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[en] (orig)
Modellierung für die künstliche Beatmung:
Strömung im Lungenkapillarnetz und Interaktion von
Alveolen
von
Diplom-Ingenieurin
Kerstin Schirrmann
aus Berlin
von der Fakultät V Verkehrs- und Maschinensysteme
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Ingenieurwissenschaften
Dr.-Ing.
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. Marc Kraft
Gutachter: Prof. Dr.-Ing. Christian Oliver Paschereit
Prof. Dr.-Ing. Klaus Affeld
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 30. August 2012
Berlin 2012
D83
Zusammenfassung
Wenn Menschen künstlich beatmet werden müssen, übernimmt ein Atemgerät die
Funktion der Atemmuskulatur und pumpt Luft in die Lunge. Die Hauptaufgabe der
künstlichen Beatmung ist es, den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid zu
gewährleisten. Allerdings wird dabei das Gewebe gelegentlich zu stark gedehnt, oder
Alveolen, Lungenbläschen, fallen wieder zusammen, nachdem sie aufgepumpt wurden.
Beides kann Lungenschäden verstärken oder gar hervorrufen. Die künstliche Beatmung
bekommt also eine weitere Aufgabe: Sie muss die zusätzliche Lungenschädigung
minimieren. Ziel dieser Arbeit ist es, Vorgänge rund um diese zwei Aufgaben besser
zu verstehen.
Ein Thema dieser Arbeit ist die Mechanik von mehreren miteinander verbundenen
Alveolen. Wie stabil Alveolen sind und wie stark sie gedehnt werden, ist wichtig für
die Schädigung der Lunge. Hier wird ein mathematisches Modell verwendet. In den
Alveolen wirken mehrere Spannungen auf einzigartige Weise zusammen: Die Mem-
branspannung des Gewebes und die Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms, der
die Alveolen auskleidet, stehen mit dem Beatmungsdruck im Gleichgewicht. Dieses
Zusammenspiel beschreiben vereinfachte, theoretisch hergeleitete Druck-Volumen-
Kurven unabhängiger einzelner Alveolen. Durch Variation von Parametern dieses
mathematischen Modells werden neben normalen auch veränderte Alveolen modelliert:
Typisch für Lungenschädigungen sind die Vergrößerung der Oberflächenspannung
und die Versteifung des Gewebes. Mit den Druck-Volumen-Kurven einzelner Alveolen
wird dann die Interaktion mehrerer Alveolen simuliert, die über Luftwege verbun-
den sind; Dehnung und Stabilität werden analysiert. Damit wird die Wirkung von
Beatmungsmanövern auf bereits geschädigte Lungen beurteilt. Der Erfolg von Beat-
mungsmanövern hängt entscheidend von der Art der Schädigung ab: Bei Störungen
der Oberflächenspannung können Beatmungsmanöver die Stoffaustauschfläche ver-
größern. Bei Gewebeversteifung ist der Effekt gering und es besteht die Gefahr der
Überdehnung.
Das zweite Thema ist die Strömung der roten Blutkörperchen im Lungenkapillarnetz.
Sie ist wichtig für den Stoffaustausch, aber im Detail noch nicht gut verstanden. Es
werden experimentelle Modelle für Kapillarblut und für Kapillarnetze entwickelt. Das
Besondere an der Strömung im Kapillarnetz ist, dass die roten Blutkörperchen genauso
groß sind wie die Kapillaren. Daraus ergeben sich spezielle strömungsmechanische
Eigenschaften. Diese stellt ein Blutmodell aus Wassertropfen in Öl nach. Mit dem
Blutmodell wird die ungestörte Strömung in einem vergrößerten Kapillarnetzmodell
untersucht und der Einfluss von Störungen: Blockaden von Verzweigungen oder Aus-
gängen sowie statische und dynamische Dehnung von Teilen des Kapillarnetzmodells.
Bereits in der ungestörten Strömung variieren Geschwindigkeit, Tropfenstrom und
Tropfenanzahl mit der Zeit und sind im Kapillarnetzmodell ungleich verteilt. Die
untersuchten Störungen ändern die Aufenthaltszeiten der Tropfen jedoch nur wenig:
Die Strömung ist hierin robust. Überträgt man dies auf Blut in Kapillarnetzen, hieße
das erstens, Blockaden und Teildehnungen beeinflussen den Aufenthalt der roten Blut-
körperchen im Kapillarnetz und somit den Stoffaustausch nicht wesentlich. Zweitens
3
kann die unregelmäßige Strömung in natürlichen Kapillarnetzen mit den strömungs-
mechanischen Eigenschaften von Kapillarblut erklärt werden. Darüber hinaus werden
erstmals Experimente mit Blut in einem Mikromodell eines Lungenkapillarnetzen
präsentiert: Sie bestätigen die Ergebnisse der Versuche mit dem Blutmodell.
Die vorgestellten Modelle ermöglichen ein besseres Verständnis der Alveolenstabilität
und der Kapillarblutströmung. Das Modell der verbundenen Alveolen bietet einen An-
satz für eine verbesserte künstliche Beatmung, indem Einflüsse gezeigt werden, die sich
auf den Erfolg oder die zusätzliche Lungenschädigung bestimmter Beatmungsmanöver
auswirken.
Summary
For patients on artificial respiration a ventilator compensates the misfuction of the
respiratory muscels and pumps air into the lung. The major task of artificial respiration
is to provide sufficient transfer of oxygen and carbon dioxide. However, the tissue
is stretched too much sometimes, or alveoli open and kollapse repeatedly. Both is
known to worsen or even induce lung injury. So, artifitial respiration has another task:
Minimize ventilator induced lung injury. This thesis intends to understand processes
connected with these two tasks.
One topic regards the mechanics of several connected alveoli. Their stability and
strain is important for lung injury. Here, a mathematical model is used. Several stresses
interact in a unique way in alveoli: The membrane stress in the tissue and the surface
tension of the fluid lining of the alveoli are balanced by the pressure of the air. This
interaction is described with pressure volume curves of single independend alveoli,
that are theoretically derived. Next to normal alveoli modyfied alveoli are studied
by changing the parameters of the mathematical model: Two typical alterations in
lung injury are a higher surface tension and a stiffening of the tissue. Pressure volume
curves of single alveoli are used to simulate the interaction of several alveoli, that are
connected via airways; strain and stability are analysed. Now, the effect of ventilation
maneuvers on injured lungs is estimated. Their success is critically dependend on
the type of lung injury: If the surface tension is affected, ventilation maneuvers can
enlarge the surface area for mass transfer. If the tissue stiffnes is affected, the effect
on surface area is small and danger of overdistention has to be taken into account.
The other topic regards the flow of red blood cells in the pulmonary capillay network.
This flow is important for the mass transfer, but unfortunately its details are not
known very well. Here, experimental models are used for capillary blood and for
pulmonary capillary networks. A special issue in capillary blood flow is the identical
size of capillaries and red blood cells. This induces special fluid dynamic characteristics.
These characteristics are modeled with a blood model consisting of water droplets and
oil. The blood model is used to study the undisturbed flow in an enlarged model of the
capillary network and the influence of disturbances: blockage of bifurcations or oulets
as well as static and dynamic partial stretching of the model. Velocity, droplet flow
and droplet number vary and are inhomogeneous distributed, even at undisturbed
conditions. The disturbances which where studied hardly alter the transit time of
4
the droplets: The flow is robust. Transferring these results to blood in real capillary
networks leads to the following conclusions: First, blockage and partial stretching do
not essentially influence the transit time, and thus neither the mass transfer. Second,
the irregularities in the flow of blood in capillary networks can be explained with the
fluid dynamics of capillary blood. In addition, experiments are presented with blood
flowing in a pulmonary capillary network on micrometer scale: These experiments
confirm the results of the experiments with the blood model.
The presented models allow for a better understandig of the blood flow and of
alveolar stability. The first model provides hints, how artificial respiration might be
improved: It shows influences that affect the success or additional lung injury of
ventilation maneuvers.
5
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 9
1.1 Lungenschaden und Protektive Beatmung . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2 Fragestellungen............................... 12
1.3 Physiologie der Lunge auf alveolärer Ebene . . . . . . . . . . . . . . . 13
1.3.1 Alveolen............................... 13
1.3.2 Kapillarnetz............................. 16
1.3.3 Stoffaustausch ........................... 18
1.4 Blut als Strömungsmedium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.4.1 Zusammensetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.4.2 Hämorheologie ........................... 20
1.5 Modellierung von Alveolen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.5.1 Modellgeometrien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.5.2 Lokale Spannungen und Dehnungen . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.5.3 Stabilität .............................. 24
1.6 Modellierung des Blutflusses in Kapillaren und Kapillarnetzwerken . . 25
1.6.1 Ähnlichkeit ............................. 25
1.6.2 Kapillarblutmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
1.6.3 Vorgänge an Verzweigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
1.6.4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz . . . . . . . 28
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen 31
2.1 Methoden.................................. 31
2.1.1 Grundidee.............................. 31
2.1.2 Druck-Volumen-Kurve einer einzelnen Alveole . . . . . . . . . . 31
2.1.3 Stabilitätsanalyse von Alveolensystemen . . . . . . . . . . . . . 35
2.1.4 Druck-Volumen-Kurven von Alveolensystemen . . . . . . . . . 36
2.1.5 Modellierung von Lungenschäden . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.1.6 Validierung ............................. 36
2.2 Ergebnisse.................................. 37
2.2.1 Stabilität eines Systems mit zwei Standardalveolen . . . . . . . 37
2.2.2 Druck-Volumen-Kurven von Standardalveolen . . . . . . . . . . 37
2.2.3 Druck-Volumen-Kurven bei Lungenschäden . . . . . . . . . . . 41
2.3 Diskussion.................................. 43
2.3.1 Systeme von Standardalveolen mit Hysterese . . . . . . . . . . 43
2.3.2 Lungenschädigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
2.3.3 Vereinfachungen .......................... 44
2.3.4 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45
7
3 Voruntersuchungen zum Blutmodell 47
3.1 Blutmodell ................................. 47
3.1.1 Aufbau und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
3.1.2 Ergebnisse.............................. 49
3.1.3 Diskussion.............................. 51
3.2 Aufteilung von Tropfen an einer Verzweigung . . . . . . . . . . . . . . 53
3.2.1 Methoden.............................. 53
3.2.2 Ergebnisse.............................. 53
3.2.3 Diskussion.............................. 54
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz 57
4.1 Methoden.................................. 57
4.1.1 Kapillarnetzmodelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
4.1.2
Experimentelle Untersuchungen mit dem Wassertropfen-Öl-
Modell in Kapillarnetzmodellen mit künstlich erzeugter Geometrie
59
4.1.3
Auswertung der Experimente durch Tropfenverfolgung mit MAT-
LAB................................. 63
4.1.4 Experimentelle Untersuchungen mit der Mausgeometrie . . . . 66
4.1.5 Experimentelle Untersuchungen im Mikromodell . . . . . . . . 67
4.2 Ergebnisse.................................. 68
4.2.1 Beschreibung der Strömung im vergrößerten Modell . . . . . . 68
4.2.2 Kontrollversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
4.2.3 Variation des Tropfenanteils . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
4.2.4 Änderung des Volumenstroms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
4.2.5 Blockaden.............................. 86
4.2.6 Statische Dehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
4.2.7 Dynamische Dehnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
4.2.8 Mauskapillarnetzmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
4.2.9 Mikromodell ............................ 100
4.3 Diskussion.................................. 105
4.3.1 Strömung im Kapillarnetzmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
4.3.2 Tropfenanteil ............................ 107
4.3.3 Blockade .............................. 108
4.3.4 Dehnung .............................. 109
4.3.5 Literaturvergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
4.3.6 Strömung im Mauskapillarnetzmodell . . . . . . . . . . . . . . 112
4.3.7 Strömung im Mikromodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
4.3.8 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
5 Schlussfolgerungen und Ausblick 117
Literaturverzeichnis 121
Symbolverzeichnis 131
8
1 Einleitung
1.1 Lungenschaden und Protektive Beatmung
Künstliche Beatmung ist lebensrettend, wenn die natürliche Atmung nicht mehr funk-
tioniert. Letzteres kann verschiedene Ursachen haben. Rückenmarksverletzungen oder
Medikamente können dazu führen, dass der Atemantrieb nicht ausreichend vorhanden
ist. In diesem Fall ist das Lungengewebe selbst zunächst nicht verändert. Trauma
mit Schock, Lungenentzündungen und das Einatmen von Mageninhalt oder großer
Mengen Wasser können ein akutes Lungenversagen auslösen (acute lung injury, ALI,
oder in der schwereren Form acute respiratory distress syndrome, ARDS). Hier ist das
Lungengewebe direkt von Veränderungen betroffen. Als Folge kann die Lunge ihre
Grundfunkion nicht mehr erfüllen: Der Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid
wird nicht mehr gewährleistet. Zahlen über die Häufigkeit von akutem Lungenversagen
gibt es aus den USA: Rubenfeld u. a. (2005) geben die altersbereinigte Anzahl der
Neuerkrankungen an akutem Lungenversagen in ihrem Untersuchungsgebiet mit
86
Fälle je
100 000
Einwohner an, und schätzen, dass in den USA jedes Jahr etwa
190 000
Menschen an akutem Lungenversagen erkranken. Die künstliche Beatmung soll die
Zeit überbrücken, bis sich die Lunge wieder erholt. Gleichzeitig belastet die künstliche
Beatmung aber das Lungengewebe: Beim ruhigen Atmen erzeugt das Zwerchfell einen
leichten Unterdruck (ungefähr
200 Pa
) und die Luft strömt ein. Bei der künstlichen
Beatmung wird die Luft mit Überdruck in die Lunge gepumpt: An dem Beatmungs-
gerät werden Parameter wie Atemzugvolumen, Atemfrequenz und Maximaldruck
vorgegeben und das Beatmungsgerät presst die Luft in die Lunge. Die Einstellun-
gen werden anhand von Blutwerten kontrolliert und angepasst. Bei konventioneller
Beatmung werden Spitzendrücke bis
5000 Pa
erreicht (ARDSNetwork, 2000). Solche
hohen Spitzendrücke werden von gesunden Lungen eine gewisse Zeit toleriert. Bei
langer künstlicher Beatmung führt dies jedoch auch bei gesunden Lungen oft zu
Komplikationen (Dreyfuss und Saumon, 1998). Bei Patienten, deren Lunge aufgrund
von Erkrankungen bereits veränderte Eigenschaften hat, wie zum Beispiel beim akuten
Lungenversagen, ist das Risiko eines weiteren beatmungsassoziierten Lungenschadens
besonders groß. Das trägt mit dazu bei, dass die Sterblichkeitsrate in dieser Gruppe
mit circa
40 %
sehr hoch ist. In den USA sterben jedes Jahr geschätzt
74 500
Men-
schen an akutem Lungenversagen (Rubenfeld u. a., 2005). Der beatmungsassoziierte
Lungenschaden ist Gegenstand der aktiven Forschung und tritt in vier Formen auf:
Dazu zählen das Volutrauma, das Barotrauma, das Atelektrauma und das Biotrauma.
Volutrauma und Barotrauma beschreiben Gewebeverletzungen aufgrund von zu ho-
hen Volumen oder Drücken. Diese spielen durch die heutigen Grenzwerteinstellungen
an den Beatmungsgeräten kaum noch eine Rolle. Dagegen wird dem Atelektrauma
eine größere Bedeutung beigemessen. Als Atelektrauma wird eine Lungenschädigung
9
1 Einleitung
bezeichnet, die durch wiederholtes Öffnen und Schließen der Alveolen, der Lungenbläs-
chen, über mehrere Atemzüge hervorgerufen wird. Die Schädigungsmechanismen, die
hier vermutet werden, sind einerseits eine mechanische Belastung des Gewebes beim
Aufeinandertreffen der Alveolarwände beim Schließen, und andererseits die hohen
mechanischen Spannungen beim Öffnen kollabierter Alveolen. Auch die Spannungen
im Übergangsbereich zwischen geöffneten und kollabierten Alveolen werden als pro-
blematisch angesehen. Es ist festzuhalten, dass in der Fachwelt noch diskutiert wird,
ob oder unter welchen Umständen Alveolen, die nicht am Gasaustausch beteiligt
sind, wirklich zusammengefallen sind oder mit Flüssigkeit gefüllt sind (Hubmayr,
2009). Für die mechanische Belastung des Gewebes ist das ein wesentlicher Unter-
schied. Die letzte Form des beatmungsassoziierten Lungenschadens, das Biotrauma,
ist mit der Dehnung des Lungengewebes verbunden. Bereits kleine Überdehnungen
reichen aus, um dehnungsempfindliche Ionenkanäle zu aktivieren (eine Art natürlicher
Dehnungssensor). Diese wiederum setzen eine Entzündungskaskade in Gang, sodass
eine Lungenentzündung entstehen kann, ohne dass Bakterien oder Viren ursächlich
beteiligt sein müssen.
Die protektive, also schützende Beatmung soll die beschriebenen beatmungsassozi-
ierten Lungenschäden minimieren und gleichzeitig den notwendigen Stoffaustausch
ermöglichen. Problematisch sind hier folgende Aspekte.
Die physiologischen Grundlagen sind zum Teil ungeklärt. Beispielsweise ist der
Mechanismus der Volumenveränderung von Alveolen weder im gesunden noch
im kranken Fall abschließend geklärt, sondern Gegenstand reger Diskussionen
(Roan und Waters, 2011)
Die genauen Schädigungsmechanismen sind noch nicht bekannt. Zwei verschie-
dene Mechanismen werden jedoch immer wieder genannt: Schädigung durch
wiederholtes Öffnen und Schließen und durch Überdehnung
Die postulierten Einflussgrößen für die Schädigung (die Spannungen und Dehnun-
gen im Gewebe), sowie die Einflussgrößen für den Stoffaustausch (die Strömung
der Luft und des Blutes) sind nicht bekannt.
Jeder Lungenschaden ist individuell und ändert sich mit der Zeit. Je nach Art
und Fortschritt des Lungenschadens sind die mechanischen und morphologischen
Eigenschaften der Lunge verschieden.
Entsprechend schwierig ist die Einstellung einer protektiven, einer schützenden
Beatmung. Das Wissen um die möglichen Schädigungsmechanismen führte zu der
Entwicklung von verschiedenen protektiven Beatmungsstrategien. In der Klinik wird
von protektiver Beatmung gesprochen, wenn das Atemzugvolumen auf
6 ml kg1
des
idealen Körpergewichts begrenzt wird: Kleinere Atemzugvolumina beschränken die
Gewebedehnung und damit die Entstehung des Biotraumas. Dies ist bisher der einzige
protektive Ansatz, dessen Nutzen in einer großen randomisierten Studie nachgewiesen
wurde (ARDSNetwork, 2000). Zu den weiteren Ansätzen für eine protekive Beatmung
10
1.1 Lungenschaden und Protektive Beatmung
gehört der sogenannte open lung approach. Dieser verfolgt die Strategie, das Kol-
labieren und Öffnen von Alveolen zu verhindern: Die Lunge soll belüftet und offen
gehalten werden(Lachmann, 1992). Das wird erreicht, indem zunächst mit hohem
Druck die Alveolen geöffnet werden (Rekrutierungsmanöver) und dann ein positiver
end-expiratorischer Druck (PEEP) angelegt wird. Am Ende der Ausatmung liegt
also immer noch ein Druck an, der ein Kollabieren von Alveolen verhindern soll.
Für die Durchführung des Rekrutierungsmanövers und die Einstellung des richtigen
PEEPs gibt es keine einzelne allgemein akzeptierte sondern viele verschiedene Stra-
tegien (Kacmarek und Kallet, 2007; Mols u. a., 2006). Im Gegensatz dazu gibt es
aber auch den Ansatz, kollabierte Abschnitte der Lunge geschlossen zu lassen damit
gibt es ebenfalls kein wiederholtes Öffnen und Kollabieren der Alveolen, und auch
keine Überdehnungen. Hintergrund ist die Beobachtung, dass in bestimmten Stadien
des akuten Lungenschadens ein kleiner Teil der Lunge relativ normale Eigenschaften
aufweist (Babylunge), während der Rest kaum beatmet werden kann (Gattinoni und
Pesenti, 2005). Unter welchen Umständen Rekrutierungsmanöver sinnvoll sind, ist
also umstritten (zum Beispiel (Kacmarek und Kallet, 2007)). Ein anderer Ansatz
besteht darin, die künstliche Beatmung weniger gleichförmig sondern variabel und
damit physiologischer zu gestalten: Dazu gehört die Kombination von maschineller
Beatmung und Spontanatmung (BIPAP biphasic positive airway pressure), und die
stochastische Variation der Beatmungsdrücke und -volumina (de Abreu u. a., 2008),
wobei der zweite Ansatz noch in der klinischen Erprobung ist. Hier werden kurzzei-
tige hohe Drücke und Volumina in Kauf genommen, also auch Überdehnung und
Kollaps, da die Wirkung von hohen Spannungen und Dehnungen nicht nur von ihrer
Stärke sondern auch von ihrer Dauer abhängt. Es gibt weitere Ansätze zur protek-
tiven Beatmung, die jedoch mit höherem apparativen Aufwand verbunden sind und
nicht etabliert sind. Dazu gehören die Flüssigkeitsbeatmung mit Fluorkarbon und die
Hochfrequenzbeatmung. Diese haben gemeinsam, dass eine Überdehnung des Gewebes
vermieden wird die erhöhte Diffusion im flüssigen Fluorkarbon beziehungsweise die
hohe Beatmungsfrequenz ermöglichen kleinste Atemzugvolumina und somit kleine
Dehnungen.
Die bisher beschriebenen protektiven Beatmungskonzepte konzentrieren sich auf die
Minimierung der schädigenden Einflüsse. Die gleichzeitige Optimierung des Stoffaustau-
sches spielt nur im Hintergrund eine Rolle: Die verminderte Abgabe von Kohlendioxid
mit daraus folgender leichter Übersäuerung gilt als zulässig, wenn dadurch die Über-
dehnung des Gewebes vermieden werden kann (Larsen und Ziegenfuß, 2009). Beim
Sauerstoff gibt es weniger Spielraum, ein ausreichender Sauerstoffaustausch muss ge-
währleistet sein. Beim Stoffaustausch muss neben der Luftströmung auch die Strömung
des Blutes betrachtet werden. Kritisch ist hier vor allem der Shuntvolumenstrom. Das
ist der Blutvolumenstrom, der durch schlecht oder gar nicht belüftete Lungenbereiche
fließt und bei dem das Blut deshalb kaum oder gar nicht mit Sauerstoff versorgt
wird. Bei der Verminderung des Shuntvolumenstroms könnten neue Entwicklungen
im Bereich der Elektroimpedanztomographie (Borges u. a., 2012) helfen: Mit einem
Elektrodengürtel um den Körper werden Bilder der elektrischen Widerstände in einem
Schnitt des Oberkörpers erzeugt. Die neuen Auswertetechniken haben das Potenti-
11
1 Einleitung
al, Luftströmung und Blutströmung zu unterscheiden (Borges u. a., 2012). Das soll
die Kontrolle des Shuntvolumenstromes am Patientenbett ermöglichen, und so eine
bessere Einschätzung der eingestellten Beatmungsparameter erlauben. Abgesehen
davon gibt es nach aktuellem Kenntnisstand keinen Ansatz, der den Blutfluss im
Lungenkapillarnetz mit in die Beatmungsstrategie einbezieht.
Die deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) hat 2005 einen Forschungsschwerpunkt
mit dem Titel Protektive Beatmungskonzepte ins Leben gerufen. Eine Besonderheit
dieses Forschungsschwerpunktes ist, dass in jedem Teilprojekt sowohl Mediziner als
auch Ingenieure oder Naturwissenschaftler beteiligt sind. Die vorliegende Arbeit ist
im Rahmen eines solchen Teilprojektes entstanden. Zusammen mit dem Institut für
Physiologie wurde im Labor für Biofluidmechanik, beide Charité - Universitätsmedizin
Berlin, das Projekt mit dem Titel Strömungsmechanik und Zellphysiologie in der
Alveole und ihren Kapillaren bearbeitet. Ziel war es, sowohl die schädigenden Vorgänge
als auch den Stoffaustausch auf alveolo-kapillärer Ebene besser zu verstehen und so
Vorschläge für eine protektivere Beatmung zu entwickeln.
1.2 Fragestellungen
In dieser Arbeit werden zwei Fragestellungen bearbeitet, die aus dem Themenkomplex
protektive Beatmung heraus entstanden sind.
Die erste Frage wird in Kapitel 2 behandelt und lautet: Unter welchen Umständen
fallen Alveolen zusammen und unter welchen Bedingungen können zusammengefal-
lene Alveolen wieder dauerhaft geöffnet werden? Diese Frage ist für die protektive
Beatmung deshalb wichtig, weil es rege Diskussionen gibt, ob oder unter welchen
Umständen Rekrutierungsmanöver durchgeführt werden sollen oder nicht (Kacmarek
und Kallet, 2007). Hier wird diese Frage als Stabilitätsproblem gestellt: Wann bilden
offene Alveolen einen stabilen Gleichgewichtszustand und wie verschieben sich die
stabilen Gleichgewichtszustände bei typischen Veränderungen? Als Werkzeuge für die
Untersuchung der Alveoleninteraktion dienen ein mathematisches Modell, das Druck-
Volumen-Kurven beschreibt, die theoretisch hergeleitet werden, und ein Verfahren zur
Stabilitätsanalyse, das ursprünglich für die Analyse des Verhaltens von Luftballons
genutzt wurde.
Die zweite Frage wird in Kapitel 4 behandelt und lautet: Wie sieht die Blutströmung
im Lungenkapillarnetz aus und wie verändert sie sich, wenn sich die Randbedingungen
ändern? Diese Frage ist für die protektive Beatmung deshalb wichtig, weil die Blut-
strömung eine von zwei Komponenten für den Stoffaustausch ist: Wo kein Blut fließt,
gibt es auch keinen Stoffaustausch; Blutfluss ohne Luftströmung ist ebenso wenig
sinnvoll. Zunächst führt die Frage jedoch etwas von der protektiven Beatmung weg:
Die Vorgänge bei der Kapillarströmung in der Lunge sind noch nicht gut verstanden
und müssen grundlegend erforscht werden. Die veränderten Randbedingungen, die
untersucht werden, sind jedoch durch den Kontext der protektiven Beatmung motiviert
und modellieren Veränderungen, die durch Lungenschäden entstehen können: Blo-
ckaden wie durch weiße Blutkörperchen, Umverteilung der Strömung bei blockierten
Ausgängen und Dehnung von Teilen des Kapillarnetzmodells. Das wichtigste Werkzeug
12
1.3 Physiologie der Lunge auf alveolärer Ebene
für die Untersuchung der Kapillarnetzströmung ist das experimentelle Blutmodell.
Der Untersuchung des Blutmodells widmet sich daher Abschnitt 3.1 des Kapitels über
Voruntersuchungen (Kapitel 3). In Abschnitt 3.2 ist außerdem beschrieben, wie sich
das Blutmodell an einer Verzweigung verhält, dem Grundelement des Netzwerkes.
Zu beiden Fragen existieren bereits Vorveröffentlichungen: Im Forschungsschwer-
punkt Protektive Beatmungskonzepte ist ein Buch entstanden, in dem alle Arbeitsgrup-
pen über ihre Arbeit berichten. Ein Kapitel dieses Buches gibt einen Überblick über die
Forschung im DFG-Teilprojekt Strömungsmechanik und Zellphysiologie in der Alveole
und ihren Kapillaren im Labor für Biofluidmechanik und am Institut für Physiologie
der Charité - Universitätsmedizin Berlin (Schirrmann u. a., 2011). Dort werden unter
anderem die Strömung in den Modellkapillarnetzen und die Modellierung der Alveolen
in kompakter Form beschrieben. Im Vergleich zu dem damaligen Stand sind bei der
Modellierung der Blutströmung die Methoden verbessert worden und neue Ergebnisse
hinzugekommen. Daher geht das Kapitel 4 dieser Arbeit weit über das oben genannte
Buchkapitel hinaus. Eine ausführlichere Beschreibung der Alveolenmodellierung ist
zusätzlich bereits im Journal of Biomechanics veröffentlicht (Schirrmann u. a., 2010).
Diese Veröffentlichung bildet die Grundlage von Kapitel 2. Der Inhalt ist im Wesentli-
chen gleich; der Text wurde teilweise zugunsten einer ingenieurwissenschaftlicheren
Darstellung überarbeitet.
1.3 Physiologie der Lunge auf alveolärer Ebene
1.3.1 Alveolen
Die Alveolen (Lungenbläschen) sind die Strukturen, in denen der Austausch von
Sauerstoff und Kohlendioxid zwischen der Atemluft und dem Blut stattfindet. Bild 1.1
zeigt ein einfaches Schema mehrerer Alveolen, die miteinander verbunden sind. Die
Innenansicht im Schnitt in der oberen Bildhälfte zeigt die gemeinsamen Wände der
Alveolen. Auch in diesen Wänden befinden sich Kapillaren des Kapillarnetzes. Das
Kapilllarnetz, ein dichtes Netz kleinster Blutgefäße umschließt die Alveolen, wie in
der unteren Hälfte von Bild 1.1 andeutet ist. Die Alveolen sind über die Atemwege in
bis zu
23
Verzweigungen mit der Luftröhre verbunden und füllen die gesamte Lunge
aus. Bild 1.2 zeigt die Struktur der Alveolen und Luftröhren in einer Aufnahme einer
fixierten Kaninchenlunge mit dem Rasterelektronenmikroskop. Die Alveolen bilden
anders als in der vereinfachten Darstellung in Bild 1.1 keine Trauben, sondern eher
eine schwammähnliche Struktur mit offenen Verbindungen.
Bild 1.3 zeigt schematisch die Elemente einer Alveolarwand: Die Oberfläche der
Alveole ist mit einem Flüssigkeitsfilm (a) bedeckt. In der Flüssigkeit befinden sich ober-
flächenaktive Substanzen, Surfactant (SUFAace ACTive AgeNTs), die die Oberflächen-
spannung des Wassers herabsetzen. Das Surfactant wird von einigen der Endothelzellen
produziert, die die Wandoberfläche bedecken (nicht dargestellt). Eine Alveolarwand
gehört gleichzeitig zu zwei Alveolen. In der Wand (b) befindet sich das Kapillarnetz.
Die Kapillaren (c) ragen auch aus der Wand heraus in die Alveole hinein, wenn
der Druck in den Kapillaren größer ist als in der Alveole. Die Materialeigenschaf-
13
1 Einleitung
ten der Alveolarwände wird durch die Strukturproteine Elastin und Kollagen in der
Alveolarwand bestimmt (nicht dargestellt). Diese Fasern haben in der Regel keine
bevorzugte Orientierung. Eine Ausnahme hiervon ist die Öffnung der Alveole zu den
Atemwegen. Dort befinden sich in einer Art Ring mehr Kollagenfasern als im Rest der
Alveolarwand (Matsuda u. a., 1987).
Die Alveole als Kugel, wie sie in vielen Physiologiebüchern und auch hier schematisch
in Bild 1.1 gezeigt wird, ist eine Vereinfachung. Die gute Raumfüllung und die gemein-
samen Wände werden durch Polyederform erreicht. Die dabei entstehenden Kanten
und Ecken werden allerdings durch die dortige Konzentration der alveolären Flüssigkeit
abgerundet (Lindert u. a., 2007). In vielen Fällen ist die vereinfachte Betrachtung
ausreichend. Für das Modell in dieser Arbeit wird das an geeigneter Stelle diskutiert
(Abschnitt 2.3.3). Als Größenmaß für die Alveolen wird eine charakteristische Länge
angegeben, die man sich im vereinfachten Modell als Kugeldurchmesser vorstellen
kann. Danach hat die durchschnittliche menschliche Alveole nach dem Ausatmen
eine charakteristische Länge von circa
225 µm
(Mercer u. a., 1994), eine Mäusealveole
hat eine charakteristische Länge von circa
60 µm
(Mercer u. a., 1994; Parameswaran
u. a., 2009). Die genaue Geometrie von Alveolen zu erfassen, ist schwierig. Bei Ex-
perimenten an der nicht fixierten Lunge behindert der große Brechungsindexsprung
zwischen Gewebe und Luft die optischen Messverfahren. Daher können mit den op-
tischen Methoden, die an der Lunge eingesetzt werden, nur oberflächliche Alveolen
erfasst werden. Um die Schwierigkeiten deutlich zu machen, werden die wichtigsten
aktuellen mikroskopischen Verfahren für nicht fixierte Lungen kurz erläutert. Die
Intravitalmikroskopie ist die mikroskopische Untersuchung von lebenden Objekten.
Oft ist die normale Hellfeld- oder Dunkelfeld-Lichtmikroskopie gemeint. Hier führen
die Brechungsindexsprünge an den Alveolen zu Reflexionen und damit zu einer Art
Draufsicht auf die Alveole. Allerdings ist der Ort, an dem der Reflex entsteht nicht
die Grenze der Alveole. Die Zweiphotonenmikroskopie nutzt die Fluoreszenzanregung
eines Farbstoffes durch zwei Photonen in einem Fokus. Durch Verschieben des Fokus
kann das Gewebe in verschiedenen Tiefen abgetastet werden. Die Eindringtiefe des
Bild 1.1:
Schema von Alveolen. Mehrere Alveolen sind um einen Luftweg in der Mitte ange-
ordnet. Ein dichtes Kapillarnetz überzieht die Wände der Alveolen. Die Innenansicht
im Schnitt oben zeigt die gemeinsamen Wände mit angeschnittenen Kapillaren
14
1.3 Physiologie der Lunge auf alveolärer Ebene
Bild 1.2:
Kleine Atemwege und Alveolen einer perfusions-fixierten Kaninchenlunge im
Rasterelektronenmikroskop-Bild von E.R. Weibel, Insitut für Anatomie der Univer-
sität Bern.
Bild 1.3:
Schema einer Alveolarwand, die zu zwei Alveolen gehört: (a) Flüssigkeitsfilm mit
Surfactant; (b) Wand mit Strukturproteinen, Flüssigkeit und Kapillarnetz; (c) ange-
schnittene Kapillaren mit verformten roten Blutkörperchen (Strömung nur teilweise
in der Zeichenebene). Bild ähnlich wie in Roan und Waters (2011)
15
1 Einleitung
Lichts ist allerdings in der Lunge wegen der großen Verluste an der Luft-Gewebe-
Grenze klein. Die optische Kohärenztomographie funktioniert im Prinzip ähnlich wie
Ultraschall, nur mit Licht statt mit Schall: Licht wird in das Gewebe eingestrahlt und
die Laufzeit und Intensität des zurück gestreuten Lichts werden gemessen. Daraus
wird die 3D-Struktur rekonstruiert. Auch hier kann nur die erste Hälfte der obersten
Alveolen gut rekonstruiert werden. Danach nehmen die Abbildungsfehler aufgrund
des Brechungsindexsprungs wieder stark zu. Für andere mikroskopische Verfahren
wird die Lunge entnommen und zum Teil fixiert diese Verfahren ermöglichen dann
auch die Aufnahme der Struktur der inneren Alveolen (klassische Gewebeschnitte
(Mercer und Crapo, 1987), lebende Lungenschnitte (Ressmeyer u. a., 2006), Röntgen-
Mikro-Computer-Tomographie (Tsuda u. a., 2008)). Allerdings wird bei den genannten
Verfahren nach aktuellem Stand immer die Flüssigkeit-Luft-Grenzschicht aufgelöst, da
die Alveolen mit Flüssigkeit gefüllt werden, zum Beispiel für die Fixierung. Dadurch
ändert sich das Kräftegleichgewicht und damit auch die Geometrie. Neue Einblicke in
die Alveolargeometrie bietet vielleicht die Endoskoptechnik: Bei der Fibered confocal
laser scanning microscopy wird die Optik eines Mikroskops über ein Endoskop direkt
in das Lungengewebe vorgeschoben (Bickenbach u.a., 2009). Der Durchmesser der
Sonde beträgt nur
650 µm
, die Verletzungen sind daher gering. Das System hat ein
kleines Beobachtungsfenster und fasst die Tiefeninformation von
50 µm
-Schichten
zusammen. Noch sind aus diesem Verfahren heraus keine Daten zur Geometrie der
Alveolen veröffentlicht.
Nicht nur die Geometrie der Alveolen wirft noch Fragen auf, auch der Mechanismus
der Volumenänderung der Lunge bei der Atmung wird kontrovers diskutiert. Mögliche
Prozesse sind
1. Volumenänderung der Alveolen durch Dehnung der Alveolarwand,
2.
