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[en] (orig)
Räumliche Identitäten
als transformative Kraft
in Regionen
Schriftenreihe Städtebau und Kommunikation von Planung
6 – Die identitätsstiftende Region
Felix Bentlin, Christine Dörner,
Felix Lackus, Angela Million (Hg.)
Schriftenreihe Städtebau und Kommunikation von Planung
6 – Die identitätsstiftende Region
RÄUMLICHE IDENTITÄTEN
ALS TRANSFORMATIVE KRAFT IN REGIONEN
Herausgeber:innen:
Felix Bentlin, Christine Dörner, Felix Lackus, Angela Million
Universitätsverlag der TU Berlin
GRUSSWORT DER BUNDESMINISTERIN FÜR WOHNEN,
STADTENTWICKLUNG UND BAUWESEN
Klara Geywitz zur Publikation »Die identitätsstiftende Region«
Deutschland ist ein vielseitiges Land. Diese Diversität spiegelt sich
auch darin wider, wie sich die Regionen, Städte und Gemeinden nach
außen präsentieren. Dabei stehen oft die örtlichen und regionalen
Besonderheiten im Vordergrund. Die Hochschulen, die am Koopera-
tionsprojekt »Fachlicher Nachwuchs entwirft Zukunft« teilnehmen,
haben regionale Slogans, Marken und Geschichten in Vermarktung
und Planung zum Anlass genommen, sich mit Fragen regionaler Iden-
titäten zu beschäftigen.
Das Kooperationsprojekt wird als ein wichtiger Bestandteil der Natio-
nalen Stadtentwicklungspolitik des Bundesministeriums für Wohnen,
Stadtentwicklung und Bauwesen gefördert. Damit bietet das Minis-
terium den Studierenden eine Plattform, um regelmäßig hochschul-
übergreifend gemeinsam eigene Ideen und Lösungen zu aktuellen
Fragen der Stadtentwicklungspolitik zu entwickeln. Die Ergebnisse
werden in dieser Publikation dargestellt.
Im Wintersemester 2021/2022 haben sich die Teilnehmenden zu-
nächst an ihren Hochschulen in Lehrveranstaltungen mit Identitäten
in unterschiedlichen Regionen in Deutschland befasst. Dabei sind
sie den Fragen nachgegangen, aus welchen Faktoren sich regionale
Identitäten bilden, welche Wirkungen sie entfalten und wie diese
zu notwendigen Transformationsprozessen beitragen können. Da-
mit haben sie ein zentrales Element der Neuen-Leipzig Charta »Die
transformative Kraft der Städte für das Gemeinwohl« aufgegriffen,
die eine Grundlage der Stadtentwicklungspolitik in Deutschland und
Europa ist. Regionale und kulturelle Identität sind unter anderem
auch eines der Schwerpunktthemen des vom Bundesbauministerium
geförderten Programms »Region gestalten«, in dem innovative, zu-
kunftsweisende Lösungsansätze erprobt werden.
Im März 2022 nahmen 27 Studierende von elf Hochschulen an einer
Winterschule teil, die von der Bauhaus-Universität Weimar ausgerichtet
wurde. Hier wurden am Beispiel des ländlich geprägten Ortes Berl-
stedt im Thüringer Becken in fünf Arbeitsgruppen Handlungsempfeh-
lungen zum Umgang mit aktuellen Herausforderungen entwickelt. Die
Ideen beinhalten jeweils Bezüge zur regionalen Identität und zeigen
damit sehr gelungen, wie diese zu einer zukunftsfähigen Entwicklung
des Ortes und der Region beitragen können.
Diese Publikation zeigt eine beeindruckende Sammlung von Projekten,
die sich dem spannenden und aktuellen Thema auf ganz unterschied-
liche Weise annähern. Sie lädt Sie dazu ein, die einzelnen Projekte
näher kennenzulernen. Und sie weckt hoffentlich Interesse, sich in
04 Grußwort
05 Grußwort
die zukunftsfähige Gestaltung unserer Regionen und Städte einzu-
bringen. Allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und den Organisa-
torinnen und Organisatoren danke ich für ihren großen Einsatz. Ihnen,
liebe Leserinnen und Leser wünsche ich eine spannende Lektüre.
Klara Geywitz
Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen
Grußwort 04
der Bundesministerin für Wohnen,
Stadtentwicklung und Bauwesen
Einleitung 08
Die identitätsstiftende Region
Gastbeitrag 16
Neue kooperative Gestaltung ländlicher Regionen
Gastkommentar 24
Berlin-Brandenburg – ein Identitätsproblem?
Inhaltsverzeichnis06
Inhaltsverzeichnis
1 – Lehrveranstaltungen 30
2 – Identitäten in Berlstedt 46
3 – Ergebnis der Winterschule 66
4 – Handlungsempfehlungen 78
31 – Teilnehmende, 32 – RWTH Aachen, 33 TU Berlin, 34 Hochschule Coburg,
35 – BTU Cottbus-Senftenberg, 36 – TU Dresden, 38 – TU Dortmund, 39 FH Erfurt,
40 – TU Kaiserslautern, 41 – Universität Kassel, 42 – Universität Stuttgart, 43 – Bauhaus-Universität Weimar
48 – Der Ort Berlstedt und das Thüringer Becken, 54 Aufgabenstellung der Winterschule 2022,
56 – Potentiale von Industriekultur für ländliche Räume, 58 – Sozial-ökologische Transformation der industriellen Landwirtschaft,
60 – Raumplanerischer Umgang mit unbequemem Erbe in Regionen, 62 Sozial-ökologische Transformation der Kulturlandschaft,
64 – Demografische Veränderung und Potenziale neuer Ländlichkeit
68 – Sichtbarmachung von Erbe, 72 – Regionale Verknüpfungen, 76 – Partizipation ermöglichen
78 – Handlungsempfehlungen (Deutsch), 86 Recommendations for Action (English)
07
DIE IDENTITÄTSSTIFTENDE REGION
Felix Bentlin, Christine Dörner, Felix Lackus und Angela Million über
regionale und städtische Identitätsfragen
Sie sind eine schwierige Aufgabe. Sie müssen kurz und einfach sein.
Positiv und zugleich vertraut wenden sie sich sprachlich und bildlich an
eine breite Zielgruppe, um im Gedächtnis zu bleiben: Slogans, Marken
und Initiativen zur identitätsstiftenden und überregionalen Positio-
nierung. Was gerade touristische Regionen seit jeher zur Perfektion
brachten, ist längst auch Planungspraxis. In vielen Regionen, Städten
und Dörfern identifizieren und arbeiten Planungs-, Stadtentwick-
lungs- und Architekturschaffende an und mit identitätsbestimmenden
Narrativen, die sie für die Stadt- und Regionalentwicklung nutzbar
machen. Bei der Analyse sozialräumlicher Entwicklungen oder bei der
Konzeption identitätsbedeutsamer Räume und Leitbilder etablieren
sie unterschiedliche Differenzkategorien. Das bedeutet, dass Beson-
derheiten als Unterscheidungsmerkmal eines Ortes oder einer Region
herausgearbeitet werden und diese damit auch abgrenzen. Dabei
wird in den planenden Disziplinen nur selten reflektiert, an wen sich
beispielsweise eine Energieregion, Wissensregion oder Genussregion
richtet. Mal werden Identitäten einer Region über Bier, Wein und
Lebensmittel definiert, ein anderes Mal stehen Kultur- und Hand-
werkstraditionen, Unternehmensgeschichten oder Familienbilder im
Mittelpunkt für regionale Narrative. Zwischen Landwirtschaft und
Kulinarik, Rohstoffen und Industriegeschichte, sportlichen oder gärt-
nerischen Leistungsschauen, Landschaftsbildern und territorialen
Grenzlagen: Stärker als bisher werden in Planungs- und Gestaltungs-
prozessen Identitätszuschreibungen wahrgenommen, definiert und
diskutiert. Unbequeme Selbst- und Fremdbilder haben es hier regel-
mäßig deutlich schwerer oder werden gar ausgeblendet. Festzuhalten
ist, dass jenseits der Debatte über Transformation eine Reihe von
identitätsbezogenen Aspekten stadtentwicklungspolitische Quer-
schnitts
themen heute
in einem nicht zu unterschätzenden Maße be-
einflussen (siehe Abbildung rechts).
Im Wintersemester 2021/22 haben sich daher Studierende ver-
schiedener Planungsfakultäten in Studienprojekten und einer von
der Bauhaus-Universität Weimar ausgerichteten Winterschule mit
raumbezogenen Identitäten und Leitbildern in Regionen und Städten
auseinandergesetzt. An der universitätsübergreifenden Winterschule
im März 2022 nahmen insgesamt 27 Studierende von 11 Hochschulen
aus Deutschland teil. Nach zwei Jahren Online-Winterschule aufgrund
von Covid-19-Beschränkungen konnten die Studierenden erstmals
wieder miteinander vor Ort in Diskussionen treten.
Dieser Austausch zwischen den Planungsfakultäten und dem für das
Planen und Bauen zuständigen Bundesministerium hat bereits Tra-
dition und wird als ein zentrales Anliegen der Nationalen Stadtent-
08 Einleitung
09 Einleitung
wicklungspolitik gefördert. Ziel ist es, durch eine breite Einbindung
verschiedenster stadtplanungsnaher Lehrstühle aktuelle Themen viel-
schichtig zu ergründen, in eine breite Fachöffentlichkeit vor allem
aber auch in Politik und Verwaltung zu tragen und einen Beitrag
des fachlichen Nachwuchses zur Stadtentwicklungspolitik zu leisten.
Relevanz entfaltet dies vor dem Hintergrund wachsender Komplexität
und interdisziplinärer Erfordernisse in der Planung hier ist es von
Bedeutung die Kompetenzen, Wissensbestände und Begabungen
aus den Fakultäten jenseits der Statusgruppen der Professor:innen,
Wissenschaftler:innen und Studierenden zusammenzuführen.
Im Kontext von stadt- und regionalplanerischen Transformationspro-
zessen (z. B. Energie-und Mobilitätswende) leisten Planende einen
besonderen Beitrag für die gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse
der Gegenwart. Raumbezogene Identitäten werden in der Planung
anhand materieller Aspekte wie Architektur und Naturräume, aber
auch immateriell durch Kultur und Sprache verhandelt. Vielerorts wer-
den zum Beispiel Landschaftsräume, historische Bautypologien (z. B.
Frankenwaldhaus im Thüringisch-Fränkischen Mittelgebirge oder
Umgebindehaus in der Lausitz) sowie repräsentative Schlösser und
Burgen als zentrale Orientierungselemente für eine identitätsstiftende
Baukultur herausgestellt. Somit sind Heimat, Brauchtum und Touris-
mus eng mit baukulturellen Ideen verbunden.
Die Identifikation mit bestimmten sozialen, geografischen, histori-
schen oder politischen Räumen geschieht jedoch nicht eindimensional
und basiert auf kognitiven, affektiven und instrumentalen Faktoren.
Multiple Orientierungen und Mehrfachidentitäten stehen strategi-
schen Identitäts- und Homogenitätsbehauptungen gegenüber, die
von Planenden (mit-)konstruiert und gesellschaftlich in vielfältigen
Formaten vergegenwärtigt werden: Landes- und Bauausstellungen,
Gartenschauen, Festspiele und Sportveranstaltungen, Biosphären-
reservate und Welterberegionen, Metropol- und Modellregionen stellen
Identitäten in den Mittelpunkt. So wird heute nicht nur »Heimat« als
nachhaltige Ressource betrachtet, auch technologische Entwick-
lungslinien der Smart Region, erneuerbarer Energieversorgung oder
alternativer Landwirtschaft werden nachgezeichnet. Wie werden
Identitäten zwischen stadt- bzw. regionalpolitischen Marketingstra-
tegien und individuellen Bewohner:innen-Bedürfnissen definiert?
Welche lokalen Identitätsdiskurse werden von der Planung themati-
siert und welche bleiben außen vor? Auch Vereine und ehrenamtliche
Aktivitäten beeinflussen Regional- und Stadtentwicklung. Welche
Rolle spielen sie als Identitätsträger für Ortsgemeinschaften? Diesen
und weiteren Fragen sind Studierende anhand vielfältiger Lehrver-
anstaltungen nachgegangen, um dann ihre Erkenntnisse am Beispiel
von Berlstedt sowie des Thüringer Beckens zu vertiefen.
10 Einleitung
HOCHSCHULNETZWERK MIT 11 LEHRVERANSTALTUNGEN
In dem diesjährigen Kooperationsprojekt »Fachlicher Nachwuchs
entwirft Zukunft« haben sich die Studierenden der beteiligten Uni-
versitäten und Fachhochschulen (u. a. aus den Studiengängen Stadt-
und Regionalplanung, Städtebau, Architektur, Raumplanung und
Urbanistik) mit Fragen von Identitäten in der Planung beispielsweise
im Rheinischen Revier, in Oberfranken, im Thüringer Wald und der
Lausitz auseinandergesetzt. Zwischen der Weinstraße in der Pfalz an
der deutsch-französischen Grenze bis zur Silberstraße im Erzgebirge
an der deutsch-tschechischen Grenze galt es aktuelle Selbst- und
Fremdbilder zu referenzieren und mit Vorurteilen aufzuräumen. Im
Fokus standen Landschaftsprägungen durch Industrie, geopolitische
Zusammenhänge von Ressourcen und Regionalentwicklung sowie
Fragen nach Dark Heritage und unbequemem Erbe, wie in den Uran-
erzabbauregionen der Wismut in Ronneburg und im Erzgebirge. Nicht
nur Industriegeschichte wurde anhand wechselvoller Entwicklungs-
linien und Orte untersucht, sondern auch Fragen nach Leitbildern für
(Bio-)Diversität und der Umgang mit Rechtsextremismus sowie Mino-
ritäten wie Sinti und Sorben zeigen die Vielschichtigkeit des Themas
auf. Die Verflechtungen zwischen Wirtschafts- und Natur- und Kultur-
geschichte wurden anhand von ÖPNV-Verbindungen, Tourismus-Kon-
zepten und den Folgen der Mobilitätswende und des Klimawandels in
öffentlichen Räumen diskutiert.
Der transformativen Kraft von Identitäten näherten sich die Studie-
renden mittels Leitfadeninterviews, narrativer Landkarten, Mappings,
Ortserkundungen und Photoexkursionen. So entstanden nicht nur
Sammlungen von Fassaden, Materialien, Fensterläden, Bodenbelägen,
Stadtmobiliar, Stadttechnik und Bautraditionen, sondern zum Beispiel
auch ein Atlas für historische und neue Zeitschichten. Ein Postwachs-
tums-Katalog für Beteiligung und Transformation sowie Urbanographien
veranschaulichen, wie Alltagserleben, Planungsprozesse, Bild- und
Raumproduktion sowie Aneignungsstrategien in ein kollektives Vor-
stellungsvermögen übersetzt werden. In Auseinandersetzung mit
dem Strukturwandel wurden Spiel-Sets als Befähigungs- und Mo-
derationsinstrumente entwickelt. Auch Gamification und Storytelling
unterstützen die Vermittlung von Diversitäts- und Identitäts-Frage-
stellungen im Raum. Zusätzlich wurden digitale Räume mit einer Pod-
cast-Reihe zur Baukultur bespielt. Es entstand ein Mehrwert durch die
Vielzahl an Lösungen, um Testläufe mittels Szenarien durchzuspielen
und im Austausch mit Menschen und Kommunen auf identitätsbezo-
gene Raumprobleme einzugehen.
