POSTTRANSKRIPTIONELLE EINFLÜSSE AUF DIE
EXPRESSION DES TRANSKRIPTIONSFAKTORS
ACHAETE-SCUTE HOMOLOG-1 (ASCL1)
vorgelegt von
Dipl.-Ing. Edgar Benko
aus Berlin
von der Fakultät III – Prozesswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktor der Naturwissenschaften
- Dr. rer. nat. -
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr. Jens Kurreck, Technische Universität Berlin
Gutachter: Prof. Dr. Michael Fähling, Charité-Universitätsmedizin Berlin
Gutachter: Prof. Dipl.-Ing. Dr. Ulf Stahl, Technische Universität Berlin
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 29. Oktober 2013
Berlin 2013
D 83
Die Arbeit wurde von April 2008 bis August 2013 unter der Leitung von Prof. Dr. Mi-
chael Fähling am Institut für Vegetative Physiologie der Charité-Universitätsmedizin
Berlin angefertigt.
Die Betreuung von Seiten der Fakultät III der Technischen Universität Berlin wurde
von Prof. Dipl.-Ing. Dr. Ulf Stahl übernommen.
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis 1
Tabellenverzeichnis 3
Abkürzungsverzeichnis 5
1 Einleitung 9
1.1 Der Transkriptionsfaktor Achaete-Scute Homolog-1 . . . . . . . . . 10
1.1.1
Strukturelle und funktionelle Eigenschaften von basischen
Helix-Loop-Helix (bHLH) Proteinen . . . . . . . . . . . . 10
1.1.2
Bedeutung von Achaete-Scute Homolog-1 in der Neurogenese
12
1.1.3 Achaete-Scute Homolog-1 und Tumoren . . . . . . . . . . 14
1.1.4 Regulation von Achaete-Scute Homolog-1 . . . . . . . . . 15
1.2 Posttranskriptionelle Regulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.2.1 Regulationsebenen der Genexpression . . . . . . . . . . . . 16
1.2.2 Posttranskriptionelle Regulation der Genexpression . . . . . 17
1.2.2.1 Prozessierung im Zellkern und Export . . . . . . 18
1.2.2.2 mRNA-Abbau im Cytosol . . . . . . . . . . . . . 19
1.2.2.3 Der Translationsvorgang und seine Kontrolle . . . 20
1.2.2.4 mRNA-Trafficking und -Lokalisation im Cytosol . 21
1.2.3 Einfluss der untranslatierten Regionen einer mRNA (UTRs) 23
1.2.3.1 5’-UTR ...................... 24
1.2.3.2 3’-UTR ...................... 25
1.3 Zielstellung dieser Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2 Material und Methoden 29
2.1 Molekularbiologische und biochemische Arbeitsmethoden . . . . . 29
2.1.1 PCRs und Mutagenese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.1.2 Klonierung und verwendete Vektoren . . . . . . . . . . . . 29
2.1.3 Plasmid-DNA-Präparationen . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.1.4 RNA-Isolierung........................ 33
2.1.5 mRNA-Quantifizierung mittels Realtime-PCR . . . . . . . 34
2.1.6 Gesamt-Proteinpräparationen . . . . . . . . . . . . . . . . 34
i
Inhaltsverzeichnis Inhaltsverzeichnis
2.1.7 Isolierung von cytosolischen Proteinen und Kernproteinen . 35
2.1.8
Cytosol-Isolierung mit Komplexen in nativen Konstellationen
35
2.1.9 Westernblotting und Proteinquantifizierung . . . . . . . . . 36
2.1.10 Polysomengradienten-Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.1.11 In vitro-Transkription..................... 37
2.1.12 UV-Crosslinking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.2 Zellkultur ............................... 38
2.2.1 Zelllinien und Kultivierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.2.2 PrimäreZellen ........................ 40
2.2.3 Immunfluoreszenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.2.4 Stimulierung der Zellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.2.5 Transfektion ......................... 41
2.2.6 Reportergenassay . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2.2.7 mRNA-Stabilitätsassay . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.2.8 Protein-Stabilitätsassay . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
2.2.9 Bioinformatische Sequenzanalysen . . . . . . . . . . . . . 43
2.3 Statistik ................................ 44
3 Ergebnisse 45
3.1 Analyse der hASH1-UTRs nach cis-Elementen . . . . . . . . . . . 45
3.2 Screening nach Stimuli mit Einfluss auf die hASH1-UTRs . . . . . 46
3.2.1 Aufbau des Reporterkonstrukts . . . . . . . . . . . . . . . . 47
3.2.2 Screening im Reportergenassay . . . . . . . . . . . . . . . 48
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression . . . . 49
3.3.1
Die Wirkung von PMA im Reportergenassay ist konzentra-
tionsabhängig......................... 50
3.3.2 PMA erniedrigt die hASH1-mRNA-Menge . . . . . . . . . 50
3.3.3 PMA erniedrigt die hASH1-Protein-Menge . . . . . . . . . 51
3.3.4
Zeitlicher Vergleich des Verhaltens von hASH1-Promotor
und -UTRs im Reportergenassay . . . . . . . . . . . . . . . 53
3.3.5
Kurzfristig ist eine mRNA-Destabilisierung für die hASH1-
Herabregulation verantwortlich . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.3.6
Inhibitoren der Proteinkinase C (PKC) können den Effekt
von PMA im Reportergenassay (partiell) aufheben . . . . . 56
3.3.7
Auf mRNA-Ebene lässt sich die Wirkung von PMA eben-
falls mithilfe von PKC-Inhibitoren abschwächen . . . . . . 58
3.3.8 Suche nach trans-Faktoren.................. 60
3.3.9 Suche nach verantwortlichen cis-Elementen in den UTRs . . 61
3.4 Einfluss von Hypoxie auf die hASH1-Expression . . . . . . . . . . 62
3.4.1
Sinkender Sauerstoffpartialdruck führt zu einer Abnahme
der hASH1-Proteinmenge . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
ii
Inhaltsverzeichnis
3.4.2
Im Gegensatz zur hASH1-Proteinmenge bleibt die mRNA-
Menge unter Hypoxie unverändert . . . . . . . . . . . . . . 63
3.4.3
Eine Hemmung der Translation ist für die hASH1-Abnahme
unter Hypoxie verantwortlich . . . . . . . . . . . . . . . . 64
3.4.4
Die Deletion dreier Differenzierungskontroll-Elemente (DI-
CE) hebt den Einfluss der 3’-UTR bei der hASH1-Abnahme
unterHypoxieauf ...................... 66
4 Diskussion 71
5 Zusammenfassung 85
6 Summary 87
7 Publikationen im Rahmen dieser Arbeit 89
8 Literaturverzeichnis 91
Danksagung 127
iii
Abbildungsverzeichnis
1.1 Darstellung eines an DNA gebundenen bHLH-Dimers . . . . . . . . 11
1.2 Posttranskriptionelle Prozesse, denen ein Transkript unterliegt . . . 17
1.3 cis-Elemente in den UTRs einer mRNA . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.1 Prinzip des Crosslinkings . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.2 Funktionsweise des Reportergenassays . . . . . . . . . . . . . . . . 42
3.1 BLAT-Analyse der hASH1-UTRs . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
3.2 Aufbau des Reporterkonstrukts mit den UTRs von hASH1 . . . . . 47
3.3
Screening nach Stimuli mit UTR-vermitteltem Einfluss auf die
hASH1-Expression .......................... 50
3.4 Dosis-Wirkungs-Beziehung von PMA im Reportergenassay . . . . . 51
3.5 Zeitkinetik der mRNA-Menge von hASH1 unter PMA . . . . . . . 52
3.6 Zeitkinetik der hASH1-Proteinmenge unter PMA . . . . . . . . . . 53
3.7 Mash1-Immunfluoreszenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
3.8
Vergleich von hASH1- und Mash1-Mengen von Kelly-Zellen und
Kortexzellen (Ratte) unter PMA-Einfluss . . . . . . . . . . . . . . . 55
3.9
Zeitlicher Verlauf der Reportergenaktivitäten des UTR- und Promo-
torkonstrukts von hASH1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
3.10 mRNA-Stabilität in Kelly-Zellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
3.11 hASH1-Proteinstabilität unter PMA . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
3.12
Einfluss von PKC-Inhibitoren auf die PMA-Wirkung im Reporter-
genassay................................ 58
3.13
Zeitkinetik des Staurosporin- und GF109203X-Einflusses auf die
mRNA-Menge von hASH1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.14
Einfluss von PKC-Inhibitoren auf die PMA-Wirkung auf mRNA-Ebene
60
3.15 Crosslinking-Experimente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
3.16
Vergleich des Einflusses von
50
- und
30
-UTR bei der Vermittlung der
PMA-Wirkung ............................ 62
3.17
Einfluss verschiedener Sauerstoffpartialdrücke auf die hASH1-
Proteinmenge............................. 64
3.18
Zeitkinetik der Protein- und mRNA-Menge von hASH1 unter Hypoxie
65
3.19 Polysomengradienten-Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
1
Abbildungsverzeichnis Abbildungsverzeichnis
3.20 Analyse der verschiedenen Polysomen-Fraktionen unter Hypoxie . . 67
3.21
Untersuchung der hASH1-UTRs im Reportergenassay bzgl. ihres
Hypoxie-Einflusses.......................... 68
4.1 Zusammenfassung der PMA-Wirkung auf die hASH1-Expression . 76
4.2 Zusammenfassung der Hypoxie-Wirkung auf die hASH1-Expression 83
2
Tabellenverzeichnis
2.1 Primer der Mutagenese-PCRs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.2 In Reportergenassays benutzte Plasmide . . . . . . . . . . . . . . . 31
2.3 Zur Quantifizierung in Realtime-PCRs benutzte Primer . . . . . . . 34
2.4 Verwendete Antikörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
3
Abkürzungsverzeichnis
A Adenin (Base)
Ago1 Argonautenprotein-1
Ago1-4 Argonautenproteine 1 bis 4
ASCL1
Achaete-Scute Komplex
Homolog-1
AS-C Achaete-Scute Komplex
ASH1 Achaete-Scute Homolog-1
ATP Adenosintriphosophat
AUF1
AU-rich element binding
protein 1; Heterogeneous
nuclear ribonucleoprotein
D0/ hnRNP D0 (engl.)
BLAST
Basic Local Alignment
Search Tool (engl.)
BLAT
BLAST-Like Alignment
Tool (engl.)
C Cytosin (Base)
◦C
Grad Celsius (Temperatu-
reinheit)
cAMP
Cyklisches Adenosinmono-
phosphat;
Adenosin-
30
,
50
-mono-
phosphat
CBC
Kappenbindender Komplex
(engl. cap binding complex)
cDNA
zu mRNA komplementäre
einzelsträngige DNA
Co Kobalt
CoCl2Kobaltchlorid
cpm
Zerfälle pro Minute (engl.
counts per minute)
DICE
Differenzierungskontroll-
Element (engl. differenti-
ation control element)
DMSO Dimethylsulfoxid
DNA Desoxyribonukleinsäure
2,2-DP
2,2-Dipyridyl (auch: 2,
20
-
Bipyridin)
DTT Dithiothreitol
EDTA
EthylendiamintetraEssigsäure
eIF
eukaryontischer Translati-
onsinitiationsfaktor
EJC Exon-Junction-Komplex
engl. Englisch
EtOH Ethanol
Fe Eisen
FIH
HIF-inhibierender Faktor
(engl. factor inhibiting HIF)
G Guanin (Base)
g
Erdbeschleunigung =
9,81m/s2
g Gramm (Masseneinheit)
GABA γ-Aminobuttersäure
5
GAPDH
Glycerinaldehyd-3-phos-
phat-Dehydrogenase
GEF
G-Nukleotid-Austausch-
faktor
GTP Guanosintriphosphat
h Stunde (Zeiteinheit)
H2O Dihydrogenmonoxid
hνPhoton, Lichtquant
hASH1 humanes ASH1
HEPES
2-(4-(2-Hydroxyethyl)-1-
piperazinyl)-ethansulfon-
säure
HIF
Hypoxie-induzierbarer Fak-
tor (engl. Hypoxia-inducible
factor)
hnRNP
heterogenes nukleäres Ribo-
nukleoprotein (engl. Hetero-
geneous nuclear ribonucleo-
protein)
HRP Meerrettich-Peroxidase
HuR
Hu-Antigen R; ELAV-like
protein 1(engl.)
IRE
auf Eisen reagierendes Ele-
ment (engl. iron response
element)
IRES
interne Ribosomeneintritts-
stelle (engl. internal ribo-
some entry site)
IRP
Eisen regulatorisches Prote-
in (engl. Iron regulatory ele-
ment)
JNK c-Jun N-terminale Kinase
kb Kilobasen
KCl Kaliumchlorid
l
Liter (Volumeneinheit)
(= dm3)
LB
komplexes Nährmedium für
Bakterien (engl. lysogeny
broth)
15-LOX engl. 15-lipoxygenase
m Meter (Längeneinheit)
M Molar (= mol/l)
Mash1
Säuger- bzw. Nagerhomolog
von ASH1
Mdm2
(murine) double minute 2
protein; E3 ubiquitin-protein
ligase Mdm2 (engl.)
Met Methionin
MgCl2Magnesiumchlorid
min Minute (Zeiteinheit)
miRNA
microRNA, kurze nichtko-
dierende RNA
mmHg
Millimeter-Quecksilber-
säule (Nicht-SI-Einheit
des Druckes;
1mmHg ≈
133.322Pa)
mol
Mol (Einheit der Stoffmen-
ge)
mRNA
Boten-RNA (engl. messen-
ger RNA)
mRNP
messenger ribonucleopro-
tein (engl.)
N Asparagin
N
beliebige Base (A, G, C oder
T/U)
NaCl Natriumchlorid
NaOH Natriumhydroxid
6
NMD
Nonsens-vermittelter mR-
NA Abbau (engl. nonsense
mediated mRNA decay)
NPC
Kernporenkomplex (engl.
nuclear pore complex)
ns nicht signifikant
nt Nukleotide
O2Sauerstoff
32P
radioaktives Phosphor-
Isotop (β-Strahler)
Pa
Pascal (Einheit des Druckes)
PABPC
Poly(A)-Bindungsprotein
des Cytosols
PABPN1
Poly(A)-Bindungsprotein
des Kerns
PAGE
Polyacrylamid-Elektropho-
rese
PB
Prozessierungskörper (engl.
P-bodies)
PBS
Phosphatgepufferte Salzlö-
sung
PCR
Polymerase Kettenreaktion
(eng. Polymerase Chain Re-
action)
PHD
Prolylhydroxylase (engl.
prolyl hydroxylase domain
protein)
PMA
Tetradecanoyl-Phorbol-
acetat (engl. Phorbol 12-
myristate 13-acetate)
PNEC
pulmonale neuroendokri-
ne Zellen (engl. pulmonary
neuroendocrine cells)
PNS peripheres Nervensystem
pO2Sauerstoffpartialdruck
POU3F2
POU domain, class 3, tran-
scription factor 2 (engl.);
BRN2
pVHL
Von-Hippel-Lindau Tumor
Suppressor
Q Glutamin
RBP RNA-bindendes Protein
Realtime-PCR Echtzeit-PCR
Re-Oxy Reoxygenierung
RISC
RNA-induced silencing
complex (engl.)
RNA Ribonukleinsäure
RNAi RNA-Interferenz
rpm
Umdrehungen in der Minute
(engl. rounds per minute)
rRNA ribosomale RNA
s Sekunde (Zeiteinheit)
S
Svedberg (Einheit des
Sedimentationskoeffizien-
ten)
S. Seite
SD
Standardabweichung (engl.
standard deviation)
SDS Natriumdodecylsulfat
SGs
Stress-Granula (engl. Stress
granules)
SGZ
subgranuläre Zone des Gy-
rus dentatus
SI
Internationales Einheiten-
system
SVZ subventrikuläre Zone der la-
teralen Ventrikel
T Thymin (Base)
7
TBE TRIS-Borat-EDTA
Tris
Tris(hydroxymethyl)-
aminomethan
tRNA Transfer-RNA
U Uracil (Base)
U
Unit (engl.) (Aktivitätsein-
heit)
uORF
offener Leserahmen strom-
aufwärts des eigentlichen
Startcodons (engl. upstream
open reading frame)
UTR
untranslatierte Region der
mRNA
UV ultraviolett
ZNS zentrales Nervensystem
Verwendete SI-Vorsätze:
k Kilo (Faktor 103)
d Dezi (Faktor 10−1)
c Zenti (Faktor 10−2)
m Milli (Faktor 10−3)
μMikro (Faktor 10−6)
n Nano (Faktor 10−9)
8
1 Einleitung
Eines der faszinierendsten Probleme der Biologie stellt die Entwicklung einer be-
fruchteten Eizelle zu den verschiedenen Geweben und Organen eines ausgewach-
senen Organismus dar. Das genetische Material wird jeweils an die Tochterzellen
weitergegeben, angefangen bei der Zygote, nach der initialen Verschmelzung der
haploiden Genome von Eizelle und Spermium, bis hin zu den verschiedenen, aus
unterschiedlichen Zellen zusammengesetzten komplexen Strukturen, die den ferti-
gen Organismus bilden. Eine dieser komplexen Strukturen ist das Nervensystem,
welches die Gesamtheit aller Nerven- und der sie unterstützenden Gliazellen ei-
nes Organismus umfasst. Nervenzellen ermöglichen innerhalb eines vielzelligen
Organismus die schnellste Art der Informationsübertragung, die innerhalb einer
Nervenzelle nicht auf Diffusion oder gerichtetem Transport von Signalmolekülen,
sondern auf der Ausbreitung einer Änderung der elektrischen Spannung über der
neuronalen Plasmamembran beruht. Mit dieser Eigenschaft sind Nervenzellen gut
gerüstet, ihrer Aufgabe nachzukommen: Signale zu empfangen, weiterzuleiten und
zu filtern. Das Nervensystem ist dadurch in der Lage, Informationen über innere
und äußere Bedingungen zu sammeln, zu verarbeiten und daraufhin angemessene
Reaktionen hervorzurufen.
Doch wie ist es möglich, dass sich aus ein und demselben Genom während der
Embryogenese derartige Strukturen mit Zellen unterschiedlichster Eigenschaften
bilden können? Bei diesem Prozess spielen vielfältige Regulationsmechanismen zur
Steuerung der Zusammensetzung des Proteinrepertoires von Zellen eine Rolle. U.a.
erlaubt das abgestimmte Eingreifen von zahlreichen Transkriptionsfaktoren, die an
spezifischen Bindungsstellen nahe oder auch weiter entfernt vom Transkriptionsstart
der Zielgene binden, eine solche Steuerung in einer zeitlich, räumlich und Zelltyp
spezifischen Weise. Dies wiederum lässt Zellen mit unterschiedlichen Eigenschaften
entstehen. So können unterschiedliche Zelloberflächenproteine, wie beispielsweise
Rezeptoren eine Interaktion mit anderen Zellen erlauben oder verwehren. Des Wei-
teren ist die Zellfunktion an die Expression spezifischer Gene gekoppelt. So wird
beispielsweise Insulin nur durch die
β
-Zellen der Langerhans’schen Insel-Zellen des
Pankreas synthetisiert. Diese Zellen reagieren auf Erhöhungen des Blutzuckerspie-
gels mit der Ausschüttung dieses Hormons und sorgen damit für eine gesteigerte
Glucose-Aufnahme verschiedener Zellen, welche letztendlich zu einer Normalisie-
rung des Blutzuckerspiegels führt.
9
Kapitel 1 Einleitung
Ein Transkriptionsfaktor, der eine wichtige Rolle bei der Reifung neuronaler Zellen,
ihrer sogenannten Differenzierung, bzw. der Spezifizierung des neuronalen Subtyps
spielt, ist das Achaete-Scute Komplex Homolog-1 (ASCL1; hASH1).
1.1 Der Transkriptionsfaktor Achaete-Scute
Homolog-1
Schon im frühen 20. Jahrhundert wurden verschiedene Mutanten von Drosophila
melanogaster beobachtet, welche eine gestörte Ausbildung der, auf Thorax und
Kopf befindlichen, großen Borsten (Macrochaetae) aufwiesen [100, 96]. Diesen
Veränderungen zugrunde lagen verschiedene Allele des Achaete- und des Scute-
Gens, wobei diese jeweils zu einem Ausbleiben unterschiedlicher Untergruppen der
Borsten führten [72, 2, 95, 94]. Zusammen mit zwei weiteren Genen (lethal of scute,
asense) verwandter bHLH-Transkriptionsfaktoren und den angrenzenden Sequenzen,
welche cis-regulatorische Elemente enthalten, wird der 40 kb große Achaete-Scute-
Komplex (AS-C) gebildet. Heute weiß man, dass der AS-C von Bedeutung für die
ordnungsgemäße Entwicklung des peripheren und zentralen Nervervensystems in
Drosphila ist [100, 269, 96].
Das Nagerhomolog von Achaete-Scute, Mash1, wurde ursprünglich unter Benutzung
von degenerierten Primern, die auf Gensequenzen von Drosophila Achaete-Scute
beruhten, aus einer sympathoadrenalen Vorläufer-Zelllinie der Ratte kloniert [155].
Frühe Experimente zeigten, dass Mash1 für eine ordnungsgemäße Entwicklung des
vegetativen Nervensystems sowie von olfaktorischen Neuronen notwendig ist [117].
Mäuse ohne intaktes Mash1 waren nicht mehr imstande, sympathische, parasym-
pathische oder enterische Ganglien zu bilden und starben kurz nach der Geburt
aufgrund von u.a. Atmungsinsuffizienz. In neueren Experimenten ist es gelungen,
ausdifferenzierte Zellen nicht-neuronalen Ursprungs mithilfe von Mash1 umzu-
programmieren. So genügte die Überexpression von Mash1 zusammen mit zwei
weiteren Faktoren (POU domain, class 3, transcription factor 2 (POU3F2); myelin
transcription factor 1-like protein (Myt1l)) um Maus-Fibroblasten embryonalen und
postnatalen Ursprungs in funktionale Neuronen zu überführen [321].
1.1.1 Strukturelle und funktionelle Eigenschaften von
basischen Helix-Loop-Helix (bHLH) Proteinen
hASH1 gehört zu den basischen Helix-Loop-Helix-Proteinen (bHLH-Proteine). Das
bHLH-Motiv (siehe
Abbildung 1.1
) zeichnet sich dadurch aus, dass es einerseits
10
1.1 Der Transkriptionsfaktor Achaete-Scute Homolog-1
Abbildung 1.1:
Exemplarische Dar-
stellung eines bHLH-Dimers (hier:
E47 und NeuroD1) gebunden an
DNA. Die Dimerisierung wird über
die
α
-Helices ermöglicht. Darunter
ist das aus zwei Teilen (grün und
orangefarben) zusammengesetzte E-
Box-Motiv, welches durch bHLH-
Dimere gebunden wird, dargestellt.
Entnommen [192].
für die DNA-Bindung zuständig ist und andererseits der Dimerisierung dient. Die
Helices sind amphipathisch, wobei die hydrophoben Aminosäuren derart alternie-
rend angeordnet sind, dass sie alle auf einer Seite der Helix präsentiert werden.
Die Interaktion mit einem weiteren bHLH-Protein erfolgt nun über die hydropho-
ben Seiten der Helices [136]. Der basische Bereich des bHLH-Motivs hingegen ist
für die DNA-Bindung zuständig. Das bHLH-Motiv wurde bereits in 125 humanen
Transkriptionsfaktoren gefunden [175]. bHLH-Proteine können Homo- sowie He-
terodimere bilden, wobei die Wahl des Dimerisierungspartners Auswirkungen auf
Zellproliferation und Differenzierung haben kann [200].
Eine Einteilung der bHLH-Proteine in verschiedene Klassen I-VII erfolgte aufgrund
unterschiedlicher Eigenschaften wie z.B. ihrer Verteilung in den Geweben, ihrem
Dimerisierungsverhalten und ihrer DNA-Bindungsspezifitäten [200, 219]. Proteine
der Klasse I und II dimerisieren ausschließlich über ihre bHLH-Domäne, während
Mitglieder anderer Klassen über weitere Dimerisierungsdomänen wie beispielsweise
das Leucin-Zipper-Motiv verfügen [194]. Klasse I Proteine wie E12 und E47 werden
ubiquitär exprimiert und können Homodimere bilden. Klasse II Proteine, zu denen
auch ASCL1 gehört, werden hingegen gewebsspezifisch exprimiert und benötigen
im Allgemeinen Klasse I Proteine als Dimerisierungspartner.
bHLH-Faktoren binden als Dimer eine pseudo-palindromische Konsensussequenz,
CANNTG, die als E-Box bezeichnet wird [24]. Die Bindungspräferenzen für die
beiden zentralen Basen sowie die an das E-Box-Motiv angrenzenden Basen wer-
den durch die Zusammensetzung des Dimers bestimmt, wobei jedes Monomer
je eine Halbseite des E-Box-Motives erkennt. Neben den aktivierenden bHLH-
Transkriptionsfaktoren, wie beispielsweise ASCL1, gibt es auch solche, die eine
reprimierende Funktion ausüben. Dazu gehört z.B. das Säugerhomolog 1 des Dro-
sophila-Gens hairy and enhancer of split (HES-1). Dieser Transkriptionsfaktor
bindet anstelle des E-Box-Motivs mit höherer Affinität N-Box-Motive bzw. Klasse
11
Kapitel 1 Einleitung
C-Bindungsstellen (CACNAG bzw. CACG(C/A)G). HES-1 kann die Transkription
an Bindungsstellen selbst oder über die Rekrutierung von Korepressoren aktiv repri-
mieren. Zudem kann er mit bHLH-Proteinen Dimere bilden, die dann nicht mehr in
der Lage sind E-Box-Motive zu erkennen, was zu einer passiven Reprimierung der
betroffenen Gene führt [156].
1.1.2 Bedeutung von Achaete-Scute Homolog-1 in der
Neurogenese
Die Vorläuferzellen, die das Nervensystem von Vertebraten bilden, können in ihrer
Entwicklung bis auf eine epitheliale Zellschicht, das Ektoderm, welches die äußere
Schicht des Embryos während der Gastrulation bedeckt, zurückverfolgt werden. Die
ektodermalen Zellen bilden verschiedene Zell- bzw. Gewebsabkömmlinge abhängig
von ihrer axialen Position. Der am weitesten dorsal gelegene Bereich des Ektoderms
verdickt sich und bildet dabei die Neuralplatte, eine Struktur mit der Form eines
Schlüssellochs und einem kaudal gelegenen breiten Ende. Während eines komplexen
morphogenetischen Prozesses, der Neurulation, kommt es zur Bildung des Neural-
rohres. Dabei entsteht in der Neuralplatte eine schmale Vertiefung, wobei sich daran
beidseitig angrenzend Wülste erheben und letztendlich von der Mitte des Keimlings
aus miteinander verschmelzen [296].