Volumenänderung der Alveolen durch Faltung und Entfaltung der Alveolarwände,
3. Öffnen und Schließen von Einzelalveolen oder Lungenbereichen und
4. Volumenänderung der Atemwege.
Vermutlich finden alle Prozesse statt, jeder für sich impliziert jedoch andere Mechanis-
men für den beatmungsassoziierten Lungenschaden. Der 4. Prozess ist für die Frage der
Schädigung unproblematisch und wird daher nicht weiter betrachtet. Das Öffnen und
Schließen von ganzen Lungenarealen durch Kollabieren oder Flüssigkeitsfüllung von
Atemwegen (3) hat großen Einfluss auf das Lungenvolumen (Hajari u. a., 2012). Dabei
nehmen Alveolen, die hinter den kollabierten Atemwegen liegen, nicht mehr am Gasaus-
tausch teil. Sie enthalten aber entweder noch etwas Luft und oder Flüssigkeit, sind also
nicht kollabiert im eigentlichen Sinne. Die Kräfte, die beim Öffnen auftreten, können
sehr groß werden und die Zellen in den Atemwegen schädigen. Das ist zum Beispiel von
Ghadiali und Huang (2011) ausführlich zusammengefasst worden und wird hier nicht
weiter betrachtet. Das Öffnen und Schließen von Einzelalveolen oder Alveolargruppen
wird dagegen in dieser Arbeit betrachtet, da dies ein bekannter Schädigungsmecha-
nismus ist, der zum Atelektrauma führen kann. Anders als in geschädigten Lungen
16
1.3 Physiologie der Lunge auf alveolärer Ebene
Bild 1.4:
Dichtes Kapillarnetz um Alveolen im Rasterelektronenmikroskop-Bild (Ratenlunge,
Kapillaren mit Latex gefüllt und fixiert; Ausschnitt aus Guntheroth u. a. (1982))
spielt dies für die Volumenänderung der gesunden Lunge nach aktueller Kenntnis
keine Rolle (Mertens u. a., 2009). Die beiden Prozesse Dehnung der Alveolarwände (1)
und Faltung der Alveolarwände (2) unterscheiden sich nur bei kleinen Volumen. Für
mögliche Schädigungsmechanismen heißt das, dass während die Alveolarwände erst
entfaltet werden, dort noch keine erhöhten Spannungen und Dehnungen auftreten. Bei
größeren Volumen ist jedoch die Faltungsmöglichkeit erschöpft und die Wände werden
ebenfalls gedehnt. Es wird angenommen, dass erhöhte Spannungen und Dehnungen
neben der Atelektase die Hauptursache für die Schädigung der Lunge sind. Große
Spannungen und Dehnungen können durch Versteifung oder vergrößertes Volumen
entstehen. Daher wird in den folgenden Kapiteln hauptsächlich die Dehnung und nicht
die mögliche Faltung der Alveolarwände betrachtet.
1.3.2 Kapillarnetz
Das Kapillarnetz der Lunge ist sehr dicht: Die Alveolarwand besteht hauptsächlich
aus Kapillarnetz. Bild 1.4 veranschaulicht das am Beispiel einer Rattenlunge: Es zeigt
das dichte Kapillarnetz rund um Alveolen, das mit Latex gefüllt und fixiert wurde.
Die Kapillaren machen auch die Struktur der Alveolen sichtbar, zu denen sie gehören.
Für die Vermessung der Geometrie des Kapillarnetzes gelten die gleichen Einschrän-
kungen wie für die Alveolen: Die optische Zugänglichkeit ist begrenzt, Fixierung und
Flüssigkeitsfüllung verändert die Geometrie. Diese Einschränkungen gelten auch für die
Betrachtung von Bild 1.4. Folgende Eigenschaften werden jedoch für die Kapillarnetze
angegeben:
Der mittlere Kapillardurchmesser liegt beim Menschen bei etwa
7,5µm
(Hogg
u. a., 1994).
Das Kapillarnetz in der Lunge ist dicht verzweigt, dichter als im Körper und eher
in Netzstruktur als in Baumstruktur. Fung und Sobin schlagen sogar vor, das
Lungenkapillarnetz als Blutschicht zwischen zwei Zellschichten zu betrachten,
die nur durch Pfosten durchbrochen werden (Fung und Sobin, 1969).
17
1 Einleitung
Direkt an der Lungenoberfläche (Lungenfell, Pleura) ist das Kapillarnetz etwas
weniger dicht als im Inneren, aber die Durchblutung in Abhängigkeit vom
Alveolardruck ist ähnlich (Short u. a., 1996).
Y-Verzweigungen überwiegen (Huang u. a., 2001).
Genaue Geometrien von individuellen Lungenkapillarnetzen im Inneren der Lunge
unter physiologischen Bedingungen liegen nicht vor. Statistische Daten zu Durchmesser-
und Längenverteilungen können zum Beispiel aus Zweiphotonenmikroskopieaufnahmen
für Kapillarnetze an der Lungenoberfläche gewonnen werden. Solche Daten werden in
dieser Arbeit verwendet, um künstliche Geometrien zu erzeugen. Zusätzlich wird ein
oberflächliches Mauslungenkapillarnetz aus statischen Intravitalmikroskopieaufnahmen
rekonstruiert (Kapitel4.1.1).
Die Kapillaren sind in die Matrix der Alveolarwände eingebunden: Eine Verformung
der Alveolarwand zum Beispiel durch Dehnung wirkt unmittelbar auf die Kapillaren.
Da schon die Geometrie der Lungenkapillarnetze unter physiologischen Bedingungen
nur abgeschätzt werden kann, gibt es auch keine direkten Messungen der Strömung
der roten Blutkörperchen in solchen Netzen. Indirekte Messmethoden und Organprä-
parationen (wie die Isolierung der Lunge) ermöglichen jedoch die Untersuchung von
Schlüsselparametern der Strömung im Lungenkapillarnetz. Betrachtet werden Tran-
sitzeiten, also die Aufenthaltsdauer der roten Blutkörperchen im Lungenkapillarnetz,
und die wechselnde Durchblutung von Segmenten.
Die Transitzeit der roten Blutkörperchen ist für den Stofftransport durch die roten
Blutkörperchen wichtig. Sie wurde zum Beispiel von Hogg u. a. (1994) und von Presson
u. a. (1995) gemessen. Die Transitzeit zeigt eine schiefe Verteilung (im Vergleich zur
Normalverteilung): Es gibt viele rote Blutkörperchen mit kleiner Transitzeit (Minimum
kleiner
1 s
) und wenige mit großen Transitzeiten (bis
14 s
). Der Median lag bei Hogg u. a.
(1994) bei
1,2 s
. Ein Fokus der vorliegenden Arbeit ist die Veränderung des Blutflusses
im Modellkapillarnetz bei Störungen. Die meisten Experimente in Lungenpräparaten
beschäftigen sich mit dem Blutfluss im Lungenkapillarnetz allgemein, nicht in der
geschädigten Lunge. Hogg u. a. (1994) untersuchten allerdings auch die Transitzeit von
roten Blutkörperchen in Lungen mit Emphysem (vergrößerte Alveolen durch zerstörte
Alveolarwände, oft durch Rauchen hervorgerufen) und fanden keine Veränderung der
Transitzeit. Offenbar ist die Strömung um die veränderten emphysematischen Alveolen
ähnlich wie um gesunde Alveolen. Also wurden durch das Emphysem vermutlich
insgesamt nur so viele Kapillaren zerstört, dass der Gesamtquerschnitt nur wenig
kleiner geworden und daher die Geschwindigkeit in den einzelnen Kapillaren nur wenig
gestiegen ist.
Das Lungenkapillarnetz wird nicht stationär durchströmt sondern hat eine Strömung,
die sich ständig ändert; und zwar unabhängig vom Puls. Die Variationen sind auch
in anderen Kapillarnetzwerken zu beobachten (Schmid-Schönbein u. a., 1980), aber
in der Lunge besonders ausgeprägt (Okada u. a., 1994). Dort wurden in der Hälfte
der Gefäße Fluktuationen beobachtet, die nicht mit dem Puls in der zuführenden
Pulmonalarterie erklärt werden können. Die Ursachen für die beobachtete zeitliche
Variation der Kapillarnetzströmung werden schon länger diskutiert. Bereits 1973 führt
18
1.3 Physiologie der Lunge auf alveolärer Ebene
Fung die Partikeleigenschaften der statistisch verteilten roten Blutkörperchen als
passiven Mechanismus für Strömungsfluktuationen an (Fung, 1973). Die Partikelei-
genschaften führen dazu, dass sich der Strömungswiderstand ändert. Dies wird durch
Schmid-Schönbein u. a. (1980) erweitert, die postulierten, dass eine dadurch hervor-
gerufene Veränderung der Volumenströme wiederum eine Umverteilung der roten
Blutkörperchen bewirkt, sodass eine Art selbstregulierender Regelkreis entsteht. Auch
in numerischen Arbeiten werden Argumente für diese Hypothese gefunden (Carr und
Lacoin, 2000; Obrist u. a., 2010; Pozrikidis, 2009), wobei die weißen Blutkörperchen als
steifere Partikel gerade in der Lunge eine besonders große Rolle spielen könnten (Huang
u. a., 2001). Versuche an isoliert perfundierten Hundelungen lassen vermuten, dass
sich der Strömungswiderstand zusätzlich dadurch verändert, dass Kapillarsegmente
kollabieren (Baumgartner u. a., 2004). Das ist möglich, da Alveolardruck und Kapil-
lardruck in manchen Lungenbereichen vergleichbar sind. Kollaps und Abwesenheit
von roten Blutkörperchen lassen sich allerdings nur schwer auseinanderhalten, da bei
diesen Experimenten nur die Kapillaren als durchblutet angesehen werden, in denen
in einem Zeitraum von
4 s
ein rotes Blutkörperchen beobachtet wurde. Neben den rein
hydrodynamischen Ursachen gibt es eine Reihe von biologischen Einflüssen auf die
Durchblutung von Gefäßen (Griffith, 1996), die hier nicht weiter betrachtet werden. In
der vorliegenden eigenen Arbeit stehen die Fluktuationen durch rote Blutkörperchen
im Vordergrund: Es wird ein Kapillarblutmodell verwendet, in dem die Modellblut-
körperchen eine ähnliche relative Widerstandserhöhung verursachen, wie die roten
Blutkörperchen in den Kapillaren.
1.3.3 Stoffaustausch
Der Stoffaustausch ist die Hauptaufgabe der Lunge: Sauerstoff aus der Atemluft gelangt
in das Blut, das Kohlendioxid aus dem Blut gelangt in die Atemluft. Der Übergang
zwischen dem Blut in den Kapillaren und der Luft in den Alveolen erfolgt durch
Diffusion. Da die Kapillaren in die Alveolarwand eingebettet sind, ist der Weg von
Luft zu Kapillare kurz (circa
0,2µm
(Klinke und Silbernagl, 1996)). Das gilt auch für
die Arteriolen, die kleinen Blutgefäße, die stromaufwärts liegen und das Kapillarnetz
versorgen. Im gesunden Fall ist das Blut bei Ruheatmung bereits in den Arteriolen
mit Sauerstoff gesättigt (persönliche Kommunikation Wolfgang Kübler, Institut für
Physiologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin, 2012, Artikel in Vorbereitung).
Ist bei einem Lungenschaden, zum Beispiel bei einer Lungenentzündung, Flüssigkeit
im Alveolarwandgewebe vorhanden, dann erhöht sich die Diffusionsstrecke und der
Stoffaustausch wird erschwert. Dann wird auch die Transitzeit (Residenzzeit) der roten
Blutkörperchen durch das Kapillarnetz interessant: Reicht die Zeit, damit die roten
Blutkörperchen mit Sauerstoff gesättigt werden?
Der Stoffaustausch kann nur funktionieren, wenn sowohl der Blutfluss in den Kapilla-
ren als auch der Luftstrom zu den Alveolen vorhanden ist. Wenn einzelne Lungenareale
oder Alveolen von der Luftzufuhr abgeschnitten sind, ist es für den Stoffaustausch
sinnvoll, wenn der Blutfluss in diesen Gebieten reduziert würde, da das Blut dort kei-
nen Sauerstoff aufnehmen kann. Eine solche Regulierung findet im gesunden Fall auch
19
1 Einleitung
statt und wird hypoxische pulmonale Vasokonstriktion genannt. Im Körperkapillarnetz
regulieren die präkapillären Sphinkter, kleine Muskeln an den Arteriolen direkt vor den
Kapillaren, in Abhängigkeit vom Sauerstoffbedarf den Blutfluss: Bei Sauerstoffmangel
weiten sie die Arteriolen. In der Lunge findet der gegenteilige Prozess, die hypoxische
pulmonale Vasokonstriktion, deutlich vor der Kapillarebene in den kleinen Arterien
(
200
bis
400 µm
) statt: Deren glatte Muskulatur verringert den Arteriendurchmesser,
wenn der Sauerstoffpartialdruck in den Alveolen gering ist (Klinke und Silbernagl,
1996). Durch die so herbeigeführte Erhöhung des Strömungswiderstandes wird der
Blutfluss von den weniger gut durchlüfteten Lungenbereichen in besser durchlüftete
Bereiche umgelenkt. Im Fall eines Lungenschadens ist diese Regelung oft nicht ausrei-
chend. Wenn die Ventilationsgebiete (mit Luft durchströmte Alveolen) nicht mit den
Perfusionsgebieten (mit Blut durchströmte Kapillarnetzbereiche) übereinstimmen, ist
der Shuntvolumenstrom groß, also der Blutvolumenstrom, der nicht am Stoffaustausch
teilnimmt. Das ist neben der im Lungenschaden oft verringerten Alveolenoberfläche
ein weiteres Problem für den Stoffaustausch.
1.4 Blut als Strömungsmedium
1.4.1 Zusammensetzung
Die zentrale Größe für die Beschreibung der Blutzusammensetzung ist der Hämatokrit
(Hkt). Dieser gibt den Volumenanteil der festen Blutbestandteile am Gesamtblut an.
Für medizinische Fragestellungen wird der Hämatokrit des Blutes der Ellenbogenvene
herangezogen. Dort liegt er im Durchschnitt bei
0,45
, während er in den Kapillaren
deutlich kleiner sein kann (siehe Abschnitt 1.4.2). Unter den festen Blutbestandteilen
haben die roten Blutkörperchen, die Erythrozyten, mit circa 5 Millionen Erythrozyten
pro
µl
den deutlich größten Anteil (
99 %
am Volumen) (Klinke und Silbernagl, 1996), so
dass in den Modellen für den Hämatokrit nur sie herangezogen werden. Unverformt sind
rote Blutkörperchen bikonkave Scheiben mit einem Durchmesser von etwa
8µm
(Klinke
und Silbernagl, 1996). Die weißen Blutkörperchen, die Leukozyten, sind je nach Typ
etwas größer (Durchmesser
6
bis
20 µm
(Leonhardt, 1981)), sind aber in deutlich
geringerer Konzentration vorhanden (
4000
bis
8000
pro
µl
(Leonhardt, 1981). Die
Blutplättchen, die Thrombozyten, sind mit
1
bis
3µm
(Leonhardt, 1981) die kleinsten
der festen Bestandteile, pro
µl
Blut gibt es
250 000
bis
300 000
von ihnen (Leonhardt,
1981). Diese festen Blutbestandteile befinden sich im Blutplasma, das aus Wasser und
verschiedenen Stoffen besteht, die für die Funktion des Blutes notwendig sind (zum
Beispiel Gerinnungsfaktoren, Proteine, Elektrolyte, Nährstoffe).
1.4.2 Hämorheologie
Die Hämorheologie beschreibt die Fließeigenschaften des Blutes und seiner Kompo-
nenten. Blut gehört nicht zu den newtonschen Fluiden, das heißt, der Zusammenhang
zwischen Schubspannung und Scherrate ist nicht linear. In größeren Gefäßen und bei
höheren Scherraten kann es oft als newtonsches Fluid modelliert werden, da dann
20
1.4 Blut als Strömungsmedium
(a)
Unverformtes rotes
Blutkörperchen als
bikonkave Scheibe
(b)
Verformtes rotes
Blutkörperchen in
Pantoffelform
Bild 1.5:
Aussehen roter Blutkörperchen in großen (a) und kleinen Blutgefäßen (b) (Die
Skalierung ist verschieden.)
die Schubspannungs-Scherraten-Relation nahezu linear ist. In kleineren Gefäßen und
breiten Scherratenbereichen ist die lineare Annäherung meist nicht ausreichend, der
nicht-newtonsche Charakter muss beachtet werden (zusammengefasst in (Vennemann,
2008)). In den Kapillaren haben die roten Blutkörperchen eine vergleichbare Größe
wie die Gefäße, in denen sie fließen. Hinzu kommt eine massive Verformung von der
bekannten Scheibenform zu eher fallschirm- oder pantoffelähnlichen Formen (Bild 1.5).
Die roten Blutkörperchen füllen so die Kapillaren fast vollständig aus. Daher kann
das Blut hier nicht mehr als Kontinuum behandelt werden. Die Kontinuumshypothese
ist Teil der Definition eines Fluides Blut in Kapillaren ist also nach dieser Definition
eigentlich kein Fluid. Das führt zu Besonderheiten in der Beschreibung der Strömungs-
eigenschaften und zusammen mit der Verformbarkeit der roten Blutkörperchen zu
besonderen Strömungseffekten, die im Folgenden kurz beschrieben werden.
Fåhraeus-Effekt, Hämatokritverringerung
In Blutgefäßen kleiner als
300 µm
wandern die roten Blutkörperchen von der Wand
weg in das Innere des Gefäßes. Der Hintergrund für diese Axialmigration sind die
komplexen Zell-Wand-Interaktionen (Goldsmith u. a., 1989). Es bildet sich eine zell-
freie Schicht am Rande der Kapillare (Visualisierung in (Vennemann, 2008)) und die
roten Blutkörperchen bewegen sich mit einer höheren Geschwindigkeit als das Plas-
ma (Goldsmith u. a., 1989). In sehr kleinen Kapillaren (kleiner als
10 µm
) verformen
sich die roten Blutkörperchen, so dass sie Kapillaren bis zu einem Durchmesser von
2,8µm
passieren können. Eine zellfreie Schicht im obigen Sinne gibt es hier nicht, aber
die roten Blutkörperchen berühren die Kapillarwand auch nicht direkt. Dazwischen
befindet sich eine Schicht aus in die Kapillare hineinragenden Proteinen (endothelial
surface layer, ESL) und Plasma. Die verschiedenen Geschwindigkeiten von roten Blut-
körperchen und Plasma bewirken einen Unterschied zwischen dem Volumenanteil der
roten Blutkörperchen in der Kapillare
Hktt
=
VEry/VBlut
und dem Volumenstromanteil
der roten Blutkörperchen Hktd=˙
VEry /˙
VBlut, siehe Gleichung 1.1.
21
1 Einleitung
(a) Fåhraeus-Effekt (b) Fåhraeus-Lindqvist-Effekt
Bild 1.6:
Strömungseffekte bei der Strömung von Blut in kleinen Kapillaren für drei Hämatokri-
te (HKT
d
in der Kapillare) nach Formeln von Pries u. a. (1992): a) Fåhraeus-Effekt:
Der Gefäßhämatokrit (Volumenanteil der roten Blutkörperchen, HKT
t
) ist kleiner
als der Auslasshämatokrit (Volumenstromanteil der roten Blutkörperchen, HKT
d
).
Die Stärke des Effekts ist vom Gefäßdurchmesser und vom Hämatokrit abhängig.
b) Fåhraeus-Lindquist-Effekt: Die relative effektive Viskosität des Blutes (bezogen
auf die Viskosität des Plasmas) ist vom Kapillardurchmesser und vom Hämatokrit
abhängig.
Hktd=˙
VEry
˙
VBlut
=VEry
VBlut
·¯vEry
¯vBlut
= Hktt·¯vEry
¯vBlut
(1.1)
Der Volumenanteil der roten Blutkörperchen in der Kapillare (Hkt
t
) wird in der
Physiologie als Gefäßhämatokrit (tube hematocrit) bezeichnet. Dagegen ist der Volu-
menstromanteil der roten Blutkörperchen (Hkt
d
) der Hämatokrit, den man messen
würde, wenn man das Blut hinter der Kapillare auffangen und untersuchen würde.
Hkt
d
wird in der Physiologie als Auslasshämatokrit (discharge hematocrit) bezeichnet
und wird in einem hinter der Kapillare liegenden Gefäß gemessen, das so groß ist, dass
der Geschwindigkeitsunterschied zwischen roten Blutkörperchen
¯vEry
und dem Blut
¯vBlut vernachlässigbar ist.
Dass der Volumenanteil der roten Blutkörperchen (Hkt
t
) in der Kapillare kleiner ist
als ihr Volumenstromanteil (Hktd), wird als Fåhraeus-Effekt bezeichnet.
Bild 1.6a zeigt den Fåhraeus-Effekt nach einer empirischen Formel von Pries (Pries
u. a., 1992) in Glaskapillaren in Abhängigkeit vom Kapillardurchmesser und vom
Hämatokrit (Hkt
d
in der Glaskapillare). Für Kapillaren bis
7µm
ist der Einfluss des
Hämatokrits vernachlässigbar, bei größeren Kapillaren ist der Fåhraeus-Effekt für
kleinere Hämatokrite etwas stärker. Der Unterschied zwischen Hkt
t
und Hkt
d
ist in
Kapillaren zwischen
10 µm
und
15 µm
am größten, die Kurve ist dort minimal und
steigt danach wieder an (nicht dargestellt).
22
1.5 Modellierung von Alveolen
Fåhraeus-Lindqvist-Effekt, effektive Viskosität
Da das Blut im Kapillarbereich kein Kontinuum bildet, verliert auch der Begriff
Viskosität seine Gültigkeit. Stattdessen wird die effektive Viskosität
ηeff
des Blutes
verwendet, um den Einfluss der roten Blutkörperchen auf den Strömungswiderstand
in Kapillaren zu beschreiben. Sie charakterisiert für bestimmte Versuchsbedingungen
(Gefäßlänge
l
, Gefäßradius
r
) die Beziehung von Volumenstrom
˙
V
und Druckdifferenz
p
und ist analog zum Gesetz von Hagen-Poiseuille für newtonsche Flüssigkeiten
definiert (Gleichung 1.2).
ηeff =π
8
r4
l
p
˙
VBlut
(1.2)
Wird die effektive Viskosität auf die Viskosität des Plasmas
ηPlasma
bezogen, ergibt sich
die relative effektive Viskosität
ηrel
(Gleichung 1.3). Die Viskosität des Blutplasmas
ist ungefähr ηPlasma = 1,4 mPa s (Rosenson u. a., 1996).
ηrel =ηeff
ηPlasma
(1.3)
Fließt Blut in Glaskapillaren mit verschiedenen Durchmessern, nimmt die relative
effektive Viskosität bis ca.
7µm
mit steigendem Durchmesser ab und steigt dann wieder
(Bild 1.6b), wobei auch der Hämatokriteinfluss stärker wird. Dies wird als Fåhraeus-
Lindqvist-Effekt bezeichnet. In vivo ist die relative effektive Viskosität vermutlich
höher. Für das Rattenmesenterium, die gut durchblutete Bauchfellfalte beim Darm,
wird angenommen, dass sie im Bereich
4µm
bis
10 µm
noch einmal um bis zu Faktor
3 höher ist als in Glaskapillaren (Pries und Secomb, 2005). Das liegt an einer Schicht
von Proteinen und anderen Molekülen an der Gefäßwand, dem endothelial surface
layer (ESL). Die Dicke des ESL wird auf
0,3µm
bis
1µm
geschätzt (Pries und Secomb,
2003), abhängig vom Durchmesser. Wie dick diese Schicht in den Lungenkapillaren
ist, ist nicht bekannt.
1.5 Modellierung von Alveolen
1.5.1 Modellgeometrien
Da die Geometrie der Alveolen bis heute nicht genau bekannt ist, werden meist ver-
einfachte Geometrien für Berechnungen der Stabilität von Alveolen und der Strömung
in Alveolen genutzt. Die Komplexität des Modells richtet sich dabei nach der Frage-
stellung. Bild 1.7 zeigt eine Auswahl von in der Literatur verwendeten Geometrien,
die kurz beschrieben werden:
Ein einfaches Modell ist die Alveole als Teil einer Kugel. Die Kugelkalotte ist
über die Alveolaröffnung mit den Atemwegen verbunden (Bild 1.7a). Dieses
Modell wird für einfache Strömungssimulationen (Sznitman u. a., 2009) und für
Stabilitätsanalysen eingesetzt (Clements u. a., 1961; Andreassen u. a., 2010).
In einem ähnlichen Modell werden die Alveolen als Kompartimente eines Rohres
modelliert (Bild 1.7b); der verbindende Atemweg besteht aus dem Gewebe, das
23
1 Einleitung
(a) (b) (c) (d)
Bild 1.7:
Verschiedene Modelle für Alveolen: a) Kugelkalotte nach Sznitman u.a. (2009); b)
Rohrsegment (Wilson u. a., 2001); c) 2D Polyeder (Stamenović und Wilson, 1992);
d) Oktaederstumpf (Polyeder mit 14 Flächen) (Wiechert u. a., 2011)
die Öffnungen der Alveolen umschließt. Hiermit wird die Wirkung von Flüssigkeit
in Alveolen auf ihre Druck-Volumen-Kurve untersucht (Wilson u. a., 2001).
Einfache 2D-Modelle bestehen oft aus Polyeder-Netzwerken (Bild 1.7c) und
werden für Stabilitätsanalysen größerer Lungenbereiche (nicht Einzelalveolen)
genutzt (Mead u. a., 1970; Stamenović und Wilson, 1992).
Ein komplexes 3D-Modell besteht aus verbundenen Polyedern mit je 14 Oberflä-
chen (Bild 1.7d). Mit einer solchen Geometrie kann das gesamte Volumen der
Lunge mit Modellalveolen gefüllt werden. Es wurde von Fung (1988) beschrieben
und wird für Strömungssimulationen (Burrowes u. a., 2004; Kumar u. a., 2009;
Sznitman u. a., 2009) eingesetzt. Auch das dynamische Verhalten von Lungenge-
webe (Denny und Schroter, 2000) und lokale Verformungen und Spannungen
werden mit einer solchen Modellgeometrie berechnet (Wiechert u. a., 2011).
Inzwischen sind auch erste Arbeiten mit realistischeren Geometrien veröffentlicht:
Wiechert u. a. (2011) nutzen Daten aus der Röntgen-Mikro-Computer-Tomographie
von fixierten Rattenlungen, wie sie auch von Tsuda u. a. (2008) beschrieben werden,
Meissner u. a. (2011) arbeiten mit Daten aus der optischen Kohärenztomographie
von flüssigkeitsgefüllten isoliert perfundierten Kaninchenlungen. Solche Geometrien
kommen nach aktuellem Stand der Technik der Realität am nächsten, sind aber noch
immer kaum verfügbar. Hinzu kommt, dass in beiden Fällen die Flüssigkeits-Luft-
Grenze aufgehoben ist: Die Alveolen sehen also in vivo noch anders aus. Im Vergleich
zu vereinfachten Modellen ist der numerische Aufwand realistischer Geometrien enorm.
1.5.2 Lokale Spannungen und Dehnungen
Ein Artikel von Mead u. a. (1970) wird immer wieder zitiert: Betrachtet wird ein
Bereich, der kollabiert und von offenen Bereichen umgeben ist. Soll dieser Bereich
geöffnet werden, ist die lokale Druckdifferenz über die Wand etwa
14 000 Pa
, obwohl
der global eingestellte Druck nur
3000 Pa
ist. Dies liefert Argumente für Rekrutierungs-
manöver: Da bei der Wiedereröffnung der kollabierten Bereiche sehr hohe Spannungen
auftreten, dürfe es keine wiederholt kollabierenden und sich öffnenden Bereiche geben;
also sollen alle Bereiche geöffnet werden.
24
1.6 Modellierung des Blutflusses in Kapillaren und Kapillarnetzwerken
Wiechert u. a. (2011) berechnen mit realistischen Geometrien (siehe oben) die lokalen
Dehnungen im Lungengewebe für Zug- und Scherbelastung: Die lokalen Dehnungen
sind im Vergleich zu den global vorgegebenen bis zu viermal größer.
In beiden Arbeiten sind Vereinfachungen und Annahmen über Materialparameter
enthalten. Dadurch werden Zahlenbeispiele möglich, die anschaulich beschreiben, dass
die globalen Drücke zwar eine Orientierung für die Belastungen des Gewebes bieten,
die lokalen Spannungen und Dehnungen aber deutlich darüber liegen können.
1.5.3 Stabilität
Ein Zustand ist stabil, wenn die potentielle Energie dort ein Minimum hat. Das System
kehrt also bei kleinen Veränderungen in den stabilen Zustand zurück. Ist die Druck-
Volumen-Kurve des Systems bekannt, kann das Stabilitätskriterium dahingehend
umformuliert werden, dass die Steigung der Druck-Volumen-Kurve positiv sein muss.
Dieses Kriterium wird von Clements u.a. (1961) und von Andreassen u.a. (2010)
angewendet: Beide modellieren einzelne Alveolen als Kugelkalotten und leiten die
Druck-Volumen-Kurve theoretisch her. Sie betrachten den Einfluss der Größe, der
Elastizität und der Oberflächenspannung auf die Steigung der Druck-Volumen-Kurve
und damit auf die Stabilität von einzelnen Alveolen. Die Lunge besteht aber nicht
aus einzelnen Alveolen, sondern aus vielen verbundenen Alveolen, die miteinander
interagieren. Diese Interaktion ist in den Modellen von Clements u.a. (1961) und
Andreassen u. a. (2010) nicht enthalten.
Andere Modelle betrachten die Stabilität von Bereichen von Lungengewebe, die
deutlich größer sind als Alveolen (Fung, 1975; Mead u. a., 1970; Stamenovic und Smith,
1986; Stamenović und Wilson, 1992). Die wichtigsten Ergebnisse für die vorliegende
Arbeit sind:
Kollaps von einzelnen Lungenbereichen ist möglich, ohne dass das Gewebe
drumherum beschädigt ist (Fung, 1975; Stamenović und Wilson, 1992). Allerdings
werden die Alveolen in den angrenzenden Bereichen größer als ohne kollabiertes
Gebiet.
Droht ein Bereich zusammen zu fallen, wirkt das umgebende Gewebe stabili-
sierend (Mead u. a., 1970; Stamenović und Wilson, 1992). Dieser Effekt wird
aus den Kräften im Netzwerk der Kollagen- und Elastinfasern hergeleitet, das
verbundene Alveolen durchzieht.
Konstante Oberflächenspannung führt zu Inhomogenitäten in der Größe der
Alveolen (Stamenovic und Smith, 1986).
1.6 Modellierung des Blutflusses in Kapillaren und Kapillarnetzwerken
1.6.1 Ähnlichkeit
In Modellexperimenten in der Strömungsmechanik wird die Ähnlichkeit der Strömungs-
bedingungen sichergestellt, indem die problemrelevanten dimensionslosen Kennzahlen
25
1 Einleitung
eingehalten werden. Sind diese Kennzahlen in zwei Experimenten gleich, dann können
die Ergebnisse auch verglichen werden, wenn in den Experimenten unterschiedliche
Größen und Fluide verwendet werden. Für die Strömungsmodellierung im Lungenka-
pillarnetz sind als Kennzahlen die Reynoldszahl und in gewisser Weise die Strouhalzahl
interessant.
Reynoldszahl Re
Re =
vD
ν
=
vDρ
η
mit
v
charakteristische Geschwindigkeit (hier:
mittlere Geschwindigkeit der roten Blutkörperchen und Tropfen),
D
charakteristische
Länge (hier: Durchmesser der Kapillare und des Modellgefäßes),
ν
kinematische
Viskosität,
ρ
Dichte,
η
dynamische Viskosität. Die Reynoldszahl ist ein Maß für das
Verhältnis von Trägheits- und Zähigkeitseinflüssen. Für die (effektive) Reynoldszahl
der Blutströmung in Kapillaren wird ein Bereich von
102
(Schmid-Schönbein u. a.,
1980) bis
104
(Fung, 1969; Yen und Fung, 1973) angegeben. Es sei daran erinnert,
dass der Begriff Viskosität bei Kapillarblut kritisch zu betrachten ist, daher der Zusatz
effektiv auch für die Reynoldszahl im Kapillarblut. Für Reynoldszahlen
Re
1gilt,
dass die Trägheitskräfte vernachlässigt werden können. Daher ist nicht wichtig, wie
klein die Reynoldszahl wirklich ist, solange sie deutlich kleiner als
1
ist. Für die
Experimente gilt daher der Richtwert von 103.
Strouhalzahl Sr
Sr=
fD
v
mit
f
Frequenz,
v
charakteristische Geschwindigkeit und
D
charakteristische Länge. Die Strouhalzahl wird meist im Zusammenhang mit der
Ablösefrequenz von Wirbeln an einem Hindernis verwendet. In diesem Fall geht es
jedoch darum, Aussagen zur Skalierung der Zeit zu ermöglichen: Wenn ein rotes
Blutkörperchen in einem Atemzyklus eine bestimmte Anzahl von Segmenten mit einer
dazugehörigen Länge durchquert, dann sollen die Tropfen in einem Modellatemzug
die gleiche Anzahl von Modellsegmenten mit einer entsprechenden Länge durchqueren.
Danach muss die Länge des Modellatemzugs eingestellt werden. Für die Strouhalzahl
gilt daher in diesem speziellen Fall, dass
f
die Atemfrequenz beziehungsweise die
Frequenz ist, mit der das Kapillarnetzmodell gedehnt wird,
v
die mittlere Geschwin-
digkeit der roten Blutkörperchen beziehungsweise Tropfen und
D
der Durchmesser
der Kapillaren und der Modellgefäße. Die Frequenzen und Zeiten können bei gleicher
Strouhalzahl nach Gleichung 1.4 skaliert werden; der rechte Teil der Gleichung ergibt
sich bei gleicher Reynoldszahl durch Multiplikation mit Re1
Re2.
t1
t2
=f2
f1
Sr1=Sr2
=D1
D2
v2
v1
=Re1=Re2
=D2
1
D2
2
ν2
ν1
(1.4)
Besonderheiten bei Kapillarblut
Auf Kapillarebene haben die roten Blutkörperchen
die gleiche Dimension wie die Gefäße. Das bedeutet, dass bei vergrößerten Modellen die
nicht-newtonschen Eigenschaften des Kapillarblutes, die Zweiphasigkeit und die daraus
resultierenden Effekte ebenfalls abgebildet werden müssen: Abschnitt 3.1 beschäftigt
sich daher mit der Ähnlichkeit des experimentellen Blutmodells mit dem Blut in
Kapillaren.
26
1.6 Modellierung des Blutflusses in Kapillaren und Kapillarnetzwerken
1.6.2 Kapillarblutmodelle
Experimentelle Kapillarblutmodelle werden genutzt, um einige der Schwierigkeiten
bei der direkten Arbeit mit Blut zu vermeiden. Durch die Vergrößerung vereinfacht
sich die Handhabung und die Kontrolle der Versuchsbedingungen ebenso wie die
Herstellung der entsprechenden Gefäßmodelle. Blutmodelle können wiederholt mit
den gleichen Eigenschaften hergestellt werden, dagegen ist die Zusammensetzung des
Bluts nicht konstant. Die mit Blutkontakt verbundene gesundheitliche Gefährdung
für die Experimentierenden wird ebenfalls ausgeschlossen. Alle Modelle bilden nur
Teile der Wirklichkeit ab, auch bei Kapillarblutmodellen müssen die Modellgrenzen
beachtet werden.
Frühere experimentelle Kapillarblutmodelle wurden unter anderem in den 70ger
Jahren entwickelt. Fung (1973) nutzte Kugeln für Experimente an Verzweigungen.
Später verwendete er zusammen mit Yen Gelatinepellets von circa
11 mm
Durchmesser
und
3 mm
Dicke, um Aspekte der Schichtströmungstheorie (siehe Abschnitt 1.6.4) zu
verifizieren (Yen und Fung, 1973), und von circa
3,2 mm
Durchmesser und
1 mm
Dicke
für Untersuchungen an Verzweigungen (Yen und Fung, 1978). Kiani und Cokelet (1994)
verwendeten für ihre Untersuchungen zum Druckabfall an Verzweigungen ebenfalls
flexible Plättchen, hier mit einem Durchmesser von
7,5 mm
. Diese Modelle sind relativ
steif, so dass sie in Modellgefäßen gleicher Dimension leicht feststecken. Auch Kapseln
mit Außenhaut und Flüssigkeitsfüllung wurden als Blutmodell verwendet (Lee und
Fung, 1969), deren Herstellung ist jedoch sehr aufwändig.