Maßgeblich für den Umgang mit (post-)industriellen Landschaften
und baulichen Relikten war in den studentischen Entwürfen eine hohe
Bereitschaft das »Unbequeme« erfahrbar und sichtbar für lokale Identi-
tätsdiskurse zu machen. Prägende Raumelemente wurden identifiziert
und ausgehend davon Erhaltungsstrategien konzipiert. Dabei sollte das
11 Einleitung
12 Einleitung
Verständnis für Industrielandschaften angemessen vermittelt und eine
Auseinandersetzung mit ökologischen und gesellschaftlichen Schä-
den einbezogen werden. Deshalb fordert der fachliche Nachwuchs
Flächen zur Selbstermächtigung und Begegnung. DIY(Do it yourself)-
und DIT(Do it together)-Projekte bergen ein besonderes Potential, wenn
es um raumbezogene Identitäten geht: Raumpionier:innen kleinteiliger
Akteur:innen-Netzwerke erproben neuartige Nutzungen, Institutionen
und Organisation für Räume. Besonderes Augenmerk lag auf der Inte-
gration von regionalen Minderheiten. Denn vor der Erstellung von Stadt-
entwicklungs-, Wirtschaftsförderungs- und Tourismuskonzepten gilt
es raumbezogene Identitäten in ihrer Vielschichtigkeit für Planungs-
und Gestaltungsprozesse zu verstehen und weiterzuentwickeln.
WINTERSCHULE
Ausgangspunkt der gemeinsamen Winterschule war die Feststellung,
dass die Region als Planungseinheit aktuell zusätzliche Aufmerksam-
keit erfährt und als Identitätsträgerin an Bedeutung gewinnt. Die zu
bearbeitenden Aufgaben der Winterschule wurden zu baulich- und
sozialräumlichen Themen gestellt, die prägend für regionale Identitäten
sind. Dazu zählen unter anderem die gegenwärtigen Herausforde-
rungen der Transformation von Landwirtschaft und Kulturlandschaft
in Bezug auf Klimawandel und -anpassung, Fragen des Umgangs mit
baulichem und teilweise auch unbequemem kulturellem Erbe sowie
die Entwicklung von räumlichen Strategien im Umgang mit demogra-
fischem Wandel in ländlichen Regionen. Ziel der Winterschule war es,
raumplanerische Handlungsempfehlungen für diese Themen anhand
des Ortes Berlstedt und der Region des Thüringer Beckens zu erarbei-
ten und dabei regionale Identitäten als treibende Kraft eines transfor-
mativen Wandels zu verstehen.
Zur Bearbeitung der Fragestellungen haben die Studierenden in fünf
thematisch unterschiedlichen Arbeitsgruppen gearbeitet. In wenigen
Tagen sind dabei Ideen, Konzepte und Forderungen für Berlstedt und
die umgebende Region entstanden, die sich geringfügig adaptiert
auch auf andere Orte und Regionen in Deutschland übertragen lassen
(siehe Seite 48). Aus den studentischen Arbeiten wurden mit den
Begriffen Verknüpfung, Partizipation und Sichtbarkeit drei zentrale
Leitbilder für einen raumplanerischen Umgang mit regionalen Iden-
titäten synthetisiert (siehe Seite 66). Zusätzlich entstand mit Blick
auf die Ergebnisse der Winterschule und im Austausch zwischen
den teilnehmenden Hochschullehrenden, Wissenschaftler:innen und
Planenden ein Positionspapier mit Handlungsempfehlungen für die
Nationale Stadtentwicklungspolitik zu Fragen der Identitäten in der
Raumplanung (siehe Seite 78).
Einleitung
Studierende bei einer Exkursion im Rahmen der Winterschule
Die Ergebnisse der Winterschule werden beim 4. Hochschultag
vor Ort in Coburg präsentiert und mit den Teilnehmenden diskutiert
HOCHSCHULTAG
Auf dem 4. Hochschultag vor Ort der Nationalen Stadtentwicklungs-
politik im Juni 2022 in Coburg konnten die Ergebnisse vorgestellt
werden. Der Hochschultag stellt eine besondere Gelegenheit für
fachlichen, methodischen und didaktischen Austausch zwischen
Akteur:innen der Praxis sowie Kolleg:innen und Studierenden ver-
schiedener Hochschulen und Universitäten dar. Dort tauschten sich
Akteur:innen der Wissenschaft und der Praxis zum Thema »Trans-
formative Kraft der Region« aus und die während der Winterschule
erarbeiteten Ergebnisse zu regionalen Identitäten wurden einem
breiten Fachpublikum präsentiert. Die Ergebnisse der Winterschule
wurden von Studierenden der Universität Stuttgart und der Hoch-
schule Coburg sowie Mitarbeitenden der Bauhaus-Universität Weimar
vorgestellt. Die Studierenden hoben dabei positiv hervor, dass das
Lehrformat der Winterschule eine seltene Gelegenheit für fachlichen
Austausch auch zwischen Studierenden unterschiedlicher Hoch-
schulen bietet. Der zweite Tag war als »Tag der Lehre« der Weiterent-
wicklung der Ausbildung zukünftiger Stadt- und Raumplaner:innen
gewidmet. Studierende, Lehrende und Teilnehmende aus der Praxis
diskutierten gemeinsam über das Berufsbild sowie geeignete Inhalte
und Formate der Lehre in Raumdisziplinen. Über die gemeinsame Dis-
kussion konnten hochschulübergreifende Netzwerke gestärkt und
sich über ein gemeinsames Selbstverständnis der Raumdisziplinen
verständigt werden.
Die junge Generation will ein Bewusstsein für Planungsgeschichte
schaffen und einen Diskurs der Gegenwart über Ich-und-Wir-Iden-
titäten eröffnen, zwischen Frustration und Aufschwung, politischem
Protest und Aufbruch. Denn raumbezogene Identitäten sind viel-
schichtig und betrachterabhängig. Mehr Ansätze und Beispiele zur
Vermittlung werden ebenso mit Nachdruck gefordert, wie ergebnis-
offene Bestandsanalysen und Prozesse in der Planung. Ziel des fach-
lichen Nachwuchses ist es, Gemeinschaften in der Region länder- und
grenzübergreifend zu verbinden. Dabei liegt die Stärke der Region im
alltäglichen Leben regionaler Gemeinschaften, welches durch Stadt-
und Regionalplanung gefördert werden muss.
Weiterführende Informationen unter:
www.zukunftentwerfen.de
15 Einleitung
Studierende und Teilnehmende des Hochschultags genießen ihre
Pause mit Blick auf die Veste Coburg
Wir bedanken uns bei allen Studierenden und Lehrenden der Partner-
universitäten für die spannende Zusammenarbeit.
VON GESUNDHEITSKIOSK BIS KLIMAKULTURLANDSCHAFT:
NEUE KOOPERATIVE GESTALTUNG LÄNDLICHER REGIONEN
Kerstin Faber beschreibt, dass in vielen ländlich geprägten Regionen
nicht nur weniger Menschen leben, auch das Verhältnis zwischen Stadt
und Land, Alten und Jungen gerät immer stärker aus dem Lot. Vor diesem
Hintergrund entstehen neue regionale Kooperationen, die durch
Vernetzung Ressourcen bündeln. Sie engagieren sich für Mobilität,
Bildung, Kultur, Land(wirt)schaft und Soziales und stiften durch den
kollektiven Gestaltungsprozess neuen Gemeinsinn. Das bindet nicht
nur Menschen stärker an die Region, es fördert durch die Organisation
von Wissen und Teilhabe auch das demokratische Verständnis und
Selbstbewusstsein vor Ort. Dies ist umso wichtiger, je polarisierender
die räumlichen Entwicklungen sind.
Frank Baumgarten ist Landwirt und im Vorstand der Agrargenossen-
schaft e.G. Kirchheilingen in Thüringen. Er lebt schon immer auf dem
Land und will auch in Zukunft hier gut leben. Aber nicht nur er wird
älter, auch die gesamte Region wird es. Was aber bedeutet ein gutes
Leben auf dem Land vor diesem Hintergrund? Und wie wird man hier
»gut« alt, wenn alle anderen auch älter werden? Diese Fragen haben
sich die vier Gemeinden Blankenburg, Kirchheilingen, Sundhausen
und Tottleben vor zehn Jahren gemeinsam mit der Agrargenossen-
schaft gestellt und die »Stiftung Landleben« gegründet, dessen
Vorsitzender Frank Baumgarten heute ist. Stiftungsziele sind die
Umsetzung altersgerechten Wohnens und die Wiederbelebung der
ländlichen Bausubstanz sowie, ganz allgemein, die Versorgung der
ländlichen Region. Kurz: Man kümmert sich um Fragen der Daseins-
vorsorge und Lebensqualität einfach selbst. Bis heute hat die Stiftung
barrierefreien Wohnraum auf innerörtlichen Brachen geschaffen,
Sanierungsprojekte für leerstehende Häuser angestoßen und ein eh-
16 Gastbeitrag
Kerstin Faber, M. Arch., ist Planerin und Urbanistin und
seit 2014 Projektleiterin der Internationalen Bauaus-
stellung (IBA) Thüringen STADTLAND. Von 2003 bis
2010 war sie als Projektentwicklerin der IBA Stadtum-
bau 2010 tätig und lehrte von 2011 bis 2014 als Do-
zentin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) im
Fachbereich Internationaler Städtebau. Kerstin Faber
ist Mitherausgeberin der Publikation »Raumpioniere in
ländlichen Regionen« gemeinsam mit Philipp Oswalt
(Spector Books, Leipzig 2013) und Gastredakteurin
des Arch+ Magazins »Stadtland. Der neue Rurbanis-
mus« (Ausgabe 228, Berlin 2017).
17
renamtliches Mobilitätsangebot für ältere Menschen eingeführt. Sie
kämpfte für die Neueröffnung der geschlossenen Schule als Freie
Grundschule im Jahr 2014 und gründete mit Mitstreiter:innen den
Förderverein zum Erhalt und Betrieb des Freibades. Und der Erfolg
gibt ihnen Recht: Heute gehen 120 Kinder in die Schule und der Leer-
stand hat sich durch Zuzug reduziert.
Dass sich eine Agrargenossenschaft als Teil einer sorgenden Gemein-
schaft versteht, mag durchaus daran liegen, dass sich bereits in den
1970er Jahren die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften
(LPG) in der DDR zunehmend mit um das Gemeinschaftsleben der
Dörfer kümmerten. In Thüringen wurde in den 1950er Jahren die
erste LPG der DDR gegründet eine zunächst freiwillige, später vom
Staat erzwungene Kollektivierung der Bauern, die zu einer Umstel-
lung der bäuerlichen hin zu einer sehr großflächigen, industriellen
Landwirtschaft in der gesamten DDR führte. Die Agrargenossenschaft
e.G. Kirchheilingen, die aus zwei LPGs entstand und zusammen 700
Mitglieder führte, hat heute 150 Beschäftigte, ist weiterhin eines der
größten Unternehmen in der Dorfregion und betreibt unter anderem
Präzisionsackerbau auf 3300 Hektar mit GPS-gesteuerten Maschinen.
Aber nicht die Größe oder die Geschichte des modernen Unter-
nehmens ist hier ausschlaggebend für das aktive Interesse an der
gemeinschaftlichen Gestaltung von mehr Lebensqualität. Es ist viel-
mehr das Bedürfnis, die Region für sich und andere mitzugestalten.
Entstehungsprozess und Projekte
der Stiftung Landleben
18 Gastbeitrag
GESUNDHEITSKIOSKE ALS NEUE INFRASTRUKTUR
Seit 2017 unterstützt die Stiftung Landleben deshalb auch den Ver-
ein Landengel e.V., der ein neues, übergemeindliches Pflege- und
Gesundheitskonzept entwickelt. Der zunehmend entfernte Zugang
zu Gesundheits- und Pflegedienstleistungen und die schlechtere
Anbindung an die gesundheitliche Primärversorgung durch den
Rückbau der öffentlichen Mobilitätsstrukturen bei gleichzeitig al-
ternder Bevölkerung vermindert die Lebensqualität. Zusätzlich fehlen
Ansprechpartner:innen, die bedarfsgerecht informieren und helfen.
Das gemeindeübergreifende Konzept »Landengel« will deshalb ein
neues Gesundheits-, Pflege- und Versorgungsnetzwerk in der Dorf-
region aufbauen. Dazu gehören ein Landzentrum mit Kita, Tagespflege,
verschiedenen Gesundheitsangeboten und Dienstleistungen unter
einem Dach sowie »Gesundheitskioske« als Anlaufstellen und de-
zentrale Treffpunkte für Versorgungsfragen und Beratungen in den
beteiligten Orten.
Der Verein wird beherzt geführt und aufgebaut von Christopher Kauf-
mann, gelernter Krankenpfleger und Betriebswirt und mittlerweile
Bürgermeister der Gemeinde Sundhausen. Mit Hilfe einer Landesför-
derung unterstützt ihn seit Januar 2019 eine Kümmerin als Landengel.
Sie führt regelmäßige Sprechstunden in provisorisch hergerichteten
Räumen in den jeweiligen Gemeinden durch, erarbeitet Lösungen für
Probleme in den Bereichen Mobilität, Wohnen, Pflege und Gesund-
heit und leistet Hilfestellung bei bürokratischen Fragen. Das Vorhaben
ist bis heute auf 21 Partner:innen gewachsen, der Verein zählt circa
300 Mitglieder Tendenz steigend. Etwa 300 Menschen werden je
Quartal seitdem beraten, unterstützt und versorgt. Ein ehrenamtlicher
Bürger:innen-Fahrservice ergänzt die Maßnahmen um Fahrangebote
beispielsweise zu Arzt- und Therapieterminen oder seit 2020 auch in
die städtischen Bibliotheken.
Doch wie kann man dieses erfolgreiche Angebot gestalterisch sicht-
bar und auch für andere kommunizierbar machen? Und was sollen
eigentlich »Gesundheitskiosksein, die es ja noch gar nicht gibt?
Um diese Fragen zu beantworten, wurden die Akteure Projektkandi-
daten der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen. Das über
zehnjährige Planungs- und Baukulturformat mit Abschluss im Jahr
2023 geht unter dem Motto »StadtLand« neuen Entwicklungsan-
sätzen nach und gibt ihnen ein Gesicht. Über 30 Vorhaben begleitet,
unterstützt oder leitet das Team der IBA im gesamten Freistaat. Im
Vordergrund stehen kooperative Zusammenarbeit, Nachhaltigkeit und
Lebensqualität gepaart mit einem innovativen Gestaltungsanspruch.
