektralen Theta-Leistung war die Aktivierung in beiden Gruppen
(insbesondere frontal) durchaus vergleichbar. In der Kontrollgruppe war die
okzipitale Leistung größer und reicht bis in die parietalen Bereiche. Die
Alpha-1 Aktivierung wies deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen
aus. Größere spektrale Leistungsdichten konnte man hier in der
Kontrollgruppe fronto-zentral und okzipital erkennen. Die ACL-Gruppe war in
den temporalen Bereichen beider Hemisphären deutlich geringer aktiviert, als
die Vergleichsgruppe. Die helleren Farben in den Brain Maps der Alpha-2
Darstellung wiesen auf eine höhere frontale Aktivierung bei den Patienten
der Kreuzbandgruppe im Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen hin.
Ergebnisse 112
Auch im Beta-1 Frequenzband waren Unterschiede in der qualitativen
Betrachtung der Brain Maps vorhanden.
Abb. 32: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Theta, Alpha-1, Alpha-2 und Beta-1 Frequenzband
während der mentalen Vorstellung der Winkelreproduktion
(rot bis schwarz =deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Ergebnisse 113
Abb. 33: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der mentalen Vorstellung
der Winkelreproduktionen (M9) und der anschließenden Ruhephase (M10) an
den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe
Ergebnisse 114
Die spektrale Leistungsdichte der gesunden Kontrollgruppe war im frontalen
Hirnbereich deutlicher ausgeprägt, als in der ACL-Gruppe. Zusätzlich reichte
die Aktivierung in der Kontrollgruppe bis in die parietalen Gebiete des Kortex.
Um Unterschiede zwischen den Gruppen und innerhalb der Gruppen im
Vergleich zur auf die mentale Vorstellung der Bewegung folgende
Erholungsphase zeigen zu können, wurde nach Prüfung auf
Normalverteilung eine GLM mit Messwiederholung mit dem Faktor Gruppe
und dem Faktor Messzeitpunkte (M9-M10) durchgeführt. Das Ergebnis der
Überprüfung auf Gruppenunterschiede zeigte signifikant höhere, spektrale
Alpha-2 Leistungen an den okzipitalen Elektrodenpositionen O1 und O2
(Tab. 5). Alle anderen Gruppenvergleiche stellten sich als nicht signifikant
heraus. Eine Überprüfung auf Interaktionen zwischen den Messzeitpunkten
M9 und M10 (Augen zu) ergab signifikante Effekte insbesondere in der
spektralen Beta-1 Bandleistung, die sich im Weiteren als ausschließliche
Veränderung innerhalb der ACL-Gruppe herauskristallisierten (Tab. 5).
Tab. 5: Darstellung der Zwischen- und Innersubjekteffekte während der mentalen
Vorstellung der Winkelreproduktion (M9) sowie der anschließenden
Ruhephase (M10 – Augen geschlossen)
Ergebnisse 115
6.3 Experiment 2: Kraftreproduktion
6.3.1 Anthropometrische und psychometrische Daten
Die Gruppe der Kreuzbandverletzten unterschied sich in Alter, Größe und
Gewicht nicht von der gesunden Kontrollgruppe. Durch Krankheit konnte ein
Patient nicht am Experiment 2 teilnehmen, so dass die ACL-Gruppe während
der Kraftreproduktionen aus 9 Patienten bestand.
Bezüglich des HAKEMP Fragebogens blieb die Verteilung in den einzelnen
Items Lageorientierung nach Misserfolg (LOM), nach Handlungsplanung
(LOP) und nach Tätigkeitsausführung (LOT) gleich und die Gruppen waren
ebenfalls in diesem zweiten Experiment bezüglich der psychologischen
Disposition gleich verteilt.
In der allgemeinen Angstneigung zeigten die Kreuzbandpatienten einen
höheren Score als die Kontrollgruppe, der aber kein Signifikanzniveau
erreichte. Dieser Trend der höheren Scorewerte in der ACL-Gruppe setzt
sich auch bei der Messung der momentanen Angstneigung fort. Die GLM
identifizierte hier einen Gruppeneffekt (F1,19=7,391; p=.014), der sich in der
weiteren Analyse als signifikanter Gruppenunterschied in der Messung nach
dem Experiment herausstellte (T(-2,791); p=.012), mit dem höheren Score
auf Seiten der Kreuzbandpatienten (Abb. 34).
Zieht man die visuelle Analogskala zur Ermittlung des subjektiven
Stressempfindens hinzu, konnte man innerhalb der ACL-Gruppe eine
kontinuierliche Steigerung über die Messzeitpunkte mit dem höchsten Wert in
der Abschlussmessung erkennen. Innerhalb der Kontrollgruppe stiegen die
Werte von der Eingangsmessung (Ruhe) zur Messung nach M4 (höchster
Wert) an, um danach wieder abzufallen (auf das Ausgangsniveau nach Ende
des Experimentes). Allerdings konnten sowohl im Zwischen- als auch im
Innersubjektvergleich keine signifikanten Unterschiede aufgezeigt werden.
Ergebnisse 116
Abb. 34: Psychometrische Daten der durchgeführten Tests STAI (A) und VAS (B)
während des Experimentes Kraftreproduktion in den Gruppen control und ACL
6.3.2 Einfluss der Verletzung auf die Kraftreproduktionen
6.3.2.1 Performance
Die Leistung im Kraftreproduktionsexperiment wurde durch die prozentuale
Abweichung von den mit visuellem Feedback durchgeführten
Kraftreproduktionen von 50% der willentlich aktivierbaren maximalen Kraft
ausgedrückt. Um eine Ermüdung über die einzelnen Messzeitpunkte
auszuschließen, wurde in einem Vorexperiment im gleichen Studiendesign
bei gesunden Probanden (N=10) mittels t-Test für abhängige Stichproben auf
Ergebnisse 117
Unterschiede der Maximalkraft vor und nach den Kraftreproduktionen
geprüft. Die statistische Prüfung zeigte keine signifikanten Unterschiede im
Verlauf der Untersuchung. Die Korrelation der Maximalkraft vor und nach
den Reproduktionen weist mit r=.927 auf einen hohen Zusammenhang hin
(IEMG M.rectus femoris: r=.921; IEMG M.vastus medialis: r=.813; IEMG
M.vastus lateralis: r=.999). Daher wurde angenommen, dass die Ermüdung
während des Experimentes keinen Einfluss auf die Ergebnisse nimmt.
Die Gruppe der Kreuzbandpatienten reproduzierte im Mittel 13 mal die Kraft
innerhalb der vier Minuten eines Messzeitraumes, wohingegen die
Kontrollgruppe durchschnittlich 12 Wiederholungen pro Messzeitraum
durchführte.
Ein Vergleich der beiden Gruppen zeigte im ersten Teil von M1 zu M4, dass
die Kreuzbandpatienten ihre größte Abweichung zum Messzeitpunkt M2
hatten, wohingegen die Kontrollgruppe den größten Fehler im ersten
Durchgang hatte. Beide Gruppen erreichten die besten Leistungen im letzten
Durchgang (M4). Die statistische Prüfung dieser Reihe M1 bis M4 ergab
keine Zwischen- (F1,18=.237; p=.632) und Innersubjekteffekte (F3,54=1,976;
p=.602).
Abb. 35: Ergebnisse der sensomotorischen Leistungen in den Untersuchungsgruppen
zu den Messzeitpunkten M1 – M8 dargestellt anhand der Mittelwerte und
Standardabweichungen des Reproduktionsfehlers [Abweichung vom
Zielwinkel in °]
Ergebnisse 118
Auch von M5-M8 lieferte eine statistische Überprüfung keine Signifikanzen
zwischen (F1,18=.104; p=.751) und innerhalb der Gruppen (F3,54=.625;
p=.602). In beiden Gruppen war die Abweichung darauf zurückzuführen,
dass die eingesetzte Kraft oberhalb der geforderten 50% der Maximalkraft
lag.
Auch bei den Latenzen vom ersten Onset der elektrischen Muskelaktivierung
bis zum Erreichen der Plateauphase, konnten weder Unterschiede zwischen,
noch innerhalb der Gruppen festgestellt werden. Die Latenzen lagen in der
Kontrollgruppe zwischen 0,68 und 1,17 Sekunden und in der ACL-Gruppe in
einem Bereich von 0,81-1,16 Sekunden.
6.3.2.2 Neuromuskuläre Aktivität
Das absolute IEMG des M.rectus femoris der Kontrollgruppe lag im
Gruppenvergleich zu allen Messzeitpunkten – sowohl M1-M4 als auch M5-
M8 – geringfügig höher als das der Untersuchungsgruppe (Tab. 6).
Allerdings erreicht der Gruppenvergleich zu keinem Messzeitpunkt
Signifkanzniveau. Allerdings identifizierte die GLM zwischen den
Messzeitpunkten M5 und M8 einen Effekt (F3,54=3,050; p=.036), der sich in
der folgenden post hoc Prüfung mittels t-Test in der ACL-Gruppe als
signifikant zwischen M5 und M6 (T(3,041); p=.016), sowie M5 und M7
(T(3,464); p=.009) darstellte.
Tab. 6: Neuromuskuläre Aktivität (iEMG [V]) in MW ± SD der an der Extension
beteiligten Muskeln M.rectus femoris, M.vastus medialis und M.vastus lateralis
Die elektrische Aktivität des M.vastus medialis offenbarte größere
Unterschiede zwischen den Gruppen als die des M.rectus femoris, die
Ergebnisse 119
allerdings kein Signifikanzniveau erreichten. Ein Innersubjekteffekt wurde
auch nicht deutlich.
Abb. 36: Anteilige Beteiligungen [%] der einzelnen Muskeln an der Gesamtaktivität
[100%] während der Kraftreproduktionen zu den Messzeitpunkten M1 bis M8 in
der Kontroll- und ACL-Gruppe
Beim Vergleich der Muskelaktivitäten des M.vastus lateralis fiel auf, dass sich
die Aktivitäten von Messzeitpunkt M1 bis M4 nur marginal, allerdings von M5
bis M8 deutlicher unterschieden. Auch hier waren weder im
Gruppenvergleich, noch über die Messzeitpunkte innerhalb der Gruppen
signifikante Unterschiede auszumachen.
Abb. 36 zeigt die anteilige Aktivität der einzelnen Muskeln an der
Gesamtbewegung. Die höchste Aktivität lag dabei beim M.vastus medialis
und der niedrigste Anteil beim M.rectus femoris. Im Gruppenvergleich waren
geringe Unterschiede zwischen den Gruppen beim M.vastus lateralis (M1-
M4; ACL-Gruppe kontinuierlich höher) und beim M.vastus medialis (M1-M4;
Kontrollgruppe kontinuierlich höher) erkennbar. Allerdings stellten sich keine
Signifikanzen ein.
Ergebnisse 120
6.3.2.3 zentrale Aktivität
Theta (4,75 – 6,74 Hz)
In der qualitativen Map-Darstellung waren deutliche Unterschiede in der
zentralen Aktivierung im Theta-Frequenzband zu erkennen. Detailliert
betrachtet, waren die durch gelb /weiß dargestellten hohen spektralen
Leistungsdichten frontal und okzipital in der Kreuzbandgruppe auffällig. In der
Betrachtung der spektralen Leistungen an den einzelnen
Elektrodenpositionen bestätigte sich der Eindruck. In beiden Gruppen waren
die höchsten spektralen Leistungen insbesondere frontal und okzipetal
existent. Des Weiteren ist anzumerken, dass die Theta Leistungswerte der
ACL-Gruppe an allen Elektrodenposition bis auf T6 höher lag als bei den
Kontrollpersonen.
Abb. 37: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Theta Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion mit
der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Ergebnisse 121
Abb. 38 : Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe
zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5
(zweite/verletzte Extremität) [*p<.05, ** p<.01, ***p<.001]
Ergebnisse 122
Abb. 39: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Elektrodenposition (Fz)
[+ p<.05, ++ p<.01, +++ p<.001]
Die statistische Überprüfung ergab signifikant höhere Leistungen in der ACL-
Gruppe an den Elektrodenpositionen Fz zu den Messzeitpunkten M1 (Z(-
2,846); p=.004), M2 (Z(-2,593); p=.009), M3 (Z(-1,956); p=.049) und M6 (Z(-
2,046); p=.041) ohne Interaktion zwischen den Messzeitpunkten.
Darüberhinaus stellte sich ein signifikanter Gruppenunterschied im links-
frontalen (F3) Gehirnareal zu den Messzeitpunkten M1 (Z(-2,046); p=.039)
und M2 (Z(-2,418); p=.016) ein. Die Prüfung auf Unterschiede im Verlauf in
den beiden Gruppen ergab eine signifikant größere Theta-Leistung in der
Kontrollgruppe von M7 im Vergleich zu M5 (Z(-2,002); p=.045), die auch in
der ACL-Gruppe identifiziert werden konnte (Z(-1,963); p=.050) (Abb. 40).
Signifikant höhere Aktivitäten im Theta-Frequenzband gab es im rechten
Frontallappen (F4; Abb.41). Diese zeigten sich im ersten Teil des
Experimentes (M1-M4; F1,19=4,756; p=.040), die sich nach weiterer Prüfung
zu den Messzeitpunkten M1 (T(-3,062);p=.006) und M2 (T(-2,106); p=.049)
fanden. Weitere Signifikanzen konnten nicht gezeigt werden.
Die beiden noch fehlenden Elektrodenpositionen im Frontallappen F7 und F8
zeigten in jedem Messdurchgang höhere Aktivitäten in der ACL-Gruppe, die
allerdings nicht statistisch gestützt werden konnten. Die GLM konnte weder
Ergebnisse 123
zwischen M1 und M4, noch zwischen M5 und M8 Interaktionen zwischen den
einzelnen Messzeitpunkten feststellen.
Abb. 40: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Elektrodenposition (F3)
[+ p<.05, ++ p<.01, +++ p<.001]
Abb. 41: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Theta-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-frontalen Elektrodenposition (F4)
[* p<.05, ** p<.01, *** p<.001]
Ergebnisse 124
Alpha-1 (7,0-9,5 Hz)
Im Alpha-1 Frequenzband zeigte sich eine Synchronisation in frontalen und
parieto-okzipitalen Rindenregionen. Diese Synchronisation war in der ACL-
Gruppe sowohl mit der unverletzten, als auch mit der verletzten Seite
deutlicher ausgeprägt, gekennzeichnet durch höhere spektrale
Leistungsdichten als in der gesunden Kontrollgruppe. Im Vergleich der
Alpha-1 Aktivität im Verlauf von M1 zu M5 waren in den Brain Maps qualitativ
keine Unterschiede auszumachen (Abb. 42).
Abb. 42: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Alpha-1 Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Bei der Ansicht der einzelnen Elektrodenpositionen zeigten sich die höchsten
Werte in beiden Gruppen frontal und okzipetal, wohingegen die größten
Unterschiede der spektralen Leistungswerte zwischen den Gruppen an den
temporalen und frontalen Elektrodenpositionen gefunden wurden.
