scieee Science in your language
[en] (orig)
Fakult¨
at f¨
ur Elektrotechnik, Informatik und Mathematik
Institut f¨
ur Informatik
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
Entwicklung einer Musterarchitektur f¨
ur
mobil-verteilte Wissensr¨
aume
Dissertation
Schriftliche Arbeit zur Erlangung
des akademischen Grades
Doktor der Naturwissenschaften
Bernd Eßmann
Paderborn
M¨
arz 2006
ii
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Szenarien 11
2.1 Pr¨
asenzkooperation............................ 14
2.1.1 Lerngruppe............................ 15
2.1.2 Spontane Kooperation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern . . . . . . . . . . . 34
2.2.1 R¨
aumlich getrennte Kooperation . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.2.2 Distant Learning . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2.3 Herausforderungen mobil-verteilter Kooperation . . . . . . . . . . . . 50
3 Anforderungen 53
3.1 Phasen mobil-spontaner Kooperation . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.2 Medienfunktionen und Mobilit¨
at .................... 57
3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
3.3.1 Vernetzung und Sichtbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
3.3.2 Kontextualisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.3.3 Konsistenz und Reversibilit¨
at.................. 66
3.4 Neue Rahmenbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
3.4.1 Kommunikation ......................... 75
3.4.2 Koordination ........................... 80
3.4.3 Kooperation ........................... 83
3.5 Zusammenfassung ............................ 85
4 L¨
osungsans¨
atze f¨
ur eine technische Umsetzung 87
4.1 Knotenaufbau Microkernel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
4.2.1 Protokolle zur Vernetzung mobiler Knoten . . . . . . . . . . . 92
4.2.2 Vernetzung verteilter Dienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
4.2.3 Netzwerktopologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
4.3 Persistenz................................. 100
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
4.3.2 Verteilte Persistenz als gemeinsamer Speicher . . . . . . . . . 116
4.3.3 Konsistenz in verteilten Persistenzsystemen . . . . . . . . . . 118
4.4 Ereigniskontrolle ............................. 120
iii
iv Inhaltsverzeichnis
5 Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume 129
5.1 Replikationsstrategien f¨
ur die mobil-spontane Kooperation . . . . . . 130
5.2 Gruppen-Tuple Spaces . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
5.3 Einbettung externer Dienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume........... 145
6 Schluss und Ausblick 155
Literatur 177
Stichwortverzeichnis 179
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
Abbildungsverzeichnis
2.1 Der Prozess einer mobil-spontanen Kooperation . . . . . . . . . . . . 13
3.1 Anforderungen mobilit¨
atsunterst¨
utzender Kooperationsumgebungen 55
3.2 Der Kollaborationsprozess als Regelkreis . . . . . . . . . . . . . . . . 56
3.3 Schl¨
usselfaktoren mobil-verteilter Wissensr¨
aume ........... 61
3.4 Verkn¨
upfung von realem Raum und virtuellem Wissensraum . . . . 65
3.5 Kollaboration Kommunikation, Koordinierung und Kooperation . 75
4.1 In die Schaffung mobil-verteilter Wissensr¨
aume involvierte Forschungs-
bereiche .................................. 88
4.2 Mobil-verteilter Wissensraum: Handlungs- und Umsetzungsebene . . 89
4.3 Auf DHTs basierende Overlay-Netzwerk-Protokolle und deren An-
wendungen ................................ 105
4.4 Abbildung eines physikalischen Netzwerkes in einen logischen Adress-
raum.................................... 106
4.5 Verwaltungstabellen und Routinginformationen eines Pastry-Knotens 108
4.6 Auswirkung der Lokalit¨
at auf das Routing in DHTs . . . . . . . . . 109
4.7 Initialisierung der Verwaltungstabellen beim Anmelden eines neuen
Knotens in ein Pastry-Netzwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
4.8 Pastrys Selbstorganisation im Fall einer Netzwerksegmentierung . . . 110
4.9 Das Replikationsverfahren von PAST . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
4.10 Trade-off verteilter Persistenzkonzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
4.11 Abonnieren eines bereits ver¨
offentlichten Themas in Scribe . . . . . . 123
4.12 Abbestellen eines abonnierten Themas in Scribe . . . . . . . . . . . . 124
4.13 Gegen¨
uberstellung von Single-Multicast und Multiple-Unicast . . . . 125
5.1 Offline-Verf¨
ugbarkeit in einer verteilten Persistenzschicht . . . . . . . 130
5.2 Schematische ¨
Ubersicht des Versionierungsmechanismus . . . . . . . 132
5.3 Der Hypercube als Distributionstopologie . . . . . . . . . . . . . . . 135
5.4 Distributionstopologie basierend auf einem Sparse Graphen . . . . . 137
5.5 Replikation des Gruppen-Tuple Space zwischen Independent Nodes . 141
5.6 Virtuelle Wissenr¨
aume zweier Kooperationsgruppen mit den zugeord-
neten Gruppen-Tuple Spaces . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
5.7 Exemplarische Architektur einer mobil-spontanen Kooperationsum-
gebung................................... 147
v
vi Abbildungsverzeichnis
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
1 Einleitung
Mobilit¨
at bestimmt in der heutigen Welt wesentliche Faktoren im Leben der Men-
schen. Mobile Ger¨
ate und Infrastrukturen sind zu einem festen Bestandteil des All-
tagslebens geworden. Der naheliegende Wunsch, die neuen technischen M¨
oglichkei-
ten f¨
ur eine kooperative Wissensstrukturierung in mobilen Alltagssituationen zu
nutzen, bleibt dennoch bis heute unerf¨
ullt. Bei der Suche nach den Gr¨
unden f¨
ur
das Fehlen einer durchg¨
angigen Unterst¨
utzung mobiler Kooperationsprozesse hilft
eine Betrachtung der Entwicklungsstr¨
ange kooperativer Wissensstrukturierung und
mobilen Arbeitens.
Ausgehend von einer zun¨
achst isolierten Dokumentenverarbeitung und sp¨
ateren
Workflow-Systemen haben sich in der heutigen Arbeitswelt Groupware- und Com-
puter Supported Cooperative Work (CSCW)-Systeme etabliert, die ein kooperatives
Bearbeiten von Dokumenten erlauben. Aus einer technischen Perspektive spiegelt
sich diese Entwicklung in fest vernetzten Kommunikations- und Kooperationsstruk-
turen wider. In diesen Strukturen nehmen dedizierte Server eine zentrale Rolle f¨
ur
die Koordination der Kooperationsprozesse und die persitente Speicherung der ge-
meinsam genutzten Dokumente ein.
Parallel zu diesen zentralisierten Strukturen begleiten mobile Computer ihre Besit-
zer in allen Lebenslagen und f¨
uhren so zu neuen Formen der Mobilit¨
at in computer-
gest¨
utzten Arbeitsprozessen. Der Arbeitsplatz wird nicht l¨
anger von dem Standort
des Computers bestimmt, sondern kann an jedem Aufenthaltsort des Benutzers sein.
Die Integration funkbasierter Netzwerkschnittstellen in mobile Computer erh¨
oht zu-
dem die Unabh¨
angigkeit der Benutzer von Netzwerk- und Telefonanschl¨
ussen und
erm¨
oglicht zumindest theoretisch einen flexiblen Zugang zu etablierten Netz-
werkstrukturen und eine direkte Vernetzung mobiler Ger¨
ate untereinander.
Die M¨
oglichkeiten der spontanen Vernetzung der Mobilger¨
ate ¨
uber mobile Ad-
Hoc-Netzwerke enth¨
alt ein hohes Potential f¨
ur eine direkte und unabh¨
angige com-
putergest¨
utzte Interaktion der mobilen Benutzer. Dennoch bleiben die Nutzer in
ihrer Mobilit¨
at oft isoliert und arbeiten auf einem pers¨
onlichen Dokumentenfundus.
Diese Isolation wird oft lediglich tempor¨
ar durch einen sporadischen Austausch von
Dokumenten unterbrochen. Es fehlt die langfristige Integration einer kooperativen
Dokumentenbearbeitung. Daher findet auch eine computergest¨
utzte Kooperation im
mobilen Umfeld kaum statt.
Lediglich in Reichweite von Zugangspunkten zu klassischen Netzwerkinfrastruk-
turen verbinden sich die Benutzer mit zentralen Kooperationsdiensten und nut-
zen diese wie bei einem station¨
aren Rechner. Trotz der M¨
oglichkeit einer Ad-Hoc-
Vernetzung ist eine spontane Kooperation zwischen Benutzern in einer mobilen Um-
gebung ohne feste Kooperationsinfrastrukturen ¨
außerst selten. Das Brachliegen die-
1
2 1 Einleitung
ser nahe liegenden Verwendung mobiler Computer f¨
ur spontane Kooperationssitzun-
gen wirft Fragen nach den Gr¨
unden auf.
Die Realisierung einer mobilit¨
atsfreundlichen Kooperationsumgebung ist aber oh-
ne ein Wissen um die Nutzungsszenarien und die strukturellen Grenzen einer techni-
schen Realisierung nicht m¨
oglich. Diese Arbeit untersucht daher anhand des Wech-
selspiels zwischen den Nutzungsszenarien die Probleme, die sich aus einer Zusam-
menf¨
uhrung der Techniken aus dem Feld der mobilen Vernetzung und des CSCW
ergeben. Mangels einer durchgehenden Persistenz in mobilen Netzwerken ist da-
bei unklar wie eine l¨
angerfristige Kooperationen in einem mobilen Umfeld zustande
kommen soll.
Um diese fehlende Konvergenz beider Entwicklungen zu beschreiben werden im
Rahmen dieser Arbeit Nutzungsszenarien entwickelt, die eine Verkn¨
upfung von mo-
bilen und spontanen Netzwerken mit kooperationsunterst¨
utzenden Infrastrukturen
betrachten. Derzeit bekannte Szenarien bewegen sich zumeist isoliert in einer der
beschriebenen Welten. Klassische CSCW-Szenarien beschr¨
anken sich h¨
aufig auf die
Zusammenarbeit in etablierten Infrastrukturen, w¨
ahrend sich Szenarien der mo-
bilen Vernetzung auf die Aspekte mobilit¨
atsfreundlicher Netzwerke konzentrieren.
Nutzungsszenarien f¨
ur eine Verkn¨
upfung von computergest¨
utzter Kooperation und
spontaner Vernetzung sind hingegen bis heute relativ unerforscht.
Ein wesentliches Ziel der entwickelten Nutzungsszenarien ist die Ermittlung der
spezifischen funktionalen Elemente, die essentiell f¨
ur eine Unterst¨
utzung mobiler
Kooperationsprozesse sind. Diese funktionalen Anforderungen h¨
angen von den tech-
nischen Elementen der angestrebten Kooperationsumgebung ab. Da sich die techni-
schen Elemente ihrerseits an den funktionalen Anforderungen orientieren, bedingen
sich beide Ebenen der Anforderungsbestimmung gegenseitig. Im Rahmen dieser Ar-
beit werden zur Unterscheidung dieser Anforderungsebenen die Begriffe Handlungs-
ebene f¨
ur die funktionalen Anforderungen und Umsetzungsebene f¨
ur die technischen
Anforderungen gepr¨
agt.
Die hier entwickelten Nutzungsszenarien helfen zun¨
achst die Anforderungen auf
der Handlungsebene zu ermittelten. Ein wichtiges Resultat ist der freie und spontane
Charakter der Kooperation infolge der Unabh¨
angigkeit von festen Infrastrukturen.
Die sporadischen und spontanen Verbindungen zu den Kooperationspartnern ¨
ahneln
dabei stark einer nat¨
urlichen Zusammenarbeit in Situationen des t¨
aglichen Lebens.
In diesen treffen sich Personen bewusst oder auch zuf¨
allig und beginnen eine koope-
rative Handlung aus dem momentanen Kontext heraus.
Die Spontanit¨
at der kooperativen Handlung und die hohe Bedeutung des aktuellen
Kontextes der Kooperationspartner werden in dieser Arbeit als eine der wesentlichen
Herausforderungen an die technischen wie funktionalen Komponenten der zuk¨
unf-
tigen mobilen Kooperationsumgebung identifiziert. Insbesondere die funktionalen
Elemente der Kooperationsunterst¨
utzung m¨
ussen dem freien und flexiblen Charak-
ter der Zusammenarbeit gerecht werden. Daher setzt der hier entworfene Ansatz auf
das langj¨
ahrig erprobte Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume1mit den zugeh¨
origen
1Vgl. [Hampel, 2001]
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3
prim¨
aren Medienfunktionen als eine Verk¨
orperung freier dokumentenzentrierter Ko-
operation. Die virtuellen Wissensr¨
aume bieten die wesentlichen Mechanismen f¨
ur ein
freies Arbeiten und stellen ¨
uber persistente Objekte auch eine l¨
angerfristige Grup-
penarbeit sicher. Diese Nachhaltigkeit k¨
onnen die h¨
aufig verfolgten kommunikativen
L¨
osungsans¨
atze nicht leisten. Daher wird in dieser Arbeit der Ansatz einer ¨
Uberf¨
uh-
rung des Konzeptes der virtuellen Wissensr¨
aume in eine mobile Netzwerkumgebung
verfolgt und unter dem Begriff der mobil-verteilten Wissensr¨
aume zusammengefasst.
Im Feld derzeit verf¨
ugbarer L¨
osungsans¨
atze aus Forschung und Industrie zeigen
sich zwei unterschiedliche Herangehensweisen an die Vernetzung mobiler Compu-
ter: Erstere erweitert existierende feste Netzwerkinfrastrukturen mit fl¨
achendecken-
den Zugangsm¨
oglichkeiten f¨
ur Mobilger¨
ate; Zweitere schafft neue Protokolle f¨
ur eine
spontane Vernetzung mobiler Computer in selbstorganisierenden Netzwerken. Zu-
k¨
unftig d¨
urfte sich eine heterogene Netzwerkinfrastruktur aus von Dienstanbietern
bereitgestellten festen Infrastrukturen und untereinander spontan vernetzten Mobil-
ger¨
aten ergeben. ¨
Uberg¨
ange zwischen diesen Strukturen besitzen eine hohe Dynamik
und machen eine Vorhersage ¨
uber deren Verf¨
ugbarkeit schwierig. Die ¨
Uberf¨
uhrung
der virtuellen Wissensr¨
aume in die Welt der mobilen Vernetzung f¨
uhrt zu bisher
nicht betrachteten Problemstellungen, die im Rahmen dieser Arbeit herausgearbei-
tet werden.
Betrachtet man die Ad-Hoc-Vernetzung der beteiligten Ger¨
ate als Basis einer
mobil-spontanen Kooperation, l¨
asst diese, im Gegensatz zu den herk¨
ommlichen An-
s¨
atzen des CSCW, keine Server-zentrierten Architekturen mehr zu. Die Speicherung
der Inhalte und die Verwaltung der Kooperationsumgebung kann nicht l¨
anger ein
dedizierter Server ¨
ubernehmen, da von dessen Verf¨
ugbarkeit die Funktionsf¨
ahigkeit
der gesamten Kooperationsumgebung abh¨
angt. Als alternative Architektur verfolgt
diese Arbeit eine verteilte Verwaltung und Speicherung der Kooperationsinhalte auf
den beteiligten Knoten. Diese Vorgehensweise erm¨
oglicht eine Gew¨
ahr der Verf¨
ug-
barkeit der Kooperationsumgebung auch in mobilen Nutzungsszenarien. Bei Ausfall
eines Knotens k¨
onnen dessen Aufgaben automatisch auf die verbliebenen Knoten
transferiert werden. Jedoch gestalten sich innerhalb dynamischer Netzwerkstruktu-
ren die persistente Speicherung von Kooperationsobjekten und der nahtlose Zugriff
auf diese durch alle Kooperationspartner ¨
außerst schwierig.
Eine wesentliche Problemstellungen ist daher die persistente Speicherung von Ko-
operationsobjekten, die gerade in dokumentenzentrierten Kooperationskonzepten,
wie dem der virtuellen Wissensr¨
aume, von zentraler Bedeutung ist. Daher orientie-
ren sich die in dieser Arbeit entwickelten Ans¨
atze an einer Bereitstellung persistenter
virtueller Wissensr¨
aume in mobil-spontanen Kooperationsszenarien. Die Frage einer
verteilten und persistenten Speicherung des gemeinsamen Wissensraums beinhaltet
auch die Vermeidung von Medienbr¨
uchen2infolge von Verbindungsabbr¨
uchen zur
eigenen Kooperationsgruppe und deren Ressourcen. Daher stellt diese Arbeit die
Forderung auf, Kooperationsobjekte auch dann erreichen zu k¨
onnen, wenn gerade
2Vgl. [Keil-Slawik und Selke, 1998]
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4 1 Einleitung
keine Verbindung zu den Kooperationspartnern und Kooperationsinfrastrukturen
besteht. Diese Forderung wird im Folgenden als Offline-Verf¨
ugbarkeit definiert.
Um die Verf¨
ugbarkeit der f¨
ur die Kooperation ben¨
otigten Dokumente auch bei Ab-
wesenheit einiger Knoten des Netzwerkes garantieren zu k¨
onnen, wird im Rahmen
des entwickelten L¨
osungsansatzes im Wesentlichen die Strategie einer Distribution
und Replikation der Kooperationsobjekte verfolgt. W¨
ahrend die Distribution Objek-
te auf mehreren Knoten verteilt speichert und dadurch verhindert, dass der gesamte
Datenraum von lokalen Ausf¨
allen betroffen ist, speichert die Replikation Objekte
redundant auf mehrere Knoten und erh¨
oht so deren generelle Verf¨
ugbarkeit. Die
Persistenz und die Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte h¨
angen somit stark von
den Distributions- und Replikationsstrategien der verteilten Kooperationsumgebung
ab. Sie bestimmen auch die Eignung der Kooperationsumgebung f¨
ur einen Einsatz
im mobilen Nutzungsumfeld.
Derzeitige Ans¨
atze f¨
ur eine Persistenz in verteilten Systemen, wie z. B. die Distri-
buted Hashtables (DHT), verteilen und replizieren Datenobjekte scheinbar zuf¨
allig
auf die Knoten des Netzwerkes. Eine n¨
ahere Betrachtung im Rahmen dieser Ar-
beit ergibt, dass sie daher eine gesteuerte Verf¨
ugbarkeit von Objekten auf einzelnen
Knoten nicht ohne weiteres gew¨
ahrleisten k¨
onnen. Insbesondere fehlt oftmals die
M¨
oglichkeit, Objekte zwischen den replizierenden Knoten zuverl¨
assig abzugleichen,
wenn beteiligte Knoten zeitweise nicht im Netzwerk verf¨
ugbar sind.
Ziel dieser Arbeit ist eine Musterarchitektur, die geeignete Komponenten der For-
schungsfelder der computergest¨
utzten Kooperation und der spontanen Vernetzung
verkn¨
upft und um fehlende Elemente erg¨
anzt, um so eine Unterst¨
utzung der ent-
wickelten Nutzungsszenarien zu erm¨
oglichen. Dies geschieht sowohl ausgehend von
existierenden CSCW-Strukturen als auch von verf¨
ugbaren Techniken spontaner Ver-
netzung. Der Einsatz verf¨
ugbarer und erprobter Technologien erm¨
oglicht schon in
fr¨
uhen Phasen des Entwurfs eine alltagspraktische L¨
osung zu erlangen. Daher werden
klassische Konzepte der Gruppenarbeit mit neuen M¨
oglichkeiten der mobilen Ad-
Hoc-Netzwerke so zusammengebracht, dass eine durchg¨
angige Nutzung ¨
uber diesen
Bereich entsteht und Medienbr¨
uche verringert werden, die einer langfristigen Nut-
zung im Wege stehen.
Dazu m¨
ussen im Rahmen dieser Arbeit Probleme der verteilten Speicherung und
Verwaltung der Kooperationsumgebung gel¨
ost werden. Diese Fragestellungen werden
ausgehend von den entwickelten Nutzungsszenarien angegangen und bestimmen so
den Aufbau der Arbeit. Zuerst werden daher die angesprochenen Nutzungsszenarien
erarbeitet, ohne die eine Eingrenzung der funktionellen und technischen Anforde-
rungen nicht m¨
oglich ist. Um die L¨
ucke zwischen CSCW-Systemen und mobilen
Netzwerken zu schließen, werden anhand der dort ermittelten Anforderungen die
ben¨
otigten Komponenten f¨
ur eine Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
au-
me identifiziert. Diese Komponenten werden in einem n¨
achsten Schritt durch eigens
entwickelte Strategien erg¨
anzt. Erst diese Strategien erlauben eine Verkn¨
upfung der
Komponenten zu der gesuchten Musterarchitektur. Zu diesem Zweck wird im Rah-
men der vorliegenden Arbeit eine an die Gegebenheiten der mobil-verteilten Koope-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
5
ration angepasste mobilit¨
atsfreundliche Distributions- und Replikationsstrategie f¨
ur
eine verteilten Persistenz entworfen.
Mangels vergleichbarer Infrastrukturen werden nach der Einleitung in Kapitel 2
Nutzungsszenarien der mobilen Kooperation in verteilten Softwareumgebungen ent-
worfen und f¨
ur eine Bestimmung der zentralen Anforderung an mobil-verteilte Ko-
operationssysteme genutzt. Die dort entworfenen Szenarien orientieren sich sowohl
an der scheinbar nat¨
urlichen computergest¨
utzten Zusammenarbeit in mobilen Le-
benssituationen, als auch an der r¨
aumlich getrennten Kooperation in klassischen
CSCW-Systemen. Die Szenarien erlauben dabei eine Beschreibung von Kooperati-
onskonstellationen, die auf technischer Ebene zurzeit noch nicht definierbar sind.
Diese sind Mischungen aus Pr¨
asenzszenarien und Szenarien r¨
aumlich getrennter Ko-
operation. Besonders f¨
ur solche Mischszenarien existieren bis dato keine ad¨
aquaten
Vorschl¨
age f¨
ur deren Gestaltung. Ihnen wird in dieser Arbeit daher ein besonderer
Stellenwert einger¨
aumt.
Grundlage der Nutzungsszenarien ist stets eine Kooperation auf Basis eines ge-
meinsamen Fundus von Dokumenten. Die in den Nutzungsszenarien f¨
ur eine compu-
tergest¨
utzten Kooperation verwendeten Werkzeuge entstammen heutigen CSCW-
Systemen und werden in einen mobilen Kontext transferiert. Da die Arbeitswelt
im Sinne klassischer Workflows st¨
arker formalisiert ist und die Lernwelt einen eher
konstruktivistischen Ansatz mit offener Zusammenarbeit darstellt, entstammen die
entwickelten Nutzungsszenarien zu je einer H¨
alfte der Welt des Lernens und des Ar-
beitens. Innerhalb der entwickelten Szenarien wird von der st¨
andigen Verf¨
ugbarkeit
der gemeinsam genutzten Dokumente f¨
ur alle Teilnehmer ausgegangen, auch wenn
diese nicht ¨
uber ein Netzwerk in Verbindung stehen.
Bei der Betrachtung der Szenarien stellt sich heraus, dass diese sich ¨
uber den ge-
samten Kooperationsprozess in drei Phasen gliedern, die jeweils sehr unterschiedliche
Aktivit¨
aten enthalten. Die erste Phase ist die der Gr¨
undung, in der die Teilnehmer die
Kooperation bewusst oder unbewusst beginnen. In der Phase der Kooperation erfolgt
die eigentliche Zusammenarbeit basierend auf den gemeinsam genutzten Dokumen-
ten. Die letzte Phase ist die der Aufl¨
osung. Sie wird in klassischen CSCW-Szenarien
kaum betrachtet. Ihr kommt im mobilen Nutzungsumfeld jedoch eine besondere Be-
deutung zu.
Die Phase der Aufl¨
osung entspringt der im Rahmen dieser Arbeit vorgenomme-
nen Betrachtung der Dynamik in spontanen Kooperationsprozessen. Aufgrund der
Mobilit¨
at der Teilnehmer darf eine starke Fluktuation innerhalb der Gruppenstruk-
tur angenommen werden. Jedes Verlassen der Kooperation kommt f¨
ur Benutzer
im mobilen Umfeld einer Aufl¨
osung derselben gleich, da ein Wiederkehren in die
Kooperation mit der gleichen Teilnehmerkonstellation aufgrund der Mobilit¨
at aller
Teilnehmer nicht vorausgesagt werden kann. Oftmals wird die Kooperation in einer
anderen Nutzungskonstellation weitergef¨
uhrt, so dass die Aufl¨
osung auch als eine
Art ¨
Ubergang begriffen werden kann. Analog dazu wird das Wiedereintreten in die
Kooperation als Gr¨
undung mit einer anderen Teilnehmerkonstellation betrachtet.
Trotz der Mobilit¨
at der Nutzer tragen die entwickelten Szenarien dem Umstand
Rechnung, dass auch eine mobile Kooperation an bestimmte Orte gebunden sein
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
6 1 Einleitung
kann oder aus einem bestimmten Ortskontext heraus entsteht. Dies macht den Nut-
zungskontext zu einem wichtigen Aspekt dieser Szenarien. Mit steigender Mobilit¨
at
gewinnt dieser an Bedeutung. Die Nutzbarmachung des Nutzungskontextes ist daher
eine wesentliche Fragestellung f¨
ur die im Rahmen dieser Arbeit entworfene Muster-
architektur einer mobilit¨
atsunterst¨
utzenden Kooperationsumgebung.
Weiterhin werden die Szenarien in zwei Gruppen unterteilt. Die erste Gruppe
bilden die Szenarien der Pr¨
asenzkooperation, die der nat¨
urlichen Kooperation bei
einem pers¨
onlichen Treffen der Teilnehmer entspricht. Die zweite Gruppe bildet die
Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern und orientiert sich eher an klassi-
schen CSCW-Szenarien mit ¨
ortlich getrennten Kooperationspartnern, ¨
ubertr¨
agt die-
se aber auf eine mobil-verteilte Kooperationsumgebung. Die Szenarien beider Grup-
pen werden grunds¨
atzlich auch hinsichtlich der M¨
oglichkeit des nahtlosen ¨
Ubergangs
zwischen Pr¨
asenzkooperation und r¨
aumlich getrennter Kooperation betrachtet. Sie
tragen zudem der Option Rechnung, existierende CSCW-Systeme in die Kooperati-
on integrieren zu wollen.
Die entworfenen Szenarien sind die Grundlage f¨
ur die Beschreibung der techni-
schen Rahmenbedingungen der Umsetzungsebene. Die in Kapitel 3 untersuchten
Anforderungen an die Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume resultieren
direkt aus den Handlungsmustern der einzelnen Szenarien. In dem aufgestellten An-
forderungskatalog an die zuk¨
unftige mobil-verteilte Kooperationsumgebung identifi-
ziert diese Arbeit als wesentliche Problembereiche die
Vernetzung und Sichtbarkeit
der Kooperationspartner, die Kontextualisierung der Kooperationsumgebung und
die Konsistenz der verteilt und redundant gespeicherten Kooperationsobjekte.
Die Anforderungen im Bereich
Vernetzung und Sichtbarkeit der Kooperations-
partner werden als direkte Folge der Mobilit¨
at der Benutzer in den Szenarien iden-
tifiziert. Sie lassen sich zumeist der Phase der Gr¨
undung zuordnen. Erster Schritt
der Kooperation ist stets die Etablierung einer Kommunikation zwischen den Ko-
operationspartnern. Mangels eines zentralen Verzeichnisses verf¨
ugbarer Dienste und
Benutzer m¨
ussen die Informationen in der verteilten Umgebung gesammelt und auf-
bereitet werden. Erst anhand dieser Informationen kann eine Kooperationsgruppe
etabliert werden.
Speziell im Umfeld großer Kooperationsstrukturen und verschiedenster angebote-
ner Dienste sind Mechanismen der Kontextualisierung der Kooperationsumgebung
notwendig, um eine Auswahl potentieller Kooperationspartner und -dienste treffen
zu k¨
onnen. Diese Forderung verlangt insbesondere eine Unterst¨
utzung der Benutzer
durch eine Bereitstellung von Kontextinformationen. Diese betreffen sowohl potenti-
elle Kooperationspartner als auch verf¨
ugbare Dienste im aktuellen Kooperationsum-
feld. Daher k¨
onnen Kontextinformationen in jeder Phase der Kooperation genutzt
werden, um die Benutzer im Kooperationsprozess zu unterst¨
utzen.
Die ebenfalls ermittelte Anforderung der Konsistenz der Kooperationsobjekte ent-
stammt der in der Mobilit¨
at der Nutzer begr¨
undeten Forderung nach einer Vertei-
lung und Replikation der gemeinsamen Kooperationsobjekte auf die mobilen Ger¨
ate
aller beteiligter Kooperationspartner, um eine st¨
andigen Verf¨
ugbarkeit der gemein-
sam genutzten Dokumente zu gew¨
ahrleisten (Offline-Verf¨
ugbarkeit). Bei einer Zu-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
7
sammenarbeit mittels derart stark replizierten Datenr¨
aumen m¨
ussen alle Repliken
stets synchronisiert werden. Im Falle eines Konflikts m¨
ussen zudem die abweichen-
den ¨
Anderungen beliebig r¨
uckg¨
angig gemacht oder ver¨
andert werden k¨
onnen. Diese
Anforderungen werden in dieser Arbeit unter den Bergriffen Synchronizit¨
at und
Reversibilit¨
at zusammengefasst.
Neben den Anforderungen, die aus der neuen Qualit¨
at der mobilen Nutzung ver-
teilter Kooperationsumgebungen entstehen, werden des Weiteren auch die Funk-
tionen herk¨
ommlicher zentralisierter Kooperationssysteme speziell im mobilen Nut-
zungskontext betrachtet. Dabei offenbart sich ein Anpassungsbedarf herk¨
ommlicher
Funktionen der Kooperationsunterst¨
utzung f¨
ur deren Nutzung in mobil-verteilten
Systemen. Diese Funktionen entstammen den Basisdiensten der Bereiche Kommuni-
kation,Koordination und Kooperation, welche die Basis der Kooperation in mobilen
Nutzungsszenarien darstellen. Aufgrund ihres neuartigen mobil-spontanen Charak-
ters wird diese Form der Kooperation im Rahmen dieser Arbeit Kollaboration ge-
tauft.
Die in Kapitel 3 ermittelten Anforderungen an eine Basisarchitektur f¨
ur die Bereit-
stellung virtueller Wissensr¨
aume in einem mobil-verteilten Nutzungsumfeld werden
in Kapitel 4 auf bereits existierender L¨
osungsans¨
atze aus den Forschungsfeldern der
mobilit¨
atsunterst¨
utzenden Netzwerktechnologien, der verteilten Kommunikations-
wie Persistenzsysteme und der Kooperationssysteme untersucht.
Es zeigt sich, dass die ben¨
otigten Protokolle zur Vernetzung und Kommunikation
in mobilen und weitr¨
aumig verteilten Systemen vorhanden, aber noch nicht in all-
t¨
agliche Arbeitsumgebungen integriert sind. Mittels einer Kombination von existie-
renden und spontan etablierten Netzwerken l¨
asst sich eine weitr¨
aumige und flexible
Kommunikationsstruktur aufbauen. F¨
ur die noch fehlende automatische Vernetzung
verteilt bereitgestellter Dienste in derartigen Netzwerken existieren ebenfalls L¨
osun-
gen, die bereits in heutigen Netzwerkstrukturen zum Einsatz kommen.
Anders verh¨
alt es sich bei Systemen zur Realisierung verteilter Persistenz. Zwar
findet sich eine große Anzahl von L¨
osungsans¨
atzen, insbesondere im Bereich der ver-
teilten Hash-Tabellen (DHT), sie erweisen sich aber als zun¨
achst wenig geeignet f¨
ur
mobile Kooperationsszenarien. Durch ihre Konzentration auf die Aufrechterhaltung
des Gesamtsystems bei Knotenausf¨
allen erlauben sie keine Offline-Verf¨
ugbarkeit des
unverbundenen Knotens. Wie die im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Nutzungs-
szenarien zeigen, spielt diese jedoch in mobilen Kooperationsszenarien eine wichtige
Rolle, da eine Aufrechterhaltung der Grundfunktionalit¨
at der Kooperationsumge-
bung und somit eine lokale Replikation der Kooperationsobjekte auf dem unver-
bundenen Knoten ben¨
otigt wird. Dennoch liefern die DHTs dank eines von ihnen
aufgespannten so genannten Overlay-Netzwerks interessante Ans¨
atze f¨
ur die Adres-
sierung von Knoten in verteilten Systemen. Daher wird in der vorliegenden Arbeit
der Ansatz der DHTs weiter verfolgt. Die beschriebenen Beschr¨
ankungen bez¨
uglich
der Gew¨
ahrleistung einer Offline-Verf¨
ugbarkeit werden dazu mit Hilfe der in Kapi-
tel 5 entworfenen Distributions- und Replikationsstrategie umgangen.
Weiterhin wird in dieser Arbeit mit den bew¨
ahrten Tuple Spaces ein Konzept auf-
gegriffen, das einen einfachen und r¨
aumlich wie zeitlich entkoppelten Zugriff auf die
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
8 1 Einleitung
Kooperationsobjekte erlaubt. Bereits existierende L¨
osung f¨
ur spontan vernetzte Tu-
ple Spaces fehlt aber ein Konzept zur Gew¨
ahrleistung einer persistenten Speicherung
gemeinsam genutzer Kooperationsobjekte unter Wahrung der Offline-Verf¨
ugbarkeit.
Diese L¨
ucke wird mit dem in Kapitel 5 entworfenen Konzept derGruppen-Tuple
Spaces geschlossen.
In Kapitel 4 werden die wesentlichen Komponenten f¨
ur eine Musterarchitektur
mobil-verteilter Wissensr¨
aume identifiziert. Im darauf folgenden Kapitel 5 wird die
Integration der gew¨
ahlten L¨
osungsans¨
atze betrachtet. Insbesondere werden die er-
mittelten Defizite der betrachteten L¨
osungsans¨
atze hinsichtlich einer Unterst¨
utzung
mobil-verteilter Kooperation systematisch behoben. Dazu werden sie mit eigens auf
die Bed¨
urfnisse einer mobil-verteilten Kooperation zugeschnittenen konzeptionellen
und technischen Bausteine zu der gesuchten Musterarchitektur erg¨
anzt.
Als Grundlage f¨
ur die technische Realisierung einer verteilten Persistenz dienen die
innovativen Konzepte der DHTs. Die vorliegende Arbeit entwirft zus¨
atzlich, basie-
rend auf den Anforderungen der betrachteten Szenarien, eine gezielte Distributions-
und Replikationsstrategie inklusive einer Versionierung der verteilten Objekte. Die
Versionierung dient dabei der ¨
Uberwachung der Konsistenz des verteilten Daten-
raumes und unterst¨
utzt die kooperative Behebung von Konsistenzkonflikten. Even-
tuelle Konfliktsituationen, die nicht von der Kooperationsumgebung automatisch
behoben werden k¨
onnen, werden mit einem an verteilte Dateisysteme angelehnten
Mechanismus gel¨
ost. Er erlaubt den Benutzern, von einander abweichende Versionen
kooperativ zusammenzuf¨
uhren.
Mit dieser Distributions- und Replikationsstrategie ist es m¨
oglich, Objekte gezielt
an bestimmte Knoten des Kooperationsnetzwerkes zu senden und zwischen diesen
zu replizieren. Was fehlt, ist eine logische Struktur, die hilft, die Replikation der
Objekte zu steuern, und ein Mechanismus, um zwischen zeitweise unverbundenen
Knoten zu kommunizieren. Zu diesem Zweck wird im Rahmen dieser Arbeit das
Konzept der Gruppen-Tuple Spaces entworfen, das eine B¨
undelung replizierender
Knoten in Gruppen erlaubt. Die Knoten einer Gruppe teilen sich einen gemeinsa-
men und leicht zugreifbaren replizierten Speicher. Gleichzeitig wird eine zeitliche und
r¨
aumlich entkoppelte Kommunikation zwischen den Knoten erreicht, da die Kommu-
nikation in dem Tuple Space ¨
uber eine zeitweise Ablage von Nachrichtenobjekten im
gemeinsamen Tuple Space realisiert wird. Die Nachrichtenobjekte werden automa-
tisch an den Empf¨
anger ausgeliefert, wenn dieser sich das n¨
achste Mal mit dem
Tuple Space verbindet. Dieser Kommunikationsmechanismus wird des Weiteren f¨
ur
die Ereigniskontrolle und Koordination der verteilten Umgebung genutzt.
Auf diese Abstraktionschicht setzen die mobil-verteilten Wissensr¨
aume auf. Je-
der Kooperationsgruppe wird mit ihrem zugeh¨
origen Arbeitsbereich ein Gruppen-
Tuple Space zugeordnet. In diesem werden sowohl die Kooperationsobjekte als auch
die f¨
ur die Benutzer normalerweise nicht sichtbaren Verwaltungsobjekte abgelegt.
Durch diese persistente Speicherung der gesamten Kooperationssitzung finden die
Gruppenteilnehmer ihren Kooperationsbereich beim Betreten stets so vor, wie sie
ihn zum Ende der letzten Kooperationssitzung verlassen haben. Dabei kann die Ko-
operation in der vom virtuellen Wissensraum gewohnten Weise mittels Anwendung
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
9
der prim¨
aren Medienfunktionen auf die Kooperationsobjekte erfolgen. Mit dieser
neuartigen Verkn¨
upfung verteilter und stark replizierter Speicherkonzepte mit vir-
tuellen Wissensr¨
aumen etabliert diese Arbeit ein Konzept f¨
ur eine durchg¨
angige
Verf¨
ugbarkeit der gemeinsamen Kooperationsdaten.
Die hier entworfene Musterarchitektur gliedert sich somit in vier Schichten. Die
Vernetzungsschicht erlaubt eine generelle Kommunikation zwischen den Knoten des
Kooperationsnetzwerkes und ein Auffinden potentieller Kooperationspartner. Die
Schicht zur Objektverwaltung und -speicherung setzt auf diese Kommunikations-
schicht auf und bildet den technischen Kern der Basisarchitektur. Sie enth¨
alt neben
der Adressierung der Knoten Mechanismen f¨
ur die gezielten Replikation der Ko-
operationsobjekte und deren Versionierung. Die Schicht der Gruppen-Tuple Spaces
abstrahiert diese technische Sicht in ein schl¨
ussiges Modell zur B¨
undelung von re-
plizierenden Knoten. Sie bietet diesen außerdem Mechanismen f¨
ur eine zeitlich und
r¨
aumlich entkoppelte Kommunikation. Als oberste Schicht erm¨
oglichen die mobil-
verteilten Wissensr¨
aume den Einsatz bew¨
ahrter Kooperationskonzepte auch in mo-
bil-spontanen Nutzungsszenarien.
War eingangs dieser Arbeit die Realisierung einer mobilit¨
atsfreundlichen Koope-
rationsumgebung in Bezug auf die funktionalen und technischen Anforderungen un-
klar, so helfen die entwickelten Nutzungsszenarien und aufgezeigten L¨
osungsans¨
atze
die wesentlichen technischen Problemstellungen zu identifizieren. Ausgehend von den
im Rahmen der vorliegenden Arbeit entwickelten Nutzungsszenarien erlaubt diese
Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume die Umsetzung einer mobilen Ko-
operationsumgebung. Diese erm¨
oglicht mobilen Benutzern eine freie Kooperation
ohne Nutzungshemmnisse durch ¨
außere Gegebenheiten. Dabei ist jederzeit eine Ein-
bettung externer Dienste in die Kooperationsumgebung sowie ein nahtloser ¨
Uber-
gang zwischen Pr¨
asenzkooperation und r¨
aumlich getrennter Kooperation m¨
oglich.
Trotz des komplexen Umfeldes einer mobil-spontanen Kooperation wird der Be-
nutzer durch Nutzung verf¨
ugbarer Kontextinformationen und einer automatischen
Konfiguration der Kooperationsumgebung auch im heterogenen Umfeld nicht mit
technischen Fragestellungen belastet.
Die Arbeit schließt mit einer kurzen Zusammenfassung der einzelnen Kapitel und
gibt einem Ausblick auf zuk¨
unftige Forschungsfragen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
10 1 Einleitung
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2 Spontane Wissensorganisation im
mobilen Nutzungsumfeld
Szenarien
Die Unterst¨
utzung der Kooperation in einem mobilen Nutzungsumfeld ist an viele
Rahmenbedingungen gebunden. Diese bestehen zum einen aus der technischen Syste-
mumgebung und zum anderen aus den m¨
oglichen Nutzungsszenarien. Die technische
Systemumgebung ist dabei durch portable Hardwarearchitekturen, wie z. B. Note-
book, PDA oder Mobiltelefon, und die m¨
ogliche mobile Netzwerkanbindung, wie
z. B. WLAN, Bluetooth, GRPS, UMTS, etc., gepr¨
agt. Die Nutzungsszenarien sind
im Gegensatz zu den technischen Rahmenbedingungen nur schwer zu identifizieren
und zu benennen. Um eine Grundlage zur Ermittlung der Anforderungen an eine
Basisinfrastruktur f¨
ur die spontane und auch geplante Kooperation in einem mobilen
Nutzungsumfeld zu schaffen, werden in diesem Kapitel wesentliche Szenarien einer
mobilen Kooperation beschrieben.
In allen hier beschriebenen Szenarien werden die Benutzer durch ihnen pers¨
on-
lich zugeordnete mobile Ger¨
ate in ihrer Mobilit¨
at begleitet. Die Szenarien ordnen
sich somit in dem unter dem Begriff des Normadic Computing [Kleinrock, 1995]
bekannten Paradigma hochmobiler Benutzer in einem st¨
andig wechselnden techni-
schen Umfeld ein. Im Gegensatz zu der von Mark Weiser gepr¨
agten Sichtweise des
Ubiquitous Computing [Weiser, 1991] besteht das Ziel also nicht darin, die Ko-
operationsumgebung in Alltagsgegenst¨
anden einzubetten, sondern in einer Nutzung
der vorhandenen pers¨
onlichen mobilen Computer f¨
ur die Kooperation mit anderen
Menschen. Dennoch laufen die folgenden Szenarien nicht quer zu einem durch Com-
puter angereicherten Lebensumfeld, sondern beziehen in der Umgebung verf¨
ugbare
Dienste mit ein, ohne von diesen abh¨
angig zu werden. Die Benutzer sollen Zeitpunkt
und Ort der Kooperation frei und abh¨
angig vom aktuellen Umfeld w¨
ahlen k¨
onnen
und dabei ihre bevorzugten und auf sie konfigurierten Ger¨
ate benutzen k¨
onnen.
Die Realisierung einer derart gestalteten mobilit¨
atsfreundlichen Kooperationsum-
gebung ist ohne ein Wissen um die Nutzungsszenarien und die strukturellen Gren-
zen einer technischen Realisierung nicht m¨
oglich. Klassische CSCW-Szenarien be-
schr¨
anken sich jedoch h¨
aufig auf die Zusammenarbeit in etablierten Infrastrukturen,
w¨
ahrend sich Szenarien der mobilen Vernetzung auf die Aspekte mobilit¨
atsfreund-
licher Netzwerke konzentrieren. Um die fehlende Konvergenz kooperativer Wissens-
strukturierung und spontaner Vernetzung zu beschreiben, werden in diesem Kapitel
Nutzungsszenarien entwickelt, die eine Verkn¨
upfung von mobilen und spontanen
Netzwerken mit kooperationsunterst¨
utzenden Infrastrukturen betrachten. Anhand
11
12 2 Szenarien
des Wechselspiels zwischen diesen Nutzungsszenarien werden die Probleme unter-
sucht, die sich aus einer Zusammenf¨
uhrung der Techniken aus dem Feld der mobilen
Vernetzung und des CSCW ergeben.
F¨
ur eine grobe Einordnung der ben¨
otigten Kooperationsunterst¨
utzung lassen sich
die m¨
oglichen Kooperationsformen in unterschiedliche Kategorien unterteilen. Hier
hat sich die Unterteilung in Pr¨
asenzkooperation und entfernte Kooperation, sowie
synchroner und asynchroner Kooperation etabliert. W¨
ahrend Pr¨
asenzkooperation
und entfernte Kooperation etwas ¨
uber die r¨
aumliche Relation der Kooperations-
partner aussagt, beschreiben die Kategorien der synchronen und asynchronen Ko-
operation, ob die Kooperation zum gleichen Zeitpunkt (synchron) oder zu versetzten
Zeitpunkten (asynchron) stattfindet.
Ein Online-Chat ist demnach ein synchroner Kooperationsdienst w¨
ahrend E-Mail
zumeist asynchron genutzt wird. Des Weiteren ist ein Smartboard ein Hilfsmittel f¨
ur
die Pr¨
asenzkooperation, bei der alle Teilnehmer anwesend sind, und E-Mail wieder-
um ein Dienst zur entfernten Kooperation, bei der die Teilnehmer meist r¨
aumlich
von einander getrennt sind.
Wie man an dem Beispiel des E-Mail-Dienstes sieht, ist die Zuordnung eines Diens-
tes zu einer bestimmten Kooperationskategorie nicht immer eindeutig m¨
oglich. Den-
noch l¨
asst sich mit Hilfe dieser Kategorien leicht erkennen, ob ein Dienst f¨
ur das
geplante Kooperationsszenario geeignet ist. Durch eine Einordnung der in diesem
Kapitel beschriebenen Szenarien in eine oder mehrere Kategorien lassen sich daher
bereits erste R¨
uckschl¨
usse auf die ben¨
otigten Kooperationsdienste ziehen.
Der hier verfolgte Ansatz ¨
ahnelt den in [Booch et al., 1998] beschriebenen Useca-
ses1. Die Grundidee der Verwendung von Usecases ist, die Entwickler eines Softwa-
reprojektes davor zu bewahren, w¨
ahrend der technischen Realisierung die ben¨
otigte
Funktionalit¨
at aus den Augen zu verlieren und sich stattdessen durch technische
Aspekte leiten zu lassen. Eine ¨
ahnliche Funktion ¨
ubernehmen die Szenarien in die-
sem Kapitel. Eine Formalisierung dieser Szenarien geht dabei jedoch nur so weit, wie
es eine Pr¨
azisierung der einzelnen Handlungen der Kooperationspartner erfordert,
um die allgemeine Verst¨
andlichkeit der Szenarien nicht zu gef¨
ahrden.
Die Szenarien dieser Arbeit fußen auf dem Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume
[Hampel, 2001], die bereits in der serverzentrierten Architektur des open-sTeam-
Sytems2implementiert sind. Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, dieses flexible
Konzept der dokumentenzentrierten Kooperation in mobile Nutzungsszenarien zu
¨
uberf¨
uhren und eine entsprechende technische Dienste-Infrastruktur zu entwerfen.
Daher werden in den folgenden Szenarien insbesondere die mobile Kooperation in
virtuellen Wissensr¨
aumen betrachtet und bez¨
uglich einer technischen Unterst¨
utzung
der Zusammenarbeit durch eine m¨
ogliche Kooperationsinfrastruktur analysiert.
Dieses Kapitel gliedert sich in zwei Szenariengruppen entsprechend der r¨
aumlichen
Beziehung der Kooperationspartner zueinander. Die erste Szenariengruppe Pr¨
a-
1Die Usecases werden in der Beschreibungssprache Unified Modeling Language (UML) weiter for-
malisiert und verfeinert.
2Im Folgenden wird open-sTeam der besseren Lesbarkeit wegen sTeam genannt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
13
Gründung Kooperation Auflösung
Wiederaufnahme
der Kooperation
Änderung der
Gruppenstruktur
Abbildung 2.1: Der Prozess einer mobil-spontanen Kooperation gliedert sich in
drei Phasen: Die Gr¨
undung steht am Anfang und besteht aus der Gruppengr¨
un-
dung und der Erstellung des gemeinsamen Arbeitsbereiches. Die eigentliche Ko-
operation findet in der gleichnamigen Phase statt. Das Aufl¨
osen der Kooperation
erfolgt aus Sicht der einzelnen Teilnehmer immer am Ende ihrer Beteiligung an
der Kooperationssitzung. Sie k¨
onnen dieser aber jederzeit in einer anderen Nut-
zungskonstellation wieder beitreten.
senzkooperation betrachtet haupts¨
achlich Kooperationsformen bei der alle Teilneh-
mer r¨
aumlich zugegen sind. Wohingegen die zweite Szenariengruppe Kooperation
mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern haupts¨
achlich Kooperationsformen mit r¨
aum-
lich entfernten Kooperationspartnern betrachtet. In beiden Gruppen wird dabei auch
auf Mischszenarien beider Kooperationsformen Bezug genommen.
Jede der zwei Gruppen enth¨
alt wiederum zwei Hauptszenarien. Bei der Gruppe
Pr¨
asenzkooperation sind dies die Hauptszenarien Lerngruppe und Spontane
Kooperation. Die Gruppe Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern ent-
h¨
alt die Hauptszenarien R¨
aumlich getrennte Kooperation und Distant Learning.
Die Hauptszenarien sind in drei Kooperationsphasen unterteilt, die den Ablauf
eines Kooperationsszenarios in Gr¨
undung,Kooperation und Aufl¨
osung gliedern. Die
Phase der Gr¨
undung enth¨
alt die Prozesse, in denen die Teilnehmer eine Koopera-
tion bewusst oder unbewusst beginnen. Die Phase der Kooperation betrachtet die
eigentliche Zusammenarbeit zwischen den Teilnehmern. Die Phase der Aufl¨
osung ist
besonders im kooperativen Nutzungskontext wichtig, da sie die Archivierung der
Kooperationsergebnisse einschließt und in mobilen Szenarien oft einen ¨
Ubergang
zu einer neuen Nutzungskonstellation in der Kooperationsumgebung darstellt. Die
Aufl¨
osung geht somit oft direkt in die Gr¨
undung einer Kooperation mit anderer
Konstellation ¨
uber. So entsteht eine Art Regelkreis, in dem die Kooperationskonfi-
guration st¨
andig dem Nutzungskontext angepasst wird (Abbildung 2.1).
Die insgesamt vier Hauptszenarien enthalten jeweils mehrere detaillierte Fallbe-
schreibungen, die eine Identifizierung der ben¨
otigten Unterst¨
utzungsfunktionen er-
lauben. Beispiele dieser detaillierten Fallbeschreibungen sind die Szenarien Gr¨
un-
dung einer Gruppe aus dem Ortskontext der Teilnehmer (Szenario 1.1),Koope-
ratives Arbeiten in einem gemeinsamen Gruppenbereich (Szenario 1.6) und ¨
Uber-
f¨
uhren einer zentral verwalteten Kooperationsgruppe in eine mobil-verteilte Koopera-
tionsumgebung (Szenario 3.1). Es empfiehlt sich im Folgenden f¨
ur einen ¨
Uberblick
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
14 2.1 Pr¨
asenzkooperation
¨
uber das Hauptszenario auf den Fließtext und f¨
ur einen tieferen Einblick in die
Einzelszenarien auf die grauen Boxen mit mit den detaillierten Fallbeschreibungen
zur¨
uckzugreifen.
2.1 Pr¨
asenzkooperation
In die Gruppe der Szenarien der Pr¨
asenzkooperationen oder auch Face-to-Face Ko-
operationen, ordnen sich alle Kooperationssituationen ein, in denen die Kooperati-
onspartner direkt und ohne r¨
aumliche Trennung miteinander interagieren. Aufgrund
dieser Umst¨
ande haben die Benutzergruppen daher eine begrenzte Gr¨
oße und ver-
st¨
andigen sich zumeist ohne technische Hilfsmittel ¨
uber direkte Sprache und Gestik.
Bei der Kommunikation sind alle Kooperationspartner gleichberechtigt und erfolgt
an alle Partner zugleich. Es handelt sich demnach um eine ungerichtete Kommu-
nikation zwischen allen Teilnehmern. In einigen F¨
allen mag jedoch ein Moderator
die Kooperation steuern, um den Kooperationsprozess zu koordinieren. Dies macht
dann Sinn, wenn die Kooperationspartner sich ansonsten durch ihre Handlungen
behindern w¨
urden, weil sie gemeinsam auf einige wenige Kooperationsressourcen
zugreifen.
Die Kooperationsressourcen bilden hier oftmals technische Hilfsmittel wie Wis-
sensquellen in Form von Literatur und Notizen, die w¨
ahrend der Kooperationssitzung
mit Beschriftungen, Bleistiftskizzen oder Tafelbildern erg¨
anzt werden. Durch das ver-
st¨
arkte Aufkommen von mobilen Computern und digitalen Medien werden viele der
Hilfsmittel und Ressourcen inzwischen durch ihre digitalen Pendants erg¨
anzt oder
ersetzt. Es kommt zu einer Vermischung von herk¨
ommlichen und computerisierten
Hilfsmitteln.
In einem solchen Kooperationsumfeld gilt es, diese technischen Hilfsmittel naht-
los und ohne Medienbr¨
uche einzubinden. Dies bedeutet, die nat¨
urliche Kooperation
durch die technischen Hilfsmittel zu erg¨
anzen und die herk¨
ommlichen Kooperati-
onsmaterialien m¨
oglichst einfach in die computergest¨
utzte Kooperation zu integrie-
ren. Dieses Unterfangen ist aufgrund der vielen nicht digitalisierten Materialien wie
Schmierzettel, B¨
ucher, Mitschriften, etc. schwierig. Der Trend zeigt jedoch, dass die
digitalen Hilfsmittel zunehmend eine wichtige Stellung im Alltagsleben der Benutzer
einnehmen3. Zus¨
atzlich kann ein verst¨
arkter Einsatz dieser digitalen Hilfsmittel hel-
fen, die unvermeidlichen Medienbr¨
uche durch einen Wechsel zwischen analoger und
digitaler Welt zu reduzieren.
Um Medienbr¨
uche, die durch den Wechsel zwischen analogen zu digitalen Hilfs-
mitteln entstehen, zu vermeiden, wird in den Szenarien falls verf¨
ugbar direkt die
digitale Variante gew¨
ahlt. Dabei wird davon ausgegangen, dass die digitale L¨
osung
zumindest gleichwertig zu ihrem analogen Vorbild ist. Eventuelle Nachteile der aktu-
ellen digitalen Umsetzungen analoger Hilfsmittel werden der Einfachheit halber bei
dieser Betrachtung ignoriert und beide Varianten als zumindest gleichwertig ange-
3Als Beispiele seien hier eBooks und Digital Ink als Ersatz f¨
ur Literatur in Papierform, TabletPC
als Ersatz f¨
ur Notizzettel und Smart Whiteboards als Ersatz f¨
ur Tafeln genannt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.1 Lerngruppe 15
nommen. Es scheint eine realistische Annahme zu sein, dass die digitalen Hilfsmittel
sich mehr und mehr den Analogen angleichen und zus¨
atzlich einen funktionalen
Mehrwert bieten werden. Die Nutzung der neuen digitalen Hilfsmittel entwickelt
besonders in Verbindung mit mobilit¨
atsfreundlichen Kommunikationsschnittstellen
und -infrastrukturen spannende M¨
oglichkeiten f¨
ur eine nahtlose Kooperation im mo-
bilen Umfeld.
2.1.1 Lerngruppe
Das erste Szenario der Pr¨
asenzkooperation mobiler Benutzer bildet eine studentische
Lerngruppe. Lerngruppen haben ¨
ublicherweise wenige Mitglieder, die sich nach losen
Verabredungen an einem geeigneten Ort treffen. Die Gruppenst¨
arke variiertert von
Treffen zu Treffen durch die Abwesenheit einiger Teilnehmer oder das Hinzukommen
von G¨
asten. Ziel einer solchen Lerngruppe ist das gemeinsame Aufarbeiten eines
bestimmten Wissensgebietes bzw. eines vorgegebenen Lernstoffes. In den meisten
F¨
allen schließt sich an die Lernphase eine zu absolvierende Pr¨
ufung an einem festen
Termin an. Alle Kooperierenden arbeiten daher auf ein gemeinsames Ziel hin, welches
jedoch nicht nur durch die gemeinsam geschaffenen Artefakte, sondern auch durch
das individuell erlangte Wissen gepr¨
agt ist.
Gr¨
undung, Anbahnungsphase Der organisatorische Rahmen einer Lerngruppe
ist durch eine lose und gleichberechtigte Kooperation aller Teilnehmer gepr¨
agt. Die
Gr¨
undung der Gruppe erfolgt durch Absprache w¨
ahrend eines spontanen Treffens
im Vorlesungsumfeld oder auch geplant durch einen Aushang.
Die schnelle Identifizierung potentieller Kooperationspartner ist also eine erste
wichtige Komponente der Kooperationsumgebung. Potentielle Kooperationspartner
k¨
onnen z. B. Benutzer in r¨
aumlicher N¨
ahe oder mit ¨
ahnlichem Interessenprofil sein.
Die Initiatoren lassen den potentiellen Partnern eine Kooperationsanfrage zukom-
men. Wird die Anfrage positiv beantwortet, f¨
ugen sie die Teilnehmer der Lerngruppe
hinzu unter Umst¨
anden ist aber auch eine Bewerberliste sinnvoll, welche die In-
itiatoren nutzen k¨
onnen um die passenden Kandidaten auszuw¨
ahlen.
Szenario 1.1: Gr¨
undung einer Gruppe aus dem Ortskontext der Teil-
nehmer
Gr¨
undung einer Gruppe mittels Auswahl anwesender Kooperationspartner
Die Benutzerin T1einer mobilen Kooperationsumgebung m¨
ochte anhand von poten-
tiellen Teilnehmern (T1,· · · , Tn) eine Lerngruppe mit zun¨
achst h¨
ochstens 6 Mitglie-
dern gr¨
unden, um f¨
ur eine Pr¨
ufung zu lernen. Mit zwei der gew¨
unschten Teilnehmer
(T2, T3) hat sie sich am Rande einer Vorlesung getroffen. Um die Gruppe anhand
der anwesenden Teilnehmer zu gr¨
unden, l¨
asst sie sich alle Benutzer der Koopera-
tionsumgebung in ihrer N¨
ahe anzeigen. Dies sind die Benutzer T2,T3und Tx. Da
auch nicht gew¨
unschte Benutzer als m¨
ogliche Gruppenmitglieder in der Umgebung
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
16 2.1 Pr¨
asenzkooperation
vorhanden sind, w¨
ahlt sie die Benutzer, die zur Gruppe geh¨
oren sollen (T2und
T3), aus der Menge der Anwesenden aus. Aus dieser Selektion heraus gr¨
undet sie
eine neue Gruppe Ginnerhalb der Kooperationsumgebung. Die nicht anwesenden
aber bekannten Benutzer (T4,T5und T6) lassen sich vorl¨
aufig hinzuf¨
ugen und be-
kommen so eine Einladung nach deren Best¨
atigung sie automatisch Mitglieder der
Gruppe Gwerden.
Neben der Gruppengr¨
undung mit Anwesenden bei einem spontanen Treffen, kann
eine solche Gr¨
undung auch durch eine Art Aushang oder Laufzettel angek¨
undigt wer-
den. In diesem Fall wird eine Nachricht an alle potentiellen Teilnehmer gesandt. Um
auch Teilnehmer zu erreichen, die derzeit nicht im System verf¨
ugbar sind, wird die
Anfrage epidemisch also bei Kontakt von Benutzer zu Benutzer weitergegeben.
Diese Anfrage tr¨
agt ein G¨
ultigkeitsdatum, welches festlegt, wie lange der Aushang
weitergereicht werden soll. L¨
auft dieses Datum ab, verf¨
allt die Anfrage und wird
nicht mehr an weitere Benutzer weitergereicht.
Interessierte Benutzer, die an der Lerngruppe teilnehmen wollen, schicken eine
Antwort auf die Anfrage in Richtung der initiierenden Benutzer. Diese k¨
onnen noch
entscheiden, wer endg¨
ultig in die Lerngruppe aufgenommen wird. Sie sind somit
Verwalter der Lerngruppe. Die Verwaltungsrechte k¨
onnen sp¨
ater an andere Teilneh-
mer weitergegeben werden, um die Lerngruppe zu erweitern oder G¨
aste einladen zu
k¨
onnen.
Soll die Lerngruppe nicht ¨
offentlich ausgehangen werden oder wird die Lerngruppe
durch ein pers¨
onliches Treffen initiiert, kann der Prozess der Ank¨
undigung f¨
ur einen
begrenzten Benutzerkreis verwendet werden. Dazu k¨
onnen die gr¨
undenden Teilneh-
mer eine Auswahl der Zielgruppe durch Benennen der gew¨
unschten Teilnehmer oder
gew¨
unschter Attribute potentieller Teilnehmer vornehmen. M¨
ogliche Attribute w¨
a-
ren hier z. B. Teilnehmer der Vorlesung ,Architekturen des CSCW’ oder im Fall
des pers¨
onlichen Treffens alle anwesenden Personen.
Szenario 1.2: Gruppengr¨
undung mittels Aushang und Eingrenzung des
Nutzerkreises
Gr¨
unden einer Gruppe mit unbekanntem Benutzerkreis
Definieren gew¨
unschter Benutzerprofile f¨
ur die Gruppengr¨
undung
Der Benutzer T1einer mobilen Kooperationsumgebung m¨
ochte eine Lerngruppe
gr¨
unden, ohne alle der m¨
oglichen Teilnehmer bereits zu kennen. Er macht des-
halb eine systemweite Ank¨
undigung, die alle in Frage kommenden Benutzer er-
reichen soll. Da es sich um eine Lerngruppe zur Vorlesung Architekturen des
CSCW (ACSCW) handelt, beschließt er, nur Benutzer zu adressieren, die an
dieser Vorlesung teilnehmen. Außerdem sollen alle Teilnehmer in der selben Stadt
(hier: Paderborn) wohnen, um Pr¨
asenztreffen leichter organisieren zu k¨
onnen. Dazu
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.1 Lerngruppe 17
gibt er beide Kriterien als Filter ¨
uber die Attribute Gruppe=ACSCW und Adres-
se.Stadt=Paderborn ein. Nur Benutzer, die diesen Kriterien entsprechen, bekom-
men die Ank¨
undigung angezeigt.
Um eine Verbreitung an einen m¨
oglichst großen Benutzerkreis zu gew¨
ahrleisten,
wird der Aushang innerhalb der computergest¨
utzten Kooperationsumgebung an
alle Benutzer weitergereicht sobald diese kontaktiert werden. Die Benutzer reichen
den virtuellen Aushang wiederum an andere Benutzer weiter, die sie treffen, auch
wenn sie selbst nicht zum gew¨
unschten Personenkreis geh¨
oren. Nach einer zuvor
definierten Zeit wird die Ank¨
undigung wieder entfernt und von allen Ger¨
aten ge-
l¨
oscht.
Benutzer, die an der Lerngruppe teilnehmen wollen, beantworten die Ank¨
undi-
gung positiv. Der Initiator bekommt diese Benutzer daraufhin in einer Liste po-
tentieller Teilnehmer angezeigt, aus der er die endg¨
ultige Gruppe zusammenstellen
kann. Als Hilfsmittel f¨
ur die Entscheidung ¨
uber m¨
ogliche Mitglieder nutzt er Chat-
Mechanismen und Benutzerprofile.
Der Aushang von T1erreicht die Benutzerin T2als sich ihr mobiles Ger¨
at
¨
uber ein Funknetzwerk mit dem Ger¨
at von Benutzer T1verbindet. Allerdings
wird Benutzerin T2der ¨
ubergebene Aushang nicht angezeigt. Das Attribut Adres-
se.Stadt=Paderborn trifft bei ihr zwar zu, aber sie besucht nicht die Vorlesung
Architekturen des CSCW (ACSCW) und ist somit auch nicht Mitglied in der ge-
forderten Gruppe ACSCW. Benutzerin T2lebt mit Benutzerin T3, deren Profil den
gew¨
unschten Vorgaben entspricht, in einer Wohngemeinschaft. Als T2in der ge-
meinsamen Wohnung eintrifft, wird die Ank¨
undigung automatisch an die ebenfalls
anwesende T3¨
ubermittelt und dieser aufgrund der ¨
Ubereinstimmung des Profils
angezeigt.
Teilnehmerin T3entschließt sich, der Lerngruppe beizutreten und schickt eine
positive Antwort an den Initiatior T1. Die Antwort wird ebenfalls epidemisch ¨
uber-
tragen. Daher erh¨
alt T2eine Kopie der Antwort, ohne diese je zu Gesicht zu bekom-
men. Diesmal kommt T3w¨
ahrend der besagten Vorlesung noch vor T2in Reichweite
von T1und beantwortet die Anfrage somit direkt. Das Antwortobjekt von T2ver-
f¨
allt entweder nach einer gewissen Lebenszeit, wird beim n¨
achsten Kontakt mit T3
zur¨
uckgezogen oder erreicht T1und wird dann von dem Ger¨
at von T2entfernt.
Nach der Gr¨
undung der Lerngruppe muss die Kooperationsumgebung die Benutzer
zu einer Gruppe innerhalb des Systems zusammenschließen und einen gemeinsamen
Arbeitsbereich zur Verf¨
ugung stellen. Gleichzeitig sind die Berechtigungen der Teil-
nehmer einer gleichberechtigten Kooperation entsprechend zu setzen. Dies bedeutet
im Detail, dass der Gruppenbereich und alle enthaltenen Dokumente, bis auf eini-
ge gezielte Ausnahmen, f¨
ur alle Teilnehmer voll zugreifbar sind. Zun¨
achst sind also
alle Dokumente im Besitz aller Gruppenmitglieder. Bei Bedarf werden die Ausnah-
men nachtr¨
aglich festgelegt und mit entsprechenden Berechtigungen versehen. Die
Verwaltung der Gruppe selbst kann entweder durch die Gr¨
undungsmitglieder, die
designierten Gruppenadministratoren oder alle Gruppenmitglieder erfolgen. In einer
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
18 2.1 Pr¨
asenzkooperation
gleichberechtigten Kooperation erscheint in der Regel eine Verwaltung seitens aller
Gruppenmitglieder sinnvoll.
Szenario 1.3: Gemeinsamer Arbeits- und Lernbereich f¨
ur Dokumente
und aktive Objekte
Gr¨
unden einer Gruppe mit einem gemeinsamen Bereich
Berechtigungen im Gruppenbereich
Entfernter Zugriff auf gemeinsam genutzte Objekte
Begleitend zur Vorlesung Architekturen des CSCW (ACSCW) hat sich eine Lern-
gruppe mit vier Mitgliedern zusammengeschlossen. Die Gruppe nutzt einen gemein-
samen Arbeitsbereich f¨
ur alle gemeinsam genutzten Objekte. Im Sinne einer offenen
und gleichberechtigten Kooperation haben alle Teilnehmer die gleichen Zugriffs-
rechte auf die in dem Bereich enthaltenen Objekte. Wenn Benutzer neue Objekte
in dem Gruppenbereich ablegen, haben alle Angeh¨
origen der Gruppe das Recht,
das Objekt gem¨
seiner Relevanz zu bewerten, anzuordnen, zu kommentieren, zu
bearbeiten oder sogar zu l¨
oschen, wenn sie es f¨
ur irrelevant halten.
Die Abstimmung der Handlungen geschieht in der Regel mittels direkter Kommu-
nikation zwischen den anwesenden Teilnehmern. Kommunikation mit abwesenden
Teilnehmern wird ¨
uber ein Nachrichtensystem koordiniert. Die Kommunikation be-
z¨
uglich eines Objektes wird an das Objekt selbst gekoppelt und so ein intuitiver
Bezug f¨
ur die Kommunikation hergestellt. Damit abwesende Teilnehmer nicht st¨
an-
dig den Gruppenbereich aufsuchen m¨
ussen, um den Fortschritt zu verfolgen, kann
die Kommunikation oder auch ein ¨
Anderungsprotokoll als pers¨
onliche Nachricht
zugestellt werden.
Die Lerngruppe Gbesitzt vier Teilnehmer (G={T1,· · · , T4}). Diese befinden
sich derzeit in einer Kooperationssituation und wollen gemeinsam das Dokument
d1bearbeiten. Dieses Dokument liegt in einem der Gruppe zugeordneten Bereich
der Kooperationsumgebung. Nur die Gruppenmitglieder haben auf diesen Bereich
Zugriff. Innerhalb dieses Bereichs d¨
urfen alle Gruppenmitglieder alle Objekte und
Dokumente ¨
andern, l¨
oschen und neu anlegen. In dem leeren Bereich legt T1das
Dokument d1an, das von nun an alle Gruppenmitglieder lesen und ¨
andern (schrei-
ben) k¨
onnen. Des Weiteren legt T1ein Dokument d2an, in dem er eigene Notizen
ablegen will. T1m¨
ochte diese Notizen auch dem Rest der Gruppe zug¨
anglich ma-
chen, aber den anderen Gruppenmitgliedern nicht erlauben, den Inhalt zu ¨
andern.
Daher legt er das Dokument im gemeinsamen Gruppenbereich ab, entzieht aber
allen Gruppenmitgliedern die Schreibberechtigung.
F¨
ur eine Kooperation mittels dieser Dokumente treffen sich T1,T2und T3in
einem Raum und setzen sich um einen Tisch. Sie verf¨
ugen alle ¨
uber mobile Ger¨
ate,
die miteinander vernetzt sind. Teilnehmer T4befindet sich an einem anderen Ort
und greift ¨
uber eine Netzwerkverbindung auf dieselbe Kooperationsumgebung wie
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.1 Lerngruppe 19
die Gruppenmitglieder vor Ort zu. W¨
ahrend T1,T2und T3eine Gliederung f¨
ur das
Dokument d1erstellen, wird T4¨
uber jede ¨
Anderungen im Dokument informiert.
Nachdem eine grobe Gliederung steht, f¨
ugt er einen neuen Gliederungspunkt in d1
ein, was wiederum den anderen Gruppenmitgliedern sofort angezeigt wird.
Kooperationsphase Nach der Gr¨
undung der Gruppe verabredet die Gruppe sich
f¨
ur Pr¨
asenztreffen. Die Treffen k¨
onnen dabei f¨
ur einen bestimmten wiederkehrenden
Termin verabredet oder von Mal zu Mal neu bestimmt werden. Nicht anwesende
Teilnehmer m¨
ussen ¨
uber diese Termine informiert und bei Bedarf in die Termin-
findung eingebunden werden. Neben Benachrichtigungsmechanismen erlauben Ab-
stimmungsfunktionen und Gruppenkalender eine Unterst¨
utzung der Prozesse in der
Terminfindung.
Szenario 1.4: Terminkoordination f¨
ur die Pr¨
asenzsitzungen in Klein-
gruppen
Unterst¨
utzung des Terminfindungsprozesses
Eine Gruppe von gleichberechtigten Benutzern m¨
ochte einen einmaligen Termin
oder sogar wiederkehrende Termine f¨
ur regelm¨
aßige Treffen bestimmen. Hierzu ist
es wichtig, dass m¨
oglichst alle Teilnehmer zu diesem Termin verf¨
ugbar sind. ¨
Ubli-
cherweise wird eine erste Terminfindung bei dem ersten Treffen zusammen mit der
Gruppengr¨
undung erfolgen. Generell gibt es zwei m¨
ogliche Vorgehensweisen:
a) Iterative Abstimmung: Die Initiatoren der Lerngruppe machen einige Ter-
minvorschl¨
age, ¨
uber die in der Gruppe abgestimmt wird. Der Termin mit der
meisten Zustimmung wird gew¨
ahlt. Sollte ein Teilnehmer an diesem Termin
nicht k¨
onnen, muss die Wahl eventuell mit neuen Vorschl¨
agen wiederholt wer-
den. Dieses Verfahren bietet sich an, wenn alle Teilnehmer ¨
ahnliche Termine
haben (z. B. einheitlicher Stundenplan von Teilnehmern in der gleichen Stu-
dienphase), ansonsten kann das Verfahren aus b) schneller zum Erfolg f¨
uhren.
b) Termin¨
uberdeckung: Jeder der Teilnehmer nennt die eigenen, bereits exis-
tierenden wiederkehrenden Termine (Stundenplan). Der neue Termin wird in
der Zeit geplant an dem keine ¨
Uberdeckungen der existierenden Termine auf-
treten. Gibt es eine solche ¨
Ubereinstimmung nicht, werden die existierenden
Termine priorisiert oder bereits existierende Termine verschoben. Dies ist in
der Regel ein interaktiver Prozess, bei dem die Teilnehmer die Wichtigkeit
ihrer Termine argumentieren. Im Gegensatz zum Verfahren in a) muss jeder
Teilnehmer alle seine Termine offen legen und Rechenschaft ¨
uber diese f¨
uhren.