Kooperativ wird im Rahmen der IBA Thüringen deswegen auch weiter-
gearbeitet. In Tischgesprächen mit den Gemeinden der Dorfregion
Seltenrain, der Stiftung Landleben und dem Verein Landengel wurden
zunächst Vorschläge diskutiert, die sogenannten »Gesundheits-
- Co- Gardening
- Sitzbank
- Regal
- Pop-Up-Store mit
Kasse des Vertrauens
- E-Bike Ladestation
- WLAN Hotspot
- Landplausch
- Information
- Versorgung
- Vernetzung
- Sozialer Treffpunkt
- Austausch
TOURISTEN-
INFORMATION
HALTESTELLE
WARTEBEREICH
GESUNDHEITSKIOSK
TABLETT
GEMEINSCHAFTSBEET
SERVICE WAND
Konzept Gesundheitskioske und
Visualisierung der Gesundheits-
kioske in Blankenburg
kioske« an den zentralen Bushaltestellen der Gemeinden anzudo-
cken. PASEL-K Architects aus Berlin entwickelten im Auftrag der IBA
Thüringen daraufhin ein Design-Manual, das diese Idee räumlich
und gestalterisch untersuchte und öffentlich zur Diskussion stellte.
Entstanden ist ein Konzept, das die maximal 25 qm großen Kioske je
Gemeinde als Familie begreift, die trotz individueller Gestaltung der
einzelnen Orte ein zusammenhängendes Ganzes darstellen. Sie
dienen jeweils als Beratungsraum genauso wie als zuschaltbarer
Wartebereich für den Bus und haben eine Toilette integriert. Als Holz-
konstruktion ausgeführt, wird der Kiosk je Standort und Gemeinde
individuell errichtet, um gleichzeitig neue Wege Thüringer Holzbaukul-
turen vorzustellen. Die Umsetzung der ersten vier Gesundheitskioske
erfolgt seit 2022 als IBA Bauhüttenprozess in gewohnt kooperativer
Form. Die Sichtbarkeit des Prozesses und die bauliche Umsetzung
dieser neuen sozialen Infrastruktur findet schon vor Fertigstellung
weitere Interessent:innen am Konzept – nicht nur in Thüringen.
KLIMAKULTURLANDSCHAFT ALS NEUES GESTALTUNGSINSTRUMENT
In der Vielfalt wird die Zukunft liegen. Das gilt für die Entwicklung
unserer Siedlungsräume genauso wie für unsere Landschaften. Das
wertvolle Gut Boden ist jedoch begehrt, Energie- und Nahrungsmittel-
produktion, Gewerbe, Logistik- und Straßenbau, Natur-, Hochwasser-,
Landschafts- und Ressourcenschutz genauso wie der Tourismus kon-
kurrieren darum. Gleichzeitig bestimmen die EU-Subventionspolitik,
der globale Weltmarkt, der (gestiegene) Energiebedarf und der
Klimaschutz das Gesicht der Landschaft je nach Förderperiode und
Weltlage.
Landschaften sind nicht nur Natur- oder Wirtschaftsräume, sondern
auch kulturelle Güter, und sie sind Grundlage unserer Siedlungsstruk-
turen. Wie wir sie pflegen und bewirtschaften, hat entscheidende Wir-
kung auf unsere Raumentwicklung und das zukünftige Leben in Stadt
und Land. Stadt und Land müssen deshalb wieder mit ihren jeweiligen
Landschaften neu zusammen gedacht und gestaltet werden. Eine
zentrale Rolle spielt die neue nachhaltige Entwicklung der Land(wirt)-
schaft für die Versorgungswirtschaft, genauso wie die Forstwirtschaft
für die Bauwirtschaft.
Wie sich eine nachhaltige Bodenbewirtschaftung auch gestalterisch
sichtbar macht, zeigt ein Projekt der Landwirtschaft Kannawurf Be-
triebsgesellschaft mbH, der agrar-GmbH Oldisleben, des Künstler-
hauses Thüringen e. V. und der IBA Thüringen. Gemeinsam mit den
Landschaftsarchitekt:innen und Agrarökolog:innen der Green4Cities
GmbH aus Graz entwickelten sie ein Leitbild für Klimakulturland-
schaften, das gleichzeitig auch eine neue Ästhetik von »guter«
Landwirtschaft sichtbar werden lässt.
20 Gastbeitrag
Gastbeitrag
Drei sogenannte Klimalandschaftstypologien Hang, Kuppe, Aue
wurden hier aufgrund ihrer unterschiedlichen lokal-klimatischen Ef-
fekte identifiziert. In diesen werden jeweils konkrete Maßnahmen
zur Minimierung der Wind- und Wassererosion, von Hitzeinseln und
Oberflächentemperaturen und gleichzeitig Anpassungsstrategien
an den Klimawandel definiert. Dazu gehören ein speziell für die je-
weilige Typologie definierter Anbau von Mischkulturen, Untersaaten
und Fruchtfolgen sowie die Umsetzung der Nachhaltigkeitstechnik
»Keyline Design«.
»Keylines« sind mit dem Wendepflug in den Boden geschnittene Ver-
tiefungsstreifen parallel zum Hang, um die Regenwasserspeicherung
im Boden vor Ort zu erhöhen und Bodenerosion zu minimieren. Zur
Steigerung der Wirkung sind auch Stauung, Stabilisierung und Ver-
schattung vorhandener Hanggräben durch Bepflanzung oder Anlagen
von Wasserbecken möglich. Eine Simulation zur potenziellen Wirkung
von »Keylines« auf den Agrarflächen Kannawurfs ergab, dass mit die-
ser Methode bis zu 13 Prozent mehr Wasser in der Fläche gehalten
und die Erosion um bis zu 60 Prozent reduziert werden kann. Dadurch
wird nicht nur die Wasserbilanz der Agrarwirtschaft nachhaltig ver-
bessert, sondern auch die Kulturlandschaft bewusst anders gestaltet
und erfahrbar gemacht. Die ersten »Keyline«-Strukturen werden im
Sommer 2022 umgesetzt, das Wissen und die Erfahrung auf der
eigens entwickelten Infoplattform www.klimakulturlandschaft.de ver-
öffentlicht.
Die zukünftige Klimakulturlandschaft braucht aber auch eine Veran-
kerung im Alltag der Bevölkerung vor Ort eine bewusste Präsenz –,
mit all ihren Eigenheiten, saisonalen Abläufen, Gerüchen und Geräu-
schen. Nur wer die Landschaft kennt, kann ein kritisches Bewusstsein
für deren Nutzung und Bewirtschaftung entwickeln und die Produkte
der Landschaft sowie die Art und Weise, wie diese entstehen und
hergestellt werden, schätzen lernen. Dies kann über die bewusste
Gestaltung der Landwirtschaft bis hin zur ihrer Erlebbarkeit erfolgen.
Geführte Wanderungen und Spaziergänge machen die Komplexität
und Zusammenhänge des Ökosystems begreifbar. (Kultur-)Veranstal-
tungen in der Landschaft tragen dazu bei, dass sich ein breites Pub-
likum mit der Landschaft auseinandersetzt. Durch gezielte Inszenie-
rungen der Landschaft und landschaftlicher Elemente im Kontext von
Veranstaltungen können emotionale Bezüge zur Landschaft gestärkt
werden. Im besten Fall entstehen auf diese Weise neue Rezepturen,
Produkte und Traditionen im Mindesten aber neue Bindungen zwi-
schen den Bewohner:innen und »ihrer« Kulturlandschaft.
Damit beschäftigt sich der Kooperations- und IBA Projektpartner
Künstlerhaus Thüringen e.V. rund um das Schloss Kannawurf bereits
seit einigen Jahren. Sie haben sich von Beginn an dem Thema Nach-
haltigkeit angenommen und Projekte initiiert, die unter anderem die
21
22 Gastbeitrag
Pflanzung von 1.500 Bäumen anstrebt. Die Obstwiese an der Wipper
wurde wiederum mit der Umweltgruppe Kannawurf zur Allmende erklärt,
gemeinschaftlich gepflegt und geerntet. Und der Dorffunk »Weißer
Holunder« stellte die Neugründung eines Online-Dorfradios dar, in
dem z.B. Gespräche mit den Bürger:innen über Themen zur Entwick-
lung der Kulturlandschaft durchgeführt werden.
SICHTBARE GESTALTUNG VON TRANSFORMATION
Wir leben längst nicht nur in vielfältigen Regionen, sondern handeln
täglich in einem regionalspezifischen und gleichzeitig global vernetz-
ten Kontext. Der Versuch von standardisierten Raumentwicklungen
wird den dynamischen Prozessen und den vielfältigen Akteur:innen
vor Ort nicht gerecht. Die Zukunft liegt vielmehr in der kooperativen
Aushandlung von regionalspezifischen Entwicklungszielen und der
ökologisch und sozialgerechten Umsetzung zwischen den Beteilig-
ten. Das betrifft die Landschaftsentwicklung genauso wie die sozialen
und technischen Infrastrukturen. Der Maßstab ist derweil nicht aus-
schlaggebend für erfolgreiche regionale Entwicklungen. Auch ist die
rein wirtschaftliche und infrastrukturelle Stärke eines Raumes nicht
automatisch ausschlaggebend für mehr Zukunft. Ausschlaggebend
ist vielmehr die Ermöglichung von Entwicklungsoptionen, damit eine
Vielzahl von Akteur:innen die regionalspezifischen Perspektiven ge-
meinsam definieren und für sich und andere nachhaltig mit ausge-
stalten können.
Eine zentrale Rolle spielt die sichtbare und bewusste Gestaltung
neuer Perspektiven und ihrer Räume. Kooperationen wiederum er-
möglichen eine breitere Beteiligung an der Gestaltung und fördern
gemeinschaftliche und differenzierte Diskurse um die Bedingungen
von Veränderung. Denn als Grundlage einer gelebten Teilhabe gilt die
Befähigung, gesellschaftliche Herausforderungen und notwendige
Veränderungen zu erkennen und zu verstehen.
Das alles erfordert, dass der Staat sich nicht aus der Fläche zurück-
zieht, sondern neue Kooperationen zwischen Zivilgesellschaft, Staat
und Wirtschaft ermöglicht. Gleichzeitig muss die Zersplitterung in
eine Vielzahl unabhängiger, oft konkurrierender Räume, Interessen
und Verantwortlichkeiten von allen Beteiligten überwunden werden.
Arbeitsteilig zu handeln, Synergien und Ressourcen gemeinsam zu
nutzen, Wissen und Erfahrung zugänglich zu machen, ein hohes Maß
an Mitverantwortung für die Ausgestaltung zuzulassen und gleichzei-
tig die Aktiven zu unterstützen, wäre eine Chance für die nachhaltige
Gestaltung ländlicher Regionen.
Gastbeitrag23
Blick auf die bestehende
Landwirtschaft Kannawurf
Blick auf die Klimalandschafts-
typologien mit Keyline-Strukturen
BERLIN
POTSDAM
BRANDENBURG
24 Gastkommentar
Anmerkung der Herausgeber:innen – Die Verwendung einer gendergerechten
Sprache war den Gastautor:innen freigestellt.
BERLIN-BRANDENBURG – EIN IDENTITÄTSPROBLEM?
Kenneth Anders über Thesen zur Entwicklung eines länderübergrei-
fenden Handlungsraums und über Fragen der kulturellen Identität für
mehr Zusammenhalt
Dass wir eine Identität haben und brauchen, ist inzwischen eine eta-
blierte gesellschaftliche Vorstellung. Es gibt Förderprogramme zur
Pflege von Identität und in der politischen Sprache ist die Identität
eine kaum zu schlagende Bastion, wenn es um die Absicherung von
Ansprüchen an die Gesellschaft geht. Daher ist es kein Wunder, dass
auch in der Raumentwicklung von Identität gesprochen wird und sich
im Kontext der Planungs- und Landschaftsdebatten viele Hoffnungen
an die Stärkung regionaler Identität heften.
Ein aktuelles Beispiel ist das Verhältnis der Bundesländer Berlin und
Brandenburg. Auch hier liegt die Forderung nach einer gemeinsamen
kulturellen oder regionalen Identität nicht fern. Was damit gemeint
ist, scheint intuitiv klar: Die Menschen im Ballungsraum Berlin sowie
in den eher ländlichen oder kleinstädtischen Regionen der Mark sol-
len die miteinander geteilte naturräumliche Basis vor Augen haben,
ihre historische Verbundenheit erkennen, die bereits intensiven wirt-
schaftlichen Verflechtungen besser nutzen und sich dem daraus re-
sultierenden politischen und planerischen Steuerungsbedarf stellen.
Die konkret in diesem Panorama aufscheinenden Aufgaben stehen
bereits seit der Wiedervereinigung auf der politischen Tagesordnung.
Ihre Bewältigung bleibt aber hinter der hohen räumlichen Dynamik
Berlin-Brandenburgs zurück.
25 Gastkommentar
Seit dem Scheitern der Bemühungen um ein gemeinsames Bundes-
land im Volksentscheid von 1996 ist eine latente kulturelle Skepsis
der Bewohner als entscheidendes Moment in dieser Gemengelage in
Erscheinung getreten. In der Politik schlägt sich diese Einsicht in einer
zurückhaltenden Sprache gegenüber dem Thema des gemeinsamen
Handlungsraumes nieder. Das Gebilde – sofern es eines ist – hat nicht
einmal einen richtigen gemeinsamen Namen. Statt öffentlich an den
vielfachen Schnittmengen Berlins und Brandenburgs zu arbeiten, be-
treibt man eher stillschweigend institutionelle Kooperationen. Diese
Haltung führt aktuell zu einer Erneuerung der negativen öffentlichen
Bilanz aus den 90er Jahren, denn das augenscheinlichste gemein-
same Infrastrukturprojekt der Flughafen BER erscheint als orga-
nisatorische Fehlleistung. Will man über diese Blockade hinauskom-
men, so eine verbreitete Einschätzung, müsse die kulturelle Identität
zur entscheidenden Baustelle des gesellschaftlichen Engagements
werden. Die verbesserte Einstellung der Menschen zum Gebilde Berlin-
Brandenburg sollte echte politische Fortschritte ermöglichen.
Diese Folgerung klingt plausibel, allerdings muss davor gewarnt wer-
den, den Identitätsbegriff in das Zentrum der Debatte zu rücken, da
uns dieser vor eine grundsätzlich unerfüllbare Agenda stellt. In der
Vorstellung von Identität steckt die Behauptung nicht genauer zu
hinterfragender Zugehörigkeit ein Essentialismus. Als Instrument
der politisch-emanzipatorischen Anerkennung ist »Identität« gerade
deshalb so wirksam, weil es die heterogenen und widersprüchlichen
Formen menschlicher Selbstbestimmung und Selbstbeschreibung
ausblendet, oftmals aggressiv leugnet und damit zu Zugehörigkeits-
zuschreibungen nötigt, wo doch eher humanistische Vielfalt und Her-
meneutik am Platz wären. Engagieren sich die demokratischen Insti-
tutionen im Zuge der allgemein immer identitärer werdenden Diskurse
nun ebenfalls in der Identitätspolitik (und gehen sie dabei über die
bekannte reine Imagepflege des Stadt- oder Landesmarketings hinaus)
verwickeln sie sich in Widersprüche: Ihre Aufgabe ist es ja, Teilhabe
ohne
Identitätsfestlegungen zu ermöglichen.
Das ist gerade hinsichtlich der demografischen Veränderungen von
Bedeutung. Von Menschen, die in erster Generation irgendwo leben,
kann man nur eingeschränkt Identifikation verlangen, man will aber
auf jeden Fall eine wirksame Einladung aussprechen. Auch kritische
Auseinandersetzungen mit dem Raum könnten besser fruchtbar ge-
macht werden, wenn sie vom Identitätsgebot befreit wären. Dies gilt
auch für den immer stärker in Mode kommenden Heimatbegriff, der,
sobald er als Forderung und kulturelle Norm etabliert wird, in Konflikt
mit dem Freiheitsgebot kommt. Viele Menschen finden ihre Rolle und
Verantwortung in der Landschaft über Widerstand und Auseinander-
setzung. Diesen Weg kann man mit einem Identitätswunsch oder
-gebot verbauen.