Ergebnisse 125
Abb. 43: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe
zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5
(zweite/verletzte Extremität)
[*p<.05, ** p<.01, ***p<.001]
Ergebnisse 126
Im Vergleich der über allen 17 Elektrodenpositionen gemittelten, globalen
Alpha-1 Frequenz (Abb. 44) spiegelten diese deutlich höhere kortikale
Aktivitäten in der Kontrollgruppe verglichen mit denen der ACL-Gruppe wider.
Abb. 44: Globale, über alle 17 Elektrodenpositionen gemittelte, spektrale Leistungen
[µV2] im Alpha-1 Frequenzband. Dargestellt sind jeweils MW ± SD in der
Kontroll- und ACL-Gruppe zu den jeweiligen Messzeitpunkten
Weiterhin waren die individuellen Streuungen in der Kontrollgruppe bei
weitem größer, als in der Gruppe der Patienten. Im Verlauf über die
Messzeitpunkte konnte man in der Kontrollgruppe ein Ansteigen der Alpha-1
Leistungen in beiden Extremitäten erkennen, wohingegen die ACL-Gruppe
auf annähernd gleich bleibendem, niedrigeren Niveau lag. Die statistische
Signifikanzprüfung stützte die Eindrücke jedoch nicht und identifizierte keine
signifikanten Zwischen- und Innersubjekteffekte.
Alpha-2 (9,75 -12,5 Hz)
In der qualitativen Analyse stellte sich das Alpha-2 Frequenzband zu den
jeweiligen Messzeitpunkten in den beiden Gruppen unterschiedlich dar. Man
konnte in der Abb. 45 höhere Leistungsdichten in der Kontrollgruppe in
nahezu allen Hirngebieten (frontal, zentral, parietal, temporal und okzipetal)
erkennen. Insbesondere die deutlich geringeren spektralen Leistungsdichten
in der ACL-Gruppe fielen im parieto-okzipitalen Bereich auf. Im Vergleich der
beiden Seiten (control: erste (M1) und zweite (M5) Extremität; ACL
Ergebnisse 127
unverletzte (M1) bzw. verletzte (M5) Seite) zeigten sich keine offensichtlichen
Unterschiede. Zur detaillierteren Analyse half eine Darstellung an den
einzelnen Elektrodenpositionen (Abb. 46).
Abb. 45: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Alpha-2 Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Insgesamt konnte man feststellen, dass die Alpha-2 Aktivitäten in der
Kontrollgruppe an allen Positionen außer T3 höher waren, als die der
kreuzbandrekonstruierten Patienten. Die höchsten Aktivitäten zeigte die
Kontrollgruppe wie schon anhand der Brain Maps beschrieben im Parietal-
bzw. Okzipitallappen aber auch im rechten temporalen Bereich (T6). Hier
waren auch die größten Unterschiede zur ACL-Gruppe existent (parietal: Pz,
P3, P4, temporal: T4, T6). Zunächst lohnte sich ein detaillierter Blick auf die
einzelnen Messpunkte des Parietallappens.
Ergebnisse 128
Abb. 46: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe
zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5
(zweite/verletzte Extremität)
Ergebnisse 129
Im parieto-zentralen Bereich (Pz; Abb.47) lagen die Alpha-2 Leistungen in
der Kontrollgruppe zu allen Messzeitpunkten höher als in der ACL-Gruppe.
Allerdings konnte die GLM weder im ersten, noch im zweiten Teil des
Experimentes signifikante Gruppeneffekte identifizieren.
Abb. 47: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der parieto-zentralen Elektrodenposition (Pz)
[* p<.05, ** p<.01, *** p<.001]
Abb. 48: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2-Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an der rechts-parietalen Elektrodenposition (P3)
[* p<.05, ** p<.01, *** p<.001]
Ergebnisse 130
Die Statistik zeigte eine Interaktion im ersten Teil (F3,57=3,076; p=.047), die
sich in einem signifikanten Anstieg der Aktivitäten von M2 zu M3 (T(-2,332);
p=.040) in der Kontrollgruppe und zwischen M1 und M2 in der ACL-Gruppe
äußerte (T(-2,557); p=.033).
Auch an der Elektrodenpositionen P3 zeigten sich die Alpha-2 Leistungen
der Kontrollgruppe zu allen Messzeitpunkten erhöht gegenüber der
Untersuchungsgruppe. Aufgrund der hohen individuellen Streuung in der
Kontrollgruppe konnten keine Signifikanzen festgestellt werden. Auch
innerhalb der Gruppen konnte nur ein Innersubjekteffekt in der ACL-Gruppe
zwischen dem ersten und dem dritten Messzeitpunkt errechnet werden
(F3,57=2,910; p=.042 / T(-3,908); p=.004). Alle weiteren statistischen
Vergleiche stellten sich als nicht signifikant heraus.
Abb. 49: Entwicklung der spektralen Leistungen [µV2] im Alpha-2 Frequenzbereich der
beiden Gruppen control und ACL von M1-M4 (gesund/unverletzt) und M5-M8
(gesund/verletzt) an den temporalen Elektrodenposition (T3, T4, T5, T6)
[* p<.05, ** p<.01, *** p<.001]
In der qualitativen Analyse fielen außerdem die temporalen
Elektrodenpositionen auf. Betrachtete man diese genauer, konnte man
Ergebnisse 131
feststellen, dass rechts temporal an T4 und T6 die Aktivitäten deutlich höher
liegen als in der Gruppe der Kreuzbandpatienten, dies aber links-temporal
nicht oder nur teilweise für T3 und T5 zutraf. Dies ließ sich allerdings nicht
durch statistische Signifikanzen stützen. Als Innersubjekteffekt zeigte die
GLM einen signifikanten Anstieg in der ACL-Gruppe an Position T3
(F2,386;45,326=3,022; p=.037), von M2 zu M3 (T(-3,105); p=.015) und von M1
zu M4 (T(-2,645); p=.029) und an der Position T5 (F3,57=5967; p=.001)
zwischen M1 und M2 (T(-2,840); p=.022). In der Kontrollgruppe gab es eine
Interaktion rechts-temporal an der Position T4 zwischen M1 und M4
(F3,57=3,661; p=.017 / T(-2,813); p=.017).
Beta-1 (12,75 – 18,5 Hz)
Die qualitative Analyse offenbarte nur geringe Unterschiede zwischen den
Gruppen der Kreuzbandverletzten und der Kontrollpersonen. Die helleren
Farben frontal und parietal (insbesondere ACL: M5) signalisierten in der
ACL-Gruppe eine erhöhte Aktivität in diesen Arealen im Vergleich zu den
Kontrollpersonen.
Abb. 50: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Beta-1 Frequenzband zu Beginn der Kraftreproduktion
mit der jeweiligen Extremität (M1: erste/unverletzte; M5: zweite/verletzte)
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Ergebnisse 132
Abb. 51: Übersicht der spektralen Leistungen [µV2] während der Kraftreproduktionen
an den 17 gemessenen Elektrodenpositionen in der Kontroll- und ACL-Gruppe
zu den Messzeitpunkten M1 (erste/unverletzte Extremität) und M5
(zweite/verletzte Extremität)
Ergebnisse 133
Insgesamt waren deutliche Aktivitäten beider Gruppen in den okzipitalen und
temporalen Arealen zu sehen. Ein genauerer Blick anhand der einzelnen
Elektrodenposition bestätigte die Beschreibung anhand der Brain Maps. Die
höchsten Aktivitäten in beiden Gruppen fanden sich okzipital mit höheren
Leistungswerten in der Kontrollgruppe. Links-temporal waren die Aktivitäten
der ACL-Gruppe leicht erhöht gegenüber der Kontrollgruppe, wohingegen
sich das Bild im rechten Temporallappen umkehrt. Allerdings stellte sich
nach statistischer Prüfung an keiner Position ein signifikanter Unterschied
zwischen den Gruppen ein. Nur an einer Stelle gab es einen
Interaktionseffekt: In der ACL-Gruppe zeigte sich ein signifikanter Anstieg an
der Elektrodenposition Cz (F2,421;46,002=3,163; p=.031) zwischen den
Messzeitpunkten M1 und M2 (T(-2,857); p=.021) bzw. M3 (T(3,600); p=.007).
Zusammenfassend läßt sich postulieren, dass nur vereinzelte
Gruppenunterschiede in der elektrischen kortikalen Aktivität auffällig waren.
Diese zeigte sich in den ersten Messdurchgängen zwischen der nicht
betroffenen Extremität der ACL-Gruppe und den Kontrollpersonen. Zwischen
der betroffenen Extremität und der Kontrollgruppe war nur ein Parameter
zum Messzeitpunkt M6 signifikant (Theta Fz). Die Aneignung der Aufgabe
bildet sich fast ausschließlich in den Alpha-2 Leistungswerten der posterioren
Elektrodenpositionen in beiden Gruppen ab. Signifikanzen im Alpha-1
Frequenzband fehlen gänzlich.
6.3.3 Einfluss der Verletzung auf die mentale Vorstellung
Auch im zweiten Experiment sollen die zentralen Veränderungen während
der mentalen Vorstellung in den Frequenzbändern Theta, Alpha-1, Alpha-2
und Beta-1 zunächst anhand der Brain Maps beschrieben werden. Auch hier
zeigten sich Unterschiede in verschiedenen Rindenregionen zwischen den
beiden Untersuchungsgruppen.
Ergebnisse 134
Abb. 52: Quantitative topographische Hirnkarte (Aufsicht) der Veränderung innerhalb
bzw. der Unterschiede zwischen den Gruppen in den spektralen
Leistungsdichten im Theta, Alpha-1, Alpha-2 und Beta-1 Frequenzband
während der mentalen Vorstellung der Winkelreproduktion
(rot bis schwarz = deutliche Abnahme, orange = keine wesentliche Veränderung, gelb = deutliche
Zunahme, hellbläulich = starke Zunahme)
Ergebnisse 135
In der qualitativen Betrachtung der Brain Maps (Abb.52) fielen insbesondere
Unterschiede in den Frequenzbändern Theta, Alpha-1 und Beta-1 auf. Die
frontale spektrale Leistungsdichte im Theta-Frequenzband stellte sich
deutlich ausgeprägter in der ACL-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe
dar. Ähnliches lässt sich auch für die Aktivierung in der Alpha-1 Frequenz
feststellen. Die Leistungsdichte war auch hier in der Gruppe der
Kreuzbandpatienten höher als in der Vergleichsgruppe. Die helleren Farben
in den Brain Maps der Beta-1 Frequenz wiesen auf höhere spektrale
Leistungsdichten in der ACL-Gruppe hin, die sich insbesondere in frontalen
und temporalen Arealen fanden. Bei einer statistischen Überprüfung mittels
GLM mit den Faktoren Gruppe und Messzeitpunkte (M9: mentale Vorstellung
und M10: darauf folgende Ruhephase, beide mit geschlossenen Augen)
zeigte sich ein Zwischensubjekteffekt im Alpha-2 Frequenzband an der
okzipitalen Position O2, der sich aber in der post hoc Überprüfung nicht
bestätigte.
Tab. 7: Darstellung der Zwischen- und Innersubjekteffekte während der mentalen
Vorstellung der Winkelreproduktion (M9) sowie der anschließenden
Ruhephase (M10 – Augen geschlossen)
Auch die Überprüfung der Unterschiede innerhalb der beiden Gruppen
zwischen M9 und M10 zeigte Effekte (Tab. 7), die aber alle der
anschließenden post hoc Überprüfung nicht standhielten.
Diskussion 136
7 Diskussion
In dieser Arbeit wurde anhand einer experimentellen Studie die Veränderung
der zentral kortikalen Aktivität während zweier sensomotorischen Aufgaben
nach der Verletzung des vorderen Kreuzbandes untersucht. Es sollte geprüft
werden, ob sich unter der Annahme eines mit der Verletzung begründeten,
veränderten Informationsflusses in zwei unterschiedlichen propriozeptiven
Modalitäten (dem Stellungssinn und dem Kraftsinn in sensomotorischen
Aufgaben) eine zentrale Veränderung anhand kortikaler Aktivitäten mit Hilfe
der Elektroenzephalographie zeigen lässt. Dies wurde anhand von zwei
Experimenten realisiert, deren Ergebnisse im Folgenden detailliert diskutiert
werden. In den nachfolgenden Schlussfolgerungen sollen die Ergebnisse der
Diskussionen der Einzelexperimente vor dem Hintergrund der
Ausgangsfrage nach zentraler Veränderung nach Rekonstruktion bzw.
während der Aneignung einer sensomotorischen Aufgabe abschließend
zusammengeführt und diskutiert werden.
Die Integration propriozeptiv-afferenter Informationen aus der
Körperperipherie ist wichtiger Bestandteil einer adäquaten
Bewegungsausführung. Insbesondere nach Verletzungen oder
Schädigungen des Bewegungsapparates (zum Beispiel der Rekonstruktion
des vorderen Kreuzbandes) ist oft auch noch nach langer Zeit ein
Bewegungsdefizit von Außen sichtbar. Dabei wird die Beteiligung
verschiedener Rezeptorstrukturen unterschiedlich bewertet. Einige wenige
Autoren weisen darauf hin, dass Ihrer Meinung nach der Zerstörung der
Rezeptoren auf dem vorderen Kreuzband kaum Bedeutung beizumessen ist
(Harter et al. 1988; Jensen et al. 2002; Fisher-Rasmussen et al. 2001),
wohingegen der größere Teil dies gegensätzlich sieht und davon ausgeht,
dass der propriozeptive Informationsfluss aus den beteiligten Strukturen
verändert ist und dies eine Veränderung in der Verarbeitung im
Zentralnervensystem nach sich zieht (Johansson et al. 1991; Barrett 1992;
Wojtys et al. 1994; Valeriani et al 1996; Ochi et al. 1999; St. Clair Gibson et
al. 2002; Fremerey et al. 2000; Ageberg 2002; Sjölander et al. 2002; Bonfirm
et al. 2003; Reider et al. 2003; Barthel et al. 2004; Kapreli et al. 2006).
Diskussion 137
Bislang liegen über eine veränderte zentralnervöse Informationsverarbeitung
kaum Ergebnisse vor.
7.1 Experiment I: die Winkelreproduktion
Winkelreproduktionstests nach Kniegelenksschädigungen (z.B. nach
Verletzung oder Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes oder nach
Implantation einer Kniegelenksendoprothese) werden in der Literatur als
adäquates Mittel beschrieben, sensomotorische Defizite, die auf eine
veränderte propriozeptive Information zurückgehen, aufzudecken.
Die Ergebnisse dieser Tests werden kontrovers diskutiert. Dabei liegt das
Hauptaugenmerk dieser Diskussion auf der Methodenvielfalt, die in diesem
Zusammenhang angewandt wird. Diese reine Außenansicht in Form der
Genauigkeit der Reproduktion reicht anscheinend nicht aus, um valide
Aussagen über die Unterschiede zwischen Kreuzbandpatienten und
gesunden Kontrollpersonen machen zu können. In der vorliegenden
Untersuchung lag der Schwerpunkt auf der Detektion möglicher
unterschiedlicher zentraler Verarbeitungsstrategien der propriozeptiven
Informationen. Dabei wurden zwei Ziele verfolgt. Auf der einen Seite sollte
der Einfluss der Rekonstruktion, auf der anderen der Aneignungsprozess im
Übungsverlauf gezeigt werden.
