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[en] (orig)
Yvonne Groening
Personalmanagement in dezentralen
Entscheidungsstrukturen
Ein agenturtheoretischer Erklärungsansatz
Paderborn, März 2005
Geleitwort
Zentralisierung versus Dezentralisierung des Personalmanagements ist seit gerau-
mer Zeit eines der herausragenden Problemfelder sowohl in der wissenschaftlichen
Diskussion als auch in der Praktikerdiskussion. Dezentralisierung von Personal-
zuständigkeit in die Linie bedeutet Einbettung der Personalentscheidungen in die
Perspektive des jeweiligen Aufgabenfeldes, Flexibilität und in der Regel auch schnel-
les Handeln; sie bedeutet gleichzeitig die erhöhte Gefahr des Verlusts an Profes-
sionalität und des Auseinanderdriftens der Entscheidungslinien, so dass z.B. die für
ein Unternehmen konzipierten personalpolitischen Grundsätze schwerer durchsetz-
bar sind. Zentralisierung des Personalmanagements wirft hingegen die Gefahren
großer Distanz der Entscheider von den Problemen vor Ort, geringerer Flexibilität
und längerer Reaktionszeiten auf.
Es ist deshalb verdienstvoll, dass Yvonne Groening diese Thematik aufnimmt und
einen Baustein für die bessere wissenschaftliche Durchdringung dieser Thematik
liefert. Sie konstatiert das Fehlen adäquater Koordinations- und Motivations-
mechanismen für dezentrale Entscheidungsstrukturen und weist auf die zentralen
Probleme hin: die zielorientierte Koordination des dezentralen Handelns und Ent-
scheidens sowie die Motivation der dezentral agierenden Akteure. Sie stellt deshalb
die Ableitung von Koordinations- und Motivationsmechanismen für die Steuerung von
Personalverantwortlichen in dezentralen Entscheidungsstrukturen in den Mittelpunkt
ihrer Arbeit.
Die Verfasserin formuliert als das Ziel der Arbeit die Entwicklung eines Designs für
systematisches Personalmanagement, welches dazu beiträgt, personalwirtschaftliche
Entscheidungen zu koordinieren und die Entscheidungsträger zu unternehmens-
zielkonformem Handeln zu motivieren. Es geht darum – so die Verfasserin – das
Entscheiden und Handeln der Führungskraft in der Linie zu steuern. Dies wirft eine
Reihe von Fragen auf, z.B. das Problem der Orientierungsmaßstäbe des Handelns,
die die Unternehmensziele und Bereichsziele sowie die Ziele und Maßstäbe des
Personalmanagements einschließen.
Die vorliegende Dissertation greift mit dem Personalmanagement in dezentralen
Entscheidungsstrukturen ein aktuelles und bisher nicht ausreichend wissenschaftlich
untersuchtes Thema auf. Sie führt die Diskussion dieser Thematik weiter und regt zur
weiteren Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld an. Deshalb bin ich mir sicher,
dass diese Arbeit Aufmerksamkeit und Interesse finden wird.
Paderborn, August 2004 Wolfgang Weber
Vorwort
Die Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz in die Linie wird
seit Jahrzehnten in der wissenschaftlichen Literatur und der unternehmerischen
Praxis intensiv diskutiert. Neben den Vorteilen, die sich Unternehmen mit dem
Organisationskonzept dezentraler Personalarbeit versprechen und in vielen Fällen
auch realisieren, sind hingegen jedoch auch Stimmen zu vernehmen, die die
Verlagerung von Entscheidungsbefugnis und -verantwortung als kontraproduktiv
bewerten: Dezentralisierung führe hiernach zu organisatorischer Unsicherheit, zum
Missbrauch unternehmerischer Freiheiten und Spielräume, zu Inkonsistenz in der
Personalpolitik und -arbeit, oder zu willkürlichem Handeln gegenüber Untergebenen
und Mitarbeitern.
Dieses skizzierte Problem greift die vorliegende Arbeit auf und untersucht, welche
personalwirtschaftlichen Koordinations- und Motivationsinstrumente einzusetzen
sind, um das Entscheiden und Handeln der personalverantwortlichen Führungskraft
in der Linie effizient im Sinne der zugrunde gelegten ökonomischen Theorie zu
steuern. Es wird ein systematisches Personalmanagement abgeleitet, welches dazu
beiträgt personalwirtschaftliche Entscheidungen zu koordinieren und die dezentral
agierenden Personalverantwortlichen zu unternehmenszielkonformem Handeln zu
motivieren.
Mein Dank gilt Herrn Prof. Dr. Wolfgang Weber, der mich bei der Erstellung dieser
Arbeit betreut sowie in vielfältiger Hinsicht unterstützt und gefördert hat. Herrn Prof.
Dr. Wenzel Matiaske danke ich für seine hilfreichen Anmerkungen und kritischen
Kommentare. Des Weiteren danke ich den Mitgliedern der Promotionskommission
Herrn Prof. Dr. Karl-Klaus Pullig und besonders Herrn Prof. Dr. Stefan Strohmeier.
An dieser Stelle möchte ich auch dem DAAD danken, der mir durch ein Stipendium
meinen Forschungsaufenthalt an der Cornell University in den USA ermöglichte.
Mein besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang Herrn Prof. Dr. John
Boudreau, der mich während des Aufenthalts an der School of Industrial and Labor
Relations betreut hat und mir viele Anstöße inhaltlicher Art sowie den nötigen
Freiraum gegeben hat, mich persönlich weiter zu entwickeln. Ferner möchte ich mich
bei der Universität Paderborn bedanken, die mir im Rahmen der Graduierten-
förderung die Fertigstellung meiner Dissertation ermöglicht hat.
Meinen ehemaligen Kolleginnen Frau Prof. Dr. Marion Festing und Frau Prof. Dr.
Susanne Royer danke ich ganz herzlich für die fachliche Unterstützung bei der
Erstellung dieser Arbeit.
Ganz persönlich möchte ich mich bei Dr. Markus Toschläger bedanken, der mir zu
jeder Zeit als kritischer Freund und hilfsbereiter Kollege zur Seite stand. Seiner
tatkräftigen und ideellen Unterstützung habe ich es zu verdanken, dass diese Arbeit
erfolgreich zu Ende gebracht worden ist.
Schließlich gilt mein ganz tiefer Dank meinen Eltern und meinem Mann Matthias: Sie
haben mir stets den richtigen Weg gezeigt sowie mir mit ihrer Liebe und ihrer
Umsicht zu jeder Zeit Mut gemacht, mich unterstützt und gefördert. Diese Arbeit
widme ich meinem Sohn Tobias.
Paderborn, Dezember 2004 Yvonne Groening
Für meinen kleinen Prinzen
Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis............................................................................................ V
Tabellenverzeichnis................................................................................................ VI
I Dezentralisierung der Personalarbeit – Einführung ......................................1
1 Problemstellung .............................................................................................................................1
2 Forschungsdefizite.........................................................................................................................8
2.1 Mangel an theoretischer und empirischer Fundierung........................................................9
2.2 Unpräzise Klärung der begrifflichen Grundlagen ..............................................................14
2.3 Fehlen adäquater Koordinations- und Motivationsmechanismen.....................................15
2.4 Folgerungen für die Fragestellung.....................................................................................17
3 Aufbau der entscheidungs- und agenturtheoretischen Untersuchung........................................19
3.1 Fragestellung und Zielsetzung der Untersuchung.............................................................19
3.2 Relevantes Theorienspektrum und Auswahl der zugrunde gelegten Theorie..................21
3.2.1 Vergleichende Zusammenfassung der institutionenökonomischen
Theorien................................................................................................................25
3.2.2 Begründete Auswahl der zugrunde gelegten Agenturtheorie...............................28
3.3 Gang der Untersuchung ....................................................................................................33
II Dezentrale Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit – Stand der
Diskussion und konzeptionelles Analyseraster...........................................39
1 Inhaltliche Positionierung untersuchungsrelevanter Begriffskonstrukte......................................39
1.1 Das Personalmanagement................................................................................................40
1.2 Funktionen und Aufgabenlogik der Personalarbeit ...........................................................42
1.3 Träger und Akteure der Personalarbeit und ihre Erwartungen .........................................45
1.4 Vertragliche Basis der Zusammenarbeit personalwirtschaftlicher Träger.........................49
2 Dezentralisierung der Personalarbeit: Organisationskonzepte und ihre Auswirkungen.............51
2.1 Organisatorische Neuorientierung der Personalarbeit......................................................52
2.1.1 Das funktional-zentrale Organisationskonzept.....................................................55
2.1.2 Das Referentensystem .........................................................................................58
2.1.3 Das Integrationsmodell.........................................................................................61
2.1.4 Das Konzept des Wertschöpfungscenters ...........................................................62
2.1.5 Zusammenfassende Beurteilung dezentraler Organisationskonzepte.................66
2.2 Verlagerung personalwirtschaftlicher Funktionen und Aufgaben in die Linie ...................69
2.2.1 Identifizierung des Dezentralisierungsgrads personalwirtschaftlicher
Funktionen ............................................................................................................71
2.2.2 Grad der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Aufgaben im
Zeitablauf ..............................................................................................................75
2.2.3 Dezentralisierungsgrad deutscher Unternehmen im Ländervergleich.................77
2.2.4 Zusammenfassende Beurteilung der Verlagerung von Aufgaben und
Funktionen ............................................................................................................79
2.3 Implikationen für Träger und Inhalte der Personalarbeit...................................................81
2.3.1 Das veränderte Rollenverständnis der zentralen Personalabteilung ...................82
II
2.3.2 Das veränderte Rollenverständnis des Linienverantwortlichen........................... 85
2.3.3 Auswirkungen auf Technologien und Methoden der Personalarbeit................... 88
2.3.3.1 Personalbeschaffung und -auswahl ..................................................... 89
2.3.3.2 Personalbeurteilung.............................................................................. 91
2.3.3.3 Personalentgelte und -vergütung ......................................................... 92
2.3.3.4 Personalentwicklung............................................................................. 94
2.3.3.5 Personalcontrolling und -informationssysteme..................................... 95
2.3.3.6 Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung.................................................. 96
2.3.4 Zusammenfassende Beurteilung der Implikationen für die
Personalarbeit...................................................................................................... 97
2.4 Resümierende Würdigung dezentraler Personalorganisation und -arbeit ....................... 98
3 Konzeptionelles Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen in der
Personalarbeit........................................................................................................................... 101
3.1 Dezentralisierung: Bestimmung von Wortbedeutung und -gebrauch............................. 101
3.2 Identifikation dezentralisierungsrelevanter Aspekte der Entscheidungsstruktur............ 107
3.2.1 Informale und formale Kontrolle als erste Determinante dezentraler
Entscheidungsstrukturen.................................................................................... 107
3.2.2 Vertikale und horizontale (De-)Zentralisierung als zweite Determinante
dezentraler Entscheidungsstrukturen ................................................................ 111
3.3 Entwicklung des Analyserasters..................................................................................... 114
3.4 Exemplarische Anwendung des Analyserasters für die ausgewählte
Entscheidungssituation Personalbeschaffung................................................................ 123
3.5 Resümierende Würdigung der Systematisierung dezentraler Entscheidungsstrukturen130
III Mechanismen zur Koordination und Motivation von
Linienverantwortlichen als Entscheidungsträger dezentraler
Personalarbeit – theoriebasierte Analyse.................................................. 131
1 Theoretische Grundlage der Analyse von Koordinations- und Motivationsmechanismen in
dezentralen Entscheidungsstrukturen: Die Agenturtheorie ...................................................... 131
1.1 Erkenntnisinteresse und Anwendungsgebiete agenturtheoretischer Forschung........... 132
1.2 Grundlegende Annahmen der Agenturtheorie................................................................ 135
1.2.1 Charakteristika der Akteure................................................................................ 135
1.2.2 Vertragstheoretisches Organisationskonzept.................................................... 139
1.3 Hauptaussagen der Agenturtheorie................................................................................ 141
1.3.1 Grundtypen asymmetrischer Information und Agenturprobleme....................... 141
1.3.1.1 Hidden Characteristic und Adverse Selection.................................... 143
1.3.1.2 Hidden Action bzw. Hidden Information und Moral Hazard................ 145
1.3.1.3 Hidden Intention und Hold Up............................................................. 148
1.3.1.4 Vergleichende Zusammenfassung der Delegationsprobleme ........... 151
1.3.2 Koordinations- und Motivationsmechanismen................................................... 152
1.3.2.1 Explizite und implizite Verhaltensnormen........................................... 154
1.3.2.2 Informations- und Kommunikationsmechanismen ............................. 155
1.3.2.3 Kontroll- und Überwachungsmechanismen........................................ 157
1.3.2.4 Anreizmechanismen........................................................................... 158
1.3.3 Effizienzkriterium: Delegationskosten................................................................ 160
1.4 Kritische Würdigung ausgewählter Theorieelemente..................................................... 162
1.5 Kopplung institutionenökonomischer Ansätze mit verhaltenswissenschaftlichen
Theoriekonstrukten ......................................................................................................... 165
Inhaltsverzeichnis III
2 Personalarbeit in dezentralen Entscheidungsstrukturen: Konkretisierung von Delegationsrisiken
und Ableitung von Koordinations- und Motivationsmechanismen für Linienverantwortliche.....167
2.1 Verhaltensmerkmale personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger ..............................168
2.1.1 Individuelle Ziel- und Präferenzstruktur der Entscheidungsträger......................169
2.1.2 Begrenzt rationales Verhalten der Entscheidungsträger....................................171
2.1.3 Eigeninteressiertes Verhalten der Entscheidungsträger....................................172
2.1.4 Risikoneigung der Entscheidungsträger.............................................................173
2.1.5 Asymmetrische Informationsverteilung zwischen den
Entscheidungsträgern.........................................................................................174
2.2 Das Vertragsgeflecht in dezentralen Entscheidungsstrukturen ......................................175
2.2.1 Der Arbeitsvertrag als vertragliche Basis für die Delegation..............................176
2.2.2 Detaillierte Analyse des Vertragsgeflechts.........................................................178
2.2.2.1 Vertragsrechtliche Ausgestaltung der Delegation mit Spezialisierung179
2.2.2.2 Vertragsrechtliche Ausgestaltung der Delegation ohne
Spezialisierung....................................................................................184
2.2.3 Resümee zum Vertragsgeflecht in dezentralen Strukturen................................187
2.3 Ermittlung des Entwicklungsbedarfs des Linienverantwortlichen als dezentraler
Entscheidungsträger – Adaption der Adverse Selection.................................................188
2.3.1 Erscheinungsform der Adverse Selection bei bestehenden Verträgen..............189
2.3.2 Erforderliche Kompetenzen des dezentralen Entscheidungsträger in der
Linie.....................................................................................................................191
2.3.3 Mechanismen zur Ermittlung des Entwicklungsbedarfs des
Linienverantwortlichen........................................................................................194
2.3.4 Resümee zur Adverse Selection-Gefahr in dezentralen
Entscheidungsstrukturen....................................................................................199
2.4 Reduktion des moralischen Delegationsrisikos beim Linienverantwortlichen als
Entscheidungsträger dezentraler Personalarbeit............................................................201
2.4.1 Entscheidungsdelegation mit Spezialisierung....................................................203
2.4.1.1 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur c................................203
2.4.1.2 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur d................................208
2.4.1.3 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur e................................212
2.4.2 Entscheidungsdelegation ohne Spezialisierung.................................................218
2.4.2.1 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur f................................218
2.4.2.2 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur g................................223
2.4.2.3 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur h................................224
2.4.3 Zusammenfassende Beurteilung koordinierender und motivierender
Mechanismen zur Eindämmung des moralischen Delegationsrisikos beim
Linienverantwortlichen........................................................................................225
2.4.4 Delegation einer Vielzahl personalwirtschaftlicher Entscheidungen..................228
2.5 Verminderung des Risikos bei periodenübergreifenden Humankapitalinvestitionen –
Problematik des Hold Up.................................................................................................232
2.5.1 Humankapitalinvestition und bilaterales Abhängigkeitsverhältnis......................234
2.5.2 Mechanismen der Bindung dezentraler Entscheidungsträger an das
Unternehmen......................................................................................................236
2.6 Resümee zur Handhabung von Delegationsrisiken in dezentralen
Entscheidungsstrukturen.................................................................................................237
IV
IV Design eines effizienten Personalmanagements für dezentrale
Entscheidungsstrukturen in der Praxis – Schlussfolgerungen............... 239
1 Analyseergebnisse delegativer Risiken und deren Steuerungsmechanismen......................... 239
1.1 Bürokratische Koordinations- und Motivationsmechanismen......................................... 241
1.2 Marktliche Koordinations- und Motivationsmechanismen .............................................. 242
1.3 Sozial-familiäre Koordinations- und Motivationsmechanismen...................................... 244
1.4 Zusammenfassende Darstellung des koordinierenden und motivierenden
Personalmanagementdesigns ........................................................................................ 245
2 Hinweise für die Gestaltung eines Personalmanagementdesigns in dezentralen
Entscheidungsstrukturen........................................................................................................... 248
2.1 Einsatz des entscheidungstheoretischen Analyserasters in der Praxis......................... 248
2.2 Gestaltungsempfehlungen aus der agenturtheoretischen Analyse delegativer Risiken 251
2.2.1 Vertragsbestandteile zur Sicherung bürokratischer Koordination und
Motivation........................................................................................................... 251
2.2.2 Vertragsbestandteile zur Sicherung marktlicher Koordination und
Motivation........................................................................................................... 253
2.2.3 Vertragsbestandteile zur Sicherung sozial-familiärer Koordination und
Motivation........................................................................................................... 254
2.3 Zusammenfassender Überblick der Gestaltungsempfehlungen .................................... 255
3 Abschließendes Fazit und Folgerungen für theoretische und empirische
Forschungsarbeiten................................................................................................................... 256
Literaturverzeichnis.............................................................................................. 239
Abbildungsverzeichnis V
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Gang der Untersuchung...............................................................................................37
Abbildung 2: Aufgabenfelder des Personalmanagements................................................................44
Abbildung 3: Dreiteilige Struktur des Wertschöpfungscenters Personal...........................................65
Abbildung 4: Hauptverantwortung für Personalfunktionen in deutschen Unternehmen
(1999/2000) ..................................................................................................................72
Abbildung 5: Veränderung personalwirtschaftlicher Verantwortung direkter Vorgesetzter in
deutschen Unternehmen (1996-1999) .........................................................................76
Abbildung 6: Hauptverantwortung für Personalfunktionen im europäischen Vergleich (1999).........78
Abbildung 7: Struktur des Entscheidungsprozesses.......................................................................110
Abbildung 8: Kontinuum der Kontrolle über Teilprozesse...............................................................117
Abbildung 9: Der Wertschöpfungscenter-Gedanke in dezentralen Entscheidungsstrukturen........123
Abbildung 10: Beschaffung von Hochschulabsolventen für Traineeprogramm (Fall c)...................125
Abbildung 11: Beschaffung eines Experten für das Qualitätsmanagement (Fall d) ........................127
Abbildung 12: Beschaffung eines neuen Mitarbeiters (Fall e) .........................................................127
Abbildung 13: Beschaffung eines Call Center-Mitarbeiters (Fall f).................................................128
Abbildung 14: Beschaffung eines Mitarbeiters für Forschung und Entwicklung (Fall g)..................129
Abbildung 15: Beschaffung eines Projektmitarbeiters (Fall h) .........................................................130
Abbildung 16: Dezentrale Entscheidungsstrukturen und die hieran partizipierenden Träger der
Personalarbeit.............................................................................................................178
Abbildung 17: Vertragsgeflecht bei partieller Delegation mit Spezialisierung (Fall c) .....................180
Abbildung 18: Vertragsgeflecht bei partieller Delegation mit Spezialisierung (Fall d) .....................183
Abbildung 19: Vertragsgeflecht bei vollständiger Delegation mit Spezialisierung (Fall e)...............184
Abbildung 20: Vertragsgeflecht bei partieller Delegation ohne Spezialisierung (Fälle f und g).....185
Abbildung 21: Vertragsgeflecht bei vollständiger Delegation ohne Spezialisierung (Fall h)............187
Abbildung 22: Kompetenzen zur Wahrnehmung dezentraler Entscheidungskontrolle.....................192
Abbildung 23: Koordinations- und Motivationsinstrumente zur Minimierung des moralischen
Delegationsrisikos in dezentralen Entscheidungsstrukturen......................................226
Abbildung 24: Szenario der Delegation einer Vielzahl an Personalentscheidungen........................229
Abbildung 25: Design eines Personalmanagements zur Koordination und Motivation von
Entscheidungsträgern in dezentralen Strukturen.......................................................246
Abbildung 26: Möglicher Fragebogen für die Identifikation dezentraler Entscheidungsstrukturen...249
Abbildung 27: Visualisierte Abfrage dezentraler Entscheidungsstrukturen ......................................250
VI
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Theoretisch fundierte Dezentralisierungsforschung der Personalarbeit im Überblick 10
Tabelle 2: Empirisch fundierte Dezentralisierungsforschung der Personalarbeit im Überblick ... 13
Tabelle 3: Theorien der Neuen Institutionenökonomik im Vergleich............................................ 26
Tabelle 4: Erwartungen personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger an die Personalarbeit.... 48
Tabelle 5: Ausgewählte Beiträge zur organisatorischen Neuorientierung der Personalarbeit .... 54
Tabelle 6: Organisationskonzepte der Personalarbeit im Überblick ............................................ 68
Tabelle 7: Grundtypen asymmetrischer Information .................................................................. 143
Tabelle 8: Situationsbedingte Gefahr des Hold Up unter Berücksichtigung von
Ressourcenabhängigkeit, -einmaligkeit und -entziehbarkeit..................................... 150
Tabelle 9: Delegationsrisiken und agenturtheoretische Gestaltungsempfehlungen.................. 151
Tabelle 10: Differierende Situationen in der Delegationsbeziehung und die resultierende
Ausgestaltung von Informations- und Kommunikationssystemen............................. 156
„Die Zentrale weiß alles besser. Die Zentrale hat
die Übersicht, den Glauben an die Übersicht ... In
der Zentrale sind die Männer mit unendlichem
Stunk untereinander beschäftigt, aber sie klopfen
Dir auf die Schulter und sagen: »Lieber Freund,
Sie können das von Ihrem Einzelposten nicht so
beurteilen! Wir in der Zentrale ... « Die Zentrale
hat zunächst eine Hauptsorge: Zentrale zu
bleiben! Gnade Gott dem untergeordneten
Organ, das wagte etwas selbständig zu tun! Ob
es vernünftig war oder nicht – erst muß die
Zentrale gefragt werden. Wofür wäre sie sonst
Zentrale!“ (KURT TUCHOLSKY)
I Dezentralisierung der
Personalarbeit – Einführung
1 Problemstellung
Um Bestandssicherung und langfristigen Unternehmenserfolg als wesentliche Ziele
unternehmerischen Handelns zu realisieren, streben Unternehmen danach, effiziente
Organisationsstrukturen zu etablieren. Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts
stellen erhöhte Komplexität und Dynamik der unternehmerischen Rahmenbedingun-
gen, z.B. aufgrund steigender Globalisierung und Internationalisierung, die bestehen-
den Unternehmenslösungen bzw. -strukturen zunehmend in Frage. Insbesondere
zentrale Unternehmensstrukturen stoßen an ihre Grenzen: Sie führen beispielsweise
zu einer starren, inflexiblen Organisation, behindern notwendige Lernprozesse im
Unternehmen und unterdrücken die Eigenverantwortung der Organisationsmitglieder,
da diese daran gewöhnt sind, strikt nach den Vorgaben der zentralen Einheiten zu
agieren. Mangelnde Motivation der Mitarbeiter und das Fehlen unternehmerischer
Initiative sind Konsequenzen dieser Entwicklung.
Wird für die Erklärung der Unzulänglichkeit zentraler Organisationsstrukturen einer
systemtheoretischen Perspektive und Argumentation gefolgt,1 dann ist die steigende
1 Vgl. MIROW/ASCHENBACH/LIEBIG, 1996: 134; vgl. hierzu auch SCHANZ, 1994: 360ff. In diesem
Kontext sei auch auf konsistenztheoretisch fundierte Studien verwiesen: BURNS/STALKER (1961)
belegen z.B., dass eine dynamische Umwelt eher mit organischen Organisationsstrukturen zu
vereinbaren ist. Hingegen ist einer statischen Umwelt mit mechanischen Strukturen entgegen-
zutreten (vgl. BURNS/STALKER, 1961: 96ff.).
2
Komplexität ein wesentlicher Einflussfaktor für die zunehmende Entscheidungs-
verteilung im Unternehmen. Es gilt: Je komplexer die relevante Umwelt, desto stärker
werden Entscheidungen2 dezentralisiert.3 Im Sinne einer ersten kurzen Begriffs-
bestimmung wird in der vorliegenden Arbeit unter dem Begriff der Dezentralisierung4
ein allgemeines (Re-)Organisationskonzept verstanden, das unter anderem darauf
abzielt, Entscheidungsverantwortung und -kompetenz5 an hierarchisch nachge-
lagerte Organisationseinheiten und/oder (außer-)betriebliche Akteure zu verlagern.6
Hierbei werden bislang hierarchisch aufgebaute Organisations- und Führungs-
strukturen durch eine Kompetenzübertragung in neue Organisationsformen überführt,
die sich durch dezentrale Entscheidungsfindung und Ergebnisverantwortung
auszeichnen. Es stehen demnach fundamentale organisatorische Veränderungen an,
die darauf abzielen sich der Umweltkomplexität erfolgreich zu stellen. Diese sind
durch den Übergang zu neuen unternehmerischen Konzepten und Formen wirt-
schaftlicher Arbeitsteilung innerhalb und zwischen Unternehmen gekennzeichnet.7
Die Dezentralisierung avanciert im Rahmen der aktuellen Diskussion folglich immer
mehr zum neuen Leitbild der Restrukturierung, so dass DRUMM (1996a) nach einer
2 Die Entscheidung wird verstanden als eine Wahl von Handlungsmöglichkeiten aus zwei oder
mehreren, sich gegenseitig ausschließenden Alternativen. Als dominante Merkmale der Begriffs-
bildung gelten die Wahl und die Alternative sowie der Willensakzent und die Zweckrichtung.
Durch die letztgenannten Eigenschaften gewinnt der intellektuelle Wahlakt den Charakter einer
bewussten Stellungnahme für Maßnahmen, welche die Zukunft gestalten. Durch die Realisierung
der Entscheidung werden Teile der Zukunft von diesem Zeitpunkt an beeinflusst. Für
unternehmerische Entscheidungen sind die Merkmale Gestaltung und Zukunftsorientierung von
besonderer Bedeutung. Vgl. hierzu WITTE, 1992: 552.
3 Vgl. hierzu MINTZBERG (1979), der die Notwendigkeit dezentraler Entscheidungsstrukturen wie
folgt begründet: Bei hoher Umweltkomplexität muss die Entscheidungsmacht verteilt werden, da
sich die aus solchen Situationen ergebende Problematik der Informationsaufnahme und
-verarbeitung nur durch Dezentralisierung angemessen bewältigen lässt (vgl. MINTZBERG, 1979:
273).
4 Die Begriffe Dezentralisierung und Dezentralisation werden in der einschlägigen Literatur
synonym verwendet. In der vorliegenden Arbeit wird hingegen durchgehend der Ausdruck
Dezentralisierung benutzt; von dieser Vorgehensweise wird nur innerhalb direkter Zitate abge-
wichen.
5 Kompetenzen werden hier verstanden als Handlungsrechte, die im Rahmen der unternehme-
rischen Aufgabenerfüllung eingesetzt, genutzt und verlagert werden können. Sie lassen sich –
entsprechend der logischen Grundstruktur eines Entscheidungsprozesses – in die Arten
Verfügungs-, Antrags-, Entscheidungs-, Anordnungs-, Richtlinien-, Mitsprache-, Ausführungs-
und Vertretungskompetenz gliedern (vgl. HILL/FEHLBAUM/ULRICH, 1994: 124ff.).
6 Siehe für eine ausführliche Begriffsabgrenzung die Ausführungen in Kapitel II.3.1.
7 PICOT/REICHWALD/WIGAND (2001) zufolge bringt dieser Strukturwandel modularisierte
Unternehmen hervor, die sich durch problemorientiertes und flexibles Handeln auszeichnen.
Modularisierung ist die Restrukturierung der Organisation auf Basis integrierter,
kundenorientierter Prozesse in vergleichsweise kleine, überschaubare Einheiten (vgl.
PICOT/REICHWALD/WIGAND, 1996: 227ff.).
Dezentralisierung der Personalarbeit 3
Analyse aktueller Restrukturierungskonzepte von einem „Paradigma der neuen
Dezentralisierung“8 spricht.
Die Personalarbeit ist von den aktuellen Konzepten der Restrukturierung in doppelter
Hinsicht betroffen. Einerseits ist der Personalbereich aufgefordert, sich aktiv an der
Gestaltung und Umsetzung der Dezentralisierungsbestrebungen zu beteiligen, d.h.
den Veränderungsprozess engagiert, initiativ und teilweise maßgeblich in die Wege
zu leiten sowie professionell zu begleiten. Andererseits werden im Rahmen schlanker
Zentralbereiche gerade auch interne Dienstleistungsbereiche auf Wirtschaftlichkeit
und Effizienz untersucht.9 Dies bedeutet, es werden neue, der steigenden Komple-
xität und den veränderten Anforderungen stärker angepasste Organisationsformen
zukunftsorientierter Personalarbeit gesucht.10 Im Mittelpunkt der derzeitigen
wissenschaftlichen Diskussion stehen zwei organisatorische Grundkonzepte, die eng
miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig nicht ausschließen: (1) Die
grundlegende Reorganisation der Personalabteilung11 und (2) die Delegation12 an
hierarchisch nachgelagerte Einheiten – vorherrschend an Führungskräfte in der
Linie.13 Hieraus entstehen eine Vielzahl verschiedenartiger Organisationsformen der
Personalarbeit wie z.B. Personalreferentensysteme, Integrationsmodelle oder der
8 DRUMM, 1996a: 8.
9 Vgl. WUNDERER/ARX, 1998: 23f.
10 ACKERMANN (1994b) beschreibt zukunftsorientierte Personalarbeit mittels folgender Dimensionen:
(1) Zunahme der Aufgabenintensität in den traditionellen Aufgabenfeldern, (2) Vergrößerung des
Aufgabenumfangs der Personalarbeit durch Erschließung neuer, bislang nicht oder nur in
Ansätzen wahrgenommener Aufgabenfelder und (3) Erweiterung des Problembewusstseins
durch Berücksichtigung der taktischen und strategischen Entscheidungsebene (vgl. ACKERMANN,
1994b: 273f.).
11 Für eine zentral gebildete Organisationseinheit Personalabteilung werden im Folgenden die
Begriffe Personalinstanz und Personalstelle synonym verwendet. Die in diesen Organisations-
einheiten arbeitenden Mitarbeiter werden als Personalspezialisten bezeichnet, die je nach
Organisationsform auf Konzern-, Firmen- oder Geschäftsbereichsebene agieren.
12 Unter Delegation ist die Verlagerung der personalwirtschaftlichen Entscheidungskompetenz und
der den jeweiligen Entscheidungen immanenten Verantwortung zu verstehen. Sie schafft auto-
nome Handlungsspielräume auf nachgelagerten Ebenen, welche den Delegationsempfänger zur
Entscheidungsdurchführung berechtigen aber auch verpflichten. Desgleichen verwehrt sie dem
Delegierenden in den Verantwortungsbereich des Delegationsempfängers einzugreifen. Der
Begriff der Delegation wird vielfach dem der Dezentralisierung synonym verwandt; speziell dann,
wenn mit dem (Re-)Organisationsprinzip der Dezentralisierung – wie in der vorliegenden Arbeit
die Verteilung von Entscheidungskompetenzen, d.h. eine Delegation verbunden ist. Dennoch ist
an einer Unterscheidung der beiden Begriffe festzuhalten, da Dezentralisierung als allgemeines
Organisationsprinzip weitergreift als der Delegationsbegriff. Vgl. hierzu STEINLE, 1992: 501f.
Ferner vgl. HILL/FEHLBAUM/ULRICH, 1994: 224ff.; BEUERMANN, 1992: 2613; STAEHLE, 1991: 654f.;
GRÜN, 1987: 138; KIESER/KUBICEK, 1983; BLEICHER, 1980: 2411; Bleicher, 1966: 44ff.; BLEICHER,
1964: 130.
13 Vgl. ACKERMANN, 1994b: 274f.; FITZ-ENZ, 1997. In diesem Zusammenhang betonen KIRKPATRICK/
DAVIES/OLIVER (1992): „One of the central tenets of human resource management (...) is that
responsibilities for personnel issues are devolved to line management, and that organizational
sub-units operate with a high degree of autonomy." (KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER, 1992: 131.)
4
Ansatz des Wertschöpfungscenters, die in der wissenschaftlichen Forschung durch
eine Vielzahl von Forschungsbeiträgen dokumentiert werden.14 Vermehrt wird hierbei
auch der Frage nachgegangen, welche personalwirtschaftlichen Aufgaben eher zent-
ral oder dezentral wahrgenommen werden sollen.15 Beispiele aus der Praxis zeigen,
dass Aktivitäten wie die Entwicklung von Strategien oder die Erarbeitung von
Konzeptionen und personalwirtschaftlichen Instrumenten zentralisiert durchgeführt
werden. Hingegen obliegen Funktionsbereiche wie Auswahl, Einstellung und
Entwicklung des Personals der Linie, d.h. diese Aufgabenfelder werden zunehmend
dezentral bearbeitet. Angestrebtes Ziel ist die visionäre Personalarbeit, gekenn-
zeichnet durch Markt- und Kundenorientierung, hohe Autonomie16 der Führungskraft
in der Linie,17 Förderung der Innovationsfähigkeit und Risikobereitschaft des
Personalspezialisten.18 Zugleich wird Personalarbeit transparenter und entspricht
weitestgehend den organisatorischen Anforderungen in punkto Flexibilität, Trans-
parenz und Integration sowie den Bedürfnissen in Bezug auf Individualität, Professio-
nalität und Akzeptanz.19 Überdies leistet sie einen Beitrag zur Senkung von Verwal-
tungskosten.20
Die Frage nach der optimalen dezentralen Organisationsform der Personalarbeit
gestaltet sich äußerst komplex und ist nur unter Berücksichtigung spezifischer
Rahmenbedingungen zu beantworten. Die Entscheidung für oder gegen eine Ver-
14 Zur Entwicklung des Personalwesens und zu den Organisationsformen der Personalarbeit siehe
die Ausführungen in Kapitel II.2.1.
15 Nach KOSSBIEL (1980) liegt dezentrale Aufgabenwahrnehmung dann vor, „... wenn eine
Personalaufgabe bestimmten Typs .. jeweils von der Funktionseinheit erfüllt wird, der die
betroffene(n) Person(en) unmittelbar zugeordnet ist (sind) bzw. zugeordnet werden würde(n).“
(KOSSBIEL, 1980: 1874.) Zur Delegation personalwirtschaftlicher Funktionen und Aufgaben in die
Linie siehe die Ausführungen in Kapitel II.2.2.
16 Autonomie ist die Selbst- und Eigengesetzlichkeit, die Unabhängigkeit oder auch die
Selbstbestimmung der Person. So liegt personelle Autonomie vor, wenn ein Entscheidungsträger
unabhängig von anderen – Experten, Stäben oder Vorgesetzten – Entschlüsse fassen kann (vgl.
KAPPLER, 1992: 272).
17 Die Begriffe Führungskraft in der Linie, Linienkraft und (Linien-)Vorgesetzter werden im weiteren
Verlauf der Arbeit synonym gebraucht und bezeichnen in der vorliegenden Arbeit den
fokussierten Delegationsempfänger.
18 Zu den Implikationen dezentraler Personalorganisation und -arbeit auf das Rollenverständnis von
Personalspezialisten und Linienkraft sowie deren Auswirkungen auf die Inhalte der
Personalarbeit siehe die Ausführungen in Kapitel II.2.3.
19 Vgl. zu den organisatorischen und individuellen Kriterien für die Strukturierung dezentraler
Personalarbeit DAUL, 1990a: 88ff.
20 KASTURA (1996) bestätigt, das die bisher gemachten Erfahrungen mit einer dezentral
ausgerichteten Personalarbeit von 23,1% der Unternehmen als stark positiv bewertet, von 65,4%
als positiv und nur von 7,7% als negativ bzw. von 3,8% als stark negativ eingeschätzt werden.
Diese in Gesamtsicht sehr positive Tendenz wird wie folgt begründet: Zunahme von Personal-
wissen im gesamten Unternehmen, Zunahme der Eigenverantwortung und damit der Unab-
hängigkeit von der Personalabteilung, Problembewältigung vor Ort und damit Verkürzung der
Dezentralisierung der Personalarbeit 5
lagerung personalwirtschaftlicher Verantwortung sowie über das Ausmaß vertikaler
Aufgabenverteilung ist von vielen Einflussfaktoren abhängig. Einerseits sind hier die
aus den zentralen Unternehmenszielen abgeleiteten strategischen Ziele zu berück-
sichtigen, anderseits nehmen Faktoren wie Unternehmensgröße, Diversifikationsgrad
des Produktionsprogramms und die verfolgte Führungs- und Organisations-
philosophie einen hohen Stellenwert ein.21
Zusammenfassend versprechen sich die Unternehmen von dezentralen Entschei-
dungsstrukturen22 in der Personalarbeit eine schnelle Anpassung personalwirt-
schaftlicher Maßnahmen an die Bedürfnisse der Fachabteilungen, die Bereitstellung
aktueller Informationen über Motivation, Leistung und Potenziale der Mitarbeiter
sowie eine Verbesserung der Führer-Geführten-Beziehung. Übergeordnetes Ziel ist
die effiziente Nutzung der Humanressource, was eine Steigerung der Arbeits-
produktivität impliziert. Neben der erhöhten Flexibilität gehen mit dezentralen
Entscheidungsstrukturen aber auch Nachteile einher: Aus organisatorischer Sicht
kann z.B. die mangelnde Ausrichtung dezentraler Aktivitäten auf die Unternehmens-
ziele oder das Entstehen von Schnittstellenproblemen zwischen den dezentral
agierenden Einheiten genannt werden.23 Hinsichtlich der Auswirkungen auf individu-
eller Ebene, mahnt DRUMM (1996a): „Weitet man den Blick auf die zahlreichen
personalwirtschaftlichen Konsequenzen des Paradigmas neuer Dezentralisation aus,
so zeigen sich rasch schwer bis nicht mehr überwindbare Barrieren, die vor allem
durch begrenzte Kenntnisse und Fähigkeiten des benötigten Personals sowie ein
idealistisches Menschenbild gesetzt werden.“24 Gegen dezentrale Strukturen
sprechen infolgedessen Argumente wie das willkürliche Entscheiden und Handeln
der Führungskräfte nicht nur ihren Mitarbeitern gegenüber oder die fehlende
strategische Ausrichtung personalwirtschaftlicher Maßnahmen. Dezentralisierung
birgt die Gefahr der Konzeptlosigkeit, Intransparenz und Zersplitterung unter-
nehmensweiter Personalarbeit.25 Zudem wirft sie weit reichende Probleme bei der
Entscheidungswege, Erhöhung der Flexibilität und höhere Akzeptanz personalwirtschaftlicher
Entscheidungen (vgl. KASTURA, 1996: 69).
21 Vgl. hierzu WÄCHTER, 1992a: 2203f.; FRESE/WEDER, 1993: 2.
22 Auf eine detaillierte Begriffsbestimmung dezentraler Entscheidungsstrukturen wird an dieser
Stelle verzichtet. Vielmehr wird auf die Analyse von Entscheidungsprozessen und die
Entwicklung des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen in Kap. II.3 verwiesen.
23 Vgl. zu Vor- und Nachteilen dezentraler Personalarbeit Kastura, 1996: 173ff.; Daul, 1990a: 88;
Staudinger, 1988: 28f.
24 DRUMM, 1996a: 8.
25 Vgl. hierzu BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994): „... in those cases where organizations succeed in
changing their central policies, frequently this flexibility is often interpreted as a lack of
consistency and a lack of managerial control.“ (BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 53.) Ferner
betonen HOOGENDOORN/BREWSTER (1992): „The advantage of a serious decentralization process
is that we no longer have to pretend that central and decentral human resource management
6
Kompetenz- und Aufgabenverteilung zwischen den verschiedenen Trägern der
Personalarbeit auf.26
In diesem Zusammenhang geben MIROW/ASCHENBACH/LIEBIG (1996) zu bedenken,
dass die Verlagerung von Entscheidungskompetenz von dem Moment an kontrapro-
duktiv wirkt, ab dem es nicht mehr gelingt das Gesamtsystem zusammenzuhalten
oder essentielle Leitlinien der Unternehmensentwicklung durchzusetzen: Dezentrali-
sierung von Entscheidungsbefugnis und -verantwortung produziert eine organisati-
onsinterne Unsicherheit, ausgelöst durch die erhöhte Freiheit der Delegations-
empfänger zu unternehmerischem Entscheiden und Handeln.27 Die Verlagerung
personalwirtschaftlicher Entscheidungen in die Linie führt vor allem dann zur Ver-
fehlung unternehmerischer Ziele, wenn dem skizzierten Szenario ein negatives Men-
schenbild zugrunde gelegt, d.h. der Delegationsempfänger als opportunistisch, d.h.
eigenzentriert-handelndes Organisationsmitglied charakterisiert wird.28 Unter Berück-
sichtigung dieser opportunistischen Verhaltensannahme wirft die Dezentralisierung
personalwirtschaftlicher Entscheidungen ein organisatorisches Koordinations- und
Motivationsproblem auf:29 Das Problem fehlender Koordination entsteht hierbei z.B.
aufgrund asymmetrischer Informationsverteilung zwischen Linienkraft und zentraler
Personalabteilung. Hingegen resultiert das Motivationsproblem beispielsweise aus
der mangelnden Bereitschaft des Delegationsempfängers, die unternehmensseitig
erwarteten Leistungen zu erbringen und die gemeinsam vereinbarten Spielregeln
einzuhalten.30
priorities are identical. Nor we have to strike a compromise in case central and decentral priorities
seem to be inconsistent. Indeed that means that a loss of uniformity in HR policies within one
company may occur.“ (HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 11.) Inkonsistenzen im Management und
in der Betreuung von Mitarbeitern bestätigt auch LEACH (1995) durch ihre empirische
Untersuchung: „It may be argued that this allows each department to manage flexibly according
to its own specific business environment, but it also provides a workplace in which employees
may feel unfairly and inequably treated and be unsure of who they are actually working for.“
(Zitiert nach HALL/TORRINGTON, 1998: 45.) Vgl. ferner zu Dezentralisierungsgefahren HOLBECHE,
2002: 5; HARITZ, 1999: 193; HOPE/HAILEY/GRATTON/MCGOVERN/STILES/TRUSS, 1997: 12; MECKL,
1995: 6; DRUMM; 1996a: 14; KASTURA, 1996: 174f.; REIß, 1994: 36.
26 Zu den betrieblichen Trägern der Personalarbeit zählen z.B. die Mitarbeiter der
Personalabteilung, der Personalreferent, der Betriebsrat etc. Siehe hierzu auch die Ausführungen
in Kapitel II.1.3.
27 Vgl. MIROW/ASCHENBACH/LIEBIG, 1996: 127ff.
28 Vgl. zur Annahme des opportunistisch handelnden Delegationsempfängers DRUMM, 1996a: 8.
Vgl. ferner NIENHÜSER, 1999: 163 und 166.
29 WÄCHTER (1997) macht daher darauf aufmerksam, dass es in „... diesem Klima des Umbruchs
und des empfundenen Neuanfangs ... nicht Wunder [nimmt], dass manche Autoren über ihr Ziel
hinausschießen; d. h. sie beanspruchen Allgemeingültigkeit und behaupten (positive) Wirkungen
neuer Konzepte, für die sie die konkrete Bedingungsanalyse und Instrumentalisierung
unterlassen (...).“ (WÄCHTER, 1997: 225.)
30 Vgl. MILGROM/ROBERTS, 1992: 25ff.; PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 8.
Dezentralisierung der Personalarbeit 7
Vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung der skizzierten Gefahren sind
dezentrale Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit als ein allgemein gültiges
Erfolgskonzept oder Lösungsschema für die derzeit vorherrschenden Unterneh-
mensprobleme kritisch zu beurteilen. Die Angemessenheit einer derartig weitläufigen
Restrukturierung ist infolgedessen gründlich zu hinterfragen. Ferner sind Realisie-
rungsmöglichkeiten zu überprüfen und denkbare negative Implikationen zu erwägen.
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist daher, jene Koordinations- und Motivations-
mechanismen aufzuzeigen, die dazu beitragen, personalwirtschaftliches Entscheiden
und Handeln einer opportunistisch agierenden Linienkraft in dezentralen Entschei-
dungsstrukturen zu steuern.31 Nur durch den Einsatz adäquater Steuerungs-
mechanismen kann es gelingen das unternehmerische Gesamtsystem zusammen-
zuhalten und strategische Vorhaben wirkungsvoll durchzusetzen.
Im Mittelpunkt dieses einführenden Abschnitts I zur Dezentralisierung der Personal-
arbeit steht neben der Problemstellung (Kapitel I.1) die Identifizierung von Forsch-
ungsdefiziten und das Aufzeigen offener Forschungsfragen, aus denen Folgerungen
für die Fragestellung abgeleitet werden (Kapitel I.2). Darauf aufbauend erfolgt die
Präzisierung des Untersuchungsgegenstands, indem die Zielsetzung der Arbeit de-
tailliert und der Gang der Untersuchung begründend dargestellt werden (Kapitel I.3).
31 „The challenge of decentralization is to ensure that the separately made decisions yield a
coherent, coordinated result.“ (MILGROM/ROBERTS, 1992: 26.)
8
2 Forschungsdefizite
Im Mittelpunkt der derzeitigen Forschung zur Dezentralisierung stehen die Beschrei-
bung organisationaler Veränderungen und die Identifikation derjenigen (de-)zentralen
Akteure, die Aufgaben spezifischer Personalbereiche wahrnehmen. Wissen-
schaftliche Arbeiten, die sich hingegen mit den Implikationen für die Gestaltung der
Personalarbeit beschäftigen, liegen nur vereinzelt vor, obwohl die Dezentralisierung
der Personalarbeit signifikante Auswirkungen auf die Rolle des Personalspezialisten
und das Verständnis der Linienkraft einerseits, sowie auf die inhaltliche Ausge-
staltung des eigentlichen Personalmanagements andererseits hat. Insbesondere
wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit negativen Dezentralisierungseffekten
wie Delegationsrisiken, Problemen dezentraler Steuerung oder mangelnden
Motivationsanreizen finden weder in der Unternehmenspraxis noch in der Literatur
eine angemessene Beachtung. HALL/TORRINGTON (1998) zufolge sind daher weitere
Forschungsarbeiten notwendig, denn „[t]here has been much talk about the devolu-
tion of operational personnel activities from personnel specialists to line managers,
and yet, to date, there has been little detailed research and analysis of what is actu-
ally happening. It is important that we are able to differentiate more clearly between
the rhetoric and the reality of devolution.”32
Dieser Forderung nachkommend wird innerhalb dieses Abschnitts zunächst das
Forschungsdefizit im Bereich der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Ent-
scheidungskompetenz skizziert. Während in Kapitel I.2.1 ein Mangel an theoretisch
und empirisch fundierten Arbeiten aufgedeckt wird, widmet sich das Kapitel I.2.2 dem
uneinheitlichen Wortgebrauch des untersuchungsrelevanten Begriffs Dezentra-
lisierung. Zur Ableitung der Kernfrage dieser Arbeit wird in Kapitel I.2.3 das Fehlen
adäquater Koordinations- und Motivationsmechanismen für dezentrale Entschei-
dungsstrukturen aufgezeigt. Nur mittels einer detaillierten Analyse des Forschungs-
defizits ist es möglich, die zentrale Fragestellung dieser Arbeit zu spezifizieren und
die Zielsetzung zu konkretisieren. Eine Überleitung hierzu erfolgt in Kapitel I.2.4, in
welchem die identifizierten Forschungsdefizite einer kritischen Reflexion unterzogen
werden.
32 HALL/TORRINGTON, 1998: 41.
Dezentralisierung der Personalarbeit 9
2.1 Mangel an theoretischer und empirischer Fundierung
Die Personalwirtschaft ist nach Auffassung verschiedener Autoren durch ein Theo-
riedefizit gekennzeichnet.33 Infolgedessen kann „... weder von einer allgemein aner-
kannten personalwirtschaftlichen Theorie gesprochen werden, noch ist es für diese
Disziplin charakteristisch, Forschungsbeiträge durch Aussagen allgemeiner theoreti-
scher Ansätze zu fundieren.“34 In diesem Sinne bezeichnet DRUMM (1993) die Perso-
nalwirtschaft sogar als eine Kunstlehre und nicht als ein Fach, das sich durch die
intensive Verwendung von Theorien auszeichnet.35 Vor diesem Hintergrund wird die
häufig vorzufindende Forderung nach einer Verbesserung der theoretischen Fundie-
rung der Personalwirtschaft deutlich.36
Wird der Blick vom abstrahierten Theoriedefizit der Personalwirtschaft auf das
fokussierte Themengebiet Dezentralisierung der Personalarbeit gerichtet, so bietet
sich hier ein ähnliches Bild. Zwar wird das Generalthema „Paradigma der neuen
Dezentralisierung“ von Praxis und Wissenschaft in großem Maße aufgenommen,
theoretisch fundierte Forschungsarbeiten lassen sich jedoch nur sehr vereinzelt fin-
den.37 Die Tabelle 1 lässt erkennen, dass Arbeiten zur Dezentralisierung der
Personalarbeit kaum theoriegestützt, geschweige denn -fundiert sind. Theoretisch
fundierte Analysen und daraus abgeleitete Aussagen und Gestaltungshinweise
stellen sowohl im deutschen als auch im angloamerikanischen Sprachraum eine
Ausnahme dar. Werden die wenigen theoriefundierten Forschungsbeiträge rezipiert,
so kann festgestellt werden, dass das Problem der Dezentralisierung diverse
Ansatzpunkte für theoriefundierte Untersuchungen bietet und neben einer
kontingenztheoretischen Analyse auch die Anwendung von Theorien der Neuen
Institutionenökonomik denkbar ist.38
33 Vgl. hierzu insbesondere die Beiträge in dem Herausgeberband von WEBER, 1996. Zu ähnlichen
Einschätzungen kommen auch ELŠIK, 1992: 7; DRUMM, 1992: 523; MARR, 1987: 14 ff. Zur
Analogie der Diskussion zum Theoriedefizit im (strategischen) Personalmanagement in der
angelsächsischen Literatur vgl. MCMAHAN/VIRICK/WRIGHT, 1999: 99ff.; WRIGHT/ROWLAND/WEBER,
1992: 1150; WRIGHT/MCMAHAN, 1992: 315; FERRIS/JUDGE, 1991; BUTLER/FERRIS/NAPIER, 1991:
211.
34 FESTING/GROENING/WEBER, 1998: 408
35 Vgl. DRUMM, 1993: 680f., der diese Aussage durch eine Analyse von 220 empirischen
personalwirtschaftlichen Studien belegt, von denen nur gut ein Zehntel explikativen Charakter
aufweist. Vgl. hierzu auch DRUMM, 1996b: 8.
36 Vgl. hierzu beispielsweise WEBER, 1996: V. Siehe hierzu auch die Ausführungen hinsichtlich der
Forderung nach einer verstärkt ökonomisch-orientierten, theoretischen Fundierung personalwirt-
schaftlicher Arbeiten in Kapitel I.3.1.
37 Vgl. DRUMM, 1995: 1: Vorwort zum 4. Regensburger Forum Personalwirtschaft und Organisation.
38 Vgl. BASSEN,1998: 290.
10
Forschungs-
beitrag Kurzbeschreibung der theoretisch fundierten Untersuchung
EIGLER,
1995 Die Implikationen der neuen Dezentralisierung für betriebliche Anreizsysteme
werden aus transaktionskostentheoretischer Sicht bewertet. Das Ergebnis des
Forschungsbeitrags ist, dass langfristig betrachtet flexible Entgeltsysteme und
Cafeteriamodelle dazu geeignet sind Fehlfunktionen im Prozess der Anreiz-
gewährung zu begrenzen.
STONE/SMITH,
1996 Der Dezentralisierungsprozess in der Personalarbeit wird aus einer kontingenz-
theoretischen Perspektive unter Zuhilfenahme von Aussagen über Marktversa-
gen und organisatorische Kontrolle erklärt. Es werden Vorschläge für die ver-
tragliche Gestaltung von Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen abgeleitet.
KASTURA,
1996 Die Dezentralisierung der Personalarbeit in Großunternehmen wird durch den
kontingenztheoretischen Ansatz fundiert. Hieraus werden Gestaltungsempfeh-
lungen für das Personalmanagement auf Grundlage des Human Resource
Management-Ansatzes der Michigan School abgeleitet.
Tabelle 1: Theoretisch fundierte Dezentralisierungsforschung der Personalarbeit im Überblick
Wird hingegen auf die empirische Überprüfung normativer Aussagen abgestellt, dann
liegt das Erkenntnisinteresse einer Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge der
Dezentralisierungsforschung ausschließlich in der Beschreibung von Sachverhalten.
Demgegenüber lassen sich nur wenige Arbeiten identifizieren, die der Zusammen-
hangsanalyse zugerechnet werden können. Folglich liegt ein weiteres darzulegendes
Forschungsdefizit in der mangelnden empirischen Fundierung jener Beiträge mit
Gestaltungsempfehlungen für das Personalmanagement, was die in Tabelle 2
zusammengefassten Arbeiten mit Empiriebezug verdeutlichen.
Forschungs-
beitrag Kurzbeschreibung der empirischen Untersuchung
HOOGENDOORN/
BREWSTER,
1992
Es werden Dezentralisierungsgrade im europäischen Ländervergleich sowie
über mehrere Zeitperioden untersucht. Hierbei wird festgestellt, dass in Europa
ein weitreichender Dezentralisierungstrend besteht und dieser für die folgenden
Jahre anhalten wird.39
STOREY,
1992 Die Untersuchung der Personalarbeit in 15 führenden britischen Unternehmen
bringt das Ergebnis hervor, dass Linienführungskräfte zunehmend eine Schlüs-
selrolle bei personalwirtschaftlichen Entscheidungen einnehmen. Die Analyse
beschäftigt sich ferner mit der Frage, welche Rolle Linienvorgesetzte spielen
und mit welchen Kompetenzen diese auszustatten sind.40
39 Vgl. HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 4ff. Siehe zum CRANFIELD PROJECT ON INTERNATIONAL
STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT und zu den unterschiedlichen Untersuchungs-
ergebnissen die Ausführungen in Kapitel II.2.2.
40 Vgl. STOREY, 1992: 189ff.
Dezentralisierung der Personalarbeit 11
WUNDERER/KUHN,
1993 Im Zentrum der Untersuchung stehen Fragen zur (1) Integration der Personal-
funktion in die Unternehmensführung, (2) Verteilung der Personalarbeit
zwischen Zentrale und Linie sowie (3) Professionalisierung und entrepreneur-
ischen Ausrichtung der Personalverantwortlichen. Als Ergebnis stellen die Auto-
ren fest, dass das Dezentralisierungskonzept in der Praxis in den kommenden
Jahren an Bedeutung gewinnen wird.41
BREWSTER/
SÖDERSTRÖM,
1994
Die Analyse der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Aufgabenfelder im
europäischen Ländervergleich liefert folgende Ergebnisse: (1) Weitreichende
Verantwortungsteilung zwischen Linienvorgesetztem und Personalspezialisten,
(2) unterschiedliche Dezentralisierungsgrade von Land zu Land sowie
(3) weiterhin eine Existenz der zentralen Personalabteilung.42
PURCELL/
AHLSTRAND,
1994
Die Analyseeinheit der Langzeitstudie sind multi-divisionale Unternehmen. Im
Zentrum der Untersuchung steht die Frage nach der optimalen Größe sowie
nach der Rolle der zentralen Abteilung. Die Autoren erkennen im Hinblick auf
die Personalfunktion einen Trend hin zu dezentralen Systemen sowie einen
Rückgang der zentralen Personalabteilung.43
CUNNINGHAM/
HYMAN,
1995
Die schriftliche Befragung zielt unter anderem auf das Ausmaß personalwirt-
schaftlicher Verantwortung der Linienvorgesetzten. Im Mittelpunkt steht die
Analyse des Rollenverhaltens von Linienführungskräften bei der
Implementierung von Praktiken des Personalmanagements.44
KRÜGER/WERDER,
1995 Auf der Basis von Fallstudien wird der Dezentralisierungsgrad innerhalb der
Personalfunktion analysiert. Ergebnis der Untersuchung ist, dass Aufgaben der
Aus- und Weiterbildung überwiegend zentral durchgeführt werden, die Funktion
der Personalausstattung hingegen in dezentraler Verantwortung wahrgenom-
men wird.45
41 Vgl. WUNDERER/KUHN, 1993: 189ff. Die Studie basiert auf einer Expertenbefragung von 15
Personalvorständen im Zeitraum von 1991 bis 1992 mit dem Ziel der Prognose der wichtigsten
Entwicklungstendenzen in der Personalarbeit sowie der Ableitung strategischer Folgerungen.
Vgl. zur Methodologie der Untersuchung WUNDERER/KUHN, 1993: 12ff.
42 Vgl. BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 65. Siehe zum CRANFIELD PROJECT ON INTERNATIONAL
STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT und zu den unterschiedlichen Untersuchungs-
ergebnissen die Ausführungen in Kapitel II.2.2.
43 Vgl. PURCELL/AHLSTRAND, 1994: 86ff. Vgl. zur Methodologie der Untersuchung PURCELL/
AHLSTRAND, 1994: 4ff.
44 Vgl. CUNNINGHAM/HYMAN, 1995: 5. Gegenstand der Untersuchung ist die Frage nach dem Rollen-
verhalten von Linienkräften und Supervisoren bei der Implementierung neuartiger Personal-
managementpraktiken. Das Datenmaterial bezieht sich auf die schriftliche Befragung
sogenannter Senior Human Resource Specialists und wird durch Interviews derselben ergänzt.
Befragt wurden 45 Unternehmen in Schottland, die insgesamt mehr als 100.000 Mitarbeiter
beschäftigen. Die Ergebnisse zusammenfassend kritisieren CUNNINGHAM/HYMAN (1995) die nicht
immer gegebene fachliche Kompetenz der Linienverantwortlichen (vgl. CUNNINGHAM/HYMAN,
1995: 10).
45 Vgl. KRÜGER/WERDER, 1995: 12f. An der Untersuchung sind zwölf deutsche Großunternehmen
aus Industrie, Banken, Versicherungen und Handel beteiligt, die in ausführlichen Firmenberichten
ihre jeweilige Organisationslösung für ausgewählte Funktionsbereiche beschreiben und begrün-
den (vgl. hierzu KRÜGER/WERDER, 1995: 6).
12
KASTURA,
1996 Im Vordergrund der schriftlichen Befragung steht die Überprüfung der Umfrage-
ergebnisse des CRANFIELD PROJECT ON INTERNATIONAL STRATEGIC HUMAN
RESOURCE MANAGEMENT (Erhebungswelle 1992) mit dem Ergebnis, dass die
Dezentralisierungstendenz in deutschen Großunternehmen eindeutig bestätigt
wurde.46
POOLE/JENKINS,
1996 Im Zentrum der Befragung stehen Fragen zu Organisation und Stellenwert der
Personalarbeit. Es wird eine vermehrte Delegation in den Funktionsbereichen
Personalentwicklung, Arbeitsorganisation sowie Entgelt- und Anreizsystem
identifiziert.47
FITZ-ENZ,
1997 Das Thema der schriftlichen Befragung amerikanischer Großunternehmen bil-
det die Restrukturierung der Personalabteilung. Im Mittelpunkt der Studie
stehen Ziele, Methoden und Ergebnisse der Organisationsveränderung; die
Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Funktionen an Linienführungskräfte
wird nur am Rande aufgegriffen.48
HOPE-HAILEY/
GRATTON/
MCGOVERN/
STILES/TRUST,
1997
Auf der Basis von Fallstudien werden neue Dimensionen und Konstrukte der
Personalarbeit durchleuchtet, wobei das Zusammenspiel zwischen Personal-
abteilung und Linienführungskräften nur einen kleinen Ausschnitt darstellt.49
OECHSLER/
LÜHKER,
1997
Die teilstandardisierte Befragung mit aufbauenden Interviews widmet sich vor
dem Hintergrund neuartiger Arbeitsstrukturen der Frage, welche Personen in
die personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozesse einbezogen werden.50
46 Vgl. KASTURA, 1996: 59ff. Untersuchungsgegenstand sind deutsche Großunternehmen, wobei
33,3% der Automobil-, Maschinen- und Metallindustrie, 33,3% der Elektrotechnik- und Elektronik-
industrie, 22,2% der Dienstleitung und die restlichen 11,1% sonstigen Branchen angehörten.
Befragt wurden alle Großunternehmen in Deutschland, die entweder als Mitglied einer
Unternehmensgruppe/eines Konzerns oder bereits in Einzelsicht 10.000 Mitarbeiter
beschäftigten. Die schriftliche Befragung wurde im Jahre 1993 in Form einer Vollerhebung
durchgeführt; die Grundgesamtheit betrug N=215 Unternehmen. Der verwertbare Rücklauf
beschränkte sich auf 13% der angeschriebenen Unternehmen. Siehe ferner die Ausführungen in
Kapitel II.2.2.
47 Vgl. POOLE/JENKINS, 1996: 7ff. Die schriftliche Befragung mit dem Thema „Back to the line?“
enthält Fragen zur Organisation des Personalmanagements sowie zur Rolle der Linienführungs-
kraft hinsichtlich der Ausübung personalwirtschaftlicher Aufgaben. Der Fragebogen wurde im
Januar des Jahres 1994 an eine zufällig bestimmte Gesamtheit von 3.000 Mitgliedern des
Institutes of Management geschickt. Insgesamt konnten 909 Bögen ausgewertet und in der
Studie berücksichtigt werden, was einer Rücklaufquote von ca. 30% entspricht (vgl. hierzu und
ferner zu Charakteristika der Stichprobe POOLE/JENKINS, 1996: 11ff.).
48 Vgl. FITZ-ENZ, 1997: 7ff. Die Studie zum Thema „Restructuring the Human Resource Department“
wurde mit Unterstützung des Saratoga Institute für die American Management Association
durchgeführt. Im Jahre 1996 wurden 600 Fragebögen an vornehmlich große Unternehmen in den
USA versandt, von denen 26 den auferlegten Kriterien genügten. Der Frage nach
ausgegliederten sowie delegierten personalwirtschaftlichen Funktionen kommt im Rahmen dieser
Arbeit eine besondere Stellung zu. Vgl. zur Methode und den Schwerpunkten der schriftlichen
Befragung FITZ-ENZ, 1997: 3ff.
49 Vgl. HOPE-HAILEY/GRATTON/MCGOVERN/STILES/TRUST, 1997: 9ff.
50 Vgl. OECHSLER/LÜHKER, 1997: 190. Die Studie zum Thema „Die Rolle des mittleren/unteren
Management in modernen Arbeits- und Produktionskonzepten“ zielt auf folgende
Fragestellungen: Wer wird in Großunternehmen bei teamorientierter Produktion in die
personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozesse in welcher Form einbezogen? Wie gestaltete
sich diese Zusammenarbeit vor dem Hintergrund des betriebsverfassungsrechtlichen
Regelungsrahmens? Entspricht die arbeitsrechtlich vorgegebene Rollenverteilung noch den
Anforderungen neuer Arbeits- und Produktionsstrukturen? Die Untersuchung gestaltete sich wie
folgt: (1) Teilstandardisierte Befragungen zur Rollenverteilung bei personalwirtschaftlichen
Dezentralisierung der Personalarbeit 13
WUNDERER/ARX,
1998 Anhand von 18 Fallstudien wird aufgezeigt, wie Firmen in der Praxis das Kon-
zept der unternehmerischen Personalarbeit im Sinne eines Wertschöpfungs-
centers realisiert haben und wie diese im Gegenzug von personalwirtschaftli-
chen Experten eingeschätzt werden.51
HALL/
TORRINGTON,
1998
Die schriftliche Befragung umfasst eine Fülle personalwirtschaftlicher Frage-
stellungen; unter anderem wurde auch der Themenkomplex der Dezentralisie-
rung von Personalarbeit angerissen. Das Fazit der Untersuchung ist, dass die
Verlagerung von Personalverantwortung in die Linie längst noch nicht vollendet
ist, sondern auch in den kommenden Jahren andauern wird 52
HANEL/KABST/
MAYRHOFER/
WEBER,
1998
Analyse des Dezentralisierungsgrads verschiedener personalwirtschaftlicher
Aufgabenfelder auf der Grundlage der Daten des CRANFIELD PROJECTS ON
INTERNATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT.53
MAYERHOFER,
1999 Der Beitrag betrachtet die Verantwortungsverteilung über personalwirtschaftli-
che Aufgabenkomplexe in Europa; die Bewertung erfolgt anhand eines Dezent-
ralisierungsindexes. Als Ergebnis wird der Trend einer verstärkten
Einbeziehung des Linienvorgesetzten in den betrachteten Aufgabengebieten
festgehalten. 54
Tabelle 2: Empirisch fundierte Dezentralisierungsforschung der Personalarbeit im Überblick
Zusammenfassend lässt sich nur eine geringe Zahl an Studien zum Thema der
neuen Dezentralisierung finden, die sich auf theoretische Aussagen stützen; es
konnten jedoch eine Vielzahl empirisch fundierter Beiträge entdeckt werden. Aller-
dings stehen im Mittelpunkt der theoretisch wie empirisch fundierten Arbeiten ledig-
lich Bestandsaufnahmen zu den in der Praxis anzutreffenden Organisationsformen
der Personalarbeit bzw. Analysen zur (veränderten) Verteilung personalwirtschaft-
licher Aufgabenerfüllung zwischen Zentrale und Linie in deutschen und europäischen
Unternehmen. Es muss festgehalten werden, dass sich die referierten Studien zum
einen durch einen Mangel an Anwendungsstringenz der gewählten Theorie aus-
zeichnen. Zum anderen existieren weder in der deutschsprachigen Literatur noch im
Entscheidungsprozessen in drei Großunternehmen der Automobil- und deren Zulieferindustrie.
(2) Qualitative Leitfadeninterviews über die Divergenzen zwischen ermittelten Rollenverteilungen
und durch das BetrVG vorgegebene Rollenverteilungen. Siehe zu den Ergebnissen der
Untersuchung die Ausführungen in Kapitel II.2.3.2 und jene in Fußnote 161 des Abschnitts II.
51 Vgl. WUNDERER/ARX, 1998.
52 Vgl. HALL/TORRINGTON, 1998: 46. Von den 2500 in England, Wales und Schottland versandten
Fragebögen wurden in den Jahren 1994 und 1995 insgesamt 214 zurückgesendet und
ausgewertet. Neben dem Thema der Dezentralisierung befasst sich die schriftliche Befragung mit
einer Vielfalt weiterer Fragestellungen zur Personalarbeit. Vertieft wurden die Ergebnisse durch
30 Intensivinterviews von Personalverantwortlichen (vgl. HALL/TORRINGTON, 1998: 48f.).
53 Vgl. HANEL/KABST/MAYRHOFER/WEBER, 1998: 2. Siehe zum CRANFIELD PROJECT ON INTERNATIONAL
STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT und zu den Untersuchungsergebnissen die Aus-
führungen in Kapitel II.2.2.
54 Vgl. MAYRHOFER, 1999: 180ff. Siehe auch hier die Ausführungen in Kapitel II.2.2 zu den Unter-
suchungsergebnissen des CRANFIELD PROJECTS ON INTERNATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE
MANAGEMENT.
14
angloamerikanischen Forschungsraum Untersuchungen, die sich explizit mit der
Steuerung dezentral organisierter Personalarbeit beschäftigen.
2.2 Unpräzise Klärung der begrifflichen Grundlagen
Das unter anderem zur Beschreibung organisatorischer Sachverhalte verwandte
Begriffspaar Zentralisierung und Dezentralisierung hat in den unterschiedlichen Dis-
ziplinen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine große Bedeutung erlangt.
Die weit verbreitete Auseinandersetzung lässt zunächst vermuten, dass in der Orga-
nisationstheorie weitgehende Übereinstimmung über den Begriffsinhalt herrscht. Die
kritische Sichtung der einschlägigen Literatur widerlegt diese Annahme jedoch; auch
ist in den seltensten Fällen versucht worden, (De-)Zentralisierungsgrade oder
(De-)Zentralisationsmaße mit konkretem Anwendungsbezug zu definieren.55 Bereits
SPIEKERMANN (1935) konstatiert, dass die Wortbedeutung und der -gebrauch von
Zentralisierung und Dezentralisierung in ganz unterschiedlicher Art und Weise erfolgt
und daher festgestellt werden kann, dass die Begriffe „... fast durchweg Mangel an
Klarheit und Eindeutigkeit aufweisen ... [und sich] durch große Uneinheitlichkeit aus-
zeichnen.“56 Übereinstimmend hiermit betont MINTZBERG (1979), dass die uneinheit-
liche Definition des Begriffspaars dazu führt, dass sich das organisationstheoretische
Forschungsfeld der (De-)Zentralisierung äußerst konfus und unübersichtlich dar-
stellt.57
Diese Divergenz der Begriffsverwendung konnte bis heute nicht reduziert werden, so
dass es nach Ansicht von FRESE/WERDER (1993) kaum einen Begriff gibt, der in den
verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen einerseits einen so hohen Stellenwert
besitzt und andererseits so wenig eindeutig in seinem Begriffsinhalt ist. „Ob man die
Verwendung in der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre betrachtet, in der
»Zentralisation« und »Dezentralisation« als Prinzipien der generellen Aufgabenver-
teilung interpretiert werden ... oder ob man auf die Gleichsetzung von »Dezentralisa-
tion« mit »Bildung von Geschäftsbereichen (Sparten)« in der anglo-amerikanischen
Managementlehre verweist, es bietet sich ein verwirrendes Bild.“58 In diesem Kontext
weisen HALL/TORRINGTON (1998) darauf hin, dass in der angelsächsischen Literatur
55 Die Verfasserin wird daher ein Analyseraster entwickeln (Kapitel II.3), der es einerseits erlaubt
den (De-)Zentralisierungsgrad einer Personalorganisation zu bestimmen und der andererseits als
Grundlage für die weitergehende agenturtheoretische Analyse von Delegationsrisiken dient.
56 SPIEKERMANN, 1935: 3.
57 Vgl. MINTZBERG, 1979: 181.
58 FRESE/WERDER, 1993: 11. Vgl. hierzu auch PICOT (1993), der erklärt: „Ganz offensichtlich gibt es
zur (De-)Zentralisierung, die ja zu den 'ewigen' kontroversen Diskussionsfeldern in Theorie und
Praxis von Führung und Organisation zählt, weiterhin Dynamik, Überlegungen und Klärungs-
bedarf.“ (PICOT, 1993: 219.)
Dezentralisierung der Personalarbeit 15
ebenfalls nicht immer eine eindeutige Begriffsdifferenzierung und konsequente Ver-
wendung des Begriffspaars vorliegt. Dies ist gewiss auch auf die Einführung des
Begriffs Devolution bzw. Devolvement zurückzuführen.59
Abschließend lässt sich festhalten, dass in der derzeitigen Dezentralisierungs-
forschung kein einheitliches Verständnis in Bezug auf die Wortbedeutung und den
-gebrauch vorliegt. Folglich variieren in Literatur und Praxis auch die Anschauungen
darüber, durch was sich dezentrale Entscheidungsstrukturen kennzeichnen lassen
und inwieweit sich ein niedriger von einem hohen (De-)Zentralisierungsgrad unter-
scheidet.
2.3 Fehlen adäquater Koordinations- und Motivationsmechanismen
Auf die bereits in der Problemstellung aufgeworfenen Fragen zur Wahl geeigneter
Organisationsstrukturen in der Personalarbeit, zum Ausmaß von Delegation und
Partizipation personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger und damit zur (de-)zen-
tralen Wahrnehmung von Personalentscheidungen oder zur Interaktion personal-
wirtschaftlicher Träger auf den verschiedenen Hierarchieebenen, gibt es ACKERMANN
(1994a) zufolge „... bisher keine einfachen Antworten, keine wissenschaftlich ge-
sicherten Erkenntnisse, auf die sich die Unternehmenspraxis stützen könnte.“60 Aus
institutionenökonomischer Sicht werden derartige Fragestellungen unter dem Begriff
vertikaler und horizontaler Organisationsprobleme subsumiert,61 die aus der
grundsätzlichen Schwierigkeit der Steuerbarkeit organisatorischen Handelns und
unternehmerischer Entscheidungen resultieren.62
Mit steigender Delegation wird die Gefahr verbunden, dass der personalwirtschaft-
liche Entscheidungsträger in der Linie noch mehr an Einfluss gewinnt und die
Zunahme an Informationsasymmetrien sowie das Auftreten von opportunistischem
Handeln und Entscheiden zu Fehlsteuerungen im Delegations- und Beschäftigungs-
verhältnis führen. Diese wirken sich in einer Verfehlung der Unternehmensziele so-
wie in Ressourcenvergeudung aus. Ein Verlust an gemeinsamer Personalpolitik und
ein steigender Kontrollaufwand sind die Folge, so dass die Vorteile der Delegation für
59 Vgl. HALL/TORRINGTON (1998), die aussagen: „In much work that has been done devolution has
often been confused with decentralisation, so we need to clarify from the outset the focus of this
research. We are concerned here with the devolution of operational personnel activities to non-
specialist line managers. We are not concerned with decentralisation of a central personnel
function to personnel professionals at lower levels of the organisation.“ (HALL/TORRINGTON, 1998:
41.) Siehe hierzu auch die Ausführungen in Kapitel II.3.1.
60 ACKERMANN, 1994a: 7.
61 Vgl. z.B. KRÄKEL, 1999. Ferner zur Zerlegung des Organisationsproblems in ein Problem
optimaler Koordination und Motivation vgl. ERLEI/JOST, 2001: 36f.
62 Vgl. MECKL, 1995: 4; FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 61.
16
den Nachteil des Kontrollverlusts eingetauscht werden. Um diese Fehlfunktionen und
Kontrollverluste wirksam zu begrenzen, ist ein effizientes Personalmanagement
erforderlich.63 Hieraus leiten sich gemäß einer institutionenökonomischen Argumen-
tation zwei Forderungen ab, für die MILGROM/ROBERTS (1992) die Begriffe Motivation
und Koordination geprägt haben. Zum einen muss der spezialisierte und in dezen-
tralen Organisationsstrukturen agierende ökonomische Akteur zum Erbringen der
vereinbarten Leistung motiviert werden. Andererseits müssen die Entscheidungen
und Handlungen der Akteure koordiniert werden, um eine Ausrichtung auf das
gemeinsame Ziel zu erreichen und die Vorteile der Dezentralisierung realisieren zu
können.64 FRESE/WERDER (1994) zufolge sind alternative Koordinations- und Motiva-
tionsrisiken zur Absicherung des „Delegationsrisikos“65 unerlässlich.
Zusammenfassend wirft das „Paradigma der neuen Dezentralisierung“ somit zwei
Organisationsprobleme auf: (1) die zielorientierte Koordination des dezentralen
Handelns und Entscheidens sowie (2) die hinreichende Motivation der dezentral
agierenden Akteure. Praktische Mechanismen zur Minimierung der skizzierten Fehl-
funktionen und zur Verminderung des Kontrollbedarfs sind zwar vereinzelt zu beo-
bachten, in den Konzepten zur neuen Dezentralisierung jedoch nicht deutlich genug
herausgearbeitet.66 Daher besteht die eindeutige Forderung nach adäquaten und
gegebenenfalls auch neuartigen Steuerungsmechanismen, da „[h]erkömmliche
Koordinationsmechanismen (...) z.T. ineffizient [werden], ohne das alternative Koordi-
nationsmechanismen klar herausgearbeitet und deren Effizienz beurteilt werden.“67
63 Vgl. hierzu EIGLER, 1995: 16; KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER, 1992: 133.
64 Vgl. MILGROM/ROBERTS, 1992: 25. Die Unterscheidung in Koordinations- und
Motivationsprobleme wurde auch in der deutschsprachigen Literatur übernommen, vgl. hierzu
beispielsweise PICOT/SCHULLER, 2001: 82f. KRÄKEL, 1999:79ff. und 199ff.; PICOT/DIETL/FRANCK,
1997: 5ff.
65 FRESE/WERDER, 1994: 11. Vgl. hierzu auch STEINLE, 1992: 507, der – konform zu FRESE/WERDER
(1994) – auf ein entstehendes Delegationsdilemma aus der Belastung der delegierenden Instanz
sowie auf ein Delegationsrisiko aus unzureichender Fähigkeit oder fehlender Vertrauenswürdig-
keit des Delegationsempfängers verweist.
66 WÄCHTER (1997) räumt zwar ein, dass die neuen Organisationskonzepte – teilweise intuitiv – die
zunehmende Dynamik und steigende Komplexität erfassen; dennoch seien diese als in-
konsequent zu bewerten, als sie die personalen Konsequenzen nicht ziehen. Außerdem seien
die neuen Dezentralisierungskonzepte in dem Moment selbstwidersprüchlich, wenn sie
suggerieren, bestehende Kontrollverhältnisse aufrecht zu erhalten. Vgl. Wächter, 1997: 228 und
231.
67 WÄCHTER, 1997: 227. Vgl. auch COLLING/FERNER (1992) zum zwingenden Einsatz von Kontroll-
mechanismen zur Überwachung der Aktivitäten der Personalverantwortlichen in der Linie. Die
Autoren verweisen in diesem Kontext ferner auf die Arbeit von BROOKE (1984), der auf eine
Rücknahme von Dezentralisierungsbestrebungen aufmerksam macht: „The work of BROOKE
(1984) points to the constant struggle to shift the balance between central control and
decentralized authority: poor performance of subsidiary units leads to recentralization, even
within a rhetoric of decentralized authority, then the shifting of initiative leads to greater unit
autonomy, and so on (...).“(COLLING/FERNER, 1992: 210; Brooke: im Original standard;
Dezentralisierung der Personalarbeit 17
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht daher die Ableitung von Koordinations- und
Motivationsmechanismen für die Steuerung von Personalverantwortlichen in dezen-
tralen Entscheidungsstrukturen unter ökonomischen Effizienzgesichtspunkten, was in
Kapitel I.3.1 konkretisiert wird.
Bei der Vielfalt unterschiedlicher Ausprägungen dezentraler Organisationsmodelle ist
die skizzierte Fragestellung nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht interessant. Viel-
mehr besitzt die Suche nach adäquaten Koordinations- und Motivationsmechanis-
men auch in der Praxis höchste Relevanz, da die Schaffung von personalwirtschaft-
lichen Konzepten und organisatorischen Systemen eine der wichtigsten Herausfor-
derungen für das zukünftige Personalmanagement bildet.68
2.4 Folgerungen für die Fragestellung
Eine Vielzahl der Beiträge zur Dezentralisierung der Personalwirtschaft sind
beschreibende Untersuchungen, die normative Aussagen über personalwirtschaft-
liche Implikationen der Dezentralisierung beinhalten. Die tief greifende Erforschung
möglicher Konsequenzen bleibt jedoch aus. Immerhin wird in der reflektierten Litera-
tur auf Aspekte wie Uneinheitlichkeit und Konzeptionslosigkeit der Personalarbeit,
Verlust an Synergieeffekten und Notwendigkeit einer strategischen Ausrichtung der
Zentrale hingewiesen. Auch wird auf die opportunistische Nutzung gewährter Hand-
lungsräume abgehoben und somit ein wesentliches Problem der Dezentralisierung
darin gesehen, dass die Linienkraft die Verlagerung personalwirtschaftlicher
Entscheidungskompetenzen für eigene Interessen missbraucht und die Grenzen
ihrer Autonomie nicht mehr sehen will.69
Wie die obigen Ausführungen belegen, besteht daher die Forderung nach adäquaten
Koordinations- und Motivationsmechanismen. Dies wird in einer Vielzahl wissen-
schaftlicher Ausarbeitungen auch explizit formuliert, denn „[w]enn das Schicksal der
Humanressource in zwei Hände gelegt wird, sollte die rechte Hand wissen, was die
Hervorhebung durch die Verfasserin.) Vgl. insbesondere Kapitel 5 „Control, communication and
planning“ bei BROOKE, 1984: 74ff.
68 Vgl. KIESER, 1996, zitiert nach WISKEMANN, 1997: 95. In diesem Zusammenhang fordert KIESER
(1996) ferner die Einrichtung von bereichs- oder hierarchieübergreifenden ständigen Arbeits-
kreisen oder Komitees zur Koordination personalwirtschaftlicher Aktivitäten innerhalb der
Unternehmen. Damit könnten personalwirtschaftliche Aktivitäten in der Linie koordiniert und ein
Substitut der zentralen Personalabteilung geschaffen werden. Vgl. hierzu auch
HALL/TORRINGTON, 1998: 47; FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 98.
69 Vgl. COLLING/FERNER, 1992: 216. DRUMM (1995) betont in diesem Kontext, dass allen
Organisationskonzepten zur Dezentralisierung der Personalarbeit „... explizit oder implizit ein
überaus positives Menschenbild als Prämisse gemeinsam [ist]: Es sind Organisationskonzepte
für „Erzengel“, nicht für Menschen mit durchschnittlichen Fähigkeiten und Kenntnissen.“ (DRUMM,
1995: 1.)
18
linke tut. Die Anstrengungen beider sollten sich addieren und nicht etwa saldieren.
Schwächen sollten nach Möglichkeit kompensiert werden und sich nicht eskalieren.
Es gilt also, das optimale Kooperationsmodell für die Kopplung der vorhandenen
Stärkepotentiale zu konzipieren.“70
Dennoch mangelt es an der theoriefundierten Ableitung praxisrelevanter Handlungs-
und Gestaltungsempfehlungen für die Koordination und Motivation dezentral agie-
render Entscheidungsträger. Dies ist neben dem Manko einer stringenten Anwen-
dung betriebswirtschaftlicher Theorien auf das Forschungsfeld insbesondere auf die
Unzulänglichkeit hinsichtlich der Wortbedeutung und des -gebrauchs von Dezentrali-
sierung bzw. dezentralen Organisations- und Entscheidungsstrukturen zurückzufüh-
ren. Die in einem Überblick referierte wissenschaftliche und praxisnahe Literatur hat
dieses eindeutig belegt.
70 REIß, 1994: 36.
Dezentralisierung der Personalarbeit 19
3 Aufbau der entscheidungs- und agenturtheoretischen Untersuchung
Abgeleitet aus der Problemstellung (Kapitel I.1) und dem in Kapitel I.2 skizzierten
Forschungsdefizit wird nun die Fragestellung konkretisiert und die Zielsetzung der
vorliegenden Qualifizierungsarbeit formuliert (Kapitel I.3.1). Hieran schließt sich die
begründete Auswahl der zugrunde gelegten Theorie an (Kapitel I.3.2), und es folgt
die systematische Darstellung des Gangs der Untersuchung (Kapitel I.3.3).
3.1 Fragestellung und Zielsetzung der Untersuchung
In der vorliegenden Arbeit wird an die skizzierten Defizite der Dezentralisierungs-
forschung angeknüpft. Das Problem der Steuerung von Personalverantwortlichen in
der Linie steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. Die übergeordnete Fragestellung
beschäftigt sich damit, welche personalwirtschaftlichen Koordinations- und
Motivationsinstrumente einzusetzen sind um das Entscheiden und Handeln der
Führungskraft in der Linie zu steuern. Hierbei liegt der Analyseschwerpunkt auf der
Identifikation derjenigen Mechanismen, die je nach Ausmaß des (De-)Zentralisie-
rungsgrads, d.h. je nach Umfang der delegierten Entscheidungskompetenz für
Personalaufgaben, effizient im Sinne der zugrunde gelegten ökonomischen Theorie
sind. Betrachtungsgegenstand der Arbeit ist demnach die personalwirtschaftliche
Entscheidung bzw. der Entscheidungsprozess im Detail. Im Zentrum der Unter-
suchung stehen jene personalwirtschaftlichen Mechanismen, die für unterschiedliche
Konstellationen von (Entscheidungs-)Kompetenzverteilung die auftretenden Delega-
tionsrisiken minimieren und die bestehenden Koordinations- und Motivations-
probleme reduzieren. Zur Identifikation dieser unterschiedlichen Konstellationen
personalwirtschaftlicher Entscheidungs- und Kompetenzverteilung wird in der vor-
liegenden Arbeit ein konzeptionelles Analyseraster71 dezentraler Entscheidungs-
strukturen entwickelt. Somit wird weder die Frage nach dem effizienten
(De-)Zentralisierungsgrad der Personalarbeit beantwortet, noch wird die Wahr-
nehmung operativer Personalarbeit vor Ort bzw. in der Linie betrachtet.
71 Aufbauend auf einfachen entscheidungstheoretischen Überlegungen wird in der vorliegenden
Arbeit ein Raster entwickelt, dass eine Fallunterscheidung dezentraler Entscheidungsstrukturen
ermöglicht und als Strukturierungshilfe für die sich anschließende agenturtheoretische Analyse
genutzt wird. Das Raster bildet demnach einerseits die Grundlage für die Analyse von Dele-
gationsrisiken und die Ableitung koordinierender und motivierender Steuerungsmechanismen
(Abschnitt III), andererseits strukturiert es die Gestaltungs- und Handlungsempfehlungen (Ab-
schnitt IV).
20
Das Ziel der Arbeit besteht in der Entwicklung eines Designs72 systematischen
Personalmanagements73, welches dazu beiträgt personalwirtschaftliche Entschei-
dungen zu koordinieren und die Entscheidungsträger zu unternehmensziel-
konformem Handeln zu motivieren. Dieses Design eines koordinierenden und
motivierenden Personalmanagements liefert für die unternehmerische Praxis jene
geforderten Gestaltungs- und Handlungsansätze zur Steuerung dezentral agierender
Personalverantwortlicher.
Wissenschaftliche Ausarbeitungen helfen den betrieblichen Entscheidungsträgern bei
der Unternehmensführung und -gestaltung jedoch wenig, wenn diese sich aus-
schließlich auf das Nachvollziehen und Systematisieren der bestehenden betrieb-
lichen Gestaltungspraxis beschränken. Nutzen für die Praxis bringen wissenschaft-
liche Beiträge vor allem dann, wenn sie helfen, relevante betriebliche Zusammen-
hänge zu verstehen, wenn ihre Ergebnisse als Grundlage für Prognosen und Kritik
der Gestaltungspraxis dienen können sowie sich aus diesen gestaltungsorientierte
Schlussfolgerungen ableiten lassen. Theorien als ein System logisch miteinander
verknüpfter Aussagen über Gegenstände eines bestimmten Forschungsfelds 74
ermöglichen es Aspekte der realen Welt zu modellieren, d.h. im Sinne einer Kom-
plexitätsreduktion zu simplifizieren, verständlich zu machen und somit konkrete
Sachverhalte zu erklären oder vorauszusagen.75 Die Entscheidung darüber, welche
Sachverhalte erklärt oder vorausgesagt werden sollen, kann jedoch immer nur
selektiv erfolgen, da keine allgemeingültige Theorie existiert, die es vermag, alle
Zusammenhänge und Eigenschaften der komplexen Realität zu erklären. Der
jeweiligen Perspektive entsprechend, aus der ein Phänomen der Managementpraxis
untersucht werden soll, muss folglich eine dem Kontext angemessene Theorie
ausgewählt werden.
Das vorliegende Forschungsvorhaben macht es infolgedessen dringend erforderlich,
die Wirkungszusammenhänge zwischen dezentralen Entscheidungsstrukturen, den
sich ergebenden Spielräumen und Delegationsrisiken sowie den personalwirtschaft-
lichen Koordinations- und Motivationsmechanismen durch die Anwendung einer an-
gemessen Theorie zu stützen. Dieses Vorgehen leitet sich ebenfalls aus dem aufge-
72 Der Begriff Design wird aufgrund der musterhaften Anordnung der in Kapitel III.2 identifizierten
Koordinations- und Motivationsmechanismen innerhalb des in Kapitel II.3 entwickelten Analyse-
rasters dezentraler Entscheidungsstrukturen verwendet.
73 Unter dem Begriff Personalmanagement werden hier all jene personalwirtschaftlichen Mechanis-
men der Koordination und Motivation subsumiert, die zur Lösung des Organisationsproblems in
Unternehmen eingesetzt werden.
74 Vgl. hierzu beispielsweise OPP, 1995: 31ff.; FRIEDRICHS, 1990: 60ff.; RAFFÉE, 1993: 29ff.
75 Vgl. DUBIN, 1979: 26.
Dezentralisierung der Personalarbeit 21
zeigten Mangel theoretischer Fundierung ab, denn „[d]as Paradigma der neuen
Dezentralisierung steht ... auf sehr dünnen theoretischen Beinen.“76
3.2 Relevantes Theorienspektrum und Auswahl der zugrunde gelegten
Theorie
Ausgehend von dem aufgezeigten Problem eines Mangels an Koordinations- und
Motivationsinstrumenten zur effizienten Steuerung des Entscheidens und Handelns
von Linienführungskräften in dezentralen Entscheidungsstrukturen wird im Folgenden
das als relevant eingeschätzte Theorienspektrum abgegrenzt und eine Begründung
für die der Forschungsarbeit zugrunde gelegte Theorie gegeben.
Wird den Ausführungen von WEBER (2004) gefolgt, dann umfasst das Theorien-
spektrum der Personalwirtschaft eine breite Palette von Theorien, die die so
genannte Verhaltenswissenschaften mit einbeziehen. Die Verhaltenswissenschaften
stellen eine geeignete Basis für die theoretische Fundierung personalwirtschaftlicher
Problemfelder dar und können demnach auch als mögliches Spektrum für die
vorliegende Arbeit angesehen werden.77 Für eine grundsätzliche Systematisierung
des verhaltenswissenschaftlichen Theoriespektrums sind drei Differenzierungen
hilfreich:78 (1) die Unterscheidung von Theorien, deren Fokus auf individuellem oder
kollektivem Handeln liegt, (2) die Unterscheidung von Theorien, die den Erwerb oder
die Ausführung von Verhalten erklären sowie (3) die Unterscheidung von Theorien,
die ihren Schwerpunkt innerhalb des Verhalten erzeugenden Interaktionsprozesses
entweder auf die Person oder auf die Umwelt legen. Je nach fokussiertem Problem-
feld und existenter Konstellation entfalten die Theorien des verhaltenswissenschaft-
lichen Spektrums ihre Stärken: Beispielsweise erklären Lerntheorien79 den Erwerb
und die Änderungen von Verhalten oder von verhaltenssteuernden Einstellungen.
Die Theoriefamilie der Motivationstheorien80 versucht z.B. das Entstehen sowie die
Richtung menschlichen Verhaltens oder Ausschnitte dieses Verhaltens zu erklären.
Entscheidungstheoretische Fundierungen fokussieren auf das Handeln und die
Erklärungsfaktoren des Handelns, wobei entweder getrennt voneinander personen-
oder umweltorientiert diskutiert wird oder aber auch beide Perspektiven in Kom-
bination diskutiert werden. Ökonomische Theorien stellen im Gegensatz zu den
76 DRUMM, 1996a: 9.
77 Vgl. hierzu und im Folgenden WEBER, 2004: 1912ff.; vgl. auch die Ausführungen bei WEBER,
1996: 282ff.
78 Vgl. WEBER 1996: 284ff.
79 Vgl. zu Lerntheorien z.B. ARNOLD, 2004: 1096ff.
80 Vgl. zu Motivationstheorien z.B. WEINERT/SCHEFFER, 2004: 326ff.
22
bereits genannten Theorien die Umwelt- und Situationskomponente in das Zentrum
ihrer Erklärung.81
Folglich stehen für die theoretische Fundierung eine Vielzahl an Theorien zur
Verfügung, wobei „… zwei Grundtypen personalwirtschaftlicher Fragestellungen bzw.
Problemfelder unterschieden [werden], die einer Erklärung der Zusammenhänge
bzw. einer theoretischen Fundierung bedürfen.“82 Hierzu zählen einerseits Frage-
stellungen, die sich mit der Identifizierung der Bestimmungsfaktoren bestimmter
Personalpraktiken beschäftigen und andererseits Fragestellungen, die die Ver-
haltenswirkungen von Personalpraktiken und Rahmenbedingungen fokussieren. Ob-
wohl eine strikte gedankliche Trennung dieser beiden Perspektiven nicht möglich ist,
scheint eine derartige Typisierung insbesondere für die Auswahl der jeweils
„zweckmäßigen Theorie“ sinnvoll: So geht es beim ersten Grundtyp um das Ver-
halten und Handeln von Organisationen bzw. um Entscheidungen des Managements
und beim zweiten Typ um das Verhalten der von den jeweiligen Personalpraktiken
Betroffenen.83
Die mit dieser Arbeit verfolgte Fragestellung nach adäquaten Koordinations- und
Motivationsmechanismen in dezentralen Entscheidungsstrukturen beschäftigt sich
mit der Identifikation von Bestimmungsfaktoren für Personalpraktiken und ist daher
eindeutig dem ersten Grundtyp personalwirtschaftlicher Fragestellungen zuzu-
ordnen.84 „Bei der Analyse .. derartiger Fragestellungen liegt es nahe, von den
Einzelheiten der Problembearbeitung zu abstrahieren und den ökonomischen
Konsequenzen der Handlungsalternativen den Hauptanteil an der Erklärung des
Organisations- bzw. Unternehmensverhaltens zuzuordnen.“85 Bei der Beurteilung
wirtschaftlicher Implikationen dominieren als theoretischer Unterbau ökonomische
Theorien; und immer dann wenn es um die Vorteilhaftigkeit von institutionellen
Arrangements wie z.B. Koordinations- und Motivationsmechanismen geht, liegt die
Bezugnahme auf institutionenökonomischen Erklärungsansätzen nahe. Aufgrund des
spezifischen, realen Sachverhalts und der bewusst gewählten Betrachtungs-
perspektive wird das Theorienspektrum der vorliegenden Arbeit auf jenes der ökono-
81 Vgl. zu den Stärken ökonomischer Theorien WEBER, 1996: 287f.
82 WEBER, 1996: 288.
83 Vgl. WEBER, 2004: 1914.
84 Eine angemessene theoretische Fundierung von Fragestellungen, bei denen nach der Wirkungs-
weise von Personalpraktiken gefragt wird (zweiter Grundtyp), muss im Bereich jener Theorien
gesucht werden, die individuelles Verhalten differenziert zu erklären versuchen, beispielsweise
im Bereich von Lerntheorien, Theorien des Entscheidens und Problemlösens, Führungs- oder
Motivationstheorien. Vgl. hierzu WEBER, 2004: 1917.
85 WEBER, 2004: 1915.
Dezentralisierung der Personalarbeit 23
mischen und in Anbetracht der spezifischen Fragestellung auf jenes der institutionen-
ökonomischen Theorien reduziert.
Die Reduzierung der theoretischen Fundierung der Forschungsfrage auf die
Theoriefamilie der (Institutionen-)Ökonomik wird zudem von der Forderung nach
einer stärkeren Berücksichtigung ökonomischer Ansätze für personalwirtschaftliche
Fragestellungen genährt. So wurde bereits in den 90er Jahre der Personalwirt-
schaftslehre eine mangelnde Öffnung gegenüber der ökonomischen Theorierichtung
vorgeworfen.86 Dies veranlasst ALEWELL (1994) zu der Einschätzung, dass „[d]ie
noch recht junge betriebswirtschaftliche Teildisziplin Personalwirtschaftslehre ..
bislang durch eine stark verhaltenswissenschaftliche Ausrichtung und eine relative
Vernachlässigung ökonomischer Bezüge gekennzeichnet [ist].“87 Der Herausgeber-
band zur „Theoretischen Fundierung der Personalwirtschaft“ von WEBER (1996) ist
der Forderung nach einer ökonomischen Theoriefundierung verstärkt nachge-
kommen und neben z.B. Entscheidungs- und Systemtheorien wurden explizit auch
ökonomische Theorien als mögliche Erklärungsansätze personalwirtschaftlicher
Fragestellungen diskutiert.88 Mit zahlreichen Schriftenreihen und auch grundlegenden
deutschsprachigen Lehrbüchern kann „[i]nzwischen .. das Forschungsfeld der
Personalökonomik … als wohletabliert und dokumentiert gelten“.89
86 Vgl. HAX, 1991: 65. Die Auseinandersetzung mit einer fehlenden ökonomischen Ausrichtung
begann mit der Sammelrezension von WUNDERER/MITTMANN (1983), die in personalwirtschaft-
lichen Lehrbüchern nur „Spurenelemente von Ökonomie“ entdeckten, vgl. WUNDERER/MITTMANN,
1983: 623ff. Vgl. ferner zum Mangel einer theoretischen Fundierung sowie zur mangelnden
Berücksichtigung einer ökonomischen Perspektive in der Personalwirtschaft WEBER, 1996;
NIENHÜSER, 1996, BACKES-GELLNER, 1996; METZ, 1995; SADOWSKI/BACKES-GELLNER/FRICK/
BRÜHL/PULL/SCHRÖDER/MÜLLER, 1994; ALEWELL, 1993.
87 ALEWELL, 1994: 58. Nichtsdestotrotz stellen SADOWSKI ET AL. (1994) in ihrer Sammelrezension
positiv heraus, dass sie „... in einigen, insbesondere englischsprachigen Lehrbüchern, nicht nur
einen Hoffnungsschimmer, sondern schon eine sehr gute Basis für eine »ökonomische
Personalwirtschaft« [sehen], – so absurd dieses Wort auch klingen mag.“ (SADOWSKI/BACKES-
GELLNER/FRICK/BRÜHL/PULL/SCHRÖDER/MÜLLER, 1994: 409.) Ökonomisierung der Personal-
wirtschaft bedeutet jedoch nicht die verkürzte Behandlung von Personal als Kostenfaktor,
sondern beispielsweise die Analyse der Organisation menschlicher Arbeit unter
Effizienzgesichtspunkten, vgl. SADOWSKI, 1991: 129ff.
88 Vgl. hierzu WEBER, 1996; insbesondere die Beiträge von BACKES-GELLNER, 1996; RIDDER, 1996
und SCHAUENBERG, 1996, greifen auf ökonomische Theorien als Erklärungsansätze zurück.
Übereinstimmend identifizieren MCMAHAN/VIRICK/WRIGHT (1999) in ihrem Reviewprozess für die
Entwicklung eines konzeptionellen Modells als theoretischen Bezugsrahmen zum strategischen
Personalmanagement unter anderem folgende Theorieansätze: verhaltenswissenschaftliche
Theorien, systemtheoretische Ansätze, Agentur- und Transaktionskostentheorie, die Human-
kapitaltheorie, ressourcenorientierte Ansätze, die Resource Dependece-Theorie, aber auch
evolutionstheoretische Ansätze und institutionalistische Ansätze. Vgl. MCMAHAN/VIRICK/WRIGHT,
1999: 104ff.
89 BACKES-GELLNER/SCHMIDTKE, 2004: 920. Vgl. hierzu folgende Schriftenreihen „Beiträge zur
Personal- und Organisationsökonomik“ (herausgegeben von BACKES-GELLNER/KRÄKEL) oder
„International vergleichende Schriften zur Personalökonomik und Arbeitspolitik“ (herausgegeben
24
Einer uneingeschränkten Berücksichtigung institutionenökonomischer Theorien kann
jedoch entgegengehalten werden, dass hiermit eine Gruppe von Theorien adaptiert
wird, die weder speziell für Praktiker noch für Theoretiker der Personalwirtschaft
entwickelt worden ist.90 Zwar weisen sie daher keinen direkten Bezug zu konkreten
Situationen in der Personalwirtschaft auf, sie bestechen jedoch durch ihre hohe
Allgemeingültigkeit. Dies geht damit einher, dass die Prämissenstruktur relativ
einfach ist. Ein weiterer Vorbehalt besteht in der Tatsache, dass die Theorie-
konstruktion Verhaltensweisen ausblendet, die auf Macht oder Herrschaft, Ver-
teilungsgerechtigkeit, Identitätsansprüche oder intrinsischer Motivation beruhen.91
Die Erklärungsbeiträge zu sinnvollem personalwirtschaftlichem Handeln können
daher nur in Abhängigkeit von der konkreten Fragestellung beurteilt werden.92
Da „[a]llerdings .. diese importierten Theorien auf Probleme aufmerksam [machen],
mit denen sich die personalwirtschaftlichen Forscher bisher kaum beschäftigt haben
...“93, wird in der vorliegenden Arbeit für das Aufzeigen der Wirkungszusammen-
hänge auf die Theoriefamilie der (Institutionen-)Ökonomik zurückgegriffen.94
Institutionenökonomische Ansätze sind im Besonderen dazu geeignet, Erklärungen
für beobachtbare institutionelle Phänomene zu geben, Prognosen über zukünftige
Ereignisse zu generieren oder aber Gestaltungsempfehlungen für institutionelle
Neuordnungen auszusprechen: Sie stellen ein geeignetes Instrumentarium dar,
welches die Analyse von Unternehmen und deren Strukturen erlaubt.95 Dies bietet
die Möglichkeit der Diskussion praktischer Probleme der Organisationsgestaltung. Zu
diesen zählen z.B. die mit der Dezentralisierung einhergehenden Delegationsrisiken
oder die Erklärung von Wirkungszusammenhängen zwischen dezentralen Ent-
scheidungsstrukturen und personalwirtschaftlichen Koordinations- und Motivations-
mechanismen. Für die begründete Auswahl der Agenturtheorie aus dem institu-
tionenökonomischen Theorienspektrum (siehe Kapitel I.3.2.2) wird im folgenden
von BIRK/SADOWSKI). Vgl. beispielsweise WOLFF/LAZEAR, 2001 oder BACKES-GELLNER/LAZEAR/
WOLFF, 2001 zu deutschsprachigen Lehrbüchern.
90 Vgl. DRUMM, 1996a: 8.
91 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 249ff.
92 In diesem Zusammenhang erklärt MÜLLER (1999) beispielsweise, dass die „[ö]konomische
Theorie .. ihre Bedeutung dort [hat], wo sie in der Lage ist, Effizienzkriterien zu formulieren und
Hinweise zu Vertrags- und Organisationsgestaltung zu geben.“ (MÜLLER, 1999: 125.)
93 DRUMM, 1996a: 8.
94 Vgl. zur Unerlässlichkeit einer ökonomischen Fundierung personalwirtschaftlicher
Fragestellungen TERBERGER, 1994: 25; ferner SADOWSKI, 1991: 130. BACKES-GELLNER (1996)
kritisiert in diesem Zusammenhang, dass „Personalwirtschaftslehre, wie sie sich heute in
deutschsprachigen Lehrbüchern und der überwiegenden Mehrzahl publizierter
Forschungsergebnisse darstellt, ... bis auf wenige Ausnahmen nicht als ökonomische Disziplin
betrieben [wird] ...“, BACKES-GELLNER, 1996: 298.
95 Vgl. TERBERGER, 1994: 11ff.
Dezentralisierung der Personalarbeit 25
Kapitel I.3.2.1 eine vergleichende Zusammenfassung der Theorien der Neuen
Institutionenökonomik gegeben; auf eine detaillierte Darstellung der Theorien wird
hierbei jedoch verzichtet.
3.2.1 Vergleichende Zusammenfassung der institutionen-
ökonomischen Theorien
Das Analyseziel ökonomischer Theorien ist die Erklärung unterschiedlicher Institu-
tionen und deren Auswirkungen auf Organisationsmitglieder.96 Das Erkenntnis-
interesse ist auf folgende Fragestellungen gerichtet: (1) Welche Arrangements haben
bei welchen Arten von Koordinations- und Motivationsproblemen des ökonomischen
Austauschs die relativ geringsten Kosten und die größte Effizienz zur Folge? (2) Wie
wirken sich Koordinations- und Motivationsprobleme, Kosten und Effizienz auf die
Gestaltung der Institutionen, d.h. hier der Steuerungsmechanismen und -instrumente
aus?
