Luca Guerreschi
Gedächtnis und Leiblichkeit: Herkunft,
Gefahr und Aktualität ihres
Zusammenhangs
Abstract: In this paper, I approach the relation between memory and the corpo-
real. Firstly, I discuss the ambiguous relationship that Nietzsche maintained
with the theory of organic memory, which contemplates memory as a primal
faculty (Urvermögen) shared by all living matter. In doing so, I outline the main
features of such theory by assessing the positions of nineteenth-century’s biolo-
gists and physiologists Ewald Hering, Ernst Haeckel and Wilhelm Roux. Se-
condly, I discuss some of the theoretical and political implications of the
organic memory theory, which, in my view, are either dangerous or fallacious.
To overcome this impasse, I argue that memory should be investigated not as
an intrinsic quality of organic matter, but –following one of Nietzsche’s ex-
cerpts –“along the guiding thread of the body”(Leib), here to be understood in
its broadest immaterial constitution. In the final part of the paper, I articulate
this idea by comparing Nietzsche’s position with the notion of “body memory”
(Leibgedächtnis) that Thomas Fuchs has recently developed in the field of
phenomenological psychiatry.
Zugespitzt und mit einer gewissen apodiktischen Haltung schreibt Nietzsche
einmal, dass das, „was gemeinhin dem Geiste zugewiesen wird“, ihm eigentlich
„das Wesen des Organischen auszumachen“scheint: weshalb er bis in die
„höchsten Funktionen des Geistes“hinein „nur eine sublime Art der organi-
schen Funktion“zu finden meint (NL 1885, KSA 11, 25[356], S. 106). Als „deep
continuity of life and mind“bekannt geworden, hat sich diese Einsicht in jün-
gerer Zeit und unabhängig von Nietzsche in innovativen Bereichen der philo-
sophischen und kognitionswissenschaftlichen Forschung etabliert (vgl. u. a.
Thompson 2007, S. 128ff.). Von den geistigen Fähigkeiten, die man darum
nicht ungeachtet organischer Prozesse und physiologischer Zustände zu betrach-
ten habe, bildet das Gedächtnis hier keine Ausnahme. Und es dürfte ebenso kein
Zufall sein, dass Nietzsche nahezu überall dort, wo er seine Gedächtnisauffas-
sung entwickelt, von einem biologisch-physiologischen Vokabular Gebrauch
https://doi.org/10.1515/9783110671162-011
macht. Begriffe wie etwa „Assimilation“,„organische Grundfunktion“(NL 1885,
KSA 11, 40[7], S. 631), „Verdauen des Erlebten“(NL 1885, KSA 11, 34[167], S. 477)
oder „Verdauung“,„leibliche Ernährung“,und„‚Einverleibung‘“ (GM II 1–3;
KSA 5, S. 291–297) werden des Öfteren mit dem mnemonischen Vermögen in eine
sachliche oder metaphorische Verbindung gebracht.
Grundlegend für eine Konzeption, die das psychische Phänomen Gedächtnis
im Modus einer organischen Funktion erschließen soll, ist ein Textfragment aus
dem Nachlass, in dem es heißt: „Ich setze Gedächtnis und eine Art Geist bei
allem Organischen voraus“(NL 1884, KSA 11, 25[403], S. 117). Je nachdem, wie
man den Ausdruck „bei allem Organischen“liest, ändern sich der Sinn und die
Tragweite der Äußerung. Alles, was als Individuum lebt, bedarf zumindest eines
unbewussten, instinktiven Gedächtnisses und einer basalen Art Geist, um sich
am Leben zu erhalten. Jedes Lebewesen, das sich von seiner unmittelbaren Um-
gebung abhebt –so die Proponenten der erwähnten Kontinuitätsthese –,istbe-
ständig mit wertschätzenden, wertsetzenden, sinngebenden und Perspektiven
schaffenden Praxen beschäftigt. Vieles deutet aber darauf hin, dass Nietzsche
mit „allem Organischen“nicht nur „sämtliche Lebensformen“meinte, sondern
in noch radikalerer Weise an die Totalität der organischen Materie dachte. Man
vergleiche beispielsweise seine weitere „Voraussetzung“,„daß der ganze Organis-
mus denkt, daß alle organischen Gebilde Theil haben am Denken Fühlen Wollen“
(NL1884,KSA11,27[19],S.279f).Insofern näherte er sich einem organischen Pan-
psychismus und –wie Hubert Thüring (2001, S. 311ff.; 325ff.) dies genannt hat –
einem „organischen Panmnemismus“an. Die letztgenannte Sichtweise soll im
Folgenden zunächst auf ihre Herkunft hin untersucht und im Hinblick auf ihre
mögliche Gefahr diskutiert werden, um schließlich Aspekte ihrer Aktualität ex ne-
gativo zum Vorschein kommen zu lassen.
Die meisten Kommentatoren sind sich in der Vermutung einig, dass Nietz-
sche in Sachen Gedächtnis von dem deutschen Biologen Ewald Hering und einer
1870 von ihm gehaltenen Rede wenigstens indirekt beeinflusst sein könnte. In
dem Vortrag, der den Titel Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der
organisierten Materie trägt, stellte Hering die These auf, dass Reproduktion und
Gedächtnis als ein und dasselbe „Urvermögen“der organischen Natur anzu-
sehen seien.