Um die Vergleichbarkeit beider Untersuchungsgruppen zu gewährleisten,
wurden beide sowohl in anthropometrischen, als auch in den
psychometrischen Daten anhand von Fragebögen verglichen. Beide
Gruppen unterscheiden sich nicht in den vorliegenden Daten zu Größe,
Gewicht, allgemeiner und augenblicklicher Angstneigung, Lage- bzw.
Handlungsorietierung und subjektivem Stressempfinden.
Vorausschauende Entscheidungen und Erwartungen (z.B. hinsichtlich Erfolg
oder Misserfolg) beeinflussen die Ergebnisse sensomotorischer Leistungen
und stellen somit als psychologische Disposition einen potentiellen
Einflussfaktor dar (Kuhl 1994; Semmler 1992; Semmler-Ludwig 2001). So
fanden Semmler et al. (1994), dass Handlungsorientierte in einem
sportmotorischen Handballtest im Mittel schneller, aber auch mit einem
größeren Fehler agierten als die lageorientierten Spieler. Dies zeigte sich
auch in einer unterschiedlichen Grundaktivität im EEG. Um diesen Faktor
Diskussion 138
auszuschließen, wurde bezüglich der Lage-/Handlungsorientierung Wert
darauf gelegt, dass eine gleiche Verteilung innerhalb der Gruppen in den
gemessenen Subitems HOM (Handlungsorientierung nach Misserfolg), HOP
(Handlungsorientierung bei der Handlungsplanung) und HOT
(Handlungsorientierung bei der Tätigkeitsausführung) vorliegt. Auch in der
allgemeinen und augenblicklichen Angstneigung gleichen sich die Gruppen.
In der Literatur ist bekannt, dass sich psychische Faktoren zum
Entscheidungsverhalten und zur Angstneigung auf die zentralen Parameter
auswirken (Knott 1990; Ray & Cole 1985; Cole & Ray 1985). Mit der
Gleichverteilung der Gruppen hinsichtlich dieser Items sollte dem Einfluss
dieser Faktoren auf die Ergebnisse in der Untersuchung vorgebeugt werden.
Einzig und allein in der Messung zum Ende der Untersuchung zur
Winkelreproduktion unterscheiden sich die beiden Gruppen in der
momentanen Angstneigung mit schwach signifikant höheren Werten in der
ACL-Gruppe, was auf eine erhöhte emotionale Beteiligung schließen lässt.
Möglicherweise empfinden die Kreuzbandpatienten während der
Untersuchung einen höheren emotionalen Stress aufgrund ihrer Verletzung
als die gesunde Kontrollgruppe. Diese Sichtweise wird unterstützt von den
Ergebnissen der Befragung zum subjektiven Stressempfinden anhand einer
visuellen Analogskala. Die Kreuzbandpatienten fühlen sich am Ende der
Untersuchung deutlich mehr „gestresst“. Hinweise auf subjektiv
empfundenen Stress bei Patienten mit rekonstruiertem vorderen Kreuzband
findet man in der Literatur (Barthel et al. 2004; Tripp et al. 2003).
Auf die inhaltliche Diskussion der psychometrischen Daten soll an dieser
Stelle verzichtet werden, da die Erhebung nur vor dem Hintergrund der
Gruppenvergleichbarkeit durchgeführt wurde und nicht psychologisch
diskutiert werden soll.
7.1.1 Einfluss der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf
periphere und zentrale Parameter während der Winkelreproduktion
Performance
Die ACL-Gruppe reproduzierte mit der betroffenen Extremität den
vorgegebenen Winkel signifikant ungenauer als die externe Kontrollgruppe.
Vergleicht man die gesunde Seite der Kreuzbandpatienten mit der
Diskussion 139
Kontrollgruppe, stellt man fest, dass die ACL-Gruppe sich zwar nicht
signifikant von den Kontrollpersonen unterscheidet, aber in jedem Durchgang
mindestens um 1° schlechter reproduzierte. Dies könnte als möglicher
Hinweis darauf gewertet werden, dass die Bewegungsregulation eine
grundsätzliche Veränderung durch ein/das propriozeptive Defizit erfahren
hat. Vor dem Hintergrund scheint es richtig und wichtig zu sein, nicht die
gesunde Seite der Patienten als Referenz zu nehmen, sondern eine externe
Kontrollgruppe, wie in dieser Untersuchung geschehen. Unterstützt wird
diese Forderung u.a. von Konishi et al. (2003) und Jerosch et al. (1996), die
bei ihren Untersuchungen Auswirkungen auch auf der nicht betroffenen Seite
der Kreuzbandpatienten fanden.
Die geringere Genauigkeit in der Winkelreproduktion nach Rekonstruktionen
des vorderen Kreuzbandes wird von vielen Autoren im Zusammenhang mit
Winkelreproduktionen als Ausdruck der veränderten afferenten Information
angesehen (Barrett 1992; Valeriani et al 1996; Fremerey et al. 2000; Bonfirm
et al. 2003; Reider et al. 2003). Diese veränderte sensorische Information ist
auf die Schädigung der Rezeptoren bei der Verletzung und in der Folge auf
den Ersatz des Kreuzbandes zurückzuführen (Valeriani et al. 1999). Dabei
scheint der Anzahl der geschädigten Rezeptoren keine große Bedeutung
zuzukommen. Nach Macefield et al. (1990) ist sogar anzunehmen, dass ein
einziger Gelenkrezeptor in der Lage ist, eine spezielle und sinnvolle
Information zu liefern. Damit wäre es nicht entscheidend, wie viele
Rezeptorstrukturen geschädigt sind, sondern dass überhaupt Rezeptoren
Schaden genommen haben. Daher kann aufgrund einer Schädigung eine
Veränderung im sensomotorischen System angenommen werden, die sich –
wie in diesem Fall – in einer ungenaueren Reproduktionsfähigkeit äußert.
Einige Autoren weisen darauf hin, dass in einem Winkelbereich von 40°
(volle Extension bei 0°), der reproduziert werden sollte, vornehmlich die
Muskelspindel Informationen über die Position des Kniegelenkes bereitstellt
(Clark et al. 1985) und die Gelenkrezeptoren nur in Extrempositionen
Afferenzen über den Hinterstrang an supraspinale Zentren schicken (Quante
& Hille 1999). Es scheint allerdings so, dass innerhalb des sensomotorischen
Systems die Informationen aller beteiligten Rezeptoren (Muskelspindel,
Ruffini-Körperchen, Vater Pacini-Körper, Golgi-Organ, Nozizeptoren,
Diskussion 140
Hautsensoren, Vestibularapparat etc.) im Gehirn zu einer motorischen
Antwort integriert werden (Wilke 2000; Hofmaier 2005). Wird eine
Schädigung im System detektiert, scheint dies auch zu den beschriebenen
Veränderungen im motorischen Output – in diesem Fall in eine ungenaue
Winkelreproduktion - zu münden. Vor diesem Hintergrund kann man
postulieren, dass die entwickelte Methode in der Lage ist, zwischen
Patienten nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes im Zeitraum von
ungefähr einem Jahr nach der Operation von gesunden Kontrollpersonen zu
unterscheiden.
Die vielen unterschiedlichen Methoden, die die Auswirkung einer
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes aufgrund propriozeptiver Defizite
messen, machen es schwierig, die Ergebnisse mit denen anderer
Arbeitsgruppen zu vergleichen (Quante & Hille 1999; Wilke 2000; Hofmaier
2005). Die vorliegenden signifikanten Unterschiede in der Winkelreproduktion
zwischen beiden Gruppen werden auch von anderen Autoren sowohl bei
passiven, als auch bei aktiven Winkelreproduktionen beschrieben (Barrett
1991; Jerosch & Prymka 1996; Fremerey et al. 1998; Fisher-Rasmussen et
al. 2000; Wilke 2000) und auf eine defizitäre afferente Information aus dem
betroffenen Kniegelenk zurückgeführt.
Im Gegensatz dazu konnten Reider et al. (2003) in einer sehr umfassenden
und nach eigener Aussage der einzigen Längsschnittuntersuchung nach
Rekonstruktion unter Zuhilfenahme von externen Kontrollpersonen signifikant
bessere Genauigkeiten in der Winkelreproduktion vor, sowie sechs Monate
nach der Rekonstruktion im Vergleich zu einer externen Kontrollgruppe
messen. Diese Untersuchung soll beispielhaft für andere Untersuchungen
Kritikpunkte beschreiben, warum sich die Ergebnisse möglicherweise nicht
einheitlich darstellen.
Bei der Betrachtung der benutzten Methode fällt auf, dass die Teilnehmer -
aus einer Vollstreckung heraus (hier definiert mit 0°) - Winkel mit einer
Flexionsbewegung reproduzieren sollten. Dies stellt im Vergleich zur sonst
angewandten Methode einen Gegensatz dar. Zumeist wird aus einer 90°
Flexion in die Extension reproduziert. Bei der von Reider beschriebenen
Methode müssen aufgrund einer anderen Aufgabenstellung andere
Informationen integriert werden (die in der Flexion im übrigen nicht erwarten
Diskussion 141
lassen, dass sich die Ergebnisse der Kreuzbandpatienten von denen der
gesunden Kontrollgruppe unterscheiden) (Davies et al. 1984; Seto et al.
1988; Elmquist et al. 1988). Als zusätzlicher Kritikpunkt fällt auf, dass zufällig
zehn unterschiedliche Winkelstellungen reproduziert werden müssen (von 0
– 90 °). Da unterschiedliche Winkelstellungen verschieden große
Abweichungen in der Reproduktion nach sich ziehen, also der ausgewählte
Winkel durchaus einen Einflussfaktor darstellt (Jerosch et al. 1996), bedeutet
eine zufällige Wahl der Winkelstellungen schon Unterschiede in der
Winkelreproduktion. Außerdem wurde die externe Kontrollgruppe nur einmal
gestestet (10 Winkelreproduktionen) und die Patientengruppe vor, sowie zu
vier Messzeitpunkten nach der Rekonstruktion (50 Reproduktionen). Die
Autoren selbst merken an, dass ein möglicher Lerneffekt hier wohl eine Rolle
spielen könnte. Vor diesem Hintergrund könnte darüber spekuliert werden,
ob die Methode von Reider et al. (2003) überhaupt geeignet ist, Unterschiede
zwischen den Untersuchungsgruppen festzustellen.
Des Weiteren wurde in der vorliegenden Arbeit die Zeit vom
Bewegungsanfang bis zum Erreichen des Zielwinkels erhoben. Diese Latenz
ist in beiden Gruppen über alle Messzeitpunkte relativ gleich. Das bedeutet,
dass die Kreuzbandpatienten nicht mehr Zeit zum „Finden“ des Winkels
benötigen. Möglicherweise spielen hier noch andere psychologische
Dispositionen eine Rolle (z.B. Entscheidungsverhalten), so dass sich der
Parameter im Rahmen einer Winkelreproduktion scheinbar nicht eignet,
Einflüsse einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes darzustellen.
Es wurde schon darauf hingewiesen, dass die Außenansicht allein nur
Spekulationen bezüglich der Veränderungen des sensomotorischen Systems
zulässt. Als erster Schritt zur Innenansicht wurde die neuromuskuläre
Aktivität während der Winkelreproduktionen analysiert.
Neuromuskuläre Aktivität
Die Patienten mit rekonstruiertem vorderen Kreuzband unterschieden sich in
der mittleren integrierten EMG Aktivität des M.rectus femoris, M.vastus
medialis und M.vastus lateralis sowohl in der betroffenen, als auch in der
nicht-betroffenen Extremität nicht signifikant von der gesunden
Kontrollgruppe. Allerdings ist erkennbar, dass die integrierte elektrische
Diskussion 142
Aktivität der Muskulatur in der Kreuzbandgruppe in allen drei abgeleiteten
Muskeln geringer ausfällt. Dies ist insbesondere im Vergleich des M.vastus
medialis der betroffenen Seite im Vergleich zu den Kontrollpersonen
erkennbar (M5-M8).
Die von Fink et al. (1994) beschriebene besonders starke, signifikante
Verminderung der elektrischen Aktivierung des M.vastus medialis konnte
bestätigt werden. Dieser Muskel wies in der Untersuchung den deutlichsten
Unterschied in der Aktivierung zu den gesunden Kontrollpersonen auf, die im
Vergleich des betroffenen Seite und der gesunden Kontrollgruppe zu zwei
Messzeitpunkten Signifikanzniveau erreichte.
Die vorliegenden Ergebnisse stimmen nur teilweise mit den publizierten
Messungen in diesem Bereich überein. Häufig wird über eine
Minderaktivierung der Kniegelenksstrecker berichtet, die allerdings kein
Signifikanzniveau erreicht. Einen weiteren möglichen Einflussfaktor
untersuchten Cooper et al. (1999). Sie erhoben die elektrische Aktivität
während isometrischer Kontraktionen im Längsschnitt nach der Operation zu
verschiedenen Messzeitpunkten. In den Ergebnissen zeigt sich, dass die
Kreuzbandpatienten signifikant geringere elektrische Aktivierungen der
Streckergruppe zu den Zeitpunkten drei und fünf Monate postoperativ
aufweisen. Dieser signifikante Unterschied lässt sich sechs Monate nach der
Rekonstruktion nicht mehr nachweisen. Die Autoren schließen daraus, dass
auch der Faktor Zeit nach Operation hier eine Rolle spielt. Freiwald et al.
(1993) schreiben im Zusammenhang mit einer Minderaktivierung der
Kniegelenksstrecker einer vom zentralen Nervensystem induzierten
Hemmung eine große Bedeutung zu. Spekulationen führen zu der Annahme,
dass diese Hemmung möglicherweise evolutionär bedingt ist (Freiwald et al
1999) und dem Schutz der betroffenen Strukturen dienen könnte (Engelhardt
2001; Baumeister 2002; St Clair Gibson 2002).
Um mögliche Veränderungen im Zusammenspiel der beteiligten Muskeln
aufzudecken, wurde der jeweilige prozentuale Anteil der einzelnen
Muskelaktivitäten an der Gesamtbewegung berechnet. Dabei ist die
signifikant höhere prozentuale Beteiligung während der ersten beiden
Durchgänge des M.vastus lateralis der betroffenen Seite der ACL-Gruppe
(M5 und M6) auffällig. Die weiteren Durchgänge weisen einen ähnlichen
Diskussion 143
Unterschied zwischen den Gruppen auf, erreichen aber kein
Signifikanzniveau. Dieser Unterschied stellt eine deutlich höhere
Muskelaktivierung in der ACL-Gruppe dar, wohingegen die Aktivität des
M.vastus medialis vermindert ist. Es scheint, als ob hier ein
Kompensationsmechanismus vorliegen könnte, der eine Verminderung der
Aktivität des M.vastus medialis mit einer Aktivitätssteigerung des M.vastus
lateralis und damit mit einer Stabilisierung beantwortet. Möglicherweise
deuten die erhobenen Ergebnisse diese veränderte Strategie der
Muskelaktivierung nur an, da auch hier dem Faktor vergangene Zeit seit der
Operation Bedeutung beizumessen ist.