Trotz dieses gemeinsamen Erkenntnisinteresses stellt die Neue Institutionenökono-
mik bis heute noch kein einheitliches Theoriengebäude dar, so dass keinesfalls von
einer einheitlichen institutionenökonomischen Theorie der Organisation gesprochen
werden kann.97 Vielmehr wird die Forschungsrichtung derzeitig von drei methodolo-
gisch verwandten Ansätzen repräsentiert, die sich ergänzen, sich teilweise aufeinan-
der beziehen, sich aber auch unterscheiden: die Theorie der Verfügungsrechte, die
Transaktionskostentheorie und die Agenturtheorie98. Diese institutionenökono-
mischen Ansätze sind durch weitgehend identische Annahmen über menschliches
Verhalten gekennzeichnet: Individuelle Nutzenmaximierung, begrenzte Rationalität99
96 Im Zentrum der Neuen Institutionenökonomik steht die Analyse von Organisationen, in deren
Rahmen ein Austausch von Leistungen erfolgt. Daher wird das relevante Theorienspektrum dem
Bereich der Organisationstheorien zugeordnet.
97 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 199.
98 Analog werden in der deutschsprachigen Literatur auch die Begriffe Prinzipal-Agent-Theorie und
Agency-Theorie verwandt, vgl. z.B. EBERS/GOTSCH, 2002; oder HARTMANN-WENDELS, 1992. In der
angloamerikanischen Literatur wird der Begriff der Prinzipal-Agent-Theorie vorwiegend für die
normative Forschungsrichtung, der Ausdruck der Agenturtheorie hingegen für den positiven
Forschungsstrang verwandt. Siehe hierzu die begriffliche Abgrenzung bzw. die entsprechenden
Ausführungen in Kapitel I.3.2.2.
99 Begrenzte Rationalität spiegelt die Tatsache wider, dass ökonomische Akteure nicht in der Lage
sind den Austausch vollständig bzw. lückenlos durch Vertrag oder marktliche Vereinbarung zu
regeln. Vgl. SIMON, 1957 und 1976, der den Begriff der Bounded Rationality maßgeblich prägte.
Ferner vgl. WILLIAMSON, 1985, sowie die Rezension dieses Beitrags von ALCHIAN/WOODWARD,
1988: 66. Anstelle von begrenzter Rationalität spricht die Agenturtheorie von unvollständiger
Information. Gemeint ist jedoch, ob nun begrenzte Rationalität oder unvollständige Information,
stets die Unfähigkeit der wirtschaftlichen Akteure, eine Situation in all ihren Einzelheiten und
Konsequenzen zu erfassen, d.h. es bleiben immer Wissenslücken bestehen. Vgl. DIETL, 1993:
134.
26
und opportunistisches Verhalten100 charakterisieren die Akteure und dominieren
folglich ihr Entscheiden und Handeln.101 Dennoch unterscheiden sich die Ansätze in
ihrer Theoriekonstruktion und in ihren Anwendungsmöglichkeiten. Die Besonderheit
der einzelnen Theorien ist vornehmlich auf die Wahl und die Beschreibung der unter-
suchten institutionellen Arrangements, die Merkmale der Austauschsituation sowie
auf die Bestimmung des Effizienzkriteriums zurückzuführen. Eine Gegenüberstellung
der Theorien liefert Tabelle 3.
Theorie der
Verfügungsrechte Transaktionskosten-
theorie Prinzipal-Agent-
Theorie
Untersuchungs-
gegenstand Institutionelle Rahmen-
bedingungen Transaktionsbeziehungen Beziehung zwischen Auf-
traggeber und Auftragneh-
mer
Untersuchungs-
einheit Individuum Transaktion Individuum
Effizienzkrite-
rium Summe der Transak-
tionskosten und Wohl-
fahrtsverluste aufgrund
externer Effekte
Summe der Produktions-
und Transaktionskosten Agenturkosten (Kosten der
Überwachung, Garantie-
kosten und Wohlfahrts-
verluste)
Verhaltensan-
nahmen Beschränkte Rationalität,
individuelle Nutzenmaxi-
mierung und opportunis-
tisches Verhalten
Beschränkte Rationalität,
individuelle Nutzenmaximie-
rung, opportunistisches
Verhalten und Risikoneutra-
lität der Akteure
Beschränkte Rationalität,
individuelle Nutzenmaximie-
rung, opportunistisches
Verhalten, Interessenunter-
schiede und Risikoneigung
der Akteure
Gestaltungs-
variable Handlungs- und Verfü-
gungsrechtsstruktur Institutionelles Arrangement Verträge
Tabelle 3: Theorien der Neuen Institutionenökonomik im Vergleich102
Den übergreifenden Ansatz stellt die Theorie der Verfügungsrechte dar, deren
Verdienst darin liegt, das Augenmerk auf die meist unberücksichtigt gebliebenen
100 In Anlehnung an WILLIAMSON (1985) und (1979) wird Opportunismus wie folgt definiert: „By
opportunistic I mean self-interest seeking with guile. This includes but is scarcely limited to more
blatant forms, such as lying, stealing and cheating. Opportunism more often involves subtile
forms of deceit. ... More generally, opportunism refers to the incomplete or distorted disclosure of
information, especially to calculated efforts to mislead, distort, obfuscate, or otherwise confuse.“
(WILLIAMSON, 1985: 47 und 1979: 234.) ALCHIAN/WOODWAR (1988) erklären, dass Opportunismus
aus der Addition von begrenzter Rationalität und selbstinteressiertem Verhalten resultiert. Ferner
erläutern sie: „Opportunism covers more than the propensity for mutually reliant parties to
mislead, distort, disguise, obfuscate, or otherwise confuse (...) in order to expropriate wealth from
one another. It includes honest disagreement.“ (ALCHIAN/WOODWARD, 1988: 66.)
101 Vgl. TERBERGER, 1994: 22f.
102 Quelle: In Anlehnung an PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 93. Vgl. hierzu auch PICOT, 1991: 153ff.
Siehe hierzu auch den Vergleich der Agenturtheorie mit anderen organisationstheoretischen
Ansätzen bei EISENHARDT, 1985: 138f.
Dezentralisierung der Personalarbeit 27
institutionellen Rahmenbedingungen zu lenken. Während bei verfügungsrechts-
theoretischen Überlegungen die Handlungs- und Verfügungsrechtsstruktur als
Gestaltungsvariable im Vordergrund steht, gilt dieser institutionelle Rahmen bei der
Transaktionskosten- wie bei der Agenturtheorie üblicherweise als Datum; sie nehmen
die Verteilung der Verfügungsrechte als gegeben an und prüfen, welche vertragliche
Regelung bei gegebener Verteilung zu wählen ist. Das Verhältnis der betrachteten
Theorien zueinander kann vereinfacht wie folgt dargestellt werden: Die Theorie der
Verfügungsrechte untersucht die Effizienz eines Wirtschaftssystems hinsichtlich
verfügbarer Institutionen. Mit Hilfe transaktionskosten- oder agenturtheoretischer
Argumentation wird aus diesem Analyserahmen die Koordination der Leistungs- und
Austauschbeziehung ausgewählt. Folglich sind die Ansätze der Transaktionskosten
und der Agenturbeziehung gegenüber der Theorie der Verfügungsrechte weitestge-
hend als komplementäre, untereinander hingegen vorwiegend als konkurrierende
Konzepte einzuordnen.103
Der entscheidende Unterschied zwischen Transaktionskosten- und Agenturtheorie
liegt in der Betrachtungsperspektive und der bevorzugten Vorgehensweise, nicht
jedoch im Untersuchungsgegenstand oder im zugrunde gelegten Menschenbild: Die
Agenturtheorie betrachtet den Wissensstand, die Informationsmöglichkeiten und die
Risikoneigung als unabhängige Variable, die Vertragsgestaltung als Entscheidungs-
variable und die Agenturkosten als Entscheidungskriterium. Hingegen stehen im
Mittelpunkt des transaktionskostentheoretischen Ansatzes der Leistungsaustausch
selbst und nicht die daran beteiligten ökonomischen Akteure.104 Agentur- wie auch
Transaktionskostentheorie stellen den Vertrag in das Zentrum ihrer Betrachtungen
und richten die Aufmerksamkeit vor allem auf die Probleme, die sich aus der unvoll-
ständigen Spezifizierung von Vertragskonditionen ergeben. Während jedoch die
Transaktionskostentheorie differenziert zwischen den Vertragsformen des klassi-
schen, neoklassischen oder rationalen Vertrags unterscheidet, belässt es die Agen-
turtheorie bei einem viel abstrakteren Vertragskonzept. Ein weiteres Unterschei-
dungsmerkmal liegt in der von der Agenturtheorie verfolgten ex ante-Betrachtung der
Austauschbeziehung, d.h. es wird implizit davon ausgegangen, dass sämtliche
Vertragsprobleme mit Abschluss der Vereinbarung gelöst sind. Hingegen vollzieht die
Transaktionskostentheorie eine Perspektivenerweiterung um eine ex post-
103 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 250; PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 92.
104 Dies bedeutet, dass die Transaktionskostentheorie nicht die Risikoneigung berücksichtigt, hierfür
jedoch den Eigenschaften der Transaktion Rechnung trägt.
28
Betrachtung, so dass der Ansatz auch Maßnahmen und Kosten einer nachträglichen
Anpassung, Absicherung und Durchsetzung von Vertragsbestandteilen analysiert.105
3.2.2 Begründete Auswahl der zugrunde gelegten Agenturtheorie
Als theoretischer Hintergrund für die Argumentation in der vorliegenden Arbeit wird
aus dem dargestellten ökonomischen Theorienspektrum die Agenturtheorie ge-
wählt.106 Gegenstand der Agenturtheorie ist die Beziehungsanalyse zwischen einem
Auftraggeber (Prinzipal) und einem Beauftragten oder Auftragnehmer (Agent) und
darauf aufbauend die Ableitung von Empfehlungen für die Vertragsgestaltung.107 Der
Prinzipal überträgt dem Agenten zur Durchführung des Auftrags einen gewissen Ent-
scheidungsspielraum und macht sich die spezialisierte Arbeitskraft und den Informa-
tionsvorsprung des Agenten zunutze. Neben den spezifizierten Verhaltensannahmen
betont die Agenturtheorie ungleiche Informationsverteilung sowie differierende
Risikoneigung der ökonomischen Akteure. Da eine immerwährende Übereinstim-
mung der Interessen als unwahrscheinlich gilt, sind so genannte Agenturprobleme zu
erwarten. Hierbei wird zwischen den Gefahren der Adverse Selection, des Moral
Hazard und des Hold Up unterschieden.108 Aus Sicht des Prinzipals ergibt sich somit
ein Bedarf nach Steuerungs- und Kontrollmechanismen, die den Agenten zu einem
auftragsmäßigen Leistungsverhalten veranlassen. Diese so genannten Governance
Mechanisms können sehr unterschiedlicher Art sein und reichen von Maßnahmen
der direkten Kontrolle, der Integration von Anreizkomponenten in die Vergütung bis
hin zur Nutzung von Informationssystemen. Durch eine effiziente, d.h. kosten-
günstige Einbeziehung von Steuerungs- und Kontrollmechanismen in die Vertrags-
gestaltung liefert die Theorie einen Lösungsansatz für spezifische Agentur- bzw.
Delegationsprobleme. Die Beurteilung der Vorteilhaftigkeit alternativer Gestaltungs-
formen der Vertragsbeziehung erfolgt anhand der entstehenden Agenturkosten.109
Das agenturtheoretische Grundmodell weist eine relativ einfache Theoriekonstruktion
auf, welches die Formulierung von Hypothesen über Koordinationsprobleme und
hierauf bezogene Steuerungsmechanismen vereinfacht.
105 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 249f.
106 Vgl. für eine komprimierte und überblicksartige Darstellung agenturtheoretischer Aussagen
PICOT/ DIETL/FRANCK, 1997: 82ff.; RICHTER/FURUBOTN, 1996: 163ff.; EBERS/GOTSCH, 2002: 209ff.;
FISCHER, 1995: 320ff.; HARTMANN-WENDELS, 1992: 72ff.; FURUBOTN/RICHTER, 1991: 18; ELSCHEN,
1991: 1004ff.; WELBOURNE, 1992; Karmann, 1992: 557ff.; ARROW, 1991: 37ff.; EISENHARDT, 1989:
57; FAMA/JENSEN; 1983a; FAMA, 1980; JENSEN/MECKLING, 1976.
107 Eine erste Begriffsabgrenzung geben JENSEN/MECKLING (1976), welche eine Agenturbeziehung
definieren „... as a contract under which one or more persons (the principal(s)) engage another
person (the agent) to perform some service in their behalf which involves delegating some
decision making authority to the agent.“ (JENSEN/MECKLING, 1976: 308.)
108 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel III.1.3.1.
Dezentralisierung der Personalarbeit 29
Im Folgenden werden zunächst jene Argumente dargelegt, die für die Auswahl der
Agenturtheorie sprechen. Hieran anschließend wird eine Begründung für die Auswahl
der spezifischen agenturtheoretischen Forschungsrichtung geliefert.
BEGRÜNDUNG DER SELEKTION DER AGENTURTHEORIE
Die Fundierung der Forschungsfrage mit der Agenturtheorie kommt der Forderung
nach einer stärkeren Ausrichtung auf ökonomische Theoriebezüge nach. Sie vermag
es, Organisationsprobleme zu erklären, Auswirkungen personalwirtschaftlicher
Koordinations- und Motivationsmechanismen auf menschliches Verhalten zu verdeut-
lichen und Erklärungsansätze für die Existenz unterschiedlicher Vertragsformen zu
geben. Die Wahl der Agenturtheorie lässt sich auf unterschiedliche Argumente
zurückführen, welche die Analyseeinheit, die Verhaltensannahmen aber auch die
Aussagen zu den Steuerungsmechanismen betreffen.
Die Verfasserin weist darauf hin, dass mit der Begründung der Auswahl der
Agenturtheorie an dieser Stelle keine explizite Anwendung der Agenturtheorie auf
den dargestellten Sachverhalt erfolgt und somit beispielsweise an dieser Stelle auch
keine Antwort darauf gegeben wird, inwieweit die Akteure innerhalb des
Beziehungsgeflechts dezentraler Personalarbeit die Funktion eines Prinzipals oder
eines Agenten einnehmen. Die konkrete Anwendung der Agenturtheorie auf die
identifizierte Forschungsfrage mit einer entsprechend fundierten Diskussion erfolgt
erst nach einer eher problembezogenen Darstellung der Theorieelemente im Kontext
der theoretischen Analyse delegativer Risiken in dezentralen Entscheidungs-
strukturen (Kapitel III.2).
Die Analyseeinheit betrachtend fokussiert die Agenturtheorie auf die Beziehung zwi-
schen Prinzipal und Agent, d.h. die vertraglich geregelte Zusammenarbeit, die die
Verlagerung von Entscheidungsautorität und Aufgaben begründet.110 Die agentur-
theoretische Argumentation wird gewählt, weil die vorliegende Forschungsarbeit auf
das vertragliche Beziehungsgeflecht personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger
abzielt. Dieses Vertragsgeflecht wird durch eine Vielzahl individueller Arbeitsverträge
gestützt, in welchen teilweise explizit, vermehrt jedoch implizit die Verlagerung
personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz festgelegt ist. Ziel ist es, die auf-
grund der Dezentralisierung der Personalarbeit entstanden Austauschbeziehungen
zwischen den unterschiedlichen personalwirtschaftlichen Entscheidungsträgern zu
analysieren. Es wird aufgezeigt, welche Organisationsprobleme entstehen und
109 Hierzu zählen Signalisierungs- und Kontrollkosten sowie der verbleibende Wohlfahrtsverlust.
110 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 215f.
30
welche Steuerungsmechanismen vertraglich zu fixieren sind, um die identifizierten
Delegationsrisiken zu minimieren. Hierbei liegt der Fokus auf der dezentralen
Linienkraft und ihrem Beziehungsgeflecht zu den anderen Trägern der Personal-
arbeit.
Die Intention, die mit umfassender Dezentralisierung im Generellen und innerhalb der
Personalarbeit im Speziellen verfolgt wird, besteht primär in der Nutzung des
Informationsvorsprungs der Linienkraft: Intensivierung der Vorgesetzten-Mitarbeiter-
Beziehung, zeit- und bedarfsgerechte Personalpolitik sowie Individualisierung der
Personalarbeit sind Vorteile, die sich die Unternehmensleitung zunutze machen
will.111 Die zwischen den zentral und dezentral agierenden Trägern der Personal-
arbeit bestehende Informationsasymmetrie ist infolgedessen ein spezifisches
Charakteristikum der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Entscheidungs-
kompetenz und -autorität. Hierin besteht ein weiterer Grund für die Wahl der
Agenturtheorie als theoretischen Zugang, denn sie bietet aufgrund der zugrunde
gelegten Verhaltensannahmen die Möglichkeit, den Wissensstand der ökonomischen
Akteure sowie die Informationsmöglichkeiten und -asymmetrien in die Betrachtung
mit einzubeziehen. Außerdem berücksichtigt die Agenturtheorie die
Verhaltensannahme unterschiedlicher Risikoneigung. Die Charakterisierung des
Prinzipals als risikoneutral und des Agenten als risikoavers ist vor dem Hintergrund
der Förderung unternehmerischen Verhaltens und der damit verbundenen Übertra-
gung von Ressourcenverantwortung eine bedeutende Annahme.112 Diese Verhal-
tensprämisse ist nicht nur für die Analyse der Vertragsbeziehung von entscheidender
Wichtigkeit, sondern erscheint auch für die Ableitung von Koordinations- und
Motivationsmechanismen unabdingbar. Eine weitere Prämisse zielt darauf, dass die
ökonomischen Akteure sich an individuellem Nutzen orientieren. Ferner schließt die
Agenturtheorie opportunistische Praktiken in das Annahmenbündel mit ein. Sie
unterstellt List, Betrug und Täuschung, so dass Leistungszurückhaltung oder
eigeninteressierte Vertragsauslegung mit zum Verhaltensrepertoire personalwirt-
schaftlicher Entscheidungsträger zählen. In diesem Zusammenhang konstatiert
DRUMM (1996a), dass „[d]ie praktische Umsetzung des Paradigmas neuer Dezentra-
lisation .. allenfalls dann eine Erfolgschance [hätte], wenn die Ausfüllung der von
diesem Paradigma geleiteten Organisationskonzeptionen sich an einem weniger
111 Siehe hierzu beispielsweise die Ausführungen in Kapitel II.2.1.
112 Die Verfasserin räumt ein, dass die Verhaltensannahmen von Risikoneutralität und -aversion die
Realität nicht zu jedem Zeitpunkt ausdrücken, sondern vielmehr analysevereinfachend sind.
Dennoch ist die hier angenommene Risikoneigung von Prinzipal und Agent zweckmäßig, da sie
eine notwendige Praxisnähe widerspiegelt.
Dezentralisierung der Personalarbeit 31
positiven Menschenbild orientiert.“113 Aufgrund der skizzierten Verhaltensannahmen
erscheint die Agenturtheorie geeignet, der Forderung nach einer detailgetreueren
Modellierung der realen Welt nachzukommen.
Die Agenturtheorie erscheint für die Fundierung der spezifizierten Forschungsfrage
deshalb besonders geeignet, da sie informationsökonomisch und entscheidungs-
theoretisch fundierte Analysen von Delegationsproblemen erlaubt.114 In der vor-
liegenden Arbeit geht es darum, probate Steuerungsmechanismen für eine
zielorientierte Beeinflussung der dezentral agierenden Führungskraft aufzuzeigen.
Vor allem in der Verknüpfung verschiedenartiger Koordinations- und Motivations-
mechanismen liegt der Erklärungsvorteil der Theorie.115 Der agenturtheoretischen
Argumentation folgend ist die vertragliche Austauschbeziehung zwischen den
Trägern der Personalarbeit derartig auszugestalten, dass das Effizienzkriterium der
Delegationskosten minimiert wird. Ziel ist es, einen gewinnbringenden Kompromiss
zwischen einer möglichst produktiven Entscheidungsdelegation und möglichst
reibungslosen Abstimmungsvorgängen zu finden.
BEGRÜNDUNG DER SELEKTION DES POSITIVEN FORSCHUNGSSTRANGS
Der Literatur nach zu urteilen, lassen sich im Rahmen der Agenturtheorie gegenwär-
tig zwei Forschungsrichtungen unterscheiden: Die normative Prinzipal-Agent-Theorie
und die positive Agenturtheorie.116 Beide Richtungen betrachten den Vertrag zwi-
schen Prinzipal und Agent als Analyseeinheit und legen den Untersuchungen die
gleichen Annahmen über Verhalten, Organisation und Information zugrunde. Den-
113 DRUMM, 1996a: 19.
114 Bei der Auseinandersetzung mit organisatorischen Delegationsproblemen greift LAUX (1988a)
ebenfalls auf eine Prinzipal-Agent-Beziehung zurück, indem er die Terminologie Instanz und
Entscheidungsträger zugrundelegt. LAUX (1988a, 1988b) legt seiner Argumentation das Delega-
tionswertkonzept zugrunde. Es befasst sich ebenfalls mit der Problematik der Prinzipal-Agent-
Beziehung und wird daher für Entscheidungssituationen mit sich gleichender Grundstruktur
konzipiert. Während jedoch das Kernproblem der Prinzipal-Agent-Theorie darin besteht,
dasjenige Belohnungssystem zu charakterisieren, dass unter den verschiedenen Annahmen über
Risikoverteilung und Informationsasymmetrie jeweils optimal ist, bleibt dieses beim Delegations-
wertkonzept offen. Vgl. hierzu LAUX, 1988a: 961 und LAUX, 1988b ferner beispielsweise auch
LAUX, 1990: 10ff.
115 Vgl. HOLMSTRÖM/MILGROM (1991), die betonen „Most past models of organization focus only on
one instrument at a time for determining incentives and a single activity to be motivated. Newer
theories, such as .. [the principal-agent-theory], that explicitly recognize connections between
instruments and activities, offer new promise to explain the richer patterns of actual practice.”
(HOLMSTRÖM/MILGROM, 1991: 50f.)
116 Vgl. hierzu und im Folgenden EISENHARDT, 1989: 59ff.; JENSEN, 1983: 334ff.; JENSEN/MECKLING,
1976: 309f. Vgl. ferner für eine Unterteilung der Prinzipal-Agent-Theorie in eine positive und
normative Forschungsrichtung RICHTER/FUROBOTN, 1996: 165f.; BREID, 1995: 822 f.; EBERS/
GOTSCH, 2002: 209f.; FISCHER, 1995: 320; PICOT/NEUBURGER, 1995: 15; TERBERGER, 1994: 27f.;
ELSCHEN, 1991: 1006; DONALDSON, 1990: 373f.
32
noch unterscheiden sich die Ansätze hinsichtlich ihrer Zielrichtung und der Anwen-
dung mathematischer Hilfsmittel.
Der normative (entscheidungslogisch, formalanalytische) Ansatz widmet sich der
formalen Darstellung einer optimalen Vertragsgestaltung und geht der Frage nach:
„... how to structure the contractual relation (including compensation incentives)
between the principal and agent to provide appropriate incentives for the agent to
make choices which will maximize the principal’s welfare given that uncertainty and
imperfect monitoring exists.“117 Die Prinzipal-Agent-Theorie stellt mathematische Ent-
scheidungsmodelle in den Vordergrund und behandelt die Probleme, indem indivi-
duelle Nutzenfunktionen einer Maximierung unter Nebenbedingungen unterzogen
werden. Charakteristisch für die Prinzipal-Agent-Theorie ist eine abstrakte Darstel-
lungsweise aufgrund der Formalisierung von Annahmen über die Agenturbeziehung
sowie deren nachfolgende logische und mathematische Überprüfung.118 Die positive
(explikative) Agenturtheorie befasst sich hingegen vorwiegend mit der Identifikation
von Situationen, in denen ein Zielkonflikt zwischen Prinzipal und Agent vorliegt und
empfiehlt Mechanismen, die das opportunistische Verhalten des Agenten einschrän-
ken. Das Ziel der Agenturtheorie ist die Erklärung von Vertragsstrukturen sowie von
tatsächlichem Organisationsverhalten. Die positive Agenturtheorie ist weniger mathe-
matisch orientiert und abstrahiert weitestgehend von formalen Randbedingungen,
unter denen Verträge geschlossen werden. Dieser Strang der Agenturtheorie weist
einen stärkeren empirischen Bezug auf.119 Thematisch schließt diese Forschungs-
richtung an die Theorie der Unternehmung und an die Organisationsforschung an.120
Folglich ist die organisationstheoretische Forschung stärker durch den positiven
Ansatz geprägt, d.h. sie fokussiert auf leistungsbezogene Anreiz- und Steuerungs-
systeme und weniger auf mögliche negative Folgen der Risikoverteilung.121
117 JENSEN/MECKLING, 1976: 309f.
118 Für Beiträge zur normativen Prinzipal-Agent-Theorie vgl. SAPPINGTON, 1991; KIENER, 1990; LAUX,
1989; HARTMANN-WENDELS, 1989; REES, 1985a und 1985b; HOLMSTRÖM 1979; SHAVELL, 1979;
HARRIS/RAVIV, 1979 und 1978; MIRRLESS, 1976; STIGLITZ, 1974; ROSS, 1973; SPENCE/ZECK-
HAUSER, 1971.
119 Für eine Übersicht empirischer Forschungsarbeiten sowohl im Rahmen der positiven
Agenturtheorie als auch der normativen Prinzipal-Agent-Theorie vgl. EISENHARDT, 1989: 66ff.
120 Starken Einfluss auf die Forschungsrichtung der positiven Agenturtheorie hatten insbesondere
die Beiträge von JENSEN/MECKLING, 1976; FAMA, 1980; FAMA/JENSEN, 1983a, die sich primär mit
der Anwendung der Theorie auf das Problem der Trennung zwischen Eigentum und Kontrolle
beschäftigten. Vgl. hierzu auch RICHTER/FURUBOTN, 1996: 166; EISENHARDT, 1989: 59. Insbe-
sondere neuere Forschungsbeiträge in der angloamerikanischen Literatur greifen zunehmend auf
die positive agenturtheoretische Argumentation zurück.
121 Beispielsweise stellen BEATTY/ZAJAC (1994) die Implikationen für Überwachungsinstrumente und
Anreizsysteme heraus: „..., [W]hile the positive agency literature highlights the value of placing
greater amounts of managerial compensation and managerial wealth at risk by tying it closer to
Dezentralisierung der Personalarbeit 33
Der vorliegenden Arbeit liegt eine positive, agenturtheoretische Fundierung zu-
grunde. Auf eine Formalisierung der Organisationsprobleme und eine anschließende
mathematische Überprüfung wird explizit verzichtet, da das formale Modell der
Prinzipal-Agent-Theorie an sehr viel engere Grenzen stößt als eine verbale neo-
institutionalistische Argumentation. Dem positiven Agenturtheorie-Modell gelingt es,
weitaus mehr Facetten der Realität einzufangen und es kann somit als realitätsnäher
bezeichnet werden. In diesem Kontext konstatiert MÜLLER (1995), dass es den
Forschern des normativen Ansatzes vornehmlich um die Eleganz der mathemati-
schen Formulierung geht und weniger um die Modellierung empirischer Regelmäßig-
keiten. Daher ist es vor allem die positive Agenturtheorie, der es gelingt, „... jene
wichtigen, als Agency-Beziehungen bezeichneten Interaktionsbeziehungen [zu erklä-
ren], die im sozialen Leben überall anzutreffen sind.“122
3.3 Gang der Untersuchung
Das der Argumentation und dem Aufbau der Arbeit zugrunde liegende wissenschaft-
liche Vorgehen entspricht dem der Deduktion.123 Das deduktive Vorgehen stellt eine
grundlegende Form logischen Schließens dar, deren Bedeutung weit über wissen-
schaftliche Zusammenhänge hinausgeht. Kennzeichen der deduktiven Methode ist,
dass eine Aussage mit Hilfe bestimmter Schlussregeln aus existenten Annahmen
abgeleitet wird. Die Deduktion lässt hierbei nur Schlüsse von allgemeinen auf
besondere Sätze zu, d.h. ein zusätzlicher Informationsgehalt kann durch diese
Methode nicht gewonnen werden.
Die in der vorliegenden Arbeit angewandte deduktive Modellanalyse entspricht dem
Denken in theoretischen Modellen. Diese Form des Modelldenkens, die auch als
realtheoretische Modellanalyse bezeichnet wird, ist vor allem für die betriebswirt-
schaftliche Forschung und folglich auch für die Personalforschung als methodolo-
gische Leitidee von Bedeutung. Modelle im Sinne dieser realtheoretischen Analyse
besitzen in erster Linie die Funktion, empirisch gehaltvolle Theorien, wie sie in
verhaltenswissenschaftlichen Disziplinen oder auch in ökonomisch orientierten An-
sätzen vorkommen, auf betriebswirtschaftliche Probleme hin zu konkretisieren. Die
firm performance (...), the normative agency literature stresses the need to consider the potential
disadvantages of forcing managers to bear excessive compensation risk (...).“ (BEATTY/ZAJAC,
1994: 313.)
122 MÜLLER, 1995: 72.
123 Von einem wissenschaftlichen Vorgehen wird dann gesprochen, wenn die Art und Weise des
Vorgehens systematisch erfolgt, d.h. es werden definierte Verfahrensregeln angewandt. Der
Ausdruck betriebswirtschaftliche Methode umfasst dementsprechend alle systematischen Proze-
duren, die der Lösung betriebswirtschaftlicher Probleme bzw. der Realisierung betriebswirtschaft-
licher Ziele dienen und deren Anwendung und Resultate eine überindividuelle Relevanz besitzen.
34
Modellbildung wird somit zu einem Instrument der Anwendung einer oder mehrerer
Theorien auf spezielle in der Praxis beobachtbare Probleme.124 Zwar wird den axio-
misch-deduktiven Modellanalysen aufgrund des Verzichts auf eine empirische Über-
prüfung nur geringe Aussagekraft zugesprochen,125 dennoch unterstreicht RAFFÉE
(1989) die wertvollen Analyseergebnisse, die insbesondere auf Grundlage des
Denkens in theoretischen Modellen zu erzielen sind.126 Basierend auf der Deduktion
im Sinne des Denkens in theoretischen Modellen orientiert sich der Gang der Unter-
suchung am anerkannten wissenschaftlichen Vorgehen von Erklärung, Prognose und
Gestaltung (siehe bereits an dieser Stelle Abbildung 1). Wie sich dieses Vorgehen im
Gang der Untersuchung widerspiegelt wird im Folgenden dargelegt.
Im Abschnitt I wurde zunächst die Problemstellung dieser Arbeit aufgezeigt, indem
unter anderem der Stand der Dezentralisierungsforschung kurz skizziert wurde
(Kapitel I.1). Aus dem in Kapitel I.2 aufgezeigten Forschungsdefizit wurden die
Fragestellung und Zielsetzung abgeleitet, die Notwendigkeit der agenturtheoreti-
schen Fundierung begründet und auf die wissenschaftliche Vorgehensweise ge-
schlossen (Kapitel I.3).
Die Entwicklung des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen bildet den
Mittelpunkt des Abschnitts II. Um den Mangel einer unpräzisen Begriffsklärung zu
minimieren, erfolgt in Kapitel II.1 die inhaltliche Positionierung untersuchungsrelevan-
ter Kernbegriffe wie Personalmanagement (Kapitel II.1.1), Funktionen und
Aufgabenlogik (Kapitel II.1.2) sowie Träger der Personalarbeit (Kapitel II.1.3). Ferner
werden Begriffskonstrukte wie Vertrag bzw. Vertragsbeziehung definiert, da diese
den personalwirtschaftlichen Entscheidungsträgern als vertragliche Basis dienen
(Kapitel II.1.4). In Kapitel II.2 wird die Dezentralisierungsforschung insoweit reflek-
tiert, wie diese als Grundlage für die Entwicklung des konzeptionellen Analyserasters
dezentraler Entscheidungsstrukturen dient sowie für die agenturtheoretische Analyse
von Delegationsrisiken relevant ist. Hierbei wird zunächst auf die Dezentralisierung
als organisatorische Neuorientierung abgestellt (Kapitel II.2.1). Daran anschließend
werden jene Funktionen und Aufgaben identifiziert, die in die Linie delegiert werden
124 Vgl. RAFFÉE, 1989: 17. Dabei beschränkt sich die Modellbildung keinesfalls auf die Erstellung
theoretischer Erklärungsmodelle, sondern das Denken in theoretischen Modellen umfasst auch
sämtliche Entscheidungsmodelle, die einen mehr oder weniger großen theoretischen Hintergrund
aufweisen.
125 Vgl. RAFFÉE, 1989: 16. Problematisch erweist sich, dass bei der axiomisch-deduktiven
Modellanalyse zuerst grundlegende Annahmen getroffen werden, die empirisch nicht weiter
überprüft werden. Aus diesen postulierten Modellannahmen werden dann durch logische
Verknüpfungen Schlussfolgerungen abgeleitet, die lediglich besagen, was empirisch gelten
müsste, wären die Annahmen empirisch gehaltvoll.
126 Vgl. RAFFÉE, 1989: 17.
Dezentralisierung der Personalarbeit 35
(Kapitel II.2.2) und die Implikationen für Träger und Inhalte der Personalarbeit
diskutiert (Kapitel II.2.3). Eine resümierende Würdigung in Kapitel II.2.4 beschließt
die detaillierten Ausführungen zur Dezentralisierung der Personalarbeit. An die Dar-
legung dezentraler Personalorganisation und -arbeit und deren Auswirkungen
schließt sich die Entwicklung des konzeptionellen Analyserasters an (Kapitel II.3), der
den Rahmen der agenturtheoretischen Analyse bildet. Hierfür wird in Kapitel II.3.1
der Begriff der Dezentralisierung zunächst in Bezug auf seine Wortbedeutung und
seinen -gebrauch abgegrenzt und eine für die Arbeit geltende Begriffsbestimmung
geliefert. In Kapitel II.3.2 werden all jene dezentralisierungsrelevanten Aspekte der
Entscheidungsstruktur aufgezeigt, die für die Entwicklung des Analyserasters von
entscheidender Bedeutung sind. Die konkrete Entwicklung des Analyserasters
dezentraler Entscheidungsstrukturen erfolgt in Kapitel II.3.3; eine exemplarische
Anwendung des Analyserasters für die Funktion der Personalbeschaffung schließt
sich an (Kapitel II.3.4). Eine resümierende Würdigung beschließt die Entwicklung des
konzeptionellen Analyserasters (Kapitel II.3.5).
Der Abschnitt III fokussiert auf die in der Wissenschaft anerkannte Agenturtheorie,
wobei die Darstellung der Theorie nicht problemabstrahiert, sondern anwendungs-
bezogen erfolgt. Hierbei werden zunächst das Erkenntnisinteresse (Kapitel III.1.1)
und grundlegende Annahmen erläutert (Kapitel III.1.2) sowie die Hauptaussagen der
Theorie dargelegt (Kapitel III.1.3). Eine kritische Würdigung der Agenturtheorie
(Kapitel III.1.4) und Überlegungen zur Kopplung des agenturtheoretischen Aussagen-
systems mit Theoriekonstrukten anderer Ansätze (Kapitel III.1.5) runden die
theoretische Grundlage ab. Die in Kapitel III.2 durchzuführende agenturtheoretische
Analyse dient einerseits der Prognose von Delegationsproblemen sowie andererseits
der Voraussage von kostenminimierenden Koordinations- und Motivations-
mechanismen dezentraler Entscheidungsstrukturen. Hierzu werden innerhalb des
Kapitels III.2.1 die Charakteristika der Entscheidungsträger dezentraler Personal-
arbeit spezifiziert und in Kapitel III.2.1 wird das Vertragsgeflecht zwischen den
Entscheidungsträgern herausgearbeitet. Das anschließende Kapitel III.2.3 widmet
sich der Ermittlung des Entwicklungsbedarfs des Entscheidungsträgers Linienkraft im
Sinne der Adverse Selection-Problematik. Adäquate Koordinations- und Motivations-
mechanismen für die Reduktion des Delegationsrisikos Moral Hazard werden in
Kapitel III.2.4 erarbeitet. Die Ableitung dieses auf der Moral Hazard-Problematik
aufbauenden Geflechts koordinierender und motivierender Mechanismen bildet den
Mittelpunkt der agenturtheoretischen Analyse; sie nimmt daher auch den meisten
Raum innerhalb der Untersuchung ein. In Kapitel III.2.5 werden anschließend
Vorschläge für die Verminderung des Risikos bei Humankapitalinvestitionen in
36
dezentralen Entscheidungsstrukturen skizziert. Das Kapitel III.2.6 fasst die
Ergebnisse zusammen und beschließt den Abschnitt III.
Abschnitt IV umfasst pragmatische Gestaltungs- und Handlungsempfehlungen für die
Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz in die Linie. Hierzu
werden zunächst die Ergebnisse der agenturtheoretischen Analyse delegativer
Risiken und ihrer Steuerungsmechanismen zusammengefasst (Kapitel IV.1) und wie
folgt systematisiert: bürokratische (Kapitel IV.1.1), marktliche (Kapitel IV.1.2) und
sozial-familiäre (Kapitel IV.1.3) Mechanismen der Koordination und Motivation. Das
Kapitel IV.1.4 fasst die Analyseergebnisse in einem Personalmanagementdesign zur
Steuerung von Personalverantwortlichen in der Linie zusammen. Das Kapitel IV.2
zeigt Gestaltungs- und Handlungsempfehlungen für die Praxis auf, die sich einerseits
aus dem Analyseraster ergeben (Kapitel IV.2.1) und sich andererseits aus der
agenturtheoretischen Analyse ableiten lassen (Kapitel IV.2.2). In Kapitel IV.2.3 wird
ein zusammenfassender Überblick über die Gestaltungsempfehlungen gegeben. Ein
abschließendes Fazit und Folgerungen für theoretische und empirische Forschungs-
arbeiten runden die Arbeit ab (Kapitel IV.3). Einen komprimierten Überblick über die
Argumentationsschritte und den hieraus resultierenden Gang der Untersuchung
liefert Abbildung 1.
Dezentralisierung der Personalarbeit 37
Abschnitt I
Problemstellung mit Identifikation von Forschungsdefiziten
Ableiten des Forschungsziels und des Gangs der Untersuchung
Abschnitt II
Inhaltliche Begriffspositionierung und Stand der Forschung
Entwicklung des konzeptionellen Bezugsrahmens dezentraler
Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit
Abschnitt III
Agenturtheoretische Analyse von Delegationsrisiken in dezentralen
Entscheidungsstrukturen Ableiten von Mechanismen der Koordination und
Motivation des Entscheidungsverhaltens in der Linie
Abschnitt IV
Entwurf eines effizienten Personalmanagementdesigns zur Steuerung von
Personalverantwortlichen in dezentralen Entscheidungsstrukturen
Ableiten von Handlungs- und Gestaltungsempfehlungen für die Praxis
Erklärung
Erklärung und Prognose
Gestaltung
Abbildung 1: Gang der Untersuchung
Zusammengefasst besitzt die Forschungsarbeit einen konzeptionell-analytischen und
einen gestaltenden Schwerpunkt: Grundlage des konzeptionell-analytischen Teils
bildet die Entwicklung des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen
(Abschnitt II), der als Basis der agenturtheoretischen Konkretisierung von Dele-
gationsproblemen und -risiken dient. Hieran schließt sich die Ableitung adäquater
Koordinations- und Motivationsmechanismen zur Steuerung dezentral agierender
Entscheidungsträger in der Personalarbeit an (Abschnitt III). Der gestaltende Teil der
Forschungsarbeit beinhaltet die Konstruktion eines effizienten Personalmanage-
mentdesigns auf Basis der theoretischen Ergebnisse (Abschnitt IV). Über den im
38
Untersuchungsdesign enthaltenen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt hinaus,
dienen die Forschungsergebnisse zusätzlich auch der betriebswirtschaftlichen
Praxis. Es werden Koordinations- und Motivationsinstrumente für die mit der Dezent-
ralisierung einhergehenden Delegationsrisiken formuliert. Das Forschungsvorhaben
liefert einen Ansatz dafür, Delegationsrisiken frühzeitig zu erkennen und entstehende
Delegationskosten durch den Einsatz personalwirtschaftlicher Steuerungs-
instrumente zu minimieren. Dadurch kann eine effiziente Gestaltung dezentraler
Personalarbeit erzielt und folglich der personalwirtschaftliche Beitrag zum Unter-
nehmenserfolg erhöht werden.
„Zweck des Disputs oder der Diskussion soll nicht der Sieg,
sondern der Gewinn sein.“
(JOSEPH JOUBERT)
II Dezentrale Entscheidungsstrukturen
in der Personalarbeit – Stand der
Diskussion und konzeptionelles
Analyseraster
1 Inhaltliche Positionierung untersuchungsrelevanter Begriffskonstrukte
Als Vorstufe für die Entwicklung des Analyserasters und die sich daran anschlie-
ßende Analyse koordinierender und motivierender Mechanismen wird an dieser
Stelle eine Klärung grundlegender und untersuchungsrelevanter Begriffe durchge-
führt. In Anlehnung an WÄCHTER (1992b) können Begriffe und die mit ihrer Hilfe
konstruierten Theorien als Arbeitsmittel oder Denkwerkzeuge verstanden werden, die
das theoretische Denken wie das praktische Handeln grundlegend ordnen. Indem
Begriffsbestimmungen gewisse Sichtweisen festlegen und bestimmte Sachverhalte
erfassen, wird deutlich, dass die präzise Definition untersuchungsrelevanter Begriffe
nicht nur für den Wissenschaftler, sondern auch für den Praktiker von erhöhtem Wert
ist.1
Dass die Abgrenzung der Kernbegriffe erst in dieser Arbeitsphase erfolgt, liegt darin
begründet, dass diese erst mit bzw. während der Konkretisierung der Fragestellung
und der Formulierung der Zielsetzung gewachsen sind. Begriffsbestimmung und
-bildung sind Bestandteil der Forschungsarbeit und stellen in diesem Sinne selbst ein
Ergebnis des Forschungsprozesses dar. Im Folgenden werden daher zunächst „...
vor dem Eindruck eines in der Personalwirtschaftslehre besonders ausgeprägten
‚Begriffswirrwarrs’ ...“2 einige zentrale Begriffe der Personalarbeit gegeneinander
abgegrenzt, respektive definiert.
Zunächst erfolgt eine Abgrenzung des Begriffs Personalarbeit und damit einherge-
hend eine Definition des untersuchungsrelevanten Begriffs Personalmanagement
(Kapitel II.1.1). Dies ist notwendig, da das Ziel der Arbeit in der Entwicklung eines
1 Vgl. WÄCHTER, 1992b: 316.
2 METZ, 1995: 38.
40
effizienten Personalmanagementdesigns zur Steuerung von Personalverantwortli-
chen in dezentralen Entscheidungsstrukturen besteht. Eine Klärung des in der Lite-
ratur sehr heterogen gebrauchten Terminus ist daher dringend erforderlich. Darauf
aufbauend wird die vorherrschende Auffassung einer funktionsorientierten Gliede-
rung der Personalarbeit diskutiert (Kapitel II.1.2). Diese Perspektive wird innerhalb
der agenturtheoretischen Analyse zur Ableitung von Agenturproblemen und damit
einhergehenden Delegationsrisiken aufgegriffen, was eine detaillierte Betrachtung
unumgänglich macht. Weiterhin macht es die agenturtheoretische Argumentation
notwendig, in Kapitel II.1.3 die Linienführungskraft als Träger personalwirtschaftlicher
Handlungen und Aktivitäten zu charakterisieren und ihre unterschiedlichen Erwar-
tungen an die Personalarbeit darzustellen. Somit kommt die vorliegende Arbeit der
Forderung nach einer stärkeren Forcierung der institutionsorientierten Betrachtungs-
weise nach. Ferner wird auf die vertragliche Basis der Zusammenarbeit personal-
wirtschaftlicher Entscheidungsträger eingegangen (Kapitel II.1.4). Die Definition des
Begriffskonstrukts Dezentralisierung erfolgt innerhalb der Analyserasterentwicklung;
die inhaltliche Nähe zu den dezentralen Entscheidungsstrukturen spricht gegen die
Erläuterung in diesem Kapitel und ist ausschlaggebend für die Abgrenzung in Kapi-
tel II.3.
1.1 Das Personalmanagement
Neben dem im Folgenden zu definierenden Begriff des Personalmanagements exis-
tieren in Wissenschaft und Praxis weitere Termini ähnlicher Bedeutung. Hierbei
orientiert sich die gegenwärtige Diskussion an den Begriffen der Personalwirtschaft3,
des Personalwesens4 und der Personalarbeit5 und die Darstellung fokussiert folglich
3 Personalwirtschaft wird verstanden als betriebswirtschaftliche (Quer-)Funktion eines Unter-
nehmens. Die primäre Fragestellung ist geprägt durch das Spannungsfeld zwischen dem
Streben nach effizientem Einsatz aller Produktionsfaktoren – auch des Faktors Humankapital
und den Besonderheiten des Produktionsfaktors Arbeit. Hier spielen insbesondere die personale
Gebundenheit der Arbeit, die Werthaltungen sowie Ziele und Motive der Individuen eine wichtige
Rolle. Der Terminus Personalwirtschaft bringt somit zum Ausdruck, dass Personal unter
wirtschaftlichen (ökonomischen) Bedingungen eingesetzt wird. Vgl. OECHSLER, 1997: 13; BISANI,
1995: 38; WEBER/MAYRHOFER/NIENHÜSER, 1993: 220; DRUMM, 1992: 7.
4 Personalwesen wird hier verstanden im Sinne eines institutionellen Orts oder Handlungsfelds
innerhalb einer Unternehmung, d.h. dieser Begriff wird vornehmlich institutionell interpretiert. Der
Begriff des Personalwesens beinhaltet im Allgemeinen verwaltungsmäßige Aufgaben: Personal-
arbeit wird inhaltlich definiert, Personalprobleme werden als solche erkannt und Lösungen
veranlasst. Das Personalwesen umfasst verschiedene Akteure und kann von Unternehmen zu
Unternehmen unterschiedlich konfiguriert sein. Vgl. METZ, 1995: 39; HENTZE, 1994a: 26; WEBER/
MAYRHOFER/NIENHÜSER, 1993: 220; WEBER, 1992. 1826f.
5 Personalarbeit betont die direkte Verhaltensbeeinflussung, d.h. im Vordergrund steht die Summe
aller Tätigkeiten, die sich der Gestaltung menschlicher Arbeit in zweckgerichteten sozialen Syste-
men widmen. Personalarbeit zielt somit auf faktische Handlungen und auf den tagtäglichen
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 41
vornehmlich auf eine funktionalistische Betrachtungsweise. Als Funktionen werden
Vorgänge bezeichnet, so genannte Teilaufgaben, die für die bestehende Organisa-
tion notwendig sind und durch die Segmentierungsprozesse generiert werden.6
Neben dieser rein funktionsbezogenen Sichtweise auf die Personalarbeit werden in
der Literatur weitere Perspektiven diskutiert,7 wie beispielsweise eine akteurs- oder
eine institutionsbezogene Betrachtungsweise betrieblicher Personalarbeit.8
Der Begriff des Personalmanagements fokussiert eine institutionenbezogene Sicht-
weise auf die betriebliche Personalarbeit. Denn wird der frühen Auffassung von
REMER (1978) gefolgt, so bezieht sich Personalmanagement als wissenschaftlicher
Begriff auf die Theorie der Unternehmung und es liegt ihm der Ansatz der Unter-
nehmensführung als Gesamtheit systematisierter zielorientierter Handlungen
zugrunde. Der Begriff des Personalmanagements ist durch eine struktur- und
systemgestaltende Sichtweise gekennzeichnet, d.h. hierunter wird „... ein Vorgang
verstanden, der ... die Bestimmung von Zwecken (oberste Ziele), die Planung von
Strukturen (strukturelle Mittel) und Maßnahmen zur konkreten Gestaltung der Struk-
turen (Aktionsprogramme) umfasst. Auf eine Kurzformel gebracht, wird Personal-
management .. begriffen als Konzipierung und konkrete Gestaltung arbeitsteiliger
organisierter Strukturen auf dem Wege der Selektion von Zielen und Mitteln des
Einsatzes von Menschen in diesen Strukturen.“9 Im Rahmen ihrer umfassenden
Begriffsabgrenzung konstatieren GAUGLER/OECHSLER/WEBER (2004), dass mit dem
Terminus des Personalmanagements oder des Human Resource Managements,
verglichen mit anderen Konzepten wie beispielsweise denen des Personalwesens,
der Personalpolitik oder der Personalwirtschaft, ein deutlicher konzeptioneller
Unterschied verbunden ist. Personalmanagement wird als langfristig, oftmals
strategisch orientiertes Management verstanden, dass auf die Personalressource als
wichtigen Erfolgs- und zentralen Wettbewerbsfaktor ausgerichtet ist. Die additiv
gewachsenen Aufgaben betrieblicher Personalarbeit werden integrativ in einem
Vollzug personalwirtschaftlicher Aktivitäten unabhängig von spezifischen Akteuren. Vgl. METZ,
1995: 39; WEBER/MAYRHOFER/NIENHÜSER, 1993: 198; WÄCHTER, 1992a: 2202.
6 Vgl. WRIGHT/ROWLAND/WEBER, 1992: 1150.
7 So diskutieren beispielsweise WRIGHT/ROWLAND/WEBER (1992) eine individualistische Perspek-
tive, eine mikrosoziale oder Gruppenperspektive, eine makrosoziale oder innerorganisationale
Problemperspektive auf die Personalarbeit. Ferner diskutieren die Autoren entscheidungs-
theoretische, konfliktorientierte und strategische Sichtweisen auf die Personalarbeit, vgl. WRIGHT/
ROWLAND/WEBER, 1992: 1150f.
8 Die letztgenannten Sichtweisen werden allerdings nicht in voller Entschlossenheit verfolgt, was
nach METZ (1995) besonders schwerwiegende Folgen für die Auseinandersetzung mit institutio-
nellen Fragestellungen hat (vgl. METZ, 1995: 31ff.).
9 REMER, 1978: 19f.; im Original: teilweise Hervorhebungen.
42
Gesamtkonzept vereinigt und mit der Unternehmensstrategie verknüpft.10 Im angel-
sächsischen Sprachgebrauch wird Personalmanagement daher definiert als „... a set
of policies designed to maximize organizational integration, employee commitment,
flexibility and the quality of work.“11
Reflektiert man die Literatur, beinhaltet Personalmanagement einen durch die und für
die Unternehmensführung konzipierten und formulierten sowie umgesetzten
Steuerungs- und Koordinationsanspruch bezüglich der operativen Personalarbeit.12
Die Aufgaben des Personalmanagements gliedern sich DOMSCH/GERPOTT (1992)
zufolge in Planung, Umsetzung und Kontrolle sämtlicher Maßnahmen, die auf die
Verfügbarkeit des zur Erreichung der Unternehmensziele erforderlichen Personals
und auf die bewusste unternehmenszieladäquate Verhaltensbeeinflussung des im
Unternehmen tätigen Personals zielen.13 Personalmanagement begründet somit die
Gestaltung von Systemen und die Steuerung von Prozessen im Unternehmen. Die
Integrationsfunktion stellt GUEST (1987) besonders heraus, indem er betont, dass
„[t]he third aspect of integration .. concerns the attitudes and behaviour of line man-
agers. Their recognition of the importance of human resources and of the need to
engage in practices which reflect this understanding is crucial to successful business
management.“14
Vor diesem Hintergrund wird in der vorliegenden Arbeit der Terminus Personalma-
nagement begriffen als ein aus der Unternehmensstrategie und -struktur abgeleitetes
Gesamtsystem personalwirtschaftlicher Funktions- und Aufgabenfelder zur Verhal-
tenssteuerung des Faktors Personal. Entsprechend der in Kapitel I.3.1 formulierten
Zielsetzung besteht das Vorhaben dieser Arbeit in der Entwicklung eines gesamt-
heitlichen Systems personalwirtschaftlicher Mechanismen, welche die Koordination
und Motivation von Personalverantwortlichen in dezentralen Entscheidungsstrukturen
gewährleistet. Folglich wird in dieser Arbeit ein Personalmanagementdesign
entwickelt, welches Unternehmen befähigt, die dezentral agierenden Linienkräfte im
Sinne der Unternehmens- und Personalstrategie zu steuern.
1.2 Funktionen und Aufgabenlogik der Personalarbeit
Die funktionale Perspektive der betrieblichen Querschnittsfunktion spiegelt sich im
Begriff der operativen Personalarbeit wieder. Kerngebiete der Personalarbeit sind die
10 Vgl. GAUGLER/OECHSLER/WEBER, 2004: 1660f.; ferner WEBER, 1992: 1827; LIEBEL/OECHSLER,
1994: 1ff.
11 GUEST, 1987: 503.
12 Vgl. hierzu exemplarisch BÜHNER, 1991: 6f.
13 Vgl. DOMSCH/GERPOTT, 1992: 1935.
14 GUEST, 1987: 512.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 43
Gewinnung und Auswahl geeigneter Mitarbeiter, die Anreiz- und Betreuungsproble-
matik, Integrations- und Führungsaufgaben sowie Trainings- bzw. Aus- und Weiter-
bildungsmaßnahmen.15 Innerhalb dieser funktionsbezogenen Betrachtungsweise
bereitet die Entwicklung eines vollständigen und überschneidungsfrei konzipierten
Katalogs an Personalaufgaben Schwierigkeiten. KOSSBIEL (1980) verweist – sich
dieses Vorbehalts wohl bewusst – auf folgende Aufgabenkomplexe der Personalar-
beit: Festlegung der Personalpolitik, Personalbereitstellung und -entlohnung, Perso-
nalbetreuung und -führung sowie Verwaltung.16
Eine mögliche Ordnung der Aufgabenbereiche betrieblicher Personalarbeit ist die in
Abbildung 2 dargestellte, exemplarische Übersicht interdependenter Funktionsfel-
der.17 Wird dieser Untergliederung von DOMSCH/GERPOTT (1992) gefolgt, dann bedarf
es zunächst eines möglichst präzisen und aus der Unternehmensplanung abgelei-
teten Personalbedarfs, der dem Personalbestand gegenüber gestellt wird. Aus die-
sem Vergleich ergeben sich Personalbeschaffungs- und -entwicklungsnotwendig-
keiten im Sinne einer Qualifikationsveränderung oder aber auch – bei negativem
Personalbedarf – die Notwendigkeit der Freisetzung von Personal. Veränderungen
im Personalbestand gehen mit der Modifikation in der Zuordnung von Mitarbeitern zu
Stellen sowie der daran gekoppelten Gestaltung von Arbeitsbedingungen, dem
Personaleinsatz einher. Dieser steht wiederum in enger Verbindung zum Aufgaben-
feld der Kompensation im Sinne von Entgelt und Sozialleistungen.18 Die von der
Unternehmensleitung definierte Personalpolitik integriert durch Vorgabe von Visionen
und Richtlinien schließlich die interdependenten Aufgabenbereiche der
Personalarbeit zu einem kohärenten Gesamtsystem. Eine vergleichbare Einteilung
personalwirtschaftlicher Handlungsfelder wird von SCHOLZ (1993) im Rahmen der
funktionalen Prozesslogik mit dem Anspruch durchgeführt, eine Systematisierung zu
erzielen, die vollständig und umfassend ist.19
15 Vgl. WEBER/MAYRHOFER/NIENHÜSER, 1993: 198.
16 Vgl. KOSSBIEL, 1980: 1873.
17 Vgl. DOMSCH/GERPOTT, 1992: 1935f. Vgl. auch die Übersicht zur Gliederung der Personalplanung
bei OECHSLER, 1997: 112; LIEBEL/OECHSLER, 1994: 28.
18 DOMSCH/GERPOTT (1992) definieren ferner übergreifende Querschnittsfunktionen wie Personal-
verwaltung, -informationssysteme, und –controlling sowie Mitarbeiterführung und Zusammen-
arbeit, die die abgegrenzten Funktionsfelder überlagern. Vgl. DOMSCH/GERPOTT, 1992: 1935f.
Aufgrund der wenig überzeugenden logischen Zuordnung dieser Funktionen verzichtet die
Verfasserin auf die Darstellung der Querschnittsfunktionen (siehe auch Abbildung 2).
19 Vgl. SCHOLZ, 1993: 45. Folgende Aufgabengebiete werden untergliedert: Bestandsanalyse,
Bedarfsbestimmung, Beschaffung und Entwicklung, Freisetzung, Veränderungsmanagement,
Personalführung und Kostenmanagement. In Analogie vgl. hierzu die funktionale Gliederung der
Personalwirtschaftslehre von HENTZE (1994a). Er unterscheidet die Aufgabenstellungen und
Gestaltungsinstrumente der Personalbedarfsermittlung, Beschaffung und Entwicklung, Personal-
44
Personalpolitik
Personal-
bedarfsermittlung
Personal-
entwicklung
Personal-
bestandsanalyse
Personal-
beschaffung Personal-
freisetzung
Personal-
entgelt
und
Sozial-
leistungen
Personal-
einsatz
... ist abhängig von ...
Abbildung 2: Aufgabenfelder des Personalmanagements20
Unter Rückgriff auf die obige Definition von Personalmanagement als ein integratives
Koordinations- und Motivationssystem wird der Human Resource Management-
Ansatz der Michigan School als eine weitere Systematisierung personalwirtschaft-
licher Aufgabenfelder herangezogen. In Anlehnung an die Arbeiten von TICHY/
FOMBRUN/DEVANNA (1982 und 1984) werden vier Teilfunktionen unterschieden:
Personalauswahl, Leistungsbeurteilung, Personalentwicklung sowie Kompensation.
Diese Personalfunktionen üben einen signifikanten Einfluss auf die individuelle Mit-
arbeiterleistung aus und leisten folglich einen bedeutenden Beitrag zum Unterneh-
menserfolg.21 Wird zusammenfassend die Personalarbeit dadurch charakterisiert,
dass ihre Kernaufgabe die Bereitstellung und der zielorientierte Einsatz von Personal
ist, dann können in Anlehnung an WEBER (1992) die folgenden Aufgabenfelder iden-
tifiziert werden: Beschaffung und Freisetzung, Einsatz von Personal, Qualifizierung
einsatz, Personalerhaltung und Leistungsstimulation sowie Personalfreisetzung. Vgl. HENTZE,
1994a: 30.
20 In Anlehnung an DOMSCH/GERPOTT, 1992: 1935; OECHSLER, 1997: 112.
21 Vgl. TICHY/FOMBRUN/DEVANNA, 1982: 50; TICHY/FOMBRUN/DEVANNA, 1984: 44ff. Vgl. hierzu auch
den Übersichtsartikel von WRIGHT/ROWLAND/WEBER, 1992.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 45
und Förderung sowie Gestaltung adäquater Anreiz- bzw. Kompensationspakete.22
Zwar stellen die hier dargelegten Begriffsbestimmungen personalwirtschaftlicher
Funktionen und Aufgabenfelder nur eine Auswahl der Vielfältigkeit in der wissen-
schaftlichen und praxisorientierten Diskussion dar, dennoch sollen diese als Ansatz-
punkte genügen.
Neben einer Vielzahl anderer Aufgaben werden für die vorliegende Arbeit vier Kern-
funktionen als jene festgehalten, die im Rahmen dezentraler Entscheidungsstruktu-
ren an die Führungskraft in der Linie delegiert werden können. (1) Personal-
beschaffung, (2) Freisetzung, (3) Personalentwicklung, Aus- und Weiterbildung sowie
(4) Entgelt und Zusatzleistung. Wie im Folgenden dargestellt wird, kann die
Entscheidungsautonomie in diesen vier Funktionsbereichen äußerst unterschiedlich
ausgestaltet sein. Beispielsweise verfügt die Führungskraft über vollständige
Entscheidungsmacht hinsichtlich der Beschaffung; in Fragen der Personal-
entwicklung ist diese jedoch in ihrem Entscheidungsspielraum extrem ein-
geschränkt.23 Die Identifizierung personalwirtschaftlicher Funktionsfelder ist daher für
die Bestimmung der Delegationsrisiken unabdingbar und fließt auch in die Analyse
des Hold Up-Risikos24 ein.
1.3 Träger und Akteure der Personalarbeit und ihre Erwartungen
Unabhängig davon, welcher der obigen Einteilung personalwirtschaftlicher Aufga-
benfelder gefolgt wird, beruht die beschriebene funktionalistische Sichtweise stets
darauf, dass sie von konkreten Akteuren oder Subjekten abstrahiert. METZ (1995)
zufolge legt sie „... den Blick gewissermaßen aus der Vogelperspektive auf funktional
bestimmte Handlungen bzw. Aufgabenvollzüge ...“25 Dieses trägerlose, funktionale
Begriffsverständnis ist seines Erachtens für die Vernachlässigung institutioneller
Fragestellungen verantwortlich, und es entsteht das Bild eines prinzipiell zentral
organisierten Aufgabenfelds.26 Abhilfe hinsichtlich des Mangels soll im Folgenden die
Unterscheidung zwischen Trägern und Akteuren der Personalarbeit schaffen.
Träger der Personalarbeit sind – im Gegensatz zum umfassenderen Begriff der
Akteure betrieblicher Personalarbeit – solche, die als Instanzen formal zur Durchfüh-
rung personalwirtschaftlicher Entscheidungen und Aktivitäten bestimmt werden.
Dementsprechend verfügen Träger über eine bestimmte Ausstattung an Entschei-
22 Vgl. WEBER, 1992: 1829; ferner GAUGLER/OECHSLER/WEBER, 2004: 1635.
23 Siehe hierzu auch die Ausführungen zum Dezentralisierungsgrad personalwirtschaftlicher
Funktionen in den Kapiteln II.2.2.1 und II.2.2.2.
24 Siehe hierzu die Ausführungen der Kapitel III.1.3.1.3 und Kapitel III.2.5.
25 METZ, 1995: 15.
26 Vgl. METZ, 1995: 157.
46
dungskompetenz und Ressourcen. Hingegen sind Akteure der Personalarbeit alle
Individuen bzw. jede Gruppe, welche die faktische Personalarbeit leisten. Die
akteursorientierte Perspektive sagt somit aus, dass jeder betriebliche Akteur als
potentieller Vertragspartner wahrgenommen wird:27 „Jeder dieser rationalen Ent-
scheider ist mithin sein eigener Personalchef, Personalmanager, Vorgesetzter,
Personalplaner, Personalentwickler usw., der mit den anderen Personalchefs,
Personalmanagern, Vorgesetzten usw. in Kontakt tritt und Arrangements vereinbart,
die seinem Nutzenkalkül entsprechen und die er jederzeit vor dem Hintergrund neuer
Berechnungen rückgängig machen kann.“28
Wird der Forderung nach einer institutionellen Ausrichtung der Personalarbeit gefolgt
und den weiteren Ausführungen die enge trägerorientierte Perspektive unterstellt,
dann stehen neben den Mitgliedern der Personalabteilung und dem Personalres-
sortleiter auch sämtliche Inhaber von Führungspositionen im Mittelpunkt der
Betrachtung.29 Neben diesen Gruppen wird die Unternehmensleitung als allgemein
akzeptierter Träger identifiziert; hinsichtlich der Arbeitnehmervertretung als weiterer
Träger herrscht in der Literatur keine Übereinstimmung.30 Dieser Mangel einer klaren
Bestimmung von Trägern wird durch die bereits dargestellte Entwicklungsdynamik
des Forschungsfelds noch erschwert. Beispielsweise führt die organisatorische Neu-
orientierung der Personalarbeit zur Identifikation neuer Träger: Die externe Personal-
beratung wird als Dienstleister mit spezifischen personalwirtschaftlichen Aufgaben-
27 METZ (1995) nimmt Anleihen bei KUPSCH/MARR (1991). Diese Autoren verfolgen seiner Meinung
nach eine erste vermeintlich akteurstheoretische Betrachtung der Personalwirtschaft, indem sie
zunächst ein völlig anderes Bild von Organisationen entwerfen und die Unternehmung als
politische Arena auffassen, in der Akteure ihre Ziele verfolgen. Vgl. METZ, 1995: 23f. sowie
KUPSCH/MARR, 1991: 773f.
28 METZ, 1995: 33. Personalmanagement definiert METZ (1995) in diesem Kontext als das, was
getan wird um Austauschbeziehungen zwischen Individuen anzubahnen und aufzunehmen, sie
zu gestalten und zu beenden. Außerdem sorgt das Personalmanagement dafür, dass die
vereinbarten Austäusche tatsächlich getätigt werden. Siehe hierzu auch die Ausführungen zum
vertragstheoretischen Konzept in der Agenturtheorie in Kapitel III.1.2.1 und hier speziell die
Ausführungen zu dem von FAMA (1980) geprägten Begriff des Nexus of Contracts.
29 Vgl. WEBER/MAYRHOFER/NIENHÜSER, 1993: 220; DRUMM; 1992: 21. Im Sinne der Verteilung
personalwirtschaftlicher Aufgaben auf die beiden Träger Personalabteilung und Führungskräfte
mit personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz spricht HENTZE (1994a) von der dualen
Trägerschaft, vgl. HENTZE, 1994a: 27.
30 Vgl. hierzu WÄCHTER, 1992a: 2206f.; WEBER, 1992: 1829; OECHSLER, 1997: 58ff.; HILB, 1997: 59;
ECKARDSTEIN/SCHNELLINGER, 1978: 5ff. Hingegen verzichtet beispielsweise DRUMM (1992) darauf
den Betriebsrat oder den Sprecherausschuss als Träger der Personalarbeit zu bezeichnen,
sondern betont explizit die reine Einflussnahme dieser betrieblichen Akteure auf personalwirt-
schaftliche Ziele und Entscheidungsinhalte, vgl. DRUMM, 1992: 29.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 47
stellungen betraut,31 und/oder der Mitarbeiter übernimmt durch aktive persönliche
Veränderungsprozesse die Verantwortung für die Selbstqualifizierung.
Wird im Folgenden nun auf den Linienvorgesetzten fokussiert, so lässt sich konsta-
tieren, dass dieser im Rahmen der Dezentralisierung vom reinen Akteur betrieblicher
Personalarbeit zum Träger einer Vielzahl personalwirtschaftlicher Entscheidungen
und Aufgaben avanciert. Dies kann beispielsweise im Konzept des Wertschöpfungs-
centers dadurch veranschaulicht werden, dass der dezentral agierende Personal-
verantwortliche neben der Entscheidungskompetenz mit einer Budget- und Ressort-
verantwortlichkeit ausgestattet wird. Der Personalverantwortliche in der Linie wird zur
Instanz bestimmt, die nun auch formal zur Durchführung personalwirtschaftlicher
Aktivitäten berechtigt ist. Die ehemals als Akteur agierende Linienkraft wird – neben
den Mitarbeitern in der zentralen Organisationseinheit – zum Träger der Personal-
arbeit.
Für die agenturtheoretische Analyse ist außerdem bedeutsam, dass Entscheidungs-
träger wie Unternehmensleitung und Linienkraft nicht nur einen Teil betrieblicher
Personalarbeit übernehmen, sondern auch den Kundenkreis personalwirtschaftlicher
Dienstleistungen bilden und dies in zweifacher Hinsicht. So ist der Linienvorgesetzte
in seiner Eigenschaft als Organisationsmitglied einerseits Empfänger personalwirt-
schaftlicher Leistungen – und somit aus Sicht der Personalabteilung quasi End-
kunde – gleichzeitig muss er sich in seiner neuen Rolle andererseits aber auch als
Mittler personalwirtschaftlicher Leistungen verstehen. Infolgedessen stellen die
betrieblichen Träger entsprechende Erwartungen an die Serviceerbringung durch
Personalspezialisten und -abteilung sowie durch interne oder externe Personal-
berater. Tabelle 4 gibt einen Überblick über die Erwartungen ausgewählter Kunden-
segmente wie Unternehmensleitung, Linienkraft und Mitarbeiter, die durch unter-
schiedlichste Interessen und Ziele geprägt sind.
31 So betont bereits WÄCHTER (1992a), dass sich im Rahmen der Ausgliederung personal-
wirtschaftlicher Funktionsbereiche (Outsourcing) ein weiterer Träger der Personalarbeit heraus-
kristallisiert. So avanciert insbesondere die extern agierende Personalberatung vermehrt zum
Träger personalwirtschaftlicher Kernaufgaben, vgl. WÄCHTER, 1992a: 2205; ferner METZ, 1995:
92.
48
Unternehmensleitung Führungskräfte der Linie Mitarbeiter
- Mitgestalten der Unterneh-
mensphilosophie, -politik
und -strategie
- Professionelle Beratung der
Geschäftsleitung in Fragen
und Problemen des Human
Resource Managements
- Mittragen und Umsetzen
unternehmensweiter,
populärer und unpopulärer
personalpolitischer
Entscheidungen
- Initiative bei der Gestaltung
und Durchsetzung von Ver-
änderungsprozessen
- Förderung einer lern- und
entwicklungsorientierten
Unternehmenskultur
- Sicherung von Erfolgspoten-
zialen
- Promotor für neue Konzepte
der Personalgewinnung,
-erhaltung, -entlohung,
-entwicklung und
-freistellung
- Unternehmerische Führung
des Personalbereichs, Bei-
trag zur Realisierung strate-
gischer Unternehmensziele,
kundenorientierte, professio-
nelle Erbringung nutzen-
stiftender Leistungen,
Erfolgsnachweis
- Entwicklung effektiver,
anwendungsfreundlicher
und nutzenstiftender Füh-
rungsinstrumente zur
Unterstützung der Linie
- Professionelle Beratung
der Geschäftsleitung in
Fragen und Problemen
des Human Resource
Managements
- Berater in Krisenzeiten,
bei Reorganisations- und
Freistellungsprozessen
und bei schwierigen
Führungs- oder
personellen Problemen
- Gezielte Förderung des
Kaders durch entspre-
chende Laufbahn-,
Karriere- und Nachfolge-
planung
- Professionelle Unterstüt-
zung der Linie bei der
Anwendung personalwirt-
schaftlicher Instrumente
- Qualitätsorientierte Ser-
vices des Personal-
bereichs
- Effiziente, unbürokrati-
sche Ablauforganisation
im Personalbereich durch
kundenfreundliche Pro-
zessgestaltung
- Berücksichtigung von Mit-
arbeiterinteressen bei der
Umsetzung personalpoli-
tischer Grundsätze
- Professionelle Beratung in
persönlichen und beruf-
lichen Angelegenheiten wie
Karriere, Aus- und Weiter-
bildung etc.
- Offene, umfassende, recht-
zeitige und faire Information
über kritische Unterneh-
menssituationen
- Moderator und Vermittler
bei innerbetrieblichen Kon-
flikten
- Partizipation der Mitarbeiter
an Veränderungsprozessen
- Individuelle Förderung
durch enge Zusammen-
arbeit mit den direkten
Linienvorgesetzten
- Fördernde Arbeitsgestal-
tung, Schaffung eines
angenehmen Arbeitsum-
felds
- Entwicklung attraktiver
Angebote der Personal-
gewinnung, -erhaltung,
-entlohung, -entwicklung
und -freistellung
Tabelle 4: Erwartungen personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger an die Personalarbeit32
Bei Betrachtung dieser Erwartungsvielfalt personalwirtschaftlicher Anspruchsgruppen
erstaunt es nicht, dass diese notgedrungen zu Interessenkonflikten führen. Insbe-
sondere die Erwartungen der Unternehmensleitung sind durch ökonomische Interes-
sen geprägt, d.h. die personalwirtschaftlichen Leistungen der Personalspezialisten
sollen zur Erfüllung gewinnorientierter Zielsetzungen beitragen. Hingegen verfolgen
die Mitarbeiter vorwiegend individuelle, d.h. persönliche Ziele.33 Da diese Ziele
komplementär, indifferent, oder auch konkurrierend zueinander sein können, wird der
32 Quelle: In Anlehnung an WUNDERER/ARX, 1998: 27.
33 Vgl. beispielsweise die frühen Beiträge von MARR/STITZEL, 1979; ECKARDSTEIN/SCHNELLINGER,
1978.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 49
Einsatz koordinierender und steuernder Maßnahmen notwendig, um eine Inte-
ressenangleichung bei den Entscheidungsträgern zu erlangen.
1.4 Vertragliche Basis der Zusammenarbeit personalwirtschaftlicher Träger
Wie in den obigen Ausführungen dargelegt, wird nach der trägerorientierten Per-
spektive jeder Entscheidungsträger als Vertragspartner zur Erfüllung operativer
Personalarbeit angesehen. Demzufolge treten z.B. Unternehmensleitung, Personal-
spezialist und Linienkraft mit den anderen Trägern der Personalarbeit in Kontakt und
vereinbaren institutionelle im Sinne von vertraglichen Arrangements. Der Vertrags-
begriff ist mit einer Vielzahl von Bedeutungen belegt und unterscheidet beispiels-
weise die Rechtswirkung von Willenserklärungen, die tatsächliche Einigung mit
Rechtsfolgen und die Schriftform einer Vereinbarung. In der vorliegenden Arbeit
bezeichnet das Begriffskonstrukt des Vertrags das Abgeben von gegenseitigen, sich
deckenden und rechtlich durchsetzbaren Willenserklärungen, die Verpflichtungen zu
zukünftigem Entscheiden und Handeln darstellen.
Zu diesen so genannten schuldrechtlichen Verträgen zählt gemäß Bürgerlichem
Gesetzbuch (BGB) beispielsweise der das unternehmerische Organisationsgefüge
stützende Arbeitsvertrag. Er ist eine langfristig gültige und einfach zu überprüfende
Vereinbarung über das Aufgabenfeld, Weisungs- und Entscheidungsbefugnisse, die
Einordnung in das unternehmerische Stellengefüge, die Vertretungsstruktur sowie
das gegenseitig zu erbringende Leistungsspektrum der Vertragspartner. Dies be-
deutet, dass der Arbeitsvertrag die zu leistende Arbeit nur allgemein bezeichnet und
diese vertraglich in aller Regel nur rahmenartig umschreibt. Für die tatsächliche
Erbringung der Arbeitsleistung ist eine Konkretisierung notwendig, die durch Einzel-
anweisung des Arbeitgebers erfolgt, der die Arbeit nach Zeit, Ort und Art einseitig
bestimmt (Direktionsrecht). Der aufgezeigte Mangel an vertraglicher Bestimmtheit im
Arbeitsverhältnis führt insbesondere dann zu Problemen, wenn die Tätigkeit des
Arbeitnehmers, seine Arbeitszeit, oder sonstige Bedingungen neuen betrieblichen
Gegebenheiten angepasst werden müssen.34
Bezogen auf den betrachteten Sachverhalt bedeutet dies, dass sich z.B. Linienkraft
und Personalspezialist auf Basis einer verbal formulierten Willenserklärung im Rah-
men des Direktionsrechts zur Erbringung personalwirtschaftlicher Entscheidungen
und Handlungen verpflichten. Vor dem Hintergrund des skizzierten Wertschöpfungs-
34 Vgl. SCHMID/TRENK-HINTERBERGER, 1994: 52f. Die Konsequenz von veränderten Unternehmens-
konstellationen kann jedoch auch sein, dass einer der jeweiligen Entscheidungsträger den
Vertrag vor dem Hintergrund neuer Nutzenüberlegungen und unter Einhaltung vereinbarter
Beendigungsfristen rückgängig macht. Vgl. SCHMID/TRENK-HINTERBERGER, 1994: 53.
50
gedankens ist jedoch auch denkbar, dass die Linienkraft mit der zentralen Instanz
einen schriftlichen Vertrag eingeht, in welchem beispielsweise die Erbringung
personalwirtschaftlicher Dienstleistungen gegen die Zahlung von Verrechnungs-
preisen vereinbart ist. Ferner ist es möglich, dass die zentrale Personalabteilung mit
einem externen Dienstleister einen Werkvertrag abschließt, durch welchen personal-
wirtschaftliche Leistungen außerhalb des Unternehmens erbracht werden.
Zusammengefasst heißt dies, dass die Durchführung personalwirtschaftlicher
Entscheidungen und die Erfüllung von Personalaufgaben im oder auch außerhalb
des Unternehmensgefüges demnach das Ergebnis von Verhandlungs- bzw.
Interaktionsprozessen zwischen den identifizierten Trägern der Personalarbeit ist.
Die Basis hierfür sind entweder schriftlich fixierte Verträge oder Vereinbarungen, die
ihre Rechtsgrundlage im Direktionsrecht haben.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 51
2 Dezentralisierung der Personalarbeit: Organisationskonzepte und ihre
Auswirkungen
Seit Anfang der 90er Jahre bringen Unternehmen ihre Kritik an der Effektivität der
Personalabteilung zum Ausdruck: Der Beitrag der Personalabteilung zum Unterneh-
menserfolg und zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit wird hierbei als unbefriedi-
gend und hinter anderen Organisationseinheiten zurückbleibend eingeschätzt.35 Das
Streben nach einer innovativen, zukunftsweisenden und unternehmerischen Aus-
gestaltung der Personalarbeit sowie die Frage nach geeigneten Maßnahmen zur
Erreichung dieses Ziels stehen im Mittelpunkt der Diskussion. Konstruktive Antworten
suchen Praktiker in der Delegation der Personalverantwortung an Fachabteilungen
und Führungskräfte, d.h. in der Reintegration personalwirtschaftlicher Aufgaben in
die direkte Führung.36 In wissenschaftlichen Beiträgen wird die Verlagerung perso-
nalwirtschaftlicher Funktionen von der Personalabteilung zu den Linienvorgesetzten
ebenfalls erstmals zu Beginn der 80er Jahre untersucht: WUNDERER (1983) skizziert
die Delegation als mögliche Entwicklungsperspektive der Personalarbeit und prog-
nostiziert diese als eine existentielle Herausforderung der 90er Jahre.37
Trotz dieser Prognose fand das Thema der Dezentralisierung der Personalarbeit in
den einschlägigen Forschungsbeiträgen bislang nur wenig Beachtung. In der Litera-
tur wird das Themenfeld Dezentralisierung in erster Linie als organisationstheore-
tisches Phänomen diskutiert. (De-)Zentralisierung ist hierbei ein eher abstraktes
Merkmal zur Beschreibung und Gestaltung der Aufbauorganisation (Kapitel II.2.1). Im
Vordergrund steht die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Organisations-
konzepten wie z.B. dem Integrationsmodell oder dem Ansatz des Wertschöpfungs-
centers, was in der wissenschaftlichen Forschung durch eine Vielzahl von Beiträgen
dokumentiert wird.38 Ergänzt wird diese Diskussion durch die Formulierung von
Aussagen mit nahezu normativem Charakter darüber, welche personalwirtschaft-
lichen Funktionen eher zentral oder dezentral wahrgenommen werden (Kapitel
II.2.2).
35 Vgl. hierzu die einführenden Aussagen bei ACKERMANN, 1994a: 4.
36 Vgl. zur Entwicklung in deutschen Unternehmen beispielsweise die Praktikerbeiträge im Sammel-
band von SCHOLZ (Hrsg.), 1999 sowie die Beiträge von LÖHR, 1994: 91ff.; WIMMER, 1994: 409ff.;
SCHARTNER, 1990: 32ff.; SCHÖNMÜLLER, 1986; FRANKE, 1987; SAUDER/SCHMIDT, 1988. Vgl. ferner
die Fallbeispiele aus dem angloamerikanischen Raum bei FITZ-ENZ, 1997: 65ff.; COLLING/FERNER,
1992: 210ff.; KIRKPATRICK/DAVIS/OLIVER, 1992: 137ff; LOWE, 1992: 158ff.
37 Vgl. hierzu WUNDERER, 1983: 230f.
38 Zur Entwicklung des Personalwesens und zu den Organisationsformen der Personalarbeit vgl.
SCHOLZ (Hrsg.), 1999; ARX, 1995; ACKERMANN, 1994a; WIMMER, 1994; BÜHNER, 1991;
WUNDERER, 1992a und 1992b; SCHARTNER, 1990; PASCHEN 1988.
52
Beispiele aus der Praxis zeigen, dass etwa Aktivitäten wie die Entwicklung von Stra-
tegien, die Erarbeitung von Konzeptionen und die Konkretisierung personalwirt-
schaftlicher Instrumente i.d.R. zentralisiert erfolgen. Hingegen werden Funktions-
bereiche wie Auswahl, Einstellung und Entwicklung des Personals meist kooperativ
zwischen Personalabteilung und Führungskraft vor Ort abgewickelt. Die Personal-
führung sowie der Mitarbeitereinsatz obliegen zunehmend der Linie, d.h. diese Auf-
gaben werden dezentral durchgeführt.39 Zwar wird die Auseinandersetzung mit
dieser Themenstellung in den letzten Jahren vermehrt durch empirische Unter-
suchungen gestützt, wesentliche Problemdimensionen des „Paradigmas der neuen
Dezentralisierung“ bleiben bei dieser Schwerpunktsetzung jedoch offen. So lassen
sich wissenschaftliche Beiträge mit einer Gestaltungsorientierung, aus der sich Aus-
sagen mit direktem Anwendungsbezug für Instrumente und Werkzeuge der Personal-
arbeit ableiten lassen, beinahe nicht finden. Dessen ungeachtet stellt diese
Forschungsrichtung einen weiteren zu reflektierenden Schwerpunkt dar (Kapitel
II.2.3). Eine zusammenfassende Würdigung beschließt die Ausführungen zur
dezentralen Personalorganisation und -arbeit (Kapitel II.2.4).
2.1 Organisatorische Neuorientierung der Personalarbeit
Ausschlaggebend für die anhaltende organisatorische Restrukturierung der Personal-
arbeit40die weitestgehend auch eine Aufgabe für den personalwirtschaftlichen
Zentralbereich darstellt – sind weit reichende Bemühungen um Flexibilität und Inno-
vation sowie massive Anstrengungen zur Kostensenkung.41 Die Frage, welche Aus-
richtung die Personalfunktion in Zukunft erfahren und welche Rolle der zentralen
Personalinstanz hierbei zugewiesen werden soll, steht im Mittelpunkt des sich an den
Organisationskonzepten und -modellen orientierenden Forschungsstrangs.
39 Vgl. hierzu den Beitrag von BEER, 1997; ferner KRÜGER/WERDER, 1995: 12f.; BREWSTER/
SÖDERSTRÖM, 1995: 55; LÖHR, 1994: 91ff.; WIMMER, 1994: 409ff.; WUNDERER/KUHN, 1993: 195.;
COLLING/FERNER, 1992: 213 sowie SCHARTNER, 1990: 32ff.
40 Vgl. für Restrukturierungsprozesse in der Praxis beispielsweise die diversen Beiträge unter-
schiedlicher Unternehmensvertreter bei SCHOLZ (Hrsg.), 1999, oder die organisatorische Entwick-
lung der Personalarbeit bei der BMW AG, welche in den Beiträgen von LÖHR, 1994: 91ff.;
WIMMER, 1994: 409ff. sowie SCHARTNER, 1990: 32ff. umfassend dokumentiert wird. Vgl. hierzu
auch Wächter, 1999: 6. In Analogie zu diesem Entwicklungsprozess zeigt WUNDERER (1992a)
fünf Phasen der Personalarbeit auf: Bürokratisierung (bis ca. 1960), Institutionalisierung (ab ca.
1960), Humanisierung (ab ca. 1970), Ökonomisierung (ab ca. 1980), Entre- und Intrapreneuring
(ab ca. 1990). (Vgl. WUNDERER, 1992a: 202.)
41 In einer Untersuchung britischer Unternehmen konnte ein signifikanter Zusammenhang – leider
nur innerhalb einer kleinzahligen Stichprobe – zwischen der anwachsenden unternehmerischen
Sparpolitik und der Tendenz der Dezentralisierung festgestellt werden (vgl. hierzu HENDRY/
PETTIGREW, 1992).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 53
LATTMANN (1985) zeigte bereits Mitte der 80er Jahre fünf mögliche Zukunftsszenarien
für die Entwicklung der Personalfunktion auf:42 (1) Aufhebung der Personalabteilung
und vollständige Rückführung der Personalfunktion in die Linie, (2) Rückbildung der
Personalfunktion zu einer Verwaltungs- und Dienstleistungsstelle, (3) Ersetzung der
Personalabteilung durch außenstehende Berater, (4) Umwandlung der Personal-
abteilung in eine Fachstelle zur Beratung der operativ tätigen Linienvorgesetzten
sowie (5) Ausbau der Verantwortlichkeit der Personalabteilung für das gesamte
Humanvermögen der Unternehmung. Diese Szenarien aufgreifend werden in den
wissenschaftlichen Publikationen des deutschsprachigen Raums vorwiegend das
Selbstverständnis und die Aufgaben traditioneller und/oder zukünftiger Personal-
arbeit diskutiert und es wird mit Nachdruck auf die organisatorische Gestaltung
verwiesen (siehe Tabelle 5). Wie das Analyseraster dezentraler Entscheidungs-
strukturen zeigen wird, liegt der Fokus der vorliegenden Arbeit auf den Szenarien (4)
und (5).43
Autoren Kurzbeschreibung des Forschungsbeitrags
PASCHEN,
1988 Unterschiedliche Formen der Personalorganisation und deren Entwicklung vom
traditionellen Modell über das Personalreferentensystem bis hin zum Integra-
tionsmodell werden erläutert. Neben der Verteilung der Personalaufgaben auf
einzelne Funktionsträger diskutiert der Autor die Beziehung dieser untereinan-
der.44
ALTHAUSER,
1989 Das Selbstverständnis und die Aufgaben traditioneller Personalarbeit werden
diskutiert: Vor dem Hintergrund klassischer Organisationsformen betrieblicher
Personalarbeit erfolgt eine Erörterung der zukünftigen Rolle der
Personalabteilung in Form des Referentenmodells.45
DAUL,
1990a und
1990b
Der Autor definiert Kriterien für die Aufgabenstrukturierung wie Veränderung,
Integration, Flexibilität, Individualität, Professionalität, Akzeptanz und Strategie-
orientierung. Ein funktionsorientiertes Konzept der Personalarbeit in divisionalen
Unternehmen wird abgeleitet. Die Diskussion wird um die Zuordnung personal-
wirtschaftlicher Maßnahmen und Instrumente zu unterschiedlichen
Aktionszentren erweitert. Hierbei konstatiert der Autor die Notwendigkeit der
Delegation in die Linie und verweist auf die Unumgänglichkeit einer klaren
Abgrenzung der Entscheidungsbefugnis.46
42 Vgl. LATTMANN, 1985: 198f.
43 Insbesondere das Outsourcing aller oder von Teilen der personalwirtschafttichen Aktivitäten steht
demnach nicht im Mittelpunkt der Betrachtung.
44 Vgl. PASCHEN, 1988. Für eine Übersicht der diskutierten Formen und der Entwicklung der
Personalorganisation vgl. PASCHEN, 1988: 238. Siehe hierzu auch Tabelle 6 in der zusammen-
fassenden Würdigung personalwirtschaftlicher Organisationskonzepte in Kapitel II.2.1.5.
45 Vgl. ALTHAUSER, 1989.
46 Vgl. DAUL, 1990a und 1990b.
54
BÜHNER,
1991 Der Autor stellt unterschiedliche Organisationsformen der Personalarbeit vor dem
Hintergrund sich kontinuierlich ändernder Umweltbedingungen dar. Den Schwer-
punkt des Forschungsbeitrags bildet die Auseinandersetzung mit den Risiken
und Chancen der Organisationsformen für die Personalarbeit.47
WUNDERER/
KUHN,
1993
Aus vier verschiedenartigen Organisationskonzepten leiten die Autoren eine
Dezentralisierungstendenz der Personalarbeit ab. Sie resümieren, dass mit
zunehmender Delegation nach einer verstärkten strategischen Ausrichtung der
zentralen Personalabteilung gestrebt wird.48
ACKERMANN,
1994a In seinem Beitrag gibt der Autor einen Überblick über mögliche organisatorische
Lösungsansätze für eine kundenorientierte Reorganisation der
Personalabteilung. Er bewertet die Organisationsform des Profit Centers – „...
trotz der (noch) bestehenden Schwierigkeiten der Implementierung dieses
Konzepts in der Unternehmenspraxis ...“49 – als am aussichtsreichsten.
KRÜGER/
WERDER,
1995
In der explorativen Studie werden insgesamt sechs Organisationsvarianten für
personalwirtschaftliche Teilfunktionen (Verwaltung, Ausbildung sowie Ausstat-
tung) diskutiert. Ergebnis ist, dass die derzeitige Hersausforderung darin besteht,
eine situationsgerechte und zielwirksame Mischung zwischen Konzentration der
Zentralbereichsfunktionen und Dekonzentration in den dezentralen Einheiten zu
finden.50
SCHERM,
1995 Es werden Kriterien innovativer Personalarbeit wie Flexibilität, Professionalisie-
rung und Individualität entwickelt. Der Autor diskutiert, inwieweit diese in den or-
ganisatorischen Gestaltungsalternativen (zentrale, kooperative, koordinative und
dezentrale Variante) Berücksichtigung finden. Die Frage nach der personalwirt-
schaftlichen Organisation lässt sich hierbei ohne Kenntnis des Einzelfalls nicht
eindeutig beantworten, so dass für viele Unternehmen die Lösung zwischen zent-
ralem und dezentralem Modell liegt.51
WUNDERER/ ARX,
1998 Die Autoren zeigen auf, wie sich die Reorganisation des Personalbereichs in ein
Wertschöpfungscenter schrittweise realisieren lässt. Die Ausführungen fokussie-
ren hierbei auf die Aspekte der strategischen und serviceorientierten Führung
sowie auf die ökonomische Führung des Wertschöpfungscenters.52
WÄCHTER,
1999 Neben einer kurzen Darstellung der Personalorganisation im nationalen Kontext
und von Typologien zur historischen Entwicklung geht der Autor auf Organisati-
onskonzepte der Personalabteilung wie Funktionale Organisation und Referen-
tenmodell ein. In der Diskussion um neuere Reorganisationskonzepte wird die
zentrale Personalabteilung als notwendige Vertrauensorganisation im Rahmen
der Dezentralisierung dargestellt.53
SCHOLZ,
1999 Der Sammelband zeigt organisatorische Möglichkeiten der Personalarbeit in der
Zukunft auf und richtet den Fokus auf die Kompetenzen der Personalabteilung,
ihre Strukturen und die Organisation ausgewählter Bereiche.54
Tabelle 5: Ausgewählte Beiträge zur organisatorischen Neuorientierung der Personalarbeit 55
47 Vgl. BÜHNER, 1991.
48 Vgl. WUNDERER/KUHN, 1993: 196.
49 ACKERMANN, 1994a: 18.
50 Vgl. KRÜGER/WERDER, 1995: 6.
51 Vgl. SCHERM, 1995.
52 Vgl. WUNDERER/ARX, 1998.
53 Vgl. WÄCHTER, 1999: 9.
54 Vgl. SCHOLZ (Hrsg.), 1999.
55 Quelle: Eigene Darstellung. Bei dieser Auflistung handelt es sich um Beiträge des deutschen
Sprachraums.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 55
Zehn Jahre nach Erscheinen des Beitrags von LATTMANN (1985) war die Frage nach
der organisatorischen Ausrichtung der Personalabteilung noch immer nicht abschlie-
ßend geklärt, was die Beiträge im Sammelwerk von ACKERMANN (1994a) mit dem
Thema Reorganisation der Personalabteilung belegen.56 Die Personalarbeit des 21.
Jahrhunderts wird SCHOLZ (1999) zufolge spannender, wichtiger, professioneller, in-
terfunktionaler und wertschöpfender, so dass in den Mittelpunkt zunehmend die
Problematik rückt, wie die Organisation der Personalarbeit überhaupt gestaltet wer-
den kann. „Die Diskussion kreist dabei meist um folgende drei Fragenkomplexe: Wo
werden Aktivitäten abgewickelt? ... Welche Kompetenzverteilung ist vorgesehen?
Wer soll die Aktivitäten durchführen? ...“57
Im Folgenden werden die in der Literatur diskutierten Organisationskonzepte
(de-)zentraler Personalarbeit beschrieben. Hierbei wird die Vielzahl organisatorischer
Mischformen in insgesamt vier Organisationskonzepte zusammengefasst und in
ihren Kernelementen dargestellt: das funktional-zentralistische Modell (Kapitel
II.2.1.1), das Referentensystem (Kapitel II.2.1.2), das Integrationsmodell (Kapi-
tel II.2.1.3) und das Konzept des Wertschöpfungscenters (Kapitel II.2.1.4). Auf eine
ausführliche Darstellung der identifizierten, (de-)zentralen Grundmodelle kann nicht
verzichtet werden, da dieser Forschungsstrang die Diskussion um die Dezentralisie-
rung personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz derzeit themenmäßig be-
herrscht. Ferner leiten diese Grundmodelle die Entwicklung des Analyserasters
dezentraler Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit, werden bei dessen Illust-
ration wieder aufgegriffen und belegen seine Praxisrelevanz. Eine zusammenfas-
sende Beurteilung dezentraler Organisationskonzepte beschließt die Ausführungen
zur Neuorientierung der Personalarbeit (Kapitel II.2.1.5).
2.1.1 Das funktional-zentrale Organisationskonzept
Das „traditionelle Modell“58 der Personalorganisation sieht für Beschaffung, Kompen-
sation und Entwicklung keine eigenständige Abteilung bzw. Instanz vor. Die Erfüllung
personenbezogener Aufgaben erfolgt vielmehr durch die Unternehmensleitung bzw.
die Geschäftsführung des Unternehmens. Eine Aufgabenteilung bzw. -entlastung
56 In diesem hebt ACKERMANN (1994a) hervor, dass „[d]ie Personalabteilung .. am Scheidepunkt
[steht], d.h. an einem kritischen Punkt, wo sich die Wege in die Zukunft scheiden.“ (ACKERMANN,
1994a: 13.) Als mögliche Wege schlägt er eine Wachstumsstrategie (intensive Nutzung vor-
handener Zukunftschancen als kundenorientiertes Dienstleistungszentrum), eine
Abwehrstrategie (Kampf um die Wahrung von Besitzständen gegenüber anderen Trägern des
Personalmanagements) oder eine Rückzugstrategie (Zersplitterung in kleine
Organisationseinheiten und Reduzierung der Abteilung auf ein Minimum) vor.
57 SCHOLZ, 1999: VI.
58 In Anlehnung an PASCHEN, 1988: 237.
56
ergibt sich eventuell durch die Etablierung so genannter zentraler Sozialabteilungen,
die sich arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Inhalten zuwenden oder sich mit
Fragen der Sozialeinrichtung befassen. Die traditionelle Personalorganisation findet
sich gegenwärtig nur noch in Unternehmen mit einer sehr geringen Anzahl von
Mitarbeitern, bei der sich die Bildung einer eigenständigen Personalabteilung auf-
grund von Kosten-Nutzen-Überlegungen nicht lohnt. Die Wahl dieser zentral-
geprägten Organisationsform ist demnach primär durch die Beschäftigtenzahl
determiniert.59
Aus dem ökonomisch-technischen und soziokulturellen Gesellschaftswandel sowie
den damit verbundenen Entwicklungen, wie steigende Unternehmensgröße, viel-
schichtige Prozesse der Arbeitsorganisation und erhöhtes Qualifikationsniveau der
Mitarbeiter, resultiert eine Zunahme des individuellen Betreuungsaufwands. Für die
Erfüllung personalwirtschaftlicher Aufgaben werden mehr und mehr (Perso-
nal-)Spezialisten benötigt.60 Zur Entlastung der Unternehmens- und Geschäftsleitung
wird daher eine gesonderte Personalstelle eingerichtet, die sich der unternehmens-
weiten Durchführung der Personalarbeit annimmt. Für den nun ebenfalls stärker in
die operative Personalarbeit eingebundenen Linienvorgesetzten erweist sich diese
Form der Personalorganisation als vorteilhaft, da sie den zentralen Service in
Anspruch nimmt, ohne sich jedoch um Ziele, Ressourcen oder Leistungsqualität zu
kümmern.61 Das Hauptaugenmerk der zentralen Personalinstanz liegt auf der Durch-
setzung der aus der Unternehmensstrategie abgeleiteten Personalpolitik, d.h. sie
überzieht die Organisation mit einem Kontrollnetz und gewährleistet eine einheitliche
Handhabung aller personalpolitischen Instrumente. Da die zentral eingebundenen
Entscheidungs- und Aufgabenträger mit einer überschaubaren und stabilen Unter-
nehmensumwelt konfrontiert sind, lassen sich die – alle personalwirtschaftlichen
Funktionsbereiche umfassenden – Tätigkeiten problemlos bewältigen.62
Steigende Beschäftigungszahlen sowie veränderte gesetzliche, gesellschaftliche und
politische Rahmenbedingungen gestalten die Bewältigung personalwirtschaftlicher
Aufgaben zunehmend komplizierter, differenzierter und umfangreicher – nicht nur in
quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht. Infolgedessen ergibt sich die
59 Nichtsdestotrotz trifft man das traditionelle Modell der Personalorganisation heutzutage auch
noch im Öffentlich Sektor an.
60 Vgl. MÜLLER, 1983: 516; KASTURA, 1996: 38.
61 Vgl. DAUL, 1990a: 87.
62 Die stabile Industriegesellschaft – gekennzeichnet durch beständige Fertigungstechnologien,
durch ein umfangreiches Angebot an Arbeitskräften und durch geringe Ansprüche der Arbeit-
nehmer an die unternehmerische Personalarbeit – erfordert keine differenzierte Ausgestaltung
des Personalmanagements (vgl. OECHSLER, 1994).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 57
Notwendigkeit einer horizontalen Segmentierung personalwirtschaftlicher Aufgaben
innerhalb der Personalabteilung.63 Um die mit der verrichtungsorientierten Organisati-
onsstruktur einhergehenden Rationalisierungs- und Spezialisierungseffekte zu
nutzen, findet man daher heutzutage in einer Vielzahl von Unternehmen eine
funktionale Organisation der Personalarbeit.64 Die Wahrnehmung der einzelnen
Personalfunktionen erfolgt jeweils durch einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiter-
gruppe für das gesamte Unternehmen. Das Ergebnis dieser Organisationsform ist die
Bildung von Unterabteilungen für Teilfunktionen wie Personalbeschaffung und
-einsatz, Lohn- und Gehaltsabrechnung, Personalaus- und -weiterbildung, Personal-
statistik und Sozialwesen. Im Vordergrund stehen somit Spezialisierung und
Kompetenzaufbau der zentral agierenden Personalspezialisten, was eine effiziente
Abwicklung und Optimierung der funktionsbezogenen Aktivitäten mit sich bringt.65
Der Personalleitung kommt innerhalb der zentralen Instanz die Aufgabe der Koordi-
nation der einzelnen Aufgabenfelder zu.
Trotz der geforderten Abstimmung der Aktivitäten wird diese Organisationsform dem
Anspruch einer integrierten Problemlösung personalwirtschaftlicher Fragestellungen
nicht gerecht: BÜHNER (1991) zufolge orientiert sich die Organisation zu stark an den
einzelnen Personalfunktionen, was bedeutet, dass der Linienkraft für jede Teilfunk-
tion ein anderer Ansprechpartner gegenüber steht.66 Dies impliziert unverkennbar
eine Orientierungslosigkeit bei den Linienvorgesetzten, womit problemorientiertes
und funktionsübergreifendes Handeln ausgeschlossen ist. Aufgrund der unbeständi-
gen Beziehung zwischen Personalspezialist, Linienführungskraft und untergebenen
Mitarbeitern, ist eine mitarbeiternahe und vertrauensbildende Betreuung kaum mög-
lich. Mangelnde Mitarbeiternähe wirkt sich jedoch besonders im Zuge des gesell-
schaftlichen Wertewandels erschwerend auf eine bedarfsorientierte Personalarbeit
aus, da der Mitarbeiter höhere Ansprüche an seine Tätigkeit im Sinne von Selbst-
entfaltung, -verwirklichung und Streben nach Autonomie stellt. Individuelle Ausge-
63 Die Ausdifferenzierung und funktionale Spezialisierung innerhalb der Personalabteilung sieht
WÄCHTER (1987) als ein Indiz für die zunehmende Professionalisierung der Personalarbeit an, da
die vielfältigen Aufgaben derartig spezialisiert sind, dass sie nur noch mit erheblichen
Vorkenntnissen theoretischer und methodischer Art zu bewältigen sind (vgl. WÄCHTER,1987:
143).
64 Vgl. hierzu und im Folgenden PASCHEN, 1988: 237f. Nach BÜHNER (1991) überwiegt sogar noch
Anfang der 90er Jahre eine funktionale Organisation der Personalabteilung in der Praxis (vgl.
BÜHNER, 1991: 100).
65 Vgl. ALTHAUSER, 1989: 271.
66 Vgl. BÜHNER, 1991: 100. Durch die Aussage „... das Prinzip 'One face to the customer' wird
verletzt“ verleiht ACKERMANN (1994a) der Schwierigkeit einer nicht klaren Abgrenzung und
Zuordnung von Teilaufgaben auf die Unterabteilungen sowie dem Mangel unvollständiger
Kooperation zwischen Fachbereichen und Funktionsspezialisten Nachdruck (vgl. ACKERMANN,
1994a: 15).
58
staltung der Personalarbeit und intensiver Service am Mitarbeiter werden un-
erlässlich, was im funktionalen Modell jedoch nicht sichergestellt werden kann.
Problematisch gestaltet sich zudem, dass der Vorgesetzte in der Lage sein muss,
personalwirtschaftliche Fragestellungen und Anforderungen genau zu formulieren
und funktional einzuordnen. Die Suche und Auswertung der hierfür notwendigen In-
formationen benötigt Zeit, reduziert die Anpassungsgeschwindigkeit und führt zu
Effizienzverlusten. Diejenige Linienkraft, welche mit der personalwirtschaftlichen
Materie nicht genügend vertraut ist, wird sich mit ihren Fragen eher selten an die
zentrale Personalinstanz wenden.67 Da die zentral getroffenen Personalentscheidun-
gen außerdem die tägliche Kooperation zwischen Führungskraft und Mitarbeiter
beeinflussen, ist im Grunde eine starke Entscheidungspartizipation aller Linienvorge-
setzten erforderlich. Nur so ist ein erfolgreiches personalwirtschaftliches Handlungs-
ergebnis zu garantieren.68
2.1.2 Das Referentensystem
Nach PASCHEN (1988) führen insbesondere die ausgeprägte Wechselwirkung
zwischen Personal- und Führungsfunktion, die zunehmende Bedeutung der Vorge-
setzten-Mitarbeiter-Beziehung, der bereits skizzierte Mangel an Mitarbeiternähe, die
steigende Interdependenz zwischen den einzelnen Personalfunktionen selbst sowie
die daraus resultierende Notwendigkeit einer intensiven Kooperation der Personal-
abteilung mit den Fachbereichen zu einer Ablösung des funktional-zentralistischen
Grundmodells der Personalarbeit durch das Referentensystem.69
67 Der kritischen Anmerkung von ALTHAUSER (1989), dass die funktionale Organisationsform den
differenzierten Erfordernissen und spezifischen Anforderungen einzelner Unternehmensbereiche
beispielsweise hinsichtlich Fragen der Entgeltpolitik nicht entspricht, da den Personalspezialisten
die nötige Bereichskenntnis fehlt (vgl. ALTHAUSER, 1989: 271), kann nicht uneingeschränkt gefolgt
werden. Insbesondere vor dem Hintergrund der starken Aufgabenspezialisierung ist nicht
einzusehen, dass eine bereichsadäquate Lösung für die Entgeltfindung aussichtslos erscheint
(vgl. KASTURA, 1996: 39f.).
68 Bei der Personalbeschaffung ist beispielsweise die Einbindung der jeweiligen Fachabteilung
notwendig, um eine optimale Abwicklung des Beschaffungsvorgangs sicherzustellen. So ist eine
Partizipation bei der Erstellung eines differenzierten Anforderungsprofils und bei der Auswahl
desjenigen Bewerbers erforderlich, der unter Berücksichtigung der zukünftigen Führungs-
beziehung geeignet erscheint (vgl. PASCHEN, 1988: 239).