Das so gebildete Neuralrohr stellt den Ausgang für Gehirn und Rückenmark, den bei-
den Bestandteilen des zentralen Nervensystems (ZNS), dar, wobei aus dem Bereich
der Verschmelzung der Wülste die Zellen der Neuralleiste hervorgehen. Diese Zellen
sind der Ursprung zur Bildung des peripheren Nervensystems (PNS). Am rostralen
Ende des Neuralrohres bilden sich drei miteinander verbundene Kammern, wobei
aus dem sie umgebenden Gewebe die drei Hauptanteile des Gehirns hervorgehen:
Prosencephalon (bestehend aus Telencephalon und Diencephalon), Mesencephalon
und Rhombencephalon (aus Cerebellum, Pons und Medulla oblongata bestehend).
Aus den Kammern gehen die später Ventrikel genannten Liquor-gefüllten Hohlräume
des Gehirns hervor. Die proliferierenden Zellen des Neuralrohrs in der ventrikulären
Zone bilden nun die Grundlage für Nerven- und Gliazellen des ZNS und migrieren
von dort zu den Orten ihres zukünftigen Wirkens [296].
Im ZNS von Säugern werden verschiedene Neurone vielschichtig miteinander ver-
schaltet, um komplexe neuronale Funktionen zu erfüllen. Für die Entstehung dieses
komplexen ZNS-Aufbaus müssen verschiedene Populationen an Neuronen, die zu
spezifischen Regionen zeitlich präzise während der Embryogenese wandern, gene-
riert werden. Die zugrunde liegenden molekularen Mechanismen sind noch nicht
gänzlich aufgeklärt. Die bHLH-Transkriptionsfaktoren scheinen jedoch eine zen-
trale Rolle bei der Erzeugung der neuronalen Diversität, über die Regulierung der
12
1.1 Der Transkriptionsfaktor Achaete-Scute Homolog-1
Subtyp-Spezifizierung sowie bei der Differenzierung, einzunehmen [21].
Mash1 ist ein bHLH-Transkriptionsfaktor, dessen räumlich spezifische Expression
auf proliferierende Regionen des sich entwickelnden Gehirns und des Rückenmarks
begrenzt ist. Dabei ist die Mash1-Expression nur transienter Natur und geht zu-
rück sobald die Mash1-exprimierenden Zellen den Zellzyklus verlassen und zum
Ort ihres zukünftigen Wirkens migrieren. Verschiedene Studien an Mausembryos
mit ausgeschalteter Mash1-Expression deuten darauf hin, dass Mash1 ein neurona-
ler Differenzierungsfaktor ist, der für die Bildung von verschiedenen spezifischen
neuronalen Subtypen während der Entwicklung des zentralen und peripheren Ner-
vensystems von Bedeutung ist [86, 127, 141, 220, 245, 247].
Viele Neuronen und Oligodendrocyten, Zellen eines Gliazelltyps, gehen auf Mash1-
exprimierende neuronale Vorläuferzellen verschiedener Phasen der Embryogenese
zurück. So konnten Zellen die einstmals Mash1 exprimiert hatten, beispielsweise in
jedem der Hauptanteile des Mäusegehirns nachgewiesen werden [160]. Die Gruppe
der, nach Mash1-Expression gebildeten, reifen Zellen beinhaltet im Prosencephalon
u.a. Interneurone des Riechkolbens, Interneurone der Hirnrinde, cholinerge Interneu-
rone der Amygdala und hippocampale Pyramidenzellen sowie Körnerzellen [160,
191, 239, 44, 198, 256]. Im Mesencephalon beinhaltet diese Gruppe z.B. glutamater-
ge und GABAerge Neuronen von Colliculi inferiores/superiores, Zellen der Nuclei
(Ansammlung von Nervenzellkörpern/Somata) des Thalamus und neuroendokriner
Zellen des Hypothalamus [160, 212, 221, 318, 323, 205]. Und im Rhombencepha-
lon gehören zu den reifen Zellen mit vormaliger Mash1-Expression beispielsweise
die Purkinjezellen des Cerebellums, noradrenerge Neuronen des Locus caeruleus
und serotonerge Neurone des Nucleus raphe dorsalis [160, 263, 135, 245] und im
Rückenmark z.B. die dI3-, dI5- und v2-Neuronen [127, 179, 330].
In Abkömmlingen von Neuralleistenzellen ist Mash1 an der Bildung des vegetativen
Nervensystems beteiligt. Sobald sich im Nager die Neuralleistenzellen um die
dorsalen Aorten aggregiert haben, beginnt in ihnen die Expression von Mash1
[116, 188]. Im ZNS wirkt Mash1 als proneurales Protein [21, 273] und ist zudem
involviert in die Spezifizierung des neuronalen Subtyps [240]. Das scheint jedoch bei
Neuronen die aus Neuralleistenzellen hervorgehen nicht der Fall zu sein. Hier wird
Mash1 für die Expression von pan-neuronalen Markergenen benötigt [240, 294].
Die große Bandbreite an verschiedenen neuronalen Subtypen (und zusätzlich den
Oligodendrocyten), die aus Mash1-exprimierenden Zellen hervorgehen, lässt sich
durch das Zusammenwirken von Mash1 mit verschiedenen anderen Faktoren bei
der Spezifizierung des Subtyps erklären. Zu diesen Faktoren gehören beispielsweise
andere bHLH-Proteine, Homeodomänenproteine wie Phox2b und Phox2a [189, 216,
242, 243, 299] und auch Zinkfingerproteine wie GATA-3 [181, 235].
Durch seine Beteiligung an der Reifung dieser Vielzahl an Neuronen ist es nicht ver-
13
Kapitel 1 Einleitung
wunderlich, dass bei Verlust von Mash1 viele Bereiche des Nervensystems betroffen
sind. Dabei muss es nicht unbedingt nur zum Verlust verschiedener Neuronentypen
kommen, es kann ebenso zur verspäteten Bildung bestimmter Neurone führen, da
Mash1 auch in die zeitliche Koordination von Differenzierungsvorgängen involviert
ist [244].
Die Wirkung von Mash1 ist nicht nur auf die Embryonalentwicklung beschränkt.
Auch im adulten Organismus findet eine Differenzierung von Zellen unter Mitwir-
kung von Mash1 statt. Orte für die Neubildung von Zellen aus adulten Stammzellen
sind die subventrikuläre Zone (SVZ) der lateralen Ventrikel sowie die subgranuläre
Zone (SGZ) des Gyrus dentatus, einem Teil des Hippocampus [90, 8, 306]. Die
adulte Neurogenese scheint dabei entscheidend für die Gehirnfunktion zu sein und
könnte auch bei neurologischen Erkrankungen eine Rolle spielen [280, 345]. Mash1
wird in Ratten jedoch nur in der SVZ exprimiert. Man nimmt an, dass Mash1 dabei
an der Generierung von zumindest einigen olfaktorischen Neuronen mitwirkt, die
während des gesamten Lebens gebildet werden [239, 161]. Eine retroviral-vermittelte
Überexpression von Mash1 in der SVZ zeigte auch keine großen Veränderungen
der olfaktorischen Neurogenese, wogegen eine solche Überexpression in adulten
hippocampalen Stammzellen der SGZ (welche eigentlich keine Mash1-Expression
aufweisen) dazu führte, dass statt der eigentlich von diesen Zellen gebildeten exzita-
torischen Körnerzellen, aus ihnen Oligodendrocyten ausgebildet wurden [150].
1.1.3 Achaete-Scute Homolog-1 und Tumoren
Während der Neurogenese büßen die anfänglich pluripotenten Zellen auf ihrem Weg
hin zur ausdifferenzierten Zelle nach und nach ihr Vermögen ein, sich in unterschied-
liche Zelltypen zu entwickeln. Dabei verlieren die Zellen bestimmte Fähigkeiten
der Vorläuferzellen und gewinnen andere Eigenschaften, wie z.B. die Fähigkeit zur
Synthese von Neurotransmittern im differenzierten Zustand hinzu. Im Gegensatz
zu stärker differenzierten Zellen bilden unreifere Zellen aggressivere Tumore [124].
Die Krebszellen verfügen dabei über eine Reihe von für den Organismus nachteili-
gen Eigenschaften der Ausgangszellen, wie eine hohe Proliferationsrate, Plastizität
und erweiterte Migrationsfähigkeiten, welche maßgeblich die Gefährlichkeit der
Krebszellen bestimmen.
Neuroblastome sind Tumore, die in erster Linie bei Kindern vor dem fünften Le-
bensjahr auftreten. Die Neuroblastomzellen haben dabei Eigenschaften, die denen
von undifferenzierten Zellen des sich entwickelnden Sympathikus ähneln. Deshalb
werden Neuroblastoma-Zelllinien nicht nur benutzt um Charakteristika des ent-
sprechenden Tumors, sondern um neuronales Wachstum und Differenzierung im
Allgemeinen zu untersuchen [14]. In einer Studie zeigte ein Großteil der getesteten
14
1.1 Der Transkriptionsfaktor Achaete-Scute Homolog-1
humanen Neuroblastom-Zelllinien eine hASH1-Expression, welche bei induzierter
Differenzierung schnell herabreguliert wurde [113]. Zudem war es nicht möglich
in Zelllinien ohne hASH1-Expression mit derselben Behandlung eine Differen-
zierung zu induzieren [113, 144]. Doch konnte bei einer Studie mit 61 primären
Neuroblastomen, von denen 40 hASH1 exprimierten, kein klarer Zusammenhang
von hASH1-Expression zu klinischen Parametern wie dem Stadium des Tumors
hergestellt werden [98, 144]. Zudem war es möglich Neuroblastom-Zellen mit kon-
stitutiver hASH1-Expression zu erzeugen, in denen dennoch eine Differenzierung
induziert werden konnte [293].
hASH1 scheint aber auch bei einigen Formen von Lungenkrebs von Bedeutung zu
sein. So wird hASH1 nicht nur in normalen fetalen pulmonalen neuroendokrinen
Zellen (engl.pulmonary neuroendocrine cells, PNECs) sondern auch in Bronchi-
alkarzinomen mit neuroendokrinen Eigenschaften exprimiert [29, 16, 183]. Von
PNECs nimmt man an, dass sie wichtig für die Entwicklung und Wachstumsre-
gulation von Epithelzellen der Lunge sind. Es konnte gezeigt werden, dass ein
Verlust von Mash1 zum Verlust von PNECs in der Lunge führt [29], wohingegen
eine konstitutive Mash1-Expression die Bildung von Lungentumoren mit neuroen-
dokrinen Eigenschaften begünstigte [182]. Dass Achaete-Scute Homolog-1 einen
förderlichen Einfluss auf Wachstum und Überleben von Tumoren mit neuroendo-
krinen Eigenschaften ausübt, lässt sich wohl über seine Fähigkeit erklären, putative
Tumorsuppressorgene zu reprimieren [228].
1.1.4 Regulation von Achaete-Scute Homolog-1
Obwohl man schon einiges über die Funktion von Achaete-Scute Homolog-1 und
seine Rolle bei der Differenzierung und Subtypspezifikation von Neuronen weiß,
so ist doch über seine eigene Regulation wenig bekannt. Auf transkriptioneller
Ebene wurde mit HES-1 der bisher einzige direkte Modulator der Achaete-Scute
Homolog-1-Expression gefunden. Seine Überexpression führte zu einer Hemmung
der durch NGF (engl. Nerve growth factor) stimulierten Differenzierung hippocam-
paler Neurone und zu einer Abnahme der endogenen Mash1-Expression [46]. Eine
Möglichkeit der hASH1-Regulation über HES-1 verläuft über den Notch Signal-
weg [113]. Die Aktivierung von Notch-Rezeptoren führt zu deren Interaktion mit
dem DNA-Bindungsprotein RBP-Jk (engl. recombining binding protein suppressor
of hairless). Dieses wiederum hat eine verstärkte Bildung von HES-1 zur Folge,
welches nun seinerseits Zielgene wie hASH1 reprimiert [51, 13, 14].
Zudem gibt es Hinweise dass der Transkriptionsfaktor POU3F2 (engl. POU do-
main, class 3, transcription factor 2) an der hASH1-Regulation in bestimmten
Bronchialkarzinom-Zelllinien beteiligt ist [145]. Transkriptionsfaktoren der POU-
15
Kapitel 1 Einleitung
Familie sind unentbehrlich für Zelldifferenzierung und eine ordnungsgemäße Or-
ganentwicklung [278, 122, 67]. Putative POU3F2-Bindungsstellen in der hASH1-
Promotorregion könnten diese Regulation vermitteln, wobei der Nachweis einer
direkten transkriptionellen Aktivierung der hASH1-Expression durch POU3F2 noch
fehlt [145].
Auf posttranskriptioneller Ebene konnte das Fragile X Mental Retardation Protein
(FMRP) als Regulator identifiziert werden [83]. Dieses RNA-Bindungsprotein in-
teragiert mit einer U-reichen Sequenz in der
50
untranlsatierten Region (UTR) der
hASH1-mRNA. Das führt dazu, dass die Translationseffizienz der hASH1-mRNA
steigt. So konnte mittels Polysomengradienten-Analyse bei FMRP-Überexpression
ein höherer Besetzungsgrad der hASH1-Transkripte mit Ribosomen gezeigt werden,
was als Hinweis auf eine erhöhte Translationsrate gilt. Eine Fehlregulation des zu
FMRP gehörigen Gens FMR1 ist verbunden mit neuronalen Erkrankungen wie dem
Fragilen X-Syndrom [225, 167, 320, 332].
Da der Fokus dieser Arbeit auf der posttranskriptionellen Kontrolle der hASH1-
Synthese lag, soll im Folgenden ein Überblick über Prozesse und Mechanismen der
postranskriptionellen Regulation gegeben werden.
1.2 Posttranskriptionelle Regulation
1.2.1 Regulationsebenen der Genexpression
Die Gesamtheit aller in einer Zelle zu einem bestimmten Zeitpunkt exprimierten
Proteine, ihr sogenanntes Proteom, ist nicht nur von Zelltyp zu Zelltyp verschie-
den, sondern muss sich auch zeitlich bzw. situationsbedingt anpassen. Die Kon-
trolle der Genexpression kann dabei auf verschiedenen Ebenen stattfinden (siehe
Abbildung 1.2). So unterliegt die Transkription einer Kontrolle durch cis-Elemente
wie Promotoren, Enhancer und Silencer sowie den daran bindenden Faktoren. Epige-
netische Veränderungen der DNA und deren Chromatinstruktur sind dabei ebenso
von Bedeutung [227, 17, 178, 121].
Posttranskriptionelle Prozesse spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Re-
gulation der Genexpression. Eine Regulation kann dabei während der Prozessierung,
beim Export aus dem Kern sowie der zellulären Lokalisation, der mRNA-Stabilität
und Tranlationseffizienz stattfinden.
Hinzu kommt, dass Proteine oftmals selbst einer Regulation unterliegen. So können
Proteine vielfältigen Modifizierungen ausgesetzt sein. Dazu gehören u.a. Ubiquitinie-
rungen, Phosphorylierungen, Hydroxylierungen, Glykosylierungen, proteolytische
16
1.2 Posttranskriptionelle Regulation
Spaltungen und das Anhängen von Fettsäuren. Anlagerung oder Dissoziation von
anderen Faktoren können ebenso wie die Modifizierungen zu Aktivitätsänderungen
von Proteinen aber auch zur Änderung ihrer Stabilität führen.
Abbildung 1.2:
Das primäre Transkript ist vielfältigen Reifungsschritten unterworfen, bis es als
mRNA im Cytosol der Translation zugeführt wird, einem Transport zu seinem Zielort unterliegt
oder abgebaut wird.
1.2.2 Posttranskriptionelle Regulation der Genexpression
Die posttranskriptionelle Regulation stellt nicht nur ein Werkzeug zum abgestimmten
Feintuning der Genexpression dar. Sie ermöglicht auch eine maßgebliche Verstär-
kung über die in der Transkription vorgegebene Aktivierung oder Reprimierung
hinaus. Mehr noch: Sie gestattet oftmals eine deutlich schnellere Reaktion. So liegen
selbst bei komplettem Transkriptionsstopp eines Gens immer noch Restbestände
an mRNA vor, die weiter translatiert werden könnten. D.h. die Auswirkungen auf
den Protein-Pool würden erst mit einiger Verzögerung eintreten können. Eine post-
transkriptionelle Regulation über eine Stilllegung der mRNA auf Translationsebene
würde sich somit deutlich früher auswirken. Eine Antwort auf posttranskriptioneller
Ebene kann z.B. auf Entwicklungs- oder Umgebungsstimuli wie Cytokine, Hormo-
ne oder Temperaturänderungen aber auch als Reaktion auf Stresssituationen wie
Hypoxie, Hypokalzämie, virale Infektionen oder Gewebsverletzungen hin erfolgen.
Zudem konnten fehlregulierte posttranskriptionelle Prozesse bereits mit verschiede-
17
Kapitel 1 Einleitung
nen Erkrankungen wie beispielsweise der Thalassämie oder der Alzheimer-Krankheit
in Zusammenhang gebracht werden [327, 61, 42].
1.2.2.1 Prozessierung im Zellkern und Export
Die Prozessierung einer Prä-
mRNA
beginnt schon während ihrer Transkription.
Dazu gehört das Anfügen einer
50
-Kappenstruktur, welche durch ein methyliertes
Guanosin gebildet wird, das über drei Phosphatreste in einer
50
-
50
Bindung mit dem
ersten Nukleotid des Transkripts verknüpft wird [343, 290]. Auch das Spleißen findet
ko-transkriptionell statt [59], wobei das Spleißosom den katalytisch tätigen Komplex,
der die enzymatischen Reaktionen beim Entfernen der Introns und der Ligation
der flankierenden Exons übernimmt, darstellt. In höheren Eukaryonten führt die
pure Anwesenheit von putativen Spleißstellen allein jedoch nicht notwendigerweise
zu deren Auswahl durch das Spleißosom. Flankierende regulatorische Elemente
der Prä-mRNA bzw. die daran bindenden trans-Faktoren können die Rekrutierung
von Spleißosom-Komponenten fördern oder unterdrücken und bilden damit die
Grundlage für alternatives Spleißen, so dass aus ein und derselben Prä-mRNA
verschiedene Proteine hervorgehen können [43, 292].
Das RNA-Editing sei hier nur kurz erwähnt, da es zwar auch in Neuronen und
Zellen des Immunsystems relevant ist, jedoch hauptsächlich bei der Expression
mitochondrialer Gene eine Rolle spielt. Dabei kommt es zu einem Austausch bzw.
einer Insertion oder Deletion einzelner oder mehrerer Nukleotide im Transkript und
kann somit auch zu abgeänderten Proteinen oder veränderter Expression führen [25,
109, 237, 207].
Die Fertigstellung des
30
-Endes stellt den letzten Schritt der Prozessierung der
Prä-mRNA dar. Dieser Vorgang ist auch gleichzeitig an den Abbruch der Transkrip-
tion gekoppelt. Bis auf wenige Ausnahmen wird hierbei das Transkript
10−30nt
stromabwärts einer Signal-Sequenz (konservierte AAUAAA Sequenz in Säugern)
unter Mitwirkung mehrerer Proteine endonukleolytisch geschnitten und an der
Schnittstelle durch die Poly(A)-Polymerase polyadenyliert [260]. Der so gebildete
Poly(A)-Schwanz ist mit der
50
-Kappenstruktur insofern vergleichbar, als dass auch
er wichtig für die Stabilität sowie die Translationseffizienz der
mRNA
ist [70]. So
bestimmt die Länge des Poly(A)-Schwanzes maßgeblich die Halbwertzeit einer
mRNA mit. Ähnlich dem Spleißen können Transkripte auch mehrere potentielle
Polyadenylierungsstellen besitzen, die ebenfalls zu verschieden langen
30
-UTRs
aber auch zu unterschiedlichen Proteinen führen können [315]. Die der alternativen
Polyadenylierung zugrunde liegenden Mechanismen sind jedoch noch weitgehend
ungeklärt [336].
Fertig prozessierte mRNAs müssen für die Translation ins Cytosol exportiert wer-
18
1.2 Posttranskriptionelle Regulation
den. Der Export einer reifen mRNA über die Kernporenkomplexe (NPCs) verläuft
dabei nur im Kontext mit den im Zellkern, auch infolge der Prozessierung, am
Transkript angelagerten Proteinen [159, 215]. So findet sich beispielsweise an der
50
-
Kappenstruktur der aus zwei Untereinheiten aufgebaute Kappen-bindende Komplex
(CBC) ein [287], und infolge des Spleißens bildet sich etwa
20nt
stromaufwärts von
der Spleißstelle ein als Exon-Junction-Komplex (EJC) bezeichneter Protein-Komplex
als Überbleibsel bzw. Markierung eines stattgefundenen Spleißvorgangs [133]. Und
auch am Poly(A)-Schwanz bindet ein, als Merkmal einer reifen mRNA, wichtiges
Protein, das Poly(A)-Bindungsprotein des Kerns (PABPN1)[196]. Dazu kommen
weitere RNA-bindende Proteine (RBPs), die in ihrer Gesamtheit das Transkript
um eine weitere Facette an Informationen ergänzen, die für Export, Lokalisation,
Translation und Stabilität der mRNA von Bedeutung sind [105, 215].
Die an der reifen mRNA angelagerten Proteine können nun selbst oder über Inter-
aktion mit anderen Proteinen mit Komponenten des NPC sowie mit für den Export
wichtigen Faktoren in Wechselwirkung treten. Einige der mit dem Transkript assozi-
ierten Proteine bleiben mit der
mRNA
über den Export hinaus verbunden, während
andere auf den Zellkern beschränkt dort verbleiben. Im Cytosol selbst findet ein wei-
terer Austausch an Proteinen an der mRNA statt. Hierbei spielt insbesondere der erste
Translationsdurchgang (engl.pioneering round of translation) eine entscheidende
Rolle [197].
1.2.2.2 mRNA-Abbau im Cytosol
Die Regulation der mRNA-Stabilität im Cytosol stellt einen wichtigen Kontrollpunkt
der Genexpression dar. Die Stabilität einer mRNA wird dabei durch spezifische
Interaktionen zwischen ihren strukturellen Elementen und RBPs gesteuert. Die-
se Wechselwirkungen können allgemeinerer Natur oder für eine gewählte mRNA
spezifisch sein [115].
Cytosolische mRNA-Level spiegeln einerseits die Raten von Transkription, Prozes-
sierung sowie Export und andererseits deren cytosolische Abbauraten wieder. Stabile
mRNAs erlauben ein ausgedehnteres Zeitfenster für die Translation von Genen, die
auf hohem Niveau exprimiert werden müssen, wie es beispielsweise für
β
-Globulin
der Fall ist [277]. Im Gegensatz dazu verfügen mRNAs von Proteinen, die nur in
kurzen kräftigen Schüben aufgrund von externen oder internen Stimuli exprimiert
werden, über geringe Halbwertszeiten [281, 272, 246, 300].
Der Poly(A)-Schwanz und an ihn gebundenes Poly(A)-Bindungsprotein (PABPC)
tragen maßgeblich zum Schutz der mRNA vor vorzeitigem nukleolytischem Ab-
bau bei. Außerdem fördert ein intakter Poly(A)-Schwanz die Translation, welche
ihrerseits wiederum die mRNA-Stabilität beeinflusst [279, 272]. Daher ist es nicht
19
Kapitel 1 Einleitung
verwunderlich, dass ein Weg des mRNA-Abbaus über die Deadenylierung des Tran-
skripts führt, woran mindestens eine Poly(A)-Ribonuklease (PARN) beteiligt ist
[164, 165]. Daran gekoppelt ist in Hefe wie auch in Säugern die Entfernung der
50
-Kappenstruktur [57, 19]. Diese bildet normalerweise mit dem Translationsini-
tiationsfaktor eIF4E im Cytoplasma einen mRNA-stabilisierenden Komplex [262].
Zudem würde der Wegfall der
50
-Kappenstruktur einen gleichzeitigen exonukleolyti-
schen Abbau über die 50-Seite ermöglichen [32].
Der Nonsens-vermitteltete Abbau (NMD) scheint Teil eines mRNA-Überwa-
chungssystems gegen fehlerhafte Transkripte im Cytosol zu sein. Diesem Abbau kön-
nen Transkripte anheimfallen, welche übermäßig lange
30
-UTRs besitzen, über unge-
spleißte Introns oder über im Leserahmen liegende Stopp-Codons stromaufwärts von
EJCs verfügen. Dadurch wird verhindert, dass unüblich verkürzte Proteine syntheti-
siert werden. In der Hefe beinhaltet dieser Weg eine Deadenylierungs-unabhängige
Entfernung der
50
-Kappe gefolgt von einem Abbau der mRNA in
50
-
30
-Richtung
[58, 129, 128, 335, 47]. Die Kontrolle der Transkriptqualität scheint aber nicht die
einzige Aufgabe des NMD zu sein. So regulieren eine Reihe von Spleißfaktoren ihre
eigene Expression bei zu hohen zellulären Proteinkonzentrationen über den NMD.
Dieses wird durch eine Veränderung des Spleißmusters erreicht, so dass infolge von
alternativem Spleißen eine mRNA gebildet wird, die einen EJC stromabwärts eines
Stopp-Codons trägt und die mRNA somit als NMD-Substrat ausweist [204, 298].
Einige mRNAs in Säugern werden endonukleolytisch und somit Deadenylierungs-
unabhängig abgebaut [19]. Dabei folgt dem endonukleolytischen Schnitt des Tran-
skripts ein exonukleolytischer Abbau der beiden Fragmente, wobei das
50
-Fragment
in
30
-
50
-Richtung und das
30
-Fragment wohl in
50
-
30
-Richtung abgebaut wird. Einige
der Endonukleasen sind konstitutiv aktiv, so dass eine Regulation über ihren Zugang
zu den Schnittstellen stattfindet. Während andere Endonukleasen hingegen direkt
reguliert werden [180].
1.2.2.3 Der Translationsvorgang und seine Kontrolle
Die Translation kann in drei unterschiedliche Phasen eingeteilt werden: Initiation,
Elongation und Termination. Unter Initiation versteht man alle Ereignisse, die zur
Positionierung des zur Elongation fähigen 80S-Ribosoms am Translationsstartcodon
führen. Während der Elongation findet die Synthese des Polypeptids statt. Das fertige
Polypeptid wird entlassen sobald das Ribosom auf ein Stopp-Codon während der
Termination der Translation trifft [170]. Vieles spricht dafür, dass die Initiation den
Geschwindigkeits-bestimmenden Schritt der Translation darstellt. Daher ist es kaum
überraschend, dass ein Großteil der Regulation der Translation über die Kontrolle
der Initiation verläuft [97, 138, 201, 259].