26
DER ZUGANG ZU DEN RAUMBEZIEHUNGEN DURCH DIE
VERSCHIEDENEN ANEIGNUNGSWEISEN
Ein produktiverer, weil offener und Konflikte nicht ausschließender
Zugang zur kulturellen Disposition der Bewohner wird durch den
Aneignungsbegriff markiert. Mit »Aneignung« werden vielfältige,
sich ergänzende und aus unterschiedlichen Perspektiven gestiftete
Beziehungen von Menschen zu ihrem Raum gefasst. Diese können
ökonomischer, ästhetischer, historischer, politischer oder touristi-
scher Art sein. Keine Aneignungsform kann für sich Ausschließlichkeit
beanspruchen, vielmehr wird aus der Beschränktheit einzelner An-
eignungen der potenziell kollektiv zu erschließende Reichtum des
Raums sichtbar. Erfahrungen der Vergangenheit und gegenwärtige
Raumansprüche können miteinander verknüpft und in Bewegung
gebracht werden. Man kann auch Menschen auffordern, sich etwas
anzueignen (etwa in der Bildung), auch das setzt keine Identifikati-
onen voraus. Was war, wird zur Lern- und Reflexionsmenge, was sein
könnte, wird zum Gestaltungshorizont. Die sich daraus ergebende
Agenda ist lang, ihr Charakter ist involvierend, Möglichkeiten öffnend
und robust gegenüber dem Unerfreulichen. All dies kann man von dem
grundsätzlich positiv besetzten Begriff der Identität nicht sagen. In
den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern Berlin-Brandenburgs
ergäbe sich auf den ersten Blick folgendes Panorama:
Sprache – Im Osten spricht man vom Eberswalder oder Wriezener
Kanaldeutsch. Interessant an dieser Bezeichnung ist der Verweis auf
ein künstliches Wasserregime. Er transportiert ein Bewusstsein von
der landschaftlich prägendsten Beeinflussung der Mark durch die
Preußen in der Überformung und Nutzung der Gewässer und in der
Melioration. Berlin ist Teil dieser Geschichte, es war selbst einst zu
großen Teilen ein Feuchtgebiet. Beinahe unmerklich sind dabei auch
die vielfältigen märkischen Platt-Sprachen durch das Berlinerische
ersetzt oder mit ihm amalgamiert worden.
Kultur – Während der Konsum im Wesentlichen Sache des Marktes
ist, gibt es im Bereich der öffentlich geförderten Kultur erhebliche De-
fizite und also auch Spielräume in der gemeinsamen Betrachtung des
Raumes. Hier gezielt Impulse aus Berlin in die Provinz zu schicken und
umgekehrt Formen zu finden, die Kultur der Provinz in Berlin sichtbar
zu machen, wäre ein lohnendes Arbeitsfeld für regionale Selbstbe-
schreibung. Natürlich müsste man sich dabei von der Vorstellung
lösen, die Provinz stehe für Mittelmaß und die Großstadt für Exzellenz.
Landnutzung, Verbrauch, Direktvermarktung – Interessant ist die
Vermarktungsbeziehung durch regionale Produkte, vornehmlich beim
Essen. Produkte aus Brandenburg auf den Berliner Tischen stellen
eine gegenseitige Wahrnehmung her und sind ein wohltuendes Ge-
gengewicht zu den Autarkiesehnsüchten der sich für ökologische
Avantgarde haltenden Großstadt. Die Berliner Stadtgüter gehören der
Gastkommentar
27
Vergangenheit an, umso wichtiger wäre es, für die o. g. direkten Ver-
marktungsformen systemische Lösungen zu erarbeiten, auch wenn
dies in einer globalisierten Marktwirtschaft sehr schwierig ist.
Mobilität – Der Berlin-Brandenburgische Verkehrsverbund bildet ein
großes regionales System, das für die Bürger kostengünstig zu nutzen
ist. Wer sich die Mieten und Bevölkerungsentwicklungen in Branden-
burgischen Regionen anschaut, die an gut erschlossenen Bahnlinien
liegen und sie mit schlechter erschlossenen Regionen vergleicht,
wird krasse Unterschiede feststellen können: Die Leute wollen dort
leben, wo sie schnell in die Großstadt kommen. Öffentliche Mobilität,
die in Taktung und Geschwindigkeit Anschluss an die hohen Stan-
dards der Ballungsräume sucht, bleibt eine der wichtigsten Formen
Berlin-Brandenburgischer Regionalentwicklung.
Demografie – In der Blütezeit des Demografiediskurses, also vor 10
bis 15 Jahren, standen sich die Arroganz des Ballungsraums und die
Abwehr einer Berliner Inanspruchnahme Brandenburgs schroff ge-
genüber. Hier Rainald Grebes Brandenburglied, dort die Ablehnung der
»Buletten«. Diese Konfrontation hat sich inzwischen weitgehend ver-
flüchtigt. Stattdessen rücken viele Biografien der Teilhabe an beiden
Räumen in den Blick, die damit verbundenen sanften biografischen
Übergänge machen es zunehmend erfreulich schwer, Menschen ein-
deutig Berlin oder Brandenburg zuzuordnen.
Vor den Toren Berlins Wohnen, Energie und ein Pferd auf der Koppel: In
Berlin-Brandenburg findet sich für jede Fläche inzwischen ein Nutzungsinte-
resse. Ohne einen Sinn für die Landschaft wird allerdings kein gemeinsamer
Raum entstehen. Dieser ist eher eine Sache der kollektiven Aneignung als
eine Frage der Identität.
28
Politik – Hier muss man unterscheiden zwischen Berliner Stadt-
bezirken, die in Brandenburg überhaupt nicht als kommunalpolitische
Gebilde wahrgenommen werden, Kommunen des Berliner Umlandes,
die zwischen den Vor- und Nachteilen des Suburbanisierungsdruckes
schwanken und Kommunen der »Peripherie«, die um ihr Selbstbestim-
mungs- und Selbstverwaltungsrecht bangen. Im Zuge der kommunal-
politischen Auseinandersetzungen über den neuen Landesentwick-
lungsplan wird deutlich, dass es zwischen diesen drei kommunalen
Akteursgruppen zu wenig direkte Kommunikation gibt. Stattdessen
wird das Thema als Zentralismus-Problem diskutiert. In der Etablie-
rung eigener Raumbeziehungen läge eine planerisch-kommunikative
Herausforderung.
DER HANDLUNGSRAUM ALS GEMEINSAME LANDSCHAFT
Das historische Vorbild für den gegenwärtig ersehnten planerisch-
politischen Qualitätssprung ist die Formierung des Berliner Ballungs-
raums im 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts, die schließlich zur
Bildung der Stadtgemeinde Groß-Berlin führte. In der Tat sind noch
heute viele damals erarbeitete Strukturen ebenso raumprägend wie
überzeugend, die damals ausgetragenen Konflikte sind derweil weit-
gehend vergessen. Heute wie damals lauert in den Suburbanisie-
rungsprozessen ein latenter Opportunismus: Man ärgert sich über den
Verlust an Souveränität und Gestaltungsvermögen, nimmt aber die
wirtschaftlichen Vorteile des Ballungsraums allzu gern in Kauf. Eine
aktuelle Berlin-Brandenburgische Regionalperspektive steht deshalb
vor dem Problem, eine plausible System-Umwelt-Beziehung als Alter-
native zu definieren. Wie soll man sich das Gebilde vorstellen? Berlin
liegt mitten in Brandenburg, die Brandenburgische Landeshauptstadt
Potsdam klemmt, seltsam angeheftet, an ihrem südwestlichen Rand
liegt für Ostbrandenburger also »hinter Berlin«. Aus Berliner Sicht ist
Brandenburg allzu oft bloße Umwelt, die sich wiederum selbst nur
schwer als eigenes System definieren kann, so lange Berlin in der
Mitte wechselweise als Insel, Zentrum oder ausgestanztes Gebilde
wahrgenommen wird. Das Verhältnis von Berlin und Brandenburg ist
ein wunderbares Beispiel dafür, dass die Gestaltqualität von Hand-
lungsräumen ihre Eigenlogik hat. In ihr amalgamieren sinnliche Wahr-
nehmung und die diskursive Ordnung zu essenziellen Barrieren, auch
dann, wenn das gegen jede Vernunft zu sein scheint.
Meiner Überzeugung nach muss die räumlich gedachte Zusammen-
gehörigkeit als Rahmenwerk weiterentwickelt werden, um eine
gemeinsame kulturelle Ordnung für all diese Aspekte zu finden. Berlin
und Brandenburg teilen eine gemeinsame Landschaft, das ist das A
und O. Von hier aus lohnt es sich, eine handlungsräumliche Perspek-
tive zu entwickeln nicht nur in planerischer, sondern auch in dis-
kursiver Hinsicht, also als Aufforderung zur vielfältigen Wieder- und
Neuaneignung. Die Siedlungsgestalten der Teilräume (man denke
nur an die vielen Dörfer Berlins), der gemeinsame Wasserhaushalt,
Gastkommentar
29 Gastkommentar
geomorphologische Formationen wie die Barnim-Platte (die vom
Rande des Oderbruchs bis in den Prenzlauer Berg reicht), stiften
gemeinsame standörtliche Bedingungen. Die Spree verbindet die
Lausitz mit der Museumsinsel und selbst die kleine Panke trägt ihren
Teil zur Verbindung der Räume bei.
Landschaftliche Strukturen bilden gute narrative Schnüre, um ver-
schiedene Aspekte eines geteilten Raums aufzufädeln. Die Betrach-
tung, Wahrnehmung, kommunikative Verarbeitung und Gestaltung
der Landschaft kann als aktives Moment gegen die Segregation der
Räume in Stellung gebracht werden. Der Mensch erfährt sich hier in
der Vielfalt seiner Aneignungen. Von hier aus entsteht Grundlage für
gemeinsame Landschafts- bzw. Raumpolitik.
Die Agenda, die hieraus folgt, ist eine der Landschaftskommunikation.
Sie reicht von der »Landschaftlichen Bildung« an den Schulen bis zur
Schaffung aussagekräftiger Angebote in der Naherholung, von raum-
bezogenen Kulturprojekten bis zu klugen Planungsdialogen. Meiner
Überzeugung nach sollte gerade die »Gemeinsame Landesplanung«
Berlin-Brandenburg in ein solches kulturell-kommunikatives Umfeld
eingebettet sein, um ihre Kraft und politische Geltung entfalten zu
können. Dieses Umfeld sollte nicht auf Identität, sondern auf vielfälti-
ge räumliche Aneignung gerichtet sein.
Kenneth Anders, Dr. phil., ist Kulturwissenschaftler. Er arbeitete in der
Umweltforschung und entwickelt seit 2003 gemeinsam mit Lars Fischer
Arbeitsweisen der Landschaftskommunikation zur Analyse und Gestaltung
kulturlandschaftlicher Diskurse. Beide betreiben auch den Aufland Verlag
mit Büchern für Landschaften. Anders ist Programmleiter des »Oderbruch
Museums Altranft Werkstatt für ländliche Kultur« und des Eberswalder
Filmfestes »Provinziale«.
LEHRPROJEKTE ZUR IDENTITÄTSSTIFTENDEN REGION
In Studienprojekten, Seminaren und Entwurfsstudios beschäftigten
sich Studierende im Wintersemester 2021/22 verschiedener Pla-
nungsfakultäten mit raumbezogenen Identitäten in der Region. Im Mit-
telpunkt standen regionale Landschaftsprägungen, regionalpolitische
Marketingstrategien und individuelle Bewohner:innen-Bedürfnisse
zwischen der Weinstraße an der deutsch-französischen Grenze bis
zur Silberstraße im Erzgebirge an der deutsch-tschechischen Grenze.
Der transformativen Kraft von Identitäten näherten sich die Studie-
renden mittels Leitfadeninterviews, narrativer Landkarten, Mappings,
Ortserkundungen und Photoexkursionen, um historische sowie neue
Zeitschichten zu untersuchen. Der fachliche Nachwuchs eröffnet
einen Diskurs der Gegenwart über Ich-und-Wir-Identitäten, zwischen
Frustration und Aufschwung, politischem Protest und Aufbruch, sozia-
ler und räumlicher Ausgrenzung. Planungs- und Gestaltungsprozesse
werden hinsichtlich lokaler Identitätsdiskurse hinterfragt und mit
Planungsinstrumenten sowie Flächenanforderungen für Begegnung,
Vielfalt und Selbstermächtigung weiterentwickelt.
1 – Lehrveranstaltungen
1 – Teilnehmende31
Lennart Hurny, Daniel Kleine-
Kraneburg, Jasper Krüger,
Olivia Link, Franziska Nguyen,
Linda Nitsche, Niklas Pfennig,
Tara Rex, Robin Ringel,
Pauline Sommerhäuser, Meret
Stockhecker, Lina Wetzig,
Maren Zünkler
Laetitia Adam, Linn Sophie
Amelung, Greta Sophie
App, Lara Bartholmai, Annie
Bauermann, Bastian Bentrup,
Lara Tais Biermann, Emily
Meret Buß, Mira Casties,
Enya Sophie Christeleit, Anna
Paulina Graf, Anna Graupner,
Annemieke Jansen, Karoline
Jobst, Tim Lorenz Liere, Artur
Meier, Philine Louc Niemeier,
Lily Podubrin, Christina
Reinfant, Jannik Römer,
Arvid Liem Hendrik Schwarz,
Mia Johanna Wolfrum, Rena
Woytinas, Kilian Ziebarth
Die Teilnehmenden
der Winterschule sind
hervorgehoben.