Eine Pr¨
asenzsitzung beschleunigt die Terminfindung aufgrund deren stark interak-
tiven Charakters. Aber auch eine r¨
aumlich entfernte und zeitlich versetzte Form
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
20 2.1 Pr¨
asenzkooperation
der Terminbestimmung ist m¨
oglich. Das Ergebnis der Terminabstimmung f¨
ur re-
gelm¨
aßige Termine muss aber im Gegensatz zu einmaligen Terminen den Konsens
aller Teilnehmer finden.
Im Folgenden plant eine Gruppe von gleichberechtigten Benutzern einen einzel-
nen Termin f¨
ur ein Pr¨
asenztreffen. Dies kann z. B. der erste Termin einer interak-
tiven Terminbestimmung f¨
ur regelm¨
aßige Treffen sein oder ein außerordentliches
Treffen f¨
ur eine zus¨
atzliche Lernsitzung. Dieser einmalige Termin bedarf keiner
strikten Verf¨
ugbarkeit aller Teilnehmer, Ziel ist aber dennoch ein m¨
oglichst hoher
Konsens. Eine Bestimmung von regelm¨
aßigen Terminen erfolgt analog.
In einer iterativen Abstimmung wird nach der Nennung m¨
oglicher Termine durch
T1mehrheitlich einer der Termine gew¨
ahlt. Die Mehrheit der Stimmen f¨
allt auf
einen Termin, an dem zwei Mitglieder nicht verf¨
ugbar sind. Deshalb beschließt
die Gruppe die Abstimmung unter Ausschluss dieses Termins zu wiederholen. Die
Teilnehmerin T2ist bei der Terminfindung nicht pers¨
onlich zugegen und soll sp¨
ater
von dem mehrheitlichen Ergebnis in Kenntnis gesetzt werden. Weil die Abstimmung
aber f¨
ur einen wichtigen Termin erfolgt, an dem sie unbedingt teilnehmen m¨
ochte,
¨
ubertr¨
agt sie ihr Stimmrecht auf das anwesende Mitglied T3.T3weiß aber bei dem
gew¨
ahlten Termin nicht ob T2diesen wahrnehmen kann und T2wird kurzfristig
¨
uber technische Hilfsmittel wie Telefon oder Chat hinzugezogen. Stimmt T2zu, ist
der Termin gefunden.
Die Teilnehmer T1,T2,T3und T4wollen nach abgeschlossener Gr¨
undung der
Gruppe Gmittels des Verfahrens der Termin¨
uberdeckung einen Termin f¨
ur das
n¨
achste Treffen verabreden. T1,T2und T3treffen sich zuf¨
allig in der Kantine. T4
ist nicht anwesend. Sie ermitteln mit Hilfe eines Gruppenkalenders in ihrer Koope-
rationsumgebung einen m¨
oglichen Termin. Dazu legen sie Ihre pers¨
onliche Kalender
¨
ubereinander und w¨
ahlen einen bei allen Teilnehmern freien Termin. Der pers¨
on-
liche Kalender von T4kann nicht ber¨
ucksichtigt werden, da dieser nicht vorliegt
und zudem die Berechtigung zur Einsicht des pers¨
onlichen Kalenders von T4fehlt.
Daher verzichten die drei Anwesenden zun¨
achst auf eine Einbeziehung und bestim-
men einen Termin auf die Gefahr hin, mit dem pers¨
onlichen Kalender von T4zu
kollidieren. Der Termin wird in den Gruppenkalender eingetragen und somit auch
T4bekannt gegeben. Da dieser Termin in dem pers¨
onlichen Kalender von T4be-
reits belegt ist, tritt er direkt ¨
uber die Kooperationsumgebung mit den anderen drei
Teilnehmern in Kontakt. Unter zus¨
atzlicher Einbeziehung des Terminkalenders von
T4wird daraufhin ein endg¨
ultiger Termin bestimmt.
W¨
ahrend der Pr¨
asenzsitzungen arbeiten die Lernpartner mit einem gemeinsamen
Fundus von Dokumenten. Dieser wird gr¨
oßtenteils kooperativ erweitert und kom-
mentiert, soll aber auch individuellen Bed¨
urfnissen angepasst werden. Es m¨
ussen
daher sowohl individuelles als auch kooperatives Arbeiten innerhalb derselben Ar-
beitsumgebung unterst¨
utzt werden, um diese nicht st¨
andig wechseln zu m¨
ussen. Da-
mit bei einer wachsenden Anzahl von Dokumenten die ¨
Ubersicht nicht verloren geht,
ist es wichtig, dass der Kooperationsbereich strukturiert werden kann ¨
ahnlich zu
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.1 Lerngruppe 21
den in [Hampel, 2001] beschriebenen Szenarien. Da nicht alle Teilnehmer bei jeder
Pr¨
asenzsitzung anwesend sein k¨
onnen, m¨
ussen dar¨
uber hinaus ¨
Anderungen in dem
gemeinsamen Kooperationsbereich seit der letzten Teilnahme f¨
ur die abwesenden
Benutzer kenntlich gemacht werden.
Szenario 1.5: Individuelles und kooperatives Arbeiten an Dokumenten
Zusammenspiel von Gruppenbereich und pers¨
onlichem Bereich
Verkn¨
upfung von Dokumentversionen
Die Lerngruppe beschliesst, den Lernstoff anhand des vorhandenen Vorlesungs-
skriptes aufzuarbeiten. Sie gehen zu diesem Zweck sequentiell durch den Stoff der
Vorlesung und somit durch die Kapitel des Skripts. W¨
ahrend ihrer Lernsitzungen
versehen sie gemeinsam das Skript mit ihren Kommentaren oder f¨
ugen Zusatzmate-
rialien hinzu. Dabei werden zum Teil auch ¨
Anderungen eines anderen Teilnehmers
nochmals bearbeitet, kommentiert oder entfernt, weil sie z. B. falsch oder ungenau
sind.
Neben dem gemeinsam bearbeiteten Dokument besitzen alle Teilnehmer eine
eigene Kopie des Skripts, in das pers¨
onliche und f¨
ur die Kooperation irrelevante
Kommentare einf¨
ugt werden. Auf diese privaten Daten darf kein anderer Teilneh-
mer zugreifen oder sie ¨
andern. Optional k¨
onnen die Teilnehmer eine Kopie ihrer
pers¨
onlichen Version wieder in die kooperative Fassung einfließen lassen oder um-
gekehrt, kooperative Anteile in die pers¨
onliche Version ¨
ubernehmen.
Die Benutzer T1,T2und T3sind Mitglieder der Gruppe G. Sie bearbeiten in ihrem
gemeinsamen Gruppenbereich eine elektronische Version des Vorlesungsskripts zur
Vorlesung Architekturen des CSCW (ACSCW). Das Skript wird als Dokument
d1analog zu Szenario 1.3 im gemeinsamen Gruppenbereich abgelegt. Zus¨
atzlich
speichert jeder Teilnehmer eine Kopie d0
1des Skript in seinen pers¨
onlichen Arbeits-
bereich. Teilnehmerin T1macht in ihrer pers¨
onlichen Version einige Anmerkungen
zu einem Abschnitt im Skript. Sie beschließt, dass diese Anmerkungen n¨
utzlich
f¨
ur ihre Kooperationspartner sein k¨
onnen und markiert diese f¨
ur eine ¨
Ubernahme
in das gemeinsame Dokument d1. Daraufhin sind diese f¨
ur alle Gruppenmitglieder
sichtbar. Teilnehmer T2entdeckt einen Fehler in den Anmerkungen von T1und
korrigiert diesen. Die ¨
Anderung wird in dem gemeinsamen Dokument wiederum
sofort f¨
ur alle sichtbar. In der pers¨
onlichen Version von T1bleibt die fehlerhafte
Anmerkung zun¨
achst bestehen, wird aber bez¨
uglich der neu existierenden Version
markiert. T1erkennt ihren Fehler und ¨
ubernimmt die ¨
Anderung in ihr pers¨
onliches
Skript somit sind beide Versionen der Anmerkungen wieder synchron.
Obwohl der Ablauf des kooperativen Lernens in der Lerngruppe bedingt durch den
Lernstoff, pers¨
onliche Vorlieben der Lernenden und die bewusst angewendeten Lern-
strategien variiert, wird im Rahmen der hier beschriebenen Szenarien folgender Ab-
lauf als typisch angenommen:
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
22 2.1 Pr¨
asenzkooperation
1. Sammeln von Materialien: Zu Beginn werden alle m¨
oglichen Quellen f¨
ur
das Erlernen des gew¨
unschten Stoffes zusammengetragen. Dies geschieht in der
Regel nicht arbeitsteilig. Die Teilnehmer suchen getrennt nach allen Materia-
lien, die sie f¨
ur sich relevant halten.
2. Sichten der Materialien: Die gesammelten Materialien werden gemeinsam
von den Lernpartnern gesichtet und sortiert. Dabei werden die irrelevanten
Materialien beiseite gelegt und zentrale Quellen in den Mittelpunkt des ge-
meinsamen Interesses gestellt.
3. Aufarbeiten des Lernstoffes: Die zentralen Quellen werden gemeinsam
durchgearbeitet, aus anderen Quellen erg¨
anzt sowie mit Kommentaren ver-
sehen.
4. Verdichten des Wissens: Das Verdichten des Wissens meint den Prozess,
relevantes Wissen f¨
ur das Erreichen des Lernziels zu ermitteln und aufzuar-
beiten. Dazu strukturieren es die Lernenden h¨
aufig in eine Form die ihrem
mentalen Modell entspricht. Dies kann z. B. mittels semantischer Karten erfol-
gen, die sich z. B. durch eine r¨
aumliche Anordnung im virtuellen Wissensraum
verwirklichen lassen [Hampel und Eßmann, 2004]. Es sind aber nat¨
urlich auch
andere Strukturierungsmittel m¨
oglich. Diese Struktur der Dokumente kann als
ein Artefakt oder Ergebnis des Kooperationsprozesses betrachtet werden, das
durch ein sukzessives neues Durchlaufen des beschriebenen Prozesses st¨
andig
verfeinert wird.
Szenario 1.6: Kooperatives Arbeiten in einem gemeinsamen Gruppenbe-
reich
Zentral gespeicherter Gruppenbereich
Gruppenvernetzung bei einem Treffen
Verhindern von zeitgleichen ¨
Anderungen
Behandeln von Versionskonflikten
Mitf¨
uhren einer pers¨
onlichen Kopie
Nach der Gr¨
undung einer Lerngruppe Gmit den Teilnehmern und Teilnehmerinnen
T1,· · · , T6innerhalb des Kooperationssystem (siehe Szenario 1.1 und Szenario 1.2)
treffen sich deren Mitglieder erstmalig zu einem vereinbarten Termin (vgl. Szenario
1.4), um den aufzuarbeitenden Lernstoff zu sichten.
Teilnehmerin T1legt dazu zun¨
achst die vom Lehrstuhl als PDF-Dokumente ver-
¨
offentlichten Foliens¨
atze (d1), ¨
Ubungszettel (d2,d3) und das Vorlesungsskript (d4)
in ihrem Gruppenbereich innerhalb der Kooperationsumgebung ab. Hinzu kommen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.1 Lerngruppe 23
noch auf Vorschlag des Teilnehmers T2, ein Skript von einer verwandten Veranstal-
tung in die Sammlung aufzunehmen (d5). Auch einige andere Dokumente aus den
Best¨
anden der einzelnen Teilnehmer finden Einzug in den gemeinsamen Gruppen-
bereich. So entsteht eine weit gefasste Sammlung von Materialien, die mit dem
Thema der Vorlesung verwandt sind.
Die Treffen finden stets an einem verabredeten Ort in Anwesenheit aller Teil-
nehmer statt. Daher werden die gemeinsamen Dokumente in dem Gruppenbereich
der Kooperationsumgebung auf dem Notebook von T1gespeichert. Dazu schafft
dieser Teilnehmer einen f¨
ur alle Teilnehmer zugreifbaren Bereich. Das Notebook
wird zu jeder Sitzung mitgebracht. Zu Beginn der Lernsitzung verbinden sich alle
Teilnehmer ¨
uber ein bereitgestelltes Netzwerk mit dem Notebook und greifen von
nun an ¨
uber ihren pers¨
onlichen Rechner auf den zentralen Dienst zu. Teilnehmer T2
verbindet zun¨
achst seinen Rechner mit dem Netzwerk und ¨
uber dieses mit der Ko-
operationsumgebung auf dem Notebook von T1. Die Kooperationsumgebung stellt
einen Gruppenbereich f¨
ur die Gruppe Gzur Verf¨
ugung. Mit diesem Gruppenbereich
verbindet sich T2und kann somit auf die Dokumente der Lerngruppe zugreifen. Er
¨
offnet den ¨
Ubungszettel d3und erarbeitet eine L¨
osung f¨
ur die Aufgabenstellung.
Gleichzeitig hat T1dasselbe Dokument d3ge¨
offnet und ebenfalls eine Teill¨
osung
skizziert. T2speichert nun seine L¨
osung in die Datei d3ab. Wenig sp¨
ater speichert
T1ihre Skizze ebenfalls in das gemeinsame Dokument d3und ¨
uberschreibt somit die
L¨
osung von T2, die daraufhin verloren ist. Gl¨
ucklicherweise hat T2noch eine lokale
Kopie des Dokuments d3mit seiner L¨
osung. Er ¨
uberschreibt wiederum (diesmal ge-
wollt) die Teill¨
osung von T1im gemeinsamen Gruppenbereich. T1und T2nehmen
noch einige Korrekturen an der L¨
osung vor und beenden die Lernsitzung.
Am Ende der Sitzung m¨
ussen die Teilnehmer ¨
ahnlich wie in Szenario 1.5 die per-
s¨
onlichen Versionen der gemeinsam genutzten Dokumente mit den kooperativen
¨
Anderungen in Einklang bringen, um diese jenseits der Kooperationssitzungen ver-
f¨
ugbar zu haben auf die kooperativen Versionen haben sie zwischen den Treffen
keinen Zugriff. Alternativ k¨
onnte ein zentraler Server verwendet werden, der die
Dokumente bereit stellt und von gewissen Orten aus erreicht werden kann.
T2m¨
ochte die L¨
osung gerne mit nach Hause nehmen und fertigt eine lokale Kopie
an. Bis zur n¨
achsten Sitzung nehmen sowohl T1als auch T2wiederum ¨
Anderungen
an der L¨
osung von d3vor. Teilnehmerin T1¨
andert das Dokument d1direkt im Grup-
penbereich auf ihrem Notebook. T2¨
andert seine lokale Kopie d0
3, da er außerhalb der
Kooperationssitzungen keinen Zugriff auf den gemeinsamen Gruppenbereich hat.
Infolge dieser asynchronen ¨
Anderungen existieren wieder zwei Versionen des Doku-
ments d3, die beim n¨
achsten Treffen zusammengef¨
uhrt werden m¨
ussen. Die Koope-
rationsumgebung erkennt die abweichenden Versionen des Dokuments d3, indem
sie sich den letzten Stand eines erfolgreichen Abgleichs merkt und bei ¨
Anderungen
in beiden Versionen (Original d3und Kopie d0
3) die Benutzer auf ein m¨
ogliches
Problem aufmerksam macht. Von dem Kooperationssystem gewarnt, vergleicht T2
zun¨
achst den Inhalt seiner lokalen Kopie d0
3mit dem gemeinsamen Dokument d3.
Er stellt fest, dass sich die gemeinsame Version ge¨
andert hat und muss nun sei-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
24 2.1 Pr¨
asenzkooperation
ne ¨
Anderungen in das gemeinsame Dokument einpflegen. Da er das Dokument in
einem Editor auf seinem Notebook ¨
andert, muss er es wiederum mit der entfern-
ten gemeinsamen Version in dem gemeinsamen Bereich vergleichen. Sind seit dem
¨
Offnen des Dokuments keine ¨
Anderungen erfolgt, darf er die konsolidierte Version
zur¨
uck in das gemeinsame Gruppenareal schreiben.
Eine Besonderheit von Lerngruppen ist, dass aufgrund des losen Kooperationsver-
bundes die Gruppenstruktur recht dynamisch sein kann. Eventuell scheiden Grup-
penmitglieder aus, da sie das Lernziel (z. B. das Bestehen einer Pr¨
ufung) verworfen
haben oder neue Teilnehmer stoßen zur Gruppe hinzu. In beiden F¨
allen m¨
ussen die
Berechtigungen auf die Kooperationsobjekte entsprechend gesetzt werden. Im Falle
eines Ausscheidens sind die in der Abschlussphase beschriebenen Schritte f¨
ur den
ausscheidenden Teilnehmer zu vollziehen.
Weiterhin f¨
uhren m¨
ogliche G¨
aste zu einer kurzfristigen Ver¨
anderung der Struk-
tur einer Lerngruppe. Sie nehmen meist einmalig an der Lerngruppe teil, um zu-
sammen mit den Mitgliedern zu lernen oder auch um als Spezialist Wissen an die
Gruppe weiterzugeben. F¨
ur einmalige G¨
aste erscheinen die in dem Abschnitt Gr¨
un-
dung, Anbahnungsphase beschriebenen Mechanismen zur Aufnahme von Mitgliedern
¨
uberdimensioniert, da G¨
aste nicht voll in die Gruppe integriert werden m¨
ussen und
eventuell auch nicht gleichberechtigt zu den Gruppenmitgliedern sind hier werden
flexible Alternativmechanismen ben¨
otigt.
Szenario 1.7: Hinzukommen und Ausscheiden von Gruppenmitgliedern
Ausscheiden und Nachr¨
ucken von Gruppenmitgliedern
Aus der Lerngruppe Gmit den Teilnehmern T1,T2und T3scheidet das Mitglied
T3aus, da es an der Pr¨
ufung nicht teilnehmen kann. Dennoch w¨
urde T3gerne f¨
ur
die n¨
achste Pr¨
ufungsphase auf die Lernergebnisse zur¨
uckgreifen. Da T3nicht l¨
anger
Mitglied in der Gruppe Gist, wird T3in Zukunft von den Kommunikationsprozes-
sen ausgeschlossen und darf auch nicht mehr auf den gemeinsamen Gruppenbereich
zugreifen, Materialien in diesem ¨
andern oder diese kommentieren. Die Teilnehmer
T1und T2gew¨
ahren T3jedoch explizit weiterhin Leserechte auf den gemeinsamen
Bereich.
Teilnehmer T3m¨
ochte aber lieber eine Momentaufnahme des Lernfortschritts
zum Zeitpunkt des Ausscheidens haben. Er fertigt dazu eine Kopie des Gruppen-
bereichs im pers¨
onlichen Bereich an.
Die m¨
oglichen Lernpartner T4und T5, die in der Gr¨
undungsphase (siehe Szenario
1.1 und Szenario 1.2) ebenfalls Interesse an einer Teilnahme an der Lerngruppe G
zeigten, wurden in eine Warteliste eingef¨
ugt, aus der nun ein neues Gruppenmitglied
nachr¨
ucken kann. T1und T2entscheiden sich f¨
ur die Kandidatin T4.T4kann nun
ihrerseits Materialien in den gemeinsamen Bereich einbringen und wie zuvor T3als
gleichberechtigtes Mitglied am Kooperationsprozess teilnehmen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.1 Lerngruppe 25
Szenario 1.8: Treffen mit Gastteilnehmer
Gleichberechtigter Gastbenutzer mit vollem Zugriffsrecht auf den Gruppen-
bereich
Die Lerngruppe Gmit den Teilnehmern T1,T2und T3trifft sich zu einem gemein-
sam ausgehandelten Termin (siehe Szenario 1.4). Zu ihnen gesellt sich noch T4als
Gastteilnehmer hinzu. T4hat bereits im Vorjahr erfolgreich eine Pr¨
ufung ¨
uber den
Lernstoff abgelegt und will der Gruppe beim Lernen helfen. Dazu bekommt T4ein-
malig Zugriffsrechte auf den gemeinsamen Arbeitsbereich der Lerngruppe. Somit
ist T4gleichberechtigt zu den anderen Teilnehmern. Es w¨
are alternativ auch nur
ein lesender Zugriff auf den Gruppenbereich m¨
oglich. T4kann somit Materiali-
en aus seinem pers¨
onlichen Bestand zu dem Gruppenfundus hinzuf¨
ugen oder die
Materialien der Gruppe ¨
andern. Nach Beendigung der Lernsitzung werden diese
Rechte automatisch wieder entfernt.
Aufl¨
osung, Abschlussphase Lerngruppen existieren meist nur ¨
uber einen fest-
gelegten Zeitraum. Mit dem Erreichen des Lernzieles kann die Lerngruppe oftmals
aufgel¨
ost werden. Die Lernenden haben jedoch h¨
aufig den Wunsch, die Ergebnisse
f¨
ur einen sp¨
ateren Zeitpunkt zu archivieren. Eine Weitergabe der Lernergebnisse an
andere Lerngruppen ist ebenfalls ¨
ubliche Praxis. Die Archivierung der Lernergebnis-
se kann zum einen durch ein Aufrechterhalten der Gruppe geschehen, um sp¨
ater in
den Gruppenbereich zur¨
uckkehren zu k¨
onnen, oder zum anderen durch das Speichern
einer Momentaufnahme des Gruppenbereichs in den pers¨
onlichen Arbeitsbereich der
Teilnehmer gew¨
ahrleistet werden.
Die Alternative des Aufrechterhaltens aller je existierenden Gruppen ließe die
Gruppenstruktur un¨
ubersichtlich werden, da diese kontinuierlich mit jeder neuen
Lerngruppe w¨
achst. Auf diese Art geht schnell die ¨
Ubersicht verloren. Wird der
Bereich der Gruppen auf die Ger¨
ate ihrer Teilnehmer repliziert, ergibt sich hieraus
zus¨
atzlich ein stetig wachsender Speicherplatzbedarf auf den betroffenen Ger¨
aten.
Da die Teilnehmer mobile Ger¨
ate mit begrenzter (und teurer) Speicherkapazit¨
at
nutzen, ist darauf zu achten, dass das Archiv platzeffizient angelegt wird. Eine wei-
tere M¨
oglichkeit besteht darin, das Archiv auf einen externen Dienst auszulagern,
um sp¨
ater wieder darauf zugreifen zu k¨
onnen. Nat¨
urlich muss der Dienst in diesem
Fall stets erreichbar sein, sonst steht das Archiv in mancher mobilen Situation nicht
zur Verf¨
ugung.
Szenario 1.9: Aufl¨
osen der Lerngruppe
Aufl¨
osen einer Gruppe
Archivieren von Gruppenbereich und Gruppenstruktur
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
26 2.1 Pr¨
asenzkooperation
¨
Uberf¨
uhren der mobilen Gruppe in ein zentralisiertes CSCW-System
Reaktivierung der Gruppe f¨
ur eine Wiederaufnahme der mobilen Kooperation
Nach der Pr¨
ufung wird die Lerngruppe Gmit den Mitgliedern T1,T2und T4auf-
gel¨
ost. Dies bedeutet, dass die Organisationsstruktur der Gruppe und die gemein-
samen Kommunikationskan¨
ale nicht mehr benutzt werden sollen. Die Gruppe an
sich kann somit gel¨
oscht werden. Da T1,T2und T3aber beim Lernen Freundschaft
geschlossen haben, beschließen sie, die Gruppe f¨
ur eine nicht zweckgebundene Kom-
munikation zu zu nutzen, um weiterhin ¨
uber das Kooperationssystem miteinander
in Kontakt treten zu k¨
onnen.
Die Teilnehmer T1und T2¨
ubernehmen dar¨
uber hinaus die Daten aus dem Grup-
penbereich als Archiv in ihren pers¨
onlichen Fundus auf und speichern diese auf
ihrem pers¨
onlichen mobilen Computer. So k¨
onnen sie auch in Zukunft auf die Ler-
nergebnisse zur¨
uckgreifen. T1leitet sein Archiv an den Benutzer T4weiter, der
nicht Mitglied der Lerngruppe war, aber in Zukunft einen ¨
ahnlichen Lernstoff zu
bew¨
altigen hat.
Da ein solches Archiv wertvollen Speicherplatz auf dem mobilen Ger¨
at von Teil-
nehmerin T2belegt, speichert diese es auf einem zentralen CSCW-Server. Dort k¨
on-
nen auch T1und T2in Zukunft auf dieses Archiv zugreifen, da die Gruppenstruktur
sammt Berechtigungen auf Wunsch ebenso auf den Server ¨
ubertragen werden. F¨
ur
den Fall einer Folgeveranstaltung ¨
ubertr¨
agt T2also gleich die gesamte Gruppen-
struktur mit auf den Server, um die Gruppe bei Bedarf zu reaktivieren. Als im
darauf folgenden Jahr eine Folgeveranstaltung angeboten wird, ¨
ubertragen T1,T2
und T3die Gruppe zur¨
uck in ihre mobile Kooperationsumgebung und k¨
onnen so die
Lerngruppe an dem Punkt fortzusetzen, an dem sie die letzte Lerngruppe beendet
hatten.
Das hier behandelte Szenario der Lerngruppe mit mobilen Ger¨
aten hat einen kla-
ren Fokus auf Lernszenarien. Dennoch l¨
asst es sich auf andere allt¨
agliche Koopera-
tionssituationen ¨
ubertragen. Besonders im Bereich der angesprochenen spontanen
Lernsitzungen kann dieses Szenario um Aspekte des nachfolgenden Szenarios der
spontanen Kooperation erg¨
anzt werden.
2.1.2 Spontane Kooperation
Eine von klassischen CSCW Umgebungen nicht unterst¨
utzte Variante der Koope-
ration in Kleingruppen ist die spontane Kooperation, der keine Planungsprozesse
vorausgehen. H¨
aufig ist diese Form der Kooperation zeitlich begrenzt und dient ei-
nem kurzfristigen Ziel. Als Beispiel dient hier die Kooperation zweier Studierender,
die sich im Bus treffen, dort ¨
uber eine ¨
Ubungsaufgabe unterhalten und daraufhin
versuchen, gemeinsam einen L¨
osungsweg zu finden. Eine solche spontane Koope-
ration kann auch in eine l¨
angerfristige Kooperation ¨
ubergehen. Entsprechend dem
Beispiel k¨
onnten die Studierenden z. B. beschließen, eine l¨
angerfristige Lerngruppe
(vgl. Abschnitt 2.1.1) zu gr¨
unden.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.2 Spontane Kooperation 27
Rahmenbedingungen Wie das einf¨
uhrende Beispiel schon andeutet, findet eine
spontane Kooperation oft unter unkontrollierten Rahmenbedingungen statt. Vorbe-
dingung ist lediglich, dass sich mindestens zwei Kooperationswillige treffen. ¨
Uber das
technische Umfeld kann somit nichts ausgesagt werden. F¨
ur die hier vorgestellten
Szenarien wird aber vom Vorhandensein eines pers¨
onlichen mobilen Computers mit
integrierter Netzwerkschnittstelle ausgegangen. Da in einem spontanen Kooperati-
onsszenario nicht von einer vorhandenen Netzwerkinfrastruktur ausgegangen werden
kann, muss die Kooperationsumgebung ¨
uber ein Ad-Hoc-Netzwerk kommunizieren
k¨
onnen.
Szenario 2.1: Grundszenario spontaner Kooperation
Spontanes Treffen im ¨
offentlichen Raum
Fehlende Kooperationsinfrastruktur
Das der spontanen Kooperation zugrunde liegende Szenario besteht aus den drei
Teilnehmern und Teilnehmerinnen T1,T2und T3, die sich im ¨
offentlichen Raum oh-
ne bestehende Infrastrukturen f¨
ur eine Kooperationsunterst¨
utzung treffen. Dieses
Treffen ist zuf¨
allig und nicht geplant. Alle Beteiligten verf¨
ugen ¨
uber mobile Compu-
ter mit zueinander kompatiblen drahtlosen Netzwerkschnittstellen, die es erlauben,
ein Ad-Hoc-Netzwerk zu etablieren. Dabei entsteht ein gemeinsames Netzwerk, das
den mobilen Ger¨
aten der Teilnehmer eine Kommunikation untereinander erlaubt.
Die Kooperationsumgebung nutzt diese Kommunikationsstruktur f¨
ur die Koordi-
nation der Kooperation und den Datenaustausch.
Gr¨
undung, Anbahnungsphase Spontane Kooperation integriert sich ¨
ublicher-
weise nahtlos in den Alltag der Kooperierenden, ohne dass sie einer der Beteiligten
in voraus geplant hat. Oft wird den Teilnehmern der eigentliche Kooperationsakt
zun¨
achst nicht einmal bewusst. Aus diesem Grund kann auch die entsprechende for-
male Kooperationsgruppe nicht bewusst gegr¨
undet werden. Sie entsteht vielmehr
aus dem Kooperationskontext. Jeder der Anwesenden bei einem Treffen ist potenti-
eller Kooperationspartner und kann w¨
ahrend des Verlaufs der Kooperationssitzung
in die Kooperationsgruppe ein- oder wieder austreten.
Die Kooperationspartner treffen sich also in allt¨
aglichen Situationen und starten
den Kooperationsprozess spontan. Die Kooperation selbst erfolgt entweder aufgrund
des g¨
unstigen Moments oder weil sich w¨
ahrend des Treffens unvorhergesehen ein
gemeinsames Kooperationsziel ergibt. Da die Kooperation nicht geplant ist, stehen
nur in der Umgebung vorhandene Hilfsmittel zur Verf¨
ugung. Dies sind insbesondere
die mitgef¨
uhrten mobilen Computer, die zu diesem Zweck genutzt werden, um eine
entsprechende Kooperationsumgebung bereitzustellen.
Die Kooperationsunterst¨
utzung muss sich nahtlos in den Kooperationsprozess ein-
betten und ohne eine aufw¨
andige Konfiguration seitens der Kooperierenden bereit-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
28 2.1 Pr¨
asenzkooperation
stehen. Im Idealfall aktivieren die Teilnehmer der Kooperation ihre mobilen Ger¨
ate
und gr¨
unden in der ad hoc bereitstehenden computergest¨
utzten Kooperationsum-
gebung beil¨
aufig eine Kooperationsgruppe mit dem dazugeh¨
orenden gemeinsamen
virtuellen Wissensraum.
Szenario 2.2: Erstellen einer vertraulichen Projektskizze w¨
ahrend einer
Zugreise Gr¨
undung
Gruppengr¨
undung mit Anwesenden ohne bestehende Netzwerkinfrastruktur
spontanes Erstellen einer tempor¨
aren Kooperationsgruppe
Drei Arbeitskollegen T1,T2und T3, die der gleichen Organisation angeh¨
oren, un-
ternehmen gemeinsam eine l¨
angere Zugreise. Sie sitzen zusammen in einem Abteil
und k¨
onnen sich so vis-a-vis unterhalten. W¨
ahrend des Gespr¨
achs entsteht die Idee
f¨
ur ein neues gemeinsames Projekt. Aufgrund des g¨
unstigen Zeitpunktes und der
verf¨
ugbaren gemeinsamen Zeit schl¨
agt Teilnehmer T1vor, das neue Projekt di-
rekt zu skizzieren und in die Wege zu leiten. Zu diesem Zweck soll spontan eine
gemeinsamer Projektplan erarbeitet werden.
Die beiden Kollegen stimmen zu und aktivieren ihre mitgef¨
uhrten Notebooks,
die mittels eines Ad-Hoc-Netzwerkes vernetzt werden. Anschließend starten sie die
virtuelle Kooperationsumgebung die ihnen einen gemeinsamen Arbeitsbereich und
die ben¨
otigten Unterst¨
utzungsfunktionen zur Verf¨
ugung stellt. Da die Projektskiz-
ze einen vertraulichen Status besitzt, begrenzt Teilnehmer T1die Gruppe in der
Kooperationsumgebung mittels Selektion ¨
uber die verf¨
ugbaren Benutzer auf sich
und die zwei anwesenden Kollegen T2und T3. So entsteht eine tempor¨
are Gruppe
G. Andere Benutzer, die ebenfalls im Zug sitzen und mit der Kooperationsumge-
bung verbunden sind, k¨
onnen nicht auf den gemeinsamen Arbeitsbereich der drei
Kollegen zugreifen.
Da Teilnehmer T2bereits eine erste Rohskizze in der Datei d1vorliegen hat, stellt
er diese in dem gemeinsamen Arbeitsbereich zur Verf¨
ugung, indem er sie per Drag
& Drop dort hinzieht. Der Arbeitsbereich wird dabei standardm¨
aßig auf allen be-
teiligten Ger¨
aten identisch dargestellt. Hinzu kommen von Teilnehmer T1noch ein
Strategiepapier (d2) der Organisationsleitung, in die das Projekt eingeordnet wer-
den muss. Alle drei Teilnehmer der Gruppe Ghaben nun gleichberechtigten Zugriff
auf die gemeinsamen Dokumente und d¨
urfen sie sowohl lesen als auch ver¨
andern.
Fortsetzung in Szenario 2.4
Szenario 2.3: Bearbeiten einer ¨
Ubungsaufgabe in einer Vorlesungspau-
se Gr¨
undung
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.2 Spontane Kooperation 29
Gr¨
undung einer spontanen Kooperationsgruppe in einer existierenden Netz-
werkinfrastruktur
Nutzung des Ortsbezugs f¨
ur die Gruppengr¨
undung
Drei Studierende der Informatik T1,T2und T3befinden sich in einem Koopera-
tionsszenario ¨
ahnlich Szenario 2.1. Sie treffen sich zwischen zwei Vorlesungen in
einem Bistro der Universit¨
at. Teilnehmerin T1fragt die beiden anderen Studieren-
den T2und T3, ob diese bereits eine ihnen aufgetragene Matheaufgabe gel¨
ost haben.
Die Studierenden verneinen dieses, auch wenn Teilnehmer T2bereits eine erste Idee
f¨
ur einen L¨
osungsansatz auf einigen Zetteln notiert hat.
Die technische Ausstattung der Teilnehmer ist wie folgt: Teilnehmerin T1besitzt
einen PDA, Teilnehmer T2ein Notebook und Teilnehmer T3einen PenPC. Neben
diesen technischen Ger¨
aten existieren noch ein Fachbuch und besagte handschrift-
liche Notizen aus dem Besitz von Teilnehmer T2. In den pers¨
onlichen Best¨
anden
befinden sich bei Teilnehmerin T1eine digitale Version einer Aufgabenstellung mit
Dateinamen d1und bei Teilnehmer T2zus¨
atzlich die Anleitung zur L¨
osung ¨
ahn-
licher Aufgabenstellungen mit Dateinamen d2 Teilnehmer T3besitzt zu Beginn
des Treffens keine eigenen Unterlagen.
Sie etablieren mittels ihrer mobilen Computer eine spontan vernetzte Koope-
rationsumgebung. Dazu nutzen sie das verf¨
ugbare Funknetzwerk der Universit¨
at.
Sofort werden alle verf¨
ugbaren Kooperationspartner angezeigt. Da sie sich im Fun-
knetz der Universit¨
at befinden, kontaktiert die Kooperationsumgebung alle ande-
ren verf¨
ugbaren Kooperationsanwendungen im Netz der Universit¨
at und findet so
eine große Anzahl potentieller Kooperationspartner. Teilnehmerin T1beschr¨
ankt
die m¨
oglichen Teilnehmer auf Personen in ihrer N¨
ahe. Aus dieser ¨
ubersichtlichen
Auswahl bildet sie nun mit ihren zwei Kommilitonen eine tempor¨
are Kooperati-
onsgruppe G. Somit verf¨
ugen alle drei ¨
uber einen abgeschlossenen gemeinsamen
Arbeitsbereich, in den sie ihre elektronisch verf¨
ugbaren Materialien einbringen, in-
dem sie diese aus ihrem privaten Fundus dort ablegen.
Das Fachbuch und die Skizze des L¨
osungsansatzes von Teilnehmer T1liegen auf
dem gemeinsam genutzten Tisch neben den Computern.
Fortsetzung in Szenario 2.5
Kooperationsphase Sobald die Infrastruktur f¨
ur die Zusammenarbeit etabliert
ist, nutzen die Teilnehmer deren kooperationsunterst¨
utzenden Funktionen. Bei einer
Kooperation basierend auf gemeinsam genutzten Dokumenten, dienen diese Funk-
tionen dem Austauschen, kooperativen Bearbeiten und Kommentieren der gemein-
samen Dokumente. Die Dokumente kommen dabei aus dem privaten Fundus der
Kooperationspartner, wo sie oftmals bereits in digitalisierter Form vorliegen. Nach-
dem die Dokumente in dem gemeinsamen Gruppenbereich abgelegt wurden, stehen
sie allen Kooperationspartnern zur Verf¨
ugung. Wie in dem Szenario der Lerngruppe
(vgl. Abschnitt 2.1.1) sind alle Kooperationspartner gleichberechtigt bez¨
uglich der
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
30 2.1 Pr¨
asenzkooperation
Nutzung der gemeinsamen Dokumente. Eine Sperrung eines Dokuments in dem ge-
meinsamen Arbeitsbereich f¨
ur den Zugriff durch die Kooperationspartner ist nur in
Ausnahmen sinnvoll.
Eine Besonderheit der spontanen Kooperation ist die h¨
aufige Beschr¨
ankung ihrer
Dauer auf eine einzige Sitzung. Es sind nur wenige gemeinsame Objekte involviert
und der Arbeitsaufwand, diese zu strukturieren, ist f¨
ur eine so kurzfristige Koope-
ration zu hoch. Daher wird seitens der Nutzer wenig Zeit f¨
ur die Strukturierung des
Wissensraums aufgebracht, und der Wissensraum muss sich gegebenenfalls automa-
tisch strukturieren. Verschachtelte Strukturen, wie Ordner, sind in diesem Zusam-
menhang z. B. weniger effizient als semantische Karten, die nebenl¨
aufig beim Able-
gen der Objekte entstehen. Sollen die Ergebnisse einer spontanen und kurzfristigen
Kooperation weiterverwendet werden, m¨
ussen diese in persistente Kooperationss-
trukturen ¨
uberf¨
uhrt werden.
Die Kooperationspartner stehen bei dieser Kooperationsform im direkten Blick-
kontakt zueinander und ben¨
otigen somit keine virtuellen Kommunikationskan¨
ale wie
synchrone oder asynchrone Nachrichten. Die Kommunikation geschieht intuitiv ¨
uber
direkte Sprache und Gesten. Dies erm¨
oglicht eine sehr nat¨
urliche Interaktion zwi-
schen den Kooperationspartnern. ¨
Ublicherweise werden in solch ein Kooperationss-
zenario auch analoge Hilfsmittel, wie Notizzettel und B¨
ucher, integriert. Mit diesen
externen Dokumenten muss die computergest¨
utzte Kooperationsumgebung harmo-
nieren. Dies bedeutet nicht, dass sie in der Lage sein muss, diese Dokumente in ihre
virtuelle Welt zu ¨
uberf¨
uhren, sondern vielmehr, dass sie parallel zu den klassischen
Hilfsmitteln die Kooperation um computergest¨
utzte Methoden erg¨
anzt, ohne die aus
der Nutzung klassischer Hilfsmittel entstehenden Medienbr¨
uche weiter zu verst¨
ar-
ken. Das bedeutet auch, die Nutzungskonzepte an die der klassischen Hilfsmittel
anzupassen. Zur Verdeutlichung sei hier als negatives Beispiel der Wechsel zwischen
dem Schreiben mit dem Stift auf den Notizzetteln und dem Schreiben mit einer
Tastatur auf einem daneben platzierten Notebook angef¨
uhrt.
Ein mehr oder weniger bewusster Wechsel von den klassischen Kooperationshilfs-
mitteln in Richtung einer CSCW-Umgebung wird nur geschehen, wenn f¨
ur die Benut-
zer ein Mehrwert entsteht und alle Kooperationsdokumente ebenfalls in der compu-
tergest¨
utzen Umgebung verf¨
ugbar sind. Nat¨
urlich sind auch Umgebungen mit einer
erweiterten Realit¨
at (Augmented Reality) denkbar, wenngleich diese in allt¨
aglichen
Situationen aufgrund der hohen technischen Anforderungen noch nicht realisierbar
erscheinen. In den behandelten Szenarien wird diese M¨
oglichkeit daher außer Acht
gelassen.
Da die Kooperation in einem gemeinsamen Gruppenbereich spontan erfolgt, bein-
halten diese Szenarien entsprechend wenig Annahmen ¨
uber die konkreten Rahmen-
bedingungen oder den Ablauf der Kooperationsprozesse. Die Kooperation erfolgt frei
und freiwillig, dementsprechend wenig restriktiv darf die Kooperationsumgebung in
ihren Unterst¨
utzungsfunktionen sein.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.2 Spontane Kooperation 31
Szenario 2.4: Erstellen einer vertraulichen Projektskizze w¨
ahrend einer
Zugreise Kooperationsphase
Fortsetzung von Szenario 2.2
Bearbeiten von Dokumenten in der spontan errichteten Kooperationsumge-
bung
Wechsel zwischen kooperativer und individueller Arbeit
Die drei Kollegen (G={T1, T2, T3}) sichten zun¨
achst die vorhandenen Materia-
lien (d1, d2) und diskutieren den Entwurf in d1von Teilnehmer T2. In einem ersten
Schritt ordnen sie den Entwurf in das Strategiepapier d2der Organisationsleitung
ein und Teilnehmer T3versieht die entsprechende Stelle in d2mit einer Annotation.
T2hat noch eine Anmerkung dazu und kommentiert seinerseits die Annotation.
Da die Struktur des Entwurfs d1bei der Kollegin T1und dem Kollegen T3nicht
auf Zustimmung st¨
oßt, entschließen sie sich, den Entwurf in seine einzelnen Punk-
te zu zerlegen, um einige Punkte zu erweitern und anschliessend neu zu gliedern.
Dazu zerlegen sie das Dokumente in viele kleinere Dokumente (d1,1,· · · , d1,n), die
die einzelnen Gliederungspunkte der Skizze enthalten. Sie bewerten jeder f¨
ur sich
die einzelnen Punkte und entscheiden, welche Punkte entfernt oder hinzugef¨
ugt
werden m¨
ussen. Danach strukturieren sie kooperativ die einzelnen Dokumente als
semantische Karte, in die jedes Dokument eingeordnet wird. Um eine bereits er-
folgte Strukturierung duch die anderen Kollegen nicht unbewusst zu ver¨
andern,
werden die Sichten aller Beteiligten auf die semantische Karte synchronisiert.
Am Ende der Sitzung hat sich eine Gliederung der Punkte etabliert, deren Haupt-
abschnitte parit¨
atisch an je einen Kollegen weitergegeben wird. Dieser Abschnitt
wird von jedem der drei Teilnehmer zun¨
achst individuell weiterbearbeitet.
Fortsetzung in Szenario 2.6
Szenario 2.5: Bearbeiten einer ¨
Ubungsaufgabe in einer Vorlesungspau-
se Kooperationsphase
Fortsetzung von Szenario 2.3
Bearbeiten und Zusammenf¨
uhren pers¨
onlicher Versionen eines Dokumentes
Die drei Studierenden (G={T1, T2, T3}) entscheiden sich, die Kooperation ex-
klusiv in der computergest¨
utzten Kooperationsumgebung fortzusetzen, um Medien-
br¨
uche durch die Vermischung von herk¨
ommlichen und digitalen Dokumenten zu
vermeiden. Dazu m¨
ussen sie zun¨
achst die auf den Notizzetteln niedergeschriebe-
nen L¨
osungsans¨
atze in ein digitales Dokument ¨
ubertragen. Ein einfaches Abbild
der Notizen reicht ihnen allerdings nicht aus, da sie das Dokument im Nachhin-
ein bearbeiten k¨
onnen m¨
ochten und Teile ihrer L¨
osung zur Weiterverarbeitung an
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
32 2.1 Pr¨
asenzkooperation
ein Algebrasystem ¨
ubergeben wollen, das auf dem Notebook von Teilnehmerin T3
installiert ist.
Daher ¨
ubertragen sie die Notizen von Hand und mit Hilfe einer speziellen Softwa-
re auf Zeichenebene in das Zieldokument d3. Innerhalb des gemeinsamen Arbeits-
bereiches ist das Dokument f¨
ur alle drei Teilnehmer sichtbar, und sie k¨
onnen es dort
gemeinsam bearbeiten. Um ein m¨
oglichst breites Spektrum von L¨
osungswegen zu
explorieren, beschließen sie, die L¨
osung der Aufgabe zun¨
achst getrennt, jeder f¨
ur
sich, fortzuf¨
uhren. Sie erstellen dazu pers¨
onliche Versionen d1
3, d2
3und d3
3des Do-
kumentes d3. Teilnehmerin T1bearbeitet Dokument d1
3, Teilnehmer T2Dokument
d2
3und Teilnehmerin T3Dokument d3
3.
Nach der individuellen Arbeitsphase f¨
uhren sie die pers¨
onlichen Versionen wie-
der zusammen zu einem Dokument. Zun¨
achst bewerten sie die Teildokumente und
verwerfen Dokument d1
3, da der enthaltene L¨
osungsweg nicht zum gew¨
unschten
Ergebnis f¨
uhrt. Der Ansatz von Dokument d2
3erscheint am vielversprechendsten
und soll um eine Teill¨
osung aus d3
3erg¨
anzt werden. Das so entstehende Dokument
ersetzt die alte L¨
osungsskizze d3.
Dieser Vorgang der individuellen L¨
osungs¨
uberarbeitung und des Zusammenf¨
uh-
rens der resultierenden L¨
osungsdokumente wird im Laufe der Sitzung iterativ wie-
derholt bis ein zufrieden stellendes L¨
osungsdokument entstanden ist oder die
Kooperationssitzung aus einem anderen Grund endet.
Fortsetzung in Szenario 2.7
Aufl¨
osung, Abschlussphase Da die Gruppengr¨
undung in spontanen Koopera-
tionsszenarien nicht geplant erfolgt und eher eine nebenl¨
aufige Handlung ist, erfolgt
auch die Beendigung der Kooperation eher unbewusst. Der entstandene virtuelle
Wissensraum und die zugeh¨
orige Kooperationsgruppe bestehen exakt so lange wie
die Kooperationssitzung andauert. Sie werden zum Ende der Kooperationssitzung
ebenso beil¨
aufig aufgel¨
ost, wie sie entstanden sind. ¨
Ahnlich verh¨
alt es sich mit dem
gemeinsamen Datenbestand.
Aufgrund der Begrenzung der spontanen Kooperation auf eine einzige Sitzung,
existiert zu Beginn kein langfristiges Kooperationsziel. Oftmals m¨
ochten die Ko-
operierenden dennoch am Ende der Sitzung die Kooperation fortf¨
uhren. Die zu-
n¨
achst spontane und kurzfristige Kooperation kann dann in eine Kooperationsform
¨
uberf¨
uhrt werden, die ¨
uber einen l¨
angeren Zeitraum bis zum Erreichen des Koope-
rationsziels fortgesetzt wird. Dazu kann die tempor¨
are Kooperationsgruppe in eine
langfristige mobile Kooperationsstruktur mit einer etablierten Benutzer- und Rechte-
struktur ¨
uberf¨
uhrt werden oder sogar in ein klassisches CSCW-System transportiert
werden.
Selbst wenn eine Fortsetzung der Kooperation nicht gew¨
unscht ist, liegt es h¨
au-
fig im Interesse der Teilnehmer, zumindest Teilergebnisse der Kooperation in ihren
pers¨
onlichen Bestand zu ¨
ubernehmen. Aufgrund des gleichberechtigten Charakters
spontaner Kooperation sind hierzu alle beteiligten Kooperationspartner berechtigt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.1.2 Spontane Kooperation 33
Die Kooperationsergebnisse k¨
onnen dazu innerhalb der Kooperationsumgebung oder
auf einem anderen Speichermedium f¨
ur den pers¨
onlichen Gebrauch abgelegt werden.
Alternativ k¨
onnen sie auch direkt in eine andere Kooperation eingebracht werden.
Nat¨
urlich k¨
onnen die Kooperationsergebnisse auch die Grundlage f¨
ur eine sp¨
atere
noch nicht geplante spontane Kooperation mit denselben Teilnehmern dienen. Da
eine solche sp¨
ater spontane Kooperationssitzung aber nicht voraussehbar ist, scheint
es oft nicht sinnvoll, die Gruppenstruktur und den Datenbestand aufrecht zu erhal-
ten, ohne zu wissen, ob eine solche Konstellation je wieder eintritt.
Szenario 2.6: Erstellen einer vertraulichen Projektskizze w¨
ahrend einer
Zugreise Abschlussphase
Fortsetzung von Szenario 2.4
Beenden der Kooperationssitzung
Archivieren der Kooperationsstruktur
Die Teilnehmerin T3der Gruppe (G={T1, T2, T3}) verl¨
asst den Zug einige Sta-
tionen vor den Kollegen und beendet daher die Verbindung zur Kooperationsum-
gebung. Weil die tempor¨
are Kooperationsgruppe Gmit den verbleibenden zwei
Mitgliedern zun¨
achst fortbesteht ¨
uberf¨
uhrt sie eine Kopie der Arbeitsergebnisse
zu dem Zeitpunkt des Verlassens der Kooperationssitzung in ihren pers¨
onlichen
Arbeitsbereich, der sich auf ihrem Notebook befindet, und nimmt diese f¨
ur eine
sp¨
atere Verwendung mit.
Die Teilnehmer T1und T2setzen die Kooperation nach dem Ausscheiden der
Teilnehmerin T3fort. Nach Erreichen des Zielbahnhofs beenden sie die Kooperati-
onssitzung. Teilnehmer T2verl¨
asst ebenfalls die Kooperationssitzung und hat wie
Teilnehmerin T3zuvor die M¨
oglichkeit, eine Kopie der Arbeitsergebnisse mitzuneh-
men. Teilnehmerin T1hat nun beim Beendigen der Kooperationssitzung folgende
Optionen:
Verwerfen der Gruppenstruktur und der Kooperationsergebnisse.
Archivieren der Kooperationsergebnisse im pers¨
onlichen Arbeitsbereich.
¨
Uberf¨
uhren der Kooperationsgruppe inklusive Arbeitsbereich in eine perma-
nente Kooperationsgruppe innerhalb der Kooperationsumgebung.
¨
Ubertragen der Kooperationsgruppe inklusive Arbeitsbereich auf einen
CSCW-Server, um eine h¨
ohere Verf¨
ugbarkeit f¨
ur alle Beteiligten zu erreichen.
Um die Kooperation zu einem sp¨
ateren Zeitpunkt fortf¨
uhren zu k¨
onnen, bewahrt
Teilnehmerin T1die Gruppenstruktur und Kooperationsergebnisse, indem sie die
tempor¨
are Kooperationsgruppe und deren Arbeitsbereich in eine permanente Grup-
pe ¨
uberf¨
uhrt. Zu diesem Zweck ordnet sie als letzte Handlung der Kooperations-
sitzung die Gruppe in die bereits existierende Gruppenstruktur der Kooperations-
umgebung ein.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
34 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
Szenario 2.7: Bearbeiten einer ¨
Ubungsaufgabe in einer Vorlesungspau-
se Abschlussphase
Fortsetzung von Szenario 2.5
¨
Uberf¨
uhren einer spontanen Kooperationsgruppe in eine persistente Gruppe
Die tempor¨
are Gruppe von Studierenden (G={T1, T2, T3}) hat gemeinsam einen
L¨
osungsansatz d3f¨
ur die Aufgabe in Dokument d1erarbeitet und beendet nun die
Kooperationssitzung. Da eine gemeinsame Abgabe der L¨
osung f¨
ur ¨
Ubungsaufgaben
bei der entsprechenden Vorlesung nicht vorgesehen ist, ¨
ubernehmen die Studieren-
den die Teill¨
osungen in ihre pers¨
onlichen L¨
osungsdokumente (d1
3, d2
3, d3
3), die sp¨
ater
elektronisch oder in Papierform an den Dozenten der Veranstaltung ¨
ubermittelt
werden m¨
ussen, um sich Zusatzpunkte f¨
ur die ausstehende Klausur zu verdienen.
Die Studierenden beschließen aufgrund ihrer positiven Kooperationserfahrun-
gen aus der einmaligen spontanen Kooperationssitzung heraus, eine permanente
Lerngruppe (vgl. Szenario in Abschnitt 2.1.1) zu gr¨
unden. Zu diesem Zweck ¨
uber-
f¨
uhren sie die tempor¨
are Gruppe G={T1, T2, T3}in eine permanente Gruppe
G={T1, T2, T3}auf dem CSCW-Server des Instituts und ordnen diese in dessen
Gruppenstruktur ein. Der zugeh¨
orige gemeinsame Arbeitsbereich wird ebenfalls
dauerhaft auf dem CSCW-Server gespeichert und somit den Studierenden T1,T2
und T3langfristig verf¨
ugbar gemacht.
Die in diesem Abschnitt behandelten Szenarien der Lerngruppe (2.1.1) und der
Spontane Kooperation (2.1.2) setzen stets die Anwesenheit der beteiligten Benut-
zer voraus. In dem n¨
achsten Abschnitt werden in Kontrast dazu r¨
aumlich verteilte
Benutzer in eine Kooperation einbezogen.
2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
Eine der Hauptaufgaben klassischer CSCW-Systeme ist die Unterst¨
utzung der Ko-
operation r¨
aumlich getrennter Personen. Diese Systeme haben die Zielsetzung, die
r¨
aumliche Trennung zu ¨
uberbr¨
ucken, indem sie geeignete Kommunikationsmechanis-
men bereitstellen, spezielle Kooperationswerkzeuge zur Verf¨
ugung stellen und einen
gemeinsamen Arbeitsbereich (engl. shared workspace) bereitstellen. Die Erforschung
und Entwicklung von Kooperationswerkzeugen und -konzepten in den letzten Jahr-
zehnten hat zu einigen ausgereiften L¨
osungen f¨
ur verschiedenste Szenarien r¨
aumlich
getrennter Kooperation gef¨
uhrt. Die meisten L¨
osungen wurden gem¨
dem vorherr-
schenden Client-Server-Paradigma als zentral verwaltete Kooperationsumgebungen
umgesetzt. Da viele dieser Systeme inzwischen weit ¨
uber einen prototypischen Cha-
rakter hinaus sind, werden sie in Bildungseinrichtungen und der Industrie produktiv
eingesetzt. Im privaten Umfeld sind sie hingegen selten zu finden, was an den Tatsa-
chen liegen mag, dass aufgrund der zentralisierten Architektur eine Abh¨
angigkeit von
st¨
andigen Kommunikationsverbindungen besteht, diese Systeme nur auf speziellen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
35
Servern laufen, die st¨
andig in Betrieb sein m¨
ussen, und außerdem durch Spezialisten
konfiguriert und gewartet werden m¨
ussen.
Die in Kapitel 2.1 angesprochenen Szenarien der Pr¨
asenzkooperation sind eine
wichtige Komponente um computergest¨
utzte Kooperationen nahtlos in den Alltag
der Menschen zu integrieren. Hier besteht seitens der klassischen CSCW-Systeme
eine L¨
ucke, die es zu schließen gilt. Wie die Szenarien der Pr¨
asenzkooperation zei-
gen, steht der Nutzung klassischer CSCW-Systeme f¨
ur derartige Szenarien zumin-
dest deren zentralisierte Architektur im Wege. Neuere Ans¨
atze versuchen daher die
Kooperationsumgebung auf alle beteiligten Computer zu verteilen.
Dieses neue Architekturprinzip im Bereich des CSCW bedingt aber zugleich we-
sentliche Ver¨
anderungen f¨
ur die Bereitstellung von Mechanismen zur Kooperations-
unterst¨
utzung. Insbesondere die technische Umsetzung wird stark von den Mecha-
nismen abweichen, die derzeit in zentralisierten CSCW-Systemen zu finden sind. An
diesen technischen M¨
oglichkeiten m¨
ussen sich auch die Konzepte der mobil-verteilten
Kooperation orientieren. Insbesondere erschließt die Ber¨
ucksichtigung der Mobilit¨
at
der Nutzer in einer verteilten Architektur v¨
ollig neue Perspektiven f¨
ur die Koopera-
tionsunterst¨
utzung in CSCW-Umgebungen. Diese neuen Perspektiven deuteten sich
zum Teil bereits in den Szenarien der Pr¨
asenzkooperation an. Die folgenden Sze-
narien dienen daher der Betrachtung der neuen Aspekte einer r¨
aumlich getrennten
Zusammenarbeit in mobil-verteilten Kooperationsumgebungen.
Bei einer kombinierten Unterst¨
utzung von Pr¨
asenzkooperation und r¨
aumlich ver-
teilter Kooperation ist es wichtig, die Benutzer nicht zu n¨
otigen, die Kooperati-
onsumgebung zu wechseln, weil sie von einer Form der Kooperation in die andere
¨
ubergehen. Der optimale Architekturansatz muss daher ein m¨
oglichst breites Spek-
trum von Kooperationsszenarien unterst¨
utzen. Sollte ein Wechsel zwischen unter-
schiedlichen Kooperationsumgebungen sinnvoll oder gar unvermeidlich erscheinen,
ben¨
otigen die Kooperationsumgebungen nahtlose ¨
Uberg¨
ange, um den Benutzer nicht
mit vermeidbaren technischen H¨
urden zu konfrontieren.
In den folgenden Szenarien wird eine Kooperationskultur beschrieben, die nur
entstehen kann, wenn Kooperation immer und ¨
uberall m¨
oglich und die Nutzung
der Kooperationsumgebung unabh¨
angig des aktuellen Aufenthaltsorts der Benut-
zer ist. Diesbez¨
uglich w¨
are eine allgegenw¨
artige Netzwerkverbindung zum Internet
w¨
unschenswert. Da diese aber auch in Zukunft nicht immer und vor allem oft nicht
kosteng¨
unstig m¨
oglich ist, wird die Kooperationsumgebung robust gegen Verbin-
dungsabbr¨
uche zum Netzwerk zu gestalten sein. Dies betrifft sowohl die Unterst¨
ut-
zung von individuellem Arbeiten im gemeinsamen virtuellen Wissensraum, wie auch
die M¨
oglichkeit zur Pr¨
asenzkooperation ohne Zugang zum Internet. Sollte eine Ko-
operationsgemeinschaft durch einen Verbindungsabbruch im Netzwerk voneinander
getrennt werden, ist zudem bei wiederkehrender Netzwerkverbindung der zeitweise
getrennte Wissensraum wieder zu vereinigen.
Die Szenarien r¨
aumlich getrennter Kooperation sind eine klassische Dom¨
ane der
g¨
angigen Client-Server-basierten CSCW-Systeme. Um aber einen nahtlosen ¨
Uber-
gang zwischen den Szenarien aus Abschnitt 2.1 (Pr¨
asenzkooperation) und 2.2 (Koope-
ration mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern) zu erreichen, ist es wichtig, diese Szena-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
36 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
rien in der neuartigen verteilten CSCW-Umgebung ebenfalls zu unterst¨
utzen. Erg¨
an-
zend zu einer Verschmelzung von Pr¨
asenzkooperation und r¨
aumlich getrennter Ko-
operation in einer mobil-verteilten Kooperationsumgebung wird in Abschnitt 2.2.2
(Distant Learning) eine st¨
arkere Verkn¨
upfung von Client-Server-basierten und mobil-
verteilten Kooperationssystemen diskutiert. Der folgende Abschnitt betrachtet aber
zun¨
achst die Unterst¨
utzung r¨
aumlich getrennter Benutzer in einer mobil-verteilten
CSCW-Umgebung.
2.2.1 R¨
aumlich getrennte Kooperation
R¨
aumlich getrennte Kooperation teilt sich einige wesentliche Merkmale mit der Pr¨
a-
senzkooperation aus Kapitel 2.1. Sie zeichnet sich aber dadurch aus, dass zumindest
ein Teil der Mitglieder einer Kooperationsgruppe sich nie oder nur selten gemeinsam
an einem Ort aufhalten. In dieser Tatsache liegen einige besondere Anforderungen
an die Mechanismen zur Kooperationsunterst¨
utzung begr¨
undet. W¨
ahrend bei der
Pr¨
asenzkooperation Mechanismen zur nahtlosen Einbettung der computergest¨
utzten
Kooperationsumgebung in nat¨
urliche Kooperationsszenarien im Vordergrund stan-
den, sind es bei der r¨
aumlich getrennten Kooperation Mechanismen, die es erlauben,
Teilnehmer in die Kooperation einzubinden, die w¨
ahrend der Kooperationssitzung
nicht k¨
orperlich zugegen sind.
Gr¨
undung, Anbahnungsphase In einer verteilten Kooperationsumgebung kann
die Gr¨
undung einer Kooperationsgruppe ¨
uber Mechanismen der Gruppenfindung f¨
ur
r¨
aumlich getrennte Teilnehmer geschehen (vgl. auch Szenario 1.2) oder die Gruppe
aus einer zuvor etablierten Kooperationsform ¨
ubernommen werden. Dabei spielt es
keine Rolle ob die Kooperation zuvor in einem klassischen CSCW-System oder einem
mobil-verteilten CSCW-System stattgefunden hat.
Im Fall eines mobil-verteilten CSCW-Systems erfolgt die Gruppengr¨
undung ana-
log zu der Anbahnungsphase in Abschnitt 2.1.1 und 2.2.1. In diesem Fall k¨
onnen die
Gruppenstrukturen beibehalten werden und auch die Kooperationsbereiche m¨
ussen
nicht weiter angepasst werden. Erst in der Kooperationsphase selber werden speziell
angepasste Mechanismen f¨
ur eine ¨
ortlich getrennte Kooperation ben¨
otigt.
Soll eine Gruppe von einem klassischen serverbasierten CSCW-System auf ein
mobil-verteiltes CSCW-System ¨
uberf¨
uhrt werden, so muss die Gruppe mit allen ent-
haltenen Benutzern und zugeh¨
origen Arbeitsbereichen in das mobil-verteilte CSCW-
System ¨
ubertragen werden. Der Gruppenarbeitsraum muss gem¨
der Szenarien in
Abschnitt 2.1 auf die Ger¨
ate aller Teilnehmer verteilt werden und der pers¨
onliche Ar-
beitsbereich der Benutzer muss auf deren Ger¨
ate ¨
ubertragen werden. Soll der Server
auch weiterhin genutzt werden k¨
onnen, so verbleiben die Daten zun¨
achst auf diesem
gespeichert. Bez¨
uglich des pers¨
onlichen Arbeitsbereiches bedeutet dieses Vorgehen,
dass von diesem nun mindestens zwei Versionen existieren (eine auf dem Server und
eine in der mobil-verteilten Umgebung auf dem mobilen Ger¨
at des Benutzers). Bei
dem Gruppenbereich sind sogar deutlich mehr Versionen betroffen (mindestens je
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.1 R¨
aumlich getrennte Kooperation 37
eine Version auf jedem Rechner der Gruppenmitglieder und zus¨
atzlich eine Version
auf dem Server).
Szenario 3.1: ¨
Uberf¨
uhren einer zentral verwalteten Kooperationsgruppe
in eine mobil-verteilte Kooperationsumgebung
¨
Uberf¨
uhren einer Kooperationsgruppe von einem CSCW-Server in ein mobil-
verteiltes CSCW-System
Verteilen des gemeinsamen Arbeitsbereiches der Gruppe auf die beteiligten
Ger¨
ate
Eine einem CSCW-Server existierende Gruppe auf mit drei Teilnehmern ( G=
{T1, T2, T3}) soll f¨
ur eine Kooperation mittels mobiler Ger¨
ate in eine mobil-
verteilte Kooperationsumgebung ¨
uberf¨
uhrt werden. Die Gruppe Gbesitzt auf
dem Server einen gemeinsamen Arbeitsbereich mit diversen Dokumenten ( A=
{d1,· · · , dn}).
Da nicht alle Gruppenmitglieder w¨
ahrend der Kooperationssitzungen stets zu-
gegen sind, kann der Arbeitsbereich Anicht zentral auf einem mobilen Ger¨
at der
Gruppenteilnehmer gespeichert werden. Daher wird auf jedem beteiligten Mobil-
computer eine Kopie des gemeinsamen Arbeitsbereichs abgelegt. Ausgehend von
einem Mobilcomputer je Teilnehmer entstehen drei Kopien des Arbeitsbereiches
und der enthaltenen Dokumente ( AT1={dT1
1,· · · , dT1
n},AT2={dT2
1,· · · , dT2
n},
AT3={dT3
1,· · · , dT3
n}). Diese Kopien werden bei jedem Kontakt der Teilnehmer
untereinander abgeglichen.
Soll die Gruppe nicht aus einem anderen System oder einer anderen Kooperati-
onsform ¨
ubernommen werden, so bedarf es einer M¨
oglichkeit, diese Gruppe ohne
pers¨
onliches Treffen zu gr¨
unden. Dies geschieht analog zu dem Vorgehen in zentrali-
sierten CSCW-Systemen: Ein zuk¨
unftiges Gruppenmitglied muss zun¨
achst eine neue
Gruppe erstellen. Damit existieren eine Gruppe mit einem Mitglied (dem Benutzer,
der die Gruppe erstellt hat) und der dazugeh¨
orige Gruppenbereich. Zu dieser Gruppe
kann der gr¨
undende Benutzer (und sp¨
ater auch alle weiteren berechtigten Gruppen-
mitglieder) Einladungen an ihm bekannte Benutzer verschicken. Beantworten diese
die Einladung positiv, geh¨
oren sie von nun an zu der Gruppe. Alternativ kann die
Gruppe auch ¨
uber ein Verteilungsverfahren oder entsprechende Verzeichnisse ¨
offent-
lich bekannt gemacht werden (vgl. auch Szenario 1.2). Interessierte Benutzer k¨
onnen
dann eine Mitgliedschaft beantragen, die daraufhin von den berechtigten Gruppen-
mitgliedern entschieden wird.
Kooperationsphase Da die Teilnehmer einer r¨
aumlich getrennten Kooperations-
gruppe ¨
uber unterschiedliche Arten einer Netzwerkanbindung verf¨
ugen, kann es not-
wendig sein, die Verteilung der Kooperationsobjekte ebenfalls unterschiedlich vorzu-
nehmen. Der Abgleich verteilt gespeicherter Objekte kann je nach Verbindungsg¨
ute
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
38 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
lange dauern oder die genutzen Verbindungen k¨
onnen zu instabil sein, um einen
entfernten Objektzugriff sinnvoll durchzuf¨
uhren.
Szenario 3.2: Entfernte Teilnahme an einer verteilten Kooperation ¨
uber
eine sporadische Funkverbindung
Verteiltes Kooperieren ¨
uber unzuverl¨
assige Netzwerkverbindungen
Eine Gruppe mit drei ¨
ortlich getrennten Mitgliedern ( G={T1, T2, T3}) arbeitet
in einer gemeinsamen Arbeitsumgebung A. Teilnehmerin T1reist mit der Bahn
¨
uber Land und nimmt ¨
uber eine GSM-Verbindung an der Kooperationssitzung
teil. Die ¨
Ubertragung des gesamten Inhalts der Arbeitsumgebung Adauert ¨
uber
die Verbindung mindestens 5 Minuten. In unregelm¨
assigen Abst¨
anden bricht die
Verbindung zu dem GSM-Netz ab. In dem Fall eines Verbindungsabbruchs ist keine
Kommunikation mit den anderen Teilnehmern mehr m¨
oglich. Bis eine neue GSM
Verbindung aufgebaut ist k¨
onnen zwischenzeitlich mehrere Minuten vergehen.
Obwohl die Verbindung bei einem bevorstehenden Abbruch schlechter wird und
dieser somit in etwa vorausgesagt werden kann, reicht die Zeit nicht, um die noch
offenen ¨
Anderungen in dem verteilten Arbeitsbereich komplett zur¨
uckzuschreiben
und die ge¨
anderte Kopie des gesamten Arbeitsbereiches AT1an alle Teilnehmer zu
verteilen. W¨
ahrend der bestehenden Verbindung werden daher stetig die Ver¨
an-
derungen AT1innerhalb des gemeinsamen Arbeitsbereiches A¨
ubertragen und in
die Kopien AT2und AT3der Teilnehmer T2und T3eingepflegt. Bei einem Verbin-
dungsabbruch werden die ¨
Anderungen gesammelt und im Nachhinein an T2und T3
verteilt. Die ¨
Anderungen seitens T2und T3werden auf dem gleichen Weg bei der Ko-
pie AT1von T1eingepflegt. Ziel des st¨
andigen Abgleichs ist es alle verteilten Kopien
des gemeinsamen Arbeitsbereiches Aidentisch zu halten ( A=AT1=AT2=AT3).
Besteht eine Verbindung, sehen alle Teilnehmer mittels einer gemeinsamen syn-
chronisierten Sicht auf den Arbeitsbereich A, an welchem Teil der enthaltenen
Dokumente die anderen Teilnehmer derzeit arbeiten.
W¨
ahrend einer Verbindungsunterbrechung arbeiten nun Teilnehmerin T1und
Teilnehmer T2an demselben Dokument dAohne voneinander zu wissen. Bei
dem Versuch der Umgebung, die ¨
Anderungen AT
1von T1beim n¨
achsten Verbin-
dungsaufbau bei dem synchronisierten Arbeitsbereich Aeinzupflegen, w¨
urde die
Umgebung die ¨
Anderungen von T2in dem zwischen T2und T3synchronisierten
Dokument d¨
uberschreiben. Im Gegenzug w¨
urden die ¨
Anderungen von Teilneh-
mer T2die ¨
Anderung von T1in deren Kopie von d¨
uberschreiben. Die Folge w¨
a-
ren zwei Versionen (d0und d00) des Dokumentes d, die nicht l¨
anger synchron sind
(d0=dT16=dT2=dT3=d00 ). Da nur jeweilige ¨
Anderungen seitens der Teilnehmer
¨
ubertragen werden, w¨
urde auch kein weiterer Abgleich vorgenommen. Es bliebe
bei den asynchronen Kopien, deren Inhalt mit weiteren ¨
Anderungen noch weiter
divergieren w¨
urde.
Um dieses Dilemma zu vermeiden, ¨
uberpr¨
uft die Kooperationsumgebung vor dem
Abgleich zweier Kopien eines verteilten Objektes erst, ob diese zwischen dem letzten
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.1 R¨
aumlich getrennte Kooperation 39
Abgleich von mehr als einem Teilnehmer ge¨
andert wurden. Sollte dies der Fall sein,
werden die beteiligten Teilnehmer ( T1und T2) aufgefordert, den Konflikt vor der
endg¨
ultigen Synchronisierung zu l¨
osen. Erst dieses konsistente Objekt wird dann
an alle Beteiligten verteilt. So bleibt der gemeinsame Arbeitsbereich konsistent.
Bei einer Kooperation ¨
uber große Entfernungen hinweg ergeben sich h¨
aufig stark
asynchrone Kooperationsszenarien. Da die Teilnehmer bei asynchronen Kooperati-
onsformen die Ver¨
anderung im gemeinsamen Arbeitsbereich nicht zeitgleich mitver-
folgen k¨
onnen, m¨
ussen Informationen ¨
uber ¨
Anderungen dementsprechend aufberei-
tet werden. Dies kann z. B. durch Zusammenfassungen oder automatisch generierte
Annotationen geschehen.
Auch die Kommunikation erfolgt in diesen Kooperationsszenarien asynchron. Da-
bei wird die asynchrone Kommunikation, auch wegen ihres h¨
aufig hierarchischen und
weniger fl¨
uchtigen Charakters, der synchronen Kommunikation vorgezogen. Diskus-
sionsforen und ausgefeilte Annotationsmechanismen, die mit einzelnen Kooperati-
onsobjekten verkn¨
upft werden, helfen dar¨
uber hinaus, eine dokumentenzentrierte
Kommunikation zu etablieren, ohne jedes Mal explizit auf das betroffene Objekt
Bezug nehmen zu m¨
ussen. Die Diskussion wird ¨
ahnlich wie ein digitaler Notizzettel
an das Dokument geheftet, so dass alle Kooperationsmitglieder direkt den Zusam-
menhang zwischen Notiz und Objekt erkennen k¨
onnen.