Engelhardt (1998) weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nur ein
akutes Trauma bzw. eine zusätzliche Immobilisation zu einer deutlichen
Reduzierung der Aktivität führt. So konnte die Arbeitsgruppe um den Autor zu
frühen Zeitpunkten nach vorderer Kreuzbandplastik eine Minderaktivierung
feststellen (Engelhardt et al. 1994; Engelhardt et al. 1997; Freiwald et al.
1994), die längere Zeit nach der Rekonstruktion nicht mehr auffällt. Hier
könnten stabilisierte Kompensationsmechanismen, die möglicherweise auch
die nicht betroffene Extremität beeinflussen, eine Rolle spielen (Konishi et al.
2003; Papadonikolakis et al. 2003), bei denen der Organismus gelernt hat,
die Funktionalität des Kniegelenkes aufrecht zu erhalten und beide
Extremitäten in der Strategie der elektrischen Muskelaktivierung mit der Zeit
anzupassen.
Zentrale Parameter
Die zentrale Verarbeitung während der sensomotorischen Aufgabe der
Winkelreproduktion stellt sich nach Rekonstruktionen des vorderen
Kreuzbandes im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen verändert dar.
Anhand der Ergebnisse kristallisieren sich insbesondere im
Gruppenvergleich das frontale Theta-Leistungspektrum und die parietale
Alpha-2 Frequenz als sensitive Indikatoren heraus.
In der vorliegenden Untersuchung liegt während der Winkelreproduktion eine
signifikant höhere Theta-Leistung (F3, F4, F8 und O2) in der ACL-Gruppe zu
allen Messzeitpunkten vor.
In Lehrbüchern wird das Theta-Frequenzband oft im Zusammenhang mit
Diskussion 144
Tiefschlaf oder dösigem Wachzustand beschrieben (Birbaumer & Schmidt
2006; Lutzenberger 1985; Cooper 1984). Ein solcher Zusammenhang kann
an dieser Stelle für die vorliegenden Ergebnisse mit Hilfe der Literatur
widerlegt werden. Der beschriebene „dösige Wachzustand“ wird durch den
niedrigen Anteil der Theta Frequenz (4-5 Hz) abgebildet (Makeig et al. 1995)
und zeigt sich vermehrt in parietalen Elektrodenpositionen (Davies et al.
1937; Gevins et al. 1977). Abgesehen davon, dass bei der vorliegenden
Untersuchung das Theta Frequenzspektrum mit 4,75 – 6,75 Hz festgelegt
wurde und somit den für diesen Zustand charakteristischen Anteil von 4-5 Hz
fast nicht erhebt, zeichnen sich die höchsten Theta-Leistungen und die
Gruppenunterschiede in frontalen Hirnarealen ab. Somit kann der in
Lehrbüchern postulierte Zustand des „Dösens“ das oben beschriebene
Phänomen nicht erklären. Es muss also noch einen anderen Zusammenhang
geben.
In kognitiven und visuomotorischen Studien wurde die frontale Theta-
Leistung als Ausdruck fokussierter Aufmerksamkeit bzw. der Beanspruchung
des Arbeitsgedächtnisses beschrieben. Gevins et al. (1997) konnten anhand
eines kognitiven Arbeitsgedächtnistestes (3-back Test) zeigen, dass ein
Anstieg der frontalen Theta-Frequenz (insbesondere fronto-zentral) mit einer
höheren Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses einhergeht. Diese
Ergebnisse werden von anderen Autoren unterstützt (Schacter et al. 1977,
Yamaguchi et al. 1981, Wilson et al. 1999), so dass angenommen werden
kann, dass ein positiver Zusammenhang zwischen Arbeitgedächtnis-
beanspruchung und frontaler Theta-Leistung besteht. Im Bezug auf
sensomotorische Aufgaben (insbesondere Trackingaufgaben) fanden Smith
et al. (1999), Fournier et al. (1999) und Slobounov et al. (2001) ebenfalls den
oben beschrieben Zusammenhang zwischen steigender
Aufgabenkomplexität und dem damit einhergehenden Anstieg der spektralen
Theta-Leistung. Smith et al. fanden bei der Durchführung eines Videospiels
(„Space Fortress“: ein Spiel, bei dem der Proband mit dem Joystick
ausweichen muss und das eine simultane Aufmerksamkeit auf verschiedene
Subitems erfordert) signifikant höhere frontale Theta-Leistungen, wenn die
Probanden das komplexe Gesamtspiel (whole task) trainierten im Vergleich
zur Übung einzelner Teile des Spiels (part task). Zu ähnlichen Ergebnissen
Diskussion 145
kamen Slobounov et al. (2001). Sie ließen eine Probandengruppe das
Videospiel „Frustrated Maze“ spielen, ein Spiel, bei dem ein Ball mit dem
Joystick durch ein Labyrinth an Gängen zum Ausgang geführt werden muss.
Der Schwierigkeitslevel wurde dadurch erhöht, dass die Probanden unter
Zeitdruck gesetzt wurden. Auch hier fanden die Autoren in der schwierigeren
Situation unter Zeitdruck die höheren spektralen Theta-Leistungen, die sich
auch hier im frontalen Kortex abbildeten. Die Aufgabe bei Fournier et al.
(1999) bestand darin, mit Joystick und Maus eine Multi-Attribute-Task-Battery
(MATB, bestehend aus vier Tasks) zu steuern Dabei wurde die
Aufgabenkomplexität durch die Durchführung einzelner im Gegensatz zu
allen vier Aufgaben gemeinsam manipuliert. Auch hier zeigte sich bei der
komplexeren Multitasking Aufgabe eine erhöhte Theta-Leistung. Allerdings
stellte sich diese topographisch nicht frontal sondern in zentralen, parietalen
und okzipitalen Kortexarealen ein. Die Autoren führen dies in ihrer
Diskussion auf die Aufgabenspezifität zurück.
Andere Autoren beschreiben den Anstieg der Theta-Leistung mit fokussierter
Aufmerksamkeit während der Aufgaben (Smith et al. 1999, Slobounov et al.
2000, Grunwald et al. 2003). Die Anwendung von Dipol-Analysen bei Theta-
Entladungen anhand des EEG bei gleichzeitigen fMRI Messungen konnten
die Region isolieren, die als Quelle der Theta-Bursts in Frage kommt: das
Areal des anterioren cingulären Cortex (ACC Brodmann Area 24 und 32;
Gevins et al. 1997; Ishii et al. 1999). Verschiedene Neuroimaging-
Untersuchungen, sowie Studien zu Gehirnläsionen, konnten diese Region als
wichtige Komponente des menschlichen Aufmerksamkeitssystems
ausweisen (Janer et al. 1990; LaBerge et al. 1990; Posner et al. 1990; Vogt
et al. 1992). So wurde eine erhöhte Theta-Leistung immer dann gemessen,
wenn es in den Aufgabenstellungen inhaltlich um fokussierte Aufmerksamkeit
und Konzentration ging. Zusammen mit dem angenommenen Generator der
Theta-Entladung deutet viel darauf hin, dass hier ein Indikator für den Einsatz
aufgabenspezifischer Aufmerksamkeitsressourcen gefunden wurde. Vor
diesem Hintergrund kann man postulieren, dass in der vorliegenden
Untersuchung die fokussierte Aufmerksamkeit der ACL-Gruppe höher ist, als
die der gesunden Kontrollgruppe. Dies trifft nicht nur auf die betroffene
Extremität zu. Hier scheint ein übergreifender Mechanismus existent zu sein,
Diskussion 146
der die Theta-Leistung auch während der Winkelreproduktion mit der
gesunden Seite als Folge höherer Aufmerksamkeit ansteigen lässt. Somit
konnte gezeigt werden, dass auch die gesunde Extremität der
Kreuzbandverletzten bei Winkelreproduktionen „betroffen“ ist.
Eine weiterer zentraler Parameter zeigt einen Einfluss einer Rekonstruktion
des vorderen Kreuzbandes: die parietale Alpha-2 Frequenz. Das Alpha-
Frequenzband wird in der Literatur üblicherweise in zwei Komponenten
unterteilt: einen langsamen (Alpha-1: 7,0-9,5 Hz) und einen schnellen Anteil
(9,75 -12,5 Hz). Die Gruppenunterschiede zeigen sich in signifikant
geringeren Leistungen ausschließlich in der betroffenen Extremität der ACL-
Gruppe verglichen mit den Kontrollpersonen im Alpha-2 Frequenzband in
den parietalen Arealen (Pz, P3, P4), die den somatosensorischen Kortex
repräsentieren und für die sensorische Verarbeitung zuständig sind
(Birbaumer & Schmidt 2006). Die Aktivität des Alpha-Frequenzbandes wird in
ausgedehnten Arealen des Kortex generiert und durch thalamo-kortikale und
kortiko-kortikale Interaktionen moduliert (Lopes da Silva et al. 1991). Eine
Aktivierung der Alpha Frequenz wird in der Literatur häufig mit einem
„kortikalen Leerlauf“ („cortical idling“; Gevins 1980; Pfurtscheller 1992; Smith
1999; Shaw 2003) umschrieben. Im Vergleich zur langsamen Alpha-1
Frequenz, die sich im Zusammenhang mit unspezifischer Aufmerksamkeit
und Erwartung eher in parieto-zentralen Hirnregionen zeigt, ist die schnelle
Alpha-2 Frequenz aufgabenspezifisch sensitiv für variierende kognitive und
sensorische Anteile in occipito-parietalen Regionen (Klimesch et al. 1993;
Klimesch et al. 1994). Dabei äußert sich eine Aktivierung kortikaler
Neuronenpopulationen in einem Absinken der Alpha Frequenz, ist also
umgekehrt proportional (Steriade 1981; Shaw 2003). Bezogen auf die
vorliegenden Ergebnisse bedeutet dies zunächst einmal, dass die
betroffenen Seite der Kreuzbandpatienten eine signifikant höhere neuronale
Aktivierung in den für sensorische Verarbeitung zuständigen Arealen bei den
Winkelreproduktionen erfährt als die gesunde Kontrollgruppe. Dieser
Zusammenhang würde darauf hindeuten, dass die gesunden
Kontrollpersonen ökonomischer mit ihren Ressourcen umgehen (können)
und dahingehend aufgabenspezifische Strategien entwickelt haben.
Möglicherweise ist dies ein Hinweis darauf, dass die angenommenen
Diskussion 147
veränderten propriozeptiven Informationen (Johansson et al. 1991; Wojtys et
al. 1994; Valeriani. et al 1996; Fremerey et al. 2000; Ageberg 2002;
Sjölander et al. 2002; Kapreli et al. 2006), die im somatosensorischen Kortex
einlaufen, eine höhere neuronale Aktivität erfordern (gekennzeichnet durch
eine niedrigere Alpha-2 Aktivität), als die „bekannten“ Informationen der
gesunden Kontrollgruppe. Zu ähnlichen Ergebnissen anhand einer
sportmotorischen Zielbewegung kommen auch Häufler et al. (2000). Sie
fanden beim Zielen im Schießsport ebenfalls signifikante höhere Leistungen
im Alpha-2 Frequenzband in parietalen Arealen bei Könnern im Vergleich zu
Anfängern. Sie diskutieren ihre Ergebnisse mit einer relativen Ökonomie in
der kortikalen Verarbeitung der Könner während des Zielens. Auch hier
gehen die bekannten sensorischen Informationen bei den Könnern im
Gegensatz zu den Anfängern mit einer „effektiveren“
Informationsverarbeitung (gekennzeichnet durch geringere
Neuronenaktivität) einher. Damit unterstützen die Autoren die Ergebnisse der
vorliegenden Untersuchung.
In der Literatur, wie auch in dieser Untersuchung zeigen sich immer wieder
Veränderungen in ähnlichen kortikalen Parametern. Gibt es einen
Zusammenhang von frontaler Aufmerksamkeitsintensität in Form von
Variationen der Thetafrequenz und der Ressourcenbeanspruchung der
sensorischen Informationsverarbeitung in Form der parietalen Alpha-2
Frequenz? Aufgrund des Vorhandenseins von Assoziationsbahnen zwischen
diesen Arealen wäre ein Zusammenhang durchaus denkbar.
Nach Birbaumer & Schmidt (2006) sind sowohl der frontale, als auch der
parietale Kortex in die Prozesse des Arbeitsgedächtnisses involviert.
Sauseng et al. (2005) konnten mit EEG Kohärenzanalysen nachweisen, dass
die beiden Frequenzen Theta und Alpha-2 in einem fronto-parietalen
Netzwerk agieren, die exekutive Funktionen des Arbeitsgedächtnisses
darstellen. Traditionell wurde diese Entscheidungsmodalität des
Arbeitsgedächtnisses („central executive“), die ein Aufmerksamkeits-
Kontrollsystem zur Strategieauswahl und Kontrolle der Aufgabenverarbeitung
darstellt, immer im frontalen Kortex angesiedelt (für ein Review siehe Collette
et al. 2002). Eine wachsende Zahl an Publikationen unterstützen aktuell die
Ansicht, dass diese beschriebenen exekutiven Funktionen auf ein fronto-
Diskussion 148
parietales Netzwerk zurückzuführen sind, das im weitesten Sinne den visuell-
räumlichen Zweig des Arbeitsgedächtnisses repräsentiert (Baddeley et al.
1998; Collette et al. 1999; Kondo et al. 2004; Osaka et al. 2004; Sauseng
2005). Diese Beteiligung des frontal-parietalen Netzwerkes am visuell-
räumlichen Arbeitsgedächtnis wurde anhand unterschiedlicher Methoden,
der Elektroenzephalographie (McEvoy et al. 2001; Sauseng et al. 2004), der
funktionellen Magnetresonanz-Tomographie (Kondo et al. 2004; Osaka et al.
2004) und der Positronen-Emmissions-Tomographie (Collette et al. 1999),
meist bezüglich kognitiver Arbeitsgedächtnistests nachgewiesen.
Dies kann für die vorliegende Untersuchung nur den theoretischen Rahmen
bilden, da keine EEG-Kohärenzen, sondern nur Funktionszustände auf
kortikaler Ebene erfasst wurden. Bezogen auf die Ergebnisse der
Winkelreproduktion könnte dies bedeuten, dass beide Teile des
Arbeitsgedächtnisses bei der Winkelreproduktion beteiligt sind und sich
anhand der in diesen Hirnregionen gemessenen Parametern eine höhere
Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses zeigen lässt.