Joshua Emanuel Gleim,
Ursina Nora Staub
TU DRESDEN
Zeno Böck, Isabella Herrera
Krebber, Lisa Klötzer, Elisa
Kühne, Anna Osetrova, Jan
Reinker, Nicolai Scheinhardt,
Frederike Strauch, Chencun
Sun, Katharina Wiehl, Xinyu
Zhang
FH ERFURT
Martha Franke, Moritz
Gudsuzian, Leonie Günther,
Henrike Lange, Mara Lange,
Paula Menges
TU KAISERSLAUTERN
Anika Henke, Max Kirsch,
Katharina Mayer, Ana Sofia
Ferreira Salta, Eric Schindler
UNIVERSITÄT KASSEL
Hanna Häberle, Elisa Jochum,
Kira Kalhöfer, Marlene
Kleinschmidt, Ibrahim
Klingeberg-Behr, Diana
Krutisch, Bastian Kuczera,
Elisa Matthes, Marlena
Multhaupt, Azeem Raja, Elena
Rinderspacher, Thorben
Ruth, Jana Schmölz, Martha
Schweizer, Lea Seeling,
Mareike Sohnrey, Michelle
Sprehe, Julian Stötzer
UNIVERSITÄT STUTTGART
Rafael Alkhouri Elyas, Karen
Berger, Lisa Marmarotis, Leart
Miftari, Sarah Mohammad Ali,
Kim Pruner, Maik Stricker
BAUHAUS-UNIVERSITÄT
WEIMAR
Lena Becker, Laura Bein,
Malwin Bornitz, Mathilda
Dembowski, Pauline von
Dobeneck, Pauline Hagen,
RWTH AACHEN
Greta Baum, Nadine Bein,
Jasmin Hadi
TU BERLIN
Asil Aydin Cagbayir,
Francesca Brecha, Mariana
Díaz, Viviana Dorfmann,
Yagmur Durak, Pierre
Funcke, Lina Helmstädter,
Florian Janowitz, Jacob
Klotz, Marleen Lamnek,
Marie-Theres Lück, Georgios
Mavrogiannis, Santiago
Negrete Salazar, Solveigh
Paulus , Christina Rodríguez
Salazar, Max-Lukas Schilling,
Azada Taheri, Isabelle Quinton
HOCHSCHULE COBURG
Florian Gogolinski, Juliane
Graf, Charlotte Kaczmarczyk,
Corinna Liebo, Ann-Kathrin
Müller, Fabian Oppermann,
Christina Sühler, Theresa
Weis, Sophia Willner,
Alexander Johannes Lippert
BTU COTTBUS-SENFTENBERG
Jens Abbenhaus, Dominik
Braun, Mohamad Dalloul,
Witold Feszczyn, Helene
Hartmann, Lennart Kempter,
Stella Motz, Gianna
Mund, Björn Raum, Julius
Rymarcewicz, Kilian
Stranghoener, Jacob
Strehlow, Lukas Teschner,
Lara von Thienen
TU DORTMUND
Annabelle Kaufhold, Jost
Berlage, Johanna Liedtke,
Marie Nonn, Leonie von
Heesen, Katharina Müller,
Lena Kempener, Jakob
Siekmann, Roman
Waizenegger, Katharina
Schulte-Hillen, Carolin Ulrich,
32 – RWTH Aachen
RAUMPIONIERE
Studierende der RWTH Aachen schöpfen das Potenzial von Raum-
pionieren für das Rheinische Revier mit Hilfe von Storytelling, Design
Thinking und Gamification
Das Rheinische Revier ist geprägt durch Tagebau. Die damit verbun-
denen Umsiedlungen führen zu einem stetigen Wandel der Region.
Der geplante Strukturwandel hat zum Ziel, eine gemeinsame regionale
Identität zu bilden. Doch wen und was benötigt es hierfür? Ausgehend
von diesen Fragestellungen haben Studierende das Revier analysiert
und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass kein einheitliches Bild
vorhanden ist. Auch ist der Umgang mit dem Thema Identität prekär.
Raumpioniere können in Räume eingreifen, diese anders denken und
mit ihren Ideen und Initiativen zur Identitätsfindung auf unterschied-
lichen Maßstäben beitragen. Um Verständnis aufzubauen was Raum-
pioniere sind, wie sie im Raum wirken und welche Lösungsansätze
sie für Probleme liefern können, wurde mit Hilfe von Gamification ein
Kartenspiel entworfen, welches zum Storytelling und Design Thinking
einlädt. Letztendlich soll es motivieren und befähigen, selbst im Raum
aktiv zu werden. Das Rheinische Revier dient als Inspiration. Das Spiel
kann um weitere Raumkulissen erweitert werden.
Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen und Institut für Städtebau und
europäische Urbanistik
Prof. Christa Reicher, Canan Çelik
Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtentwicklung
Prof. Agnes Förster, Christina Jiménez Mattsson
1 – Lehrveranstaltungen
Spielkarten des Rheinischen
Reviers mit Raumkulissen und
weiterführenden Informationen
33 – TU Berlin 1 – Lehrveranstaltungen
RESSOURCE RÜDERSDORF
Studierende der TU Berlin entwickeln neue städtebauliche Konzepte
für einen vom Kalksteinabbau geprägten Standort
Das Masterprojekt forderte einen städtebaulichen Entwurf an einem
historischen Ort in Brandenburg: Eine imposante, leerstehende
Phosphatfabrik (1940–42) in Rüdersdorf sollte in unmittelbarer
Nachbarschaft von Berlin reaktiviert werden. Für das dazugehörige
Areal sollte darüber hinaus ein neues Nutzungskonzept entstehen. Der
Standort Rüdersdorf ist seit Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute
geprägt vom Abbau des Kalksteins und der Verarbeitung zu Brannt-
kalk und Zement. Dies hat sowohl die Landschaft als auch die beste-
henden Orte inklusive ihrer Industriedenkmäler stark in ihrer lokalen
Identität beeinflusst. Damals wie heute bestehen zudem globale
Beziehungen über Stoffströme und multinationale Konzerne. Deshalb
sind die Studierenden zu Beginn diesen historischen und aktuellen
Entwicklungen und Vernetzungen nachgegangen, indem sie Ströme
der Materialien, Menschenbewegungen (z. B. Ab-und Zuwanderung,
Tourismus) und des Geldes untersuchten. Trotz der globalen Vernet-
zungen haben die Studierenden in ihren Arbeiten den Schwerpunkt
auf eine Stärkung der lokalen Produktion bzw. regionalen Identität ge-
setzt. Die neuen Konzepte reichen von der »Stadt der Selbermacher«
bis hin zum »Work-Retreat Village« mit einer neuen Seilbahnanlage.
Fachgebiet Städtebau und Siedlungswesen
Prof. Dr. Angela Million, Dr. Agnes Müller, Seul Lee
Konzept
Stadt der Selbermacher
GEMEINSAME IDENTITÄTEN
Studierende der HS Coburg entdecken identitätsstiftende Themen
und Orte der Region Oberfranken
Das Mapping »Idendidäd Oberfranggn« (Identitäten der Region Ober-
franken) stellt die wichtigsten Merkmale, Verknüpfungen und Iden-
titätsträger einer polyzentrischen Region dar. Das interdisziplinäre
Team hat dabei als wichtigste identitätsstiftende Merkmale folgende
Themen zusammengefasst: (1) Architektur und Baukultur, (2) raum-
bezogene Identitäten und (3) nachhaltige Regionalentwicklung. Da-
rüber hinaus wurden auch Akteur:innen und Träger:innen identifiziert.
Als eine der größten Regionalinitiativen Deutschlands sind unter dem
Titel »Oberfranken Offensiv e.Vdas Bayerische Staatsministerium
der Finanzen und für Heimat (Programm Regionale Identität), das
Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und
Energie, das Regionalmanagement Bayern sowie der Bezirk Oberfran-
ken und die Oberfrankenstiftung gemeinsam aktiv an der Schärfung,
Präsentation und Regionalentwicklung entlang regionaler Identitäten
beteiligt. Hierbei stehen exemplarisch Themen wie Wissensregion
(Technologie Allianz Oberfranken als gemeinsames Projekt aller ober
fränkischen Hochschulen und Universitäten), Genussregion Oberfran-
ken (immaterielles Kulturerbe), Aktivregion (Natur, Sport und Freizeit)
oder die aktive Vermarktung der Baukultur (UNESCO Städte Bamberg
und Bayreuth) für eine gemeinsame Strategie. Die Untersuchung
zeigt eine große Vielfalt an institutionellen, staatlichen und zivilge-
sellschaftlichen Initiativen und Aktivitäten für die Stärkung regionaler
Identität und die Regionalentwicklung auf.
Lehrstuhl Städtebau und Entwerfen
Prof. Mario Tvrtkovic
34 – Hochschule Coburg 1 – Lehrveranstaltungen
IDENTITÄTSSTIFTENDE GÜTER – MATERIELL
Architektur Es findet sich eine Vielzahl an Bauwerken mit hohem Wieder-
erkennungswert und von regionaler Bedeutung in Oberfranken.
Naturräume Oberfranken hat facettenreiche Naturräume, die auch deutsch-
landweit bekannt sind und von vielen Urlauber:innen geschätzt werden.
Dadurch erfahren die die dort ansässigen Bewohner:innen ein Gefühl von Stolz.
IDENTITÄTSSTIFTENDE GÜTER – IMMATERIELL
Esskultur In Sachen Genuss hält Oberfranken gleich mehrere Rekorde.
Verglichen mit anderen gleich bevölkerten Regionen gibt es in Oberfranken
die meisten Bäckereien, Konditoreien, Metzgereien und Brauereien der Welt.
Bierkultur Rund 260 Brauereien, hunderte Biergärten und zahlreiche
traditionelle Bierkeller zeichnen Oberfranken aus.
35 – BTU Cottbus-Senftenberg 1 – Lehrveranstaltungen
IDENTITÄTEN DURCH DIVERSITÄT KONSTRUIEREN
Studierende der BTU Cottbus-Senftenberg untersuchen sozialräum-
liche Identitäten in der Lausitz und entwickeln regionale Leitbilder
Durch die empirische Auseinandersetzung mit den raumbezogenen
Identitäten in der Lausitz wurde Identitätsbildung als ein heterogener
und teilweise umstrittener Prozess begriffen. Jenseits sozialräumlicher
Homogenitätsbehauptung in Abgrenzung zu anderen – entwickelt sich
eine regionale Identität in einem Spannungsfeld zwischen homogeni-
sierend wirkenden Anstrengungen des Standortwettbewerbs und dem
zunehmend heterogeneren Sozialraum. Auf Grundlage der Erkenntnisse
über vielfältige Identitäten und kollektive Praktiken ihres Verhandelns
wurden fiktive Leitbilder für die Region Lausitz konzeptionell erarbeitet.
Die Leitbilder vereint die Anerkennung und produktive Einbindung von
Differenzen in der Konstruktion von regionalen Identitäten. Die Identi-
täten in der Lausitz sind stets in einer Entwicklung, sinngemäß wie ein
Baum: Die Identität besteht aus verschiedenen Ästen und Abzweigun-
gen, die durch verschiedene Situationen und Erlebnisse geprägt werden.
Hierbei ist jede Teilidentität, vom Mainstream bis zu den Rändern, ein
unverzichtbarer Bestandteil regionaler Identität.
Fachgebiet Stadtmanagement
Prof. Dr. Silke Weidner, Tihomir Viderman
Selbstbewusst durch Subkultur: Die Lausitzer Subkultur wirkt sich auf die
Anziehungskraft der Region aus und leistet einen wichtigen Beitrag zur
Lebensqualität in der Region. Subkultur gibt der Region ein Image, mit wel-
chem sie selbstbewusst auftreten kann. Abbildung von Helene Hartmann
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Hof
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Klingenthal
Lengenfeld
Marienberg
Meinersdorf
Oberwiesenthal
Oelsnitz
Olbernhau-Grünthal
Pirna
Plauen
Pockau-Lengenfeld
Wolkenstein
Zwickau
Zwötnitz
Zwotenthal
A
Kipsdorf
Bärenstein
Carlsfeld
DRESDEN
CHEMNITZ
GLAUCHAU
ZWICKAU
Freiberg
Flöha
Holzau
Aue
Klingenthal
PLAUEN
Zwotenthal
Falkenstein
Crottendorf
Carlsfeld
Zwönitz
Ortmannsdorf
Oelsnitz
Lengenfeld
Pirna
Altenberg
Reitzenhain
Lugau
Cranzahl
Großhart-
mannsdorf
Johannge-
orgenstadt
Oberwiesenthal
Neuhausen
Olbernhau
Grünthal
Adorf
Wolkenstein
DRESDEN
CHEMNITZ
GLAUCHAU
ZWICKAU
Freiberg
Flöha
Holzau
Aue
Klingenthal
PLAUEN
Zwotenthal
Falkenstein
Crotten-
dorf
Carlsfeld
Zwönitz
Ortmanns-
dorf
Oelsnitz
Lengenfeld
Pirna
Altenberg
Olbernhau
Reitzenhain
Lugau
Cranzahl
Großhart-
mannsdorf
Johannge-
orgenstadt Oberwiesenthal
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Adorf
Altenberg
Aue
Bärenstein
Chemnitz
Dresden
Falkenstein
Flöha
Frauenstein
Freiberg
Freital
Glauchau
Hof
Johanngeorgenstadt
Kipsdorf
Klingenthal
Lengenfeld
Marienberg
Meinersdorf
Oberwiesenthal
Oelsnitz
Olbernhau-Grünthal
Pirna
Plauen
Pockau-Lengenfeld
Wolkenstein
Carlsfeld
Zwickau
Zwötnitz
Zwotenthal
A
DER ERZGEBIRGE ATLAS
Studierende der TU Dresden sammeln Perspektiven auf eine Region
ohne Mitte
Der »Erzgebirge Atlas« ist eine explorative Annäherung an eine Regi-
on, die zunehmend medial und von außen auf einige wenige Aspekte
reduziert wird: AfD-Wahlergebnisse, Impfproteste, Weihnachtszauber.
Die Studierenden der TU Dresden entwickelten im Seminar eine Band-
breite geographischer, sozial-räumlicher und politisch-historischer
Perspektiven auf die Region durch Recherchen, Interviews und eigene
Vor-Ort-Erkundungen. Aspekte dieser Forschung werden im ersten
Teil einer Atlassammlung zusammengetragen. Die Artefakte und kar-
tografischen Aufzeichnungen zeigen den gelebten Raum der Region,
wie beispielsweise die langen Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln,
die Lage von Jugendclubs oder die Entwicklung von Metal-Bands als
regionale Besonderheiten. Andere geben Einblick in die Geschichte
der Siedlungsentwicklung und des Bergbaus im Erzgebirge oder
zeigen die Herausforderungen für den Wintersport und die Forst-
wirtschaft durch den Klimawandel. Im Sommersemester schließt ein
weiteres Seminar an, um den Atlas als möglichst neutrale Informati-
onsgrundlage und Ausgangspunkt für vielfältige Perspektiven auf die
Region zu vervollständigen.
