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ETHOS UND METHODE
ZUR BESTIMMUNG VON BERUF UND WESEN DER METALITERATUR
NACH ERNST ROBERT CURTIUS
Dissertation zur Erlangung
des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie
dem Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften
der Universität-Gesamthochschule Paderborn
vorgelegt
von
Karl Thönnissen, M. A.
Aachen
März 2000
INHALT
VORWORT 1
I METHODE UND MORAL 5
1 Ein deontologisches Profil 19
3 Antagonismus der Kräfte und Synthese-Ideal 39
II SYNTHESE ALS ONTO-DEONTO-LOGISCHES PRINZIP
1 Restaurativer Humanismus mit Bruchstellen 50
2 Analysen mit synthetischen Begriffen 69
3 Ortega, Eliot, Vergil, Balzac 77
4 Intuition und Intelligenz 88
III LITERATURKRITIK
1 Im Zeichen der Affinität 106
2 Das Gewicht der Intuition 126
3 „Die Aufgabe des Kritikers“ 144
IV ROMANISCHE UND EUROPÄISCHE PHILOLOGIE
1 Wandel und Dauerhaftigkeit der Episteme 170
2 Eine Biographie konstanter Topoi 191
3 Glanz und Elend der Intuition 224
AUSBLICK 242
LITERATUR 246
1
VORWORT
Die vorliegende Dissertation untersucht in Werk und Person von Ernst Robert
Curtius (1886-1956), einem der bis heute meistbeachteten und sicherlich dem
am kontroversesten diskutierten deutschen Romanisten, einen exponierten Fall
von fachlichem Selbstverständnis und metaliterarischer Reflexion, der zwar viel-
fach in einzelnen Aspekten und häufig in impressionistischer Weise als von beson-
derer Bedeutung gewürdigt worden ist, der aber bislang weder einer ein-
gehenderen Betrachtung unterzogen noch vor allem in seinem fundamentalen
Charakteristikum, einer dezidierten Verknüpfung (berufs)ethischer und episte-
mologisch-methodologischer Überzeugungen und Postulate, wahrgenommen
wurde. Daß deontologische Fragen in den Philologien ohnehin kaum und erst
recht nicht im Zusammenhang mit methodologischen und erkenntnistheoreti-
schen Überlegungen thematisiert worden sind, überrascht insgesamt weniger als
die spezielle Nichtbeachtung von Curtius’ spezifischem Fall einer ontologisch fun-
dierten Verbindung der beiden Bereiche; dieser Umstand brachte allerdings mit
sich, daß die vorliegende Arbeit sich in ihrem gleichzeitig partikulären und supra-
disziplinären Vorhaben nicht auf Vorarbeiten stützen konnte, wodurch vielleicht
aber auch ein unmittelbarerer Zugang zu den Curtiusschen Texten möglich wurde.
Die Sekundärliteratur wurde in erster Linie herangezogen, um Einschätzungen,
die sich aus der direkten und intensiven Lektüre der Primärschriften ergeben
hatten, wenn möglich zu überprüfen, abzusichern und gegebenenfalls abzugren-
zen. Aus der Durchsicht des umfangreichen und heterogenen Gesamtwerkes
Curtius’ ergab sich, daß der Literatur- und Kulturkritiker, der Philologe, der Ana-
lyst und Sachwalter des deutschen und des europäischen Geistes ein konsistentes
und über alle Wechsel der Interessengebiete und der persönlichen und äußeren
Bedingungen gleichbleibendes deontologisches und epistemologisches Profil zeigt,
das eingebunden ist in den anspruchsvollen Versuch, nicht nur für die Literatur
und die Beschäftigung mit ihr, sondern für die Gesamtheit der kulturellen und
gesellschaftlichen Erscheinungen ein - um es mit einer Beschreibung von Fichtes
Wissenschaftslehre zu sagen, auf die vieles bei Curtius verweist - „System der
notwendigen Vorstellungen [zu] entwickeln“, das „also erste Philosophie, Funda-
mentalontologie sein“ will (Johannes Hirschberger, Geschichte der Philosophie II,
1958, 333). Curtius’ Verwurzelung in Hermeneutik und Lebensphilosophie läßt
zudem an Peter Szondis Äußerung über „die von der Seinsphilosophie geprägte
2
Literaturwissenschaft“ denken: „wenn Verstehen Da-sein ist, sind die Bedingun-
gen der Möglichkeit von Verstehen Sache der Fundamentalontologie“ (Einführung
in die literarische Hermeneutik, 1975, 404). Ganz im Sinne einer solchen Ontologie,
die allerdings deutlich ethisch valorisiert wird, formuliert Curtius’ metaliterarische
Onto-Deontologie ein literaturkritisch-philologisches Modell, in dem die Ver-
pflichtung zum ethischen und methodischen Energismus – die Imperative Strenge
und Energie erlangen hier neben ihrer deontologischen eine grundlegende heuri-
stische Bedeutung – unter dem höheren Postulat der Synthese steht, in der sich
für Curtius sowohl der die Welt bestimmende Antagonismus der Kräfte als auch
der dialektische Gegensatz von These und Antithese, Ich und gesetztem Nicht-Ich
auflöst. Ohne die Überwindung von Widerständen unter höchster Energieentfal-
tung war für Curtius nichts von ethischem, denkerischem oder künstlerischem
Wert zu schaffen.
Das erste Kapitel „Methode und Moral“ beginnt mit einem deontologischen
Profil Curtius’, das auf einschlägigen Textstellen und Selbstzeugnissen sowie auf
Erinnerungen und Bewertungen von Schülern und Kollegen beruht und vor allem
durch die genannten Postulate Energie und Strenge konturiert wird, die neuzeitli-
chen Translationen des von seinem Lehrer Gustav Gröber übernommenen Postu-
lats der vis maxima. Das Curtiussche Denken speist sich aus der Überzeugung, daß
die Welt von einem allgegenwärtigen Antagonismus von Kräften bestimmt ist, die er
als komplementäre Gegensatz-Paare auffaßt, denen die „Synthese als onto-dento-
logisches Prinzip“ vorgeschrieben ist (2. Kapitel). Curtius’ Konzeption eines re-
staurativen Humanismus steht ebenso unter diesem Vorzeichen wie seine Vorstellung
von einer Anbindung der wissenschaftlichen Analyse an synthetische Begriffe. Am
Beispiel von Ortega, Eliot, Vergil und Balzac zeigt sich, daß seine Wertschätzung von
Autoren gleichermaßen an dualistische Prämissen gekoppelt ist. Für die Literatur
wie für die Metaliteratur – insbesondere die Kritik ist idealiter ‘Literatur über Li-
teratur’ – wird ein Sichzusammenfinden von Intuition und Intelligenz gefordert.
Die Dissertation folgt den Manifestationen dieses Denkens nicht nur von
den deutsch-französischen Vermittlungs-, später Aufklärungsbemühungen über
die Phase der Nationaldeontologie und der Propagierung eines restaurativen Hu-
manismus, der zum elitistischen „totalen Humanismus“ (Deutscher Geist in Gefahr,
1932) erklärt und gegen die Humanität der vielen gewandt wird, bis zur Euro-
deontologie des Spätwerks, in der die „imperiale Idee Roms“ als „zeitlos gültiges
Maß des Menschtums“ zur soteriologischen Vision wird („Vorwort zu einem Bu-
che über das Lateinische Mittelalter unf die Europäischen Literaturen“, 1946),
3
sondern sie betrachtet Curtius vor allem auf seinen genuinen Betätigungsfeldern
der „Literaturkritik“ (3. Kapitel) und der „Philologie“ (4. Kapitel). Die Kritik
steht bei Curtius ganz im Zeichen der Affinität, denn ihr „metaphysischer Hinter-
grund ist die Überzeugung, daß die geistige Welt sich nach Affinitätssystemen
gliedert“ („T. S. Eliot“, 1927); aus dem Umstand, daß ihr „Grundakt“ „irrationa-
ler Kontakt“ ist, erklärt sich, daß das Gewicht der Intuition schwerer wiegt als das
der Intelligenz. Dies erweist sich nicht nur, wenn Curtius in Anlehnung an Marcel
Proust „Die Aufgabe des Kritikers“ definiert (1925); auch auf dem Gebiet der Philo-
logie zeigt sich bei allem Wandel doch die Dauerhaftigkeit der Episteme. So ergibt sich
letztlich eine Biographie konstanter Topoi, noch im späten Selbst-Portrait des philolo-
gischen „Rutengängers“ mit der Wünschelrute“ (Europäische Literatur und lateini-
sches Mittelalter, 1948) finden sich wieder die intuitive Primordialität – wenn auch
dissimuliert: Glanz und Elend der Intuition – und das zirkelförmige Denken in syn-
thetischen Begriffen und erspürten Konzeptionen, die der streng wissenschaftli-
chen Analyse zwingend vorausgehen müssen, wenn diese zu einer synthetischen
Gesamtschau führen soll.
Max Scheler hat, so Curtius in „Goethe - Grundzüge seiner Welt“ (1949),
„in seiner Ethik eine ontologische Rangordnung der ‘Wertpersontypen’ oder ‘Vor-
bildmodelle’ aufzustellen gesucht“ (meine Hervorhebung). Das Gesamtwerk Cur-
tius’ – der auf dem „Felde der literarischen Kritik“, man kann die Philologie
einbeziehen, „kein Problem so interessant fand wie das der Rangordnung und ih-
res Wandels“ („man muß dabei das persönliche Wertgefühl befragen“ („Wieder-
begegnung mit Balzac“, 1950)) – stellt sich letztlich auch als Versuch dar, die an
Scheler angelehnte Überzeugung, daß es „für das Selbstverständnis unserer Kultur
[...] klärend und heilsam sein würde, zu wissen, wie der Heilige, der Weise, der
Dichter, der Denker, der Held wesensmäßig zu verstehen und wertmäßig zu ord-
nen sind“, um einen elitistischen Idealentwurf, eine ontologische Bestimmung
desjenigen zu ergänzen, der sich in einer Art, die ihn als bien pensant erweist, mit
der Literatur beschäftigt.
Eine Untersuchung wie die vorliegende kann nicht umhin, Curtius’ außer-
gewöhnlichen deontologischen und epistemologischen Anspruch an die Ver-
pflichtungen zurückzubinden, in die sich die Philologien mit eben jenen An-
sprüchen, die sie aus ihren Tätigkeitsfeldern ableiteten, selbst begeben: es sind
dies die Prinzipien einer für sie spezifischen Wissenschaftlichkeit, die Aus-
zeichnung, die nach Hans-Georg Gadamer in der Pflege des humanistischen Erbes
und der Tradition der Werte liegt, und nicht zuletzt die prominente Rolle im
4
Spannungsfeld des Eigenen und des Fremden (Leo Spitzer), die der Romanistik
zudem eine gesteigerte Bedeutung und Verantwortung zuwachsen läßt aus dem
deutsch-französischen Sonderverhältnis, in dem Curtius sich wie kaum jemand
zum Engagement, aber auch zur Führung berufen fühlte und für das er Romain
Rollands Wort von den „deux ailes de l’Occident“ aufgegriffen hat.
Die Untersuchung muß darüber hinaus eine Antwort auf den exklusiven
Apriorismus von Curtius’ Auffassung von Wahrheit und Methode finden: sie be-
antwortet seine Lehre, daß es nur eine Wahrheit gibt, die ewig und immer nur für
die affinen „Wenigen“ bestimmt ist, indem sie sich Karl Otto Apels Überlegung zu
eigen macht, daß die normativen Bedingungen des argumentativen Diskurses
„transzendentalen Status haben, insofern man sie nicht leugnen oder zurückwei-
sen kann, ohne sie zugleich in Anspruch zu nehmen und so einen performativen
Selbstwiderspruch zu begehen“, daß die Argumentation also nichthintergehbar ist
(„Die hermeneutische Dimension von Sozialwissenschaft und ihre normativen
Grundlagen“ 1994, 20); und sie begegnet seiner spezifischen Onto-Deontologie
(auf die sich zur Verdeutlichung Hirschbergers Einschätzung Fichtes übertragen
läßt, nach der diesem seine Wissenschaftslehre „zur Sittenlehre, die Seinslehre zur
Ethik“ geworden sei (Geschichte der Philosophie II, 1958, 338)) mit dem gleichzeitig
epistemologischen und deontologischen Mittel einer technisch aufgefaßten Argu-
mentationsintegrität (Norbert Groeben). Curtius’ Festlegung, es sei „Vorausset-
zung aller Kritik“ („Zur Literarästhetik des Mittelalters I“, 1938) und Philologie,
daß dem Metaliteraten „bestimmte Dinge auffallen“ – ein Vermögen, das aus-
drücklich „nicht erlernt werden“ kann („Marcel Proust“, 1925), das nicht „lehr-
bar“ oder „übertragbar“ ist –, wird für Fachgeschichtsschreibung und
Argumentationskritik ausdrücklich affirmiert, allerdings – im Unterschied zu
Curtius - unter dem Vorbehalt der Postulierung der Diskursivität aller der Ver-
ständigung verpflichteten Sprechakte.
Mein herzlicher Dank gilt Prof. Dr. Johannes Thomas und Dr. Claudia Franken.
Parikav tut, miri kamli Najira – tha baro tsiro.
5
I METHODE UND MORAL
1 EIN DEONTOLOGISCHES PROFIL
Mit dem Namen Ernst Robert Curtius verbinden sich in der Romanistik und über
diese hinaus Vorstellungen von überragender Gelehrsamkeit, einsam-unnahbarer
Geistesgröße, elitärem Wissenschaftsverständnis und klassischem Format, aber
auch von europäischer Dimension1
11
1 und epochenübergreifender Perspektive. Cur-
tius erscheint als ein Wissenschaftler, der mit seiner Person den Weiterbestand der
antiken und mittelalterlichen lateinischen Tradition förmlich verbürgte und für die
Nachwelt bis zu uns Heutigen nicht zuletzt den von ihm selbst untersuchten Topos
der translatio studii verkörpert. Dabei gilt er gleichzeitig als Kenner und Förderer
der Moderne und als engagierter Streiter in kultur- und gesellschaftspolitischen
Fragen der Zeit; und diesseits wie jenseits des Rheins wird er als prominenter Ex-
ponent der deutsch-französischen Begegnung betrachtet, der schon von seiner
Herkunft her wie kaum einer prädestiniert war für einen Dialog, den er lange Zeit
als Verpflichtung, Aufgabe und Chance begriff.
In all diesen Facetten seiner Person und seines Wirkens ist bereits eine ethi-
sche Färbung spürbar; aber die Betrachtung einer solchen Gelehrtenpersönlichkeit
führt naturgemäß auch deshalb geradenwegs in das Zentrum der deontologischen
Problematik, weil der Name des „großen und exakten Philologen Ernst Robert
Curtius“2
22
2 insbesondere Begriffe wie Disziplin, Zucht, Tüchtigkeit und Präzision
evoziert, ein an den Naturwissenschaften orientiertes Objektivitäts- und Exakt-
heitsideal, erschöpfende Gründlichkeit, universale Bildung und schweigengebie-
tende Belesenheit. Curtius galt und gilt als ein Gelehrter, der bekannt dafür war,
daß er die höchsten Ansprüche bezüglich des wissenschaftlichen Niveaus und des
1
11
1 Jean-Luc Eichenlaub (Archives départementales du Haut-Rhin) spricht in seinem Beitrag
über „La jeunesse de Curtius (1886-1911)“ zum Kolloquium Ernst Robert Curtius et l’idée
d’Europe von dem „rapprochement presque automatique entre le nom de Curtius et celui
d’Europe (L’Europe et le Moyen Age latin [sic])“ (Paris: Champion, 1995, 13).
2
22
2 Hans Helmut Christmann, Ernst Robert Curtius und die deutschen Romanisten, Stuttgart,
Steiner, 1987, 5-6: „wir wollen uns bemühen, ein möglichst genaues Bild zu entwerfen, ‘wie es
eigentlich gewesen ist’, in der Überzeugung, daß wir dem Andenken des großen und exakten
Philologen Ernst Robert Curtius damit mehr dienen als durch billige Lobhudelei auf Kosten
anderer.“
6
Arbeitsethos an sich und an andere stellte und dies, wo er es für geboten hielt,
auch öffentlich in aller Schärfe bekundete. Curtius galt und gilt als ein Gelehrter,
dem Wissenschaft Pflicht war, nicht einfach Beruf, sondern Berufung, aber auch
als ein Mann, der aus eben diesen Gründen neben Bewunderung und Verehrung
bei manchen Schaudern, Furcht und Abneigung hervorrief.
So soll er denn, wie „Augenzeugen [...] verschiedentlich betont“ haben, „als
akademischer Lehrer eher gefürchtet als geliebt“ worden sein: „er war schneidend
im Urteil“
3
33
3, „ein Zug zur Ironie und zur aggressiven Paradoxie [wurde bei ihm]
deutlich“4
44
4, insbesondere seine „spöttische Haltung“ gegenüber solchen, die seinen
Ansprüchen nicht genügen konnten (oder wollten?), war gefürchtet5
55
5; und alleine
daß er die „größte Genauigkeit, von sich und von anderen“, verlangte (wie
Christmann (7) für Zahlenangaben berichtet), wird genügt haben, um normal-
sterbliche Schüler zu verschrecken. „Wer seinem Unterricht nähertrat, mußte den
so Lehrenden lieben oder hassen: er war nicht zu ignorieren. Und die Hassenden
zogen sich in respektvolle Ferne zurück“, berichtet Heinrich Lausberg (127).
Curtius „haßte die Mittel-mäßigkeit“6
66
6 und sah anscheinend im normalen akade-
mischen Betrieb keinen Anlaß (außer vielleicht im Umgang mit den „Nazisten“,
denen er mit „grundsätzliche[m]“, „generelle[m]“ und „planmäßige[m] Un-
wirschsein“ entgegentrat7
77
7), diesem Haß keinen Ausdruck zu geben. Roger
3
33
3 Frank-Rutger Hausmann. „‘Meisterworte’ – Heinrich Lausberg ( ) über Ernst Robert
Curtius“. Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte 18.3/4 (1994): 424-32, 426. Ders., „Aus
dem Reich der seelischen Hungersnot“, 70: „Curtius hatte [...] begabte Schüler, die [...] ihm später
hymnische Nachrufe widmeten [...]. Aus ihrem wohlwollenden Urteil entsteht dennoch das
Bild eines akademischen Lehrers, der eher gefürchtet als geliebt wurde: [etc.]“.
4
44
4 Heinrich Lausberg. Ernst Robert Curtius (1886-1956). Aus dem Nachlaß hg. und eingel.
von Arnold Arens. Stuttgart: Steiner, 1993, 54.
5
55
5 Rolf P. Lessenich. „Der Philologie-Begriff bei Ernst Robert Curtius“. „In Ihnen begegnet
sich das Abendland“: Bonner Vorträge zur Erinnerung an Ernst Robert Curtius. Hg. Wolf-Dieter Lange.
Bonn: Bouvier, 1990, 85-97, 88: „seine gefürchtete spöttische Haltung gegenüber Kollegen
und Schülern, denen er die intuitive Virtualität absprach.“
6
66
6 G. Rohlfs. „Ernst Robert Curtius. 14.4.1886 - 19.4.1956“. Jahrbuch der Bayerischen Aka-
demie der Wissenschaften 1956, 208-16, 215: „Der Universitätslehrer hat es seinen Schülern nicht
leicht gemacht.“ Zitiert nach Lausberg 142.
7
77
7 Lausberg 115: „Es gab im übrigen genug Gegebenheiten und Ereignisse, die das Tragen
eines unwirschen Gesichtsausdrucks tatsächlich rechtfertigten: das künstliche Unwirschsein war
eine Entladung der erlebnismäßigen Unwirschheits-Gründe (MQ:C.) [scil. Lausbergs Kürzel für
„Mündliche Quelle: Curtius“]. / Auf diesem gefährlichen Grat ist CURTIUS in der nazistischen
Zeit gewandert, was wohl nur Zeitgenossen, die sich - in völlig originaler Motivation - ähnlich
verhalten haben, verstehen und würdigen können.“
7
Kempf8
88
8, der selbst nicht Schüler Curtius’ war, sondern sich in der privilegierten
Lage eines französischen Lektors auf besondere Empfehlung und unter dem Pa-
tronat von André Gide befand9
99
9, erinnert sich:
Revenant sans cesse à l’essentiel, au fait précis, haïssant verbiage et fioritures, il terrassait d’une
brève remarque sa bête noire, l’étudiant Wagner.10
1010
10
Diese „auch im pädagogischen Kontakt“ von Lausberg (61) diagnostizierte
„gewisse als Abwehr gedachte Aggressivität“11
1111
11 muß natürlich nicht als Selbstzweck
8
88
8 Hommage à Ernst Robert Curtius: Articles originaux de Albert Béguin et al.“. Allema-
gne d’aujourd’hui 5 (1956): 7-26, 25 (Zitate hieraus n. Lausberg). Diesen „Einblick in das un-
terrichtliche Verhalten, den ich bestätigen kann, gibt ROGER KEMPF“, schreibt Lausberg (59)
und versichert, obschon „das gesellschaftstaktische Unwirschsein in der nazistischen Zeit [...]
auch gespannte Verhältnisse, fast affektische Feindschaften seitens anderer Personen zur Folge“
(60) gehabt habe: „CURTIUS haßte niemanden“. „Er hat allen ihn Hassenden verziehen
(MQ:C.). Wer ihn haßte, muß es sich wirklich selbst zuschreiben.“
9
99
9 Curtius wäre „trop heureux“, wie er Gide auf dessen Empfehlung Kempfs antwortet,
den seinerzeitigen „lecteur français“, „choisi et imposé par les autorités françaises“ (der Brief
datiert vom 19. Oktober 1948), ersetzen zu können, der nämlich „ignorant et paresseux“ sei,
die deutschen Studenten enttäusche, nichts lese und sich für nichts interessiere (Deutsch-
französische Gespräche: 1920-1950. La Correspondance de Ernst Robert Curtius avec André Gide, Charles
Du Bos et Valery Larbaud. Hg. Herbert und Jane M. Dieckmann. Frankfurt a. M.: Klostermann,
1980, 169).
10
1010
10 Die philologische Genauigkeit verlangt hier einen kleinen Einwand gegen Kempfs ef-
fektvolle Antonomasie (mit Lausberg könnte man differenzieren: Vossianische Antonomasie), der
eine unzureichende Kenntnis des Faust zugrunde zu liegen scheint. Wenn es sich nicht gar um
eine Vermengung der Figur des Schülers (im Urfaust „Student“) mit der Wagners handelt, so
ist in jedem Fall die Bezeichnung des letzteren als „étudiant“ sachlich unpräzis: Faust selbst
spricht von Wagner zwar als von seinem „Famulus“ (V. 518), aber das bedeutet „im Neulatein
der Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts“ so viel wie „Assistent, persönlicher Gehilfe eines
Professors“ (Erich Trunz in Goethe, Faust, München, C. H. Beck, 1986, 522). Wagner wird
keineswegs einfach negativ dargestellt, er ist enthusiastisch und fast schon zu wißbegierig, man
könnte in ihm das Portrait eines jungen, noch idealistischen Faust sehen; Faust hat deshalb auch
gar keinen Grund, ihn so zu behandeln, wie Curtius es mit gewissen Schülern getan haben mag,
er ‘prüft’ ihn ja auch nicht, sondern beichtet ihm während des Osterspaziergangs, zu dem er
ihn schließlich eingeladen hat, vorbehaltlos selbst privateste Dinge und hört sich sogar Wagners
Ermahnungen an.
11
1111
11 Lausberg (59) für die „nazistische Zeit“: „Die Fülle und die Empfindungsfeinheit sei-
ner analytischen und in fruchtbaren Synthesen produktiven Beobachtungsgabe im Bereich der
europäischen Bildung mußte er gegen schiefe Beanspruchungen der Gesellschaft durch freiwil-
lige Isolierung, durch Ironie, ja in extremen Fällen unverschämter Überforderungen auch
durch aggressive Schärfe schützen. - CURTIUS selbst hat mir diese Erklärung gegeben.“ Haus-
8
aufzufassen sein; es lassen sich durchaus didaktische Gründe anführen: Eine ge-
wisse Unerbittlichkeit in der Lehre, hochgeschraubte Anforderungen und das
„hochschuldidaktische Prinzip der Ironie“ (108) sollten im Namen eines dezidiert
anspruchsvollen wissenschaftlichen Ethos12
1212
12, als deontologische Instrumente also,
Hürden bilden, die es für den akzeptablen Willigen zu nehmen galt, der sich so
der Initiation in die akademische Welt würdig erweisen mußte. Gerade die Ironie,
„eine attraktive - oder in dem bekannten Bild: eine mäeutische - Ironie“ (109),
„war ein pädagogisches Mittel, das Beste aus seinen Schülern - den Besten - her-
auszuholen“, sie konnte „zu einem brüderlich-triumphierenden Einklang“ werden
und vermochte dann, „die Gesprächspartner in die Ebenbürtigkeit“ (109) einer
Elite13
1313
13 zu erheben. „Die Elitenbildung hielt er für die wichtigste Pflicht des Uni-
versitätsunterrichts“, meint Lausberg (59) und unterlegt seine Einschätzung:
„[u]m der Elitenbildung, d. h. letztlich um des Wohles des Ganzen willen konnte
CURTIUS auch abstoßen, wen er für ungeeignet hielt“ (127), mit einem Zitat aus
Curtius’ „Streitschrift gegen die Selbstpreisgabe der deutschen Bildung, gegen den
Kulturhaß und seine politisch-soziologischen Hintergründe“14
1414
14, aus dem Traktat’
Deutscher Geist in Gefahr:
Der Bolschewismus und der Faschismus prüfen den einlaßbegehrenden Bewerber wie nur je
ein Orden oder ein freimaurerischer Bund. Auch der Humanismus würde gut tun, nicht zu
werben, sondern sich umwerben zu lassen. Er muß sich verdichten, anstatt sich zu verbreitern.
Er stoße die Mitläufer und Opportunisten ab, er verzichte auf Propaganda und Predigt. Mag
jeder das Heil dort suchen, wo es ihn dünkt. Der Humanismus kann und soll sich nur auf das
mann, „Hungersnot“, 70: „Ironisch-ablehnend war sicherlich auch seine Haltung den Nazis ge-
genüber“.
12
1212
12 Lausberg (127): „Die von CURTIUS vertretene und praktizierte Wissenschaft war nicht
als technisches Utensil für beliebige geistige und ungeistige Verwendungssphären geeignet: sie
hatte ihr Ethos in sich, und an dem kam niemand vorbei.“
13
1313
13 „Eine Ausnahme von seinem eher schulmeisterlichen Gebaren machte er allenfalls bei
denen, die er für hochbegabt und damit für potentielle Angehörige einer ihm ebenbürtigen
Elite hielt“, bemerkt auch Hausmann („‘Meisterworte’“, 246). – Joseph Jurt gibt in „Curtius
and the Position of the Intellectual in German Society“ (Journal of European Studies 25 (1995): 1-
16, 6) zu bedenken: „Curtius is first of all a product of the self-reproduction which is specific
for the German university. His career did not represent social ascent, for he already had a
‘name’.“ Aus diesem „type of reproduction“ (4) erkläre sich auch der Elitismus der deutschen
Professoren, die zu einem wesentlich höheren Prozentsatz aus einem intellektuellen bzw. aka-
demischen Milieu stammten als beispielsweise ihre französischen Kollegen.
14
1414
14 So seine eigene Charakterisierung in der Rückschau in dem später doch nicht in Euro-
päische Literatur und lateinisches Mittelalter aufgenommenen „Vorwort zu einem Buche über das
Lateinische Mittelalter und die Europäischen Literaturen“ (Die Wandlung 1.11 (November
1946): 969-74, 972 (=„Anhang“ in Krit. Ess. z. europ. Lit., mit kleinen Änderungen)).
9
freie Bekenntnis derer stützen, die da lieben.15
1515
15
Zu diesem Bild einer Methodik der Elitenbildung fügt sich die Erinnerung
des von Lausberg (61) ebenfalls zitierten Henri Jourdan an Curtius’ Ansprüche
und Maßstäbe: „l’intensité, l’amplitude, la rigueur de son humanisme confondai-
ent tous ceux qui l’approchaient. [...] Ses étudiants pouvaient-ils le suivre?“ und
an das spezifische Zusammenwirken von Abstoßung und Auswahl: „Il les terrori-
sait, a-t-on dit. Je puis témoigner que non. Mais il les choisissait, peut-être avec
une rigueur toujours plus impatiente.“16
1616
16 Eine weitere Reminiszenz Roger Kempfs
ergänzt dieses Bild:
Bien qu’on ait prétendu qu’il terrorisât ses étudiants, c’est par les questions les plus simples
qu’il les déroutait. Comment pouvait-on ignorer le nom des douze apôtres?17
1717
17
Gegenüber Kollegen und erst recht gegenüber solchen, die es werden woll-
ten, verhielt sich Curtius konsequenterweise nicht anders, wie mit drei Beispielen
demonstriert sei: „Invektive“ nennt Christoph Cormeau18
1818
18 Curtius’ 1943er Ent-
gegnung auf Gustav Ehrismanns Artikel über „Die Grundlagen des ritterlichen
Tugendsystems“ von 1919, aus dem Curtius zehn Thesen gar „im Wortlaut zitie-
ren“ zu müssen meinte, „denn es ist die böse Fehlerquelle, aus der sich tausend
Rinnsale seit einem Vierteljahrhundert in die neuere Forschung ergossen ha-
ben“19
1919
19, und in dem ihm an manchen Stellen derartig „der Unsinn auf die Spitze
getrieben“ (512) schien, daß er sich in die Pflicht genommen fühlte, sogar für die
15
1515
15 Der in dem hochgestimmten drittletzten Absatz des Schlußkapitels „Humanismus als
Initiative“ unmittelbar vorausgehende Satz wird von Lausberg leider nicht zitiert; er lautet: „In
der Praxis und Technik der jüngsten politischen Revolutionen ist das aristokratische Prinzip der
Auslese zu neuer Bedeutung gelangt.“ (Deutscher Geist in Gefahr. Stuttgart, Berlin: DVA, 1932,
129) 16
1616
16 „Hommage à Ernst Robert Curtius“ 10.
17
1717
17 Roger Kempf, „Hommage“, 25.
18
1818
18 „Der Streit um das ‘ritterliche Tugendsystem’. Zutreffendes und Unzutreffendes in
Curtius’ Kritik an der germanistischen Mediävistik“, „In Ihnen begegnet sich das Abendland“, 156.
Von verschiedenen Forschern sind gegen Curtius’ Kritik Einwände erhoben worden; zahlreiche
Hinweise bei Gustav Konrad, „Europageist und Philologie“, 52, Fn. 6.
19
1919
19 „Das ‘ritterliche Tugendsystem’“, zuerst in Deutsche Vierteljahrschrift 21 (1943): 343-68;
das Thema lag Curtius so sehr am Herzen, daß er den Aufsatz 1948 in Europäische Literatur und
lateinisches Mittelalter aufnahm, aus dem hier zitiert wird (Bern, München: Francke, 81973, 506).
10
ihm ansonsten antipathische Germanistik20
2020
20, innerhalb derer nämlich sich Ehris-
manns „Lehre“ fatalerweise „noch zu Lebzeiten des Autors [...] durchgesetzt“
hatte, berufsethische Verantwortung zu übernehmen und „das Phantom der von
EHRISMANN hingezauberten Moralphilosophie“ (520) „als ein dichtes Gespinst
vielfach verflochtener Irrtümer“ zu entlarven21
2121
21.
Willi Hirdt spricht im Falle von Curtius’ Verriß von Hugo Friedrichs Buch
Die Rechtsmetaphysik der Göttlichen Komödie. Francesca da Rimini (1942) von „zwanzig
Seiten, die einem Entzug der philologischen Ehrenrechte gleichkommen“22
2222
22. Von
seinen Einwänden gegen Friedrichs Terminologie abgesehen hat Curtius es mögli-
cherweise auch deshalb auf sich genommen, in der Positur eines ‘Doyen’ der
deutschen Dantistik gegenüber einem Nachwuchswissenschaftler ein unmißver-
ständliches deontologisches Exempel zu statuieren, weil er entschieden der Mei-
nung war: wer
mit dem Anspruch auftritt, uns wissenschaftlich über Dante zu belehren und „neue Grundsätze
der Interpretation“ aufzustellen (so ist das erste Kapitel überschrieben), von dem dürfen wir
20
2020
20 Lausberg 60: „Seine lateinisch-romanische Weite hatte die Gegenwirkung einer gewis-
sen und etwas preziös zur Schau getragenen Germanophobie. Innerhalb des deutschen Raumes
fühlte er sich nur westlich des römischen Limes herzhaft zu Hause. [...] Die Germanophobie
schloß eine zur Schau getragene Germanistophobie ein, die methodische Anlässe (Das ritterliche
Tugendsystem) und gewisse persönliche Spitzen hatte. Er freute sich über die in Germa-
nistenkreisen verursachte Aufregung, faßte all dies aber nur als Spiel auf (MQ:C.): er war selbst
ein zu guter Germanist, um Germanistenfeind zu werden.“
21
2121
21 Welche Gründe neben den deontologischen ihn zu seiner späten Ehrismann-Kritik
bewogen haben (und eine Selbsteinschätzung seines eigenen Aufsatzes nebst einer originellen
Auffassung von gaia scienza), verrät Curtius in einem dem Wiederabdrucks in ELLMA (506) vor-
angesetzten Absatz, den ich gerne in extenso zitieren möchte:WILHELM SCHERER schrieb am
13. November 1874 (ZfdA 18, 1875, 461): ‘Ich lese lieber kurzweilige sachen als langweilige
und setze diesen geschmack auch bei meinen lesern voraus. Wenn es mir daher ungesucht ge-
lingt, den ernst schwerfälliger erörterungen durch einige lustige bemerkungen zu mildern, so
glaubte ich bisher, mir ein so unschuldiges mittel lebhafterer diskussion nicht versagen zu sol-
len’. Er mußte indes erfahren, daß ‘die erbärmliche empfindlichkeit verletzter eigenliebe oder
die verdammenswerte sucht, recht zu behalten um jeden preis’ an seiner kurzweiligen Polemik
Anstoß nahm. Aber sein Schlußwort lautet: ‘parteisachen gibt’s nicht in der wissenschaft’. Ähn-
liche Gedanken bewegten mich, als ich 1943 die folgende Abhandlung erscheinen ließ.“
22
2222
22 „Ernst Robert Curtius und Dante Alighieri“, „In Ihnen begegnet sich das Abendland“, 188.
Hirdt widerspricht hier Curtius’ Kritik an Friedrich: „Der Fall Francesca stellt also sehr wohl
ein ‘exemplum’ dar“ (189), er erhebt darüber hinaus generelle Einwände gegen Curtius’ Me-
thode, die an „der poetischen Substanz des dichterischen Werkes [...] in einigem Abstand“
(186), und gegen seinen „katalogisierende[n] Ansatz“, der seinerseits „unvermeidbar und weit
an der gehaltlichen Substanz des Werkes vorbeiführt“ (188).
11
erwarten, daß er die Danteforschung berücksichtigt, und zwar in einer Weise, die der Leser
nachprüfen kann.23
2323
23
In Romanistenkreisen ist noch heute die Erinnerung an die „Glunziade“ le-
bendig, die Strafexpedition gegen den Anglisten Hans H. Glunz, laut Hausmann
„das erste Kölner Opfer’’ des zu dieser Zeit wohlgemerkt in Bonn lehrenden Cur-
tius („Hungersnot 95/70), der hier als drittes Beispiel einer Zielscheibe für den
furor deontologicus unseres Gelehrten stehen soll: Während Curtius, „content de
pouvoir me réfugier dans un alibi historique“24
2424
24, sich darauf einrichtete, die ‘nazi-
stische’ Zeit als „willkommene Muße für meine wissenschaftliche Arbeit“25
2525
25 zu
nutzen, und seine Studien des lateinischen europäischen Mittelalters, „un pays que
je ne connaissais pas“ (s. Fn. 24), in aller nötigen Ruhe und mit dem Plan voran-
trieb, die Ergebnisse später nach und nach als Einzel-Untersuchungen zu veröf-
fentlichen, ließ Glunz bereits 1937 einen Band mit dem spektakulären26
2626
26 Titel Die
Literarästhetik des europäischen Mittelalters. Wolfram – Rosenroman – Chaucer – Dante
erscheinen, in dem er es als Anglist unternahm, sich der Curtius besonders am
Herzen liegenden Dante-Forschung anzunehmen und so der Überprüfung auszu-
setzen. Folglich erhielt Glunz eine zünftige Unterweisung „Zur Literarästhetik des
Mittelalters“27
2727
27 und stand von Stund an unter strenger deontologischer Observie-
23
2323
23 „Zur Danteforschung“. Romanische Forschungen 56 (1942): 3-22, 4. Wie sehr gerade
die Sorge um die Dantistik Curtius eine berufsethische Verpflichtung war, zeigt auch ein Brief
an Fritz Schalk vom 11.2.1942 (Lausberg 192): „Dieser Forschung geht es sehr schlecht, wie
Sie aus dem letzten Literaturblatt der Frankfurter Zeitung sehen konnten, wo Vossler in, man
muß schon sagen, liederlicher Weise das neueste Jahrbuch des Schneiders emporgelobt hat.“
24
2424
24 Brief vom 21.3.1933 an Jacques Heurgon, „Hommage“, 20, zitiert nach Lausberg 95.
Im „Vorwort zu einem Buche über das Lateinische Mittelalter und die Europäischen Literatu-
ren“ gibt Curtius 1946 nicht nur ein Beispiel der Kontinuität, die man ihm oft nachgerühmt
hat, er hat dieses Motiv hier erheblich umfänglicher und bedeutungsvoller gemacht: „So ent-
standen 1938 bis 1944 zweiundzwanzig Abhandlungen, die in Fachzeitschriften vorgelegt wur-
den und die mir während des Krieges ein willkommenes geistiges Alibi boten“ (972).
25
2525
25 „Rückblick 1952“. Französischer Geist im zwanzigsten Jahrhundert. Bern, München:
Francke, 1952, 21960, 527.
26
2626
26 Noch im Brief vom 18.9.1941 an Fritz Schalk wird es heißen, Glunz sei „prätentiös
ohne Berechtigung“ (Lausberg 192).
27
2727
27 „Zur Literarästhetik des Mittelalters I“. Zeitschrift für romanische Philologie 58 (1938): 1-
50. In „Über die altfranzösische Epik“ (1944) geht Curtius einleitend erneut auf Glunz’ „un-
haltbare Konstruktion“ ein und unterstreicht schon mit seiner Wortwahl die berufsethische
Seite seiner Intervention: „Ich glaubte mich verpflichtet, die Probleme durch eigene Untersu-
chungen zu fördern“ (Ges. Aufs. zur rom. Philologie, 106). – Hirdt („Abendland“, 187-88) sieht bei
Dante „ein Selbstverständnis, das intensive Zweifel an Curtius’ Konzeption eines ‘sehr autori-
12
rung28
2828
28.
Dabei hätte Curtius allen Grund gehabt, Glunz dankbar zu sein, erhielt er
doch nach eigenem Zeugnis erst durch ihn die fruchtbare und folgenschwere29
2929
29
Aufgabe gestellt, sich mit dem „lateinische[n] Mittelalter und seinen Ausstrah-
lungen intensiv“30
3030
30 auseinanderzusetzen. So jedenfalls stellte er es im November
1946 in seiner ersten Nachkriegsveröffentlichung dar, dem „Vorwort zu einem
Buche über das Lateinische Mittelalter und die Europäischen Literaturen“, als er,
„um dem Leser das Verständnis dieses Buches zu erleichtern“ (969), „etwas über
seine Vorgeschichte sagen zu müssen“ glaubte, „das heißt aber: über den Gang
meiner wissenschaftlichen Entwicklung.“ In diesem Rückblick berichtet Curtius,
daß er sich, einer „zwingende[n] seelische[n] Notwendigkeit“ (970) folgend, be-
reits Ende der zwanziger Jahre von Frankreich entfernt31
3131
31 und „in archaische Be-
wußtseinsschichten“, „in das romanische Mittelalter“ (970; 971 entsprechend für
Spanien ab 1930) und „auf den Weg nach Rom“ begeben hatte (es war denn auch
in Rom, wo er sich während eines Heidelberger Freisemesters Winter 1928/29
mehrere Monate aufhielt, daß ihn am 2.1.1929 der „Ruf nach Bonn“ (Lausberg
90) erreichte32
3232
32). Er erinnert sich dann weiterhin, daß er aus der „durch brennen-
tätsgläubigen’, an der Tradition hängenden Dante begründet, hingegen dem von Hans H. Glunz
diagnostizierten [...] Grundgedanken einer ‘Selbsterhöhung der Person’ Dantes vollkommen
entspricht.“
28
2828
28 Beispiel dieser besonderen Anteilnahme ist der Brief Curtius’ vom 18.9.1941 aus den
Ferien in Überlingen an Fritz Schalk in Köln (Lausberg 192), in dem sich der Bonner Roma-
nist, wie schon einmal am 11.9.1941, gegen eine Berufung des Anglisten Glunz’ als Nachfolger
Schöfflers nach Köln ausspricht; sein deontologisches Urteil: Glunz „ist ein esprit faux [...]. Er
wird nie saubere philologische Arbeit machen.“ 1938 hatte er in „Zur Literarästhetik des Mit-
telalters I“ kritisiert (42), „daß es dem Verfasser an der unerläßlichen philologischen, histori-
schen und philosophischen Schulung gebricht. Über einzelne Irrtümer würde man hin-
wegsehen. Aber im vorliegenden Fall handelt es sich nicht um den einen oder anderen Lapsus,
der jedem unterlaufen kann. Die Fehldeutungen und Mißverständnisse begegnen vielmehr so
häufig, und zwar gerade auch angesichts von Stellen, die längst einwandfrei geklärt sind, daß das
unzureichende philologische Können des Verfassers sein Scheitern nur zum Teil erklärt.“
29
2929
29 Lausberg 129/30: „Curtius hat die Mittelalter-Philologie als Wissenschaft von der
Kontinuität der europäischen Literatur eigentlich erst selbst konstituiert, und zwar durch sein
Buch Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter.“
30
3030
30Vorwort zu einem Buche“ 972.
31
3131
31Als sich meine Arbeit von Frankreich löste, war ein Riegel gesprengt. Der Weg war
frei für das Einströmen des Romerlebnisses in mein Forschen“ („Vorwort zu einem Buche“
971). 32
3232
32 Nach der Rückkehr schreibt er am 26.3.1929 an Heurgon: „J’ai quitté Rome le cœur
navré, et ma tristesse n’a fait qu’augmenter pendant les premiers jours après mon retour. C’est
13
de Nöte der Zeit“ (971) auferlegten Humanismus-Initiative (Deutscher Geist in Ge-
fahr, 1932) außerdem die „praktische Folgerung“ gezogen habe, „Vorlesungen
über die mittellateinische Literatur zu halten“ (972)33
3333
33, weswegen er sich, wie ja
tatsächlich der Brief vom 21.3.1933 an Heurgon zu bestätigen scheint (vgl. Fn.
24), „von Grund auf in die schwierige Materie einarbeiten“ („Vorwort“ 972)
mußte.34
3434
34 Dann schließlich erklärt Curtius ausdrücklich, daß es das Glunz-Buch
war, das ihn vollends als Mittellateiner in die philologische Pflicht genommen ha-
be:
Das 1937 erschienene Buch des Anglisten Glunz über „Die Literaturästhetik [sic] des Mittel-
alters“35
3535
35 (der Verfasser ist inzwischen als Kriegsopfer gefallen) erwies sich als unzulänglich und
wurde von mir 1938 eingehend kritisiert. Diese Auseinandersetzung bedeutete für mich den
Anstoß, das lateinische Mittelalter und seine Ausstrahlung intensiv durchzuarbeiten. So entstan-
den 1938 bis 1944 zweiundzwanzig Abhandlungen. (972)
simplement le chagrin d’avoir à quitter un grand amour; ce chagrin qui laisse le cœur aride et
meurtri. Toutes les beautés et les grandeurs de Rome ne sont pour moi que les aspects de son âme à laquelle
je suis lié par un amour qui défie toute analyse.“ (Lausberg 41)
33
3333
33 Gegenüber Jean de Menasce beschreibt Curtius am 22. Dezember 1944 unaus-
drücklich, aber mit augenfälliger Übereinstimmung eine Duplizität der Ereignisse mit dem Jahr
1929: „Ich schrieb 1931/32 ‘Deutscher Geist in Gefahr’, brach dann zusammen, mußte Jung in
Zürich consultiren. [...] Aus der Krise kam aber auch Heilung. Einem psychischen Zwang fol-
gend warf ich mich auf das Studium der mittellat. Literatur. Ich hielt zwei große Vorlesungen
darüber. Es bedeutete psychisch die Polarisirung um die Roma aeterna. Sie wirkte in mir als
Archetyp im Jungschen Sinne und d. h. zugleich als ein mit vielfältiger Bedeutung und Energie
geladenes Symbol. Es war als wäre ein Riegel gesprengt, ein Tor durchgebrochen. Ich konnte
das geliebte und heilige Rom als Leitstern meines Forschens und Sinnens wählen. Besser gesagt:
es wählte mich, den Deutschrömer. Der Weg nach Rom mußte durch das Mittelalter führen,
das für mich nun zugleich eine archaische Schicht meines Bewußtseins bedeutete. So entstan-
den bis Sept. 1944 22 MA.-Studien.“ (Zitiert nach Wolf-Dieter Lange, „‘Permets-moi de re-
courir une fois de plus à ta science’. Ernst Robert Curtius und Jean de Menasce“, „In Ihnen
begegnet sich das Abendland“, 211) – Zum Zusammenbruch im Frühjahr 1932 vgl. u. S. 66, Fn.
55. 34
3434
34 Allerdings hatte er sich zwei Seiten vorher („Vorwort“ 970) erinnert, daß bereits sein
Lehrer Gröber „in der mittellateinischen Literatur eine der wichtigsten Grundlagen der roma-
nischen Literaturen gesehen und ihr als erster eine vollständige wissenschaftliche Bearbeitung
[gewidmet hatte]. Das verlockte mich, schon während meiner Studienzeit tastende Schritte auf
diesem Gebiet zu tun [Fußnote: „Zu Guibert von Nogent (Münchener Museum 1913]).“
35
3535
35 Es muß wohlgemerkt Literarästhetik heißen; Curtius vernachlässigt zudem, daß auch
schon Glunz sich des europäischen Mittelalters angenommen hatte.
14
Ein Blick in die Bibliographie bestätigt diese Darstellung: der Manrique-Aufsatz
von 1932 verdankt sich wohl eher der Faszination der „imperialen Idee Roms als
zeitlos gültiges Maß des Menschtums“ (971) denn einem mittellateinischen, noch
weniger einem spezifisch europäischen Forschungsinteresse, wie es erst 1948 im
Titel von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter zum Ausdruck kommt (s.
u.). Harri Meier hat die berufsdisziplinarische Seite des philologischen Wirkens
Curtius’ wahrscheinlich nicht nur im Sinne mancher Betroffener wie folgt zu-
sammengefaßt:
Allgemein konnte er gegen Kollegen und Studenten, die er für dumm hielt – und das betraf
nicht wenige – unerbittlich schroff sein. Seine literarische Kritik war gefürchtet, und es gab Pri-
vatdozenten unseres Faches oder von Nebenfächern, denen er durch ausführliche Besprechun-
gen das Selbstvertrauen geschmälert und die Laufbahn nicht gerade beschleunigt hat,36
3636
36
aber dem einen oder anderen mag es ein Trost gewesen sein, wenn er wie Max
Kommerell spüren konnte, daß, „so sehr auch Zimmer mit seinem Raunen über
die in ihm verborgene Haus-Apotheke mit giftigen Pülverchen recht haben mag“,
Curtius doch „ein vielleicht nicht reicher, aber höchst zarter, und im Grund viel-
leicht hingabefroher, aber eben darin auch wohl enttäuschter Mensch“ war, der
„Krisen einer sehr hohen Verletzlichkeit“37
3737
37 zu durchleben hatte und der ja im üb-
rigen, wie bereits angedeutet, am Ende auch gegen sich selbst hart urteilen konnte,
was das nicht genügend gewürdigte berufsethische Motiv hinter Curtius’ Verhalten
herausstreicht38
3838
38.
Immerhin: es scheint, wem es gelang, Curtius den Eindruck zu vermitteln,
daß er das Zeug und den Willen hatte, von ihm zu lernen39
3939
39, wer – es dürfte zuläs-
36
3636
36 „Erinnerung“, „In Ihnen begegnet sich das Abendland“, 17.
37
3737
37 Briefe und Aufzeichnungen 1919-1944. Freiburg, 1967, 303, 279 (Lausberg 57).
38
3838
38 Vgl. etwa Harri Maier („Abendland“, 18) darüber, „wie er nun [in den letzten Lebens-
jahren] rückschauend seine wissenschaftliche Vergangenheit einschätzte: zählen tat statt der in
der weiteren Öffentlichkeit bekannten Veröffentlichungen über die moderne französische Li-
teratur, über spanische Dichter und Schriftsteller der Gegenwart, über die französische Kultur
oder über Themen des geistigen europäischen Lebens vor allem das in der internationalen
Wissenschaft so erfolgreiche opus magnum, die Europäische Literatur und das lateinische Mittelalter
[sic], dem jetzt das ‘zweite Buch’ [scil. Ges. Aufs. zur romanischen Philologie] folgen sollte“.
39
3939
39 Vgl. den Brief Curtius’ vom 25.12.1944 an Hugo Friedrich, besprochen in: Frank-
Rutger Hausmann. „Sie haben keine Neigung, von mir etwas zu lernen’. Ernst Robert Curtius,
15
sig sein, Vosslers „aristokratische“ deontologische „Forderung“ an den deutschen
akademischen Nachwuchs als in Curtius Sinn zu zitieren: – „die Kraft und den
Willen, kurz den Schwung“ zeigte, „in die Höhen und Tiefen zu dringen“40
4040
40, dem
mochte es auch gelingen, Curtius’ komplexe Distanziertheit41
4141
41 zu überwinden, zu
dem konnte Curtius dann nicht nur freundlich und zugänglich werden, für den
konnte er mit seiner „so lückenlosen Umfassung der Räume und Zeiten“42
4242
42, mit
seinem „Wesen“, das „profund nach Ordnung und Klarheit“ strebte43
4343
43, und mit
seinem „Verlangen nach größeren Zusammenhängen Europas“44
4444
44 zu einer wahren
Offenbarung werden, für den bekam, wie Lausberg es empfand, „[s]eine Philolo-
gie“ die Bedeutung einer „die Besten mitreißende[n] Entscheidung für die
Grundlagen, für die Weite, für das Bleibende“ (126). Und solche Besten konnten
sich dann der Gewißheit freuen:
Wer sich dem lebendigen und lebendigmachenden (man muß es offen sagen: „vivo et vivican-
ti“) Strahl dieses Lehrers aussetzte, konnte weder Nazi noch Deutschenhasser noch existentiel-
ler oder soziologistischer Nihilist werden. (Lausberg 126-27)
Helmuth de Haas’ Erinnerung zeigt eine weitere Potenz von Curtius’ Wir-
kens auf:
„Wenn du von ihm kommst, siehst du aus, als hättest du Drogen geschluckt“, sagte mir damals
ein Freund. Ich weiß heute, daß er recht hatte, auch um die Beschaffenheit der „Drogen“.
Ernst Robert Curtius ist ein wertvoller Anreger, die Überschau weitester Zusammenhänge der
Literatur und Historie läßt ein gesichertes geistiges Glück, wie es nur wenigen eignet, auf den
Hugo Friedrich und ‘Die Rechtsmetaphysik der Göttlichen Komödie’“. Mittellateinisches Jahrbuch
28.1 (1993): 101-14.
40
4040
40 Forschung und Bildung an der Universität. München, 1946, 26 (Zit. nach M. Nerlich,
„Romanistik und Anti-Kommunismus“, Das Argument 14.1 (1972): 291).
41
4141
41 Benno von Wiese gibt in Ich erzähle mein Leben. Erinnerungen (Frankfurt a. M.: Insel,
1982, 61) seinen Eindruck des Heidelberger Curtius (1924-29) wieder: „In seiner kühlen
Reserviertheit konnte man ihn fast für einen Chinesen halten.“
42
4242
42 Kommerell 303, und passim, wo er – wie viele andere Zeitgenossen auch, das darf
nicht übersehen werden – ein durchaus sympathisches Bild von Curtius zeichnet; so etwa S.
278-79: „Er ist dick, majestätisch, und skeptisch-lieb, hat ein glotziges breitmäuliges Gesicht
wie ein träger großer Fisch, der wartet was ihm von selbst ins Maul schwimmt.“ (Lausberg 57)
43
4343
43 Wolf-Dieter Lange. „Vorwort“. Französische Literatur des 20. Jahrhunderts. Gestalten und
Tendenzen. Zur Erinnerung an Ernst Robert Curtius (14. April 1886 - 19. April 1956). Hg. W.-D.
Lange. Bonn: Bouvier, 1986, 7.
44
4444
44 Hugo Friedrich. Romanische Literaturen. Aufsätze II: Italien und Spanien. Hg. Brigitte
Schneider-Pachaly. Frankfurt a.M., 1972, 188, zitiert nach Hirdt, „Abendland“, 182.
16
Besucher, auf den Hörer und auf den Leser seiner Bücher überströmen45
4545
45.
Auch Max Rychner spricht in der Freundesgabe für Ernst Robert Curtius zum 14. April
1956 von einem solchen ‘geistigen Glück’, das vielleicht letztlich aus der engen
Verbindung herrührt, in der der Rang-Ordner46
4646
46 und Wahrer der Reinheit Curtius
zu einer transzendenten, ja göttlichen Instanz stand:
Es bedeutet Glück, einem Geiste zu begegnen, der das Glück jenes universal gewillten Kunst-
und Sprachsinnes erfuhr und als das seine fühlte. Ihm haben sich der Grundstrom allen Lebens
– the sacred river – offenbart und die Feuer, die darüber wegziehen und ihre Ordnungen auf
seiner Fläche spiegeln. [...] Die Namen Balzac, Goethe, Emerson, Proust, Hofmannsthal – und
wie mancher noch! – treten in seinem Werk auf eine neue, die erkennende Teilhabe steigernde
Weise in Konstellationen, begriffen vom Grunde ihres Welteinheitsgefühls und seiner Visions-
kraft her. [...] Du bist gepackt von dem wieder zu einem Gipfel sich erhebenden Bewußtsein
von der Einheit des Menschengeschlechts in einer innersten religiösen und geistigen Tendenz,
die inspirierend in einzelnen zu Worte kommen will und mit den durch die Kraft, die Sonne
und Sterne bewegt, geschaffenen Werken eine Hierarchie von sanften Lockungen des Geistes
werden läßt, die ungemeine Befreiungen von engenden Horizontgrenzen unserer Vorstellungen
von Geschichte und Völkerleben bringen werden. Nach der Teilhabe an dieser Tendenz be-
stimmtest Du den Rang der Geister: die grenzaufhebenden Zauberer, die Eröffner neuer Wel-
ten waren Dir die liebsten. Du fandest den Einklang mit dem, was sie an schöpferischer
Liebeskraft in ihre und unsere und künftige Tage gebracht haben, und Deine Strenge gegen die
vielen spürte das Unvermögen zu ihr und wahrte die Reinheit ihrer Sphäre. Einklang – Fest –
Befreiung – offener Horizont – Erkenntnis – Fülle – Freude: derlei Stichworte, welche die
Berührung mit Deiner Kunst heraufruft, reihen sich, um Dich als goldene Kette zu schmük-
ken./ Und wenn ich sie hier niederschreiben durfte, so begegnet meine Freude der Deinen,
denn – dedi de tuo tibi. Vale. (Lausberg 138-39)
Wie aus Curtius’ „Kunst“, so sind auch aus seiner Deontologie einige dieser
Stichworte aufrufbar: Einklang, Befreiung, offener Horizont, Erkenntnis, schließ-
lich Freude und eben „Glück“. Die Botschaft solcher Zeugnisse wäre letztlich eine
translatio felicitatis, jenes ‘Überströmen eines gesicherten geistigen Glücks’; und
dies könnte als Formel, als ein neuer Topos tatsächlich ganz im Sinne dessen sein,
was Curtius als Erfüllung seiner Berufung vorgeschwebt hat: In seinem ersten
Eliot-Essay von 1927, der seiner Übersetzung des Waste Land in der Neuen Schweizer
45
4545
45 „Bild eines Gelehrten“. Rheinische Post, 12.4.1951, zitiert nach Lausberg 126.
46
4646
46 Lessenich, „In Ihnen begegnet sich das Abendland“, 88: „Mit der gleichen Unbeirrtheit,
mit der Curtius einen Topos für bedeutsam und einen Kollegen für bedeutungslos erklärte, ur-
teilte er über Genies und Nichtskönner in der Literatur.“
17
Rundschau vorangestellt war, hat er von dem geradezu ins Synästhetische hochge-
stimmten Erlebnis seiner Begegnung mit diesem Werk in einer Weise berichtet,
die auf eine Art Glücks-Mission hindeutet, welche als letzte Verpflichtung am En-
de seines ethisch geprägten philologischen Strebens gestanden haben mag:
schon beim ersten Lesen, vor Jahren, umstrickte mich, hier und dort blitzhaft aufleuchtend, ein
tönendes Geheimnis, ein klangvolles Glück. Auf diesem Wege bin ich weitergeschritten, auf
diesen Weg möchte ich einige Leser führen.47
4747
47
Robert Minder etwa, für den Curtius der „parfait Européen“ war (zit. n. Lausberg
151), kann als Zeuge dafür gelten, daß Curtius’ Wirken erfolgreich war, scheint er
doch etwas von dieser translatio felicitatis empfangen zu haben: Im Vorwort zu der
von ihm herausgegebenen „Hommage à Ernst Robert Curtius“ (vgl. Fn. 8) spricht
er von Curtius’ “nature erasmienne et burckhardtienne, qui amassait en silence,
ordonnait, édifiait un monde“, und bekennt seine freudige Betroffenheit vor die-
ser Leistung: „Son œuvre unit la solidité à la richesse. Elle nous comble de joie“
(Lausberg 151).
Also nicht nur gelebte translatio studii, nicht nur das hochzielende Beispiel ei-
nes Lebens, aufgezehrt für die Wissenschaft, im stolzen Sisyphos-Dienst an der
Philologie (wohl wissend: „Die Wissenschaft ist etwas, was sich in diesem Leben
nie vollenden kann“48
4848
48), nicht nur ein Wirken, das sich von der Rolle des Richters
über französische (mütterlicherseits vermittelt) und deutsche Lebens- und Gei-
steswerte bis zum freiwilligen Teiresias-Dienst an der Nation spannt, nicht nur das
Vorbild einer Haltung, die - mit allen Konsequenzen, für sich und für andere -
gelebtes, ausstrahlendes, ‘ansteckendes’ Berufsethos bedeutet, eröffnet sich dem-
jenigen, der sich mit Curtius’ Deontologie beschäftigt, sondern manch einer er-
kannte hier außerdem die Verheißung einer Lehre, die für den, der nicht wankt
unter dem „Strahl dieses Lehrers“, den nicht schwindelt vor der „Überschau
weitester Zusammenhänge“ und der nicht zurückschreckt vor der „Entscheidung
für die Grundlagen“ und „für das Bleibende“, in einer Art philologisch-ethischem
Synergismus zu einer Läuterung der gesamten geistigen Existenz und zuletzt durch
47
4747
47 T.S. Eliot I“. Kritische Essays zur europäischen Literatur, 316.
48
4848
48 „Einführung“. in: José Ortega y Gasset. Die Aufgabe unserer Zeit. Zürich: Verlag der Neu-
en Schweizer Rundschau, 1928, 14. Es ist kaum möglich, im Kontext dieser Stelle Paraphrase
und eigene Gedanken Curtius’ zu differenzieren; das gilt auch für den folgenden Satz, der an-
sonsten im Zusammenhang unseres Themas bezeichnend sein könnte: „Die Werte der Er-
kenntnis und der Sittlichkeit sind auch in einem unendlichen Geschichtsprozeß nicht
vollendbar.“
18
die translatio felicitatis zur freigebig gewährten Teilhabe an jenem exklusiven gesi-
cherten geistigen Glück, zu einer glückhaften Erfassung der Literaturen und Kulturen
werden konnte.
19
2 STRENGE UND ENERGIE: DAS DOGMA DER VIS MAXIMA
Eine sehr spezifische Ausformung der Zusammenschau des Methodischen und des
Moralischen scheint mir das bemerkenswerteste Charakteristikum von Curtius’
philologischer Deontologie darzustellen. Ganz allgemein zeigt sich bei ihm bezüg-
lich dieses Zusammenhangs eine erhöhte Sensibilität, und seine Wertschätzung
anderer Gelehrter scheint sogar unmittelbar daran geknüpft gewesen zu sein, in-
wieweit er meinte, dieses Moment bei ihnen erkennen zu können. Zwei Beispiele
mögen sein empathisches Verständnis herausragender kollegialer Positionen, in
denen er Ethik und Methodik verbunden sah, verdeutlichen und die Tendenz auf-
zeigen, die sein Interesse an den verschiedenen Facetten dieses Phänomens ihn
einnehmen lassen wird.
Den ersten Absatz der „Geschichte der romanischen Philologie“ (im Grundriß
der romanischen Philologie, nur in der ersten Auflage von 1888 enthalten) von Gustav
Gröber, seinem Lehrer und sicherlich wichtigstem Vorbild, zitiert Curtius 1952 in
dem Gedenkaufsatz „Gustav Gröber und die romanische Philologie“ in toto und
charakterisiert ihn als „in nuce ein Discours de la méthode49
4949
49. Der Eindruck dieser
Methodik auf ihn ist damit aber nicht erschöpft, sie übersteigt für sein Gefühl ein-
deutig diese pragmatische methodologische Ebene: Curtius empfindet, „in der Tat
spricht in diesen Sätzen ein persönliches wissenschaftliches Ethos“, und er erklärt
es zu nicht weniger als einem „Glück“, „in der Lehre bei Gröber dieses Element
menschlicher Größe zu ahnen“ (wir finden im Verhältnis des Schülers zu seinem
Lehrer also jene translatio felicitatis bereits vorgeformt). Schon 1946, in der Wand-
lung, hatte Curtius diesen Absatz in dem geplanten „Vorwort“ zu Europäische Lite-
ratur und lateinisches Mittelalter herangezogen, um „Entstehung und Wandlung“
(972) seiner mittelalterlichen Studien zu „kennzeichnen“, die nämlich „nicht nach
einem vorbestimmten Plane angelegt“ waren, sondern der Gröberschen Methode
folgten, die hier als methodologisches, gewissermaßen aber auch als berufsethi-
49
4949
49 Zeitschrift für romanische Philologie 67; hier zitiert nach: Ges. Aufsätze zur rom. Philologie,
448. Daß Gröber diesen Absatz in der zweiten Auflage wegließ, erklärt Curtius bezeichnender-
weise damit, daß „ihn Gröber mit seinem steigenden Bedürfnis nach Ausschaltung alles Sub-
jektiven aus der wissenschaftlichen Darlegung noch zu persönlich, zu pathetisch fand.“ Das aber
sollte dann doch wohl nicht bedeuten, daß er nicht mehr ‘stimmte’, daß diese ‘subjektive’ Me-
thode plötzlich nicht stattgehabt hätte, sondern nur, daß Gröber sich entschlossen hätte, sie
nicht mehr öffentlich zu machen. Curtius’ Beschreibung seiner eigenen Methode in Kapitel 18
von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter erinnert nach meinem Empfinden stark an
diese Gröber-Stelle.
20
sches Exempel im Sinne Curtius’ wiedergegeben sei:
Absichtslose Wahrnehmung, unscheinbare Anfänge gehen dem zielbewußten Suchen, dem all-
seitigen Erfassen des Gegenstandes voraus. Im sprungweisen Durchmessen des Raumes hascht
dann der Suchende nach dem Ziel. Mit einem Schema unfertiger Ansichten über ähnliche Ge-
genstände scheint er das Ganze erfassen zu können, ehe Natur und Teile gekannt sind. Der
vorschnellen Meinung folgt die Einsicht des Irrtums, nur langsam der Entschluß, dem Gegen-
stand in kleinen und kleinsten Schritten nahe zu kommen, Teil und Teilchen zu beschauen und
nicht zu ruhen, bis die Überzeugung gewonnen ist, daß sie nur so und nicht anders aufgefaßt
werden dürfen. (Grundriß I (1888), 3; zit. n. „Vorwort“ 972f)
Bei Américo Castro („Wie Ortega gehört Castro zu den Zierden der Madri-
der Universität, an der er das Fach der romanischen Philologie vertreten hat. Ne-
ben Menendez Pidal ist er der bedeutendste Sprach- und Literaturforscher
Spaniens“50
5050
50) sieht Curtius den – wie sich erweisen wird – signifikanten Punkt,
daß für ihn „Philologie eine Form des Humanismus“ sei, und zeigt bei dem Spa-
nier eine ihn offensichtlich besonders ansprechende, dabei doch überraschende
Koinzidenz auf von selbstlos aufopferndem forscherischem Heldenmut, dem ja
schon für sich ein moralischer Wert zukäme, und einer verantwortungsbewußten
Programmatik, die Ethik und Methodik einen gleichermaßen entscheidenden
Stellenwert einräumt:
Américo Castro, der vor der entsagungsvollsten grammatischen Einzelforschung nicht zurück-
geschreckt ist, hat doch zugleich den programmatischen Satz geprägt: „Der Fortschritt der
Philologie hängt von der Verfeinerung und Präzisierung der Begriffe ab; von der Art und Weise,
wie wir die menschlichen Werte verstehen.“
In dieser Formulierung erkennt Curtius, wie schon zuvor im selben Vortrag in den
Werken von Unamuno, Ortega, Marañon und Perez de Ayala, „eine im Leben er-
schaute Skala menschlicher Werte“ (55). Seine Wertschätzung läßt sich daran er-
messen, daß er das originale Castro-Zitat als Motto über den für seine
Entwicklung wichtigen Aufsatz „Jorge Manrique und der Kaisergedanke“ von
1932 setzte, den er mit der Reminiszenz schloß: „Der Deutsche [...] wird sich
erinnern dürfen, daß seine Nation die imperiale Idee Roms“, das ‘zeitlos gültige
50
5050
50 Vom spanischen Geistesleben der Gegenwart“. Bericht der 14. Hauptversammlung der Ge-
sellschaft von Freunden und Förderern der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. 1931, 45-
56, 55. Curtius gibt noch das folgende ethische Urteil über Castro, der gerade neuer spanischer
Botschafter in Berlin geworden ist: „Auch er gehört in die Reihe der Intellektuellen, die sich
aus dem Bewußtsein sittlicher Verantwortung in die Politik hineinbegaben.“
21
Maß des Menschtums’, „durch tausend Jahre trug“ (Ges. Aufs. 372).
Curtius selbst könnte man als dritten zu den beiden vorgenannten Romani-
sten51
5151
51 stellen, aber er geht in dem hier interessierenden Aspekt eindeutig über sie
hinaus: bei ihm handelt es sich um mehr als nur um eine Art Kontiguität (Castro)
oder hineingelesene Immanenz (Gröber), die womöglich vor allem seiner eigenen
deontologischen Sensibilität und Phantasie zu danken ist. Diese Vermögen zeigen
sich allerdings schon in einem frühen Aufsatz von 192052
5252
52, in dem Curtius gegen
Max Weber und mit „Hinweis auf Platon, der aus einer Liebesbeziehung zum Er-
kenntnisgegenstande eine methodische Voraussetzung des Erkennens macht“
(202), die „Aufgabe einer eigenen, und für jede Erkenntnisart, für jede Wissen-
schaftsgruppe neu anzustellenden methodologischen Überlegung“ postuliert, die
darin bestehen solle „auszumachen, ob – und, wenn ja, in welcher Weise – sie ei-
ne Beteiligung oder eine disponierende Vorbereitung der Gesamtpersönlichkeit
fordert“. Curtius bringt vor, das „‘Erleben’“ könne, zumindest für die „‘histori-
schen Kulturwissenschaften’“, als „eine solche erkenntnisbedingende Funktion
der Persönlichkeit“ angesehen werden, und zieht daraus den nachgerade pro-
grammatischen deontologischen Schluß:
Der Ertrag [...] geistesgeschichtlicher Forschung wird notwendig davon abhängen, in welchem
Umfang und mit wie starker seelischer Beteiligung der betreffende Gelehrte die Wertqualitäten
seines Arbeitsgebietes erlebt hat. (202)
Curtius arbeitet hier mit einem recht weiten Begriff des Methodologischen,
51
5151
51 Über den in seinen Augen nicht zuletzt als Moralisten zu sehenden Hugo von Hof-
mannsthal, der als Österreicher mit dem „romanischen Wesen“ „als Besitzender“ „schaltete“
und in der Romania „angestammte Lande als Wiedererkennender“ betrat, wo ihn ein „Aristo-
kratismus des Blutes und der Instinkte [...] in die Jahrhunderte des Philip Chandos, des Mar-
schalls von Bassompierre“ zog (der Großvater, ein zum Katholizismus konvertierter Jude, hatte
eine Italienerin geheiratet; die Edlen von Hofmannsthal (seit 1835) hatten ursprünglich Hof-
mann geheißen), schreibt Curtius bezüglich dessen romanistischer Studien: „Die Habilitation
ist dann doch nicht vollzogen worden. Halten wir es wenigstens für die Erinnerung fest, daß ein
souveräner Genius, Dichter und Forscher, Kritiker und Kenner in einer Person, sich an der
Wende seiner Jugend getrieben fand, die Erkenntnis der Romanität als Ziel zu wählen.
(„Hofmannsthal und die Romanität“ (1929), Krit. Ess., 124-25) – Über den verehrten Stefan
George heißt es in „George, Hofmannsthal und Calderon“ (1934): „Es ist doch nicht ganz be-
langlos, zu wissen, daß er an der Berliner Universität Vorlesungen über romanische Philologie
gehört hat.“ (Krit. Ess., 130)
52
5252
52 In „Max Weber über Wissenschaft als Beruf“ (Die Arbeitsgemeinschaft, Januar 1920,
197-203) setzt sich Curtius kritisch mit dessen gleichnamigem Vortrag auseinander.
22
aber es ist nicht von der Hand zu weisen, daß seine psychologisch-
epistemologische Spekulation über das ‘Erleben’ einen wenig streitbaren Kern hat.
Es wird jedenfalls schon in dieser Auseinandersetzung mit Max Weber spürbar
gerade auch im bekenntnishaften Schlußabsatz, in dem die Emphase des gesamten
Artikels fokussiert scheint –, daß es ihm parallel zu der Bindung des ‘Erkennens’
an das ‘Erleben’ um eine organische und grundlegende Beziehung zwischen den
Sphären des Wissenschaftlich-Methodischen und des Ethischen zu tun ist, das sei-
ne Ausprägung in den „geistigen Lebenswerten“ findet, und daß er nicht nur eine
fundamentale epistemische Abhängigkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse von
ihrer ethischen Fundierung, sondern eine Stufung der Sphären sieht:
Wenn diese Jugend53
5353
53 „Persönlichkeit“ und „Erleben“ fordert, so liegt darin jedenfalls der tief
berechtigte Gedanke, daß der Sinn des wissenschaftlichen Daseins verankert sein muß in einer
Sinndeutung des Menschtums. Der Sinn und Wert der Wissenschaft kann nicht empirisch aus
einem entwicklungsgeschichtlichen Tatbestand (Intellektualisierungsprozeß) abgeleitet werden,
wie Max Weber es tut. Er kann vielmehr nur aus einer universal fundierenden Gesamtan-
schaung von den Lebenswerten und ihrer Rangordnung bestimmt werden, die das Ziel aller
philosophischen Besinnung sein muß, deren Grundzüge aber auch da evident gegeben sein
können, wo ihre strenge philosophische Formulierung nicht erreicht ist.54
5454
54 [...] wir wissen [...],
daß [...] die Universität nicht nur eine Forschungs-, sondern auch eine Bildungseinrichtung ist;
daß auch die Erziehung zu wissenschaftlicher Sachlichkeit (die wir heute dringend genug brau-
chen) sich einfügt in das umfassendere Ziel der Vermittlung von geistigen Lebenswerten. (meine
Hervorhebung)
Es wird sich in seiner späteren Entwicklung erweisen, daß er aus einer festen
Überzeugung von der gegenseitigen und notwendigen Bedingtheit von Methode
und Moral eine wirkliche, eine interaktive Verbindung dieser Bereiche nicht nur
für denkbar hält, sondern als für wirkliche Erkenntnis in der Philologie und der Li-
teraturkritik unabdingbar ansieht.
In der quantitativen Bestimmung des vorletzten Zitats: „in welchem Umfang
und mit wie starker seelischer Beteiligung“ – übrigens genauso in der druckvollen
Castro-Würdigung – deutet sich aber noch etwas anderes an, das in meinen Augen
53
5353
53 Curtius spricht von der akademischen Jugend nach dem Ersten Weltkrieg; für „ihr et-
was verschwommenes Schwärmertum, ihre Verachtung schlichten Tatsachenwissens“ und ihren
„Drang, sofort und überall in ein Absolutes durchzustoßen“ mahnt er Verständnis an, denn als
selbst Betroffener sieht der Frontsoldat Curtius, „daß die aus dem Krieg Heimgekehrten in ei-
ner seelischen Verfassung sind, für die es keinen Präzedenzfall gibt“ (200).
54
5454
54 Vgl. u. die Ausführungen zur Strenge und zu Curtius Verhältnis zur Philosophie.
23
das Spezifische an Curtius’ Auffassung dieses Verhältnisses ausmacht. Dieses näm-
lich stellt sich für Curtius offensichtlich so dar, daß eine bestimmte methodische
Angehensweise ihre Moral von vornherein in sich birgt: Ethisch wertvoll ist eine
besondere Art der Anwendung, und zwar, wie sich zeigen wird, eine energische,
strenge Anwendung von Methode; oder anders ausgedrückt: mit Energie angewandte
strenge Methoden besitzen moralische Qualität, denn allem Energischen, Vitalen,
Kraftvollen, Tätigen, mit Arbeit, Aufwand und Anstrengung Verbundenen eignet
per se ein ethischer Wert. Daß die mit dem Begriff des Arbeitsethos verbundene
Vorstellung, nach der der menschlichen Arbeit als solcher ein sittlicher Wert zuge-
schrieben wird, auf den des Berufsethos abfärbt, kann nicht verwundern. Gerade
Curtius, dem Protestanten und Sohn eines Theologen (des „Präsidenten des Di-
rektoriums und des Oberkonsistoriums der Kirche Augsburgischer Konfession in
Elsaß-Lothringen“ (Lausberg 21)), wird es nicht völlig fremd gewesen sein, daß
etwa die
calvinistisch-puritanische Prädestinationslehre [...], wie Max Weber gezeigt hat, die Arbeit als
ein wichtiges Feld irdischer Bewährung heraus[stellte]55
5555
55,
ihr also einen sittlichen Wert beimaß. Daß es sich um eine Curtius’ natürlich ge-
läufige Vorstellung handelt, zeigt eine Stelle aus Deutscher Geist in Gefahr (1932), die
vor allem deshalb interessant ist, weil sie zum einen das Arbeitsethos mit dem
„Erleben“ vordergründig kontrastiert, zum anderen weil hinter der vordergründi-
gen Kontrastierung, die ja recht besehen nur das „ärmliche“ Arbeitsethos betrifft,
die fundamentale Vorstellung Curtius’ von den komplementären Gegensatz-Paaren
zum Vorschein kommt, deren Vereinigung nach seiner Überzeugung oberstes ethi-
sches und epistemisches Postulat ist: Wenn er zwölf Jahre nach dem Weber-
Aufsatz in Deutscher Geist in Gefahr „die deutsche Jugend, die bei Langemarck ver-
blutete“, preist, die „Sinngebung statt Buchstabenwissen, Weite des Erlebens statt
eines ärmlichen Arbeitsethos [begehrte]“ (51), dann steht dahinter die denkeri-
sche Grundkonstante Curtius’, daß es immer beide Seiten der komplementären
Medaille braucht, um etwas Großes zu schaffen, hier also: Erleben und richtig
55
5555
55 Enzyklopädie der Philosophie, Stichwort „Arbeit“, 23. – Dabei muß Curtius Weber stark
als Antipoden empfunden haben, wenn dieser in „Die protestantische Ethik und der Geist des
Kapitalismus“ schreibt: „Die ‘protestantische Ethik’ entsprach einer Berufsethik, die im Sinne
der Prädestination als Selbstzweck verstanden wurde. Der Beruf wird zur Berufung, die den
normativen Kriterien des modernen Kapitalismus entspricht: der rationalen Arbeitsorganisation
und Kapitalverwertung.“ (Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 20/21 (1905))
24
verstandenes Arbeitsethos, Wissen, das erst durch Sinngebung zu einem sinnvollen
lebendigen Wissen wird.
Belege für die besondere Hochachtung, die Curtius vor großen Arbeits-
leistungen empfand, finden sich durch sein gesamtes Werk. Neben reichlich Ei-
genlob und manchem Kokettieren mit der Last des Amtes und der Fron des
Schreibens bis zur Verausgabung (im Winter 1931/32 scheint er sich bei der Fer-
tigstellung von Deutscher Geist in Gefahr allerdings in einen derartigen Arbeitsrausch
hineingesteigert zu haben, daß er eine Art Zusammenbruch erlitt56
5656
56) bringt er auch
in seiner Korrespondenz zum Ausdruck, wie sehr dieses Moment der Leistungs-
entfaltung – ganz ähnlich dem Methode-Moral-Konnex – für ihn die Attraktivität
und die Wertigkeit eines Gelehrten-Kollegen ausmachte. So schwärmt er etwa in
einem Brief an Carl Schmitt vom 13.1.1922 nach der Lektüre von dessen Politische
Romantik (1919) und „Politische Theorie und Romantik“ (1921):
Sie enthalten so viel Tatsachen- und Ideenstoff, daß man nicht auf einmal damit fertig wird. Sie
haben mich mit diesen Arbeiten in einen Efferveszenzzustand gebracht, den nur eine res magni
56
5656
56 In seiner Korrespondenz mit Catherine Pozzi berichtet Curtius am 6.1.1932 von dem
„rude travail“, den die Fertigstellung von Deutscher Geist in Gefahr bedeutet, und ergänzt bezüg-
lich des Schlußkapitels „Humanismus als Initiative“: „Je crois pouvoir le faire, parce que depuis
2 mois je profite d’une exaltation spirituelle qui est un don immérité comme l’état de grâce.
Sans elle, je souffrirais infiniment plus que je ne le fais du gâchis mondial.“ Drei Wochen später
zeigt sich diese Exaltation, die bei der Lektüre des Humanismus-Kapitels meiner Ansicht nach
deutlich zu spüren ist, noch intensiviert (Poststempel 27.1.1932): „J’ai besoin de beaucoup
d’humilité, de prudence, de modération, de grâce et d’intercessions. Priez pour moi. / ERC / Je
ferai une théorie de ‘la Sibylle’ / Nerval! / français! – et orphique.“ Der Brief vom 25.2.1932
(Postst.) beginnt dann: „Je suis alité pour qqs jours – petite faiblesse cardiaque due à l’overwork“.
(Zit. n. „Ernst Robert Curtius. Lettres à Catherine Pozzi (1928-1934)“, ERC et l’dée d’Europe,
380, 381.) – Gegenüber Gide hatte Curtius seinen „état de fécondité intérieure qui me mainti-
ent dans une sorte d’allégresse“ (die in einem merklichen Gegensatz zu seinem Sujet steht) be-
reits am 24.12.1931 erwähnt: „ces élévations miraculeuses“ nutzt er für die Abfassung von
Abbau der Bildung“ (Dt. Geist in Gefahr), betont aber: „Mais je pourrais également faire autre
chose“ (Dt.-fr. Gespr. 127). Der nächste datierte Brief der Korrespondenz (15.3.32, Baden-
Baden) meldet aber auch an Gide (mit einer interessanten diagnostischen Variante): „J’ai été
obligé de me faire soigner ici à la suite d’un nervous breakdown, effet d’un surmenage intel-
lectuel.“ (129) – Vgl. auch o. Fn. 33; am 22.12.1945 berichtet er Jean de Menasce von dieser
schwierigen Lebensphase: „In diesem Jahr – 1932 – wurde ich durch tiefe Erschütterungen
meiner Psyche in einen Zustand von alternirenden produktiver Spannung und schwerer De-
pression versetzt. Ich schrieb „Deutscher Geist in Gefahr“, brach dann zusammen, mußte Jung
in Zürich consultiren. Es war eine schwere Krise, in der ich später die unbewußte Anticipation
des Grauens erkannte, das 1933 begann. Aus der Krise kam aber auch Heilung.(Zit. n. Lange,
„‘Permets-moi de recourir’“, „Abendland“, 211)
25
momenti erzeugt57
5757
57,
um nach eingehender Besprechung mit dem (ziemlich vorbehaltlosen: man deute
das abschließende „möchte“) Lob zu enden:
Von der außerordentlichen positiven Belehrung will ich erst gar nichts sagen. Ihre Belesenheit
um noch dies Detail zu erwähnen – ist ja einfach stupend und verrät eine Arbeitskraft und eine
geistige Energie, um die ich Sie beneiden möchte. (12-13)
In dem erwähnten programmatischen Schlußabsatz der 1920er Weber-
Kritik (vgl. Fn. 52) des gerade in Bonn zum außerplanmäßigen Professor ernann-
ten jungen Curtius findet sich darum selbst inmitten eines idealistisch hochge-
stimmten Kontextes noch eine Reminiszenz an dieses Leistungsprinzip:
Auch wenn wir keine Metaphysiker sind, wissen wir ganz genau, daß es ein Heiliges, ein Gutes,
ein Schönes und ein Wahres gibt; [...] daß ein Mensch um so wertvoller ist, je tiefer und je
umfassender er diese Werte erschaut und verwirklicht (203),
woneben sich in bezeichnender Parallele die folgenden Sätze aus dem Eintrag
„Ethik“ im Philosophischen Wörterbuch stellen lassen, in denen das Abhängigkeits-
verhältnis von Ethik und Energie in der Vorstellung von einer ethischen Energie zum
Ausdruck kommt :
Die Ethik zeigt, daß der Mensch dann ethisch richtig handelt, wenn er denjenigen Wert ver-
wirklicht, der zu seiner Verwirklichung das höhere Maß an ethischer Energie (z. B. Selbstlosig-
keit) verlangt. Der erforderliche Energiebedarf zeigt an, daß der betreffende Wert einen (für
das Individuum) höheren Rang einnimmt, als die anderen zur Wahl stehenden Werte. Die
Verwirklichung des jeweils höchsten erkennbaren Wertes ist das Gute, die Verwirklichung eines
tiefer stehenden Wertes ist das Böse.58
5858
58
Es mag verständlich sein, daß einen Menschen, der so chronisch fleißig und
57
5757
57 „Briefe von Ernst Robert Curtius an Carl Schmitt (1921/22)“. Hg. Rolf Nagel. Archiv
für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen 218. Bd., 133. Jg. (1981): 1-15, 9.
58
5858
58 Philosophisches Wörterbuch. Begr. von Heinrich Schmidt. Kröner Taschenausgabe 13.
Stuttgart: Kröner, 211982, 171. Seite 170 heißt es: „Jeder als solcher erkannte ethische Wert
lenkt die ethische Energie des Menschen auf sich und fordert vom Menschen seine Ver-
wirklichung (Aufforderungscharakter).“
26
lernwillig59
5959
59 war wie der workaholic Curtius, seine Begeisterung und seine Wert-
schätzung für die Arbeit und ihr Ethos dazu führen können, die Gesellschaft und
selbst Nationen auf diesen Aspekt hin zu betrachten. So stellt er auf der ersten
Seite von Die französische Kultur im 1. Kapitel „Der französische Kulturbegriff“ dies-
bezügliche imagologische Überlegungen an und führt, nachdem er den Franzosen
einleitend bereits „Sachlichkeit und Ordnung“60
6060
60 abgesprochen hat, als zweites
„elementares Beispiel für die von ihm behauptete Unterschiedlichkeit des deut-
schen vom französischen „Wertsystem“ an:
Wir Deutsche pflegen den Menschen nach seiner Leistung zu bewerten. Wir schätzen die Ar-
beit um ihrer selbst willen. Wir bemessen ihren Wert nach der Gründlichkeit und Sachlichkeit,
mit der sie geleistet wird. Frankreich kennt dieses Arbeitsethos nicht.
Curtius geht aber noch weiter und spricht Frankreich darüber hinaus das Vermö-
gen ab, auch nur ein Verständnis für dieses Ethos bei anderen aufbringen zu kön-
nen: „Frankreich kennt dieses Arbeitsethos nicht. Es versteht es darum auch bei
uns nicht“ (1-2).
Curtius’ berufliche Deontologie zeigt sich hier sehr entfernt etwa von dem
Postulat seines Fachkollegen Leo Spitzer, nach dem der Philologe „den Ausgleich
zwischen Nationalgefühl und Philologie sich immer neu erkämpfen“ muß. Spitzer
hat in „Das Eigene und das Fremde“ postuliert:
Der deutsche Philologe, der Französisches betrachtet, muß sich dies Französische fast bis zu
dem Punkt aneignen können, wo ihm die Nationalgrenzen schwinden – und der Deutsche, der
Deutsches zu ergründen sucht, einen Abstand zum studierten Objekt wahren können, fast als
ob er ein Fremder wäre (576-77).
Zur selben Zeit, da Curtius sich dem sehr verschiedenen Programm widmete, sei-
nen Landsleuten „die zentrale Bedeutung“ zu vermitteln, „welche die Aufgabe des
59
5959
59 „Lettres à Catherine Pozzi“ (16.11.1931): „je travaille comme un élève appliqué. [...]
Il y a en moi un collégien éternel qui est ravis d’apprendre. Je voudrais (au fond) apprendre
parfaitement et exactement toutes choses.“ (377-78)
60
6060
60 In der wesentlich kürzeren Zeitschriftenfassung dieses Kapitels (1927 unter dem Titel
„Französische Civilisation und Abendland“ erschienen) war er insofern etwas konzilianter ge-
wesen, als er den Franzosen lediglich „Pünktlichkeit und Ordnung“ bestritten hatte (Europäische
Revue 3 (1927): 178-92, 180). – Es ist interessant zu sehen, daß Curtius seine vergleichende
Charakterologie mit der Klage einleitet, es ergäben „sich oft Mißverständnisse grundlegender
Art, weil jeder der beiden Partner das – latente oder bewußte – Wertsystem seiner National-
kultur als Maßstab an die Fremdkultur heranträgt“ (Die frz. Kultur 1).
27
Frankreichverständnisses für die Selbstbestimmung des deutschen Geistes gehabt
hat“61
6161
61, und das deutsche Wesen zu deuten, ja zu definieren, eine Aufgabe, die man
unter gar keinen Umständen, „sei es aus Lässigkeit, sei es aus falschem Stolz, sei es
aus Schlaffheit“62
6262
62 dem Ausland überlassen durfte, hat Albert Schweitzer, mit dem
61
6161
61 Bei Adam Müller hatte sich für Curtius „die zentrale Bedeutung [gezeigt], welche die
Aufgabe des Frankreichverständnisses für die Selbstbestimmung des deutschen Geistes gehabt
hat“, schrieb er 1932 in „Friedrich Schlegel und Frankreich“ für die Zeitschrift für französischen
und englischen Unterricht (wieder in Krit. Ess., 88-99, 93). Als guter Schelerianer vergaß er nie,
daß jede „Kulturidee“ immer „zugleich eine Missionsidee ist“ („Zivilisation und Germanismus“
219) und daß darum gilt: „Wer sich mit Frankreich messen, wer das eigene Wesen gleichgeord-
net neben dem französischen vertreten und als weltgültig ausweisen will, der darf vor der fran-
zösischen Kultur die Augen nicht verschließen“ („Pontigny. Sommer 1922“, Frz. Geist im neuen
Europa, 338-39). Die französische Kultur von 1930, laut Curtius eine „Strukturanalyse“ (vii) der
französischen Kultur, die er ganz dezidiert als seinen Beitrag („dienlich“) zu der weitgehend na-
tional-hegemonialen Zielen verschriebenen Kulturkunde verstand, als einen Beitrag, dem er
sogar ausdrücklich einen „seelenhygienischen Wert der Selbstbestimmung“ für Deutschland
beimaß, bildet nach 15 Jahre dauerndem Wirken den Abschluß und Höhepunkt seiner auf
Frankreich bezogenen national-deontologischen Bemühungen. Hierzu zwei englischsprachige
Stimmen: René Wellek kommt zu der Einschätzung, „Curtius’s main inspiration is a high-
minded nationalism which in the interest of Germany labors to reach a reconciliation with
France. [...] France is seen [...] in oddly simplified terms of a contrast to Germany; [...] mostly
he operates with the most worn-out clichés: the contrast between North and South, or the as-
sumed Gallic, Roman, and Germanic layers in the French mind“ („The Literary Criticism of
Ernst Robert Curtius“. PTL: A Journal for Descriptive Poetics and Theory of Literature 3 (1978): 25-
44; 29-30), und Arthur E. Evans erkennt in seiner umfangreichen Untersuchung („Ernst Ro-
bert Curtius“. On Four Modern Humanists. Hofmannsthal. Gundolf. Curtius. Kantorowicz. Hg. A. E. E.
Princeton, N. J.: Princeton UP, 1970, 85-145), daß „it was from Scheler that he derived the
methodological basis and ideational categories“ (103) und daß „the work is situated very much
within the tradition of German Geistesgeschichte“ (107-8), wenn er auch daraus nicht die nö-
tigen Hinterfragungen z. B. bezüglich Schelers Krieg und Aufbau und „Über die Nationalideen
der großen Nationen“ ableitet.
62
6262
62 In „Zivilisation und Germanismus“ schreibt Curtius: „Viele von uns – und nicht die
schlechtesten – sind geneigt, die Spannung dieser psychologischen Situation daß die Undefi-
nierbarkeit zur Definition Deutschlands gehört durch ein Non possumus zu lösen. Es wider-
strebt ihnen, sich selbst erklären zu sollen. Es scheint ihnen, als würde damit eine gewisse
Vornehmheit und Scheu verletzt, die zum Wesen männlicher Selbstachtung gehört. Ein fausti-
sches Bewußtsein vom Unendlichen der Individualität wehrt sich gegen alle Formeln, welche
Deutschland umreißen sollen. Und doch [...]. Die Frage: ‘Wie deuten wir uns?’, die Ernst Ber-
tram während des Krieges stellte, heischt sie nicht Besinnung, Beantwortung? Sollen wir es den
Nachbarvölkern überlassen, die Deutschheit mit Formeln zu umschreiben, die falsch und ein-
seitig sein müssen, weil sie einem Blick von außen entstammen und einer Gesinnung, der zu oft
die Bereitschaft einfühlenden Verstehens fehlt? Berauben wir uns nicht selbst eines Gemein-
schaftsbewußtseins, das der Entfaltung des einzelnen erst die verstärkende Resonanz geben
würde, wenn wir, sei es aus Lässigkeit, sei es aus falschem Stolz, sei es aus Schlaffheit, die Auf-
28
Curtius aufgrund biographischer Koinzidenzen häufig auf eine Weise in Zusam-
menhang gebracht wird, die ihre tiefgreifende emotionale und ideologische Un-
vereinbarkeit in unzulässiger Weise dissimuliert, in seiner „Kulturphilosophie“
lapidar dekretiert: „Der Anspruch auf nationale Kultur, wie er heute erhoben
wird, ist eine krankhafte Erscheinung“63
6363
63, und grundsätzlich als verhängnisvoll kri-
tisiert, daß die nationale Idee überhaupt in den Rang eines „hochwertigen Kultu-
rideal[s] erhoben worden“ ist. Er gab zu bedenken:
Als die Kultur in Niedergang kam, sanken die andern Kulturideale dahin. Die nationale Idee
aber erhielt sich weiter, weil sie in die Wirklichkeit übergegangen war. Sie verkörperte hinfort,
was von Kultur übriggeblieben war, und wurde das Ideal der Ideale. Daraus erklärt sich die
Mentalität unserer Zeit, die den ganzen Enthusiasmus, dessen sie fähig ist, auf die nationale
Idee konzentriert und in ihr alle geistigen und sittlichen Güter zu besitzen glaubt. (55)
Für unsere Zeit sei als Plädoyer für eine a-nationale Haltung, die dem Philologen
sehr wohl anstehen würde, ein Zitat aus George Steiners „Our Homeland, the
Text“ (1985) hinzugefügt, das die nationale Frage aus einem deklariert jüdischen
und übrigens durchaus Israel-kritischen Blickwinkel beantwortet:
How can a thinking man, a native of the word, be anything but the most wary and provisional of
patriots? The nation-state is founded on myths of instauration and of militant glory. It perpetu-
ates itself by lies and half-truths (machine guns and sub-machine guns).
The man or woman at home in the text is, by definition, a conscientious objector: to the
vulgar mystique of the flag and the anthem, to the sleep of reason which proclaims ‘my country,
right or wrong’, to the pathos and eloquence of collective mendacities on which the nation-
state – be it a mass-consumer mercantile technocracy or a totalitarian oligarchy – builds its
power and aggressions. The locus of truth is always extraterritorial; its diffusion is made clan-
destine by the barbed wire and watch-towers of national dogma.64
6464
64
*
gabe unserer Selbstdeutung nicht klar ins Auge fassen?“ (217-19); „ein reines und echtes Bild
der Deutschheit kann der Welt nur entgegentreten, wenn wir es selbst geistig gestalten und le-
bendig ausprägen.“ (270) Dieser Aufsatz, hier zitiert nach Französischer Geist im neuen Europa
(Stuttgart: DVA, 1925, 217-87), war zuerst im Neuen Merkur (Januar 1925) erschienen und
wurde von Curtius im folgenden Jahr als „Civilisation et Germanisme“ in der Revue de Genève
veröffentlicht, was zu einer Kontroverse mit Edmond Vermeil führte.
63
6363
63 Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 2. Verfall und Wiederaufbau der Kultur. [1923] Mün-
chen: C.H. Beck, o. J., 58.
64
6464
64 No Passion Spent. Essays 1978-1996. London, Boston: Faber and Faber, 1996, 322.
29
Curtius hat 1952 in „Gustav Gröber und die romanische Philologie“ beredt und
mit Stolz Zeugnis von der enormen Bedeutung seines exzeptionellen Lehrers für
seine wissenschaftliche und menschliche Entwicklung abgelegt. In den Seminar-
stunden bei Gröber und „im persönlichen Gespräch“, für das der ansonsten Un-
zugängliche „für die Begabten unter seinen Schülern“ (452) durchaus offen war
(man erkennt die Parallele zum oben gezeichneten Curtius-Portrait), hat er neben
der wissenschaftlichen, methodischen, argumentatorischen Schulung gleicherma-
ßen Wichtiges für seine Persönlichkeitsbildung erfahren; sein Denken und Fühlen,
seine durchaus enthusiastische und emphatische Einstellung zu Wissenschaft und
Leben wurden hier in entscheidender Weise geformt: „Für mich sind diese geisti-
gen Erfahrungen bestimmend geworden“, resümiert denn auch Curtius am
Schluß des Aufsatzes. Selbst solche deontologisch-methodologischen Ideen wie die
von der „erkenntnisbedingende[n] Funktion“ des ‘Erlebens’ in dem Weber-
Aufsatz von 1920 („Für manche Gelehrte möchte man eine ‘Erlebnispflicht’ ein-
führen können“ (202)) scheinen auf Anregungen Gröbers zurückzugehen: aus
dessen „Aufgabe und Gliederung der romanischen Philologie“ (Grundriß I2, 201)
zitierte Curtius in seinem Würdigungsaufsatz die akademische Anforderung,
„[w]as der Einzuführende an Lebenserfahrung [...] mitzubringen habe, müßte
ebenfalls bestimmt werden“ (440). In der Lehre bei Gröber hat Curtius nicht zu-
letzt die entscheidende deontologische Prägung erfahren, hier wurde ihm,
wurde dem Empfänglichen bewußt, was echte Wissenschaft ist und welche Forderungen sie
stellt: strengste Selbstkritik und ebenso strenge Prüfung alles subjektiven „Meinens“, das Be-
weise durch Einfälle oder Geschmacksurteile ersetzt. (455)
Es ist unschwer zu erkennen, daß Curtius in seiner Auffassung von der Ener-
gie als einer ethischen Kategorie in der Wissenschaft ebenfalls stark von seinem
Lehrer beeinflußt ist65
6565
65, ja sie von ihm übernommen hat: In „Gustav Gröber und
65
6565
65 Hans Helmut Christmann hat bereits im Zusammenhang von Gröbers „Einwirkung
auf Curtius“, wenn auch ganz unspezifisch und ohne auf den deontologischen Aspekt einzuge-
hen, auf die Verbindung von „Gröbers Auffassung von der Energie und Curtius’ Balzacbuch“
hingewiesen, „das die Energielehre als Schlüssel zur gesamten Comédie humaine herausarbeiten
will“ (Ernst Robert Curtius und die deutschen Romanisten, 13). Ohne weiteren Kommentar gibt er in
einer Fußnote (40, S. 13-14) „noch ein paar Zitate aus Gröbers heute schwer zugänglichen
Wahrnehmungen und Gedanken“, die in unserem Kontext allerdings besonders sprechend sind und
deshalb hier wiedergegeben sein sollen: „Vollkommenheit ist ein für Ästhetik und Ethik minder
geeigneter Begriff, als energische Zweckmäßigkeit [...]. Bestimmter ist der Begriff der Energie,
weil er ästhetisch oder ethisch Geleistetes oder Zuleistendes [sic] an Gekanntem, Erreichtem,
30
die romanische Philologie“ fährt er unmittelbar nach den oben zitierten Sätzen
über dessen Methode und Ethos fort: „Um den philosophischen Hintergrund von
Gröbers Erkenntnisideal zu verstehen, müssen wir noch etwas weiter ausholen“
(449), und erinnert zu diesem Zweck an den Philosophen Richard Avenarius
(ebenfalls „Schüler von Gröbers Lehrer Drobisch“) und dessen Habilitations-
schrift Philosophie als Denken der Welt gemäß dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes
(1876), aus der Gröber nämlich „den Begriff der vis minima übernommen und in
die ‘genetische Sprachforschung’ übertragen“ habe:
Aus dem Gesetz der vis minima erklärte Gröber gewisse Erscheinungen des Lautwechsels, aber
auch den Niedergang der modernen Kultur, den er glaubte feststellen zu müssen.66
6666
66
Curtius sieht nun diesen Begriff ins Positive gewendet als vis maxima bei Grö-
ber selbst in beispielhafter Weise wirksam werden. Nur so sei zu erklären – Curti-
us schreibt dies wohlgemerkt, nachdem er selbst sein magnum opus vorgelegt hat -,
wie dieser sich in die Möglichkeit setzen konnte, das „umfassend[e] und hochge-
steckt[e]“ Programm, das er „der Forschung“ gestellt hatte (450), in einem solch
beeindruckenden Umfang zu erfüllen, daß alleine „ein reifer und erfahrener For-
scher“ (447) noch vermag, dies gebührend zu würdigen; dieser aber „wird ehr-
fürchtig staunen vor der ungeheuren Energie des Erkenntnisstrebens, die dieses
Wissensgebäude erforderte“ (448). In der Prägung „Energie des Erkenntnisstre-
bens“ ist über die ethische Aufladung der Energie die Verquickung der Sphären
des Ethischen und des Epistemologisch-methodologischen idealtypisch gefaßt.