Die während der Winkelreproduktion einlaufenden afferenten Informationen
stehen nur sehr kurze Zeit zur Verfügung und müssen vor ihrer
Bewusstwerdung auf Neuheit bzw. Bekanntheit untersucht werden. Damit die
Neuheit einer Information erkannt werden kann, muss diese mit bekannten
oder ähnlichen Inhalten aus dem Langzeitgedächtnis verglichen werden
(Klimesch 1997; Birbaumer & Schmidt 2006). Dieser Vergleich von aktueller
und erwarteter (gespeicherter) Information im Langzeitgedächtnis wird dem
parietalen Gehirnareal zugeschrieben („long term memory system (LTMS)
retrieval“; Klimesch 1997; Klimesch 1998; Sauseng 2002). Die „Neuheit“ der
afferenten Informationen lässt die neuronale Aktivität beim Vergleich der
Inhalte mit dem Langzeitgedächtnis im parietalen Kortex ansteigen, was sich
in einem Abfall der parietalen Alpha-2 Leistung äußert.
Im Moment des Vergleichsprozesses zwischen ankommenden und
gespeicherten Reizmustern spielt die Aufmerksamkeit eine Rolle. Die
Intensität der Aufmerksamkeitszuwendung und der Reaktionsvorbereitung
hängt nach Birbaumer & Schmidt (2006) offensichtlich vom Resultat des
Vergleiches ab. Jede Abweichung von der „Erwartung“ – der sogenannte
´mismatch´ (das, was wir subjektiv als Grad der Neuheit empfinden) - löst
Diskussion 149
dabei eine Orientierungsreaktion aus, deren Intensität proportional zum
Ausmaß des ´mismatch´ ist. Für das Beispiel der Winkelreproduktion könnte
das bedeuteten, dass bei den Patienten nach Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes im Vergleich zu den Gesunden veränderte afferente
Informationen im Arbeitsgedächtnis einlaufen, die einen ´mismatch´ beim
Vergleich des einlaufenden Reizmusters zum Erwarteten erzeugt. Aufgrund
dieses mismatches ist die Intensität der Aufmerksamkeitszuwendung höher.
Wird eine bekannte Information identifiziert, wird sie kodiert, zur
Handlungsvorbereitung überführt und im Langzeitgedächtnis gespeichert
(Shiffrin et al. 1974; Klimesch 1997; Birbaumer & Schmidt 2006).
Bezogen auf die vorliegende Untersuchung könnte die geringere Alpha-2
Leistung im Zusammenhang mit der höheren frontalen Theta-Leistung
innerhalb dieses fronto-parietalen Netzwerkes auf eine höhere
Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses bei den Patienten nach
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes hindeuten. Damit würde sich der
Einfluss der Schädigung des Kniegelenkes in einer erhöhten Beanspruchung
des Arbeitsgedächtnisses niederschlagen. Die Ergebnisse deuten darauf hin,
dass diese Beanspruchung über die Messung der frontalen Theta und
parietalen Alpha-2 Frequenz messbar ist.
Zusammenfassend kann man postulieren, dass die in dieser Untersuchung
eingesetzte Methode den Einfluss einer Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes auf die Ergebnisse einer Winkelreproduktion als Ausdruck von
bestehenden Defiziten im sensomotorischen System sichtbar macht und für
den Einsatz in der Therapie geeignet scheint. Der Vergleich der
neuromuskulären Aktivitäten deutet auf unterschiedliche Strategien zur
Ausführung der Aufgabe (Winkelreproduktion) hin. Hier scheint der M.vastus
lateralis in der Kreuzbandgruppe eine stabilisierende Funktion nach der
Rekonstruktion des Kreuzbandes einzunehmen. Die diskutierten zentralen
Einflüsse der Rekonstruktion zeigen, dass sowohl die frontale Theta-Leistung
als Aufmerksamkeitsindikator, als auch der für den Vergleich der afferenten
Information mit dem Langzeitgedächtnis zuständigen parietalen Hirnregionen
(sichtbar im Alpha-2 Frequenzband) als Teile des visuell-räumlichen
Arbeitsgedächtnisses beeinflusst werden. Dies kann mithilfe der
Elektroenzephalographie gemessen werden. Damit können die
Diskussion 150
Spekulationen anderer Autoren über zentrale Veränderungen nach
Kreuzbandrekonstruktion experimentell bestätigt werden.
7.1.2 Einfluss von Übung im Zeitverlauf auf die peripheren und zentralen
Parameter während der Winkelreproduktionen
Innerhalb dieser Untersuchung wurde Wert darauf gelegt, den Probanden die
Möglichkeit zu geben, die Winkelreproduktionen zu üben und dadurch ihre
Performance zu verbessern. Die in der Literatur beschriebenen
sensomotorischen Tests in den drei propriozeptiven Modalitäten
Stellungssinn, Kraftsinn und Bewegungssinn legten ihre Priorität immer auf
den Vergleich unterschiedlicher Gruppen insbesondere nach Verletzungen /
Schädigungen des Bewegungssystems (Sprunggelenk, Knie, Schulter etc.).
Der Aneignungsprozess selbst wurde in diesem Themenzusammenhang nie
beschrieben, hat aber doch eine große Bedeutung für die Therapie.
Innerhalb der Untersuchung wurde die Konstellation der Aufgabe so gewählt,
dass ein gleich bleibender Winkel (40°) nach vorheriger kurze Übungsphase
mit visuellem Feedback mit geschlossenen Augen reproduziert werden sollte.
Dies sollte für jede Extremität innerhalb von drei Minuten in vier Messblöcken
geschehen. Damit war den Probanden eine standardisierte Gelegenheit
gegeben, sich die Winkelreproduktion anzueignen.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich beide Gruppen jeweils vom ersten bis zum
vierten Messblock mit beiden Extremitäten verbesserten. Die Verbesserung
in der Leistung war sowohl für die Kontrollgruppe zu Beginn der
Untersuchung (M1-M4), als auch für die ACL-Gruppe während der
Reproduktionen mit der betroffenen Seite (M5-M8) signifikant. Aufgrund der
Ergebnisse kann man annehmen, dass sich der Aneignungsprozess in
beiden Gruppen gleich darstellt und sich in einer verbesserten Leistung zeigt.
Nach Schmidt & Lee (2000) bildet sich motorisches Lernen in einer
veränderten Leistung ab. Wird diese Leistung durch einen Fehler
ausgedrückt, verkleinert sich dieser im Übungsverlauf. Während der
Winkelreproduktion trifft dies für beide Untersuchungsgruppen zu. Im
Übungsverlauf nimmt die Abweichung vom Zielwinkel ab. Damit wäre das
erste in der Zielstellung geforderte Kriterium für motorisches Lernen –
Leistungsverbesserung - in beiden Gruppen mit beiden Extremitäten
Diskussion 151
bestätigt. Zur Überprüfung des zweiten aufgestellten Kriteriums – der
Ökonomisierung, werden nun die neuromuskulären und kortikalen Aktivitäten
in den Focus gerückt.
Bei der Durchführung einer neuen Bewegung kommt es vor, dass die
beteiligten Muskeln nicht typischerweise von Beginn an effektiv koordiniert
zusammenarbeiten. Falls dies der Fall wäre, würde man erwarten, das sich
im Verlauf des Übens der Bewegung die für das Ziel effektivste
Muskelaktivierung und intermuskuläre Koordination herauskristallisiert
(Carson et al. 2001). In den vorliegenden integrierten EMG Daten während
der Winkelreproduktion sind im Übungsverlauf in beiden Gruppen keine
Trends in der Muskelaktivierung zu erkennen. Das bedeutet, dass sich der
angedeutete Aneignungseffekt, der sich in einem geringer werdenden Fehler
über die Messzeitpunkte in der Performance äußert, in der gegebenen
Konstellation während der Winkelreproduktion nicht in der neuromuskulären
Aktivität äußert.
Kann man demgegenüber eine Ökonomisierung der kortikalen Aktivität
erkennen? Betrachtet man die Aneignungsphase der Extremitäten beider
Gruppen stellen sich in den Frequenzbändern Theta, Alpha-1 und Alpha-2
Veränderungen ein.
Das Theta-Frequenzband zeigt in den frontalen Elektrodenpositionen in
beiden Extremitäten der Gruppen geringfügige Erhöhungen der
Leistungswerte vom ersten bis zum letzten Messzeitpunkt, die sich in der
ACL-Gruppe an Fz (M1-M4) und in der Kontrollgruppe an F3 (M5-M8)
signifikant darstellen. Diese Ergebnisse werden von Smith et al. (1999)
unterstützt, die eine Erhöhung der Theta-Leistung im Verlauf des Übens
einer visuomotorischen Aufgabe (joystickgesteuertes Videospiel) fanden.
Dies scheint unabhängig davon zu sein, welche Art Aufgabe bearbeitet wird.
Die Autoren konnten dies sowohl in der beschriebenen visuomotorischen, als
auch in einer kognitiven Aufgabe nachweisen. Auch scheint die
Aufgabenkomplexität bzw. –schwierigkeit dabei keine Rolle zu spielen. Die
Autoren argumentieren, dass eine mit der Theta-Leistung in proportionalem
Zusammenhang stehende Aufmerksamkeitssteigerung nötig ist, um die
Aufgaben adäquat zu bewältigen. Mentale Ermüdung könnte in diesem
Zusammenhang eine Rolle spielen. Es müssten vermehrt
Diskussion 152
Aufmerksamkeitsressourcen zur Verfügung gestellt werden, um eine
adäquate Aufgabenbearbeitung zu gewährleisten. Genaueres ist über die
zugrunde liegenden Mechanismen bisher nicht bekannt.
Auch in der Alpha Frequenz ist mit zunehmender Übung in beiden
Komponenten, der langsamen Alpha-1 Frequenz und dem schnellen Alpha-2
Frequenzband, eine Zunahme der Leistungswerte festzustellen. Ein
Ansteigen beider Komponenten zeigt eine geringer werdende, neurale
Aktivierung in der betreffenden Region an (Gevins et al. 1997; Smith et al.
1999; Shaw 2003). Dabei zeigt sich die Alpha-1 Frequenz verteilt über den
gesamten Kortex im Zusammenhang von unspezifischer Aufmerksamkeit,
wohingegen sich die Alpha-2 Frequenzen aufgabenspezifisch in parieto-
okzipitalen Kortexregionen finden (Klimesch 1997 ; Shaw 2003). Während
die Probanden die Winkelreproduktion über die Messzeitpunkte wiederholt
durchführen, steigen nicht nur zwischen M1 und M4 die globalen über alle
Elektrodenwerte gemittelten Alpha-1 Leistungen, sondern als auch die an
verschiedenen Elektrodenpositionen in beiden Untersuchungsgruppen an.
Zunächst einmal deutet dies Ergebnis darauf hin, dass mit der Aneignung der
Winkelreproduktion die neurale Aktivität geringer wird. Dies kann im Sinne
einer Ökonomisierung gesehen werden, so dass die Versuchspersonen im
Übungsverlauf mit geringerem neuralem Aufwand bessere oder gleiche
Leistungen erzielen. Smith et al. (1999) beschreiben, dass die langsame
Alpha-1 Frequenz als Indikator für allgemeine Aufmerksamkeitsprozesse
gesehen werden kann. Halsband & Lange (2006) weisen darauf hin, dass die
Aneignung einer neuen motorischen Aufgabe bei sensomotorischen
Aufgaben einen engen Zusammenhang zur Aufmerksamkeit aufweist. Eine
Steigerung der Alpha-1 Leistungswerte würde demnach für einen Rückgang
der Aufmerksamkeit sprechen und auf eine Stabilisierung des Lernzustandes
hindeuten.
Die zweite Alpha-Komponente (die schnelle Alpha-2 Frequenz) zeigt
während der Winkelreproduktionen in parietalen und temporalen Arealen
eine Erhöhung der Leistungswerte, die mit der wiederholten Übung der
Aufgabe auftreten. Dieser Anstieg der Leistungswerte tritt vermehrt in der
zweiten Hälfte der Untersuchung (M5-M8) auf (P3, T4, T5, T6). Es ist
bekannt, dass die Alpha-2 Frequenz vermehrt aufgabenspezifisch in der
Diskussion 153
sogenannten parietal-temporal-okzipetalen Region (PTO; Gevins et al. 1997;
Smith et al. 1999) auftritt. Parallel zur Alpha-1 Frequenz ist die Aktivität in
diesem Frequenzband umgekehrt proportional zu der neuronalen Aktivität in
diesen Gehirnregionen (Gevins et al. 1997; Klimesch 1997; Smith et al. 1999;
Shaw 2003). Eine Steigerung bei wiederholter Übung ist als Abnahme der
neuronalen Aktivität in diesen Gebieten zu werten, was ebenfalls für eine
Ökonomisierung der informationsverarbeitenden Prozesse auf zentraler
Ebene spricht. Auch Etnier et al. (1996) konnten zeigen, dass bei der
Aneignung einer neuen Aufgabe nicht nur mit fortlaufender Übung die
Performance von Schützen immer besser wurde, sondern damit auch ein
Anstieg der Alpha Frequenz verbunden war. Allerdings unterschieden die
Autoren nicht zwischen einer schnellen und einer langsamen Alpha
Frequenz. Sie schlossen daraus, dass ein Anstieg in der spektralen Alpha-
Leistung mit der Aneignung einer neuen Aufgabe in Zusammenhang steht.
Auch Smith et al. (1999) bestätigen die Ergebnisse, dass mit zunehmender
Übung bei visuomotorischen Aufgaben die Alpha-2 Frequenz ansteigt. Bei
kognitiven Aufgaben konnten sie feststellen, dass sich mit Übung einer
Aufgabe die Performance verbessert und die Alpha-2 Frequenz ansteigt. Die
genannten Autoren erklären dieses Phänomen damit, dass mit der
Stabilisierung der Fertigkeit weniger kortikale Ressourcen benötigt werden.
Der Anstieg der parietalen Alpha-2 Leistung könnte spekulativ darauf
zurückzuführen sein, dass im Zusammenhang mit dem das visuell-räumliche
Arbeitsgedächtnis abbildende fronto-parietalen Netzwerk (Sauseng et al.
2002; Kondo et al. 2004; Osaka et al. 2004; Sauseng et al. 2005) der
Vergleich der einlaufenden Information aus der Körperperipherie mit den
erwarteten Inhalten durch Wiederholung weniger Ressourcen benötigt.
Temporal wurden ebenfalls Anstiege der spektralen Leistungswerte
gefunden, die häufig im Zusammenhang mit dem Lernzustand („skill level“;
Häufler et al. 2000; Crews et al. 1993; Übersicht bei Hatfield et al. 2004)
diskutiert wurden. Spekulationen führen zu einem Zusammenhang mit dem
Langzeitgedächtnis (Ruchkin et al. 2003; Campo et al. 2005), die aber an
dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden sollen.
Die Ergebnisse deuten grundsätzlich darauf hin, dass sich während der
Winkelreproduktionen im Übungsverlauf ein Aneignungsprozess abbildet, der
Diskussion 154
sich in einer besseren Leistung (Abweichung vom Zielwinkel wird mit
wiederholter Übung geringer) und einer Ökonomisierung der
Gehirnaktivitäten zeigt. Da sowohl die Leistungsverbesserungen, als auch
die Veränderungen der elektrischen Aktivitäten in beiden Gruppen nach
denselben Mustern abzulaufen scheinen, deutet vieles darauf hin, dass der
grundsätzliche Aneignungsprozess von einer Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes nicht beeinflusst wird und denselben Regeln unterliegt.