Lehrstuhl für Urbanismus & Entwerfen
Prof. Melanie Humann, Gudrun Deppe, Louisa Scherer
1 – Lehrveranstaltungen36 – TU Dresden
Räumliche Bezüge (Luftlinie)
Zeitliche Bezüge (Reisezeit ÖPNV)
Reisezeit mit dem Auto von
Annaberg Buchholz in min
Reisezeit mit dem ÖPNV
von Annaberg Buchholz in min
Nebenstrecke inaktiv
Nebenstrecke umgenutzt
Sonderzugstrecke
Hauptstrecke aktiv
Ländergrenze
Nebenstrecke aktiv
Nebenstrecke Wiederaufnahme
DRESDEN
CHEMNITZ
GLAUCHAU
ZWICKAU
HOF
Freital-
Hainsberg
Freiberg
Flöha
Holzau
Kipsdorf
Neuhausen
Pockau-
Lengenfeld
Marienberg
Annaberg-
Buchholz
Oberwiesenthal
Aue
Johanngeorgenstadt
Klingenthal
PLAUEN
Zwotenthal
Adorf
Moldau
Falkenstein
Oberrittersgrün
Crottendorf
Jöhstadt
Carlsfeld
Eppendorf
Langenau
Frauenstein
Sayda
Zwönitz
Wilischthal
Wolken-
stein
Grünstädtel
Schönfeld
Meinersdorf
Ortmannsdorf
Oelsnitz
Lengenfeld
Pirna
Altenberg
Gottleuba
Olbernhau
Grünthal
Reitzenhain
Bären-
stein
Steinbach
Großhart-
mannsdorf
Friedebach
Waltersdorf
Wolfsgrün
Scheibenberg
Stollberg
Thum
Kirchberg
Stützengrün
Lugau
Mittelbach
Preßnitztalbahn
Cran-
zahl
Fichtelbergbahn
Schwartenberg
Weißeritztalbahn
TSCHECHIEN
Ergebirgische
Aussichtsbahn
DEUTSCHLAND
Müglitztalbahn
Cheb
Brambach
Karlovy Vary
Vejprty
früher: Weipert
Chomutov
früher: Komotau
TSCHECHIEN
DEUTSCHLAND
Cheb
Perštejn
früher: Pürstein
Hřebeny
früher: Hartenberg
Hřebeny
früher: Hartenberg
Nejdek
früher: Neudek
Darstellung aus dem Erzgebirge Atlas von Nicolai
Scheidhardt: Eingestellte und aktive Bahnverbin-
dungen, Erreichbarkeiten und Reisezeiten nach
Verkehrsmitteln
37 – TU Dresden 1 – Lehrveranstaltungen
IDENTITÄTS-
STIFTENDE
MERKMALE
ERLEBBARKEIT
Jederzeit erlebbar
Erlebbarkeit mit
Eigenengagement
MITWIRKUNGSPOTENZIAL
Mitwirken und Mitgestalten
Thematisches Mitwirken ohne
Gestaltungspotenzial
SICHTBARKEIT
Nur bei bewusster
Betrachtung sichtbar
Ohne bewusste
Betrachtung sichtbar
ENTWICKLUNGSGESCHICHTE
Kontinuität in der Existenz
Besondere geschichtliche
Bedeutung
DIY- & DIT-PROJEKTE ALS POTENTIALE FÜR
ORTSBEZOGENE IDENTITÄTEN
Studierende der TU Dortmund analysieren Konzepte und Potentiale
von Do-It-Yourself (DIY) und Do-It-Together (DIT) Projekten entlang
der Wupper
Wuppertal seit weniger als 100 Jahren eine Kommune wird von vielen
Einwohner:innen immer noch als regionales Konglomerat aus ehemals
selbständigen Städten gelesen. Entlang der Wupper konzentrieren sich
Bottom-Up-Projekte. Dort werden Ortsbeziehungen von Bewohner:in-
nen durch ausgeübte Tätigkeiten sowie den individuell und sozial kons-
truierten Räumen und deren zugeschriebenen Bedeutungen besonders
gut sichtbar. Die aktive Mitwirkung an Prozessen der Stadtproduktion,
insbesondere die Interaktionen und Erfahrungen der Teilnehmenden,
stärken die ortsbezogene Bindung. Im Mittelpunkt der Untersuchungen
lagen Aktivierungsmechanismen der Zivilgesellschaft und ihre Rolle im
Prozess der Identifikation mit urbanen Orten. Die ausgearbeiteten
Projekte zeigen Ansätze zur Stärkung regionaler Identität(en) durch DIT-
und DIY-Konzepte für die Stadtentwicklung auf.
Das DIY-Konzept wurde als kurzfristig und nicht organisiert definiert, das
DIT-Konzept wurde als langfristig und organisiert bis institutionalisiert
definiert. Als identitässtiftende Merkmale in der Planung wurden Erleb-
barkeit, Sichtbarkeit, Entwicklungsgeschichte und Mitwirkungspotenzial
hergeleitet. Die Studierenden stellten fest, dass DIT-Projekte häufig an
stark frequentierten Orten und dicht besiedelten Räumen stattfinden
sowie in Gebäuden, die eine besondere Bedeutung für den Ort aufwei-
sen. Häufig ist eine räumliche Nähe zu bürgerschaftlichem Engagement
erkennbar. Um diese Selbstermächtigung zu fördern, wurden Ziele und
Strategien formuliert, wie der Aufbau von autonomen Netzwerken und
die Sichtbarkeit von Ideen, Initiativen und deren Perspektiven. Ziel ist
es Barrieren zu überwinden und voneinander zu lernen sowie Räume
für DITs zur Selbstermächtigung zur Verfügung zu stellen.
Fachgebiet für Städtebau, Bauleitplanung und Stadtgestaltungsprozesse
Prof. Dr. Renée Tribble, José M. Velazco-Londoño, Päivi Kataikko-Grigoleit
38 – TU Dortmund 1 – Lehrveranstaltungen
Bewertungskriterien
zur Ermittlung von
urbanem identitäts-
stiftendem Potenzial
Schloss Heidecksburg in Rudolstadt.
Abbildung von Leonie Günther
Link zur Podcast-Serie
Kultur: Rostbratwurst – Freie Sicht auf Thüringen
FREIE SICHT
Studierende der FH Erfurt stellen Vorurteile über Thüringen in Frage
Thüringen ist mehr und anders als nur Dunkeldeutschland, Rostbrat-
wurst, Domstufenfestspiele und Rechtsrock! Anhand von Interviews
haben Studierende die Vorurteile über die Thüringer Baukultur, Ess-
kultur, Hochkultur und Aktivitäten der rechtsextremistischen Szene
überprüft und Perspektiven von außen auf das Bundesland geschärft.
Zu diesem Zweck sind die Studierenden in die jeweiligen Themen
und Szenen eingetaucht um über verschiedene Kulturen zu reden,
diese aufzunehmen und auszuwerten. Die Interviews wurden als Pod-
cast-Serie verarbeitet und parallel über einen Instagram-Kanal mit
Bildern präsentiert. Die Ergebnisse zeigen die kulturelle Vielfalt Thü-
ringens, sehr unterschiedliche Kleinode, Köstlichkeiten, Stimmungen
und Highlights.
Fachgebiet für Planungskommunikation und
Fachgebiet Bau- und Stadtplanungsrecht
Prof. Dr. Reinhold Zemke, Stefan Andres
39 – FH Erfurt
WEIN, LAND, PFALZ
Resilient
Krisenfeste,
regionale
Versorgungs-
struktur
Klima-
angepasst und
-schützend
gestalten
Digitalisierung
begleiten
Bildungsinfrastruktur vernetzen
Entwicklung von SmartCity bzw.
SmartVillage-Konzepten
Implementierung der
digitalen Weinstraße
Umsetzung von Ortserneuerungs-
und entwicklungsprogrammen
Parkraumbewirtschaftung
Aufwertung und Gestaltung
öffentlicher Räume
Erarbeitung einer gemeinsamen
regionalen Gestaltungsfibel
Ausbau und Qualifizierung des
Fuß- und Radwegenetzes
Verknüpfung verschiedener
Mobilitätsangebote in den Orten
mehr direkte Verbindungen
im ÖPNV
„Weindorf-Shuttle“
(autonom, on-demand)
„Weindorf-Shuttle“
(autonom, on-demand)
Abwägung Mobilitätsbedarfe
Bewohner*innen/Tourist*innen
Gemeinsame Mobility-Hubs
mehrerer Orte
„Pfälzer Weinlandbahnen“ Ausbau des Schienennetzes Alternative Route für neue
Zielgruppen
Überörtliche (Schnell-)
Radwegenetze schaffen
Gründung eines mobilen
Gestaltungsbeirats regionale Wettbewerbe
Entkommerzialisierung des
öffentlichen Raums
Sicherung der Versorgungs-
infrastruktur
Vernetzung von blauer und grüner Infrastruktur
Alternative kulturelle Angebote ergänzen
Siedlungsflächenmonitoring
Schutz vor Extremwetterereignissen
Unterstützung neuer Arbeits-
und Lebensmodelle
Quaifizierung von Stadtgrün Schaffung qualitativer
öffentlicher Räume
Klimaangepasste
Freiraumgestaltung
Ausbau und Vernetzung zugunsten
autonomer Funktionen
Gesundheitsinfrastruktur sichern Nahversorgungsinfrastruktur
Baulandbörse-Weinstraße
Ländliche
Charakter
wahren
Gemeinsame
baukulturelle
Identität
Attraktive
Ortszentren
Umwelt-
verbund
stärken
Regionale
Vernetzung
Mobilitäts-
garantie
Unver-
wechselbar
Mobil
Ortsebene
Regionalebene
WEIN, LAND, PFALZ
Resilient
Krisenfeste,
regionale
Versorgungs-
struktur
Klima-
angepasst und
-schützend
gestalten
Digitalisierung
begleiten
Bildungsinfrastruktur vernetzen
Entwicklung von SmartCity bzw.
SmartVillage-Konzepten
Implementierung der
digitalen Weinstraße
Umsetzung von Ortserneuerungs-
und entwicklungsprogrammen
Parkraumbewirtschaftung
Aufwertung und Gestaltung
öffentlicher Räume
Erarbeitung einer gemeinsamen
regionalen Gestaltungsfibel
Ausbau und Qualifizierung des
Fuß- und Radwegenetzes
Verknüpfung verschiedener
Mobilitätsangebote in den Orten
mehr direkte Verbindungen
im ÖPNV
Weindorf-Shuttle“
(autonom, on-demand)
Weindorf-Shuttle“
(autonom, on-demand)
Abwägung Mobilitätsbedarfe
Bewohner*innen/Tourist*innen
Gemeinsame Mobility-Hubs
mehrerer Orte
„Pfälzer Weinlandbahnen Ausbau des Schienennetzes Alternative Route für neue
Zielgruppen
Überörtliche (Schnell-)
Radwegenetze schaffen
Gründung eines mobilen
Gestaltungsbeirats regionale Wettbewerbe
Entkommerzialisierung des
öffentlichen Raums
Sicherung der Versorgungs-
infrastruktur
Vernetzung von blauer und grüner Infrastruktur
Alternative kulturelle Angebote ergänzen
Siedlungsflächenmonitoring
Schutz vor Extremwetterereignissen
Unterstützung neuer Arbeits-
und Lebensmodelle
Quaifizierung von Stadtgrün Schaffung qualitativer
öffentlicher Räume
Klimaangepasste
Freiraumgestaltung
Ausbau und Vernetzung zugunsten
autonomer Funktionen
Gesundheitsinfrastruktur sichern Nahversorgungsinfrastruktur
Baulandbörse-Weinstraße
Ländliche
Charakter
wahren
Gemeinsame
baukulturelle
Identität
Attraktive
Ortszentren
Umwelt-
verbund
stärken
Regionale
Vernetzung
Mobilitäts-
garantie
Unver-
wechselbar
Mobil
Ortsebene
Regionalebene
BAUKULTUR AN DER DEUTSCHEN WEINSTRASSE
Studierende der TU Kaiserslautern betrachten baukulturelle Aus-
wirkungen der Mobilitätswende und des Klimawandels entlang von
öffentlichen Räumen
Die Deutsche Weinstraße erstreckt sich im Süden Deutschlands über
eine Distanz von 85 km. Die Studierenden beschäftigten sich auf regi-
onaler Ebene mit der Frage, wie eine zukunftweisende und nachhaltige
Entwicklung gelingen kann, insbesondere bei den Themen Klimawandel,
Mobilität, Wohnbaulandentwicklung und Tourismus. Sie kamen zu dem
Schluss, dass die Weinstraße in Zukunft mehr ist als Wein und Straße
und forderten in ihrem Leitbild ein mobiles, unverwechselbares und
resilientes »Wein, Land, Pfalz«. Die auf regionaler Ebene gewonnenen
Erkenntnisse wurden auf die ortsbezogene Ebene übertragen, um zu er-
wägen, wie durch eine Profilierung der regionalen Baukultur und des
öffentlichen Raums Regionsidentitäten gestärkt werden können. Drei
öffentliche Räume wurden beispielhaft entworfen: Ein Parkplatz wird
im Sinne der Mobilitätswende zum Dorfplatz, eine Ortsmitte wird durch
eine Verkehrsberuhigung wiederbelebt und eine smarte Mobilitätsachse
sorgt für einen schnellen Austausch zwischen drei Dörfern.
Lehrstuhl Stadtplanung
Prof. Dr. Detlef Kurth, Marie Turgetto
40 – TU Kaiserslautern 1 – Lehrveranstaltungen
Das Leitbild der
Region wird ge-
prägt durch die
Eigenschaften:
resilient, un-
verwechselbar,
mobil
41 – Universität Kassel 1 – Lehrveranstaltungen
VON WEM, FÜR WEN? IDENTITÄT(EN), DIVERSITÄT UND INKLUSION
Studierende der Universität Kassel betrachten die Identitätskons-
truktion der hessischen Kleinstadt Bad Hersfeld aus verschiedenen
Perspektiven
In Kleingruppen haben sich Studierende mit Identität und Image als
Standortfaktoren im Städtewettbewerb auseinandergesetzt und unter-
sucht, welche Orte und Ereignisse in Bad Hersfeld zur Identitätsbildung
genutzt werden. Nicht zuletzt standen auch die Auswirkungen dieser
Themen auf die Bevölkerung im Mittelpunkt des Projekts. Ein weiterer
Aspekt waren Elemente der Zeitgeschichte, insbesondere die Industrie
und die am Stadtrand gelegene Sinti-Siedlung, die in der Identitätskon-
struktion der mittelalterlichen Stadt keine Rolle spielte. Eine Arbeitsgruppe
hat die besonders marginalisierten Gruppen in der Stadt in den Blick ge-
nommen und gefragt, womit sie sich identifizieren und was sie sich wün-
schen, um ein gleichberechtigter Teil der Stadtgemeinschaft zu werden.
Ein weiteres Forschungsfeld bildeten bürgerschaftliches Engagement
und Vereine als intermediäre Akteur:innen zwischen Stadt und Individu-
en und deren Beitrag zu einer Identifikation mit der Stadt.
Die Kur- und Festspielstadt Bad Hersfeld hat sich ein Image als kulturelle
Hochburg in Nordhessen aufgebaut. Dieses sorgfältig kuratierte Bild wird
auch von weiten Teilen der Bürgerschaft übernommen. Die Verdrängung
von abweichenden Identitätsmerkmalen findet nicht nur gedanklich,
sondern auch räumlich statt. Somit bleiben Menschen, Stadtteile und
Ereignisse außen vor.
Fachgebiet Stadterneuerung und Planungstheorie
Prof. Dr. Uwe Altrock, Dr. Henriette Bertram, Dr. Wiebke Reinert
Die vier Forschungsfelder des Projekts:
Identität als Marke, Geschichte und Identität,
Diverse Identitäten sowie Vereine und Identität
VON EINER WACHSTUMSORIENTIERTEN STADTENTWICKLUNG
ZUR POSTWACHSTUMSSTADT
Studierende der Universität Stuttgart entwickeln ein alternatives
Planungssystem
In
einem vom Wachstumsparadigma getriebenen Finanzkapitalismus ist
Spekulation ein wesentlicher Motor der Stadtentwicklung. Ausgehend
von einer Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Spekulation
und der Finanzialisierung erkundete der Semester-Entwurf die Rolle des
Bodens im Kapitalismus und die daraus resultierenden Herausforderun-
gen für die Planungsdisziplin. Impuls für die konzeptionelle Arbeit war
die Postwachstumsdebatte: Was könnten die Prinzipien der Postwachs-
tumsökonomie für die Stadt- und Regionalentwicklung bedeuten? Wie
könnte eine Postwachstumsplanung aussehen?