69 Vgl. hierzu und im Folgenden PASCHEN, 1988: 239. Die Ergebnisse einer schriftlichen Befragung
deutscher Großunternehmen im Jahre 1993 zeigen, dass die Personalarbeit organisatorisch in
76,9% der 215 befragten Unternehmen funktional eingebunden ist und in 46,2 % divisional (die
Existenz von organisatorischen Mischformen kann hieraus abgeleitet werden). Mit steigender
Mitarbeiterzahl, wird jedoch die Personalarbeit zunehmend funktional und nicht divisional
organisiert. Dieses Ergebnis erstaunt, weil nach Erreichen einer gewissen Unternehmensgröße
eine Dezentralisierung der Personalarbeit zumindest im Sinne eines divisionalen Referenten-
systems doch zu erwarten gewesen wäre (vgl. KASTURA, 1996: 62).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 59
Die Gliederung der Personalarbeit orientiert sich hierbei zunächst an dem Objekt-
prinzip der Aufgabenverteilung und erfolgt somit nach divisionalen Gesichtspunk-
ten.70 Die Einführung des Personalreferentensystems ist daher auch häufig mit einer
Restrukturierung des Gesamtunternehmens z.B. in eine Spartenorganisation verbun-
den. In Anlehnung an die bestehende Unternehmensstruktur werden den einzelnen
Personalspezialisten Unternehmensbereiche zugewiesen. Diesen so genannten
Referenten obliegt dann die Betreuung aller Mitarbeiter des Bereichs in Bezug auf
sämtliche personalwirtschaftliche Fragestellungen. Das System ist nach BÜHNER
(1991) maßgeblich durch eine zentrale Koordination durch die Personalabteilung und
durch eine dezentrale Betreuung über den Referenten gekennzeichnet:71 (1) Koordi-
nation bedeutet, dass die zentrale Personalabteilung eine unternehmerische
Personalarbeit sicherzustellen hat und die Abstimmung der Referentenaktivitäten
übernimmt. Ferner fokussiert sie Themenstellungen mit unternehmensweiter Be-
deutung wie die Entwicklung einer auf die Unternehmungsstrategie abgestimmten
Personalpolitik, die Durchführung von Maßnahmen zur Personalentwicklung und die
Sicherung des Personalcontrollings. (2) Betreuung der Linie bezeichnet hingegen
den Personalreferenten als unmittelbaren Ansprechpartner des Vorgesetzten, der
ihm Erfahrungen und Wissen zur Verfügung stellt. D.h. die Führungskraft wird bei der
Entscheidungsvorbereitung und -durchführung unterstützt und in die Lage versetzt,
operative Personalarbeit selbständig abzuwickeln. Hierfür ist seitens des Referenten
ein breites Qualifikationsprofil erforderlich, da er das notwendige Instrumentarium der
Personalarbeit beherrschen, eine hohe soziale Kompetenz besitzen sowie über
ausreichende Kenntnisse hinsichtlich des zu betreuenden Bereichs verfügen muss.72
70 Vgl. hierzu auch BECKER/FALLGATTER, 1999: 218.
71 Vgl. BÜHNER, 1991: 104ff. Das von BÜHNER (1991) genannte dritte Charakteristikum der Re-
delegation von Entscheidungsverantwortung in die Linie wird von der Verfasserin nicht
unterstützt. Wird der einschlägigen Literatur gefolgt, so ist gerade das Auftreten eines
ausgeprägten Konsumverhaltens der Linienvorgesetzten ein großer Kritikpunkt am Referenten-
system, was dem Merkmal der Redelegation widerspricht. Zunehmendes Engagement sowie
steigende Verantwortungsbereitschaft wird im Rahmen des Referentensystems von den Vorge-
setzten kaum gezeigt, da die Personalarbeit in erster Linie vom zuständigen Experten erledigt
wird. Eine konsequente Übertragung personalwirtschaftlicher Entscheidungsverantwortung
erfolgt demnach erst im Integrationsmodell.
72 Vgl. hierzu auch KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER, 1992: 139. Das breite Qualifikationsprofil bedarf
einer umfassenden Ausbildung der Referenten: Neben detaillierten Kenntnissen hinsichtlich
professioneller Personalarbeit, benötigt der Referent allgemeine Kenntnisse in Bezug auf
Organisation, Belegschaftsstruktur, eingesetzte Technologien im betreuten
Unternehmensbereich (vgl. ALTHAUSER, 1989: 272). Um darüber hinaus eine Überforderung zu
vermeiden bzw. eine Entlastung des Personalreferenten zu ermöglichen ohne jedoch auf den
Spezialisierungsvorteil zu verzichten, kann es sinnvoll sein, für ausgewählte Funktionen zentrale
Dienste beizubehalten. So ist eine Unterstützung des Referenten beispielsweise in arbeits- und
sozialversicherungsrechtlichen Fragen möglich (vgl. hierzu PASCHEN, 1988: 239). Eine weitere
Möglichkeit wäre in diesem Zusammenhang die Spezialisierung des einzelnen Referenten auf
60
Mit dem Modell des Referentensystems steht der jeweiligen Linienkraft nur noch ein
Ansprechpartner für personalwirtschaftliche Fragestellungen gegenüber. Aufgrund
des intensiven Kontakts verfügt der Referent über beste Kenntnisse in Bezug auf die
eingesetzten Verfahren und Methoden, den Unternehmensbereich, das bestehende
Beziehungsgeflecht sowie die beschäftigten Mitarbeiter. Eine auf die individuellen
Bedürfnisse zugeschnittene Personalbetreuung wird möglich. Ferner kann ein Ver-
trauensverhältnis zwischen Referent und Linienkraft aufgebaut werden, welches eine
kontinuierliche, transparente und im Unternehmensbereich akzeptierte Personalar-
beit fördert. In der Verbesserung der Kommunikation zur Arbeitnehmervertretung
liegt ein weiterer Vorteil des Personalreferentensystems, da der Referent die Schnitt-
stelle zwischen Arbeitnehmervertreter und Personalabteilung bzw. Unternehmens-
leitung darstellt. Dies macht ein frühzeitiges Aufgreifen personalwirtschaftlicher
Entwicklungen – Chancen ebenso wie Risiken möglich; bereits im Vorfeld kann
eventuellen Konflikten entgegengewirkt werden.73
Übergeordnetes Ziel des divisionalen Referentensystems ist es, den Prozess der
Entscheidungsfindung und der Problemlösung wieder in den Unternehmensbereich
zu integrieren. Dies bewirkt eine Verkürzung der Entscheidungs- und Informations-
wege, beschleunigt den Managementfluss und hilft, eine bereichsgerechte Personal-
arbeit zu forcieren. Demzufolge werden personalwirtschaftliche Entscheidungen und
Aufgaben in ihrem Umfeld und nicht wie bisher isoliert an zentraler Stelle wahrge-
nommen.74
Die vom Referentensystem beabsichtigte Fokussierung auf den Unternehmens-
bereich birgt jedoch die Gefahr, dass der einzelne Referent zu stark vereinnahmt
wird, die Identifikation mit der zentralen Personalinstanz verliert und sich zu wenig
der gemeinsamen Personalpolitik bzw. Unternehmensstrategie verpflichtet fühlt.
Koordination und Sicherung der unternehmenseinheitlichen Personalarbeit sind
folglich zentrale Aufgabe der Personalabteilung. Zudem muss die Verselbständigung
einzelner Referate unterbunden sowie der abnehmenden Professionalisierung durch
umfassende Qualifizierung entgegengewirkt werden.75 Fühlt sich der Personal-
personalwirtschaftliche Themengebiete, d.h. die Betreuung von Schwerpunkten als
Sonderaufgabe. Neben dem Angebot von spezifischen Kenntnissen kann hierdurch auch die
Kommunikation der Referenten untereinander und der Erfahrungsaustausch gefördert werden. In
diesem Zusammenhang betont LOWE (1992), dass im Vergleich zu anderen Ländern wie z.B.
Großbritannien oder USA das deutsche Ausbildungssystem und das hohe Bildungsniveau der
Dezentralisierung von Personalverantwortung zuträglich ist (vgl. LOWE, 1992: 154f.).
73 Vgl. zu den Vorteilen der Einführung eines Referentensystems auch KLONOVSKY/WEIßENRIEDER,
1999: 52ff.
74 Vgl. BÜHNER, 1991: 104.
75 Vgl. ALTHAUSER, 1989: 272.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 61
referent aufgrund intensivster Beratung – der Referent ist Ansprechpartner für
sämtliche oder zumindest eine Vielzahl der Personalfunktionen – überfordert, wird er
schwierige Personalfragen und problematische Einzelfälle an die zentrale Instanz
weitergeben. Dies führt letztendlich zu einer Überlastung der Personalabteilung, so
dass für die Wahrnehmung strategischer Entscheidungen und Aufgaben nicht mehr
genügend personelle Kapazitäten zur Verfügung stehen.76
2.1.3 Das Integrationsmodell
Damit der Personalreferent hinsichtlich der Personalverwaltung entlastet wird, sich
verstärkt der Erfüllung seiner Beratungsfunktion widmen und in Zusammenarbeit mit
der zentralen Personalabteilung eine unternehmenseinheitliche Personalpolitik sich-
ern kann, wird verstärkt der Einsatz adäquater Informations- und Kommunikations-
techniken gefordert. Je stärker ein vermehrter Einsatz moderner Technologie jedoch
dazu führt, dass der Vorgesetzte einen direkten Zugriff auf die erforderlichen
Personalinformationen hat, desto eher lässt sich eine vollständige Delegation in die
Unternehmensbereiche bzw. in die Linie realisieren. Dies bedeutet, dass personal-
wirtschaftliche Entscheidungen in stärkerem Maße von der Linienkraft beeinflusst
und somit dezentraler und näher an der Basis durchgeführt werden. Neben der
besseren Berücksichtigung individueller Ansprüche der Mitarbeiter kann der Vorge-
setzte unmittelbar und flexibel auf Einflüsse aus der diskontinuierlichen und dynami-
schen Unternehmensumwelt reagieren und diese in die Ausgestaltung personalwirt-
schaftlicher Maßnahmen einbeziehen. Trotz des schnellen Wandels externer und
interner Unternehmensdeterminanten ist es somit möglich, Personalarbeit mitarbei-
ternah zu gestalten und auszuführen.
Die verstärkte Erkenntnis der Integration von Personalfunktion und -führung führt zu
einer fast vollständigen Redelegation personalwirtschaftlicher Entscheidungs- und
Verrichtungsverantwortung in die Linie. Aufgrund ausgebauter Kenntnisse über
personalwirtschaftliche Entscheidungssituationen, Maßnahmen und Instrumente so-
wie den Betreuungsbereich und die darin tätigen Mitarbeiter, übernimmt der Vorge-
setzte die Rolle des Entscheidungsträgers. Je nach Bedarf und Entscheidungssitua-
tion wird die Linienkraft bei der Entscheidungsvorbereitung durch einen Moderator
76 Vgl. hierzu auch den Beitrag von LOWE, 1992. Ungeachtet der genannten Gefahren betont
ALTHAUSER (1989) noch Anfang der 90er Jahre: „Das Referentensystem dürfe die vielver-
sprechendste Gliederungsform der Personalabteilung sein. Treten die unterstützenden Bereiche
wie 'Personalverwaltung/-abrechnung' ... als übergreifende, für die ganze Unternehmung zu-
ständige Bereiche hinzu, sind wesentliche Grundlagen eines agierenden Personalwesens
gelegt.“ (ALTHAUSER, 1989: 273.) Analog betonen auch BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994), dass das
Referentensystem derzeit eines der verbreitetsten Modelle in Großunternehmen ist (vgl.
BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 59).
62
und/oder Berater unterstützt und somit in die Lage versetzt, den Entscheidungs-
prozess selbst zu kontrollieren sowie personalwirtschaftliche Entscheidungen und
operative Personalarbeit selbst erfolgreich durchzuführen.77 Diese umfassende
Verlagerung von Entscheidungs- und Verantwortungskompetenzen kennzeichnet
PASCHEN (1988) als Integrationsmodell der Personalarbeit,78 da eine Reintegration
personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz und Personalaufgaben in das
Tätigkeitsfeld des Vorgesetzten erfolgt.
Auch wenn in der Literatur diese Form der Delegation oftmals im Sinne einer reinen
Rückführung von Personalverantwortung zum direkten Vorgesetzten dargestellt wird,
erfolgt die inhaltliche Ausgestaltung unter völlig veränderten Bedingungen und
Anforderungen eines modernen Personalwesens. Besonders vor dem Hintergrund
neuer Organisations- und Managementkonzepte wie Lean Management, Busi-
ness Reengineering oder einem integrierten Kompetenzmanagement wandelt sich
die Vorgesetztenrolle vollständig.79 Die Verflachung von Hierarchien führt zu einer
erhöhten Kontroll- und Leitungsspanne des Linienvorgesetzten, was mit einer
Ausweitung der Führungstätigkeit und einer Veränderung des gesamten Aufgaben-
felds einhergeht. Hohe Kontrollspannen sowie hoch qualifizierte und spezialisierte
Mitarbeiter verlangen eine anspruchsvolle, intensive Personalführung und eine indi-
viduelle Gestaltung des personalwirtschaftlichen Services.80 Voraussetzung für den
Abbau entpersonalisierter Führung ist jedoch die Identifikation mit der Personalarbeit,
denn nur dann werden Personalprobleme leichter antizipativ wahrgenommen und der
Linienvorgesetzte gewinnt ein ganzheitliches Bild über unverzichtbare
Personalentscheidungen und -aufgaben.
2.1.4 Das Konzept des Wertschöpfungscenters
Das „Wertschöpfungscenter Personal“81 stellt einen systematischen Ansatz zur quali-
täts- und serviceorientierten sowie unternehmerischen Gestaltung der Personalarbeit
77 Einige Autoren nennen explizit das (Personal-)Moderatorenmodell, welches sich gegenüber dem
Referentensystem dadurch unterscheidet, dass die Unterstützung des Linienvorgesetzten noch
weiter intensiviert wird. Vgl. hierzu beispielsweise ALTHAUSER, 1989: 276; WÄCHTER, 1987: 141f.;
PASCHEN, 1988: 239f. Die Verfasserin verzichtet an dieser Stelle auf eine Differenzierung und
eine detaillierte Darstellung des Moderatorensystems und integriert den Gedanken des
Moderators bzw. Beraters in die Ausführungen zum Integrationsmodell der Personalarbeit.
78 Vgl. hierzu und im Folgenden PASCHEN, 1988: 240.
79 Vgl hierzu die zusammenfassende Beurteilung neuer Organisations- und Managementkonzepte
und das daraus abgeleitete „Paradigma der neuen Dezentralisierung“ bei DRUMM, 1996a.
80 Vgl. hierzu die Beiträge bei DRUMM, 1989; ferner WUNDERER/DICK, 2000: 34. Vgl. zum optimalen
Grad der Entscheidungsdezentralisierung sowie zur optimalen Führungs- oder Leitungsspanne
exemplarisch die Beiträge von KEREN/LEVHARI, 1989; BOHN, 1987.
81 Für die organisatorische Gestaltung wird oftmals auch der Terminus Profit Center verwendet.
Dieser Begriff erscheint WUNDERER (1992a) jedoch einerseits zu eng bzw. zu speziell, anderer-
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 63
dar.82 Der unternehmerische Grundgedanke des Wertschöpfungscenters liegt da-
rin,83 dass die Personalabteilung ihre Arbeit verstärkt auf die Bedürfnisse der dezen-
tral agierenden Träger ausrichtet. Sie bietet ihnen adäquate Lösungen zu Markt-
bzw. internen Verrechnungspreisen an und unterzieht die personalwirtschaftlichen
Dienstleistungen einer regelmäßigen Evaluation.84 Im Sinne einer Effizienzsteigerung
wird die Entscheidungs- und Aufgabenverteilung zwischen Personalabteilung und
Linie restrukturiert und einer ökonomischen Bewertung unterzogen. Die zentrale
Personalabteilung übernimmt Funktionen strategischer Art, die operative Personal-
arbeit wird weitestgehend in die Linie delegiert. Versteht sich die Personalabteilung
als Wertschöpfungscenter, dann liegt ihre Aufgabe folglich im Aufbau von Wett-
bewerbsvorteilen durch Dezentralisierung, Redelegation und Ökonomisierung der
Personalarbeit.85
Der Wertschöpfungsbeitrag der Personalabteilung beschränkt sich nicht nur auf eine
ökonomische Dimension, sondern berücksichtigt im Hinblick auf die Integration der
Personalarbeit in die Unternehmensstrategie, -struktur und -kultur auch eine nicht-
monetäre Nutzenstiftung bei den internen Bezugsgruppen personalwirtschaftlicher
Leistungen. Daher wird für das Wertschöpfungscenter eine duale Struktur vorge-
seits für die Personalabteilung nicht empfehlenswert. Infolgedessen wird „... die sicher noch
gewöhnungsbedürftige Bezeichnung »Wertschöpfungs-Center« vorgeschlagen.“ (WUNDERER,
1992a: 206.) Der Begriff des Wertschöpfungscenters Personal ist nicht nur in der gegenwärtigen
wissenschaftlichen Literatur ein etablierter und feststehender Ausdruck für die Dezentralisierung
und Ökonomisierung der Personalarbeit, sondern er findet nach Auffassung der Verfasserin auch
zunehmend Eingang in die unternehmerische Praxis. Die Verfasserin greift bei dieser
Behauptung auf fundiertes Experten- und Erfahrungswissen zurück, welches sie in zahlreichen
Praxisprojekten und durch den intensiven Austausch mit Unternehmensvertretern im Rahmen
ihrer mehrjährigen Arbeit an der Universität Paderborn gewonnen hat. Insbesondere der Aufbau
und die langjährige Leitung eines Erfahrungs- und Gesprächskreises zum Thema
Personalcontrolling haben dazu beigetragen, dieses praxisorientierte Wissen aufzubauen. Siehe
für weitere Informationen: http://personalcontrolling.myconsult-team.de oder
http://perscon.myconsult-team.de
82 Vgl. hierzu insbesondere die Beiträge bei SCHOLZ, 1999.
83 Wird von der Restrukturierung der Personalabteilung in ein Wertschöpfungscenter gesprochen,
gilt es den Begriff der Wertschöpfung zu definieren: Die betriebliche Wertschöpfung stellt die
Saldogröße aus dem Ertrag einer betrieblichen Leistung, vermindert um den Wert der in die
Leistungserstellung eingegangenen Vor- bzw. Fremdleistungen dar. Die Personalabteilung leistet
dann einen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens, wenn es gelingt, personalwirtschaftliche
Leistungen in nachgefragter Qualität und Zeit sowie zu marktgerechten Konditionen anzubieten.
Vgl. hierzu WENKE, 1987: 48; WEBER, 1981: 1788.
84 Vgl. KREUTNER, 1997 zu der Thematik der Verrechnungspreise in Profit Center-Organisationen.
85 Vgl. hierzu und im Folgenden die Beiträge zum Wertschöpfungscenter Personal von WUNDERER/
JARITZ, 1999; WUNDERER/ARX, 1998; ARX, 1995; SCHLAGENHAUFER, 1994; WUNDERER/KUHN,
1993; WUNDERER, 1992a; WUNDERER, 1992b; WUNDERER/SCHLAGENHAUFER, 1992. In diesem
Zusammenhang verweist die Verfasserin auch auf den Herausgeberband von SCHOLZ (1999),
dessen Beiträge sich ausführlich der Realisierung des Center-Gedankens in der Personalarbeit
widmen.
64
schlagen, d.h. eine Differenzierung in Management-/Servicedimension und Business-
dimension.
Die Management-/Servicedimension konzentriert den Wertschöpfungsaspekt auf die
Leistungsphilosophie und -kultur der Personalarbeit und fokussiert dabei auf eine
bedürfnis- und bedarfsgerechte sowie innovative und professionelle Unterstützung
der Linienkraft. Befragungen der personalwirtschaftlichen Entscheidungsträger in der
Linie geben Auskunft über die subjektive, nicht-monetäre Nutzenbewertung durch die
Linienkraft und liefern zudem Informationen über deren Erwartungshaltung.86 Die
Implementierung der Management-/Servicedimension ist Grundlage für eine voll-
ständige Restrukturierung der Personalabteilung, denn erst ein hoher Qualitätsstan-
dard in den klassischen Personalfunktionen, für welche der interne bzw. externe
Kunde bereit ist einen vereinbarten oder marktgerechten Preis zu zahlen, ermöglicht
es Erträge zu erzielen. Die anschließende Konzeptstufe der Businessdimension
beinhaltet die monetäre Bewertung der Personalarbeit mittels Erfolgsgrößen oder
Kosten- und Leistungsrelationen. Je nach Bewertungsmöglichkeit wird die Organisa-
tionsform des Cost Centers, des Revenue Centers oder des Profit Centers realisiert.
Hieraus resultiert die dreiteilige Grundstruktur des Wertschöpfungscenters.
Es gilt jedoch, dass sich nicht alle Personalfunktionen für eine organisatorische
Umgestaltung in ein Profit Center eignen, da in Bezug auf die Personalarbeit nicht
nur Gewinn- und Rentabilitätskriterien eine Rolle spielen: Gewisse personalwirt-
schaftliche Leistungen sind nicht monetär quantifizierbar und eine kurzfristige,
gewinnorientierte Sichtweise steht den strategischen Zielen der Personalarbeit ent-
gegen.87 Vor diesem Hintergrund ist zunächst anhand einer Prozess- und Aufgaben-
analyse zu evaluieren, welche personalwirtschaftlichen Funktionen in welcher Form
ausgeführt werden können und ob die personalwirtschaftlichen Leistungen der inter-
nen Nachfrage entsprechen. Das Ergebnis dieser Analyse ermöglicht dann eine
Evaluation derjenigen Leistungen, die sich intern zu Markt- oder Verrechnungs-
preisen absetzen lassen (Revenue Center) und derjenigen, die per Umlage ver-
rechnet werden (Cost Center). Ebenfalls kann festgestellt werden, welche Kosten
auftragsvariabel sind und der Linienkraft direkt in Rechnung gestellt werden können
(Profit Center). Zusammenfassend wird die dreiteilige Struktur des Wertschöpfungs-
centers in Abbildung 3 graphisch dargestellt.
86 Die Bewertung der personalwirtschaftlichen Leistungen wird mittels Befragungen interner,
gegebenenfalls auch externer Bezugsgruppen evaluiert. Hierfür werden zentrale Servicekriterien
wie Bereitschaft, Umfang und Qualität sowie Breite und Tiefe des Angebots definiert. In Bezug
auf die Managementdimension kommen Indikatoren wie Innovationsfähigkeit,
Konflikthandhabung, Planung oder Koordination in Frage (vgl. WUNDERER, 1992a: 212f.).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 65
Wertschöpfungscenter „Personal
Cost Center
z.B. Personalplanung,
-betreuung und -erhaltung,
Personalstrategie und
Führungssysteme
interne, nicht-marktfähige
Leistungen
Kostendeckung über interne,
nicht verursachungs-
gerechte Kostenumlage
mittels Umlageschlüssel
Funktion:
Revenue Center
z.B. operative Personal-
arbeit, Personalmarketing
und -freisetzung, interna-
tionaler Personaltransfer
interne, marktfähige
Leistungen, kein Zugang
zum externen Markt für
Anbieter und Nachfrager
Kostendeckung über interne,
verursachungsgerechte und
kostenorientierte Transfer-
preise auf Basis von Selbst-
kosten
Profit Center
z.B. Personalentwicklung
und -beschaffung, Personal-
forschung und Mitarbeiter-
befragung, Organisations-
entwicklung
interne, marktfähige Leistun-
gen, mit einem Zugang zum
externen Markt für Anbieter
und Nachfrager
Deckungsbeitragsmaximie-
rung über intern und extern
verrechnete, verursachungs-
gerechte Markt- und
Transferpreise
Verrechnung:
Leistung:
Abbildung 3: Dreiteilige Struktur des Wertschöpfungscenters Personal88
Ziel des Wertschöpfungscenters ist eine optimale und flexible Nutzung der unter-
nehmenseigenen Humanressourcen. Da die personalwirtschaftlichen Leistungen
vom Linienvorgesetzten nur dann in Anspruch genommen werden, wenn er sich
dadurch eine Verbesserung der eigenen Erfolgskriterien verspricht, gelingt die Moti-
vation zu einem ökonomischen Umgang mit knappen Ressourcen. Die Personal-
abteilung wird in eine Konkurrenzsituation manövriert, die sie zu unternehmerischem
Handeln zwingt. Die Literatur resümierend, bestehen die Chancen in folgenden
Faktoren:89 (1) Optimierung der Prozesse und Überprüfung des Leistungsangebots,
(2) Erhöhung der Qualitätsstandards personalwirtschaftlicher Leistungen, (3) Beurtei-
lung aufwendungsverursachender Personalleistungen hinsichtlich Notwendigkeit und
Kostenfolgen, (4) Ausrichtung der Personalarbeit auf charakteristische Gegeben-
heiten und spezifische Bedürfnisse einzelner Fachbereiche, (5) Steigerung der
Leistungsbereitschaft der Personalspezialisten durch Aufwertung ihres Status zum
Subunternehmer, und (6) Erhöhung des Ausmaßes an Eigenverantwortung, Ent-
scheidungsbefugnis, Selbständigkeit und Transparenz fördern unternehmerisches
Denken der Personalverantwortlichen.
87 Vgl. hierzu ARX, 1995: 430ff.
88 Quelle: In Anlehnung an ARX, 1995: 438.
89 Vgl. WUNDERER/ARX, 1998: 278; ARX, 1995: 432ff.; ACKERMANN, 1994a: 16f.; WUNDERER/KUHN,
1993: 205; WUNDERER, 1992a: 210.
66
Das Konzept weist aber auch Grenzen auf, wobei der Schwerpunkt auf zwei wesent-
liche Problemfelder gelegt wird:90 (1) Die Abkehr vom strategischen Denken und
(2) das Zerstören von Synergieeffekten. Ein elementares Problem dezentraler,
wertschöpfungsorientierter Entscheidungsstrukturen ist zurückzuführen auf kurz-
fristige Erfolgsüberlegungen, gesteigertes Streben nach Periodenerfolg sowie eine
gegebenenfalls sinkende Nachfrage nach notwendigen, aber kostenintensiven per-
sonalwirtschaftlichen Leistungen. Resultat ist mangelndes, strategisches Denken
seitens der Linie, aufgrund der Unvereinbarkeit von geforderter Kundenorientierung
mit der strategischen Ausrichtung der Personalabteilung.91 Ein zweites grundlegen-
des Problem liegt in dem Bestreben, personalwirtschaftliche Entscheidungen in
einem noch stärkerem Ausmaß – als beispielsweise im Integrationsmodell – an die
Linienkraft zu delegieren, denn „[v]erstärkte Dezentralisierung konterkariert die
Synergieeffekte und führt zu Abteilungsegoismus, verbunden mit kurzfristiger
Gewinnorientierung.“92 WUNDERER/ARX (1998) fordern in diesem Zusammenhang ein
differenziertes Steuerungs- und Planungssystem, welches neben der horizontalen
Integration auch die Koordination vertikaler Aufgabenstrukturierung leistet, in das
über- und untergeordnete Organisations- und Managementsystem eingegliedert sind
und das somit die Risiken der Dezentralisierung mindert.93
2.1.5 Zusammenfassende Beurteilung dezentraler Organisations-
konzepte
In den letzten Jahrzehnten hat es kaum einen Zeitpunkt gegeben, an welchem
bestehende Organisationsstrukturen in so weit reichender Weise in Frage gestellt
und organisatorische Änderungen mit so tief greifender Konsequenz verfolgt wurden
wie heutzutage. Die derzeitige Restrukturierungstendenz lässt sich dadurch kenn-
zeichnen, dass eine Konzentration auf einzelne Branchen oder spezifische Funkti-
onsbereiche ausbleibt und ein breites Spektrum organisatorischer Einheiten erfasst
90 Vgl. zu einem Überblick der Grenzen und Voraussetzungen des Wertschöpfungscenters
Personal WUNDERER/KUHN, 1993: 206f.; SCHERM, 1992: 1035f.; WUNDERER, 1992a: 212f.
91 Vgl. hierzu COLLING/FERNER (1992), deren Einwand sich gegen die extreme Ausrichtung der an-
gebotenen Leistungen an den Bedürfnissen der Führungskraft vor Ort richtet. Denn es stellt sich
die Frage: „Yet if the personnel function was to be 'demand-driven', how could it play its strategic,
proactive role with conviction? (COLLING/FERNER, 1992: 223.) Vgl. zum Defizit der strategischen
Ausrichtung der Linie KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER, 1992: 142; vgl. ferner zur fehlenden
Integration des dezentralen Personalmanagements in die Unternehmensstrategie HOPE-
HAILEY/GRATTON/ MCGOVERN/STILES/TRUSS, 1997: 7.
92 WUNDERER, 1992a: 212. In diesem Kontext gibt SCHERM (1995) zu bedenken, dass dem „...
(Produktions-)Kostenvorteil des Profit Centers höhere Transaktionskosten aufgrund der größeren
Gefahr des opportunistischen Verhaltens der »Vertragsparteien« gegenüber[stehen] ...“
(SCHERM, 1995: 646.)
93 Vgl. WUNDERER/ARX, 1998: 74ff.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 67
wird. Da sich die neuen Organisationskonzepte auf generelle Prinzipien wie Formung
überschaubarer Bereiche, Einbringung von Markt- und Kundenorientierung und
Erhöhung der Eigenverantwortung zurückführen lassen, erscheint eine Anwendung
auf die gesamte Wertschöpfungskette und die mit ihr verbundenen Management-
und Verwaltungsstrukturen zunehmend möglich.94 Wie die obigen Ausführungen zei-
gen, hält dieser Gedanke von Entscheidungsdelegation auch in die Personalorgani-
sation und -arbeit Einzug und spiegelt sich im „Paradigma der neuen Dezentralisie-
rung“ wider.
Wie im Rahmen der organisatorischen Neuorientierung der Personalabteilung
gezeigt wurde, kann sich die Zuordnung personalwirtschaftlicher Entscheidungs-
kompetenz von einer vollständigen Zentralisierung strategischer und operativer
Funktionen über eine abgeschwächte Form der Dezentralisierung in Form dezentral
agierender Referenten, Moderatoren und Berater bis hin zu einer vollständigen
Delegation an die Führungskräfte bewegen. Dazwischen liegen zahlreiche Varianten
und Mischformen der Zuordnung zu Entscheidungsträgern,95 deren organisatorische
Ausprägung und Realisierung wiederum von dem übergeordneten Organisations-
modell und der darin vorgesehenen Autonomie dezentraler Bereiche abhängig sind.96
Je nach vertikaler Entscheidungs- und Aufgabenstrukturierung können unterschied-
lich ausgeprägte Formen der Zusammenarbeit zwischen den betrieblichen Akteuren
Personalinstanz/-abteilung und Linienkraft identifiziert werden. Tabelle 6 gibt einen
94 Vgl. FRESE/WERDER, 1994: 3, 7ff. und 12ff. Als Ursprung der Restrukturierung wird zwar primär
die Branche der Automobilindustrie gesehen (vgl. hierzu die MIT-Studie von WOMACK/JONES/
ROSS, 1990), jedoch führt eine Generalisierung der Prinzipien des Lean Management oder des
Business Reengineering zu einer branchen- und funktionsübergreifenden Veränderung
organisatorischer Strukturen (vgl. hierzu auch die Analyse gemeinsamer Strukturelemente des
„Paradigmas der neuen Dezentralisierung“ bei DRUMM, 1996a: 10ff.). Dies kann z.B. durch
Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der Reorganisation der öffentlichen Verwaltung belegt
werden (vgl. hierzu exemplarisch VAANHOLT, 1997).
95 An dieser Stelle ist zu betonen, dass die Existenz einer zentralen Personalabteilung oder -instanz
auch bei stark ausgeprägter, dezentraler Personalverantwortung nicht in Frage gestellt wird.
Bereits SIMON (1960) betont: „... centralizing and decentralizing are not genuine alternatives for
organizing. The question is not whether we shall decentralize, but how far we decentralize. What
we seek, again, is a golden mean: we want to find the proper level in the organization hierarchy –
neither to high nor to low – for each important class of decisions.“ (SIMON, 1960: 43.) Ebenso
hebt MINTZBERG (1979) hervor: „... centralization and decentralization should not be treated as
absolutes, but rather as two ends of a continuum.“ (MINTZBERG, 1979: 185.) Daher „... gibt [es] in
Fragen der (De-)Zentralisierung kein simples "entweder–oder", sondern es geht stets um eine
angemessene Mischung zentraler und dezentraler Elemente.“ (PICOT, 1993: 222.) Diese
Schlussfolgerung wird ebenfalls von EVANS (1994) unterstützt: „The 'either-or’ pendulum of
centralization-decentralization is replaced by a new ‘and-and’ challenge ...“ (EVANS, 1994: 38.)
96 Vgl. hierzu beispielsweise LAWLER (1988) der betont: „For decentralization to work, the corporate
unit must determine how much decentralization is necessary and provide business units with
clear descriptions of how much autonomy they have.“ (LAWLER, 1988: 27.)
68
zusammenfassenden Überblick ausgewählter wissenschaftlicher Beiträge zu
(de-)zentralen Organisationskonzepten und -alternativen in der Personalarbeit.97
Verantwortung
für personalwirtschaftliche Entscheidung
liegt bei
zentraler Personalinstanz
Verantwortung für personalwirtschaftliche
Entscheidung liegt bei der
Linienführungskraft
Dezentralisier-
ungsgrad gering mittel hoch
Autoren Organisationskonzepte
PASCHEN,
1988 Traditionelles
Modell Funktionale
Organisation Referenten-
system Moderations-
system Integrations-
modell
DAUL,
1990a und
1990b
Zentralgesteuertes
Personalwesen Divisional dezentralisiertes
Personalwesen
BÜHNER,
1991 Funktional-zentrale
Organisation Divisionales
Referentensystem Profit
Center
DOMSCH/
GERPOTT,
1992
Personalspezialist als
Linieninstanz Personalspezialist mit
Richtlinienkompetenz Personalspezialist als
reaktiver Berater
WUNDERER/
KUHN, 1993 Verwaltungs-
konzept Beratungs-
konzept Dezentralisierungs-
konzept Holding-
konzept
SCHERM,
1995 Zentrale
Variante Kooperative
Variante Koordinative
Variante Dezentrale
Variante
KRÜGER/
WERDER,
1995
Modell des
Kernbereichs Modell des
Richtlinienbereichs Modell des
Servicebereichs Modell autarker
Geschäftsbereiche
WUNDERER/
ARX,
1998
Zentralbereich Personal
als Monopolist Zentralbereich Personal
als Dienstleistungscenter Zentralbereich Personal
als Mitbewerber im freien
Wettbewerb
WÄCHTER,
1999 Personal-
organisation nach
Arbeitnehmer-
gruppen
Personal-
organisation nach
Funktionen
Personal-
organisation mit
Referenten
Personal-
organisation mit
Virtualität und
Outsourcing
Tabelle 6: Organisationskonzepte der Personalarbeit im Überblick98
97 Die Verfasserin erhebt bei diesem Überblick nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr
handelt es sich um in der einschlägigen Literatur, identifizierte Organisationskonzepte (de-)zen-
traler Personalarbeit, die ihrer Art nach als idealistische Modelle bezeichnet werden können.
98 Vgl. für die angegebenen Organisationsformen und –konzepte, die vornehmlich in der deutsch-
sprachigen Literatur diskutiert werden, WÄCHTER, 1999: 3; WUNDERER/ARX, 1998: 109; KRÜGER/
WERDER, 1995: 8ff.; SCHERM, 1995: 644; WUNDERER/KUHN, 1993: 196; DOMSCH/GERPOTT, 1992:
1937f.; BÜHNER, 1991: 99ff.; DAUL, 1990a und 1990b: 650ff.; PASCHEN, 1988: 238.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 69
Wie der tabellarische Überblick und die obigen Ausführungen zeigen, ist eine ein-
deutige Bestimmung delegierter Entscheidungskompetenz auf Basis bestehender
wissenschaftlicher Arbeiten derzeit schwer möglich. Genau hier setzt das zu ent-
wickelnde konzeptionelle Analyseraster an. Die Orientierung am personalwirtschaft-
lichen Entscheidungsprozess und die klare Zuordnung von Entscheidungskontrolle
auf die einzelnen Träger der Personalarbeit ermöglicht eine Systematisierung und
Abgrenzung beschriebener Organisationskonzepte und existierender Mischformen.
Trotz der skizzierten Überlegenheit des „Paradigmas der neuen Dezentralisierung“
dürfen die hiermit einhergehenden Risiken jedoch nicht unbeachtet bleiben, denn so
manche „Veränderungen der Organisationsstrukturen, wie sie sich im Übergang zur
Divisionalisierung und zum Profit Center-Konzept manifestieren, ... [machen] auch
eine Anpassung in der Organisation der Personalarbeit erforderlich.“99 Neben mög-
lichen Risiken, die sich aus der Anpassung von Verfahren bzw. Methoden und der
damit einhergehenden inhaltlichen Neugestaltung der Personalarbeit ergeben,100 zie-
len die Delegationsgefahren insbesondere auf das Fehlen einer notwendigen Steue-
rung dezentraler Entscheidungsträger und auf den Mangel an unternehmerischer
Kontrolle über die Personalarbeit ab.
Im Zusammenhang mit den zuvor skizzierten Ansätzen zur Modifikation konven-
tioneller Organisationskonzepte hin zur Entscheidungswahrnehmung durch die Linie
wird von einer Dezentralisierungstendenz in der Personalarbeit gesprochen,101
welche im Folgenden auch empirisch belegt wird.
2.2 Verlagerung personalwirtschaftlicher Funktionen und Aufgaben in die
Linie
Wird zunächst von den spezifischen Personalfunktionen abstrahiert und nur die
Autonomie bzw. Beziehungsintensität zwischen zentraler Personalabteilung und
dezentral agierender Führungskraft betrachtet, bezeichnet dies den Grad der
99 ACKERMANN, 1994a: 7. ACKERMANN (1994a) betont ferner, dass angesichts der Vielzahl möglicher
Problemlösungen die Rolle der Personalabteilung als einer der Hauptträger der Personalarbeit
sowohl gestärkt als auch geschwächt werden kann. Daher steht die veränderte Rolle der
Personalabteilung wie auch die Linienführungskraft im Mittelpunkt des Kapitels II.2.3, welches
sich den aus dezentralen Entscheidungsstrukturen ergebenden Implikationen für Träger, Funk-
tionen und Inhalt der Personalarbeit widmet.
100 Siehe zu möglichen Auswirkungen auf Technologien und Methoden der Personalarbeit die Aus-
führungen in Kapitel II.2.3.3.
101 Die Diskussion zur Dezentralisierungstendenz der Personalarbeit zusammenfassend bekräftigen
KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER (1992): „... it is therefore still justifiable to talk about a clear trend
towards decentralizing personnel.“ (KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER, 1992: 136.) Auch
HALL/TORRINGTON (1998) stellen in ihrer Untersuchung einen eindeutigen Trend hin zur
70
(De-)Zentralisierung. Der (De-)Zentralisierungsgrad ist folglich ein Maß für die durch-
schnittliche horizontale Autonomie bzw. Beziehungsintensität zwischen Abteilungen
oder Stellen eines organisierten soziotechnischen Systems.102 In den dargestellten
Organisationskonzepten steigt der Dezentralisierungsgrad bzw. sinkt der
Zentralisierungsgrad, je stärker personalwirtschaftliche Entscheidungen vertikal
segmentiert und in die Linie verlagert werden. Beispielsweise erhöht sich der Grad
der Dezentralisierung, wenn der Fachabteilung ein Referent auf niedrigerer Hierar-
chieebene als Ansprechpartner zur Seite gestellt wird, so dass die Einführung des
Referentensystems ausnahmslos als Dezentralisierungsentscheidung diskutiert wird.
Ein größerer Schritt in Richtung hohem Dezentralisierungsgrad ist zu erkennen,
wenn eine Abkehr vom Referentensystem hin zur Stärkung des Personalverantwort-
lichens vor Ort innerhalb des Integrationssystems verfolgt wird.103 Ein hoher
Dezentralisierungsgrad ist folglich dadurch gekennzeichnet, dass „… Kompetenzen
für die Erfüllung [von] unterstützenden Personalaufgaben mehreren organisatori-
schen Einheiten [...] zugeordnet werden.“104
Einen weiteren identifizierten Forschungsschwerpunkt in der Diskussion zum Thema
Dezentralisierung der Personalarbeit bilden somit Beiträge, die sich mit dem
(De-)Zentralisierungsgrad beschäftigen. Diese wissenschaftlichen Arbeiten beant-
worten vorrangig folgende Fragen: Welche personalwirtschaftlichen Aufgaben wer-
den eher zentral oder dezentral wahrgenommen (Kapitel II.2.2.1)? Wie hat sich der
(De-)Zentralisierungsgrad personalwirtschaftlicher Aufgaben im Laufe der Zeit
verändert (Kapitel II.2.2.2)? Wie kann der Grad der (De-)Zentralisierung der
Personalarbeit deutscher Unternehmen im Ländervergleich eingeordnet werden
(Kapitel II.2.2.3)? In der vorliegenden Arbeit werden diese Kernfragen wissenschaft-
licher Forschung durch die Auswertungen der aktuellen Umfrageergebnisse des
CRANET105 dokumentiert und empirisch belegt. Diese Ergebnisse werden bestätigt
Verlagerung von Entscheidungskompetenzen fest: „The intention to devolve personnel activities
to the line was unambiguous.“ (HALL/TORRINGTON, 1998: 47.)
102 Vgl. HILL/FEHLBAUM/ULRICH, 1994: 186f. HILL/FEHLBAUM/ULRICH (1994) ziehen zur Abstufung des
Dezentralisierungsgrads Indikatoren wie beispielsweise Anzahl dezentraler Funktionsbereiche,
Intensität des internen Leistungsaustausches, Art der Verrechnung des internen Leistungs-
austausches und personelle Autonomie heran.
103 Siehe hierzu beispielsweise den Überblick in Tabelle 6.
104 GERPOTT, 1990: 13.
105 Das CRANET (CRANFIELD NETWORK ON INTERNATIONAL HUMAN RESOURCE MANAGEMENT) wurde
1990 als Zusammenschluss von Personalmanagement-Arbeitsgruppen aus fünf europäischen
Ländern gegründet. Nach einem kontinuierlichen europäischen Wachstum gehören dem Netz-
werk seit 1997 auch außereuropäische Arbeitsgruppen an. Gegenwärtig umfasst der
Forschungsverbund 34 Universitäten weltweit. Ziel des aus dem Netzwerk entstandenen
CRANFIELD PROJECTS ON INTERNATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT ist eine
international vergleichende Untersuchung der Unternehmenspraktiken auf dem Gebiet des
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 71
und gegebenenfalls ergänzt durch die dann chronologisch aufgebaute Beschreibung
weiterer empirischer Arbeiten zum Thema der Dezentralisierung der Personal-
arbeit.106 Ein Fazit in Kapitel II.2.2.4 beschließt die Ausführungen.
2.2.1 Identifizierung des Dezentralisierungsgrads personalwirtschaft-
licher Funktionen
Die in Deutschland geführte Diskussion zur Dezentralisierung der Personalverant-
wortung konzentriert sich auf die Frage: „In welchen personalwirtschaftlichen Auf-
gabenfeldern ist der Linienmanager der (Personal-)Spezialist vor Ort, und welche
Aufgaben werden zentral durch die Personalabteilung wahrgenommen?“107 Werden
zur Beantwortung dieser Frage die aktuellen Umfrageergebnisse des CRANET108
exemplarisch für den Dezentralisierungsgrad deutscher Unternehmen Ende des
20. Jahrhunderts herangezogen, dann lässt sich folgendes Bild erkennen (siehe
Abbildung 4).
Personalmanagements. Vgl. hierzu, zum empirischen Design, zu den teilnehmenden deutschen
Unternehmen der fünften Erhebungswelle sowie zu ausgewählten empirischen Ergebnissen
WEBER/KABST, 2000.
106 Ausführungen zum (De-)Zentralisierungsgrad der Personalarbeit finden sich vornehmlich in der
empirisch fundierten Forschung.
107 HANEL/KABST/MAYRHOFER/WEBER, 1998: 2.
108 Die Auswertungsergebnisse beruhen auf der fünften Erhebungswelle 1999/2000 des CRANFIELD
PROJECTS ON INTERNATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT. Die zugrunde liegende
Fragestellung der Untersuchung lautet (siehe Frage 14 des Fragebogens): Wer trägt die Haupt-
verantwortung für wichtige Entscheidungen in folgenden Bereichen? Vgl. hierzu auch die Ausfüh-
rungen zur aktuellen personalwirtschaftlichen Herausforderung der Dezentralisierung bei WEBER/
KABST, 2000: 34f.
72
12% 41%
37%
10%
9% 45%
40%
7% 10% 44%
38%
9% 13% 24%
31%
31%
12%
42%
36%
10%
0% 10% 20% 30% 40% 50%
Entgelt und Zusatzleistung
Personalbeschaffung
Personalentwicklung / Aus-
und Weiterbildung
Arbeitgeber-Arbeitnehmer-
Beziehungen
Veränderung des
Personalbestands
Personalabteilung
Personalabteilung in Absprache mit direktem Vorgesetzten
Direkter Vorgesetzter in Absprache mit Personalabteilung
Direkter Vorgesetzter
Abbildung 4: Hauptverantwortung für Personalfunktionen
in deutschen Unternehmen (1999/2000)109
Die Verteilung der Entscheidungskompetenz gestaltet sich innerhalb der unterschie-
denen Personalfunktionen grundsätzlich sehr gleichartig: So liegt in durchschnittlich
10% der befragten Unternehmen die alleinige Hauptverantwortung für Bestands-
veränderung, Personalentwicklung und Aus- und Weiterbildung, Beschaffung sowie
Entgelt und Zusatzleistung beim direkten Linienverantwortlichen. Analog hierzu
nennen die Befragten einen entsprechend hohen Prozentsatz für die zentrale
Personalabteilung als hauptverantwortlichen Träger der Funktionsbereiche. Ähnlich
verhält es sich mit der Kompetenzverteilung zwischen Personalabteilung und
direktem Vorgesetzten: Die Hauptverantwortung für die vier Funktionsfelder liegt in
ca. 38% der befragten Unternehmen bei der Personalabteilung, die ihre Entschei-
dung mit der Linienkraft abstimmt. In minimal mehr Untersuchungsfällen – nämlich
durchschnittlich 43% – liegt die Entscheidungskompetenz beim direkten Vorgesetz-
ten, der seine personalwirtschaftlichen Tätigkeiten in Absprache mit der Zentrale
durchführt. Vor dem Hintergrund der dargestellten Befragungsergebnisse kann
folglich von einer über alle betrachteten Funktionsfelder gleichverteilten Entschei-
dungskompetenz und einem entsprechend gleich hohen Dezentralisierungsgrad
109 Quelle: Eigene Auswertungsergebnisse und Darstellung. Die Veränderung des Personalbestands
versteht sich hier im Sinne der Personalfreisetzung.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 73
gesprochen werden. Eine Ausnahme hiervon bildet der Funktionsbereich Arbeit-
nehmer-Arbeitgeber-Beziehungen, der zu einem Drittel hauptverantwortlich durch die
Zentrale wahrgenommen und somit einen weitaus niedrigeren Dezentralisierungs-
grad aufweist. Werden die Umfrageergebnisse des CRANET zusammengefasst, kann
ausgesagt werden, dass die Hauptverantwortung für die Funktionen Bestands-
veränderung, Entwicklung bzw. Aus- und Weiterbildung, Beschaffung sowie Entgelt
und Zusatzleistungen in über der Hälfte der befragten Unternehmen bei der
Linienkraft liegt. Diese trifft ihre Entscheidungen größtenteils in Absprache mit der
Personalabteilung.110
Bereits in den 80er Jahren postuliert MÜLLER (1983), dass die „... Handhabung von
Anreizsystemen, das Führungshandeln, die Gestaltung der Arbeit und Zusammen-
arbeit, Fragen der Arbeitsteilung, der Koordination etc. ... so viele inhaltliche Bezüge
auf[weisen], daß sie sinnvollerweise nicht getrennt voneinander wahrgenommen
werden können. ... Die Zusammenfassung all dieser Aufgaben erfolgt im Leistungs-
vollzug und muß entsprechend auch der Linie zugemutet werden.“111 Gleiches belegt
die Umfrage von MACKAY/TORRINGTON (1986), nach der die Führungskraft in der Linie
vermehrt Tätigkeiten im Rahmen der Arbeitsstrukturierung wahrnimmt, aber auch
zunehmend eine aktive Rolle in der Personalbeschaffung und im Training spielt.112
Dass dem Vorgesetzten in der Linie neben direkter Führung sowie der Personal-
planung und dem -einsatz in wachsendem Maße die Personalbeschaffung obliegt,
bestätigt SPIE (1988) bei der Entwicklung eines Leitfadens für die organisatorische
Gestaltung betrieblicher Personalarbeit.113
In den 90er Jahren greifen CUNNINGHAM/HYMAN (1995) ebenfalls die Frage auf und
stellen fest, dass die Hauptverantwortung der Führungskraft mit ungefähr 90% bei
der Beurteilung liegt, gefolgt von der Beschaffung mit 40% und der Nachwuchs- und
Karriereplanung mit etwas weniger als 30%.114 Bei der Analyse differierender
Organisationslösungen des Zentralbereichs gelangen KRÜGER/WERDER (1995) zu
110 Die hier betrachteten vier personalwirtschaftlichen Funktionsbereiche haben sich im Rahmen der
zitierten europäischen Längsschnittuntersuchung CRANFIELD PROJECT ON INTERNATIONAL
STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT als die für das strategische Personalmanagement
sowie auch für die operative Personalarbeit relevanten Personalfelder herauskristallisiert. Auf
diese über mehrere Erhebungswellen konstante Erkenntnis stützt die Verfasserin ihr weiteres
Vorgehen und legt dem entwickelten Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen die
genannten Funktionsfelder zugrunde (siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.3.4).
111 MÜLLER, 1983: 4f.
112 Vgl. MACKAY/TORRINGTON, 1986.
113 Vgl. SPIE, 1988: 50.
114 Vgl. zur Methodik CUNNINGHAM/HYMAN, 1995: 5. Die Ergebnisse zusammenfassend kritisieren
CUNNINGHAM/HYMAN (1995) die nicht immer gegebene fachliche Kompetenz der Linienverant-
wortlichen (vgl. CUNNINGHAM/HYMAN, 1995: 10).
74
ähnlichen Ergebnissen: Sie stellen fest, dass der Aufgabenbereich der Personalaus-
stattung in einem Großteil der untersuchten Unternehmen dezentral durchgeführt
wird. Hingegen werden jene Funktionen mit strategischer Bedeutung, wie die Aus-
und Weiterbildung, tendenziell eher zentral wahrgenommen.115 Differenzierte Aus-
sagen erlaubt die Untersuchung von POOLE/JENKINS (1996) mit folgenden Kern-
punkten: (1) die Hauptverantwortung für Arbeitsorganisation, -einsatz, Arbeits-
strukturierung und Verbesserungs- oder Beschwerdemanagement liegt beim
Personalverantwortlichen in der Linie,116 (2) die Linienkraft ist ferner in die Personal-
entwicklung involviert und führt hauptverantwortlich Maßnahmen wie Potential-
beurteilung, Coaching, Karriereplanung und kompetenzorientiertes Training durch,117
(3) eine gemeinsame Verantwortungsübernahme erfolgt in Bezug auf Belohnungs-
und Anreizsysteme, wobei die Ermittlung der Belohnungsgrundlage mittels
Leistungsbeurteilung uneingeschränkt der Linie übertragen ist.118 Zu ähnlichen
Schlussfolgerungen gelangt KASTURA (1996) bei einer Bestandsaufnahme der
Dezentralisierungspraxis in deutschen Großunternehmen:119 Die Personalbeurteilung
wird in rund 40% der befragten Unternehmen direkt durch den Linienvorgesetzten
durchgeführt. Hingegen liegt die alleinige Verantwortung in den Aufgabenfeldern
Personalplanung und Personalauswahl mit jeweils nur 12% und 4% bei der Linie. Die
Funktion der Personalentwicklung wird in 88% der befragten Unternehmen im
Zusammenspiel von Personalabteilung und Führungskraft wahrgenommen.120 In
115 Vgl. KRÜGER/WERDER, 1995: 12ff.
116 Vgl. POOLE/JENKINS, 1996: 37ff. und 55ff.
117 Vgl. POOLE/JENKINS, 1996: 49ff.
118 Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von POOLE/JENKINS (1996) zu den
Unterschieden zwischen großen und kleinen Unternehmen: (1) Aufgabenspezialisierung ist eher
typisch in großen Organisationen, was zu einer Reduzierung des Verantwortungsausmaßes von
Linienverantwortlichen hinsichtlich unterschiedlicher Praktiken und Formen der Arbeits-
organisation und -strukturierung führt (vgl. POOLE/JENKINS, 1996: 40). (2) Linienführungskräfte in
kleinen Unternehmen haben im Gegensatz zu großen Unternehmen weit mehr Verantwortung für
den Aufgabenbereich der Personalentwicklung mit Ausnahme der Coaching- und Beratungs-
funktion (vgl. POOLE/JENKINS, 1996: 50). (3) Eine größere Verantwortungsübernahme durch die
Linie findet sich in kleinen Unternehmen bei Maßnahmen des Job Enlargements,
Job Enrichments und Job Designs (vgl. POOLE/JENKINS, 1996: 57f.). (4) „Greater differences
existed when examining size of organisation. Smaller rather then larger organisations tended to
delegate responsibility to the line, whereas larger organisations tended to give responsibility to
the personnel/human resource department. Larger organisations also tended to share
responsibility between the line and the personnel department on these issues [distribution of
responsibility for reward systems].” (POOLE/JENKINS, 1996: 63.)
119 Vgl. hierzu und im Folgenden KASTURA, 1996: 59ff.
120 Die Notwendigkeit zur Konzeption einheitlicher Entwicklungsprogramme führt dazu, dass diese
Funktion in 12% der Fälle von der Personalabteilung allein wahrgenommen wird (vgl. KASTURA,
1996: 59ff.). Vgl. hierzu auch die Fallstudienergebnisse von KRÜGER/WERDER, 1995: 12f. Im
Rahmen personalwirtschaftlicher Entwicklungsmaßnahmen stellt die Führungskräfteentwicklung
eine wesentliche Ausnahme dar; dieser Funktionsbereich ist weiterhin zentral aufgehängt (vgl.
beispielsweise PURCELL/AHLSTRAND, 1994: 110).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 75
Bezug auf das Funktionsfeld der Anreizgestaltung gelangt KASTURA (1996) zu dem
Ergebnis, dass in 36% der Fälle die Entscheidungskompetenz bei der Personal-
abteilung selbst liegt oder durch diese in Absprache mit der Führungskraft getragen
wird.121 Die dargestellten Resultate stützt die empirische Untersuchung von FITZ-ENZ
(1997), die eine starke Dezentralisierungstendenz in den Aufgabenfeldern des
Personaleinsatzes sowie der Weiterbildung aufzeigt; hingegen wird die Verant-
wortung in Bezug auf Belohnung und Anreiz allein durch die zentrale Instanz
getragen.122 Ebenso identifizieren HALL/TORRINGTON (1998) die Beschaffung und
Auswahl sowie das Beschwerdemanagement als Bereiche mit der stärksten
Einbeziehung der Linie; Kompensation einschließlich Sozialleistungen wird hingegen
vorwiegend allein durch die zentrale Personalabteilung wahrgenommen.123
Abstrahiert man von der Ebene spezifischer Personalfunktionen und resümiert die
Ausführungen zum Dezentralisierungsgrad, gilt auch heute noch die Aussage von
KOSSBIEL (1980). Demnach sind solche Aufgaben vollständig dezentralisierungsfähig,
deren angemessene Wahrnehmung möglichst umfassende, detaillierte und aktuelle,
nur durch häufige Interaktion erfahrbare Informationen über die Person und das
Verhalten der Betroffenen sowie genaue Kenntnis der situativen Gegebenheiten und
spontanes Handeln voraussetzen. Als beschränkt dezentralisierungsfähig gelten
hingegen Aufgaben, die kein spontanes Handeln, wohl aber gegenwartsnahe Infor-
mationen benötigen. Diese Aufgaben können in Kooperation zwischen zentraler
Funktionseinheit und Führungskraft erledigt werden. Nicht dezentralisierungsfähig
sind schließlich Personalaufgaben, welche die genannten spezifischen Vorausset-
zungen nicht erfüllen.124
2.2.2 Grad der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Aufgaben im
Zeitablauf
Neben der Erhebung des adäquaten (De-)Zentralisierungsgrads schließt die Diskus-
sion auch eine dynamische Komponente ein. So gibt bereits ALTHAUSER (1989) zu
Bedenken, dass „[d]ie Balance zwischen zentraler und dezentraler Wahrnehmung
personalwirtschaftlicher Funktionen, das Verhältnis zwischen den in der Personal-
abteilung durchgeführten und den von den Führungskräften und deren Mitarbeitern
121 KASTURA (1996) postuliert, dass eine unternehmensweit geltende Entgeltpolitik mit ent-
sprechender ertrags- und leistungsgerechter Entgeltfindung die vollständige Aufgabendelegation
ausschließt. Dennoch ist positiv zu bewerten, dass in 60% der Fälle die Führungskraft an den
Entscheidungen partizipiert.
122 Vgl. FITZ-ENZ, 1997: 7.
123 Vgl. HALL/TORRINGTON, 1998: 46ff.
124 Vgl. KOSSBIEL, 1980: 1874f.
76
wahrgenommenen Aufgaben einer ... ständigen Überprüfung [bedarf].“125 Analog
hierzu konstatieren BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994), dass sich die (de-)zentrale
Zuordnung personalwirtschaftlicher Aufgaben und Tätigkeiten im Zeitverlauf verän-
dert. Die Autoren bewerten diese dynamische Entwicklung als äußerst vorteilhaft, da
die „... organisation no longer has to pretend that central and decentral human
resource priorities seem to be inconsistent.“126
Die aktuellen Umfrageresultate des CRANET zeigen für den betrachteten Zeitraum
von 1997 bis 1999, dass die Delegation im Zeitverlauf tendenziell zugenommen und
der direkte Vorgesetzte mehr Entscheidungskompetenz in den primären Personal-
funktionen erhalten hat (siehe Abbildung 5).127
3%
82%
15%
5%
78%
17%
4%
67%
29%
3%
84%
13%
7%
75%
18%
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90%
Entgeltstruktur
Personalbeschaffung
Personalentwicklung/Aus- und
Weiterbildung
Arbeitgeber-Arbeitnehmer-
Beziehungen
Veränderung des
Personalbestands
Zugenommen
Unverändert
Abgenommen
Abbildung 5: Veränderung personalwirtschaftlicher Verantwortung direkter Vorgesetzter
in deutschen Unternehmen (1996-1999)128
Die stärkste Kompetenzzunahme der Linienkraft wird mit ca. 30% im Bereich der
Personalentwicklung verzeichnet, in den anderen betrachteten Personalfunktionen
liegt die Zunahme zwischen 13% und 18%. In einem überwiegenden Teil der
125 ALTHAUSER, 1989: 280.
126 BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 56.
127 Die Auswertung beruht auf der Erhebungswelle 1999/2000 des CRANFIELD PROJECT ON INTER-
NATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT; die zugrunde liegende Fragestellung lautet:
Haben sich die Zuständigkeiten der direkten Vorgesetzten in den letzten 3 Jahren geändert?
(Frage 15); vgl. hierzu auch die Ausführungen zur aktuellen personalwirtschaftlichen Heraus-
forderung der Dezentralisierung bei WEBER/KABST, 2000: 34f.
128 Quelle: Eigene Auswertung und Darstellung. Vgl. hierzu auch WEBER/KABST, 2000: 34f. Auch hier
versteht sich die Veränderung des Personalbestands im Sinne der Personalfreisetzung.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 77
befragten Unternehmen ist die Entscheidungskompetenz der Linienkräfte hingegen
unverändert geblieben, und nur durchschnittlich 5% der Unternehmen verzeichnen
eine Abnahme der Kompetenz über alle betrachteten Bereiche. Eine direkte Gegen-
überstellung der CRANET-Ergebnisse in Bezug auf die Verteilung der Hauptverant-
wortung für personalwirtschaftliche Funktionsbereiche aus den Jahren 1992, 1995
und 1999 ergibt, dass über alle Funktionen in den betrachteten Jahren ein gleich
bleibender Dezentralisierungsgrad ausgemacht wird. Zusammenfassend kann auch
Anfang des 21. Jahrhunderts keine eindeutige Antwort auf die Frage gegeben
werden, welche der betrachteten personalwirtschaftlichen Aufgaben in Zukunft zen-
tral oder dezentral wahrgenommen werden.129
Zu analogen Erkenntnissen gelangt auch KASTURA (1996), die ebenfalls der Frage
nachgeht, inwieweit sich die personalwirtschaftlichen Zuständigkeiten der Führungs-
kräfte in der Linie in den letzten Jahren verändert haben.130 Die stärkste Zunahme
wird wiederum innerhalb der Personalentwicklung verzeichnet, bei der 59,3% der
befragten Personalexperten eine Delegation in die Linie angeben. Außerdem nennen
rund 46% der Befragten eine Zuständigkeitszunahme im Bereich der Personal-
planung, ungefähr ein Drittel innerhalb der Funktion Personalbeurteilung, ca. 26%
hinsichtlich der Personalauswahl und in 19,2% der Unternehmen ist eine steigende
Zuständigkeit im Bereich der Anreizsysteme zu beobachten. KASTURA (1996) fasst
die Untersuchungsresultate mit der Aussage zusammen, dass sich „... in jüngerer
Zeit eine deutliche Tendenz [zeigt], relevante und originär personalbezogene Tätig-
keiten am Ort der Problemstellung einzubinden.“131
2.2.3 Dezentralisierungsgrad deutscher Unternehmen im Länderver-
gleich
In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich nur wenige Beiträge finden, die sich
mit dem Dezentralisierungsgrad im Ländervergleich beschäftigen; dies ist auf das
Defizit an länderübergreifenden empirischen Untersuchungen zurückzuführen.
Die Auswertung der letzten Erhebungswelle des CRANFIELD PROJECTS ON INTER-
NATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT zeigt für ausgewählte Länder
der europäischen Union die Verteilung der Entscheidungskompetenz in den Funk-
tionsbereichen Bestandsveränderung, Aus- und Weiterbildung sowie Entgelt und Zu-
satzleistungen (siehe Abbildung 6).
129 Für eine ähnliche Einschätzung Mitte des letzten Jahrzehnts vgl. ACKERMANN, 1994a: 7.
130 Vgl. hierzu und im Folgenden KASTURA, 1996: 65 und 375ff.
131 KASTURA, 1996: 65f.; deutliche Tendenz, relevante und originär personalbezogene Tätigkeiten
am Ort der Problemstellung einzubinden: im Original fett.
78
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60%
D
F
NL
UK
D
F
NL
UK
D
F
NL
UK
Personalabteilung
Personalabteilung in Absprache mit direktem Vorgesetzten
Direkter Vorgesetzter in Absprache mit Personalabteilung
Direkter Vorgesetzter
Veränderung des
Personalbestand
s
Aus- und
Weiterbildung
Entgelt und
Zusatzleistungen
Abbildung 6: Hauptverantwortung für Personalfunktionen
im europäischen Vergleich (1999)132
Wird der Fokus der Betrachtung ausschließlich auf die alleinige Verantwortungs-
übernahme durch die Linienkraft gelegt, dann kann dieser in den Niederlanden die
höchste Entscheidungskontrolle über die drei Funktionen bestätigt werden. Im Ver-
gleich hierzu besitzt – über alle betrachteten Aufgabenbereiche hinweg – die
Führungskraft in Frankreich die geringste Hauptverantwortung: sie liegt bei unter
10%. Während in Frankreich und Deutschland die Hauptverantwortung über alle
betrachteten Funktionen relativ gleichmäßig verteilt ist, unterliegt der Delegations-
grad in Großbritannien und den Niederlanden erheblichen Schwankungen. Für das
Funktionsfeld Entgelt und Zusatzleistungen kann ausgesagt werden, dass in
Deutschland der Grad dezentraler Wahrnehmung durch die Linienkraft mit 12% als
hoch im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern eingestuft werden kann.
Weitere wissenschaftliche Beiträge beruhen ebenfalls auf Daten der CRANFIELD
PROJECT ON INTERNATIONAL STRATEGIC HUMAN RESOURCE MANAGEMENT, wobei
schwerpunktmäßig abstrahierende Aussagen gegeben werden. HOOGENDOORN/
BREWSTER (1992) vollziehen einen europäischen Vergleich in Hinblick auf De-
zentralisierungs- und Betreuungsgrade sowie auf Devolution von Entgeltdetermi-
nanten.133 Zusammenfassend gelangen die Autoren zu der Erkenntnis, dass „[a]t the
national comparative level it is clear that devolution of personnel functions is a wide-
spread phenomena, that varies by degree in the different countries, but that there is
132 Quelle: Eigene Auswertung und Darstellung. Vgl. hierzu auch WEBER/KABST, 2000: 34f.
133 Vgl. HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 8ff.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 79
some evidence of a common trend, across Europe, towards increases in devolu-
tion.“134 Durch die Datenanalyse der nachfolgenden Erhebungswelle wird diese
Aussage von BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994) bestärkt.135 Die Autoren identifizieren
folgende Trends: (1) Eine Variation des Dezentralisierungsgrads in den betrachteten
europäischen Ländern. (2) Eine gemeinsame Verantwortung von Personalabteilung
und Linienführungskraft für personalwirtschaftliche Aufgaben, d.h. das kooperative
Organisationsmodell ist das in Europa am meisten zu beobachtende. (3) Ein Verzicht
auf den zentral agierenden Personalspezialisten ist ungeachtet des Dezentrali-
sierungstrends nicht sinnvoll. MAYRHOFER (1999) betrachtet ebenfalls die Verteilung
personalwirtschaftlicher Verantwortung in Europa, indem er einen länderspezifischen
Dezentralisierungsindex ermittelt und diesen vergleicht.136 Die empirischen Befunde
machen deutlich, dass europaweite Tendenzen zu einer verstärkten Einbeziehung
des Linienmanagements in unterschiedlichen personalwirtschaftlichten Aufgaben-
gebieten zwar existieren, mit Ausnahme von Schweden jedoch die alleinige Zu-
ständigkeit der Linie unter den betrachteten Formen personalwirtschaftlicher
Zuständigkeit die relativ seltenste Variante ist.
2.2.4 Zusammenfassende Beurteilung der Verlagerung von Aufgaben
und Funktionen
Der Überblick fokussierte auf die Fragestellung der Identifikation eines geeigneten
bzw. angemessenen Dezentralisierungsgrads personalwirtschaftlicher Aufgaben und
Funktionen. Es wurde festgestellt, dass es derzeit nicht möglich ist, eine eindeutige
Aussage darüber zu formulieren, welche Personalaufgaben in Zukunft zentral oder
dezentral wahrgenommen werden.
Dennoch fokussiert die wissenschaftliche Literatur auf zwei wesentliche Aufgaben-
komplexe, die trotz dezentraler Entscheidungsstrukturen auch künftig durch die
zentral agierende Personalabteilung wahrgenommen werden sollen: (1) Es wird der
Verbleib jener Funktionen gefordert, die mit einem hohen finanziellen Risiko verbun-
den sind. (2) Die Personalabteilung soll bei jenen Aufgaben einen starken Einfluss
behalten, die eine strategische Zielsetzung verfolgen. Im Detail bedeutet dies zum
einen, dass in Zukunft auch weiterhin jene Funktionen und Aufgaben an zentraler
Stelle wahrgenommen und entschieden werden, die eine starke finanzielle Relevanz
besitzen und bei denen sich durch Fehlentscheidungen bzw. -handlungen
134 HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 10.
135 Vgl. BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 51ff.
136 Vgl. hierzu und im Folgenden MAYRHOFER, 1999: 180ff. Der Dezentralisierungsindex ergibt sich
aus der Summe der jeweiligen Ausprägung der Verteilung der Verantwortlichkeit in sechs per-
sonalwirtschaftlichen Aufgabenbereichen.
80
unabänderliche ökonomische Auswirkungen für das Gesamtunternehmen erge-
ben.137 Hierunter fallen beispielsweise Entscheidungen und Aufgaben, die sich
kompensatorischen und anreizwirksamen Fragestellungen im Unternehmen widmen,
so dass Funktionen wie Entgelt und Zusatzleistungen derzeit und zukünftig vorwie-
gend durch die zentrale Instanz wahrgenommen werden.138 Zum anderen widmet
sich die Personalabteilung in Zukunft primär Fragestellungen, die eine hohe Bedeu-
tung in Hinblick auf die Realisierung der Unternehmensstrategie aufweisen. Vorstell-
bar sind hierbei z.B. Aufgaben wie die Personalentwicklung spezifischer Know how-
Träger im Unternehmen, die Entsendung von Mitarbeitern in ausländische Gesell-
schaften oder die Verhandlungen mit überbetrieblichen Interessenvertretern.139
ACKERMANN (1991) zufolge ergibt sich gerade aus der Delegation von Routineauf-
gaben die Chance einer bestmöglichen Wahrnehmung aufwandsriskanter und
strategischer Aufgaben durch die Personalabteilung, so dass es das Ziel eines jeden
Unternehmen sein sollte, die zentrale Personalabteilung vom operativ-taktischen
Tagesgeschäft weitgehend zu entlasten.140
Wie durch die Ausführungen aufgezeigt wurde, lassen sich zur Verlagerung
personalwirtschaftlicher Funktionen und Aufgaben eine Vielzahl inhaltlicher Über-
legungen anstellen und durch die größtenteils gleichartigen empirischen Befunde
belegen. Dennoch muss hierbei berücksichtigt werden, dass „[ü]berzeugende
Lösungen [zur optimalen Mischung und Gestaltung von Zentralisation und Dezentra-
lisation] ... noch immer aus[stehen].141 Daher ist es das Ziel der vorliegenden Arbeit
Lösungen aufzuzeigen, wie dezentrales Entscheidungsverhalten koordiniert und
unternehmerische Personalarbeit in dezentralen Entscheidungsstrukturen motiviert
werden kann.
137 Vgl. hierzu BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994), die betonen: „HR policies with less immediate
financial implications are more likely to be decentralized.“ (BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 56.)
138 Diesem, durch die Auswertung von Literatur und empirischen Primärdaten, aufgezeigten Trend
tritt WÄCHTER (1992a) entgegen, indem er dafür plädiert, „... den Linienabteilungen mehr Hand-
lungsspielraum über Einsatz, Belohnung und Entwicklung des ihnen zugeordneten Personals zu
belassen oder neu zu übertragen. Damit mag die Personalpolitik an Einheitlichkeit verlieren,
durch situatives Eingehen auf den/die einzelne(n) Beschäftigte(n) dessen/deren Leistungen aber
gesteigert werden.“ (WÄCHTER, 1992a: 2205.)
139 In diesem Sinne postulieren BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994): „It is also likely that strategic tasks
... will remain centralized ... that have to do with giving a central incentive to decentral policy
development and evaluation of the quality of decentral human resource policies.“
(BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 55.)
140 Vgl. ACKERMANN, 1991: 468ff. ACKERMANN (1991) gibt jedoch zu bedenken, dass die Dezen-
tralisierung dann eine Gefährdung strategischer Personalarbeit darstellt, wenn mit der Verant-
wortungsdelegation eine einschneidende Umverteilung der Ressourcen erfolgt, die daraufhin das
Potential strategischer Personalarbeit schwächt (vgl. ACKERMANN, 1991: 468f.). Vgl. hierzu auch
HALL/TORRINGTON, 1998: 48; ACKERMANN, 1994b: 280; WUNDERER/KUHN, 1993: 192f.
141 DRUMM, 1996a: 9.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 81
2.3 Implikationen für Träger und Inhalte der Personalarbeit
Wie bereits in den vorangegangenen Ausführungen angedeutet, lassen sich aus der
organisatorischen Neuorientierung der Personalabteilung und aus der Funktions- und
Aufgabendelegation einschneidende Veränderungen für die Entscheidungsträger142
und für die personalwirtschaftlichen Inhalte143 ableiten.144 HALL/TORRINGTON (1998)
folgern: „Devolution has potential implications for the role of line managers at all
levels, the role and development of personnel professionals, the feasibility of
establishment-wide HR strategy and consistency in handling of day-to-day people
issues.“145
In der Literatur kann eine Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge identifiziert werden, die
sich mit den Implikationen für den Status der zentralen Personalabteilung (Kapi-
tel II.2.3.1) und für das Rollenverständnis des dezentral agierenden Personalverant-
wortlichen befassen (Kapitel II.2.3.2).146 Beinahe gänzlich fehlen hingegen Forsch-
ungsarbeiten mit direktem Anwendungsbezug für das gesamte Personalmanage-
ment. Eine Ausnahme bildet hiervon lediglich die Monographie von KASTURA (1996),
in welcher untersucht wird, wie sich die Dezentralisierungstendenzen auf die Inhalte
der Personalarbeit auswirken und durch die erste Gestaltungsempfehlungen für
Verfahren, Maßnahmen und Instrumente aufgezeigt werden.147 Ungeachtet dieser
geringen Berücksichtigung in der wissenschaftlichen Literatur bildet die Identifikation
142 Wie bereits erläutert werden als Träger der Personalwirtschaft im Allgemeinen diejenigen
Instanzen definiert, die in einer Unternehmung formal zur Durchführung von Personalarbeit be-
stimmt sind und entsprechend über eine bestimmte Ausstattung an Entscheidungskompetenzen
und Ressourcen verfügen. Neben der Personalabteilung und den Arbeitnehmervertretungen wird
im Kontext der Dezentralisierung auch die Führungskraft in der Linie als Träger der
Personalarbeit gesehen und in den folgenden Ausführungen berücksichtigt. Vgl. WÄCHTER,
1992a: 2202ff. sowie die Ausführungen des Kapitels II.1.3.
143 Siehe für eine Konkretisierung der Inhalte von Personalarbeit die Ausführungen des
Kapitels II.1.2.
144 Eine teilweise inhaltliche Überschneidung des Kapitels II.2.3 zu den Implikationen für Träger und
Inhalte der Personalarbeit mit den Ausführungen zur organisatorischen Neuorientierung der
Personalabteilung (Kapitel II.2.1) sowie mit denen zur Delegation personalwirtschaftlicher
Funktionen und Aufgaben (Kapitel II.2.2) ist daher nicht vollständig auszuschließen.
145 HALL/TORRINGTON, 1998: 41. HALL/TORRINGTON (1998) weisen darauf hin, dass die derzeitige
Literatur ihren Schwerpunkt auf das (Re-)Organisationsthema Dezentralisierung legt, hingegen
die Thematik der Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenzen wenig Berück-
sichtigung gefunden hat. Ihr Forschungsbeitrag ist daher auf die Beseitigung dieses Missstandes
ausgerichtet und beinhaltet folgende Ziele: (1) Beschreibung der Antriebskräfte und des Aus-
maßes von Devolution. (2) Erläuterung der Handhabung des Prozesses personalwirtschaftlicher
Delegation. (3) Diskussion der Auswirkungen für einzelne Personalfunktionen wie für den Beitrag
zum Unternehmenserfolg (vgl. hierzu HALL/TORRINGTON, 1998: 41).
146 Vgl. hierzu exemplarisch den Beitrag von KOTTHOFF/MATTHÄI (2001) die im Rahmen eines DFG-
Forschungsprojekts die Stellung des Personalwesens im dezentralen Unternehmen sowohl aus
Sicht anderer Managementfunktionen als auch aus Selbstsicht beobachten konnten (vgl.
KOTTHOFF/MATTHÄI, 2001: 49ff.).
147 Vgl. KASTURA, 1996.
82
inhaltlicher Konsequenzen einen letzten zu reflektierenden Forschungsstrang
(Kapitel II.2.3.3), wobei hier auf die primären Funktionen personalwirtschaftlichen
Handelns wie z.B. Beschaffung, Kompensation und Entwicklung abgehoben wird. Die
Diskussion des Rollenverständnisses sowie der Inhalte dezentraler Personalarbeit ist
notwendig, da diese Aspekte an unterschiedlichen Stellen innerhalb der
agenturtheoretischen Analyse aufgegriffen werden. Eine zusammenfassende Beur-
teilung der Implikationen dezentraler Entscheidungsstrukturen auf die Träger und In-
halte der Personalarbeit beendet die Ausführungen dieses Abschnitts (Kapitel
II.2.3.4).
2.3.1 Das veränderte Rollenverständnis der zentralen Personalabtei-
lung
Die dezentrale Aufgabenwahrnehmung stellt neuartige Anforderungen und umfang-
reiche Herausforderungen an das zentrale Personalwesen: Hierarchieabbau und
Reduktion der Mitarbeiterzahl,148 Definition der Rolle als Dienstleister und Berater,149
Neubestimmung der Aufgaben und eine damit verbundene Kompetenzveränderung
bzw. Wissenserweiterung seien hier nur exemplarisch genannt.150 Aufgrund dieser
vielschichtigen Veränderungen kann von einer detaillierten Darstellung der Implikati-
onen für die Zentrale nicht abgesehen werden.
Im Zuge der Delegation gibt der Zentralbereich Routineanteile seines Tätigkeits-
spektrums ab, wird mit einer neuartigen Aufgabendefinition konfrontiert und muss ein
neues Selbstverständnis entwickeln. In Zukunft liegt der Fokus auf anspruchsvoller
Spezialistentätigkeit und einer Auftragserfüllung im Gesamtgefüge der Unterneh-
mung wie z.B. die Betreuung der dezentral Agierenden und die Wahrnehmung über-
geordneter Koordination.151 Ferner widmet sich die Personalabteilung mit hoher
148 Hier sei beispielsweise auf HALL/TORRINGTON (1998) verwiesen, die der Frage nachgehen „Is
devolution an unwanted casualty in the rush for strategic involvement by tightly-staffed function?“
In diesem Kontext geben sie zu bedenken: „There is some support for this interpretation in terms
of lack of underpinning philosophy for devolution, implicit concerns about loss of power and
control, and the direct connection made between reducing staff and the appropriateness of
devolution.“ (HALL/TORRINGTON, 1998: 51.)
149 Bereits Mitte der 90er Jahre machen NAPIER/PETERSON (1984) auf die Beratungs- und
Dienstleistungsrolle der zentralen Personalabteilung aufmerksam: „Human resource specialists
should act as consultants to line managers, providing information about various techniques or
suggestions about policies and ways to implement them.“ (NAPIER/PETERSON, 1984: 72.) Die
Veränderung der Rolle von Personalspezialisten wird von HALL/TORRINGTON (1998) bestätigt,
indem der Rollenwechsel „... from a ‘doer’ to a ‘consultant’ or ‘adviser’“ klassifiziert wird (HALL/
TORRINGTON, 1998: 47). Siehe ferner HOPE-HAILEY/GRATTON/MCGOVERN/STILES/TRUSS, 1997: 8.
150 Vgl. zum veränderten Rollenverständnis der zentral agierenden Personalspezialisten auch
ULRICH, 1997: 23f.
151 Vgl. FRÖHLICH, 1999: 7f. Beispielsweise diskutiert SCHULER (1990) die Aufgabenausweitung in
Richtung Unternehmensleitung und betont das sich unweigerlich verändernde Rollenverständnis:
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 83
Aufmerksamkeit der Sicherung eines reibungslosen und strategiekonformen Ablaufs
der Personalarbeit: Im Sinne von Ganzheitlichkeit und Integration wird eine präzise
Formulierung von Grundsätzen, Leitlinien und Zielen benötigt, die im Hinblick auf die
Personalarbeit im Gesamtunternehmen Geltung besitzen.152 Neben der unterneh-
mensweiten Koordinations- und Integrationsfunktion obliegt es der Personal-
abteilung, personalwirtschaftliche Fragestellungen in die strategische Unternehmens-
politik einzubringen.153 Da es nötig ist die wesentlichen Aktionsfelder strategischer
Personalarbeit gemeinsam mit der Linie abzustecken, darf auf die Mitwirkung der
Führungskräfte hierbei nicht verzichtet werden. Zumindest sollte die Zentrale ihre
Pläne bei strategischen Änderungen und bei der Entwicklung von Instrumenten mit
den Linienkräften oder einer Vertretung derselben absprechen. Ferner werden an die
Mitarbeiter der Zentrale neue Anforderungen hinsichtlich Informationsbeschaffung,
-aufbereitung und -verteilung gestellt: Die erforderlichen Personalinformationen
müssen schnell, korrekt und vor allem in verständlicher Form zur Verfügung stehen.
Nur so ist es möglich, personalpolitische Entscheidungen sicher dezentral zu treffen
und eine professionelle Personal- und Führungsarbeit leisten zu können. In diesem
Zusammenhang obliegt der Zentrale die Etablierung eines adäquaten Personal-
informationssystems in Abstimmung mit der direkten Führung und der Arbeitnehmer-
vertretung.
Werden hingegen einzelne, ausgewählte Personalfunktionen betrachtet, so ergibt
sich ein zentrales Handlungsfeld im Kontext aufgabenorientierter Personalentwick-
lung: Mehr denn je kommt es darauf an, die Führungskräfte aller Hierarchieebenen
zu befähigen, adäquates Führungshandeln zu zeigen und als Träger betrieblicher
Personalpolitik zu agieren.154 In Konsequenz bedeutet dies, dass die bislang
„Being a member of the management team and dealing with people-related business issues
means that HR managers assumes some new key roles. Playing these new key roles means
several things. One important is that: "HR people have got to stop conceptualization their role as
a 'professional' individual contributor and realize that their job is to help to provide corporations
with leadership on HR issues." They must acquire the competencies to perform these roles.”
(SCHULER, 1990: 57.)
152 Vgl. HOLBECHE, 2002: 5ff.; COLLING/FERNER, 1992: 211; DAUL, 1990b: 198.
153 Die Unerlässlichkeit einer strategischen Ausrichtung der Personalabteilung betont auch BEER
(1997). Die Vereinigung des traditionellen, administrativen und eher serviceorientierten
Rollenverständnisses mit der Wahrnehmung strategischer Aufgaben führt jedoch zu einem intra-
organisatorischen respektive intra-personellen Konflikt: „In short, the administrative and strategic
role do not easily coexist in the same function or the same person.“ (BEER, 1997: 51). Mit dieser
Aussage geht die Forderung nach einer Verlagerung operativer Personalarbeit einher. Ferner
stellt sich die Frage, welche Aufgaben zukünftig die Personalabteilung wahrnimmt: „I have
described what should be eliminated from the human resource function, but what will the new HR
function look like? It will be much smaller but high powered; its key role will be strategic.“ (BEER,
1997: 53.)
154 Vgl. hierzu beispielsweise FRÖHLICH, 1999: 5.
84
bestehenden berufsfachlichen Anforderungsprofile der zentral agierenden Verant-
wortlichen erhalten bleiben und zusätzlich in Richtung Kooperationsfähigkeit und
Kompetenzvermittlung ausgebaut werden müssen.155 In Hinblick auf die Personal-
bzw. Mitarbeiterbeurteilung zeigt sich, dass die Zentrale lediglich an der Entwicklung
des Beurteilungssystems bzw. der -grundsätze beteiligt ist: Sie übernimmt wesent-
liche Koordinationsaufgaben, weist die Linienkraft in die Beurteilung ein, berät diese
bei Beurteilungsproblemen und versucht, starke Unterschiede in der Leistungsbeur-
teilung verschiedener Führungskräfte auszugleichen. Ferner bewertet die zentrale
Personalabteilung – immer öfter in Zusammenarbeit mit dem Linienvorgesetzten
die Arbeitsplätze und Tätigkeiten der Mitarbeiter.156 Darüber hinaus übernimmt sie
Verwaltungsaufgaben wie Lohn- und Gehaltsabrechnung sowie die Information über
Kompensationsbestandteile.157 Trotz der Einbeziehung der Linienkraft in die
Personalentwicklung ist dieser personalwirtschaftliche Entscheidungsbereich, was
Konzeption und Durchführung der Entwicklungsmaßnahmen betrifft, noch ein bedeu-
tendes Tätigkeitsfeld der zentralen Personalabteilung bzw. spezifischer Bildungs-
einrichtungen.158
Resümierend kann der von DAUL (1990) formulierten Frage „Wozu bedarf es nun
eigentlich noch des Personalfachmanns, wenn die Bereichsführungskraft über so viel
Personalkompetenz verfügt?“159 entgegen gehalten werden, dass die Personal-
abteilung eine einheitliche, strategiekonforme und professionelle Personalarbeit zu
sichern hat.160 Wird von den organisatorischen Veränderungen abgesehen, kann
zusammenfassend konstatiert werden, dass der Zentrale primär die übergeordnete
Koordinations- und Integrationsrolle obliegt, dass sie den Restbestand an sehr
spezialisierten und strategisch-orientierten Tätigkeiten übernimmt und der Linie
155 Vgl. FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/ DEUTSCHMANN, 1995: 108f.
156 Vgl. beispielsweise OECHSLER/LÜHKER, 1997: 192.
157 KASTURA (1996) ermittelt in ihrer Untersuchung, dass die Funktion der Personalverwaltung in
über 90% der befragten Unternehmen allein der zentralen Personalabteilung zugeordnet ist. Als
Begründung kann der hohe Bedarf an Vorgaben und Regelungen sowie die Umsetzung des Inte-
grationsgedankens gesehen werden. Grundsätzlich ist es aufgrund der Aufgabenstrukturierung
und zentraler Synergieeffekte sicherlich nicht sinnvoll, eine vollständige Delegation des adminis-
trativen Aufgabenbereichs in die Linie zu forcieren (vgl. KASTURA, 1996: 64). Dennoch ist aus
Sicht der Verfasserin entgegenzustellen, dass in Zeiten rasanter Verbreitung neuer Informations-
und Kommunikationstechnologien gerade im Bereich der Personaladministration ein hohes
Dezentralisierungs- und folglich auch ein Einsparpotential erkennbar ist. Insbesondere die
Implementierung verteilter Informationssysteme lässt für die Zukunft auf eine erhöhte Delegation
administrativer Aufgaben schließen.
158 Vgl. OECHSLER/LÜHKER, 1997: 192.
159 DAUL, 1990a: 91.
160 WÄCHTER (1987) warnt bereits Ende der 90er Jahre vor einer Schwächung der professionali-
sierten Personalarbeit als Folge der zukünftigen Übertragung personalbezogener
Entscheidungen und Aufgaben an den Linienvorgesetzten (vgl. WÄCHTER, 1987: 146).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 85
spezielle Beratungs- und Serviceleistungen anbietet, was die geforderte Erfolgs- und
Beitragsmessung eher erschwert als erleichtert. Für die Beschäftigten der zentralen
Personalabteilung bedeutet dies ein Überdenken des bisherigen Kontroll- und
Weisungsverständnisses, aber auch ein Verzicht auf das langjährig aufgebaute, wohl
behütete Expertentum und die damit stabilisierte Machtposition.
2.3.2 Das veränderte Rollenverständnis des Linienverantwortlichen
Wird die wissenschaftliche Diskussion hinsichtlich der veränderten Rolle der Linien-
kraft reflektiert,161 so dominieren die zwei Schlagwörter des Intrapreneurs und des
internen Kunden, die es im Folgenden zu erläutern gilt.
Durch die Dezentralisierung im Allgemeinen und die Delegation personalwirtschaft-
licher Fragestellungen im Speziellen wird ein neuer Vorgesetztentyp geprägt, der so
genannte Intrapreneur oder auch Unternehmer im Unternehmen.162 Grundgedanke
des Intrapreneurmodells ist die Verantwortungskonzentration aller relevanten Dimen-
sionen des Betriebsgeschehens bei der Führungskraft und damit die Schaffung eines
durchgängigen Entscheidungs- und Handlungsspektrums. Die Bezeichnung
Intrapreneur drückt das hohe Gewicht der Linie gegenüber den indirekten Funktionen
und Stäben aus, auf die sich die personalwirtschaftlichen Aufgaben und die
Entscheidungsdurchführung vor der Dezentralisierung verteilten. Die veränderte
Rolle des Linienvorgesetzten lässt sich mit der Aufforderung zu unternehmerischem
Denken und Handeln umschreiben,163 und dokumentiert die Veränderung gegenüber
161 Zur Skizzierung der Rolle dient die Studie von OECHSLER/LÜHKER (1997), die sich speziell der
Neudefinition der Meisterrolle widmet (vgl. OECHSLER/LÜHKER, 1997: 191ff.): Die Linienkraft ist bei
der qualitativen Personalplanung in alle Entscheidungen einbezogen; hingegen erfolgt die
quantitative Personalbedarfsplanung entweder ausschließlich durch den Team-/Abteilungsleiter
oder gemeinsam mit dem Meister. Bei der Einstellung und Versetzung der direkt zugeordneten
Mitarbeiter liegt die Entscheidung alleinig bei der Linie, d.h. notwendige Auswahlaktivitäten und
Gespräche mit den Bewerbern erfolgen durch die Führungskraft. Der Vorgesetzte führt vermehrt
Kranken-, Rückkehr- und Entwicklungsgespräche; dies hat eine höhere Komplexität und eine
größeren Umfang seiner Führungsaufgabe zur Folge. Die Leistungsbeurteilung stellt hingegen
nach wie vor eine klassische Vorgesetztenfunktion dar. Die verstärkte Einbeziehung der Linien-
kraft in die Entgeltfindung hängt insbesondere damit zusammen, dass dieser immer mehr
ökonomische Verantwortung z.B. in Form von Kostenstellenverantwortung übergeben wird. Bei
der Personalfreisetzung ergreift die Linienkraft i.d.R. die Initiative zur Kündigung, d.h. sie spricht
Mahnung und Kündigung meist mündlich, damit aber noch nicht rechtswirksam aus. Folglich wird
die Freisetzung formal unter der Verfahrensherrschaft der Personalabteilung ausgeführt.
OECHSLER/LÜHKER (1997) kommen zum Schluss, dass die Delegation von Personalplanung,
-auswahl, -führung sowie der Entgeltfindung eine Veränderung des Rollenverständnisses mit sich
bringt (vgl. OECHSLER/LÜHKER, 1997: 194).
162 Vgl. hierzu beispielsweise WUNDERER, 1997, oder auch WUNDERER/KUHN, 1995.
163 COLLING/FERNER (1992) weisen jedoch darauf hin, dass gerade das nun notwendige Zeigen von
Initiative und die Übernahme von Verantwortung den Linienvorgesetzten Schwierigkeiten
bereitet, da „[t]he process has posed two contrary problems for line managers. First, they have to
throw off the old inhibitions about taking initiative and responsibility. Second, though, they have
86
der vorher geteilten Kompetenz für die Humanressource. Mit der Delegation ist dem-
nach eine Aufwertung der operativen Personalarbeit und ein gesteigertes Ansehen
im Organisationsgefüge verbunden, denn die „[l]ine manager, ..., are seen as the HR
champions.“164 Dies drückt sich nicht nur in der Fremdwahrnehmung, sondern auch
im erhöhten Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein der Linienkraft aus. Mit Selbst-
sicherheit und Durchsetzungsvermögen tritt die Führungskraft dem Dienst- und
Beratungsleister Personalabteilung als interner Kunden gegenüber:165 In Abhängig-
keit von ihren individuellen bzw. den Bedürfnissen ihrer Untergebenen, dem resultie-
renden Bedarf und unter Berücksichtigung der vorherrschenden Unternehmens-
bedingungen verlangt die Linienkraft nach zweckmäßigen und anwenderorientierten
Personalleistungen.166
Im Zuge dieses neuen Rollenverhaltens ändert sich das Anforderungsprofil der
Linienkraft und wird deutlich angehoben. Besonders sozial-kommunikative Fähig-
keiten gewinnen an Bedeutung, da die Führungskraft als Nachfrager der Personal-
abteilung gegenüber auftritt und überdies die Rolle des Anreizgebers und Coaches
einnimmt.167 Ferner gestaltet sich z.B. die Personalführung deutlich komplexer, so
dass mehr Einfühlungsvermögen erforderlich ist, die individuell differierenden
Bedürfnisse der Untergebenen erkannt und adäquate personalwirtschaftliche
Lösungsalternativen entworfen bzw. durchgeführt werden müssen. In diesem Zusam-
menhang sind zunehmend analytische Fähigkeiten notwendig, da die Führungskraft
Defizite erkennen und Bedarfe ermitteln muss. Besonders erweitert sich das Anfor-
derungsprofil in Hinblick auf unternehmerische Fähigkeiten wie ökonomisches Den-
ken, Verständnis betrieblicher Prozesse und Erfolgs- und Ertragsorientierung. Zudem
steigt der Bedarf an personalwirtschaftlicher Fachkenntnis, da Kenntnisse im indivi-
duellen Arbeitsrecht oder Methodenkompetenz für Personalplanung und -controlling
notwendig werden. Für die Rolle des Interpreneurs wie für die des internen Kunden
ist folglich eine breite Grund- und teilweise Spezialqualifikation unerlässlich, mit der
found new shackles placed on their supposed freedom. In many cases it has proved illusory,
leading to confusion, cynicism and uncertainty as to where the limits of devolved autonomy
actually lie.“ (COLLING/FERNER, 1992: 222.)
164 HOLBECHE, 2002: 345.
165 Folge der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz ist daher auch die
Angleichung der Tätigkeiten im Zuge von Aufgaben- und Funktionsintegration, wobei die
Tätigkeiten des Linienverantwortlichen z.B. im gewerblichen Bereich zunehmend angestellten-
typische Züge erhalten, was mit einer Statusaufwertung und -angleichung einhergeht.
166 Vgl. BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 55.
167 Vgl. FRÖHLICH, 1999: 7.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 87
das erweiterte Verantwortungsgebiet abgedeckt werden kann – wenn auch nicht auf
jedem Gebiet Expertenwissen vorausgesetzt wird.168
Die betriebliche Fixierung des neu definierten Vorgesetztenprofils ist jedoch vielfach
noch nicht vollzogen oder befindet sich noch in der Entwicklung. In diesem Kontext
berichten FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN (1995) von Praxisbeispielen, in
denen kein einheitliches, bindendes und festgelegtes Profil für den Personalverant-
wortlichen in der Linie existiert, sondern diffuse Erwartungshaltungen und Selbstde-
finitionen das Bild bestimmen. Und „.. selbst da, wo es formale und bindende Positi-
onsbeschreibungen gibt, kann die tatsächliche Aufgabenwahrnehmung durch Vorge-
setzte davon mehr oder weniger deutlich abweichen ...“169 Sind beispielsweise
Anforderungsprofile formuliert und in offiziellen Beschreibungen festgehalten, lassen
sich oftmals nur abstrakte Bezeichnungen wie Stärkung der Führungsrolle oder Moti-
vation der Untergebenen finden.170 Dies lässt deutlich werden, dass eine tief
greifende Rollenverunsicherung und eine entsprechende Nichtakzeptanz der neuen
Rolle die Konsequenz sind. Desinteresse, Ignoranz und eine starke “»let’s be free
from all constraints« attitude”171 seitens der Führungskraft sind die Folge.
Die Verfasserin schließt sich daher der Ansicht von ACKERMANN (1994b) an, dass
Führungskräfte aus verschiedenen Gründen problematische Träger der Personal-
arbeit darstellen. Linienkräfte sind weder bereit, noch ohne weiteres in der Lage, die
ihnen zugedachte Hauptrolle zu spielen:172 Sie sind mit konventionellen betrieblichen
Aufgaben ausgelastet bzw. überlastet, was zu mangelnden Zeitreserven für zusätz-
liche Personalaufgaben führt. Ferner steht die mangelnde Vorbildung der z.B. in
Produktionsunternehmen meist ingenieur- oder naturwissenschaftlich ausgebildeten
Führungskräfte einer Übernahme personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz
und Zusatzaufgaben entgegen. Hingegen läuft eine erforderliche, meist mehrjährige
168 Vgl. hierzu DRUMM (1996a), der betont: „Von der Entscheidungsdezentralisation (...) mit relativer
Autonomie der Entscheidungsträger sind in Verbindung mit höherer Aufgabenkomplexität,
Dynamik der Weiterentwicklung der Stellenaufgaben, ... nicht nur höhere, sondern auch breiter
gestreute Anforderungen an Kenntnisse und Fähigkeiten des Personals im Sinne von Mehr-
fachqualifikationen zu erwarten (...).“ (DRUMM, 1996a: 15.)
169 FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 90.
170 Beispielsweise sind FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN (1995) zufolge folgende Vor-
gesetzten- bzw. Anforderungsprofile formuliert: (1) den Mitarbeiter an neue Aufgaben heran-
führen, motivieren und qualifizieren, (2) Selbstorganisation ermöglichen, d.h. ergebnisorientiert in
größeren Zeitintervallen kontrollieren, oder (3) Personalbeurteilung und -entwicklung verstärkte
Aufmerksamkeit schenken (vgl. FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 92). Vgl. hierzu
auch HALL/TORRINGTON, 1998: 43.
171 COLLING/FERNER, 1992: 216.
172 Vgl. ACKERMANN, 1994b: 277f.
88
Qualifizierungsphase dem Realisierungsdruck schneller Delegation häufig zu
wider.173
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Personalverantwortliche in
der Linie mit einer neuen Rollendefinition konfrontiert ist: Er wird zum Mitunternehmer
im personalwirtschaftlichen Unternehmensgeflecht und tritt gegenüber der Zentrale
als interner Kunde auf. Dies bedeutet zum einen, dass er sich im alltäglichen
Arbeitsablauf von den klassischen Vorgesetztenaufgaben der Anweisung und Kon-
trolle verabschieden muss. Denn diese werden von den Mitarbeitern mehr und mehr
selbständig im Rahmen von teilautonomer Gruppenarbeit oder Selbstorganisation
wahrgenommen.174 Zum anderen muss sich der Personalverantwortliche seinen
untergeordneten Mitarbeitern gegenüber als kompetenter Ansprechpartner, Förderer
und Coach präsentieren und „... also achieving the HRM policies goals of commit-
ment, quality, flexibility and ultimately the profitability of subordinates.“175
2.3.3 Auswirkungen auf Technologien und Methoden der Personal-
arbeit
In der Analyse des „Paradigmas der neuen Dezentralisierung“ diskutiert DRUMM
(1996a) personalwirtschaftliche Implikationen dezentraler Personalarbeit.176 Wesent-
liche Dimensionen eines neustrukturierten und inhaltlich überarbeiteten Personal-
managements – welches eine erfolgreiche Umsetzung und Praktizierung des
Delegationsgedankens bedingt – werden jedoch nur umrissen. Neben den bereits
skizzierten Anforderungen an Kommunikations- und Führungsfähigkeit, Lern-
bereitschaft und -fähigkeit wirft DRUMM (1996a) beispielsweise ungeklärte Karriere-
und Entlohnungsfragen auf.
Alles in allem zeigen wissenschaftliche Forschungsbeiträge derzeitig jedoch keine
hilfreichen Gestaltungsempfehlungen mit unmittelbarem inhaltlichen Bezug für ein
integriertes und ganzheitliches Personalmanagement auf, sondern betrachten Kern-
173 Hierbei sollte außerdem beachtet werden, dass durch die Integration von Personalverantwortung
in das Tätigkeitsspektrum des operativ agierenden Mitarbeiters wie z.B. des Meisters bestehende
Aufstiegs- und Karrierewege verbaut werden, die oftmals gerade langjährig Beschäftigten des
operativen Geschäfts offen standen.
174 FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN (1995) sprechen in diesem Zusammenhang von der
Meisterkrise von unten durch Selbstorganisation. Denn durch den Verzicht auf die alltägliche
Steuerung der Produktionsprozesse und des Werkstattgeschehens verliert der Vorgesetzte
zunehmend seine Machtbasis als eigentlicher Fachmann der Produktion (vgl. hierzu FAUST/
JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 90f.).
175 LOWE, 1992: 148.
176 Vgl. DRUMM, 1996a.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 89
funktionen personalwirtschaftlichen Handelns ausdrücklich isoliert.177 Im Folgenden
werden daher die in der Literatur derzeitig diskutierten Ansatzpunkte dargestellt.
Neben der Personalbeschaffung und -auswahl werden die Funktionsbereiche Beur-
teilung, Entwicklung und Kompensation dargelegt. Ferner werden unterstützende
Funktionen wie Personalcontrolling und -informationssysteme beleuchtet und Verän-
derungen im Handlungsfeld der Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehung skizziert. Hier-
bei liegt der Schwerpunkt auf personalwirtschaftlichen Technologien und Instrumen-
ten im allgemeinen, d.h. die notwendige Anpassung personalwirtschaftlicher Koordi-
nations- und Motivationsmechanismen im Sinne der Fragestellung wird an dieser
Stelle nicht diskutiert. Diese ist Bestandteil des zu erarbeitenden Designs178 eines
effizienten Personalmanagements in dezentralen Entscheidungsstrukturen.
2.3.3.1 Personalbeschaffung und -auswahl
Laut KASTURA (1996) liegt der Gedanke nahe, Beschaffungsaktivitäten auch in
Zukunft eher zentral anzusiedeln, um so ein homogenes Unternehmensbild nach
außen wie nach innen zu vermitteln.179 Wie die Ausführungen zum Dezentrali-
sierungsgrad personalwirtschaftlicher Aufgaben und Funktionen jedoch erkennen
lassen, liegt die Verantwortung für Beschaffungsaktivitäten größtenteils in der Linie in
Kooperation mit der Personalabteilung. Außerdem lässt sich empirisch belegen, dass
der direkte Vorgesetzte in den letzten Jahren an Einfluss gewonnen hat.180
Ein Grund für die zunehmende Verlagerung von Rekrutierungsmaßnahmen ist die
rasche Entwicklung und der steigende Einsatz moderner Medien. Vor allem die Nut-
zung neuer Informationstechnologien und -plattformen erweist sich für eine syste-
matische, dezentral orientierte Personalbeschaffung als Erfolg versprechend und
zukunftsweisend. Die Bewerberansprache erfolgt z.B. via Internet, wobei Stellen-
angebote mit entsprechender Stellenbeschreibung und gewünschtem Anforderungs-
profil durch die Führungskraft in der Linie dynamisch generiert werden. Vorteilhaft ist
diese informationstechnologische Anbindung, da die dezentral ermittelten Bedarfe
eine sofortige Berücksichtigung finden. Zudem wird durch den Einsatz verteilter
Informationssysteme eine ständige Aktualität der Informationen gewährleistet, die
zudem mit geringem Wartungsaufwand zu erzielen ist.
177 Wie bereits dargelegt wurde, ist die Monografie von KASTURA (1996) im deutschsprachigen Raum
derzeit eine Ausnahme.
178 Der Begriff des Designs wird gewählt, da durch die systematische, musterhafte Anordnung der in
Kapitel III.2 identifizierten Koordinations- und Motivationsinstrumente innerhalb des entwickelten
Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen dem unternehmerischen Personalmanage-
ment eine grundlegende Gestalt zugeordnet wird (siehe hierzu die Ausführungen im
Abschnitt IV).
179 Vgl. KASTURA, 1996: 203.
90
Der Einsatz von Auswahlinstrumenten und -methoden wandelt sich im Rahmen der
Delegation in mehrfacher Hinsicht. Einerseits bedingt die veränderte personalwirt-
schaftliche Aufgabenstellung eine Überarbeitung der Anforderungsprofile von
Linienführungskräften und somit auch einer Überarbeitung der Instrumente zu ihrer
Auswahl. Andererseits erfordert die verstärkte Verantwortungsübernahme eine Ver-
einfachung und Standardisierung des dezentral genutzten Instrumentenkoffers, da
die darin enthaltenen Instrumente von den Führungskräften selbst zur Personalaus-
wahl eingesetzt werden müssen. Infolgedessen gilt es zum einen, neue Vorgesetz-
tenprofile zu bestimmen,181 Anforderungskataloge auf die veränderte Situation
dezentraler Entscheidungsstrukturen abzustimmen und die Selektionsinstrumente für
die Rekrutierung von Führungskräften in Fachabteilungen anzupassen. Zum anderen
gilt es jedoch, jene Technologien und Methoden zu überarbeiten, welche die
dezentral agierende Linienkraft in die Lage versetzen, Personalbeschaffung
eigenständig und fachkundig durchführen. Dies steht im Mittelpunkt der folgenden
Ausführungen.