In dieser Arbeit wird als Blutmodell ein Wassertropfen-Öl-Gemisch verwendet,
das leicht herzustellen ist (siehe Abschnitt 3.1). Grundsätzlich ist die Ähnlichkeit
zwischen roten Blutkörperchen in Kapillaren und Tropfen schon seit längerem be-
kannt (Gauthier u. a., 1972). Zur Untersuchung von Kapillarströmung wurden Tropfen
als experimentelles Blutmodell nach derzeitigem Kenntnisstand bisher nur in der eige-
nen Arbeitsgruppe eingesetzt: Kertzscher u. a. (2008) untersuchten die Blutströmung
in Fischkiemen. Die Modelleigenschaften werden dort nicht ausführlich diskutiert, das
geschieht in dieser Arbeit in Abschnitt 3.1.
Auch in der Numerik werden verschiedene Modelle für rote Blutkörperchen verwen-
det. Die Modellierung von vielen einzelnen roten Blutkörperchen und ihren Interak-
tionen ist allerdings sehr rechenintensiv, so dass für die numerische Modellierung der
Strömung in Kapillarnetzwerken Kontinuumsansätze genutzt werden (Abschnitt 1.6.4).
Wenn die Interaktion der roten Blutkörperchen und ihre Bewegung in Kapillarnetzen
modelliert werden sollen, stößt die Numerik zur Zeit an ihre Grenzen.
1.6.3 Vorgänge an Verzweigungen
Das Grundelement eines Kapillarnetzes ist die Kapillarverzweigung. Über die Wege von
Partikeln im Allgemeinen und roten Blutkörperchen im Besonderen an Verzweigungen
wird schon einige Zeit geforscht. Bereits 1922 beschrieb Krogh, dass an einer Arterien-
verzweigung der Hämatokrit in dem kleineren Ast geringer sein kann als im Hauptast.
Er nennt das Phänomen Plasmaskimming (Krogh, 1922). Schon erwähnt wurde Fung,
27
1 Einleitung
der theoretisch und mit Blutmodellen die Aufteilung von roten Blutkörperchen an
Verzweigungen untersucht hat. Yen und Fung (1978) geben an, dass die Aufteilung im
Wesentlichen von den Geschwindigkeiten in den Abzweigen abhängt. Ab einem kriti-
schen Geschwindigkeitsverhältnis fließen nahezu alle Gelatine-Blutkörperchen-Modelle
in einen Abzweig. Die Theorie dazu betrachtet scheibenförmige Einzelpartikel und
parabolische Strömungsprofile: Dann bestimmen Druckgradient beziehungsweise Scher-
rate den Weg und die steigen mit der Geschwindigkeit. Schmid-Schönbein u.a. (1980)
studierten Verzweigungen im Kapillarnetz von Kaninchen und leiteten daraus eine
Zell-Verteilungsfunktion ab, um die Verteilung von roten und weißen Blutkörperchen
in einem kleinen Kapillarnetzwerk zu simulieren. Entscheidend ist dort die Position der
Blutkörperchen im Einlass, die über verschiedene Exzentritätsverteilungen modelliert
wird. Klitzman und Johnson (1982) geben eine Gleichung für die Aufteilung der roten
Blutkörperchen in Abhängigkeit der Teilvolumenströme an. Hier gibt es nur noch
einen Parameter, der von ihnen mit in vivo Experimen an Hamstern bestimmt wurde.
Die Arbeitsgruppe um Axel Pries erweitert dies und passt die drei Parameter ihrer
empirischen Formel an eigene experimentelle in vivo Daten an (Pries u. a., 1989).
Diese Formel beschreibt das Verhältnis von Hämatokrit- und Volumenstromaufteilung
anhand von hämatokrit- und geometrieabhängigen Parametern. Beide Formeln nach
Klintzman und Johnson und nach Pries werden von einigen Arbeitsgruppen genutzt,
um Hämatokrit-, Volumenstrom- und Druckverhältnisse in Kapillarnetzwerken zu
berechnen. Davis und Pozrikidis (2011) nutzen den ersteren Ansatz in ihrer Arbeit über
die Bedingungen für instationären Blutfluss und für das Auftreten von Schwingungen
in Kapillarnetzen. Pries u. a. (1990) simulieren mit ihrer Formel Rattenmesenterien.
Auch in anderen numerischen Arbeiten zur Strömung in Kapillarnetzen, insbesondere
in dem der Lunge, werden solche Formeln (leicht modifiziert) zur Aufteilung der
Volumenströme und des Hämatokrits genutzt (Burrowes u. a., 2004; Dhadwal u. a.,
1997; Huang u. a., 2001). Pozrikidis (2009) verfolgt einzelne rote Blutkörperchen durch
ein Netzwerk und gibt die Entscheidung für einen Abzweig an einer Verzweigung
eine Wahrscheinlichkeit an, die auf den empirischen Daten von Pries beruht. Obrist
u. a. (2010) wählen für ihre Netzberechnung eine vereinfachte Verzweigungsregel, die
ohne die experimentellen Daten auskommt: Für jedes rote Blutkörperchen, das an
eine Verzweigung kommt, wird geprüft, in welchem der beiden Abzweige der Druck
niedriger ist. Dorthin bewegt sich dann das rote Blutkörperchen. Dabei wird für die
Berechnung der Druckverteilung nur die Viskosität des Plasmas verwendet, nicht
die des aktuellen Plasma-rote-Blutkörperchen-Gemisches im Segment. Dieser Ansatz
vernachlässigt also die widerstandsändernde Wirkung der roten Blutkörperchen.
Was bestimmt den Weg eines roten Blutkörperchens an der Verzweigung? Für
vereinzelte Partikel, ob verformbar oder nicht, kann das Problem auf die Betrachtung
der Stromlinien der Strömung ohne Partikel zurückgeführt werden. Für jede Volumen-
stromverteilung an jeder Geometrie kann eine Trennfläche zwischen den Abzweigen
berechnet werden. Ein Partikel, zum Beispiel ein rotes Blutkörperchen, fließt in den
Abzweig auf der Seite der Trennlinie, auf der sein Schwerpunkt liegt. In der Regel
ist das der mit dem größeren Volumenstrom, es gibt aber auch Geometrien, wo das
nicht so ist. Ein Beispiel ist ein Abzweig, der schräg nach hinten und damit gegen
28
1.6 Modellierung des Blutflusses in Kapillaren und Kapillarnetzwerken
die Strömungsrichtung ausgerichtet ist und in dem ein höherer Volumenstromanteil
fließt (Roberts und Olbricht, 2003). Welchen Weg ein einzelnes Partikel nimmt, ist
also durch die Volumenstromverhältnisse und seine Position im zuführenden Kanal
festgelegt und berechenbar.
Die roten Blutkörperchen in Kapillarverzweigungen und Tropfen in den Modellnetzen
kommen jedoch nicht einzeln vor. Selbst wenn sie in den Kapillaren so weit voneinander
entfernt sind, dass sie die Strömung um die anderen roten Blutkörperchen oder Tropfen
nicht beeinflussen, treffen sie in den Verzweigungen aufeinander. Das liegt zum einen an
der Querschnitterweiterung und zum anderen an der Verzögerung beim Auftreffen auf
den Staupunkt. Roberts und Olbricht (2003) beziehen diese gegenseitige Beeinflussung
in ihre Betrachtungen und Experimente mit ein und zeigen, wie ein Partikel von einem
zweiten in den vorher nicht favorisierten Kanal gedrängt wird.
Zusammenfassend lässt sich also festhalten:
Das Strömungsverhalten von Einzelpartikeln an Verzweigungen ist soweit ver-
standen, dass anhand der Partikelposition im zuführenden Gefäß und der Volu-
menstromverhältnisse bestimmt werden kann, in welchen Abzweig das Partikel
fließt. In der Regel ist das der Abzweig mit dem höheren Volumenstrom.
Für interagierende Partikel ist die Situation komplexer und nicht ausreichend
verstanden. Auch hier ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Partikel in den
Abzweig mit dem höheren Volumenstrom fließt.
Für rote Blutkörperchen an Verzweigungen gibt es Formeln für die Aufteilung
und dazugehörige an Experimente angepasste Parameter. Das erlaubt eine
Abschätzung der Verteilung, die sich einstellt, jedoch keine Aussage für den Weg
eines konkreten roten Blutkörperchens. Für Tropfen gibt es solche Formeln nicht.
1.6.4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Fung (1969) beschreibt die Strömung im Kapillarnetz mit dem Schichtströmungs-
Ansatz (sheet flow), welcher auch experimentell nachgestellt wurde (Yen und Fung,
1973). Danach kann das Lungenkapillarnetz aufgrund seiner hohen Segmentdichte als
durchgehender Raum zwischen zwei Gewebeschichten betrachtet werden, der durch
Pfosten durchbrochen wird. Grundlage der geometrischen Modellbeschreibung sind also
nicht mehr die Kapillarsegmente sondern die Zwischenräume. Das führt zu ganz anderen
Gleichungen, mit denen sie Aussagen über Druck- und Geschwindigkeitsverteilungen im
Lungenkapillarbett und über die Kapillarbettdicke gewinnen. Betrachtungen einzelner
Kapillarsegmente und der zeitlichen und räumlichen Variationen des Hämatokrits,
des Volumenstroms und des Drucks in diesen Segmenten sind auf diese Weise nicht
möglich.
Für solche Untersuchungen wird das Lungenkapillarnetz als Röhrennetz mit kurzen
Segmenten angesehen. Dann ist die Verzweigung das Grundelement. Daher sind viele
Arbeiten zur Modellierung von Kapillarnetzen bereits im vorherigen Abschnitt erwähnt
worden. Die aktuellen Arbeiten zur Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
29
1 Einleitung
sind numerischer Natur. Die Modellierung von einzelnen roten Blutkörperchen in
größeren Netzen ist aufgrund der nötigen Rechenleistung nicht praktikabel. Statt-
dessen wird für die Modellierung des Lungenkapillarnetzes oft die Analogie zu den
Kirchhoffschen Gesetzen der Elektrotechnik genutzt und das Blut als Kontinuum
mit hämatokritabhängiger Viskosität betrachtet: Der Druckunterschied entspricht
der elektrischen Spannung, der Volumenstrom dem elektrischen Strom und der Strö-
mungswiderstand dem elektrischen Widerstand. Der Strömungswiderstand wird vom
aktuellen Hämatokrit bestimmt, dieser wiederum von den Volumenströmen an der
vorherigen Verzweigung, sodass eine iterative Berechnung nötig wird. Dhadwal u. a.
(1997) berechnen mit diesem Ansatz die Volumenströme, Hämatokrite und Drücke
in einem Lungenkapillarnetzmodell und sehen große segmentweise Unterschiede in
diesen Werten. Huang u. a. (2001), gleiche Arbeitsgruppe, stellen zusätzlich fest, dass
die Transitzeiten von weißen Blutkörperchen in ihrem Modell hauptsächlich vom
arteriellen Druck abhängen, der den Gefäßdurchmesser bestimmt. Für die Transitzeit
der roten Blutkörperchen spielt zusätzlich die Druckdifferenz über der Alveolarwand
eine große Rolle, die die Segmentlänge im Modell beeinflusst. Ein weiteres Ergebnis
dieser Arbeit ist, dass die Blockade von Segmenten zum Beispiel durch weiße Blut-
körperchen kurzzeitig beträchtliche lokale Druckerhöhungen bewirkt und so zeitliche
Unterschiede der Strömungsverhältnisse verursacht, die jedoch nicht simuliert werden.
Die Morphometrie des Modells, das Huang u. a. (2001) nutzen, beruht auf statistischen
experimentellen Daten, wobei sechs kleine Netzwerke sequentiell miteinander verbun-
den werden, um ein Kapillarnetz in einer Alveolarwand abzubilden. Hervorzuheben ist
die Konstruktion der Kapillarwände in diesem Computermodell: Diese bestehen aus
einem relativ steifen Alveolarwandteil, der wie die gesamte Lunge gedehnt wird, und
einem dünnen, dehnbaren Teil, dessen Dehnung von den Drücken in der Kapillare und
in der Alveole bestimmt wird. Burrowes u. a. (2004) nehmen die Arbeit von Huang
u. a. (2001) als Grundlage und erweitern sie, indem sie ein regelmäßiges Kapillarnetz
auf ein Alveolenmodell projizieren und so ein größeres, realistischeres Kapillarnetz
erhalten, das zudem in den alveolären Kontext eingebunden ist. Mit ihrem Modell
schätzen sie den Einfluss der Gravitation auf die Durchblutung einzelner Areale und
die Transitzeiten von roten und weißen Blutkörperchen ab. Sie zeigen, dass je tiefer
das betrachtete Areal liegt, die durchschnittliche Transitzeit sinkt und die Vertei-
lung der Zellen gleichmäßiger wird. Zu erwähnen ist noch die Arbeit von Pozrikidis
(2009), der keinen reinen Kontinuumsansatz verfolgt, sondern die Position aller ro-
ten Blutkörperchen im modellierten künstlichen (Nieren-)Kapillarnetz berechnet und
eine im Vergleich zum Kontinuumsansatz heterogenere Verteilung des Hämatokrits
errechnet. Obrist u. a. (2010) verfolgen ebenfalls einzelne rote Blutkörperchen, hier in
einem idealisierten Rechtecknetz, allerdings mit einer vereinfachten Verzweigungsregel
(siehe Abschnitt 1.6.3). Carr und Lacoin (2000) zeigen numerisch nicht am Lungen-
kapillarnetz, sondern prinzipiell an kleinen Netzen, dass die speziellen rheologischen
Eigenschaften von Kapillarblut zu Schwingungen führen können.
Zusammenfassend lässt sich festhalten:
Der Schichtströmungs-Ansatz ermöglicht zeitlich und räumlich gemittelte Aussa-
30
1.6 Modellierung des Blutflusses in Kapillaren und Kapillarnetzwerken
gen über Drücke und Geschwindigkeiten im Lungenkapillarnetz.
Die Kontinuumsansätze zeigen eine starke räumliche Heterogenität von Hämato-
krit und Volumenstrom, lösen diese aber nicht zeitlich auf. Berechnet werden die
Mittelwerte für ein dynamisches Gleichgewicht. Modelliert werden die ungleich-
mäßige Aufteilung an Verzweigungen und der hämatokritabhängige Widerstand.
Diese sind daher als Ursache für die räumliche Heterogenität anzusehen.
Die numerischen Modelle greifen auf phänomenologische Approximationen zu-
rück, auf empirische Formeln, deren Parameter an Experimente angepasst werden.
Das betrifft zum Beispiel die Aufteilung der roten Blutkörperchen an Verzwei-
gungen und den Hämatokriteinfluss auf den Strömungswiderstand.
Weitere Vereinfachungen der numerischen Modelle betreffen die Berechnung der
Transitzeit, die segmentweise aus dem Gesamtvolumenstrom berechnet wird
(nicht aus der Verfolgung der Zellen), das Verhältnis der Geschwindigkeit von
Plasma und roten Blutkörperchen (das anders als angenommen nicht konstant
ist) und die Vernachlässigung des zusätzlichen Druckabfalls in Verzweigungen.
Es fehlen Studien, die die zeitlichen Fluktuationen oder Veränderungen der
Strömung bei Beatmung und Lungenschädigungen untersuchen.
31
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
Unter welchen Umständen kollabieren offene Alveolen und wann können kollabierte
Alveolen geöffnet werden? Diese Frage ist für die Beurteilung von Beatmungskonzepten
essentiell. Sie wird hier als Stabilitätsproblem interpretiert und mit einem mathema-
tischen Modell untersucht. Die Modellierung der Interaktion von Alveolen wurde in
kürzerer Form bereits im Journal of Biomechanics veröffentlicht (Schirrmann u. a.,
2010).
2.1 Methoden
2.1.1 Grundidee
Die Grundidee ist, die Stabilität von Alveolen mit Hilfe von Druck-Volumen-Kurven
zu untersuchen. Zunächst wird die Druck-Volumen-Kurve von einzelnen Alveolen
benötigt. Die Druck-Volumen-Kurve beschreibt, wie sich der Systemdruck bei einer
Volumenänderung verhält und umgekehrt. Die Druck-Volumen-Kurve einer einzelnen
Alveole wird theoretisch hergeleitet, da sie experimentell nicht bestimmt werden kann.
Mit diesen Kurven einzelner Alveolen kann in einem nächsten Schritt ein System von
kommunizierenden Alveolen untersucht werden: Welche Systemzustände sind Gleichge-
wichtszustände und welche von diesen sind stabil? Die stabilen Gleichgewichte bilden
die quasi-statische Druck-Volumen-Kurve des Systems. Aus solchen Kurven können
die Bedingungen abgelesen werden, unter denen Alveolen geöffnet oder kollabiert sind.
Die Druck-Volumen-Kurve der Einzelalveolen wird theoretisch hergeleitet. Daher
können verschiedene Veränderungen, die bei Lungenschäden auftreten können, unab-
hängig voneinander untersucht werden. Das bietet die einzigartige Möglichkeit, die
verschiedenen Einflüsse besser zu verstehen. Zwei Einflüsse werden ausgewählt und die
dazugehörigen Parameter verändert. Untersucht werden dann Systeme, die jeweils eine
veränderte (geschädigte) und eine unveränderte (gesunde) Alveole enthalten. Auf diese
Weise wird nicht nur deutlich, wie sich die veränderten Alveolen verhalten, sondern
auch, welche Nebenwirkungen in unveränderten Alveolen zu erwarten sind.
2.1.2 Druck-Volumen-Kurve einer einzelnen Alveole
Vier Einflüsse bestimmen die Druck-Volumen-Kurve einer einzelnen Alveole: die
Geometrie, die Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms in der Alveole, die elastischen
Eigenschaften der Alveolarwandbestandteile und die Einbettung in das umliegende
Gewebe, wobei Elastin- und Kollagenfasern die Alveolen miteinander verbinden.
33
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
Bild 2.1:
Einflüsse auf die Druck-Volumen-Kurve für eine einzelne Alveole: (a) Kugelkalotte als
Geometrie für die Grenzfläche zwischen Luft und Flüssigkeitsfilm; (b) Prinzipieller
Druckverlauf wegen Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms mit Anstieg (o) bis
Maximum bei Halbkugelform (+) und anschließendem Druckabfall (#); (c) prinzipiel-
ler Druckverlauf durch Gewebeeinflüsse, bei Volumen unterhalb des belastungsfreien
Volumens Null gesetzt.
Geometrie
Wie in Abschnitt 1.3.1 beschrieben, ist die exakte Geometrie der Alveolen nicht bekannt.
Für die Modellierung der Druck-Volumen-Kurve genügt das prinzipielle Verhalten bei
Druck- und Volumenänderung. Daher nähert ein einfaches Modell die Geometrie an: Ein
starrer Ring bildet die Alveolaröffnung (Radius
r0
=
50 µm
), während die Flüssigkeits-
Luft-Austauschfläche als Kugelkalotte modelliert wird (Bild 2.1 a). Ein ähnliches
Modell wurde bereits von Clements u. a. (1961) verwendet und von Andreassen u. a.
(2010) aufgegriffen.
Oberflächenspannung
Die Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms in der Alveole ändert sich während
eines Atemzugs. Im Modell wird die Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms der
Einfachheit halber als konstant angenommen. In der normalen (gesunden) Alveole
wird die Oberflächenspannung auf
γ
=
0,02 N m1
festgelegt. Das entspricht der
minimalen Gleichgewichtsspannung nach Otis u. a. (1994). Die Druckdifferenz über
die Systemgrenze aufgrund der Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms (
pfl
) ist in
Gleichung 2.1 gegeben.
pfl(V)=2γ/r(V)(2.1)
Dafür wird der volumenabhängige Krümmungsradius der Kugelkalotte
r
(
V
) über
die Höhe der Kugelkalotte
h
(
V
), eine Hilfsgröße
Z
(
V
)und den Öffnungsradius
r0
=
0,05 mm berechnet (Gleichungen 2.2 bis 2.4).
r(V) = r2
0
2h(V)+h(V)
2(2.2)
h(V) = Z(V)r2
0
Z(V)(2.3)
Z(V) =
3V
π+qr6
0π2+ 9V2
π
1
3
(2.4)
34
2.1 Methoden
In Bild 2.1b ist der prinzipielle Verlauf eines so definierten oberflächenspannungbe-
dingten Druckes über dem Volumen dargestellt. Die Kurve hat ein Maximum, wenn
die Grenzfläche die Form einer Halbkugel hat, da dort der Krümmungsradius minimal
ist (Zustand +), und geht mit steigendem Volumen und steigendem Krümmungsradius
gegen Null.
Gewebeelastizität und Einbettung in das Gewebe
Der Einfluss der Gewebeelastizität und die Einbettung der Alveole in das Gewebe
werden zu einer Gewebekomponente kombiniert (
pti
) und in der Druck-Volumen-
Kurve durch eine Gerade abgebildet, die bei einem Volumen größer Null beginnt
(Gleichung 2.5, Bild 2.1c). Dies ist von Druck-Volumen-Kurven von flüssigkeitsgefüllten
Lungen abgeleitet. Dort führen diese beiden Effekte zu einer nur leicht sigmoidalen
Kurve, die bei einem Volumen größer Null beginnen (Hubmayr, 2002). Die vereinfachte
Druck-Volumen-Kurve wird durch zwei Arbeitspunkte bestimmt: die Drücke und
Volumen zu Beginn und am Ende der Einatmung einer menschlichen Lunge bei
Normalatmung. Für deren Berechnung werden folgende Werte angenommen: Die
Anzahl der Alveolen ist
300 000 000
(Weibel, 1963); die funktionelle Residualkapazität,
das Volumen nach dem normalen Ausatmen, ist
3,2 l
; das Totraumvolumen, das immer
in der Lunge bleibt, ist
0,15 l
; das Tidalvolumen, das Volumen je Atemzug ist
0,5 l
;
der end-expiratorische Druck, der Druck am Ende des Ausatmens, ist
500 Pa
und der
end-inspiratorischer Druck, der Druck am Ende des Einatmens ist
700 Pa
(Klinke und
Silbernagl, 1996). Die Drücke unterhalb des Schnittpunktes mit der Volumenachse
werden Null gesetzt, um negative Drücke auszuschließen. Negative Drücke würden
bedeuten, dass die Alveolen zusammengedrückt würden, Alveolarwände sind jedoch
nicht druckstabil (Fung, 1975). Die Druckdifferenz über die Systemgrenze aufgrund
der Gewebeeigenschaften (
pti
) ist also eine Gerade ab einem belastungsfreien Volumen
Vsf mit den Parametern aund b(Gleichung 2.5, Bild 2.1c).
pti(V) = (0 für V < Vsf
aV +bfür VVsf (2.5)
Die zwei Parameter
a
und
b
werden aus den Volumen und Drücken zu Beginn und am
Ende der Einatmung einer menschlichen Lunge bei Normalatmung berechnet. Aus
den oben angeführten Werten ergibt sich mit Gleichung 2.6, der Superposition beider
Einflüsse:
a
=
1,29 ×1014 Pa m3
und
b
=
1,11 ×103Pa
. Für das belastungsfreie
Volumen gilt nach Gleichung 2.5 Vsf =b
a= 8,6×103mm3.
Superposition
Die Superposition der Einflüsse der Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms
pfl
(
V
)
und der Gewebekomponente
pti
ergibt mit den genannten Parametern
r0
,
γ
,
a
und
b
die Druck-Volumen-Kurve der Modellalveole, die im Folgenden als Standardalveole
35
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
Bild 2.2:
Druck-Volumen-Kurve für eine einzelne Alveole, theoretisch hergeleitet aus den
Einflüssen der Oberflächenspannung und der Gewebeeigenschaften sowie einfachen
Geometrieannahmen (Gleichung 2.6, Bild 2.1). Die beiden Kreise kennzeichnen
Anfang und Ende der Inspiration bei 500 und 700 Pa.
bezeichnet wird (Gleichung 2.6 und Bild 2.2).
p(V) = pfl(V) + pti(V) = (2γ
r(V)für V < Vsf =b
a
2γ
r(V)+aV +bfür VVsf =b
a
(2.6)
Diese Gleichung 2.6 ist der Ausgangspunkt für die Untersuchung der Interaktion von
Alveolen und der Stabilität von Alveolensystemen sowie für Parameterstudien für
Lungenschädigungen.
36
2.1 Methoden
Bild 2.3:
Diagramm für die Stabilitätsanalyse eines Systems von zwei Strukturen für ein fest
gewähltes Gesamtvolumen. Die Drücke in den beiden kommunizierenden Strukturen
sind über dem Volumen in Struktur 1 (
V1
) aufgetragen: Die durchgehende Linie
zeigt den Druck in Struktur eins, die gepunktete Linie den Druck in Struktur zwei
(
V2
=
V0V1
). Das Gleichgewicht in den Schnittpunkten a und c ist stabil, das
Gleichgewicht im Schnittpunkt b ist instabil. Die Kästchen zeigen die Zustände,
wenn ein wenig Volumen aus Struktur 1 in Struktur 2 verschoben wird.
2.1.3 Stabilitätsanalyse von Alveolensystemen
Die Stabilitätsanalyse wird mit einer grafischen Methode durchgeführt, die von Müller
und Strehlow (2004) für Luftballons entwickelt wurde und hier kurz beschrieben
wird. Die Methode erfordert die Kenntnis aller interagierender (kommunizierender)
Strukturen im System. Ein stabiles Gleichgewicht der Strukturen bedeutet, dass der
Druck
p
in allen Strukturen gleich ist und kleine Störungen ausgeglichen werden.
Das Gleichgewicht wird grafisch analysiert: Gegeben sei ein System mit zwei verbun-
denen Strukturen mit gleichen Druck-Volumen-Kurven bei einem beliebigen festen
Systemvolumen
V0
. In Bild 2.3 gehört die durchgezogene Linie zum Druck in der
Struktur eins über ihrem Volumen
V1
. Die gepunktete Linie zeigt den Druck in der
Struktur zwei. Da
V0
gerade fest gehalten wird, ist zu jedem
V1
auch
V2
=
V0V1
definiert, so dass der Druck in Struktur zwei auch über
V1
aufgetragen werden kann.
Die Schnittpunkte sind die Zustände mit gleichem Druck in beiden Strukturen, also
Gleichgewichtszustände. Aber nicht alle Schnittpunkte sind stabile Gleichgewichte.
Wenn ausgehend von Punkt a etwas Volumen von Struktur eins zu Struktur zwei
verschoben wird, bewegt man sich in Bild 2.3 auf der Kurve nach links (Kästchen),
da
V1
kleiner wird. Dann ist der Druck in Struktur zwei (gepunktet) höher und
das Volumen wird zurück in Struktur eins verschoben das Gleichgewicht ist stabil.
Bei dem gleichen Gedankenexperiment an Punkt b wird der Druck in Struktur zwei
(gepunktet) niedriger als in Struktur eins (Kästchen). Das führt dazu, dass noch mehr
Volumen in die zweite Struktur verschoben wird ein instabiles Gleichgewicht. In
Punkt c ist die Situation wie in Punkt a stabil.
37
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
2.1.4 Druck-Volumen-Kurven von Alveolensystemen
Die Methode zur Beurteilung der Stabilität von festen Systemvolumen wird genutzt, um
die Druck-Volumen-Kurve eines Systems von zwei verbundenen Alveolen herzuleiten.
Dazu werden zunächst die Aufteilungen des Systemvolumens auf die zwei Alveolen
berechnet, bei denen in beiden Alveolen der gleiche Druck herrscht: [
V1,V2
]mit
p1
(
V1
) =
p2
(
V2
). Die Volumina
V1
und
V2
werden dabei in Schritten von
5×1015 m3
von
0
bis
1,5×1011 m3
variiert. Für die Gleichgewichtspaare [
V1,V2
]wird die Stabilität
wie in Abschnitt 2.1.3 beschrieben für das Systemvolumen
V0
=
V1
+
V2
untersucht.
Die stabilen Gleichgewichtszustände bilden die quasi-statische Druck-Volumen-Kurve
des Systems. Bei zwei stabilen Gleichgewichtszuständen (zwei mögliche Drücke) für ein
Systemvolumen kann anhand der benachbarten stabilen Zustände beurteilt werden,
welcher Zustand zum Füllvorgang und welcher zum Leervorgang gehört.
Druck-Volumen-Kurven für beliebig viele
n
Alveolen können sukzessive aus den
Druck-Volumen-Kurven von (
n
1) Alveolen und einer einzelnen Alveole gewonnen
werden. Hier werden 15 interagierende Alveolen simuliert, bei denen ein Druckausgleich
möglich ist, die also nahe beieinander liegen. Die genaue räumliche Anordnung ist hier
nicht wichtig, da dynamische Effekte, die von der Entfernung der Alveolen abhängen
würden, nicht modelliert werden.
2.1.5 Modellierung von Lungenschäden
Lungenschädigung und krankheitsbedingte Veränderungen werden modelliert, indem
die Parameter einer Standardalveole nach Gleichung 2.6 verändert werden. Verschiede-
ne Arten der Lungenschädigung können in dem Modell nachgestellt werden, wenn die
Veränderung die Alveolengröße, die Oberflächenspannung oder die Gewebeeigenschaf-
ten betrifft und beschrieben werden kann. In dieser Arbeit werden die grundsätzlichen
Effekte von zwei Parametern untersucht: Zum einen wird die Oberflächenspannung
des Flüssigkeitsfilms auf den Wert von Wasser (
γ1
=
0,072 N m1
) erhöht. Das heißt,
es ist kein Surfactant vorhanden, das die Oberflächenspannung herabsetzen würde.
Zum anderen wird die Gewebekomponente aus Gleichung 2.6 verändert (
a2
= 2
a
,
Vsf,2
=
0,5Vsf
). Das Gewebe ist demnach doppelt so steif wie zuvor (Faktor willkürlich
festgelegt). Das kann bei einer Fibrose auftreten oder bei einer ähnlichen Veränderung,
die mit verringerter Lungendehnbarkeit und mit Gewebeumbau einhergeht. Sowohl
Surfactantveränderungen als auch Fibrose gehören zu den wesentlichen Kennzeichen
verschiedener Entwicklungsstufen des Akuten Lungenversagens (Matute-Bello u. a.,
2008; Ware und Matthay, 2000). Um Auswirkungen von Lungenschädigungen auf noch
unveränderte Alveolen zu untersuchen, werden eine Standardalveole und eine Alveole
mit veränderten Parametern kombiniert.
2.1.6 Validierung
Die beschriebene Methode beruht auf der Herleitung von Druck-Volumen-Kurven von
Einzelalveolen. Die Einflüsse der verschiedenen Eigenschaften einer Alveole werden
parametrisch einzeln untersucht. Weder die Untersuchung von Einzelalveolen noch die
38
2.2 Ergebnisse
Parameterstudie ist in Tierexperimenten möglich, sodass eine direkte Validierung des
Modells an sich nicht möglich ist. Statt dessen werden die Ergebnisse der Modellierung
anhand der Literatur auf Plausibilität geprüft.
2.2 Ergebnisse
2.2.1 Stabilität eines Systems mit zwei Standardalveolen
Die Stabilitätsanalyse eines Systems von zwei Standardalveolen reduziert sich auf die
Fälle in Bild 2.4: Es zeigt typische Diagramme bei verschiedenen Gesamtvolumen des
Systems und die stabilen und instabilen Gleichgewichtszustände. In Bild 2.4 a gibt es
nur einen Gleichgewichtszustand mit gleichem Volumen in beiden Alveolen und dieser
ist stabil. In Bild 2.4 b gibt es zwei stabile Zustände, wobei entweder in Alveole 1
oder in Alveole 2 deutlich mehr Volumen enthalten ist als in der jeweils anderen.
Diese Zustände sind äquivalent, da die Alveolen identische Eigenschaften haben. Der
Gleichgewichtszustand, in dem beide Alveolen das gleiche Volumen haben, ist hier
instabil. In Bild 2.4 c gibt es vier stabile und drei instabile Gleichgewichtszustände.
Bei dem instabilen Gleichgewicht in der Mitte haben die Alveolen das gleiche Volumen,
in den anderen Zuständen nicht. Auch hier gibt es je zwei zueinander äquivalente
Zustände. Die zwei prinzipiellen stabilen Zustände sind mit + und # gekennzeichnet.
Bei dem Zustand + ist eine Alveole kleiner als die Halbkugel, also geschlossen. Bei
dem Zustand # sind beide Alveolen offen. Der dazugehörige Druck ist kleiner als beim
Zustand +. Welcher Gleichgewichtszustand, welche Verteilung wird wann erreicht? In
die Zuständen + gelangt das System, indem der Schnittpunkt, der bereits in Bild 2.4 b
vorhanden ist, durch Volumenzunahme weiter nach oben wandert. Zustand + gehört
also zum Füllen. Nach Erreichen des Maximums verschwindet der mit + gekennzeich-
nete stabile Zustand und es findet eine plötzliche Umverteilung des Volumens statt.
Danach ist die zweiten Alveole auch offen. Die Zustände # werden von Bild 2.4 d
kommend durch Volumenabnahme erreicht, gehören also zum Leeren. Wenn dieser
stabile Zustand verschwindet, weil das Volumen weiter abnimmt, gibt es wieder einen
Sprung allerdings bei einem anderen Gesamtvolumen. In Bild 2.4 d gibt es wieder
nur einen prinzipiellen stabilen und einen instabilen Zustand. In dem stabilen Zustand
sind die Alveolen verschieden groß, im instabilen Zustand wären sie gleich groß. In
Bild 2.4 e gibt es nur noch einen stabilen Zustand mit gleich großen Alveolen.
2.2.2 Druck-Volumen-Kurven von Standardalveolen
Aus der Stabilitätsanalyse wird die quasi-statische Druck-Volumen-Kurve gewonnen,
die Bild 2.5 zeigt. Auf der y-Achsen ist die Druckdifferenz über die Systemgrenze
aufgetragen, auf der x-Achse das Gesamtvolumen
V0
des Systems. Die Grafiken a
bis k verdeutlichen an ausgewählten Punkten die Aufteilung des Volumens auf die
beiden einzelnen Alveolen. Die Alveolen öffnen sich bei den Druckmaxima. Offen
heißen Alveolen hier, wenn sie größer sind als die Halbkugel. Die Öffnung der zweiten
Alveole ist mit einem Drucksprung und einer Umverteilung des Volumens zwischen
39
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
Bild 2.4:
Typische Diagramme für die Stabilitätsanalyse eines Systems von zwei Alveolen
für größer (a
e) oder kleiner (e
a) werdendes Gesamtvolumen. Die Drücke in
den beiden kommunizierenden Alveolen sind für verschiedene konstante Gesamtvo-
lumen (
V0
in (a) bis (e)) über dem Volumen einer Alveole (
V1
) aufgetragen: Die
durchgehende Linie zeigt den Druck in Alveole eins, die gepunktete Linie den Druck
in Alveole zwei (
V2
=
V0V1
). Die Schnittpunkte kennzeichnen die möglichen
Gleichgewichtszustände: Gefüllte Kreise zeigen stabile Zustände, leere Kreise zeigen
instabile Zustände. Im Diagramm (c) gibt es vier stabile Volumenverteilungen (+ und
#), wobei zwei jeweils äquivalent sind. Die Zustände + werden nur im Füllvorgang
erreicht, Zustände # nur beim Leeren.
40
2.2 Ergebnisse
Bild 2.5:
Druck-Volumen-Kurve für zwei interagierende Standardalveolen aus der Druck-
Volumen-Kurve zweier Einzelalveolen (Bild 2.2) und der Stabilitätsanalyse mit
Bild 2.4. Auf der x-Achse ist das Systemvolumen aufgetragen. Die Skizzen zeigen
beispielhaft die Volumenaufteilung auf die beiden Alveolen: (a) beide Alveolen
geschlossen; (b–f) eine Alveole geschlossen, eine offen; (g–k) beide Alveolen offen;
(f
h) Öffnen der zweiten Alveole; (g
e) Schließen einer Alveole. Der graue Teil der
Kurve wird nur beim Leeren des Systems durchfahren. Unterhalb von
300 Pa
sind
beide Alveolen geschlossen, zwischen
300
und
800 Pa
können die beiden Alveolen
verschiedene Größen haben, über 800 Pa sind beide Alveolen geöffnet.
den Alveolen verbunden. Bis zum Zustand f befindet sich fast das gesamte Volumen
in einer Alveole. Von f über h zu i wird die größere Alveole kleiner (links) und die
kleinere Alveole größer (rechts). Bei dem Minimum sind beide Alveolen gleich groß.