Szenario 3.3: Zeitversetzte Kooperation in verteilten CSCW-
Anwendungen
Zeitlich stark versetzte Kommunikation
Asynchroner Datenaustausch ¨
uber Mittelsdienste
Zwei ¨
uber mehrere Zeitzonen hinweg entfernte Personen, T1und T2, wollen mittels
eines mobil-verteilten Kooperationssystems eine Softwarearchitektur f¨
ur eine Wa-
renverwaltung entwerfen. Anders als bei einem Client-Server-System l¨
auft das ver-
teilt arbeitende CSCW-System gleichberechtigt auf den Computern beider Teilneh-
mer. Innerhalb der Kooperationsumgebung gr¨
unden sie eine Gruppe G={T1, T2}
mit zugeh¨
origem gemeinsamen Arbeitsbereich A. Dieser wird auf den beteiligten
Computern synchronisiert gespeichert, so dass jeder Teilnehmer stets die aktuellen
der Kooperation zu Grunde liegenden Daten im Zugriff hat. Wird also von Teil-
nehmerin T1die Datei din den gemeinsamen Arbeitsbereich Aeingebracht, wird
diese zun¨
achst in der lokalen Instanz der Kooperationsumgebung gespeichert und
dann zum n¨
achstm¨
oglichen Zeitpunkt auf die entfernte Instanz der Kooperations-
umgebung von Benutzer T2¨
ubertragen.
Da beide Teilnehmer aufgrund der Zeitverschiebung nur selten zur selben Zeit
Arbeiten, besteht die Gefahr, dass die CSCW-Anwendungen ebenfalls nur selten zur
selben Zeit laufen. Dies st¨
unde dem regelm¨
aßigen Abgleich des gemeinsamen Ar-
beitsbereiches im Wege. Die Anwendung muss daher in der Lage sein, die Gegenseite
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
40 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
bei Bedarf kontaktieren zu k¨
onnen. Startet Teilnehmerin T1f¨
ur eine Arbeitssitzung
die CSCW-Anwendung, so kontaktiert diese die ihr bekannte Gegenstelle von Teil-
nehmer T2und weckt diese bei Bedarf, um eventuell anstehende ¨
Anderungen zu
¨
ubertragen. Danach kann die Anwendung auf dem Computer von Teilnehmer T2
wieder beendet werden. Sind beide Anwendungen zur gleichen Zeit aktiv, schicken
sie sich st¨
andig die ¨
Anderungen innerhalb des gemeinsamen Arbeitsbereichs.
Teilnehmer T2muss seinen Computer jedoch h¨
aufiger vom Netzwerk trennen,
da er ihn mit auf Dienstreisen nimmt. Daher versendet er die ¨
Anderungen, die er
vorgenommen hat, per asynchroner Kommunikationsdienste ( z. B. E-Mail ) an die
Anwendung von Teilnehmerin T1oder hinterlegt sie bei einer weiteren im Netzwerk
verf¨
ugbaren Anwendungsinstanz. Sobald die Anwendung auf dem Computer von
T1aktiv wird, empf¨
angt diese die Nachricht mit den ¨
Anderungen und integriert
diese in die lokale Version der gemeinsamen Arbeitsumgebung und beginnt mit der
Sitzung.
Aufl¨
osung, Abschlussphase Bei der Beendigung einer r¨
aumlich getrennten Ko-
operationsgemeinschaft sind die Vorg¨
ange ¨
ahnlich zu denen der Pr¨
asenzkooperation
(vgl. Abschnitt 2.1). Je nach Wunsch der Teilnehmer geht es darum, die Koopera-
tionsergebnisse zu archivieren und f¨
ur eine weitere Verwendung aufzuarbeiten, oder
die gesamte Kooperationsgemeinschaft in eine andere Kooperationsform zu ¨
uberf¨
uh-
ren.
Bei einer zeitlich versetzten Kooperation muss darauf geachtet werden, dass bei
Abschluss der Kooperation alle Instanzen der verteilten Kooperationsumgebung syn-
chronisiert sind. Alle Teilnehmer m¨
ussen also ¨
uber die Beendigung der Kooperation
benachrichtigt werden und ihre Daten ein letztes Mal abgleichen. Danach ist ei-
ne konsistente Ver¨
anderung des gemeinsamen Arbeitsbereiches nicht mehr m¨
oglich.
Anschließende Ver¨
anderungen resultieren in einer pers¨
onlichen Version des Arbeits-
bereiches, die von dem gemeinsamen Arbeitsbereich entkoppelt ist. Bei eine ¨
Uber-
f¨
uhrung in eine andere Kooperationsform gilt das Gleiche. Erst in einem konsistenten
Zustand darf die Kooperationsumgebung transformiert werden.
Szenario 3.4: Beenden einer verteilten und r¨
aumlich getrennten Koope-
ration
Beenden einer zeitlich und r¨
aumlich getrennten Kooperationsgruppe
Gr¨
unden einer neuen Kooperationsgruppe aus einer beendeten Gruppe
Eine Kooperationsgruppe mit drei Mitgliedern ( G={T1, T2, T3}) beendet eine
Kooperation mittels einer mobil-verteilten Kooperationsumgebung nach einer l¨
an-
geren Phase der Zusammenarbeit, weil das gemeinsam bearbeitete Projekt beendet
ist.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.2 Distant Learning 41
Die Projektleiterin T1friert zu diesem Zweck den gemeinsamen Arbeitsbereich
Amit den enthaltenen Dokumenten d1und d2in seinem jetzigen Zustand ein und
archiviert ihn auf ihrem lokalen Rechner, um sp¨
ater den Projektbericht erstellen
zu k¨
onnen. Das Einfrieren des Arbeitsbereiches wird T2und T3beim n¨
achsten
Kontakt zu T1¨
uber die Synchronisation des Arbeitsbereichs bekannt gegeben.
T2hatte aber zwischenzeitlich noch ¨
Anderungen in den Dokumenten d1und
d2im Arbeitsbereich vorgenommen. Die ¨
Anderungen an d1fallen zeitlich vor den
Entzug des Schreibrechts auf den gemeinsamen Arbeitsbereich und die an d2zeitlich
danach. Daher werden die ¨
Anderungen an d1bei der n¨
achsten Synchronisation mit
T1und T3noch vor dem Durchf¨
uhren der Zugriffs¨
anderungen von T1ausgef¨
uhrt. Die
Modifikationen d2, die nach der Zugriffs¨
anderung liegen, werden jedoch abgelehnt,
da die entsprechenden Rechte fehlen.
Die Kooperationsumgebung bietet daher an, ein neues Dokument d0
2=d2+ d2
zu erzeugen, das die Daten des alten Dokuments plus die ¨
Anderungen enth¨
alt. Da
das neue Dokument d0
2nicht innerhalb des gesperrten gemeinsamen Arbeitsberei-
ches abgelegt werden kann, hat T2die Optionen, das Dokument entweder in seinem
pers¨
onlichen Bereich abzulegen oder den Arbeitsbereich zu kopieren und auf der
Kopie weiterzuarbeiten. T2entscheidet sich f¨
ur die letztere Option und erstellt eine
Kopie A0von A. Diese enth¨
alt anstatt des alten Dokuments d2das ge¨
anderte d0
2
(A0={d1, d0
2}). Auf diesem Areal beschließt T2seine Kooperation mit T3in einer
neuen Kooperationsgruppe G0={T2, T3}fortzuf¨
uhren, um ein Folgeprojekt zu
initiieren und weist daher G0den Gruppenarbeitsbereich A0zu.
2.2.2 Distant Learning
Eine popul¨
are Variante der r¨
aumlich getrennten Kooperation ist das Distant Lear-
ning aus dem Bildungsbereich. Dieses erm¨
oglicht Lernenden an einem Kurs teil-
zunehmen, ohne k¨
orperlich an der Bildungseinrichtung anwesend zu sein. F¨
ur eine
Teilnahme m¨
ussen die Lernenden unter Umst¨
anden nicht einmal gleichzeitig mit der
Lernumgebung verbunden sein. Die genaue Gestaltung des Kurses h¨
angt beim Di-
stant Learning von den zugrunde liegenden didaktischen Konzepten ab. Diese sollen
im Folgenden aber keine Rolle spielen.
In einfachen Formen des Distant Learning werden lediglich Lernmaterialien und
¨
Ubungsaufgaben ¨
uber ein E-Learning-System bereitgestellt. Oft m¨
ussen ¨
Ubungs-
aufgaben bis zu einem bestimmten Zeitpunkt gel¨
ost und zur Kontrolle des Lern-
fortschritts an den Lehrenden gesandt werden. Diese Kontrolle kann auch durch
automatisierte Mechanismen ¨
ubernommen werden. F¨
ur R¨
uckfragen zum Lernstoff
bestehen eventuell Kommunikationskan¨
ale, um die Betreuer zu kontaktieren. Oft
bieten die E-Learning-Systeme einfache Formen der Kooperationsunterst¨
utzung wie
Mailinglisten oder Foren an. Um den Zugang zu den Materialien und den Diensten
zu erleichtern, werden diese meist in einer Webseite geb¨
undelt.
Trotz bidirektionaler Kommunikationsmechanismen wie Forum und Mailingliste
ist ein solches Lernen vom Konsumieren der Lerninhalte und von einer oft einsei-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
42 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
tigen Kommunikation vom Lehrenden zum Lernenden gepr¨
agt. Eine Kooperation
zwischen den Lernenden erfolgt oft nur außerhalb des E-Learning-Systems, da sie
nicht ausreichend unterst¨
utzt wird. Aber auch in Lernumgebungen, die Kooperatio-
nen zwischen den Lernenden ausdr¨
ucklich unterst¨
utzen, werden h¨
aufig nicht in dem
m¨
oglichen Maße f¨
ur eine Kooperation genutzt.
Dies mag zum einen an einer mangelnden kulturellen Einbettung der computerge-
st¨
utzten Kooperation bei den Lernenden liegen. Darum wird diese oft beim Aufbau
der Kurse gef¨
ordert [vgl. Hampel et al., 2003; Keil-Slawik und Hampel, 2003]. Zum
anderen mag aber auch ein Grund darin bestehen, dass die computergest¨
utzten
Kooperationsumgebungen nicht ¨
uberall verf¨
ugbar und nicht in den Alltag der Ler-
nenden eingebettet sind. Diese L¨
ucke k¨
onnen mobil-verteilte Kooperationssysteme
schließen. In diesem Abschnitt soll daher der Einsatz von mobil-verteilten Koope-
rationssystemen in dem Bereich des kooperativen Distant Learning im Mix mit der
Pr¨
asenzkooperation betrachtet werden.
Gr¨
undung, Anbahnungsphase Die Kurse, die einem Distant Learning Szenario
zu Grunde liegen, werden stets von Benutzern in der Rolle des Lehrenden angeboten.
Diese treten somit als Experten und Dienstleister auf, die eine Wissensvermittlung
in Form eines aufbereiteten Kurses an eine Gruppe Lernender anbieten. Im Folgen-
den wird ein m¨
ogliches Lernszenario skizziert, ohne dabei ein didaktisches Konzept
pr¨
asentieren zu wollen.
Im Rahmen einer Lehrveranstaltung richten die Lehrenden einen gemeinsamen
Wissensraum mit den aufbereiteten Kursunterlagen ein, der in mehrere Lernein-
heiten aufgeteilt ist. Zu jeder Lerneinheit geh¨
oren vertiefende ¨
Ubungen. Um ein
vorgreifendes Lernen zu verhindern, k¨
onnen diese Lerneinheiten nach und nach in
den gemeinsamen Wissensraum eingebracht werden.
Auf die Kursmaterialien d¨
urfen die Kursteilnehmer nur lesend zugreifen, w¨
ahrend
die Betreuer auch Schreibrechte haben. F¨
ur die freie Kooperation der Kursteilneh-
mer besteht ein Bereich der keinerlei Beschr¨
ankungen unterlegen ist. Die Betreuer
besitzen neben dem gemeinsamen Wissensraum mit den Lernenden einen eigenen
gemeinsamen Bereich, in dem die Koordination der Lehre erfolgen kann.
Der Lehrbereich besitzt zudem eine Außendarstellung des Kurses in Form einer
Webseite, die auch durch Nichtmitglieder des Kurses betrachtet werden kann. Hier
sind z. B. das Kursprofil und die Zugangsbedingungen beschrieben. Außerdem kann
hier eine Anmeldung f¨
ur den Kurs erfolgen. Die Anzahl der m¨
oglichen Anmeldungen
ist oft beschr¨
ankt, so dass ab einer bestimmten Anzahl von Teilnehmern an dem Kurs
keine Anmeldungen mehr m¨
oglich sind.
Nach der Anmeldung befinden sich alle Teilnehmer des Kurses in einer gemeinsa-
men Gruppe. Bei einer großen Anzahl von Teilnehmern werden die einzelnen Teil-
nehmer eventuell zus¨
atzlich in eine weitere Struktur von Kleingruppen eingeordnet.
Diese Unterteilung kann u. a. notwendig werden, weil eine thematische Zuordnung
vorgenommen werden soll oder nur begrenzte Platzressourcen bei Pr¨
asenz¨
ubungen
vorhanden sind.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.2 Distant Learning 43
Szenario 4.1: Kurs mit zeitweise ¨
ortlich verteilten Teilnehmern
Gr¨
undung
Seminar mit regelm¨
aßigen Pr¨
asenzphasen
Gruppenstruktur mit Untergruppen und gemeinsamen wie getrennten Ar-
beitsbereichen
F¨
ur ein Pr¨
asenzseminar mit neun Teilnehmern ( T1,· · · , T9) sollen deren mobi-
le Computer genutzt werden, um eine Computer Supported Cooperative Learning
(CSCL)-Umgebung zur Verf¨
ugung zu stellen. Es sind regelm¨
aßige Pr¨
asenzphasen
vorgesehen. Der Dozent Dstellt die Lehrunterlagen in einem auf seinem mobilen
Rechner erstellten virtuellen gemeinsamen Arbeitsbereich Abereit. F¨
ur die Zu-
griffskontrolle erstellt er eine Gruppe G, die auf den gemeinsamen Arbeitsbereich
zugreifen darf. In diese Gruppe nimmt er alle beim ersten Seminartermin anwesen-
den Teilnehmer auf.
Die Gruppenmitglieder erhalten dadurch lesenden Zugriff auf die zur Verf¨
ugung
gestellten Lehrmaterialien d1,· · · , dn. Außerdem existiert ein Bereich, in dem die
Gruppenmitglieder frei kooperieren k¨
onnen, also Schreib- und Leserechte besitzen.
Der gemeinsame Arbeitsbereich des Seminars wird auf alle mobilen Ger¨
ate ver-
teilt. Geplant sind Gruppenarbeiten in Gruppen zu je drei Teilnehmern. Hierzu
erzeugt der Dozent drei Untergruppen in der Gruppe G(G=G1G2G3).
Die einzelnen Gruppen d¨
urfen nicht auf die Gruppenbereiche der jeweils anderen
Gruppen zugreifen. Zum Austausch zwischen den Gruppen soll der gemeinsame
Kooperationsbereich Ades Seminars genutzt werden. Die Gruppenarbeit erfolgt
zwischen den Pr¨
asenzphasen.
Fortsetzung in Szenario 4.3
Szenario 4.2: Zentral verwalteter Kurs mit ¨
ortlich getrennten Teilneh-
mern Gr¨
undung
Mobile Arbeitsbereiche in Verbindung mit einem CSCW-Server
Ein Dozent Dan einer deutschen Hochschule gibt einen Kurs f¨
ur deutsche und
chinesische Studierende des Maschinenbaus. Die Veranstaltung soll den chinesischen
Studierenden eine Kursteilnahme erm¨
oglichen, ohne dass sich diese in Deutschland
aufhalten m¨
ussen. Zu diesem Zweck stellte Dsowohl sein Vorlesungsskript d1als
auch die Pr¨
asentationsfolien d2¨
uber einen gemeinsamen Arbeitsbereich ALehre zur
Verf¨
ugung. Dieser ist nur f¨
ur Mitglieder der Gruppe Gzug¨
anglich.
Ein externer Besucher bekommt statt des gemeinsamen Arbeitsbereichs eine
Webseite mit Veranstaltungsbeschreibung und Anmeldeinformationen zu sehen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
44 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
Der gemeinsame Arbeitsbereich wird ¨
uber ein CSCW-System der Universit¨
at bereit
gestellt. Studierende, die an dem Kurs teilnehmen m¨
ochten, melden sich ¨
uber die
Webseite an und werden daraufhin der Gruppe Ghinzugef¨
ugt. Von nun an haben
diese Studierenden Zugriff auf die Lehrmaterialien.
Um die Kooperation der Studierenden zu f¨
ordern, sind sie zus¨
atzlich Mitglieder
der Gruppe GStud und erhalten Zugriff auf den zugeh¨
origen gemeinsamen Arbeits-
bereich AStud, in dem sie sich auch außerhalb des Lehrbetriebs virtuell treffen und
austauschen k¨
onnen. Dieser Bereich bildet zusammen mit dem Bereich ALehre mit
den Lehrmaterialien den gemeinsamen Arbeitsbereich Ader Vorlesung. Dieser dient
den Studierenden als zentrale Anlaufstelle f¨
ur die Vorlesung.
Um die mobile Kooperation zu unterst¨
utzen, k¨
onnen die Lernenden den gemein-
samen Arbeitsbereich Ades Kurses auf ihrem mobilen Computer mitnehmen und
auch ohne Verbindung zum CSCW-Server der Universit¨
at nutzen, um mit anderen
Studierenden des Kurses zu kooperieren.
Fortsetzung in Szenario 4.4
Kooperationsphase Nach der Gr¨
undung eines Kurses und der Anmeldung aller
Mitglieder bleibt die Gruppenstruktur in der Regel stabil. Die Lehrenden stellen die
Materialien in Lerneinheiten geordnet nach und nach in den gemeinsamen Arbeits-
bereich. Dieser Vorgang wird in der Pr¨
asenzlehre meist von Vorlesungen begleitet,
in denen die Lehrenden durch den Lehrstoff f¨
uhren und bei Bedarf Anmerkungen
und Erg¨
anzungen anbringen. Beim reinen Distant Learning entf¨
allt die Vorlesung,
die Teilnehmer arbeiten den Stoff selbstst¨
andig auf. Erg¨
anzungen sind oft geb¨
undelt
mit dem Skript f¨
ur die Lerneinheiten. Manchmal wird auch versucht, die fehlende
Pr¨
asenzvorlesung durch eine Video- oder Audio¨
ubertragung derselben zu kompen-
sieren.
Erg¨
anzt wird jede Lerneinheit durch ¨
Ubungen, in denen die Lernenden das Ge-
lernte anwenden und vertiefen. Diese ¨
Ubungen erfolgen h¨
aufig in Kleingruppen. Den
Lernenden steht zur Bew¨
altigung der ¨
Ubungsaufgaben ein Tutor zur Seite, der die
¨
Ubungen betreut und f¨
ur R¨
uckfragen zur Verf¨
ugung steht. In einer r¨
aumlich ge-
trennten Variante der ¨
Ubung muss es dementsprechende Kommunikations- und Ko-
ordinationsmittel geben.
Die ¨
Ubungsaufgaben lassen sich auf diverse Arten beschreiben. Die einfachste
Form ist eine informelle Beschreibung der Aufgabe in Schriftform. Diese kann ein-
fach als Dokument in dem gemeinsamen Wissensraum abgelegt werden. Die Ler-
nenden senden ihre L¨
osungen der Aufgaben an die Betreuer oder legen sie in einem
speziellen Bereich des Wissensraums ab, auf den nur die Betreuer Zugriff haben.
Soll die erfolgreiche Teilnahme an dem Kurs von diesen L¨
osungen abh¨
angen, sind
die Berechtigungen f¨
ur die L¨
osungsdokumente so zu vergeben, dass ein Abschreiben
oder nachtr¨
agliches ¨
Andern von L¨
osungen verhindert wird.
¨
Ubungsaufgaben k¨
onnen aber auch so gestellt werden, dass die Korrektheit der
L¨
osungen durch die Lernumgebung ausgewertet werden kann (z. B. Multiple Choice
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.2 Distant Learning 45
Aufgaben). Dies entlastet die Betreuer und bietet zus¨
atzlich die M¨
oglichkeit einer
direkten R¨
uckmeldung an die Lernenden. Eine weitere M¨
oglichkeit ist, die ¨
Ubungs-
aufgaben so zu beschreiben, dass sie personalisiert werden k¨
onnen. Dann werden
sie f¨
ur jeden Lernenden individuell erstellt. Dies geschieht ¨
uber Generatoren oder
Templates. Diese verwenden entweder einen Zufallswert oder einmaliges Attribut
der Benutzer (z. B. die Identifikationsnummer), um die Aufgaben speziell f¨
ur sie
zu erstellen. Ein beispielhaftes Szenario einer automatischen Erzeugung und Bewer-
tung von personalisierten ¨
Ubungsaufgaben mit Hilfe eines Computer Algebra Systems
(CAS) beschreibt [Bleckmann et al., 2005].
Bei R¨
uckfragen zu einer Aufgabe oder zu einem Dokument beziehen sich die Ler-
nenden stets auf diese Objekte, daher wird die Kommunikation an das betreffende
Objekt gekn¨
upft. Die Kommunikation referenziert so stets implizit das betroffene
Objekt. Bei einer Kooperation mit herk¨
ommlichen Schriftdokumenten w¨
urde dazu
das betroffene Dokument in den Mittelpunkt ger¨
uckt. In einer computergest¨
utzen
Kooperationsumgebung verh¨
alt es sich ¨
ahnlich. Kommunikation kann entweder in
Form eines an ein Dokument gekn¨
upften Diskussionsstranges oder, in anderer Rich-
tung, in Form eines Verweises auf das Dokument aus der Kommunikation mit diesem
verkn¨
upft werden.
Szenario 4.3: Kurs mit zeitweise ¨
ortlich verteilten Teilnehmern Ko-
operationsphase
Fortsetzung von Szenario 4.1
Synchronisation von gemeinsamen Arbeitsbereichen einer Gruppe
Synchronisation gem¨
der Zugangsrechte zu einem Bereich
L¨
osung von Versionskonflikten nach Trennungsphase
Die Teilnehmer des Seminars aus Szenario 4.1 treffen sich einmal in der Woche,
um unter Anleitung des Dozenten Ddie Ergebnisse der Gruppenarbeiten zu disku-
tieren und den Gegenstand des Seminars thematisch zu vertiefen. Zwischen diesen
Pr¨
asenzsitzungen treffen sich die drei Gruppen G1,G2und G3jeweils unterein-
ander und bearbeiten die ihnen gestellten Aufgaben. Zu diesem Zweck verbinden
sie ihre mobilen Computer und arbeiten auf dem gemeinsamen Gruppenbereich
(AG1,· · · , AG2) im Arbeitsbereich Ades Seminars.
Um selbstst¨
andig zu Hause arbeiten zu k¨
onnen, befindet sich auf jedem der mobi-
len Ger¨
ate eine identische Kopie des Seminarbereiches. Haben in der Zwischenzeit
ein oder mehrere Gruppenmitglieder in dem Bereich ¨
Anderungen vorgenommen,
so muss der Gruppenbereich zu Beginn der Gruppensitzung abgeglichen werden.
Bei einander widersprechenden ¨
Anderungen seitens zweier oder mehr Mitgliedern
muss dieser Konflikt aufgel¨
ost werden.
Teilnehmer T1und T2aus Gruppe G1haben jeweils zu Hause das Dokument
d1bearbeitet. Es existieren somit die zwei Versionen dT1
1und dT2
1, die miteinan-
der im Konflikt stehen. Sie werden zu Beginn der Kooperationssitzung auf diesen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
46 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
Konflikt aufmerksam gemacht und aufgefordert, ihn zu beheben. Als Hilfsmittel
bekommen sie beide Versionen nebeneinander dargestellt. Nachdem sie den Kon-
flikt aufgel¨
ost haben, wird mit der konfliktbereinigten Datei das alte Dokument d1
im gemeinsamen Gruppenbereich AG1¨
uberschrieben.
W¨
ahrend und am Ende der Kooperationssitzung ist der gemeinsam genutzte
Bereich auf allen mobilen Computern der Gruppe identisch, da die Instanzen auf
den mobilen Computern der Teilnehmer st¨
andig synchronisiert werden.
Da das Gruppenmitglied T3bei der gemeinsamen Sitzung von Gruppe G1fehlte,
ist dessen Version des gemeinsamen Arbeitsbereiches AG1veraltet. Als Teilnehmer
T3Teilnehmer T2nach der Kooperationssitzung in der Universit¨
at trifft, kann T3
diese jedoch mittels der aktuellen Instanz von T2aktualisieren.
Die Kooperation erfolgt meist ¨
uber direkte Kommunikation zwischen den Grup-
penmitgliedern w¨
ahrend gemeinsamer Treffen. Gleichzeitig werden die Objekte im
gemeinsamen Arbeitsbereich in der virtuellen Kooperationsumgebung manipuliert.
In einem allen Seminarteilnehmern zug¨
anglichen Bereich Apublic werden die Ar-
beitsergebnisse f¨
ur das n¨
achste Seminartreffen aufbereitet und zug¨
anglich gemacht.
Jede Gruppe legt ihre Arbeitsergebnisse in diesem ¨
offentlich zug¨
anglichen Bereich
ab. Gruppe G1erstellt eine Kopie d0
2der Datei d2aus ihrem Gruppenbereich AG1
und legt diese in dem Bereich Apublic ab. Daraufhin wird die Kopie d0
2f¨
ur alle
Seminarteilnehmer zug¨
anglich und in deren lokalen Instanzen des gemeinsamen
Arbeitsbereiches synchronisiert. Dies trifft nicht f¨
ur die Originaldatei im gemeinsa-
men Arbeitsbereich AG1von Gruppe G1zu, welche nur zwischen deren Mitglieder
synchronisiert wird.
Trifft sich das gesamte Seminar, werden alle gemeinsam einsehbaren Bereiche
in Einklang gebracht. Dies geschieht wiederum analog zu dem Abgleichen zu Be-
ginn eines Gruppentreffens. Jeder mit einem anderen Benutzer gemeinsam einseh-
bare Bereich muss dabei ber¨
ucksichtigt werden. F¨
ur jeden Teilnehmer heißt dies
folgende Bereiche abzugleichen: den eigenen Gruppenbereich (AGx) mit den ande-
ren Gruppenmitgliedern (Gx); den ¨
offentlichen Gruppenbereich Apublic mit allen
Teilnehmern (T1,· · · , Tn) und dem Dozenten D; den Kooperationsbereich der Stu-
dierenden mit den anderen Teilnehmern (T1,· · · , Tn); und den Seminarbereich mit
dem Dozenten D(da nur dieser ihn ver¨
andern darf). Dies bedeutet, dass alle Berei-
che, die ein Benutzer einsehen kann, mit gleichberechtigten Benutzern abgeglichen
werden muss. W¨
ahrend des Treffens bleiben diese Bereiche wiederum im Einklang.
Fortsetzung in Szenario 4.5
Szenario 4.4: Zentral verwalteter Kurs mit ¨
ortlich getrennten Teilneh-
mern Kooperationsphase
Fortsetzung von Szenario 4.2
Mischung von zentralen und mobil-verteilten Kooperationssystemen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.2 Distant Learning 47
Workflow-Elemente in Kooperationsprozessen
Integration externer Dienste in die Kooperationsumgebung
Da ein gemeinsames Treffen der Studierenden und des Dozenten aus Szenario 4.2
aufgrund der großen Distanz nicht m¨
oglich ist und wegen der Zeitverschiebung auch
eine zeitliche ¨
Ubereinstimmung nur schwer zu finden ist, wird die Veranstaltung
nicht wie eine Vorlesung im klassischen Sinne gef¨
uhrt. Die Studierenden erhalten
w¨
ochentlich eine neue Lerneinheit in Form eines kommentierten Vorlesungsskriptes.
Des Weiteren gibt es zu jeder Lerneinheit eine Art Videovorlesung des Dozenten,
in der er die Vorlesung vor einer laufenden Kamera h¨
alt. Auch diese Videoaufzeich-
nung wird den Lernenden zur Verf¨
ugung gestellt. Die Studierenden erarbeiten sich
anhand dieser Materialien die Lerninhalte selbstst¨
andig.
Zus¨
atzlich zu den Lerneinheiten werden stets ¨
Ubungsaufgaben ausgegeben, die in
Kleingruppen von zwei bis vier Studierenden zu bearbeiten sind. Dazu nutzen die
Gruppen die mobil-verteilte Lernumgebung. Sie bilden selbstst¨
andig eine Gruppe
Gxmit zugeh¨
origen Gruppenbereich AGx. Diese Gruppen existieren nun sowohl auf
dem CSCW-Server als auch in der mobil-verteilten Lernumgebung, da die Gruppen
zwischen ihr und dem CSCW-Server synchronisiert werden.
Um eine ¨
Ubungsaufgabe zu bearbeiten, erzeugen die Teilnehmer T1,T2und T3
aus Gruppe G1mittels eines Generatorobjektes im Arbeitsbereich der Vorlesung
eine personalisierte ¨
Ubungsaufgabe a(T1,T2,T3), die mittels der Benutzerkennungen
auf sie zugeschnitten ist. Sie verschieben die ¨
Ubungsaufgabe in ihren Arbeitsbereich
AG1ihrer Gruppe G1. In einer oder mehreren Gruppensitzung erstellen sie darauf-
hin eine L¨
osung l(T1,T2,T3)und ¨
ubermitteln diese in einen virtuellen Abgabekasten
im Arbeitsbereich Ader Vorlesung. Nach der Bewertung wird ihnen das Ergebnis
zusammen mit einer korrigierten L¨
osung in ihren Gruppenbereich zur¨
uckkopiert.
Zu Beginn der Gruppensitzung von Gruppe G1muss der gemeinsame Bereich
AG1zwischen den Gruppenmitgliedern ( G1={T1, T2, T3}) abgeglichen werden.
Bei einer Verbindung zum CSCW-Server wird dieser in den Abgleich einbezogen,
ansonsten geschieht dieser Abgleich erst bei der n¨
achsten Verbindung eines Grup-
penmitglieds mit dem Server. Der Server ist derzeit ¨
uber eine schlechte Funkverbin-
dung an die Computer der Gruppe angebunden, so dass der Abgleich nicht z¨
ugig
vollzogen werden kann. Da aber nach einer ersten ¨
Uberpr¨
ufung keine Konflikte
zwischen den Objekten auf dem Server und denen in dem verteilten gemeinsamen
Arbeitsbereich AG1der Gruppe G1zu bestehen scheint, werden die ge¨
anderten
Objekte nach und nach im Hintergrund ¨
ubertragen.
F¨
ur die Kooperation nutzen die Gruppenmitglieder das schnellere Ad-Hoc-
Netzwerk zwischen ihren Mobilcomputern. Die Kooperation wird so nicht von der
langsamen Server-Anbindung beeintr¨
achtigt. Auch als nach einiger Zeit die Verbin-
dung zum Server abbricht, hat dies keine direkte Auswirkung auf die Kooperation.
Die Gruppenmitglieder nutzen die Lehrunterlagen, die die Teilnehmerin T1bei einer
vorherigen Verbindung mit dem Server bereits abgeglichen hatte. Diese aktuellste
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
48 2.2 Kooperation mit r¨
aumlich verteilten Teilnehmern
verf¨
ugbare Version besorgen sich die Mitglieder ( T2, T3) somit von T1statt di-
rekt vom Server. Jetzt verf¨
ugen auch sie ¨
uber den neuesten verf¨
ugbaren Stand der
Lehrunterlagen.
Da der Abgleich mit dem Server nicht abgeschlossen war, muss die Synchronisa-
tion bei der n¨
achsten Verbindung wieder aufgenommen werden. Bis dahin bleiben
einige Objekte im gemeinsamen Arbeitsbereich nicht benutzbar. Eine Verkn¨
upfung,
z. B. die auf ein noch nicht geladenes Dokument in den Lehrunterlagen weist, zeigt
derzeit noch ins Leere. Das Zielobjekt war auf dem Server neu in den Arbeitsbereich
eingef¨
ugt worden (Semantische Inkonsitenz).
Am Ende der Gruppensitzung ¨
ubergeben die Lernenden die L¨
osung l(T1,T2,T3)in
den Abgabekasten, der ebenfalls als lokale Kopie auf ihren mobilen Ger¨
aten liegt.
Aufgrund der fehlenden Verbindung zum CSCW-Server ist diese L¨
osung jedoch
zun¨
achst nur lokal verf¨
ugbar. Schon seit dem Einf¨
ugen der L¨
osung in den Abgabe-
kasten haben die Teilnehmer keinen Zugriff mehr auf die L¨
osung, um sie eventuell
nachtr¨
aglich zu ¨
andern (Zugriffsschutz in verteilten Systemen).
Beim n¨
achsten Kontakt eines Gruppenmitglieds zum Server wird die lokale Ko-
pie des Abgabekastens mit diesem synchronisiert und somit die L¨
osung l(T1,T2,T3)
auf den Server ¨
ubertragen. Diese kann nun von den Tutoren korrigiert werden. Eine
Aufgabe, die zu bearbeiten war, kann automatisch durch den Computer korrigiert
werden. Zu diesem Zweck liegt ein aktives Objekt im Abgaberaum, das die L¨
osung
an ein externes Expertensystem ¨
ubermittelt. Dieses betrachtet die L¨
osung, ¨
uber-
pr¨
uft und bewertet sie und ¨
ubermittelt das Ergebnis zur¨
uck an das aktive Objekt
im Abgaberaum. Das Ergebnis wird daraufhin direkt mittels Ablage eines Bewer-
tungsobjektes b(T1,T2,T3)in den Arbeitsbereich AG1an die Gruppe ¨
ubermittelt. Eine
Kopie der L¨
osung und der Bewertung verbleiben zus¨
atzlich im Bewertungsraum,
um die Bewertung im Nachhinein nachvollziehen zu k¨
onnen.
Fortsetzung in Szenario 4.6
Aufl¨
osung, Abschlussphase Am Ende eines Kurses steht oftmals eine Erfolgs-
kontrolle in Form einer Pr¨
ufung. Diese kann ¨
ahnlich wie die ¨
Ubungsaufgaben ge-
handhabt werden. Wurden die ¨
Ubungsaufgaben bewertet, k¨
onnen sie eventuell sogar
die Abschlusspr¨
ufung ersetzen. Manche qualifizierenden Einrichtungen verlangen f¨
ur
diese Pr¨
ufungen eine pers¨
onliche Anwesenheit der Pr¨
uflinge, um das Pr¨
ufungsum-
feld besser kontrollieren und eine Manipulation der Pr¨
ufungsergebnisse verhindern
zu k¨
onnen.
Neuere Ans¨
atze betrachten die Kooperationsergebnisse der Lernenden selbst als
eine Art Erfolgskontrolle. Anhand der Artefakte der Kooperation werden das Wissen,
die Wissensstruktur und der Grad der Beteiligung seitens der Lernenden bewertet.
In dem Jour Fixe Konzept [Hampel et al., 2003; Keil-Slawik und Hampel, 2003]
wird diese Bewertung mit einem pers¨
onlichen Fachgespr¨
ach erg¨
anzt. Eventuell muss
bei einer Bewertung der Kooperationsergebnisse aus verwaltungsrechtlichen Gr¨
un-
den der gemeinsame Arbeitsbereich der Pr¨
uflinge archiviert werden, da er in das
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
2.2.2 Distant Learning 49
Pr¨
ufungsergebnis einfließt und f¨
ur dessen Nachvollziehung wichtig ist. Er darf somit
nicht alleine auf den Ger¨
aten der Lernenden verbleiben, sondern muss in einem zum
Pr¨
ufungstermin eingefrorenen Zustand an einem zentralen und gesch¨
utzten Ort
archiviert werden.
Doch auch die Lernenden haben h¨
aufig das Bed¨
urfnis, die Kooperationsergebnisse
zu bewahren und f¨
ur eine sp¨
atere Nutzung im Zugriff zu haben. Anders verh¨
alt es
sich bei den organisatorischen Strukturen wie der Gruppenzugeh¨
origkeit und den
Kooperationsbereichen, die nach Ende einer Kooperation meist nicht mehr genutzt
werden. Die Lernergebnisse werden in diesem Fall in die pers¨
onlichen Bereiche der
Lernenden transferiert und die Kooperationsstrukturen anschließend gel¨
oscht. Aller-
dings bilden sich auch h¨
aufig Langzeitkooperationen, bei denen die Gruppenstruktur
langlebiger ist als die wechselnden Inhalte der Kooperation.
Szenario 4.5: Kurs mit zeitweise ¨
ortlich verteilten Teilnehmern Auf-
l¨
osung
Fortsetzung von Szenario 4.3
Synchronisierte Pr¨
asenzpr¨
ufung anhand der Kooperationsergebnisse
Archivierung der Pr¨
ufungsrelevanten Kooperationsergebnisse auf einem ex-
ternen Dienst
Archivierung von Objekten inklusive Metadaten f¨
ur sp¨
atere Verwendung
Am Ende des Seminars f¨
uhrt der Dozent Dmit jeder der drei Gruppen ( G1, G2, G3)
ein Fachgespr¨
ach, in dem insbesondere auf die ver¨
offentlichen Inhalte der Gruppe
eingegangen wird. Jeder der Teilnehmer hat in der Pr¨
ufung seinen mobilen Compu-
ter vor sich. Zu Beginn gleichen die Ger¨
ate der Teilnehmer und des Dozenten den
Arbeitsbereich des Seminars untereinander ab. Jeder der Anwesenden hat somit
die gleiche Version zur Verf¨
ugung. Da das Fachgespr¨
ach entlang der Inhalte des
Arbeitsbereichs strukturiert wird, werden Objekte, die aktuell besprochen werden,
markiert und kommentiert. Die Gesten der Zeigeger¨
ate werden auf allen Ger¨
aten
zugleich angezeigt.
Der Dozent stellt den Studierenden die Aufgabe, Bilder im Arbeitsbereich, die
wichtige Ereignisse in der Geschichte der Entstehung des Computers repr¨
asentieren,
auf einem Zeitstrahl anzuordnen. Er gibt dazu ein Ereignis an und die Pr¨
uflinge
m¨
ussen einer nach dem anderen ein Bild anordnen. Dazu verschiebt jeder auf seinem
Computer das Bild an eine passende Stelle des Zeitstrahls. Da die Instanzen des
Wissensraums w¨
ahrend der Sitzung abgeglichen bleiben, erh¨
alt jeder Teilnehmer
der Sitzung dieselbe Ansicht auf den Wissensraum. Dies erlaubt dem Dozenten,
wenn notwendig, unterst¨
utzend einzugreifen.
Am Ende der Pr¨
ufung ist f¨
ur die Studierenden der Gruppe G1das Seminar
abgeschlossen. Der ¨
offentliche Bereich wird eingefroren und auf einem Server im
Pr¨
ufungsamt archiviert. Auch der Dozent nimmt keine ¨
Anderung an den Lehrmate-
rialien mehr vor. Die Studierenden archivieren, jeder f¨
ur sich, den f¨
ur sie sichtbaren
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
50 2.3 Herausforderungen mobil-verteilter Kooperation
Inhalt des Arbeitsbereichs. Dabei werden alle Metadaten der enthaltenen Objekte
derart gespeichert, dass es m¨
oglich ist, die Kooperationsobjekte in anderen Koope-
rationssituationen wieder zu verwerten.
Szenario 4.6: Zentral verwalteter Kurs mit ¨
ortlich getrennten Teilneh-
mern Aufl¨
osung
Fortsetzung von Szenario 4.4
Archivieren von Lehrmaterialien f¨
ur einen zuk¨
unftigen Zugriff
Wechsel zwischen etablierten und spontanen Kooperationsszenarien
Am Ende der Veranstaltung wird der gemeinsame Arbeitsbereich Ader Vorlesung
noch bis zum Abschluss aller Pr¨
ufungen aktiv von den Tutoren betreut. Die Teil-
nehmer der Vorlesung k¨
onnen die Inhalte und Kommunikationsmechanismen nut-
zen, um f¨
ur die Pr¨
ufungen zu lernen und Kontakt zu den Tutoren aufzunehmen.
Nach Beendigung aller Pr¨
ufungen endet die aktive Betreuung seitens der Tutoren.
Doch der gemeinsame Arbeitsbereich wir so archiviert, dass alle Studierenden auch
weiterhin auf alle Inhalte inklusive ihrer eigenen Kooperationsbereiche zugreifen
k¨
onnen. Der Veranstalter garantiert zu diesem Zweck eine 10j¨
ahrige Verf¨
ugbarkeit
des Arbeitsbereiches ¨
uber den CSCW-Server.
Die studentische Gruppe G1steht kurz vor ihrer Pr¨
ufung und gr¨
undet f¨
ur ein
gemeinsames Lernen eine Lerngruppe (siehe Abschnitt 2.1.1). Sie ¨
ubertragen zu
diesem Zweck einige Objekte aus dem Arbeitsbereich Ader Vorlesung in ihren
spontan erstellten Wissensraum AG1. Nach der Pr¨
ufung l¨
oschen die Mitglieder der
Lerngruppe ihre lokale Kopie des Arbeitsbereichs der Vorlesung, da dieser auf dem
CSCW-Server verf¨
ugbar bleibt. Den verteilten Wissensraum archiviert jeder Teil-
nehmer f¨
ur sich.
Nach Ende der Veranstaltung sperren die Betreuer den Arbeitsbereich Af¨
ur einen
schreibenden Zugriff, so dass dieser nicht mehr ver¨
andert werden kann. Teilnehmer
der Veranstaltung d¨
urfen aber weiterhin auf alle Bereiche, die ihnen zug¨
anglich
waren, lesend zugreifen. Die f¨
ur die Studierenden freien Bereiche bleiben f¨
ur eine
Aufrechterhaltung von Kooperationsgemeinschaften kooperativ nutzbar.
2.3 Herausforderungen mobil-verteilter Kooperation
Betrachtet man die in diesem Kapitel vorgestellten Szenarien, zeigt sich ein brei-
tes Einsatzspektrum f¨
ur computergest¨
utze Kooperation im Alltagsleben. Bei einer
Durchtrennung der Abh¨
angigkeit von festen und unflexiblen Infrastrukturen er-
gibt sich automatisch eine neue Qualit¨
at der Nutzung von CSCW-Systemen. Dabei
scheint ein evolution¨
ares Vorgehen bei der Transformation zentralisierter Koope-
rationsumgebungen in eine mobil-verteilte Architektur angeraten, da beide Syste-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
51
mauspr¨
agungen, wie aus den Szenarien ersichtlich, ihre Berechtigung haben. Der
Verl¨
asslichkeit und generellen Verf¨
ugbarkeit eines zentralisierten CSCW-Dienstes
steht die mobile und spontane Nutzung einer zwischen gleichberechtigten Benutzern
verteilten CSCW-Umgebung entgegen.
Um die Vorteile beider Auspr¨
agungen der Kooperation f¨
ur die Benutzer zug¨
ang-
lich zu machen, muss es Ziel sein, eine Systemkonvergenz von zentralisierten und
mobil-verteilten CSCW-Ans¨
atzen zu erreichen. Nur so kann ein nahtlos verkn¨
upftes
Kooperationsumfeld geschaffen werden.
W¨
ahrend viele der technischen Fragestellungen auf Seite der zentralisierten CSCW-
Dienste bereits beantwortet scheinen, ergeben sich in der Unterst¨
utzung mobil-ver-
teilter Systeme v¨
ollig neue Problemstellungen aufgrund der ge¨
anderten technischen
Perspektive. In der Tat haben sich die ben¨
otigten Mechanismen f¨
ur eine Koopera-
tionsunterst¨
utzung kaum ver¨
andert das Konzept des virtuellen Wissensraums mit
den zugeh¨
origen prim¨
aren Medienfunktionen als Beispiel ist aufgrund seiner Flexi-
bilit¨
at auch der mobil-spontanen Kooperation gewachsen aber die Bereitstellung
dieser Mechanismen wirft in dem neuen technischen Umfeld v¨
ollig neue Fragen f¨
ur
deren Bereitstellung auf.
Die grundlegenden Fragenstellungen scheinen in einer Unterst¨
utzung spontaner
Gruppengr¨
undungen im strukturlosen Umfeld, dem Bereitstellen einer verteilten
und dennoch hochverf¨
ugbaren persistenten Arbeitsumgebung und der Einbindung
verf¨
ugbarer externer Dienste in der Umgebung der Benutzer zu sein. Anhand der
gebotenen Szenarien werden daher in dem folgenden Kapitel die genauen Anfor-
derungen an eine derartige technische Infrastruktur zur spontanen Vernetzung von
Kooperationsgruppen in mobil-verteilten Wissensr¨
aumen bestimmt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
52 2.3 Herausforderungen mobil-verteilter Kooperation
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3 Anforderungen f¨
ur eine technische
Unterst¨
utzung mobiler
Wissensorganisation
Architekturkonzepte heutiger Kooperationsumgebungen h¨
angen stark von bestehen-
den Netzwerkinfrastrukturen ab und verlangen in jeder Phase des Kooperationspro-
zesses nach einer Verbindung zu einem zentralen Server des CSCW-Systems. Der
Server ¨
ubernimmt hier die Rolle des Koordinators der Kooperation und sorgt au-
ßerdem f¨
ur eine zentrale Speicherung der gemeinsam genutzten Dokumente. Aus
den in Kapitel 2 aufgezeigten Szenarien wird jedoch ersichtlich, dass zentralisierte
Infrastrukturen aufgrund der technischen Rahmenbedingungen nur bedingt f¨
ur eine
computergest¨
utzte Kooperation im mobilen Nutzungsumfeld geeignet sind.
Oftmals sind zu Beginn einer mobilen Kooperation ¨
uberhaupt keine Netzwerkin-
frastrukturen verf¨
ugbar. Die Etablierung eines unabh¨
angigen Kommunikationsnetz-
werkes ist daher der erste Schritt in Richtung einer mobilen Kooperationsumgebung.
Die so neu entstandene Spontanit¨
at in der Vernetzung der Kooperationsumgebung
l¨
asst eine Abh¨
angigkeit von zentralisierten Kommunikations- und Kooperationss-
trukturen nicht l¨
anger zu. Zudem entwickelt der gesamte Kooperationsprozess auf-
grund st¨
andig wechselnder Kontexte und Nutzungskonstellationen eine hohe Dyna-
mik. Will ein Softwaresystem mobile Kooperationsszenarien unterst¨
utzen, muss es
daher deren neuen Qualit¨
aten und Anforderungen Rechnung tragen.
Mobile Formen der virtuellen Wissensorganisation stellen somit neue Herausfor-
derungen an das Forschungsfeld des CSCW. Die Dienste dedizierter CSCW-Server
werden in den neuen mobilit¨
atsfreundlichen Architekturen von verschiedenen Knoten
eines Peer-to-Peer-Netzwerks aller Teilnehmer bereitgestellt und bilden dadurch eine
verteilte Kooperationsumgebung. Kleine und große Gruppen mobiler Knoten bilden
so spontan Netzwerke, treten existierenden Kooperationsnetzwerken bei und verlas-
sen sie kurz darauf wieder. Die klassische Trennung zwischen Dienstanbieter (Server)
und Dienstnehmer (Client) wird aufgel¨
ost und durch eine Peer-to-Peer-Infrastruktur
ersetzt. Der technische Terminus Peer erh¨
alt in mobilen Kooperationsszenarien eine
zus¨
atzliche Bedeutung f¨
ur eine spezielle Form der gleichberechtigten Zusammenarbeit
durch die gegenseitige Bereitstellung von Dienstleistungen und Ressourcen.
Eng verbunden mit derartigen flexiblen Mechanismen f¨
ur das Anbieten und Nut-
zen von Diensten ist eine neue Art der Datenhaltung. In klassischen CSCW-Umge-
bungen mit einem dedizierten Server werden die Daten und Objekte in einer zentra-
len Persistenzschicht gespeichert. In mobil-verteilten und spontan verbundenen For-
men der Kooperation l¨
asst sich der Zugriff auf eine solche zentrale Persistenzschicht
53
54 3 Anforderungen
nicht l¨
anger durchg¨
angig realisieren. Aus diesem Grund werden Wissensobjekte und
Kooperationsdaten ¨
uber die mobilen Ger¨
ate der Benutzer verteilt gespeichert und
f¨
uhren zu einer verteilten Datenbasis ohne zentrale Verwaltungs- und Kontrollme-
chanismen.
F¨
ur die Kommunikation innerhalb der Kooperationsumgebung k¨
onnen die mo-
bilen Ger¨
ate der Benutzer Ad-hoc-Netzwerke oder bereits existierende verwaltete
Netzwerkinfrastrukturen wie das Internet nutzen. Nicht zuletzt verschwimmen die
Grenzen zwischen individueller und kooperativer Wissensorganisation in Nutzungs-
zenarien mobiler Kooperation. Die Benutzer wechseln nahtlos von der Gruppenarbeit
zur individuellen Arbeit und umgekehrt. Es entstehen neue Konstellationen des Ge-
brauchs von kooperationsst¨
utzenden Systemen, die sich stark an dem gew¨
unschten
Nutzungskontext orientieren. Kontext meint in diesem Zusammenhang die Etablie-
rung von virtuellen Kollaborationsgruppen in Abh¨
angigkeit von der sozialen Struk-
tur der Gruppe und/oder dem Aufenthaltsort der Teilnehmer.
Diese komplexen Kooperationskonstellationen f¨
uhren zu hochdynamischen Netz-
werkstrukturen, die eine verteilte und redundante Speicherung des gemeinsamen
Wissensraums ¨
uber die beteiligten Ger¨
ate unverzichtbar machen. Diese verteilte und
redundante Speicherung der gemeinsamen Kooperationsobjekte erlaubt es den Be-
nutzern mit diesen zu arbeiten, auch wenn sie zeitweise von ihren Kollaborationspart-
nern getrennt sind. Dieses Vorgehen kann aber in abweichenden Versionen redundant
gespeicherter und ¨
uberschneidend bearbeiteter Dokumente resultieren. Ein Konflikt
bei dem Versuch die Versionen des redundant gespeicherten Dokuments wieder zu-
sammenzuf¨
uhren ist hier nahezu unvermeidbar. Darum m¨
ussen derartige Konflikte
kooperativ mittels geeigneter Werkzeuge behoben werden k¨
onnen.
Die Konsistenz der Kollaborationsdaten r¨
uckt somit in den Mittelpunkt des In-
teresses f¨
ur den Entwurf von mobil-verteilten Kooperationsumgebungen. Hier sind
Nutzer nicht l¨
anger an die reine Online-Arbeit (verbunden mit einem Server oder den
Kollaborationspartnern) gebunden, sondern arbeiten online wie offline mit verschie-
denen teils replizierten Materialien. Im Unterschied zu zentral gesteuerten CSCW-
Systemen, die ebenfalls eine Offline-Arbeit und Replikationsmechanismen bieten,
fehlt in der mobil-verteilten Kooperationsumgebung zun¨
achst eine zentrale Kontrol-
linstanz, welche die L¨
osung von Versionskonflikten koordiniert. Ohne solche zentralen
Kontrollstrukturen m¨
ussen auch die bew¨
ahrten Gruppen- und Zugriffskonzepte auf
die Anforderungen einer dezentralen verteilten Verwaltung zugeschnitten werden.
Die Vielfalt der Aspekte einer Zusammenarbeit in einem mobilen Kooperations-
kontext, welche die zuk¨
unftigen Architekturen mobil-verteilter Kooperationsumge-
bungen bestimmt, macht eine genaue Anforderungsbestimmung anhand der in Ka-
pitel 2 vorgestellten mobil-verteilten Kooperationsszenarien notwendig. In diesem
Kapitel werden daher die technischen Anforderungen an eine mobil-verteilte Koope-
rationsumgebung mit Blick auf das bew¨
ahrte Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume
(vgl. Abschnitt 3.2) beschrieben und entlang der Handlungs- wie der Umsetzungs-
perspektive der Kooperationsunterst¨
utzung eingeordnet. Dies sind zum einen, die
den neuen Qualit¨
aten der mobilen Zusammenarbeit geschuldeten Bereiche der
Ver-
netzung und Sichtbarkeit,Kontextualisierung und Konsistenz und Reversibilit¨
at
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
55
Anforderungen
Kontextualisierung
Kommunikation
Konsistenz
Koordination Kooperation
Kollaboration
Vernetzung
Abbildung 3.1: Die Anforderungen mobilit¨
atsunterst¨
utzender Kooperationsumge-
bungen beinhalten neben den bekannten Unterst¨
utzungsfunktionen zur Kommu-
nikation,Koordination,Kooperation und Kollaboration zus¨
atzlich die Faktoren
Vernetzung und Sichtbarkeit,Kontextualisierung und Konsistenz und Reversibili-
t¨
at .
und zum anderen, die auf klassischen Kooperationsunterst¨
utzung aufbauenden und
an mobil-verteilten Strukturen anzupassenden Bereiche der Kommunikation,Koor-
dination und Kooperation (vgl. Abbildung 3.1). Als erster Schritt werden nun die
drei typischen Phasen mobil-spontaner Kooperation skizziert.
3.1 Phasen mobil-spontaner Kooperation
Szenarien des Arbeitens in mobilen und spontanen Arbeitsgruppen k¨
onnen in drei
wesentliche Phasen aufgeteilt werden: Gr¨
undung,Kooperation und Abschluss [vgl.
Eßmann und Hampel, 2005b]. Phase I (Gr¨
undung) beinhaltet die Etablierung der
Kooperationsgruppe und das Sammeln der Dokumentenbasis. Phase II (Koopera-
tion) wird durch die Dynamik der mobilen Zusammenarbeit mit wechselnden Be-
nutzerzusammensetzungen charakterisiert (Benutzer betreten und verlassen die Kol-
laboration in einer spontanen Weise). Die abschließende Phase III (Abschluss) been-
det den Kooperationsprozess (zumindest zeitweise) und bewahrt die Kooperations-
ergebnisse f¨
ur sp¨
atere Kollaborationssitzungen. Von Phase III aus kann die Koope-
ration fortgesetzt, zu einem sp¨
ateren Zeitpunkt wieder aufgenommen werden, in eine
zentral verwaltete Infrastruktur ¨
uberf¨
uhrt werden oder als Basis f¨
ur die individuelle
Bearbeitung der Kooperationsergebnisse dienen (vgl. Abbildung 3.2).
Keine der drei Phasen ist zu ihren benachbarten Phasen abgeschlossen, der ¨
Uber-
gang zwischen ihnen erfolgt nahtlos. Jede ¨
Anderung in der Gruppenstruktur der
Kollaboration bewirkt einen Wechsel zu einer benachbarten Phase. Im Falle eines
Beitritts von Benutzern in die Kooperation ist stets die Phase I (Gr¨
undung) betrof-
fen und im Fall des Ausscheidens von Benutzern aus der Kooperation kommt stets
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
56 3.1 Phasen mobil-spontaner Kooperation
P h a s e III
Archivierung und Replikation
P h a s e II
Mobile gemeinsame Wissensräume
P h a s e I
Nutzer und digitale Medien
Gründung
Kooperation
Auflösung
Abbildung 3.2: Der Kollaborationsprozess als Regelkreis. In Phase I (Gr¨
undung)
gr¨
unden Benutzer Kollaborationsgruppen, in Phase II (Kooperation) erfolgt die
eigentliche Kollaboration in virtuellen Wissensr¨
aumen und in Phase III (Aufl¨
o-
sung) werden die Ergebnisse f¨
ur zuk¨
unftige Kooperationssitzungen archiviert.
Phase III (Aufl¨
osung) ins Spiel, um die bisherigen Kollaborationsergebnisse f¨
ur die
scheidenden Benutzer zu archivieren.
Die Szenarien aus Kapitel 2 zeigen, dass das Auffinden und Ausw¨
ahlen potentiel-
ler Partner f¨
ur die Kooperation aus den anwesenden und erreichbaren Benutzer eine
erste wichtige Aufgabe der Gr¨
undungphase einer Kooperationsgruppe ist. Durch die-
se Auswahl werden diejenigen Benutzer bestimmt, die Zugang zu dem gemeinsamen
mobilen Wissensraum haben. Die Auswahl geeigneter Kollaborationspartner kann
beispielsweise, wie in einigen der vorgestellten Szenarien, durch explizite Auswahl
aus einem vorhandenen Fundus von Benutzern erfolgen.
Alternativ k¨
onnen Benutzer auch die Mitgliedschaft bei der Gruppe beantragen
und bei deren Zustimmung in diese aufgenommen werden. Ein wichtiger Faktor,
der hilft, die Benutzer bei der Gruppengr¨
undung zu unterst¨
utzen, kann hierbei der
Kontext der potentiellen Partner sein. Als Beispiel sei hier der gemeinschaftliche
Aufenthaltsort der Gruppenmitglieder als Grundlage f¨
ur die Gruppengr¨
undung ge-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
57
nannt. Nat¨
urlich k¨
onnen zus¨
atzlich auch r¨
aumlich entfernte Benutzer eingebunden
werden, sofern die n¨
otigen technischen Infrastrukturen existieren.
Die Kooperationsphase der so gegr¨
undeten Kooperationen, ist durch den Aus-
tausch und das Strukturieren von Materialien innerhalb der mobilen Arbeitsbe-
reiche gekennzeichnet. Zu diesem Zweck f¨
ugen die Teilnehmer Dokumente in die
Struktur ein, um sie gemeinsam mit den Kooperationspartnern zu nutzen. In einer
mobil-spontanen Kooperation haben alle Teilnehmer zun¨
achst dieselben Zugriffs-
rechte bez¨
uglich des gemeinsamen Arbeitsbereiches. Zudem findet hier die Koopera-
tion zumeist in Pr¨
asenzsituationen statt, kann aber auch r¨
aumlich entfernte Benutzer
einschließen. Somit ist die Gruppenstruktur durch eine hohe Fluktuation der ver-
f¨
ugbaren Gruppenmitglieder gekennzeichnet neue Mitglieder treten spontan der
Gruppe bei und vorhandene Mitglieder verlassen diese bewusst oder aufgrund ihrer
Mobilit¨
at.
In der Aufl¨
osungsphase einer spontan vernetzten Kooperationsgruppe ¨
ubertragen
die Beteiligten die Kooperationsergebnisse f¨
ur eine sp¨
atere Weiterverwendung als
pers¨
onliche Kopie auf ihre mobilen Ger¨
ate oder Archivieren sie auf einen verf¨
ugbaren
dedizierten Server. Scheiden einzelne Teilnehmer aus, speichern sie die aktuellen
Ergebnisse lokal und aktualisieren diese bei einem sp¨
ateren Wiedereintritt in die
Kooperationssitzung. Dabei kann es sein, dass unverbundene Teilnehmer auf den
Kooperationsmaterialien weiterarbeiten und der Kooperation in einer ge¨
anderten
Medienkonstellation wieder betreten.
So f¨
uhren aus einer medienperspektivischen Sicht technische ¨
Anderungen wie der
Abbruch von Netzwerkverbindungen zu ¨
Anderungen in h¨
oheren Ebenen der Koope-
rationsstruktur. W¨
ahrend auf der technischen Ebene neue Kommunikationsverbin-
dungen initiiert werden m¨
ussen, muss den nun unverbundenen Nutzern ein weiterer
Zugriff auf die Kooperationsmaterialien gew¨
ahrt werden. Diese Offline-Verf¨
ugbarkeit
der Medien in einer mobil-verteilten Kooperationsumgebung f¨
uhrt zu besonderen
Anforderungen aus Handlungs- und Umsetzungsperspektive. Der folgende Abschnitt
betrachtet daher zun¨
achst die Folgen der Mobilit¨
at f¨
ur das medienzentrierte Konzept
der virtuellen Wissensr¨
aume.
3.2 Medienfunktionen und Mobilit¨
at
Die Bewertung existierender und zuk¨
unftiger Architekturen im Bereich der Koope-
rationsunterst¨
utzung f¨
ur mobile Nutzungsszenarien bedarf der Identifizierung der
ben¨
otigten Basisfunktionalit¨
at. Diese bildet das Mindestmaß an Unterst¨
utzungs-
funktionen f¨
ur eine reibungslose Zusammenarbeit mittels einer computergest¨
utzten
Kooperationsumgebung. Aus der Perspektive einer medienzentrierten Kooperation
in gemeinsamen Arbeitsbereichen hat eine mangelnde Unterst¨
utzung dieser Basis-
funktionalit¨
at automatisch einen so genannten Medienbruch zur Folge. Die Benutzer
k¨
onnen bestimmte Aufgaben nicht mehr innerhalb des Kooperationssystems bew¨
alti-
gen und m¨
ussen auf externe Werkzeuge ausweichen. Medienbr¨
uche stellen somit eine
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
58 3.2 Medienfunktionen und Mobilit¨
at
technikbedingte Unterbrechung der Arbeitsvorg¨
ange dar. Keil-Slawik und Hampel
[vgl. Hampel, 2001, S.3] beschreiben diese Medienbr¨
uche wie folgt:
Mit diesem Konzept bezeichnen wir Situationen, in denen es erforder-
lich ist, Wissensbest¨
ande in Bezug auf ihre medialen Tr¨
agerstrukturen zu
transformieren, ohne dass damit ein Informationsgewinn auf kognitiver
oder sensumotorischer Ebene verbunden ist.”
Um Medienbr¨
uche in Hinsicht auf eine medienzentrierte Kooperation zu vermei-
den, wird im Rahmen dieser Arbeit auf das erprobte Konzept der virtuellen Wissens-
r¨
aume und Medienfunktionen [Hampel, 2001] zur¨
uckgegriffen und bez¨
uglich mobil-
spontaner Kooperationsszenarien betrachtet. Die virtuellen Wissensr¨
aume stellen
ein raumbasiertes Konzept f¨
ur die Strukturierung gemeinsam genutzter Medien- und
Dokumentenbest¨
ande dar, das mittels so genannter prim¨
arer Medienfunktionen die
Basisfunktionalit¨
at f¨
ur die gemeinsame Manipulation der Struktur des virtuellen
Wissensraumes und der enthaltenen Medien bereitstellt. Die prim¨
aren Medienfunk-
tionen k¨
onnen durch weitergehende Medienfunktionen erg¨
anzt werden, die h¨
ohere
Ebenen der Kooperationsunterst¨
utzung implementieren. Insgesamt werden drei Ebe-
nen der Medienfunktionen unterschieden:
Prim¨
are Medienfunktionen bilden die Gruppe der Basisfunktionen, ohne die ei-
ne medienbruchfreie Zusammenarbeit auf dem Fundament einer gemeinsamen
Mediennutzung nicht m¨
oglich ist. Die prim¨
aren Medienfunktionen werden zur
weiteren Differenzierung noch einmal in individuelle und kooperative Medi-
enfunktionen unterteilt. Erstere erm¨
oglichen die individuelle Mediennutzung
im eigenen Wahrnehmungsraum. Sie bestehen aus den Funktionen Erzeugen,
L¨
oschen,Verkn¨
upfen und Arrangieren. Zweitere sind f¨
ur den kooperativen Me-
diengebrauch unabdingbar und werden aus den Funktionen ¨
Ubertragen,Zu-
greifen und Synchronisieren gebildet.
Sekund¨
are Medienfunktionen bilden die Gruppe komplexerer Funktionen der
Mediennutzung. Sie enthalten bereits eine Annahme ¨
uber die Art der Medien-
nutzung durch die Anwender. Sie sind nicht universell einsetzbar und erschei-
nen nicht in jedem Nutzungskontext sinnvoll.
Terti¨
are Medienfunktionen passen sich der Mediennutzung der Benutzer an
und versuchen den virtuellen Wissensraum nach deren Bed¨
urfnissen zu struk-
turieren.
W¨
ahrend die prim¨
aren Medienfunktionen eine minimale aber f¨
ur die Koopera-
tion ausreichende Basisfunktionalit¨
at zur computergest¨
utzten und medienzentrier-
ten Zusammenarbeit bieten, stellen die h¨
oheren Ebenen der Medienfunktionen eine
an bestimmte Nutzungskonzepte gebundene Funktionalit¨
at dar. Diese Arbeit fokus-
siert beim Mediengebrauch daher die technische Unterst¨
utzung der prim¨
aren Medi-
enfunktionen, um die Basis f¨
ur eine kooperative Medienstrukturierung in mobilen
Nutzungsszenarien zu schaffen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
59
Die technische Unterst¨
utzung der Medienfunktionen kann, je nach Umgebung und
Tiefe der technischen Betrachtung, unterschiedlich komplex ausfallen und setzt sich
dabei oftmals aus weiteren Funktionen zusammen. Als Beispiel sei hier das Versenden
einer Datei an einen anderen Nutzer f¨
ur eine gemeinsame Bearbeitung genannt.
Diese Funktion des Versendens kann als eine Sequenz von Einzelschritten betrachtet
werden: Die Bestimmung der Adresse des Empf¨
angers, die Ermittlung eines Pfades
von der Adresse des Versenders zur Adresse des Empf¨
angers, und die ¨
Ubermittlung
der Datei zum n¨
achsten benachbarten Knoten auf diesem Pfad. Je nach Komplexit¨
at
des Umfeldes und Detailtiefe der Betrachtung sind einige dieser Schritte ihrerseits
Grundfunktionen oder k¨
onnen wiederum durch Sequenzen weiterer, grundlegenderer
Funktionen beschrieben werden.
Die technische Komplexit¨
at der Umgebung ¨
ubertr¨
agt sich so auch auf die me-
dienperspektivische Betrachtung der Medienfunktionen. Eine Beobachtung der pri-
m¨
aren Medienfunktionen in ihrer zeitlichen Entwicklung zeigt, dass die kooperativen
prim¨
aren Medienfunktionen im Gegensatz zu den individuellen prim¨
aren Medien-
funktionen einem stetigen Wandel unterworfen sind. Wurde anfangs keine Unter-
scheidung zwischen individuellen und kooperativen prim¨
aren Medienfunktionen ge-
troffen, betrachten die kooperativen prim¨
aren Medienfunktionen die Besonderheiten
einer vernetzten und gemeinsamen Mediennutzung. Insbesondere die kooperativen
prim¨
aren Medienfunktionen (im Folgenden einfachheitshalber kooperative Medien-
funktionen genannt) h¨
angen stark von dem technischen Umfeld ab, in dem sie im-
plementiert werden.
Die Diskussion um die Abh¨
angigkeit der kooperativen Medienfunktionen von der
Betrachtung des technischen Umfeldes kann z. B. an der Frage der Funktion Adres-
sieren als kooperative Medienfunktion festgemacht werden. Urspr¨
unglich war sie kei-
ne kooperative Medienfunktion, obwohl das Adressieren eines Medienobjektes eine
Basisfunktion jeder kooperativen Mediennutzung ist. Um ein Medienobjekt bear-
beiten zu k¨
onnen, muss es es zun¨
achst benannt (adressiert) werden k¨
onnen. Der
Aufwand f¨
ur das Adressieren eines Medienobjektes steigt mit der Komplexit¨
at der
Vernetzung der Kooperationsumgebung. Diese Komplexit¨
at k¨
onnte f¨
ur die Benutzer
bedeuten, dass sie in dem System ein Medienobjekt nicht adressieren k¨
onnen, was
zu einem Medienbruch f¨
uhrt. Folgt man dieser Logik, ist Adressieren m¨
oglicherweise
eine Medienfunktion, da es eine essentielle Grundfunktion f¨
ur einen durchg¨
angigen
Mediengebrauch ist.
Der Grund, dass die Funktion Adressieren noch nicht bei den Medienfunktionen
erscheint, mag darin liegen, dass diese Funktion in einem geschlossenen und zen-
tral verwalteten System mit einem ebenso geschlossenen und zentral verwalteten
Namensraum als selbstverst¨
andlich erscheint. Dies ¨
andert sich jedoch bei der Bereit-
stellung von Medienobjekten in offenen und verteilten Systemen. Da die Objekte auf
nahezu allen Knoten des Systems gespeichert sein k¨
onnen, entsteht hier die Frage
nach deren genauen Speicherorten f¨
ur einen Zugriff auf die Medienobjekte.
Analog zu dem Vorgehen der Ermittlung prim¨
arer Medienfunktionen f¨
ur eine me-
dienzentrierte Basisfunktionalit¨
at, werden in den folgenden Abschnitten technische
Grundfunktionen identifiziert, die ein Kooperationssystem bieten muss, um eine me-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
60 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
dienzentrierte Kooperation in mobilen Nutzungsszenarien zu unterst¨
utzen. Dabei
werden Ankn¨
upfungspunkte an die prim¨
aren Medienfunktionen geschaffen und eine
¨
Uberf¨
uhrung dieser von zentral verwalteten Systemen auf verteilte und offene Archi-
tekturen betrachtet. Der besondere Fokus liegt dabei auf einer spontanen Etablie-
rung von Kooperationsumgebungen in der zuvor trivial erscheinende Grundfunktio-
nen zu komplexen und zentralen Fragestellungen werden, die bei weitem nicht jedes
vorhandene System selbstverst¨
andlich bereitstellt. Grundlage f¨
ur diese Betrachtung
bilden die in Kapitel 2 entwickelten Szenarien.
Die folgenden Abschnitte sind daher wie folgt gegliedert: Der Abschnitt Neue
Qualit¨
aten mobiler Kollaboration identifiziert die ben¨
otigten Grundfunktionen f¨
ur
die neuartige mobile Nutzung von virtuellen Wissensr¨
aumen in einer mobilit¨
atsun-
terst¨
utzenden Kooperationsumgebung. Die in diesem Abschnitt vorgestellten Anfor-
derungen ergeben sich daher aus dem neuartigen mobilen Gebrauch und weniger
aus den technischen Anforderungen im mobilen Nutzungsumfeld an sich. Diese neu-
en technischen Anforderungen an klassische Unterst¨
utzungsfunktionen des CSCW
werden im Anschluss daran im Abschnitt Neue Rahmenbedingungen vorgestellt.
3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
Aus den in Kapitel 2 entwickelten Szenarien mobiler Kooperation ergeben sich spe-
zielle Anforderungen an den Funktionsumfang und die Mechanismen der neuartigen
Kooperationsumgebung. Einige dieser Anforderungen liegen abseits der klassischen
Kooperationsszenarien und leiten sich aus dem spontanen Charakter der Zusam-
menarbeit und der Mobilit¨
at der Benutzer her.
Grunds¨
atzlich orientieren sich die Anforderungen an der Kollaboration in mobilen
Wissensr¨
aumen an den in Kapitel 2 entwickelten Nutzungsszenarien. Die neuen Qua-
lit¨
aten der Ad-Hoc-Kooperation mit Hilfe mobiler Computer werden im Folgenden
aus diesen Szenarien ermittelt und analysiert. Vorweggenommen lassen sich die in-
novativen Aspekte mobil-spontaner Kollaboration entlang der Begriffe Vernetzung,
Sichtbarkeit,Kontextualisierung,Konsistenz und Reversibilit¨
at einordnen.
Die Komplexit¨
at der semantischen Verkn¨
upfung von mobilen Wissensr¨
aumen und
der spontane Charakter der mobilen Kollaborationsszenarien zwingen die Koope-
rationsumgebung, die Strukturen des mobilen Wissensraums so weit wie m¨
oglich
automatisch zu erschließen, um die Aufmerksamkeit der Benutzer nicht von der ei-
gentlichen Zusammenarbeit abzulenken.