Das „eigentümlich Fesselnde“ an seinem Lehrer lag – man mag hier eine
weitere Parallele zum Portrait des Schülers sehen – für Curtius auch darin, daß „in
also an Historischem zu messen erlaubt.“ - „Idealistische Kunst, die eine Energie, die im Leben
und Forschen oft verloren gehende Harmonie wieder herstellt, ist, gegenüber dem Naturalis-
mus, einer Wirkung der vis inertiae’, die dem Menschen förderliche Kunst.“ Curtius zitiert in
seinem Gröber-Aufsatz (452) aus diesem Buch ebenfalls zur Energie.
66
6666
66 Gerade in diesem letzten Aspekt des Niedergangs der modernen Kultur ist Curtius sei-
nem Lehrer treulich gefolgt. Ich verweise nur auf eine so exponierte Stelle wie den ersten Ab-
satz von Europ. Lit. u. lat. MA (13), wo Curtius wenige Jahre nach Beendigung des II. Weltkriegs
neben Max Schelers Warnung aus dem Jahr 1926, „[d]ie herrschend gewordene und schließ-
lich auf Frauen und halbe Kinder erweiterte Demokratie ist keine Freundin, sondern eher eine
Feindin der Vernunft und Wissenschaft“, die eigene, offensichtlich aus seiner Energie-
Konzeption herrührende Mahnung stellte: „der größte Feind des sittlichen und sozialen Fort-
schritts ist die Dumpfheit und Enge des Bewußtseins, der die antisozialen Affekte jeder Art ei-
nen ebenso mächtigen Beistand leisten wie die Denkträgheit, das heißt das Prinzip des kleinsten
geistigen Kraftaufwandes (vis inertiae).“ (Vgl. S. 9)
31
Gröbers Persönlichkeit die ‘Andacht zum Kleinen’ mit einem Erkenntnishorizont
von philosophischer Weite und Größe verbunden“ (455) war. Würde man Grö-
bers Betrachtungsweise des Stiles eines Autors als des ‘Einheitspunktes seiner
Willensrichtung’ – eine Art Weiterentwicklung von „le style est l’homme même“
– „auf Gröber selbst anwenden“ (452), meint Curtius,
so ergäbe sich als Einheitspunkt: Anwendung der vis maxima auf die Aufgabe der Erkenntnis und
ihrer Mitteilung. Also energisches Denken, energisches Forschen, energische Darbietung des
Erkannten. Aber auch Ausschaltung alles Zeit- und Ichbedingten, alles Volitiven, aller Selbstge-
fälligkeit, alles ungezügelten und unverbindlichen, weil ungeprüften Behauptens. Das Erschlaf-
fen der geistigen Energie enthüllt sich solcher Denkweise als Ursache sprachlichen,
wissenschaftlichen, kulturellen Verfalls. Und umgekehrt: alles Kulturwachstum geschieht durch
Anspannung der Energie. (452)
Die Gröbersche Energie, als ethische, epistemologische und kulturphiloso-
phische Konzeption und als wissenschaftliche und zwischenmenschliche Potenz,
muß – wie sich nicht zuletzt auch an solchen Sätzen ablesen läßt – eine tiefe und
nachhaltige Wirkung auf den Studenten Curtius gehabt haben: Sogar von Gröbers
unpersönlichem Redestil, in dem sich Strenge, Rigidität und Energie des Lehrers
bündelten, fühlte er sich nach anfänglicher Befremdung derart angezogen, daß er
„die Gewohnheit annahm, bezeichnende Wendungen nachzuschreiben“ (454), die
er dann so getreulich aufbewahrte, daß er fast ein halbes Jahrhundert später noch
in der Lage war, wörtlich zu verbürgen, daß für Gröber „‘die Erforschung des Stils
eines Autors [...] eine Aufgabe der Erkenntnis’“ (455) darstellte (diese Äußerung
war „für meine Entwicklung ein entscheidender Augenblick“) und daß Gröber
„‘die größte Präzision des Ausdrucks für alle Vorträge’“ (454) forderte. Schließlich
verdanken wir diesem nachdrücklichen Eindruck ein in unserem Zusammenhang
bezeichnendes Unterrichts-Zitat wie das folgende, in dem Gröber das Ethische
sogar mit dem Mentalen parataktisch zusammenfügte:
„Der Autor weiß genau, was civil, anständig vortragbar ist und was nicht; aber er kann es nicht
unterlassen, das Letztere mitzuteilen. Das ist eine geistige Schwäche des Autors, eine ethische
Schwäche.“ (454)
Der Stil des Autors Curtius selbst, nicht nur in den Gröber-Portrait-Skizzen
(die man sicherlich ohne die Gefahr einer Überfrachtung als Curtius’ bewußte
oder unbewußte Idealentwürfe für die Stilisierung der eigenen wissenschaftlichen
32
persona wird lesen können), verrät insgesamt den unauslöschlichen Eindruck der
Gröberschen Energie und wirkt denn auch oft wie vom Block seiner Gröber-
Portraits abgezogen. Vor allem wird, zusätzlich zur Dramatik der Wortwahl, die oft
nach den Höhen des Expressionistischen und den Tiefen des Innerlichen zielt,
häufig ein emphatischer Komparativ oder nötigenfalls der Superlativ gewählt, um
gemäß dem Leitbild der vis maxima die höchste Energieentfaltung in der druck-
vollsten Formulierung der erkannten energetischen Phänomene zu demonstrieren,
wie ein Blick zurück auf die bereits genannten einschlägigen Zitate belegt: „der
bedeutendste Sprach- und Literaturforscher Spaniens“ ist „vor der entsagungs-
vollsten grammatischen Einzelforschung nicht zurückgeschreckt“; „tiefer“ und
„umfassender“ müssen die „Werte erschaut und verwirklicht“ werden; gefordert
werden „strengste Selbstkritik und ebenso strenge [d. h. mithin: strengste] Prüfung
alles subjektiven ‘Meinens’“; weiter unten wird die Rede sein von „lebendigster
Intuition“, vom „tiefsten Streben des deutschen Geistes“, von „strengsten Anfor-
derungen wissenschaftlicher Gründlichkeit“ und von dem „menschlich wertvoll-
ste[n] Zeugnis der deutsch-französischen Begegnung“, das Curtius im
Briefwechsel zweier adliger preußischer „Jünglinge“ erkannte. Solche Superlati-
vierungen sind also Abbilder der originalen Energieentfaltung der Beschriebenen,
gleichzeitig aber sind sie Ausdruck des dadurch ausgelösten „allergrößten Interes-
ses“67
6767
67 und der Empathie auf Seiten des gleichgestimmten, gleichgespannten Cur-
tius und imponieren schließlich als Nachweis seines eigenen energetischen
Potentials.
Ob auch der harsche und krasse, strenge Ton, dessen sich Curtius häufiger
befleißigte, als Erbe seines gelegentlich rigiden Lehrers anzusehen ist, möchte ich
nicht entscheiden; Curtius gibt einige entsprechende Beispiele aus seinen Gröber-
Mitschriften, die diese Vermutung zu stützen scheinen. Eine gewisse Energie je-
denfalls verlangt bzw. bezeugt beider Ton zweifellos, der ja beispielsweise auch
Ausdruck der bekannten energischen Rigidität in deontologischen und fachlichen
Fragen ist. In einem „seiner zynischen und zugleich abwehrenden Dicta“, das
Wolf-Dieter Lange aus einer Sammlung von wohl zur Feier des 70. Geburtstags
veröffentlichten „Curtiusiana“ in der ZEIT vom 12. April 1956 zitiert, könnte man
tatsächlich eine Hommage an Gustav Gröber sehen, die diesen dann allerdings mit
67
6767
67 „Briefe von Ernst Robert Curtius an Carl Schmitt (1921/22)“, 13. Im direkten Fort-
gang des o.a. Zitats (vgl. S. 56), in dem Curtius Schmitt um seine Arbeitskraft und geistige
Energie beneiden „möchte“, heißt es: „Sie verheißen in Ihrem Aufsatz eine weitere Behandlung
des Themas. Ich sehe ihr mit dem allergrößten Interesse entgegen.“
33
der acrimonia in Verbindung brächte, die dieses Aperçu würzt, das schließlich zu
einer Art öffentlichem Schlußwort am Ende des öffentlichen Wirkens des eine
Woche später, am 19. April 1956, verstorbenen bekennenden Humanisten Curtius
geworden ist:
Humanismus hat im Klang eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit Humanität; es unterscheidet
sich aber der Humanismus von der Humanität wie Gustav von Gasthof.68
6868
68
In unserem Zusammenhang interessant und wichtig ist diese Stelle allemal,
denn in dem bei Curtius geläufigen forcierten Gegensatz von Humanismus und
Humanität wird sein spezielles und nicht nur berufliches Ethos exemplarisch
greifbar. Der Philologe Gustav Gröber würde nach einer solchen Lesweise von
„Gustav“ von Curtius - ob zurecht, sei dahingestellt - als Kronzeuge im Namen
eines Humanismus aufgeboten, der eine Humanität herabwürdigen soll, die im
Menscheln der Wirtshäuser diffamiert wäre, aus denen schon dem Famulus Wag-
ner (vgl. o. Fn. 10), dem „Feind von allem Rohen“, mit ihrem „Fiedeln, Schreien,
Kegelschieben“ „ein gar verhaßter Klang“ entgegengeschallt hatte (Faust, V. 944-
46)69
6969
69. Vielleicht war es aber auch gar nicht Curtius (unbewußte?) Ambition, Grö-
68
6868
68 Lange kommentiert dieses ‘Diktum’ mit dem letzten Satz seines für das Verständnis
von Curtius’ Wegen der Erkenntnis aufschlußreichen Aufsatzes „‘Permets-moi de recourir une
fois de plus à ta science’. Ernst Robert Curtius und Jean de Menasce“ („In Ihnen begegnet sich das
Abendland“ 216) in aufschlußreicher Weise: „Mir scheint, daß der Briefwechsel mit Jean de
Menasce die Ausnahme [scil. Humanismus = Humanität] ist, die die Regel dieses Ausspruchs
eindrucksvoll bestätigt.“
69
6969
69 Robert Minder hat in dem bereits erwähnten Vorwort (vgl. Fn. 8) die Meinung geäu-
ßert, von einem Mann wie Albert Schweitzer, „épris d’action morale directe“, sei Curtius bei
aller Sympathie nicht spontan angezogen gewesen, weil er zu verschieden von seiner eigenen
erasmischen und burckhardtischen Natur gewesen sei, womit der Unterschied zwischen Hu-
manismus und Humanität ebenfalls angesprochen wäre. Schweitzer betreibt in seiner „Kultur-
philosophie“ (Verfall und Wiederaufbau der Kultur, 38-39) tatsächlich, verglichen mit Curtius’
Humanismus, humanitären Realismus: „Die Affinität zum Nebenmenschen geht uns verloren.
Damit sind wir auf dem Weg zur Inhumanität. Wo das Bewußtsein schwindet, daß jeder
Mensch uns als Mensch etwas angeht, kommen Kultur und Ethik ins Wanken. Das Fortschrei-
ten zur entwickelten Inhumanität ist dann nur noch eine Frage der Zeit./ Tatsächlich bewegen
sich Gedanken vollendeter Inhumanität seit zwei Menschenaltern in der häßlichen Klarheit der
Worte und mit der Autorität logischer Grundsätze unter uns. Es hat sich eine Mentalität der
Gesellschaft herausgebildet, die die einzelnen von der Humanität abbringt. [...] Die gegen Un-
bekannte auf jede Weise betonte Unnahbarkeit und Teilnahmslosigkeit wird gar nicht mehr als
innere Roheit empfunden, sondern gilt als weltmännisches Verhalten. Auch hat unsere Gesell-
schaft aufgehört, allen Menschen als solchen Menschenwert und Menschenwürde zuzuerken-
nen. Teile der Menschheit sind für uns Menschenmaterial und Menschendinge geworden.
34
ber nachzueifern, sondern Goethe, an dessen einstige „Spontanreaktion auf Her-
ders Humanitätsideal in den Ideen70
7070
70 sich Karl Otto Apel ausgerechnet durch eine
Stelle bei Arnold Gehlen erinnert fühlte: „Alles ein großes Sanatorium und einer
des anderen Krankenwärter“, hatte Goethe sich nämlich da über seines ehemali-
gen Mentors humanitäre Vorstellungen indigniert.
Es ist fundamental für seine Humanismus-Auffassung, daß Curtius, wie
Goethe ein ‘Prüfer des allgemeinen Waltens’, sich einer geistigen ‘Gemeinschaft
der Wenigen’, die „im stillen, abgesondert von der Menge, aber gesellig verbunden
untereinander“71
7171
71 wirken, zugehörig und damit nach seiner Überzeugung ganz
selbstverständlich in der Nachfolge des größten Dichters deutscher Zunge stehend
verstand, dessen „Geselle dich zur kleinsten Schar“ er 1949 in seinem Würdi-
gungsaufsatz zum zweihundertsten Geburtstag, „Goethe – Grundzüge seiner
Welt“, als „oberste Lebensmaxime Goethes“ (74) zitierte. In den Jahre nach der
Zerschlagung des nazistischen deutschen Terrorregimes über Europa durch den
zivilisierten Rest des Abendlandes beklagte Curtius bekanntlich immer wieder, so
auch 1948 in „Goethe als Kritiker“, „eine neue Barbarisierung – wie wir sie heute
erleben“ (Krit. Ess., 36), und beruft sich dabei vorzüglich auf den Weimarer Ge-
heimen Rat, der als
sittliches und geselliges Ideal eigentümlicher Prägung [...], bekräftigt in Worten, die uns fest im
Gedächtnis stehen und uns durch das Leben begleitet haben („Goethe – Grundzüge seiner
Welt“ 75),
propagiert hatte, nur „Mit den Trefflichsten zusammen“ zu wirken, was man, so betont
Curtius, allerdings keineswegs als „Bekenntnis zur Menschenliebe“ mißverstehen
dürfe. Als Curtius’ sittliches (und humanistisches) Ideal kann man wohl auffassen,
was er 1949 aus Goethes „Welt“ in die neue Barbarei des demokratischen Auf-
bruchs herüberzuretten auf sich nimmt:
Wenn seit Jahrzehnten unter uns mit steigender Leichtfertigkeit von Krieg und Eroberungen
geredet werden konnte, als ob es sich um ein Operieren auf dem Schachbrett handelte, so war
dies nur möglich, weil eine Gesamtgesinnung geschaffen war, die sich das Schicksal der einzel-
nen nicht mehr vorstellte, sondern sie nur als Ziffern und Gegenstände gegenwärtig hatte.“
70
7070
70Arnold Gehlens ‘Philosophie der Institutionen’ und die Metainstitution der Spra-
che“. Transformation der Philosophie. Band 1. Sprachanalytik, Semiotik, Hermeneutik. Frankfurt a. M.:
Suhrkamp, 1973, 213.
71
7171
71 „Goethe – Grundzüge seiner Welt“, Krit. Ess., 74. 1932, im Gedenkjahr von Goethes
Tod, wünscht Curtius, es sollten „die verstreuten Namenlosen zueinander finden und im Ge-
heimen wirken“ (Deutscher Geist in Gefahr 130).
35
Notwendige und konstante Opposition zwischen den Individuen „von der besten Art“ – den
Aristoi, griechisch gesprochen – und dem Zeitgeist („gegen jedes Jahrhundert“) einerseits, der
„Menge“ anderseits: ein Axiom aus Goethes Geschichtslehre. [...] Die Abneigung gegen die
Menge war Goethe angeboren. An Lavater schreibt er 1775: „Gestern tief in dem Geschwirre
der Messegeleits-Zeremonien fiel mir Ariostens Wort vom Pöbel ein: wert des Tods, vor der
Geburt“. [...] Goethe, den manche heute zum Demokraten stempeln wollen, stellt die Maxime
auf: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität“. (72)
*
Curtius’ energische Auffassung und energische Darstellung der berufsethischen
Statur der Gelehrtenpersönlichkeit Gustav Gröber ist natürlich bereits als Teil und
Manifestation seiner eigenen Deontologie aufzufassen, die sich in diesem Aspekt
als völlig der energischen Ethiktradition verpflichtet erweist. Die Schlüsselbegriffe
dieser Deontologie sind Energie und – dazu nun mehr im folgenden – Strenge
(„strengste Selbstkritik und ebenso strenge Prüfung alles subjektiven ‘Meinens’“),
die neuzeitlichen Translationen bzw. Aufspaltungen der vis maxima bei Curtius. Sei-
ne philologische Methodik – in Fortführung der Dualität Moral-Methode soll unter
diesem Arbeitsbegriff sein Reflektieren über die Beschäftigung mit Literatur im
weitesten Sinne zu verstehen sein – weist nun ebenfalls die Besonderheit auf, daß
sie mit Strenge und Energie als zentralen Begriffen operiert; dies spiegelt sich be-
reits in Curtius’ Auffassung von der „Anwendung der vis maxima“ bei Gröber wie-
der, wo die Energie, die ethisch besetzte Kategorie, doch auch eine eminent
methodologische Komponente hat („energisches Denken“ und „Forschen“,
„energische Darbietung des Erkannten“) und die Strenge für das Korrektiv der
Selbstkritik („strengste Selbstkritik“, Ges. Aufs. 455), für die „Prüfung alles subjek-
tiven ‘Meinens’“ und zur „Ausschaltung“ verschiedener der „Aufgabe der Er-
kenntnis und ihrer Mitteilung“ (452) abträglicher Faktoren gefordert ist und die
Anwendung der Methoden leitet. In diese Richtung zielt, wenn er 1949 zustim-
mend Ortega y Gassets Mahnung zitiert, „Wißbegier genügt nicht, um zu den Din-
gen zu gelangen; man braucht gedankliche Strenge, um Herr über sie zu werden“.
In seinem Glauben an die Wirkmächtigkeit des Postulats der Strenge
zeigt Curtius die gleiche Traditions- und Zeitverhaftetheit wie im Falle der Ener-
gie. Strenge, Zucht, Disziplin, Härte: diese Ideale prägen wohl mit einer gewissen
Berechtigung unser Bild der wilhelminischen Epoche, in der Curtius aufwuchs
36
und Schule, Universität, Militärzeit und Kriegsdienst absolvierte. Die Strenge er-
scheint einer autoritätsgläubigen Ideologie und jedwedem autoritären Regime als
das natürliche Allzweckmittel für Erziehung, Politik und Wissenschaft; für die
letztere speziell scheint sie vorzüglich geeignet als methodisches Postulat, nicht
zuletzt im Interesse der Elitebildung und –konservierung; allgemein hält sie
manch einer für exzellent geeignet für eine Methodik der Menschenführung. Mit
Strenge wird das Kind für seine spätere Rolle in der Gesellschaft konditioniert,
mit Strenge wird dem Untertan das Funktionieren und der fraglose Verbleib in
seiner Stellung bedeutet; an der Universität ist die Strenge ein ideales, elastisches
Mittel, um denjenigen Beine zu machen, die nicht von sich aus den Schwung, die
Kraft und den Willen mitbringen, „in die Höhen und Tiefen zu dringen“, oder
dies in einer nicht genehmen Weise tun und sich deshalb gar nicht erst „breitma-
chen dürfen“ (Vossler, s. o.). Mit Strenge ist schließlich dem Wissen selbst zu be-
gegnen. Ganz im Sinne des Ortega-Zitats fordert etwa Curtius’ Weggefährte
Arnold Bergsträsser „Wille zur Strenge und Eindeutigkeit der Formen des Wis-
sens“72
7272
72, und die Idee ist da nur zu naheliegend, man könne die Strenge der ‘Na-
turwissenschaften’ für die ‘Geisteswissenschaften’ mit Gewinn oder Notwen-
digkeit übernehmen: Noch in Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter wird
Curtius versichern, „auch die Philologie ist der Strenge fähig“ (10), zumindest
dann, wenn man sie, so wie er es praktiziert haben will, „mit derselben Präzision
und Stringenz zu handhaben [versucht,] wie die Naturwissenschaft ihre Methoden
handhabt“. Und ist die Strenge nicht tatsächlich bestens geeignet gegen alles Un-
sichere, Zweifelnde, Offene, Skeptische, gegen die Anfeindungen der Hinterfra-
gung, des In-Frage-Stellens, der Veränderung?
Wenn Curtius sich von einem Band mit dem Titel Neuer Humanismus von
Hans Roeseler und Werner Mahrholz und dem darin erspürten pluralismusver-
dächtigen Wunsch, „die Probleme in der Form eines ‘offenen’ (und daher wand-
lungsfähigen) Systems zu behandeln“ (Curtius)73
7373
73, zu einer deontologischen Mah-
nung an die bisherigen und nach seiner Überzeugung einzig verbindlichen Formen
des Humanismus gedrängt fühlt, denen nämlich „eines [...] ausnahmslos ge-
meinsam [war]: sie stellten eine Bildungsreligion dünner Oberschichten dar“
(195), so dekretiert er, gegen „ein neues Bildungssystem aus Politik, Pädagogik,
72
7272
72 Hofmannsthal und der europäische Gedanke. Kiel 1951, 21. – Curtius’ Die französische Kultur
war der erste Band der zusammen mit Bergsträsser herausgegebenen zweibändigen Kulturkun-
de Frankreich. Bergsträsser zeichnete für den Teil zur Wirtschaft und Politik verantwortlich.
73
7373
73 „Neuer Humanismus?“. Die Arbeitsgemeinschaft 8 (Februar 1922): 193-99; 194.
37
Leibesübungen und einem Restbestand von Wissenschaft“ (198): „Was uns nottut,
ist strengere Vernunftzucht und bessere Verstandesverwertung“, eine Forderung,
der man sich im Grunde nur anschließen kann.
Es liegt in eben dieser Richtung, wenn Curtius zehn Jahre später in Deutscher
Geist in Gefahr, wo er eine „heillose[] Verwirrung der heutigen Geisteslage“ im
gleichen Atemzug mit „dem rapiden Abbau wissenschaftlicher Strenge und intel-
lektueller Zucht“ (100) diagnostiziert, gegen den früheren preußischen Kultusmi-
nister Carl Heinrich Becker, dessen persönlichem Einsatz er sowohl die
Ernennung zum außerordentlichen Professor 1919 (Lausberg 72) als auch den
Ruf nach Bonn 1929 (90) zu verdanken gehabt hatte, mit der üblichen Bedenk-
lichkeit gegen alles vermeintlich Egalitäre auftritt und das Menetekel eines „ge-
fährlichen Weg[es]“ an die Wand malt, den Becker betrete,
wenn er vor „einseitiger Intellektbildung“ warnt und wenn er glaubt, die deutsche Kultur von
unten, nämlich von der Volksschule und den pädagogischen Akademien aus, wieder aufbauen
zu können (Dt. Geist in Gefahr 20).
Curtius dagegen warnt seinerseits eindringlich vor der auch andernorts beschwo-
renen Gefahr (vgl. etwa ELLMA 386), die er in einer „Ermäßigung der intellektu-
ellen Anforderungen“ (Dt. Geist 20) sieht, und fordert statt dessen: „Gerade das
Gegenteil täte uns not: eine straffere Zucht des Denkens und Lernens, eine hö-
here Achtung der Vernunft“. An seiner defätistischen Einschätzung von 1931/32,
die in vielem der von 1947/48 entspricht, kann auch der schwärmerische Blick
zurück auf „Deutschlands humanistische Jugend“ (51) der Vorkriegszeit nichts
ändern:
Sie war unpolitisch und war weder geist- noch wissenschaftsfeindlich. War es so wenig, daß sie
sich zutrauen durfte, den strengsten Anforderungen wissenschaftlicher Gründlichkeit (in der
Fachsprache: Akribie) zu genügen (52),
im Gegenteil: seine Zeit- und Universitätsanalyse („Krisis der Universität?“ ist der
Titel des Kapitels) ist ja auch deshalb so düster, weil diese Ansätze seiner Über-
zeugung nach unwiederbringlich verloren sind, denn „[d]as ist die deutsche Ju-
gend, die bei Langemarck verblutete und deren Bild heute so oft verzerrt wird.“
Auf das Mittel der Strenge setzt Curtius sogar auf dem Gebiet des inter-
nationalen Ausgleichs, der ihm nach der Kriegserfahrung so sehr am Herzen liegt,
speziell des für Europa zentralen Ausgleichs zwischen Frankreich und Deutsch-
38
land, den Erbfeinden vieler Kriege und den Hauptprotagonisten des von ihm er-
kannten grundlegenden Antagonismus zwischen germanischer und romanischer
Welt:
Aller Abbau der Feindschaft und aller Aufbau einer neuen geistigen Gemeinschaft setzt als
Grundbedingung voraus nicht nur einen gleichen Glauben an die Zukunft, sondern die gleiche
unnachsichtliche Strenge in der Beurteilung der Vergangenheit – auf beiden Seiten. (Maurice
Barrès viii)
Man könnte als Zwischenbilanz für unseren Zusammenhang dahinge-
hend differenzieren, daß in Richtung auf das (Berufs-)Ethos bei Curtius das Ge-
wicht mehr auf der Energie liegt, während die Strenge eher auf der methodischen
Seite dominiert. Aber die Energie spielt auch da eine im wahrsten Wortsinne
grundlegende Rolle, und im übrigen sind die beiden Postulate so interdependent
und durchdringen sich gegenseitig so sehr, daß sie durch das jeweils andere ohne-
hin auf dessen Seite hinüberwirken: Strenge erfordert Energie (sie ist ja eine An-
spannung, Nachlassen bedeutet vis inertiae), Energie beweist Strenge (etwa im
Sinne von: ‘ein strenger Winter’); Strenge kontrolliert und kanalisiert Energie und
macht sie fruchtbar (in der Methodik), Energie wertet Strenge ethisch auf und
stellt ihr erst einen sinnvollen Aktionsraum. Beide wirken aber auch gemeinsam,
gebündelt und verleihen durch die moralische Aufladung der Energie dem Bereich
des Methodischen, der sich eigentlich durch Neutralität bzw. durch Indifferenz
auszeichnet, eine ethische Wertigkeit. Auch die Methodik wird auf diese Weise zu
einem Offizium geadelt: in moralischen und methodischen Belangen können also
die Tugenden der Strenge und der (Entfaltung von) Energie als honestum und utile
gelten; ihre pflichtgemäße Befolgung – da sie als ethische Werte anerkannt wer-
den, kommt zum Tragen, daß sie Aufforderungscharakter besitzen und dem sie
Anerkennenden die Verpflichtung auferlegen, sie tatsächlich zu realisieren (vgl. Fn.
58) – verbürgt das rechte wissenschaftliche Handeln über die gesamte Bandbreite der
Deontologie. Das Rezept für solches rechte Handeln, dem m. E. in Curtius’
Deontologie eine selbstwertige, absolute moralische Qualität eignet und in dem
sich seine besondere Zusammenschau von Methodik und Ethik manifestiert, läßt
sich kurz und bündig so formulieren: strenge Methoden energisch anwenden; ener-
gisch lesen und sammeln, streng prüfen und bewerten, energisch das Erkannte dar-
bieten.
39
3 ANTAGONISMUS DER KRÄFTE UND SYNTHESE-IDEAL
Strenge und Energie sind also nicht nur die Scharniere, die Methode und
Moral in Curtius’ akademischer Programmatik und Deontologie verbinden, sie
sind darüber hinaus, oder eigentlich: damit auch die Angelpunkte, um die sich
seine ‘Literaturtheorie’ bzw. sein literaturwissenschaftliches Reflektieren aufbaut;
wobei es sich versteht, daß bei Curtius nur mit Vorbehalt von literaturwissen-
schaftlicher Theorie oder Literaturtheorie gesprochen werden kann. Die Theorie
dürfte wohl tatsächlich nicht seine Domäne gewesen sein (sei es aus Desinteresse,
sei es aus Indisposition), und wenn Harald Weinrich mit seiner Einschätzung
recht hat, „daß Curtius vor jeder beliebigen Theorie leicht zu blamieren ist“74
7474
74,
wird es wenig ergiebig sein, ihn hier auf eine mehr oder weniger willkürliche Aus-
wahl von disparaten, inkohärenten, von ihm selbst überhaupt nicht in eine Syste-
matik gefügten Positionen festlegen zu wollen, um dann gegen diese einen
theoretischen esprit d’escalier sprühen zu lassen. Curtius, der vor allem bis zum En-
de der zwanziger Jahre einen Großteil seiner Veröffentlichungen als „literarische
Production“75
7575
75 und sich selbst mit Vorliebe als verhinderten, seiner eigentlichen
Berufung uneigennützig entsagenden Schriftsteller präsentierte76
7676
76, hatte ja über-
74
7474
74 Harald Weinrichs im übrigen beherzigenswerter Diskussionsbeitrag in Ernst Robert Cur-
tius (1886-1956): Werk, Wirkung, Zukunftsperspektive (219-20, Diskussion der Vorträge von M.
Oldini und S. Gross) steht allerdings in einem etwas pauschalisierenden Kontext, der hier mit
zitiert sei: „Ich denke, daß Curtius vor jeder beliebigen Theorie leicht zu blamieren ist. Er war
eben ein Konservativer, und richtige Konservative haben überhaupt keine Theorie. Sie wären ja
schwach, wenn sie anfangen würden zu theoretisieren. Curtius, das muß man ihm vielleicht
vorwerfen, hätte vielleicht überhaupt gar keine Elemente von Theorie aufnehmen sollen. Im-
mer dort, wo er anfängt zu theoretisieren, zeigt er manifest seine Schwächen.“
75
7575
75 In einem Brief an Gide vom 13.3.1921 klagt er: „Ich bin durch die Pflichten meiner
Professur (Vorlesungen, Prüfungen usw.) so absorbiert, daß meine literarische Production sehr
gehemmt ist. Ein Buch über Barrès wird demnächst zwar erscheinen und Ihnen zugehen. Aber
auf die Dauer ist dies Nebeneinander von Beruf und schriftstellerischer Arbeit schwer durchzu-
führen. Immerhin hoffe ich, wenigstens von Zeit zu Zeit einen kleineren Essai schreiben zu
können.“ (Deutsch-französische Gespräche 26)
76
7676
76 Auch Lessenich vertritt die Ansicht („Abendland“ 95, Fn. 62): „Philologische Literatur-
kritik war für Curtius stets Literatur über Literatur, ganz wie bei Sainte-Beuve; so bezeichnete
sich Curtius in seiner Goethe-Kontroverse mit Karl Jaspers nicht als Professor, sondern als
‘deutscher Schriftsteller’“. – Vgl. Curtius’ Versicherung an Gide: „Mais je pourrais également
faire autre chose“. Ich verstehe dies so: Wie viel lieber würde er sich schöngeistigen Arbeiten
widmen, aber wenn es schon nicht mehr so sehr der Dienst an der deutsch-französischen Ver-
ständigung oder der europäischen Kultureinheit ist, dessentwegen er sich die literarische Ent-
faltung versagt, dann nötigen ihn sein nationales respektive sein Arbeits- und Berufsethos, seine
40
haupt ein notorisch gespanntes bzw. schwankendes Verhältnis zu ‘Programmen’
oder ‘Fächern’ wie Literaturgeschichte, Literaturvergleichung oder Literaturwis-
senschaft und bezog vorzugsweise einen supra- oder extradisziplinären Stand-
punkt.
Dabei ist die literarische Berufung nur ein Aspekt seines Selbstportraits als
Außenseiter in der Welt der akademischen Literaturbehandlung. Es ist bezeich-
nend, wenn er etwa im Vorwort zur zweiten Auflage von Europäische Literatur und
lateinisches Mittelalter mit vielleicht nur vorgeblicher Bescheidenheit erklärt, die in
diesem Buch behandelten „Fragen sind Vorarbeiten für das, was ich eine Phäno-
menologie der Literatur nennen möchte“77
7777
77. Diese Einschätzung verweist dar-
auf, daß Curtius, der sich während seiner gesamten Karriere in einem für
Literaturwissenschaftler sicherlich untypischen Ausmaß mit Philosophen ver-
eigenen Interessen und sein Wohl hintanzustellen und statt dessen seine Pflichten gegenüber
dem Vaterland zu erfüllen oder die philologischen Aufgaben zu erledigen, die von anderen nicht
geleistet oder verpatzt worden sind.
77
7777
77 1973, 10: „Sie scheint mir etwas anderes zu sein als die Literaturgeschichte, die Lite-
raturvergleichung, die Literaturwissenschaft, wie sie heute betrieben werden.“ Er begründet
seine Kritik im programmatischen ersten Kapitel „Europäische Literatur“ passim, so etwa: „Es
gibt allerdings seit einem halben Jahrhundert eine ‘Literaturwissenschaft’. [...] Der Philologie
ist sie abhold. Dafür sucht sie Anlehnung bei anderen Wissenschaften: Philosophie (Dilthey,
Bergson), Soziologie, Psychanalyse, vor allem Kunstgeschichte (Wölfflin). [...] Sie will ‘Geistes-
geschichte’ sein.“ (21) „Die moderne Literaturwissenschaft – d.h. die der letzten fünfzig Jahre
– ist ein Phantom. Zur wissenschaftlichen Erforschung der europäischen Literatur ist sie aus
zwei Gründen unfähig: willkürliche Einengung des Beobachtungsfeldes und Verkennung der
autonomen Struktur der Literatur.“ (22) Auch die „Literaturgeschichte“ sei zur „Erforschung“
der europäischen Literatur als „Ganzheit“ nicht in der Lage: „Eine erzählende und aufzählende
Geschichte gibt immer nur katalogartiges Tatsachenwissen. Sie läßt den Stoff in seiner zufälligen
Gestalt bestehen.“ (25) In Kapitel 18, „Epilog“, urteilt er: „Ein Versager war auch die ‘Litera-
turwissenschaft’ in ihrer kunstgeschichtlichen wie in ihrer geistesgeschichtlichen Variante. Die
leichtfertig konstruierende ‘Geistesgeschichte’, die sich in Deutschland seit dem ersten Welt-
krieg an Stelle der Philologie setzte, war ein Symptom wissenschaftlichen Verfalls, was durch
die Exkursion in ein Lieblingsgebiet der Germanistik, das „ritterliche Tugendsystem“ (Exkurs
XVIII), unliebsam bestätigt wurde.“ (385) Es wird ersichtlich, daß Curtius auch hier vis inertiae
diagnostiziert; aus dem Blickwinkel dieser Diagnose erhellt sich ihm auch, daß „die Literatur-
geschichte [...] dem System der Formen nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken [pflegt]. Sie
pflegt heute“, wahrscheinlich mangels eigener Vitalität, möchte man vermuten, „die ‘Geistes-
geschichte’ zu bevorzugen“, die allerdings selbst an Auszehrung leiden muß, denn auch „deren
leitende Gesichtspunkte werden für gewöhnlich fremden Disziplinen entnommen“ (394). Aus
dieser energetischem Perspektive „erledigen sich“ die „Methodenstreitigkeiten der letzten
Jahrzehnte und der Windmühlenkampf gegen den sogenannten ‘Positivismus’“: „Sie zeigen nur
an, daß man der Philologie ausweichen möchte – aus Gründen, die wir auf sich beruhen las-
sen“ (395), aber wir dürfen wohl verstehen: vis inertiae!
41
schiedenster Ausrichtung und Bedeutung befaßt und über sie geschrieben hat
(über Kant als ersten, dann u.a. über Bergson, Alain, Ortega y Gasset, Unamuno,
Pascal, Maritain, Nietzsche, Emerson, Scheler) und der seine literaturkritischen
Arbeiten haüfig mit philosophischen Betrachtungen versetzte oder aus einer phi-
losophisch gefärbten Sicht betrieb, sich zur kritischen Betrachtung der eigenen
Profession ebenfalls gern auf eine philosophische Warte begab, von der aus er über
die wissenschaftliche oder jede andere Art der Beschäftigung mit Literatur, ihre Ap-
perzeption, Rezeption, Erkenntnis, Pflege, Vermittlung in theoretischer oder kri-
tischer Weise reflektierte bzw. seine Überzeugungen, oft eigentlich seine
Glaubenssätze verkündte. Es wäre darüber hinaus verfehlt, bei ihm von einer
Theorie der Literaturwissenschaft zu sprechen, da er aus der beschriebenen Disposi-
tion heraus nicht mehr entwarf als kontextbedingt in seine Arbeiten einfließende
unsystematische, dabei in der Regel emotionale oder bekenntnishaft apodiktische
Teilstücke zu einer Kritik oder einer ‘Philosophie’ jeglicher Art von metaliterarischer
Betätigung. Dem Anspruch nach handelte es sich um Fragmente zu deren ‘Episte-
mologie’ und ‘Ontologie’, die allerdings jenseits der Begrenzungen der Wissen-
schaftlichkeit vornehmlich dem Intuitiven, dem Empathischen und dem
Genialischen folgen und innerhalb der literaturwissenschaftlichen disziplinären
Demarkationen am ehesten noch mit dem Begriff comparative criticism zu erfassen
sind. Man käme Curtius, der einen seiner ersten Aufsätze zum „Schematismuska-
pitel in der ‘Kritik der reinen Vernunft’“ (Kant-Studien 19 (1914)) veröffentlicht
hatte, deshalb vermutlich am nächsten, wenn man seine verstreuten und unsyste-
matischen Reflektionen über die verschiedenartigsten Phänomene im Bereich der
Metaliteratur in Variation des obigen Zitats (ELLMA 10) als „Vorarbeiten“ für eine
‘Kritik der reinen Philologie’ (transzendental im Kantschen Sinne) respektive eine
‘Kritik der praktischen Literaturwissenschaft’ (i.e. eine Deontologie) bezeichnete.
Mit unseren deontologischen und epistemologischen Überlegungen bewegen
wir uns ohnehin bereits im Weichbild der Philosophie, und so ist es durchaus na-
heliegend, von einer Erörterung der deontologisch vorderhand nicht sonderlich
relevanten Literaturtheorie abzusehen und statt dessen versuchs- oder näherungs-
weise für die weitere Untersuchung von einer wenn auch auf den ersten Blick
diffusen Ausrichtung auf eine ontologische Erfassung der Philologie und der Litera-
turkritik bei Curtius auszugehen, von einer Art phänomenologischen Ontologie
dieser Bereiche, die bezeugt, daß das nicht aus der Erfahrung Stammende für die
Erfahrung bewiesen werden kann. Die enge Verbindung von Ontologie und Epi-
stemologie ist dabei eindeutig systemimmanent; Peter Szondis „Bemerkungen zur
42
Forschungslage der literarischen Hermeneutik“, in deren Tradition Curtius, be-
wußt oder unbewußt, zweifellos gestanden hat, weisen dazu das Verständnis:
Daß „Da-sein“ Verstehen ist, ließ sich die von der Seinsphilosophie geprägte Literaturwissen-
schaft nicht zweimal sagen und folgerte: wenn Verstehen Da-sein ist, sind die Bedingungen von
Verstehen Sache der Fundamentalontologie; eine Kritik der literarischen Vernunft wurde weni-
ger als je zum Desiderat.78
7878
78
Wegen der grundlegenden Koppelung an ethische Postulate könnte man, nach
dem ohnehin naheliegenden Vorbild von Heideggers Vortrag „Die onto-theo-
logische Verfassung der Metaphysik“, bei Curtius von einer Onto-Deontologie der
Metaliteratur sprechen. Es handelt sich allem Anschein nach um eine nicht allein
dem Rationalen vertrauende kritische Betrachtung, um eine uneigentliche Episte-
mologie der Seinsweisen und –bedingungen der Philologie und der Literaturkritik,
letztlich um eine Lehre von den Seinsweisen und –bedingungen dieser beiden spe-
ziellen Arten metaliterarischer Betätigung, innerhalb derer für Curtius das Zu-
sammenwirken von Methode und Moral unter den deontologischen Postulaten
der Strenge und der Energie seine spezifische zentrale Bedeutung erlangte.
Zu Curtius’ Situierung innerhalb des Bereichs der Beschäftigung mit der Li-
teratur ist festzustellen, daß er unter der gebotenen singulären Entfaltung von
Strenge und Energie wie selbstverständlich – hierin zweifellos seinem Naturell, ei-
ner psychischen Disposition zur Einnahme radikaler oder extremer Positionen
folgend – die beiden extremen, eigentlich antipodischen, jedenfalls ‘abgehobenen’
Terrains der nichtakademischen Literaturkritik und der deklariert traditionellen,
puristischen Philologie okkupierte, dabei die gesamten ‘mittleren’ Gebiete, d. h.
das akademische Alltagsgeschäft und die disziplinäre Theorie, souverän transzen-
dierend. Hans Helmut Christmann hat in Ernst Robert Curtius und die deutschen Ro-
manisten „provisorisch“ vom „Doppelleben der geistigen Persönlichkeit Ernst
Robert Curtius“ (11) gesprochen, nicht ohne allerdings einzuschränken, daß die-
ses Bild „tatsächlich nur auf den ganz jungen Curtius“ (13) ‘voll anwendbar’ sei.
„Denn es dauerte nicht lange“, stellt Christmann fest, „bis die im Grunde so ver-
schiedenen Seiten seines Lebens sich näherzukommen begannen“, als die er
auf der einen Seite die Gelehrsamkeit, die strenge Wissenschaft, die Mittellalterphilologie für
eine kleine Zahl von Fachleuten, das Professoral-Olympische, die Nachtarbeit (11)
78
7878
78 Einführung in die literarische Hermeneutik, Frankfurt a. M., 1975, 404.
43
diagnostiziert,
auf der anderen Seite die Literaturkritik, die Essayistik, die Schriftstellerei für ein breites Publi-
kum, die Liebe zur Kunst, die Lebensfreude (12).
Schon im Balzac von 1923 sieht Christmann eine „wichtige Station für die Annä-
herung der beiden Sphären erreicht“ (14), denn obwohl „[l]iterarisch angelegt“,
habe das Buch „doch einen ‘philologischen Unterbau’“, den Curtius „zwar ka-
schiert“ habe, „von dem er aber später sagen wird, ohne ihn hätte er den Balzac
nicht schreiben können, und auch nicht den Proust“. Worin dieser philologische
Unterbau bestehe, ist allerdings lediglich durch Curtius’ Aussage verbürgt, nicht
von Christmann ausgeführt.
Ich stimme mit Christmann insofern völlig überein, daß in den Arbeiten des
späten Curtius, d. h. der letzten Lebensdekade, Literaturkritisches und Philologi-
sches (verstärkt) zusammenfließen, aber erstens möchte ich betonen, daß ich da-
mit keine Aussage über die Qualität der Ergebnisse oder bezüglich einer
Spezifizierung dieser ‘Disziplinen’ für Curtius verbinden will; und zweitens
möchte ich gegen Christmanns Bild von der „Annäherung der beiden Sphären“
schon beim „jungen Curtius“ einwenden, daß seine Beschreibung der ersten Per-
sönlichkeits-Seite der ‘Mittelalterphilologie’ und des ‘Professoral-Olympischen’
sich mit seiner harmonisierenden, totalisierenden Darstellung aus dem einfachen
Grund nicht vereinbaren läßt, daß sie erst für den über Vierzigjährigen zutrifft
bzw. de facto gegeben ist, für die Zeit nach dem Rom-Erlebnis und der Berufung
nach Bonn 1929, voll ausgeprägt sogar erst für die Zeit nach 1933, als eine auto-
nome Auseinandersetzung – selbst eine kritisch-kompetitive, wie er sie mit
Frankreich etwa für national-deontologisch geboten hielt – mit dem Ausland ef-
fektiv nicht mehr möglich war oder ihm nicht mehr möglich erschien und deshalb
wichtige Tätigkeitsfelder nicht mehr öffentlich behandelt werden konnten. Für die
folgende Periode, 1933-1945, kann dann von einer Annäherung der beiden
Sphären schon deshalb nicht die Rede sein, weil die andere, die kritische Seite von
Curtius seit dem Ende der zwanziger Jahre sogar ausdrücklich weggelassen’ worden
war (s.u.). Zum einen würde ich stattdessen eine stärkere Gewichtung der Chro-
nologie, der ‘Bio-Bibliographie’, befürworten und von einem Bedeutungszuwachs
dieser ‘professoral-philologischen’ Seite seit 1929 bzw. seit 1933 bei unveränder-
tem Fortbestand der keineswegs provisorischen Trennung bzw. ausschließenden
Alternanz der beiden Sphären sprechen; zum anderen bin ich im Gegensatz zu
Christmann unbedingt der Meinung, daß es geboten ist, die Ebenen klar zu tren-
44
nen und zwischen den beiden „Sphären“ des Professors/Philologen und des
Schriftstellers/Literaturkritikers einerseits und den philologischen und kritischen
Arbeitsgebieten und Tätigkeitsmodi andererseits zu unterscheiden. Ich halte des-
halb dafür, trotz einer gewissen und im übrigen doch wohl banalen Tendenz zur
Vermischung der Methoden und Schreibweisen – man müßte auch hier noch dif-
ferenzieren: es handelt sich m. E. eher um eine Einmischung der ‘kritischen’ Me-
thoden und Schreibweisen in die ‘philologischen’ und umgekehrt als um eine
Konvergenz – den Akzent auf das Wesentliche, nämlich die radikale Heterogenität
und den bewußten ‘Extremismus’ seiner Positionsnahmen zu legen, der einen
Ausgleich dieser Sphären trotz gelegentlicher gegenteiliger Bekundungen sogar
notwendiger- und logischerweise als unerwünscht oder nichtdenkbar ausschließen
mußte.
Curtius’ Positionen stellen sich mir darum klar profiliert und dauerhaft wie
folgt dar: Im Bereich der Kritik trat er, je älter er wurde, mit desto größerem
Selbstbewußtsein auf; selbst ja Literat, Gleicher unter Gleichen, machte er kein
Hehl aus dem Bewußtsein seines Ranges und seiner Machtposition (man staunt
gelegentlich nicht schlecht vor dem Ton, den er gegenüber den bekanntesten Au-
toren anschlagen konnte; vgl. Fn. 46 und für die Übernahme dieser Haltung bei
den Adepten Max Rychners Panegyrikus: „Deine Strenge gegen die vielen spürte
das Unvermögen“). Curtius begriff den Kritiker schon früh als Vertreter der nach
Lyrik, Prosa und Drama „vierten, gleichwichtigen Funktion“79
7979
79 der Literatur und
hat 1948 in „Goethe als Kritiker“, seine Auffassung als den Abschluß einer Ge-
dankentransformation von Aristoteles über den deutschen Idealismus zu Friedrich
Schlegel setzend, definiert: „Kritik ist die Literatur der Literatur. Oder deutlicher:
Kritik ist die Form der Literatur, deren Gegenstand die Literatur ist“.80
8080
80 Durch
souveräne Setzung – er dekretierte z.B. kurzerhand, daß es in Deutschland keine
hochstehende Kritik gebe (vgl. etwa Krit. Ess. 31, ELLMA 26), ebensogut konnte er
sie in der Lessing-Preis-Rede zur repräsentativen Funktion des nationalen Be-
wußtseins erklären – verlieh er der Kritik eine Aura höchster Exklusivität und wies
79
7979
79 Literarische Kritik in Deutschland. Rede gehalten am 21. Januar 1950 bei der Entgegennahme
des Lessing-Preises der Hansestadt Hamburg. Hamburg 1950, 29.
80
8080
80 Kritische Essays 32-33. Von Friedrich Schlegels Definition der Kritik als „Verstehen des
Verstehens“ ausgehend, schreibt er hier: „Die Theologie des Aristoteles faßte den göttlichen
Weltgeist als das ‘Denken des Denkens’ auf. Diese Funktion nahm der deutsche Idealismus für
die Philosophie in Anspruch. Friedrich Schlegels Formel überträgt sie auf die Kritik. Man
könnte den Gehalt des Gedankens auch so ausdrücken: Kritik ist die Literatur der Literatur“
(32).
45
ihr ein Arkanum zu, unzugänglicher als das der Lyrik: T. S. Eliots Diktum, wonach
der Roman die Form sei, „in welcher die Literatur ‘die größte Zahl affiziere’“
(33), übertrug er selbstbewußt und nicht ohne einen provokanten Unterton auf
die Literaturkritik als
die Form, in der sie die kleinste Zahl affiziert. Hermetische Lyrik findet Glossatoren und
Adepten. Kritik scheint den happy few vorbehalten zu sein; in Deutschland jedenfalls.
Auf dem Gebiet einer derart elitistisch verstandenen Literaturkritik gab er sich fol-
gerichtig als ‘künstlerischer Typ’ in verschiedenen Rollen (klassisch, modernistisch,
genialisch, empört, bohemienhaft) oder als kulturphilosophisch ausgerichteter
essayistischer ‘Denker’, der naturgegeben mehr mit Seinesgleichen, d. h. mit den
Kreativen, Schriftstellern und Kulturschaffenden Verkehr pflegte als mit den amu-
sischen universitären Beamten-Kollegen.
Im Bereich der Philologie verkörperte er das gerade Gegenteil, den gestren-
gen Ordinarius alter Schule, einen deutschen Radikal-Gelehrten aus dem Holz der
Gründerväter, einen Berufs-Sittenwächter voller Verachtung für das Gros der me-
diokren oder laxen Beamten-Kollegen, egozentrisch, elitär, einen Wissenschaftler,
der der natürliche, vor allem der erklärte Feind alles Modisch-Halbseidenen (etwa
der ‘Geistesgeschichte’, mit der seine Kritikerseele sich so verwandt fühlte) und
manieriert Theoretisierenden81
8181
81 sein wollte, der um es mit Lausbergs Wendung
zu sagen – „zeitlebens bewußt methodischer ‘Positivist’ geblieben“ ist (33), „gefeit
gegen die damals [...] grassierende ‘Wesensschau’ und Erleuchtungs-Prätension“.
Dies ist sicherlich kongenial formuliert, hält aber im Falle von Geistesgeschichte,
Wesensschau und Wesenskunde nur schwer dem Vergleich mit der Evidenz der
Texte stand: weder mit Curtius’ Korrespondenz mit Gide, wo er etwa wiederholt
81
8181
81 Ich verweise beispielsweise auf Rolf Kloepfer in seinem Einwand gegen E. J. Richards
Vortrag „E. R. Curtius’ Vermächtnis an die Literaturwissenschaft: Die Verbindung von Philolo-
gie, Literaturgeschichte und Literaturkritik“ auf dem Curtius-Symposium Heidelberg 1986:
„Er hat sich mit dem Strukturalismus im guten historischen Sinn – und alle großen Forscher
auch der nichtlinguistischen Humanwissenschaften der dreißiger Jahre waren Strukturalisten,
nur nannten sie sich dann Morphologen oder sonst wie – nicht auseinandergesetzt. Er hat die
Forscher nicht zur Kenntnis genommen, er hat mit ihnen nicht studiert, nicht korrespondiert,
er hat die Bücher nicht gelesen.“ (Ernst Robert Curtius (1886-1956): Werk, Wirkung, Zukunftsper-
spektive. Hg. Arnold Rothe, Walter Berschin. Heidelberg: Carl Winter, 1989, 271) – Diese Ein-
schätzung kann durchaus verallgemeinert werden. Mit einem konkreten Bezug sei
stellvertretend noch René Wellek zitiert, der in „The Literary Criticism of Ernst Robert Curti-
us“ (PTL 3 (1978): 40) zu einer ähnlichen Feststellung kommt: „Oddly enough Curtius seems
not to have been aware of the New Criticism as such.
46
Ernst Bertram und dessen Nietzsche-Buch lobt82
8282
82, noch mit seiner Nadler-
Verehrung und -Nachfolge (bis zur Verquickung von ‘geistigen’ und biologisti-
schen, ja rassischen Erklärungsmustern, die er selbst dann noch in Neuausgaben
älterer Arbeiten und sogar in dem anläßlich der Goethe-Feiern in Aspen gehalte-
nen Vortrag83
8383
83 beibehielt, als sie nach 1945 nun wirklich auch in Deutschland dis-
kreditiert waren), noch mit seinem umfangreichen wesenskundlichen
Schrifttum.84
8484
84 Curtius’ gesamtes Werk – und zwar nicht nur das ‘literaturkritische’
von den Wegbereitern bis zu den Kritischen Essays, sondern genauso das ‘streng phi-
lologische’ wie das durch und durch ideengeschichtlich orientierte Europäische Li-
teratur und lateinisches Mittelalter, seine subjektive und erklärtermaßen auf Intuition
gegründete Synthese der überzeitlichen Transzendenz des schöpferischen europäischen
Geistes – bezeugt neben dem positivistischen Erbe seine eindeutige Abhängigkeit
von Positionen der geistesgeschichtlich-idealistischen Richtung und der Le-
bensphilosophie.85
8585
85
Vor der Hintergrundfolie beispielsweise des Kapitels „Geistesgeschichtliche
Methode“ in Manon Maren-Grisebachs Methoden der Literaturwissenschaft86
8686
86 be-
trachtet erscheint Curtius geradezu als Prototyp des Geistesgeschichtlers und als
Paradebeispiel eines Anti-Positivisten: Die von Maren-Grisebach bei diesen
82
8282
82 Deutsch-französische Gespräche, 32, 34 und 52. In der Rhein-Barrès-Debatte hat Curtius
sich mit dem Nationalisten Bertram (vgl. dessen Gedichtbände Straßburg (1920) und Der Rhein
(1922)), den er persönlich kannte und schätzte, förmlich afiliiert : er zitierte mehrfach („Um
Maurice Barrès und den französischen Nationalismus“ (1921), „Rheinische Schicksalsfragen
(Die Tat, 1922), „Français et Allemands peuvent-ils se comprendre?“ (1922)) aus Bertrams An-
ti-Barrès-Aufsatz (Die Westmark, Juni 1921), den er als „wichtiges Stück deutscher Kulturarbeit“
(Die Tat, März 1922, 932) lobte und als mit seinen Ansichten deckungsgleich an französische
(Gide) und luxemburgische (Mme Mayrisch) Freunde verschickte (Dt.-frz. Gespr. 34). Bertram
schrieb außerdem Rheingenius und Génie du Rhin (1922).
83
8383
83 The Medieval Bases of Western Thought“, Ges. Aufsätze zur romanischen Philologie, 28-
39; 28: „Henry Adams was led to northern France by the instinct of his race“.
84
8484
84 Vgl. Gerhard Bott, Deutsche Frankreichkunde 1900-1930, Rheinfelden, 1982; Stefan
Gross, Ernst Robert Curtius und die deutsche Romanistik der zwanziger Jahre, Bonn 1980.
85
8585
85 Diese Auffassung vertritt auch Hans Manfred Bock in seinem wichtigen Aufsatz „Die
Politik des ‘Unpolitischen’. Zu Ernst Robert Curtius’ Ort im politisch-intellektuellen Leben der
Weimarer Republik“ (Lendemains 59 (1990): 16-61): „Curtius’ Methode war eine lebensphilo-
sophisch überformte Variante der deutschen Geisteswissenschaft, sie war ihrer ganzen Anlage
gemäß morphologisch orientiert und begrifflich inkohärent“ (27). – Vgl. ebenfalls Peter Jehn.
86
8686
86 Tübingen: Francke, 1970, 91985. Meine obige Apposition zu ELLMA deckt sich in den
sieben kursiv gesetzten Punkten mit Merkmalen ihrer Gegenüberstellung von geistesgeschicht-
lich-idealistischem Denken mit positivistischem (28).
47
‘Schulen’ diagnostizierte „Verbindung von Intelligenz- und Erlebnispotential“ (25)
– welches letztere er im Weber-Aufsatz, wie wir gesehen haben, gar zum deonto-
logischen Postulat einer „‘Erlebnispflicht’“ (202) erhoben sehen wollte – ent-
spricht völlig Curtius’ Vorstellungen; den Anspruch, als „schöpferische[r]
Forscher“ die „Entsprechung“ zum „poeta creator“ (31) zu bilden, darf man wohl
gerade ihm mit Fug und Recht unterstellen.87
8787
87 Ohne deswegen die schon aus sei-
nem elitären Konservativismus verständlichen positivistischen Züge minimieren zu
wollen (vor Maren-Grisebachs Positivismus-Kapitel macht er eine ebenso gute Fi-
gur: man vergleiche nur ihre Ausführungen zu Scherer und zur Kausalität (14) mit
der nichtsdestotrotz irrationalen und subjektivistischen Geschichts- und Konti-
nuitätsauffassung in ELLMA): es entbehrt jeder Grundlage, ihn seiner ideenge-
schichtlichen Zeitverhaftetheit und seiner irrationalen Basis zu entziehen und auf
einen freischwebenden Positivismus zu verkürzen. Arnold Arens hat als Herausge-
ber von Lausbergs Curtius-Buch die Notwendigkeit gesehen, Lausbergs Darstel-
lung von Curtius’ „wissenschaftlicher Persönlichkeit“ durch eine aufschlußreiche
Bemerkung von Paul Egon Hübinger zu ergänzen, der in seinem Lehrer Curtius
einen „wahre[n] Sohn des Zeitalters“ gesehen hat, „das durch Dilthey (Das Erleb-
nis und die Dichtung!) geprägt worden ist. Er praktizierte Dilthey bei länger andau-
ernder Distanzierung von seinem theoretischen Gehalt“ (Lausberg 50, Fn. 13).
Lausberg aber kann hier nicht kohärenter sein, als es Curtius selbst in seinen gele-
gentlich überspitzten Stilisierungen gewesen ist, deren Affektismus ihm und seinen
Anhängern manchmal den Blick auf seine alltäglich reale methodische Praxis ge-
trübt haben mag; Lausberg bringt Curtius’ Selbstbild dann aber mit gewohnter
87
8787
87 Die Reihe der Beispiele ließe sich fortsetzen. Welleks überzeugende Darstellung des
„Literary Criticism of Ernst Robert Curtius“ würde ich übrigens in diesem einen Punkt, der
Frage der Einstellung Curtius’ zur „German Geistesgeschichte“ (40), modifizieren: Wellek, der an
anderer Stelle sehr wohl die mangelnde Konsistenz in Curtius’ Äußerungen, den Zwiespalt
zwischen programmatischer Verlautbarung und der Praxis der eigenen Sprechakte bemerkt
(„France is seen throughout the writing-life of Curtius in oddly simplified terms of a contrast to
Germany [...]. Occasionally Curtius reminds himself and us that generalizations are dangerous
and that a nation’s character changes in history, but mostly he operates with the most worn-out
clichés“ (29)), nimmt Curtius’ scharfe („sharpest criticism“) Reaktionen auf die Geistesge-
schichte – deren affektiven und disziplinären Hintergrund er zu verkennen scheint, obwohl er
sogar die Fälle Glunz und Ehrismann als Beispiele geistesgeschichtlicher Forschung anführt –
offenbar prima facie, er ignoriert sowohl die Inkonsistenz, die zwischen Curtius’ Kritik und Cur-
tius’ eigener Praxis besteht, als auch die zu seiner vorhergegangenen ‘ideengeschichtlichen
Analyse Curtius’, was allerdings gerade daran liegen mag, daß er sich durch seine Festlegung
Curtius’ auf den „objective idealism“ (32), in Diltheys Verständnis ausgerechnet, den Blick für
den geistesgeschichtlich-idealistischen Zusammenhang verstellt hat.
48
Treffsicherheit auf den Punkt, wenn er schreibt: „‘Positivismus’ und Literaturkritik
sind in seiner Persönlichkeit eine Einheit aus einem Guß eingegangen.“88
8888
88
Die Verbindung des Gegensätzlichen – und das beinhaltet für Curtius bei al-
ler Überzeugtheit von der Realität der Gegensätzlichkeiten auch den Aufweis der
Scheinhaftigkeit ihrer Unüberwindlichkeit –, die Vereinigung des vordergründig
Heterogenen war eine Grundnotwendigkeit und ungelöste Grundproblematik von
Curtius’ gesamter Existenz und bildet ebenfalls die grundlegende Struktur seiner
Anstrengungen zu einer ontologischen Erfassung metaliterarischer Phänomene.
Etwas von dieser Gegensätzlichkeit steckt ja offensichtlich auch in dem kooperie-
renden Postulat-Paar Energie(entfaltung) und Strenge, und man kann sich fragen, ob
es nicht sogar gerade daher die Wirkmächtigkeit bezieht, von der Curtius so sehr
eingenommen war. Entsprechend ihrer Affinität zu diesen Postulaten gruppieren
sich denn auch bei Curtius, sein Denken unübersehbar bestimmend und insbe-
sondere den Philologie-Kritik-Komplex strukturierend, gewisse Vorstellungen
oder Konzeptionen als Gegensatz- und (im Zeichen der Konvergenz-Dynamik der
innewohnenden deontologischen Prinzipien) als Komplementär-Paare. Diese sind
wohl nicht zufällig solche, die Curtius’ Epoche, die erste Jahrhunderthälfte, weit-
reichend geprägt und gespalten haben, worin sich erneut seine gleichzeitige Ab-
hängigkeit von Lebensphilosophie und Geistesgeschichte einerseits und
Positivismus andererseits zeigt: „Leben“ und „Wissenschaft“, „Leben“ und
„Geist“ (aber auch, je nach Kontext ist der „Geist“ verschieden zuordenbar:
„Geist“ und „Form“89
8989
89), „Vitalität“ und „Vernunft“, „Instinkt“ und „Verstand“,
88
8888
88 „Das hatte“, wie Lausberg sich bemüßigt fühlt, ergänzend zu erklären (33), „Folgen im
gesellschaftlichen Verhalten: bei aller Güte gegenüber Lernwilligen und Ratsuchenden konnte
CURTIUS gegenüber von ihm identifizierten prätentiösen Schwätzern, denen er geistige Perfidie
vorwarf, mit aggressivster Schärfe – auch im persönlichen Verkehr – auftreten.“ – Leo Spitzers
von mir allerdings bestrittene Charakterisierung von Curtius’ wissenschaftlicher Persönlichkeit
hat doch den in meinen Augen erheblichen Vorteil, auf ein und derselben kategorialen Ebene zu
bleiben: „Curtius a le mérite d’avoir réuni en lui, dans une synthèse tout à fait personnelle, le
professeur philologue, l’écrivain et le politique de l’esprit.“ („L’Etat actuel des études romanes
en Allemagne“. Revue d’Allemagne 6 (1932): 593; zitiert nach Christmann 14/44)
89
8989
89 Im „Epilog“-Kapitel von ELLMA erläutert Curtius unter „§3. Geist und Form“ etwa zu
dieser Dichotomie, dem „germanischen Wesen liegen“ die keltischen und römischen Form-
spielereien „wenig“ (392). Man kann sich vor der Abundanz der einschlägigen Stellen aus allen
Schaffensperioden nur schwer des Eindrucks erwehren, daß für Curtius die Grenzen zwischen
Geist, Seele, Wesen und Blut höchstens fließend waren; liegt der Geist im Blut oder ist das Blut
die Trägersubstanz des Geistes? Die Antworten spannen sich von angemessen lapidarer Klar-
heit: „Die Monumente der französischen Tradition stehen an den Heerstraßen des römischen
Imperiums. Das Gesetz dieser Tradition liegt im französischen Blut.“(Frz. Geist im 2o. Jh. 421)
49
„Intuition“ und „Intelligenz“, „Kraft“ und „Disziplin“. Immer kann das in der
hiesigen Anordnung erste Element mehr der Energie und infolgedessen der Lite-
ratur(Kultur)kritik (Leben, Vitalität, Intuition), das zweite mehr der Strenge und
demnach der Philologie (Vernunft, Intelligenz, Disziplin) zugerechnet werden, das
erste – um auch diese Allerweltsdichotomie noch hinzuzunehmen – mehr dem
Bereich des Irrationalen, das zweite mehr dem des Rationalen. An dieser kurzen
Auflistung läßt sich bereits ablesen, daß bei Curtius tatsächlich typische positivi-
stische und geistesgeschichtlich-idealistische Vorstellungen gleichzeitig auftreten,
die im Magnetfeld von Energie und Strenge programmatisch konvergieren, was m. E.
eine für das Verständnis seines Denkens aufschluß- und perspektivenreichere Be-
obachtung sein dürfte als die, daß „in seiner Persönlichkeit“ Positivismus und Li-
teraturkritik „eine Einheit aus einem Guß eingegangen“ sind – davon, daß sie dies
in seinem Werk getan hätten, spricht wohlgemerkt nicht einmal Lausberg.
bis zu genügend eindeutigem mystischem Raunen „[Humanismus] ist Selbstbegegnung des
modernen Geistes mit einem Leben, das in dunkler Tiefe des Blutes schlief und sich nun seines
Ursprunges versichert“ (Deutscher Geist in Gefahr 107).
50
II
SYNTHESE ALS ONTO-DEONTO-LOGISCHES PRINZIP
Der Einzelne aber konnte sich jetzt nur noch
einem einzigen Gebiet ganz widmen und bildete sich
so nur noch als „Bruchstück“ aus, wurde „bloß
zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft“.
Michael Landmann, Pluralität und Antinomie
1 RESTAURATIVER HUMANISMUS MIT BRUCHSTELLEN
Während es für Curtius in der Lebenspraxis problematisch und letzten Endes un-
möglich blieb, die beiden Seelen in seiner Brust und die entsprechenden Lebens-
welten des Schriftstellers/Kritikers einerseits und des Philologen/Professors
andererseits, von Berufung und Beruf, zu versöhnen,90
9090
90 sei es, weil ein bestimmtes
90
9090
90 Neben den Briefen an Max Rychner, in denen sich Curtius sehr offen über Per-
sönliches aussprach, bezeugen auch seine Briefe an Gide die Problematik dieses innerlichen
und äußerlichen Arrangements, auf das hier nicht in erschöpfender Weise eingegangen werden
kann. Einige Beispiele nur seien stellvertretend und in Ergänzung der Briefstelle vom 13.3.1921
(„Ich bin durch die Pflichten meiner Professur (Vorlesungen, Prüfungen usw.) so absorbiert,
daß meine literarische Production sehr gehemmt ist. [...] auf die Dauer ist dies Nebeneinander
von Beruf und schriftstellerischer Arbeit schwer durchzuführen.“) angeführt: So schreibt Curti-
us etwa an Gide am 15.11.1922: „le retour à Marburg pour la reprise des cours a marqué le
commencement d’une période de dépression physique et morale dont je ne vous parlerais pas
si ce n’était pour excuser mon long silence. L’hiver dans ce pays froid et brumeux, sans amis,
sans beauté, sans nulle impression d’art, sans aucune source de joie m’est toujours très pénible.
Il m’est très difficile de m’insérer dans cette vie officielle d’une petite université dont je me sens
séparé par tout ce qui fait ma vie propre. Etre libre, être indépendant, ne devoir des comptes à
personne – voilà ce que je voudrais. ‘Fuir! ah! fuir plus au sud et vers un dépaysement plus to-
tal!’.“ (Deutsch-französische Gespräche, 61-62) – Ähnlich wie gegenüber Gide zeigt Curtius auch
im Briefwechsel mit Catherine Pozzi eine besondere Neigung, sich nicht nur von seinem Beruf
zu distanzieren, sondern überhaupt die Bedeutung der Wissenschaft für sein Leben und seine
Eingebundenheit in deren Betrieb zu relativieren; vor allem zu Beginn ihrer Bekanntschaft gibt
er sich betont weltmännisch und geradezu flirtatious; von ihr als Don Juan bezeichnet zu werden,
nimmt er sichtlich geschmeichelt auf. Aus Rom fragt er (Poststempel v. 9.12.28): „Est-ce que la
Science va vous expliquer la mort? Explique-t-elle la vie? Connaît-elle le ‘sens’ de quoi que ce
soit? [...] Les vérités ultimes ne se découvrent pas par la marche de la connaissance à travers les
siècles. Elles sont données une fois pour toutes, elles peuvent se perdre – et se retrouver.“
(„Lettres à Catherine Pozzi“, 339) Am 20.12. 1928 hofft er: „je voudrais tellement que ce mot
de ‘professeur’ disparût de vos lettres“, und bekennt: „J’ai horreur d’être identifié avec ma pro-
fession. Je déteste même qu’on me la rappelle – peut-être parce que je la remplis mal; mais pas
51
Interesse oder Erlebnis der einen Sphäre zeitweise die Priorität gab, sei es, weil die
Lebensumstände oder Arbeitsbedingungen gegen eine solche Harmonisierung
standen und er im übrigen auch keine Ansätze zeigte, ja möglicherweise nicht
einmal die Idee realisierte, eine darauf ausgerichtete, seine verschiedenartigen Be-
dürfnisse und Interessen bewußt totalisierende Lebenseinstellung zu entwickeln;
während er statt dessen zwischen den Extremen schwankte, entweder die Unter-
schiedlichkeit der Betätigungen und der Lebenswelten phasenweise in geradezu
aufreizender Weise zu kultivieren und auf die Spitze zu treiben oder aber in fatali-
stischer Weise zwischen Larmoyanz und Zynismus mit dem Schicksal eines inner-
lich und äußerlich Zerrissenen zu hadern (wenn nicht zu kokettieren), der sich
zudem aus Gründen, die zu eruieren wären, lange Zeit ganz elementar als nicht
dazugehörig, als verschieden von den anderen empfand und sich obwohl durch
und durch ‘wertkonservativ’ eingestellt (bzw. gerade deshalb) – schwertat, seine
Position gegenüber den üblichen Lebensformen der bürgerlichen Gesellschaft zu
definieren91
9191
91, war ihm ganz im Unterschied dazu für seine wissenschaftlichen wie
uniquement pour cette raison. J’en veux à cette profession, à cette carrière universitaire parce
qu’elles déforment et déflorent la vie spontanée de l’esprit.“ Dieses Kokettieren mit dem eige-
nen Ungeeignetsein und der Rolle des Opfers der Umstände mag er dann aber doch nicht so
stehen lassen; am 7.6.1929 zeichnet er ein differenzierteres, aufschlußreiches Bild seiner selbst:
„Je me suis appliqué dès toujours à l’objet. J’ai par un ascétisme conscient tué le spontané de
mon esprit pour me conformer au donné, au contour des choses, à l’analyse. Je suis arrivé à
pouvoir faire de bonnes ana-lyses, mais au dépens de l’élan, de l’essor, de mille possibilités
étouffées. Appauvrissement irréparable. A l’ordinaire, je ne le sens pas et ne m’en plains pas.
Mais le contact avec un esprit tel que le vôtre me fait apparaître tout ce que j’ai renoncé. [...]
Mon ambition et mon plaisir, c’est de fournir du bon travail. En récompense, je voudrais avoir
quelques agréments de la vie. C’est le raisonnement naïf de l’écolier.“ (343) – Vgl. auch die zu
interpretierenden Indizien bei Lausberg passim, z. B. 49ff über die „geprägte“ und die „wissen-
schaftliche Persönlichkeit“ Curtius’.
91
9191
91 Die zeittypischen Hymnen auf das Leben, die ihn bei Dichtern wie Gide so berücken
konnten und die er gerne ‘nachsang’, dürften ihn an der Identifikation mit dem bürgerlichen
Leben so wenig gehindert haben wie ihn vom „mit im Hinblick auf meine Teilnahme“ ge-
gründeten „Professoren Kränzlein“ („Ernst Robert Curtius - Max Rychner: Ein Briefwechsel“.
Merkur 23 (1969), 372) ferngehalten haben dürfte, was er am 11.6.1925 an Rychner schrieb:
„Je älter ich werde, je stärker wird das Bewußtsein, daß ich nicht ‘dazu gehöre’. [...] Ich habe
ein nervöses Unabhängigkeits- & Ungebundenheitsbedürfnis wie ein ungezähmter Gaul. Ich
will frei sein, in hellen Sommernächten im Neckar zu baden oder Freunde zu sehen, auch wenn
tausend Kränzchen oder Congresse an dem Abend tagen“ (372). – Anhaltspunkte zur Deutung
seiner Heterogenitätsgefühle – inwieweit er kokettiert, bleibt ohnehin immer in der Schwebe –
finden sich bis wenige Wochen, bevor er unverhofft in ruhigeres Gewässer kam, als er im Sep-
tember 1929, nur wenige Tage vor dem ertrotzten ersten Treffen mit der immer heftiger um-
worbenen Brief- und Seelenfreundin Catherine Pozzi, mit 43 Jahren die mehr als zwanzig Jahre
52
jüngere Ilse Gsottschneider kennenlernte und binnen eines halben Jahres heiratete: wenn er am
8. September 1929 an Catherine („Chère“) schreibt:Vous me taxez de donjuanisme. Je n’y
contredis pas. Mais vous me connaissez assez, n’est-ce pas, pour savoir que si je suis sensible à la
musique du Désir, je le suis mille fois plus aux appels de la grandeur, aux révélations de l’esprit“
(353), so bezieht er sich dabei offensichtlich auf eine Reaktion Catherines auf den Beginn sei-
nes Briefes vom 26. August: „Voici une méchante photo pour vous remercier de votre admirable
diagnostic. L’être qui ne vous revient pas [scil. Stephen Spender] est tout de même assez sédui-
sant. Je ne suis pas insensible à ce charme, mais je m’intéresse à lui b[eaucou]p plus pour une
autre raison: il est poète, et ses vers sont d’une beauté, d’une puissance surprenantes“ (350). –
Die frühen Versuche des Kritikers Curtius, in Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich die
literarische Erotik und Lebenshymnik eines anderen Dichter-Freundes, Gides, empathisch zu
evozieren, entbehren gelegentlich nicht einer gewissen Komik: „Im Verkehr mit den Araber-
knaben taucht ein neues Gefühl in Michael auf: die Freude an der Schönheit und Wohlgeraten-
heit biegsamer Leiber“ (60), „Michael wirft die künstliche Persönlichkeit von sich, die
Erziehung, Bücher, Pflichtenlehren in ihm aufgebaut haben. Er bricht das Tabu der Ver-
drängungen. Alle dunkel-heißen Lebensströme der Sinne und der Seele leitet er zusammen in
ein neues Menschtum“ (61), in der Normandie „durchwacht er die Sommernächte mit den
Wilddieben. Hier findet er die dumpfe Animalität unverschnittener Lebenstriebe“ (64),
schreibt er zu L’Immoraliste (den geschrieben zu haben er Gide als ethischen Akt anzurechnen
scheint: Der Satz „Er schrieb den Immoraliste“ ist ein eigener Absatz) und zu den Caves du Vatican:
„Der Held des Romans [...] ist ein Bruder des Araberknaben Moktir, der dem neu erwachen-
den Lebensdurst Michaels in Biskra ein so reizvolles Schauspiel bietet“ (76-77). Bei der Be-
schreibung der Morceaux choisis greift er zu Anapher und Alliteration: „Manche Seiten ver-
herrlichen antikisch-nackt und antikisch-fromm die freie Schönheit beseelter Sinnlichkeit.
Heidnische Lebenserhöhung feiert ihre Feste“ (290). Auch schon zum Immoraliste war die Rede
von der „Beseligung des sinnlichen Seins unter der Sonne“ (60). – Herbert Dieckmann hat im
Vorwort zum von ihm und Jane M. Dieckmann herausgegebenen Briefwechsel Curtius’ mit Gi-
de, Du Bos und Larbaud die Meinung vertreten, Curtius „prend la signification des ouvrages de
Gide au pied de la lettre, les lit avec une parfaite bonne foi au point de ne voir pas le sens sous-
jacent ou caché de certaines œuvres, que plusieurs des amis de Gide avaient quant à eux sou-
ligné. Cette bonne foi explique en partie la position de Curtius lors du conflit entre Du Bos et
Gide“ (Dt.-frz. Gespräche 11). Mir scheint, daß Dieckmann selbst Curtius in naiver Weise prima
facie liest und nicht erkennt, daß er einer Camouflage auf den Leim geht. – Nachdem Gide und
Curtius sich in Pontigny kennengelernt haben, verweist Gide in einem Brief vom 20.8.1921 auf
das „petit livre sur les Wandervögel indiqué par vous“ (Hans Blüher: Die deutsche Wandervogelbe-
wegung als erotisches Problem) und erinnert an sein eigenes „livre secret dont je vous ai parlé“ (Dt.-
frz. Gespräche 36); Curtius antwortet am 24. August: „Mit großem Interesse höre ich, daß Sie die
Schrift über die Wandervogel-Bewegung gelesen haben. Noch wichtiger ist das größere Werk:
‘Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft’ [ebenfalls von Blüher]. Es hat die Geister
hier sehr erregt und leidenschaftliche (auch sehr gehässige) Polemik entfesselt. Mit dem livre
secret wird es wohl ebenso gehen (38). Am 14. Oktober schickt er Gide dann dieBroschüre
‘Eros’ von G. Wyneken, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Wyneken ist ein
Führer der deutschen Jugendbewegung, Leiter des Landerziehungsheims Wickersdorf, eine be-
deutende schöpferische Persönlichkeit. Seine Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis (vor weni-
gen Wochen) hat großes Aufsehen erregt und die öffentliche Meinung sehr bewegt. Auch seine
53
für seine kritischen Arbeiten, für jede einzelne jeweils mit ungeteiltem Engage-
ment betriebene schreiberische, und das heißt vorrangig stets: schöpferische Auf-
gabe die Synthese des Gegensätzlich-Komplementären, das in Einklang, in ein
Zusammenwirken Bringen von antipodischen, aber zueinandergehörenden Ele-
menten eindeutig Programm, unabdingbare Voraussetzung sowohl für hohe wis-
senschaftliche und kritische Leistung als auch für die Einlösung der deontologi-
schen Verpflichtung einer humanistischen Wissenschaft und einer kongenialen
Literaturkritik: dieses Bemühen war darum selbst Verpflichtung.
Eine Ausnahme von dieser Überzeugung, die sich in seinem gesamten Werk
und seiner Korrespondenz manifestiert, scheint sich bezeichnenderweise gerade
zu einer Zeit zu finden, da Curtius sich in einer Phase erhöhter, auf seine gesamte
Karriere gesehen vielleicht sogar der stärksten Zugewandtheit zum künstlerischen,
gesellschaftlichen und politischen Leben befand, den Universitätsbetrieb in Mar-
burg aber, wo er 1920 seinen ersten ordentlichen Lehrstuhl erhalten hatte, sich
jedoch aus verschiedenen Gründen (das bedrückende Klima, die Lage jenseits des
Limes92
9292
92) nicht wohl fühlte, als besonders frustrierend empfand. Es ist leicht vor-
Gegner geben zu, daß ‘Eros’ eine glänzende Apologie ist“ (39). Gide antwortet am 22. in fast
verschworenem Ton: „J’ai bien reçu l’Eros et vous sais le plus grand gré de me l’avoir envoyé.
Vous êtes un précieux ‘prospecteur’ et je voudrais de même vous aider à connaître les produc-
tions françaises“ (41). Nachdem Corydon erschienen ist, meldet Curtius am 7.4.1925: „Voici
encore un article sur Corydon. Je n’en devine pas l’auteur. Vous voyez que votre livre agit – ac-
tion lente sans doute, mais sûre. Un jeune Américain d’Oxford qui passe ici ses vacances m’en a
aussi parlé. Il est en train de partir pour Paris. Y êtes-vous? Je crois que vous auriez plaisir à le
connaître“ (80). Nach einem Treffen bekennt Curtius am 13.5.1925: „A peine séparé de vous,
j’étais envahi par un vol de pensées inexprimées que je ne pouvais plus vous soumettre. Il
m’arrive souvent, malheureusement, que le plaisir de la rencontre ne coïncide pas avec les mo-
ments de fécondité intérieure. Inhibition! Aussi ai-je lu avec un intérêt tout spécial ce que vous
dites dans ‘Caractères’ sur d’autres formes de l’inhibition qui, hélas, me sont également fami-
lières“ (81). – In einem undatierten späteren Brief (nach der Eheschließung?) beschreibt Cur-
tius das Buch Das Zweigeschlechterwesen bei den Zentralaustraliern von J. Winthuis, das er gerade
liest: „Ainsi les garçons, par des rites d’initiation et par des opérations chirurgicales (subinci-
sion) sont fait femmes. Cette transformation doit être confirmée de façon religieuse. C’est
pourquoi les prêtres couchent avec les nouveaux initiés. D’où la pédérastie. Si le livre vous in-
téressait, je me ferais un plaisir de vous l’envoyer. Je crois qu’il s’agit là d’une des découvertes
les plus importantes de la science moderne“ (128).
92
9292
92 In zahlreichen Selbstzeugnissen (vgl. o. den Brief an Jean de Menasce vom
22.12.1944) finden sich Lausbergs Ausführungen zur Rheinbindung des Deutsch-Römers Curtius’
bestätigt: „Innerhalb des deutschen Raumes fühlte er sich nur westlich des römischen Limes
herzhaft zu Hause. Die Annahme eines Rufes nach Leipzig schied für ihn aus (MQ:C.). Wenn
er von einer Reise, die ihn östlich des Limes geführt hatte, wieder in das Rheinland zurückkam,
so atmete er beim Überfahren der Rheinbrücken als ein in musisches Land Heimgekehrter auf
54
stellbar, in welchem Entscheidungsnotstand er sich gewähnt haben mag angesichts
der sich weiter öffnenden Schere zweier auseinanderstrebender Lebensentwürfe:
hier die literarische und geistige high society Europas, da die akademische Provinz;
hier der vertraute Umgang mit der künstlerischen und intellektuellen Elite der
Zeit, die ihn als ihresgleichen akzeptierte, da das Zusammengepferchtsein mit mit-
telmäßigen Studenten und Kollegen, denen er sich unendlich überlegen fühlte. Vor
diesem Hintergrund ist zu sehen, daß Curtius zu eben der Zeit, als er sich in der
beginnenden Freundschaft André Gides und anderer Autoren, im Erfolg seiner
Literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich und in der Aufregung um den Barrès
sonnt, als er die Einladungen nach Pontigny und Colpach und den Verkehr in der
internationalen république des lettres genießt und infolge einer enormen Aktivitäts-
entfaltung schnell zu einer gewichtigen Figur im deutsch-französischen Dialog
wird, den Entschluß faßt, im Februar 1922 in der Zeitschrift Die Arbeitsgemeinschaft
– einem Organ ausgerechnet zur Propagierung der Volkshochschulen, auch der
Weber-Aufsatz war in dieser Zeitschrift erschienen – über die Frage „Neuer Hu-
manismus?“ in einer Tendenz zu schreiben, die wie ein performativer Wider-
spruch wirkt. Insbesondere bezieht er offensiv Stellung gegen eine ‘politisierende’
Beschäftigung der Wissenschaft mit und Parteinahme in gesellschaftlichen Fragen
und damit scheint er sich in eklatanten Widerspruch zu seinem eigenen momen-
tanen und im übrigen schon seit seinen Anfängen gepflegten, ja vornehmlichen
öffentlichen Handeln und Schreiben zu setzen, ganz so als wolle oder müsse er
sich selbst zur wissenschaftlichen, zur Marburger Ordnung rufen:
Freilich – in solcher Auffassung von humanistischem Erkennen [wie er sie propagiert] steckt
Entsagung. Aber solche Entsagung ist unabtrennbar von dem Begriff der geschichtlichen Bil-
dung, ja von der Idee des wissenschaftlichen Erkennens überhaupt. Man betrügt sich selbst,
wenn man meint, ihr entgehen zu können. Wissenschaft ist Askese – sie ist es zumindest für
denjenigen, der keine geistige Heimat über ihr oder außer ihr hat. Sie fordert Verzicht. Keine
Macht kann daran etwas ändern. (197)
Die Wissenschaft fordert Hingabe, und gegenüber dem Leben fordert sie ihre Freiheit und ihre
einsame Strenge. Die Wissenschaft hat nicht die Aufgabe, Dienerin des Lebens zu sein. Als ob
das Leben das Höchste wäre!
Wir haben vollstes und sympathischstes Verständnis für den Menschentypus, der nach
den goldenen Früchten des Lebens selber greift. Wir sind am wenigsten geneigt, die Wissen-
schaft zu überschätzen. Aber warum dann nicht lieber die Dinge reinlich scheiden, als den
(MQ:C.), wobei er das Lied ‘Ab l’alen tir vas me l’aire’ des provenzalischen Dichter Peire Vidal
[...] zitieren konnte.“ (60)
55
Versuch machen, der Wissenschaft ein ihr fremdes Gesetz vorzuschreiben und ihr zu dienen,
indem man gleichzeitig nach dem Leben schielt? Noch einmal: die Wissenschaft fordert Hinga-
be. (198)
Hier könnte man meinen, bereits den Curtius von Europäische Literatur und
lateinisches Mittelalter zu hören, der 1948 eine Art modernen Mönchsdienst an der
Tradierung der Literatur zu propagieren oder für sich zu reklamieren scheint und
ein Szenario entwirft, in dem das Leben in einem bedeutenderen Kontext an es
selbst transzendierende Werte gebunden wird, weil er weiß, „[g]eistige Überlie-
ferung ist an stoffliche Unterlagen gebunden“ (397), einzelne müssen deshalb
bereit sein, mit ihrer Existenz dafür einzustehen – so „wie das unter Barbaren-
und Sarazenen-Stürmen in den Klöstern des frühen Mittelalters geschah“ (398) –,
daß diese Überlieferung in aller Form gewährleistet wird, damit „[a]uch in Zeiten
des Bildungsschwundes und der Anarchie [...] das Erbe des europäischen Geistes“
überleben kann.
Aber diese für den späten Curtius, nach 1945, so typische Kassandra-
Haltung ist dem Curtius der frühen zwanziger Jahre noch fremd, sie wird sich
nicht eher als 1931/32 bei ihm bemerkbar machen: Resigniert wegen der Folgen-
losigkeit seiner kulturpolitischen Aktivitäten und vor allem über die (französische)
Resonanz enttäuscht, ja verärgert – im „Vorwort“ zu Deutscher Geist in Gefahr be-
zeichnet er „die deutsch-französischen Beziehungen“ lapidar und nicht ohne Ego-
zentrik als „Trümmerfeld“ (7) – wird er sich dann mehr und mehr als ein
Vereinzelter von doch zu wenigen begreifen (wäre es denkbar, daß ihm dämmerte,
daß sein ideologisch enggeführter elitistischer Kosmopolitismus mit den interna-
tionalen politischen und gesellschaftlichen Realitäten nicht kompatibel war und
keine Grundlage für eine notwendigerweise breitere Völkerverständigung bilden
konnte?) und in den Wirren der zu Grunde gehenden Weimarer Republik, ange-
sichts von „Kulturhaß“ und „Selbstpreisgabe des deutschen Geistes“ (ELLMA 11)
beginnen, mit Sympathie und wachsendem Interesse auf die „Stillen im Lande“ zu
sehen, die die Aufgabe der „Traditionsträger“ auf sich nehmen, „die unser gefähr-
detes Erbgut bergen und einer späteren Zeit übermitteln“93
9393
93 und ohne die die
„Rückkehr zum Ursprung“ (113), zum „heilende[n] und stärkende[n] Bad in den
Quellen, aus denen unser Leben entsprang“, nicht möglich und „die Biologie der
93
9393
93 Kapitel „Bildungsabbau und Kulturhaß“ in Deutscher Geist in Gefahr (27); schon im
September 1931 war der Aufsatz „Abbau der Bildung“ in der Neuen Rundschau erschienen und
in der Nouvelle Revue Française als „Abandon de la culture“ nachgedruckt worden (Dez.).
56
Tradition“ (114) nicht lebensfähig wäre. Um dieses Weiterleben zu garantieren
braucht es natürlich anders als zum Aufbau einer lebendigen und dauerhaften Völ-
kerverständigung keine Massen, einige wenige reichen, eine „verschwindend klei-
ne“ Elite, denn – so wird er 1952 in „Rudolf Borchardt über Virgil“ schreiben
„auch Minoritäten, selbst verschwindend kleine, können in der Biologie der Tra-
dition eine Sendung haben“ (Krit. Ess. 29). Recht besehen können sogar nur sie
diese Sendung haben, denn die Massen sind dazu per se untauglich, wenn nicht
schädlich. Nicht einmal breitere Kreise kämen in Frage, nur ganz wenige sind aus-
erhlt: 1950 erinnert Curtius denn auch in „Stefan George im Gespräch“ – die
Jahre des Übergangs zur demokratischen Ordnung der Bundesrepublik Deutsch-
land sind für ihn nicht zufällig eine Zeit der mahnenden Erinnerungen –:
George sagte mir [...] am 16. April 191194
9494
94: „[...] Die Idee des Fortschritts durch die Wissen-
schaft ist ein Wahnsinn. Alle großen Zeiten wußten, daß Wissen nur für wenige bestimmt und
nur stufenweise mitteilbar ist.“ (Krit. Ess. 112)
Am Ende von Deutscher Geist in Gefahr, im Kapitel „Humanismus als Initiati-
ve“, ruft Curtius das Beispiel der „Schreibernche des Mittelalters“ (125) und
das „Vivarium“ des Cassiodorus in Erinnerung, das Kloster, in dem „die Weistü-
mer des Altertums durch den Winter der dunklen Jahrhunderte ihr Leben gefri-
stet“ haben, in einer Zeit des „Verfall[s] des Lateinverständnisses“ und der
Abnahme der Geistesschärfe“: eindeutige und alarmierende Symptome, die
Curtius seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wieder diagnostizieren muß
und die den humanistischen Berufsethiker auf den Plan rufen müssen95
9595
95. Die kas-
94
9494
94 Lausberg 49: „Der Privatdozent der Jahre 1913-1914 ist bereits jene im wissenschaft-
lichen und gesellschaftlichen Profil geprägte Persönlichkeit, die in den Jahren 1920-1956 ih-
rerseits der europäischen Geistigkeit bestimmende Akzente aufprägte. Freilich blieb CURTIUS
stets auf Weite und Weitung angelegt: aber die Grundprägung war doch in den Jahren 1913-
1914 unverkennbar gegeben. Eine Korrektur der Grundprägung war nicht notwendig und eben
deshalb auch nicht gewollt.“
95
9595
95 Noch 1952 zeigt Curtius diese retrospektive berufsethische Empfindlichkeit, als er in
„Gustav Gröber und die romanische Philologie“ ein „Urteil“ Hugo Schuchardts „aus dem Jahr
1885“ kommentiert, das man im Schuchardt-Brevier (21928, 83) nachlesen kann – wie ich finde
mit Gewinn gerade im Hinblick auf heutige Methoden-Moden wie etwa die Dekonstruktion –:
„Das von W. Scherer treffend so genannte ‘Mechanisieren der Methoden’ reduziert die Anfor-
derungen an selbständiges Denken auf ein Minimum und ermöglicht so die Teilnahme einer
außerordentlichen Menge tatsächlich Unbefähigter an der ‘wissenschaftlichen’ Arbeit“. Dieses
„Urteil“ überträgt Curtius nun auf die romanische Philologie, für die es nämlich „in besonde-
rem Maße“ Geltung habe, und ohne viel Federlesens darüber hinaus von den Methoden, um
57
sandrische Pose und der deontologische Aplomb sind allerdings eher für die Gale-
rie bestimmt; die happy few nämlich können sich der selbstgenügsamen Gewißheit
freuen – Hölderlins „Wo aber Gefahr ist,/Wächst das Rettende auch“ hat Curtius
dem Werk vorangestellt –: es besteht nicht wirklich Grund zur Verzweiflung, nicht
einmal zur Klage gibt es Anlaß, weiß man doch aus der initiierten Überschau über
Zeiten und Räume:
Zeiten der Verfinsterung müssen [...] periodisch wiederkehren. Ist dies als gesetzmäßiger Vor-
gang begriffen, so steht man auf einer Stufe, von der aus eine neue Barbarisierung – wie wir sie
heute [1948] erleben – zwar nicht bejaht, aber auch nicht beklagt werden kann. („Goethe als
Kritiker“, Krit. Ess., 36)
Die wenigen für „die Biologie der Tradition“ nötigen Besten dürfen darum sicher
sein, in allen Zeiten der Barbarei ein „willkommenes geistiges Alibi“ („Vorwort“
972) und die „willkommene Muße“ („Rückblick 1952“ 527) zu finden, um „un-
ser gefährdetes Erbgut [zu] bergen und einer späteren Zeit zu übermitteln“. Das
mag uns in den „Barbareien unserer Zeit“, von denen der Curtius-Bibliograph Ri-
chards noch 1989 so kongenial zu sprechen wußte („E. R. Curtius Vermächtnis
...“ 269), trösten96
9696
96. Wenn wir es nicht ohnehin mehr mit dem halten, was „Goe-
die es Scherer und Schuchardt ging, auf sein Spezialthema der (Sprach-)Anforderungen und
kommt so zu einem seiner hauptsächlichen berufsethischen Anliegen: „Sie [die romanische
Philologie] entbehrte der großen Tradition und der strengen Zucht, welche die klassische Phi-
lologie und die Germanistik aufzuweisen hatten. Das junge Fach der Romanistik verfügte noch
1870 nicht über ausreichenden und ausreichend qualifizierten Nachwuchs./ Ein Grund dafür –
und nicht der unbeträchtlichste – ist in der falschen Schulpolitik zu suchen, die seit 1870 die
Zulassungsbedingungen zum Universitätsstudium immer mehr ermäßigt hat. Dies ist hier nicht
im einzelnen zu verfolgen. Aber das ‘Aufblühen’ der Neuphilologie hängt doch damit zusam-
men, daß 1870 den Abiturienten der Realgymnasien die Berechtigung zum Studium der Ma-
thematik und der neueren Sprachen gewährt wurde. [...] Unter solchen Bedingungen mußte das
wissenschaftliche Niveau der Romanistik sinken. Das hat sich in der Besetzung der Lehrstühle
fühlbar gemacht“ (Ges. Aufs. 434). Vgl. auch die Ironie in ELLMA (385) zu der heute nicht mehr
vertretbaren „Zumutung“, „Griechisch und Latein lernen“ zu müssen; seit 1870 also und nach
1945 erst recht muß für Curtius die berufshygienische Diagnose lauten: vis inertiae.
96
9696
96 Zu den Besten gibt es keine Alternative, vor allem kann für Curtius die Demokratie –
sie ist selbst entweder Barbarei oder führt unweigerlich zu einer solchen, wie die Nazi-Zeit be-
wiesen habe – mit ihrer Idee der Bildung breiterer Bevölkerungsschichten die Dinge nur ver-
schlimmern. Vor dieser Überzeugung ist Curtius’ unentwegtes Beschwören einer neuen
Barbarei in den Jahren des Aufbaus demokratischer Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg zu
sehen, die er nur mit wachsendem Defätismus betrachten konnte: der unglücklicheAusgang
des Krieges“ hatte ja nicht nur den Zusammenbruch der akademischen Mußesituation bedeutet
und Curtius „jeder Arbeitsmöglichkeit“ „beraubt“ („Vorwort“ 974), es drohte durch den Sieg
58
the von Herder gelernt“ hatte – Curtius zitiert den Satz in Europäische Literatur und
lateinisches Mittelalter (397) –, daß nämlich „die Dichtkunst eine Welt- und Völker-
gabe sei, nicht ein Privaterbteil einiger feiner, gebildeter Männer“.
Vor der Propagierung des „totalen Humanismus“ in Deutscher Geist in Gefahr
hatte Curtius – abgesehen von wenigen Seiten zu Dante und „Zu Guibert von No-
gent“97
9797
97– jedenfalls keine öffentlichen Proben philologischer Arbeit in der Art sei-
ner späteren Mittelalter-Studien vorgelegt und allem Anschein nach auch keine
Wissenschaft im asketischen, entsagungsvollen Sinne des „Neuer Humanismus?“-
Aufsatzes betrieben. Der 35 Jahre junge Verfasser jener von Wissenschaftspathos
und Pflichtbewußtsein schweren Absätze sprach zwar unüberhörbar mit dem be-
kannten energischen Ton der Verabsolutierung und der Superlativierung und un-
zweifelhaft hatte er mit seinen bis dato vorgelegten zahlreichen Veröffentlichungen
bereits zur Genüge unter Beweis gestellt, daß er alles, was er tat, mit höchster In-
tensität, mit Energie und Strenge tat, aber bislang hatte er deshalb doch keinerlei
irgendwie augenfällig gewordene Neigung gezeigt, für die Wissenschaft dem Leben
zu entsagen. Curtius hatte sich während der ersten zehn Jahre seiner rasanten
der Alliierten unter US-amerikanischer Führung darüber hinaus die Aufzwingung eines demo-
kratischen Diktats westlicher, dem deutschen Volk widernatürlicher Prägung und damit auf un-
absehbare Zeit die Zerschlagung aller Hoffnungen auf eine „organisch-konservative
Restauration“ („Friedrich Schlegel und Frankreich“ [1932], Krit. Ess., 94) einer ständischen
autoritären Ordnung, von der Curtius gegen Ende der Weimarer Republik geglaubt hatte, mit
Aussicht auf Realisierung träumen zu können. In „Toynbees Geschichtslehre“ hat er 1948 die
„obligatorische Volksbildung“ à la USA in einen seiner typischen synthetischen Geschichtszu-
sammenblicke gestellt – bei anderer Gelegenheit hätte ihm sicherlich auch Louis XIV einfallen
können –: „Das erste Beispiel totaler Kriegsführung gaben die siegreichen Nordamerikaner am
Ende des Unabhängigkeitskrieges (1776-1983), als sie die Anhänger des Mutterlandes – Män-
ner, Frauen, Kinder – von ihren Wohnsitzen vertrieben. Das Beispiel ist bezeichnend, weil die
siegreichen Kolonisten die erste demokratisierte Nation unserer Kultur waren. Eine Auswir-
kung der Demokratie ist auch die obligatorische Volksbildung, die als Segnung begrüßt wurde.