Von j bis k werden beide Alveolen gleichmäßig größer.
Die Füll- und Leerprozesse unterscheiden sich. Der graue Bereich der Kurve wird
nur beim Leeren durchfahren (Bereich unter dem zweiten Maximum). Es gibt eine
schwache Hysterese.
Wie viele Alveolen in den verschiedenen Druckbereichen offen sein können, steht in
Tabelle 2.1; für dieses und für alle anderen simulierten Systeme.
Für 15 verbundene Standardalveolen ist die Druck-Volumen-Kurve in Bild 2.6
dargestellt. Auch hier verursacht das Öffnen und Schließen von Alveolen Sprünge in
der quasi-statischen Druck-Volumen-Kurve: Das Volumen verteilt sich neu. Je mehr
Alveolen offen sind, desto weniger deutlich sind die Sprünge. Die Hysterese ist stärker
als bei zwei Alveolen.
41
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
Tabelle 2.1:
Anzahl der möglichen offenen Alveolen in den betrachteten Druckbereichen
in Systemen mit zwei Standardalveolen, mit 15 Standardalveolen, mit einer
Standardalveole und einer Alveole mit erhöhter Oberflächenspannung sowie mit
einer Standardalveole und einer Alveole mit erhöhter Steifigkeit und verringertem
belastungsfreien Volumen.
Druck (Pa) 2 Standard 15 Standard 1 Standard, 1 γ11 Standard, 1 a,Vsf
0–300 0 0 0 0
300–390 0, 1 oder 2 0–15 0 oder 1 (Standard) 0 oder 1 (Standard)
390–700 0, 1 oder 2 (0–x) oder 15 0 oder 1 (Standard) 0, 1 oder 2
x druckabhängig
700–800 0, 1 oder 2 0-15 0 oder 1 (Standard) 0, 1 oder 2
800–1100 2 15 1 (Standard) 2
1100–2880 2 15 1 (Standard) oder 2 2
> 2880 2 15 2 2
Bild 2.6:
Druck-Volumen-Kurve für 15 interagierende Standardalveolen. Die obere Kurve zeigt
den Füllvorgang (Inflation). Die Alveolen öffnen sich bei den Maxima, denen ein
Druckabfall mit Umverteilung des Volumens folgt. Die untere Kurve zeigt das Leeren
(Deflation). Bei den Drucksprüngen schließen sich Alveolen und das Volumen wird
umverteilt. Bei
500 Pa
sind entweder 0 (a), 1 (b, c), 2 (d, e), 3 (f, g), 4 (h) oder 15 (i)
Alveolen offen. Verschiedene Alveolargrößen können bei (b), (d) und (f) existieren.
Bei
700 Pa
sind zwischen 0 und 15 Alveolen geöffnet, wobei alle offenen Alveolen die
gleiche Größe haben.
42
2.2 Ergebnisse
Bild 2.7:
Druck-Volumen-Kurve für ein System aus einer Standardalveole (links in den kleinen
Grafiken,
γ
=
0,02 N m1
) und einer Alveole mit erhöhter Oberflächenspannung
(rechts,
γ1
=
0,072 N m1
) mit Volumenverteilung bei ausgewählten Zuständen:
(a) beide Alveolen geschlossen; (b) nur Standardalveole offen; (d
g) Öffnen der
veränderten Alveole bei
2880 Pa
mit folgendem Drucksprung, größter Anteil des
Volumens in der Standardalveole; (e
c) Schließen der veränderten Alveole; (f)
Systemoberfläche ist gleich der von zwei Standardalveolen bei
700 Pa
; (h) veränderte
Alveole so groß wie eine Standardalveole bei
700 Pa
, Standardalveole größer; (i)
großes Volumen in beiden Alveolen.
2.2.3 Druck-Volumen-Kurven bei Lungenschäden
Bild 2.7 zeigt die quasi-statische Druck-Volumen-Kurve eines Systems mit einer
Standardalveole (links in den kleinen Grafiken) und einer Alveole mit erhöhter Ober-
flächenspannung (
γ1
=
0,072 N m1
, rechts in den kleinen Grafiken). Bemerkenswert
ist hier, dass im Druckbereich
500
bis
700 Pa
, also bei normaler Atmung, die Alveole
mit erhöhter Oberflächenspannung nicht geöffnet sein kann (a, b in Bild 2.7, Tabel-
le 2.1). Der Punkt f bezeichnet den Zustand, in dem die Gesamtoberflächen der beiden
Alveolen genauso groß ist wie die von zwei Standardalveolen bei 700 Pa.
Bild 2.8 zeigt die quasi-statische Druck-Volumen-Kurve eines Systems mit einer
Standardalveole (links in den kleinen Grafiken) und einer Alveole mit verringerter
Compliance (größerer Steifheit) und einem verschobenen belastungsfreien Volumen
(
Vsf
), rechts in den kleinen Grafiken. Wenn beide Alveolen geöffnet sind, ist die
steifere Alveole kleiner als die Standardalveole (b bis d). Wenn dieses System so weit
aufgepumpt wird, dass die Gesamtoberfläche so groß ist wie bei zwei Standardalveolen
bei 700 Pa, ist die unveränderte Standardalveole im System vergrößert (c).
43
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
Bild 2.8:
Druck-Volumen-Kurve für ein System aus einer Standardalveole (links in den kleinen
Grafiken) und einer Alveole mit verringerter Dehnbarkeit (Compliance) und verrin-
gertem belastungsfreien Volumen (
a2
= 2
a
,
Vsf,2
=
0,5Vsf
) mit Volumenverteilung bei
ausgewählten Zuständen: (a) offene Standardalveole, veränderte Alveole ist geschlos-
sen (
700 Pa
); (b) beide Alveolen offen, veränderte Alveole kleiner; (c) Oberfläche des
Systems ist gleich der zweier Standardalveolen bei
700 Pa
; (d) veränderte Alveole so
groß wie eine Standardalveole bei 700 Pa, Standardalveole größer.
44
2.3 Diskussion
2.3 Diskussion
2.3.1 Systeme von Standardalveolen mit Hysterese
Bei Seifenblasen bläst die kleine immer die große auf. Im Gegensatz dazu können
Alveolen mit identischen Eigenschaften sowohl mit gleichen als auch mit verschiedenen
Größen nebeneinander existieren. Welche Gleichgewichtszustände stabil sind, hängt
vom Druck und vom Füllzustand des Systems ab. Bei sehr kleinen und sehr großen
Volumen sind nur die Zustände mit zwei gleich großen Alveolen stabil. Im mittleren
Füllungsbereich können die Alveolen unterschiedliche Größen haben. Gleiche Größen
können hier sogar zu Instabilitäten führen (Bild 2.4b bis d). Das gilt sowohl für das
Modellsystem mit zwei Alveolen als auch für 15 Alveolen (Bilder 2.5 und 2.6). Für
realistischere heterogenere Geometrien und Gewebeeigenschaften ergäbe das Modell
eine Bandbreite von Größen der offenen Alveolen im stabilen Zustand, wie sie auch im
Tierexperiment beobachtet wurde (Weibel, 1963; Mertens u.a., 2009). Die Bedingungen
dafür, dass im Modell zwei Alveolen offen sind, ergeben sich aus dem Verlauf der
Druck-Volumen-Kurve in Bild 2.5. Zur Erinnerung, Alveolen gelten in diesem Modell
als offen, wenn sie ein größeres Volumen haben als die Halbkugel. Wenn der Druck
bereits einmal höher als
800 Pa
gewesen ist, also beide Alveolen geöffnet wurden,
und der Druck danach nicht unter
300 Pa
gesunken ist, dann sind beide Alveolen
offen. Das Kollabieren einer Alveole und Gesamtvolumen unter
0,018 mm3
können
nur auftreten, wenn das Druckminimum von
300 Pa
erreicht wird. Für 15 Alveolen
ist die Situation vergleichbar (Bild 2.6). Die Druckdifferenz, die vom menschlichen
Brustkorb durch Unterdruck erzeugt wird, ist im Allgemeinen höher als der simulierte
Minimaldruck von
300 Pa
. Zyklisches Öffnen und Schließen von Alveolen treten daher
im normalen Atemzyklus nicht auf. Die Hysterese, die im Modell auftritt, ergibt
sich aus den verschiedenen stabilen Zuständen, die beim Füllen und Leeren erreicht
werden können. Die Hysterese trennt Öffnen und Schließen der Alveolen und macht
das System unempfindlich gegen kleinere Änderungen in Druck und Volumen. Auf
diese Weise öffnen und schließen sich die Alveolen seltener. Zur Erinnerung, die
zusätzliche mechanische Belastung durch das Öffnen und Schließen gilt als eine mögliche
Ursache für beatmungsassoziierte Lungenschädigung. Die Hysterese ist jedoch nicht
Teil der Lungenhysterese, die in statischen Druck-Volumen-Kurven zwischen
500
und
700 Pa
auftritt. Die wird durch die variable Oberflächenspannung hervorgerufen,die
hier nicht modelliert ist. Im Modell mit 15 Alveolen ändert sich das Volumen der
einzelnen Alveolen nicht immer kontinuierlich, sondern auch in Sprüngen durch Öffnen
(Volumenbereich
0,004
bis
1,9 mm3
, Bild 2.6) oder durch Schließen (Volumenbereich
1,3
bis
0,004 mm3
, Bild 2.6). Die Ergebnisse der Simulation von 15 Alveolen legen
nahe, dass sich das sukzessive Öffnen oder Schließen von Einzelalveolen kaum in
den Druck-Volumen-Kurven von ganzen Lungen widerspiegelt. Je mehr Alveolen
simuliert werden, desto geringer ist der Drucksprung beim Öffnen einzelner Alveolen.
Hinzu kommt, dass realistischere heterogenere Eigenschaften der einzelnen Alveolen zu
einem Bereich von Öffnungsdrücken führen. Das liefert eine Erklärung für eine frühere
experimentelle Beobachtung: Der Wendepunkt der statischen Druck-Volumen-Kurve
45
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
ganzer Lungen ist nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit Rekrutierungs- und
Derekrutierungsvorgängen, da diese nicht an einem Punkt sondern über einen weiten
Volumenbereich stattfinden (DiRocco u. a., 2007).
2.3.2 Lungenschädigung
Typischerweise beeinflussen Krankheiten und Lungenschädigungen nicht nur eine
sondern diverse Eigenschaften der Alveolen. Das hier gewählte Vorgehen hat den
Vorteil, dass die Parameter und ihre Auswirkungen auf die Alveoleninteraktion ein-
zeln untersucht werden können. Erhöhte Oberflächenspannung verursacht höhere
Öffnungsdrücke und höhere Druckgrenzwerte unterhalb derer die Alveolen geschlos-
sen sind. Das bedeutet, dass Alveolen mit hoher konstanter Oberflächenspannung
bei normalen Atmungsdrücken nicht geöffnet sind (Bild 2.7). Das gilt unter den
vorgestellten Modellbedingungen für Oberflächenspannungen von
γ0,045 N m1
.
Dieses Ergebnis stimmt mit experimentellen Beobachtungen (Luecke u. a., 2006) und
mit Ergebnissen der Stabilitätsanalyse für größere Lungenbereiche (Stamenović und
Wilson, 1992) überein. Das Modell sagt voraus, dass solche Alveolen mit erhöhter
Oberflächenspannung durch höhere Drücke (
p2880 Pa
) geöffnet werden können,
und auch geöffnet bleiben, solange der Druck nicht unter
1100 Pa
fällt. Die Alveolen
mit erhöhter Oberflächenspannung selber sind nach der Rekrutierung nicht überdehnt,
wenn der positive end-expiratorische Druck (PEEP) auf ungefähr
1500 Pa
gesetzt wird
(Bild 2.7, Punk h). Das impliziert, dass Rekrutierungsmanöver in dem Sinne erfolgreich
sein können, dass die Oberfläche für den Stoffaustausch wieder hergestellt wird, wenn
ein ausreichender PEEP eingestellt wird. Das wiederum stimmt mit klinischen Studien
überein, in denen Öffnungsdrücke zwischen
3000
und
5000 Pa
(Kacmarek und Kallet,
2007; Mols u. a., 2002) und PEEP-Werte um
900 Pa
(ARDSNetwork, 2000) eingestellt
wurden. Die verwendeten PEEP-Werte sind etwas niedriger als sie sich aus dem Modell
ergäben, allerdings wird mit dem Oberflächenspannungswert von Wasser auch ein
Extremwert modelliert. Weiterhin sagt das Modell voraus, dass parallel existierende
Standardalveolen sowohl während des Rekrutierungsmanövers als auch unter dem
eingestellten PEEP überdehnt werden. Auch das stimmt mit klinischen Überlegungen
überein (Gattinoni und Pesenti, 2005; Hubmayr, 2002; Kacmarek und Kallet, 2007).
Änderungen der Gewebeeigenschaften verändern die Druck-Volumen-Kurven auf
andere Weise (Bild 2.8). In dem simulierten Fall von verringerter Dehnbarkeit (Com-
pliance) und vergrößertem belastungsfreien Volumen verschiebt sich das zweite Druck-
minimum etwas zu größeren Werten (von
300
zu
390 Pa
). Das bedeutet, dass Kollaps
von Alveolen möglich ist, aber unwahrscheinlich. Zusätzlich sagt die Simulation voraus,
dass hohe Drücke nötig sind, um die gleiche Oberfläche zu erhalten wie beim Standard-
fall für
700 Pa
. In diesem Fall bleiben die Alveolen nach einem Rekrutierungsmanöver
und PEEP-Einstellung klein (aber offen), parallele unveränderte Standardalveolen
werden jedoch überdehnt.
46
2.3 Diskussion
2.3.3 Vereinfachungen
Vereinfachungen bedeuten Modellgrenzen, die im Folgenden diskutiert werden. Das
geometrische Modell der Alveole ist einfach, der Einsatz komplexerer Geometrien
bringt jedoch in Bezug auf die Interaktion von Alveolen keine neuen Informationen,
wie im Folgenden gezeigt wird: Die Alveolaröffnung wird im Modell als starr angesehen.
Hintergrund hierfür ist, dass die Verformung wegen der erhöhten Faserdichte in der
Öffnung im Vergleich zu den Alveolarwänden gering ist (Matsuda u. a., 1987). Bei
größeren Volumen spielt die genaue Geometrie keine Rolle, solange der Krümmungsra-
dius mit dem Volumen steigt. Bei kleinen Volumen ist im Modell die Geometrie der
Alveolarwand selbst gar nicht festgelegt, lediglich die Grenzfläche zwischen Flüssig-
keitsauskleidung und Luft wird als Kugelkalotte modelliert: Das entspricht eher einer
Flüssigkeitsfüllung bei kleinen Volumen als einem echten Kollaps.
Das Kugelkalottenmodell für Alveolen wurde vor einiger Zeit mit folgenden Argu-
menten kritisiert (Prange, 2003): (1.) Alveolen hätten in Histologieschnitten die Form
von Polygonen. (2.) Die Anwendung des Laplace-Gesetzes würde zu falschen Schlüssen
und Widersprüchen führen. (3.) Alveolen seien voneinander abhängig und verbunden.
Allerdings wurde gezeigt, dass (1.) die Alveolen sowohl in der Intravitalmikrosko-
pie (Mertens u. a., 2009), als auch in der Optischen Kohärenztomographie (Mertens
u. a., 2009), als auch in der Konfokalmikroskopie (Perlman und Bhattacharya, 2007;
Namati u. a., 2008) rund erscheinen. Insbesondere haben Lindert und Kollegen gezeigt,
dass sich die alveoläre Flüssigkeit überwiegend in den Ecken der Alveolwände befin-
det und so die Struktur glättet (Lindert u.a., 2007). (2.) Die angenommen falschen
Schlussfolgerungen und Widersprüche treten nur auf, wenn die Oberflächenspannung
des Flüssigkeitsfilms als einziger Effekt für die Lungenmechanik angenommen wird.
(3.) Die gegenseitige Abhängigkeit der Alveolen umfasst den verbundenen Hohlraum,
also gleichen Druck, und das Fasernetzwerk in gemeinsamen Alveolarwänden, also
geometrische Abhängigkeit von direkt benachbarten Alveolen. Gemeinsame Alveolar-
wände sind im vorgestellten Modell nicht berücksichtigt. Für nicht direkt benachbarte
Alveolen wird angenommen, dass die geometrische Abhängigkeit vernachlässigt werden
kann. Die Gewebeelastizität und der Einfluss des Fasernetzwerkes sind jedoch im
Modell enthalten.
Neben der Geometrie liegt eine weitere Vereinfachung in der Annahme einer konstan-
ten Oberflächenspannung im Flüssigkeitsfilm der Alveole während Ein- und Ausatmung.
Das führt bei einer Einzelalveole zu einer gemeinsamen Druck-Volumen-Kurven für
den gesamten Atemvorgang. Variable Oberflächenspannung, zum Beispiel abhängig
von der Änderung der Oberfläche, ändert zwar den Verlauf der Kurve, die für die
Fragestellung wichtigen Eigenschaften ändern sich aber nicht: geringer Öffnungsdruck,
Existenz eines abfallenden Astes, Minimaldruck für offene Alveolen unter 500 Pa.
Das Gewebeverhalten wird vereinfacht als linear angenommen. Die nichtlinearen Ei-
genschaften sind vor allem bei großen Volumen wichtig (Navajas u. a., 1995). Bei großen
Volumen ist das Risiko der Überdehnung wichtig, das wäre bei einem nichtlinearen
Modell mit begrenzter Dehnung nicht anders.
Der Kollaps von Atemwegen wird nicht untersucht. Dieser Mechanismus ist für
47
2 Modellierung der Interaktion von Alveolen
die Derekrutierung von größeren Lungenbereichen wichtig, für die hier betrachtete
Interaktion von Einzelalveolen nicht.
2.3.4 Schlussfolgerungen
Das parametrische Modell simuliert und veranschaulicht die Interaktion von Alveo-
len unter Normalatmung. Es zeigt auch, wie unterschiedlich Rekrutierungsmanöver
auf die Rekrutierung und Dehnung von Alveolen wirken, je nachdem, welche Art
von Lungenschädigung oder Lungenkrankheit vorliegt. Wenn die Schädigung der Al-
veolen hauptsächlich durch ein Versagen des Surfactantsystems gekennzeichnet ist,
können Rekrutierungsmanöver erfolgreich sein, solange der PEEP richtig eingestellt
ist. Ist der Lungenschaden wegen Änderungen der Gewebeeigenschaften vor allem
mit erhöhter Steifigkeit des Gewebes verbunden, sind Rekrutierungsmanöver weniger
erfolgversprechend und können sogar kontraproduktiv sein. Während und nach Rekru-
tierungsmanövern ist der Druck sehr hoch. Das Modell macht noch einmal deutlich,
dass dadurch die unveränderten oder nur teilweise geschädigten Alveolen sehr stark
gedehnt werden können.
Die Ergebnisse der Simulationen zeigen, dass es eine generelle optimal protektive
Beatmung nicht gibt. Es werden Beatmungsstrategien gebraucht, die an die Patienten
angepasst werden und den zugrunde liegenden Lungenschaden und die aktuellen
Eigenschaften der individuellen Lunge berücksichtigen. Das Modell dient dabei dem
besseren Verständnis der Alveolarmechanik als ein Schritt zu einer individuellen
protektiven Beatmung.
48
3 Voruntersuchungen zum Blutmodell
Das experimentelle Blutmodell ist ein wichtiges Werkzeug für die Versuche zur Strö-
mung im Lungenkapillarnetz, die in Kapitel 4 dieser Arbeit beschrieben werden. Die
Voruntersuchungen sind daher dem Blutmodell gewidmet: Was haben Kapillarblut
und das Blutmodell gemeinsam und was nicht? Zunächst werden Untersuchungen im
geraden Rohr beschrieben. Dem folgt die Beschreibung von Experimenten in einer
Y-Verzweigung, dem Grundelement von Netzwerken.
3.1 Blutmodell
3.1.1 Aufbau und Methoden
In vergrößerten Verzweigungs- und Kapillarnetzmodellen wird ein Blutmodell ver-
wendet. Dieses Blutmodell besteht aus Wassertropfen in Öl. Das Wasser ist mit
dem Farbstoff Patentblau V in einer Konzentration von
0,3 g l1
angefärbt, bei dem
Öl handelt es sich um Sonnenblumenöl (Vitea D’Or). Ein Wasser-Öl-Emulgator
(Polyglycerin-Polyricinoleat (E
476
), CMD Naturprodukte) in einer Konzentration
von
1 g
pro
100 ml
Öl erhöht die Stabilität der Wassertropfen. Das Blutmodell wird
kontinuierlich mit Hilfe von Spritzenpumpen in einem Tropfengenerator produziert
(Bild 3.1). Eine Doppelspritzenpumpe fördert das gefärbte Wasser und das Öl, so dass
sie zunächst mit demselben Volumenstrom fließen. Eine zweite Sprizenpumpe fördert
nur Öl. Da sich die Tropfen vor der Einspeisung des Öls aus der zweiten Pumpe bilden,
kann das Volumenstromverhältnis von Wasser und Öl unabhängig von der Tropfengrö-
ße verändert werden. Der Volumenstrom von Öl und Wasser sowie der Durchmesser
des Modellgefäßes geben die Größe der Tropfen grob vor. Die Feineinstellung findet
im Tropfengenerator statt: Der Tropfengenerator besteht aus einer Kanüle, aus der
das Wasser in das Öl fließt, und einer Rohrverengung stromabwärts. Die Position
der Kanüle zur Rohrverengung ist veränderbar und bestimmt, wie groß die Tropfen
sind, die sich an der Kanüle bilden. Je nach verwendetem Kapillarmodell beträgt der
idealisierte Tropfendurchmesser (Durchmesser bei angenommener Kugelform) zwischen
0,8 mm
und
2,2 mm
. Mit der Lichtschranke kann über die Tropfenfrequenz und den
Wasservolumenstrom das Tropfenvolumen kontrolliert werden.
Das Blutmodell bildet den zweiphasigen Charakter von Blut in Kapillaren nach: Die
Wassertropfen entsprechen den roten Blutkörperchen, das Öl dem Plasma. Sonstige
Bestandteile des Blutes, insbesondere weiße Blutkörperchen und Plättchen, werden vom
Modell nicht berücksichtigt. Bild 3.2 zeigt das Blutmodell in einem
1,2 mm
-Modellgefäß
(a, b) und rote Blutkörperchen in einem
7,5µm
x
7,5µm
Kanal (c). Im Blutmodell
bilden sich bei kleinen Tropfen und hohen Tropfenanteilen manchmal Doppelreihen
aus (Bild 3.2b). Wie im Bild 3.2 c gezeigt, verformen sich die roten Blutkörperchen
stark, um die Kapillaren in der Lunge zu passieren, da sie im nicht verformten Zustand
49
3 Voruntersuchungen zum Blutmodell
Bild 3.1: Erzeugung des Wassertropfen-Öl-Blutmodells mit Sprizenpumpen
(a)
(b)
(c)
Bild 3.2:
Blutmodell im
1,2 mm
-Modellgefäß mit (a) etwa
1,05 mm
idealer Tropfendurchmesser
beziehungsweise (b) etwa
0,9 mm
idealer Tropfendurchmesser (Übergang zu Doppel-
reihen) und (c) rote Blutkörperchen in einem
7,5µm
x
7,5µm
-Kanal. Strömung von
links nach rechts.
größer als viele Lungenkapillaren sind. Die Tropfen verformen sich auch, sind aber
nicht größer als der durchschnittliche Durchmesser der Modellgefäße. Entscheidend
für die Wahl der Tropfengröße ist nicht, ob die Tropfen größer oder kleiner als das
Modellgefäß sind: Die Tropfengröße wird so eingestellt, dass die Strömungseffekte,
die die Tropfen erzeugen, mit denen vergleichbar sind, die rote Blutkörperchen in
Kapillaren bewirken.
Die wesentlichen Strömungseffekte bei Kapillarblut stehen in Zusammenhang mit der
Zweiphasigkeit. Das sind vor allem der Fåhraeus-Effekt und der Fåhraeus-Lindqvist-
Effekt (vergleiche Abschnitt 1.4.2). Beide werden für das Blutmodell untersucht.
Betrachtet werden die Fälle, bei denen Tropfen- und Modellgefäßdurchmesser in der
gleichen Größenordnung liegen und die Tropfen in einer Reihe vorliegen oder gerade
zu Doppelreihen übergehen, analog zu Gefäßdurchmessern bis circa 10 µm.
Fåhraeus-Effekt, Reduktion des Tropfenanteils
In den Versuchen zum Fåhraeus-Effekt im Blutmodell variiert das Volumen der
Tropfen und der Anteil der Tropfen am Volumenstrom (H
d
=
˙
VH2O
/
˙
VM
). Gemessen
wird der Tropfenanteil am Volumen (H
t
=
VH2O
/
VM
). Für die Strömungseffekte ist das
Verhältnis des idealisierten Tropfendurchmessers zum Modellgefäßdurchmesser (hier
1,2 mm
) entscheidend. Da das Blutmodell mit dem Kapillarblut verglichen werden soll,
wird der idealisierte Tropfendurchmesser in äquivalente Gefäßdurchmesser umgerechnet:
Kleine Tropfen entsprechen großen Kapillaren, große Tropfen entsprechen kleinen
50
3.1 Blutmodell
Kapillaren. Der Tropfenanteil am Volumen (H
t
) wird für verschieden große Tropfen aus
dem mittleren Tropfenabstand (
¯
l
) und dem Tropfenvolumen (
VTr
) berechnet, letzteres
ergibt sich aus dem Volumenstrom des Wassers (
˙
VH2O
) und der Tropfenfrequenz (
fTr
)
(Gleichung 3.1,
A
ist der Querschnitt des Modellgefäßes, Index M steht für Modell,
Index Tr für Tropfen und Index H2Ofür Wasser).
Ht=VH2O
VM
=VTr
A¯
l=˙
VH2O/fTr
A¯
l(3.1)
Fåhraeus-Lindqvist-Effekt, effektive Viskosität
Die dynamische Viskosität des verwendeten Sonnenblumenöls beträgt bei
21,5C
ηOel
=
0,06 Pa s
. Wie Blut in Kapillaren ist auch das Blutmodell kein Kontinuum.
Daher treten die effektive Viskosität
ηeff,M
und die relative effektive Viskosität
ηrel,M
an
die Stelle der Viskosität, um die Erhöhung des Widerstands durch die Wassertropfen
zu erfassen. Diese sind analog zu den Gleichungen 1.2 und 1.3 definiert. Gemessen
werden mit einem Differenzdrucksensor die Druckabfälle über eine Strecke von
114 mm
in einem
1,2 mm
-Modellgefäß für Öl (
pOel
) und für das Blutmodell (
pM
) mit
verschiedenen Tropfengrößen und Tropfenanteilen am Volumenstrom (H
d
). Bei gleichem
Volumenstrom in der reinen Ölströmung und in der Modellströmung ergibt sich aus
diesen Drücken mit Gleichung 1.2 die relative effektive Viskosität des Blutmodells
ηrel,M(Gleichung 3.2).
ηrel,M=ηeff,M
ηOel
=pM
pOel
(3.2)
3.1.2 Ergebnisse
Fåhraeus-Effekt, Reduktion des Tropfenanteils
Je nachdem, wie groß der idealisierte Tropfendurchmesser im Vergleich zum Modellge-
fäß ist, bewegen sich die Wassertropfen schneller oder langsamer als das Öl; damit
sind sie auch schneller oder langsamer als das gesamte Blutmodell. Dadurch stimmt
der Volumenanteil der Tropfen nicht mehr mit dem Volumenstromanteil der Tropfen
überein (Gleichung 3.3). In Analogie zu den Hämatokritbegriffen kann der Volumen-
stromanteil der Tropfen auch als Auslass-Tropfenanteil (H
d
) betrachtet werden und
der Volumenanteil als Modellgefäß-Tropfenanteil (Ht).
Hd=˙
VH2O
˙
VM
=VH2O
VM
·¯vH2O
¯vM
= Ht·¯vH2O
¯vM
(3.3)
Im Blutmodell ist die mittlere Geschwindigkeit der Wassertropfen (
¯vTr
) in der Regel
höher als die Durchschnittsgeschwindigkeit des Modells (
¯vM
), so dass der Modellgefäß-
Tropfenanteil kleiner ist als der Auslass-Tropfenanteil. Im
1,2 mm
-Modellgefäß eignet
sich ein idealisierter Tropfendurchmesser von etwa 1,08 mm.
Bild 3.3 zeigt den Fåhraeus-Effekt im Blutmodell (Symbole) und im Blut (Linien)
für verschiedene Tropfengrößen beziehungsweise den (äquivalenten) Gefäßdurchmesser.
51
3 Voruntersuchungen zum Blutmodell
Bild 3.3:
Verringerung des Tropfenanteils (äquivalenter Hämatokrit) für das Blutmodell im
1,2 mm
-Modellgefäß aufgrund von Geschwindigkeitsunterschieden zwischen Wasser-
tropfen und Öl in Abhängigkeit vom äquivalenten Kapillardurchmesser und vom
Auslass-Tropfenanteil H
d
. Zum Vergleich sind die Kurven für Blut aus Bild 1.6a
nach Pries u. a. (1992) eingezeichnet.
Das Tropfenanteilverhältnis sinkt, je kleiner die Tropfen werden, also je größer der
äquivalente Gefäßdurchmesser wird. Erst mit der Ausbildung von Doppelreihen bei
sehr kleinen Tropfen und hohen Tropfenanteilen steigt die Kurve wieder an. Ein solches
Verhalten zeigt auch die Hämatokritreduktion in Kapillaren (siehe Abschnitt 1.4.2 und
Linien in Bild 3.3). Der Unterschied zwischen Volumenanteil und Volumenstromanteil
liegt in der gleichen Größenordnung. Der (negative) Anstieg ist im Modell stärker
als im Kapillarblut. Für Blut liegen die Kurven dicht beieinander, im Blutmodell ist
bis auf die erhöhten Werte bei Doppelreihenausbildung (Tropfenanteil H
d0,5
) keine
Abgrenzung der einzelnen Verläufe möglich.
Fåhraeus-Lindqvist-Effekt, effektive Viskosität
Bild 3.4 zeigt den Verlauf der relativen effektiven Viskosität für verschiedene Auslass-
Tropfenanteile und Tropfengrößen in einem Modellgefäß mit einem Durchmesser
von
1,2 mm
(umgerechnet in äquivalente Gefäßdurchmesser). Die relative effektive
Viskosität des Blutmodells sinkt mit abnehmendem Auslass-Tropfenanteil, ebenso
wie die von Blut bei abnehmendem Hämatokrit. Sie sinkt mit kleiner werdenden
Tropfen (größerem äquivalenten Gefäßdurchmesser) und steigt erst wieder an, wenn
sich Doppeltropfenreihen ausbilden. Das entspricht dem Fåhraeus-Lindqvist-Effekt bei
52
3.1 Blutmodell
Bild 3.4:
Veränderung der relativen effektiven Viskosität für das Blutmodell im
1,2 mm
-
Modellgefäß in Abhängigkeit vom äquivalenten Kapillardurchmesser und vom Auslass-
Tropfenanteil. Die Fehlerbalken spiegeln die Standardabweichung aufgrund der
Schwankungen der gemessenen Druckdifferenz wieder. Zum Vergleich sind die Kurven
für Blut aus Bild 1.6b nach Pries u. a. (1992) eingezeichnet. Zur Berechnung der
relativen effektiven Viskosität vergleiche Gleichungen 1.3 und 3.2.
Blut in Glaskapillaren kleiner als
10 µm
(siehe Abschnitt 1.4.2 und Linien in Bild 3.4).
Die relative effektive Viskosität liegt im Modell zwischen
2
und
1,3
und im Kapillarblut
zwischen
2,5
und
1,15
(
4µm
bis
10 µm
). Allerdings ist die Kurve für das Blutmodell
im Vergleich zu Blut zu größeren äquivalenten Kapillardurchmessern verschoben: In
Modellgefäßen, die
6,5µm
-Kapillaren entsprächen, ist die relative effektive Viskosität
so hoch wie im Blut bei 4,5µm-Kapillaren.
3.1.3 Diskussion
Modellgrenzen
Bei der Anwendung des Modells in Verzweigungen und Kapillarnetzmodellen sind die
folgenden Grenzen zu beachten.
Die Vergleichbarkeit des Blutmodells und des Kapillarbluts bezüglich Fåhraeus-
und Fåhraeus-Lindqvist-Effekt ist für Durchmesserverhältnisse vermessen wor-
den, die Kapillaren von
6
bis
9,2µm
entsprechen. Da
1,2 mm
im Modell
7,5µm
in der Kapillare entsprechen, erfasst der vermessene Bereich Modelldurchmesser
von
0,96
bis
1,47 mm
. Für etwas kleinere und größere Durchmesser kann die
Gültigkeit aber ebenfalls angenommen werden, solange sich die Tropfen nicht
53
3 Voruntersuchungen zum Blutmodell
vereinigen. Hintergrund ist, dass wie gezeigt die effektive Viskosität und das
Tropfenanteilverhältnis steigen, wenn die Tropfen viel größer als das Modellgefäß
sind oder wenn sich Doppelreihen ausbilden.
Die gezeigten Ähnlichkeiten gelten zu Blut in Glaskapillaren. Die in vivo vorhan-
dene Proteinschicht (ESL, siehe Abschnitt 1.4.2) wird nicht berücksichtigt. Das
schränkt die Übertragbarkeit von Ergebnissen ein, wenn die in vivo-Situation
betrachtet wird.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Modell und Blut besteht darin, dass
die Phasengrenze im Modell durch die Grenzflächenspannung bestimmt wird,
während im Blut die roten Blutkörperchen durch eine Membran begrenzt sind.
Das bewirkt Unterschiede in der Form der Tropfen und roten Blutkörperchen.
Das beeinflusst die umgebende Strömung, so dass sich die Strömungsfelder um
die Tropfen und um die roten Blutkörperchen unterscheiden. Eine Auswirkung
sind Unterschiede in der Wandschubspannung in Modell und Gefäß. Hinzu
kommt auch hier der nicht vollständig geklärte Einfluss der Proteinschicht und
der Glykokalix. Das Modell bildet lediglich ab, dass die Wandschubspannung
bei der Passage von roten Blutkörperchen erhöht ist, nicht den genauen Verlauf.
Das Ausmaß der Erhöhung spiegelt sich im Fåhraeus-Lindqvist-Effekt wieder.
Wie beschrieben ist die entsprechende Kurve leicht verschoben: Auch hier ist
vermutlich die unterschiedliche Verformung der Grund.
Schlussfolgerungen
Das Blutmodell bildet den Fåhraeus- und den Fåhraeus-Lindqvist-Effekt in Kapillar-
blut ab. Es ist also für die Modellierung der Widerstandserhöhung durch die roten
Blutkörperchen in Kapillaren geeignet.
Die Segmentdurchmesser im Modellnetz liegen zu 88 Prozent in dem auf Gültigkeit
untersuchten Bereich, für die übrigen zwölf Prozent wird die Gültigkeit eingeschränkt
angenommen. In dem bei der Auswertung genutzten Ausschnitt A (Bild 4.9 in Ab-
schnitt 4.2.1) liegen die mit MATLAB festgelegten Durchmesser zwischen
0,99 mm
und
1,47 mm
; die Maße der Kapillarnetzmodelle aus Silikonkautschuk können hiervon
fertigungsbedingt leicht abweichen. In diesem Ausschnitt ist das Blutmodell gültig.
54
3.2 Aufteilung von Tropfen an einer Verzweigung
3.2 Aufteilung von Tropfen an einer Verzweigung
3.2.1 Methoden
Das in Abschnitt 3.1 beschriebene Blutmodell aus Wassertropfen und Öl wird in zwei
verschiedenen Y-Verzweigungen eingesetzt: Ein durchsichtiges Modell aus Silikonkau-
tschuk (Elastosil 601, Wacker Chemie, München) mit einem Öffnungswinkel von
60°
und einem Durchmesser von
2,4 mm
dient der Visualisierung. Die Tropfenverteilung
wird für verschiedene Volumenstromaufteilungen fotografiert. Die genaue Aufteilung
der Tropfen wird in einem Y-Schlauchverbinder (Novodirekt GmbH, Kehl) untersucht,
der bis auf Herstellungsungenauigkeiten symmetrisch ist. Der Durchmesser des Y-
Verbinders beträgt
1,6 mm
und der Öffnungswinkel
60°
. Die Volumenströme werden
mit Sprizenpumpen am Eingang und an einem Ausgang vorgegeben; am Ausgang wird
gezogen. Mit Lichtschranken werden die Tropfendurchgänge am Eingang und an den
Ausgängen gezählt und anschließend mit MATLAB (2010) ausgewertet.