20
1.2 Posttranskriptionelle Regulation
Der erste Schritt der Bildung des 43S-Präinitiationskomplexes ist die Zusammenla-
gerung des ternären Komplexes. Dieser setzt sich aus dem eukaryontischen Trans-
lationsinitiationsfaktor eIF2, der Starter-tRNA Met-tRNA
iMet
und GTP zusammen.
Seine Bildung wird durch den G-Nukleotid-Austauschfaktor (GEF) eIF2B reguliert.
Die Bindung des ternären Komplexes an die kleine ribosomale Untereinheit wird
unabhängig voneinander durch die Initiationsfaktoren eIF1, eIF1A und eIF3 in Säu-
gern unterstützt [253, 259, 6]. Der so gebildete 43S-Präinitiationskomplex ist nun
bereit zur Bindung an das 50-Ende der mRNA.
Die Erkennung der
50
-Kappenstruktur wird über den im Cytosol zur Kappenstruktur
rekrutierten Translationsinitiationsfaktor eIF4E im Verbund mit eIF4G und eIF4A
vermittelt. eIF4G wirkt dabei als Gerüstprotein während eIF4A über seine Helikase-
Aktivität ein Aufwinden von Sekundärstrukturen in der
50
-UTR und darüber das
Scannen des Präinitiationskomplexes entlang der mRNA hin zum Translationsstart
ermöglicht [131, 253, 259]. Sobald der Präinitiationskomplex auf das Startcodon
trifft, führt die durch eIF5 geförderte Hydrolyse des von eIF2 gebundenen GTPs
zur Dissoziation der meisten Translationsinitiationsfaktoren von der kleinen ribo-
somalen Untereinheit [131]. Die Anlagerung der großen ribosomalen Untereinheit
(60S) wird nun durch eIF5B-GTP gefördert, wobei die Bildung des 80S-Ribosoms
seinerseits die GTP-Hydrolyse durch eIF5B stimuliert und das Ribosom in einen zur
Peptidsynthese kompetenten Komplex überführt [176, 252, 289].
Alle hier vorgestellten Schritte der Initiation der Translation können einer Regulation
unterliegen. So kann die Bildung von aktivem ternären Komplex gestört werden,
indem eine der Untereinheiten von eIF2 phosphoryliert wird. Dies verhindert bei
eIF2 den Austausch von GDP zu GTP. Hinzu kommt, dass eIF2B, der zugehörige
GEF, eine höhere Affinität zu phosphoryliertem eIF2 besitzt [275]. Dadurch wird die
Bildung von aktivem ternären Komplex behindert und die Translation somit global
herabreguliert [63, 97, 138, 270]. Eine andere Möglichkeit stellt die Inhibition von
eIF4E dar. Dabei binden inhibitorische Proteine (4E-BPs) an eIF4E und verhindern
damit seine Interaktion mit eIF4G [266]. Zusätzlich zu den 4E-BPs können aber auch
andere Proteine an eIF4E in einer mRNA-spezifischen Weise binden und ebenfalls
die Initiation der Translation stören. Weitere Möglichkeiten der Translationskon-
trolle wie beispielsweise die Verhinderung der Assoziation der beiden ribosomalen
Untereinheiten sollen weiter unten noch ausführlicher betrachtet werden.
1.2.2.4 mRNA-Trafficking und -Lokalisation im Cytosol
Die gezielte Lokalisation einer mRNA innerhalb einer Zelle ermöglicht die räumli-
che Kopplung von der Synthese des von ihr kodierten Proteins mit dem Ort seines
zukünftigen Wirkens [68]. Bei Nervenzellen etwa können die Längen der Zellausläu-
fer wie Dendriten oder Axon ein Vielfaches des Somadurchmessers erreichen. Der
21
Kapitel 1 Einleitung
gerichtete Transport von mRNAs ermöglicht hier ein effizientes Wiederauffüllen
der distalen Bereiche eines Neurons mit neuen Proteinen [68]. Zudem kann die
lokale Kotranslation spezifischer Polypeptide auch die Bildung von Komplexen
begünstigen, ohne dass dabei die einzelnen Komponenten des Komplexes übermäßig
mit unerwünschten Bindungspartnern konkurrieren müssen [214].
Die Zelle besitzt verschiedene Möglichkeiten um spezifische mRNAs an bestimmten
subzellulären Zielorten anzureichern. Dazu gehören (i) der aktive Transport über
das Cytoskelett mithilfe von Motorproteinen, (ii) die Diffusion mit anschließender
Verankerung am Zielort sowie (iii) der örtliche Schutz vor Abbau der mRNA. Meist
kommen Kombinationen davon für die richtige Lokalisation einer mRNA zum
Einsatz [214]. Beim Transport einer mRNA zu ihrem Zielort sind alternativ zu
Peptid-Signalsequenzen an neu synthetisierten Proteinen, wie bei Proteinen mit
endoplasmatischer Prädestination, auch Sekundärstrukturen der mRNA selbst von
Bedeutung. Der Transport einer mRNA geht dabei gewöhnlich bis zum Erreichen
des Zielorts mit einer Inhibition der Translation einher [139].
Als besondere Abbau- aber auch Lagerorte von mRNAs haben sich sogenannte
Prozessierungskörper (engl.P-bodies, PBs) und Stress-Granula (engl. stress granules,
SGs) herausgestellt [9, 87]. Bei einer Stress-induzierten Stilllegung der Translati-
onsinitiation und der dabei eintretenden Disassemblierung von Polysomen, kommt
es zu einer verstärkten Bildung von PBs oder SGs [238, 10]. PBs scheinen sich um
mRNP-Aggregate, welche translational inaktiv sind, zu bilden. Sie sind reich an
Proteinen, die für den mRNA-Abbau von Bedeutung sind und fungieren wohl als
Sammelorte für deadenylierte mRNAs, die ihrem Abbau entgegensehen [238]. Da-
neben konnten in PBs auch Proteine mit einer Rolle in der RNA-Interferenz (RNAi)
nachgewiesen werden. Darunter befanden sich beispielsweise Komponenten des
RISC (engl. RNA induced silencing complex) wie die Argonautenproteine Ago1-4
und miRNAs [78, 185, 255, 286]. Der RISC kann dabei entweder zur Degradati-
on zugehöriger mRNAs führen oder eine translationale Stilllegung entsprechender
mRNAs herbeiführen [80, 334]. Da mRNAs PBs jedoch auch wieder verlassen und
anschließend translatiert werden können, sind PBs wohl ebenso als vorrübergehende
Lagerstätten für translational stillgelegte mRNAs anzusehen [31, 23].
SGs enthalten im Gegensatz zu PBs keine Proteine des mRNA-Abbaus, sondern statt-
dessen verstärkt Komponenten der Translationsinitiation [10, 238, 87, 79]. Sie stellen
sich als vorrübergehender Ruhesitz von mRNAs unter Stress-Bedingungen dar. Ob-
wohl unter bestimmten Stress-Bedingungen die Translation großräumig zurückgefah-
ren wird, erlaubt die selektive Translation von Chaperonen und Reparatur-Enzymen
sowie einigen Transkriptionsfaktoren der Zelle die Behebung von Stress-induzierten
Schäden bei gleichzeitiger Einsparung von Energie. Sobald sich die Situation der
Zelle normalisiert hat, können die durch die SGs freigegebenen mRNAs entwe-
der wieder zum translational aktiven Pool zurückkehren oder in den PBs abgebaut
22
1.2 Posttranskriptionelle Regulation
Abbildung 1.3:
Verschiedene cis-Elemente in den UTRs einer mRNA (modifiziert nach einer Ab-
bildung aus [249]). Einzelheiten siehe Text. Es bedeuten:
Cap
(Kappenstruktur des
50
-Endes),
uORF
(Offener Leserahmen stromaufwärts des eigentlichen Translationsstarts),
CDS
(offener
Leserahmen),
IRES
(interne Ribosomenbindungsstelle),
CPE
(cytoplasmatisches Polyadenylie-
rungselement [322]).
werden [101, 11].
1.2.3 Einfluss der untranslatierten Regionen einer mRNA
(UTRs)
Posttranskriptionelle Expressionskontrolle kann einerseits auf globaler Ebene er-
folgen und andererseits ausschließlich die Regulation einer spezifischen mRNA
betreffen. So kann beispielsweise über ein allgemeines Anpassen der Translation die
Translationseffizienz vieler mRNAs gleichzeitig moduliert werden [97].
Die Regulation der Translation auf globaler Ebene wird im Allgemeinen über Modi-
fizierungen der Translationsinitiationsfaktoren erreicht. Soll jedoch nur eine kleinere
Gruppe oder eine einzige mRNA reguliert werden, so sind spezifische Sequenz-
motive oder Strukturmotive auf der mRNA, sogenannte cis-Elemente, von großer
Bedeutung (siehe
Abbildung 1.3
). Diese können zwar entlang der gesamten mRNA
auftreten, sind jedoch vornehmlich in den nicht-kodierenden Bereichen, den untrans-
latierten Regionen der mRNA (UTRs), zu finden. Daneben lassen sich jedoch auch
regulatorische Mechanismen mit Einfluss auf die Expression finden, die nicht auf
cis-Elementen in der reifen mRNA beruhen. So hat man beispielsweise festgestellt,
dass gespleißte mRNAs translationsaktiver als ihre cDNA-Pendants sind [134]. Da-
für verantwortlich sind die als Markierungen des Spleißvorgangs auf dem Transkript
zurückgelassenen EJCs. Diese fördern nämlich den ersten Translationsdurchlauf
[215].
Einzelsträngige RNA neigt stärker als doppelsträngige DNA dazu, Sekundärstruktu-
ren auszubilden. In vielen Fällen ist das gebildete Strukturmotiv und nicht etwa die
Sequenz entscheidend für ein cis-Element. Da man bei bestimmten RNA-Sequenzen
23
Kapitel 1 Einleitung
jedoch nicht ohne weiteres auf die Sekundärstruktur schließen kann bzw. umgekehrt
einer Sekundärstruktur nicht einfach eine RNA-Sequenz zuordnen kann, ist das Auf-
finden von bereits beschriebenen cis-Elementen auf einer neuen RNA komplizierter,
als es auf DNA-Ebene der Fall ist.
1.2.3.1 5’-UTR
cis-Elemente, die für die Kontrolle der mRNA-Stabilität eine Rolle spielen, finden
sich zwar vornehmlich in der
30
-UTR, sind aber nicht auf diese beschränkt. Ein
Beispiel hierfür ist die mRNA von Interleukin-2. In ihrer
50
-UTR konnte ein cis-
Element (JNK Response Element) identifiziert werden, welches zur Stabilisierung
der mRNA während der T-Zell-Aktivierung beiträgt. Zwei RBPs (Nucleolin und
YB-1) binden spezifisch an dieses Element und stabilisieren die mRNA [48].
Der Hauptteil der Regulation über die
50
-UTR betrifft jedoch die Translation. Bei
den meisten zellulären mRNAs findet die Translationsinitiation
50
-Kappen-abhängig
statt. Daneben besteht jedoch über interne Ribosomen-Bindungsstellen (IRES) auch
die Möglichkeit der Kappen-unabhängigen Translationsinitiation, wobei die IRES
selbst eine aktive Rolle bei der Rekrutierung der kleinen ribosomalen Untereinheit
besitzen. Dabei enthalten die IRES weniger konservierte Konsensussequenzen. Viel-
mehr scheinen IRES über ähnliche Sekundärstruktur-Elemente in den
50
-UTRs von
mRNAs zu verfügen [15]. IRES wurden zwar zuerst in viralen mRNAs entdeckt,
doch schätzt man, dass bis zu
10%
aller zellulären Transkripte das Potential, die
Translation über IRES zu initiieren, besitzen [154]. Sie werden unter normalen Be-
dingungen meist nur schwach translatiert, können jedoch bei einer Herabregulation
der Kappen-abhängigen Translation durchaus mit gesteigerter Effizienz translatiert
werden [88, 126, 147, 295, 301].
Eine andere Möglichkeit der Zelle, die Translation einer mRNA zu regulieren, ver-
läuft über die Verhinderung der Anlagerung des 43S-Präinitiationskomplexes an
die mRNA. Ein Beispiel dafür ist das Iron Response Element (IRE, auf Eisen rea-
gierendes Element) auf der
50
-UTR der Ferritin-mRNA nahe der Kappenstruktur.
Ferritin ist ein Speicherprotein für Eisen und unter Eisenmangel binden die Eisen
Regulatorischen Proteine IRP1 und IRP2 an dieses Element und blockieren eine
Anlagerung des 43S-Präinitiationskomplexes an die mRNA und inhibieren somit
seine Translation. Bei reichhaltigem Eisenangebot dagegen wird IRP1 über post-
translationale Modifikationen inaktiviert und IRP2 proteasomal abgebaut [3, 110,
274].
Sekundärstrukturen in der
50
-UTR können aber auch ohne zugehörige RBPs eine
Wirkung auf die Translation entfalten, indem sie den Zugang zur Kappenstruktur
selbst verwehren oder den Scanning-Prozess behindern, wenn sie weiter von der
24
1.2 Posttranskriptionelle Regulation
Kappe entfernt liegen [110, 166]. Als Beispiel sei hier die mRNA von Mdm2 genannt
(engl. double minute 2 protein). Mdm2 ist eine E3 Ubiquitin-Ligase und wirkt als
negativer Regulator des Tumorsuppressors p53 u.a. über dessen Polyubiquitinierung
und anschließendem proteasomalen Abbau. Mdm2 kann von zwei Promotoren aus
transkribiert werden, was zu Transkripten mit verschieden langen
50
-UTRs führt.
Die lange Version der
50
-UTR hemmt den Scanvorgang. Die kurze führt dagegen zu
einer deutlich effizienteren Translation [56, 339, 173, 40, 41].
Kleine offene Leserahmen stromaufwärts des eigentlichen Startcodons (uORFs)
können ebenfalls einen Einfluss auf die Translation haben. In der Hefe besitzt die
GCN4-mRNA vier uORFs. Dieses Gen kodiert einen Transkriptionsfaktor, der wich-
tig für die Aminosäure-Biosynthese ist [132, 130]. Bei Aminosäure-Mangel kommt
es zur Phosphorylierung der
α
-Untereinheit von eIF2 und somit zur Senkung der
Menge an aktivem ternären Komplex. Ribosomen neigen nun eher dazu, über die
letzten uORFs hinweg zu scannen und umgehen dabei die nach Translationster-
mination üblicherweise erfolgende Dissoziation vom Transkript. Das führt dazu,
dass es am richtigen Startcodon verstärkt zur Translationsinitiation kommt [131].
uORFs können jedoch auch über andere Mechanismsen wirken. Beispielsweise
können RBPs über die Bindung von cis-Elementen einer mRNA das Erkennen eines
uAUGs (Startcodon eines uORFs) durch den 43S-Präinitiationskomplex fördern und
somit die eigentliche Translation des stromabwärts gelegenen Gens behindern [206].
Oder das aus einem uORF hervorgegangene Peptid kann über Interaktion mit einem
Release-Faktor dafür sorgen, dass das Ribosom auf der mRNA stehen bleibt und
somit den Weg für weitere Ribosomen versperrt [149].
1.2.3.2 3’-UTR
Obwohl die oben aufgeführten Beispiele für die posttranskriptionelle Regulation über
die
50
-UTR vielseitig sind, wird der Großteil der posttranskriptionellen Regulation
über cis-Elemente in der sehr viel längeren
30
-UTR abgewickelt. cis-Elemente
in der
30
-UTR können dabei mRNA-Stabilität, Translationseffizienz und mRNA-
Lokalisation kontrollieren [69, 112, 12, 258, 331, 307].
AU-reiche Elemente (ARE) sind die am weitesten verbreiteten cis-Elemente mit
einer Funktion bei der Regulierung der Stabilität von Säuger-mRNAs. Sie finden
sich bei vielen kurzlebigen mRNAs in der
30
-UTR [49, 333, 22]. Das ARE-Motiv
zeichnet sich bei einer Größe von
50−150nt
durch eine variable Anzahl von oftmals
auch überlappenden AUUUA-Pentameren meist innerhalb oder in der Nähe einer
U-reichen Region aus. Zwar beschleunigen AREs in den
30
-UTRs von mRNAs deren
Abbau, doch sind die zugrunde liegenden Mechanismen in Bezug auf Ausprägung
und Art des Abbaus verschieden. Diese Vielfalt beruht auf den unterschiedlichen
25
Kapitel 1 Einleitung
RBPs, die in der Lage sind, dieses Motiv zu binden [115]. AREs, die die mRNA-
Stabilität in vivo regulieren, eint, dass sie als starke Stimulatoren von Deadenylierung
sowie der Entfernung der
50
-Kappe wirken [93, 338]. Zwei der trans-Faktoren, die
dieses Motiv binden, sind AUF1 (engl. AU-rich element RNA-binding protein 1) und
HuR (engl. Hu-antigen R). Man nimmt an, dass diese beiden RBPs entgegengesetzte
Wirkungen entfalten. AUF1 hat einen destabilisierenden Einfluss auf gebundene
mRNAs, wohingegen HuR einen stabilisierenden Einfluss ausübt [106, 27]. Je nach
Gewebe bzw. nach physiologischen Bedingungen findet sich in Zellen ein unter-
schiedliches Expressionsverhältnis beider Proteine, so dass ARE-tragende mRNAs
dadurch wechselnden Abbauraten unterliegen. Weiteren Einfluss auf die Stabilität
einer mRNA kann die Zelle aber auch über die Lokalisation von ARE-bindenden
Proteinen sowie über Änderungen ihrer Aktivität bzw. ihrer Bindungseigenschaften
zu AREs ausüben [22]. AREs wirken jedoch nicht nur auf die Stabilität einer mRNA.
Sie können auch eine veränderte Translationseffizienz hervorrufen [254, 66].
Das IRE, ein anderes cis-Element, hat einen stabilisierenden Einfluss auf die mRNA.
Wie in
Unterabschnitt 1.2.3.1
beschrieben wirkt ein IRE in der
50
-UTR der Ferritin-
mRNA bei der Regulation der Translationsinitiation mit. In der Transferrinrezeptor-
mRNA finden sich jedoch fünf IREs in der
30
-UTR. Hier bewirken drei dieser
Haarnadelstrukturen unter Eisenmangel durch Bindung von IRP1 und IRP2 eine
Stabilisierung der mRNA und ermöglichen letztendlich die Eisenaufnahme [236].
Bei starkem Eisenangebot werden IRP1 und IRP2 jedoch inaktiviert bzw. abgebaut
und können so die Transferrinrezeptor-mRNA nicht mehr vor Abbau schützen. Die
so erniedrigte Transferrin-Rezeptor-Expression hat nun ihrerseits eine verringerte
Eisenaufnahme zur Folge [236].
Die Kontrolle der Translationsinitiation über cis-Elemente in der
50
-UTR wurde
schon weiter oben beschrieben. Die räumliche Nähe dieser cis-Elemente zum Ort der
Bildung des Initiations-Komplexes lässt diese Regulation plausibel erscheinen. Es
ist jedoch auch cis-Elementen in der
30
-UTR möglich, Einfluss auf die Translationsi-
nitiation zu nehmen. Dieser Umstand lässt sich aus der Tatsache ableiten, dass sich
beide Enden einer mRNA, aufgrund von Interaktionen miteinander, in räumlicher
Nähe zueinander befinden [91, 319]. Diese Interaktionen können direkter Natur sein,
wie bei einigen viralen mRNAs [118], oder über angelagerte Proteine vermittelt wer-
den. So konnte in Hefe gezeigt werden, dass das am Poly(A)-Schwanz befindliche
Pab1p (Hefehomolog von PABPC) und der Translationsinitiationfaktor eIF4G in
Wechselwirkung miteinander treten [311]. Da eIF4G an das Kappenbindungsprotein
eIF4E bindet, bildet die mRNA so eine geschlossene Schleife [326, 329]. Dies hat
u.a. den Vorteil, dass sich Ribosomen nach Termination der Translation in der Nähe
der Kappe aufhalten. Ein effizientes Recycling der Ribosomen zur erneuten Translati-
onsinitiation ist daher möglich. Als Beispiel für eine Regulation der Translation von
einem cis-Element der
30
-UTR sei hier das Differenzierungskontroll-Element (DICE)
26
1.3 Zielstellung dieser Arbeit
genannt. Während der Erythropoese kommt es zu einer translationalen Stilllegung
der 15-Lipoxygenase-mRNA [230, 229]. Diese mRNA besitzt in ihrer
30
-UTR ein
als DICE bezeichnetes CU-reiches Element. Die Bindung der heterogenen nukleären
Ribonucleoproteine (hnRNP) K und E1 an DICE führt zur Bildung eines Kom-
plexes, der die Translation verhindert. Dabei werden zwar weder die Bildung des
Präinitiationskomplexes noch der Scanning-Vorgang beeinträchtigt, doch führt die
Verhinderung der Anlagerung der großen ribosomalen Untereiheit zur Bildung des
zur Translation fähigen 80S-Ribosoms ebenfalls zur Stilllegung der mRNA.
Die subzelluläre Lokalisation einer mRNA wird ebenfalls durch Elemente in der
30
-UTR bestimmt. So wird der Transport von
β
-Actin-mRNA an die Zellperipherie in
Fibroblasten, unter Bedingungen der erhöhten Actin-Synthese in diesen Bereichen,
durch eine als Zipcode-Element (engl.„Postleitzahl“) bezeichnete Sequenz in der
30
-UTR gesteuert. Die Ausschaltung dieses Signals führt zu einer gestörten
β
-Actin-
Verteilung und Zellmotilität [162, 267, 143, 233].
1.3 Zielstellung dieser Arbeit
Bei der Regulation der Genexpression spielt nicht nur die Kontrolle der Transkrip-
tion über an die genomische DNA bindende Transkriptionsfaktoren eine Rolle. Es
gehen auch posttranskriptionelle Einflüsse in die Regulation ein. Diese Einflüsse
können beispielsweise insbesondere unter Stress-Bedingungen sowie bei Differen-
zierungsvorgängen eine entscheidende Funktion ausüben. Die Kontrollelemente für
eine solche Regulation finden sich vornehmlich in den untranslatierten Regionen
(UTRs) einer mRNA. Zugehörige trans-Faktoren, wie microRNAs (miRNAs) oder
RNA-Bindungsproteine (RBPs), erkennen diese Kontrollelemente und modulieren
beispielsweise die Stabilität oder die Translationseffizienz der mRNA. Ziel die-
ser Arbeit war die Untersuchung der Regulation der hASH1-Expression, wobei
posttranskriptionelle Einflüsse im Fokus standen.
27
2 Material und Methoden
2.1 Molekularbiologische und biochemische
Arbeitsmethoden
2.1.1 PCRs und Mutagenese
Sequenzen von Interesse wurden mithilfe des peqGOLD Taq DNA Polymerase
Kits (peqlab) via PCR unter Verwendung spezifischer Primer amplifiziert. Im Allge-
meinen wurden dabei 30-34 Zyklen durchlaufen, wobei sich die jeweils gewählte
Annealingtemperatur an den von der Synthesefirma (TIB MOLBIOL GmbH) ange-
gebenen Schmelztemperaturen der Primer orientierte.
Um einen bestimmten Abschnitt innerhalb einer Sequenz (die schon in einen Vektor
integriert wurde) zu verändern, wurde die Mutation über Primer eingeführt. Dazu
wurden jeweils zwei PCRs durchgeführt. Beide Ansätze enthielten jeweils einen
der beiden endständigen Primer als Hinprimer sowie einen der beiden (zueinander
komplementären) innenliegenden mutierten Primer (siehe
Tabelle 2.1
) als Rückpri-
mer. Beide PCR-Produkte konnten nun vereinigt werden und dienten zusammen
als Template für eine erneute PCR mit den endständigen Primern. Das so erzeugte
PCR-Produkt trug nun die Mutation und konnte wieder in den Vektor integriert
werden. Die Mutationen wurden mittels Sequenzierung überprüft (MWG Biotech
AG).
2.1.2 Klonierung und verwendete Vektoren
PCR-Produkte wurden entweder direkt unter Benutzung des
QIAquick
PCR Purifi-
cation Kits (QIAGEN) gereinigt oder als Bande nach Auftrennung in einer Agarose-
Gelelektrophorese mit dem
QIAquick
Gel Extraction Kit (QIAGEN) isoliert. Zur
Klonierung der Amplifikate wurde das TOPO TA Cloning®Dual Promoter Kit (In-
vitrogen
™
) nach Herstellerangaben verwendet. Die aus der PCR hervorgegangenen
30
-Adenin-Überhänge der PCR-Produkte konnten hierbei mit den
30
-T-Überhängen
des mitgelieferten Vektors für die Ligation kombiniert werden. Chemisch kompetente
29
Kapitel 2 Material und Methoden
Tabelle 2.1: Liste mit den in den Mutagensee-PCRs eingesetzten Primern
Primer Sequenz
hASH1_50_Fw 50-CCA GAA GTA GTG AGG AGG CT
hASH1_50_Re 50-CAG CGT AAG TGA TGT CCA CC
hASH1_50TOPdel_Fw 50-AAG CTT GCC AGG GAA CGT GGA
AGG
hASH1_30_Fw 50-GTC GCC AGT CAA GTA ACA AC
hASH1_30_Re 50-GAA GAC AGT CAT AAG TGC GG
hASH1_30DICE-Adel_Fw 50-AAA CGA AAA CAG TCA ACC AAC
CGA GGC ATG CCT GAG AGA C
hASH1_30DICE-Adel_Re 50-GTC TCT CAG GCA TGC CTC GGT TGG
TTG ACT GTT TTC GTT T
hASH1_30DICE-Bdel_Fw 50-TTG CTC GGG TCC CTT CAC CTT GCA
GTT CTT AGC CCT CTA G
hASH1_30DICE-Bdel_Re 50
-CTA GAG GGC TAA GAA CTG CAA GGT
GAA GGG ACC CGA GCA A
hASH1_30DICE-Cdel_Fw 50-GTG TCT TTC GTC TCA GTA GCC TGT
AGA CAT TGG TTT ACA GTG
hASH1_30DICE-Cdel_Re 50
-CAC TGT AAA CCA ATG TCT ACA GGC
TAC TGA GAC GAA AGA CAC
hASH1_30XXdel_Fw 50-GAA CTC TCA TAG GTG AGA TCG TAC
TTC AGC ACC AAT GTG TCT TAC
hASH1_30XXdel_Re 50-GTA AGA CAC ATT GGT GCT GAA GTA
CGAT CTC ACC TAT GAG GAG AGT TC
hASH1_30IRESdel_Re 50-GTC GAC GAA AAA GTT TTA TTA CAA
GAA AAA AAA AGG CAG TAA TAG AAA
TCT C
30
2.1 Molekularbiologische und biochemische Arbeitsmethoden
TOP10F’ E. coli-Zellen (Invitrogen
™
) wurden transformiert und Klone über die Am-
picillinresistenz selektiert. Hierzu wurden die kompetenten Zellen mit den ligierten
Plasmiden für
5min
auf Eis inkubiert und anschließend auf vorgewärmte (
37◦C
) LB-
Agar Platten (
1,5%
Agar;
100µg/ml
Ampicillin) ausplattiert und über Nacht bei
37◦C
inkubiert. TOPO-Klone wurden via PCR auf richtige Insert-Größe sowie T7-sense
Orientierung, für eine mögliche später erfolgende in vitro-Transkription, getestet.