1
Demnach müsse im Sinne eines funktionellen Zusammenhangs
1Mit einer erstaunlichen Affinität zu Herings zentraler Begrifflichkeit spricht Nietzsche be-
reits 1872 das Gedächtnis als „Ureigenschaft“der –implizit: lebenden –Dinge an (NL 1872,
KSA 7, 19[161], S. 469f.; vgl. NL 1872, KSA 7, 19[162], S. 470). Es scheint dennoch unwahr-
scheinlich zu sein –und kann auch nicht dokumentiert werden –, dass Nietzsche Herings
Schrift im Original las. Dessen Vortrag, der in und außerhalb der akademischen Welt zirku-
lierte, ist weder in Nietzsches persönlicher Bibliothek (vgl. Campioni et al. 2003) noch in
178 Luca Guerreschi
jeweils das eine Phänomen gleichsam unter der Optik des anderen gesehen wer-
den. Über die Fähigkeit hinaus, bewusste Vorstellungen absichtlich in Erinne-
rung zu rufen, hinterließen erstens (1) mit Wahrnehmungen und Empfindungen
assoziierte physische Prozesse eine „materielle Spur“im Nervensystem, die die-
ses befähige, dieselben Inhalte nachträglich zu reproduzieren (Hering 1870, S. 8).
Dadurch weitete Hering mit Recht den Gedächtnisbegriff auf einen Bereich des
Unbewussten aus, den er allerdings prä-freudianisch mit der lebenden Materie
überhaupt gleichsetzte. Hätte folglich „das motorische Nervensystem sein [. . .]
unbewusstes Gedächtnis“nicht, so wären die Pianisten laut Hering unfähig, Kla-
vier nach langer Übung zu spielen, ohne ihre ganze Aufmerksamkeit auf jede
einzelne Note und Muskelbewegung zu richten (Hering 1870, S. 11). Auf dieses
Körper-, oder besser: Leibgedächtnis wird zurückzukommen sein.
Umgekehrt sei aber zweitens (2) auch die Reproduktion als Erscheinung
eines ursprünglich- organischen Gedächtnisses zu betrachten. Hierzu ging He-
ring von zwei biologischen Prämissen aus, die sich freilich später als falsch er-
wiesen hätten. Es handelt sich zum einen um die auf Jean-Baptiste de Lamarck
zurückgehende Idee, dass somatische Modifikationen, welche die Organismen
im Laufe ihres Lebens erwerben, den Nachkommen vererbt werden können.
Zum anderen beruht Herings Theorie des organischen Gedächtnisses auf der
von Ernst Haeckel formalisierten „biogenetischen Grundregel“, wonach die
embryonalen Stadien der individuellen Entwicklung entsprechende Stadien der
Stammesgeschichte nachbilden, d. h., dass die Ontogenese die Phylogenese re-
kapituliert.
2
Daraus zog Hering den Schluss, dass die organische Materie, wenn
der Liste der Bücher verzeichnet, die er zu jener Zeit aus der Basler Universitätsbibliothek
ausgeliehen hatte (vgl. Crescenzi 1994). Überdies kommt der Name Ewald Hering in Nietz-
sches Schriften nirgends vor. Aber wenigstens diesem Namen, so Alwin Mittasch (1952,
S. 328, Anm. 100), „muß Nietzsche [. . .] bei Otto Liebmann, Analysis der Wirklichkeit, be-
gegnet sein“. Hubert Thüring (2001, S. 329ff.) macht hingegen darauf aufmerksam, dass in
der von Nietzsche nachweislich gelesenen Abhandlung Friedrich Zöllners Über die Natur
der Cometen (1872, S. XV f.) immerhin der erste und der letzte Paragraf von Herings Rede
ausführlich wiedergegeben sind. Auf diesen Tatbestand weist auch Christian J. Emden hin
(2005, S. 149, vgl. auch S. 145–152).
2Haeckel stellte sein biogenetisches Grundgesetz zum ersten Mal im zweiten Band von Gene-
relle Morphologie auf (1866, S. 300f.) und wiederholte es 1868/69 in der international überaus
erfolgreichen, populärwissenschaftlichen Vortragsreihe Natürliche Schöpfungsgeschichte (1911,
S. 10ff.; 308ff.). Darauf wird in Herings Vortrag folgendermaßen Bezug genommen: Der „sich
entwickelnde Keim“durchlaufe „schnell und nur andeutungsweise eine Reihe von Phasen, die
von der Wesensreihe, deren Abschluß er bildet“. Diese Auffassung habe „erst durch einen Na-
turforscher der Gegenwart die richtige Beleuchtung gefunden“(Hering 1870, S. 17). Es ist nahe-
liegend, dass es sich bei solchem Naturwissenschaftler nur um Ernst Haeckel handeln kann
(vgl. dazu auch Gould 1977, S. 422, Anm. 34). Noch deutlicher wird folglich die Verbindung
Gedächtnis und Leiblichkeit 179
sie sich reproduziere, sich an die Vergangenheit erinnere und mnestische Spuren
derselben in sich berge. Demzufolge stehe „jedes organische Wesen der Gegen-
wart vor uns als ein Produkt des unbewussten Gedächtnisses der organisierten
Materie“(Hering 1870, S. 17).
In quellenanalytischer Hinsicht hat Andrea Orsucci (1992, S. 137–202) akri-
bisch dargelegt, wie Nietzsche, der bereits in den 1870er-Jahren die Arbeiten
Haeckels rezipiert und sich ihm gegenüber kritisch geäußert hatte, im darauf-
folgenden Jahrzehnt durch neue Lektüren zudem realisieren musste, dass zahl-
reiche Aspekte seiner biologischen Theorien schon widerlegt worden waren.