3.2.2 Ergebnisse
Bild 3.5 zeigt die Tropfen im Modell aus Silikonkautschuk. Das Volumenstromverhälnis
der Abzweige links:rechts (im Bild) ist vorgegeben: In (a) beträgt es 50:50, in (b) 80:20
und in (c) 90:10. Die Aufteilung der Tropfen ist regelmäßig, aber nicht immer so wie
das Volumenstromverhältnis. Nur bei gleicher Aufteilung des Volumenstroms ist teilen
sich auch die Tropfen gleich auf (Bild 3.5a). Dagegen gibt es in dem rechten Abzweig
in Bild 3.5c keinen Tropfen, obwohl dort entlang noch
10 %
des Volumenstroms fließen.
(a) (b) (c)
Bild 3.5:
Beispiele für die Aufteilung von Tropfen an einer Verzweigung (Strömung von unten
nach oben). Das vorgegebene Verhältnis der Volumenströme in den beiden Abzweigen
links:rechts ist 50:50 (a), 80:20 (b) und 90:10 (c). In c strömt also durch den rechten
Abzweig zwar Öl, aber keine Tropfen.
Bild 3.5 vermittelt einen optischen Eindruck, genauere Untersuchungen werden
in einem Y-Verbinder mit einem Durchmesser von
1,6 mm
durchgeführt. Bild 3.6
zeigt die Aufteilung der Tropfen an dem Y-Verbinder für verschiedene Vorgaben des
Volumenstroms: Auf der x-Achse ist das Verhältnis des Volumenstroms des Blutmodells
im jeweiligen Abzweig zum Gesamtvolumenstrom des Blutmodells aufgetragen (Öl
und Wassertropfen); auf der y-Achse das Verhältnis der entsprechenden Tropfenströme.
55
3 Voruntersuchungen zum Blutmodell
Bild 3.6:
Aufteilung der Tropfen an einer Y-Verzweigung. Die Achsenhalbierende repräsen-
tiert den Zustand, bei dem sich die Tropfen so wie der Volumenstrom aufteilen
würden. Die durchgezogene Linie zeigt die Simulation nach Pries u. a. (1989) für
rote Blutkörperchen an einer entsprechenden Y-Verzweigung mit einem Durchmesser
von 8 µm.
Die Verteilung ist in den beiden Abzweigen nicht gleich: Wird eine Aufteilung auf die
Abzweige 1:2 von 10:90 vorgegeben, fließen keine Tropfen in Abzweig 1, wie auch in
Bild 3.5c. Ist das Verhältnis andersherum, also 90:10, fließen dagegen noch Tropfen
in Abzweig 2. Bei der Aufteilung 50:50 fließen auch jeweils etwa
50 %
der Tropfen
in die Abzweige. Zusätzlich zu den experimentellen Daten mit dem Blutmodell aus
Tropfen sind Simulationsergebnisse nach (Pries u. a., 1989) für Blut aufgetragen: Für
eine Verzweigung mit drei gleichen Durchmessern (
8µm
) ist die Aufteilung der roten
Blutkörperchen in beiden Abzweigen gleich.
3.2.3 Diskussion
Wie erwartet gibt es eine Grenze, ab der alle Tropfen in einen Abzweig fließen. Das
entsppricht dem Verhalten von roten Blutkörperchen. Unerwartet ist, dass diese Grenze
unterschiedlich ist, je nachdem, in welchem Abzweig der höhere Volumenstrom fließt. In
der Simulation nach der Formel von Pries u. a. (1989) gibt es diesen Unterschied nicht,
da in dem zugrunde liegenden Modell die Verzweigung ideal symmetrisch ist. In den
Experimenten mit dem Blutmodell (Tropfen) sind die Y-Verbinder nicht ideal. Eine
mögliche Ursache für das unterschiedliche Verhalten der beiden Abzweige ist daher die
Ungenauigkeit bei der Herstellung des Y-Verbinders. Eine andere mögliche Ursache
ist eine leicht asymmetrische Anströmung: Zwar ist der Vorlauf mehrere Zentimeter
lang, allerdings besteht er aus Schläuchen, die eine leichte Krümmung haben können.
Falsche Förderraten der Pumpe scheiden als Ursache aus, da der Volumenstrom in
manchen Versuchen mal an dem einen und mal an dem anderen Abzweig angeschlossen
war.
56
3.2 Aufteilung von Tropfen an einer Verzweigung
Die Verhältnisse der Tropfenströme liegen jenseits oder auf der Achsenhalbierenden:
In den Abzweig mit dem höheren Volumenstrom fließen auch mehr Tropfen und zwar
meist mehr als es das Verhältnis des Volumenstroms vorgibt. Das gleiche Verhalten
zeigt die Simulation für rote Blutkörperchen in einer entsprechenden Verzweigung.
Die Phasenseparation, die im Kapillarblut auftritt, gibt es also auch bei den Tropfen.
Damit ist eine weitere wichtige Voraussetzung für die Eignung des Tropfenmodells
in Kapillarnetzmodellen erfüllt. Darüber hinaus liefert die Pries’sche Formel mit
einer entsprechenden Skalierung einen guten Ausgangspunkt, um die Aufteilung der
Tropfen an einer Verzweigung zu modellieren, falls die Strömung des Blutmodells in
Kapillarnetzmodellen in einer anderen Arbeit einmal numerisch berechnet werden soll.
Für eine bessere Anpassung der Formel sind dann weitere Versuche nötig.
57
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Die Strömung im Lungenkapillarnetz ist ein Aspekt im größeren Zusammenhang
von Stofftransport, Biotrauma und protektiver Beatmung. Bisher ist sie nicht so gut
verstanden, dass Schlussfolgerungen über die Auswirkung verschiedener Beatmungs-
konzepte möglich sind. Die Strömung in Lungenkapillarnetzen wird nicht in vivo
untersucht, sondern in vergrößerten Kapillarnetzmodellen. Die Fragen dieses Kapitels
lauten daher genauer: Wie sieht die Verteilung der Strömung im Modell im stationären
Fall aus? Wie ändert sie sich unter verschiedenen Randbedingungen?
4.1 Methoden
4.1.1 Kapillarnetzmodelle
Geometrie
Da die Kapillarnetzgeometrie in der Lunge im Detail nicht bekannt ist (vergleiche
Abschnitt 1.3.2), wird eine künstliche Kapillarnetzgeometrie verwendet. Die Grundlage
dieses Netzes bilden 2-Photonen-Mikroskopie-Aufnahmen von isoliert perfundierten
Rattenlungen, die von Jens Lindert an der Columbia University in New York zur
Verfügung gestellt wurden. Das Endothel ist mit Calcin red angefärbt; zu sehen
sind die oberflächennahen Kapillaren (Bild 4.1a). Diese Netze wurden nicht direkt
übertragen, da sie zum einen nicht vollständig erfasst werden können und zum anderen
die Zu- und Abläufe nicht unterscheidbar und zum Teil auch nicht zu erkennen sind.
Die 2-Photonen-Mikroskopie-Aufnahmen zeigen jedoch die statistische Verteilung der
Längen und Dicken der Kapillarsegmente und ein Sechseckgrundmuster. Aus diesen
Informationen erstellt ein MATLAB-Programm künstliche Kapillarnetzgeometrien
(Bild 4.1b).
Zusätzlich wird ein Kapillarnetz einer Mauslunge rekonstruiert, um eine realisti-
schere Geometrie zu erhalten. Die Rekonstruktion basiert auf Intravitalmikroskopie-
Aufnahmen am in vivo Mausmodell mit wieder verschlossenem Brustraum. Dort wird
durch ein Fenster aus transparenter Folie hindurch die Lungenoberfläche mit dem
Mikroskop beobachtet (Tabuchi u.a., 2008). Die Videoaufnahmen, die von Michael
Mertens vom Institut für Physiologie an der Charite Universitätsmedizin Berlin ange-
fertigt wurden, zeigen die Kapillarnetze an der Lungenoberfläche. Teile davon wurden
rekonstruiert (Bild 4.2). Im Einzelbild verschwimmen die Umrisse der Kapillaren, so
dass die Kapillaren schlecht abgezeichnet werden können. Im Video sind die Kapillaren
jedoch durch die Bewegung der roten Blutkörperchen besser zu erkennen. Wie bei der
ersten Geometrie sind die Zu- und Abflüsse künstlich, da der reale Anschluss direkt
an größere Arteriolen und Venolen im Video nicht immer eindeutig und zudem für
das Blutmodell ungeeignet ist.
59
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a)
Kapillarnetzaufnahme einer Rattenlun-
ge (2-Photonen-Mikroskopie), von Jens
Lindert, Columbia University, New
York (invertiert)
(b)
Ausschnitt aus einem künstlich gene-
rierten Kapillarnetz
Bild 4.1: Künstliche Kapillarnetzgeometrie: Vorbild und Ergebnis
(a)
Oberflächennahes Ka-
pillarnetz der Maus,
Intravitalmikroskopie-Bild
(b)
Intravitalmikroskopie-Bild und
nachgezogene Kapillaren
(c)
Modellgeometrie
mit Anschlüssen
Bild 4.2: Kapillarnetzgeometrie Maus: Vorbild und Ergebnis
Modelle
Künstliche Kapillarnetzgeometrie
Eine künstliche Kapillarnetzgeometrie aus MAT-
LAB wurde in das Konstruktionsprogramm SolidWorks übertragen. Dort wird es als
Rohrnetz umgesetzt und mit Zu- und Abläufen versehen. Für die Versuche mit dem
Wasser-Öl-Blutmodell wird das Kapillarnetz vergrößert. Der mittlere Durchmesser
der Segmente des Kapillarnetzmodells beträgt
1,2 mm
. Mit einer rechnergesteuerten
Fräse wird das Lumen der Gefäße als Positiv als Halbform für Ober- und Unterseite
gefräst. Diese werden mit Silikonkautschuk (Elastosil 601, Wacker, München) ab-
gegossen und ergeben dann eine Form mit hohlem Lumen. Die gegossenen Hälften
werden zusammengeklebt. Bild 4.3a zeigt ein solches Kapillarnetzmodell. In einigen
60
4.1 Methoden
Segmenten dieses Kapillarnetzmodells befindet sich Öl; diese Kanäle sind kaum zu
erkennen, da die Brechungsindexanpassung gut ist. In den anderen Segmenten befindet
sich Luft; diese zeichnen sich wegen des großen Brechungsindexsprungs deutlicher ab.
Die gleiche Kapillarnetzgeometrie wurde mittels Softlithographie (McDonald u. a.,
2000) als Mikromodell mit rechteckigem Querschnitt aus Silikonkautschuk ausgeführt
(Fertigung am Institut für Werkstoffe der Elektrotechnik der RWTH Aachen). Die
mittlere Kanalbreite und die Kanaltiefe betragen 7,5µm (Bild 4.3b).
(a)
Vergrößertes Kapillarnetzmodell aus Si-
likonkautschuk (Bildkontrast angepasst).
Die Kanäle, in denen sich Luft befindet,
zeichnen sich deutlich ab.
(b)
Zeichnung vom Mikromodell mit Zu-
lauf
Bild 4.3: Modelle mit der künstlichen Kapillarnetzgeometrie
Kapillarnetzgeometrie Maus
Das Mauskapillarnetzmodell wird als Rechteckmodell
ausgeführt, da erstens keine Tiefeninformationen vorhanden sind und zweitens die
Umsetzung als Röhrenmodell mit SolidWorks sehr aufwändig ist. Dieses Netzwerk wird
auf
1,6 mm
skaliert in Silikonkautschuk ausgeführt. Dieses Modell ist etwas größer,
um die Fertigung zu erleichtern.
4.1.2 Experimentelle Untersuchungen mit dem Wassertropfen-Öl-Modell in
Kapillarnetzmodellen mit künstlich erzeugter Geometrie
Experimenteller Aufbau
Die Anordnung zur Untersuchung der Strömung in den Kapillarnetzmodellen ist in
Bild 4.4 dargestellt. Eine Doppelspritzenpumpe erzeugt im Tropfengenerator das Blut-
modell aus gefärbten Wassertropfen und Öl (Abschnitt 3.1). Die Tropfengröße wird
im Tropfengenerator eingestellt und mittels Lichtschranke kontrolliert. Eine zweite
Spritzenpumpe pumpt weiteres Öl in das Blutmodell und bestimmt so den Wasseran-
teil beziehungsweise den Tropfenanteil. Das Blutmodell wird über Verzweigungen auf
die vier Eingänge des Modells verteilt. Ein transparentes Kapillarnetzmodell (Ab-
schnitt 4.1.1) wird von unten mit einer Flächenleuchte beleuchtet und kann gedehnt
werden (Dehnvorrichtung nicht abgebildet). Die Strömung wird mit einer Videokamera
(uEye Kamera UI 6250SE-C von IDS, Obersulm) aufgenommen.
61
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.4: Aufbau zur Untersuchung der Strömung in transparenten Kapillarnetzmodellen
In einigen Versuchen werden die Kapillarnetze gedehnt. Christian Hitzel (2011)
entwickelte dafür im Rahmen einer Bachelorarbeit eine Dehnvorrichtung. Das Kapil-
larnetz wird am Rand in Teilbereichen eingeklemmt und kann statisch oder zyklisch
um bis zu 22 % gedehnt werden.
Parameter zur Beurteilung der Strömung
Um die Strömung im Kapillarnetzmodell zu beschreiben, werden Geschwindigkeiten,
Tropfenströme und die Tropfenanzahl sowohl in einzelnen Segmenten als auch in
größeren Bereichen untersucht. Auch der Verlauf dieser Werte wird betrachtet.
Der Volumenstrom beziehungsweise der Tropfenstrom ist für die Beurteilung der
Strömung im Lungenkapillarnetz nur in Kombination mit dem Tropfenanteil aussage-
kräftig: Wegen der inhomogenen Tropfenaufteilung kann ein bestimmter Tropfenstrom
durch dicht gepackte langsame oder durch weniger dicht gepackte schnelle Tropfen
entstehen. Auf den Stofftransport im realen System mit Blut hätte das unterschiedli-
che Auswirkungen: Sind die roten Blutkörperchen sehr schnell, ist der Stoffaustausch
unter Umständen noch nicht abgeschlossen, wenn sie das Lungenkapillarnetz wieder
verlassen. Sind die roten Blutkörperchen sehr langsam, ist für den Stoffaustausch auch
in weniger gut belüfteten Alveolen genug Zeit, aber das System ist vielleicht nicht sehr
effizient. Eine Größe, die in erster Näherung mit dem Stofftransport korreliert, ist die
Transitzeit, auch Residenzzeit genannt. Die Häufigkeitsverteilungen (Histogramme)
verdeutlichen die vielen unterschiedlichen Transitzeiten. Der Median liefert eine robuste
Vergleichsmöglichkeit der mittleren Transitzeit unter verschiedenen Bedingungen.
Referenzversuche und Kontrollversuche
Die Strömung im Kapillarnetz wird in Referenzversuchen untersucht, die auch als
Ausgangspunkt für Parametervariationen dienen. Die Referenzversuche finden bei
folgenden Bedingungen statt: Der Volumenstrom ist
12 ml h1
, der Tropfenanteil daran
ist
0,33
. Diese Bedingungen ergeben im Kapillarnetzmodell eine mittlere Geschwindig-
keit von etwa
vTr
=
0,07 mm s1
und eine effektive Reynoldszahl Re
M
von etwa
0,001
(
ReM
=
vTrD
νM
mit
νM
=
ηOel ·ηrel,M/ ρM
=
0,06 Pa s ·1,4/930 kg m390 mm2s1
).
Die Strömung in einem solchen Versuch wird ausführlich untersucht.
62
4.1 Methoden
In Kontrollversuchen wird getestet, wie vergleichbar die Ergebnisse aus mehreren
Experimenten bei gleichen Bedingungen sind. Dafür werden drei Modelle mit gleicher
Geometrie eingesetzt.
Meist wird nur ein Ausschnitt des Modells betrachtet. Dadurch verlieren Randef-
fekte an Einfluss. Der untersuchte Ausschnitt muss allerdings in den verschiedenen
Experimenten wieder gefunden werden. Dafür werden die Verzweigungen (Knoten)
festgelegt, die in dem Ausschnitt enthalten sein sollen. Die Lage der äußersten Knoten
bestimmt dann in jedem Versuch den Ausschnitt, wobei noch ein kleiner Rand hinzu-
gefügt wird. Der Standardausschnitt liegt im Inneren des Kapillarnetzes und enthält
sowohl Bereiche in der Nähe der Ein- und Ausgänge als auch entferntere Bereiche. Die
Segmente in diesem Ausschnitt fallen alle in den nachgewiesenen Gültigkeitsbereich
des Blutmodells (Abschnitt 3.1).
Parametervariationen
Tropfenanteil
In diesen Experimenten wird der Tropfenanteil H am Volumenstrom
variiert: Er beträgt
0,15
,
0,2
,
0,25
,
0,3
oder
0,4
, und in den Referenzversuchen
0,33
. Der
Gesamtvolumenstrom ist bei allen Experimenten
12 ml h1
. Für jeden Tropfenanteil
werden mindestens drei Versuche durchgeführt.
Volumenstrom
In diesen Experimenten wird der Volumenstrom variiert: Mit Vo-
lumenströmen von
10,6 ml h1
,
12 ml h1
und
16 ml h1
werden je mindestens drei
Versuche durchgeführt. Der Tropfenanteil ist hier niedriger als in den Referenzversuchen
und beträgt 0,25.
Blockade
Weiße Blutkörperchen sind größer und steifer als rote Blutkörperchen
und blockieren daher kurzzeitig Kapillaren. Im Kapillarnetzmodell wird das durch
Luftblasen nachgestellt: Luftblasen gelangen beim Füllen zu Versuchsbeginn immer ins
Kapillarnetzmodell. In diesen (drei) Versuchen werden vier Luftblasen nicht entfernt,
sondern bleiben während des ganzen Versuchs an einer Stelle.
In natürlichen Kapillarnetzen an Alveolen mit wenig Sauerstoff wird der Blutstrom
durch Verengung von Arteriolen oder Venolen verändert und so eine bessere Oxyge-
nierung des Blutes erreicht (siehe Abschnitt 1.3.3). Im Modell wird der Volumenstrom
in jeweils zwei Ausgängen verringert (je drei Versuche): An diesen Schlauchausgängen
herrscht ein höherer Druck als an den anderen, da sie höher gelagert werden.
Statische Teildehnung
Eine mögliche Ursache für einen beatmungsassoziierten Lun-
genschaden sind die Spannungen und Dehnungen, die im Übergangsbereich zwischen
nicht gedehnten steifen und stark gedehnten Alveolen auftreten. Hier wird unter-
sucht, wie sich der Blutfluss in einem Kapillarnetz in einem solchen Übergangsbereich
verändert.
Das Kapillarnetzmodell wird dafür in die Dehnvorrichtung eingespannt: Eine Hälfte
des Modells wird geklemmt und gedehnt (Bild 4.5). Die Dehnung in der Modellhälfte
mit dem Ausschnitt ist in den Versuchen unterschiedlich und nicht gleichmäßig. Um das
63
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.5:
Dehnprinzip. Eine Hälfte des Kapillarnetzmodells wird eingespannt und gedehnt
(Dehnvorrichtung nicht dargestellt). An den gestrichelten Linien wird die tatsächliche
Dehnung in den Versuchen gemessen. Die dargestellten Endpunkte wurden gewählt,
da sie in den Aufnahmen der verschiedenen Versuche leicht identifiziert werden
können.
zu quantifizieren werden die Dehnungen zwischen Ein- und Ausgang ganz rechts und
im Ein- und Ausgangsbereich links daneben betrachtet, da diese in den verschiedenen
Versuchen gut ermittelt werden können (Bild 4.5). Tschumperlin u. a. (2000) zeigen,
dass Dehnungen der Zelloberfläche um
25 %
in ihren Versuchen kaum Zellsterben
verursacht, während Dehnungen zwischen
37
und
50 %
zum Zelltod führen. Birukov
u. a. (2003) übersetzen das in lineare Dehnungen: Der physiologische (normale) Bereich
liegt zwischen
8
und
12 %
, der pathologische (schädliche) zwischen
17
und
22 %
. Die
Dehnungen des Kapillarnetzmodells liegen in den Versuchen mit statischer Teildehnung
zwischen 6,8 % und 11,3 %, und somit im physiologischen Bereich.
Dynamische Teildehnung
In der Lunge werden die Kapillarnetze nicht nur einmal
gedehnt und bleiben dann so: Sowohl bei der Atmung als auch bei der Beatmung
wechseln sich Dehnung und Entspannung ab. Der Einfluss auf den Blutfluss im
Kapillarnetz wird hier modelliert. Wie zuvor wird nur eine Hälfte des Kapillarnetzes
gedehnt (Bild 4.5).
Der Einfluss der Beatmungsfrequenz wird anhand von zwei Frequenzen untersucht:
0,004 Hz
entspricht über die Strouhal-Ähnlichkeit (siehe Abschnitt 1.6.1) der phy-
siologischen Frequenz von etwa
2 Hz
(Gleichung 1.4 mit
νOel
=
ηOel/930 kg m3
=
65 mm2s1
,
νPlasma
=
1,4 mm2s1
,
DM
=
1,2 mm
,
DB
=
8µm
). Das liegt für Mäuse
und Ratten im Normbereich (Ewringmann und Glöckner, 2008); die verwendeten
Geometrien stammen von solchen Versuchstieren. Die zweite untersuchte Frequenz ist
mit 0,008 Hz doppelt so hoch.
Der Einfluss der Dehnungsamplitude wird ebenfalls untersucht: Die Strömung ohne
Dehnung wird mit der unter physiologischer Teildehnung und unter pathologischer
Teildehnung verglichen. Dafür wird die Dehnung auf der Dehnvorrichtung auf
9,5 %
(physiologisch) beziehungsweise
19 %
(pathologisch) eingestellt. Diese Versuche werden
durch den prinzipiellen Ansatz zur Verringerung des beatmungsinduzierten Lungen-
schadens motiviert: Dieser besteht darin, die Dehnung in den Alveolarwänden zu
64
4.1 Methoden
reduzieren. Die Wirkung der Dehnung auf die Strömung in den Kapillarnetzen ist
bisher nicht bekannt und wird daher untersucht.
4.1.3 Auswertung der Experimente durch Tropfenverfolgung mit MATLAB
Die Videos werden mit einem in MATLAB (2010) geschriebenen Programm ausgewer-
tet. Die grundlegende Idee besteht darin, die Tropfen zu erkennen und zu verfolgen; es
handelt sich also um einen klassischen Particle-Tracking-Ansatz. Idealerweise ist so die
Position und damit die Geschwindigkeit jedes Tropfens zu jedem Zeitpunkt bekannt.
Daraus können Größen wie die Transitzeit, die Tropfenanzahl in den Segmenten und
Tropfenströme in Segmenten abgeleitet werden.
Es gibt bereits diverse Programme für die Verfolgung von Partikeln. Dazu gehö-
ren zum Beispiel Programme wie der IDL Particle Tracker von Crocker und Grier
(1996)(auch in MATLAB implementiert von Maria Kilfoil (Kilfoil, 2011)), der Po-
lyParticleTracker (MATLAB) von Rogers u. a. (2007) die ImageJ plugins MTrack2
und MTrackJ (Meijering u.a., 2012), die Module der MOSAIC-Gruppe der Eidge-
nössischen Technischen Hochschule Zürich, implementiert in C oder Java (ImageJ
plugin) (Sbalzarini und Koumoutsakos, 2005). Bei Tests mit den vorhandenen Daten
hatten diese Programme insbesondere mit der Trennung der einzelnen dicht aneinander
liegenden Tropfen Probleme. Hinzu kommt, dass bis zu 14 000 aufeinander folgende
Bilder untersucht werden sollen. Einige der Programme können die Bilder jedoch
nicht einzeln nacheinander verarbeiten, sondern laden alle, was mit den vorhandenen
Speichern nicht möglich ist.
Das im Labor für Biofluidmechanik entstandene MATLAB-Programm ist speziell
auf die Tropfen zugeschnitten, nutzt aber sonst die üblichen Algorithmen. Es bezieht
Vorwissen wie Kanalgeometrie, Tropfenform und Tropfengröße sowie Lage der Ein-
und Ausgänge in die Auswertung ein und kann so Fehler bei der Tropfenerkennung
reduzieren. Die einzelnen Schritte, die für die Tropfenverfolgung wichtig sind, werden
im Folgenden kurz beschrieben: Segmentierung (Tropfenerkennung), Verfolgung sowie
Zuordnung der Tropfen zu Kapillarnetzsegmenten. Außerdem werden die Organisation
der Daten und die Darstellung der Strömung thematisiert.
Segmentierung (Tropfenerkennung)
In diesem Schritt müssen die einzelnen Tropfen
erkannt werden. Wenn die Tropfen dicht beieinander liegen, ist das nicht trivial. Die
Tropfen lassen sich nicht einfach trennen, indem ein Schwellwert gesetzt wird: Im
Schwarz-Weiß-Bild würden sich die Tropfen überschneiden. Hier schafft der Watershed-
Algorithmus Abhilfe; das ist der grundlegende Algorithmus für die Segmentierung.
In der hier verwendeten Variante werden die Gebiete um vorher markierte Punkte
Schritt für Schritt erweitert, bis sie an ein anderes Gebiet stoßen. Das ist vergleichbar
mit der Flutung einer Landschaft von den tiefsten Punkten her: Die Linie, wo sich
die Wassermassen treffen heißt Wasserscheide daher der Name für den Algorithmus.
Der Watershed-Algorithmus ist in MATLAB bereits implementiert. Als markierte
Punkte, von denen der Algorithmus startet, eignen sich Punkte im Vordergrund
(Tropfen) und im Hintergrund (Zwischenräume des Netzes ohne Tropfen). Um das
65
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Innere der Tropfen zu finden, wird ausgenutzt, dass die Tropfen meist rund sind: Die
einzelnen Graustufenbilder werden mit einem Gauß-Filter gefiltert (korreliert); die
beste Übereinstimmung zwischen Gauß-Filter und Bild ist da, wo der Filter genau über
einem runden Tropfen liegt. Die Maxima des gefilterten Bildes sind daher mögliche
innere Punkte von Tropfen. Der Hintergrund ist leichter zu finden: Das Bild wird
binarisiert und alles, was nicht schwarz wie die Tropfen geworden ist, gehört zum
Hintergrund. Bild 4.6a veranschaulicht die verwendeten Markierungen für Vordergrund
und Hintergrund: Die inneren Punkte der Tropfen (Vordergrund) sind gelb markiert,
die Umrisse der Tropfen oder Tropfengruppen sind grün und markieren die Grenze
zum Hintergrund. In sehr dünnen Modellsegmenten sind die Tropfen aufgrund des
kleinen Durchmessers sehr lang gezogen hier ergibt die Gauß-Filterung mehrere
innere Punkte und der Watershed-Algorithmus in der Folge mehrere Tropfen. Die
Anzahl der inneren Punkte kann in einem Zwischenschritt in solchen kritischen dünnen
Segmenten reduziert werden, um fehlerhafte Trennungen zu vermeiden. Das Ergebnis
des Watershed-Algorithmus wird verbessert, indem zunächst falsch markierte große
Bereiche, sehr kleine Bereiche und Randbereiche entfernt werden. Außerdem werden
nicht getrennte Doppeltropfen, die zwei konkave Stellen haben, automatisch geteilt (rot
ausgefüllt in Bild 4.6b). Die einzelnen als Tropfen erkannten Bereiche werden mit einer
Identifikationsnummmer versehen, und können so zum Beispiel mit unterschiedlichen
Farben gekennzeichnet werden (Bild 4.6c).
(a)
Potentielle innere Punkte
der Tropfen gelb (Maxi-
ma der Gaußkorrelation),
Grenze zwischen Tropfen
und Bildhintergrund grün
(Umrisse der Tropfen oder
Tropfengruppen)
(b)
Ergebnis des Watershed-
Algorithmus mit rot um-
randeten Tropfen. Der rot
ausgefüllte Doppeltropfen
wird in einem weiteren
Schritt geteilt.
(c)
Ergebnis der Segmentie-
rung mit farblicher Kenn-
zeichnung
Bild 4.6: Zwischenschritte bei der Tropfenerkennung
Fehler bei der Tropfenerkennung sind besonders kritisch, da sie alle weiteren Mess-
größen beeinflussen. Der häufigste Fehler ist, dass zwei oder mehr Tropfen als ein
verbundener Tropfen interpretiert werden. Dies zieht fehlerhafte Schwerpunkte, also
fehlerhafte Geschwindigkeiten nach sich. Außerdem wird die Tropfenanzahl, also auch
der Wasseranteil und der Wasservolumenstrom unterschätzt. Werden die falsch ver-
66
4.1 Methoden
Bild 4.7: Segmente in einem Bildausschnitt (grau hinterlegt) ohne die Knotenbereiche
bundenen Tropfen in späteren Bildern wieder als einzelne, dann neue Tropfen erkannt,
fehlen sie in der Transitzeitbestimmung, da sie nicht durch den ganzen Ausschnitt ver-
folgt werden können. Fehler in der Tropfenerkennung zeigen sich in den farbkodierten
Auswertebildern (siehe unten). Sie geschehen also nicht unbemerkt und können falls
nötig bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden.
Verfolgung
Verfolgung der Tropfen bedeutet, dass jeder Tropfen in einem Bild zu dem
passenden Tropfen im vorherigen Bild zugeordnet wird. Dafür kann im vorliegenden
Fall eine einfache Grundidee genutzt werden, da die Bewegungen der Tropfen von
Bild zu Bild sehr gering sind: Für jeden Tropfen wird geprüft, welcher Tropfen im
vorherigen Bild seinen Schwerpunkt im Bereich des untersuchten Tropfens hatte. Im
Idealfall ist das innerhalb des Netzes genau ein Tropfen und an den Eingängen kein
Tropfen. Höhere Geschwindigkeiten und vor allem Fehler in der Segmentierung führen
jedoch zu Abweichungen vom Idealfall. Durch Einbeziehung vorheriger Bilder können
einige der betroffenen Tropfen richtig zugeordnet werden. Segmentierungsfehler können
zum Teil korrigiert werden, indem Tropfen geteilt werden, denen zwei Tropfen aus
dem vorherigen Bild zugeordnet wurden.
Zuordnung zu den Kapillarnetzsegmenten
Für die Kapillarnetzmodelle liegen die
Koordinaten der Knoten (Verzweigungen) vor. Linien (Segmente) sind durch die
Angabe der verbundenen Knoten und einen Rohrdurchmesser definiert. Die aus
SolidWorks bekannten Koordinaten der Knoten werden für jeden Versuch skaliert
und wenn nötig entzerrt. Mit Hilfe der skalierten Durchmesser kann in jedem Bild zu
jeder Linie angegeben werden, welche Pixel zu dem entsprechenden Segment gehören.
Von den Segmenten werden die Knotenbereiche abgezogen, die als Kreise mit dem
größten der drei angrenzenden Segmentdurchmesser definiert sind (siehe Bild 4.7). Da
die Schwerpunktkoordinaten der Tropfen bekannt sind, können sie den Segmenten
zugeordnet werden.
Wenn die Netze dynamisch gedehnt werden, ändert sich die Position der Knoten von
Bild zu Bild. Hier wird eine mittlere Position gewählt und die entsprechenden Segment-
gebiete inklusive Knotenbereich werden verbreitert. Dies erlaubt eine grobe Zuordnung
zu den Segmenten; sie ist aber nicht so fein aufgelöst wie bei den Experimenten ohne
Dehnung.
67
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Tabelle 4.1: Einträge in der Ergebnismatrix der Tropfenverfolgung
x (in px) y (in px) Bild Tropfen Fläche (in px) Geschwindigkeit (in mm s1)
Organisation der Daten
Die sinnvolle Organisation der Daten aus der Tropfenver-
folgung ist wegen der vielen Tropfen in den vielen Bildern wichtig für die weitere
Auswertung. Hier sind die Tropfendaten ähnlich wie beim PolyParticleTracker (Rogers
u. a., 2007) gespeichert: Für jeden Tropfen in jedem Bild wird ein Eintrag in einer
Matrix angelegt, der Schwerpunktkoordinaten in Pixel (px), Bildnummer und Tropfeni-
dentifikationsnummer enthält (Tabelle 4.1). Zusätzlich wird in dieser Matrix noch die
Größe des Tropfens (projizierte Fläche) und die später errechnete Geschwindigkeit ge-
speichert. Die so aufgebaute Matrix ist sehr groß (bis zu
8×106
Partikeleinträge), lässt
sich jedoch gut nach den verschiedenen Aspekten durchsuchen und weiterverarbeiten.
Darstellung der Strömung mittels Farbkodierung der Tropfen
Während der Aus-
wertung der Experimente erhält jeder Tropfen eine Nummer, anhand der er in der
Ergebnismatrix gefunden werden kann, um den Weg, den Geschwindigkeitsverlauf und
die Transitzeit zu berechnen. Diese Nummer wird auch genutzt, um den zeitlichen
Verlauf der Strömung darzustellen: Anders als im Video ist es bei Einzelbildern kaum
möglich, einen Tropfen von einem Bild zum nächsten wieder zu finden. Das wird durch
die Farbkodierung möglich: Jeder Tropfen bekommt bei seinem ersten Auftauchen eine
Farbe zugeordnet, die er von Bild zu Bild behält (Bild 4.8). Die Farbskala erstreckt
sich dabei über
800
Tropfen (ganzes Bild) beziehungsweise
40
Tropfen (Ausschnitt)
von Blau über Grün und Gelb zu Rot und beginnt dann von vorn. Da die Farbe
zum Zeitpunkt des ersten Auftauchens zugeordnet wird, bietet die Farbverteilung der
Tropfen im Netz idealerweise auch einen Eindruck von der Geschwindigkeitsverteilung
im Netz: Befinden sich entlang einer horizontalen Linie rote und blaue Tropfen, waren
die blau markierten Tropfen schneller als die rot markierten Tropfen, da sie zu einem
späteren Zeitpunkt in das Netz (oder den Ausschnitt) eingetreten sind (Bild 4.8). Das
stimmt allerdings nicht, wenn durch Segmentierungsfehler Tropfen irrtümlich in der
Mitte des Netzes als neu eingeordnet werden.
Mit der farblichen Darstellung wird hauptsächlich die Segmentierung kontrolliert.
4.1.4 Experimentelle Untersuchungen mit der Mausgeometrie
In den Experimenten mit den vergrößerten Kapillarnetzmodellen der oberflächennahen
Mauskapillaren (Abschnitt 4.1.1) wird ebenfalls das Blutmodell eingesetzt. Der idea-
lisierte Tropfendurchmesser ist wegen des größeren Modelldurchmessers auch etwas
größer und beträgt hier
1,35 mm
. Der Volumenstrom ist auf
24 ml h1
eingestellt, mit
einem Tropfenanteil von
0,33
. Als mittlere Geschwindigkeit ergibt sich
0,09 mm s1
,
die effektive Reynoldszahl beträgt circa
0,002
. Der Versuchsaufbau und die Auswerte-
methoden sind die gleichen wie in den Experimenten mit den Kapillarnetzmodellen
mit der künstlich erzeugten Geometrie.
68
4.1 Methoden
(a) (b)
Bild 4.8:
Farbkodierung der Tropfen: Ein Tropfen hat in verschiedenen Bildern die gleiche
Farbe. a) Die blauen Tropfen an der Linie sind später in den Kapillarnetzausschnitt
eingetreten, also schneller gewesen, als der rote und der orangene Tropfen. b) Im
Vergleich zu a haben sich die Tropfen weiter bewegt (Strömung im Bild von unten
nach oben).
4.1.5 Experimentelle Untersuchungen im Mikromodell
Fluid
Im Mikromodell wird mit gewaschenen roten Blutkörperchen in Pufferlösung
(DPBS ohne Kalzium und Magnesium von Life Technologies, Paisley) gearbeitet. Die
Suspension mit roten Blutkörperchen wird folgendermaßen gewonnen: Das Vollblut
wird mit Citrat versetzt und zentrifugiert. Aus der untersten Schicht des Zentri-
fugats werden die rotenn Blutkörperchen pipettiert und in Pufferlösung gegeben.