Von korrekten Klonen wurden Kryokulturen angelegt, wobei
500 −700µl
einer
über Nacht Schüttelkultur (LB-Medium mit
100µg/ml
Ampicillin) mit demselben
Volumen Glycerin versetzt und bei −80◦C eingefroren wurden.
Die Überführung von Zielsequenzen in die entsprechenden Vektoren für die Repor-
tergenassays erfolgte über natürliche in den Sequenzen vorkommende bzw. über
durch Primer in der PCR eingeführte Restriktionsschnittstellen. Nach Verdau der
Plasmide mit den entsprechenden Restriktionsenzymen (New England Biolabs oder
Fermentas) erfolgte eine Auftrennung durch Agarose-Gelelektrophorese und die
Isolierung der DNA per
QIAquick
Gel Extraction Kit (QIAGEN). Die anschlie-
ßende Ligation der Fragmente (im molaren Verhältnis von 1:2 bis 1:3 Vektor zu
Insert) wurde mithilfe des LigaFast
™
Rapid DNA Ligation Systems (Promega) nach
Herstellerangaben durchgeführt. Die Transformation kompetenter Zellen sowie die
Erzeugung von Kryokulturen erfolgte wie oben dargestellt.
Eine Überprüfung der klonierten Sequenzen erfolgte per Sequenzierung durch die
MWG Biotech AG. Die in der Arbeit benutzten fertigen Plasmide sind in
Tabelle 2.2
aufgeführt.
Tabelle 2.2: Liste mit den in dieser Arbeit im Reportergenassay verwendeten Plasmide.
Name Bemerkungen Referenz
pGL3p
Ausgangsvektor/
Kontrollvektor mit SV40
Promotor
Promega
p251 Reporter unter Kontrolle des
hASH1-Promoters [324]
pGL3p_hASH1-
_5Luc
Reporter unter Kontrolle der
50-UTR von hASH1 [83]
pGL3p_hASH1_5-
TOPdel-Luc
Reporter unter Kontrolle der
50-UTR von hASH1, wobei die
TOP-Sequenz deletiert wurde
diese Arbeit
pGL3p_hASH1_5-
AUdel-Luc
Reporter unter Kontrolle der
50-UTR von hASH1, wobei
eine AU-reiche Sequenz
deletiert wurde
[83]
31
Kapitel 2 Material und Methoden
Fortsetzung: Liste mit den in dieser Arbeit im Reportergenassay verwendeten
Plasmiden.
Name Bemerkungen Referenz
pGL3p_hASH1_5-
GQdel-Luc
Reporter unter Kontrolle der
50-UTR von hASH1, wobei ein
G-Quartet deletiert wurde
[83]
pGL3p_hASH1_5-
OligoUdel-Luc
Reporter unter Kontrolle der
50-UTR von hASH1, wobei
eine U-reiche Sequenz deletiert
wurde
[83]
pGL3p_hASH1-
_Luc3
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1 [83]
pGL3p_hASH1-
_5Luc3
Reporter unter Kontrolle beider
UTRs von hASH1 [83]
pGL3p_hASH1-
_Luc3-488del
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
488nt des 50-gelegenen
Bereichs deletiert wurden
[83]
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-A
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
DICE-Element A deletiert
wurde
diese Arbeit
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-B
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
DICE-Element B deletiert
wurde
diese Arbeit
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-C
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
DICE-Element C deletiert
wurde
diese Arbeit
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-
AB
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
DICE-Elemente A und B
deletiert wurden
diese Arbeit
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-
AC
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
DICE-Elemente A und C
deletiert wurden
diese Arbeit
32
2.1 Molekularbiologische und biochemische Arbeitsmethoden
Fortsetzung: Liste mit den in dieser Arbeit im Reportergenassay verwendeten
Plasmiden.
Name Bemerkungen Referenz
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-
BC
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von hASH1, wobei
DICE-Elemente B und C
deletiert wurden
diese Arbeit
pGL3p_hASH1-
_Luc3_del_DICE-
ABC
Reporter unter Kontrolle der
30
-UTR von hASH1, wobei alle
DICE-Elemente wurden
diese Arbeit
pGL3p_hASH1-
_5Luc3_del_DICE-
ABC
Reporter unter Kontrolle der
beider UTRs von hASH1,
wobei alle DICE-Elemente
wurden
diese Arbeit
pGL3p_Mash1-
_Luc3
Reporter unter Kontrolle der
30-UTR von Mash1 (Mus
musculus)
diese Arbeit
pGL3p_Mash1-
_5Luc3
Reporter unter Kontrolle beider
UTRs von Mash1 (Mus
musculus)
diese Arbeit
2.1.3 Plasmid-DNA-Präparationen
Plasmid-DNA-Präparationen wurden mit dem QIAprep Spin Miniprep Kit (QIA-
GEN) oder dem PureLink
™
HiPure Plasmid Filter Maxiprep Kit (Invitrogen
™
) nach
Herstellerangaben durchgeführt. Die DNA wurde am Schluss in nukleasefreiem Was-
ser (Gibco) aufgenommen. Die Konzentrationsbestimmung erfolgte photometrisch
bei einer Wellenlänge von 260nm.
2.1.4 RNA-Isolierung
Nach einmaligem Waschen mit
1×PBS
(Biochrom AG) wurden Zellen mit RNA-
Bee
™
(AMS Biotechnology) versetzt und nach Herstellerangaben weiter behandelt.
Dabei kam es durch Zugabe von Chloroform zur Ausbildung zweier Phasen, wobei
die RNA in der wässrigen Oberphase lokalisiert war und mithilfe von Isopropa-
nol über Nacht bei
−20◦C
gefällt wurde. Nach zweimaligem Waschen mit
70%
Ethanol wurde das RNA-Pellet in nukleasefreiem Wasser (Gibco) aufgenommen.
33
Kapitel 2 Material und Methoden
Die Konzentrationsbestimmung erfolgte photometrisch bei einer Wellenlänge von
260nm.
2.1.5 mRNA-Quantifizierung mittels Realtime-PCR
Für die Realtime-PCR mussten aus mRNA erst DNA-Templates erzeugt werden.
Dazu wurde
1µg
der RNA-Präparation mittels Reverser Transkriptase in cDNA unter
Nutzung des High Capacity cDNA Reverse Transcription Kit (Applied Biosystems)
umgeschrieben. Als Primer wurden die im Kit enthaltenen randomisierten Primer
verwendet.
20ng
der so erzeugten cDNA wurden nun in der Realtime-PCR je Ansatz einge-
setzt. Bei dieser Methode ist es durch den interkalierenden Fabstoff SYBR Green I
(Invitrogen
™
) möglich, die Menge an PCR-Produkt in Echtzeit zu messen, da die
Fluoreszenz proportional zur Menge an Komplex aus Farbstoff und doppelsträngiger
DNA zunimmt. Die quantitative Analyse einer Probe wurde in dreifach Ansätzen
mit dem GeneAMP 5700 System (Applied Biosystems) durchgeführt. Dabei wurde
für die Realtime-PCR ein fertiger Mix (Bioline) aus DNA-Polymerase, dNTPs sowie
Puffer verwendet. Spezifische Intron-überspannende Primer wurden zur Quantifi-
zierung von hASH1-mRNA benutzt, wobei entweder auf die mRNA-Menge von
GAPDH oder β-Actin nach der ΔCt Methode [187] normiert wurde.
Die verwendeten Primer (siehe Tabelle 2.3) wurden von der TIB MOLBIOL GmbH
synthetisiert.
Tabelle 2.3: Liste mit den in der Realtime-PCR eingesetzten Primern.
Primer Sequenz
hASH1 Q Fw 50-CGACTTCACCAACTGGTTCT
hASH1 Q Re 50-CCGTGAATGATTGGAGTGC
ACTB Q Fw 50-TGAAGTGGTACGTGGACATC
ACTB Q Re 50-GTCATAGTCCGCCTAGAAGC
GAPDH Q Fw 50-CACCATCTTCCAGGAGCGAG
GAPDH Q Re 50-GCAGGAGGCATTGCTGAT
2.1.6 Gesamt-Proteinpräparationen
Zellen wurden nach einmaligem Waschen mit
1×PBS
und vorsichtigem Abschaben
von den Zellkulturschalen mit Laemmli-Probenpuffer
10mM
DTT [171] versetzt. Es
34
2.1 Molekularbiologische und biochemische Arbeitsmethoden
folgte entweder ein 15-minütiges Kochen der Proben bei
95◦C
oder eine Ultraschall-
behandlung und darauf folgend ein 5-minütiges Kochen (
95◦C
) der Proben. Die
Proteinkonzentrationen wurden photometrisch bei einer Wellenlänge von
280nm
bestimmt. Eine Verdünnung der Proben für die SDS-PAGE wurde in Laemmli-
Probenpuffer mit 0,02% Bromphenolblau (Endkonzentration) durchgeführt.
2.1.7 Isolierung von cytosolischen Proteinen und
Kernproteinen
Zur getrennten Gewinnung von cytosolischen Proteinen und Kernproteinen wurden
Zellen nach einmaligem Waschen mit
1×PBS
und vorsichtigem Abschaben von den
Zellkulturschalen in doppeltem Volumen Lysepuffer (
10mM
Tris, pH 7,5;
140mM
NaCl
;
1mM
EDTA;
20%
Glucose;
0,1%
SDS;
0,5%
Nonidet P-40,
1mM
DTT;
1×
Complete Protease Inhibitor Mix (Roche Diagnostics GmbH)) auf Eis für
10min
inkubiert. Eine 10-minütige Zentrifugation bei
4◦C
und
10000×g
sorgte für die
Trennung der cytosolischen Fraktion (Überstand) von den Kernen (Pellet). Zum
Aufschließen der Kerne wurden diese mit Laemmli-Probenpuffer versetzt und in
einem Thermoschüttler bei
95◦C
für
15min
bei
1200rpm
geschüttelt. Die Konzen-
trationsbestimmung wurde photometrisch bei einer Wellenlänge von
280nm
mit
Lysepuffer bzw. Laemmli-Probenpuffer als Leerkontrolle ermittelt. Eine Verdün-
nung der Proben für die SDS-PAGE wurde in Laemmli-Probenpuffer mit
0,02%
Bromphenolblau (Endkonzentration) durchgeführt.
2.1.8 Cytosol-Isolierung mit Komplexen in nativen
Konstellationen
Um Ribosomem-besetzte mRNP-Komplexe für die Polysomengradienten-Analyse
zu gewinnen, wurden die Ribosomen mithilfe von Cycloheximid (Sigma-Aldrich
®
)
an ihren mRNAs fixiert. Dazu wurden die Zellen mit Cycloheximid (
100µg/ml
)
versetzt und
15min
bei
37◦C
inkubiert. Es folgte ein zweimaliges Waschen mit
1×PBS+100µg/ml
Cycloheximid und die Aufnahme in Cycloheximid-haltigem
Lysepuffer (
20mM
Tris, pH 7,4;
150mM
KCl;
30mM MgCl2
;
0,5%
Nonidet P40;
1mM
DTT;
100µg/ml
Cycloheximid;
1×PIC
;
200U/ml
RNaseOUT (Invitrogen
™
life technologies)). Nach 10-minütiger Lyse auf Eis wurden die Kerne über eine
10-minütige Zentrifugation bei
10000×g
und
4◦C
abgetrennt. Der Überstand konnte
nun in Polysomengradienten-Analysen eingesetzt werden. Die Konzentrationsbe-
stimmung erfolgte photometrisch bei einer Wellenlänge von 280nm.
35
Kapitel 2 Material und Methoden
2.1.9 Westernblotting und Proteinquantifizierung
30−60µg
der Protein-Präparation wurden über SDS-PAGE aufgetrennt anschlie-
ßend auf Roti
®
-PVDF Membranen (Carl Roth GmbH & Co. KG) geblottet. Für
das Blockieren wurde die Membran eine Stunde lang in
5%
Milchpulver (Carl
Roth GmbH & Co. KG) in
1×TBS-T
(
20mM
Tris,
137mM NaCl
,
0,1%
Tween 20)
inkubiert. Die anschließende Inkubation mit Primärantikörper (siehe
Tabelle 2.4
)
fand über Nacht bei
4◦C
statt. Nach dreimaligem Waschen à
10min
mit TBS-T
folgte eine einstündige Inkubation mit HRP-konjugiertem Sekundärantikörper (siehe
Tabelle 2.4
). Die Detektion erfolgte nach erneutem Waschen (wieder
3×10min
) mit
1×TBS-T
unter Zuhilfenahme des ChemiGlow West Chemiluminescence Substrate
Kits (Cell Biosciences). Hierbei wird die durch die HRP erzeugte Lichtreaktion
zur Proteinquantifizierung genutzt. Die Detektion dieser Lichtreaktion fand über
die Exposition von photosensitiven Filmen statt, wobei Amersham Hyperfilm ECL
(Amersham) verwendet wurden. Nach Scannen der Signale auf den Filmen wurden
diese mithilfe der Scion Image Software (Scion Corporation) quantifiziert.
Vor erneuter Nutzung der Blots zum Nachweis anderer Proteine wurden die Blots
erst mit entionisiertem Wasser für
5min
auf dem Schüttler gewaschen, anschließend
mit
0,2M NaOH
für
2−5min
gestrippt und daraufhin abermals mit entionisiertem
Wasser gewaschen. Nun wurden die Membranen, angefangen beim Blocken, wie
oben beschrieben weiterbehandelt. So war auch eine Normierung von im ersten
Durchlauf ermittelten Bandenintensitäten auf die Bandenintensitäten von GAPDH
oder β-Aktin als interne Beladungskontrolle möglich.
2.1.10 Polysomengradienten-Analyse
Ein kontinuierlicher Saccharose-Gradient wurde unter Verwendung einer
17%
-igen
und einer
51%
-igen Saccharoselösung in Gradientenpuffer (
20mM
Tris pH
7,4
;
150mM KCl
;
5mM MgCl2
;
1mM
DTT) mithilfe eines automatischen Mischsystems
in Polyallomer-Röhrchen aufgebaut.
200µl
einer Cytosol-Präparationen (gewonnen
wie in
Unterabschnitt 2.1.8
beschrieben) mit einer Konzentration von
10µg/µl
wurden
auf diesen Saccharose-Gradienten (17−51%) geladen.
Durch die anschließende Ultrazentrifugation bei
37000rpm
(
≈100000 ×g
) für
2h
(Beckmann L70 Ultrazentrifuge, SW-41 Rotor) wurden die Ribonukleoprotein-
Komplexe entsprechend ihrer Masse im Gradienten aufgetrennt. Diese ist abhängig
vom Beladungsgrad mit Ribosomen. Vom Boden des Zentrifugenröhrchens aus wur-
de die Gradientenlösung mittels einer Pumpe abgesaugt. Dabei wurde die Absorption
kontinuierlich bei einer Wellenlänge von 254 nm gemessen und dokumentiert. Die
36
2.1 Molekularbiologische und biochemische Arbeitsmethoden
Tabelle 2.4:
Liste der verwendeten Antikörper. Die Antikörper wurden in TBS-T mit
10%
Chemical
Blocking solution (Millipore) verdünnt auf die Blots gegeben.
Name Hersteller Verdünnung
1.Antikörper
Mouse Anti-Mash1 BD Pharmingen™,
Katalognummer: 556604 1 : 500
Anti-β-Actin
Chemicon,
Katalognummer:
MAB1501R
1 : 4000
Anti-GAPDH Acris, Katalognummer:
BM439 1 : 1500
Anti-hnRNP-E1
(PCBP1 Antibody)
Aviva Systems Biology,
Katalognummer:
ARP40630_T100
1 : 1000
Anti-hnRNP-K
Novus Biologicals,
Katalognummer:
NB100-2123
1 : 1000
Anti-TTP (Anti
ZFP-36)
Aviva Systems Biology,
Katalognummer:
ARP34385_P100
1 : 1000
2.Antikörper
goat anti-mouse Santa Cruz,
Katalognummer: sc2031 1 : 100.000
donkey anti-rabbit Santa Cruz,
Katalognummer: sc2317
1 : 50.000 bis
1 : 100.000
Gradientenlösung wurde zur weiteren Aufarbeitung in 12 Fraktionen à 1 ml unterteilt.
Die RNA der einzelnen Fraktionen wurde nun mithilfe des E.Z.N.A RNA Total Kits
(VWR International) nach Herstellerangaben isoliert, wobei die Elution der RNA
von der Säule mit nukleasefreiem Wasser (Gibco) erfolgte. Eine Quantifizierung
spezifischer mRNAs wurde nach Umschreiben in cDNA über Realtime-PCR wie
unter Unterabschnitt 2.1.5 beschrieben durchgeführt.
2.1.11 In vitro-Transkription
Im ersten Schritt wurden die Templates für die in vitro-Transkription mittels PCR
aus hASH1-UTR-tragenden TOPO
®
II-Vektoren erzeugt. Unter Nutzung des Vek-
torprimers TOPO II M13 Fw sowie jeweils spezifischen Rückprimern konnten
Amplikons erzeugt werden, die die T7-Promotorsequenz aus dem TOPO
®
II Vektor
(Invitrogen
™
) sowie die jeweilige Zielsequenz unter Kontrolle dieses Promotors
enthielten. Die in vitro-Transkription wurde mit T7-RNA-Polymerase (Promega) mit
37
Kapitel 2 Material und Methoden
den entsprechenden Amplikons nach Herstellerangaben durchgeführt.
Die so erzeugten in vitro-Transkripte wurden anschließend mit Chroma Spin
™
-100
DEPC colums (Clontech) nach Herstellerangaben aufgereinigt.
2.1.12 UV-Crosslinking
Eine Möglichkeit des Nachweises einer Wechselwirkung zwischen RNA-Bin-
dungsfaktoren und einer spezifischen RNA stellt das UV-Crosslinking dar. Hierbei
werden mit einem radioaktiven Nukleotid markierte in vitro-Transkripte erzeugt und
mit cytosolischen Extrakten (
Unterabschnitt 2.1.8
) inkubiert. Mittels UV-Licht wer-
den die Protein-RNA-Komplexe kovalent miteinander verknüpft. Ein anschließender
Verdau der RNA degradiert die Bereiche der Transkripte, die nicht mit Proteinen in
Wechselwirkung standen (siehe
Abbildung 2.1
). Nach Auftrennung in einer SDS-
PAGE sind nur Proteine, welche während des UV-Crosslinkings in direktem Kontakt
mit der RNA standen, radioaktiv makiert und können mittels eines Röntgenfilms
detektiert werden.
Die Transkripte wurden wie in
Unterabschnitt 2.1.11
beschrieben oder in Anwesen-
heit von
α32P
-U/C/A/GTP zur radioaktiven Markierung erzeugt. Für die Komplexbil-
dung wurden
3,5µl
cytosolischer Extrakt (
10µg/µl
Proteinkonzentration) mit
5,5µl
Puffer (
10mM
HEPES, pH 7,2;
3mM MgCl2
;
5%
Glycerin;
1mM
DTT;
150mM
KCl
;
2U/µl
RNaseOUT (Invitrogen
™
);
50ng/µl
Kaninchen rRNA) und
1−2ng
in vitro-Transkript (
100.000cpm
) für
30min
bei Raumtemperatur inkubiert. Die
RNA/Protein-Komplexe wurden mit UV-Licht (
255nm
,
1,6Joule
, UV-Stratalinker)
bestrahlt. Eine Behandlung mit RNase-A (
30µg/ml
Endkonzentration) und RNase-T1
(
750U/ml
Endkonzentration) für
1h
bei
37◦C
folgte. Die Ansätze wurden mit Lade-
puffer (Roti
®
-Load 1, Carl Roth GmbH & Co. KG) versetzt und per SDS-PAGE
aufgetrennt. Nach der Elektrophorese wurden die Gele für
30min
in Fixierungs-
Lösung (
10%
Essigsäure,
10%
Methanol) fixiert und anschließend auf einem Filter
getrocknet. Die Signale wurden über das Phospho-Imager-System (Fujifilm FLA-
3000) sowie durch Exposition von Filmen (Kodak Biomax MR-1) dokumentiert.
2.2 Zellkultur
2.2.1 Zelllinien und Kultivierung
Die humane Neuroblastoma-Zelllinie Kelly (ACC 355) wurde von der DSMZ (Deut-
sche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH) bezogen. Die Kultur
38
2.2 Zellkultur
Abbildung 2.1:
Vereinfachte Darstellung des Prinzips des Crosslinkings. Radioaktiv markierte
Transkripte werden mit cytosolischen Extrakten inkubiert. Nach der Komplexbildung werden
RNA sowie RNA-Bindungsproteine mittels UV-Licht kovalent miteinander verknüpft. Nach einem
anschließenden Verdau der RNA können Proteine die mit der RNA (in der Abbildung rot dargestellt)
interagierten, radiographisch detektiert werden. Proteine ohne direkte Wechselwirkung mit der
RNA bleiben auch nach dem Crosslinking unmarkiert (grün dargestellt).
der Zellen fand in
6cm
- und
10cm
-Zellkulturschalen (TPP Techno Plastic Products
AG) oder auf 96-Well Platten (
μ
Clear Platte 96K, Greiner BIO-ONE GmbH) bei
37◦C und 5% CO2statt. Als Wachstums-Medium diente RPMI-Medium (PAA La-
boratories GmbH) mit
10%
fetalem Kälberserum (Biochrom AG, Katalognummer:
S0115) sowie
100U/ml
Penicillin,
100µg/ml
Streptomycin und
1%
Glutamat (Invi-
trogen
™
). Die Zellen konnten bis zu einer Konfluenz von
80−90%
wachsen und
wurden dann je nach Anforderung unterschiedlich stark gesplittet. Zudem wurden
die Zellen höchstens bis zur 50. Passage verwendet.
Die Zellen je einer
10cm
-Zellkulturschale (mit einer Konfluenz von etwa
80%
)
wurden für je eine Kryokultur geerntet und in
1ml
Kryomedium (RPMI +
20%
fetalem Kälberserum +
10%
DMSO) langsam auf
−80◦C
heruntergekühlt und
anschließend in flüssigem Stickstoff gelagert.
39
Kapitel 2 Material und Methoden
2.2.2 Primäre Zellen
Zur Gewinnung von primären Neuronen wurden Ratten gemäß der Erlaubnis (LaGe-
So, 0122/07) vom Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische
Sicherheit Berlin und in Übereinstimmung mit den Richtlinien der Europäischen
Union getötet. Dabei wurden Kortex-Zellen von E19 Wistar Ratten wie von Eichler
et al. [74] für Hippocampus-Zellen beschrieben präpariert und in mit B27 (Gibco
®
)
und
1%
fetalem Kälberserum supplementiertem Neurobasal Medium (Gibco
®
) für
acht Tage kultiviert [34].
2.2.3 Immunfluoreszenz
In Kortex-Zellkulturen von E19 Wistar Ratten wurde Mash1 mithilfe von Mouse
Anti-Mash1 (1:500, BD Pharmingen
™
) sowie mit Tetramethylrhodaminisothio-
cyanat-gekoppeltem Zweitantikörper (Jackson ImmunoResearch Laboratories) sicht-
bar gemacht. Dazu wurden die Neurone auf Deckgläschen kultiviert und mit einer
Eis-gekühlten Mischung aus
4%
Paraformaldehyd und
4%
Saccharose in PBS für
15min
bei Raumtemperatur fixiert. Nach dreimaligem Waschen mit PBS wurden
die Deckgläschen über Nacht in PBS/Gelatine bei
4◦C
inkubiert. Die Deckgäschen
wurden mit Erst- und Zweitantikörper jeweils für
1h
und
45min
inkubiert. Zwischen
den Antikörper-Inkubationen wurden die Deckgläschen viermal mit PBS/Gelatine
gewaschen. Die Deckgläschen wurden dann auf Objektträgern angebracht und DAPI-
enthaltendes Vectashield Medium (Vector Laboratories) zur Sichtbarmachung der
Zellkerne eingesetzt.
Die Quantifizierung des Mash1-Fluoreszenssignals wurde über Intensitätsmessungen
innerhalb kreisförmiger Bereiche von Interesse (
5µm
im Durchmesser) durchgeführt.
Die Hintergrund-Fluoreszenz (Rauschen) wurde entsprechend bestimmt, wobei je-
doch Zell-freie Bereiche von Interesse gewählt wurden. Zur erleichterten Darstellung
der Messwerte wurden die ursprünglichen Signalintensitäten (von 0 bis 255 reichend,
wobei „0“ für starke Lichtintensität (weiß) und „255“ für schwache Lichtintensität
(schwarz) steht) vom Wert 255 abgezogen, so dass höhere Werte nun für eine erhöhte
Lichtintensität stehen.
2.2.4 Stimulierung der Zellen
Die Chemikalien für die Stimulationsversuche an den Zellen wurden in Ethanol
oder DMSO gelöst, so dass mindestens eine 1:1000 Verdünnung in den Kulturme-
dien für die Inkubation der Zellen vorlag. Kontrollzellen wurden in den jeweiligen
40
2.2 Zellkultur
Lösungsmitteln für die gleichen Zeiträume inkubiert. Kelly-Zellen hatten bei Sti-
mulierung mindestens eine Konfluenz von
50%
. Sollte der PMA-Einfluss unter
Bedingungen der Proteinkinase C-Inhibition getestet werden, so wurden die Zellen
vor PMA-Inkubation einer 4-stündigen Präinkubation mit Staurosporin (
40nM
, Sig-
ma Aldrich
®
) bzw. GF109203X (
5µM
, Sigma Aldrich
®
) sowie zur Kontrolle dem
Proteinkinase A-Inhibitor KT-5720 (2µM, Enzo Lifesciences GmbH) ausgesetzt.