Wilhelm Roux fällt in einem von Nietzsche studierten und zusammengefassten
Abschnitt seines Buches Der Kampf der Teile im Organismus das Urteil, Hae-
ckels biogenetisches Grundgesetz sei „prinzipiell falsch“(1881, S. 58). Weitere
empirische und theoretische Gegenbeweise lieferten neben Roux auch Carl G.
Semper und später Carl W. von Nägeli, d. h. jene Biologen, auf die sich Nietz-
sche wiederholt in dem mehr oder minder sorgsamen Versuch berief, der eige-
nen Philosophie eine naturwissenschaftliche Basis zu geben (vgl. Orsucci 1992,
insb. S. 148–156, 168ff.).
Wenn aber Nietzsche noch 1884 schreibt: „Ich setze Gedächtniß und eine
Art Geist bei allem Organischen voraus: der Apparat ist so fein, daß er für
uns nicht zu existiren scheint. Die Thorheit Häckels, zwei Embryons als gleich
anzusetzen!“(NL 1884, KSA 11, 25[403], S. 117), so handelt es sich, wie selbst
Orsucci zugesteht, um eine schwer auszulegende Stelle. Darin nämlich klingt
die inzwischen anachronistisch gewordene Suggestion einer panorganischen
mnemonischen Kraft wieder an, deren wissenschaftlicher Unhaltbarkeit Nietz-
sche sich schon sehr wohl bewusst hätte sein müssen. Mit der Rede von der
„Thorheit“Haeckels, dessen biogenetische Grundregel der Dreh- und Angel-
punk der organischen Gedächtnislehre war, schließt doch die nachgelassene
Notiz zum anderen eine Distanzierung von derartigen Theorien zumindest im-
plizit ein. Auch ist unter philologischem Gesichtspunkt bemerkenswert, dass es
sich bei einer solchen Ablehnung der haeckelschen These um ein nahezu wort-
getreues Exzerpt aus Roux’Schrift handelt (Roux 1881, S. 57; vgl. dazu auch Or-
succi 1992, S. 194).
Diese Kontradiktion lässt nun die Frage aufkommen, ob es Friedrich Nietz-
sche ist, der hier spricht und sich selbst widerspricht. Oder wer ist das Ich, das
Gedächtnis und eine Art Geist bei allem Organischen voraussetzt? Im Blick dar-
auf steht nicht von vornherein fest, dass in der Aufzeichnung eine eindeutige
beider Ansichten ab 1876, als Haeckel in Die Perigenesis der Plastidule Herings Rede als ein
Plädoyer für die eigenen Positionen erwähnt (vgl. Haeckel 1876, S. 67ff.).
180 Luca Guerreschi
These im Sinne des klassischen philosophischen Argumentierens vertreten wird.
Hingegen kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch in diesem Notat –wie
die auf Nietzsches Schreibpraxis konzentriertere Forschung von zahlreichen an-
deren Passagen behauptet (vgl. z. B. Dellinger 2015; Pichler 2018) –unterschiedli-
che, nicht unmittelbar im Einklang stehende Stimmen zu Worte kommen, um
bestimmte Positionen dynamisch und von innen her zu subvertieren. Von
daher liegt die Vermutung nahe, dass eine Zäsur erfolgt, ein intratextueller
Perspektivenwechsel inmitten des Abschnitts stattfindet, aufgrund dessen die
Äußerung: „Ich setze Gedächtniß und eine Art Geist bei allem Organischen
voraus“(NL 1884, KSA 11, 25[403], S. 117), gerade von jener „Thorheit“eines
fiktiven Haeckel ausgesprochen wird, welche die Fortsetzung des Passus als
solche erkennt, kritisiert und zurückweist.
Zugleich darf nicht übersehen werden, dass spätere Fragmente mit der bio-
genetischen Grundregel philosophisch zu experimentieren scheinen; in ihnen
kehrt zudem der Gedanke eines organischen Panmnemismus in der extremen
Form zurück, nach der sogar erlebte Ereignisse durch die Generationen hindurch
vererbt werden könnten. Gedächtnis sei also „die Menge aller Erlebnisse alles or-
ganischen Lebens“(NL 1884, KSA 11, 26[94], S. 175); überhaupt gebe es „im orga-
nischen Reiche kein Vergessen“(NL 1885, KSA 11, 34[167], S. 477); „in der
Entwicklung jedes organischen Wesens“zeige sich überdies „ein Wunderding
von Gedächtniß für seine gesammte Vorgeschichte“,welches„die frühesten und
längsten einverleibten Formen eher nachbildet als die letzterlebten“(NL 1885,
KSA 11, 40[34], S. 645). Weitere Äußerungen mit ähnlichem Tenor sind im Nach-
lass der 1880er-Jahre auffindbar (vgl. insb. NL 1885, KSA 11, 36[29], S. 562f.; NL
1885, KSA 11, 39[12], S. 623).
Zum Teil lässt sich jene Ambiguität mit einem letzten Rekurs auf Wilhelm
Roux genauer eingrenzen. Der deutsche Biologe zeigte ebenfalls, wie Nietzsche,
ein ambivalentes Verhältnis zur damals modisch gewordenen Theorie des orga-
nischen Gedächtnisses, indem er zwar, wie erwähnt, deren erste Vorbedingung,
die Rekapitulation der Phylogenese in der Ontogenese anfocht, für die Verer-
bung der erworbenen Eigenschaften jedoch eine eigene Erklärung zu finden
versuchte und somit die zweite Voraussetzung besagter Theorie befürwortete.