Dieser Vorgang wird noch einmal wiederholt. Je nachdem, wieviel von der untersten
Schicht nach dem Zentrifugieren entnommen wird, sind neben den gewünschten roten
Blutkörperchen auch mehr oder weniger weiße Blutkörperchen enthalten.
Aufbau
Die Experimente im Mikromodell werden an einem Umkehrmikroskop (Fluo-
vert FU von Leitz, Wetzlar) bei Raumtemperatur durchgeführt. Die Strömung wird mit
einer Videokamera (uEye Kamera UI 2230SE-M von IDS, Obersulm) aufgenommen
und anschließend mit MATLAB ausgewertet. Ein Bandpassfilter (
420 nm
, Halbwert-
breite
10 nm
von Melles Griot, Albuquerque) bewirkt, dass die roten Blutkörperchen
dunkel erscheinen: Somit können die Videos analog zu den Wassertropfen ausgewertet
werden. Diese Versuchsanordnung wurde von Mirko Spitalny (2011) im Rahmen einer
Diplomarbeit im Labor für Biofluidmechanik aufgebaut und beschrieben.
Die Strömungsbedingungen im Mikromodell einzustellen ist schwierig, da die fol-
genden Probleme auftreten: 1) Der Hämatokrit schwankt im Untersuchungsbereich,
weil sich die roten Blutkörperchen absetzen und weil sich das Blut im Zuleitungs-
bereich trennt. 2) Der Volumenstrom in den gängigen Mikropumpen schwankt. 3)
Der Widerstand in den Zuleitungen ändert sich mit dem Hämatokrit und durch abla-
gerungsbedingte Verengungen. Daher wird 1) eine lange Vorlaufzeit gewählt, damit
genügend rote Blutkörperchen im System sind. Weiterhin wird durch kurzzeitige
Druckerhöhungen das Blut in den Zuläufen wiederholt neu gemischt. 2) Statt Pumpen
zu nutzen, die einen Volumenstrom vorgeben, wird eine Druckdifferenz zwischen Ein-
gängen und Ausgängen eingestellt. Wegen 3) führt dies ebenfalls nicht zu definierten
Volumenströmen. Allerdings ändert sich der Volumenstrom nur langsam und kann
69
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.9:
Tropfen im Kapillarnetzmodell (Tropfenanteil
0,33
, Volumenstrom
12 ml h1
, keine
Dehnung). Das Rechteck zeigt den Ausschnitt A, der im Folgenden meist betrachtet
wird.
daher für ein Experiment in einem begrenzten Zeitraum als konstant angenommen
werden. Letztendlich werden in der verwendeten Versuchsanordnung weder der Häma-
tokrit noch die Geschwindigkeit der roten Blutkörperchen genau vorgegeben. Statt
dessen werden die Druckrandbedingungen variiert, während die Strömung im Mikro-
skop beobachtet wird. Erst wenn Geschwindigkeit und Hämatokrit in der angestrebten
Größenordnung liegen, wird die Aufnahme gestartet.
4.2 Ergebnisse
4.2.1 Beschreibung der Strömung im vergrößerten Modell
Verteilung der Tropfen
Bild 4.9 zeigt eine Momentaufnahme der Tropfen im Kapil-
larnetzmodell mit rundem Querschnitt unter den Referenzbedingungen (Tropfenanteil
0,33
, Volumenstrom
12 ml h1
). Die Pfeile zeigen die Strömungsrichtung und die Zu-
und Abläufe. Die Tropfen sind nicht gleichmäßig verteilt: In den Regionen zwischen
sich gegenüberliegenden Zu- und Abläufen sind tendenziell mehr Tropfen als in den
Regionen, wo keine Zu- und Abläufe liegen. Bild 4.10 zeigt einen Ausschnitt des Bildes
(Ausschnitt A) zu drei verschiedenen Zeitpunkten. Die Tropfen sind entsprechend ihrem
Erkennungszeitpunkt farbkodiert wie in Abschnitt 4.1.3 beschrieben. Einige Segmente,
wie das durch ein + markierte, enthalten zu den drei Zeitpunkten mehrere, keinen
oder einen Tropfen. Die Strömung in diesen Segmenten ist unregelmäßig. In anderen
Segmenten, wie in dem mit # markierten, ist die Anzahl der Tropfen konstant und
hoch. Die Farbkodierung zeigt auch, dass die Tropfen in den unteren Quersegmenten
(markiert) über den betrachteten Zeitraum von 25 Sekunden dort bleiben.
70
4.2 Ergebnisse
(a) Zeit t0(b) Zeit t0+ 12,5 s (c) Zeit t0+ 25 s
Bild 4.10:
Ausschnitt aus Bild 4.9 zu drei Zeitpunkten mit farbkodierten Tropfen. Im Segment
+ ändert sich die Anzahl der Tropfen, im Segment # bleibt sie konstant hoch.
Die Tropfen in den unteren markierten Quersegmenten verbleiben dort in den
betrachteten 25 s.
Bild 4.11: Mittlerer Tropfenstrom im Ausschnitt (Bild 4.9)
Bild 4.12: Bildausschnitt aus Bild 4.9 mit ausgewählten Segmenten
Tropfenstrom
Bild 4.11 zeigt die mittleren Tropfenströme in den Segmenten des
Ausschnitts A: Besonders viele Tropfen fließen am rechten Rand des Ausschnitts, durch
die Quersegmente fließen wenige Tropfen. Die Änderung des Tropfenstromes und auch
der Tropfenanzahl mit dem Ort im Netzausschnitt wird in Abschnitt 4.2.2 genauer
betrachtet. Im Folgenden steht die Änderung im Verlauf der Zeit im Vordergrund.
Die Änderung der Tropfenströme wird der Übersicht halber nur für einige Segmente
dargestellt. Diese Segmente sind in Bild 4.12 markiert. Insbesondere wurden die
Segmente
6
und
10
ausgewählt. Sie werden beide von dem darunter liegenden Segment
versorgt und bilden zusammen mit dem gemeinsamen Zulauf eine Y-Verzweigung,
wie sie in Abschnitt 3.2 beschrieben wurde. Der Tropfenstrom teilt sich nicht ganz
gleichmäßig auf: Die Mittelwerte sind in dem dargestellten Experiment
13,4
Tropfen je
200
Sekunden in Segment
6
und
14,1
Tropfen je
200
Sekunden in Segment
10
. Bild 4.13
71
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.13:
Aufteilung der Tropfen auf die Segmente
6
und
10
. Die Tropfen sind nach dem
Zeitpunkt geordnet, zu dem sie das gemeinsame zuführende Segment verlassen.
Meist wechseln die Tropfen zwischen den Segmenten tropfenweise, so dass sich
bei dieser Darstellung ein Zick-Zack-Muster ergibt. Die Pfeile kennzeichnen das
Umschlagen der Strömung zwischen den beiden Segmenten mit mindestens zwei
aufeinander folgenden Tropfen in jedem Segment.
zeigt, wie sich die ankommenden Tropfen auf die beiden Segmente verteilen. Meist
wird abwechselnd Segment
6
und
10
gewählt. In der Darstellung in Bild 4.13 ergibt das
ein Zick-Zack-Muster. Die Tropfenaufteilung ist nicht komplett regelmäßig: Manchmal
gehen zwei Tropfen nacheinander in den gleichen Abzweig. An den mit den Pfeilen
gekennzeichneten Stellen gibt es einen Umschlag der Strömung: Gehen hier zunächst
mindestens zwei aufeinander folgende Tropfen in das eine Segment, gehen dann auch
mindestens zwei aufeinander folgende Tropfen in das andere Segment.
Bild 4.14 zeigt den mittleren Volumenstrom in den eben betrachteten Segmenten
6
und
10
und zusätzlich in den Segmenten
20
und
28
(Bild 4.12). Die Segmente
20
und
28
haben keinen gemeinsamen Zulauf, liegen aber auf gleicher Höhe nebenein-
ander. Der Volumenstrom wird ermittelt, indem die Tropfen gezählt werden, die in
einem 200 Sekundenintervall das Segment verlassen. Das wird wiederum über ein
gleitendes 200 Sekundenintervall gemittelt. In allen vier gezeigten Segmenten schwankt
der Tropfenstrom mit einer Frequenz von ungefähr
1/500 Hz
um
±1
Tropfen. Die
Tropfenströme in den Segmenten
6
und
10
(gleicher Zulauf) schwanken gegenläufig:
Ist der Tropfenstrom in Segment
6
hoch, ist er in Segment
10
niedrig, und umgekehrt
(Bild 4.14 unten). Ganz symmetrisch ist diese Aufteilung aber nicht. In den Segmen-
ten
10
und
28
(verschiedene Zuläufe) gibt es die Gegenläufigkeit vereinzelt (
1500 s
bis
2200 s), ist aber im Allgemeinen nicht so ausgeprägt (Bild 4.14 oben).
72
4.2 Ergebnisse
Bild 4.14:
Gleitender Mittelwert (
200 s
) über Tropfenströme im 200 Sekundenintervall in den
Segmenten 6, 10 (gleicher Zulauf), 20 und 28 (benachbart, verschiedene Zuläufe)
nach Bild 4.12. Die Tropfenströme schwanken hier um
±1
Tropfen um ihren
Mittelwert. Steigt der Tropfenstrom in Segment
6
, fällt er in Segment
10
und
umgekehrt (Ausnahmen um
t
=
1600 s
und
t
=
2600 s
). In den Segmenten
20
und
28
gibt es diese Gegenläufigkeit im Allgemeinen nicht (Ausnahme zum Beispiel
t= 1500 s bis t= 2200 s).
73
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Tropfenbewegungen
Bild 4.15 zeigt für vier verschiedene Segmente die Positionen
von Tropfenzentren in einem ausgewählten Zeitraum. Bild 4.15a zeigt die x-Koordinaten
der Tropfenzentren in Segment
7
(Bild 4.12), einem horizontal verlaufenden Segment
mit kleinem Volumenstrom. Die Tropfen bewegen sich in diesem Segment von rechts
nach links (im entsprechenden Diagramm entspricht das von oben nach unten), manch-
mal aber auch von links nach rechts (im Diagramm von unten nach oben). Das heißt,
der Tropfen bewegt sich im Segment hin und her. Das geschieht vor allem kurz nachdem
der Tropfen das Segment erreicht hat (um Pixel 65) und kurz bevor er es verlässt (um
Pixel 48). Bild 4.15b zeigt die y-Koordinaten der Tropfenzentren in Segment 10, einem
eher vertikal verlaufenden Segment. Die Tropfen bewegen sich im Bild 4.12 von unten
nach oben, ebenso im Diagramm 4.15b, da die y-Koordinate dem Bild entsprechend
dargestellt ist. In Bildern liegt der Koordinatenursprung traditionell in der oberen
linken Ecke, so dass die y-Koordinate der Pixel von oben nach unten zunimmt. Um
die Pixel 136 und 128 werden einige Tropfen langsamer, einige wechseln hier auch
kurz die Richtung. In den Segmenten 20 und 43 gibt es solche Richtungswechsel nicht
(Bilder 4.15c und 4.15d). In Segment 20 (Bild 4.15c) und auch in den beiden vorigen
Segmenten 7 und 10 reisen die Tropfen in Gruppen. In den Diagrammen zeigt sich die
Gruppenbildung durch mehr oder weniger große horizontale weiße Streifen, die die
Lücken markieren. In Segment 43 ist keine Gruppenbildung zu erkennen (Bild 4.15d),
die Tropfen folgen dicht nacheinander.
Unter Standardbedingungen werden keine Segmente beobachtet, die von den Tropfen
in beiden Richtungen durchquert werden. Vereinzelt verlassen Tropfen die Querseg-
mente mit geringem Fluss wieder auf der gleichen Seite, wo sie hinein gekommen
sind.
74
4.2 Ergebnisse
(a) Segment 7 (b) Segment 10
(c) Segment 20 (d) Segment 43
Bild 4.15:
Zeitlicher Verlauf der Tropfenposition in verschiedenen Segmenten (nach Bild 4.14).
In a ist nur die x-Koordinate der Schwerpunktsposition dargestellt, da die Tropfen
hauptsächlich von rechts nach links fließen (Segment 7). Die Darstellung der Position
eines einzelnen Tropfens beginnt in a daher bei großen x-Werten. In b bis d ist die y-
Koordinate der Schwerpunktsposition dargestellt, da die Tropfen hauptsächlich von
unten nach oben fließen (Segmente 10, 20 und 43). Zu beachten ist, dass in Bildern
die y-Koordinate traditionell von oben nach unten gezählt wird. Die Darstellung
der Position eines einzelnen Tropfens beginnt daher hier bei großen y-Werten unten
im Diagramm. In den Segmenten
7
und
10
bewegen sich die Tropfen manchmal
zurück (a, b). In den drei Ausschnitten a bis c sind Tropfengruppen zu erkennen:
Die Positionsverläufe liegen dicht beieinander; die Gruppen sind voneinander oder
von Einzeltropfen durch Lücken getrennt. In d (Segment 43) ist die Tropfendichte
so hoch, dass die Positionsverläufe kaum auseinander gehalten werden können
75
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Geschwindigkeiten
Bild 4.16 zeigt für einen Versuch alle Positionen (Schwerpunkte)
von Tropfen, die durch den in Bild 4.9 markierten Ausschnitt A verfolgt werden
können. Farbkodiert ist die jeweilige momentane absolute Geschwindigkeit der einzelnen
Tropfen, errechnet aus der aktuellen Position und der Position desselben Tropfens im
nächsten Bild. Der Geschwindigkeitsverlauf für die einzelnen Tropfen ist geglättet.
In dem hier dargestellten Experiment wurden 890 Tropfen in 2000 Sekunden durch
den Bildausschnitt verfolgt. Bild 4.16 vermittelt einen Eindruck von der Variabilität
der Geschwindigkeiten im Ausschnitt: Es zeigt schnellere und langsamere Bereiche
im Ausschnitt, schnellere und langsamere Bereiche in den einzelnen Segmenten und
in den Verzweigungen. In den Verzweigungsbereichen ist die Geschwindigkeit meist
gering, was wegen der Rohrerweiterung zu erwarten ist. Allerdings gibt es in einigen
Knoten auch Pfade, auf denen sich Tropfen schnell bewegen. Durch drei Segmente
strömt kein Tropfen, wobei nur Tropfen dargestellt sind, die im betrachteten Zeitraum
über den ganzen Bildausschnitt verfolgt werden können. Hohe Geschwindigkeiten
sind überwiegend in den vertikalen Segmenten zu finden, aber nicht ausschließlich,
wie das linke untere Quersegment
6
zeigt. In den einzelnen Segmenten variiert die
Geschwindigkeit ebenfalls: Entlang der Segmentachse sind die Tropfen unterschiedlich
schnell; quer zur Achse sind die Tropfen an einem Rand oft schneller als am anderen.
Für einen festen Ort im Ausschnitt gibt es zwar eine Tendenz für eine Geschwindigkeit,
jedoch gibt es auch hier zeitliche Schwankungen.
Als Beispiel sind die Geschwindigkeitsverläufe von
70
Tropfen im Segment
11
in
Bild 4.17 dargestellt. Die Geschwindigkeiten schwanken um
±50 %
. Das gilt sowohl
für einzelne Tropfen als auch für verschiedene Tropfen an einer Stelle. Bild 4.18a zeigt,
dass diese Schwankungen keinem klaren zeitlichen Muster folgen: Dargestellt sind die
Zeit, zu der die Tropfen in das Segment fließen, und die mittleren Geschwindigkeiten
der einzelnen Tropfen (mehr als in Bild 4.17). Gemittelt werden die Geschwindig-
keiten, die ein einzelner Tropfen hat, während er das Segment 11 durchquert. Die
dazugehörige Transitzeitverteilung für dieses Segment zeigt Bild 4.18b: Viele Tropfen
haben Transitzeiten um
16 s
; es gibt aber Tropfen, die mit über
20 s
deutlich mehr
Zeit benötigen.
76
4.2 Ergebnisse
Bild 4.16:
Alle Positionen der Schwerpunkte der Tropfen während sie den Ausschnitt durchque-
ren. Für jede Position wird aus der Verschiebung des Tropfens zum nächsten Bild
und der Bildrate die momentane Geschwindigkeit ermittelt. Diese wird für jeden
Tropfen geglättet (gleitender Mittelwert von 19 Werten) und die entsprechende
Position farblich markiert. Da viele Tropfenpositionen dargestellt sind, werden
manche Punkte verdeckt. Die Geschwindigkeiten der Tropfen im Segment 11 sind
in Bild 4.17 dargestellt; die Grenzen des Segments sind markiert. Das Segment 6
ist eines der wenigen Quersegmente mit hohen Geschwindigkeiten.
Bild 4.17:
Geschwindigkeitsverläufe von 70 Tropfen im Segment 11 aus Bild 4.16 aufgetragen
über der y-Komponente ihrer Position. Daneben ist der dazugehörige vergrößerte
Ausschnitt der Tropfenpositionen mit Geschwindigkeitsangabe dargestellt.
77
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a)
Mittlere Geschwindigkeit der einzelnen
Tropfen über ihrem Eintrittszeitpunkt
(b)
Transitzeiten der Tropfen durch das Seg-
ment
Bild 4.18:
Die mittlere Geschwindigkeit der einzelnen Tropfen, mit der sie das Segment 11
aus Bild 4.16 durchqueren, schwankt; der zeitliche Verlauf zeigt kein Muster (a).
Entsprechend ist die Transitzeit breit verteilt (b).
Transitzeiten
In Bild 4.19a sind fünf der Pfade eingezeichnet, auf denen sich die
Tropfen unter Standardbedingungen durch den Bildausschnitt bewegen. Bild 4.19b
zeigt als Histogramm zunächst die Transitzeiten aller Tropfen, die vom Eintritt in
das Bild an einer unteren Grenze bis zum Austritt aus dem Bild an einer oberen
Grenze verfolgt werden konnten. Darüber sind die Transitzeiten der Tropfen auf
den Pfaden in Bild 4.19a in der entsprechenden Farbe aufgetragen. Das Histogramm
hat typischer Weise für diesen Bildausschnitt zwei Hauptmaxima und zeigt einzelne
Tropfen (hier auf dem schwarzen Pfad), die bis zu sechs mal mehr Zeit brauchen,
um den Netzausschnitt zu passieren, als die schnellsten Tropfen. Auch innerhalb der
einzelnen Pfade unterscheiden sich die Transitzeiten zum Teil erheblich: Auf dem
gelben Pfad reichen die Transitzeiten von
112
bis
164
Sekunden, auf dem grünen von
163
bis
272
. Das erste Maximum im Histogramm wird hauptsächlich von den Tropfen
im roten Pfad verursacht dort fließen viele Tropfen sehr schnell. Das ist ein Pfad in
unmittelbarer Nähe zu den Ein- und Ausgängen (siehe Bild 4.19a). Die Tropfen im
gelben Pfad, ebenfalls in der Nähe von Ein- und Ausgängen, sind dagegen im Vergleich
langsam, ihre Transitzeit ist bis zu drei mal so groß wie die des roten Pfades. Der
blaue Pfad ist wie der rote ein Pfad mit geringer Transitzeit, aber breiterer Verteilung
und weniger Tropfen. Er befindet sich nicht direkt zwischen den Ein- und Ausgängen
(siehe Bild 4.19a).
Wählt man einen anderen Ausschnitt, sieht meist auch die Transitzeitverteilung
anders aus: Bild 4.20 gibt Beispiele. In dem hier gezeigten Versuch wurden je über
1000
Tropfen durch die kleineren Ausschnitte verfolgt und über
4000
durch den Ausschnitt,
der sich über die gesamte Breite des Kapillarnetzmodells zieht.
78
4.2 Ergebnisse
(a)
Bildausschnitt aus Bild 4.9 und betrachtete Pfa-
de. Pfeile zeigen die x-Positionen der Ein- und
Ausgänge des gesamten Kapillarnetzes.
(b)
Transitzeiten von allen Tropfen im Hintergrund. Die verschiedenen
Farben fassen jeweils die Tropfen eines Pfades zusammen.
Bild 4.19:
Transitzeiten von Tropfen auf verschiedenen Pfaden durch einen Ausschnitt des
Netzes.
79
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.20: Transitzeithistogramme in verschiedenen Ausschnitten des Kapillarnetzmodells
4.2.2 Kontrollversuche
Wiederholbarkeit, verschiedene Modelle gleicher Geometrie
In den Kontrollversuchen wird geprüft, ob gleiche Bedingungen zu gleichen Ergebnissen
führen. Dafür werden
14
Versuche in drei Kapillarnetzmodellen durchgeführt, die die
gleiche Geometrie haben. Der Volumenstrom beträgt
12 ml h1
und der Tropfenanteil
daran ist
0,33
. Die Versuche
1
bis
7
sind Versuche in einem Kapillarnetzmodell mit
einer Gesamtdicke von
7 mm
(Modell
1
). Die Versuche
8
und
9
finden in einem
Kapillarnetzmodell mit einer Gesamtdicke von
5,5 mm
statt, das mit einer Hälfte in
die Dehnvorrichtung eingespannt ist (Modell
2
). Bei den Versuchen
10
bis
14
wird ein
weiteres Kapillarnetzmodell benutzt: Die Dicke beträgt ebenfalls
5,5 mm
(Modell
3
);
dieses Kapillarnetzmodell ist nicht eingespannt.
Bild 4.21 zeigt, wie die Transitzeit der Tropfen durch den Ausschnitt A aus Bild 4.9
in den 14 Kontrollversuchen verteilt ist. Die Histogramme besitzen in allen Versuchen
zwei (Haupt-)Maxima. Im Modell
1
ist das erste Maximum etwa doppelt so hoch wie
das zweite, im Modell
3
etwas weniger. Die Lage der zwei Maxima bei
80 s
und bei
140 s
ist bei den Modellen 1 und 3 jeweils gleich. Der Median der Transitzeiten ist in
Modell 1 etwas höher als in Modell 3 (
136 s
und
125 s
). Die Verteilung in Modell 2
unterscheidet sich von den anderen beiden: Die Tropfen brauchen länger (Median
158 s
) als in den anderen Modellen und die beiden Maxima sind etwa gleich ausgeprägt.
Die Modelle sind durch die Einspannung leicht gedehnt: Die beiden Ausgänge in der
gedehnten Hälfte sind von den gegenüberliegenden Eingängen
6,2 %
weiter entfernt
als im nicht eingespannten Zustand.
In dem Netzausschnitt befinden sich durchschnittlich
81
,
86
oder
82
Tropfen, je
nach Modell. Um die Verteilung der Tropfen zu quantifizieren, wird der Bildausschnitt
80
4.2 Ergebnisse
Bild 4.21:
Transitzeithistogramme für verschiedene Versuche bei gleichen Einstellungen. Die
Quadrate zeigen den Median, die Kreuze jeweils das fünfte und das
95
. Perzentil.
Die Balkenlängen sind so skaliert, dass die Maximallängen gleich sind, damit die
Form der Histogramme verglichen werden kann. Versuche 1 bis 7, Versuche 8 und
9 sowie Versuche 10 bis 14 fanden jeweils im selben Kapillarnetzmodell statt.
81
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
in
6
Streifenabschnitte aufgeteilt: Sie sind gleich breit und enthalten jeweils einen
vertikalen Hauptstrompfad (Bild 4.22a). Die dort markierten Segmente werden genutzt,
um einen ausgewählten mittleren Tropfenstrom eines Abschnitts zu ermitteln: Es wird
gezählt, wie viele Tropfen sich im Laufe des Versuchs in dem Segment aufgehalten
haben, und diese Zahl wird durch die Versuchszeit geteilt.Weiterhin wird gezählt, wie
viele Tropfen sich in jedem Bild in jedem der
6
Abschnitte aufhalten. Die Tropfen-
anzahl in jedem Abschnitt wird auf die Gesamtzahl in jedem Bild bezogen und über
die Bilder für jeden Abschnitt gemittelt. Diese mittleren relativen Tropfenanzahlen
sind zusammen mit den mittleren Tropfenströmen in Bild 4.22b eingezeichnet. Die
relative Tropfenanzahl und der Tropfenstrom sind in allen Modellen im Abschnitt 6
besonders hoch, wobei sich der Tropfenstrom deutlicher von den anderen Abschnitten
unterscheidet als die relative Tropfenanzahl. Der Tropfenstrom in Abschnitt 5 ist in
allen Versuchen besonders klein. Die relative Tropfenanzahl ist dort ebenfalls klein,
mit Unterschieden zwischen den Modellen. Der Tropfenstrom ist in allen Modellen in
den Abschnitten 1 bis 4 etwa gleich groß. Dagegen ist die relative Tropfenanzahl in den
Abschnitten 1 bis 4 innerhalb der Modelle und im Modellvergleich verschieden. Auch
diese Darstellung erlaubt eine grobe Abschätzung der Geschwindigkeitsverhältnisse der
Tropfen in den verschiedenen Abschnitten, wie für das Modell 1 beispielhaft gezeigt
wird: In Abschnitt 3 sind die Tropfen weiter auseinander (weniger Tropfen) als in
Abschnitt 2. Die Tropfen in Abschnitt 3 müssen daher schneller sein als die Tropfen
in Abschnitt 2, um den gleichen Tropfenstrom zu erzeugen.
Bild 4.23 gibt einen Überblick über die Schwankungen des Tropfenstroms in den
Segmenten
6
und
10
sowie
20
und
28
(nach Bild 4.12) in allen Kontrollversuchen. Die
Tropfenströme sind hier normiert und in Paaren zusammengefasst, damit die Schwan-
kungen leichter verglichen werden können. Schwankungen treten in allen Versuchen
auf. Die vorherrschende Periode ist etwa
500 s
, aber auch größere Perioden sind zu
finden, zum Beispiel in Versuch
12
. In allen Versuchen schwingen die Tropfenströme in
den Segmenten
6
und
10
zumindest zeitweise entgegengesetzt (gleicher Zulauf). In den
Segmenten
20
und
28
schwingen sie in den meisten Versuchen nicht entgegengesetzt.
82
4.2 Ergebnisse
(a)
Netzausschnitt aus Bild 4.9: Der Ausschnitt
ist in sechs Streifen unterteilt; die Segmente
für die Berechnung des Tropfenstroms in
jedem Abschnitt sind markiert.
(b) Tropfenstrom und Tropfenanteil in den Streifenabschnitten.
Bild 4.22:
Relative Tropfenanzahlen und Tropfenströme für 14 Versuche in drei Modellen
mit gleicher Geometrie. Der Bildausschnitt wird in sechs Streifen unterteilt (a).
Die unteren Kurven (b, linke y-Achse) zeigen den Tropfenstrom der markierten
Segmente im jeweiligen Abschnitt. Die oberen Kurven (b, rechte y-Achse) zeigen die
gemittelte relative Tropfenanzahl in den Abschnitten bezogen auf die Gesamtzahl
der Tropfen im Bild. Die Mittelwerte und Standardabweichungen sind aus allen
Bildern eines Versuchs berechnet.
83
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.23:
Verlauf des Tropfenstroms in den Segmenten 6 und 10 sowie 20 und 28 für verschie-
dene Versuche bei gleichen Einstellungen. Die Tropfenströme der Segmente sind
jeweils auf ihren Mittelwert normiert.
84
4.2 Ergebnisse
Bild 4.24:
Transitzeithistogramme für verschiedene Tropfenanteile. Die Quadrate zeigen den
Median, die Kreuze jeweils das fünfte und das
95
. Perzentil. Die Balkenlängen sind
auf die Maximallängen normiert.
4.2.3 Variation des Tropfenanteils
Bild 4.24 zeigt die Transitzeiten der Tropfen durch den Ausschnitt aus Bild 4.9 für
Tropfenanteile zwischen
0,15
und
0,4
. Die Histogramme der jeweiligen Versuche ähneln
sich, so dass sie hier zusammengefasst sind. Die Mediane liegen dicht beieinander, nur
der Wert für die Versuche mit einem Tropfenanteil von H =
0,2
ist etwas kleiner. Das
erste Maximum verschiebt sich mit steigendem Tropfenanteil zu kürzeren Transitzeiten.
Das Verhältnis des erstes Maximums zum zweiten wird kleiner. Das Histogramm für
H =
0,15
hat im Gegensatz zu den anderen Verteilungen kein zweites Maximum.
Die Streuung ist bei diesem sehr geringen Tropfenanteil am größten: Es gibt anteilig
mehr Tropfen, die lange im Netz bleiben. Das 95. Perzentil sinkt mit steigendem
Tropfenanteil.
Bild 4.25 zeigt den Ausschnitt A aus Bild 4.9 mit einem Tropfenanteil von
0,15
(a)
und
0,4
(b). Bei kleinem Tropfenanteil konzentrieren sich die Tropfen an den Rändern
des Ausschnitts (zwischen den Ein- und Ausgängen); bei größerem Tropfenanteil
befinden sie sich in allen Segmenten.
In Bild 4.26 ist die Tropfenverteilung im Ausschnitt A als Diagramm dargestellt.
Gezeigt werden die mittleren Tropfenvolumenströme und die relative Tropfenanzahl
in den sechs Streifenabschnitten bezogen auf die Tropfenanzahl im gesamten Bild
(Bild 4.22a) für verschiedene Tropfenanteile. Bei niedrigen Tropfenanteilen sind sowohl
der Tropfenvolumenstrom als auch die relative Tropfenanzahl in den mittleren Ab-
schnitten 3 und 4 gering im Vergleich zu den äußeren Abschnitten 1 und 6; sie steigen
85
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Tropfenanteil 0,15 (b) Tropfenanteil 0,4
Bild 4.25:
Bildausschnitte bei Variation des Tropfenanteils: Lücken bei kleinem Tropfenanteil
und gleichmäßige Füllung bei großem Tropfenanteil
mit höheren Tropfenanteilen. Die Abschnitte 3 und 4 liegen nicht auf den direkten
Wegen zwischen den Zu- und Abläufen des Netzwerkmodells. In den Abschnitten 5 und
6 ist die relative Tropfenanzahl bei niedrigem Tropfenanteil hoch und wird bei höheren
Tropfenanteilen kleiner. Die relative Tropfenanzahl und der Tropfenvolumenstrom sind
in dem betrachteten Ausschnitt bei höherem Tropfenanteil gleichmäßiger verteilt. Der
Tropfenvolumenstrom in Abschnitt 5 bleibt niedrig. In allen Abschnitten steigt der
Tropfenstrom mit dem Tropfenanteil am Volumenstrom.
Eine andere Darstellung der Veränderung der Strömung mit zunehmendem Tropfen-
anteil zeigt Bild 4.27. Dort ist die Anzahl der Segmente aufgetragen, in denen es
50 s
-
beziehungsweise
200 s
-Zeiträume gibt, in denen das Segment keinen Tropfen enthält.
Für beide Zeiträume sinkt diese Zahl mit steigendem Tropfenanteil am Volumenstrom.
86
4.2 Ergebnisse
Bild 4.26:
Verteilung der Tropfen und Tropfenströme im Netzausschnitt für verschiedene
Tropfenanteile am Volumenstrom. Der Bildausschnitt wird in sechs Streifen unter-
teilt (Bild 4.22a). Die unteren Kurven (linke y-Achse) zeigen die Tropfenströme
in den markierten Segmenten im jeweiligen Abschnitt. Die Standardabweichungen
beziehen sich auf die Tropfenströme im markierten Segment eines Abschnitts in
allen Experimenten gleichen Tropfenanteils. Die oberen Kurven (rechte y-Achse)
zeigen die gemittelte relative Tropfenanzahl in den Abschnitten bezogen auf die Ge-
samtzahl der Tropfen im Bild. Die Mittelwerte und Standardabweichungen beziehen
sich auf alle Bilder für den jeweiligen Tropfenvolumenstromanteil.
Bild 4.27:
Anzahl der Segmente in denen es
50 s
beziehungsweise
200 s
-Zeiträume gibt, in
denen sie nicht durchströmt werden.
87
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Transitzeithistogramme (b)
relative Tropfenanzahl (oben, rechte Ach-
se) und Tropfenstrom (unten, linke Achse)
Bild 4.28:
Verschiedene Volumenströme bei einem Tropfenanteil von
0,25
. a) Transitzeithisto-
gramme; die Quadrate zeigen den Median, die Kreuze jeweils das fünfte und das
95
. Perzentil. Die Balkenlängen sind auf die Maximallängen normiert. b) relative
Tropfenanzahl in den Streifenabschnitten (Bild 4.22a) und Tropfenströme in den
dort markierten Segmenten.
4.2.4 Änderung des Volumenstroms
Bild 4.28a zeigt die Transitzeiten für verschiedene Volumenströme; die Versuche für
einen Volumenstrom sind jeweils zusammengefasst. Mit steigendem Volumenstrom
werden die Tropfen schneller (Mediane
140 s
,
124 s
und
90 s
), und die Verteilungen
enger (Abstände zwischen 95. und 5. Perzentil
217 s
,
176 s
und
125 s
. Abgesehen davon
bleibt die Form des Transitzeithistogramms gleich.
Die Verteilung der Tropfen auf die sechs Abschnitte des Ausschnitts (Bild 4.22a)
ändert sich nicht (Bild 4.28b, oben). Der Tropfenstrom steigt erwartungsgemäß leicht,
allerdings in den Randbereichen stärker als in der Mitte (Bild 4.28b unten).
4.2.5 Blockaden
Blockade durch Luftblasen
In diesen Experimenten blockieren vier Luftblasen vier Verzweigungen: Im Ausschnitt A
sitzt die Luftblase oben rechts (Bild 4.29) und blockiert den Weg mit dem chsten
Volumenstrom. Eine weitere Luftblase sitzt links außerhalb des Ausschnittes A.
Die Auswirkung auf die Verteilung der Tropfen und des Tropfenstroms in diesem
Ausschnitt zeigt Bild 4.30: Der Tropfenstrom sinkt in Abschnitt 6 (Bild 4.22a),
steigt in Abschnitt 1 und bleibt in den anderen Abschnitten nahezu gleich. Die
Tropfenverteilung ändert sich ein wenig: In den mittleren Abschnitten 3 und 4 ist die
relative Tropfenanzahl vermindert, in den Abschnitten 5 und 6 erhöht.
Die Tropfen im Abschnitt 6 weichen der Blockade aus und fließen links vorbei; sie
88
4.2 Ergebnisse
Bild 4.29:
Luftblasen blockieren Verzweigungen. In Ausschnitt A1 sitzt eine Luftblase oben
rechts und blockiert den Pfad mit den höchsten Volumenströmen. Die Ausschnitte L1
und L2 sind so gewählt, dass eine Luftblase in der Mitte sitzt.
Bild 4.30:
Blockade durch Luftblasen: relative Tropfenanzahl (oben, rechte Achse) in den
Streifenabschnitten aus Bild 4.22a und Tropfenstrom (unten, linke Achse) in den
dort markierten Segmenten.
89
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Transitzeithistogramm Ausschnitt L1 (b) Transitzeithistogramm Ausschnitt L2
Bild 4.31:
Verteilung der Transitzeiten in den Ausschnitten L1 (a) und L2 (b) aus Bild 4.29
mit Luftblase (gelb) und in den Referenzversuchen ohne Luftblase (blau). Bei
dem kleinen Ausschnitt L1 unterscheiden sich die Verteilungen, bei dem größeren
Ausschnitt L2 nicht.
verlassen den Bildausschnitt an der linken Seite und würden bei der Transitzeitbestim-
mung nicht verfolgt werden. Daher werden zwei andere Bildausschnitte gewählt, um
den lokalen Einfluss der Luftblase auf die Transitzeit zu untersuchen: Ausschnitt L1
schließt die Segmente ein, die direkt neben der Luftblase liegen. Der Ausschnitt L2
ist breiter und umfasst auch Segmente, die links und rechts weiter von der Luftblase
entfernt sind (Bild 4.29). Der Median der Transitzeit im kleinen Ausschnitt L1 ist
147 s
, wenn die Luftblasen die Strömung behindern. Der Referenzwert ist für diesen
Ausschnitt
117 s
. Im großen Ausschnitt L2 ist der Median der Transitzeit mit Luft-
blockade
124 s
und ohne
123 s
. Die dazugehörigen Verteilungen der Transitzeiten in
beiden Ausschnitten zeigt Bild 4.31. In Bild 4.31a (kleiner Ausschnitt L1) fehlen die
schnellen Tropfen mit einer Transitzeit von
100 s
, die es in den Referenzversuchen
gibt. Dafür durchqueren mehr Tropfen den Ausschnitt in circa
150 s
. Die Verteilungen
in Bild 4.31b (großer Ausschnitt L2) können kaum unterschieden werden. Bild 4.32
zeigt die Umverteilung des Tropfenstroms: Viele Tropfen schwenken auf den Pfad links
neben der Luftblase um; der Pfad von ganz rechts unten zu den Segmenten über der
Luftblase wird ebenfalls verstärkt gewählt.