Die Anfangs-Zelldichte der primären Kortex-Zellen betrug
68000/cm2
. Die 6-
stündige Inkubation mit PMA (Sigma Aldrich
®
) wurde am zweiten Tag in vitro
durchgeführt.
2.2.5 Transfektion
Zur transienten Transfektion von Zellen mit den Reportergen-Konstrukten wurde das
Liposomen-basierte System Roti
®
-Fect (Carl Roth GmbH & Co. KG) nach Herstel-
lerangaben verwendet. Hierbei wurden für je
3µg
eingesetzter DNA-Gesamtmenge
10µl
Roti
®
-Fect Reagenz zur Komplexbildung (
20min
) eingesetzt. Die Zellen wur-
den mit dem Transfektionsmix für mindestens 6h inkubiert, wonach ein Austausch
mit frischem Medium folgte.
Als alternative Methode wurde Magnetofection
™
-PolyMag (OZ Biosciences) nach
Herstellerangaben verwendet. Hierbei bildet die Nukleinsäure mit magnetischen
Partikeln Komplexe. Diese Komplexe werden dann mithilfe eines Magneten auf
die Zellen gezogen, so dass es schon nach kurzer Zeit zu einer starken Aufkonzen-
trierung der zu transfizierenden DNA an den Zellen kommt. Für die 30-minütige
Komplexbildung wurden
10µl
PolyMag je
µg
eingesetzter DNA verwendet. Nach
20-minütiger Inkubation der Zellen mit den Nukleinsäurekomplexen erfolgte ein
Austausch des Mediums.
2.2.6 Reportergenassay
Im Reportergenassay werden die Auswirkungen auf die Expression eines Lucifera-
sereportergens, welches jeweils unter Kontrolle des hASH1-Promotors oder der
UTRs sowie verschiedenen Deletionsvarianten der UTRs steht, beobachtet. Das
Luciferasegen stammt vom Leuchtkäfer Photinus pyralis (siehe Abbildung 3.2 auf
Seite 47). Dieser nutzt die von der Luciferase erzeugte Biolumineszenz in der Natur
zum Auffinden von Paarungspartnern. Das Enzym katalysiert dabei eine Oxidation
von Luciferin zu Oxyluciferin, wobei elektronisch angeregte Zwischenstufen erzeugt
werden, die beim Fall auf ihren Grundzustand Energie in Form von Lichtquanten
emittieren (siehe Abbildung 2.2) [107].
41
Kapitel 2 Material und Methoden
Die Menge an gebildeter Luciferase lässt sich nun über die Stärke des emittierten
Lichts ableiten und kann als Maß für die Aktivität des Promotors und der UTRs
von hASH1 unter den gegebenen Bedingungen dienen. Da bei den UTR-abhängigen
Reportergenassays in den Reportervektoren ein konstitutiver Promotor vorlag, konnte
nach Normierung auf den Kontrollvektor, der nur denselben konstitutiven Promotor
nicht aber die UTRs enthielt, direkt auf den UTR-Einfluss rückgeschlossen werden.
Abbildung 2.2:
Funktionsweise des Reportergenassays. Kelly-Zellen werden mit Reportergenvek-
toren transfiziert und bilden je nach Stimulus mehr oder weniger Luciferase als Kontroll-Zellen.
Dieses äußert sich in veränderten Lichtintensitäten in der durch die Luciferase katalysierten
Lichtreaktion.
Für die Reportergenassays wurden Kelly-Zellen auf 96-Well Platten (
μ
Clear Platte
96K, Greiner BIO-ONE GmbH) überführt und darin für
24h
kultiviert. Es folgte
eine Transfektion mit
100ng
Reporterkonstrukt sowie mit
175ng
Renilla Luciferase
Vektor phRL-TK (Promega) je Well wie in
Unterabschnitt 2.2.5
beschrieben. Die
Renilla-Luciferase diente als Kontrolle für die Transfektionseffizienz (bzw. gege-
benenfalls für die Zelldichte). Da die Renilla-Luciferase ein anderes pH-Optimum
besitzt sowie ein anderes Substrat umsetzt, können mit aufeinanderfolgend zugegebe-
nen Substrat-Puffer-Lösungen (PJK GmbH) die Lichtreaktionen der verschiedenen
Luciferasen nacheinander gemessen werden. So lässt sich die Lichtintensität der
Firefly-Reaktion durch Normierung auf die Lichtintensität der Renilla-Reaktion
vom Einfluss der Transfektionseffizienz befreien, so dass sich die Streubreite der
Messwerte verringert.
24−48h
nach der Transfektion der Zellen folgte die Inkubation der Zellen mit den
Stimuli bzw. den erniedrigten Sauerstoffbedingungen. Danach wurden die Zellen
mithilfe von Passive Lysis 5X Buffer (Promega) lysiert. Die anschließende Detektion
der Luciferseaktivitäten wurde in einem Luminometer (Labsystems Luminoscan RS),
programmiert mit institutseigener Software (Luminoscan-RalfII, Dr. Ralf Mrowka),
42
2.2 Zellkultur
durchgeführt.
2.2.7 mRNA-Stabilitätsassay
Zur Überprüfung der mRNA-Stabilität in Zellen die zuvor mit oder ohne PMA
kultiviert wurden, wurde die weitere Transkription in den Zellen per Actinomycin
D (
5µg/ml
Endkonzentration im Kulturmedium, Sigma-Aldrich
®
) unterbunden und
nach verschiedenen Zeitpunkten der Actinomycin D-Inkubation die RNA der Zellen
isoliert (in Unterabschnitt 2.1.4 beschrieben).
Nach Quantifizierung über Realtime-PCR (in
Unterabschnitt 2.1.5
beschrieben)
konnten so für spezifische mRNAs Abbaukinetiken (unter PMA sowie ohne PMA)
erstellt werden. Da durch Actinomycin D die mRNA-Neusynthese blockiert wur-
de, repräsentiert die Abnahme an mRNA die Abbaurate unter den vorliegenden
Bedingungen.
2.2.8 Protein-Stabilitätsassay
Um die Proteinstabilität zu testen, wurde die Translation in Zellen, die zuvor mit
oder ohne PMA inkubiert wurden, mit Cycloheximid (
20µg/ml
Endkonzentration im
Kulturmedium, Sigma-Aldrich
®
) gestoppt. Nach verschiedenen Zeitpunkten wurden
Gesamt-Proteinpräparationen durchgeführt (beschrieben in
Unterabschnitt 2.1.6
)
und Proteinmengen per SDS-PAGE und anschließendem Westernblotting bestimmt
(beschrieben in
Unterabschnitt 2.1.9
). Durch die blockierte Protein-Neusynthese
ist die Protein-Abnahme auf die Abbaurate unter den vorliegenden Bedingungen
zurückzuführen.
2.2.9 Bioinformatische Sequenzanalysen
Zur Sequenzanalyse wurden im Netz frei zugängliche Programme genutzt. Dabei
wurden die Sequenzen von Interesse entweder der Bibliothek des National Center for
Biotechnology Information (
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/
) oder der Biblio-
thek des Ensemble Genome Browsers (
http://www.ensembl.org/index.html
)
entnommen. Die Überprüfung der UTRs hinsichtlich enthaltener cis-Elemente fand
mit BIG Staff UTRscan (
http://itbtools.ba.itb.cnr.it/utrscan
) statt. Zur
Untersuchung der UTRs auf konservierte Sequenzen wurde die BLAT-Suche des
UCSC Genome Browser (http://genome.ucsc.edu/) verwendet.
43
Kapitel 2 Material und Methoden
2.3 Statistik
Die im Folgenden präsentierten Ergebnisse beruhen auf mindestens zwei Versuchs-
serien mit jeweils drei unabhängigen Einzelproben. Dabei wurden die Ergebnisse als
Mittelwerte
±
Standardabweichung dargestellt. Die statistische Signifikanz wurde
unter Verwendung eines 2-seitigen Student’schen t -Testes berechnet (dabei bedeuten:
*p<0,05; ** p<0,01 und *** p<0,001).
44
3 Ergebnisse
3.1 Analyse der hASH1-UTRs nach
cis-Elementen
Die hASH1-UTRs sind mit
559nt
(
50
-UTR) und
1197nt
(
30
-UTR) auffällig lang, da
durchschnittliche Längen für die
50
-UTR
300nt
und für die
30
-UTR
770nt
betragen
[172]. Zur Untersuchung der hASH1-UTRs nach cis-Elementen wurde ein im Netz
verfügbares Programm (BIG Staff UTRscan (
http://itbtools.ba.itb.cnr.it/
utrscan
) genutzt [111, 211, 251, 210, 250, 248]. Hierbei wurden sowohl die
50
-
als auch die
30
-UTR nach Sequenzmotiven durchsucht, welche schon mit einer
regulativen Funktion beschrieben wurden. Dabei wurden in der
50
-UTR eine als
TOP-Motiv (engl.
50
-terminal oligopyrimidine) bezeichnete und in der
30
-UTR drei
als DICE-Elemente (Differenzierungskontroll-Element) bezeichnete putative cis-
Elemente offenbart. Zudem fand sich in der
30
-UTR ein IRES-Element (Ribosomen-
Bindungsstellen). Getestet wurden 30 cis-Elemente1.
Befund der 30-UTR (Länge: 1197nt)
15-LOX-DICE seq: [177,193]: CCCCATCGCC AACT AAG
seq: [431,448]: CCCCGCCCTTT CTTA AAG
seq: [499,513]: CCCCACCCCA AT AAG
IRES
seq: [1102,1197]:TCTTAC TGTTTT ATTAC AA ACTTA
CAAAAA TATGT ATAAC CCTGT TTTAT ACAAA CTAGT
TTC GTAATA AAAC TTTTT CCTTTTTT TAAAA TGAAA
Befund der 50-UTR (Länge: 559nt)
TOP seq: [1,6] : C TTCT G
1
Getestete cis-Elemente: Histone
30
-UTR stem-loop structure, IRE, SECIS-1, SECIS-2, APP, CPE,
TGE, NANOS_TCE, 15-LOX-DICE, ARE2, TOP, Glut1, TNF, VIMENTIN, IRES, MSL2-5UTR,
MSL2-3UTR, BRE, ADH_DRE, BYDV, Proneural-Box, K-Box, Brd-Box, GY-Box, Androgen-
Receptor, Elastin G3A, Insulin
30
-UTR stability, Beta-actin
30
-UTR zipcode, Gap-43 stabilization
element, Dendritic localization element
45
Kapitel 3 Ergebnisse
Eine weitere Untersuchung der UTRs hinsichtlich konservierter Sequenzen erfolgte
mithilfe einer BLAT-Analyse (engl. BLAST-Like Alignment Tool) unter Nutzung des
UCSC Genome Browsers (
http://genome.ucsc.edu/
) [257, 291, 26, 52, 283].
Sequenzen von Bedeutung für eine Regulation oder auch kodierende Sequenzen
zeichnen sich häufig durch eine stärkere Konserviertheit zwischen verschiedenen
Spezies gegenüber Abschnitten ohne eine solche Bedeutung aus, da hier eingeführte
Mutationen größere negative Auswirkungen auf den Organismus haben können.
Dementsprechend sind regulatorisch wichtige Sequenzen innerhalb der UTRs eher
unter den konservierten Abschnitten zu vermuten. Allerdings werden Sequenzen,
die nur von Bedeutung für die Spezies-spezifische Regulation sind, bei diesem
Ansatz nicht erfasst. Die BLAT-Analyse der hASH1-UTRs zeigte jedoch auch einige
konservierte Bereiche, die insbesondere mit dem für die
30
-UTR ungewöhnlichen
IRES-Motiv überlagerten (siehe Abbildung 3.1).
Abbildung 3.1:
BLAT-Analyse unter Nutzung des UCSC Genome Browsers (
http://genome.
ucsc.edu/
). Eine höhere Konserviertheit einer Base ist hier durch einen stärkeren Auschlag über
dem UTR-Bereich dargestellt. Die durch BIG Staff UTRscan (
http://itbtools.ba.itb.cnr.
it/utrscan
) gefundenen Motive sind in den UTR-Bereichen eingezeichnet. Die Balken über den
Strahlen zur Darstellung des Konservierungsgrades stellen Längenmaßstäbe dar.
3.2 Screening nach Stimuli mit Einfluss auf die
hASH1-UTRs
Die Zielstellung dieser Arbeit war die Untersuchung der posttranskriptionellen
Kontrolle der hASH1-Expression. Die posttranskriptionelle Regulation beruht meist
auf Interaktionen von RNA-bindenden Faktoren mit Motiven auf der mRNA. Da
sich diese Motive vornehmlich in den untranslatierten Regionen (UTR) der mRNAs
befinden, wurde in einem ersten Schritt nach Bedingungen gesucht, die in der Lage
46
3.2 Screening nach Stimuli mit Einfluss auf die hASH1-UTRs
sind die hASH1-Expression UTR-vermittelt zu modulieren. Zu diesem Zweck sollten
verschiedene Stimuli im Reportgenassay mithilfe eines hASH1-UTR-Konstrukts
getestet werden.
3.2.1 Aufbau des Reporterkonstrukts
Das im Reportergenassay einzusetzende Konstrukt (pGL3p-hASH1-
50
-UTR-Luc-
30
-
UTR) enthielt den konstitutiv aktiven viralen SV40-Promotor sowie ein Luciferase-
Reportergen unter Kontrolle der hASH1-
50
-UTR und
30
-UTR (siehe
Abbildung 3.2
).
Dabei diente der pGL3-promoter Vektor (Promega) als Ausgangsplasmid und wurde
im Folgenden als Kontrollvektor verwendet.
Abbildung 3.2:
Schematische Darstellung des hASH1-UTR-Konstrukts (pGL3p-hASH1-
50
-UTR-
Luc-
30
-UTR). Ausgangsvektor war der pGL3-promotor Vektor (Promega) mit Luciferase-
Reportergen vom Leuchtkäfer unter Kontrolle des konstitutiven SV40-Promotors. Für das hASH1-
UTR-Konstrukt wurden die Vektor-eigenen UTRs durch die UTRs von hASH1 ausgetauscht [83].
Das Bild des Leuchtkäfers wurde Wikipedia entnommen.
Im Reportergenassay werden Zellen transient mit UTR-Reporterkonstrukten sowie
dem Ausgangsvektor als Kontrolle transfiziert. Nach einer definierten Zeit für die
Expression sowie der Inkubation mit bzw. ohne Stimulus werden die Zellen lysiert
und mit einem Überschuss an Luciferin versetzt. Die Intensität des so entstehenden
Lichtsignals ist nun von der Menge an erzeugter Luciferase abhängig und gibt somit
Aufschluss über die durch den Promotor und die UTRs bedingte Stärke der Expressi-
on unter den gegebenen Bedingungen (siehe
Abbildung 3.2
). Um etwaige gemessene
Einflüsse auf den Promotor nicht fälschlicherweise den UTRs zuzuschreiben, wurde
in jeder Serie auf den Ausgangsvektor normiert, der den Luciferase-Reporter nur
unter Kontrolle des SV40-Promotors nicht aber der hASH1-UTRs enthielt.
47
Kapitel 3 Ergebnisse
3.2.2 Screening im Reportergenassay
Da hASH1 in der neuronalen Entwicklung bzw. in der Differenzierung zu Neuronen
eine wichtige Rolle spielt, wurde als Zellmodell die Neuroblastoma-Zelllinie Kelly
gewählt. Neuroblastomzellen sind entartete Zellen, die noch verschiedene Eigen-
schaften von neuronalen Vorläuferzellen aufweisen. So zeichnen sich Kelly-Zellen
durch eine konstitutive hASH1-Expression aus und scheinen somit über ein intaktes
hASH1-Gen sowie ein zur hASH1-Expression nötiges Set an Faktoren zu verfügen.
Nach Transfektion mit dem oben beschriebenen UTR-Konstrukt (pGL3p-hASH1-
50
-
UTR-Luc-
30
-UTR) wurden die Zellen mit verschiedenen Substanzen für
48h
inku-
biert. Die hierbei getesteten Substanzen wurden mit verschiedenen Zellreaktionen
beschrieben. So vermitteln Dopamin und Adenosin ihre Wirkung über spezifische
Rezeptoren in der Zellmembran. Dabei wurden für Dopamin bisher fünf und für Ade-
nosin vier verschiedene Rezeptoren identifiziert. Diese liegen G-Protein-gekoppelt
vor und können, abhängig von der Beschaffenheit des G-Proteins, über eine Akti-
vierung oder Inhibition von Adenylatcyclase eine Änderung des cAMP-Spiegels
innerhalb der Zelle bewirken. Dieser wiederum kann z.B. über cAMP-abhängige
Proteinkinasen die Aktivität verschiedener anderer Proteine beeinflussen. Zudem
können noch weitere Wirkungen, wie beispielsweise die Aktivierung von Phospholi-
pase C oder Ionenkanälen in der Zellmembran, durch diese Rezeptoren vermittelt
werden [264, 18, 89]. Das Diterpenoid Forskolin dagegen wirkt nicht über einen Re-
zeptor, sondern direkt über eine Anlagerung an das cytosolisch gelegene katalytische
Zentrum von Adenylatcyclase. Die damit verbundene Aktivierung dieses Enzyms
führt ihrerseits zu einer Anhebung des cAMP-Spiegels [62, 4].
Ascorbinsäure wird über spezifische Transporter in das Zellinnere transportiert [317,
276]. Da Ascorbinsäure einen Elektronendonor darstellt und reaktive Sauerstoffs-
pezies (ROS) reduziert, nimmt man an, dass es Reaktionen in der Zellkultur, wie
beispielsweise die Aktivitätsänderung einiger Transkriptionsfaktoren, vornehmlich
über eine Änderung des Redoxstatus der Zellen hervorruft [71, 271, 38, 203, 64, 169,
5, 7, 346]. Da es jedoch aufgrund von Verunreinigungen mit Spuren an katalytisch
wirksamen Übergangsmetallen in den Kulturmedien zu einer Autooxidation von
Ascorbinsäure kommt, könnten beobachtete Reaktionen aber ebenso auf das bei
dieser Autooxidation gebildete Wasserstoffperoxid zurückzuführen sein [37, 119].
Phorbolester wie PMA stellen 1,2-Diacylglycerol-Analoga dar und wurden schon
mit verschiedenen Zellantworten in Verbindung gebracht, wie beispielsweise Sti-
mulierung von Proliferation, Förderung von Tumorwachstum, Differenzierung oder
Apoptose. Als 1,2-Diacylglycerol-Analoga wirken sie vornehmlich über eine Akti-
vierung von Proteinkinase C [186, 158, 102, 123, 54, 223, 328, 36, 103, 104].
Kobaltchlorid und 2,2-Dipyridyl (2,2-DP) wirken als Hypoxie-Mimetika. Bei der
48
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
zellulären Antwort auf Hypoxie spielt der heterodimere Transkriptionsfaktor HIF
(Hypoxie-induzierbarer Faktor) eine essentielle und bedeutende Rolle [81, 325, 285].
Die alpha-Untereinheit dieses Faktors wird während normoxischer Bedingungen
unter Mitwirkung von Prolylhydroxylasen (PHDs) und dem Von-Hippel-Lindau Pro-
tein (pVHL), dem Bestandteil eines E3-Ubiquitin-Ligase Komplexes, fortwährend
proteasomal abgebaut [202, 55]. Zudem sorgt die Asparaginhydroxylase FIH (engl.
factor inhibiting HIF) unter normoxischen Bedingungen zusätzlich zu einer Verrin-
gerung der transkriptionellen Aktivität von HIF [195, 75, 174]. Unter hypoxischen
Bedingungen hingegen bleibt der Abbau der alpha-Untereinheit aus, so dass der
dimere Transkriptionsfaktor seine Tätigkeit bei der Expression von Genen, die unter
Sauerstoffmangel benötigt werden, aufnehmen kann [184, 81, 45]. Die Hypoxie-
Mimetika täuschen der Zelle hypoxische Bedingungen u.a. vor, indem sie in die
soeben beschriebenen Prozesse eingreifen. So führen Eisenchelatoren wie 2,2-DP
zu einer intrazellulären
Fe2+
-Verknappung. Da
Fe2+
u.a. ein wichtiger Kofaktor der
PHDs und FIH ist, bleibt in diesem Fall offenbar der Abbau bzw. die transkriptionelle
Inhibition von HIF aus [342, 282]. Der Wirkmechanismus von Kobaltchlorid wird
ebenfalls mit einer Inaktivierung der PHDs in Verbindung gebracht. So nimmt man
an, dass
Co2+
die Eisen-Bindungsstelle im aktiven Zentrum der Enzyme besetzt,
ohne jedoch im Stande zu sein, die entsprechenden Enzymreaktionen zu katalysieren
[76]. Auch scheint
Co2+
in der Lage zu sein an die alpha-Untereinheit von HIF zu
binden und dabei ihre Interaktion mit pVHL zu stören [342].
Drei der getesteten Substanzen zeigten eine Veränderung der Reportergenexpressi-
on gegenüber der Kontrolle (siehe
Abbildung 3.3
). PMA sowie Kobaltchlorid und
2,2-DP führten dabei zu einer Halbierung oder noch stärkeren Herabsetzung der Luci-
feraseaktivität. Die weiteren getesteten Substanzen zeigten hingegen keinen Einfluss
auf die hASH1-UTR-kontrollierte Reportergenaktivität (siehe Abbildung 3.3).
Der PMA- sowie der Hypoxie-Einfluss auf die posttranskriptionelle Kontrolle der
hASH1-Synthese sollen im Folgenden ausführlich nacheinander behandelt werden.
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die
hASH1-Expression
Da PMA schon in anderen Zelllinien neuronalen Ursprungs Differenzierungspro-
zesse auszulösen vermochte [231] und hASH1 u.a. bei Differenzierungsvorgängen
eine entscheidende Rolle spielt, sollte im Folgenden dieser Aspekt sowie zugehörige
Mechanismen untersucht werden.
49
Kapitel 3 Ergebnisse
Abbildung 3.3:
Screening nach Substanzen mit dem Vermögen die hASH1-UTR vermittelte Re-
portergenaktivität zu verändern. Gezeigt ist eine Auswahl der getesteten Stimuli bzw. Inhibitoren.
Kelly-Zellen wurden dafür mit dem hASH1-UTR-Konstrukt transfiziert und anschließend für
48h
mit verschiedenen Substanzen (
100nM
PMA;
100nM
Forskolin;
100nM
Adenosin;
50nM CoCl2
;
100nM
2,2-DP;
100nM
Ascorbinsäure;
100nM
Dopamin) inkubiert. Dabei zeigten PMA,
CoCl2
und 2,2-DP eine deutliche Reduzierung der Repotergenaktivität im Vergleich zur Reportergenakti-
vität von Kontroll-Zellen (nur mit den Lösungsmitteln EtOH, DMSO oder H2O behandelt).
3.3.1 Die Wirkung von PMA im Reportergenassay ist
konzentrationsabhängig
Zur Überprüfung, ob die im Screening eingesetzte Konzentration optimal für den
Effekt war, wurden Kelly-Zellen nach Transfektion mit den Reporterkonstrukten
mit verschiedenen PMA-Konzentrationen für
48h
inkubiert. Dabei zeigte sich eine
Konzentrationsabhängigkeit des PMA-Einflusses mit der stärksten Herabregulation
der hASH1-UTR-vermittlten Reportergen-Expression bei einer PMA-Konzentration
von
40nM
auf unter
30%
bezogen auf die Kontrolle (siehe
Abbildung 3.4
). Die im
Screening getestete Konzentration von
100nM
zeigte einen starken Einfluss mit
einer Herabregulation auf etwa
40%
, so dass im Weiteren nur noch diese beiden
PMA-Konzentrationen eingesetzt wurden. Diese PMA-Konzentrationen entsprechen
denen, welche üblicherweise in Zellkulturexperimenten verwendet wurden.
3.3.2 PMA erniedrigt die hASH1-mRNA-Menge
Um die im vorangegangen Reportergenmodell gemachten Beobachtungen zu über-
prüfen, wurde getestet, ob unter PMA die hASH1-mRNA-Menge ebenfalls zu-
rückgeht. Dazu wurden Kelly-Zellen für unterschiedlich lange Perioden mit PMA
50
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.4:
Dosis-Wirkungs-Beziehung von PMA im Reportergenassay mit dem hASH1-UTR-
Konstrukt (pGL3p-hASH1-
50
-UTR-Luc-
30
-UTR). Dazu wurden Kelly-Zellen mit dem Vektor
transfiziert und mit unterschiedlichen Konzentrationen an PMA für
48h
inkubiert. PMA zeigte
dabei bei einer PMA-Konzentration von 40nM die stärkste Abschwächung des Reportersignals.
inkubiert. Anschließend wurde die Gesamt-RNA der Zellen isoliert und in cDNA
umgeschrieben. Diese cDNA diente in der sich anschließenden Realtime-PCR als
Template für die Quantifizierung der hASH1-mRNA.
Der Eindruck, dass PMA einen negativen Einfluss auf die hASH1-Expression ausübt,
konnte auch auf Ebene der mRNA bestätigt werden. So zeigte sich, dass die hASH1-
mRNA unter PMA schon nach
3h
auf unter die Hälfte der mRNA-Menge der
Kontroll-Zellen herab-reguliert wird. Die hASH1-mRNA-Menge ging nach
6h
unter
PMA sogar auf etwa
1/5
verglichen mit der Kontrolle zurück, erholte sich dann aber
wieder auf über 50% nach 48h (siehe Abbildung 3.5).
3.3.3 PMA erniedrigt die hASH1-Protein-Menge
Als wichtige Überprüfung musste sich nun noch zeigen, ob sich PMA auch auf der
hASH1-Proteinebene auswirkt. Dazu wurden von Kelly-Zellen, nach unterschiedlich
langen Inkubationszeiten mit PMA, Protein-Präparationen hergestellt. Diese wurden
dann per SDS-PAGE aufgetrennt und nach Western-Blotting mittels spezifischer
Antikörper detektiert.
Hier zeigte sich deutlich, dass hASH1 unter PMA herabreguliert wird. So geht die
hASH1-Proteinmenge schon nach
3h
auf unter
50%
der Kontrolle zurück. Jedoch
fand hier im Gegensatz zu den mRNA-Daten über den gesamten getesteten Zeitraum
51
Kapitel 3 Ergebnisse
Abbildung 3.5:
Zeitlicher Verlauf der hASH1-mRNA-Menge in Kelly-Zellen nach Inkubation mit
PMA (
100nM
) verglichen mit Kontrollzellen ohne PMA-Behandlung. Als interner Marker für die
in der Realtime-PCR eingesetzte Gesamt-cDNA-Menge wurde hier auf GAPDH normiert (eine
ebenfalls durchgeführte Normierung auf β-Aktin führte zu vergleichbaren Ergebnissen).
eine sukzessive Abnahme der hASH1-Proteinmenge statt, so dass nach
48h
nur noch
etwa
1/5
der hASH1-Proteinmenge verglichen mit Zellen ohne PMA-Behandlung
nachweisbar waren (siehe Abbildung 3.6).