Aber ihre Ergebnisse sind enttäuschend. Der Gehalt der Bildung wird immer ärmer, je mehr sie
sich von dem Hintergrund ihrer Tradition löst und den Massen dargeboten wird. Sie wird auch
nicht mehr als Selbstwert, sondern als Nutzwert geschätzt. Die moderne Halbbildung hat end-
lich eine verantwortungslose Presse großgezogen (Northcliffe), die ihrerseits wieder von gewis-
sen Politikern in den Dienst der Propaganda gestellt werden konnte (Hitler). Die Länder, in
denen die demokratischen Erziehungsideale verwirklicht wurden, sind daher ständig von der
Gefahr intellektueller Versklavung bedroht.“ (Krit. Ess. 363-64)
97
9797
97 Dieser kleine ‘deontologische’ Artikel stammt zwar aus dem Jahre 1913 (Münchener
Museum 2), liest sich aber schon ganz wie ELLMA: es handelt sich nach drei Einleitungszeilen um
nichts weiter als eine mehrseitige „Liste von Berichtigungen“ zu Bourgins Ausgabe von Guiberts
De vita sua, zu denen Curtius sich aus naheliegendem Grunde verpflichtet gefühlt hatte: „Seine
Interpretation ist bisweilen irrig.“ (Ges. Aufs. zur rom. Phil. 54)
59
Autorenkarriere sogar kaum einmal rein schöngeistigen Themen gewidmet: der
Balzac, an dem er 1921/22 gerade arbeitet, ist alles andere als eine Übung in stren-
ger, ‘reinlich geschiedener’ Wissenschaft oder Philologie, sondern geistesge-
schichtlich-lebensphilosophisch geprägte Einfühlungsübung98
9898
98 und persönliche
Annäherung99
9999
99 auf der Leuchtspur von Balzacs Energismus100
100100
100; die Essayistik und
Publizistik des „BALZAC der Philologie“ – wie Lausberg Curtius treffend charakte-
risiert hat101
101101
101war mit eindeutigem Schwerpunkt geistes- und kulturgeschichtli-
98
9898
98 1950 wird Curtius inWiederbegegnung mit Balzac“ sein „Buch über den großen
Autor (Krit. Ess. 169) rückblickend als „das, was man damals in Deutschland eine ‘Deutung’
nannte“, charakterisieren, womit keineswegs eine Relativierung oder Distanzierung verbunden
ist, im Gegenteil, er steht nach wie vor zu seinem Werk, das im folgenden Jahr eine Neuausgabe
erleben wird, und situiert es in für uns aufschlußreicher Weise im metaliterarischen Kontext:
„Meine Absicht war, Balzacs Werk in seiner ganzen Größe und Tiefe aufzuschließen. Ich fand,
daß Balzac bis dahin von der Literaturgeschichte ungerecht behandelt und unvollkommen ge-
würdigt worden sei./Balzac hatte das Unglück gehabt, einem Sainte-Beuve zu mißfallen, aber
auch der sog. critique universitaire, d. h. den Professoren, die Literaturgeschichte schreiben. [...]
Die Ungerechtigkeit und Verständnislosigkeit solcher Urteile fand ich empörend. Ich war
durchdrungen von Balzacs einzigartiger Größe.“
99
9999
99 Auch 1950 bekennt Curtius: „Eine Wiederbegegnung mit Balzac bedeutet für mich
fast eine Selbstbegegnung.“ (Krit. Ess. 170)
100
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100 „Die Energielehre erwies sich mir als das Zauberwort [...]. Es war eine Entdeckung,
die mich erregte und beglückte.“ (Krit. Ess. 170). – Aus Earl J. Richards’ Modernism, Medievalism
and Humanism: A Research Bibliography on the Reception of the Works of Ernst Robert Curtius (Tübingen
1983) seien einige für diesen Zusammenhang relevante Kommentare bzw. Zitate vorgestellt:
„Flake criticizes only the lack of an aesthetic evaluation of Balzac in Curtius’ book“ (33); Carl
Appel sehe bei Curtius die „standard criteria of ‘life and works’“ (was ja wohl einem typischen
positivistischen Angang entsprochen hätte) durch „‘artificial’ and ‘arbitrary’ thematic catego-
ries“ (34) ersetzt. Max Martersteig lobt: „Diese Arbeit gereicht deutscher Einfühlungsmöglich-
keit zum Ruhme“ (36), und Hans-Georg Gadamer urteilt in bezeichnender Weise über
Curtius’ Zeitgebundenheit: „Curtius’ Darstellung ist getragen von einer letzten Endes unge-
schichtlichen Selbstbestätigung der modernen Welt“ (37). Heinrich Gelzer diagnostiziere eine
„excessive restriction of analytical criteria“ (38).
101
101101
101 Lausberg berichtet „CURTIUS hat sich als Mensch, Staatsbürger, Gelehrter, Literatur-
kritiker nach gewissen Vorbildern – stets nur provisorisch und mit der nötigen ironischen Di-
stanz – stilisiert, ohne dies je zuzugeben. Er konnte sich so – anempfindend – fühlen und -
geben: 1) als deutscher SAINTE-BEUVE, insofern er die in Deutschland nicht anerkannte litera-
rische Kritik repräsentierte; - 2) als BALZAC der Philologie, insofern er die vital-seelische Ener-
gie in sich sammelte und in seinen Schriften und im Unterricht unaufhörlich ausstrahlen ließ,
wobei eine gewisse physiognomische Ähnlichkeit mit BALZAC Anlaß dazu gab, daß er auch man-
che Geste dem RODIN’schen BALZAC nachgebildet zu haben scheint; - 3) als HOFMANNSTHAL
der Philologie, insofern er die geistig-sittliche Autorität repräsentierte und die Kontinuität Al-
teuropas in seine Verantwortung genommen hatte; 4) als deutscher DU BOS, wie – worauf mich
LEA RITTER-SANTINI aufmerksam macht – der Abschnitt Essays pp. 223-48 über DU BOS zu
60
cher, gesellschaftsbezogener, um nicht zu sagen politischer Natur und dem leben-
digen Hier und Heute mehr zugewandt als der Vergangenheit, weniger der stren-
gen, reinlich geschiedenen Wissenschaft als der volks- und wesenskundlichen
Missionsarbeit (etwa wenn es ihm gelingt, Balzac, indem er bei ihm die „Idee der
Totalität“ nachweist, als einen Autor vorzustellen, der „ein Werk [trieb], das zu-
gleich dem tiefsten Streben des deutschen Geistes entsprach“ (Balzac 1923, 1951,
314)).
Sogar der Hochschulunterricht und die Pflege der literarischen Tradition
wurden von Curtius bei Gelegenheit oder Notwendigkeit durchaus „in den Dienst
politischer Lebensgestaltung“ gestellt (wie er in „Neuer Humanismus?“ (197) den
von ihm in diesem Aufsatz besprochenen Autoren Mahrholz und Roeseler in de-
spektierlichem Ton vorgehalten hatte), und dienten wie aus der folgenden
Briefstelle ohne Gefahr der Überfrachtung geschlossen werden kann – eindeutig
der aktuellen ideologischen Argumentation: Während das Februar-Heft der Ar-
beitsgemeinschaft seine dramatischen berufsethischen Parolen „Wissenschaft ist As-
kese“ und „Wissenschaft hat nicht die Aufgabe, Dienerin des Lebens zu sein“ im
Land verbreitet und er in dringlichem Ton davor warnt, „der Wissenschaft ein ihr
fremdes Gesetz vorzuschreiben“, schreibt Curtius offensichtlich ganz im Einklang
mit seiner Rolle, man möchte meinen: in self-reliance102
102102
102, am 12. Februar 1922 an
Gide:
Die ‘conversion à l’Est’ ist wohl das dominierende Factum der deutschen Jugend – aber wie in
Rußland so gibt es auch bei uns ‘Westler’, und ich suche immer die antike, humanistische und
romanische Tradition zu betonen, und zwinge meine Studenten, auch Virgil und Dante zu le-
sen. (Dt.-frz. Gespräche 51)
Gerade in den Wochen des Erscheinens seines Aufsatzes ist Curtius außerdem
bemüht, André Gide – der natürlich ablehnen wird – für das „comité directeur“
einer in der Gründungsplanung befindlichen Nietzsche-Gesellschaft zu gewinnen,
der u.a. Thomas Mann, Heinrich Wölfflin („maître incontesté de l’histoire de
l’art“; vgl. ELLMA 21), „R. Oehler (neveu de Nietzsche, attaché au Nietzsche-
zeigen scheint“ (49-50).
102
102102
102 Von der „Gewißheit“, die „der Lehre Emersons [„Trust thyself: every heart vibrates to that
iron string.“] ihre wunderbare Kraft“ gibt, schreibt Curtius in seinem Aufsatz von 1924: „Ihr
unerschütterlicher Grund heißt: self-reliance./ Das ist nicht ‘Selbst-Vertrauen’, sondern: der in-
neren Wahrheit anhangen und sich darin verwirklichen – ohne Seitenblick, ohne Rücksichten,
ohne Zugeständnisse. Es ist die Haltung männlicher und großer Seelen. Es ist Individualismus,
wie alle echte Sittlichkeit.“ („Emerson“, Krit. Ess., 202)
61
Archiv)“ und natürlich Ernst Bertram („Je suis personnellement très lié avec Ber-
tram“) angehören sollen.103
103103
103
Die deontologische Pose des Hüters der „große[n] Tradition unserer wis-
senschaftlichen Arbeit und ihres asketischen Ethos“ (199), in die sich Curtius in
„Neuer Humanismus?“ wirft, wirkt darum alles in allem doch etwas seltsam bei
einem Autor mit einem solchen Hintergrund, der so sehr den Eindruck macht, als
genieße er in vollen Zügen reichlich „geistige Heimat über und außer der Wis-
senschaft“ (197) und als schiele er nicht nur nach dem Leben, sondern fliehe ganz
entschieden vor der philologisch-positivistischen Hochschulfron in die freiere
Welt der aktuellen und direkten Betätigungen. Und sollte nicht tatsächlich leicht
„vollstes und sympathischstes Verständnis für den Menschentypus“ (198) aufbrin-
gen können, „der nach den goldenen Früchten des Lebens selber greift“, wer sich
so wenig abgeneigt zeigt, sogar mit den verbotenen zu liebäugeln.
Überzogen und grundlos wirkt Curtius’ deontologischer Eifer erst recht,
wenn man die kleine Reserve bedenkt, die bezeichnenderweise am Ende des un-
tersuchten Zitats nicht fehlt: „Wir sind am wenigsten geneigt, die Wissenschaft zu
überschätzen“ (198), und dann auf den Eingang sieht, wo ja von der mit der
„Entsagung“ „unabtrennbar“ verbundenen „Idee des wissenschaftlichen Erken-
nens überhaupt“ (197) die Rede war. Dieses wissenschaftliche Erkennen hatte in
Curtius’ Augen – auch hierin war er ganz unauffällig-zeitgemäßer Sohn dieser
post-positivistischen, geistesgeschichtlichen Ära – meistens ein denkbar begrenztes
Potential und einen entsprechend relativen Stellenwert, wie sich aus der Abundanz
der geläufigen intuitionistischen Bekenntnisse schon implizit ergibt. Aber auch ei-
ne wahre Kontinuität expliziter Einschätzungen läßt sich problemlos zusammen-
stellen: Die „Einsicht“ aus dem Weber-Aufsatz von 1920,
Wenn es sich heute darum handelt, die Grundfrage nach dem Wesen und Sinn der Wissen-
schaft neu zu stellen, müßte jedenfalls von der Einsicht ausgegangen werden, daß unsere heuti-
ge Wissenschaft keineswegs der einzige und ewige Archetyp systematischen Erkenntnisstrebens
ist, (201)
findet ein Echo in einem Brief an Catherine Pozzi vom August 1929:
La connaissance véritable ((<TF4F) révèle les hiérarchies, les fins, les significations. La science
par définition ne peut qu’aboutir à un enchaînement privé de sens. [...] Je ne nie pas la „Valeur
103
103103
103 Brief vom 17.2.1922, Dt.-frz. Gespräche, 52. Weiter kündigt er an: „On va s’adresser,
pour l’Italie, à Croce.“
62
de la Science“ ni son intérêt, ni sa beauté, mais tout cela est subordonné ou devrait l’être. La
science est anodine quand elle est mise à sa place. („Lettres“ 350)
Was denn die Wissenschaft überhaupt an Antworten zu bieten und zu den
Letzten Dingen zu sagen habe, hatte der (frühere) George-Jünger schon im De-
zember 1928 gefragt (vgl. o. Fn. 90). Auch in dem bereits mehrfach zitierten Brief
an Rychner vom 11.6.1925 hatte er sich in sehr aufschlußreicher Weise relativie-
rend über die „Rangstellung“ der Wissenschaft geäußert:
Für mich persönlich besitzt eben die Wissenschaft nicht die Rangstellung in der Wertordnung,
die meine Collegen ihr einräumen. Je älter ich werde, je stärker wird das Bewußtsein, daß ich
nicht „dazu gehöre“. [...] Die Wissenschaft ist immer in suspenso, und um sich treu zu sein
muß sie im Problematischen als Aggregatzustand verharren. Ich bin ein radical gläubiger
Mensch und fühle mich wohl nur im Definitiven. („Ein Briefwechsel“ 372)
Am 9.9.1929 suggerierte er gegenüber Catherine Pozzi sogar mit kryptischen
Worten eine dem „Neuer Humanismus?“-Aufsatz geradezu entgegengesetzte
‘Entsagung’: „vous avez la science, qui m’est défendue“ (352).
Mag er von solch raffinierten Attituden auch 1922 noch weit entfernt sein,
ein Befremden vor dem pathetischen déploiement déontologique des weltläufigen und
schicken jungen Professors ohne Bart, der die zünftigen Fachkollegen angeblich
„vor Wut rot anlaufen“104
104104
104 lassen konnte, ausgerechnet in der reformerischen Ar-
beitsgemeinschaft, ist allemal erlaubt. Man hat wahrscheinlich in den deon-
tologischen Mahnungen und der Rhetorik der Askese des „Neuer Humanismus?“-
Aufsatzes einen Hinweis darauf zu sehen, daß Curtius in der von ihm oft als
schmerzlich oder problematisch empfunden Aufspaltung seiner Existenz in zwei
so verschiedene Lebensentwürfe versucht haben könnte, eine scharfe Trennung
seiner Rollen zu finden, die ihm das Leben in ihnen erleichtern sollte. Und es
mochte ihm um so leichter fallen, für die Wissenschaft Askese und politische
Enthaltsamkeit zu fordern, da sein anderes Ich sich ja in seinem öffentlichen Le-
ben ungehemmt entfalten und zu jedem Thema äußern konnte.
*
104
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104 Vgl. Christmann (Fn. 2) über die gängigen Klischees: „Als Urteil darüber bietet sich
das Prädikat an, das Curtius gern im Seminar verwendet haben soll: ‘Schön, aber falsch’“ (4-5).
63
Allerdings haben auch die in der Arbeitsgemeinschaft vertretenen Positionen aus ih-
rem Kontext (es handelt sich wie gesagt um eine Besprechung des Buches Neuer
Humanismus. Aufsätze und Reden an die deutsche Jugend von Hans Roeseler und Wer-
ner Mahrholz) heraus einen – was bei Curtius zweifellos häufiger in Rechnung zu
stellen ist – polemischen, kaum dissimulierten agitatorischen Hintergrund, der sie
besonders pointiert hervortreten läßt. Auch Curtius erweckt aufgrund der Textla-
ge gelegentlich den Eindruck, als sei ihm jene verbreitete Auffassung nicht ganz
fern, nach der das Politikverbot in den Wissenschaften natürlich nur für den
ideologischen Gegner bindenden Charakter hat, während man für sich selbst nach
Kontext, Bedarfs- oder Affektlage entscheidet. Denn: die eigene Ideologie ist ja
überhaupt keine Ideologie, man selbst hat einfach recht; die eigene politische An-
schauung ist eigentlich nicht einmal politischer Natur, sie steht in Übereinstim-
mung mit dem Naturrecht.
Dieses ‘ideologische’ Naturrecht könnte nun so übermächtig geworden sein,
daß vor ihm sogar die deontologische Konvergenz-Forderung nachgeben muß: Da
er in dem „Programm einer ‘humanistischen Fakultät’“ (194) von Roeseler und
Mahrholz einen politischen Übergriff sieht (Mahrholz spricht das unerhörte Be-
kenntnis ja sogar offen aus:
alles drängt uns dazu, die Politik in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen und die Wissen-
schaft als Dienerin des Lebens und seiner Gestaltung in der Politik anzusehen (197))
und ihren Rekurs auf den Humanismus als eine Anmaßung von Leuten empfindet,
die sich „ein macaronisches Latein wie ‘irratio’ erlauben“ (195) und sich letzten
Endes doch wohl anschicken, einen Anschlag auf einen geheiligten Besitzstand
auszuführen, indem sie die „Bildungsreligion dünner Oberschichten“ unters Volk
bringen und profanieren wollen, mag Curtius es nicht dabei bewenden lassen,
diesen ‘Neuen Humanismus’ als Etiquettenschwindel abzutun – wie aus seiner
Darlegung kohärent und logisch geboten wäre, denn die wahren, vom göttlichen
Funken durchstrahlten Gipfelwerke105
105105
105 widersetzen sich schließlich ohnehin sou-
105
105105
105 Zu Vergil, den Curtius für „wesensgemäß so unübersetzbar wie Dante“ hält („Virgil“,
Krit. Ess., 19), macht er 1930 anläßlich der „zweitausendste[n] Wiederkehr“ (11) seines Ge-
burtstags eine erstaunliche Bemerkung: „Virgils Herrschaft reicht im striktesten Sinne soweit
wie die lateinische Sprache; nicht weiter. Wer will, sehe darin einen Mangel; wer darf, ein
Glück“ (20). Man könnte meinen, das exklusive Glück der happy few stünde noch über den Er-
fordernissen der Verbreitung des Lateinverständnisses; oder diese dürfte nicht zu wörtlich breit
sein. – Als Curtius 1952 in „Rudolf Borchardt über Virgil“ auf die „Virgil-Feier von 1930“ zu-
rückblickt und sie mit den „klassischen Studien“ in Zusammenhang bringt, ist er den wenigen
64
verän dem profanierenden Zugriff der vielen –, sondern reagiert unter der Ober-
fläche von Ironie und Bedenklichkeit verhohlen aversiv und verfällt in eine inkon-
sistente Totalopposition106
106106
106 zu Positionen, die unter anderen Auspizien sehr wohl
seine eigenen hätten sein können und sehr ähnlich zwei Jahre vorher an selber
Stelle auch schon gewesen waren: „Mehr Lebensnähe in der Wissenschaft, mehr
Menschtumsbeziehung in der Universität“ (195), das sollte eigentlich Curtius’
Zustimmung finden können. Da dies aber „der Kernpunkt“ von Roeselers und
Mahrholz’ ‘Neuem Humanismus’ zu sein „scheint“, geht Curtius dagegen in
Frontstellung. Da er bei seinen Kontrahenten eine Neigung erkennt, „dem Leben
den Primat über die Vernunft zuzugestehen“, wertet er das Leben gegenüber der
Wissenschaft gleich in aller Form und Grundsätzlichkeit ab: „Als ob das Leben das
Höchste wäre!“ (198). Daß dieser Absatz:
Die Gegenstände sind in den Wissenschaften und in der humanistisch betrachteten Wissen-
schaft die gleichen: Natur und Geist; das Ziel ist das gleiche: Erkenntnis und Dienst an der
göttlichen Idee der Wahrheit; der Unterschied liegt einzig im Beziehungspunkte, der in den
Wissenschaften rein das System der Wissenschaft als Objektivation der Idee, in der humani-
stisch betriebenen Wissenschaft die Erkenntnisfunktion der Menschen in ihrer Wirksamkeit auf
die Beziehungen der Menschen zu Umwelt und Mitwelt, zu Vorwelt und Nachwelt, zu Natur
und Geist, zu Gott und Schicksal ist (197),
nicht aus seiner, sondern aus Mahrholz’ Feder stammt, genügt, damit Curtius sich
nicht mehr dessen erinnern kann oder mag, was er zwei Jahre vorher Ähnliches in
derselben Zeitschrift geschrieben hatte, damals in entgegengesetzter Frontstellung
gegen Max Webers Wissenschaftsauffassung: Damals hatte er als eine Art pro-
wirklich Angesprochenen sicherlich verständlich, wenn er feststellt: „1830 hat man Virgil nicht
gefeiert, denn damals wurde er noch gelesen. [...] Der Rückgang der klassischen Studien, der
am Ende des 19. Jahrhunderts [vgl. Fn. 96] einsetzte, hat heute in Deutschland, aber auch in
den Vereinigten Staaten, die Form einer Naturkatastrophe von der Art der Sintflut angenom-
men. [...] Die kleine Zahl der deutschen Virgil-Leser darf sich eines glückverheißenden Omens
erfreuen, mit dem ich diese Betrachtung schließen will. Noch haben wir einen Dichter, [...] Ich
meine Rudolf Alexander Schröder, den Jugendfreund Hofmannsthals und Borchardts. Er hat
uns Homer und Horaz neu geschenkt; von Virgil die Bucolica und die Georgica. Wir dürfen auf
das Werk hoffen, an dem er seit Jahrzehnten arbeitet: die deutsche Aeneis.“ (Krit. Ess. 29-30)
106
106106
106 Eine Einschätzung Klaus Schüles bezüglich gewisser Formen der Solidarität in der
heutigen französischen Oberschicht ließe sich hier als heuristische Parallele anführen: „man ist
sich einig in der Verteidigung der Privilegien, es geht nicht so sehr darum, die ‘gefährlichen
Klassen’ abzuwehren, sondern es gilt, alle Ansprüche abzuwehren, die die eigene Sonderrolle
auf Dauer gefährden können.“ („Der französische Staatsadel oder die Solidarität der ‘Demo-
kraten’“. Dokumente. Zeitschrift für den deutsch-französischen Dialog 53.1 (1997): 51-53, 52)
65
grammatischer Vorläufer von Roeseler und Mahrholz, tatsächlich natürlich als ein
Mitfühlender in einer allgemeinen, den Positivismus in Frage stellenden, le-
bensphilosophischen Strömung jener Zeit, die Bergson in weitesten Kreisen inter-
nalisiert hatte, gefordert,
daß der Sinn des wissenschaftlichen Daseins verankert sein muß in einer Sinndeutung des
Menschtums. Der Sinn und Wert der Wissenschaft kann nicht empirisch aus einem entwick-
lungsgeschichtlichen Tatbestand (Intellektualisierungsprozeß) abgeleitet werden, wie Max We-
ber es tut. Er kann vielmehr nur aus einer universal fundierenden Gesamtanschauung von den
Lebenswerten und ihrer Rangordnung bestimmt werden [...]. Auch wenn wir keine Metaphysi-
ker sind, wissen wir ganz genau, [...] daß wir zunächst Menschen und dann Gelehrte sein müs-
sen, daß es möglich ist, den Sinn der Wissenschaft in den Gesamtsinn des Lebens einzuordnen;
daß es unheilvoll und schlecht und widersinnig ist, wenn wir, die wir uns der Wissenschaft
widmen – gleichwohl ob als Lehrende oder als Lernende – eine Scheidewand zwischen unse-
rem wissenschaftlichen und unserem menschlichen Dasein ziehen [...], daß auch die Erziehung
zu wissenschaftlicher Sachlichkeit (die wir heute dringend genug brauchen) sich einfügt in das
umfassendere Ziel der Vermittlung von geistigen Lebenswerten. („Max Weber über Wissen-
schaft als Beruf“ 202-03)107
107107
107
Nun aber kommentiert er statt dessen Mahrholz’ Ausführungen über eine huma-
nistische Wissenschaft, die den Menschen in einem Beziehungsgeflecht mit Um-
welt und Mitwelt, Natur und Geist sieht, in weder überzeugender noch sonderlich
einfallsreicher Weise wie folgt:
Ich muß gestehen, daß mir diese logischen Unterscheidungen weder philosophisch und me-
thodisch haltbar noch praktisch brauchbar scheinen („Neuer Humanismus?“ 196),
postuliert einen Gegensatz zwischen der „einsame[n] Strenge“ einer asketischen
Wissenschaft und den „goldenen Früchten des Lebens“ und hält dafür,
lieber die Dinge reinlich [zu] scheiden, als den Versuch [zu] machen, der Wissenschaft ein ihr
107
107107
107 Dies war die Grundeinstellung, der er bis zu Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
treu blieb und die auch in Deutscher Geist in Gefahr zum Ausdruck kommt, wenn er „die deutsche
Jugend, die bei Langemarck verblutete und deren Bild heute so oft verzerrt wird“, rühmt:
„Diese Jugend wollte nicht niederreißen, sondern schöner bauen. Es war Tempelluft, die sie
umwitterte. Mit flammenden Opferfeuern feierte sie Feste des Geistes und des schönen Le-
bens. Wegweisung zu geschichtlichem Verstehen fand sie bei Dilthey, begriffliche Befreiung von
positivistischen Fesselns bei Bergson, hymnische Höhe bei George. In solcher Umwelt erwuchs
Gundolfs genialisches Erstlingswerk ‘Shakespeare und der deutsche Geist’“ (51).
66
fremdes Gesetz vorzuschreiben und ihr zu dienen, indem man gleichzeitig nach dem Leben
schielt (198).
„Man kann nicht beides zugleich“, lautet seine neu-puristische deontologi-
sche ‘Wegweisung’ an die ‘neu-humanistischen’ Bilderstürmer:
wie das englische Sprichwort sagt: You can’t both eat your cake and have it. [...] Die Wissen-
schaft humanistisch beleben und sie in den Dienst politischer Lebensgestaltung stellen. Letzte-
res ist das sicherste Mittel, um die Wissenschaft zu erniedrigen und zu verkrüppeln. Die
Wissenschaft läßt sich nicht als Karrengaul einspannen. [...] Am wenigsten aber läßt sie sich
darauf verpflichten, ein Organon der Politik zu sein (197-98).
Gegen Roeselers und Mahrholz’ „Art der Fragestellung und die technischen
Vorschläge ihres kulturpolitischen Programms“ (199), das Curtius ja als „Bil-
dungssystem aus Politik, Pädagogik, Leibesübungen und einem Restbestand von
Wissenschaft“ (198) durchschaut hatte, setzt er zum Schluß eine Losung, die so
knapp wie leider doch vage ist und vermuten läßt, daß ihm zehn Jahre vor Deut-
scher Geist in Gefahr die Inhalte seines eigenen neuen ‘Programms’ zur Rettung von
Vater- und Abendland vielleicht noch nicht vollends klar oder bewußt waren, er
aber sehr wohl bereits über eine Parole verfügte:Neuer Humanismus? Ja! – wenn
damit eine Erneuerung des alten, des ewigen Humanismus gemeint ist!“ (199),
eine Parole, die nichtsdestotrotz in Anbetracht der ‘in sich so verschiedenen’ „bis-
herigen Formen des Humanismus“ (195) und des Umstandes, daß der „Begriff
[...] mit so vielen geschichtlich genau zu erfassenden und wissenschaftlich genau
umgrenzten Bedeutungen belastet“ (194) ist, einer gewissen Präzisierung bedürf-
te. Tatsächlich sind Curtius’ Bemühungen um besagten Ausgleich und den Zu-
sammenklang jener Gegensatz- und Komplementär-Paare trotzdem mit der so-
eben zitierten Stelle aus dem in diesem deontologischen Punkt programmatischen
Aufsatz „Max Weber über Wissenschaft als Beruf“ von 1920 in repräsentativer
und gültiger Weise wiedergegeben, und das nicht zuletzt auch deshalb, weil dieses
Bekenntnis, das fast ins Gegenteil umzuschlagen scheint (‘zunächst Mensch, dann
Gelehrter’, ‘den Sinn der Wissenschaft im Gesamtsinn des Lebens einordnen’),
schließlich doch auf Konvergenz (‘sich einfügen in das umfassendere Ziel’) ausge-
richtet ist und er es bezeichnenderweise ebenfalls in einem antagonistisch zuge-
spitzten Zusammenhang abgelegt hat. Nur daß damals die Gewichtungen genau
umgekehrt gelagert waren als in seiner Zurückweisung des ‘Neuen Humanismus’
67
und der vielbeschrieene Positivist Curtius darum auf der richtigen, der ange-
stammten Seite der ‘Holisten’ oder ‘Konvergenzler’ stand, und das heißt: im Lager
der Geistesgeschichtler108
108108
108. Er hatte sich nämlich gerade an Webers ‘einseitiger
„Behandlung des Problems“ (201) und an seinem Wissenschaftsbegriff“ gesto-
ßen, „der an der mechanischen Naturwissenschaft der drei letzten Jahrhunderte
und an dem Akribie-Ideal der Gegenwart orientiert scheint“109
109109
109; vor allem aber
hatten ihm „Max Webers Ausführungen über den Widerstreit der Werte“ wider-
strebt. Curtius konnte nicht gelten lassen, „daß dieser Widerstreit eine im Welt-
grund wurzelnde und darum als Tatbestand einfach hinzunehmende Gegebenheit“
(201-02) sein sollte, und erkärte mit nachgerade axiologischer Entschiedenheit:
Das ist eine axiologische These, die alles andere als schlechthin einleuchtend ist und die jeden-
falls ohne theoretische Begründung unannehmbar ist – womit freilich auch die weitreichenden
Folgerungen ihre Stringenz verlören, die Max Weber aus ihr ableitet. (202)
Und er schloß hieran eine rhetorische Frage, die ich als seinen als allgemeingültig
aufgefaßten Befund und die daraus abgeleitete Anschauung der zeitgenössischen
abendländischen Zivilisation ansehe, aus denen er nicht nur die dann folgenden
Ausführungen über die Einfügung der Wissenschaft in eine „Gesamtanschauung
von den Lebenswerten“ (203), sondern überhaupt seine deontologische Ver-
pflichtung ableitete:
108
108108
108 In der Tat zeigt diese Stelle sehr anschaulich, wie fest der positivistische Wis-
senschaftler Curtius in geistesgeschichtlichen Denkweisen verankert war: laut Maren-Grisebach
(25) ist da „Ganzheit mit einem metaphysischen Ingrediens getränkt, das Irrationale des Ganz-
heitstopos, durch die Lebensphilosophie verstärkt, fließt mit ein. [...] der Forscher [soll] als
ganzer Mensch beteiligt sein“. Sie zitiert aus Diltheys Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883):
„Das auffassende Vermögen, welches in den Geisteswissenschaften wirkt, ist der ganze Mensch;
große Leistungen in ihnen gehen nicht von der bloßen Stärke der Intelligenz aus, sondern von
der Mächtigkeit des persönlichen Lebens“, und fährt selbst fort – die Parallelen sind offensicht-
lich –: „Der Wissenschaftler sei eine Verbindung von Intelligenz- und Erlebnispotential. Dabei
darf er den eigenen Lebenszusammenhang nie aufgeben, Analysis darf nur stattfinden auf der
Grundlage eines im Zusammenhang Erlebten.“
109
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109 Diese kontextbedingte leichte Kritik an der „Akribie“ stellt allerdings einen kleinen
Ausrutscher dar, wie er Curtius in der Hitze des Gefechts gelegentlich passieren kann. Die oben
zitierte Stelle in Deutscher Geist in Gefahr (51-52) wird aus größerer Distanz und ohne argumenta-
torischen Gegenpol „die bei Langemarck verblutete“ „humanistische Jugend“ von 1910 als we-
niger positivismuskritisch schildern: sie war selbst ‘holistisch’, sie war „unpolitisch und [...]
weder geist- noch wissenschaftsfeindlich“ und durfte sich also „zutrauen, [...] den strengsten
Forderungen wissenschaftlicher Gründlichkeit (in der Fachsprache: Akribie) zu genügen.“
68
ist dieser – als allgemeingültig hingestellte – Widerstreit der Werte nicht vielleicht nur das
Symptom einer Wertanarchie [Fußnote: „Vgl. Max Scheler, Vom Umsturz der Werte.“], die eine spezi-
fische Störungserscheinung der neueren westeuropäischen Kultur darstellt? (202)
69
2 ANALYSEN MIT SYNTHETISCHEN BEGRIFFEN
Aber auch in „Neuer Humanismus?“ haben in flankierender Funktion einige Kon-
vergenz-Bekenntnisse die polarisierende Fronthaltung überdauert, so etwa im Ge-
plänkel nach der Polemik um die „Beziehungen der Menschen zu Umwelt und
Mitwelt“, wo Curtius einen Gegensatz zwischen Menschlichkeit und Sachlich-
keit“ zur Sprache bringt (den er bei Roeseler/Mahrholz allerdings nicht ersichtlich
gemacht hat), der für ihn „in jeder echten wissenschaftlichen Leistung von neuem
auf unwiederholbare und unauflösliche Art aufgehoben“ wird (196).
In unserem Zusammenhang von besonderem Interesse ist eine andere Äu-
ßerung, die sich in der Beiläufigkeit einer Fußnote versteckt findet, die aber die
Zentral- und Leitidee, eigentlich das oberste Postulat in Curtius’ Konzeption zur
Sprache bringt:
Vordergründig geht es um eine Frage methodologischer Natur, die allerdings
eine der grundsätzlicheren Debatten zwischen Geistesgeschichte und Positivismus
bezeichnet und die hier, wie bei Curtius üblich, eine deontologische Färbung an-
nimmt und programmgemäß in einer Konvergenz aufgelöst wird, die schließlich –
in Anbetracht von Curtius’ denkerischer Systematik: notwendigerweise – eine sich
dem proklamierten Gefechtskurs zuwiderneigende Schlagseite bekommen muß.
Diesmal ist es Curtius, der sich in eigener Person zu einer Art oppositioneller
‘Selbstbegegnung’ herausfordert: In seiner Parteinahme für einen Humanismus
nach seinem eigenen projektierten Bild (der „an dem Studium alter Texte“ „er-
wachsen“ war, in dem „das Allgemeine erfaßt wird im Besonderen“ und der mit
positivistisch-induktivem Kompaß eine empathische Annäherung „in liebevoller
Einzeldeutung“ versucht, um etwa „eine Statue, einen Vers, eine geschichtliche
Persönlichkeit in ihrer Einmaligkeit und Einzigartigkeit zu erfassen“ (197)) belegt
Curtius den von ihm als Widerpart konzipierten „nur mit einem System ge-
schichtsmorphologischer Formeln ausgerüstete[n] Synthetiker“ mit friendly fire und
dekretiert derartig über Gebühr einseitig und selbstverleugnerisch – man be-
trachte zur besseren Einschätzung der tatsächlichen praktischen Gegebenheiten
nur seinen gleichzeitig entstandenen Balzac, in dem nicht ein Einzelwerk jene „lie-
bevolle Einzeldeutung“ erfährt, sondern alle in gleicher Weise als Steinbrüche für
die Mosaiksteinchen herhalten müssen, die unter den geschickten Händen des
einfühlsamen Ideenkundlers und sympathetischen Ideologen zu funkelnden Syn-
thesen unter Überschriften wie „Geheimnis“, „Magie“, „Energie“, „Leiden-
70
schaft“, „Liebe“, „Politik“ oder „Religion“ zusammenschießen –:
Nur in der Beschäftigung mit dem einzelnen Werk entsteht geschichtliche Anschauung, ent-
steht zugleich die Fähigkeit zu Analyse und Kritik, die das Vorrecht des wissenschaftlich erzoge-
nen Menschen ist,
daß er sich zu einer Differenzierung veranlaßt fühlt, die er mit der traum-
wandlerischen Sicherheit der Reue an den Gegen-Begriff „Analyse“ koppelt, zu
dessen Gunsten er sein wahres, sein natürliches110
110110
110 Credo verleugnet hat, das er
darum nun in besagter Fußnote verklausuliert bekundet:
Analyse! – das Wort und die Sache stehen heute in geringem Ansehen. Aber die moderne
Nachfrage nach sofort greifbaren Synthesen übersieht, daß eine festgegründete Synthese nur auf
einer bis zu den letzten Elementen vordringenden, und scheinbar um ihrer selbst willen durch-
geführten Analyse errichtet werden kann. Scheinbar, sage ich; denn eine echte Analyse gelingt
nur da, wo synthetische Begriffe als regulative Prinzipien dem Geist vor Augen stehen. Insofern
enthält jede Analyse schon die Keime synthetischer Anschauung.111
111111
111
Eine Analyse dieses Passus, der ein Parade-Beispiel eines Circulus in probando
darstellt112
112112
112 und meiner Auffassung nach von Curtius in selbststilisierender Bemü-
hung intendiert sein dürfte als – um seine eigenen Worte über Gröber aufzuneh-
110
110110
110 Fünf Jahre später wird Curtius in „Pariser Rezept für das Abendland“, einer für das
Verständnis seiner intellektuellen Entwicklung höchst aufschlußreichen Auseinandersetzung mit
Henri Massis’ Défense de l’Occident (1927) in typischer Weise differenzieren: „Unserer [deut-
schen Natur] entspricht es, vermittelnd und synthetisch zu denken; der Franzose will Schei-
dung, Entscheidung, Antithese.“ (Hannoverscher Kurier. 18. Sept. 1927)
111
111111
111 Curtius fährt fort: „Ein tief eindrucksvolles Beispiel von der echten, tiefdringenden
Verbindung analytischer und synthetischer Arbeit bieten die monumentalen Forschungen und
tiefdurchdachten Wegweisungen Konrad Burdachs.“ (197) – Für Burdach, der mit vielbändigen
Werken zur Literatur des deutschen Mittelalters hervorgetreten war und der sein dreibändiges
Vorspiel (1925-27) programmatisch als Gesammelte Schriften zur Geschichte des deutschen Geistes un-
tertitelte, war – wie für viele romanistische Philologen der Zeit, so etwa Voßler – auch die
Sprachgeschichte Geistesgeschichte (vgl. Bott op. cit. für Voßler; Maren-Grisebach für Burdach
31). 112
112112
112 Maren-Grisebach schreibt zur „Denkform des Zirkels“ (36): „Seit Dilthey und Heideg-
ger ist das Denken in Zirkelformationen wissenschaftsfähig geworden. Der sogenannte
Diltheysche Zirkel, der sich auf das Verständnis eines Werkes bezieht, bei dem das Ganze nicht
ohne die Teile, die Teile aber nicht ohne das Ganze verstanden werden können, dieser nach tra-
ditionell logischen Gesetzen fehlerhafte Schluß, setzt das formale Modell für das Verfahren der
Geistesgeschichtler. Synthese und Analyse sind abwechselnd zu vollziehen, ihre jeweiligen Er-
gebnisse funktional voneinander abhängig.“
71
men – „in nuce ein Discours de la méthode“ (Ges. Aufs. 448), kann keinen anderen
Schluß zulassen als den, daß ungeachtet der positivistischen Attitude auch bei
Curtius die Analyse in geringerem Ansehen steht als die Synthese113
113113
113, der hier nicht
nur offensichtlich als Regulativ und Ziel höhere Potenz und Wertigkeit zukommt,
sondern der in seiner Konstruktion logischerweise ohnehin Primordialität eignet:
Ohne die Fundierung auf einer – wie ich aus Curtius extrahiere – auf Intuition,
Initiation durch frühere Initiierte, Erleben, voraussetzungsloser Erkenntnis der
Wahrheit beruhenden prästabilierten Synthese (auf nicht anderes läuft hinaus, was
er „synthetische Begriffe“ oder „Keime synthetischer Anschauung“ nennt) gibt es
für ihn sinnvollerweise nichts zu analysieren. Analyse kann lediglich – und mehr
braucht sie auch gar nicht – bestätigen, erweisen oder für den Mitfühlenden nach-
vollziehbar machen, was ohnehin bereits erkannt war; ihr sind Grenzen sowohl in
Richtung auf die Erkenntnis, als auch in Richtung der Vermittlung gesetzt. „Ana-
lysis darf nur stattfinden auf der Grundlage eines im Zusammenhang Erlebten“
(25), formuliert Maren-Grisebach eine geistesgeschichtliche Grundposition, die
meiner Überzeugung nach ohne Abstriche auch für Curtius Geltung besitzt. Das
Gleiche gilt für das von ihr zitierte Diktum Diltheys: „Der erlebte Zusammenhang
ist hier das erste, das Distinguieren der einzelnen Glieder desselben ist das Nach-
kommende“ (30). Laut Maren-Grisebach ist damit „in Diltheys Vorstellung [...]
nur die Priorität geklärt worden“: „erst das Verstehen als Akt des ganzen Men-
schen und danach sehr wohl Analysis [...] und rationales Erkennen“. Der Curtius-
Kenner mag diese Beschreibungen mit seinem Bild von Curtius’ Methodik und
Praxis und mit den einschlägigen Selbstzeugnissen des Kritiker-Philologen verglei-
chen; nach meiner Beobachtung hat sein ethisch aufgeladenes Programm einer
Konvergenz positivistischer und geistesgeschichtlich-lebensphilosophischer Vorge-
hens- und Denkweisen ein klares Übergewicht auf der letztgenannten Seite, was
sich notwendigerweise aus dem holistischen Prinzip der Konvergenz ergibt:
schließlich ist die Synthese selbst nichts anderes als eine Art Konvergenz, genauge-
nommen stellt sie deren erfolgreichen Abschluß dar; sie repräsentiert oder fördert
Ganzheit, Einheit, Totalität und verkörpert von daher bereits das oberste Prinzip
von Curtius’ antagonistisch-komplementär organisierten Vorstellungen und Denk-
113
113113
113 Maren-Grisebach über die „geistesgeschichtliche Methode“ (24): „Das Ziel sind
Synthese und damit Ganzheit, Zusammenhang – ein beliebter Begriff bei Dilthey u.a. Totali-
tät [...]. Fast alle wesentlichen Einzelmomente der Methode lassen sich auf dieses Zentralmo-
ment beziehen. Man setzte sich damit ab gegen die vorwiegend analytisch erscheinende
Auffassungsweise des Positivismus.“
72
bildern, das totalisierende ethische Postulat seiner Deontologie. In der Synthese
finden endlich auch die deontologisch-methodologischen Postulate der Energie-
entfaltung und der Strenge ihr Ziel und ihre Auflösung.
Zwei bedeutungsvolle Konsequenzen sind allerdings aus einer solchen Ein-
schränkung der Möglichkeiten der Analyse bei gleichzeitiger Aufwertung des Erle-
bens und des voraussetzungslosen Verstehens zu ziehen, wie sie Maren-Grisebach
in der geistesgeschichtlichen Methode feststellt und wie ich sie in gleicher Weise
bei Curtius konstatiere: Die erste sieht Maren-Grisebach für die wissenschaftliche
Annäherung darin, daß, wenn „im Begegnen mit Literatur das Erleben das Frü-
here und Eigentliche ist“ (30), daraus geschlossen werden muß, daß „es in einer
wissenschaftlichen Arbeit nie ganz übersetzt werden“ kann und darum „der Lite-
raturwissenschaftler [...] sich mit gewissen Annäherungswerten seiner Untersu-
chungen begnügen“ muß.
Die zweite Konsequenz ist meiner Ansicht nach darin zu sehen, daß für eine
solche Auffassung natürlich nur eine kongeniale Annäherung, die über die nötigen
‘synthetischen Begriffe’ und das adäquate Erlebens- und Verstehenspotential ver-
fügt, vermag, einem künstlerischen Werk gerecht zu werden. „Es ist merkwürdig“,
bemerkt Curtius denn auch 1950 resümierend am Ende seiner „Wiederbegegnung
mit Balzac“ (aber eigentlich sollte dies für diese Auffassung dann überhaupt nicht
merkwürdig, sondern im Gegenteil völlig selbstverständlich sein),
daß es immer die Dichter gewesen sind, die Balzac am tiefsten verstanden haben: Baudelaire –
Browning – Hofmannsthal. Unter den Lebenden: Gottfried Benn. (Krit. Ess. 188)
Unter den Kritikern: Curtius, möchte man hinzufügen114
114114
114, der bezeichnenderweise
(und meine Darstellung bestätigend) unterstreicht:
Das ist eine Tiefenwirkung und eine Fernwirkung Balzacs, die auch der Kritik ein Problem
stellt, wenn sie es sehen will. Diese Dichter sprechen auf Balzac an wie auf ein verwandtes Ele-
ment.
So hatte Curtius deshalb auch schon drei Jahrzehnte vorher am Ende seines
Balzac-Buches festgestellt,
114
114114
114 Curtius selbst jedenfalls zitiert in einer Fußnote (170/1) Bernard Guyon, der „in sei-
nem gelehrten Werk La Pensée politique et sociale de Balzac“ über Curtius’ Balzac-Buch geurteilt
hatte, „cet admirable ouvrage est, de très loin, la meilleure de toutes les études d’ensemble sur Balzac“.
73
Es bedurfte eines Dichters, um Balzacs Dichtertum in seiner ganzen Intensität und Gegenwär-
tigkeit zu zeigen. Dieser Dichter ist Hugo von Hofmannsthal gewesen. [Er schrieb] jenen wun-
dervollen Essay, der, wie ich glaube, weitaus das Schönste, das Umfassendste, das Tiefste ist,
was je über Balzac gesagt wurde. (410-11)
Die Beschreibung des Quells dieser superlativischen Leistung Hofmannsthals kann
jene oben zitierten programmatischen und etwas abstrakten Fußnoten-
Äußerungen zur Abhängigkeit der Analyse von den synthetischen Begriffen:
eine echte Analyse gelingt nur da, wo synthetische Begriffe als regulative Prinzipien dem Geist
vor Augen stehen. Insofern enthält jede Analyse schon die Keime synthetischer Anschauung
(197)
in wünschenswerter Weise an einem Beispiel konkretisieren, das meine Interpre-
tation bestätigt: Curtius fährt nämlich in augenfälliger Kongruenz zu dieser me-
thodologischen Theorie in seinem Lob von Hofmannsthals „Offenbarung[]
schöpferischer Erkenntnis“ (412) fort:
Die Magie, die Symbolik, der Dynamismus, die Philosophie Balzacs – alles ist bei Hof-
mannsthal angedeutet115
115115
115 in einer Analyse, die aus vollkommener Überschau und lebendigster
Intuition kommt. (411)
Die Hierarchie und das Zusammenspiel von primordialer synthetischer An-
schauung und vollendender Analyse könnten kaum authentischer illustriert wer-
den als so von dem Kritiker-Philologen selbst, der der Literatur und der Meta-
literatur in der Synthese ein gemeinsames und verbindendes oberstes deonto-
logisch-epistemologisches und (gleichbedeutend:) künstlerisches Postulat geben
wollte. Der letzte Absatz des Balzac lautet:
Über die gegensätzlichen Urteile der Vergangenheit wird das zwanzigste Jahrhundert zur
Synthese vordringen. Es wird Balzac in seiner Einheit und seiner Ganzheit erfassen, als schöp-
ferischen Genius, den keine Formel einschließt und der aus zeitgegebenem Stoff ein Welt- und
Menschenbild von überzeitlicher Größe schuf. (413)
Zwei Beispiele sehr verschiedenartiger Rezeption zweier Autoren, zu denen
Curtius trotz der scheinbar klaren Positionsnahmen ein durchaus ambiges Verhält-
115
115115
115 Diese kleine Reserve mag sich daraus erklären, daß Curtius vielleicht der Meinung
war, daß er selbst diese Themen in erschöpfenderer Weise behandelt hat.
74
nis hatte, mögen die Allgemeingültigkeit des synthetischen Denkens und seine Be-
deutung für Curtius’ Wertschätzung von Autoren unterstreichen: Im Zusammen-
hang mit seiner Wertschätzung der Mystik116
116116
116 ist zu sehen, was Curtius in seinem
ersten Eliot-Essay 1927 bezüglich eines in der Tat damals enorm verbreiteten
„synthetischen Bewußtseins“ geschrieben hat, das er auch in The Waste Land er-
kannte:
Diese Todesqual [durch die der Weg zu neuer Geburt führt] ist ja schon bei Eliot von
dämmrigem Frühlicht eines neuen Bewußtseins erhellt. Ich meine jenes neue synthetische Be-
wußtsein unserer Zeit, das sich jenseits der Gegensätze weiß. Es ist, genau genommen, ein my-
stisches Bewußtsein. (Krit. Ess. 328)
Für ein solches synthetisch-mystisches Bewußtsein jenseits der Gegensätze gelten die
„alten Scheidungen“ nicht mehr, „Vergangenes und Gegenwärtiges sind gleichzei-
tig“; und wessen „Lebensgefühl mit dem großen Rhythmus des Wachstums geeint
ist“, dem sind selbst „Tod und Leben keine Gegensätze mehr“. An anderer Stelle
dieses Aufsatzes verschmelzen die gerade genannten Schlüsselbegriffe mit der
„Kritik“ als dem „Ingrediens aller hohen geistigen Produktion“ im 20. Jahrhun-
dert (317) und dem „Intellektualismus“ der von ihm favorisierten Autoren:
Ich gehe so weit, für uns Deutsche die Priorität [bzgl der literarischen Kritik] in Anspruch zu
nehmen. Wir haben einmal einen Novalis, einen Fritz Schlegel gehabt. Da fängt die neue Welt
an, wo Bewußtsein schöpferische Lebenserhöhung bedeutet; wo Mythos und Methode sich
gatten; wo zum erstenmal synthetischer Geist kristallisiert und sich ironisch-mystisch spiegelt.
(317)
Zweites Beispiel: In Maurice Barrès und die geistigen Grundlagen des französischen
Nationalismus von 1921 hat Curtius dem „Ichkultus“ dieses Autors, den er meiner
Überzeugung nach bewußt oder unbewußt als eine Art in den Wassern des Rheins
gespiegeltes, deshalb teilweise negativ besetztes Alter ego erfuhr, trotz der natio-
nalen Gegensätzlichkeit bzw. Unvereinbarkeit eine gewisse sympathetische Gewo-
genheit auch darum nicht versagen können, weil er in diesem „Ichkultus“ „ein
intellektuelles Schema“ erkannte, „welches die Synthese von Rationalem und Ir-
116
116116
116 Wellek erläutert in „The Literary Criticism of Ernst Robert Curtius“ seine Einschät-
zung, daß „French mysticism and all mysticism attracted Curtius strongly“ (37), mit dem Hin-
weis auf Henri Bremond und Jacques Maritain (1926; die Aufsätze zu beiden sind wieder
abgedruckt in Frz. Geist im 20. Jh., 1952). Curtius hat darüber hinaus 1924 und 1925 für die
Zeitschrift Hochland Aufsätze über die französische Mystik des 17. Jhs verfaßt.
75
rationalem gestattet – aber auf rationelle Weise“ (53)117
117117
117. Diese Vermutung wird
dadurch gestützt, daß ebenfalls unter den günstigen Vorzeichen der Geistesver-
wandtschaft steht, wenn diese „Synthese von Rationalem und Irrationalem“ im
Zusammenhang mit den „Formen, in denen Barrès die drei Antinomien des Ich-
kultus löst“ (47), angesprochen wird. Von diesen auch bei ihm selbst wohlver-
trauten „Formen“: dem „Ruf nach dem Führer“, dem „Primat der Liebe“ und
der „Wendung zur Politik“, die mit den mannigfaltigsten emotionalen und denke-
rischen Übereinstimmungen auf den vorhergehenden Seiten beschrieben wer-
den118
118118
118, sagt nämlich Curtius:
Ihre parallele Bewegung bedeutet die Überwindung des Intellektualismus119
119119
119 und die Vorbe-
117
117117
117 Ein weiterer Grund für eine sympathetische Affinität zu Barrès mag in einer gemein-
samen Verbindung zu Balzac liegen, auf die Curtius in seinem Balzac-Buch verwiesen hat, wo er
schreibt (399): „Als Beispiel für Balzacs Einfluß nennt Emile Faguet den Ichkultus von Maurice
Barrès. Zwar seien in ihm verschiedene Elemente zu erkennen, aber il y a là surtout du Balzac par
lui-même et du Balzac par le canal de Taine. Für viele junge Franzosen sei Balzac ein Lehrer der
Energie gewesen.“ Dies war Balzac nicht zuletzt auch für Curtius.
118
118118
118 Der Gedanke der (geistigen) Führerschaft ist für den bekennenden Elitisten Curtius
an vor allem an die Namen George, Hofmannsthal, Scheler – um nur die zeitgenössischen
deutschen Anwärter auf das Amt des praeceptor Germaniae zu nennen - geknüpft. Die Wendung
zur Politik ist ebenso geläufig; zum Primat der Liebe sei auf den oben zitierten Brief an Max
Rychner vom 11.6.1925 verwiesen, wo es im Zusammenhang heißt: „Ich bin ein radical gläu-
biger Mensch und fühle mich wohl nur im Definitiven. Mir genügt es, bestimmte geistige Ur-
formen, denen ich zugeboren bin, zu erkennen – wiederzuerkennenin Liebe, aus Liebe. Ich
weiß was ich glaube und bejahe“(„ERC - MR. Ein Briefwechsel“ 372). Ein anderes, auch
deontologisch höchst aufschlußreiches Bekenntnis findet sich in Deutscher Geist in Gefahr: „Aus
der Wurzel aber kann [der Kulturhaß, gegen den sich seine ‘Streitschrift’ ja wendet] nur über-
wunden werden durch die stärkere Macht der Liebe. Liebeskräfte, diese tiefsten Kräfte wären
zu einer neuen deutschen Humanität erforderlich, Kräfte, die nur aus einem ethischen oder
religiösen Glauben kommen können“ (25).
119
119119
119 Die Verschränkheit dieser Gedankengänge läßt sich sehr gut an diesem Punkt de-
monstrieren: Die „Überwindung des Intellektualismus“, der „das Lebensproblem des Analyti-
kers, der sich im Gefängnis seine Gedanken abzehrt“, darstellt, wird von Curtius als
„umfassendere[r] Prozeß“ bei Barrès aufgefaßt, zu dem als einTeilvorgang“ auch die „Bewe-
gung vom Denken zum Gefühl, von der Analyse zur Liebe“ gehört (46). – Barrès hat übrigens
laut Curtius mit diesem „Lebensproblem“ „in denselben Jahren und in derselben Umwelt wie
André Gide“ gerungen; der „Übergang zum Handeln“ war ihm allerdings „erleichtert durch
seinen Willen zur Energie“. Curtius fährt fort: „Freilich behält der junge Bars auch in der Po-
litik die aristokratische Geste des Ästheten und die blasierte Haltung des Intellektuellen. Die
Politik ist eine Zerstreuung für den Analytiker. Er rechtfertigt seine politische Tätigkeit damit,
daß sie die Berührung mit konzentrierten Gefühlsenergien gestatte. Sie gewährt das großartige
Schauspiel der entfesselten Leidenschaften. Sie entbindet die intensivste, königliche Form des
76
reitung eines neuen rational legitimierten Irrationalismus.
Doch damit nicht genug der Parallelen zwischen den Autoren: Curtius fährt fort:
„Er“ – d.h. der rational legitimierte Irrationalismus –
wird sich bei Barrès entfalten philosophisch als Traditionalismus (die Keime dazu enthält schon
Le Jardin de Bérénice), politisch als Nationalismus (47),
worin sich wieder dieselbe die Inkompatibilität der Nationalismen und die kon-
kurrierenden und einander bestrittenen Ansprüche der kulturmissionarischen
Traditionalismen120
120120
120 übergreifende sympathetische Kongruenz121
121121
121 ausdrückt, die
Curtius’ Verhältnis zu Barrès insgesamt prägt. Über den „Ichkultus“ fällt Curtius
letztlich das folgende Urteil, aus dem die synthetischen Qualitäten getilgt sind:
So ist auch das Gedankengebäude von Barrès nichts anderes als eine Stilisierung seiner
Persönlichkeit. Das Lehrgebäude, das er so anspruchsvoll hinstellt, ist ein Prunkbau über dem
Altar, wo der Kultus des Ich gefeiert wird. Und es ist zugleich ein Notbau, der die zarte Pflanze
vor den Stürmen der feindlichen Mächte schützen soll. Anders gesagt: der Barrèssche Nationa-
lismus muß als Ausstrahlung und Erweiterung des Ichkultus gesehen werden, und der Ichkultus
selbst ist das Ergebnis und der Ausdruck des Grundgefühls, mit dem Barrès dem Leben gegen-
übersteht. Dieses Grundgefühl aber ist das der Bedrohtheit, der Schwäche, der Leere: das Be-
wußtsein einer vitalen Unzulänglichkeit dem Dasein gegenüber.122
122122
122 (214)
Hasses, den der Bürgerkriege. Barrès hat ihn im Dezember 1892 in den Wandelgängen des Pa-
lais-Bourbon beobachtet, als der Panamaskandal die Tigerinstinkte der Politiker entfesselte“
(46-47).
120
120120
120 Vgl. zu Curtius’ Synthese von Traditionalismus und Nationalismus Deutscher Geist in
Gefahr, vor allem die beiden ersten Kapitel.
121
121121
121 Schon ein Jahrzehnt vor seiner nationaldeontologischen Streitschrift Deutscher Geist in
Gefahr konnte Curtius in Barrès dessen Ethos neidlos würdigen: „Aber, sagt man, er wollte
schließlich nur eine politische Ideologie liefern (in Wirklichkeit wollte er mehr!). [...] Seine
Aufgabe – und man kann von einer solchen Aufgabe nicht hoch genug denken – war die: die
Kräfte der französischen Seele zu wecken und sie verwandlungsfähig zu machen; sie zusam-
menschließen und sie um ein Banner zu scharen“ (220). Curtius’ späteres Wirken zeigt ein-
deutig parallele Antriebe.
122
122122
122 Curtius entwickelt hier und in der folgenden Kritik an Barrès’ Schlagwort La terre et les
morts, ohne ihn zu nennen, Gedanken aus Gides Auseinandersetzung mit Barrès, wie sich etwa
in der Bemerkung zeigt: „Die ganze These der Déracinés setzt das Bewußtsein einer gefährdeten
physiologischen Veranlagung voraus“ (215). Da liegt eine klärende Kompetition um die „Ener-
gie“ natürlich nahe: „Der Durst nach Energie-Entfaltung und das methodische Suchen nach
Energie-Erregern widerspricht dieser Auffassung der Barrèsschen Ideologien nicht. Im Gegen-
teil. Wer so bewußt auf Energie ausgeht, beweist damit, daß ihm ein freies naives Ausströmen
77
3 ORTEGA, ELIOT, VERGIL, BALZAC
Curtius zeigt die Tendenz und das Bekenntnis zur Vereinigung der komplementä-
ren Gegensätze übrigens keineswegs zumeist in kontrastivem oder abgrenzendem
Zusammenhang, wie man in Anbetracht der Kontroversen mit Weber, Mahr-
holz/Roeseler und Barrès vielleicht denken könnte. Im Gegenteil: ein prototypi-
sches Beispiel für das deontologisch-epistemologische Konvergenzpostulat in
einem affirmierenden Kontext liefert sein dritter Essay über José Ortega y Gasset
aus dem Jahre 1949,123
123123
123 der so außerdem ein bezeichnendes Indiz zur Erklärung
seines langjährigen Interesses an diesem Autor mit ausgewiesenem deontologi-
schem Standing gibt. In diesem überaus engagierten Aufsatz enthusiasmiert sich
Curtius unter anderem für Ortegas rigorosen Einsatz des ethisch aufgefaßten Im-
perativ-Paares Kraft und Disziplin, das dieser in einem „Brief an einen argentini-
schen Studenten“ (273) der dortigen „akademische[n] Jugend“ (274) nahe-
zubringen versucht. Ortega gibt der Überzeugung Ausdruck, daß es „unmöglich“
sei, „in der Welt etwas Bedeutsames zu leisten, wenn man nicht Kraft und Diszi-
plin vereinigt“ (zitiert nach Curtius 273), eine Kombination, die ein augenfälliges
Äquivalent zu Curtius’ Kombination von Energie und Strenge darstellt. Eine
„prachtvolle[] Dosis vitaler Kraft“ bemerkt Ortega zwar bei dieser Jugend, aber er
hegt den „Verdacht“, daß es der neuen Generation „völlig an innerer Disziplin ge-
bricht“. Deshalb hat er „kein Vertrauen zu ihr“ und mahnt:
Wißbegier genügt nicht, um zu den Dingen zu gelangen; man braucht gedankliche Strenge, um
Herr über sie zu werden. [...] Ich möchte in Ihren Jugendgruppen die strengste Anforderung
innerer Disziplin wahrnehmen.
Diese Sätze könnte man sich gerade so von Gröber oder Curtius selbst geschrie-
ben vorstellen, und letzterer kommentiert denn auch zustimmend Ortegas Aus-
führungen, deren synthetische Qualität ihm nicht entgangen ist (274):
Vitale Kraft und innere Disziplin: hier haben wir die geforderte Synthese von Leben und Ver-
nunft in der elementaren Form einer Wegweisung für die akademische Jugend.
gesammelter Kraft versagt ist. Er leidet an mangelnder oder mit Hemmungen belasteter Ener-
gie. Die Energiesuche von Barrès gleicht einem künstlichen Anstacheln und Aufpeitschen. Im-
mer kehren bei ihm die Klagen über Schlaffheit, Apathie, innere Leere wieder.“ (215-16)
123
123123
123 „Ortega“, zuerst im Merkur erschienen, hier zitiert nach Krit. Ess., 266-81.
78
Das gleiche Prinzip der Zusammenfügung der als heterogen empfundenen
Sphären – und die bekannten Gröber-Curtius-Topoi – findet man zwei Seiten
vorher in einer Analyse von Ortegas Jugendwerken, die für Curtius’ Empfinden
die sympathetische Ausstrahlung eines „hellen, männlichen Enthusiasmus“ haben:
Die Fülle des Lebens und der Welt, die sich dem Blick offenbart, scheint überwältigend. Aber
die Energie des Denkens, die Treffsicherheit der sprachlichen Prägung bewältigt diesen Reich-
tum. (272)
Nur wenige Zeilen später wiederholt Curtius, diesmal ohne das relativierende
„scheint“, beinahe dieselben Worte und korrigiert dabei auch die kleine Abwei-
chung oder Eigenwilligkeit in der Zuordnung, die darin bestand, daß er das Den-
ken mit der Energie in Verbindung gebracht hat, obwohl es doch in erster Linie
unter dem Zeichen der Strenge steht. Jetzt sieht er die „Fülle des Erlebenkönnens“
– in hierarchisch ‘konservativer’ Zuordnung – „bewältigt durch die Herrschaft
[verkörpert Strenge] des Denkens“ und schürft sofort tiefer, das enorme schöpfe-
rische Potential, das in der gegensätzlich-komplementären Dynamik der heteroge-
nen Elemente steckt, bis in den Kernbereich auslotend; der Absatz lautet in toto:
Fülle des Erlebenkönnens – aber bewältigt durch die Herrschaft des Denkens. Der
Punkt, an dem Vitalität und Vernunft aufeinandertreffen und sich scheiden - das ist das schöp-
ferische Zentrum von Ortegas Philosophie. Hier vollzieht sich der Kontakt. Hier sprühen die
Funken. Hier ist der Brennpunkt, in dem sich alle einfallenden Strahlen vereinigen. Es ist der
Ort der Spannungen und der Entscheidungen. (272-73)124
124124
124
Die Synthese vollzieht sich also nicht unmerklich, sanft oder still und leise;
sie ist ein hochenergetischer Vorgang: „Hier sprühen die Funken“! Vitalität und
Vernunft stehen in einer Dynamik von „aufeinandertreffen und sich scheiden“,
von Anziehung und Abstoßung, einer energetischen Dynamik, der konstitutive
Bedeutung für die schöpferische Potenz beigemessen wird. Entsprechend bilden
Energie der Lebensfülle und Strenge des Denkens eine fruchtbare Einheit, die für
Curtius den empathischen Übersprung erst möglich macht. Curtius’ begeisterte
Einfühlung aber kommt nicht von ungefähr: es ist offensichtlich, daß er zwischen
124
124124
124 Man kann zum Vergleich neben diese beiden Absätze über das Erlebenkönnen, seine
Bewältigung und das schöpferische Zentrum einen Satz Curtius’ stellen, der das drei Jahre vor
dem Ortega-Aufsatz in der Wandlung erschienene „Vorwort“ beschloß: „Das Erleben muß im
Feuer des Schaffens umgeschmolzen werden in das stählerne Gefüge der Erkenntnis“ (974).
79
Ortega und sich selbst eine Parallelität der ‘Strukturen’ erkennt, in der Auffassung
wie im Erleben, im Denken wie im Fühlen.
Eine ähnliche Geistesverwandtschaft dürfte Curtius auch bei T. S. Eliot an-
gesprochen haben: Im selben Jahr 1949 veröffentlicht Curtius seinen vierten und
ebenfalls letzten Aufsatz über Eliot, in dem er zwar in gewisser Weise einen
Schlußstrich unter seine Beschäftigung mit diesem Autor zieht,125
125125
125 in dem er aber
auch noch einmal eine Rekapitulation und Bilanz ihrer Begegnung und ihrer fun-
damentalen Gemeinsamkeiten aufmacht, die für unser Thema interessante
Aspekte haben. Nicht zufällig war es ja in seinem ersten Eliot-Aufsatz von 1927
gewesen, daß er seine vielzitierten Äußerungen über die Literaturkritik und die
Intuition getan hatte. Auf diesen Komplex kommt er nun in seinem Resümee
wieder zurück: „Ein Lieblingswort des Kritikers Eliot ist ‘Präzision’“ (Krit. Ess.
348), bemerkt Curtius, um gleich in der mittlerweile vertrauten Weise komplet-
tierend hinzuzufügen:
Doch es wäre ungerecht, Eliots Ästhetik auf den Formalismus der Korrektheit, den In-
tellektualismus der „Präzision“ einzuschränken. Man darf nicht übersehen, daß er auch spiritu-
elle Wurzeln hat. Präzision ist für Eliot eine Angelegenheit seelischer Disziplin, geistiger
Ordnung, Klarheit und Zucht. (350)
Curtius’ Fazit über The Sacred Wood (1920) zeigt das m. E. stärkste und am
tiefsten wurzelnde Faszinosum, den wahren Grund und den Bereich der Affinität
auf, und seine Aussage erscheint um so gültiger, als dieses Fazit auf eine mit einem
launigen „Alles das war 1920 sehr erfrischend“ abgeschlossene leicht kritische
Passage über die „provozierende Respektlosigkeit“ des jüngeren Kritikers Eliot
folgt:
Der bleibende Wert des Sacred Wood liegt in der Intensität und der Intellektualität, mit der die
Probleme der literarischen Kritik angefaßt werden. (351)
Die Nennung von „Intensität“ und „Intellektualität“, die ja kategorial verschieden
sind, scheint vordergründig parataktisch, aber vor dem Hintergrund des Curtius-
125
125125
125 An Max Rychner schreibt Curtius am 3.10.1948: „Habe jetzt m. Eliot beendet. [...]
Habe daran gedruckst. Es ist ein dyspeptischer Autor. Aber das soll meine letzte Arbeit über
mod. Literatur sein. J’en ai soupé. Ich habe es satt, moderne Seelen- & Formprobleme zu in-
terpretiren.“ – Er hat trotzdem noch auf Rychners „bittende Anfrage hin“ das Büchertagebuch
„für die Tageszeitung Die Tat, Zürich“ (Rychner, „Nachwort“, 113) geschrieben, in dem er auf
Modernes eingeht.
80
schen Konvergenz-Denkens ist unübersehbar, daß die genannten Potentiale im
bleibenden Wert des Sacred Wood, diesen schaffend, zusammenströmen, konver-
gieren. Dabei können „Intensität“ und „Intellektualität“ – womit die Kategorien-
grenzen transzendiert sind – wieder den Bereichen der Energie und der Strenge
zugeordnet werden, die Curtius mit der ‘Wünschelrute’ der Seelenverwandtschaft
detektiert hat und die er unbeschadet der ihm drängender werdenden Reserven
und Differenzen dies eine letzte Parallele zu Ortega – sogar bei dem ‘dyspepti-
schen’ Eliot als synthetisch in eins geführt anerkennen muß.
Es versteht sich da fast von selbst – und es klang in seiner Rezeption des
Dichters Eliot gerade bereits an –, daß Curtius eine entsprechende Sicht auch auf
die dichterische Tätigkeit hatte, die ja in seiner Auffassung ihrer Natur nach von
der kritischen als einer ebenfalls literarischen nicht grundsätzlich verschieden ist
und in der ebenfalls idealiter Heterogenes zu einer Synthese gebracht werden
muß, damit eine Annäherung an die Vollkommenheit realisiert werden kann. Ein
aufschlußreiches Beispiel bietet Curtius’ Vergil-Bild, zum einen weil der „große
römische Heide“, der „Sänger der Triften und Hirten“, für ihn neben Dante126
126126
126
der bedeutendste Dichter des Abendlandes war, zum anderen weil er wohl gerade
deshalb zu Vergil einiges für unseren Zusammenhang besonders Bemerkenswerte
geschrieben hat. Von der „lateinischen Rede“ Vergils etwa sagt Curtius – man er-
kennt sogleich die Zuordnungsmöglichkeiten –: „Der leidenschaftliche [Energie]
und entsagungsvolle [Strenge] Wille zur Verewigung hat diese Substanz gehärtet“
(13), nur darum konnten ihre „steinerne[n] Quadern ein Weltgedicht und ein
Weltreich tragen“. In Curtius’ Preisung einer „lebenerfüllte[n] Vollendung“ (21)
in manchen von Vergils Werken finden wir ebenfalls die beiden Bereiche von
Energie und Strenge zu einer Synthese gefügt. „Vollkommenheit“, „das unter-
scheidende Merkmal aller klassischen Werke“, sagt Curtius, „bleibt immer des
Nachsinnens wert“: in den Georgica und der Aeneis des Vergil erkennt er
126
126126
126 Bei Vergil und Dante erfährt Curtius auch am stärksten jene glückhafte Theophanie:
in „Virgil“ (Krit. Ess. 11-12) will er „die mittelalterliche Legende in unserm Sinn bekräftigen;
[wir] dürfen glauben, daß in der Synchronie der gottmenschlichen Offenbarung und des römi-
schen Reichsdichters [Vergils Lebensdaten sind wohlgemerkt 70-19 v. Chr.] ein Mysterium Eu-
ropas verborgen und wiederzufinden ist. Wir besitzen dafür die geheiligte Gewähr Dantes. Und
es gehört zu den glückhaften Augurien unserer Geschichte, daß Virgil und Dante, der große
römische Heide, der paganus, der Sänger der Triften und Hirten, mit dem großen römischen
Christen, dem Jenseitswanderer und Diesseitsordner, in unauflöslichem Bunde vereint sind.“
81
ein Höchstes an Formvollendung, das sich am ehesten durch einen Hinweis auf Rafaels Stanzen
verdeutlichen läßt. Ideale Natürlichkeit und vollkommene Ausgewogenheit bezeichnen hier wie
dort die Höhe dieses Stils (21).
Warum Curtius in Vergil „über Jahrtausende hinweg de[n] geistige[n] Genius
des Abendlandes“ (22) erblicken und aus ihm die Glaubenskraft für die bezeich-
nende „Hoffnung“ beziehen konnte, die
es sich nicht verbieten [läßt], aus der heutigen [1930] Verwilderung und Not unseres Erdteils
nach einem künftigen musischen und religiösen Restaurator des Okzidents auszuschauen127
127127
127,
wird im letzten Absatz seines Gedenkartikels in einer Weise deutlich, die eine Zi-
tation in extenso zwingend macht, denn hier bezeugt wahrhaftig jeder einzelne Satz
sowohl Curtius’ antithetisches Denken als auch sein dieses auflösendes, aufhebendes
Konvergenz- bzw. Synthese-Credo in beeindruckender Varietät:
In dem lauteren Element Virgils scheinen die großen geistigen und geschichtlichen Anti-
thesen unserer Vergangenheit sich auszugleichen. Er enthält den reinen Nektar der Antike, aber
er übergreift sie doch wie außer ihm nur Plato. Asiatische Ursprünge reichen in die Aeneis, ori-
entalische Prophetien in die vierte Ekloge hinein. Mit der plastischen Form Roms verbindet
sich auf unfaßliche Weise ein ahnungsvolles, aus Jenseitswelten stammendes Leuchten, eine si-
byllinische Frömmigkeit, die der Offenbarung entgegenzuharren schien. Römische virtus und
griechische Schönheitsliebe, reifer Kunstverstand und sittliche Läuterung bezeugen sich in der-
selben Materie. Virgils Werk ist der Triumph des Klassizismus und zugleich (man denke an die
zehnte Ekloge) der Urquell aller Romantik. Alle diese Kräfte, die sich isoliert widerstreiten
würden, gelangen zur beruhigten Harmonie und zu symbolschwerer Fülle. (22)
Der letzte Satz dürfte wohl den wichtigsten Gedanken des gesamten Absatzes
enthalten: die genannten Kräfte ‘widerstreiten sich’ nur, solange sie isoliert bleiben
oder nicht auf ein gemeinsames Ziel gerichtet sind; sobald sie aber zusammenge-
führt werden, wenn sie dazu gebracht werden, zu konvergieren und unter der ge-
botenen, unerläßlichen Energieentfaltung – conditio sine qua non – möglichst zu
einer Synthese zu verschelzen, gelangen sie „zur beruhigten Harmonie und zu
symbolschwerer Fülle“, also zum ästhetischen Ausgleich und zur vollen künstleri-
schen Potentialität.
127
127127
127 Curtius vergißt nicht, die „Prophetie der vierten Ekloge“ zu erwähnen, „die soterio-
logische Hoffnung Virgils wie die Dantes, die gläubige Erwartung einer restitutio in integrum, ei-
ner Erneuung des goldenen Alters“ (15).
82
Es spricht für die Kohärenz der beschriebenen denkerischen und ethischen
Konzeptionen Curtius’, daß der Autor, der von ihm am engsten mit einer energe-
tischen Auffassung der Kunst und des privaten, sozialen und politischen Lebens
verbunden wird, auch derjenige ist, der in seiner Zeichnung das ausgeprägteste
‘synthetische’ Profil besitzt: Balzac. Dies hängt natürlich damit susammen, daß
Balzac für Curtius ein prototypischer Anhänger der „alle Philosophien, alle Reli-
gionen, alle Systeme“ überdauernden „All-Einheitslehre“ ist, von der Curtius sagt:
„Sie ist ewig und unzerstörbar. Sie findet sich überall wieder und läßt sich nicht
widerlegen“ (Balzac 35). Wie so oft bei Curtius läßt sich auch in den philosophie-
renden Ausführungen seines Balzac zur All-Einheitslehre manchmal nur schwer
entscheiden, wo die Paraphrase aufhört und das eigene Bekenntnis anfängt, aber
schließlich handelt es sich um seine Interpretation, um das totalisierende Schema,
das er in Balzacs Werken erkannt hat, und nicht nur spricht die Emphase seiner
Beschreibung dafür, daß er selbst dieser Lehre anhing oder zumindest nahestand,
seine folgende Darstellung dieser Lehre zeigt eine weitgehende Übereinstimmung
mit bei ihm selbst konstatierbaren Denkmustern:
die Einheit ist doch selbst gespalten in Kraft und Erscheinung, in Innen und Außen. So wird
der Monismus zugleich Dualismus. Als solcher entdeckt er überall Gegensätze: Bewegtes und
Ruhendes, Festes und Flüssiges. Lebendiges und Totes. Diese Gegensätze müssen die Wirkung
widerstreitender Kräfte sein – und so gehört zur All-Einheitslehre der Begriff des Antagonismus
oder der Polarität. Aber diese Gegensätze tragen das Leben. Das Leben ist also ein Mittleres,
ein Ausgleich, eine Harmonie, ein Gleichgewicht. (35-36)
Es gibt weitere auffällige Parallelen zu Curtius’ denkerischer Physiognomie:
„Die All-Einheitslehre ist Vitalismus. Sie steht jenseits des Gegensatzes von Mate-
rialismus und Spiritualismus“128
128128
128 (36) , und: „Die All-Einheitslehre neigt zur reli-
giösen Mystik.“ In seinem ein Jahr nach dem Balzac erschienenen Aufsatz über
Emerson, von dessen „Verwandtschaft“ mit Balzac Curtius mit einer auf die All-
Einheitslehre gemünzten aufschlußreichen Wendung sagt, „daß sie sich auf jenes
Apriori der geistigen Form bezieht“ (Krit. Ess. 192-93), hat er seine Darstellung
um die energetische Fundierung ergänzt und differenziert: Als Dynamismus ist
128
128128
128 In seinem Essay über „Emerson“ (1924), den eine „geheimnisvolle Analogie“ (Krit.
Ess. 190) mit Balzac verbinde – beide „sind typisch ausgeprägte Vertreter jener Anschauungs-
form, die ich als All-Einheits-Lehre bezeichne“ (193) –, wiederholt Curtius ganze Passagen aus
dem Balzac; so heißt es auch hier: „Die All-Einheits-Lehre ist Vitalismus. Sie läßt den Gegensatz
von Materialismus und Spiritualismus unter sich. Sie führt die Materie magisch zum Geist em-
por“ (191).
83
die All-Einheits-Lehre [die Schreibung hat sich leicht geändert] Energetik. Damit
gelangt sie zu den Begriffen der Polarisation, des Antagonismus und des Aus-
gleichs“ (191).
Für eine „geistesgeschichtliche Betrachtung“ nun ist es nach Curtius’ Über-
zeugung „wichtig“ – und dies „gilt in besonderem Maße für Balzac“ –, gewisse
„Elemente der Literatur“, hier: „die sogenannten okkultistischen und magischen“,
„in ihrem Zusammenhang mit der alten All-Einheitslehre zu erkennen und zu
deuten“ (41):
Denn die Intuition der Welt als der Allheit, welche Einheit ist, war Balzac mitgegeben. Das
Wissen vom All-Einen, vom «< 6"Â B< speist seine Kunst. (41)
Festzuhalten ist hiervon insbesondere, daß dieses ‘magische’ Wissen auf einer
„Intuition“ beruht, die „mitgegeben“ ist und nicht erworben wurde. Ansonsten
sei aus Curtius’ ausführlichen Darlegungen über die All-Einheitslehre, die fast das
gesamte Kapitel füllen, das er „Magie“ betitelt hat (er wählte diesen Titel, obwohl
Balzac für das Gemeinte laut Curtius das Wort „Magismus“ gebrauchte), der zu
seinen eigenen Vorstellungen parallele Aspekt erwähnt, daß
vor allem [...] der Zweizahl eine besondere Bedeutung für Balzacs Denken zu[kommt]. Eine
universale Polarität beherrscht sein Weltbild und seine Anschauung vom Menschen. Im Men-
schen wirkt zunächst die Polarität von Herz und Hirn. Balzac kommt oft auf diesen Gegensatz
zurück. Es war ja eins seiner Geheimnisse, daß sein Leben vom Herzen beherrscht war. (47)
Schließlich notiert Curtius noch als bemerkenswert (erneut ohne Spinoza zu er-
wähnen oder explizit zu machen, daß er Balzac damit in den Kontext der spinozi-
stischen Debatten des späten 18. Jahrhunderts setzte, die bei Mendelssohn,
Jacobi, Goethe und anderen allerdings keineswegs in einen Dualismus mündeten):
Aber vor allem wendet Balzac die dualistische Betrachtungsweise auf die Psychologie an, und
hier bedient er sich aller Gegensatzformeln, welche die Naturphilosophie des 17. und 18. Jahr-
hunderts ausgebildet hatte: Aktion-Reaktion, Attraktion-Repulsion, Konzentration-Expansion,
Dilatation-Kompression (49),
um dann die unsere Ausführungen bestätigende Feststellung zu treffen:
Wir weisen hier nur vorläufig auf diese Antithetik hin. Sie bildet die Voraussetzung für Balzacs
Streben nach universaler Synthese.
84
Abgesehen von einer Bemerkung am Schluß des „Magie“-Kapitels, in der
man durchaus ein Selbst-Portrait und -Bekenntnis in der empathischen Zeichnung
des Verehrten erkennen kann129
129129
129, und einer weiteren, die bezeichnenderweise im
Zusammenhang eines anderen Herzensanliegens Curtius’ auftaucht, der Monar-
chie130
130130
130, ist die Antagonismus-Dualismus-All-Einheits-Thematik damit tatsächlich
„vorläufig“ für Curtius abgeschlossen; die Synthese wird erst gegen Ende des Bu-
ches, naheliegenderweise vor allem im Kapitel Werk“, wieder aufgegriffen und als
seine besondere, aus der speziellen Mischung von mitgegebener Anlage und ener-
getisch-radikalem Angang mögliche künstlerische und menschliche Leistung in
den Mittelpunkt gestellt.
Curtius deutet Balzacs Sicht auf die literarischen und geistesgeschichtlichen
Strömungen der Zeit (bzw. der damaligen unmittelbaren Vergangenheit), seine auf
diese reagierende künstlerisch-deontologische Selbstverpflichtung und seine Lei-
stung folgendermaßen (die beiden Zitate bilden den Abschluß des Kapitels „Ro-
mantik“, Balzacs Werk fußt für Curtius teilweise auf der Romantik, die es aber
überwinden wird):
Er sah zwei große Strömungen: eine ehrwürdige und gediegene klassische Tradition und eine
genialisch glanzvolle, wenn auch die psychologische Wirklichkeit mehr umnebelnde als erhel-
lende neue Richtung. Beide hatten ihr Daseinsrecht, beide besaßen eigentümliche Vorzüge und
Mängel. Diese Zweiheit in einer höheren Einheit aufzuheben, welche die Einheit des Lebens
sein würde – das war die Forderung der Zeit, der freilich nur ein souveräner Genius genügen
konnte. Dies mußte sein Werk sein, dies war sein Werk. (310)
Sein Werk bedeutet Verschmelzung antagonistischer Kräfte, Lösung einer generationenlangen
129
129129
129 Zum Abschluß der Darstellung von Balzacs Interesse für dieAlchemie“ verzeichnet
Curtius eine weitere Balzacsche Konvergenz – es klingt lauter Bekanntes an –: „Es ist charakte-
ristisch für Balzac, wie er hier und überall gleichzeitig dem Ältesten und dem Neuesten, der
modernen Wissenschaft und den magischen Traditionen, sein Interesse zuwendet. Es kann
verwunderlich scheinen und ist doch begreiflich genug. Denn es gab ja nur eine unwandelbare
Wahrheit, ein Urwort, das über die ganze Weltgeschichte versprengt war und in tausend Sym-
bolen immer dasselbe besagte.“ (59)
130
130130
130 Curtius’ Lob von Les Chouans verzeichnet: „Die Gegenüberstellung der republikani-
schen Patrioten und der royalistischen Insurgenten geschieht mit der Objektivität des Betrach-
ters, den die Kämpfe der Vergangenheit nicht mehr als eigene Angelegenheit berühren“ (225).
Das von der „Heldin des Buches“ gezogene Fazit aus dem Vergleich der beiden Gruppen: „sie
war durch das Gefühl zu dem Punkt gelangt, zu dem man durch die Vernunft kommt: zu der
Erkenntnis, daß der König das Land ist“, kommentiert Curtius: „Mit der für Balzac so charak-
teristischen gedanklichen Bewegung der Vereinigung der Gegensätze in einem höheren Dritten
wird die Gegenüberstellung geschlossen“.
85
Spannung, Erfüllung einer geschichtlichen Entwicklung, der bisher der überragende Geist ge-
fehlt hatte. [...] Wie Balzac seine Vorläufer weit hinter sich ließ, so fühlte er sich kraft seines
Genius auch unerreichbar für alle Schülerschaft. Genie und Talent waren ihm nicht dem Gra-
de, sondern der Art nach verschieden. Dem Talent würde er denselben Rat erteilt haben, den
Frenhofer einem Porbus gibt: „Wenn du dich nicht stark genug fühltest, um im Feuer deines
Genius die beiden rivalisierenden Darstellungsarten zu verschmelzen, mußtest du dich offen für
die eine oder die andere entscheiden, um die Einheit zu erlangen, welche eine der Bedingungen
des Lebens vortäuscht.“ Sich selbst aber traute Balzac die Kraft zu jener Synthese zu, die er dem
Genius vorbehalten wußte. (311)
Den von ihm herausgearbeiteten Drang zur „Verschmelzung antagonistischer
Kräfte“, der sich als literarischer Eklektismus in Balzacs „Programm“ manifestiere,
„die klassische These und die romantische These in umfassender Synthese aufhe-
ben“ (312) zu wollen, nimmt Curtius zum Anlaß, das Genie Balzac auch mit dem
„tiefsten Streben des deutschen Geistes“ (314), mit der eigenen nationalen ‘We-
sens’-Sphäre also in Verbindung zu bringen, aus der Balzac in Curtius und Hof-
mannsthal die beiden tiefsten Deutungen erwachsen waren, die er sogar nach
französischem Urteil je erfahren hatte (s. Fn. 114). Curtius nimmt Emile Bou-
troux’ Versuch auf, „den Unterschied deutscher und französischer Geistesart zu
charakterisieren [...], indem er jener die ‘Idee des Ganzen’, dieser die ‘Idee des
Einen’ zuschrieb“, und bestätigt:
Das Ganze der Welt und aller Weltsphären in einer geistigen Anschauung zu erfassen, das ist ja
in der Tat der Urtrieb deutschen Denkens. (312)
Diese „Anschauung war in Goethe lebendig“ und machte „ihn zum größten Wei-
sen Deutschlands“ (313); das „Frankreich der Descartes, Rousseau, Voltaire,
Maistre“ aber kennt „diesen Trieb zur allumfassenden Harmonie des Geistes
nicht“, es ist „antithetisch und kämpferisch, nicht harmonisch und kontemplativ“.
Curtius begnügt sich jedoch nicht mit diesem seiner Ansicht nach zwar korrekten,
aber doch an der Oberfläche verharrenden Befund, er schürft tiefer und kommt
zum selben Schluß wie schon 1919 in den Literarischen Wegbereitern des neuen Frank-
reich: „es gibt auch ein anderes Frankreich“ (Balzac 313), das – um hier für unsere
Zwecke zu verkürzen von den Kathedralen („ehe es sich in die Zucht der Klassik
begab“) bis zu Balzac reicht; Curtius gibt seiner Überzeugung von der Verwirkli-
chung der Idee der Totalität die Nachdrücklichkeit der Wiederholung und birgt
seine Einsicht in der Sicherheit des Zirkels, daß Frankreich in Balzac und Balzac
aus französischem Stoff die Idee der Totalität verwirklicht haben :
86
In Balzac hat dieses Frankreich analytisch und mystisch, visionär und wissenschaftlich die
Idee der Totalität in der Sprache der Kunst verwirklicht. Das ist der Sinn von Balzacs Schöp-
fung, das ist die Bedeutung dessen, was er ‘literarischen Eklektismus’ nannte. Er verknüpft, um
Goethes Formel zu brauchen, das Ideelle mit dem Sensuellen. Die Wurzeln seiner geistigen
Welt liegen in der vielhundertjährigen Tradition des französischen Geistes, die er als ein Ganzes
sah. Aus französischem Stoff, nach dem architektonischen Gesetz des nationalen Geistes, hat er
in seiner Kunst die Idee der Totalität verwirklicht – aber indem er diese Idee organisierte, trieb
er ein Werk, das zugleich dem tiefsten Streben des deutschen Geistes entsprach. (314)
Diese Entsprechung aber kam nicht von ungefähr: Balzac hatte „von Deutschland
geistige Zuströme empfangen“, die ihm, „ohne daß er es wußte“, einerseits aus
mystischen Quellen zugeflossen waren, „durch die Theosophie Saint-Martins, des
Boehme-Schülers“; andererseits hatte er das „deutsche Totalitätsdenken“ natür-
lich auch „in Goethe vor Augen und in Leibniz“. Curtius stellt resümierend fest:
So gehört Balzacs Wesen beiden Nationen an. Seine geistige Anschauung ergreift das Ganze der
Wesen und der Dinge und sucht es als Einheit zu fassen.
Curtius behandelt diesen Komplex „der Totalität als der Einheit, welche die
Allheit ist“, mit der Ausführlichkeit, die der „gemeinsame[n] Grundlage und [der]
einheitliche[n] Wurzel seines Wesens, seiner Welt und seines Werkes“ (314) wohl
gebührt, und beruft sich schließlich für die „Zentralidee seiner Ästhetik“: „Die
Kunst soll Synthese sein“ (329); außerdem auf (allerdings nicht benannte) Zeug-
nisse Balzacs, auf „früheste[] Äußerungen über sein Schaffen und über das Wesen
der Kunst“ (330), in denen „die Idee“ einer „Menschheitssynthese“ hervortrete,
die er „in seinem Werk“ geben wollte. Immerhin kann Curtius das Vorwort zu
Une fille d’Eve anführen: da tatsächlich
formuliert Balzac sein Ziel so: „vermittels der Analyse zur Synthese gelangen, die Elemente un-
seres Lebens schildern und versammeln, mit einem Wort: die unermeßliche Physiognomie ei-
nes Jahrhunderts nachzeichnen“. Einfacher und eindrucksvoller lautet die Formel in Balzacs
Merkbuch: exprimer mon siècle. (331)
Für diese Aufgabe einer „synthetischen Menschheitsdarstellung“ konnte
Balzac nur den Roman als literarische Form wählen, die er lediglich noch seinen
Bedürfnissen anpassen mußte, was er aber laut Curtius bereits 1830 mit den bei-
den Bänden der Scènes de la Vie privée vollbracht hatte: „Damit waren Aufgabe, Wert
und Sinn des Romans“, konstatiert Curtius eine in der Tat erstaunliche Leistung,
87
„im System der literarischen Gattungen und in dem geistigen Leben der moder-
nen Nationen völlig erneuert“ (333). Diese Einschätzung, wie überhaupt die au-
ßergewöhnliche kanonische Elevation Balzacs mögen manchem nicht
nachvollziehbar erscheinen, der die Prämissen nicht mitdenken kann; Curtius aber
insistiert: „Der Roman wurde zu einer künstlerischen Ausdrucksform, die ein
Neues darstellte“.
88
4 INTUITION UND INTELLIGENZ
Alle einschlägigen Stellen bei Curtius bezeugen die Vorstellung, daß die conditio sine
qua non für eine Synthese (für Einheit, Ganzheit, Totalität), und das heißt in der
Konsequenz: für Erkenntnis, Genialität und künstlerische, wissenschaftliche, poli-
tische, menschliche Größe exakt darin besteht, daß ein irrationales, individuali-
stisch-subjektives, ‘ungefaßtes’ Moment, dem Primordialität und Primat eignen,
durch ein hinzukommendes rationales, objektivierendes, reglementierendes Mo-
ment gefaßt, ausbalanciert und komplementiert wird. Dabei ist die unabdingbare
deontologisch-epistemologische Prämisse der Energie mehr dem ersten, die der
Strenge mehr dem zweiten Moment zugeordnet; ihr Einsatz ist wie das Ergebnis in
der Synthese sowohl Anspruch als auch sittliche Verpflichtung. Nachweise dieser
Konstellation ziehen sich als roter Faden durch den bisherigen Gang der Untersu-
chung: Angefangen bei Gröbers Methode, „[a]bsichtslose Wahrnehmung“ zu er-
härten durch den „Entschluß, dem Gegenstand in kleinen und kleinsten Schritten
nahe zu kommen, Teil und Teilchen zu beschauen“, über Castros Verbindung von
Verständnis der menschlichen Werte“ und „Verfeinerung und Präzisierung der
Begriffe“ bis zu den vielen Postulat-Paaren wie „seelische Beteiligung“ und „wis-
senschaftliche Sachlichkeit“, „Fülle des Erlebenkönnens“ und „Herrschaft des
Denkens“, „vitale Kraft“ und „innere Disziplin“, „Vitalität“ und „Vernunft“, „In-
stinkt“ und „Verstand“, „Gnosis“ und „Wissenschaft“, „visionär“ und „wissen-
schaftlich“, „Mythos“ und „Methode“, „mystisch“ und „analytisch“,
„Spiritualität“ und „Präzision“, „Spiritualismus“ und „Materialismus“, „Herz“
und „Hirn“. Eine Totalisierung dieser Elemente in den genannten Kategorien fin-
det sich vorgeprägt in Curtius’ Charakterisierung des Barrèsschen „Ichkultus“ als
„Synthese von Rationalem und Irrationalem“. Eine Verbindung von zwei Elemen-
ten, die beide zum Bereich des Irrationalen und Subjektiven oder beide zum Be-
reich des Rationalen und Objektiv(ierend)en gehören, ist nicht vorgesehen; falls
sie untergründig doch gegeben ist, wenn etwa der „Glauben an die Zukunft“ zu
rechtfertigen ist durch das Korrektiv der „Strenge“ in der „Beurteilung der Vergan-
genheit“ (meine Hervorhebung), die jedoch als wertegebunden der Subjektivität
schlechterdings nicht zu entheben ist, dann wird das Postulat der Rationalität in
der Qualifizierung der Strenge als einer „unnachsichtlichen“ wenigstens der Posi-
tur nach gewahrt.
Es ist bezeichnend für die unbedingte Verbindlichkeit dieser Konstellation
und für Curtius’ Überzeugung von ihrer unbedingten Verbindlichkeit, daß er
89
schon 1924 ausgerechnet in einem Aufsatz über Paul Valéry, den intellektualisti-
schen Verstandes-Dichter par excellence, dessen „Klima“ die „kühle Luft abstrakter
Geistigkeit“ und dessen Kunst „Vernunftkunst“131
131131
131 ist, apodiktisch, ja axiomatisch
klargestellt hat: „Ohne einen irrationalen Antrieb ist kein Schaffen denkbar“
(155). Er sieht das Irrationale damit eindeutig primordial am Werk, woran kein
Zweifel bleiben kann, wenn er es frühest möglich situiert und aus der Warte des
Literatur-Ontologen auch für Valéry, da mag dieser noch so sehr „die ganze Sphäre
des Geistigen vom Irrationalen“ reinigen wollen, auf der unentrinnbaren Pertinenz
seines Irrational-Rational-Dualismus bzw. –Antagonismus besteht:
er muß es [scil. das Irrationale] wiederfinden in einer anderen Sphäre: als „désir“, als puren
Drang, der dem Leben inhärent ist, der das Leben erst erzeugt – ja mehr noch, der vielleicht
das Sein selbst erzeugt. Dieser Drang ist das kosmogonische, das ontologische Prinzip; er ist der
Sündenfall, der die reine Idee in das Sein hinabzieht, er ist die Urschuld. [etc. etc.] (155)
Man braucht diese kosmogonisch-ontologischen, den meisten möglicherweise
ohnehin verschlossenen Gedankengänge nicht weiter zu verfolgen132
132132
132, um festhal-
ten zu können: Das Irrationale ist für Curtius unaufhebbar, es ist unhintergehbar, es
bildet für den schöpferischen, zur Synthese führenden Prozeß sozusagen – um das
oben zitierte Wort aus dem Emerson-Aufsatz aufzunehmen – das „Apriori der
geistigen Form“ und ist von daher, wie nicht zufällig „§ 4. Kontinuität“ des „Epi-
log-Kapitels“ von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter zeigt, für das Ge-
samt seiner Konstruktion von nicht zu überschätzender Bedeutung, denn auch für
seinen Kontinuitätskanon gilt:
Nur die schöpferischen Geister zählen. [...] Eine Gemeinschaft der großen Autoren über die
Jahrhunderte hinweg muß festgehalten werden, wenn überhaupt ein geistiges Reich bestehen
soll. Aber es kann nur die Gemeinschaft der schöpferischen Geister sein. Das ist eine Auslese
neuer Art. (400)
Im folgenden sollen mit der Intuition und der Intelligenz zwei von Curtius
besonders häufig postulierte Vermögen untersucht werden, die als Synekdochen
der genannten Kategorien nachgerade prädestiniert scheinen und ihm womöglich
131
131131
131 „Der Dichter Paul Valéry“, Der Neue Merkur, als „Paul Valéry“ wieder in Französischer
Geist im neuen Europa, 154.
132
132132
132 Curtius führt unter anderem aus: „Die kosmogonische Poesie ist jedenfalls eine der
ältesten und beharrendsten Dichtungsformen. Sie sind unentsetzbar [sic]“. (155-56)
90
auch deshalb vorzüglich pertinent und teuer gewesen sind, weil sich in ihnen die
Kategorien in Entsprechung zu seinem Selbstbild mit der Aura einerseits des ener-
getischen Schöpferischen, Genialischen, Künstlerischen, andererseits mit der der
strengen Scheidung, Teilung und Ordnung überhöhen. Ersatzweise kann dabei die
irrationale, schöpferische, subjektive Voraussetzung für die Synthese statt unter
dem übergreifenden und allerdings völlig konventionellen Konzept der Intuition je
nach Kontext auch als Instinkt oder Inspiration firmieren.