3
In einem solchen breiteren Rahmen diskutierte Roux auch den Standpunkt
3Dies überrascht insofern nicht, als die Möglichkeit, erworbene Merkmale auf die Nachkom-
men zu übertragen, nicht einmal von Darwin abgewiesen wurde. Darin ist also Roux mit den
meisten Biowissenschaftlern seiner Generation einig. Erst ab 1883 gilt die Vererbung der er-
worbenen Eigenschaften als falsifiziert durch die Untersuchungen F. L. August Weismanns,
weswegen Roux ab der zweiten Auflage seines Buches 1895 den ursprünglich mit Lamarcks
Gedächtnis und Leiblichkeit 181
Ewald Herings; in Bezug auf dessen Hypothese schlug er eine partielle Relativie-
rung vor, die sich anschließend in Nietzsches Notizen widerspiegelt.
Auf der tierischen Stufe des Organischen sei demgemäß nicht nur ein allge-
meines Gedächtnisvermögen erblich, sondern es ließen sich geradezu einzelne,
mit instinktiven Fähigkeiten verbundene Erinnerungsbilder von den Vorfahren
auf die Nachkommen übertragen. Als Beispiel dafür diene der Fall von jungen
Apportierhunden, die, ohne jemals auf der Jagd gewesen zu sein, nichtsdesto-
weniger auf Flintenschüsse reagierten und dem Jäger die Beute brächten. Dar-
aus sei zu folgern, dass die Erinnerung des Schusses und dessen Konsequenzen
von Generation zu Generation vererbt werde (vgl. Roux 1881, S. 36ff.). Wenn es
dann bei Nietzsche vom Gedächtnis heißt, dieses sei „die Menge aller Erleb-
nisse alles organischen Lebens, lebendig, sich ordnend, gegenseitig formend,
ringend mit einander, vereinfachend, zusammendrängend und in vielen Ein-
heiten verwandelnd“(NL 1884, KSA 11, 26[94], S. 175), ist darin zunächst eine
philosophische Erweiterung jener fantasievollen, aber in den Lebenswissen-
schaften des 19. Jahrhunderts weit verbreiteten Mutmaßung zu sehen.
Auf den Menschen allerdings, so Roux, treffe derselbe Mechanismus nur in
geringstem Maße zu. Dass die Kenntnisse und Erlebnisse unserer Ahnen uns nicht
eingeboren sind, legt bereits unsere unmittelbare Erfahrung nahe. Hierzu müsse
das Selektionsprinzip gewaltet haben, denn es sei ein unbestreitbarer Vorzug,
eine „sehr günstige Eigenschaft“, die den Kern unserer „Universalität“ausmache,
dass wir nicht unter das Joch eines unendlichen Gedächtnisses gezwungen seien.
Anders als dem Tier sei unserer individuellen Ausbildung wenigstens diese
Schranke nicht gesetzt (Roux 1881, S. 37). Von der universal-organischen Gedächt-
niskraft blieben im Menschen letzten Endes nur noch residuale Erscheinungen zu-
rück, wie etwa eine vermutete, von den Eltern scheinbar erworbene Disposition,
deren Muttersprache zu sprechen (vgl. Roux 1881, S. 36ff.; 46ff.). Und wiederum
scheint Nietzsche diese von Roux behauptete Differenz der conditio humana über-
nommen zu haben, wenn er notiert, es gebe wohl ein Gedächtnis der organischen
Natur, „welches sich in Vererbung und Entwicklung in Formen bemerkbar
macht“, dennoch von vornherein erkennt, dieses sei ein prinzipiell „anderes“Phä-
nomen, das „zu unserem“menschlichen Gedächtnis lediglich in einem Verhältnis
der Analogie stehe (NL 1885, KSA 11, 36[29], S. 562f.).
Wie ist aber in unserer Zeit über die besprochenen Positionen zu urteilen?
Angesichts neuerer Resultate aus der epigenetischen Forschung wird gegen-
wärtig darüber diskutiert, ob eine Art Vererbung der erworbenen Eigenschaften
Positionen verbundenen Begriff der „funktionellen Anpassung“nur noch auf die Phylogenese
bezieht (vgl. dazu Bühler 2004, S. 53ff.).
182 Luca Guerreschi
in die Evolutionstheorie wieder eingebracht werden soll. Die Epigenetik, die
sichinihrenAnfängenalseineFortsetzungderspäterenArbeitenvonWil-
helm Roux verstand (vgl. Lux 2017, S. 138ff.), untersucht molekulare Struktu-
ren, welche die Genaktivität regulieren, ohne aber die DNA-Sequenz an sich
zu ändern. Wesentlich ist hierbei, dass exogene Faktoren, wie das Verhalten oder
Umwelteinflüsse, einige epigenetische Veränderungen mitbestimmen, die dann,
obwohl sie stets reversibel bleiben, über eine oder mehrere Generationen hinweg
vererbbar sein könnten. Letzteres gilt allerdings nach aktuellem Kenntnisstand
nur bei Pflanzen, Fadenwürmern und Taufliegen als gesichert; eine eindeutige
Evidenz, dass analoge Mechanismen auch bei Säugetieren und vor allem Men-
schen stattfinden, liegt bisher nicht vor (Walter und Hümpel 2017a und b; Hors-
themke 2018).