Ob der beobachtete PMA-Einfluss möglicherweise einen nur auf Neuroblastoma-
Zellen begrenzten Effekt darstellt, sollte eine Überprüfung in primären Zellen klä-
ren. Hierzu wurde Mash1 in primären Kortex-Zellen von E19 Ratten in situ mit
Antikörper-gekoppeltem Fluoreszenzfarbstoff angefärbt. Dabei zeigte sich, dass
Mash1 in den Kortex-Zellen nach zwei Tagen in vitro-Kultivierung exprimiert wird
und PMA die Mash1-Fluoreszenzintensität deutlich senkte (siehe
Abbildung 3.7
A und B). Unter Kontrollbedingungen zeigte die Mash1-Expression eine zellulä-
re Heterogenität die unter PMA-Behandlung nicht zu beobachten war (Standard-
abweichung in
Abbildung 3.7
C). Zudem ließ sich der Dendriten-Marker MAP2
(engl. microtubule-associated protein 2) unter PMA-Einfluss verstärkt nachweisen
(
Abbildung 3.7
D). Aus dem MAP2 Gen gehen verschiedene Spleißvarianten hervor.
Man nimmt von diesen Proteinen an, dass sie über ihre Mikrotubuli-stabilisierende
Aktivität eine Rolle bei Regulation der Mikrotubuli-Netzwerke in den Dendriten
von Neuronen spielen [60]. Da ihre Expression in neuronalen Vorläuferzellen nur
schwach, aber einen Tag nach der Expression der Neuronen-spezifischen Tubulin-
Isoform III
β
stark, ausgeprägt ist, wird MAP2 als sensitiver und spezifischer Marker
für reife Neuronen eingesetzt [209, 261].
52
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.6:
Zeitlicher Verlauf der hASH1-Proteinmenge in Kelly-Zellen nach Inkubation mit
PMA (100nM). Eine repräsentative Originaldarstellung wird in (B) gezeigt.
Eine Westernblot-Analyse bestätigte diese Ergebnisse. Hierzu wurden Kelly-Zellen
und zum Vergleich primäre Kortex-Zellen aus der Ratte mit PMA für
6h
inkubiert.
Hierbei konnte eine vergleichbare Abnahme vom Nagerhomolog Mash1 auf Protein-
Ebene beobachtet werden (siehe Abbildung 3.8).
3.3.4 Zeitlicher Vergleich des Verhaltens von
hASH1-Promotor und -UTRs im Reportergenassay
Inwieweit bei der Herabregulation von hASH1 der Promotor involviert ist, sollte eine
Aufklärung des zeitlichen Ablaufs der Reportergen-Aktivität von UTR-Konstrukt
(pGL3p-hASH1-
50
-UTR-Luc-
30
-UTR) im Vergleich zu einem hASH1-Promotor-
Konstrukt (p251) in Kelly-Zellen zeigen. Dieses Promotor-Konstrukt besitzt an Stelle
des SV40-Promotors des Kontrollvektors (ohne hASH1-UTRs) eine
1,4kb
lange
53
Kapitel 3 Ergebnisse
Abbildung 3.7:
Mash1-Immunofluoreszenz in primären Kortex-Zellen der Ratte. (A) Mash1 ließ sich
in Kontrollzellen nach zwei Tagen in vitro-Kultivierung nachweisen. (B) Unter PMA-Behandlung
ging die Mash1-Fluoreszenzintensität der Zellen zurück. (C) Die quantitative Analyse der Fluores-
zenzintensitäten zeigte bei PMA-behandelten Zellen in etwa eine Halbierung. Hierbei werden stei-
gende Fluoreszenzintensitäten durch steigende Werte wiedergegeben. Die Hintergrund-Fluoreszenz
(Rauschen) war bei unbehandelten und PMA-behandelten Zellen identisch. Die Standartabwei-
chung (SD) diente als Maß für die zelluläre Heterogenität der Mash1-Expression. (D) Zudem
wurde der Dendriten-Marker MAP2 bei Zellen unter PMA-Einfluss verstärkt gebildet. Zur Kennt-
lichmachung der Zellkerne (A,B) sowie zur Normierung der MAP2-Mengen (D) wurde DAPI
(4´,6-Diamidin-2-phenylindol) eingesetzt.
54
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.8:
Vergleich der Proteinmengen von hASH1 in Kelly-Zellen und Mash1 in primären
Kortex-Zellen (Ratte) nach 6-stündiger Inkubation mit PMA (20nM).
stromaufwärts des Translationsstarts gelegene Sequenz der hASH1-Promotorregion.
Dabei zeigte sich, dass während beim UTR-Konstrukt schon nach
12h
eine deutliche
Reduzierung des Reporter-Signals gegenüber dem Kontrollvektor zu beobachten
war, eine Verminderung beim Promotor-Konstrukt erst nach
48h
stattfand (siehe
Abbildung 3.9).
3.3.5 Kurzfristig ist eine mRNA-Destabilisierung für die
hASH1-Herabregulation verantwortlich
Zur Aufklärung der dem PMA-Effekt zugrunde liegenden Mechanismen, sollte im
Folgenden eine Änderung der mRNA-Stabilität überprüft werden. Hierzu wurden
Kelly-Zellen für
6h
und
48h
mit PMA inkubiert. Anschließend wurde die Tran-
skription in den Zellen mit Actinomycin D unterbunden und die RNA der Zellen,
nach unterschiedlich langen Inkubations-Zeiträumen mit dem Transkriptionsinhi-
bitor, isoliert. Eine Quantifizierung der hASH1-mRNA wurde per Realtime-PCR
vorgenommen.
Bei kürzerer Inkubationszeit mit PMA kam es zu einer Stabilitätsminderung der
hASH1-mRNA (siehe Abbildung
3.10a
). Diese ist nach länger anhaltender PMA-
Behandlung aber nicht mehr zu beobachten (siehe Abbildung 3.10b).
Da die hASH1-Proteinmenge jedoch kontinuierlich abnimmt, sollte geklärt wer-
den, ob bei längerer PMA-Behandlung möglicherweise ein verstärkter hASH1-
Proteinabbau stattfindet. Dazu wurden Kelly-Zellen für
48h
mit PMA (
100nM
)
inkubiert und die Translation mithilfe von Cycloheximid gestoppt. Nach verschieden
55
Kapitel 3 Ergebnisse
Abbildung 3.9:
Vergleich des zeitlichen Verlaufs der Reportergenaktivitäten in Abhängigkeit von
den hASH1-UTRs (A) bzw. hASH1-Promotor (B) im Reportergenassay. In diesem Modell kommt
es in beiden Fällen zu einer Absenkung der Luciferaseaktivität, doch tritt die UTR-vermittelte
Reaktion auf PMA deutlich früher als die des Promotors ein.
langen Inkubations-Zeiträumen mit dem Translationsinhibitor wurden die Zellen
geerntet und die hASH1-Proteinmengen bestimmt.
Hierbei zeigte sich jedoch, dass die hASH1-Proteinstabilität durch 48-stündige PMA-
Behandlung unbeeinflusst blieb, so dass die Halbwertzeit von hASH1 mit und ohne
PMA-Behandlung etwa 1,5 h betrug (siehe Abbildung 3.11).
3.3.6 Inhibitoren der Proteinkinase C (PKC) können den
Effekt von PMA im Reportergenassay (partiell)
aufheben
Da PMA ein bekannter Aktivator von Proteinkinase C (PKC) ist, wurde geprüft,
ob PKC eine Rolle bei der hASH1-Regulation spielt. Dazu wurde getestet, ob die
beiden PKC-Inhibitoren Staurosporin und GF109203X in der Lage wären, den
PMA-Einfluss im Reportergenassay abzuschwächen bzw. aufzuheben.
Für diesen Reportergenassay wurden Kelly-Zellen mit dem hASH1-UTR-Konstrukt
(pGL3p-hASH1-
50
-UTR-Luc-
30
-UTR) sowie dem Kontrollvektor (pGL3p) transfi-
ziert. Die Zellen unterlagen dann einer 24-stündigen PMA-Behandlung mit sowie
ohne PKC-Inhibitor. Bei Zellen die mit PKC-Inhibitor behandelt wurden, ging der
56
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
(a) nach 6h (b) nach 48h
Abbildung 3.10:
hASH1-mRNA-Stabilität in Kelly-Zellen
6h
(A) und
48h
(B) nach PMA (
100nM
)
Einwirkung. Es lässt sich eine deutliche Abnahme der hASH1-mRNA-Stabilität nach 6-stündiger
Inkubation feststellen. Diese war jedoch nach längerer Inkubationszeit nicht mehr nachweisbar.
Abbildung 3.11:
Bestimmung von Proteinstabilitäten mittels Arrest der Translation mit Cyclohe-
ximid nach 48-stündiger Inkubation mit und ohne PMA (
100nM
). Die hASH1-Proteinstabilität
(A) bleibt durch PMA ebenso unbeeinflusst wie die der β-Aktin-Kontrolle (B).
57
Kapitel 3 Ergebnisse
eigentlichen Inkubation mit PMA und PKC-Inhibitor eine 4-stündige Präinkubation
nur mit dem Inhibitor voraus, um die Funktionsfähigkeit von PKC schon vor der
PMA-Behandlung einzuschränken.
Es zeigte sich, dass Staurosporin, und in stärkerem Maße GF109203X, den von
PMA hervorgerufenen Effekt abschwächten (
Abbildung 3.12
). Der als Kontrolle ein-
gesetzte Proteinkinase A-Inhibitor KT-5720 vermochte dagegen nicht die Wirkung
von PMA zu mildern.
Abbildung 3.12:
Die beiden PKC-Inhibitoren Staurosporin (
40nM
) und GF109203X (
5µM
) konnten
den hemmenden Einfluss von PMA auf das hASH1-UTR-Konstrukt (
50
-Luc-
30
) im Vergleich
zum Kontroll-Vektor (pGL3p) im Reportergenassay partiell aufheben, wobei der Einfluss von
GF109203X im Vergleich zu Staurosporin stärker ausgeprägt war. Der zur Kontrolle miteingesetzte
Proteinkinase A-Inhibitor KT-5720 (2µM) zeigte dagegen keinen Effekt.
3.3.7 Auf mRNA-Ebene lässt sich die Wirkung von PMA
ebenfalls mithilfe von PKC-Inhibitoren abschwächen
Da zumindest der frühe Einfluss von PMA auf hASH1 eine post-transkriptionelle
Komponente über eine Destabilisierung der mRNA beinhaltet, sollte auch auf Ebene
der mRNA überprüft werden, ob die PKC-Inhibitoren die PMA-Wirkung schwächen.
Um die alleinige Wirkung der PKC-Inhibitoren auf hASH1 zu untersuchen, wurden
Kelly-Zellen unterschiedlich lang entweder mit Staurosporin oder GF109203X allein
inkubiert und anschließend die RNA isoliert. Mit spezifischen Primern wurden die
hASH1-mRNA-Mengen per Realtime-PCR quantifiziert. Dabei zeigte sich, dass
58
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.13:
Zeitlicher Verlauf von hASH1-mRNA-Menge bei Inkubation von Kelly-Zellen mit
den beiden getesteten PKC-Inhibitoren Staurosporin und GF109203X. Schon nach 4-stündiger
Inkubation der Zellen mit Staurosporin ist eine deutliche Senkung von hASH1 auf mRNA-Ebene
zu beobachten. GF109203X hingegen führt abgesehen von einer leichten Erhöhung nach 4h zu
keiner Veränderung gegenüber unbehandelten Zellen.
sich GF109203X kaum auf die mRNA-Menge von hASH1 auswirkte. Staurosporin
hingegen reduzierte die hASH1-mRNA-Menge schon nach
4h
auf etwa die Hälfte
verglichen mit den Kontrollzellen (siehe Abbildung 3.13).
Im nächsten Schritt wurden Kelly-Zellen unterschiedlich langen PMA-Inkuba-
tionszeiten mit und ohne PKC-Inhibitoren ausgesetzt und danach geerntet. Da-
bei ging der PMA-Inkubation eine 4-stündige Präinkubation mit den PKC-
Inhibitoren voraus. Die isolierte RNA wurde abermals per Realtime-PCR mit hASH1-
spezifischen Primern analysiert. Zur besseren Vergleichbarkeit wurden die hASH1-
mRNA-Mengen bei PMA-behandelten Zellen auf die Mengen der unbehandelten
Zellen bzw. auf die Mengen der nur mit dem jeweiligen PKC-Inhibitor behandelten
Zellen normiert.
Und auch hierbei bestätigte sich der Eindruck, dass PKC eine Rolle bei der hASH1-
Expression spielt. So vermochten die beiden PKC-Inhibitoren insbesondere zu frühe-
ren Zeitpunkten (bis
24h
) die durch PMA hervorgerufene hASH1-Herabregulation
abzumildern (siehe Abbildung 3.14).
59
Kapitel 3 Ergebnisse
Abbildung 3.14:
Kelly-Zellen wurden unterschiedlich lang mit PMA und PKC-Inhibitoren be-
handelt. Anschließend wurde die hASH1-mRNA-Menge bestimmt. Es zeigte sich, dass beide
PKC-Inhibitoren auch auf mRNA-Ebene den PMA-Einfluss abschwächten. Vergleichbar zu den
UTR-abhängigen Reportergenassays zeigte GF109203X den stärkeren Effekt im Vergleich zu
Staurosporin. Hierbei dienten unbehandelte Zellen als Kontrolle für die PMA-Behandlung und nur
mit dem jeweiligen PKC-Inhibitor behandelte Zellen als Kontrolle für Zellen, die mit PMA sowie
PKC-Inhibitor inkubiert wurden.
3.3.8 Suche nach trans-Faktoren
Um mögliche trans-Faktoren zu ermitteln, die in die hASH1-Regulation unter PMA-
Behandlung involviert sind, wurden Crosslinking-Experimente durchgeführt. Hierbei
wurden radioaktiv markierte in vitro-Transkripte der hASH1-UTRs mit Proteinen
nativer Konformation von Cytosolpräparationen aus Kelly-Zellen inkubiert. Dabei
bildeten sich RNA-Proteinkomplexe. Diese Interaktionen wurden anschließend mit-
tels UV-Bestrahlung fixiert. Nach einem Abbau der RNA waren nur Proteine, die in
direktem Kontakt zur RNA standen, radioaktiv markiert. Nach Trennung in einem
Gel sollten sich Änderungen im Bandenmuster zwischen Cytosolpräparationen von
PMA-behandelten Zellen und Kontrollzellen auf mögliche in die hASH1-Regulation
involvierte trans-Faktoren zurückführen lassen. Mit unterschiedlichen Nukleoti-
den markierte RNAs sollten zudem Rückschlüsse auf die Bindungsspezifitäten der
involvierten Faktoren zulassen.
Die Crosslinking-Experimente zeigten jedoch nur schwache Veränderungen zwi-
schen PMA-behandelten Zellen und Kontrollzellen. Die deutlichste Musterverän-
derung offenbarte die
50
-UTR von hASH1 hervorgerufen durch einen möglichen
trans-Faktor mit einer Präferenz für eine U- und C-reiche Bindungsstelle (siehe
Abbildung 3.15).
60
3.3 Einfluss von Phorbolester (PMA) auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.15:
UV-Crosslinking-Experimente mit in vitro-Transkripten der hASH1-UTRs und
den Cytosolpräparationen von PMA-behandelten Zellen sowie Kontrollzellen. Nur die
50
-UTR
zeigte eine Musterveränderung aufgrund eines putativen Bindungsfaktors mit einer Größe von
etwa 60kDa und einer CU-reichen Bindungsstelle (durch Pfeile markiert).
3.3.9 Suche nach verantwortlichen cis-Elementen in den
UTRs
Um für die hASH1-Herabregulation unter PMA mögliche cis-Elemente ausfindig
zu machen, wurden für eine erste Eingrenzung des Bereichs Reporter-Konstrukte
verwendet, die entweder nur die hASH1-
50
-UTR (pGL3p-hASH1-
50
-UTR-Luc) oder
aber die
30
-UTR (pGL3p-hASH1-Luc-
30
-UTR) enthielten (siehe
Abbildung 3.16
).
Nachdem Kelly-Zellen mit den verschiedenen Konstrukten transfiziert wurden und
einer PMA-Inkubation für
48h
unterlagen, konnte keine der UTRs einzeln für den
PMA-Effekt verantwortlich gemacht werden (siehe
Abbildung 3.16
). Da beide UTRs
einen additiven, jedoch voneinander unabhängigen Anteil an der Herabregulation
von hASH1 unter PMA haben, scheinen hier mehrere verschiedene Faktoren mit
61
Kapitel 3 Ergebnisse
Bindungsstellen in beiden UTRs bei der Vermittlung des PMA-Effekts zusammen-
zuwirken.
Auch mit einer weiteren genaueren Untersuchung, mit unterschiedlich langen PMA-
Inkubationszeiten unter Nutzung verschiedener UTR-Deletionsvarianten, gelang
es nicht, den PMA-Effekt einem einzigen Bereich zuzuordnen (Daten nicht ge-
zeigt). Deshalb wurde im Folgenden auch auf eine weiterreichende Suche nach
trans-Faktoren, ohne in Reportergenassays gewonnene klar definierte cis-Elemente,
verzichtet.
Abbildung 3.16:
Zum Auffinden an der PMA-Regulation beteiligter cis-Elemente wurden hASH1-
UTR-Konstrukte im Reportergenassay getestet die nur die hASH1-
50
- oder
30
-UTR enthielten.
Dabei wurde Kelly-Zellen mit den Vektoren transfiziert und einer 48-stündigen Inkubation mit
PMA ausgesetzt. Es war jedoch nicht möglich, den PMA-Einfluss auf eine der beiden UTRs
zurückzuführen. Beide UTRs vermitteln additiv den PMA-Einfluss.
3.4 Einfluss von Hypoxie auf die
hASH1-Expression
Sauerstoff spielt als terminaler Elektronenakzeptor in der Atmungskette der Mit-
ochondrien eine entscheidende Rolle bei der Energieproduktion der eukaryontischen
Zelle. Deshalb ist eine Reaktion der Zelle auf Sauerstofflimitierungen von äußerster
Wichtigkeit für den Energiehaushalt der Zelle. Unter Hypoxie kommt es allgemein
zu einer Suppression u.a. von Transkription, Translation und Proteinabbau. Jedoch
unterliegen ausgewählte Gene einer ausgeprägteren Stilllegung sowie andere im
Gegensatz dazu gar einer verstärkten Expression. Die Regulation ist hierbei sehr
komplex und schließt auch posttranskriptionelle Prozesse ein [82, 81].
Wie im Screening nach Substanzen mit potentiell posttranskriptionalem Einfluss
auf die hASH1-Synthese zu sehen war, führten zusätzlich zu PMA auch die bei-
62
3.4 Einfluss von Hypoxie auf die hASH1-Expression
den Hypoxie-Mimetika
CoCl2
und 2,2-DP zu einer Verringerung der Reportergen-
Aktivität beim hASH1-UTR-Konstrukt (siehe
Abbildung 3.3
auf Seite 50). Die
beiden Hypoxie-Mimetika sind in der Lage die Auswirkungen hypoxischer Bedin-
gungen u.a. auf die alpha-Untereinheit von HIF (Hypoxie-induzierbarer Faktor),
eines heterodimeren Transkriptionsfaktors, welcher eine bedeutende Rolle bei der
Antwort der Zelle auf Sauerstoffmangel spielt, zu imitieren [282].
Der folgende Teil soll sich nun mit der UTR-vermittelten hASH1-Kontrolle unter
Hypoxie bzw. Sauerstoffmangel beschäftigen.
3.4.1 Sinkender Sauerstoffpartialdruck führt zu einer
Abnahme der hASH1-Proteinmenge
Um zu beurteilen, ob sich die im Reportergenassay gemachten Beobachtungen auch
auf hASH1-Protein-Ebene unter tatsächlich hypoxischen Bedingungen manifestieren,
wurden Kelly-Zellen verschiedenen Sauerstoffpartialdrücken ausgesetzt. Nach
18h
wurden die Zellen geerntet und die hASH1-Proteinmengen in den Zelllysaten mittels
Immunoblotting bestimmt.
Es bestätigte sich, dass hypoxische Bedingungen zu einer Herabregulation von
hASH1 führen. Dabei blieb hASH1 über einen Bereich von
21%
bis
6%
Sauer-
stoff konstant und nahm erst bei niedrigeren Sauerstoffpartialdrücken ab (siehe
Abbildung 3.17
). Deshalb soll im Folgenden bei Normoxie auf einen Sauerstoff-
gehalt von
21%
(entspricht einem Partialdruck
pO2
von etwa
160mmHg
) Bezug
genommen werden und bei Hypoxie auf einen Sauerstoffgehalt von
1%
(entspricht
einem Partialdruck pO2von 7,6mmHg).
3.4.2 Im Gegensatz zur hASH1-Proteinmenge bleibt die
mRNA-Menge unter Hypoxie unverändert
Um den zeitlichen Verlauf der mRNA- und Proteinmenge von hASH1 unter Hypoxie
zu untersuchen, wurden Kelly-Zellen unterschiedlich lange hypoxischen Bedingun-
gen ausgesetzt und danach geerntet. Die hASH1-Menge der Zelllysate wurde dann
per Immunoblotting bestimmt.
Dabei zeigte sich, dass hASH1 nach
3h
unter Hypoxie auf die Hälfte verglichen mit
normoxischen Kontrollbedingungen abnimmt. Dabei wird die stärkste Ausprägung
der hASH1-Abnahme auf
1/5
der Kontrollmenge schon nach
6h
unter Hypoxie
erreicht. Dieser Effekt scheint relativ konstant zu bleiben, relativiert sich bei län-
ger andauernder Hypoxie jedoch etwas. Die hASH1-Abnahme scheint zudem ein
63
Kapitel 3 Ergebnisse
Abbildung 3.17:
Kelly-Zellen wurden verschiedenen Sauerstoffpartialdrücken für
18h
ausgesetzt.
Die anschließende Überprüfung der hASH1-Proteinmengen offenbarte, dass hASH1 erst ab einem
Sauerstoffgehalt von kleiner als
6%
mit einer Abnahme reagiert. Die hASH1-Proteinmengen
wurden auf β-Aktin normiert.
reversibler Prozess zu sein (
Abbildung 3.18
). So wurde das hASH1-Ausgangslevel
nach
48h
unter Hypoxie und anschließender 6-stündiger Inkubation unter Normoxie
(Re-Oxygenierung) wieder erreicht.
Im Gegensatz dazu zeigte die hASH1-mRNA-Menge kaum Veränderungen unter
Hypoxie über die Zeit und blieb in etwa auf Kontrollniveau (siehe
Abbildung 3.18
).
3.4.3 Eine Hemmung der Translation ist für die
hASH1-Abnahme unter Hypoxie verantwortlich
Eine mRNA-unabhängige Abnahme der Proteinmenge kann auf eine Hemmung der
Protein-Syntheserate zurück gehen. Der Beladungsgrad mit Ribosomen ist ein gutes
Maß für die Translationsaktivität einer mRNA. So sind translationsinaktive mRNAs
in der Regel nur mit Proteinen zu RNP-Komplexen assoziiert. Eine Möglichkeit den
Beladungsgrad von mRNAs zu bestimmen stellt die Polysomengradienten-Analyse
dar. Durch Cycloheximid-Behandlung werden die Ribosomen von cytosolischen
Extrakten an den von ihnen gebundenen mRNAs fixiert. Die so behandelten Extrakte
werden dann in einem Saccharose-Gradienten mittels Ultrazentrifugation aufge-
trennt. Die Polysomen und mRNP-Komplexe werden während der Zentrifugation
entsprechend ihrer Masse mehr oder weniger stark innerhalb des Konzentrationsge-
fälles bewegt (siehe
Abbildung 3.19
), wobei stärker mit Ribosomen besetzte mRNA-
Komlexe eine höhere Masse besitzen und sich somit nach Ultrazentrifugation im
64
3.4 Einfluss von Hypoxie auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.18:
Zeitlicher Verlauf der Protein- und mRNA-Menge von hASH1 unter Hypoxie
bezogen auf die Normoxie-Niveaus. Linke Seite: Westernblots zeigen einen Abfall von hASH1
unter Hypoxie. Rechte Seite: Im Vergleich dazu bleibt die hASH1-mRNA-Menge auch bei längerer
Hypoxie-Dauer unbeeinflusst. Eine 6-stündige Reoxygenierung bringt die hASH1-Proteinmenge
wieder auf das Ausgangsniveau.
Abbildung 3.19:
Schematische Darstellung
der Polysomengradienten-Analyse. Durch
Ultrazentrifugation werden die mRNP-
Komplexe je nach Besetzungsgrad mit
Ribosomen innerhalb eines Saccharose-
Gradienten aufgetrennt. Stärker mit Riboso-
men besetzte mRNP-Komplexe finden sich
somit nach Ultrazentrifugation in Bereichen
höherer Dichte (im Schema weiter unten).
Abbildung entnommen aus [81].
65
Kapitel 3 Ergebnisse
unteren Teil des Gradienten (höhere Dichte) sammeln. Anschließend werden die im
Gradienten aufgetrennten Polysomen und mRNP-Komplexe in verschiedene Fraktio-
nen aufgeteilt. Nach Isolierung der RNA können nun mithilfe spezifischer Primer
definierte mRNAs einzelnen Fraktionen per Realtime-PCR quantitativ zugeordnet
werden.
Da sich unter Hypoxie die hASH1-Proteinmenge verringert, die mRNA-Menge
jedoch unverändert bleibt, sollte geprüft werden, ob eine Änderung der Translations-
aktivität vorliegt. Dazu wurden Kelly-Zellen
18h
lang hypoxischen Bedingungen
bzw. zur Kontrolle normoxischen Bedingungen ausgesetzt. Die cytosolischen Ex-
trakte der Zellen wurden dann einer Polysomengradienten-Analyse unterzogen.