Die Studierenden erarbeiteten gemeinsam ein Dossier zur Postwachs-
tumsstadt. Ausgehend von einer Beschreibung systemimmanenter
Probleme wie der profitorientierten Verwertung von Eigentum, wer-
den zunächst normative Grundsätze einer Postwachstumsplanung
formuliert. Diese werden in konkrete Elemente eines an Postwachs-
tumswerten orientierten Planungssystems übersetzt. Zentral ist dabei
eine Machtverschiebung bzw. -verteilung zugunsten vielfältiger Nut-
zer:innen und Akteur:innen. Neue Prozesse und Instrumente werden
skizziert, die dazu erforderlich sind. Darüber hinaus werden Hand-
lungsfelder (Energie, Mobilität, Care-Arbeit, Versorgung, Freiraum, Ar-
beit, Wohnen, Kunst/Kultur/Bildung) definiert, denen jeweils räumliche
und prozessuale Maßnahmen zugeordnet wurden. Die Verräumlichung
der Postwachstumsstadt erfolgte abstrakt, indem die Handlungsfelder
schematisch dargestellt und überlagert wurden. Dabei sollten nicht
nur räumliche Qualitäten (z.B. durch reduzierten motorisierten Verkehr
oder vielfältige Räume für eine plurale Gesellschaft) veranschaulicht,
sondern auch mögliche Synergien und Konflikte simuliert werden.
Theorien und Methoden der Stadtplanung
Prof. Dr. Laura Calbet Elias, Isabelle Willnauer
42 – Universität Stuttgart 1 – Lehrveranstaltungen
Handlungsfelder der
Postwachstumsstadt
43 – Bauhaus-Universität Weimar 1 – Lehrveranstaltungen
DAS GRÜNE HERZ DEUTSCHLANDS?
Studierende der Bauhaus-Universität Weimar beleuchten Identitäten
und Identifikationsprozesse einer Region anhand eines grünen Refe-
renzrahmens
Fast ein Drittel der Landesfläche Thüringens ist mit Wald bedeckt.
Aufgrund der vielfältigen Flora und Fauna wird Thüringen vielfach als
»Das Grüne Herz Deutschlands« bezeichnet. Ziel des Planungsprojek-
tes war die umfassende Auseinandersetzung mit regionaler Identität
als Faktor der Raumplanung. Um deren Bedeutung für die raumplane-
rische Praxis bewerten zu können, wurde dieses Image anhand von
Identifikationsprozessen im Biosphärenreservat Thüringer Wald aus
unterschiedlichen Perspektiven untersucht.
Die einzelnen Untersuchungsschritte orientierten sich dabei an der
Leitfrage, wie sich eine regionale Identität um einen ökologischen Re-
ferenzrahmen konstruieren und entwickeln kann, wie dem Thüringer
Wald. Nach einer umfassenden Analyse der Geschichte der Region, der
sozio-demografischen und ökonomischen Lage sowie der regiona-
len Politik wurden Handlungsfelder für die Raumplanung identifiziert
und Ideen und Konzepte entwickelt, um aktuellen und zukünftigen
Herausforderungen in der Region begegnen zu können.
Professur Raumplanung und Raumforschung
Prof. Dr. Max Welch Guerra, Dr. Julia Gamberini, Felix Lackus
Entwurf für das Projekt »Dreisamkeit« für
den Ort Stützerbach im Thüringer Wald
IDENTITÄTSSTIFTUNG, ERBE UND TRANSFORMATION
VON INDUSTRIELANDSCHAFTEN
Studierende der Bauhaus-Universität Weimar erfassen von der
Industrie geformte Landschaften und entwickeln raumbezogene
Vermittlungskonzepte
Im Rahmen eines Planungsprojekts erprobten Studierende das Konzept
der historischen Kulturlandschaft und untersuchten Landschaften,
die in unterschiedlicher Weise von der Industrie geformt wurden. Mit
Tagebaufolgelandschaften im Altenburger Land und in der Lausitz,
der Uranabbau-Folgelandschaft der Wismut, den »Weißen Bergen«
des Kali-Abbaus an der Werra, Talsperren und Stauseen an der Saale,
den Steinbrüchen des Schieferabbaus im Thüringer Wald, der »Che-
mie-Landschaft« um Leuna und Merseburg, den vielfältigen indus-
triellen Zeugnissen im Oberharz oder auch der durch die industrielle
Landwirtschaft geprägten Landschaft des Thüringer Beckens war
eine große Bandbreite dieser Industrielandschaften gegeben. Es galt
zunächst die Industrielandschaften zu erfassen, sowie prägende
Merkmale und Prozesse der Transformation zu beschreiben. Wertzu-
schreibungen und der Umgang mit diesem zuweilen als »unbequem«
empfundenen Erbe sowie die Aussichten einer zukünftigen Erhaltung
von Spuren und Zeugnissen der vormaligen industriellen Nutzung
standen im Zentrum der folgenden Phase. In einem dritten Schritt
galt es, aus der analysierenden in eine handelnde Rolle zu treten und
Konzepte zu entwickeln: zur Vermittlung und Tradierung, zur weiteren
analytischen Erschließung sowie für Szenarien einer künftigen Ent-
wicklung der untersuchten Standorte.
Mit Sicherheit ist der Blick geschärft für die Ausmaße der Veränderung
der Landschaften, für Prozesse des Strukturwandels in den Regionen
sowie die Herausforderungen einer generationenübergreifenden Tra-
dierung des Wissens um das Erbe anthropogen veränderter Land-
schaften. Besonders spannend war die Aktualität einiger Projekte,
etwa des vom Braunkohleabbau bedrohten und bereits aufgegebenen
Ortes Mühlrose in der Lausitz, für den sich im Verlauf des Projektes
eine Erhaltungsperspektive eröffnete, oder auch das Konzept für den
Schieferpark Lehesten, das sich einfügt in aktuell vor Ort diskutierte
Optionen für eine weitere museale und touristische Erschließung.
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Krieges in
der Ukraine stellen sich bereits wenige Wochen nach Abschluss des
Semesterprojekts unerwartete Fragen nach dem möglichen Weiter-
betrieb manch regionaler Industrie – höchste Zeit also für die Ausein-
andersetzung auch mit ihrem Erbe.
Professur Denkmalpflege und Baugeschichte
Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier, Kirsten Angermann, Christine Dörner
44 – Bauhaus-Universität Weimar 1 – Lehrveranstaltungen
45 – Bauhaus-Uni Weimar
Vermittlung des Braunkohleerbes im Altenburger Land im Vorbei-
fahren: Flyer zur Installation »Glück auf Augen auf!«. Abbildung
von Laetitia Adam, Linn Sophie Amelung, Anna Paulina Graf
Wanderkarte der Schiefer-
bergbaulandschaft um
Lehesten im Gästebuch
der neu konzipierten
Selbstversorgerhütte am
Technischen Denkmal.
Abbildung von Lara
Bartholmai, Enya Sophie
Christeleit, Philine Louc
Niemeier
1 – Lehrveranstaltungen
46 2 – Identitäten in Berlstedt
Der Ort Berlstedt 48
und das Thüringer Becken
Blick zurück nach vorn: Zur Umnutzung 56
baulicher Zeugnisse der Industriegeschichte
Transformation im ehemaligen Musterdorf 58
landwirtschaftlicher Produktion
Anna Paulina Graf, Karen Berger, Isabelle Quinton, Jan Reinker, Leonie Günther
Jens Abbenhaus, Nadine Bein, Mariana Eva Díaz Cappellini, Anna Graupner, Alexander Lippert, Eric Schindler
48 – Ortsbeschreibung, 54 Die Aufgabenstellung der Winterschule 2022
47 2 – Identitäten in Berlstedt
Eine Gedenkstätte 60
für das KZ-Außenlager in Berlstedt
Stärkung von Verbindungen innerhalb der 62
Landgemeinde für ihre sozial-ökologische
Transformation
Neue Impulse für ein 64
resilientes Berlstedt
Christina Rodriguez, Martha Franke, Henrike Lange, Mara Lange
Greta App, Greta Baum, Moritz Gudsuzian, Yorgos Mavrogiannis, Gianna Mund
Lara Tais Biermann, Joshua Gleim, Jasmin Hadi, Marlene Kleinschmidt, Lisa Marmarotis, Marlena Multhaupt
Der Ort Berlstedt
und das Thüringer Becken
48 2 – Identitäten in Berlstedt
49 2 – Identitäten in Berlstedt
DER ORT BERLSTEDT UND DAS THÜRINGER BECKEN
Berlstedt, knapp zehn Kilometer nordwestlich von Weimar am Fuß des
Ettersbergs gelegen, bietet für einen Ort von nur knapp 1.800 Ein-
wohner:innen eine bemerkenswerte Infrastruktur: Neben Ärzt:innen,
Einkaufsmöglichkeiten, einer Kita, Grund- und Regelschule finden sich
hier eine Gaststätte, eine Poststelle, eine Tagespflege; bald eröffnet
ein neues Senior:innen-Pflegeheim und es gibt ein großes Kulturhaus.
Dass ein Ort dieser Größe derartige Einrichtungen aufweisen kann, ist
kein Zufall – maßgeblich lassen sich die Entwicklungen durch die Pla-
nungspolitik der DDR und die Entwicklung Berlstedts zu einem sog.
ländlichen Siedlungszentrum im Thüringer Becken erklären.
Zwischen Harz, Thüringer Wald und Schiefergebirge erstreckt sich die
flachwellige Landschaft des Thüringer Beckens. Die fruchtbaren Löss-
böden und das vergleichsweise trockene und sonnige Klima schaffen
seit mehreren Jahrtausenden Grundlagen für eine intensive landwirt-
schaftliche Nutzung der Gebiete Nord- und Mittelthüringens, die seit-
her eine wichtige Lebensgrundlage für die Region darstellte. Bereits
Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die ursprünglich kleinbäuerlich
geprägte landwirtschaftliche Produktion einen ersten Zusammen-
schluss von Landwirt:innen hervor. Eine weitere Aufwertung erfuhr die
Landwirtschaft nach der 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone
umgesetzten Bodenreform und der anschließenden Kollektivierung.
Mit dem Zusammenschluss der bisher eigenständigen Landwirt:innen
zu zwei Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) ab
Mitte der 1950er Jahre sowie deren Fusion 1962 unter dem Namen
»LPG Vorwärts« begann in Berlstedt der Ausbau einer industriellen
landwirtschaftlichen Produktion: Diese manifestierte sich ab Anfang
der 1960er Jahre insbesondere durch den Bau von Ställen und zuge-
hörigen landwirtschaftlichen Anlagen nördlich des Ortes, aber auch
durch Wohnblöcke in Zeilenbauweise für Angestellte der LPG. 1968
erfolgte die Spezialisierung auf Milchproduktion und der sukzessive
Ausbau zum bedeutendsten milchwirtschaftlichen Musterbetrieb
der DDR. Ende der 1980er Jahre war die LPG Berlstedt drittgrößter
Milchproduzent der DDR; die täglich erzeugte Milchmenge war aus-
reichend, um etwa zwei Drittel der Erfurter Bevölkerung zu versorgen.
Berlstedt diente darüber hinaus der politischen Inszenierung des mo-
dernen Landlebens durch den SED-Staat. Jugendreisegruppen und
Diplomat:innen aus aller Welt kamen in den Folgejahren nachBerlstedt,
um die Muster-LPG, aber auch die herausragenden Einkaufsmöglich-
keiten sowie Kulturprogramme im 1974 anlässlich der »4. Kulturfest-
tage der sozialistischen Landwirtschaft« errichteten Kulturhaus prä-
sentiert zu bekommen.
50 – Der Ort Berlstedt und das Thüringer Becken 2 – Identitäten in Berlstedt
AKTUELLE HERAUSFORDERUNGEN DER RAUMENTWICKLUNGEN
Mit der Wende wurde wie in der gesamten ehemaligen DDR ein
großer Teil der Produktionsstätten und der staatlich bereitgestellten
sozialen Infrastruktur abgewickelt (De-Industrialisierung, De-Infra-
strukturalisierung und Privatisierung). Durch die Transformation in der
landwirtschaftlichen Produktion verloren bereits wenige Monate nach
der politischen Wende ein Großteil der in der Agrarindustrie tätigen
Arbeiter:innen ihre Jobs.
Heute ist die ansässige Agrarindustrie nach wie vor auf Milcherzeugung
spezialisiert: Erst 2011 wurde durch die 1991 als Genossenschaft der
regionalen Landeigentümer:innen gegründete EG Neumark eine neue
Milchviehanlage in Betrieb genommen, die 2014 um neue Ställe für
Färsen und Kälber ergänzt wurde. Wie schon zu DDR-Zeiten wird diese
ergänzt durch den Anbau von Feldfrüchten (ehemals Kombinat »Die
Pflanze«), eine Biogas- und seit 2013 auch eine Photovoltaikanlage.
Wichtigste Herausforderung für das Unternehmen bleibt die regelmä-
ßige Modernisierung von Produktionsweisen und -anlagen, die mit
Blick auf mehr Tierwohl und Klimaschutz auch von der Agrargesetz-
gebung und Subventionspolitik weiter forciert wird. Einst inszeniert
als Musterdorf industrieller Produktion lassen sich heute am Beispiel
von Berlstedt die Herausforderungen und Potenziale einer sozial-öko-
logischen Transformation der Land(wirt)schaft aufzeigen.
Trotz des Bedeutungsverlusts als zentrales Siedlungszentrum, konnte
Berlstedt auch nach der politischen Wende noch vom erfolgten Ausbau
profitieren: Neben einigen öffentlichen Einrichtungen verblieben auch
ca. 250 Wohneinheiten in kommunalem Eigentum. Auch für weitere
ehemalige DDR-Einrichtungen und -Gebäude fanden sich private Nach-
nutzer:innen, die zumindest einen Teil der ehemals öffentlichen Ver-
sorgung übernahmen. Auch das Betriebsgelände der ehemaligen LPG
ging nach der Wende in private Hand. Der südliche Teil wird heute u. a.
durch ein KFZ-Center, einen Containerdienst und einen Baustoffhänd-
ler genutzt, der nördliche Teil hingegen nach wie vor landwirtschaftlich.
Das industrielle Erbe in ländlichen Räumen wie Berlstedt stellt glei-
chermaßen Chance und Herausforderung für den Ort dar – nicht nur als
Objekte der Identifikation mit ihrer Geschichte, sondern auch als Räume
für zukünftige Entwicklung: Was tun mit den Relikten einer nicht mehr
vorhandenen Industrie? In Großstädten wie Leipzig oder Berlin ist die
Antwort schnell gefunden. Ateliers und Loftwohnungen passen schein-
bar in jede Fabrik. Doch welche Potenziale können solche Räume in Orten
wie Berlstedt – in denen es diesen Bedarf nicht gibt – entwickeln?