Sollte sich dieser Forschungsansatz durch neue Erkenntnisse bestätigen, so
führte die Epigenetik auch jenseits neo-lamarckistischer Hypothesen wichtige
philosophische Implikationen mit sich. Dem genetischen Determinismus und
Reduktionismus, der sich über die Biowissenschaften hinaus auch auf die So-
zial- und Geisteswissenschaften erstreckt hat, bereitete die transgenerationale
epigenetische Vererbung ein Ende (Rehmann-Sutter 2017). Sigrid Weigel hat
ferner betont, dass der wesentlich sozio-kulturelle Charakter der menschlichen
Umgebungen es nötig macht, im Hinblick auf die Epigenetik die Rolle der Kul-
tur in der biologischen Evolution des Menschen neu zu denken. Vor diesem
Hintergrund plädiert Weigel dafür, in einer solchen „postgenetischen“Gegen-
wart auf die „vorgenetische“Vergangenheit zurückzublicken und dabei auch
die Theorie Ewald Herings wiederaufzunehmen (Weigel 2010).
Freilich kommt es leicht zu Überbewertungen und Missdeutungen. Großes
Aufsehen erregte insbesondere eine Studie, die zum ersten Mal eine biologi-
sche Vererbbarkeit der sich psychopathologisch auswirkenden Folgen von
Traumatisierungen empirisch belegt habe. In einer kleinen Gruppe von Holo-
caust-Überlebenden und deren Söhnen und Töchtern stellte die biopsychiatri-
sche Forschungsgruppe um Rachel Yehuda epigenetische Veränderungen fest,
die durch traumatische Erfahrungen bewirkt und mit erhöhter Vulnerabilität für
posttraumatische Störungen und Depressionen assoziiert werden (Yehuda
et al. 2016). Die internationale Presse griff die epigenetische „Holocaust-Stu-
die“oft enthusiastisch auf; ein einschlägiger Zeitungsartikel im Guardian be-
jahte die Frage: „can you inherit a memory of trauma?“(Thomson 2015). Bei
genauerem Hinsehen fällt die Antwort jedoch negativ aus.
Etliche Mitglieder der scientific community zeigten sogleich kritische Reak-
tionen, welche die methodologische Durchführung der Untersuchung und die
darin gelieferte Interpretation der Ergebnisse in Zweifel zogen (Coyne 2015;
Greally 2015). Da die zweite Generation der Teilnehmer aus naheliegenden
Gedächtnis und Leiblichkeit 183
Gründen nicht bei der Geburt von der Familie getrennt wurde, ist hier besonders
festzuhalten, dass die bei ihnen beobachteten epigenetischen Veränderungen,
statt ein biologisches Erbe zu sein, vielmehr durch eine psycho-sozio-kulturelle
Übertragung des Traumas hätten ausgelöst werden können (vgl. Coyne 2015). Neu-
erdings haben Yehuda und Mitarbeiter selbst in diese Debatte eingegriffen, dabei
den provisorischen Charakter ihres sehr begrenzten Befundes unterstrichen und
sich von dessen Darstellungen als einem organisch vererbbaren Trauma-Gedächt-
nis distanziert: „indeed, how can an experience be inherited?“(Yehuda, Lehrner,
und Bierer 2018). In keiner Weise: Erlebnisse und Erfahrungen, aber auch Fähig-
keiten, denen gegenüber der Begriff Gedächtnis überhaupt erst einen strengen
Sinn hat, werden überliefert, nicht über die Keimbahn vererbt. Und die immer mö-
gliche Reversibilität epigenetischer Merkmale –so ein wichtiges Argument aus
der Psychoanalyse –ist ein weiterer, molekularbiologisch begründeter Hinweis
darauf, dass Interventionen aus der psychosozialen Sphäre gezielt einge-
setzt werden können, um genetische Prädispositionen, etwa zu psychischen
Störungen, nicht „zu einem Schicksal“werden zu lassen, d. h. auch um die
„Nabelschnur zwischen den Generationen“durchzuschneiden (Leuzinger-
Bohlheber und Fischmann 2014). Selbst wenn die Epigenetik-Forschung die
Vererbbarkeit erworbener Merkmale im Menschen bestätigte, wäre somit ein
unerbittliches Gedächtnis des Organischen nicht nur nicht nachgewiesen,
sondern vielleicht sogar als Möglichkeit ausgeschlossen.
Aus den bisherigen Ausführungen kann man nun eine erste (a), vorläufige
Schlussfolgerung ziehen: Die Reflexionen Nietzsches, die sich einer panorgani-
schen Gedächtnislehre nähern, auch soweit sie sich aus umstrittenen wissen-
schaftlichen Postulaten ableiten, lassen sich heute –bis zum Beweis des
Gegenteils –schwer plausibilisieren. Doch damit nicht genug. Laura Otis hat in
ihrer Monografie zum Thema Organic Memory (1994) hervorgehoben, dass die
Theorie des organischen Gedächtnisses, längst nachdem sie aus den naturwis-
senschaftlichen Lehrbüchern getilgt wurde, sich noch als zurückgebliebener
metaphorischer Diskurs mit sozialdarwinistischen, nationalistischen und ras-
sistischen Positionen überschnitt, die sich zu naturalisieren trachteten. Den zu-
grunde liegenden Gedanken der Rekapitulation hat Stephen Jay Gould (Gould
1977, S. 126–134) auch bezüglich seiner Auswirkungen auf außerwissenschaft-
liche Bereiche untersucht und gezeigt, wie diejenigen, die eine Hierarchie unter
den vermeintlichen ‚Menschenrassen‘behaupten wollten, sich vielfach darauf
stützen konnten. Schließlich wird noch kontrovers debattiert, ob und inwiefern
die im Dritten Reich zur naturwissenschaftlichen Rechtfertigung der national-
sozialistischen Ideologie in Anspruch genommene Biologie Haeckels sowie des-
sen „monistische Weltanschauung“bereits als solche proto-faschistische Züge
184 Luca Guerreschi
aufweisen.