Besonders in der Gr¨
undungsphase spielen Vernetzung,Sichtbarkeit und Kontext
eine wichtige Rolle. Ist der mobile Wissensraum erst errichtet, muss die Koopera-
tionsumgebung zudem dessen Konsistenz sicherstellen. Da sich die Strukturen des
mobilen Wissensraums aufgrund der Mobilit¨
at seiner Nutzer schnell und dynamisch
¨
andern k¨
onnen, ist es wichtig, die Konsistenz so lange wie m¨
oglich aufrecht zu er-
halten. Sollte dies nicht gelingen, muss die Kooperationsumgebung Mechanismen
bereitstellen, die im Falle einer Inkonsistenz in der Struktur der mobil-verteilten
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.3.1 Vernetzung und Sichtbarkeit 61
Vernetzung Kontext Konsistenz
spontane Netzwerke
finden der Kollaborationspartner
Objektverteilung
Gruppengründung
Rollen und Zugriffsrechte
strukturieren der Materialien
Replikationsstrategie
verteilte Wissensräume
synchronisierte Sichten
dezentralisierte Verwaltung
replizierte Dokumente
exemplarische Abhängigkeiten
Abbildung 3.3: Schl¨
usselfaktoren mobil-verteilter Wissensr¨
aume: Vernetzung und
Sichtbarkeit,Kontextualisierung und Konsistenz und Reversibilit¨
at.
Wissensr¨
aume deren Konsistenz wieder herstellen helfen. Das Zusammenspiel dieser
Schl¨
usselanforderungen verdeutlicht Abbildung 3.3.
Die folgenden drei Abschnitte befassen sich folglich mit den Anforderungen der
Vernetzung und Sichtbarkeit,Kontextualisierung und Konsistenz und Reversibi-
lit¨
at als Schl¨
usselfaktoren einer mobilit¨
atsunterst¨
utzenden Kooperationsumgebung
auf Basis mobil-verteilter Wissensr¨
aume.
3.3.1 Vernetzung und Sichtbarkeit
Anforderungen
Kontextualisierung
Kommunikation
Konsistenz
Koordination Kooperation
Kollaboration
Vernetzung
Vernetz
ung
Vernetzung
Der Faktor, der eine Kooperation erst erm¨
oglicht, ist die Wahrnehmung potentieller
Kooperationspartner und die Kontaktaufnahme zu diesen. Der Trend zu allgegen-
w¨
artigen Netzwerkinfrastrukturen an nahezu allen ¨
offentlichen Pl¨
atzen l¨
asst den Ein-
druck entstehen, Benutzer k¨
onnten jederzeit auf eine solche Netzwerkinfrastruktur
zur¨
uckgreifen, um ¨
uber diese eine Kommunikation mit ihren Kooperationspartnern
zu etablieren. Trotz der Anstrengungen kommerzieller Dienstleister, Netzwerke all-
gegenw¨
artig zug¨
anglich zu machen, bleiben viele Benutzer von der Nutzung dieser
Infrastrukturen ausgeschlossen.
Gr¨
unde hierf¨
ur sind h¨
aufig propriet¨
are Protokolle, Zugangsbegrenzungen auf ge-
schlossene Personenkreise, geblockte Dienste oder die Verbindungskosten. Da der
Zugang zu bestehenden Netzwerkinfrastrukturen nicht ¨
uberall gew¨
ahrleistet wer-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
62 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
den kann oder zu hohe Kosten verursachen w¨
urde, m¨
ussen mobilit¨
atsunterst¨
utzende
Kooperationsumgebungen als ersten Schritt der Kollaboration ein Kommunikati-
onsnetzwerk zwischen den mobilen Ger¨
aten der Benutzer einrichten. Als technolo-
gische Basis f¨
ur diese Kommunikationsstrukturen eignen sich insbesondere die in
Abschnitt 4.2.1 vorgestellten Ad-Hoc-Netzwerk-Protokolle, die in der Lage sind, mit
einem minimalen Konfigurationsaufwand seitens der Benutzer, ein Netzwerk zwi-
schen den mobilen Computern zu errichten.
Eine solche Ad-Hoc-Vernetzung der mobilen Kooperationspartner ist zentrale Vor-
aussetzung f¨
ur jede weitere computergest¨
utzte Kooperationshandlung. Dieser Aspekt
der Vernetzung geht ¨
uber die in Abschnitt 4.2 behandelte technische Vernetzung hin-
aus. Zwar stellen diese innovativen Netzwerkprotokolle die Basis spontaner Compu-
terkommunikation bereit, doch bleibt die Kooperationsumgebung ohne eine Wahr-
nehmung potentieller Kooperationspartner und kooperationsunterst¨
utzender Diens-
te f¨
ur den Benutzer schwer zug¨
anglich.
F¨
ur eine Kooperationsumgebung werden zahlreiche miteinander verkn¨
upfte Diens-
te ben¨
otigt, die helfen, Kollaborationspartner zu finden, mit ihnen zu kommunizieren
und mit gemeinsamen Dokumenten zu arbeiten. Diese Dienste m¨
ussen f¨
ur jeden Teil-
nehmer der Kooperationsumgebung verf¨
ugbar sein. Sowohl die Basisdienste als auch
die Zusatzdienste sollten automatisch und ohne Benutzereingriff konfiguriert werden.
Dies gilt insbesondere, wenn Dienste an Dritte im Netzwerk angeboten werden, da
hier die Motivation der lokalen Benutzer zur Konfiguration des Dienstes am nied-
rigsten ist. Generell ist die manuelle Konfiguration eines Dienstes stets ein m¨
ogliches
Nutzungshemmnis, das es zu vermeiden gilt.
Der zu Beginn der Kooperation wichtigste Dienst ist die Identifizierung poten-
tieller Kollaborationspartner. Diese Identifizierung kann durch die Auswertung des
Kontextes verf¨
ugbarer Benutzer oder ¨
uber deren Nutzerprofil erfolgen. Als Kontext
der Benutzer kann deren Aufenthaltsort sowohl in der virtuellen Welt der Wissens-
r¨
aume als auch in der realen Welt dienen oder aber deren Beziehungen zu anderen
Benutzern. Besonders in der Pr¨
asenzkooperation, die eine intuitive Form der spon-
tanen Kollaboration darstellt, ist der Aufenthaltsort der Benutzer in ihrem realen
Umfeld n¨
utzlich f¨
ur die Gruppengr¨
undung. Nutzerprofile wiederum zeigen explizit
Interessen und Kompetenzen der potentiellen Kollaborationspartner auf. Alle diese
Hilfestellungen unterst¨
utzen somit die gezielte Auswahl der Kollaborationspartner
f¨
ur die Bildung einer Gruppe innerhalb der Kooperationsumgebung.
Die Struktur der Gruppe, die von den Kollaborationspartnern formell oder in-
formell gebildet wird, definiert den Charakter der Kollaboration. Sie ist Indiz f¨
ur
die ben¨
otigte Vernetzung der Teilnehmer. W¨
ahrend sich im nat¨
urlichen Koopera-
tionsumfeld derartige Gruppen auf rein sozialer und r¨
aumlicher Basis finden, ist
es schwierig, derartige Gruppenstrukturen in mobilen Kooperationsumgebungen ne-
benl¨
aufig zum Kooperationsprozess zu bilden. Eine formalisierte Gruppenstruktur
wie in klassischen CSCW-Systemen kann sich kaum an die Dynamik mobil-verteilter
Kooperationsszenarien anpassen. Die formale Gr¨
undung einer Gruppe ist unter die-
sen Gesichtspunkten zu umst¨
andlich und gen¨
ugt daher nicht dem Verh¨
altnis zwi-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.3.2 Kontextualisierung 63
schen Aufwand und Nutzen in den oft kurzfristigen Sitzungen einer mobilen Ad-
Hoc-Kooperation.
Der spontane Charakter der Kooperationssitzungen bedingt außerdem eine hohe
Dynamik in der Zusammensetzung der Kooperationsgruppen. Neu hinzukommende
Benutzer nehmen an der Kooperationssitzung teil, w¨
ahrend andere diese wieder ver-
lassen, um sich anderen T¨
atigkeiten zuzuwenden. Diese Dynamik wird im Szenario
1.7 verdeutlicht. Die dynamische Kooperation in mobil-verteilten Kooperationssze-
narien ben¨
otigt also entsprechend dynamische Gruppenstrukturen. Das Hauptaugen-
merk liegt hierbei auf der Flexibilit¨
at bez¨
uglich der Fluktuation der Mitglieder und
der beil¨
aufigen Gr¨
undung einer solcher Kooperationsgruppe anhand des Arbeitskon-
textes wie in Szenario 2.2 beschrieben.
Da aber klassische und formelle Kooperationsformen weiterhin unterst¨
utzt werden
sollen, m¨
ussen diese dynamischen Gruppenstrukturen auch gemeinsam mit langfris-
tig genutzten Gruppenstrukturen existieren k¨
onnen. Trotz ihrer Dynamik sollte eine
Gruppe gegen¨
uber fremden Benutzern abgeschlossen sein (vgl. Szenario 2.2), da die
Gruppe nicht nur die Vernetzung der Kooperationspartner definiert, sondern oft
auch die Berechtigung auf gruppeneigene Dokumente vorgibt.
Die Dynamik mobiler Kooperation muss mit den formalen Anforderungen an die
Gruppenstruktur einer CSCW-Umgebungen vereint werden. Diese kann nur erreicht
werden, indem sich die Kooperationsumgebung selbstt¨
atig vernetzt und Prozesse der
Gruppenkonstruktion und -verwaltung mit Hilfe des Kontextes der Kooperations-
teilnehmer automatisiert.
3.3.2 Kontextualisierung
Anforderungen
Kontextualisierung
Kommunikation
Konsistenz
Koordination Kooperation
Kollaboration
Vernetzung
Vernetzun
g
Kontextualisierung
Kontext spielt in einer mobilit¨
atsunterst¨
utzenden Kooperationsumgebung eine wich-
tige Rolle f¨
ur die Vernetzung der Benutzer. Dieser Kontext kann z. B. aus dem derzei-
tigen Aufenthaltsort oder den zurzeit benutzten Dokumenten bestehen. Die soziale
Vernetzung mittels Gruppenbildung wird dabei ebenso wie die technische Vernet-
zung von diesem Kontext bestimmt.
In klassischen CSCW-Umgebungen bilden Informationen ¨
uber den Kontext der
Benutzer, die sich nicht direkt aus dem Kooperationssystem selbst ergeben, eine
h¨
aufig vernachl¨
assigte M¨
oglichkeit, den Nutzern komfortable Hilfestellungen f¨
ur die
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
64 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
Kooperation zu geben. In einer mobilen Kooperationsumgebung jedoch wird die In-
tegration verf¨
ugbarer Kontextinformationen zu einem maßgebenden Faktor f¨
ur deren
Effizienz. Bei oft nur kurzfristigen spontanen Kooperationssitzungen steht der Auf-
wand f¨
ur eine manuelle Einrichtung der computergest¨
utzten Kooperationsumgebung
in keinem Verh¨
altnis zum Nutzen der Kooperationsumgebung. Kontext ist folglich
ein grundlegendes Werkzeug, um den Kollaborationsprozess in mobilen Nutzungs-
szenarien zu konfigurieren.
Bei einer intensiven Einbeziehung des Nutzerkontextes in die Kooperationsumge-
bung kann dieser gleich auf mehreren Ebenen f¨
ur die Strukturierung von Koope-
rationsprozessen genutzt werden. Auf Medienebene k¨
onnen Dokumente und andere
Materialien anhand ihres Nutzungskontextes strukturiert werden. So kann bereits
zu Beginn des Kollaborationsprozesses ein vorstrukturierter Wissensraum zur Ver-
f¨
ugung gestellt werden, anstatt die Nutzer mit einer unsortierten Anh¨
aufung von
Materialien zu konfrontieren.
Aus einer organisatorischen Perspektive k¨
onnen z. B. Kooperationsgruppen ge-
gr¨
undet werden, bei denen alle um einen Tisch versammelten Personen oder alle
Studierenden eines Seminars automatisch in diese aufgenommen werden. Als eine
wichtige Quelle f¨
ur den Kontext eines Benutzers speziell in mobilen Nutzungssze-
narien kann der Ortsbezug (engl. Location Awareness) gelten [vgl. Dourish und
Bellotti, 1992]. Pr¨
asenzkooperation ist die nat¨
urliche Form spontan-mobiler Zusam-
menarbeit, in der die N¨
ahe zu anderen Benutzern auch die Kooperationsbeziehung
zu diesen definiert. Diesen Kooperationskontext gilt es in die virtuelle Kooperati-
onsumgebung zu ¨
ubertragen.
In mobilen Nutzungsszenarien wie Szenario 1.1 wird eine Wahrnehmung und Iden-
tifizierung potentieller Kooperationspartner, die f¨
ur eine Zusammenarbeit zur Ver-
f¨
ugung stehen, ben¨
otigt. F¨
ur Pr¨
asenzkooperationen muss man potentielle Koope-
rationspartner anhand ihres ¨
ortlichen Kontextes filtern k¨
onnen (vgl. Szenario 1.1,
Szenario 2.1). Zu diesem Zweck reicht h¨
aufig das Wissen um die relative N¨
ahe der
Benutzer zu einem Bezugspunkt aus. Dieser Bezugspunkt kann ein anderer Benut-
zer in der Kooperationsumgebung oder ein kooperationsrelevanter Gegenstand sein.
Beispiele m¨
ogen hier sein, eine Gruppe mit allen potentiellen Kooperationspartnern
in zwei Metern Umkreis von sich selbst zu gr¨
unden oder mit allen um einen Tisch
sitzenden Benutzern. Auch ohne Kenntnis der absoluten Position der Teilnehmer
und mit nur ungenauer relativer Positionsbestimmung kann bereits eine sinnvolle
Unterst¨
utzung der Kooperationsprozesse bewerkstelligt werden.
Mittels des Ortsbezugs entsteht so eine soziale Vernetzung zwischen den Teilneh-
mern der Kooperationsumgebung, in der auch Rollen und Rechte vom aktuellen
Kontext der Benutzer abh¨
angen. Der aktuelle Aufenthaltsort kann z. B. einem Be-
nutzer einen Gastzugang zu den Ressourcen der Kooperationsgruppe er¨
offnen oder
einer Person am Rednerpult automatisch die Rolle des Moderators zuweisen. Ei-
ne manuelle Festlegung der Rollen und Rechte in einem Kooperationsszenario ist
oftmals eine komplexe Aufgabe f¨
ur die Verwalter einer Kooperationsumgebung, die
durch die Nutzung von Kontextinformationen minimiert werden kann.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.3.2 Kontextualisierung 65
mobil-verteilter
Wissensraum
örtlicher Kontext
Abbildung 3.4: Bei der Verkn¨
upfung von realem Raum und virtuellem Wissens-
raum werden ¨
ortlichen Gegebenheiten (z. B. einem Seminarraum) virtuellen Wis-
sensr¨
aumen zugeordnet. ¨
Uber die Verbindungen zwischen den Wissensr¨
aumen
k¨
onnen so auch die realen R¨
aume miteinander verkn¨
upft werden.
¨
Uber ihren Kontext k¨
onnen so die Gruppenmitglieder einer Kollaboration be-
stimmt und zugleich ihre Rolle in der Gruppe definiert werden. Wenn die Benutzer
ihren Kontext ver¨
andern, passen sich die Zugriffsrechte und Rollenzuweisungen au-
tomatisch an den neuen Kontext an. Somit wird durch eine ¨
Anderung des Kontextes
innerhalb der virtuellen Kooperationsumgebung entlang des realweltlichen Kontex-
tes nebenl¨
aufig eine Verkn¨
upfung von virtuellem und realem Wissensraum erreicht
[Eßmann und Hampel, 2004]. Abbildung 3.4 verdeutlicht diese Verkn¨
upfung durch
die Bildung von Gruppenkontexten in Abh¨
angigkeit des Ortsbezugs der Teilnehmer.
Aus einer technischen Betrachtungsweise kann der Kontext auch f¨
ur vom Benut-
zer unbemerkte und transparente Vorg¨
ange in der Kooperationsumgebung genutzt
werden. Die in mobilen Nutzungsszenarien ¨
ubliche verteilte Speicherung der Koope-
rationsobjekte kann durch den Kontext der beteiligten Knoten gesteuert werden.
Der Kontext der Benutzer kann z. B. bei der Entscheidung helfen, auf welchen Kno-
ten der Kooperationsumgebung die Objekte repliziert werden sollen. W¨
ahrend viele
CSCW-Systeme die genutzten Objekte bei einem Zugriff lediglich zwischenspeichern
(Caching), kann der Kontext genutzt werden, um eine gezielte Replikationsstrate-
gie zu entwickeln. Beispielsweise sind Dokumente, die einer Gruppe geh¨
oren, meist
f¨
ur alle Mitglieder von Interesse. Eine sinnvolle Replikationsstrategie k¨
onnte also
den Gruppenkontext nutzen, um die Dokumente auf die Ger¨
ate aller Gruppenmit-
glieder zu replizieren. Dadurch sind die Dokumente der Gruppe f¨
ur alle Mitglieder
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
66 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
auch im Falle einer Trennung von der Gruppe jederzeit zug¨
anglich. Eine eingehende
Betrachtung der Replikation anhand des Gruppenkontextes findet sich in Kapitel 4.
Zusammenfassend betrachtet kann der Kontext der Benutzer somit auf organi-
satorischer Ebene, Medienebene und technischer Ebene genutzt werden, um mobil-
spontane Kooperationsszenarien zu unterst¨
utzen. Konkret l¨
asst sich der Kontext in
der Kooperation selbst f¨
ur Gruppengr¨
undung, Festlegung von Rollen und Rechten
und die Strukturierung des virtuellen Wissensraums verwenden. Aus einer eher tech-
nischen Sichtweise kann die Konfiguration der Dienste der Kooperationsumgebung
und insbesondere die Replikation der genutzten Objekte ¨
uber eine Nutzung des Ko-
operationskontextes gesteuert werden. Die Kontextualisierung der Kooperationsum-
gebung ist somit eine wesentliche Anforderung f¨
ur die Unterst¨
utzung mobil-verteilter
Kooperationsszenarien.
3.3.3 Konsistenz und Reversibilit¨
at
Anforderungen
Kontextualisierung
Kommunikation
Konsistenz
Koordination Kooperation
Kollaboration
Vernetzung Vernetz
ung
Konsistenz
In mobil-verteilten Wissensr¨
aumen sind die Kooperationsobjekte verteilt auf mo-
bilen Computern der Benutzer gespeichert. Um die Verf¨
ugbarkeit der gemeinsam
genutzten Objekte sicherzustellen, m¨
ussen Teile des Wissensraums oder gar der ge-
samte Wissensraum zwischen den mobilen Ger¨
aten repliziert werden. Die Replikation
erlaubt den Kooperationspartnern den Zugriff auf die gemeinsam genutzten Mate-
rialien, auch wenn sie von dem Rest der Kooperationsgruppe getrennt sind. Wenn
die Replikation alle Objekte beinhaltet, die f¨
ur eine Aufgabe ben¨
otigt werden, k¨
on-
nen auch isolierte Benutzer den Kollaborationsprozess aufrechterhalten. Diese M¨
og-
lichkeit zum isolierten Arbeiten an gemeinsamen Objekten in den unverbundenen
Phasen erfordert die Unabh¨
angigkeit der mobil-verteilten Kooperationsumgebungen
von Diensten entfernter Dienstleister (Server).
In verteilten Architekturen sind zu diesem Zweck Daten sowie Dienste ¨
uber alle
Knoten des zu Grunde liegenden Netzwerkes verteilt. Essentielle Daten und Dienste
k¨
onnen dabei auch redundant auf einer Gruppe mehrerer Knoten beheimatet sein.
Dieses Vorgehen erlaubt es einem Knoten, die Dienste eines anderen Knotens zu
¨
ubernehmen, wenn dieser ausfallen sollte. Die Verteilung der Daten und Dienste ist
oftmals eine Strategie zur Lastverteilung zwischen den einzelnen Knoten und zur
Erh¨
ohung der Ausfallsicherheit des Gesamtsystems.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.3.3 Konsistenz und Reversibilit¨
at 67
Der Ausfall eines einzelnen Knotens f¨
uhrt dadurch nicht mehr zum Ausfall des
gesamten Systems. Allerdings m¨
ussen replizierte Dienste und Daten miteinander
abgeglichen werden, um die Konsistenz des Systems zu wahren. Der Fokus der Ar-
chitektur vieler verteilter Systeme liegt folglich in der Aufrechterhaltung des Ge-
samtsystems und nicht in der Unterst¨
utzung mobiler und zeitweise isolierter Kno-
ten. Ein Verbindungsabbruch zu einem einzelnen Knoten wird stets nur aus der
Perspektive des Gesamtsystems betrachtet und dessen Dienste an andere Knoten im
Verbund ¨
ubertragen. Dadurch bleibt das Gesamtsystem bei Knotenausf¨
allen intakt
der isolierte Knoten aber ist solange unbrauchbar bis er wieder Verbindung zum
Gesamtsystem aufnehmen kann [Eßmann et al., 2006].
Die neue Qualit¨
at mobil-verteilter Kooperationsumgebungen liegt in der Mobi-
lit¨
at der Benutzer und der Dynamik der technischen Umgebung. Der Verlust der
Anbindung zum Verbund der Kooperationspartner ist eine h¨
aufige Begleiterschei-
nung dieser Mobilit¨
at. In verteilten Kooperationssystemen, die nur die Funktions-
f¨
ahigkeit des Gesamtsystems gew¨
ahrleisten, sind isolierte Benutzer gezwungen, ihre
Arbeitsvorg¨
ange innerhalb des gemeinsamen Arbeitsbereichs ruhen lassen, bis sie
wieder Kontakt zu dem Verbund aufnehmen k¨
onnen. Da dies einen Bruch in der
durchgehenden Nutzung der Kooperationsumgebung darstellen w¨
urde, ist es wich-
tig, zwischen verteilten Systemen zu unterscheiden, in denen alle funktionierenden
Knoten stets mit dem Verbund in Kontakt stehen m¨
ussen und solchen, in denen
mobile Knoten auch im unverbundenen Zustand (eventuell eingeschr¨
ankt) weiter-
funktionieren k¨
onnen.
Beide Auspr¨
agungen verteilter Systeme haben unterschiedliche Anforderungen an
die Verteilung der Ressourcen, um ihre Funktion aufrechterhalten zu k¨
onnen. F¨
ur
eine Unterscheidung dieser Systeme werden an dieser Stelle zwei Klassen verteil-
ter Systeme mit redundanten Diensten definiert: die online-redundanten verteilten
Systeme und die offline-redundanten verteilten Systeme.
W¨
ahrend die Klasse der online-redundanten verteilten Systeme ihre Priorit¨
at in
die Aufrechterhaltung der Gesamtfunktionalit¨
at legt, liegt diese bei der Klasse der
offline-redundanten verteilten Systemen in der Aufrechterhaltung der Grundfunktio-
nalit¨
at f¨
ur die einzelnen Knoten. Letztere erlaubt ihren Benutzern auch im unver-
bundenen Fall ihre Arbeit fortzusetzen.
Der wichtigste Dienst in einem Kollaborationssystem auf Basis der virtuellen Wis-
sensr¨
aume ist die Bereitstellung der von den Kooperationspartnern ben¨
otigten Ma-
terialien und Dokumente (genereller: Objekte). Alle ben¨
otigten Objekte m¨
ussen zwi-
schen den beteiligten Partnern repliziert werden, damit auf diese bei Bedarf zuge-
griffen werden kann. Bei der ¨
Anderung eines replizierten Objektes m¨
ussen zudem
alle Repliken aktualisiert werden, um dem aktuellen Stand zu entsprechen und um
den Datenbestand der Kooperationsumgebung konsistent zu halten.
Auf Grund der Mobilit¨
at der Benutzer und der daraus resultierenden hohen Wahr-
scheinlichkeit von Netzwerkunterbrechungen, bei denen auch ganze Teilnetzwerke
getrennt werden k¨
onnen, ist eine Online-Synchronisation der Repliken nicht immer
m¨
oglich. Daher wird die Konsistenz der Kollaborationsdaten ein zentraler Punkt f¨
ur
die Designfragen eines mobil-verteilten Kollaborationssystem sein.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
68 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
Eine gezielte Replikationsstrategie erlaubt den nahtlosen Wechsel zwischen ver-
bundenen (online) und unverbundenen (offline) Arbeiten. Dies ist gerade in mobilen
Nutzungszenarien aufgrund der Dynamik in der Vernetzung von hoher Bedeutung.
In unverbundenen Phasen des Kollaborationsprozesses fehlt den Benutzern jegliche
Wahrnehmung ¨
uber die Handlungen ihrer Kollaborationspartner. Daher kann es zu
einer parallelen Bearbeitung mehrerer Repliken desselben Dokuments kommen, ohne
dass die beteiligten Benutzer von den konkurrierenden ¨
Anderungen wissen.
Im Fall einer parallelen ¨
Anderung der Repliken desselben Objekts, ohne gegen-
seitige Wahrnehmung der ¨
Anderungen anderer, werden die replizierten Instanzen
zwangsl¨
aufig inkonsistent zueinander. Diese Gef¨
ahrdung der Konsistenz kann sowohl
auf Medienebene als auch auf semantischer Ebene liegen. Die Konsistenz auf Me-
dienebene ist z. B. gef¨
ahrdet, wenn auf redundant gespeicherten Daten zeitgleich ge-
arbeitet ohne diese st¨
andig (online) zu synchronisieren. Die semantische Konsistenz
ist in Gefahr, wenn verteilt gespeicherte Daten semantisch gekoppelt sind aber auf-
grund gleichzeitiger ¨
Anderung der verteilten Datenbest¨
ande dieser Zusammenhang
verloren geht. Beide Formen der Inkonsistenz k¨
onnen die Konsistenz des gesamten
Wissensraums gef¨
ahrden.
Die Erhaltung der Konsistenz der Kooperationsdaten bildet einen der zentra-
len Faktoren f¨
ur eine mobile Kooperationsumgebung. Bei der Arbeit in virtuellen
Wissensr¨
aumen besitzen die Beteiligten eine gemeinsame Sicht auf die Kooperati-
onsdaten. ¨
Anderungen an einzelnen Objekten in dieser Umgebung sind somit f¨
ur alle
Benutzer gleichzeitig wahrnehmbar. In Client-Server-Umgebungen werden ¨
Anderun-
gen an einem Objekt durch einen Client an den Server angewiesen, der diese ausf¨
uhrt
und im Anschluss alle anderen beteiligten Clients ¨
uber die ¨
Anderungen informiert.
Die Clients erneuern daraufhin ihre Darstellung der gemeinsamen Sicht, um den
aktuellen Stand der Kooperationsobjekte zu repr¨
asentieren. Die zentrale Position
des Servers in dieser Architektur bef¨
ahigt diesen, die Konsistenz der ¨
Anderungen an
den manipulierten Objekten zu ¨
uberpr¨
ufen und so Konflikte bei zeitgleichen ¨
Ande-
rungsanforderungen zu l¨
osen also nur eine ¨
Anderung nach der anderen zuzulassen.
In einer in mobil-verteilten Kollaborationsszenarien vorherrschenden Peer-to-Peer-
Architektur ist ein st¨
andiger Abgleich der Datenbest¨
ande zwischen den einzelnen
Peers unvermeidlich.
Synchronizit¨
at Eine Gef¨
ahrdung der Konsistenz muss demnach durch ein Auf-
rechterhalten der Synchronizit¨
at der Datenbest¨
ande innerhalb des verteilten Kolla-
borationssystems vermieden werden. Die Synchronizit¨
at ist wesentliches Indiz f¨
ur
die Benutzbarkeit des Kooperationssystems. Um diese zu Gew¨
ahrleisten, muss der
Abgleich verteilter Datenbest¨
ande automatisch und im Hintergrund geschehen. Die-
se nebenl¨
aufige Synchronisierung entlastet den Benutzer von derartigen Aufgaben.
Dennoch muss der Benutzer im Konfliktfall eingreifen und die Inkonsistenzen kom-
fortabel beseitigen k¨
onnen. Im Fall einer besch¨
adigten Konsistenz des Datenbestan-
des ist es daher wichtig, auf die letzte korrekte Version zugreifen zu k¨
onnen. Diesem
Aspekt wird mit der Forderung nach Reversibilit¨
at Rechnung getragen. Dazu geh¨
ort
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.3.3 Konsistenz und Reversibilit¨
at 69
auch die M¨
oglichkeit, die ¨
Anderungen, die die Konsistenz verursacht haben, in den
konsistenten Datenbestand einzuarbeiten.
Die in Szenario 1.3 und Szenario 1.5 geforderte Synchronisierung von Objekten in
der verteilten Kooperationsumgebung entspricht einem wesentlichen Teil der Anfor-
derung der Synchronizit¨
at im Bereich mobiler Kooperationsumgebungen. Um den
Benutzer m¨
oglichst wenig zu belasten, muss die Synchronizit¨
at, wie in Szenario 3.3
ersichtlich, m¨
oglichst als Hintergrundprozess erfolgen. Der Abgleich muss dabei nicht
nur die physische Konsistenz der Kooperationsdaten ¨
uberwachen und aufzeigen (Sze-
nario 4.3), sondern auch soweit m¨
oglich die semantische Konsistenz aufrechterhalten
helfen (Szenario 4.4).
Wo nicht anders m¨
oglich, kann der Abgleich zwischen den Datenbest¨
anden auch
asynchron (z. B. per E-Mail) erfolgen, falls ein direkter und zeitnaher Abgleich nicht
m¨
oglich ist (Szenario 3.3). Wichtig ist jedoch, dass die Synchronisierung der Ko-
operationsobjekte die Gruppenstruktur unterhalb der Kooperationspartner ber¨
uck-
sichtigt (Szenario 3.3) und den Benutzern erlaubt, sowohl eine eigene, als auch eine
verteilte Kopie desselben Objektes zu verwalten (Szenario 1.6).
Die Strategie eines st¨
andigen Abgleichs der verteilten Datenbest¨
ande zur Erf¨
ullung
der Anforderung der Synchronizit¨
at ist ein probates Mittel zur Aufrechterhaltung
der Konsistenz innerhalb des Kollaborationssystems. Sie setzt allerdings voraus, dass
alle beteiligten Knoten des Verbundes st¨
andig miteinander in Kontakt stehen ei-
ne Voraussetzung die insbesondere in mobilen Nutzungsszenarien oft nicht erf¨
ullt
werden kann. Jenseits der technisch bedingten L¨
ucken innerhalb der Netzwerkkom-
munikation verlassen Benutzer h¨
aufig f¨
ur einen l¨
angeren Zeitraum den Verbund und
Arbeiten isoliert oder in einer Teilgruppe weiter auf den Kooperationsdaten. Diese
Tatsache macht eine st¨
andige Koordinierung von konkurrierenden ¨
Anderungen un-
m¨
oglich. Ein Sperren von Objekten f¨
ur die Bearbeitung, wie es beim Pessimistic
Locking der Fall ist, ist aus mehreren Gr¨
unden in einer solchen Umgebung nicht
empfehlenswert:
Die Zeitr¨
aume der Sperrung k¨
onnen aufgrund von Verbindungsabbr¨
uchen (bis
zu n¨
achsten Sychronisierung) sehr lange dauern und machen die gesperrten
Objekte f¨
ur alle anderen Benutzer unbrauchbar.
Wie die ¨
Anderung selbst, muss die Sperranforderung an alle Repliken ¨
uber-
mittelt werden.
Die Sperrung ist oft nicht vorhersagbar und erfolgt zuweilen erst wenn die
Verbindung zu den anderen Repliken bereits unterbrochen ist.
Da ein vorgreifendes Sperren der gemeinsam genutzten Objekte aus diesen Gr¨
un-
den nicht m¨
oglich ist, empfiehlt sich der Einsatz von so genannten optimistischen
Sperren (Optimistic Locking) [Kung und Robinson, 1981]. Optimistische Sperren
beruhen auf der Annahme, dass konkurrierende ¨
Anderungen an einem Objekt eher
selten vorkommen. Daher wird ein Konflikt nicht bereits im Vorfeld durch ein Sper-
ren f¨
ur den Fall einer ¨
Anderung verhindert, sondern erst dann eingegriffen, wenn ein
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
70 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
Konflikt zwischen zwei unterschiedlichen Versionen desselben Objektes entstanden
ist. Im Fall eines solchen Konflikts wird das Objekt f¨
ur weitere ¨
Anderungen gesperrt
und die beteiligten Systeme (bzw. deren Benutzer) aufgefordert, den Konflikt zu
l¨
osen.
An diesem Punkt des Kooperationsprozesses k¨
onnen aufgrund langfristig unver-
bundenen Arbeitens bereits große Teile des Inhalts eines Kooperationsobjektes von-
einander abweichen. Anders als bei Versionskontrollsystemen f¨
ur die Softwareent-
wicklung k¨
onnen diese Abweichungen bei nat¨
urlichsprachlichen Texten nicht auto-
matisch gel¨
ost werden. Die Benutzer werden daher im Falle eines Versionskonfliktes
vom Kooperationssystem bei dessen L¨
osung nicht unterst¨
utzt.
Weiterhin kann ein automatisches Zusammenf¨
uhren der Dateien zu semantischen
Konflikten f¨
uhren oder das Ergebnis unvertr¨
aglich zu weiteren ¨
Anderungen Dritter
sein, was weitere noch gr¨
oßere Versionskonflikte zur Folge h¨
atte. Daher ist es wichtig,
jeden Schritt der Bearbeitung reversibel zu machen, um sp¨
atere Konflikte besser
l¨
osen zu k¨
onnen.
Reversibilit¨
at Die Synchronizit¨
at der Kooperationsobjekte ist die zentrale Anfor-
derung f¨
ur die Konsistenz einer verteilten Kooperationsumgebung. Da eine st¨
andige
Verbindung zwischen den Kooperationspartnern nicht garantiert ist, kann ein von
der Gruppe isoliertes Arbeiten der Teilnehmer die Regel werden. Daher bedarf es
der M¨
oglichkeit bei Verletzung der Konsistenz der Kooperationsobjekte den Scha-
den r¨
uckg¨
angig machen zu k¨
onnen. Falls m¨
oglich k¨
onnen die vorgenommenen ¨
An-
derungen nach und nach in Abstimmung mit den Kooperationspartnern zu einer
konsistenten Version des Kooperationsobjektes zusammengef¨
ugt werden.
Zu diesem Zweck gilt es, die Reversibilit¨
at der Manipulationen an den Kooperati-
onsobjekten sicherzustellen. Dies betrifft zum einen die Versionierung, die beil¨
aufig
alle ¨
Anderungen an einem Objekt protokolliert, Konflikte zwischen redundant ge-
speicherten und zeitgleich bearbeiteten Objekten erkennt und erlaubt, diese ¨
Ande-
rungen bei Bedarf r¨
uckg¨
angig zu machen. Zum anderen betrifft dies aber auch die
bewusste Archivierung von Kooperationsobjekten f¨
ur sp¨
atere Kooperationssitzun-
gen.
Szenario 1.5, Szenario 1.6 und Szenario 3.2 verdeutlichen die zentrale Rolle, die
der Versionierung der Kooperationsobjekte im Fall des unverbundenen Arbeitens
mit gemeinsamen Objekten zukommt. Die Versionierung hilft hier die Konflikte bei
konkurrierender Bearbeitung eines redundant verteilten Objektes aufzudecken und
zu l¨
osen. Manchmal ist das Erstellen konkurrierender Versionen aber auch, wie in
Szenario 2.5 beschrieben, ein gewollter Prozess, der ebenfalls mittels Versionierung
unterst¨
utzt werden kann.
Die Funktionen zum kooperativen Bewerten und Zusammenf¨
uhren konkurrieren-
der Dokumentversionen sind daher ebenfalls Bestandteil der Anforderung Versio-
nierung. Wie wichtig diese Funktionen f¨
ur den verteilten kooperativen Prozess sind,
heben Szenario 2.5, Szenario 3.2 und Szenario 4.3 hervor.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.3.3 Konsistenz und Reversibilit¨
at 71
Reversibilt¨
at beinhaltet aber nicht nur den Einsatz einer Versionskontrolle im lau-
fenden Kooperationsprozess, um die Konsistenz der Kooperationsobjekte bei kon-
kurrierender Bearbeitung zu wahren, sondern auch Archivierung der Kooperations-
ergebnisse f¨
ur einen sp¨
ateren Zugriff auf diese. W¨
ahrend Client-Server-Systeme zu
diesem Zweck die Objekte persistent in einer Datenbank oder ¨
Ahnlichem ablegen,
ist dies in einer mobilen Kooperationsumgebung nicht unbedingt m¨
oglich, da die
Ressourcen der mobilen Rechner weit hinter denen von zentralen Servern liegen.
Da mehrere Kooperationspartner Interesse an einem solchen Archiv haben k¨
onnten,
muss es wiederum redundant gehalten werden.
Archivieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass ein Archiv angelegt wird,
nachdem die eigentliche Kooperation abgeschlossen ist. Daher m¨
ussen Archive nicht
synchronisiert, sondern lediglich f¨
ur jeden interessierten Teilnehmer separat gespei-
chert werden. Demnach erscheint es nicht immer sinnvoll, diese Archive in dem per-
sistenten und stark replizierten Datenspeicher der mobilen Kooperationsumgebung
zu halten. Zum einen w¨
urden dadurch unn¨
otig Ressourcen der Kooperationsumge-
bung f¨
ur die Synchronisation der Archive verbraucht. Zum anderen w¨
urden nach-
tr¨
agliche, nicht l¨
anger im Rahmen einer Kooperation get¨
atigte ¨
Anderungen weiterhin
an alle Teilnehmer weitergereicht, obwohl diese eventuell keinerlei Interesse mehr an
den ¨
Anderungen haben und lieber das urspr¨
ungliche Kooperationsergebnis f¨
ur eine
sp¨
atere Weiterverwendung nutzen wollen.
Damit das Archiv als Basis einer neuerlichen Kooperationssitzung dienen kann
muss die vollst¨
andige Konfiguration als Momentaufnahme der Kooperationsumge-
bung inklusive der Informationen ¨
uber Dokumenten- und Gruppenstruktur enthalten
(Szenario 1.7, Szenario 1.9). Dazu geh¨
oren auch die Metadaten aller Kooperations-
objekte als wichtiger Bestandteil der Kooperationsergebnisse (Szenario 4.5). Die ar-
chivierten Momentaufnahmen einer Konfiguration k¨
onnen an Dritte (Szenario 1.9)
¨
ubermittelt oder in eine zentralisierte CSCW-Umgebung eingef¨
ugt werden, um eine
langzeitige Verf¨
ugbarkeit sicherzustellen (Szenario 1.9, Szenario 4.6). F¨
ur den Schutz
sensibler Daten besteht bei einer Weitergabe des Archivs an Dritte die Notwendig-
keit, gewisse Informationen aus einem Archiv zu entfernen (z. B. Gruppenstruktur).
Soll eine Wiederaufnahme einer Kooperation anhand eines Archivs gew¨
ahrleistet
werden, muss das Kooperationssystem in der Lage sein, den letzten Zustand der
archivierten Kooperation vollst¨
andig wieder herzustellen. Da die ¨
außeren Umst¨
ande
(verf¨
ugbare Kooperationspartner, technische Infrastruktur) sich bis zur Wiederauf-
nahme ¨
andern k¨
onnen, muss zudem bei der Zustandswiederherstellung flexibel auf
externe Fehlerquellen und ¨
Anderungen der Konfiguration reagiert werden k¨
onnen.
(Szenario 4.5).
In einem offenen Netzwerkumfeld, wie es in mobil-verteilten Kooperationsszenari-
en Anwendung findet, der Einbindung externer Dienste und fremder Kooperations-
umgebungen eine zentrale Bedeutung zu. Die daraus resultierenden Anforderungen
an die mobil-verteilte Kooperationsumgebung werden unter dem Begriff der Offenen
Architektur zusammengefasst.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
72 3.3 Neue Qualit¨
aten mobiler Kollaboration
Offene Architektur Eine offene Architektur und frei zug¨
angliche Schnittstellen
bilden die Voraussetzungen f¨
ur eine flexible Einbettung eines Softwaresystems in eine
heterogene Infrastruktur, wie man sie in mobil-verteilten Nutzungsszenarien vorfin-
det. Der Austausch mit Drittanwendungen gew¨
ahrleistet, dass die Kooperationsum-
gebung nicht isoliert von der Netzwerkumgebung betrieben wird und Medienbr¨
uche
beim Austausch von Daten mit externen Anwendungen vermieden werden. Dar¨
uber
hinaus erlaubt eine offene Architektur den Benutzern, das System an ihre Bed¨
urfnis-
se anzupassen, indem sie dieses mit eigenen Komponenten anreichern und funktional
erweitern. Dies schließt die Einbindung externer Dienste mit ein (Szenario 4.4).
Eine solche offene Architektur darf aufgrund der geforderten Flexibilit¨
at nicht
monolithisch aufgebaut sein. Sie muss modular aus austauschbaren Komponenten
bestehen, die ¨
uber wohldefinierte Schnittstellen kommunizieren. Nur so kann die
Funktionalit¨
at des Systems ver¨
andert werden, ohne tief in die Gesamtarchitektur
einzugreifen. Besonders in Hinsicht auf die Nachhaltigkeit von Kooperationssyste-
men ist die Modularit¨
at und eine offene Architektur eine unverzichtbare Eigenschaft.
Diese erlaubt es auch Dritten, die Systeme kontinuierlich an ihre Anforderungen an-
zupassen und so eine fortw¨
ahrende Nutzung zu gew¨
ahrleisten.
Diese Forderungen werden durch die Unf¨
ahigkeit monolithischer und zentralisier-
ter CSCW-Umgebungen, sich an die Mobilit¨
at der Benutzer anzupassen, noch unter-
strichen. Aufgrund einer oft monolithischen Architektur sind sie schwer an die Gege-
benheiten eines mobilen Einsatzgebietes anzupassen. Dieses Problem wird durch die
Abh¨
angigkeit von einer zentralisierten Persistenz zus¨
atzlich verst¨
arkt. Da die Eig-
nung der bestehenden CSCW-Architekturen f¨
ur mobile Szenarien somit nicht ohne
weiteres hergestellt werden kann, ist f¨
ur einen nahtlosen ¨
Ubergang zwischen mobilen
und zentralisierten CSCW-Systemen die Bereitstellung entsprechender Schnittstellen
essenziell. In Szenario 4.2 wird die Anforderung einer Kombination von zentralisier-
ter und mobiler CSCW-Topologie verdeutlicht.
M¨
ochten Benutzer einer zentral verwalteten Kooperationsumgebung ihre Koope-
rationsobjekte mitnehmen, um diese mobil weiterverarbeiten zu k¨
onnen, ist eine
¨
Ubernahme der Kooperationsdaten von einem CSCW-Server in die mobile CSCW-
Umgebung ¨
außerst n¨
utzlich. Auf dem umgekehrten Weg bietet der Import von
Kooperationsobjekten aus einer mobilen CSCW-Umgebung in ein serverbasiertes
CSCW-System eine zentrale wie verl¨
assliche Anlaufstelle f¨
ur die Kooperationspart-
ner und garantiert eine langfristige Verf¨
ugbarkeit der Kollaborationsdaten. Auch die
zus¨
atzlichen M¨
oglichkeiten eines in eine Diensteinfrastruktur eingebundenen CSCW-
Servers machen einen nahtlosen ¨
Ubergang von verl¨
asslichen zentralisierten Architek-
turen zu flexiblen mobil-verteilten Architekturen attraktiv (Szenario 2.6, Szenario
2.7).
Die Forderung nach Offenheit in mobil-verteilten Kooperationssystemen liegt so-
mit in mehreren Faktoren:
Der evolution¨
are ¨
Ubergang von monolithischen, zentralisierten Kooperations-
systemen zu modularen, mobil-verteilten Kooperationssystemen zur besseren
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
73
Unterst¨
utzung der Mobilit¨
at der Benutzer ohne einen Bruch in deren Koope-
rationsumgebungen,
die nahtlose Integration externer Dienste in die Kooperationsumgebung und
der nahtlose Transport von Objekten zwischen den Kooperationssystemen.
Das Erf¨
ullen der Forderung nach einer Offenen Architektur erlaubt dem Kolla-
borationssystem somit eine externe Konsistenz, die dem Benutzer die nahtlose Nut-
zung externer Dienste ohne Medienbr¨
uche erm¨
oglicht. Die vorgestellten Bereiche
der Vernetzung und Sichtbarkeit, der Kontextualisierung und der Konsistenz und
Reversibilit¨
at bilden die zentralen Anforderungen f¨
ur ein mobil-verteiltes Koopera-
tionssystem.
Der folgende Abschnitt behandelt darauf aufbauend die grundlegenden techni-
schen Anforderungen an ein Kooperationssystem und betrachtet diese im Span-
nungsfeld der Mobilit¨
at. Die mobil-spontane Zusammenarbeit baut im besonderen
Maße auf Funktionen aus den klassischen Bereichen der Kommunikation, Koordina-
tion und Kooperation auf, die allerdings einer Anpassung an die Gegebenheiten der
mobilen Nutzung bed¨
urfen.
3.4 Neue Rahmenbedingungen computergest¨
utzter
Kooperationsdienste
Die Zusammenarbeit im mobilen Nutzungsumfeld bedarf einer ¨
ahnlichen technischen
Unterst¨
utzung der Kommunikations- und Koordinationsprozesse wie die klassische
Kooperation in zentralisierten CSCW-Architekturen. Im Spannungsfeld mobil-spon-
taner Kooperation werden jedoch angepasste und weitergehende Mechanismen be-
n¨
otigt, um eine nahtlose Nutzung der Kooperationsumgebung zu gew¨
ahrleisten.
F¨
ur eine Unterscheidung zur klassischen Kooperation in zentralisierten CSCW-
Systemen wird an dieser Stelle der Begriff der Kollaboration eingef¨
uhrt. Zwar ist der
Begriff Kollaboration im Deutschen mit einer milit¨
arischen Bedeutung belegt1, wird
aber im englischen Sprachraum synonym f¨
ur den Begriff der Kooperation verwendet.
1
Kollaboration [. . . ]: aktive Unterst¨
utzung einer feindlichen Besatzungsmacht gegen die eigenen
Landsleute“, aus: DUDEN-Fremdw¨
orterbuch, Bd. 5, Mannheim 1997.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
74 3.4 Neue Rahmenbedingungen
Im Folgenden wird der Begriff der Kollaboration verwendet, um die spontanen und
dynamischen Qualit¨
aten der Zusammenarbeit in einem mobil-verteilten Nutzungs-
umfeld zu betonen und von denen klassischer Kooperationssysteme abzugrenzen. Er
wird daher mit folgender Bedeutung belegt:
Kollaboration ist die spontane oder geplante Zusammenarbeit zwischen zwei oder
mehr Personen, die aufbauend auf technischen Unterst¨
utzungsfunktionen zur Kom-
munikation, Koordination und Kooperation geschieht. Diese Interaktion findet zwi-
schen vernetzten Partnern in virtuellen und realen R¨
aumen basierend auf Koope-
rationsobjekten (Dokumenten) statt. Die Kollaboration ist dabei durch einen stark
spontanen und dynamischen Charakter gepr¨
agt.
Kollaboration wird in diesem Sinne als interaktiver Prozess betrachtet, den es
durch die Kooperationsumgebung zu unterst¨
utzen gilt. Dabei muss Kollaboration
nicht zielgerichtet sein oder einem bestimmten Zweck dienen der spontane Cha-
rakter der Zusammenarbeit in mobilen Nutzungsszenarien kann die Zusammenarbeit
zwischen den Benutzern sogar zu einem nebenl¨
aufigen Prozess machen, der den ei-
gentlichen Zweck eines Treffens flankiert.
Dabei bilden Kommunikation,Koordination und Kooperation die Grundlage des
Kollaborationsprozesses, die durch entsprechende Werkzeuge und Protokolle gew¨
ahr-
leistet werden muss. Anders als bei dem 3K-Modell [Teufel et al., 1995] werden
Kommunikation, Koordinierung und Kooperation als ein hierarchisches Technikmo-
dell betrachtet, in dem jede Ebene die Grundlage f¨
ur die ihr jeweils ¨
ubergeordnete
bildet (siehe Abbildung 3.5). Die Kommunikation ist somit die Basis f¨
ur die Koor-
dinierungsprozesse, auf die wiederum viele Kooperationsfunktionen aufsetzen. Mit
Hilfe der Kooperationsfunktionen findet in der obersten Ebene der Kollaboration die
Unterst¨
utzung einer spontanen und dynamischen Zusammenarbeit in einer mobil-
verteilten Kooperationsumgebung statt. Jede Ebene greift dabei auf alle unterge-
ordneten Ebenen zu.
Viele der aus Kapitel 2 hervorgehenden Anforderungen an die mobil-verteilte Ko-
operationsumgebung lassen sich entlang der technischen Unterst¨
utzung von Kom-
munikation, Koordination und Kooperation anordnen. Diese gilt es somit an die neu-
en Anforderungen einer mobil-verteilten Architektur anzupassen. Darauf aufbauend
wird dem beil¨
aufigen und spontan-dynamischen Charakter der Kollaboration in der
Ebene der Kollaborationsunterst¨
utzung gezielt Rechnung getragen.
Die im Folgenden betrachteten technischen Grundfunktionalit¨
aten f¨
ur die Kol-
laboration im mobilen Nutzungsumfeld legen somit die Basis f¨
ur eine Nutzung der
mobil-verteilten Kooperationsumgebung. W¨
ahrend die in Abschnitt 3.3 vorgestellten
Anforderungen aus der neuartigen Nutzung von Kooperationsumgebungen im mo-
bilen Umfeld abgeleitet sind (Handlungsebene), handelt es sich in diesem Abschnitt
um Mechanismen, die den Benutzern zumeist verborgen bleiben, aber dennoch die
Basistechnologie f¨
ur die Nutzung einer Kooperationsumgebung in mobilen Szenari-
en bilden (Umsetzungsebene). Eine scharfe Trennung zwischen Anforderungen auf
Handlungsebene und Umsetzungsebene gelingt nicht in allen Aspekten der Anforde-
rungsbestimmung, sie bildet aber dennoch einen geeigneten Ansatz, um technikbe-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.4.1 Kommunikation 75
Kollaboration
Kooperation
Koordination
Kommunikation
Abbildung 3.5: Kollaboration baut auf die Ebenen der Kommunikation, Koordi-
nierung und Kooperation auf [vgl. Eßmann und Hampel, 2005a].
dingte Anforderungen von denen zu trennen, die der mobilen Nutzung von Koope-
rationssystemen geschuldet sind.
Als Beispiel wird mit der Forderung der Versionierung der Kooperationsobjekte
aus technischer Sicht eine wichtige Anforderung an das System gestellt, um Kon-
flikte zwischen redundant gespeicherten Objekten aufzudecken. Gleichzeitig stellt
sie aber aus Sicht der mobilen Nutzung einen wichtigen Mechanismus f¨
ur die ko-
operative Bearbeitung von Dokumenten ohne Wahrnehmung der Handlungen der
Kooperationspartner dar. Im Gegensatz dazu ist die Technologie zur spontanen Ver-
netzung z. B. eine rein technische Anforderung, die aufgrund ihres spontanen und
dynamischen Charakters die Anforderungen an die Kommunikation innerhalb der
Kooperationsumgebung mitpr¨
agt.
Die technischen Rahmenbedingungen eines mobilen Nutzungsumfelds stellen so-
mit gewisse Anforderungen an eine mobil-verteilte Kooperationsumgebung. Im Fol-
genden werden die beschriebenen Szenarien bez¨
uglich ihrer besonderen Bed¨
urfnisse
an diese technische Infrastruktur analysiert.
3.4.1 Kommunikation
Kommunikation bildet die Grundlage jeder Zusammenarbeit. Erst durch eine sta-
bile Kommunikationsinfrastruktur zwischen den Kooperationspartnern, bzw. deren
Ger¨
aten, ist eine Kooperationsunterst¨
utzung ¨
uberhaupt m¨
oglich. In synchronen Ko-
operationsformen muss diese Kommunikation nicht nur verl¨
asslich sondern auch hin-
reichend schnell erfolgen. Zus¨
atzlich besteht bei einer Zusammenarbeit in spontanen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
76 3.4 Neue Rahmenbedingungen
Zusammenk¨
unften h¨
aufig der Wunsch nach einem sofortigen Einstieg in die Koope-
ration, ohne zuvor die genutzten Hilfsmittel konfigurieren zu m¨
ussen. Der Konfigu-
rationsaufwand w¨
urde hier den Nutzen einer computergest¨
utzten Kooperationsum-
gebung ¨
ubersteigen und somit unter Umst¨
anden zu einem Nutzungsverzicht seitens
der mobilen Benutzer f¨
uhren. Ein Ausweichen auf alternative Hilfsmittel (z. B. Zettel
und Stift) h¨
atte bei einer sp¨
ateren R¨
uckkehr in die computergest¨
utzte Kooperations-
umgebung einen Medienbruch zur Folge, da die Kooperationsergebnisse erst wieder
in diese ¨
ubertragen werden m¨
ussten.
Die grundlegenden Techniken f¨
ur die Kommunikation in der Kooperationsumge-
bung m¨
ussen daher mobil-spontanen Kooperationsszenarien gewachsen sein und oh-
ne Eingreifen der Benutzer die mobilen Ger¨
ate ad hoc vernetzen. Diese automatische
Etablierung von Kommunikationsstrukturen schließt dabei auch eine Verkn¨
upfung
der bereitgestellten Dienste ein, die die h¨
oheren Ebenen der Kooperationsunterst¨
ut-
zung bereitstellen.
Vernetzung
Der Vernetzung kommt als Basistechnologie f¨
ur die Kommunikation zwischen den
beteiligten Computern eine zentrale Rolle bei der Etablierung einer verteilten Koope-
rationsumgebung zu. Aufbauend auf die durch das Netzwerk zur Verf¨
ugung gestellte
Infrastruktur verbinden sich die von den Ger¨
aten der Teilnehmer bereitgestellten
Dienste zu der verteilten Kooperationsumgebung. Verteilte Anwendungen nutzen
f¨
ur die Kommunikation zwischen den Diensten oftmals Protokolle in der Anwen-
dungsschicht, welche ihrerseits die tiefer gelegenen Netzwerkprotokolle als Trans-
portschicht nutzen. Wichtig ist, dass die Protokolle in jeder Schicht dem besonderen
Charakter des mobil-verteilten Nutzungsumfeldes gerecht werden.
Spontane Vernetzung F¨
ur einen h¨
urdenlosen Einstieg in die Kooperationsum-
gebung muss die zugrunde liegende Netzwerk-Infrastruktur schnell und ohne Be-
nutzereingriff etabliert werden k¨
onnen. Diese Anforderung wird unter dem Begriff
der Spontanen Vernetzung zusammengefasst. Szenario 2.1 verdeutlicht zentrale
Aspekte der spontanen Vernetzung im Rahmen einer mobil-verteilten Kooperation.
Prim¨
ar beinhalten die Anforderungen der spontanen Vernetzung die Fragestellung
nach einer transparenten Vernetzung und sofortigen Verf¨
ugbarkeit der Kooperati-
onsumgebung aus Sicht der Benutzer (Szenario 1.6, Szenario 2.1). Daher muss diese
Infrastruktur bei einem Zusammentreffen von Kooperationspartnern ad hoc und oh-
ne deren Eingreifen gebildet werden. In Umgebungen, in denen nicht auf bestehende
Netzwerkstrukturen zur¨
uckgegriffen werden kann, bedeutet dies, diese selbstst¨
andig
zu errichten und die Instanzen der verteilten Anwendung mittels der anwendungs-
spezifischen Protokollschicht zu koppeln.
Sollten bereits existierende Netzwerkinfrastrukturen verf¨
ugbar sein, hat die Ko-
operationsumgebung die M¨
oglichkeit, diese f¨
ur die Vernetzung der verteilten An-
wendung zu nutzen. Allerdings sind etablierte Netzwerkinfrastrukturen oft nur f¨
ur
beschr¨
ankte Nutzerkreise verf¨
ugbar (z. B. Kunden eines Netzbetreibers) und schlie-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.4.1 Kommunikation 77
ßen somit einige potentielle Partner von der Teilnahme an der Kooperation aus. Ein
weiteres Problem der Nutzung solcher zentral administrierten Netzwerkinfrastruk-
turen f¨
ur eine flexible Zusammenarbeit ist die Reglementierung der in dem Netzwerk
nutzbaren Dienste ¨
uber das Blockieren der seitens des Betreibers nicht erw¨
unschten
Kommunikationsprotokolle.
Derartige Einschr¨
ankungen lassen auch hier autarke Netzwerkinfrastrukturen zwi-
schen den Kooperationsteilnehmern sinnvoll erscheinen. Diese k¨
onnen bei bestehen-
der M¨
oglichkeit existierende Netzwerkstrukturen wie in Szenario 2.3 einbinden, um
in diesen verortete Dienste zu nutzen. In einem solchen Szenario treten Benutzer mit
Zugang zu dem restriktiven Netz als eine Art Mittelsm¨
anner auf, um den anderen
Teilnehmern Zugang zu diesem Netz zu gew¨
ahren.
Die spontane Etablierung der Kommunikation in einer Kooperationsumgebung ist
aber nicht auf Netzwerkstruktur und die Kopplung der verteilten Anwendung be-
schr¨
ankt. Gleichzeitig m¨
ussen die ben¨
otigten Kooperationsfunktionen eingerichtet
und zur Verf¨
ugung gestellt werden (Szenario 2.1). Dies ist insbesondere in verteilten
Umgebungen mit einem Aushandeln der Verteilung der ben¨
otigten Dienste verbun-
den.
Sind alle ben¨
otigten Dienste verf¨
ugbar, kann die Zusammenarbeit ¨
uber diese tech-
nische Infrastruktur erfolgen. Da die Benutzer sich nicht in einem starren Szenario
bewegen und keine festen Strukturen existieren, m¨
ussen auch die Strukturen der
Kooperationsumgebung spontan etabliert werden (Szenario 2.3). Erst dann k¨
onnen
die Kollaborationspartner miteinander kommunizieren und eine gemeinsame Sitzung
starten.
Robustheit Da weder Netzwerkstruktur, Diensteinfrastruktur noch die Koope-
rationsstruktur in mobilen Nutzungsszenarien als stabil betrachtet werden k¨
onnen,
muss die Kooperationsumgebung flexibel und robust auf ¨
Anderungen auf allen Ebe-
nen der Kooperation reagieren k¨
onnen. Dies liegt insbesondere an der Instabilit¨
at der
zugrunde liegenden Netzwerkverbindungen. Durch Bewegung der Benutzer kommt
es h¨
aufig und meist ohne Vorwarnung zu Verbindungsabbr¨
uchen zwischen den Kolla-
borationspartnern. Zudem geht in mobilen Szenarien kooperatives und individuelles
Arbeiten nahtlos ineinander ¨
uber. Um die Kollaborationsdaten auch in unverbun-
denen Situationen verf¨
ugbar zu haben und die Kooperationsumgebung nicht in be-
stimmten Nutzungskontexten unbrauchbar zu machen, muss ein Weiterarbeiten auch
f¨
ur von der Gruppe isolierte Kooperationspartner m¨
oglich sein (Szenario 3.2).
Aus den instabilen Netzwerkstrukturen in einer mobilen Umgebung leitet sich
auch die Forderung nach einer flexiblen Wahl der ¨
Ubermittlungsmethoden f¨
ur Daten
der Kooperationsumgebung ab (Szenario 3.2). Anders als in fest strukturierten und
zentral administrierten Netzwerken ist die Verbindungsqualit¨
at selten gleich bleibend
sondern variiert in der ¨
Ubermittlungskapazit¨
at. Dies hat zur Folge, dass eventuell
nicht alle Daten ¨
uber eine Netzwerkverbindung gesandt werden k¨
onnen.
Da die Erreichbarkeit einzelner Knoten in der Netzwerkumgebung nicht garan-
tiert werden kann, d¨
urfen essenzielle Dienste nicht nur von einer zentralen Stelle
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
78 3.4 Neue Rahmenbedingungen
angeboten werden. Daraus ergibt sich die Forderung nach Unabh¨
angigkeit von zen-
tralisierten Diensten (Szenario 4.4). Als eine Daumenregel kann gesagt werden, dass
mit der Bedeutung eines Dienstes f¨
ur die Funktionsf¨
ahigkeit der Kooperationsum-
gebung dessen Verteilung im Netzwerk steigen muss. Auch unter dem Aspekt der
Robustheit m¨
ussen daher Dienste, ohne welche die Kooperationsumgebung nicht
mehr betriebsf¨
ahig ist, auf jedem Knoten vorhanden und aktivierbar sein. Nur so
kann der Knoten im unverbundenen Fall autark weiter betrieben werden.
Nachrichtensystem ¨
Uber die Protokolle der Netzwerkschicht tauschen die In-
stanzen der mobil-verteilten Kooperationsumgebung Nachrichten ¨
uber lokale und
netzweite Ereignisse aus, um sich untereinander abzugleichen und so die Zusam-
menarbeit der Benutzer zu erm¨
oglichen. Auch die Benutzer senden sich gegensei-
tig Nachrichten, um miteinander zu kommunizieren. Diese Nachrichten¨
ubermittlung
muss an den dynamischen Charakter der mobil-spontanen Nutzungsszenarien ange-
passt sein. Nachrichten k¨
onnen z. B. nicht wie in einem Client-Server-System zentral
hinterlegt werden. Eine direkte ¨
Ubermittlung an den Empf¨
anger ¨
uber eine Punkt-zu-
Punkt-Verbindung ist wegen einer weitl¨
aufigen und instabilen Vernetzung oder einer
zeitversetzten Zusammenarbeit auch nicht immer m¨
oglich. Dies gilt insbesondere f¨
ur
Systemnachrichten ¨
uber Ereignisse in der Kooperationsumgebung. Daher muss so-
wohl das allgemeine Nachrichtensystem wie auch die Ereigniskontrolle innerhalb der
mobil-verteilten Kooperationsumgebungen dezentral und asynchron realisiert wer-
den, wie aus Szenario 1.2 und Szenario 1.3 ersichtlich.
Da aufgrund der Mobilit¨
at der Benutzer und der daraus resultierenden Dynamik
der Struktur in der Kooperationsumgebung, der Kreis der Adressaten f¨
ur die Nach-
richten anders als in statischen Kooperationsumgebungen meist nicht fest vorgege-
ben und durch den Kontext der Anwender innerhalb der Kooperationsumgebung
definiert ist (vgl. Abschnitt 3.3.2), m¨
ussen die Empf¨
anger w¨
ahrend des Nachrich-
tenversandes ermittelt werden. Dies gilt insbesondere f¨
ur Nachrichten an Benutzer-
gruppen, die in ad hoc gegr¨
undeten Kollaborationssitzungen nicht durch explizite
administrative Handlungen festgelegt werden. Daher ist es wichtig, einen flexiblen
Adressatenkreis f¨
ur s¨
amtliche Nachrichten in der Kooperationsumgebung zu unter-
st¨
utzen (Szenario 1.2).
Objekte/Medien
Kommunikation in virtuellen Wissensr¨
aumen findet ¨
ublicherweise ¨
uber die enthal-
tenen Medien statt [vgl. Keil-Slawik et al., 2005]. Textdokumente sind nur eine
m¨
ogliche Auspr¨
agung der mannigfaltigen Medientypen. Eine objektorientierte Be-
trachtungsweise l¨
asst eine einheitliche Behandlung aller Elemente innerhalb der Ko-
operationsumgebung zu und erlaubt einen einheitlichen Umgang mit allen zur Zu-
sammenarbeit ben¨
otigten Daten.
Dieser Abschnitt besch¨
aftigt sich mit der Verwaltung der Objekte innerhalb der
Kooperationsumgebung. Da die Objekte Grundlage des Kollaborationsprozesses sind,
ist es wie bei allen kritischen Diensten wichtig, die Verwaltung der Objekte ¨
uber die
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.4.1 Kommunikation 79
beteiligten Knoten zu verteilen. Bis auf einige wenige Ausnahmen wird dieser grund-
legende Dienst auf nahezu allen Knoten laufen m¨
ussen, um die Offline-Verf¨
ugbarkeit
der Kooperationsumgebung zu garantieren. Dabei gilt es, sowohl den Dienst als auch
die von ihm verwalteten Objekte nach einem Muster zu verteilen, so dass eine opti-
male Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte unter Ber¨
ucksichtigung der Netzwerk-
und Speicherressourcen der beteiligten Knoten gew¨
ahrleistet ist.
Distribution Um eine Verteilung der Objekte in der Kooperationsumgebung zu
erm¨
oglichen, m¨
ussen Objekte zwischen den Ger¨
aten der Kooperationspartner mi-
grieren k¨
onnen (Szenario 1.2). Damit das Objekt nach der Migration auf dem Ziel-
knoten denselben Zustand aufweist, den es auf dem Ursprungsknoten hatte, m¨
ussen
alle Eigenschaften des Objekts erhalten bleiben. Im Fall einer redundanten Speiche-
rung der Objekte innerhalb der Kooperationsumgebung, kann die Replikation der
Objekte als eine Migration ohne ein L¨
oschen des Objektes vom Ursprungsknoten be-
trachtet werden. Wichtig bei einer Replikation ist zus¨
atzlich, dass die Repliken des
Objektes miteinander gekoppelt bleiben und ¨
Anderungen an dem Objekt zwischen
diesen synchronisiert werden (siehe Abschnitt 3.3.3).
F¨
ur die effiziente Verbreitung von Objekten in verteilten Kooperationsumgebun-
gen, kann eine epidemische Distributionsstrategie gew¨
ahlt werden (Szenario 1.2). Ein
solches Distributionsmuster bezieht oft auch unbeteiligte Knoten ein, die nicht zu
den eigentlichen Zielknoten geh¨
oren. Sie speichern das Objekt zwischen und liefern
es bei Gelegenheit an die eigentlichen Zielknoten aus. Erreicht ein Objekt die Emp-
f¨
anger nicht, muss es nach festen Kriterien verworfen werden k¨
onnen, da es sonst
die zwischenspeichernden Knoten langfristig belastet.
Bei einer dokumentenzentrierten Zusammenarbeit in virtuellen Wissensr¨
aumen
nutzt eine Kollaborationsgruppe stets einen festen gemeinsamen Arbeitsbereich f¨
ur
die Strukturierung ihrer Kooperationsobjekte. Die verteilte Speicherung dieses ge-
meinsamen Arbeitsbereiches in mobil-spontanen Kooperationsszenarien f¨
uhrt schnell
zu Problemen bei der Persistenz der Kollaborationsergebnisse. Trotz der Kurzlebig-
keit der Gruppenstrukturen in spontanen Kollaborationen darf sich der gemeinsame
Arbeitsbereich mit den Kooperationsergebnissen nicht einfach aufl¨
osen sobald sich
die Gruppe aufl¨
ost. Die in einer spontanen Kollaboration entstandenen Dokumente
m¨
ussen also persistent bleiben, damit auf die Kooperationsergebnisse sp¨
ater noch
einmal zur¨
uckgegriffen werden kann (Szenario 2.7).
Da sich die spontan entstandenen Kollaborationsgruppen nicht zwangsl¨
aufig in der
selben Konstellation wieder zusammenfinden oder die an der Kollaborationssitzung
beteiligten Benutzer die Ergebnisse eventuell individuell weiterbearbeiten wollen,
m¨
ussen die betroffenen Objekte auf die pers¨
onlichen Ger¨
ate aller Beteiligten separat
gespeichert werden (Szenario 2.6).
Eine weitere M¨
oglichkeit zur Erh¨
ohung der Verf¨
ugbarkeit der verteilt bearbeite-
ten Kooperationsobjekte ist die zus¨
atzliche Speicherung auf einem zentralen CSCW-
Server. Dieser bildet eine verl¨
assliche Instanz in der verteilten Umgebung, die eine
h¨
ohere Verf¨
ugbarkeit verspricht als mobile Knoten. Allerdings darf dieses Vorge-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
80 3.4 Neue Rahmenbedingungen
hen nicht zu einer erneuten Abh¨
angigkeit von zentralen Diensten f¨
uhren. Die Daten
sind daher w¨
ahrend des Kooperationsprozesses weiterhin redundant auf den mobi-
len Ger¨
aten vorzuhalten. Die M¨
oglichkeit einer derartigen Integration von zentralen
CSCW-Servern erlaubt zudem eine nahtlose Verkn¨
upfung verteilter und zentralisier-
ter Kooperationsumgebungen (Szenario 4.2).
Konsistenz Da die Kooperationsobjekte in dem Kooperationsnetzwerk unter Um-
st¨
anden auf mehrere Knoten repliziert werden, ist ein ¨
Uberwachen konkurrierender
Zugriffe auf die Objekte unerl¨
asslich, um deren Konsistenz zu wahren (Szenario 1.6).
Aufgrund der Tatsache, dass die Instanzen der Kooperationsumgebung in mobil-
verteilten Szenarien nicht st¨
andig vernetzt sind, k¨
onnen konkurrierende Zugriffe auf
ein Objekt eventuell erst zeitlich verz¨
ogert festgestellt werden. Bei der n¨
achsten Kon-
taktaufnahme der beteiligten Knoten m¨
ussen demnach die replizierten Instanzen
eines Objektes auf einen Konflikt ¨
uberpr¨
uft werden. Diese Problematik des konkur-
rierenden Zugriffs auf schwach gekoppelten Kooperationsobjekte aufgrund der nur
sporadisch verf¨
ugbaren Vernetzung, widmet sich eingehend der Abschnitt 3.3.3.
3.4.2 Koordination
Neben der technischen Unterst¨
utzung der Kommunikation ist die der Koordinati-
on der Teilnehmer in einem mobilen Nutzungsumfeld wichtiges Kriterium f¨
ur eine
gezielte Zusammenarbeit. Zu den Koordinationsmechanismen geh¨
oren insbesondere
Werkzeuge zur Abstimmung und Organisation der Kollaboration. Diese sind insofern
im mobilen Nutzungsumfeld wichtig als das den Benutzern, die eine mobil-verteilte
Kooperationsumgebung selbst verwalten m¨
ussen, eine Hilfestellung durch Dritte oft
nicht zur Verf¨
ugung steht.
Die Nutzung der mobil-verteilten Kooperationsumgebung findet im Gegensatz zu
klassischen CSCW-Systemen zumeist am selben Ort und zur gleichen Zeit statt. Die
Unterst¨
utzung einer einfachen Methode f¨
ur die Terminbestimmung von Pr¨
asenztref-
fen, wie in Szenario 1.4 dargestellt, geh¨
ort daher zu den zentralen Anforderungen
an mobilit¨
atsunterst¨
utzende Kooperationssysteme. Eine Einbettung dieser Abstim-
mungsmechanismen in die Kooperationsumgebung erlaubt dabei einen Bezug auf
bereits existierende Nutzerstrukturen und hilft Medienbr¨
uche durch ein Verlassen
der Arbeitsumgebung zu vermeiden. Dazu m¨
ussen die Koordinationsmechanismen
entlang des konzeptionellen Designs der Kooperationsumgebung implementiert wer-
den. Beispiele sind diesbez¨
uglich Gruppenkalender f¨
ur die Koordinierung der Zusam-
menarbeit in der Gruppe wie auch Pers¨
onliche Kalender f¨
ur individuelle Planungs-
prozesse in derselben Umgebung (Szenario 1.4). Der Zugriff auf die Gruppenkalender
muss an die Rechteverwaltung gekoppelt und auch im unverbundenen Fall gew¨
ahr-
leistet sein. Wegen der sporadischen Vernetzung der Kooperationsteilnehmer m¨
ussen
die Termine zwischen den Teilnehmern als Gruppennachrichten zwischen den diesen
epidemisch verteilt werden (Szenario 1.4). Dies garantiert eine schnelle Verteilung
der Termine an alle Teilnehmer (vgl. Abschnitt 3.4.1).
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.4.2 Koordination 81
Neben der Terminabsprache f¨
ur geplante Kooperationssitzungen muss die Ver-
waltung der Gruppenstruktur an die Besonderheiten mobil-spontaner Kollaboration
angepasst sein. Im Folgenden werden gezielt Mechanismen besprochen, die f¨
ur die
Mobilit¨
at der Nutzer von essentieller Bedeutung sind. Generelle Aspekte der Grup-
penverwaltung, wie sie auch in zentralisierten CSCW-Systemen zu finden sind, sollen
in diesen Zusammenhang dabei nicht behandelt werden.