Aufgrund geringer Fach- und Methodenkenntnisse bedarf es der Entwicklung und
des Angebots systematisierter Methoden, vereinfachter Verfahrensanwendungen
und deren pragmatischer Handhabung. Einige Instrumente der Personalauswahl, die
diesen Bedürfnissen Rechnung tragen, werden im Folgenden skizziert. Im Gegen-
satz zu den herkömmlich durchgeführten, eher unstrukturierten Auswahlgesprächen
des Personalspezialisten finden bei der Feinanalyse daher z.B. teil- und voll-
strukturierte Interviews vermehrt Anwendung. Hierdurch gelingt es, der Reliabilität
und Objektivität als Gütekriterien klassischer Auswahlinstrumente zu genügen.
STOREY (1992) zufolge werden in dezentralen Entscheidungsstrukturen vermehrt
spezifische Einstellungstests – insbesondere psychometrische Tests182 einge-
setzt.183 Zudem gewinnt das Assessment Center an Bedeutung, was auf die Tat-
sache unentbehrlicher Professionalität und veränderter Anforderungsprofile
180 Siehe hierzu die Ausführung in Kapitel II.2.2 sowie die Abbildung 4 und Abbildung 5.
181 Siehe zum veränderten Anforderungsprofil an die Linienkraft die Ausführungen in Kapitel II.2.3.2.
182 Psychometrische Tests dienen der quantitativen Messung bestimmter Eigenschaften. Diese Art
von Tests messen z.B. die Leistungsfähigkeit von Personen in bestimmten Situationen und
hinsichtlich bestimmter Dimensionen, oder sie erfassen verschiedene Intelligenzdimensionen,
indem sie entweder auf Schnelligkeit oder auf Geschwindigkeit ausgelegt sind. Vgl.
beispielsweise zum Einsatz formaler Beurteilungstests in der Personalauswahl WEINERT, 1992:
230.
183 Vgl. STOREY, 1992: 203f. Er stützt seine Aussage auf 15 Fallstudien in britischen Unternehmen
zum Wandel des Personalmanagements Ende der 90er Jahre.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 91
zurückgeführt wird.184 In Prozessen dezentraler Auswahl von Humankapital nimmt
ferner die Arbeitsprobe einen höheren Stellenwert ein, da die Überprüfung von
stellenspezifischem Wissen und praktischen Erfahrungen von je her zu den
Aufgaben des Linienvorgesetzten zählt. Aber auch der Einsatz computergestützter
Instrumente wie computerbasierte Intelligenztests, internetbasierte Gruppen- oder
Teamübungen und Simulationen unterstützen die dezentrale Entscheidungsfindung
in der Eignungsdiagnostik.
Zusammenfassend hat die Zentrale folglich umfassende Dienstleistungen am inter-
nen Kunden Linienkraft zu verrichten, was sich in einem ersten Schritt in der Präzi-
sierung von Anforderungsprofilen und in einem zweiten in der methodischen Über-
arbeitung von Auswahlinstrumenten widerspiegelt. Ergänzend wird erwähnt, dass die
modifizierten Instrumente ihre Wirkung nur dann voll entfalten können, wenn sie
entsprechend versiert angewandt werden. Bestehende Defizite bei der Handhabung
durch die Linienkräfte müssen daher durch Schulungsmaßnahmen kompensiert
werden.
2.3.3.2 Personalbeurteilung
Beurteilungsergebnisse dienen der Linienkraft seit jeher als Basis für die direkte Füh-
rung und das periodische Mitarbeitergespräch. Neben der direkten Führung werden
mit der Personalbeurteilung jedoch noch weitere Zielsetzungen verfolgt wie die leis-
tungsgerechte Entgeltfindung, die gemeinsame Konkretisierung des individuellen
Entwicklungsbedarfs und die Planung des zukünftigen Einsatzes bzw. des Aufstiegs
des Untergebenen.
Insbesondere die Nutzung der Beurteilungsergebnisse für die letztgenannten Ziel-
setzungen Entgeltfindung und Potenzialermittlung obliegt traditionell der zentralen
Personalabteilung, d.h. die Beurteilung wurde durch die unterschiedlichen Funk-
tionsträger der Aufgabenfelder Kompensation und Entwicklung durchgeführt. Durch
diese institutionelle und zeitliche Trennung der Grundzwecke der Personalbeurtei-
lung gelang es, dem der Personalbeurteilung inhärenten Konflikt von Leistungs-
beurteilung auf der einen Seite und Potenzialanalyse auf der anderen Seite
entgegenzuwirken.185 Avanciert die Beurteilung mit ihren heterogenen Zielen jedoch
184 DRUMM (1996a) empfiehlt zur Lösung des Problems externer Personalbeschaffung in dezentralen
Entscheidungsstrukturen die Assessment Center-Technik; gibt jedoch die ungelösten Schwierig-
keiten von Validität, Reliabilität und Objektivität zu bedenken (vgl. DRUMM, 1996a: 15).
185 Vgl. LATTMANN, 1994: 117. LATTMANN (1994) betont die Wechselwirkungen zwischen den
Grundzwecken der Beurteilung (Bestimmung des Leistungsanteils der Entlohnung der
Mitarbeiter, Förderung ihrer Entwicklung und der Beurteilung ihrer Beförderbarkeit) und leitet
Gestaltungsempfehlungen zur Überbrückung der Ambivalenz ab (vgl. LATTMANN, 1994: 115ff.).
92
zur alleinigen Aufgabe der Linie, dann führt dies zu einer Verflechtung der skizzierten
Zielsetzungen. Dieser Gefahr muss bei der Konzeption von Beurteilungsinstrumenten
in dezentralen Entscheidungsstrukturen entgegengewirkt werden. Es besteht daher
die Notwendigkeit, eine Differenzierung der Verfahren und Methoden hinsichtlich
ihrer originären Ziele sowie eine zeitliche Untergliederung der Beurteilungsperiode in
Bezug auf den jeweiligen Grundzweck durchzuführen. Neben diesem Dilemma der
inhaltlichen und zeitlichen Verflechtung bringen die methodische Güte und die
Praktikabilität der Beurteilungsverfahren weit reichende Anwendungsschwierigkeiten
mit sich. So bringt der dezentrale Einsatz schwer vermeidbare Beurteilungsfehler mit
sich,186 so dass die Leistungsbeurteilung als Basis für die Entgeltfindung und für das
Treffen von Karriereentscheidungen von manchen Autoren grundsätzlich abgelehnt
wird.187 Diesem Unbehangen stellt LUEGER (1992) jedoch entgegen: „Auch wenn
Urteile im Rahmen der Personalbeurteilung der dargestellten Vielfalt von
Verzerrungen unterliegen, stellen Beurteilungssysteme ein wesentliches per-
sonalwirtschaftliches Instrument dar, das jeder unsystematischen Beurteilung vorzu-
ziehen ist.“188 Es gilt daher, das mögliche Auftreten von Beurteilungsfehlern und
Wahrnehmungsverzerrungen zu akzeptieren und auf die Vereinfachung und Struktu-
riertheit von Beurteilungsmethoden abzustellen. Denn nur wenn es der Linienkraft
möglich erscheint, die Methoden mühelos und mit geringem zeitlichem Aufwand
einzusetzen, ist ein genereller dezentraler Einsatz von Beurteilungsverfahren garan-
tiert.
In Bezug auf die inhaltliche Ausgestaltung der Beurteilungsinstrumente kann ausge-
sagt werden, dass z.B. das reine Beratungsgespräch zur Verbesserung der Vorge-
setzten-Mitarbeiter-Beziehung, zur Förderung der Kommunikation und zum frühzeiti-
gen Erkennen von Spannungspotentialen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ferner
erhalten Instrumente wie das Verfahren der kritischen Ereignisse und das Zielset-
zungsverfahren im Rahmen der Entgeltfindung mehr Gewicht. Weiterhin wird im
Rahmen der Dezentralisierung ein verstärkter Einsatz des Assessment Centers zur
Potentialbestimmung registriert.189
2.3.3.3 Personalentgelte und -vergütung
Die dezentrale Ausrichtung von Anreizstrukturen und die Anpassung von Entgelt-
systemen erweist sich als äußerst problematisch, da Verfahren der Arbeitsbewertung
186 Vgl. zu einer Diskussion unterschiedlicher Beurteilungsverfahren und auftretender Wahrneh-
mungsverzerrungen z.B. LATTMANN, 1994; LUEGER, 1993; OECHSLER/LIEBEL, 1992.
187 Vgl. hierzu beispielsweise BECKER, 1991 oder auch NEUBERGER, 1980.
188 LUEGER, 1992: 241.
189 Vgl. STOREY, 1992: 203f.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 93
und Entgeltfindung in vielen Unternehmen bereits über Jahre hinweg vorbestimmt
sind. Entgeltsysteme gelten erfahrungsgemäß als starr und unflexibel, auch wenn in
jüngerer Zeit viele Ansätze zur Flexibilisierung auszumachen sind.
Da sich die in den dezentralen Arbeitsstrukturen entstandenen Anforderungen an
Linienvorgesetzte und Mitarbeiter kaum mit den bestehenden tariflichen Eingruppie-
rungsgrundsätzen verbinden lassen, hat dies zur Folge, dass erhöhte Verantwor-
tungsübernahme, erweiterte Kompetenzbereiche und individuelle Leistungen von
Linienkraft und Mitarbeiter nur wenig gewürdigt werden. Außerdem muss beachtet
und in dezentralen Anreizstrukturen berücksichtigt werden, dass die Führungskraft im
Vergütungsmanagement eine zentrale Rolle einnimmt, denn der entgeltorientierte
Verhandlungsprozess zwischen Linienkraft und Untergebenen wird immer wich-
tiger.190 Es lässt sich daher ein Bedarf an neuartigen Vergütungssystemen verzeich-
nen.
Wird den Ausführungen von DRUMM (1996a) gefolgt, so ist eine Vergütung mit fixer
und variabler, erfolgsabhängiger Komponente am besten geeignet, den veränderten
Anforderungen der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Entscheidungsverant-
wortung zu genügen. Als problematisch erweist sich hierbei jedoch die mangelnde
Zurechnung dezentral erbrachter Leistungen auf den Bereichserfolg oder gar auf den
der Unternehmung. „Die zwangsweise willkürlichen Lösungen dieses Problems (...)
begrenzen somit eine objektivierbare und als gerecht empfundene Vergütung des
Personals bei dezentralen Konzeptionen der Unternehmensführung.“191 Auf weitere
Probleme und Gefahren dezentraler Entgeltfindung wie die mögliche Willkür bei der
Festsetzung des individuellen Entgelts seitens der Linienkraft oder den eventuellen
Widerstand seitens der Untergebenen weisen MURLIS/WRIGHT (1993) hin. Die hieraus
abgeleiteten Forderungen richten sich auf die Entwicklung von Entgeltrichtlinien und
auf die kontinuierliche Überprüfung des dezentralen Vergütungsmanagements.192 Die
Delegation von Entgeltvereinbarungen bedarf daher einem strikten
Kontrollmechanismus des dezentralen Verhandlungsprozesses.193
190 Hier ist auf die mit der Dezentralisierung einhergehende Individualisierung der Personalarbeit
abzustellen, in denen Anreizkomponenten, wie freiwillige betriebliche Sozialleistungen, Beteili-
gungsmodelle und Konzepte der Gesamtvergütung, an Bedeutung gewinnen (vgl. KASTURA,
1996: 234f.). PURCELL/AHLSTRAND (1994) betonen, dass das sich aus dem dezentralen Verhand-
lungsprozess ergebende, hohe interne Konfliktpotential daher nicht aus den Augen verloren
werden darf (vgl. PURCELL/AHLSTRAND, 1994: 111).
191 DRUMM, 1996a: 17.
192 Vgl. MURLIS/WRIGHT, 1993: 33.
193 Vgl. ARMSTRONG/MARGINSON/EDWARDS/PURCELL, 1998: 20. Die Autoren legen ihrer Aussage eine
Umfrage im Jahre 1992 zugrunde, in der 176 Unternehmen in Großbritannien befragt wurden.
94
2.3.3.4 Personalentwicklung
Ziel der Personalentwicklung ist nicht nur der aus unternehmerischer Sicht relevante
Abgleich von Anforderungs- und Qualifikationsprofil und die Qualifikationserweiterung
zur Steigerung der Leistungsfähigkeit, sondern auch die Befriedigung der Mit-
arbeiterbedürfnisse hinsichtlich Entfaltung und Weiterentwicklung. Zwar können die
in der Personalentwicklung angewendeten Methoden als gut beherrscht bewertet
werden, es ergeben sich jedoch insbesondere in dezentralen Entscheidungs-
strukturen Probleme hinsichtlich der Entwicklungsinhalte. Diese Schwierigkeiten sind
darauf zurückzuführen, dass die Inhalte aus mittel- bis langfristigen Prognosen
zukünftiger Tätigkeitsfelder abgeleitet werden müssen.194
Im Kontext komplexer und dynamischer Unternehmensumwelt muss daher allen
Organisationsteilnehmern und somit auch der dezentral agierenden Führungskraft
die Fähigkeit vermittelt werden, den sich stets verändernden spezifischen
Entwicklungsbedarf zu erkennen und entsprechende Maßnahmen durchzuführen.
Offensichtlich ist zudem, dass die Vermittlung universaler und interpersoneller
Fähigkeiten eine wichtige Basis für die im Rahmen der Dezentralisierung notwendige
Selbstorganisation und Eigenverantwortung bildet.195 Hieraus ergibt sich die
Notwendigkeit der Weitergabe und kontinuierlichen Verbreitung derjenigen Werte
und Normen, die mit der Praktizierung dezentraler Konzeptionen der Unternehmens-
führung und Organisation verbunden sind.196 Dem Entwicklungs- und Förder-
gespräch zwischen Linienvorgesetztem und Untergebenem kommt daher eine starke
Bedeutung zu, denn nur durch die wiederkehrende dezentrale Abstimmung von
unternehmerischen Werten und Normen, abgeleiteten Anforderungen und der
Bedürfnisstrukturen der Mitarbeiter kann sich die Unternehmenskultur festigen.
Im Hinblick auf die Durchführung von Personalentwicklungsmaßnahmen ist die Frage
relevant, wer Träger und ausführendes Organ dieser Leistungen ist. Im Rahmen der
On the Job-Qualifizierung ist dies in erster Linie die Führungskraft des jeweiligen
Bereichs in der Rolle des Coaches und Mentors. Hinsichtlich des Off the Job-
Trainings trifft die Linienkraft jedoch die Entscheidung, das unternehmensinterne
Entwicklungsangebot in Anspruch zu nehmen oder aber – speziell vor dem
Hintergrund des Wertschöpfungsgedankens – externe Anbieter mit der Durchführung
von Entwicklungsmaßnahmen zu beauftragen. Die Transparenz des internen
Vgl. zu der Stichprobe und dem methodischen Vorgehen ARMSTRONG/MARGINSON/EDWARDS/
PURCELL, 1998: 5ff.
194 Vgl. DRUMM, 1996a: 15.
195 Vgl. KASTURA, 1996: 238f.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 95
Leistungsangebots und die Schaffung einer adäquaten Marktübersicht ist hierfür
Vorraussetzung.
2.3.3.5 Personalcontrolling und -informationssysteme
Das Controlling personalwirtschaftlicher Aktivitäten erhält im Rahmen der Dezentrali-
sierung einen ganz besonderen Stellenwert, da mit der Verantwortungsdelegation ein
erhöhter Koordinationsaufwand verbunden ist. Dies liegt in der notwendigen
Abstimmung zwischen zentraler und dezentraler Personalarbeit, in der Aufrecht-
erhaltung einheitlicher unternehmensweiter Personalpolitik sowie in der Stärkung
personalpolitischer Werte begründet.197 Hier kann ein zentrales Personalcontrolling
einen großen Beitrag leisten und insbesondere die Einhaltung allgemein gültiger
Personalrichtlinien gewährleisten.198 Vorraussetzung hierfür ist die Sammlung, Auf-
arbeitung und Bereitstellung von Kennzahlen und Indikatoren. Durch den zunehmen-
den Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologie ist dies auch in
der Personalwirtschaft möglich. Die Verantwortung für derartige Personalinforma-
tionssysteme liegt bei der zentralen Personalabteilung. Sie hat zu garantieren, dass
eine klar definierte Aufgabenteilung bezüglich der Versorgung des Systems mit
Unternehmensdaten besteht, ein Schutz gegen illegalen Gebrauch des Informa-
tionssystems oder unrechtmäßige Verwendung der Daten vorhanden ist und das be-
stehende Expertenwissen den dezentralen Entscheidungsträgern in adäquater Form
zur Verfügung gestellt wird.
Die aktuelle Diskussion über den Einsatz von Informationstechnologien in (dezen-
traler) Personalarbeit aufgreifend, wird ein Trend deutlich, welcher die Delegation in
die Linie bzw. bis hin zum Mitarbeiter unterstützt und professionell umzusetzen ver-
sucht. Hierbei handelt es sich um das Konzept des Employee Self Service.199 Grund-
gedanke des Ansatzes ist, dass die Linienkraft wie auch der Mitarbeiter die perso-
nenbezogenen Daten zumindest teilweise selbst verwalten. In Verbindung mit der
Implementierung eines Intranets werden spezifische Erfassungs- und Verwaltungs-
aufgaben von der Zentrale in die Linie delegiert. Die eigenverantwortliche Verwaltung
der Daten sowie der Informationsabruf erfolgt über einen Internet-Browser; Miss-
brauch wird durch die Sperrung besonders sensibler Daten verhindert. Dies bedeu-
tet, dass der Nutzer des Employee Self Service nur über eingeschränkte Zugriffs-
rechte auf die Personaldaten verfügt. Dieser Gedanke, Linienkraft und Mitarbeiter
196 Vgl. hierzu DRUMM, 1996a: 15, der von der Perpetuierung von Lern- und Entwicklungsprozessen
spricht.
197 Vgl. WUNDERER/DICK, 2000: 35; KASTURA, 1996: 180.
198 Vgl. COLLING/FERNER, 1992: 216; WUNDERER/SAILER, 1987: 321 ff.
199 Vgl. hierzu beispielsweise MÜLDER, 2000: 18f.; ferner JÄGER/JÄGER, 1999.
96
mittels webbasierter Anwendungen mehr Verantwortung für die eigenen Personal-
angelegenheiten zu übertragen, wird zunehmend ausgeweitet und findet sich bereits
in den Bereichen Verwaltung und Kommunikation sowie in den Handlungsfeldern
Aus-, Fort- und Weiterbildung wieder.200
2.3.3.6 Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung
Die Ausweitung des personalwirtschaftlichen Aufgaben- und Entscheidungs-
spektrums bedeutet für das System der industriellen Beziehungen, dass dem
Betriebsrat der zentrale Ansprech- und Kooperationspartner in Form der Personal-
abteilung verloren geht.201 Mitbestimmungsrechtliche Fragestellungen werden unver-
mittelt zwischen Führungskraft und Betriebsrat diskutiert und – je nach arbeitsrecht-
lichem Sachverhalt – verhandelt sowie vereinbart. Dies ist notwendig, um fach-
bereichsbezogene Lösungen personalwirtschaftlicher Tatbestände zu garantieren.
Infolgedessen obliegt es dem Linienvorgesetzten die betriebsverfassungsrechtlichen
Pflichten gegenüber dem Betriebsrat zu wahren.202
Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass in der Linie oftmals eine mangelnde
Kompetenz hinsichtlich arbeitsrechtlicher Fragestellungen zu verzeichnen ist. Der
dezentral agierenden Führungskraft fehlen beispielsweise Erfahrungen in Bezug auf
Zusammenarbeit und Verhandlung mit betrieblichen Interessenvertretern. Nichts-
destotrotz ist sie es, die die verschiedenartigen Mitwirkungs- und Mitbestimmungs-
rechte bei personellen Angelegenheiten wie Personalplanung, Auswahl oder Weiter-
bildung, aber auch bei personellen Einzelmaßnahmen wie Einstellung, Ein- und
Umgruppierung, Versetzung, ordentlichen oder außerordentlichen Kündigungen
beachten und inhaltlich verhandeln muss.203 Infolgedessen nimmt die Linienkraft eine
200 Die Verfasserin greift bei dieser Einschätzung ebenfalls auf ihre Erfahrungen zurück, welche sie
bei der Leitung und Moderation von Gesprächskreisen auch zum Thema Human Resource-
Portale gemacht hat.
201 Ein häufig beschriebenes Dezentralisierungsphänomen ist das sogenannte Vertretungsdilemma
betrieblicher und gewerkschaftlicher Interessenvertretung. Vgl. hierzu FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/
DEUTSCHMANN, 1995: 191ff.; PURCELL/AHLSTRAND, 1994: 118ff.; COLLING/FERNER, 1992; KINNIE,
1990 und KINNIE, 1985.
202 Vgl. hierzu KASTURA (1996), die betont: „Verlagert man diese Verantwortungsbereiche [der
Personalarbeit wie Personalplanung, Auswahl und Beurteilung, Personalentwicklung, Anreiz-
systeme] auf die Führungskräfte, so wäre es nur konsequent und vor allem sinnvoll, hinsichtlich
dieser Bereiche auch die betriebliche Mitbestimmung, also den Dialog mit dem Betriebsrat auf
diese Ebene zu verlagern, in der auch die Entscheidungen getroffen werden sollen.“ (KASTURA,
1996: 63f.)
203 In Übereinstimmung hierzu betonen OECHSLER/LÜHKER (1997) den erkennbaren Rechtsverzicht
der Betriebsräte zugunsten der Führungskräfte in der Linie. „Als ... bedeutende Tendenz ist zu
erwähnen, daß der Betriebsrat vermehrt, insbesondere hinsichtlich personeller Einzelmaß-
nahmen, wie Einstellungen, Versetzungen, und Berufsbildungsmaßnahmen, informell freiwillig
auf seine Rechte zugunsten der Vorgesetzten vor Ort [verzichtet].“ (OECHSLER/LÜHKER, 1997:
194.) In ihrer Untersuchung verzeichnen die Autoren aber weiterhin eine Mitwirkung des
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 97
veränderte Rolle im System der Arbeitsbeziehungen ein: Einst wurde sie als
Arbeitnehmer durch den Betriebsrat vertreten; nun befindet sie sich in der Rolle des
Mitunternehmers, der als Ansprechpartner und Gegenpol zur betrieblichen Interes-
senvertretung agiert und Unternehmensinteressen wahrt.
Eine Folge der Dezentralisierung der Personalarbeit ist daher die Forderung nach
neuen Partizipationsformen auf individual- und kollektivarbeitsrechtlicher Ebene so-
wie der steigende Bedarf nach einem differenzierten Mitbestimmungsangebot. Erste
Anhaltspunkte hinsichtlich möglicher Partizipation und Integration betrieblicher Inte-
ressenvertretungen in ein dezentral orientiertes Personalmanagement charakterisiert
KASTURA (1996).204
2.3.4 Zusammenfassende Beurteilung der Implikationen für die
Personalarbeit
Die Verlagerung personalwirtschaftlicher Aufgaben offenbart ein betriebspolitisches
Dilemma, was sich im undefinierten Rollenverständnis konkretisiert. Einerseits be-
rührt die Delegation die Interessen der zentral agierenden Mitarbeiter der Personal-
abteilung und der Stäbe, da Einbußen an Macht und Einfluss drohen, traditionelle
und erwartete Karrierewege verbaut werden und Status und professionelles Selbst-
verständnis ins Wanken kommen. Andererseits werden gerade im indirekten Bereich
motivierte Personalspezialisten benötigt, die eine zügige Durchsetzung der Restruk-
turierungsmaßnahmen garantieren, eine durch personalwirtschaftliche Maßnahmen
unterstützte Verlagerung von Entscheidungskompetenzen vorantreiben und die meist
unvorhersehbaren Risiken der Dezentralisierung bewältigen. Ebenso liefert das
veränderte Rollenverständnis der Führungskraft Ansätze für eine kontroverse
Diskussion. Einerseits werden mit der Übernahme von Personalverantwortung
Ängste erzeugt, die durch das Gefühl einer unbefriedigenden Vorbereitung und
fehlender Qualifikation geschürt werden.205 Andererseits wird die Hoffnung entfacht,
dass jene bestehenden Restriktionen aufgehoben werden, die zuvor zu einer ineffi-
Betriebsrats bei strategischen Entscheidungen wie z.B. bei der Personalplanung und der
Konzeption von Entgelt-, Leistungsbeurteilungs- und Personalentwicklungssystemen.
204 Vgl. für detaillierte Ausführungen KASTURA, 1996: 184ff.
205 Widerstände der Linienvorgesetzten zeigen sich häufig in der Ausnutzung von Lücken im System
der formalen Autorität und des zugewiesenen Expertentums. Aktionen des Widerstands „...
können aber auch bis hin zur sichtbaren Insubordination und Sabotage gehen. ... In solchen
Fällen fällt dann auch mal als Stichwort 'betriebsschädigendes' Verhalten“. (FAUST/JAUCH/
BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 135.)
98
zienten Lösung personalwirtschaftlicher Probleme vor Ort führten und das eigen-
ständige unternehmerische Handeln der Linienvorgesetzten einschränkten.206
Neben dem gewandelten Rollenverständnis von Personalabteilung und Linienkraft
erfordert die Dezentralisierung eine Entwicklung und Implementierung neuartiger
Methoden sowie eine Anpassung bestehender Verfahren und Instrumente, so dass
„[s]ome of the most sophisticated methods of selection, orientation, training, perfor-
mance appraisal, discipline, and compensation must be developed and implemented
in this environment [of devolution].“207 In welcher Weise sich die personalwirtschaft-
lichen Methoden, Instrumente und Verfahren verändern und zur Unterstützung
dezentraler Personalarbeit beitragen, wird derzeit nur in Ansätzen diskutiert; eine
knappe Darstellung ausgewählter Handlungsfelder war die Folge. Zusammenfassend
lässt sich aussagen, dass die personalwirtschaftlichen Methoden, Instrumente und
Verfahren systematischer gestaltet und in ihrer Praktikabilität verbessert und ihr
Einsatz außerdem verstärkt informationstechnologisch unterstützt werden müssen.
2.4 Resümierende Würdigung dezentraler Personalorganisation und -arbeit
“Why decentralized structure?”208 Diese grundlegende Frage dahingehend, welche
Gründe es sind, die Unternehmen zur Implementierung einer dezentralen Organisa-
tionsstruktur veranlassen, beantwortet MINTZBERG (1979) mit folgenden drei Motiven:
(1) Unternehmerische Entscheidungen können nicht an einem Punkt der Unterneh-
mung getroffen werden, da dieses mit hoher Informationsüberflutung einhergeht,
(2) Dezentralisierung erlaubt es dem Unternehmen, sich schnell an veränderte
Konditionen und Umweltzustände anzupassen und (3) Dezentralisierung wird als
Stimulus für die Leistungsfähigkeit der Organisation und die Motivation der Mitglieder
betrachtet.209 Die Ausführungen zur Dezentralisierungsforschung zusammenfassend
sind diese Motive immer noch Antriebskraft der organisatorischen Restrukturierung,
so dass unternehmerische Dezentralisierung primär auf eine angespannte Wettbe-
werbssituation zurückzuführen ist. Mit ihr sollen die folgenden Defizite ausgeräumt
206 Vgl. COLLING/FERNER, 1992: 214. „Decentralisation aims to formalize localized initiatives to
overcome the shortcomings of slow central policies and reduce the number of persons, levels
and organizations involved in the altering of policies that pertain to the local unit. Broadening the
competences and responsibilities of decentralised management can give a powerful motivational
injection …“ (BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 54.) In diesem Kontext sei beispielsweise auch auf
den bereits skizzierten Aspekt individualisierter Personalarbeit verwiesen (Kapitel II.2.1.2),
welchem eine restriktive, zentral vorgegebene Personalpolitik im Wege steht.
207 STONE/SMITH, 1996: 8.
208 MINTZBERG, 1979: 182.
209 Vgl. MINTZBERG, 1979: 182f.; MIRRLEES, 1976: 130.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 99
werden:210 (1) begrenzte Leistungsfähigkeit zentraler Planungsansätze, (2) Aus-
breitung bürokratischer Strukturen und Verhaltensweisen, (3) mangelnde Bereitschaft
und Fähigkeit zur Kooperation sowie (4) mangelnde Leistungsanstrengung. Zu
bedenken ist jedoch, dass mit der Verlagerung von Kompetenzen in untergeordnete
Organisationseinheiten ebenfalls Risiken verbunden sind:211 (1) Schwierigkeit strate-
gischer Führung, (2) Fehlen adäquater Koordinations- und Kontrollmechanismen,
(3) Mängel bei der bereichsübergreifenden Zusammenarbeit und (4) Qualifikations-
defizite der Linienvorgesetzten.
Trotz der skizzierten Risiken kann subsumiert werden, dass aufgrund der vielzahli-
gen Vorteile und Chancen „... Delegation als nahezu unverzichtbar [erscheint].“212
Neuzeitige Organisationsmodelle sind ohne Delegation nicht wirksam, so dass nicht
die Dezentralisierung als solches in Frage gestellt und diskutiert wird, sondern viel-
mehr ihr Ausmaß, ihre Implementierungs- und Anwendungsvoraussetzungen sowie
einhergehende Delegationsbarrieren. Demnach befassen sich wissenschaftliche
Beiträge nicht mit der Fragestellung, ob Entscheidungsverantwortung in die Linie
verlagert werden soll oder nicht.
Den Stand der Dezentralisierungsforschung resümierend wurden folgende drei
Bereiche herausgegriffen und detailliert betrachtet, da diese für das weitere Vorge-
hen unabdingbar sind: Das Kapitel II.2.1 richtete das Augenmerk auf die Neuorientie-
rung dezentraler Personalorganisation vom Referentensystem bis hin zum ökono-
misch ausgerichteten Wertschöpfungscenter; diese Konzepte werden bei der
Entwicklung und Illustration des Analyserasters aufgegriffen. Die Diskussion um den
Dezentralisierungsgrad ausgewählter personalwirtschaftlicher Funktionen erfolgte in
Kapitel II.2.2 und fließt in die Analyse delegativer Risiken ein. Das Kapitel II.2.3
umfasst die Darstellung des veränderten Rollenverständnisses von Personal-
abteilung und Linienkraft sowie Anpassungen isoliert betrachteter Personal-
funktionen. Die veränderten Anforderungen an Rolle, Kompetenz und Qualifikation
der Linienkraft werden insbesondere bei der Analyse der Delegationsrisiken auf-
gegriffen und fließen ebenso implizit in die Ableitung von Koordinations- und
Motivationsmechanismen ein, wie die Auswirkungen auf Technologien und Methoden
der Personalarbeit. Die detaillierte Beschreibung dezentraler Organisationskonzepte
und ihrer Implikationen soll folglich zum besseren Verständnis der
agenturtheoretischen Untersuchung beitragen.
210 Vgl. FRESE/WERDER, 1994: 10ff. Vgl. ferner für einen Überblick über Delegationsimplikationen
HILL/FEHLBAUM/ULRICH, 1994: 230f.
211 Vgl. Meckl, 1995: 6; BORLAND/EICHBERGER, 1998: 222f.
212 GRÜN, 1987: 141.
100
Mit den Ausführungen der vorstehenden Kapitel wurde gezeigt, dass in der
betrieblichen Praxis einerseits eine Vielzahl relevanter Organisationsformen mit
unterschiedlich ausgestalteten Dezentralisierungsgraden anzutreffen ist. Anderer-
seits ist der Dezentralisierungsgrad auch von der rollenbezogenen Ausgestaltung der
jeweiligen personalwirtschaftlichen Funktion abhängig. Um im Rahmen der folgenden
agenturtheoretischen Untersuchung adäquate Gestaltungsempfehlungen für
Motivations- und Koordinationsmechanismen in Abhängigkeit eines gegebenen
Dezentralisierungsgrads ableiten zu können, ist daher die Berücksichtigung der
(1) Organisation der Personalarbeit und (2) der konkreten personalwirtschaftlichen
Funktion als Parameter des zu entwickelnden Analyserasters unabdingbar.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 101
3 Konzeptionelles Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen in
der Personalarbeit
Vor dem Hintergrund der in Kapitel I.2.2 dargelegten unpräzisen Begrifflichkeit in
Bezug auf Dezentralisierung ist eine eindeutige Bestimmung dessen wichtig, was in
der vorliegenden Arbeit hierunter verstanden wird. Das Analyseraster dezentraler
Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit, dessen Entwicklung und exemplari-
sche Anwendung Ziel dieses Kapitels II.3 ist, gibt hierauf eine Antwort.
Zunächst wird hierfür der Begriff Dezentralisierung in seinen unterschiedlichen
Facetten und der Vielzahl von Wortbedeutungen dargelegt; eine für diese Arbeit
geltende Begriffsbestimmung wird geliefert (Kapitel II.3.1). Gleichzeitig sensibilisiert
diese Diskussion für die Notwendigkeit des Analyserasters, der die Grundlage der
nachfolgenden agenturtheoretischen Analyse und im weiteren Verlauf der Arbeit den
Rahmen für die Ableitung von Gestaltungsempfehlungen darstellt. Den Ausgangs-
punkt für die Entwicklung des Analyserasters bildet die Identifikation unterschied-
licher Entscheidungsphasen und die Erklärung, wie und an wen Kontrolle bzw. Macht
über den personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozess innerhalb einer Organisa-
tion verteilt ist (Kapitel II.3.2). Anschließend wird das Analyseraster dezentraler
Entscheidungsstrukturen konstruiert (Kapitel II.3.3) und in einem weiteren Schritt
einer exemplarischen Anwendung für den Funktionsbereich der Personalbeschaffung
unterzogen (Kapitel II.3.4). Eine Würdigung in Kapitel II.3.5 beschließt die
Ausführungen zur Systematisierung dezentraler Entscheidungsstrukturen in der
Personalarbeit.
3.1 Dezentralisierung: Bestimmung von Wortbedeutung und -gebrauch
Die Begriffsbestimmungen zur Dezentralisierung aufarbeitend definiert FAYOL (1929)
das Begriffspaar Dezentralisation und Zentralisation vergleichsweise eindeutig:
„Alles, was die Bedeutung der Rolle des Untergebenen erhöht, ist Dezentralisation,
alles was diese Bedeutung mindert, Zentralisation.“213 Hierbei ist es möglich, statt
des Terminus Bedeutung eine Vielzahl anderer Ausdrücke einzusetzen. Begriffe wie
Autonomie, Handlungsspielraum, Verantwortung oder Entscheidungs- und Wei-
sungsbefugnis sind hierfür nur einige Beispiele. Je nach Wortwahl ergeben sich für
den Begriff (De-)Zentralisierung verschiedenartige Bedeutungen und Verwendungs-
möglichkeiten. Die aufgezeigte Vielfältigkeit der begrifflichen Inhalte macht eine
Abgrenzung des Begriffspaars für diese Arbeit daher unumgänglich. Um jedoch zu
213 FAYOL, 1929: 28.
102
einer gehaltvollen und eindeutigen Begriffsbestimmung zu gelangen, werden zu-
nächst weitere ausgewählte Wortbedeutungen und -verwendungen dargelegt.
KOSIOL (1962) definiert das Begriffspaar aus einer eher formalen, systemtheoreti-
schen Perspektive, indem er (De-)Zentralisierung als die Verteilung von Elementen in
einem endlichen System beschreibt. Ein System gilt dann als zentralisiert, wenn sich
alle Elemente in einem Häufigkeitspunkt befinden und entsprechend als dezent-
ralisiert, wenn alle Elemente der Gesamtheit über das System verteilt sind.214 In
diesem Kontext weist BLEICHER (1966) darauf hin, dass der Begriff stets ein
(De-)Zentralisierungsziel und ein -objekt umfasst: Das Ziel bestimmt den Mittelpunkt
als Orientierungspunkt, um die Bewegung des organisatorischen Entscheidens und
Handelns erfassen zu können. Das Objekt gibt an, um welche Elemente es sich
handelt, die zentral oder dezentral angeordnet werden.215 Vor diesem Hintergrund
lässt sich die Vielzahl von Begriffskonkretisierungen darauf zurückführen, dass der
jeweilige Betrachter unterschiedliche (De-)Zentralisierungsziele, wie auch -objekte
fokussiert.216 MINTZBERG (1979) stellt den Entscheidungsprozess mit seinen unter-
schiedlichen Phasen und Schritten, als (De-)Zentralisierungsobjekt in den Vorder-
grund und formuliert: „When all power for decision making rests at a single point in
the organization – ultimately in the hands of a single individual – we shall call the
structure centralized; to the extend that the power is dispersed among many indi-
viduals, we call the structure decentralized.“217 Fokussiert man auf den Ent-
scheidungsprozess als Dezentralisierungsobjekt, ergeben sich nach LAUX/LIERMANN
(1987a) drei mögliche Formen der Dezentralisierung: (1) Die Verlagerung von
Entscheidungsbefugnis an einen hierarchisch untergeordneten Entscheidungsträger,
(2) die Zerlegung des Entscheidungsprozesses in Teilprozesse und Übertragung
214 Vgl. KOSIOL, 1962: 81f. Für die Pole Zentralisation und Dezentralisation gibt es in der Literatur
zahlreiche weitere Abgrenzungsversuche. Vgl. hierzu beispielsweise MEYER, 1997: 95ff.; PICOT,
1993: 219ff.; BEUERMANN, 1992: 2011f; BLEICHER, 1980: 2405ff.; SAUERBREY, 1979: 23ff.;
BLEICHER, 1969: 123ff.; BLEICHER, 1964: 129f. Dem Kontinuum zwischen den Polen wurde bisher
allerdings weniger Betrachtung geschenkt. Erste Beiträge zur Behebung dieses Defizits haben
FRESE/WERDER, 1993, zusammen mit dem Arbeitskreis Organisation der Schmalenbach-Gesell-
schaft geleistet. Zu einer Analyse der (De-)Zentralisierung von strategischen Entscheidungen vgl.
HUNGENBERG, 1995.
215 Vgl. BLEICHER, 1966: 33f.; KOSIOL, 1962: 81.
216 Beispielsweise definiert PICOT (1993) Dezentralisierung zwar ebenfalls als eine Bewegung weg
von einem Mittelpunkt. Diese Bewegung betrifft seiner Auffassung nach jedoch verschiedene
Sachverhalte, was einer Vermischung der Dezentralisierungsobjekte gleichkommt: (1) Kompe-
tenzen im Sinne von Handlungsbefugnissen hinsichtlich der Erfüllung bestimmter Entscheidungs-
, Mitsprache- und Informationsrechte. (2) Standorte, an denen die Rechte ausgeübt werden und
(3) Marktkontakte, d.h. die räumliche Ausdehnung oder Konzentration der Geschäftstätigkeit.
(Vgl. PICOT, 1993: 220.)
217 MINTZBERG, 1979: 181; im Original: teilweise Hervorhebungen. Siehe auch MINTZBERG, 1983: 95.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 103
dieser an verschiedene Entscheidungsträger sowie (3) die Übergabe von Ent-
scheidungen als Ganzes an ein Kollektiv von Entscheidungsträgern.218
Wird der Blick auf den personalwirtschaftlichen Forschungsbereich gerichtet, dann
führt die angelsächsische Literatur neben dem Begriff der Dezentralisierung zusätz-
lich die Begriffe Devolution oder Devolvement ein. Während Dezentralisierung für die
grundsätzliche Übertragung von Entscheidungskompetenzen auf Subeinheiten der
Unternehmung steht, wird mit Devolution/Devolvement die vertikale Segmentierung
der Personalarbeit bezeichnet. Folglich geht vor dem Hintergrund dieses Begriffs-
verständnisses – mit der Verwendung des Begriffs Dezentralisierung oftmals die
Bildung von beispielsweise strategischen Geschäftseinheiten oder Profit Centern
einher. Die Führungskraft dieser dezentralen Geschäftseinheit erhält neben der Ver-
antwortung für z.B. Ertrag und Verlust auch Entscheidungsautonomie über die Hu-
manressource. Für den Trend der Verlagerung von Personalverantwortung in die
Linie – ohne notwendigerweise eine begleitende Restrukturierung der Unternehmung
in Subeinheiten – werden in der angelsächsischen Literatur hingegen genau jene
genannten Begriffe geprägt.219 Die begriffliche Abgrenzung formulieren BREW-
STER/SÖDERSTRÖM (1994) wie folgt: „By decentralization we mean the allocation out
to more local parts of the organization of tasks formerly undertaken centrally. By
devolution we mean the allocation of tasks formerly undertaken by the personnel
specialists to line manager.“220 In der deutschsprachigen Literatur lässt eine solche
Abgrenzung der Begriffe leider gänzlich auf sich warten; eine derartige Begriffsdiffe-
renzierung wird nicht diskutiert.221 Nichtsdestotrotz gelingt NIENHÜSER (1999) eine
Konkretisierung des Dezentralisierungsbegriffs, in welcher die dezentrale Personal-
arbeit mittels der Merkmale (1) Verteilung der Aufgaben auf viele Einheiten,
218 Vgl. LAUX/LIERMANN, 1987a: 373ff.
219 Hier wird eine Übereinstimmung mit den Dimensionen der strategischen und operativen
Dezentralisierung nach FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN (1995) erkannt: Devolution und
Devolvement geht auf die Dimension der operativen Dezentralisierung zurück, während die reine
Dezentralisierung eine strategische Komponente aufweist.
220 BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 51; vgl. hierzu auch HOPE-HAILEY/GRATTON/MCGOVERN/
STILES/TRUSS, 1997: 11; CHIA, 1995: 609; HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 4. Ferner konsta-
tieren BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994): „By this [devolvement] we mean the degree to which HRM
practice involves and gives responsibility to line managers rather than personnel specialists.“
(BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 57.)
221 Beispielsweise verstehen HANEL/KABST/MAYRHOFER/WEBER (1998) unter dem Begriff der Dezen-
tralisierung einerseits die Schaffung dezentraler Personalreferate in einzelnen Unternehmens-
bereichen und anderseits die geteilte Verantwortung zwischen Personalabteilung und Linien-
management bei Personalfragen. Vgl. HANEL/KABST/MAYRHOFER/WEBER, 1998: 4f. Organisa-
torische Aspekte der Dezentralisierung werden mit der Übertragung von Entscheidungs-
verantwortung in die Linie im Sinne von Devolution und Devolvement gemischt.
104
(2) Verteilung von Entscheidungsrechten auf viele Einheiten und (3) die Verlagerung
der Ressourcenkontrolle in die dezentralen Einheiten charakterisiert wird.222
Im Folgenden werden unterschiedliche Betrachtungsebenen des Begriffskonstrukts
Dezentralisierung aufgezeigt, die im Rahmen der Analyserasterentwicklung wieder
aufgegriffen werden. In der Literatur werden vier Dimensionen unterschieden:223
(1) den eng oder weit gefassten Dezentralisierungsbegriff, (2) die vertikale oder hori-
zontale Dezentralisierung, (3) die Dezentralisierung im statischen oder dynamischen
Sinn sowie (4) die strategische und operative Dezentralisierung. Der enge Dezentra-
lisierungsbegriff legt als Kriterium die Verteilung von Entscheidungskompetenzen in
der Unternehmenshierarchie bzw. auf die Organisationseinheiten fest. Hierbei sind
zwei Extremfälle der Kompetenzverteilung denkbar: Die vollständige Zentralisierung
von Entscheidungen auf oberster Hierarchieebene und die vollständige Dezentra-
lisierung von Entscheidungen auf unterster Ebene. Beim weit gefassten Dezentra-
lisierungsbegriff werden aufgabenanalytische Gliederungskriterien herangezogen, die
zur Abgrenzung von Organisationseinheiten dienen. Dies bedeutet, dass neben den
Entscheidungen auch die Entscheidungs- und infolgedessen auch die Auf-
gabenausführung mit eingeschlossen werden. Die Entscheidung als zielorientierte
Auswahl zwischen mindestens zwei Alternativen initiiert die Aufgabenausführung und
ist dieser somit sachlogisch und meist auch zeitlich vorangestellt. Die Dimension der
vertikalen und horizontalen Dezentralisierung richtet das Augenmerk auf die
Aufgabensegmentierung. Mit der vertikalen Dezentralisierung wird die Verankerung
des Dezentralisierungsinhalts (Entscheidung und/oder Aufgabenausführung)
innerhalb der hierarchischen Struktur definiert. D.h. die vertikale Aufgaben-
segmentierung ordnet den einzelnen Hierarchiestufen Teile der Gesamtaufgabe zu.
Unter horizontaler Segmentierung wird die Differenzierung der Gesamtfunktion
diskutiert. Unter statischer Dezentralisierung wird die Positionsbestimmung von
Organisationselementen in Abhängigkeit vom Zentrum verstanden, d.h. im
Vordergrund stehen Aussagen über den Verteilungszustand von Entscheidung
und/oder Aufgabenausführung. Hingegen bezeichnet die dynamische Perspektive die
Bewegung der Elemente vom Zentrum weg und gibt Auskunft über Veränderungen in
der Verteilung. Die strategische Dezentralisierung umfasst all jene Ausprägungen,
bei denen Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten auf neudefinierte
Unternehmenseinheiten verlagert oder im Rahmen der bestehenden
222 Vgl. NIENHÜSER, 1999: 158ff.
223 Vgl. BEUERMANN, 1992: 2612f. und FAUST/JAUCH/BRÜNNECKE/DEUTSCHMANN, 1995: 35ff. Vgl. hier-
zu auch HILL/FEHLBAUM/ULRICH, 1994: 174f.; MINTZBERG, 1983: 99; BLEICHER, 1966: 30; KOSIOL,
1962: 81.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 105
Unternehmensgliederung an marktnahe Organisationseinheiten ausgelagert wer-
den.224 Die operative Dezentralisierung bezeichnet hingegen den unternehmerischen
Versuch der Verlagerung von operativer Kontrolle, Kompetenzen und Verantwort-
lichkeiten aus den indirekten Abteilungen und Stäben in die operativ agierenden
Unternehmenseinheiten. Die operative Delegation existiert je nach Dauerhaftigkeit
des Eingriffs in die formale Organisationsstruktur in der Form der strukturbeglei-
tenden und der strukturverändernden Dezentralisierung.225
Die Verfasserin legt der Arbeit einen Dezentralisierungsbegriff zugrunde, der auf den
obigen Gedanken der Dezentralisierung als eine Bewegung von einem Mittelpunkt
weg zurückgreift.226 Konkret geht es hierbei um die Verteilung von Entscheidungen
und der damit verbundenen Kompetenzen in einem hierarchischen System. Als
Dezentralisierungsobjekt werden die personalwirtschaftliche Entscheidung bzw. Teile
des personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozesses bestimmt. Das in der Arbeit
primär betrachtete Dezentralisierungsziel ist die Führungskraft in der Linie. Dezent-
ralisierung bedeutet somit die Übertragung personalwirtschaftlicher Entscheidungs-
rechte und/oder einzelner Phasen des Entscheidungsprozesses auf hierarchisch
nachgelagerte Träger der Personalarbeit. Das personalwirtschaftliche Organisations-
konzept gilt als dezentral, wenn Entscheidungen bzw. Teile des Entscheidungspro-
zesses von der Unternehmensleitung oder der Personalabteilung auf eine untere
hierarchische Ebene delegiert werden.227
224 Da diese Form der Dezentralisierung durchaus mit einer Zentralisierung von strategischen
Kompetenzen einhergehen kann, ist sie folglich eng verbunden mit einer Restrukturierung durch
Outsourcing. Infolgedessen konstatieren z.B. STONE/SMITH (1996), dass „... devolution includes
both outsourcing activities such as recruiting, selection, and record keeping, and giving these and
other activities such as training and performance appraisal to work teams, ...“ (STONE/SMITH,
1996: 10.) Neben der Verlagerung von Personalverantwortung in die Linie werden bei dieser
Begriffsdefinition gleichermaßen Maßnahmen der Restrukturierung im Sinne von Outsourcing
einbezogen.
225 Kennzeichen der strukturbegleitenden Dezentralisierung ist die Begrenzung auf einen definierten
Zweck und Zeitraum, während die bisherigen formalen Organisationsstrukturen und die
alltägliche Kompetenzverteilung unangetastet bleiben. Hierbei geht es primär um eine Delegation
von spezifischen Aufgaben und der Übertragung von partieller Verantwortung an hierarchisch
nachgelagerte Instanzen, die bislang von den Experten der Personalabteilung durchgeführt
wurden. D.h. die strukturbegleitende Dezentralisierung hebt darauf ab, dass die bestehenden
hierarchischen Strukturen und die funktionale Organisation unverändert bleiben. Hingegen
bezeichnet die strukturverändernde Dezentralisierung die Form der Restrukturierung, in der in die
formale Arbeitsorganisation maßgeblich und in zeitlicher Hinsicht unbegrenzt eingegriffen wird.
226 In Anlehnung an die einschlägigen Forschungsbeiträge des deutschen Sprachraums wird in
dieser Arbeit zwar durchgängig der Dezentralisierungsbegriff verwandt, abgestellt wird hierbei
jedoch auf die Devolution, d.h. die Verlagerung von personalwirtschaftlicher Entscheidungs-
verantwortung auf die nicht spezialisierte Führungskraft in der Linie.
227 „An administrative organization is centralized to the extent that decisions are made at relatively
high levels in the organization, and decentralized to the extent that discretion and authority to
106
Obwohl mit der vorstehenden Definition des Dezentralisierungsbegriffs eine wichtige
Grundlage für die nachfolgende Untersuchung gelegt wurde, stellt sich in diesem
Kontext eine weitere wichtige Frage, die bereits von MINTZBERG (1979) wie folgt
aufgeworfen wurde: „What about the case where a line manager has the authority to
make a decision but his advisors, by virtue of their superior technical knowledge, lead
him into his choices? Or the case where the manager decides, but in executing the
choices, his subordinates twist the outcome to their liking? Are these organizations
centralized by virtue of the distribution of the formal power, or decentralized by virtue
of distribution of the informal?“228 Auch WÄCHTER (1997) fordert, dass bei der
Dezentralisierung im Sinne einer Verlagerung personalwirtschaftlicher Entschei-
dungskompetenz „... klar gemacht werden [müsse], auf welche .. Gegenstände sich
die Entscheidungen beziehen, wie der Umfang des Entscheidungsobjektes abge-
grenzt wird und wie genau die Kontrolle der delegierten Entscheidung ist.“229
Neben dem Wissen um die formale Delegation von Entscheidungsbefugnissen ist für
die folgende Untersuchung demnach entscheidend, wie sich die faktische Kontrolle
über den Entscheidungsprozess innerhalb des hierarchischen Systems verteilt, ob
die formale Delegation und die faktische Kontrolle immer im Einklang miteinander
stehen, oder ob diese auseinanderfallen. Eine schnelle und einfache Beantwortung
dieser Fragen scheint schwierig möglich, was MINTZBERG (1979) mit den Worten
ausdrückt: „So the waters of decentralization are dirty. But before spilling them away,
it may be worthwhile to see if we can find a baby in there.”230
Zur Lösung dieser Problematik wird in der vorliegenden Arbeit ein Analyseraster
dezentraler Entscheidungsstrukturen entwickelt. Dieser baut auf der obigen
entscheidungstheoretischen Definition auf und konkretisiert darüber hinaus für die
betrachteten Anwendungsszenarien, wie sich die faktische Entscheidungskontrolle
auf die berücksichtigten Träger der Personalarbeit verteilt.
make important decisions are delegated by top management to other levels of executive
authority.“ (SIMON/GUETZKOW/KOZMETSKY/TYNDALL, 1954: 1.)
228 MINTZBERG, 1979: 184. Vgl. hierzu auch MINTZBERG, 1983: 98.
229 WÄCHTER, 1997: 227. Vgl. hierzu auch die Ausführungen von COLLING/FERNER (1992): „This
tension between what line management wanted to do and what it was allowed to do reflects a
number of constraints. First, groups at the centre had their own interests and agenda, and fought
to keep control of issues that might have been decentralized. Second, there were ‘structural'
limits to decentralization, arising from the nature of utilities as ‘network’ industries, and the
implications of regulation. Such constraints led inevitably to pressure of recentralization.“
(COLLING/FERNER, 1992: 216.)
230 MINTZBERG, 1979: 185.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 107
3.2 Identifikation dezentralisierungsrelevanter Aspekte der Entscheidungs-
struktur
Der in dieser Arbeit getroffenen Begriffsdefinition liegt die Annahme zugrunde, dass
Entscheidungsprozesse den Kern für das Verständnis organisatorischer Phänomene
bilden.231 Folglich können unternehmerische Entscheidungsprozesse zum Ansatz-
punkt der Organisationsanalyse gewählt werden und bieten die Möglichkeit, Organi-
sationsstrukturen hinsichtlich ihres Ausmaßes an (De-)Zentralisierung zu beschrei-
ben. Die nun folgenden Ausführungen widmen sich universellen Entscheidungspro-
zessen sowie der Identifikation all jener relevanten Aspekte, die für die Entwicklung
des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen von Bedeutung sind. Hierzu
wird zunächst der entscheidungstheoretische Zugang kurz skizziert, bevor dann der
Entscheidungsprozess inhaltlich gegliedert und die Verteilung der faktischen Kon-
trolle über den Prozess erklärt wird (Kapitel II.3.2.1). Hierbei wird das Begriffspaar
der informalen und formalen Kontrolle als eine erste Determinante des Analyse-
rasters dezentraler Strukturen diskutiert. Durch die vertikale und horizontale Dezen-
tralisierung erfolgt die formale Delegation der Entscheidungsrechte an die Träger der
Personalarbeit. Diese Dimension der Dezentralisierung wird als zweite Determinante
identifiziert und in Kapitel II.3.2.2 behandelt.
3.2.1 Informale und formale Kontrolle als erste Determinante dezentra-
ler Entscheidungsstrukturen
Wird zunächst von der personalwirtschaftlichen Entscheidung abstrahiert und der
Entscheidungsprozess im Allgemeinen betrachtet, so lassen sich mehrere theoreti-
sche Zugänge verhaltenstheoretischer Entscheidungsforschung identifizieren.232 Zu
diesen verhaltenswissenschaftlichen Theorien zählen z.B. Ansätze wie das Modell
rationaler Entscheidung, das Bürokratie-Modell, das Garbage Can-Modell oder aber
Modelle politischer Entscheidungsprozesse.233
231 Vgl. SIMON, 1976: 240ff.
232 Im Folgenden konzentriert sich die Verfasserin auf Ansätze über Entscheidungen in Organisa-
tionen. Vernachlässigt werden somit Forschungsarbeiten, die sich mit Entscheidungen außerhalb
oder an der Grenze von Organisationen beschäftigen und in der Literatur unter Teilnahme- und
Beitragsentscheidungen oder auch Anreiz-Beitrags-Theorie diskutiert werden. Zu den zentralen
Beiträgen dieser Forschungsrichtung zählen die Arbeiten von SIMON 1957; MARCH/SIMON, 1958;
sowie SIMON, 1976.
233 Vgl. für einen Überblick zur verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie den Übersichts-
aufsatz von BERGER/BERNHARD-MEHLICH, 2002: 133ff. und zu neuen Trends im Forschungsfeld
den Herausgeberband von SHAPIRA, 1997 Vgl. ferner die Arbeiten von BUTLER, 1998: 27ff.;
LANGLEY/MINTZBERG/PITCHER/POSADA/SAINT-MACARY, 1995: 260ff.; WEBER/MAYRHOFER/NIEN-
HÜSER/RODEHUTH/RÜTHER, 1994:4ff. sowie die frühe Diskussion theoretischer Entscheidungs-
modelle in Organisationen von NUTT, 1976: 84ff. Einen sehr umfassenden Überblick über die
empirische Entscheidungsforschung liefern EISENHARDT/ZBARACKI, 1992: 17ff.
108
Der betriebliche Entscheidungsprozess wird als solcher in den genannten Ansätzen
zwar sehr unterschiedlich charakterisiert, dennoch verbindet diese Ansätze eine
gemeinsame Fragestellung: Wie sind rationale Organisationsentscheidungen von
ökonomischen Akteuren mit begrenzter Informationsverarbeitungskapazität unter der
Bedingung komplexer und veränderlicher Umwelten, d.h. unter Unsicherheit, mög-
lich? Die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungsforschung fokussiert auf das
Individuum und geht davon aus, dass dieses Entscheidungen zur Verwirklichung
seiner Ziele trifft. Unter den gegebenen Handlungsmöglichkeiten und zu erwartenden
Konsequenzen wird jene Entscheidungsalternative gewählt, die das gesetzte Ziel am
besten erfüllt. Jedes Organisationsmitglied versucht seine Ziele zu realisieren, wobei
die individuellen Entscheidungen durch die antizipierten Entscheidungsresultate
anderer beeinflusst werden.234 Die Entscheidungstheorie lässt sich folglich dadurch
kennzeichnen, dass mehrere ökonomische Akteure, die sich durch unterschiedliche
Präferenzstrukturen und Zielsysteme auszeichnen, an Organisationsentscheidungen
beteiligt sind.235
In den empirischen Arbeiten zur Entscheidungsforschung, die sich auf der Basis von
Fallstudien meist komplexen und innovativen Entscheidungen widmen,236 überwiegt
die Definition des Entscheidungsprozesses auf Basis einer abweichenden Anzahl
von Phasen: die Problemidentifizierung, Informationssuche, Lösungsentwicklung,
Bewertung und Auswahl von Alternativen seien hier nur exemplarisch genannt.237 Die
234 Vgl. zur Verknüpfung von individuellen Entscheidungen beispielsweise LANGLEY/MINTZBERG/
PITCHER/POSADA/SAINT-MACARY, 1995: 269ff.
235 Vgl. hierzu beispielsweise SCHREYÖGG, 1992: 1746.
236 Die Arbeiten von SIMON/GUETZKOW/KOZMETSKY/TYNDALL, 1954; CYERT/SIMON/TROW, 1956;
CYERT/MARCH, 1963; PETTIGREW, 1973; MINTZBERG/RAISINGHANI/THÉORÊT, 1976; sowie NUTT,
1984, prägten die Empirie der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie. Ebenfalls
Ansehen erlangten die Arbeiten der Forschergruppe Columbus-Projekt, vgl. hierzu WITTE, 1972.
237 Beispielsweise identifizierten MINTZBERG/RAISINGHANI/THÉORÊT (1976) bei der Untersuchung von
unstrukturierten Entscheidungsprozessen die Phase der Identifikation (mit den Routinen der
Wahrnehmung und Diagnose), der Entwicklung (mit den Routinen der Suche und des Designs)
sowie die Phase der Auswahl (mit den Routinen des Scannings, der Bewertung und Wahl sowie
der Autorisierung). Vgl. hierzu MINTZBERG/RAISINGHANI/THÉORÊT, 1976: 252ff. und 266. Diese
Basiselemente und Routinen des Entscheidungsprozesses werden unterstützt durch Handlungen
wie Kontrolle und Kommunikation, hingegen gehemmt durch die dynamisierenden Faktoren der
Unterbrechung oder Verzögerung. Je nach Entscheidungssituation werden die verschiedenen
Routinen einmal oder mehrmals durchlaufen, so dass verschiedenartige Typen von Entschei-
dungsprozessen identifiziert werden können (vgl. MINTZBERG/RAISINGHANI/THÉORÊT, 1976: 268ff.).
Hingegen entwickelt NUTT (1984) ein Modell mit den fünf Phasen der Problemformulierung, der
Konzeptentwicklung, der Detaillierung, der Evaluation sowie der Implementierung (vgl. NUTT,
1984: 418). Innerhalb dieser fünf Phasen werden je nach Entscheidungssituation
unterschiedliche Aktivitäten durchgeführt, wie die Informationssuche, die nähere Betrachtung
entscheidungsrelevanter Wissensbasen oder die Bewertung und Auswahl der
Entscheidungsalternativen (vgl. NUTT, 1984: 416).
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 109
meisten dieser Phasenschemata gehen dabei von einer strikten linearen Abfolge der
einzelnen Phasen aus.
Die Entscheidungsforschung reflektierend wird der Entscheidungsprozess hier in
Anlehnung an die Arbeiten von MINTZBERG (1979 und 1983) modelliert. Der Prozess
lässt sich auf folgende Phasen reduzieren: Zunächst wird ein Stimulus der
Umweltsituation empfangen und in Form einer Information für die Entscheidung
verarbeitet. Für den Entscheider stellt sich in dieser Phase die Frage, wie gehandelt
werden kann. Es schließt sich das Aussprechen einer Empfehlung an, d.h. in dieser
Phase werden Vorschläge erarbeitet, wie gehandelt werden sollte. Aus der Vielzahl
der Empfehlungen hat der Entscheidungsträger eine Auswahl zu treffen und
beantwortet somit die Frage danach, welche Handlung als Reaktion auf den
Umweltstimulus vorgesehen ist. Es gilt dann, ausgewählte Maßnahmen zu ge-
nehmigen und in einem letzten Prozessschritt in die Ausführung zu überführen.
Bevor die Handlung des Entscheidungsträgers wirklich sichtbar wird, kann jedoch
noch die Frage danach gestellt werden, wie denn nun wirklich gehandelt wird.238
Zusammenfassend bedeutet dies für die Definition des Entscheidungsprozesses: Bei
einer gegebenen, spezifischen Unternehmenssituation erfolgt zunächst die Samm-
lung von Informationen und deren Übergabe an den Entscheider. Die Informationen
werden daraufhin für einen Entscheidungsvorschlag mit unterschiedlichen Alterna-
tiven verarbeitet. Nachfolgend wird eine Alternative ausgewählt, die dann einer
Genehmigung unterzogen wird. Am Schluss steht die Ausführung der Entscheidung,
die letztendlich in die organisatorische Handlung mündet (siehe Abbildung 7).239
238 MINTZBERG (1979) fasst den Entscheidungsprozess wie folgt zusammen: (1) Empfang und Ver-
arbeitung eines Stimulus für die Entscheidung, (2) Analyse und Bewertung des Entscheidungs-
problems, (3) Auswahl der Vorgehensweise und die sich anschließende bindende Absicht zur
Handlung sowie (4) Festlegung der Handlungsweise mit abschließender Ausführung der Aktion.
Er lehnt seine Ausführungen an eine Klassifikation von PATERSON (1966) an, der den
Entscheidungsprozess in acht Phasen untergliedert (vgl. PATERSON, 1966: 17ff.), und stellt
heraus: „[Paterson] depicts the decision process as a number of steps, as shown in modified form
...: (1) collecting information to pass on the decision maker, without comment, about what can be
done; (2) processing that information to present advice to the decision maker about what should
be done; (3) making the choice, that is, determining what is intended to be done; (4) authorizing
elsewhere what is intended to be done; and (5) doing it, that is, executing what is, in fact, done.“
(MINTZBERG, 1979: 187; im Original: teilweise Hervorhebungen.)
239 Vgl. hierzu und im Folgenden MINTZBERG, 1979: 187ff. und MINTZBERG, 1983: 100ff. Die Brücke
zur agenturtheoretischen Analyse schlagend verweist die Verfasserin bereits an dieser Stelle auf
die Untergliederung des Entscheidungsprozesses im Beitrag von FAMA/JENSEN (1983a): „In broad
terms, the decision process has four steps: 1. initiation – generation of proposals for resource
utilization and structuring of contracts; 2. ratification – choice of decision initiatives to be im-
plemented; 3. implementation – execution of ratified decisions; and 4. monitoring – measurement
of the performance of decision agents and implementation of rewards.“ Wie die nachfolgende
Darstellung des Analyserasters, seine exemplarische Anwendung und die agenturtheoretische
Analyse zeigen werden, spricht insbesondere die Unterteilung der Phase Ratification in die Ent-
110
Infor-
matio Emp-
fehlung Aus-
wahl Genehmi-
gung Aus-
führung Handlung
Wie kann
gehandelt
werden?
Wie sollte
gehandelt
werden?
Welche
Handlung
wird vor-
gesehen?
Wie wird
wirklich
gehandelt?
Welche
Handlung
ist genehmigt?
Situation
informale Kontrolle
über den
Entscheidungsprozess
formale Kontrolle
über den
Entscheidungsprozess
Abbildung 7: Struktur des Entscheidungsprozesses240
Das Handeln in Organisationen ist somit durch die Resultate vorgelagerter Entschei-
dungsphasen determiniert und wird von demjenigen Entscheidungsträger beherrscht,
der die faktische Kontrolle über die diversen Teilprozesse besitzt.241 Zwar ist die
Beherrschung der aus der Entscheidung resultierenden Handlung von Bedeutung,
sie ist jedoch nicht allein durch die Aktion der Alternativenwahl bestimmt. Denn jeder
dieser einzelnen Schritte – von der Initiierung der Entscheidung durch einen Stimulus
bis hin zur endgültigen Ausführung – geht mit Macht einher und legt damit das
Ausmaß der Kontrolle über den Entscheidungsprozess fest. Gemäß der Abbildung 7
wird vom Besitz informaler Kontrolle über den Entscheidungsprozess gesprochen,
wenn der Entscheidungsträger die Phasen der Informationssammlung und des
Vorschlagsrechts beherrscht. Hingegen besitzt das Individuum formale Entschei-
dungsmacht, wenn es Kontrolle über Alternativenwahl, Genehmigung und Ausfüh-
rung besitzt.242 Beispielsweise bemächtigt die Kontrolle über Informationssammlung
und -verarbeitung den ökonomischen Akteur zu einer Informationsauslese. Werden
scheidungsschritte der Auswahl und der Genehmigung für die Wahl des Ansatzes von
MINTZBERG (1979) und (1983).
240 Quelle: In an Anlehnung MINTZBERG, 1979: 188 und MINTZBERG, 1983: 100. Vgl. hierzu auch
PATERSON, 1969: 150.
241 Entscheidungen bedingen die Tätigkeiten der Informationsgewinnung und –verarbeitung, welche
darauf ausgerichtet sind, die nachgelagerte Ausführung festzulegen. Ausführung bedeutet damit
Vollzug einer Handlung nach Maßgabe vorangegangener Entscheidungsschritte. Jede Handlung
ist damit durch die vorgelagerten Entscheidungsphasen bestimmt, so dass der Prozessschritt der
Ausführung für sich genommen einen geringen Handlungsspielraum aufweist.
242 Vgl. MINTZBERG, 1979: 192f. Hierbei muss darauf hingewiesen werden, dass MINTZBERG (1979)
die Phase der entgültigen Entscheidungsausführung – im Gegensatz zu den obigen Ausfüh-
rungen – der informalen Entscheidungsmacht zuordnet. Da sich MINTZBERG (1979) jedoch bei
seiner Abgrenzung auf die Prozessphasen von PATERSON (1966) beruft, der wiederum mit den
Begriffen Sapiential Authority und Structural Authority der obigen Einteilung folgt, legt die
Verfasserin der Begriffsbestimmung informaler und formaler Kontrolle die Arbeit von PATERSON
(1966) zugrunde. (Vgl. hierzu MINTZBERG, 1979: 188 und PATERSON, 1966. 61ff.)
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 111
Informationen einseitig gefiltert oder verzerrt weitergegeben, kann dies gleichbe-
deutend sein mit der Macht über die eigentliche Auswahl von Entscheidungsalterna-
tiven. Folglich ist die Möglichkeit der direkten Einflussnahme auf Empfehlungen oder
das Unterbreiten handlungsrelevanter Ratschläge ebenfalls mit einem hohen Poten-
tial an Entscheidungskontrolle verbunden, da diese Eingriffe den Entscheidenden
unmittelbar in eine vorbestimmte Richtung lenken. Ebenso kann die Beherrschung
der letzten beiden Phasen Entscheidungsmacht konstituieren: Das Recht etwa eine
Entscheidung zu autorisieren, korrigierende Maßnahmen zu ergreifen oder eine Ent-
scheidung zu blockieren, stellt eine besondere Herrschaft über den Entscheidungs-
prozess dar. Hingegen beinhaltet die tatsächliche Entscheidungsausführung geringe
Autorität über den Prozess, da die alleinige Durchführung und Verrichtung einer
Entscheidung dem sich opportunistisch verhaltenden Individuum nur sehr geringen
Handlungsspielraum bietet.
Die Entscheidungsmacht ist folglich dann am größten, wenn ein ökonomischer Ak-
teur oder eine Organisationseinheit alle Prozessphasen kontrolliert: Der Entschei-
dungsprozess ist zentralisiert. Hingegen wird die Entscheidungsstruktur als dezentral
bezeichnet, wenn sich die Macht und damit die Kontrolle über den Entscheidungs-
prozess verteilt,243 d.h. weitere Organisationsmitglieder Einfluss über Prozessphasen
gewinnen. Im Folgenden wird also die Kontrolle über einzelne Phasen des Entschei-
dungsprozesses als erste Determinante der Entscheidungsstruktur begriffen. Die
obige Unterteilung des Entscheidungsprozesses und die Identifikation von Kontroll-
elementen bilden die Grundlage für die weiteren Ausführungen und für die Konzep-
tion des Analyserasters.
3.2.2 Vertikale und horizontale (De-)Zentralisierung als zweite Determi-
nante dezentraler Entscheidungsstrukturen
In diesem Kapitel erfolgt die Einordnung des betrachteten Anwendungsszenarios
bezüglich der in Kapitel II.3.1 skizzierten Dezentralisierungsdimensionen. Der
Schwerpunkt der Ausführungen liegt hierbei auf vertikaler und horizontaler Dezentra-
lisierung, da diese für die Ausgestaltung des Analyserasters eine hohe Relevanz
243 Vgl. hierzu MINTZBERG (1979), der Folgendes erklärt: „[A] decision process is most decentralized
when the decision maker controls only the making of the choice (the least he can do and still be
called decision maker): in the organizational hierarchy, he loses some power to the information
gatherers and advisors to his side, to the authorizers above, and to the executers below.“
(MINTZBERG, 1979: 188; im Original: teilweise Hervorhebungen.) Vgl. hierzu auch MINTZBERG,
1983: 101. Die Verfasserin weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass von der hier
zitierten Aussage insoweit Abstand genommen wird, als dass der Entscheidungsprozess in
dieser Arbeit dann als am stärksten dezentralisiert gilt, wenn die Genehmigung und nicht die
Auswahl beim zentral agierenden Träger verbleibt.
112
besitzt. Unter Dezentralisierung wird wie bereits oben definiert die generelle Verlage-
rung von Entscheidungsrechten auf hierarchisch nachgelagerte Träger als auch die
Zerlegung des Entscheidungsprozesses und die Übertragung der vorgelagerten
Teilprozesse der Information und des Vorschlags an einzelne personalwirtschaftliche
Entscheider verstanden. Der Begriff der vertikalen Dezentralisierung beschreibt „[t]he
dispersal of formal power down the chain of authority ...“244 Vor dem Hintergrund der
obigen Ausführungen wird bei der vertikalen Dezentralisierung Macht über den
Entscheidungsprozess an die Führungskraft in der Linie delegiert.245 Hierbei liegt der
Fokus neben der Delegation von informaler Entscheidungsmacht – im Sinne von
Kontrolle über Informationssammlung, Vorschlagsrecht und endgültige Ausführung
insbesondere auch auf der Delegation von formaler Entscheidungsmacht, d.h. der
Kontrolle über Alternativenwahl und Genehmigung.246 Horizontale Dezentralisierung
beschreibt hingegen den Prozess der Verlagerung von informaler Entscheidungs-
kompetenz zu Spezialisten, Analysten und Operatoren. Diese Form der Dezentrali-
sierung geht mit einer Übertragung von Kontrolle an Organisationseinheiten außer-
halb der Linienstruktur einher, so dass „[h]orizontal decentralization will refer to the
extend to which nonmanagers control the decision processes.“247 Es wird daher bei
der Entwicklung des Analyserasters der Frage nachgegangen, welcher personal-
wirtschaftliche Entscheidungsträger über formale oder informale Entscheidungs-
macht verfügt, d.h. welcher Träger die Entscheidungskontrolle über welche Teile des
personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozesses innehat.
Der Vollständigkeit halber erfolgt im Weiteren eine knappe Einordnung des betrach-
teten Anwendungsszenarios bezüglich der anderen drei Dezentralisierungsdimensi-
onen. Der vorliegenden Arbeit wird ein weitgefasster Dezentralisierungsbegriff
zugrunde gelegt. Dies bedeutet, dass die Aufgabenausführung als letztes Prozess-
glied stets in die Entscheidungsdelegation mit eingeschlossen wird. Da im Zentrum
dieser Untersuchung die Ableitung von Koordinations- und Motivationsmechanismen
244 MINTZBERG, 1979: 185; im Original: teilweise Hervorhebungen. Vgl. hierzu auch MINTZBERG,
1983: 99. Vgl. hierzu auch die Definition von CHIA (1995), der Dezentralisierung im Sinne
vertikaler Entscheidungsdelegation charakterisiert: „Decentralization is one type of organizational
structure which refers to where decisions are taken within the organization, i.e., the level of
autonomy that is delegated to managers for their decision-making. The higher the degree of
decentralization, the lower the hierarchical level in the organization where the decisions are
taken.“ (CHIA, 1995: 611.)
245 In seinen Ausführungen zur vertikalen Dezentralisierung betont MINTZBERG, 1979: 185:
„..."delegate" is a common synonym for this kind of decentralization”. Infolgedessen verwendet
die Verfasserin den Begriff der (Entscheidungs-)Delegation synonym zum Ausdruck vertikaler
Dezentralisierung. Vgl. hierzu auch MINTZBERG, 1983: 99.
246 Vgl. MINTZBERG, 1979: 192f.
247 MINTZBERG, 1979: 186; im Original: teilweise Hervorhebungen. Vgl. hierzu auch MINTZBERG,
1983: 99.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 113
für spezifische, über die Zeit stabile Verteilungszustände von Entscheidungskompe-
tenzen steht, liegt dem Forschungsvorhaben eine statische Perspektive zugrunde.
Dem entwickelten Analyseraster liegt eine Zeitpunktbetrachtung zugrunde. Wird als
letzte Dimension die strategische versus operative Dezentralisierung betrachtet,
dann liegt der hier aufgeworfenen Fragestellung eine operative Begriffsbestimmung
zugrunde. Dezentralisierung bezeichnet in dieser Arbeit die Verlagerung von operati-
ver Kontrolle, Kompetenz und Verantwortlichkeit aus der Personalabteilung als indi-
rekte Abteilung in die operativ agierende Unternehmenseinheit, d.h. direkt zur de-
zentral agierenden Linienkraft. Die strategische Verlagerung von Entscheidungs-
kompetenz im Sinne des Outsourcings personalwirtschaftlicher Aktivitäten ist nicht
Bestandteil der Arbeit und wird folglich auch nicht weiter betrachtet.
Zusammenfassend gilt: Die Differenzierung zwischen vertikaler und horizontaler
(De-)Zentralisierung ist grundlegend für die organisatorische Gestaltung von Unter-
nehmen und wird somit als zweite Determinante des Analyserasters (de-)zentraler
Entscheidungsstrukturen verstanden. Vertikale und horizontale (De-)Zentralisierung
sind Gestaltungsparameter des Entscheidungsprozesses, treten in ihren jeweiligen
Ausprägungen stets in Kombination auf und lassen auch Mischformen zu.248 Wird die
gesamte Kontrolle über den Entscheidungsprozess an hierarchisch nachgelagerte
Instanzen delegiert und verbleibt zudem vollständig bei der Führungskraft in der
Linie, dann verbindet dies umfassende vertikale Dezentralisierung mit horizontaler
Zentralisierung. Hingegen liegt vertikale Zentralisierung in Kombination mit
horizontaler Dezentralisierung vor, wenn die Macht über den Entscheidungsprozess
von Personalspezialisten und ihren Stäben hoch oben in der Hierarchie gehalten
wird. Entsprechend bedeutet dies, dass „[c]entralization of both occurs when the
strategic apex keeps all the power, while decentralization of both sees power pass all
the way down the chain of authority and then out to the operators.“249
248 Die horizontale und vertikale Dimension der (De-)Zentralisierung werden auch von BROOKE
(1984) als grundlegende Organisationsmuster herausgestellt. Dieser definiert die Begriffe jedoch
nur teilweise im Sinne von MINTZBERG (1979): „(1) Horizontal decentralization: Wide participation
at all levels, group decision-making, and consultation. (2) Horizontal centralization: Autonomy of
decision-making, individual decision-taking, and direction. (3) Vertical decentralization: Decision
taken at all levels in the group, and coordination. (4) Vertical centralization: Decision taken at high
level, and control.” (BROOKE, 1984: 147.)
249 MINTZBERG, 1979: 186. Vgl. hierzu auch MINTZBERG, 1983: 100. MINTZBERG, 1979, weist in
diesem Zusammenhang auf den Beitrag von BLAU/SCHOENHERR, 1971 hin. Die Forschungsarbeit
zeigt keinen starken Zusammenhang zwischen einer Dezentralisierung in die organisatorische
Einheit und einer Dezentralisierung innerhalb der Organisationseinheit auf: „... vertical
decentralization (to the unit manager) did not necessarily lend to further vertical decentralization
(to his subordinate line manager) or to horizontal decentralization (to staff or operating personnel
within the unit).“ (MINTZBERG, 1979: 186.)
114
3.3 Entwicklung des Analyserasters
Zum besseren Verständnis der nachfolgenden Ausführungen wird nochmals auf die
obigen definitorischen Gedanken zurückgegriffen und an das (De-)Zentrali-
sierungsziel und das -objekt erinnert: Als Zentralisierungsziel wird in dieser Arbeit der
zentral agierende Personalspezialist, als Dezentralisierungsziel folglich der personal-
wirtschaftliche Entscheidungsträger in der Linie definiert.250 Werden jedoch die
skizzierten Organisationsmodelle berücksichtigt, dann liegen der Praxis oftmals
mehrstufige Organisations- und Delegationskonzepte zugrunde,251 d.h. es sind
weitere Ziele der Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz denk-
bar wie z.B. der Personalreferent, –moderator oder -berater. Als (De-)Zentralisie-
rungsobjekte werden Entscheidungskompetenzen für ganze Aufgaben- oder einzelne
Funktionsbereiche innerhalb der Personalarbeit definiert. Dieser Betrachtungs-
dimension wird bei der exemplarischen Anwendung des Analyserasters erhöhte
Aufmerksamkeit geschenkt.252
Unter Rückgriff auf die im Kapitel II.3.2 identifizierten Determinanten wird nachfol-
gend ein Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit
entwickelt. Da die Arbeit auf die Thematik der Dezentralisierung der Personalarbeit
fokussiert, wird eine vertikale Dezentralisierung a priori zugrunde gelegt. Das
Analyseraster stellt infolgedessen immer auf die Delegation von Entscheidungskom-
petenz an nachgelagerte Entscheidungsträger ab. Dies bedeutet, dass die vertikale
Zentralisierung als alternative Gestaltungsmöglichkeit im Sinne einer Konzentration
von Entscheidungsmacht in der hierarchischen Spitze des Unternehmens ausge-
blendet wird. Diese organisatorische Gestaltungsform ist nicht Bestandteil der dieser
Arbeit zugrunde liegenden Fragestellung und wird daher auch nicht weiter betrachtet.
Vor dem Hintergrund, dass einmal verlagerte Entscheidungskompetenz i.d.R. auf
eine gewisse Dauer delegiert wird, stellt die Bestimmung einer überdauernden und
optimalen Entscheidungsstruktur ein komplexes Problem dar. Die Schwierigkeiten
bei der Lösung dieses Problems resultieren vor allem daraus, dass die delegierende
Instanz nicht weiß, welche konkreten Entscheidungsprobleme im Zeitablauf entste-
hen, welche Informationen die Entscheidungsträger sammeln und wie sie lernen,
250 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.3.1. In Anlehnung an BLEICHER, 1966: 34f., können
unterschiedliche Zuordnungs- und Verteilungsziele angenommen werden: Bei der Einheiten-
zentralisierung und -dezentralisierung werden Gliederungseinheiten (Stellen und Abteilungen)
zugrunde gelegt, hingegen werden bei der Trägerzentralisierung und dezentralisierung die
Aufgabenträger (Personen) betrachtet. Vgl. hierzu auch KOSIOL, 1962: 81;
251 Siehe hierzu Tabelle 6, die einen Überblick über die Organisationskonzepte in der Personalarbeit
gibt.
252 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.3.4.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 115
Informationen zu verarbeiten und weiterzugeben. Bevor im Folgenden die Entwick-
lung möglicher, auf Dauer angelegter, dezentraler Entscheidungsstrukturen erfolgt,
werden in Anlehnung an die Ausführungen des Kapitels II.1.3 die relevanten Ent-
scheidungsträger für das Management von Humanressourcen nochmals aufge-
zeigt.253
Hierzu zählt – je nach hierarchischer Strukturierung des Unternehmens – der zentral
agierende Personalspezialist auf Firmen-, Konzern-, oder Geschäftsbereichsebene
im Sinne eines Mitarbeiters des personalwirtschaftlichen Zentralbereichs. Entspre-
chend der obigen Ausführungen zur Neuorientierung der Personalarbeit kann es sich
je nach Organisationskonzept hierbei auch um den im strategischen Geschäftsbe-
reich agierenden Personalreferenten handeln (siehe rote Hervorhebung in Abbildung
8).254 Der Frage, auf welcher Hierarchieebene derjenige Träger einer Gruppe
angesiedelt ist, der mit Entscheidungsmacht über Auswahl und Genehmigung aus-
gestattet ist, besitzt keine Relevanz für den weiteren Verlauf der Arbeit. Vielmehr ist
hier nur bedeutend, dass die betrachteten Entscheidungsphasen durch einen oder
auch mehrere unternehmensinterne Personalspezialisten vollzogen werden. Daher
ist in Hinblick auf den betrachteten Entscheidungsprozess eine Differenzierung der
Träger einer Kategorie in Bezug auf ihre hierarchische Position nicht notwendig; sie
werden ausnahmslos durch eine rote Hervorhebung gekennzeichnet.255 Neben dem
eher zentral agierenden Personalspezialisten zählt außerdem die dezentral agie-
rende Führungskraft – als primäres Dezentralisierungsziel – zum Träger der Perso-
nalarbeit (siehe gelbe Hervorhebung in Abbildung 8). Zusätzlich zu den in der Linien-
struktur agierenden Trägern der Personalarbeit wird – entsprechend der obigen
Ausführungen zur multiplen Trägerschaft in der Personalarbeit – der interne Perso-
nalmoderator im Sinne einer Stabsfunktion ohne Führungsverantwortung oder der
extern beauftragte Personalberater unterschieden (siehe blaue Hervorhebung in
Abbildung 8). Die Unterscheidung von insgesamt drei Entscheidungsträgern im
personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozess basiert auf den Ergebnissen der in
253 In diesem Kontext soll noch einmal auf die sich aus der Delegation ergebenden Koordinations-
und Kontrollrisiken aufmerksam gemacht werden, die BROOKE (1984) wie folgt beschreibt: „The
difficulty about this method [determine the locus of decision-making] is, ..., that most important
decisions are not taken by one person; an idea works its way around the organization until final
result emerges. If the decision is negative, then it may be possible to determine who finally said
no; it can be much more difficult to make sure who said yes. Was it the person who made the
proposal, or someone who collected the evidence, or an official who agreed to the idea going
ahead, or another who had the right of veto if he had cared to exercise it, or who? Is a decision
made by a consulter or by a person consulted? The possibilities are endless.“ (BROOKE, 1984:
45.)
254 Die Analyse der dem Analyseraster zugrunde liegenden vertragstheoretischen Konstellation
erfolgt im Rahmen der agenturtheoretischen Betrachtung in Kapitel III.2.
116
Kapitel II.2.1 identifizierten Organisationskonzepte.256 Zusammenfassend werden
dem Analyseraster als Entscheidungsträger (1) der Personalspezialist auf Konzern-,
Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene, (2) die Führungskraft in der Linie sowie
(3) der interne Personalmoderator bzw. externe Personalberater zugrunde gelegt.257
In der Praxis wird, neben der einführend festgelegten vertikalen Delegation, das
komplexe Entscheidungsproblem ebenfalls auf nebeneinander angeordnete Organi-
sationseinheiten verteilt, die bis zu einem gewissen Grad unabhängig voneinander
Teilhandlungen mit entsprechenden Ergebnissen durchführen. Neben der Verlage-
rung von Entscheidungsrechten auf hierarchisch nachgelagerte Instanzen im Sinne
vertikaler Dezentralisierung wird somit zusätzlich die Dimension der horizontalen
(De-)Zentralisierung berücksichtigt, d.h. eine Übertragung informaler Kontrolle an
Akteure außerhalb der Linienstruktur.
Zusätzlich stellt sich die Frage, ob Personalentscheidungen vollständig oder nur teil-
weise delegiert werden. Hierbei bieten sich verschiedene Möglichkeiten und Kombi-
nationen der Delegation an:258 (1) ein Teil der Entscheidungsschritte wird an den
Delegationsempfänger abgeben und verbleibende Schritte werden durch den Perso-
nalspezialisten auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene selbst aus-
geführt (partielle Delegation), (2) der gesamte Entscheidungsprozess wird an einen
einzelnen Delegationsempfänger abgeben (vollständige Delegation), oder (3) die
Entscheidungsschritte werden an unterschiedliche Delegationsempfänger delegiert
(Delegation mit Spezialisierung). Diesen praxisrelevanten Aspekten kommt das
Analyseraster nach und gestaltet sich wie in Abbildung 8 aufgezeigt.
255 Siehe hierzu auch die Legende von Abbildung 8.
256 Vgl. zu den Trägern der Personalarbeit beispielsweise OECHSLER, 1997; SCHOLZ, 1997; BÜHNER,
1994; WÄCHTER, 1992a und siehe hierzu auch die Ausführungen in Kapitel II.1.3. Der Verfasserin
ist bewusst, dass eine derartige Abgrenzung nicht alle Mischformen alternativer Personal-
organisationen in der Praxis erfasst. Dennoch ist eine Fokussierung auf elementare Entschei-
dungsträger und auf die sich daraus ergebenden spezifischen Entscheidungskonstellationen für
die Identifikation von Delegationsrisiken und somit für das weitere Vorgehen unabdingbar.
257 Eine Unterscheidung dahingehend, ob es sich um einen internen Personalmoderator oder
externen Personalberater handelt, ist von geringer Relevanz. Daher werden im Verlauf der
vorliegenden Arbeit die beiden Begriffe des Moderators und des Beraters als ein
Begriffskonstrukt verwandt.
258 Vgl. zu dieser Systematisierung beispielsweise auch ITOH, 1994: 694.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 117
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Personalberater in interner oder externer
Stellung
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Führungskraft in der Linie
d
c
e
f
g
h
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Delegation mit
Spezialisierung
=
vertikale
Dezentralisierung
kombiniert mit
horizontaler
Dezentralisierung
Delegation ohne
Spezialisierung
=
vertikale
Dezentralisierung
kombiniert mit
horizontaler
Zentralisierung
Partielle
Delegation
Vollständige
Delegation
Partielle
Delegation
Vollständige
Delegation
Abbildung 8: Kontinuum der Kontrolle über Teilprozesse
Zunächst wird die Frage beantwortet, warum das generierte Analyseraster genau
sechs Konstellationen identifiziert, indem die Verteilung der einzelnen Entschei-
dungsphasen auf die Träger genauer betrachtet wird. Da an der Begriffsabgrenzung
von MINTZBERG (1979 und 1983) festgehalten wird, kann zwischen horizontaler Zent-
ralisierung und Dezentralisierung unterschieden werden. Dies bedeutet, dass die
logisch miteinander verknüpften Phasen der Informationssammlung und Vorschlags-
generierung entweder an eine Stabsfunktion delegiert werden (horizontale
Dezentralisierung)259 oder die informale Kontrolle in der Linie verbleibt (horizontale
Zentralisierung). Diese Unterscheidung spiegeln die Konstellationen c bis e und die
Konstellationen f bis h wider.
Die weitere Fallunterscheidung macht sich an den Phasen der Auswahl und Geneh-
migung fest, so dass die Kombination der Entscheidungsübernahme durch einerseits
den Personalspezialisten und andererseits die Linienführungskraft letztendlich für die
Differenzierung von insgesamt sechs Konstellationen ausschlaggebend ist. Die erste
Möglichkeit ist hier, dass der Personalspezialist auf Konzern-, Firmen- und/oder
Geschäftsbereichsebene Entscheidungskontrolle über die Phasen Auswahl und
Genehmigung besitzt (Konstellationen c und f). Ferner ist denkbar, dass die Li-
nienkraft die Auswahl bezüglich diverser Vorschlagsalternativen übernimmt, diese
259 Die Verfasserin legt die Annahme zugrunde, dass interne Moderatoren und externe Personal-
berater aufgrund ihrer beratenden bzw. Stabsfunktion für das Unternehmen grundsätzlich keine
Weisungsbefugnis gegenüber den anderen Trägern betrieblicher Personalarbeit besitzen. Da die
Ausübung formaler Kontrolle jedoch unabdingbar eine Weisungsbefugnis erfordert, wird in der
vorliegenden Arbeit die Übernahme der Prozessphasen Auswahl, Genehmigung und Ausführung
durch Moderatoren und Berater ausgeschlossen.
118
Auswahlhandlung jedoch von dem Personalspezialisten genehmigt werden muss
(Konstellationen d und g). Letztendlich ist es auch möglich, dass die Linienkraft
Auswahl- und Genehmigungsphase verantwortet (Konstellationen e und h). Sicher-
lich stellt sich hier die Frage, warum nicht insgesamt acht Konstellationen unter-
schieden werden, d.h. ebenfalls der Fall unterschieden wird, in welcher die Auswahl
dem Personalspezialisten und die Genehmigung der Linienkraft obliegt. Von einer
derartigen Variante wird Abstand genommen, da die Übernahme der Genehmi-
gungsphase durch die Führungskraft eine derart hohe fachliche Kompetenz erforder-
lich macht, die dann gleichermaßen auch die Übernahme der Auswahlphase impli-
ziert. Die gesonderte Übernahme der Auswahlhandlung ist hingegen jedoch unab-
hängig von der Kontrolle über die Genehmigungshandlung denkbar.
Da dem Analyseraster grundsätzlich vertikale Dezentralisierung zugrunde liegt, wird
die Phase der Ausführung im Sinne des weitgefassten Dezentralisierungsbegriffs
immer von der Linienkraft vor Ort wahrgenommen. Die Linienführungskraft über-
nimmt folglich stets die Verantwortung hinsichtlich der Fragestellung, wie wirklich
gehandelt wird, bzw. wie die personalwirtschaftliche Entscheidung vor Ort ausgeführt
wird. Ziel der Dezentralisierung ist die Wahrnehmung der Personalarbeit vor Ort, d.h.
dort wo Personalprobleme und Handlungsbedarf auftreten. Daher wird bedingungs-
los davon ausgegangen, dass die Delegation von Personalverantwortung stets mit
einer Entscheidungsausführung durch die Linienkraft einhergeht. Dies bedeutet, dass
die Kontrolle über die letzte Phase des personalwirtschaftlichen Entschei-
dungsprozesses immer im Kompetenzbereich der dezentral agierenden Führungs-
kraft liegt. Sie überprüft Art und Weise des Einsatzes personalwirtschaftlicher
Instrumente und der Durchführung von Maßnahmen. Folglich liegt der kleinstmögli-
che hier betrachtete Umfang der Kompetenzverlagerung in der Delegation von Aus-
führungsmacht. Wird hingegen die Linienkraft gar nicht involviert, d.h. dass keinerlei
Partizipation am Entscheidungsprozess vorhanden ist, dann liegt im Sinne des dieser
Arbeit zugrunde liegenden Begriffsverständnisses keine Dezentralisierung der
Personalarbeit vor.
Im Folgenden werden nun die unterschiedlichen Konstellationen im Detail beschrie-
ben: Die ersten drei Entscheidungsstrukturen (c, d und e) stehen im Sinne der
horizontalen Dezentralisierung für die Übertragung informaler Entscheidungskontrolle
an eine Organisationseinheit außerhalb der Linienstruktur: Die Kontrolle über die
Phasen der Informationssammlung und der Vorschlagsunterbreitung wird von dem
zentral agierenden Mitarbeiter auf Firmen- oder Geschäftsbereichsebene an den
Personalmoderator/-berater abgegeben. Hingegen verzichten die letzten drei
Entscheidungsstrukturen (f, g und h) auf eine Delegation von Entscheidungsmacht
an den Berater. Dies bedeutet, dass im Sinne horizontaler Zentralisierung die
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 119
Entscheidungskontrolle bei den personalwirtschaftlichen Trägern innerhalb der Li-
nienstruktur verbleibt. Die Entscheidungsmacht wird einerseits auf den zentral agie-
renden Personalspezialisten auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichs-
ebene und andererseits auf die Führungskraft in der Linie verteilt.
Wird zunächst die Kombination vertikaler mit horizontaler Dezentralisierung
betrachtet, dann wird Entscheidungskontrolle über die Informationssammlung und
das Vorschlagsrecht an Akteure ohne Führungsverantwortung delegiert; hier an die
Instanz des Personalmoderators oder des -beraters. Aufgrund seiner Funktion als
Ratgeber für personalwirtschaftliche Fragestellungen steht der Personalmodera-
tor/-berater der dezentral agierenden Linienkraft innerhalb der dreiteiligen Träger-
struktur beratend zur Seite. Seine primäre Aufgabe besteht in der Sammlung, Detail-
lierung und Bewertung von Informationen, um darauf aufbauend ein personalwirt-
schaftliches Lösungskonzept zu erarbeiten. Lösungsalternativen werden aufgezeigt
und münden dann in einem Vorschlag, der dem jeweiligen zentral agierenden
Personalspezialisten in der Fallkonstellation c, oder aber der dezentral agierenden
Linienführungskraft unterbreitet wird (Konstellationen d und e). Der Personalmode-
rator/-berater erhält Entscheidungskontrolle über die Prozessphasen der Information
und der Vorschlagsunterbreitung, was aus Sicht der Entscheidungsträger in der
Linienstruktur mit einem Verlust an Macht einhergeht. Zusammenfassend bedeutet
horizontale Dezentralisierung eine Delegation von Entscheidungsmacht an Analys-
ten, Servicespezialisten und Vermittler,260 zu welchen der Personalmoderator und
der -berater jeweils als Instanz mit Stabs- und ohne Führungsfunktion zu zählen sind.
Im Rahmen der Kombination von vertikaler Dezentralisierung mit horizontaler Zent-
ralisierung wird auf eine entsprechende Delegation von informaler Entscheidungs-
macht an den Personalmoderator/-berater verzichtet. Innerhalb der Strukturen f, g
und h sind am personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozess nur noch Personal-
verantwortliche der Linienstruktur beteiligt. Die Phasen der Informationssammlung
und Vorschlagsunterbreitung werden der dezentral agierenden Führungskraft über-
tragen, d.h. der mit der Dezentralisierung einhergehende Vorteil der Informations-
sammlung an der Basis bzw. vor Ort wird in diesen Konstellationen realisiert.261 Die
260 Vgl. MINTZBERG, 1979: 185f.; SCHREYÖGG, 1992: 1746.
261 Vgl. in diesem Zusammenhang CHIA (1995), der auf das Problem nicht genutzter Informationen
aufmerksam macht: „It is also possible to have situations where there are sub-unit managers who
are responsible for the performance of their respective sub-units but perceive the lack authority to
make certain decisions (...). For example, when there is a high level of information asymmetry
between a sub-unit manager (as agent) and his immediate superior (as principal), the two parties
will have different perceptions when resolving a situation. This will give rise a conflict in decision-
making between the sub-unit manager, who has responsibility but is not afforded the appropriate
120
Übertragung der ersten beiden Phasen des Entscheidungsprozesses ist dann nahe-
liegend, wenn die zentrale Personalabteilung als übergeordnete Instanz damit
rechnet, dass die Linienkraft als Entscheidungsträger mehr Informationen besitzt,
bzw. beschaffen kann, als sie selbst und/oder besser qualifiziert ist, personalwirt-
schaftliche Informationen zu verarbeiten.262 Eine derartige Konzentration erweitert die
Entscheidungsmacht der Linienkraft, was die Gefahr der opportunistischen Nutzung
des ausgedehnten Handlungsspielraums birgt. Die Führungskraft wird in die Lage
versetzt, Informationen zielgerichtet zu sammeln und eigennützig zu filtern. In diesem
Fall fließen verfälschte oder unvollständige Informationen in die Vorschlags-
vorbereitung ein und bilden die Basis für die nachfolgende Auswahl und Genehmi-
gung personalwirtschaftlicher Handlungsalternativen seitens des zentral agierenden
Trägers. Neben der Ausnutzung des gewährten Handlungsspielraums liegt ein weite-
res Problem in der möglicherweise geringen Entschlussqualität, die daraus resultiert,
dass der Delegationsempfänger nicht notwendigerweise über die notwendige Fach-
kompetenz verfügt. GRÜN (1987) hält diesem Einwurf jedoch entgegen, dass die
niedrige Entscheidungsqualität durch Vorteile einer verbesserten Durchsetzung des
Entschlusses zumindest ansatzweise kompensiert werden kann.263 Folglich können
Bemühungen um eine verstärkte Delegation von Personalentscheidungen an Linien-
verantwortliche – die sowohl Träger als auch Kunden der Personalarbeit sind – dazu
beitragen, die Entscheidungsakzeptanz der Personalarbeit zu verbessern sowie die
Markt- und Kundennähe zu erhöhen.264
Während die horizontale (De-)Zentralisierung von der Verlagerung informaler Ent-
scheidungsmacht abhängig ist, richtet sich das Ausmaß vertikaler Dezentralisierung
nach dem Delegationsumfang formaler Entscheidungsmacht. Innerhalb der Ent-
scheidungsstrukturen c und f verbleibt die Macht über die Phasen der Alterna-
tivenwahl und Genehmigung allein bei den zentral agierenden Spezialisten. Die
Machtposition der Linienkraft wird in den Konstellationen d und g verstärkt, indem
sie über unterschiedliche Lösungsansätze und -alternativen entscheidet, die entwe-
der vom Personalberater unterbreitet oder aber selbständig erarbeitet werden. Den-
noch muss hierbei beachtet werden, dass die Genehmigung der personalwirtschaftli-
chen Entscheidung weiterhin dem Personalspezialisten obliegt. Nach dem Begriffs-
verständnis von MINTZBERG (1979 und 1983) ist der Entscheidungsprozess dann am
stärksten dezentralisiert, wenn der hauptverantwortliche Entscheidungsträger alleinig
authority to utilize his private information (which is deemed as more relevant) in his decision-
making, may feel frustrated.“ (CHIA, 1995: 613.)
262 Vgl. LAUX, 1989: 522f.
263 Vgl. GRÜN, 1987: 141.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 121
die Auswahl durchführt.265 Von dieser Sichtweise wird jedoch in der vorliegenden
Arbeit Abstand genommen. Obliegt z.B. die Alternativenwahl zwar der Linienkraft,
muss diese zur Entscheidungsausführung jedoch stets eine Genehmigung von höhe-
rer Stelle einholen. Damit kann mangels Autorisierungskontrolle nicht von einer
dezentralen, hauptverantwortlichen Beherrschung des Entscheidungsprozesses
durch die Linienkraft gesprochen werden. Somit ist der Entscheidungsprozess dann
am stärksten dezentralisiert, wenn die Linienkraft ebenfalls die Genehmigungshand-
lung kontrolliert (Konstellationen e und h). Zusammenfassend heißt dies, dass
vielmehr der Autorisierungsakt derjenige Prozessbestandteil zu sein scheint, der
ausschlaggebend für die Gesamtbeherrschung des Entscheidungsprozesses ist.
Dies ist für die weiteren analytischen Ausführungen von hoher Bedeutung.
Bei gegenläufigem Sprachgebrauch und veränderter Perspektive kann über die
Konstellationen e und h ausgesagt werden, dass diese nicht mehr in die Kategorie
dezentraler Entscheidungsstrukturen fallen: Die formale Entscheidungskontrolle liegt
vollends bei der Linienkraft, was einer Zentralisierung der Entscheidungskompetenz
in der Linie gleichkommt. Nichtsdestotrotz wird einem derartigen Perspektivenwech-
sel nicht gefolgt; vielmehr wird davon ausgegangen, dass die an der Spitze agie-
rende Personalabteilung im Sinne der Definition von BLEICHER (1966) weiterhin den
Mittel- oder Orientierungspunkt der Bewegung darstellt.266 Die Entscheidungs-
konstellationen e und h fallen daher auch weiterhin unter den der Arbeit zugrunde
liegenden Dezentralisierungsbegriff und sind Teil dezentraler Entscheidungs-
strukturen. Der höchste Grad vertikaler Dezentralisierung kann somit in der
Entscheidungsstruktur h identifiziert werden: Die Linienkraft beherrscht alle
Prozessphasen von der Informationssammlung über die Genehmigung bis hin zur
Entscheidungsausführung und ist somit im vollständigen Besitz formaler aber auch
informaler Entscheidungsmacht.
EXKURS: DIE BERÜCKSICHTIGUNG DES WERTSCHÖPFUNGSCENTER-KONZEPTS
Der folgende Exkurs geht der Frage nach, wie sich das Organisationskonstrukt des
Wertschöpfungscenters Personal in das entwickelte Analyseraster dezentraler
Entscheidungsstrukturen einordnen lässt. Der Grundgedanke des Wertschöpfungs-
centers liegt in der Integration von Personalarbeit in Unternehmensstrategie, -struktur
264 Vgl. ACKERMANN, 1994b: 277.
265 Vgl. MINTZBERG, 1979: 188 und MINTZBERG, 1983: 101. Siehe hierzu auch das direkte Zitat von
Mintzberg (1979) und (1983) in Fußnote 244 in diesem Abschnitt II.
266 Vgl. BLEICHER, 1966: 33f., ferner KOSIOL, 1962: 81 und siehe hierzu auch die Ausführungen in
Kapitel II.3.1.
122
und -kultur, in der Ausrichtung des personalwirtschaftlichen Leistungsangebots auf
die Bedürfnisse interner und externer Kunden, in der Schaffung eines be-
darfsgerechten Angebots zu Markt- und/oder internen Verrechnungspreisen sowie in
der regelmäßigen Evaluation personalwirtschaftlicher Dienstleistungen. Das Wert-
schöpfungscenter Personal ist somit ein differenzierter Ansatz zur Ökonomisierung
und schafft unternehmerische Strukturen in der Personalarbeit. 267
Die skizzierte ökonomische Perspektive berücksichtigend findet sich die Organisati-
onsform des Cost Centers in den Entscheidungskonstellationen c und f wieder. In
dieser Centerform werden personalwirtschaftliche Kernleistungen mit der Pflicht zur
Abnahme generiert, d.h. die Linienführungskraft besitzt lediglich die Entscheidungs-
macht über die Art und Weise der Ausführung der angeordneten Maßnahme. Hierbei
ist anzumerken, dass bei der Realisierung eines Cost Centers Personal die Kontrolle
über die Entscheidungsphasen der Informationssammlung und Vorschlagsunter-
breitung ebenso bei dem zentral agierenden Personalspezialisten liegen kann. Dies
bedeutet, dass die zentrale Personalabteilung auch dann in einer Cost Center-Form
geführt werden kann, wenn nur die Entscheidungskontrolle über die Phase der Aus-
führung an die Führungskraft delegiert wird (siehe Entscheidungsstruktur c in
Abbildung 9). Die Etablierung eines Cost Centers ist somit nicht gleichzusetzen mit
Dezentralisierung im Sinne des hier entwickelten Analyserasters. Die Organisati-
onsformen des Revenue Centers und des Profit Centers zeichnen sich dadurch aus,
dass die in der Linie agierende Führungskraft hinsichtlich der ihr angebotenen Stan-
dard- oder Sonderleistungen eigenmächtig über den Bezug bestimmen kann. D.h.,
dass die Linienführungskraft neben der Kontrolle über die Ausführung der Entschei-
dung auch über Entscheidungsmacht hinsichtlich der Alternativenwahl verfügen
muss. Da das Unterscheidungskriterium zwischen der Centerform des Reve-
nue Centers und des Profit Centers darin liegt, ob die Dienstleistung ebenso über
den externen Markt bezogen werden darf oder nicht, ist die Fragestellung, wer Macht
über die Autorisierung besitzt, nicht von Relevanz. Beispielsweise ist denkbar, dass
eine personalwirtschaftliche Funktion wie die Personalentwicklung zwar in Form
eines Profit Centers organisiert ist, vor der Ausführung der personalwirtschaftlichen
Entscheidung, ob eine spezifische Entwicklungsmaßnahme extern bezogen bzw.
durchgeführt wird, jedoch die Genehmigung seitens des Personalspezialisten einzu-
holen ist. Dies bedeutet, dass Revenue Center und Profit Center den Entschei-
dungsstrukturen d und e sowie g und h zuzuordnen sind. Analog zum Konstrukt
des Cost Centers ist es auch bei diesen beiden Organisationsformen möglich, dass
267 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.2.1.4.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 123
die Phasen Information und Vorschlag einer zentralen Instanz obliegen (siehe
Entscheidungsstrukturen d und e in Abbildung 9).