4
In summa: Selbst dann, wenn der organische Panmnemismus als
biologische Ansicht nicht unmittelbar die Verantwortung für den politischen
Gebrauch trägt, den man von ihm machte, ist er nicht nur wissenschaftlich
strittig. Er ist auch gefährlich.
Demgegenüber kann man sich nicht mit der Feststellung begnügen, dass
Nietzsche von solchen verhängnisvollen Entwicklungen kaum etwas ahnen
konnte, dass im Grunde auch seine Figur in eine Figur der Schande und Barbarei
umgewandelt wurde. Vielmehr ist darauf zu achten –was hier nur angedeutet
werden kann –, dass ein fortwährendes Erinnern an die universale Vergangen-
heit, sei dies auch in unsere Körper eingeschrieben, in Nietzsches Sicht auch als
etwas Lebensfeindliches wirken kann, wovon sich der Mensch eventuell befreien
sollte. In diese Richtung weisen die stärker rezipierten Aspekte seiner veröffent-
lichten Werke, in denen er das Schwer- und Übergewicht der Geschichte einzu-
grenzen und die Vergesslichkeit als aktive Kraft, als lebensdienliches Moment
der individuellen wie kollektiven Ausbildung aufzuwerten sucht. Sodann ist in
Erwägung zu ziehen, dass eine solche Aufwertung, ja gelegentlich Apologie der
Vergessenheit, die man sich nach der Shoah schlechterdings nicht mehr leichten
Herzens leisten darf, wenigstens der besprochenen Rechtfertigung des Verbre-
chens den Boden entzieht.
Mit einer organizistischen Auffassung des menschlichen Erinnerns und
Vergessens geht jedoch auch eine zweite (b), sicherlich nicht gleich schwere,
aber aus meiner Sicht ohnehin bedenkenswerte Gefahr einher: Selbst von sei-
nem kosmologischen Zug abstrahiert, löst der organische Panmnemismus,
der Nietzsche zum Teil beeinflusst hat, das für die personale Identität überaus
wichtige Phänomen Gedächtnis in eine physiologische Variable auf. Ein der-
artiges Verständnis führt zuletzt zu einer biologistischen Verkürzung des
Menschen auf seine organische Materie. Die Grundlage dafür, dass man nicht
einem reduktionistischen Biologismus anheimfällt, hat dennoch Nietzsche
selbst gelegt mit der programmatischen Einsicht, nach der entscheidende Er-
kenntnisfortschritte erst dann zu erzielen seien, wenn man „auch über alle
4Vgl. dazu die Kontroverse zwischen Daniel Gasman (Gasman 1971; 1998), dem zufolge Hae-
ckel und der von ihm gegründete „Monistenbund“als ideologische Wegbereiter von Faschis-
mus und Nationalsozialismus anzusehen sind, und Robert J. Richards (Richards 2007), der
diesen Standpunkt zu relativieren versucht. Vgl. auch Felice Mondella (Mondella 1981), der in
der marxistisch-orientierten Storia del pensiero filosofico e scientifico (hrsg. von Ludovico Ge-
ymonat) dagegen die demokratische und progressistische, wenngleich in vielerlei Hinsicht
naive Komponente seiner Ideen akzentuiert. Die Proliferation divergierender Interpretationen
legt Zeugnis von einer vielseitigen, ambivalenten Persönlichkeit und ihres Erbes ab, worüber
sich das historische Urteil möglicherweise noch konsolidieren muss.
Gedächtnis und Leiblichkeit 185
geistigen Vorgänge sich am Leitfaden des Leibes zu unterrichten sucht, z. B.
über Gedächtnis“(NL 1884, KSA 11, 26[374], S. 249). Der Leib, den Nietzsche
vom menschlichen Lebensvollzug her denkt und am Leitfaden dessen auch
ein mnemonisches Moment zum Vorschein kommt, ist nämlich –einem Hin-
weis Heideggers folgend –„etwas wesentlich Anderes als nur ein Behaftet-
sein mit einem sogenannten Organismus“(Heidegger 1961, S. 100). Unsere
körperlich-organisch verfasste, aber auch von vornherein psychisch, sprach-
lich, sozial und kulturell strukturierte Leiblichkeit ist es, mit der das Verges-
sen und das Erinnern in einem präreflexiven Zusammenhang stehen können
und müssen.
Unter diesem Blickwinkel zeigt sich bei Nietzsche eine Reihe von Affinitäten
mit der Konzeption des Gedächtnisses, die gegenwärtig von Thomas Fuchs in der
leibphänomenologischen Psychiatrie vertreten wird. Thomas Fuchs hat in einem
dezidiert nicht-dualistischen und nicht-reduktionistischen Sinn den Begriff des
„Leibgedächtnisses“theoretisch entfaltet. Von den vielfältigen Deklinationen
dieses Konzepts, das sich in ein „prozedurales“,ein„situatives“,ein„zwischen-
leibliches“,ein„inkorporatives“und ein „traumatisches Gedächtnis des Leibes“
differenziert (Fuchs 2009, 2012a), lassen sich im vorliegenden Rahmen immerhin
drei grundlegende und teils alle genannten Formen übergreifende Aspekte in
einen kritischen Dialog mit Nietzsche setzen.