Es ist offensichtlich, daß Curtius’ Auffassung von Bedeutung und Funktion
der Intuition in einem Teilbereich durch den Philosophen geprägt ist – bzw. sich
bei ihm ausgesprochen findet –, der für Curtius das „unmittelbare wirklich ge-
lebte Leben“ „gegen die starre begriffliche Schematisierung zu verteidigen
[sucht]“ (Die lit. Wegbereiter des neuen Frankreich 31) und dessen Philosophie „eine
Hinführung zur philosophischen, d. h. das Leben in seiner Unmittelbarkeit erfas-
senden Denkhaltung sein“ (33) will: Henri Bergson. Curtius stellt – Bergson pa-
raphrasierend – in der Einleitung der Wegbereiter fest: „Der Wahrnehmungsprozess
bedeutet schon Auswahl und Umformung“ (später fügt er hinzu: „Der Bereich, in
dem wir die Wirklichkeit unmittelbar erleben können, ist unser Innenleben“
(34)), und folgert: „Nicht in der Wahrnehmung also, sondern nur im innersten
seelischen Sein: durch die Intuition, ist das Unmittelbare zu finden“ (33). Er zi-
tiert Bergson:
„Intuition heisst jene Art von intellektueller Einfühlung, kraft deren man sich in das Innere ei-
nes Gegenstandes versetzt, um auf das zu treffen, was er an Einzigem und Unausdrückbarem
besitzt. Die Analyse dagegen ist das Verfahren, das den Gegenstand auf schon bekannte, also
diesem und andern Gegenständen gemeinsame Elemente zurückführt. Analysieren besteht
demnach darin, ein Ding durch etwas auszudrücken, was nicht es selbst ist.“ (33)
Curtius hat aber mit Sicherheit nicht nur diese ‘mechanische’, methodische Art
der Intuition im Sinn, die sich mit ihrer intellektuellen Färbung eigentlich als
nicht mehr als ein intuitiv deduzierendes Gegenstück zu einer positivistisch indu-
zierenden Methode präsentiert; diese Intuition ist nicht viel mehr als intellektuelle
Empathie. Es bleibt die bedeutsamere Auffassung von der Intuition als einem ah-
nenden Erfassen von etwas, das auf anderem Wege überhaupt nicht zu erkennen
und auszudrücken ist, schon gar nicht mit der in der Intuition gegebenen Unmit-
telbarkeit. Diese Auffassung von Intuition spiegelt mystisches, magisches, herme-
tisches Denken beziehungsweise Wissen; in ihr kann eine Auszeichnung, eine
Erwählung durch höhere Instanzen angedeutet sein, so daß sie sich der Inspiration
91
annähert. Das erst ist die wahre Irrationalität, die frei ist von intellektualistischen
Einsprengseln.
Es gibt allerdings auch bei Bergson mehr und Originelleres als die von Curti-
us wiedergegebene enge Definition der Intuition, und diese weiterführenden Ge-
danken kann man sogar auf eben diesen Seiten der Wegbereiter-Einleitung
entdecken, wenn auch eingetaucht in die magmatisch fließende Masse („Das Flie-
ssende der Wirklichkeit muss im Begriff seine Entsprechung haben. Man hat
Bergsons Philosophie als philosophie de la mobilité zu entwerten versucht“, 34) eines
zwei und eine halbe Seite langen Zitats, das Curtius in eigener Übersetzung aus
L’évolution créatrice gibt. Es ist fraglich, ob Curtius den Gehalt, ja aus seiner Warte
müßte man sogar sagen: die Brisanz dieser Stelle damals schon erkannt hat, denn
er thematisiert sie nicht eigens; denkbar wäre aber, daß sie unbemerkt subkutan in
ihm fruchtbar weitergewirkt hätte. Bergson philosophiert in der zitierten Passage
über „‘den Unterschied des Wesens, und nicht nur des Grades, der den Menschen
von der übrigen Tierheit trennt’“(37), und über die notwendigen Begrenzungen
der Freiheit des Bewußtseins; er glaubt:
„Sehr viele Schwierigkeiten [...] zergehen oder verflüchtigen sich vor dem Bilde einer Philoso-
phie, welche die Anstrengung macht, den Intellekt in die Intuition zurückzunehmen.“
Nun hat Curtius diese Seiten zwar mit der Paraphrase eingeleitet:
Tier und Mensch haben das Bewusstsein gemeinsam, aber beim Tier dominiert der Instinkt,
beim Menschen die Intelligenz. Sie ist der Triumph des Geistes über die Materie. Der Lebens-
schwung erreicht seine höchste Form im menschlichen Bewusstsein (34-35),
aber er referiert dabei lediglich die differenzierende Aufteilung dieser Vermögen,
er registriert 1918/19 noch nicht als bemerkenswert, daß hier bei Bergson das
zweite, das rationale, objektivierende, reglementierende Moment bereits in der Ver-
bindung mit der Intuition genannt ist: der Intellekt, ohne den es, so vorrangig die
erste Komponente auch sein mag, niemals zu einer Synthese und erst recht nicht
zu einer wirklich bedeutenden nach den Ansprüchen von Curtius’ exklusiver Ka-
nonik kommen kann. Bei Curtius selbst findet sich dieses Junktim mit zuverlässi-
ger Konsequenz auf denselben Seiten des 1924er Valéry-Aufsatzes ausgedrückt
wenn auch vorderhand nur in seiner Verletzung -, auf denen er die „Auffassung
der Poesie“ dieses Dichters als „in schroffem Gegensatz zu allen romantischen
Tendenzen der Vergangenheit und der Gegenwart“ (154) darstellt, ein Gegensatz,
92
der sich gerade an der Verletzung dieses Junktims durch die Romantiker entzün-
dete und den er nur mit zustimmender Sympathie begrüßen konnte:
Die romantische Theorie (und ihre moderne Deszendenz – man denke etwa an Verlaine und
Verhaeren) will die Dichtung auf die irrationalen Elemente der Persönlichkeit gründen und
ihre Spontaneität der Kontrolle der Intelligenz entziehen. Sie schaltet die „Regeln“ aus, sie löst
Vers und Reim auf133
133133
133, um das Wogen des Gemüts nicht zu hemmen. Diese romantische Re-
volution ist für Valéry ein verhängnisvoller Irrtum.
Der Begriff, den Curtius am häufigsten zur Bezeichnung der unerläßlichen
zweiten, der ‘rationalen’ Komponente gebraucht, ist diesmal also direkt genannt:
Intelligenz, und dieser Umstand ist insbesondere darum bemerkenswert, weil es
zweifellos naheliegender und stimmiger gewesen wäre, hier allgemeiner vom ‘Ra-
tionalen’ oder von ‘Rationalität’ zu sprechen, die die Romantiker als Kontrollin-
stanz abgelehnt hätten, denn man kann sich in der Tat mit einiger Berechtigung
fragen, ob es einer sachlichen literaturtheoretischen oder -historischen Überprü-
fung standhalten kann, die Instanz, deren Kontrolle die Romantiker laut Curtius
ihre Spontaneität entziehen wollten, mit dem Begriff der Intelligenz zu bezeich-
nen: Von philologiefremden Einwänden des common sense einmal abgesehen, dies
entspricht weder ihrer Programmatik noch beschreibt es in zutreffender oder
sinnvoller Weise ihr praktisches künstlerisches Tun. Allerdings gibt eine solche
Darstellung Anlaß zu Nachfragen bezüglich Curtius’ metaliterarischen Reflek-
tionen und seinen Vorstellungen vom künstlerischen Schaffensprozeß nicht nur bei
den Romantikern, sondern in der Literatur allgemein: Sollte Curtius geglaubt ha-
ben, Dichtung sei unmittelbarer Ausdruck des Wogens des Gemüts? Erkannte er
nicht die ‘Gemachtheit’ auch noch der gemütvollsten oder innigsten Dichtung?
Wollte er behaupten, in Gedichten wie – um zwei notorisch ‘gemütvolle’ zu nen-
nen; ‘aufgelöste’ Verse und Reime lassen sich bei den von ihm Genannten ohnehin
nur mühevoll finden – „Heure d’automne“ von Verhaeren und „Chanson
d’automne“ von Verlaine habe sich diese komplexe klangliche, semantische und
formale Orchestrierung ohne das hochbewußte Wirken einer die Nuancen wä-
genden und berechnenden Intelligenz wie von selbst aus dem Gemüt niederge-
schlagen? Wollte er diesen und anderen Autoren unterstellen, sie selbst seien so
133
133133
133 Im „Epilog“ von ELLMA trifft Curtius unter „§3. Geist und Form“ die sich zu diesen
Ausführungen fügende Feststellung: „Der Reim kann wieder abgestreift werden wie im Blank-
vers. Wenn man aber auch den Rhythmus wieder aufgibt wie Whitmann und später die Versli-
bristen seit 1890, gerät man in Gefahr, auch – den Geist aufzugeben“ (394).
93
naiv gewesen, etwas derartiges zu glauben? Erkannte er schließlich nicht, daß es
sich gerade bei dem Programm des vers libre, wie es von Gustave Kahn etwa ver-
treten wurde, um das Ergebnis völlig rationaler Analysen und Abschätzungen han-
delt?All dies scheint indes kaum vorstellbar bei dem „großen und exakten Philo-
logen“, der doch selbst Schriftsteller sein wollte und oft genug keinerlei Ängstlich-
keit zeigte, sogar schwierigste fremdsprachige Lyrik zu übersetzen134
134134
134. Wenn man
aber statt dessen versuchsweise einmal annimmt, daß Curtius gar nicht wirklich
glaubte135
135135
135, daß es diesen Dichtern tatsächlich um eine Ausschaltung der Intelli-
genz zu tun war, kann dies zu einer anderen Feststellung von einiger Tragweite
führen: Abgesehen von einer für Curtius übrigens nicht untypischen Beständigkeit
in der Anwendung des Begriffes Intelligenz, die sich eben auch darin zeigt, daß er
ihn in diesem wenig passenden Zusammenhang benutzt, enthüllt dieser Begriff
hier eine Attraktivität, die in seinen unbestreitbaren polemischen und diffamato-
rischen Qualitäten liegt und die ihn neben dem einprägsamen Zusammenklang
134
134134
134 Am Ende des Bandes Französischer Geist im neuen Europa finden sich als Proben einige
„Gedichte von Paul Valéry in deutscher Übertragung“.
135
135135
135 Allerdings macht Curtius in aller Regel sehr den Eindruck, als sei ihm jedes Wort, das
er vorträgt, zutiefst ernst, was natürlich schon deshalb auch nur folgerichtig ist, weil er ja dem
Anspruch nach aus einer höheren bzw. tieferen Einsicht spricht. Im selben Valéry-Aufsatz lösen
beispielsweise die aus „L’Aurore“ (nicht weniger als „Valérys ars poetica“, 161) stammenden
Zeilen „Similitudes amies/Qui brillez parmi les mots“ eine Musterprobe der Curtiusschen Ver-
bindung von engster Einfühlung und weitester Bildungsüberschau, von Intuition und Intelligenz
aus, die den Leser über die Haltung Curtius’ erschöpfend aufklärt: „Nur ein lateinischer Dich-
ter kann so sprechen. Der deutsche Dichter ist Sprachschöpfer. Die Sprache ist in ihm, und ist
in ihm als ein Werden. Goethe, Hölderlin, George bezeugen es uns. Der lateinische Dichter
findet die Worte vor als ein Sein außer sich. Sie haben die unveränderliche Prägung der Jahr-
tausende. Es sind nicht Runen, die neue Dichtung tragen, nicht Wurzeln, die neue Zweige trei-
ben können. Es sind die Antiqualettern der Triumphbogen, die lapidaren Charaktere der
Inschriften. Der lateinische Künstler kann an diesem Bestand ewiger Formen keine Linie än-
dern. Sein Schöpfertum muß andere Wege gehen und andere Siege erringen. Er muß schalten
mit dem Gegebenen, dem Abgeschlossenen, dem unwandelbar Gültigen. Aber er kann es
durchdringen, ausmessen, verhören. Er kann geheime Verwandtschaften erspüren – similitudes
amies – und Klang werden lassen. Sein Triumph ist der: die Klangverwandtschaft der Worte in
Seelisches umzusetzen; aus dem Irrationalen eines akustischen Zufalls eine Harmonie des Gei-
stes aufglänzen zu lassen. Das ist der römische Ritus des poetischen Mysteriums. Das ist die
Kunst des unsterblichen Meisters der Georgica. Das ist das überraschende Glück, das Paul
Valéry uns schenkt.“ (163-64) – Es sei die Fußnote nicht verschwiegen, die zu „Mysterium“
gehört und den noch hinzuführt, dessen synthetische Leistung in solchem Moment auf keinen
Fall fehlen darf: „Bei Dante, der am Beginn einer Sprache stand und sie durch sein Werk mit-
formte, liegt eine einzigartige Verschmelzung lateinischen und germanischen Dichtertums vor.“
94
mit Intuition als Schlagwort im doppelten Sinne prädestiniert. So leicht man es sich
mit dieser selbstinduktiven Qualifikation machen kann, jemanden in die Elite zu
erhöhen, so leicht hat man sie umgekehrt dazu bequemt, einer polemischen Ab-
qualifizierung einen überlegen-objektiven Anstrich zu geben; und so mag der Ver-
dacht nicht ganz abwegig sein, daß es Curtius weniger um die Evidenz oder die
Respektierung literarhistorischer Sachverhalte ging als um handfeste polemische
Frontenbildung. Denn wird hier nicht an Wesentlicheres gerührt, als es vorder-
hand den Anschein hat, an Grundentscheidungen und letzte Glaubensdinge, die
Parteiung heischen und jedes Mittel rechtfertigen? Scheiden sich nicht gerade an
solchen scheinbar unbedeutenden Fragen wie der Auflösung’ des Reimes und des
Verses politisch die Geister in Freund und Feind? Geht es hier nicht letztlich um
Ideologie? Darf da der exakte Philologe vornehm abseits stehen und sich mit
kleinlichen Skrupulositäten entschuldigen (was wohlgemerkt ohnehin nicht Cur-
tius’ Sache war, der, wie gerade seine Bewunderer ihm nachrühmen, ein aner-
kannter Polemiker war,)? Da mag denn attackiert werden, wo immer eine unge-
schützte Flanke zu vermuten ist, und die „moderne Deszendenz“ der Romantiker
der Vorwurf, sie wollten „ihre Spontaneität der Kontrolle der Intelligenz entzie-
hen“, unbeschadet davon treffen, daß nur wenige Seiten später dem Symbolisten
Stuart Merril gerade seiner „gesuchten Assonanzen“, „pedantischen Alliteratio-
nen“ und absichtlichen und „peinlich“ aufdringlichen Effekte wegen vorgehalten
wird: „Das ist Kunstfertigkeit, nicht Kunst“ (168).
In Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter findet sich eine Stelle von be-
zeichnender Parallelität zu dem obigen Zitat aus dem Valéry-Aufsatz von 1924, die
helfen kann, das Gemeinte zu veranschaulichen und weiter abzusichern. Nachdem
er die Mahnung vorgetragen hat: wenn man wie Whitman und die Verslibristen
„den Rhythmus wieder aufgibt“, „gerät man in Gefahr, auch – den Geist aufzuge-
ben“ (394), fährt Curtius mit dem literarhistorisch wie deontologisch bemer-
kenswerten Urteil fort:
Valérys Bedeutung liegt nicht in seinen Gedanken136
136136
136, sondern in seinem Beispiel: er spannte
die im Symbolismus verfeinerte poetische Materie wieder in das Gesetz strenger Form.
136
136136
136 Diese Einschätzung, so überraschend sie verglichen mit der früheren Euphorie wirken
mag (sie ist nicht wirklich neu, geändert hat sich eben nur der Ton), fügt sich doch in Curtius’
nach dem Zweiten Weltkrieg gewandelt erscheinende Haltung gegenüber der französischen Li-
teratur.
95
Natürlich sind hier einige Abweichungen von der üblichen Nomenklatur und
Systematik zu registrieren: Es wäre eigentlich (und nicht nur vom Kontext her) zu
erwarten, daß das, was Curtius in überraschender Wendung als „poetische Mate-
rie“ bezeichnet, zu den formes de l’expression (Hjelmslev137
137137
137) gehört und als ‘Form’
deklariert würde, deren manieristische ‘Verfeinerung’, eigentlich Entartung à la
Stuart Merril etwa er ja mißbilligte und die lediglich zurückgeführt würde in eine
andere, eben frühere, strengere und darum höherstehende ‘Form’. Dies aber wäre
eher banal und die mit beispielhaft ethischer Aura umgebene Leistung Valérys
stellte dann natürlich keineswegs die unabdingbare Synthese aus Elementen der
grundlegenden Kategorien dar, denn sie basierte ja nicht wirklich auf einem Ant-
agonismus, wie er zwar zwischen Form und Materie bestehen mag, wie er hier aber
durch eine prätentiöse Umetikettierung nur vorgetäuscht wird. Selbst wenn er bei
„verfeinerte poetische Materie“ an eine substance du contenu gedacht haben sollte,
hätte Valérys Leistung lediglich darin gelegen, diese von einer aufgelösten Form in
eine strenge gespannt zu haben. Der tatsächliche Gehalt der Aussage, daß nämlich,
da man mit nichts als der „Form“ in einem Bereich und zwar in dem für Valéry
bestimmenden des Rationalen verbleibt, keine synthetische Leistung vorliegt, fügt
sich unter der Camouflage des energetischen Ausdrucks zu der gesunkenen Wert-
schätzung, die der späte Curtius dem Verstandes-Dichter entgegenbrachte. Im-
merhin läßt er ihm noch das Verdienst einer Verbindung von Energie und Strenge in
der (allerdings bei Curtius zu verbuchenden) sprachlichen Geste angedeihen, jenes
Verfeinerte wieder in das Gesetz strenger Form gespannt zu haben.
Daß Curtius aber überhaupt in solcher Weise gegen sein ontologisches
Grundmuster und im übrigen gegen den Kontext seiner vorherigen Ausführungen
verstößt, die nämlich um den übergeordneten und im Titel des Paragraphen ge-
nannten Antagonismus „Geist und Form“ kreisen, erweist sich als besonders auf-
schlußreich: Das geläufige zeit- und raumvergessene, ungebundene und friedliche
Extemporieren über Geist und Form, das etwa zu solchen aphoristischen Formu-
lierungen führt wie: „Formen sind Gestalten und Gestaltsysteme, in denen Geisti-
ges zur Erscheinung gelangt und faßbar wird“ (394), mag eine Weile tragen, es
muß sich mit Notwendigkeit, um Qualität zu gewinnen, irgendwann doch Wider-
stände und Punkte suchen, an denen es sich reiben und profilieren kann. Es findet
so, im Zusammenhang naheliegenderweise, sehr bald zu vertrauten Antagonisten
wie den genannten ‘Neo-Romantikern’ und zu der erwähnten Mahnung, daß das
137
137137
137 Vgl. Louis Hjelmslev. Prolégomènes à une théorie du langage. Paris: Editions de Minuit,
1968.
96
Aufgeben des Rhythmus, also eines formalen Moments, die Gefahr mit sich
bringt, „auch – den Geist aufzugeben“ (394), eine sprachlich mögliche, formulierbare
Mutmaßung mit deontologischem Melos, die vom Wortmaterial her zwar etwas Ge-
genteiliges zum vorher genannten Gedanken vorstellt, die aber mit logischen und
sprachlichen Gegebenheiten nichts weiter zu tun hat und auch nicht aus der
künstlerischen oder programmatischen Realität der ‘Neoromanitiker’ geboten ist,
sondern aus dem tiefsitzenden antipathischen Antagonismus emaniert, den Curti-
us u. a. dieser literarischen ‘Strömung’ gegenüber empfand und der sich hier
selbst die gewünschte Scharmüzel-Stimmung erzeugt. Curtius stellt darum den
notorischen Anti-Romantiker und Formalpuristen Valéry in durchaus polemischer
Absicht aufs Glacis, ‘philosophiert’ scheinbar abgehoben über eine ‘Verfeinerung’
der ‘poetischen Materie’, meint aber damit nichts anderes als: Die Symbolisten
haben die Form derart ‘aufgelöst’ (im Valéry-Aufsatz: die Neo-Romantik „schaltet
die ‘Regeln’ aus“, „löst Vers und Reim auf“), daß sie nur mehr „Materie“ ist, un-
gestalter Stoff in einem niedriger wertigen Aggregatzustand. Durch diese demnach
durchaus polemische Umbenennung schafft Curtius auf rein verbaler, ja ‘lautli-
cher’ Grundlage den geforderten Dualismus, eine vorgeblich antagonistische Wi-
derstandslage, in der Valérys restaurativer Akt138
138138
138 als Erfüllung der globalen
Verpflichtung zur Synthese ethisch um so wertvoller erscheinen muß; geadelt und
gewürdigt wird dieser Akt zudem durch die sprachlichen Insignien des ethischen
Handelns: Curtius wählt das energievolle Verb spannen139
139139
139 und spricht vom Gesetz
138
138138
138 In Deutscher Geist in Gefahr hat Curtius 1932 einen Gedanken prägnant in eine Formel
gegossen, den er drei Jahre vorher bei Hofmannsthals Tod bereits angedeutet hatte: „Der neue
Humanismus wird [...] Mediaevalismus und Restaurationsgesinnung sein müssen“ (126). In
„Hofmannsthals deutsche Sendung“ (Neue Schweizer Rundschau, 1929) hatte er von dessen Kon-
zept einer konservativen Revolution gesagt: „Diese konservativ-revolutionäre Gesinnung bezeichne
ich als Restaurationsdenken nach der ersten geschichtlichen Form, in der sie zwischen 1790
und 1830 aufgetreten ist“ (Krit. Ess. 121). Diese zeitliche Markierung deutet schon die ideolo-
gische Richtung an: es geht gegen die Romantik; als ersten Zeugen ruft er wie so oft Nadler auf:
„‘Restauration und Romantik sind zufällig gleichzeitige, aber wesensverschiedene und entgegen-
gesetzte Bildungsvorgänge’.“ Curtius bekräftigt: „Die Restauration als westeuropäischer Ge-
samtvorgang, als Nährstoff konservativen Denkens, als politische und kulturelle Ideologie muß
von dem Phänomen der Romantik getrennt werden. Sie ist heute in Frankreich – Maurras –
und England – T.S. Eliot – sogar polemisch gegen die Romantik zugespitzt. Wer sie dennoch als
‘Romantik’ abtun möchte, tut es eben nur, weil er sie aus seinen Instinkten und Interessen her-
aus ablehnen muß.“
139
139139
139 Daß die verfeinerte, formlose, aufgelöste Materie nicht in eine strenge Form gepreßt,
sondern gespannt, also gestreckt oder gedehnt wird, mag überraschen. Es findet sich aber zu dem
Gebrauch des Verbs spannen eine interessante Koinzidenz: Zur Zeit, da Curtius Europäische Lite-
97
strenger Form.
Hier sehe ich ein Denken manifestiert, das ich als im Grunde ideologischer
Natur auffasse und folgendermaßen beschreiben würde: Für den zeitlebens dem
autoritären Geist des wilhelminischen Deutschlands und ständischen Ordnungs-
prinzipien verpflichteten Curtius – ich erinnere an meine obigen Ausführungen
zur Strenge und an die Lausbergs zur früh geprägten Persönlichkeit Curtius’ –
muß es in allem und immer eine reglementierende und unbedingt verbindliche
Instanz geben; ordnungslose, uneingeschränkte, herrenlose Freiheit ist ihm unter
keinen Umständen erträglich; ohne das beschneidende, bezwingende, beherr-
schende Wirken der Strenge darf es grundsätzlich nie zugehen. Regeln bilden dar-
um einen Wert an sich, der durch nichts, natürlich erst recht nicht durch freie
Übereinkunft, ersetzt werden kann; ihr Fehlen bedeutet den geringsten, ja tat-
sächlich überhaupt keinen Energieaufwand; Regellosigkeit ist allein schon von da-
her in der ethischen Hierarchie extrem niedrig anzusetzen und nur als von Übel
vorstellbar. Regellosigkeit in jeglicher Form muß den Rangordner des menschli-
chen und literarischen Waltens, der sich selbst „ungehindert“ „als ein Fürst der
kritischen Sichtung alles Geschriebenen“ durch den geistigen Raum des Abend-
landes „bewegte“140
140140
140, empfindlich reizen und ist schon deshalb nicht tolerierbar,
weil eine Regellosigkeit an egal welcher Stelle des Universums zwangsläufig die
Gültigkeit aller Regeln relativiert und die Position des Rangordners generell in
Zweifel zieht.
ratur und lateinisches Mittelalter abschließt – die besprochene Stelle stammt aus dem „Epilog-
Kapitel“, das Vorwort datiert vom Dezember 1947 –, hat er nach langem Zögern und Sich-
bitten-lassen gleichzeitig doch begonnen („Je ne résiste plus“, Dt.-frz. Gespr. 157), Gides Thésée
zu übersetzen; noch im Oktober 1947 hatte er sich mit der Fertigstellung von ELLMA entschul-
digt: „il manque encore quelques chapitres de la fin. Je suis en train de les écrire, ce qui me
force à économiser strictement mon temps et mes forces de travail“ (156). Gide macht sich –
wie schon Anfang des Jahres (14. Jan.) im Briefwechsel mit Rolf Bongs: „vous avez singulière-
ment affaibli [...] l’expression employée par moi [bander]: mot à la fois précis et vulgaire [...] qui
est proprement et cyniquement: j’entrais en érection phallique“ (s. Bibl.) – bald Sorgen, die er
Curtius im November 1947 mitteilt: „je m’inquiète de la façon dont une langue étrangère peut
rendre le scandaleux mot françaisbander sur quoi sachève, je crois, le 1er alinéa du livre. Mot
que nombre d’amis me suppliaient de changer et que je me félicite d’avoir maintenu témé-
rairement“ (159). Er kann aber bereits am 5.12. beruhigt an Curtius zurückmelden: „Quant à
‘bander’, la phrase allemande proposée par vous me semble excellente“ (160); Curtius nämlich
hatte übersetzt: „spannte sich meine Kraft“. Ganz zufrieden war Gide aber trotzdem nicht, er
wollte es gerne noch etwas kühner und vor allem eindeutiger und schlug vor, „Kraft“ durch
„Begierde“ zu ersetzen.
140
140140
140 Manfred Gsteiger, Literatur des Übergangs, 1963, 163.
98
Diese Feststellung fügt sich zu der grundlegenden Setzung, daß es in Curtius’
‘Philosophie’ – in Folge auch in seiner metaliterarischen phänomenologischen
Ontologie – unabdingbar ist, daß es immer ein Zweites gibt: das ist die simple lo-
gische Voraussetzung für Polarität. Ohne die Widerständigkeit eines diametral
Entgegengesetzten ist keine komplette antagonistische Anordnung gegeben, in der
allein sich die fruchtbare Dynamik von Abstoßung und Anziehung entfalten kann
und – wie es zu Ortega hieß: – ‘die Funken sprühen’. Ohne eine formale, intellek-
tuell oder regelhaft (das Äußere ist Ausdruck des Inneren!) formende und sich
ausprägende Instanz, die der als unhintergehbar und axiomatisch gesetzten Irra-
tionalität der schöpferischen Subjektivität mit gleicher Kraft widerstehend entge-
gentritt, kann grundsätzlich keine Synthese, kann nichts künstlerisch oder
menschlich Wertvolles entstehen.
Auch diese beiden Prinzipien der formenden Reglementierung (Strenge) und
der dynamischen Widerständigkeit (Energie) finden sich wieder im Zusammen-
hang mit Valéry ausgedrückt und bestätigt: 1924 hat Curtius in „Der Dichter Paul
Valéry“ dessen metaphorische Begründung für die Notwendigkeit einer Kanali-
sierung des dichterischen Enthusiasmus zitiert:
L’enthousiasme n’est pas un état d’âme d’écrivain. Quelque grande que soit la puissance du feu,
elle ne devient utile et motrice que par les machines où l’art l’engage; il faut que des gênes bien
placées fassent obstacle à sa dissipation totale, et qu’un retard adroitement opposé au retour
invincible de l’équilibre permette de soustraire quelque chose à la chute infructueuse du feu.
(Franz. Geist im neuen Europa 154f)
Was sich bei Valéry in den Worten „gênes“ und „obstacle“ offensichtlich als ein
reglementierendes oder dirigierendes Prinzip in dem gerade beschriebenen Sinne
darstellt, das notwendig ist (gegen die „chute infructueuse“) und sich vor allem
fruchtbar und gewinnbringend („utile et motrice“) auswirkt, das von Valéry aber
unbestimmt gelassen wird, wird von Curtius im Zusammenhang dieser Seiten – er
sprach ja von der Auflösung von Vers und Reim und vom romantischen Wogen des
Gemüts – in einem den Aspekt der Reglementierung betonenden ‘legitimisti-
schen’ Kommentar deutlich konkretisiert: „So erhält das Technische des Versbaus
für Valéry eine ungemeine Bedeutung. Die Metrik gewinnt eine neue Dignität“
(155), und anschließend im Sinne des zweiten Prinzips der antagonistischen Wi-
derständigkeit und der fruchtbaren Dynamik der Gegenbewegung weitergespon-
nen (wieder verbindet seine eigene Diktion Strenge und Energie):
99
Ihre [der Metrik] Gesetze sind vom Geist sich selbst gesetzte Widerstände. Nur indem er sich
streng an sie bindet, vermag seine Schöpferkraft ihr Höchstes zu geben. (155)
Hier stellt sich der Geist nun selbst bereits als eine Art synthetisierende In-
stanz dar: die Synthese wird von ihm in einem bewußten Akt angelegt und vollzo-
gen, in dem er den intuitiv-irrationalen energischen Teil seiner selbst in freier und
überlegener Einsicht (in die Gesetzmäßigkeiten der All-Einheits-Lehre?) an den
Widerstand selbstgeschaffener formaler Gesetze streng anbindet: denn nichts kann
wirklich groß sein, ohne daß es sich an einem Widerstand gemessen und bewährt
hätte, und sei es, daß dieser Widerstand wie hier ein selbstgeschaffener ist. Das
Ziel ist dabei wohlgemerkt immer die Höchstleistung der primordialen, stärker
irrational ausgewiesenen Komponente, der „Schöpferkraft“, worin nur scheinbar
eine gewisse Ungleichgewichtigkeit gesehen werden könnte, denn diese wird ge-
rade an dieser Stelle von Curtius wieder ausbalanciert und zwar eben dadurch, daß
es der Geist selbst ist, der in einem intellektualen, willensmäßigen Akt diese Anla-
gen und Abläufe in sich selbst vereint (Strenge impliziert Willen).
Die von Curtius an Valérys metaphorischer Darstellung angebrachte inter-
pretatorische Korrektur bringt tatsächlich einen erheblichen und letzten Endes
sogar unüberbrückbaren Unterschied in der Gewichtung zum Vorschein: Zwar
vermag auch für Curtius nur die Intelligenz – um den im polemischen Kontext ein-
geführten Sammelbegriff aufzugreifen – mit ihren verschiedenen Mitteln und
Methoden, das durch die Intuition Mitgegebene zum Höchsten zu führen; das Ir-
rational-Schöpferische hat dabei aber in Curtius’ Entwurf eine größere Bedeutung
als bei Valéry. Deshalb steckt in seinem Kommentar auch eine implizite und kaum
merkliche Kritik (die „ungemeine Bedeutung“ des ‘Technischen’), die an anderen
Stellen deutlicher wird und die das intellektualistische Übergewicht betrifft, das
Curtius – bei aller Bewunderung für den Extremismus von Valérys Position – als ein
grundlegendes und durch nichts zu heilendes Manko seiner Dichtung ansehen
mußte. Bezeichnenderweise bilden denn auch die folgenden Sätze die Überleitung
von der soeben besprochenen Stelle zu derjenigen über den „irrationalen Antrieb“
(155) des Schaffens, die den Ausgangspunkt für unsere Untersuchung der dyna-
mischen Polarität von Intuition und Intelligenz bei Curtius bildete:
Metaphysischer und technischer Formalismus; Rigorosität der intellektuellen und der
handwerklichen Methode: das zeigt sich so als Grundwesen von Valérys Dichtung. Aber daraus
allein würde kein Kunstwerk wachsen. Ohne einen irrationalen Antrieb ist kein Schaffen denk-
bar.
100
Es ist nur konsequent, daß Curtius Valéry später nicht ‘wiederbegegnet’ ist: nach
zwei kurzen Artikeln 1926 hat er ihm keine Einzel-Untersuchung mehr gewid-
met141
141141
141.
*
Trotz der Vorprägung bei Bergson scheint Curtius das Muster für seine Kon-
zeption von der Synthese aus Intuition und Intelligenz bei Balzac, dem für ihn proto-
typischen Vertreter der All-Einheits-Lehre, gefunden oder zum ersten Mal bewußt
wahrgenommen zu haben. Eine Stelle im „Magie“-Kapitel seines Balzac von 1923,
in dem diese Lehre behandelt wird, könnte sogar vermuten lassen, daß er seine
Dreiheit in Analogie zu den „drei Sphären“ gebildet hat, die „[i]nnerhalb der Ide-
enwelt“ Balzacs „zu scheiden“ sind: „Instinkt, Abstraktion und wie Balzac mit
einem ungeschickten Ausdruck sagt – ‘Spezialität’“ (53). Dabei besteht eine grö-
ßere Übereinstimmung insbesondere bezüglich der zweiten und dritten Sphäre,
denn Instinkt meint bei Balzac im Unterschied zu einer gelegentlichen synonymen
Verwendung bei Curtius nicht Intuition, sondern „Triebhaftigkeit“. Aber mit der
Abstraktion beginnt [bei Balzac] die Gesellschaft. Sie erzeugt die Gesetze, die
Künste, die sozialen Schöpfungen“, und das zeigt eindeutig das Wirken der re-
gelnden, ordnenden, rationalen Instanz. Auffällige Parallelen tun sich auch in der
dritten Sphäre auf:
Die Spezialität (abgeleitet von species, speculum, speculari) besteht darin, „die Dinge der
materiellen wie der geistigen Welt in ihren ursprünglichen Verzweigungen“ zu erblicken, eine
geistige Gesamtanschauung der Wirklichkeit zu haben. Sie ist eine unmittelbare intellektuale
141
141141
141 Was Curtius am Ende seines 1924er Aufsatzes schrieb: „Es würde diese einführende
Betrachtung allzusehr belasten, wollten wir das Klassische von Valérys Dichtung genau zu er-
fassen versuchen. Dem künstlerischen Instinkt und dem Stilempfinden tritt es in greifbarer
Deutlichkeit entgegen. Valéry gibt Klassik – unbekümmert um den Streit der Kritiker, ob Klas-
sik sein soll, heute sein darf oder nicht –, und viele unter uns werden ihm dafür danken“ (170),
berührt einen hier im gemeinsamen restaurativen Widerstand noch konsensuellen Punkt, der
aber im Laufe der globalen Auseinandersetzung mit dem zivilisationsmissionarischen Anspruch
Frankreichs eine Sensibilität erhalten wird, die das Verhältnis zusätzlich trüben mußte und die
später in ELLMA einmal en passant spürbar wird: „Für die Kulturtradition Frankreichs bedeutet
das klassische System noch heute die festeste Stütze. [...] [Das Wort classicisme ist] das Palladium
der französischen Geistigkeit wie Kulturpolitik geworden. In immer erneuten Wendungen wird
das Wesen des Klassischen definiert, destilliert und modernisiert. Auch die Frankreich-
Ideologie eines so subtilen Geistes wie Paul Valéry mündet zu guter Letzt in diesen Conformis-
mus ein“ (271).
101
Anschauung. „Die Intuition ist eine Fähigkeit des inneren Menschen, dessen Attribut der Spe-
zialismus ist.“ Der Genius stellt einen Übergangstypus, eine Zwischenstufe zwischen Abstrakti-
on und Intuition dar. (53)
Natürlich fällt auf, daß die synthetisierende Gesamtanschauung einer dualen
Welt als „intellektuale Anschauung“ bezeichnet wird. Aber die „Intuition“ ist hier
ebenfalls im Balzac-Zitat eingeführt, und in der Paarung „Abstraktion und Intuiti-
on“ finden wir für den Genius die Zuordnung in die vertrauten Bereiche. Es darf
im übrigen das erkenntnistheoretische und psychologische Phänomen nicht außer
Acht gelassen werden, daß in der Potenz der Sprache besteht, Logik und Konsi-
stenz durch die schiere materiale Präsenz der Wörter zu suggerieren bzw. zu erset-
zen. Und die Intuition kommt ausführlich zu ihrem Recht, wenn Curtius aus der
Einleitung zu Facino Cane zitiert, was dieser von seiner Gewohnheit erzählt, „die
Sitten der Vorstadt, ihre Bewohner und ihre Charaktere zu beobachten“, den
Menschen nachzugehen, ihren Gesprächen zuzuhören und sich ‘in ihr Leben zu
versetzen’:
Bei mir war die Beobachtung schon intuitiv geworden; sie drang in das Innere der Seele, ohne
den Körper zu vernachlässigen: [...] alles trat in meine Seele hinüber, oder meine Seele ging in
die ihrige über. (317-18)
Für Curtius ist hieran als erstes hervorhebenswert:
Das Phänomen, das Balzac hier beschreibt, ist ein ursprünglicher Akt geistiger Einswerdung
durch Intuition. Intuition ist der Ausdruck, den Balzac selbst gebraucht. „Meine Beobachtung
war intuitiv geworden.“ (318)
Dies ist natürlich nur die speziellere, engere Form der Intuition und ent-
spricht exakt derjenigen, die Curtius bei Bergson festgestellt hatte, also „jene[r]
Art von intellektueller Einfühlung, kraft deren man sich in das Innere eines Ge-
genstandes versetzt“; sie meint das unmittelbare, keiner Reflexion bedürfende
Erfassen von Gegebenem und ist in weniger entwickelten Formen auch bei ge-
wöhnlicheren als genialischen Menschen anzutreffen; dies ist noch nicht die hö-
here Form des ahnenden Erfassens von der bloßen Reflexion Verschlossenem, die
dichterische Eingebung des Wahren. Aber auch sie muß sich bei einem in die My-
sterien der All-Einheits-Lehre und des „kugelhaften Denkens“ (43) eingeweihten
voyant-Genius wie Balzac finden: „Le génie, en toute chose, est une intuition“,
kann Curtius (320) als Balzacs Schlüsselformel ausgerechnet aus einer Beschrei-
102
bung Vautrins zitieren, in der der ebenso wichtige Satz vorausgeht:
Cet homme prodigieux devinait vrai dans sa sphère du crime, comme Molière dans la sphère de
la poésie dramatique, comme Cuvier avec les créations disparues. Le génie, en toute chose, est
une intuition.
Diesen für seine gesamte synthetische Konzeption bedeutungsvollen, im wahrsten
Sinne des Wortes grundlegenden Aspekt der Verbindung von Intuition und Er-
kenntnis findet Curtius bei Balzac allenthalben: „[a]m häufigsten“ sogar „bezeich-
nete er das intuitive Erkennen als ein Erraten der Wahrheit, ein Wahr-Raten
(deviner = divinare)“ (319):
Die Formel deviner le vrai kehrt in mannigfachen Abwandlungen in der Menschlichen Komödie wie-
der. Sie bezeichnet jene höchste Funktion des Geistes, welche das Genie in allen seinen For-
men vom bloßen Talent unterscheidet. (319-20)
So kann Curtius „das Schema von Balzacs Magismus“ folgendermaßen - und wie
ich denke: sympathetisch – zusammenfassen:
Die Intuition ist also die adäquateste Form und die höchste Stufe der Erkenntnis. Wissen
ist Schauen. Es gibt im Grunde nur ein Wissen. Alle unvollkommenen Formen der Erkenntnis
sind nichts als getrübte und vermittelte Weisen der Schau. (53-54)
Man erinnere sich der Primordialität der ‘synthetischen Begriffe’. Wie weit-
gehend Curtius sich dieses ‘magische Schema’ (oder ihm Zugrundeliegendes: er
erwähnt Spinozas scientia intuitiva oder die ideae clarae et distinctae nie) für sein eige-
nes Denken zu eigen gemacht hat, läßt sich daran ablesen, daß er der ‘Erkenntnis-
Funktion’ der Intuition in seinem letzten „Ortega“-Aufsatz von 1949 sogar eine
fundamental konstitutive Rolle für die Philosophie zuerkennt. Er geht so weit zu
behaupten, daß das gesamte denkerische System eines echten Philosophen von
vornherein in einer Intuition keimhaft enthalten ist (vgl. eingeborene Ideen), die es
nur noch zu entwickeln, auszuführen gilt; und es ist insbesondere außerordentlich
bemerkenswert, daß er gerade an diesem Punkt nicht vergißt, wieder das Prinzip
der notwendigen, augenscheinlich ähnlich grundlegenden Widerständigkeit anzu-
führen:
Jeder echte Philosoph wird mit einer ursprünglichen Intuition geboren, die sich ihm dann als
sein Auftrag enthüllt. Sie ist ein keimhafter Gedanke, der sich begrifflich entfaltet und sich am
103
Widerstand stärkt. (Krit. Ess. 271)
Curtius fügt hierzu übrigens an, daß es die „deutsche Philosophie“ war, die
„[d]iese Rolle des produktiven Widerstands für den jungen Ortega, den Keltiberer
vom Escorial, gespielt“ habe142
142142
142.
Es bleibt aber noch das notwendige Moment aus dem Bereich des Rationa-
len zu ergänzen, um dessen Bedeutung und Funktionsweise auch Balzac gewußt
haben müßte, wenn Curtius seine „Kunsttheorie“ korrekt paraphrasiert hat, in der
nämlich ebenfalls schon der Geist als selbsttätig synthetisierende Instanz erschie-
nen sei und die er wie folgt zusammenfaßt - sie „entspricht seinem Vitalismus“ -:
Die Kunst erreicht dann ihr Höchstes, wenn der Geist es vermocht hat, sein Werk aus der
Quelle der Weltkraft, aus dem Born der Lebenssäfte selbst zu speisen. (328)
Den Begriff Intelligenz gebraucht Curtius im Balzac zwar noch nicht, aber seine
Beschreibung dessen, was Balzac seiner Ansicht nach der Intuition komplettierend
und verbindend hinzugefügt, weist unzweifelhaft auf eine Interaktion des Intel-
lekts; im Zusammenhang des „deviner le vrai“ führt Curtius aus:
Divinatorische Intuition ist also Quellpunkt, Triebkraft und, wenn man so sagen darf,
Methode der Balzacschen Kunst. Das ist natürlich nicht so zu verstehen, als ob Balzac nur mit
dem Material seiner inneren Vision gearbeitet hätte und nur dem Diktat der Inspiration gefolgt
wäre. Er hat sie, wie wir wissen, ergänzt durch eine sehr sorgfältige und bewußte Arbeit der
Beobachtung und der Dokumentierung. (321)
„Balzacs Wirklichkeitsstudium“ sei aber, so stellt Curtius gleich klar, keine „see-
lenlose Technik“ wie im Naturalismus,
sondern eine Äußerung seiner Lebensneugier und seines Erkenntnisdurstes. Sie dient als Kon-
142
142142
142 Wie Curtius sich 1949 die natürlich ‘physiologische’ Wirkweise dieser produktiven
Widerständigkeit vorstellte, erhellt aus den vorhergehenden, auch für andere bisher angespro-
chene Komplexe hochinteressanten Sätzen: „Die Begegnung der Mittelmeersonne und des
nordisch-deutschen Gedankenklimas – und die fruchtbare Spannung dieser Begegnung –, das
ist eine der biologischen Voraussetzungen für das geistige Werk Ortegas. Eine der Aufgaben, die
Ortega sich gestellt und erfüllt hat, war die, ‘den spanischen Geist mit dem Sturzbach des ger-
manischen Gedankenschatzes zu bereichern’. Aber Ortega ist alles andere als ein bloßer Schüler
und Ableger oder Fortsetzer der deutschen Philosophie. Er hat sie als Reiz in sich aufgenom-
men, von Leibniz bis Husserl, von Kant bis Scheler, wobei ich Reiz im physiologischen Sinn
nehme. Der Reiz provoziert eine Reaktion, eine Antwort des Organsystems. Ortegas Denken ist
durch den Zusammenstoß mit der deutschen Gedankenwelt zu sich selbst gekommen. Jeder
echte Philosoph wird mit einer ursprünglichen Intuition geboren, [etc. etc.]’’(271).
104
trolle und Unterstützung der Intuition, welche immer das Primäre und das Treibende bleibt.
(324)
Curtius könnte nicht deutlicher werden; hier sind die Elemente unmißver-
ständlich ausgesprochen beisammen: das Prinzip der Primordialität des Irrationa-
len und der Intuition, das hinzukommende Rationale in Form eines kon-
trollierenden und gestaltenden Beitrags durch den Intellekt: die Komponenten ei-
ner synthetischen Auffassung des Kunstwerks, wie Curtius sie bei Balzac vorge-
prägt gefunden hat, nach dessen ‘vitalistischer’ „Kunsttheorie“ (328) gilt: „das
Kunstwerk entsteht erst aus der Verbindung der inneren Vision mit der gestalten-
den Fähigkeit“ (325). Wenn auch die griffige Formel Intuition und Intelligenz im
Balzac von 1923 noch fehlt, Curtius’ spezifische synthetische Konzeption kommt
in dieser Definition klar zum Ausdruck; immerhin wird es in der Wiederbegeg-
nung mit Balzac“ von 1950 sein, daß sich eine der tatsächlich nicht so häufigen
Okkurenzen findet, in der er sie mit auf den ersten Blick vielleicht noch mehr
Nachdruck auf einen anderen Romancier anwendet:
Proust ist die umfassendste und differenzierteste Intelligenz, die sich jemals im Medium des
französischen Romans manifestiert hat; eine Intelligenz, die zugleich Intuition im Sinne
Bergsons war. (Krit. Ess. 187)
Eine Seite später wird es, wohl nicht zufällig im Zusammenhang des bereits er-
wähnten Gedankens, „daß es immer die Dichter gewesen sind, die Balzac am tief-
sten verstanden haben“ (188), heißen:
Diese Dichter sind voneinander völlig verschieden. Aber in jedem findet man die höchste Dif-
ferenziertheit der Seele und des Intellekts,
was offensichtlich mit anderen Worten auch nichts anderes meint als die Formel
Intuition und Intelligenz.
Eine Anmerkung muß zu der auf Proust gemünzten Formulierung: „eine
Intelligenz, die zugleich Intuition im Sinne Bergsons war“, nachgetragen werden:
Man kann nicht umhin festzustellen, daß diese Qualifizierung – verglichen mit der
Balzacs – natürlich eine gewisse Relativierung von Prousts Rang suggeriert, denn
er wird ja nicht als der umfassendste und differenzierteste Autor oder Genius im
Sinne der immer geforderten Synthese von Intelligenz und Intuition gewürdigt,
sondern lediglich als die umfassendste und differenzierteste Intelligenz, die zugleich
105
Intuition ist: er repräsentiert also nicht wie Balzac die in einer energetischen Dy-
namik die Komponenten ausbalancierende Totalität, sondern die höchste Potenz
eines Teilaspekts, der den anderen inkorporiert, womit nolens volens eine Ungleich-
gewichtigkeit impliziert ist. Diese Relativierung besteht unabhängig davon, ob
Curtius – was auch nach Lage seines Proust-Bildes anzunehmen ist (s.u.) – mit
„Intuition im Sinne Bergsons“ dessen von ihm in den Wegbereitern zitierte engere
Definition meint oder mittlerweile – wofür es allerdings nirgendwo ein Indiz gibt
– an die von ihm damals in ihrem vergleichsweise subtilen epistemologischen Po-
tential nicht erkannte Vorstellung von einer Intuition denkt, in die der Intellekt
„zurückzunehmen“ ist, was schließlich auch die entgegengesetzte und notwendi-
gerweise höherwertige Richtung wäre. Hätte Curtius nämlich doch an Bergsons
Formulierung gedacht, nach der – in seiner Übersetzung – „[s]ehr viele Schwie-
rigkeiten [...] zergehen“, wenn man nur die „Anstrengung macht, den Intellekt in
die Intuition zurückzunehmen“ (Wegbereiter 37), würde dies in seiner Sentenz auf
einen merkwürdigen Zirkelschluß hinauslaufen, demzufolge sich mit Proust eine
Intelligenz manifestiert, die zugleich eine Intuition ist, in die der Intellekt zurück-
genommen ist. Im übrigen ist natürlich nicht davon die Rede, daß Proust die
wahre mystische Intuition höheren Grades zugebilligt würde, die sich laut Curtius
im „Schema von Balzacs Magismus“ (Balzac 54) kundtut.
106
III LITERATURKRITIK
1 IM ZEICHEN DER AFFINITÄT
Wenden wir uns nun auf der Basis des Bildes, das wir von seinen fundamentalen
Denkstrukturen gewonnen haben, Curtius’ phänomenologischer Ontologie und Deon-
tologie der Metaliteratur zu, in der – um Lausbergs Charakterisierung aufzugreifen -
der „deutsche SAINTE-BEUVE“ und „BALZAC der Philologie“ die Erkenntnis- und
Arbeitsweisen und die ‘Seinsbedingungen’ des Literaturkritikers und des Philolo-
gen nach den Vorgaben desselben ‘magischen Schemas’ beschreibt bzw. modellhaft
präskribiert, das er im Balzac als für die große Literatur verbindlich erkannt hatte.
Bei aller Verschiedenartigkeit zeigen Kritik und Philologie darum erwartungsge-
mäß völlig parallele Seins-Schemata, was sicherlich mit eine Voraussetzung dafür
bildet, daß beide in auffälliger Weise Merkmale aus dem Assoziationsbereich der
jeweils anderen aufweisen, d. h. daß seine späteren philologischen Arbeiten derar-
tig stark durchsetzt, wenn nicht gar bestimmt sind von nicht eben rationalen Vor-
stellungen, von geistreicher Geistesgeschichte, Manierismen und aktualistischer
Polemik und daß seine vielgerühmte Kritik sich so häufig aus philologisch-akade-
mischen Schulweisheiten und Kategorien speist. Damit harmoniert in bemer-
kenswerter Weise, daß das intuitive deviner le vrai des genialen Künstlers zu der
Vorstellung transformiert ist, Kritik und Philologie könnten in den Händen des
genialisch-strengen Energetikers ebenfalls unfehlbare Instrumente der Wahrheits-
findung und Wahrheitsaussprache (und sogar über das Literarische hinaus) wer-
den. Vorderhand jedoch geht es um enger Abgestecktes und Profaneres, und
haben sich Kritik und Philologie um das selbstverpflichtend Auferlegte zu beküm-
mern: nämlich jede auf ihre Weise ‘die Erkenntnis der Literatur’ zu befördern.
Curtius scheint sich, was die Ansprüche an die Kritik angeht, in seiner Program-
matik sogar einen Moment lang geradezu demütig zu bescheiden: „Was wir
möchten, ist ja nur, daß Intuition und Intelligenz sich zusammenfänden“ („T. S.
Eliot“, Krit. Ess., 317). Wie wir sehen, befinden wir uns auf vertrautem Terrain.
Einleitend und auf den bisherigen Ergebnissen fußend möchte ich für Curti-
us’ Praxis und Programmatik der Metaliteratur in folgender Weise als konsistenten
Komplex definieren: Kritik fußt nach Curtius’ Überzeugung auf dem irrationalen
Grundakt der Intuition, sie vermag aber ohne eine begleitende Absicherung durch
107
Instanzen der Intelligenz, die natürlich im Sinne einer Ausbalancierung am besten
positivistischer und philologischer Provenienz sein sollten, nicht zum Tiefsten und
Höchsten vorzudringen; die Philologie wiederum kann überhaupt nur dann auf
hohem Niveau im vollen Glanze ihrer wissenschaftlich-intellektuellen Attribute
operieren, wenn sie zuvor durch einen forscherischen Instinkt auf eine verhei-
ßungsvolle Fährte gesetzt worden ist und ein intuitives kritisches Gespür ihr hilft,
die Zeichen und Spuren richtig zu deuten. Auf beiden Feldern gilt jedenfalls un-
übersehbar: le génie, en toute chose, est une intuition.Dies gilt es also bei ihm nachzu-
weisen.
Beginnen wir mit der Kritik143
143143
143, die sich dem philologisch spätberufenen,
nach der Dissertation über zwei Jahrzehnte fast ausschließlich mit literaturkriti-
schen Arbeiten hervorgetretenen Curtius zuerst als programmatisch zu besetzen-
des Terrain präsentiert hat und für die es die gerade angesprochene relativ frühe
Zentralstelle aus dem ersten Eliot-Aufsatz von 1927 gibt, die in der Curtius-
Literatur immer wieder zitiert, aber nie in ihrer programmatischen Tragweite kri-
tisch gewürdigt worden ist. Dabei ist sie nicht zuletzt deshalb besonders bemer-
kenswert, weil sie die Kritik in unmittelbare – und dies nicht nur im wörtlichen
räumlichen Sinne – Nähe zur Dichtung rückt, handelt es sich doch um den Text,
den Curtius seiner Nachdichtung von Eliots The Waste Land vorangestellt hat. Es
scheint mir sinnvoll, diese programmatische Muster-Erklärung, die sozusagen
Curtius’ Discours de la critique in nuce darstellt, mit ihrer besonderen affektiven
Qualität – „wir möchten [...] ja nur, daß Intuition und Intelligenz sich zusam-
menfänden“ – an den Anfang zu stellen und sie dann mit einer früheren Stelle aus
dem in den Jahren 1922-24, also teilweise zeitgleich mit dem Balzac entstandenen
vielgerühmten „Marcel Proust“ zu kontrastieren, demgegenüber sie wie eine Art
143
143143
143 Wenn ich versuche, in unserer Optik den Umriß von Curtius’ kritischer ‘Systema-
tik’ zu erfassen, muß und will ich von vornherein klarstellen, daß ich eine Bestimmung dessen,
was Curtius unter „Kritik“ jeweils im einzelnen in verschiedenen Kontexten versteht, hier be-
wußt unterlasse, weil er den Begriff offensichtlich in unterschiedlichen, sich aus diesen ver-
schiedenen Kontexten ergebenden Bedeutungen verwendete, die er nicht erläuterte, die aber
mehr oder weniger evident werden. Dies klärt sich also am besten am speziellen Fall, und so
mag auch der Leser selbst immer wieder neu entscheiden, ob nun Literaturkritik (Besprechung?),
literary criticism, critique littéraire, allgemein kritische Urteilsfähigkeit oder einfach Interpretation und
richtiges Verständnis gemeint ist, wie beispielsweise der die Passage über das ‘tönende Geheimnis’
und das ‘klangvolle Glück’ einleitende Satz anzudeuten scheint: „Es kann lange Zeit vergehen,
bis einem der Sinn des Waste Land ganz aufgeht. Ich behaupte nicht, ihn enträtselt zu haben“
(316); darauf könnte sich tatsächlich das folgende und uns hier interessierende „Kritik bleibt ja
immer ein Wagnis“ beziehen.
108
rekapitulierendes Fazit seiner bisdasigen kritischen Tätigkeiten erscheint. Es wird
außerdem deshalb sinnvoll sein, mit dem späteren Zitat zu beginnen und es in ex-
tenso zu zitieren, weil der Leser auf diese Weise zur Einstimmung an einem kom-
pakten und erschöpfenden Beispiel einen durch nichts zu ersetzenden Eindruck
von den Curtiusschen Denk- und Argumentationswegen bekommt und sich so
auch dem versierteren Curtiuskenner noch einmal eine Gelegenheit zur Auffri-
schung von Bekanntem bietet. Es handelt sich bei dieser Stelle um das Ende des
ersten und den Beginn des zweiten numerierten Teils des Eliot-Aufsatzes, wobei
diese Zäsur für mein Empfinden vorderhand einen leicht affektischen Anstrich
hat, sich aber als bezeichnend erweisen wird. Insgesamt ist der Passus von einer
eigenartigen Sprunghaftigkeit, die allerdings dem Curtius-Kenner nicht unvertraut
sein wird und vielleicht sogar von besonderem Aufschluß ist. Etwas unvermittelt,
nachdem er gerade erst auf The Waste Land übergeleitet und berichtet hat: „schon
beim ersten Lesen, vor Jahren, umstrickte mich, hier und dort blitzhaft aufleuch-
tend, ein tönendes Geheimnis, ein klangvolles Glück“ (316), postuliert Curtius:
Kritik bleibt ja immer ein Wagnis. Wertung ist unbegründbar. Der Grund ist wohl da,
aber nur als Intuition. Sie kann überspringen als Funke. Mitteilbar ist sie nicht, nur vermittel-
bar. Das ist das Schöne an der Kritik. Sie ist ein Akt schöpferischer geistiger Freiheit. Freilich
läßt sich die Intuition nachträglich motivieren. Aber diese Motivierung ist nur für den Mitfüh-
lenden überzeugend. Grundakt der Kritik ist irrationaler Kontakt. Echte Kritik will nie bewei-
sen, sie will nur aufweisen. Ihr metaphysischer Hintergrund ist die Überzeugung, daß die
geistige Welt sich nach Affinitätssystemen gliedert.
2
Aber ich möchte nicht mißverstanden werden. Intuition ist ein fatales Wort. Es wird im Munde
geführt von Leuten, die sonst nichts zu brechen und zu beißen haben. Ich bin, um Franz Bleis
verdienstliche Prägung anzuwenden, „gegen geistige Ernährung durch Intuition“. Was wir
möchten, ist ja nur, daß Intuition und Intelligenz sich zusammenfänden. Wir bekämpfen also
den Aberglauben, daß Dichter dumm, Literaten ungebildet, Gelehrte stumpf sein müssen.
(316-17)
Es erscheint naheliegend und sinnvoll, den Versuch einer Exegese von Curti-
us’ Festlegungen über den am frühesten situierten Punkt zu beginnen, als der sich
eindeutig die „Überzeugung“ erweist, „daß die geistige Welt sich nach Affinitäts-
systemen gliedert“, denn diese Überzeugung - und es ist nicht nur ein bemer-
kenswerter Gedanke, sondern tatsächlich von ontologischer und deontologischer
Tragweite, in welche Wertehöhe Curtius eine Überzeugung hebt - bildet ja laut
Curtius nicht weniger als den metaphysischen Hintergrund echter Kritik.
109
Die Postulierung einer solchen Überzeugung aber, „daß die geistige Welt
sich nach Affinitätssystemen gliedert“144
144144
144, impliziert ihre umfassende Pertinenz und
Verbindlichkeit und bedeutet in der Konsequenz, daß jede ‘ästhetische’ (natürlich
genauso jede ethische, politische, ideologische) Wertung – und Kritik ist für den
Rangordner Curtius in besonderem Maße Wertung145
145145
145 – ursächlich in Abhängig-
keit von auf Wesensverwandtschaft, Ähnlichkeit, Zugehörigkeit oder was auch
immer beruhender Anziehung (bzw. im Falle negativer Vorzeichen von Absto-
ßung), also auf letztlich emotiver Grundlage erfolgt. Dies geht offensichtlich über
die Selbstverständlichkeit der Subjektivität aller Werturteile hinaus - „man muß
dabei das persönliche Werturteil befragen“ (s. vorherige Fn.) -, jede Wertung wäre
demnach vorgegeben aus einer prästabilierten Zugehörigkeit von Werk und Kriti-
ker zu einem bestimmten, im positiven Fall zu ein und demselben geistigen Ver-
wandtschaftssystem, zu einer geistigen Heimat. Für solche „Überzeugung“ mag
dann gelten: „Grundakt der Kritik ist irrationaler Kontakt“ zwischen dem Kritiker
und dem Objekt seiner Wertung nach Maßgabe der zwischen ihnen bestehenden
Affinität; daß dieser Kontakt sich in „schöpferischer geistiger Freiheit“ vollzieht,
ist allerdings merklich relativiert, denn Individualität und Subjektivität der Wer-
tung stünden ja immer in Funktion der Zugehörigkeit zu einem intersubjektiven
und supra-individuellen Reaktionssystem.
Dies führt zur Konstatierung einer weitgehenden Reduzierung der ästheti-
schen Kategorie in Curtius’ metaliterarischer Ontologie: ästhetische Wertungen
können keine Eigenständigkeit entwickeln, da die ästhetische Kategorie grund-
sätzlich in Abhängigkeit der (anderen) Kategorien des geistigen Affinitätssystems
steht. Den aufmerksamen Curtius-Leser wird dies nicht verwundern. Man lese
einmal eingedenk dieser Konsequenz seine kritischen Schriften, den Barrès, den
Balzac oder den „Proust“ und suche da nach ästhetischen Urteilen. Auch eine
Stelle aus Curtius’ Habilitationsschrift Ferdinand Brunetière (Straßburg 1914, 46)
gewinnt im Lichte der Affinitätssystematik ein klareres Profil und gibt einen Hin-
weis darauf, aus welchen geistigen Koordinaten die Affinitätssysteme ihre Aus-
richtung erhalten: Curtius stellt hier fest – und dem ersten Gedanken ist kaum zu
144
144144
144 „Die Welt ist nicht dazu da um historisch verstanden, sondern um in Liebe ergriffen
zu werden“, schrieb Curtius an Max Rychner (11.6.1925, „Ein Briefwechsel“ 372).
145
145145
145 „In dem Felde der literarischen Kritik finde ich kein Problem so interessant wie das
der Rangordnung und ihres Wandels. Es ist eine sehr delikate Aufgabe, und man muß dabei das
persönliche Werturteil befragen, aber auch nach den Wetterzeichen Ausschau halten.“ („Wie-
derbegegnung mit Balzac“, Krit. Ess., 187)
110
widersprechen -, daßobjektive Normen der ästhetischen Bewertung bisher nicht
ermittelt sind und aus Gründen, die die Philosophie der Kunst darlegt, nicht er-
mittelt werden können.“ Dann fährt er fort:
Ästhetische Urteile sind immer subjektiv (was nicht bedeutet, daß sie unverbindlich sind). Will
man also objektive Urteile über Kunstwerke fällen, so kann man das nur von einem ausseräs-
thetischen Standpunkt aus tun, sei es vom ethischen, politischen oder religiösen. Damit ist das
Urteil, das man fällt, kein Kunsturteil mehr und sagt also über den Eigenwert der Kunstwerke
nichts aus.
So essentiell die hier von Curtius gezogene Trennungslinie zwischen subjekti-
ven ästhetischen und aus ihrem ethischen, politischen oder religiösen Standpunkt objek-
tiven Urteilen für sein gesamtes Denken und Schreiben ist - man suche einmal im
Balzac nach ‘Urteilen’, die tatsächlich ‘ästhetische’ Fragen betreffen oder mit Fug
und Recht als ‘Kunsturteile’ bezeichnet werden können, oder frage sich, inwieweit
die Romane der Comédie humaine Curtius von ihrem „Eigenwert“ als Kunstwerke
her interessierten und nicht als Ausdruck von ‘Lebenseinstellungen’ oder von affi-
ner oder als affin verstandener oder dargestellter Ideologie -, so wenig begründet
ist seine Konstruktion: Die angesprochenen ethischen, politischen und religiösen,
nach ihm „ausserästhetischen“ Standpunkte liegen gerade so wie die ästhetischen
eindeutig in der geistigen Welt der Affinitäten, in der notwendigerweise sämtliche
Wertungen einen intuitiven ‘Grund’ haben und von affektischer, emotionaler und
interessierter Affinität bestimmt sind, also auf subjektiver, genauer gesagt: inner-
halb des Affinitätssystems auf intersubjektiver Grundlage getroffen werden. Keiner
der Standpunkte transzendiert wesensmäßig die anderen, sie können gestuft sein,
aber sie sind zweifellos interdependent: wer sagt, daß nicht auch die ethischen,
politischen und religiösen Standpunkte in Abhängigkeit von ästhetischen stehen
können? Das ursprüngliche, auch die Affinität begründende Movenz aller ist ein
primordialer Wertungskomplex, der zu diffus ist, als daß er mit dem Kriterium
der Rationalität zu erfassen wäre, und vielleicht am suggestivsten noch in dem
BDäJ@< n\8@< zum Ausdruck kommt, von dem Platon leider nur en passant im Lysis
spricht (219c). So wenig wie in einer anderen, so wenig ist es in dieser geistigen
Welt dahin zu bringen, daß „Urteile“ dadurch „objektiv“ werden, daß man die
zugrundeliegenden „ethischen, politischen oder religiösen“ „Standpunkte“ zu au-
ßer-ästhetischen deklariert, nach der für eine logische Betrachtung grotesken
Rechnung ästhetisch = subjektiv, ergo: außer-ästhetisch = objektiv; das ist nichts
weiter als eine lexikalische Mystifikation, in der dualistische Denkzwänge und eine
111
unreflektierte Sprachauffassung mit einer epistemologisch unhaltbaren Scheidung
zusammengeflossen sind, bei der sich die Frage stellt, ob das Ergebnis, d.h. die
Nobilitierung ideologisch fundierter Urteile zu objektiven nicht der hinter dem Ge-
danken stehende Wunsch ist. Ohne deshalb darüber spekulieren zu müssen, was
bei Curtius unter Ästhetik oder ästhetisch zu verstehen sein könnte, läßt sich m. E.
feststellen: in seiner geistigen Welt der subjektiven und nach Affinitäten ausfallen-
den Urteile können ‘ästhetische’ Wertungen keinen „Eigenwert“ gewinnen, da sie
erstens immer schon vorbestimmt sind und sich nur in Funktion der Affinitäten
ereignen und zweitens in Abhängigkeit von subjektiven „ethischen, politischen
oder religiösen“, letztlich ideologischen ‘Standpunkten’ stehen. Wie auch in an-
deren ‘Systemen’ gilt: ästhetische Sprechakte sind nicht mehr und nicht weniger als
der Ausdruck von Affinitäten.
Vor seinem ‘metaphysischen Hintergrund’ aber kann Curtius systemkon-
sistent erklären, daß echte Kritik „nie beweisen“, sondern „nur aufweisen“ will,
denn in einer nach Affinitätssystemen gegliederten geistigen Welt sind Beweise er-
stens überflüssig, da die nach den Bedingungen geistig-seelischer Zugehörigkeiten
und Eingeweihtheiten in naturgegebenen Verhältnissen lebenden Gleichgesinnten
und Gleiches Wissenden es natürlich nicht nötig haben, einander ‘etwas zu be-
weisen’; Beweise sind zweitens unerheblich, weil sie auf Rationalität beruhen,
dieser aber unter solchen Prämissen keine wesentliche Erkenntniskraft zukommt:
Beweise haben in einer nicht nach rationalen, sondern nach affinen, womöglich
nach ‘trans-rationalen’ Bedingungen funktionierenden Welt keine Bedeutung, hier
kann a priori einhellig die Einsicht aus „Balzacs Magismus“ walten: „Wissen ist
Schauen“ (Balzac 53-54); und auch vor dem Wertgefühl hat ein auf rationalen Be-
gründungen fußender Beweis keinen Wert. Von daher kann Curtius einleitend er-
klären, „Wertung ist unbegründbar“, und mit der „Intuition“ einen trotzdem sehr
wohl vorhandenen „Grund“ der Wertung benennen, der zweifelsohne system-
immanent ist: die Intuition operiert eindeutig in der geistigen Welt der Affinitäts-
systeme – wenn nicht gar Affinität ihre Grundvoraussetzung ist - und bildet da ei-
ne Grundlage von unzweifelhafter und hinreichender Irrationalität für den
natürlich irrationalen Kontakt zwischen dem Kritiker und seinem Objekt: Der
Grund der Wertung ist nur als Intuition da - Grundakt der Kritik ist irrationaler Kontakt;
darüber hinaus stellt sie, wie Curtius für „Balzacs Magismus“ angab, „die adäqua-
teste Form und die höchste Stufe der Erkenntnis“ dar (53).
Es handelt sich hier also offensichtlich um eine die unbegründbare Wertung
und die der Beweispflicht enthobene Kritik abschirmende geschlossene Einheit
112
von höherer axiomatischer Wertigkeit, für die insgesamt das gleiche gelten dürfte
wie für die einzelnen Affinitätssysteme untereinander: sie brauchen keinem, es sei
denn einem affirmierenden und initiierten Diskurs zur Disposition zu stehen. Für
das Curtiussche insbesondere kann als konstitutives und übrigens häufig doku-
mentiertes Merkmal gelten, daß weder Wert auf gedanklichen Austausch mit An-
dersdenkenden noch auf pluralistische Kommunikation unter den Systemen gelegt
wird (die Existenz anders gestimmter Affinitätspools neben dem eigenen ist impli-
zit), denn dies wäre in sinnvoller Weise ja nur auf der Grundlage affiner Überein-
stimmung denkbar, die dann wiederum auf prästabilierte oder neu konstituierte
Zugehörigkeit zum selben Affinitätspool hinausliefe. Es braucht keine Argumenta-
tion, wenn Wahrheit immer schon gegeben ist, wenn nichts Zweifelhaftes durch
sie zu klären (denn Argumentation ist die „ratio per ea, quae certa sunt, fidem du-
biis aferens“, Quintilian, Institutio oratoria V 10.8) und nichts Strittiges zu ent-
scheiden ist („argumentatio autem nisi in re controversia locus esse non potest“, V
9.2). Wenn Wissen und Erkenntnis auf „Schauen“ und Intuition beruhen, besteht
nicht nur keine Notwendigkeit für dialektische Rede, sie ist so müßig wie über-
flüssig, denn weder muß noch kann man sich wechselseitig irgendwelcher Gewiß-
heiten versichern, weder sind Verständigungsprobleme argumentativ zu lösen noch
Aussagen konsensuell zu beglaubigen.146
146146
146 Schon für Aristoteles hätte sich aus Sicht
der Affinitätssystematik die Abfassung der Topik erübrigt, in der es ihm nach Aus-
kunft des ersten Satzes zweckloserweise darum ging,
eine Methode (methodos) zu finden, nach der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahr-
scheinlichen [anerkannten] Sätzen Schlüsse bilden können (syllogizesthai), und, wenn wir selbst
Rede stehen sollen, in keine Widerprüche geraten.147
147147
147
146
146146
146 Josef Kopperschmidt bemerkt in Argumentation. Sprache und Vernunft II (Stuttgart:
Kohlhammer, 1980, 16-17) zu Aristoteles’ Unterscheidung zwischen ‘wahren’ und ‘wahr-
scheinlichen’ (oder anerkannten) Sätzen: „Wenn aber Rede (bzw. Dia-log im Unterschied zu
Mono-log) als genuines Einlösungsmedium [von] Geltungsansprüchen fungiert, dann wird auch
der o. zitierte Begriff ‘dialektisch’ als spezifische Kennzeichnung konsensuell beglaubigter Aus-
sagen sowie als spezifischer Titel einer solche Aussagen syllogistisch funktionalisierenden Argu-
mentation plausibel: Denn ‘dialektisch’ – in vorhegelianischem Wortsinn verstanden – meint
eben die Leistung kommunikativer Sprachverwendung, sich in Rede (logos) mit anderen ver-
ständigen zu können, indem man sich im Miteinanderreden (dia-legesthai) der Gewißheiten
wechselseitig versichert, die als konsensuell anerkannte Verständigungsbasis unterstellt und für
die Lösung situativer Verständigungsprobleme argumentativ aktualisiert werden können.“
147
147147
147 Deutsche Übersetzung zitiert nach Kopperschmidt 15.
113
Von solchen Beschränkungen unbelastet sind die Affinitätssysteme als in sich
gekehrt, aber auch als hegemonial zu denken; man könnte aufgrund der keines-
wegs ungewöhnlichen Verbindung von mangelnder Diskursbereitschaft und Wahr-
heitsanspruch auch sagen, sie sind autark und absolutistisch148
148148
148; eine eventuelle
Kommunikationsbereitschaft anderer Affinitätspools ist von keiner eigenen, son-
dern von höchstens konzedierter Relevanz.
Es ist nun zwar nachvollziehbar – und sollte für den Verkehr innerhalb eines
bestimmten Affinitätszusammenhangs im übrigen nicht anders zu erwarten sein –,
daß die auf Intuition beruhende Wertung nach Curtius’ Definition innerhalb eines
bestimmten ‘Systems’ „vermittelbar“ ist, denn die im Zeichen derselben Affinität
stehenden Gleichgesinnten sollten sich wohl ihre auf Intuitionen beruhenden
Wertungen gegenseitig vermitteln können, andernfalls könnte es mit ihrer Affinität
nicht eben weit her sein. Weniger nachvollziehbar erscheint allerdings, wieso von
Curtius im gleichen Atemzug kategorisch und offensichtlich auch für den Verkehr
innerhalb eines Affinitätssystems postuliert wird, daß Wertung nicht mitteilbar ist.
Oder sollte er hier die Intuition meinen? Beginnen wir also die Exegese von vor-
ne. Curtius spricht erst von „Kritik“, dann von „Wertung“:
Kritik bleibt ja immer ein Wagnis. Wertung ist unbegründbar. Der Grund ist wohl da,
aber nur als Intuition. Sie kann überspringen als Funke. Mitteilbar ist sie nicht, nur vermittel-
bar. Das ist das Schöne an der Kritik.
Die ersten drei Sätze scheinen eindeutig, problematisch wird es aber mit dem
Subjekt des vierten. Nach meinem Sprachgefühl sollte mit „Sie“ die Wertung“
wieder aufgenommen werden; es müßte „Diese“ heißen, wenn die bislang nicht
subjektivisch eingeführte „Intuition“ gemeint wäre. Das allerdings legt anderer-
seits die Assoziation des göttlichen Funkens nahe, der traditionell als Bild für die In-
spiration steht und darum der Intuition angemessener scheint. Daß die Metapher
des überspringenden Funkens eine der Intuition gar nicht eigene Qualität, näm-
lich die des passiven Erfüllt- und Ausgezeichnetwerdens (inspiratio-Einhauchung im
Unterschied zum aktivischen intueri-betrachten in der Intuition) durch eine höhere
148
148148
148 Man erinnere sich an die Mahnung Curtius an den (totalen) Humanismus, er solle
nach dem Vorbild des Bolschewismus und des Faschismus „das aristokratische Prinzip der Aus-
lese“ anwenden: er „würde gut tun, nicht zu werben, sondern sich umwerben zu lassen. Er
muß sich verdichten, anstatt sich zu verbreitern. Er stoße die Mitläufer und Opportunisten ab,
er verzichte auf Propaganda und Predigt. [...] Der Humanismus kann und soll sich nur auf das
freie Bekenntnis derer stützen, die da lieben.“ (Dt. Geist in Gefahr 129)
114
Instanz (die Musen, Gott) als Aura der Kritik evoziert, spricht nicht gegen diese
Zuordnung, denn dies paßt ebenfalls besser zur Intuition als zur Wertung. Auch
daß sie nicht mitteilbar sei, würde man eher mit der Intuition als mit der Wertung
verbinden. Aus dem Umstand, daß der folgende Satz sich gerade hierauf zu bezie-
hen scheint, wäre dann aber zu folgern, daß Curtius als „das Schöne an der Kritik“
besonders hervorheben wollte, daß die die Wertung begründende Intuition nicht
mitteilbar, sondern nur vermittelbar ist, was sich allerdings vorderhand aus affiner
Perspektive als vergleichsweise banal darstellt. Da die Kritik doch vor allem Wer-
tung ist, wäre es für ein Affinitätssystem wesentlich belangreicher, wenn die
ethisch und ideologisch konnotierte Wertung, und damit gleich die Kritik selbst,
nicht mitteilbar, sondern nur vermittelbar wäre. Vielleicht kann eine semantische
Betrachtung dieses Satzes Aufschluß über die Bezüge geben:
Welche Differenzierung, wäre zu fragen, könnte Curtius damit zum Aus-
druck bringen wollen, daß auch unter affinen Mitfühlenden eine Wertung respek-
tive eine Intuition (der „Grund“ der Wertung) nur vermittelt, aber nicht mitgeteilt
werden kann? Wie überhaupt könnte etwas „vermittelbar“ sein, ohne gleichzeitig
auch „mitteilbar“ zu sein? Formallogisch muß Curtius’ Satz eine Bedeutung von
mitteilen bestreiten, die von vermitteln nicht abgedeckt ist. Unmittelbar klar scheint:
er wird mitteilen in einer Bedeutung verstehen, die es von etwas an jemanden weiter-
geben, auf jemanden übertragen, jemandem zuteil werden lassen differenziert, denn an-
sonsten würde eine unzulässige Bedeutungsüberschneidung mit vermitteln
vorliegen, das aber gerade in solchen Bedeutungen verstanden werden muß, die
zudem als für die systembildende Affinität konstitutiv nicht ausgeschlossen werden
dürfen. Auszuschließen dagegen ist, daß Curtius mitteilbar in einer konstruierten
Bedeutung von mit jemandem teilbar sein versteht, die in vermitteln nicht enthalten ist,
denn wie müßte es um eine nach Affinitätssystemen gegliederte geistige Welt be-
stellt sein, in der die gleichgesinnten Seelenverwandten ihre Wertungen bzw. die
zugrundeliegenden Intuitionen – die doch wohl zu ihren wichtigsten geistigen
Gütern zählen sollten – grundsätzlich nicht miteinander teilen könnten? Das wäre
auch logisch mit Curtius’ ‘metaphysischem Hintergrund’ nicht zu vereinbaren,
denn es würde, wie im Falle des zuteil werden lassen, auf eine Aushöhlung oder sogar
Negierung der Vorstellung der Affinität hinauslaufen und zudem die Abgrenzung
zu vermitteln wieder erheblich verunklaren, denn wie könnte man jemandem etwas
vermitteln, also zuteil werden lassen, das gleichzeitig nicht mit ihm teilbar ist? Wenn
Curtius tatsächlich keine Bedeutung von „mitteilbar“ negieren wollte, die gleich-
zeitig von „vermittelbar“ affirmiert wird, schiede auf den ersten Blick auch die
115
letzte Möglichkeit aus, daß er mitteilen im banalen Sinne von in Kenntnis setzen, in-
formieren, wissen lassen meint, als Generalverb für sämtliche Arten der Übermittlung
von Informationen mit dem Mittel der Sprache, denn z. B. eine Kritik Curtius’ vermittelt
sehr wohl eine Kenntnis etwa von seiner Bewertung eines Textes. Natürlich ließe
sich hier dahingehend differenzieren, daß mitteilen ein aktives, direktes in Kenntnis
setzen etc. durch den Autor meint, während vermitteln darauf abhebt, daß der Leser
das im Text als Potential Enthaltene selbst für sich realisiert. Dagegen, daß dies der
Sinn von Curtius’ Weisung ist, spricht zwar, daß sein Text unabhängig vom Vermö-
gen des Lesers Kenntnisse und Informationen transportiert, aber nur die Wertung,
die im Text explizit sprachlich manifest ist (es leuchtet unmittelbar ein, daß dies
auch für z. B. ironisch verschlüsselte Wertungen gilt), wird zwingend direkt mit-
geteilt, die ihr zugrundeliegende Intuition jedoch nicht notwendigerweise: von
dieser wird in der Regel – wenn der Autor nicht expressiv verbis mitteilt, welches sei-
ne Inspiration war – nur ein Bild vermittelt, das der Leser aus den Informationen
der Wertung erahnen und sich selbst bilden kann.
Hier wird aber deutlich: Wenn sowohl die Semantik als auch die nicht hin-
tergehbaren Bedingungen der Textlichkeit der Kritik ausschließen, daß sich das
„Mitteilbar ist sie nicht, nur vermittelbar“ auf die Wertung bezieht, die in der
Kritik ausgesprochen ist, so ist damit nicht automatisch eine Kohärenz des Satzes für
die Intuition gegeben. Denn für sie kann nur festgestellt werden, daß sie übli-
cherweise insofern nicht Gegenstand der Mitteilung ist, als der Kritiker in der Re-
gel seine Wertungen abgibt, ohne sich über die Intuitionen auszusprechen, die sie
begründen. Im Fall aber daß der Kritiker – so er überhaupt seine Wertung auf ei-
ne Intuition gründet – das Bedürfnis oder die Lust verspürte, seine Intuition of-
fenzulegen, welcher Umstand sollte dann bedingen, daß er dazu gar nicht in der
Lage wäre, weil sie per se nicht mitteilbar ist? Dies aber postuliert Curtius: Wenn das
gemeinsame distinktive Merkmal aller ausgeschlossenen Formen der Mitteilung die
irgendwie geartete materiale Vermittlung durch Sprache ist, wird mit der axioma-
tischen Sentenz „Mitteilbar ist sie nicht, nur vermittelbar“ die Möglichkeit der
sprachlichen Mitteilbarkeit der eine Wertung begründenden Intuition rundweg ne-
giert. Durch welches Medium aber, wenn nicht die Sprache, sollte dann wohl die
konzedierte Vermittlung der Intuition zwischen Kritiker und ‘Mitfühlendem’ von-
statten gehen? Etwa durch den ‘überspringenden Funken’, der allerdings als das
Symbol der affinen Vermittlung schlechthin gelten könnte?
Nach gewöhnlichen logischen Begriffen scheint kaum vorstellbar, daß Curti-
us behaupten wollen könnte, die Sprache sei bei der Weitergabe der Intuitionen
116
an der Basis von literaturkritischen Wertungen grundsätzlich ausgeschlossen.
Wenn er tatsächlich die Übermittelbarkeit der zugrundeliegenden Intuition durch
Sprache (=Mitteilbarkeit) bestreiten wollte, müßte er schon sehr genau bestim-
men – es ist implizit, daß er dies dann für möglich hielte –, wo die Grenze zwi-
schen der sprachlich mitteilbaren Wertung und der sprachlich nicht-mitteilbaren
Intuition verläuft. Mehr noch: er müßte sogar die glichkeit eines fließenden
Übergangs ausschließen, denn Wertung und zugrundeliegende Intuition müßten
in sprachlicher Hinsicht, auf der Ausdrucksebene, so strikt getrennt sein, daß ga-
rantiert wäre, daß in der Mitteilung der Wertung keine Mitteilung der Intuition mit-
transportiert werden kann; er müßte also postulieren, daß die der Wertung
zugrundeliegende Intuition in der verschrifteten Wertung nicht sprachlich präsent
ist bzw. nicht durch sprachliche Mittel repräsentiert werden kann. Er müßte sogar
ausschließen, daß sie in einem irgendwie gearteten nicht-sprachlichen Medium
unmerklich mit präsent sein könnte, denn dies würde ihre implizite Mit-
Mitteilbarkeit bedeuten. Zu Ende gedacht impliziert die Nicht-Mitteilbarkeit also,
daß Curtius ausschlösse, daß der Leser die Intuition des Kritikers überhaupt in ir-
gendeiner Form aus der Lektüre der Wertung gewinnen könnte oder dürfte, denn
dieser Weg der Übermittlung bedeutet zwangsläufig, daß die Vermittlung das Er-
gebnis einer sprachlichen Mitteilung wäre. Der Lehrsatz „Mitteilbar ist sie nicht“
kann also in logischer Konsequenz nicht anders als dahingehend verstanden wer-
den, daß die Intuition nur getrennt von der Wertung und ihrer Lektüre, unabhän-
gig von der Lektüre, ohne die Lektüre vermittelbar ist.
Solche Konsequenzen der Curtiusschen Ontologie dürften den meisten nur
schwer nachvollziehbar sein. Und wenn Curtius nicht so hoch setzen wollte zu be-
haupten, daß in der geistigen Welt Affinitätszusammenhänge der Vermittelbarkeit
bestehen, in denen die „Mitfühlenden“ ohne Notwendigkeit sprachlicher Über-
mittlung bezüglich der hermetischen Intuition des artverwandten Kritikers etwa
morphisch resonieren, so daß es für sie ohne Belang ist, daß die Intuition durch
Lektüre nicht mitteilbar ist, weil sie ihrer unabhängig von der Wertung und deren
Kenntnisnahme bereits a priori teilhaftig sind, und zwar aus dem einfachen Grund,
daß sie als Angehörige derselben morphischen Affinität dem Kritiker bezüglich al-
ler Fragen der geistigen Welt in vollkommenem prästabiliertem Gleich- und Mit-
klang verbunden sind und deshalb resonierend alles immer schon so mit-kennen, mit-
wissen und mit-denken wie dieser, dann führt kein logisch-rationaler Weg daran vor-
bei, daß seine Lehre wegen der postulierten Nicht-Mitteilbarkeit der Intuition mit
der unter normalen logischen und Seins-Bedingungen nicht hintergehbaren
117
Sprachlichkeit aller Kommunikations- oder Verlautbarungs-Akte im literarischen
und kritischen Diskurs unvereinbar ist.
Intuitu personae muß man bei einem Autor, der in seiner Diktion derart der
Pathetik und Emphatik seiner Zeit verhaftet war wie Curtius, natürlich in Rech-
nung stellen, daß man seine Weisungen vielleicht nicht immer gar zu wörtlich
nehmen oder auf die semantische Goldwaage legen darf. Es bliebe dann die profa-
nere Interpretation, daß er nur zum Ausdruck bringen wollte, daß die Lektüre der
bloßen sprachlichen Mitteilung, die jedem, auch dem nicht-affinen Leser ober-
flächlich zugänglich ist, nicht ausreicht, um die Intuition des Kritikers wirklich zu
erfassen und zu verstehen. Das Vermögen hierzu wird allein die Angehörigen ein
und desselben Affinitätszusammenhangs auszeichnen, die als unverzichtbares kon-
stitutives Merkmal ihrer Affinität eine weitestgehend ähnliche intuitive Befähigung
oder eine die intuitiven Reaktionen synchronisierende Gedankenübereinstimmung
aufweisen sollten, die sie in die glückliche Lage versetzten, durch ein Wahr-Raten
à la Balzac, ein kritisches deviner la vraie intuition, vielleicht auf der Grundlage der
Kenntnis des literarischen Objekts der Kritik und zweifellos infolge ihrer emotio-
nalen und ideologischen Affinität mit dem Kritiker, in einem erneuten schöpferi-
schen geistigen Akt die der Wertung zugrundeliegende Intuition zu
rekonstruieren. In diesem Verständnis würde der Kenntisnahme der Wertung al-
lerdings eine besondere Bedeutung zukommen. Ihre empathische Lektüre und die
Aufnahmefähigkeit für die sympathetischen Schwingungen als Ausgangspunkt der
intuitiven Nachschöpfung wären als spezifische Leistung des „Mitfühlenden“ zu
werten, als Ausweis seiner Affinität, die auch jene besondere Fähigkeit verleiht, sich
überzeugen zu lassen, von der Curtius gleich im Anschluß spricht: „Freilich läßt sich
die Intuition nachträglich motivieren. Aber diese Motivierung ist nur für den
Mitfühlenden überzeugend.“ Tatsächlich muß die Affinität notwendig die größte
Offenheit und die intensivste Auseinandersetzung mit dem Mitgeteilten bedingen.
Wie sollte sich der affine Rezipient angesichts des dynamischen Potentials der Af-
finität und der vorausgesetzten ‘Strahlkraft’ eines Kritikers wie Curtius dieser gei-
stig-seelischen Energetik entziehen können? Muß er nicht gerade wegen dieser
Affinität durch die geistig-seelische Anziehungskraft der Wertung magisch und wi-
derstandslos in die Tiefe ihres Gehalts und in die tiefsten Seelenschichten des Kri-
tikers hineingezogen werden, wo er unweigerlich dessen Intuition begegnen wird?
Gerade in dem Dynamismus dieser Affinität steckt doch der Quell der Efferves-
zenz, von der Curtius Schmitt geschrieben hat, jenes beglückende, glückhafte
Moment, von dem Meister und Jünger so schwärmerisch zu berichten wußten,
118
jene von mir so benannte translatio felicitatis. Daß die Vermittlung der Intuition
aber selbst in solchen Qualitäten des Einklangs und Austauschs durch Prozesse
sprachlicher Übermittlung und Verständigung erfolgt, und seien sie so exquisit wie
die empathische Aneignung und die kongeniale Nachschöpfung durch affine Beste,
wird genau besehen unbeschadet seiner Illuminaten-Rhetorik auch im Kontext
von Curtius’ geistiger Welt nur affirmiert, nicht zuletzt durch seine das Gegenteil
suggerierenden schreiberischen Verlautbarungen.
Wenn er dieser nichthintergehbaren Realität und Praxis trotzdem in der Pose
des Verkünders tieferer Wahrheiten expressis verbis widerspricht, dann dürfte dafür
gerade an dieser Stelle das in seinen Schriften allenthalben spürbare und bereits
angesprochene Interesse verantwortlich sein, die literarische Kritik in eine sublime
Spitzenposition über den (anderen) metaliterarischen Tätigkeiten zu erhöhen. Was
aber könnte geeigneter sein, zu jener von Curtius für die Literaturkritik bean-
spruchten besonderen Exklusivität beizutragen, mit der die Kritik als „die Form,
in der [die Literatur wohlgemerkt!] die kleinste Zahl affiziert“ (Krit. Ess. 35), noch
die hermetische Lyrik in den Schatten stellt, als der überspringende Funken der
Inspiration, und was wäre im Bereich der Sprache von entlegenerer, ja nachgerade
paradoxerer Preziosität als die Unsagbarkeit149
149149
149, deren exquisite Aura allerdings –
das versteht sich nach dem Vorstehenden und hat wohl auch Curtius verstanden
nicht auf die Kritik selbst und ihre Inhalte applizierbar ist, für die sich aber mit
der Intuition eine ideal diffuse Haftfläche bietet.
149
149149
149 Curtius’ Kapitel „Unsagbarkeitstopoi“ in ELLMA trägt übrigens nichts zum Ver-
ständnis einer Tradition der Unsagbarkeit in dem hier anklingenden Verständnis bei. Daß Cur-
tius’ Titelangabe in eine andere Richtung weist, läßt bereits sein erster Satz erahnen: „Die
Wurzel dieser von mir so genannten topoi ist die ‘Betonung der Unfähigkeit, dem Stoff gerecht
zu werden’“ (168). Er selbst hält sich aber auch bei diesem Thema nur wenige Zeilen auf, um
dann zu anderen Versatzstücken der Panegyrik – dies ist das Oberthema – überzugehen, so daß
der Titel schließlich immer irreführender wird. Wie oft bei Curtius wird nur angerissen („Man
könnte ein Buch darüber schreiben. Aber ...“); immerhin findet sich eine weitere Demonstrati-
on darüber, wie wenig die Anhäufung von bloßem Wissen (zum Wert der B"<FLD(Æ" mögen die
D4FJF4 etwa im Menexenos und im Hippias I nachlesen) an Einsichten und Diffe-
renzierungsvermögen verbürgt: „Eine andere Wertsteigerung der zu preisenden Person wird
dadurch erreicht, daß man mitteilt, alle nähmen teil an der Bewunderung, Freude, Trauer. [...]
Eine der seltsamsten Blüten des rhetorischen Stils besteht nun in der Versicherung, jedes Ge-
schlecht und Lebensalter feiere den N. N. – als ob es eben so viele Geschlechter wie Lebensal-
ter gäbe. Omnis sexus et aetas wird stehende Formel.“ Ein Beispiel? „Diderot kritisiert die
Jesuiten wegen ihrer Behandlung der Indianer in Paraguay: ils marchaient au milieu d’eux un fouet à
la main, et en frappaient indistinctement tout âge et tout sexe (Supplément au voyage de Bougainville).“
(ELLMA 169)
119
Die Annahme ist natürlich berechtigt, daß es durchaus im Rahmen von Cur-
tius’ Intentionen und Denkweisen liegt, wenn in seinen Aussagen zur Kritik Asso-
ziationen mitschwingen von mystischem, okkultem oder esoterischem Wissen150
150150
150,
das unsagbar wäre in dem Sinne, daß es nicht für jeden x-beliebigen durch simple
Kommunikation mitteilbar ist, zu dem aber womöglich die Intuition, le génie en
toute chose, einen Zugang schafft und dessen Zugänglichmachung die Kritik sozusa-
gen in den Rang einer eigentlich metaphysischen Tätigkeit151
151151
151 erheben könnte. Aber
der ‘Unsagbarkeitstopos’ dürfte meiner Meinung nach hier in erster Linie ein
Mittel zum Zweck der Aufwertung des um den Kritiker versammelten einigen
Kreises affiner Mitfühlender sein, der kleinsten Schar der Trefflichsten, der „edlen See-
len“ (Goethe), auf die alleine Curtius wirken wollte und denen „vorzufühlen“
auch ihm so darf man annehmen: – in Emulation Goethes „wünschenswertester
Beruf“ war, wie er es seinem Leitbild in „Goethe - Grundzüge seiner Welt“ nach-
empfunden hat152
152152
152, wo er aus dem Gedicht „Einlaß“ die sympathetisch-program-
matischen Zeilen zitiert:
Mit den Trefflichsten zusammen
Wirkt ich, bis ich mir erlangt,
Daß mein Nam in Liebesflammen
Von den schönsten Herzen prangt.
Ohne damit eine Aussage über eine eventuelle Abhängigkeit verbinden zu
wollen, halte ich es für begründet, hier eine womöglich inspiratorische, jedenfalls
aber für das Verständnis und die Bewertung der Curtiusschen Gedankengänge
aufschlußreiche Stelle aus Platons „7. Brief“ näher zu betrachten, die die Frage der
‘Mitteilbarkeit’ oder ‘Sagbarkeit’ – zumindest nach dem, was das Zeugnis der
Übersetzungen für die Ausprägung dieser Vorstellung und die Traditionsbildung
anbietet – ausgerechnet mit dem überspringenden Funken einer intersubjektiven
Inspiration auf eine Art und Weise in Verbindung zu bringen scheint, die auf den
150
150150
150 Curtius gesteht Catherine Pozzi: „Votre ami [scil. Curtius]a un penchant pour
l’ésotérisme, vous vous en doutiez.“ („Lettres“ 347, Juli 1929)
151
151151
151 In Anlehnung an Schopenhauer hat Nietzsche im Vorwort der Geburt der Tragödie aus
dem Geiste der Musik (1872) die Kunst über die mit metaphysischen Fragen traditionell und au-
toritativ befaßten Philosophie und Religion gestellt und die Kunst als die „eigentlich metaphy-
sische Tätigkeit dieses Lebens“ bezeichnet (Werke I, München 21960, 20).
152
152152
152 Curtius sagt hier von Goethe: „Nur mit den ‘Trefflichsten’ sucht er Verbindung; nur
‘edlen Seelen’ vorzufühlen ist ihm wünschenswertester Beruf“ (Krit. Ess. 73).
120
ersten Blick hinsichtlich dieser topoi, der ‘Exklusivität’ des zu Vermittelnden und
der Gruppengebundenheit eine bemerkenswerte Parallelität zu Curtius’ „Sie kann
überspringen als Funke. Mitteilbar ist sie nicht“ aufweist, die aber bei näherer
Betrachtung die eigentlich zu erwartende Differenz zum irrational-romantischen
Niveau und zum elitistisch-hermetisierenden Anspruch Curtius’ zeigt. Es muß der
Spekulation überlassen bleiben, inwieweit die Übersetzungen dieser Stelle zum
Entstehen oder zur Verbreitung des Topos der ‘Unsagbarkeit’ bzw. zu seinem Auf-
treten bei Curtius beigetragen haben könnten; sie zeigen in der hier interessieren-
den Wendung jedenfalls eine auffällige Gleichartigkeit in der geringen Differen-
zierung und im Mangel an hermeneutischem ‘Problembewußtsein’153
153153
153.
Worum geht es? Platon kommt im Anschluß an seinen Bericht vom erwar-
tungsgemäß kläglichen Abschneiden des Dionysios bei der ‘Philosophenprobe’
(341b) auf Autoren zu sprechen, die – um es allgemein zu sagen über Inhalte
seiner philosophischen Lehre geschrieben haben, denen er die Befähigung dazu
aber grundsätzlich und gleich für die Zukunft mit bestreitet, wiewohl sie (341c:)
„sich für wohlunterrichtet ausgeben über den Inhalt meiner philosophischen Be-
strebungen“ (Apelt), „versichern, über die Hauptmaterien meines Studiums etwas
zu wissen“ (Wiegand), „claim to know the subjects which I seriously study“ (Bu-
ry), „zu wissen behaupten, worauf mein Bestreben gerichtet ist“ (Müller), also
das, ‘worum er sich in der Tat ernstlich bemühte’: BgDÂ ä< ¦(ã FB@L*V.T. Eine
Begründung für sein Verdikt, daß sie „von der Sache“ (Kurz, Apelt), „BgDÂ J@Ø
BDV(:"J@H“, gar nichts verstünden, liefert er eigentlich nicht; nur soviel: von ihm
selbst wenigstens gibt es keine Schrift darüber und wird es „auch niemals eine ge-
ben“ (Kurz), „denn“ – dies ist der Punkt, auf den ich hinauswollte –:
es läßt sich keineswegs in Worte fassen wie andere Lerngegenstände, sondern aus häufiger ge-
meinsamer Bemühung um die Sache selbst und aus dem gemeinsamen Leben entsteht es plötz-
lich [Übers.: Kurz] wie ein durch einen abspringenden Feuerfunken [...] entzündetes Licht in
der Seele [Übers. H. u. F. Müller]154
154154
154(341d).
153
153153
153 Ich zitiere die Übersetzungen von Otto Apelt (Platons Briefe, Leipzig: Meiner,
21921), Dietrich Kurz (Platon, Werke in acht Bänden, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesell-
schaft, 1990), Wilhelm Wiegand (Platon, Sämtliche Werke, Heidelberg: Lambert Schneider, o.J.),
Hieronymus und Friedrich Müller (Platon, Sämtliche Werke, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt,
1994) und R. G. Bury (Plato in Twelve Volumes, Cambridge, Mass., London: Harvard UP, 1989).
154
154154
154 Ich kann mich hier Kurz nicht anschließen, der näH nicht übersetzt, sondern trotz des
"BÎ BLDÎH „ein Feuer [...] von einem abspringenden Funken entfacht“ werden läßt.