Cost
Center
Revenue
und
Profit Center
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
d
c
e
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Führungskraft in der Linie
Abbildung 9: Der Wertschöpfungscenter-Gedanke in dezentralen
Entscheidungsstrukturen
Zusammengefasst ist also denkbar, dass die unternehmerische Personalarbeit in
Form eines Wertschöpfungscenters mit den entsprechenden Cost, Revenue und
Profit Centern organisiert ist, dennoch aber eine eher zentrale Steuerung vorliegt und
die Linienkraft nur geringe Kontrolle über den personalwirtschaftlichen Entschei-
dungsprozess besitzt. Demnach liegt es im Entscheidungsbereich der Unterneh-
mensleitung, ob der Gedanke einer verursachungsgerechten Kostenverrechnung
personalwirtschaftlicher Dienstleistungen mit einer starken zentralen Lenkung reali-
siert wird oder ob die Wertschöpfungsorientierung mit einer starken Dezentralisierung
der Personalarbeit verknüpft wird, wie es derzeitig in der einschlägigen Literatur
diskutiert wird.268
3.4 Exemplarische Anwendung des Analyserasters für die ausgewählte
Entscheidungssituation Personalbeschaffung
In den allgemeinen Ausführungen zum Analyseraster wurde mittels vertikaler Ent-
scheidungsstrukturierung das (De-)Zentralisierungsziel spezifiziert. Im Zentrum der
vorangegangenen Ausführungen standen die Zerlegung des einer jeden Personal-
aufgabe immanenten Entscheidungsprozesses und die Delegation auf nachgelagerte
Entscheidungsträger unterschiedlicher Hierarchiestufen sowie inner- und außerhalb
der Linienstruktur. Die nun folgende exemplarische Anwendung des Analyserasters
fokussiert hingegen auf das (De-)Zentralisierungsobjekt. Als Objekte der
(De-)Zentralisierung werden spezifische Entscheidungen innerhalb einzelner Aufga-
268 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.2.1.4.
124
ben- oder ganzer Funktionsbereiche der Personalarbeit definiert.269 Hierbei wird der
gesamte Aufgabenbereich der Personalarbeit funktional in einzelne Bereiche wie
Beschaffung, Beurteilung, Entwicklung und Kompensation etc. segmentiert, in
welchen dann aufgabenspezifische Entscheidungssituationen identifiziert und analy-
siert werden können.
Anhand einer ausgewählten personalwirtschaftlichen Kernaufgabe wird im Folgenden
exemplarisch dargestellt, wie ein möglicher dezentraler Entscheidungsprozess
ausgestaltet ist, welche unterschiedlichen Entscheidungsträger am Prozess partizi-
pieren und wie die informale und die formale Kontrolle verteilt sind. Für diese Kon-
kretisierung und praktische Umsetzung des Analyserasters wird eine Entschei-
dungssituation innerhalb des Funktionsbereichs der Personalbeschaffung dargestellt:
Mittels verschiedenartiger Entscheidungsszenarien der identifizierten Fälle c bis h
wird aufgezeigt, wie der betriebliche Personalbeschaffungs- bzw. –auswahlprozess
organisiert und inhaltlich gegliedert ist, um eine vakante Mitarbeiterstelle im
Unternehmen mit einem internen oder externen Bewerber zu besetzen.270 Die
folgenden fallspezifischen Erläuterungen werden jeweils durch eine visualisierte
Darstellung der Entscheidungsstruktur zusammengefasst.
Den Stimulus des Entscheidungsszenarios c bildet die Bestimmung eines quantita-
tiven Nettobedarfs im Rahmen einer periodischen oder auch unregelmäßigen
Bedarfsanalyse sowie die Ableitung des qualitativen Bedarfs in Form eines Anforde-
rungsprofils beispielsweise durch die zentrale Konzernabteilung oder den Personal-
spezialisten auf Firmen- oder Geschäftsbereichsebene. Im Rahmen der Festlegung
und der Wahl des Beschaffungswegs hat die zentrale Personalinstanz die Möglich-
keit, den Prozess der Vorauswahl potentieller Mitarbeiter wie z.B. die Vorselektion
eines oder mehrerer Hochschulabsolventen für das unternehmensinterne Führungs-
nachwuchs- oder Traineeprogramm an eine externe Personalberatung zu delegieren.
Dies bietet der Personalabteilung den Vorteil, auf das fachliche Know How des
externen Dienstleisters zurückzugreifen, einen umfassenden und aktuellen Bewer-
berpool zu nutzen sowie die mit der Auswahl verbundenen Informationskosten zu
minimieren. D.h. die Personalberatung wird von der zentralen Instanz beauftragt aus
269 In Anlehnung an BLEICHER, 1966: 35, können unterschiedliche Aufgaben als Zuordnungs- oder
Verteilungsobjekte herangezogen werden: Verrichtungsaufgaben (Verrichtungs-(de-)zentrali-
sierung), Objektaufgaben (Objekt-(de-)zentralisierung), Rangaufgaben (Entscheidungs-(de-)zen-
tralisierung), Phasenaufgaben (Planungs- und Kontroll-(de-)zentralisierung) oder Zweckaufgaben
(Verwaltungs-(de-)zentralisierung).
270 Die fiktiven Entscheidungsszenarien basieren auf umfangreichem Erfahrungs- bzw. Experten-
wissen der Verfasserin. Siehe hierzu die Ausführungen in der Fußnote 81 des Abschnitts II. Auf
dieser exemplarischen Anwendung des dezentralen Entscheidungsrahmens fußt die agentur-
theoretische Analyse auftretender Delegationsrisiken.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 125
einer Vielzahl möglicher Bewerber jene zu identifizieren, die geeignet erscheinen, die
gestellten Anforderungen des Traineeprogramms zu erfüllen. Als mögliche Aktivitäten
im Rahmen dieser Informationsgewinnung schaltet die Personalberatung bei-
spielsweise eine Stellenanzeige, positioniert die Stellenausschreibung auf aussage-
kräftigen Internetseiten, sichtet eingegangene Bewerbungsunterlagen, führt für die
Eignungsfeststellung gegebenenfalls ein Assessment Center durch und tätigt erste
Gespräche mit ausgewählten Kandidaten. Die gesammelten Bewerberinformationen
fasst die Personalberatung zusammen, stellt eventuell eine Rangfolge der Bewerber
auf und schlägt letztendlich der zentralen Personalinstanz mehrere Kandidaten für
die Stellenbesetzung vor. Auf Basis der vorgeschlagenen Alternativen wählt die zent-
rale Personalinstanz einige Kandidaten aus, führt – möglicherweise in Abstimmung
mit dem Fachvorgesetzten – abschließende Bewerbungs- bzw. Einstellungsgesprä-
che und wählt aufbauend auf ihrer Fachkompetenz und kraft ihrer Entscheidungs-
befugnis schließlich einen oder mehrere geeignete Mitarbeiter aus. Hieran schließt
sich die letzte Prozessphase an, in welcher die zentrale Personalinstanz die
Entscheidungsausführung dem direkten Vorgesetzten überantwortet. Dieser führt als
dezentral agierender Träger der Personalarbeit dann die Einstellung des Trainees
durch und widmet sich anschließend operativen Maßnahmen wie z.B. der Einführung
und Einarbeitung des neuen Mitarbeiters. Bezug nehmend auf die in Kapitel II.2.1
skizzierte Organisation der Personalarbeit findet sich die Entscheidungsstruktur c
beispielsweise innerhalb eines Referentensystems wieder, in welchem der Referent
unter Rückgriff auf eine externe Personalberatung eine Beschaffungs- bzw. Aus-
wahlentscheidung zu treffen hat, die dann von der Linienkraft vor Ort auszuführen ist.
Ableiten des
Anforderungs-
profils;
Sammeln,
Sichten, Struk-
turieren von
Bewerberdaten
Entscheidung
für einen
potentiellen
Mitarbeiter
Autorisierung
der
Einstellungs-
entscheidung
Einstellung und
Einführung des
neuen
Mitarbeiters
Selektion und
Vorschlag
geeigneter
Kandidaten
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Externe Personalberatung
Zentrale Personalabteilung
Betreuer des Traineeprogramms
Abbildung 10: Beschaffung von Hochschulabsolventen für Traineeprogramm (Fall c)
Die Grundlage für das Szenario d bildet ebenfalls die (anti-)zyklische Beschaffungs-
planung. Die dezentral agierende Linienkraft führt im Rahmen ihrer Leitungs- und
126
Führungstätigkeit eine Bedarfsanalyse durch und ermittelt einen positiven quantitati-
ven wie qualitativen Nettobedarf innerhalb des von ihr zu verantwortenden
Geschäftsbereichs. Beispielsweise ist denkbar, dass zur Bearbeitung neuartiger Auf-
gabenstellungen ein Spezialist erforderlich wird; zur Verbesserung des Produktions-
prozesses und der Produktgüte wird ein Experte auf dem Gebiet des Qualitätsmana-
gements benötigt. Um eine bestmögliche Besetzung der vakanten Position zu
gewährleisten, wendet sich die Linienkraft an den ihr zur Seite gestellten Personal-
moderator, der sie bei der Entscheidungsvorbereitung unterstützt. Der Moderator hat
zum einen die Möglichkeit, sich seiner umfassenden Kenntnisse des Unternehmens
sowie der darin tätigen Mitarbeiter zu bedienen, um beispielsweise interne Kandida-
ten für die Stellenbesetzung vorzuschlagen. Zum anderen ist er in der Lage, sein
fachliches Wissen für die Sammlung bewerberspezifischer Informationen zu nutzen
und analog der obigen Ausführungen eine Vorauswahl unternehmensfremder
Personen vorzunehmen. Kraft ihrer Entscheidungskompetenz führt die Führungskraft
abschließende Einstellungsgespräche durch und wählt aus der Vielzahl vorgeschla-
gener Kandidaten einen geeigneten Spezialisten aus. Liegen jedoch beispielsweise
die Gehaltsforderungen des ausgewählten Experten außerhalb des bestehenden
Entgeltgefüges, verlangt der Experte spezifische Sozial- und Zusatzleistungen oder
überschreiten hohe Personal- und -nebenkosten den dezentral zu verantwortenden
Kostenplan bzw. das bewilligte Budget, dann muss die zentrale Personalinstanz der
Beschaffungsentscheidung zustimmen bzw. diese genehmigen. Ein derartiges Vor-
gehen kann jedoch auch generell oder für die Besetzung spezieller, strategisch
wichtiger Positionen im Unternehmen vorgeschrieben sein, so dass die Personalab-
teilung die Auswahlentscheidung auch ohne Ausnahmesituation bejahen muss. Erst
nach erfolgter Genehmigung ist es der Linienführungskraft dann möglich, die
Entscheidung auszuführen und sich den anschließenden operativen Maßnahmen zu
widmen. In Hinblick auf die in Kapitel II.2.1 beschriebenen Organisationskonzepte
entspricht die skizzierte Entscheidungsstruktur des Falls d z.B. einem personalwirt-
schaftlichen Moderatorensystem mit Budgetverantwortung seitens der Linienfüh-
rungskraft für einen ihr unterstellten Geschäftsbereich.
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 127
Ableiten des
Anforderungs-
profils;
Sammeln,
Sichten, Struk-
turieren von
Bewerberdaten
Entscheidung
für einen
potentiellen
Mitarbeiter
Autorisierung
der
Einstellungs-
entscheidung
Einstellung und
Einführung des
neuen
Mitarbeiters
Selektion und
Vorschlag
geeigneter
Kandidaten
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Moderator
Zentrale Personalinstanz
Abteilungsleiter Qualitätsmanagement
Abbildung 11: Beschaffung eines Experten für das Qualitätsmanagement (Fall d)
Basis des Szenarios e einer dezentralen Beschaffungsentscheidung sind die voran-
gegangenen Anwendungsbeispiele: Skizziert wird die Abwicklung des Entschei-
dungsprozesses innerhalb eines Integrationsmodells mit Beratung durch einen
externen Personaldienstleister (siehe Kapitel II.2.1), wobei nicht auf die Besetzung
einer spezifischen Position im Unternehmen abgezielt wird. Zunächst ermittelt die
Linienkraft vor Ort einen positiven (Netto-)Beschaffungsbedarf. Sie beauftragt einen
externen Personaldienstleister mit der Durchführung der Vorauswahl, an welchen sie
daraufhin Anforderungsprofil und zusätzliche Eignungsanforderungen weiterleitet.
Der Personalberater sondiert den Arbeits- und Beschaffungsmarkt, katalogisiert und
bewertet eingehende Bewerberinformationen, führt unter Zuhilfenahme von Aus-
wahlinstrumenten eine Grob- und eventuell Feinauswahl durch und legt schließlich
der Linienkraft eine Mehrzahl möglicher Kandidaten für die zu besetzende Position
vor. Die Linienkraft wählt nach einer persönlichen Eignungsbeurteilung den favori-
sierten Kandidaten aus, führt mit diesem arbeitsvertragliche Verhandlungen und voll-
zieht im Anschluss daran die Einstellung des neuen Mitarbeiters.
Ableiten des
Anforderungs-
profils;
Sammeln,
Sichten, Struk-
turieren von
Bewerberdaten
Entscheidung
für einen
potentiellen
Mitarbeiter
Autorisierung
der
Einstellungs-
entscheidung
Einstellung und
Einführung des
neuen
Mitarbeiters
Selektion und
Vorschlag
geeigneter
Kandidaten
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Externer Personaldienstleister
Vorgesetzter
Abbildung 12: Beschaffung eines neuen Mitarbeiters (Fall e)
128
Im betrachteten Beschaffungsszenario f stellt die Führungskraft z.B. in der Funktion
eines Call Center-Leiters einen positiven quantitativen Personalbedarf fest: Aufgrund
verlängerter Servicezeiten wird ein weiterer Mitarbeiter für den Telefondienst benö-
tigt. Es gilt ein entsprechendes Anforderungsprofil aufzustellen bzw. die Gültigkeit
bereits bestehender Stellenbeschreibungen zu überprüfen. Im Anschluss hieran ob-
liegt dem Call Center-Leiter die Beschaffung von Bewerberdaten und -informationen
in Bezug auf geeignete Kandidaten. Das betrachtete Entscheidungsszenario lässt
sich infolgedessen dadurch kennzeichnen, dass die Führungskraft selbst die Vor-
auswahl potentieller Mitarbeiter durchführt: Sie bewirbt die zu besetzende Position
mittels unterschiedlicher Medien wie z.B. durch eine Stellenanzeige in der
(über-)regionalen Presse oder durch die Positionierung der neugeschaffenen Stelle
auf der unternehmenseigenen Internetseite oder in webbasierten Jobbörsen. Aus der
Vielzahl eingegangener Bewerbungen bestimmt die Führungskraft dann jene
Personen, die das aufgestellte Anforderungsprofil erfüllen, führt eventuell erste Be-
werbergespräche auf der Basis eines Telefoninterviews durch und trifft eine Voraus-
wahl möglicher Kandidaten. Wird diesem Entscheidungsszenario ein Personalrefe-
rentensystem zugrunde gelegt (siehe die Organisationskonzepte in Kapitel II.2.1),
dann obliegt es dem Referenten beispielsweise, weitere Bewerbergespräche zu füh-
ren und einen Mitarbeiter für die zu besetzende Call Center-Stelle auszuwählen. In
diesem Zusammenhang kann es notwendig sein, dass die Auswahl eines geeigneten
Bewerbers durch eine weitere zentrale Personalinstanz genehmigt werden muss,
d.h. ein zusätzlicher Personalspezialist auf übergeordneter Hierarchieebene über-
nimmt Teile der Beschaffungsentscheidung. Nach der Genehmigung der Auswahl
eines spezifischen Call Center-Mitarbeiters obliegt es dann der Führungskraft, diesen
in sein Tätigkeitsfeld und Aufgabengebiet einzuführen; die getroffene Entscheidung
wird ausgeführt.
Ableiten des
Anforderungs-
profils;
Sammeln,
Sichten, Struk-
turieren von
Bewerberdaten
Entscheidung
für einen
potentiellen
Mitarbeiter
Autorisierung
der
Einstellungs-
entscheidung
Einstellung und
Einführung des
neuen
Mitarbeiters
Selektion und
Vorschlag
geeigneter
Kandidaten
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Personalreferent
Call Center-Leiter
Abbildung 13: Beschaffung eines Call Center-Mitarbeiters (Fall f)
Dezentrale Entscheidungsstrukturen 129
Das Beschaffungsszenario g kann als eine Kombination der bereits skizzierten
Konstellationen d und f gesehen werden: Der Leiter einer Forschungs- und Ent-
wicklungsabteilung ermittelt im Rahmen der periodischen Bedarfsanalyse einen qua-
litativen und quantitativen Minderbestand an Personal. Nach Spezifizierung nötiger
Anforderungen führt er die (Vor-)Auswahl durch und unterbreitet dem Verantwortli-
chen in der zentralen Personalabteilung seine Bewerberwahl. Der Personalspezialist
evaluiert die Bewerbungssituation, den Auswahlinstrumenteneinsatz und die Bewer-
berauslese und genehmigt die Rekrutierungsentscheidung. Der Abteilungsleiter ist
anschließend mit der Aufgabe betraut, die Einstellung des neuen Mitarbeiters durch-
zuführen und sich der Einführung und gegebenenfalls der Einarbeitung zu widmen.
Bezüglich der diskutierten Organisationskonzepte der Personalarbeit (siehe Kapi-
tel II.2.1) spiegelt der skizzierte Entscheidungsprozess beispielsweise eine Beschaf-
fungsentscheidung im Rahmen des Integrationsmodells mit Budgetverantwortung
wider.
Ableiten des
Anforderungs-
profils;
Sammeln,
Sichten, Struk-
turieren von
Bewerberdaten
Entscheidung
für einen
potentiellen
Mitarbeiter
Autorisierung
der
Einstellungs-
entscheidung
Einstellung und
Einführung des
neuen
Mitarbeiters
Selektion und
Vorschlag
geeigneter
Kandidaten
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Personalspezialist
Leiter Forschung & Entwicklung
Abbildung 14: Beschaffung eines Mitarbeiters für Forschung und Entwicklung (Fall g)
Das Beschaffungsszenario h betrachtet die Rekrutierung eines Projektmitarbeiters
auf Basis eines befristeten Beschäftigungsverhältnisses. Dem Projektleiter eines
internen Softwareentwicklungsprojekts obliegen die Vorauswahl geeigneter Team-
mitglieder sowie die Wahl des Geeignetsten beispielsweise aufgrund begleiteter
Arbeitsproben. Aufgrund der Gesamtverantwortung für das Entwicklungsprojekt und
somit für die finanziellen Ressourcen ist eine Genehmigung der Bewerberauswahl
seitens eines Personalspezialisten auf Konzern-, Firmen oder Geschäftsbereichs-
ebene nicht nötig. Die sich anschließenden Aufgaben des Projektleiters sind die
Integration des neuen Mitarbeiters in das eventuell bestehende Team bzw. die For-
mation einer Arbeitsgruppe mit gemeinsamem Wir-Gefühl. Dem Szenario liegt die
vollständige Redelegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskontrolle in die
Linie zugrunde (siehe Kapitel II.2.1).
130
Ableiten des
Anforderungs-
profils;
Sammeln,
Sichten, Struk-
turieren von
Bewerberdaten
Entscheidung
für einen
potentiellen
Mitarbeiter
Autorisierung
der
Einstellungs-
entscheidung
Einstellung und
Einführung des
neuen
Mitarbeiters
Selektion und
Vorschlag
geeigneter
Kandidaten
Information Auswahl Genehmigung Ausführung Vorschlag
Projektleiter
Abbildung 15: Beschaffung eines Projektmitarbeiters (Fall h)
Mit Hilfe der vorstehenden sechs Fallbeispiele wurde eine vollständige exemplari-
sche Anwendung und Operationalisierung des Analyserasters für die personal-
wirtschaftliche Funktion der Beschaffung durchgeführt.
3.5 Resümierende Würdigung der Systematisierung dezentraler
Entscheidungsstrukturen
Im Mittelpunkt des Kapitels II.3 stand die Entwicklung und exemplarische Anwendung
eines Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen in der Personalarbeit.
Zunächst erfolgte die Analyse des Entscheidungsprozesses unter Berücksichtigung
einer Vielzahl personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger und hieran schloss sich
die Identifikation von Varianten des personalwirtschaftlichen Entscheidungspro-
zesses an. Die Konzeption des Analyserasters ist für den weiteren Verlauf der
Forschungsarbeit unabdingbar, da der Dezentralisierungsbegriff in Wortbedeutung
und -gebrauch einen großen Interpretationsspielraum zulässt. Dies macht eine de-
taillierte agenturtheoretische Analyse unmöglich. Für die Entwicklung eines systema-
tischen Personalmanagements zur Koordination und Motivation personalwirtschaftli-
cher Entscheidungen und der daraus resultierenden Aktivitäten in dezentralen
Strukturen ist die Bestimmung unterschiedlicher Konstellationen personalwirtschaftli-
cher Entscheidungs- und Kompetenzverteilung unablässig.
Mit Hilfe des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen ist es jedoch nun
möglich, die Vielzahl der in der unternehmerischen Praxis existierenden Organisati-
onskonzepte der Personalarbeit zu systematisieren, in Bezug auf ihren Dezentralisie-
rungsgrad zu bewerten und auf der Basis agenturtheoretischer Überlegungen adä-
quate Steuerungsmechanismen vorzuschlagen.
„Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.“
(IMMANUEL KANT)
III Mechanismen zur Koordination und
Motivation von
Linienverantwortlichen als
Entscheidungsträger dezentraler
Personalarbeit – theoriebasierte
Analyse
1 Theoretische Grundlage der Analyse von Koordinations- und Motivations-
mechanismen in dezentralen Entscheidungsstrukturen: Die Agenturtheorie
Ziel des Kapitels III.1 ist es, die theoretische Grundlage für die Analyse von Steue-
rungsinstrumenten in dezentralen Entscheidungsstrukturen zu legen. Die Verfasserin
wählt hierfür eine problemorientierte Darstellung der Agenturtheorie und stellt folglich
auf eine ausschließlich auf die Thematik der Dezentralisierung bezogene Diskussion
ab. Die theoriebezogenen Ausführungen konzentrieren sich demnach lediglich auf
jene Theorieelemente, die für die Beantwortung der Forschungsfrage notwendig sind.
Dieses problembezogene Vorgehen ist möglich, da die Agenturtheorie in den letzten
Jahren zunehmend in der deutschsprachigen Literatur rezipiert wurde; dies gilt für
organisationstheoretisch ausgerichtete Lehrbücher1 ebenso wie für wirtschafts-
wissenschaftliche Qualifizierungsarbeiten2. Zwar ist eine vollständige Rezeption der
Agenturtheorie in Bezug auf personalwirtschaftliche Problembereiche im
deutschsprachigen Forschungsraum derzeitig nur in Ansätzen zu erkennen, dennoch
wird die Agenturtheorie als hinreichend bekannt vorausgesetzt.
Zunächst wird daher kurz auf das Erkenntnisinteresse abgestellt und das agentur-
theoretische Anwendungsgebiet skizziert (Kapitel III.1.1). Hieran schließt sich die
Charakterisierung jener grundlegenden Annahmen (Kapitel III.1.2) und Hauptaussa-
gen (Kapitel III.1.3) an, die für die Fragestellung relevant sind. Obwhl im Mittelpunkt
1 Vgl. hierzu exemplarisch JOST, 2001; KRÄKEL, 1999; PICOT/DIETL/FRANCK, 1997; RICHTER/
FURUBOTN, 1996.
132
der sich anschließenden Analyse die Moral Hazard-Problematik steht, werden die
drei Formen asymmetrischer Informationsverteilung zunächst einmal gleichgewichtet
skizziert. Die Ausführungen zur Agenturtheorie werden in Kapitel III.1.4 einer kriti-
schen Würdigung unterzogen und in Kapitel III.1.5 wird die Einbettung verhaltens-
wissenschaftlicher Theoriekonstrukte in das agenturtheoretische Aussagesystem an-
geschnitten. Derzeit diskutierte Erweiterungen des agenturtheoretischen Standard-
modells werden hingegen in das sich anschließende Analysekapitel III.2 integriert.
1.1 Erkenntnisinteresse und Anwendungsgebiete agenturtheoretischer
Forschung
Im Mittelpunkt der Agenturtheorie steht die ökonomische Analyse von Delegations-
beziehungen zwischen beispielsweise der Unternehmensleitung bzw. der zentralen
Personalabteilung (im Folgenden auch nur Prinzipal) und unternehmensinternen oder
-externen weiteren Trägern der Personalarbeit (im Folgenden auch nur Agent)
innerhalb einer komplexen und dynamischen Umwelt.3 Die unternehmerische bzw.
personalwirtschaftliche Leitung überträgt auf der Basis einer Vereinbarung bestimmte
Aufgaben und damit einhergehende Entscheidungskompetenz an den beauftragten
Träger, der für die Aufgabenerfüllung eine Gegenleistung z.B. in Form von Vergütung
erhält. Der Prinzipal nutzt durch die Übertragung von Entscheidungskompetenz vor
allem den Informationsvorsprung des personalwirtschaftlichen Trägers vor Ort, denn
„... the raison d’être for an agency relationship is that the agent (...) may posses
different (better or finer) information about the states of the world than the principal
(..).“4
Allerdings birgt die Delegation von Entscheidungskompetenz auch erhebliche Gefah-
ren und Probleme, da im Allgemeinen nicht davon ausgegangen werden kann, dass
z.B. die Linienkraft bei den zu treffenden Entscheidungen die Interessen der Unter-
nehmensleitung vollkommen berücksichtigt. D.h. je weniger die Unternehmensleitung
Informationen über die Motive, das Entscheidungsverhalten und die faktischen
Handlungsmöglichkeiten der Linienkraft besitzt, desto größer ist das Risiko, dass
2 Vgl. hierzu exemplarisch CHOWOLKA, 1996 für das Forschungsfeld Controlling; vgl. z.B. KLEINE,
1995 für das organisationstheoretische Forschungsgebiet; ferner vgl. beispielsweise TUSCHKE,
1999; PETERSON, 1989 für eine Diskussion betrieblicher Anreizsysteme.
3 Vgl. hierzu auch ROSS (1973), der konstatiert: „We will say that an agency relationship has arisen
between two (or more) parties when one, designated as the agent, acts for, on behalf of, or as
representative for the other, designated the principal, in a particular domain of decision
problems.” (ROSS, 1973: 134.) PRATT/ZWECKHAUSER (1985) definieren eine Prinzipal-Agent-
Beziehung wie folgt: „Whenever one individual depends on the action of another, an agency
relationship arises. The individual taking the action is called agent. The affected party is the
principal.“ (PRATT/ZWECKHAUSER, 1985: 2; im Original: teilweise Hervorhebungen.)
4 ROSS, 1973: 135; raison d´être: im Original kursiv.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 133
diese nicht gemäß der (impliziten) Vereinbarungen handelt, sondern die eigenen
Interessen zum Nachteil des Unternehmens verfolgt. Prinzipal-Agent-Beziehungen
sind daher dadurch gekennzeichnet, dass der Agent Entscheidungen trifft, die nicht
nur seinen eigenen Nutzen, sondern im Ergebnis auch den Bestand und die Ent-
wicklung des Unternehmens beeinflussen.5 Da eine spontane und fortwährende
Übereinstimmung der Interessen und Ziele als unwahrscheinlich gilt, sind Delegati-
onskonflikte oder -probleme zu erwarten.6 Die Unternehmensleitung muss daher
vertraglich sicherstellen, dass die Führungskraft in der Linie die ihr übertragene Ent-
scheidungskontrolle derart ausübt, dass einerseits die gewünschte unternehmerische
Personalarbeit bestmöglich durchgeführt wird und anderseits die individuellen Ziele
der Führungskraft optimal erfüllt werden.7
Zusammenfassend liegt das Erkenntnisinteresse agenturtheoretischer Forschung in
der Analyse der vertraglichen Gestaltung von Delegationsbeziehungen unter den
Bedingungen (Umwelt-)Unsicherheit, ungleiche und unvollkommene Information
sowie differierende Risikoverteilung.8 Die Agenturtheorie untersucht innerhalb einer
Vertragsbeziehung typische Delegationsprobleme und -risiken und zeigt auf, durch
welche Mechanismen sich diese minimieren lassen. Die Theorie erhebt folglich den
Anspruch, ein Instrumentarium zur Verfügung zu stellen, mit welchem es gelingt, das
aus dem bestehenden Informationsvorsprung resultierende opportunistische Ent-
scheidungsverhalten der Linienkraft einzugrenzen.
Das Anwendungsspektrum der Agenturtheorie innerhalb der Organisationsanalyse
kann als sehr breit und universell bezeichnet werden, da die Delegation von Ent-
5 Vgl. DIETL, 1993: 133; ELSCHEN, 1991: 1008.
6 Vgl. EISENHARDT (1985): „One [key feature of organizations recognized by agency models] is the
divergence of preferences among organizational members (…). People are assumed to have
preferences for their own actions which do not necessarily coalign with those of other
organization members. In this political view of organizations, the role of control is to provide
measures and rewards such that individuals pursuing their own self-interest will also pursue the
collective interest.“ (EISENHARDT, 1985: 137.) Vgl. zum Zielkonflikt auch LEVINTHAL, 1988: 156 und
180f.
7 Vgl. ARROW, 1991: 37f. GROSSMAN/HART (1983a) definieren das Prinzipal-Agent-Problem wie
folgt: “Consider two individuals who operate in an uncertain environment and for whom risk
sharing is desirable. Suppose that one of the individuals (known as the agent) is to take an action
which the other individual (known as the principal) cannot observe. Assume that this action
affects the total amount of consumption or money which is available to be divided between the
two individuals In general, the action which is optimal for the agent will depend on the extent of
risk sharing between principal and agent. The question is: what is the optimal degree of risk
sharing, given this dependance?“ (GROSSMAN/HART, 1983a: 7.)
8 Zu den begründenden Beiträgen der Agenturtheorie zählen insbesondere WILSON, 1968 und
1969, PAULY, 1968, ARROW, 1970; SPENCE/ZECKHAUSER, 1971, SPENCE ,1973; ROSS, 1973 und
STIGLITZ, 1975. Überdies sind die Aufsätze von JENSEN/MECKLING, 1976; HARRIS/RAVIV, 1978 und
1979 und HOLMSTRÖM, 1979 aufgrund ihres bedeutenden Beitrags zur agenturtheoretischen
Forschung hervorzuheben.
134
scheidungskompetenz ein in Organisationen häufig anzutreffendes Phänomen ist.
ROSS (1973) konstatiert in diesem Zusammenhang: „The relationship of agency is
one of the oldest and commonest codified modes of social interaction. ... Examples of
agency are universal.“9 Ergänzend betonen JENSEN/MECKLING (1976), dass „[t]he
problem of inducing an ‘agent’ to behave as if he were maximizing the ‘principal‘s’
welfare is quite general. It exists in all organizations and all cooperative efforts – at
every level of management in firm, ... .“10 Obgleich die wissenschaftliche Literatur der
Agenturtheorie ein fast universelles Einsatzgebiet zuschreibt, liegt der Anwendungs-
schwerpunkt agenturtheoretischer Forschung ursprünglich im traditionellen
unternehmerischen Problembereich der Trennung von Eigentum und Kontrolle.11 Im
Mittelpunkt dieser Beiträge zur Managerkontrolle stehen die Gestaltung von Anreiz-
systemen,12 die Diskussion von Ergebnisbeteiligung mit langfristigen Verhaltens-
wirkungen sowie die Etablierung eines Kontrollorgans innerhalb der Führungsspitze
des Unternehmens.13 Ferner werden Marktmechanismen zur Disziplinierung des
Managements diskutiert wie z.B. die Berücksichtigung des Aktienkurses als Indikator
für Reaktionen auf dem Kapitalmarkt14 oder die Berücksichtigung des Arbeitsmarktes
für Führungskräfte.15 Agenturtheoretische Untersuchungen beziehen sich jedoch
nicht nur auf das Vertragsverhältnis von Eigentümer und Manager, sondern es
werden zunehmend auch Beschäftigungsverhältnisse anderer Arbeitnehmergruppen
betrachtet. Insbesondere stehen in neueren Forschungsbeiträgen die Gestaltung von
Anreizsystemen für Mitarbeitergruppen wie z.B. Fakultätsmitglieder,16 Verkaufs-
9 ROSS, 1973: 137. Vgl. hierzu auch ARROW, 1991: 37. Agenturtheoretische Analysen zielen ferner
auf (1) die Ermittlung optimaler Kreditverträge zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer, (2) die
Ermittlung einer optimalen Besteuerung von Unternehmen durch den Steuergesetzgeber, (3)
optimale Versicherungsverträge zwischen einem Versicherer und einem Versicherungsnehmer,
(4) eine optimale Behandlung eines Patienten durch einen Arzt, sowie (5) eine optimale
Vertretung eines Mandanten durch einen Rechtsanwalt. Vgl. zu dieser Aufzählung KIENER, 1990:
21; ferner Shavell, 1979: 65f.
10 JENSEN/MECKLING, 1976: 309.
11 Vgl. ARROW, 1991: 38. Die Frage der Trennung von Eigentum und Kontrolle ergibt sich jedoch
nicht nur bei Kapitalgesellschaften; das Problem kann in Anlehnung an FAMA/JENSEN (1983a)
auch bei großen Anwaltskanzleien, bei Finanzierungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit und bei
Organisationen ohne Erwerbsbeschränkungen auftreten (vgl. FAMA/JENSEN, 1983a: 310).
12 Vgl. hierzu exemplarisch die Forschungsbeiträge von LAUX, 1990; JENSEN/MURPHY, 1990;
TOSI/GOMEZ-MEJIA, 1989; BACKER/JENSEN/MURPHY, 1988; LAMBERT, 1983; GROSSMAN/HART,
1983a/1983b und 1980; FAMA, 1980; HOLMSTRÖM, 1979; ROSS, 1973.
13 Vgl. FAMA/JENSEN, 1983a; FAMA/JENSEN, 1983b; FAMA 1980; sowie die Rezension der Beiträge
von KLEIN, 1983. Vgl. hierzu auch die Arbeiten von BEATTY/ZAJAC, 1994; BAYSINGER/HOSKISSON,
1990 sowie den Überblicksartikel von HOLMSTRÖM/TIROLE, 1989.
14 Vgl. hierzu exemplarisch den Forschungsbeitrag von PICOT/MICHAELIS, 1984.
15 Vgl. hierzu exemplarisch die Forschungsbeiträge von FAMA, 1980; JENSEN/MECKLING, 1976. Vgl.
zu diesem Forschungsgebiet auch die kritischen Aufsätze von BALLWIESER/SCHMIDT, 1981;
SWODOBA/WALLAND, 1987.
16 Vgl. GOMEZ-MEJA/BALKIN, 1992.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 135
personal und Außendienstmitarbeiter,17 Arbeitnehmer im Bereich der Produktion18
sowie Expatriates19 im Vordergrund der Analysen. Außerdem befassen sich agentur-
theoretische Arbeiten mit der Untersuchung spezifischer Probleme delegativer
Beziehungen wie das opportunistische Verhalten in Teamstrukturen und das so
genannte Trittbrettfahrer-Verhalten,20 oder die Beiträge betrachten organisations-
strukturelle Fragestellungen wie vertikale und laterale Integration,21 die Rolle der
Hierarchie in Organisationen22 und Fragen nach der adäquaten Leitungsspanne.23
1.2 Grundlegende Annahmen der Agenturtheorie
Die Agenturtheorie basiert auf diversen Verhaltensannahmen, welche die individuelle
Nutzenmaximierung, die ungleiche Informationsverteilung, starke Interessenunter-
schiede und die Risikoneigung der ökonomischen Akteure betonen (Kapitel III.1.2.1).
Außerdem baut sie auf einem vertragstheoretischen Organisationskonzept auf
(Kapitel III.1.2.2).24
1.2.1 Charakteristika der Akteure
Agenturtheoretischen Annahmen zufolge trachtet jeder Mitarbeiter eines Unterneh-
mens danach, sein Einkommen zu maximieren und seine individuellen Bedürfnisse
z.B. bezüglich Karriere, Anerkennung und Selbstverwirklichung zu befriedigen. Hier-
bei ist der Entscheidungsträger unter Umständen sogar bereit, anderen Organisati-
onsmitgliedern einen Schaden zuzufügen.25 Diese Handlungsmaxime des Strebens
nach individueller Nutzenmaximierung schließt folgende Verhaltensmerkmale ein, die
im Anschluss kurz erläutert werden:26 (1) Das Individualverhalten fokussiert individu-
17 Vgl. EISENTHARDT, 1988; ANDERSON/OLIVER, 1987; EISENHARDT, 1985.
18 Vgl. WELBOURNE/BALKIN/GOMEZ-MEJA, 1995.
19 Vgl. ROTH/O’DONNELL, 1996.
20 Vgl. hierzu exemplarisch die Forschungsbeiträge von JONES, 1984, und ALCHIAN/DEMSETZ, 1972,
welche sich an die Transaktionskostentheorie anlehnen.
21 Vgl. hierzu exemplarisch die Forschungsbeiträge von ECCLES, 1991; GROSSMAN/HART, 1986.
22 Vgl. hierzu exemplarisch die Forschungsbeiträge von BOHN, 1987; MIRRLEES, 1976.
23 Vgl. hierzu exemplarisch die Forschungsbeiträge von KEREN/LEVHARI, 1989; BOHN, 1987;
MIRRLEES, 1976.
24 Vgl. zu dieser Gliederung der agenturtheoretischen Grundgedanken EBERS/GOTSCH, 2002: 209ff.
25 DIETL (1993) betont, dass die Agenturtheorie in diesem Punkt insofern eine Erweiterung zur
Transaktionskostentheorie darstellt, als nicht jedes eigennützige oder strategische Handeln
pauschal unter den Opportunitätsbegriff fällt, sondern hinsichtlich der zugrunde liegenden
Informationsasymmetrie näher charakterisiert wird (vgl. DIETL, 1993: 134). Vgl. ferner zur
Verhaltensannahme der Nutzenmaximierung PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 84; PICOT/NEUBURGER,
1995:15; EBERS/GOTSCH, 2002: 211; LEVINTHAL, 1988: 157; GROSSMAN/HART, 1983a: 7f.
26 Vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 84; RICHTER/FURUBOTN, 1996: 2ff.; EBERS/GOTSCH, 2002: 211f.
TERBERGER (1984) betont in ihrem Beitrag insbesondere das Rationalprinzip, indem sie
konstatiert, dass „[s]owohl Prinzipal als auch Agent als rational handelnde, eigennützige
Wirtschaftssubjekte dargestellt [werden], wobei das Rationalprinzip die strenge Form der
Nutzenmaximierung annimmt.“ (TERBERGER, 1994: 98.)
136
elle Ziele und Eigeninteressen, (2) das Verhalten z.B. der Linienkraft beinhaltet
opportunistische Praktiken wie die Anwendung von List, Betrug und Täuschung, so
dass eigeninteressiertes Entscheiden/Handeln, trügerische Darstellung von Ent-
scheidungsaktivitäten und Leistungszurückhaltung zum Verhaltensrepertoire zählen,
(3) der Entscheidungsträger richtet sein Verhalten (zweck-)rational aus und erwartet
rationale Handlungen der anderen Organisationsteilnehmer, (4) das Verhalten der
Träger der Personalarbeit ist durch unterschiedliche Risikoneigung sowie (5) durch
asymmetrische Informationsverteilung gekennzeichnet.
Die Organisationsmitglieder, hier die personalwirtschaftlichen Entscheidungsträger,
richten ihr Verhalten nach einer Vielzahl kollektiver und individueller, materieller und
immaterieller Ziele aus.27 Obwohl in der Literatur zunehmend dem Gedanken gefolgt
wird, dass „... die Präferenzen der Entscheidungssubjekte als unvollständig und über
die Zeit veränderlich erachtet [werden]“28, wird im Folgenden von einem gegebenen
und konsistenten Zielsystem sowie einer stabilen Präferenzstruktur ausgegangen.29
Aus der individuellen Ziel- und Präferenzstruktur folgt, dass jeder Organisationsteil-
nehmer seine eigenen Entscheidungen trifft und seine Interessen dabei in jenen
Grenzen verfolgt, die von der Organisation innerhalb derer er agiert – gesetzt
sind.30 Aus diesem Grunde entsteht ein Zielkonflikt zwischen den beteiligten
Entscheidungsträgern. Beispielsweise ist denkbar, dass die Unternehmensleitung an
kontinuierlicher Personalentwicklung zur Förderung einer lernenden Organisation
interessiert ist um sich so dem steigenden Wettbewerbsdruck stellen zu können.
Hingegen orientiert sich die Führungskraft in der Linie ausschließlich an ihrer indivi-
duellen Nutzenkalkulation. Dies bedeutet im Gegenzug beispielsweise, dass z.B. die
Linienkraft die Summe der Ausgaben für personalwirtschaftliche Entwicklungsmaß-
nahmen innerhalb ihres Verantwortungsbereichs so gering wie möglich halten
möchte, da Personalentwicklungskosten das Bereichsergebnis schmälern, welches
gleichzeitig die Basis ihrer individueller Vergütung bildet. Das Beispiel zeigt auf, dass
die Führungskraft die ihr entstehenden Nachteile des individuellen Beitrags wie
Arbeitseinsatz, Zeitverlust und Opportunitätskosten gegen Vorteile wie Vergütung,
Karriere und persönliche Entwicklung abwägt. Bei einer derartigen Ertrags- und Nut-
zenberechnung wählt die Führungskraft jene Entscheidung oder Handlung, die das
27 Der institutionenökonomische Grundgedanke des methodologischen Individualismus betont,
dass die Menschen verschieden sind und verschiedene, vielfältige Präferenzen, Ziele, Zwecke
und Ideen haben.
28 RICHTER/FURUBOTN, 1996: 4.
29 Vgl. beispielsweise EBERS/GOTSCH, 2002: 211.
30 Vgl. RICHTER/FURUBOTN, 1996: 3.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 137
gesetzte Ziel am besten erfüllt; das Entscheiden und Handeln wird zudem durch die
antizipierten Resultate anderer Akteure beeinflusst.
Das individuelle Nutzenstreben ist eng mit der Verhaltensannahme des Opportunis-
mus verknüpft. Der personalwirtschaftliche Entscheidungsträger setzt seine Interes-
sen mit List, Tücke und Täuschung durch, so dass moralische Grenzen verschwin-
den und vertragliche Verpflichtungen nicht beachtet werden. Hierbei tritt das eigen-
nützige Verhalten weniger in offener, sondern häufig in versteckter und hinterlistiger
Form auf. WILLIAMSON (1975) erklärt, dass die Organisationsmitglieder gezielt und mit
Vorsatz persönliche Eigenschaften verschleiern, Daten verzerren, leere Drohungen
aussprechen und falsche Versprechungen geben, Abmachungen brechen und
schlechte Arbeit vertuschen. Zusammenfassend heißt dies, entscheidungsrelevante
Informationen werden zurückgehalten, verzerrt oder verfälscht weitergegeben.31
Die Prämisse von beschränktem, (zweck-)rationalem Verhalten geht davon aus, dass
die Führungskraft in der Linie nicht die Fähigkeit besitzt, alles vorherzusehen, was
ihre Entscheidungsaktivitäten beeinflussen könnte, denn „[t]he capacity of the human
mind for formulating and solving complex problems is very small compared with the
size of problems whose solution required for objectively rational behavior in the real
world – or even for a reason of approximation to such objective rationality.“32 Das
Konstrukt der begrenzten Rationalität konkretisiert sich in unvollständigem Wissen
über entscheidungsrelevante Bedingungen, in der schwierigen Bewertung
zukünftiger Ereignisse und in der mangelnden Kapazität, alle möglichen Entschei-
dungsalternativen berücksichtigen zu können. Unter derartigen Umständen ist es der
Führungskraft daher schier unmöglich, alle Eventualitäten vorherzusehen, alle mögli-
chen Vorgehensweisen gegeneinander abzuwägen und zwischen ihnen eine opti-
male Auswahl zu treffen.33 Da sämtliche Träger der Personalarbeit einer
zweckrationalen Handlungsorientierung folgen, kann das Verhalten nur in Teilen
antizipiert und durch vertragliche Vereinbarungen ex ante gesteuert werden kann.
Die Träger der Personalarbeit werden ferner durch divergierende Risikoneigung34
charakterisiert, wobei drei Ausprägungen unterschieden werden: Risikoneutralität,
Risikoaversion und Risikofreude. So ist beispielsweise denkbar, dass die Linienkraft
der Risikoübernahme weder einen Zusatznutzen noch einen Aufwand zuordnet,
31 Vgl. WILLIAMSON, 1975: 26f.
32 SIMON, 1957: 198. Das der neuen Institutionenökonomik zugrunde gelegte Konzept begrenzter
Rationalität geht auf das Gedankengut der verhaltenswissenschaftlichen Entscheidungstheorie
zurück.
33 Vgl. beispielsweise KREPS, 1990: 754.
34 Mit dem Begriff des Risikos ist sowohl Verlust- als auch Gewinnrisiko gemeint, so dass allgemein
auch von Einkommensrisiko gesprochen wird (vgl. KRÄKEL, 1999: 59).
138
sondern ihr neutral gegenübersteht. Realistischer ist jedoch die Annahme von
Risikoaversion: Die Linienkraft verbindet mit der Risikoübernahme steigenden Ar-
beitseinsatz, zunehmende Konfliktsituationen, verstärkte persönliche Belastung und
somit eine Verringerung ihres Nutzens. Sie ist daher bereit, auf einen Teil ihres Ein-
kommens zu verzichten, wenn sie dadurch die Übernahme unternehmerischen Risi-
kos umgehen kann. Hingegen verbindet der Entscheidungsträger bei Risikofreude
die Übernahme mit einer Nutzen- und Einkommenssteigerung,35 welcher das Unter-
nehmen durch ein an der Hierarchie orientiertes Entgeltsystem nachkommt. Norma-
tive wie auch positive Theorieansätze gehen von stabiler Risikoneigung aus, d.h. die
Risikopräferenz der Akteure verändert sich über die Zeit nicht. Immer dann, wenn in
einer Delegationsbeziehung die Risikoneigung der Akteure voneinander abweicht,
sind Arbeitsverträge auch unter dem Aspekt einer effizienten Risikoallokation zu
gestalten.36
In agenturtheoretischen Forschungsarbeiten wird übereinstimmend die Meinung
vertreten, dass der Agent als besser informiert gilt,37 so dass für die vorliegende
Arbeit ein Informationsvorsprung auf der Seite des Prinzipals ausgeschlossen wird.38
Diese Annahme wird im Rahmen von Delegationsbeziehungen deshalb als realis-
tisch erachtet, weil gerade in den besseren Kenntnissen, Fähigkeiten und Erfahrun-
gen der Linienkraft ein wesentlicher Grund für das Interesse der Unternehmenslei-
tung an der Dezentralisierung liegt. Dezentrale Entscheidungsstrukturen lassen sich
folglich dadurch kennzeichnen, dass die Führungskraft in der Linie vergleichbar
besser informiert ist als die zentrale Personalinstanz. Dies bedeutet, dass ein unglei-
cher Wissensstand bezüglich des Entscheidungsproblems vorliegt, was sich auf-
grund unterschiedlicher Zielverfolgung und differierender Risikoeinstellung als prob-
lematisch erweist.39 Zugleich besteht ein Informationsdefizit in Bezug auf das
eigeninteressierte Verhalten, welches sich daraus ergibt, dass nicht sämtliche
Entscheidungssituationen, Absichten und Aktivitäten der Linienkraft vollständig beo-
bachtet werden können. Ein weiteres Informationsdefizit betrifft die Ergebniskontrolle:
Die Unternehmensleitung besitzt nicht immer alle Informationen darüber, in welchem
35 Vgl. KRÄKEL, 1999: 59.
36 Vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 84f.
37 Vgl. KRÄKEL, 1999: 21.
38 Dennoch sei der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen, dass Untersuchungen zur optimalen
Entlohnungsgestaltung durch einen besser informierten Prinzipal in der Literatur teilweise unter
dem Begriff der Implicit Contracts zu finden sind. Vgl. hierzu beispielsweise GROSSMAN/HART,
1983b; HART, 1983.
39 Der Begriff asymmetrische Informationsverteilung ist auf einen bestimmten Zeitpunkt bezogen
und trägt damit der Tatsache Rechnung, dass sich die Wissensstände während des Verlaufs der
Agenturbeziehung ändern können. Vgl. KIENER, 1990: 22.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 139
Ausmaß das Entscheidungsergebnis dem Verhalten der Linienkraft oder aber
Umwelteinflüssen zuzurechnen ist. Insbesondere durch komplexe und unsichere
Entscheidungssituationen werden eine exakte Zurechnung und damit eine
Effizienzkontrolle seitens des Delegierenden erschwert.40
1.2.2 Vertragstheoretisches Organisationskonzept
Eine Organisation einschließlich ihrer Umwelt wird von der Agenturtheorie als Netz-
werk von impliziten und expliziten Verträgen betrachtet.41 Das Unternehmen als so-
zio-technische Organisation wird von den beteiligten Akteuren zur Gestaltung des
ökonomischen Austauschs gegründet. Mit diesem vertragstheoretischen Organisati-
onskonzept ist die Vorstellung verbunden, dass sich das Unternehmen in eine Viel-
zahl von vertraglich fixierten Delegationsbeziehungen zwischen einzelnen Individuen
unterteilen lässt.42 Demzufolge bezeichnen JENSEN/MECKLING (1976) Unternehmen
auch als „… legal fictions which serve as a nexus for a set of contracting relation-
ships among individuals.“43 FAMA (1980) greift dieses vertragstheoretische Verständ-
nis auf, indem er Unternehmen als ein „Nexus of Contracts“44 charakterisiert.45 Die
zur Wahrnehmung dezentraler Personalarbeit geschlossenen Delegationsvereinba-
rungen basieren primär auf Arbeitsverträgen und erfüllen eine Vielzahl unterschiedli-
cher Funktionen: sie spezifizieren die Entscheidungsrechte jedes einzelnen Trägers
der Personalarbeit innerhalb des unternehmerischen Gefüges, sie legen die Vertei-
lung von Entscheidungskontrolle über spezifizierte Entscheidungsprozessphasen
dar,46 sie bestimmen die Leistungs- und Qualitätskriterien, anhand welcher z.B. die
Linienkraft in der Rolle des Personalers vor Ort beurteilt wird und letztendlich regeln
40 Informationsasymmetrische Fragestellungen befassen sich mit möglicherweise auftretenden
ökonomischen Nachteilen, Fehlallokationen oder Wohlfahrtsverlusten sowie mit der Bewertung
geeigneter Kooperationsdesigns, Kontrakttypen und Organisationsformen für die Zusammen-
arbeit von Prinzipal und Agent. Vgl. SPREMANN, 1990: 526.
41 Dieses auf vertraglichen Netzwerken basierende Konzept ersetzt die sonst in der Organisations-
theorie übliche Unterscheidung zwischen Organisation und Umwelt.
42 Vgl. NORTH, 1984: 8.
43 JENSEN/MECKLING, 1976: 310; im Original: teilweise Hervorhebungen. Vgl. hierzu auch JENSEN,
1983: 326f. Mit dem Begriff der Legal Fiction bezeichnen JENSEN/MECKLING (1976) diejenigen
künstlichen Rechtskonstrukte, die es bestimmten Organisationen erlauben als Individuen
behandelt zu werden. Im weiteren Verlauf des Artikels betonen sie jedoch, dass
Unternehmungen nicht mit Individuen gleichzusetzen sind. Unternehmungen sollten nicht als
Personen mit spezifischen Absichten betrachtet werden, so dass Fragen nach dem Ziel und der
sozialen Verantwortung von Unternehmen irreführend sind. Vgl. JENSEN/MECKLING, 1976: 310f.
44 FAMA, 1980: 290.
45 FAMA (1980) gründet seinen vertragsstrukturellen Ansatz gedanklich auf die Arbeit von
ALCHIAN/DEMSETZ (1972), indem er Unternehmen betrachtet, die aus einer Menge von zu
analysierenden Verträgen bestehen (vgl. FAMA, 1980: 290; ALCHIAN/DEMSETZ 1972: 794).
46 Vgl. FAMA/JENSEN, 1983a: 302, die auch von Verträgen als Rules of Game sprechen.
140
sie das Entgelt für die übernommene Entscheidungsverantwortung und die vollzo-
gene Aufgabenerfüllung.47
Hierbei unterstellt die Agenturtheorie, dass Unternehmensleitung und personalwirt-
schaftliche Träger i.d.R. nicht in der Lage sind, sämtliche Delegationsmodalitäten
präzise und umfassend in den Dienst- und Werkverträgen festzulegen. In diesem
Zusammenhang wird auch von „Incomplete Contracting“48 gesprochen,49 d.h. Art und
Weise sowie zeitlicher Umfang der Entscheidungsdezentralisierung sind nur unvoll-
ständig definiert. Diese lückenhafte Spezifizierung der Delegationsbeziehung ist den
personalwirtschaftlichen Entscheidungsträgern vollends bewusst, denn sie ist auf
eine Vielzahl von Faktoren zurückzuführen: (1) Unbestimmtheit und Unsicherheit
hinsichtlich zukünftiger Ereignisse in der Unternehmensumwelt und damit eintreten-
der Sachverhalte innerhalb des Verantwortungsbereichs, (2) mangelnde oder unvoll-
kommene Information in Bezug auf Fähigkeiten und Fertigkeiten, Kenntnisstand und
Wissen des Delegationsempfängers, (3) Höhe der antizipierten Kosten eines – sollte
dies überhaupt realistisch sein – vollständigen und perfekten schuldrechtlichen Ver-
trags. Folglich kennen die Entscheidungsträger nicht alle möglichen Eventualitäten,
und es wäre in jedem Falle zu kostspielig, wollte man versuchen, sämtliche Delega-
tionsmodalitäten durch Aufnahme entsprechender Bestimmungen z.B. in den Arbeits-
vertrag zu regeln. Dennoch bewertet das Unternehmen aufgrund der skizzierten
Vorteile dezentraler Entscheidungsstrukturen die Dezentralisierung der Personal-
arbeit derart hoch, dass es sich außerstande sieht, auf kooperative Delegations-
beziehungen zu verzichten. Die Unternehmensleitung ist daher darauf bedacht
Entscheidungskompetenz zu delegieren und sucht auf die Dezentralisierung
zugeschnittene Vertragsbestandteile und -instrumente. Infolgedessen werden Gover-
nance-Mechanismen in Form von Anreiz-, Kontroll- und Informationsmechanismen
ex ante vertraglich festgelegt, welche den situativen Unbestimmtheiten einerseits und
den Delegationsproblemen in der Linie andererseits kompensatorisch begegnen.50
(Arbeits-)Verträge werden daher insoweit als rational bezeichnet, als dass Prinzipal
47 Vgl. FAMA/JENSEN, 1983b: 328.
48 WILIAMSON, 1975: 22.
49 Vgl. GROSSMAN/HART, 1986; WILLIAMSON 1985, KLEIN, 1983 sowie WILIAMSON, 1975. Ferner vgl.
HOLMSTRÖM/TIROLE, 1989: 66 ff. zu einem Diskussionsüberblick über sogenannte Incomplete
oder Not Comprehensive Contracts. KLEIN (1997) beurteilt in seinem Beitrag die Kosten
unvollständiger Verträge: „The costs associated with contractual specification that lead
transactors to use incomplete and imperfect contracts involve much more than the narrow
transaction costs of writing down responses to additional contingencies. In addition to these extra
"ink costs", complete contractual specification entails wasteful search and negotiation costs
associated with discovering and negotiating prespecified contractual responses to all potential
contingencies.” (KLEIN, 1997: 67.)
50 Siehe hierzu im Detail die Ausführungen in Kapitel III.1.3.2.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 141
und Agent nicht imstande sind, wichtige Bestandteile ihrer Vereinbarung auf
eindeutig definierte Verpflichtungen und Entscheidungskompetenzen zu reduzieren.51
1.3 Hauptaussagen der Agenturtheorie
Die Kernaussagen der Agenturtheorie werden in folgenden Argumentationsschritten
entwickelt: Zunächst gilt es in einem ersten Schritt die unterschiedlichen Modelltypen
asymmetrischer Information und die daraus resultierenden Delegationsrisiken
darzulegen (Kapitel III.1.3.1). Hieran schließt sich in einem zweiten Schritt die Ablei-
tung des Steuerungsbedarfs an und es werden mögliche Koordinations- und Motiva-
tionsmechanismen dargestellt, die zur Lösung von Delegationsproblemen in Betracht
kommen (Kapitel III.1.3.2). In einem letzten Schritt gilt es, das Effizienzkriterium
Agenturkosten als Determinante der Dienst- und Werkvertragsgestaltung detailliert
zu betrachten (Kapitel III.1.3.3).
1.3.1 Grundtypen asymmetrischer Information und Agenturprobleme
Delegationsprobleme sind die Folge ungleicher Informationsverteilung, d.h. von
Informationsunterschieden zwischen Prinzipal und Agent. In Anlehnung an ARROW
(1991) können zwei Grundtypen asymmetrischer Information unterschieden werden,
die spezifische agenturtheoretische Risiken bergen: Hidden Action und Hid-
den Information.52 Die sich aus diesen beiden Formen asymmetrischer Informations-
verteilung ergebende Delegationsgefahr wird mit dem Begriff Moral Hazard bezeich-
net. Ein weiterer Typ der Informationsasymmetrie ist die Hidden Intention, welche in
das Delegationsrisiko des Hold Up mündet. Bei der Abgrenzung dieser beiden Situa-
tionstypen geht es nicht um verschiedene Formen opportunistischen Verhaltens,
sondern ausschließlich um unterschiedlich verteilte Informationen, die jeweils in
Verbindung mit Faktoren wie irreversiblen Investitionen oder unterschiedlicher Risi-
koverteilung zu Koordinations- und Motivationsproblemen führen.53 Die letzte zu
unterscheidende Form asymmetrischer Informationsverteilung ist die der Hidden -
51 Vgl. RICHTER/FURUBOTN, 1996: 157; ferner PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 84; EBERS/GOTSCH, 2002:
211.
52 Vgl. ARROW, 1991: 38ff.
53 Vgl. ALCHIAN/WOODWARD, 1988: 67. In ihrem Forschungsbeitrag rezensieren ALCHIAN/WOODWARD
(1988) die Monographie von WILLIAMSON (1985) mit dem Titel: The economic institutions of
capitalism. Firms, markets, relational contracting, New York 1985. Der von ALCHIAN/WOODWARD
(1988) vertretene Standpunkt einer getrennten Analyse von Moral Hazard und Hold Up wird von
der Verfasserin aufgegriffen, so dass die Informationsasymmetrien getrennt von einander
dargestellt werden (siehe Kapitel III.1.3.1.2 und Kapitel III.1.3.1.3).
142
Characteristic, die den agenturtheoretischen Problemtyp der Adverse Selection
hervorbringt.54
Für eine erste Systematisierung lassen sich die Delegationsprobleme auf der Basis
zweier Einteilungskriterien unterscheiden:55 (1) Das Verhaltensmerkmal des Delegati-
onsempfängers ist feststehend oder unterliegt seinem Willen. (2) Der Delegierende
kann das Verhaltensmerkmal ex post erkennen, oder dieses bleibt ihm ex post
verborgen. Aus der Kombination dieser beiden Kriterien lassen sich die zuvor
genannten Grundtypen von Informationsasymmetrien und daraus resultierenden
Risiken ableiten. SPREMANN (1990) zufolge liegt die Informationsasymmetrie der Hid-
den Characteristic vor, wenn das Verhalten des Delegationsempfängers unbeein-
flussbar festgelegt ist und dem Delegierenden ex post bekannt wird (Kapi-
tel III.1.3.1.1). Hingegen sieht sich der Delegierende mit der Informationsasymmetrie
der Hidden Action bzw. der Hidden Information konfrontiert, wenn das Verhalten des
Delegationspartners dessen Willen unterliegt und ihm selbst ex post verborgen bleibt
(Kapitel III1.3.1.2). Der Begriff der Hidden Intention wurde für all jene Situationen
geprägt, in denen das Verhalten dem Willen des Delegationsempfängers unterliegt
und dem Delegierenden nach Vertragsschluss bekannt wird (Kapitel III.1.3.1.3).56
Tabelle 7 gibt einen Überblick über die skizzierten Grundtypen und ordnet diesen die
damit verbundenen Risiken zu.57
54 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass in Bezug auf die Informations-
asymmetrien sowie die daraus resultierenden Agenturprobleme nicht alle Autoren agentur-
theoretischer Forschungsarbeiten eine gemeinsame Ansicht und entsprechende Definition teilen.
55 Vgl. SPREMANN, 1990: 566.
56 Vgl. SPREMANN, 1990: 566.
57 Ist das Verhaltensmerkmal des Delegationsempfängers feststehend, dann wird logischerweise
davon ausgegangen, dass dieses im Laufe der Vertragsbeziehung vom Delegierenden
aufgedeckt wird. Daher wird diese Kombination der beiden Einteilungskriterien als ökonomisch
nicht sinnvoll betrachtet (vgl. SPREMANN, 1990: 566). In seinem Beitrag weist SPREMANN (1990)
ferner darauf hin, dass die für den Grundtyp der Qualitätsunsicherheit oder auch Hidden
Characteristic dargestellte Adverse Selection auch beim Moral Hazard und Hold Up wirken kann
(vgl. SPREMANN, 1990: 574f.).
Mechanismen zur Koordination und Motivation 143
Verhaltensmerkmal des Delegationsempfängers
... ist feststehend ... unterliegt seinem Willen
Ja Hidden Characteristic mit der
Gefahr der Adverse Selection
(Kapitel III.1.3.1.1)
Hidden Intention mit der
Gefahr des Hold Up
(Kapitel III.1.3.1.3)
Delegierender kann
Verhaltensmerkmal ex post
erkennen Nein Hidden Action/Information mit
der Gefahr des Moral Hazard
(Kapitel III.1.3.1.2)
Tabelle 7: Grundtypen asymmetrischer Information58
Eine vergleichende und würdigende Zusammenfassung der Informationsasymmet-
rien, den damit verbundenen Delegationsrisiken sowie von Möglichkeiten der Prob-
lembewältigung erfolgt in Kapitel III.1.3.1.4.
1.3.1.1 Hidden Characteristic und Adverse Selection
Die Informationsasymmetrie der Hidden Characteristic liegt dann vor, wenn vor der
vertraglichen Fixierung der Delegationsbeziehung unveränderliche oder zumindest
nicht mehr kostenlos veränderbare Eigenschaften verborgen sind, die sich z.B. auf
die Führungskraft selbst als auch auf die von ihr angebotenen (Dienst-)Leistungen
beziehen. Der Delegierende hat über diese feststehenden Eigenschaften ex ante
keine Kenntnis, nimmt sie wohl aber ex post wahr.59 Es besteht daher die Gefahr,
dass die Führungskraft unerwünschte Eigenschaften verheimlicht oder falsche Tat-
sachen vorspiegelt.60 Der Delegierende befürchtet daher, bezüglich wichtiger Eigen-
schaften oder hinsichtlich der Qualität der ihm angebotenen Leistung in seinen Er-
wartungen enttäuscht zu werden und versucht das Risiko der Auswahl unerwünsch-
ter Vertragspartner – das so genannte Adverse Selection – zu minimieren.61 Das
Unternehmen sucht folglich nach Möglichkeiten, die Gefahr einer derartigen Enttäu-
schung zu begrenzen, was sich auf unterschiedliche Art und Weise erreichen lässt.
58 Quelle: In Anlehnung an SPREMANN, 1990: 566.
59 Hidden Characteristic kann verschiedenartige Ursachen haben: (1) Der Prinzipal steht unter
einem zeitlichen Entscheidungsdruck, was es ihm unmöglich macht, die Eigenschaften des
Agenten vollständig zu erkunden. (2) Das Umfeld der Agenturbeziehung ist so heterogen
gestaltet, dass von einem Merkmal oder einem Gut kaum auf ein anderes geschlossen werden
kann. Oder (3) die möglichen Informationskanäle sind durch zufällige, exogene Störungen teil-
weise oder vollständig blockiert. Vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 85; SPREMANN, 1990: 567.
60 Vgl. zur Problematik der adversen Selektion insbesondere AKERLOF, 1970.
61 Vgl. hierzu und im Folgenden DIETL, 1993: 145ff. DIETL (1993) weist ferner darauf hin, dass sich
deutsche Übersetzungsvorschläge des Begriffs Adverse Selection wie Gegenauslese oder
unerwünschte Selektion bislang nicht durchsetzten konnten (vgl. DIETL, 1993: 138).
144
Zum einen ist denkbar, dass der Agent Aktivitäten zur Risikominimierung ergreift; es
wird vom so genannten „Signalling“62 gesprochen. Zum anderen wird der Begriff des
„Screenings“63 verwendet, wenn der Prinzipal die Informationsasymmetrie reduziert.
Diese beiden Formen der Risikominimierung werden nachfolgend in einer vom
Problem abstrahierten Weise kurz skizziert. Im Rahmen des Signalling unterzieht
sich der Delegationsempfänger selbst oder die von ihm angebotene (Dienst-)-
Leistung ex ante z.B. einer gesetzlich vorgeschriebenen Prüfung. Prüfungs-
ergebnisse in Form von Qualitätssiegeln, Güteklassen, Zeugnissen und dergleichen
erfüllen die Funktion eines agentenseitigen Signals, das es dem Delegierenden
erlaubt, unerwünschte Vertragspartner aufzuspüren. Im Rahmen des Screenings ist
es hingegen der Delegierende, welcher Maßnahmen der Risikominimierung ergreift.
Indem er beispielsweise telefonische Interviews führt, Einstellungstests abwickelt
oder Arbeitsproben erbittet, erhält er zusätzliche Informationen über Eigenschaften,
Fähigkeiten und Fertigkeiten des Bewerbers und potentiellen Delegationsempfän-
gers.
Sowohl durch das Signalisieren als auch das prinzipalseitige, gezielte Überprüfen
von Eigenschaften wird das Informationsgefälle zwischen den Vertragspartnern und
damit die Problemursache beseitigt oder zumindest verkleinert. Anstelle von Qualifi-
kations- und Qualitätsunsicherheit tritt somit die Gewissheit bezüglich Eigenschaften
und Kenntnissen des Delegationsempfängers.64 Den Maßnahmen ist also gemein-
sam, dass sie den Informationsnachteil der Unternehmensleitung als delegierende
Partei im Vorfeld der Delegationsbeziehung verringern. Problematisch wird dies
jedoch, wenn die Überprüfung spezifischer Qualifikationen oder Qualitätsmerkmale
ex ante nicht oder nur in sehr begrenztem Maße unter Aufwendung beträchtlicher
Kosten erfolgen kann. In derartigen Situationen wird darauf gesetzt, dass der poten-
tielle Agent ein Eigeninteresse daran entwickelt, nur die vom Prinzipal erwünschten
62 Vgl. zu Signalisierungsmechanismen bei der Auswahl von Arbeitnehmern STIGLITZ, 1975; ferner
SPENCE, 1973. HOLMSTRÖM (1979) betont im Kontext des Signallings: „Before proceeding with the
value of imperfect information, the notion of a valuable signal needs to be made precise. A signal
y is said to be valuable if both the principal and the agent can be made strictly better off with a
contract of the form s(x,y) than they are with a contract of the form s(x).“ (HOLMSTRÖM, 1979: 83;
im Original: teilweise Hervorhebungen.)
63 Vgl. zur Thematik des Screenings den wichtigen Beitrag von STIGLITZ (1975): „Our basic
argument can be summarized as follows: since individuals are able to capture the returns to
general information about their skills themselves, they are willing to spend resources to provide
this information – indeed, this is the only way they can fully capture their “ability rents”; and in a
competitive economy, firms that allocate resources to obtaining general screening information
about individuals will be unable to appropriate (most of) the returns. … If individuals are perfectly
certain of their ability, and if it is possible for their ability to be costlessly observed “on the job”
then the individual would offer to absorb the risk involved in hiring and training costs.“ (STIGLITZ,
1975: 288.)
Mechanismen zur Koordination und Motivation 145
Eigenschaften bzw. Leistungen anzubieten. Erklärt sich der Delegationsempfänger
beispielsweise bereit, eine Garantiezusage abzugeben oder dem Unternehmen ein
Rücktrittsrecht einzuräumen – z.B. in Form einer vereinbarten Probezeit65 – trägt dies
zu einer Interessenangleichung bei.66 Der Delegationsempfänger verpflichtet sich
somit, bei verschuldeter Vertragsverletzung eine gleichwertige Kompensations-
leistung zu erbringen.67 In jenen Fällen, in denen die Gewährung von Garantiezusa-
gen oder Rücktrittsrechten aus verschiedenen Gründen ausgeschlossen ist, kann
dem Agenturproblem durch Reputation entgegengetreten werden, denn Ansehen
und Ruf informieren über das bisherige Verhalten des Delegationsempfängers.
1.3.1.2 Hidden Action bzw. Hidden Information und Moral Hazard
Hidden Action und Hidden Information beschreiben Informationsasymmetrien, die
nach Abschluss der Agenturbeziehung auftreten. Die ungleiche Informationsvertei-
lung zwischen den personalwirtschaftlichen Entscheidungsträgern entsteht folglich
erst im Verlauf der Delegationsbeziehung. Die Entstehungsursache für diese Art der
Informationsasymmetrie liegt darin, dass der Delegierende das Verhalten der Linien-
kraft entweder aus mangelnder Kenntnis der Situationsbedingungen, wegen fehlen-
der Fachkenntnisse, oder aber aus praktischen Gründen gar nicht beobachten kann.
Es wird von der Informationsasymmetrie der Hidden Action gesprochen, wenn der
Delegierende keine genaue Kenntnis über die Handlungsmöglichkeiten und das
tatsächliche Entscheidungsverhalten der Linienkraft hat. Nach ARROW (1991) ist „[t]he
most typical hidden action .. the effort. Effort is a disutility to the agent, but it has a
value to the principal in the sense that it increases the likelihood of favorable
outcome.“68 Der durch die Delegation eröffnete Entscheidungs- und Handlungsspiel-
raums macht es möglich, eine individuelle Vorgehensweise zur Zielerreichung zu
wählen, die für den Delegierenden nicht exakt oder zumindest nicht kostenlos beob-
64 Vgl. hierzu auch SPREMANN, 1990: 579f.
65 Im Falle des Arbeitsvertrags liegt beispielsweise asymmetrische Information vor, wenn die
Arbeitskraft auf Stellensuche (auch interner Stellenmarkt) ihre Fähigkeiten besser als der
potentielle Arbeitgeber kennt. Der potentielle Arbeitnehmer kann daher seine Fähigkeiten dem
potentiellen Arbeitgeber in einer irreführenden Weise darstellen und somit das Problem der
adversen Selektion erzeugen. Neben der Überprüfung der Qualifikation durch das Sichten von
Zeugnissen (Signalisieren der Eigenschaften) und das Durchführen von Bewerberinterviews und
-tests (Screening) besteht beispielsweise die Möglichkeit, die gesetzlich festgelegte Probezeit zu
verlängern. Vgl. hierzu RICHTER/FURUBOTN, 1996: 150.
66 Vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 89. SPREMANN (1988) subsumiert unter dem Begriff der Garantie
sowohl Sicherheiten, Bürgschaften, Gewährleistungszusagen wie auch Nachbesserungen
(SPREMANN, 1988: 620).
67 Zusätzlich kann dem Agenten bei Nichterfüllung gesetzlicher oder zugesagter Anforderungen die
Ausübung der entsprechenden Tätigkeit untersagt werden bzw. die betreffende Leistung abge-
lehnt werden.
68 Arrow, 1991: 38.
146
achtbar ist. Auch wenn das Ergebnis zwar ex post feststellbar ist, so lassen sich
daraus keine sicheren Rückschlüsse auf die ex ante Entscheidungssituation und das
Anstrengungsniveau ziehen.69 Neben der Verhaltensunsicherheit aufgrund von Hid-
den Action grenzen GROSSMAN/HART (1983a) auch diejenige aufgrund von Hidden -
Information ab.70 Von der asymmetrischen Informationsverteilung der Hidden -
Information ist dann die Rede, wenn der Delegierende das Entscheidungshandeln
der Linienkraft zwar beobachten, aber nicht oder nur mit erhöhtem Kostenaufwand
beurteilen kann.71 Auch hier ist dem Delegierenden wohl bewusst, dass die
Entscheidungsqualität zwar vom Anstrengungsniveau abhängig ist, aber auch andere
von der Führungskraft nicht beeinflussbare Faktoren – einen Einfluss auf das
Ergebnis haben. Aus dem fehlenden Zugang zu bestimmten Kontextinformationen
erwächst daher die Schwierigkeit einer exakten Beurteilung und Bewertung des Ent-
scheidungsverhaltens und der -qualität, so dass sich dem Delegationsempfänger die
Möglichkeit offenbart, den Informationsvorsprung strategisch und taktisch für eigene
Interessen zu nutzen und nicht optimal zugunsten des Unternehmens einzusetzen.72
69 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 213; SPREMANN, 1990: 572.
70 Vgl. GROSSMAN/HART, 1983a: 10. GROSSMAN/HART (1983a) konzentrieren sich in ihrem
Forschungsbeitrag hauptsächlich auf die Verhaltensunsicherheit des Moral Hazard und betonen
im weiteren Verlauf: „While we have talked throughout 'the' principal-agent problem, we have in
fact been considering the simplest of a number of such problems. More complicated principal-
agent problems arise when not only is the principal unable to monitor the agent, but also the
agent possesses information about his environment, ... , which the principal does not.“
(GROSSMAN/HART, 1983a: 43.)
71 „In the hidden information problems, the agent has made some observation that the principal has
not made. The agent uses (and should use) this observation in making decisions; however, the
principal cannot check whether the agent has used his or her information in the way that best
serves the principal’s interest.“ (ARROW, 1991: 39.) DIETL (1993) betont, dass Situationen, in
denen der Prinzipal die Handlungen zwar beobachten, nicht aber beurteilen kann, die selben
Problemstrukturen aufweisen, wie jene Beziehungen, in denen die Handlungen des Agenten dem
Prinzipal generell verborgen bleiben. Nach DIETL (1993) wird eine Handlung nicht allein durch
Beobachtung der Tätigkeit verstanden. Um eine Handlung zu begreifen, muss auch der Sinn
bzw. ihre Absicht erkennbar sein. Demzufolge ist seines Erachtens keine Unterscheidung
zwischen Hidden Information und Hidden Action erforderlich, sondern beide
Informationsasymmetrien werden von ihm unter dem Begriff Hidden Action zusammengefasst.
(Vgl. DIETL, 1993: 138.) In diesem deskriptiv ausgerichteten Kapitel III.1.3.1.2 werden die beiden
Informationsasymmetrien zunächst soweit wie möglich separat voneinander skizziert. Im weiteren
Verlauf der Arbeit (Kapitel III.2) folgt die Verfasserin jedoch der Vorgehensweise von DIETL
(1993) und verzichtet auf eine strikte Trennung zwischen den beiden Informationsasymmetrien.
72 Vgl. HOLMSTRÖM, 1979: 88. Bezogen auf das Arbeitsverhältnis tritt opportunistisches Verhalten
nach Vertragsabschluss sowohl infolge asymmetrischer Information als auch spezifischer
Investitionen auf. Da sich die vom Arbeitnehmer erbrachte Leistung nur unvollkommen
beobachten lässt, entsteht das Problem des moralischen Risikos. Die Überwachung von
Arbeitnehmern ist zwar grundsätzlich möglich, kann aber aus Kostengründen nur in
beschränktem Maße erfolgen. Vgl. hierzu auch RICHTER/FURUBOTN, 1996: 150.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 147
Für dieses opportunistische Verhalten des Delegationsempfängers werden in der
Literatur zwei agenturtheoretische Terminologien verwendet:73 (1) Shirking und
(2) Consumption on the job. Der erste Begriff wird vornehmlich dann verwandt, wenn
sich die Führungskraft zumindest in Grenzen vor personalwirtschaftlicher Entschei-
dungsübernahme oder der Personalarbeit vor Ort drückt. Hingegen bezeichnet der
zweite Term den Fall, in dem am Arbeitsplatz eigene Zielvorstellungen auf Kosten
des Unternehmens verwirklicht werden. Der Delegationsempfänger wird hierbei
solange sein Engagement zurückhalten, reduzieren und Ressourcen zweckentfrem-
den, wie die delegierten Entscheidungs- und Aufgabenkomplexe nicht unmittelbar
seinen eigenen Interessen entsprechen. Aus der Informationsasymmetrie der Hid-
den Action und Hidden Information entsteht das Delegationsproblem des Mo-
ral Hazard dann, wenn der Delegierende das Entscheidungsverhalten und -handeln
nicht beobachten oder bewerten und infolgedessen nur schwer in den arbeitsrechtli-
chen Vertragsvereinbarungen berücksichtigen kann.74 Der Begriff des Moral Hazard
weist darauf hin, dass „... people cannot be counted on to do what they say they are
going to do, and their failure to do so manifests itself in market organization [prices
and in contractual arrangements].“75 Nichtsdestotrotz sieht das Unternehmen nicht
von einer Delegation ab, denn auch bei bestehender Moral Hazard-Gefahr „… [are]
all parties .. better off making the transactions than they would have been without
them.“76
Lösungsmöglichkeiten für das Moral Hazard-Problem liegen in der ständigen Beo-
bachtung des Entscheidungshandelns sowie in der Berücksichtigung antizipierter
Verhaltensweisen bei der Vertragsvereinbarung. Unter Berücksichtigung der an-
fallenden Überwachungs- oder Kontrollkosten versucht der Delegierende, eine für ihn
73 Vgl. BREID, 1995: 832; EBERS/GOTSCH, 2002: 213; ELSCHEN, 1991: 1005.
74 Vgl. DIETL, 1993: 148. HOLMSTRÖM (1982) konkretisiert dies wie folgt: „Moral hazard refers to the
problem inducing agents to supply proper amounts of productive inputs when their actions cannot
be observed and contracted for directly.“ (HOLMSTRÖM, 1982: 324.) In diesem Zusammenhang
nennt HOLMSTRÖM (1979) als einen möglichen Grund für das Auftreten von Moral Hazard die
Verlagerung von Entscheidungskompetenz und Verantwortung (vgl. HOLMSTRÖM, 1979: 74).
75 ALCHIAN/WOODWARD, 1987: 116 sowie ALCHIAN/WOODWARD, 1988: 68.
76 ALCHIAN/WOODWARD, 1987: 116. Nach ALCHIAN/WOODWARD (1988 und 1987) ist das Ausmaß
dieser Form der Verhaltensunsicherheit von zwei Faktoren abhängig: (1) von der Plastizität der-
jenigen Ressourcen, die dem Agenten zur Verfügung stehen, und (2) von den Überwachungs-
möglichkeiten und -kosten des Prinzipals. Eine Ressource gilt dann als plastisch, wenn ihre
Verwendungsmöglichkeiten zahlreich und vielschichtig sind. (Vgl. ALCHIAN/WOODWARD, 1988: 69;
ALCHIAN/WOODWARD, 1987: 116f. Vgl. hierzu auch FURUBOTN/RICHTER, 1991: 21.) „We call
resources or investments "plastic" to indicate there is a wide range of legitimate decisions
[discretionary] within which the user may choose, or that an observer can less reliably monitor the
choice”. (ALCHIAN/WOODWARD, 1987: 117; ALCHIAN/WOODWARD, 1988: 69.) Ferner ist den Autoren
zufolge eine Ressource um so plastischer, je schwieriger es ist, Art und Umfang ihrer Nutzung zu
148
optimale dezentrale Entscheidungsstruktur zu finden;77 er realisiert eine so genannte
Second Best-Lösung. Alternativ kann er die Linienkraft aber auch an jenen Folgen
beteiligen, die das opportunistische Entscheidungsverhalten innerhalb des
Unternehmens auslöst. Diese Vorgehensweise einer direkten Interessenannäherung
ist der Überwachung dann vorzuziehen, wenn (1) das opportunistische Entschei-
dungsverhalten nur unter Inkaufnahme extrem hoher Kontroll- und Überwachungs-
kosten eingeschränkt werden kann und wenn (2) aufgrund fehlender Überwa-
chungsmöglichkeiten eine Interessenangleichung nur äußerst schwierig möglich ist.78
1.3.1.3 Hidden Intention und Hold Up
Hidden Intention liegt ebenfalls vor, wenn der Delegierende ex ante nicht antizipieren
kann, wie sich die Linienkraft im Laufe der Delegationsbeziehung verhalten wird. Von
dieser spezifischen Form der Informationsasymmetrie wird genau dann gesprochen,
wenn Opportunismus nicht verborgen bleibt, sondern offen zutage tritt, der Delegie-
rende dies aber dennoch nicht verhindern kann.79 Hidden Intention wird dann zu
einem Problem mit ex post-Charakter, wenn der Delegierende irreversible Investitio-
nen getätigt hat, von denen er sich ein gewisses Entscheidungsverhalten erwartet,
wenngleich dieses erwartete Verhalten nicht explizit vereinbart wurde. Die mit den
irreversiblen Investitionen verbundenen Kosten bezeichnet man als Sunk Costs, wo-
bei die Rentabilität dieser Investitionen vollständig vom Verhalten des Delegations-
empfängers abhängig sind. Analog zu den bereits dargestellten Informationsasym-
metrien ist die Unternehmensleitung ex post nicht in der Lage, die Führungskraft in
der Linie zu interessenkonformem und loyalem Verhalten zu bewegen. Es besteht
beurteilen. Nur wenn Ressourcenplastizität gegeben ist und außerdem die Kontrollmöglichkeiten
des Prinzipals eingeschränkt sind, tritt das Delegationsrisiko auf.
77 Vgl. hierzu auch JENSEN/MECKLING (1976), die betonen: „.. these costs (monitoring, bonding and
'residual loss') are an unavoidable result of agency relationship. Furthermore, since they are
borne entirely by decision maker (...) responsible for creating the relationship he has incentives to
see that they are minimized (because he captures the benefit from their reduction).”
(JENSEN/MECKLING, 1976: 328.)
78 Vgl. DIETL, 1993: 148.
79 BREID (1995) konstatiert, das die Informationsasymmetrie der Hidden Intention eine Art
Zwischenstellung zwischen Hidden Information und Hidden Characteristic einnimmt. „Dabei
[Hidden Intention] handelt es sich anders als bei der hidden information nicht bzw. nicht allein um
einen Kenntnisvorsprung bezüglich der entscheidungsrelevanten Information, sondern um die
einer Partei [Prinzipal] bis zum Entscheidungszeitpunkt verborgenen Verhaltensmerkmale der
anderen Partei [Agent], die aber im Unterschied zu den hidden characteristics deren Willen
unterliegt (...).“ (BREID, 1995: 825.) Im Gegensatz zu BREID (1995) der in diesem Kontext betont,
dass insbesondere aufgrund dieser Abgrenzungsschwierigkeiten die Hidden Intention-Probleme
in den Agenturmodellen keine gesonderte Betrachtung gefunden haben, hebt SPREMANN (1990)
die Bedeutsamkeit dieser Form asymmetrischer Informationsverteilung hervor. Er betont, dass „...
der Grundtyp des Holdup als eigenständiges Phänomen asymmetrischer Information nicht
übersehen werden darf.“ (SPREMANN, 1990, 563.) Die Verfasserin folgt der Auffassung von
Mechanismen zur Koordination und Motivation 149
folglich die Gefahr, dass die auf den getätigten Investitionen basierende Abhängig-
keitssituation erkannt und in opportunistischer Weise ausgenutzt wird. Die Gründe für
die Ausnutzung des eröffneten Entscheidungsspielraums sind mannigfaltig:
bewusster Opportunismus, Risikoabwälzung oder einfache Unbedachtheit.80
Kennzeichen der Hidden Intention ist, dass das willentliche Verhalten und „opportu-
nistische Ausnutzen von Vertragslücken“81 nicht verborgen bleibt, sondern sich dem
Delegierenden offen zeigt. Die Folge ist der so genannte Einsperrungseffekt oder das
Hold Up-Risiko, da der Delegierende viel höhere spezifische Investitionen getätigt hat
als der ausführende Träger der Personalarbeit.
Das Ausmaß, inwieweit der Prinzipal auf den Agenten angewiesen ist, bestimmt sich
durch die Abhängigkeit von der zu erbringenden (Dienst-)Leistung. In der Literatur
werden hierfür die Kriterien der Ressourcenabhängigkeit, -einmaligkeit und
-entziehbarkeit herangezogen, wobei sich der Begriff Ressource auf den vereinbar-
ten Vertragsinhalt bezieht.82 Hiernach ist eine Ressource von einer anderen abhän-
gig, sobald sie nach Entzug an Wert verliert, da sie in Verbindung mit der anderen
Ressource nicht mehr genutzt werden kann. Demgegenüber heißt eine Ressource
einmalig, wenn andere Ressourcen von ihr abhängig sind.83 Die Hold Up-Gefahr ist
in Situationen einseitiger Abhängigkeit ungleich höher als in wechselseitigen Abhän-
gigkeitsverhältnissen. Ein Agent, der dem Prinzipal gegenüber einmalige und unab-
hängige Ressourcen besitzt, verfügt über weitaus größere Möglichkeiten opportunis-
tischen Verhaltens als ein Agent, dessen Ressourcen in Bezug auf die des Prinzipals
nicht nur einmalig, sondern auch abhängig sind. In der letztgenannten Konstellation
ist der Agent auf den Prinzipal ebenso angewiesen wie umgekehrt und deshalb in
seinem Opportunismus eingeschränkt; es besteht eine wechselseitige Prinzipal-
Agent-Beziehung.84 Gelingt es dem Prinzipal, durch eine entsprechende Vertrags-
SPREMANN (1990) und charakterisiert daher Hidden Intention als eigenständige Erscheinung
asymmetrischer Informationsverteilung.
80 Vgl. SPREMANN, 1990: 570. Vgl. hierzu auch die Gegenüberstellung agentur- und transaktions-
kostentheoretischer Terminologie bei TERBERGER, 1994: 112f.
81 Vgl. GOLDBERG, 1976: 439f.
82 Vgl. ALCHIAN/WOODWARD, 1987: 113f. und 1988: 67f.; ferner DIETL, 1993: 141.
83 „If a resource can leave the team without cost or loss of is value, ... it is independent or is not
team-specific, or is “redeployable”. But if the remaining resources would lose by its departure,
they are dependent (...) on it, and to them, the departing resource is unique because they cannot
replace it without loss.” (ALCHIAN/WOODWARD, 1988: 68.) Abhängigkeit und Einmaligkeit sind
keine Eigenschaften, die sich gegenseitig ausschließen: Es gibt Ressourcen, die sowohl
abhängig als auch einmalig sind, was sich in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis
widerspiegelt. Hingegen bestehen einseitige Abhängigkeitsverhältnisse dann, wenn die
betreffenden Ressourcen abhängig, aber nicht einmalig bzw. einmalig aber nicht zugleich
unabhängig sind.
84 Diese Ausführungen zur Gefahr des Hold Up behalten ihre Gültigkeit jedoch nur so lange, wie die
als einmalig bezeichneten Ressourcen beliebig und weitgehend kostenlos aus der
150
gestaltung eine gegenseitige Abhängigkeit herzustellen, kann der Entscheidungs-
spielraum des Agenten in eine vom Prinzipal gewünschte Richtung gelenkt werden
und somit das Risiko des Hold Up begrenzt werden. Durch vertragliche Zusagen von
z.B. Pensionen, Abfindungen oder ähnliche Gegenleistungen, deren Inanspruch-
nahme an bestimmte zu erbringende Ergebnisse geknüpft wird, lässt sich eine
bilaterale Hold Up-Situation erzeugen.85 Einen Überblick über die situationsbedingte
Hold Up-Gefahr unter Berücksichtigung von Abhängigkeit, Einmaligkeit und Entzieh-
barkeit liefert Tabelle 8.
Ressourcen des Delegationsempfängers
abhängig einmalig und leicht
entziehbar einmalig und nicht bzw.
schwer entziehbar
abhängig
Gefahr
des Hold Up
durch den
Delegationsempfänger
Keine bzw. geringe
Gefahr des Hold Up
durch den Delegations-
empfänger
einmalig und
leicht
entziehbar
Gefahr
des Hold Up
durch den
Delegierenden
Wechselseitiges Ab-
hängigkeitsverhältnis:
Gefahr des Hold Up
begrenzt
Gefahr
des Hold Up
durch den
Delegierenden
Ressourcen
des
Delegie-
renden
einmalig und
nicht bzw.
schwer
entziehbar
Keine bzw. geringe
Gefahr des Hold Up
durch den
Delegierenden
Gefahr
des Hold Up
durch den
Delegationsempfänger
Keine/geringe Gefahr
des Hold Up durch
Delegierenden und
Empfänger
Tabelle 8: Situationsbedingte Gefahr des Hold Up unter Berücksichtigung von
Ressourcenabhängigkeit, -einmaligkeit und -entziehbarkeit86
Gelingt es der Unternehmensleitung in der Rolle des Prinzipals, das jeweilige Aus-
maß an Abhängigkeit zu identifizieren, kann durch eine gezielte Veränderung der
Delegationsbeziehung dem Hold Up entgegengewirkt werden.87 Trotz der aufgezeig-
ten Hold Up-Gefahr gilt auch für diese Form der Informationsasymmetrie, dass die
personalwirtschaftlichen Träger bereit und gewillt sind, dezentrale Entscheidungs-
strukturen in der Personalarbeit zu etablieren.88
Leistungsbeziehung zurückgezogen werden können. Über diese Eigenschaft verfügt z.B. die
Humanressource, welches für den weiteren Verlauf der Arbeit von Wichtigkeit ist.
85 Vgl. hierzu auch SPREMANN, 1990: 580.
86 Quelle: In Anlehnung an DIETL, 1993: 143. Vgl. hierzu auch die Übersicht über Gestaltungs-
empfehlungen zur Koordination latenter Abhängigkeiten bei DIETL, 1995: 580.
87 Vgl. DIETL, 1993: 151.
88 Vgl. hierzu beispielsweise KLEIN (1997), der die Hold Up-Gefahr anhand des oft zitierten
Beispiels der Prinzipal-Agent-Beziehung zweier Industriepartner erläutert: „General Motors and
Mechanismen zur Koordination und Motivation 151
1.3.1.4 Vergleichende Zusammenfassung der Delegationsprobleme
Die skizzierten möglichen Delegationsprobleme „... werden in der Literatur üblicher-
weise mittels verschiedener Typen von Informationsasymmetrien klassifiziert, die
nicht [immer] überschneidungsfrei abzugrenzen sind und in der Realität häufig
gemeinsam auftreten (...).“89 Die Tabelle 9 liefert eine Gegenüberstellung und einen
zusammenfassenden Überblick über die der Dezentralisierung der Personalarbeit
zugrunde liegenden Informationsasymmetrien, die hieraus resultierenden Delegati-
onsprobleme sowie über Gestaltungsempfehlungen und Handhabungsmöglichkeiten.
Informations-
asymmetrie
Unterscheidungs-
kriterium
Hidden
Characteristic
Hidden
Action und Hidden
Information
Hidden
Intention
Informationsproblem
seitens Unternehmens-
leitung und/oder zent-
raler Personalabteilung
Qualitätseigenschaften
der Leistung des Delega-
tionspartners
ex ante unbekannt
Anstrengungen des
Delegationspartners
ex post nicht
beobachtbar
Absichten des
Delegationspartners
ex ante unbekannt
Problemursache oder
wesentliche Einfluss-
größe
Verborgenheit von
Eigenschaften Ressourcenplastizität,
Überwachungs-
möglichkeiten
und -kosten
Ressourcenabhängigkeit,
-einmaligkeit und
-entziehbarkeit
Verhaltensspielraum
der Führungskraft in
der Linie
vor
Vertragsabschluss nach
Vertragsabschluss nach
Vertragsabschluss
Verhaltensunsicherheit
und Delegations-
problem
Adverse Selection Moral Hazard Hold Up
Art der Problem-
bewältigung Beseitigung der Informa-
tionsasymmetrie durch
Signalling, Screening
bzw.
Interessenangleichung
Interessenangleichung
bzw. Reduzierung der
Informationsasymmetrie
durch Monitoring
Interessenangleichung
Tabelle 9: Delegationsrisiken und agenturtheoretische Gestaltungsempfehlungen90
Zusammenfassend kann ausgesagt werden, dass die Verhaltensunsicherheit
Hidden Characteristic vorliegt, wenn dem Delegierenden vor Eingehen der arbeits-
Fisher were aware of the hold-up problems inherent in their relationship, and both ... had to have
been aware that the contract they adopted to solve their hold-up problem was "defective" in the
sense that it contained obvious malincentives. Yet General Motors and Fisher adopted this
incomplete and imperfect contract because they believed it would have been more costly to write
a more complete and perfect contract.“ (KLEIN, 1997: 66.)
89 BREID, 1995: 824.
90 Quelle: In Anlehnung an PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 88. Vgl. hierzu auch DIETL, 1993: 144; SPRE-
MANN, 1990: 572, und die Übersicht bei KIENER, 1990: 24 sowie KLEIN, 1997: 81f.
152
vertraglichen Beziehung relevante Eigenschaften der Linienkraft verborgen bleiben.
Die überwiegende Anzahl agenturtheoretischer Forschungsbeiträge stellt jedoch auf
die gleichförmigen Asymmetrien von Hidden Action und Hidden Information ab. Bei
der Hidden Action kommt es nach der Vertragsvereinbarung zu einem abweichenden
Informations- und Wissensstand: Die Unternehmensleitung bzw. der zentral
agierende Personalspezialist kann zwar das Entscheidungsergebnis beobachten,
aufgrund bestehender Kontextfaktoren und Umwelteinflüsse aber nicht eindeutig auf
die Entscheidungsqualität bzw. das Aktivitätenniveau der Linienkraft schließen.
Hingegen lässt sich das Entscheidungshandeln und -verhalten bei der
Verhaltensunsicherheit der Hidden Information zwar beobachten, jedoch nicht
bewerten, sodass die Linienkraft den bestehenden Informationsvorsprung für
eigennutzenmaximierendes Handeln ausnutzt. Sind der Unternehmensleitung die
Absichten der Führungskraft in der Linie nach vertraglicher Fixierung der Delegati-
onsbeziehung nicht umfassend bekannt und wirken sich diese gegebenenfalls nega-
tiv auf das Entscheidungsverhalten aus, dann liegt Hidden Intention vor. Die Mög-
lichkeiten des Angleichens bestehender Informationsgefälle durch Signalling und
Screening sowie Formen der Überwachung bzw. des Monitorings wurden in den
vorangegangenen Kapiteln III.1.3.1.1, III.1.3.1.2 und III.1.3.1.3 dargelegt.
1.3.2 Koordinations- und Motivationsmechanismen
Zur Handhabung der Delegationsprobleme bedarf es aus der Sicht der Unterneh-
mensleitung einer effizienten arbeitsvertraglichen Gestaltung.91 Das Hauptaugen-
merk agenturtheoretischer Forschung liegt dabei auf der Gestaltung und Implemen-
tierung von Governance Mechanisms, um bei möglichst geringen Kosten die
vielschichtigen Delegationsrisiken zu begrenzen. Die Herausforderung, die sich hier-
bei stellt, liegt in der Ausgewogenheit von kontrollierenden Koordinationsmechanis-
men auf der einen und motivationsfördernden Anreizmechanismen auf der anderen
Seite.92 Im Kontext der Entscheidungsdelegation bedeutet Koordination die Ausrich-
tung von Einzelentscheidungen und -aktivitäten auf ein übergeordnetes Gesamtziel.93
91 Vgl. FAMA, 1980: 304.
92 Vgl. ERLEI/JOST, 2001: 36f., ferner WISEMAN/GOMEZ-MEJIA, 1998: 133; MILGROM/ROBERTS, 1992:
25 und 126.
93 Die Notwendigkeit der Koordination wird durch das grundlegende Dilemma arbeitsteiliger
Systeme gekennzeichnet: Die begrenzte quantitative und qualitative Kapazität einer einzelnen
Organisationseinheit – der zentralen Personalabteilung – bedingt die Aufteilung eines komplexen
Gesamtproblems, die Delegation an nachgelagerte Einheiten und die isolierte Entwicklung von
Teillösungen. Auf der anderen Seite erfordert das Streben nach einer möglichst weitgehenden
Verwirklichung des übergeordneten Gesamtziels die integrierte Abstimmung aller Teilaktivitäten,
d.h. die Integration der Handlungen der dezentral agierenden Linienkräfte. LAUX/LIERMANN
(1987b) zufolge ist Koordination immer dort notwendig, wo interdependente Entscheidungs-
Mechanismen zur Koordination und Motivation 153
Der Begriff der Motivation zielt auf die Bereitschaft und den Willen zur Erbringung
von erwartetem bzw. vereinbartem Verhalten und spiegelt sich in der Einhaltung
unternehmerischer Spielregeln und organisatorischer Grundsätze wider.94 Während
die Koordination mittels Kompetenzzuordnung und Kommunikationsregeln den
Spielraum für individuelle Entscheidungen gestaltet und begrenzt, richtet sich die
Motivation auf das Schaffen von Anreizen und auf den Einsatz impliziter Verhaltens-
steuerung. Gerade diese Kombination koordinierender und motivierender Mecha-
nismen ist notwendig, um eine effiziente Abstimmung innerhalb der unternehmens-
spezifischen Organisations- und Entscheidungsstruktur gewährleisten zu können.95
Folgende Grundarten der Koordination und Motivation von dezentralem Entschei-
dungsverhalten sind denkbar:96 (1) Der Delegierende hat die Möglichkeit, über eine
direkte Verhaltenssteuerung loyales Verhalten zu erziehen, d.h. die Einhaltung
prozesse in ihrer potentiell dysfunktionalen Wirkung beschränkt und auf das übergeordnete Ziel
des Gesamtsystems ausgerichtet werden müssen. (Vgl. LAUX/LIERMANN, 1987b: 807.) Mit Blick
auf den in Kapitel II.3 entwickelten dezentralen Entscheidungsrahmen wird zwischen horizontaler
und vertikaler Koordination unterschieden. Während bei der horizontalen Koordination im
Abstimmungsprozess gleichrangige Organisationseinheiten berücksichtigt werden, bezieht sich
die vertikale Koordination auf die Ausrichtung der nachgeordneten Entscheidungsinstanzen auf
die übergeordnete Gesamtheit (vgl. hierzu beispielsweise RÜHLI, 1992: 1166). Im Rahmen der
vorliegenden Arbeit steht die vertikale Koordination im Vordergrund der Betrachtung. Die zu
beantwortende Frage zielt darauf, wie dezentrale (Teil-)Entscheidungen, Handlungen und
Aktivitäten der Führungskraft auf die Unternehmensziele und personalpolitischen Grundsätze
abgestimmt werden können.
94 Vgl. KLEINBECK /QUAST, 1992: 1420. Ferner vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 8; MILGROM/ROBERTS,
1992: 25ff. Das Koordinationsproblem der Ausrichtung von Aktivitäten betrieblicher
Entscheidungsträger auf das Unternehmensziel gestaltet sich um so komplexer, (1) je differen-
zierter sich das Organisationssystem gestaltet, (2) je größer die wechselseitige Abhängigkeit
zwischen den einzelnen Entscheidungen ist und (3) je vielschichtiger die Entscheidungen
ausgelegt sind. Vgl. LAUX/LIERMANN, 1987b: 807; auch RÜHLI, 1992: 1165; FRESE, 1992: 1706ff.
Die Nichterfüllung der vereinbarten Arbeitsinhalte und –regeln im Sinne des Motivationsproblems
ist hingegen um so größer, je geringer die Anreizkompatibilität des Unternehmens ist, d.h. je
weniger die persönlichen Nutzenvorstellungen der Linienkraft mit den personalpolitischen Zielen
übereinstimmen (vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 8).
95 Vgl. Frese/Werder, 1993: 12. In diesem Zusammenhang gibt FRESE (1992) zu bedenken, dass
eine vollkommene Abstimmung arbeits- und entscheidungsteiliger Systeme ein Idealzustand ist,
welcher unter Berücksichtigung ökonomischer Kriterien wie Koordinationskosten – bzw. im
Rahmen der vorliegenden Arbeit Agenturkosten – nur näherungsweise zu realisieren ist.
Unvollkommenheit in der Abstimmung gilt als Merkmal jeder organisatorischen Regelung (vgl.
FRESE, 1992: 1707).
96 Vgl. hierzu beispielsweise auch LEVINTHAL, 1988: 155f. JENSEN/MECKLING (1976) untergliedern
Überwachungs- und andere Kontrollmechanismen in ihrem die agenturtheoretische Diskussion
bestimmenden Artikel wie folgt: „These methods include auditing, formal control systems, budget
restrictions, and the establishment of incentive compensation systems which serve to more
closely identify the manager’s interests with those of the outside equity holders, ...“
(JENSEN/MECKLING, 1976: 323.) In einer späteren agenturtheoretischen Arbeit verweist JENSEN
(1983) auf eine Dreiteilung möglicher Kontroll- und Koordinationsmechanismen: „In developing
our coordination and control course, we have arrived at a three-part taxonomy to characterize
organizations: 1. the performance measurement and evaluation system, 2. the reward and
154
vertraglich vereinbarter Verhaltensnormen zu kontrollieren und deren Verletzung zu
sanktionieren (Kapitel III.1.3.2.1). (2) Zur Bewältigung der Delegationsprobleme kann
der Delegierende grundsätzlich auf eine Verbesserung des Informations- und Kom-
munikationssystems zurückgreifen, wodurch er sein Wissen über das Entschei-
dungsverhalten steigern kann (Kapitel III.1.3.2.2). (3) Eine weitere Möglichkeit der
Disziplinierung besteht darin, über unmittelbare Kontrolle und Überwachung rele-
vante Informationen über das Entscheidungsverhalten und dessen Qualität zu
erhalten (Kapitel III.1.3.2.3). (4) Ferner hat der Delegierende die Möglichkeit, Anreize
für die Erfüllung jener Ziele zu setzen, die dem Bestand und Fortkommen des Unter-
nehmens dienen (Kapitel III.1.3.2.4). Bereits diese kurz skizzierte Systematisierung
möglicher Koordinations- und Motivationsmechanismen zeigt, dass eine überschnei-
dungsfreie Darstellung nicht möglich ist.97
1.3.2.1 Explizite und implizite Verhaltensnormen
Simon (1991) zufolge besteht ein Delegationsvertrag aus einer Vielzahl expliziter und
impliziter Verhaltensnormen, die den Handlungsspielraum des Delegationsempfän-
gers einschränken: „These boundaries define the “zone of acceptance” within which
an employee can be expected to obey orders. The zone of acceptance is also some-
times called a “zone of indifference”, for the choice among alternative behavior, while
of major importance to the employer, may be of little or no concern to the
employee.”98
Explizite Verhaltensnormen werden im Allgemeinen als bedingte Weisungen formu-
liert und schreiben dem Entscheidungsträger eindeutig vor, welche Aktivitäten
auszuführen bzw. welche Handlungen zu unterlassen sind.99 Der Linienkraft werden
Normen und Regelungen vorgegeben, die bestimmtes beobachtbares Entschei-
dungshandeln vorschreiben oder verbieten. Durch diese Verhaltensnormen lassen
sich die mit Hidden Action, Hidden Information und Hidden Intention verbundenen
Risiken begrenzen. Zugleich bedingt die direkte Verhaltenssteuerung aber auch eine
sehr starke Einschränkung des Entscheidungsspielraums des dezentral agierenden
Trägers. Diese Begrenzung kann jedoch dazu führen, dass Entscheidungen nicht
ausgeführt oder Informationen nicht weitergegeben werden, obwohl dieses für die
unternehmerische Zielerreichung von Nutzen wäre. Dem Delegierenden entstehen
Kosten für die Planung und Konzeption sowie für die explizite Darstellung der Ver-
punishment system, 3. the system for partitioning and assigning decision rights among
participants in the organization.“ (JENSEN, 1983: 325.)