Dabei war allgemein eine leichte Verlagerung der RNAs hin zur nicht-polysomalen
Fraktion zu beobachten (siehe
Abbildung 3.20
A). Diese Beobachtung deckt sich
mit dem bekannten Phänomen, wonach Hypoxie zu einer allgemeinen bzw. globalen
Hemmung der mRNA-Translation führt [82], welche nach
6h
jedoch noch nicht
sehr stark ausgeprägt ist. In viel stärkerem Ausmaß zeigte sich aber die Verlagerung
der hASH1-mRNA hin zu translationsinaktiven mRNP-Komplexen. Hier war die
hASH1-mRNA unter Hypoxie fast gänzlich in der translationsinaktiven Fraktion zu
finden (siehe Abbildung 3.20 B/C).
3.4.4 Die Deletion dreier
Differenzierungskontroll-Elemente (DICE) hebt den
Einfluss der 3’-UTR bei der hASH1-Abnahme unter
Hypoxie auf
Um den Bereich aufzufinden, der den Hypoxie-Einfluss auf hASH1 vermittelt, wur-
den zunächst UTR-Konstrukte die nur die hASH1-
50
-UTR oder
30
-UTR sowie beide
UTRs enthielten in Kelly-Zellen getestet. Dabei wurde deutlich, dass cis-Elemente
sowohl in der hASH1-
50
-UTR als auch der
30
-UTR jeweils allein die Antwort auf
Hypoxie vermitteln konnten. So zeigten Reporterkonstrukte mit entweder nur der
50
-UTR oder nur der
30
-UTR eine starke Herabregulation der Reportergenaktivi-
tät. Waren jedoch beide UTRs im Reporterkonstrukt zugegen, verstärkte sich der
Hypoxie-Effekt kaum gegenüber den Konstrukten mit jeweils nur einer der beiden
UTRs (siehe Abbildung 3.21).
Im nächsten Schritt sollte eine weitere Eingrenzung der dem Hypoxie-Effekt zu-
grunde liegenden cis-Elemente erfolgen. Dazu wurden UTR-Konstrukte mit unter-
schiedlichen Deletionen im Reportergenassay eingesetzt. Dabei gelang es, den für
die Hypoxie wichtigen Anteil in der
30
-UTR auf einen 488 Basen großen Bereich
am
50
-Ende der UTR einzugrenzen (siehe
Abbildung 3.21
). Zellen, die mit einem
66
3.4 Einfluss von Hypoxie auf die hASH1-Expression
Abbildung 3.20:
(A) Ribosomales Profil. Während der Fraktionierung wurde die Absorption bei
254nm
kontinuierlich gemessen. Durch Hypoxie kommt es allgemein zu einer Nettoverschiebung
der mRNAs zu Fraktionen mit geringerem Beladungsgrad mit Ribosomen. (B/C) Die Verteilungs-
profile von hASH1-mRNA (B) und
β
-Aktin-mRNA (C) in den Fraktionen der Polysomengradienten-
Analyse gehen auf eine Quantifizierung durch Realtime-PCR zurück. Dabei bedeuten frühe Frak-
tionen eine hohe Saccharose-Konzentration und dementsprechend einen hohen Besetzungsgrad mit
Ribosomen und spätere Fraktionen einen geringen Besetzungsgrad (die einzelnen Fraktionen be-
deuten: 1-7 Polysomen; 8 Monosomen; 9-12 mRNPs/freie Proteine; (siehe hierzu
Abbildung 3.19
).
Deutlich ist ein Shift der hASH1-mRNA in die Fraktionen geringerer Dichte unter Hypoxie zu
erkennen. Das zur Kontrolle ebenfalls getestete
β
-Aktin dagegen zeigt kaum eine Verlagerung
seiner mRNA durch Hypoxie.
67
Kapitel 3 Ergebnisse
Konstrukt (pGL3p-hASH1-Luc-
30
-UTR-488del) transfiziert wurden, bei dem diese
488 Basen deletiert wurden (und die hASH1-
50
-UTR fehlte), wiesen unter Hypoxie
keine Herabregulation des Reporters mehr auf.
Abbildung 3.21:
Verschiedene hASH1-UTR-Konstrukte wurden im Reportergenassay auf ihre
Fähigkeit die Reportergenaktivität unter Hypoxie (
18h
) herabzuregulieren getestet. Es wurden
zuerst
50
-UTR und
30
-UTR einzeln sowie ihre Kombination geprüft. Dabei wurde deutlich, dass
der Hypoxie-Einfluss sowohl über die
50
- als auch über die
30
-UTR von hASH1 vermittelt wird.
Der Einfluss der
30
-UTR lässt sich sowohl durch Deletion eines
488bp
großen Bereichs als auch
über die Deletion dreier DICE-Elemente aufheben. Ist jedoch zusätzlich die hASH1-
50
-UTR im
Reporterkonstrukt zugegen, so bleibt der Hypoxie-Einfluss erhalten. Bei den Reporterkonstrukten
mit den Maus-UTRs konnte nur die Kombination aus
50
- und
30
-UTR den Hypoxie-Effekt zeigen,
nicht aber das Reporterkonstrukt mit der Mash1-
30
-UTR allein. Das ebenfalls getestete Konstrukt
mit der Mash1-
50
-UTR allein zeigte eine zu geringe Expression, um sinnvoll ausgewertet zu werden
(Daten nicht gezeigt).
Eine in silico-Analyse (siehe dazu
Abschnitt 3.1
auf Seite 45) offenbarte zwei von
drei Differenzierungskontroll-Elementen (DICE). Ein Reporterkonstrukt (pGL3p-
hASH1-Luc-
30
-UTR-del_DICE-ABC), in dem diese DICE-Stellen deletiert wurden,
verlor ebenfalls die Fähigkeit den Hypoxie-Einfluss im Reportergenassay zu ver-
mitteln (siehe
Abbildung 3.21
). Diese durch die Deletionen in der
30
-UTR bedingte
Aufhebung des Hypoxie-Effekts konnte jedoch durch die Anwesenheit der 50-UTR
wieder kompensiert werden. So zeigte ein Reporterkonstrukt (pGL3p-hASH1-
50
Luc-
30
-UTR-del_DICE-ABC) mit der Deletionen enthaltenden
30
-UTR aber vollständiger
50
-UTR eine vergleichbare Herabregulation der Reportergenaktivität unter Hypoxie
68
3.4 Einfluss von Hypoxie auf die hASH1-Expression
wie das Konstrukt mit beiden vollständigen UTRs (siehe
Abbildung 3.21
). Dieser
Sachverhalt ließe sich durch einen unabhängigen Einfluss der 50-UTR erklären.
Einen weiteren Einblick in die Regulation unter Hypoxie sollten Reporterkonstrukte
mit den UTRs der Maus ergeben. Lassen sich ähnliche Effekte unter Hypoxie be-
obachten, sind die für die Hypoxie wichtigen cis-Elemente vermutlich unter den
zwischen Mensch und Maus konservierten Bereichen der UTRs zu suchen. Tatsäch-
lich konnte der Hypoxie-Einfluss auf die Reportergenaktivität auch bei dem Kon-
strukt, das beide Maus-UTRs enthielt, beobachtet werden (siehe
Abbildung 3.21
).
Interessanterweise jedoch war die Mash1-
30
-UTR allein nicht in der Lage, die Her-
abregulation der Reportergenaktivität zu vermitteln (siehe
Abbildung 3.21
). Diese
Beobachtung passt jedoch gut zu der Tatsache, dass der Mash1-
30
-UTR die DICE-
Stellen der humanen 30-UTR fehlen.
69
4 Diskussion
Eine Zelle muss entsprechend innerer sowie äußerer Reize ihr Proteinrepertoire den
Bedürfnissen entsprechend anpassen. Diese Anpassung umfasst dabei Änderungen in
den exprimierten Mengen bestimmter Proteine bis hin zum kompletten An- und Ab-
schalten der Expression spezifischer Gene. Eine Nervenvorläuferzelle beispielsweise
muss andere Aufgaben erfüllen bzw. andere Eigenschaften für diese Obliegenheiten
aufweisen, als die ausdifferenzierte reife Nervenzelle. So muss die Vorläuferzelle
z.B. über erhöhte Migrationseigenschaften verfügen, um die Orte ihres zukünftigen
Wirkens als Neuron zu erreichen, auf welche die fertige Nervenzelle hingegen nicht
mehr angewiesen ist. Diese aber wiederum muss im Gegensatz zu ihrem Vorläufer
in der Lage sein, beispielsweise Neurotransmitter zu erzeugen, um ihrer Aufgabe
zur Informationsübertragung nachzukommen.
Um aus ein und demselben Genom die vielfältigsten Expressionsmuster zu erzeugen,
kann auf verschiedenen Ebenen eingriffen werden. So schließen die beteiligten Me-
chanismen dabei nicht nur die Kontrolle auf Ebene der Transkription sondern auch
posttranskriptionelle Regulationsmechanismen ein. Diese können beispielsweise die
mRNA-Stabilität oder die Translationseffizienz einer mRNA, welche sich ebenso
wie eine Änderung der Transkription letztlich auf die exprimierte Proteinmenge
auswirken, betreffen. Die Informationen für diese posttranskriptionellen Regulations-
mechanismen befinden sich vornehmlich in den untranslatierten Bereichen (UTRs)
einer mRNA.
Der bHLH-Transkriptionsfaktor hASH1 spielt eine wichtige Rolle bei der Kontrolle
der neuronalen Entwicklung und Differenzierung [21, 273, 142] und scheint ebenso
bei bestimmten Tumoren und Karzinomen von Bedeutung zu sein [228, 151]. Die
hASH1-mRNA zeichnet sich durch überduchschnittlich lange UTRs aus. Zudem
zeigte eine in silico-Analyse der UTRs Bereiche mit starker Konservierung und
einige putative cis-Elementen (siehe
Abbildung 3.1
auf Seite 46), welche ebenso
eine Regulation von hASH1 auf posttranskriptioneller Ebene nahelegten. Gegenstand
dieser Arbeit ist die Untersuchung posttranskriptioneller Einflüsse auf die hASH1-
Regulation im Hinblick auf die durch PMA und Hypoxie hervorgerufte Änderung
der Expression.
In dieser Arbeit konnte gezeigt werden, dass hASH1 einer starken Suppression in der
Neuroblastoma-Zelllinie Kelly unter dem Einfluss von PMA unterliegt. Dies konnte
71
Kapitel 4 Diskussion
auf mRNA- als auch auf Protein-Ebene beobachtet werden. Da Mash1 auch in Cortex-
Zellen der Ratte unter PMA herabreguliert wird, scheint der zugrunde liegende
Mechanismus nicht nur für einen bestimmten Zelltyp spezifisch zu sein. Phorbolester
wie PMA stellen in Bezug auf Proteinkinase C (PKC) Analoga des sekundären
Botenstoffs (engl. second messenger) 1,2-Diacylglycerol (DAG) dar. Sie werden
jedoch langsamer abgebaut, so dass sie in der Zellkultur wie auch in in vivo Modellen
als bevorzugte Aktivatoren von PKC eingesetzt werden [28]. Phorbolester wurden
schon mit verschiedenen zellulären Reaktionen, wie Zellwachstum, Differenzierung
oder Apoptose, in Verbindung gebracht [157, 1, 120]. In dieser Arbeit werden die
der hASH1-Herabregulation zugrunde liegenden Mechanismen unter PMA genauer
untersucht.
Eine schnelle und signifikante Abnahme der hASH1-mRNA-Menge auf unter die
Hälfte des Kontrollwerts konnte schon nach kurzer Inkubation (
3h
) mit PMA be-
obachtet werden. Diese Beobachtung steht im Einklang mit Daten anderer Ver-
öffentlichungen, in denen eine durch PMA induzierte Differenzierung anderer
Neuroblastoma-Zellen ebenfalls zu einer hASH1-Abnahme führte [231, 293, 113].
Der schnelle Abfall der hASH1-mRNA-Menge wird gefolgt von einer leichten Ab-
schwächung des Effekts bei längeren Inkubationszeiten (
48h
). Im Gegensatz dazu
nimmt die Menge an hASH1-Proteinmenge kontinuierlich über den beobachteten
Zeitraum ab.
Kelly-Zellen die mit einem Reporterkonstrukt transfiziert wurden, welches das
Luciferase-Reportergen unter Kontrolle der hASH1-UTRs enthielt, zeigten ebenfalls
eine starke Herabregulation des Reporters unter Inkubation mit PMA. Das deutet dar-
auf hin, dass die UTRs und somit posttranskriptionelle Prozesse maßgeblich an der
hASH1-Herabregulation unter PMA beteiligt sind. Eine Konzentrationskinetik mit
PMA zeigte eine sukzessive Steigerung des PMA-Effekts (und somit stärkerer Her-
abregulation des Reporters) mit steigender PMA-Konzentration, wobei der Effekt bei
einer Konzentration von
40nM
am ausgeprägtesten war und danach wieder abnahm
(siehe
Abbildung 3.4
). Dieser Umstand korrespondiert mit einer früheren Studie in
der die Neuroblastoma-Zelllinie SH-SY5Y mit
16nM
PMA am stärksten zur Diffe-
renzierung stimuliert werden konnte [231]. Höhere PMA-Konzentrationen führten
auch hier zu einer schwächeren Ausprägung der Differenzierung. Im Vergleich zu
einem Reporterkonstrukt das den Reporter unter Kontrolle des hASH1-Promotors
enthielt, stellte sich heraus, dass der frühe Einbruch der hASH1-Expression wohl
auf die UTRs und somit posttranskriptionelle Einflüsse zurückzuführen ist. Zwar
reagierte auch der hASH1-Promotor mit einer Herabregulation des Reportergens
unter PMA, doch erst deutlich später als die UTRs.
Darauf folgende Stabilitätsassays zeigten, dass der UTR-vermittelte Einfluss haupt-
sächlich auf einer Abnahme der hASH1-mRNA-Stabilität beruht. Die mRNA-
Stabilität von Transkripten wird oft über die Länge des Poly(A)-Schwanzes be-
72
Diskussion
stimmt. Jedoch stellen auch endonukleolytische Schnittstellen im Transkript, wie
beispielsweise AREs, entscheidende regulatorische Elemente dar [272, 115]. Obwohl
die Stabilität einer mRNA oft von cis-Elementen in ihrer
30
-UTR vermittelt wird,
scheinen bei hASH1 die
50
-UTR und die
30
-UTR unabhängig voneinander einen
Einfluss auf die Stabilität zu haben. Das deutet auf ein Zusammenwirken mehrerer
trans-Faktoren bei der Steuerung der hASH1-mRNA-Stabilität unter PMA hin. Ein
ähnlicher Mechanismus wurde bei der Regulation des bHLH-Transkriptionsfaktors
c-myc gefunden. Zellen der humanen Leukämie-Zelllinie K562 wurden mit PMA zur
Differenzierung zu Megakaryoblasten stimuliert [33]. Während der Differenzierung
nahm die Expression von c-myc zumindest teilweise aufgrund einer Destabilisierung
seiner
mRNA
ab. Interessanterweise scheint die Destabilisierung dabei auf einem
Deadenylierungs-unabhängigen Abbaumechanismus zu beruhen.
Die transkriptionelle Reprimierung der hASH1-Synthese in Neuroblastoma-Zellen
über Phorbolester wurde schon mit der Aktivierung des Notch Signalwegs und der
damit hervorgerufenen verstärkten Expression von HES-1 in Verbindung gebracht
[14]. Dabei kann die Herabregulation der hASH1-mRNA-Menge durch aktivierten
Notch1 jedoch stärker als durch HES-1 allein ausfallen [297]. Zusammengenommen
deuten die Daten darauf hin, dass die herabgesetzte hASH1-mRNA-Menge bei
PMA-induzierter Differenzierung das Resultat von erniedrigter mRNA-Stabilität und
erniedrigter Transkription ist. Die schnelle Reaktion ist dabei auf den gesteigerten
mRNA-Abbau zurückzuführen, wohingegen die herabgesetzte Promotoraktivität
unter längeren Bedingungen, wenn die Erniedrigung der mRNA-Stabilität wieder
aufgehoben ist, im Wesentlichen für die hASH1-Herabregulation verantwortlich ist.
Unter längerer PMA-Behandlung (
48h
) ging die hASH1-Proteinmenge auf etwa
1/5
der Kontrollmenge zurück, wogegen der Abfall auf mRNA-Ebene mit etwa
60%
der Kontrollmenge weniger stark ausfiel. Das deutet darauf hin, dass noch
weitere Mechanismen in der Kontrolle der Expression eine Rolle spielen. Die UTR-
abhängigen Reportergen-Assays stützen die Ansicht, dass obgleich die hASH1-
mRNA-Destabilisierung schon vorüber ist, die UTRs dennoch einen reprimierenden
Einfluss ausüben. Diese Differenz ließe sich möglicherweise auf eine verringerte
Translationseffizienz zurückführen. Doch wurde die hASH1-Abnahme nach Notch-
Aktivierung auch einem erhöhten hASH1-Proteinumsatz zugeschrieben [297]. Im
Gegensatz dazu zeigte sich nach
48h
unter PMA jedoch keine Veränderung der
hASH1-Proteinstabilität (siehe
Abbildung 3.11
auf Seite 57), so dass die beobachte-
ten Veränderungen in der hASH1-Proteinmenge wohl auf eine veränderte Translati-
onsrate zurückgehen. Da die gemessenen mRNA- und Proteinwerte die Nettoeffekte
aller aktivierten Mechanismen in der Kontrolle der Expression eines bestimmten
Gens wiederspiegeln, deuten die Daten darauf hin, dass der schnelle, starke und
lang-anhaltende herabregulierende Einfluss auf hASH1 unter PMA-Einfluss auf
verschiedene trans-Faktoren, die synergistisch und zumindest teilweise unabhängig
73
Kapitel 4 Diskussion
voneinander wirken, zurückzuführen ist. Im Crosslinking-Experiment konnte zwar
nur eine deutliche Änderung des Bandenmusters beobachtet werden, doch werden
beim Crosslinking beispielsweise Änderungen des Phophorylierungsstatus eines
Proteins, sofern sie die Bindungseigenschaften zur RNA unverändert lassen, nicht
erfasst. Desweiteren lassen sich im Crosslinking nur Proteine mit direktem Kontakt
zur RNA aufspüren. Proteine die wichtig für die Regulation sind, jedoch über weitere
Proteine mit der RNA assoziiert sind, können so nicht detektiert werden.
Um einen umfassenderen Eindruck von dem PMA-vermittelten Effekt zu erhalten,
wurde überprüft, ob die Herabregulation von hASH1, mit dem Hauptaugenmerk auf
die frühe posttranskriptionelle Komponente, auf die Mitwirkung von PKC zurück-
geht. PKCs repräsentieren die bekanntesten Ziele der Wirkung von Phorbolestern
[224, 186]. Die PKC-Familie der Serin/Threonin-Kinasen wird aus mindestens 10
verschiedenen Isoformen gebildet. Diese können in drei Gruppen, basierend auf
strukturellen und biochemischen Eigenschaften, eingeteilt werden. Nur zwei dieser
Gruppen, die klassischen PKC (engl. classical PKCs, zusätzlich über
Ca2+
aktiviert)
und die ’neuartigen’ PKCs (engl. novel PKCs, nicht von
Ca2+
abhängig), werden
durch Phorbolester aktiviert. Zudem variieren die Expressionsmuster der PKCs
abhängig von Zelltyp bzw. Gewebe [208, 222].
In der Neuroblastoma-Zelllinie SH-SY5Y konnte schon gezeigt werden, dass PKC
wohl nicht nur für die Initiierung der Differenzierung, sondern sehr wohl auch
eine Rolle während des weiteren PMA-induzierten Differenzierungsvorgangs, spielt
[241]. So konnte in dieser Studie nachgewiesen werden, dass PKC-
α
, ein Mitglied
der klassischen PKCs, während der gesamten PMA-induzierten Differenzierung
(wobei PMA alle 4 Tage erneuert wurde) nicht nur zugegen war, sondern auch,
gemessen an endogenem und in vitro-Substrat, aktiviert vorlag.
Um eine Beteiligung von PKC bei der Vermittlung der posttranskriptionellen PMA-
Wirkung nachzuweisen, wurden Zellen vor der PMA-Behandlung mit den bekannten
PKC-Inhibitoren Staurosporin oder GF109203X vorinkubiert [310, 316]. Beide
Inhibitoren vermochten den herabregulierenden Effekt von PMA im Reporterge-
nassay und auf mRNA-Ebene zu verringern jedoch nicht vollständig aufzuheben.
Das lässt den Schluss zu, dass auch PKC-unabhängige Mechanismen an der PMA-
vermittelten Inhibition der hASH1-Synthese teilhaben. Interessanterweise führte
die Behandlung mit GF109203X zu einer fast kompletten Aufhebung der hASH1-
UTR-vermittelten PMA-Wirkung im Reportergenassay, wogegen Staurosporin einen
weitaus schwächeren Einfluss hatte. Diese Diskrepanz lässt sich möglicherweise mit
den unterschiedlichen Spezifitäten beider Inhibitoren erklären. So wurde gezeigt,
dass Staurosporin auch andere Kinasen zusätzlich zu PKC hemmt [316]. Daher
erscheint es möglich, dass die PKC-unabhängigen Effekte von Staurosporin die Ant-
wort der hASH1-UTRs auf PMA-Behandlung beeinflussen oder sogar übertreffen
könnten. Zudem zeigten bereits zwei Studien, dass Staurosporin selbst in der Lage
74
Diskussion
war, in den beiden Neuroblastoma-Zelllinien SH-SY5Y sowie NB-1 Differenzie-
rungsvorgänge auszulösen [148, 217]. Das deckt sich mit der Beobachtung, dass
schon die 4-stündige Präinkubation mit Staurosporin die hASH1-mRNA-Menge
herabsetzte (siehe
Abbildung 3.13
). Der zusätzliche Abfall der mRNA-Menge durch
PMA jedoch war weniger stark ausgeprägt als bei Zellen die nur mit PMA behandelt
wurden, was auch hier den Schluss nahelegt, dass PMA zwar PKC-abhängig wirkt
aber auch PKC-unabhängige Mechanismen nutzt.
Eine Zusammenfassung der hier vorgestellten Daten gibt Abbildung 4.1 wieder.
75
Kapitel 4 Diskussion
Abbildung 4.1: Schematische Darstellung der PMA-Wirkung in Kelly-Zellen. Diese verfügen über
eine konstitutive hASH1-Expression. Nach PMA-Behandlung steigt u.a. PKC-abhängig kurzfristig
die hASH1-mRNA-Abbaurate, so dass weniger Transkripte für die Translation zur Verfügung
stehen. Daneben scheinen noch PKC-unabhänguge Faktoren eine Rolle zu spielen (angedeutet
durch das Fragezeichen). Langfristig wird diese Reprimierung durch eine verringerte hASH1-
Transkriptionsrate, mit demselben Effekt einer reduzierten hASH1-Bildung, abgelöst.
76
Diskussion
Ein weiterer Stimulus, der in dieser Arbeit als potentiell posttranskriptionell auf
die hASH1-Synthese wirkend identifiziert wurde, ist der Sauerstoffmangel bzw. die
Hypoxie. Sauerstoff spielt als finaler Elektronenakzeptor in der Atmungskette eine
wichtige Rolle bei der Energiegewinnung der Zelle. Er ist zudem auch ein schneller
Regulator des zellulären Metabolismus. So wirkt sich der Sauerstoffpartialdruck auf
vielfältige Bereiche des Lebens, einschließlich Wachstum und Entwicklung, aus.
Hypoxie bezeichnet den Zustand erniedrigter Sauerstoffkonzentration im Vergleich
zum Normalzustand. Werden Zellen hypoxischen Bedingungen ausgesetzt, wird über
Signalkaskaden eine Antwort induziert, welche die metabolischen Anforderungen
der reduzierten Sauerstoffverfügbarkeit anzupassen versucht. Diese Reaktion der
Zelle führt letztlich zu einer veränderten Expression einer Vielzahl von Genen [81, 82,
45, 234, 344]. Dabei ist zu beachten, dass sich die normalen Sauerstoffpartialdrücke
in den verschiedenen Organen und Geweben deutlich voneinander unterscheiden
können. So variieren die Partialdrücke im Körper beispielsweise von
150mmHg
(
≈21% O2
) in den oberen Atemwegen bis hin zu nur
5mmHg
(
≈1% O2
) in der
Retina [313]. Deshalb unterscheiden sich auch die einzelnen Sauerstoffpartialdrücke,
die in verschiedenen Organen als hypoxisch angesehen werden.
Mit einem Verbrauch von etwa
20%
stellt das Gehirn einen der größten Sauer-
stoffkonsumenten des Körpers dar [199]. Doch sind die Sauerstofflevel verglichen
mit anderen Teilen des Körpers in fast allen Hirnbereichen, mit beispielsweise
27±6mmHg
(
≈4% O2
) in der Großhirnrinde,
20±3mmHg
(
≈3% O2
) im Hip-
pocampus oder
4,1mmHg
(
≈0,55% O2
) im Mesencephalon, sehr gering [146, 65,
77]. Dazu kommt, dass die Entwicklung einer ganzen Reihe von Organen eines
Embryos einschließlich des ZNS in einer sauerstoffarmen Umgebung stattfindet
[85, 50]. So beginnt die embryonale Neurogenese in der frühen Schwangerschaft,
noch bevor der placentale Gasaustausch eingesetzt hat, unter sehr niedrigen Sauer-
stoffpartialdrücken von
≤15,2mmHg
(
≈2% O2
) [344, 85, 309]. Die Neurogenese
in sauerstoffarmer Umgebung setzt sich aber auch später noch fort [50, 177]. So
konnte beispielsweise der Hypoxie-Marker EF5, welcher Sauerstoffumgebungen
von weit weniger als
7,6mmHg
(
≈1% O2
) anzeigt [193], im Neuralrohr im Bereich
des Rhombencephalon und des Mesencephalons nachgewiesen werden [50].
Auch scheint in der Neurogenese adulter neuronaler Stammzellen, welche nur in der
subventrikulären Zone (SVZ) der lateralen Ventrikel sowie der subgranulären Zone
(SGZ) des Gyrus dentatus des adulten Gehirns stattfindet [306], die Sauerstoffumge-
bung der Stammzellen eine wichtige Rolle zu spielen. So konnte beobachtet werden,
dass die SVZ mit einem dichten Netzwerk an Blutgefäßen durchzogen wird. Zellen,
die Stammzell-Marker exprimierten, wurden in engem Kontakt mit der extrazellulä-
ren Matrix, die die vaskulären Endothelialzellen umschließen, nachgewiesen [288].
Zusammengenommen mit Daten anderer Gruppen könnte das bedeuten, dass hier
der erhöhte Sauerstoffpartialdruck um die Blutgefäße in der SVZ notwendig für die
77
Kapitel 4 Diskussion
Aufrechterhaltung der adulten Stammzellen ist [312, 30, 344].