Entscheidend ist erstens (i) die Unterscheidung zwischen einem expliziten
Erinnern-was, vermöge dessen wir uns Erlebnisse und Inhalte aus der Vergan-
genheit vergegenwärtigen können, und einem impliziten Erinnern-wie, das
wir uns durch wiederholte motorische oder perzeptive Erfahrungen einver-
leibt haben (Fuchs 2000, 2016). Von basalen Fähigkeiten wie dem aufrechten
Gang, komplexeren kulturellen Tätigkeiten wie dem Sprechen-, Lesen- und
Schreiben-können bis hin zu höheren künstlerischen Gewandtheiten, etwa
dem Malen oder dem Spielen von Instrumenten, haben wir es für Fuchs mit
„prozeduralen“Ausdrucksformen einer impliziten leiblichen Gedächtniskraft
zu tun (Fuchs 2000, S. 77). Implizit ist das Leibgedächtnis insofern, als man
bewusste Einzelaktionen in den Leib hinein einfaltet, im-pliziert, bis sie sich
zu ganzheitlichen, unbewussten Handlungsmustern zusammenfügen, die nur
schwer oder überhaupt nicht mehr explizit verbalisiert werden können. Mit
einem etwas übertriebenen Akzent auf die „Nerven“, womöglich noch von He-
ring beeinflusst, schreibt Nietzsche hierzu: „Es giebt kein eigenes Organ des
‚Gedächtnisses‘: alle Nerven z. B. im Beine, gedenken früherer Erfahrungen“
(NL 1880, KSA 9, 2[68], S. 44). So kann die Pianistin, welche die Kunst der
Fuge zunächst Note für Note, Takt für Takt, Stimme für Stimme geübt hat, all-
mählich beginnen, ihre Aufmerksamkeit auf jeweils größere Zusammenhänge
der Komposition zu richten, um letztlich das Gesamtwerk mit unreflektierter
186 Luca Guerreschi
Unbefangenheit aufführen zu können. Die Implikation in das unbewusste Ge-
dächtnis des Leibes ist somit zugleich ein befreiendes Vergessen des explizi-
ten Bewusstseins.
Das Wissen, wie man die dritte Goldberg-Variation spielt, ist folglich nur
noch –bildlich gesprochen –‚in den Händen‘. Doch die ‚Hände‘sind keine Kör-
perteile mehr; sie sind die eingeübte Bereitschaft, sich in Interaktion mit der
Tatstatur so zu bewegen, wie Bach es seinerzeit vorgeschrieben hat. Die „Ner-
vensubstanz“der Hände, von der Hering sprach, ist an sich außerstande, frü-
here Erfahrungen zu vergegenwärtigen, geschweige denn zu reproduzieren. Es
ist nur der psychisch und kulturell gestaltete Leib, als ein Vermögen zu han-
deln, der –so Fuchs –die Vergangenheit in der Gegenwart performativ wieder
lebendig werden lässt (Fuchs 2012a, S. 10f.). In einer Notiz von 1884 formuliert
NietzscheeineähnlicheÜberlegung:„–das Gedächtniß: alles, was wir erlebt
haben, lebt: es wird verarbeitet, zusammengeordnet, einverleibt“(NL 1884, KSA
11, 25[409], S. 119).
Die durch das Leibgedächtnis gestattete Entlastung der bewussten Explika-
tion enthält zweitens (ii) nicht nur einen performativen (Fuchs: „prozedura-
len“), sondern auch einen perzeptiven Anteil. Wie es sich anfühlt, nach langer
Abwesenheit wieder zu Hause zu sein, ist ein eng mit leiblichem Riechen,
Schmecken, Tasten verbundenes Etwas, was höchstens die Schriftsteller und
ohnehin auch sie nie vollständig in Worte fassen können. Dem liegt ein implizi-
tes Wiedererkennen zugrunde, das einerseits ein leibliches Erinnern voraus-
setzt, aber andererseits auch explizite Inhalte in der Vorstellung erneut
wachrufen kann. Paradigmatisch ist der Fall der Madeleine, deren Wiederer-
kennen des Geschmacks dem Erzähler der Suche nach der verlorenen Zeit eine
unbegrenzte Welt bewusster Erinnerungen eröffnet (vgl. Fuchs 2000, S. 9ff.;
2009, S. 51f.; 2012a, S. 9ff.). Das Beispiel Marcel Prousts macht insofern deut-
lich, dass das performativ-perzeptive und das semantisch-repräsentative Ge-
dächtnis keineswegs als getrennte, hypostasierte Systeme zu betrachten sind.
Ihr eigenartiges Wechselspiel und ihre damit einhergehende Unterscheidung
hat Nietzsche gänzlich übersehen.
Allerdings stimmen die Verständnisse des Zusammenhangs von Leiblich-
keit und Gedächtnis, die Nietzsche und Fuchs vertreten, in einer weiteren Hin-
sicht überein. Implizites Wiedererkennen und leibliches Erinnern sind nach
Fuchs mit der Kategorie der Ähnlichkeit innerlich verschränkt. Nur das, was
Ähnlichkeiten mit bereits Bekanntem und früher Erfahrenem, d. h. mit implizi-
ten oder expliziten Gedächtnisinhalten, aufweist, kann man über alle Verschie-
denheit hinweg wiedererkennen und überhaupt erkennen. Dies gilt nicht nur
für das implizite Wissen darüber, ob sich etwas anfühlt, wie es sich einmal, da-
mals, angefühlt hat; es gilt für nahezu das gesamte Spektrum an kognitiven
Gedächtnis und Leiblichkeit 187
Tätigkeiten, derer wir fähig sind. Darauf macht Nietzsche vielerorts aufmerk-
sam, so schreibt er u. a. etwa: „Ähnliches mit Ähnlichem identificieren –ir-
gend welche Ähnlichkeit an einem und einem anderen Ding ausfindig machen
ist der Urprozess. Das Gedächtnis lebt von dieser Thätigkeit und übt sich fort-
während“(NL 1872, KSA 7, 19[217], S. 487). Die Pointe besteht aber laut Fuchs
darin, dass hinter jener Tätigkeit stets ein leibliches Handeln am Werk ist.