97 Die Beschreibung der nachfolgenden Mechanismen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
98 SIMON, 1991: 31.
99 Vgl. LAUX, 1990: 2ff.; LAUX, 1989: 522; WENGER/TERBERGER, 1988: 507.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 155
haltensnormen. Außerdem treten immer wieder Ereignisse ein, die bei der Formulie-
rung expliziter Verhaltensnormen ex ante nicht erkannt worden sind und somit Aus-
nahmeregelungen erfordern.
Infolgedessen kann die Vorgabe oder Vereinbarung von Zielen als eine weitere ver-
haltenssteuernde Maßnahme bei der Bewältigung auftretender Delegationsprobleme
helfen: Die zentrale Personalabteilung gibt nicht für alle möglichen Eventualitäten
eine explizite Handlungsanweisung vor, sondern setzt oder vereinbart vielmehr ein
Ziel, an welchem die Führungskraft der Linie ihr Verhalten auszurichten hat. Im
Rahmen dieser impliziten Verhaltensnormen kann der Entscheidungsträger nach
freiem Ermessen darüber befinden, welche Entscheidungen im Hinblick auf das
gegebene Ziel erfolgversprechend erscheinen und welches Entscheidungshandeln
den Zielvorgaben des Unternehmens zuwiderläuft. Insbesondere partizipative Bud-
getierungsprozesse lassen sich als Versuch interpretieren, bestehende Informati-
onsasymmetrien aufzudecken und Entscheidungen dezentraler Träger besser beur-
teilen zu können.100 Eine weitere Möglichkeit der impliziten Verhaltenssteuerung
besteht darin, die Wertvorstellungen des Entscheidungsträgers derart zu prägen,
dass die Bereitschaft gestärkt wird, persönliche Ziele zurückzustellen und das Ent-
scheidungshandeln an den Organisationszielen bzw. an der Personalpolitik auszu-
richten. Eine gezielt gestaltete und vorbildlich gelebte Organisations- und Unterneh-
menskultur sozialisiert den Delegationsempfänger und trägt dazu bei, das Entschei-
dungsverhalten an den Unternehmens- und personalpolitischen Zielen zu
orientieren.101
1.3.2.2 Informations- und Kommunikationsmechanismen
Die der Delegationsbeziehung zugrunde liegende asymmetrische Informationsver-
teilung kann der zentral agierende Personalspezialist zumindest teilweise dadurch
beheben, dass er sich soweit wie möglich Zugang zu fehlenden Informationen ver-
schafft. Durch den gezielten Entwurf und Einsatz von Informations- und Kommunika-
tionssystemen kann er Aufschlüsse über die von der Linienkraft gewählten Tätigkei-
ten erhalten. Zumindest kann dem Moral Hazard-Risiko entgegengewirkt werden,
denn HOLMSTRÖM (1979) weist explizit darauf hin, dass dieses spezifische Delegati-
100 Vgl. hierzu BREID, 1995: 840; LEVINTHAL, 1988: 180. Siehe hierzu auch die Arbeit von
WISEMAN/GOMEZ-MEJIA (1998), in welcher die Verteilung von variabler und fixer Kompensation
auf Grundlage einer Zielvereinbarung in Agenturbeziehungen diskutiert wird (vgl.
WISEMAN/GOMEZ-MEJIA, 1998: 142).
101 Vgl. EISENHARDT, 1985: 148.
156
onsproblem durch die Gewinnung zusätzlicher Informationen gemindert werden
kann.102
Hinsichtlich der Ausgestaltung des Informations- und Koordinationssystems können
unterschiedliche Instrumente gewählt und miteinander kombiniert werden. So bietet
sich beispielsweise zur Identifizierung relevanter Eigenschaften und damit einherge-
hend zur Minimierung des Adverse Selection-Problems die Nutzung von Auskunf-
teien oder Personalinformationssystemen an. Hingegen können delegative Risiken in
Form des Moral Hazard durch klassische Planungs- und Kontrollsysteme reduziert
werden. PICOT (1989) identifiziert praxisrelevante Informations- und Kommunikati-
onssysteme und systematisiert diese mittels Beobachtbarkeit der Input-Output-Rela-
tion und Beeinflussung des Qualitätsrisikos (siehe Tabelle 10).103
Delegationsempfänger kann Qualitätsrisiko
durch Anwendung von Sorgfalt beeinflussen
Ja Nein
Ja Klassische Situation
(betriebliche Planungs- und
Kontrollsysteme)
Orientierung am
technischen Prozess
(Qualitätsinformationen)
Delegierende kann
Input/Output-Zusammen-
hänge beobachten Nein Reputation
(Auskunfteien, Personalinforma-
tionssysteme)
Orientierung am
technischen Output
(Abnahmeverfahren wie Tests,
Drittparteienurteil)
Tabelle 10: Differierende Situationen in der Delegationsbeziehung und die resultierende Ausgestal-
tung von Informations- und Kommunikationssystemen104
Während eine gezielte Informationspolitik zwar das Informationsdefizit minimiert und
zur Überprüfung und Bewertung der Entscheidungsfindung beiträgt, läuft der Dele-
gierende jedoch auch Gefahr, das Moral Hazard-Risiko zu verstärken. Denn die
Verbesserung der Informationslage wirft das Problem auf, dass „… with better pre-
decision information … the agent is able to exploit this information by reducing his
effort when he knows it is difficult for the principal to detect such behavior.“105 Gegen
Informations- und Kommunikationsinstrumente sprechen außerdem die hiermit ver-
bundenen teilweise sehr hohen Kosten, die beim Entwurf und Einsatz unweigerlich
102 Vgl. HOLMSTRÖM, 1979: 89. Vgl. ferner GJESDAL, 1982; HARRIS/RAVIV, 1979.
103 Vgl. PICOT, 1989: 371. Beobachtbarkeit der Input-Output-Relation geht der Frage nach, inwieweit
der Prinzipal das Anstrengungsniveau dem Leistungsergebnis bzw. der Entscheidungsqualität
gegenüberstellen kann. Beeinflussung des Qualitätsrisikos fragt danach, inwieweit der Agent
mittels Sorgfalt einen Einfluss auf die Qualität ausüben kann.
104 Quelle: In Anlehnung an PICOT, 1989: 371.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 157
entstehen, sowie die sich stückweise ergebende Rückdelegation von Entschei-
dungsverantwortung.106
1.3.2.3 Kontroll- und Überwachungsmechanismen
Der gezielte Einsatz von Kontroll- und Überwachungssystemen hilft ebenfalls, Risi-
ken wie Moral Hazard zu begrenzen. Die Unternehmensleitung erhält durch ihren
Einsatz zumindest einen annähernden Überblick über das Entscheidungsverhalten
der Führungskraft vor Ort und kann sich ein Bild über die tatsächlichen Fertigkeiten
und Fähigkeiten machen.107 Folgt man den Ausführungen von EISENHARDT (1985),
dann können folgende Kontroll- und Überwachungsmechanismen identifiziert wer-
den:108 (1) Die Vorgabe von sehr einfachen Routinen, die es ermöglichen das Ent-
scheidungsverhalten zu kontrollieren und die Anreizmechanismen am Verhalten zu
orientieren. (2) Der Einsatz simpler Kontroll- und Überwachungssysteme bei der
Delegation mehrschichtiger Entscheidungsprozesse. (3) Investitionen in ein aufwen-
diges Informations- und Budgetierungssystem mit verhaltensorientierter Belohnung,
wenn komplexe und damit auch interessante Personalentscheidungen delegiert wer-
den.109 Die Entlohnung der Linienkraft erfolgt dann nicht verhaltensorientiert, sondern
orientiert sich an den Ergebnissen der Arbeit.110
Das primäre Ziel von Kontrolle und Überwachung liegt darin, die opportunistischen
Verhaltensweisen einzudämmen und Fehlentscheidungen der personalwirtschaftli-
chen Entscheidungsträger aufzudecken. Ferner dienen Kontrollen dazu, die von den
Anreizsystemen ausgehenden Verhaltenswirkungen zu überwachen und die Ausprä-
105 LEVINTHAL, 1988: 179.
106 Vgl. PICOT/NEUBURGER, 1995: 18.
107 Vgl. ARROW, 1991: 45f.
108 Vgl. EISENHARDT, 1985: 147f. In ihrer empirischen Studie analysiert EISENHARDT (1985) Entgelt-
praktiken und Kompensationsstrategien von insgesamt 54 Verkäuferinnen und Verkäufern im
Einzelhandel. Zu den Ergebnissen der Feldstudie zählen Aussagen zur Gestaltung von Kompen-
sationssystemen sowie Belohnungspaketen und zur Gestaltung von Leistungsbeurteilungs-
systemen sowie Kontroll- und Überwachungssystemen (vgl. EISENHARDT, 1985: 140ff.).
109 In diesem Zusammenhang betont EISENHARDT (1985), dass “... outcome based control, is used
because of its motivation effects when behaviors are difficult to observe, and in spite of risk
sharing problems.“ (EISENHARDT, 1985: 148.) Orientieren sich die mit den Kontroll- und
Überwachungsmechanismen verbundenen Anreize an der Arbeitsmenge und -qualität, dann
kann eine stärkere Übernahme von Verantwortung und unternehmerischem Risiko seitens des
Agenten erzielt werden: „In this view, control system measures and rewards, not only motivate
behavior, but also alter risk sharing patterns.“ (EISENHARDT, 1985: 137.) Hier zeigt sich auch,
dass die bereits diskutierte Verknüpfung von Mechanismen der Koordination mit denen der
Motivation für ein effizientes Personalmanagement zur Steuerung von Entscheidungsverhalten
unabdingbar ist.
110 FAMA (1980) konstatiert in diesem Zusammenhang, dass insbesondere in einer von starkem
Wettbewerb geprägten Unternehmensumwelt einfache im Sinne von preiswerten Überwachungs-
mechanismen längerfristig Bestand haben: „All one can say is that in a competitive environment
lower-cost sets of monitoring mechanisms are likely to survive.“ (FAMA, 1980: 294.)
158
gungen der Bemessungsgrundlagen zu überprüfen. Dennoch muss auch auf die
kontraproduktive Wirkung von Kontroll- und Überwachungsmechanismen verwiesen
werden. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das durch die Führungskraft
gezeigte Engagement ohne Kontrolle und Überwachung nicht höher wäre und damit
möglicherweise stärker den Unternehmensvorstellungen/-zielen entsprechen würde.
1.3.2.4 Anreizmechanismen
Eine weitere prinzipalseitige Möglichkeit der Interessenangleichung besteht darin,
Anreize zu setzen. Anreizsysteme verfolgen primär zwei Ziele: (1) Der Delegations-
empfänger soll motiviert werden, im Sinne der Unternehmensziele und der Perso-
nalpolitik zu handeln. (2) Das mit der Unsicherheit über Unternehmens- oder
Bereichserfolg zusammenhängende Risiko soll unter Berücksichtigung divergieren-
der Risikoneigung auf die Delegationspartner verteilt werden.
PICOT/DIETL/FRANCK (1997) schlagen für die Reduktion von Hidden Action und Hid-
den Information eine Ergebnisbeteiligung der Linienkraft vor, d.h. die Informations-
angleichung erfolgt z.B. durch ein Prämiensystem oder eine Kapitalbeteiligung.111 Die
Effizienz einer Ergebnisbeteiligung hängt davon ab, inwieweit es gelingt Bezugs-
größen zu finden, die ausschließlich oder zumindest maßgeblich dem Einfluss des
Delegationsempfängers unterliegen und nicht durch externe Größen beeinträchtigt
werden. In jenen Fällen, in denen das Handlungsergebnis nicht vom Einwirken exo-
gener Faktoren isoliert werden kann, hat die Ergebnisbeteiligung eine Risikoabwäl-
zung auf die Linienkraft zur Folge.112 Ferner sollte von einer zu starken Verknüpfung
von Kompensation und Unternehmensleistung Abstand genommen werden, da eine
zu starke Einbeziehung des betrieblichen oder Unternehmensrisikos in die Entgelt-
bestandteile zu einem dysfunktionalen und risikovermeidenden Verhalten der Linien-
kraft führt.113 Nichtsdestotrotz beobachten STROH/BRETT/BAUMANN/REILLY (1996)
gerade in turbulenten Unternehmensumwelten eine intensive Nutzung anreiz- und
111 Vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 88. Vgl. hierzu auch die Ausführungen von EISENHARDT (1985):
„In the case of incomplete information, the principal has two options. The principal can purchase
information about the agent’s behaviors and reward those behaviors. This requires the purchase
of surveillance mechanisms such as cost accounting measures, budgeting systems, or additional
layers of management. Alternatively, the principal can reward the agent based on outcomes (...).
Such outcomes are surrogate measures for behavior.“ (EISENHARDT, 1985: 136.)
112 Vgl. ELSCHEN, 1991: 1009; SIMON, 1991: 33; SPREMANN, 1990: 582. In diesem Kontext weist
DIETL (1993) darauf hin, dass eine über weite Bereiche positive Korrelation zwischen dem
Nutzenniveau des Prinzipals und jenem des Agenten anzustreben ist (vgl. DIETL, 1993: 150).
Ferner betont LEVINTHAL (1988): „Compensation schemes can only be a function of those factors
that are observable to both principal and agent. ... Basing reward structures on a coarse outcome
measure such as profits, imposes the risk on the agent by making his compensation dependent
on many factors that are beyond his control.“ (LEVINTHAL, 1988: 167.)
113 Vgl. BLOOM/MILKOVICH, 1998: 286 und 290f.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 159
leistungsorientierter Bezahlung und begründen dies damit, dass ein hoher variabler
Entgeltanteil der Unternehmensleitung eine größere unternehmerische Flexibilität
sichert.114
Die Linienkraft wird jedoch nur dann bereit sein, unternehmerische Verantwortung für
Personalentscheidungen zu tragen, wenn sie dafür eine vorab vereinbarte Kompen-
sation erhält.115 Diese Art Risikoprämie ist "[i]n the general case of a risk-averse
agent, … a function of the outcome, in order to supply incentives, …“116 und um so
höher anzusetzen, je größer das Erfolgsrisiko und je höher die Risikoaversion der
Führungskraft in der Linie sind. Zusammenfassend bedeutet dies: Je höher der
Erfolgsanteil der Linienkraft, desto stärker ist zwar auch die Zielkongruenz, desto
größer sind aber auch der von ihr geforderte Entgeltbestandteil und die damit ent-
stehenden Delegationskosten. Aus agenturtheoretischer Sicht besteht das Kern-
problem darin, Anreizsysteme zu konstruieren, die in Abhängigkeit von der Risiko-
einstellung der Vertragspartner sowie von den Informationsmöglichkeiten der Unter-
nehmensleitung als optimal gelten.117 Problematisch gestaltet sich ein erfolgs-
orientiertes Anreizsystem jedoch dahingehend, dass die Anreize stets mit jenen
Entscheidungshandlungen der Linienkraft zu koppeln sind, die von beiden Vertrags-
114 Vgl. STROH/BRETT/BAUMANN/REILLY, 1996: 753. „When organizations were particularly turbulent,
characterized by high levels of risk and uncertainty, they did not buffer their managers’ risk by
paying them a risk premium ( a higher total cash compensation). Rather, our data showed that
organizations in which turbulence was greater shifted the financial risk to their managers by
paying proportionately higher levels of variable pay. Regardless of whether tasks are pro-
grammable or not, in turbulent environments organizations choose to use variable compensation
strategies apparently to better deal with their own turbulence-imposed risk. Organizations shift
the risk to the managers in form of variable pay, as predicted by classical organization theory.“
(STROH/BRETT/BAUMANN/REILLY, 1996: 762.)
115 Der Trade Off zwischen optimaler Risikoteilung und Motivation zu höherem Arbeitseinsatz ist
Kern vieler Untersuchungen. Für den Einfluss unterschiedlicher Risikoneigungen auf die Auswahl
von Anreizsystemen gilt: Höhere Risikoaversion beim Agenten begünstigt ceteris paribus
verhaltensorientierte Bestandteile in Anreizsystemen, weil sich dann die Risikoteilung durch
ergebnisorientierte Anreizsysteme für den Prinzipal verteuert. Hingegen wird ein ergebnis-
orientiertes Anreizsystem als Lösung des Delegationsproblems gesehen, je risikofreudiger der
Agent ist. Da gerade im strategischen Kontext Probleme der Hidden Action und Hidden
Information i.d.R. gemeinsam auftreten, gewinnen verhaltensorientierte Anreiz- und
Kontrollsysteme bei hoher Risikoaversion der Entscheidungsträger an Gewicht. (Vgl. hierzu
ELSCHEN, 1991: 1008; ferner BREID, 1995: 846.)
116 ARROW, 1991: 44f. Vgl. ferner die empirische Studie von BEATTY/ZAJAC (1994) zu den Aus-
wirkungen des Risikoverhaltens von Unternehmensleitung und Führungskraft auf die Gestaltung
des Entgelt-/Anreizsystems (vgl. BEATTY/ZAJAC, 1994: 325).
117 Vgl. PICOT/NEUBURGER, 1995; DIETL, 1993: 150. Mit diesem Problem der Anreizgestaltung
beschäftigt sich vorwiegend die normative Richtung der Prinzipal-Agent-Theorie, die zumeist
anhand von mathematischen Modellen für unterschiedliche Agency-Situationen effiziente
Anreizsysteme zu entwickeln versucht. Vgl. hierzu MÜLLER, 1993; FÖHR, 1991; LAUX, 1990; LAUX,
1989; HARTMANN-WENDELS, 1989; PETERSON 1989; SHAVELL, 1979.
160
parteien relativ mühelos beobachtet werden können.118 In diesem Zusammenhang
schlagen GROSSMAN/HART (1983a) vor, neben einer Belohnung für sehr gute
Entscheidungsqualität als Resultat eines hohen Einsatzes auch jene Entscheidungen
zu belohnen, die aufgrund erhöhter Risikobereitschaft der Linienkraft eher weniger
gute Ergebnisse hervorgebracht haben.119 Die hemmende Wirkung von starren
Ergebniskontrollen auf Basis von Leistungsbeurteilungen wurde gerade im letzten
Jahrzehnt erkannt.120
Eine effiziente Anreizgestaltung kann neben finanziellen Komponenten auch indivi-
duelle Karriereanreize beinhalten, oder sich in Leistungen der Personalentwicklung
widerspiegeln. Denn als Ursache für unternehmenszielkonformes Entscheidungsver-
halten lassen sich ebenso Karrierechancen und Implikationen auf die Reputation der
Entscheidungsträger nennen. Dies impliziert die Wirksamkeit von Steuerungsme-
chanismen, die zur Erhöhung des Marktwerts des vom Entscheidungsträger
verkörperten Humankapitals führen, wenn neue Informationen über die Fähigkeiten
bekannt werden. Aufgrund der unterstellten Wechselmöglichkeiten in eine andere
Unternehmung hat das Anreizsystem den auftretenden Marktwertveränderungen
über eine Anpassung der Entlohnung Rechnung zu tragen.121
1.3.3 Effizienzkriterium: Delegationskosten
Die Agenturtheorie beurteilt die Vorteilhaftigkeit alternativer Vertragsgestaltungen
anhand der jeweils entstehenden Delegationskosten für die Informationsbeschaffung,
um den differierenden Wissensstand personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger
anzugleichen.122 Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass die Führungskraft ihren
Informationsvorsprung für opportunistisches Verhalten nutzt und folglich nicht immer
im Unternehmens- bzw. personalpolitischen Interesse handeln wird. Die
Unternehmensleitung ihrerseits versucht, die Interessenabweichungen durch den
118 BAKER (1992) bewertet die verschiedenen Formen ergebnisorientierter Anreizkomponenten wie
folgt: „For instance, bonus- and commission-based compensation systems will tend to dominate
when the agent posesses valuable information and good performance measures are available.
Straight salary compensation systems will tend to dominate either when the agent is not
asymmetrically informed about the job being performed or when no good performance measures
exist. In these situations, expending resources to monitor effort or to mitigate the information
asymmetry will be efficient. Incentive contracts based on the total value of the organization, such
as partnership and stock ownership, will dominate when information asymmetries are great and
no good performance measures exist.“ (BAKER, 1992: 612.)
119 Vgl. GROSSMAN/HART, 1983a: 28f.
120 Vgl. hierzu beispielsweise auch BAKER/JENSEN/MURPHY, 1988. Dies wird beispielsweise durch die
Studien von BAYSINGER/HOSKINSSON (1990) und BAYSINGER/KOSNIK/TURK (1991) belegt.
121 Vgl. BREID, 1995: 837f.
122 Vgl. hierzu und im Folgenden PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 82ff.; RICHTER/FORUBOTN, 1996: 166ff.;
PICOT, 1991: 150; JENSEN/MECKLING, 1976.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 161
Einsatz koordinierender und motivierender Mechanismen in Grenzen zu halten. Dies
bedeutet zum einen, dass die Linienkraft Ressourcen als Garantie dafür einsetzt,
dass sie jene Entscheidungshandlungen unterlässt, die das Unternehmen schädi-
gen.123 Zum anderen entstehen der Unternehmensleitung Überwachungskosten, die
ein abweichendes Entscheidungshandeln der Linienkraft einschränken. Ungeachtet
dieser Garantie- und Überwachungskosten wird eine Divergenz zwischen den Ent-
scheidungen der Linienkraft und denjenigen, welche den Gewinn der Unternehmung
maximieren, bestehen bleiben.124 Unter dem Begriff der Delegationskosten werden
folglich alle Kosten zusammengefasst, die sich aufgrund einer Abweichung vom fikti-
ven Idealzustand einer Delegationsbeziehung mit vollständiger Information ergeben;
sie bezeichnen die Abweichung zwischen einer bei vollkommener Information erziel-
baren First Best-Lösung125 und der bei unvollständiger Information realisierten
Second Best-Lösung. Zusammenfassend definieren JENSEN/MECKLING (1976) Dele-
gationskosten als die Summe der Ausgaben für Überwachung,126 der Kosten für Kau-
tion bzw. Garantie und der Wohlfahrts-127 oder Residualverluste.128 Zu den Koordi-
nations- und Motivationskosten zählen folglich all jene Aufwände, die sich aus den
unternehmensseitigen Maßnahmen ergeben, die den Informationsnachteil gegenüber
der Führungskraft vor Ort minimieren, das abweichende Verhalten einschränken und
folglich ein höheres Maß an zielkonformem Entscheidungshandeln bringen.
123 Vgl. PUTTERMAN, 1988: 212.
124 Vgl. hierzu auch JENSEN/MECKLING (1976), die betonen: „.. these costs (monitoring, bonding and
'residual loss') are an unavoidable result of agency relationship.” (JENSEN/MECKLING, 1976: 328.)
125 Die größtmögliche Effizienz vertraglicher Gestaltung ist in einer pareto-optimalen Lösung der
Agenturprobleme realisiert, in der die Agenturkosten auf Null reduziert sind. Vertreter der
Agenturtheorie sind sich hierbei jedoch bewusst, dass es sich hierbei nur um eine fiktive
Richtgröße handelt, deren völlige Realisierung nur unter der Bedingung vollständiger Information
möglich ist, d.h. eigentlich in einer Situation, in der sich die Agenturproblematik nicht mehr stellt.
Entsprechend spricht KIENER (1990) in diesem Zusammenhang von einem Prinzipal-Agent-
Problem bei Informationssymmetrie, welches nicht den eigentlichen Untersuchungsgegenstand
der Agenturtheorie darstellt. Dennoch wird sich bei agenturtheoretischer Argumentation häufig
auf die First Best-Lösung - als den für den Prinzipal günstigsten Fall – bezogen, da diese als Ver-
gleichsmaßstab für Lösungen bei Informationsasymmetrie gilt (vgl. KIENER, 1990: 23).
126 Unter dem Begriff der Monitoring Cost sind neben den Kosten der Beobachtung und Messung
des Verhaltens auch die Aufwendungen des Prinzipals zur Führung, Steuerung und Lenkung des
Agenten zu subsumieren (Budgetrestriktionen, Anreizsysteme, Regelungen und Verordnungen,
etc.). Vgl. JENSEN/MECKLING, 1976: 308.
127 DONALDSON (1990) definiert den Begriff Wohlfahrtsverlust wie folgt: “Since the interests of the
principal and agent are inclined to diverge, the delegation of authority from the principal to the
agent allows a degree of underfulfillment of the wishes of the principal by the agent, which termed
agency loss.“ (DONALDSON, 1990: 369.)
128 Vgl. JENSEN/MECKLING, 1976: 308. Vgl. zur Definition der Agenturkosten auch FAMA/JENSEN,
1983a: 304; FAMA/JENSEN, 1983b: 327; JENSEN, 1983: 331. Zwischen den drei Komponenten der
Agenturkosten, (1) den Überwachungskosten des Prinzipals, (2) den Signalisierungskosten des
Agenten und (3) dem verbleibenden Wohlfahrtsverlust, bestehen Trade Off-Beziehungen, so
dass sich beispielsweise mit zunehmender Signalisierungsbereitschaft der Kontrollbedarf ebenso
wie der verbleibende Wohlfahrtsverlust verringert. Vgl. PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 84.
162
Die Höhe der Vertretungskosten hängt von der Ausgestaltung des Dienst- und
Werkvertrags sowie einer Vielzahl von Bedingungen ab und variiert von Unterneh-
men zu Unternehmen:129 Insbesondere Präferenzen oder Einstellungen des Delegati-
onsempfängers beeinflussen die Kostenhöhe. Ferner hängen sie von der Leichtigkeit
ab, mit welcher die Linienkraft ihre individuellen Präferenzen durchsetzt und
Entscheidungen gegen Unternehmensinteressen trifft. Weiterhin sind die
Delegationskosten von Faktoren wie der Komplexität betrieblicher Arbeitsabläufe und
dem Ausmaß der Entscheidungsdelegation abhängig. Die Möglichkeit der Messung
und Beurteilung von Entscheidungsqualität und -verhalten, die Entwicklung von
geeigneten Bemessungsgrößen für die Anreizvergabe sowie die Etablierung von
Verhaltensregelungen beeinflussen ebenfalls die Höhe der Kosten. Außerdem wird
dem Wettbewerb auf dem externen Arbeitsmarkt ein Einfluss zugeschrieben, so dass
die Vertretungskosten in direktem Zusammenhang mit den Rekrutierungs- und
Beschaffungskosten stehen, die wiederum abhängig sind von der Art des benötigten
Humankapitals. Da es bislang nicht gelungen ist, diese Kostenkategorie einwandfrei
zu quantifizieren, fällt den Delegationskosten hauptsächlich die Funktion eines heu-
ristischen Beurteilungskriteriums zu:130 Je komplexer die Delegationsbeziehung,
desto mehr Ressourcen in Form von Zeit und Geld sind aufzuwenden, um die
Entscheidungsdelegation zu spezifizieren, sich über vertragliche Konditionen zu eini-
gen, ihre Durchführung zu kontrollieren und gegebenenfalls durchzusetzen.131
Das agenturtheoretische Ziel liegt somit in der situationsabhängigen Verringerung all
jener Kosten, die das Entscheidungsverhalten des Delegationsempfängers koordi-
nieren und motivieren. Die Wahl und der Bestand schuldrechtlicher Verträge werden
demzufolge als Ergebnis der Minimierung der Delegationskosten interpretiert.132
1.4 Kritische Würdigung ausgewählter Theorieelemente
Neben den bereits an unterschiedlicher Stelle skizzierten Vorteilen hat das agentur-
theoretische Grundmodell auch Anlass zu kritischen Einwänden gegeben. Die in der
129 Vgl. JENSEN/MECKLING, 1976: 328f.
130 In diesem Zusammenhang wird betont, dass innerhalb des agenturtheoretischen
Theoriekonstrukts die Agenturkosten ein schwer messbares Effizienzkriterium darstellen, so dass
bislang nur die Möglichkeit bleibt, sich entweder wesentlich stärker auf Tendenzaussagen zu
beschränken oder eine Erweiterung um transaktionskostentheoretische Argumentationen
durchzuführen. Vgl. PICOT, 1991: 154; PICOT/DIETL/FRANCK, 1997: 92ff.
131 Vgl. TERBERGER, 1994: 76f. DRUMM (1996a) stellt ebenfalls fest, dass institutionenökonomische
Theorien „... außer einer neuen Sichtweise auf das Problem der Bewertung von Organisations-
strukturen keine operationalen Bewertungsansätze zur Lösung hervorgebracht [haben]. ... Man
kann heute lediglich sagen, daß bei der Dezentralisation von Entscheidungen und Funktionen
innerhalb einer Unternehmung der Koordinationsbedarf zunimmt und mit ihm die Transaktions-
kosten vermutlich steigen.“ (DRUMM, 1996a: 9.)
Mechanismen zur Koordination und Motivation 163
Literatur diskutierten Kritikpunkte beziehen sich beispielsweise auf die relativ einfa-
che Theoriekonstruktion, die wesentliche Aspekte menschlichen Handelns wie Auto-
rität, Macht, Identifikation oder Vertrauen vernachlässigen.133 Diese kritischen Beden-
ken haben zu einer Relativierung des agenturtheoretischen Grundmodells und zu
einer konzeptionellen Erweiterung geführt. Diese Theorieerweiterungen fokussieren
z.B. Mehr-Agenten-Modelle, auf mehrfache Vertragsperioden oder auf mehrstufige
Prinzipal-Agent-Beziehungen, die bei Bedarf innerhalb des sich anschließenden
Analysekapitels integriert werden. Im Folgenden werden jene Theoriekonstrukte
einer kritischen Würdigung unterzogen, die für die Anwendung der Agenturtheorie
auf die definierte Forschungsfrage problematisch erscheinen. Zu diesen
ausgewählten Theorieelementen zählen die zeitstabile Ziel- und Präferenzstruktur,
das opportunistische Menschenbild sowie die der Theorie zugrunde liegende ex ante
Perspektive der Vertragsgestaltung. Für eine weitergehende Bewertung und
derzeitige Weiterentwicklung der Theorie wird auf die einschlägige Literatur
verwiesen.134
Aufgrund der Orientierung an einer fixen Ziel- und Präferenzstruktur ist die Agentur-
theorie lediglich auf solche Entscheidungssituationen anwendbar, in denen die Ziele
und Interessen der Vertragspartner von vornherein gegeben sind und sich zudem
über die Zeit hinweg nicht verändern.135 Hierbei ist außerdem hervorzuheben, dass
sich insbesondere die Verhaltensannahmen der unvollständigen Information und der
begrenzten Rationalität auf die Zielbildung auswirken und sich die Zielstruktur bzw.
Zielpräferenz oftmals erst im Laufe des Entscheidungs- und Handlungsprozesses
konkretisieren und herausbilden. Infolgedessen erscheint es nicht möglich, sämtliche
und vor allem äußerst komplexe Delegationsbeziehungen hinreichend abzubilden
sowie aussagekräftige normativ-gestalterische Empfehlungen abzuleiten. Die
Verfasserin ist sich des Problems zeitstabiler Ziel- und Präferenzstruktur vollends
bewusst, hält jedoch trotzalledem am skizzierten theoretischen Grundmodell fest.
Dies wird dadurch begründet, dass mit der Forschungsarbeit lediglich Tendenzaus-
sagen zu adäquaten Koordinations- und Motivationsmechanismen in dezentralen
Entscheidungsstrukturen gegeben werden, die einer expliziten Berücksichtigung von
sich während der Delegationsbeziehung verändernden bzw. konkretisierenden Zielen
entbehren.
132 Vgl. JENSEN/MECKLING, 1976: 328.
133 Vgl. hierzu exemplarisch SIMON, 1991: 42.
134 Vgl. zu einer umfassenden Würdigung und Weiterentwicklungsansätzen exemplarisch EBERS/
GOTSCH, 2002: 221ff.
135 Vgl. LEVINTHAL, 1988: 154.
164
Insbesondere die Annahme des selbstinteressierten, opportunistischen Individuums
ist mehrfach aufgrund fehlender Berücksichtigung von Eventualitäten und Zufällig-
keiten der Agenturbeziehung kritisiert worden, so dass „... it is possible to generally
question the underlying self-interest and goal conflict assumptions on agency theory
...“136 Die Verhaltensannahme des Opportunismus wird häufig als eine zu pessimisti-
sche Sichtweise auf die menschliche Natur kritisiert und erfasst demnach nur einen
Teilaspekt aus dem gesamten Spektrum denkbarer Verhaltensweisen. In diesem
Zusammenhang gewinnt beispielsweise das Konstrukt des Vertrauens an Bedeutung
und wird zunehmend in der organisationstheoretischen Literatur rezipiert.137 Trotz
aller Kritik und beispielsweise der aktuellen Diskussion um die Vertrauensorganisa-
tion halten einschlägige Autoren an der opportunistischen Verhaltensannahme
fest.138 Bereits WILLIAMSON (1984) entgegnet dem Einwand, Eigennutzstreben sei
eine zu pessimistische Annahme menschlichen Verhaltens, damit, dass sich zwar
nicht alle ökonomischen Akteure opportunistisch verhalten und das Streben nicht bei
allen gleich stark ausgeprägt ist, aber dennoch Opportunismus bei einigen Akteuren
vorliegt.139 Demzufolge ist die Opportunitätsannahme dadurch gerechtfertigt, dass
das Entdecken derjenigen Entscheidungsträger, die sich selbstinteressiert verhalten
und eigennützig handeln, immens kostspielig ist. Neben dieser Argumentation wird
an der opportunistischen Verhaltensannahme deshalb festgehalten, weil gerade die
hieraus resultierende Delegationsproblematik den Ausgangspunkt der Forschungs-
frage bildet.
Die vertragliche ex ante Perspektive betont, dass der Delegierende den
(Arbeits-)Vertrag in vollem Bewusstsein all jener Risiken abschließt, welche die
Vertragserfüllung durch den Empfänger mit sich bringt. Dies bedeutet, dass die
Zukunft hinreichend vorhersehbar erscheint und allen Eventualitäten und Problemen
bereits bei Vertragsabschluss durch die entsprechenden Mechanismen entgegen
getreten werden kann. Infolgedessen werden alle jene Schwierigkeiten ver-
nachlässigt, die sich möglicherweise erst bei der Vertragserfüllung einstellen und die
136 MCLEAN PARKS/CONLON, 1995: 822. Vgl. hierzu auch DONALDSON, 1990; PERROW, 1986.
137 Vgl. hierzu exemplarisch WALGENBACH 2000: 707ff., ferner RIPPERGER, 1998; SJURTS, 1998;
PONGARTS/V, 1997.
138 In diesem Zusammenhang gibt DRUMM (1996a) zu bedenken, dass „[d]ie offizielle Geltung dieser
Werte [wie Verzicht auf eigeninteressiertes Verhalten und Aufbau von Vertrauen] .. gerade zum
Mißbrauch ein[lädt], wenn der Verstoß gegen diese Werte dezentralen Einheiten Vorteile bringt,
bis solch ein Verstoß entdeckt wird. Zur Abwehr opportunistischen Verhaltens müssen daher
Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Diese lösen jedoch Transaktionskosten aus. Vorteilhafter
und zugleich transaktionskostenminimaler dürfte daher die Einführung organisatorischer und
personalwirtschaftlicher Regelungen sein, die explizit von der Existenz opportunistischen
Verhaltens ausgehen.“ (DRUMM, 1996a: 16.)
139 Vgl. WILLIAMSON, 1984: 199.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 165
mit wachsender Komplexität der Vertragssituation zunehmen. Die ex ante Pers-
pektive der Vertragsgestaltung stellt vor dem Hintergrund der spezifizierten
Forschungsfrage ein sehr weit reichendes Problem dar, denn mit steigender Kom-
plexität der Delegationsbeziehung ist es immer weniger möglich, alle relevanten
Situationsfaktoren zu antizipieren sowie koordinierende und motivierende Maßnah-
men mit angemessenen Regeln und Vorgaben vertraglich zu fixieren. Trotz dieser
Schwäche hält die Verfasserin am agenturtheoretischen Grundmodell fest und fo-
kussiert in der nachfolgenden Analyse schwerpunktmäßig auf jene Delegations-
probleme die vorvertraglich antizipiert und denen mit ex ante definierten Koordinati-
ons- und Motivationsmaßnahmen entgegengewirkt werden kann.
Zusammenfassend vermag die Agenturtheorie Probleme der Dezentralisierung zu
beschreiben und Vorschläge zu unterbreiten, wie das Entscheidungsverhalten durch
schuldrechtliche Verträge optimal koordiniert, motiviert und gesteuert werden kann.
Mittels des agenturtheoretischen Grundmodells und der hierin enthaltenen Theorie-
konstrukte gelingt die Formulierung von Hypothesen über Delegationsprobleme und
die Entwicklung bzw. Ableitung hierauf bezogener Steuerungsmechanismen. Folglich
liefert die Agenturtheorie einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum besseren
Verständnis von Bestimmungsgrößen für die Effizienz von Delegationsformen sowie
notwendigen Koordinations- und Motivationsmechanismen.140 Die Theorie fokussiert
auf unvollständige und ungleich verteilte Information, opportunistische Praktiken
sowie Delegationskosten und ersetzt somit die einfachen Annahmen der Neoklassik
zugunsten eines größeren Realismus.141
1.5 Kopplung institutionenökonomischer Ansätze mit verhaltenswissen-
schaftlichen Theoriekonstrukten
Insbesondere das Bestreben zur Entwicklung einer weithin anerkannten theore-
tischen Basis der personalwirtschaftlichen Disziplin lässt die Forderung nach
Theorieentwicklung, Theorieerweiterung und Kopplung von institutionenökono-
mischen Ansätzen mit Konstrukten des (verhaltenswissenschaftlichen) Theorie-
140 Vgl. BREID, 1995: 821.
141 Vgl. PICOT/NEUBURGER, 1995: 20; LEVINTHAL, 1988, 155; ARROW, 1991: 50. Dennoch gilt und dies
wird von der Verfasserin zu keinem Zeitpunkt der Analyse außer Augen gelassen, dass in
manchen Situationen, in welchen „… principal-agent theory seems clearly applicable, real-world
practice is very different from the model.“ (ARROW; 1991: 49.) In diesem Zusammenhang betonen
WISEMAN/GOMEZ-MEJIA, (1998): „In sum, agency theory’s contribution to corporate governance
has been limited by its simplistic assumptions of consistent risk aversion among agents, its
modeling of recursive influence from risk choice on performance, and its inability to provide
unambiguous predictions of corporate governance’s influence on executive behavior.”
(WISEMAN/GOMEZ-MEJIA, 1998: 134.) Zur Überwindung dieser Restriktionen verknüpfen die
Autoren die Agenturtheorie mit Argumenten der Entscheidungstheorie.
166
spektrums immer lauter werden.142 Ansätze hierfür liefern aus der Richtung der
Personalökonomik beispielsweise JOST (2000) als auch aus der Gegenposition z.B.
MATIASKE (1999).143 Weitere Beispiele der derzeit in der wissenschaftlichen
Theoriediskussion fokussierten Verknüpfung ökonomischer Ansätze mit Konstrukten
anderer verhaltenswissenschaftlicher Theorien lassen sich auch dem
Herausgeberband „Personaltheorie als Beitrag zur Theorie der Unternehmung“ von
FESTING/MARTIN/MAYERHOFER/NIENHÜSER (2004) entnehmen.144
Trotz dieser sich abzeichnenden starken Forschungstendenz in Richtung Theorie-
kopplung und -verknüpfung wird in der vorliegenden Forschungsarbeit bewusst auf
eine Konstrukterweiterung der (Institutionen-)ökonomischen Kernaussagen ver-
zichtet: Beispielsweise wird auf eine tiefergehende Fundierung des von statischen
Ziel- und Präferenzstrukturen ausgehenden agenturtheoretischen Motivations-
konzepts mittels verhaltenswissenschaftlicher Individualtheorien oder auf eine Kopp-
lung agenturtheoretischer Annahmen mit beispielsweise psychologischen Erkennt-
nissen abgesehen.145 Dies liegt darin begründet, dass bei der Entwicklung des
unternehmensübergreifenden und auf die jeweilige Entscheidungsstruktur ange-
passten Personalmanagementdesign die Perspektive der Geschäftsführung als
Leitungs- und Steuerungsorgan des Unternehmens eingenommen wird und somit der
Fokus auf einem stark ökonomisch orientiertem Erkenntnisinteresse liegt. Im
Mittelpunkt der Analyse stehen Kosten-Nutzen-Überlegungen hinsichtlich der Ausge-
staltung eines Personalmanagements in dezentralen Entscheidungsstrukturen.
Zusammengefasst wird die in Kapitel III.1 skizzierte Agenturtheorie mit ihren Kern-
aussagen unmittelbar auf das Problemfeld dezentraler Entscheidungen angewendet;
auf eine Einbettung weiterer Konstrukte anderer theoretischer Erklärungsansätze
wird bewusst verzichtet. Es werden, wie bereits erläutert, lediglich derzeit diskutierte
Weiterentwicklungen des Standardmodells agenturtheoretischer Forschung wie z.B.
Mehr-Agenten-Modelle oder mehrstufige Prinzipal-Agent-Modelle in die sich nun
anschließende Analyse delegativer Risiken integriert.
142 Vgl. WEBER, 2004: 1918.
143 Vgl. JOST, 2000 und MATIASKE, 1999.
144 Vgl. FESTING/MARTIN/MAYERHOFER/NIENHÜSER, 2004.
145 Vgl. hierzu z.B. das von JOST (2000) entwickelte ökonomisch-psychologische Grundmodell des
Arbeitsverhaltens, das psychologische Erkenntnisse in ein allgemeines ökonomisches
Verhaltensmodell einbettet.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 167
2 Personalarbeit in dezentralen Entscheidungsstrukturen: Konkretisierung
von Delegationsrisiken und Ableitung von Koordinations- und
Motivationsmechanismen für Linienverantwortliche
In Anbetracht der Tatsache, dass die Delegation personalwirtschaftlicher Entschei-
dungen eine Prinzipal-Agent-Struktur aufweist, gilt es, zunächst die Entscheidungs-
träger z.B. anhand ihrer individuellen Ziel- und Bedürfnisstrukturen zu charakterisie-
ren und die Zielinkongruenz zwischen den Trägern der Personalarbeit herauszuar-
beiten (Kapitel III.2.1). Anschließend ist es von großer Wichtigkeit, das vertrags-
theoretische Organisationskonzept zu spezifizieren, d.h. es wird im Detail die Frage
nach der Prinzipal- und Agentenrolle beantwortet (Kapitel III.2.2). Hier kommt erst-
mals das Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen zum Einsatz. Ist diese
Frage beantwortet, gilt es diejenigen Informationsasymmetrien zu bestimmen,146 die
einen kritischen Einfluss auf die Delegationsproblematik haben und daher mögliche
Delegationsprobleme verursachen bzw. verstärken.147
Zunächst widmet sich das Kapitel III.2.3 mit der Rekrutierungs- bzw. Beschaffungs-
problematik geeigneter Linienkräfte. In Abhängigkeit von den jeweils benötigten
Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kenntnissen werden unterschiedliche Mechanismen
aufgezeigt, die bei der Identifikation des Personalentwicklungsbedarfs all jener
Entscheidungsträger behilflich sind, die durch die Dezentralisierung zu Trägern
betrieblicher Personalarbeit werden. Die Vielzahl jener Delegationsrisiken, die aus
der Informationsasymmetrie der Hidden Action und der Hidden Information resultie-
ren, werden dann in Kapitel III.2.4) identifiziert. Zur Strukturierung der Analyse der
Delegationsrisiken wird wiederum auf die Entscheidungsstrukturen c bis h des
Analyserasters zurückgegriffen. Dies bedeutet, dass die Delegationsrisiken für jede
einzelne Entscheidungssituation herausgearbeitet und Mechanismen erörtert wer-
den, die mit ihrer Koordinations- und Motivationsfunktion geeignet erscheinen, eine
vertragsmäßige Entscheidungsdurchführung der Linie sicherzustellen. Das Kapitel -
III.2.5 befasst sich dann mit der Investition in das Humankapital dezentral agierender
Entscheidungsträger und fokussiert das hieraus entstehende bilaterale Abhängig-
keitsverhältnis sowie die Notwendigkeit, personalbindende Maßnahmen zu
etablieren. Ein Resümee zur Handhabung von Delegationsrisiken in dezentralen
Entscheidungsstrukturen beschließt die Analyse (Kapitel III.2.6).
146 In Anlehnung an die Argumentation von DIETL (1993) werden die Asymmetrien Hidden
Information und Hidden Action in der vorliegenden Arbeit nicht getrennt voneinander betrachtet,
sondern ebenfalls unter dem Begriff der Hidden Action zusammengefasst (siehe hierzu in
Abschnitt III die Fußnote 70).
147 Vgl. zu dieser Argumentationsweise ROTH/O’DONNELL, 1996: 680.
168
Wie bereits innerhalb des Untersuchungsaufbaus der Arbeit dargelegt (Kapitel I.3.3),
steht die Moral Hazard-Problematik im Zentrum der Analyse. Dies lässt sich zum
einen damit begründen, dass für eine unternehmensweite Entscheidungsdelegation
keine neuen Verträge zwischen den Akteuren geschlossen werden, sondern die
dezentralisierungsorientierte Reorganisation auf ein bereits bestehendes Vertrags-
geflecht aufsetzt. Somit tritt die ex ante-geprägte Informationsasymmetrie der Hid-
den Charakteristics in der agenturtheoretischen Analyse ein wenig in den Hinter-
grund.148 Zum anderen wird zur Vereinfachung des Sachverhalts auf ein statisches
Prinzipal-Agent-Modell abgehoben und auf eine detaillierte Analyse möglicher
Hold Up-Gefahren aufgrund der Dynamisierung von Delegationsbeziehungen ver-
zichtet.
Zusammenfassend steht im Mittelpunkt dieses Analysekapitels III.2 die Identifikation
von Delegationsrisiken basierend auf den Informationsasymmetrien der Hidden -
Action und Hidden Information und das Ableiten koordinierender und motivierender
Mechanismen. Die fallweise Systematisierung des Delegationsrisikos und denkbarer
Koordinations- und Motivationsmechanismen dient dabei der Identifizierung des
Personalmanagementdesigns in dezentralen Entscheidungsstrukturen, welches den
Inhalt des Abschnitts IV bildet. Dieses Design soll die Unternehmung – Eigentümer
und/oder Geschäftsführer – in die Lage versetzen, sich gegen opportunistisches Ver-
halten dezentral agierender Linienkräfte zu schützen und zudem Anreize für unter-
nehmenszieladäquates Handeln in der Personalarbeit aufzuzeigen.
2.1 Verhaltensmerkmale personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger
Zur Charakterisierung ökonomischer Akteure, was bezogen auf die vorliegende
Arbeit bedeutet, zur Kennzeichnung personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger,
bedient sich die Agenturtheorie verschiedener Verhaltensannahmen149 wie der
Orientierung am individuellen Nutzen (Kapitel III.2.1.1), der (zweck-)rationalen Aus-
richtung des Verhaltens (Kapitel III.2.1.2), dem Einsatz opportunistischer Praktiken
(Kapitel III.2.1.3), einer divergierenden Risikoneigung der Vertragspartner (Kapi-
tel III.2.1.4) und unterschiedlicher Informationsverteilung (Kapitel III.2.1.5). Im Fol-
genden gilt es, diese Prämissen hinsichtlich des Sachverhalts der Dezentralisierung
personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz zu konkretisieren und Tendenz-
aussagen in Bezug auf die der Analyse zugrunde liegenden Verhaltensannahmen zu
treffen.
148 Siehe für eine detaillierte Argumentation die Ausführungen in Kapitel III.2.3.
149 Siehe hierzu auch die Ausführungen in Kapitel III.1.2.1.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 169
2.1.1 Individuelle Ziel- und Präferenzstruktur der Entscheidungsträger
Die Analyse von Delegationsbeziehungen beruht auf der Annahme, dass die
Vertragsgestaltung und -erfüllung durch eine beidseitig erwartete Nutzenmaximie-
rung geprägt ist. Jeder Entscheidungsträger richtet demnach sein Verhalten danach
aus, ob er persönliche Vorteile erzielen oder Nachteile abwenden kann. Das hieraus
Nachteile für andere Organisationsmitglieder oder für die Gesamtheit der Organisa-
tion entstehen, nimmt der Entscheidungsträger in Kauf.150 Die Gestaltung von Verträ-
gen und die Erfüllung resultierender Verpflichtungen beruht infolgedessen auf gege-
benen, stabilen und konsistenten Präferenzstrukturen personalwirtschaftlicher
Entscheidungsträger, die ein breites Spektrum vielfältiger Ziele umfassen.151
Da die von ACKERMANN (1994) so benannten Willenszentren der Personalarbeit un-
terschiedliche Ziele verfolgen,152 ist zu klären, welches die konkreten Eigeninteres-
sen bzw. die individuellen Ziel- und Präferenzstrukturen der betrachteten Entschei-
dungsträger sind. Für die Beantwortung dieser Frage liefert Kapitel II.1.3 erste
Ansatzpunkte: Die dort identifizierten Erwartungen personalwirtschaftlicher Entschei-
dungsträger an die Personalarbeit sind geprägt durch verschiedenartige Interessen
und Ziele, d.h. die trägerbezogenen Ziel- und Nutzenfunktionen können aus der
Konkretisierung dieser Erwartungen abgeleitet werden. Hierbei ist zunächst zu
klären, welchem jeweiligen Kundensegment - Unternehmensleitung, Linienkraft oder
Mitarbeiter – die agierenden und in den dezentralen Entscheidungsstrukturen c bis
h benannten Träger der Personalarbeit zuzuordnen sind. Hinsichtlich des Entschei-
dungsträgers Unternehmensleitung bedarf es keiner zusätzlichen Erläuterungen; die
Erwartungen dieser Anspruchsgruppe spiegeln die Präferenzstruktur desselbigen
Entscheidungsträgers vollkommen wider. Für die Zielfunktion des Personalspezia-
listen wird angenommen, dass diese überwiegend durch die skizzierten Erwartungen
der Unternehmensführung geprägt ist. Idealtypischerweise richten sich die Entschei-
dungen und Handlungen des Personalspezialisten auf Konzern-, Firmen- und/oder
Geschäftsbereichsebene an der Strategie und den Zielen des Unternehmens aus, so
dass seine Nutzenfunktion durch leitungszentrierte Erwartungen geprägt sind. Hin-
gegen umfasst die Ziel- und Präferenzstruktur der Linienkraft mehr als nur die in
150 Vgl. LAUX, 1989: 515. Nach LEVINTHAL (1988) gilt die vom Delegationsempfänger empfundene
Arbeitsaversion als Ursache von Interessendivergenzen zwischen Unternehmensleitung und
verantwortlicher Führungskraft (vgl. LEVINTHAL, 1988: 181). Im Gegensatz hierzu stellt KAPLAN
(1984) jedoch fest, dass „... the problem is the reverse – they work too long and too hard at their
jobs, not too little.” (KAPLAN, 1984: 405.)
151 Neben der Rechtfertigung von Handlungen gegenüber Dritten prägen die hier betrachteten Ziele
insbesondere die Motivation der Entscheidungsträger im Sinne von Engagement und Bereitschaft
für spezifische Handlungen und Aktivitäten im Entscheidungsprozess.
152 Vgl. ACKERMANN, 1994a: 7.
170
Tabelle 4 genannten Erwartungen. Zwar ist die Nutzenfunktion der Führungskraft
durch Unternehmens- und personalpolitische Zielsetzungen geprägt, d.h. die für
Linienkräfte gelisteten Erwartungen sind in der Ziel- und Präferenzstruktur zu be-
rücksichtigen. Zusätzlich hat die Führungskraft jedoch ausschließlich eigen- im Sinne
von mitarbeiterzentrierte Bedürfnisse, was sich in den skizzierten Mitarbeitererwar-
tungen konkretisiert. Entsprechendes gilt für den Entscheidungsträger des Perso-
nalmoderators/-beraters, dessen Ziel- und Präferenzstruktur neben unternehmens-
und leitungsspezifischen auch durch mitarbeiterzentrierte Erwartungen gekennzeich-
net ist.
Zusammenfassend lassen sich für die betrachteten ökonomischen Akteure folgende
Ziel- und Präferenzstrukturen identifizieren.153 Die Entscheidungen der Unter-
nehmensleitung sind primär durch systeminhärente Formalziele wie Bestands-
sicherung, Gewinnmaximierung und Wachstumserzielung gekennzeichnet.154 Neben
diesen unternehmerischen Primärzielen beinhaltet die Präferenzstruktur der Unter-
nehmensleitung eine Vielzahl personalpolitischer Sachziele wie (1) die Gestaltung,
Umsetzung und Entwicklung von Unternehmensphilosophie und -kultur, (2) die Si-
cherung von Erfolgspotentialen, (3) die Entwicklung von Konzepten zur Gewinnung,
Bindung und Förderung der betrieblichen Humanressource, (4) das Gestalten und
Begleiten von Veränderungsprozessen und (5) die Entwicklung einer lernenden
Organisation.155 Es wird ferner unterstellt, dass diese unternehmerischen Formal-
und Sachziele die Präferenzstruktur des Personalspezialisten prägen, obwohl sicher
von Fall zu Fall auch individuelle Wünsche und Ziele Berücksichtigung finden.156 Fer-
ner wird darauf hingewiesen, dass insbesondere die Nutzenfunktion des (externen)
Personalberaters eigene Interessen und Individualziele umfasst. Analog hierzu bein-
haltet auch die Präferenzstruktur der Linienkraft neben Organisationszielen eigen-
zentrierte Absichten wie (1) ein maximales Entgelt als Ausgleich für den Einsatz der
Arbeitskraft, (2) die Sicherung und Entwicklung individueller Kenntnisse und Fähig-
keiten, (3) beruflicher Aufstieg und Karriere, (4) Verbesserung der Chancen auf dem
allgemeinen Arbeitsmarkt, (5) soziale Anerkennung auch auf Basis von Status und
153 Bei den folgenden Ausführungen handelt es sich lediglich um Tendenzaussagen, die in Bezug
auf das Zielbündel und mögliche Präferenzen keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Voll-
ständigkeit besitzen.
154 Vgl. GUTENBERG, 1983: 465.
155 In Anlehnung an die Ausführungen in Kapitel II.1.3 (siehe Spalte 1 in Tabelle 4).
156 Die Verfasserin folgt somit der Annahme, dass die Ziel- und Präferenzstruktur von Unter-
nehmensleitung und Personalspezialist gleichartig sind und die Unternehmensziele
widerspiegeln. Möglicherweise bestehende Zieldifferenzen zwischen diesen beiden Akteuren
stehen gemäß der Forschungsfrage nicht im Mittelpunkt der Betrachtung.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 171
Prestige, (6) interessante und herausfordernde Arbeitsinhalte mit der Möglichkeit zur
Selbstverwirklichung sowie (7) das Eingehen und der Ausbau sozialer Kontakte.
Zusammenfassend lässt sich aussagen, dass die Ziel- und Präferenzstruktur perso-
nalwirtschaftlicher Entscheidungsträger einerseits durch Organisationsziele und
andererseits durch Individualziele geprägt ist. Während die Unternehmensleitung und
der Personalspezialist in der Rolle der Delegierenden vorwiegend Organisations- und
Unternehmensziele verfolgen, ist das Zielbündel der Linienkraft wesentlich durch
individuelle Interessen geprägt. Bereits hier zeichnet sich ein inter- und intra-
personeller Interessenkonflikt ab, der innerhalb der Delegationsbeziehung auf den
Bestand von moralischem Risiko hindeutet. An dieser Stelle vermerkt die Verfasserin
selbstkritisch, dass die Inhalte der unterstellten Ziel- und Präferenzstrukturen auf
einem eher abstrakten Niveau diskutiert werden und eine individualistische bzw.
personenspezifische Ausformulierung der Nutzenfunktionen für den jeweiligen
Entscheidungsträger unterbleibt. Dennoch lassen die gemachten Annahmen zur Ziel-
und Präferenzstruktur agenturtheoretische Tendenzaussagen über opportunistisches
Handeln der Linienkräfte zu.
2.1.2 Begrenzt rationales Verhalten der Entscheidungsträger
Dezentrale Entscheidungssituationen zeichnen sich durch hohe Systemkomplexität
und -unsicherheit aus.157 Infolgedessen besitzen personalwirtschaftliche Entschei-
dungsträger kein vollständiges Wissen über alle entscheidungsrelevanten Merkmale
oder Bedingungen und stoßen auf Probleme bei der präzisen Bewertung zukünftiger
Unternehmens- und Umweltzustände. Ferner lassen sich die Träger personalwirt-
schaftlicher Verantwortung – wie alle Individuen – durch ein begrenztes, geistiges
Fassungsvermögen charakterisieren, welches das „Paradigma der neuen Dezentra-
lisierung“ rasch an seine Grenzen stoßen lässt.158 Den personalwirtschaftlichen
Entscheidungsträgern ist es daher gänzlich unmöglich, alle vorhandenen Lösungs-
ansätze und -alternativen im Rahmen der Entscheidungsfindung zu berücksichtigen.
Aufgrund begrenzter Rationalität fällt es den Trägern der Personalarbeit daher nicht
leicht, alle entscheidungsrelevanten Eventualitäten, die aus Unsicherheit und Kom-
plexität resultieren, zu antizipieren und die Gesamtheit der Verhaltensweisen ihrer
Vertragspartner vorauszusehen. Geschweige denn, dass es den begrenzt rational
handelnden Entscheidungsträgern möglich ist, alle Konsistenzen durch vertragliche
Vereinbarungen ex ante zu steuern.
157 Vgl. z.B. MIROW/ASCHENBACH/LIEBIG, 1996: 134.
158 Vgl. DRUMM, 1996a: 8.
172
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass begrenzt rationales Verhalten dann
Auswirkungen auf das Effizienzkriterium der Delegationskosten und den damit
verbundenen Einsatz koordinierender und motivierender Steuerungsmechanismen
hat, wenn die personalwirtschaftlichen Entscheidungsträger an ihre Rationalitäts-
grenzen stoßen.159 Dies ist in den hier betrachteten dezentralen Entscheidungs-
situationen c bis h zweifelsohne der Fall.
2.1.3 Eigeninteressiertes Verhalten der Entscheidungsträger
Nach der Agenturtheorie werden die Träger personalwirtschaftlicher Entscheidungen
als Individuen gekennzeichnet, welche unter Einsatz von List, Tücke und Täuschung
ausschließlich eigene Interessen verfolgen. Die Verhaltensannahme des Opportu-
nismus als stärkste Form des Eigennutzstrebens160 beherrscht somit die agentur-
theoretische Vertragsanalyse.
Aufbauend auf den Ausführungen zur kritischen Würdigung der Agenturtheorie
(Kapitel III.1.4) wird den personalwirtschaftlichen Entscheidungsträgern generell
eigennütziges Verhalten unterstellt und der Delegationsanalyse ein opportunistisches
Menschenbild zugrunde gelegt. Die vorliegende Arbeit kommt somit der Forderung
von DRUMM (1996a) nach, welcher kritisiert, dass sich das „Paradigma der neuen
Dezentralisierung“ eines äußerst positiven Menschenbilds bedient und insbesondere
opportunistisches Verhalten der Organisationsmitglieder außer Acht lässt.161 Würde
der weiteren Analyse hingegen kein eigennütziges Verhalten unterstellt, dann würde
die Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Verantwortung keinerlei Delegationsri-
siken bergen, die es mittels koordinierender und motivierender Steuerungsmecha-
nismen zu bewältigen gilt; ein Ablehnen der Opportunismusannahme macht die
verfolgte Forschungsfrage bedeutungslos und kann als realitätsfern betrachtet wer-
den.
159 In diesem Zusammenhang weist ROTERING (1993) darauf hin, dass insbesondere die Trans-
aktionskosten der Abwicklung einer ökonomischen Aktivität um so höher sind, desto schneller
der ökonomische Akteur an seine Rationalitätsgrenzen stößt (vgl. ROTERING, 1993: 108).
160 Vgl. WILLIAMSON, 1975: 26ff.
161 Vgl. DRUMM 1996a: 18f. WÄCHTER (1997) hingegen kritisiert die von DRUMM (1996a) implizierte
Persönlichkeitstheorie, indem er betont: „Aber daß sich die Individuen als denkende Wesen
selbst auf die veränderten Verhältnisse ohne die und vor den personalpolitischen Maßnahmen
einlassen werden, das wird [von DRUMM (1996a)] nicht in Erwägung gezogen. Es ist aber
überhaupt nicht einzusehen, daß Menschen nicht schnell auf die möglicherweise in ihrer
wirtschaftlichen Existenz bedrohenden Herausforderungen reagieren und bereit und in der Lage
wären, ihr Verhalten zu ändern. Man kann vielmehr davon ausgehen, daß sie solche Änderungen
schon antizipativ vornehmen und ein entsprechendes personalpolitisches Programm dabei eher
hinderlich als förderlich empfunden werden kann.“ (WÄCHTER, 1997: 231.)
Mechanismen zur Koordination und Motivation 173
2.1.4 Risikoneigung der Entscheidungsträger
Die vorliegende Arbeit folgt den Verhaltensannahmen des Standardagenturmodells,
welches dem Prinzipal ein risikoneutrales Verhalten und dem Agenten Risikoaversion
unterstellt.162 Hierbei bezieht sich die Risikoübernahme neben der Gewinnerzielung
auch auf die Verlustrealisierung, so dass allgemein von einem Einkommensrisiko
gesprochen wird.163 Die übliche Erklärung für die unterschiedliche Risikoneigung ist
RICHTER/FUROBOTN (1996) zufolge, dass z.B. die Linienkraft, die im Unternehmen ihr
Humankapital investiert, für ihre Investition nicht die gleichen Diversifikationsmög-
lichkeiten besitzt wie beispielsweise die Unternehmensleitung, der eine Vielzahl von
Anlage- und Investitionsstrategien offen stehen.164 Das agenturtheoretische
Gedankengut impliziert, dass die Linienkraft nicht nur in Bezug auf das Einkommens-
risiko avers eingestellt, sondern auch hohem Arbeitseinsatz und -engagement
gegenüber abgeneigt ist. HOLMSTRÖM/TIROLE (1989) halten diese Annahme hingegen
für eher unrealistisch und betonen, dass „[a]n alternative, and possibly more attrac-
tive hypothesis ... is that the manager is driven by concerns for his career and its
implied lifetime income stream.“165 Demnach ist die Führungskraft in der Linie dann
geneigt, sich selbst und somit ihrem Verhalten eine risikoneutrale oder in Ausnah-
mefällen auch risikofreudige Neigung zu unterstellen, wenn dies der Durchsetzung
eigener Interessen und Ziele wie z.B. der individuellen Karriere- und Lebensplanung
dient.
Nichtsdestotrotz wird in der vorliegenden Arbeit auf das agenturtheoretische Stan-
dardmodell zurückgegriffen. Von einer Komplexitätserhöhung aufgrund je nach ver-
folgtem Zielbündel differierender Risikoneigung muss insbesondere deshalb Abstand
genommen werden, da nur durch diese Form der Vereinfachung es überhaupt
möglich erscheint, eine Vielzahl delegativer Risiken in den insgesamt sechs
identifizierten Entscheidungsstrukturen zu untersuchen. In den betrachteten
Entscheidungsstrukturen wird daher davon ausgegangen, dass die Unternehmens-
leitung bereit ist unternehmerisches Risiko zu übernehmen, sich der Personalspezia-
list auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene durch Risikoneutralität
auszeichnet und dass die Linienkraft ein eher risikoscheues Verhalten verfolgt.
162 Vgl. EBERS/GOTSCH, 2002: 211; DIETL, 1993: 135; LEVINTHAL, 1988: 159; ARROW, 1991: 45;
EISENHARDT, 1985: 137; GROSSMAN/HART, 1983a: 10f.
163 Vgl. KRÄKEL, 1999: 59.
164 Vgl. RICHTER/FURUBOTN, 1996: 208.
165 HOLMSTRÖM/TIROLE, 1989: 88f.
174
2.1.5 Asymmetrische Informationsverteilung zwischen den Entschei-
dungsträgern
Die Agenturtheorie schreibt den verfügbaren Informationen eine bedeutende Rolle
zu, d.h. den Kern der Delegationsbeziehung bildet die ungleiche Informationsvertei-
lung in Bezug auf ein spezifisches personalwirtschaftliches Entscheidungsproblem.
Die agenturtheoretische Annahme, dass in den identifizierten Vertragskonstellationen
die Linienkraft als die besser und der zentral agierende Personalspezialist als die
schlechter informierte Vertragspartei anzusehen ist, hat in hohem Maße dazu
beigetragen, die Agenturtheorie als theoretische Fundierung für die vorliegende
Forschungsfrage auszuwählen. Aus folgenden Gründen wird die Annahme asym-
metrischer Informationsverteilung als realistisch erachtet.
Die Dezentralisierung der Personalarbeit verbindet eine Vielzahl von Prinzipien, um
auf zunehmende Umweltdynamik und -komplexität reagieren zu können: stärkere
Eigenverantwortung, überschaubare Organisationseinheiten, Orientierung an Kun-
denbedürfnissen – um nur einige zu nennen. Mit dem Organisationsprinzip der Dele-
gation personalwirtschaftlicher Verantwortung an untergeordnete Hierarchieebenen
wird das Ziel verfolgt, den Entscheidungen stets diejenigen Informationen zugrunde
zu legen, welche für eine effiziente, auf die individuellen Bedürfnisse des Mitarbeiters
abgestimmte Personalarbeit notwendig sind. Es wird davon ausgegangen, dass die
Linienkraft aufgrund ihrer direkten Führungsbeziehung aktuelle und erstklassige
Informationen über jeden einzelnen Mitarbeiter besitzt. Genau diesen Informations-
vorsprung macht sich die Unternehmensleitung bzw. der Personalspezialist zunutze,
so dass ein wesentlicher Grund für das Interesse an der Delegation von Entschei-
dungskontrolle in der Nutzung der Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen der
Führungskraft im direkten Umgang mit den Mitarbeitern liegt.166
Zusammenfassend wird festgehalten, dass in Organisationen, die in dynamischen
und komplexen Umwelten agieren, aufgrund bevorzugt dezentraler Strukturen, starke
Informationsasymmetrien zwischen einer Instanz und den nachgeordneten
166 Diesen skizzierten Sachverhalt und die damit verbundene Existenz der Verhaltensannahme
asymmetrischer Informationsverteilung in dezentralen Entscheidungsstrukturen beschreibt CHIA
(1995) wie folgt: „The greater the environmental uncertainty …, the more likely it is for information
to be located near the source of the problem area. Similarly, decentralization will be higher when
environmental uncertainty is high. This enables the sub-unit manager to respond more quickly to
any event as he is considered to possess the "local" information for dealing with such event. Also,
the level of information asymmetry will be higher as more information is required to make
decisions under uncertainty. Furthermore, as the sub-unit managers possess more private
information, it is more effective for decision-making to be devolved and located near the source of
the problem. Therefore, it is posited that the higher the level of information asymmetry in an
Mechanismen zur Koordination und Motivation 175
Entscheidungsträgern bestehen.167 Da die Basis für die Delegation personalwirt-
schaftlicher Entscheidungskontrolle der Arbeitsvertrag ist, wird zudem angenommen,
dass alle Grundtypen asymmetrischer Informationsverteilung auftreten.168 Dennoch
muss darauf hingewiesen werden, dass im Gegensatz zum agenturtheoretischen
Grundmodell, sich die verantwortlichen Entscheidungsträger in der Praxis zunächst
einen Informationsvorsprung erarbeiten müssen.169 Dies liegt darin begründet, dass
die Linienkraft z.B. erst durch den Einsatz personalwirtschaftlicher Datengewinnungs-
methoden verwertbare und entscheidungsrelevante Informationen schafft, welche sie
dann in der Delegationsbeziehung opportunistisch nutzt. Zusätzlich zu dem hier
dargestellten ungleichen Wissensstand zwischen den Entscheidungsträgern besteht
ferner ein Informationsdefizit im Hinblick auf die Ziel- und Präferenzstruktur, das
Ausmaß an eigeninteressiertem Verhalten und die Zurechenbarkeit individueller
Leistungen zum Bereichsergebnis.
2.2 Das Vertragsgeflecht in dezentralen Entscheidungsstrukturen
Die Agenturtheorie betrachtet das soziale Gebilde der Unternehmung als ein Netz-
werk expliziter und impliziter Verträge.170 Zurückgreifend auf das in Kapitel II.1.3
spezifizierte pluralistische Entscheidungsträgermodell der Personalarbeit und das in
Kapitel II.1.4 vorgestellte Konzept vertraglicher Zusammenarbeit wird angenommen,
dass zwischen den Trägern der Personalarbeit ein explizites oder implizites schuld-
rechtliches Vertragsverhältnis besteht. Dies kann ferner damit begründet werden,
dass „[b]ei der Reorganisation der Personalabteilung .. davon auszugehen [ist], dass
es mehrere Träger bzw. Akteure, mehrere Willenszentren des Personalmanage-
ments mit mehr oder weniger unterschiedlichen Zielen, Entscheidungsbefugnissen
und Beeinflussungsmöglichkeiten gibt. Die Erfüllung der Personalaufgaben erscheint
also als das Ergebnis von Verhandlungs- bzw. Interaktionsprozessen, an denen
verschiedene Einzelpersonen und/oder Personengruppen innerhalb ... des Unter-
nehmens beteiligt sein können.“171
organization, the greater is the likelihood of a higher degree of decentralization.” (CHIA, 1995:
612.) Siehe hierzu die Ausführungen des Kapitels II.2.
167 Vgl. LAUX, 1989: 515.
168 Vgl. ALEWELL 1993: 113.
169 Vgl. BREID, 1995: 826.
170 Der Vertragsbegriff ist mit einer Vielzahl von Bedeutungen belegt und unterscheidet z.B. die
Rechtswirkung von Willenserklärungen, die tatsächliche Einigung mit Rechtsfolgen und/oder die
Schriftform einer Vereinbarung. In der vorliegenden Arbeit bezeichnet der Begriff Vertrag das
Abgeben von gegenseitigen, sich deckenden und rechtlich durchsetzbaren Willenserklärungen
im Sinne von Verpflichtungen zu zukünftigen Handlungen. Siehe hierzu auch die Ausführungen in
Kapitel II.1.4.
171 ACKERMANN, 1994a: 7.
176
Infolgedessen kann festgestellt werden, dass die Delegation personalwirtschaftlicher
Entscheidungsmacht auf einem schuldrechtlichen Vertrags- und Vereinbarungsge-
flecht basiert, die beteiligten personalwirtschaftlichen Aufgabenträger ungleiche Ziel-
und Nutzenfunktionen verfolgen und eine asymmetrische Informationsverteilung
vorliegt.172 Die Agenturtheorie bietet somit geeignete Ansatzpunkte für eine struktu-
rierte Analyse der Vertragsbeziehungen, der informationsbedingten Verhaltensunsi-
cherheiten und der personellen Koordinations- und Motivationsprobleme zwischen
Unternehmensleitung, Personalspezialist und Führungskraft.173
Im Anschluss hieran gilt es nun zu klären, auf welcher Art von schuldrechtlichem
Vertrags- und Vereinbarungsverhältnis die Delegation personalwirtschaftlicher Ent-
scheidungsmacht basiert (Kapitel III.2.2.1). Ferner werden unterschiedliche Vertrags-
konstellationen innerhalb des schuldrechtlichen Vertrags- und Vereinbarungs-
geflechts identifiziert und einer detaillierten Analyse unterzogen (Kapitel III.2.2.2).
Konkret bedeutet dies, dass im Folgenden für jede der sechs Entscheidungsstruktu-
ren die Vertragskonstellation untersucht wird, indem Aussagen dahingehend
getroffen werden, (1) auf Basis welchen Vertragstyps die Entscheidungsdelegation
vereinbart wurde und (2) welcher zentrale Entscheidungsträger (im Sinne eines Prin-
zipals) mit welchem dezentralen Träger der Personalarbeit (im Sinne eines Agenten)
eine Delegationsbeziehung eingegangen ist. Ein Resümee zum Vertragsgeflecht in
dezentralen Entscheidungsstrukturen beschließt die Analyse (Kapitel III.2.2.3).
2.2.1 Der Arbeitsvertrag als vertragliche Basis für die Delegation
Die agenturtheoretische Annahme des vertragstheoretischen Organisationskonzepts
geht von der Existenz vertraglicher Schuldverhältnisse aus, d.h. die ökonomischen
Akteure haben sich mittels einer gegenseitigen Willenserklärung auf eine Auftragge-
ber-Auftragnehmer-Beziehung verpflichtet. Ihre gesetzliche Grundlage hat diese
gegenseitige Willenserklärung in den §§ 241ff. des BGB. Zu diesen schuldrechtlichen
Vertragsbeziehungen zählt beispielsweise auch der Arbeitsvertrag gemäß §§ 611ff.
BGB, welcher die Erbringung einer Dienstleistung nach Anweisung zum Gegenstand
hat. Der Arbeitnehmer verpflichtet sich, die von ihm zugesagte Arbeitsleistung
entsprechend den Anweisungen des Arbeitgebers zu erbringen; hingegen erklärt sich
der Arbeitgeber bereit, eine dafür vorgesehene Kompensation zu entrichten. Leistung
und Gegenleistung fallen hierbei zeitlich auseinander.174
172 Siehe für eine detaillierte Darstellung der Verhaltensmerkmale die Ausführungen in Kapitel III.2.1.
Siehe hierzu auch jene im Kapitel II.
173 Vgl. zu dieser Einschätzung auch BREID, 1995: 821.
174 Vgl. RICHTER/FURUBOTN, 1996: 149.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 177
Der Arbeitsvertrag ist eine langfristig gültige und transparente Vereinbarung über
Leistungen wie Arbeitspensum, Entgeltzahlung oder Urlaubsanspruch, über aufbau-
organisatorische Weisungskompetenzen und über die Auflösung des Arbeitsverhält-
nisses. Niemals aber enthält der Arbeitsvertrag eine vollständige Aufzählung aller
notwendigen Entscheidungen und Handlungen, die beispielsweise dem Arbeitneh-
mer abhängig von der eintretenden Situation obliegen. Fest steht daher, dass
Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich außerstande sehen, alle Vereinbarungsbestand-
teile auf wohldefinierte Verpflichtungen zu reduzieren, sondern nur eine relativ grobe
Beschreibung des Tätigkeits- und Entscheidungsrechtefelds und dezentraler
Entscheidungskompetenz vornehmen. Der Abschluss derartiger unvollständiger
Verträge ist keineswegs Ausdruck mangelnder Rationalität der Partner, vielmehr das
Bestreben einer kostengünstigen Vertragsgestaltung. Infolgedessen schlagen
GROSSMAN/HART (1986) vor, dass „[i]n particular, when it is too costly for one party to
specify a long list of the particular rights it desires over another party’s assets, then it
might be optimal for the first party to purchase all rights except those specifically
mentioned in the contract.“175
Für die der Dezentralisierungsproblematik zugrunde liegende Agenturbeziehung bil-
det folglich primär der Dienst-/Arbeitsvertrag der Linienkraft die Grundlage. Erfolgt
eine Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungen an die Führungskraft, dann
wird entsprechend der agenturtheoretischen Argumentation davon ausgegangen,
dass hinsichtlich der Entscheidungsübernahme keine expliziten Vertragsregelungen
bestehen.176 Dies bedeutet, dass eine vertragliche Unvollständigkeit vorliegt. Wird für
die Unterstützung bei Informationssammlung und Vorschlagsanfertigung ein externer
Personalmoderator eingesetzt, dann wird auch in diesen Fällen davon ausgegangen,
dass der geschlossene Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB nicht sämtliche Eventu-
alitäten der Entscheidungsvorbereitung umfasst. Bezogen auf den vorliegenden
Sachverhalt wird folglich der Tatbestand des Incomplete Contracts angenommen.
Zwar liegt der Delegationsbeziehung eine gegenseitige, schriftlich fixierte Willenser-
klärung zugrunde, diese beinhaltet jedoch nicht alle notwendigen oder möglichen
Entscheidungen und Handlungen innerhalb des Tätigkeitsfelds.
175 GROSSMAN/HART, 1986: 716.
176 Vor dem Hintergrund der mit der Reorganisation einhergehenden Dezentralisierung ist davon
auszugehen, dass die Arbeitsverträge der Führungskräfte in der Linie zunächst keine expliziten
Regelungen zur Übernahme personalwirtschaftlicher Entscheidungsprozesse enthalten. Zwar
besteht die Möglichkeit einer Anpassung der Verträge mittels einer Änderungskündigung;
dennoch wird die Komplexität der zu treffenden Entscheidungen eine eindeutige vertragliche
Ausgestaltung zwischen zentraler Personalabteilung und dezentraler Entscheidungseinheit
verhindern.
178
2.2.2 Detaillierte Analyse des Vertragsgeflechts
Für die Identifikation unterschiedlicher Vertragskonstellationen innerhalb des schuld-
rechtlichen Vertrags- und Vereinbarungsgeflechts wird zunächst der Frage nachge-
gangen, wie viel Entscheidungsmacht im Rahmen der Reorganisation in die Linie
delegiert wird. Für eine detaillierte Analyse dient das in Kapitel II.3 entwickelte
Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen.
In den Strukturen c, d, f und g liegt eine partielle Delegation vor, d.h. die
Prozessschritte der Auswahl und/oder der Genehmigung werden vom Personal-
spezialisten selbst durchgeführt; die Entscheidung wird nur partiell delegiert. In den
Fällen c, d und e wird die Kontrolle über den personalwirtschaftlichen Ent-
scheidungsprozess nicht der Linienkraft allein überlassen, sondern in den Prozess
wird außerdem ein Personalmoderator/-berater integriert; es liegt eine Delegation mit
Spezialisierung vor. Weiterhin sind Entscheidungsstrukturen identifiziert worden, in
denen sich der Personalspezialist ganz aus dem personalwirtschaftlichen
Entscheidungsprozess zurückzieht. Hier wird die Entscheidungskontrolle entweder
von dem Personalmoderator/-berater und von der Linienkraft gemeinsam getragen
(vollständige Delegation mit Spezialisierung in Fall e), oder aber die Linienkraft zeigt
sich für den gesamten Entscheidungsvorgang allein verantwortlich (vollständige
Delegation ohne Spezialisierung in Fall h).
Entscheidungs-
struktur/
Fallunter-
scheidung
... am
Entscheidungs-
prozess
teilhabende
Akteure
... weitere
Akteure
betrieblicher
Personal-
arbeit
Inhaltliche
Beschreibung der
Entscheidungsstruktur
c + d
Partielle
Delegation mit
Spezialisierung
e
Vollständige
Delegation mit
Spezialisierung
f + g
Partielle
Delegation ohne
Spezialisierung
h
Vollständige
Delegation ohne
Spezialisierung
Delegation mit
Spezialisierung
=
vertikale
Dezentralisierung mit
horizontaler
Dezentralisierung
Delegation ohne
Spezialisierung
=
vertikale
Dezentralisierung mit
horizontaler
Zentralisierung
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Interner Personalmoderator bzw.
externer Personalberater
Führungskraft in der Linie
Unternehmensleitung und/oder
Personalvorstand
Abbildung 16: Dezentrale Entscheidungsstrukturen und die hieran
partizipierenden Träger der Personalarbeit
Mechanismen zur Koordination und Motivation 179
Wie Abbildung 16 darstellt, hebt die Analyse des den dezentralen Entscheidungs-
strukturen zugrunde liegenden Vertragsgeflechts auf die am personalwirtschaftlichen
Entscheidungsprozess direkt mitwirkenden Akteure ab und berücksichtigt neben
diesen weitere bereits identifizierte unternehmensinterne Akteure der Personalarbeit.
Diese Ergänzung um zusätzliche betriebliche Akteure ist notwendig, da je nach
Delegations- bzw. Vertragsbeziehung die Unternehmensleitung und fallweise auch
die zentrale Personalinstanz auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichs-
ebene im Sinne der Agenturtheorie als Prinzipal agieren. Dies ist so zu verstehen,
dass beispielsweise in den Entscheidungsstrukturen e und h die Unternehmens-
leitung und der Personalspezialist zwar nicht als am Entscheidungsprozess direkt
teilnehmende Akteure in Erscheinung treten, dennoch aber im unternehmerischen
Vertragsgeflecht als Delegierende personalwirtschaftlicher Entscheidungen und
somit als Vertragspartner agieren.
Im Folgenden gilt es zu klären, wem auf Basis welcher Art schuldrechtlicher Verträge
innerhalb der verschiedenen Entscheidungsstrukturen die Rolle der Instanz und wem
die Rolle des Entscheidungsträger zukommt.177 Neben dem Arbeitsvertrag gemäß
§§ 611ff. BGB werden in der nachfolgenden detaillierten Analyse der in Abbildung 16
identifizierten Delegationsalternativen mit und ohne Spezialisierung (Kapi-
tel III.2.2.2.1 und III.2.2.2.2) weitere gesetzliche Regelungen berücksichtigt. Zu
diesen zählen z.B. der Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB oder der Geschäftsfüh-
rungsvertrag gemäß §§ 677ff. BGB. In diesem Kontext wird auch die Frage geklärt,
ob der Dezentralisierungsproblematik ein Standardagenturmodell zugrunde liegt oder
innerhalb des betrachteten Vertragsgeflechts mehrere Delegierende oder Empfänger
der Delegation agieren.
2.2.2.1 Vertragsrechtliche Ausgestaltung der Delegation mit Spezialisierung
In den Entscheidungsstrukturen der Delegation mit Spezialisierung entscheidet sich
die Unternehmensleitung respektive der Personalvorstand für eine horizontale
Dezentralisierung der Prozessschritte Information und Vorschlag, hingegen liegt die
Entscheidungsausführung bei der Linienkraft. Der Personalspezialist behält sich je
nach Entscheidungsstruktur das Recht vor, die Prozessschritte der Auswahl und/oder
der Genehmigung selbst auszuführen oder die gesamte formale Entschei-
dungskontrolle an die Linienkraft zu delegieren. Die konkrete vertragliche Beziehung
der personalwirtschaftlichen Akteure innerhalb der Entscheidungsstrukturen c, d
und e wird nachfolgend im Detail untersucht.
177 Vgl. hierzu LAUX, 1990; LAUX 1988a und 1988b.
180
Im Fall c übernimmt der Personalspezialist selbst die Entscheidungsphasen der
Auswahl und Genehmigung, überträgt die Informationssammlung und das Vor-
schlagsrecht an den Berater und delegiert die Entscheidungsausführung an die
Linienführungskraft. Dies bedeutet, dass der Personalspezialist in der Rolle des
Prinzipals Delegationsbeziehungen zu zwei Agenten unterhält, zum Personalmode-
rator/-berater und zur Führungskraft (siehe Abbildung 17). Mit dieser Entscheidungs-
struktur wird z.B. jener Unternehmenssituation Rechnung getragen, in welcher sich
der Personalspezialist für spezifische Fragestellungen eines externen Personalbe-
raters oder –consultant bedient und die Informations- und Vorschlagsphase an
diesen delegiert. Die Entscheidungsausführung liegt im Sinne vertikaler Dezentrali-
sierung bei der Linienkraft.178
Prinzipale
Agenten
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Interner Personalmoderator bzw.
externer Personalberater
Führungskraft in der Linie
Unternehmensleitung und/oder
Personalvorstand
Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB
Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB
Geschäftsführung gemäß §§ 677ff. BGB
Allg. Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB
Abbildung 17: Vertragsgeflecht bei partieller Delegation mit Spezialisierung (Fall c)
Je nach praktischer Ausgestaltung beruht die Entscheidungsstruktur des Falls c auf
folgenden vertraglichen Fixierungen:179 Die Unternehmensführung als oberste
Leitungs- und Vertretungsinstanz unterhält eine Vielzahl an Dienst-/Arbeitsverträgen
gemäß § 611 BGB, wie zur Linienkraft, zu den diversen Personalspezialisten oder
178 Siehe hierzu auch die Ausführungen in Kapitel II.3.4 zur exemplarischen Anwendung des
Analyserasters auf eine Entscheidungssituation in der Praxis.
179 Die Verfasserin weist darauf hin, dass es sich bei den folgenden Ausführungen zu den der
Delegationsbeziehung zugrunde liegenden Vertragsformen lediglich um die Beschreibung
möglicher Vertragsbasen gemäß des BGB handeln; es besteht nicht der Anspruch auf Voll-
ständigkeit in der Darstellung des Rechtsgefüges.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 181
zum internen Personalmoderator. Je nach Organisationsstruktur kann der Delega-
tionsbeziehung zwischen Unternehmensleitung und Personalspezialisten auf
Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene ebenso aber auch eine
Geschäftsführung ohne Auftrag gemäß § 677 BGB zugrunde liegen. Ist in den
Entscheidungsprozess hingegen ein externer Personalberater involviert, dann unter-
hält die Unternehmensleitung oder der geschäftsführende Personalspezialist zu
diesem einen Dienstvertrag gemäß § 611 BGB oder einen Werkvertrag gemäß
§§ 631ff. BGB. Ferner ist ein allgemeines Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB
zwischen zentraler Personalinstanz und Linienkraft denkbar, wenn diese sich bei-
spielsweise vertraglich zur Übernahme der Entscheidungsausführung verpflichtet.
Wie aus diesen Ausführungen und aus der Abbildung 17 hervorgeht, handelt es sich
um ein mehrstufiges Prinzipal-Agent-Modell. Durch diese mehrstufigen Modelle hat
die Agenturtheorie eine Erweiterung erfahren und bietet seitdem die Möglichkeit der
Analyse von hintereinander angeordneten Delegationsbeziehungen wie sie bei-
spielsweise in Netzwerkorganisationen bestehen. Mehrstufige Modelle berück-
sichtigen zwischen Prinzipal und Agent eine weitere Handlungsebene, welche die
Funktion der Kontrolle des Agenten zugewiesen wird und in dieser Hinsicht den
Prinzipal entlastet. Das Modell ist dadurch gekennzeichnet, dass es einen Prinzipal
auf oberster Stufe, einen Überwacher oder Supervisor auf der mittleren und min-
destens einen Agenten auf einer untersten Hierarchiestufe des Unternehmens
besitzt. In mehrstufigen Agenturmodellen treten Probleme nicht nur um die Zahl der
zusätzlichen Stufen vermehrt auf, sondern es wird auch die Möglichkeit der Koaliti-
onsbildung diskutiert.180
Bezogen auf den vorliegenden Sachverhalt bedeutet dies, dass die Unternehmens-
leitung bzw. der Personalvorstand auf oberster Ebene agiert und je nach Größe,
Rechtsform und Organisationsstruktur des Unternehmens zu mehreren Personal-
spezialisten auf unterschiedlichen Hierarchieebenen eine Delegationsbeziehung
unterhält. Diese agieren hingegen wiederum als Delegierende in Bezug auf die
Führungskraft in der Linie oder dem Personalmoderator/-berater. Insbesondere aus
Sicht der Führungskraft aber auch aus Sicht des Moderators/Beraters kann dieses
mehrstufige Modell bedeuten, dass je nach Organisationsgestalt vertragliche Bezie-
hungen zu mehreren Prinzipalen bestehen. Derartige Situationen gestalten sich
insbesondere dann problematisch, wenn die Prinzipale unterschiedliche Interessen
verfolgen oder die personalwirtschaftliche Entscheidungssituation unterschiedlich
einschätzen. Während in der vorliegenden Arbeit die Problematik eines Mehr-Prinzi-
180 Vgl. KRÄKEL, 1999: 92ff.
182
pale-Modells kaum Berücksichtigung findet, da sie für den hier fokussierten Sach-
verhalt der Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungsverantwortung in die
Linie als wenig relevant eingeschätzt wird, findet das Mehr-Agenten-Modell im Rah-
men der Analyse auftretender Delegationsrisiken verstärkt Beachtung.
Die Idee des Mehr- oder auch Multi-Agenten-Modells stellt ebenfalls eine Relativie-
rung des agenturtheoretischen Grundmodells und zugleich eine Erweiterung der
Agenturtheorie dar und hebt auf eine Situation mit mehreren Agenten ab. Schließt
z.B. ein Prinzipal mit mehreren Auftragnehmern als Team einen Vertrag, so gestalten
sich die Agenturprobleme als komplexer als im Zwei-Personen-Fall. Wird die
Leistungserstellung innerhalb eines Teams erbracht, so treten die Probleme der
Leistungszurückhaltung oder der suboptimalen Ressourcenverwendung nicht nur
zwischen Prinzipal und Agent auf, sondern erstrecken sich auch auf das Verhältnis
der Teammitglieder untereinander. Folglich stellt sich in Multi-Agenten-Situationen
insbesondere die Frage nach einer optimalen Anreizgestaltung innerhalb von
Teams.181
Der Fall d partieller Delegation mit Spezialisierung unterscheidet sich von den
Ausführungen zur Entscheidungsstruktur c insofern, dass der Personalmoderator/-
berater in seiner ihm zugedachten Funktion des Ratgebers nicht mehr dem Perso-
nalspezialisten auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene, sondern
der Linienkraft zuarbeitet. Da bezogen auf die zu erbringende personalwirtschaftliche
Dienstleistung der Informationssammlung und Vorschlagsvorbereitung für den Mode-
rator/Berater derjenige ökonomische Akteur in der Rolle des Prinzipals agiert,
welcher die Kontrolle über die Auswahlphase innehat und somit die Wahl der Vor-
schlagsalternativen bestimmt, ändert sich hier die Auftragsbeziehung. In Fall d bietet
der interne Moderator oder externe Berater seine Leistungen der Linienführungskraft
an (siehe Abbildung 18), so dass die Führungskraft als Prinzipal gegenüber diesem
auftritt. Demnach trägt die Führungskraft die Verantwortung, aus den unterbreiteten
Vorschlägen eine Alternative auszuwählen und bittet im Anschluss daran den
Personalspezialisten um Genehmigung für die nachfolgende, an ihn delegierte
Entscheidungsausführung. Konkret heißt dies, dass die Linienkraft den Moderator
bzw. Berater im Sinne eines Dienstleisters beauftragt die personalwirtschaftliche
Entscheidung vorzubereiten; die Linienkraft findet sich in der Rolle des Prinzipals
wieder.
181 Vgl. beispielsweise KRÄKEL, 1999: 95ff.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 183
Agenten
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Interner Personalmoderator bzw.
externer Personalberater
Führungskraft in der Linie
Unternehmensleitung und/oder
Personalvorstand
Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB
Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB
Geschäftsführung gemäß §§ 677ff. BGB
Allg. Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB
Prinzipale
Abbildung 18: Vertragsgeflecht bei partieller Delegation mit Spezialisierung (Fall d)
Analog zum Fall c basiert die Entscheidungsstruktur d auf ähnlichen vertraglichen
Schuldverhältnissen; an dieser Stelle sei daher auf die obigen Ausführungen verwie-
sen. Wie Abbildung 18 jedoch zeigt, unterhält die Linienkraft als jener personalwirt-
schaftliche Akteur mit Entscheidungskontrolle über den Prozessschritt der Auswahl
eine Delegationsbeziehung zum Personalmoderator/-berater, der entweder auf
einem Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB oder auf einer Vereinbarung im Sinne
eines allgemeinen Schuldverhältnisses gemäß §§ 241ff. BGB beruht. Infolge der in
Abbildung 18 skizzierten Vertragssituation liegt der partiellen Delegation mit
Spezialisierung des Falles d ebenfalls ein Mehr-Agenten-Modell zugrunde; genau
genommen ein mehrstufiges Prinzipal-Agent-Modell. Hierbei ist jedoch zu beachten,
dass die obige Entscheidungsstruktur um eine weitere agenturtheoretische
Standardbeziehung dergestalt ergänzt wird, dass die Linienführungskraft eine
Auftragsbeziehung zum Personalmoderator/-berater unterhält.
Die vollständige Delegation mit Spezialisierung (Fall e) ist dadurch gekennzeichnet,
dass die formale Kontrolle über den personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozess
der Linienkraft obliegt. Sie führt die Auswahl, Genehmigung und Ausführung der
Entscheidung durch. Analog zur partiellen Delegation mit Spezialisierung (Fall d)
agiert die Führungskraft als Prinzipal des Personalmoderators/-beraters, welchem die
Sammlung von Informationen und das Erbringen von Vorschlägen obliegen.
Kennzeichnend für die Entscheidungsstruktur e ist, dass der Personalspezialist –
ganz unabhängig von seiner hierarchischen Positionierung in der Organisations-
struktur – als Akteur des Entscheidungsprozesses nicht mehr auftritt: Aufgrund
vollständiger Delegation trägt dieser keine direkte Verantwortung für den Entschei-
184
dungsprozess und fungiert auch nicht mehr in der Rolle des Delegierenden bzw. als
agenturtheoretischer Vertragspartner von Führungskraft oder Moderator/Berater. Der
Personalspezialist unterhält hier lediglich eine Agenturbeziehung zur Unterneh-
mensleitung bzw. zum Personalvorstand, d.h. er berät in personalwirtschaftlichen
Fragen, entwirft Personalprogramme und entwickelt Strategien für die oberste
Unternehmensführung. Delegierender und somit Auftraggeber für die Prozessschritte
Auswahl, Genehmigung und Ausführung ist infolgedessen die Unternehmensleitung,
die als Prinzipal gegenüber der Führungskraft agiert. Der Spezialist auf Konzern-,
Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene ist in das Mehr-Prinzipale-Modell nicht
mehr integriert (siehe Abbildung 19).
Prinzipale
Agenten
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Interner Personalmoderator bzw.
externer Personalberater
Führungskraft in der Linie
Unternehmensleitung und/oder
Personalvorstand
Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB
Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB
Allg. Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB
Abbildung 19: Vertragsgeflecht bei vollständiger Delegation mit Spezialisierung (Fall e)
Das vorliegende Vertragsgeflecht beruht auf den folgenden gesetzlichen Regelun-
gen: Die Unternehmensleitung in Vertretungsfunktion des bzw. mehrerer Eigentümer
unterhält diverse Arbeitsverträge gemäß der §§ 611ff. BGB. Da der Personalspezia-
list in der vorliegenden Entscheidungsstruktur nur noch in einer Art Stabsfunktion
beratend tätig ist, wird eine geschäftsführende Vertragsbeziehung gemäß §§ 677ff.
BGB ausgeschlossen. In Analogie zum Fall d sind die Linienkraft und der Perso-
nalmoderator/-berater entweder einen Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB oder ein
allgemeines Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB eingegangen.
2.2.2.2 Vertragsrechtliche Ausgestaltung der Delegation ohne Spezialisierung
In den Entscheidungsstrukturen der Delegation ohne Spezialisierung werden an die
Linienkraft neben der Entscheidungsausführung ebenfalls auch die Prozessschritte
Information und Vorschlag delegiert, d.h. dass auf die horizontale Dezentralisierung
Mechanismen zur Koordination und Motivation 185
verzichtet wird. Wie bei der Delegation mit Spezialisierung (Kapitel III.2.2.2.1) behält
sich der Personalspezialist je nach Entscheidungsstruktur das Recht vor, die
Prozessschritte der Auswahl und/oder der Genehmigung selbst auszuführen oder die
gesamte formale Entscheidungskontrolle an die Linienkraft zu delegieren. Die
konkrete vertragliche Beziehung der personalwirtschaftlichen Akteure innerhalb der
Entscheidungsstrukturen f, g und h wird nachfolgend im Detail untersucht.
Die Fälle f und g des entwickelten Analyserasters zeichnen sich durch eine par-
tielle Delegation der Verantwortung für den personalwirtschaftlichen Entscheidungs-
prozess aus. Neben der informalen Entscheidungsmacht werden Teile der formalen
Macht in die Linie delegiert. D.h. der Personalspezialist führt im Fall f die Schritte
Auswahl und Genehmigung aus, während er im Fall g nur die Genehmigung der
Entscheidung sicherstellt. Zwischen der Mehrzahl an Personalspezialisten auf unter-
schiedlichen hierarchischen Ebenen des Unternehmens und der Führungskraft vor
Ort besteht somit eine Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung (siehe Abbildung 20).
Ferner unterhält die Unternehmensleitung eine Standardagenturbeziehung zum
Personalspezialisten bzw. eine Mehr-Agenten-Beziehung zu diversen Spezialisten.
Prinzipale
Agenten
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Führungskraft in der Linie
Unternehmensleitung und/oder
Personalvorstand
Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB
Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB
Geschäftsführung gemäß §§ 677ff. BGB
Allg. Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB
Abbildung 20: Vertragsgeflecht bei partieller Delegation ohne Spezialisierung (Fälle f und g)
Die Entscheidungsstrukturen f und g basieren beide auf dem gleichen rechtlichen
Vertragsgeflecht: Die Unternehmensleitung fungiert in der Rolle des Arbeitgebers
und unterhält mit den Personalspezialisten der jeweiligen Hierarchieebene sowie mit
der Führungskraft vor Ort Dienstverträge gemäß §§ 611ff. BGB. Denkbar ist ferner,
dass in den betrachteten Strukturen der Personalspezialist als Geschäftsführer tätig
wird, so dass Unternehmensleitung und Spezialist einen Vertrag gemäß §§ 677ff.
BGB unterhalten können. Der Unternehmensleitung steht außerdem die Möglichkeit
186
offen, für spezifische, einmalig auftretende Entscheidungssituationen mit den
Personalspezialisten auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene
Werkverträge abzuschließen oder eine andere Form des Schuldverhältnisses einzu-
gehen. Diese Ausgestaltung der Vertragsbeziehung wurde zwar bis jetzt noch an
keiner Stelle der Ausführungen berücksichtigt, zeigt jedoch auf, wie komplex sich das
Vertragsgeflecht in der Praxis gestalten kann. Agiert der Personalspezialist als
Geschäftsführer, dann wird dieser gegebenenfalls als Vertragspartner der Linienkraft
auftreten und seinerseits mit der Linienkraft einen Arbeitsvertrag gemäß §§ 611ff.
BGB abschließen. Die Delegation von (in-)formaler Entscheidungsmacht an die Li-
nienkraft kann jedoch auch auf einem allgemeinen Schuldverhältnis basieren, so
dass zwischen Personalspezialist und Linienkraft ebenfalls eine vertragliche Verein-
barung gemäß §§ 241ff. BGB vorstellbar wäre. Unabhängig davon, ob in der Organi-
sationsstruktur ein Personalspezialist oder mehrere Spezialisten agieren, ist die
Vertragskonstellation generell durch ein mehrstufiges Prinzipal-Agent-Modell ge-
kennzeichnet: Auf oberster Ebene steht die Unternehmensleitung respektive der
Personalvorstand, gefolgt vom Personalspezialisten auf mittlerer und der Linienfüh-
rungskraft auf unterer Hierarchiestufe.
Der Fall h des entscheidungsgestützten Analyserasters wird in Analogie zum Fall e
der vollständigen Delegation mit Spezialisierung gesehen. Die Verantwortung über
den gesamten Entscheidungsprozess – von der Informationssammlung über die
Genehmigung bis hin zur Ausführung – ist der Führungskraft in der Linie übertragen.
Als Auftraggeber der Entscheidungsleistung wird die Unternehmensleitung identifi-
ziert (siehe Abbildung 21). Zugleich unterhält die Leitung eine Agenturbeziehung zu
einen oder einer Vielzahl an Personalspezialisten, die in einer Beraterrolle ihr perso-
nalwirtschaftliches Expertenwissen zur Verfügung stellen und eine Stabsstellenfunk-
tion einnehmen.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 187
Prinzipal
Agenten
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Führungskraft in der Linie
Unternehmensleitung und/oder
Personalvorstand
Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB
Werkvertrag gemäß §§ 631ff. BGB
Allg. Schuldverhältnis gemäß §§ 241ff. BGB
Abbildung 21: Vertragsgeflecht bei vollständiger Delegation ohne Spezialisierung (Fall h)
Das Vertragsgeflecht der Entscheidungsstruktur h gestaltet sich im Gegensatz zu
den obigen Ausführungen relativ einfach, d.h. die Delegation personalwirtschaftlicher
Entscheidungen wird vertraglich in Dienstverträgen gemäß der §§ 611ff. BGB gere-
gelt. Dennoch ist auch hier denkbar, dass die Unternehmensleitung bei einer als
außergewöhnlich zu bewertenden Entscheidungssituation mit der zentralen Perso-
nalabteilung Werkverträge abschließt oder gegebenenfalls eine andere Form des
Schuldverhältnisses eingeht. Der Entscheidungsstruktur vollständiger Delegation
ohne Spezialisierung liegt infolgedessen eine einfache Delegationsbeziehung
zugrunde, die aus der Sicht der Unternehmensleitung von Fall zu Fall um ein Multi-
Agenten-Modell ergänzt werden kann.
2.2.3 Resümee zum Vertragsgeflecht in dezentralen Strukturen
Die detaillierte Analyse des Vertragsgeflechts baut auf dem von FAMA (1980)
geprägten vertragstheoretischen Verständnis auf und zeigt deutlich die Komplexität
des „Nexus of Contracts“182, welcher der Delegation von Entscheidungskontrolle
zugrunde liegt. Die Übertragung informaler und formaler Entscheidungsmacht an die
Vielzahl personalwirtschaftlicher Träger basiert wesentlich auf dem Abschluss von
Dienst- bzw. Arbeitsverträgen gemäß §§ 611ff. BGB. Neben dieser Vertragsform fußt
die Delegation noch auf weiteren Schuldverhältnissen wie beispielsweise dem Werk-
vertrag nach den § 631ff. BGB oder dem Vertrag zur Regelung einer Geschäftsfüh-
rung nach § 677 BGB.
182 FAMA, 1980: 290.
188
Allen vertraglichen Regelungen ist hierbei gemein, dass sie nicht alle Delegations-
modalitäten präzise und umfassend fixieren können. Weder mittels eines Arbeitsver-
trags noch durch einen Werkvertrag gelingt es dem Delegierenden, die Inhalte der
Übertragung personalwirtschaftlicher Entscheidungskontrolle vollständig zu
definieren. Infolgedessen bietet diese vertragliche Unvollständigkeit dem Delegati-
onsempfänger einen großen Spielraum für opportunistisches Handeln und eigen-
zentriertes Entscheiden, was sich in der Nutzung des Informationsvorsprungs für das
Verfolgen eigener Interessen äußert. Die dargestellte Vielschichtigkeit des vertragli-
chen Regelungsgeflechts birgt jedoch noch eine weitere Gefahr, und zwar die der
Verdünnung (in-)formaler Entscheidungskontrolle.183 Je größer die Anzahl jener
personalwirtschaftlichen Träger ist, die delegative Vertragsbeziehungen untereinan-
der unterhalten, desto eingeschränkter ist die Fixierung und damit einher gehend die
Ausübung von Entscheidungs- und Handlungsrechten.184
Zusammenfassend haben die obigen Ausführungen gezeigt, dass die Delegation
personalwirtschaftlicher Entscheidungen auf unvollständigen Verträgen unterschied-
lichen Typs basiert. Die Folge sind vielfältige Delegationsrisiken, die es in den
folgenden Kapiteln III.2.3, III.2.4 und III.2.5 zu konkretisieren gilt. Nichtsdestotrotz
wird die Dezentralisierung gerade in Zeiten turbulenter und dynamischer Umwelten
als Chance begriffen und die Unternehmensleitung sieht trotz evidenter Risiken nicht
davon ab, Entscheidungskompetenz zu delegieren. Hieraus ergibt sich die Notwen-
digkeit, Koordinations- und Motivationsmechanismen in Form von Anreiz-, Kontroll-
und Informationsmechanismen ex ante vertraglich festzulegen, die den
Delegationsproblemen in der Linie kompensatorisch begegnen und diese gegebe-
nenfalls auch sanktionieren.
2.3 Ermittlung des Entwicklungsbedarfs des Linienverantwortlichen als
dezentraler Entscheidungsträger – Adaption der Adverse Selection
Verfolgt die Unternehmensleitung im Rahmen organisatorischer Neuorientierung die
Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskontrolle, dann muss sie sich mit
der Gefahr der Auswahl unerwünschter Delegationsempfänger auseinander setzen.
Unter diesem Delegationsproblem lassen sich all jene Fälle subsumieren, bei denen
der Entschluss, eine vertragliche Vereinbarung einzugehen entscheidend von priva-
ten, schlecht zugänglichen Informationen beeinflusst wird. Hidden Characteristic liegt
183 Vgl. hierzu die einschlägige Literatur zur Theorie der Verfügungsrechte und exemplarisch
RICHTER/FURUBOTN, 1996: 82ff.