121
Dieser gemischten Übersetzung entsprechen die von Apelt, Bury155
155155
155, Hein-
rich Weinstock und Ernst Howald – so sehr sie ansonsten durch phantasievolle
Variationen für das „:"2º:"J"“ und das „¦6 B@88H FL<@LF\"H (4(<@:X<0H BgDÂ
BD(:"J" "ÛJÎglänzen oder bedenkenswerte Vorschläge für das „6"Â J@Ø FL.<156
156156
156
unterbreiten – ausgerechnet in den meiner Meinung nach problematischen ersten
Worten, wo sie Platons „Õ0JÎ< [...] @Û*":äH ¦FJ4<“ in fast identischen Wendungen
im Sinne einer Unsagbarkeit als „läßt es sich doch in keiner Weise [...] in Worte
fassen“ (Müller) oder expressis verbis als „keineswegs sagbar“157
157157
157 verstehen, also die
sprachliche Ausdrückbarkeit dessen verneinen (vgl. Fn. 155 Bury: „it does not
admit of verbal expression“), was da an Erkenntnis oder Wissen „¦6 B@88H
FL<@LF\"H“ „BgD BD(:"J" "ÛJΓ plötzlich wie ein von einem überspringenden
Funken entzündetes Licht in den Seelen der an der Unterhaltung Beteiligten ent-
steht. Den Übersetzern158
158158
158 entgeht dabei offensichtlich, daß sie Platon genau bese-
hen einen Selbstwiderspruch oder irrationale Esoterik unterstellen, denn er gibt ja
mit FL<@LFË" – was soviel meint wie Gespräch (etwa zwischen Lehrer und Schüler), Dis-
putation, wissenschaftliche Unterredung – eindeutig Sprache als Basis und Medium der
gemeinsamen Erkenntnisleistung an und müßte also nach ihrer Übersetzung
desungeachtet à la Curtius postulieren, daß das im Gespräch „BgDÂ BD(:"J"
"ÛJΓ entstehende Wissen eben „über diese Sache“ – dies entspricht ja wohlge-
merkt dem „BgDÂ ä< ¦(ã FB@L*V.T– von Sprache unabhängig wäre. Natürlich
werden sie das kaum wirklich behaupten wollen; der Selbstwiderspruch liegt allei-
ne bei ihnen, wie sich etwa bei Apelt zeigt, wenn er sehr richtig als Hintergrund
dieser Stelle darlegt, daß Platon den „Höhepunkt seiner Mission“ nicht in der
philosophischen Schriftstellerei gesehen habe, und entgegen seiner eine Unsag-
barkeit implizierenden Übersetzung („es läßt sich nicht in Worte fassen“) von
diesem Passus ausgehend erklärt:
155
155155
155 „For it does not at all admit of verbal expression like other studies, but, as a result of
continued application to the subject itself and communion therewith, it is brought to birth in
the soul on a sudden, as light that is kindled by a leaping spark.“
156
156156
156 Bury mit dem genannten „and communion therewith“; Hieronymus und Friedrich
Müller ähnlich mit „und dem Sichhineinleben“.
157
157157
157 So in der Übersetzung dieser Stelle, die Egidius Schmalzriedt in seinem Artikel zum
Lysis in Kindlers Literatur Lexikon (München: dtv, 1974, S. 5867) gibt.
158
158158
158 Eine klare Abweichung von der Unsagbarkeitsunterstellung zeigt Wilhelm Wiegand,
derÕ0JÎ< (VD @Û*":äH ¦FJ4< übersetzt als: „Denn in bestimmten sprachlichen Schulausdrük-
ken darf [!]man sich darüber [...] gar nicht aussprechen“.
122
der Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt vielmehr in dem mündlichen Unterricht, in der unmit-
telbaren Wechselwirkung der Geister; und dieser lebendige Verkehr durch das gesprochene
Wort hat, wie der Phaidros (275 C ff.) zu zeigen sucht, die zündende Kraft zu wahrer Geistes-
wirkung, nur er vermag zu bewirken, daß der Funke von einer Seele in die andere überspringt.
(135)
Einmal dahingestellt, ob Platon die Möglichkeit der Abfassung von Büchern im
Sinne der philosophischen Abhandlungen gesehen hat, wie sie seit Aristoteles üb-
lich sind159
159159
159; er hat ihren didaktischen Wert vielleicht weniger hoch eingeschätzt
oder aufgrund persönlicher Erfahrungen (am Ende schließt sich der Kreis zur
Prüfung des Dionysios), infolge nicht ausreichend entwickelter Eitelkeit oder in
integrer Konsequenz die Befürchtung höher gewichtet,
daß für die Menschen ein Versuch damit in der beschriebenen Art nicht gut wäre, außer für
einige wenige, die es jedoch auch selbst nach wenigen Hinweisen herausfinden können. Alle
übrigen würden sich entweder mit unaufrichtiger Geringschätzung aufblasen und damit der Sa-
che nicht gerecht werden oder mit der hohen, eitlen Hoffnung, sie hätten irgend etwas Erha-
benes gelernt. (341e; Übersetzung Kurz)
Der Hinweis auf Wörter wie ÕºJTD (öffentlicher Redner, public speaker),
Ö0J@DgbT (als öffentlicher Redner auftreten, to be a public speaker) oder Ö0J@D46`H
und den in Ö0J" 6"Á DD0J" zum Ausdruck kommenden Gegensatz von Öffentli-
chem und Geheimem sollte eigentlich genügen, um überzeugend zu begründen,
daß man Platons Ö0J`H gerade in Anbetracht der nicht zuletzt aus seiner Dialog-
schriftstellerei zu schließenden akademischen Praxis nicht als „sagbar“ im Sinne
von „mit Worten ausdrückbar“ verstehen kann, sondern sein Õ0JÎ< (D
@Û*":äH
¦FJ4< äH 88" :"2º:"J" mit dem Kontext kohärent160
160160
160 folgendermaßen verstehen
muß: „denn es ist nicht vortragbar, nicht im Rahmen einer Vorlesung oder schrift-
lichen Darlegung sinnvollerweise darstellbar und nicht für öffentliches Monologi-
159
159159
159 Wäre es aber meiner Ansicht nach möglich, diese Dinge in einer für das Publikum
befriedigenden Weise niederzuschreiben oder mündlich vorzutragen, was könnte ich dann für
ein schöneres Werk aufweisen in meinem Leben als der Menschheit durch solche Schrift ein
großes Heil zu bescheren und das Wesen der Dinge für alle ans Licht gezogen zu haben?
(341d; Übersetzung Apelt)
160
160160
160 Gleich im Anschluß an die zitierte Stelle über die gemeinschaftliche Erkenntnislei-
stung und die intersubjektive Inspiration macht Platon eine bezüglich der Frage der Sagbarkeit
aufschlußreiche Bemerkung: „So viel weiß ich indes, daß es am besten immerhin noch von mir
selbst vorgetragen würde, nicht minder auch, daß es bei schlechter schriftlicher Abfassung mir
sehr viel Herzenskummer bereiten würde.“ (341d; Übersetzung Apelt)
123
sieren geeignet wie andere :"2º:"J"“. Aber nicht nur der Unterschied zwischen
Platons Õ0JÎ< @Û*":äH ¦FJ4< und dem Curtiusschen „Mitteilbar ist sie nicht“, auch
der Unterschied zwischen dem didaktischen Ansatz des Philosophen mit seinem
Glauben an die schöpferische Erkenntnisleistung der einzelnen im gemeinschaftli-
chen dialektischen Bemühen (s. auch den Fortgang 341e mit dem Hinweis auf
diejenigen, die es „selbst nach wenigen Hinweisen herausfinden können“ (Apelt))
einerseits und andererseits dem ex cathedra wegweisenden Verkündigungsgestus des
praeceptor Germaniae et Occidentis liegt nur zu deutlich auf der Hand. Der Platonver-
ehrer, der der große und exakte Philologe Curtius gewesen ist, mag sich nichtsde-
stotrotz im „7. Brief“ die Inspiration für sein creative misreading geholt haben, wenn
sie nicht über eine andere unerkannte oder ungenannte Traditionskette auf ihn ge-
kommen ist.
Das von Curtius gewählte Bild der Übertragung der kritischen Intuition
durch inspirierenden, initiierenden Funkensprung auf die affinen Mitfühlenden
statt durch das profane Mittel sprachlicher Mitteilung impliziert aber noch ein
weiteres Moment: Elitistische Exklusivität bedingt immer den komplementären
Gegenpol der Ausgrenzung, ohne den sie gar nicht funktionieren kann; und so
dürfte diese exklusive Metaphorik nicht zuletzt auf die Ausgrenzung der geistigen,
recte ungeistigen Roture161
161161
161 zielen, der allzu vielen, deren Mitreden den Kreis der
bien-pensants nicht stören darf. Von daher wird auch seine höchstens auf den ersten
Blick befremdliche Freude über die Nicht-Mitteilbarkeit der Intuition verständ-
lich: „Das ist das Schöne an der Kritik“; er versteht diese Nicht-Mitteilbarkeit al-
lem Anschein nach – gerade so wie schon die beglückende Unübersetzbarkeit
Vergils162
162162
162 – als die notwendige Sicherung, die die Exklusivität des Kreises garan-
161
161161
161 Dem Sohn der Gräfin von Erlach-Hindelbank mag es ähnlich ergangen sein, wie er es
dem verehrten Hofmannsthal nachempfunden hat: „Er hatte früh das ihm Verwandte und Zu-
bestimmte ergriffen; sich zum Zeitgenossen der adligen, der königlichen Jahrhunderte gemacht.
Als Gymnasiast, im Winter 1891, schreibt er: ‘Ich habe MM. de la Rochefoucauld, de la Bruy-
ère, de St-Simon, de Montaigne, de Montesquieu, de Buffon sowie die Herren Chamfort,
Courier, Chateaubriand, Voltaire, La Mettrie, Louvet, Jean-Jacques, Diderot, Prévost, Gresset,
Mably und (hélas) Volney auch gelesen’. Ist es Nötigung seines Lebensgefühls, ist es Bewußtseit
[sic], daß der Knabe schon in dieser Aufzählung Adel und Roture scheidet? Er nahm die Klassi-
ker der französischen (und englischen) Königszeiten auf als Repräsentanten signorilen Lebens-
gefühls, nicht als abgelöste geistige Gestalten der Bildungswelt. Ein Aristokratismus des Blutes
und der Instinkte zog ihn in die Jahrhunderte des Philip Chandos, des Marschalls von Bassom-
pierre.“ (Krit. Ess. 124; Vgl. Fn. 51)
162
162162
162 „Virgil, Krit. Ess., 20: „Wer will, sehe darin einen Mangel; wer darf, ein Glück.“ (Vgl.
Fn. 104)
124
tiert und damit einen aus der Sicht der initiierten happy few nicht zu unterschät-
zenden, natürlich auch für Nicht-Mitfühlende leicht nachzuvollziehenden Reiz des
petit noyeau verbürgt: denn was könnte für einen Elitisten an einer Sache reizvoll
sein, die jedem zugänglich wäre.
Schließlich wird hier ein weiterer Grund erahnbar, warum Curtius von der
Nicht-Mitteilbarkeit der Intuition sagt, sie sei „das Schöne an der Kritik“: Wenn
nämlich in der Intuition ein grundlegender Aspekt der Kritik als nichtmitteilbares
Arkanum geborgen wäre, hätte dies für den Kritiker den möglicherweise nicht
unwillkommenen Nebeneffekt, daß jeder unliebsamen nicht-affinen Meta-Kritik,
jeder Überprüfung oder Hinterfragung einer Wertung durch Nichtautorisierte die
Grundlage entzogen wäre. Wie sollten wohl die kompetent mitreden oder gar kri-
tisieren können, denen mangels Zugehörigkeit zum handverlesenen petit noyeau des
Affinitätssystems die Teilhabe an der Intuition des Kritikers und deshalb letztlich
jede tiefere, den „Grund“ erfassende Verständnismöglichkeit für seine Wertung a
priori verwehrt ist.
Angesichts der gegenüber dem mutmaßlich überwiegenden Großteil des Pu-
blikums geübten Verweigerung bzw. grundsätzlichen Absprechung der Teilhabe an
einem wesentlichen Element seiner literaturkritischen Schriften muß sich eine von
der Sache her möglicherweise naive, für die Deontologie aber nicht unwesentliche
Frage stellen: Warum bringt Curtius trotz der von ihm postulierten Überzeugun-
gen und der aus ihnen zu ziehenden elitistischen Folgerungen unentwegt - von
zwei relativen Ruhephasen Mitte der Dreißiger und vor und nach Kriegsende ab-
gesehen praktisch ohne Unterbrechung - Artikel um Artikel, Buch um Buch auf
einen Markt, der doch wohl die dezidierte Manifestation der öffentlichen und all-
gemein zugänglichen pluralistischen Kommunikation breiter Massen ist? Müßte er
nicht denken, daß viele seiner Leser, die von der Annahme ausgehen, daß sie in
einen Kommunikationsprozeß einbezogen und als mündige Gesprächspartner
ernstgenommen werden, oder in dem Glauben leben, sie könnten ‘Wegweisun-
gen’ aus seinen Schriften gewinnen, tatsächlich in ihren Händen wertloses, nutzlo-
ses Papier erwerben, aus dem nur einem mutmaßlich winzigen petit noyau von
Eingeweihten die Curtiusschen Wegweisungen in einer irgendwie gearteten im-
materiellen translatio felicitatis zufließen und ein prästabiliertes Verständnis abrufen.
Wäre es da nicht konsequenter elitär und ethisch kompromißloser, kleinste Aufla-
gen alleine unter den Aufnahmefähigen zu verteilen? Wäre es nicht gradliniger,
den hohen Anspruch geistigen Aristokratismus auch in eine höhere Verwirkli-
chung und Konsequenz in der Haltung gegenüber der Masse umzusetzen? In stol-
125
ze Verweigerung also, denn er wird doch nicht deren Zustimmung oder unwerten
Applaus suchen! Warum also die Mysterien der Kritik „des Pöbels Roheit“ und
Blick aussetzen, die Intimität der wissenden Vertrautheit vor „der Zeiten Dumpf-
sinn“163
163163
163 ausbreiten? In „Goethe – Grundzüge seiner Welt“ hatte Curtius die Zei-
len zitiert:
Niemand soll und wird es schauen,
Was einander wir vertraut:
Denn auf Schweigen und Vertrauen
Ist der Tempel aufgebaut,
und kommentiert:
Die Verse sind von 1816. Sie sind wohl die feierlichste Andeutung der Arkandisziplin, die
Goethes innersten Bezirk umhegt. Sucht man nach geistesgeschichtlichen Parallelen, so wird
man auf die antiken Mysterien geführt. (Krit. Ess. 81)
Vielleicht waren die lärmenden und öffentlichkeitsberauschten Zeiten, in
denen Curtius wirkte, weniger als die Goetheschen dazu angetan, solche Arkandis-
ziplin durchhalten zu können. Als Fazit der Analyse seiner Ausführungen zu Intui-
tion und Kritik ist jedenfalls festzustellen, daß Curtius, vielleicht weil er seinem
Bedürfnis nach elitistischer Separation und weihevoller Selbsterhöhung nachgab,
sich in der Entfaltung von Energie und Strenge des Denkens eine gewisse Nach-
lässigkeit erlaubt hat, die möglicherweise mit einem hochbefeuerten nachdichte-
rischen sacri furoris instinctus (vgl. ELLMA 439) infolge der Eliot-Übersetzung zu
erklären ist, die vielleicht aber auch substantiellere Gründe hat und auf eine allge-
mein verbreitete Diskrepanz zwischen elitistischem Anspruch per acclamationem ip-
siam einerseits und der banalen Realität andererseits verweist, daß, wie La Bruyère
sagt, „[a]près l’esprit de discernement, ce qu’il y a au monde de plus rare, ce sont
les diamants et les perles“. So findet sich denn unverhofft eine neuerliche Bestäti-
gung der Wahrheit vis inertiae vitium; und Curtius’ ‘kritische’ Pathetik liefert, wenn
schon für die Erkenntnis kritischer Prozesse durch solchen metaliterarischen Ob-
skurantismus wenig zu gewinnen ist, zumindest zusätzliches Anschauungsmaterial
für den Zusammenhang von Methode und Moral.
163
163163
163 Deutscher Geist in Gefahr 129-30.
126
2 DAS GEWICHT DER INTUITION
Nachdem Curtius in der analysierten Passage über die Intuition des Literaturkriti-
kers die geistige Welt der Irrationalität nachdrücklich beschworen hatte, mag es
ihm ein Bedürfnis gewesen sein, vor der vom Synthesepostulat gebotenen Be-
handlung der Intelligenz eine distanzschaffende Zäsur in Form einer graphischen
Unterteilung des Textes einzufügen, die insofern überrascht, als sie nicht unbe-
dingt geboten ist, da ja auch weiterhin von der Intuition die Rede ist. Aber so ist
der ontische Zusammenhang zwischen der Irrationalität der affinen Intuition und
der Intelligenz jedenfalls durch die magische Zahl „2“ oberflächlich getrennt, be-
vor Curtius seinem Wunsch nach einem Sichzusammenfinden von Intuition und
Intelligenz Ausdruck gibt. Daß ihm nach seinem Aufstieg in den enthobenen gei-
stigen Bereich der Affinitätssysteme bei dem fälligen Registerwechsel nicht ganz
wohl war, darauf könnte der den nächsten Absatz einleitende und nach dem Vor-
herigen nur zu verständliche Wunsch hindeuten: „Aber ich möchte nicht mißver-
standen werden“ (Krit. Ess. 317). „Intuition“ nämlich, räumt er mit rela-
tivierendem Gestus ein, „ist ein fatales Wort.“ Aber deshalb zu glauben, Curtius
sei an seinen vorherigen Ausführungen oder an seiner Haltung etwa irre gewor-
den, wäre verfehlt, denn er fängt sich gleich wieder und stimmt jenen intransi-
genten und herabwürdigenden Ton an, der jedem Curtius-Kenner geläufig ist:
Intuition sei natürlich nur dann ein fatales Wort, wenn es „im Munde geführt
[wird] von Leuten, die sonst nichts zu brechen und zu beißen haben“, und die
deshalb wohl, so kann ergänzt werden, als geistige Hungerleider und Habenichtse
– ich gehe davon aus, daß dies auf ‘Geistiges’ bezogen ist – auch auf die Intuition,
wie Curtius sie versteht, kein Anrecht haben. Er stellt klar: „Ich bin, um Franz
Bleis verdienstliche Prägung anzuwenden, ‘gegen geistige Ernährung durch Intui-
tion’“. Woraus man vielleicht wird schließen müssen, daß die geistige Ernährung
schon durch anderes gewährleistet sein sollte, etwa aufgrund affiner Zugehörig-
keit? oder 6"JV J4 JH RLPH µ*@H ´ JD`B@LH ´ gÉ*@H (Lysis 222a)? oder durch Mittel
der Intelligenz? Allein diejenigen, deren geistige Ernährung wie auch immer gesi-
chert ist – dem, der hat, wird gegeben werden – und die sich zweifellos als bien-pensants
erwiesen haben, dürften einen legitimen Anspruch auf die Intuition haben; wer
aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden (Matth. 13,12).
Nach diesen eher prägnanten als klärenden (letztlich ideologischen? 6"JV
µ*@H ´ JD`B@LH ´ gÉ*@H?) Scheidungen äußert Curtius schließlich besagten Wunsch:
Was wir möchten, ist ja nur, daß Intuition und Intelligenz sich zusammenfänden“;
127
und der Leser wird sich darauf einstellen dürfen, daß ihm nun präzisiert oder de-
monstriert werde, wie sich bei Curtius zu den intuitionistischen Einsichten die
intelligenzbezogenen finden möchten. Wir folgen deshalb seinem Gedankengang
weiter, dabei ausgehend von der Annahme, daß Curtius nach der Behandlung des
Zusammenhangs ‘Kritik und Intuition’ nun einiges Erhellende zum Aspekt ‘Kritik
und Intelligenz’ sagen müßte.
Es ist allerdings festzustellen, daß bereits im nächsten Satz der Bereich der
Ontologie der Kritik wieder verlassen bzw. das Blickfeld auf die Literatur und die
Philologie erweitert wird: Wenn Curtius nämlich als deontologische Selbstver-
pflichtung (doch wohl der Kritik, von der bislang die Rede war) deklariert, „Wir
bekämpfen also den Aberglauben, daß Dichter dumm, Literaten ungebildet, Ge-
lehrte stumpf sein müssen“, fällt jedenfalls auf, daß der Kritiker in der Aufzählung
der von diesem Aberglauben Betroffenen resp. der genannten Mißstände fehlt.
Anwesend ist er zwar im „Wir“; aber da dieser Satz doch wohl eine Folgerung aus
dem vorhergehenden darstellen sollte – man bedenke den deiktischen Charakter
des „also“ –, müssen wir deshalb nun verstehen, daß das erwünschte Sichzusam-
menfinden von Intuition und Intelligenz sich nicht, wie zu erwarten gewesen wä-
re, in der Kritik, sondern bei Dichtern, Literaten und Gelehrten resp. in den über
diese verbreiteten Vorstellungen ereignen möge? Was aber die Kritiker angeht:
sollen wir annehmen, daß bei ihnen bezüglich dieser Synthese gar kein Bedarf
vorhanden ist, oder stehen wir hier vor einer kaum glaublichen Uneigennützigkeit,
die sich vor der eigenen Besserung zuerst in den Dienst der Aufwertung der an-
deren mit Literarischem Befaßten bzw. der Aufwertung von deren Image stellen
möchte? Wäre aber nicht damit der Weg zu einer auf die Kritik zielenden Bespre-
chung der angemahnten Synthese von Intuition und Intelligenz fürs erste verlas-
sen? Oder ist der Kritiker im Literaten subsumiert?
Einmal abgesehen von der vernachlässigbaren Ungewißheit, ob Curtius hier
von einem Aberglauben redet, der den beschriebenen Zustand fatalistisch als eine
Art unabänderliches Naturgesetz betrachtet (‘es wird wohl immer so sein, daß
Gelehrte stumpf sind’), oder ob er einen Aberglauben mit Aufforderungscharakter
meint, der verlangt, der Dichter habe dumm und der Gelehrte stumpf zu sein: Es
ist weder klar, wen eigentlich, das Publikum oder die Betroffenen, Curtius von
dem Aberglauben befallen glaubt, daß Dichter dumm, Literaten ungebildet und
Gelehrte stumpf sein müssen (er möchte wohlgemerkt nicht den Glauben bekämp-
fen, daß sie es sind; von der Überzeugung, daß dies in der überwiegenden Mehr-
zahl der Fälle natürlich zutrifft, war nicht zuletzt Curtius selbst zutiefst
128
durchdrungen), noch ist unmittelbar verständlich, wie er sich denkt, daß sein
Kampf gegen diesen Aberglauben seinen Wunsch nach einem Sichzusam-
menfinden besagter beider Vermögen befördern könnte. Daß als Ergebnis dieses
Kampfes den Dichtern die Intelligenz, den Literaten die Bildung und den Ge-
lehrten die Intuition auch tatsächlich zuwüchsen, könnte ohnehin kaum ge-
wünscht sein, denn ginge nicht der Elitismus elendig vor die Hunde, wenn mit
einmal alle literarische Welt intelligent, gebildet und mit Intuition gesegnet wäre!
Es fällt denn auch auf, daß Curtius sich in diesem Aberglauben nicht das bemän-
gelte Phänomen, sondern nur eine Folge- oder Begleiterscheinung zu bekämpfen
vornimmt: seine Mission könnte deshalb in jedem Fall nicht mehr als den zweifel-
haften kosmetischen Nutzen haben, daß sich in der falschen Vorstellung von
Dichtern, Literaten und Gelehrten, die er beim Publikum oder den Betroffenen
diagnostiziert hat, die jeweils fehlende Komponente hinzufände. Damit allerdings
wäre den dummen Dichtern, ungebildeten Literaten und stumpfen Gelehrten
immerhin insofern geholfen, als ihre Schande nicht mehr ruchbar wäre, und man
müßte sich fragen, ob sie das verdient hätten. Auch von daher sind Curtius’
Wunsch und Kampfansage zu relativieren.
Es stellt sich an dieser Stelle übrigens die Frage, ob, nachdem er soeben den
bis auf Platons Õ0JÎ< @Û*":äH ¦FJ4< zurückführbaren Unsagbarkeits-Topos mit dem
Bild des überspringenden Funkens einer intersubjektiven Inspiration – das bei
Platon der höchsten geistigen Tätigkeit vorbehalten ist: dem Philosophieren –
kombiniert und unter Umdeutung beider zur Aufwertung seiner höchsteigenen
Profession, der Literaturkritik, eingesetzt hat, Curtius hier nicht möglicherweise
erneut einen platonischen Topos aufgreift und zwar diesmal in einer der platoni-
schen Vorprägung vorgeblich entgegengesetzten Auffassung: Curtius scheint mit
der Ankündigung seines Kampfes gegen den Aberglauben von der Dummheit der
Dichter auf den ersten Blick, seinem Gestus nach zu urteilen, natürlich gerade
nicht auf der Linie der platonischen Abqualifizierung der Dichter als Repräsentan-
ten einer archaischen, überholten und inferioren Erkenntnisstufe zu liegen (auf
diesen Topos wollte ich hinaus164
164164
164). Tatsächlich aber tut er nichts anderes, als, be-
164
164164
164 Dies ist neben den geläufigeren, aus der Ethik (Stichwort, schon vor Platon: die
Dichter lügen und reden schlecht und falsch von den Göttern) und aus der Ideenlehre (Stich-
wort: Defizienz der Mimesis, vgl. 10. Buch des Staates) erklärlichen Deklassierungstopoi ein
dritter, weniger bekannter, aber konsistenterer und grundlegenderer Komplex bei Platon, der
sicherlich nicht unabhängig von der Konkurrenzsituation zu sehen ist, in der Dichter und Phi-
losoph bezüglich des Anspruchs auf Erkenntnisvermögen von Wahrem und Transzendentem
standen, der aber aus der avancierten Warte seiner Ontologie, Epistemologie und akademischen
129
wußt oder unbewußt, im Windschatten der Tradition von Platons verschiedenen
Verdikten gegen die Dichter mit einer von ihm selbst in den Raum gestellten und
sogar noch weitergehenden neuen Verdächtigung zu operieren und diese nicht nur
damit, sondern auch im argumentativen Kontext zu affirmieren. Denn von Aber-
glauben kann aus Curtius’ Sicht natürlich nur in Bezug auf die wirklich herausra-
genden Autoren, um die es ihm hier vorrangig zu tun ist, die Rede sein; bei der
überwältigenden Mehrheit würde er nach Lage seines Schrifttums mit Sicherheit
das beklagte Nichtzustandekommen der Synthese wegen mangelhafter Intelligenz
und fehlender Intuition konstatieren. Es ist bemerkenswert, daß Curtius das epi-
stemologisch begründete Verdikt Platons in der einen Richtung, gegenüber für
klein Erklärten und Unliebsamen, gegebenen häufigen Falls mit Häme oder Ag-
gressivität noch übertraf, während er in der anderen Richtung mit seinem mysti-
zistischen Intuitionismus, dessen hohes Lied er ja nicht nur im vorherigen Absatz
gesungen hat, auf die Stufe gerade der vorplatonischen bzw. vorsokratischen Vor-
stellungen zurückfällt, gegen die Platon sein Philosophieren als neuen und überle-
genen denkerischen Ansatz stellte. Um diesen Ansatz in aller Kürze mit den
Worten eines Spezialisten, nämlich Manfred Fuhrmanns, darzustellen: Platons
aufklärerischer Vernunftglaube betrachtet die neue ‘Weisheit’ (Sophia) [scil. die eigene Philoso-
phie] als Instanz, vor der intuitives Schaffen und Handeln als eine inferiore Bewußtseinslage, als
ein ‘Noch nicht’ erscheinen“. (Dichtungstheorie der Antike 78)
Praxis (s.o.) konsequent und kohärent ist: Der Dichter als Inspirierter ist nicht Herr seiner
Einsichten, er weiß in seiner Trance oftmals gar nicht, was er redet (vgl. auch den Ion), und
steht damit auf einer tieferen Bewußtseinsstufe als der bewußt Philosophierende. Manfred
Fuhrmann geht in Dichtungstheorie der Antike: Aristoteles - Horaz - ‘Longin’ (Darmstadt 1992, 78)
auch auf diesen Aspekt im Werk Platons ein: „Bei den Dichtern widerfuhr [Sokrates] etwas
Seltsames: Wie er feststellen mußte, verstanden sie selbst nicht so gut über ihre Werke zu reden
wie zufällig anwesende Dritte. Er schloß hieraus, daß es mit den Dichtern dieselbe Bewandtnis
habe wie mit Propheten und Orakelkündern: nicht ein bewußter Erkenntnisakt, sondern eine
natürliche Anlage sowie das Erfülltsein von Gott setzte sie in den Stand, ihre Werke hervorzu-
bringen. In ähnlicher Weise spielt der Schluß des Menon das Wissen gegen die Intuition aus:
Gottbegeisterte Seher, Dichter und Politiker, heißt es dort, vermögen zwar Wahres zu künden
oder Richtiges zu tun; hierbei werden sie jedoch nicht von wirklicher Einsicht, sondern durch
eine zutreffende Meinung geleitet. Beide Zeugnisse – sowohl die Apologie als auch der Menon
gehen von der Vorstellung aus, daß den rationalen Prozeduren, die Sokrates entdeckt hatte, der
Kunst des Definierens und dem induktiven Beweis, eine schlechthin universale Bedeutung zu-
komme“. Auch im Phaidros werde, bemerkt Fuhrmann, „an den bekannten Gegensatz künstle-
rischen Hervorbringens und wahrer Einsicht, die erst hier den Namen ‘Philosophie’ erhält,
erinnert [...]. Als Philosoph dürfe gelten, schreibt Platon, wer als Redner, Dichter oder Gesetz-
geber das von ihm Verfaßte durch dialektisches Argumentieren zu verteidigen wisse“ (80).
130
Bei Curtius dagegen ist der große Künstler vermittels der Intuition, dem Vermö-
gen des Genies, wieder in seine alten, man möchte meinen: romantischen, genie-
kultischen Rechte und auf „die höchste Stufe der Erkenntnis“ (Balzac 53) gesetzt.
Sein Mystizismus ruft in Erinnerung, daß bei den Griechen die „Erfahrung radi-
kaler Gotterfülltheit“ sogar einer noch „urtümlicheren Schicht als alle Kunst und
Dichtung“ entstammte, „sie war – als Quelle der Mantik, der Prophetie – in der
Religion zu Hause“ (Fuhrmann 77): das von Curtius mit Emphase beschworene
deviner le vrai ließe sich dann als eine Art säkularisierte Mantik165
165165
165 verstehen, die den
genialischen Menschen egal welcher Profession, Dichter, Philosoph, Kritiker, aus-
zeichnet und verpflichtet.
Curtius’ nächster Satz dürfte sich direkt auf seine Kampfansage an besagten
Aberglauben beziehen und kann als eine Art Kommentar verstanden werden, der
die Richtung seines weiteren Gedankengangs weist, bezüglich der beschworenen
Synthese aber bringt er kaum eine Klärung: „Eliot ist mir so sehr interessant auch
darum, weil er Kritik und Poiesis in einer Person vereint“ (317). Denn hier geht
es ebenfalls nicht um die rationale Seite der Kritik, die weiterhin nur als Kompo-
nente behandelt wird und nicht in ihrer eigenen spezifisch synthetischen Wesen-
heit. Wenn diese Charakterisierung Eliots aber das gerade beschworene Sichzu-
sammenfinden von Intuition und Intelligenz repräsentieren und als Gegenentwurf
zur einseitigen geistigen Unterernährung durch Intuition zu verstehen sein soll,
müßte sich wenigstens die Zuordnung bzw. Bestimmung der Komponenten dem-
entsprechend kohärent klären lassen: Die vorherige Betonung des besonderen
Gewichts der Intuition in der selbst ja schöpferischen, quasi-künstlerischen litera-
rischen Kritik und die Bedeutung und Etymologie des Wortes Poiesis (B@\0F4H = das
Machen, Verfertigen; das Dichten, die Dichtkunst; von B@4XT = machen, verferti-
gen), das Curtius mutmaßlich absichtlich statt der als Gegensatz naheliegenderen
Poesie benutzt – was nämlich darauf schließen lassen könnte, daß er den Aspekt des
165
165165
165 Die Mantik und angrenzende Bereiche mögen Curtius nicht völlig fremd gewesen
sein; Lausberg jedenfalls nimmt eine Stelle aus Curtius’ „Stefan George im Gespräch“ zum An-
laß, um das „auf Bonn weisende Manteuma“ (37) zu besprechen und scharfsinnig zu begrün-
den, warum „das auf Bonn weisende manteumatische Erlebnis in das Jahr 1910 fallen könnte“,
was sich nämlich nicht etwa auf die Berufung, sondern auf die Habilitation in Bonn 1913 be-
zieht. Curtius hatte sich noch 1950 in dem erwähnten Artikel erinnert: „Man stieg zur Rochus-
kapelle Goethischen Angedenkens empor oder stromabwärts über Bingerbrück zum
‘Schweizerhaus’ hinauf. Ein Wegweiser besagte dort: ‘Achtzig Wegstunden nach Bonn’. Das war
mir wie ein geheimnisvoller Ruf, den ich mir nicht zu deuten wußte. Er sollte sich bald ver-
wirklichen.“ (Krit. Ess. 107)
131
Gemachten,166
166166
166 Technischen, Bewußten, also der Intelligenz, an der Dichtung hervorhe-
ben will –, sprechen dafür, daß er eben nicht auf den üblichen Gegensatz Kri-
tik/Verstand vs. Poesie/Gefühl anspielt, sondern in Eliot das Sichzusammenfinden
der Kritik mit einer Dichtung „interessant“ findet, die dezidiert intellektuell ist.167
167167
167
Auffällig ist natürlich die Spezifizierung, daß deren Vereinigung bei Eliot „in einer
Person“ stattfindet, also nicht, wie man vielleicht erwartet hätte, innerhalb eines
Schaffensbereichs oder innerhalb einzelner Werke; damit bleibt darum völlig of-
fen, wie und ob überhaupt sich in Eliots Kritik und Poiesis die Intuition zur Intel-
ligenz findet. Diese Wertung ist zwar konsistent mit Curtius’ sonstigen
Äußerungen über Eliot, eine Konsistenz der Argumentation oder der Darstellung
der Kritik allerdings ist mit solcher kategorialer Transhumanz nicht zu erreichen.
Dies bestätigt sich im Fortgang, durch den die Zuordnung darum nicht er-
leichtert wird: Der Akzent liegt jetzt zwar eindeutig auf der Seite der Intelligenz,
aber die Ebene der Betrachtung ist eine andere, „Kritik“ repräsentiert nur noch
die intellektuelle Komponente einer übergeordneten Synthese, wenn Curtius
fortfährt:
Er [scil. Eliot] bestärkt mich in der Überzeugung, die ich neulich bei Marichalar wiederfand,
daß Kritik im 20. Jahrhundert ein Ingrediens aller hohen geistigen Produktion ist. Beispiele?
Hier sind sie: Gide, Proust, Valéry, Larbaud, Joyce, Ayala, Ortega [...]. Alle sind Künstler des
Intellektualismus, sind Bewußtmacher.
Curtius ist damit nicht nur innerhalb weniger Zeilen von der Seinsbestimmung
einer synthetischen Kritik, in der fundierende Intuition und Intelligenz sich zusam-
menfinden, unmerklich zu einer holistischen Betrachtung hoher geistiger Produk-
tion gewechselt, in die „Kritik“ nurmehr als „Ingrediens“, als rationale Synthesen-
166
166166
166 O. B. Hardison verweist in seinen Ausführungen zur Übersetzung des Titels und des
ersten Satzes von Aristoteles’ AgDÂ B@40J46H auf die „scattered indications in Aristotle, princi-
pally in the Metaphysics and Nicomachean Ethics, of a systematic division of human activities into
three major compartments labeled ‘theoretic,’ ‘practical,’ and ‘productive.’ The Greek term for
the productive sciences is poietike, a usage based on the verb poiein, meaning to make“ („Poetics,
Chapter I: ‘The Way of Nature’“, Yearbook of Comparative and General Literature 16 (1967). 6), und
begründet seinen Übersetzungsvorschlag wie folgt: „Poietike, as distinguished from poiein and
poiesis, refers to the art or techne of doing something, not to the act or product. The force of
the Greek is preserved in the English word poetic used as a noun to refer to rules or theories of
poetry [...]. To preserve this sense, Aristotle’s poietike should be translated „the art of making“
rather than making.“ (7)
167
167167
167 Das wird durch den 1949er Eliot-Aufsatz bestätigt, in dem Curtius gerade diesen in-
tellektualistischen Aspekt des Dichters und Poetikers Eliot wieder aufgreift.
132
Komponente eingeht; die Parallelisierung der „Kritik“ mit „Intellektualismus“
und „Bewußtmacher“ und ihre Charakterisierung als Ingrediens machen deutlich,
daß Curtius sich außerdem von einem Verständnis des Begriffes im Sinne von lite-
rarische Kritik und Wertung verabschiedet hat und Kritik offensichtlich jetzt in der
Bedeutung von ‘kritische Urteilskraft’ oder ‘kritische Haltung’ versteht. Diese re-
lative Verständnissicherheit währt allerdings nur bis zum nächsten Satz, in dem
Curtius im immer noch gleichen Atemzug einen neuen Gegensatz eröffnet: „Das
bloße ‘Gestalten’ oder was so unter dieser Marke geht, genügt eben nicht mehr“ -
was immer Curtius unter ‘bloßem Gestalten’ verstehen mag, das seiner rationalen,
bewußten, technischen, intellektualen Bestimmung nicht leicht zu entkleiden ist,
hier scheint ein intuitives künstlerisches Moment mit irrationalem Appeal durch,
das die Kritik indirekt als rational-intellektuale Instanz beschwört -, dann chan-
giert die Bedeutung wieder in Richtung auf die Literaturkritik. Curtius läßt seinen
Lesern allerdings kaum die Muße, all dies im einzelnen zu bedenken; ohne Absatz
eilt er zu neuen Einfällen und neuen Schauplätzen. Ich zitiere deshalb im Interesse
einer Verbesserung der Übersichtlichkeit noch einmal den Zusammenhang:
Eliot ist mir so sehr interessant auch darum, weil er Kritik und Poiesis in einer Person vereint.
Er bestärkt mich in der Überzeugung, die ich neulich bei Marichalar wiederfand, daß Kritik im
20. Jahrhundert ein Ingrediens aller hohen geistigen Produktion ist. Beispiele? Hier sind sie:
Gide, Proust, Valéry, Larbaud, Joyce, Ayala, Ortega [...]. Alle sind Künstler des Intellektualis-
mus, sind Bewußtmacher. Das bloße „Gestalten“ oder was so unter dieser Marke geht, genügt
eben nicht mehr. Ich nenne nur ausländische Namen? Aber ich könnte auch deutsche nennen.
Ich gehe so weit, für uns Deutsche die Priorität in Anspruch zu nehmen. Wir haben einmal ei-
nen Novalis, einen Fritz Schlegel gehabt. Da fängt die neue Welt an, wo Bewußtsein schöpferi-
sche Lebenserhöhung bedeutet; wo Mythos und Methode sich gatten; wo zum erstenmal
synthetischer Geist kristallisiert und sich ironisch-mystisch spiegelt. Wir haben dann Nietzsche
gehabt, der freilich als Kritiker bis heute noch unentdeckt ist, da wir ihn heroisch mumifizieren
oder wissenschaftlich aufarbeiten. Wir haben heute noch Kritik, wenn sie auch das erheischt
gute alte Sitte – als solche nicht erkannt wird oder werden darf. Wir wollen eben nur Dichter
haben.
Der Ton und die Motive, das ironisch-vorwurfsvolle Anreden gegen von ihm
selbst Unterstelltes,168
168168
168 die pathetische Überhöhung, all das dürfte dem Leser
168
168168
168 Man könnte durchaus versucht sein nachfragen: Wer will nur Dichter haben? – War-
um darf Kritik als solche nicht erkannt werden? Und wer verbietet das? – Ist Nietzsche tat-
sächlich als (Literatur-?, Kultur-?, Musik-?)Kritiker unentdeckt und das gerade deshalb, weil
wir ihn wissenschaftlich aufarbeiten? Anstatt wie anders? Angenommen Curtius denkt hier an
den Nietzsche der Unzeitgemäßen Betrachtungen, so kann man sich fragen, ob er 1927 mit dieser
133
mittlerweile vertraut sein. Klareres, Originelles oder Relevantes zum Wesen der
Kritik und/oder zur Komponente der Intelligenz in der Kritik wird sich auch auf
den folgenden Seiten nicht finden, weil Curtius, einer elementaren psychologi-
schen oder denkerischen Prädisposition folgend – man denke an das ‘Durchmes-
sen’ weiter Räume und Zeiten ‘im Fluge’, das ihn dem „Reich der Meister“
verband169
169169
169 –, dem Floaten durch die Kategorien und begrifflichen Ebenen nicht
entsagen mag; man kann deshalb hier abbrechen. Ein gewisses Ungleichgewicht in
der Darstellung zu Lasten der Intelligenz läßt sich daraus erklären, daß Curtius
sich durch dieses Thema möglicherweise weniger befeuert fühlte – ein für ihn
wichtiges Moment –: daß Kritik wesentlich eine intellektuelle Angelegenheit ist,
ist eine so landläufige Vorstellung, daß sich weitere Erklärungen oder Herleitun-
gen erübrigen mögen. Da im übrigen nach Curtius’ ‘kritischem Magismus’ die
Intuition als „Grund“ der Wertung bereits in der Kritik anwesend ist, ist das Sich-
zusammenfinden von Intuition und Intelligenz für die echte Kritik immer schon a
priori gegeben.
Meine Untersuchung dieser für das Verständnis von Curtius’ phänomenologi-
scher Ontologie der Metaliteratur zentralen Stelle möchte ich mit der Betrachtung ei-
ner weiteren antiken Vorstellung abschließen, die die unterschwellige griechische
Färbung, um nicht zu sagen: Fundierung der Passage abrundet und bekräftigt und
die meiner Ansicht nach bei einer Würdigung des Wunsches des Begründers der
Toposforschung à la Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter nach einem Sich-
zusammenfinden von Intuition und Intelligenz keinesfalls unerwähnt bleiben darf,
weil sie sich durch auffällige typologische Übereinstimmungen bzw. Parallelen aufs
glücklichste zu Curtius’ Überzeugungen fügt, nicht ohne wie in den vorherigen
Fällen durch eine signifikante Differenz erneut seine Originalität und Eigenstän-
digkeit zu verbürgen. Die folgenden Seiten seien nicht zuletzt eine Ergänzung zur
Toposforschung, denn Curtius hat dieser antiken Vorstellung trotz ihrer syntheti-
Klage nicht etwas spät kommt; Curtius wird als Elitist kaum ernsthaft einen Nietzsche für alle
propagieren wollen.
169
169169
169 „Wir haben im Fluge weite Zeiträume durchmessen. Freier Wechsel zwischen hi-
storischen Zeiten und Räumen ist für unsere Untersuchung notwendig. Genaue Chronologie
ist unser Rückhalt, nicht unser Leitfaden.“ (ELLMA 37) – Curtius konnte sich hier als eben-
falls zugehörig zu der Gemeinschaft der Trefflichsten wie Goethe fühlen, von dem er in „Goe-
the – Grundzüge seiner Welt“ (1949) zu berichten wußte: „Über weite Fernen von Raum
und Zeit hinweg weiß sich der deutsche Dichter zugehörig zu diesem Reich der Meister“
(Krit. Ess. 74), und: „Goethes Zeitgefühl überflog Lustren, Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahr-
tausende. Er hat ein Verhältnis zur geschichtlichen Zeit antizipiert, das heute philosophisch
durch Toynbee begründet wird“ (78).
134
schen Qualität sein Augenmerk merkwürdigerweise nicht geschenkt.
Manfred Fuhrmann, an den ich mich hier zwecks Beglaubigung des griechi-
schen Begriffs-Paares anlehne, das in eindeutiger Parallelität, ja Kongruenz zu
Curtius’ Intuition-Intelligenz-Synthese steht, bemerkt in seiner bereits herangezo-
genen Untersuchung zur Dichtungstheorie der Antike unter der Kapitel-Überschrift
„Die Quellen des Dichtertums: Enthusiasmus und Techne“, daß die Griechen
„sich seit früher Zeit, wenn es galt, die Voraussetzungen dichterischen Hervor-
bringens namhaft zu machen, auf zweierlei zu berufen“ (77) pflegten:
[s]ie verwiesen entweder auf unverfügbare, irrationale Kräfte außerhalb des Menschen, auf den
Enthusiasmus, die Inspiration,
also auf diejenige unabdingbare Komponente der Synthese, für die Curtius meist
den Begriff Intuition, manchmal aber auch Inspiration gebraucht,
oder auf das je eigene Können des Dichters, das auf Erfahrung und vor allem auf einem System
erlernbarer Regeln (Techne) beruhte.
In der ersten dieser beiden Vorstellungen, die seit Homer und Hesiod nach-
weisbar ist und die, wie Fuhrmann meint, die frühere gewesen sei, „herrschte die
Auffassung vor, daß Dichtung von den Göttern, insbesondere von den Musen oder
Apoll, eingegeben werde“ (wofür die bekanntesten Beispiele natürlich die Ein-
gangsverse der homerischen Epen mit den Anrufungen der Göttin in der Ilias
(9<4< g4*0, 2gV, A0804V*gT z!P48@H / @Û8@:X0<) und der Muse in der Odyssee
(!<*D" :@4 §<<gBg, 9@ØH", B@8bJD@B@<) sind, die in Vers 10 noch einmal als Göttin
und Tochter des Zeus angesprochen und zum Erzählen aufgefordert wird). Auch
die :"<\", der entrückte oder verzückte, jedenfalls begnadete Zustand (die übliche
deutsche Übersetzung ‘Wahnsinn’ ist zweifellos eine Verzeichnung), der als Vor-
aussetzung für das dichterische Schaffen angesehen wurde, galt als den Göttern
oder Musen zu danken,170
170170
170 was auf die religiösen Wurzeln der Dichtung und wie-
derum auf Mantik und Prophetie verweist, die aus derselben Quelle, der wahrsa-
genden :"<460, schöpften.171
171171
171 Die mythischen Dichter Orpheus, Musaios und
170
170170
170 In der Übersetzung von Schleiermacher/Kurz sagt Sokrates in Platons Phaidros zur
Verteidigung der :"<\": „nun aber entstehen uns die größten Güter aus einem Wahnsinn, der
jedoch durch göttliche Gunst verliehen wird“, *4
:"<\"H, 2g\"
:X<J@4 *`Fg4 *4*@:X<0H (244a;
Werke in acht Bänden, Bd. 5, Darmstadt 1990).
171
171171
171Um es mit der etymologischen Herleitung zu sagen, die Sokrates im Phaidros als Beleg
135
Linos waren Dichtertheologen und auch die historischen erklärten, wie Hesiod in
seiner Theogonia, den Menschen die Götterwelt, womit sie sich schon in der Anti-
ke, aber vor allem in späteren aufgeklärteren Zeiten wie dem lateinischen Mittel-
alter den Ruf erwarben zu lügen. Die Vorstellung von Inspiration und
Enthusiasmus172
172172
172 als einem gottgesandten ‘Wahn’ findet sogar bei Platon, der ihre
Verfallsformen bei den Dichtern teilweise verdammte, während er sie mit positi-
ven Vorzeichen für die Philosophie durchaus reklamierte, noch eine für die Dich-
ter positive Würdigung, die zu unserem Curtiusschen Zusammenhang paßt: Im
Phaidros läßt er Sokrates als letzte der Gutes und Großes bewirkenden Manien
diejenige nennen, die die zarte und – wie Schleiermacher übersetzt – „heilig ge-
schonte ["&"J@<] Seele“ ergreift und ihr zusammen mit der ebenfalls von den
Musen herabströmenden Inspiration173
173173
173 die Dichtkunst eingibt: „DÎ 9@LFä<
6"J@6TPZ Jg 6"Â :"<\"“ (245a). Dann erklärt er:
Wer aber ohne diesen Wahnsinn der Musen [<gL :"<\"H 9@LFä<] in den Vorhallen der
Dichtkunst sich einfindet, meinend, er könne durch Kunst [g6 JXP<0H] allein genug ein Dichter
werden, ein solcher ist selbst ungeweiht, und auch seine, des Verständigen Dichtung, wird von
der des Wahnsinnigen verdunkelt [im Sinne von ‘unsichtbar gemacht’, ‘in den Schatten ge-
stellt’: ²n"<\F20]. (Schleiermacher, 245a)
Seine vorherige Feststellung modifizierend, daß „von Anfang an, seit Homer,
die Kategorien der Inspiration und der Technik, der erlernbaren Regeln, eine
Rolle gespielt“ (71) haben, schreibt Fuhrmann zum zweiten Vorstellungsbereich
der Techne:
erst im 5. Jahrhundert, im Zeitalter der Sophistik, nahm die Vorstellung scharfe Konturen an,
daß Dichtwerke etwas ‘Gemachtes’ 174
174174
174 seien, daß sie in Anwendung gleichsam handwerklicher,
dafür vorträgt, daß „auch unter den Alten die, welche die Namen festgesetzt, den Wahnsinn
nicht für etwas Schändliches oder für einen Schimpf hielten“: sie hätten sonst nicht diese
„edelste Kunst [6"88\FJ®
JXP<®], durch welche die Zukunft beurteilt wird, eben diesen Namen
einflechtend die Wahnsagekunst benannt“ „"ÛJÎ J@ØJ@ J@Ü<@:" ¦:B8X6@<JgH :"<46¬< ¦:V8gF"<
(244c). Die „Neueren erst haben ungeschickterweise“ das „tau“ eingefügt und „sie Wahrsage-
kunst geheißen“, „:"<J46¬< ¦6V8gF"<“.
172
172172
172 Das OED übersetzt g<2@LF4".g4< mit „be inspired or possessed by the god“; im Phai-
dros (244b) ist g<2g@H (der Gottheit voll, gottbegeistert, besessen) Epitheton für die :"<J460
der Sibylla.
173
173173
173 Schleiermacher übersetzt diese von den Musen ‘herabströmende’ Einhauchung,
6"J@6TPZ, sehr schön als „Eingeistung“.
174
174174
174 Ich möchte zu bedenken geben, daß diese späte Datierung nicht ohne weiteres mit
136
rational kontrollierbarer Kunstgriffe entstünden. (77)
Die Sophisten nämlich hatten „für die von ihnen gelehrte Kunst, die Rhetorik, den
Titel einer Techne beansprucht[...]“ (81), und so konnte sich mit diesem Begriff
„die Bedeutung eines systematischen Lehrgebäudes“ verbinden. Um dieselbe Zeit
sei dann die Vorstellung aufgekommen,
daß auch das dichterische Schaffen eine Techne, ein Inbegriff tradierbarer Regeln sei: In dem
Wettstreit, den Aristophanes in seinen Fröschen die Tragiker Aischylos und Euripides austragen
läßt, soll entschieden werden, wer der Geschicktere in der Techne, im Fach des Tragödien-
schreibens sei.175
175175
175
Was nun das Verhältnis der beiden Vermögen betrifft, so scheint im Laufe
der Zeit die Bedeutung von Inspiration und Enthusiasmus hinter der Techne zu-
rückgetreten zu sein, wofür in je eigener Weise erst Platons Profanierung der
dichterischen Tätigkeit und später Aristoteles’ Poetik Ausdruck oder Motor gewe-
sen sein mögen. Für die „platonische Produktionsästhetik“ stellt Fuhrmann fest,
daß sie zwar „die Inspiration als die einzige Quelle wahrer Poesie [preist]“176
176176
176,
[d]och stets wird das gotterfüllte Hervorbringen mit rationalen Fähigkeiten konfrontiert: mit
dem Wissen und der Philosophie, mit der planmäßig zu Werke gehenden Techne. Der Gegen-
satz bezweckt meist eine Deklassierung der Inspiration. (1973, 76)
Aber nicht nur zu Platon liegt Curtius’ Position, wie der letzte Satz noch
einmal verdeutlicht, diametral entgegengesetzt: daß Curtius sich mit seiner Hö-
der ursprünglichen Bedeutung der Wörter zu vereinbaren ist, die von B@4g4< (= machen, tun)
abgeleitet sind: B@40JZH (= wer etwas macht, hervorbringt, schafft, der Verfertiger), B@\0F4H (=
das Machen, Verfertigen) und B@\0:" (für alles Gemachte, Getane, Werk, Arbeit) mußten Zeit
ihrer Benutzung in übertragener Bedeutung den Dichter, das Dichten (die Dichtkunst) und das
Gedicht mitsamt der ursprünglichen Bedeutung bezeichnen.
175
175175
175 Die Annahme, mit den Fröschen diese Vorstellung datieren zu können, scheint mir eine
fallacy zu sein, der vielleicht als erster der veralberte Aischylos widersprochen hätte, der nämlich
älter als die Sophisten ist. Und was ist mit dem Raffinement und der Vielfalt der Formen, die
die griechische Dichtung in den Jahrhunderten seit Homer entwickelt hatte? Es ist schwer vor-
stellbar, daß diese Dichtungen ohne einen hohen Grad der Bewußtheit von der Kunst des Ver-
fertigens entstanden sein könnten. – In der ersten Auflage seines Buches, die 1973 unter dem
Titel Einführung in die antike Dichtungstheorie erschienen war, hatte Fuhrmann weniger differen-
ziert, aber vielleicht stimmiger formuliert: „Seit Homer bestimmen die Kategorien Inspiration
und Techne die Auffassung von der dichterischen Erfindung“ (71).
176
176176
176 Einführung in die antike Dichtungstheorie, Darmstadt, WB, 1973, 76.
137
herbewertung der das Genie konstituierenden Intuition sozusagen auf einer vor-
sophistischen Stufe befindet, macht der Vergleich mit Aristoteles deutlich, der laut
Fuhrmann
mit der Enthusiasmus-Erfahrung der älteren Tradition und zumal seines Lehrers Platon wenig
anzufangen [wußte]. Man mag den Manikos des 17. Kapitels der Poetik als ein mattes Echo der
gottgesandten Mania des Phaidros deuten; im übrigen schrumpften die subjektiven, nicht er-
werbbaren Voraussetzungen des Dichtens bei Aristoteles zum ‘Talent’, zur Euphyia, sowie zur
Fähigkeit, Metaphern zu finden, zusammen. Die Poetik setzt voraus, daß Dichtungen im wesent-
lichen Erzeugnisse einer Techne seien, und sie knüpft hiermit offensichtlich an den Rationalis-
mus der Sophisten an (1992, 81),
Natürlich bietet die Antike neben dem Paar Enthusiasmus/Techne177
177177
177 noch
andere Modelle für die Voraussetzungen des Dichtens, die aber alle nach demsel-
ben Muster funktionieren: so zum Beispiel die nur indirekt überlieferte Formu-
lierung des für die Poetik-Tradition insgesamt wichtigen Neoptolemos von
Parion178
178178
178, der nach dem Zeugnis des Philodem von Gadara179
179179
179 den Dichter be-
177
177177
177 Wie die Grundlinien für ein Kapitel à la Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
über die antiken Vorläufer von Curtius’ Intuition und Intelligenz aussehen könnten, sei mit ei-
ner kurzen Rekapitulation der Anfänge der Tradition angedeutet, die ich von Fuhrmann
übernehme: „Die für die Nachwelt erkennbare Geschichte des Topos beginnt mit einer Äu-
ßerung Demokrits, wonach große Dichtung nur aus einem gottbegeisterten Wesen, aus En-
thusiasmus entspringe. Platon spitzt diese These zu; das dichterische Schaffen, heißt es bei
ihm, gründe sich nicht auf Einsicht und könne sich auch nicht auf eine Techne, d. h. auf die
Anwendung rationaler Verfahrensweisen berufen. Die aristotelische Poetik hingegen setzt be-
reits den Standpunkt des Sowohl-Als-auch voraus, wie Neoptolemos und Horaz ihn lehren:
Sie handelt einerseits von der Techne poietike und stellt Regeln auf; sie rechnet andererseits
– wenn auch ziemlich zurückhaltend – mit dem Erfordernis einer spezifischen Begabung.
Die Maxime, daß zur künstlerischen oder literarischen Leistung Talent und technisches Kön-
nen gehören, war wohl schon im 4. Jahrhundert v. Chr. ein philosophisch-rhetorischer Ge-
meinplatz.“ (1992, 151-52)
178
178178
178 Fuhrmann 146: „Der dem 3. Jahrhundert n. Chr. entstammende Horaz-Kommentar
des Porphyrio behauptet, in der Ars poetica seien die dichtungstheoretischen Lehren des Neop-
tolemos von Parion zusammengestellt, nicht alle, wohl aber die wichtigsten. Von Neoptolemos,
der im 3. Jahrhundert v. Chr. gelebt zu haben scheint, ist bekannt, daß er gelehrte Dichtung mit
philosophischen Studien verbunden hat.“
179
179179
179 Fuhrmann 146: „Nun waren in einer Villa des vom Vesuv verschütteten Herculaneum
– in der sogenannten Villa der Pisonen – allerlei Schriften des Philodemos von Gadara, eines
Epikureers aus der Zeit Ciceros, entdeckt worden. Hierunter befindet sich ein Werk mit dem
Titel Über Dichtungen. Der Verfasser polemisiert in einer ziemlich gut erhaltenen Partie dieser
Schrift gegen ältere Theorien; wie die glückliche Ergänzung einer Lücke schlagartig zeigte, zählt
zu den Angegriffenen auch Neoptolemos.“
138
zeichnet haben soll als „den, der sowohl Schulung (Techne) als auch dichterische
Begabung (Dynamis poietike) hat“180
180180
180. Zu nennen ist aber vor allem der von Cur-
tius so oft zitierte Horaz (vgl. Index in ELLMA), der in der Ars poetica den allem
Anschein nach ganz auf Curtius’ Linie der Primordialität der Intuition liegenden
Demokrit anführt:
ingenium misera quia fortunatius arte
credit et excludit sanos Helicone poetas
Democritus (295-298),
dies aber nur zum Anlaß nimmt, sich über die Folgen solcher Lehren zu mokieren
(fährt er doch fort: „bona pars non unguis ponere curat,/ non barbam, secreta pe-
tit loca, balnea vitat“ etc.etc.), und sich dann selbst in wenigen Zeilen, die in ihrer
Kürze leicht unentdeckt bleiben mögen, fast en passant zu der Auffassung bekennt,
daß beide Vermögen, ingenium und ars, gleichermaßen Voraussetzung für den
Dichter sind:
natura fieret laudabile carmen an arte
quaesitum est; ego nec studium sine divite vena
nec rude quid prosit video ingenium: alterius sic
altera poscit opem res et coniurat amice. (408-411)
In Anbetracht der Bedeutung, die das Postulat der unabdingbaren Synthese
von Intuition und Intelligenz (oder Entsprechendem) in seinen dichtungs- und
kritiktheoretischen Vorstellungen hatte, mag es verwundern, daß Curtius den an-
tiken Vorprägungen weder in seiner Horaz-Rezeption noch bei anderen Autoren
sein Augenmerk hat schenken wollen. Intuition und Intelligenz tauchen im „Sach-
und Wörterverzeichnis“ von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter gar nicht
auf, ars ist hier eine rein rhetorische Kategorie, lediglich einmal im Zusammen-
hang mit Graciáns Arte de Ingenio, tratado de la Agudeza finden sich die Wörter hier-
archisiert, nicht als aufeinanderbezogene Komponenten und deshalb ohne
synthetische Qualität. Ein Dualismus taucht da nur en passant ohne Würdigung der
Synthese auf, wenn Curtius Quintilians „quotiens ingenium iudicio caret“ (VIII 3,
56) paraphrasiert: „Die Gabe geistreicher Erfindung artet aber zum Fehler aus,
wenn sie nicht mit Urteilskraft gepaart ist. Das ingenium und das iudicium können
180
180180
180 Übersetzung von Chr. Jensen nach seiner Ausgabe Philodemus, De poematis V, Berlin
1923; zitiert nach Fuhrmann 146.
139
also in Gegensatz treten“ (299); man sieht, diese säkularisierte Begabung ist weit
entfernt von göttlichem Wahn oder dem Geschenk der Musen. Diese letzteren
übrigens würdigt Curtius im Rahmen seiner umfänglichen Beschäftigung mit ih-
nen 181
181181
181 kaum in ihrer aus seiner Sicht doch wohl hervorragenden Qualität als
Spenderinnen der dichterischen Inspiration, und obwohl er sie im Kontext seiner
Untersuchung als Topoi mit eindeutigen ‘weltanschaulichen’ Implikationen be-
handelt, stuft er sie dezidiert zu „‘konkreten’ Formkonstanten“182
182182
182 und „Stilele-
menten“183
183183
183 herab. Dahingestellt, ob eine Fixierung auf eine Topik, die eine rein
rhetorische Auffassung von Motiven, sozio-kulturellen Modellen und Themen als
Stilelemente und Formkonstanten propagiert, den Blick von andersartigen Zu-
sammenhängen abzuziehen vermag, wenn der Forscher gleichzeitig die geistige
Welt als nach Affinitätssystemen gegliedert begreift: es ist um so auffälliger, daß
Curtius in seinem ELLMA-Kapitel „Die Musen“ den Akzent derart eindeutig mehr
auf den formalen Aspekt184
184184
184 als auf den inhaltlichen legt, als er in aller Regel bei
Topoi, die ihm weltanschaulich oder geistesgeschichtlich am Herzen lagen, natür-
lich vorrangig die Aussage-Seite betrachtete, die ja ohnehin in Europäische Literatur
und lateinisches Mittelalter nur zu oft im Vordergrund steht. Ausgerechnet im Falle
der Musen aber interessiert er sich weit weniger für deren aktive Rolle als Geben-
de und Inspirierende als für die Dichter, die sich in ihrer invocatio autonom profi-
lieren; und dabei scheint sein Interesse sogar vor allem der negativen invocatio zu
gelten, der „Entwertung des Musenanrufs“ (239) und der von ihm so genannten
„Musenabwehr“ (247).
Was nun Horaz angeht, so fällt auf, daß im Personenregister von Europäische
Literatur und lateinisches Mittelalter ausgerechnet im Bereich des „Musen“-Kapitels
die größte Lücke die horazische Ubiquität unterbricht: Obwohl sich gerade bei
diesem Dichter reichlich Material zum Thema findet, führt Curtius ihn nur an ei-
ner Stelle an und hält da für erwähnenswert, daß Horaz „den Musen ein Gedicht
181
181181
181 Das Kapitel 13 von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, „Die Musen“, verar-
beitet die Aufsätze „Die Musen im Mittelalter“ (ZRPh 59 (1939): 129-88) und „Mittelalter-
Studien XVIII“ (ZRPh 63 (1943): 256-68).
182
182182
182 „Zu den ‘konkreten’ Formkonstanten der literarischen Tradition gehören die Musen.“
(ELLMA 235)
183
183183
183 „Durch die Aeneis werden die Musen als Stilelemente des abendländischen Epos neu
bestätigt.“ (ELLMA 239)
184
184184
184 „Der epische Musenanruf, der an besonders wichtigen oder ‘schwierigen’ Stellen er-
neuert werden konnte, dient bei Virgil und seinen Nachfolgern zur Verzierung der Erzählung
und zur Hervorhebung ihrer Höhepunkte.“ (ELLMA 239)
140
gewidmet“ (239) habe, das „nicht zu seinen glücklichsten Produktionen“ gehört,
und daß die „Entwertung des Musenanrufs [...] sich bei Horaz in parodistischer
Form“ zeigt. Nicht erwähnen hingegen mag der Deutsch-Römer Curtius seltsa-
merweise des singulären Falles in der Musen-Topik, den die sogenannten Römero-
den bieten er vermeidet diese Bezeichnung und erwähnt lediglich „ein [den
Musen gewidmetes] Gedicht [...] (Oden III 4), das sich in den Dienst der von Au-
gustus gewollten sittlich-religiösen Restauration stellt“ –, in denen Horaz die
Musen mit der Wiederaufnahme des alten Topos von den Musen als Lehrerinnen
der Menschheit (vgl. den Phaidros185
185185
185) ehrt und sich selbst zum Musarum sacerdos er-
klärt:
carmina non prius
audita Musarum sacerdos
virginibus puerisque canto,186
186186
186
kündigt Horaz in der ersten Strophe der ersten Ode an, und die vierte beginnt
geradezu prototypisch mit der invocatio:
Descende caelo et dic age tibia
regina longum Calliope melos.
Die Musen bekommen also eine bedeutungsvolle und eindeutig ethisch besetzte
Rolle im Zusammenhang des „utilis urbi“, das Horaz im Augustus-Brief (V.124)
für den Dichter definiert, wo er die Musen in eben dieser Funktion wieder an-
führt:
castis cum pueris ignara puella mariti
disceret unde preces, vatem ni Musa dedisset?187
187187
187
185
185185
185 In der bereits herangezogenen Phaidros-Stelle (245a) sagt Sokrates von jener „dritte[n]
Eingeistung und Wahnsinnigkeit von den Musen“, daß sie „in festlichen Gesängen und anderen
Werken der Dichtkunst tausend Taten der Urväter ausschmückend [...] die Nachkommen“ bil-
det. 186
186186
186 Curtius führt diese Stelle (Carmina, Liber III, 1, 2-4) übrigens auch im Zusammenhang
des „topos ‘ich bringe noch nie Gesagtes’“ (ELLMA 95f), wo er sich vorzüglich eingefügt hätte,
nicht an.
187
187187
187 Epistularum liber II, 1, 132-33. In der Übersetzung bei Manfred Fuhrmann (116-17):
Wer lehrte keusche Knaben und unberührte Mädchen Gebete, wenn die Muse nicht den Sän-
141
Daß Curtius die Musen-Topik bei Horaz auf die besagten ‘nicht-
glücklichsten Produktionen’ und die „Entwertung des Musenanrufs“ verkürzt, ist
nicht nur ein philologisches Problem.188
188188
188 Mit der Ausblendung der positiven, er-
neuernden Aufnahme des Musenanrufs zeigt Curtius eine bemerkenswerte In-
konsequenz, denn er verzichtet auf die Würdigung des singulären Falles einer
bewußten Traditions- und Kontinuitätsleistung, die eigentlich unbedingt seine
Sympathie verdient hätte, und zwar nicht nur wegen dieses an sich schon ver-
dienstvollen, ja ethisch überhöhten Merkmals, sondern vor allem wegen der Situ-
ierung innerhalb der hochaffinen und ebenfalls stark ethisch aufgeladenen Rom-
Ideologie, die ihm gerade auch wertvoll war wegen der „imperialen Idee Roms als
zeitlos gültiges Maß des Menschtums“ (Krit. Ess. 440). Insbesondere muß verwun-
dern, daß Curtius in Horaz nicht den Vorläufer in der ‘Restaurationsgesinnung’
erkannt hat, die er 1932 als Aufgabe des neuen Humanismus propagiert hatte189
189189
189
und die über das Kriegsende keineswegs in Vergessenheit, geschweige denn in
Mißkredit geraten war: 1946 erinnert er sich zur Zeit der Fertigstellung von Euro-
päische Literatur im „Vorwort zu einem Buche über das Lateinische Mittelalter und
die Europäischen Literaturen“, er habe, nachdem er Anfang der 30er Jahre „[a]us
dem ruhigen Gang der Forschung [...] herausgerissen“ worden war „durch bren-
ger gegeben hätte?“
188
188188
188 Fuhrmann 118: „Die Lyrik des Horaz, eines poeta doctus par excellence, ist durch-
tränkt von der griechischen, seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. auch in Rom beheimateten Bil-
dungstradition, und hierin spielen die musischen Gottheiten sowie allerlei Legenden, die den
Dichtern ein besonderes Charisma zuerkennen, keine geringe Rolle. / Horaz ist also ein Mu-
sarum sacerdos auch in dem Sinne, daß er sich von mancherlei musischen Mächten gefördert
und behütet weiß – nicht nur die Musen und Apoll, zu denen die Dichter seit jeher enge Bezie-
hungen unterhielten, sondern auch Bacchus, Faun und Merkur figurieren in der horazischen
Lyrik als Urheber dichterischer Inspiration und als Garanten der dichterischen Existenz. Das
Erstaunliche hieran ist, daß der ganze mythologische Apparat, der sich auf den ersten Blick aus-
nimmt wie ein von Versatzstücken der Vergangenheit vollgestopftes Museum, bei näherer Be-
trachtung durchaus echt und überzeugend wirkt: Horaz hat sich offenbar besonders gut darauf
verstanden, den überkommenen Chiffren für das dichterische Ingenium neues Leben einzuhau-
chen.“ – CurtiuszBeachtung verdient hätten vor allem die Anrufungen des Bacchus, wie etwa:
„Quo me, Bacche, rapis tu/ plenum?“ (Carmina, Liber III, 25, 1-2).
189
189189
189 In Deutscher Geist in Gefahr hatte Curtius 1932 einen Gedanken prägnant in eine For-
mel gegossen, den er drei Jahre vorher bei Hofmannsthals Tod bereits angedeutet hatte: „Der
neue Humanismus wird [...] Mediaevalismus und Restaurationsgesinnung sein müssen“ (126).
In „Hofmannsthals deutsche Sendung“ (Neue Schweizer Rundschau, 1929) hatte er von dessen
Konzept einer konservativen Revolution gesagt: „Diese konservativ-revolutionäre Gesinnung be-
zeichne ich als Restaurationsdenken nach der ersten geschichtlichen Form, in der sie zwischen
1790 und 1830 aufgetreten ist“ (Krit. Ess. 121).
142
nende Nöte der Zeit“ (970), gemeint, als „Heilmittel“ für den Deutschen Geist in
Gefahr „einen neuen Humanismus empfehlen zu dürfen“, der „Mediaevalismus
und Restaurationsgesinnung sein müsse“. Aus Fuhrmanns Zusammenfassung der
restaurativen Bestrebungen Horaz’ werden die Parallelen zu Curtius offensichtlich,
Alt-Griechenland und lateinisches Mittelalter, Wiederherstellung Alt-Roms und
‘konservativ-revolutionäre’ Restauration eines vorromantischen Zustands durch
die Überwindung der modernen Verirrungen:
Der Titel Musarum sacerdos charakterisiert indes nicht nur den ‘offiziellen’ Horaz und sei-
ne politisch-moralische Rolle im zeitgenössischen Rom; er reicht über den unmittelbaren Kon-
text in den Römeroden hinaus und gilt für die gesamte horazische Lyrik, für die Gedichte der Le-
bensweisheit ebenso wie für die der Freundschaft und der Liebe. Horaz hat nicht nur versucht,
gemeinsam mit den Besten seiner Zeit Alt-Rom wiederherzustellen; er war auch, und zwar
ebenfalls in Übereinstimmung mit anderen, bestrebt, Alt-Griechenland nach Italien zu holen
und ihm dort eine neue Heimstatt zu geben. (118)
Es ist in genau diesem Kontext interessant zu sehen, wie Curtius bei Jorge
Manrique, den er nicht zuletzt deshalb so außerordentlich geschätzt hat, weil er in
ihm den Verkünder eben jener „imperialen Idee Roms als zeitlos gültiges Maß des
Menschtums“ erkennen konnte, eine ganz unspezifische globale Ablehnung der
alten invocatio-Formeln
Dexo las invocaciones
De los famosos poetas
Y oradores,
in seiner Übersetzung nicht nur umdeutet und verkürzt, sondern durch Hinzuer-
findung der bei Manrique überhaupt nicht genannten und nun in seiner eigenen
Version mit einmal allein inkulpierten Musen tätlich umdichtet zur „Musenab-
wehr“, und zwar nicht etwa zu irgendeiner, sondern, so rühmt Curtius: Jorge
Manrique habe „in den Strophen auf den Tod seines Vaters, die das berühmteste
Gedicht der spanischen Literatur sind“ (247), den „schönsten Ausdruck dafür“
gefunden, daß „der abgegriffene190
190190
190 topos der Musenabwehr [...] im Munde eines
echten Dichters lebendig werden“ kann. Da Manrique selbst aber keineswegs ei-
nen Topos der „Musenabwehr“ in den Mund genommen hat, müssen wir nun
190
190190
190 Dies ist keine Verurteilung der „Musenabwehr“, sondern dient der Aufwertung von
Manriques Tat der Neubelebung, recte natürlich Curtius’ Übersetzung.
143
verstehen, daß Curtius, mit dem spätmittelalterlichen Spanier sich in der Musen-
abwehr einsgeworden wähnend, dieses Lob sich selbst zollte? Gerechterweise muß
man die Verlebendigung dieses abgegriffenen Topos tatsächlich dem Konto des
Nach-Dichters gutschreiben, dessen Bemühungen hier ihr Forum finden sollen:
Nicht die Musen ruf ich an
Wie die Meister, die Poeten
Und Gelehrten.
Die Ausblendung des Römers Horaz, der sich stolz zum Musarum sacerdos er-
klärt und seiner Abhängigkeit von den Gunstbezeugungen der Göttinnen gerühmt
hatte, in dem hier untersuchten Zusammenhang durch den Deutsch-Römer Cur-
tius, der sich nicht damit begnügen mochte, die Musen als Spenderinnen der In-
spiration nicht zu würdigen, sondern selbst zum tätigen Musarum propulsator wurde,
läßt an Lausbergs Einschätzung von Curtius’ Bewertung der Troubadourlyrik den-
ken:
Der Troubadourlyrik selbst (und in ihrem Gefolge PETRARCA) hat CURTIUS später nicht
mehr viel abgewinnen können, da er die zum Kult ausartende Frauenminne für eine mittelal-
terlich-moderne Verirrung hielt [...]. Es ist so zu verstehen, daß CURTIUS auch die Beatrice des
von ihm verehrten DANTE nicht für ein leibhaftiges Wesen, sondern für eine totale Allegorie
hielt. (Lausberg 46)
144
3 „DIE AUFGABE DES KRITIKERS“
Wenden wir uns nun einem frühen Höhepunkt praktischer Curtiusscher Litera-
turkritik zu, dem zwischen 1922 und 1924 entstandenen und 1925 in dem Essay-
Band Französischer Geist im neuen Europa erschienenen umfangreichen Aufsatz „Mar-
cel Proust“,191
191191
191 der nicht nur wegen der Aussicht, ein Spezimen dieser praktischen
Kritik unter die Lupe nehmen und das Sichzusammenfinden von Intuition und
Intelligenz in vivo beobachten zu können, sondern vor allem aus folgendem Grund
interessant ist: Anders als im Balzac, wo er sich geradezu jugendlich-ungestüm in
die empathische Annäherung gestürzt und ohne Vorbehalte oder Umschweife,
ohne Zeit mit Vorwort oder Einleitung zu vertun, mit einem Kapitel über nicht
weniger als das „Geheimnis“ Balzacs begonnen hatte, zeigt Curtius im „Proust“,
ähnlich wie später nach den beiden ersten einleitenden Seiten des Eliot-Aufsatzes,
etwas wie methodologische Bedenklichkeit oder Empfindsamkeit, eine Geneigt-
heit, vielleicht ein Bedürfnis, sich vor Beginn der Untersuchung zu erklären oder
zu rechtfertigen; kurz: eine wie auch immer geartete kommunikationsförderliche
Disposition, die uns ein einzigartiges, nicht nur für seine kritische, sondern – wie
sich zeigen wird – auch für seine philologische Ontologie hochrelevantes deonto-
logisches und gleichzeitig epistemologisches Bravourstück beschert, veranlaßt sie
ihn doch, nach ein paar impressionistischen Bemerkungen zum „Lebensumriss“,
zu frühem „Ruhm, Tod, Vollendung“ (12), seines Autors innezuhalten und ein
kurzes Kapitel zum selten behandelten Thema „Die Aufgabe des Kritikers“ einzu-
schalten.
Curtius beginnt seine dem Titel nach zu urteilen mutmaßlich deontologische
Reflexion mit dem speziellen Fall seiner eigenen Beschäftigung mit dem Werk und
allem Anschein nach ganz dezidiert mit der Person Marcel Prousts – der erste Satz
lautet „Proust ganz zu würdigen, wird erst möglich sein, wenn sein Werk abge-
schlossen vor uns liegt“ (14) – und skizziert die Aufgabe, die er sich für seine Un-
191
191191
191 Welche Bedeutung dieser Untersuchung seitens der Proust-Forschung beigemessen
werden konnte, mag eine Einschätzung aus dem in der Reihe „Erträge der Forschung“ der
Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (Darmstadt 1983) erschienenen Buch Marcel Proust von
Angelika Corbineau-Hoffmann andeuten, die dafür hält, daß „auch heute, nach mehr als fünfzig
Jahren, dem Proust-Leser kaum ein besserer Führer durch die Recherche empfohlen werden“
(16) kann: „Die Proust-Interpretation von Curtius gibt der weiteren Forschung ihre Schwer-
punkte vor. Die Geschichte der Proustdeutung läßt sich zu einem nicht geringen Teil als Aus-
differenzierung dessen verstehen, was Curtius aus seiner konzentrierten Lektüre an
Erkenntnissen gewann.“ (19)
145
tersuchung gestellt hat, vorderhand eher einschränkend und mit betonter Zurück-
haltung: Er unterstreicht zwar, daß Prousts „Werk“ „schon heute [...] eine solche
Ausdehnung und Fülle, ein solches Leben und eine solche Tiefe“ habe, „daß es zur
Betrachtung und Analyse drängt“, aber er legt doch Wert darauf zu differenzieren
– seine Reserve ist bis in die Diktion hinein von einer unverhohlenen Delikatesse
und Feinfühligkeit, die sich der nervösen Idiosynkrasie des Objekts empathisch
annähern –:
Die folgenden Blätter wollen in keinem Sinn den Gehalt der bis jetzt veröffentlichten Bände
erschöpfen oder umschreiben. Sie lassen der Entdeckerfreude des Proust-Lesers den weitesten
Spielraum. (14-15)
Statt solch Verwegenes oder Vermessenes – um etwas Derartiges muß es
sich, was immer mit ‘den Gehalt erschöpfen’ gemeint sein könnte, möglicherweise
handeln – zu prätendieren, bewegen seine Blätter, wie Curtius versichert, beschei-
denere Ambitionen:
Sie versuchen nur, ein paar charakteristische Linien in Prousts Werk sichtbar zu machen und
seine innere Struktur aufzuhellen (15).
Man könnte sich natürlich fragen, ob das zweite Vorhaben, „seine innere Struktur
aufzuhellen“, so terre à terre und vage das erste daherkommt, nicht für die Kohä-
renz seiner Bescheidenheitstopik192
192192
192 bereits wieder etwas zu hoch zielt, bemer-
kenswerter aber dürfte für uns an diesem ersten Absatz die eigentlich für einen
Kritiker und erst recht für einen Curtius überraschende Feststellung sein, daß es
seiner Ansicht nach nicht oder (an dieser Stelle) nicht unbedingt zur Aufgabe des
Kritikers“ zu gehören scheint, „den Gehalt“ des bislang vorliegenden Werkes zu
„umschreiben“, das andererseits „zur Betrachtung und Analyse drängt“.
Sollte diese Absage oder dieser Verzicht mit Rücksichtnahme auf die im Zu-
sammenhang genannte „Entdeckerfreude des Proust-Lesers“ begründet sein, die
durch eine Erschöpfung oder Umschreibung des Gehalts womöglich zu trüben
Curtius unbedingt vermeiden möchte und die erwartbarerweise durch die Auf-
hellung der ‘inneren’ Struktur des Werkes weniger beeinträchtigt werden dürfte
192
192192
192 Sein Unterkapitel über die Bescheidenheitstopoi „Affektierte Bescheidenheit“ in
ELLMA beginnt Curtius: „Der Redner hatte in der Einleitung die Hörer wohlwollend, auf-
merksam und gefügig zu stimmen. Wie macht man das? Zunächst durch bescheidenes Auftre-
ten.“ (93)
146
als durch die nur unter Nennung bzw. Verrat inhaltlicher und gedanklicher Ele-
mente zu leistende Behandlung seines wahrscheinlich fesselnderen, brisanteren
Gehalts, also des gedanklichen Inhalts, des geistigen, ideellen Wertes: es wäre
Curtius die selbstlose Größe zu attestieren, zum Vorteil des Proust-Lesers dem zu
entsagen, das ihm mehr als alles andere am Herzen lag, der kritischen Wertung auf
der Ebene der geistigen Affinität. Im folgenden jedenfalls schildert er seine eigene
Entdeckerfreude in einer Art und Weise, bei der er sicher sein kann, nicht be-
fürchten zu müssen, der Entdeckerfreude kommender Proust-Leser Abbruch zu
tun, denn er bleibt so eindeutig auf der subjektiven Seite seiner persönlichen Ein-
drücke und ästhetischen wie menschlichen Betroffenheit, daß über Prousts Werk
fürs erste tatsächlich nichts Konkretes oder Identifizierbares verraten wird. Folgen
wir nun der mutmaßlich ganz bewußt selbst literarisch, ja poetisierend angelegten
Schilderung seiner Impressionen, die wir sicherlich als Einlösung bzw. als Beleg-
probe seines Anspruchs auffassen dürfen, daß die Kritik die vierte gleichberech-
tigte literarische Form sei:
Der erste Eindruck beim Lesen ist ein seltsames Gemisch von Bezauberung und Verwir-
rung. Man fühlt sich überschüttet von einer scheinbar ungeordneten Fülle eindrängender Stoff-
massen, befremdet durch einen umständlichen, verwickelten Stil, dessen Bewegungsrhythmus
zunächst kein Gesetz erkennen läßt193
193193
193. Zugleich wird man gefesselt wie von den Klängen einer
neuen Musik, deren Harmonik man noch nicht analysieren kann; hineingezogen in eine Erleb-
nisart von so eigentümlichem Reiz, daß man sich ihren Lockungen hingeben muß. Man wüßte
nicht zu sagen, was es ist, das so sanft überredet und so magnetisch anzieht; man läßt sich trei-
ben wie auf einem ruhigen mächtigen Strom, gewärtig aller Abenteuer, willig sich lösend vom
hemmenden Automatismus der Gewohnheiten und der erstarrten Denkformen. (15)
Um den Kontext nicht zu unübersichtlich werden zu lassen, unterbreche ich
an dieser Stelle den Text – mitten im Absatz übrigens, wie ausdrücklich vermerkt
sei – zu einer Betrachtung dieser einstimmenden Passage, was auch darum sinn-
voll ist, weil sie für sich einen eigenen inhaltlichen und gedanklichen Zusammen-
hang bildet, von dem sich das Folgende stärker absetzen wird, als der
durchgehende Textfluß ahnen läßt: Hier verschränken sich Ausdrucks- und In-
haltsebene mit Rezeption und Reaktion, begegnen in evokativer Prägnanz – man
möchte meinen, ‘in ungeordneter Fülle eindrängend’ – formes du contenu, formes de
l’expression und substances du contenu, die allerdings trotz ihrer behaupteten, vorder-
193
193193
193 Die Beurteilung von Curtius’ Proust-Intuitionen und -Wertungen kann sowenig Ge-
genstand der Untersuchung sein wie die von Curtius-Wertungen durch Proust-ForscherInnen.
147
gründigen ‘Eindränglichkeit’ von der inexorablen Anteilnahme der empathischen
Beschreibung durchaus überflutet und einverleibt werden. Die Darstellung selbst
ist heterogen und emotional, geradezu expressionistisch, und man kann sich gut vor-
stellen, wie der lesende und aller Abenteuer gewärtige Curtius angesichts des be-
fremdenden, umständlichen, verwickelten Stils zwischen sanfter Überredung und
magnetischer Anziehung hin und her gerissen gewesen sein muß, als ihn beim wil-
lig enthemmten Sichtreibenlassen wie auf einem ruhigen Strom die Fülle eindrän-
gender Stoffmassen überschüttete. Dabei wird nachdrücklich und mit
beträchtlichem Aufwand der Eindruck einer persönlichen Begegung mit etwas
Unerhörtem, Außergewöhnlichem vermittelt, das keinen Empfänglichen und
Kundigen unberührt lassen dürfte und alleine schon ausreichend sein sollte, die
herausragende Qualität des Werkes zu beschwören. Zumal dies nicht nur auf einer
Ebene zu beobachten ist, sondern sich auf allen relevanten – von der substance de
l’expression abgesehen (um Hjelmslevs System zu komplettieren) Werk-Ebenen
ereignet: erwähnt werden die Stoffmassen (formes du contenu), Stil, Rhythmus,
Musik (formes de l’expression), vor allem aber imponiert offensichtlich der Ebene der
substance du contenu Zugehöriges, im speziellen Fall hier: (Er)Leben und Denken,
Ideen und Weltsicht, Psychologisches, Gesellschaftliches, also erwartungsgemäß
genau die Themen, die den weltzugewandten, sich einmischenden, lebensphiloso-
phisch geprägten und geistesgeschichtlich interessierten Kritiker Curtius zeitlebens
mehr als alles andere fesselten. Überraschenderweise ist dies aber gerade das, was
man gemeinhin - und doch wohl nicht plötzlich fälschlicherweise - unter den Be-
griff des ‘Gehalts’ eines Werkes subsumieren wird; und so entsteht allerdings, da
Curtius eben diesen „Gehalt“ wenige Zeilen zuvor aus dem Aufgabenbereich des
Kritikers ausgeschlossen hatte, wohl oder übel ein Kohärenzproblem. Aber lassen
wir diese Frage vorerst als einer gewissen Komplexität oder auch einer literarisch
vielschichtigen Schreibweise zuzuschreiben offen – es wäre schließlich denkbar,
daß er die substances du contenu zwar als seine Rezeption prägend anschneidet, sie
aber in seiner Untersuchung später tatsächlich weder „erschöpfen“ noch „um-
schreiben“ will und setzen die Lektüre über etwa das zweite Drittel der gesam-
ten Passage fort, das Curtius im nächsten Satz mit einer doppelten, sowohl
erzählten als auch immanenten Überraschung einleitet, von der aus sich der Text
systematisch einordnen und interpretieren lassen sollte:
Man stößt dann plötzlich auf einen Satz, der sich aus seiner Umgebung herauslöst und etwas
Besonderes zu enthalten scheint: einen gleichsam transparenten Satz, der die Eigentümlichkei-
148
ten des Autors ahnen, wenn auch noch nicht deutlich erfassen läßt. Und beim Fortschreiten
der Lektüre trifft man auf einen zweiten und dritten Satz verwandter Natur. Man spürt in der
Wiederkehr solcher Satzgebilde eine geheime Gesetzlichkeit. Verschieden nach Form und In-
halt, weisen sie doch auf ein Gemeinsames hin, aus dem sie stammen. Sie sind Erscheinungs-
weisen derselben seelischen Wirklichkeit. Indem sie sich gegenseitig ergänzen und erhellen,
machen sie uns eine seelische Nuance, eine geistige Eigenart des Verfassers deutlich. Wir wis-
sen jetzt, daß wir an einer wenn auch vielleicht peripheren Stelle das Geheimnis der schöpferi-
schen Originalität berührt haben. Wie sich der sichtbar gewordene Einzelzug zum Ganzen
verhält, bleibt zunächst noch ganz unbestimmbar. Aber ein Ansatzpunkt ist gewonnen. Nur aus
der sorgsamen Sammlung und Vergleichung solcher Einzelzüge kann in immer erneuter und
ausgeweiteter Betrachtung und Besinnung das Gesamtbild erarbeitet, kann die Intuition geklärt
werden. Alle echte Kritik geht diesen Weg. Proust selbst beschreibt ihn in seinem Ruskin-
Essay. (15-16)
Absichtslose Wahrnehmung offensichtlich ist es, die den beschriebenen Er-
kenntnisweg einleitet, man stößt plötzlich auf etwas, das man nicht gesucht hat; un-
scheinbare Anfänge, die unvorhergesehene Begegnung mit etwas vorerst nur dem
Anschein nach Besonderem, das sich noch nicht deutlich erfassen läßt, gehen dem zielbe-
wußten Suchen voraus. Man trifft dann auf ein zweites und drittes Phänomen verwand-
ter Natur, auf ähnliche Gegenstände, die auf ein Gemeinsames hinweisen und in deren
Wiederkehr man eine geheime Gesetzlichkeit spürt. Wir wissen jetzt zwar, daß wir an einer
wenn auch vielleicht nur peripheren Stelle das Geheimnis der schöpferischen Originalität be-
rühren, vorerst aber verfügen wir über nicht mehr als unfertige Ansichten über das
Ganze, denn das Verhältnis der sichtbar gewordenen Einzelzüge zum Ganzen, der Teile
zum Ganzen bleibt zunächst noch ganz unbestimmbar. Wir wissen außerdem, daß es
kleine und kleinste vorsichtige Schritte der Annäherung braucht, Einzelzüge sorgsam
gesammelt und verglichen, Teil und Teilchen beschaut werden müssen und daß man
nicht ruhen darf, bis aus immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und Besinnung
ein Gesamtbild erarbeitet ist, das nur so und nicht anders aufgefaßt werden darf.
Diese parallelisierende Vermischung der (kursiv gesetzten) Curtius-Stelle mit
den markanten Punkten jener Gröber-Passage, die Curtius als „in nuce ein Discours
de la méthode“ erschienen ist und aus der ihm Gröbers „persönliches wissenschaft-
liches Ethos“ gesprochen hat (Ges. Aufs. 448), macht deutlich, daß Curtius in sei-
nem Kapitel über die „Aufgabe des Kritikers“ eine praktische Durchführung von
Gröbers Diktum unternommen hat, nach dem „auch die romanische Philologie
[...] in ihrer Entwicklung den gewöhnlichen Gang menschlicher Erkenntnis
dar[stellt]“, der mithin auch für die Kritik zu gelten hätte.
Curtius’ Qualifizierung der Gröber-Passage als Discours de la méthode deutet
149
schon an, daß es sich bei dieser romanistischen Vorgabe und Durchführung
durchaus nicht unbedingt um eine Nachbildung des ‘gewöhnlichen’ oder eines für
alle und überall gleich verbindlichen Ganges menschlicher Erkenntnis handelt,
sondern eher um Relikte oder Versatzstücke, abgesunkenes philosophisches Kul-
turgut sozusagen, vor allem aus der Erkenntnislehre Descartes’ und ihrer Aus-
entwicklung innerhalb des Systems Spinozas. Neben der Annahme einer all-
gemeinen Kenntnis cartesianischer Vorstellungen innerhalb der Romanistik ließe
sich bei Curitus eine mögliche Vermittlung spinozistischer Gedanken durch Ri-
chard Avenarius vermuten, jenen „Schüler von Gröbers Lehrer Drobisch (man
möchte annehmen, daß Gröber ihn aus seiner Studienzeit kannte)“ (Ges. Aufs.
449), von dem Gröber – wie bereits erwähnt – laut Curtius ebenfalls „den Begriff
der vis minima übernommen“ hatte: Avenarius war einige Jahre vor der von Curtius
angesprochenen Habilitationsschrift über Philosophie als Denken der Welt gemäß dem
Prinzip des kleinsten Kraftmaßes von 1876 mit einer Arbeit Über die beiden ersten Phasen
des Spinozistischen Pantheismus hervorgetreten, die 1868 in Leipzig erschienen war,
wo Gröber seit 1865 unter anderem eben auch bei Moritz Drobisch studiert hatte
(Ges. Aufs. 429). Ein Vergleich der Begriffe und der Erkenntnisstufen im einzelnen
wäre wohl so ambitioniert wie in Anbetracht der gegebenen Unschärfen müßig, er
könnte aber versuchsweise beginnen mit der Auffassung der Curtiusschen Ein-
gangsbeschreibung seiner Begegnung mit dem Werk Prousts als einer Selbstverge-
wisserung des Ich und dann über die Stufen Wahrnehmung, imaginatio, experientia
vaga und ideae confusae bis zu den ideae clarae et distinctae führen, die über jeden
Zweifel erhaben sind und ‘nur so und nicht anders aufgefaßt werden’ können. Um
eine Kritik der epistemologischen Pertinenz der Curtius-Stelle ist es mir hier al-
lerdings weniger zu tun als darum, die meiner Ansicht nach direkte Vorlage aufzu-
zeigen, nach der Curtius die ‘formalen’ Wegmarken seines Gangs der kritischen
Erkenntnis angelegt hat, und eine Vorstellung von der Genauigkeit zu vermitteln,
mit der der Schüler seinen speziellen Fall einer persönlichen, nachgerade sinnlich
erlebtenkritischen’ Begegnung mit einem als affin empfundenen Autor in die selbst
ja keineswegs zwingende ‘Erkenntnis-Struktur’ seines Lehrers in der Philologie als
praktisches Exemplum eingepaßt hat. In die herausgearbeitete epistemologische
Struktur eingebettet konstituiert dabei die zweite forme du contenu der behandelten
Passage – es sind genau die Stellen, die in meiner Curtius-Gröber-Parallelisierung
vorerst ausgespart wurden – die Deontologie, die Aufgabe des Kritikers“, die sich
notwendigerweise ebenfalls gemäß den Gesetzen des Gangs „menschliche Er-
kenntnis“ entwickeln muß und sich nicht zuletzt deshalb folgendermaßen darstellt
150
(ich unterstreiche diesmal zur stärkeren Hervorhebung):
Womit der Kritiker plötzlich und absichtslos konfrontiert ist, ist die Wahr-
nehmung der Eigentümlichkeiten des Autors, die er erst nur erahnen (imaginatio),
aber noch nicht deutlich erfassen kann (experientia vaga). Gemeint sind allerdings
keine Eigentümlichkeiten des Stils, der Komposition, der Thematik, also der ein-
gangs erwähnten Bereiche, sondern offensichtlich interessiert Curtius an diesen
Satzgebilden alleine, daß sie Erscheinungsweisen derselben seelischen Wirklichkeit
sind, ein Phänomen, das – so weit ich sehe – von Hjelmslev nicht ausdrücklich
angesprochen wird, aber bezeichnenderweise in Curtius’ Präferenzkategorie der
substances du contenu gehören sollte. Deutlich wird aus der gegenseitigen Ergänzung
und Erhellung der besonderen Satzgebilde eine seelische Nuance oder eine geisti-
ge Eigenart des Verfassers; zunächst noch ganz unbestimmbar aber bleibt (es fehlt
die perceptio clara et distincta), wie sich diese Einzelzüge zum „Ganzen“ verhalten,
woraus darauf geschlossen werden könnte, daß der Erkenntnis dieses Verhältnisses
eine besondere Bedeutung zukommt. Der Gedankengang scheint insgesamt nahe-
zulegen, daß nach Curtius’ Auffassung das Ziel des Kritikers die Gewinnung von
ideae clarae et distinctae von der schöpferischen Originalität und/oder von einem
Gesamtbild ist, dessen Geheimnis der affine Kritiker absichtslos, aber zwangsläufig
berührt hat und das nun in immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und
Besinnung zu bestimmen wäre. Daß wir uns hier in der geistigen Welt der Affini-
tätssysteme befinden, ist längst offenkundig, und so kann es nicht mehr überra-
schen, daß am Ende – als Höhepunkt? – das Ziel der Klärung der Intuition des
Autors steht, womit schließlich eine merkwürdige Bewegung zurück an den erneut
herausgehobenen Beginn der schöpferischen Tätigkeit vollzogen wäre. Meint also
der folgende Satz „Alle echte Kritik geht diesen Weg“: in der geistigen Welt der
Affinität hat der echte Kritiker die Aufgabe, von den seelischen und geistigen Ein-
zelzügen über ein Gesamtbild zur Intuition des Autors zu gelangen?
Daß damit, daß „in immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und Be-
sinnung das Gesamtbild erarbeitet“ und „die Intuition geklärt werden“ kann, zwar
dem Anschein nach die letzte Erkenntnisstufe der ideae clarae et distinctae erreicht
wäre, tatsächlich aber die Aufgabe des Kritikers weiter ihrer eindeutigen Bestim-
mung harrt, deutet sich an, wenn Curtius, seine Darstellung durch eine höhere
Instanz beglaubigend, fortfährt, „Proust selbst beschreibt ihn [scil. den von Curtius
gezeichneten Weg aller echten Kritik] in seinem Ruskin-Essay“194
194194
194, und mit einmal
194
194194
194 Proust hat seinen Übersetzungen von Ruskins The Bible of Amiens (La Bible d’Amiens,
1904) und Sesame and Lilies (Sésame et les Lys, 1906) ‘Einführungen’ vorangestellt, die zuerst in
151
mit der ersten Weisung seines Gewährsmanns wieder ganz am Anfang zu stehen
scheint:
Die erste Aufgabe jedes Kritikers, sagt er, müßte darin bestehen, dem Leser zu verhelfen, „à
être impressionné par ces traits singuliers, placer sous ses yeux les traits similaires qui permet-
tent de les tenir pour les traits essentiels du génie d’un écrivain“. Wenn der Kritiker das ver-
standen hat, ist seine Aufgabe fast erfüllt. (16)
So überraschend es anmutet, daß der Kritiker seine Aufgabe bereits „fast“
erfüllt hat, wenn er nur „verstanden hat“, worin seine „erste Aufgabe“ besteht
(oder meint Curtius, ‘wenn er die erste Aufgabe erfüllt hat’?), festzuhalten ist: Es
kann zwar vermutet werden, daß der angekündigte Versuch, „ein paar charakteri-
stische Linien in Prousts Werk sichtbar zu machen“, auf das Erkennen gewisser
„traits singuliers“ als „Erscheinungsweisen“ seelischer und geistiger Eigenarten
zielt, die im Hinblick auf die Erarbeitung eines Gesamtbildes, vielleicht der
künstlerischen Persönlichkeit, gesammelt und verglichen werden sollen und als
„traits essentiels du génie d’un écrivain“ zu verstehen seien; die Aufgabe ist damit
aber laut Curtius (auch für Proust?) noch nicht zur Gänze erfüllt, und so kann als
Zwischenergebnis nur verbucht werden, daß Curtius in Proust einer weiteren
Vorlage zu folgen scheint. Wir müssen darum vorerst auf dieser Erkenntnisstufe
verweilen, denn Curtius bricht seine Aufgabenbestimmung mit besagtem „fast“ in
diesem nicht völlig aufschlußreichen Zustand ab und wendet sich unvermutet
(aber wie so oft) gegen imaginierte oder tatsächliche Unfähige oder Uneinsichtige,
die die Aufgabe, „jene charakteristischen Einzelzüge“195
195195
195 herauszufühlen, nicht be-
wältigt oder befolgt haben, und bringt diesen immer noch selben Absatz im an-
schwellenden Pathos affektiver Affirmationen zu einem abrupten und eher offenen
Ende:
Wenn der Kritiker das verstanden hat, ist seine Aufgabe fast erfüllt. Wenn er es nicht verstan-
den, wenn er jene charakteristischen Einzelzüge nicht herausgefühlt hat, dann kann er zwar
Zeitschriften erschienen waren („Ruskin à Notre-Dame d’Amiens“, 1900; „Sur la lecture“,
1905) und 1919 in leicht veränderter Form in Pastiches et mélanges aufgenommen wurden, zu-
sammen mit einigen Artikeln, die unter dem Titel „John Ruskin“ firmieren. Curtius, der kei-
nen Herkunftsnachweis gibt, meint mit „seinem Ruskin-Essay“ nicht diesen letzten, sondern
„Ruskin à Notre-Dame d’Amiens“.