7.1.3 Einfluss der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf die
mentale Vorstellung der Winkelreproduktion
Obwohl die statistische Analyse der mentalen Vorstellung der
Winkelreproduktion einen signifikanten Unterschied in der Alpha-2 Frequenz
an der Elektrodenpositionen O1 und O2 – und nur dort – ermittelte, ist es
anhand der Messkonstellation nicht möglich, die beiden Gruppen
voneinander zu unterscheiden. Die Idee, eine Erweiterung der
diagnostischen Möglichkeiten bei Kreuzbandpatienten anhand der rein
mentalen Vorstellung einer sensomotorischen Aufgabe muss damit leider
verworfen werden. Betrachtet man den oben genannten Befund isoliert,
könnte dies auf eine höhere Beteiligung des visuellen Systems in den
okzipitalen Rindenregionen hindeuten. Roland & Friberg (1985) wiesen mit
PET Messungen während mentaler Vorstellungsphasen nach, dass der
visuelle Kortex während visueller Vorstellungen aktiv ist. Da dieser
Unterschied allerdings auch in der anschließenden Ruhephase auftritt,
spricht vieles dafür, dass sich die Gruppen schon in der Ausgangsbedingung
unterscheiden oder sich aber in der anschließenden Ruhephase Situationen
vorstellen, die nicht bekannt sind. So können die Faktoren, die für den
statistischen Unterschied verantwortlich sind, nicht eindeutig identifiziert
werden und lassen so auch nur Spekulationen zu.
Die Problematik in der Messung einer mentalen Vorstellung ergibt sich immer
aus dem Umstand, dass es schwierig erscheint, zu kontrollieren, ob die
gestellte Aufgabe – in diesem Fall die Winkelreproduktion – auch vom
Probanden wie gewünscht durchgeführt wird. Scheinbar reicht eine einfache
Aufgabenstellung nicht aus, die Bedingungen so zu kontrollieren, dass die
Diskussion 155
Ergebnisse Aussagekraft erhalten. Hansen (1992) versuchte, über die
Messung des Hautleitwertes während der mentalen Vorstellung, die
tatsächlichen Vorstellungsphasen von den Ruhephasen dazwischen zu
unterscheiden. Dies gelang dadurch, dass sich der Hautleitwert während der
Vorstellung erhöhte, um nach der Beendigung der Vorstellungsphase wieder
zurückzugehen. So entstand ein Muster, welches es der Autorin
ermöglichte, die Vorstellungsphasen relativ genau zu extrahieren.
Zur Kontrolle der Bedingungen während der mentalen Vorstellungsphase
untersuchten Marks et al. (1995) die mentale Vorstellungsfähigkeit von 16
Probanden anhand der Frage, ob sie sich die Bewegung visuell vorstellen
oder die Bewegung erfühlen („vivid or non-vivid imagers“). Dabei fanden sie
heraus, dass sich die beiden Vorstellungsarten in der kortikalen Aktivierung
unterschieden. Die Autoren schließen daraus, dass diese Unterscheidung,
die anhand eines Fragebogens (VVIQ, VMIQ) vorgenommen wurde, wichtig
für die Interpretation der Ergebnisse kortikaler Aktivitäten während mentaler
Vorstellungsphasen ist. Unterstützt werden sie mit ihrer Ansicht von Neuper
et al. (2005), die herausfanden, dass die „visuelle“ Vorstellung mit einer
unsystematischen Veränderung in den EEG Parametern einherging, die
„kinästhetische“ demgegenüber Aktivitäten in Regionen der
sensomotorischen Verarbeitung zeigte. Neuper et al. schließen daraus, dass
die Untersuchungsgruppen im Zusammenhang mit der Frage mentaler
Vorstellungen homogen im Sinne einer kinästhetischen Vorstellung
zusammengestellt werden sollten. Damit wäre die Frage nach der Art der
Vorstellung im Vorfeld eine weitere Möglichkeit, die
Untersuchungsbedingungen zu kontrollieren.
Abschließend weist Hansen (1992) darauf hin, dass spezifische
Aktivierungen in motorischen Arealen erst bei wiederholter Ausübung der
Vorstellung eintreten. Sie fand Veränderungen – insbesondere im Beta-1
Frequenzband – erst nach mehrmaliger Wiederholung der Aufgabe.
Da außer an den okzipitalen Elektrodenpositionen keinerlei signifikante
Unterschiede auftraten, könnte dies zu Spekulationen führen, dass die
Diagnostik im Rahmen einer Kreuzbandrekonstruktion auf die tatsächlichen
sensorische Informationen aus der Körperperipherie während der realen
Bewegung angewiesen ist, um die Gruppen erfolgreich identifizieren zu
Diskussion 156
können.
Vergleicht man die mentale Vorstellung der sensomotorischen Aufgabe
beider Gruppen mit der anschließenden Erholungsphase, stellt man fest,
dass die Beta-1 Frequenz nur in der ACL-Gruppe an verschiedenen
Positionen (frontal, zentral und temporal) signifikant zunimmt. In einem
Experiment, in dem sich in mentalem Training geübte Personen das
Durchschwimmen einer 100m Strecke vorstellen sollten, fand Hansen (1992)
signifikante Abnahmen im Beta-Frequenzbereich im Vergleich zu der
davorliegenden Ruhephase. Die Autorin beschreibt dieses Phänomen mit
einer Beta-Desynchronisation, die nach ihrer Ansicht einen
Aktivierungsprozess an den jeweiligen Positionen repräsentiert. Demnach
könnte der im vorliegenden Experiment gefundene Anstieg der Beta-1
Frequenz von der Vorstellungsphase zur anschließenden Erholungsphase
auf ein solches Aktivierungsphänomen in der ACL-Gruppe hinweisen.
Abschließend kann festgehalten werden, dass die mentale Vorstellung der
Winkelreproduktion in der vorliegenden Konstellation nicht in der Lage ist, die
Untersuchungsgruppen zu unterscheiden. Spekulationen könnten dahin
führen, dass eine Diagnostik in diesem Rahmen das tatsächlich (veränderte)
Feedback aus dem Kniegelenk benötigt. In diesem Zusammenhang müssen
zukünftig Methoden gefunden werden, die die Bedingungen während der
Vorstellungsphase möglichst eng kontrollieren.
7.2 Experiment II: die Kraftreproduktionen
Zur propriozeptiven Modalität des Kraftsinnes liegen in der Literatur kaum
Ergebnisse vor. Verschiedene Autoren weisen auf diesen Umstand hin und
merken an, dass es sich bei Kraftreproduktionstests durchaus um eine
potentiell erfolgreiche Methode handeln könnte, propriozeptive
Veränderungen aus der Peripherie aufzudecken (Pfeifer 2003; Héroux et al.
2005).
Auch in diesem Experiment lag der Schwerpunkt – parallel zu den
Winkelreproduktionen – auf den zentralen und peripheren Veränderungen im
Gruppenvergleich zwischen den Patienten mit rekonstruiertem vorderen
Kreuzband und gesunden Kontrollpersonen sowie in der Detektion von
Diskussion 157
Aneignungsstrategien im Übungsverlauf.
Mit denselben Instrumenten wie bei der Winkelreproduktion (VAS, STAI X1,
STAI X2, HAKEMP) wurde die Vergleichbarkeit der Gruppen sichergestellt.
Es konnten keine Unterschiede zwischen den Gruppen in den
anthropometrischen Daten und den subjektiven Befindlichkeiten gemessen
werden. In der erhobenen psychologischen Disposition zur
Handlungskontrolle weisen beide Gruppen eine gleiche Verteilung auf.
In diesem zweiten Experiment tritt bezüglich des momentanen
Angstempfindens ein der Winkelreproduktion vergleichbares Phänomen auf.
Auch hier unterscheiden sich die Werte in der momentanen Angstneigung
signifikant zum Ende der Untersuchung. Dies lässt sich anhand des
subjektiven Stressempfindens (VAS) stützen. Die Kreuzbandpatienten fühlen
sich zum Ende hin deutlich gestresster als die gesunden Kontrollpersonen.
Der Einfluss einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf die
momentane Angstneigung und die subjektive Befindlichkeit wurde schon
zuvor in der Literatur beschrieben (Barthel et al. 2004; Tripp et al. 2003) und
ist bekannt.
7.2.1 Einfluss der Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes auf
periphere und zentrale Parameter während der Kraftreproduktion
Performance
Der Kraftsinn wird als Sinnmodalität der Propriozeption dargestellt, die uns
Kräfte sehr gut abschätzen lässt. Birbaumer & Schmidt (2006) zufolge
zeichnet sich der Kraftsinn durch große Genauigkeit und präzise
Reproduzierbarkeit aus. Aus diesem Grunde wurden in der Vergangenheit
Kraftreproduktionstests als durchaus aussichtsreich in der Unterscheidung
von traumatologisch geschädigten Patienten verglichen mit gesunden
Personen angesehen (Pfeiffer 2003; Héroux et al. 2005). Der
Forschungsstand (Kap. 2.1.3) zu diesem Thema hat gezeigt, dass es kaum
Untersuchungen in diesem Bereich gibt und damit ein deutliches
Forschungsdefizit vorliegt. Diese Lücke sollte anhand der vorliegenden
Untersuchung geschlossen werden. Leider konnten die Erwartungen in den
Kraftreproduktionstest nicht erfüllt werden. In der Konstellation, 50% der
Diskussion 158
willkürlich aufwendbaren Maximalkraft zunächst mit visuellem Feedback zu
üben und daraufhin mit geschlossenen Augen zu reproduzieren konnte die
Methode die untersuchten Gruppen nicht unterscheiden. Der Ansatz der
Untersuchung gab den Probanden die Möglichkeit, mit jeder Extremität
wiederholt zu üben und anhand des visuellen Feedbacks einen Sollwert
herzustellen, der mit der Reproduktion ohne Feedback (Istwert) verglichen
werden kann. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass die Gruppen sich nicht
signifikant unterscheiden, mehr noch, dass in den Vergleichen der
Extremitäten keine klaren und aussagekräftigen Systematiken erkennbar
waren. In drei von vier Messzeiträumen ist die betroffene Seite der ACL-
Gruppe sogar besser.
Wie sind die Abweichungen von im Mittel 8-14 % im Hinblick auf die von
Birbaumer & Schmidt beschriebenen präzisen Reproduktionsleistungen
einzuordnen? West et al. (2005) konnten zeigen, dass Probanden ohne
jegliche vorherige Orientierung (z.B. eine Maximalkraftmessung) in der Lage
waren, eine Testanweisung – „mit 50% der maximalen isometrischen Kraft zu
drücken“ (im Sitzen in einem Kniegelenkswinkel von 60°) – mit einer im Mittel
nur 10%igen Abweichung umzusetzen. In diesem Bereich liegt auch die
Abweichung beider Gruppen in der vorliegenden Untersuchung, allerdings
mit vorherigem Üben unter visuellem Feedback.
Diese Ergebnisse zeigen, dass der Kraftsinn in der gegeben Konstellation
nicht von einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes beeinflusst wird.
Allerdings wurde in der Reproduktionsaufgabe mit 90° ein Winkel gewählt,
der für das vorderen Kreuzband keine potentielle Gefahr darstellt, da es nicht
unter Spannung steht (Brinckmann et al. 2003). Spekulationen könnten nun
dahin führen, dass in einem Winkel, der das Kreuzband unter Spannung
setzt (z.B. streckungsnah), Gruppenunterschiede in der Kraftreproduktion
aufgrund einer bedrohlichen Situation für das Kreuzband auftreten könnten.
Weitere Untersuchungen müssten dies zeigen.
Neuromuskuläre Aktivität
Die neuromuskuläre Aktivität in Form des integrierten EMG´s zeigt zwischen
den beiden Gruppen keine signifikanten Unterschiede. Ein Blick auf die
Diskussion 159
einzelnen Werte während der acht Messzeitpunkte zeigt auf Seiten der
Patienten sowohl im M.rectus femoris, als auch im M.vastus medialis und im
M.vastus lateralis jeweils eine verminderte elektrische Aktivierung im
Vergleich zu den gesunden Kontrollpersonen. Dabei treten die höchsten
neuromuskulären Aktivitäten im M.vastus medialis, gefolgt vom M.vastus
lateralis und dem M.rectus femoris auf. Aufgrund des hohen
Knieinnendruckes bei isometrischen Kontraktionen, ist die Methode der Wahl
in der Therapie häufig die dynamisch isokinetische Testung. Trotzdem gibt
es einige Untersuchungen, die die neuromuskuläre Aktivierung nach
Rekonstruktionen des vorderen Kreuzbandes untersucht haben. Engelhardt
(1998) unterstützt die vorliegenden Ergebnisse. Er untersuchte die
isometrische Maximalkraft in einer Kniewinkelstellung von 30° der
betroffenen und nicht betroffenen Extremität von Kreuzbandpatienten. Er
fand keine signifikanten Unterschiede zwischen den Extremitäten, wies aber
darauf hin, dass der M.vastus lateralis der betroffenen Seite eine erhöhte
Aktivität gegenüber der unverletzten Seite zeigten. Damit deuten sich
mögliche Kompensationsmechanismen an, ohne jedoch Signifikanzniveau zu
erreichen. Möglicherweise spielt auch hier die vergangene postoperative Zeit
eine Rolle. Cooper et al. (1999) fanden im Gruppenvergleich von ACL-
Patienten und Gesunden bei isometrischen Kontraktionen Unterschiede in
der muskulären Aktivierung 3 bzw. 5 Monate nach der Operation, die aber
schon 6 Monate nach Rekonstruktion kein Signifikanzniveau mehr erreichten.
Schaut man sich die prozentuale Beteiligung der einzelnen Muskeln an der
Gesamtbewegung an, kann man keine Unterschiede feststellen. Die
Beteiligungen der Muskeln in beiden Gruppen sind nahezu exakt gleich und
deutet somit nicht auf einen Einfluß der Rekonstruktion auf die
neuromuskuläre Aktivität hin.
Zentrale Aktivität
Während der Kraftreproduktionen zeigen sich Unterschiede zwischen den
Kreuzbandpatienten und der gesunden Kontrollgruppe nur in frontalen
Gehirnregionen bezüglich der spektralen Theta-Leistung zu den ersten
beiden (F3, F4) bzw. den ersten drei (Fz) Messzeitpunkten. Gemeinsam mit
den nicht existenten Unterschieden in der Performance und der
Diskussion 160
neuromuskulären Aktivierung während der Kraftreproduktionsaufgabe deutet
dies darauf hin, dass es sich bei den Gruppenunterschieden um einen
Gewöhnungseffekt handelt. Zwar sind die spektralen Theta-Leistungen in der
ACL-Gruppe durchgehend höher, erreichen aber nur zu Beginn und zum
Messzeitpunkt M6 Signifikanzniveau.