184 Auf diesen Aspekt wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit jedoch nicht weiter fokussiert, da er
nicht Bestandteil der Forschungsfrage ist.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 189
dann vor, wenn die Unternehmensleitung die für die Ausübung der Entscheidungs-
kontrolle erforderlichen Charaktereigenschaften des Delegationsempfängers nicht
kennt.185 An dieser Stelle sei nochmals darauf hingewiesen, dass als Delegations-
empfänger die Führungskraft der Linie im Fokus der Betrachtung steht; eine
gegebenenfalls bestehende Adverse Selection-Gefahren aufgrund nicht erkennbaren
Eigenschaften z.B. beim internen Personalmoderator wird nur peripher im Rahmen
des zusammenfassenden Resümees behandelt.
In einem ersten Schritt gilt es zunächst zu diskutieren, ob sich das Problem der
Auswahl unerwünschter Delegationspartner der Linie im vorliegenden Anwendungs-
szenario faktisch überhaupt stellt, bzw. wie dieses in Erscheinung tritt
(Kapitel III.2.3.1). Nachfolgend wird die Frage diskutiert, welches jene notwendigen
oder wünschenswerten Charaktereigenschaften sind, die zu einer hohen Entschei-
dungsqualität in der Linie beitragen und somit von der Unternehmensleitung favori-
siert werden. Außerdem wird untersucht, ob diese wünschenswerten Charakter-
eigenschaften je nach Entscheidungsstruktur unterschiedlich und infolgedessen vom
Ausmaß delegierter Entscheidungskontrolle abhängig sind; dies erfolgt unter
Rückgriff auf das Analyseraster. In Kapitel III.2.3.2 wird somit die Frage beantwortet,
ob sich die erwünschten Eigenschaften im Hinblick auf die identifizierten dezentralen
Entscheidungsstrukturen c bis h unterscheiden. Im Anschluss an diese Diskussion
werden Screening-Methoden aufgezeigt, die es der Unternehmensleitung ermögli-
chen, Delegationsempfänger der Linie mit Potenzialen sowie mit bestehenden
Defiziten an wünschenswerten Eigenschaften zu identifizieren. Ferner werden
Signalisierungsmechanismen skizziert, die es der Linienkraft ermöglichen, er-
wünschte Verhaltensmerkmale oder deren Mangel offen zu legen. Eine knappe
Diskussion der Auswirkungen auf das Effizienzkriterium Agenturkosten wird integriert
(Kapitel III.2.3.3). Eine Resümee fasst die Analyseergebnisse zusammen und er-
weitert den Blickwinkel auf das Adverse Selection-Risiko innerhalb der mehrstufigen
Prinzipal-Agent-Beziehung zwischen Unternhemensleitung, Personalmorderator und
Führungskraft in der Line (Kapitel III. 2.3.4).
2.3.1 Erscheinungsform der Adverse Selection bei bestehenden
Verträgen
Die Agenturtheorie unterstellt, dass die Linienkraft bestehende Informationsasym-
metrien nutzt, um Charaktereigenschaften zu verheimlichen oder falsche Tatsachen
vorzuspiegeln. Die Unternehmensleitung hat daher ex ante keine genauen Kennt-
185 Siehe zur Informationsasymmetrie Hidden Characteristic die Ausführungen in Kapitel III.1.3.1.1.
190
nisse über die Existenz personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz, welche
die Führungskraft für eine erfolgreiche Wahrnehmung der Entscheidungskontrolle
benötigt. Erst nach Einführung dezentraler Entscheidungsstrukturen bzw. nach
Aufnahme einer delegativen Agenturbeziehung erhält die Unternehmensleitung de-
taillierte Informationen in Bezug auf den Charakter des Delegationspartners.
Der vorliegende Anwendungsfall ist dadurch gekennzeichnet, dass zum einen die
Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Entscheidungsmacht nicht notgedrungen
mit einer umfassenden Reorganisation des Unternehmens verbunden ist. Zum ande-
ren gilt, dass es sich um eine unternehmerische Entscheidung mit strategischem
Charakter handelt, die nach einer universellen Bestandsaufnahme des im Unter-
nehmen vorhandenen Humankapitals durchgeführt wird. Es wird folglich mit denjeni-
gen Entscheidungsträgern eine delegative Agenturbeziehung eingegangen, die zum
Zeitpunkt der Dezentralisierungsentscheidung eine Führungsposition auf der fokus-
sierten, untergeordneten Hierarchieebene innehaben. Infolgedessen steht nicht die
Auswahl der am Besten geeigneten Führungskraft im Vordergrund, d.h. derjenigen
Führungskraft mit der höchsten Ausprägung an personalwirtschaftlicher Entschei-
dungskompetenz. Vielmehr wird personalwirtschaftliche Entscheidungsmacht an die
Gesamtheit der im Unternehmen tätigen Linienkräfte auf der fokussierten Hierar-
chieebene delegiert, d.h. Linienkräfte werden nicht versetzt oder sogar freigesetzt.
In Anbetracht des skizzierten Sachverhalts ist verständlich, dass die erstmalige
Auswahl im Sinne einer Selektion gänzlich unbekannter Vertragspartner nur eine
untergeordnete Rolle spielt. Dies liegt darin begründet, dass ein Vertragsverhältnis
zwischen der Unternehmensleitung und den Linienführungskräften bereits existiert
und die Delegationsempfänger längst spezifiziert sind. Somit tritt das Risiko der
Adverse Selection in seiner originären Form in den Hintergrund. Vielmehr wird im
vorliegenden Anwendungsfall das Delegationsrisiko der Adverse Selection in eine
Gefahr transformiert, die aus dem Nichterkennen fehlender Kompetenzen resul-
tiert.186 Die Aufdeckung dieser Kompetenzdefizite und die darauf folgende zielgerich-
tete und zeitige Entwicklung personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz sind
aber notwendig, damit die Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungen den
erwünschten Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten kann. Demnach ist die oben
aufgeworfene Frage der Existenz des Adverse Selection-Risikos im vorliegenden
Szenario positiv zu beantworten und zwar im Sinne des Auffindens jener Linienkräfte,
die hinsichtlich notwendiger Eigenschaften ein Qualifikationsdefizit aufweisen.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 191
2.3.2 Erforderliche Kompetenzen des dezentralen Entscheidungsträger
in der Linie
Das Vorliegen eines arbeitnehmerseitigen Informationsvorsprungs in Bezug auf seine
Fertigkeiten und Fähigkeiten wird seit je her bejaht,187 denn es scheint auf den ersten
Blick einleuchtend zu sein, dass ein Arbeitnehmer die eigene Qualifikation besser
kennt als sein (potentieller) Arbeitgeber. Dennoch gibt ALEWELL (1993) zu bedenken,
„... daß es für den Arbeitgeber nicht in erster Linie auf die Qualifikation der
Arbeitnehmer an sich, sondern auf ihre Eignung für bestimmte Arbeitsplätze, welche
sich aus der Gegenüberstellung von Qualifikation und Arbeitsanforderungen ergibt,
ankommt. Ob ein Arbeitnehmer aber die Arbeitsanforderungen einer zukünftigen
Stelle [oder eines veränderten Tätigkeitsfelds] so gut einschätzen kann, daß er
insgesamt bessere Informationen über seine Eignung für die Stelle hat als der
Arbeitgeber, ist zu bezweifeln, da dieser zwar über die Qualifikation des Arbeitneh-
mers schlechtere Informationen hat, aber die Arbeitsanforderungen der Stelle besser
kennt.“188 Hieraus lässt sich schließen, dass die Unternehmensleitung respektive der
Personalspezialist bessere Informationen besitzen, was das Anforderungsprofil und
die hieraus ableitbare fachliche Qualifikation betreffen.
Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass die Linienkraft i.d.R. bessere Kenntnis
hinsichtlich so genannter extrafunktionaler Kompetenzen und konstanter Leistungs-
dispositionen hat, die insbesondere zur Generierung personalwirtschaftlicher
Entscheidungen und zur Bewältigung verschiedenartiger Arbeits- und Führungssitu-
ationen notwendig sind.189 Aussagekräftige Informationen über diese extrafunktiona-
len Fähigkeiten sind für den Delegierenden bereits im Vorfeld der Agenturbeziehung
von großer Wichtigkeit, denn nur die Existenz dieser spezifischen Kompetenzmerk-
male macht eine Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungsverantwortung
erfolgreich. Zusammenfassend bedeutet dies, dass einerseits die Unternehmenslei-
tung ein großes Interesse daran besitzt, die bestehende Informationsasymmetrie zu
minimieren und andererseits die Linienkraft gegebenenfalls Aktivitäten unternimmt,
extrafunktionale Qualifikationen zu offenbaren oder vorzutäuschen.
186 KIENER (1990) verweist in seiner Klassifikation möglicher Adverse Selection-Fälle neben dem Fall
einer Informationssymmetrie vor Vertragsabschluss auch auf den Fall asymmetrischer
Information nach Vereinbarung der Prinzipal-Agent-Beziehung (vgl. KIENER, 1990: 90ff.).
187 Vgl. hierzu beispielsweise STIGLITZ, 1975; oder SPENCE, 1973.
188 ALEWELL, 1993: 113.
189 Da die Existenz dieser Kompetenzen grundsätzlich für den Erwerb funktionaler Qualifikationen
notwendig ist, hat ihre Ausprägung sicher auch einen Einfluss auf das Erlernen funktionaler
Arbeitsinhalte. Vgl. hierzu auch KRÄKEL, 1999: 31.
192
Hinsichtlich der Frage, welches für die Delegation personalwirtschaftlicher Verant-
wortungskompetenz wünschenswerte Eigenschaften sind, gibt Kapitel II.2 erste Hin-
weise. Die erforderlichen Eigenschaften leiten sich primär aus dem dezentralen
Organisationskonzept, den delegierten Personalaufgaben und -entscheidungen und
dem daraus resultierenden neuartigen Rollenverständnis der Führungskraft ab. Expli-
zit genannt wurden beispielsweise unternehmerisches Denken und Handeln sowie
sozial-kommunikative Kompetenz. Neben diesen in der Literatur diskutierten Eigen-
schaften verlangt der vorliegende Anwendungsfall jedoch weitere Kompetenzdimen-
sionen, welche für die Verantwortungsübernahme im personalwirtschaftlichen Ent-
scheidungsprozess existenziell sind bzw. welche die Führungskraft befähigen,
informale oder formale Entscheidungskontrolle auszuüben:190 Hierzu zählen die Füh-
rungs- und die Managementkompetenz sowie die Fachkompetenz, die sich jeweils
durch verschiedenartige Kompetenzmerkmale charakterisieren lassen (siehe
Abbildung 22).
Fachliche Kompetenz
Zeitgemäßes Fachwissen und -können,
Problemerkennungs-
und -lösungsfähigkeit,
intellektuelle Beweglichkeit,
Kreativitäts- und Innovationsfähigkeit
Führungskompetenz
Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit
und Bereitschaft zur Selbstentwicklung,
soziale Wahrnehmungsfähigkeit,
Überzeugungskraft und Durchsetzungs-
vermögen,
Konflikthandhabungsgeschick,
Fähigkeit zur Steuerung von
Gruppenprozessen,
Zielsetzungs- und Delegationsfähigkeit,
Aktivierung der Leistungs-
potenziale und Motivation
der Mitarbeiter
Managementkompetenz
Ganzheitliches, systemorientiertes Denken,
strategische Methodenkompetenz,
Integrations- und Konsensfähigkeit,
Planungs-, Steuerungs- und
Kontrollfähigkeit,
Kosten- und Ertragsbewusstsein,
Risikobewusstsein,
Kenntnis der Unternehmensstrategie,
Nutzen von Synergieeffekten,
Fähigkeit zur Vision
Abbildung 22: Kompetenzen zur Wahrnehmung dezentraler Entscheidungskontrolle191
190 Vgl. MEIER/SCHINDLER, 1992: 517; ferner FRÖHLICH, 1999: 14; BRAKE/ZIMMER, 1998: 22f.
191 Quelle: In Anlehnung an MEIER/SCHINDLER, 1992: 517.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 193
Es stellt sich nun die Frage, ob sich die erforderlichen Ausprägungen der Kompe-
tenzdimensionen je nach (De-)Zentralisierungsgrad unterscheiden, oder mit anderen
Worten: Unterscheiden sich die wünschenswerten Eigenschaften dahingehend, ob
die Linienkraft lediglich die Entscheidungsausführung innehat (Fall c), ihr neben der
Entscheidungsausführung auch die Auswahl obliegt (Fall d), die Führungskraft
formale Entscheidungsmacht besitzt (Fall e), oder sie zusätzlich auch die Informati-
onssammlung und Vorschlagsgenerierung kontrolliert (Fälle f, g und h).192
Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass alle drei Kompetenzdimensionen als
wünschenswert anzusehen sind, um die Delegation von Entscheidungskontrolle
erfolgreich zu gestalten und eine hohe Entscheidungsqualität in der Linie zu ge-
währleisten. Unter Rückgriff auf das konzeptionelle Analyseraster dezentraler
Entscheidungsstrukturen ist es jedoch möglich, detailliertere Aussagen zu erhalten.
Für alle sechs Fallunterscheidungen ist ein hohes Maß an Führungskompetenz un-
abdinglich. Dies wird damit begründet, dass für die Ausführung personalwirtschaftli-
cher Entscheidungen z.B. Eigenschaften wie Überzeugungs- und Durchsetzungs-
vermögen, Konflikthandhabungsgeschick und soziale Wahrnehmungsfähigkeit von
großer Bedeutung sind. Werden außerdem die Phasen der Auswahl und Genehmi-
gung delegiert, dann beeinflusst die Managementkompetenz mit ihren Ausprägungen
Kosten-, Ertrags- und Risikobewusstsein, ganzheitliches und systematisches Denken
sowie Kenntnis der Unternehmensstrategie in hohem Maße die erfolgreiche
Wahrnehmung formaler Entscheidungskontrolle. Obliegt der Führungskraft ferner die
informelle Kontrolle, d.h. sie ist selbst für das Sammeln von Informationen und das
Generieren von Vorschlägen verantwortlich, dann haben zeitgemäßes, personalwirt-
schaftliches Fachwissen und -können sowie Kreativität- und Innovationsfähigkeit
einen großen Einfluss auf die Entscheidungsqualität in der Linie.193
Die Verfasserin ist sich hierbei der Problematik bewusst, dass eine Zuordnung un-
entbehrlicher Kompetenzmerkmale zu einzelnen Entscheidungsphasen oder
-strukturen nicht abschließend diskutiert werden kann; demzufolge wurden nur Ten-
denzaussagen skizziert. Von einem weiteren Separieren einzelner extrafunktionaler
Kompetenzmerkmale und einer Zuordnung dieser zu den identifizierten Entschei-
dungsstrukturen c bis h wird daher im weiteren Verlauf der Analyse Abstand
genommen. Vielmehr werden bisweilen diejenigen Fertigkeiten und Fähigkeiten, die
192 Siehe zur Fallunterscheidung erneut die Abbildung 8.
193 Diese phasenspezifische Analyse unabdingbarer Kompetenzen zeigt sehr deutlich, dass bei
einer Entscheidung für oder gegen die Dezentralisierung der Personalarbeit, sowie eine
Entscheidung über den Umfang der Delegation stets das im Unternehmen vorhandene
Humankapital in das unternehmerische Entscheidungskalkül integriert werden muss.
194
für eine erfolgreiche Verantwortungsübernahme dezentraler Entscheidungskontrolle
und eine hohe Entscheidungsqualität unabdingbar sind, unter dem Begriff der per-
sonalwirtschaftlichen Entscheidungskompetenz subsumiert. Zusammenfassend
bedeutet dies, dass die Existenz vielfältiger Kompetenzmerkmale, wie sie der
Abbildung 22 zu entnehmen ist, den Erfolg der Dezentralisierung der Personalarbeit
beeinflusst.
2.3.3 Mechanismen zur Ermittlung des Entwicklungsbedarfs des
Linienverantwortlichen
Wie bereits oben dargestellt wird der Annahme gefolgt, dass die Delegationsbezie-
hung dadurch gekennzeichnet ist, dass die Linienkraft hinsichtlich extrafunktionaler
Qualifikation und damit im Hinblick auf den Bestand personalwirtschaftlicher
Entscheidungskompetenz besser informiert ist. Obwohl die Unternehmensleitung
aufgrund des strategischen und langfristigen Charakters der Dezentralisierungsent-
scheidung in der Personalarbeit nicht unter einem zeitlichen Entscheidungsdruck
steht, welcher es ihr unmöglich macht, die Eigenschaften der Führungskraft vollstän-
dig zu erfassen, sind die Gründe für Informationsasymmetrien vielfältiger Natur.
Beispielsweise gestaltet sich das Aufgabenfeld der Führungskraft bereits vor der
Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskontrolle als äußerst komplex, so
dass von beobachtbaren Verhaltensweisen und Handlungen nur schwer auf die
Existenz spezifischer Kompetenzmerkmale geschlossen werden kann. Ferner ist es
möglich, dass die Kanäle der Informationsbeschaffung über notwendige Eigen-
schaften teilweise gestört oder blockiert sind. Dies kann seine Begründung in einer
mangelnden Interaktion und Kommunikation zwischen Linienkraft und übergeordne-
tem Vorgesetzten und untergeordnetem Mitarbeiter haben. Denkbar ist ferner, dass
die beschafften Informationen keine Aktualität aufweisen, aufgrund von Wahrneh-
mungsverzerrungen inhaltslos erscheinen oder durch einen Mangel an Interpretati-
ons- und Auswertungsobjektivität gekennzeichnet sind.194 All dies wirkt sich negativ
auf die notwendige Informationsangleichung zwischen Unternehmensleitung und
Linienkraft aus und ist daher im konkreten Praxisfall zu berücksichtigen.
Im Folgenden werden nun jene Methoden aufgezeigt, die es der Unternehmenslei-
tung im Vorfeld der Delegation erlauben, die Informationsasymmetrie zu minimieren.
Diese Screening-Methoden zeigen ein eventuell bestehendes Kompetenzdefizit
auf,195 welches dann durch den Einsatz adäquater Personalentwicklungsmaßnahmen
194 Vgl. zur Bedeutung der Wahrnehmung bei der Personalbeurteilung z.B. LUEGER, 1993.
195 Vgl. HALL/TORRINGTON, 1998: 49f.; HANEL/KABST/MAYRHOFER/WEBER, 1998: 6; COLLING/FERNER,
1992: 214f. zu den Qualifikationsdefiziten der Linienkräfte.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 195
abgebaut werden kann.196 Ziel dieser personalwirtschaftlichen Instrumente ist die
stetige Reduktion des Informationsgefälles, so dass anstelle von Unsicherheit die
Gewissheit bezüglich notwendiger, in Zukunft zu entwickelnder Fähigkeiten tritt. Der
Einsatz von Screening-Methoden für die gezielte Kompetenzüberprüfung ist insbe-
sondere deshalb so wichtig, da nach getätigter Dezentralisierung ein Verzicht auf die
delegative Agenturbeziehung unmöglich erscheint bzw. die (Re-)Zentralisierung von
Entscheidungskompetenz mit sehr hohen Opportunitätskosten verbunden ist.
Eine mögliche Methode des Screenings ist der Rückgriff auf bereits im Unternehmen
vorhandene Informationen, denn „[i]m Laufe der Zeit wird [sich die] .. Qualifikations-
unsicherheit ... reduzieren, wenn z.B. über die Personalbeurteilung Informationen
über die Qualifikation des Arbeitnehmers gesammelt werden.“197 Das Heranziehen
aktueller und vergangener Verhaltens- bzw. Leistungsdaten ist selbst dann adäquat,
wenn berücksichtigt wird, dass sich die Charaktereigenschaften der Führungskraft im
Zeitverlauf der Delegationsbeziehung verändern.198 Der gezielte Einsatz eines – auf
die Evaluierung personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz ausgerichteten
Beurteilungssystems ist daher ein probates Mittel, das Informationsgefälle zwischen
Unternehmensleitung und Linienkraft zu reduzieren. Personalpolitische Instrumente
innerhalb eines derartigen Beurteilungssystems sind die klassische Vorgesetztenbe-
urteilung, die Beurteilung durch Gleichrangige und Untergebene sowie die 360°-
Beurteilung.199 Aufgrund der unterschiedlichen Gestaltungsalternativen hat die Unter-
nehmensleitung die Chance, eine Vielzahl von Eigenschaftsmerkmalen abzufragen
und notwendige Informationen zu generieren: Die klassische Vorgesetzten-
beurteilung enthält z.B. Informationen über die Dimensionen Führungs- und
Managementkompetenz. Eine Beurteilung durch Gleichrangige und Untergebene
kann beispielsweise helfen, das Informationsdefizit hinsichtlich bestehender Füh-
rungsqualitäten zu minimieren. Da die Personalbeurteilung grundsätzlich als ein
wesentlicher Bestandteil zeitgemäßer Personalarbeit gilt und folglich in der Mehrheit
der Unternehmen als Führungsinstrument eingesetzt wird, entstehen kaum zusätzli-
196 Der aufgabenorientierten Kompetenzvermittlung und dem Aufbau personalwirtschaftlicher
Fachkenntnis kommt in dezentralen Entscheidungsstrukturen ein hoher Stellenwert zu, d.h.
Fach- und Führungskräfte werden zunehmend auf den Umgang mit Personalverantwortung
vorbereitet und für das ressort- und funktionsübergreifende Denken geschult. Siehe hierzu die
Ausführungen in Kapitel II.2.3.3.4.
197 ALEWELL, 1994: 60.
198 Vgl. hierzu bereits die Aussage von FAMA (1980): „The first condition is that the manager’s talents
… are not known for certainly, are likely to change through time, and must be imputed by
managerial labor markets at least in part from information about the manager’s currant and past
performance.“ (FAMA, 1980: 296.)
199 Vgl. für einen Überblick zur Personalbeurteilung als Führungsinstrument z.B. LATTMANN, 1994;
LIEBEL/OECHSLER, 1992.
196
che Aufwände. Gegebenenfalls entstehen Delegationskosten dadurch, dass das
bestehende Instrumentarium um Komponenten wie z.B. Selbstbeurteilung,
Peer Rating oder die Beurteilung durch Unterstellte zu erweitern ist. Auch ist eventu-
ell zu prüfen, inwiefern die zugrunde gelegten Beurteilungskriterien das Eigen-
schaftskonstrukt der personalwirtschaftlichen Entscheidungskompetenz wiederge-
ben, oder kriterienspezifische Änderungen und Anpassungen notwendig sind. In
diesem Kontext kann davon ausgegangen werden, dass die im Unternehmen vor-
handenen, standardisierten Beurteilungsverfahren sicher nicht in der Lage sind, im
vollen Umfang jene Informationen zu generieren, die für eine abschließende Beur-
teilung z.B. der personalwirtschaftlichen Fachkompetenz notwendig sind; eine
zusätzliche Einschätzung durch einen Experten auf dem Gebiet der Personalarbeit
ist hier dann erforderlich. Tendenziell erscheinen die entstehenden Delegationskos-
ten jedoch angemessen zu sein um den Informationsnachteil gegenüber der Linien-
kraft zu minimieren, Eigenschaften und Fähigkeiten ex ante zu erkennen und folglich
ein höheres Maß an auftragsgemäßer Entscheidungsübernahme und Entschei-
dungsqualität zu erzielen.
Ein weiteres, personalpolitisches Screening-Instrument ist die Potenzialanalyse, da
„[c]lever interviewing and testing techniques designed to elicit the information that the
applicants have and the firm needs help to overcome these informational difficulties
...“200 Demzufolge können Potenzialbeurteilungen beispielsweise in Form eines
Assessment Centers dazu beitragen,201 aussagekräftige Informationen hinsichtlich
personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz zu erhalten.202 Der gebündelte
Einsatz verschiedenartiger Evaluationsinstrumente wie Bewertungsgespräche, Per-
sönlichkeits- und Interessentests, Gruppendiskussionen, simuliertes Bearbeiten von
Entscheidungsproblemen und Problemlöseübungen macht es möglich, eine Vielzahl
extrafunktionaler Kompetenzmerkmale und Schlüsseldimensionen der Führungs- und
Managementkompetenz zu erfassen. Die zusätzliche Adaption personalwirt-
schaftlicher Fragestellungen in die Testeinheit stellt sicher, dass auch die fachliche
Kompetenzdimension überprüft wird. Im Hinblick auf die resultierenden Delegations-
kosten ist jedoch zu bedenken, dass die Konzeption und Durchführung eines
Assessment Centers einen außergewöhnlich hohen Zeit- und Kostenaufwand er-
zeugt, so dass der Instrumenteneinsatz für die Ermittlung des Entwicklungsbedarfs
200 MILGROM/ROBERTS, 1992: 342.
201 Vgl. zur Assessment Center-Methode als Instrument der Potenzialanalyse beispielsweise
KLEINMANN, 1997; SARGES, 1996; oder die Ausführungen des ARBEITSKREISES ASSESSMENT
CENTER E.V., 1996.
202 Vgl. hierzu auch die Ausführungen von HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 6.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 197
nur in jenen dezentralen Vertragskonstellationen gerechtfertigt erscheint, in denen
das Delegationsrisiko als äußerst hoch eingeschätzt wird.
Im vorliegenden Anwendungsfall wird ferner davon ausgegangen, dass die dezentral
agierende Linienkraft im Kontext von Selbstverantwortung und -organisation die
Existenz erwünschter Eigenschaften signalisiert bzw. einen eventuell bestehenden
Mangel dieser Eigenschaften offen legt. Dies wird wie folgt begründet: Um eine
erfolgreiche Dezentralisierung der Personalarbeit gewährleisten zu können, werden
bei einem sichtbaren Entwicklungsbedarf Maßnahmen der Personalentwicklung mit
gezielter Qualifikationsvermittlung durchgeführt. Eine derartige Erhöhung des indivi-
duellen Humankapitals und Steigerung des Arbeitsmarktwerts steht im Einklang mit
den skizzierten Zielen und Präferenzen der Linienkraft, denn diese strebt nach
Sicherung und Entwicklung individueller Kenntnisse, beruflichem Aufstieg und Ver-
besserung der Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt.203 Dies bedeutet, dass
die Linienkraft durch das zeitnahe Offenlegen von Qualifikationsdefiziten ihren indivi-
duellen Nutzen maximieren kann. Entsprechend dieser Argumentation hat die Füh-
rungskraft nur ein sehr geringes Interesse daran, erwünschte Eigenschaften vorzu-
täuschen. Die Verfasserin weist jedoch einschränkend darauf hin, dass die Motiva-
tion zum Vortäuschen erwünschter Eigenschaften gänzlich anders gelagert ist, wenn
die Führungskraft die Anforderungen dezentraler Entscheidungsstrukturen und den
damit einhergehenden Kompetenzbedarf zwar nicht erfüllen kann, sie sich aber von
einer kurzfristigen Übernahme personalwirtschaftlicher Entscheidungsverantwortung
einen individuellen Nutzen verspricht. Dies kann darin begründet liegen, dass die
Führungskraft beispielsweise aufgrund einer latent bestehenden Absicht das Unter-
nehmen zu wechseln, nur an einer äußerst kurzfristigen Übernahme der Entschei-
dungskompetenz interessiert ist. Da die Entscheidungsdelegation ihr Tätigkeitsfeld
und damit ihre Stellung aufwertet, könnte die Linienkraft so eine bessere Verhand-
lungsposition gegenüber zukünftigen Arbeitgebern erzielen.
Ein weiterer zu diskutierender Mechanismus ist der der „Self Selection“204, der
zunächst in seinen Grundzügen erläutert wird. Bei dieser so genannten Selbstwahl
wird vom schlechter informierten Prinzipal eine Vielzahl alternativer Verträge vorge-
schlagen, unter denen der besser informierte Agent einen auswählen muss. Die
Unternehmensleitung gestaltet durch das Aufzeigen von Vertragsalternativen die
Entscheidungssituation bewusst in der Art und Weise, dass sie aus der Wahlhand-
lung der Führungskraft ablesen kann, welche Kompetenzmerkmale vorhanden sind
203 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel III.2.1.1.
204 Vgl. LEVINTHAL, 1988: 176f.
198
bzw. welche erwünschten Eigenschaften fehlen. Der Führungskraft ist die
Wirkungsweise des Selbstwahlschemas bekannt und sie weiß genau, dass sie durch
die Wahl einer spezifischen Vertragsalternative ihre Charaktereigenschaften offen-
bart.205 Bezogen auf das diskutierte Szenario hat die Unternehmensleitung die
Möglichkeit, die in Kapitel III.2.2.2 skizzierten Vertragskonstellationen sowie das
diesen zugrunde liegende Vertragsgeflecht offen aufzuzeigen und der Linienkraft als
vertragliches Arrangement anzubieten. Die Führungskraft kann also beispielsweise
wählen, ob sie für einen spezifischen personalwirtschaftlichen Entscheidungskom-
plex wie z.B. die Beschaffung von Mitarbeitern in einer dezentralen Entscheidungs-
struktur agieren will, die durch Spezialisierung gekennzeichnet ist (Fälle c, d und
e), oder in einer Struktur Entscheidungen trifft, die auf die Unterstützung durch einen
Moderator/Berater verzichtet (Fälle f, g und h). Verfügt die Führungskraft
beispielsweise über umfassende Fachkompetenz auf dem Gebiet der Rekrutierung
neuer Mitarbeiter, dann wird sie auf einen Moderator für die Informationsaufbereitung
verzichten. Fehlt der Führungskraft hingegen neben Erfahrungen bezüglich des
Einsatzes von Beschaffungs- bzw. Auswahlinstrumenten zusätzlich noch die
notwendige Managementkompetenz, dann wird sie das vertragliche Arrangement
des Falls c oder eventuell des Falls d wählen.206 Je nach Wahl des einen oder des
anderen Vertragsarrangements, erhält die Unternehmensleitung somit Einblick in das
eigene Zutrauen und die Selbsteinschätzung der Linienkraft hinsichtlich der ge-
forderten Kompetenzen. Zwar offenbart die Linienkraft durch die Selbstwahlhandlung
unter Umständen einen Mangel an personalwirtschaftlicher Fachkompetenz,
verspricht sich aber hierdurch auch individuelle Nutzenvorteile bzw. das Abwenden
von Einkommensnachteilen. Basiert beispielsweise die durch eine gemeinsame Ziel-
vereinbarung fixierte, variable Entgeltkomponente unter anderem auf der Entschei-
205 Vgl. SPREMANN, 1990: 578. Vgl. hierzu auch die frühen Ausführungen von STIGLITZ (1975): „A
great deal of information is provided, however, by self-selection: a self-selection mechanism
works as follows. Consider any characteristic of an individual about which the individual has more
information that the firm. (We do not require that the individual have perfect information, only that
on average he be better informed than the firm.) Some individuals have “more” information of the
given characteristic than others, for example, more brains, more mechanical ability, a higher
turnover rate. We construct two (or more) reward-penalty structures such that on average
individuals with more information of the given characteristics will do better under one reward-
penalty structure than under the other, and conversely. If individuals are asked to choose among
these reward-penalty structures, and if they are rational, they will sort themselves out into those
who have more of the characteristic and those who have less. (The better the information of the
individuals and the greater the differential rewards, the better the sorting will be).” (STIGLITZ, 1975:
288; im Original: teilweise Hervorhebungen.)
206 Bereits NAPIER/PETERSON (1984) weisen daraufhin, dass in spezifischen Situationen
Unternehmensführung bzw. Personalspezialist/-berater einen bestehenden Entwicklungsbedarf
bei den Linienkräften durch ihr Engagement und ihre Hilfestellungen zu decken haben (vgl.
NAPIER/PETERSON, 1984: 72).
Mechanismen zur Koordination und Motivation 199
dungsqualität im Bereich personalwirtschaftlicher Funktionen, dann wird die Linien-
kraft vom Vortäuschen nicht vorhandener Kompetenzen Abstand nehmen. Vielmehr
wird sie die Selbstwahlhandlung dazu nutzen, den Mangel an fachlichem Know How
zu signalisieren und so einer möglichen Einkommenseinbuße entgegenzuwirken.
2.3.4 Resümee zur Adverse Selection-Gefahr in dezentralen
Entscheidungsstrukturen
Zusammenfassend zeichnen sich die skizzierten Mechanismen und Instrumente
dadurch aus, dass sie dazu beitragen, den Informationsrückstand der Unterneh-
mensleitung zu minimieren. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass es Situationen gibt,
in denen die Unternehmensleitung keinen Zugriff auf Informationen aktueller oder
vergangener Personalbeurteilungen hat und das Durchführen eines Assessment -
Centers zur Potenzialbeurteilung und zur ex ante Erfassung extrafunktionaler
Qualifikationsmerkmale die Delegationskosten außerordentlich ansteigen lässt. In
derartigen Situationen ist das Signalisieren durch Zeugnisse, Probezeiten oder
Reputation jedoch äußerst beschränkt, da das Tätigkeits- und Aufgabenfeld der Li-
nienkraft nach der Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungskompetenz in-
haltlich völlig andersartig gestaltet ist und somit Rückschlüsse auf dieser Basis nur
schwer möglich sind bzw. kaum zu einer Informationsangleichung beitragen. Zwar
kann die Unternehmensleitung darauf vertrauen, dass die Linienkraft ein hohes
Eigeninteresse entwickelt, die erwünschte Entscheidungskompetenz zu signalisieren;
dies scheint zur Minimierung des Problems adverser Selektion jedoch nicht
ausreichend zu sein.
Aus der Diskussion um die Auswahl geeigneter Delegationsempfänger geht hervor,
dass die Verlagerung von Personalentscheidungen einer guten Vorbereitung und
einer intensiven Unterstützung sowie folgender begleitenden Aktivitäten bedarf:207
(1) Analyse von Potentialbeurteilungen angesichts veränderter Aufgabenkomplexe
und neuartiger Qualifikationsbedarfe, (2) Beurteilung des Interesses und der Motiva-
tion in Bezug auf die Übernahme von Personalverantwortung sowie (3) Durchführung
von gezielten Entwicklungsmaßnahmen. Besonders der aufgabenorientierten
Kompetenzvermittlung und dem Aufbau personalwirtschaftlicher Fachkenntnisse
kommt hierbei ein hoher Stellenwert zu.208 Neuartige Konzepte der Personalent-
207 Vgl. HOOGENDOORN/BREWSTER, 1992: 6.
208 Wird jedoch den Ausführungen von BREWSTER/SÖDERSTRÖM (1994) Glauben geschenkt, so findet
die notwendige Vermittlung personalwirtschaftlicher Fach- und Methodenkompetenz in der Praxis
kaum Beachtung: „Interestingly, we find little evidence that organisations are providing any formal
training to help their line managers to handle human resource management issues. There is no
clear correlation between the amount of training in human resource management issues that
200
wicklung reflektieren die Notwendigkeit der Vorbereitung der Fach- und Führungs-
kräfte auf den Umgang mit Personalverantwortung, des Rüstens für Aufgaben im
Projektmanagement sowie der Sensibilisierung für das ressort- und funktionsüber-
greifende Denken. Derartige Entwicklungskonzepte sind unabdingbar und stellen das
Pendant zur skizzierten organisatorischen Neuorientierung dar, denn „[i]n order to
ensure consistency of practice across the organization or plant, and also that
decisions taken by line management are consonant with personnel policy, it is nec-
essary to develop and reinforce awareness of personnel policy through communi-
cating with, and training line management.“209
Die bis hierher geführte Diskussion und Analyse der Adverse Selection-Problematik
in dezentralen Entscheidungsstrukturen konzentrierte sich ausschließlich auf den
Entscheidungsträger des Linienverantwortlichen. Diese Form starker Vereinfachung
ist für die Entwicklung eines die Linienkraft steuernden Personalmanagementdesigns
sicher zweckdienlich, dennoch wird an dieser Stelle der Blick ausgeweitet, um einen
Anhaltspunkt für die enorme Komplexität der in dezentralen Entscheidungsstrukturen
bestehenden Delegationsrisiken zu erhalten. Im Folgenden wird daher der Ent-
scheidungsträger des internen Personalmoderators in das dezentrale Beziehungs-
geflecht und die Überlegungen zur Adverse Selection integriert.
Ebenso wie die Linienkraft aufgrund asymmetrischer Informationslage die Möglichkeit
besitzt der Unternehmensleitung erwünschte Charaktereigenschaften vorzutäuschen
gilt dieser Sachverhalt beispielsweise auch für den Moderator. Die Reorganisation
der Personalarbeit im Sinne einer unternehmensweiten Delegation personal-
wirtschaftlicher Entscheidungskompetenz führt dazu, dass z.B. Personalspezialisten
in zentraler Stellung im Unternehmen die Position eines Moderators zugewiesen
wird, für spezifische Aufgaben externe Personalberater in den Entscheidungsprozess
integriert werden oder aber auch neu geschaffene Stellen mit Externen besetzt
werden. Folglich besteht für diese Gruppe dezentraler Entscheidungsträger in
Analogie zu den obigen Ausführungen ebenfalls die Gefahr der Adverse Selection.
Das beschriebene Problem und insbesondere das zeitversetzte Erkennen von
Hidden Characteristics verstärkt sich zusätzlich in jener Entscheidungskonstellation,
in der die Unternehmensleitung zwar die vertragliche Bindung zum Personal-
moderator eingegangen ist, die vereinbarte personalwirtschaftliche Beratungsleitung
hingegen aber von der Linienkraft abgerufen und in Anspruch genommen wird. Diese
managers have received and devolution. We identified the number of organisations that had
trained at least a third of the managers in such HR techniques as performance appraisal,
communications, delegation, motivation and team building.“ (BREWSTER/SÖDERSTRÖM, 1994: 64.)
209 LOWE, 1992: 157.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 201
Konstellation lässt sich in den Szenarien d und e des Analyserasters wieder finden,
in welchen die Linienkraft den Moderator beauftragt relevante Informationen zu
aggregieren sowie die personalwirtschaftliche Entscheidung vorzubereiten und
folglich die Rolle des Prinzipals einnimmt. Die Unternehmensleitung unterhält zwar
den Dienstvertrag und hat hierin auch das Anforderungsprofil festgelegt, sie besitzt
aber keine direkte Kontrolle über jene realen Eigenschaften, Kompetenzen und
Verhaltenspositionen, die die Leistungserstellung des Personalmoderators beeinflus-
sen. Direkter Adressat der entscheidungsvorbereitenden Aktivitäten ist hingegen die
Linienkraft, was das Ausmaß an Informationsasymmetrie zwischen Unter-
nehmensleitung und Moderator weiter verstärkt. Trotz dieser Verstärkung des
Adverse Selection-Risikos ist jedoch eine gut gewählte Kombination der oben
beschriebenen Screening-Instrumente, wie der Personalbeurteilung mit einer 360°-
Beurteilungskomponente oder aber einer tiefgreifenden Potenzialanalyse in der
Lage, das Informationsgefälle zwischen Unternehmensleitung und Moderator
abzubauen und Gewissheit über bestehende aber auch über in Zukunft zu
entwickelnde Fähigkeiten zu erhalten. Als eine mögliche Konsequenz dezentraler
Entscheidungsstrukturen zeichnet sich somit die Notwendigkeit zur Anwendung einer
starken Instrumenten- und Methodenvielfalt im Bereich der Auswahl und Beurteilung
dezentraler Entscheidungsträger ab.
2.4 Reduktion des moralischen Delegationsrisikos beim
Linienverantwortlichen als Entscheidungsträger dezentraler
Personalarbeit
Zu Beginn wird das Delegationsproblem des Moral Hazard in seinen Grundzügen
nochmals kurz skizziert. Ein wesentlicher Grund für die Delegation von Entscheidun-
gen besteht i.d.R. darin, dass die Linienkraft einen besseren Informationsstand
besitzt als die zentrale Instanz bzw. sich diesen im Rahmen ihrer dezentralen Tätig-
keit aneignen kann. Zudem ist die Linienkraft oftmals besser qualifiziert, um aus
beobachtbaren Indikatoren Rückschlüsse auf personalwirtschaftlich relevante Um-
weltumstände zu ziehen. Diesen Informationsvorsprung kann und soll die Führungs-
kraft für personalwirtschaftliche Entscheidungen nutzen. Problematisch wirkt sich
hierbei jedoch aus, dass Unternehmensleitung und Personalspezialist weder alle
Entscheidungen noch die nachfolgenden Aktionen des Entscheidungsträgers explizit
beobachten können. Zudem ist es nicht möglich, aus dem erzielten Entscheidungs-
erfolg einen sicheren Rückschluss auf das Aktivitätenniveau zu ziehen, denn die
Entscheidungen der Führungskraft sind auch von eintretenden Umweltzuständen
202
abhängig.210 Die zentrale Instanz kennt a priori die Entscheidungsumstände nicht
und ist auch nicht in der Lage zu beurteilen, inwieweit eine hohe bzw. eine niedrige
Entscheidungsqualität auf das Engagement des Entscheidungsträgers oder auf den
jeweiligen Umweltzustand zurückzuführen ist. Der Unternehmensleitung fällt es
daher schwer zu beurteilen, ob die Linienkraft den Informationsvorsprung im Sinne
der Unternehmungsziele nutzt oder sich opportunistisch verhält.211
Im Folgenden wird daher der Frage nachgegangen, inwieweit sich im betrachteten
Szenario der Linienkraft aus den näher zu spezifizierenden Informationsasymmetrien
ein Handlungsspielraum für eigenzentriertes Verhalten eröffnet. Die differenzierte
Betrachtung derjenigen Entscheidungsaktivitäten, die generell nicht zu beobachten
sind bzw. deren Kontextinformationen nicht zur Verfügung stehen, erfolgt unter
Rückgriff auf das Analyseraster dezentraler Entscheidungsstrukturen. Hierbei muss
darauf hingewiesen werden, dass spezifische Delegationsrisiken beispielsweise der
Entscheidungsstruktur c in gleicher oder ähnlicher Form auch in den Strukturen d
und e auftreten.212 Ferner wird vorab nochmals betont, dass im Betrachtungsmittel-
punkt der Analyse stets das opportunistische Entscheidungsverhalten der Linienkraft
steht und zielkonträres Handeln und Entscheiden des Personalspezialisten oder des
Moderators/Beraters nicht Bestandteil der Untersuchung ist. So wird auf opportunis-
tisches Verhalten des Moderators nur in Ausnahmefällen abgestellt, wenn z.B. die
betrachtete Entscheidungsstruktur eine Möglichkeit zur Kooperation bzw. Kollusion
mit der Linienkraft zulässt. In derartigen Fällen hat das eigenzentrierte Verhalten des
Moderators gegebenenfalls einen Einfluss auf das Entscheidungsverhalten der
Linienkraft und fließt daher in die Analyse mit ein.
Das Ziel dieses Kapitels III.2.4 liegt in der vertrags- und situationsspezifischen Be-
trachtung des Moral Hazard-Risiken, in der Erarbeitung geeigneter Koordinations-
und Motivationsmechanismen und in der Beurteilung ihrer Effizienz (Kapitel III.2.4.1
und III.2.4.2). Der Rückgriff auf das Analyseraster dezentraler Entscheidungsstruktu-
ren ist hierbei unverzichtbar, denn nur eine fallweise Unterscheidung macht detail-
210 In diesem Kontext kritisiert BREID (1995), dass in den meisten agenturtheoretischen
Forschungsbeiträgen offen bleibt, was unter dem Aktivitätsniveau des Agenten im Einzelnen zu
verstehen ist. So werden mit Arbeitszeit, -geschwindigkeit, Sorgfalt sehr unterschiedliche
Begriffsinhalte angeführt. Das Problem unscharfer Definition wird durch die Annahme eines
funktionalen Zusammenhangs zwischen Aktivitätsniveau und Ergebnisgröße noch verschärft,
welcher bei unsicherheitsbehafteten, strategischen Entscheidungen jedoch gänzlich
ausgeschlossen wird (vgl. BREID, 1995: 826).
211 Bereits ARROW (1991) weist darauf hin, dass das Moral Hazard-Problem vornehmlich in
Unternehmen mit dezentralen Entscheidungsstrukturen auftritt (vgl. ARROW, 1991: 40).
212 Um eine wiederholte Darstellung gleichartiger Delegationsrisiken und deren Mechanismen der
Koordination und Motivation zu vermeiden, verzichtet die Verfasserin gegebenenfalls auf eine
Beschreibung und Untersuchung bereits identifizierter Risiken.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 203
lierte Aussagen zu koordinierenden und motivierenden Mechanismen möglich. Eine
kritische Würdigung und Ableitung des ersten Erklärungsbausteins fasst die Analyse
der Delegationsrisiken in dezentralen Entscheidungsstrukturen zusammen (Kapitel -
III.2.4.3). Darauf aufbauend wird in Kapitel III.2.4.4 der zweite Erklärungsbaustein
erarbeit, indem die Untersuchung um eine agenturtheoretische Mehr-Aktionen-
Betrachtung erweitert wird.
2.4.1 Entscheidungsdelegation mit Spezialisierung
Die Entscheidungsdelegation mit Spezialisierung findet sich in den Strukturen hori-
zontaler Dezentralisierung der Fälle c, d und e wieder.213 In diesen Strukturen ist
die informale Entscheidungskontrolle an einen intern agierenden Personalmoderator
oder je nach Bedarf an einen externen Berater delegiert, während die Prozessschritte
der formalen Kontrolle dem Personalspezialisten und der Linienkraft übergeben
wurden. Es wird folglich analysiert, welche opportunistischen Handlungsmög-
lichkeiten sich der Linienkraft bieten, wenn das Recht zur Informationssammlung
sowie Vorschlagserarbeitung und -unterbreitung von einem internen Personalmode-
rator oder externen Personalberater ausgeübt wird. Zur Minimierung der sich
ergebenden und im Folgenden zu spezifizierenden Delegationsrisiken werden ver-
schiedenartige Koordinations- und Motivationsinstrumente aufgezeigt und hinsichtlich
der entstehenden Agenturkosten bewertet (Kapitel III.2.4.1.1 bis Kapitel III.2.4.1.3).
Die Ausführungen werden dadurch veranschaulicht, dass kontinuierlich Bezug auf
die exemplarische Anwendung des Analyserasters dezentraler Entscheidungs-
strukturen genommen wird.214
2.4.1.1 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur c
Die Entscheidungsstruktur c ist dadurch gekennzeichnet, dass die Unternehmens-
leitung in der Rolle des übergeordneten Prinzipals den personalwirtschaftlichen
Entscheidungsprozess an einen oder mehrere Personalspezialisten auf Konzern-,
Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene delegiert. Dieser wiederum beauftragt
einerseits einen Personalberater für die Sammlung notwendiger Informationen und
für die Erarbeitung von Entscheidungsalternativen, andererseits delegiert er die
Phase der Entscheidungsausführung an die Linienkraft.215 Es handelt sich demnach
um ein mehrstufiges Prinzipal-Agent-Modell, in welchem sich die Personalspezialis-
ten der jeweiligen Unternehmensebene in einer Doppelrolle befinden: Sie sind
einerseits ausführende Instanz der Unternehmensleitung und setzen strategische
213 Siehe hierzu nochmals die Abbildung 16.
214 Siehe für die exemplarische Anwendung die Ausführungen in Kapitel II.3.4.
215 Siehe für das dieser Entscheidungsstruktur zugrunde liegende Vertragsgeflecht Abbildung 17.
204
bzw. personalwirtschaftliche Grundsatzentscheidungen um; andererseits agieren sie
in der Rolle des Prinzipals und delegieren operative Personalarbeit in die Linie. Für
die Konkretisierung möglicher Delegationsrisiken wird auf das in Kapitel II.3.4 skiz-
zierte praktische Anwendungsbeispiel der Beschaffung einer Führungsnachwuchs-
kraft unter Zuhilfenahme des Dienstleistungsspektrums einer externen Personal-
beratung Bezug genommen.
In dem Fall c besitzt die Linienkraft eine nur sehr geringe Einflussnahme auf die
Beschaffungsentscheidung, da sie lediglich die Phase der Entscheidungsausführung
kontrolliert.216 Die Linienkraft ist verantwortlich für die alle operativen Tätigkeiten, die
mit der Einstellung des ausgewählten Bewerbers in Verbindung stehen und widmet
sich nachfolgend der Einführung und Einweisung der Führungsnachwuchskraft.
Aufgrund begrenzter Entscheidungspartizipation und geringfügiger -kontrolle bietet
sich der Linienkraft kaum Spielraum, opportunistisch zu handeln, eigeninteressiertes
Verhalten zu offenbaren und die Qualität der Entscheidung nachhaltig zu beein-
flussen. Dennoch ist vorstellbar, dass die Führungskraft beispielsweise notwendige
administrative arbeits- bzw. sozialrechtliche Tätigkeiten unterlässt, erforderliche
Arbeitsplatz- und -umfeldinformationen zurückhält, den zeitlichen Aufwand für die
Mitarbeitereinstellung so gering wie iregend möglich hält oder insgesamt nötiges
Engagement bei der Einstellung vermissen lässt, denn „... participants inevitably care
about the decisions that the central authority can make and so tend to spend to much
time trying to influence the authority’s decisions.“217 Inwieweit es der Linienkraft
gelingt, das ihr bei der Mitarbeitereinstellung und -einführung entstehende Arbeitsleid
durch versteckte Handlungen zu minimieren oder durch persönliche Informationen zu
manipulieren, ist nach agenturtheoretischer Argumentation grundsätzlich von der
Möglichkeit der Beobachtung und des Rückschlusses seitens des Delegierenden
abhängig. Für die Bewertung des opportunistischen Spielraums der Linienkraft ist
demnach die Beantwortung der Frage ausschlaggebend, ob der hierarchisch
übergeordnete Personalspezialist die Art und Weise der Entscheidungsausführung
beobachten, mittels seiner Fachkenntnis bewerten und angesichts des direkt
sichtbaren Handlungsergebnisses auf das generelle Anstrengungsniveau der
Linienkraft schließen kann.218 Bezogen auf eine Personalbeschaffungsentscheidung
216 Trotz begrenzter Macht über den personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozess ist
zielkonformes Denken und Handeln der Führungskraft in der Linie von größter Wichtigkeit, da
„[i]n all cases, however, the line manager is in the critical position of influencing the way
employees view the organization and its human resource approach.“ (NAPIER/PETERSON, 1984:
72.)
217 MILGROM, 1988: 43.
218 Wie bereits zu Beginn dieses Kapitels erläutert, nimmt der Opportunismus seitens des
Personalspezialisten bei der Analyse von Delegationsrisiken keine nennenswerte Stellung ein.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 205
werden diese Fragen abschließend positiv beantwortet, so dass für den Fall c
dezentraler Entscheidungsstrukturen die Gefahr eines hohen, nicht eingrenzbaren
moralischen Risikos seitens der Linienkraft als gering zu bewerten ist.
Bei der Beurteilung und Bewertung eines möglichen Moral Hazard-Delegationsrisikos
stellt sich außerdem die Frage, inwieweit es der Linienkraft gelingt, durch vertikale
oder horizontale Absprachen ihre Macht über den Entscheidungsprozess zu
erweitern und somit ihren opportunistischen Spielraum zu vergrößern. Grundsätzlich
gilt, dass der am Entscheidungsprozess beteiligte Akteur nur dann bereit ist, eine
unzulässige Vereinbarung einzugehen, wenn sich für ihn hieraus ein individueller
Vorteil und eine Nutzensteigerung ergeben. Wird von der vereinfachenden Annahme
ausgegangen, dass der Personalspezialist primär unternehmerische und personal-
politische Interessen verfolgt,219 dann verspricht sich der Personalspezialist aus einer
vertikalen Kollusion mit der Linienkraft keinen hohen Eigennutzen. Vielmehr ist der
Personalspezialist zu jedem Zeitpunkt der Delegationsbeziehung an einer effizienten
Entscheidungsausführung interessiert und strebt nach einer schnellen, einwandfreien
Einstellung sowie intensiven Einarbeitung. Nur so kann gewährleistet werden, dass
der neue Mitarbeiter schnellstmöglich leistungsbezogenes Verhalten zeigen und
einen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten kann. Verfolgt der Personalspezialist
im Idealfall also rein unternehmerische Interessen und stellt mögliches
Eigeninteresse in den Hintergrund dann können unternehmenszielkonträre Verein-
barungen zwischen Personalspezialist und Linienkraft ausgeschlossen werden, d.h.
die Realisierbarkeit und Ausgestaltung vertikaler Kollusionen muss nicht weiter
untersucht werden.220 Hingegen müssen derartige, wenn auch nur stillschweigende
Abmachungen zwischen den beiden Delegationspartnern Personalspezialist und
Linienkraft Berücksichtigung finden, wenn von den manifestierten Annahmen des
Dennoch sei an dieser Stelle auf ein Dezentralisierungsproblem hingewiesen, welches durch
derart eigeninteressiertes Verhalten gefördert wird: Da das vertragstheoretische Konzept auf
einem Mehr-Prinzipale-Modell basiert, ist es für jeden einzelnen Personalspezialisten vorteilhaft,
selbst möglichst wenig Zeit und Aufwand in die Überwachung und Kontrolle der Linienkraft zu
investieren, sondern vielmehr auf die Überwachung durch die anderen Prinzipale zu vertrauen.
KRÄKEL (1999) schlägt als Lösungsansatz für dieses sogenannte Trittbrettfahrer-Problem die
Ernennung eines Meta-Prizipals oder eines anderen neutralen Überwachers vor, der mit der
Vielzahl an Prinzipalen einen ergebnisabhängigen Vertrag abschließt, nicht selbst in die
Geschäftsbeziehung mit den Agenten eingreift und hauptamtlich die Funktion der Kontrolle und
Überwachung übernimmt, vgl. KRÄKEL, 1999: 98.
219 Siehe zur Ziel- und Präferenzstruktur die Ausführungen in Kapitel III.2.1.1.
220 Derartige verbindende Verträge und Kooperationen erweisen sich aus Sicht des Delegierenden
dann als nützlich, wenn hierdurch verwertbares Wissen generiert und im Sinne des
Unternehmens eingesetzt wird. Überdies erlaubt eine derartige Zusammenarbeit, sich auf
kollektive Anreizmechanismen zu beschränken, bei denen sich die Agenten gegenseitig
kontrollieren. Vgl. hierzu beispielsweise HOLMSTRÖM/MILGROM, 1990, ferner zu Side Contracting
auch HOLMSTRÖM/TIROLE, 1989: 120ff.
206
Kapitels III.2.1.3 abgewichen wird und dem Spezialisten in seiner Doppelrolle ähnlich
gelagertes nutzenmaximierendes Eigeninteresse wie der Linienkraft unterstellt wird.
Neben möglichen kooperativen Absprachen zwischen Personalspezialist und
Linienkraft, die sich gegen die Unternehmensrichtlinien und -strategien richten,221
sind dann auch Konstellationen denkbar und diskussionswürdig, in denen der
Personalspezialist seine Stellung als Delegierenden eigenzielorientiert ausnutzt und
ebenfalls mit Trug und List den Linienverantwortlichen für die Umsetzung seiner
eigenen Interessen ausnutzt.222 Parallel zur Existenz vertikaler Absprachen besteht
zusätzlich die Möglichkeit dass zwischen Führungskraft und Personalmoderator/-
-berater horizontale Kollusionen geschlossen werden. Dies wird damit begründet,
das (externe) Personalberater vorwiegend an der eigenen Gewinnmaximierung
interessiert und auch der (interne) Personalmoderator nach individuellen Zielen
strebt, d.h. beide Dienstleiste nicht unbedingt Ziele verfolgen, die mit denen des
Unternehmens konform gehen. Trotz des Sachverhalts faktischer Kollusionsmöglich-
keiten erscheinen illoyale Vereinbarungen zwischen Linienkraft und Moderator/-
Berater aufgrund der Tatsache unrealistisch, dass im Hinblick auf die Prozesskette
zwischen den betrachteten Entscheidungsträgern keine direkte Beziehung besteht.
Dies bedeutet, dass die generelle Möglichkeit einer intensiven Kommunikation
zwischen den Entscheidungsträgern nicht gegeben ist, die Notwendigkeit eines fach-
lichen Dialogs fehlt und der Anreiz einer beidseitig gewinnbringenden Austausch-
beziehung nicht existiert: In der Struktur c finden horizontale Absprachen daher nicht
statt.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass unter Berücksichtigung der
vereinfachten Ziel- und Präferenzstrukturen möglichen Kollusionspartnern keinerlei
Nutzensteigerung aus einer unlauteren Absprache erwächst, so dass eine Zunahme
der Entscheidungsmacht seitens der Linienkraft aus unlauteren Absprachen auszu-
schließen ist. Wie den obigen Ausführungen entnommen werden kann, fehlt es der
Führungskraft allein jedoch an notwendiger Entscheidungsmacht, bestehende
Informationsvorteile auszuspielen und infolgedessen eigene Interessen und Ziele
durchzusetzen. Abschließend wird für die Entscheidungsstruktur c daher ein
geringes moralisches Delegationsrisiko seitens der Linienkraft diagnostiziert, wel-
chem durch den Einsatz konventioneller, einfacher Koordinations- und Motivations-
instrumente in Form expliziter Verhaltenssteuerung entgegengetreten werden kann.
221 Vgl. zur Kollision zwischen Agent und Überwacher z.B. KRÄKEL, 1999: 93.
222 Vgl. zu ersten Ansätzen opportunistischen Handels des Prinzipals beispielsweise HART, 1983.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 207
Bei geringer Entscheidungsmacht stellen bereits explizit formulierte Verhaltensregeln
und -normen ein adäquates Mittel dar, die Ausführung der Beschaffungsentschei-
dung im Sinne der Unternehmens- und personalpolitischen Ziele zu steuern. Schrift-
lich fixierte und stetig kommunizierte Verhaltensrichtlinien schreiben der Linienkraft
vor, welche Aktivitäten im Rahmen der Entscheidungsausführung abzuwickeln bzw.
welche Handlungen zu unterlassen sind. Beispielsweise gibt eine Checkliste vor, was
bei der Einweisung eines neuen Mitarbeiters, bei seiner anfänglichen Betreuung bis
zum Ablauf der Probezeit zu beachten ist.223 Dies bedeutet, dass „... the use of
frameworks, handbooks, policies and procedures .. give line managers something to
work within and the provision tools, toolkits and telephone helplines to support them
in working through .. tasks.“224 Derart ausgestaltete Verhaltensregeln leiten die
Linienkraft bei der Ausführung der Beschaffungsentscheidung, in dem beispielsweise
der Vollzug erforderlicher arbeits- und sozialrechtlicher Aktivitäten strukturiert und
vorgegeben werden. Problematisch gestaltet sich die direkte, explizite Verhaltens-
steuerung hingegen dann, wenn aufgrund sich ständig verändernder Umweltbedin-
gungen vermehrt Ereignisse eintreten, die bei der Formulierung expliziter Verhal-
tensnormen ex ante nicht erkannt worden sind und daher Ausnahmeregelungen
erfordern. Beispielsweise zwingt eine Novellierung des Arbeits- und Sozialrechts den
Personalspezialisten zu einer kontinuierlichen Anpassung und Überarbeitung der
Checklisten, Handbücher und Leitlinien. Neben dem gemeinhin entstehenden Auf-
wand für die Beschreibung und Bereitstellung der Verhaltensnormen entstehen dem
Unternehmen somit zusätzliche Delegationskosten für die Aktualisierung von Ver-
haltensrichtlinien. Weitere Delegationskosten entstehen aufgrund der Notwendigkeit
einer zumindest stichprobenartigen Beobachtung, ob explizite Normen von der
Linienkraft auch eingehalten werden. Dies bedeutet, dass in der Entscheidungs-
struktur c die Unternehmensleitung „.. need to delegate within guidelines, which
creates the problem of monitoring the observance of guidelines without recentralizing
what has just been delegated.”225 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass bei einer
ausschließlichen Delegation der Entscheidungsausführung in die Linie die Steuerung
auf der Basis expliziter Verhaltensnormen und -regeln ein gangbarer Weg ist. Zwar
ist der Einsatz vielschichtiger, im Folgenden näher zu spezifizierender Koordinations-
und Motivationsmechanismen ebenfalls möglich, jedoch stehen die damit verbunde-
223 Vgl. für ein praktisches Beispiel derartiger Checklisten die Ausführungen des RATIONALISIERUNGS-
KURATORIUMS DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT, 1996: 147f.
224 HALL/TORRINGTON, 1998: 50. In ihren Ausführungen erläutern HALL/TORRINGTON (1998) ferner:
„An alternative, and perhaps more alluring approach from the perspective of the personnel
specialist in controlling line manager behaviour, is to define tight procedures and manuals for line
managers to follow.“ (HALL/TORRINGTON, 1998: 53.)
225 SIMON, 1991: 32.
208
nen (Agentur-)Kosten in keinem Verhältnis zu den identifizierten Delegationsrisiken
dieser Entscheidungsstruktur c.
2.4.1.2 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur d
Der zu betrachtende Fall d ist dadurch charakterisiert, dass die Unternehmenslei-
tung – ebenfalls in der Rolle des Meta-Prinzipals – den personalwirtschaftlichen
Entscheidungsprozess an einen oder mehrere Personalspezialisten auf Konzern-,
Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene delegiert. Die zentrale Personalinstanz
beauftragt daraufhin die dezentral agierende Linienkraft mit der teilweisen Wahrneh-
mung von Entscheidungsphasen, die ihrerseits die Unterstützung eines Personal-
moderators in Anspruch nimmt.226 Wie bereits in Fall c dargelegt, handelt es sich
auch hier um ein mehrstufiges Agenturmodell in welchem der bzw. die Personal-
spezialisten zum einen in der Rolle der Agenten, aber auch in der des Prinzipals
agieren. Zudem zeichnet sich die Entscheidungsstruktur d dadurch aus, dass der
Personalmoderator/-berater neben dem Dienstvertrag mit der Unternehmensleitung
noch eine Agenturbeziehung mit der Linienkraft in Form eines Werkvertrags über die
Erbringung entscheidungsvorbereitender Aktivitäten unterhält. Für den internen
Moderator bzw. externen Berater ergibt sich somit ein so genanntes Mehr-Prinzipale-
Problem.227 Zur Veranschaulichung auftretender Delegationsrisiken wird das skiz-
zierte Beispiel der Beschaffung eines Spezialisten für das Qualitätsmanagement
betrachtet (Kapitel II.3.4).
Der Fall d unterscheidet sich von dem vorangegangenen dahingehend, dass die
Linienkraft zusätzlich zur Entscheidungsausführung die Alternativenauswahl ver-
antwortet und infolgedessen neben einer Agentenstellung ebenfalls die Rolle des
Prinzipals einnimmt. Allein aufgrund dieser Tatsache ist die Behauptung angebracht,
dass der opportunistische Entscheidungsspielraum größer ist als in der bisher be-
trachteten Konstellation; dies gilt es im Folgenden zu begründen. Gemäß dem
vertragstheoretischen Konzept agiert die Führungskraft als Auftraggeber, indem sie
den Personalmoderator mit der Vorauswahl geeigneter Bewerber beauftragt. Dieser
nimmt die Funktion eines Dienstleisters und Ratgebers ein, d.h. er sammelt, priori-
siert und bewertet die Bewerberinformationen, um darauf aufbauend eine Mehrzahl
alternativer Kandidaten vorzugeben. Der Führungskraft obliegt dann die Wahl desje-
nigen Bewerbers, der am besten dem vorgegebenen Anforderungsprofil entspricht.
Wird davon ausgegangen, dass die Führungskraft bei der Ermittlung des qualitativen
Personalbedarfs keine unaufrichtigen Absichten verfolgt, d.h. das Anforderungsprofil
226 Siehe für das dieser Entscheidungsstruktur zugrunde liegende Vertragsgeflecht Abbildung 18.
227 Vgl. hierzu beispielsweise KRÄKEL, 1999: 97.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 209
objektiv erstellt hat, dann eröffnet sich der Linienkraft hier eine erste Möglichkeit für
illoyales Verhalten. Die Führungskraft verhält sich z.B. opportunistisch, indem sie
nach einem ersten Eindruck jenen Kandidaten auswählt, der ihren persönlichen
Vorstellungen am nächsten kommt, und sich folglich für einen persönlich bevorzug-
ten und nicht für den geeignetsten Bewerber entscheidet. Eine derartig subjektiv
geprägte Wahlhandlung führt die Linienkraft gegebenenfalls dann durch, wenn sie in
dem objektiv am besten geeigneten Bewerber einen möglichen Konkurrenten sieht,
und um ihren verfolgten Karriereweg innerhalb des Unternehmens bangen muss. Die
Einstellung einer vom geeignetsten Bewerber abweichenden Person kann jedoch
ebenfalls direkt mit einem individuellen Nutzen verbunden sein, wenn die Linienkraft
z.B. einen befreundeten Bewerber auswählt, so ihr privates Netzwerk ausbaut und
dadurch die eigene Machtposition in Unternehmen stärkt.
Ob die Führungskraft eigeninteressiertes Verhalten zeigt oder nicht, ist davon ab-
hängig, ob die zentrale Personalinstanz genaue Kenntnis über das Auswahlergebnis
erlangen und ob sie die ordnungsgemäße Wahlhandlung kontrollieren kann. Es wird
unterstellt, dass das Ergebnis der Bewerberwahl vom Personalspezialisten
beobachtbar ist. Ferner ist dieser aufgrund seines personalwirtschaftlichen
Fachwissens in der Lage, (1) jene Faktoren zu beurteilen, welche die Vorauswahl
geleitet haben und (2) jene Entscheidungskriterien nachzuvollziehen, welche die
Linienkraft bei der Bewerberauswahl berücksichtigt hat. Überwachung und Kontrolle
einer einwandfreien Wahlhandlung sind somit generell möglich. Es stellt sich jedoch
die Frage, ob sich der Personalspezialist ein objektives und fehlerfreies Urteil über
bereichsspezifische Anforderungen, das aufgabenzentrierte Qualifikationsprofil und
letztendlich die fachliche Eignung des Bewerbers bilden kann; dies ist sicher nicht
immer der Fall. Daher birgt der dezentrale Informationsvorteil die Gefahr, dass die
Führungskraft die Unkenntnis und damit verbunden die fehlende Kontrollmöglichkeit
opportunistisch ausnutzt, obwohl sie befürchten muss, aufgrund objektiv
nachvollziehbarer Kriterien ex post entlarvt zu werden.
Die Überprüfbarkeit einer unrechten Beschaffungsentscheidung erweist sich insbe-
sondere dann als problematisch, wenn Führungskraft und Moderator unlautere, wenn
auch nur stillschweigende Absprachen treffen. Die Motivation der Führungskraft für
das Eingehen einer horizontalen Kollusion basiert auf der Erfüllung der bereits oben
skizzierten Individualziele. Das Eingehen auf die Kollusion seitens des Moderators
kann ganz unterschiedlich motiviert sein; hinzu kommt das Dilemma der Zwei-
Prinzipale-Situation. So ist denkbar, dass die durch den Moderator zu erbringenden
Beratungsleistung durch beispielsweise die Unternehmensleitung derart bewertet
und entsprechend vergütet wird, dass das erzielte Ergebnis guter Auswahl eines
Bewerbers Berücksichtigung findet. In einer solchen Konstellation befindet sich der
210
Moderator gegebenenfalls in einer Konfliktstellung und wird vor dem Hintergrund
seiner eigenen individualistischen Ziel- und Präferenzstruktur eine Kollusion mit der
Linienkraft befürworten.
Im Falle einer Absprache handelt der Personalmoderator bereits bei der Informa-
tionssammlung und -bewertung opportunistisch, verfälscht von vornherein die
Informationsbasis und prägt die Bewerberalternativen in persönlicher Art und Weise.
Die Führungskraft nutzt diese selektive Informationsaufbereitung und fällt aufbauend
auf verzerrten Informationen eine von ihr favorisierte Beschaffungsentscheidung.
Derartige Absprachen würden dann dazu führen, dass sich Empfehlung durch den
Moderator und Auswahl durch die Linienkraft inhaltlich angleichen würden. Die Folge
ist, dass der zentralen Personalinstanz keine parteilosen und vorurteilsfreien Bewer-
tungskriterien zur Verfügung stehen, welche sie bei der Beurteilung der dezentralen
Wahlhandlung berücksichtigen kann. Dies bedeutet, dass sich die Gefahr auftreten-
der Delegationsrisiken vor allem deshalb verstärkt, weil versteckte Handlungen nicht
nachvollzogen bzw. direkt kontrolliert werden können. Opportunistisches Verhalten
wird – wenn überhaupt – erst dann ex post aufgedeckt, sobald sich aufgrund eines
mangelnden Leistungsergebnisses herausstellt, dass dem neuen Mitarbeiter gefor-
derte Qualifikationen fehlen und der Bewerberauswahl keine objektiven Kriterien
zugrunde lagen. Sollte im Laufe der Delegationsbeziehung solch ein schlechtes
Leistungsergebnis oder ungenügendes Verhalten des neuen Mitarbeiters auftreten,
dann stellt sich trotz alledem die Frage, inwieweit dies auf allgemeine Situationsfak-
toren und -einflüsse oder auf unlautere Absprachen und folglich auf opportunisti-
sches Verhalten zurückzuführen ist.
Außerdem muss beachtet werden, dass sich die Linienkraft insbesondere in der
Entscheidungsstruktur d fast vollständig der Verantwortung für eine Fehlentschei-
dung bzw. Fehlbesetzung entziehen bzw. Vorwürfe seitens der Unternehmensleitung
gänzlich von sich weisen kann. Dies ist der Fall, da die Verteilung der Entschei-
dungskontrolle bedingt, dass die Verantwortlichkeit für die Vorauswahl eines geeig-
neten Bewerbers ganz allein beim internen Personalberater liegt und der Personal-
spezialist in der Rolle des Genehmigers letztendlich die Rechenschaft für die
Genehmigungs- und folglich für die gesamte Entscheidungshandlung zu tragen
hat.228 Vor allem dann, wenn Entscheidungen in hierarchisch-gemischten Teams
228 Der Personalspezialist nimmt aufgrund der Übernahme des Prozessschritts der Genehmigung
eine Überwacherrolle bzw. -funktion innerhalb einer Mehr-Agenten-Beziehung ein (siehe
Abbildung 18). Eventuell getroffene, vertikale Absprachen zwischen Personalspezialist und
Führungskraft werden laut obiger Annahme jedoch als unrealistisch angesehen, da die zentrale
Mechanismen zur Koordination und Motivation 211
getroffen werden, sind die individuellen Leistungsbeiträge jedes einzelnen Trägers
zum Entscheidungsergebnis bzw. zur Qualität der Beschaffungsentscheidung nicht
beobachtbar, in ihren Details nicht fixierbar und folglich auch nicht belohn- oder
sanktionierbar.
Resümierend ist in der Entscheidungsstruktur d der opportunistische Spielraum der
Linienkraft für versteckte, die Entscheidungsqualität beeinflussende Aktivitäten vor
allem deshalb groß, weil die Linienkraft den Prozessschritt der Auswahl kontrolliert.
Aufgrund der Beherrschung dieses Bestandteils formaler Entscheidungskontrolle
gelingt es ihr, einerseits durch eigenes opportunistisches Einwirken die Auswahlent-
scheidung zu manipulieren und andererseits unlautere Vereinbarungen mit dem Per-
sonalmoderator zu treffen bzw. diesen zu opportunistischem Verhalten zu veranlas-
sen. Das hieraus resultierende Delegationsrisiko wird dadurch verschärft, dass sich
die Linienkraft der Verantwortung für Fehlentscheidungen entziehen kann und somit
illoyales Verhalten bei der Beschaffungsentscheidung nicht sanktionierbar ist.
Wie bei dem bereits in Kapitel III.2.4.1.1 diskutierten Anwendungsbeispiel bietet sich
explizite Verhaltenssteuerung mit Regeln und Normen im Sinne von Auswahlrichtli-
nien und vorgegebenen Auswahlkriterien auch für die Wahl der Entscheidungsalter-
nativen an. In hohem Maße helfen jedoch Informations-, Kontroll- und Überwa-
chungsinstrumente, die opportunistisch geprägten Beschaffungsentscheidungen
aufzudecken und das Moral Hazard-Risiko des Falls d zu minimieren.229 Derartige
Instrumente bieten dem Delegierenden die Möglichkeit, auf der Basis von Soll-Ist-
Vergleichen und Abweichungsanalysen das Entscheidungs- und Auswahlverhalten
der Führungskraft zu überwachen.
Gemeinhin nutzen diese Instrumente das bestehende Personal- bzw. Management-
informationssystem und sind in das betriebliche (Personal-)Controllingsystem einge-
bunden. Daher wird im Folgenden der Fokus auf den Einsatz ausgewählter Informa-
tions-, Kontroll- und Überwachungsinstrumente im Sinne von personalwirtschaftli-
chen Controllinginstrumenten gelegt. Beispielsweise gibt die betriebliche Personal-
statistik Aufschlüsse über die Effizienz verschiedener Beschaffungswege, über den
Erfolg und die Kosten einer Beschaffung.230 Auf der Basis einer Vielzahl an Kennzah-
len und Indikatoren wird die Beschaffungsentscheidung ex post evaluiert und
Personalinstanz primär unternehmerische Interessen und Ziele verfolgt (siehe hierzu die
begründeten Ausführungen in Kapitel III.2.4.1.1).
229 Vgl. zum Einsatz von Kontrollinstrumenten bei der Entscheidungsfindung FAMA/JENSEN, 1983a
und ferner BROOKE, 1984: 74ff. zur Begrenztheit von Kontrollsystemen. Siehe hierzu auch die
Ausführungen in Tabelle 10.
230 Vgl. hierzu die Ausführungen des RATIONALISIERUNGS-KURATORIUMS DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT,
1996: 578ff.
212
hinsichtlich im Vorfeld festgelegter Toleranz- bzw. Grenzwerte beurteilt. Zu diesen
Kennzahlen bzw. Indikatoren zählen z.B. Qualifikations- und Beschäftigtenstruktur,
Betriebszugehörigkeit, (Früh-)Fluktuationsrate, Krankheitsquote, Leistungsgrad und
Arbeitsproduktivität, Gehaltsstruktur, Erfolgsbeteiligung je Mitarbeiter, Anzahl der
Versetzungswünsche nach kurzer Betriebszugehörigkeit, Weiterbildungszeit je
Mitarbeiter etc.231 Notwendige Voraussetzung für eine Verhaltenssteuerung der
Linienkraft ist hierbei die offene Kommunikation erhobener Größen, eine umfassende
Systemtransparenz und die Möglichkeit des Zahlenvergleichs. Ferner trägt der
Einsatz von Informations- und Kontrollinstrumenten dazu bei, dass Kollusionen wie
Trittbrettfahrer-Verhalten erkannt und durch Gruppendruck, gegenseitige Sanktion
und Sozialisationsprozesse eingedämmt werden.
Die agenturtheoretische Analyse effizienter Koordinations- und Motivationsmecha-
nismen der Entscheidungsstruktur d zusammenfassend kann den auftretenden
Delegationsrisiken in gewissem Umfang durch ein detailliertes Personalinformations-
und -controllingsystem z.B. auf der Basis von Kennzahlen und Indikatoren begegnet
werden. Zu beachten ist hierbei jedoch, dass die Kontrolle und Überwachung auf der
Grundlage eines umfassenden und detaillierten Zahlenwerks – insbesondere bei
komplexen Entscheidungsprozessen erhebliche Kosten verursachen. Abgesehen
davon schafft der alleinige Einsatz strikter, auf messbaren Größen basierender Cont-
rollingsysteme oftmals keinen ausreichend hohen Anreiz, sich im Sinne hoher Ent-
scheidungsqualität einzusetzen.232 Dies gelingt meist nur über eine Verknüpfung von
Controlling- und Kompensationssystemen.
2.4.1.3 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur e
In der Konstellation e überträgt die Unternehmensleitung bzw. der Personalvorstand
den personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozess der Führungskraft, die ihrerseits
wiederum die informale Kontrolle an einen internen Personalmoderator oder im Be-
darfsfall an einen externen Personalberater delegiert. Der Personalspezialist auf
Konzern-, Firmen- oder Geschäftsbereichsebene agiert lediglich in beratender Funk-
tion gegenüber der Unternehmensleitung respektive dem Personalvorstand und tritt
als Entscheidungsträger nicht mehr in Erscheinung.233 Berücksichtigung findet hier
ebenfalls die in der Entscheidungsstruktur d skizzierte Mehr-Prinzipale-Problematik
innerhalb eines mehrstufigen Standardmodells.
231 Vgl. hierzu beispielsweise WUNDERER/JARITZ, 1999: 103ff. Vgl. für praxisrelevante Ansätze und
Instrumente sowie eine Vielzahl an Erfahrungsberichten zur Organisation und Steuerung
dezentraler Unternehmenseinheiten die Beiträge bei ROTH/BEHME, 1997.
232 Vgl. auch LAUX, 1988a: 959.
233 Siehe für das dieser Entscheidungsstruktur zugrunde liegende Vertragsgeflecht Abbildung 19.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 213
Infolgedessen unterscheidet sich die Vertragskonstellation von den bereits betrach-
teten Entscheidungsstrukturen dahingehend, dass die Linienkraft im vollen Umfang
die formale Kontrolle besitzt. Bezogen auf das personalwirtschaftliche Anwendungs-
beispiel bedeutet dies, dass die Linienkraft mehrere Bewerber von dem beauftragten
externen Personalberater bzw. internen Moderator vorgeschlagen bekommt. Aus
diesem Pool geeigneter Kandidaten wählt sie dann einen aus oder stellt auch eine
Rangliste bevorzugter Kandidaten auf. Da der Linienkraft ebenfalls die Genehmigung
obliegt, entfällt sozusagen die Notwendigkeit einer Zustimmung seitens eines Dritten,
was bedeutet, dass die Linienführungskraft gleich im Anschluss an die Wahl eines
favorisierten Kandidaten in die arbeitsvertraglichen Verhandlungen einsteigen und
die Beschaffungsentscheidung vollziehen kann. Die Ausweitung der Entscheidungs-
macht hin zur Kontrolle des gesamten formalen Entscheidungsprozesses bedeutet
demnach, dass die Linienkraft einen hohen Spielraum besitzt, die bestehenden
Informationsasymmetrien opportunistisch auszunutzen und die Beschaffungs-
entscheidung im Sinne ihrer eigenen Ziele zu manipulieren. Es bedeutet ebenfalls,
dass es der Linienkraft einfach möglich ist, geheime unlautere Vereinbarungen mit
dem internen Personalmoderator oder externen Berater zu schließen. Derartige
Absprachen münden dann in das bereits skizzierte versteckte Entscheidungshandeln
und -verhalten, welches von der Unternehmensleitung schwer und dann nur mit
hohem finanziellen Aufwand oder aufgrund mangelnder Partizipation des
Personalspezialisten gar nicht mehr festgestellt werden kann. Im Kontext einer
fehlenden Möglichkeit der Bewilligung durch die zentrale Personalinstanz weisen
HALL/TORRINGTON (1998) darauf hin, dass „[i]f line managers do gain such controls,
there is the concern that line managers will manage human resources in line with
short term priorities than a long term strategic vision ...”234
234 HALL/TORRINGTON, 1998: 52. Die Autoren sprechen hier von Kontrolle im Sinne von
Budgetverantwortung, was der Übernahme der Entscheidungsphase der Genehmigung im
Analyseraster am ehesten entspricht. Ferner betonen HALL/TORRINGTON (1998): „It is paradoxical
that devolution has been seen as a part of a move to enable personnel practitioners to play a
greater role in HR strategy, and yet the logical consequence of devolution is to make the
implementation of the strategy extremely difficult. Greater line manager control may result in
employees being treated inconsistently within the organization, and greater danger of legal
consequences resulting from the operational imperative overshadowing the need to follow ‘best
personnel practices’.” (HALL/TORRINGTON, 1998: 52.) In Analogie betonen KIRKPATRICK/DAVIES/-
OLIVER (1992), dass „[h]owever, the short-term perspective at business unit level pulls in
precisely the opposite direction from the long term, developmental orientation of HRM. ... this
contradiction poses one of the most severe obstacles to implementation of HRM within
decentralized organizations.“ (KIRKPATRICK/DAVIES/OLIVER, 1992: 141.) Vgl. hierzu auch LAWLER,
1988: 26, der den Führungskräften in der Linie leichtfertige und undiplomatische Handlungen
unterstellt sowie auf die kurzfristige Perspektive ihrer Entscheidungen hinweist. Entsprechend
dieser Ausführungen verweisen COLLING/FERNER (1992) auf das Auftreten von Ressortegoismus,
denn „..., devolution of responsibility could lead to a stress on the performance of the business
214
Zusammenfassend kann demnach festgehalten werden, dass der Informationsvorteil
seitens der Führungskraft in der Vertragskonstellation e extrem angestiegen ist. Dies
resultiert daraus, dass der Personalspezialist nicht mehr direkt am Entschei-
dungsprozess teilnimmt, d.h. nicht mehr in der Rolle des Prinzipals agiert und so
weder verdeckte Handlungen, verborgene Informationen noch unzulässige Kollusio-
nen beobachten und unterbinden kann. Hingegen agiert die Unternehmensleitung in
der Rolle des einzigen Prinzipals weit weg vom Ort der Entscheidung und kann allein
schon aufgrund der hierarchischen Distanz kaum Kenntnis über Hidden Action bzw.
Hidden Information erlangen. Die Übernahme der Genehmigungshandlung durch die
Führungskraft vergrößert den Spielraum für opportunistische Entscheidungsweisen
erheblich und lässt die Gefahr auftretender Delegationsrisiken außerordentlich stei-
gen, ohne dass dies von der Unternehmensleitung direkt beobachtet werden kann.
Es stellt sich nun die Frage, ob die skizzierten Delegationsrisiken ebenfalls durch
jene Steuerungsmechanismen wie explizite Verhaltensregeln und ein umfassendes
Controllinginstrumentarium zu minimieren sind. Wird den Ausführungen von
FAMA/JENSEN (1983a) gefolgt, dann arbeiten Controllinginstrumente im Sinne be-
trieblicher Kontroll- und Überwachungssysteme nur dann effizient, wenn die Geneh-
migung und Überwachung einer Entscheidung personell unabhängig vom so
genannten Entscheidungsmanagement, d.h. von der Initiierung und Umsetzung ist.235
Dies ist insoweit nachvollziehbar, da die Steuerung durch Controllinginstrumente auf
der Vorgabe von Richtgrößen mit anschließender Abweichungsanalyse fundiert. Nur
durch entsprechende Genehmigung der Auswahlhandlung durch den
Personalspezialisten ist die koordinierende und motivierende Wirkung des Instru-
menteneinsatzes gewährleistet. Hingegen versagen controllingbasierte Koordinati-
ons- und Motivationsinstrumente, wenn der Linienkraft die gesamte formale
Entscheidungskontrolle obliegt und ein Soll-Ist-Vergleich an Objektivität verliert.
Demnach sind Controllinginstrumente zwar ein adäquates Mittel zur Steuerung von
Entscheidungen im Fall d, in welcher die Genehmigung beim Personalspezialisten
liegt, während die Entscheidung von der Führungskraft initiiert und umgesetzt wird.
Controllingsysteme eignen sich FAMA/JENSEN (1983a) zufolge jedoch nicht für die
gegebene Entscheidungsstruktur e, in welcher die Genehmigung ebenfalls bei der
Linienkraft liegt und eine personelle Trennung zwischen Entscheidungskontrolle und
-management nicht mehr gegeben ist. Delegative Agenturprobleme, die aufgrund der
unit, in isolation from its impact on the corporation as a whole. Such behaviour is likely to be
encouraged, ..., by reward systems designed to maximize aspects of unit’s performance.“
(COLLING/FERNER, 1992: 218.)
235 Vgl. FAMA/JENSEN, 1983a: 304.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 215
Verlagerung formaler Entscheidungskontrolle in die Linie entstehen, können
infolgedessen nicht allein durch den Einsatz umfangreicher Controllinginstrumente
und expliziter Verhaltensnormen und -regeln gelöst werden.
Da es der Unternehmensleitung mangels Genehmigungshandlung nicht mehr mög-
lich ist, über eine Prozessteilnahme aussagekräftige Hinweise über das Entschei-
dungsverhalten der Linienkraft und über den der Entscheidung zugrunde liegenden
Tatbestand zu erhalten, bedarf es anderer Steuerungsmechanismen. Der agentur-
theoretischen Argumentation folgend bieten sich zur Koordination und insbesondere
auch zur Motivation des Agentenverhaltens ergebnisorientierte Vertragskonzepte
an.236 Hierbei werden die Durchführung und das Ergebnis der Entscheidungsfindung
auf der Basis eines oder mehrerer Beurteilungskriterien bewertet; die Erträge beider
Vertragsparteien hängen dann vom Beurteilungsergebnis ab. Als Bewertungskrite-
rium können unterschiedliche Basen herangezogen werden, wie z.B. die Art und
Güte der personalwirtschaftlichen Entscheidung oder das beobachtbare Entschei-
dungsverhalten der Linienkraft.237 BAKER/JENSEN/MURPHY (1988) geben in Bezug auf
das Durchführen von Leistungs- und Verhaltensbeurteilungen jedoch zu bedenken,
dass die Linienkraft nur dann einer ergebnis- oder verhaltensbasierten Entgeltkom-
ponente zustimmt, wenn „... an employee will trust his superior to take particular
actions (e.g., perform a careful evaluation) if he or she knows it is his or her superiors
self-interest.”238 Insbesondere das fehlende Vertrauensverhältnis zwischen Beur-
teilendem und Führungskraft in der Linie ist ein Grund für die geringe Verbreitung
ergebnisorientierter Vertragskonzepte in der Praxis. Infolgedessen ist es „... rational
for employees not to trust the performance appraisals they receive from superiors,
since their superiors bear all of the monitoring costs but receive little of the benefit
from conducting accurate evaluation.“239
Vor diesem Hintergrund und aufgrund der hemmenden Wirkung von starren und
strikten Ergebniskontrollen wird von einer Beurteilung im klassischen Sinne auf der
Basis von Leistungsmerkmalen oder Verhaltensnormen Abstand genommen. Hinge-
gen bieten sich für die Delegation personalwirtschaftlicher Entscheidungsbefugnis als
Bewertungsgrundlage auf die Organisation bezogene, gemeinsam vereinbarte
(Entscheidungs-)Ziele an. Die vertraglich festgelegte Outputorientierung auf der
Basis einer Zielvereinbarung ist insbesondere deshalb in hohem Maße geeignet, weil
236 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel III.1.3.2.4.
237 Vgl. für eine Übersicht zum Thema der Leistungsbeurteilung als Führungsinstrument die
Monographie von LATTMANN, 1994.
238 BAKER/JENSEN/MURPHY, 1988: 599.
239 BAKER/JENSEN/MURPHY, 1988: 614.
216
durch die gemeinsame Zielsetzung die Präferenzen von Unternehmensleitung und
Linienkraft aufeinander abgestimmt bzw. aneinander gebunden, Informationsasym-
metrien angeglichen sowie Zielkonflikte reduziert werden.240 „In such cases, it can be
useful to tap this [employees’ private] information in setting objectives and rewarding
activity,“241 so dass MILGROM/ROBERTS (1992) für eine Ziel- und Interessenanglei-
chung ebenfalls sogenannte Management by Objectives-Praktiken vorschlagen, „...
under wich the employee and his or her superior negotiate criteria and standards
against which the employee’s performance will be judged.“242
Wird für die Steuerung der Ausübung formaler Entscheidungsmacht das Zielset-
zungsverfahren etabliert, dann sind spezifische Merkmale für eine erfolgreiche und
effiziente Koordination und Motivation zu berücksichtigen:243 (1) Klarheit und
Eindeutigkeit der vereinbarten Entscheidungsziele, (2) adäquates Schwierigkeitsmaß
der Ziele, das das Anspruchsniveau der Linienkraft determiniert, (3) die Beteiligung
der Führungskraft an der Zielsetzung bzw. eine partizipative Zielfindung,
(4) Eigenständigkeit bei der Zielerreichung sowie (5) rückkoppelnde, gemeinsam
diskutierte Informationen über den Zielerreichungsgrad verbunden mit einer anreiz-
wirksamen Belohnung bei Zielerreichung. Die Gesamtheit der vereinbarten Ziele
bildet ein in sich geschlossenes, widerspruchsfreies System, sollte eine „Höchstzahl
von bis zu sieben Entscheidungszielen“244 mit detailliert formulierten Unterzielen nicht
überschreiten und richtet sich inhaltlich nach den jeweiligen Dezentralisie-
rungsobjekten. Dies bedeutet, dass die Ableitung von zu bewertenden Entschei-
dungszielen abhängig ist von der delegierten Personalentscheidung innerhalb
einzelner Funktionsbereiche.245 Wird formale Entscheidungskontrolle nur über den
Beschaffungsbereich delegiert, dann können bezugnehmend auf das dargestellte
Anwendungsbeispiel und abgeleitet aus der jeweiligen Unternehmensstrategie fol-
gende Ziele exemplarisch formuliert und kooperativ gesetzt werden: Aufbau des
Erfolgsfaktors Humankapital, Erhöhen des Qualifikationsniveaus hinsichtlich strate-
gisch wichtiger Kompetenzen und effiziente Personalbeschaffung im Sinne von Wirt-
240 Vgl. hierzu beispielsweise DRUMM (1996a), der zur Lösung des Vergütungsproblems in
dezentralen Entscheidungsstrukturen eine Kombination aus Management by Objectives und
Leistungsprämien bei Zielerreichung vorschlägt (vgl. DRUMM, 1996a: 17).
241 MILGROM/ROBERTS, 1992: 401.
242 MILGROM/ROBERTS, 1992: 401, die ferner betonen, dass „[v]ersions of this system are extremly
common and are used at multiple levels within numerous organizations.“ (MILGROM/ROBERTS,
1992: 401.)
243 Vgl. hierzu und im Folgenden LATTMANN, 1994: 72ff. Ferner EYER/HAUSMANN, 2001 und BREISIG,
2001.
244 In Anlehnung an LATTMANN, 1994: 79.
245 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.3.4 sowie jene zum Mehr-Aktionen-Modell in
Kapitel III.2.4.4.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 217
schaftlichkeit, Effektivität oder Leistungsfähigkeit. Damit die vereinbarten Entschei-
dungsziele ihre Koordinations- und Motivationsfunktion erfüllen, ist eine eindeutige
Beschreibung erforderlich, so dass die Zielerreichung in völliger Übereinstimmung
zwischen Unternehmensleitung und Linienkraft festgestellt werden kann. Zwar stellt
diese Anforderung ein Kernproblem des Steuerungsinstruments dar, dem kann
jedoch durch eine quantitative Umschreibung der Entscheidungsziele begegnet wer-
den. Dennoch gibt es eine Vielzahl an Entscheidungszielen, die sich der Beschrei-
bung in messbaren Größen entzieht und die sich infolgedessen einer Operationali-
sierung unterwerfen muss, d.h. es erfolgt eine Zielumschreibung durch die „...
Bestimmung des Datenkranzes des bei ihrer Erreichung bestehenden Zielzu-
stands.“246 Derartige Operationalisierungen enthalten den Zielinhalt in Form eines
durch überprüfbare Merkmale gekennzeichneten Wirklichkeitszustands, die für die
Erreichung des Entscheidungsziels festgelegte Zeitspanne, die bei der Entschei-
dungsfindung einzuhaltenden Bedingungen sowie die Beurteilungsgrundlage.
Bezogen auf das Anwendungsbeispiel der Rekrutierung von Personal kann das ver-
einbarte Entscheidungsziel der Effektivität der Personalbeschaffung beispielsweise
durch Größen wie Antwort- oder Durchlaufzeiten von Bewerbungen operationalisiert
werden.247 Für die Wahrnehmung dezentraler Entscheidungskompetenz ist infol-
gedessen eine klare und eindeutige Zieldefinition unabdingbar, wenn nötig auch
mittels operationalisierter Größen, denn „[t]he business heads must know what will
be counted as good performance by the center. Without clear goals, the concept of
decentralized responsibility suffers, ...“.248
Nur wenn die Entscheidungsziele operational umschrieben werden ist es möglich
festzustellen, ob und in welchen Maße sie von der dezentral agierenden
Führungskraft erreicht wurden. Bei der Bewertung geht es darum festzulegen, in
welchem Ausmaß die Linienkraft die Ergebnisqualität durch die ihr zugedachte
Entscheidungskontolle beeinflussen konnte. Eine gemeinsame Feststellung des
Zielerreichungsgrads zwischen den Delegationspartnern ist hierbei anzustreben,
denn dies bietet beispielsweise die Möglichkeit, über das Einwirken exogener Fakto-
ren zu diskutieren. Der agenturtheoretischen Argumentation folgend minimiert ein
derartiges Vorgehen ferner die Risikoabwälzung auf die Linienkraft. Hieran schließt
246 LATTMANN, 1994: 80.
247 Das personalwirtschaftliche Zielsystem gestaltet sich hingegen anders, wenn neben der Be-
schaffung noch weitere Entscheidungsbereiche der Personalarbeit wie beispielsweise
Beurteilung, Entwicklung, Kompensation etc. delegiert werden. In derartigen Situationen kenn-
zeichnen sich die Entscheidungsziele durch einen übergeordneten, vielschichtigen Charakter und
sind infolgedessen weniger detailliert formuliert.
248 GOOLD, 1991: 69.
218
sich die Frage nach der Höhe einer anreizwirksamen Belohnung bei Zielerreichung
an. Der mit der Entscheidungsübernahme verbundene Erfolg hängt unter anderem
von der Intensität ab, mit der sich der Entscheidungsträger dieser Tätigkeit widmet.
Der Konflikt zwischen Instanz und Entscheidungsträger resultiert daraus, dass die
Linienkraft nur dann hinreichend motiviert ist, besondere Anstrengungen zu unter-
nehmen und hohe Entscheidungsqualität zu erbringen, sofern sein Anteil am Unter-
nehmenserfolg relativ hoch ist.249 Grundsätzlich ist daher zu berücksichtigen, dass
die Koordinations- und Motivationsfunktion umso stärker ausfällt, je höher der
Erfolgsanteil der Linienkraft definiert wurde. Dies heißt aber auch, dass die von der
Linienkraft geforderte Risikoprämie entsprechend größer ist und sich die damit ent-
stehenden Delegationskosten gleichläufig entwickeln.250
2.4.2 Entscheidungsdelegation ohne Spezialisierung
Im Folgenden wird analysiert, welche opportunistischen Handlungsmöglichkeiten sich
der Linienkraft in dezentralen Entscheidungsstrukturen ohne Spezialisierung bieten
(Kapitel II.2.4.2.1 bis Kapitel II.2.4.2.3). Die Entscheidungsdelegation ohne
Spezialisierung findet sich den Strukturen f, g und h wieder,251 in welchen sich die
Unternehmensleitung entscheidet, informale und formale Entscheidungskontrolle
ausschließlich an die zentrale Personalinstanz sowie die Linienkraft zu delegieren.252
In Analogie zu Kapitel III.2.4.1 werden zur Minimierung all jener Delegationsrisiken,
die es im Folgenden zu identifizieren gilt, koordinierende und motivierende Instru-
mente skizziert und falls möglich einer agenturtheoretischen Kostenbewertung unter-
zogen. Außerdem wird auch dieser Teil der Analyse dadurch veranschaulicht, dass
Bezug auf die Ausführungen der exemplarischen Anwendung genommen wird.253
2.4.2.1 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur f
Die Konstellation f zeigt Parallelen zur bereits analysierten Entscheidungsstruktur
des Falls c auf. Der Personalspezialist auf Konzern-, Firmen- oder Geschäftsbe-
249 Vgl. LAUX, 1988a: 961; ferner vgl. LAUX, 1988b, für die Anwendung des Delegationswertkonzepts
auf das Problem der Anreizgestaltung bei unsicheren Erwartungen.
250 Für eine Diskussion zum Verhältnis von variablen zum fixen Entgeltbestandteil in einer Agentur-
beziehung vgl. WISEMAN/GOMEZ-MEJIA, 1998: 139ff.
251 Siehe hierzu nochmals die Abbildung 16.
252 Obwohl das Ziel der vorliegenden Arbeit nicht in der Bewertung einzelner Entscheidungs-
strukturen gegenüber anderen und in der Beurteilung des Vorzugs einer spezifischen Vertrags-
konstellation liegt, sei dennoch folgende Bemerkung erlaubt: Generell ist die vollständige
Delegation ohne Spezialisierung der vollständigen Delegation mit Spezialisierung vorzuziehen.
Dies liegt darin begründet, dass die mit der Anreizgestaltung verbundenen Kosten vergleichs-
weise hoch sind, da im Fall der Delegation mit Spezialisierung für zwei Agenten Entgeltsysteme
zu finanzieren sind. Vgl. ITOH, 1994: 696ff.
253 Siehe für die exemplarische Anwendung die Ausführungen in Kapitel II.3.4.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 219
reichsebene delegiert die informale Kontrolle über den personalwirtschaftlichen
Entscheidungsprozess; hier jedoch nicht an einen externen Personalberater oder
internen Personalmoderator, sondern an die Führungskraft in der Linie. Die delegie-
rende Personalinstanz bzw. die Unternehmensleitung macht sich durch die Abgabe
informaler Entscheidungskontrolle den Informationsvorsprung der Führungskraft
zunutze, der sich aus dem direkten Führungs- und Betreuungsverhältnis ergibt.
Hinsichtlich der formalen Entscheidungskontrolle gilt: Der jeweilige Personalspezialist
verantwortet in der Rolle des Prinzipals die Prozessphasen Auswahl und Geneh-
migung, die Entscheidungsausführung obliegt der Linienkraft, die in der zu analysie-
renden Vertragskonstellation f stets als Auftragnehmer in Erscheinung tritt.254
Der opportunistische Handlungsspielraum der Linienkraft wird in erheblichen Maße
dadurch erhöht, dass auf die Beteiligung eines externen Beraters bzw. internen Mo-
derators verzichtet wird; informale Macht über den beschaffungsfunktionalen Ent-
scheidungsprozess wird an die Linienkraft übertragen. Somit kann für die Entschei-
dungsstrukturen f bis h ausnahmslos festgestellt werden, dass die Gefahr des
Auftretens des Moral Hazard höher zu bewerten ist als in den Strukturen c bis e.
Dies resultiert vor allem daraus, dass die gegenseitige Sanktionierbarkeit und soziale
Kontrolle bei nur zwei am Entscheidungsprozess teilnehmenden Trägern der Perso-
nalarbeit stets geringer ist als bei einer höheren Anzahl an Entscheidungspartizipie-
renden. Fällt der Moderator/Berater als direkter Akteur aus und übt anstatt dessen
die Linienkraft die informale Entscheidungskontrolle aus, dann wird diese direkt in die
Lage versetzt, unter Berücksichtigung ihrer eigenen Ziele Informationen über
Bewerber zu filtern, aufzubereiten und in die Vorschlagserarbeitung einfließen zu
lassen.255 Ein derartiges opportunistisches Entscheidungsverhalten wird die Linien-
kraft deshalb zeigen, weil sie wie bereits oben skizziert ein großes Interesse daran
hat, spezifische Bewerberinformationen zu unterdrücken oder die Vorauswahl eines
speziellen Kandidaten über nicht wahrheitsgemäße Angaben zu beeinflussen.256
Folglich bilden verfälschte oder unvollständige Informationen die Entscheidungsbasis
für oder gegen einen Bewerber und potentiellen Mitarbeiter. Der Linienkraft bietet
254 Siehe für das dieser Entscheidungsstruktur zugrunde liegende Vertragsgeflecht Abbildung 20.
255 CHIA (1995) bemerkt, dass „[i]t is also likely that the more private information which a sub-unit
manager possesses (thus implying a higher degree of information asymmetry in his favor), the
more likely will be his ability to make better informed decisions and to benefit from those
decisions.“ (CHIA, 1995: 613f.) Vgl. ferner MILGROM/ROBERTS, 1996: 171.
256 Vgl. MILGROM/ROBERTS (1996), die bestätigen, dass „… employees will have strong reasons to try
to influence decisions, and their attempts at influence will impose costs on the organization. For
example, employees may distort the information they report or withhold information from the
central office and from other employees.” (MILGROM/ROBERTS, 1996: 171.) Ferner vgl. NAPIER/
PETERSON, 1984: 74, sowie BREID, 1995: 836, der dieses Phänomen im Rahmen von Investitions-
und Projektentscheidungen beschreibt.
220
sich die erweiterte Möglichkeit, bestehende Informationsasymmetrien unbeobachtet
zu nutzen. Zwar kann die zentrale Personalinstanz die Vorschlagsgenerierung beo-
bachten, aber aufgrund eines fehlenden Zugangs zu notwendigen Bewerber- und
Kontextinformationen nicht evaluieren. Dies steht einer einwandfreien und größten-
teils objektiven Bewertung der unterbreiteten Beschaffungsvorschläge entgegen, so
dass in den Entscheidungsstrukturen f bis h die Gefahr der Hidden Information
verstärkt wird.
Neben einem erhöhten Moral Hazard-Risiko aufgrund von Hidden Information geht
mit dem Verzicht auf den internen Moderator oder externen Berater noch ein weite-
res Problem einher. Dieses zeichnet sich durch den Verlust an beschaffungsspezifi-
schem Fachwissen aus, welches die Gefahr verringerter Entscheidungsqualität
erhöht. Ein derartiger Mangel an personalwirtschaftlicher Fachkompetenz spiegelt
sich beispielsweise in der Wahl ungeeigneter Rekrutierungsinstrumente, in der lai-
enhaften Anwendung von Auswahlmethoden oder in der Fehlinterpretation von Be-
werberinformationen wider.257 Hierdurch wird die Vorschlagsgenerierung allgemein in
ihrer Güte und speziell in ihrer Objektivität und Aussagekraft stark beeinflusst und
infolgedessen die Qualität der Beschaffungsentscheidung extrem gemindert. Dieser
Gefahr kann jedoch entgegengestellt werden, dass ein Verzicht auf die Einbindung
des Moderators/Beraters die Gefahr horizontaler Kollusionen ausschließt, wie sie
z.B. in der Entscheidungsstruktur d skizziert wurde.258
Zusammenfassend wird für den Fall f ein moralisches Delegationsrisiko insbeson-
dere aufgrund von Hidden Information diagnostiziert, da sich der Linienkraft ein
großer Handlungsspielraum eröffnet, um bewerberspezifische Angaben und Infor-
mationen zu verschleiern bzw. zu verfälschen. Demnach gilt es, koordinierend und
motivierend wirkende Mechanismen aufzuzeigen, die helfen, die Moral Hazard-
Gefahr im Sinne der Manipulation entscheidungsrelevanter Informationen zu mini-
mieren. Kennzeichnend im betrachteten Fall f ist, dass die zentrale Instanz die
Ausübung informaler Kontrolle zu keinem Zeitpunkt der Vertragsbeziehung messen,
bewerten und beurteilen kann. Dies bedeutet, dass Mechanismen zur Eindämmung
von Risiken bei der Delegation formaler Entscheidungskontrolle jegliche Anwen-
dungsgrundlage fehlt und dass diese für die Unterbindung des in Fall f analysierten
257 An dieser Stelle sei auf die Ausführungen in Kapitel III.2.3.2 verwiesen, in welcher für die
Entscheidungsstrukturen f bis h die Notwendigkeit personalwirtschaftlicher Fachkompetenz
abgeleitet und aufgezeigt wurde.
258 Hinsichtlich des Phänomens vertikaler Kollusion wird auch im weiteren Verlauf der Arbeit der
Argumentation gefolgt, dass der Personalspezialist auf Konzern-, Firmen- oder Geschäfts-
bereichsebene primär unternehmerische und personalpolitische Interessen verfolgt und sich aus
unlauteren Absprachen keinen Eigennutzen verspricht (siehe Kapitel III.2.4.1.2).
Mechanismen zur Koordination und Motivation 221
Delegationsrisikos aufgrund von Hidden Information nicht in Betracht gezogen
werden können. Abgeleitete Mechanismen wie explizite/implizite Verhaltensnormen,
Informations-, Kommunikations- und Kontrollinstrumente im Sinne eines Controlling-
systems oder aber Anreizinstrumente in Form von Zielvereinbarungen sind daher nur
geringfügig geeignet, Risiken aus der Delegation informaler Kontrolle zu minimieren.
Dennoch gilt es, Mechanismen aufzuzeigen, durch deren Einsatz eine Interessenan-
gleichung erzielt und die Delegationsgefahr in Entscheidungsstrukturen mit horizon-
taler Zentralisierung minimiert wird. Derartige Mechanismen müssen in der Lage
sein, eine Ausübung informaler Entscheidungskontrolle im Sinne unternehmerischer
Ziele und Vorstellungen zu gewährleisten.