Koordination Rollen und Rechte
Gruppenstrukturen bilden stets die Berechtigungen der Mitglieder an die der Gruppe
geh¨
orenden Ressourcen ab. Daher ist die Gruppenstruktur eng mit den Berechtigun-
gen der Benutzer innerhalb der Kooperationsumgebung verkn¨
upft. W¨
ahrend in den
meisten F¨
allen eine gruppenbasierte Verwaltung von Berechtigungen bez¨
uglich der
Kooperationsobjekte ausreichen mag, m¨
ussen die Berechtigungsmechanismen auch
komplizierte Berechtigungsstrukturen abbilden k¨
onnen. Dies erm¨
oglicht den Benut-
zern die Gestaltung einer an ihre Bed¨
urfnisse angepassten Arbeitsumgebung. Eine
granulare Rechteverwaltung (Szenario 1.3, Szenario 4.1) ist daher unabdingbar f¨
ur
eine flexible und universelle Nutzung der Kooperationsumgebung, die sich den Be-
d¨
urfnissen der Benutzer anpasst.
Da die Kollaboration in mobil-verteilten Kooperationsumgebungen zuweilen in
einzelne Pr¨
asenzsitzungen aufgeteilt abl¨
auft, sollten auch Berechtigungen zeitlich an
die Dauer einer Sitzung gebunden werden k¨
onnen. Als Beispiel sei hier die Gastrolle
genannt (vgl. Abschnitt 3.3.2). Die Gastrolle ist gerade in spontanen Kooperations-
szenarien eine wichtige Voraussetzung f¨
ur eine einfache Einbindung externer Koope-
rationspartner, die nicht Teil der normalen Kooperationsgruppe sind (Szenario 1.7,
Szenario 1.8). Aus diesem Grund m¨
ussen die Mechanismen f¨
ur eine einfache Handha-
bung der Gastrolle bereits in die Grundkonzeption des Rechtesystems eingebunden
sein. Eine Ber¨
ucksichtigung der Rollen der Kooperationsmitglieder (von denen ein
Kooperationsmitglied mehrere gleichzeitig haben kann einige davon eventuell zeit-
lich begrenzt) sollte neben einem benutzer- und gruppenzentrierten Rechtesystem
m¨
oglich sein (Szenario 4.2).
Die Zugriffskontrolle stellt eine verteilte Architektur vor besondere Herausforde-
rungen. Die Basismechanismen der mobil-verteilten Kooperationsumgebung m¨
us-
sen einen Zugriffsschutz auch ohne zentrale Sicherheitsinstanz gew¨
ahrleisten k¨
onnen
(Szenario 4.4). Besonders bei einer Verteilung der Objekte ¨
uber die Ger¨
ate aller be-
teiligten Benutzer ist sicherzustellen, dass die Objekte vor dem Zugriff durch nicht
autorisierte Benutzer gesch¨
utzt sind, auch wenn sie zeitweise z. B. in Folge einer
epidemischen Verbreitung (vgl. Abschnitt 3.4.1) auf deren Ger¨
aten gespeichert
werden (Szenario 1.2). Weil die Benutzer die Software der Kollaborationsanwen-
dung auf ihrem eigenen Ger¨
at manipulieren k¨
onnten, muss der Zugriffsschutz an
dem Objekt selber verankert sein und darf nicht von Zugriffskontrollmechanismen
der Anwendung abh¨
angen. Dies kann nur durch eine geeignete Verschl¨
usselung der
Kooperationsobjekte geschehen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
82 3.4 Neue Rahmenbedingungen
Objekte k¨
onnen innerhalb der Kooperationsumgebung auch Ger¨
ate von fremden
Benutzern durchlaufen, daher ist die Sichtbarkeit der Objekte f¨
ur die Benutzer ab-
h¨
angig von dem Adressatenkreis zu gestalten. Dabei ist es m¨
oglich, dass der Kreis
der Adressaten zum Zeitpunkt der Versendung des Objektes noch nicht bekannt
ist und nur anhand eines Benutzerprofils benannt werden kann. Dies trifft z. B. bei
Rundschreiben wie Einladungen zu einer Kooperationssitzung zu. Die Sichtbarkeit
von Kooperationsobjekten muss deshalb auch in Abh¨
angigkeit von Benutzerprofilen
definiert werden k¨
onnen (Szenario 1.2).
Da sich Gruppenstrukturen in mobilen Kooperationssystemen durch eine hohe
Dynamik auszeichnen, ben¨
otigen die Initiatoren einer Kooperation effiziente Werk-
zeuge f¨
ur die Gruppenverwaltung. Um ein unkontrolliertes Wachstum der Gruppen
zu verhindern und daraus resultierende un¨
ubersichtliche Gruppenstrukturen zu ver-
meiden, m¨
ussen Kooperationsgruppen in ihrer Gr¨
oße beschr¨
ankt werden k¨
onnen.
Wartelisten erm¨
oglichen hier ein Nachr¨
ucken von neuen Kooperationspartnern, wenn
ein Gruppenmitglied wie in Szenario 1.7 die Kollaboration verl¨
asst. Die Gruppenad-
ministratoren m¨
ussen die M¨
oglichkeit besitzen, diese Wartelisten zu verwalten, um
den Prozess der Aufnahme neuer Benutzer in die Gruppe beeinflussen zu k¨
onnen.
F¨
ur eine flexible Erweiterung der Kooperationsgruppe ist in mobil-spontanen
Kollaborationsszenarien die Gastbenutzer-Rolle ein unverzichtbares Hilfsmittel. Sie
erlaubt Kooperationspartnern eine tempor¨
are Teilnahme an der Kollaborationssit-
zung, ohne diese gleich als vollwertiges Mitglied der Gruppe verwalten zu m¨
ussen
(Szenario 1.7, Szenario 1.8). Die Rolle des Gastbenutzers ist f¨
ur den Zeitraum der
aktuellen Kollaborationssitzung g¨
ultig und mit Einschr¨
ankungen bez¨
uglich der Zu-
griffsrechte auf die Objekte der Gruppe verbunden. In manchen Kooperationsszena-
rien ist es sinnvoll unterschiedliche Gastrollen vergeben zu k¨
onnen, wie z. B. Berater
oder Beobachter. Dazu muss die Gastrolle durch die Gruppenadministratoren frei
konfigurierbar sein und diese Konfiguration als Voreinstellung f¨
ur eine bestimmte
Gastrolle hinterlegt werden k¨
onnen.
F¨
ur die Verwaltung von Kooperationsgruppen in einer dynamisch vernetzten Ko-
operationsumgebung ist die netzweite Bekanntgabe einer Gruppe nach deren Gr¨
un-
dung eine wichtige Funktion, um potentielle Kooperationspartner auf die Gruppe
aufmerksam zu machen (Szenario 1.2). In mobil-verteilten Kooperationsumgebun-
gen fehlt zumeist ein zentrales Verzeichnis der verf¨
ugbaren Kooperationsgruppen, in
dem Kooperationswillige nachschlagen k¨
onnten. Eintr¨
age in einem solchen zentralen
Verzeichnis sind aufgrund der Dynamik der Gruppenstrukturen oft veraltet eine
spontan gegr¨
undete Kooperationsgruppe existiert bereits nicht mehr oder es kann
keine Netzwerkverbindung mehr zu den Gruppenmitgliedern aufgebaut werden. Alle
Teilnehmer der Kooperationsumgebung m¨
ussen daher mittels geeigneter dezentraler
Dienste fortw¨
ahrend ¨
uber die verf¨
ugbaren Kollaborationsgruppen in ihrer Umgebung
informiert werden.
Mobil-spontane Kooperationen werden oftmals aus dem Kontext eines informellen
Zusammentreffens heraus ins Leben gerufen. Erst im Anschluss werden sie bei Be-
darf in l¨
angerfristige und formelle Kooperationsformen ¨
uberf¨
uhrt. Somit ist die M¨
og-
lichkeit zur Integration spontan etablierter Gruppen in langfristige und organisierte
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
3.4.3 Kooperation 83
Gruppenstrukturen unverzichtbar (Szenario 2.7). Diese nachtr¨
agliche Integration er-
laubt es den Benutzern aus der spontanen Kollaboration heraus, erst nachtr¨
aglich
eine Entscheidung ¨
uber deren Organisationsform (kurzfristig, spontan oder langfris-
tig, organisiert) zu treffen. Die im Nachhinein gew¨
ahlte Gruppenstruktur muss somit
nicht der Struktur entsprechen, welche die Gruppe zu Beginn der Kollaboration auf-
wies.
Soll die Verf¨
ugbarkeit der Ressourcen einer Gruppe erh¨
oht werden, die in der
mobil-spontanen Kooperationsumgebung gegr¨
undet wurde, ist es sinnvoll, Teile der
mobil-verteilten Gruppenstruktur mit der eines zentralisierten CSCW-Systems zu
synchronisieren (Szenario 4.4). Dieses Vorgehen erlaubt den Nutzern der zentrali-
sierten CSCW-Umgebung außerdem, ihre zentral verwalteten Kooperationsgruppen
auch im mobilen Umfeld benutzen zu k¨
onnen. Eine solche M¨
oglichkeit verhindert
zudem einen Bruch bei der Nutzung einer mobil-verteilten und einer institutionellen
zentralisierten CSCW-Umgebung (vgl. Abschnitt 3.3.3).
3.4.3 Kooperation
Um kollaborative Prozesse in allen Facetten unterst¨
utzen zu k¨
onnen, muss die mobil-
verteilte Kooperationsumgebung technische Mechanismen f¨
ur die Gestaltung der
Kooperation bereitstellen. Kooperationsmechanismen bieten eine Unterst¨
utzung der
organisierten Zusammenarbeit, die ¨
uber die reine Koordination der Gruppe hin-
ausgeht. Sie regeln die Nutzung der gemeinsamen Ressourcen und helfen bei deren
Strukturierung. Da die Benutzer in einer mobil-verteilten Kollaborationssituation oft
autonom von bestehenden Infrastrukturen agieren, muss die Kollaboration selbstor-
ganisiert ablaufen. Neben der Verwaltung der Kooperation stellen sich aber aufgrund
des spontanen und verteilten Charakters der Kooperationsumgebung zus¨
atzlich An-
forderungen an das zugrunde liegende Objektmodell. Im Folgenden werden zun¨
achst
die Anforderungen an die Zugriffsmechanismen Gruppenverwaltung,Berechtigungen
und Zugriffsschutz vorgestellt. Daran ankn¨
upfend, werden die Anforderungen an das
Objektmodell mit Personalisierung und Objektbehandlung betrachtet.
Gruppen Schon im Abschnitt Koordination (3.4.2) wurde die Gruppenverwal-
tung als Mittel zur Koordinierung der Kollaborationspartner behandelt. In diesem
Abschnitt wird dar¨
uber hinausgehend die Bedeutung der Gruppenstruktur f¨
ur die
gezielte dokumentenzentrierte Arbeit betrachtet. Grundlage der Organisation einer
Kooperation ist die Schaffung einer Gruppenstruktur, ¨
uber die potentielle Partner
in die Kooperation eingebunden oder von ihr ausgeschlossen werden k¨
onnen. Diese
Gruppenstruktur muss den Anforderungen seitens der Mobilit¨
at der Kollaborati-
onspartner gen¨
ugen und auch komplexe Kooperationsstrukturen abbilden k¨
onnen
(vgl. Szenario 4.1). Das Gruppenkonzept muss sich dabei durch alle Bereiche der
mobil-verteilten Kooperationsumgebung ziehen und wie die Kooperationsobjekte
auch auf allen beteiligten Knoten durchgehend und konsistent verf¨
ugbar sein (vgl.
Abschnitt 3.3.3).
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
84 3.4 Neue Rahmenbedingungen
Die Gruppen in einer mobil-verteilten Kooperationsumgebung m¨
ussen Mechanis-
men zum Schutz ihrer Ressourcen vor dem Zugriff Dritter besitzen. Diese Anforde-
rung ist umso wichtiger, da es keine ¨
ubergeordnete Instanz gibt (z. B. ein abgeschot-
tetes Serversystem), welche die Ressourcen einer Gruppe nach außen sch¨
utzt. Diese
Abgeschlossenheit der Gruppe nach außen ist ein wichtiger Aspekt f¨
ur das Vertrauen
der Benutzer in die Kooperationsumgebung (Szenario 2.2). Die zugrunde liegenden
Zugriffsmechanismen sind dabei an die Bed¨
urfnisse der gruppenbasierten Arbeit an-
zupassen und sollten eine Kooperation der Gruppenmitglieder untereinander nicht
behindern.
Die Unterst¨
utzung der Kooperationsprozesse in der Gruppe muss auch in die
strukturelle Konzeption der Kooperationsumgebung einfließen. Den Mitgliedern ei-
ner Gruppe muss ein gemeinsamer Arbeitsbereich zur Verf¨
ugung stehen, in dem die
Gruppe ihre gemeinsamen Objekte verwalten kann (Szenario 1.3). Die Zugriffsbe-
rechtigungen f¨
ur diesen Arbeitsbereich sind an die Struktur der Gruppe zu koppeln.
Um jedem Gruppenmitglied auch parallel ein individuelles Arbeiten zu erm¨
oglichen,
ben¨
otigt jeder Benutzer zus¨
atzlich einen eigenen pers¨
onlichen Arbeitsbereich. Dieser
muss sich in derselben Kooperationsumgebung wie der Arbeitsbereich der Gruppe
befinden, um einen nahtlosen Wechsel vom individuellen zum kooperativen Arbeiten
und um einen einfachen Transfer von Objekten von dem einen Arbeitsbereich in den
anderen zu erlauben (vgl. Szenario 1.5).
Objektbehandlung ¨
Ahnlich wie beim Zugriffsschutz muss die Verwaltung der
Kooperationsobjekte auf die verteilte Objektspeicherung ausgelegt werden. Beson-
ders die hohe Wahrscheinlichkeit kollidierender Objektversionen, bei deren verteil-
ten und redundanten Speicherung, pr¨
agt den Umgang mit Objekten innerhalb der
Kooperationsumgebung. So m¨
ussen die ¨
uber die Kooperationsumgebung verteilten
Repliken eines Objektes miteinander verkn¨
upft bleiben, um konkurrierende ¨
Ande-
rungen anderer Benutzer nachvollziehen zu k¨
onnen. Aus zwei Kopien eines Objektes,
die auf unterschiedlichen Knoten des Kooperationsnetzwerkes gespeichert sind und
dort konkurrierend bearbeitet werden, d¨
urfen nicht aufgrund der unterschiedlichen
¨
Anderungen zwei separater Objekte resultieren es sei denn, dies ist ausdr¨
ucklicher
Wunsch der Benutzer.
Um die Konsistenz von abweichenden Objektkopien wiederherstellen zu k¨
onnen,
m¨
ussen die Benutzer von den Differenzen zwischen abweichenden Versionen sobald
wie m¨
oglich in Kenntnis gesetzt werden. Im Idealfall geschieht dies durch eine syn-
chronisierte Sicht auf die gemeinsam genutzten Objekte. In diesem Fall werden die
Kopien bei jeder ¨
Anderung untereinander abgeglichen. Die Benutzer erfahren so
zeitnah von ¨
Anderungen seitens ihrer Kooperationspartner (vgl. Abschnitt 3.3.3).
Leider ist diese starke Synchronisation der Objektkopien im Fall hoher Latenzen
bei der Netzwerkkommunikation oder bei Verbindungsabbruch nicht l¨
anger m¨
oglich.
Die technische Unterst¨
utzung der Kooperation muss daher zus¨
atzliche Mechanismen
zur Verf¨
ugung stellen, welche die Verkn¨
upfung der verteilten Objektkopien auch bei
schwacher Synchronisation gew¨
ahrleisten kann und Differenzen zwischen den Repli-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
85
ken zeitnah aufdecken kann (Szenario 1.5). Werden derartige Differenzen zwischen
Objektkopien aufgedeckt, ist ein kooperativer Bewertungsprozess als Kernmechanis-
mus der Synchronisation durch die Objektverwaltung zu unterst¨
utzen (Szenario 2.4,
Szenario 2.5).
Um die Flexibilit¨
at der Kooperationsumgebung f¨
ur unterschiedlichste Einsatzge-
biete zu erh¨
ohen, sollte die Ausgestaltung der Objekte noch weitere Eigenschaften
erf¨
ullen. Eine Erweiterung der Objekte um aktive Elemente erlaubt z. B. bei Be-
darf Arbeitsprozesse (engl. Workflows) abzubilden (Szenario 1.2, Szenario 4.4). Man
spricht in diesem Zusammenhang auch von aktiven Objekten.
¨
Ahnlich wie die aktiven Objekte erh¨
ohen auch personalisierte Objekte die Flexibili-
t¨
at der Kooperationsumgebung bzgl. der m¨
oglichen Nutzungsszenarien. Bei der Per-
sionalisierung von Objekten werden Eigenschaften des Objekts an einen bestimmten
Benutzer oder eine Benutzergruppe angepasst. Dies kann aufgrund der Vorlieben der
Benutzer oder aufgrund der Realisierung einer bestimmten Form der Kooperation
geschehen (Szenario 4.4).
3.5 Zusammenfassung
Die Nutzung von Kooperationsumgebungen in mobilen Nutzungsszenarien ist ge-
kennzeichnet von dem spontanen und nebenl¨
aufigen Charakter der Kooperation.
Anders als in klassischen Kooperationsszenarien sind deren mobil-spontanen Aus-
pr¨
agungen selten geplant und in ihrer Konstellation von Sitzung zu Sitzung va-
riabel (z. B. ¨
Ortlichkeit, technisches Umfeld, personelle Zusammensetzung). Dieser
spontan-dynamische und nebenl¨
aufige Charakter ist es, der die Kooperation zu ei-
ner in den Tagesablauf integrierten Kollaboration transformiert. Diese Kollaboration
findet in unterschiedlichen Alltagskontexten statt und bedarf spezieller Hilfsmittel,
um sie in eine st¨
arker koordinierte Form zu bringen.
Betrachtet man die Anforderungen an eine mobil-verteilte Kooperationsumge-
bung, die auf eine Unterst¨
utzung derartig spontan-dynamischer Zusammenarbeit
zielt, zeigen sich neben den speziellen Anforderungen an die grundlegende Unter-
st¨
utzung von Kommunikation,Koordination und Kooperation, die Anforderungen
der Vernetzung und Sichtbarkeit, der Kontextualisierung und der Konsistenz und Re-
versibil¨
at, die den neuen Qualit¨
aten mobil-spontaner Kooperationsformen geschuldet
sind. W¨
ahrend erstere auch in klassischen Kooperationsumgebungen von zentraler
Bedeutung sind und den Verh¨
altnissen einer mobil-verteilten Umgebung angepasst
seien m¨
ussen, folgen letztere aus dem mobil-spontanen Charakter des neuartigen
Nutzungsumfeldes.
Da die Objekte der Kooperationsumgebung verteilt und unter Umst¨
anden redun-
dant auf den Knoten des Netzwerkverbundes gespeichert sind und die Knoten den
allt¨
aglichen Bewegungen der Benutzer folgen, ist die Wahrung der Konsistenz die
zentrale Herausforderung an die neuartigen mobil-verteilten Kollaborationssysteme.
Weiterhin sind Kollaborationssitzungen ohne zentrale Dienste, wie z. B. Verzeich-
nisserver ¨
uber die verf¨
ugbaren Sitzungen und Gruppen, zu etablieren. Dies stellt
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
86 3.5 Zusammenfassung
Herausforderungen sowohl an die technische Vernetzung als auch an die soziale Ver-
kn¨
upfung der verf¨
ugbaren Kollaborationspartner. Stets gilt es dabei, die Komplexi-
t¨
at der Konfiguration der Kooperationsumgebung vor dem Benutzer zu verstecken
und diese soweit wie m¨
oglich automatisch im Hintergrund erfolgen zu lassen. Der
Kontext der Benutzer spielt in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle und wird in mo-
bilen Nutzungsszenarien zu einer unverzichtbaren Komponente.
Im folgenden Kapitel werden Systeme und L¨
osungen betrachtet, die wesentliche
Komponenten f¨
ur die Bew¨
altigung dieser Herausforderungen darstellen. Dabei han-
delt es sich sowohl um Basistechnologien als auch um kooperationsst¨
utzende Sys-
teme mit Blick auf mobile Teilnehmer. Am Ende des Kapitels wird basierend auf
diesen L¨
osungen ein Entwurfsmuster f¨
ur mobil-verteilte Kooperationsumgebungen
skizziert.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4 L¨
osungsans¨
atze f¨
ur eine technische
Umsetzung
Die Schaffung mobiler Kooperationsumgebungen beinhaltet Aspekte verschiedener
Forschungsfelder der Informatik (vgl. Abbildung 4.1). Wie in [Eßmann und Hampel,
2003b] vorgestellt, sind diese im Wesentlichen in vier Bereiche zu unterteilen: Hard-
warel¨
osungen, Netzwerkprotokolle, Architekturkonzepte und Benutzerschnittstellen.
Als Grundlage f¨
ur eine Kooperation in mobilen Nutzungsszenarien bedarf es zu-
n¨
achst portabler Ger¨
ate, die Benutzer in ihren Alltagssituationen begleiten, ohne
sie in ihrer Mobilit¨
at zu behindern oder zu st¨
oren. Die immer steigende Verbreitung
von so genannten Smartphones einer Mischung aus Mobiltelefon und PDA zeigt,
dass inzwischen Hardwarel¨
osungen existieren, die diese Bedingungen einer hohen
Portabilit¨
at bei ausreichender Rechenleistung erf¨
ullen.
Um dem Benutzer ein intuitiven Umgang mit der Kooperationsumgebung zu bie-
ten, m¨
ussen Benutzungsschnittstellen geschaffen werden, die auf derartig kleine trag-
bare Ger¨
ate zugeschnitten sind oder gut f¨
ur diese skalieren. Wichtiger Aspekt ist
somit eine gute Anpassung der Darstellung sowie des Funktionsumfangs an die F¨
a-
higkeiten des benutzten Ger¨
ates. Um die Eignung derartig kleiner Displays f¨
ur die
Darstellung virtueller Wissensr¨
aume zu ermitteln, wurden eigens Prototypen entwi-
ckelt, die die M¨
oglichkeiten eines dokumentenzentierten Arbeiten auf stiftbasierten
Ger¨
aten mit kleinem Display ausloten [Eßmann und Hampel, 2003a, b]. Die positi-
ven Ergebnisse aus der Nutzung der Prototypen lassen den Schluss zu, dass derartige
Kleinger¨
ate durchaus f¨
ur eine Kooperation innerhalb virtueller Wissensr¨
aume geeig-
net sind. Es zeigte sich aber, dass Problemstellungen der mobilen Kooperation aus
dem Spannungsfeld der Technologien zur Bereitstellung einer nahtlosen Verf¨
ugbar-
keit des Kooperationsdienstes verwurzelt sind.
Zun¨
achst einmal m¨
ussen mobile Ger¨
ate Netzwerkschnittstellen bieten, die eine
Vernetzung mit den Ger¨
aten der Kooperationspartner erlauben. Im Fokus der Be-
trachtung entsprechender Technologien steht die Unabh¨
angigkeit von zentral bereit-
gestellten Netzwerkinfrastrukturen, da bereits etablierte Infrastrukturen in vielen
Nutzungssituationen nicht verf¨
ugbar und zudem h¨
aufig zu kostenintensiv sind.
Diese Faktoren stellen zweifelsohne Hemmnisse f¨
ur eine durchg¨
angige Nutzung mo-
biler Kooperationsumgebungen dar. Soll eine Kooperationsumgebung vom Benutzer
angenommen werden, muss deren Benutzung kostenneutral zu alternativen Koope-
rationswerkzeugen sein, da die Kooperationspartner sonst auf diese Alternativen
ausweichen. Dieses Ausweichen kann zu Medienbr¨
uchen f¨
uhren, die eine R¨
uckkehr
in die Kooperationsumgebung bei erneuter Verf¨
ugbarkeit erschweren. Um derartige
Nutzungshemmnisse zu vermeiden, ist es wichtig, die genutzten Netzwerkprotokolle
87
88 4.1 Knotenaufbau Microkernel
Kommunikationsschichten, physikalische Netzwerke
mobile Ad-Hoc-Netzwerke, Mobile IP, etc.
verteilte Objektverwaltung
Peer-to-Peer, Overlay-Netzwerke, Distributed Hashtables (DHT), etc.
Middleware, Kontrolle
Persistenz, Ereigniskontrolle, Kontext, etc.
CSCW
mobile Wissensstrukturierung, virtuelle Wissensräume, etc.
mobil-verteilte
Wissensräume
Abbildung 4.1: In die Schaffung mobil-verteilter Wissensr¨
aume involvierte For-
schungsbereiche
so zu w¨
ahlen, dass zum einen eine Unabh¨
angigkeit von existierenden Netzwerkinfra-
strukturen besteht und zum anderen deren Vorteile einer weitr¨
aumigen und zuver-
l¨
assiger Vernetzung durch ¨
Uberg¨
ange genutzt werden kann. Die Netzwerkprotokolle
bilden somit eine Schl¨
usseltechnologie f¨
ur die mobile Kooperationsumgebung und
werden in Abschnitt 4.2.1 genauer untersucht.
Wie bereits angedeutet, setzt die Kooperationsumgebung auf diese Netzwerkstruk-
turen auf. Sie muss dabei den Besonderheiten der Netzwerkinfrastruktur angepasst
sein. Dies betrifft sowohl die Toleranz gegen Verbindungsabbr¨
uche in einem sehr
dynamischen Netzwerk als auch die Nutzung bereits existierender Strukturen in
sporadisch verf¨
ugbaren klassischen Netzwerken. Es bedarf eines Entwurfsmusters
f¨
ur eine Architektur, die derartiger Rahmenbedingungen gewachsen ist und die n¨
o-
tige Flexibilit¨
at f¨
ur das heterogene Nutzungsumfeld aufweist. Die Entwicklung eines
solchen Entwurfsmusters bildet den Kern dieses Kapitels. Ausgehend von mobili-
t¨
atsunterst¨
utzenden Protokollen werden die technischen L¨
osungsans¨
atze anhand der
in Kapitel 3 ermittelten Anforderungen bewertet.
Die drei Kernfelder Vernetzung,Kontext und Konsistenz werden in diesem Kapitel
gem¨
den Anforderungen der Handlungsebene in technische Rahmenbedingungen
der Umsetzungsebene betrachtet (vgl. Abbildung 4.2). In einem ersten Schritt wird
im Folgenden der Aufbau des einzelnen Knoten im mobilit¨
atsfreundlichen Koopera-
tionsnetzwerk betrachtet.
4.1 Knotenaufbau Microkernel
Der dynamische technische Kontext, in dem sich mobil-verteilte Kooperationsan-
wendungen einbetten verlangt, ein hohes Maß an Anpassungsverm¨
ogen. Der Zwang
zur Anpassung und Weiterentwicklung entsteht sowohl aus kurzfristigen ¨
Anderungen
der Netzwerk- und Dienstekonstellationen infolge der hohen Mobilit¨
at der Koope-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
89
HandlungsebeneUmsetzungsebene
Location Awareness,
automatische Konfiguration
verteilte Persistenzebene,
Distribution und Replikation
Ad-Hoc-Netzwerke für mobile Knoten,
Diensteerkennung,
gleichberechtigte Knoten (Peer-to-Peer)
Lokalität in der Gruppenbildung,
kontextuelle Rechte
medienbruchfreie Zusammenarbeit im
mobil-verteilten Wissensraum
spontane Vernetzung
mobiler Kooperationspartner
Kontext
Konsistenz
Vernetzung
Kontext
Konsistenz
Vernetzung
Abbildung 4.2: Der mobil-verteilte Wissensraum aus Perspektive von Handlungs-
ebene und Umsetzungsebene
rationsknoten und der Nutzungsvorlieben der Benutzer als auch aus langfristigen
Trends im Bereich der gew¨
ahlten technischen L¨
osungsans¨
atze.
Die Architektur der Anwendung muss dieser Dynamik mit einem hohen Maß an
Flexibilit¨
at gewachsen sein. Im Fall der Mobilit¨
at der Netzwerkknoten bedeutet dies,
auf ¨
Anderungen im Netzwerkumfeld flexibel zu reagieren, verf¨
ugbare Dienste zur
Laufzeit einzubinden und fehlende Dienste bei Bedarf zu ersetzen. Bei den wechseln-
den Nutzungsvorlieben der Benutzer muss sich die Anwendung durch einen hohes
Grad an Konfigurierbarkeit an diese anpassen lassen. Des Weiteren m¨
ussen tech-
nische Neuerungen leicht in die Anwendung eingepflegt und veraltete funktionale
Bestandteile ersetzt werden k¨
onnen.
Die im Bereich der klassischen zentralisierten CSCW-Systeme eingesetzten mono-
lithischen Systemarchitekturen erschweren eine Anpassung an neue Nutzungskon-
stellationen durch starke Abh¨
angigkeiten zwischen den funktionalen Bestandteilen.
Oftmals ziehen sich die von den Systemen bereitgestellten Funktionen quer durch die
gesamte Architektur des monolithischen Systems. ¨
Anderungen an Bestandteilen des
Systems ziehen so aufgrund der Abh¨
angigkeiten oft weitere ¨
Anderungen quer durch
die Architektur des Systems nach sich. Auch Anpassungen der Konfiguration k¨
onnen
h¨
aufig erst nach einem Neustart des Systems wirksam werden, da die funktionalen
Abh¨
angigkeiten eine Ver¨
anderung der Funktionsweise einzelner Bestandteile nicht
zul¨
asst, ohne die innere Konsistenz des Systems zu gef¨
ahrden.
Um derartig miteinander verwobene Architekturen zu verhindern, zerlegt das Ent-
wurfmuster des Microkernel [Buschmann et al., 1996] ein Gesamtsystem in vonein-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
90 4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit
ander getrennte und in sich gekapselte Funktionseinheiten, die ¨
uber wohldefinierte
Schnittstellen miteinander kommunizieren. Zentrales und einzig unverzichtbares Ele-
ment einer solchen Architektur ist der Microkernel selbst. Dabei verf¨
ugt dieser ¨
uber
eine minimale Funktionalit¨
at und zeichnet sich lediglich f¨
ur das Laden und Ent-
fernen der Module verantwortlich. Abh¨
angigkeiten zwischen Modulen erkennt der
Microkernel in der Regel automatisch und l¨
adt die entsprechenden Module bei Be-
darf nach. S¨
amtliches Verhalten des Microkernel-Systems entspringt den Funktionen
der verkn¨
upften Module.
Das Entwurfsmuster des Microkernel wurde urspr¨
unglich im Bereich der Betriebs-
systeme eingesetzt [Rashid et al., 1989], findet sich inzwischen aber auch in Rah-
menarchitekturen f¨
ur die Softwareentwicklung wieder. Prominente Vertreter sind
hier das Plugin-Konzept des Eclipse-Framework [Gamma und Beck, 2003], JBOSS
mit dem JBossMicrokernel1und Hivemind2aus dem Jarkarta Projekt der Apache
Foundation.
Microkernel werden im besonderen Maße in komplexen und verteilten Systemen
wie Cooperative Virtual Environments (CVE) eingesetzt. Beispiele sind hier JADE
[Oliveira et al., 1999], GNU/Maverik [Hubbold et al., 1999] und Bamboo [Watsen
und Zyda, 1998]. Aber auch im Bereich der Multi-Agenten-Systeme findet sich mit
MadKit [Gutknecht et al., 2001] eine microkernelbasierte Architektur.
Besonders interessant im Hinblick auf die Ziele dieser Arbeit ist der Einsatz von
microkernelbasierten Architekturen im Bereich der Peer-to-Peer-Netzwerke, Ocean-
Store [Kubiatowicz et al., 2000] und verteilten CSCW-Cluster [Bopp und Hampel,
2005].
Monolithische und zentralisierte Ans¨
atze klassischer CSCW-Umgebungen k¨
onnen
aufgrund ihres starren Designs eine Anpassung an stark skalierende mobile Koope-
rationsumfelder kaum leisten. Das modulare und flexible Konzept des Microkernel
verspricht hingegen ein passendes Entwurfsmuster f¨
ur mobil-verteilte Kooperations-
umgebungen, deren Dynamik und Flexibilit¨
at sich insbesondere an der spontanen
Vernetzung der Benutzer in mobil-verteilten Kooperationsszenarien messen lassen
muss. Einen ersten Architekturansatz in dieser Hinsicht wird in [Eßmann et al.,
2004b] vorgestellt.
4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit
Die Anforderungen an die Netzwerktechnologien, die mobil-verteilten Kooperati-
onsumgebungen zu Grunde liegen, werden durch die neue Mobilit¨
at der Koopera-
tionspartner und der daraus resultierenden Dezentralisierung bestimmt. Die Inte-
gration von funkbasierten Netzwerkschnittstellen wie Wireless Local Area Network
(WLAN)3,Worldwide Interoperability for Microwave Access (WIMAX)4,bluetooth5,
1http://www.jboss.org/wiki/Wiki.jsp?page=JBossMicrokernel
2http://jakarta.apache.org/hivemind/
3IEEE 802.11
4IEEE 802.16
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
91
etc. erlaubt in vielen Mobilcomputern inzwischen die kabellose Vernetzung zweier
Gegenstellen in der physikalischen Schicht. Aber erst die darauf aufsetzenden Netz-
werkprotokolle erm¨
oglichen die eigentliche Kommunikation und den Aufbau komple-
xerer Netzwerktopologien. Diese sind somit als Kommunikationsgrundlage eine der
Schl¨
usseltechnologien f¨
ur die mobil-verteilte Kooperationsumgebung und werden im
Folgenden genauer betrachtet.
Auf der technischen Ebene m¨
ussen die mobilen Ger¨
ate miteinander verbunden und
die verteilt angebotenen Dienste verkn¨
upft werden, um Nachrichten austauschen und
den Kooperationsprozess koordinieren zu k¨
onnen. Doch die in diesem Abschnitt be-
trachteten Technologien gehen ¨
uber eine rein technische Vernetzung von mobilen
Ger¨
aten hinaus. Erst eine soziale Verkn¨
upfung der Teilnehmer ¨
uber Mechanismen
der gegenseitigen Wahrnehmung innerhalb der Kooperationsumgebung erlauben ei-
ne computergest¨
utzte Zusammenarbeit. Daher werden in diesem Abschnitt auch die
Aspekte der Bereitstellung einer Wahrnehmung der potentiellen Kooperationspart-
ner betrachtet.
Protokolle zur technischen Vernetzung der Kooperationsumgebung m¨
ussen an den
Anforderungen aus Kapitel 3 gemessen werden. Aus diesen ergeben sich eine Anzahl
von Punkten als wesentliche Merkmale einer mobilt¨
atsfreundlichen Vernetzung von
Kooperationsumgebungen:
Spontan Die zentrale Anforderung, die aus der Mobilit¨
at der Benutzer des Netz-
werkes resultiert, ist die F¨
ahigkeit, Netzwerke ohne bestehende Infrastruktur
(spontan, ad hoc) zu bilden.
Robust Die Funktion des Netzwerks muss auch bei Ausfall einzelner Knoten und
bei geringer Bandbreite gew¨
ahrleistet sein.
Skalierbar Die Netzwerkinfrastruktur darf nicht durch das Hinzukommen von zu-
s¨
atzlichen Knoten in seiner Leistungsf¨
ahigkeit beeintr¨
achtigt werden.
Netz¨
ubergreifend Dienste aus etablierten Netzwerkstrukturen muss das spon-
tan etablierte Netzwerk bei Verf¨
ugbarkeit von Zugangspunkten zu bestehen-
den Netzinfrastrukturen (z. B. Internet) einbinden k¨
onnen. Bei einem direkten
Wechsel der Zugangspunkte sollte es nicht zu einer Unterbrechung der genutz-
ten Dienste kommen.
Kompatibel F¨
ur die Einbindung existierender Netzwerkanwendungen muss die
mobile Netzwerkinfrastruktur kompatibel zu den Standardprotokollen TCP/IP
und UDP/IP sein.
Automatische Konfiguration Die Konfiguration der Netzwerkinfrastruktur muss
transparent, automatisch und ohne Benutzereingriff geschehen, um m¨
oglichst
wenig Nutzungshemnisse zu generieren.
5IEEE 802.15.1
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
92 4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit
An diesen Merkmalen m¨
ussen sich die Protokolle zur Vernetzung mobil-verteilter
Kooperationsumgebungen messen lassen. Das Forschungsfeld Netzwerkprotokolle f¨
ur
mobile Knoten hat bereits eine Vielzahl m¨
oglicher L¨
osungen hervorgebracht, die
zum Teil v¨
ollig verschiedene L¨
osungsans¨
atze verfolgen und von ebenso verschiedenen
Verst¨
andnissen von Mobilit¨
at zeugen. Der kommende Abschnitt beleuchtet diese
unterschiedlichen Ans¨
atze anhand ihrer Eignung f¨
ur mobile Kooperationsszenarien.
4.2.1 Protokolle zur Vernetzung mobiler Knoten
Im Bereich der Netzwerkprotokolle gibt es zwei von Grund auf unterschiedliche Be-
trachtungsweisen von Mobilit¨
at. Die Erste betrachtet die so genannte Macro Mobility
oder Inter Domain Mobility. In dieser Form der Mobilit¨
at wird der mobile Knoten
als ein Teil eines relativ stabilen Netzwerkes betrachtet, der ¨
uber Zugangspunkte
mit diesem verbunden ist und in seiner Mobilit¨
at zwischen den Zugangspunkten
wechselt. In diesem Bereich hat sich das Mobile IP-Protokoll zu einer Art Standard
etabliert.
Die andere Betrachtungsweise sieht alle Knoten des Netzwerkes als mobil und
lose ¨
uber wechselnde Netzwerkverbindungen verbunden. In diesem Zusammenhang
wird von Micro Mobility oder Intra Domain Mobility gesprochen. Protokolle dieser
Mobilit¨
atsklasse m¨
ussen zum einen eine dynamische Vernetzung der Knoten bieten
und zum anderen versuchen, stabile Netzwerkpfade in dem dynamischen Netzwerk
zu etablieren.
Mobile IP Netzwerkprotokolle f¨
ur mobile Endger¨
ate
Mobilit¨
at innerhalb etablierter Netzwerke wie dem Internet meint zumeist das Wech-
seln zwischen verschiedenen Netzwerkdomains. In diesem Fall wird von Macro Mobi-
lity oder Inter Domain Mobility gesprochen. Diese haben zum Ziel, mobilen Ger¨
aten
den nahtlosen Wechsel zwischen Domains ohne Verbindungsabbr¨
uche zu erm¨
ogli-
chen. Bei L¨
osungen, die einen Neustart der Netzwerkverbindungen ben¨
otigen und
damit einen Abbruch bestehender Anwendungen in Kauf nehmen, unterst¨
utzen in
diesem Zusammenhang lediglich so genannte Portability aber keine Mobilit¨
at (engl.
Mobility) [vgl. Valko, 1999]. Eine vielversprechende L¨
osung, die eine dementspre-
chende Unterst¨
utzung der Mobilit¨
at bietet, ist die von der Internet Engineering
Task Force (IETF) entwickelte IP Protokollerweiterung Mobile IP.
Bei Mobile IP [Perkins, 1997] handelt es sich um eine Erweiterung des im Internet
gebr¨
auchlichen IP-Protokolls, die eine Einbindung mobiler Endger¨
ate in etablierte
Netzwerkinfrastrukturen bietet.
Damit ein Endger¨
at reibungslos zwischen verschiedenen Netzwerken wechseln kann,
muss stets f¨
ur die Erreichbarkeit des mobilen Knotens gesorgt werden und einen
unterbrechungsfreien Wechsel zwischen Zugangspunkten verschiedener Subnetze er-
lauben, ohne bestehende Netzwerkverbindungen unterbrechen zu m¨
ussen. In IPv4-
basierten Netzwerken wird jedem Knoten f¨
ur dessen Adressierung eine eindeutige
IP-Adresse aus dem assoziierten Subnetz zugewiesen. Wechselt der Knoten zwischen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.2.1 Protokolle zur Vernetzung mobiler Knoten 93
zwei Subnetzen, erh¨
alt dieser eine IP-Adresse aus dem Subnetz dem er neu beitritt.
Auf diese Art wird ein korrektes Routing der IP-Pakete gew¨
ahrleistet.
Aufgrund der neuen IP-Adresse erreichen Pakete die an die urspr¨
ungliche Adresse
gesendet wurden den Knoten nicht mehr. Daher m¨
ussen bestehende Verbindungen
zun¨
achst beendet und mit der neuen Adresse wiederaufgenommen werden. Dazu
muss der mobile Knoten aber erst den Gegenstellen seine neue Adresse mitteilen.
Somit ist ein tempor¨
arer Verbindungsabbruch unvermeidbar. Neue Verbindungen zu
dem mobilen Knoten hingegen sind aufgrund fehlender Addressinformationen kaum
m¨
oglich.
Ein nahtloser ¨
Ubergang zwischen zwei Subnetzen ist in Standard IPv4 Netzwer-
ken somit kaum m¨
oglich. Um dieses Problem bei Beachtung der Kompatibilit¨
at zum
IPv4-Protokoll umgehen zu k¨
onnen, entwarf die IETF die IPv4-kompatible Mobi-
le IP-Variante Mobile IPv4 (MIPv4) [Perkins, 2002]. Der Grundgedanke ist jedem
Endger¨
at im Netzwerk eine feste eindeutige Adresse zuzuweisen und so Verbindungs-
abbr¨
uche aufgrund von Addresswechseln zu vermeiden.
Jedes mobile Endger¨
at wird in MIPv4 einem Heimatnetz zugeordnet, in dem ein
so genannter Home Agent (HA) die Erreichbarkeit des mobilen Knotens gew¨
ahrleis-
tet. Als Gegenst¨
ucke befinden sich in fremden Subnetzen Foreign Agents (FA), an
die sich der mobile Knoten beim Betreten der Subnetze anmeldet. Der FA meldet
daraufhin dem HA die Care-of-Adresse des mobilen Knotens. Will nun ein Teilneh-
mer im Netz den mobilen Knoten kontaktieren, wendet er sich nicht direkt an diesen,
sondern sendet seine Anfrage an die feste Adresse des mobilen Knotens im Heimat-
netz. Der HA nimmt diese Anfrage stellvertretend entgegen und leitet sie an den
FA des Netzes, in dem sich der mobile Knoten befindet, weiter. Der FA ¨
ubergibt die
Anfrage seinerseits an den mobilen Knoten. Die Anfragen werden somit ¨
uber HA
und FA umgeleitet.
Die Kommunikation des mobilen Knotens zu seinen Kommunikationspartner kann
hingegen direkt erfolgen (Dreiecksrouting). Bei einem Wechsel des Subnetzes ¨
andert
sich jedesmal die care-of Adresse. Da die Kommunikationspartner aber ¨
uber die feste
Adresse des mobilen Knoten in dessen Heimatnetz mit diesem kommunizieren, wird
der Datenverkehr lediglich an die neue care-of Adresse umgeleitet. Die Verbindungen
m¨
ussen nicht zur¨
uckgesetzt werden.
Die Hauptnachteile der Mobile IP Implementierung f¨
ur IPv4 entstehen aus dem
Dreiecksrouting und der daraus entstehenden Abh¨
angigkeit von Home Agent und
Foreign Agent: Datenpakete sind aufgrund des Dreiecksroutings ¨
uber HA und FA
l¨
anger unterwegs (Verz¨
ogerung, engl.: Delay), das gesamte Routing h¨
angt von der
Funktionf¨
ahigkeit von HA und FA ab (Robustheit, engl.:Robustness) und der HA
muss die Last der Kommunikation aller im zugeordneten mobilen Knoten tragen
(Skalierbarkeit, engl.: Scalability).
Als Alternative bietet sich hier Mobile IPv6 (MIPv6) an, das anders als MIPv4
auf IPv6 basiert und von dessen Vorteilen profitiert [Johnson et al., 2004]. In IPv6
ist es m¨
oglich, die Routen zwischen zwei Knoten automatisch zu optimieren, was den
FA ¨
uberfl¨
ussig macht. Der mobile Knoten meldet seine care-of Addresse nur noch
an den HA, der Ansprechpartner f¨
ur potentielle Kommunikationspartner in der In-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
94 4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit
italisierungsphase der Kommunikation ist. Sobald die Verbindung zwischen mobilen
Knoten und Kommunikationspartner hergestellt ist, k¨
onnen die Datenpakete dank
der automatischen Routenoptimierung direkt gesandt werden, ohne weiterhin vom
HA abh¨
angig zu sein.
Mit Hilfe des Mobile IP Protokolls ist es somit m¨
oglich, mit mobilen Ger¨
aten von
einer Domain zu einer anderen zu wechseln, ohne die ben¨
otigtde Netzwerkverbin-
dung zu verlieren. F¨
ur die Anwendung dieser Kommunikationsl¨
osung wird allerdings
stets eine st¨
andige Verbindung zum Internet ben¨
otigt und jede Organisation ben¨
o-
tigt einen Agenten, der die Bekanntmachung ihrer mobilen Knoten ¨
ubernimmt. Diese
L¨
osung h¨
angt somit nach wie vor stark von einer bestehenden Netzwerkinfrastruktur
ab. Da diese Abh¨
angigkeit in mobilen Szenarien problematisch sein kann, verspre-
chen die so genannten Ad-Hoc-Netzwerk-Protokolle die unabh¨
angige Etablierung von
Netzwerken von Grund auf.
Ad-Hoc-Netzwerke
Protokolle, die in mobilen Nutzungsszenarien spontan eine Netzwerkinfrastruktur
etablieren, ordnet man der Protokollfamilie der Mobile Ad-Hoc-Networks (Manets)
zu. Die einzelnen Netzwerkknoten werden als Hops bezeichnet. Ist ein Hop durch
einen anderen Hop nur ¨
uber eine Route ¨
uber weitere Hops erreichbar, spricht man
von Multihop-Verbindungen. Hops in mobilen Netzwerkstrukturen sind in der Regel
beweglich und k¨
onnen nicht ¨
uber l¨
angere Zeitr¨
aume einer festen Position zugeord-
net werden. Daher bed¨
urfen Manets spezieller dynamischer Routingverfahren und
Handoff-Mechanismen. Eine Auswahl entsprechender Verfahren findet sich in [Per-
kins, 2001].
Bei der Mobilit¨
at der Hops innerhalb eines Manets spricht man von Micro Mobility
oder Intra Domain Mobility. Diese zeichnet sich durch eine sehr viel h¨
ohere Dynamik
als die zuvor behandelte Inter Domain oder Macro Mobility aus. Des Weiteren kann
nicht von der Erreichbarkeit fester Dienste ausgegangen werden, wie es z.B. bei den
Home Agents des Mobile IP-Protokolls der Fall ist.
Die einfachste Version von Routingverfahren f¨
ur mobile Netzwerke unterst¨
utzt nur
direkte Verbindungen zwischen Hops. Ein Vertreter dieser Protokolle ist bereits in
vielen Betriebssystemen integriert und wird Link-Local genannt. Im Prinzip ist Link-
Local ein Protokoll zur automatischen Vergabe von IP-Adressen, das Routing bleibt
identisch zu dem in klassischen IP-Netzen. F¨
ur die Aushandlung der IP-Adresse
w¨
ahlt jeder Hop zuf¨
allig eine Adresse aus einem f¨
ur die Link-Local-Vernetzung
freigehaltenen IP-Adressbereich 129.169.0.0/255.255.0.0 und sendet diese per
Broadcast ins Netzwerk. Wird die Adresse nicht bereits durch einen anderen Hop
zur Kommunikation benutzt, darf er diese nutzen, um ¨
uber sie zu kommunizieren.
Ist aber die gew¨
ahlte Adresse bereits durch einen anderen Hop f¨
ur die Kommunikati-
on gebunden, legt deren derzeitiger Besitzer, ebenfalls per Broadcast, Einspruch ein,
und die Prozedur beginnt von vorne. Eine bereits vergebene aber nicht an eine aktive
Kommunikation gebundene Adresse muss hingegen wieder freigegeben werden.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.2.1 Protokolle zur Vernetzung mobiler Knoten 95
Die Kommunikation bei diesen Verfahren ist stets auf die direkte Kommunikati-
on zwischen den Kommunikationspartnern beschr¨
ankt und durch die vielen Broad-
casts mit einem hohen Protokoll-Overhead versehen. Des Weiteren ist die Anzahl
der m¨
oglichen Teilnehmer auf 65534 beschr¨
ankt6 wenngleich bei einer Link-Local-
Vernetzung eine derartige Netzwerkgr¨
oße unwahrscheinlich erscheint. F¨
ur Face-to-
Face-Kooperationen ist diese Vernetzung trotz ihrer Einschr¨
ankungen geeignet. Eine
Multihop-Vernetzung ist in diesen Situationen aufgrund des direkten Kontakts der
Kommunikationspartner nicht notwendig. Die geforderte Kompatibilit¨
at zu klassi-
schen IP-Netzwerken ist hingegen ohne weiteres gegeben.
Link-Local unterst¨
utzt keine weitr¨
aumige Vernetzung von ¨
ortlich verteilten Kom-
munikationspartnern, da es keine indirekten Multihop-Verbindungen kennt. Im Ge-
gensatz zu den meisten aufw¨
andigeren Multi-Hop-Routing-Protokollen ist es aber
bereits f¨
ur die mobilen Nutzer verf¨
ugbar. Die Mehrzahl der aufw¨
andigeren Manet-
Protokolle sind bisher nur als Spezifikation und Algorithmen f¨
ur Netzwerksimulato-
ren wie z. B. dem Network Simulator 2 (ns2)7verf¨
ugbar. Die Integration der unter-
schiedlichen L¨
osungen in die Protokollschichten der Betriebssysteme ist ein langwie-
riger Prozess und die Protokolle an sich sind oftmals inkompatibel zueinander.
Im Wesentlichen unterscheiden sich die Protokolle zur Realisierung eines Manet
in der Art und Weise der Verwaltung der Routingpfade f¨
ur das Netzwerk. Die eine
Gruppe der Protokolle berechnet die Routingpfade zu den Kommunikationspart-
nern stets im voraus (proaktiv), so dass bei Kontaktaufnahmen zu einem entfernten
Knoten der Versendepfad f¨
ur die Nachricht bereits bekannt ist. Die andere Gruppe
berechnet den Pfad zu entfernten Knoten erst, wenn die Kommunikation initiiert
wird (reaktiv). Durch die reaktive Ermittlung des Routingpfades vom Sender zum
Empf¨
anger wird der Verbindungsaufbau im Vergleich zum proaktiven Verfahren ver-
z¨
ogert, aber die st¨
andige Kommunikation zur Aktualisierung der Routinginforma-
tionen vermieden.
Zu der proaktiven Protokollfamilie geh¨
oren beispielsweise das Destination-Se-
quence Distance-Vector (DSDV) Protokoll [Perkins und Bhagwat, 1994, 2000] und
das Optimized Link State Routing (OLSR) Protokoll [OLSR, 2003], das unter ande-
rem im Freifunk Projekt8f¨
ur die Etablierung eines stadt¨
ubergreifenden WLAN in
Berlin Verwendung findet.
Zu den reaktiven Protokollen geh¨
oren das Dynamic Source Routing (DSR) Proto-
koll [Johnson, 1994], das Temporally-Ordered Routing Algorithm (TORA) Protokoll
[Park und Corson, 1997, 2001] und das Ad hoc On Demand Distance Vector (AODV)
Protokoll [Perkins und Royer, 1999; Perkins et al., 2003].
Aufgrund der unterschiedlichen Charakteristika der Routingmechanismen schei-
nen die proaktiven Netzwerke mit ihren vorberechneten Routingtabellen intuitiv
besser f¨
ur autonome aber relativ statische Netzwerke geeignet, wohingegen die re-
6Die ersten und die letzten 256 Adressen sind von der Internet Assigned Numbers Authority (IA-
NA) f¨
ur zuk¨
unftige Anwendungen reserviert.
7http://www.isi.edu/nsnam/ns
8http://freifunk.net/
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
96 4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit
aktiven Protokolle eher in dynamischen Konstellationen mit mobilen Knoten inter-
essant erscheinen.
Vergleiche von Netzwerkprotokollen finden aufgrund fehlender Implementierun-
gen f¨
ur Betriebssysteme und dem Wunsch nach kontrollierten Rahmenbedingungen
zumeist nur im Simulator und unter theoretischen Annahmen statt [Broch et al.,
1998; Dyer und Boppana, 2001; Campell et al., 2002]. Hier werden die Protokolle
h¨
aufig unter extremen Bedingungen in Worst-Case-Szenarien betrachtet oder nur
spezielle Aspekte der Protokolle aufgegriffen, die eine generelle Aussage ¨
uber deren
Alltagstauglichkeit erschweren.
Um eine st¨
arkere Betrachtung der Alltagstauglichkeit der Manet Protokolle zu er-
lauben, wurde an der Uppsala University das standardisierte Ad hoc Protocol Eva-
luation (APE) Testumfeld entworfen [Lundgren et al., 2002], das die verf¨
ugbaren
Protokollimplementierungen mittels realer Hard- und Softwareumgebungen erpro-
ben hilft. Bei Betrachtung der g¨
angigen Manet-Protokolle zeigte sich jedoch nur eine
bedingte Eignung f¨
ur hochmobile und skalierende Netzwerkumgebungen [Tschudin
et al., 2005].
Nichtsdestotrotz scheint z. B. das AODV-Protokoll f¨
ur Szenarien mobiler Vernet-
zung grunds¨
atzlich gut geeignet und es existieren einige nutzbare Implementierun-
gen. Mit KERNEL-AODV NIST9und AODV-UU 10 sind zwei freie Implementie-
rungen f¨
ur das Linux Betriebssystem verf¨
ugbar. Und dar¨
uber hinaus existiert mit
AODV for Microsoft Windows11 auch eine Protokollerweiterung f¨
ur WindowsXP.
Nach der Etablierung eines funktionsf¨
ahigen Manets fehlt zum Betrieb von In-
ternet-Anwendungen noch die IP-Schicht, die das Adressieren der Rechner erlaubt.
Hier existiert, wie bei Mobile IP, die grunds¨
atzliche M¨
oglichkeit, entweder IPv4 oder
IPv6 zu benutzen. IPv6 hat den klaren Vorteil, aufgrund des 128-bit Adressraumes
und der Einbeziehung der Hardwareadresse des Netzwerkdevices, mit hoher Wahr-
scheinlichkeit eine eindeutige Adresse zuzuweisen, ohne Adresskonflikte im Netzwerk
zu erzeugen. Leider sind viele Netzwerkanwendungen noch nicht in IPv6 Netzwerken
lauff¨
ahig.
IPv4 hat mit 16 Bit einen sehr viel kleineren Adressraum, der Adresskonflikte sehr
viel wahrscheinlicher macht. Ausserdem muss jedes Ger¨
at bei einer automatischen
Konfiguration eine eigene Adresse raten und dann ¨
uber ein Protokoll auf Konflik-
te ¨
uberpr¨
ufen. Das Link-Local Protokoll l¨
asst sich in Multihop-Netzwerken nicht
verwenden, da es Konflikte nur mit direkten Nachbarn ¨
uberpr¨
ufen kann. ¨
Ahnlich
dem Link-Local-Protokoll verf¨
ahrt das Duplicate Adress Detection Protokoll [Perkins
et al., 2001; Jeong et al., 2005]. Anstatt von ARP-Requests verwendet es allerdings
modifizierte ICMP-Pakete und ist daher in der Lage, eine gr¨
ossere Netzwerkumge-
bung auf Konflikte zu ¨
uberpr¨
ufen. Das Prophet Adress Allocation-Protokoll [Zhou
et al., 2003] verwendet ein stochastisches Verfahren, um Adresskonflikte vorhersagen
und somit vermeiden zu k¨
onnen.
9http://w3.antd.nist.gov/wctg/aodv_kernel/
10http://www.docs.uu.se/~henrikl/aodv/
11http://moment.cs.ucsb.edu/AODV/aodv-windows.html
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.2.1 Protokolle zur Vernetzung mobiler Knoten 97
Mit den hier vorgestellten L¨
osungen l¨
asst sich eine spontane Vernetzung realisie-
ren, die zur Etablierung der mobil-verteilten Kooperationsumgebung dienen kann.
Bei einer Einbindung entfernter Teilnehmer w¨
are jedoch eine Einbindung von even-
tuell vorhandenen Zug¨
angen zu weitr¨
aumigen Netzwerkstrukturen wie dem Internet
w¨
unschenswert.
Mischarchitekturen
Mischarchitekturen kombinieren inter- und intra-domain Vernetzung. Urspr¨
ungliches
Ziel dieses Ansatzes ist die Verminderung der bei Mobile IP entstehenden Netzlast
durch die Pakete zur Aktualisierung der Care-of-Adresse des mobilen Clients zum
Home Agent. F¨
ur die Inter Domain Mobility oder auch Macro Mobility setzt man
dabei auf IETF’s Mobile IP Protokoll und erweitert es f¨
ur Intra Domain Mobility
(Micro Mobility) um eigene Handoff- und Routingstrategien. So werden bei Positi-
onswechseln innerhalb einer Domain keine Pakete an den HA versandt. Vergleiche
einiger Verfahren finden sich in [Reinbold und Bonaventure, 2001] (Hierarchical Mo-
bile IP, Proactive Handoff, Fast Handoff, TeleMIP, Cellular IP, HAWAII und EMA)
und [Campell et al., 2002] (Ethernet Switch, Cellular IP, Hawaii, Hierarchical Mobile
IP). Im Folgenden seien die wichtigsten Verfahren kurz vorgestellt.
Das Hierarchical Mobile IP ist eine Erweiterung des Mobile IP Protokolls um hier-
archische Registrierung an Agents [Gustafsson et al., 2000]. So k¨
onnen unterhalb der
Agents eigene Netzwerkstrukturen entstehen, die vom Home Agent selbst verwaltet
werden. Auch die Handoff-Aware Wireless Access Internet Infrastructure (HAWAII)
[Ramjee et al., 1999] nutzt Mobile IP f¨
ur Inter Domain Mobility und gew¨
ahrleistet
die Intra Domain Mobility ¨
uber einen Foreign Domain Root Router, der die lokalen
Netzwerkpfade verwaltet. Diese Pfade werden periodisch erneuert und anhand For-
warding Schemes ermittelt. CellularIP [Valko, 1999] ist ein ¨
anliches Verfahren, das
stets optimale Pfade zum Gateway ermittelt.
Neben der Entlastung der Kommunikation zur Pflege des Mobile IP Netzwer-
kes kann die Kombination von Manets und Mobile IP helfen, die Reichweite der
Ad-Hoc-Netzwerke zu erh¨
ohen. Die erste wirkliche Mischform zwischen Mobile IP
und selbstorganisierten Ad-Hoc-Netzwerken realisiert das Verfahren in [Tseng et al.,
2003]. Dieser Ansatz nutzt f¨
ur Macro Mobility Mobile IPv4 und realisiert Micro
Mobility ¨
uber das Ad-Hoc-Netzwerk-Protokoll DSDV. Damit ist das lokale Netz-
werk komplett selbstverwaltet und dennoch ¨
uber den Foreign Agent an das Internet
angebunden. Die Knoten sind somit stets ¨
uber ihren Home Agent erreichbar.
Derartige Mischarchitekturen f¨
ur die spontane Vernetzung von mobilen Knoten
mit einer optionalen Erreichbarkeit aus dem Internet erlauben es, autonome Netz-
werke zwischen den mobilen Knoten zu etablieren und bei Verf¨
ugbarkeit zus¨
atzlich
Dienste aus dem Internet sowie entfernte Kooperationspartner einzubinden. Die Dy-
namik und Skalierung derartiger L¨
osungen macht die zentralisierten Architekturen
klassischer CSCW-Systeme ungeeignet f¨
ur einen Einsatz in vielen der m¨
oglichen
Vernetzungskonstellationen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
98 4.2 Vernetzung und Sichtbarkeit
4.2.2 Vernetzung verteilter Dienste
In mobilen Netzwerkumgebungen sind die Benutzer mit einer st¨
andig wechselnden
Diensteinfrastruktur konfrontiert. Einige der verf¨
ugbaren Dienste laufen dabei even-
tuell auf entlegenen Knoten im Internet und andere direkt in der unmittelbaren
Umgebung des Benutzers. Ohne eine Wahrnehmung der verf¨
ugbaren Dienste k¨
onnen
aber weder die einen noch die anderen genutzt werden. Es bedarf daher passender
Service Discovery-Verfahren, um die verf¨
ugbaren Dienste allen Benutzern zug¨
anglich
zu machen.
¨
Ahnlich wie mit der Sichtbarkeit der Dienste in mobil-spontanen Netzwerken ver-
h¨
alt es sich mit der Wahrnehmung potentieller Kooperationspartner, die in der Netz-
werkumgebung verf¨
ugbar sind. Aus einer technischen Sichtweise k¨
onnen sie wie ein
Dienst betrachtet werden, dessen Verf¨
ugbarkeit durch die lokale Instanz der mobil-
verteilten Kooperationsumgebung auf den pers¨
onlichen Ger¨
aten gew¨
ahrleistet und
bekanntgegeben wird.
Als Besonderheit gegen¨
uber virtualisierten Diensten im Netz besteht bei den
Kooperationspartnern eventuell ein Interesse an Informationen ¨
uber deren aktu-
ellen Aufenthaltsort, um einen r¨
aumlichen Bezug zu sich herzustellen (vgl. Ab-
schnitt 3.3.2). Dieser Bezug kann entweder aus bereitgestellten Informationen von
Location Awareness-Diensten [vgl. Hightower und Borriello, 2001] oder ¨
uber die In-
formationen aus der Netzwerkumgebung gewonnen werden. Letzteres w¨
are z. B. ¨
uber
eine Auswertung der G¨
ute der Funkverbindung oder der Anzahl der Wegpunkte auf
dem Routingpfad m¨
oglich.
Da in mobil-spontanen Kooperationsszenarien zentrale Verzeichnisse ¨
uber verf¨
ug-
bare Dienste wie jeder andere Dienst auch nicht direkt sichtbar sind und zudem
als unzuverl¨
assig gelten m¨
ussen, muss jeder Dienst sich selber im Netz bekannt ma-
chen.
In der lokalen Netzwerkumgebung kann die Service Discovery per IETF Zeroconf
Workinggroup spezifizierte Multicast DNS (mDNS) [Guttman, 2001; Huck et al.,
2002; Stirling und Al-Ali, 2003] bewerkstelligt werden. Ein mDNS konformer Dienst
k¨
undigt sich dazu mittels einer Multicast-Nachricht bei allen anderen Knoten inner-
halb desselben Subnetzes an und teilt in dieser Nachricht mit, wie er zu erreichen ist.
Mit diesen Informationen k¨
onnen sich dann die Clients mit dem Dienst verbinden.
Sollen Dienste jedoch in weitr¨
aumig verteilten Systemen bekannt gemacht wer-
den, bedarf es einer Infrastruktur, die Dienstank¨
undigungen an interessierte Clients
weiterreichen. Zwar kennt mDNS so genannte Proxies, die die Dienstank¨
undigungen
in ein anderes Subnetz weiterleiten k¨
onnen, diese eignen sich aber lediglich daf¨
ur
Subnetze zu b¨
undeln, nicht aber um autonom weitr¨
aumige Diensteinfrastrukturen
zu etablieren [vgl. Eßmann et al., 2004a].
Derartig weitr¨
aumige Infrastrukturen mit gleichberechtigten Dienstanbietern wie
Dienstnehmern hat sich das JXTA Framework12 zum Ziel gesetzt [Gong, 2001;
Brookshier et al., 2002]. Zu diesem Zweck etabliert JXTA ein weitr¨
aumiges Peer-to-
Peer-Netzwerk, bei dem Dienste zun¨
achst lokal bekannt gegeben werden und dann
12http://www.jxta.org
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.2.3 Netzwerktopologie 99
nach und nach mittels so genannter Rendezvous-Peers in anderen Netzwerken pro-
pagiert werden. So k¨
onnen auch entfernte Peers die beworbenen Dienste eines Peers
in Anspruch nehmen.
Beide L¨
osungen eignen sich f¨
ur eine Service Discovery in mobil-verteilten Ko-
operationsszenarien. W¨
ahrend mDNS eher auf die lokale Netzwerkumgebung zielt,
stellt JXTA ein komplexes Dienste-Netzwerk mit entsprechendem Kommunikations-
Overhead dar. Beide Ans¨
atze schliessen sich nicht gegenseitig aus und ihre Nutzung
kann von der gewollten Reichweite des bekanntzugebenden Dienstes abh¨
angig ge-
macht werden.
4.2.3 Netzwerktopologie
Mobile IP und Manets bilden zusammen mit den geeigneten Service Discovery-
Verfahren mobilit¨
atsfreundliche Netzwerkinfrastrukturen f¨
ur mobil-verteilte Koope-
rationsumgebungen. Besonders Manets zeichnen sich durch eine hohe Dynamik der
Verbindungen im Netzwerk aus; aber auch die Mobile IP Vernetzung enth¨
alt eine
Abkehr von statischen und zentral verwalteten Infrastrukturen. Klassische Koope-
rationssysteme hingegen orientieren sich an Client-Server-Architekturen mit f¨
ur die
Funktion kritischen zentralisierten Diensten.
Beispiel einer solchen zentralisierten CSCW-Architektur ist das im Heinz Nix-
dorf Institut (HNI) an der Universit¨
at Paderborn entwickelte open-sTeam. Es im-
plementiert das in Abschnitt 3.2 besprochene Konzept der kooperativen virtuellen
Wissensr¨
aume [Hampel, 2001]. Diese bilden einen raumbasierten Ansatz zur koope-
rativen Wissensorganisation. Der Wissensraum ist in virtuelle R¨
aume unterteilt, in
denen sich die Kooperationspartner, repr¨
asentiert durch virtuelle Avatare, treffen
und ihr Wissen anhand von Dokumenten und Kommunikationsmedien kooperativ
strukturieren. F¨
ur diesen dokumentenzentrierten Ansatz der Kooperation bilden die
Medienfunktionen die ben¨
otigte Grundfunktionalit¨
at ab [Hampel und Keil-Slawik,
2002].
Die zentrale Komponente des Systems bildet ein dedizierter open-sTeam-Server,
der den gesamten Wissensraum speichert. Er ist der zentrale Anlaufpunkt f¨
ur die Ko-
operationspartner und alleinverantwortlich f¨
ur die Verwaltung der Kooperationsum-
gebung und die Persistenz des Wissensraumes. Daher h¨
angt die Funktionsf¨
ahigkeit
der Kooperationsumgebung stark von der Erreichbarkeit des Servers ab.
Das Gros der g¨
angigen Kooperationssysteme basiert ebenfalls auf zentral ver-
walteten Arbeitsbereichen mit einer ebenfalls zentral gespeicherten gemeinsamen
Dokumetenbasis. Prominente Beispiele sind hier BSCW [Bentley et al., 1997] und
Lotus Notes [Kawell et al., 1988]. Lotus Notes ist eine Groupware-Umgebung mit
m¨
achtigen Replikationsmechanismen f¨
ur mobiles Arbeiten. Die Replikation ist aber
von dem zentralen Notes-Server abh¨
angig, so dass kooperative Interaktion nur im
verbundenen Zustand m¨
oglich ist.
Um diese zentrale Speicherung auf einem isolierten Server aufzubrechen, l¨
asst
sich mittels Verkn¨
upfung mehrerer isolierter Server ein Server-Verbund (Cluster)
mit einem gemeinsamen verteilten Datenraum schaffen. Dieser Ansatz basiert aber
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
100 4.3 Persistenz
weiterhin auf der Annahme, dass Server im Netzwerk fest verf¨
ugbar sind und der
Wissensraum auf mehrere dedizierte Server verteilt gespeichert wird.
Einen Schritt weiter geht der Peer-to-Peer-Ansatz, der auch Clients in die Ver-
waltung und Speicherung der verteilten Softwareumgebung einbezieht [vgl. Eßmann
und Hampel, 2005; Eßmann und Funke, 2005]. Prinzipiell treten alle teilnehmenden
Knoten (Peers) in einem solchen Verbund gleichberechtigt auf und k¨
onnen notfalls
die Funktion von ausgefallenen Peers ¨
ubernehmen.
Das Groove Framework13 erlaubt es, eine Peer-to-Peer-Kooperationsumgebung
aufzubauen und mittels Kommunikations- und Dateiaustauschmechanismen zu ver-
netzen. F¨
ur einige Funktionalit¨
aten, wie Initialisierung der Kooperationssitzung und
Synchronisation der verteilten Arbeitsbereiche, ben¨
otigt Groove allerdings einen zen-
tralen Server, der die Kontaktaufnahme initiiert. Groove kann durch externe Werk-
zeuge erweitert werden, die in die Groove Arbeitsumgebung eingebettet werden.
Einen anderen Ansatz bez¨
uglich der Implementierung einer Peer-to-Peer-Umge-
bung verfolgt Speakeasy [Edwards et al., 2002b]. Speakeasy ist zun¨
achst ein Peer-
to-Peer Framework, um kooperative mobile Anwendungen zu implementieren. Mit
Casca [Edwards et al., 2002a] existiert aber bereits eine Beispielimplementierung f¨
ur
eine Peer-to-Peer Kooperationsumgebung, die jedoch sitzungsbasiert ist und keine
persitenten Arbeitsbereiche zu Verf¨
ugung stellt.
Eine eingeschr¨
ankte Persistenz der Kooperationsmaterialien bietet Swifff [Eß-
mann et al., 2004c; Slawik et al., 2004]. Swifff ist eine verteilte Kooperationsum-
gebung, die auf das JXTA Peer-to-Peer Framework aufsetzt (vgl. Abschnitt 4.2.2).
Es bildet einen lose vernetzten gemeinsamen Wissensraum, in dem Objekte verteilt
bearbeitet werden k¨
onnen. Die Berabeitung eines entfernten Objektes erzeugt aber
stets eine lokale Kopie. Diese ist sodann als eigenst¨
andiges Objekt im Netzwerk ver-
f¨
ugbar. Eine Synchronisation der Kopien der verteilten und gemeinsam genutzten
Objekte findet nicht statt.
Es existieren also erste Ans¨
atze f¨
ur die mobile und verteilte Nutzung von gemein-
samen Arbeitsumgebungen. Insbesondere die Peer-to-Peer-Topologie verspricht hier
den Anforderungen einer dynamischen mobilen Kooperationsumgebung gewachsen
zu sein. Durch ihre verteilte Architektur wirft sie aber Fragen bez¨
uglich der konsis-
tenten und persistenten Speicherung der gemeinsam genutzten Objekte auf. Es gilt
daher, in einem n¨
achsten Schritt, verteilte Persistenzkonzepte auf ihre Eignung f¨
ur
eine Kooperationsumgebung mit gleichberechtigten mobilen Knoten zu betrachten.
Dabei liegt der besonderere Fokus auf den Anforderungen, die aus der Dynamik
der spontanen Vernetzung und der Wahrung der Konsistenz des gemeinsamen und
verteilt gespeicherten Arbeitsbereiches erwachsen.
4.3 Persistenz
Die Netzwerkumgebungen in denen sich mobile Kollaborationsumgebungen bewe-
gen, zeichnen sich durch eine hohe Heterogenit¨
at aus und stecken so die technischen
13http://www.groove.net
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 101
Rahmenbedingungen f¨
ur die mobile Kooperation ab. Die hohe Dynamik l¨
asst eine
exklusive Speicherung von Objekten auf zentralen Servern nicht zu. In Netzwerkum-
gebungen mit Zugang zum Internet bietet ein Server als zentrale Anlaufstelle eine
Reihe von Vorteilen und vereinfacht die Verwaltung der Kooperationsumgebung.
Fehlt ein solcher Zugangspunkt jedoch, sind die Client-Anwendungen aufgrund der
Abh¨
angigkeit von zentralen Servern nicht l¨
anger nutzbar. Um eine Kooperations-
umgebung in einem Ad-Hoc-Netzwerk ohne Verbindung zu einem dedizierten Server
nutzen zu k¨
onnen, m¨
ussen deren Dienste verteilt auf den erreichbaren Knoten laufen.