195
195195
195 Von Einzelzügen, aus denen sich das Gesamtbild und die Intuition des Autors erge-
ben können, hatte Curtius vorher gesprochen, nun scheint er so Prousts „traits singuliers“
und „traits essentiels du génie d’un écrivain“ aufzugreifen.
152
immer noch alle möglichen Bücher über Ruskin schreiben: ‘Ruskin als Mensch’, ‘als Schrift-
steller’, ‘als Prophet’, ‘als Künstler’: aber alle diese Konstruktionen, so geistvoll sie durchgeführt
sein mögen, werden Ruskins Wesen nicht treffen; sie können dem Kritiker Ruhm und Ehre
eintragen – aber für das Verständnis von Ruskins Werk werden sie weit weniger nützen als die
genaue Festlegung einer scheinbar noch so unwichtigen Nuance. (16-17)
Natürlich ist leicht vorstellbar, daß die von Curtius einbestellten geistvollen
Konstruktionen – wenn sie es denn versäumt hätten, „jene charakteristischen Ein-
zelzüge“ herauszufühlen in dem Versuch, „Ruskins Wesen [zu] treffen“, einer
Untersuchung Curtius’ etwa über „Ruskin, ein Gesamtbild nach charakteristi-
schen Einzelzügen“ hoffnungslos unterlegen wären. Wenn aber unter „Wesen“ et-
was wie ein geistig-seelisches Gesamtbild oder in Anlehnung an Proust das „génie
d’un écrivain“ zu verstehen ist (Curtius und Proust reden offensichtlich nicht von
ein und demselben), hätte Curtius sich dann in den (von ihm imaginierten oder
realen?, jedenfalls) inkriminierten Konstruktionen den Titeln nach zu urteilen
nicht rechte Teilaspekt-Popanze als Konkurrenten geschaffen? Ein Kritiker, dem es
gelungen wäre, mit einer geistreichen Konstruktion über Ruskin als Mensch oder
Künstler zu „Ruhm und Ehre“ zu gelangen, könnte wahrscheinlich um so leichter
verschmerzen, wenn er „für das Verständnis von Ruskins Werk“, auf das er
schließlich so wenig hat notwendigerweise fokussieren müssen wie auf Ruskins
Wesen“, weniger nützte als die „genaue Festlegung einer scheinbar noch so un-
wichtigen Nuance“. In unserem Zusammenhang aber könnte schon von Interesse
sein, welcher Qualität dieser „scheinbar noch so unwichtigen“ (tatsächlich also
wichtigen?) Nuance es zu danken wäre, daß ihrer „genaue[n] Festlegung“ eine
solche Bedeutung für das Verständnis des Werkes zukäme. Bislang hatte Curtius
die „Aufgabe des Kritikers“ als auf Seele, Geist, schöpferische Originalität, Intuiti-
on respektive als auf das „génie d’un écrivain“ gerichtet beschrieben; im nächsten
Absatz wird er die „Rekonstruktion der geistigen Gesamthaltung des Autors“ nen-
nen, zu der „die Kritik in synthetischem Verfahren“ fortschreitet (17). Nun aber
wird das Werk“, in dem Curtius eingangs nur ein paar charakteristische Linien
hatte versuchen wollen, sichtbar zu machen, den mit dem Menschen, Propheten,
Künstler Ruskin Befaßten als fernes und verfehltes Erkenntnisziel vorgehalten; und
man muß sich fragen, ob nach Curtius’ Weisung zum Verständnis des Werkes
ebenfalls – dies suggeriert die pointierte Valorisierung der „scheinbar noch so un-
wichtigen Nuance“: – gerade jene geistigen und seelischen Nuancen prädestiniert
sein sollen, die vorher aus ihm isoliert worden waren, um schon bezüglich Intuiti-
on, Genie und geistiger Gesamthaltung des Autors für Erkenntnis zu sorgen. Hat
153
Curtius also an seinem Autor Proust und dessen Auffassung von der Aufgabe des
Kritikers vorbei doch das Werk im Visier?
Vielleicht könnte an dieser Stelle ein Umweg über die beschworenen fallie-
renden bzw. konkurrierenden kritischen Positionen zu einem Verständnis von
Curtius’ Weg und Ziel führen, ein Umweg, der umso reizvoller scheint, als die
leichte Animosität Curtius’ durchaus angetan ist, die Neugierde auf geistreiche
Konstruktionen wie die über ‘Ruskin als Künstler’ oder als ‘Prophet’ zu wecken,
ein Umweg, der jedoch praktisch ungangbar ist, da Curtius keinerlei Anhalts-
punkte oder Hinweise gibt. Man wäre gezwungen, etwa einen Suchbefehl „Ruskin
als Prophet“ ins Blaue absetzen. Man könnte vermutlich nur auf ein einziges Ob-
jekt stoßen:
Comprenant mal jusque-là la portée de l’art religieux au moyen âge, je m’étais dit, dans ma fer-
veur pour Ruskin: Il m’apprendra, car lui aussi, en quelques parcelles du moins, n’est-t-il pas la
vérité? Il fera entrer mon esprit là où il n’avait pas accès, car il est la porte. Il me purifiera, car
son inspiration est comme le lys dans la vallée. Il m’enivrera et me vivifiera, car il est la vigne et
la vie. Et j’ai senti en effet que le parfum mystique des rosiers de Saron n’était pas à tout jamais
évanoui, puisqu’on le respire encore, au moins dans ses paroles. [...] Avant même de savoir si je
l’y trouverai, c’est l’âme de Ruskin que j’y allais chercher et qu’il a imprimée [...] profondement
aux pierres d’Amiens [...]. Et maintenant nous avons beau nous arrêter devant les statues
d’Isaïe, de Jérémie, d’Ezéchiel et de Daniel en nous disant: „Voici les quatre grands prophètes
[...]“, il y en a un de plus qui n’est pas ici et dont pourtant nous ne pouvons pas dire qu’il est
absent, car nous le voyant partout. C’est Ruskin: si sa statue n’est pas à la porte de la cathédrale,
elle est à l’entrée de notre cœur. Ce prophète-là a cessé de faire entendre sa voix. Mais c’est
qu’il a fini de dire toutes ses paroles. C’est aux générations de les reprendre en chœur.
Der Leser wird es sich längst denken können, die Indizien auf La Bible
d’Amiens – „l’art religieux au moyen âge“, „pierres d’Amiens“, „la cathédrale“ –
brauchen nicht deutlicher zu sein: der Autor dieser hymnischen Zeilen ist nie-
mand anderer als Marcel Proust, und es handelt sich hier um das Ende von natür-
lich keinem anderen Text als dem von Curtius ungenannt herangezogenen „Ruskin
à Notre-Dame d’Amiens“196
196196
196, der seit 1919, fast zwanzig Jahre nach seinem ersten
196
196196
196 Zitiert nach dem fünften Band der Werke-Ausgabe in der Bibliothèque de la Pléiade,
Contre Sainte-Beuve, Hg. P. Clarac, Y. Sandre, Paris, Gallimard, 1971, 104-05. – In Pastiches et mé-
langes beginnt gleich im Anschluß an diese Passage der nach dem Tode Ruskins verfaßte Essay
„John Ruskin“ mit einer regelrechten Divinisierung:Comme les ‘Muses quittant Apollon leur
père pour aller éclairer le monde’ [Gemälde von Gustave Moreau], une à une les idées de Rus-
kin avaient quitté la tête divine qui les avait portées et, incarnées en livres vivants, étaient allées
enseigner les peuples.“ (105-06)
154
Erscheinen, in Pastiches et mélanges wieder vorlag. Nicht genug also damit, daß man
nach dem Anfang des Proust-Aufsatzes den Verdacht hegen konnte, daß Curtius’
kritisches ‘Programm’ durchaus in einem ‘Proust als künstlerische Persönlichkeit’
oder einem ‘Proust, der Mensch und Schriftsteller’ gipfeln könnte: als ein veri-
tabler ‘Ruskin als Prophet’ erweist sich ausgerechnet das Schlußbild desselben
„Ruskin-Essays“, aus dem Curtius Prousts Beschreibung des Weges aller echten
Kritik extrahiert hatte. Die Verwirrung könnte kaum größer sein: Hat er sich
womöglich mit einer verdeckten Spitze gegen eine ‘geistvolle Konstruktion’
Prousts gewandt? Ein Grund mehr, Curtius’ Weg bis zur Quelle zurückzuverfol-
gen. In einer Fußnote auf einer der ersten Seiten von „Ruskin à Notre-Dame
d’Amiens“ begründet Proust, warum er „au cour de cette étude“ „tant de passages
de Ruskin tirés d’autres ouvrages de lui que La Bible d’Amiens“ (75) zitiert habe
(der Text besteht tatsächlich zum größten Teil aus solchen Zitaten): Nur ein Buch
eines Autors zu lesen, sei wie eine einzige Begegnung mit ihm, wie ein einziges Ge-
spräch, bei dem man zwar an dem anderen „des traits singuliers“ feststellen kön-
ne, aber „c’est seulement par leur répétition dans des circonstances variées qu’on
peut les reconnaître pour caractéristiques et essentiels“. In den Künsten bilde die
„variété des œuvres“ diese „variation des circonstances qui permet de discerner
[...] les traits permantents du caractère“. In anderer Weise als Curtius, der Ver-
gleichbares aus einigen besonderen und „gleichsam transparenten“ Sätzen eruie-
ren wollte, und ohne gleich von einem Königsweg der Kritik zu reden erklärt sich
Proust auch zum Ziel seiner weniger instantanen, aufwendigeren Methode: „du
rapprochement des œuvres différentes nous dégageons les traits communs dont
l’assemblage compose la physionomie morale de l’artiste“ (75). Vor diesem Hin-
tergrund und der Überlegung, daß man in weiteren Werken die Besonderheiten
wiederfindet, „dont la première fois nous aurions pu croire qu’elles appartenaient
au sujet traité autant qu’à l’écrivain ou au peintre“, wird die von Curtius zitierte
und – wie sich nun herausstellt – merklich abgeänderte Proust-Stelle erst wirklich
verständlich:
Au fond, aider le lecteur à être impressionné par ces traits singuliers, placer sous ses yeux
des [sic, Curtius hat ein bestimmteres „les“] traits similaires qui lui [sic, diese erneute Einbeziehung
des Lesers fehlt bei Curtius] permettent de les tenir pour les traits essentiels du génie d’un écri-
vain devrait être la première partie [!] de la tâche [nicht die erste Aufgabe] de tout critique. (76)
Genau betrachtet beschreibt Proust also keineswegs, wie Curtius behauptet,
155
den von diesem postulierten ‘Weg aller echten Kritik’: weder gibt es bei Proust
den stimmungsvollen Aufstieg von der absichtslosen Wahrnehmung über manche
Anstrengung zur höchsten Stufe der Erkenntnis – seine Methode ist der eher ba-
nale Vergleich verschiedener Texte –, noch benennt er die gleichen Ausblicke und
Ziele wie Curtius. Anders als Curtius mit seiner phantasievollen Abundanz von
Erscheinungsweisen seelischer Wirklichkeit, von seelischen Nuancen und geistigen
Eigenarten in geheimer Gesetzlichkeit registriert Proust lediglich unspezifisch
„traits singuliers“, „caractéristiques et essentiels“, allerdings auch die „traits per-
manents du caractère“; und wo Curtius „das Geheimnis der schöpferischen Ori-
ginalität“ berühren und die Intuition klären will, zielt Proust auf die „physionomie
morale de l’artiste“, was sich mit ‘geistig-seelisch’ nur teilweise deckt. Während
Curtius die Entdeckerfreude des Proust-Lesers nicht beschneiden wollte und eine
ausgesprochen subjektivistische, auf sein persönliches Betroffensein fokussierende
Haltung einnimmt, ist Prousts gesamte Angehensweise eine eindeutig auf den Le-
ser bezogene; er entwickelt diese vergleichende, ‘intertextuelle’ Methode aus-
drücklich aus der didaktischen Überlegung heraus, dem Leser zur Erkenntnis der
„traits essentiels du génie de l’écrivain“ zu verhelfen: dies ist der erste Teil der
Aufgabe des Kritikers.
Der Unterschiede zwischen den beiden Wegen und Zielen könnten also
kaum mehr sein, mehr hätten kaum Platz auf dem engen Raum des untersuchten
Zitats. Daß aber für weitere Überraschungen gesorgt ist, zeigt sich sogleich, wenn
wir Prousts Gedanken über den Kritiker noch ein Stück folgen und erkennen, daß
Curtius zum Schluß seines Absatzes eine nichtdeklarierte Übersetzung geliefert
hat, die allerdings derart ‘frei’ ist, daß er guten Grund hatte, sie nicht anzuzeigen:
S’il a senti [Curtius: verstanden] cela, et aidé les autres [!] à le sentir [fehlt bei Curtius], son
office est à peu ps rempli. Et, sil ne l’a pas senti, il pourra écrire tous les livres du monde sur
Ruskin: „l’homme, l’écrivain, le prophète, l’artiste, la portée de son action, les erreurs de la
doctrine“, toutes ces constructions s’élèveront peut-être très haut [Curtius: so geistvoll sie sein mö-
gen], mais à côté du sujet [Curtius: werden Ruskins Wesen (!) nicht treffen]; elles pourront porter aux
nues la situation littéraire du critique [Curtius: Ruhm und Ehre eintragen], mais ne vaudront pas,
pour l’intelligence de l’œuvre, la perception [Curtius: Festlegung] exacte d’une nuance juste [Cur-
tius: unwichtig], si légère semble-t-elle. (76)
Curtius hat also den nicht kenntlich gemachten Text Prousts nicht nur ‘dra-
matisiert’, er hat ihn für seine Wegbeschreibung zurechtgebogen und durch die
Einfügung des Erkenntnisziels „Ruskins Wesen“, das jene geistvollen Konstruktio-
156
nen „nicht treffen“ werden, nicht nur verunklart, sondern nachgerade deutsch
verballhornt. Sein creative misreading hat den Text insbesondere an den entschei-
denden, abweichenden Stellen verändert und die neutralen „traits essentiels“ und
„caractéristiques“, die ja in der Separation des Zitats nicht mehr als ein abstraktes,
unbesetztes Gerüst sind, durch seine eigenen Ideen ersetzt und für den Leser zu
einem Geist-Seele-Empathismus aufgeladen. Curtius hat so dafür Sorge getragen,
daß der Leser nicht den Hauch einer Chance hat, geschweige denn durch ihn eine
Hilfe bekommt (ich erinnere an Prousts „aider le lecteur à être impressionné“),
von den originalen Gedanken Prousts beeindruckt zu werden und ihre Besonder-
heit zu erkennen; er bekommt stattdessen den mit Proustscher Etiquette aufge-
werteten ‘Weg aller echten Kritik’ nach Ernst Robert Curtius. Auf dieser Basis
wird der Interpret Proust völlig ungebunden weiter à la Curtius erklären:
Wir dürfen uns die Darlegungen Prousts dahin deuten, daß alle wahre Kritik damit an-
hebt, die seelischen Formelemente eines Autors – nicht seine Meinungen, nicht seine Gefühle
– zu ermitteln.
Proust hat aber etwas Derartiges auch nicht annähernd geäußert, und so
dürfen wir uns dieser Deutung keineswegs anschließen, sondern müssen feststel-
len, daß Curtius mit besagten ‘seelischen Formelementen’, was immer dies sein
mag, Proust erneut eine völlig eigene Prägung aufdrückt. Für Curtius ist dies oh-
nehin nur eine Art Übergang, um nun unter dem Anschein einer Proust-
Paraphrase vom Weg der Kritik auf seinen Lieblingsparcours einzubiegen, der vom
vertrauten Leuchten der Intuition erhellt wird, während über dem verdeckten
Proustschen Weg der Vermittlung für den Curtius-Leser unsichtbar nur der
schwache Docht der Aufklärung glimmt:
Solche Kritik kann nicht erlernt werden. Denn jene Einzelzüge, auf die es ankommt, kann man
nicht suchen – sie müssen einem aufleuchten. Kritische Begabung ist nichts anderes als die Fä-
higkeit, von solchen Einzelzügen frappiert zu werden. Wenn das Philosophieren im Staunen
wurzelt, so ist es die Voraussetzung aller Kritik, daß dem Kritiker bestimmte Dinge auffallen.
Beides vollzieht sich nur bei aufgeschlossener Hingabe an den Gegenstand. Die Ruhe und Passi-
vität des reinen Aufnehmens muß die Grundhaltung des Kritikers sein. Rezeption ist die Vor-
bedingung der Perzeption, und diese führt zur Konzeption. Denn über die Wahrnehmung und
Festlegung der Einzelzüge hinaus schreitet die Kritik in synthetischem Verfahren zur Rekon-
struktion der geistigen Gesamthaltung des Autors fort.197
197197
197 (17)
197
197197
197 Ich verzichte auf eine Kommentierung dieser Passage im einzelnen; nur soviel zur un-
vermeidlichen Topik: „Wenn das Philosophieren im Staunen wurzelt, so ist“ es vielleicht nicht
157
So wäre Curtius also von den seelischen Nuancen und geistigen Eigenarten
„in synthetischem Verfahren“ endlich dazu gekommen, das totalisierende, syntheti-
sche Lexem „Gesamt“ hinzusetzen zu können. Proust aber hatte – entgegen dem
Eindruck, der bei Curtius entsteht – von all dem nichts geschrieben, sondern sich
sowohl was die Einschätzung des eigenen kritischen Handelns als auch was das an-
visierte Erkenntnisziel betrifft bescheidener gegeben, wie der direkt auf die von
Curtius ‘übersetzte’ Stelle folgende Absatz zeigt, den Curtius desungeachtet in sei-
ne Ausführungen inkorporiert, als beschreite man permanent denselben Weg. Im
Zusammenhang sieht dies folgendermaßen aus – man beachte die bemerkens-
werten Unterschiede in Diktion und Substanz zwischen den beiden von Curtius
nichtsdestotrotz verschmolzenen Angängen –:
[...] schreitet die Kritik in synthetischem Verfahren zur Rekonstruktion der geistigen Gesamt-
haltung des Autors fort. Oder, um Proust wieder das Wort zu geben: „Je conçois pourtant que
le critique devrait ensuite aller plus loin. Il essayerait de reconstituer ce que pouvait être la sin-
gulière vie spirituelle d’un écrivain hanté de réalités si spéciales.“ (17-18)
Hier nun hält Curtius inne und beginnt einen neuen Absatz, denn, so erklärt
er: „Ich glaube, daß dieser letzte Satz die aufmerksamste Beachtung fordert“, eine
Einschätzung, die unbedingt angetan ist, die größte Aufmerksamkeit zu wecken,
zumal er mit der Direktive fortfährt: „daß wir seiner Spur folgen müssen, um in
das Innere von Prousts Werk zu gelangen“ (wird dies also Curtius’ Weg sein?!),
und ohne viel Federlesens zu dem für manchen sicherlich überraschenden Ergeb-
nis kommt: „Er fixiert das Verhältnis von Kunst und Geist.“ Aber man erinnere
sich an Milton: vielleicht ist dies eine der Stellen, „Where more is meant than
meets the ear“ („Il Penseroso“ 120), und man darf hoffen, daß dieser Satz – um
in einem Gedanken des AgDÂ ßR@LH eine mögliche Quelle Miltons anzusprechen –
mehr Nahrung für die Reflexion gibt, als die Worte zu übermitteln scheinen.198
198198
198
verwunderlich, daß dies schon sehr früh einem Philosophen „auffallen“ mußte: Zu Beginn der
Metaphysik, wo er über ‘das natürliche Streben aller Menschen nach Einsicht’, ‘knowledge’ (dies
konstatiert der erste Satz der I" :gJ" J" nLF46"), nach dem ‘Am Meisten an Einsicht’ (:"84FJ"
g4*g<"4) nachdenkt, vertritt Aristoteles die Auffassung, daß die Liebe zur Weisheit aus dem
Staunen, dem thaumázein stamme: „*4" ("D J@ 2"L:".g4< @4 "<2DTB@4 6"4 <L< 6"4 J@ BDTJ@<
0D>"<J@ n48@F@ng4<“ (982 b 11). Daß daraus das ‘Auffallenlassen’ als „Voraussetzung aller Kri-
tik“ folgt, ist vermutlich eine originär Curtiussche Zutat. (Lausberg 60: „‘es muß Ihnen etwas
auffallen’, pflegte er zu sagen.“ Entspr. S. 109 u. 162.)
198
198198
198 VII, 3. In der Übersetzung von W. Rhys Roberts (On the Sublime, Cambridge 1899,
Reprint 1987): „When, therefore, a thing is heard repeatedly by a man of intelligence, who is
158
Prousts Reflexion über eine mögliche kritische Angehensweise im conditionnel,
der Kritiker „essayerait de reconstituer ce que pouvait être la singulière vie spirituelle
d’un écrivain [meine Hervorhebung] hanté de réalités si spéciales“, wird von Curti-
us, der mit einem eingeschobenen „– dies müssen wir ihm entnehmen –“ noch
einmal betont, daß er weiter über „diese[n] letzte[n] Satz“ Prousts handelt, umge-
deutet zu einer präskriptiv-poetologischen Weisung für das Kunstwerk:
Das Kunstwerk – dies müssen wir ihm entnehmen – hat den Sinn, uns eine neue geistige Le-
benssphäre zu eröffnen (18).
Abgesehen davon, daß Curtius hier erneut vom Werk redet, wo Proust vom Autor
als dem Objekt des Kritikers gesprochen hat: Daß bei Curtius in einer Art pho-
nemischer Resonanz aus der Vorlage völlig autonome heterogene Assoziationen
und Aussagen entstehen, die allerdings nicht nur durch Proust in keiner Weise ge-
deckt sind, sondern nach Lage der Dinge auch nicht ohne weiteres Prousts Zu-
stimmung gefunden hätten, läßt sich im Fortgang weiter verfolgen, wo sich
bestätigt, daß jener „letzte Satz“ Prousts vor allem den Auslöser für eigenes meta-
literarisch-ontologisches Philosophieren bildet:
die charakteristischen Einzelzüge, die wir an ihm [dem Kunstwerk] wahrnehmen, entsprechen
bestimmten Elementen der geistigen Wirklichkeit, die für den Künstler einen besonderen Be-
deutungsakzent tragen und die er sinnlich sichtbar macht.
Nachdem in der Vorlage von der „vie spirituelle d’un écrivain“ und von „réalités“
die Rede war, spricht Curtius nun von einer diffusen „geistigen Wirklichkeit“, mit
der aber offensichtlich nicht einmal mehr die des Künstlers, sondern – das zeigt
sich wenige Zeilen später – die von ihm rezipierte „Gesamtwirklichkeit“ gemeint
ist, deren „neue Aspekte“ zu erleben und „sie so zwingend und fordernd [zu erle-
ben], daß sie für ihn einen Ewigkeitsgehalt annehmen“, nämlich den „große[n]
Schriftsteller“ ausmacht. In einer Bewegung, die ausging vom sichtbar gewordenen
Einzelzug, von der seelischen Wirklichkeit, der geistigen Eigenart und den seelischen
Formelementen des Autors, ist Curtius über Prousts „traits singuliers“ und „essen-
tiels du génie d’un écrivain“ erst zu für das Wesen charakteristischen Einzelzügen ge-
well versed in literature, and its effect is not to dispose the soul to high thoughts, and it does
not leave in the mind more food for reflexion than the words seem to convey, but falls, if ex-
amined carefully through and through, into disesteem, it cannot rank as true sublimity because
it does not survive a first hearing.“
159
langt und schließlich mit den „charakteristischen Einzelzügen“, die Elementen der
geistigen Wirklichkeit entsprechen, die der Autor sinnlich sichtbar macht, wieder zu
seinen Ausgangsvokablen zurückgekehrt, die er gleichzeitig von ihrer ursprüngli-
chen Konnotation (Geist-Seele-Empathismus) und ihrem Bezug (Wesen, geistige
Gesamthaltung des Autors) gelöst hat: Dieselben Vokabeln, die das Wesen des
Autors und die „Rekonstruktion [seiner] geistigen Gesamthaltung“ benannten,
repräsentieren nun Elemente der Wirklichkeit in der Aufbereitung durch den
Autor. Während bei Proust der Kritiker versucht, sich der „singulière vie spirituelle
d’un écrivain“ anzunähern, fokussiert Curtius in gewohnt synthetisch-
totalisierender Weise auf die zu registrierenden Reflexe einer äußeren Wirklich-
keit, eines „Gesamtseins“, einer „Gesamtwirklichkeit“, für die der Schriftsteller zum
Spiegel werden und die der „große Schriftsteller“ an uns zu übermitteln in der
Lage sein muß, denn, so heißt es später: „Sein Werk ist gleichsam ein Fenster,
durch das uns eine neue Aussicht eröffnet wird; der Blick auf eine bisher unbe-
kannte Landschaft.“ (18-19) So ist Curtius von der „Aufgabe des Kritikers“ un-
merklich zur Verpflichtung des Künstlers und seines Werks gewechselt, uns „eine neue
geistige Lebenssphäre zu eröffnen“.
Immerhin ist Curtius bei all dem zumindest lexikalisch in ein und demselben
Bereich geblieben; wenn er dann aber (nach dem oben zuletzt eingerückten Zitat)
im gleichen Atemzug fortfährt, „[W]as wir Talent nennen, ist die Fähigkeit, diese
Anschauung [der geistigen Wirklichkeit] wiederzugeben oder, anders gesagt, jene
Momente des Seins im Werk neu zu gestalten“ (18), scheint er sich endgültig zu
neuen Ufern aufgemacht zu haben. Wir aber tun nach den letzten Erfahrungen
wahrscheinlich gut daran, ihn bei Notre-Dame d’Amiens abzupassen und genau zu
untersuchen, was er bei sich führt: Und tatsächlich zeigt ein Blick in den „Ruskin-
Essay“, daß Curtius jenen letzten Satz Prousts mit Punkt und Absatz um gut zehn
Zeilen beschnitten hat, die er nach dem Einschub der zuletzt kommentierten Sät-
ze über das Kunstwerk einer nicht deklarierten freien Überarbeitung bzw. Aneig-
nung unterzieht. Auch um den Curtius-Lesern die Entdeckerfreude zu bereiten,
seine Quellen in Augenschein nehmen zu können, möchte ich diesen Satz in toto
zitieren, wobei ich, um meinen Kommentar abzukürzen und gleichzeitig den di-
rekten Vergleich zu ermöglichen, in Fußnoten die Aneignungen und Zutaten Cur-
tius’ einflechte – wobei natürlich der besondere Reiz seiner Periode in ihrer
gesamten gedanklichen Entwicklung leider verloren gehen muß –, die wohlge-
merkt den Anschein erwecken, sie seien Curtius’ eigene Gedanken („Was wir Ta-
lent nennen“; „unsere Musik“; „in unserem seelischen Leben“), unabhängig von
160
besagtem ‘letzten Satzes’, der tatsächlich den Anfang einer längeren Proust-
Periode bildet:
Le critique essayerait de reconstituer ce que pouvait être la singulière vie spirituelle d’un
écrivain hanté de réalités si spéciales, son inspiration étant la mesure dans laquelle il avait la vi-
sion de ces réalités199
199199
199, son talent la mesure dans laquelle il pouvait les recréer dans son œu-
vre200
200200
200, sa moralité201
201201
201 enfin, l’instinct qui les lui faisant considérer sous un aspect d’éternité202
202202
202
(quelque particulières que ces réalités nous paraissent) le poussait à sacrifier au besoin de les
apercevoir et à la nécessité de les reproduire pour en assurer une vision durable et claire, tous
ses plaisirs, tous ses devoirs et jusqu’à sa propre vie203
203203
203, laquelle n’avait de raison d’être que
comme étant la seule manière possible d’entrer en contact avec ces réalités, de valeur que celle
que peut avoir pour un physicien un instrument indispensable à ses expériences.204
204204
204 (76)
Während Proust also von der Beschreibung seines Verfahrens der Ver-
mittlung Ruskins über die „tâche de tout critique“ zum Aufzeigen eines „plus
loin“ kommt, das ihm in diesem letzten Satz unversehens unter der Feder zu einer
Beschreibung des Offiziums des Autors wird, die eine Art Vorschau auf sein eige-
nes Programm und sein Leben als Autor von A la recherche du temps perdu darstellt,
um dann diesen Exkurs, der ja wie gesagt nicht mehr als eine Fußnote zu „Ruskin
à Notre-Dame d’Amiens“ ist, in einer launischen Rückwendung mit dem zum
Vorausgehenden nicht ganz kohärenten Geständnis über die nur angedeutete „se-
conde partie de l’office du critique“ zu beenden:
199
199199
199 Gerade in Anbetracht der „Inspiration“ ist es seltsam, daß dieser Teilsatz keine Ent-
sprechung bei Curtius findet; natürlich läßt sich aber in dem ‘sinnlich sichtbar machen’ ein Re-
flex der „vision de ces réalités“ erkennen.
200
200200
200 In Curtius’ Bestimmung des Talents sind die nüchternen Proustschen „réalités“ zu
preziösen ‘Momenten des Seins’ promoviert.
201
201201
201 Mit einer Bestimmung der „Moralität des Künstlers“, die sich dem bei Proust Fol-
genden verdankt, wird Curtius seine Paraphrase und sein Kapitel über dieAufgabe des Kriti-
kers“ beenden.
202
202202
202 Das Proustsche sub specie aeternitatis erscheint bei Curtius als „Ewigkeitsgehalt“ im Bild
des „große[n] Schriftsteller[s]“, „der neue Aspekte der Gesamtwirklichkeit erlebt und sie so
zwingend und fordernd erlebt, daß sie für ihn einen Ewigkeitsgehalt annehmen“ (18).
203
203203
203 „Der Künstler fühlt sich triebhaft genötigt, dem Drang des Schauens alle übrigen Le-
bensinhalte, ja unter Umständen das Leben selbst zu opfern.“ (19)
204
204204
204 „Für einen solchen Künstler bedeutet sein Leben schließlich nur mehr das unent-
behrliche Organ der Anschauung: dasselbe, was dem Naturforscher seine Beobachtungs-
instrumente sind.“
161
je n’ai même pas essayé de la remplir dans cette petite étude qui aura comblé mes ambitions si
elle donne le désir de lire Ruskin et de revoir quelques cathédrales“ (76),
läßt Curtius sein Kapitel über die „Aufgabe des Kritikers“ in signifikanter Abän-
derung der Dramaturgie Prousts auf dem hohen Ton der Beschwörung des Ethos
des Künstlers ausklingen, ohne – man könnte darin fast schon wieder eine gewisse
Delikatesse sehen nach all dem noch die eigene, die Moralität des Kritikers zu
bemühen:
Dieses Opfer des eigenen Lebens im Dienste der Anschauung und der Gestaltung macht die
Moralität des Künstlers aus. (19)
Die Frage der Moralität des Kritikers muß also ebenso offen bleiben wie die
nach seiner Aufgabe. Meine Aufgabe immerhin wäre erfüllt, wenn es mir gelungen
wäre, dem Leser vorerst einige Hinweise auf die – um es mit Proust zu sagen –
„physionomie morale“ Curtius’ zu geben. Es ist dabei sicherlich ohne methodi-
sche Bedenken statthaft, die rein sachliche, ethisch neutrale, aus dem Kontext sich
ergebende Feststellung zu treffen, daß Curtius nicht nur ausgerechnet in diesem
Kapitel in eindeutig kritikwürdiger Weise gegen handwerkliche und ‘allgemeine’
Verkehrsvorschriften verstoßen hat, sondern vor allem in einem erstaunlichen
Ausmaß gegen seine eigenen Präskriptionen, gegen seine Darstellung der „Aufgabe
des Kritikers“ verstoßen hat – soweit man eine solche ‘fixieren’ kann und so weit
man ihn darum sinnvollerweise an seinen eigenen Worten messen kann. Er hat
keineswegs aus Prousts in der Tat „gleichsam transparenten“205
205205
205 Sätzen die „geisti-
205
205205
205 Dafür, daß es auch für dieses originelle Bild eine Vorlage gibt, spricht der Umstand,
daß sich in unmittelbarer Nähe sozusagen des von Curtius ausgewerteten „Ruskin à Notre-
Dame d’Amiens“, nämlich in denselben Pastiches et mélanges, ein zweiter Aufsatz findet, den man
als „Ruskin-Essay“ bezeichnen könnte, ist er doch zum großen Teil „pour une traduction de
Sésame et les Lys“ (Contre Sainte-Beuve 160) geschrieben worden: die für Prousts Entwicklung un-
gemein wichtigen „Journées de lectures“, die über weite Strecken unübersehbar eine Art Vor-
studie oder Vorstadium des ersten Teils „Combray“ von Du côté de chez Swann darstellen. Hier
entwirft Proust eine Idealvorstellung des Abbildcharakters der vom Autor geformten Sprache,
die sehr wohl den gedanklichen und bildlichen Hintergrund der Curtius-Passage bilden könnte:
„Le langage même du livre est pur (si le livre mérite ce nom), rendu transparent par la pensée
de l’auteur qui en a retiré tout ce qui n’était pas elle-même jusqu’à le rendre son image fidèle;
chaque phrase, au fond, ressemblant aux autres, car toutes sont dites par l’inflexion unique
d’une personnalité; de là une sorte de continuité, que les rapports de la vie et ce qu’ils mêlent à
la pensée d’éléments qui lui sont étrangers excluent et qui permet très vite de suivre la ligne
même de la pensée de l’auteur, les traits de sa physionomie qui se reflètent dans ce calme mi-
roir.“ (Contre Sainte-Beuve 187)
162
ge Eigenart des Verfassers“ oder die „traits caractéristiques“ „herausgefühlt“, son-
dern er hat die in Prousts Darlegungen liegende „Gesetzlichkeit“ durchaus und
vielleicht nicht in reiner Ingenuität im Geheimen gelassen. Er hat sich bemer-
kenswert wenig um die „geistige Gesamthaltung“ eines Autors geschert – von der
unterschlagenen bzw. ins Geistig-Seelische verkürzten „physionomie morale de
l’artiste“ gar nicht zu reden –, den er doch besonders hoch zu schätzen behaupte-
te. So hat er denn auch mitnichten „ein Fenster“ auf die „geistige Lebenssphäre“
Prousts geöffnet, sondern lediglich ein vielen vermutlich unbekanntes Bild seiner
selbst gezeichnet. Aber überlassen wir das Schlußwort zu diesem Komplex wieder
dem Spezialistentum, diesmal naheliegenderweise einer Proust-Spezialistin: Ange-
lika Corbineau-Hoffmann befindet in ihrem Abriß über die Proust-Forschung zu
Curtius’ Kapitel über die „Aufgabe des Kritikers“: „Aus Prousts Äußerungen die
Aufgabe des Kritikers zu deduzieren, zeugt von einem seltenen methodischen Ge-
schick“ (16).206
206206
206
Einige Worte sind allerdings hier noch zur Frage der Intelligenz angebracht;
nicht etwa, weil diese im Zusammenhang der Aufgabe des Kritikers von Curtius
aufgeworfen worden wäre, aber er hat soeben selbst die Intuition ins Spiel ge-
bracht, und daraus entsteht natürlich eine gewisse mentale Nötigung, zum Zwek-
ke der Komplettierung des ewigen Dualismus nun auch in irgendeiner Weise die
Intelligenz zur Sprache zu bringen. So gibt er denn unmittelbar anschließend im
folgenden Kapitel über (die Synthese von) „Kunst und Erkenntnis“ eine Bestim-
mung der Intelligenz im „Sinne“ Prousts, die wir unbeschadet davon, daß sie auf
den Künstler bezogen ist, zur Vervollständigung der Darstellung seiner Vorstellung
von der Kritik als einer Synthese von Intuition und Intelligenz heranziehen kön-
nen, weil ja nach Curtius für die Literatur und die literarische Kritik als die vierte,
gleichwichtige Funktion der Literatur gleiche Seinsbedingungen gelten und wir
darum diese Ausführungen ohne Abstriche übernehmen und sogar als allgemein-
206
206206
206 Es ist im Anschluß an unsere Detailbetrachtung besonders interessant zu sehen, wie
Corbineau-Hoffmann diese von der „Recherche“ ‘geforderte’ „spezifische Kritik“ und ihre ge-
schickte methodische Aneignung durch den „humanistisch gebildeten Philologen“, dessen
Proust [...] Ausdruck einer zutiefst betroffenen Leseerfahrung“ ist, ihrerseits versteht: Diese
Kritik „setzt beim Detail an, jenen ‘traits singuliers’, welche auf dem Wege über die ‘traits si-
milaires’ hinführen zu den ‘traits essentiels du génie d’un écrivain’ [A.C.-H. fügt hinzu: „zit. aus
dem Ruskin-Essay“, verrät aber nicht, aus welchem]. Da es nach Proust die Aufgabe des Kriti-
kers ist, ‘de reconstituer ce que pouvait être la singulière vie spirituelle d’un écrivain (...)’, rich-
tet Curtius die Frage nach der Beziehung von ‘Kunst und Erkenntnis’ – so eine
Kapitelüberschrift – als erste an das Werk Prousts.“ (16)
163
verbindlich, um nicht zu sagen: allumgreifend auffassen dürfen:
Intelligenz in dem Sinne, den das Wort bei Proust hat, ist nichts inhaltlich Festgelegtes,
auch keine durch Übung entwickelte Teilfunktion der Persönlichkeit, sondern der allumgrei-
fende elementare Drang, sich die Wirklichkeit durch Erkennen zu erschließen. Intellektuelle
Erkenntnis kann in vielen Formen auftreten: als Lebensklugheit, als Geschäftsverstand, als
Rechtsprechung, als Wissenschaft, als Philosophie. Von all dem ist hier nicht die Rede. Jenseits
all dieser Sonderformen und Spezialfunktionen gibt es ein Erkennen der Lebensgehalte, das
weder praktischen Zwecken dient noch an die Systematik eines Sachgebietes gebunden und
durch sie eingeschränkt ist. Diese Erkenntnis hat nur eine Ausdrucksform: die Kunst. Gestal-
tung ist die Sprache des künstlerischen Erkennens. Alle Kunst ist Erkenntnis. (20)
Philosophen mögen ihre Schwierigkeiten haben, diese ausschließenden Be-
stimmungen fraglos hinzunehmen, weil sie in seiner Beschreibung des von prakti-
schen Zwecken etc. uneingeschränkten Erkennens älteste philosophische
Selbstbestimmungen wiedererkennen wie z. B. die Definitionen der auf die ersten
Gründe und Ursprünge („BgDÂ J BDäJ" "ÇJ4" 6"Â JH DPVH“, Metaphysik 981 b 28)
gehenden Weisheit, also der Philosophie, die nämlich nach Aristoteles die ‘Ein-
sicht um der Einsicht willen’ anstrebt („J@Ø gÆ*X<"4 PVD4<“, 982 a 15) und als über
allem anderen Wissen und Können stehend keinen praktischen Zwecken dient207
207207
207;
hier seien lediglich noch die dieses Kapitel einleitenden fundamentalen Äu-
ßerungen zur „Intellektualität“ wiedergegeben, die sehr anschaulich noch einmal
das synthetische Denken Curtius’ erhellen und die insbesondere auch wegen sol-
cher rhetorischer Blüten wie dem semantischen Chiasmus „Erkennendes Leben,
lebendes Erkennen“ verdienen, bei sich bietender Gelegenheit dem Sog des Ver-
gessens entrissen und einer noch so überschaubaren Nachwelt übermittelt zu
werden:
Die Intellektualität ist der Nährboden des Lebens, das sich in dieser Kunst seinen Ausdruck
schafft. Intellektualität im höchsten und umfassendsten Sinne, als ein Erstes und Letztes, das
sich nicht erst als die Reaktion auf das Leben einstellt, sondern mit dem Lebensgefühl selbst da
ist und mit ihm in unauflöslicher Einheit verbunden ist. Leben und Erkennen sind hier in der
Wurzel eins. Erkennendes Leben, lebendes Erkennen tritt uns hier entgegen als ursprünglichste
Spontaneität des Geistes, als farbigste und duftigste Blüte des vitalen Prozesses. Das intellektu-
elle Leben ist für Proust von all den parallelen Leben, die wir gleichzeitig leben, das span-
207
207207
207 Kurioserweise reklamiert Curtius also für die Poiesis ein konstitutives Kriterium jenes
‘Strebens nach Einsicht’, das Aristoteles ausdrücklich und unterscheidend als nicht poietischer
Natur bestimmt hat, was im übrigen schon seit den ersten Philosophen klar sei: „_J4 *z@Û
B@40J46Z, *8@< 6"Â ¦6 Jä< BDäJT< n48@F@n0FV<JT<“ (982 b 11).
164
nungsreichste. (19-20)
Wenn auch für die Intuition gilt – was wir annehmen müssen –, daß sie in
Literatur und Literaturkritik ihrem Wesen nach gleich ist, kommt man kaum um-
hin, um der eigenen Vorstellung davon, was Curtius darunter verstanden haben
könnte, ein wenig auf die Sprünge zu helfen, noch einen Blick auf das Kapitel
„Intuition und Ausdruck“ zu werfen, in dem Curtius die Begegnung des jungen
Marcel mit den Kirchtürmen von Martinville in A la recherche du temps perdu als
Beispiel für das intuitive Erfassen von etwas ‘hinter den Dingen’, dem „Geheim-
nis“, das „die Dinge anbieten und zugleich verhüllen“ (30), beschreibt. Seine das
vergleichsweise unpathetische Original wieder merklich dramatisierende inter-
pretative Nacherzählung,
Lange heftet er den Blick auf ihre besonnten Flächen, bis diese gewissermaßen aufspringen wie
eine Rinde, in der ein Riß entsteht; etwas von dem verborgenen Gehalt tritt damit ans Licht,
und gleichzeitig taucht in dem Knaben ein Gedanke auf, der noch vor einem Augenblick nicht
da war, der sich in Worte (innerlich erklingende Worte) kleidet und nun den Genuß jenes
Blicks auf die Türme bis zum Rausch steigert. Im Fluge seiner Begeisterung [...] ergreift der
Knabe Papier und Bleistift und schreibt ein Stück Prosa nieder. Das Geheimnis der Dinge läßt
sich entriegeln durch Worte! Jenes Unbekannte gibt sich zu erkennen in einem Gefüge von
Sätzen, die beglücken wie ein Fund. (30-31)
bleibt aber so opak und, was das wortreich Beschworene angeht, letzten Endes
sprachlos wie die Oberfläche der Dinge, aus denen auch bei Proust kein ver-
borgener Gehalt hervortritt, und sei es, weil es für ihn keinen gibt. Proust jeden-
falls, als wollte er empathisch-mystifizierenden Interpretationen von vornherein
den Wind aus den geblähten Segeln nehmen, läßt seinen Erzähler umgehend ein
ironisches Pastiche unbedarft kindlicher Prosa anfügen, „le petit morceau suivant
que j’ai retrouvé depuis“208
208208
208, der Curtius beredt Lügen straft, enthält er doch kei-
nerlei Gedanken, die jenes Unbekannte bewahrt hätten: kein mystisches Geraune
von durch Worte entriegelten Geheimnissen vernehmen wir, nicht ein Hauch ei-
nes entschleierten Arkanums weht uns entgegen. Und der Erzähler scheint
schließlich keinen Zweifel daran lassen zu wollen, wie weit der „Knabe“, der er
einmal war, selbst unter dem Eindruck der „umwälzenden Entdeckung“ (30), die
208
208208
208 A la recherche du temps perdu. I. Du côté de chez Swann. Bibl. de la Pléiade. Paris: Galli-
mard, 1954, 182.
165
dem Interpreten zum Initiationserlebnis wird209
209209
209, von solchen ‘curtiesken’ An-
wandlungen entfernt war:
Je ne repensai jamais à cette page, mais à ce moment là, quand, au coin du siège où le
cocher du docteur plaçait habituellement dans un panier les volailles qu’il avait achetées au
marché de Martinville, j’eus fini de l’écrire, je me trouvai si heureux, je sentais qu’elle m’avait si
parfaitement débarrassé de ces clochers et de ce qu’ils cachaient derrière eux, que comme si
j’avais été moi-même une poule et si je venais de pondre un œuf, je me mis à chanter à tue-
tête.
Ein nicht unwesentlicher Grund dafür, daß die Intuition des Kritikers gele-
gentlich unbeschadet der Intelligenzvermutung so weit neben die Intentionen
oder das ‘Wesen’ des Autors trifft – so daß man sich fragen möchte, ob es neben
der von Susan Sontag festgestellten „Rache des Intellekts an der Kunst“, als die sie
einmal die Interpretation charakterisiert hat, auch etwas wie die „Rache der Intui-
tion an der Kunst“ gibt –, dürfte darin liegen, daß die eigenen Seh- und Denk-
weisen derart übermächtig sind und die Wertungen – um es noch einmal mit
Platon zu sagen – gemäß einem BDäJ@< n\8@< (Lysis 219c; Schleiermacher über-
setzt: „dem wir zuerst freund sind“) und aufgrund persönlicher Inbezugsetzung
getroffen werden, in Curtiusscher Terminologie: nach Affinität. Und sollte die
geistige Welt des Untersuchten, dem man sich aus welchen Gründen auch immer
angehörig210
210210
210 fühlt oder wähnt, sich nicht gänzlich nach dem eigenen Affinitätssy-
209
209209
209 „So wird der Knabe in derselben Lebensepoche, wo er sich zum Verzicht auf die lite-
rarische Laufbahn genötigt glaubt, durch die Forderung der Dinge zum sprachlichen Ausdruck
getrieben“ (31): so erklärt sich der Titel des Kapitels „Intuition und Ausdruck“.
210
210210
210 Auf das Angehörige [I@L @46g4@L]“, läßt Platon Sokrates zu Lysis und Menexenos sa-
gen, „geht Liebe und Freundschaft und Verlangen“. „Und auch sonst, ihr Kinder, sprach ich,
wo einer des andern begehrt und liebt, er würde ihn weder begehren noch lieben noch ihm
freund sein, wenn ihm nicht der Geliebte angehörig wäre überhaupt der Seele nach oder wegen
irgendeiner Gesinnung, Art und Eigenschaft.“ (Lysis 221e-222a; Übersetzung Schleiermacher)
– Es ist nicht zu übersehen, daß Curtius sich entsprechend nicht zuletzt durch die Darstellung
der mondänen Welt und vor allem des Adels angesprochen fühlte: „Es ist ein oberflächliches
Mißverständnis, den Schöpfer der Guermantes des Snobismus zu beschuldigen. [...] Die Welt
des französischen Hochadels, diese unbekannte Welt [...] hat für Proust die Bedeutung eines
Symbols, eines idealen Formenspiels, einer Orchideensammlung. In einem Stoff, der zufällig ist
wie alles Geschichtliche (zufällig und eben darum unersetzlich und unvertretbar) zeigt sie sub-
tile Abschattungen, seltene und kostbare Spielarten des Menschlichen.“ (100) Auf den Snobis-
mus wird Curtius später noch einmal in „Wiederbegegnung mit Balzac“ (1950)
zurückkommen: „Bei Proust wie bei Morand kehren aber auch solche Elemente von Balzac
wieder, die das demokratische 19. Jahrhundert und das sozialistische 20. Jahrhundert dem gro-
166
stem gliedern, nichts leichter, als diesen kleinen Makel zu beheben: man braucht
es nur, bewußt oder unbewußt, zu übersehen und den in der Regel nicht reakti-
onsfähigen Autor durch die Brille der eigenen geistigen Welt ‘kreativ fehlzulesen’
und in das heimische Affinitätssystem einzupassen. Hiermit bedingt sich gegensei-
tig, daß der Autor von seinem Werk nicht getrennt werden darf: solche Sophisti-
kationen wie ‘Erzählerfigur’, ‘erinnerndes’ und ‘erinnertes Ich’ kommen erst gar
nicht auf, sie sind überflüssig, um nicht zu sagen störend; der Autor ist sein Werk,
in das er sich ja unter Einsatz des Lebens völlig entleert hat, in „Gehalt“ und
„Struktur“. ‘Echte Kritik’ muß den Autor mit dem (denkerischen, ideologischen)
„Gehalt“ des Werkes identifizieren, denn sie kann ihn ja nur aufgrund des darge-
stellten bzw. hineingelesenen Gehalts als affin erkennen – Curtius’ Ankündigung,
seine „Blätter“ wollten „in keinem Sinn den Gehalt“ der vorliegenden Proust-
Bände „erschöpfen oder umschreiben“ (14), kann deshalb bestenfalls als Selbst-
täuschung aufgefaßt werden –, was die Voraussetzung für die Wertschätzung durch
den Kritiker und Rangordner ist. Seine Entscheidung ist letztinstanzlich, und ge-
troffen wird sie nicht zuletzt nach Maßgabe dessen, was ihm in seinem Selbstbild
und zur Bestätigung und Hebung seines Selbstgefühls frommt. Die Aneignung
durch den Kritiker à la Curtius ist darum total, sie umfaßt Autor und Werk. So
kann es überhaupt nicht überraschen, daß als Ergebnis dieser Gleichschaltung
Werk und Autor gleichermaßen dem Kritiker wie aus dem Gesicht geschnitten
scheinen (und sich an solchen scheinbaren Übereinstimmungen dann oft die Dif-
ferenzen zu anderen Forschern auftun): so etwa wenn Curtius über „Prousts
Kunst“ ganz nach seinem geistigen Bilde spricht:
Das Überraschende an Prousts Kunst ist ja dies, daß eine solche vorausweisende Geistes-
haltung, eine so neue Sehweise und Sprachbehandlung sich in einer Materie verwirklichen, die
in jedem Sinne retrospektiv ist. Die wiedervergegenwärtigende Rückschau auf den eigenen Le-
bensgehalt, das Zurücktauchen in die entschwundene Zeit, das Eingesenktsein in eine Tradition
von Geist und Lebensform, von Milieu und Klasse – in allem diesem zeigt sich ja Prousts Werk
gebunden an die Vergangenheit. Es ist eine gewollte Bindung. Nichts liegt dieser Kunst ferner
als die Allüren, die Manieren und Manien eines künstlerischen Modernismus. Sie ist antirevo-
lutionär. Man kann sie reaktionär und dekadent finden [...]. [die „Dekadenz“ behält] ihren dau-
ernden Wert [...], mag auch der Geschmack des Tages den Sport oder die Aktion, das Kino und
die Gesundheit bevorzugen. [...]
Es ist in dieser Kunst nichts Gärendes und nichts Krampfiges. [...] Sie strebt nicht vor-
wärts, sondern in die Tiefe. Sie will der Zeit nicht vorauseilen – sondern sie will aus der Zeit
ßen Balzac als Unarten angekreidet haben: das Bedürfnis nach Luxus und der sogenannte Sno-
bismus.“ (Krit. Ess. 187)
167
hinausschreiten. (128-30),
und über Proust selbst gleich im nächsten Satz, der ein neues Kapitel „Kritik des
Lebens und der Liebe“ einleitet, insistiert:
Denn dies ist, wie jeder aufmerksame Leser finden wird, der tiefste, immer wieder
durchbrechende Drang von Proust: aus dem Zeitlichen in das Überzeitliche, aus dem Vergäng-
lichen in das Dauernde, aus der Welt des Werdens in die des ruhenden Seins hinüberzutreten.
(130)
Aus der Dynamik der anverwandelnden, überlagernden Aneignung bei
gleichzeitiger Ineinssetzung von Autor und Werk läßt sich beispielsweise auch ver-
stehen, daß von Curtius eine in den folgenden Zusammenhang nicht zwingend ge-
hörende Relativierung der von ihm ganz allgemein kritisch betrachteten
‘psychologischen Analyse’ bei Proust eingefügt wird:
Es ist deutlich, daß diese Mitteilungen [scil. über Prousts spezielle Art der „Kontemplati-
on“] uns einen Einblick in die innerste Schicht von Prousts Erlebnisweise und künstlerische
Arbeit gewähren. Wir sehen hier wieder, daß das primäre Element seiner Kunst nicht psycho-
logische Analyse, sondern eine sinnlich-seelische Aneignung bestimmter Wirklichkeits-
ausschnitte ist.211
211211
211 (87)
Sogar die allerdings sehr vereinzelt stehende Kritik, die Curtius an „Prousts
erotischem Pessimismus“ (133) übt – er erwähnt das Thema der Homosexualität
übrigens mit keinem Wort –, basiert auf der beschriebenen Disposition: Da er den
Autor Proust nicht von den im Roman dargestellten Verhaltensweisen und Ge-
fühlsregungen, insbesondere Marcels, trennen kann, er selbst aber als bekennen-
der Liebender (s. o. passim) sich nicht damit arrangieren kann, daß,
[w]enn man Prousts Werk auf psychologische Erlebnisse hin durchmustern wollte, [...] man an
erster Stelle den Nachweis buchen [müßte], daß die Liebe eine Illusion ist – eine Krankheit,
ein Leiden, eine Täuschung (131),
211
211211
211 Er fährt fort: „Der geistige Prozeß, aus dem Prousts Kunst erwächst, ist ein besonders
geartetes Sehen, eine intensive Tiefenschau, eine im Blick auf die äußeren Dinge erfolgende
Bewußtseinskonzentration“, womit er Proust unbedingt der eigenen Auffassung angenähert hat,
die er auf Seite 17 in die verschleierte freie Übersetzung aus dem „Ruskin-Essay“ eingefügt
hatte: „daß dem Kritiker bestimmte Dinge auffallen [...] vollzieht sich nur bei aufgeschlossener
Hingabe an den Gegenstand. Die Ruhe und die Passivität des reinen Aufnehmens muß die
Grundhaltung des Kritikers sein.“
168
muß der Praktiker einer Kritik der Vereinnahmung den Roman-Umstand, daß der
„Erzähler“ „Albertine in seinem Haus gefangen[hält]“ (133) – „beschämende, er-
niedrigende Selbstqual der Eifersucht; einer Eifersucht, welche die Liebe erstickt
und nur noch einem glücklosen, verzehrenden Besitzstreben dient, das doch im-
mer betrogen wird“ –, dem Autor persönlich anlasten und urteilen:
Diese Liebe ist keine Liebe mehr. Und darin liegt die Kritik, die unser Empfinden an Prousts
erotischem Pessimismus vollzieht. Daß ein Mensch und die Welt, die er darstellt, von einem
anderen nicht aufgesogen, nicht angeeignet, nicht eingeschlossen werden kann – das verurteilt
ja nur das Besitzstreben, verurteilt nur eine Abirrung der Liebe, nicht die Liebe selbst; denn die
echte Liebe überwindet die Trennung zwischen Mensch und Mensch nicht durch eine – immer
unvollendbare – Annäherung, sondern durch den Lichtbogen einer Entladung, die von Pol zu
Pol überspringt. (133-34)
Es ist Curtius nicht möglich, diese pessimistische Sicht der Liebe in Prousts
Gesamtsicht des Menschen und seiner monadischen Situation in der Welt einzu-
beziehen, er vermag nicht zu synthetisieren, daß Proust die zweite Sicht nicht oh-
ne die erste künstlerisch realisieren kann; was umso erstaunlicher ist, als Curtius
nach der das letzte Zitat abschließenden erneuten Reminiszenz an Platons Siebten
Brief (341d) auf derselben Seite das folgende Kapitel „Platonismus“ mit der zwei-
fellos vertretbaren Beobachtung beginnt:
Der Proustsche Mensch ist der Gefangene seiner Individuation. Sie ist die gläserne Wand, die
ihn hindert, den anderen Menschen zu berühren. (134)
Einer der sich, anders als Proust, zu Wort melden und Einspruch gegen die
auf ihn angewandte Curtiussche kritische Intuition erheben konnte, weil er als ei-
ner der letzten noch zu eigenen Lebzeiten von Curtius untersucht worden war –
Curtius schrieb ja wenig später gerade mit Blick auf ihn an Rychner über seine
Haltung gegenüber der modernen Literatur: „J’en ai soupé“ –, T. S. Eliot also, hat
dem Kritikerkollegen exakt die aus dieser Aneignungstendenz resultierende per-
sönliche Befangenheit vorgehalten. Mit seiner Reaktion auf Curtius’ misreading der
„Four Quartets“ lassen wir den Autor unsere Betrachtung über das Sichzusam-
menfinden von Intuition und Intelligenz in der Kritik schließen, dessen erste Be-
sprechung Curtius die Gelegenheit gegeben hatte, den daraufgehenden Wunsch zu
äußern:
I am deeply shocked that my poem should have presented itself to you in that light. Whatever
169
its merits or demerits, to me it seems to express much more of Christian hope than any of my
previous work. I have had opinions from theologians both Anglican and Roman, and I am sure
that to none of them, English or French, has it appeared to depict a „Welt ohne Gott“. […] I
must protest against your interpretation! I cannot but feel that there enters into it a good deal
of your own vision at the present time. For that I can only condole in silence.212
212212
212
212
212212
212 Brief vom 16.2.1946, zitiert nach Götz Schmitz, „Deepest Friendship“ - Ernst Ro-
bert Curtius und Stephen Spender“, in: „Abendland“ 278, Fn. 54.
170
IV ROMANISCHE UND EUROPÄISCHE PHILOLOGIE
Die Wissenschaftslehre leitet sonach, ohne allecksicht
auf Wahrnehmung, a priori ab, was ihr zufolge eben in
der Wahrnehmung, also a posteriori, vorkommen soll.
Johann Gottlieb Fichte, Sonnenklarer Bericht
1 WANDEL UND DAUERHAFTIGKEIT DER EPISTEME
Es ist ausgiebig darüber diskutiert worden, welche Gründe Curtius dazu veranlaßt
haben mögen, sich „aus der Gegenwart“ zurückzuziehen und dem lateinischen
Mittelalter zuzuwenden.213
213213
213 Dabei hat naheliegenderweise vor allem eine Erklä-
rung überzeugen können, die aus einer Bemerkung im „Rückblick 1952“ („Ich
war und blieb zwölf Jahre hindurch persona ingrata – was mir willkommene Muße
für meine wissenschaftliche Arbeit eintrug“214
214214
214) und aus der vielbeschworenen Fa-
talität der historischen Gegebenheiten den (Rück-)Schluß zieht, Curtius sei vor
den Bedrängungen einer Gegenwart, die ihm die Ausübung seiner schreiberischen
und akademischen Tätigkeiten, Vorlieben und Engagements nicht mehr gestattet
hätte (also nach 1933), in den neutralen Fluchtbereich einer entrückten Vergan-
genheit geflohen oder zurückgewichen, weshalb er von Werner Krauss postum mit
dem zweifelhaften, aber haftenden Ruhmestitel bedacht worden ist, wegen „seiner
213
213213
213 Hausmann, „Aus dem Reich der seelischen Hungersnot“, 54: „An Erklärungsversuchen für
Curtius’ nicht unbemerkt gebliebenen Rückzug aus der Gegenwart hat es nicht gefehlt“, be-
merkt Hausmann und beginnt mit einem eigenen Versuch: „Der Plan für ELLMA hatte bereits
Gestalt angenommen und wurde während der Nazijahre intensiv verfolgt“. Andere Meinungen
laut Hausmann: „Curtius hatte auch herbe Kritik für seine Arbeiten über das Frankreich der
Gegenwart einstecken müssen und war ihrer deswegen überdrüssig. W[erner] Ross meint, das
französische Erbe des Elsässers Curtius sei durchgeschlagen, der sich recht eigentlich nur noch
für das katholische und gegenreformatorische Spanien interessiert habe [Tonbandinterview mit
Hausmann].“ Curtius, aus protestantischer Familie und Sohn des Dr. theol. Friedrich Curtius,
blieb wohlgemerkt zeitlebens Protestant.
214
214214
214 Franz. Geist im. zwanzigsten Jahrhundert 527. Diese Erinnerung wird z.B. von Haus-
mann, der sie modifiziert aus zweiter Hand von Friedrich Bentmann übernimmt („ERC zum
Gedenken“, Die Neueren Sprachen, 1956), im Fortgang des Zitats in der vorherigen Fußnote ver-
arbeitet: „Der Plan für ELLMA [...] wurde während der Nazijahre intensiv verfolgt; und so wur-
den diese dunklen Jahre eine Zeit ‘willkommener Muße für umfangreiche wissenschaftliche
Arbeiten’“.
171
entschlossenen Gegenwartsflucht den Typus des ‘Katakombengelehrten’“215
215215
215 zu
verkörpern: eine nach Lage der Dinge – wie wir sehen werden – falsch akzentu-
ierende und nicht pertinente Einschätzung. So ist etwa Frank-Rutger Hausmann
überzeugt,
die starke Hinwendung zum Mittelalter und zur spanischen und italienischen Literatur ist si-
cherlich auch Flucht vor der Nazigegenwart und ermöglicht dem Romanisten wissenschaftliche
Tätigkeit im Elfenbeinturm der Gegenwart. („Hungersnot“ 54)
Es wird dabei unbeschadet einer nicht ganz reibungslosen Kompatibilität
dieser These mit der folgenden gelegentlich gleichzeitig sehr wohl betont, daß
diese Orientierung keinesfalls als ein unrühmliches Reagieren auf äußere Zwänge
zu verstehen sei, sondern eigentlich nur die konsequente Fortführung oder Wei-
terentwicklung eines längst gefaßten Planes infolge einer Umverlagerung der In-
teressen und Prioritäten darstellte, der aus der teleologischen Perspektive auf das
europäische Jahrhundert-Bekenntniswerk Europäische Literatur und lateinisches Mit-
telalter, diesen „acte de foi“216
216216
216, sogar ein ausgesprochenes berufsethisches Timbre
erhält (von wo aus es naheliegt, in Curtius’ Evasion in die zeitlose Topologie doch
noch einen eminent politischen und gegenwartsbezogenen Akt zu sehen217
217217
217).
Hausmann registriert bei Curtius „nach seiner 1929 nach Bonn erfolgten
Berufung ein[en] deutliche[n] Bruch“ mit seinen früheren frankreichzentrierten
Interessen und stellt fest: „Er vertiefte sich in Lehre und Forschung immer mehr
ins Mittelalter, denn der Plan für ‘Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter
215
215215
215 „Literaturgeschichte als geschichtlicher Auftrag“, in: Aufsätze zur Literaturgeschichte,
Leipzig, Reclam, 21968, 27.
216
216216
216 A. Vernet begrüßte das Buch als „un acte de foi en l’avenir de cette culture occiden-
tale à laquelle, dès 1932, hélas! sans succès, l’auteur tentait de rallier un monde oublieux de ses
traditions véritables“ (Bibliothèque d’Humanisme et Renaissance 12 (1950), zit. n. Richards, Moder-
nism, Medievalism and Humanism, 91).
217
217217
217 Im Kapitel „Rhetorische Grundbegriffe“ der von ihm zusammen mit Jürgen Grimm
und Frank-Rutger Hausmann vorgelegten Einführung in die französische Literaturwissenschaft (Stutt-
gart 21984) erteilt Christoph Miething dem franzistischen Nachwuchs die literaturwissen-
schaftshistorische Belehrung: „E. R. Curtius hat als Antwort auf einseitig nationalistische Ten-
denzen der Lit.wiss. historische Toposforschung in der Absicht betrieben, die ‘Sinneinheit’ der
europäischen Lit. in der Gemeinsamkeit ihrer Verpflichtung gegenüber der antiken Topik auf-
zuzeigen“ (83), eine Überlegung, die wert ist, einmal nachvollzogen zu werden, und in der man
mit der „Verpflichtung gegenüber der antiken Topik“ vielleicht eine Art kleine deontologische
Lösung sehen kann.
172
(ELLMA) hatte bereits Gestalt angenommen“218
218218
218. Hausmann behauptet damit dezi-
diert eine sehr frühe, schon um das Jahr 1929 bzw. in dessen Nähe vollzogene
programmatische Inbezugsetzung von lateinischer und europäischer, nicht nur alt-
romanischer Literatur und eine konturierte Auffassung des lateinischen Mittelalters
als Bindeglied zwischen Antike und Neuzeit und als spezifisches Charakteristikum
im Rahmen eines historischen Verständnisses von europäischer Literatur und Iden-
tität (vgl. ELLMA 16f). Für eine nachträgliche Fundierung dieser Behauptungen
und erst recht der in den Konsequenzen weitreichenden kausalen Verknüpfung se-
he allerdings auch ich keinerlei Indizien: Lausbergs Übersicht über die „Bonner
Unterrichtsveranstaltungen des Zeitraums 1929-1951“ verzeichnet, von den hier
kaum relevanten, weil völlig im Rahmen des Üblichen liegenden Dante-Lektüren
abgesehen, eine erste Vorlesung über „Lateinische Literatur des Mittelalters“ für
das Wintersemester 1932/33 (Teil II Sommer 1933), eine „Erklärung altfranzösi-
scher Dichtungen“ erst drei Jahre später im Winter 1935/36 (156), spanisches
Mittelalter im Winter 1937/38 (157), „Erklärung altfranzösischer Texte“ im
Sommer 1939; eine relative Häufung solcher Themen gibt es nur zwischen Ende
1940 und dem Sommer 1943, wobei sich jene spezielle ELLMA-Konzeption hier
so wenig wie vorher ablesen läßt. Das gleiche gilt mit ungleich größerer doku-
mentarischer Eindeutigkeit für die einschlägigen Veröffentlichungen dieser Zeit,
deren romanistische casticidad für jeden überprüfbar ist: 1932 erscheint der Auf-
satz über Manrique und den Kaisergedanken (eine, wenn auch einmal vom „spa-
nischen quattrocento“ (362) die Rede ist, rein hispanistische Untersuchung), erst
1936 folgen „Zur Interpretation des Alexiusliedes“ und „Der Kreuzzugsgedanke
und das altfranzösische Epos“, die alle drei nicht ohne Grund nicht in ELLMA ein-
gegangen sind, sondern in Gesammelte Aufsätze zur romanischen Philologie, haben sie
doch mit der lateinischen Literatur genauso nichts (bzw. der erste nur mäßig) zu
tun wie mit der europäischen, insbesondere den Titel des zweiten Aufsatzes darf
man wörtlich nehmen. Die von Hausmann gegebene ‘Binnen-Begründung’ der
einen Behauptung durch die andere: „denn der Plan [...]“, erscheint mir als reine
Spekulation. Trotz der Vorlage, daß Curtius in der Wandlung tatsächlich von einer
218
218218
218 „Sie haben keine Neigung, von mir etwas zu lernen“ 102. Hausmann hat diese Dar-
stellung in seinem Beitrag zu dem Kolloquiumsband Ernst Robert Curtius et l’idée d’Europe wieder-
holt: „depuis sa nomination à Bonn en 1929, il s’est produit une rupture nette dans son
orientation scientifique. Dans son enseignement et dans sa recherche, il approfondit de plus en
plus le Moyen Age, car le plan de Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter a déjà pris forme.
Les années nazis devinrent même un ‘moment favorable pour entreprendre des études scienti-
fiques de grande envergure’“ (59).
173
Verlagerung meiner Interessen seit 1930 [...] ins Mittelalter“ („Vorwort“ 971)
gesprochen hatte, kann sich Hausmann auch nicht auf Curtius berufen, der sich
nämlich bezüglich der Genese des Plans von Europäische Literatur und lateinisches
Mittelalter keineswegs eines solchen Tempos rühmen mochte, sondern sich an die
Zeit nach 1930 als eine zunächst romanistische erinnerte:
Mit diesem letzten Werk [scil. Die französische Kultur, 1930] empfand ich meine Arbeiten über
das moderne Frankreich als abgeschlossen: – aus inneren Gründen. Eine zwingende seelische
Notwendigkeit drängte mich zu einem Wechsel des Forschungsgebietes. Ich empfand das Be-
dürfnis, in ältere Zeiträume – symbolisch gesprochen, so würde ich heute sagen, in archaische
Bewußtseinsschichten – zurückzugehen: zunächst in das romanische Mittelalter. Darüber hin-
aus suchte ich, noch ohne es recht zu wissen, den Weg nach Rom. („Vorwort“ 970)
Erst in „den Jahren 1932 und 1933“, so berichtet er weiter, nachdem er
„[a]us dem ruhigen Gang der Forschung [...] herausgerissen“ worden war „durch
brennende Nöte der Zeit“ (970) und geglaubt hatte, als „Heilmittel“ für den
Deutschen Geist in Gefahr „einen neuen Humanismus empfehlen zu dürfen“, der
„Mediaevalismus und Restaurationsgesinnung sein müsse[]“, zog er „daraus die
praktische Folgerung, Vorlesungen über die mittellateinische Literatur zu halten“
(972). Sogar für diesen Zeitpunkt gibt er noch an, er habe sich „von Grund auf in
die schwierige Materie einarbeiten“ müssen, eine Erinnerung, die immerhin
durch einen in dieser Zeit geschriebenen Brief beglaubigt wird: Dieser Brief an
Jacques Heurgon vom 21.3.1933, der übrigens ein interessantes, allerdings sorg-
fältige Lektüre verlangendes Dokument für die ‘Flucht’- und ‘Katakomben’-
Diskussion darstellt, läßt keineswegs an einen irgendwie Gestalt gewordenen Plan
denken, sondern erweckt im Gegenteil den Eindruck, daß Curtius nach der
Machtergreifung gerade deshalb froh war, eine Veranstaltung über mittellateinische
Literatur in Angriff genommen zu haben, weil sie ihm just aus dem Grund „beau-
coup de travail“ abverlangte, daß er dieses Terrain, „un pays [...] qui me tentait
depuis longtemps“, nicht kannte, kolloquial ausgedrückt also sozusagen ‘keinen
Plan hatte’.219
219219
219 Sollte er über einen trotzdem vorliegenden Plan lieber Still-
schweigen haben üben wollen?
219
219219
219 Curtius an Heurgon: „J’ai entrepris un cours sur la littérature latine du Moyen Age
qui me donne beaucoup de travail, mais aussi beaucoup de satisfaction – puisqu’il me permet
d’explorer un pays que je ne connaissais pas, mais qui me tentait depuis longtemps. L’époque
présente a peu d’attraits pour moi. Je suis d’autant plus content de pouvoir me réfugier dans un
alibi historique. C’est dans cette même pensée que j’ai abordé la lecture de Claudien. Quel
grand poète!“ (Lausberg 95)
174
Der ‘Plan für ELLMAdürfte – wollte man nicht behaupten, daß er sich
nach der Gestaltnahme um den Wechsel nach Bonn über viele Jahre an keiner
Stelle veräußerte – darum nach der Version, die Curtius 1946 im geplanten, dann
aber fallengelassenen ersten „Vorwort“ seinem „Buche über das Lateinische Mit-
telalter und die Europäischen Literaturen“ hatte voranstellen wollen, frühestens in
der Folge oder als Folge der „Auseinandersetzung“ mit Glunz’ Literarästhetik des
europäischen Mittelalters (1937) entstanden sein, denn erst diese Auseinandersetzung
hatte für ihn „den Anstoß“ bedeutet, „das lateinische Mittelalter und seine Aus-
strahlungen intensiv durchzuarbeiten“ (972), eine im Kontext glaubwürdige An-
gabe, die sein mittellateinisches Engagement der Jahre vor Glunz’ Veröffentlichung
1937 allerdings in bemerkenswerter Weise relativiert, und das in lligem Ein-
klang mit den oben genannten altromanistischen Publikationen. Die geballte latei-
nische Erudition, die dann 1938 über Glunz hereinbrach, dürfte sich tatsächlich
in der Zwischenzeit 1937/38 in Curtius zielgerichtet aufgestaut haben, was auch
sein publizistisches Schweigen im Jahre 1937 erklären könnte. Die daraufhin
„1938 bis 1944“ entstandenen „zweiundzwanzig Abhandlungen“ jedenfalls, die
ihm „während des Krieges ein willkommenes geistiges Alibi boten“, „waren“, so
betont er abschließend, „nicht nach einem vorbestimmten Plane angelegt“.
Selbst in diesem schließlich als Relikt eines Durchgangsstadiums stehen-
gebliebenen „Vorwort“ aber findet sich genaugenommen – von dem Titel des zu
früh angekündigten Buches abgesehen, der im übrigen bezeichnenderweise nicht
von einer europäischen Literatur als Einheit, sondern von den europäischen Lite-
raturen im Plural redet – kein Hinweis auf eine europäische Dimension seiner
Forschungen. Und so sehr Curtius im Unklaren ließ, worauf sich seine Kritik an
Glunz bezog und worin dessen Buch sich eigentlich als unzulänglich erwiesen
hatte, es scheint ein Zusammenhang zu Curtius’ damals neu gewonnener („Bald
bemerkte ich“), wenn auch nicht eben grundstürzender Einsicht zu bestehen, daß
von der „Basis“ der mittellateinischen Literatur „aus ein tieferes Verständnis al-
tromanischer [!] Denkmäler zu gewinnen war“ (972). Von einer spezifisch euro-
päischen Perspektive à la ELLMA ist also hier noch nichts zu spüren, geschweige
denn die Rede. Wenn er aber an dieser Stelle schon keinen Aufschluß darüber ge-
ben mochte oder konnte, inwieweit und seit wann die besagten Abhandlungen
(die das Buch wohl in der Fassung konstituierten, in der er damals vorübergehend
glaubte, es „als Fragment hinausgehen lassen“ (974) zu müssen) von der Konzep-
tion oder dem irgendwann doch wohl vorliegenden Plan her ‘in Richtung ELLMA
zielten, 1948 wird er es noch weniger tun: Er wird „diese Seiten“ über die „Ent-
175
stehung“ seines Buches mit der bezeichnenden Begründung „nicht wieder“ ab-
drucken, daß „das Buch in den Jahren 1946/47 umgearbeitet worden ist“, wie es
im neuen Vorwort lapidar heißt (ELLMA 11). Er wird es nunmehr für angezeigt
oder vertretbar halten, jeden Hinweis auf die Genese dieses ‘neuen’, dezidiert
‘europäischen’ Werkes, auf Anstöße, Anregungen, Abhängigkeiten und vor allem
darauf zu unterlassen, wann und auf welchem Wege ihm denn nun tatsächlich
(wieder?) bewußt geworden war – nachdem ja ausgerechnet sein Lehrer Gröber
bereits 50 Jahre vor ELLMA im Grundriß der romanischen Philologie eine monumen-
tale „Übersicht über die lateinische Literatur von der Mitte des 6. Jahrhunderts
bis 1350“ (1893/1902) vorgelegt und darin ausdrücklich die Bedeutung dieser
Literatur für „das Verständnis des Schrifttums der romanischen Völker“220
220220
220 betont
hatte, allerdings ohne deshalb auf die Idee zu verfallen, darauf expressis verbis den
Begriff Kontinuität anzuwenden –, was er erst jetzt im programmatischen ersten
Kapitel über „Europäische Literatur“ als seine neue Sicht und seinen neuen kon-
zeptuellen Ansatz herausstellte, das nämlich
keine Strecke der europäischen Literaturgeschichte so wenig bekannt und bewandert [ist] wie
die lateinische Literatur des frühen und hohen Mittelalters. Und doch erhellt aus der histori-
schen Auffassung Europas, daß gerade diese Strecke als Verbindungsglied zwischen der unter-
gehenden antiken und der sich so sehr langsam herausbildenden abendländischen Welt eine
Schlüsselstellung einnimmt (22),
weshalb für ihn zum einen die „Europäisierung des Geschichtsbildes [...] heute
politisches Erfordernis geworden“ (17) war, das „auch auf die Literatur angewen-
det werden“ mußte (19), und zum anderen die Verpflichtung, das Bewußtsein der
„Kontinuität“, ja der „Verwachsung“ mit der Antike herauszustellen und zu beför-
dern, geradezu in den Rang eines ethischen Postulats gestiegen schien.
Die Einsicht in diese „Verwachsung“ hatte er aus der „universalhistorische[n]
Sicht von ERNST TROELTSCH“ übernommen, nach der „unsere europäische Welt“
(29)
220
220220
220 Gröber fährt fort (Grundriß II, 97): Ausdruck der Einsicht und des Wissens der
Lehrer des Volkes in der Zeit vor und nach dem Hervortreten romanischer Literaturdenkmäler,
begleitet [die lat. Lit.] das romanische Schrifttum von seiner Entfaltung an bis zu seiner Blüte,
wirkt vorbildlich oder anregend darauf ein, leiht den Volkssprachen Darstellungsmittel, Formen
und Stoffe und weicht nur langsam mit der Verallgemeinerung der Bildung und der reifenden
Darstellungskunst in den romanischen Sprachen auf dem Gebiete der Kunstdichtung, der wis-
senschaftlichen Forschung und Belehrung zurück.“ (Zit. n. Curtius, „Gustav Gröber und die
romanische Philologie“, Ges. Aufs. 444)
176
nicht auf Rezeption und nicht auf Loslösung von der Antike, sondern auf einer durchgängigen
und zugleich bewußten Verwachsung mit ihr (Troeltsch, Der Historismus, S. 716, zit. n. ELLMA
29)
beruht, und damit hatte Curtius sein europäisches Literatur-Projekt nach einem un-
verhofften und wahrscheinlich nicht zuletzt aus der historischen Umbruch-
situation des „Zusammenbruchs“ sich ergebenden konzeptuellen Endspurt
schließlich wieder an die Vorstellung jenes „‘standortgebunden[en]‘“ und „einma-
ligen Humanismus des Abendlandes“ zurückgebunden, die er in Deutscher Geist in
Gefahr (110) im Rahmen seines „kulturpolitische[n]“ – wohlgemerkt nicht eines
literaturwissenschaftlichen! – „Programm[s] eines Mittelalter-Humanismus“
(Lausberg 110) bereits mit eben diesem Troeltsch-Zitat unterlegt hatte.
Es ist durchaus möglich, und vor allem die Selbstzeugnisse sprechen ver-
nehmlich dafür, daß Curtius seinem magnum opus erst 1946/47 die europäische
Dimension hinzugefügt hat. Deshalb die Umarbeitung, denn die bloße Kom-
pilation der 22 Mittelalter-Studien konnte diese Dimension nicht herstellen. Nach
vielen Jahren wiederholter Attacken hatte er sich schließlich zwei Jahre nach
Glunz’ Tod221
221221
221 die Position und den europäischen Gesichtspunkt zu eigen gemacht,
die er diesem 1938 so vehement bestritten hatte222
222222
222 und die er 1946 in der Wand-
221
221221
221 Glunz war am 3. März 1944 an der Ostfront gefallen (Vermerk in der zweiten Auflage
seines Buches, Frankfurt a. M.: Klostermann, 1963). Curtius vermerkt dies 1946 in seinem
Vorwort“ folgendermaßen: „Das 1937 erschienene Buch des Anglisten Glunz über ‚Die Lite-
raturästhetik [sic] des [Curtius unterdrückt: europäischen] Mittelalters’ (der Verfasser ist in-
zwischen als Kriegsopfer gefallen) erwies sich als unzulänglich und wurde von mir 1938
eingehend kritisiert.“ (972)
222
222222
222 Nachdem Curtius zu Beginn von „Zur Literarästhetik des Mittelalters I“ (ohne ‘euro-
päisch’!) die erstrangige Zuständigkeit der Romanistik für die „vielgestaltigen Zusammenhänge“
zwischen mittellateinischer Literatur und „volkssprachlichen Schrifttümern“ damit begründet
hat, daß „in der mittelalterlichen Blütezeit [...] Frankreich die geistige Führerstellung im
Abendlande hat“, dekretiert er: „Auch der neueste, von einem Anglisten unternommene Ver-
such, die Dichtung und die Poetik des Mittelalters durch tieferes Eindringen in die mittellatei-
nischen Quellen zu deuten, muß diesen geschichtlichen Verhältnissen Rechnung tragen. Die
‘Literarästhetik des europäischen Mittelalters’ von H. H. Glunz führt zwar den Untertitel:
Wolfram – Rosenroman – Chaucer – Dante. Bei näherem Zusehen aber zeigt sich, daß von den
fast 600 Seiten des Buches nur etwa 10 auf Wolfram, nur 7 auf Chaucer, rund 55 auf sonstige
me. Denkmäler Texte [sic] kommen. Die Hauptmasse des Werkes ist auf mittellateinische und
romanische Texte verwandt und geht aus diesem Grunde die romanische Philologie an. Unter
den mlat. Autoren sind natürlich auch einige Engländer. Aber ihrer Geistesbildung und ihrer
literarischen Tätigkeit nach sind auch sie als Schüler der Franzosen anzusprechen.“ (ZrPh 58
(1938): 1)
177
lung nicht mehr (oder noch nicht) benennen mochte223
223223
223 (oder konnte). Noch
1944 jedenfalls, als er sich zu Beginn der 22. Studie „Über die altfranzösische
Epik“ ausdrücklich zu nicht mehr in der Lage sah, als „ein[en] Wegweiser zum in-
neren Zusammenhang der bisher veröffentlichten einundzwanzig Teile“ nur „im
groben und großen“ geben zu können (Ges. Aufs. 107), hatte er über das virtuelle
Buch, von dem er allerdings bezeichnenderweise meinte, daß es sich erst ergeben
würde, wenn er die vorliegenden Arbeiten „in umgearbeiteter, ergänzter Gestalt
und in systematischem Aufbau erneuern“ würde, die höchst aufschlußreiche und
in der Sache zutreffende Feststellung getroffen: „Sein Gegenstand ließe sich mit
den Worten umschreiben: ‘Lateinisches und romanisches MA. (Untersuchungen
zur lit. Tradition Europas)’“. Es gibt keinen Grund, diese Selbsteinschätzung zu
bezweifeln, nach der er zu diesem Zeitpunkt also über den Standpunkt von 1938,
d. h. eigentlich den seines Lehrers Gröber, noch nicht hinausgekommen war. Die
Begründung, die er für „[d]iese Fassung des Themas“ recte nicht des Themas des
Buches, sondern des Titels – gab und die man als erneute Replik auf Glunz’ euro-
päischen Anspruch lesen kann, zeigt sicherlich in ihrer Kasuistik und Kategorien-
vermischung klar den ihm eigenen Denkstil,
Grundlage der Untersuchung bildet die vergleichende Betrachtung der mlat. Literatur und der
romanischen Literaturen des Mittelalters. Über die Romania greift eine solche Betrachtung in-
dessen schon dadurch hinaus, daß an der mlat. Literatur auch Kelten, Deutsche, Engländer be-
teiligt sind. Sodann aber dadurch, daß die romanischen Literaturen auch der deutschen und der
englischen zahlreiche Anregungen geboten haben (197),
223
223223
223 1948, in Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, wird Glunz in seiner Rolle als
Stein des Anstoßes zu Curtius’ ‘intensiver Durcharbeitung des lateinischen Mittelalters und sei-
ner Ausstrahlungen’ gänzlich getilgt sein. Lediglich in einer Fußnote zum Exkurs „Der Affe als
Metapher“ vermerkt Curtius, Glunz habe „den Begriff ars simia veri als Stütze für seine verfehl-
ten Konstruktionen verwertet. Eine philologische Richtigstellung schien erforderlich“ (522); in
einer zweiten zu dem typischen Verdikt: „Ein Versager war auch die ‘Literaturwissenschaft’ in
ihrer kunstgeschichtlichen wie in ihrer geistesgeschichtlichen Variante. Die leichtfertig kon-
struierende ‘Geistesgeschichte’, die sich in Deutschland seit dem ersten Weltkrieg an Stelle der
Philologie setzte, war ein Symptom wissenschaftlichen Verfalls“ (385), erklärt ausgerechnet der
ehemalige philosophierende Kritiker Curtius, einer der exponiertesten Vertreter dieser Verfalls-
erscheinung: „Ich verweise auf meine Kritik der ‘Literarästhetik des europäischen Mittelalters’
von H. H. Glunz.“ – Glunz hatte zwar geschrieben, die Ergebnisse seines Buches sollten „der
mittelalterlichen Geistesgeschichte wie der Philologie in gleicher Weise zugute kommen“ (VIII-
IX), dies war aber natürlich gerade Ausdruck davon, daß er beides nicht betrieb, sondern sich –
was dem Rezensenten Curtius kaum entgangen sein dürfte – mit poetologischen, rhetorischen,
generischen und ästhetischen Fragen beschäftigte.
178
insgesamt aber war Curtius Gröbers „Auffassung vom Verhältnis der mlat. und der
volkssprachlichen Literatur“ (110) grundlegend und nachhaltig verpflichtet und er
erklärte sogar ausdrücklich, mit seinen Untersuchungen an Gröbers Fragestellung
anzuknüpfen (111).224
224224
224
Das schützte Gröber allerdings nicht davor, Glunz’ Schicksal zu teilen und
ebenfalls als Vorgänger und Anreger sukzessiv vergessen zu werden: War er 1938
mit der Reverenz bedacht worden, die erste Mittelalter-Studie, also die Glunz-
Kritik, eröffnen zu dürfen, und 1944 immerhin noch in der gerade geschilderten
Weise präsent, im Vorwort“ von 1946 gab Curtius keine Verbindung des avisier-
ten ‘Buches über das Lateinische Mittelalter und die Europäischen Literaturen’ zu
Gröber mehr zu erkennen, ebensowenig in Europäische Literatur und lateinisches Mit-
telalter, wo er ihn im Kapitel „Lateinisches Mittelalter“ im Unterschied zu anderen
Mittellatinisten mit keinem Wort erwähnt. Lediglich in der „Bibliographischen
Anmerkung“ am Ende würdigt er ihn mit einem einzigen Satz in petit, was in An-
betracht der Aussage um so merkwürdiger anmutet: „Einen Überblick über die
ganze mittellateinische Literatur bis 1350 bietet nur GUSTAV GRÖBER im Grundriß
der romanischen Philologie, Band II, 1902, 97-432.“ Mit der ELLMA vorangestellten
Widmung „Gustav Gröber und Aby Warburg in memoriam“ kontrastiert in merk-
würdiger Weise, daß Curtius seinen Lehrer nur in einigen wenigen völlig insignifi-
kanten Details anführt und an keiner Stelle eine irgendwie geartete Vorläuferschaft
bzw. Abhängigkeit einräumt. Erst 1952 wird er sich in „Gustav Gröber und die
romanische Philologie“ wieder genauer an Gröbers mittellateinische Verdienste
erinnern, bei der Gelegenheit dann jedoch ohne die geringste Beziehung zu sei-
nem eigenen ‘Mittelalter-Buch’ herzustellen. Erschien ihm dies nicht mehr nötig,
weil sein Buch mittlerweile vom „Lateinisches und romanisches MA.“-Stadium à
la Gröber zu Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter promoviert und mit dem
europäischen Label im öffentlichen Bewußtsein als autonome Singularität fest ver-
ankert war, er also anders als im 1946er „Vorwort“ souverän und ohne Profilie-
rungsnot über ‘fachfremde’ Leistungen wie die seines Lehrers reden konnte, die
224
224224
224 Von der Verkürzung der Darstellung der ‘ganzen mittellateinischen Literatur’ auf To-
pik und geistesgeschichtliche Spekulation bei Curtius einmal abgesehen kann man sich wenn
man den Kritikern glauben will, die ihm insbesondere eine ungenügende Berücksichtigung, ja
eine dem europäischen Anspruch nicht gerecht werdende Vernachlässigung der nicht-
romanischen Literaturen vorgeworfen haben – wohl mit einiger Berechtigung fragen, ob er sich
von Gröber nicht vor allem auf der Ebene der verbalen Verlautbarung, durch die Deklamierung
einer „historischen Auffassung Europas“ (ELLMA 22) und die Hypostasierung einer schimären-
haft im Unklaren bleibenden Kontinuität unterscheidet.
179
sein eigenes Terrain nicht tangierten? Immerhin gibt er doch einen impliziten
Hinweis, daß er Gröber neben der lateinisch-romanischen Grundidee, die er mit
reichlich publicité européenne versehen hatte, noch für andere Anregungen und
(vielleicht auch indirekte) Fernwirkungen Dank schuldete: Nachdem er erwähnt
hat, daß er bereits „in der ZfRPh (58, 1938, 1) auf Gröbers Verdienste um die
mittellateinische Philologie“ (Ges. Aufs. 445) hingewiesen hatte, zitiert er aus ei-
nem Brief, den er daraufhin von dem Gröber-Schüler Philipp August Becker er-
halten hatte: „Unserm alten Lehrer bin ich gerade dafür zu großem und
bleibendem Dank verpflichtet“, hatte Becker Curtius geschrieben, „daß er mir
den Sinn für den Zusammenhang des Mittelalters mit der antiken Kultur eröffnet
hat, für die Vermittlung des Christentums und für die Notwendigkeit, die Ge-
samtkultur der Zeit im Auge zu behalten.“ Wie dem auch sei, als Erklärung für die
offensichtlich von manchem heutigen Romanisten noch zwei Generationen post
festum als problematisch und rechtfertigungsbedürftig empfundene ‘Verlagerung
der Interessen’ bei dem Bonner Ordinarius ausgerechnet eine auf Europäische Lite-
ratur und lateinisches Mittelalter zielende und daraus eine ethische Valorisierung ab-
leitende Teleologie zu bemühen könnte absurder nicht sein.
*
Ein anderer Versuch, „die Wende in [Curtius’] Forschung am Ausgang der
zwanziger Jahre“225
225225
225 nicht nur en passant, sondern in einem eigens dieser Frage ge-
widmeten Aufsatz zu analysieren, dokumentiert die anhaltende Brisanz der The-
matik: Es handelt sich um eine der letzten größeren Veröffentlichungen zu
unserem Autor, die zudem den seltenen Reiz bietet, einer Curtius-Exegese bei-
wohnen zu können, die sich auf der Diskurs-Höhe einer erst vor wenigen Jahren
vergangenen Zeit bewegt, was fast schon dafür entschädigt, daß sie bei keiner Lö-
sung ankommt, scheitert sie doch auf diskursiv und epistemologisch ambitionier-
tem Niveau. Der Verfasser Kian-Harald Karimi versucht, die exakte Beschreibung
und zweifellos ‘politisch korrekte’ Beurteilung von für seine Argumentation geeig-
neten Curtius-Daten und -Texten und von wissenschaftsgeschichtlichen Phäno-
menen im „biographischen und politischen Kontext“ Curtius’ mit dem damit bei
225
225225
225 Kian-Harald Karimi, „A un tournant de mon existence: Ernst Robert Curtius’ epi-
stemologische Wende am Ende der zwanziger Jahre“, RZLG 19.1 (1995): 101.
180
Würdigung aller relevanten Texte unvereinbaren, aber wohl vom heutigen romani-
stischen Kontext nach wie vor eingeforderten Erkenntnisziel zu versöhnen oder
aufzuheben, daß bei Curtius eine „Abkehr von nationalen Klischees [...] mit der
Abwendung von der zeitgenössischen Literatur, von gegenwarts- und kulturan-
thropologischen Fragen zusammenfällt“ (117). Wem nicht scheint, daß sich mit
der „Abwendung“ von diesen Themen sowohl die „nationalen Klischees“ als auch
die „Abkehr“ von ihnen weitgehend von selbst erübrigen226
226226
226, kann leicht als gege-
ben betrachten, was zu beweisen gewesen wäre:
Es spricht für Curtius, daß er sich aus dem Labyrinth bedrohlicher Aporien insoweit be-
freien konnte, als er den von „Völkerpsychologismen zum Rassismus“227 führenden Diskurs
verlassen hat, um sich in der Mittelalterforschung dem aus seiner Sicht gefährdeten abendlän-
disch-humanistischen Erbe zuzuwenden. (107)
Karimis „um[...]zu“ ist zwar nicht eindeutig als final zu bestimmen, es könnte
auch kopulativ oder neutral konsekutiv gemeint sein, der Kontext läßt aber keinen
Zweifel: Dies ist der Endpunkt seiner Argumentation, als deren Fazit aus dem
neuen selbstreflexiven228
228228
228 und diskursbewußten Angang wieder das bekannte ethi-
sche Telos aufscheint.
226
226226
226 Als ob es „seinerzeit“ nur Curtius und seinesgleichen gegeben hätte und die Existenz
alternativer Modelle nicht zuletzt durch Curtius’ Attacken auf ihre Vertreter beglaubigt wäre,
„stellt sich mir“, schreibt Karimi, „die Frage, ob“ diese (von ihm als evident behandelte) Ab-
kehr [...] nicht zeigt, daß eine solche Beschäftigung in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg
überhaupt nur im kulturkundlich-biographischen Sinne möglich war bzw. daß die Arbeit an
Gegenwartsliteratur und ‘Geistesgeschichte’ seinerzeit über einen kulturkundlichen Diskurs zu
funktionieren pflegte“ (117).
227
227227
227 Karimi zitiert hier Stefan Gross, Ernst Robert Curtius und die deutsche Romanistik der
zwanziger Jahre, 85, bei dem es im Zusammenhang heißt: „Von Völkerpsychologismen zum Ras-
sismus, so könnte auf begrenztem Teilbereich der gedankliche Weg von Weimar zum Dritten
Reich beschrieben werden. / Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Curtius in eben dieser
Diskussion [...] zumindest teilweise die Intention hatte, auf nationalen Stereotypen beruhendes
Denken zu bekämpfen. Daß er sich selbst von dessen Ansätzen nicht zu lösen vermochte, daß
er zwischen Imagologie und Völkerpsychologie steckenblieb, verhinderte eine akzeptable wi-
derspruchsfreie Aussage.“ (85)
228
228228
228 Karimi entfaltet auf den ersten Seiten seine methodische Reflexivität und betont, in
seiner Untersuchung solle es „nicht darum gehen, die Illusion zu nähren, wir hätten als er-
kennende Subjekte einen unmittelbaren Zugriff auf das zu erkennende Objekt, so als ob wir
einerseits nicht auch notwendigerweise der Diskursivität aller wissenschaftlichen wie nicht-
wissenschaftlichen Erkenntnisprozesse unterlägen und andererseits unser Blick auf die Ar-
beiten des Philologen Curtius nicht weniger als durch eine Mannigfaltigkeit von apologeti-
schen wie diffamatorischen Diskursen verstellt wäre.“ (100)
181
Da Karimi, uneingedenk womöglich der Aporien, in die ein uneigentlicher
Diskurs über Aporien zwangsläufig gerät, sich zutraut, gewappnet nur mit einem
unerschütterlichen Vertrauen in den „Ariadnefaden“ (105) der Diskurse – denn
sollte man ihn einmal ‘verlieren’, wie auf Seite 105, ‘greift’ man ihn einfach „wie-
der auf“ – als ein neuer Theseus einer orientierungslos kontemporären, zeitgeist-
bemühten Romanistik Curtius in dem von ihm selbst geschaffenen Labyrinth
aufzusuchen“ (99), tut er sich unweigerlich schwer, eine tatsächlich stringente
Analyse oder überzeugende Erklärung der „Wende“ vom bösen Ersten („hybrider
Diskurs“ (107), „aus dessen Ritzen schon längst das Blut rinnt und eine grelle
Körperlichkeit aufscheint“ (118)) zum guten Zweiten („Topos“ (104), „lateini-
sches Abendland“(118)) zu geben, aber immerhin ist es nicht weniger als ein
Wandel der Episteme“ (106), den er nicht zu ergründen vermag. So kann er sich
in der Gewißheit eines empathischen Verständnisses für die existentiellen persön-
lichen und ethischen Lebensfragen „des Philologen in den ausgehenden zwanziger
Jahren“ darangeben zu demonstrieren, „daß Erkenntnis kein teleologischer, zu
Perfektibilität [Perfektion?] drängender Prozeß ist, sondern daß Erkenntnisgewin-
ne auch immer das Ergebnis von Verlusten sein können(106)“229
229229
229. Karimis Ansatz
und Methodik sollen zwei Beispiele verdeutlichen:
Seinem eigenen heuristischen Vorschlag folgend, es
sollte [...] der Versuch unternommen werden, aus der Vielzahl der sich überlagernden Diskur-
se, welche die Heterogenität der Texte von Curtius geradezu impliziert, den der romanistischen
Wissenschaftsgeschichte zu ermitteln (101)
(mit dem unausgesprochenen, aber sich erweisenden Ziel, Curtius’ gelungene
Überwindung der inkriminierten Diskurse zu behaupten), spricht Karimi, Curtius
weder ausklammernd noch explizit einbeziehend, von der Entstehung eines ‘hy-
briden Diskurses’, „der seine Kategorien nicht aus der Literarizität der Literatur,
229
229229
229 Es muß die Möglichkeit eingeräumt werden, daß Aussagen zum Thema darin begrün-
det sind, daß der Autor bei aller methodologischen und epistemologischen Skrupulosität un-
zureichend über das Curtiussche Œuvre orientiert ist: darauf deuten unter anderem
Äußerungen wie „Eine Einführung über Die französische Kultur [...] schließt 1929 diesen Zyklus
von Verständigungstexten ab“ (103) oder „1950 setzt Curtius seine Arbeit an der zeitgenössi-
schen [!] Literatur mit Kritische Essays zur europäischen Literatur [größtenteils vor 1933 erstveröf-
fentlicht, vor allem über längst verstorbene Autoren], ein Jahr später mit Balzac [!, Neuauflage
des Buches von 1923] und 1952 mit Französischer Geist im zwanzigsten Jahrhundert fort [der jüng-
ste Aufsatz dieses Sammelbandes ist der über Maritain von 1926, bis auf zwei Artikel lagen alle
spätestens 1925 kompiliert in Buchform vor]“ (104).