Wie schon beim Experiment Winkelreproduktion diskutiert, führen viele
Autoren eine erhöhte Theta-Leistung in frontalen Gebieten auf eine
gesteigerte Aufmerksamkeit bzw. Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses
zurück. Im Zusammenhang mit einem das Arbeitsgedächtnis
repräsentierenden fronto-parietalen Netzwerkes, selektiert der frontale Teil
diese Netzwerkes die sensorischen Informationen (Birbaumer & Schmidt
2006; Klimesch 1997; Sauseng 2005). Dies ist zu einer zum Grad der
Neuheit der Information einhergehenden Aufmerksamkeitserhöhung
proportional (Birbaumer & Schmidt 2006), die durch die im anterioren
cingulären Cortex (ACC; Gevins et al. 1997; Ishii et al. 1999) generierte
Theta Frequenz ausgedrückt wird. Diese Theta-Leistung ist nur zu Beginn
der Untersuchung in der ACL-Gruppe signifikant erhöht. Man kann an dieser
Stelle über eine erhöhte Vorsicht auf Seiten der Kreuzbandpatienten
spekulieren, die sich in einer gesteigerten Aufmerksamkeit zeigt.
Die kortikalen Alpha-2 Aktivitäten sind zwar in der ACL-Gruppe zu allen
Messzeitpunkten etwas niedriger als die der gesunden Kontrollpersonen
erreichen aber kein Signifikanzniveau. Eine signifikant unterschiedliche
Aktivierung in parietalen Alpha-2 Kortexarealen würde auf eine
unterschiedliche, neuronale Aktivität (Shaw 2003) und damit auf veränderte
sensorische Verarbeitungsressourcen hinweisen. Dies ist bei den
Kraftreproduktionen nicht der Fall. Innerhalb des das visuell-räumliche
Arbeitsgedächtnis repräsentierenden fronto-zentralen Netzwerkes (Collette et
al. 1999; Sauseng et al. 2002; Kondo et al. 2004; Osaka et al. 2004;
Sauseng et al. 2005) findet nach Birbaumer & Schmidt (2006) im parietalen
Areal der Vergleich zwischen der einlaufenden sensorischen Information und
den „erwarteten“ Informationen aus dem Langzeitgedächtnis statt. Die
vorliegenden Ergebnisse weisen darauf hin, dass der Grad der Veränderung
bzw. Neuheit der aus der Peripherie einlaufenden propriozeptiven
Information keine erhöhte neuronale Aktivität nach sich zieht und somit im
Diskussion 161
frontalen Anteil des beschrieben Netzwerkes / Arbeitsgedächtnisses nicht zu
einer erhöhten fokussierten Aufmerksamkeit führt.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die peripheren und zentralen
Ergebnisse darauf hindeuten, dass der Kraftsinn als Modalität der
Propriozeption von einer Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes nicht
beeinflusst wird. Dies zeigt sich auf peripherer Seite durch sich nicht
unterscheidende Ergebnisse in der Leistung und der neuromuskulären
Aktivierung. Auf zentraler Seite kann über einen Gewöhnungseffekt in der
frontalen Theta-Leistung der ACL-Gruppe spekuliert werden. In der
parietalen Alpha-2 Frequenz sind keine Unterschiede zwischen den Gruppen
existent.
7.2.2 Einfluss von Übung auf die peripheren und zentralen Parameter
während der Kraftreproduktionen
Performance
Im Hinblick auf die Aneignungsphase der Bewegung kann man feststellen,
dass bei jeder Extremität die Leistung vom ersten bis zum vierten Durchgang
gleich bleibt oder sich verbessert. Auch hier findet die Aneignung der
Bewegung - wie in der Literatur beschrieben - durch eine Verbesserung bzw.
Stabilisierung des Ergebnisses entlang eines Übungsprozesses statt
(Schmidt & Lee 1999). Dabei verbessert sich die Leistung im Übungsverlauf
in beiden Gruppen nicht, sondern stabilisiert sich. Schmidt & Lee (1999)
weisen auf die unterschiedlichen Phasen während des motorischen Lernens
hin. Dabei wird die erste Phase als kognitive Phase charakterisiert, in der die
Versuchsperson versucht, sich geeignete Strategien zur Problemlösung
zurechtzulegen. Dies impliziert, dass die Phase durch wechselnde Strategien
geprägt ist, was sich natürlicherweise nicht zwingend in einer Verbesserung
der Leistung widerspiegelt. Des Weiteren kann man feststellen, dass sich die
Gruppen in diesem grundsätzlichen Aneignungsprozess (der möglichen
„Strategiesuche“) nicht unterscheiden. Allerdings deuten die Stabilisierung
der Leistung in der Kontrollgruppe auch in der zweiten Hälfte des
Experimentes (M5-M8) und die hohen Standardabweichungen
möglicherweise darauf hin, dass es sich bei dieser sensomotorischen
Diskussion 162
Aufgabe um einen Schwierigkeitsgrad handelt, der auch die gesunde
Kontrollgruppe vor eine Herausforderung stellt.
Auch die Aneignung der exakten isometrischen Kraftreproduktion zeigt mit
wiederholter Übung der Aufgabe keine Veränderungen innerhalb der
Gruppen, was auf gleiche neuromuskuläre Strategien zur Problemlösung
schließen lässt. Die nahezu exakt gleiche Beteiligung der Muskeln M.rectus
femoris, M.vastus medialis und M.vastus lateralis an der Gesamtbewegung
konnte so nicht erwartet werden. Die Ergebnisse entsprechen den
biomechanischen Kraftdaten, in denen auch keine tendenziellen
Entwicklungen mit wiederholter Übung gefunden wurden.
Nachdem Performance und neuromuskuläre Aktivierung in beiden Gruppen
keine Entwicklungsunterschiede zeigten, wurde auch die zentrale
Steuerungsebene einer Analyse bezüglich der Aneignungsmechanismen im
Übungsverlauf unterzogen. Dabei stellten sich ebenfalls signifikante
Entwicklungstendenzen ein, die den Aneignungsprozess auf kortikaler Ebene
abbilden. Erste Anzeichen dafür findet man in der spektralen Theta-Leistung.
Insbesondere in der frontalen Elektrodenposition F3 erhöht sich die Theta-
Leistung signifikant sowohl mit der betroffenen Extremität der ACL-Gruppe,
als auch mit der zweiten gesunden Seite der Kontrollpersonen. Eine
Erhöhung der Thetafrequenz, die nach Gevins et al. (1997) im anterioren
cingulären Cortex generiert wird, einer wie schon mehrfach beschriebenen,
wichtigen Komponente des Aufmerksamkeitssystems des Menschen (Posner
1993), spricht für eine Erhöhung der Aufmerksamkeitsintensität im zweiten
Teil der Untersuchung. Diese Entwicklung der Thetafrequenz wird von Smith
et al. (1999) bestätigt, die sie während kognitiver und visuomotorischer
Aufgaben im Vergleich Anfang und Ende der Untersuchung gefunden haben.
Interessanterweise findet man während der gesamten Aufgabenbearbeitung
keine signifikante Erhöhung der Alpha-1 Frequenz, die im Zusammenhang
mit unspezifischer Aufmerksamkeit zu erwarten gewesen wäre. Diese
Erhöhung der Alpha-1 Frequenz zeigt sich in den über allen
Elektrodenpositionen gemittelten Leistungswerten tendenziell aber nicht
signifikant in der Kontrollgruppe, allerdings ist dieser Trend nicht in der
Gruppe der Kreuzbandpatienten zu erkennen. Möglicherweise ist dies ein
Hinweis auf einen unterschiedlich schnellen Lernfortschritt. Dies kann aber
Diskussion 163
nur als Spekulation gesehen werden, da die Daten dies nur andeuten und
nicht erhärten.
Eine signifikante Erhöhung der Alpha-2 Leistungswerte ist in den
vorliegenden Daten der deutlichste Hinweis auf eine Ökonomisierung und
damit auf einen Lernprozess. Dieser findet in den parietal-temporalen
Bereichen des Kortex statt. Dieser Anstieg findet gleichermaßen in beiden
Untersuchungsgruppen statt, so dass die Ergebnisse im Alpha-2
Frequenzband auf einen Lernfortschritt hinweisen. Dieser Lernfortschritt
verfestigt sich durch eine geringere neuronale Aktivität, ausgedrückt durch
einen Anstieg der Alpha-2 Leistungen (Shaw 2003). Die neuronal geringere
Aktivität deutet bei gleichbleibender Leistung und neuromuskulärer
Aktivierung auf einen geringeren Einsatz neuronaler Ressourcen hin, was als
Ökonomisierung gesehen werden kann (Häufler 2000; Hatfield 2001).
Insgesamt weisen die Ergebnisse in der Aneignungsphase der
Kraftreproduktionen darauf hin, dass sich aufgrund der möglichen
Aufgabenschwierigkeit keine Performanceverbesserung in der Entwicklung
über die Messzeitpunkte in beiden Gruppen zeigt. Allerdings deuten die
vergleichbaren Entwicklungstendenzen auch bei der Kraftreproduktion darauf
hin, dass die Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes im Übungsverlauf
der Aneignung einer sensomotorischen Aufgabe nicht beeinflusst wird und
scheinbar denselben Regeln unterliegt.
7.2.3 Einfluss der Rekonstruktion auf die mentale Vorstellung der
Kraftreproduktionen
Bislang wurde der Einfluss möglicher veränderter afferenter Informationen
aus der Körperperipherie am Beispiel der Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes auf die Vorstellung einer sensomotorischen Aufgabe nicht
untersucht. Eine Unterscheidung schon in der mentalen Vorstellung der
beiden Gruppen könnte neue diagnostische und auch therapeutische
Möglichkeiten eröffnen.
Die Probanden hatten die Aufgabe, sich nach den realen Kraftreproduktionen
diese Aufgabe mental vorzustellen. Dabei konnten weder im
Diskussion 164
Gruppenvergleich, noch im Vergleich mit einer sich anschließenden
Erholungsphase Unterschiede detektiert werden. Dabei ist nicht klar, welche
Faktoren diese Messung beeinflussen. Verschiedene Unterschuchungen
deuten darauf hin, dass unterschiedliche Vorstellungsarten existieren, die
sich auch in der kortikalen Aktivität abbilden (Marks et al. 1995; Neuper et al.
2005). Beide unterscheiden zwischen einer visuellen und einer
kinästheischen Vorstellung. Hansen (1992) deutet darüber hinaus an, dass
sich Ergebnisse in der kortikalen Aktivierung erst nach wiederholten
Vorstellungsphasen einstellen.
Da aber auch während der realen Durchführung der Kraftreproduktionen
keine Unterschiede aufgefallen sind, die den Schluss nahe legen, dass in der
vorliegenden Konstellation die Gruppen zu unterscheiden sind, konnten auch
in der mentalen Vorstellung keine Unterscheidungsmerkmale erwartet
werden. Dazu kommen noch – wie oben beschrieben – verschiedene
Faktoren wie die Art der Vorstellung oder wiederholte Vorstellung, die eine
Einordnung der Ergebnisse erschweren. Leider lässt sich auch in diesem
Rahmen über die Notwendigkeit eines realen sensorischen Feedbacks nur
spekulieren. Letztendlich müssen zukünftige Forschungsansätze zur
mentalen Vorstellung sensomotorischer Aufgaben bei Kreuzbandpatienten
die Untersuchungsbedingungen enger fassen, um aussagekräftige
Ergebnisse zu erhalten. Mit den vorliegenden Ergebnissen muss die Idee,
eine diagnostische Möglichkeit bei Kreuzbandpatienten nicht verworfen
werden, allerdings sollten die Anmerkungen in zukünftige
Forschungsprojekte integriert werden.
Schlussfolgerungen 165
8 Schlussfolgerungen – das große Ganze
Ausgangspunkt der Arbeit war die Frage, ob sich nach der Rekonstruktion
des vorderen Kreuzbandes unter der Annahme veränderter Afferenzen aus
dem Kniegelenk eine messbare Veränderung der zentralen
Informationsverarbeitung ergibt.
Anhand der vorliegenden Ergebnisse kann man postulieren, dass das
entwickelte Messinstrument in der Lage ist, diese, wie auch periphere
Veränderungen, anhand der Messkette „kortikale Aktivierung (EEG) –
neuromuskuläre Aktivierung (EMG) – biomechanischer Output“ differenziert
abzubilden. Um die Veränderungen vor dem Hintergrund veränderter
Afferenzen aus der Körperperipherie zeigen zu können, ist es notwendig, die
gesamte Messkette in die Analyse einfließen zu lassen. Einzelne Ergebnisse
auf den verschiedenen Messebenen sind nur schlecht interpretierbar.
Daraus ergibt sich die Forderung, dass die zentralen und peripheren
Veränderungen aufgabenspezifisch differenziert betrachtet werden müssen.
In der vorliegenden Untersuchung wurden zwei propriozeptive Modalitäten,
der Stellungssinn und der Kraftsinn, anhand von Winkel- und
Kraftreproduktionen untersucht. Dabei zeigt die Winkelreproduktion
Unterschiede auf allen drei Messebenen. Die Patienten nach
Kreuzbandrekonstruktion reproduzieren die Winkel mit signifikant größerer
Ungenauigkeit, ändern das Aktivierungsmuster ihrer Muskulatur und die
kortikale Aktivierung in Form der parietalen sensomotorischen Verarbeitung
und der frontalen Aufmerksamkeitsintensität war signifikant höher. Das
ermöglicht den Schluss, dass es erstmals gelungen ist, während einer
sensomotorischen Aufgabe den Einfluss einer Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes auf zentrale Veränderungen experimentell nachzuweisen.
Bislang wurde der Begriff „propriozeptive Veränderungen nach
Kreuzbandrekonstruktion“ synonym benutzt. Die Testung einer zweiten
Modalität – des Kraftsinnes – konnte zeigen, dass dieser Begriff in dieser
Form nicht länger haltbar ist. Auf keiner der drei Messebenen manifestierte
sich in der getesteten Konstellation bei Kraftreproduktion ein Unterschied
Schlussfolgerungen 166
aufgrund des Einflusses der Kreuzbandrekonstruktion. Einzig in der frontalen
Thetafrequenz deutet sich ein Einfluss an, der aber nur in den ersten beiden
Messdurchgängen mit der gesunden Seite existent ist und im
vorhergehenden Teil als eine durch erhöhte Aufmerksamkeit ausgedrückte
„Vorsichtsmaßnahme“ des Organismus dargestellt wird, die sich im Verlauf
der Messung (nach zwei Durchgängen) schnell verliert.
Möglicherweise ist die Unterscheidung der propriozeptiven Modalitäten in
diesen beiden Experimenten ein zusätzlicher Hinweis darauf, dass die
Gelenkrezeptoren doch eine nicht unwesentliche Rolle bei der
Wahrnehmung der Winkelstellung spielen. Bei der Kraftreproduktion stehen
in diesem Zusammenhang eher die Muskelspindeln und Golgi-
Sehnenorgane im Vordergrund. Hier ist die zentrale Verarbeitung nicht
verändert. Diese ändert sich erst mit den veränderten Afferenzen bei der
Winkelreproduktion. Es scheint so zu sein, dass neben „extremen
Winkelstellungen“, bei denen die Gelenkrezeptoren aktiv sein sollen, auch
eine Schädigung ein mögliches „Extrem“ darstellt.