Jedes mnemonisch begründete Wiederkennen bediene sich ständig der plasti-
schen, mimetischen, metamorphischen Kraft des Leibes. „Der Wahrnehmung
von Ähnlichkeit“,sodieThese,„geht ein ‚Ähnlichwerden‘voraus“: Das Hören
einer Stimme sei auch ein inneres Sprechen; das Wahrnehmen der Bewegung sei
begleitet von innerlichen Bewegungsanmutungen; das Kind lerne die Welt ken-
nen, indem es belebte oder bewegliche Dinge mit dem eigenen Leib imitiere
(Fuchs 2000, S. 81). Auch Nietzsche hat solch ein metamorphisch-mnemonisches
Verfahren beobachtet: „Das Ähnliche erinnert an das Ähnliche und vergleicht
sich damit [. . .]. Nur das Ähnliche percipirt das Ähnliche: ein physiologischer
Prozess“(NL 1872, KSA 7, 19[179], S. 475). Wir sind als leiblich-verkörperte Wesen
auch und gerade ein metamorphisches Ähnlich-werden zur Welt, die sich uns als
ein ähnlich Gewordenes aufschließt.
Die Plastizität des menschlichen Leibes kann aber auch erhärtet werden,
namentlich durch Schmerzen und Traumata. Deshalb drittens (iii) erörtert
Fuchs, mit explizitem Bezug auf Nietzsche, das traumatische und Schmerzge-
dächtnis als psychisches Phänomen, das sich primär auf der Ebene der Leib-
lichkeit vollzieht (Fuchs 2008a, 2008b, 2012b). Der Schmerz, wie es in der
Genealogie der Moral heißt, ist „das mächtigste Hülfsmittel der Mnemonik“
(GM II 3; KSA 5, S. 295). Patienten, die aufgrund von Demenz oder Hirnschädi-
gungen keine expliziten Gedächtnisinhalte mehr aufnehmen können, vermei-
den den Kontakt mit gefährlichen Gegenständen, mit denen sie sich schon
während ihrer Krankheit verletzt haben (Fuchs 2008b, S. 319f.). Explizit erin-
nern sie sich nicht daran, warum sie es tun; gleichwohl wird die Schmerzerfah-
rung implizit registriert und bleibt als eine leibliche Abwehrbereitschaft
weiterhin bestehen. Nach traumatischen Ereignissen und erst recht bei post-
traumatischen Störungen spitzt sich die unbehagliche Hypersensibilisierung
des Leibes noch zu. Unfälle, Verfolgung, Gewalt, Vergewaltigungen, Folter und
Krieg hinterlassen Sinneseindrücke und Gefühle, die in bewusst oder unbe-
wusst mit dem Erlebnis des Traumas assoziierten Situationen wieder hervorge-
rufen werden können und jahrelang den Traumatisierten quälen. Strafen,
Erziehung, Militär und Gefängnis lösen indessen eine dauerhafte leibliche
Härte aus, die etwaige „spontane Impulse und emotionale Aufweichung[en]“
absichtlich diszipliniert. Rituale der Initiation zeigen sich durch Tätowierun-
gen, Beschneidungen und andere schmerzhaften Erfahrungen, sie bilden je für
188 Luca Guerreschi
sich ein unauslöschliches Zeichen im Leib, das den Betroffenen von der kindli-
chen Welt unwiderruflich abtrennt (Fuchs 2008b, S. 322). Ein „Hauptsatz aus
der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psychologie auf Erden“, so führt
Nietzsche in der Streitschrift bekanntermaßen aus, lautet wie folgt: „‚Man
brennt Etwas ein, damit es im Gedächtniss bleibt: nur was nicht aufhört, weh
zu thun, bleibt im Gedächtniss‘“ (GM II 3; KSA 5, S. 295). Daran anschließend
weist Fuchs auf den psychopathologischen Umstand hin, dass nahezu die
Hälfte der Patienten, die an einer chronischen somatoformen Störung leiden, in
der Vergangenheit schwere Gewalt- und Schmerzerfahrungen erlebt haben.
Spätere Zustände von Demütigung und Versagen, in die sie versetzt werden,
können Schmerzsymptome und -syndrome auslösen, die durch organische Ur-
sachen nicht hinreichend erklärt werden können (Fuchs 2008b, S. 323; ausführ-
licher zu Nietzsche und der Psychosomatik vgl. Guerreschi 2019). Kurz gesagt:
Selbst das, was aufgehört hat, im Körper wehzutun, kann im Leibgedächtnis
schmerzhaft aufbewahrt bleiben.
Im Lichte des Übergangs von einer universal-organischen zu einer leibphä-
nomenologischen Erörterung des Gedächtnisses erscheint schließlich das Vermö-
gen, sich implizit zu erinnern und wieder zu vergessen, wie ein Geflecht aus
mannigfaltigen, darunter performativen, metamorphischen, leidenden Disposi-
tionen des Leibganzen, d. h. derjenigen psychosomatischen Leiblichkeit, die der
Mensch in seinem unvermittelten Lebensvollzug ist. „Leib bin ich, ganz und
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