90
4.2 Ergebnisse
(a) Ohne Luftblase (b) Mit Luftblase
Bild 4.32:
Mittlere Tropfenströme in Ausschnitt L2 ohne und mit Luftblase (Der Tropfenstrom
in den Segmenten vor der Luftblase wurde manuell auf Null korrigiert, da dort
die Tropfenerkennung versagte. Aus dem gleichen Grund wurde ein Tropfenstrom
entfernt.)
Blockade von Ausgängen
In diesen Experimenten sind jeweils zwei Ausgänge nahezu blockiert: Folglich fließt
entweder weniger durch die beiden mittleren Ausgänge oder weniger durch die beiden
linken Ausgänge. Bild 4.33 verdeutlicht das: Es zeigt die mittleren Tropfenströme in
den Segmenten in der Mitte des Modells (horizontal).
Wie zuvor wird nun die Strömung im Ausschnitt A aus Bild 4.9 näher untersucht.
In sechs Segmenten des Ausschnittes fließen die Tropfen wegen der Blockade der
mittleren Ausgänge in eine andere Richtung als bei offenen Ausgängen: Das sind die
rot gepunkteten Pfeile in Bild 4.34. In einem Segment fließen die Tropfen sogar nach
unten, gegen die Hauptströmungsrichtung.
Bild 4.35a zeigt die Transitzeiten durch den Ausschnitt A, wenn der Fluss in den
jeweiligen Ausgängen teilweise blockiert ist: Die schnellsten Tropfen werden noch
schneller. Betrifft die Einschränkung die mittleren Ausgänge, wird die Verteilung
breiter; der Median bleibt im Vergleich zur Referenz gleich (
127 s
im Vergleich zu
125 s
). Betrifft die Einschränkung die linken Ausgänge, dann wird der Median kleiner
(
106 s
). Hier sind die beiden Ausgänge offen, die sich direkt neben dem Ausschnitt
befinden: Der Querfluss ist geringer und die Tropfen sind wegen des erhöhten Flusses
in den beiden benachbarten Ausgängen schneller.
Bild 4.35b zeigt die Verteilung der Tropfen und der Tropfenströme im Ausschnitt A.
Bei beiden Blockaden gibt es im linken Bereich (1 und 2) und in Abschnitt 4 anteilig
weniger Tropfen als in den Referenzversuchen. Die Konzentration der Tropfen im
Abschnitt 6 bleibt. In den Bereichen 3 und 5 gibt es anteilig mehr Tropfen. Die
Verteilung des Tropfenstroms ist bei der Blockade von Ausgängen heterogener als
ohne; besonders bei der Blockade der mittleren Ausgänge. Dort bricht der Tropfenstrom
in den Abschnitten 1 und 3 ein.
91
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Wenig Tropfen durch die mittleren Ausgänge
(b) Wenig Tropfen durch die linken äußeren Ausgänge
(c) Alle Ausgänge offen (Referenz)
Bild 4.33:
Tropfenströme bei Beschränkungen in zwei Ausgängen und ohne Beschränkungen.
Um den Tropfenstrom zu bestimmen, wurde jeweils gezählt, wieviele Tropfen ein
Segment in
50 s
-Zeiträumen verlassen, und diese Zahlen über die Versuchszeit
gemittelt.
92
4.2 Ergebnisse
Bild 4.34:
Bei Blockade Richtungswechsel (Ausschnitt A): Ist der Fluss in den mittleren Aus-
gängen eingeschränkt, fließen die Tropfen in den Segmenten mit den rot gepunkteten
Pfeilen in die andere Richtung als in den Referenzversuchen.
(a) Transitzeithistogramme (b)
relative Tropfenanzahl (oben, rechte Ach-
se) und Tropfenstrom (unten, linke Achse)
Bild 4.35:
Blockade von jeweils zwei Ausgängen des Kapillarnetzmodells, wobei die Ausgänge
nicht ganz geschlossen sind. a) Transitzeithistogramme, die Balken sind auf die
Maximallängen normiert. b) Relative Tropfenanzahl in den Streifenabschnitten
(Bild 4.22a) und Tropfenstrom in den dort markierten Segmenten.
.
93
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Transitzeithistogramme (b)
relative Tropfenanzahl (oben, rechte
Achse) und Tropfenstrom (unten, linke
Achse)
Bild 4.36:
Auswirkung von statischer Dehnung (
6,8 %
bis
11,3 %
) auf die Transitzeitverteilung
(a, Balkenlänge auf das jeweilige Maximum normiert) sowie auf die Aufteilung der
Tropfen und Tropfenströme (b) auf die sechs Streifenabschnitte aus Bild 4.22a. Das
Modell 2 der Referenzversuche ist ebenfalls leicht gedehnt; allerdings im Vergleich
weniger und (im Ausschnitt) gleichmäßiger. Zusätzlich sind die Werte aus den
Referenzversuchen im ungedehnten Modell 1 dargestellt.
4.2.6 Statische Dehnung
In den Versuchen zur statischen Dehnung ist das Netzmodell auf beiden Seiten mit
der Hälfte der langen Seite eingespannt; dann wird daran gezogen und die Dehnung
gehalten (Bild 4.5). Die Strecken zwischen den Eingängen und Ausgängen ganz rechts
in der gedehnten Hälfte sind um
11 %
beziehungsweise
11,3 %
gedehnt; die Dehnung
zwischen den Ein- und Ausgängen links daneben beträgt
9,1 %
beziehungsweise
6,8 %
.
Die Segmente werden in der gleichen Richtung durchströmt wie in den Versuchen ohne
Dehnung.
Bild 4.36a zeigt die Verteilung der Transitzeiten durch Ausschnitt A, der komplett in
der gedehnten Hälfte liegt. Diese Versuche mit statischer Dehnung wurden in demselben
Modell (M2) durch geführt, wie die Versuche
8
und
9
aus der Kontrollversuchsreihe
(Abschnitt 4.2.2): In diesen Referenzversuchen ist das Modell durch die Einspannung
ebenfalls gedehnt; allerdings ist die Dehnung hier kleiner und gleichmäßig (
6,2 %
zwischen den Ein- und Ausgängen). Im Vergleich zu diesen Referenzversuchen (im
Modell 2) ist die Transitzeit bei ungleichmäßiger Dehnung kürzer. Im Vergleich zu
den Referenzversuchen im Modell 1 ändert sie sich jedoch kaum.
Bild 4.36b zeigt die Verteilung der Tropfen und des Tropfenstroms im Ausschnitt A:
Die Tropfen sind im Rahmen der Genauigkeit so verteilt, wie in den Referenzversuchen,
mit leichter Verschiebung zu den Abschnitten 1 und 2. Links, wo diese Abschnitte
liegen, ist die Dehnung kleiner als rechts. Der Tropfenstrom ist in den betrachteten
Segmenten nahezu unverändert.
94
4.2 Ergebnisse
(a) f= 0,004 Hz, Dehnung 8,4 % bis 9 % (b) f
=
0,004 Hz
, Dehnung
13,4 %
bis
15,7 %
(c) f= 0,008 Hz, Dehnung 8,4 % bis 9 % (d) f
=
0,008 Hz
, Dehnung
13,4 %
bis
15,7 %
Bild 4.37:
Tropfenpositionen und lokale Geschwindigkeiten im Ausschnitt A bei Dehnung.
Angegeben sind die verwendeten Frequenzen und die Dehnungen für die Strecken
zwischen den Ein- und Ausgängen links und rechts vom Ausschnitt im gedehnten
Bereich des Modells (siehe Bild 4.5).
4.2.7 Dynamische Dehnung
In den Versuchen mit dynamischer Dehnung ist wie in den Versuchen mit statischer
Dehnung eine Hälfte des Kapillarnetzmodells eingespannt (Bild 4.5). Das Kapillarnetz-
modell wird zyklisch gedehnt und wieder entspannt. Die Frequenzen
f
sind
0,004 Hz
und
0,008 Hz
(Periode
4 min
und
2 min
). Es gibt Versuche mit großer und kleiner
Dehnung, allerdings variieren auch hier die Dehnungen innerhalb des Ausschnitts A.
Die Strecke zwischen den Eingängen und Ausgängen ganz rechts in der gedehnten
Hälfte ist um
15,7 %
bei großer Dehnung beziehungsweise
9 %
bei kleiner Dehnung
gedehnt (Einstellungen auf der Dehnvorrichtung
19 %
beziehungsweise
9,5 %
). Die
Dehnung zwischen den Ein- und Ausgängen links daneben beträgt
13,4 %
(große
Dehnung) beziehungsweise
8,4 %
(kleine Dehnung). Die großen Dehnungen wurden
nicht in dem Maße erreicht, wie sie eingestellt wurden.
Bild 4.37 zeigt die Positionen der Schwerpunkte der Tropfen auf ihrem Weg durch
den Ausschnitt und die lokale Geschwindigkeit an den verschiedenen Positionen. Die
Bilder 4.37a und 4.37b zeigen Versuche mit kleiner und großer Dehnung bei kleiner
Frequenz, die Bilder 4.37c und 4.37d bei großer Frequenz. Die Segmente des Kapil-
larnetzmodells werden beim Dehnen bewegt. Dadurch erhalten die Tropfen in den
Segmenten eine zusätzliche vertikale Verschiebung. Diese ist in den Bildern daran zu
95
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
erkennen, dass die Wege, die die Tropfen zeichnen, breiter werden. Größere Dehnung
bedeuten größere Bewegungen des Kapillarnetzes und breitere Trajektorienbänder
in Bild 4.37. Die Kanten der Trajektorienbänder entstehen in den Extremlagen, bei
minimaler Dehnung (untere Kante) oder maximaler Dehnung (obere Kante). Dazwi-
schen sind die Übergangsbereiche, in denen das Kapillarnetzmodell gedehnt wird
und die Tropfen durch diese Bewegung des Kapillarnetzmodells beschleunigt oder
abgebremst werden. Diese Trajektorien können den Entspannungs- und Dehnungvor-
gängen zugeordnet werden: Im Allgemeinen sind die Trajektorien bei der Entspannung
horizontaler und bei der Dehnung vertikaler. Die Bewegungsrichtung und der Winkel
der Trajektorien geben ebenfalls Hinweise für die Zuordnung. Die Geschwindigkeiten
bei der Entspannung des Kapillarnetzmodells sind oft größer als bei der Dehnung.
Bild 4.38 zeigt die Transitzeitverteilungen für verschiedene Einstellungen für die
Frequenz und die Amplitude der Dehnung. Der Median der Transitzeit ist bei ver-
schiedenen Dehnungseinstellungen und im Vergleich zu den Referenzversuchen im
gleichen Modell (M2) kleiner. Im Vergleich zu den Referenzversuchen im Modell M1
ändert sich der Median nicht. Das zweite Maximum ist bei großer Dehnung stärker
ausgeprägt als bei kleiner Dehnung. Ein Einfluss der Frequenz ist kaum zu erkennen.
Dass überhaupt zyklisch gedehnt wird, scheint jedoch einen Einfluss zu haben: Die
Verteilung der Transitzeiten ist bei zyklischer Dehnung ein wenig gleichmäßiger als bei
statischer Dehnung und in den Referenzversuchen. Das erste Maximum ist nicht so
stark abgesetzt. Unter dem Einfluss der Dehnung durchqueren die schnellsten Tropfen
den Ausschnitt des Kapillarnetzmodells in kürzerer Zeit als ohne Dehnung.
Bild 4.39 zeigt die Verteilung der Tropfen im Bildausschnitt A (oben, rechte Achse)
und die Tropfenströme in den mittleren Segmenten jedes Abschnittes (unten, linke
Achse, Segmente nach Bild 4.22a). Die Verteilung der Tropfen ist in allen Versuchen
mit Dehnung gleich. Der Tropfenstrom in den ausgewählten Segmenten ändert sich
nur in den Abschnitten
2
und
4
: In Abschnitt
2
steigt der Tropfenstrom mit größerer
dynamischer Dehnung. In Abschnitt
4
ist der Tropfenstrom bei kleiner Dehnung so
groß wie in den Referenzversuchen und bei statischer Dehnung. Bei großer Dehnung
steigt der Tropfenstrom in Abschnitt
4
. Da die relative Tropfenanzahl gleich bleibt,
bedeutet das, dass in diesen Segmenten (
2
und
4
) die Geschwindigkeit der Tropfen
steigt.
96
4.2 Ergebnisse
Bild 4.38:
Transitzeithistogramme bei verschiedenen Dehnungen. Die Balken sind auf das
jeweilige Maximum normiert. Angegeben sind die verwendeten Frequenzen und die
Dehnungen für die Strecken zwischen den Ein- und Ausgängen links und rechts
vom Ausschnitt im gedehnten Bereich des Modells (siehe Bild 4.5).
97
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.39:
Verschiedene Dehnungen: Relative Tropenanzahl (oben, rechte Achse) in den Strei-
fenabschnitten (Bild 4.22a) und Tropfenstrom (unten, linke Achse) in den dort
markierten Segmenten.
4.2.8 Mauskapillarnetzmodell
In diesen Experimenten fließt das Blutmodell im Kapillarnetzmodell mit der Mausgeo-
metrie. Bild 4.40 zeigt, dass an manchen Stellen des Modells nur Öl fließt, aber kein
Tropfen.
Für den markierten Ausschnitt zeigt Bild 4.41, wo die Tropfen im Versuch ihre
Schwerpunkte haben und mit welcher Geschwindigkeit sie an diesen Stellen fließen.
Wie im künstlich erzeugten Kapillarnetzmodell fließen die Tropfen an manchen Stellen
sehr schnell und an anderen eher langsam. Geschwindigkeiten nahe Null treten selten
auf. Innerhalb eines Segments gibt es große Geschwindigkeitsunterschiede. An drei
Stellen gibt es Sackgassen: Dort sind zwar Tropfen, diese bleiben aber stecken und
können daher nicht durch das ganze Bild verfolgt werden; deshalb sind dort keine
Schwerpunkte eingezeichnet.
Die Geschwindigkeitsverläufe von 70 Tropfen durch den kleinen Ausschnitt aus
Bild 4.41 sind in Bild 4.42 zu sehen; gemeinsam mit einer vergrößerten Darstellung
der Schwerpunkte und Geschwindigkeiten. In diesem Ausschnitt liegen die Wege,
die die Tropfen wählen, sehr dicht beieinander die Geschwindigkeiten variieren
jedoch um
±50 %
. Das Geschwindigkeitsmaximum entsteht durch die Verengung des
Querschnitts an dieser Stelle (Bild 4.40). Bild 4.43a zeigt die mittlere Geschwindigkeit
einzelner Tropfen geordnet nach ihrer Eintrittszeit in den Ausschnitt: Die mittlere
Geschwindigkeit schwankt die ganze Zeit; außerdem ist eine kleinere Frequenz (circa
98
4.2 Ergebnisse
Bild 4.40:
Blutmodell im Modell des Mauskapillarnetzes (Strömung von unten nach oben,
Kontrast angepasst). Überlagert ist die Geometrie des Netzes. Die großen Tropfen
in der Mitte des Mauskapillarnetzmodells stecken fest. Das Rechteck markiert den
Ausschnitt, der in den Bildern 4.41 und 4.44 ausgewertet wird.
1/
900 Hz
) mit ähnlicher Amplitude zu erkennen. Die Transitzeit für den kleinen
Ausschnitt ist in Bild 4.43b dargestellt: Nimmt man hier Normalverteilung an, ist die
relative Standardabweichung
11 %
. Die Transitzeiten im großen Ausschnitt (Bild 4.41)
zeigen eine schiefe Verteilung (Bild 4.44).
99
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.41:
Alle Positionen der Tropfen, die durch den ganzen Ausschnitt verfolgt werden
können. Farbkodiert sind die jeweiligen lokalen Geschwindigkeiten (gleitender
Mittelwert über 19 Bilder für jeden Tropfen). Der markierte Ausschnitt wird
genauer untersucht.
Bild 4.42:
Geschwindigkeitsverläufe von 70 Tropfen im Ausschnitt aus Bild 4.41 aufgetragen
über der y-Komponente ihrer Position. Daneben ist der dazugehörige vergrößerte
Ausschnitt der Tropfenpositionen mit Geschwindigkeitsangabe dargestellt.
100
4.2 Ergebnisse
(a)
Mittlere Geschwindigkeit der Tropfen
über ihrem Eintrittszeitpunkt
(b)
Transitzeithistogramm der Tropfen durch
das Segment
Bild 4.43:
Die mittlere Geschwindigkeit der Tropfen, mit der sie den Ausschnitt aus Bild 4.41
durchqueren, schwankt (a). Entsprechend ist die Transitzeit breit verteilt (b).
Bild 4.44:
Transitzeithistogramm der Tropfen, die durch den ganzen Ausschnitt (Bild 4.41)
verfolgt werden können. Alle Werte größer als 600 s werden zusammengefasst.
101
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
4.2.9 Mikromodell
Bild 4.45 zeigt die roten Blutkörperchen im Mikromodell. In den Bereichen zwischen
den Eingängen und Ausgängen fließen mehr rote Blutkörperchen als in den Zwischen-
bereichen. Zu sehen sind auch Blockaden durch weiße Blutkörperchen (zum Beispiel
in der weißen Umrandung) und durch Ansammlungen von roten Blutkörperchen (zum
Beispiel in der schwarzen Umrandung). Die Ränder des Kapillarnetzmodells sind nicht
zu sehen, da das Sichtfeld für das ganze Kapillarnetzwerk zu klein ist.
Die roten Blutkörperchen sind öfter verschwommen oder verformt, haben helle und
dunkle Stellen und liegen auch öfter übereinander als die Tropfen im vergrößerten
Modell. Bild 4.46 zeigt das Ergebnis der Segmentierung im Ausschnitt A (definiert
wie in den vergrößerten Kapillarnetzmodellen mit Tropfen): Gruppen von roten
Blutkörperchen werden oft nicht richtig segmentiert, einige werden falsch getrennt. In
den Segmenten, in denen die roten Blutkörperchen nicht so dicht schwimmen, ist eine
Auswertung mit den vorhandenen Methoden möglich. In dem markierten Ausschnitt
(Bild 4.46) können rote Blutkörperchen durchgehend verfolgt werden. Bild 4.47 zeigt
den Geschwindigkeitsverlauf von 39 roten Blutkörperchen in diesem Ausschnitt (a) im
Vergleich zu der Geschwindigkeit der Tropfen im gleichen Abschnitt im vergrößerten
Modell (b): Die roten Blutkörperchen stoppen wie die Tropfen an den Knoten. Die
Geschwindigkeiten schwanken von rotem Blutkörperchen zu rotem Blutkörperchen im
gleichen Maße wie von Tropfen zu Tropfen. Die roten Blutkörperchen sind im unteren
Segment im Verhältnis etwas langsamer als die Tropfen.
Die Reynoldszahl ist im Mikromodell in diesem Versuch in der Größenordnung von
104
, im vergrößerten Modell
103
. Die Strömungen sind also ähnlich und können
verglichen werden.
Bild 4.48 zeigt zwei Momentaufnahmen eines Versuches ohne quantitative Aus-
wertung. Hier sind sehr viele weiße Blutkörperchen im Kapillarnetz. Diese stecken
vorübergehend fest, blockieren Segmente oder Verzweigungen und fließen in vielen
Fällen nach einiger Zeit weiter. Die Geschwindigkeiten der roten Blutkörperchen sind
in diesem Versuch sehr groß. Dadurch entstehen größere Druckdifferenzen und die
weißen Blutkörperchen fließen leichter weiter. Die beiden Bilder 4.48a und 4.48b zeigen
die Umverteilung des Blutflusses (Zeitabstand
163 s
): Die Blockade, die in Bild 4.48a
schwarz umrandet ist, gibt es in Bild 4.48b nicht mehr. Statt dessen gibt es neue Blocka-
den (Beispiele schwarz umrandet). Weiß markiert sind in beiden Bildern Segmente, die
im Bild von oben nach unten durchströmt werden: gegen die Hauptströmungsrichtung.
Bild 4.49 zeigt Momentaufnahmen eines weiteren Versuchs, ebenfalls ohne quantita-
tive Auswertung. Bei diesem Versuch sind vorübergehend zwei Eingänge blockiert. In
Bild 4.49a (Eingänge im Prinzip offen, leichte Einschränkungen in den beiden Eingän-
gen rechts im Bild) sind die bevorzugten Pfade zwischen den Ein- und Ausgängen zu
erkennen und weniger rote Blutkörperchen in den Zwischenbereichen. In der rechten
Kapillarnetzhälfte sind weniger rote Blutkörperchen als in der linken. Sie sind auch
langsamer und zeigen daher weniger Bewegungsunschärfe. In Bild 4.49b sind die beiden
Zuläufe unten rechts zufällig fast vollständig blockiert. Die rechte Netzhälfte wird nun
von dem benachbarten Eingang versorgt. Die wenigen roten Blutkörperchen in der
102
4.2 Ergebnisse
Bild 4.45:
Rote Blutkörperchen strömen im Mikromodell (von unten nach oben, Bildkontrast
angepasst). Schwarze Markierung: Rote Blutkörperchen sammeln sich hinter ei-
ner Blockade; Weiße Markierung: Weißes Blutkörperchen blockiert Segment. Der
markierte Ausschnitt entspricht dem Ausschnitt A im vergrößerten Modell
Bild 4.46:
Ergebnis der Bilderkennung im Mikromodell (Ausschnitt aus Bild 4.45). Dem
Bildausschnitt (Kontrast angepasst) sind die farbkodierten erkannten roten Blut-
körperchen überlagert. Einige Gruppen roter Blutkörperchen werden nicht getrennt
(zum Beispiel orange), einige rote Blutkörperchen werden als zwei interpretiert
(zum Beispiel gelb-grün oben).
103
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Mikromodell mit Blut (b) Vergrößertes Modell mit Blutmodell
Bild 4.47:
Geschwindigkeitsverläufe von 39 roten Blutkörperchen beziehungsweise Tropfen
durch den in Bild 4.46 markierten Bereich beziehungsweise im äquivalenten Bereich
im vergrößerten Modell (nicht geglättet). Die y-Koordinaten in den Diagrammen
entsprechen denen des jeweiligen Bildes.
unteren rechten Hälfte fließen langsam und sind daher im Bild scharf. Die bevorzugten
Pfade verlagern sich: Die roten Blutkörperchen aus dem zweiten Eingang von links
fließen auch in die rechten Ausgänge, rote Blutkörperchen aus dem Eingang ganz links
fließen auch in den zweiten Ausgang von links. Der Bereich zwischen den beiden linken
Eingängen wird weiterhin nur von wenigen roten Blutkörperchen versorgt.
104
4.2 Ergebnisse
(a)
(b)
Bild 4.48:
Weiße Blutkörperchen im Mikromodell (schwarz umrandet) verändern ihre Position
und die Verteilung der roten Blutkörperchen (Bildkontrast angepasst). In den
weißen Markierungen strömen die roten Blutkörperchen im Bild von oben nach
unten.
105
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
(a) Alle Eingänge offen
(b) Eingänge rechts unten blockiert.
Bild 4.49:
Rote Blutkörperchen im Mikromodell ohne und mit Blockade von Eingängen
(Bildkontrast angepasst)
106
4.3 Diskussion
4.3 Diskussion
4.3.1 Strömung im Kapillarnetzmodell
Unregelmäßige Strömung
Die Versuche zeigen deutlich, dass die Strömung der Trop-
fen im Kapillarnetzmodell stark schwankt: Innerhalb eines Segments gibt es zeitlich
und räumlich nicht eine einzelne Geschwindigkeit, sondern einen Geschwindigkeitsbe-
reich. In manchen Segmenten stoppen die Tropfen kurz und fließen sogar ein Stück
zurück. Die Tropfenanzahl und damit auch der Tropfenanteil in einem Segment ändert
sich; auch der Tropfenstrom schwankt. An Verzweigungen mit ähnlichen Volumen-
strömen in beiden Abzweigen wechseln größere und kleinere Volumenströme zwischen
den Abzweigen; die Tropfen reisen in Gruppen. All dies wird auch in natürlichen
Kapillarnetzen beobachtet. Das Modell bildet nicht das ganze biologische System ab,
sondern nur rheologische Eigenschaften: Es sind rote Blutkörperchen oder Tropfen, die
den Strömungswiderstand erhöhen. In numerischen Simulationen findet man solche
Fluktuationen ebenfalls: Sun u. a. (2007) betrachten zwar keine Kapillarnetze, aber
Verzweigungen mit und ohne rote Blutkörperchen. Sie berechnen die Geschwindigkeit
an festen Stellen in Verzweigungen bei konstant vorgegebenem Volumenstrom. Mit
roten Blutkörperchen in der Simulation schwanken die Geschwindigkeiten in den
beiden Ästen entgegengesetzt und symmetrisch. Diese Systeme Blut in natürlichen
Kapillarnezten, Blutmodell in vergrößertem Kapillarnetz und Blutmodelle in numeri-
schen Simulationen haben gemeinsame rheologische Eigenschaften. In einphasigen
Experimenten mit newtonschen Fluiden treten die beschriebenen Effekte nicht auf.
Es ist daher naheliegend, die Ursache für die Fluktuationen der Strömung in der
vorübergehenden Veränderung des Strömungswiderstandes zu suchen.
Dafür werden die Schwankungen des Tropfenstroms näher diskutiert, die in den
hier beschriebenen Experimenten mit dem Blutmodell in vergrößerten Kapillarnetzen
auftreten. Der Verlauf des Tropfenstroms in den einzelnen Segmenten ist nicht chaotisch.
Meist wird er von einer oder mehreren Frequenzen dominiert. Das Verständnis der
Schwingungsperiode ist der Schlüssel zum Verständnis der Strömungsfluktuationen.
Wie bereits erwähnt, wird die Änderung des Strömungswiderstandes der Segmente
durch die Tropfen als Ursache vermutet. Die Widerstandsänderung in einem Segment
für sich ist jedoch nicht entscheidend für die Schwankung des Tropfenstroms. Das
sieht man an der Aufteilung auf die Segmente 6 und 10 (Bild 4.13): Die Tropfen
wählen meist abwechselnd das eine und das andere Segment; nur selten gibt es die
Abfolge zwei hier zwei da. Ein Muster in der Variation wird erst dann deutlich,
wenn eine längere Zeit betrachtet wird; ein Zeitraum, der länger ist, als die Tropfen
für den Weg durch ein Segment benötigen. Eine mögliche Erklärung ist daher, dass
der Tropfenstrom an einer Verzweigung durch den Strömungswiderstand in allen
möglichen nachfolgenden Pfaden bestimmt wird. Diese Hypothese wird durch die
dominante Schwankungsperiode
T
der Tropfenstromschwankung gestützt: Die Tropfen
brauchen ungefähr
480 s
um zunächst den Rest des Kapillarnetzes von den Segmenten
bis zum Netzausgang zu durchqueren (Median circa
100 s
) und dann den Auslauf vom
Ende des eigentlichen Netzes bis zum Abfallbehälter zu passieren (circa
380 s
). Das
107
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Bild 4.50:
Bildausschnitt aus Bild 4.9 mit ausgewählten Segmenten und ihren dominanten
Perioden
T
bei der Schwankung des Tropfenstroms. Strömung von unten nach oben.
Je weiter oben das Segment liegt, desto kürzer ist die Periode. Auf dem Pfad mit
kleineren Tranisitzeiten (nach Bild 4.19) sind die Schwankungsperioden kleiner als
auf dem Pfad mit größeren Transitzeiten.
ist ungefähr die beobachtete dominante Schwankungsperiode. Der Zusammenhang
zwischen Schwankungsperiode in einem Segment und Transitzeit bis zum Auslauf kann
folgendermaßen hergestellt werden: Wenn in einigen Pfaden (a) viele Tropfen sind,
ist dort der Strömungswiderstand hoch. Dann wählen die Tropfen andere Pfade (b)
mit zunächst geringerem Strömungswiderstand. Die vorher gut durchströmten Pfade
(a) erhalten weniger Tropfen, bis der Strömungswiderstand wieder kleiner als in den
Pfaden (b) ist. Das ist der Fall, wenn die vielen Tropfen in den Pfaden (a) aus dem
Auslauf hinaus geflossen sind. Somit ist die Schwankungsperiode in einem Segment
ungefähr so lang, wie die Tropfen brauchen, um das Ende des Auslaufs zu erreichen.
Für diese Erklärung sprechen auch die dominierenden Schwankungsperioden, die durch
Fourieranalyse für ausgewählte Segmente ermittelt wurden (Bild 4.50): Die Segmente
9 und 13 liegen unten und oben im Kapillarnetzmodell auf einem Pfad, auf dem die
Tropfen eher langsam unterwegs sind. Die Transitzeiten durch den Bildausschnitt A
liegen nach Bild 4.19 bei circa
130 s
. Die Segmente 41 und 45 liegen unten und oben
auf einem Pfad, auf dem die Tropfen schneller sind; die Transitzeiten liegen bei circa
70 s
. Die Schwankungsperioden in den oberen Segmenten sind jeweils kürzer als in
den unteren Segmenten, die Schwankungsperioden im Pfad mit kleinen Transitzeiten
etwas kleiner als im Pfad mit größeren Transitzeiten.
Für die große Bandbreite an Geschwindigkeiten innerhalb eines Segments ist unter
anderem der variable Tropfenstrom verantwortlich; aber nicht ausschließlich. Entschei-
dend für die Tropfenstromschwankungen sind die Y-Verzweigungen; also die Stellen,
an denen sich der Strom aus einem Segment auf zwei Segmente aufteilt. Für die
Geschwindigkeitsunterschiede sind auch die Stellen wichtig, an denen zwei Segmente
zusammenfließen. Dort gibt es zwischen den Tropfen Interaktionen wie die folgende:
Tropfen aus einem Segment mit geringerem Volumenstrom drängen in das gemeinsame
Segment flussabwärts. An der Verzweigung werden sie von Tropfen aus dem Segment
mit dem höheren Volumenstrom verdrängt und zurück in das Segment geschoben, aus
108
4.3 Diskussion
dem sie kommen. Dadurch entsteht in diesem Segment eine Geschwindigkeitskom-
ponente in der Richtung, die der eigentliche Strömungsrichtung in diesem Segment
entgegengesetzt ist. Dieses Phänomen kann nur entstehen, weil das Blutmodell (wie
das Kapillarblut) kein Kontinuum bildet: Wo ein Tropfen ist, kann zum gleichen
Zeitpunkt kein anderer Tropfen sein. In den numerischen Simulationen, die einen
Kontinuumsansatz verfolgen, treten solche Effekte daher nicht auf, auch wenn sie die
Widerstandsänderung durch die roten Blutkörperchen berücksichtigen.
Wiederholbarkeit
Die Strömung der Tröpfchen im Kapillarnetzmodell variiert inner-
halb eines Versuches; aber in verschiedenen Versuchen ändert sie sich auf die gleiche
Art und Weise und die Mittelwerte sind vergleichbar: Die Tropfenanzahl und die
Tropfenströme in verschiedenen Bildabschnitten liegen im Mittel eng beieinander
(Bild 4.22b), die Strömungsrichtung in den Segmenten ist gleich (ohne Bild), die Vertei-
lungen der Transitzeiten sehen gleich aus (Bild 4.21) und der Tropfenstrom schwankt
zwischen den Segmenten in vergleichbarer Größenordnung (Bild 4.23). Zwischen den
verschiedenen Modellen gleicher Geometrie sind die Unterschiede größer als innerhalb
eines Modells. Eine erste mögliche Ursache ist, dass die beiden Hälften der Modelle mit
runder Geometrie zusammengeklebt werden: Dabei kann trotz großer Sorgfalt etwas
Kleber in die Segmente gelangen und den Strömungswiderstand dort erhöhen. Eine
zweite mögliche Ursache ist die unterschiedliche Dicke der Modelle: Dünnere Wände
bewirken, dass sich die Segmente mit dem Pumpendruck stärker ausdehnen können als
bei dicken Wänden; der Strömungswiderstand ist bei größeren Segmentdurchmessern
kleiner. Dieser Effekt wurde nicht vermessen. Eine dritte mögliche Ursache ist, dass
die Netzkanten nicht immer parallel zu den Bildkanten liegen: Dann führt die Wahl
der äußeren Knoten als Grenzen für die Transitzeit zu unterschiedlich langen Strecken.
Allerdings gilt das auch für Experimente in demselben Modell an verschiedenen Tagen,
wo keine Unterschiede gemessen wurden. Die wiederholten Messungen unter gleichen
Bedingungen führen zu zwei Schlussfolgerungen:
1.
Es gibt ein dynamisches Gleichgewicht; die untersuchten Größen schwanken um
einen Mittelwert, der in allen Versuchen mit gleichen Bedingungen gleich ist.
2.
Parametervariationen sollten in einem Modell untersucht werden, da es zwischen
den Modellen geringe Unterschiede gibt.
4.3.2 Tropfenanteil
Der Tropfenanteil am Gesamtvolumenstrom ist der modellierte Auslass-Hämatokrit.
Die mittlere Transitzeit der Wassertropfen ist unabhängig vom Tropfenanteil am
Volumenstrom. Das ist im geraden Rohr ebenso der Fall: Mit Gleichung 3.3 als
Ausgangspunkt kann die Transitzeit der Tropfen durch ein Rohr (
tTr
) in Abhängigkeit
der Transitzeit des gesamten Blutmodells (
tM
) und des Verhältnisses von Volumenanteil
(Ht) und Volumenstromanteil (Hd) der Tropfen angegeben werden (Gleichung 4.1).
tTr =Ht
Hd
tM(4.1)
109
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Da das Verhältnis H
t
/H
d
im Blutmodell nicht vom Tropfenanteil abhängt (siehe
Bild 3.3), ist auch die Transitzeit im Rohr davon unabhängig. Auch im Kapillarnetz-
modell ist die mittlere Transitzeit bei verschiedenen Tropfenanteilen gleich. Allerdings
ändern sich die Verteilung und die kleinste Transitzeit (Bild 4.24).
In den Abschnitten, in denen bei kleinem Tropfenanteil bereits viele Tropfen sind
(5 und 6), ändert sich die Tropfenanzahl kaum (anders als die relative Tropfenan-
zahl) während die Geschwindigkeit mit dem Tropfenanteil steigt. In den Abschnitten,
in denen bei kleinem Tropfenanteil wenig Tropfen sind (2 bis 4), steigt mit dem
Tropfenanteil die Tropfenanzahl, aber die Geschwindigkeit sinkt (ohne Bild).
Der Tropfenanteil am Volumenstrom hat großen Einfluss auf die Verteilung der
Tropfen im Netz: Die Bilder 4.25 und 4.26 veranschaulichen, wie ganze Modellabschnitte
für die Tropfenströmung gewonnen werden, wenn der Tropfenanteil erhöht wird.
Woran liegt das? Möglicherweise hängt dieser Effekt wie auch die Schwankungen
des Tropfenstroms mit der Widerstandserhöhung durch die Tropfen zusammen: Es
gibt Pfade zwischen den Ein- und Ausgängen, deren Strömungswiderstand niedrig
ist entweder weil sie kurz sind, oder weil die Durchmesser groß sind. Diese Pfade
werden zuerst mit Tropfen gefüllt. Dadurch steigt der Widerstand an. Folglich wird
der Widerstand auf anderen Pfaden im Vergleich geringer und diese werden mit mehr
Tropfen durchströmt.
4.3.3 Blockade
Die Blockaden durch Luftblasen beeinflussen die Strömungsverteilung mehr als die
Änderungen des Strömungswiderstandes durch einzelne Tropfen: Einige Segmente
werden nicht durchströmt und die Strömung in anderen Segmenten steigt. Die Wirkung
der Luftblasen-Blockade auf die Transitzeitverteilung ist lokal begrenzt: Die Strömung
um die Blockade gleicht deren Einfluss aus. Die Übersetzung der Ergebnisse aus
den Modellversuchen in die Realität lautet: Die weißen Blutkörperchen blockieren
zwar Segmente, aber nicht in einem Maße, dass sie den Stofftransport beeinflussen.