Die Ergebnisse der Untersuchung der beiden propriozeptiven Modalitäten
lassen also den Schluss zu, dass in der getesteten Konstellation der
Stellungssinn von der Rekonstruktion beeinflusst wird, der Kraftsinn
demgegenüber nicht. Damit muss auch der Begriff „veränderte
Propriozeption nach Kreuzbandverletzung / -rekonstruktion“ zukünftig
differenzierter betrachtet werden.
Eine zweite Forschungsfrage sollte bezüglich der Aneignungsphase dieser
für alle Probanden neuen, sensomotorischen Aufgabe beantwortet werden.
Man legt zugrunde, dass sich eine Aneignung in einer (1) Verbesserung bzw.
Stabilisierung der Performance und durch eine Optimierung der Bewegung
charakterisiert und sich diese Bewegungsoptimierung in einer (2)
Ökonomisierung manifestiert, die sowohl äußerlich sichtbar (z.B.
Ökonomisierung von Bewegungsamplituden, Krafteinsatz etc.), als auch auf
der inneren Ebene des Gehirns stattfinden kann. Dabei wird Lernen als
Ökonomisierung auf kortikaler Ebene bezeichnet, das sich in weniger
benötigten Ressourcen für dieselbe Aufgabe darstellt (Hatfield et al. 1999;
Häufler et al. 2000; Halsband et al. 2006). Innerhalb der vorliegenden
Untersuchung kann man für beide Experimente – sowohl für die Winkel- , als
Schlussfolgerungen 167
auch für die Kraftreproduktion – postulieren, dass in beiden Fällen die
definierten Kriterien für motorisches Lernen in der Aneignungsphase
eingehalten werden. Diese unterscheiden sich weder in den Extremitäten
einer Gruppe, noch zwischen den gesunden Kontrollpersonen und den
Patienten nach Kreuzbandersatz. Daher lässt sich übergreifend schließen,
dass sich die Aneignungsphase in beiden Gruppen durch eine verbesserte
bzw. stabilere Performance und eine Ökonomisierung in Form von geringerer
neuronaler Aktivierung (ausgedrückt insbesondere durch das Alpha-
Frequenzband) im parietalen Kortex äußert.
Des Weiteren sollte anhand der dritten Untersuchungsfrage geklärt werden,
ob auch die mentale Vorstellung der vorher durchgeführten jeweiligen
Aufgabe zu einer Unterscheidung der beiden Untersuchungsgruppen führt. In
verschiedenen Publikationen wird darauf hingewiesen, dass die Methode des
mentalen Trainings sehr vielversprechend für die Therapie zu sein scheint,
da ähnliche Gehirnregionen dabei involviert sind, wie bei der tatsächlichen
Bewegung. Auf dieser Grundlage würde eine Differenzierung der beiden
Gruppen anhand eines mentalen Testes die Diagnostik erweitern. Allerdings
konnten in der Untersuchung keine relevanten Gruppenunterschiede
statistisch belegt werden. Das könnte darauf hindeuten, dass der
tatsächliche sensorische Informationsfluss wichtig für die Unterscheidung zu
sein scheint. Man muss allerdings zugeben, dass auch verschiedene andere
Faktoren hier eine Rolle spielen könnten, so dass diese dritte
Forschungsfrage bezüglich der mentalen Vorstellung nicht abschließend
beantwortet werden kann. Ein Vergleich zwischen der tatsächlichen realen
Aufgabenbearbeitung und der mentalen Vorstellung konnte aus
methodischen Gründen (die realen Bewegungen wurden mit offenen, die
mentalen mit geschlossenen Augen durchgeführt) nicht erhoben werden.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die mentale Vorstellung der
Aufgaben nicht in der Lage waren, die Gruppen zu unterscheiden und dass
zur Unterscheidung möglicherweise die sensorische Information in der realen
Situation notwendig ist.
In der neueren Literatur beschreiben verschiedene Autoren ein fronto-
parietales Netzwerk als Komponente des visuell-räumlichen
Arbeitsgedächtnisses (Sauseng et al. 2002; Kondo et al. 2004; Osaka et al.
Schlussfolgerungen 168
2004; Sauseng et al. 2005). Es scheint, als ob die sich sensitiv in dieser
Arbeit zeigenden kortikalen Parameter (frontal Theta und parietal Alpha-2) in
der Lage sind, die Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses abzubilden und
somit den theoretischen Rahmen dafür zu liefern, dass Kreuzbandpatienten
während sensomotorischer Aufgaben wie der Winkelreproduktion eine
höhere Beanspruchung des Arbeitsgedächtnisses aufweisen als gesunde
Kontrollpersonen. Die in dieser Arbeit angewandte Methodik ist in der Lage,
dieses theoretische Konstrukt weiter zu entwickeln, wobei ein Transfer auf
sportmotorische Bewegungen an dieser Stelle durchaus möglich scheint. Zur
Überprüfung des Modells müssen zusätzlich noch andere Methoden wie z.B.
ERS/ERD und EEG Kohärenzanalysen eingesetzt werden.
Abschließend zusammengefasst kristallisieren sich drei Punkte aus der
Diskussion heraus, die Grundlage für kommende Untersuchungen sein
können:
1. Anhand einer Messkette „kortikale Aktivierung (EEG) –
neuromuskuläre Aktivierung (EMG) – biomechanischer Output“ ist es
möglich, aufgabenspezifische Veränderungen nach der
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes zu detektieren.
2. Die Propriozeption muss nach den einzelnen Modalitäten
Stellungssinn, Kraftsinn und (möglicherweise auch) Bewegungssinn
(dies bleibt zu überprüfen) differenziert werden. Eine allgemeine
Aussage über eine „gestörte“ oder „veränderte“ Propriozeption kann
nicht länger aufrechterhalten werden.
3. Das theoretische zentrale Modell eines fronto-parietalen Netzwerkes
(Arbeitsgedächtnis) scheint ein Ansatz zu sein, der in der Lage ist, die
zentralen Einflüsse einer Rekonstruktion erklärbar zu machen.
Weitere Untersuchungen müssen dies Theoriegebilde auf seine
Tauglichkeit prüfen.
Für die therapeutische Praxis bedeuten die Ergebnisse dieser Arbeit eine
Erweiterung des diagnostischen Inventars, die es möglich machen könnten,
Therapieerfolge zu evaluieren. Der Ansatz über die durch veränderte
sensorische Informationen messbare unterschiedliche Beanspruchung des
Arbeitsgedächtnisses kann hier einen Forschungsweg eröffnen, der es
Schlussfolgerungen 169
zukünftig ermöglichen könnte, sogar einzelne Übungen in der Therapie
mithilfe eines online Neuromonitorings zu steuern. Die einzelnen sich aus
dieser Arbeit ergebenen Forschungsfragen und –ansätze sollen
abschließend im Ausblick dargestellt werden.
Ausblick 170
9 Ausblick
Zum Abschluss dieser Arbeit sei ein Ausblick auf zukünftige Möglichkeiten
und Erfordernisse erlaubt. Dieser Ausblick erstreckt sich im ersten Teil auf
die konkrete Weiterführung der in der vorliegenden Untersuchung
bearbeiteten Fragestellung. Im zweiten Teil soll versucht werden, mögliche
inhaltliche wie methodische Erfordernisse zu beschreiben, die es
ermöglichen würden, das theoretische Modell der Beanspruchung des
Arbeitsgedächtnisses zu verifizieren oder zu verwerfen.
Eine systematische Fortführung der zentralen Forschungsfrage würde
zunächst bedeuten, neben den zwei bisher untersuchten Modalitäten der
Propriozeption (Stellungssinn, Kraftsinn) die dritte Modalität, den
Bewegungssinn auf mögliche kortikale Veränderungen zu untersuchen. Des
Weiteren müssten in der konsequenten Fortführung Fragen anhand des
Therapieverlaufes von Kreuzbandpatienten geklärt werden. Erst dann wäre
man in der Lage, verlässliche Aussagen über den motorischen Lernprozess
und seine kortikalen Abbildungen während der Rehabilitation nach der
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes machen zu können. Auch das
Wissen über das periphere und kortikale Abbild in unterschiedlichen
Konstellationen innerhalb der Untersuchungsparadigma hinsichtlich
verschiedener zu reproduzierender Winkel und unterschiedlicher
Winkelstellungen bei der Kraftreproduktion würde hinsichtlich der Frage nach
aufgabenspezifischen oder generellen Abbildungen innerhalb eines
Experimentes Auskunft geben und eine Systematik im Abbild der
Propriozeption darstellen.
Ein weiteres, neu zu erschließendes Forschungsfeld ist die Entwicklung und
Überprüfung des theoretischen Modells der Beanspruchung des visuell-
räumlichen Arbeitsgedächtnisses anhand der ausgewählten kortikalen
Parameter. Zur tatsächlichen direkten Messung im aus der Literatur
hergeleiteten fronto-zentralen Netzwerk (als Teil des visuell räumlichen
Zweiges des Arbeitsgedächtnisses) wäre es notwendig, die Mess- und
Analysemethodik zu erweitern. Sowohl kortiko-kortikale (Mima et al. 2004)
als auch kortiko-muskuläre Kohärenzanalysen (Schnitzler & Gross 2005)
Ausblick 171
wären in der Lage, bestehende Netzwerke und das Zusammenspiel
unterschiedlicher Komponenten zu untersuchen. Insbesondere im fronto-
parietalen Netzwerk könnte die Annahme überprüft werden, ob hier während
der sensomotorischen Aufgaben tatsächlich frontale und parietale
Gehirnareale in einem Netzwerk zusammenarbeiten. Dieses Modell bleibt
nicht nur auf die Rehabilitation nach Kreuzbandrekonstruktionen beschränkt,
auch im Sport wäre es anhand unterschiedlicher Lernstadien und komplexer
Aufgaben durchaus überprüfbar.
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Anhang I
11 Anhang
Anhang II
11.1 Fragebögen
Händigkeitsfragebogen (Oldfield 1971)
Anhang III
State-Trait Angstinventar (Laux et al. 1971)
Anhang IV
Handlungskontrollfragebogen HAKEMP (Kuhl 1990)
Anhang V
Anhang VI
Lysholm Knie-Score (Lysholm & Gillquist 1982)
Anhang VII
Tegner Knie-Score (Tegner & Lysholm 1985)
Anhang VIII
11.2 Probandeninformationen
Anhang IX
11.3 Deskription
Experiment 1: Winkelreproduktion
Anhang X
Anhang XI
Anhang XII
Experiment 2: Kraftreproduktion
Anhang XIII
Anhang XIV
Anhang XV
Anhang XVI
11.4 Ergebnisse Prüfstatistik
Winkelreproduktion
Anhang XVII
Anhang XVIII
Anhang XIX
Kraftreproduktion
Anhang XX
Eidesstattliche Erklärung XXI
Publikationen
Aus dem Inhalt der vorgelegten Arbeit wurden bislang Daten in
Abhandlungen folgender Quellen publiziert:
1) Originalarbeiten
Baumeister J, Reinecke K, Weiss M: Changed cortical activity after anterior
cruciate ligament reconstruction in a joint position paradigm: an EEG
study. Scand J Med Sci Sports 2007 (in press)
Baumeister J, Ries C, Liesen H, Weiss M: Influence of lateral leg
dominance on a functional muscle balance ratio after ACL
reconstruction. 2007 (submitted to J Athl Training – ID:JAT 0184-06)
Baumeister J, Herbarth B, Liesen H, Weiss M: Neurophysiological
strategies in a golf putting task. 2007 (submitted to Int J Sports Med –
ID: ISJM-11-2006-0356-bs)
2) Abstracts / Kongressbeiträge
Baumeister J, Ries C, Weiß M: Influence of limb dominance on knee
flexor:extensor ratio of ACL reconstructed patients. Isokin Exerc Sci 12
(1) (2004), 59-60
Baumeister J, Ries C, Weiß M: Einfluß der Seitigkeit auf die funktionelle
Kraftbalance bei Patienten mit rekonstruiertem vorderen Kreuzband. Dt
Z Sportmed 56, 8 (2005), 284
Baumeister J, Barthel T, Reinecke K, Koplin S, Weiss M: Zentrale
Aktivierung während einfachen motorischen, motorisch-mentalen und
kognitiven Aufgabenstellungen. Gibt es charakteristische Merkmale ?
Dt Z Sportmed 56, 8 (2005), 300
Eidesstattliche Erklärung XXII
Baumeister J, Reinecke K, Liesen H, Weiss M: Changes in brain activity
patterns during a sensorimotor task due to ACL-reconstruction. Med Sci
Sport Exerc 39 (5), (Suppl), 2007 (presentation at the 54th Annual
Meeting - American Congress of Sports Medicine, New Orleans, USA
30.5.-1.6. 2007)
Herbarth B, Baumeister J, Herwegen H, Liesen H, Weiss M: Complex
Neuromonitoring in a Golf Putting Task. Med Sci Sport Exerc 39 (5),
(Suppl), 2007 (poster presentation at the 54th Annual Meeting -
American Congress of Sports Medicine, New Orleans, USA 30.5.-1.6.
2007)
Baumeister J, Reinecke K, Weiss M: Different cortical activation patterns
due to two different proprioceptive modalities in ACL reconstructed
patients. In: Beek P, van de Langenberg R (Ed.): European Workshop
On Movement Science – Mechanics, Physiology, Psychology.
Sportverlag Strauß, Köln 2007 (poster presentation at the 3. European
Workshop of Movement Science in Amsterdam, Niederlande 31.5.-
1.6.2007)
Herbarth B, Baumeister J, Herwegen H, Liesen H, Weiss M:
Neuromonitoring in a Golf Putting Task: Discrimination of skill level due
to different conditions. In: Beek P, van de Langenberg R (Ed.):
European Workshop On Movement Science – Mechanics, Physiology,
Psychology. Sportverlag Strauß, Köln 2007 (poster presentation at the
3. European Workshop of Movement Science in Amsterdam,
Niederlande 31.5.-1.6.2007)
Baumeister J, Reinecke K, Weiss M: Classification of proprioceptive
modalities after ACL reconstruction: an EEG study. (oral presentation at
the 12th Annual Congress of the European College of Sports Science,
Jyväskylä, Finnland 11.7.-14.7. 2007)
Baumeister J, Reinecke K, Weiss M: Kortikale Veränderungen bei
sensomotorischen Aufgaben nach Rekonstruktion des vorderen
Kreuzbandes. (Vortrag beim 40. Deutschen Sportärztekongress, Köln,
27.9.-29.9. 2007)
Eidesstattliche Erklärung XXIII
Eidesstattliche Erklärung
Hiermit erkläre ich, dass ich die dem Department Sport & Gesundheit der
Universität Paderborn vorgelegte Dissertation mit dem Titel
„Zentralnervöse und motorische Auswirkungen einer Verletzung und
Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes bei sensomotorischen
Aufgaben“
selbständig verfasst und keine anderen als die in der Dissertation
angegebenen Hilfsmittel verwendet habe. Die geltende Promotionsordnung der
Fakultät für Naturwissenschaften der Universität Paderborn ist mir bekannt.
Paderborn, Weihnachten 2006 ……………………………………
(Jochen Baumeister)