Diese Forderung betrifft auch die Verf¨
ugbarkeit der zur Kollaboration ben¨
otigten
Objekte. Auch diese m¨
ussen verteilt ¨
uber die Ger¨
ate aller beteiligten Benutzer vor-
liegen. Bei der Bereitstellung eines verteilten Objektspeichers ist es wichtig, Strate-
gien und Konzepte zu entwickeln, die festlegen, welche Objekte auf welchen Ger¨
aten
gespeichert werden sollen. Beispielsweise kann die Strategie einer besitzorientierten
Speicherung verfolgt werden, bei der jeder Benutzer seine eigenen Dateien lokal spei-
chert und anderen Benutzern zur Verf¨
ugung stellt. Gerade in kooperativen Szenarien
f¨
allt eine solche Besitzzuordnung allerdings schwer.
Der Entwurf von Konzepten und Mechanismen f¨
ur die persistente und aus Benut-
zersicht transparente Speicherung der Kooperationsobjekte bildet daher eine zentrale
Forschungsfrage dieser Arbeit. Die Persistenzkonzepte m¨
ussen den Anforderungen
der Offline-Verf¨
ugbarkeit entsprechen, also eine Objektverf¨
ugbarkeit gew¨
ahrleisten,
auch wenn der Benutzer vom Rest der Kooperationsumgebung getrennt ist. In den
folgenden Abschnitten werden Ans¨
atze f¨
ur verteilte Persistenzsysteme in dynami-
schen Peer-to-Peer-Netzwerken insbesondere unter diesem Gesichtspunkt betrach-
tet.
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme
Eine verteilte Speicherung von Daten wird in Peer-to-Peer-Netzwerken oft mit Files-
haring-Anwendungen gleichgesetzt. Tats¨
achlich kamen viele Impulse zu den derzei-
tigen Peer-to-Peer-Speicherl¨
osungen aus diesem Bereich. Das wesentliche Problem
von Peer-to-Peer-basierten Filesharing-Anwendungen ist das Auffinden der im Netz-
werk verf¨
ugbaren Daten. Diese Fragestellung ist mit dem Auffinden der verf¨
ugbaren
Dienste in verteilten Umgebungen verwandt (vgl. Abschnitt 4.2.2).
Einer der fr¨
uhen Filesharing-Dienste, Napster14, benutzte zu diesem Zweck Index-
server, die ein Verzeichnis der Speicherorte der verf¨
ugbaren Dateien bereitstellen.
Zu diesem Zweck schicken die Peers Listen ihrer lokal gespeicherten Dateien an den
Indexserver, der diese in sein Verzeichnis aufnimmt. Sucht ein Peer eine bestimm-
te Datei, fragt er diese beim Indexserver an, der daraufhin m¨
ogliche Speicherorte
zur¨
uckliefert. Die eigentliche Daten¨
ubertragung erfolgt direkt zwischen den Peers
sobald ein Peer mit der Datei gefunden ist. Der Schwachpunkt eines solchen Vorge-
hens ist die Abh¨
angigkeit des Gesamtsystems von eben diesen Indexservern. Ohne
sie k¨
onnen die Daten im Peer-to-Peer-Netzwerk nicht lokalisiert werden.
14Napster ist inzwischen ein kommerzieller Musikdienst, der außer dem Namen kaum noch Gemein-
samkeiten mit dem urspr¨
unglichen Filesharing-Netzwerk besitzt. http://www.napster.com
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
102 4.3 Persistenz
Gnutella15 [Karbhari et al., 2004] versucht dieses Manko zu beheben, indem es
Anfragen als Broadcast an verbundene Peers schickt. Sollten diese die gesuchte Da-
tei nicht selber bereitstellen, leiten sie die Anfrage ihrerseits an ihre Nachbar-Peers
weiter. Um das hohe Kommunikationsaufkommen aufgrund einer derartigen Such-
strategie zu reduzieren, bricht die Suche nach einer vorbestimmten Zahl von Wei-
terleitungen der Suchanfrage ab und vermeidet auch eine Ringsuche, bei der bereits
befragte Knoten erneut angefragt werden. Trotz dieser Maßnahmen erzeugt eine der-
artige Suchstrategie noch immer einen immensen Kommunikations-Overhead, ohne
garantieren zu k¨
onnen, dass eine derartige Suche bei Existenz der gew¨
unschten Da-
ten erfolgreich ist.
Distributed Hashtable (DHT)
Eine L¨
osung f¨
ur das Dilemma des Auffindens von Daten in Peer-to-Peer-Netzwerken
bietet das Verteilen der Daten auf die einzelnen Peers nach einem eindeutigen und
reproduzierbaren Schema. Diesen Ansatz verfolgen das Konzept der Distributed Has-
htables, das sich an dem Funktionsprinzip der klassischen Hash-Tabellen orientiert.
Von den zu speichernden Daten wird mittels einer Hash-Funktion16 ein Hash-Wert17
ermittelt, der dann als Index18 dar¨
uber entscheidet, an welcher Position in der Hash-
Tabelle die entsprechenden Daten hinterlegt werden.
Das grundlegende Vorgehen ist hierbei die Indizierung und Zuweisung von Wer-
ten auf feste Positionen einer Tabelle. Dabei hat die Tabelle eine festgelegte Gr¨
oße,
aus der sich ein ebenso fester Adressraum ablesen l¨
asst. Ein solches Verfahren er-
m¨
oglicht einen nahezu direkten Zugriff auf gesuchte Daten. Allerdings bietet dieser
Ansatz als Suchm¨
oglichkeit nur die Form des so genannten Exact-Matching an.
Anfragen f¨
uhren nur dann zum Erfolg, wenn der Suchbegriff exakt mit dem Wert
¨
ubereinstimmt ¨
uber den der Hashwert erzeugt wurde.
Eine DHT ist eine algorithmische Umsetzung der Abbildung von Indizes aus einer
Hash-Tabelle auf die Rechnerknoten in einem Netzwerk. M¨
oglichkeiten und Eigen-
schaften einer Hash-Tabelle werden so auf Rechnernetze ¨
ubertragen und k¨
onnen
zur Speicherung von Daten, Routing- und Verteilungsinformationen genutzt wer-
den. Die Hash-Tabelle wird dazu auf die Knoten eines Peer-to-Peer-Netzes verteilt
gespeichert. Jeder Knoten eines solchen Netzwerkes ist ein Index in der verteilten
Hash-Tabelle und verwaltet ein Segment des Hash-Bereiches der Daten. Die Seg-
mente werden von den Nachbarknoten im Hash-Bereich begrenzt.
Daten, die in der DHT gespeichert werden sollen, werden ¨
uber eine eindeutige
Hash-Funktion in denselben Wertebereich abgebildet wie die Nertzwerkknoten. Sie
werden auf dem Knoten gespeichert, der ihrem Hash-Wert am n¨
achsten ist. Die
Berechnung der N¨
ahe h¨
angt dabei von deren Definition in der verwendeten DHT
15http://www.the-gdf.org/wiki
16Eine Abbildung h:KSheißt Hash-Funktion, wenn |K| |S|gilt.
17Ein Hash-Wert ist ein skalarer Wert, der aus einer komplexeren Datenstruktur (Zeichenketten,
Objekte, . . . ) mittels einer Hash-Funktion berechnet wird.
18Der Index ist eine Positionsangabe innerhalb strukturierter Speicherbereiche.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 103
Umsetzung ab. ¨
Uber Verfahren der DHTs kann somit effizient herausgefunden wer-
den, welcher Knoten eines Netzwerks f¨
ur ein bestimmtes Datum verantwortlich ist.
In Peer-to-Peer-Netzwerken kennt ein Peer meist nur seine direkten Nachbarn.
Somit k¨
onnen viele Daten nicht direkt an den Zielknoten gesandt werden. Darum
setzen DHTs ein Key-Based Routing (KBR) ein, in dem die Daten gem¨
ihres
Hash-Wertes (key) durch das Peer-to-Peer-Netzwerk an ihr Ziel gesandt werden.
Dadurch entsteht ein Routingverfahren in der Anwendungsschicht, das das Routing
der Netzwerkschicht ¨
uberlagert man spricht daher in Bezug auf DHTs auch von
Overlay-Netzwerken.
Der Weg im physikalischen Netzwerk wird durch eine schrittweise Vorgabe von be-
kannten Zwischenzielen im logischen Netzwerk aus der Anwendungsebene vorgege-
ben. Einen ¨
Uberblick ¨
uber DHT-Systeme inklusive eines Vergleichs zu klassischen
Peer-to-Peer Filesharing-Anwendungen liefert [Balakrishnan et al., 2003].
Inzwischen existieren neben den DHTs weitere Verfahren, die auf das KBR zu-
r¨
uckgreifen. Da DHTs keine gezielte Speicherung von Daten auf bestimmten Knoten
zulassen und somit eine Lokalit¨
at der Daten vermissen lassen, bieten Decentraliced
Object Location and Routing (DOLR) Verfahren einen verteilten Verzeichnisdienst,
der die Speicherposition der Daten statt der Daten selbst speichert.
Besonders im kooperativen Anwendungsfeld wird f¨
ur die Kommunikation ¨
uber das
DHT Overlay-Netzwerk neben der Punkt-zu-Punkt-Kommunikation zwischen zwei
Peers auch eine effiziente Gruppenkommunikation ben¨
otigt. L¨
asst sich Erstere gut
¨
uber DHTs bewerkstelligen, indem eine Nachricht mit der nodeID des Zielknotens
versendet wird, ist eine derart gestaltete Punkt-zu-Punkt Kommunikation mit allen
Knoten einer Gruppe oft ineffizient. Die Nachrichten m¨
ussen dabei auf dem Weg
zu den Zielknoten manche Knoten mehrmals passieren, wenn diese auf dem Pfad
zu mehr als einem der Zielknoten liegen. F¨
ur die Gruppenkommunikation existieren
daher die so genannten CAST Verfahren. Sie implementieren eine effiziente und
verteilte Anycast- und Multicast-Kommunikation in einem KBR-Netzwerk.
Die hier vorgestellten Verfahren auf Basis von DHTs werden von den Peer-to-
Peer-Anwendungen genutzt, um eine fehlerresistente und skalierbare Netzwerkkom-
munikation und Objektspeicherung zu erreichen. [Dabek et al., 2003] ordnet die
einzelnen L¨
osungen folglich in drei Schichten (engl. tiers) ein. Die unterste Schicht
(tier 0) bildet das Key-Based-Routing (KBR). Auf diese Schicht setzen die h¨
oheren
Protokollabstraktionen in tier 1 auf. Dazu geh¨
oren neben dem eigentlichen Distribu-
ted Hashtables (DHT) auch das Decentraliced Object Location and Routing (DOLR)
und Any- und Multicast (CAST). In der obersten Schicht (tier 2) sind alle Anwen-
dungen eingeordnet, die die Protokollabstraktionen nutzen oder gar direkt auf das
KBR zur¨
uckgreifen.
Zu den ersten vier Verfahren, die ein KBR f¨
ur Peer-to-Peer-Netzwerke bereit-
stellen geh¨
oren CAN [Ratnasamy et al., 2001], Chord [Stoica et al., 2001a], Pastry
[Rowstron und Druschel, 2001a] und Tapestry [Zhao et al., 2004]. Sie stellen neben
der Routing-Schicht (tier 0) auch einen Teil der Protokollabstraktionen aus tier 1 be-
reit. Inzwischen wurden einige der Verfahren stark weiterentwickelt und sind Vorbild
f¨
ur neue verbesserte Implementierungen geworden. Als Beispiel ist nach dem Vorbild
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
104 4.3 Persistenz
von Pastry Bamboo [Rhea et al., 2005b] entstanden. Dieses kann besser auf ¨
Ande-
rungen im Peer-to-Peer-Verbund reagieren. Aus Chord ist Kademlia [Maymounkov
und Mazi`eres, 2002] hervorgegangen, welches u. a. in den Filesharing-Anwendungen
eMule19 und Bittorrent20 eingesetzt wird.
Um eine Kompatibilit¨
at zwischen den unterschiedlichen Implementierungen herzu-
stellen, schl¨
agt [Dabek et al., 2003] vor, an den Schnittstellen zwischen den Schich-
ten eine einheitliche Schnittstelle (Application Programming Interface (API)) zu
schaffen. Diese w¨
urde den Entwicklern von Peer-to-Peer-Anwendungen erlauben,
die unterschiedlichen DHT-Verfahren gegeneinander auszutauschen, bzw. mit ver-
schiedenen Overlay-Netzwerken zusammenzuarbeiten. Die meisten der derzeitigen
Anwendungen sind aber noch klar einem bestimmten DHT-Verfahren zugeordnet.
F¨
ur Pastry existieren mit PAST [Rowstron et al., 2001] ein verteilter Objektspei-
cher, mit Scribe [Castro et al., 2002] eine Multicasting L¨
osung und mit Splitstream
[Castro et al., 2003] sogar eine Streaming-Anwendung. Auf Chord setzt das verteilte
Dateisystem CFS [Dabek et al., 2001] auf. Tapestry nutzen OceanStore [Kubiato-
wicz et al., 2000] als ewigen Objektspeicher und Bayeux [Zhuang et al., 2001] als
Multicast-Anwendung.
W¨
ahrend die meisten der genannten Anwendungen Protokollabstraktionen in tier
1nutzen, gibt es auch Ausnahmen, die wie z. B. die Internet Indirection Infrastruc-
ture (I3) [Stoica et al., 2002] lediglich das Key-based Routing in tier 0 nutzen.
I3 erlaubt eine asynchrone Datenkommunikation in Peer-to-Peer Netzwerken und
setzt dazu auf Chords KBR auf. Diese Unterst¨
utzung asynchroner Kommunikation
zwischen den Peers wird zus¨
atzlich in ROAM genutzt, um in einem Peer-to-Peer-
Netzwerk der Mobilit¨
at der Peers st¨
arker Rechnung tragen zu k¨
onnen [Zhuang et al.,
2003]. Einen ¨
Uberblick ¨
uber die Zusammenh¨
ange der vorgestellten DHT-basierten
Protokolle und Peer-to-Peer-Anwendungen gibt Abbildung 4.3.
Eine Aussage ¨
uber die generelle Eignung DHT-basierter Persistenzsysteme f¨
ur die
mobil-verteilte Kooperationsumgebungen kann nur schwer getroffen werden. Zum
einen spannen DHT-Netzwerke selbstverwaltete und fehlerresistente Anwendungs-
umgebungen auf, zum anderen verf¨
ugen sie derzeit kaum ¨
uber L¨
osungsans¨
atze f¨
ur
eine Offline-Verf¨
ugbarkeit der gemeinsam genutzten Datenbest¨
ande. Um das Po-
tential der DHTs f¨
ur die gew¨
unschte Kooperationsumgebung zu durchleuchten wird
daher zun¨
achst ein vielversprechender Vertreter bez¨
uglich der Etablierung einer mo-
bilit¨
atsfreundlichen verteilten Persistenz durchleuchtet.
Realisierung einer DHT-basierten Persistenzschicht am Beispiel von
Pastry und PAST
Das effiziente Auffinden von Objekten und das ¨
Ubertragen von Nachrichten sind
Schl¨
usselfaktoren einer verteilt verwalteten und gespeicherten Kooperationsumge-
bung. Die Eigenschaften des Routingsverfahrens und die Strategien zur Replikation
der Objekte innerhalb des verteilten Speichers bestimmen wesentlich die Eignung der
19http://www.emule-project.net
20http://www.bittorrent.com/
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 105
Legende:
CAN Chord
Bamboo
OceanStore
(Pond)
Bayeux
PAST
SCRIBE
SplitStream
OpenDHT
CFS
I3
...
Pastry Tapestry
... Overlay-Netzwerk-Protokoll
Anwendungen
inspiriert von
genutzt für
Kademlia
Bittorrent
eMule
Abbildung 4.3: Auf DHTs basierende Overlay-Netzwerk-Protokolle und deren An-
wendungen
Persistenzschicht f¨
ur eine mobil-verteilte Kooperationsumgebung gem¨
den Anfor-
derungen in Kapitel 3. Daher sollen nun stellvertretend f¨
ur die Gruppe der DHT
Systeme die grundlegenden Mechanismen von Pastry inklusive der Persistenzschicht
PAST und der Any- und Multicast L¨
osung SCRIBE betrachtet werden (Die Be-
trachtung von SCRIBE erfolgt im Abschnitt Ereigniskontrolle (4.4)). Die Wahl fiel
aus zwei Gr¨
unden auf Pastry und seine Anwendungen: Zum einen handelt es sich um
etablierte Vertreter der Gruppe der DHT-L¨
osungen und zum anderen erg¨
anzen sich
die zur Verf¨
ugung gestellten Mechanismen zu den ben¨
otigten Grundfunktionalit¨
aten
einer Kooperationsumgebung. Die Diskussion eines mobil-verteilten Kooperations-
systems auf Basis dieser Verfahren findet sich Kapitel 5.
Das Design von Pastry beinhaltet Mechanismen f¨
ur ein selbst organisierendes,
virtuelles Netzwerk. In solch einem Netzwerk hat jeder Netzwerkknoten die Aufgabe,
eingehende Nachrichten zu verarbeiten und eigenst¨
andig weiterzuleiten. Es erfolgt
keinerlei Steuerung der Nachrichtenvermittlung von außen.
Der Adressraum von Pastry hat eine Gr¨
oße von 128-Bit. Innerhalb dieses Adress-
raumes verf¨
ugt jeder Knoten ¨
uber eine eindeutige Pastry-Adresse (nodeID)21. Mit-
tels einer zuf¨
alligen Vergabe der nodeIDs wird eine gleichm¨
aßige Verteilung der
Knoten in dem Adressraum sichergestellt22. Diese zuf¨
allige Verteilung verhindert
mit großer Wahrscheinlichkeit, dass ¨
ortlich benachbarte Knoten auch im logischen
Pastry-Adressraum direkt nebeneinander liegen. Ein Ausfall in einem physikalischen
Netzwerksegment hat so nicht gleich den Ausfall eines kompletten Pastry Segments
21In einem Pastry Netzwerk sind somit bis zu 2128 1 Knoten m¨
oglich.
22Eine alternative M¨
oglichkeit ist es, die nodeIDs aufgrund eindeutiger Daten, wie zum Beispiel der
Macadresse oder dem Namen des Rechners, automatisch erzeugen zu lassen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
106 4.3 Persistenz
Abbildung 4.4: Ein physikalisches Netzwerk von Knoten wird in einen logischen
Adressraum abgebildet. Hierbei impliziert die ¨
ortliche N¨
ahe zweier Knoten keines-
wegs auch eine N¨
ahe der logischen Adressen und umgekehrt
zur Folge verteilt auftretende L¨
ucken in der logischen Netzwerkstruktur lassen
sich oft ohne eine komplette Neustrukturierung des Netzwerks schließen. Die Ent-
kopplung der physikalischen Position der Netzwerkknoten vom logischen Adressraum
wird in Abbildung 4.4 noch einmal verdeutlich.
Nachrichten23, die innerhalb des Pastry Netzwerkes versandt werden sollen, be-
kommen einen Schl¨
ussel (key) aus dem gleichen Adressraum wie die nodeIDs zuge-
ordnet. Eine Nachricht wird dabei stets an den Knoten gesandt, dessen nodeID dem
Nachrichtenschl¨
ussel am n¨
achsten liegt.
[Rowstron und Druschel, 2001a] beschreiben die prinzipielle Idee des Routingver-
fahren wie folgt: Nachrichtenschl¨
ussel und nodeID werden als Ziffernfolgen zur Basis
2b(bist ein beliebiger aber fester Wert) angenommen. In jedem Routingschritt wird
die Nachricht vom aktuellen Knoten an einen Knoten ¨
ubergeben, dessen nodeID
eine Ziffer (oder bBits) mehr ¨
Ubereinstimmung mit dem Nachrichtenschl¨
ussel hat
als der aktuelle Knoten. Die ¨
ubereinstimmenden Ziffern werden als Pr¨
afix (engl.
prefix) bezeichnet. Schritt f¨
ur Schritt stimmen so immer mehr Stellen des Nach-
richtenschl¨
ussels mit der nodeID des aktuellen Knotens ¨
uberein. Kann bei einem
Routingschritt kein Knoten mit l¨
angerem Pr¨
afix gefunden werden, wird der Knoten
ermittelt, der den numerisch geringsten Abstand zu dem Nachrichtenschl¨
ussel hat.
Dieser ist der Zielknoten der Nachricht.
23Nachrichten k¨
onnen u. a. Anfragen, Anweisungen, zu speichernde Daten oder auch Verwaltungs-
informationen beinhalten.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 107
Aufgrund des Designs des Routings in Pastry erreicht ein Schl¨
ussel in einem Pa-
stry-Netzwerk mit NKnoten und aktuellen Routingtabellen sein Ziel in dlog2bNe
Schritten. Dabei ist bein beliebig gew¨
ahlter Konfigurationsparameter, der die Gr¨
o-
ße der Routingtabellen bestimmt. Pastry initialisiert normalerweise b= 4 [Rowstron
und Druschel, 2001a].
Verwaltungsinformationen F¨
ur das Routing sind Angaben anderer Knoten und
weitere Informationen n¨
otig. Diese werden in jedem Knoten in drei Tabellen festge-
halten. Hierbei wird zwischen Routing Table,Neighborhood Set und Leaf Set unter-
schieden:
Die Routing Table (R) enth¨
alt dlog2bNeZeilen. Jede Zeile enth¨
alt 2b1 Eintr¨
age,
welche aus einer nodeID und der dazugeh¨
origen Netzwerkadresse bestehen. Dabei
enth¨
alt die Zeile k(beginnend bei 0) immer nodeIDs mit gleichem Pr¨
afix der L¨
ange
k. Dieses Pr¨
afix stimmt mit den ersten kStellen der eigenen nodeID ¨
uberein. Ab
der Stelle k+ 1 differieren die nodeIDs von der eigenen nodeID. Die Eintr¨
age je-
der Zeile sind von links nach rechts nummerisch aufsteigend sortiert. Die Wahl des
Konfigurationsparameters bbestimmt also den Trade-off zwischen Gr¨
osse der Rou-
ting Tabelle (dlog2bNe × (2b1)) und der Anzahl der maximalen Routing-Schritte
(dlog2bNe), die ben¨
otigt werden, um eine Nachricht zwischen zwei beliebigen Knoten
des Netzwerkes zu versenden.
Das Neighborhood Set (M) enth¨
alt eine Liste der gem¨
eines festgelegten Maßes
der N¨
ahe (engl. Proximity Metric)24 n¨
achsten |M|Nachbarn. Sie dient nicht direkt
dem Routingverfahren, sondern wird als Entscheidungshilfe bei der Erstellung der
Routing-Eintr¨
age eingesetzt.
Das Leaf Set (L) enth¨
alt |L|
2Eintr¨
age, die kleiner als die eigene nodeID sind und
|L|
2Eintr¨
age, die gr¨
oßer als die eigene nodeID sind. Die Eintr¨
age im Leaf Set haben
die besondere Eigenschaft, dass ihre nodeID numerisch am n¨
achsten bei der eige-
nen nodeID liegen. Dadurch befinden sich diese Knoten im Adressraum in logischer
N¨
ahe, was allerdings keinen R¨
uckschluss auf ihre physikalische N¨
ahe zul¨
asst, da die
Vergabe der nodeID zuf¨
allig geschieht. Das Leaf Set ist direkter Bestandteil des Rou-
tingverfahrens und bestimmt zu einem wesentlichen Teil auch die Ausfallsicherheit
des Netzwerkes. Nachrichten im Pastry-Netzwerk erreichen nur dann garantiert ihr
Ziel, wenn nicht mehr als j|L|
2kbenachbarte Knoten gleichzeitig ausfallen. |L|ist ein
Konfigurationsparameter und hat ¨
ublicherweise einen Wert von 16 oder 32. Abbil-
dung 4.5 veranschaulicht den Zusammenhang von Routingverfahren und Tabellen
anhand eines Beispiels.
Routing Jede Nachricht im Pastry-Netzwerk wird ¨
uber einen Schl¨
ussel (key) iden-
tifiziert, der aus demselben Wertebereich wie die nodeIDs stammt. W¨
ahrend dies bei
Nachrichten die nodeID des Zielknotens sein kann, ist es bei zu speichernden Ob-
jekten ein mittels einer fest definierten Hash-Funktion ¨
uber eine bestimmte Objek-
24Das Maß der N¨
ahe definiert, wann ein Knoten einem anderen nahe ist. N¨
ahe kann z. B. eine
besonders gute physikalische Netzwerkverbindung zwischen den Knoten sein.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
108 4.3 Persistenz
Abbildung 4.5: Verwaltungstabellen und grafische Darstellung der Routinginfor-
mationen eines Pastry-Knotens mit der nodeID 10233102,b= 2 und l= 8 (Alle
Ziffern haben die Basis 4)
teigenschaft, wie den Objektnamen oder den Inhalt, ermittelter Wert. Das Pastry-
Routingverfahren stellt dabei sicher, dass Nachrichten wie Objekte auch zu den
errechneten Zielknoten gelangen.
Sobald eine Nachricht mit dem Schl¨
ussel Deinen Knoten Aerreicht, wird zun¨
achst
gepr¨
uft, ob dieser Nachrichtenschl¨
ussel im Wertebereich der im Leaf Set gespeicher-
ten nodeIDs liegt und somit von seiner logischen Adresse her in unmittelbarer N¨
ahe
des aktuellen Knotens liegt. In diesem Fall wird die Nachricht direkt an den Knoten
aus dem Leaf Set gesandt, dessen nodeID dem Nachrichtensch¨
ussel Dnumerisch
am n¨
achsten liegt, wobei auch die eigene nodeID ber¨
ucksichtigt wird. Sollte jedoch
der Schl¨
ussel Dnicht innerhalb des Wertebereichs des Leaf Set liegen, wird ¨
uber
die Routing-Tabelle ein Knoten ermittelt, der eine um eine Stelle l¨
angeres Pr¨
afix als
der eigene Knoten besitzt. Dazu wird als Erstes die Anzahl der ¨
ubereinstimmenden
Stellen im Pr¨
afix zwischen der eigenen nodeID Aund dem Schl¨
ussel Dermittelt.
Da die Zeile kdie nodeIDs enth¨
alt, die auf kStellen mit der nodeID des aktuellen
Knotens ¨
ubereinstimmen, schl¨
agt das Verfahren in der Zeile k+1 der Routingtabelle
nach. Sollte dort kein passender Eintrag vorhanden sein oder der korrespondierende
Knoten nicht erreichbar sein, wird die Nachricht unter Ber¨
ucksichtigung der Verwal-
tungstabellen zu jenem Knoten weitergeleitet, der ¨
uber die gleiche Pr¨
afixl¨
ange wie
der aktuelle Knoten Azum Nachrichtenschl¨
ussel Dverf¨
ugt, jedoch numerisch n¨
aher
an dem Nachrichtenschl¨
ussel Dliegt.
Als Abwandlung dieses Routingverfahrens, das lediglich die Anzahl der Stellen der
Pr¨
afix¨
ubereinstimmung einbezieht, erlaubt Pastry, die N¨
ahe der Knoten zueinander
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 109
Abbildung 4.6: Bei Routing-Entscheidungen, die das Lokalit¨
atsprinzip nicht be-
r¨
ucksichtigen, werden zwar g¨
ultige Routingschritte in den Knoten durchgef¨
uhrt,
diese f¨
uhren aber nicht notwendigerweise zu einer optimalen Gesamtroute
gem¨
des vorgegebenen Maßes der N¨
ahe zu betrachten. Dieses Vorgehen erlaubt,
die Lokalit¨
at der Knoten f¨
ur den Aufbau der Verwaltungtabellen zu ber¨
ucksichtigen
und so ung¨
unstige Routing-Pfade innerhalb des Pastry-Netzwerkes zu vermeiden.
Abbildung 4.6 zeigt je einen Routing-Pfad mit und ohne Ber¨
ucksichtigung des Lo-
kalit¨
atprinzips. [Rowstron und Druschel, 2001a] weisen darauf hin, dass Pastry bei
Ber¨
ucksichtigung des Maßes der N¨
ahe beim Aufbau der Verwaltungstabellen und
Durchf¨
uhren des Routings einen stets guten Routing-Pfad w¨
ahlt.
Selbstorganisation Aufgrund der Selbstorganisation im Pastry-Netzwerk, muss
ein neuer Knoten mit nodeID Xzun¨
achst einen Einstiegsknoten ausfindig machen25,
dessen nodeID als Abezeichnet sei. Xschickt zun¨
achst eine join-Nachricht an den
Knoten A. Dabei ist der Nachrichtenschl¨
ussel gleich der nodeID Xdes neuen Kno-
tens. Von Einstiegsknoten wird die join-Nachricht ¨
uber das Pastry-Routingverfahren
zu dem Knoten Z gesandt, dessen nodeID dem Nachrichtenschl¨
ussel X numerisch am
n¨
achsten ist. Alle Knoten auf dem Pfad vom Einstiegsknoten Azum Zielknoten Z
25Das Aufsp¨
uren von Einstiegsknoten in das Pastry-Netzwerk kann z. B. durch einen so genannten
expanding ring mutlicast geschehen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
110 4.3 Persistenz
Abbildung 4.7: Initialisierung der Verwal-
tungstabellen beim Anmelden eines neuen
Knotens in ein Pastry-Netzwerk
Abbildung 4.8: Pastrys Selbst-
organisation im Fall einer Netz-
werksegmentierung
senden zugleich die eigenen Verwaltungstabellen an den neuen Knoten X, der aus
diesen Informationen seine eigenen Verwaltungstabellen initialisiert:
Da der Einstiegsknoten Ain der N¨
ahe vom neuen Knoten Xliegt, ¨
ubernimmt der
neue Knoten dessen Neighborhood Set. Der Knoten Zwiederum ist der Knoten mit
dem geringsten numerischen Distanz zur nodeID Xdes neuen Knotens und liefert
daher sein Leaf Set als initiales Leaf Set f¨
ur den neuen Knoten X.
Der Inhalt der Routing Table wird in mehreren Schritten ermittelt. Die anfangs
leere Routing Table wird von Zeile 0 an erzeugt. Im Normalfall haben die nodeIDs
Aund Xkein gemeinsames Pr¨
afix. Daher kann die Zeile 0 der Routing Table von A
in die Zeile 0 der Routing Table von X¨
ubernommen werden. Nacheinander steuert
jeder Knoten auf dem Nachrichtenpfad die fehlenden Zeilen bis hin zur Zeile ibei,
wobei idie L¨
ange des mit dem Nachrichtenschl¨
ussel X¨
ubereinstimmenden Pr¨
afixes
ist (vgl. Abbildung 4.7).
Bei einem ¨
ubereinstimmenden Pr¨
afix mit iStellen des Einstiegsknotens Aund des
neuen Knotens Xwerden die ersten iZeilen der Routing Table von Ain die von X
¨
ubernommen. Abschließend informiert der neue Knoten alle in seinen Verwaltungs-
tabellen eingetragenen Knoten durch das Senden der eigenen Verwaltungstabellen
[Rowstron und Druschel, 2001a].
Sollte ein Knoten im Pastry-Netzwerk ohne Warnung ausfallen, kann dies unter
anderem dadurch festgestellt werden, dass er nicht mehr ¨
uber seine topologischen
Nachbarn erreichbar ist. In einem solchen Fall m¨
ussen die Verwaltungstabellen Leaf
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 111
Set,Routing Table und Neighborhood Set reorganisiert werden, um ein korrektes
Routing zu gew¨
ahrleisten.
Um einen ausgefallenen Knoten im Leaf Set eines Knotens zu ersetzten wird zuerst
der Knoten mit der gr¨
oßten erreichbaren nodeID in der entsprechenden H¨
alfte des
Leaf Sets kontaktiert, dessen Leaf Set angefordert und mit dem eigenen verglichen.
Nach dem Pr¨
ufen der Erreichbarkeit wird der Knoten in das eigene Leaf Set ¨
uber-
nommen, der numerisch am n¨
achsten zum ausgefallenen Knoten liegt. Diese neue
nodeID ersetzt nun die nodeID des ausgefallenen Knotens. So hat jeder Knoten die
M¨
oglichkeit, sich selbst zu aktualisieren, solange nicht mehr als j|L|
2kKnoten des
Leaf Sets gleichzeitig ausfallen.
Bei einem Ausfall eines Knotens in der Routing Table werden alle anderen node-
IDs aus der Zeile der ausgefallenen nodeID der Reihe nach kontaktiert. Dabei wird
gepr¨
uft, ob diese in der Routing Table an der Stelle des ausgefallen Knotens einen
Eintrag haben, der erreichbar ist. Ist dies nicht der Fall, wird in der n¨
achsten Zeile
dasselbe Verfahren angewandt. So wird sichergestellt, dass ein im Pastry-Netzwerk
vorhandener Zielknoten auf jeden Fall gefunden wird.
Bei Ausfall eines Knotens im Neighborhood Set werden die noch verf¨
ugbaren Kno-
ten aus dem Neighborhood Set kontaktiert und deren Neighborhood Sets angefordert.
Die neuen nodeIDs werden gem¨
des Maßes der N¨
ahe auf ihre N¨
ahe zum eigenen
Knoten gepr¨
uft. Die n¨
achsten Knoten werden dann in das eigene Neighborhood Set
¨
ubernommen.
Pastry ist also in der Lage, selbstst¨
andig auf Knotenausf¨
alle zu reagieren und die
Verwaltungstabellen zu korrigieren. Dabei nutzen die Knoten stets die Informan-
tionen der verbliebenen Knoten im Netzwerk, um sich zu reorganisieren. [Rowstron
und Druschel, 2001a] zeigt dar¨
uber hinaus M¨
oglichkeiten auf, wie auf sporadische
Knotenausf¨
alle und b¨
osartige Knoten im Netzwerk reagiert werden kann.
Durch die selbstst¨
andige Reorganisation des Pastry-Netzwerkes kann es bei dem
Ausfall von Knoten vorkommen, dass ein Pastry-Netzwerk partitioniert und sich
¨
uber eine Reorganisation der Verwaltungstabellen voneinander unabh¨
angige Netz-
werke bilden. Um derart getrennte Pastry-Netzwerke wieder zusammenf¨
uhren zu
k¨
onnen, versuchen die Knoten eines Pastry-Netzwerkes ¨
uber periodische Expanding
Multicast-Nachrichten andere Pastry-Netzwerke zu finden und sich mit diesen ¨
uber
eine Reorganisation zu vereinen. Dieser Vorgang wird in Abbildung 4.8 noch einmal
veranschaulicht.
Verteilte Speicherung von Objekten in PAST
Das Pastry Routing-Verfahren implementiert ein selbstorganisiertes und gegen Kno-
tenausf¨
alle resistentes Overlay-Netzwerk, in dem Nachrichten effizient und sicher zu
den teilnehmenden Knoten gesandt werden k¨
onnen. F¨
ur die verteilte Speicherung
von Objekten in dem Pastry-Netzwerk existiert mit PAST [Rowstron und Druschel,
2001b] eine Persistenzschicht f¨
ur Pastry, die neben der verteilten Speicherung und
Suche von Objekten auch eine Replikation und Verschl¨
usslung der gespeicherten
Daten erlaubt. Ziel von PAST ist die persistente Speicherung von Daten in einem
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
112 4.3 Persistenz
DHT-basierten Peer-to-Peer-Netzwerk unter den Gesichtspunkten der Verf¨
ugbarkeit,
Skalierbarkeit und Sicherheit. PAST stellt zu diesem Zweck einen globalen Speicher
ohne zentrale Verwaltung zur Verf¨
ugung. Bei der Entwicklung der PAST-Architektur
wurden folgende Designziele ber¨
ucksichtigt:
Effizienz: F¨
ur eine effiziente Verwaltung der Daten in einem Peer-to-Peer-
Netzwerk wird das Pastry-Routingverfahren zum Verteilen und Anfordern von
Daten eingesetzt. Dies erlaubt Antworten auf Suchanfragen in durchschnittlich
weniger als dlog2bNeSuchschritten.
Replikation: Die Objekte werden in einen engen Bereich im logischen Adress-
raum des Pastry-Netzwerkes repliziert. Durch die zuf¨
allige Natur des Pastry-
Adressraums bedeutet dies eine weit gestreute Replikation in das physikalische
Netzwerk. Die Replikation kommt ebenfalls ohne zentrale Steuerung aus.
Dezentralisierte Datenverwaltung: Dank des Pastry-Netzwerkes besitzt jeder
Knoten die Informationen, die er ben¨
otigt, um auf ein Objekt zuzugreifen. Die
zuf¨
allige Natur des Adressraums stellt dabei eine balancierte Speicherung der
Objekte im Netzwerk sicher. Durch Zwischenspeichern h¨
aufig gestellter Anfra-
gen (Caching) werden k¨
urzere Antwortzeiten erreicht [Druschel und Rowstron,
2001].
Quotaverwaltung: Damit der im Pastry-Netz zur Verf¨
ugung stehende Speicher
nicht unkontrolliert verbraucht wird, kann jedem Benutzer eine feste Speicher-
grenze zugewiesen werden [Rowstron et al., 2001].
PAST erlaubt jedem Knoten, Objekte in den verteilten Speicher abzulegen oder
selbst Speicher anzubieten. Die Knoten verwaltet PAST mit der von Pastry erzeug-
ten 128 Bit langen nodeID. Eine Datei besitzt im verteilten Speicher eine 160 Bit
lange fileID die beim Aufruf der insert()-Funktion erzeugt wird. Die fileID ist
ein Hash-Wert, der aus dem gegebenen Dateinamen, dem ¨
offentlichen Schl¨
ussel des
Besitzers und einer zuf¨
alligen Komponente berechnet wird. Die zuf¨
allige Kompo-
nente sorgt daf¨
ur, dass die Datei eine mit hoher Wahrscheinlichkeit eindeutige fileID
erh¨
alt. Zus¨
atzlich wird zu jeder Datei ein Zertifikat mit den Eintr¨
agen File-ID,Repli-
kationsfaktor (k),Streuungsfaktor,Einf¨
ugedatum und Hash-Wert des Dateiinhaltes
erzeugt. Das Zertifikat wird außerdem durch den Besitzer der Datei signiert und
danach zusammen mit der verschl¨
usselten26 Datei im PAST-Netzwerk gespeichert.
Zur Speicherung einer Datei im PAST-Netzwerk wird zun¨
achst mittels des Pastry-
Routingverfahrens ein passender Zielknoten ermittelt, dessen nodeID den numerisch
geringsten Abstand zur fileID hat. Dabei werden nur die 128 h¨
ochstwertigen Bits der
160 Bit langen fileID f¨
ur den Vergleich herangezogen. Gem¨
des Replikationsfaktors
(k) werden aus dem Leaf Set des Zielknotens kim logischen Adressraum direkt
benachbarte Knoten ausgew¨
ahlt, deren nodeIDs numerisch am n¨
achsten zur fileID
liegen. Auf diesen Knoten wird eine Kopie der Datei abgelegt (siehe Abbildung 4.9).
26Weiterf¨
uhrende Infomationen zum Zugriffsschutz in PAST finden sich in [Rowstron et al., 2001].
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 113
Abbildung 4.9: Das Replikationsverfahren von PAST mit dem Replikationsfaktor
k= 4
Die N¨
ahe der gespeicherten Replikate im logischen Adressraum hat eine breite
Streuung der Replikate im physikalischen Netzwerk zur Folge. Andererseits sind die
Replikate im logischen Adressraum leicht aufzufinden. Der Replikationsfaktor (k)
bestimmt somit die Verf¨
ugbarkeit der Datei und kann je nach Bedarf frei gew¨
ahlt
werden27. PAST bietet kein Verfahren um Daten verl¨
asslich zu l¨
oschen. Der Besitzer
einer Datei kann diese jedoch vom speichernden Knoten zur¨
uckfordern. Replikate auf
Knoten, die das Netzwerk verlassen haben, sind von dieser R¨
uckforderung allerdings
nicht betroffen. Des Weiteren erfolgt auf den Knoten des PAST Netzwerkes eine
Zwischenspeicherung von Dateien (Caching), um h¨
aufig angefragte Daten schnell
verf¨
ugbar zu machen. Auch diese zwischengespeicherten Dateien werden eventuell
durch die R¨
uckforderung nicht erreicht.
Soll eine zuvor in PAST-Netzwerk gespeicherte Datei angefordert werden, wird die
Anfrage zu dem erreichbaren Knoten geleitet, dessen nodeID numerisch am n¨
achsten
zu den 128 h¨
ochstwertigen Bits der gesuchten fileID ist. Wenn einer der kreplizie-
renden Knoten im Netzwerk verf¨
ugbar ist, wird dieser Knoten aufgrund der Eigen-
schaften des Pastry-Routingverfahrens gefunden, so kann die Datei an die nodeID
des anfragenden Knotens gesandt werden. Aufgrund der zuf¨
alligen Verteilung der
Replikate im physikalischen Netzwerk, der dezentralen selbstorganisierenden Netz-
werkverwaltung und einer unabh¨
angigen Netzwerkanbindung der kreplizierenden
Knoten wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der kKnoten verf¨
ugbar sein.
27Auf Grund der Nutzung des Leaf Sets f¨
ur die Auswahl der Replikationsknoten muss gelten k < |L|.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
114 4.3 Persistenz
Diskussion DHT-basierter Persistenzkonzepte
PAST schafft durch die verwendete Speicherstrategie einen globalen und selbstor-
ganisierenden Speicher basierend auf Peer-to-Peer-Technologie. Durch die Replika-
tionsstrategie, die eine breite Verteilung der Replikate im physikalischen Netzwerk
verfolgt, wird zudem eine hohe Verf¨
ugbarkeit der gespeicherten Daten unabh¨
angig
von der Zuverl¨
assigkeit der einzelnen Netzwerkknoten erreicht. Allerdings l¨
asst sich
wegen der synchronen Befehlskommunikation in PAST eine replizierte Datei nicht
zur¨
uckfordern (l¨
oschen), wenn replizierende Knoten zeitweise nicht verf¨
ugbar sind.
¨
Ahnlich wie in PAST sind auch die weiteren auf DHT-Verfahren basierenden Per-
sistenzkonzepte f¨
ur ein m¨
oglichst zuverl¨
assiges Gesamtsystem ausgelegt und betrach-
ten zugreifende Knoten nur im Online-Fall. Vom Netzwerk getrennt haben sie keinen
Zugriff auf die Persistenz. Das OceanStore Projekt verfolgt wie PAST ebenfalls die
Bereitstellung eines globalen verteilten Speichers, in dem Dateien nach Aussagen
der Entwickler nahezu ewig verbleiben sollen [Kubiatowicz et al., 2000]. Um die
Speicherung der Daten so zuverl¨
assig als m¨
oglich zu gestalten, versucht OceanStore
Daten in Bl¨
ocke zerteilt auf zuverl¨
assigen Knoten zu speichern. Zus¨
atzlich bietet
OceanStore neben einer Replikation auch die Versionierung der gespeicherten Daten
an. Es kennt keine Methoden, um Daten (oder deren Versionen) wieder aus dem
globalen Speicher zu entfernen. OceanStore ist f¨
ur den kommerziellen von profes-
sionellen Dienstleistern verwalteten Einsatz ausgelegt. Mit Pond [Rhea et al., 2003]
existiert auch ein erster Prototyp und ist, obwohl urspr¨
unglich f¨
ur Tapestry [Zhao
et al., 2004] entworfen, inzwischen auch f¨
ur den Pastry-Ableger Bamboo [Rhea et al.,
2005b] verf¨
ugbar.
Bamboo bietet auch die Grundlage f¨
ur OpenDHT [Rhea et al., 2005a], das ebenfalls
einen global verf¨
ugbaren Speicher implementiert. Die Besonderheit von OpenDHT
besteht in einer frei verf¨
ugbaren Infrastruktur, die f¨
ur alle Interessenten zug¨
anglich
ist. Allerdings sind die Daten in OpenDHT nur f¨
ur einen gewissen Zeitraum ge-
speichert und werden nach einer begrenzten Lebenszeit wieder aus dem verteilten
Speicher entfernt.
Das Cooperative FileSystem (CFS) [Dabek et al., 2001] ist ein auf dem Chord Pro-
tokoll [Stoica et al., 2001b] aufsetzendes Dateisystem, das ¨
ahnlich wie OceanStore
Dateien in Bl¨
ocke zerteilt und verteilt auf dem speichernden Knoten ablegt. Au-
ßerdem werden die Bl¨
ocke auf mehrere Knoten repliziert. CFS versucht dabei aber
die Komplexit¨
at von OceanStore zu vermeiden und bietet daher keine aufwendigen
Versionierungsmechanismen und Knotenauswahlverfahren.
Allen Konzepten ist gemeinsam, dass sie ihren Fokus auf die Aufrechterhaltung des
Gesamtsystems legen. Sie kennen keine Mechanismen, um bestimmte Daten auf ei-
nem Knoten verf¨
ugbar zu halten, wenn dieser offline ist. Eine gezielte Replikation auf
eine fest definierte Gruppe von Knoten ist ebenfalls nicht vorgesehen. Des Weiteren
kennt nur OceanStore eine Versionierung der gespeicherten Daten, die es erlauben
w¨
urde, Versionskonflikte bei gemeinschaftlich bearbeiteten Daten zu identifizieren
und zu l¨
osen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.1 Verteilte Persistenzsysteme 115
Persistenz von Kooperationsobjekten
auf verteilten Knoten
Skalierbarkeit Verfügbarkeit
online offline
Verteilung ohne Redundanz
Lokal, Zugriffsbasiert, Hashing
Verteilung mit wahlloser Redundanz
Hashing mit Replikation, Broadcasting
Verteilung mit gezielter Redundanz
Gruppenbasierte Replikation
?
Abbildung 4.10: Trade-off der Strategien zur Bereitstellung von persistenten Ob-
jekten auf mobilen und verteilten Knoten
Diese Designentscheidungen lassen die betrachteten Persistenzsysteme in ihrer der-
zeitigen Form f¨
ur eine mobile-verteilte Kooperationsumgebung ungeeignet erschei-
nen. Offensichtlich existiert ein Trade-off zwischen der Skalierbarkeit des Persistenz-
systems und der Verf¨
ugbarkeit der gespeicherten Daten (vgl. Abbildung 4.10). In-
teressant bleibt aber die M¨
oglichkeit der Bereitstellung einer selbstorganisierenden,
zuverl¨
assigen und effizienten Peer-to-Peer-Persistenzschicht. Durch eine Anpassung
der Replikationsstrategien und die Erg¨
anzung um eine verteilte Versionskontrolle
k¨
onnen DHT-basierte Persistenzsysteme die gew¨
unschten Eigenschaften prinzipiell
erf¨
ullen.
Die Konzepte der Distributed Hashtables bieten somit einen geeigneten Ausgangs-
punkt f¨
ur die gew¨
unschte Persistenzsschicht mobil-verteilter Wissensr¨
aume. Der Ent-
wurf eines Konzeptes f¨
ur eine auf DHT-Protokollen basierenden Persistenzschicht,
das sich gezielt an den Bed¨
urfnissen von mobil-verteilten Kollaborationsszenarien,
wie in Kapitel 2 vorgestellt, orientiert, ist somit eine der zentralen Forschungsfra-
gen dieser Arbeit. Um zus¨
atzlich den Zugang zu solch einer Persistenzschicht zu
erleichtern, ist es wichtig, die Komplexit¨
at der DHT-Protokolle f¨
ur die Entwick-
ler und Anwender bei der Nutzung des verteilten Speichers zu verbergen. Um diese
M¨
oglichkeiten zum Verbergen dieser Komplexit¨
at auszuloten, sind Ans¨
atze f¨
ur einen
transparenten Zugriff auf einen verteilten Speicher zu betrachten.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
116 4.3 Persistenz
4.3.2 Verteilte Persistenz als gemeinsamer Speicher
Der selbstorganisierende Charakter von verteilten Speicherkonzepten und die Hete-
rogenit¨
at der zugrunde liegenden Netzwerkumgebungen verlangen Entwicklern wie
Benutzern f¨
ur den Zugriff auf derartige Systeme ein Verst¨
andnis der grundlegenden
Konzepte und Mechanismen ab. Die Basistechnologien sind dar¨
uber hinaus nicht
gegeneinander austauschbar oder parallel nutzbar, ohne die Komplexit¨
at weiter zu
erh¨
ohen. Die Entwickler von Kooperationswerkzeugen m¨
ussen sich daher schon zu
Beginn auf eine Technologie festlegen oder im Nachhinein die Anwendungen m¨
uhsam
auf alternative Persistenzsysteme portieren.
Dabek et al. schlagen daher f¨
ur die DHT-Protokolle in [Dabek et al., 2003] ei-
ne Abstraktion der Programmierschnittstelle vor, die es erlaubt, Anwendungen f¨
ur
DHT-Netzwerke unabh¨
angig vom genutzten DHT-Verfahren zu implementieren. Der
Vorschlag bezieht sich aber ausschließlich auf DHT-Protokolle zur Vernetzung der
Knoten eine ¨
ahnliche Abstraktion f¨
ur die auf diese aufsetzenden verteilten Persis-
tenzsysteme ist nicht vorgesehen.
Aufgrund der Vielfalt und Komplexit¨
at der Schnittstellen zu verteilten Persis-
tenszsystemen, wird die Aufmerksamkeit der Entwickler von der Kooperationsun-
terst¨
utzung weg zur technischen L¨
osung der Probleme der Objektspeicherung und
-verwaltung sowie Koordinierung der teilnehmenden Knoten gelenkt. Da die Kno-
ten einer mobilen Kollaboration oft offline sind, befinden sich die einzelnen Teile der
mobil-verteilten Kooperationsumgebung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht
gleichzeitig im Kooperationsnetzwerk und m¨
ussen sich dennoch untereinander ko-
ordinieren. Der Entwickler ben¨
otigt daher Werkzeuge zur L¨
osung der Probleme der
zeitlichen und r¨
aumlichen Entkopplung der Peers mit Hilfe der zu Grunde liegenden
Netzwerk- und Persistenztechnik.
Das Problem eines gemeinsamen Datenraums f¨
ur mehrere lose gekoppelte Pro-
zesse existierte bereits vor dem Aufkommen von verteilten und ¨
uber Peer-to-Peer-
Netzwerke gekoppelten Systemen. Die Multiprozesskommunikation in Mehrprozes-
sorsystemen warf ¨
ahnliche Fragestellungen auf. Obwohl auf derselben Hardware-
plattform laufend, ben¨
otigen parallele Prozesse einen gemeinsamen Datenraum, der
es ihnen erlaubt, miteinander zu kommunizieren, ohne direkt miteinander in Verbin-
dung treten zu m¨
ussen.
Zu diesem Zweck entwarf Gelernter Linda [Gelernter, 1985; Gelernter und Car-
riero, 1989], ein Framework, das Prozessen erm¨
oglicht, Tuple in einem Tuple Space
genannten gemeinsamen Datenraum abzulegen und ¨
uber diese zu kommunizieren.
Die Tuple verbleiben bei Bedarf ¨
uber die Lebenszeit des zugeh¨
origen Prozesses hin-
aus im Tuple Space. Prozesse legen dazu ihre Daten mittels der Funktion in() als
Tuple im Tuple Space ab, ohne sich um deren weitere Verarbeitung zu k¨
ummern.
Ein Prozess, der an diesen Daten interessiert ist, greift auf die Tuple mittels der
Funktionen read() (Tuple lesen und im Tuple Space belassen) oder out() (Tuple
dem Tuple Space entnehmen) zu. Der Zugriff auf die Tuple findet dabei nicht direkt
sondern ¨
uber Templates statt. Mittels des Templates wird ein so genanntes Matching
durchgef¨
uhrt, bei dem die Tuple im Tuple Space mit dem Template verglichen wer-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.2 Verteilte Persistenz als gemeinsamer Speicher 117
den. Das erste ¨
ubereinstimmende Tuple wird als Ergebnis zur¨
uckgeliefert. Sollte kein
Tuple zu dem Template passen, verbleibt das Template so lange im Tuple Space, bis
ein passendes Tuple in den Tuple Space eingef¨
ugt wird.
Tuple Spaces sorgen so f¨
ur eine zeitliche Entkopplung der Kommunikation von
parallelen Prozessen und verhindern, dass sich Prozesse gegenseitig in ihrer Kom-
munikation blockieren. Linda implementiert diesbez¨
uglich einen fl¨
uchtigen Daten-
raum, der urspr¨
unglich f¨
ur die parallele Programmierung von Mainframes ausgelegt
und nicht f¨
ur verteilte Systeme vorgesehen ist. Der Tuple Space in Linda ist nicht
persistent und skaliert aufgrund einer fehlenden inneren Struktur schlecht f¨
ur große
Datenr¨
aume.
Wegen einer fehlenden Persistenz der Tuple in Linda erweitert Persistent Linda
(PLinda) [Anderson und Shasha, 1991] die Tuple Spaces um eine Datenbankfunk-
tionalit¨
at f¨
ur die Speicherung der Tuple. Ein ¨
ahnliches Konzept verfolgt auch der
von IBM Research gew¨
ahlte Ansatz der TSpaces [Wykoff et al., 1998; Lehman et al.,
2001], der ebenfalls eine Datenbankanbindung f¨
ur einen persistenten Tuple Space zur
Verf¨
ugung stellt. Zus¨
atzlich bietet der Ansatz eine Zugriffskontrolle auf Benutzer-
und Gruppenebene.
TSpaces ist auf eine Verwendung mit der Java-Programmiersprache zugeschnit-
ten und erlaubt eigene Objekttypen innerhalb des Tuple Space zu registrieren. Wie
TSpaces ist auch die in SUN Microsystems Jini Framework integrierte Tuple Space-
Implementierung namens JavaSpaces [Freeman et al., 1999] speziell auf eine Nutzung
in Java ausgelegt, sieht aber in ihrer Spezifikation keine Persistenz vor. Der server-
zentrierte Ansatz von TSpace verhindert eine generelle Eignung f¨
ur den Einsatz in
mobilen verteilten Szenarien. Auch verteilte und fehlertolerante Ans¨
atze f¨
ur Linda
[Xu und Liskov, 1989] und TSpaces [Lehman et al., 2001] ber¨
ucksichtigen stets nur
eine vor¨
ubergehende Unterbrechung der Verbindung zum Gesamtsystem, bieten aber
keine Offline-Verf¨
ugbarkeit f¨
ur einzelne Knoten.
Auf den Einsatz in einer verteilten Umgebung zielen Bestrebungen, mit JXTA-
Spaces28 Tuple Spaces auch f¨
ur das JXTA Peer-to-Peer-Framework zur Verf¨
ugung
zu stellen. Der aktuelle Stand der Implementierung erlaubt aber noch keine verteilte
Speicherung des Tuple Space.
Durch eine Ausrichtung auf ad hoc vernetzte Netzwerkknoten ist Linda in a Mobi-
le Environment (LIME) [Picco et al., 1999] eine f¨
ur die mobile Nutzung konzipierte
Tuple Space-Implementierung, die auf eine zentrale Speicherung verzichtet. Statt-
dessen wird der Tuple Space verteilt auf den beteiligten Hosts abgelegt. F¨
ur die
Organisation des verteilten Datenraumes bietet LIME Tuple Spaces und Eventme-
chanismen auf Host- und Netzwerkebene an und erlaubt eine Aufteilung des Tuple
Space in mehrere logische Partitionen.
LIME unterst¨
utzt neben der physischen Mobilit¨
at auch eine logische Mobilit¨
at,
die es Programmen erlaubt, zwischen den mobilen Ger¨
aten zu migrieren. In diesem
Zusammenhang wird in LIME bez¨
uglich der Programme von Agenten (engl. agents)
gesprochen. Jeder Agent hat Zugriff auf einen persistenten Interface Tuple Space
28http://jxtaspaces.jxta.org
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
118 4.3 Persistenz
(ITS), der mittels Vernetzung mit anderen ITS einen fl¨
uchtigen gemeinsamen Tuple
Space bildet. Tuple sind im gemeinsamen Tuple Space so lange verf¨
ugbar, wie der
Knoten mit dem speichernden ITS im Netzwerk verf¨
ugbar ist.
In LIME k¨
onnen mehrere ITS auf einem Knoten gleichzeitig existieren. Sie bil-
den gegeneinander abgeschlossene Tuple Spaces und vernetzen sich jeweils separat
zu fl¨
uchtigen gemeinsamen Tuple Spaces. Die ITS werden dabei ¨
uber ihren Namen
identifiziert und schließen sich auf einem Knoten zu einem Host-Level Tuple Space
zusammen. Um zu garantieren, dass ein Agent im Netzwerk ein bestimmtes Tu-
ple erh¨
alt, ist es m¨
oglich, ein Tuple gezielt in die ITS eines entfernten Agenten zu
speichern, an den es bei der n¨
achsten Netzwerkverbindung ¨
ubergeben wird.
LIME bietet mit seinem Ansatz f¨
ur r¨
aumlich und zeitlich entkoppelte Kommunika-
tion ein wirksames Werkzeug, um die Koordinierung verteilter Systeme im mobilen
Nutzungsumfeld zu erm¨
oglichen, ohne dass eine st¨
andige direkte Verbindung zwi-
schen den teilnehmenden Knoten bestehen muss. Der Zugriff auf den gemeinsamen
Datenraum ¨
uber out(),in() und read() Kommandos erm¨
oglicht Entwicklern, sich
auf die Funktionalit¨
at der verteilten Anwendungen die auf dieses Konzept aufsetzen
zu konzentieren, ohne sich um die Spezifika der Vernetzung der verteilten Program-
minstanzen k¨
ummern zu m¨
ussen.
Die Frage der netzweiten Persistenz von Objekten bleibt bei LIME aber zum Teil
ungel¨
ost. Tuple in lokalen ITS sind zwar persistent und f¨
ur den Knoten jederzeit
erreichbar, um aber auf Tuple in entfernten ITS zugreifen zu k¨
onnen, m¨
ussen die
entsprechenden Knoten im Netzwerk verf¨
ugbar sein. Wenngleich die M¨
oglichkeit
Tuple direkt in entfernte ITS zu speichern eine gezielte Verteilung der gemeinsam
genutzten Daten erlaubt, fehlt hier doch ein durchg¨
angiges Replikationskonzept.
Auch bleibt die Entscheidung, in welche entfernten ITS welches Tuple einzuf¨
ugen
ist, den Entwicklern der Anwendungssoftware ¨
uberlassen. Weiterhin gilt es f¨
ur sie,
die Vernetzung der beteiligten Knoten zu beachten, um die Objekte der verteilten
Umgebung verf¨
ugbar zu halten. Auch die Frage nach der Konsistenz von redun-
dant gehaltenen Objekten in einem derartigen System bleibt von den vorgestellten
Systemen ungel¨
ost.
4.3.3 Konsistenz in verteilten Persistenzsystemen
Die Verf¨
ugbarkeit einer mobil-verteilten Kooperationsumgebung ist stark von der
Verf¨
ugbarkeit der gemeinsam genutzten Objekte abh¨
angig. In einem mobilen Nut-
zungszenario k¨
onnen Netzwerktrennungen nicht nur im Fehlerfall, sondern auch auf
ausdr¨
ucklichen Wunsch der Benutzer auftreten, wenn diese z. B. Batteriereserven
sparen wollen. Daher ist eine Replikationsstrategie, die den Bed¨
urfnissen mobiler
Benutzer angepasst ist, ein wichtiges Kriterium f¨
ur den Erfolg einer solchen mobil-
verteilten Kooperationsumgebung. Die Replikationsstrategie muss die Verf¨
ugbarkeit
der Objekte f¨
ur den Fall ber¨
ucksichtigen, dass Benutzer offline vom restlichen Koope-
rationsnetz sind und isoliert an den gemeinsamen Objekten weiterarbeiten m¨
ochten
(Offline-Verf¨
ugbarkeit ). Daten, die f¨
ur eine Kooperation ben¨
otigt werden, m¨
ussen
somit auf allen beteiligten Ger¨
aten lokal gespeichert sein.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
4.3.3 Konsistenz in verteilten Persistenzsystemen 119
Werden Objekte derart im Netzwerk repliziert und gemeinsam von mehreren Be-
nutzern ver¨
andert, m¨
ussen sie zudem st¨
andig synchronisiert werden, um nicht von-
einander abweichende lokale Kopien entstehen zu lassen. Dies h¨
atte eine Inkonsistenz
des replizierten Objektes zur Folge. Aufgrund der r¨
aumlich und zeitlich entkoppelten
Kooperation im mobilen Nutzungsumfeld ist eine zeitnahe Synchronisation oft nicht
m¨
oglich.
In einem Netzwerk, in dem mehrere Knoten einen Objektspeicher replizieren, ent-
steht bei einem ¨
uberlappenden Schreibzugriff auf zwei Repliken ein Konflikt bei deren
n¨
achster Synchronisation. Der einfachste Schutz gegen derartige Schreibkonflikte ist
es, Schreibzugriffe nur auf einem Knoten (Master) zuzulassen und allen anderen re-
plizierenden Knoten (Slaves) nur Lesezugriffe zu erlauben. Die ¨
Anderungen werden
dann vom Master zu den Slaves weitergegeben.
Sollen alle Knoten die replizierten Objekte lokal schreiben d¨
urfen (Multiple Write
Replication) und dennoch die Konsistenz der Repliken bewahrt werden, m¨
ussen die
Repliken vor einem Schreibzugriff gesperrt werden. Nach dem Schreiben der ¨
An-
derung und der Synchronisation der Repliken kann die Sperre wieder aufgehoben
werden.
Diese beiden konservativen Verfahren erlauben einen schreibenden Zugriff auf die
Daten nur, wenn eine Sperre auf (fast) alle betroffenen Knoten gesetzt werden kann.
Sie sind daher f¨
ur mobile Nutzungsszenarien eher ungeeignet.
Besser geeignet f¨
ur mobile Nutzungsszenarien sind optimistische Verfahren, die
Schreibvorg¨
ange erlauben, ohne von vornherein Konflikte zu vermeiden (Optimistic
Concurrency Control, [vgl. Kung und Robinson, 1981]). Die Knoten synchronisie-
ren ihre Repliken nach einem Schreibvorgang, ohne den Verwaltungsaufwand eines
Sperrmechanismus betreiben zu m¨
ussen. Sollte dabei ein Konflikt bemerkt werden,
m¨
ussen Mechanismen f¨
ur die Beseitigung dieses Konflikts bereitstehen. Das Ergeb-
nis ist ein schwach konsistenter Speicher, in dem die ACID-Eigenschaften29 [Gray,
1988] nicht mehr zu jeder Zeit gegeben sind.
Es existieren einige Implementierungen verteilter Speicher f¨
ur mobile Einsatzfel-
der. Neben einigen verteilten Datenbankkonzepten [vgl. Holliday et al., 2002] sind
die gr¨
oßte Zahl der L¨
osungen Dateisysteme. Letztere werden aufgrund ihrer Mecha-
nismen zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Konsistenz im Folgenden
eingehender betrachtet.
Das Andrew File System (AFS) [Campbell, 1998; Howard et al., 1988] liefert ¨
uber
einen Server Dateien an die Clients aus und merkt sich, welche Clients eine Datei
ge¨
offnet haben. Bei einer ¨
Anderung der Datei durch einen der Clients werden die
anderen Clients vom Server informiert und aktualisiert. Dieses Vorgehen hilft, den
Netzwerkverkehr beim Zugriff auf entfernte Dateien zu reduzieren und kann auch
f¨
ur eine unverbundene Arbeit genutzt werden [Huston und Honeyman, 1993].
W¨
ahrend in AFS die Dateien von einem einzelnen Server bereitgestellt werden, hat
Ficus [Popek et al., 1990] das Ziel, Dateisysteme f¨
ur weitr¨
aumige Netzwerke (Na-
29Gew¨
unschte Eigenschaften bei Transaktionen in verteilten Systemen, bestehend aus Atomicity,
Consistency,Isolation und Durability.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
120 4.4 Ereigniskontrolle
tionwide Networks ) [Popek et al., 1990] zu etablieren und zu dem Zweck gespiegelte
Datentr¨
ager im Netzwerk zur Verf¨
ugung zu stellen. Diese sollen trotz m¨
oglicher Ver-
bindungsabbr¨
uche konsistent gehalten werden k¨
onnen.
Coda [Kistler und Satyanarayanan, 1992; Satyanarayanan, 2002] besitzt eine ¨
ahn-
liche Client-Server-Topologie, wurde aber direkt auf ein unverbundenes und mobi-
lit¨
atsfreundliches Arbeiten zugeschnitten [Satyanarayanan et al., 1993]. Zu diesem
Zweck werden f¨
ur die Benutzer interessante Dateien lokal repliziert (Hoarding). Im
Fall eines Verbindungsabbruchs zu dem Server k¨
onnen die Benutzer auf den lokalen
Repliken weiterarbeiten und diese sp¨
ater wieder mit dem Server synchronisieren.
Tritt ein Konflikt wegen zeitgleicher ¨
Anderungen an einer Datei auf, wird diese ge-
sperrt und die verschiedenen Versionen in einem Verzeichnis mit dem Namen der
Datei abgelegt. Dort kann sie manuell von den beteiligten Teilnehmern zusammen-
gef¨
uhrt werden.
Das PRAYER File System (PFS) [Dwyer und Bharghavan, 1997] bietet ebenfalls
eine mobilit¨
atsfreundliche unverbundene Bearbeitung der lokal replizierten Objekte.
Es gestattet den auf die Daten zugreifenden Anwendungen aber zus¨
atzlich, selbst
eine Konsistenzstrategie f¨
ur diese zu bestimmen. Auf diese Art soll die L¨
osung des
in [Fox und Brewer, 1999] beschriebenen Dilemmas eines Trade-offs zwischen starker
Konsistenz und hoher Verf¨
ugbarkeit der Daten den Entwicklern der bearbeitenden
Anwendung ¨
uberlassen werden.
Diesen Ansatz verfolgen auch TACT [Yu und Vahdat, 2002] und GLOMAR [Cuce
und Zaslavsky, 2003]. Beide unterst¨
utzen Anwendungensentwickler darin, eine pas-
sende Replikationsstrategie gem¨
ihren Anforderungen an die St¨
arke der Konsistenz
der replizierten Anwendungsdaten zu w¨
ahlen.
W¨
ahrend Systeme wie Coda und PFS den Ansatz mobilit¨
atsfreundlicher Datei-
systeme verfolgen, betrachtet Bayou [Terry et al., 1995] direkt die Objektverteilung
in Peer-to-Peer-Systemen. In [Edwards et al., 1997] wird dieses Konzept auf asyn-
chron vernetzte Kooperationssysteme ¨
ubertragen, zielt aber nicht direkt auf mobil-
spontane Kooperationsl¨
osungen.
Die aufgef¨
uhrten L¨
osungsans¨
atze lassen die Vermutung zu, dass ein genereller
Speicheransatz wie ein Dateisystem oft nicht in der Lage ist, die bestm¨
ogliche Abw¨
a-
gung zwischen Verf¨
ugbarkeit und Konsistenz zu bieten. Dieses Problem ¨
außert sich
in Systemen, die versuchen, die Entwickler einer Anwendung entscheiden zu lassen,
wie hoch die jeweiligen Anforderungen f¨
ur Verf¨
ugbarkeit und Konsistenz der Anwen-
dungsdaten sein sollen. Keiner der Ans¨
atze verf¨
ugt ¨
uber eine Replikationsstrategie,
die auf eine mobil-spontane Kooperation in virtuellen Wissensr¨
aumen zugeschnitten
ist.
4.4 Ereigniskontrolle
Da in kooperativen Umgebungen eine hohe Interaktivit¨
at der Benutzer charakteris-
tisch f¨
ur synchronisierte Arbeitsabl¨
aufe ist, m¨
ussen Ereignisse innerhalb der gemein-
sam bearbeiteten Bereiche so schnell wie m¨
oglich in den Wahrnehmungsraum der
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
121
Kooperationspartner gebracht werden. Verteilte Systeme m¨
ussen sich dazu st¨
andig
¨
uber Ereignisse in der gemeinsam bereitgestellten Umgebung austauschen k¨
onnen.
Um Ereignisse zwischen Systemen zu kommunizieren, existieren zwei wesentliche
Paradigmen: Das Request&Reply- bzw. Pull-Paradigma und das Publish/Subscribe-
bzw. Observer-Paradigma. Beim ersteren ist der Empf¨
anger der Ereignisse f¨
ur das
Abrufen der Zustands¨
anderungen zust¨
andig. Eine Synchronisation kann hier ¨
uber
regelm¨
aßiges Abfragen der aktuellen Ereignisse in geringen Zeitabst¨
anden geschehen
(Polling). Beim Observer-Paradigma [Gamma et al., 1995, S. 193ff] hingegen meldet
sich der Empf¨
anger einmalig beim Sender an und abonniert alle Ereignisse bez¨
uglich
der Zustands¨
anderungen bestimmter Objekte. Tritt ein Ereignis auf, benachrichtigt
der Sender direkt alle Abonnenten (Pushing).
Das Observer-Paradigma hat den besonderen Vorteil, dass es eine lose Kopp-
lung von Sender und Empf¨
anger erlaubt, da nur eine Kommunikation in Richtung
des Empf¨
angers notwendig ist und auch Multicast-Kommunikation unterst¨
utzt wird.
Mehrere Empf¨
anger k¨
onnen so gleichzeitig ¨
uber Zustands¨
anderungen informiert wer-
den. Beide Aspekte machen das Observer-Paradigma zu einem idealen Werkzeug f¨
ur
die Ereignis-Behandlung in mobil-verteilten Kooperationssystemen. Im Folgenden
wird daher mit Scribe eine Implementierung dieses Paradigmas betrachtet, die auf
das DHT-basierte Pastry aufsetzt.
Scribe
Scribe [Rowstron et al., 2001; Castro et al., 2002] ist die Implementierung einer
Any- und Multicast-L¨
osung gem¨
dem Observer-Paradigma f¨
ur das Pastry Overlay-
Netzwerk (vgl. Abschnitt 4.3.1). Bei Scribe liegen alle teilnehmenden Knoten im
logischen Adressraum von Pastry. Die Eigenschaften von Pastry gelten somit auch f¨
ur
Scribe. Als Publisher/Subscriber-System unterst¨
utzt es zwei Arten von Teilnehmern.
Zum einen gibt es Teilnehmer, die Themen ver¨
offentlichen und zum anderen welche,
die ver¨
offentlichte Themen abonnieren, an denen sie interessiert sind. Diese Themen
k¨
onnen auch Ereignisse ¨
uber Status¨
anderungen von Objekten sein.
Grunds¨
atzlich kann jeder Knoten eines Pastry-Netzwerks mit Hilfe von Scribe
Themen ver¨
offentlichen. Alle anderen Knoten k¨
onnen diese Themen abonnieren.
Der Herausgeber eines Themas kann nun die Abonnenten ¨
uber Ver¨
anderungen in
Kenntnis setzen. Dies wird ¨
uber Ereignisse realisiert, welche durch Scribe automa-
tisch versandt werden, ohne eine festgelegte Reihenfolge einzuhalten. Das System
ist so konzipiert, dass Knoten zugleich Abonnementen als auch Herausgeber sein
k¨
onnen. Bestehende Abonnements k¨
onnen in gleicher Weise gek¨
ungigt wie bestellt
werden. Zu jedem Thema im Netzwerk erstellt Scribe einen eigenen Multicast-Baum,
in dem sich alle Abonnenten des Themas wiederfinden.
Da Scribe eine reine Funktionserweiterung von Pastry ist, ist es ebenfalls v¨
ollig
dezentralisiert aufgebaut. Jeder Knoten kann dabei gleichzeitig mehrere Funktionen
einnehmen, wie z. B. Herausgeber, Wurzel eines Multicast-Baums, Knoten innerhalb
des Multicast-Baumes und Abonnement.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
122 4.4 Ereigniskontrolle
Jedes Thema wird eindeutig ¨
uber eine topicID identifiziert. Diese wird als Hash-
Wert aus dem Namen des Themas und der Identit¨
at des Herausgebers errechnet.
Diese topicID liegt wieder im logischen Adressraum des Pastry-Netzwerkes. Ein Kno-
ten, dessen nodeID den numerisch kleinsten Abstand zur topicID hat, wird als so
genannter Rendezvous-Knoten bestimmt. Jedes Thema besitzt genau einen Rendez-
vous-Knoten, aber ein Knoten kann zugleich der Rendezvous-Knoten mehrerer The-
men sein. Dieser Knoten ist dann auch die Wurzel des Multicast-Baumes [Rowstron
et al., 2001].