Bei der oben dargelegten Zusammenstellung, unter welchen Sauerstoffverhältnissen
neuronale Stammzellen gedeihen bzw. Neurogenese stattfindet, scheint es kaum
verwundernswert, dass die beiden chemischen Hypoxie-Mimetika
CoCl2
und 2,2-
DP auch einen Einfluss auf die hASH1-Expression ausüben. Wurden Kelly-Zellen,
welche mit einem Reportergenvektor unter Kontrolle der hASH1-UTRs transfiziert
wurden, jeweils einer dieser beiden Substanzen ausgesetzt, so schwächte sich die
Expression des Reportergens im Vergleich zu transfizierten Kontrollzellen, welche
nur mit den entsprechenden Lösungsmitteln behandelt wurden, ab. Eine Überprü-
fung mit tatsächlicher Hypoxie bestätigte diese Vorbefunde. Wurden Kelly-Zellen
18h
lang hypoxischen Bedingungen
(≤3%O2)
ausgesetzt, so verringerte sich die
hASH1-Proteinmenge in Abhängigkeit vom Sauerstoffpartialdruck. Ein Minimum
der hASH1-Proteinmenge (auf etwa
1/5
der Kontrollmenge) wurde dabei am kleins-
ten untersuchten Sauerstoffgehalt von
0,5%
gemessen. Da hASH1 aber zwischen
21% O2
(Umgebungsbedingungen) und
6% O2
keinerlei Veränderung zeigte, wur-
den
21% O2
im Weiteren als Kontrollwert verwendet. Diese Befunde legen nahe,
dass die Sauerstoff-abhängige hASH1-Regulation unter physiologisch relevanten Be-
dingungen erfolgt (d.h.
pO2<5%
bzw.
pO2<38mmHg
). Hyperoxie (
pO2<5%
)
hat keinen Einfluss auf die hASH1-Synthese und folglich wahrscheinlich nicht die
hASH1-abhängige Differenzierung.
Einen ersten Hinweis darauf, dass bei dieser hASH1-Herabregulation posttranskrip-
tionelle Einflüsse eine Rolle spielen könnten, deuteten schon die Reportergenassays
des Eingangs-Screenings (siehe
Abbildung 3.3
auf Seite 50 ) mit dem Reporterkon-
strukt, welches den Reporter unter Kontrolle der hASH1-UTRs enthielt, an. Hier
führten die beiden getesteten chemischen Hypoxie-Mimetika
CoCl2
und 2,2-DP zu
einer Herabregulation der Reportergenaktivität. Auch in diesem Fall zeigte die Über-
prüfung mit tatsächlicher Hypoxie eine Herabregulation der Reportergenaktivität.
Um den zeitlichen Verlauf der hASH1-Herabregulation unter Hypoxie nachzuvollzie-
hen, wurden Kelly-Zellen nach verschieden langen Inkubationszeiten unter Hypoxie
geerntet. Auf Protein-Ebene war hierbei eine schnelle Herabregulation von hASH1
zu beobachten. Die Proteinmenge war schon nach
3h
auf die Hälfte gefallen und er-
reichte nach
6h
ihr Minimum, wobei sich die hASH1-Menge nach längerer Hypoxie
(
48h
) wieder etwas erholte. Eine 6-stündige Re-Oxygenierung, bei der die Zellen im
Anschluss an die Hypoxie unter normoxischen Bedingungen inkubiert wurden, ließ
das hASH1-Proteinlevel wieder auf Kontrollniveau steigen. Das deutet darauf, dass
die Stress-bedingte Herabregulation von hASH1 einen reversiblen Prozess darstellt.
Interessanterweise jedoch ließ sich dieser Befund nicht auf die hASH1-mRNA-
Ebene übertragen. Im Gegensatz zur hASH1-Herabregulation unter PMA, welche
sich sowohl auf Protein- sowie mRNA-Ebene wiederspiegelte, wirkte sich die Hy-
78
Diskussion
poxie nicht auf die hASH1-mRNA-Menge in den Zellen aus und blieb während
der gesamten untersuchten Zeitspanne
(48h)
vergleichsweise unverändert. Die Ab-
nahme an hASH1-Protein lässt sich somit nicht über eine veränderte Transkription
oder mRNA-Stabilität erklären. Diese Feststellung steht jedoch in Einklang mit dem
Eingangsversuch, der ein Mitwirken posttranskriptioneller Mechanismen nahelegte.
Da also weder eine Änderung der Transkriptionaktivität noch eine veränderte
mRNA-Stabilität, welche sich in einer Änderung der Menge der hASH1-mRNA
widergespiegelt hätten, für die Regulation unter Hypoxie verantwortlich schie-
nen, erfolgte eine Überprüfung der Translationseffizienz. Die dazu durchgeführte
Polysomengradienten-Analyse ergab eine allgemeine Verschiebung der mRNAs
in die leichteren Fraktionen bei der Ultrazentrifugation nach 18-stündiger Hypo-
xie verglichen mit der normoxischen Kontrolle. Dies ist deshalb sehr naheliegend,
da Hypoxie und damit einhergehender ATP-Mangel zu einer globalen Hemmung
der Translation führen. Schließlich entfallen etwa
25 −30%
des gesamten ATP-
Verbrauchs einer Zelle auf den Translationsvorgang [268]. Erst im späteren Verlauf
der durch Hypoxie verursachten Energieverknappung wird die Hemmung auch
auf Transkriptionsebene ausgedehnt [337, 304]. Zusätzlich zu dieser allgemeinen
Translationshemmung jedoch konnte bei der hASH1-mRNA eine viel stärkere Verla-
gerung in die Fraktionen geringerer Dichte verglichen mit der hASH1-mRNA von
Kontrollzellen beobachtet werden. War bei normoxischen Zellen hASH1-mRNA
vornehmlich in den polysomalen Fraktionen zu finden, so kam es unter Hypoxie zu
einem deutlichen Shift hin zu Fraktionen mit translationsinaktiven
mRNAs
(siehe
Abbildung 3.20
). Die hASH1-Abnahme unter Hypoxie ist somit auf eine spezifi-
sche translationale Stilllegung der mRNA zurückzuführen (siehe Abbildung 4.2 auf
Seite 83).
Um die an der Translationsinaktivierung beteiligten cis-Elemente aufzufinden, wur-
den weitergehende Reportergenassays durchgeführt. Dabei wurde deutlich, dass
unter Hypoxie sowohl die hASH1-
50
-UTR als auch die
30
-UTR einen starken sup-
pressiven Einfluss auf den Reporter ausübten. Interessanterweise zeigte auch das
Reporterkonstrukt, in welchem der Reporter unter Kontrolle der Maus-UTRs vorlag,
eine Herabregulation unter Hypoxie. Ein Konstrukt, das nur die Mash1-
30
-UTR
enthielt, konnte die Herabregulation allein jedoch nicht mehr vermitteln. Mithilfe
eines Reporterkonstrukts mit einer verkürzten hASH1-
30
-UTR konnte der Bereich,
der für den Hypoxie-Einfluss innerhalb der
30
-UTR wichtig ist, auf einen
488nt
großen Abschnitt am
50
-Ende der
30
-UTR eingegrenzt werden. Fehlte dieser Bereich,
so war auch die humane
30
-UTR nicht mehr in der Lage, die Reportergenaktivität
unter Hypoxie herunter zu regulieren.
Drei sogennante DICE-Stellen, wovon sich zwei in diesem
488nt
Bereich befanden,
kamen als putative cis-Bereiche für eine Translationsinaktivierung in Frage. Diese
Elemente wurden schon für eine Vermittlung einer mRNA-Stilllegung durch die
79
Kapitel 4 Diskussion
beiden RBPs hnRNP-E1 und hnRNP-K beschrieben [230, 229]. Wurden diese
DICE-Stellen in der
30
-UTR des Reporterkonstrukts entfernt, verhielt es sich im
Reportergenassay identisch wie das um
488nt
deletierte Reporterkonstrukt, was für
eine Beteiligung dieser cis-Elemente an der hASH1-Herabregulation unter Hypoxie
spricht. Diese Annahme wird durch den Umstand, dass auch die
30
-UTR der Maus
keine DICE-Elemente vorweisen kann, unterstützt, da diese ebenfalls keine Rolle
unter Hypoxie zu spielen scheint.
Zukünftige Experimente sollten weitergehenden Aufschluss über die Identität der
beteiligten Transfaktoren ergeben. Ein vielversprechender Ansatz wäre beispiels-
weise das Ausschalten bestimmter RBPs über siRNAs und die Überprüfung der
Auswirkungen, die dadurch auf die hASH1-Expression unter Hypoxie bewirkt wer-
den. Eine weitere Möglichkeit etwa wäre über die Überexpression verschiedener
RBPs und der Beobachtung der hASH1-Expression gegeben. Um möglichst alle
Kandidaten für die posttranskriptionelle Kontrolle der hASH1-Expression zu erfas-
sen, würde sich eine Affinitätschromatographie anbieten. Hierbei könnte mithilfe
von in vitro-transkribierten UTRs oder UTR-Abschnitten von hASH1 nach Interakti-
onspartnern in Cytosolpräparationen „gefischt“ werden. Eine Identifizierung aller
an die RNAs gebundenen Proteine wäre massenspektrometrisch möglich. Mengen-
mäßige Unterschiede einzelner Proteine zwischen normoxischen und hypoxischen
Cytosolpräparationen würden geeignete Kandidaten für die Vermittlung der Hypoxie
auf die hASH1-Expression aufzeigen.
Doch welche Bedeutung könnte die Tatsache, dass hASH1 in dieser Neuroblastoma-
Zelllinie unter Hypoxie über ein Aussetzen der Translation herabreguliert wird,
haben? Einerseits könnte man meinen, diese Beobachtung ginge darauf zurück, dass
auch hier Differenzierungsvorgänge, wofür die Herabregulation von hASH1 ein
wichtiges Indiz sein könnte, durch die Hypoxie ausgelöst wurden. So konnte an
neuronalen Vorläuferzellen des Mesencephalons des Rattenembryos gezeigt werden,
dass es durch eine Verringerung des Sauerstoffpartialdruckes von
152mmHg
(
≈
21%
O2
) auf
22,8±15,2mmHg
(
≈
3%
O2
) zu einer Verdreifachung des Anteils an Zellen
mit dopaminergem Phänotyp kam [305]. Ähnliches konnte auch für Stammzellen
der Neuralleiste nachgewiesen werden, wo unter verringerter Sauerstoffumgebung
(
38mmHg
) der Anteil an Zellen mit katecholaminerger Differenzierung anstieg
[218], wie auch für humane neuronale Vorläuferzellen des Mesencephalons, welche
unter hypoxischen Bedingungen dopaminerge Neurone bildeten [303, 302].
In einem Schlaganfall-Modell im adulten Rattenhirn, bei welchem mithilfe eines
Lasers Thrombozyten photochemisch zum Verschluss von Blutgefäßen gebracht
wurden, konnte ebenfalls beobachtet werden, dass es durch die dabei hervorgerufene
Ischämie und den dadurch ausgelösten Sauerstoffmangel im betroffenen Bereich zur
Neubildung von Neuronen kam [114]. Dabei sind Neurogenese und Angiogenese
eng miteinander verkettet, wobei wohl aber dem erhöhten Sauerstoffpartialdruck um
80
Diskussion
die Blutgefäße herum eine Schlüsselrolle bei der durch Schlaganfall verursachten
Neurogenese zukommt [226, 314, 344].
Daneben konnten hypoxische Bedingungen Zellen nicht nur zur Differenzierung
stimulieren, sondern beispielsweise auch die Proliferationsrate oder Überlebensrate
der Zellen in Kultur begünstigen [305, 218]. Zudem war es möglich, bei neuronalen
Stammzellen aus dem Telencephalon von Mausföten durch eine Erniedrigung des
Sauerstoffpartialdrucks unter
15,2mmHg
(
≈
2%
O2
), ihrer optimalen Sauerstoffum-
gebung im Hinblick auf Proliferation und Differenzierung, einen Wechsel bei der
Differenzierung bezüglich des entstehenden Subtyps von GABA-positiven Neuronen
hin zu Glutamat-positiven Neuronen zu bewirken [140].
Erschwerend bei der Deutung dieser hASH1-Herabregulation kommt hinzu, dass
man annimmt, dass hypoxische Bedingungen in verschiedenen Stammzell- und
Vorläuferzellpopulationen einen undifferenzierten Zustand fördern [213]. Es wird
vermutet, dass die geringeren Sauerstoffpartialdrücke in Stammzellnischen den
Stammzellen einen selektiven Vorteil verschaffen, indem beispielsweise der oxida-
tive Stress, welcher bei Zellen mit aeroben Metabolismus auftritt, minimiert wird.
Schädingungen an der DNA etwa durch so entstehende reaktive Sauerstoffspezies,
welche insbesondere bei Stamm- und Vorläuferzellen nachteilig für den Organismus
wären, würden in diesen sauerstoffarmen Nischen vermieden werden [53, 39]. So
konnte gezeigt werden, dass murine embryonale Fibroblasten, die bei 20% Sauerstoff
kultiviert wurden, deutlich mehr Mutationen anhäuften im Vergleich zu Zellen, die
bei 3% Sauerstoff kultiviert wurden [39]. Auch bei induzierten pluripotenten Stamm-
zellen, welche aus embryonalen Mausfibroblasten und aus humanen somatischen
Zellen durch Transfektion mit vier spezifischen Transkriptionsfaktoren generiert
wurden, zeigte sich, dass sich zumindest milde hypoxische Bedingungen förderlich
auf die Ausbeute an induzierten Stammzellen auswirkten [308, 341, 340]. Zudem
schien die Umprogrammierung der Zellen schneller unter Hypoxie abzulaufen und
es war sogar möglich, induzierte pluripotente Stammzellen mittels Transfektion mit
nur zwei der ursprünglich vier Transkriptionsfaktoren zu erzeugen [340]. Auch diese
Beobachtungen können als Indiz dafür gesehen werden, dass niedrige Sauerstoffpar-
tialdrücke einen Stammzell-Phänotyp begünstigen.
Dass es sich bei der in dieser Arbeit beschriebenen hASH1-Herabregulation unter
Hypoxie wohl nicht um Differenzierungsvorgänge handelt, sondern die Hypoxie
wohl eher reversibel einen stärker undifferenzierten Zustand in den Neuroblastom-
zellen fördert, wird auch durch folgende Beobachtungen unterstützt: So scheinen
hypoxische Tumorzellen zu dedifferenzieren und dabei Stammzell-ähnliche Eigen-
schaften zu erlangen. Dies konnte u.a. für Brustkrebszellen, Prostatakrebszellen
sowie Neuroblastomzellen gezeigt werden [125, 99, 152]. Es zeigte sich somit, dass
Neuroblastomzellen, welche unter hypoxischen Bedingungen kultiviert wurden, die
Expression einer Reihe von neuronalen sowie neuroendokrinen Markergenen redu-
81
Kapitel 4 Diskussion
zierten [152, 153]. Daneben konnte eine verstärkte Expression von Genen, welche
mit einem Phänotyp von Zellen der Neuralleiste in Verbindung gebracht werden,
beobachtet werden [152, 153, 190, 232]. Diese in vitro Beobachtungen konnten auch
in vivo reproduziert werden. So wurde die Expression von Differenzierungsmarker-
genen in hypoxischen Bereichen eines Tumors aus humanen Neuroblastomzellen,
welcher in nackte Mäuse xenotransplantiert wurde, ebenfalls herabreguliert [152].
Bisher hat man die Herabregulation von hASH1 unter Hypoxie jedoch eher mit einer
parallel beobachteten verstärkten Expression von HES-1 und Notch-1 zu erklären
versucht [152]. Diese hASH1-Regulation über Notch/HES-1 würde jedoch nur eine
Reprimierung der Transkription von hASH1 zur Folge haben, welche in dieser Arbeit
nicht beobachtet wurde. Doch gibt es Hinweise, dass Notch auch HES-1-unabhängig
an der hASH1-Herabregulation mitwirken kann [297]. Zudem zeichneten sich nicht
alle der getesteten Neuroblastomzelllinien durch eine erhöhte HES-1-Expression
unter Hypoxie aus [152]. In zwei der vier getesteten Zelllinien blieb HES-1 unverän-
dert, was auch hier den Schluss zulässt, dass weitere Mechanismen, wie die in dieser
Arbeit vorgestellte Stilllegung der Translation, bei der Herabregulation von hASH1
unter Hypoxie eine Rolle spielen.
Neuroblastomzellen rühren von Vorläuferzellen bzw. unreifen Zellen des sympa-
thischen Nervensystems her und sind während verschiedener Phasen der Differen-
zierung stehen geblieben. Primärtumore können an nahezu allen Strukturen des
sympathischen Nervensystems entstehen [73]. Tumore neigen dazu, Bereiche mit
hypoxischen Bedingungen auszubilden, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen
ist, dass die Neubildung von Blutgefäßen nicht mit dem schnellen Wachstum der
Tumorzellen schritthalten kann. Außerdem sind Blutgefäße innerhalb von Tumo-
ren oftmals missgebildet und in ihrer Funktion beeinträchtigt [137]. Hypoxie eines
Tumors und seine Gefährlichkeit korrelieren häufig miteinander [92]. Dies könnte
einerseits darauf zurück gehen, dass Tumore aufgrund hypoxischer Bedingungen
aggressiver werden, oder aber aggressive Tumore durch ihr schnelles Wachstum
eher zur Hypoxie neigen. Wenngleich man diesen Sachverhalt noch nicht gänzlich
klären konnte, kennt man jedoch einige nachteilige Auswirkungen der Hypoxie auf
die Tumorbehandlung. So schränkt Hypoxie die Sensitivität des Tumors gegenüber
verschiedenen therapeutischen Verfahren ein. Daneben scheinen hypoxische Tu-
more erfolgreicher zu metastasieren und zeigen zudem interessanterweise höhere
Mutationsraten als weniger hypoxische Tumore [284, 108, 35, 265]. Letztere Ei-
genschaft geht auf die Herabregulation einer Reihe von DNA-Reparatur-Genen bei
hypoxischen Tumoren zurück [163, 168]. Die erhöhte Aggressivität hypoxischer
Tumore aufgrund beispielsweise der verbesserten Metastatisierungseigenschaften
lässt sich möglicherweise aus dem durch die Hypoxie hervorgerufenen Wechsel
der Krebszellen hin zu einem unreiferen Zustand ableiten. Die über die Hypoxie
wiedergewonenen Stammzelleigenschaften tragen so maßgeblich zur Gefährlichkeit
82
Diskussion
des Tumors bei [152].
Da hASH1 eine wichtige Rolle bei der Ausdifferenzierung zukommt, liegt die
Vermutung nahe, dass auch die Herabregulation von hASH1 unter Hypoxie, bei
der Wiedergewinnung von Stammzelleigenschaften der Tumorzellen, von großer
Relevanz ist. Eine weitegergehende Analyse der translationalen Stilllegung von
hASH1 könnte somit neue Angriffspunkte bei der Behandlung von Neuroblastomen
aufzeigen.
Abbildung 4.2:
Schematische Darstellung der Auswirkungen der Hypoxie auf die Bildung von
hASH1 in Kelly-Zellen. Unter hypoxischen Bedingungen gehen die hASH1-mRNAs in einen
translationsinaktiven Zustand über, wobei die Transkription jedoch unbeeinflusst bleibt.
83
5 Zusammenfassung
Eine Zelle muss die Zusammenstellung ihres Proteinrepertoires entsprechend den
auftretenden Bedürfnissen qualitativ und quantitativ anpassen. Bei der Expression
eines Gens können neben der Kontrolle der Transkription seiner mRNA über den
Promotor noch vielfälltige weitere Mechanismen zum Tragen kommen. Diese so-
genannte posttranskriptionelle Kontrolle der Genexpression kann beispielsweise
über eine Veränderung der Prozessierung der mRNA, eine Anpassung der mRNA-
Stabilität oder eine Änderung der Translationseffizienz die Regulation über die
Transkription hinaus deutlich verstärken aber auch eine erheblich beschleunigte
Antwort der Zelle ermöglichen. Die für diese Art der Regulation verantwortlichen
Bereiche befinden sich vornehmlich in den untranslatierten Regionen der mRNA
(UTRs).
Der bHLH-Transkriptionsfaktor Achaete-Scute Homolog-1 (ASCL1, hASH1) hat
eine wichtige Funktion während der neuronalen Entwicklung. Er ist von Bedeutung
für die Differenzierung bzw. die Subtypspezifizierung von neuronalen Zellen. Jedoch
ist über seine direkte Regulation wenig bekannt. In silico-Analysen offenbarten
konservierte Bereiche sowie putative cis-Elemente in den überdurchschnittlich lan-
gen UTRs der hASH1-mRNA und legten ein Mitwirken von posttranskriptionellen
Mechanismen bei der hASH1-Regulation nahe. Diese Mechanismen sollten in dieser
Arbeit genauer untersucht werden.
Hierbei traten zwei verschiedene posttranskriptionelle Regulationsmechanismen
zutage. Unter Stimulierung mit Phorbol-12-myristat-13-acetat (PMA) wird hASH1
in der humanen Neuroblastom-Zelllinie Kelly herabreguliert. Dabei geht der an-
fängliche schnelle hASH1-Abfall auf eine Destabilisierung seiner mRNA zurück.
Später übernimmt eine transkriptionelle Reprimierung die Hemmung von hASH1.
Insbesondere bei der Vermittlung des posttranskriptionellen Einflusses scheint dabei
Proteinkinase C (PKC) involviert zu sein.
Auch unter Hypoxie konnte eine Herabregulation von hASH1 in Kelly-Zellen beob-
achtet werden. Diese kommt jedoch vornehmlich durch eine Inhibition der Translati-
on zustande. Beide hASH1-UTRs scheinen jeweils für sich allein den Hypoxie-Effekt
vermitteln zu können, wobei wohl drei Differenzierungskontroll-Elemente (DICE)
für den Hypoxie-Einfluss auf die
30
-UTR der hASH1-mRNA verantwortlich sind.
85
Kapitel 5 Zusammenfassung
Bekannte Bindungsproteine für dieses Motiv sind das heterogene nukleäre Ribo-
nukleoprotein E1 (hnRNP-E1) und das heterogene nukleäre Ribonukleoprotein K
(hnRNP-K), welche schon mit der Stilllegung der Translation von bestimmten mR-
NAs beschrieben wurden. Diese reversible translationale Stilllegung von hASH1
ist möglicherweise ein Anzeichen bzw. Bedingung dafür, dass die Neuroblastom-
zellen in einen unreiferen Zustand wechseln, welcher bei Tumorzellen mit einer
stärkeren Ausprägung unerwünschter Eigenschaften, wie beispielsweise erhöhter
Überlebensrate und verbesserten Migrationseigenschaften der Zellen, einhergeht.
86
6 Summary
Cells have to change the composition of their protein inventory to adapt to changing
requirements. Gene expression can be controlled by the rate of transcription but also
by several posttranscriptional mechanisms. These mechanisms include, for example,
a change in mRNA stability, an alteration in mRNA processing as well as a change
in the translation rate of an mRNA. Due to these posttranscriptional mechanisms, a
cell is able to amplify its transcriptional response and also react to changing needs
in a faster way. The elements responsible for these control mechanisms are mainly
located in the untranslated regions of an mRNA (UTRs).
The bHLH transcription factor Achaete-scute complex homolog 1 (ASCL1, hASH1)
plays an important role during neuronal development. It is involved in differentiation
and subtype specification of neurons. However, knowledge about its regulation is
sparse. An in silico analysis revealed conserved regions as well as putative cis-
elements in its higher-than-average long UTRs. This suggests a participation of
posttranscriptional mechanisms in hASH1 regulation. The examination of this topic
was the aim of this study.
Two different mechanisms of posttranscriptional control were shown to be involved
in the regulation of hASH1. Under phorbol 12-myristate 13-acetate (PMA) adminis-
tration hASH1 is down-regulated in the human neuroblastoma cell line Kelly. At
first, the rapid, strong down-regulation is caused by a destabilization of its mRNA.
Under prolonged treatment, this down-regulation results also from transcriptional
repression. Protein kinase C (PKC) seems to be particularly involved in the posttran-
scriptional down-regulation of hASH1.
A down-regulation of hASH1 in Kelly cells was also be observed under hypoxic
conditions. But in this case, an inhibition of the translation of the hASH1 mRNA was
mainly responsible for this decline. Both hASH1 UTRs were able to down-regulate
hASH1 under hypoxia. Three differentiation control elements (DICE) appear to be
responsible for the influence of the 3
´
-UTR. Known binding proteins of DICE are
heterogeneous nuclear ribonucleoprotein E1 (hnRNP-E1) and heterogeneous nuclear
ribonucleoprotein K (hnRNP-K), which were previously shown to cause translational
arrest of certain mRNAs. This reversible arrest of hASH1 could be a prerequisite for
the neuroblastoma cells to acquire a less differentiated state, which is accompanied
87
Kapitel 6 Summary
by better survival rates or improved migratory abilities that are characteristics of
aggressive neuroblastomas.
88
7 Publikationen im Rahmen
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eng.
In: Free Radic Biol Med 31.11 (Dez. 2001), S. 1405–1416 (siehe S. 48).
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Danksagung
Hiermit möchte ich mich bei Prof.
Ulf Stahl
für die Unterstützung bei der Erstellung
dieser Arbeit, die Begutachtung selbiger sowie für die Leitung des Promotions-
verfahrens bedanken. Außerdem gilt mein Dank Prof.
Michael Fähling
für die
Begutachtung und exzellente Betreuung meiner Arbeit.
Bei Prof.
Holger Scholz
bedanke ich mich für die hilfreichen Anmerkungen und
Verbesserungsvorschläge. Zudem danke ich Prof.
Jochen Meier
für die Durchfüh-
rung der Versuche mit den primären Rattenzellen, sowie die Möglichkeit an der
Mitarbeit an einem Projekt seiner Arbeitsgruppe.
Ganz herzlich möchte ich mich auch bei allen Mitarbeitern des Instituts für Vegetative
Physiologie für die gute Arbeitsatmosphäre, die Hilfestellungen und die zahlreichen
Zuarbeiten bedanken. Dabei gilt mein besonderer Dank Frau
Regine Stöbe
und
Jeannette Werner
. Frau Dr.
Angela Skalweit
möchte ich zudem für die vorzügliche
Einarbeitung in die Lehre diverser vom Institut ausgerichteter Praktika danken.
Meinen lieben Eltern danke ich für die bemerkenswerte Unterstützung während der
Entstehung dieser Arbeit sowie die großartige Hilfe meines Vaters beim Editieren
dieser Arbeit.
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