182
dem Material der Sprache schöpft, sondern aus den Versatzstücken anderer Wis-
senschaftsdiskurse“ (107). In der deutschen Romanistik, stellt er mit partieller
Berechtigung fest, hätten sich „wie in den Philologien seit der Jahrhundertwende
überhaupt die Episteme zu verlagern“ begonnen: „Begriffe wie Scholle, Rasse und
Blut“ veränderten ihre „Wertigkeit und mithin auch das Denken“ und bestimmten
die Erkenntnisprozesse, die nach der deutschen Niederlage von 1918 zumal Mo-
delle zum Verständnis von Ungleichheiten zwischen den Völkern und Nationen
entwickeln.“ Curtius erwächst in dieser Situation laut Karimi Hilfe aus nahelie-
gender Quelle: „Dennoch verschwimmen diese Kategorien in beschreibenden und
bewertenden Bedeutungen, die zu beherrschen dem an festen Begrifflichkeiten
der klassischen Rhetorik geschulten Curtius zunehmend schwerer gefallen sein
muß.“
Das zweite Beispiel führt in das Zentrum von Karimis Untersuchung:
Vorwiegend an seinen Arbeiten zur zeitgenössischen französischen Literatur und zu den
deutsch-französischen Geistesbeziehungen der zwanziger Jahre exemplifiziert sich [...] ein wis-
senschaftlicher, „geistesgeschichtlich“ genannter Diskurs, dessen Automatisierung, Stereotypi-
sierung und letztlich auch chauvinistische Entartung zu einem tiefen Bruch in seiner Forschung
führt. Dieser scheint auch mit einer wissenschaftlichen, philosophisch-ethischen und nicht zu-
letzt persönlichen Krise des Philologen in den ausgehenden zwanziger Jahren zu korrespondie-
ren und ist damit weit umfassender als ihn Nerlich in seinen Angriffen bei Curtius
diagnostiziert. So schreibt Curtius in einem Brief am 14.2.1930 an André Gide, daß er sich in
einem „tournant de mon existence“ befände und vergleicht diesen mit einer Erfahrung, die die
Figur des Lafcadio aus Les caves du Vatican am Ende des Romans erlebt, als der Erzähler den Be-
ginn eines neuen Buches ankündigt. (105-06)
Bei soviel empathischer ¦B4FJZ:0 getraut man sich kaum, zu bedenken zu geben,
daß die Bemerkung des notorischen, mittlerweile immerhin fast 44 Jahre alten
Junggesellen Curtius’ über eine Lebenswende möglicherweise in Beziehung stehen
könnte zu seiner Verehelichung mit der 21 Jahre jüngeren Ilse Gsottschneider, die
ausgerechnet am folgenden Tag, dem 15.2.1930, stattfinden sollte, denn hätten
Eheschließungen etwas mit ¦B4FJZ:0 oder mit Epistemen zu tun. Und wenn Ka-
rimi sich solch erstaunliche Verbindungen auffallen läßt wie die, daß die Auto-
matisierung, Stereotypisierung und letztlich auch chauvinistische Entartung“ von
Curtius’ „Diskurs“ auf eine nicht näher beschriebene Art und Weise „zu einem
tiefen Bruch in seiner Forschung führt“, der mit einer umfassenden „Krise des
Philologen“ zu „korrespondieren“ „scheint“, um dann nach einem gewissen
Lapsus in der Erfassung (der wohlgemerkt nicht thematisiert wird, für mich an
183
der entscheidenden Stelle aber gegeben ist) einen „Wandel der Episteme“ festzu-
stellen, an dessen Ende wir einen anderen Curtius haben, der Europäische Literatur
und lateinisches Mittelalter schreiben wird, sollte sich da – wo Karimi sich doch ent-
schlossen hat, „Curtius in dem von ihm selbst geschaffenen Labyrinth aufzusu-
chen“ und da „nur den Spuren [zu] folgen, die sich in seinen wissenschaftlichen
Texten, in seinen Essays und Briefen eingeschrieben haben“ (100), also dem von
ihm selbst geschaffenen Labyrinth, anstatt wie Lausberg oder Jean Hyppolite dem
Autor als Subjekt“ nachzuspüren230
230230
230 – eine Formulierung von solch suggestiver
diskursiver, ja titelwürdiger Potenz wie „tournant de mon existence“ auf etwas so
prototypisch Banal-Biographisches wie eine Eheschließung beziehen, anstatt die
diagnostizierte philosophisch-ethische und persönliche Krise zu bestätigen? Zumal
wenn Karimi darüber hinaus auffällt, daß „die Figur des Lafcadio“ jene „Erfah-
rung“, mit der Curtius laut Karimi seinen „tournant“ „vergleicht“, just dann „er-
lebt“, „als der Erzähler den Beginn eines neuen Buches ankündigt“, was zwar
vorderhand weder mit Lafcadio noch mit Curtius’ Vergleich etwas zu tun hat, aber
– das scheint Karimi suggerieren zu wollen – als ein wirklich schönes Bild für die
neuen Episteme aufgefaßt werden kann.231
231231
231
Auch bei Karimi scheint das alte chronologische Problem der Curtius-
Forschung durch: wenn er behauptet, daß Curtius’ „tournant de mon existence“
sich auf eine mit einem Bruch in seiner Forschung korrespondierende wissen-
schaftliche, philosophischethische und persönliche Krise bezieht („So schreibt
Curtius ...“), unterstellt er damit, daß Curtius in jener Zeit in dem Bewußtsein
dieses Bruches und dieser Krise gelebt hätte, wofür es aber meines Wissens und
nach seinem Dokumentationsstand zu urteilen auch für Karimi keine Belege gibt.
Indem Karimi darüber hinaus behauptet, Curtius vergleiche dies mit einer Erfah-
rung, die Lafcadio in dem Moment macht, da der Erzähler den Beginn eines neuen
Buches ankündigt, insinuiert er, Curtius habe die Überwindung der Krise und den
230
230230
230 Daß Jean Hyppolite etwa „die Intelligenz von Curtius in die Nähe seines Charakters
[rückt], was Lausberg zur Folgerung veranlaßt, daß alle Schriften von Curtius’ ‘– über die auto-
biographischen Äußerungen hinaus – autobiographische Züge tragen’“ (99), bedenkt Karimi
mit dem Einwand: „Dieses Vorgehen birgt jedoch die Gefahr in sich, das Denken eines Men-
schen aus dem mit sich selbst Identischen zu erklären und damit Differentes und Unstimmiges
zu vernachlässigen.“
231
231231
231 Um es einmal auf die Spitze zu treiben: dadurch, daß Karimi die „Erfahrung, die die
Figur des Lafcadio [...] erlebt“, unbestimmt läßt, entsteht sozusagen ein semantischer Unter-
druck, der infolge eines die Kategorienmembrane überwindenden Druckausgleichs bei man-
chem nicht besser informierten Leser durch das Potential der Ankündigung am Schluß des
Satzes aufgefüllt werden dürfte.
184
epistemischen Neubeginn bereits vor Augen gehabt. Warum aber schrieb er dann
weiter wie bisher? Warum dauerte es dann noch so lange, wie ich oben beschrie-
ben habe, bis sich dieser Wandel der Episteme in Lehre und Veröffentlichungen in
irgendeiner Weise diskursiv manifestierte? Fragen, die sich überraschenderweise
auch dem auf den Spuren der Diskurse forschenden Karimi nicht stellen.
Übrigens muß ein Blick in die Korrespondenz mit Gide noch ganz andere
Zweifel an Karimis epistemischer Lesweise aufkommen lassen: Curtius’ Brief be-
ginnt tatsächlich mit den Zeilen
A la veille de mon mariage (littéralement, puisqu’il doit se célébrer demain) l’amitié, cette
chère et précieuse amitié qui est la vôtre, m’envoie l’Ecole des Maris. Coïncidence qui ferait rêver.
(Dt.-frz. Gespräche 100)
Es folgt ein hochemotionaler Dank („je me demande si vous savez combien je
vous aime. Vous ne le pouvez pas, car je nai jamais su manifester de façon
adéquate mon affection“) für die Widmung, die Gide dem Buch vorangestellt
hatte, zu dessen Abfassung er, wie er hier seinen Lesern erzählt, nämlich von Cur-
tius angeregt worden war (gemeint ist mit Ecole des Maris natürlich Robert.
Supplément à L’école des femmes); dann die dramatische Wendung: „Je me trouve à un
tournant de mon existence“, die genau besehen seine Entschuldigung dafür ein-
leitet, daß er nicht umgehend eine „appréciation littéraire“ zurücksenden wird232
232232
232,
die aber ganz ohne Frage im Kontext nichts anderes bezeichnen kann als die be-
reits seit dem Herbst des Vorjahres statthabende „neue Orientierung“, wie er
selbst sagt. Dies bestätigt auch der Umstand, daß er sofort wieder auf das Thema
zu sprechen kommt und ein zweites Mal die Eheschließung am folgenden Tag ein-
flicht: der Zufall nämlich habe gewollt, so erinnert er Gide an ein Treffen im Ok-
tober 1929 in Paris, „que vous fussiez le premier témoin de cette nouvelle orienta-
tion de ma vie qui demain recevra sa consécration“ (101; daß er fortfährt, „J’y vois
un bon augure pour l’avenir“, kann in Anbetracht von Gides Orientierung aller-
dings befremden). Auch Catherine Pozzi hatte er damals berichtet: „pour la 1ère
fois de ma vie j’aime une femme, une jeune fille de 22 ans et cela de telle façon
que je désire l’épouser“.233
233233
233 Daß Curtius den Zeitpunkt als „peu propice à une
232
232232
232 C’est un moment peu propice à une appréciation littéraire, ne fut-ce que par le
manque absolu de ce qu’on appelle en français ‘le temps matériel’“ (100-01).
233
233233
233 Poststempel Paris, 4.10.1929, „Lettres à Catherine Pozzi, 359. Im nächsten Brief vom
19.10. spricht er von dem „grand changement survenu dans ma vie“. – Für das Treffen Gides
mit Curtius und einer „dame inconnue, qu’il ne me présente pas“, vgl. den Eintrag vom
185
appréciation littéraire“ bezeichnet, ist vor dem Hintergrund dieser Eheschließung
um so verständlicher, als es sich bei dem Werk Gides um alles andere als eine
Apotheose der Ehe handelt.
Nur vor diesem Hintergrund erschließt sich der Vergleich mit Lafcadio,
den Karimi, der ihn aus unerfindlichen Gründen (lag ihm der komplette Brief et-
wa nicht vor?) mit dem Handicap des fehlenden bzw. eines falschen Bezugs inter-
pretiert, von vornherein mißzuverstehen scheint, wie seine unkorrekte Paraphra-
sierung nahelegt: Curtius vergleicht nämlich keineswegs, wie Karimi ohne die
Stelle im Wortlaut mitzuliefern behauptet, jenen „tournant“ mit einer Erfahrung,
die Lafcadio „am Ende des Romans erlebt“, sondern er erklärt mit hinreichender
Unmißverständlichkeit folgendes: zumindest darin, daß er sich in einer Lebenswende
befinde, gleiche er, Curtius, dem Lafcadio der letzten Seite: „Je me trouve à un tour-
nant de mon existence, pareil en cela du moins au Lafcadio de la dernière page“.
Daß dieser Unterschied in der Aussage auch in einer Diskurs- und Epistem-
Analyse keine différence négligeable sein dürfte, verdeutlicht Karimi selbst umge-
hend, wenn er sich infolge seiner Fehllektüre „doch nachdenklich“ stimmen läßt
von etwas, das tatsächlich überhaupt nicht gegeben ist, nämlich davon, daß Curti-
us sich angeblich „mit dem sich verändernden Lebensgefühl eines Menschen in
Beziehung setzt, der eine Mordtat auf Grund einer plötzlichen Laune begangen
hat“, womit für Karimi überdies schon nicht mehr zu zählen scheint, daß er den
Vergleich gerade eben noch auf eine zwar nicht näher bezeichnete, aber jedenfalls
andere Erfahrung in deutlicher Entfernung von jenem Mord, nämlich „am Ende
des Romans“ bezog, „als der Erzähler den Beginn eines neuen Buches ankündigt“.
Daß Curtius selbst diesen Zusatz in seinem Brief an den Autor des Buches nicht
gemacht hat, kann sich der Leser mittlerweile wahrscheinlich denken. Seine vier-
fache Verfälschung der Curtius-Stelle (der unterdrückte Kontext der Eheschlie-
ßung, der falsche Bezug auf eine Erfahrung Lafcadios, die fälschlich unterstellte
In-Beziehung-Setzung zu einem Mord, der insinuierte Bezug auf ein neues Buch)
gestaltet sich für Karimi aber insofern zu einem creative misreading, als es ihm die
Gelegenheit bietet, seine unparteiische Sensibilität und kritisch-distanzierte Hal-
tung gegenüber Curtius unter Beweis zu stellen, nur daß er dies sozusagen am un-
tauglichen Objekt tut, gegenüber einer Haltung, die er selbst in seine Beweisstelle
hineingelesen hat.
Curtius jedoch hatte seit dem misreading, das er in den Wegbereitern vom Aus-
gang der Caves du Vatican gegeben hatte, als er etwas vorschnell prognostizierte, daß
3.10.1929 in Gides Journal 1889-1939, 938.
186
der „Held des Romans, der verblüffende und bezaubernde Lafcadio [...] sein
Abenteuerdasein in einer zarten jungen Liebe aufgeben wird“ (76), entweder sei-
nen Blick geschärft oder seinen Gesichtspunkt geändert. Jetzt, in seiner „neuen
Orientierung“ auf die unmittelbar bevorstehende Heirat, ließ er sich vielleicht
auch weniger einnehmen von diesem weiteren Gideschen Immoralisten, in dem er
vormals mit einem durchaus wohlwollenden Beiklang einen „Bruder des Araber-
jungen Moktir“ erkannt hatte, „der dem neu erwachenden Lebensdurst [des ehe-
brecherischen Päderasten] Michaels in Biskra ein so reizvolles Schauspiel bietet“
(76-77). Am Vorabend seiner Hochzeit ist ihm offensichtlich daran gelegen
vielleicht durch die Zusendung des Robert verstärkt –, sich von Lafcadio aus-
drücklich zu distanzieren, und man kann sich höchstens fragen, wieso er sich aus-
gerechnet von dem Helden eines Romans distanziert, dessen Veröffentlichung an-
derthalb Jahrzehnte zurücklag? Ein direkter Anlaß scheint nicht gegeben. Curtius’
Bekenntnis aber: „Je me trouve à un tournant de mon existence, pareil en cela du
moins au Lafcadio de la dernière page“, kann nur so interpretiert werden, daß er
Wert auf die Feststellung legt, daß er sich grundsätzlich und in allem von Lafcadio
unterscheidet, außer in eben jener einzigen Übereinstimmung, daß beide sich in
einer Lebenswende befinden. Der Kontext der Eheschließung macht im übrigen
deutlich, daß diese Lebenswenden nach Curtius’ Dafürhalten in Inhalt und Rich-
tung völlig verschieden sind. Denn was treibt den Lafcadio der letzten Seite um?
Man könnte einen Blick am Diskurskritiker vorbei auf den Wortlaut des Textes
werfen.
Geneviève hat Lafcadio bestürmt, sich wegen des Mordes nicht zu stellen;
nach einigem Hin und Her führt sie auch in der unentschiedenen Situation zwi-
schen ihnen beiden die Entscheidung herbei: „L’amour la pousse, l’élance vers lui.
Lafcadio la saisit, la presse, couvre son pâle front de baisers ...“. Absatz und Leer-
zeile. Wir sollen wohl vermuten dürfen, daß es zwischen den beiden nun zum
Letzten kommt. Dann gibt der Erzähler Karimi das allerdings folgenlose Stich-
wort: „Ici commence un nouveau livre“ und kündigt an, die Liebenden in diesem
Moment zu verlassen. Er tut dies aber nicht, sondern zieht es vor, sich nach eini-
gen Zeilen noch einmal seinem Helden zuzuwenden – wir sind auf besagter letzter
Seite –:
Lafcadio, au-dessus de Geneviève endormie, se soulève. Pourtant ce n’est pas le beau visage de
son amante, ce front que trempe une moiteur, ces paupières nacrées, ces lèvres chaudes en-
trouvertes, ces seins parfaits, ces membres las, non, ce n’est rien de tout cela qu’il contemple –
187
mais, par la fenêtre grande ouverte, l’aube où frisonne un arbre du jardin.
Aber damit nicht genug: nachdem der Erzähler diese wenig romantische, eigent-
lich fast mit etwas sadistischer Weitschweifigkeit ausgemalte Darstellung zu geben
beliebte (vielleicht eine kleine Entschädigung für die Schluß-Reverenz vor der
nicht-invertierten Konvention zur Selbst-Ergötzung des Autors?), gehören die
letzten Sätze in einer Art style indirect libre Lafcadio:
Quoi! va-t-il renoncer à vivre? et pour l’estime de Geneviève, qu’il estime un peu moins depuis
qu’elle l’aime un peu plus, songe-t-il encore à se livrer?
Das also ist der Lafcadio der letzten Seite, und die Abgrenzung von ihm soll
vielleicht nicht mehr besagen, als daß Curtius’ Haltung ohne jede Ambiguität sein
wird, daß er sich seiner Ilse gegenüber anders verhalten will, als Lafcadio es wahr-
scheinlich gegenüber Geneviève tun wird. Natürlich könnte in Curtius’ Abgren-
zung gegen Lafcadio darüber hinaus auch eine Distanzierung von Gide und von
dem besonderen Diskurs gesehen werden, den er bisher mit dem bekennenden
Päderasten in derselben einvernehmlichen Diskretion geführt hatte, die er auch
gegenüber dessen Werk übte. Deswegen muß man das Wort von der „nouvelle
orientation“ natürlich keiner Überinterpretation unterziehen in der Richtung, zu
der es gerade vor dem Hintergrund des Dialogs mit Gide ebenso Anlaß gegen
könnte wie das „pour la 1ère fois de ma vie j’aime une femme“ gegenüber Pozzi. Es
bleibt aber das Bekenntnis zu einer persönlichen Lebenswende festzuhalten, die
außerdem als eine durchaus ethische zu betrachten denkbar und wahrscheinlich
berechtigt ist, die aber kaum als eine philosophisch-ethische, epistemisch-
diskursive im Sinne Karimis aufgefaßt werden kann.234
234234
234
Die Curtius-Briefstelle ist jedenfalls derart weit entfernt von Karimis
epistemologischer Interpretation, daß sich bei allem Verständnis für seine Reser-
ven gegenüber biographischen Angängen und für seinen Drang nach metho-
dologischer Sophistikation die Frage stellt, wie er zu seiner radikalen Ausblendung
der inhaltlichen Evidenz und zu seiner Neusemantisierung des Zitats für einen
völlig anderen Zusammenhang kommen konnte. Man möchte annehmen, daß
Karimi sein Curtius-Zitat aus zweiter Hand und ohne Kontext übernommen hat:
er wäre wie die Jungfrau zum Kinde zu der unbewußten und in Anbetracht seiner
234
234234
234 Einen Monat vor seiner Heirat schreibt Curtius an Catherine Pozzi: „Notre mariage
sera l’union de la maturité et de la pureté. Mais je ne suis qu’au commencement d’un chemin
tout en lacets et qui semble monter indéfiniment. Je devrai probablement passer par bien des
purifications encore, des dépouillements.“ („Lettres“ 363)
188
Curtius-Kritik für seinen Stand im romanistischen Kontext glücklichen Findung
gekommen, das „à un tournant de mon existence“ aus dem Diskurs-Bereich des
Nuptialen, wo „grelle Körperlichkeit“ aufscheinen könnte, in die etherische
Sphäre der Epistemologie heben und es da zu allem Überfluß zum pathetischen
Emblem für Curtius’ behauptete „epistemologische Wende“ machen zu können.
Dazu fügt sich die eingeweihte Manier – délit d’initié möchte man à la Karimi mit
Baudrillard sagen , in der er das in das Curtius-Zitat hineingelesene Pathos unge-
filtert in die Pathetik des Titels seines Aufsatzes überführt und mit der er seine alle
Kritik letztlich transzendierende Reverenz vor dem – wenn nicht seine Zugehörig-
keit zum – Affinitätssystem der Curtius-Gemeinde signalisiert.
Der Versuch, aus Karimis Epistem-Ethik ein Fazit für Curtius’ Deontologie
zu ziehen, wird schließlich noch mit der Erkenntnis eines erstaunlichen episte-
mologischen Phänomens belohnt: ‘Topos’ und ‘lateinisches Mittelalterals Sy-
nekdochen für Curtius’ spätere Beschäftigung stellten ja bei Karimi die ethisch
höherwertigen Episteme dar; zu ihnen dürfte nach seinen Ausführungen auch die
‘klassische Rhetorik’ zu zählen sein. Sie zu seinem Thema zu machen ist von daher
schon ein ethischer Akt, der Curtius aus dem ‘hybriden Diskurs’ auf eine ethisch
höhere Ebene hebt. Es scheint aber, daß das Verdienst daran Curtius nicht alleine
zufällt und daß das epistemologische Vermögen und die ethische Wertigkeit zu-
mindest der ‘klassischen Rhetorik’ größer und bedeutungsvoller sind, als man bis-
lang annehmen konnte, denn ihr – so hat es den Anschein – ist letztlich die
epistemologische und ethische Rettung Curtius zu danken: Karimis Analyse zufol-
ge nämlich war Curtius, obwohl er sich der Gefahren der „aprioristischen völ-
kerpsychologischen Deutungsweise“ (115) „bewußt gewesen sein [muß]“, nicht in
der Lage, die „Klischees dieses Denkens“, die er sehr wohl „erkennt“, „zu über-
winden“; ergo kann er auch nicht fähig gewesen sein, aus eigenem Vermögen jene
ethische Aufwertung zu bewerkstelligen; die Eigenständigkeit und deshalb letztlich
die Wertigkeit seiner ethischen Entscheidung für den Dienst am lateinisch-
christlichen Abendland wären also zu relativieren. Daher dürfte der Lapsus in Ka-
rimis Erfassung und Darstellung von Curtius’ Entwicklung rühren, von dem ich
vorhin sprach. Karimi löst das Problem, indem er zu guter Letzt einfach konstatiert,
daß Curtius den „von ‘Völkerpsychologismen zum Rassismus’ führenden Diskurs“
verlassen habe, „um sich in der Mittelalter-Forschung dem aus seiner Sicht ge-
fährdeten abendländisch-humanistischen Erbe zuzuwenden“ (117). Dabei scheint
Karimi nicht in seiner Bedeutung zu erkennen, was er vorher implizit en passant
registriert hatte; er scheint gar nicht zu bemerken, wie nah er dabei einer mögli-
189
chen affinen Lösung des Rätsels von Curtius’ beschworener epistemologischer
Wende schon gekommen war. Er hatte nämlich festgestellt:
[d]er von Curtius gewählte Diskurs scheint sich gegen seinen eigenen Gang zu sträuben und
immer wieder beim Versuch zu erstarren, sich selbst zu überwinden (115),
aber er macht keine Anstalten, darüber nachzudenken, warum Curtius’ Diskurs
dies tut, was an ihm, der doch so heterogen ist, oder was von außen auf ihn ein-
wirkend diesen positiven Ansatz auslöst oder ausmacht. So fällt Karimi die Verbin-
dung zu einer anderen früheren Beobachtung nicht auf, nach der die Kategorien
des ‘hybriden Diskurses’
in beschreibenden und bewertenden Bedeutungen [verschwimmen], die zu beherrschen dem
an festen Begrifflichkeiten der klassischen Rhetorik geschulten Curtius zunehmend schwerer
gefallen sein muß. (107)
Karimi macht den entscheidenden Erkenntnisschritt nicht, der hier doch deutlich
vorgezeichnet ist: die segensreiche immunisierende und katalysatorische, jedenfalls
autonome Rolle der klassischen Rhetorik in diesen Bezüglichkeiten und ihre funda-
mentale Bedeutung innerhalb des Diskurses und für die „epistemologische Wen-
de“ Curtius’ zu erkennen und explizit zu benennen. Es wäre ein Phänomen von
nicht zu überschätzender Brisanz und Tragweite für die Philologien und nicht zu-
letzt für Curtius’ eigenen konzeptuellen Angang in Europäische Literatur und lateini-
sches Mittelalter, wenn es die ‘klassische Rhetorik’ gewesen wäre, die ihn gegen die
negativen Episteme des ‘hybriden Diskurses’ gefeit und den Wandel zum Besseren
ausgelöst hätte. Von einem geschickten Diskursanalytiker ausgearbeitet könnte
diese trouvaille ein dezidiert kontemporäres, sozusagen das state of the art-Analogon
zu Lausbergs Aufdeckung des historisch leider nicht zum Tragen gekommenen
Potentials von Curtius’ „kulturpolitische[m] Programm eines Mittelalter-Huma-
nismus“ (110) bilden:
Wären die Nationalisten dem CURTIUS’schen Programm gefolgt, so hätten sie Italienisch ge-
lernt, DANTE gelesen, VERGIL entdeckt, wären auch wieder auf Frankreich gestoßen: der Na-
tionalismus hätte seine Enge verloren und wäre in einen weltoffenen Humanismus
ausgemündet. (113)
Karimi erhöht statt dessen im letzten Moment sogar noch den epistemolo-
gischen Einsatz: eine vorher nirgends bewiesene und im übrigen nicht zu bewei-
190
sende Tatsachenbehauptung („Bruch mit seinen früheren Arbeiten“), die den
Rahmen des bislang vorgetragenen noch übersteigt („Bruch in seiner Forschung“),
wird flugs, kaum daß man sie überdenken könnte, durch die Aufhebung einer
Illusion“ in die Sphären ahndungsvoller Weisheit erhöht und verschleiert, die ei-
ner Paraphrase von niemand geringerem als Gaston Bachelard zu danken ist, womit
der Kreis, nachdem Karimi mit dem Namen „Michel Foucault“ eröffnet hatte,
stilsicher auf ausgewiesen hohem Diskurs-Niveau geschlossen und der Beweis für
das methodische Hier und Heute endgültig erbracht wäre:
Der von [Curtius] vollzogene Bruch mit seinen früheren Arbeiten ist die Konsequenz einer
wissenschaftlichen Erkenntnis, die – um Gaston Bachelard zu paraphrasieren – immer Aufhe-
bung einer Illusion ist. (118)
191
2 EINE BIOGRAPHIE KONSTANTER TOPOI
Da die vorliegende Arbeit sich der Darstellung des spezifischen Zusammenhangs
von Deontologie und Ontologie der Metaliteratur bei Curtius verschrieben hat,
kann sie sich den Luxus erlauben, die in Frage stehende Phase vielfältigen Um-
bruchs und folgenschwerer Neuorientierung im Leben unseres Autors ohne
Durchsuchungsbefehl oder Entsetzungsauftrag zu betrachten. Weder muß sie sich
damit abgeben, gezielt inkriminierende Zitate zu sammeln, noch braucht sie sich
faute de mieux auf solche Verlegenheitsstrategien wie das trügerische „Angriff ist die
beste Verteidigung“ einzulassen, um einer überall gewitterten Stimmung der Ver-
dächtigung und Vorverurteilung gegenüber dem zur Identifikationsfigur Auserko-
renen mit Erzählungen von seiner besonderen ethischen und fachlichen
Untadeligkeit und Exzeptionalität zu begegnen. Es wird sich aber zeigen, daß eine
unter dem hier gewählten Blickwinkel stehende Betrachtung Interessierten beider
Lager helfen kann, ihr Objekt erst einmal klarer vor Augen zu bekommen und un-
verstellt überblicken zu können, was nicht die schlechteste Ausgangslage für eine
zurückhaltendere Reevaluierung der Bestände und die Vorbereitung auf kommen-
de Dispute sein sollte.
Ein entscheidender Anfang hierzu wäre bereits gemacht, wenn man sich
Klarheit über die Zeitpunkte der Abfassung und Veröffentlichung der relevanten
Curtiusschen Texte verschaffen würde, denn was wäre, wenn seine ‘Bio-
Bibliographie’ allein aufgrund der bloßen Daten für sich spräche? Für die vorlie-
gende Arbeit, die sich ja in die größte Nähe zu den Inhalten und Aussagen, mit
Curtius zu sprechen auch zur ‘Struktur’ seines Denkens, Fühlens und Wertens be-
gibt, ist diese Frage sogar weniger erheblich, ihre Beantwortung ergibt sich neben-
bei; aber für Untersuchungen mit dezidiert (fach)historischem Anspruch könnte
die Kenntnis und Berücksichtigung wenigstens der Daten – zumal das Verständnis
der Inhalte oftmals einige Mühe zu bereiten scheint und wie allenthalben in den
Geisteswissenschaften einen erheblichen Unsicherheits- und Unschärfefaktor in
die Untersuchungen einbringt – eine solide Ausgangsbasis für erste Einordnungs-
versuche und zur Vermeidung gröberer Fehlurteile bilden.
Aufschlußreiche Anhaltspunkte und Verständnishilfen stellen nicht zuletzt
wegen der beträchtlichen Aussagekraft der in ihnen enthaltenen Selbststili-
sierungen die Curtiusschen Selbstzeugnisse dar, die natürlich mit der bei solchen
Texten grundsätzlich gebotenen Vorsicht zu behandeln sind, die aber unter diesem
Vorbehalt und insbesondere, wenn sie mit den Daten und untereinander korre-
192
liert werden (können), als im großen und ganzen zutreffend bzw. verwertbar be-
trachtet werden dürfen.
Ein solches für unseren Zusammenhang aufschlußreiches Selbstzeugnis ist
der die Sammlung Französischer Geist im zwanzigsten Jahrhundert abschließende
„Rückblick 1952“, in dem Curtius eine Präzisierung getroffen hat, die aus gege-
benem Anlaß andere Akzente setzt als die Absage an Frankreich im 1946er Vor-
wort zu einem Buche über das Lateinische Mittelalter und die Europäischen
Literaturen“ und damit nicht nur erheblich zur Komplettierung des Gesamtbildes
dieser Umbruchphase beiträgt, sondern uns vor allem von der Mittelalter-
Diskussion weg in eine bisher nicht erwogene und für das Verständnis seiner In-
teressenverlagerung zielführendere Richtung weisen kann:
Wenn ich die Reihe meiner Zeitschriftenaufsätze durchgehe, finde ich in den Jahren
1924 bis 1930 Arbeiten über Emerson, Ortega, Unamuno, Eliot, Joyce, Hofmannsthal, Virgil –
also ein Drängen in größere Weiten. Seit 1929 tauchen neue, andere Themen auf, zeitkritische:
Soziologie – und ihre Grenzen, Abbau der Bildung, Nationalismus und Kultur. Diese und verwandte
Aufsätze wurden 1932 zusammengefaßt in dem Büchlein Deutscher Geist in Gefahr, das mir im
März 1933 eine Rüge des Völkischen Beobachters eintrug. Ich war und blieb zwölf Jahre hindurch
persona ingrata. (Franz. Geist im 20. Jh. 526-27)
Diese Erinnerungen verzeichnete Curtius wohlgemerkt am Ende eines Bu-
ches, „dessen Kapitel vor mehr als zwei oder drei Jahrzehnten entstanden“ (527)
und das neben den Literarischen Wegbereitern des neuen Frankreich seine Aufsätze zu
Proust, Valéry, Larbaud, Maritain und Brémond enthält, also wichtige Stücke aus
seiner außerordentlich umfangreichen Produktion zur Literatur und zum Geistes-
leben Frankreichs. Sein dramatisches „Drängen in größere Weiten“ nimmt sich,
ins Verhältnis gesetzt, allerdings weniger heftig aus, als es scheinen mag, denn es
macht grob geschätzt nur ein Zehntel der Gesamtproduktion jener Jahre aus. Im
übrigen fügt sich die Formulierung in Tendenz und suggestiver Ausdrucksweise
zwar bezeichnenderweise zu den früheren Bemerkungen, er habe mit Die französi-
sche Kultur seine „Arbeiten über das moderne Frankreich als abgeschlossen“
‘empfunden’ und diese Lösung seiner „Arbeit von Frankreich“ erlebt, als sei „ein
Riegel gesprengt“ („Vorwort“ 970, 971); sie verdeckt aber, daß dieses Drängen
sich bereits wieder gelegt hatte, lange bevor er seine Abkehr von Frankreich tat-
sächlich vollzogen hatte. Denn diese war 1930 keineswegs abgeschlossen was er
ja auch nicht direkt behauptet –, sondern gestaltete sich stufenweise und zog sich
mit einem gegenüber den Jahren 1913-1929 markant veränderten Profil bis 1932
193
hin: Die Arbeiten der Jahre 1930-32 waren nämlich, von einer kurzen Bespre-
chung von „Gides ‘Oedipus’“ abgesehen, nicht mehr der französischen Literatur
gewidmet (schon 1929 hatte es nur noch einen einzigen kleinen Artikel über
Charles Du Bos gegeben), sondern beschäftigten sich mit Fragen der Verständi-
gung, des französischen Geisteslebens oder der „Problematik der französischen
Seele“ (Die Literatur, Dez. 1930) und endeten sicherlich nicht zufällig mit einem
nach meinem Empfinden bekenntnishaften Artikel über „Friedrich Schlegel und
Frankreich“, der nach programmatischer Aussage Curtius’ nicht weniger als die
„wichtigsten ideellen Stationen“ herausarbeitet, „die alle um Frankreichverständ-
nis bemühten Deutschen wieder zu durchlaufen hatten“ (Krit. Ess. 99).
In der Nicht-mehr-Berücksichtigung der insbesondere modernen französi-
schen Literatur aber liegt das entscheidende neue Moment, außerdem besteht ei-
ne Parallele zum in diesem Punkt gleichzeitigen Versiegen von besagtem „Drängen
in größere Weiten“: das erwähnte Jahr „1930“ verzeichnet ja auch hier nur noch
den „Virgil“, 1931 wird es allerdings noch einen Aufsatz über Pérez de Ayala ge-
ben. Das Stichwort war übrigens im vorausgehenden Absatz im „Rückblick 1952“
bereits gefallen, als er über das vorliegende Buch sagte:
Es ist der Ertrag dessen, was auf meinem Acker gewachsen ist. In meiner kritischen Tätigkeit
habe ich nie das Ziel verfolgt, „alles zu berücksichtigen“. Im Gegenteil: Weglassen scheint mir
ein oberstes Gebot literarischer Kritik. (526)
Das Jahr 1929 erscheint also für Curtius’ Werdegang weniger deshalb bedeutsam,
weil es das ‘Auftauchen neuer, anderer Themen’ gebracht hätte – was ja im übri-
gen auch gar nicht stimmt, denn der vereinzelte Artikel ‘gegen Karl Mannheim’,
„Soziologie und ihre Grenzen“ (s. DGiG), steht in der Tradition des Weber-
Aufsatzes von 1920 und von „Neuer Humanismus?“ von 1922; die anderen Ka-
pitel von Deutscher Geist in Gefahr sollten erst 1931 geschrieben werden –, sondern
weil es den (vorläufigen zwar, aber für fast zwei Jahrzehnte gültigen) Endpunkt der
ersten Phase seiner metaliterarischen Tätigkeit markierte: Curtius hatte sich allem
Anschein nach entschieden, bis auf weiteres die gesamte moderne, also wohlgemerkt
nicht nur die französische Literatur und infolgedessen natürlich auch die literarische
Kritik in toto ‘wegzulassen’.
Während die Gründe für die sukzessive Abkehr von Frankreich und den
Rückzug aus der selbstauferlegten Verständigungsverpflichtung235
235235
235 in seinen ein-
235
235235
235 Schon am 26. August 1929 hatte er an Catherine Pozzi geschrieben: „Si je fais de la
194
schlägigen Schriften mehr oder weniger deutlich, ausdrücklich oder zwischen den
Zeilen dargelegt sind und unschwer aus ideologischen Befangenheiten und den
Aporien seines elitistischen Nationalismus zu verstehen sind, durch den er sich der
Gegenüber und möglicher Mitstreiter beiderseits der Grenze beraubte und der ihn
die Schuld für die in historischen Fatalitäten begründeten Unvereinbarkeiten
mehr und mehr auf französischer Seite finden ließ236
236236
236, liegen die Gründe oder
Hintergründe seiner plötzlichen Abstinenz von der modernen und zeitgenössi-
schen Literatur und der Literaturkritik, von dem immerhin, was ihm während sei-
ner gesamten bisherigen Karriere das Wichtigste gewesen war und dem er nicht
propagande pour le rapprochment, croyez bien, chère Karin, que c’est uniquement par devoir,
nullement par goût. C’est une tâche que j’ai assumée autrefois par enthousiasme et que je ne
puis pas honnêtement abdiquer. ‘Sinon, qui le ferait?’“ („Lettres“ 350). 1932 findet dieser
Prozeß in den lapidaren Statements von Deutscher Geist in Gefahr einen Tiefpunkt, als er die
„deutsch-französischen Beziehungen“ als „Trümmerfeld“ bezeichnet und ohne erkennbare Re-
gung ‘liquidiert’ (7).
236
236236
236 Ein prägnantes Bild seiner Auswahlkriterien und Akzeptanzmargen in Verbindung mit
seinen nicht völlig bodenlosen, aber doch einseitigen und von Selbstkritik nicht ausbalancierten
Pauschalisierungen und Schuldzuweisungen gibt Curtius in einem Brief an Pozzi: Accepter la
France! Force m’est bien d’accepter la France qui va de Montaigne à Valéry et je le fais de grand
cœur. Mais accepter la France de 1930 en bloc, cela vraiment vous ne pouvez me le demander
[...]. Voici 25 ans que je me débats pour aider à une meilleure entente entre les deux nations et
maintenant je ne suis pas éloigné de croire parfois que c’est peine perdue. C’est d’ailleurs un
Français (Morand) qui a dit: la France est un vase clos qui ne veut pas de l’Europe (vous trou-
verez les termes exactes dans mon livre [Frz. Kultur]). / Il ne faut pas beaucoup d’intelligence, je
crois, pour découvrir qu’une alliance franco-allemande est le seul moyen de constituer une
Europe stable. Mais la France ne sait pas préparer cet acte de haute politique. Elle est prison-
nière de son passé et elle se refuse à construire de nouveau. Peut-être n’en est-elle pas capable.
Alors à quoi bon se ‘rapprocher’? Est-elle même capable de comprendre?“ („Lettres“ 371-72,
Poststempel 14.1.1931). – Curtius hat aus seiner Jahrzehnte währenden Erkundung des deut-
schen Wesens allerdings auch Gründe für die Unvereinbarkeit von Deutschem und Fran-
zösischem geschöpft, die auf deutscher Seite liegen und die er nicht zuletzt dem frankophonen
Ausland etwa in „Français et Allemands peuvent-ils se comprendre“ (Revue de Genève, 1922)
zu verstehen gegeben hat, wo er unter anderem deshalb zu dem Fazit kommt, daß „le point
de vue français et le point de vue allemand sont inconciliables“ (722) und daß „[p]lus j’y
réfléchis, plus je suis convaincu qu’une entente est chose impossible entre l’Allemagne et la
France“ (725), weil „le caractère allemand n’est pas assimilable à l’esprit des peuples occi-
dentaux. Cette ‘incongruence’ entre dans la définition de l’Allemagne.“ (716) - Curtius’ Äu-
ßerungen zu diesem Komplex sind so klar, daß schon ein mäßiger Aufwand an aufmerksamer
Lektüre zu ihrer Bewertung ausreichen sollte. Curtius‘ politische Positionen beleuchten Michael
Nerlich, „Romanistik und Antikommunismus“, Hans Manfred Bock, „Die Politik des ‘Unpo-
litischen’“, Peter Jehn, „Die Ermächtigung der Gegenrevolution“, Hugo Dyserinck, „Ernst Ro-
bert Curtius‘ Artikel in der ’Luxemburger Zeitung‘“ sowie Verf., „Philologisches Ethos und Ar-
gumentationsintegrität“.
195
zuletzt seinen Ruf und Erfolg verdankte, weniger offen zu Tage, ja, sie deuten sich
kaum an. Natürlich liegt es nahe, auch hier an Probleme oder Ernüchterungen auf
der Ebene der Affinität und des ‘Weltanschaulichen’ zu denken oder eine Parallele
bzw. Vorwegnahme der gerade angesprochenen Abkehr von der deutsch-französi-
schen Verständigung zu vermuten, aber gegen diese zweite Möglichkeit spricht,
daß gleichzeitig auch die englische und spanische Literatur nicht mehr ‘berück-
sichtigt’ wurden. Sollte er einfach insgesamt von der Moderne genug gehabt und
bereits damals so empfunden haben, wie er es 1948 Max Rychner gegenüber aus-
drücken sollte: „J’en ai soupé. Ich habe es satt, moderne Seelen- & Formproble-
me zu interpretiren [sic]“ (Lausberg 128). Wäre auf die moderne Literatur
insgesamt zu verallgemeinern, was er im „Rückblick 1952“ über die französische
gesagt hatte:
wohler ist mir bei einer Gipfelwanderung. Neue Gipfel habe ich in der französischen Literatur
der letzten zwanzig Jahre nicht entdeckt – vielleicht aus Mangel an Sehschärfe, vielleicht auch,
weil mein Interesse sich verlagerte. (526)237
237237
237
– zur gleichen Zeit allerdings entdeckte und übersetzte er Jorge Guillén –, oder ist
auf sein Verhältnis zur Moderne zu übertragen, was er in Deutscher Geist in Gefahr
mit Bezug auf Frankreich für „die jungen Deutschen unserer Zeit“ verständnisvoll
festgestellt hatte, daß sie nämlich für das „Ensemble von Formqualitäten [...], die
Frankreich auch heute repräsentiert, [...] nicht eben empfänglich sein“ können
(47)? War nach langen Jahren der Beschäftigung mit der Literaturkritik die
Triebfeder“ erschlafft, die seine „kritische Tätigkeit“ angetrieben hatte: „der En-
thusiasmus des Entdeckers“ (Krit. Ess. 9)? Hatte das Fremde – „Ich schrieb über
Ausländer.“ – aufgehört, ein Faszinosum zu sein (aber schrieb er nicht weiter ge-
rade über die Differenzen zwischen Franzosen und Deutschen)? Hatte er vielleicht
ganz einfach das Bedürfnis nach einer Veränderung?
Oder sollte die Berufung nach Bonn, die in unserem obigen Ausgangs-Zitat
nicht explizit genannt ist, die aber in der Jahreszahl 1929 mitgemeint sein könnte,
bei der Demission des Kritikers Curtius eine Rolle gespielt haben? Das Start-
Datum für das „Drängen in größere Weiten“, 1924, fällt ja ebenfalls mit einem
237
237237
237 1950 war er im Vorwort zu den Kritischen Essays zur europäischen Literatur weniger be-
scheiden: zur „Auswahl der Autoren“ erklärt er, es „konnten nur wenige sein, denn nur die
Größten unter den Lebenden zogen mich an“, und den „zwanzig Jahren von 1910 bis 1930
haben die von 1930 bis 1950 – aufs Ganze gesehen, versteht sich – nicht Gleichwertiges entge-
genzustellen“ (9).
196
Universitätswechsel aus dem ungeliebten Marburg in das lieblichere Heidelberg238
238238
238
zusammen. Sollte dies der Fall gewesen sein, so hätte es sich vorerst allerdings nur
in negativer Weise, in besagter Demission ausgewirkt – und der Genius loci eines
Instituts, an dem Diez und Meyer-Lübke gelehrt hatten, könnte denkbarerweise
das seinige dazu beigetragen haben, die bisherigen Beschäftigungen nicht mehr als
angemessen zu empfinden –, denn der Wechsel bzw. die Rückkehr an den Ort sei-
ner Habilitation und Ernennung zum Extraordinarius zeitigte vorderhand keine
philologischen Ergebnisse, wie wir gesehen haben. Nicht einmal eine romanisti-
sche Neuorientierung oder Verbreiterung der publizistischen Tätigkeit zeigt sich
nach all den Jahren franzistischer Spezialisierung (neben etwas spanischer Gegen-
wart und dem Dante-Aufsatz 1926), die ihn eigentlich nicht als ‘kompletten’ Ro-
manisten auswiesen (schon in den rund zehn Semestern seiner ersten Bonner
Lehrtätigkeit hatte er ausschließlich franzistische Veranstaltungen abgehalten). Da-
bei wäre gerade eine solche breitere Profilierung zu erwarten gewesen, zumindest
wenn man ein Eingehen Curtius’ auf gewisse Bedenken bzw. Erwartungen der Fa-
kultät annehmen würde, wie sie in der Laudatio Curtius’, des Dritten auf der Vor-
schlagsliste, geäußert worden waren: Man würde vor allem dann „an Ernst Robert
Curtius denken, wenn dessen Einseitigkeit durch eine vollwertige Ergänzung [scil.
eine weitere zu bewilligende Stelle] aufgewogen würde“ (Lausberg 89); erwähnt
wird weiter seine schriftstellerische Konzentration auf die französische Literatur-
geschichte, in der Lehre daneben die Beschäftigung mit Dante und gelegentlich
mit altfranzösischen Themen.
Curtius aber sah offensichtlich keine Veranlassung oder Notwendigkeit, sol-
chen Bedenken Rechnung zu tragen und sein Repertoire umzustellen, und so
sollte sich an seiner Praxis, französische Literatur seit der Klassik und Lectura Dan-
tis, in den ersten Bonner Jahren nichts ändern (erst ab dem Sommer 1934 ver-
schwindet das Französische plötzlich für einige Semester völlig239
239239
239). Es scheint vor
238
238238
238 Laut Lausberg hatte Curtius „am 18.2.1923 von Marburg aus an GUNDOLF eine ovi-
disch geprägte ‘epistula ex Ponto’“ (77) gerichtet, in der er sich bitter über die „Verbannung in
das hessische Pontus (aber das ist schon zuviel der Ehre!)“ beklagte. „Noch im Jahre 1940 riet
CURTIUS seinem Freunde FRITZ SCHALK von einer Tätigkeit in Marburg ab, da er dort nur
‘kreuzunglücklich’ sein werde.“ (78) „GUNDOLF sann über eine Deutung des Briefes und über
einen Weg nach, wie seinem Freunde aus der Verbannung zu helfen sei“, und arrangierte die
Berufung nach Heidelberg, wo Curtius sich dann „stets wohlgefühlt“ habe: „es war ihm land-
schaftlich und geistig bekannter Boden, der seinem Fühlen und Denken Nahrung und Leben
bot. Noch in der späteren Bonner Zeit hat er (MQ:C.) wiederholt von einer Rückberufung
nach Heidelberg geträumt.“ (79)
239
239239
239 Hausmann beschreibt in „Aus dem Reich der seelischen Hungersnot“ im Zusammenhang
197
allem, daß sich nach dem Wegfall der literaturkritischen Beschäftigung mit der
Moderne ad hoc nichts fand, was Curtius so sehr gefesselt oder interessiert hätte,
daß es deren publizistischen Platz hätte einnehmen können: So entstand vorerst
eine Lücke, und 1930 wurde, was den schreiberischen Output angeht, Curtius’
schlechtestes Jahr seit dem Ende des Ersten Weltkriegs; laut Richards’ „Bibliogra-
phy of Curtius’ Writings“ sind neben der Übersetzung einiger Gedichte von Ste-
phen Spender und eines kurzen Textes von Gide (beides in der Neuen Schweizer
Rundschau) nur drei Aufsätze mit anderen Sujets zu verzeichnen, die zudem alle in
die zweite Jahreshälfte fallen, also den Wiedereinstieg nach einer regelrechten
Pause markieren: „Frankreich (Das französische Universitätswesen)“, „Zweitau-
send Jahre Virgil“ und „Zur Problematik der französischen Seele“, nach zwischen
zehn und zwanzig Aufsätzen p. a. in den Jahren zuvor.
Natürlich mögen zu diesem auffälligen Rückgang der Produktion die oben
angesprochene Eheschließung im Februar 1930 und die daraus wahrscheinlich
resultierende Veränderung der häuslichen Atmosphäre zumindest vorübergehend
ihren Teil beigetragen haben, nicht zuletzt wahrscheinlich auch die für Curtius
trotz aller Reife240
240240
240 neuen Erfahrungen des ehelichen Lebens, von dem er Pozzi
noch am 16. November 1931 berichtete:
Ilse! Elle fait d’admirables progrès dans cette science secrète qui s’appelle la vie ou la vo-
cation du mariage. Je découvre avec elle les „grâces“ spéciales de cet „état“. („Lettres“ 378)
und das ihn im ersten Ehejahr besonders eingenommen haben dürfte:
Ilse continue à me prodiguer le plus doux des bonheurs et je m’émerveille toujours à
nouveau du miracle de mon mariage. Elle est avide de beauté et je voudrais pouvoir la prome-
ner par tous les musées et les concerts de l’Europe. Rien de plus beau que de veiller sur cet
épanouissement d’une âme. (Brief an Pozzi vom 28. Dezember 1930; 370)
mit Curtius’ Tätigkeit in Bonn und seiner „starke[r] Hinwendung zum Mittelalter und zur spa-
nischen und italienischen Literatur“ die Politik der Nazis, das Französische im Gymnasialbe-
reich zurückzudrängen, und bemerkt: „Trotz derartiger Reduktionen im Gymnasialbereich
mußte Curtius auch für ein ausreichendes französisches Lehrangebot sorgen, da das Französi-
sche nach wie vor ein höheres Prestige besaß als die anderen romanischen Sprachen./ Curtius
trug dem durch die Umhabilitierung Gerhard Moldenhauers von Halle nach Bonn im Jahr
1929 Rechnung.“ (54-55)
240
240240
240 An Catherine Pozzi: „La douce Ilse est couchée, elle s’est endormie dans un sourire
de petite fille. Elle est passé de l’enfance au mariage dans un épanouissement si naturel, si beau
qu’il émeut comme une création de génie. Elle est la Nature, et je porte les déformations de
l’esprit. Mais elle me guérira.“ („Lettres“ 365, Poststempel 3.4.1930)
198
Es ist bezeichnend, daß nicht einmal Vergil sich gegen Ilse behaupten oder für die
folgenden Jahre nachhaltig imponieren konnte:
J’ai laborieusement accouché d’un article sur Virgile, sujet beau mais terrible. Maintenant
je me trouve dans une sorte de vide, sensation renforcée par l’absence de cette chère Ilse rete-
nue auprès de sa mère gravement souffrante. (Brief an Catherine Pozzi, Poststempel 5.9.1930,
„Lettres“ 368)
Als dann aber der publizistische Ausstoß ab der Jahreswende 1930/31
wieder seinen alten Stand erreichte, wurde der durch den Wegfall der Lite-
raturkritik entstandene Freiraum von nichts Neuem eingenommen: Das „Bedürf-
nis“, an das sich Curtius 1946 im „Vorwort“ erinnerte, „in ältere Zeiträume – [...]
in archaische Bewußtseinsschichten – zurückzugehen, zunächst in das romanische
Mittelalter“ (970), zeitigte vorerst in seiner Veröffentlichungstätigkeit ebensowenig
greifbare Resultate wie in der Lehre; und in Anbetracht der Menge der nun ent-
stehenden Artikel (fast 30 bis Ende 1932) und der Intensität, mit der Curtius sich
mit Ausnahme der Kritik wieder dem Altbekannten und -bewährten widmete,
kann man sich fragen, wann überhaupt der frischgebackene Ehemann die Zeit
gefunden haben sollte, der „zwingende[n] seelische[n] Notwendigkeit“ zu ent-
sprechen, die ihn „zu einem Wechsel des Forschungsgebiets“ „drängte“. So bald,
wie man aus der Schilderung im „Vorwort“ geneigt wäre zu schließen, konnte es
dazu kaum kommen, und das schon deshalb nicht, weil sich neben den „besognes
professionnelles“241
241241
241 dem Curtiusschen Pflichtbewußtsein mit der Macht des ge-
schichtlichen Schicksals neue, dringlichere Aufgaben stellten, die ihm nicht einmal
die Muße ließen, das „petit livre sur les Wegbereiter des neuen Spaniens auxquels je
m’intéresse depuis longtemps“ zusammenzustellen, von dem er Catherine Pozzi
im Mai 1931 erzählte.242
242242
242 Wenn also das von früher bekannte national-
241
241241
241 „Lettres à Catherine Pozzi“ 374; 20.5.1931.
242
242242
242 Ibid. Auf hispanistischem Gebiet bestand damals eine Attraktion, die vielleicht unter
günstigeren Umständen hätte imstande sein können, die entstandene literaturkritische und
geistesgeschichtliche Lücke zu füllen, zumal sogar „Ilse également s’initie aux éléments du
castillan“ (377-78), wenn auch des mittelalterlichen. Aber in Anbetracht der damaligen Beset-
zung der teilweise avantgardistisch geprägten spanischen Szene, die bis heute weiterwirkt, ohne
daß Curtius ein Wort über sie verloren hätte, und der Probleme, die ihm eigentlich schon Or-
tega und erst recht Unamuno bereitet hatten, erscheint fraglich, wo Curtius die nötigen ausrei-
chend profilierten Wegbereiter für ein solches Projekt hätte rekrutieren sollen. Vorraussetzung
wäre ja gewesen, genügend affine Autoren von anerkanntem Rang zu finden. Am 19.8.1931
schreibt er an Pozzi: „Depuis trois semaines, je me suis jeté à corps perdu dans l’espagnol, et je
viens de terminer une petite étude sur Perez [sic] de Ayala. L’Espagne (que je voudrais tant vi-
199
deontolologische Schrifttum zusammen mit der mehr und mehr kritisch betriebe-
nen deutsch-französischen Aufklärungsarbeit eine neue Dimension annahm, so
geschah dies angesichts der Herausforderung „durch brennende Nöte der Zeit“
(„Vorwort“ 971). Diese Aufgabe war ihm aus der „politische[n] Situation des
Humanismus“ (Dt. Geist in Gefahr 128) zugewachsen, der von „offenen und ver-
steckten Gegnern“ umgeben war. Und so war es nur folgerichtig, daß von der als
Lösung propagierten mittelalterlich-lateinischen oder antiken Orientierung aus-
schließlich in programmatisch-kulturpolitischer oder weltanschaulicher Hinsicht
die Rede war, im Rahmen einer „Biologie der Tradition“ (114) und eines „totalen
Humanismus“ (129), der seinen ethischen Auftrag nach der folgenden Logik her-
leitete:
Wenn es [...] wahr ist, daß vor uns dunkle Jahrhunderte und spätere helle Renaissancen
liegen, so folgt daraus, daß der Humanismus von heute weder an die Antike noch an die Re-
naissance anknüpfen darf; daß er vielmehr an das Mittelalter anknüpfen muß. Der neue Huma-
nismus wird also, um es ganz klar und konkret zu sagen, nicht Klassizismus und
Renaissanceschwärmerei, sondern Mediaevalismus und Restaurationsgesinnung sein müssen.
(126)
Von einer romanistischen bzw. philologischen Neuorientierung in diese Richtung
aber kann hier und für diese Zeit keineswegs gesprochen werden.
Dies gilt allerdings nur mit einer Ausnahme, die aber um so bezeichnender
ist, als sie die Dominanz der beschriebenen Präokkupation letztlich bestätigt:
Denn die auf lange Sicht einzige ‘philologische’ romanistische Arbeit dieser Jah-
re243
243243
243 verdankte sich allem Anschein nach keiner neuen genuin literatur-
theoretischen Überlegung oder Konzeption, sondern dürfte – mochte die Idee
siter) me sert de refuge et d’alibi“ (376; eine Stelle, die wegen ihres Zeitpunkts für die Flucht-
und Alibidebatte interessant ist). So erklärt sich der vereinzelt stehende Artikel über Pérez de
Ayala und der Vortrag vor der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Rheinischen
Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn „Vom spanischen Geistesleben der Gegenwart“. - Zu
bedenken ist auch, daß das Habsburger Reich zwar als beseeligende Vision taugen mochte
„Von Madrid lief eine europäische Querverbindung nach dem Wien der Habsburger“ (Krit. Ess.
7) –, daß aber Spanien nun einmal keine gemeinsame Grenze mit Deutschland hat und es dar-
um keine der deutsch-französischen vergleichbare Problematik gab, an der sich der Curtiussche
Tatendrang hätte entzünden können.
243
243243
243 Das heißt des langen Zeitraums von 1926 („Das Buch als Symbol in der Divina Com-
media“) bis 1936 („Zur Interpretation des Alexiusliedes“); es kann nicht ausgeschlossen wer-
den, daß die Zeitläufte am Ende eine Rolle gespielt haben.
200
auch aus der damaligen spanischen Vorliebe und der Lehre entstanden sein244
244244
244
eine weltanschauliche, ideologische Motivation gehabt haben, die in engem Zu-
sammenhang gestanden haben wird mit der zeitgleichen Arbeit an Deutscher Geist in
Gefahr und der Suche nach politischen Leitbildern zur ‘mediaevalistischen’ Er-
neuerung erst Deutschlands und dann des ganzen Abendlandes im Zeichen der
Restaurationsgesinnung und der ‘Rom-Idee’: „zunächst in das romanische Mittel-
alter“ sollte der Weg gehen, erinnert sich Curtius, aber „[d]arüber hinaus suchte
ich, noch ohne es recht zu wissen, den Weg nach Rom“ („Vorwort“ 970); im spa-
nischen Mittelalter dann „vollzog sich die erste Wiederbegegnung mit dem Rom
des Palatins“ (971): Auf diesem Hügel aber befand sich kein Dichter-Hain, hier
standen bekanntlich die Paläste der Cäsaren. Wenn wir also Curtius’ Bildlichkeit
und Erinnerung trauen dürfen, können wir wohl annehmen, daß der Aufsatz „Jor-
ge Manrique und der Kaisergedanke“ (1932), auf den er mit diesen Sätzen im
Vorwort zu einem Buche über das Lateinische Mittelalter und die Europäischen
Literaturen“ überleitet, seine Entstehung dem ideologisch hochbrisanten Um-
stand verdankte, daß er in diesem „berühmten spanischen Gedicht des 15. Jahr-
hundert [...] die imperiale Idee Roms als zeitlos gültiges Maß des Menschtums
ausgesprochen“ wähnte. Man mag darüber geteilter Meinung sein, ob es berech-
tigt ist, Manrique mit einer solchen Zuschreibung zu bedenken245
245245
245, die affine
ideologische Vereinnahmung brachte ihm immerhin den Vorzug einer philologi-
244
244244
244 Am 16.11.1931 gibt Curtius in einem Brief an Catherine Pozzi einen Hinweis auf den
Kontext, in dem ihm die Coplas que fizo Don Jorge Manrique por la muerte de su padre in ihrer ideo-
logischen Brisanz ‘aufgefallen’ sein dürften: „Je suis tout plongé dans des études espagnoles qui
me ravissent. Ilse également s’initie aux éléments du castillan et suit mon cours où j’explique
des poésies du 15e siècle“ (377-78). – Curtius relativiert allerdings anschließend – und dies
stützt meiner Ansicht nach meine ‘ideologische’ These – den „plaisir que me procure
l’espagnol“ gegenüber der dem mit Unverständnis begegnenden Französin: „La raison en est
pourtant bien simple. Il y a en moi un collégien éternel qui est ravi d’apprendre. Je voudrais (au
fond) apprendre parfaitement et exactement toutes choses.“
245
245245
245 Curtius legt schon eingangs seiner Untersuchung für Manrique kategorisch fest:
„Was zunächst klar zutage liegt, ist folgendes: Jorge Manrique hat seinen Vater verherrlicht,
indem er ihn mit ausgezeichneten Imperatoren verglich. Genauer: er besaß einen Kanon von
Herrschertugenden, welche in einem Kanon von Imperatoren exemplarisch dargestellt wa-
ren. Wenn er diesen Kanon auf den Verstorbenen anwandte, wollte er ihn zugleich an der
maiestas imperii Romani teilnehmen lassen. Wir dürfen also schon jetzt sagen, daß es sich hier
weder um Aufzählung beliebiger celebridades noch um Schaustellung von Gelehrsamkeit han-
delt; wir haben vielmehr eine bewußte, kunstvoll aufgebaute Schöpfung vor uns, die einen
ganz spezifisch gearteten Kulturwillen – Anknüpfung an das Rom der Caesaren – ausdrückt.“
(356)
201
schen Sonderbehandlung ein, in der die literarischen Werturteile unter dem Vor-
zeichen der rechtdenkenden Gesinnung stehen und in der die Untersuchung von
zwei Strophen von 40 alleine in Bezug auf den ‘Kaisergedanken’ genügt, um Cur-
tius die darüber hinaus nicht weiter begründete Überzeugung einzugeben, daß
dieses Gedicht „eine der schönsten Blüten spanischer Dichtung, ja des romani-
schen Schrifttums überhaupt“ ist (Ges. Aufs. z. rom. Phil. 353).246
246246
246 Ich will hier auf
die Einzelheiten dieser Behandlung vor allem im Traditionszusammenhang nicht
eingehen (an dem Curtius unter anderem als ‘wichtig’ interessiert „zu begreifen,
wieso die Imperatoren Tugendmodelle werden konnten“ (360), recte natürlich: daß
sie es wurden), zumal die Diktion wie so oft nur Spekulationen zuläßt etwa dar-
über, ob tatsächlich und wie seiner Ansicht nach „spanische Nationalidee, Römer-
pietät, mittelalterliches Geisteserbe und Humanismus“, verschmolzen „zu
unlöslicher Einheit“, Manrique zum „erste[n] Klassiker der spanischen Poesie“
machen; sondern ich will nur die Ergebnisse vorstellen, die Curtius für Manrique
und dann als Vorbild für seine eigene Zeit herausarbeitet:
Bei Jorge Manrique [...] finden sich nationale und römische Gesinnung in starkem Einklang
verschmolzen. Die beiden Kaiserstrophen seiner Coplas sind der monumentale Abschluß und
Höhepunkt dieser Gesinnung. Was bei seinen Vorgängern ungeordnete Traditionsmasse war,
ist bei ihm sowohl als Ethos wie als Kunstform zu bleibender Größe verdichtet. (369)
Mein Eindruck ist wohl der, daß die Selbständigkeit Jorges, jedenfalls gemessen an den spani-
schen Dichtern seines Jahrhunderts, sehr hoch anzuschlagen ist. Die zwei von mir behandelten
Strophen zeigen eine solche Souveränität in der Gestaltung überlieferten Bildungsgutes, eine so
klare und feste Architektonik, eine so schöpferische und beseelte imitatio, daß sie das Urteil
246
246246
246 Die Strophen lauten in der Ausgabe von Augusto Cortina (Madrid 1929, 227f):
XXVII XXVIII
En ventura Octavjano; Antoño Pío en clemencia;
Julio César en uencer Marco Aurelio en ygualdad
e batallar; del semblante;
en la virtud, Affricano; Adriano en la eloquencia;
Haníbal en el saber Teodosio en humanidad
e trabajar; e buen talante.
en la bondad, vn Traiano; Aurelio Alexandre fué
Tyto en liberalidad en deciplina e rigor
con alegría; de la guerra;
en su braço, Abreliano; vn Constantino en la fé,
Marco Tulio en la verdad Camilo en el grand amor
que prometía. de su tierra.
202
nahelegen, Manrique sei der erste Klassiker der spanischen Poesie. In ihm verschmelzen spani-
sche Nationalidee, Römerpietät, mittelalterliches Geisteserbe und Humanismus zu unlöslicher
Einheit. (369-70)
Auch die einzige Reserve, die Curtius einflicht, verdeutlicht seine ideo-
logische Bewertungsbasis, denn das „Urteil“, „Manrique sei der erste Klassiker
der spanischen Poesie“, knüpt er an den Vorbehalt:
wir dürfen immerhin die Möglichkeit nicht ausschließen, daß es eine – verlorene oder von mir
übersehene – Quelle gibt, die den fertigen Kanon der elf von Manrique genannten Imperatoren
und der in ihnen repräsentierten Tugenden hat (370).
Hier wird das Kriterium der Originalität und Selbständigkeit auf den Aspekt der
Gesinnung verkürzt, nachdem es vorher bezüglich anderer Filiationen für Cur-
tiussche Verhältnisse bemerkenswert nachlässig gehandhabt worden war. Manri-
ques Behandlung der von Curtius definierten und ideologisch besetzten Inhalte
„Römerpietät“, „Romidee“ und „Kaisergedanke“, die eine deutliche ethische Va-
lorisierung erfahren, ist, gebunden schließlich an das Erfüllen des arithmetischen
Kriteriums der nicht selbst-evidenten Zahl von elf Imperatoren, ein Kriterium von
alle ästhetischen Bewertungen überragender Qualität.247
247247
247 Daß Curtius als Kritik-
punkt hinzufügt: „Die Elfzahl, um dies noch zu berühren, hat etwas Störendes“,
erweckt den Verdacht, daß Manrique seine Wertschätzung womöglich doch248
248248
248 ei-
nem Rekord verdankt, und wirft die Frage auf, warum er, wenn er die imperiale
Romidee und den Kaisergedanken propagieren wollte, vier Nicht-Kaiser und un-
ter diesen Hannibal, den Todfeind Roms, in seinen Kanon großer Männer aufge-
nommen hat.
Der letzte Absatz gehört konsequenterweise ganz der deutsch-römisch im-
perialen Besinnung, die man sicherlich als Telos und Ethos des Aufsatzes verstehen
sollte:
Der Deutsche aber, wenn er dies Symposion der Caesaren nachdenklich betrachtet, wird
sich erinnern dürfen, daß seine Nation die imperiale Idee Roms durch tausend Jahre trug, daß
247
247247
247 Wie soll man sich da nicht an die Frage erinnert fühlen, die Curtius an Charles Du
Bos gerichtet hatte, nachdem dieser – was Curtius als Ergebnis seiner Konversion betrachtete –
in seinem Dialogue avec André Gide demselben schwere moralische Vorhaltungen gemacht hatte:
Comment s’empêcher de penser que votre jugement esthétique a dévié à la suite de motifs
extra-littéraires?“ (Dt.-frz. Gespr. 259)
248
248248
248 Curtius betont allerdings: „Ich suche [...] zu zeigen, daß der Katalog kein Katalog,
sondern ein Kanon und deshalb pertinent ist.“ (354
203
das Vaterland des Jorge Manrique, das Dantes und das Goethes einmal in ihr befaßt waren, und
daß sie ihre letzte klassische Ausprägung in einem deutschen Gedicht, im Faust gefunden hat,
wo wir lesen:
Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein
Umgibt des Kaisers Haupt ... (372)
*
Was also der Wechsel auf das traditionsreiche Bonner Ordinariat offensichtlich
nicht geschafft hatte, ergab sich endlich aus einer (kultur)politischen Verantwor-
tung und aus Curtius’ Überzeugung, als „Heilmittel“ („Vorwort“ 972) gegen die
„brennende[n] Nöte der Zeit“ (971), „gegen die Selbstpreisgabe der deutschen
Bildung, gegen den Kulturhaß und seine politisch-soziologischen Hintergründe“
(972) in Deutscher Geist in Gefahr einen Humanismus in der Form von „Mediaeva-
lismus und Restaurationsgesinnung“ „empfehlen“ zu müssen: Curtius trat unter
Umgehung Frankreichs über Spanien, das Rom des Palatins und die Coplas des
Jorge Manrique den Weg in die romanische Philologie an. In „den Jahren 1932
und 1933“ zog er aus seinen makrodeontologischen Überlegungen und Überzeu-
gungen darüber hinaus für die Lehre „die praktische Folgerung, Vorlesungen über
die mittellateinische Literatur zu halten“, eine chronologisch und was die tatsäch-
liche Umsetzung seiner nationaldeontologischen Postulate anbetraf sehr präzise
Formulierung, denn er beschränkte sich in der Folge, den Zeitläuften entspre-
chend, darauf, in der Lehre zu wirken und erst die spanische, dann auch die italie-
nische Literatur einzubeziehen. Mag auch plausibel sein, daß die Machtergreifung
der Nationalsozialisten seine kompetitive Auseinandersetzung mit der missionari-
schen Zivilisationsidee Frankreichs – dem Curitus nicht zuletzt die Annektion der
‘Rom-Idee’ vorwarf! – beendet hat, den kulturpolitischen und philologischen Weg
ins romanische Mittelalter hatte Curtius, bevor sie ihn dazu hätten nötigen kön-
nen, bereits freiwillig und aus einem zweifellos ehrlichen deontologischen Postulat
angetreten.
Für die vorliegende Untersuchung führt die bio-bibliographische Klärung zu
der Feststellung bzw. zu der vom gängigen, offiziösen Curtius-Bild abweichenden
Akzentuierung, daß nach einer Lücke oder Übergangsphase, die für die Romani-
stik anscheinend immer noch ähnlich schwer mit Sinn und Ethos zu füllen ist wie
damals für Curtius selbst, der Kritiker-Professor und Literat-Gelehrte zu der Ent-
204
scheidung fand, an die öffentliche Stelle, die durch die Aussetzung seines ersten
Teil-Ichs verwaist war, das zweite zu setzen. So trieb die Demission des künstle-
risch angehauchten Kritikers und politisch engagierten Zeitgenossen den akribi-
schen Philologen und Siegelbewahrer der Tradition ans Licht. Das Ethos einer
doppelten Selbstverpflichtung gegenüber der Literatur (vielleicht sogar zuvorderst
gegenüber dem genialen Autor) und – oftmals in direkter Verbindung damit – zur
Übernahme akuter gesellschaftlich-politischer Verantwortung wurde abgelöst vom
Ethos des philologischen Dienstes an einem überzeitlichen und überindividuellen
Vermächtnis, das seinen ganz anders timbrierten, aber höheren weil zeitlosen Wert
aus sich selbst hat und diesen auf den in seinem Dienst Stehenden überträgt. In
diesem Wandel gerade wird deutlich, daß es einen Bereich gibt, in dem die Syn-
these der beiden Seelen doch gegeben ist: Der Vermittler eines nun wirklich längst
nicht mehr Neuen (das sich als Großes schließlich doch immer als das Ewige er-
weisen muß249
249249
249), der hinter dem rasanten Tempo der kulturellen Prozesse ge-
meinsam mit seinen ehemaligen ‘Neuerern’ mehr und mehr gestrig geworden war
– bereits vor Jahren hatte Gertrude Stein seinem damaligen Bruder im Geiste
Eliot den gutgemeinten, aber hoffnungslosen Rat gegeben: „Please wind the
clock“250
250250
250 –, entdeckte endlich das ihm wahrscheinlich ohnehin gemäßere höhere
Ethos des Praeceptors einer „Würde des Geistes“, der den „Aufstieg über die Ak-
tualität zur Dauer“ fordert, „über das Nurzeitliche zu der Zeitlosigkeit, die
durchscheint in aller Zeit“.251
251251
251 Auch für Curtius waren die ‘wilden Zwanziger’ vor-
bei.
Das Anlaufen einer mit der literaturkritischen vergleichbaren philologischen
Produktion wurde allerdings sehr bald, nachdem Curtius im Manrique-Aufsatz
249
249249
249 Am Ende von Die literarischen Wegbereiter des neuen Frankreich erfährt man: der ‘französi-
sche Geist’ „weiss: das neue Frankreich ist das wirkliche, das ewige Frankreich“ (270).
250
250250
250 A Description of the Fifteenth of November. A Portrait of T. S. Eliot“ [1924?], Por-
traits and Prayers. New York: Random House, 1934, 70. Sinnigerweise zuerst in Eliots Criterion
(4. 1926) veröffentlicht.
251
251251
251 „George, Hofmannsthal und Calderón“ [1934]. Die Wandlung 2.5 (1947): 423. Im
Wiederabdruck in Kritische Essays 1950 fehlt die anläßlich der Veröffentlichung in der Wandlung
geschriebene Schlußpassage, aus der das Zitat stammt und die mit der im historischen Kontext
bemerkenswerten Weisung endet: „Für den Geist gibt es keine schlimmere Erniedrigung als die
freiwillige Selbsthingabe an die pure Aktualität: an die Zeit, die zur Gegenwart; an die Gegen-
wart, die zum Punkt einschrumpft. Der Mensch sinkt zurück auf die Stufe des Tieres, welches
in ‘punktuellen Ekstasen’ lebt“.
205
nahe daran schien, für die Rettung aus der „dunklen Nacht“252
252252
252, in der sich
Deutschland und das Abendland befanden, die neue Losung ‘eine germanisch-
romanische Völkergruppe - ein Reich - ein Kaiser’ auszugeben, durch neue Nöte
der Zeit gestoppt: Die ‘Nazisten’ waren dem raffinierten Plan, den Lausberg im
„kulturpolitischen Programm eines Mittelalter-Humanismus“ entdeckt hat, nicht
auf den Leim gegangen und hatten uneingedenk der imperialen Rom-Idee ihre
griffigere Parole „ein Volk - ein Reich - ein Führer“ unter die Leute aller Schich-
ten, inklusive mancher Eliten, gebracht. Wieder war es vonnöten, sich neu zu ori-
entieren, sich irgendwie einzurichten und zu der für die Arbeit nötigen Ruhe und
zu der Abgeklärtheit zu finden, die ihm erlauben würde, in dieser Zeit, in der „der
deutsche Geist in einer von Jahr zu Jahr anwachsenden Gefahr gelebt und unsag-
bare Verluste erlitten“ hat („Vorwort“ 972), für sich das Geschenk einer ‘will-
kommenen Muße’ zu erkennen und wahrzunehmen. So dauerte es einige Jahre,
bis diese Zeit der Muße, die leider weniger gut dokumentiert ist – interessant ist
auf jeden Fall, daß er sich anfangs weiterhin mit der ‘Habsburgischen Option’ be-
schäftigte: aus 1934 datiert „George, Hofmannsthal und Calderón“253
253253
253 –, die er-
sten philologischen Blüten trieb, die uns die Gelegenheit geben zu untersuchen,
welchen Weg nach der beschriebenen fachlichen und deontologischen Neuorien-
tierung nun seine ‘Methodik’ einschlagen würde.
Wenn gerade in Anbetracht der Richtung seiner Neuorientierung auf die
strengere Philologie hin davon ausgegangen werden muß, daß sein deontologi-
sches Profil dasselbe blieb – die spezifische Curtiussche Haltung, alles mit Pathos
und Ethos, mit Energie und Strenge zu betreiben –, müßte auch für den Bereich
der Methoden zu erwarten sein, daß die Veränderung der Themen und Inhalte auf
sie keinen Einfluß gehabt haben dürfte; dies umso mehr, als bei Curtius die Me-
thoden nichts anderes sind als der direkte Ausdruck von charakteristischen Denk-
gewohnheiten und ethisch valorisierten philosophischen, ontologischen und
epistemologischen Grundüberzeugungen oder ‘Erkenntnissen’. Nach der Diskus-
sion der Erklärungsversuche für die Beweggründe für die Curtiussche ‘Interessen-
verlagerung’, die, obwohl das Wort auf ihn selbst zurückgeht, so zu nennen
252
252252
252 Dt. Geist in Gefahr: „Wir leben jetzt in solcher dunklen Nacht. Das ist keine rhetorische
Floskel, auch kein unverpflichtendes, dichterisches Bild, sondern bezeichnet eine konkrete Si-
tuation“. (124)
253
253253
253 Im „Vorwort zur ersten Auflage“ der Kritischen Essays hat Curtius von der „europäi-
sche[n] Querverbindung“, die von Madrid zum „Wien der Habsburger“ lief, gesagt: „Auf dieser
Linie stand Hofmannsthal, der mir seit je Höchstes bedeutete“ (7). Die Habsburger sind be-
kanntlich ursprünglich wie Curtius mütterlicherseits schweizerischer Adel.
206
eigentlich schon das deontologische Pathos beschädigt, möchte ich darum die
Prognose wagen, daß ein Motiv zumindest nach Lage der Dinge mit Sicherheit
keine Rolle gespielt hat: Es war bei seinem Wechsel von der Literaturkritik zur
Philologie bestimmt keine Resignation oder veränderte Einsicht bezüglich etwai-
ger Begrenzungen des Erkenntnispotentials der Intuition oder der conditio sine qua
non einer Synthese von Intelligenz und Intuition im Spiel. Sollte sich diese Pro-
gnose bestätigen, und sollten sich für Curtius’ philologische Methodologie Paral-
lelen zu den im Bereich der Kritik herausgearbeiteten Denkgewohnheiten und
Methoden aufweisen lassen, bliebe im jetzigen Stadium der Untersuchung die
Parallelität oder Entsprechung vorzuführen und gegebenenfalls knapp zu kom-
mentieren, ohne sie in der bisherigen Ausführlichkeit zu analysieren oder herzu-
leiten.
Bei den ersten auf den Manrique-Aufsatz folgenden Arbeiten, die uns hier als
philologische interessieren müssen und die alle in das Jahr 1936 fallen (Curtius
hatte seit 1932 fast nichts veröffentlicht), handelt es sich um drei in Thematik und
Methodik völlig herkömmliche Untersuchungen, die dementsprechend auch von
keinerlei programmatischer, theoretischer oder methodologischer Reflexion be-
gleitet waren: „Zur Interpretation des Alexiusliedes“ bietet einen Überblick über
die Forschung zur Frage eben der Interpretation; „Der Kreuzzugsgedanke und das
altfranzösische Epos“ bringt lediglich einige Anmerkungen zu Carl Erdmanns Die
Entstehung des Kreuzzugsgedankens; „Calderón und die Malerei“ schließlich stellt in-
sofern eine geradezu klassische philologische Arbeit dar, als Curtius hier den Text
eines kaum bekannten und nur einmal 1781, sinnigerweise im Cajón de sastre lite-
rato von Francisco Mariano Nipho, gedruckten „Tratado defendiendo la nobleza de
la pintura“ Calderóns im Wortlaut vorlegt, übersetzt und kommentiert.
1937 gibt es zwar erneut eine Arbeit zu „Hofmannsthal und Calderón“, aber,
wohl infolge des heilsamen Schocks durch Glunz’ Die Literarästhetik des europäischen
Mittelalters und der daraus resultierenden Erfordernis, „das lateinische Mittelalter
und seine Ausstrahlungen intensiv durchzuarbeiten“ („Vorwort“ 972), keine wei-
teren philologischen Untersuchungen dieser Art. Das Ergebnis dieser Durchar-
beitung, der 50 Seiten starke Aufsatz „Zur Literarästhetik des Mittelalters I“ von
1938, eröffnet dann zwar mit einer konventionellen ‘berufsethischen’ Floskel:
Wenn ich nun auf das Glunzsche Werk ausführlicher eingehe, als dies in einer Bespre-
chung üblich ist, so geschieht dies, weil die darin aufgeworfenen Probleme für das Verständnis
mittelalterlicher Dichtung von grundlegender Bedeutung sind und weil ich hoffe, das eine oder
andere zu ihrer Förderung beitragen zu können, auch wenn dies z. T. in polemischer Form ge-
207
schehen muß. (ZrPh 58.1 (1938): 2)
er bleibt aber methodisch unauffällig und enthält auch keine methodologischen
oder philologie-ontologischen Einsichten, was sich natürlich schon von daher ver-
steht, daß dieser Teil I lediglich „als pars destruens der gebotenen Bereinigung des
Arbeitsfeldes“ (III, ZrPh 58.3 (1938): 433) diente. Es finden sich allerdings einige
programmatisch-theoretische Stellungnahmen, die für die Entwicklung hin zu Eu-
ropäische Literatur und lateinisches Mittelalter von Bedeutung sind.254
254254
254
Die nächste der von vornherein auf drei angelegten Studien, „Zur Literaräs-
thetik des Mittelalters II“ (ZrPh 58.2 (1938): 129-232), die nun auf knapp über
hundert Seiten den eigenen konstruktiven Beitrag bringen sollte,255
255255
255 beginnt dafür
um so vielversprechender dezidiert mit grundlegender Programmatik zum „Begriff
einer historischen Topik“.256
256256
256 Und tatsächlich findet sich nach einigen weiteren
Kapiteln, die, beginnend mit dem legendären „Puer senex“, ganz im Stil von
ELLMA einzelnen Topoi gewidmet sind, darüber hinaus – aus mir unersichtlichen
Gründen unvermittelt eingeschaltet zwischen „7. Natura mater generationis“ und
„9. Helden- und Herrschertugenden“ – als „8.“ eine zweiseitige „Topik als Heu-
ristik“! Doch damit nicht genug: Als wolle er unsere Ausdauer belohnen, verweist
Curtius gleich im ersten Satz: „In einem ganz anderen Zusammenhang habe ich
gesagt, es sei Voraussetzung aller Kritik, daß dem Kritiker bestimmte Dinge auf-
fallen“ (197), auf „Französischer Geist im Neuen Europa (1925), 17“, wohinter sich
254
254254
254 Wir brauchen eine literarische Topik des Mittelalters.“ (44) – „Es gibt eine ganze
Reihe rhetorischer loci communes, welche die ma. Rhetorik der Antike entlehnt und den moder-
nen Literaturen vererbt hat. Wer diese, oft unscheinbaren, Spuren verfolgt, wird neue, begrün-
dete Einsichten nicht nur in die Literarästhetik des Mittelalters gewinnen, sondern in den
organischen Zusammenhang der durch drei Jahrtausende währenden Bildungstradition Euro-
pas.“ (49)
255
255255
255 „Das Geschäft der kritischen Nachprüfung hatte mich zu der Überzeugung geführt,
das ganze Gelände müsse neu beackert werden. Dadurch wurde eine Reihe von Einzeluntersu-
chungen (Teil II) nötig.“ (ZrPh 433)
256
256256
256 Es dürfte klar sein, daß es meiner Untersuchung bestimmter fundamentaler epi-
stemologischer und deontologischer Strukturen bei Curtius nicht um die Darstellung einer
noch so wichtigen Partikularität wie seiner Toposforschung als solcher zu tun sein kann. Ich
verweise den interessierten Leser auf die unmittelbar nach seinen ersten Äußerungen ein-
setzende Flut von oft ablehnenden gelehrten Reaktionen insbesondere ausländischer Kolle-
gen (s. Richards’ Bibliographie, die gleich eine der ersten, Rosa Lida de Malkiel, nicht be-
rücksichtigt) und für eine Gesamtdarstellung auf Peter Jehns Untersuchung „Ernst Robert
Curtius: Toposforschung als Restauration“, die darüber hinaus in überzeugender Weise eini-
ge auch in dieser Arbeit behandelte Aspekte seines Denkens herausarbeitet.
208
aber nichts anderes verbirgt als der oben ausführlich besprochene Abschnitt über
„Die Aufgabe des Kritikers“ in „Marcel Proust“. Er stellt damit bei erster Gele-
genheit auf epistemologischer und methodischer Ebene eine eindeutige Verbin-
dung zwischen den beiden metaliterarischen Bereichen der Kritik und der
Philologie her; oder in terms of continuity ausgedrückt: der Philologe Curtius knüpft
ausdrücklich an den Kritiker Curtius an und dokumentiert damit, daß er sich in
den fundamentalen Denkmustern treu geblieben ist. Brauchte es noch mehr An-
zeichen dafür, daß wir in medias res gestoßen sind und unsere Vermutungen umge-
hend bestätigt finden sollten?
Es ist bezeichnend für den Stellenwert der von uns herausgearbeiteten Vor-
stellungen und Denkmuster innerhalb seines metaliterarischen Kosmos und für
die Bedeutung, die Curtius selbst diesen epistemologischen und ontologischen
Prozessen beimaß, daß er in dem Moment, da er die Überzeugung gewonnen hat,
daß er in eine neue Phase seiner eigenen und insgesamt der philologischen Betäti-
gungen eintritt, und es deshalb für angezeigt hält, den Anspruch seiner ‘histori-
schen Topik’ auf einen Platz in der „Prinzipienlehre der Literaturwissenschaft“
(137) programmatisch und theoretisch zu begründen, allem Anschein nach das
Bedürfnis empfindet, dem Leser nun auch einen Einblick in seine philologische
Epistemologie zu geben. Daß dazu eine qualitative Veranlassung oder gar Notwen-
digkeit bestanden hätte, ist nicht unmittelbar zu erkennen, denn schließlich – der
Hinweis auf die „Voraussetzung“, daß einem ‘Dinge auffallen’ müssen, macht das
bereits hinreichend klar – laufen seine impressionistischen epistemologischen und
methodischen Ausführungen doch nur wieder auf die Darlegung einer im Grunde
unnachahmlichen und begnadeten Subjektivität hinaus, deren (Bewertungs- und
Intuitions-)Urgründe für jeden anderen notwendigerweise unerfindlich bleiben
werden: eine nicht unbedingt originelle, man könnte im Gegenteil eher meinen
teilweise nachgerade truistische Auffassung oder Einsicht, bei der in der Tat höch-
stens die Nachdrücklichkeit und Insistenz der Postulierung fragwürdig ist.
So hebt denn auch der Philologe Curtius allen Erwartungen entsprechend als
erstes, first things first, genau wie weiland der Kritiker, der verkündet hatte,
„[k]ritische Begabung ist nichts anderes als die Fähigkeit“, von jenen charakteri-
stischen „Einzelzügen frappiert zu werden“257
257257
257, auf die Fähigkeit des ‘Betroffen-
werdens’ ab und stellt zu den Dingen, die auffallen müssen – und zu denen
natürlich auch die Topoi gehören –, fest: „immer sind es Sprachgebilde, von de-
257
257257
257 Frz. Geist im neuen Europa 17. Zur Erinnerung: Proust hatte von der Aufgabe des Kriti-
kers gesprochen, dem Leser zu helfen „à être impressionné par ces traits singuliers“.
209
nen man ‘betroffen’ wird“ (197). Da Philologe und Kritiker es bei verschiedenem
Angang gleichermaßen mit Literatur, wenn auch verschiedener Zeiten, zu tun ha-
ben, liegt nahe, daß letzterer „in der Wiederkehr“ von „Satzgebilde[n] eine ge-
heime Gesetzlichkeit“258
258258
258 gespürt hatte. Bei der folgenden Erklärung dessen, was
man sich unter diesem „Betroffenwerden“ vorzustellen hat und wie sich der Be-
ginn der philologischen Tätigkeit auf dem Felde der Topik (aber mutmaßlich ver-
allgemeinerbar) gestaltet, sollte einiges als bekannt auffallen, das nun lediglich, den
Bedingungen und Anforderungen der Philologie als einer auch strengen Wissen-
schaft gemäß, nach veränderten Kriterien und Zielen ausgerichtet wird:
Ein solches Betroffenwerden gleicht einem plötzlichen259
259259
259 Aufleuchten260
260260
260, das zunächst nicht
mehr als diffuser261
261261
261, flüchtiger Aufschein ist; aber immer einen Hinweis262
262262
262 auf Chiffren ‘be-
trifft’, die enträtselt263
263263
263 sein wollen. Dieses diffuse Licht in einer Linse zu sammeln, dunkle Fel-
der damit abzuleuchten264
264264
264 und so exakte Beobachtungen zu gewinnen, das ist der nächste
Schritt. Solche Beobachtungen wollen dann in einen Sinnzusammenhang integriert werden.265
265265
265
Wenn das gelingt, ist eine mitteilbare, wenn auch noch nicht endgültige Erkenntnis erreicht.266
266266
266
(198)
Wer nun aber angesichts des auf den ersten Blick vielleicht überraschendsten
Punktes, des Ergebnisses einer mitteilbaren Erkenntnis, vorschnell mutmaßen sollte,
hier liege nun doch eine fundamentale Differenz zur Kritik vor, möge zum einen
das Wort von den ‘exakten Beobachtungen’ und die auch für die Philologie ver-
bindlichen Wissenschaftlichkeitskriterien bedenken, zu denen auch die Kommu-
258
258258
258 Frz. Geist 15-16.
259
259259
259 „Man stößt dann plötzlich auf einen Satz, der sich aus seiner Umgebung herauslöst
und etwas Besonderes zu enthalten scheint.“ (Frz. Geist, 17)
260
260260
260 „Denn jene Einzelzüge, auf die es ankommt, kann man nicht suchen – sie müssen ei-
nem aufleuchten.“ (Frz. Geist 17)
261
261261
261 „... plötzlich auf einen Satz, der [...] [eine Eigentümlichkeit] ahnen, wenn auch noch
nicht deutlich erfassen läßt.“ (15)
262
262262
262 „Verschieden nach Form und Inhalt, weisen [diese Satzgebilde] doch auf ein Ge-
meinsames hin“ (Frz. Geist 16).
263
263263
263 „[...] geheime Gesetzlichkeit“ (Ibid.).
264
264264
264 „Indem sie [scil. die Satzgebilde] sich gegenseitig ergänzen und erhellen, machen sie
uns eine seelische Nuance [...] des Verfassers deutlich.“ (Ibid.)
265
265265
265 „[...] kann in immer erneuter und ausgeweiteter Betrachtung und Besinnung das
Gesamtbild, kann die Intuition geklärt werden.“ (Ibid.)
266
266266
266 „Wenn der Kritiker das verstanden hat, ist seine Aufgabe fast erfüllt.“ (Ibid.)
210
nizierbarkeit und Nachvollziehbarkeit der Methoden, Untersuchungsschritte und
Ergebnisse gehört. Zum anderen bedenke er den Unterschied, daß in der Kritik
das Phänomen der Nicht-Mitteilbarkeit den ersten Schritt, die Intuition als Grund
der Wertung betraf, während die Mitteilbarkeit hier für den letzten Punkt des Er-
kenntnisprozesses, die Erkenntnis selbst postuliert wird. Diese Unterscheidung
führt zu der Feststellung, daß es eine sich bis in die sprachlichen Wendungen ver-
äußernde epistemologische Kongruenz zwischen Kritik und Philologie gibt, die
Curtius so wichtig ist, daß er den Leser durch den Hinweis auf den Proust-Aufsatz
ausdrücklich auf sie aufmerksam macht, die aber offensichtlich nur den Beginn
oder die Ausgangsbedingungen der ‘kreativen Phase’ – von der Kritik hieß es, daß
sie „ein Akt schöpferischer geistiger Freiheit“ sei (Krit. Ess. 317) – in den beiden
Tätigkeiten betrifft. Auch in der Philologie scheint, den Hinweisen auf das Auffal-
lenlassen’, das „Betroffenwerden“ und das „Aufleuchten“ nach zu urteilen, eine
Intuition die entscheidende
Phase einzuleiten; man wird daraus, auch wenn Curtius dies nicht gesondert er-
wähnt, womöglich schließen dürfen, daß die philologische Intuition ebenfalls nicht
mitteilbar sein dürfte.
Während die Intuition aber in der kritischen Wertung unauslöschlich als
„Grund“ prägend präsent bleibt und so als ein weiteres ‘irrationales’, ‘subjektivi-
stisches’ Element (neben anderen wie Affinität, Ideologie, Gefühlen, Stimmungen
etc.) dazu beiträgt, daß die Kritik bis in die letzte Instanz wesentlich subjektiv
bleibt – was natürlich ihren Anspruch und gerade auch ihren Reiz ausmacht –,
muß die Intuition in der Philologie durch eine Art Blut-Hirn-Schranke daran ge-
hindert werden, deren Wissenschaftlichkeit zu gefährden oder zu unterlaufen.
Nur die ‘exakten Beobachtungen’ an den durch ein „Betroffenwerden“ (ein intui-
tives Vermögen) in ihrer Bedeutung erkannten ‘Sprachgebilden’ dürfen in den
philologischen Liquor, in den Bereich der objektiven Wissenschaft eindringen;
würde die Intuition mit ihnen transportiert und in den „Sinnzusammenhang inte-
griert“ werden – durch das ‘Gelingen’ der Integration der „exakte[n] Beobach-
tungen“ in „einen Sinnzusammenhang“ wird ja die „Erkenntnis“ konstituiert –,
würde diese „Erkenntnis“ keine philologische im Sinne von wissenschaftlich sein
können. (Man erinnere sich, daß Curtius bei seinem Lehrer Gröber, in dessen
Unterricht er ja ‘begriffen’ hatte, „Philologie als Erkenntnis“ (Ges. Aufs. 455) zu
verstehen, ein „steigende[s] Bedürfnis nach Ausschaltung alles Subjektiven aus der
wissenschaftlichen Darlegung“ diagnostiziert hatte (448).)
Wie soll man sich nun die Funktionsweise einer solchen Blut-Hirn-Schranke
211
vorstellen bzw. wo vollzieht sich in der Philologie der Übergang von der intuitio-
nistischen Phase in den wissenschaftlichen Liquor-Bereich, ohne daß dabei sub-
jektiv-persönliche Stoffwechselprodukte oder Gifte wie Ideologien oder Aber-
glauben in diesen letzteren infiltrieren, dessen Existenz als objektive und autono-
me Seinsform ein wesentliches, vielleicht das wesentliche unterscheidende Merk-
mal gegenüber der Kritik zu sein scheint? Die Antwort müßte sich in dem Satz
finden lassen, der bei Curtius die Weiche zwischen dem intuitiven Betroffenwer-
den und der Integration der Beobachtungen bildet und in dem er den ‘nächsten
Schritt’ nach dem Betroffenwerden, also wahrscheinlich den entscheidenden
Übergang, beschreibt:
Dieses diffuse Licht in einer Linse zu sammeln, dunkle Felder damit abzuleuchten und so ex-
akte Beobachtungen zu gewinnen, das ist der nächste Schritt.
„Dieses diffuse Licht“ ist ja wohlgemerkt nicht etwa ein poetisches Bild für den
Auslöser des Betroffenwerdens, sondern für das „Betroffenwerden“ selbst, das
nämlich wie ein „plötzliche[s] Aufleuchten“ vorstellbar sei, vielleicht in der Art ei-
nes Geistesblitzes oder eines Funkens, eines Lichts, das einem aufgeht, von dem
aber eingeschränkt wird, das es „zunächst nicht mehr als diffuser, flüchtiger Auf-
schein ist“. Das „Betroffenwerden“ scheint jedenfalls ein Phänomen bzw. eine
Funktion im subjektiven, für Impressionen und Intuitionen offenen Erlebens-
Bereich des Philologen zu sein, die allerdings vorderhand für sich weder über ei-
nen besonderen Impact noch über Gerichtetheit verfügt, mit anderen Worten sich
weder durch Energie noch durch Strenge auszeichnet. Das entscheidende Mo-
ment liegt nun offensichtlich im bewußten Bündeln dieses „nicht mehr als diffu-
sen“ Lichts „in einer Linse“, denn durch diese Sammlung muß es in eine neue
Potenz gehoben oder transsubstanziiert werden können, was daraus zu folgern ist,
daß es nach dieser Sammlung sozusagen ‘wissenschaftstauglich’ geworden ist und
so transformiert eingesetzt werden kann, um „dunkle Felder“ „abzuleuchten“ und
„exakte Beobachtungen zu gewinnen“. Die Linse ist also das entscheidende Medi-
um, das den intuitiven Widerschein des Philologen in wissenschaftlich fertile und
weiterverarbeitbare Materie, das Erahnte in Erkanntes transsubstanziiert; sie ver-
wandelt den diffusen, flüchtigen Aufschein in energetische und exakt gerichtete
Strahlkraft; durch die Linse wird das subjektive Betroffenwerden für das Folgende
in doppeltem Sinne aufgehoben und letztlich substanzlos.
Aber was ist diese Linse? Was konstituiert die Funktion, für die diese Meta-
212
pher steht? Eine Fähigkeit oder Instanz in der Person des Philologen? Eine Theo-
rie oder Methodik? Eine „festgegründete Synthese“, will sagen: „synthetische Be-
griffe“ („Neuer Humanismus?“ 197)? Oder das Wissen um die Ontologie der
Literatur und die Stufen der Erkenntnis? Aber erinnern wir uns: Der Titel dieses
Kapitels lautet: Topik als Heuristik“! Wäre vielleicht die Topik eine solche Linse?
Werfen wir einen Blick auf Curtius’ weitere Ausführungen bzw. auf das, was „sich
methodisch“ aus seinen bisherigen Erfahrungen mit der „über sich selbst hin-
aus[weisenden]“ historischen Topik ergibt:
die Toposforschung hat neben ihren eigenen Aufgaben noch eine weitere Funktion, die wir als
Heuristik bezeichnen können. Wie uns die Analyse des Toposbegriffs zu der rhetorischen Lehre
De inventione geführt hat, so kann die Topik ihrerseits zu einer geschichtlichen ars inveniendi wer-
den. Wenn es uns gelungen ist, zu gewissen Einzelerkenntnissen literarhistorischer Art zu gelan-
gen, so haben wir sie gleichsam auf dem Wege gefunden und aufgelesen.267
267267
267 Dieser Weg selbst
aber war nicht von einem System oder einer Theorie vorgezeichnet. Im Gegenteil: wir durch-
streifen die ma. Literatur nach verschiedenen Richtungen hin und sehen dabei von allen Theo-
rien über sie ab. Die Richtungen werden allein durch den Zufall bestimmt, daß bestimmte
Topoi uns ‘auffallen’. Wo wir auf sie treffen, beginnen wir zu suchen:268
268268
268 wir tun vorläufig
nichts anderes, als bestimmte Fährten verfolgen. Dieses Verfahren soll uns auch weiterhin lei-
ten. (198)
Es scheint leicht nachvollziehbar, was die Topik für Curtius zu einer Heuri-
stik qualifizieren konnte: Das Wesensmerkmal des Disparaten, Fragmentarischen,
Monadischen, das den Topoi in seiner Auffassung anhaftet, fügt sich ideal zu sei-
nem Credo von der Zufälligkeit, der Ungeplantheit, der Unvorhersehbarkeit des
Auffallenlassens, also des intuitiven Initiationsaktes, vielleicht auch zu der in der
Persona des Kritiker-Literaten sich veräußernden sehr individualistischen, an allen
Bindungen sich reibenden Seite seiner Persönlichkeit. Aber das die Topik besagte
Linse sein sollte, erscheint undenkbar, denn eine solche Zufalls-Heuristik kann
nicht gut selbst das Medium jener wissenschaftlichen Transsubstantiation sein. Es
ist wohl tatsächlich so, daß Curtius Heuristik hier ganz wörtlich als ars inveniendi
versteht; und es hat fast den Anschein, als erschöpfe sich alles in einer Art menta-
ler Disposition zum Finden und Betroffenwerden; als bestehe die heuristische
Funktion der (Idee einer) Topik lediglich darin, als wie dafür geschaffenes Feld
diese Disposition aufzurufen bzw. ein Mittel zur Stärkung der Fähigkeit zum Be-
267
267267
267 „Absichtslose Wahrnehmung, unscheinbare Anfänge [...]“ (Gröber, Grundriß).
268
268268
268 „[...] gehen dem zielbewußten Suchen [...]“ (Ibid.).