Modelliert wurde die Wirkung vereinzelter Blockaden. Die Wirkung sehr vieler weißer
Blutkörperchen auf die Umverteilung der Strömung und den Stofftransport wurde
nicht untersucht.
Die Wirkung einer verringerten Strömung in den Ausgängen ist weniger lokal
begrenzt als die Wirkung von Luftblasen. Hier wechselt in einigen Segmenten die
Strömungsrichtung. Gebiete mit großem und kleinem Tropfenstrom sind deutlich
voneinander getrennt. Die Übersetzung vom Modell in die Realität lautet: Durch
Behinderung des Flusses in den Venolen kann die Strömung der roten Blutkörperchen
umgeleitet werden. Für Arteriolen, die hauptsächlich für die pulmonale hypoxische
Vasokonstriktion verantwortlich sind, kann Entsprechendes angenommen werden. In
den Gebieten nahe der Blockade fließen weniger rote Blutkörperchen langsamer durch
das Netz als ohne Blockade; in den anderen Gebieten fließen mehr rote Blutkörper-
chen schneller durch das Kapillarnetz. Ist der Fluss in Bereichen mit unzureichender
Belüftung eingeschränkt, können die wenigen roten Blutkörperchen, die dort strö-
men, den noch vorhandenen Sauerstoff maximal aufnehmen, da sie sich lange dort
110
4.3 Diskussion
befinden. Andererseits wird die Aufenthaltszeit der roten Blutkörperchen in den rest-
lichen gut durchbluteten Gebieten kleiner. Hier besteht eventuell die Gefahr, dass
sie sich nicht lange genug im Kapillarnetz aufhalten um mit Sauerstoff gesättigt
zu werden; insbesondere, wenn gleichzeitig die Diffusionsstrecke verlängert ist, zum
Beispiel durch Wassereinlagerungen im Gewebe. Dann würden weitere Strömungsver-
schiebungen durch pulmonale hypoxische Vasokonstriktion den Stofftransport nicht
weiter verbessern.
4.3.4 Dehnung
Frequenz und Amplitude der Dehnung beeinflussen die Transitzeiten der Tropfen durch
das Kapillarnetzmodell kaum. Der Median ist bei allen untersuchten Einstellungen
der Dehnung annähernd konstant. Auch die Form der Transitzeitverteilung bleibt
weitestgehend gleich. Der Vergleich mit den Referenzversuchen ist bei den Dehnversu-
chen problematisch, da für das gleiche Kapillarnetzmodell keine Versuche ganz ohne
Dehnung vorliegen. In den durchgeführten Referenzversuchen ist das Kapillarnetz-
modell durch die Einspannung verformt und die Ergebnisse weichen von denen in
den anderen Referenzversuchen ab. Der Median in den Versuchen mit Dehnung ist
kleiner als in dem Referenzversuch mit Einspannung, aber so groß wie in den anderen
Referenzversuchen in den anderen Kapillarnetzmodellen ohne Einspannung. Unterein-
ander können die Versuche mit Dehnung gut verglichen werden: Der Median ändert
sich nicht. Das ist insofern interessant, als dass der Abstand der Grenzen, zwischen
denen die Transitzeit gemessen wird, mit der Dehnung steigt. Dass die Transitzeit
dadurch nicht ebenfalls steigt, liegt daran, dass sich zwei Einflüsse überlagern und
ausgleichen: Einerseits wird der Weg länger und andererseits steigt durch den kleineren
Querschnitt die Geschwindigkeit der Tropfen. Es gibt Tropfen, die den Ausschnitt A
des Kapillarnetzmodells im Vergleich zu den Referenzversuchen schneller durchqueren.
Deren Anteil am Gesamtstrom ist aber vernachlässigbar klein.
Wie die Transitzeiten, ergeben auch die Geschwindigkeiten der Tropfen in den
verschiedenen Dehnversuchen ein ähnliches Bild (Bild 4.37). Im Vergleich mit den
Referenzversuchen ohne Dehnung werden die Tropfen an den Verzweigungen etwas we-
niger stark abgebremst, wenn das Kapillarnetzmodell zyklisch gedehnt wird. Insgesamt
ist der Einfluss der Dehnung auf die Geschwindigkeit der Tropfen jedoch gering.
Die Verteilung der Tropfen in dem untersuchten Ausschnitt A bleibt gleich, unab-
hängig davon, wie gedehnt wird. Hier haben Amplitude und Frequenz keinen Einfluss.
Die Amplitude beeinflusst jedoch den Tropfenstrom: Er steigt in einigen Abschnitten
mit der Amplitude der Dehnung, unabhängig von der Frequenz.
Überträgt man diese Ergebnisse auf die natürlichen Lungenkapillarnetze und ver-
schiedene Beatmungsformen, gibt es aus diesen Versuchen keine Hinweise, welches
Konzept für den Stoffaustausch günstiger ist: Weniger Dehnung und höhere Frequenz
ändert die Transitzeitverteilung der roten Blutkörperchen genauso wenig wie die große
Dehnung bei hohen Beatmungsdrücken.
111
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
4.3.5 Literaturvergleich
Zeiträume mit und ohne rote Blutkörperchen
Baumgartner u. a. (2004) haben beschrieben, dass es in isoliert perfundierten Hunde-
lungen Kapillarsegmente gibt, die nur zeitweilig mit roten Blutkörperchen durchströmt
sind. Sie teilen ihre Versuche in
4 s
-Zeiträume ein, und notieren, in welchen Segmen-
ten in dieser Zeit mindestens ein rotes Blutkörperchen ist. Die Anzahl der Wechsel
zwischen Perioden mit und ohne rote Blutkörperchen dient als Maß für die heterogene
Durchblutung. Ihre Vermutung ist, dass die Segmente kollabiert sind, wenn in
4 s
kein rotes Blutkörperchen hindurch strömt. Weiterhin wird ausgeführt, dass eventuell
die Lücken zwischen den roten Blutkörperchen den Kollaps fördern. Dass in ihren
Experimenten bei höherem Hämatokrit die Wechsel seltener werden, sehen sie als
Argument für diese Hypothese.
In den Tropfenexperimenten gibt es ebenfalls Perioden, in denen einige Segmente
nicht durchströmt werden. Allerdings kollabieren die Segmente nicht, sondern werden
nur mit Öl durchströmt; manchmal mit recht hohen Geschwindigkeiten. Bild 4.27
zeigt, dass die Anzahl der Segmente, in denen es solche tropfenfreien Perioden gibt,
mit zunehmendem Tropfenanteil abnimmt. Das entspricht den Beobachtungen von
Baumgartner und Kollegen, nur dass im Modell keine Segmente kollabiert sind. Die
Möglichkeit zum Kollaps ist ein wesentlicher Unterschied zwischen Modell und isolierten
Lungen. Allerdings ist aus Experimenten von König u. a. (1993) bekannt, dass auch
Kapillarsegmente, die keine roten Blutkörperchen enthalten, trotzdem mit Plasma
durchströmt werden; das entspricht den Vorgängen im Kapillarnetzmodell. Es gibt
weitere Unterschiede zwischen den Experimenten im Kapillanetzmodell und den
Experimenten von Baumgartner u. a. (2004): Der Druck wurde von Baumgartner und
Kollegen so eingestellt, dass etwa die Hälfte der Segmente immer durchblutet wird das
ist im Modell nicht möglich. Im Modell sind die betrachteten Zeiträume
50 s
und
200 s
.
Die Strömungsbedingungen in den Organexperimenten sind nicht bekannt, so dass auch
Reynoldszahl und Strouhalzahl nicht berechnet werden können. Nimmt man jedoch an,
dass die Reynoldszahl und Strouhalzahl in den Experimenten in der Hundelunge die
gleichen wie im Modell sind, ergibt Gleichung 1.4 mit
νOel
=
65 mm2s1
,
νPlasma
=
1,4 mm2s1
,
DM
=
1,2 mm
,
DB
=
8µm
) einen Skalierungsfaktor für die Zeit von
500
:
Die
50 s
und
200 s
im Modell entsprechenden in echten Kapillaren
0,1 s
und
0,4 s
; also
deutlich weniger als
4 s
. Den
4 s
im Tierexperiment entsprächen
2000 s
-Zeiträume im
Modell; solche langen Zeiträume ohne Tropfen gibt es im Modell nicht. Allerdings gibt
es dort auch einzelne Segmente, in denen gar kein Tropfen fließt.
Zusammenfassend kann in Bezug auf die Experimente von Baumgartner u.a. (2004)
Folgendes festgehalten werden:
1. Zeiträume mit und ohne Tropfen gibt es auch ohne Kollaps von Segmenten.
2.
Mit höherem Tropfenanteil sinkt auch im Modell die Anzahl der Zeiträume ohne
Tropfen; die Segmente kollabieren jedoch nicht.
3.
Die Zeiträume sind im Modell kürzer als in den Experimenten in isoliert per-
112
4.3 Diskussion
fundierten Lungen. Ein Kollaps als Ursache für die wechselnde Strömung im
Tierexperiment kann nicht ausgeschlossen werden.
4. Der Tropfenstrom schwankt auch in Segmenten, die viele Tropfen enthalten.
Volumenstrom
Burrowes u. a. (2004) stellen in ihren numerischen Simulationen in Übereinstimmung
mit experimentellen Daten (Presson u. a., 1995) fest, dass bei höheren Volumenströmen
nicht nur die Transitzeiten kürzer sind, sondern auch deren Verteilung schmaler
wird. Die Versuche mit dem Blutmodell im vergrößerten Kapillarnetzmodell zeigen
das gleiche Verhalten (Bild 4.28a). Ein Teil des Effekts relativiert sich, wenn die
Verteilungsbreite jeweils auf den Median bezogen wird; dadurch allein kann die
Änderung der Verteilung jedoch nicht erklärt werden. Burrowes u. a. (2004) führen
die gleichmäßigere Verteilung auf vergrößerte Durchmesser und auf die Öffnung von
Kapillaren zurück, die vorher zusammengedrückt waren. Dass die Durchmesser größer
werden, kann bei den Silikonmodellen auch vorkommen. Öffnen von Kapillaren kann
aber nur in dem Sinne stattfinden, dass mehr Tropfen durch ein Segment fließen. Im
gewählten Ausschnitt steigt der Tropfenstrom hauptsächlich in den Abschnitten am
Rand; also in den Abschnitten in der Nähe der Ein- und Ausgänge. Dort befinden sich
die Hautpstrompfade und daher die Segmente, in denen sich viele Tropfen aufhalten;
dort steigt die Geschwindigkeit der Tropfen. Die Verteilung der Tropfen im Ausschnitt
bleibt dagegen etwa gleich.
Transitzeitverteilung
Die in der Literatur angegebenen Transitzeitverteilungen von roten Blutkörperchen in
der Lunge sind schiefe Verteilungen mit vielen schnellen und wenigen sehr langsamen
Tropfen (Hogg u. a., 1994; Presson u. a., 1995). Die Transitzeitverteilungen der Tropfen
im Modell zeigen ebenfalls viele schnelle und wenige langsame Tropfen. Je nachdem,
wie der Ausschnitt gewählt wird, tritt ein zweites Maximum auf. Beispiele für die
Transitzeiten in verschiedenen Ausschnitten sind in Bild 4.20 dargestellt: In allen
Fällen ist die Verteilung schief, ähnlich wie in der Literatur angegeben.
Die konkreten Zeiten sind aufgrund der Skalierung nur schlecht vergleichbar. Man
kann jedoch die mittlere Pfadlänge im Kapillarnetzmodell (Ausschnitt A:
20,2 mm
im
Modell entsprechen
0,126 mm
in der Realität) auf die durchschnittliche Pfadlänge in
der Lunge (
1,08 mm
(Burrowes u. a., 2004)) skalieren, und die Zeitskalierung (Faktor
500) berücksichtigen. Dann entspricht die Transitzeit der schnellsten Tropfen im
Kapillarnetzmodell (
80 s
) einer realen Transitzeit von
1,4 s
und die mittlere Transitzeit
im Kapillarnetzmodell (Median
139 s
) entspricht
2,35 s
in der Realität. In der Literatur
liegt das Minimum unter
1 s
; der Median wird mit
1,2 s
angegeben (Hogg u. a., 1994).
Angesichts der vielen Annahmen für diese Berechnung ist die Übereinstimmung gut.
113
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
4.3.6 Strömung im Mauskapillarnetzmodell
Vergleich zum Tierexperiment
Leider kann die Strömung im Modellnetz nicht quantitativ mit der Strömung im
Tiermodell verglichen werden; das ist mit den Aufnahmen aus dem Tierexperiment nicht
möglich. Ein Detail fällt aber auf: Die Geschwindigkeit ist im Ausschnitt ganz rechts
deutlich kleiner als im übrigen Kapillarnetzmodell hier sind im echten Kapillarnetz
noch weitere Verbindungen zum Gefäßnetz, die nicht mit modelliert wurden (Bild 4.41).
Vergleich zur künstlichen Kapillarnetzgeometrie
In dem Mauskapillarnetzmodell gibt es wie in dem Kapillarnetzmodell mit der künst-
lich erzeugten Kapillarnetzgeometrie sehr schnelle und sehr langsame Tropfen. Auch
innerhalb eines Segments sind die Tropfen mal schneller und mal langsamer: Die
Geschwindigkeiten schwanken und die Transitzeiten durch ein Segment sind breit
verteilt. Anders als bei der künstlich erzeugten Kapillarnetzgeometrie treten in der
Mauskapillarnetzgeometrie die hohen Geschwindigkeiten aber nicht vorwiegend in
vertikalen Segmenten auf: Die künstlich erzeugte Kapillarnetzgeometrie hat eine gleich-
mäßigere Struktur als das Mauskapillarnetzmodell; das ist vermutlich der Grund
für den Unterschied. Die Tropfen werden an den Knoten meist nicht so stark abge-
bremst wie in der künstlich erzeugten Kapillarnetzgeometrie: Die Knotenbereiche sind
im Mauskapillarnetzmodell sehr groß; die Tropfen werden nur langsamer, wenn sie
tatsächlich in die Nähe des Staupunktes gelangen.
Die Transitzeiten im Mauskapillarnetzmodell bilden eine schiefe Verteilung. Gleiches
gilt für die Transitzeiten in den Ausschnitten der künstlich erzeugten Kapillarnetz-
geometrie. Die in der Literatur aufgeführten Messungen von Transitzeiten in Lungen
ergeben ebenfalls schiefe Verteilungen (siehe Abschnitt 1.3.2).
Fazit
Wie in den Experimenten in der künstlich erzeugten Kapillarnetzgeometrie treten
in den Modellen mit der Mausgeometrie Schwankungen der Geschwindigkeit und
des Tropfenstroms auf. Gleichzeitig gibt dieses Modell Hinweise auf Schwächen der
künstlich erzeugten Kapillarnetzgeometrie: Die Struktur ist sehr gleichmäßig und die
Ein- und Ausgänge sind jeweils relativ weit voneinander entfernt.
4.3.7 Strömung im Mikromodell
Probleme
Das Hauptproblem bei den Versuchen mit dem Mikromodell ist, dass die Strömungs-
bedingungen nicht gut eingestellt werden können: Hämatokrit, Volumenstrom und
Blockaden durch weiße Blutkörperchen können nicht definiert eingestellt werden; viele
Experimente sind nötig, um die gewünschten Einstellungen zu erreichen. Es kann daher
kein Experiment unter identischen Bedingungen wiederholt werden. Hinzu kommt,
114
4.3 Diskussion
dass der Erkennungsalgorithmus auf die Tropfen zugeschnitten ist und bei den roten
Blutkörperchen nicht ausreichend gut funktioniert.
Vergleich mit der Strömung im vergrößerten Modell
In beiden Versuchsanordnungen gibt es bevorzugte Pfade; es gibt Bereiche mit vie-
len und Bereiche mit wenigen Tropfen beziehungsweise roten Blutkörperchen. Der
Verlauf der Geschwindigkeiten der roten Blutkörperchen wurde in einem Teilbereich
gemessen und zeigt Ähnlichkeit mit dem Verhalten der Tropfen im gleichen Bereich.
Gruppenbildung wurde in beiden Fällen beobachtet. Die Aufteilung der Strömung
auf verschiedene Abschnitte konnte im Mikromodell nicht gemessen werden und kann
daher nicht verglichen werden.
Das Blut, das im Mikromodell verwendet wurde, enthielt neben roten auch wei-
ße Blutkörperchen. Dadurch verringert sich die Ähnlichkeit zum Blutmodell. Dafür
kann die Blockadewirkung der weißen Blutkörperchen untersucht werden. Diese wird
qualitativ mit der Wirkung der Blockaden durch Luftblasen im Modell verglichen:
In beiden Fällen kommt es zur Umverteilung der Strömung. Im Mikromodell werden
Segmente auch gegen die Hauptströmungsrichtung durchströmt. Das wurde im Trop-
fenmodell nur bei der Blockade von Ausgängen beobachtet. Im Mikromodell wirken
die Blockaden in einem größeren Bereich, allerdings befinden sie sich hier auch im
Eingangsbereich und es gibt sehr viele Blockaden. Im vergrößerten Modell ist die
Wirkung einzelner Blockaden lokal begrenzt.
Im vergrößerten Modell wurden zwei Ausgänge blockiert; im Mikromodell gibt es
Blockaden in zwei Eingängen. In beiden Fällen ändert sich die Strömung in qualitativ
ähnlicher Weise: Die bevorzugten Pfade ändern sich; es findet ein Ausgleich zwischen
den blockierten und nicht blockierten Abschnitten statt. In den nicht blockierten
Abschnitten steigt die Geschwindigkeit, das Strömungsmuster ändert sich kaum. Die
blockierten Bereiche werden weniger und langsamer durchströmt; es gibt deutlich
abgesetzte Gebiete mit hohen und niedrigen Geschwindigkeiten.
Fazit
Bei dem derzeitigen Stand des Versuchsaufbaus und der Auswertealgorithmen lassen
die Experimente im Mikromodell hauptsächlich qualitative Aussagen zu. Die Ergebnisse
ermutigen zu weiteren Experimenten. Vorerst kann festgestellt werden: Ergebnisse der
Versuche im Mikromodell bestätigen die Ergebnisse im vergrößerten Modell.
4.3.8 Schlussfolgerungen
Die Modelle sind zur Untersuchung der Strömungsmechanik der roten
Blutkörperchen im Kapillarnetz geeignet.
Die Ergebnisse der Versuche mit dem Blutmodell im vergrößerten Kapillarnetzmo-
dell werden durch die Ergebnisse der Versuche mit Blut im Mikromodell bestätigt.
Das Wassertropfen-Öl-Gemisch ist als Modell für Kapillarblut sehr gut geeignet, die
115
4 Modellierung der Strömung im Lungenkapillarnetz
Verteilung und die Bewegung von roten Blutkörperchen im Kapillarnetz nach zu
stellen. Biologische Effekte werden nicht erfasst. Die Versuche mit zwei verschiedenen
Geometrien (künstlich erzeugt und dem Mauskapillarnetz nachempfunden) zeigen in
der Variabilität der Strömung und in der Transitzeitverteilung Übereinstimmungen.
Die Strömung ist sehr variabel.
Der Zweiphasen-Charakter des Blutmodells allein bewirkt, dass sich die Strömung
ständig ändert. Daher ist zu vermuten, dass auch im Kapillarblut diese Eigenschaft zu
den beobachteten Unregelmäßigkeiten führt. Alternative Hypothesen für die Unregel-
mäßigkeiten sind: Segmente kollabieren, der Blutfluss ist pulsatil, die Atembewegung
dehnt das Kapillarnetz zyklisch oder weiße Blutkörperchen blockieren vorübergehend
die Kapillarsegmente. All dies tritt im Blutmodell nicht auf und dennoch schwankt die
Strömung. Die anderen Mechanismen sind für die Variabilität der Strömung nicht zwin-
gend, können jedoch auch nicht ausgeschlossen werden. Für Blockaden wurde zudem
gezeigt, dass sie die Unregelmäßigkeiten verstärken, bis hin zur Strömungsumkehr.
Der Tropfenanteil beeinflusst die Variabilität: Segmente, die vorübergehend gar
nicht von Tropfen durchströmt werden, gibt es erwartungsgemäß häufiger bei kleinem
Tropfenanteil. Der Tropfenstrom schwankt auch bei höheren Tropfenanteilen.
Die Strömung ändert sich ständig, die Mittelwerte der Geschwindigkeit, des Stroms
und der Anzahl der Tropfen sind jedoch in wiederholten Versuchen gleich. Daher ist
die Berechnung des dynamischen Gleichgewichtes, wie sie in numerischen Berechnun-
gen erfolgt, durchaus sinnvoll. Es soll jedoch noch einmal betont werden, dass die
Geschwindigkeit der Tropfen an einer Stelle im Segment um
±50 %
schwankt und dass
innerhalb eines Segments sogar kurzzeitige Richtungswechsel auftreten können.
Die Strömung ist nicht gleichmäßig im Kapillarnetz verteilt.
Es gibt bevorzugte Pfade, die besonders stark von roten Blutkörperchen beziehungs-
weise Tropfen durchströmt werden. Die Geschwindigkeit ist aber auch in einigen
der anderen Pfade hoch. Entsprechend hoch ist dort auch der Gesamtvolumenstrom
(inklusive Öl oder Plasma), obwohl der Volumenstrom der Tropfen oder der roten Blut-
körperchen klein ist. Die Strömung der Tropfen beziehungsweise roten Blutkörperchen
ist um so gleichmäßiger auf das Netz verteilt, je größer ihr Anteil am Volumenstrom
ist. Blockaden stören die Strömung im vergrößerten Kapillarnetzmodell nur lokal; im
Mikrokapillarnetzmodell mit Blut führen sie zu starken Umverteilungen, wenn sie sich
in der Nähe der Eingänge des Mikrokapillarnetzmodells befinden.
Die Transitzeit ist heterogen aber robust.
Die Transitzeiten der Tropfen zeigen eine ausgedehnte schiefe Verteilung. Manche
Tropfen sind sechsmal länger im Modell als andere, wobei die schnelleren Tropfen
in der Überzahl sind. Je höher der Volumenstrom ist, desto ähnlicher und kürzer
sind die Transitzeiten. Der Tropfenanteil beeinflusst das Verhältnis von schnellen und
langsamen Tropfen.
116
4.3 Diskussion
Dagegen ist die Transitzeit im Kapillarnetzmodell unabhängig von lokalen Blocka-
den, wenn der betrachtete Ausschnitt groß genug ist. Die Dehnung von Teilen des
Kapillarnetzmodells ändert die Transitzeitverteilung ebenfalls nicht wesentlich. Die
Transitzeitverteilung ist also robust.
Von allen modellierten Störungen bewirken lediglich Blockaden von Ausgängen grö-
ßere Veränderungen der Transitzeitverteilung. Die Blockaden der Ausgänge verändern
die Strömung derart, dass die Transitzeit in den blockierten Bereichen steigt und in
den nicht blockierten Bereichen sinkt. Insbesondere gibt es mehr sehr schnelle Tropfen.
Die strömungsmechanischen Effekte der Kapillarblutströmung sind für die
Beatmungskonzepte kaum von Bedeutung.
Die Strömung im Kapillarnetzmodell ändert sich wenig, wenn mit verschiedenen Fre-
quenzen oder statisch gedehnt wird, oder wenn die Dehnung verstärkt oder verringert
wird. Die strömungsmechanischen Effekte bewirken in den genannten Fällen keine
nennenswerte Umverteilung der Strömung. Sie müssen daher nicht in die Beurteilung
von Beatmungskonzepten einbezogen werden.
Dagegen könnte die Kombination von biologischen und strömungsmechanischen
Vorgängen im Lungenkapillarnetz doch für die künstliche Beatmung relevant sein:
Die pulmonale hypoxische Vasokonstriktion darf nicht kontraproduktiv für den Stof-
faustausch werden. Die Lunge sollte soweit rekrutiert sein, dass nur eine beschränkte
Anzahl von Bereichen schlecht belüftet und dadurch für den Blutfluss gesperrt ist: Falls
die Wirksamkeit der pulmonale hypoxischen Vasokonstriktion tatsächlich begrenzt
ist und so erhebliche Probleme hervorrufen kann, liefert dies neue Argumente für
Rekrutierungsmanöver; diesmal aus der Sicht der Kapillarströmung.
117
5 Schlussfolgerungen und Ausblick
Modellierung
Zwei Modelle bilden die Grundlage der Arbeit. Beide sind einfach in den Grundannah-
men, werden aber im Detail schnell komplex. Beide Modelle sind insofern erfolgreich,
dass mit ihnen im Rahmen ihrer Grenzen physiologische Vorgänge besser erklärt
werden können.
Das erste Modell ist ein mathematisches Modell der Stabilität von Alveolen, die
über Luftwege miteinander verbunden sind. Hier wird die Frage der Rekrutierung von
Lungenbereichen aus der Sicht der Schädigungsmechanismen betrachtet, insbesondere
der Dehnungen. Sowohl die Modellannahmen für die Alveolen als auch die Methoden für
die Stabilitätsanalyse sind bereits bekannt. Neu ist die Kombination, die Anwendung
der Stabilitätsanalyse auf Alveolen. Im Modell ist es anders als im Experiment möglich,
Parameter einzeln zu variieren, und so die Wirkung der einzelnen beteiligten Effekte
zu zeigen.
Das zweite Modell ist ein experimentelles Blutmodell aus Wassertropfen in Öl. Das
Modell wird zunächst untersucht und dann in vergrößerten Kapillarnetzmodellen einge-
setzt. Diese Arbeit zeigt zum ersten Mal, dass die besonderen strömungsmechanischen
Effekte, die Blut in Kapillaren erzeugt, auch im Blutmodell aus Wassertropfen und Öl
auftreten: Erstens der Unterschied zwischen Volumenanteil und Volumenstromanteil
der roten Blutkörperchen (Fåhraeus-Effekt) und zweitens die Viskositätsabhängig-
keit vom Hämatokrit und vom Gefäßdurchmesser (Fåhraeus-Lindqvist-Effekt). Beim
Blutmodell werden statt der Anteile der roten Blutkörperchen die Tropfenanteile
betrachtet. Wenn Blut in Kapillargefäßen fließt, beeinflussen biologische Prozesse den
Blutfluss: Muskeln, Ionenkanäle, Konzentrationsgradienten von im Plasma gelösten
Stoffen und Hormone können zum Beispiel an solchen Prozessen beteiligt sein. Das
Blutmodell ermöglicht es nun, rein strömungsmechanische Effekte von biologischen
Einflüssen zu trennen. Hinzu kommt, dass für diese Art von Experiment keine zusätz-
lichen Tierversuche nötig sind: Das prinzipielle Strömungsverhalten und verschiedene
Schädigungsszenarien werden nur im Modell untersucht. Die Ergebnisse werden aber
soweit wie möglich mit veröffentlichten Daten aus Tierversuchen und entnommenen
Organen verglichen.
Künstliche Beatmung
Wenn die Sauerstoffsättigung im Blut eines künstlich beatmeten Patienten nicht aus-
reicht, ist eine mögliche Reaktion ein Rekrutierungsmanöver: Der Beatmungsdruck
wird kurzzeitig stark erhöht, um zusammengefallene Lungenbereiche zu öffnen. An-
schließend wird ein positiver end-expiratorischer Druck eingestellt, so dass am Ende
des Ausatmens die Lungenbereiche nicht wieder zusammenfallen. Die Simulation von
119
5 Schlussfolgerungen und Ausblick
verbundenen Alveolen mit und ohne Schädigung zeigt nun, dass Rekrutierungsmanöver
nicht immer sinnvoll sind: Das Verhältnis von gewonnener Stoffaustauschfläche und
zusätzlich erzeugter Dehnung hängt von der Art der Schädigung ab. Bei der Beatmung
muss also genauer darauf geachtet werden, welche Lungenschädigung vorliegt. Diese
Ergebnisse bestärken den Ruf nach individuellen Beatmungsstrategien; nur müssen
zunächst Möglichkeiten gefunden werden, die Art der Schädigung schnell und am
Patientenbett zu identifizieren.
Diejenigen, die sich mit Lungenschädigung in der künstlichen Beatmung beschäftigen,
diskutieren verschiedene Beatmungsmethoden in Hinblick darauf, wie sie die Dehnung
des Gewebes beeinflussen. Zwei Parameter sind dabei die Amplitude und die Frequenz
des Beatmungsdrucks. In dieser Arbeit steht die Strömung der roten Blutkörperchen
und damit der Stoffaustausch im Vordergrund: Wie beeinflussen Amplitude und Fre-
quenz der Dehnung die Verteilung der roten Blutkörperchen beziehungsweise der
Tropfen? Das Hauptergebnis der Versuche im vergrößerten Kapillarnetzmodell ist, dass
die Strömung sehr robust ist. Für die Beatmung bedeutet das: Die Strömung im Kapil-
larnetzmodell liefert keine Argumente für oder gegen bestimmte Beatmungsfrequenzen,
für oder gegen bestimmte Dehnungen.
Strömung im vergrößerten Kapillarnetzmodell
Ganz unabhängig von der künstlichen Beatmung ist die Strömung auf Kapillarebene
interessant, da besondere nicht-newtonsche Effekte auftreten. Diese wirken auf die
räumliche und zeitliche Verteilung der Strömung in Netzwerken.
Die strömungsmechanischen Effekte, die im Blutmodell auftreten, bewirken, dass
sich die Strömung im Kapillarnetzmodell ständig ändert. Strömungsänderungen treten
auch in verschiedenen natürlichen Kapillarnetzen auf: Bisher gibt es quantitative
Beschreibungen der Schwankungen, in denen gezählt wird, wie oft rote Blutkörper-
chen in Segmenten fließen oder nicht fließen. Neu ist in dieser Arbeit, dass mit dem
Modell die Schwankungen quantitativ beschrieben werden, auch wenn die Segmente
die ganze Zeit von Tropfen durchströmt werden. Allerdings gibt es zwischen Modell
und Tierexperiment Unterschiede in der Zeitskala der Phänomene; die strömungsme-
chanischen Effekte sind daher wahrscheinlich nicht allein für die in vivo beobachteten
Schwankungen verantwortlich. Neu ist außerdem, dass die Wirkung von Blockaden
und Dehnungen von Teilen des Netzes untersucht wird. Das Resultat ist, dass die
Strömung im Lungenkapillarnetzmodell sehr robust ist: Auch ohne Dehnung ändert sie
sich ständig; lokale Blockaden werden ausgeglichen; Dehnung hat kaum eine Wirkung
auf die Transitzeit der Wassertropfen.
Blutströmung im Mikrokapillarnetzmodell
In dieser Arbeit wurde erstmals die Strömung von Blut in Mikrokapillarnetzmodellen
beobachtet. Dadurch wird die Validierung der Versuche mit dem Blutmodell aus
Wassertropfen und Öl möglich, die im Tiermodell nach derzeitigem Stand der Technik
nicht möglich ist: Die Versuche im Mikrokapillarnetzmodell bestätigen das vergrößerte
120
Blutmodell. Darüber hinaus bietet sich hier ein Ansatzpunkt für weitere Projekte:
Der Abstraktionsgrad eines Blutmodells aus Wassertropfen in Öl ist hoch, auch wenn
das Modell in seinen Grenzen gut ist. Experimente mit Blut in Mikrokapillarnetz-
modellen bieten die Möglichkeit, den Abstraktionsgrad zu senken. Allerdings ist der
Umgang mit dem Mikrokapillarnetzmodell zur Zeit noch mit Problemen verbunden.
Die nächsten Schritte zur Lösung dieser Probleme sind: 1. Verbesserung der Kontrolle
der Strömungsbedingungen und 2. Anpassung der Auswertungsalgorithmen.
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132
Symbolverzeichnis
Symbol Beschreibung Einheit
AQuerschnittsfläche des Rohres oder Gefäßes m2
a
Parameter für die Geradengleichung der Druck-Volumen-
Kurve, die den Gewebeeinfluss abbildet.
Pa m3
a2
Parameter für die Geradengleichung der Druck-Volumen-
Kurve, die den Gewebeeinfluss abbildet, a2= 2a.
Pa m3
b
Parameter für die Geradengleichung der Druck-Volumen-
Kurve, die aus dem Gewebeeinfluss entsteht.
Pa
DDurchmesser m
DBmittlerer Durchmesser der Blutkapillargefäße m
DM(mittlerer) Durchmesser der Modellgefäße m
fFrequenz Hz
fTr Tropfenfrequenz Hz
hHöhe der Kugelkalotte im Alveolarmodell m
HdTropfenanteil am Volumenstrom, Auslass-Tropfenanteil -
HtTropfenanteil am Volumen, Modellgefäß-Tropfenanteil -
Hktd
Auslasshämatokrit, Volumenstromanteil der roten Blutkör-
perchen am Blut
-
Hktt
Gefäßhämatokrit, Volumenanteil der roten Blutkörperchen
am Blut
-
lGefäßlänge m
¯
lmittlerer Tropfenabstand m
nAnzahl von verbundenen Alveolen -
pDruck Pa
pfl
Druck in der Alveole aufgrund der Oberflächenspannung
des Flüssigkeitsfilms (fl: fluid)
Pa
pti
Druck in der Alveole aufgrund der Gewebeelasitizität und
der Einbettung der Alveole in das umgebende Gewebe (ti:
tissue)
Pa
PEEP
postitiver end-expiratorischer Druck: Druck, der nach dem
Ausatmen an den Atemwegen der Patienten anliegt
Pa
rRadius m
r0Radius der Alveolaröffnung m
Re Reynoldszahl -
Sr Strouhalzahl -
133
Symbolverzeichnis
T
dominante Schwankungsperiode des Tropfenstroms in einem
Segment
s
tMTransitzeit des gesamten Blutmodells s
tTr Transitzeit der Tropfen s
vGeschwindigkeit m s1
¯vBlut mittlere Geschwindigkeit des Blutes m s1
¯vEry
mittlere Geschwindigkeit der roten Blutkörperchen (Ery-
throzyten)
m s1
¯vMmittlere Geschwindigkeit des Blutmodells m s1
¯vTr mittlere Geschwindigkeit der Tropfen m s1
VVolumen m3
V0
Gesamtvolumen des Alveolensystems (zum Beispiel aus zwei
Alveolen bestehend)
m3
V1Volumen der Alveole 1 m3
V2Volumen der Alveole 2 m3
VBlut Volumen des Blutes m3
VEry Volumen der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) m3
Vsf
belastungsfreies Volumen: größtes Volumen, bei dem in der
Alveolarwand keine Zugspannung vorliegt (sf: stress free)
m3
Vsf,2
belastungsfreies Volumen: größtes Volumen, bei dem in der
Alveolarwand keine Zugspannung vorliegt (sf: stress free);
Vsf,2= 0,5Vsf
m3
VTr Volumen eines Tropfens ml, m3
VH2OVolumen des Wassers m3
VMVolumen des Blutmodells m3
˙
VVolumenstrom ml h1, m3s1
˙
VBlut Volumenstrom des Blutes ml h1, m3s1
˙
VEry Volumenstrom der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) ml h1, m3s1
˙
VH2OVolumenstrom des Wassers beziehungsweise der Tropfen ml h1, m3s1
˙
VMVolumenstrom des Blutmodells ml h1, m3s1
Z
Hilfsgröße zur Berechnung der Höhe der Kugelkalotte aus
ihrem Volumen
m
γ
Oberflächenspannung des Flüssigkeitsfilms, der die Alveolen
auskleidet
N m1
γ1Oberflächenspannung von Wasser N m1
pDruckdifferenz Pa
pMDruckabfall in einem Rohr, wenn das Blutmodell strömt Pa
pOel Druckabfall in einem Rohr, wenn nur Öl strömt Pa
ηdynamische Viskosität Pa s, kg m1s1
134
Symbolverzeichnis
ηrel
relative effektive dynamische Viskosität des Blutes (bezogen
auf Plasmaviskosität)
-
ηOel dynamische Viskosität des Sonnenblumenöls Pa s
ηPlasma dynamische Viskosität von Plasma Pa s
ηeff effektive dynamische Viskosität des Blutes Pa s, kg m1s1
ηeff,Meffektive dynamische Viskosität des Blutmodells Pas, kg m1s1
ηrel,M
relative effektive dynamische Viskosität des Blutmodells
(bezogen auf Ölviskosität)
-
νkinematische Viskosität m2s1
νMkinematische Viskosität des Blutmodells m2s1
νOel kinematische Viskosität des Sonnenblumenöls m2s1
ρDichte kg m3
ρMDichte des Blutmodells kg m3
135