Um ein Thema in einem Scribe-Netzwerk anzulegen, muss Scribe zun¨
achst die
topicID des Themas erzeugen und mit Hilfe von Pastry an den zust¨
andigen Knoten
¨
ubergeben. Dieser Knoten nimmt das neue Thema in seine Themenliste auf. An
diesem Punkt kann zus¨
atzlich eine Sicherheitspr¨
ufung durchgef¨
uhrt werden, welche
die Berechtigung des Verfassers dahingend pr¨
uft, ob dieser ein Thema anlegen darf.
Von nun an ist dieser Knoten der Rendezvous-Knoten des neuen Themas.
Abonenntenverwaltung Scribe erstellt f¨
ur jedes Thema einen Multicast-Baum,
dessen Wurzel der Rendezvous-Knoten bildet. Der Multicast-Baum f¨
ur das Versen-
den der Nachricht entsteht aus den Routen der Abonnenten zu dem Rendezvous-
Knoten. Die Abonnements werden dabei dezentral verwaltet, damit die Funktiona-
lit¨
at auch bei einer hohen Anzahl von Abonnenten sichergestellt werden kann, ohne
den Rendezvous-Knoten zu ¨
uberlasten. Teilnehmer eines Multicast-Baumes m¨
ussen
nicht selbst Abonennten des Themas sein sondern k¨
onnen auch lediglich Nachrich-
ten weiterleiten. Jeder Knoten besitzt f¨
ur jedes Thema eine eigene Nachfolgertabelle,
in der f¨
ur die eigenen Nachfolgeknoten im Multicast-Baum jeweils nodeID und IP-
Adresse gespeichert sind.
Wenn ein Knoten ein Thema abonnieren m¨
ochte, sendet er eine entsprechende
Anfrage ¨
uber Pastry an den zugeh¨
origen Rendezvous-Knoten. Die Anfrage enth¨
alt
entsprechend als ID f¨
ur den Nachrichtenschl¨
ussel die des Rendezvous-Knoten. Auf
der Route zu dem Rendezvous-Knoten wird auf jedem Zwischenknoten, ¨
uber den die
Nachricht gesandt wird, die Nachfolgertabelle aktualisiert, indem gepr¨
uft wird, ob
zu diesem Thema bereits eine Nachfolger-Tabelle existiert. Muss die Tabelle neu an-
gelegt werden, wird sie mit der nodeID des ¨
ubermittelnden Knoten initialisiert. Der
¨
ubermittelnde Knoten ist somit neuer Nachfolger des aktuellen Knotens im Mulicast-
Baum. Die urspr¨
ungliche Anfrage des Abonnenten wird verworfen und der aktuelle
Knoten sendet seinerseits eine Abonnementanfrage zu dem Thema. Dieser Vorgang
wiederholt sich bis ein Knoten gefunden wird, bei dem die Tabelle schon vorhanden
ist. Dieser pr¨
uft, ob der anfragende Knoten bereits in der Nachfolger-Tabelle enthal-
ten ist. Ist dies der Fall, wird die Nachricht lediglich Richtung Rendezvous-Knoten
weitergeleitet, ansonsten wird zus¨
atzlich der Knoten als Nachfolger erg¨
anzt.
Auf diese Weise baut sich der sp¨
atere Multicast-Baum von den Bl¨
attern (Abon-
nenten) zur Wurzel (Rendevouz-Knoten) selbstst¨
andig auf. An Stellen, wo bereits
ein Weg zur Wurzel besteht, endet die Vervollst¨
andigung der Route zur Wurzel und
der existierende Weg wird ab dieser Stelle f¨
ur die Verteilung der Nachrichten mit-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
123
Abbildung 4.11: Abonnieren eines bereits ver¨
offentlichten Themas ¨
uber einen noch
nicht im Multicast-Baum enthaltenen Knoten
benutzt. Betrachtet man die ermittelten Wege nun von der Wurzel zu den Bl¨
attern,
ergibt sich aufgrund der Pastry-Eigenschaften ein optimaler Pfad. Außerdem wird
keine Nachricht im Multicast-Baum doppelt ¨
uber eine Verbindung zweier Knoten
gesandt. In Abbildung 4.11 wird das Abbonieren eines Themas schematisch darge-
stellt.
M¨
ochte ein Knoten nun ein zuvor abonniertes Thema abbestellen, so kennzeich-
net dieser Knoten das Thema als nicht mehr ben¨
otigt. Wenn keine Eintr¨
age in der
Nachfolger-Tabelle vorhanden sind, wird eine Abbestell-Nachricht an den Vorg¨
anger
im Multicast-Baum gesandt, der den Knoten daraufhin aus der Nachfolger-Tabelle
des Themas l¨
oscht. Die Nachricht wandert sukzessiv durch den Multicast-Baum in
Richtung Wurzel, bis sie einen Knoten erreicht, dessen Nachfolger-Tabelle nach L¨
o-
schung des abbestellenden Knotens noch weitere Eintr¨
age enth¨
alt. So werden auch
die Knoten aus dem Multicast-Baum entfernt, die nur als Verteilerknoten f¨
ur die
Weiterleitung der Nachrichten an den abbestellenden Knoten enthalten waren (vgl.
Abbildung 4.12).
Das in Scribe enthaltene Verfahren zur Verwaltung der Abonnenten ist auch bei
einer hohen Anzahl von Abonnenten sehr leistungsf¨
ahig. Die Abonnentenliste wird
auf den Knoten der Multicast-B¨
aume gespeichert und ist durch die zuf¨
allige Zu-
ordnungsstrategie gleichm¨
aßig ¨
uber das Pastry-Netzwerk verteilt. Dies ist eines der
wesentlichen Merkmale von Scribe, das die Leistungsf¨
ahigkeit des Nachrichtenver-
sands auch bei großen Mengen von Themen und Abonnenten bewahrt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
124 4.4 Ereigniskontrolle
Abbildung 4.12: Abbestellen eines abonnierten Themas: Knoten, die nur Weiter-
leitungsfunktionen haben, werden wieder aus dem Multicast-Baum entfernt
Die Abonnement-Anfragen werden lokal auf Knoten der bereits vorhandenen Mul-
ticast-B¨
aume bearbeitet und bilden somit eine dezentrale Verwaltungsstruktur. Zu-
s¨
atzlich wird eine Erweiterung des Multicast-Baums um einen neuen Knoten lokal
vorgenommen, was die Notwendigkeit einer zentralen Bearbeitung der Anfragen ver-
meidet. Der durch das Pastry-Routing optimale Multicast-Baum f¨
uhrt zu einer Nach-
richtenweitergabe, die Mehrfachversendungen und die damit einhergehende erh¨
ohte
Netzwerkkommunikation vermeidet. Abbildung 4.13 verdeutlicht den Unterschied
zwischen einem Nachrichtenversand in Scribe (Single-Mulicast) und dem herk¨
omm-
lichen Multiple-Unicast. Grunds¨
atzlich l¨
asst sich bei einem Vergleich der beiden
Ans¨
atze folgendes feststellen:
Single-Multicast: Bei dieser Variante des Nachrichten-Versandes versendet der
Rendezvous-Knoten Nachrichten nur an seine direkten Nachfolger im Mul-
ticast-Baum. Dies l¨
ost auf diesen Knoten wiederum einen Versand zu de-
ren Nachfolgern aus. Diese Kette setzt sich solange fort, bis alle Knoten im
Multicast-Baum erreicht worden sind. Die gesandte Nachricht durchl¨
auft da-
bei den Multicast-Baum und wird lediglich einmal ¨
uber jede Kante zwischen
den Knoten ¨
ubertragen. Vorteilhaft ist auch, dass der Rendezvous-Knoten nur
wenige Knoten f¨
ur den Versand zu einem Thema direkt kennen muss.
Multiple-Unicast: Der Rendezvous-Knoten muss bei diesem Verfahren alle Ziel-
knoten selbst kennen. Er versendet eine Nachricht der Reihe nach an alle Ziel-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
125
Abbildung 4.13: Gegen¨
uberstellung des in Scribe verwendeten performanten
Single-Multicast-Verfahrens und des ¨
ublichen Multiple-Unicast-Verfahrens
knoten. Die Nachricht wird somit mehrfach ¨
uber die gleichen Nachrichtenwege
versandt. Dieses Verfahren ben¨
otigt einen performanten Sender und eine Netz-
werktopologie mit einer entsprechend hohen Sende-Bandbreite.
Durch die positive Auswirkung des Pastry-Routings auf die Entstehung der Mul-
ticast-B¨
aume werden sowohl die physikalischen Verbindungseigenschaften im realen
Netzwerk als auch kurze Routen ¨
uber wenige Knoten ber¨
ucksichtigt.
Verbreitung von Nachrichten Soll eine Nachricht an die interessierten Knoten
versendet werden, so hat der Herausgeber der Nachricht zwei M¨
oglichkeiten, den
Rendezvous-Knoten zu erreichen. Bei der ersten Variante kennt der Herausgeber be-
reits die IP-Adresse des Rendezvous-Knoten und nimmt direkt Kontakt mit diesem
auf.
Ist die IP-Adresse des Rendezvous-Knotens dem Herausgeber jedoch nicht be-
kannt, kann die Nachricht ¨
uber Pastry versandt werden, indem sie mit der topicID
als Nachrichtenschl¨
ussel an den Rendezvous-Knoten ¨
ubermittelt wird. Der Rendez-
vous-Knoten teilt in diesem Fall seine IP-Adresse aufgrund einer in der Nachricht
enthaltenen Anforderung dem Herausgeber mit. ¨
Uber die IP-Adresse kann dieser
von nun an seine Nachrichten direkt zum Rendezvous-Knoten senden.
Vom Rendezvous-Knoten aus wird die Nachricht im Multicast-Baum an die Abon-
nenten verteilt. Sollte ein Rendezvous-Knoten durch einen neu ins Pastry-Netzwerk
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
126 4.4 Ereigniskontrolle
hinzugef¨
ugten Knoten ersetzt werden, leitet er die Nachrichten zun¨
achst an den neu-
en Knoten weiter und teilt dem Herausgeber der Nachricht die neue IP-Adresse mit.
Auch die Variante des Sendens einer Nachricht mit der topicID als Nachrichten-
schl¨
ussel f¨
uhrt zu der Behebung des Defekts durch eine solche Ver¨
anderung. Da der
Versand stets ¨
uber einen Rendezvous-Knoten l¨
auft, k¨
onnen an dieser Stelle auch die
Berechtigungen f¨
ur den Nachrichtenversand verwaltet werden und Angriffe auf das
Nachrichtensystem abgeblockt werden.
Zuverl¨
assigkeit und Ausfallsicherheit Um eine Zuverl¨
assigkeit und Ausfallsi-
cherheit von Scribe zu gew¨
ahrleisten, m¨
ussen die Rahmenbedingungen relativ stabil
sein, da Scribe eine Zustellung der Nachrichten nicht garantiert. Besonders bei der
Verteilung von Ereignissen in verteilten Systemen muss aber eine gewisse Verl¨
asslich-
keit der Zustellung gewahrt bleiben. Scribe ist beim Nachrichtenversand zun¨
achst
einmal auf eine m¨
oglichst hohe Effizienz ausgerichtet. Durch eine Erweiterung, der in
Scribe genutzten Kommunikationsmechanismen kann die Zuverl¨
assigkeit allerdings
erh¨
oht werden.
Scribe benutzt f¨
ur eine verl¨
assliche Nachrichtenzustellung das verbindungsorien-
tierte TCP-Protokoll f¨
ur die Kommunikation zwischen den Knoten des Multicast-
Baumes [Rowstron et al., 2001]. Um die Zuverl¨
assigkeit dieses Verfahrens weiter zu
erh¨
ohen, wird f¨
ur jedes Ereignis eine eindeutige Nummer vergeben. Die nummerierte
Nachricht verbleibt ¨
uber eine fest definierte Zeit auf den Knoten im Multicast-Baum.
Sollte die Zustellung einer Nachricht fehlschlagen, kann so der Versand der Nachricht
wiederholt werden.
Durch diese tempor¨
are Zwischenspeicherung der Nachrichten und ihre Numme-
rierung k¨
onnen sowohl bei Ausf¨
allen des Rendezvous-Knoten, als auch bei Ausf¨
allen
von Knoten im Multicast-Baum, Fehler kompensiert werden. Dies geschieht durch
Vergleichen der aktuellen und der gespeicherten Ereignis-Nummer in den Knoten.
Wurde ein Ereignis noch nicht empfangen, wird es weitergeleitet und ansonsten ver-
worfen. So wird eine h¨
ohere Zuverl¨
assigkeit bei der Nachrichtenzustellung erreicht.
Um die Funktionsf¨
ahigkeit des Multicast-Baumes zu jedem Zeitpunkt zu gew¨
ahr-
leisten, stehen Anwendungen in Scribe verschiedene Mechanismen zur Verf¨
ugung, um
eine Reparatur des Multicast-Baumes im Fehlerfall zu bewerkstelligen. Um den Aus-
fall eines Knotens im Multicast-Baum fr¨
uhzeitig zu erkennen, senden die Multicast-
Knoten Kontrollnachrichten zu ihren Nachfolgern. Den Nachfolgern ist so der Status
ihrer Vorg¨
anger im Multicast-Baum bekannt. Zur Verringerung des Kommunikati-
onsaufkommens werden auch die normalen Nachrichten als Lebenszeichen genutzt.
Bleiben die Lebenszeichen eines Knotens f¨
ur eine bestimmte Zeit aus, wird eine
Prozedur zur Korrektur des Defekts gestartet. Der Knoten, der den Defekt entdeckt
hat, sendet dazu ¨
uber Pastry eine Abonnement-Anfrage mit der topicID als Nach-
richtenschl¨
ussel. Pastry findet aufgrund seiner Fehlerresistenz einen neuen Weg in
dem Multicast-Baum und umgeht den vermeintlich ausgefallenen Knoten. ¨
Uber diese
neue Wegsuche werden eventuell auch neue Knoten zum Multicast-Baum hinzuge-
f¨
ugt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
127
Mittels dieser Methode kann Scribe auch den Ausfall eines Rendezvous-Knoten
im Multicast-Baum selbstst¨
andig beheben. Dazu werden im Betrieb die f¨
ur den
Nachrichtenversand ben¨
otigten Informationen des Rendezvous-Knotens analog zu
dem Replikationsverfahren in PAST (vgl. Abschnitt 4.3.1) auf kKnoten des Leaf Sets
repliziert. Da diese kKnoten aus dem Leaf Set des Rendezvous-Knoten stammen,
sind sie die direkten Nachbarn innerhalb des logischen Adressraumes.
Sollte ein Rendezvous-Knoten ausfallen, wird dies von seinen Nachfolgern erkannt
und ¨
uber Pastry eine neue Abonnement-Anfrage gesandt. Die Nachricht wird zu
dem Knoten gesandt, der nummerisch am n¨
achsten zur topicID liegt. Dies war zuvor
der ausgefallene Rendezvous-Knoten. Da dieser nicht mehr erreichbar ist, wird die
Nachricht zu der n¨
achstgelegenen nodeID im logischen Adressraum geleitet. Der
zugeh¨
orige Knoten stammt aufgrund der Eigenschaften des Pastry-Routings mit
hoher Wahrscheinlichkeit aus dem replizierenden Leaf Set des alten Rendezvous-
Knotens. Da auf dem Nachbarknoten eine Kopie der f¨
ur den Rendezvous-Knoten
ben¨
otigten Informationen hinterlegt ist, kann dieser nun die Rolle des Rendezvous-
Knotens nahtlos ¨
ubernehmen.
Die Herausgeber bemerken den Ausfall des alten Rendezvous-Knoten, da dieser
nicht mehr direkt ¨
uber seine IP-Adresse zu erreichen ist, und lassen ¨
uber Pastry eine
neue Route berechnen. So gelangen sie ebenfalls zu dem neuen Rendezvous-Knoten.
Die Eintr¨
age in den Nachfolger-Tabellen werden solange aufrechterhalten, wie re-
gelm¨
aßig Nachrichten von den Nachfolgern das bestehende Interesse an dem abon-
nierten Thema best¨
atigen, sonst werden sie automatisch entfernt, um den Multicast-
Baum nicht degenerieren zu lassen. Die Fehlerbehandlung ist unabh¨
angig von der
Gr¨
oße des Multicast-Baumes, da diese Nachrichten nur an eine kleine Auswahl
von Knoten gesandt werden m¨
ussen. Von einer Wiederherstellung eines defekten
Multicast-Baumes ist nur das direkte Umfeld des Fehlers betroffen. Somit k¨
onnen
Fehler an verschiedenen Stellen gleichzeitig behoben werden.
Analog zu dem hier vorgestellten Verfahren eines ereignisbasierten Nachrichten-
systems kann mit Hilfe von Scribe auch ein Gruppenverwaltung realisiert werden.
Dazu werden Gruppen wie Themen betrachtet, in denen nicht Abonennten, sondern
Gruppenmitglieder enthalten sind. Das Adressierungssystem f¨
ur die Gruppenkom-
munikation ist ¨
anlich dem des Nachrichtenversands, wobei die topicID durch die
groupID ersetzt wird. Der Rendezvous-Knoten wird wiederum durch einen Knoten
vertreten, dessen nodeID numerisch am n¨
achsten zur groupID ist. Alle Funktionen,
wie das Hinzuf¨
ugen oder Entfernen von Mitgliedern in den Gruppen, werden analog
zum Abonnieren und Abbestellen von Themen bewerkstelligt [Castro et al., 2002].
Bewertung von DHTs in mobil-verteilten Anwendungsszenarien
Scribe gibt den Enwicklern von verteilten Anwendungen ein m¨
achtiges Werkzeug
zur Multicast-Kommunikation und insbesondere zur Gruppenkommunikation in die
Hand. Zusammen mit der M¨
oglichkeit der Bereitstellung einer selbstorganisierten
Netzwerkstruktur (Pastry) inklusive eines replizierten verteilten Speichers (PAST)
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
128 4.4 Ereigniskontrolle
erscheinen die DHT-basierten L¨
osungsans¨
atze als eine ideale Plattform f¨
ur die Im-
plementierung einer verteilten Kooperationsumgebung.
F¨
ur eine mobilit¨
atsfreundliche Infrastruktur fehlt noch die Unterst¨
utzung der Off-
line-Verf¨
ugbarkeit verteilt gespeicherter Daten. Unverbundene Knoten werden in
allen L¨
osungsans¨
atzen stets als defekt betrachtet und es existiert zudem keine M¨
og-
lichkeit, Kooperationsdaten gezielt auf eine bestimmte Knotengruppe zu replizieren.
Auch werden Nachrichten (mit Ausnahme von I3) stets nur synchron versandt, so
dass unverbundene Knoten auch beim Wiedereintritt von einem Teil der Ereignis-
kontrolle abgeschnitten bleiben.
Trotz dieser Defizite derzeitiger DHT-Implementierungen bleiben viele der ange-
botenen L¨
osungsans¨
atze vielversprechend f¨
ur die Umsetzung einer mobil-verteilten
Kooperationsumgebung. In dem folgenden Kapitel 5 sollen daher die fehlenden Bau-
steine erg¨
anzt werden und so zu einem Entwurfsmuster f¨
ur mobil-verteilte Kooperati-
onsumgebungen basierend auf dem Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume kombiniert
werden.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
5 Musterarchitektur mobil-verteilter
Wissensr¨
aume
Bei Betrachtung der Szenarien mobil-verteilter Kooperation und der verf¨
ugbaren L¨
o-
sungsans¨
atze ergibt sich ein zwiesp¨
altiges Bild. So scheinen f¨
ur viele der in Kapitel 3
ermittelten Anforderungen bereits geeignete L¨
osungen zu existieren, w¨
ahrend zur
Erf¨
ullung anderer kritischer Anforderungen keiner der betrachteten L¨
osungsans¨
atze
geeignet scheint.
Die Defizite zeichnen sich insbesondere mit Blick auf eine mobilit¨
atsfreundliche
verteilte Persistenz ab. Die zentrale Forderung nach Offline-Verf¨
ugbarkeit der Ko-
operationsdaten und zeitlich entkoppelter Ereigniskommunikation, die zusammenge-
nommen ein Fortsetzen der Arbeit in unverbundenen Kooperationssituationen er-
lauben w¨
urden, wird von keinem der betrachteten Ans¨
atze erf¨
ullt. Die Schaffung
einer geeigneten Persistenzschicht wird so zu einer zentralen Forschungsfrage f¨
ur die
Unterst¨
utzung mobil-spontaner Kooperationsszenarien.
Auf der anderen Seite existieren mit den vorhandenen L¨
osungsans¨
atzen einige
wichtige Bausteine f¨
ur die zuk¨
unftigen mobil-verteilten Kooperationsumgebungen.
So erlauben die Protokolle f¨
ur mobil-spontane Vernetzung das Verbinden von Mo-
bilger¨
aten und Diensten sowie das Einbinden existierender Netzwerkinfrastrukturen.
Mittels dezentraler Persistenzsysteme auf DHT-Basis l¨
asst sich ein verteilter globaler
Speicher f¨
ur die Kooperationsumgebungen realisieren, es fehlt aber an Mechanismen
f¨
ur eine gesteuerte Replikation und einer Synchronisation der Repliken. Mit anony-
men und zeitlich entkoppelten Speicherkonzepten in Form von Tuple Spaces besteht
zudem die M¨
oglichkeit, die technischen Strukturen einer mobil-verteilten Persistenz
in eine konsistente Metapher f¨
ur den Zugriff auf einen gemeinsamen und struktu-
rierten Speicher einzubinden.
In den folgenden Abschnitte werden die vorhandenen Komponenten um wich-
tige Bausteine zu einer Gesamtarchitektur erg¨
anzt. Diese enth¨
alt u. a. eine Per-
sistenzschicht f¨
ur die Bereitstellung mobil-verteilter Wissensr¨
aume in einer spon-
tan vernetzten Kooperationsumgebung. Zu diesem Zweck wird eine speziell auf die
Bed¨
urfnisse mobil-spontaner Kooperation zugeschnittene Replikations- und Versio-
nierungsstrategie und ein f¨
ur die Gruppenarbeit angepasstes Tuple Space-Konzept
vorgestellt. Zudem wird die Einbettung externer Kontext- und Persistenzdienste in
diese Strukturen behandelt. Die so gewonnenen Bausteine und Konzepte erg¨
anzen
sich schließlich zu einem neuartigen Entwurfsmuster einer Architektur zur Bereit-
stellung mobil-verteilter Wissensr¨
aume.
129
130 5.1 Replikationsstrategien f¨
ur die mobil-spontane Kooperation
?
Abbildung 5.1: Offline-Verf¨
ugbarkeit in einer verteilten Persistenzschicht
5.1 Replikationsstrategien f¨
ur die mobil-spontane
Kooperation
Der Zugriff auf einen ¨
uber ein Ad-Hoc-Netzwerk errichteten verteilten gemeinsamen
Speicher ist in mobil-spontanen Nutzungsszenarien von Verf¨
ugbarkeit einer Netz-
werkverbindung zum speichernden Knoten abh¨
angig1. Wenn die in so einem mo-
bilen Netzwerk verteilt gespeicherten Objekte nicht in intelligenter Weise ¨
uber die
beteiligten Knoten des Netzwerkes repliziert werden, sind sie wie in Abbildung 5.1
dargestellt bei einem entfernten Zugriff eventuell nicht verf¨
ugbar [vgl. Eßmann et al.,
2006].
Ein g¨
angiges Konzept zur Erh¨
ohung der Zuverl¨
assigkeit von Diensten in einer un-
zuverl¨
assigen Umgebung ist Redundanz (vgl. Kapitel 3). Diese f¨
uhrt aber gleichzeitig
zu einem erh¨
ohten Verwaltungsaufwand und Speicherbedarf. Basiert der Dienst zu-
dem auf einem gemeinsamen und ver¨
anderlichen Datenbestand, m¨
ussen die Kopien
der redundant gespeicherten Daten stets mit dem Original synchronisiert werden.
Erfolgt die Bearbeitung der replizierten Objekte auf allen redundant gehaltenen
Kopien, muss die Synchronisation in jede Richtung erfolgen. Zus¨
atzlich k¨
onnen in
diesem Fall Konflikte bei einer gleichzeitigen Bearbeitung eines replizierten Objektes
auf zwei unterschiedlichen Knoten auftreten.
Eine Erreichbarkeit aller Repliken eines Objektes zum Zeitpunkt einer ¨
Anderung
und der nachfolgenden Synchronisation kann in mobilen Netzwerken nicht garan-
tiert werden. Daher wird die Synchronisation eventuell zeitversetzt und epidemisch
zwischen den Knoten erfolgen. Epidemisch bedeutet in diesem Zusammenhang, dass
sich die Knoten untereinander synchronisieren, sobald sie in Reichweite kommen.
Alle synchronisierten Knoten gleichen ihrerseits die ¨
Anderungen mit weiteren nicht
aktualisierten Knoten ab. Diese Strategie verhindert, dass der ¨
andernde Knoten sich
mit allen replizierenden Knoten direkt synchronisieren muss und dementspechend
Bandbreite ben¨
otigt2. Obwohl das epidemische Verfahren eine dynamischere Struk-
1[Satyanarayanan, 1996] nennt als wesentliche Probleme mobiler Netzwerke deren hohe Schwan-
kungen in ihrer Leistungsf¨
ahigkeit und Verf¨
ugbarkeit.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
131
tur besitzt, ¨
ahnelt es stark dem Versand von Nachrichten im Multicast-Baum von
Scribe (vgl. Abschnitt 4.4).
M¨
ogliche Konflikte durch zeitgleiche ¨
Anderungen innerhalb der verteilten Um-
gebung erkennt die Synchronisation ¨
uber einen Concurrency Control-Mechanismus
und macht sie daraufhin kenntlich. Eine Sperrung der replizierten Objekte w¨
ah-
rend der Bearbeitung w¨
urde Konflikte verhindern, kommt aber schon deshalb nicht
in Frage, weil die Sperre unverbundene Knoten nicht erreichen w¨
urde und wie die
¨
Anderung ebenfalls epidemisch ¨
ubertragen werden m¨
usste. Die einzige m¨
ogliche Vor-
gehensweise in sporadisch verbundenen Systemen ist ein so genanntes optimistisches
Sperren (engl. optimistic locking) der replizierten Objekte3. Dies bedeutet, dass ein
Objekt erst gesperrt wird, wenn ein Konflikt aufgetreten ist. Um die Sperre wieder
aufzuheben, muss infolgedessen der Konflikt zuerst behoben werden. Diese Strategie
basiert auf der Annahme, dass Konflikte die Ausnahme bleiben und selten auftreten.
Mit gr¨
oßeren zeitlichen Abst¨
anden zwischen den Synchronisationen der replizier-
ten Objekte erh¨
oht sich gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts. Daher
wird eine Synchronisation im optimalen Fall sofort nach der ¨
Anderung eines repli-
zierten Objektes erfolgen. Ist die Synchronisation aufgrund fehlender Verbindung
zu den replizierenden Knoten nicht m¨
oglich, erfolgt sie sp¨
atestens bei dem n¨
achsten
Verbindungsaufbau. Auch hier hilft eine epidemische Synchronisation im verteilten
Netzwerk die Abst¨
ande zwischen den Aktualisierungen zu verk¨
urzen.
Die im Folgenden vorgestellte Replikationsstrategie ist insbesondere f¨
ur die mobil-
verteilte Kooperation in virtuellen Wissensr¨
aumen ausgelegt, kann aber auf alle ko-
operativen Operationen in einem gemeinsamen Datenraum ¨
ubertragen werden. Die
Replikationsstrategie ist in der Lage, die replizierenden Knoten selbstst¨
andig zu
w¨
ahlen und zugleich die Offline-Verf¨
ugbarkeit der gemeinsam bearbeiteten Objekte
f¨
ur jeden Kooperationspartner zu gew¨
ahrleisten. Zus¨
atzlich wird ein Mechanismus
bereitgestellt, um Konflikte in der Synchronisation aufzudecken und zu beheben.
Um nicht beliebige Daten auf alle erreichbaren Knoten zu replizieren, stellt die
Replikationsstrategie Mechanismen bereit, die ermitteln, welche Daten auf welchen
Knoten repliziert werden sollen. Als Strukturierungsmittel f¨
ur die Replikation bie-
tet sich bei dem Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume die Kooperationsgruppe an.
Da im virtuellen Wissensraum jeder Gruppe genau ein gemeinsamer Arbeitsbereich
zugeordnet ist, wird dieser mit allen enthaltenen Objekten zwischen den Gruppen-
mitgliedern repliziert. Im Idealfall hat so jedes Gruppenmitglied alle die Kooperation
betreffenden Daten auch im Fall einer gest¨
orten Verbindung verf¨
ugbar.
Sollen auch mobile Ger¨
ate mit wenig lokalem Speicherplatz in die Kooperation
integriert werden k¨
onnen, kann die Replikationsstrategie in mehreren Stufen abge-
schw¨
acht werden. Dazu werden die teilnehmenden Knoten in drei Klassen unterteilt.
Die erste Klasse sind die Independent Nodes, die alle Objekte der Kooperationsgrup-
pe replizieren. Die zweite Klasse der Selective Nodes kennt den Inhalt des gemeinsa-
men Arbeitsbereiches und w¨
ahlt die Objekte f¨
ur die lokale Replikation gezielt aus.
2Vgl. [Terry et al., 1995]
3Vgl. [Kung und Robinson, 1981]
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
132 5.1 Replikationsstrategien f¨
ur die mobil-spontane Kooperation
Inhaltsbereich
Objektverzeichnis
Unterbereich
Benutzer1
Benutzer2
Inhaltsbereich
Objektverzeichnis
Abonnierte
Inhaltsbereiche
XYZ
2.1
Objekt
UVW
1.8
2.1 Benutzer1XYZ yes
... ...... ...
localSource IDVersionData ID
Benutzer2
Replikationstopologie
Abbildung 5.2: Schematische ¨
Ubersicht des Versionierungsmechanismus
Die dritte Klasse repr¨
asentiert Ger¨
ate, die ¨
uber quasi keinen lokalen Speicher verf¨
u-
gen und die Objekte erst bei Bedarf ¨
uber das Netzwerk auf einem anderen Knoten
bearbeiten. Diese Klasse nennt sich On Demand Nodes.
Ger¨
ate der Klasse der On Demand Nodes sind nicht in der Lage ohne eine Netz-
werkverbindung zu mindestens einem Gruppenknoten der Klasse der Independent
Nodes, an der Kooperation teilzunehmen. Tats¨
achlich ist es m¨
oglich, mit einem
Independent Node und beliebig vielen On Demand Nodes, eine Art Client-Server-
System nachzubilden. Diese Konfiguration mit einem einzigen Independent Node ist
gleichzeitig die Untergrenze f¨
ur eine kooperationsf¨
ahige Infrastruktur mit der hier
vorgestellten Replikationsstrategie. Eine Aggregration des Datenraums aus den nur
zum Teil replizierten Daten auf den Selective Nodes ist nicht vorgesehen. Selective
Nodes k¨
onnen lediglich auf beiden Seiten vorhandene Repliken untereinander syn-
chronisieren.
Im Folgenden wird die technische Umsetzung der Replikationsstrategie auf Ba-
sis eines Overlay-Netzwerkes wie den Distributed Hash Tables (DHTs) aus Ab-
schnitt 4.3.1 diskutiert. Das Overlay-Netzwerk zeichnet sich f¨
ur die Zustellung der
Objekte und deren Aktualisierungen an die einzelnen Knoten verantwortlich. Die Re-
plikation b¨
undelt die beteiligten Knoten in Replikationsgruppen, sendet die Aktua-
lisierungen an deren Mitglieder und verwaltet die ben¨
otigten Daten f¨
ur die genutzte
Strategie. Die Konfliktaufdeckung und Behebung lehnt sich an den in Abschnitt 4.3.3
pr¨
asentierten Verfahren aus Bayou und Coda an. Sie geschieht im Wesentlichen ¨
uber
eine verteilte Versionierung der Objekte.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
133
Repliziert werden in der Regel komplette Inhaltsbereiche mit den enthaltenen
gemeinsamen Objekten. Um Konflikte mit geringen Datenaufkommen fr¨
uhzeitig er-
kennen zu k¨
onnen, existiert zu jedem Inhaltsbereich ein Verzeichnis der enthaltenen
Objekte. In dem Verzeichnis ist f¨
ur jedes im Inhaltsbereich enthaltene Objekt die
eindeutige Identifikationsnummer, die Version des Objektes und die Adresse des
Knotens, der die Version erstellt hat, gespeichert. Außerdem befindet sich dort ein
Vermerk, ob das Objekt schon lokal vorhanden ist oder noch empfangen werden
muss. Das Verzeichnis ist ein Objekt des Inhaltsbereiches wie jedes andere auch
und wird somit ¨
uber die gleichen Mechanismen verteilt und synchronisiert. Einen
¨
Uberblick ¨
uber diese Struktur gibt Abbildung 5.2.
Zus¨
atzlich verwaltet jeder Knoten ein lokales Verzeichnis ¨
uber die abonnierten In-
haltsbereiche inklusive deren lokalen Versionsnummern. Wird ein Knoten aktiv und
meldet sich an dem Persistenznetzwerk an, kann er anhand dieses Verzeichnisses
vergleichen, welche Inhaltsbereiche noch aktuell sind und welche er aufgrund einer
neueren Version im Netz abgleichen muss. Stimmt die lokale Version mit der entfern-
ten Version eines replizierten Inhaltsbereiches ¨
uberein, ist dieser auf dem aktuellen
Stand. Bei abweichender Version liegt eine Diskrepanz im betroffenen Inhaltsbereich
vor und der Knoten f¨
uhrt einen Abgleich durch. Dabei kann er anhand der verf¨
ug-
baren Verzeichnisinformationen entscheiden, wie er mit den lokalen Repliken der
Inhaltsbereiche verfahren muss:
Neue lokale Objekte werden in das Netzwerk verteilt. Dazu werden die Daten
¨
uber das Overlay-Netzwerk epidemisch mit den replizierenden Nachbarknoten
abgeglichen.
Aktuelle Objekte k¨
onnen ignoriert werden, da ihre Version mit der im Netzwerk
¨
ubereinstimmt.
Veraltete Objekte werden aus dem Netzwerk aktualisiert. Dazu kontaktiert der
Knoten die replizierenden Nachbarknoten und bittet um das Objekt. Diese sen-
den das Objekt ¨
uber das Overlay-Netzwerk an den anfragenden Knoten. Sollte
das Objekt noch nicht auf den replizierenden Nachbarknoten verf¨
ugbar sein,
ist das Objekt noch sehr neu und befindet sich in der epidemischen Verteilung.
Es wird den Knoten ¨
uber den Verteilungsprozess automatisch erreichen.
Objekte mit Versionskonflikt, bei denen sowohl die lokale als auch die im Netz-
werk verf¨
ugbare Version eines Objektes aktueller sind als zum Zeitpunkt der
letzten Synchronisation, werden gesperrt und als inkonsistent markiert, bis
der Konflikt behoben ist. Um kaskadierende Konflikte zu vermeiden, werden
außerdem anhand der Verzeichniseintr¨
age die replizierenden Knoten ermittelt
und ¨
uber ein Ereignis ¨
uber den Konflikt in Kenntnis gesetzt. Nun ist es die
Aufgabe der Anwendungsschicht oder der Benutzer selbst, den Konflikt zu be-
heben. Ist der Konflikt gel¨
ost, wird das konfliktfreie Objekt als neue Version
¨
uber das Netzwerk verbreitet und wieder freigegeben.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
134 5.1 Replikationsstrategien f¨
ur die mobil-spontane Kooperation
Mittels dieser Replikationsstrategie k¨
onnen alle Objekte so aktuell als nur m¨
og-
lich gehalten werden. Im verbundenen Zustand werden die Knoten automatisch mit
Aktualisierungen versorgt (Pushing). Nach einer Verbindungsunterbrechung erfolgt
der Abgleich direkt bei der Anmeldung an die verteilte Persistenz durch den Knoten
selbst (Polling). Der Abgleich der ¨
Anderungen mit der verteilten Persistenz wirft
die Frage nach der Vorgehensweise bei der Distribution der Aktualisierungen an die
Mitgliedsknoten der Replikationsgruppe auf. Als Replikationsgruppe wird diesbe-
z¨
uglich die Gruppe aller teilnehmenden Independent Nodes der Kooperationsgruppe
verstanden.
Eine m¨
ogliche Distributionsstrategie ist ein sternf¨
ormiger Punkt-zu-Punkt-Ab-
gleich mit allen replizierenden Knoten im Netz. In diesem Fall w¨
aren bei nreplizie-
renden Knoten alle nKnoten in einem Schritt aktualisiert. Dies w¨
urde bedeuten,
dass sich der ¨
andernde Knoten mit n1 Nachbarn abgleichen muss. Dies k¨
onnte
z. B. ¨
uber ein DHT oder ein anderes Adressierungsverfahren geschehen. Betrachtet
man die Verteilungsstrategie als einen Graphen, kommt dies einem Knotengrad4
von n1 gleich. Die ¨
Anderung muss ¨
uber jede Kante einmal verschickt werden.
Dies kann schnell zu einem Flaschenhals am ¨
andernden Knoten f¨
uhren, da alle ¨
An-
derungen ¨
uber eine einzige Netzwerkverbindung gesandt werden. Auch wenn der
Knoten ¨
uber mehrere Netzwerkschnittstellen verf¨
ugen w¨
urde, ist die Bandbreite, die
dem Knoten zur Verf¨
ugung steht, begrenzt. Da sich die f¨
ur die ¨
Ubertragung einer
¨
Anderung ben¨
otigte Gesamtbandbreite aus der Formel Gr¨
oße der ¨
Anderung Kno-
tengrad ergibt, und die Gr¨
oße der ¨
Anderung nicht beeinflussbar ist, ergibt sich die
einzige Optimierungm¨
oglichkeit im Bereich des Knotengrades.
Der Knotengrad l¨
asst sich verringern, indem die ¨
Anderungen in einer Reihento-
pologie von Knoten zu Knoten weitergereicht werden. Dies hat allerdings zur Folge,
dass die ¨
Anderung den letzten der nKnoten erst nach n1 Schritten erreicht.
Ziel ist aber eine ¨
Ubertragung der ¨
Anderungen an alle Knoten mit m¨
oglichst wenig
Bandbreitenverbrauch je Knoten und in m¨
oglichst wenig Schritten. Gesucht wird al-
so eine Distributionsstrategie, die einen geringen Knotengrad hat und deren Graph
einen geringen Durchmesser besitzt.
So eignen sich die in Abschnitt 4.4 vorgestellten Verfahren mittels Multicast-
B¨
aumen, wie sie z. B. in Scribe zu finden sind, durch ihre Baumstruktur gut f¨
ur
eine epidemische Verbreitung von Objekten im Graphen. Die H¨
ohe des Knotengrads
im (balancierten) Baum bestimmt dabei automatisch die Entfernung zum letzten
Knoten. Allerdings muss der Distributionsbaum bei einer hohen Knotendynamik,
wie sie in mobilen Nutzungszenarien vorkommt, h¨
aufig reorganisiert werden, um
nicht zu degenerieren. Des Weiteren ist ein solcher Graph nicht symmetrisch, da
alle Nachrichten zun¨
achst an den Wurzelknoten gesandt werden m¨
ussen, der diese
dann nach unten weiterverteilt. Somit k¨
onnen Knoten in der N¨
ahe des Wurzelkno-
tens ihre Nachrichten schneller verbreiten als die Knoten in tieferen Schichten des
Distributionsbaums.
4Knotengrad ist die Anzahl der Kanten, die einen Knoten verlassen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
135
h(x) h(x) h(x)
h(x)
h(x)
h(x)
Hash-
Raum
komplett
synchronisierende
Peers
(Independent Nodes)
teilweise synchronisierende Peers
(Selective Nodes, On Demand Nodes)
Abbildung 5.3: Ein HC(3) als Distributions- und Replikationstoplologie, bestehend
aus Independent Nodes mit den ¨
uber den Hashraum verbundenen Selective/On
Demand Nodes
Die Symmetrieeigenschaft, von allen Knoten aus alle anderen gleich gut errei-
chen zu k¨
onnen, ist im Hypercube gegeben. Hypercubes sind f¨
ur einen guten Daten-
durchsatz und eine geringe Ausdehnung bekannt: Ein Hypercube mir dDimensionen
(HC(d)) verbindet n= 2dKnoten bei einer Ausdehnung von lediglich log(n) = d
und einem Knotengrad der ebenfalls bei log(n) liegt. Dies macht den Hypercube zu
einer interessanten Topologie f¨
ur die Verteilung der Aktualisierungen innerhalb der
replizierenden Gruppe.
In dem hier vorgestellten Verfahren wird bei der ¨
Anderung eines replizierten Ob-
jektes auf einem Knoten die Aktualisierung an die direkten Nachbarknoten im Hy-
percube gesandt5. Diese verteilen die Aktualisierungen wiederum an ihre Nachbarn
5Nutzt man eine Hypercube-Topologie f¨
ur die Synchronisation der Objekte in der replizierenden
Gruppe, ist jeder Mitgliedsknoten ein Eckpunkt des Hypercubes. In diesem Hypercube kann
man die Daten nun z. B. per hypercube mulicast [Jang, 1990] oder epidemisch [vgl. Terry et al.,
1995] verteilen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
136 5.1 Replikationsstrategien f¨
ur die mobil-spontane Kooperation
bis die Aktualisierung alle Knoten erreicht hat. Dies geschieht aufgrund der Eigen-
schaften des Hypercubes in log(n) Schritten. Die Adressierung der Nachbarknoten
im Netzwerk geschieht dabei wie gewohnt ¨
uber das Overlay-Netzwerk. Jeder Knoten
muss daher lediglich die Adressen seiner Nachbarknoten in dem Hypercube kennen.
In dem Hypercube sind alle Independent Nodes der Kooperationsgruppe enthalten.
Die Selective Nodes und die On Demand Nodes werden mit den Independent Nodes
assoziiert. Mit diesen gleichen sie sich Punkt-zu-Punkt ab. Der Independent Node
verbreitet die ¨
Anderungen von seinen assoziierten On Demand und Selective Nodes
innerhalb der Replikationsgruppe. Die Zuordnung der Selective Nodes und der On
Demand Nodes zu den Independent Nodes erfolgt ¨
uber deren Abstand zueinander.
Beim einem konsistenten Hashverfahren6wird der Independent Node mit der
kleinsten Differenz zum Hashwert des Selective Nodes oder On Demand Nodes ge-
w¨
ahlt. Bei Pastry (vgl. Abschnitt 4.3.1) k¨
onnte auch das Neighborhood Set genutzt
werden, um eine gute Netzwerkverbindung zwischen den Knoten als Maß f¨
ur N¨
ahe zu
nutzen. Eventuell kann ¨
uber ein gewichtetes Hashing noch eine Lastverteilung ¨
uber
die Independent Nodes erreicht werden. Die Synchronisation zwischen den beteilig-
ten Knoten ¨
uber den Hypercube und das Overlay-Netzwerk wird in Abbildung 5.3
dargestellt.
In [Eßmann et al., 2005] wird das hier vorgestellte Replikationsverfahren mit ei-
ner Abwandlung des Hypercubes vorgestellt. Das abgewandelte Verfahren basiert auf
Sparse Graphen7deren Hauptidee die Aufteilung der Eckpunkte des Hypercubes in
mehrere Knoten ist. Dies erlaubt eine h¨
ohere Anzahl von Knoten pro Dimension (vgl.
Abbildung 5.4) und f¨
uhrt zu einer besseren Lastverteilung zwischen den Knoten im
Graphen, da der Knotengrad bei leicht h¨
oherer Pfadl¨
ange geringer ist. Der weitaus
gr¨
oßere Vorteil der Sparse Graphen gegen¨
uber dem Hypercube ist die Flexibilit¨
at
in Bezug auf die Knotenanzahl. Ein Sparse Graph muss nicht auf die n¨
achst h¨
ohere
Dimension erweitert werden, wenn die Knotenzahl des Hypercubes gef¨
ullt ist. Aus
Gr¨
unden der Optimierung kann dies jedoch bei Bedarf zu einem g¨
unstigen Zeitpunkt
nachgeholt werden. Knotenausf¨
allen kann oft mit lokalen Rekonfigurierungen begeg-
net werden. Erst eine ung¨
unstige Partitionierung des Netzwerkes w¨
urde zu einer
sofortigen Neuinitialisierung f¨
uhren.
Das hier betrachtete Verfahren f¨
ur die Replikation und Distribution der gemeinsa-
men Objekte einer Kooperationsgruppe in einem mobilen Nutzungsumfeld erg¨
anzt
die verf¨
ugbaren Technologien f¨
ur eine dynamische und verteilte Kommunikation in
Form von Overlay-Netzwerken um die wichtige Komponente der Offline-Verf¨
ugbar-
keit der Koopertationsobjekte bei m¨
oglichst allen Kooperationsteilnehmern. Durch
die Klassifikation der potentiell genutzten Ger¨
ate gem¨
ihrer F¨
ahigkeit zur Replika-
tion des gemeinsamen Arbeitsbereichs wird eine Teilnahme auch f¨
ur leistungsschwa-
che Hardwarekomponenten erm¨
oglicht. Des Weiteren sorgen die Mechanismen zur
Konfliktbehandlung f¨
ur eine fr¨
uhzeitige Aufdeckung von Konflikten und die M¨
oglich-
6Vgl. [Karger et al., 1997]
7Vgl. [Els¨
asser et al., 2001]
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
137
Abbildung 5.4: Distributionstopologie basierend auf einem Sparse Graphen der
Dimension d= 3 mit 33 Knoten (G(33))
keit zur kooperativen Behebung derselben. Bei allen einbezogenen Verfahren wurde
ein starker Fokus auf Effizienz und Transparenz f¨
ur die Benutzer gelegt.
Auch wenn mit den hier vorgestellten Bausteinen bereits eine mobilit¨
atsfreund-
liche verteilte Persistenz in eine Anwendung eingebunden werden kann, w¨
urde die
Integration der Persistenzschicht doch einen Großteil der Entwicklungsarbeit f¨
ur
den Anwendungsentwickler einnehmen. Ziel ist es, ein Konzept zu entwickeln, das
die komplexe Struktur der hier vorgestellten Persistenzschicht in einen gekapselten
und universellen verteilten Speicher verwandelt. Der folgende Abschnitt besch¨
aftigt
sich mit dem flexiblen Konzept der Tuple Spaces, das diese Aufgabe leisten kann.
5.2 Gruppen-Tuple Spaces als Paradigma f¨
ur eine
Persistenzschicht mobil-verteilter Wissensr¨
aume
Die Kombination von Technologien zur spontanen Vernetzung, Kommunikation und
Speicherung in verteilten Systemen mit der im vorigen Abschnitt vorgestellten Re-
plikationsstrategie, erm¨
oglicht einen strukturierten und verteilten Speicher, der die
gew¨
unschten Eigenschaften der mobil-spontanen Vernetzung und der Offline-Verf¨
ug-
barkeit erf¨
ullt. Der Zugriff auf einen derart verteilten und stark replizierten Speicher
setzt aber von Benutzern wie Entwicklern eine tiefgehende Kenntnis der Konzepte
und Strategien der verteilten Persistenz voraus. Die Komplexit¨
at des mobil-verteilten
Speichers erschwert die Erstellung und Benutzung der darauf aufsetzenden Koope-
rationsanwendungen erheblich. Idealerweise sollte sich der Zugriff auf die Objekte so
gestalten, als w¨
urden diese lokal vorliegen.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
138 5.2 Gruppen-Tuple Spaces
Auch fehlen in dieser Architektur noch geeignete Kommunikationsmechanismen
f¨
ur die mobile Kooperation mittels verteilter Anwendungen. Die Knoten, die die ver-
teilte Anwendung aufspannen, sind mitunter nicht zeitgleich im Netzwerk erreichbar
und k¨
onnen somit Nachrichten nicht direkt miteinander austauschen. Daher wird
die Kommunikation in der hier vorgestellten Architektur nicht nur r¨
aumlich sondern
auch zeitlich entkoppelt. Die in Abschnitt 4.4 beschrieben Mechanismen leisten diese
zeitliche Entkoppelung nicht, sondern bieten nur eine synchrone Kommunikation in
einer r¨
aumlich verteilten Topologie.
Die in Abschnitt 4.3.2 vorgestellten Tuple Spaces bieten genau die Eigenschaften
eines einfachen Objektzugriffs und einer r¨
aumlich und zeitlich entkoppelten Kom-
munikation. Der transparente Zugriff auf die gespeicherten Objekte wird mittels des
Tuple/Template-Konzepts bewerkstelligt. Dieses Konzept wird im Folgenden noch
einmnal kurz skizziert.
Eine Anwendung, die auf den Tuple Space zugreift, speichert ein Datum, indem
es dieses in Form eines Vektors von Attributen in ein Tuple verpackt und im Tuple
Space ablegt ( in(tuple) ). Um ein Objekt aus dem Tuple Space zu lesen oder zu
entnehmen wird ¨
uber ein Template das gesuchte Tuple mittels der gew¨
unschten At-
tributwerte definiert und bei einer ¨
Ubereinstimmung an die Anwendung ¨
ubergeben
(read(template) und out(template) ).
LIME zeigt, dass ¨
uber dieselben Mechanismen des Tuple Space auch eine zeit-
lich und r¨
aumlich entkoppelte Kommunikation etabliert werden kann. Nachrichten
werden analog zu den Datenobjekten ebenfalls als Tuple im Tuple Space abgelegt,
k¨
onnen aber zus¨
atzlich mit einer Empf¨
angeradresse versehen werden, damit sie nur
die gew¨
unschten Knoten erreichen. Sind die Zielknoten mit dem netzweiten Tuple
Space verbunden, liefert ein spezielles Template alle vorliegenden Nachrichten an
den Knoten aus.
Zwar basieren viele Implementierungen von Tuple Spaces, wie z. B. Linda,Java-
Spaces und TSpaces, auf einem lokalen Speicher f¨
ur die Multiprozess-Kommunikation
oder auf Client-Server-Konzepten mit zentralen Diensten im Netzwerk, aber es exis-
tieren auch Ans¨
atze zu spontan vernetzten und verteilten Tuple Spaces, wie z. B. LI-
ME (vgl. Abschnitt 4.3.2). Keiner der vorhandenen Ans¨
atze bietet jedoch eine wirk-
same Replikationsstrategie f¨
ur die Offline-Verf¨
ugbarkeit. Außerdem sind die existie-
renden Systeme nicht auf die Bed¨
urfnisse gruppenbasierter Kooperationskonzepte
zugeschnitten. Im Folgenden wird daher ein f¨
ur mobil-verteilte Kooperationsumge-
bungen geeigneter Tuple Space entworfen.
In weitr¨
aumig verteilten und dynamisch vernetzten Tuple Spaces existiert wie in
allen verteilten Speicherkonzepten das Problem der Distribution und Ortung der Da-
tenobjekte (Tuple). Prinzipiell existieren zwei m¨
ogliche Methoden f¨
ur die Verteilung
und Ortung der Tuple in einem ¨
uber das Netzwerk verteilten Tuple Space8. Die erste
Methode ist die Hash-based Distribution, die eine Hashfunktion benutzt, um die
Tuple auf die verf¨
ugbaren Knoten zu verteilen und anschließend wieder aufzufinden.
Dieser Ansatz ¨
ahnelt stark den in Abschnitt 4.3.1 beschriebenen Distributed Hash-
8Vgl. [Fenwick und Pollock, 1997]
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
139
tables (DHT). Die zweite Methode wird Operator-based Distribution genannt. Sie
nutzt eine Replikation der Daten ¨
uber die Knoten des verteilten Tuple Space.
Bei der Operator-based Distribution lassen sich entweder die Tuple oder die
Templates an alle beteiligten Knoten replizieren. Bei einem Positive Broadcast
werden die Tuple auf alle beteiligten Knoten repliziert und in deren lokalen Tuple
Space gespeichert. Bei einem Negative Broadcast werden hingegen die Templates
an alle Knoten gesandt und dort gegen die lokal vorhandenen Tuple verglichen. Bei
einer ¨
Ubereinstimmung wird das lokale Tuple mit einer ¨
Ubereinstimmung an den
anfragenden Knoten gesandt. Dar¨
uber hinaus existiert mit dem Hybrid Broadcast
eine dritte M¨
oglichkeit, die Tuple und/oder Templates jeweils an eine Teilmenge der
Knoten versendet. Somit existieren im Wesentlichen die folgenden Vorgehensweisen
f¨
ur einen verteilten Tuple Space:
Hash-basierte Tuple Verteilung: Tuples werden nach einem Schl¨
ussel auf die
Knoten verteilt.
Operator-basierte Verteilung: Tuple oder Templates werden an alle Knoten
oder eine Teilmenge der Knoten des Netzwerkes gesandt. Hier ergeben sich
wieder drei m¨
ogliche Varianten:
Negativer Broadcast: Die Tuple werden lokal auf den Knoten gespeichert,
die Templates werden an alle Knoten verteilt (Broadcast) und liefern die
passenden Tuple zur¨
uck.
Positiver Broadcast: Die Tuple werden an alle beteiligten Knoten verteilt
(Broadcast) und die Templates werden lokal auf die Tuple angewandt,
die einen Knoten erreichen.
Hybrid Broadcast: Sowohl Tuple als auch Templates werden auf Unter-
mengen der Knoten des Netzwerkes verteilt.
Jedes der Verfahren hat je nach betrachtetem Anwendungskontext Vor- und Nach-
teile. Die Verteilung der Tuple anhand einer Hash-Funktion hat wie bei den DHTs
eine gute Lastverteilung auf Kosten der st¨
andigen Verf¨
ugbarkeit zur Folge. F¨
allt
der speichernde Knoten aus, ist das Tuple nicht l¨
anger erreichbar. Bei Operator-
basierten Verfahren entsteht ein h¨
oherer Speicherbedarf und es muss die Wahrung
der Koh¨
arenz beachtet werden. Wenn z. B. ein Negative Broadcast mehrere Tuple
zur¨
uckliefert, wird nur ein Tuple als Treffer gew¨
ahlt. Die anderen ebenfalls passenden
Tuple werden wieder in die Tuple Spaces eingef¨
ugt aus denen sie empfangen wur-
den. Des Weiteren zieht ein Positive Broadcast einen hohen Speicherbedarf bei allen
beteiligten Knoten nach sich und der replizierte Tuple Space muss zur Wahrung der
Konsistenz synchronisiert werden.
Mit den genannten Verfahren l¨
asst sich die im vorigen Abschnitt 5.1 beschrie-
bene Replikationsstrategie in einen verteilten Tuple Space einbetten. Die Benutzer
erhalten so einfach und transparent Zugriff auf die hochverf¨
ugbare Persistenzschicht
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
140 5.2 Gruppen-Tuple Spaces
inklusive eines Mechanismus f¨
ur die zeitlich und r¨
aumlich entkoppelte Kommunika-
tion zwischen den beteiligten Knoten.
Um eine flexible Nutzung des verteilten Speichers zu erlauben und dennoch ge-
zielt ein gruppenbasiertes Arbeiten in gemeinsamen Arbeitbereichen zu unterst¨
utzen,
wird der Tuple Space in dem hier vorgestellten Ansatz in drei Ebenen gegliedert.
Einem Network Tuple Space, einem Host Tuple Space und einem Gruppen-Tuple
Space.
Erstere zwei sind den Konzepten von LIME entlehnt und bilden die netzwerk- und
ger¨
ateweite Speicherung und Kommunikation ab. Der Network Tuple Space spannt
sich ¨
uber die gesamte verteilte Umgebung und erlaubt die globale Speicherung von
Daten, die nicht st¨
andig verf¨
ugbar sein m¨
ussen. Um den Speicherbedarf m¨
oglichst
gering zu halten, wird der globale Network Tuple Space ¨
uber die beteiligten Knoten
gleichm¨
aßig verteilt (z. B. mittels Hashing). Der Host Tuple Space hingegen steht nur
lokal auf dem jeweiligen Ger¨
at zur Verf¨
ugung und wird auch nur lokal gespeichert.
Er ist f¨
ur den Austausch und die Kommunikation von lokalen Prozessen zust¨
andig.
Die dritte Ebene bilden die so genannten Gruppen-Tuple Spaces, die im Rah-
men dieser Arbeit speziell f¨
ur die Gruppenarbeit konzipiert wurden. Von ihnen darf
es in der Softwareumgebung beliebig viele geben. Die Knoten des verteilten Tu-
ple Space m¨
ussen einen Gruppen-Tuple Space explizit abonnieren, um diesen lokal
zu replizieren. Jeder Teilnehmer kann einen solchen Gruppen-Tuple Space spontan
gr¨
unden und von diesem Moment an ¨
uber einen eindeutigen Namen addressieren.
Der Gruppen-Tuple Space enth¨
alt den von einer Knotengruppe replizierten gemein-
samen Inhaltsbereich und liegt somit auf jedem beteiligten Knoten redundant vor.
Er wird gem¨
der in Abschnitt 5.1 vorgestellten Replikationsstrategie zwischen den
Abonnenten verteilt und synchronisiert. Zudem stellt der Gruppen-Tuple Space Me-
chanismen bereit, die der zugreifenden Anwendung Konflikte aufzeigen und diese
l¨
osen helfen.
Die in Abschnitt 5.1 angesprochenen Replikationsklassen Independent Nodes,
Selective Nodes und On Demand Nodes k¨
onnen auch im Gruppen-Tuple Space
genutzt werden, um die Replikationsstrategie anzupassen. Die Gruppenmitglieder
eines Gruppen-Tuple Space k¨
onnen bei ihrem Beitritt mitteilen, zu welcher der
drei Replikationsklassen sie geh¨
oren m¨
ochten. Die Independent Nodes replizieren
den Gruppen-Tuple Space vollst¨
andig und jedem Gruppen-Tuple Space muss min-
destens ein Independent Node zugeordnet sein. Andere Knoten replizieren lediglich
einzelne und explizit gew¨
ahlte Tuple lokal (Selective Nodes) oder greifen nur ent-
fernt ¨
uber einen Independent Node auf die Tuple des Gruppen-Tuple Space zu (On
Demand Nodes). Zwischen den Mitgliedern der Klasse der Independent Nodes wird
der Gruppen-Tuple Space wie in Abschnitt 5.1 beschrieben repliziert.
Je nach Berechtigung k¨
onnen auch Nichtmitglieder der Gruppe auf Tuple des
Gruppen-Tuple Space zugreifen solange ein Independent Node erreichbar ist, der
den Gruppen-Tuple Space repliziert. Die G¨
aste greifen wie Selective Nodes oder On
Demand Nodes auf die Tuple zu, besitzen aber nicht dieselben Berechtigungen wie die
Gruppenmitglieder. Die Zugriffsrechte h¨
angen von den von der Gruppe vergebenen
Berechtigungen f¨
ur die einzelnen Tuple ab.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
141
Legende:
Replikation (epidemisch) Lokaler Speicher
Gruppen-Tuple Space
Gruppe Persistenzdienst
(CSCW-Server)
mobile
Geräte
Abbildung 5.5: Replikation des Gruppen-Tuple Space zwischen Independent Nodes
der Gruppenmitglieder und einen optionalen und nicht sichtbaren Persitenzdienst
Um die Verf¨
ugbarkeit des Gruppen-Tuple Space f¨
ur On Demand Nodes und Se-
lective Nodes zu erh¨
ohen und gleichzeitig auch die Zeitabst¨
ande zwischen der Syn-
chronisation der Independent Nodes zu verringern, kann ein zentral positionierter
und stets erreichbarer Knoten als eine Art Persistenzdienst in Form eines nicht sicht-
baren Mitglieds der Gruppe beitreten und deren Gruppen-Tuple Space replizieren.
Dieses Vorgehen erm¨
oglicht auch klassische CSCW-Server in eine solche Struktur
einzubinden. Als unsichtbares Mitglied der Gruppe wird der Server automatisch
mit allen Ver¨
anderungen im Tuple Space der Gruppe abgeglichen und kann so ein
Abbild des gemeinsamen Arbeitsbereiches in der eigenen Persistenz vorhalten (vgl.
Abschnitt 5.3). Abbildung 5.5 zeigt einen Gruppen-Tuple Space mit voll replizieren-
den Mitgliedern und einem zus¨
atzlichen Knoten als Persistenzdienst.
Die Struktur des verteilten Tuple Space erinnert durch die Partitionierung in
Gruppen-Tuple Spaces stark an die Gruppenstrukturen in virtuellen Wissensr¨
au-
men. Das Konzept der Gruppen-Tuple Spaces kann daher leicht auf den virtuellen
Wissensraum abgebildet und ¨
ubertragen werden. Im virtuellen Wissensraum ist je-
der Gruppe ein Gruppenbereich (oder auch Gruppenraum) zugeordnet, in dem die
zur Kooperation ben¨
otigten Objekte abgelegt werden. Jede Gruppe im virtuellen
Wissensraum besitzt somit einen eigenen Gruppen-Tuple Space in der Perstistenz-
schicht und legt die gemeinsamen Objekte als Tuple in diesem ab. Der so gespeicher-
te gemeinsame Arbeitsbereich ist dank der Replikationsstrategie, zum einen stets so
synchron wie m¨
oglich und zum anderen stets f¨
ur die Kooperationsteilnehmer erreich-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
142 5.2 Gruppen-Tuple Spaces
Gruppen-Tuple Space 1 Gruppen-Tuple Space 2
Verbindung
Gruppe 1 Gruppe 2
Abbildung 5.6: Virtuelle Wissenr¨
aume zweier Kooperationsgruppen mit den zu-
geordneten Gruppen-Tuple Spaces
bar, unabh¨
angig von der Verbindung zu den anderen Gruppenmitgliedern (Offline-
Verf¨
ugbarkeit ).
Die Raumstruktur der Gruppenbereiche innerhalb des Wissensraumes ist ¨
ubli-
cherweise zwischen den einzelnen Gruppen ¨
uber so genannte G¨
ange verkn¨
upft. Diese
M¨
oglichkeit bleibt auch bei dessen verteilter Speicherung in Gruppen-Tuple Spaces
gegeben. Das Ger¨
at eines Nichtmitglieds, das ¨
uber einen Gang in einen fremden
Gruppenarbeitsraum gelangt, greift als Gast auf den entsprechenden Gruppen-Tuple
Space zu. Die Berechtigungen f¨
ur derartige externe Zugriffe legen die Gruppenmit-
glieder zuvor explizit fest. Abbildung 5.6 zeigt die ¨
uber den Gruppen-Tuple Space
verteilte Raumstruktur zweier Gruppen.
Die gesamte Gruppenkommunikation und -koordination kann ebenfalls ¨
uber den
Gruppen-Tuple Space abgewickelt werden, indem die Nachrichtenobjekte in diesem
abgelegt werden. Die Knoten erhalten die Nachrichten, sobald sie sich mit dem Per-
sistenzsystem verbinden. ¨
Uber den Network Tuple Space kann zus¨
atzlich eine zeitlich
entkoppelte Punkt zu Punkt Kommunikation zwischen beliebigen Knoten etabliert
werden. Ein Nachrichtenobjekt wird ¨
uber das Hashing in Richtung Knoten geroutet
und in dessen N¨
ahe gespeichert, bis dieser sich wieder an dem System anmeldet.
Eine begrenzte Lebenszeit von Nachrichten und Objekten hilft hier den Speicher-
platzbedarf zu kontrollieren und Knoten davor zu bewahren, Nachrichten zwischen-
zuspeichern, die nie ausgeliefert werden.
F¨
ur eine systemweite Suche nach Objekten kann eine Doppelstrategie angewandt
werden. Analog zu den Persistenzdiensten werden Indexdienste auf zuverl¨
assigen
Knoten etabliert, die alle verf¨
ugbaren Objekte verzeichnen. So ist eine schnelle und
zuverl¨
assige Suche in dem verteilten Tuple Space m¨
oglich, solange sich ein solcher
Dienst in Reichweite befindet. F¨
ur eine Suche wird ein entsprechendes Template
an den Indexdienst gesandt und dieser leitet es an den Knoten weiter, der ¨
uber das
Tuple verf¨
ugt. Die zweite Variante nutzt einen Negative Broadcast, der das Template
an alle Knoten des Tuple Space sendet. So ist eine globale Suche im System auch
ohne Indexdienste m¨
oglich, wenngleich diese nicht so performant und zuverl¨
assig ist,
wie die Suche ¨
uber einen Indexdienst.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
143
Das Konzept der hier vorgestellten Tuple Spaces offeriert Anwendungen einen
transparenten Zugriff auf eine verteilte und stark replizierte Persistenzschicht. Ei-
ne Anwendung, die ¨
uber die hier betrachteten Tuple Spaces auf den gemeinsamen
Speicher zugreift, kann dies in der gleichen Weise tun, als wenn alle Objekte lokal
vorl¨
agen. Durch die Erweiterung des Konzeptes der Tuple Spaces um die Gruppen-
Tuple Spaces wird diesem verteilten Speicher eine logische Struktur gegeben, die
eine auf die gruppenbasierte Arbeit zugespitzte Replikationsstrategie erlaubt.
Obwohl diese Konzepte auch f¨
ur andere Anwendungsszenarien nutzbar sind, eig-
nen sie sich doch im besonderen Maße f¨
ur die Implementierung eines mobil-verteilten
virtuellen Wissensraums. Die enthaltene Replikationsstrategie sorgt f¨
ur die Offline-
Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte und orientiert sich intuitiv an der Gruppen-
struktur. Mittels der Abstraktionsschicht der Gruppen-Tuple Spaces und der darauf
aufsetzenden kooperationsst¨
utzenden Schicht eines mobil-verteilten Wissensraumes
sind auch die letzten L¨
ucken der Musterarchitektur f¨
ur eine verteilte Kooperations-
umgebung zur Kooperation in mobil-spontanen Nutzungsszenarien geschlossen.
F¨
ur eine offene Architektur fehlt noch ein Konzept zur Einbettung externer Diens-
te in dieses Modell. Daher besch¨
aftigt sich der folgende Abschnitt mit der flexiblen
Integration externer Dienste in die Kooperationsumgebung.
5.3 Einbettung externer Dienste in die mobil-verteilte
Kooperationsumgebung
Die Einbettung externer Dienste in eine Kooperationsumgebung bietet den Benut-
zern Zugriff auf Ressourcen außerhalb der Kooperationsumgebung, ohne diese f¨
ur
deren Nutzung verlassen zu m¨
ussen. Weiterhin kann die Kooperationsumgebung mit
diesen externen Diensten die Kooperationsprozesse der Benutzer unterst¨
utzen oder
um lokal nicht vorhandene technische Funktionalit¨
aten erg¨
anzen.
Da die externen Dienste nicht ¨
uberall und in jeder Kooperationssituation verf¨
ug-
bar sind, darf sich die Kooperationsumgebung keinesfalls auf deren Pr¨
asenz verlassen
oder die Kooperation von diesen externen Diensten abh¨
angig machen. Wichtige Ziele
einer Einbettung externer Dienste sind daher eine lose Kopplung an deren Funktio-
nalit¨
at und eine stimmige Integration der Dienstleistungen in die Nutzungskonzepte
der Kooperationsumgebung.
Unter der Forderung nach einer losen Kopplung wird in diesem Zusammenhang
eine Einbettung der externen Dienste bei Verf¨
ugbarkeit, ohne Einschnitte in die
Grundfunktionalit¨
at der Kooperationsumgebung bei deren Abwesenheit, verstan-
den. Die stimmige Integration in die Nutzungskonzepte bezieht sich auf eine me-
dienbruchfreie Einbettung der externen Dienste in die Kooperationsumgebung, ohne
neue Nutzungshemmnisse zu schaffen.
Das Feld m¨
oglicher externer Dienste, die sich in eine Kooperationsumgebung ein-
betten lassen, um Kooperationsprozesse zu unterst¨
utzen, ist schwer einzugrenzen.
Im Folgenden werden die vier wichtigsten Gruppen externer Dienste kurz erl¨
autert.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
144 5.3 Einbettung externer Dienste
Eine wichtige Gruppe externer Dienste, die die Kooperationsumgebung bei der
Konfiguration und Darstellung des Wissensraums unterst¨
utzen, bilden die Kontext-
dienste. Ein Kontextdienst kann z. B. Positionsinformationen von Kooperationspart-
nern ¨
ubermitteln oder den r¨
aumlichen Kontext der Kooperationssituation bereit-
stellen [Eßmann und Hampel, 2004]. Man spricht in diesem Zusammenhang auch
von einer Location Awareness. Neben dem Ortsbezug k¨
onnen noch viele weitere
Kontextinformationen f¨
ur eine Awareness der Handlungen der Kooperationspartner
bereitgestellt werden9.
Persistenzdienste bilden eine weitere Gruppe externer Dienste, die insbesondere
f¨
ur die Erg¨
anzung mobil-verteilter Persistenzkonzepte interessant ist. Diese k¨
on-
nen z. B. von dedizierten CSCW-Servern bereitgestellt werden, die Teile des mobil-
verteilten Datenraumes spiegeln, so die Verf¨
ugbarkeit der enthaltenen Daten erh¨
ohen
und zugleich Zugangsm¨
oglichkeiten f¨
ur Client-Server-basierte Kooperationswerkzeu-
ge bereitstellen. Das Konzept des Gruppen-Tuple Space sieht bereits eine Integration
solcher Dienste als implizite Mitglieder vor (vgl. Abschnitt 5.2).
Auch Dienste, die nicht direkt in die Funktionalit¨
at der eigentlichen Kooperati-
onsumgebung eingreifen, sind oft f¨
ur eine Kooperationsunterst¨
utzung wertvoll. So
k¨
onnen z. B. Compute-Dienste genutzt werden, die Objekte außerhalb der Kooperati-
onsumgebung transformieren oder auswerten. Diese k¨
onnen Benutzern Hilfestellung
bei der Bearbeitung der Kooperationsobjekte geben oder rechenintensive Aufgaben
der mobilen Ger¨
ate ¨
ubernehmen. Beispiele sind hier die Einbindung von Visualisie-
rungssystemen zur Darstellung und kooperativen Manipulation komplexer Daten-
s¨
atze [G¨
otz et al., 2006, 2005; Eßmann et al., 2006a, b] und die Integration von
Computer Algebra Systemen (CAS) f¨
ur Berechnungen an mathematischen Objekten
innerhalb des gemeinsamen Arbeitsbereiches [Bleckmann et al., 2005].
Auch die automatische Generierung von Inhalten f¨
ur den gemeinsamen Arbeits-
bereich ist ein Anwendungfeld externer Dienste. Informationsdienste k¨
onnen z. B.
aufbereitete Informationen und Datenobjekte f¨
ur die Kooperationsgruppe bereit-
stellen. M¨
oglich ist hier beispielsweise die Einbindung von externen RSS Feeds in
den gemeinsamen Arbeitsbereich.
Bei der Integration verf¨
ugbarer und gew¨
unschter externer Dienste in die mobil-
verteilte Umgebung ist deren automatische Konfiguration wichtig. Die Integration
kann dabei in unterschiedlichen Schichten der Kooperationsumgebung geschehen.
Das Auffinden und die Konfiguration des Zugriffs auf externe Dienste ist eine
typische Aufgabe der Netzwerkschicht. In administrierten Netzwerkinfrastrukturen
werden hier h¨
aufig Verzeichnisdienste, wie z. B. Lightweight Directory Access Pro-
tocol (LDAP)-Server, f¨
ur die Ver¨
offentlichung der verf¨
ugbaren Dienste und deren
Konfiguration genutzt. Es existieren aber auch L¨
osungen, die vorhandene Dienste
ohne administrativen Eingriff sowohl in der lokalen Netzwerkumgebung als auch in
weitr¨
aumig verteilten Systemen bekannt machen (vgl. Abschnitt 4.2.2). Diese Dienst-
informationen werden in der Netzwerkschicht gesammelt und an die Kooperations-
9Vgl. [Dourish und Bellotti, 1992]
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
145
umgebung weitergereicht, die diese externen Dienste einbindet und den Benutzern
zug¨
anglich macht.