213
troffenwerden zu sein. Mit der Metapher der Linse hätte Curtius also vorgegriffen;
denn vorerst geht es wirklich dem Kapiteltitel entsprechend nur um das heuriskein,
das Finden, um die Darstellung des Weges. Und es mag derselbe eher wenig re-
flektierte und affektiv dogmatische Antisystematismus sein, der Curtius diese phi-
lologische Sammlerexistenz als so heimelig und wesensgemäß empfinden läßt, der
ihn dann daran hindert, an dieser Stelle eine Benennung oder Beschreibung dieser
Linse zu unternehmen, die vielleicht in einem programmatischen Ansatz hinter
seiner historischen Topik bestehen könnte, wie er ja etwa in dem „organischen
Zusammenhang der durch drei Jahrtausende währenden Bildungstradition Euro-
pas“ (ZrPh 58.1 (19938): 49) angesprochen worden ist. Ein Unbehagen wäre
denkbar, er könnte wegen der Dynamik der heuristischen Emphase, die beim frei-
en ‘Durchstreifen’ der mittelalterlichen Literatur keine ‘Vorzeichnung’ der Rich-
tungen durch Systeme oder Theorien gelten lassen will, in die Gefahr eines
performativen Selbstwiderspruchs geraten. So muß die Frage nach der Linse des
Toposforschers vorerst offen bleiben, denn das Kapitel endet bereits hier, und
zwar mit einigen Bemerkungen über das in Curtius’ Augen zweite heuristische
Atout der Topik, das darin bestehe, „von keiner der älteren Theorien abhängig zu
sein. Sie kann also jene Unbefangenheit des Blicks wiederherstellen“ (199), die
Curtius für die Betrachtung der mittelalterlichen Dichtung für „geboten und
möglich“ hält: „nicht mehr durch die grauen oder rosa Brillengläser einer Theorie
hindurch.“
Wer einen solchen freien Blick aber hat, der wird feststellen, daß manche
Theorien oder ihre Elemente gerade so am Wege zu liegen pflegen wie die Topoi,
und diese Theorien werden dann wohl in der Art der synthetischen Begriffe die den
Tatbeständen angemessensten sein:
Freilich könnte es sich uns ereignen, daß sich uns gerade auf diesem Wege Elemente einer neu-
en Theorie ergäben. Wir werden eine solche nicht suchen, ihr aber auch nicht ausweichen. Der
Wert einer Theorie ist einzig daran zu messen, ob sie die vorgefundenen Tatbestände zu deuten
vermag oder ob sie sie umbiegen oder verzerren muß. (199)
Die letzten Verben lassen sich über ihre optische Bedeutungskomponente
natürlich in Beziehung zur Linsen-Metapher setzen, und warum sollte eine fest-
begründete Theorie oder eine aus der Sache sich ergebende Systematik nicht sehr
wohl eine solche Linse darstellen können: Er hatte selbst von „Strukturzusam-
menhängen“ (139) gesprochen, auf die die Toposforschung wohl automatisch
trifft, und von
214
empirisch gewonnene[n] Ordnungsschemata [...], welche es erlauben, den historischen Stoff
sinnvoll zu gliedern. Sie bilden keine von außen herangetragene Systematik, sondern schmiegen
sich der historischen Substanz an, weil sie aus ihr selbst gewonnen sind. (139)
Man darf wohl annehmen, daß eine solche ‘natürliche’ Systematik von Curitus
nicht zu den Systemen oder Theorien gezählt wird, die seinen Weg nicht vorge-
zeichnet haben, und daß sie beim Durchstreifen, Betroffenwerden und Verfolgen
von Fährten nicht ausgeschaltet ist, sondern im Gegenteil sowohl Wesensmerkmal
des Gegenstandes als auch integraler Bestandteil der Topik als Heuristik sein wird.
Die mittelalterliche Literatur stellte dann selbst die Linse zur Verfügung, mit deren
Hilfe sich dunkle Felder in ihr ‘ableuchten’ und „exakte Beobachtungen“ gewin-
nen ließen. Die vertraute Zirkularität dieser Gedankenführung zeigt, daß wir uns
auf bekanntem Terrain befinden und nährt die Hoffnung, daß sich auf Curtius’
weiterem Weg eine klare Bestimmung jener Linse noch wird finden lassen.
Zu Beginn von „Zur Literarästhetik des Mittelalters III“ scheint Curtius ei-
nen Anlauf zu einer konzeptionellen Fundierung seiner historischen Topik unter-
nehmen zu wollen: Er beginnt mit einer Erklärung, warum er das Wort ‘zu’ im
Titel der Untersuchungen“ (ZrPh 58 (1938): 433) gewählt hat, das auf den ersten
Blick völlig unauffällig wirkt, da natürlich niemand erwarten wird, daß ein Aufsatz
über historische Topik eine komplette Literarästhetik darstellen wollte; es ist selbst-
verständlich, daß er nur einen Beitrag neben anderen zu einer solchen liefern kann.
Aber Curtius will sich gar nicht rechtfertigen, sondern erklärt mit Blick auf die
vorgelegten „Einzeluntersuchungen“: das „zu“
mag die gemeinsame Richtung bezeichnen, welche sie verbindet: die Bewegung auf einen wis-
senschaftlichen Idealbegriff hin, welcher d i e Literarästhetik des MA.s zu umfassen hätte.
(433)
Bevor sich aber jemand über den hierin liegenden Anspruch bzw. darüber den
Kopf zerbrechen kann, was für ein „wissenschaftlicher Idealbegriff“ dies wohl sein
könnte, der die Literarästhetik des Mittelalters zu umfassen hätte, wo sich doch bei
Curtius ausschließlich topologische Untersuchungen auf ihn ‘hinbewegen’, wech-
selt Curtius ohne Absatz mit einer allerdings überraschenden Logik zu einer neuen
Darstellung seiner Topik als Heuristik nun als Ensemble von ihrem Gegenstand
kongenialen methodischen Notbehelfen:
215
Diese Anlage der Arbeit bedeutete einen Verzicht auf systematische Geschlossenheit, ja selbst
auf erschöpfende Behandlung der Einzelprobleme und auf vollständige Darbietung der Belege.
Aber sie war durch die Ausdehnung eines Untersuchungsfeldes geboten, das sich zeitlich über
zwei Jahrtausende und räumlich über das lateinische und romanische Europa erstreckt. Nur in
dauerndem Kontakt mit der Fülle des geschichtlich Gegebenen kann man hoffen, das Univer-
sale zu erfassen. Man müßte eigentlich überall zugleich sein. Als Ersatz für diese unmögliche
Ubiquität müssen methodische Notbehelfe dienen: Veranstaltung zahlreicher topographischer
Einzelaufnahmen von verschiedenen Blickpunkten aus und mit verschiedenen Verfahren. (433)
Im nächsten Artikel im folgenden Jahr, „Scherz und Ernst in mittelalterlicher
Dichtung“ (RF 53 (1939)), wird er mit gleicher Bescheidenheit vortragen, es sei
seine Absicht in den bisherigen und in
den geplanten weiteren Untersuchungen zur Literarästhetik des Mittelalters [...] ja nur die, ei-
nige neue Gesichtspunkte für die Forschung aufzustellen und topographische Skizzen zu ent-
werfen, die später auszufüllen und zu berichtigen sein werden. (26)
Weitere zwei Jahre später, in dem diesmal ganz puristisch oder auch programma-
tisch „Topica“ betitelten Aufsatz von 1941 (RF 55), wird er dann immerhin schon
hoffen:
Zu einem späteren Zeitpunkt wird es mir, so hoffe ich, möglich sein, die von mir erarbeiteten
Gesichtspunkte in systematischer Form zu entwickeln.
Bis dahin möchte er „[v]orläufig [...] die gewählte Methode an weiteren konkreten
Beispielen erläutern“ (165). Mittlerweile stellt sich allerdings die Frage, wieso ei-
ne solche neuerliche Verlängerung der Beispielliste überhaupt für die ‘systemati-
sche Entwicklung seiner Gesichtspunkte’ noch vonnöten ist, wenn er doch längst
jene aus nicht weniger als „der historischen Substanz“ „empirisch gewonnene[n]
Ordnungsschemata“ besitzt, die doch wohl eine aus seiner Sicht ideale, nämlich
eine nicht „von außen herangetragene Systematik“ bieten müßten (ZrPh 58.2
(1938): 139). Sollte etwa die offensichtliche Heterogenität der Topoi einer Syste-
matisierung im Wege stehen, dann wäre dem durch weitere konkrete Beispiele
auch nicht abzuhelfen. Oder ist diese für Curtius eigentlich ein wenig befremdli-
che methodische Skrupulosität vielleicht nur eine Art Stellvertreterschmerz für
eine andere Bedenklichkeit, die mit einem Problem in Zusammenhang steht, über
216
das er sich gleich von Beginn an in „Begriff einer historischen Topik“ Gedanken
gemacht hatte: Daß aber wegen der von keinem einzelnen zu übersehenden
„Masse des lateinischen und romanischen Schrifttums“ den „vorgetragenen Er-
gebnissen [...] notwendig der Charakter des Vorläufigen“ (138) anhafte, ist eine
Befürchtung, über deren epistemologische Pertinenz man durchaus geteilter Mei-
nung sein kann, zumal sie die Systematik nicht tangieren kann, die ja laut Curtius
dem Gegenstand wesensmäßig ist; sie mag aber helfen, eine andere zu verarbeiten
oder zu eskamotieren, die dem Wegbereiter einer neuen Toposforschung, der
weiß:
[d]ennoch muß der Literarhistoriker es wagen, auf eigene Hand Vorstöße in das unübersehbare
Gebiet der Originaltexte zu machen,269
269269
269
in unverfänglicher Verkleidung heimlich am Herzen nagt: „Ich hoffe von Kundi-
geren belehrt zu werden.“
Wie bereits an früherer Stelle erwähnt, wird Curtius 1944, als er der 22.
Mittelalter-Studie „Über die altfranzösische Epik“ einen „Rückblick und Vor-
blick“ voranstellt, wiederholen – und ich glaube, daß dies weniger mit affektierter
Bescheidenheit als mit seiner unwandelbaren Überzeugung vom zwangsläufigen
„gewöhnlichen Gang menschlicher Erkenntnis“ (Gröber, Grundr) zu tun hat, der
eben mit ‘absichtsloser Wahrnehmung’ und ‘unscheinbaren Anfängen’ zu begin-
nen hat , daß der ‘durchgängige Zusammenhang’ seiner Forschungen ihm selbst
erst nach und nach klar geworden sei und er auch jetzt noch vor der Notwendig-
keit stünde (Ges. Aufs. 107):
Um ihn sichtbar und überzeugend zu machen, müßte ich diese [Studien] in umgearbeiteter,
ergänzter Gestalt und in systematischem Aufbau erneuern, d. h. ein Buch daraus machen.
Aber immerhin erklärt er doch auch, wenn es ihm gelungen sei,
Neues zu finden, so war das nur möglich durch den Versuch, die ma. Jahrhunderte und
Schrifttümer als einen einheitlichen Komplex zu sehen (109),
269
269269
269 Hier spricht Curtius bei Gelegenheit seiner eigenen Person mit unverkennbarer Be-
scheidenheit, wie sich unschwer daraus ableiten läßt, wie er im folgenden zweiten Teil „Über
die altfranzösische Epik II“ von einem Kollegen, dem verstorbenen Philipp August Becker
spricht, der auf demselben Gebiet tätig war: „Mit ihm ist der letzte der Großen dahingegangen,
die als furchtlose Recken jahrzehntelang den Urwald der altfranzösischen Epik durchstreift ha-
ben“ (Ges. Aufs. 184).
217
womit er wieder jenes Moment eines selbsterklärenden Potentials zum Tragen
bringt, das dem Mittelalter nach seiner Überzeugung eignet: Nicht nur der heuri-
stische Weg und was ‘sich uns auf ihm ereignet’ (ZrPh. 58, 199) ergibt sich aus der
Materie; Curtius stellt hier klar, daß die präfabrizierte Konzeption des Mittelalters
als eines entsprechend seiner Auffassung definierten einheitlichen Komplexes darüber
hinaus die Voraussetzung für das Auffinden seiner eigenen Wesensmerkmale ist,
womit wir wieder bei der geistesgeschichtlichen „Denkform des Zirkels“ (Maren-
Grisebach 36) wären, von der bereits die Rede war: Die Curtiussche Konzeption
der mittelalterlichen Literatur und das heißt letztlich in seinem Verständnis diese
selbst – denn beide sind ja insofern identisch, als die Konzeption unmittelbar von
der Materie abgezogen ist – wäre tatsächlich die Linse, durch die die ‘dunklen
Felder’ in ihr selbst „abzuleuchten“ wären; dies allerdings liefe auf eine Transsub-
stantiation von der wissenschaftlich eher unsicheren Qualität einer self-fulfilling pro-
phecy hinaus.
Neben der Einheitlichkeit des Komplexes darf aber das „Gesetz der Diskonti-
nuität“ nicht vergessen werden, dem zufolge „das Bedeutsame“ geschieht. Dem
Wortlaut nach setzt Curtius die Diskonituität sogar mit der „schöpferischen“ Ent-
wicklung in eins:
Wir haben erkannt, daß Veränderungen sich nicht stetig, sondern ruckweise vollziehen. Gerade
in der Geschichte geschieht das Bedeutsame nach dem Gesetz der Diskontinuität: der schöpferi-
schen Entwicklung. (Ges. Aufs. 171)
„Geschichtliches Denken und Forschen, das sich von dem Trugbild der Evolution
befreit hat“ (172), d. h. vom Bild einer stetigen Entwicklung, in der eins aufs an-
dere aufbaut, treffe zwar „immer wieder auf Brüche und Sprünge des Werdens
(natura facit saltus) und muß sich dabei bescheiden“, aber dafür hat es nicht nur
den von den empirisch gewonnenen Ordnungsschemata her bekannten Vorteil der
natürlichen Angepaßtheit an den von Natur aus sprunghaften Gegenstand (es dringt
folglich „in die Struktur der geschichtlichen Wirklichkeit tiefer ein – und es
braucht die Tatsachen nicht mehr zu vergewaltigen“), sondern es zeigt sich und
seinen Gegenstand zudem – was für uns mittlerweile ein vertrautes Moment ist
in flagranter Übereinstimmung mit jenem wahrscheinlich aus der Natur entsprin-
genden „gewöhnlichen Gang menschlicher Erkenntnis“, von dem ja schon Gröber
unter anderem erklärt hatte: „Im sprungweisen [!] Durchmessen des Raumes
hascht dann der Suchende nach dem Ziel“ (Ges. Aufs. 448). Oder anders ausge-
218
drückt: wenn auch die Natur vielleicht keine Sprünge macht, wie es ja eigentlich
heißt, philologus facit saltus.
Wenn wir nun selbst einen kleinen Zeitsprung zum nächsten methodo-
logischen Selbstzeugnis wagen, werden wir für diese Emulation des philologus pater
generationis mit einer eindeutigen Bestätigung belohnt, daß es nicht von ungefähr
kommt oder von uns in überinterpretierender Weise in seine Formulierungen
hineingelesen wurde, wenn wir in ihnen wiederholt Reminiszenzen oder Echos
seines Lehrers Gröber gefunden zu haben glaubten: Als Curtius nämlich im „Vor-
wort zu einem Buche über das Lateinische Mittelalter und die Europäischen Lite-
raturen“ im Zusammenhang des „Gang[s] meiner wissenschaftlichen Ent-
wicklung“ (969) auf das Thema der aus der Auseinandersetzung mit Glunz ent-
standenen „zweiundzwanzig Abhandlungen“ (972) zu sprechen kommt, führt er in
einer Fußnote zu der obligaten Wendung „Sie waren nicht nach einem vorbe-
stimmten Plane angelegt“ tatsächlich Gröbers gerade angesprochenen ‘Discours de
la méthode in nuce’-Absatz mit den einleitenden Worten an: „Entstehung und Fort-
schritt meiner mittellateinischen Studien darf ich mit Gröbers Sätzen kennzeich-
nen: ‘Absichtslose Wahrnehmung, unscheinbare Anfänge’ [etc.]“.
Aber Curtius beruft sich in seiner Epistemologie der Philologie nicht nur auf
Gröber; ohne Absatz macht er im direkten Anschluß an die Auskunft über das
Fehlen eines vorbestimmten Planes außerdem eine Anleihe bei sich selbst in seiner
ersten Existenzform als Kritiker:
Über das Schülerhafte hinaus gibt es in den Geisteswissenschaften keine Methoden. Oder doch
nur eine, die nicht lehrbar ist: das Zusammenarbeiten von Instinkt und Intelligenz“ (972-73).
Die Parallele zum zwanzig Jahre zurückliegenden Eliot-Aufsatz mit dem Wunsch
nach einem Sichzusammenfinden von „Intuition und Intelligenz“ ist unüberseh-
bar. Wie 1938 in „Topik als Heuristik“ postuliert er mit einem diesmal impliziten
Selbstzitat die grundlegende und aus seiner Warte natürlich selbstverständliche –
beide folgen ja den gleichen allgemeinverbindlichen epistemologischen Bedingun-
gen – Übereinstimmung der Philologie mit der Kritik. Er geht aber noch ein
Stück weiter, denn seine Festlegung postuliert: die von ihm propagierte Synthese
stelle die für die Geisteswissenschaften insgesamt verbindliche und darüber hinaus neben
dem basishaft Handwerklichen einzige Methode dar; daß sie nicht lehrbar sein soll,
ist das unerläßliche elitistische I-Tüpfelchen. Und wenn dies kein wörtliches Zitat
aus seiner Ontologie der Kritik ist und die Gleichsetzung mit der Kritik nicht ex-
219
plizit vollzogen ist, so wird er das umgehend nachholen: Es ist eine weitere be-
merkenswerte Parallele zu 1938, daß er in diesem Moment, da er sich erneut an
einem entscheidenden Punkt, womöglich einem letzten Wendepunkt seiner Lauf-
bahn, zudem in einer radikal veränderten, ihm antipathischen Gesellschaft sieht
und sich anschickt, Rechenschaft über seine als wegweisend verstandenen Ein-
sichten und Überzeugungen abzulegen, auch wieder auf seine Bestimmung der
Aufgabe des Kritikers“ im Proust-Aufsatz rekurriert.270
270270
270
Aber der Reihe nach: Zuerst ist es Curtius darum zu tun, sich im philologi-
schen Kontext naheliegenderweise etwas ausführlicher als im Eliot-Aufsatz dar-
über zu erklären, welche Bewandnis es mit dem „Zusammenarbeiten von Instinkt
und Intelligenz“ hat; seine Ausführungen sind insbesondere aufschlußreich für den
Komplex des Wertens (vgl. Schelers Begriff des Wertfühlens) und der Affinitätssy-
steme, die im Eliot-Aufsatz im Zusammenhang mit der Intuition angesprochenen
270
270270
270 Dies ist ja das Vorwort zu dem Buch, das Curtius aus den Teilveröffentlichungen der
vergangenen Jahre hatte fertigen wollen und das er nun nach dem Krieg, durch die mit einmal
nicht mehr so günstig-mußevollen Zeitumstände genötigt, glaubte, „als Fragment hinausgehen
lassen“ zu müssen: „Mit der Ausführung dieses Planes würde ich unter normalen Umständen
freilich noch gewartet haben. Denn manche neue Einzeluntersuchung war zur Abrundung des
Gesamtbildes noch erforderlich. Aber der Ausgang des Krieges beraubte mich jeder Arbeits-
möglichkeit. Am 18. Oktober 1944 wurden die Bonner Universität und die ihr angeschlossene
Bibliothek das Opfer eines Fliegerangriffs. Mein wissenschaftliches Handwerkszeug ist zerschla-
gen.“ – Der in der Curtius-Forschung gelegentlich in einer Weise, die eine ausführlichere Be-
handlung verdiente, gefledderte Stephen Spender notierte im September 1945 nach einem
Spaziergang mit Curtius in seinem Tagebuch: „Curtius made a fuss about his wardrobe again
today. It has become a major issue between him and the Occupation. He asked me once more
whether I could not approach the authorities about it. I said I would do so, but when I asked
Captain Craven who is Administration Officer, he said that he spent his time surrounded by
weeping women whose houses were requisitioned, so I felt I could not bother him with Ernst
Robert’s wardrobe. It strikes me as very curious that Ernst Robert, who, after all, still has his
house and books and most of his furniture, should make so much fuss about this, especially
since he has the receipt and is certain to get the wardrobe back.“ (Journals 76) – Götz Schmitz
erklärt über „Spenders politisch-historisches Verständnis“, es „war immer, wie mir scheint,
beschränkt gemessen an den weit ausholenden geschichtsphilosophischen Überlegungen bei
Curtius. Man lege nur einmal nebeneinander Curtius’ Deutscher Geist in Gefahr (1932) oder
‘Toynbees Geschichtslehre’ (1948) und Spenders Forward from Liberalism (1937) oder ‘How Shall
We Be Saved (Horizon, 1940).“ („Deepest Friendship“, Abendland, 272) –Spender hatte in
„Rhineland Journal II“ (Horizon, 1945, 402) die durch ihre Qualität leicht als zu identifizieren-
de Bemerkung eines dezent im Inkognito Belassenen zitiert, der sich durch eine Parallelstelle in
den Journals (64) zweifelsfrei als Curtius identifizieren läßt: „‘We can understand that American
civilization is unwarlike and that the Americans do not want to practise military virtues,’ a pro-
fessor said to me, ‘but you have no idea how difficult it is being conquered by a people who
can’t fight.’“
220
worden waren, und ich gebe sie vorab im Zusammenhang wieder, damit sich der
Bogen klarer abzeichnet, den er von der Metaphysik über das „Erfühlen geistiger
Werte“ zur „Witterung“ für „wichtige“ Textstellen schlägt:
Hinter dieser abkürzenden Formel [scil. das Zusammenarbeiten von Instinkt und Intelli-
genz]steht ein Tieferes: der metaphysische Wesenszusammenhang von Liebe und Erkenntnis,
den Max Scheler philosophisch begründet hat.271
271271
271 Im Fühlen, im Vorziehen, letzten Endes im
Lieben und Hassen baut sich alle Wert-Erschauung und Wert-Erkenntnis auf. Was ich Instinkt
nannte, ist die Art, wie sich solches Erfühlen geistiger Werte, geleitet durch Reichtum und
Fülle der Erlebnisfähigkeit, dem Bewußtsein des Forschers darbietet.272
272272
272 Dieser Instinkt ist eine
Funktion, die durch Übung verfeinert, differenziert und gekräftigt werden kann. Auf die Me-
thode der Forschung angewendet, bedeutet sie die Witterung dafür, daß bestimmte Stellen in
einem Text „wichtig“ sind – auch wenn man noch nicht weiß warum. Solche Stellen muß man
sammeln und vergleichen, bis man die Deutung findet. (973)
Bei der Deutung dieser Stelle führt nicht nur der Instinkt unweigerlich zu
der Einschätzung, daß man es mit einer Art Discours de la méthode in nuce einer
ideologischen Philologie in der Manier des Manrique-Aufsatzes zu tun hat. Wenn
der Forscher zu Beginn seiner mittlerweile sogar animalisch metaphorisierten To-
posjagd („Witterung“, „Instinkt“) vielleicht im Einzelnen „noch nicht weiß war-
um“, aber dafür um so sicherer die instinktive Witterung dafür“ aufgenommen
hat, daß eben diese bestimmten Stellen „in einem Text ‘wichtig’ sind“, so ist sowohl
aus dem Schelerschen als auch aus dem Curtiusschen Kontext klar, daß diese
271
271271
271 Ausgerechnet in diesem ersten Vorwort zum späteren Europäische Literatur und lateini-
sches Mittelalter, dem Brevier des locus-primus-Jägers, vergißt Curtius sein platonisches Erbe. Im
Weber-Aufsatz, an den das Folgende teilweise anknüpft, hatte er auf Platon und dessen Vor-
stellung von der „Liebesbeziehung zum Erkenntnisgegenstande“ als „methodische Vorausset-
zung des Erkennens“ verwiesen (202); und an Catherine Pozzi hatte er gerade mit Bezug auf
das diesen Zusammenhang feiernde Symposion geschrieben: „En lisant Platon, je suis dans un
émerveillement naïf comme si je venais de redécouvrir l’Amérique. La fusion parfaite de la
philosophie, de la poésie, du drame font à mon avis du Banquet le chef-dœuvre de lart grec,
infiniment supérieure à Horace et aux Tragiques.“ („Lettres“ 378, Poststempel vom
24.11.1931)
272
272272
272 Man versteht nun besser, warum Curtius schon 1920 im Weber-Aufsatz gewünscht
hatte: „Für manche Gelehrte möchte man eine ‘Erlebnispflicht’einführen können“ (202). –
Maren-Grisebach zitiert aus Diltheys Einleitung in die Geisteswissenschaften (1883): „‘Das auffas-
sende Vermögen, welches in den Geisteswissenschaften wirkt, ist der ganze Mensch; große Lei-
stungen in ihnen gehen nicht von der bloßen Stärke der Intelligenz aus, sondern von der
Mächtigkeit des persönlichen Lebens’“ und fährt selbst fort – die Parallelen sind offensichtlich
–: „Der Wissenschaftler sei eine Verbindung von Intelligenz- und Erlebnispotential.“ (25)
221
Witterung zum einen auf Wichtigeres zielt als auf literarische Wertigkeiten oder
Bezüglichkeiten und daß es zum anderen in dem fundamentalen Bereich des „Er-
fühlens geistiger Werte“, in dem der Instinkt als Wert-Instanz und -Transmitter
fungiert, sicherlich erst recht nicht um literarisch-formale, werkimmanente oder
ästhetische „Wert-Erschauung“ und „Wert-Erkenntnis“ geht. Hier geht es um vor-
geschaltete, immer schon vorentschiedene und vorentscheidende Affekte, um
„Fühlen“ und Vorziehen“, „Lieben und Hassen“, um Affinität: der Instinkt, wie
Curtius ihn versteht, ist also letztlich eine ideologische „Funktion“ auf emotiver
Grundlage. Alle Urteile und d. h. alle „Erkenntnis“, in der Literatur und der
Kunst so wie im Leben, vollziehen sich – und diese Einsicht Curtius’ ist natürlich
nur zu wahr – auf der Grundlage einer umfassenden und für den einzelnen kaum
zu überwindenden Prägung durch eine Ideologie, die nichts anderes ist als die
Erfüllung des platonischen BDäJ@< n\8@<. Die Auffassung des Wissenschaftlers als
„eine Verbindung von Intelligenz- und Erlebnispotential“ (Dilthey) modifiziert
Curtius also um den bezeichnenden Aspekt, daß auf der irrationalen Seite eine
eindeutig ideologisch ausgerichtete energetische Instanz dominiert, die lediglich
zum Zwecke der Verfeinerung und Differenzierung dem Regime von Instanzen
der Intelligenz zu unterziehen ist. Von der Warte der Postulate des „Vorworts“ von
1946 aus betrachtet erscheint auch Curtius’ Widerspruch gegen Max Weber um
so prägnanter und in der Kontinuität von Vokabular und Inhalt erhellt die fundie-
rende Bedeutung seines Credos, das gleichzeitig ein Programm ist:
Der Ertrag [...] geistesgeschichtlicher Forschung wird notwendig davon abhängen, in welchem
Umfang und mit wie starker seelischer Beteiligung der betreffende Gelehrte die Wertqualitäten
seines Arbeitsgebietes erlebt hat. [...] [Der Gedanke ist tief berechtigt,] daß der Sinn des wis-
senschaftlichen Daseins verankert sein muß in einer Sinndeutung des Menschtums. Der Sinn
und Wert der Wissenschaft kann [...] nur aus einer universal fundierenden Gesamtanschauung
von den Lebenswerten und ihrer Rangordnung bestimmt werden. („Max Weber“ 202-03)
Man kann Curtius nur beipflichten: die Wissenschaft, die schließlich von Men-
schen betrieben wird, die sämtlich unter dem Zeichen jenes ideologischen BDäJ@<
n\8@< stehen, ist alles andere als objektiv oder neutral oder wertfrei. Die Werte
aber ihrerseits – und diese Einsicht findet sich bei Curtius nicht – sind weder uni-
versal noch überzeitlich noch zeitlos. Curtius vermerkt zutreffend, daß die Auf-
fassung der Werte für den einzelnen universal fundierend ist, die Tatsache ihrer
keineswegs universalen Gültigkeit, die nicht zuletzt die seinen relativieren würde,
thematisiert er nicht.
222
Aus der Perspektive des instinktiven Wertfühlens ist auch das im „Vorwort“
folgende Selbstzitat mit der auf den ersten Blick überraschenden, aber nur vorder-
gründigen Abwertung des in hohem heuristischem Ansehen stehenden ‘Suchens’
zu verstehen:
„Die Einzelzüge, auf die es ankommt – schrieb ich schon 1925 anläßlich Prousts –, kann man
nicht suchen, sie müssen einem aufleuchten. Wenn das Philosophieren im Staunen wurzelt, so
ist es die Voraussetzung aller Kritik, daß dem Kritiker bestimmte Dinge auffallen.“ [...] Diese
Sätze gelten aber auch für die Literaturforschung, sofern sie eines Wesens mit der Kritik ist.
(973)
Die geistigen Werte, an denen sich die Affinität entscheidet, sind gegeben; ihr
Auffinden ist aber nicht in erster Linie davon abhängig, daß man sie sucht (natür-
lich enthebt dies nicht von der Verpflichtung, trotzdem nach ihnen zu suchen; alles
andere fiele unter das Verdikt vis inertiae! – und wäre denn Forscher, wer nicht
sucht?); wichtig ist, daß man sie erfühlen kann, daß sie einem also, wenn man auf
sie stößt, infolge der Affinität von sich aus auffallen und „aufleuchten“ können.
Daß dies für die Literaturforschung, also die Philologie, mit der Einschränkung
gilt: „sofern sie eines Wesens mit der Kritik ist“, erhellt ebenfalls aus dem ideolo-
gischen Vorhalt, der dem Curtiusschen Denken allenthalben seine Tönung gibt:
Erinnern wir uns, daß er im Eliot-Aufsatz von der Kritik bestimmt hatte: „Ihr
metaphysischer Hintergrund ist die Überzeugung, daß die geistige Welt sich nach
Affinitätssystemen gliedert“ (Krit. Ess. 317). Wo der Kritiker die monarchistischen
und antiparlamentarischen Überzeugungen Balzacs preist, begeistert sich der Phi-
lologe für eine imperiale Rom-Idee, die er bei Manrique entdeckt hat.
Abschließend bleibt festzuhalten, daß die gesamte Stelle wie kaum
anders zu erwarten – exakt den Gesetzen des bipolaren und synthetischen Den-
kens Curtius’ entspricht. In der immer gleichen Reihenfolge ihres Auftretens ha-
ben wir zuerst die mehr energetisch-erlebensbestimmte Sphäre des Irrationalen,
Subjektivistischen, in der die Rolle des Protagonisten diesmal mit dem Instinkt
besetzt ist, dann mit auffällig wenig eigenem Text die Rationalität und Objektivität
im „Bewußtsein des Forschers“ und in den Aufgaben der Verfeinerung und Dif-
ferenzierung. Wieder kann dieser Part kleiner ausfallen, ist doch der Topos von
der Rationalität und Intelligenz des Wissenschaftlers ein anerkannter Gemein-
platz, den man nicht zu propagieren braucht; die Selbstverpflichtung Curtius’ zielt
auf die Aufwertung des irrationalen ideologischen Werte-Instinkts. Und sogar die
Intuition ist in gewisser Weise, virtuell, anwesend, wenn auch ungenannt: sie
223
spielte sowohl im Eliot- als auch im Proust-Aufsatz die Hauptrolle und in der
kryptischen Verknüpfung „Wenn das Philosophieren im Staunen wurzelt, so ist die
Voraussetzung aller Kritik, daß dem Kritiker bestimmte Dinge auffallen“ klingt sie
noch mit, denn am Anfang des Philosophierens steht ja laut Curtius ebenfalls im-
mer eine Intuition: „Jeder echte Philosoph“, so schrieb er in „Ortega“, „wird mit
einer ursprünglichen Intuition geboren, die sich ihm dann als sein Auftrag ent-
hüllt“ (Krit. Ess. 271). Allerdings ist der Umstand der hiesigen Abwesenheit der
Intuition auffällig genug, um das Bedürfnis nach einer Erklärung dafür zu wecken,
was zu ihrem Ausschluß geführt hat? Die Antwort scheint mir im letzten Absatz
des „Vorworts“ zu liegen.
224
3 GLANZ UND ELEND DER INTUITION
Was ich über die persönlichen Untergründe“, beginnt Curtius in pointierter Nu-
ancierung, „meiner wissenschaftlichen Entwicklung gesagt habe, sollte erklären,
wieso ich von der Romanistik zum lateinischen Mittelalter gekommen bin“ („Vor-
wort“ 974). Nachdem wir schon von seinem Engagement für eine „Biologie der
Tradition“ aus Deutscher Geist in Gefahr (114) wußten, erfahren wir nun, daß es ihm
bei seinen Ausführungen nicht nur um sein angekündigtes Mittelalter-Buch ging,
sondern um eine allgemeinere Frage, die seit Jahrzehnten immer wieder aufgegriffen worden
ist: Wie hängen Leben und Werk eines Forschers zusammen? Sie gehört zu den Problemen ei-
ner „Biologie des Forschers“. Sie hat aber auch praktische Bedeutung.
Und zwar aus folgendem Grund: „Nach dem ersten Weltkrieg“, erinnert Curtius
– und wir können nur mit Staunen registrieren, in welch verändertem Ton er mit
einmal als ein neuer Paulus über Begriffe redet, deren glühender Propagator er
einst war: –,
sah man zahlreiche Proben einer „neuen Wissenschaft“, die sich auf „Schau“, „Intuition“ oder
andere Formen innerer Erleuchtung berief und dem vielberufenen „Positivismus“ den Krieg
erklärte. Manche suchten große Persönlichkeiten der Geschichte nach der Dogmatik des Geor-
gekreises umzuprägen. Manche brachten behende Synthesen auf den Markt. Geschichte wurde
mitunter zum Roman, mitunter zum „Mythos“. Zum größten Teil sind das Verirrungen gewe-
sen, deren Tragweite wir erst heute ermessen können.
Warum er mit einmal in solcher Pauschalisierung – das „Zum größten Teil“
hebt die kollektive Herabsetzung ja keineswegs auf – den Stab über eine geistes-
geschichtliche Vergangenheit bricht, die auch seine eigene ist, erklärt sich auf der
Stelle:
Denn sie haben der Geschichtsfälschung größten Ausmaßes den Weg gebahnt, die seit 1933 ihr
verhängnisvolles Wesen trieb.
Diese überzogene, in der Relation zu ungleich schwerwiegenderen Faktoren un-
gerechte und vor allem unsinnige Schuldzuweisung, die aber natürlich im Rahmen
des bei seinen „weit ausholenden geschichtsphilosophischen Überlegungen“
(Schmitz 310) Üblichen liegt, ist Teil eines Selbst-Entschuldungsversuchs, in dem
225
Curtius vorübergehend 1946 zu glauben schien, mit einer solchen kombinierten
Verleugnung und wenig verpflichtenden Denunziation, indem er stellvertretend
aus seinem Verantwortungsbereich ausgerechnet die harmlose „Schau“ und die
unschuldige Intuition, ehemals „die höchste Stufe der Erkenntnis“ (Balzac 53), der
geistigen Sieger-Justiz zur Aburteilung ausliefert, könne er sich von belastenden
Spuren absetzen und mit einem politisch korrekten
„Es gibt keine objektive Wissenschaft“, so wurde damals gelehrt. Wissenschaft sei rassisch, völ-
kisch, politisch gebunden. Dieser Lug muß verschwinden (974)
auf die Seite der immer schon Kritisch-Bewußten, Rationalen und Unbescholte-
nen schlagen. Noch heute zahlt sich diese Entscheidung für eine opportunistische
survival of the fittest-Forscher-Biologie sogar bei einem Biographismus-Kritiker wie
Karimi aus, der bei aller diskurskritischen Wachsamkeit („So ist die Selbstinsze-
nierung eines Philologen wenigstens für einen Teil seiner Mit- und Nachwelt zum
Mythos geworden“ (99)) die im „selbst geschaffenen Labyrinth“ entdeckte ‘er-
kenntnistheoretische Perspektivenverschiebung’ „von der Intuition [!] zu den soli-
den Grundlagen der klassischen Philologie“ dem romanistischen Dädalus als
Wandel der Episteme“ (106) gutschreibt.
Aber was ist der Wert von Curtius’ Verrat an jahrzehntelang propagierten
Überzeugungen und Gewißheiten, wenn er dafür an selber Stelle – wie gesehen –
um so größeren Raum einem nicht weniger irrationalistischen, ja geradezu atavi-
stischen biologistischen Begriff wie dem Instinkt einräumt, den er weiland selbst
in solch bemerkenswerten, aber mittlerweile kompromittierenden Wortschöpfun-
gen wie „Rasseninstinkt“ benutzt hatte, den er 1930 ganz ohne Not in Die franzö-
sische Kultur (48) den Franzosen abgesprochen hatte – von „Rassenintuition“
dagegen ist bei ihm meines Wissens nirgendwo die Rede. Dieser epistemische Wan-
del von der Intuition zum Instinkt wird wohl nicht Teil jenes ‘Zurückgehens’ „in
archaische Bewußtseinsschichten“ sein, von dem er vier Seiten zuvor gesprochen
hatte (970).
Karimi zitiert zu dem den „Debatten und geistigen Auseinandersetzungen“
der Zeit „zugrundeliegenden Diskurs“ (109), den „mit dem Datum des 30. Janu-
ar 1933 beginnen lassen“ zu wollen, ihm „absurd“ „erschiene“, eine Stelle aus
George Steiners Sprache und Schweigen:
Das Nazitum fand in dieser Sprache genau vor, was es brauchte, um seiner Grausamkeit Stim-
226
me und Nachdruck zu verleihen. Hitler vernahm in seiner Muttersprache die latente Hysterie,
das geistige Durcheinander, die Eigenschaft zur hypnotischen Trance (129),
er nimmt aber Curtius umgehend aus diesem Verantwortungs-Kontext aus und
stilisiert ihn sogar zur positiven Kontrast-Figur, denn Curtius spricht 1932 in
Deutscher Geist in Gefahr von einer Atmosphäre der ‘Stoßtrupps und der Spre-
cherchöre’ [sic]“.273
273273
273 Auch Curtius hat am Ende des „Vorworts“ klargemacht, daß
er nach dem Damenopfer der Intuition allem Anschein nach keine Veranlassung
sah, sich nicht treu zu bleiben und nicht nahtlos an die vertraute Diktion seiner
früheren national-deontologischen Missionsschriften anzuknüpfen, deren ener-
gisch-strenger Ton damals gerade manchem Leser der Wandlung noch frisch im
Ohr geklungen haben dürfte274
274274
274:
So gewiß alle bedeutende Forschung von persönlichem Erleben und Schauen gespeist ist
ebenso gewiß muß dieses durch die strenge Zucht der Selbstkritik, der Sachlichkeit und eines
umfassenden Wissens kontrolliert werden. Das Erleben muß im Feuer des Schaffens umge-
schmolzen werden in das stählerne Gefüge der Erkenntnis. In diesem Sinne muß die Wissen-
schaft immer objektiv bleiben. (974)
*
Schlägt man schließlich und endlich in der Erwartung, hier die letztverbind-
lichen Weisungen über Deontologie, Epistemologie und Ontologie der Philologie
zu erhalten, das magnum opus des Philologen Curtius auf, Europäische Literatur und
273
273273
273 Curtius hatte zum Thema „Bildungsabbau und Kulturhaß“ folgende Analyse getroffen:
„Dem deutschen Arbeiter hätte die Bildungswelt Goethes wohl etwas zu geben, aber sie wird
ihm nicht in geeigneter Form vermittelt. Übrigens handelt es sich nicht nur um die Arbeiter-
klasse allein. Es handelt sich um alle Bevölkerungsschichten, die heute in den Formen straff
organisierter Kollektivitäten die Struktur unseres Volkskörpers bestimmen. Bildung kann nur da
gedeihen, wo der ökonomische Lebensraum ein Mindestmaß an Freiheits- und Entwicklungs-
möglichkeiten gewährt. Bildung fordert Zeit, Kraft und Hingabe im Dienste der Persönlich-
keitsentfaltung. Diese Persönlichkeitsentfaltung ist in der heutigen Lage nicht nur nicht mehr
möglich, sie wird auch gar nicht mehr gewollt. Sie isoliert und sie bedeutet eine soziale Schwä-
chung. Im Zeitalter der Sprechchöre und Stoßtrupps haben Faust und Wilhelm Meister ihr
Recht verloren und müssen einem suggestiven Gesinnungskommando weichen.“ (16)
274
274274
274 Soll man einen adverbialen Kommentar darin sehen, wenn die „Redaktionelle An-
merkung“ zu unserem Autor in der Wandlung beginnt: „Ernst Robert Curtius, auch heute Pro-
fessor der romanischen Philologie in Bonn, [etc]“ (1015)?
227
lateinisches Mittelalter, könnte man meinen, Grund zu der Hoffnung zu haben, die
Intuition schon bald aus der Schuldhaft entlassen und in alte Rechte eingesetzt zu
sehen, denn zur Nummer 7 der dem Werk vorangestellten zehn programmati-
schen „Leitsätze“ avanciert findet sich jener rekurrente erste Absatz aus Gröbers
Grundr, der zuletzt im „Vorwort“ – also im Kontext der Verleugnung der Intuiti-
on und darum vielleicht nicht zufällig – in die Beiläufigkeit einer Fußnote ver-
bannt gewesen war. Daß Curtius nun aber seine philologische Summa derart
bekenntnishaft unter das methodische Geleit eben dieses ‘Discours de la méthode in
nuce’ stellt, dessen Bestimmung der absichtslosen Wahrnehmung als Ausgangspunkt
des gewöhnlichen Ganges menschlicher Erkenntnis der Intuition gewogen sein
sollte, kann wohl nur als ein implizit erneuertes Bekenntnis zu diesem primordia-
len Erkenntnisvermögen und zur Kontinuität seiner Grundüberzeugungen ver-
standen werden.
Um so mehr, da sich dieses doppelte Kontinuitätsbekenntnis im „Kapitel 1:
Europäische Literatur“ wiederholt, als Curtius sich nach der historischen Fun-
dierung seines Ansatzes in Toynbees Geschichtslehre275
275275
275 (14-16) zum Zwecke einer
ontologischen Grundlegung der „schöpferische[n] Phantasie“ (18) – der „Ur-
funktion der Menschheit“, „die Mythen, Geschichten, Gedichte bildet“ wie
schon zu Anfang seiner Karriere in den Wegbereitern auf Bergson besinnt, den Phi-
losophen der Intuition, der in L’évolution créatrice als einziger „das Problem“, die
schöpferische Phantasie „auf[zu]schließen und in unser Weltverständnis
ein[zu]ordnen“, aufgegriffen und den „kosmischen Prozeß im Bilde eines élan vital
gedeutet“ habe.
Erneut ist es jedoch der „Instinkt“ und nicht die Intuition, der eine ‘funda-
mentalontologische’ Würdigung erfährt wegen seiner Bedeutung als das „Residu-
um“, das nach Bergson (Les deux sources de la morale et de la religion, 1933) „die
Intelligenz wie eine Aura umgibt“ und aus dem sich die „fiktionsbildende Funkti-
on (fonction fabulatrice)“ „nährt“, die „dem Leben nötig gewesen“ sei als Schutz-
funktion vor der Intelligenz. Wenn nämlich dieser
keine Widerstände entgegentreten, kann sie die Existenz des Einzelnen wie der Gesellschaft
bedrohen. Sie beugt sich nur vor Tatsachen, d. h. vor Wahrnehmungen. Wollte die „Natur“
den Gefahren der Intelligenz vorbeugen, so mußte sie fiktive Wahrnehmungen und Tatbestände
erzeugen. Sie wirken als Halluzinationen, d. h. sie treten dem Denken als reale Wesenheiten
275
275275
275 Vgl. „Toynbees Geschichtslehre“ (Merkur, 1948), Krit. Ess., 357.
228
gegenüber und vermögen das Handeln zu beeinflussen. (18)
Wenn die Intelligenz also – nicht zuletzt aus ‘synthetischem’ Blickwinkel betrach-
tet – des Instinkts als eines naturgegebenen komplementären Gegensatzes bedarf,
der die „‘imaginäre[n]‘ Wahrnehmungen“ schafft, auf die alleine sie „reagiert“, so
besteht natürlich das zweite Erfordernis, daß die Intelligenz nicht so intelligent sei,
daß sie diese von der Natur für sie geschaffenen Halluzinationen durchschaut. An
dieser Stelle der Ontologie muß die Intuition natürlich zurücktreten, schon damit
sie der Intelligenz nicht womöglich auf die Sprünge hilft. Und als schließlich der
Philologie ihre Hilfsfunktion am Rande einer ontologischen Philosophie zugewie-
sen wird, scheint die Intuition – und mit ihr die „Schau“ – wirklich an einem dead
end angelangt:
Das Buch ist um vieles realer als das Bild. Hier liegt ein Seinsverhältnis vor und die reale Teil-
habe an einem geistigen Sein.276
276276
276 Eine ontologische Philosophie würde das vertiefen können.277
277277
277
Ein Buch ist, abgesehen von allem anderen, ein „Text“. Man versteht ihn oder versteht ihn
nicht. Er enthält vielleicht „schwierige“ Stellen. Man braucht eine Technik, um sie aufzuschlie-
ßen. Sie heißt Philologie. Da die Literaturwissenschaft es mit Texten zu tun hat, ist sie ohne
Philologie hilflos. Keine Intuition und Wesensschau kann diesen Mangel ersetzen. (24)
Aber werden Intuition und Wesensschau durch diese Feststellung tatsächlich
abgelehnt? Sitzt man nicht mit einem solchen Verständnis nur dem ‘patzigen’ Ton
auf, den Curtius in solchen apodiktisch dozierenden Zusammenhängen gelegent-
lich zelebriert? Und zwar vor allem dann, wenn er sich gegen etwas nur der Atti-
tude wegen, aus einer Bekenntnisabsicht heraus in Positur wirft, obwohl dazu von
276
276276
276 Ich will auf diesen sehr problematischen Zusammenhang hier nicht eingehen und le-
diglich die Frage stellen, ob Curtius das in der Bergson-Paraphrase Gesagte ausreichend wür-
digt, das ihn auf den Gedanken hätte kommen lassen können, im Bild ein Werk der
‘fiktionsbildenden Funktion’ zu sehen, das dem Denken sehr wohl ebenfalls als ‘reale Wesen-
heit’ entgegenzutreten und „das Handeln zu beeinflussen“ vermag. – Dem „Widerspruch“, der
von „kunsthistorischer Seite“ gegen seine Ausführungen „geäußert“ worden ist, hat Curtius
aber ohnehin bereits in einer Fußnote der zweiten Ausgabe in seiner erschöpfenden Art mit
einem knappen Satz geantwortet: „Anstoß erregte der Satz, die Literatur sei Träger von Gedan-
ken, die Kunst nicht. Ich verdeutliche also: wären Platon Schriften verloren, so könnte man sie
aus der griechischen Plastik nicht rekonstruieren.“ (26) Merkwürdig nur, daß bisher niemand
aus Platon, der ja, anders als umgekehrt die Plastik von ihm, von dieser tatsächlich gehandelt
hat, die griechische Plastik rekonstruiert hat.
277
277277
277 Ein kritischer Vergleich mit Heideggers ‘Kunstontologie’, vor allem in „Der Ursprung
des Kunstwerkes“ (1935, in: Holzwege, 1950), sollte ein lohnendes Unternehmen sein.
229
der Sache her keine Veranlassung besteht. Am speziellen Beispiel läßt sich das gut
demonstrieren: Die Literaturwissenschaft braucht, weil in Texten „schwierige
Stellen“ vorkommen können, die nur mit philologischen Mitteln ‘aufzuschließen’
sind, in diesen Fällen die Philologie, die an anderer Stelle deshalb auch von Curti-
us als die „Magd der historischen Wissenschaften“ bezeichnet wird278
278278
278; ohne sie
entstünde in eben diesen Fällen ein „Mangel“. Solange aber niemand den (unsin-
nigen) Vorschlag macht, für diese spezielle Aufgabe statt der Philologie die Intuiti-
on einzusetzen, besteht keine Notwendigkeit, ausdrücklich zu deklarieren, daß
„keine Intuition“ „diesen Mangel ersetzen“ kann; daß die Intuition sehr wohl ihre
eigenen speziellen Aufgaben und Potentiale hat, wird wohlgemerkt ja durch diese
unnötige Äußerung gar nicht tangiert. Feststellbar ist deshalb hier in erster Linie,
daß Curtius aus Gründen, über die spekuliert werden kann, die Gelegenheit
wahrnimmt oder schafft, in solcher Weise mit der Intuition zu verfahren und eine
wertende, dem Anschein nach degradierende Stellungnahme zu suggerieren. Es
kann aber davon ausgegangen werden, daß einmal gewonnene Überzeugungen
oder Einsichten bei Curtius in aller Regel zu tief und fest verankert sind, als daß
man abweichende Äußerungen, die nach Lage der Dinge womöglich aus Oppor-
tunität oder momentanen Interessen entstanden sein könnten, vorschnell als letz-
tes Wort auffassen dürfte.
Welche Vorsicht angesichts seiner speziellen Diktion in solchen Fällen ange-
zeigt ist, zeigt sich wenige Seiten vorher, wenn Curtius in bekannter Weise gegen
die „’Literaturwissenschaft’“ polemisiert:
Sie will etwas anderes und Besseres sein als Literaturgeschichte [...]. Der Philologie ist sie ab-
hold. Dafür sucht sie Anlehnung bei anderen Wissenschaften: Philosophie (DILTHEY,
BERGSON), Soziologie, Psychanalyse, vor allem Kunstgeschichte (WÖLFFLIN). Die philoso-
phierende Literaturwissenschaft durchmustert die Literatur auf metaphysische und ethische
Probleme (z. B. Tod und Liebe). Sie will ‘Geistesgeschichte’ sein. (21)
Hier scheint ein pauschaler Vorbehalt gegeben. Aber man muß sich vor Au-
gen halten, daß der ehemalige Kulturkundler, Literaturkritiker und nun in Euro-
päische Literatur und lateinisches Mittelalter praktizierende Historiograph der
„abendländischen Seelengeschichte“ (92), der bei nichts so aufblühte, wie wenn
er etwa – ein Beispiel unter vielen – Balzacs Romane auf affine metaphysische und
278
278278
278 Im „Vorwort zur zweiten Auflage“, ELLMA, 10.
230
ethische Überzeugungen durchmusterte oder lange empathische Paraphrasen
philosophischer Werke verfaßte, und der nun solches schreibt, sich nicht nur ge-
rade eben auf Troeltsch und Bergson berufen hat, sondern im „Vorwort zur zwei-
ten Auflage“ von Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter gleich auf der ersten
Textseite bekennt: „Auch in meinem Buch wird man Dinge finden, die ich ohne
C. G. Jung nicht hätte sehen können“ (9).279
279279
279 Und was sein Verhältnis zur „Gei-
stesgeschichte“ angeht, über das ich mich bereits wiederholt geäußert habe, sei an
die 22. Mittelalter-Studie „Über die altfranzösische Epik“ erinnert, in der sich
nämlich neben den üblichen Klagen darüber, daß „in der ‘romanischen Philologie’
die ‘Philologie’ in Verfall, ja in Mißkredit“ (ZrPh 116) geraten sei, das unbeachtet
gebliebene Bekenntnis für eine richtig verstandene Geistesgeschichte findet, das ei-
ne neue Variante des synthetischen, holistischen Angangs vorstellt:
Eine MA.-Forschung, die bei der Philologie stehen bleiben würde, könnte mich nie befriedigen.
Aus der philologischen Kleinarbeit heraus muß die historische Anschauung sich bilden und
dem Geist neue Zusammenhänge eröffnen. Ohne philologischen Unterbau hätte ich meinen
Balzac (1923) und meinen Proust (1925) nicht schreiben können. Auch meine MA.-
Untersuchungen hoffen einer richtig verstandenen Geistesgeschichte zu dienen. Eine Geistes-
geschichte aber, die sich von der Philologie lossagt oder ihren Anforderungen nicht gewachsen
ist, muß bekämpft werden. (ZrPh 118)
Eine sorgfältige Gewichtung der einschlägigen Stellen gibt also durchaus zu
der Vermutung Anlaß, daß man über kurz oder lang auch in Europäische Literatur
und lateinisches Mittelalter auf wenn nicht explizite, so doch implizite intuitionisti-
sche Bekenntnisse und den unzweifelhaften Nachweis der Kontinuität seiner An-
schauungen auch in dieser Frage stoßen müßte. Aber das wird auf sich warten
lassen; erst die Worte, mit denen Curtius zu Beginn von „Kapitel 18: Epilog“ ei-
nen erneuten „Rückblick“ beginnt:
Wir haben eine beschwerliche Wanderung hinter uns und dürfen nun rasten. Wir blicken zu-
279
279279
279 Man mag hier an die Archetypen des „kollektiven Unbewußten im Sinne von C. G.
Jung“ (ELLMA 112) denken, auf die sich Curtius gelegentlich berief (manche Topoi seien
„Anzeichen einer veränderten Seelenlage [...]. So vertieft sich unser Verständnis der abend-
ländischen Seelengeschichte, und wir berühren Gebiete, welche die Psychologie von C. G.
JUNG erschlossen hat.“ (92)), oder daran, daß Curtius sich laut Hugo Friedrich beim Begriff
der Kontinuität auf Jung berufen habe („Ernst Robert Curtius“, Bibliothèque d’Humanisme et
Renaissance 18 (1956): 437). Nicht zu vergessen ist auch, was Curtius Jean de Menasce an-
vertraut hat: „Ich schrieb 1931/32 ‘Deutscher Geist in Gefahr’, brach dann zusammen, mußte
Jung in Zürich konsultiren“ („Abendland“ 211).
231
rück und überschauen die Stationen des Weges. Wie sind wir verfahren? (384),
verheißen eine neuerliche Rekapitulation seiner Methodik und metaliterarischen
Ontologie, bei der wir jetzt, wo das Werk abgeschlossen ist, fündig werden sollten.
Und in der Tat finden sich im folgenden die Themen unserer Untersuchung, die
von uns herausgearbeiteten loci communes Curtii wieder, so daß die Betrachtung
dieses Kapitels unwillkürlich auch zu einer Rekapitulation unserer eigenen Ergeb-
nisse wird.
Curtius stellt zuerst die aufsteigende (Erkenntnis-)Bewegung fest, in der der
„Gang der Darstellung und die Aufeinanderfolge der Kapitel“ sich vollziehen:
„stufenförmiger Fortschritt und spiraliger Aufstieg“ (384). Das Frühere wird
durch das Spätere „erhellt“: die „Bedeutung“ der in den ersten Kapiteln vorge-
führten „Tatbestände“ erhellt „sich erst an späterer Stelle“ (385). Sowohl der Auf-
bau der Untersuchung als auch die Darstellung der erkannten Phänomene gehorchen
den historischen und materiellen Vorgaben, deren zweifelsfreies Erkennen allem An-
schein nach vorausgesetzt ist:
Nicht logische Disposition, sondern thematische Verfugung bestimmt den Aufbau. Die Verwe-
bung der Fäden, die Wiederkehr der Personen und Motive in verschiedenen Mustern spiegelt
die Verkettung der historischen Bezüge. (385)
Aus der Beachtung einer bestimmten Gesetzmäßigkeit in der Abfolge der Erkennt-
nisstufen folgt dann – so scheint es – wie von selbst der vertraute Aufstieg von der
nicht erweisbaren Ahnung über die unerläßliche erhebliche Anstrengung (man darf
nur per aspera ad astra gelangen, denn non est ad astra mollis e terris via) zur Anschau-
ung, der Evidenz eignet und die eine beiläufige semantische Metamorphose des
Wortes „Anschauung“ zur Konzeption erhebt (man vergleiche mit Gröber und den
einschlägigen Stellen im „Proust“ und in „Zur Literarästhetik des Mittelalters II“):
Diese Verkettung taucht zuerst als eine geahnte, nicht erweisbare Möglichkeit im Däm-
merlicht auf. Im Lauf von Jahren und Jahrzehnten wurden ihre Umrisse deutlich, ihr Gehalt
gegliedert. Sie konnte nun experimentell belichtet werden (Kapitel 13 [„Die Musen“]). Sie
wurde greifbar. Aber sie sollte handgreiflich werden. Auch in den historischen Wissenschaften
gibt es Evidenz. Es ist die Evidenz der Anschauung. Was in der Anschauung aufgewiesen ist,
kann nicht mehr übersehen werden. Was wir gewonnen haben, ist eine neue Anschauung vom
inneren Zusammenhang der europäischen Literatur.
232
Der Einsatz von Strenge und Energie hilft bei genügender Dauer über jede
epistemologische Untiefe hinweg, wenn man nur die Einsicht in die Bedingungen
der Erkenntnis und in die Seinsverhältnisse der Materie mitbringt und – dies wird nicht
abstrakt verkündet, sondern erhellt in seiner ganzen Bedeutung aus dem Beispiel,
das den Ausgangpunkt von Curtius’ Topik gebildet hat: wenn man über das in-
tuitive Vermögen verfügt, sich etwas auffallen zu lassen, das anderen (mit weniger
Energie und Intuition Ausgestatteten) nicht aufgefallen war:
Die Untersuchungen, aus denen dies Buch erwachsen ist, setzten bei genau umgrenzten
Einzelproblemen ein, die ich am Weg meiner Lektüre auflas. Den topos „greiser Jüngling“ (S.
108ff.) etwa fand ich bei Gregor auf den hl. Benedikt angewandt. Er war auffällig, aber er war
niemandem aufgefallen. Nach rückwärts ließ er sich bis zu Silius Italicus und dem jüngeren Pli-
nius verfolgen, nach vorwärts bis Góngora. War das ein Unikum? Oder ließen sich andere topoi
von ähnlicher Dauerhaftigkeit aufspüren? So ergab sich die Aufgabe einer historischen Topik
(S. 92).
Hier erweist sich erneut die zentrale und grundlegende epistemologische Rolle des in-
tuitiven Auffallenlassens innerhalb der Curtiusschen ‘Topik als Heuristik’: aus dieser
Stelle ergibt sich eindeutig, daß der Ursprung seiner Idee einer historischen Topik in einer
intuitiven Findung liegt; der „Puer senex“ übrigens war 1938 tatsächlich der erste
von Curtius der Öffentlichkeit vorgestellte Topos (ZrPh 58, 143-51).
Nach dieser merklichen Aufwertung der Sphäre des Irrational-Subjek-
tivistischen im ‘Auffallenlassen’ kommt Curtius über einen kurzen (vorbereiten-
den?) Umweg eine deontologische Zurechtweisung der ungeliebten „‘neueren
Philologie’“, deren „Verfall“ vielleicht „nicht aufzuhalten“ sei (386), und erneut
der Geistesgeschichte280
280280
280 – nun endlich zu einer Herleitung und Bestimmung der
Deontologie des Philologen: Als Ausgangspunkt mit historisch tradierter, sicherer
Fundierung dient ihm die „klassische Philologie“, die „seit dem 16. Jahrhundert
festen Boden unter den Füßen hat“ und deshalb wohl nach seinen Maßstäben ein
genügend strenges Profil zu besitzen scheint, um ein geeignetes Vorbild abgeben zu
280
280280
280 „Es gab eine lateinische Tradition, die von der ‘neueren Philologie’ ignoriert wurde.
Diese Wissenschaft war stehen geblieben. Ihre behagliche Autarkie war überlebt. Sie reichte
nicht aus für Dante, für Gracián, für Diderot[...]Ein Versager war auch die ‘Literaturwissen-
schaft’ in ihrer kunstgeschichtlichen wie in ihrer geistesgeschichtlichen Variante. Die leichtfertig
konstruierende ‘Geistesgeschichte’, die sich in Deutschland seit dem ersten Weltkrieg an Stelle
der Philologie setzte, war ein Symptom wissenschaftlichen Verfalls, was durch die Exkursion in
ein Lieblingsgebiet der Germanistik, das ‘ritterliche Tugendsystem’ (Exkurs XVIII), unliebsam
bestätigt wurde.“ (385)
233
können (386):
Reinigung, Herstellung, Interpretation von Texten sind in dieser Disziplin streng ausgebildet.
Ohne sichere grammatische Schulung und weitausgreifende Lektüre ist nichts zu erreichen.
Diese Lehre zu beherzigen, versäumen allerdings – erneuter tadelnder Einschub –
„Germanistik, Romanistik, Anglistik“: sie „entbehren alter Tradition“, ziehen aber
aus diesem Mangel nicht die Konsequenz berufsethischer Energie- und Strenge-
Entfaltung und „fallen darum den Moden und Irrungen des ‘Zeitgeistes’ leicht
zum Opfer“. Ihre Lage erscheint ihm derart desolat, daß sein Ratschlag nur noch
ironisch ausfallen kann:
Nur wenn sie sich entschlössen, in die Schule der alten Philologie zu gehen, könnte sich das
bessern. Aber dafür müßte man Griechisch und Latein lernen – eine Zumutung, die kein Ver-
ständiger auch nur zu äußern wagen wird. Die Gründer der neueren Philologie hatten freilich
die Schulung der alten Sprachen noch empfangen.
Curtius selbst jedenfalls hat die Lehre jener Gründerväter nicht vergessen (ich
verweise auf seinen zweiten Leitsatz: A"JXDT< gL 6g\:g<" §D(", Polybios XV 4,11)
und weiß deshalb daraus, daß sie eine „Tradition strenger Forschung“ geschaffen
haben, einen berufsethischen Imperativ zu ziehen:
Es mag wirkungslos sein, aber es ist Verpflichtung, dies Vermächtnis der großen Lehrer zu ver-
teidigen. Für mich knüpft es sich an GUSTAV GRÖBER, dessen Schüler ich vor mehr als vierzig
Jahren war.
Es ist nicht ganz kongruent zu dieser Apologie der Strenge und der ‘positivisti-
schen’ Rigidität, aber für das Folgende und die Gewichtung innerhalb des denke-
rischen Gesamts bezeichnend, wenn er hinzufügt: „Ein Leitsatz dieses Buches ist
ihm entnommen“ – es handelt sich schließlich um den Absatz über die absichts-
lose Wahrnehmung, das sprungweise Durchmessen des Raumes und das Schema
unfertiger Ansichten, mit denen der Gang der menschlichen Erkenntnis notwen-
dig beginnt.
Wenn dann der nächste Absatz mit dem Wort Aufgabe“ anhebt, ist dies
trotz des pflichtenethischen und gestrengen Appeals der Auftakt für einen allmäh-
lichen Übergang von der wissenschaftlichen Sphäre „strenger Forschung“ in die
der Subjektivität: „Eine Aufgabe des Philologen ist die Beobachtung (observatio im
Methodenwortschatz der klassischen Philologie).“ Das klingt noch ganz streng und
wissenschaftlich. Aber wenn Curtius fortfährt: „Man muß dazu freilich sehr viel
234
lesen“, wird bei genauerer Betrachtung doch deutlich, daß dies bereits keine Lei-
stung der Strenge mehr ist, sondern eine der Energieentfaltung, ein untrügliches
Zeichen dafür, daß möglicherweise ein Registerwechsel in die Sphäre des Irratio-
nal-Subjektiven bevorsteht. Und betrachten wir die Stelle im Zusammenhang,
springen die Parallelen zu früher untersuchten Stellen im Proust-Aufsatz und im
Gröber-Leitsatz 7 unübersehbar ins Auge:
Man muß dazu freilich sehr viel lesen (Leitsatz 3)281
281281
281 und muß sich den Blick für „bedeutsame
Tatsachen“ (BERGSON) schärfen.282
282282
282283
283283
283 Man trifft auf ein Phänomen, das nichts oder wenig zu
bedeuten scheint.284
284284
284 Kehrt es konstant wieder, so hat es eine bestimmte Funktion.285
285285
285 Man
wird es terminologisch festlegen – und hat dann vielleicht einen „Lustort“ (S. 202ff.) entdeckt,
der eine „Ideallandschaft“ erschließt. Es gibt Phänomene, die ganz vereinzelt scheinen. Die
Versuchung ist groß, sie auf sich beruhen zu lassen. Man müßte Energie anwenden, um Ver-
gleichbares aufzustöbern. Man müßte vielleicht die lateinischen Dichter der Karolingerzeit ein
fünftes oder sechstes Mal durchlesen. Da gilt dann das Wort der Sibylle (Aeneis VI 129): hoc
opus, hic labor est. Wenn man den Mut nicht verliert, findet man dann vielleicht nach Jahren das
missing link, z. B. ein Gedicht von Walahfrid (S. 294ff.).
Die Welt der intuitiven Philologie erscheint hier als eine „Ideallandschaft“,
die zum „Lustort“ wird für den fleißigen Glücklichen, der auch nach dem fünften
oder sechsten Durchmustern ganzer Epochen nicht den Mut verloren hat und es
zufrieden ist, wenn er vielleicht nach Jahren der Mühen ein einziges Gedicht fin-
det, das ihm als missing link zum Kontinuitätsbeweis gereicht: Hier paart sich die
naturhafte Resonanz zwischen Philologen-Subjekt und -Objekt mit der beruhi-
genden Gewißheit, daß bei ausreichender Beharrlichkeit schließlich alle Mühen
unfehlbar remuneriert werden, weil sich aus dem Sichzusammenfinden der Ener-
gie-Entfaltung mit dem intuitiven Vermögen eines Blicks für „bedeutsame Tatsa-
chen“ (Auffallenlassen) der Weg zur Anschauung und zur Erkenntnis in einem
fraglosen Automatismus wie von selbst generiert. Dies um so gewisser, als der Si-
281
281281
281 „... neque concipere aut edere partum mens potest nisi ingenti flumine litterarum
inundata. PETRONIUS c. 118“ (ELLMA 7).
282
282282
282
283
283283
283 „Man stößt dann plötzlich auf einen Satz, der [...] etwas Besonderes zu enthalten
scheint“. (Marcel Proust“, Frz. Geist 15)
284
284284
284 „ahnen, wenn auch noch nicht deutlich erfassen läßt.“
285
285285
285 „Man spürt in der Wiederkehr solcher Satzgefüge eine geheime Gesetzlichkeit.
Verschieden nach Form und Inhalt, weisen sie doch auf ein Gemeinsames hin, aus dem sie
stammen.“
235
cherheit der prästabilierten synthetischen Begriffe und des erkannten einheitlichen
Komplexes à la rigueur das Auffinden eines Belegs genügen kann. Man hat einen
Blick, den man schärft; wenn man nur sehr viel liest, fällt schon ein Phänomen
auf; kehrt es wieder, hat es eine Funktion; sucht man nur weiter, fügen Blick und
Beharrlichkeit ein Aufgefundenes zum anderen; schließlich wird man es termino-
logisch festlegen; indem man dem Phänomen einen Namen gibt – ein erneuter
Archaismus: magischer Atavismus –, hat man es gebannt, es läßt sich ein gesi-
chertes Ergebnis für die Erkenntnis der Literatur verbuchen: „Haben wir ein lite-
rarisches Phänomen isoliert und benannt, so ist ein Befund gesichert.“
Das Verhältnis zur untersuchten Materie ist dabei so eng und natürlich, daß
es nachgerade körperlich wird, „handgreiflich“, wie Curtius sagt (385); und stär-
ker noch als im Proust-Aufsatz, wo man wußte, daß man „an einer wenn auch
vielleicht peripheren Stelle das Geheimnis der schöpferischen Originalität“ berührt
hatte (Frz. Geist. 16), steigert sich die Aneignung des konkreten Erkannten und Be-
nannten nunmehr zu einer geradezu sinnlichen Qualität:
Wir sind an dieser einen Stelle in die konkrete Struktur der literarischen Materie eingedrungen.
Wir haben eine Analyse vollzogen. (386)
Diesen Akt – den „Analyse“ zu nennen im ersten Moment merkwürdig anmuten
könnte, denn bisher wurde ja nur wieder das Durchstreifen des ‘Gebietes’ und
Sammeln von einzelnen Topoi beschrieben, wenn auch mit dem letzten Zusatz der
‘magischen’ Aneignung durch die Benennung – heißt es dann nur noch zu wie-
derholen, und es eröffnet sich aus den Möglichkeiten und Sicherheiten einer affi-
nen philology-by-numbers eine praktisch vorgegebene Weiterentwicklung hin zur
Anschauung“ des „Zusammenhangs“:
Sind ein paar Dutzend oder ein paar Hundert solcher Befunde gewonnen, so ist ein System von
Punkten festgelegt. Man kann sie durch Linien verbinden; das ergibt Figuren. Betrachtet und
verknüpft man sie, so hat man einen übergreifenden Zusammenhang.
286
286286
286
286
286286
286 Nicht immer müssen Strenge und Energie den Aufwand hunderter Belege treiben,
um aus einer Vielzahl von Punkten ein akribisches Liniengespinst zu wirken. Dem kompletten
Philologen hilft sein „Instinkt“ beim Erkennen auch weitgespanntester Strukturen und bei der
Wert-Erschauung“, die auf „Fühlen“, „Vorziehen“, „Lieben und Hassen“ baut („Vorwort“
973). So etwa im vorgenannten Fall des Walahfrid Strabo (um 808-849), den – weniger glück-
lich als Manrique – kein affiner Stallgeruch vor der Curtiusschen „Witterung“ schützte: „Ist das
Summationsschema in den zwölfhundert Jahren zwischen Tiberianus und Panfilo Sasso bekannt
gewesen?“, fragt Curtius (294) und kann nach fünftem oder sechstem Durchlesen der lateini-
236
Für Curtius ist dies der Weg von der Analyse zur Synthese, und hier klärt sich
nun auch, wieso das Eindringen in die „konkrete Struktur der literarischen Mate-
rie“ mit dem Vollzug einer Analyse gleichgesetzt wurde:
Wir können sagen: die Analyse führt zur Synthese. Oder: die Synthese geht aus der Analyse her-
vor; und nur eine so gewordene Synthese ist legitim. BERGSON definiert die Analyse als la capa-
cité de pénétrer à l’intérieur d’un fait qu’on devine significatif. „Penetration“ ist auch ein Grundbegriff
in RANKES historischer Methodik.
Während also laut Curtius Bergson Analyse auf die Fähigkeit bezieht, in das In-
nere eines „fait qu’on devine significatif“ einzudringen, bezeichnet Curtius als Vollzug einer
Analyse das Eindringen in die konkrete Struktur der literarischen Materie, das im Isolieren
und Benennen eines literarischen Phänomens besteht, hier: eines Topos, den er sich hat
auffallen lassen, qu’il devine significatif, in den selbst er allerdings nicht eingedrungen
ist. Will aber Curtius diese Struktur mit dem Topos gleichsetzen? – bei Bergson ist
ja das Erahnte mit dem Penetrierten identisch. Es dürfte mit „Struktur der litera-
rischen Materie“ eher der Gesamtkorpus der mittelalterlichen Literatur gemeint
sein als der einzelne Topos. Wird die Struktur der literarischen Materie in Topos
und Topik konkret und die Berührung mit ihr so gleichsam material spürbar? Be-
deutet darum für ihn ‘philologische Analyse’, daß er mit dem Weiterverfolgen und
Benennen von anfangs intuitiv als „bedeutsame Tatsachen“ erkannten Topoi einge-
drungen ist in die anschließend dann ebenfalls als bedeutsam erahnte Topik als einem
Struktur- und Ordnungsschema, in dem die mittelalterliche Literatur konkret spürbar
wird? Dies würde sich als weiteres Indiz zu der Vermutung fügen, daß seine Mit-
telalter-Konzeption un fait qu’il devine significatif ist, eine intuitiv erahnte und in syn-
thetischen Begriffen vorliegende, prästabilierte Konzeption, die von der wissenschaft-
schen Dichter der Karolingerzeit von sich sagen, daß er e i n missing link gefunden hat:Ich
kann nur ein einziges Beispiel dafür bieten. Walahfrid Strabo“ habe tatsächlich „in seinem Ge-
dicht De carnis petulantia“ in der achten Strophe eine Summation. Aber: „Wir haben Walahfrid
Strabo schon als gelehrigen Nachbilder virgilischer Adynata kennengelernt (oben S. 106).“ Und
von einem solchen Nachbilder, dem Curtius schon einen „Schulmeistereinfall“ (106) attestiert
hat, ist es „undenkbar, daß er das Summationsschema selbst erfunden hätte, weil unvereinbar
mit dem Imitationsstil des karolingischen Humanismus. Er hat also spätantike Vorbilder ge-
habt.“ – Der Dantist Curtius mochte nicht wie Michaela Zelzer die Originalität würdigen, die
sich etwa in der Visio Wettini des 18jährigen Walahfrid zeigt, der „erste[n] poetisch gestaltete[n]
Vision der mittelalterlichen Literatur“, die „zum Archegeten einer Gattung [wurde], der man
sich im Mittelalter häufig zuwandte und die ihre Krönung in Dantes Comedia fand“ (Kindlers Li-
teratur Lexikon 9993).
237
lich-philologischen Forschung („Analyse“) nur noch nachgewiesen werden muß:
Die Synthese, die aus der Analyse hervorgeht, ist eben gerade die Synthese, die
schon vorher intuitiv als bedeutsam und wahr erschaut worden war, denn: „eine
echte Analyse gelingt nur da, wo synthetische Begriffe als regulative Prinzipien
dem Geist vor Augen stehen“ („Neuer Humanismus?“ 197). Auch die topologi-
sche Analyse muß „schon die Keime synthetischer Anschauung“ enthalten. Curti-
us’ Verständnis von „Analyse“ dürfte deshalb mit dem Bergsons kaum kongruent
sein. Dies bestätigt sich, wenn er mit Bergson weiter fragt: „Welche Tatsachen sind
aber ‘bedeutsam’? Das muß man ‘erraten’, sagt BERGSON. Er klärt diesen Punkt
nicht weiter auf.“ Curtius nimmt die Aufklärung dieses Punktes also selbst in die
Hand und will sich dazu eines Vergleichs bedienen, den wir im folgenden genauer
betrachten wollen.
Bemerkenswert für Curtius’ Auffassung der intuitionistischen Seite der Phi-
lologie ist natürlich, daß ihm bei Bergson mit dem deviner significatif eine Formu-
lierung als affin aufgefallen ist, die unweigerlich an das intuitive deviner le vrai bei
Balzac erinnert. Für Curtius lautet die onto-deonto-logische ‘Weisung’, daß vor
jeder richtig verstandenen philologischen Analyse ein divinatorischer intuitiver
‘Grundakt’ liegen muß; analog zur Kritik muß gelten: Grundakt der Philologie ist ir-
rationaler Kontakt. Wenn es stimmt, daß le génie, en toute chose, est une intuition, gilt
dies auch für die Philologie. Was Curtius bei Bergson als ihm bedeutsam auffallend
hervorhebt, ist die Übereinstimmung mit seiner eigenen Konzeption des ‘Auffal-
lenlassens’, eines philologischen deviner le vrai als grundlegende seelische Funktion des
der untersuchten Struktur kongenialen Metaliteraten. Dies erweist auch die letzte Passa-
ge, die wir betrachten wollen und in der Curtius eine Annäherung an das
Bergsonsche „erraten“ unternehmen will:
„Bedienen wir uns eines Vergleiches“, beginnt Curtius seine Erklärung und
wählt ein Bild, das an die Penetration in die literarische Materie als Großform er-
innert, wobei sich wieder andeutet, daß Penetriertes (die mittelalterliche Litera-
tur: das „Gestein“) und Erahntes bzw. ‘Erspürtes’ (die Topoi: die „Goldadern“)
tatsächlich nicht identisch sind:
Welche Tatsachen sind aber „bedeutsam“? Das muß man „erraten“, sagt BERGSON. Er
klärt diesen Punkt nicht weiter auf. Bedienen wir uns eines Vergleiches.
Der Rutengänger spürt mit seinem Gerät die Goldadern auf. Die „bedeutsamen Tatsachen“
sind die Erzgänge im Gestein. Sie liegen im Objekt verborgen und werden „erraten“ – richtiger:
erspürt – durch die Wünschelrute des Suchers. Diese besteht in einer seelischen Funktion: ei-
ner höchst differenzierten Aufnahmebereitschaft, die auf das Bedeutsame „anspricht“. Ist sie als
238
Virtualität vorhanden, so kann sie aktualisiert werden. Man kann sie wecken, üben, lenken.
Aber lehrbar und übertragbar ist sie nicht. Die Analyse bedient sich je nach der Materie ver-
schiedener Verfahrensweisen. Richtet sie sich auf die Literatur, so heißt sie Philologie. Sie allein
dringt ins Innere dieser Materie ein. Es gibt kein anderes Verfahren, um Literatur aufzuschlie-
ßen. (386-87)
Obwohl der Textfluß suggeriert, daß in der gesamten Passage nur von ein
und derselben homogenen Philologie = Analyse die Rede ist, hat es doch den An-
schein, daß es einen Einschnitt gibt – hinter dem obligaten, an die Kritik–Intuiti-
on-Sphäre anbindenden „lehrbar und übertragbar ist sie [scil. die seelische
Funktion der Wünschelrute] nicht“ – und daß mit der Analyse qua Philologie,
„Magd der historischen Wissenschaften“, „der Strenge fähig“ (10) nicht mehr das
erste Erraten, richtiger Erspüren des Bedeutsamen gemeint ist, sondern der zweite
Schritt des Sammelns möglichst vieler Belege, des terminologischen Festlegens und
Benennens, des Verknüpfens der Punkte durch Linien in der „Tradition strenger For-
schung“ (386): die eigentlich wissenschaftliche Tätigkeit, mit der „in die konkrete
Struktur der literarischen Materie eingedrungen“ wird. Dies ist die Philologie, von
der er im „Vorwort zur zweiten Auflage“ sagt, daß er sie „anwenden“ „mußte“,
um „meine Leser zu überzeugen“ (denen der Nachvollzug des Betroffenwer-
dens/Auffallens und die Erfassung des ‘Ganzen’ im „Zusammenhang“ nicht mög-
lich sei! (ZrPh 58, 106)), und die „für die Geisteswissenschaften dasselbe wie die
Mathematik für die Naturwissenschaften“ bedeute (10). Er erinnert in diesem
Zusammenhang an Leibniz’ Unterscheidung zwischen vérités éternelles und vérités de
fait und bestimmt von daher, wohl mit Blick auf ‘Tatsachenwahrheiten’ wie die To-
poi oder literarische Phänomene im allgemeinen, das Amt der Philologie im Be-
reich der streng wissenschaftlichenAnalyse“ folgendermaßen:
Die zufälligen Tatsachenwahrheiten können nur durch die Philologie gesichert werden. Sie ist
die Magd der historischen Wissenschaften. Ich habe versucht, sie mit derselben Präzision und
Stringenz zu handhaben wie die Naturwissenschaft ihre Methoden handhabt. [...] auch die
Philologie ist der Strenge fähig. Sie muß Ergebnisse liefern, die verifizierbar sind.
Soll oder will die Philologie Wissenschaft sein, kann sie das nur, indem sie in der
Analyse diese Kriterien erfüllt: „Eine wissenschaftliche Darstellung kann auf die
‘strenge Demonstration’ nicht verzichten“, schreibt Curtius im „Epilog“ und fügt
mit Blick auf den „Leitsatz 10“287
287287
287 hinzu, darum sei sie, „als literarische Komposi-
287
287287
287Un libro de ciencia tiene que ser de ciencia; pero también tiene que ser un libro.
239
tion betrachtet, eine Rechnung, die nie rein aufgeht“ (384).
Aber auch die análysis-Philologie, die die historischen Fakten in ihrer Mate-
rialität ‘auflöst’ („wie die Chemie mit ihren Reagentien“ (25)), ‘aufschließt’ und
durch Benennung ‘sichert’, soll letzten Endes - das wird hier also eindeutig kon-
firmiert - „ins Innere dieser Materie“ eindringen dürfen (387): ein Privileg, auf
das sie um so mehr Anspruch haben sollte, als sie in größter Nähe, in ein und
derselben Person, eine unverzichtbar-bedeutsame Aufgabe darstellt neben, oder
genauer: hinter jener ersten Aufgabe des Philologen“, die in der observatio der be-
deutsamen Tatsachen, dem intueri des geschärften Blicks, dem divinatorischen
Erspüren des Rutengängers mit der Wünschelrute besteht. Beide sind sie Philolo-
gie, beide bilden zusammen, den seinsnotwendigen inneren Widerspruch aufhe-
bend, in der Synthese erst den kompletten Philologen. Und für dieses Offizium der
entsagungsvollen wissenschaftlichen Kärrnerarbeit, dafür, daß die Analyse-Philologie
mit dem Panourgia-Appeal der Gelehrtenstube und der Foliantenberge vielleicht
die intelligentere, aber jedenfalls die weniger attraktive ist und immer hinter dem
elitistisch-genialischen Aplomb und dem uneinholbaren epistemologischen, um-
fassender: ontologischen Erstgeburtsrecht der Wünschelruten-Philologie zurückste-
hen muß, sei auch ihr die „Penetration“ in die von der primordialen divinatorischen
Philologie erspürte und als „fiktive Wahrnehmungen und Tatbestände“ (18) schöp-
ferisch vorfabulierte „konkrete Struktur der literarischen Materie“ wenigstens expressis
verbis zugestanden (mit dem verdienten und sicherlich nicht unwesentlichen Ne-
beneffekt, daß das Bild des Philologen, das ja weithin eher von der Vorstellung ei-
nes uninspirierten Arbeitsethos geprägt ist, enorm aufgewertet wird, wenn auch
die aschgraue Analyse in die goldenen Schuhe der Empathie schlüpfen darf).
Aber welcher Ausblick auf ein weiteres segensreiches Wirken der divinatori-
schen Philologie im Stillen tut sich da auf, das sie in einen noch uneinholbareren
Vorsprung vor den gelehrten Karteikartenreiter setzt: schafft sie doch mittels der
ihr eigenen fonction fabulatrice aus den ‘zufälligen Tatsachenwahrheiten’, den Leibni-
zianischen vérités de fait, die sie auf ihren Wanderungen im Gebiet der Literatur am
Wege aufliest, für die freischwebende, „nur auf Wahrnehmungsbilder rea-
gier[ende]“ (18) analytisch-philologische Intelligenz erst jene imaginären, fiktiven
Wahrnehmungen und Tatbestände“, die dieser als „Halluzinationen, d. h. [...] als
reale Wesenheiten entgegen[treten]“ und die sie als „Widerstände“ auffassen kann,
die zur Überwindung reizen und so ihren Tatendrang binden und glücklich er-
schöpfen. Unausdenklich, was geschehen könnte, würde die divinatorische Philo-
José Ortega y Gasset, Obras, 1932, 963“. (ELLMA 7)
240
logie nicht mit diesen ‘schöpferischen Akten geistiger Freiheit’ den „Gefahren“
vorbeugen, die der „Existenz des Einzelnen wie der Gesellschaft“ von Seiten man-
cher analytischen „Intelligenz“ drohten, wenn diese nicht durch solche Anreize an
die Philologie als absorbierendes Betätigungsfeld gebunden würde.
Auffällig ist jedenfalls, daß es bei allem Divinationismus von Curtius tunlichst
vermieden wird, die offensichtlich implizit doch allgegenwärtige „Intuition“ beim
Namen zu nennen, so als solle durch dieses Nicht-Benennen die von ihm als
kompromittiert Hingestellte aus der idealen, allen problematischen Zeitbezügen
und Verantwortlichkeiten enthobenen Sphäre der Mittelalter-Philologie gebannt
werden, damit ihr in jener Geschichtsfälscheraffäre „größten Ausmaßes“ („Vorwort“
974) zu Schaden gekommener Leumund nicht Curtius’ scientia immaculata in Mit-
leidenschaft ziehe. So will es scheinen, daß die einst am höchsten geehrte Intuiti-
on vor allem deshalb dazu verurteilt ist, als facultas non grata inkognito ihr Dasein
im philologischen Flügel des „Haus[es] der Schönheit“288
288288
288 zu fristen, damit der
ganzheitliche Philologe, der im Grunde genommen nie der subjektivistischen Wis-
senschaftslehre idealistischer Provenienz abgeschworen hat, um so ungestörter seiner
durch ontologische Einsicht sanktionierten Leidenschaft, der Wünschel-
rutengängerei, frönen kann.
So stört am Ende nichts die fable convenue (Fontenelle), die der Proselyt zur
Ehre seiner neuen ‘Muse’, der Erinnerung, der „Mutter der Musen“, erzählt, der
neuen „oberste[n] Herrscherin“, die „ihre wahren Diener der Initiationen der
Väter teilhaftig werden“ läßt und „ihnen, indem sie solche in ihnen erneuert, die
Kraft neuer Anfänge, neuer Ansätze“289
289289
289 vermittelt (ELLMA 398). Aus dem Fort-
gang des Iwanow-Zitats wird deutlich, welches Moment in seiner Auffassung der
Erinnerung sie besonders für Curtius’ Wertschätzung prädestiniert: „Die Erinne-
rung ist ein dynamisches Prinzip; das Vergessen ist Müdigkeit und Unterbrechung
der Bewegung, Niedergang und Rückkehr zum Zustand einer relativen Trägkeit“.
Eine solche Energie ist der Intuition tatsächlich nicht eigen. Wer erinnerte sich
hier an die vielsagende Zusammenfassung, die Curtius 1925 in „Zivilisation und
Germanismus“ - zum Zwecke einer entschiedenen Zurückweisung dieser Dar-
288
288288
288 ELLMA 400: „Wir brauchen kein Magazin der Tradition, sondern ein Haus, in dem
wir atmen können – jenes ‘Haus der Schönheit, das die schöpferischen Geister aller Gene-
rationen immer zusammen bauen’, wie Walter Pater sagt.“ („Epilog“, „§ 4. Kontinuität“)
289
289289
289 Curtius zitiert hier ohne Quelle Wjatscheslaw Iwanow. Aus Deutscher Geist in Gefahr
(116) kann man allerdings auf einen in Die Kultur (1.2 (1926)) erschienenen Briefwechsel
schließen. – Natürlich ist die Erinnerung gleichzeitig die Magd, die dem A"JXDT< gL 6g\:g<"
§D(" dient.
241
stellung - von Pierre Lasserres Diatribe gegen die idealistische Philosophie als den
„vollkommene[n] Ausdruck des ‘Germanismus’“ gegeben hatte:
Jedes ihrer Systeme ist ein fensterloses Gebäude, errichtet auf Grund einer Methode, die keine
Verallgemeinerung zuläßt. Gemeinsam ist ihnen ein dunkler Intuitionismus, der eine enzyklo-
pädische Wissensmasse verarbeitet und in solcher Vermischung und Umnebelung das Mittel zu
einer umfassenden Natur- und Geschichtserklärung zu finden meint. Durch diese Philosophie
hat sich Deutschland aus der intellektuellen Gemeinschaft Europas ausgeschlossen, der ein
Leibniz noch angehörte.290
290290
290
Curtius brauchte dieser Vorwurf ohnehin nicht zu bekümmern, er hat es zweifel-
los verstanden, sich auf das nachhaltigste in eine affine europäische Gemeinschaft
einzuschreiben. Und die Intuition wird es letztlich zufrieden sein, jemandes an-
deren Emblem zu schmücken, denn soviel bleibt sicher: le génie, même en philologie,
est une intuition.
*
Das Schlußbild: Auf der Schwelle seines „House Beautiful“, des Schatzhauses
Nonpareille seiner unermeßlichen und kaum enthüllten Leseschätze, im Abendlicht
größerer Epochen und geschmückt mit den Attributen beider Sphären, der philo-
logos polytropos, Numen des Janus, Verheißung eines Empire à la fin de la décadence
(396), der Esprit européen im locker übergeworfenen härenen Schlafrock der Wis-
senschaft, reich geworden am Erz von „sechsundzwanzig Jahrhunderten“ (22), das
dank der Gnade jener divinatorischen seelischen Funktion nur er erspüren und in
strengster Disziplin zu Tage fördern konnte, gelehrt wie niemand vom nimmer-
müden Abschreiten endloser Bücher-Horizonte, vom Durchmessen weiter Zeit-
räume im Fluge, stolz und sicher, das niemand die Energie besitzen würde, seiner
Beharrlichkeit zu folgen.
290
290290
290 Frz. Geist im neuen Europa 234-35; bezieht sich auf Pierre Lasserre, Le Germanisme et
l’esprit humain, 1916.
242
AUSBLICK
AUSBLICKAUSBLICK
AUSBLICK
Das Zentrum von Curtius’ philologisch-literaturkritischem Modell, in dem neben
die Verpflichtung zu ethischer und methodischer Strenge und Energie das höhere
Postulat der Synthese tritt, könnte als eine Art Kern-Spinn-Bereich dargestellt
werden, in dem sich die im Laufe der Untersuchung herausgearbeiteten Gegen-
satz- bzw. Komplementär-Paare auf entgegengesetzten Ellipsen-Positionen in einer
fortwährenden Dynamik der Abstoßung und Anziehung befinden. Dieses Modell
müßte man sich mit einem nur virtuellen Kern vorstellen, der keine reale Masse
besitzt, sondern in einem energetischen Vakuum besteht: der Mittelpunkt wäre
pure Potentialität (analog zur Vorstellung von einer Energiedelle und zum Potential-
topfmodell), ins Ethische übersetzt: ein Imperativ, ein Ideal, das als solches eben
nicht realisiert werden kann und das lediglich bei genügend hoher Energieentfal-
tung der beteiligten Gegensatz- und Komplementär-Paare, im Falle größter Nä-
herung an ihre unmögliche Verschmelzung, aufscheinen würde, konkretisiert als
Spur in der philologischen bzw. kritischen ‘Nebelkammer’, als Text.
Näherungsweise bestimmen ließe sich dieses Ideal vielleicht am ehesten in
Form von an erklärt exklusiven und subjektiven Maßstäben ausgerichteten Werten
wie der affinen Erkenntnis der Literatur, der Vermittlung dieser Erkenntnis an poten-
tielle ‘Mitfühlende’, der auf Intuition basierenden, aber gleichwohl dokumentari-
schen Wert beanspruchenden Leistung einer den untersuchten Werken und
Autoren kongenialen Literaturkritik, die selbst literarischen Rang beanspruchen
darf, und der Verwirklichung einer höchsten Form der Philologie, in der Wertin-
stinkt und Akribie, seelische Aufnahmebereitschaft und strenge Demonstration,
synthetische Begriffe und analytische Verfahren notwendig zusammenfinden müs-
sen. Daß Curtius über die von ihm trotz allem imaginierte Verbindung von wis-
senschaftlich-strenger Darstellung und literarischer Komposition sagte, sie sei eine
„Rechnung, die nie rein aufgeht“ (ELLMA 384), unterstreicht sowohl die Idealität
seiner Vorstellung als auch seine Überzeugung von der ontologisch bedingten
Unmöglichkeit einer umfassenden und letztinstanzlichen Synthese.
Auf die grundlegenden Vorstellungen, die Curtius’ Denken nicht nur im Be-
reich des Literarischen prägen, läßt sich, was den epistemischen und ethischen
Anspruch anbetrifft, in Anbetracht der erzielten Befunde übertragen, was Johan-
nes Hirschberger über Fichtes Wissenschaftslehre gesagt hat: sie wolle „das Sy-
stem der notwendigen Vorstellungsweisen entwickeln, will also erste Philosophie,
243
Fundamentalontologie sein.“291
291291
291 Dies gilt insbesondere für die spezifische ener-
getisch-strenge Verbindung von Ethos und Methode bei Curtius: nach Hirschber-
ger wird die Wissenschaftslehre bei Fichte
zur Synthese, die Seinslehre zur Ethik. Die Natur und ihre Inhalte bedeuten für den Menschen
Fichte nichts; sie sind nur das „versinnlichte Material der Pflicht“, ein Widerstand, der über-
wunden werden muß, damit das Ich sich erproben und bewähren kann. Den Grundsatz seiner
Ethik bildet nämlich die Selbstbestätigung und Selbstverwirklichung des Ich: „Erfülle jedesmal
deine Bestimmung!“ (338)
Aber auch die idealistische Vorstellung von der Synthese fügt sich zu dem Bild, das
wir von Curtius als Antinomisten und unausdrücklichen Anhänger einer dualisti-
schen All-Einheits-Lehre gewonnen haben:
Die Methode nun für die Ableitung aller Grundbestimmungen des Bewußtseins ist der be-
rühmte dialektische Dreischritt der Thesis, Antithesis und Synthesis, der von jetzt ab den gan-
zen deutschen Idealismus beherrschen wird. (336)
Eine Ontologie ist nicht teilbar; die ontologischen und deontologischen Vor-
stellungen, die wir im Bereich der Metaliteratur bei Curtius nachweisen konnten,
müssen konsequenterweise auch für seine übrigen Tätigkeitsfelder Gültigkeit be-
sitzen und lassen sich deshalb – wie wir im Verlaufe der Untersuchung verschie-
dentlich gesehen haben – auch in seinem (gesellschafts)politischen und
(inter)nationalen Schrifttum nachweisen. Die durchgängige Verbindung der lite-
rarischen mit dieser anderen Sphäre läßt sich stimmig im Zusammenhang mit
dem Rutengänger-Zitat im „Epilog“ von Europäische Literatur und lateinisches Mittel-
lalter aufzeigen, für das es eine bezeichnende Vorgänger-Stelle gibt:
Das Binden, Verbinden und Bewahren - dies war eine der Funktionen, die Hofmannsthal für
die Nation übernommen hatte. Aus dem Bewußtsein dieser Aufgabe heraus hat er uns das
Deutsche Lesebuch und das andere Buch Von Wert und Ehre deutscher Sprache geschenkt. Dieser gro-
ße Kosmopolit des Geistes war aufs innigste verwachsen mit der nährenden Wurzelschicht un-
serer Volksseele und unseres Volksgeistes. Diese Wurzeln zu schützen, diese Kräfte zu pflegen,
diese Schätze ans Licht zu ziehen, war ihm Nötigung einer großen Liebe. Ich sehe ihn durch
den weiten verwachsenen Wald unserer Überlieferung schreiten mit Blick und Bedacht des
Schatzfinders, des Rutengängers, des Sternsuchers; mit dem träumenden und zugleich schauen-
den Blick dessen, der um alles Wachstum weiß; der mit allen Stoffen der Natur verbunden ist,
weil sie in seinem Blut kreisen. So wandelt er durch die Geschichte, durch Volk und Völker,
durch die geselligen Bezirke vergangenen und neuen Lebens. Aus dieser hegenden Liebe kam
291
291291
291 Geschichte der Philosophie. II. Freiburg: Herder, 1958, 333.
244
jene Gesinnung, die wir mit ihm konservativ nennen. („Hofmannsthals deutsche Sendung“,
Krit. Ess. 120)
Dieses Bild, das er 1929 nach dem Tode Hofmannsthals entworfen hatte, über-
trug Curtius in den folgenden Jahren – bezeichnenderweise zuerst ohne den lite-
rarischen Aspekt - auf sich selbst und seine nationaldeontologische Rolle eines
neuen praeceptor Germaniae (Deutscher Geist in Gefahr). 1948, als das Nationale kurz-
zeitig desavouiert schien, setzte er sich als literarischen Rutengänger ins Bild und
übertrug den deontologischen Aspekt vom Nationalen auf das Europäische: zwei
Jahrzehnte nachdem er sich in „Pariser Rezept für das Abendland“ (Hannoverscher
Kurier, 18.9.1927) über Henri Massis’ Défense de l’Occident mokiert hatte, war Cur-
tius selbst zur Rettung des Abendlandes angetreten. Lange nachdem er den Glau-
ben an das Projekt der deutsch-französischen Verständigung verloren hatte, das an
den Widrigkeiten der historischen und gerade auch der aktuellen Gegebenheiten
scheitern mußte, führte er sein Engagement auf übergeordneter und überzeitli-
cher Ebene fort.
Eine Untersuchung der nationalen, der deutsch-französischen und der euro-
päischen Problematik bei Curtius sollte sich nach meiner Auffassung sowohl der
hier für den metaliterarischen Bereich angewandten argumentationskritischen
Methode bedienen als auch die Curtiussche Onto-Deontologie in Ansatz bringen.
Das epistemologische und deontologische Kriterium der Argumentationsintegrität
(wohlgemerkt im technischen, nicht im ethisch wertenden Sinne) erscheint dabei
hilfreich zum Verständnis und zur Bewertung der Konstanten und der Verschie-
bungen in seinen Positionsnahmen. Um ein letztes Beispiel zu nennen: man denke
etwa an jene bedenkenswerte Reserve gegenüber der Beschäftigung mit Literatur,
die Curtius schon 1921 in „Deutsch-französische Kulturprobleme“ zum Ausdruck
gebracht hat und mit der er einen von der Curtius-Rezeption nicht beachteten,
allerdings auch nicht wiederholten Vorbehalt über seine gesamte diesbezügliche
Tätigkeit gestellt hat: „Die geistigen Lebensprobleme Europas lassen sich in der
literarischen Sphäre diskutieren, aber nie werden sie von dorther ihre Lösung
empfangen.“292
292292
292
Es versteht sich, daß dieser Vorbehalt ein relativer ist.
Wenn die Geschichte eine fable convenue ist, werden die in ihr Handelnden
wohl oder übel zu quasi literarischen Personen. Es werden dann auf sie literatur-
wissenschaftliche und -kritische Methoden anwendbar. Die folgende Einschät-
zung, die Johannes Thomas von einigen Dramatikern der klassischen französi-
292
292292
292 Der Neue Merkur (1921), wieder in: Wegbereiter, 321.
245
schen Tragödie gegeben hat, erwies sich als auf Curtius übertragbar:
Es ist vielleicht kennzeichnend, daß gerade bei denjenigen Autoren, denen unzureichend moti-
vierte Sprechhandlungen bzw. eine inkohärente Dialogführung nachgewiesen worden sind,
nämlich bei Pradon und Le Clerc, darüber hinaus aber auch bei Boursault, Widersprüche in der
Bestimmung von Motiven und Handlungsintentionen bzw. nicht motivierte divergierende Be-
stimmungen aufgedeckt werden konnten.293
293293
293
293
293293
293 Johannes Thomas. Studien zu einer Poetik der klassischen Tragödie (1673-1678). Ana-
lecta Romanica 38. Frankfurt a. M.: Klostermann, 1977, 248.
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