Hier setzt die „betriebliche Sozialisation“259 an, worunter die Vermittlung und Aneig-
nung der im Unternehmen verbindlichen Werte und Normen, Einstellungen sowie
Deutungs- und Verhaltensmuster – kurz das Transportieren der Unternehmenskultur
und -philosophie – verstanden wird. Gezielte Maßnahmen der unternehmenskultu-
rellen Sozialisation umfassen z.B. die integrative Ausgestaltung der Kommunikati-
onsprozesse, die bewusste Pflege sozialer Normen, die gezielte Kommunikation
gemeinsamer Werte, die gleichgerichtete Ausgestaltung von Schulungen und
Weiterbildung sowie die kulturkonforme Auswahl260 von Führungskräften in der Linie.
Vor allem der letztgenannte Punkt ist von Bedeutung, denn eine „... sehr spezifische
Selektion des Personals und die damit verbundene vorberufliche Sozialisation mögli-
cher Bewerber [führen] zur Gleichrichtung und Einstimmung des Personals auf
betriebliche Belange, so dass der Koordinationsbedarf sinkt.“261
Mit dem Etablieren und Vermitteln der Unternehmenskultur wird erreicht, dass die
Identifikation der Linienkraft mit den Unternehmens- bzw. Personalzielen steigt, eine
Interessenangleichung erzielt und die opportunistische Ausübung informaler Ent-
scheidungskontrolle zunehmend unterbunden wird. „Es ist [daher] nicht zufällig, daß
mit der Herausbildung neuer Organisationsformen Phänomene und Metaphern wie
Organisationskultur und organisatorisches Lernen große Aufmerksamkeit gewonnen
haben. Der sozialisierende und Koordination reduzierende Charakter der Unterneh-
menskultur wird dann kritischer Erfolgsfaktor, wenn andere, mehr explizite Koordina-
259 Vgl. zum Begriff der betrieblichen Sozialisation KASPER, 1992: 2056ff.
260 Vgl. zur Wichtigkeit auch die Aussage von OUCHI (1979): „In general, a control mode which relies
heavily in selecting the appropriate people can expect high commitment as a result of internalized
values.“ (OUCHI, 1979: 841.)
261 WÄCHTER, 1997: 227f.
222
tionsmechanismen zu grob und zu teurer werden.“262 SIMON (1991) kritisiert in
diesem Kontext die opportunistische Annahme des Moral Hazard innerhalb der
Agenturtheorie, da diese zu einem starren Festhalten an Überwachungs- und
Anreizmechanismen geführt hat, obwohl Loyalität und Identifikation mit Organisati-
onszielen ebenso wichtige, wenn nicht wichtigere Mechanismen darstellen.263 Es gilt
jedoch zu berücksichtigen, dass der Substituierbarkeit von verhaltens- und ergebnis-
orientierten Kontrollen durch den Koordinations- und Motivationsmechanismus der
Unternehmenskultur dann enge Grenzen gesetzt sind, wenn weitgehende Unklarheit
über die Unternehmensstrategie und keine eindeutige strategische Zielsetzung vor-
liegt.264 Demzufolge sind das Formulieren eindeutiger Unternehmensleitlinien und
-grundsätze, das (Vor-)Leben der Unternehmenskultur und das Transportieren der
Philosophie in die Organisation hinein unabdingbare Vorrausetzungen für Entfaltung
der koordinierenden und motivierenden Wirkung dieses Steuerungsinstruments.
Zusammenfassend kann ausgesagt werden, dass durch die Verlagerung informaler
Entscheidungskontrolle in die Linie die Möglichkeit der opportunistischen Nutzung
von Einflussnahme auf die personalwirtschaftliche Entscheidung durch die Füh-
rungskraft stark ansteigt. Somit ist für alle drei Entscheidungsstrukturen mit horizon-
taler Zentralisierung kennzeichnend, dass die zentrale Instanz die Prozessschritte
Informationssammlung und Vorschlagsgenerierung weder direkt kontrollieren und
überwachen, noch in adäquater Form bewerten kann. Für die Koordination und
Motivation der Linienkräfte in den Strukturen f bis h sind daher andere als die bis-
her befürworteten Mechanismen einzusetzen. Hier setzt die Unternehmenskul-
tur/-philosophie an, denn Maßnahmen der betrieblichen Sozialisation fördern die
Identifikation der Linienkraft mit dem unternehmerischen Wertesystem und helfen
demzufolge, bestehende Zieldivergenzen zwischen Unternehmensleitung und Füh-
rungskraft anzugleichen. Neben der koordinierenden und motivierenden Wirkung
betrieblicher Sozialisation sollte die Unternehmensführung insbesondere in der
Entscheidungsstruktur f zusätzlich explizite Verhaltensnormen vorgeben, um so die
Entscheidungsausführung der Linienkraft zielkonform zu steuern.265 Resümierend
wird für den betrachteten Fall eine Kombination aus sozialisierender Unternehmens-
kultur und Verhaltensregeln vorgeschlagen. Exakte Aussagen in Hinblick auf die mit
262 WÄCHTER, 1997: 230. Wächter (1997) bezieht sich in seinem Aufsatz mit der Überschrift „Jenseits
der Dezentralisierung - Zur Kritik der neuen Organisationskonzepte“ auf den Beitrag von DRUMM
(1996a) mit dem Titel „Das Paradigma der Neuen Dezentralisation“.
263 Vgl. SIMON, 1991: 41.
264 Vgl. BREID, 1995: 846.
265 Siehe zur koordinierenden und motivierenden Wirkung expliziter Verhaltensregeln die Aus-
führungen in Kapitel II.2.4.1.1.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 223
der Etablierung, Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Unternehmenskultur
entstehenden Kosten sind erdenklich schwierig. Sollte dies im konkreten Anwen-
dungsfall dennoch möglich sein, stellt deren Zuordnung und Zurechenbarkeit zur
Dezentralisierungsproblematik ein weiteres nur sehr schwer zu bewältigendes
Problem dar.
2.4.2.2 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur g
In der vorliegenden Entscheidungsstruktur des Falls g obliegt dem Personalspezia-
listen auf Konzern-, Firmen- und Geschäftsbereichsebene lediglich noch der
Prozessschritt der Genehmigung; informale wie auch größtenteils formale Entschei-
dungskontrolle verantwortet hingegen die Führungskraft vor Ort. Entsprechend der
agenturtheoretischen Argumentation agiert die Führungskraft als Agent, der die
personalwirtschaftliche Entscheidung vorformuliert und durch den Personalspezia-
listen autorisieren lässt.266
Aus dieser Beschreibung des Entscheidungsprozesses wird deutlich, dass die
Linienkraft eine sehr hohe Entscheidungsmacht und damit Einflussnahme auf die
Beschaffungsentscheidung hat. Sie beschafft nicht nur die nötigen Bewerberinfor-
mationen für die Vorauswahl und schlägt potentielle Kandidaten vor, sondern führt
ebenfalls die Wahl für oder gegen einen Bewerber durch. Neben der bereits skiz-
zierten Gefahr des Generierens und Nutzens versteckter Informationen bei der Aus-
übung informaler Entscheidungsmacht,267 eröffnet sich der Linienkraft folglich auch
der Spielraum, sich bei der Auswahl von Einstellungsalternativen opportunistisch zu
verhalten und so einen von ihr favorisierten Bewerber zu rekrutieren.268 Trotz der
erforderlichen Autorisierungshandlung durch die Unternehmensleitung oder einen
Personalspezialisten auf Konzern-, Firmen- oder Geschäftsbereichsebene wird –
zusammenfassend und bezugnehmend auf die vorangestellten Ausführungen – das
Delegationsrisiko in Form von Moral Hazard als hoch bewertet. Dies resultiert einer-
seits aus der Möglichkeit der Ausübung formaler Entscheidungsmacht, andererseits
jedoch auch in hohem Maße aus der bereits für den Fall f beschriebenen Möglich-
keit der Ausübung informaler Entscheidungskontrolle. Infolgedessen kann hinsichtlich
der Frage, welche Koordinations- und Motivationsmechanismen sich eignen, das
opportunistische Verhalten der Linienkraft einzuschränken, ebenfalls auf die obige
agenturtheoretische Argumentation und ihre entsprechenden Inhalte verwiesen
werden. Zur Minimierung des Delegationsrisikos in der Entscheidungsstruktur g
266 Siehe für das dieser Entscheidungsstruktur zugrunde liegende Vertragsgeflecht Abbildung 20.
267 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel III.2.4.2.1.
268 Siehe zu entstehenden Delegationsrisiken bei der Übernahme der Auswahlhandlung die
Ausführungen in Kapitel III.2.4.1.2.
224
bietet sich eine Kombination aus den Mechanismen expliziter Verhaltenssteuerung
des Falls c, den Controllinginstrumenten des Falls d und einer für die Strukturen f
bis h vorgeschlagenen Sozialisation der Führungskraft an. Das Problem gehaltvolle
(Tendenz-)Aussagen in Bezug auf die Höhe auftretender Delegationskosten zu ge-
nerieren bleibt für die Entscheidungsstruktur g ebenfalls bestehen.
2.4.2.3 Delegationsrisiken der Entscheidungsstruktur h
Der letzte zu unterscheidende Fall ist durch vollständige Delegation personalwirt-
schaftlicher Entscheidungsmacht bei horizontaler Zentralisierung gekennzeichnet.
Die Führungskraft verantwortet den gesamten Entscheidungsprozess. Dies bedeutet,
dass der Personalspezialist nicht mehr aktiv in die Entscheidung eingebunden ist,
sondern lediglich als Stab für die Unternehmensleitung bzw. für den Personalvor-
stand arbeitet. Die Unternehmensleitung bzw. der Vorstand agieren als Aufraggeber
personalwirtschaftlicher Entscheidungen, die durch die Führungskraft vor Ort absolut
selbständig und eigenverantwortlich durchgeführt werden – von der Informations-
sammlung bis hin zur Entscheidungsausführung.269
Die Linienkraft hat in dieser Vertragskonstellation sichtbar den größten Spielraum für
opportunistische Handlungs- und Entscheidungsweisen und alle Möglichkeiten, sich
eigeninteressiert zu verhalten. Dies resultiert daraus, dass sie sämtliche bestehen-
den Informationsasymmetrien der Hidden Information und Hidden Action unbeo-
bachtet bzw. nur unter Auftreten prohibitiv hoher Beobachtungskosten ausnutzen
kann. Da weder ein Personalspezialist auf Konzern-, Firmen- oder Geschäftsbe-
reichsebene in den Entscheidungsprozess eingebunden ist, fehlt jegliche Handhabe
fachlich objektiv zu beurteilen, inwieweit die Entscheidung durch personalwirtschaft-
lich relevante Umweltfaktoren oder durch eigenzentriertes Handeln beeinflusst
wurde. Eine derartige Beobachtung und Bewertung des Entscheidungsverhaltens
kann die Unternehmensleitung inhaltlich wie zeitlich nicht leisten.
Wie bereits skizziert, wird die optimale Informationssuche und Vorschlagsgenerie-
rung durch einen umfassenden und intensiven Sozialisationsprozess koordiniert.
Gelingt dies nicht, dann nimmt die Unternehmensleitung ein so genanntes „Induced -
Moral Hazard“270 in Kauf, d.h. die Gefahr des Moral Hazard wird in die nachfolgenden
Entscheidungsphasen übertragen. Ein derartiges induziertes Delegationsrisiko tritt
zwar auch in den Strukturen f und g auf, wirkt sich jedoch im Entscheidungsfall h
deshalb ganz besonders stark aus, da die Beschaffungsentscheidung keinerlei
Genehmigung mehr durch eine Zentralinstanz bedarf. Minimiert werden kann die
269 Siehe für das dieser Entscheidungsstruktur zugrunde liegende Vertragsgeflecht Abbildung 21.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 225
(induzierte) Delegationsgefahr der betrachteten Struktur h durch eine Kombination
von Sozialisation und dem bereits skizzierten Zielvereinbarungssystem mit
Belohnungskomponente. Da die Unternehmensleitung diese Moral Hazard-Gefahr
ausschließlich durch eine Angleichung der individuellen mit den unternehmerischen
Zielvorstellungen reduzieren kann, verspricht eine Kombination und entsprechende
Fokussierung auf ein zielbasiertes Anreiz- und Belohnungssystem gegenüber
anderen Mechanismen den meisten Erfolg.271 Durch die Sozialisation der Linienkraft
und gleichzeitige direkte Beteiligung an den Folgen und Ergebnissen der
Entscheidungshandlung gelingt es, Anreize für eine effiziente und zieladäquate
Informationsauslese zu geben,272 denn „[i]n some situations these distortions [of
information] may be undone by properly accounting for individuals‘ incentives, and
efficient decisions may still be reached (...).“273 Auf eine Bewertung auftretender
Delegationskosten und das Ableiten inhaltskräftiger Aussagen hinsichtlich deren
Höhe wird für die Entscheidungsstruktur h verzichtet, da die Aufwände für den
Sozialisationsprozess an dieser Stelle nicht abschließend diskutiert und erfasst
werden können.
2.4.3 Zusammenfassende Beurteilung koordinierender und motivieren-
der Mechanismen zur Eindämmung des moralischen Delegati-
onsrisikos beim Linienverantwortlichen
Die Dezentralisierung der Personalarbeit wirft das Problem unternehmungszielorien-
tierter Koordination dezentralen Handelns und Entscheidens auf, denn bestehende
Informationsasymmetrien und opportunistisches, eigenzielorientiertes Entscheiden
führen zu einer Verfehlung der Unternehmensziele sowie zu einem Vergeuden
existenzsichernder Ressourcen. Wie in der Analyse gezeigt wurde, trägt ein syste-
matisches und auf die jeweilige Entscheidungsstruktur abgestimmtes Personalma-
nagement dazu bei, das moralische Delegationsrisiko wirksam zu begrenzen. Unter
Zuhilfenahme der Agenturtheorie wurden im vorliegenden Kapitel III.2.4 das
Auftreten von eigenzentriertem und opportunistischem Verhalten der Linienkraft in
verschiedenartigen, dezentralen Entscheidungsstrukturen analysiert sowie Mecha-
nismen und Instrumente skizziert, deren koordinierende und motivierende Wirkung
270 DEMSKI/SAPPINGTON, 1987: 69.
271 Vgl. zu einer ähnlichen Argumentation auch DIETL, 1993: 148.
272 Vgl. z.B. für die Verhaltenssteuerung von Bereichsleitern durch Koordinationsinstrumente wie
Anreizsysteme, Lenkungspreis- und Budgetsysteme BREID, 1995: 821.
273 MILGROM/ROBERTS, 1996: 171. MIGROM/ROBERTS (1996) geben ferner zu bedenken, dass
“[h]owever, when these incentives are unclear or when the underlying information is so complex
that unscrambling is impossible, decision makers will have to rely on information they know is
incomplete or inaccurate.” (MILGROM/ROBERTS, 1996: 171.)
226
den auftretenden Delegationsproblemen und -risiken entgegenwirken. Die Ergeb-
nisse der agenturtheoretischen Analyse finden sich zusammengefasst im ersten Er-
klärungsbaustein wieder (siehe Abbildung 23).
Regeln
und
Normen
Con-
trolling
Unternehmens-
kultur
Zielsetzung,
Kom
p
ensation
Zielsetzung,
Kom
p
ensation
d
c
e
f
g
h
Moral
Hazard
Personalberater in interner oder externer
Stellung
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen-
und/oder Geschäftsbereichsebene
Führungskraft in der Linie
Abbildung 23: Koordinations- und Motivationsinstrumente zur Minimierung des moralischen
Delegationsrisikos in dezentralen Entscheidungsstrukturen
Wie den obigen Ausführungen und der Abbildung 23 zu entnehmen ist, vergrößert
sich von Konstellation c bis h der Spielraum für opportunistisches Entscheidungs-
verhalten, so dass die Führungskraft bestehende Informationsasymmetrien zuneh-
mend eigeninteressiert nutzt. Folglich erhöht sich die Gefahr des Moral Hazard bei
verstärkter vertikaler Dezentralisierung bzw. beim Übergang von horizontaler Dezent-
ralisierung zu horizontaler Zentralisierung. Es wurde festgestellt, dass bei der Über-
tragung formaler Macht in die Linie maßgeblich die Informationsasymmetrie
Hidden Action zum Aufbau von Delegationsrisiken beiträgt, hingegen die Übertra-
gung informaler Kontrolle in die Linie überwiegend die Asymmetrie der Hidden
Information aufwirft.
Grundsätzlich gilt, dass für die Koordination und Motivation von dezentralem Ent-
scheidungsverhalten aus einer Vielzahl verschiedener Bereiche des Personalmana-
gements Instrumente und Mechanismen zur Verfügung stehen. Hierzu zählen
(1) organisatorische Instrumente wie die Definition von Informations- und Kommuni-
Mechanismen zur Koordination und Motivation 227
kationskanälen, das Schaffen expliziter Verhaltensregeln oder das Bilden einer
Unternehmenskultur mit starker Corporate Identity, (2) ein systematisches Controlling
mit permanenter Informationssammlung, Festlegung von Beurteilungskennzahlen,
die permanente Überprüfung und Bewertung im Sinne eines Soll-Ist-Vergleichs mit
Zielabweichungsanalyse sowie (3) ein individualisiertes Anreizsystem auf der Basis
von Zielvereinbarungen und variablen Entgeltkomponenten.274
Die Analyse zusammenfassend ist je nach dezentraler Entscheidungsstruktur der
Einsatz divergierender Mechanismen vorteilhaft, welche in Kombination koordinie-
rende und motivierende Wirkung entfalten: Für die Vertragskonstellation c erweisen
sich explizite Verhaltensnormen im Sinne von Regeln und Normen als nützlich,
welche in der Entscheidungsstruktur d durch ein kennzahlenbasiertes Controllingin-
strumentarium ergänzt werden. In der Struktur e ist das Entscheidungsverhalten
außerdem mit einem Entgeltsystem zu steuern, welches auf einer gemeinsamen
Zielvereinbarung fußt. Zusätzlich unterstützt in den Konstellationen f bis h eine
gezielte Sozialisation die koordinierenden und motivierenden Wirkungen der bereits
skizzierten Steuerungsmechanismen.
Die Vorteilhaftigkeit koordinierender und motivierender Vertragsarrangements wird
anhand der entstehenden Delegationskosten beurteilt. Wird beispielsweise der
agenturtheoretisch basierten Argumentation von JONES/WRIGHT (1992) gefolgt,275
dann ist der Einsatz spezifischer Steuerungsmechanismen dann effizient, wenn die
274 Vgl. hierzu beispielsweise auch MECKL, 1995. Analog führen HOLMSTRÖM/MILGROM (1991) in
diesem Kontext aus, dass „.. the range of instruments that can be used to control an agent’s
performance in one activity is much wider than just deciding how to pay for performance. One
can also shift the ownership of related assets, vary restrictions on the ways a job can be done,
vary limits and incentives for competing activities, group related tasks into a single job, and so
on.“ (HOLMSTRÖM/MILGROM, 1991: 50.) HALL/TORRINGTON (1998) schlagen ebenfalls
unterschiedliche Maßnahmen vor, dem aufgezeigten Delegationsdilemma zu entrinnen, wobei
der Ansatz darin liegt, „… to engage line managers more explicitly in HR strategy with the
intention that, if line managers have a greater ownership of the strategic vision, they will be less
likely to sacrifice this for short term cost benefit.” (HALL/TORRINGTON, 1998: 52.). Nach Staudinger
(1988) ist die Delegation in Fachbereiche nur dann sinnvoll, wenn spezifische Voraussetzungen
erfüllt sind, wie z.B. die klare Definition von Personalpolitik und -strategie, die deutliche
Abgrenzung von Entscheidungsspielräumen, die Formulierung von Grundsätzen zur
Durchführung dezentraler Personalentscheidungen sowie die Möglichkeit der Früherkennung und
Revision von Fehlentscheidungen in der Linie (vgl. STAUDINGER, 1988: 28.).
275 Das Konzept von JONES/WRIGHT (1992) beruht auf marginalen Erträgen und Kosten eines
systematischen Personalmanagements. In Anlehnung an die agenturtheoretische Argumentation
definieren die Autoren den Begriff Kosten als jene Aufwände der Vereinbarung, Überwachung,
Bewertung und Durchsetzung hinsichtlich des Einsatzes und der Nutzung betrieblicher
Humanressourcen (Vgl. JONES/WRIGHT, 1992: 274). Den dargestellten Ansatz bewerten die
Autoren wie folgt: „It clarifies the importance of viewing personnel systems in terms of their costs
and benefits to overall organizational performance. It makes it clear that individual programs
cannot be viewed in isolation. Changes in one HRM practice (...) can have unforeseen effects in
228
mit der Dezentralisierung von Entscheidungskontrolle erzielten unternehmerischen
Erträge höher ausfallen als die hierdurch entstehenden Delegationskosten. D.h.,
dass nicht die absolute Höhe der entstehenden Kosten ausschlaggebend ist, son-
dern die Relation zwischen dem erzielten Ertrag dezentraler Entscheidungsstrukturen
und dem damit verbundenen Aufwand für die Koordination und Motivation dezentral
agierender Führungskräfte in der jeweils betrachteten Vertragskonstellation. Bei der
Ableitung des systematischen Personalmanagements wurde diesem Ansatz von
JONES/WRIGHT (1992) gefolgt, in dem bezogen auf eine spezifische Ent-
scheidungsstruktur genau jene Koordinations- und Motivationsmechanismen aufge-
zeigt wurden, die dazu dienen, dass sich einerseits positive Dezentralisierungseffekte
entfalten und genutzt werden können sowie andererseits aufgrund einer
bestmöglichen Kombination der Steuerungsmechanismen die hiermit verbundenen
Delegationskosten so gering wie möglich gehalten werden können. Zusammenfas-
send können nur dahingehend Tendenzaussagen getroffen werden, dass die Dele-
gationskosten in den Entscheidungsstrukturen f bis h diejenigen der Strukturen c
bis e um ein Vielfaches übersteigen werden.
2.4.4 Delegation einer Vielzahl personalwirtschaftlicher Entscheidun-
gen
Die Grundlage der bisherigen Analyse delegativer Risiken und Gefahren bildet die
Betrachtung eines einzelnen funktionalen Entscheidungsprozesses; exemplarisch
wurde hier auf die Beschaffungsentscheidung abgestellt. Neben dieser ausgewählten
Entscheidung obliegen der Linienkraft jedoch noch weitere Entscheidungen innerhalb
einzelner personalwirtschaftlicher Aufgaben- oder ganzer Funktionsbereiche.276 Dies
bedeutet, dass die Linienkraft oftmals nicht nur in einen bestimmten
Entscheidungsprozess involviert ist, sondern eine Vielzahl von Personalentschei-
dungen zu verantworten hat. Die in der Praxis existierende Delegation personalwirt-
schaftlicher Entscheidungskompetenz zeichnet sich daher dadurch aus, dass die
Führungskraft in der Linie nicht nur eine bestimmte, sondern viele verschiedene Ent-
scheidungen im Auftrag der Unternehmensleitung und/oder des Personalspezialisten
auf Konzern-, Firmen-, und Geschäftsbereichsebene fällt.277 So ist beispielsweise
other systems (...), so that benefits and costs must be seen from a holistic perspective.”
(JONES/WRIGHT, 1992: 297.)
276 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.2.2 und II.3.4.
277 Die meisten Ansätze zur Messbarkeit des (De-)Zentralisierungsgrads und damit zur Bewertung
der Verteilung von Entscheidungskompetenzen oder –aufgaben gehen implizit oder explizit von
einer gleichartigen Verteilung der Entscheidungsautonomie in einer Organisation aus. FRESE
(1984) hebt in diesem Zusammenhang hervor, dass „[d]ie eigentlichen meßtheoretischen
Schwierigkeiten .. durch die Verfolgung des Ziels [entstehen], den (De)zentralisierungsgrad für
Mechanismen zur Koordination und Motivation 229
denkbar, dass die Führungskraft nicht nur Entscheidungskontrolle über die Rekrutie-
rung neuer Mitarbeiter ausübt, sondern ebenfalls einen Spielraum für opportunisti-
sches Verhalten beim Durchführen von Leistungs- bzw. Personalbeurteilungen
besitzt, Entscheidungsmacht beim Festlegen von Entwicklungswegen und Weiterbil-
dungsprogrammen innehat sowie diese gegebenenfalls auch im Rahmen der Ent-
geltstrukturen und -findung ausübt. Im jeweiligen unternehmerischen Anwendungs-
szenario unterscheidet sich das Ausmaß formaler und/oder informaler Entschei-
dungskontrolle somit erheblich, so dass je nach betrachtetem Funktionsbereich die
Machtausübung voneinander abweichen kann. Dies spiegelt die nachfolgende
Abbildung 24 in der Art und Weise wider, dass für jedes der hier ausgewählten vier
Funktionsfelder278 exemplarisch eine der sechs möglichen Entscheidungsstrukturen
festgelegt und entsprechend gekennzeichnet wurde.
Entgelt und
Zusatzleistungen
Personalentwicklung /
Aus- und Weiterbildung
Personalbeschaffung
Veränderung des
Personalbestands
Abbildung 24: Szenario der Delegation einer Vielzahl an Personalentscheidungen279
die Gesamtorganisation zu ermitteln.“ (Frese, 1984: 230; Gesamt: im Original fett.) Zu
ausgewählten Messkonzepten vgl. FRESE, 1984: 226ff.
278 Der Erklärungsbaustein II fokussiert auf die Funktionen Beschaffung, Bestandveränderung,
Entwicklung und Kompensation. Dies erfolgt in Anlehnung an die in Kapitel II.2.2 skizzierten
empirischen Auswertungen zur Dezentralisierung der Personalarbeit in deutschen Unternehmen
(siehe beispielsweise Abbildung 4 und Abbildung 5). Auf den dort ebenfalls betrachteten
Funktionsbereich der Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen wurde verzichtet, da die Linienkraft
hierbei vornehmlich die Funktion des Vertretungsorgans wahrnimmt und weniger als Entschei-
dungsinstanz fungiert.
279 Quelle: Eigene Darstellung.
230
Zusammenfassend beschreibt Abbildung 24 ein mögliches Szenario der Dezentra-
lisierung von Personalarbeit, welches so oder in ähnlicher Form in der Praxis wieder
zu finden ist.280 Das Szenario gestaltet sich derart, dass die Linienkraft informale
Entscheidungskontrolle über die Funktionsbereiche Personalbeschaffung und
Personalbestandsveränderung besitzt, hingegen bei Entscheidungen über Personal-
entwicklung sowie Aus- und Weiterbildung beispielsweise auf das Fachwissen eines
Beraters zurückgreift. Während die Linienkraft eine anstehende Beschaffungs-
entscheidung absolut eigenverantwortlich durchführt, muss sie bei Entscheidungen
wie z.B. der Kündigung eines untergebenen Mitarbeiters die Genehmigung des
Personalverantwortlichen auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene
einholen. Für Entscheidungen im Funktionsbereich Personalentwicklung sieht das
entworfene Szenario vor, dass die Linienkraft beispielsweise Fort- oder Weiterbil-
dungsmaßnahmen ihrer Mitarbeiter in spezifischen Qualifikationsbereichen und in
einem gegebenen Budget eigenverantwortlich abwickelt, hingegen im Sinne von
Management by Exceptions bei einer Überschreitung der vorgegebenen Entschei-
dungsbefugnisse die Genehmigung des Personalspezialisten einzuholen hat. Inner-
halb des Funktionsfelds Entgelt und Zusatzleistungen ist der Dezentralisierungsgrad
als gering zu bewerten, d.h. die Linienkraft agiert ausschließlich als ausführender
Entscheidungsträger.
Für die Führungskraft der Linie ergibt sich aus der Vielzahl, ganz unterschiedlich gut
zu beobachtender und zu bewertender Entscheidungen innerhalb der Personalarbeit
die Möglichkeit, so genannte kontraproduktive Beeinflussungsaktivitäten auszu-
üben.281 Derartigen Aktivitäten liegt ebenfalls opportunistisches Entscheidungsverhal-
ten zugrunde, indem der untergeordnete Entscheidungsträger sein Engagement
gezielt einsetzt und dadurch die Entscheidungsqualität zum eigenen Vorteil verzerrt.
Sofern sich für die Linienkraft die Entscheidungsqualität in spezifischen personalwirt-
schaftlichen Funktionsbereichen z.B. infolge von Zielvereinbarungsentgelten ein-
kommensrelevant auswirkt, lohnt es sich, Zeit, Aufwand und Mühe zu investieren, um
so das Augenmerk des delegierenden Personalspezialisten oder der Unter-
nehmensleitung möglichst auf dieses Entscheidungsbündel zu lenken und das
periodische Gesamturteil möglichst positiv zu beeinflussen. Die Konsequenz ist
folglich, dass sich die Linienkraft vermehrt denjenigen Entscheidungsaktivitäten
zuwenden wird, die von der Unternehmensleitung oder dem Personalspezialisten
280 Die Verfasserin greift an dieser Stelle auf ihr Expertenwissen zurück, vgl. hierzu die
Erläuterungen in Fußnote 81 des Abschnitts II.
281 Vgl. zum agenturtheoretischen Mehr-Aktionen-Modell und im Folgenden KRÄKEL, 1999: 73ff. und
96ff.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 231
generell besser beobachtbar bzw. deren Entscheidungsergebnis und -qualität besser
bewertbar sind. Derartige Beeinflussungsaktivitäten können jedoch im Sinne der
Unternehmensziele ineffizient sein und stellen laut KRÄKEL (1999) eine neue Form
von Agentur- und somit Delegationsproblemen dar.282 Zwar steigert z.B. eine zeit-
intensive und engagierte Informationssuche die Qualität einer spezifischen
Entscheidungshandlung und kommt somit letztendlich auch dem Delegierenden zu-
gute, allerdings kommt es dabei möglicherweise zu einer Fehlallokation von Arbeit
oder Zeit in Bezug auf eine andere, weniger gut beobachtbare Entscheidungshand-
lung. Die Vergeudung von Ressourcen infolge dieser beschriebenen, kontraprodukti-
ven Aktivitäten geht mit Delegationskosten einher, die mit dem speziellen Begriff der
„Influence Costs“283 beschrieben werden.
Aufgrund der erweiterten Moral Hazard-Betrachtung um die Delegation mehrerer
Personalentscheidungen stellt sich folgende Frage, die es im Anschluss zu beant-
worten gilt: Wie sind die bereits diskutierten Koordinations- und Motivationsmecha-
nismen auszugestalten und/oder welche andersartigen Steuerungsmechanismen
sind einzusetzen, damit das Auftreten gegenläufiger Beeinflussungsaktivitäten
minimiert wird?284
Einen möglichen Ansatz für die Reduktion des kontraproduktiven Entscheidungsver-
haltens bietet beispielsweise das derzeit viel diskutierte Konzept der Balan-
ced Scorecard.285 Hierbei handelt es sich um einen Steuerungsansatz, der die Visio-
nen und die Strategie des Unternehmens in einem top down-Prozess in operative
Ziele mit entsprechenden Kennzahlen und Indikatoren übersetzt. Diese werden dann
als Richt- und Bewertungsgrößen für das dezentrale Entscheidungsverhalten der
Führungskraft herangezogen, d.h. die abgeleiteten Kennzahlen und Indikatoren flie-
ßen in die kooperative Zielvereinbarung ein. Eine entsprechende Gewichtung einzel-
ner Zieldimensionen bzw. -perspektiven bei der Ermittlung des Zielerreichungsgrads
macht es dann möglich, das Auftreten von kontraproduktivem Entscheidungshandeln
282 Vgl. KRÄKEL, 1999: 74.
283 Vgl. z.B. MILGROM/ROBERTS, 1996; oder auch SPENCE; 1975: 166f.
284 Im Folgenden werden mögliche Koordinations- und Motivationsmechanismen nur in ihren
Ansätzen bzw. in ihren Grundaussagen skizziert. Für eine ausführliche Anwendungs- und
Einsatzbeschreibung wird auf die einschlägige Literatur verwiesen und auf eine abschließende
Diskussion an dieser Stelle verzichtet.
285 Die Balanced Scorecard erfasst die kritischen Wertschöpfungsaktivitäten eines Unternehmens
und stellt diese visuell, d.h. für alle Entscheidungsträger transparent dar. Die Unternehmens-
leistung wird durch insgesamt vier Dimensionen charakterisiert: Finanzperspektive, Kunden-
perspektive, Perspektive interner Prozesse sowie Lern- und Entwicklungsperspektive der
Humanressource. Vgl. beispielsweise und im Folgenden zum Konzept der Balanced Scorecard
NORTON/KAPPLER, 2000; HORVÁTH&PARTNER, 2000; KAPLAN/NORTON, 1998a: 123ff.;
232
der dezentral agierenden Linienkraft zu unterbinden. Insgesamt garantiert das
Konzept der Balanced Scorecard eine Ausgewogenheit von extern und intern orien-
tierten Messgrößen, berücksichtigt vergangenheits- sowie antizipiert zukunftsgerich-
tetes Entscheidungsverhalten und macht es möglich, eine Vielzahl unterschiedlicher
Aufgaben- und Funktionsbereiche der Personalarbeit in Einstimmung mit der
Unternehmens- bzw. Geschäftsbereichsstrategie zu bringen. Demnach dient das
dem Konzept zugrunde liegende Kennzahlen- und Indikatorensystem nicht aus-
schließlich der Kontrolle und Bewertung von ausgeübter Entscheidungsmacht in der
Vergangenheit, sondern es fokussiert vielmehr die Formulierung und Kommunikation
der Unternehmensstrategie und wird für die Ausrichtung individueller, funktionsüber-
greifender und unternehmensbezogener Entscheidungsaktivitäten auf ein überge-
ordnetes Zielbündel eingesetzt. Das Konzept zeichnet sich zudem durch einen so
genannten „Double Loop Learning“286-Prozess aus, welcher die Überprüfung von
Wechselbeziehungen zwischen strategischen Zielen und einzelnen operativen
Entscheidungen der Linienkraft ermöglicht. Dies wirkt ebenfalls dem Auftreten kont-
raproduktiver Beeinflussungsaktivitäten entgegen und hilft dem erweiterten Delegati-
onsrisiko des Moral Hazard entgegenzutreten.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass durch die Delegation von
(in-)formaler Kontrolle über eine Mehrzahl personalwirtschaftlicher Entscheidungen
der Spielraum für opportunistisches und somit kontraproduktives Entscheidungshan-
deln vergrößert wird. Einen möglichen Ansatz, um auftretende Delegationsrisiken zu
reduzieren sowie dezentrales Entscheidungsverhalten zu koordinieren und zu moti-
vieren, stellt beispielsweise die Einbettung der Balanced Scorecard in das entgeltbe-
stimmende Zielsetzungsverfahren der Linienkraft dar. Denn nach MILGROM/ROBERTS
(1996) sind die Delegationskosten aufgrund kontraproduktivem Entscheidungsver-
halten einer Linienkraft insbesondere von dem unternehmerischen Belohnungssys-
tem abhängig, so dass „.. careful organizational design can at least partially control
the direct costs of influence activities.”287
2.5 Verminderung des Risikos bei periodenübergreifenden Humankapital-
investitionen – Problematik des Hold Up
Der bisherigen Analyse von Delegationsrisiken in dezentralen Entscheidungsstruktu-
ren lag in weiten Teilen eine zeitpunktbezogene Betrachtung zugrunde. Im Folgen-
KAPLAN/NORTON, 1998b: 147ff.; KAPLAN/NORTON, 1998c: 183ff.; KAPLAN/NORTON, 1997;
KAPLAN/NORTON, 1992.
286 Im Rahmen des Double Loop Learning werden strategische Ziele auf ihre Plausibilität hin geprüft
und strategische Prämissen auf ihre Gültigkeit hin getestet; eine Zielrevision kann die Folge sein.
287 MILGROM/ROBERTS, 1996: 171.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 233
den wird jedoch berücksichtigt, dass einmal verlagerte Entscheidungskompetenzen
i.d.R. auf Dauer delegiert werden.288 Die Verlagerung personalwirtschaftlicher
Entscheidungsmacht ist über mehrere Zeiteinheiten konstant und die untersuchte
Vertragsbeziehung überdauert aufeinanderfolgende Zeitperioden. Eine Dynamisie-
rung der Vertragsbeziehung wird in der Literatur unter dem Begriff agenturtheoreti-
scher Mehr-Perioden-Modelle diskutiert und bringt verschiedene Vorteile mit sich.
HOLMSTRÖM (1979) betont, dass „... when the ... [agency relationship] ... repeats itself
over time, the effects of uncertainty tend to be reduced and dysfunctional behavior is
more accurately revealed, thus alleviating the problem of moral hazard.“289
Eine derartige Argumentation ist bereits teilweise in die obigen Ausführungen einge-
flossen. Beispielsweise kann die Entlohnung der dezentral agierenden Führungskraft
nicht nur an die gegenwärtige Entscheidungsqualität geknüpft, sondern zusätzlich mit
den Ergebnissen festgelegter Vorperioden verknüpft werden, wodurch sich der
Unternehmensleitung z.B. ein breiteres Spektrum zusätzlicher Anreiz- und Sanktions-
möglichkeiten offenbart, sowie Effekte in Bezug auf Reputationsgewinn und -verlust
in Gang gesetzt werden. Ferner führen Lernprozesse und das Einbeziehen von
Erfahrungen dazu, dass die Unternehmensleitung weitere vertragsrelevante
Informationen generieren und bei der Ausgestaltung koordinierender und motivie-
render Steuerungsmechanismen berücksichtigen kann.290 Insgesamt bietet eine
langfristige Kontraktierung die Möglichkeit, das Verhalten der Linienkraft stärker im
Sinne der Unternehmensstrategie zu beeinflussen, die Linienkraft schneller in das
organisatorische Geflecht zu integrieren und sie wirksamer an die unternehmerische
Organisationseinheit zu binden.291
Allerdings werfen mehrperiodige Agenturbeziehungen auch zusätzliche Probleme
auf. Die Unternehmensleitung kann eine hohe Entscheidungsqualität als Indikator für
das hohe Kompetenzniveau der dezentral agierenden Führungskraft ansehen und
daher in den sich anschließenden Beurteilungsperioden die Anforderungen an das
Entscheidungsverhalten der Linienkraft erhöhen. Führungskräfte, die eine derartige
Bewertung ihres Verhaltens antizipieren, können einen Vorteil darin sehen, das
Engagement in den Anfangsperioden der Delegationsbeziehung zurückzuschrauben.
Ein weiteres Delegationsrisiko ergibt sich aus unternehmensseitiger, zeitüber-
dauernder Investition in betriebsspezifische Kenntnisse und Fähigkeiten (Kapitel -
288 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel II.3.3.
289 HOLMSTRÖM, 1979: 90.
290 Vgl. hierzu auch KRÄKEL, 1999: 91ff.
291 Vgl. LAMBERT, 1983: 441. Vgl. zur Mehrperioden-Betrachtung von Auftraggeber-Auftragnehmer-
Beziehungen HARRIS/HOLMSTRÖM, 1982; ferner BREID, 1995: 841; GREENWALD, 1986.
234
III.2.5.1), welchem es durch Mechanismen einer erforderlichen Bindung an das
Unternehmen entgegenzutreten gilt (Kapitel III.2.5.2). Die Dynamisierung dezentraler
Vertragsbeziehungen bildet – im Gegensatz zum bereits umfassend diskutierten
Delegationsproblem des Moral Hazard – nicht den Mittelpunkt der Analyse, so dass
eine sich anschließende knappe Diskussion die vorliegende Arbeit abrundet. Die
Verfasserin kommt somit dem möglicherweise bestehenden Anspruch auf eine
umfassende und tiefgreifende Analyse des Hold Up-Risikos nicht nach.
2.5.1 Humankapitalinvestition und bilaterales Abhängigkeitsverhältnis
Die Etablierung dezentraler Entscheidungsstrukturen führt dazu, dass die Führungs-
kraft in der Linie aufgrund zunehmender Aufgabenkomplexität und -variabilität in ver-
stärktem Ausmaß unternehmungsspezifische Kenntnisse und Fähigkeiten erwirbt, in
welche das Unternehmen zusätzlich durch Maßnahmen der Personalentwicklung
investiert.292 Beispielsweise erhält die Linienkraft eine direkte Entwicklung am
Arbeitsplatz, indem sie sich kontinuierlich mit den personalwirtschaftlichen Entschei-
dungen und der Personalaufgabe auseinandersetzt. Sie erwirbt organisationsspezifi-
sches Know How, indem sie soziale Beziehungen und Netzwerke aufbaut, und nimmt
an Schulungen oder Trainings zu spezifischen Organisations- und Fachthemen teil.
Durch den Einsatz dieser Vielzahl an Trainingsmethoden293 erwirbt die Linienkraft
jene notwendigen Fertigkeiten und Fähigkeiten, die bei der Durchführung
personalwirtschaftlicher Entscheidungen unabdingbar sind und für die der Begriff
personalwirtschaftliche Entscheidungskompetenz geprägt wurde.294
Derartige Investitionen in das dezentrale Humankapital stellen aus Unternehmens-
sicht irreversible Investitionen dar und führen dazu, dass ein Abhängigkeitsverhältnis
aufgebaut wird.295 Da die Unternehmensleitung bzw. der Personalvorstand ex post
nicht in der Lage ist, die Linienkraft zu interessenkonformem Verhalten zu bewegen
bzw. opportunistisches Entscheidungsverhalten zu sanktionieren, besteht die Gefahr,
dass die Linienkraft die Abhängigkeitssituation in opportunistischer Weise ausnützt,
ohne daran gehindert werden zu können. Das investitionsbedingte Abhängig-
keitsverhältnis bietet der Linienkraft daher Anreize, opportunistisches Entschei-
292 Vgl. EIGLER, 1995: 21.
293 Vgl. für einen Überblick über Trainingsmethoden GROENING, in Drucklegung.
294 Siehe hierzu die Ausführungen in Kapitel III.2.3.2.
295 Vgl. hierzu ALEWELL (1994), die betont, dass „[d]iese „Abhängigkeit“ des Arbeitgebers [vom
anderen Vertragspartner, dem Arbeitnehmer] .. verschiedene Ursachen haben [kann]: Sie kann
einerseits durch Sunk Costs entstehen die bei der Rekrutierung und Einarbeitung neuer Mit-
arbeiter anfallen. ... Außerdem könnte die Abhängigkeit des Arbeitgebers durch ein knappes
Angebot an bestimmten Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt entstehen. Als Sonderfall dieser
Mechanismen zur Koordination und Motivation 235
dungsverhalten zu offenbaren, und es wächst die Gefahr einer kontraproduktiven
Nutzung neuer Freiräume. Die Folge ist die Hold Up-Gefahr, da die Unternehmens-
leitung in der Rolle des Delegierenden höhere spezifische Investitionen getätigt hat
als die ausführende Linienkraft.296 Zudem investiert die Unternehmung nicht nur in
die Personalentwicklung der Linienkraft und überträgt dieser die Qualifizierung
untergeordneter Mitarbeiter, sondern reduziert außerdem die kontinuierliche Qualifi-
zierung zentral agierender Mitarbeiter.297 Hieraus resultieren eine zunehmende Ver-
alterung des personalwirtschaftlichen Wissens in der Zentrale und eine ausschließ-
liche Entwicklung der dezentralen Entscheidungsträger auf dem Gebiet moderner,
unternehmerischer Personalarbeit. Demnach entstehen neben den direkten Investi-
tionskosten in das Humankapital der Linienkraft zusätzlich auch noch Opportunitäts-
kosten aufgrund ungenutzten und veralterten Expertenwissens in der zentralen
Personalinstanz.
Dennoch darf im Rahmen der agenturtheoretischen Argumentation nicht außer Acht
gelassen werden, dass Arbeitsverhältnisse stets bilaterale Hold Up-Situationen
erzeugen.298 Dies bedeutet, dass die getätigte Humankapitalinvestition zwar die
Unternehmensleitung einerseits abhängig von der dezentral agierenden Linienkraft
werden lässt, andererseits jedoch delegative Personalentwicklungsmaßnahmen
primär betriebsspezifisches Humankapital aufbauen. Betriebsspezifisches Human-
kapital wird in diesem Zusammenhang definiert als Kenntnisse und Fähigkeiten,
deren Einsatz im jeweiligen Unternehmen produktiver ist als in anderen Unterneh-
men. Vollständige Spezifität bedeutet dabei, dass der Einsatz einer qualifizierten
Linienkraft nur in dem Unternehmen die Produktivität erhöht, welches durch Qualifi-
zierungsmaßnahmen in das Humankapital investiert hat.299 Wie bereits oben aufge-
zeigt, resultiert die Humankapitalspezifität aus dem arbeitsplatzgebundenen Erlernen
Form der Abhängigkeit kann man die Existenz von betriebsspezifischen Qualifikationen auf-
fassen.“ (ALEWELL, 1994: 63.)
296 Siehe zur Informationsasymmetrie der Hidden Intention die Ausführungen in Kapitel III.1.3.1.3.
297 Die Veralterung des Expertenwissens bestätigen HALL/TORRINGTON (1998) in ihrer Untersuchung
zur „Devolution of Operational Personnel Activities“, indem die Autoren betonen, dass „…
concerns center around the future of specialists whose skills and knowledge become rusty due to
fewer opportunities for hands-on experience; and less directly stated – loss of control and
power due to the potential devolution of personnel and training budgets.“(HALL/TORRINGTON,
1998: 51). Vgl. hierzu auch BEER, 1997: 54.
298 Vgl. ALEWELL, 1993.
299 Vgl. ALEWELL, 1993: 77; ferner z.B. WILLIAMSON, 1991: 281.
236
von Fertigkeiten und durch den Erwerb organisationsstruktureller Kenntnisse, die nur
innerhalb eines spezifischen Delegationsverhältnisses relevant und behilflich sind.300
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Vertragsparteien Unternehmens-
leitung und dezentral agierende Entscheidungsträger von einander abhängig sind
sowie einmalige und leicht entziehbare Ressourcen in das Vertragsverhältnis
einbringen. Hieraus resultiert, dass die arbeitsvertragliche Delegationsbeziehung
eine bilaterale Hold Up-Situation begründet.
Wird das Abstraktionsniveau eines einfachen Prinzipal-Agent-Modells jedoch aufge-
geben und für eine tiefergehende Betrachtung der Hold Up-Problematik das in dieser
Arbeit entwickelte Analyseraster herangezogen, dann zeichnet sich innerhalb der
unterschiedlichen Konstellationen aufgrund der vertraglichen Komplexität eine Zu-
nahme des Delegationsrisikos ab. So verstärkt sich z.B. das bestehende Hold Up-
Problem in den Entscheidungsstrukturen d und e dadurch, dass die Linienkraft eine
starke persönliche Bindung zum internen Personalmoderator aufbauen oder eine
langfristige Geschäftsbeziehung zum externen Berater pflegen kann. Der Aufbau
sozialer Geflechte innerhalb der Unternehmung bzw. das Etablieren von unter-
nehmensübergreifenden Netzwerken sind vergleichbar mit dem Aufbau unter-
nehmensspezifischen Wissens, von welchem die Unternehmensleitung sowie der
Personalspezialist auf Konzern-, Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene stark
abhängig sind. Derartig intensive – über gegebenenfalls viele Jahre aufgebaute
Kontakte können zu strategischen Vorteilen generieren und unverzichtbar werden.
Hieraus ergeben sich für die Linienkraft unendlich große Möglichkeiten ihre eigenen
Interessen auch gegen die Vorstellung der Unternehmensleitung durchzusetzen.
2.5.2 Mechanismen der Bindung dezentraler Entscheidungsträger an
das Unternehmen
Eine Möglichkeit die dezentral agierende Führungskraft an das Unternehmen zu bin-
den und somit die Vorteile einer langfristigen Vertragsbeziehung nutzbar zu machen
sowie über einen längeren Zeitraum auf das unternehmensspezifische Humankapital
zurückgreifen zu können, besteht im Aufbau eines leistungsabhängigen Karriere-
systems aus eigenen Reihen und einer damit einhergehenden entsprechend anstei-
genden Entgeltzahlung. Die traditionelle Laufbahnentwicklung wird hierbei durch
Modelle einer Fachlaufbahn und Projektlaufbahn erweitert; derartige Konzepte
werden in Wissenschaft und Forschung schon seit mehreren Jahren diskutiert. Er-
300 Vgl. JOSKOW, 1985: 38. Beispielsweise zählen hierzu informelle Kontakte zu Entscheidungs-
trägern, der Aufbau von persönlichen Netzwerken, die Verinnerlichung der Unternehmens-
strategie und -kultur etc.
Mechanismen zur Koordination und Motivation 237
fahrungen der Praxis bringen folgende Vorteile dieser Formen der Karriereentwick-
lung hervor:301 (1) eine wirksame Anreiz- und Belohnungsfunktion, (2) besonders in
flachen Organisationsstrukturen zusätzliche Aufstiegschancen, (3) die Möglichkeit
zur Berücksichtigung individueller Zielvorstellungen und (4) flexible Entgeltfindung.
Wird der agenturtheoretischen Argumentation gefolgt, dann entspricht das Aufzeigen
von attraktiven Karrierewegen kombiniert mit finanziellen Anreizen dem Aufbau
unternehmerischer Glaubwürdigkeit und Reputation, d.h. das Unternehmen führt
Investitionen in Karrierewege und -strukturen durch, von denen es sich in der Zukunft
eine akzeptable Rendite erwartet. In dezentralen Entscheidungsstrukturen besteht
diese Rendite z.B. in der Möglichkeit, auch zukünftig Führungskräfte der Linie für die
Übernahme personalwirtschaftlicher Entscheidungen zu gewinnen und zu
motivieren.302
2.6 Resümee zur Handhabung von Delegationsrisiken in dezentralen
Entscheidungsstrukturen
Die agenturtheoretische Analyse der Dezentralisierung personalwirtschaftlicher Ent-
scheidungskompetenz zeigte eine Vielzahl von Delegationsrisiken und -problemen
auf, die sich je nach dezentraler Entscheidungsstruktur unterschiedlich gestalten. Die
Kernaussage der Untersuchung besteht darin, dass der Unternehmensleitung ein
großes Spektrum an koordinierenden und motivierenden Mechanismen zur Verfü-
gung steht. Das gewählte Instrumentarium ist jedoch nur dann effizient ausgestaltet,
wenn es an die jeweilige dezentrale Entscheidungsstruktur angepasst wird. Folglich
ist die „... Erarbeitung und Implementierung eines auf die Führungskräfte der Fach-
bereiche zugeschnittenen personalwirtschaftlichen Instrumentariums [unerlässlich],
das die Auswahl geeigneter personalverantwortlicher Führungskräfte fördert, eine
sinnvolle Beurteilung ihrer personalbezogenen Leistungen sowie diese zu HRM-
strategiekonformen Verhalten und überhaupt zu Personalarbeit motiviert.“303
Im nachfolgenden Abschnitt IV der Forschungsarbeit werden die Aussagen und Er-
gebnisse der Untersuchung zusammengefasst und das entwickelte, koordinierende
und motivierende Instrumentarium in ein systematisches Personalmanagement zur
Steuerung dezentral agierender Entscheidungsträger überführt. Wie bereits oben an-
301 Vgl. hierzu DOMSCH 1995: 441.
302 Vgl. zum Aspekt der Reputation in bilateralen Vertragsbeziehungen ALEWELL, 1993: 151.
303 KASTURA, 1996: 180. MECKL (1995) zufolge gibt es daher auch sehr wohl einen optimalen De-
zentralisierungsgrad. „... Ausdruck dieses optimalen Dezentralisationsgrades ist ein spezifisches
Steuerungs- und Führungssystem ..., das vor dem Hintergrund der spezifischen Situation des
Unternehmens die Nachteile der verstärkten Dezentralisation zu minimieren versucht.“ (MECKL,
1995: 6f.)
238
geführt stehen hierbei die Ausführungen zum Delegationsrisiko des Moral Hazard
(Kapitels III) im Zentrum des zu entwickelnden Personalmanagementdesigns.
„Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch
anwenden. Es ist nicht genug zu wollen, man muss
es auch tun.“ (JOHANN WOLFGANG VON GOETHE)
IV Design eines effizienten Personal-
managements für dezentrale
Entscheidungsstrukturen in der
Praxis – Schlussfolgerungen
1 Analyseergebnisse delegativer Risiken und deren
Steuerungsmechanismen
Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, effiziente Mechanismen der Koordi-
nation und Motivation personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger in dezentralen
Organisationsstrukturen aufzuzeigen. Da ein einheitliches Begriffsverständnis in
Bezug auf dezentrale Entscheidungsstrukturen nicht vorliegt, die problemorientierte
Anwendung der Agenturtheorie jedoch einer klaren Abgrenzung und Unterscheidung
hinsichtlich des vorliegenden Dezentralisierungsgrads bedarf, bestand ein erstes Ziel
der Qualifizierungsarbeit folglich darin, einen theoretisch gestützten, konzeptionellen
Rahmen für dezentrale Entscheidungsstrukturen zu entwickeln. In dem sich an-
schließenden Analyseschritt wurden die auftretenden Delegationsrisiken auf der
Basis agenturtheoretischer Überlegungen aufgedeckt und strukturadäquate Koordi-
nations- und Motivationsmechanismen abgeleitet.
Die bisherigen Überlegungen münden im Rahmen dieses Kapitels in ein Personal-
managementdesign zur Koordination und Motivation dezentral agierender Entschei-
dungsträger. Der Begriff des Designs wird gewählt, da durch die systematische,
musterhafte Anordnung der identifizierten Koordinations- und Motivationsinstrumente
innerhalb des entwickelten Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen dem
unternehmerischen Personalmanagement eine grundlegende Gestalt zugeordnet
wird. Allerdings bietet die im analytischen Teil der Arbeit verwendete Agenturtheorie
selbst keinen Ansatz für die Identifikation eines explizit formulierten personal-
wirtschaftlichen Designs zur Reduktion von Delegationsproblemen, sondern verweist
lediglich auf die Notwendigkeit des Einsatzes von adäquaten Kontroll-, Anreiz-, und
Informationsmechanismen.
240
Für das Erkennen einer aussagekräftigen Gestalt eines Personalmanagements für
die Koordination und Motivation dezentral agierender Entscheidungsträger wird
daher, in Anlehnung an EISENHARDT (1985),1 auf das Konzept der organisatorischen
Kontrolle von OUCHI (1979) zurückgegriffen. Organisatorische Kontrolle wird definiert
als all jene Maßnahmen, deren Einsatz helfen, die individuellen Handlungen und das
Verhalten eines Organisationsmitglieds an die Ziele des beschäftigenden Unterneh-
mens zu koppeln.2 Bezogen auf das Anwendungsgebiet der Personalwirtschaft
betont SNELL (1992), dass das Personalmanagement eine Vielzahl grundlegender
Praktiken zur Regulierung und Steuerung von Leistungen und Verhalten der Organi-
sationsmitglieder umfasst, die als ein Ganzes betrachtet das Konstrukt der organi-
satorischen Kontrolle manifestieren. Im organisationstheoretischen Ansatz von OUCHI
(1979) werden diese personalwirtschaftlichen Maßnahmen und Instrumente nicht
einzeln dargestellt, sondern zu drei Typen koordinierender und motivierender
Steuerungsmechanismen kombiniert: (1) die Kontrolle des individuellen Verhaltens,
(2) die Kontrolle der erbrachten Leistung und (3) die Kontrolle des eingesetzten
Humankapitals.3 Bei der nachfolgenden praxisbezogenen Auswertung der
agenturtheoretischen Analyseergebnisse wird auf diese Typologie Bezug genom-
men, indem ein dreiteiliges Personalmanagementdesign mit folgenden Elemente
konzipiert wird:4 das bürokratische (Kapitel IV.1.1), das marktliche (Kapitel IV.1.2)
1 Vgl. EISENHARDT (1985), die postuliert, dass „[i]n summary, the organizational and agency
approaches are complementary.“ (EISENHARDT, 1985:139). Ferner vgl. EISENHARDT, 1989: 58 und
vgl. hierzu auch EBERS/GOTSCH, 2002: 224, die betonen, dass die Agenturtheorie keine exakten
Empfehlungen an die Organisationspraxis zu formulieren vermag, was dazu führt, dass die
Theorie in dieser Hinsicht vor einem Dilemma steht. Ähnlich betont ELSCHEN (1991), dass
„[k]omplexere Probleme ... vielfach die Ausweitung oder die Kombination der Agency-Theorie mit
anderen Theorien [erfordern].“ (ELSCHEN, 1991: 1011.)
2 Vgl. hierzu OUCHI (1979) und (1980) der den Begriff der organisatorischen Kontrolle mit der
Frage verbindet: „What are the mechanisms through which an organization can be managed so
that it moves forwards its objective?“ (OUCHI, 1979: 833). Vgl. ferner SNELL (1992), der
Tannenbaum (1968) zitiert, dessen Arbeit die Forschung zur Organisationstheorie dominieren.
Tannenbaum (1968) interpretiert Kontrolle „... as the sum of interpersonal influence relations in
an organization.“ (SNELL, 1992: 293).
3 Vgl. SNELL, 1992: 294ff.; CYR/WELBOURNE, 1997: 251ff.; ferner GOOLD, 1991; BAYSINGER/
HOSKISSON, 1990. Die Unterscheidung von SNELL (1992) beruht auf den Ausführungen von OUCHI
(1979), der organisatorische Kontrolle in die Typen der bürokratischen und marktlichen Kontrolle
sowie der Kontrolle des Clans untergliedert. (Vgl. beispielsweise die Übersicht bei OUCHI, 1979:
838). CYR/WELBOURNE (1997) fassen die Diskussion der Erweiterung von Agenturtheorie um eine
organisationstheoretische Perspektive wie folgt zusammen: „Thus, there is well documented
support in favor of two types of control. One method of control implied by agency and
organizational theories is bureaucratic control which involves direct monitoring of agents, the
establishment of rules and procedures and the hiring of individuals to assure compliance. The
second form of control is outcome-based. Principals (...) use outcome control when they design
compensation contracts or other mechanism to entice employees to behave in ways that
maximize the interests of the company. The two forms of control are not necessarily exclusive;
they maybe applied individually or in combination.“ (CYR/WELBOURNE, 1997: 252f.)
4 Vgl. hierzu auch die Systematisierung bei WUNDERER/ARX, 1998: 55ff.
Design eines effizienten Personalmanagements 241
und das sozial-familiäre Personalmanagement (Kapitel IV.1.3). Das Kapitel IV.1.4
liefert ein abschließendes Fazit.
1.1 Bürokratische Koordinations- und Motivationsmechanismen
Die entscheidungs- und agenturtheoretische Untersuchung hat ergeben, dass bei-
spielsweise die Verantwortungsübernahme in der Entscheidungsstruktur c nur mit
einem geringen Delegationsrisiko im Sinne von Moral Hazard verbunden ist. Dies
resultiert aus dem Fakt, dass die Führungskraft lediglich Kontrolle über die Entschei-
dungsausführung besitzt und somit der Spielraum für opportunistische Praktiken klein
ist (Kapitel III.2.4.2.1). Gleiches gilt ebenfalls für die Entscheidungsstruktur d, in
welcher die Führungskraft neben der Ausführung zusätzlich die Phase der Alter-
nativenwahl innehat (Kapitel III.2.4.2.2). In Bezug auf die ersten beiden identifizierten
Entscheidungsstrukturen hat die Analyse notwendiger Koordinations- und Motivati-
onsmechanismen hervorgebracht, dass bei geringer personalwirtschaftlicher Macht
über den dezentralen Entscheidungsprozess, bereits der Einsatz klar artikulierter
Verhaltens- und Verfahrensregeln dazu beiträgt, die aufgezeigten Delegationsrisiken
einzudämmen. Neben der Formulierung organisatorischer Regeln und Normen
helfen Informations- und Überwachungsinstrumente auf der Basis von Soll-Ist-
Vergleichen, die auftretenden Pflichtverletzungen zu beobachten, das opportunistisch
geprägte Entscheidungshandeln der Führungskraft aufzudecken und schließlich das
Moral Hazard-Risiko beispielsweise des Falls d zu minimieren.
Den Arbeiten zur organisatorischen Kontrolle folgend spiegeln die identifizierten
Instrumente so genannte bürokratische Steuerungsmechanismen5 wider: Die Steue-
rung der dezentral agierenden Führungskraft erfolgt mittels eines Behavior Control-
Systems.6 Inhaltlich ist das bürokratische Personalmanagement derart ausgestaltet,
dass ein Rahmen expliziter Verfahrens- und Verhaltensregeln das entscheidungsbe-
zogene Handeln der Linienkraft auf der Basis fassbarer Prozeduren und verschriftli-
cher Prozesse sowie direkter Verhaltensbeobachtung und –beurteilung reguliert.
Oder allgemeiner formuliert: Bürokratische Koordinations- und Motivationsmecha-
nismen strukturieren und regeln das Vorgehen und die Arbeitsschritte innerhalb des
personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozesses.7 Um sicher zu gehen, dass sich
die Linienkraft auch an die vorgeschriebenen Entscheidungs- und Betriebsprozesse
hält, ist die etablierte Verhaltenskontrolle mit einer starken Überwachung und Evalu-
5 Vgl. OUCHI, 1979: 835f.
6 Vgl. SNELL, 1992: 294ff.
7 Vgl. OUCHI, 1979: „The fundamental mechanism of control involves close personal surveillance
and direction of subordinates by superiors. The information necessary for task completion is
contained in rules;...“ (OUCHI, 1979: 835.)
242
ation verbunden. Hierbei werden dem Delegationsempfänger die Ergebnisse der
Abweichungsanalyse rückgekoppelt, um bei erkennbaren Divergenzen korrigierend
einzugreifen. Neben diesen expliziten Verfahrens- und Verhaltensregeln fordert der
Ansatz bürokratischer Kontrolle eine hierarchische Struktur, die mittels starrer
Weisungs- und Genehmigungsbefugnisse die opportunistischen Handlungen der
Führungskraft einengt. Eine derartige zentrale Hierarchie lässt sich ebenfalls in den
betrachteten Entscheidungsstrukturen erkennen, da der zentral agierende Personal-
spezialist zu jedem Zeitpunkt und unabhängig vom Entscheidungsobjekt die Phasen
der Genehmigung übernimmt.
Zusammenfassend wird festgehalten, dass bei kleinem Entscheidungsspielraum und
der damit verbundenen Existenz eines geringen Delegationsrisikos explizite Verfah-
rens- und Verhaltensregeln mit entsprechender Überwachung helfen, die opportu-
nistischen Entscheidungshandlungen der Linienkraft im Sinne der Unternehmens-
ziele zu koordinieren und zu motivieren. Besitzt der Delegationsempfänger Kontrolle
über die Ausführung des Entscheidungsprozesses (Fall c), oder über die Ausfüh-
rung und die Alternativenwahl (Fall d), dann ist unter Berücksichtigung anfallender
(Delegations-)Kosten der Einsatz eines bürokratisch ausgestalteten Personalmana-
gements effizient.
1.2 Marktliche Koordinations- und Motivationsmechanismen
Für jene dezentralen Strukturen, in denen die Linienkraft die gesamte formale
Kontrolle über den Entscheidungsprozess besitzt (Fälle e und h), hat die entschei-
dungs- und agenturtheoretische Analyse ergeben, dass eine Steuerung mittels expli-
ziter Verfahrens- und Verhaltensregeln nicht ausreichend ist. Trägt die Linienkraft für
die drei Phasen der Alternativenwahl, der Genehmigungshandlung und der
Entscheidungsausführung die Verantwortung, dann erfolgt die Steuerung durch eine
vertraglich festgelegte Ergebnisorientierung z.B. auf der Basis von Zielvereinbarun-
gen (Kapitel III.2.4.1.3 und III.2.4.2.3.). Nur wenn bei der Delegation formaler
Entscheidungskontrolle die Präferenzen von Unternehmensleitung und Linienkraft
durch eine gemeinsam festgelegte Zielsetzung aufeinander abgestimmt bzw. anein-
ander gebunden werden, ist es möglich, Informationsasymmetrien anzugleichen,
Zielkonflikte zu reduzieren und das Delegationsrisiko des Moral Hazard einzudäm-
men.
Die identifizierten Koordinations- und Motivationsinstrumente finden sich innerhalb
der von OUCHI (1979) geprägten Terminologie in den marktlichen Steuerungsmecha-
Design eines effizienten Personalmanagements 243
nismen8 wieder. Dies bedeutet, dass bei Delegation formaler Entscheidungskontrolle
die Steuerung der dezentral agierenden Führungskraft mittels eines Output Control-
Systems erfolgt.9 Im Allgemeinen lässt sich das marktliche Personalmanagement zur
Koordination und Motivation von dezentralem Entscheidungsverhalten durch das
Aufstellen von Ergebniskriterien bzw. Zielgrößen charakterisieren, an welche im
Sinne von „Pay for Performance“10 eine materielle Belohung der dezentral agieren-
den Führungskraft gekoppelt ist. Der Unterschied zwischen Ergebniskontrolle und
bereits skizzierter Verhaltenskontrolle liegt darin, dass unternehmerische Vorsätze
und Intentionen nicht in standardisierte Arbeits- und Betriebsprozeduren und –
prozesse übersetzt werden müssen. Vielmehr werden z.B. in einem Gespräch zwi-
schen Prinzipal und Agent gemeinsam vereinbarte Ziele gesetzt, welche die Linien-
kraft zu verfolgen und zu erfüllen hat. Da auch die marktliche Form der Kontrolle der
Linienkraft einen opportunistisch zu nutzenden Handlungsspielraum eröffnet, wird
zusätzlich ein Informationssystem installiert, welches an das Beurteilungssystem
geknüpft ist und eine Belohnung in Abhängigkeit vom Ergebnis bzw. der Zielerrei-
chung vorsieht. Die marktliche Steuerung stellt dann eine äußerst effiziente Form der
Kontrolle dar, wenn die Entscheidungsqualität der Führungskraft in gewisser Hinsicht
monetär bewertet werden kann. Folglich ist die Unternehmensleitung in der Lage, die
Linienkraft proportional oder auch progressiv zum Unternehmensbeitrag zu entloh-
nen.11 Die Steuerung des Entscheidungsverhaltens mittels eines Output Control-Sys-
tems, ermutigt die dezentral agierende Führungskraft im Sinne eines Entrepreneurs
zu handeln. Folglich fühlt sie sich den Unternehmenszielen zunehmend verpflichtet,
was schlussendlich wiederum den Unternehmensbestand und -erfolg sichert.12
Obwohl einige agenturtheoretische Beiträge die Gegenüberstellung und den teilweise
separaten Einsatz ergebnisorientierter oder bürokratischer Koordinations- und
Motivationsmechanismen fokussieren,13 wird bezugnehmend auf die obigen Ausfüh-
rungen davon ausgegangen, dass die inputorientierte Steuerung durch bürokratische
Instrumente ergänzt wird.14 Dies bedeutet, dass bei geringer Entscheidungsmacht
die Interessenangleichung generell durch bürokratische Kontrolle erfolgt. Steigen die
Kosten dieser Kontrollform aufgrund steigender Entscheidungsmacht jedoch extrem
8 Vgl. OUCHI, 1979: 834f.
9 Vgl. SNELL, 1992: 296f.
10 Vgl. hierzu beispielsweise MILKOVICH/NEWMAN, 1999: 271ff.
11 Vgl. OUCHI, 1979: 835.
12 Vgl. CYR/WELBOURNE, 1997: 289.
13 Vgl. hierzu beispielsweise BEATTY/ZAJAC, 1994; ZAJAC/WESTPHAL, 1994; TOSI/GOMEZ-MEJA, 1989.
14 Vgl. CYR/WELBOURNE, 1997: 251. Vgl. hierzu auch OUCHI (1979): „Thus in reality, there is a mix-
ture of market and bureaucratic mechanisms which provide a control in the case of purchasing,
...“ (OUCHI, 1979: 835.)
244
an und erscheinen unangemessen hoch, dann sind zusätzlich ergebnisorientierte
Steuerungsmechanismen einzusetzen: Explizite Verfahrens- und Verhaltensregeln
werden dann durch solche arbeitsvertraglichen Bestimmungen ergänzt, die einen
starken Anreizcharakter aufweisen. Zusammenfassend kann daher festgestellt
werden, dass bei der Delegation formaler Entscheidungskontrolle in die Linie der
Einsatz eines marktlich ausgestalteten Personalmanagements effizient ist.
1.3 Sozial-familiäre Koordinations- und Motivationsmechanismen
Die Analyse der Entscheidungsstrukturen f bis h ergab, dass durch die Übertra-
gung informaler Macht über den Entscheidungsprozess – d.h. durch die Delegation
der Phasen Informationssammlung und Vorschlagsgenerierung – der opportunistisch
zu nutzende Entscheidungsspielraum weitaus größer ausfällt als in den bisher
betrachteten Strukturen. Im Hinblick auf effiziente Koordinations- und Motivations-
mechanismen hat die entscheidungs- und agenturtheoretische Untersuchung
hervorgebracht, dass die auftretenden Delegationsrisiken durch Maßnahmen unter-
nehmenskultureller Sozialisation wie z.B. den Aufbau von Kommunikationsprozes-
sen, die gezielte Vermittlung unternehmensspezifischer Werte und Normen sowie ein
systematisches Schulungs- und Weiterbildungskonzept minimiert werden kann.
In Bezug auf die von OUCHI (1979) identifizierten Formen organisatorischer Kontrolle
finden sich die skizzierten Mechanismen in den so genannten sozial-familiären
Koordinations- und Motivationsmechanismen wieder. Hierbei wird den opportunisti-
schen Handlungen und Aktivitäten des Entscheidungsträgers SNELL (1992) zufolge
mit einem Input Control-System15 entgegengetreten. Diese Form der organisatori-
schen Kontrolle basiert auf der gezielten Auswahl der in die Arbeits- und Entschei-
dungsqualität eingehenden Faktoren wie Wissen, Fertigkeiten und Fähigkeiten,
Werte und Motive. Ferner zeichnet sich das sozial-familiäre Personalmanagement
durch die frühzeitige und nachhaltige Einbindung der Führungskraft in die Organisa-
tion aus und beinhaltet ein auf die unternehmensspezifischen Werte und Normen
abgestimmtes Trainings- und Entwicklungskonzept.16 Außerdem werden dem
Entscheidungsträger attraktive Karrierepfade aufgezeigt, um so eine langfristige Bin-
dung der Linienkraft an das Unternehmen zu garantieren. Im Vordergrund der skiz-
zierten Koordinations- und Motivationsmaßnahmen steht demnach der Aufbau einer
Unternehmenskultur bzw. die Formung eines so genannten „Clans“17. Ein Clan wird
charakterisiert durch grundlegende Annahmen über soziale Handlungen und Bezie-
15 SNELL, 1992: 297f.
16 Vgl. hierzu auch STROH/BRETT/BAUMANN/REILLY, 1996: 754.
17 OUCHI, 1979: 836ff.
Design eines effizienten Personalmanagements 245
hungen, ein gleichartiges Verständnis der Organisationsmitglieder in Bezug auf
unternehmerische Tätigkeiten, konstante Werte und Normen sowie durch homogene
Verhaltensmuster und Einstellungen. Das clanorientierte Personalmanagement „...
relies for its control upon a deep level of common agreement between members on
what constitutes proper behavior, and it requires a high level of commitment on the
part of each individual to those socially prescribed behaviors.”18
Für die Entscheidungsstrukturen mit horizontaler Zentralisierung wird
zusammenfassend festgehalten, dass ein sozial-familiäres Personalmanagement
effizient erscheint. Eine clanorientierte Atmosphäre und eine unternehmerische
Kultur tragen dazu bei, das entscheidungsrelevante Verhalten der Linienkraft zu
koordinieren und zu motivieren. Demzufolge ist ein Input Control-System in der Lage,
jenes erhöhte Delegationsrisiko zu minimieren, welches durch Hidden Action und
Hidden Information aber auch durch die Informationsasymmetrie der Hidden Charak-
teristic ausgelöst wird.
1.4 Zusammenfassende Darstellung des koordinierenden und motivierenden
Personalmanagementdesigns
Im vorangegangenen Kapitel IV.1 wurden die Ergebnisse der entscheidungs- und
agenturtheoretischen Analyse zusammengefasst und das entwickelte, koordinie-
rende und motivierende Instrumentarium in ein systematisches Personalmanage-
ment zur Steuerung dezentral agierender Entscheidungsträger überführt. Das
hieraus entstandenen Personalmanagementdesign zur Koordination und Motivation
von dezentral agierenden Entscheidungsträgern der Personalarbeit zeichnet sich
durch eine dreiteilige Struktur aus und beinhaltet ein bürokratisches, ein marktliches
und ein sozial-familiäres Personalmanagement (Abbildung 25).
18 OUCHI, 1979: 839.
246
Regeln
und
Normen
Con-
trolling
Unternehmens-
kultur
Zielsetzung,
Kompensation
Zielsetzung,
Kompensation
Marktliches
Personalmanagement
Sozial-familiäres Personalmanagement
Bürokratisches
Personalmanagement
Abbildung 25: Design eines Personalmanagements zur Koordination und Motivation
von Entscheidungsträgern in dezentralen Strukturen
Das in Abbildung 25 dargestellte Personalmanagementdesign gewinnt seine Gestalt
durch die systematische Anordnung der identifizierten Koordinations- und
Motivationsmechanismen in das entwickelte Analyseraster dezentraler Strukturen. In
diesem Kontext sei darauf hingewiesen, dass eine derartig klare und reine Trennung
zwischen bürokratischem, marktlichem und sozil-familiärem Personalmanagement in
der Praxis nicht zu beobachten sein wird, denn in der realen Unternehmenswelt
werden stets verschiedene Koordinations- und Motivationsmechanismen miteinander
kombiniert. Dies bedeutet, dass es bei der Festlegung des jeweiligen Personalma-
nagements lediglich einer der drei Koordinations- und Motivationstypen betont wird.19
Entsprechendes wird auch mit der gewählten Visualisierung in Form einer grob-
19 Vgl. OUCHI (1979), der herausstellt: „The design problem thus becomes one of assessing the
social and informational characteristics of each division, department or task and determining
which of the forms of control ought to be emphasized in each case.“ (OUCHI, 1979: 840.) Zu
beachten ist laut SPREMANN (1990), dass die Konstruktion eines kombinierten Kooperations-
designs jedoch aus mehreren Gründen nicht leicht ist: Zum einen ergänzen sich die
Wirkungsweisen einzelner Komponenten nicht auf eine elementare Weise im Sinne einer
Addition. Zum anderen kann die Interaktion zwischen einzelnen Designs den ursprünglichen
Charakter eines gegebenen Verhaltensrisikos ändern. Vgl. SPREMANN, 1990: 584.
Design eines effizienten Personalmanagements 247
flächigen, plakativen Anordnung des dreiteiligen Designs ausgesagt, d.h. die
graphische Darstellung gibt lediglich eine Tendenzaussage wieder.
Für eine zusammenfassende Charakterisierung und Gegenüberstellung der drei
Personalmanagement-Typen illustriert OUCHI (1979) sehr anschaulich „… the Market
is like a trout and the Clan like a salmon, each beautiful, highly-specialized species
which requires uncommon conditions for survival. In comparison, the bureaucratic
method of control is the catfish-clumsy, ugly, but able to live in the widest possible
range of environments and, ultimately, the dominant species. The bureaucratic mode
of control can withstand high rates of turnover, a high degree of heterogeneity, and it
does not have very demanding information needs.“20 Fazit ist demnach, dass
insbesondere die Wahl eines Organisationskonzepts mit einem hohen Ausmaß an
formaler und informaler Entscheidungskontrolle in der Linie, ein sehr ausgereiftes,
über Jahre erprobtes und an das Unternehmen bzw. die Umwelt angepasstes
Personalmanagementdesign benötigt. Hingegen gelingt es bei geringem Dezentrali-
sierungsgrad, eine effiziente Steuerung dezentral agierender Entscheidungsträger
bereits über ein sehr gängiges bürokratisches Personalmanagement zu erzielen.
20 OUCHI, 1979: 840.
248
2 Hinweise für die Gestaltung eines Personalmanagementdesigns in
dezentralen Entscheidungsstrukturen
An die zusammenfassende Darstellung der Untersuchungsergebnisse schließt sich
die Frage an, welcher Nutzen sich aus der vorliegenden Arbeit für die Dezen-
tralisierung unternehmerischer Personalarbeit ergibt. Die nachfolgenden Gestal-
tungshinweise machen deutlich, wie das betriebliche Personalmanagement in
dezentralen Organisationsstrukturen zu gestalten ist, damit es koordinierende und
motivierende Wirkung auf die personalwirtschaftlichen Entscheidungsträger ausübt.
Hierbei werden dem Praktiker Empfehlungen zur Anwendung aufgezeigt, die sich
primär aus dem entscheidungstheoretischen Analyseraster ableiten lassen und den
Fokus auf die Analyse bestehender Entscheidungsstrukturen legen (Kapitel IV.2.1).
Außerdem werden dem Praktiker anschauliche Gestaltungsempfehlungen gegeben,
die sich vornehmlich auf die Ergebnisse der agenturtheoretischen Analyse delega-
tiver Risiken beziehen und sich der inhaltlichen Ausgestaltung von Arbeitsverträgen
des dezentral agierenden Entscheidungsträgers widmen (Kapitel IV.2.2).
2.1 Einsatz des entscheidungstheoretischen Analyserasters in der Praxis
In Bezug auf die sich stellende Frage, welchen Nutzen bzw. welchen Wert die
Entwicklung des entscheidungstheoretischen Analyseraster für die unternehmerische
Praxis hat, wird auf die Ausführungen von NIENHÜSER (1989) verwiesen.21 Dieser
betont, dass die Ableitung anwendungsbezogener Aussagen aus theoretischen
Modellen stets einer Anreicherung um Informationen über das zu betrachtende
Unternehmen bedarf. Dies bedeutet, dass ohne die Kenntnis und entsprechende
Berücksichtigung beispielsweise organisationsstruktureller Informationen des zu
unterweisenden Unternehmens keinerlei theoriefundierte Gestaltungsempfehlungen
gegeben werden können. Hier schafft das entwickelte Analyseraster dezentraler
Entscheidungskontrolle Abhilfe, indem genau jene notwendigen Informationen
abgefragt und innerhalb der sich anschließenden agenturtheoretischen Analyse
berücksichtigt werden, die für die Ableitung technologischer Aussagen notwendig
sind.
Die Anwendung des entwickelten Analyserasters dezentraler Entscheidungs-
strukturen in der Personalwirtschaft versetzt ein jedes Unternehmen bzw. den Prak-
tiker in die Lage, exakte Anhaltspunkte hinsichtlich jener dezentralen Entscheidungs-
struktur zu erhalten, die dem jeweils realisierten Organisationskonzept zugrunde
21 Vgl. NIENHÜSER, 1989.
Design eines effizienten Personalmanagements 249
liegt. Im Sinne eines ersten Handlungsschritts ist es daher unabdingbar, dass die
delegierenden Parteien der Praxis wie beispielsweise Unternehmensleitung und
Personalvorstand sowie gegebenenfalls auch die Personalspezialisten auf Konzern-,
Firmen- und/oder Geschäftsbereichsebene erörtern, (1) welche personalwirtschaft-
lichen Träger in den Entscheidungsprozess involviert sind und (2) wie die Kontrolle
über die einzelnen Phasen der Entscheidung auf die partizipierenden Träger verteilt
ist. Im Detail gilt es, eine Vielzahl unterschiedlicher Fragen zu klären, die sich auf
eine konkrete Personalentscheidung im Funktions- und Anwendungsgebiet der
Beschaffung, Beurteilung, des Entgelts und/oder der Entwicklung richten. In dem
folgenden Fragebogen sind daher all jene Fragen festgehalten, durch deren
Beantwortung der Praktiker Aussagen in Bezug auf die vorliegende Entscheidungs-
struktur ableiten kann (siehe Abbildung 26). Die Auseinandersetzung mit diesen
Fragen führt gleichzeitig zu einer Sensibilisierung für die Thematik.
Möglicher Fragebogen als Instrument zur Umsetzung
Von welchem Entscheidungsträger werden die für die Entscheidung notwendigen
Informationen gesammelt, zusammengefasst und gegebenenfalls priorisiert?
-
Handelt es sich um einen Entscheidungsträger der hierarchischen Führungslinie?
-
Werden die relevanten Informationen von einem internen Fachverantwortlichen
erhoben, der keinerlei Weisungsbefugnis besitzt?
-
Beschafft z.B. ein externer Personalberater die erforderlichen Informationen?
-
Ist der durch die Personalentscheidung betroffene Mitarbeiter in den Prozess der
Informationsbeschaffung involviert?
Obliegt dem informationssammelnden Entscheidungsträger ferner die Ausarbeitung einer
oder mehrerer Entscheidungsalternativen?
Welchem Entscheidungsträger werden die entwickelten Entscheidungsalternativen
zur Auswahl vorgelegt?
-
Handelt es sich hierbei um einen Entscheidungsträger in der Führungslinie?
-
Oder werden die Vorschläge dem verantwortlichen Personalspezialisten
dargeboten?
Wird die Auswahl der Entscheidungsalternative von einem Personalspezialisten auf
höherer Führungsebene genehmigt?
Abbildung 26: Möglicher Fragebogen für die Identifikation dezentraler Entscheidungsstrukturen
Die Antworten auf die gelisteten Fragen stellen das Analyseergebnis dezentraler
Entscheidungsstrukturen dar; sie können mit Hilfe einer Matrix festgehalten und
250
visualisiert werden (siehe Abbildung 27). Indem mittels Beantwortung der Check-
listeninhalte einerseits die teilnehmenden Entscheidungsträger festgelegt und
andererseits der Besitz informaler und/oder formaler Kontrolle zugewiesen wird,
gelingt es dem Praktiker, die bestehende Entscheidungsstruktur zu identifizieren und
auf diese Weise den Dezentralisierungsgrad der Personalarbeit innerhalb des jeweils
betrachteten Funktionsfelds zu bestimmen.
Informations-
sammlung Vorschlags-
generierung Alternativen-
wahl Entscheidungs-
genehmigung Entscheidungs-
ausführung
Personalspezialist
(
Konzernebene
)
Personalspezialist
(Geschäftsbereichsebene)
Interner Moderator
Externer Berater
Führungskraft in der Linie
Personalspezialist
(Firmenebene)
Sonstige Mitarbeiter
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
ja
Frage: Besitzt der Entscheidungsträger über die vor-
gegebene Phase die Entscheidungskontrolle?
Bitte kennzeichnen Sie ihre Antwort.
ja ja ja ja ja
ja ja ja ja ja
Abbildung 27: Visualisierte Abfrage dezentraler Entscheidungsstrukturen
Die Operationalisierung zeigt, wie das entscheidungstheoretische Analyseraster
innerhalb der unternehmerischen Praxis Anwendung findet. Durch den Einsatz des
entwickelten Analyserasters wird das unternehmensspezifische Organisations-
konzept dezentraler Personalarbeit entscheidungstheoretisch bestimmbar: Dem
Praktiker wird somit ein Werkzeug an die Hand gegeben, das unternehmerische
Dezentralisierungskonzept entscheidungstheoretisch zu klassifizieren und ihm wird
ermöglicht, die in der Arbeit getroffene Fallunterscheidung c bis h im jeweiligen,
personalwirtschaftlichen Funktionsfeld zu identifizieren. Zusammenfassend liegt der
Nutzen des entwickelten Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen darin,
dass es dem Praktiker gelingt, das organisationale Dezentralisierungskonzept zu
spezifizieren und die theoriefundierten, allgemeingültigen Aussagen und folgenden
Gestaltungsempfehlungen für die betriebliche Praxis zu adaptieren.
Design eines effizienten Personalmanagements 251
2.2 Gestaltungsempfehlungen aus der agenturtheoretischen Analyse
delegativer Risiken
Aufbauend auf den in Kapitel IV.1 resümierten, theoriebasierten und eher allgemein-
gültigen Aussagen zu einem effizienten Personalmanagementdesign in dezentralen
Entscheidungsstrukturen werden dem Praktiker nachfolgend ausgewählte Hinweise
für die inhaltliche Ausgestaltung delegativer Vertragsbeziehungen gegeben. Es
werden Vertrags(zusatz)bestandteile skizziert,22 die beispielhaft für Komponenten
eines bürokratischen, eines marktlichen und eines sozial-familären Personalmana-
gements stehen (Kapitel IV.2.2.1, Kapitel IV.2.2.2 und Kapitel IV.2.2.3). Diese
Gestaltungsempfehlungen ermöglichen es dem Praktiker, die notwendigen Mecha-
nismen zur Sicherung von Koordination und Motivation vertraglich zu verankern, um
den Delegationsgefahren bereits im Vorfeld der Übertragung personalwirtschaftlicher
Entscheidungskompetenz zu begegnen. Die Ausführungen fokussieren dabei aus-
schließlich auf vertragsbezogene Aspekte der Delegationsbeziehung, da die agentur-
theoretische Prämisse einer ex ante Betrachtung berücksichtigt und dieser auch bei
der Formulierung von Gestaltungshinweisen in konsequenter Weise gefolgt wird.
2.2.1 Vertragsbestandteile zur Sicherung bürokratischer Koordination
und Motivation
Wie die obigen Ausführungen zeigen, ist das bürokratische Personalmanagement
durch folgende drei Steuerungsmechanismen gekennzeichnet: (1) hierarchische
Organisationsstruktur mit stabiler Weisungs- und Genehmigungsbefugnis (2) direkte
Verhaltensbeobachtung und –evaluation sowie (3) explizite Verfahrens- und
Verhaltensregeln kombiniert mit schriftlich verfassten Prozeduren und Prozessen.
Hieraus lässt sich als erster Vertragsbestandteil bürokratisch-orientierter Delega-
tionsverträge die Stellen- oder Funktionsbeschreibung23 ableiten. Die Beschreibung
hält in unternehmenseinheitlicher, schriftlicher und infolgedessen verbindlicher Form
die wesentlichen Daten über den Arbeitsplatz bzw. über die Funktion fest. Neben
Bezeichnung, Zielen und Aufgaben der Stelle, wird in ihr die organisatorische
Eingliederung im Sinne der Benennung hierarchischer Über- und Unterordnung
sowie die Weisungs- und Entscheidungsbefugnis des Funktionsinhabers definiert.
Dies bedeutet, dass der Linienkraft kraft Arbeitsvertrag die ihrer Funktion immanente
22 Neben dem Dienstvertrag gemäß §§ 611ff. BGB ist auch eine arbeitsvertragliche Zusatz-
vereinbarung nach §§ 242ff. BGB denkbar.
23 Werden in der Stellenbeschreibung stärker personenorientierte und individualisierte Formulie-
rungen verwandt, dann wird zunehmend auch von einer Funktionsbeschreibung gesprochen (vgl.
hierzu die Ausführungen des RATIONALISIERUNGS-KURATORIUMS DER DEUTSCHEN WIRTSCHAFT,
1996: 434f.).
252
Entscheidungskompetenz vorgegeben und klar kommuniziert wird. Hieran hat sie ihr
Verhalten in Bezug auf die Ausführung und die Auswahlhandlung personalwirtschaft-
licher Entscheidungen auszurichten. Durch die Konkretisierung der Position innerhalb
des Organisationsgefüges, durch das Festlegen der Stellung innerhalb des multiplen
Trägerkonzepts sowie durch die Definition funktionsspezifischer Befugnisse ist die
Unternehmensleitung somit in der Lage, das Entscheidungsverhalten der Linienkraft
ex ante zu steuern.
Eine weitere Vertragskomponente bilden Vereinbarungen über Verhaltensweisen/-
-formen und deren operationalisierte Merkmale. Die hierauf aufbauende Verhaltens-
beobachtung erfolgt kontinuierlich und findet ihre Überprüfung und abschließende
Evaluation durch den Personalspezialisten oder die Unternehmensleitung innerhalb
des unternehmensüblichen Beurteilungszyklusses. Demnach gilt es, gemeinsam mit
der Linienkraft und bezogen auf die jeweils delegierten personalwirtschaftlichen
Entscheidungen aussagekräftige Verhaltensmerkmale festzulegen und vertraglich zu
fixieren. Eine mögliche Methode zur Konzeption eines verhaltensorientierten
Beurteilungsinstruments und dessen –skalen stellt das Verfahren kritischer Ereig-
nisse dar,24 in welchem jene Verhaltensformen identifiziert werden, die für den
Entscheidungserfolg (positiv kritische Vorfälle) oder für den Misserfolg personal-
wirtschaftlicher Entscheidungen (negativ kritische Ereignisse) bestimmend sind. Um
neben einer koordinierenden Wirkung auch die Motivationsfunktion dieser Vertrags-
komponente zu betonen, ist eine Verknüpfung mit dem betrieblichen Anreiz- und
Belohnungssystem denkbar. Diese ist dann als Bestandteil des Delegationsvertrags
ebenfalls aufzunehmen. Dem Delegierenden gelingt es, auf der Basis kritischer
Ereignisse für entscheidungsspezifische Verhaltensformen eine Interessen-
angleichung zu realisieren und das opportunistische Entscheidungsverhalten der
Linienkraft ex ante zu minimieren.
Die letzte zu betrachtende Komponente eines bürokratisch ausgestalteten Delega-
tionsvertrags fokussiert auf die Formulierung und vertragliche Vorgabe von Unter-
nehmensgrundsätzen und –leitlinien. Diese schriftlich verfassten Bestandteile der
Unternehmens- oder Betriebsverfassung beinhalten die strategische Ausrichtung und
die unternehmerischen Zielsetzungen, die bei Beachtung und Verfolgung durch die
Linienkraft zur notwendigen Interessenangleichung führen. Durch einen Vertrags-
abschluss bzw. das Einverständnis zu einer schuldrechtlichen Zusatzvereinbarung
zum bestehenden Arbeitsvertrag akzeptiert die Linienkraft die Gültigkeit der Unter-
nehmensverfassung und erklärt sich einverstanden, diese auch in ihr Entscheidungs-
24 Vgl. hierzu LATTMANN, 1994 49ff.; ferner FLANAGAN, 1954.
Design eines effizienten Personalmanagements 253
verhalten einfließen zu lassen. Eine Überprüfung dahingehend ist in diesem Zu-
sammenhang unabdingbar. Dieser Vertragsbestandteil entwickelt ebenfalls eine
koordinierende und motivierende Wirkung, wenn die Verhaltensevaluation mit be-
trieblichen Anreiz- und Sanktionsmechanismen gekoppelt wird.
2.2.2 Vertragsbestandteile zur Sicherung marktlicher Koordination und
Motivation
Das marktliche Instrumentarium zur Koordination und Motivation von Linienverant-
wortlichen ist dadurch gekennzeichnet, dass (1) die Unternehmens- und Personal-
strategie sowie unternehmerische Visionen und Vorsätze in Zielen formuliert und
(2) mittels greifbarer Ziel- und Ergebnisgrößen operationalisiert werden sowie (3) auf
der Basis von Entscheidungsergebnis bzw. Zielerreichung in die individuelle Beloh-
nung einfließen.
Vor diesem Hintergrund ist ein unverzichtbarer Baustein des marktlichen Delega-
tionsvertrags die Vereinbarung eines Zielgehalts, welches aus einer fixen und einer
variablen Komponente besteht. Diese Entgeltvereinbarung kann unmittelbar in den
Arbeitsvertrag aufgenommen, oder aber in Form einer Zusatzvereinbarung zwischen
Unternehmensleitung und Linienkraft getroffen werden. Während die fixe Ver-
gütungskomponente den direkten Gegenwert z.B. für die geleistete Arbeitszeit
darstellt, wird der variable Bestandteil für das Erreichen einer vorab definierten
Entscheidungsqualität gezahlt. Demnach ist das variable Gehalt für qualitative und
quantitative Ziele von der Erreichung all jener Ziele abhängig, die gemeinsam mit
dem Personalspezialisten oder der Unternehmensleitung vereinbart werden. Die im
Rahmen eines Gesprächs fixierten personalwirtschaftlichen Entscheidungsziele
werden in eine Zielvereinbarung aufgenommen, die dann als Zusatzvereinbarung
zum bestehenden Dienstvertrag einen verbindlichen Charakter für die Delegations-
parteien aufweist. Die Vorgabe quantitativer und qualitativer Entscheidungsziele leitet
das zukünftige Entscheidungsverhalten und die -qualität der Linienkraft.
Zusammenfassend bedeutet dies, dass der marktliche Vertragsbaustein auf eine
Interessenangleichung zwischen den personalwirtschaftlichen Entscheidungsträgern
fokussiert und koordinierende Wirkung entfaltet. Außerdem kann die Linienkraft
mittels monetärer Anreize dahingehend motiviert werden, nicht nur ihr dezentrales
Entscheidungsverhalten auf die personalwirtschaftliche Zielsetzung und die unter-
nehmerische Strategie auszurichten, sondern sich zusätzlich für eine hohe Entschei-
dungsqualität zu engagieren.
254
2.2.3 Vertragsbestandteile zur Sicherung sozial-familiärer Koordination
und Motivation
Die sozial-familiären Koordinations- und Motivationsmechanismen zeichnen sich
durch ihre Inputorientierung aus und beinhalten Elemente wie (1) eine gezielte Aus-
wahl der Linienkraft in Bezug auf ihre Motive, Fähigkeiten, Fertigkeiten und ihr
Wissen, (2) ein auf die Unternehmenswerte und die Personalpolitik abgestimmtes
Trainings- und Entwicklungskonzept sowie (3) die Sozialisation durch die Unter-
nehmenskultur.
Für die vertragliche Gestaltung der sozial-familiären Delegationsbeziehung bedeutet
dies, dass in den Arbeitsvertrag (Zusatz-)Vereinbarungen über Trainings und
Schulungen aufgenommen werden müssen, die einerseits in ihren Inhalten das
Weiterbildungskonzept widerspiegeln und anderseits im Sinne eines Anspruchs auf
Weiterbildungstage den zeitlichen Umfang festlegen. Vor allem die vertraglich
fixierten Inhalte des individuellen Trainings- und Schulungsprogramms tragen dazu
bei, die personalwirtschaftliche Entscheidungskompetenz der Linienkraft auf- bzw.
auszubauen und so die Entscheidungsqualität nachhaltig zu verbessern. Ihre
Institutionalisierung finden derartige Zusatzvereinbarungen im periodischen, meist
jährlichen Personalentwicklungsgespräch zwischen Delegierendem und Führungs-
kraft in der Linie.
Auf diesen Vereinbarungen über das individuelle Weiterbildungskonzept und
Schulungsprogramm fußt der zweite Baustein sozial-familiärer Delegationsverträge.
Das vertragliche Fixieren von Karrierewegen oder -pfaden zeigt der Linienkraft
innerhalb des Unternehmens eine Entwicklungsperspektive für zukünftige Vertrags-
perioden auf. Außerdem wird ein Anreiz geliefert jene kontraproduktiven
Beeinflussungsaktivitäten zu unterbinden, die aus der kurzfristigen Orientierung und
geringen Unternehmensbindung der Linienkraft resultieren. Dieser Vertragsbestand-
teil wird zwischen den Delegationspartnern ebenfalls im Personalentwicklungs- oder
Fördergespräch institutionalisiert.
Die Vermittlung von Werten und Normen im Sinne der Unternehmenskultur bildet die
letzte Komponente zur Sicherung sozial-familiärer Koordinations- und Motivations-
mechanismen. Da es sich bei der Unternehmenskultur um ein nicht fassbares,
theoretisches Konstrukt handelt, ist eine vertragliche Konkretisierung und Fixierung
derartig abstrakter Mechanismen jedoch schwer möglich. Dennoch lässt sich die
Kultur oder Philosophie eines Unternehmens in arbeitsrechtlichen Verträgen und
Zusatzvereinbarungen dergestalt verankern, dass die einzelnen Vertragsbestandteile
inhaltlich aufeinander abgestimmt sind, sich untereinander ergänzen sowie mit der
Unternehmensstrategie konform laufen. Die inhaltliche Ausgestaltung des Delega-
Design eines effizienten Personalmanagements 255
tionsvertrags selbst offenbart so deutliche Hinweise auf die im Unternehmen gelebte
Kultur.
2.3 Zusammenfassender Überblick der Gestaltungsempfehlungen
In den vorangegangenen Ausführungen wurden für den Bereich der arbeitsvertrag-
lichen Regelungen Gestaltungsempfehlungen gegeben, die dem Praktiker dabei
helfen, die im Falle der Dezentralisierung der Personalarbeit bestehenden Gefahren
bereits vor dem Eingehen einer Delegationsbeziehung zu entschärfen. Hierbei wurde
der Reihe nach auf Instrumente eines bürokratischen, marktlichen und sozial-
familiären Personalmanagements abgestellt und es wurde erläutert, wie diese ihren
Niederschlag in konkreten vertraglichen Vereinbarungen finden können.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Wirksamkeit derartiger
Vereinbarungen immer stark vom situativen Kontext abhängt, der in der vorliegenden
Arbeit naturgemäß nicht vollständig berücksichtigt werden konnte. Dennoch ist es
unter Rückgriff auf das entwickelte Analyseraster gelungen, für unterschiedliche
Szenarien dezentraler Entscheidungsstrukturen differenzierte Aussagen für die
Vertragsgestaltung zu generieren. Die vorgestellten Ansätze geben dem Praktiker im
Unternehmen daher wertvolle Hinweise für eine erfolgreiche Vertragsgestaltung an
die Hand. Die Umsetzung im Einzelfall bedarf der Umsicht und der umfassenden
Kenntnisse des Praktikers vor Ort, in die nach der Erfahrung der Verfasserin durch-
aus Vertrauen gesetzt werden darf.
256
3 Abschließendes Fazit und Folgerungen für theoretische und empirische
Forschungsarbeiten
Die vorliegende Arbeit liefert, unter Rückgriff auf das agenturtheoretische Aussagen-
system, eine Antwort auf die zu Beginn aufgeworfene Forschungsfrage, welche
personalwirtschaftlichen Koordinations- und Motivationsinstrumente einzusetzen sind
um das Entscheidungsverhalten der Führungskraft in der Linie effizient zu steuern.
Aufbauend auf dem identifizierten Mangel einer eindeutigen Begriffsverwendung und
-bedeutung der Dezentralisierung in der Personalarbeit wurde das Analyseraster
dezentraler Entscheidungsstrukturen entwickelt und einer exemplarischen Anwen-
dung unterzogen. Auf dieses Analyseraster greift die anschließende theoretische
Analyse der Delegationsrisiken in dezentralen Entscheidungsstrukturen fortwährend
zurück und es gelingt so, detaillierte Aussagen hinsichtlich effizienter Koordinations-
und Motivationsmechanismen zu geben. Somit liefert das Analyseraster dahingehend
einen Mehrwert, dass die agenturtheoretischen Untersuchungsergebnisse
konkretisiert wurden und ihre Aussagekraft erhöht wurde. Die Entwicklung des
Analyserasters erfolgte zunächst abstrahiert vom Problem. Erst in einem zweiten
Argumentationsschritt wurde auf das Anwendungsszenario der Dezentralisierung der
Personalarbeit abgehoben. Hieraus resultiert, dass das Analyseraster nicht nur auf
das fokussierte Szenario anwendbar, sondern auch auf gleichartige Problem-
stellungen anderer betriebswirtschaftlicher Disziplinen übertragbar ist. Hierin liegt ein
weiterer Nutzen des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen.
Nach der Darlegung des möglichen Theorienspektrums und einer überblicksartigen
Diskussion institutionenökonomischer Theorien wurde die Agenturtheorie als der für
die Fragestellung geeignetste theoretische Zugang erachtet und ausgewählt. Die
durchgeführte Analyse der Delegationsrisiken hat diese Einschätzung bestätigt. Um
die Relevanz der in der Arbeit verwendeten Agenturtheorie im Vergleich zu anderen
theoretischen Argumentationen jedoch abschließend beurteilen zu können, wäre die
Entwicklung eines steuernden Personalmanagements auf der Basis anderer Theo-
rien sowie eine empirische Überprüfung wünschenswert. Solange derartige Unter-
suchungen jedoch nicht erfolgen, ist eine Aussage darüber, inwieweit ein andersartig
ausgestaltetes Personalmanagement eventuell effizienter ist, als das hier vorge-
schlagene, schwer möglich.
Die theoriebasierte Untersuchung delegativer Risiken hat als Ergebnis eine Vielzahl
koordinierender und motivierender Mechanismen zur Steuerung dezentralen Ent-
scheidungsverhaltens hervorgebracht, deren Effizienz anhand der Delegationskosten
beurteilt wurde und sich nach dem Ausmaß an Entscheidungsdelegation richtet. Aus
der theoretisch fundierten Analyse können jedoch nicht nur Schlussfolgerungen für
Design eines effizienten Personalmanagements 257
die Steuerung dezentral agierender Entscheidungsträger gezogen werden, sondern
sie ergänzt darüber hinaus die agenturtheoretische Argumentation. In der Arbeit
wurden insofern Ansatzpunkte für eine Theorieweiterentwicklung geliefert, als dass
z.B. die Gefahr der Adverse Selection auf bereits bestehende Verträge adaptiert wur-
de und Mechanismen zur Risikominimierung für diese Adaption entwickelt wurden.
Die praxisbezogene Auswertung der agenturtheoretischen Analyseergebnisse formte
ein Personalmanagementdesign zur Koordination und Motivation dezentral agieren-
der Entscheidungsträger der Personalarbeit. Dieses Design liefert erste Ansatz-
punkte für die praxisgerechte Transformation theoretisch fundierter Handlungs-
maxime und bietet eine praktische Lösung des aufgeworfenen Problems. Das
entwickelte Analyseraster ist mit seinen zwei Dimensionen der verschiedenen
Entscheidungsträger dezentraler Personalarbeit auf der x-Achse und der Phasen des
personalwirtschaftlichen Entscheidungsprozesses auf der y-Achse so angelegt, dass
seine leicht verständliche Form den Einsatz in der Praxis fördert. Zugleich greift das
dreiteilige Managementdesign personalwirtschaftlicher Koordinations- und
Motivationsmechanismen ebenfalls auf die skizzierten Koordinaten zurück und liefert
im Sinne einer Umrisszeichnung – einen Bauplan für konkret fassbare
Gestaltungsempfehlungen.
Um insbesondere der aufgezeigten Forderung nach empirischen Studien im Bereich
der Dezentralisierungsforschung nachzukommen, bedarf das Analyseraster einer
empirischen Evaluation. Ferner müssen die Ergebnisse der agenturtheoretischen
Analyse als Hypothesen verfasst und ebenfalls empirisch überprüft werden. Obwohl
die Evaluation des Analyserasters dezentraler Entscheidungsstrukturen aufgrund
seiner einfachen Struktur und Anwendbarkeit den Einsatz standardisierter Methoden
der empirischen Sozialforschung wie z.B. eine schriftliche Befragung möglich macht,
fokussiert die Verfasserin bei einer eventuellen empirischen Evaluation auf die
Methodik interview-basierter Fallstudien. Insbesondere die Komplexität bestehender
Vertragsgeflechte, die Operationalisierung identifizierter Delegationsrisiken und der
Facettenreichtum existierender Koordinations- und Motivationsmechanismen in der
Praxis macht eine mündliche Befragung mit teil- oder nicht-standardisierten Fragen
notwendig. Ferner wird auf die Methodik der Fallstudie abgestellt, da diese sich
besonders zur Erklärung kausaler Zusammenhänge von Aspekten des wirklichen
Lebens eignet, die für schriftliche Befragungen zu komplex sind.25
Die vorliegende Arbeit hat klar gezeigt, dass den mit der Dezentralisierung der
Personalarbeit einhergehenden Delegationsrisiken mit einem auf die jeweilige
258
Entscheidungsstruktur angepassten Personalmanagement begegnet werden muss.
Unabdingbar ist dabei, die koordinierenden und motivierenden Mechanismen
inhaltlich aufeinander sowie auf das organisatorische Dezentralisierungskonzept der
Personalarbeit abzustimmen. Nur dann gelingt es dem Unternehmen, eine effiziente
Steuerung dezentral agierender personalwirtschaftlicher Entscheidungsträger herbei-
zuführen. Einzig eine ganzheitliche und systematische Betrachtung von Organisa-
tionskonzept, Entscheidungsstruktur und Personalmanagementdesign kann letztlich
zu einer effizienten Handhabung delegativer Risiken beitragen und die Dezentralisie-
rung der Personalarbeit nachhaltig zum Erfolg führen.
25 Vgl. hierzu beispielsweise YIN, 1994.
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