Dienste, die auf Objekte in der Kooperationsumgebung zugreifen, m¨
ussen in die
Persistenzkonzepte eingebettet werden, um auf die externen Objekte auch bei Ab-
wesenheit des entsprechenden Dienstes zugreifen zu k¨
onnen. Um diese Integration zu
erleichtern bietet sich ein Vorgehen wie in Abschnitt 5.2 an, in dem Persistenzdienste
als implizites Gruppenmitglied in die Replikationskonzepte eingebettet werden und
so die Daten der Gruppe automatisch replizieren. Die Persistenzdienste werden also
nicht in der Schicht der Objektverwaltung und -replikation eingebunden, sondern
auf einer h¨
oheren Abstraktionsebene integriert. Dies erlaubt eine durchg¨
angige Ein-
bettung externer Persistenzdienste in die mobil-verteilte Kooperationsumgebung als
eine Art implizite Gruppenmitglieder.
Eine besondere Klasse externer Dienste bilden jene, die eine direkte Interaktion
mit dem Benutzer unterst¨
utzen. Sie sind in die Benutzerschnittstelle zu integrie-
ren und als eigenst¨
andige Objekte im gemeinsamen Arbeitsbereich zug¨
anglich zu
machen. F¨
ur die Kooperation innerhalb virtueller Wissensr¨
aume bedeutet dies die
Integration der Dienste in Form ¨
ublicher Kooperationsobjekte mit allen M¨
oglichkei-
ten zu deren kooperativen Bearbeitung ¨
uber die bereitgestellten Medienfunktionen
[vgl. Eßmann et al., 2006a].
Durch das hier beschriebene Vorgehen ergibt sich eine durchg¨
angige Einbettung
externer Dienste in eine mobil-verteilte Kooperationsumgebung f¨
ur virtuelle Wis-
sensr¨
aume. Mittels des hier vorgestellten Ansatzes der Integration externer Dienste
wird eine Anreicherung der Kooperation mit Kontextinformationen, die Erh¨
ohung
der Zuverl¨
assigkeit der verteilten Persistenz und eine Einbettung von Kooperati-
onsobjekten, die der Umgebung z. B. aufgrund beschr¨
ankter Ressourcen der mobi-
len Ger¨
ate nicht zur Verf¨
ugung stehen w¨
urden, erreicht. Besondere Aufmerksam-
keit wird dabei auf die Bewahrung der Unabh¨
angigkeit der Grundfunktionalit¨
at der
mobil-verteilten Kooperationsumgebung von exteren Dienstleistern und auf die Ver-
meidung von Medienbr¨
uchen gelegt.
5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
Die in diesem Kapitel vorgestellten Technologien und entworfenen Konzepte f¨
ugen
sich zu dem gesuchten Architekturmuster f¨
ur eine Kooperationsumgebung zur Be-
reitstellung mobil-verteilter Wissensr¨
aume zusammen. Wie bereits zu Beginn des
Kapitels angedeutet, setzt sich diese Musterarchitektur aus mehreren Forschungs-
bereichen zusammen. Die unterste Ebene einer solchen Architektur bildet die Kom-
munikationsschicht mit dem physikalischen Netzwerk und den darauf aufsetzenden
Protokollen. Sie erm¨
oglicht als Fundament die Kommunikation zwischen den betei-
ligten Knoten.
Auf diese Schicht setzt die Schicht f¨
ur die Objektverwaltung und -distribution auf.
Diese Schicht enth¨
alt u. a. ein Overlay-Netzwerk das die Paket-basierte Kommunika-
tion zwischen den Knoten in der heterogenen Netzwerkschicht maskiert. Zus¨
atzlich
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
146 5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
findet sich hier die eigentliche verteilte Persistenz, die auf das Overlay-Netzwerk zu-
r¨
uckgreift und sich f¨
ur die Speicherung und das Auffinden von Objekten innerhalb
des verteilten Systems verantwortlich zeichnet. Diese Schicht bildet den technischen
Kern der mobil-verteilten Kooperationsumgebung.
Die dritte Schicht abstrahiert von der technischen Komplexit¨
at der verteilten Ob-
jektspeicherung und entkoppelt so die logische Struktur mobil-verteilter Kooperation
von der technischen Struktur der Vernetzung. Sie wird daher als Abstraktionsschicht
bezeichnet. Sie orientiert sich in ihren Konzepten am Tuple Space. Mittels dieser
Konzepte wird sowohl die intuitive Strategie zur Objektreplikation als auch eine
zeitlich wie r¨
aumlich entkoppelte Kommunikation zwischen den beteiligten Anwen-
dungen realisiert. Des Weiteren erlaubt diese Abstraktionsschicht den Entwicklern
von mobil-spontanen Kollaborationsumgebungen einen transparenten Zugriff auf die
Kooperationsobjekte, ohne sich mit den Fragen der zugrunde liegenden technischen
Infrastruktur besch¨
aftigen zu m¨
ussen. Dies hilft ihnen sich auf den Entwurf der
eigentlichen Kooperationsanwendung zu konzentrieren.
Die oberste Schicht des Architekturkonzeptes bildet der eigentliche mobil-verteilte
Wissensraum. Er bildet die Konzepte der Kooperation im virtuellen Wissensraum
ab. Diese Schicht strukturiert die Kooperationsumgebung ¨
uber die raumbasierte
Metapher der virtuellen Wissensr¨
aume und stellt die elementaren prim¨
aren Me-
dienfunktionen f¨
ur die Manipulation der enthaltenen Kooperationsobjekte zur Ver-
f¨
ugung. Diese Schicht ist zugleich die h¨
ochste Abstraktionsebene der Architektur
und bildet ¨
uber das Konzept des virtuellen Wissensraumes die Schnittstelle zu den
Benutzern der mobil-spontanen Kooperationsumgebung. Diese greifen ¨
uber die ge-
nutzten Anwendungen auf den Wissensraum zu.
In den nun folgenden Abschnitten wird dieses Vier-Schichten-Modell des Ar-
chitekturkonzeptes einer verteilten Persistenz f¨
ur virtuelle Wissensr¨
aume in mobil-
spontanen Nutzungsszenarien zusammengef¨
uhrt [Eßmann und Hampel, 2005b] und
Schicht f¨
ur Schicht betrachtet (vgl. Abbildung 5.7). Im Rahmen dieses ¨
Uberblicks
werden noch einmal die L¨
osungsans¨
atze f¨
ur die im Rahmen dieser Arbeit identifi-
zierten zentralen Forschungsfragen pr¨
asentiert.
Kommunikationsschicht
Die Vernetzung mobiler Knoten ist eine wesentliche Voraussetzung f¨
ur die Kommuni-
kation innerhalb der mobil-verteilten Kooperationsumgebung. Aufgrund der hohen
Mobilit¨
at der Benutzer wird eine Kooperationsanwendung auf den mobilen Ger¨
a-
ten mit einem st¨
andig wechselnden Einsatzumfeld konfrontiert. Bei der Vernetzung
mit den lokalen aber auch entfernten Kooperationspartnern ergibt sich eine stark
heterogene Umgebung. Zugangspunkte zu etablierten Netzwerkinfrastrukturen sind
eventuell nicht vorhanden oder stark reglementiert (Funkl¨
ocher, Firewalls, etc.). Um
dennoch, zumindest mit lokalen Partnern mittels der mitgef¨
uhrten mobilen Ger¨
a-
te spontan in Kooperation treten zu k¨
onnen, wird eine unabh¨
angige und direkte
Vernetzung zwischen den Beteiligten ben¨
otigt.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
147
Abstraktionsschicht
Kommunikationsschicht
mobil-verteilter Wissensraum
Persistenzschicht
Distribution & Replikation
Overlay-Netzwerk
Abbildung 5.7: Die exemplarische Architektur einer mobil-spontanen Kooperati-
onsumgebung gliedert sich in vier Schichten: Die physikalische Netzwerkschicht
stellt eine grundlegende Punkt-zu-Punkt Kommunikation zwischen den Knoten
bereit. Ein Overlay-Netzwerk gew¨
ahrleistet die Verbreitung von Nachrichten und
Objekten. Die Abstraktionsschicht (z. B. in Form eines Tuple Space) bietet einen
netzweiten Speicher. Der mobil-verteilte virtuelle Wissensraum erm¨
oglicht eine
flexible Kooperation in sowohl mobil-spontanen als auch klassischen Nutzungssze-
narien.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
148 5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
Wie Abschnitt 4.2.1 zeigt, ist ein breites Spektrum an m¨
oglichen Technologien
f¨
ur eine Vernetzung von mobilen Knoten verf¨
ugbar. Besonders geeignet f¨
ur die so
genannte Face-to-Face Kooperation sind die Mobilen Ad-Hoc-Netzwerke, die unab-
h¨
angig von den technischen Gegebenheiten der Umgebung in der Lage sind, Kommu-
nikationsinfrastrukturen von Grund auf zu etablieren. Sollen auch r¨
aumlich entfernte
Partner oder externe Kooperationsdienste in die Kooperation eingebunden werden,
ist eine Mischung von spontanen und administrierten Netzwerkinfrastrukturen na-
hezu unumg¨
anglich. Auch hier existieren bereits einige L¨
osungen, die im Rahmen
dieser Arbeit in das Gef¨
uge einer Musterarchitektur integriert werden.
Die so entstehenden komplexen Strukturen, die in Kombination mit k¨
unstlichen
Restriktionen seitens der Dienstanbieter von Kommunikationsnetzwerken zu H¨
ur-
den f¨
ur die Vernetzung einer verteilten Softwareumgebung bilden k¨
onnen, werfen
Fragen bez¨
uglich der Etablierung stabiler Kommunikationsinfrastrukturen zwischen
den verteilten Knoten einer Kooperationsumgebung auf. Zum einen ist das Auffinden
von potentiellen Kooperationspartnern in solch komplexen und weitreichenden Infra-
strukturen schwierig, zum anderen wird die direkte Kommunikation zwischen zwei
Knoten durch eventuelle Inkompatibilit¨
aten zwischen den genutzten Protokollen und
durch k¨
unstliche Hemmnisse zum Schutz institutioneller Interessen erschwert.
Die L¨
osung bieten hier Peer-to-Peer-Netzwerke, die Mechanismen bereitstellen,
um derartige Hemmnisse in der Kommunikationsstruktur zu umgehen und m¨
og-
liche Kommunikationspartner zu finden. In Kombination mit einer spontanen und
direkten Vernetzung von anwesenden potentiellen Kooperationspartnern bietet solch
eine Technik die M¨
oglichkeit, auch große Kooperationsnetzwerke zu errichten. Eine
derartige Kommunikationsarchitektur wurde in [Eßmann et al., 2004c] umgesetzt.
Es existieren somit geeignete Technologien zur spontanen wie weitr¨
aumigen Ver-
netzung von Kooperationspartnern, wenngleich sie noch nicht f¨
ur die breite Masse
der Benutzer verf¨
ugbar ist. Um zuk¨
unftig eine flexible Kommunikation der Benut-
zer gew¨
ahrleisten zu k¨
onnen, wird es ein wichtiges Ziel sein m¨
ussen, im Bereich der
Technologien zur spontanen Vernetzung offene Standards zu etablieren und in die
physikalische Kommunikationsschicht g¨
angiger Betriebssysteme zu integrieren. In
Kombination mit Technologien zur automatischen Dienstekonfiguration und Peer-
to-Peer Kommunikation in stark heterogenen Netzwerkinfrastrukturen bildet dies die
technische Grundlage f¨
ur eine allseits verf¨
ugbare mobile Kommunikationschicht ohne
sp¨
urbare technische Barrieren. Eine derart flexibel vernetzte Kommunikationsinfra-
struktur bietet ein ideales Umfeld f¨
ur kooperationsunterst¨
utzende Anwendungen im
mobilen Nutzungsumfeld.
Objektverwaltung und -distribution
Um in einer sich st¨
andig dynamisch ¨
andernden verteilten Umgebung eine persis-
tente Speicherung von Kooperationsobjekten zu gew¨
ahrleisten, bedarf es einer eben-
falls verteilten Objektspeicherung und -verwaltung. Die hohe Wahrscheinlichkeit einer
Trennung der mobilen Kooperationspartner von etablierten Netzwerkinfrastruktur-
en verbietet ein auf einzelne zentrale Knoten konzentriertes Persistenzkonzept. Um
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
149
die Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte zu erh¨
ohen, werden diese daher auf den
beteiligten Knoten verteilt abgelegt und verwaltet.
Mit Hinblick auf die Unterst¨
utzung von Kooperationsprozessen zwischen mobi-
len Benutzern gen¨
ugt eine verteilte Objektpersistenz besonderen Anforderungen. So
sorgt die im Rahmen dieser Arbeit entworfene Persitenzschicht f¨
ur die Verf¨
ugbarkeit
der kooperationsrelevanten Objekte bei allen beteiligten Benutzern (Offline-Verf¨
ug-
barkeit). Die kooperativen Handlungen laufen somit nicht Gefahr in Abh¨
angigkeit
von Zeitfenstern und Pl¨
atzen mit Zugang zu den ben¨
otigten Objekten zu geraten.
Gerade hier zeigten sich die Schw¨
achen existierender verteilter Persistenzsysteme.
Eine Kooperation in replizierten Datenr¨
aumen mittels ebenfalls replizierter Ko-
operationsobjekte gelingt nur, wenn die Replikate stets zueinander konsistent sind.
Dies ist besonders im Fall einer unverbundenen Bearbeitung von replizierten Ob-
jekten nicht garantiert. Daher werden etwaige Inkonsistenzen so fr¨
uh wie m¨
oglich
aufgedeckt und behoben. Eine Weiterverwendung inkonsistenter Objekte w¨
urde au-
tomatisch zu kaskadierenden Inkonsistenzen f¨
uhren und h¨
atte einen divergierenden
und eben nicht mehr gemeinsamen Datenraum zur Folge.
Die verteilte Persistenzschicht der hier vorgestellten Architektur bietet sowohl
die st¨
andige Verf¨
ugbarkeit der Objekte innerhalb einer Kooperationsgruppe mittels
einer gezielten Replikation der Objekte auf alle an der Kooperation beteiligten Knoten
als auch die Wahrung der Konsistenz des gemeinsamen Wissensraum durch eine
epidemische Synchronisation der Kooperationsobjekte und deren Versionierung f¨
ur
die Konflikterkennung und -aufl¨
osung (vgl. Abschnitt 5.1).
Diese positiven Eigenschaften werden durch die Komposition von bew¨
ahrten DHT-
Konzepten und einer engmaschigen epidemischen Replikationsstrategie erreicht. Das
resultierende Persistenzkonzept eignet sich insbesondere f¨
ur die mobile Gruppenar-
beit. Im Gegensatz zu g¨
angigen verteilten Persistenzsystemen ist es m¨
oglich die
Kooperationsobjekte gezielt auf die Knoten der beteiligten Kooperationspartner zu
replizieren und synchronisiert zu halten. F¨
ur den Fall eines Konflikts zwischen den
replizierten Versionen eines Objektes wird dieser aufgrund der Versionierung so-
fort erkannt und der Kooperationsumgebung angezeigt. Diese versucht draufhin den
Konflikt automatisch und im Hintergrund zu l¨
osen oder reicht ihn an die beteiligten
Benutzer weiter, die den Konflikt dann kooperativ beheben k¨
onnen. Der Einsatz
des DHT-Konzeptes erlaubt es, Objekte effizient ¨
uber das Netzwerk innerhalb der
Gruppe zu verteilen und bei Bedarf zus¨
atzlich global zug¨
anglich zu machen.
Die technische Realisierung der gezielten Objektreplikation geschieht mittels ei-
ner logischen Strukturierung von Inhaltsbereichen und im Netzwerk gespeicherten
Objektverzeichnissen inklusive Versionsinformationen der enthaltenen Objekte. Die
Objekte werden in den Inhaltsbereichen geb¨
undelt. Hier k¨
onnen sie anhand der In-
formationen ¨
uber die gespeicherte Version des Objektes mit ihrem jeweiligen lokal
replizierten Pendant verglichen werden, um festzustellen, ob eine Synchronisation
der Repliken notwendig ist, oder gar ein Versionskonflikt vorliegt. Gleichzeitig wird
in diesem Verzeichnis vermerkt, welche Knoten ein Objekt replizieren. So k¨
onnen
¨
Anderungen direkt ¨
uber eine DHT an die betroffenen Knoten weiterverteilt werden.
Interessierte Knoten m¨
ussen einen Inhaltsbereich lediglich abonnieren, um an der
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
150 5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
Replikation der enthaltenen Objekte teilzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt werden sie
automatisch mit den enthaltenen Objekten synchronisiert.
Zus¨
atzlich sieht die vorgestellte Replikationsstrategie eine Abstufung des Replika-
tionsgrades entsprechend der Ressourcen teilnehmender Knoten vor und erlaubt so
auch Ger¨
aten mit wenig Speicherplatz den Zugriff auf die stark replizierten verteil-
ten Objekte. Diese m¨
ussen aufgrund der mangelnden lokalen Replikation lediglich
einige Einschr¨
ankungen der Offline-Verf¨
ugbarkeit der Objekte in Kauf nehmen.
¨
Ubertragen auf den gemeinsamen Wissensraum kann der Arbeitsbereich einer
Gruppe einen Inhaltsbereich der verteilten Persistenzschicht zugeordnet werden,
um so eine verteilte und synchronisierte Speicherung der Kooperationsobjekte zu
gew¨
ahrleisten. Zus¨
atzlich erlaubt das Konzept auch die Integration zentraler Per-
sistenzdienste wie CSCW-Server in die verteilte Persistenzschicht. So l¨
asst sich die
Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte noch weiter erh¨
ohen. Der Persistenzdienst
muss dazu lediglich ebenfalls den Inhaltsbereich abonnieren und so den aktuellen
Inhalt des Arbeitsbereichs der Kooperationsgruppe spiegeln.
Abstraktionsschicht
Die verteilte Persistenzschicht ist offensichtlich in der Lage, die n¨
otigen Mechanismen
zur Verf¨
ugung zu stellen, um die Kooperationsobjekte f¨
ur mobile Benutzer st¨
andig
verf¨
ugbar zu halten und die Konsistenz des Datenraums ¨
uber eine weitreichende
Synchronisation zu wahren. Prinzipiell w¨
are schon an diesem Punkt die Implemen-
tierung einer mobil-verteilten Kooperationsumgebung m¨
oglich. Allerdings m¨
ussten
in diesem Fall die Kommunikation zur Koordinierung der beteiligten Knoten und die
Verwaltung der Inhaltsbereiche von jeder Kooperationsanwendung selbst implemen-
tiert werden. Dies schließt auch die Mechanismen zum Abgleich der lokalen Objekte
mit den abonnierten Inhaltsbereichen und deren Objektverzeichnisse mit ein. Zu-
s¨
atzlich erschwert ein solches Vorgehen einen Austausch oder eine Erg¨
anzung der
Persistenzschicht durch andere Persistenzkonzepte wegen der starken funktionellen
Bindung zwischen Kooperationsanwendung und Objektspeicherung.
Um eine hohe Abstraktion von der eigentlichen Objektverteilung und -replikation
f¨
ur die Entwickler der Kooperationsanwendungen zu wahren und eine nicht an Ko-
operationsmetaphern gebundene Kapselung der Persistenzschicht zu erreichen, wird
der verteilte und replizierte Objektspeicher als ein generischer Speicher abstrahiert.
In diesem k¨
onnen Objekte abgelegt und wieder geladen werden, ohne von der genau-
en Speicherposition des Objekts im Netzwerk zu wissen oder die Replikation explizit
festzulegen. Dennoch ist der generische Speicher in der Lage, die Offline-Verf¨
ugbar-
keit der Objekte und die Wahrung der Konsistenz des gemeinsamen Datenraums zu
garantieren (vgl. Abschnitt 5.2).
F¨
ur die Umsetzung dieser w¨
unschenswerten Eigenschaften wird im Rahmen dieser
Arbeit das Konzept des Gruppen-Tuple Spaces entworfen. Dieser f¨
ugt dem bew¨
ahrten
Konzept der Tuple Spaces eine an der Gruppenarbeit orientierte Replikationsstra-
tegie hinzu. In Gruppen-Tuple Spaces werden Knoten, die auf einen gemeinsamen
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
151
und replizierten Datenraum zugreifen wollen, in einem gemeinsamen Tuple Space10
gruppiert und k¨
onnen dort mittels einfacher Operationen Objekte (Tuple) gespei-
chert und wieder entnommen werden (vgl. Abschnitt 4.3.2). Dabei kann ein Knoten
auf beliebig viele Gruppen-Tuple Spaces gleichzeitig zugreifen und ohne weiteres
selber welche generieren.
Auf Wunsch informiert der Tuple Space die Anwendungen wenn ein neues Objekt
erscheint oder ein bereits existierendes ver¨
andert wurde. Die Anwendung reagiert
somit nur auf diese Ereignisse. Ein besonderes Ereignis ist hier der Konflikt von
¨
uberschneidend ge¨
anderten Objekten. Dieser kann insbesondere nach einer Trennung
eines Knotens von den anderen Mitgliedern des gemeinsamen und replizierten Tuple
Spaces auftreten. Durch die Ereigniskontrolle werden in so einem Fall automatisch
alle betroffenen Anwendungen benachrichtigt und das Objekt bis zur Behebung des
Konflikts f¨
ur eine weitere Bearbeitung gesperrt, um ein Kaskadieren der Konflikte
zu vermeiden.
Das Konzept des Gruppen-Tuple Spaces stellt zus¨
atzlich zu dem gemeinsamen re-
plizierten Speicher die Mechanismen f¨
ur eine mobilit¨
atsfreundliche Kommunikation
unter den beteiligten Knoten bereit. Zu diesem Zweck werden die Nachrichtenob-
jekte an eine Knotengruppe oder an einzelne Knoten ebenfalls als Tuple in dem
gemeinsamen Tuple Space abgelegt. Dies erlaubt eine zeitlich und r¨
aumlich entkop-
pelte Kommunikation zwischen den Knoten, die so Nachrichten auch dann erhalten,
wenn sie zeitweise nicht erreichbar sind oder ¨
uber keine direkte Verbindung zu dem
Absenderknoten verf¨
ugen. Dieses Nachrichtensystem wird auch f¨
ur die Verbreitung
von Ereignissen zwischen den verteilten Knoten genutzt.
Neben den replizierten und stark gekoppelten Gruppen-Tuple Spaces existieren
außerdem ein Network Tuple Space und je Ger¨
at ein Host Tuple Space, die es erlau-
ben, Objekte und Nachrichten global innerhalb des gesamten Netzwerkes oder lokal
auf den Ger¨
aten auszutauschen. Diese Tuple Spaces sind allerdings nicht persistent
und f¨
ur die Koordination zwischen fremden Anwendungen konzipiert. Gemein mit
den Gruppen-Tuple Spaces ist ihnen die r¨
aumliche und zeitliche Entkopplung der
Kommunikation und die Fehlerrobustheit gegen¨
uber Verbindungsabbr¨
uchen.
Aufgrund der Integration von automatischer Replikation, Ereigniskontrolle und
entkoppelter Kommunikation ist diese Schicht der ideale Ort f¨
ur die Einbettung ex-
terner Dienste in die Kooperationsumgebung. Externe Dienste, die Informationen
zur Verf¨
ugung stellen oder Daten mit der Kooperationsumgebung austauschen, k¨
on-
nen ihre Daten ¨
uber den Tuple Space an alle Teilnehmer verbreiten, ohne deren
aktuellen Verbindungsstatus beachten zu m¨
ussen. Dies gilt insbesondere f¨
ur eine
Einbindung von Persistenzdiensten, die mit ihrer hohen Erreichbarkeit die Verf¨
ug-
barkeit des gemeinsamen Datenraums deutlich erh¨
ohen. Der Persistenzdienst muss
dazu lediglich dem Tuple Space als implizites Mitglied beitreten, um diesen von da
an ohne weiteres Zutun zu spiegeln (vgl. Abschnitt 5.3).
10Um allerdings nicht die historischen Begrenzungen des Tuple Space in Linda (vgl. Abschnitt 4.3.2)
in Kauf nehmen zu m¨
ussen, orientiert sich das vorgestellte Konzept nur grob an seinem Vorbild.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
152 5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
Die Gruppen-Tuple Spaces vereinen in einem schl¨
ussigen Konzept die Mechanis-
men der Replikation, Ereigniskontrolle und Gruppenkommunikation. Gleichzeitig
sind sie ein ¨
außerst geeignetes Werkzeug f¨
ur die Koordinierung von mobil-verteilten
Anwendungen und f¨
ur die persistente und konsistente Speicherung derer Daten.
Dabei erlaubt der Gruppen-Tuple Space einen transparenten Zugriff auf die Persis-
tenzschicht, ohne deren Flexibilit¨
at einzuschr¨
anken.
Mobil-Verteilter Wissensraum
F¨
ur die Bereitstellung eines mobil-verteilten virtuellen Wissensraums, basierend auf
der im Rahmen dieser Arbeit entworfenen verteilten Persistenzschicht, wird eine wei-
tere Schicht errichtet, die das Konzept des virtuellen Wissensraums auf die Gruppen-
basierten Tuple Spaces ¨
ubertr¨
agt. Ziel dieser Schicht ist die Bereitstellung der Struk-
turen und Mechanismen des virtuellen Wissensraumes auf Basis des Konstrukts der
Gruppen-Tuple Spaces.
Dazu bietet sich die Abbildung je einer Benutzergruppe mit ihrem gemeinsamen
Arbeitsbereich innerhalb des Wissensraumes auf je einen Gruppen-Tuple Space an.
In diesem werden alle gemeinsamen Objekte einer Kooperationsgruppe gespeichert.
Die Struktur des Gruppenbereichs mit den enthaltenen Unterarealen und Dokumen-
ten wird dabei streng objektorientiert als Attribute der korrespondierenden Objekte
im Tuple Space abgelegt. Dieses Vorgehen macht die Struktur des Wissensraums in
der verteilten Umgebung persistent und sorgt automatisch f¨
ur eine Verteilung s¨
amt-
licher ¨
Anderungen in der Struktur des gemeinsamen Wissensraums an alle Grup-
penmitglieder ¨
uber die Synchronisations- und Ereignismechanismen des Gruppen-
Tuple Space. So gew¨
ahrleistet diese zus¨
atzliche Schicht die erprobten kooperati-
onsf¨
orderlichen Konzepte des virtuellen Wissensraums und gew¨
ahrleistet zudem die
Synchronizit¨
at all seiner verteilten Instanzen.
Alle f¨
ur die Kooperation relevanten Daten, inklusive Benutzer- und Verwaltungs-
informationen, werden in dem gemeinsamen Datenraum abgelegt und so allen Teil-
nehmern zug¨
anglich gemacht. Da die Schicht des mobil-verteilten Wissensraumes
die Objekte aus der Persistenz gem¨
der Wissensraum-Metapher aufbereitet, kann
eine Anwendung f¨
ur eine mobil-verteilte Kooperation im virtuellen Wissensraum wie
gewohnt auf den gemeinsamen Arbeitsraum der Gruppe zugreifen und sich alle ent-
haltenen Dokumente, Unterareale und anwesenden Benutzer anzeigen lassen. Zudem
kann die Gruppenstruktur des mobil-verteilten Wissensraum dank der Nutzung der
Gruppenmetapher in den Speicherstrukturen des Gruppen-Tuple Space intuitiv auf
diesen abgebildet werden.
Eine weitere M¨
oglichkeit der Schicht des virtuellen Wissensraums liegt in der au-
tomatischen Aufl¨
osung von vielen Konflikten in der Struktur des Wissensraums. Da
die Semantik dieser Struktur bekannt ist, kann die Kooperationsumgebung entschei-
den, ob ein Konflikt zu Fehlern in der Semantik oder der Struktur des virtuellen
Wissensraums f¨
uhren w¨
urde und entsprechende Gegenmaßnahmen einleiten. Diese
Teilautomatisierung der Konkliktaufl¨
osung erlaubt eine Entlastung der Benutzer von
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
153
trivialen Konflikten oder solchen, die im technischen Umfeld der Kooperationsum-
gebung verankert sind.
Die Benutzer erreichen nur noch Konflikte innerhalb des verteilten virtuellen Wis-
sensraums, deren Semantik der Kooperationsschicht nicht bekannt ist oder nicht mit
Hilfe dieses Wissens entschieden werden k¨
onnen. Dies ist z. B. bei dem Inhalt von
vielen Dokumenten der Fall. Da deren inhaltliche Struktur oft ebenfalls bestimmten
Struktureigenschaften entspricht, werden ungel¨
oste Konflikte zun¨
achst an die zuge-
h¨
origen Anwendungen ¨
ubergeben. Erst wenn auch diese nicht in der Lage ist, den
Konflikt zu l¨
osen wird er an die Benutzer weitergereicht. So ergibt sich eine L¨
osungs-
kette f¨
ur die Behebung der Konflikte innerhalb des mobil-verteilten Datenraumes,
in die der Benutzer nur noch eingreifen muss, wenn keines der betroffenen Glieder
den Konflikt im Hintergrund l¨
osen kann.
Durch die hier vorgestellte voneinander gekapselte und doch ineinander verzahn-
te Schichtarchitektur wird ein umfassendes Architekturkonzept bereitgestellt, das
die Anforderungen einer Kooperation in mobil-spontanen aber auch weitr¨
aumig-
verteilten Nutzungsszenarien unterst¨
utzt. Der virtuelle Wissensraum wird hierbei in
all seinen Facetten von einer zentralisierten Architektur in ein mobiles und verteiltes
Umfeld transportiert, ohne die Errungenschaften der klassischen Kooperationsum-
gebungen zu ignorieren. Die hier vorgestellte Architektur erlaubt zus¨
atzlich die In-
tegration zentraler Persistenzdienste und anderer externer Ressourcen in die Koope-
rationsumgebung. Dabei wird wo m¨
oglich auf existierende und offene Standards
gesetzt, die notfalls um ben¨
otigte Eigenschaften erweitert werden. Dieses Vorgehen
soll auch zuk¨
unftig eine leichte Integration der neuen mobil-verteilten Kooperations-
umgebung in existierende Infrastrukturen erlauben.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
154 5.4 Gesamtarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
6 Schluss und Ausblick
Im Anschluss an den Entwurf der Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume
gilt es Fragen bez¨
uglich der erreichten Ziele und der neuen M¨
oglichkeiten einer sol-
chen Kooperationsinfrastruktur zu beantworten. Dies schließt eine Bewertung der
technischen und konzeptionellen L¨
osungen mit ein. Die Perspektiven f¨
ur die ko-
operative Wissensstrukturierung, die sich aus einer flexiblen und ortsungebundenen
Zusammenarbeit in mobil-verteilten Wissensr¨
aumen ergeben, sind ebenso zu be-
trachten, wie die aus dieser Arbeit resultierenden zuk¨
unftigen Arbeitsschritte und
Forschungsperspektiven.
Den Ausgangspunkt der Arbeit bildeten die unverbundenen Entwicklungsstr¨
ange
der kooperativen Wissensstrukturierung und der mobilen Ad-Hoc-Netzwerke. Trotz
der w¨
unschenswerten Nutzungskonstellation einer kooperativen Wissensstrukturie-
rung in mobilen Alltagssituationen fehlen geeignete Werkzeuge f¨
ur eine l¨
angerfristi-
ge mobile und computergest¨
utzte Zusammenarbeit. Es existierten kaum ¨
Uberg¨
ange
zwischen beiden Forschungsfeldern und die jeweiligen Nutzungsszenarien bewegten
sich stets streng in einem der beiden Bereiche. W¨
ahrend Nutzungsszenarien der
computergest¨
utzten Kooperation auf die Zusammenarbeit in festen Infrastrukturen
zielten, behandelten Nutzungsszenarien der mobilen Vernetzung zumeist Aspekte
mobilit¨
atsfreundlicher Netzwerkstrukturen. Nutzungsszenarien die beide Felder in
ihrem Wechselspiel betrachten waren nahezu unerforscht.
Da aber ein Systementwurf f¨
ur eine mobilit¨
atsfreundliche Kooperationsumgebung
ohne eine Kenntnis der Nutzungsszenarien und strukturellen Grenzen kaum m¨
oglich
ist, war ein erstes Ziel dieser Arbeit die Entwicklung entsprechender Nutzungsszena-
rien kooperativer Wissensstrukturierung. Erst mit Kenntnis der Nutzungsszenarien
ist ein Transfer der Welt der kooperativen Wissensstrukturierung in die der mobilen
Ad-Hoc-Netzwerke m¨
oglich. Diese Nutzungsszenarien wurden f¨
ur eine Differenzie-
rung der Anforderungsebenen in funktionale und technische Elemente getrennt, die
f¨
ur eine begriffliche Kl¨
arung als Handlungsebene und Umsetzungsebene bezeich-
net wurden.
Als Fundament f¨
ur die funktionalen Komponenten der Kooperationsumgebung
wurde das Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume gew¨
ahlt. Da mobile Kooperations-
szenarien durch eine freie und flexible Zusammenarbeit charakterisiert sind, bieten
die virtuellen Wissensr¨
aume als Verk¨
orperung freier dokumentenzentrierter Grup-
penarbeit ein entsprechend flexibles Kooperationskonzept. Der Transfer der virtu-
ellen Wissensr¨
aume in mobile Ad-Hoc-Netzwerke war somit unter dem Begriff der
mobil-verteilten Wissensr¨
aume zentrales Thema dieser Arbeit.
Als Basis f¨
ur die Betrachtung der ben¨
otigten Kooperationsunterst¨
utzung in einem
mobilen Nutzungsumfeld dienten die in Kapitel 2 aufgestellten Nutzungsszenarien.
155
156 6 Schluss und Ausblick
Sie orientieren sich sowohl an Formen der Pr¨
asenzkooperation, die stark der nat¨
ur-
lichen Zusammenarbeit im mobilen Umfeld entsprechen, als auch an Kooperations-
formen, die eine Einbeziehung r¨
aumlich entfernter Benutzer und Dienste ber¨
uck-
sichtigen. Letztere schließen auch die optionale Integration zentralisierter CSCW-
Strukturen in mobil-verteilte Kooperationsumgebungen mit ein. Die entwickelten
Nutzungsszenarien entstammen je zur H¨
alfte der Arbeitswelt, mit st¨
arker formalisier-
ten Kooperationsprozessen, und der Lernwelt, mit eher freien konstruktivistischen
Kooperationsans¨
atzen, um ein m¨
oglichst breites Spektrum von Kooperationsformen
abzudecken.
F¨
ur ein besseres Verst¨
andnis der Vorg¨
ange in mobilen Kooperationsszenarien wur-
de in Kapitel 3 ein Drei-Phasen-Modell mobil-verteilter Kooperation aufgestellt. Ne-
ben den Phasen der Gr¨
undung und Kooperation, die auch in klassischen Kooperati-
onsszenarien Beachtung finden, wurde der Phase der Aufl¨
osung ein hoher Stellenwert
einger¨
aumt. Diese in klassischen Kooperationsszenarien vernachl¨
assigte Phase tr¨
agt
der Tatsache Rechnung, dass in einem mobilen Umfeld eine Wiederaufnahme der
Kooperation in derselben Nutzungskonstellation aufgrund der Mobilit¨
at der Nutzer
nur selten gelingt. Durch den nahtlosen ¨
Ubergang zwischen den einzelnen Phasen
ist nach dem Ausscheiden aus einer Kooperationssitzung (Aufl¨
osung) jederzeit ein
Wiedereintreten in diese auch in einer ge¨
anderten Nutzungskonstellation m¨
oglich
(Gr¨
undung).
Aufbauend auf die Handlungsmuster der entworfenen Szenarien mobiler Koope-
ration wurden eine Reihe von technischen Anforderungen an mobil-verteilte Koope-
rationsumgebungen benannt. In der Arbeit wurden wesentliche Problemstellungen
aus den Bereichen der
Vernetzung und Sichtbarkeit der Kooperationspartner, der
Kontextualisierung der Kooperationsumgebung und der Konsistenz der gemein-
sam genutzten und redundant gespeicherten Kooperationsobjekte identifiziert.
Die Forderung aus den Bereichen
Vernetzung und Sichtbarkeit ist insbesondere
in der Gr¨
undungsphase von zentraler Bedeutung. Eine Wahrnehmung potentieller
Kooperationspartner und verf¨
ugbarer Dienste ist, ebenso wie eine Kommunikations-
infrastruktur zwischen diesen, die Grundlage f¨
ur die Bildung einer Kooperations-
gruppe. Doch auch f¨
ur die sp¨
ateren Phasen im Kooperationsprozess benennt diese
Forderung das Mindestmaß technischer Unterst¨
utzung f¨
ur die mobile Zusammenar-
beit.
Eng verwandt mit der Vernetzung und Sichtbarkeit sind die Forderungen aus dem
Bereich der Kontextualisierung. Sie erlauben insbesondere in komplexeren Konfigu-
rationen und weitr¨
aumigen Strukturen die Auswahl geeigneter Kooperationspartner.
Das Wissen um den eigenen technischen wie sozialen Kontext und den der Ko-
operationspartner unterst¨
utzt die Konfiguration der Kooperationsprozesse, die nach
festgesetzten Regeln auch automatisch erfolgen kann. Der Nutzung von Kontext-
informationen f¨
allt daher besonders in der Gr¨
undungsphase eine hohe Bedeutung
zu.
Unter dem Begriff Offline-Verf¨
ugbarkeit wurde die Problemstellung einer durch-
g¨
angigen Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsdaten zusammengefasst. F¨
ur die Unterst¨
ut-
zung mobil-verteilter Nutzungskonstellationen wurden die Distribution und Repli-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
157
kation als zentrale Forderungen f¨
ur eine durchg¨
angige Verf¨
ugbarkeit der gemeinsam
genutzten Kooperationsdaten auch in unverbundenen Nutzungssituationen heraus-
gearbeitet.
Die sich aus einer Replikation ergebenen Forschungsfragen bez¨
uglich einer red-
undanten Speicherung der Kooperationsdaten wurden unter dem Oberbegriff der
Konsistenz gesammelt. Bei einer derartigen redundanten Speicherung der Koope-
rationsobjekte kommt der Synchronizit¨
at der gemeinschaftlich bearbeiteten Da-
ten eine hohe Bedeutung zu, wenn ein Divergieren der gemeinsamen Datenbest¨
ande
verhindert werden soll. Ist die Synchronizit¨
at, z. B. aufgrund l¨
angeren unverbun-
denen Arbeitens, nicht mehr gewahrt, sind zudem Mechanismen zur kooperativen
Konfliktl¨
osung und zur R¨
ucknahme und Anpassung der ¨
Anderungen bereitzustellen
(Reversibilit¨
at).
Das neue mobile Nutzungsumfeld und die daraus begr¨
undete verteilte Infrastruk-
tur macht auch die Anpassung der aus zentralisierten Kooperationssystemen be-
kannten Mechanismen zur Kooperationsunterst¨
utzung notwendig. Die betroffenen
Bereiche wurden in Kommunikation,Koordination und Kooperation unterteilt und
bilden die Basis f¨
ur die neuartige Zusammenarbeit in mobilen und spontanen Nut-
zungsszenarien, die im Rahmen dieser Arbeit mit dem Begriff der Kollaboration
belegt wurde. Die Einbettung dieser klassischen Kooperationsfunktionen in ein de-
zentralisiertes und mobiles Kooperationsumfeld wurde als eine der wichtigen Anfor-
derungen identifiziert.
Anhand der in Kapitel 3 ermittelten Anforderungen an die mobil-verteilte Koope-
rationsumgebung erfolgte in Kapitel 4 eine Bestandsaufnahme verf¨
ugbarer L¨
osungs-
ans¨
atze. Aufgrund der herausgearbeiteten zentralen Stellung der Persistenz f¨
ur eine
Bereitstellung mobil-verteilter Wissensr¨
aume lag der Fokus auf den Technologien der
mobilit¨
atsfreundlichen Vernetzung und der verteilten Kommunikations- und Persis-
tenzsysteme. Aus ihnen wurde das technische Grundger¨
ust der Musterarchitektur
mobil-verteilter Wissensr¨
aume gebildet.
Die durchgef¨
uhrte Betrachtung der Technologien f¨
ur eine unabh¨
angige Vernetzung
mobiler Ger¨
ate jenseits der Zug¨
ange existierender Netzwerkinfrastrukturen ergab
die Verf¨
ugbarkeit einer Vielzahl von L¨
osungsans¨
atzen aus dem Forschungsfeld der
mobilen Ad-Hoc-Netzwerke (Manets). Es zeigte sich aber, dass diese noch keinen
Einzug in den Alltag der Benutzer gefunden haben. Dennoch wurden sie unter der
Annahme eines zuk¨
unftigen Alltagseinsatzes als Basis mobil-spontaner Vernetzung
betrachtet. Protokolle dieses Ursprungs zielen auf eine selbstorganisierende, spontane
und robuste Vernetzung mobiler Netzwerkknoten und etablieren auch weitr¨
aumige
Kommunikationsinfrastrukturen. ¨
Uber eine Hybridl¨
osung mit Mobile IP ist dar-
¨
uber hinaus auch eine Einbindung etablierter Netzwerkstrukturen wie das Internet
m¨
oglich. In Kombination mit ebenfalls verf¨
ugbaren Mechanismen zur automatischen
Dienstekonfiguration und -verkn¨
upfung kann somit eine technische Infrastruktur zur
Initialisierung einer mobil-spontanen Kooperation bereitgestellt werden.
Ein besonderes Bild bot sich bei der Betrachtung verteilter Persistenzsysteme.
Zwar sind durch das wachsende Interesse an unabh¨
angigen Peer-to-Peer-Strukturen
eine große Anzahl verteilter Persistenzsysteme verf¨
ugbar, aber eine n¨
ahere Betrach-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
158 6 Schluss und Ausblick
tung offenbarte, dass diese f¨
ur mobil-spontane Kooperationsszenarien wenig geeignet
sind. Diese Feststellung begr¨
undete sich zum Teil in fehlenden Konzepten f¨
ur eine
Offline-Verf¨
ugbarkeit gemeinsam genutzter Daten oder einer mangelhaften Wahrung
der Konsistenz derselben.
Existierende verteilte Persistenzsysteme bewerten einen unverbundenen Knoten
stets als defekt und beachten bei der Fehlerbehandlung nur die Funktionalit¨
at des
Gesamtsystems. Die wichtige Unterst¨
utzung des isolierten Knotens in der Phase
der unverbundenen Arbeit fehlt zumeist. Gerade hier liegt aber die Besonderheit
mobiler Kooperationsszenarien, in denen Verbindungsabbr¨
uche h¨
aufig vorkommen.
Die Kooperationspartner wollen in der Regel auch bei Isolation von der Gruppe auf
den gemeinsamen Kooperationsobjekten weiterarbeiten k¨
onnen.
Jenseits der DHT-basierten Persistenzsysteme bietet das Konzept der Tuple Spaces
einen einfachen und zeitlich entkoppelten Zugriff auf die gespeicherten Daten. Tu-
ple Spaces erlauben Knoten, die nicht zeitgleich mit dem Netzwerk verbunden sind,
dennoch Daten auszutauschen. Diese Mechanismen lassen sich auch f¨
ur eine Koor-
dination der Kooperationsprozesse in mobilen Nutzungskonstellationen verwenden.
Aufgrund dieser interessanten Eigenschaften wurden sie ebenfalls im Rahmen die-
ser Arbeit betrachtet und zusammen mit den DHTs als m¨
ogliche Bausteine einer
Architektur f¨
ur mobil-verteilte Wissensr¨
aume herangezogen.
Im Anschluss der eingehenden Analyse der konzeptionellen wie technischen M¨
og-
lichkeiten und Defizite der verf¨
ugbaren verteilten Persistenzsysteme in Kapitel 4
wurden die vielversprechenden Ans¨
atze der DHTs und Tuple Spaces in Kapitel 5
als Bausteine f¨
ur eine Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume herangezo-
gen und um fehlende Komponenten erg¨
anzt. Ziel dieser Musterarchitektur war es,
die M¨
oglichkeit einer Umsetzung mobil-verteilter Wissensr¨
aume mittels verf¨
ugbarer
Technologien aufzuzeigen und die identifizierten L¨
ucken mit speziell an die Bed¨
urf-
nisse mobiler Kooperationsszenarien angepassten Konzepten zu schließen.
Die Familie der Distributed Hashtables (DHT) wurde anhand des zuvor ermittel-
ten Anforderungskatalogs um Mechanismen f¨
ur eine Offline-Verf¨
ugbarkeit der Ko-
operationsdaten zu einer mobilit¨
atsfreundlichen verteilten Persistenzschicht erg¨
anzt.
Kern dieser Persistenzschicht ist eine gezielte Distributions- und Replikationsstra-
tegie, die zusammen mit der Versionierung der redundant gespeicherten Objekte
eine Offline-Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte bei Beibehaltung der geforder-
ten Konsistenz erlaubt. Zus¨
atzlich ber¨
ucksichtigt das Replikationskonzept die un-
terschiedlichen Ausbauformen mobiler Ger¨
ate und erm¨
oglicht ¨
uber differenzierte
Replikationsklassen auch ressourcenarmen Ger¨
aten einen Zugriff auf die verteilte
Persistenz.
Konflikte bei einem konkurrierenden Zugriff auf die gemeinsam bearbeiteten Ob-
jekte werden durch die integrierte Versionskontrolle zeitnah aufgedeckt und den Be-
nutzern angezeigt. Zus¨
atzlich k¨
onnen ¨
uber die Versionierung und die Konfliktl¨
o-
sungsmechanismen die betroffenen Objekte kooperativ wieder in Einklang gebracht
werden.
Dank der gezielten Distributions- und Replikationsstrategie ist eine Unterst¨
ut-
zung mobil-spontaner Kooperation sowohl im dynamischen Verbund mit Koope-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
159
rationspartnern als auch in isolierten Kooperationssituationen gew¨
ahrleistet. Diese
im Rahmen der vorliegenden Arbeit entworfene mobil-verteilte Persistenz wurde
durch eine Abstraktionsschicht um die Schl¨
usselkomponenten einer logischen Repli-
kationsstruktur, eines transparenten Objektzugriffs und einer zeitlich entkoppelten
Kommunikation zwischen zeitweise unverbundenen Kooperationspartnern erg¨
anzt.
War die Nutzung der mobil-verteilten Persistenz bis zu diesem Punkt noch an ein
Wissen ¨
uber die Netzwerkstruktur gebunden, kann nun dank des anonymen Spei-
cherkonzepts des Tuple Space auf die verteilten Objekte mit einfachen Operationen
zugegriffen werden.
Mit dem Konzept der Gruppen-Tuple Spaces wurde der mobil-verteilten Persis-
tenzschicht eine gruppenbasierte Replikationsmetapher hinzugef¨
ugt. Diese erlaubt
eine intuitive Replikation der gemeinsam genutzten Objekte zwischen den Gruppen-
mitgliedern. Die Versionierung und Synchronisierung der Repliken kann v¨
ollig im
Hintergrund geschehen und reduziert so die Komplexit¨
at des Zugriffs auf den ver-
teilten Speicher in einem erheblichen Maße. Auch die asynchrone Kommunikation
und Ereigniskontrolle zwischen den sporadisch verbundenen Knoten wird von den
Gruppen-Tuple Spaces ¨
ubernommen. ¨
Uber die enthaltene zeitlich entkoppelte Nach-
richtenverbreitung werden Nachrichten nach einem Verbindungsabbruch zugestellt,
sobald der Zielknoten wieder erreichbar ist. So ist jeder Knoten nach einer verbin-
dungslosen Phase bei Wiedereintritt in den Kooperationsverbund auf dem neuesten
Stand.
Die eigentliche Kooperationsumgebung bilden die mobil-verteilten Wissensr¨
au-
me, die auf diese technische Abstraktionsschicht aufgesetzt wurden. Jeder Koope-
rationsgruppe im virtuellen Wissensraum wird ein eigener Gruppen-Tuple Space in
der Persistenzschicht zugeordnet. In diesem werden alle die Kooperation betreffen-
den Objekte abgelegt und so automatisch zwischen den Knoten der Gruppenmit-
glieder repliziert. Jedes Gruppenmitglied verf¨
ugt dadurch lokal ¨
uber den gesamten
gemeinsamen Wissensraum der Gruppe. Auf diese Weise stehen die gemeinsamen
Kooperationsobjekte auch in Offline-Situationen zur Verf¨
ugung. Der gemeinsame
Wissensraum wird bei Kontakt zur Gruppe automatisch mit den Repliken der an-
deren verf¨
ugbaren Gruppenmitglieder abgeglichen.
Die so geschaffene Kooperationsumgebung stellt persistente virtuelle Wissensr¨
au-
me mit ihren bew¨
ahrten Kooperationsmechanismen inklusive der prim¨
aren Medien-
funktionen bereit. Durch die durchg¨
angige Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte
beugt sie zudem Medienbr¨
uchen vor, die aus der Mobilit¨
at der Nutzer zu entstehen
drohen.
Das so entstandene Vier-Schicht-Modell bildet mit der Kommunikationsschicht,
der Objektverwaltung und -distribution, der Abstraktionsschicht und den mobil-ver-
teilten Wissensr¨
aumen eine m¨
ogliche Realisierung technischer Infrastrukturen f¨
ur
die mobile Wissensstrukturierung gem¨
den ermittelten Anforderungen. Dabei wird
durch die Kapselung der einzelnen Schichten ein modularer Aufbau der Komponen-
ten gewahrt. Dies erlaubt eine einfache Anpassung der Kooperationsumgebung an
ein variables Nutzungsumfeld.
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
160 6 Schluss und Ausblick
Durch die Einbettung von mobilen Ad-Hoc-Netzwerken zur spontanen Vernetzung
sowie den Einsatz innovativer L¨
osungen f¨
ur eine automatische Dienstekonfigurati-
on, wird eine flexible und mobilit¨
atsfreundliche Kommunikationsinfrastruktur f¨
ur
die Kooperationsumgebung errichtet. Die besondere Ber¨
ucksichtigung einer geeigne-
ten Distributions- und Replikationsstrategie in der darauf aufsetzenden Persistenz-
schicht sorgt f¨
ur die ben¨
otigte Offline-Verf¨
ugbarkeit und Konsistenz der gemeinsam
genutzten Kooperationsobjekte. Mittels der in der Abstraktionsschicht eingesetzten
Gruppen-Tuple Spaces wird zudem ein anonymer Speicherzugriff in Kombination mit
einer intuitiven gruppenbasierten Replikation bereitgestellt sowie die Komplexit¨
at
der Persistenzschicht verbirgt. Zusammen mit der ebenfalls in der Abstraktions-
schicht angesiedelten zeitlich und r¨
aumlich entkoppelten Kommunikation und den
Mechanismen zur Integration externer Dienste entsteht so der technischer Rahmen
f¨
ur die mobile Kooperationsumgebung. Die oberste Schicht der mobil-verteilten Wis-
sensr¨
aume verbindet konsequent das bew¨
ahrte Konzept der virtuellen Wissensr¨
aume
mit den technischen L¨
osungen einer mobil-verteilten Persistenz. Die Kooperations-
partner erhalten so in allen Situationen ihrer Mobilit¨
at Zugriff auf ihre gemeinsam
bearbeiteten Materialien, ohne auf die Flexibilit¨
at einer dokumentenzentrierten Ko-
operation in virtuellen Wissensr¨
aumen verzichten zu m¨
ussen.
Aus dem zun¨
achst un¨
ubersichtlichen Problemfeld mobiler Kooperation wurde in
der vorliegenden Arbeit die Bereitstellung einer verteilten Persistenz f¨
ur eine durch-
g¨
angige Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsobjekte als Kernproblem identifiziert. Die
entworfene Musterarchitektur zeigt entsprechende Wege f¨
ur die Verkn¨
upfung einer
verteilten Persitenz mit weiteren Komponenten zu einer mobil-verteilten Kooperati-
onsumgebung auf. Im Rahmen der Arbeit wurden zudem wesentliche Komponenten
der Musterarchitektur aus den Bereich der Vernetzung und Sichtbarkeit, der Kon-
textualisierung und der Distribution und Replikation prototypisch umgesetzt und
erprobt.
Die so entstandene Musterarchitektur offenbart wesentliche Forschungsperspek-
tiven, die sich durch eine Bereitstellung mobilit¨
atsfreundlicher Kooperationsinfra-
strukturen ergeben. Die zuk¨
unftigen Forschungsfragen bewegen sich dabei in den
Bereichen des Einsatzes virtueller Wissensr¨
aume in mobilen Kooperationsszenarien,
der Sicherheit und Identit¨
atskontrolle in offenen verteilten Kooperationssystemen,
der erweiterten Kontextualisierung entlang der Kooperationsprozesse und der Unter-
suchung alternativer Distributions- und Replikationsstrategien. Im Folgenden sollen
diese offenen Forschungsfragen kurz angesprochen werden.
Die in serverzentrierten Umgebungen bew¨
ahrten Konzepte der virtuellen Wissens-
r¨
aume k¨
onnen mittels neuartiger mobiler Infrastrukturen an einem mobilen Nut-
zungsumfeld gemessen und verfeinert werden. Insbesondere kann die Bereitstellung
mobil-verteilter Wissensr¨
aume ausschlaggebend f¨
ur die ¨
Uberpr¨
ufung existierender
und die Identifizierung weitergehender prim¨
arer Medienfunktionen sein.
Derart freie Kooperationsumgebungen wie die hier entworfenen mobil-verteilten
Wissensr¨
aume bed¨
urfen einer Integration dezentral gesteuerter Mechanismen zur
Verschl¨
usselung und Identit¨
atskontrolle. Diese verteilt verwalteten Sicherheitsme-
chanismen m¨
ussen ¨
ahnlich intuitiv nutzbar sein wie die vorgestellten Replikations-
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
161
strategien. Darum sind neben technischen Erw¨
agungen auch Fragestellungen auf der
Handlungsebene zu ber¨
ucksichtigen.
Die als wichtige Komponente mobiler Kooperation identifizierte Kontextualisie-
rung der Kooperationsumgebung wirft neue Fragestellungen im technischen wie kon-
zeptionellen Bereich des Forschungsfeldes der Context Awareness auf. Dazu geh¨
oren
ebenso die besprochenen automatisierten Mechanismen der Gruppengr¨
undung an-
hand eines Ortsbezugs, wie auch die beil¨
aufige Strukturierung des Wissensraums
aus dem Kooperationskontext heraus. Des Weiteren m¨
ussen Kontextinformationen
aufbereitet werden, um die ¨
Ubersichtlichkeit der Kooperationsumgebung nicht zu
gef¨
ahrden. Besonders in stark mit Kontextinformationen angereicherten Umgebun-
gen wird es notwendig sein, nur bestimmte Kontextinformationen f¨
ur den Benutzer
zug¨
anglich zu machen. Die zuverl¨
assige Differenzierung von interessanten und un-
interessanten Kontextinformationen stellt die Entwickler somit vor neue Herausfor-
derungen.
Eine eingehendere Betrachtung verdient auch die Fragestellung nach weiterf¨
uh-
renden Distributions- und Replikationsstrategien f¨
ur spezielle mobile Nutzungssze-
narien. Die im Rahmen dieser Arbeit entworfene Replikationsstrategie anhand der
Gruppenstruktur ist ein universelles Mittel zur konsistenten Verkn¨
upfung von Ko-
operationspartnern in der Gruppenarbeit. Alternative Ans¨
atze k¨
onnten sich aber als
besser an bestimmte Kooperationsszenarien angepasst erweisen. So w¨
are z. B. eine
an die verf¨
ugbaren Bandbreiten zwischen den vernetzen Gruppenknoten angepasste
Replikationsstrategie denkbar. Auch eine umfassende Einbindung des Kooperations-
kontextes in die Objektverteilung und -replikation kann sich als probates Mittel f¨
ur
eine Steigerung der Offline-Verf¨
ugbarkeit der Kooperationsdaten erweisen.
Die aufgeworfenen zuk¨
unftigen Forschungsfragen, die sich durch die hier entwor-
fene Musterarchitektur mobil-verteilter Wissensr¨
aume ergeben, heben die Relevanz
der Erforschung mobiler Kooperationsumgebungen hervor. Erst eine mobile Koope-
rationsumgebung, die unabh¨
angig von bestehenden Infrastrukturen funktioniert und
sich dennoch in diese integriert, vermag sich im Alltag der Benutzer zu etablieren.
Die in dieser Arbeit entworfene Musterarchitektur zeigt einen Weg auf, dieses Ziel
durch den Einsatz verf¨
ugbarer Technologien und innovativer Konzepte zu erreichen.
Die bis dahin fehlenden Bausteine wurden auf die Bed¨
urfnisse mobiler Kooperati-
onsszenarien ausgerichtet und fußen auf anerkannte Konzepte und Technologien.
Der im Rahmen dieser Arbeit geleistete Transfer virtueller Wissensr¨
aume in das
Spannungsfeld mobil-spontaner Netzwerkumgebungen zeigt somit einen Weg auf,
mobile Wissensstrukturierung im Einklang mit existierenden Kooperationsinfrastruk-
turen zu etablieren.
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at in der kooperativen Wissensarbeit
162 6 Schluss und Ausblick
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Mobilit¨
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Stichwortverzeichnis
Stichwortverzeichnis
A
Abstraktionsschicht . . . . . . . . . . . . . . 146
ACID-Eigenschaften. . . . . . . . . . . . . .119
Ad hoc On Demand Distance Vector
siehe AODV
Ad hoc Protocol Evaluation (APE)95
Ad-Hoc-Kooperation . . . . . . . . . . . . . . 63
Ad-Hoc-Netzwerk. . . . . .27, 62, 76, 91,
94 97, 100
Adressatenkreis, flexibler . . . . . . . . . . 78
AFS.............................120
aktive Objekte....................84
Andrew File System . . . . . . .siehe AFS
Anycast..........................103
AODV............................95
Apache Foundation. . . . . . . . . . . . . . . .90
API..............................103
Application Programm. Interfacesiehe
API
Arbeitsbereich
gemeinsamer17, 22, 28, 34, 79, 83
pers¨
onlicher . . . . . . . . . . . . . . . 21, 83
Archivierung......................70
ARP-Requests....................96
asynchrone Kooperation. . . . . . . . . . . 12
Aufl¨
osung.........................13
Automatische Konfiguration. . . . . . .62
Avatare...........................99
Awareness.......................144
B
Bamboo.....................103, 114
Bayeux...........................103
Bayou............................120
Berechtigungen....................83
Bittorrent........................103
Bluetooth.........................90
Broadcast....................94, 101
BSCW............................99
C
Caching.....................65, 112f
CAN.............................103
Care-of-Adresse. . . . . . . . . . . . . . . .93, 96
CAS..........................45, 144
Casca.............................99
CAST............................103
CellularIP.........................97
CFS.........................103, 114
Chord............................103
Coda.............................120
Compute-Dienste. . . . . . . . . . . . . . . . .144
Computer Algebra System siehe CAS
Cooperative FileSystem . . . siehe CFS
Cooperative Virt. Environments siehe
CVE
CSCW............................53
Cluster........................90
CVE..............................90
Bamboo.......................90
D
Decentraliced Object Location and Rou-
ting....................siehe
DOLR
Delay.............................93
Destination-Sequence Distance-Vector
siehe DSDV
DHT.......................101 116
Dienst
179
180 Stichwortverzeichnis
Verteilung.....................77
Diensteinfrastruktur. . . . . . . . . . . . . . .97
Distant Learning . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Distributed Hash Table (DHTs) .. 132
Distributed Hashtable . . . . siehe DHT
Distributed Hashtable (DHT) . . . . 121
Distribution.......................78
DOLR..........................102f
Dreiecksrouting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
DSDV.........................95, 97
DSR..............................95
Duplicate Adress Detection. . . . . . . .96
Dynamic Source Routing. . siehe DSR
E
E-Learning........................41
Eclipse............................90
Einstiegsknoten . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
eMule............................103
epidemische Distribution . . . . . . . . . . 79
Ereigniskontrolle . . . . . . . 78, 121 128
Expanding Multicast . . . . . . . . . . . . . 111
externe Dienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
F
FA................................93
Ficus.............................120
Filesharing.......................101
Foreign Agent . . . . . . . . . . . . . . siehe FA
Foreign Domain Root Router. . . . . . 97
Forwarding Schemes. . . . . . . . . . . . . . .97
Freifunk Projekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
G
G¨
ultigkeitsdatum. . . . . . . . . . . . . . . . . .16
Gastrechte und -rollen . . . 24 f, 64, 81 f
GLOMAR.......................120
GNU/Maverik.....................90
Gnutella.........................101
Gr¨
undung.........................13
Graphen.........................134
Groove............................99
Groupware........................99
Gruppe
Gr¨
undung.....................56
Kalender.................19f, 80
Kommunikation . . . . . . . . . 128, 142
Koordination . . . . . . . . . . . . . . . . 142
Struktur. . . . . . . . . . . . .62 f, 71, 141
Verwaltung. . . . . . . . . . . . . . .83, 128
Gruppen..........................83
Gruppen-Tuple Space . . . . . . . . . . . . 140
Gruppenadministrator. . . . . . . . . . . . .17
Gruppenbereich . siehe Arbeitsbereich
Gruppengr¨
undung.................16
H
HA................................93
Handoff-Aware Wireless Access Inter-
net Infrastructure . . . . . . siehe
HAWAII
Hash
Exact-Matching. . . . . . . . . . . . . . 102
Funktion . . . . . . . . . . . . . . . . 102, 138
Index........................102
Tabelle......................101
Wert.........................102
Hash-based Distribution. . . . . . . . . .138
HAWAII..........................97
Hierarchical Mobile IP . . . . . . . . . . . . 97
Hivemind.........................90
Hoarding.........................120
Home Agent........................i
Hop...............................94
Host Tuple Space. . . . . . . . . . . .118, 140
Host-Level Tuple Space . . . siehe Host
Tuple Space
Hybrid Broadcast . . . . . . . . . . . . . . . . 139
Hypercube.......................135
I
I3................................103
IANA.............................94
IBM Research....................117
ICMP.............................96
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
Stichwortverzeichnis 181
IEEE 802.11. . . . . . . . . . . .siehe WLAN
IEEE 802.15.1 . . . . . . . siehe Bluetooth
IEEE 802.16 . . . . . . . . . . siehe WIMAX
Independent Nodes . . . . . . . . . . 131, 140
Indexdienst. . . . . . . . . . . . . . . . . .101, 142
Informationsdienste . . . . . . . . . . . . . . 144
Inhaltsbereiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Integration externer Dienste . . . . . . . 72
Inter Domain Mobility. . .siehe Macro
Mobility
Interface Tuple Space . . . . . . siehe ITS
Internet Assigned Numbers Authority
siehe IANA
Internet Indirection Infrastructuresiehe
I3
Intra Domain Mobility . . . siehe Micro
Mobility
IP-Adresse........................92
IPv4...........................92, 96
IPv6...........................93, 96
ITS..............................118
J
JADE.............................90
Jarkarta Projekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
Java.............................117
JavaSpaces.......................117
JBOSS............................90
JBossMicrokernel. . . . . . . . . . . . . . . . . .90
Jini..............................117
Jour Fixe.........................48
JXTA...................98, 100, 117
JXTASpaces.....................117
K
Kademlia........................103
KBR............................102f
Key.................siehe Hash-Wert
Key-Based Routing . . . . . . . siehe KBR
Knotenausfall.....................67
Knotengrad......................134
Kollaboration.....................73
Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . 75 80
entkoppelte..................118
Kommunikationsschicht . . . . . . . . . 145 f
Konflikt. . . . . . . .siehe Versionskonflikt
Konflikterkennung. . . . . . . . . . . . . . . . .70
Konsistenz . . . . . 66 70, 79, 84, 118 ff
Gef¨
ahrdung der...............68
semantische..................68f
Kontext...........................63
Kontextdienste. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
Kooperation . . . . . . . . . . . . . . . . . .13, 83 f
r¨
aumlich verteilt . . . . . . . . . . . . . . 34
Kooperationsgruppe. . . . . . . . . . . . . . . 56
tempor¨
are.....................29
Kooperationsphasen . . . . . . . . . . . . . . .13
Koordination......................80
L
Leaf Set...................106ff, 110
Lerngruppe.......................15
LIME.......................117, 138
Linda............................117
Linda in a Mobile Environment . . . . . i
Link-Local........................94
Location Awareness . siehe Ortsbezug
Locking
Optimistic. . . . . . . . . . . . . . . .69, 119
Pessimistic....................69
Lokalit¨
at....................102, 108
Lotus Notes.......................99
M
Maß der N¨
ahe...................107f
Macro Mobility . . . . . . . . . . . . . . . . 92, 96
MadKit...........................90
Manet.........................94, 97
Matching........................117
mDNS............................98
Medien..........................78ff
Medienbr¨
uche . . . . . . . . . 14, 57 f, 71, 80
Medienfunktionen . . . . . . . . . . . . . 58, 99
individuelle...................58
kooperative...................58
prim¨
are.......................58
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
182 Stichwortverzeichnis
sekund¨
are.....................58
terti¨
are.......................58
Micro Mobility. . . . . . . . . . . . .92, 94, 96
Microkenel......................88ff
Microkernel.......................89
Mobile IP...................92ff, 96f
Mobility...........................92
Moderator........................64
Modul.............................90
Modularit¨
at.......................72
monolithische Architektur . . . . . 72, 89
Multicast . . . . . . . . . . 98, 103, 121 f, 134
Multicast DNS . . . . . . . . . . siehe mDNS
Multihop..........................94
Multiple Write Replication . . . . . . . 119
Multiple-Unicast . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
N
Nachrichtenschl¨
ussel..............105
Nachrichtensystem. . . . . . . . . . . . .18, 77
Napster..........................101
Negative Broadcast. . . . . . . . . .139, 142
Neighborhood Set . . . . . . 106, 108, 110
Network Simulator 2 . . . . . . . siehe ns2
Network Tuple Space. . . . . . . . . . . . .140
Netzwerkprotokolle . . . . . . . . . . . . . . . .92
Netzwerksimulatoren . . . . . . . . . . . . . . 95
ns2................................95
O
Objekt
aktives. . . . . .siehe aktive Objekte
personalisiertsiehe personalisierte
Objekte
Sichtbarkeit...................81
Objektdistribution . . . . . . . . . . . . . . . 145
Objekte.........................78ff
Objektmigration . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
Objektsuche..................... 142
Objektverwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Observer-Paradigma . . . . . . . . . . . . . 121
OceanStore . . . . . . . . . . . . . . 90, 103, 114
Offene Architektur. . . . . . . . . . . . . . .71 ff
Offline-Verf¨
ugbarkeit . . . 77 f, 101, 104,
117, 119, 128, 131, 141
OLSR.............................95
On Demand Nodes . . . . . . . . . . 132, 140
open-sTeam...................12, 99
OpenDHT.......................114
Operator-based Distribution. . . . . .138
Optimistic Concurrency Control siehe
Locking
Optimized Link State Routing . . siehe
OLSR
Ortsbezug . . . . . . . . . . . . . . . . 64, 98, 144
Overlay-Netzwerk . . . . . . . . . . . 102, 132
P
Partitionierung, Netzwerk- . . . . . . . 136
PAST. . . . . . . . . . . . . . . . .103, 105, 111 ff
Pastry . . . . . . . . . . . . . . . . 103 116, 121
Peer...............................53
Peer-to-Peer . . . . . . . . 53, 98 f, 102, 117
Persistent Linda . . . . . . . . siehe PLinda
Persistenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 120
verteilte. . . . .65, 78, 84, 101 120
Persistenzdienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Persistenzdienste . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
personalisierte Objekte . . . . . . . . . . . . 84
PFS..............................120
Phasen der Kooperation
Abschluss.....................55
Gr¨
undung.....................55
Kooperation..................55
PLinda...........................117
Polling......................121, 134
Pond.............................114
portabel...........................87
Portability........................92
Positive Broadcast . . . . . . . . . . . . . . . 139
Pr¨
afix............................105
Pr¨
asenzkooperation . . . . . . . . . . . .14, 62
PRAYER File System . . . . . siehe PFS
proaktiv...........................95
Prophet Adress Allocation. . . . . . . . .96
Protokollabstraktion . . . . . . . . . . . . . 103
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
Stichwortverzeichnis 183
Proximity Metric siehe Maß der N¨
ahe
Proxy.............................98
Publish/Subscribe-Paradigma . . . . 121
Pull-Paradigma . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
Pushing.....................121, 134
Q
Quotaverwaltung. . . . . . . . . . . . . . . . .112
R
reaktiv............................95
Rechteverwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
Redundanz . . . . . . . . . . . . . . . . 71, 79, 84
Rendezvous-Knoten . . . . . . . . . . . . . . 122
Rendezvous-Peers . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
Replikation . . . . . . . . . . 66, 79, 112, 131
Replikationsfaktor. . . . . . . . . . . . . . . .112
Replikationsstrategie . . . . . . . . . . . . 130 f
Request&Reply-Paradigma . . . . . . . 121
Reversibilit¨
at.................68, 70f
ROAM...........................104
Robustheit....................77, 93
Rollen und Rechte . . . . . . . . . . . 64, 80 ff
Routing . . . . . . . . . . . . . . . . . 94, 102, 105
Routing Tabelle . . . . . . . . . . . . . 106, 110
Routing-Tabelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
RSS Feeds.......................144
S
Scribe . . . . . . . . . . . . . . . . .103, 121 128
Abonnentenverwaltung. . . . . . .122
Ausfallsicherheit . . . . . . . . . . . . . 125
Nachrichtenverbreitung . . . . . . 125
Thema abbestellen . . . . . . . . . . . 123
Thema abonnieren . . . . . . . . . . . 122
Selective Nodes. . . . . . . . . . . . . .131, 140
Semantische Inkonsitenz. . . . . . . . . . .48
Service Discovery. . . . . . . . . . . . . . . . .97 f
shared workspace. . . . . . . . . . . . . . . . . .34
Single-Multicast. . . . . . . . . . . . . . . . . .124
Skalierbarkeit.....................93
Sparse Graph....................136
Speakeasy.........................99
Speicher
verteilter . . . . . . . . . siehe Persitenz
Sperren................siehe Locking
Splitstream......................103
spontane Kooperation . . . . . . . . . . . . . 26
spontane Vernetzung . . . . . . . . . . . . . . 76
sTeam.............siehe open-sTeam
Suche.............siehe Objektsuche
SUN Microsystems . . . . . . . . . . . . . . . 117
Symmetrieeigenschaft . . . . . . . . . . . . 135
synchrone Kooperation . . . . . . . . . . . . 12
Synchronisation. . . . . . . . . .68, 119, 130
Online........................67
Synchronizit¨
at...................68ff
T
TACT...........................120
Tapestry....................103, 114
Template....................117, 138
Temporally-Ordered Routing Algorithm
siehe TORA
Terminbestimmung. . . . . . . . . . . . . . . .80
Terminfindung....................19
Tier..............................103
TORA............................95
TSpaces..........................117
Tuple.......................117, 138
Tuple Space......................117
U
Usecase...........................12
V
Vernetzung......................76ff
Verschl¨
usselung. . . . . . . . . . . . . . .81, 112
Versionierung.....................70
Versionskonflikt. . . .68 f, 119, 130, 133
verteilte Hash-Tabelle. . . . .siehe DHT
verteilte Systeme
offline-redundante . . . . . . . . . . . . . 67
online-redundante . . . . . . . . . . . . . 67
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit
184 Stichwortverzeichnis
Verteilungsstrategie . . . . . . . . . . . . . . 134
Verz¨
ogerung..............siehe Delay
Vier-Schichten-Modell . . . . . . . . . . . . 146
virtueller Wissensraum . 12, 58, 79, 99
W
Warteliste.........................24
WIMAX..........................90
Wireless Local Area Network . . . siehe
WLAN
WLAN............................90
Workflow..........................47
Workflows.........................84
Worldwide Interoperability for Micro-
wave Access . . . . . . . . . . . . siehe
WIMAX
Z
Zeroconf Workinggroup (IETF). . . .98
Zugriffskontrolle . . . . 18, 48, 65, 81, 83
Mobilit¨
at in der kooperativen Wissensarbeit