Auch die Anlagen des ehemaligen Außenlagers des Konzentrations-
lagers Buchenwald erfordern ein Infragestellen des Umgangs mit dem
baulichen Erbe im Ort. Zwischen 1938 und 1945 leisteten bis zu 250
Häftlinge hier Zwangsarbeit und errichteten und betrieben ein Klin-
kerwerk. Die ursprüngliche Ausdehnung des KZ-Außenlagers Berl-
51 – Der Ort Berlstedt und das Thüringer Becken 2 – Identitäten in Berlstedt
stedt lässt sich noch heute gut nachvollziehen: Von den Gebäuden
des ehemaligen Lagers sind das Ziegelwerk mit Nebengebäuden
sowie die Wachbaracke am Eingang erhalten und werden heute
gewerblich genutzt. Der Erinnerung gewidmet ist lediglich eine denk-
malgeschützte, aber äußerst unscheinbare DDR-zeitliche Gedenk-
anlage auf dem Gelände der angrenzenden Grundschule. Die »Berl-
stedter Heimatfreunde« betreiben in einer ehemaligen Molkerei im
Ortszentrum die »Berlstedter Heimatstuben« als Ort der Information
und Begegnung, darüber hinaus engagieren sie sich für die Aufarbei-
tung der Geschichte des KZ-Außenlagers in Berlstedt sowie ein ange-
messenes Gedenken. Perspektivisch soll dies weitere Akteur:innen,
wie die Grund- und Regelschule, die Gemeindevertretung oder die auf
dem Gelände ansässigen Firmen einbeziehen. Spuren der NS-Vergan-
genheit vor Ort erkennt heute jedoch nur, wer von dem KZ-Außenlager
weiß und genau hinsieht. Die nicht ausreichende bzw. nicht aus-
reichend erkennbare – Aufarbeitung der Geschichte des Außenlagers
ist eine zentrale Herausforderung vor Ort. Denn würdige Formen des
Gedenkens an die Häftlinge des Außenlagers und ihre verrichtete
Zwangsarbeit fehlen in Berlstedt.
Im Zuge der Thüringer Gebietsreform (2018–2024), einem Regie-
rungsvorhaben der rot-rot-grünen Landesregierung, verständigten
sich die Gemeinden um Berlstedt zum 1. Januar 2019 über den frei-
willigen Zusammenschluss zur Landgemeinde Am Ettersberg als
Gemeindezusammenschluss mit ca. 7.100 Einwohner:innen. Im
»Vertrag über den Zusammenschluss zu einer Landgemeinde« ver-
pflichtete sich diese zur Erhaltung von »Charakter« und »örtlichem
Brauchtum« in den Ortschaften, sowie einiger vorhandener kommu-
naler Einrichtungen »von herausgehobener Relevanz für die Identität
der künftigen Ortschaften«. In der Landgemeinde am Ettersberg be-
trifft dies neben den Dorfgemeinschaftshäusern und Sportplätzen der
einzelnen Ortsteile bspw. auch die Heimatstuben oder das Freibad.
Identifikation oder Ansätze einer gemeinsamen Identität entstehen
aber nicht durch einen Verwaltungszusammenschluss und auch nicht
durch ein gemeinsames Freibad. Die sozialräumlichen Beziehungen
zwischen den Orten sind auch mit dem Zusammenschluss nicht auto-
matisch gegeben. Wie können einzelne Orte miteinander verbunden
werden, auch über Straßen und Radwege hinaus? Die Gebietsreform
bzw. der Zusammenschluss der Ortsteile zur Landgemeinde waren
nur ein Anfang. Stabile Verbindungen – sozial wie räumlich wie ökolo-
gisch – müssen fortlaufend gestaltet werden.
Grund für die Gebietsreform waren politische Bestrebungen den
fortschreitenden demografischen Wandel in Thüringen vor allem
in ländlichen Regionen zumeist durch Alterung und Schrumpfung
charakterisiert zu gestalten und die Lebensqualität zu sichern. Mit
knapp 1.800 Einwohner:innen ist Berlstedt nicht nur der einwoh-
ner:innenstärkste Ort der Landgemeinde, sondern auch der einzige
mit einer stagnierend bis leicht positiv prognostizierten Bevölke-
52 – Der Ort Berlstedt und das Thüringer Becken 2 – Identitäten in Berlstedt
rungsentwicklung. Neben Fragen nach Potenzialen einer neu verstan-
denen Ländlichkeit stellt sich die Frage, inwiefern außergewöhnliche
infrastrukturelle Ausstattung Grund für die stabile Bevölkerungsent-
wicklung ist sowie damit zusammenhängend, wie die Zukunft der
Landgemeinde und des Orts Berlstedt aussehen kann.
2 – Identitäten in Berlstedt
Wohnplatte in Berlstedt
AUF DEN SPUREN REGIONALER IDENTITÄTEN IM THÜRINGER BECKEN
Eine gemeinsame Erkundung von Berlstedt und der Region sowie
vielseitige Gespräche mit Akteur:innen vor Ort bildeten die Grundlage
für unsere Auseinandersetzung mit dem Thema regionale Identitäten.
Zu Beginn der Winterschule haben wir auf einer gemeinsamen Ex-
kursion durch das Thüringer Becken nicht nur die Orte Berlstedt und
Kannawurf, sondern auch vielfältige Akteur:innen aus der Region ken-
nenlernen können. Diese Begegnungen und Eindrücke haben unsere
Auseinandersetzung mit regionalen Identitäten im Thüringer Becken
maßgeblich geprägt.
Wir wurden vom Ortschaftsbürgermeister durch Berlstedt geführt und
verschiedenen Akteur:innen vorgestellt, die uns ein breites Bild von
Berl stedt und der Region vermitteln konnten. Begleitet wurden wir da-
bei von zwei ehrenamtlichen Ortschronistinnen der »Heimatfreunde
Berlstedt«, die sich unter anderem für die Aufarbeitung und Vermitt-
lung der Ortsgeschichte engagieren und uns die baulichen Überreste
des KZ-Außenlagers zeigten.
Um einen Eindruck von der industriellen landwirtschaftlichen Produk-
tion zu erhalten, haben wir die Milchviehanlage der »Erzeuger-Ge-
nossenschaft Neumark« besichtigt und konnten dort einem Mitglied
des Vorstands Fragen zu aktuellen Bedingungen der Milchproduktion,
der Geschichte des Betriebes und ihrem Verhältnis zur lokalen Be-
völkerung stellen. Wir wurden ebenfalls durch Ställe der ehemaligen
»LPG Vorwärts« geführt; auf diesem Betriebsgelände befindet sich
heute unter anderem ein Wertstoffhandel sowie ein Ersatzteillager für
Kraftfahrzeuge. Auch auf den historischen Ortskern mit der barocken
St.-Crucis-Kirche konnten wir einen kurzen Blick werfen und besich-
tigten überdies das markante Kulturhaus des Ortes – Zeugnis der Ent-
wicklung von Berl stedt als Musterdorf landwirtschaftlicher Produktion
zu DDR-Zeiten.
2 – Identitäten in Berlstedt
Im Anschluss fuhren wir nach Kannawurf, einem kleinen Ort im Norden
des Thüringer Beckens, wobei wir unterwegs einen Eindruck von der
regionalen Kulturlandschaft erhalten konnten. Das Schloss von Kan-
nawurf wurde vom Künstlerhaus Thüringen e. V. erworben und wird
seit einigen Jahren aufwändig saniert. Vorort folgte ein Gespräch mit
dem Vereinsvorsitzenden über die Geschichte des Ortes, die dortige
künstlerische Arbeit sowie ihr Verhältnis zu den Einwohner:innen der
Region. Besonders interessant waren für uns dabei die unter dem Titel
»1.500 Hektar Zukunft« in Zusammenarbeit mit der örtlichen Bevöl-
kerung und der IBA Thüringen entwickelten Planungen für eine resili-
ente Klima-Kultur-Land(wirt)schaft.
Wir haben auf der Exkursion zahlreiche Perspektiven unterschiedli-
cher Menschen kennenlernen dürfen und dabei unter anderem von
der regionalen Geschichte, von aktuellen Entwicklungen, Vorhaben
und Projekten, aber auch über Konflikte und Möglichkeiten der land-
wirtschaftlichen Produktion im Thüringer Becken erfahren. Dies bilde-
te eine unerlässliche Grundlage für unsere Auseinandersetzung mit
dem Thema der regionalen Identitäten und unseren Überlegungen,
wie diese eine transformative Kraft für die Region entfalten können.
Die im Rahmen der Winterschule bearbeiteten Aufgabenstellungen
sind entsprechend Zeugnis dieser vielfältigen Eindrücke und Frage-
stellungen:
1 – Welche Potentiale ergeben sich aus Industriekultur für ländliche
Räume?
2 – Wie kann in einem ehemaligen Musterdorf industrieller Landwirt-
schaft eine sozial-ökologische Transformation landwirtschaftli-
cher Produktion gelingen?
3 – Wie kann eine würdige Form des Gedenkens an das KZ-Außen-
lager von Buchenwald in Berlstedt gestaltet werden?
4 – Wie können die Kulturlandschaft um Berlstedt und die räumlichen
Beziehungen zwischen den Ortschaften der Landgemeinde
Ettersberg raumplanerisch gestaltet werden, um die ökologische
Resilienz der Region zu stärken?
5 – Wie kann Berlstedt und die Landgemeinde Ettersberg voraus-
schauend auf zu erwartende demografische Veränderungen
reagieren und Potenziale neuer Ländlichkeit für die regionale
Entwicklung nutzen?
55 – Die Aufgabenstellung der Winterschule 2022 2 – Identitäten in Berlstedt
BLICK ZURÜCK NACH VORN: ZUR UMNUTZUNG BAULICHER
ZEUGNISSE DER INDUSTRIEGESCHICHTE
Wie für die Ortsgeschichte bedeutende Industriebauten umgenutzt
werden können um Identifikationsangebote und Möglichkeitsräume
für die Einwohner:innen von Berlstedt zu schaffen.
Auch wenn heute nur noch ein Bruchteil der Berlstedter Bevölkerung
in der Landwirtschaft tätig ist und es auch wenig anderweitige Ver-
bindungen gibt, ist der Ort baulich stark durch Anlagen industrieller
landwirtschaftlicher Produktion geprägt. Ebenso finden sich in Berl-
stedt Relikte eines 1938 durch Häftlinge des Konzentrationslagers
Buchenwald errichteten Klinkerwerks, welches ab 1939 als Teil eines
eigenen Außenlagers mit bis zu 250 Häftlingen betrieben wurde. Die
ehemalige Ziegelei und ihre Nebenanlagen werden heute von ver-
schiedenen Firmen genutzt und sind nicht als Relikt eines Konzen-
trationslagers erkennbar oder werden erinnert. Prägende Aspekte der
Ortsgeschichte sind somit nicht greifbar, gleichzeitig mangelt es an
Begegnungs- und gemeinschaftlichen Entfaltungsräumen für die Ein-
wohner:innen von Berlstedt.
Ziel des Projektes ist ein akti ves Erinnern. Durch die Umnutzung
von für den Ort und seine (Industrie-)Geschichte bedeutenden Be-
standsgebäuden wird ein Gefühl gemeinsamer Identität geschaffen.
Nach Analyse und Ortsbegehung stechen zwei historisch bedeu-
tende Strukturen heraus. Aus der Ziegelfabrik Teil des ehemaligen
KZ-Außenlagers soll eine Gedenkstätte als Ort des Lernens und
Austauschs entstehen. Ein Archiv soll mit den gesammelten Doku-
menten der Dorfchronist:innen gefüllt werden, separate Ruhe- und
Leseräume mit Bezug zum Außenraum dem Lernen und Dialog dienen.
56 – Potentiale von Industriekultur für ländliche Räume 2 – Identitäten in Berlstedt
VorwärtsFarm: Umnutzung eines ehemaligen LPG-Kuhstalls
als Möglichkeitsraum für die Dorfgemeinschaft
Die Gedenkstätte in der Ziegelei des ehemaligen KZ-Außen-
lagers Berlstedt als Ort des Lernens und Austauschs
57 – Potentiale von Industriekultur für ländliche Räume 2 – Identitäten in Berlstedt
Zur Würdigung der Zwangsarbeiter müssen ihre Biografien zugäng-
lich gemacht und so an ihr Leiden erinnert werden. Das Konzept kann
durch Historiker:innen und Lehrkräfte gestaltet und unter Einbezug
der Bevölkerung umgesetzt werden. Als VorwärtsFarm (in Anlehnung
an die ehemalige »LPG Vorwärts«) soll in einem ehemaligen LPG-Kuh-
stall ein Entfaltungs- und Aufenthaltsraum für das Dorf entstehen.
Dafür muss dieser durch die Bürger:innen gestaltet, koproduziert und
modular strukturiert werden. Zusammenarbeit mit lokalen Akteurs-
gruppen bietet anfängliche Anstöße für eine Nutzung und Gestaltung.
Die anpassbaren Module können anschließend und sukzessive durch
weitere Interessensgruppen angeeignet werden. So soll durch den
Austausch vorhandenen Wissens und die Einbindung zusätzlicher
Quellen das ortsspezifische ländliche Erbe weitergegeben werden
und neue Entwicklungsimpulse auch für eine aktive Zivilgesellschaft
vor Ort setzen.
Industrielle
Landwirtschaft
Pufferzone
Berlstedt
soziale
Landwirtschaft
58 – Sozial-ökologische Transformation der industriellen Landwirtschaft 2 – Identitäten in Berlstedt
TRANSFORMATION IM EHEMALIGEN MUSTERDORF
LANDWIRTSCHAFTLICHER PRODUKTION
Die problematischen sozialen und ökologischen Folgen industrialisierter
Landwirtschaft durch behutsame räumliche Interventionen reduzieren.
Berlstedt und die Region sind stark von industrialisierter Landwirt-
schaft und Nahrungsmittelproduktion geprägt, jedoch arbeitet dort
nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung. Die ökologischen und auch
sozialen Probleme der industriellen Landwirtschaft sind hinlänglich
bekannt und werden öffentlich diskutiert; trotz ihres Beitrags zur
Ernährungssicherung fühlen sich viele Landwirt:innen daher in ihrer
Arbeit nicht wertgeschätzt. Ein Mitarbeiter der EG Neumark gibt je-
doch an, dass aufgrund starken Preisdrucks auf dem Markt andere
Produktionsweisen derzeit wirtschaftlich nicht umsetzbar seien.
Fehlende Verknüpfungen zwischen den einzelnen lokalen Akteur:in-
nen und der Bevölkerung führen zu gegenseitigen Missverständnissen
und verhindern oder erschweren eine gemeinsame Bewältigung ak-
tueller Herausforderungen. Um die Bewohner:innen von Berlstedt, die
Landgemeinde Am Ettersberg und die EG Neumark in ein produktives
und konstruktives Verhältnis zu setzen, wird daher eine behutsame
Neustrukturierung des Raumes vorgeschlagen: Die EG Neumark könn-
te eines ihrer direkt am Ortsrand gelegenen Flurstücke der Gemeinde
überlassen und diese unterstützen, dort nach dem Modell der solidari-
schen Landwirtschaft Nahrungsmittel für die Bevölkerung anzubauen.
Die Menschen vor Ort könnten so an den fruchtbaren Böden des
Thüringer Beckens teilhaben. Das lokale Kulturhaus könnte dabei
als Distributionsort für die produzierten Nahrungsmittel fungieren.
Neue Zonierung und Raum-
aufteilung von Berlstedt
Übersicht neuer
Funktionen in
Berlstedt und
Umgebung
Wind brechen durch
Teilung der Felder
Radwege Plus
Radwege zusätzlich als
Blühstreifen und
Biotope nutzen
„Solawi“ als produktiver Vorgarten
Berlstedts, der das Dorf, die Milchvieh-
anlage und Wohnsiedlung verbindet
Energiekooperative für die
Co-Produktion von Energie,
Planungssicherheit und Energie
für den ganzen Ort
Retentionsflächen
in Kombination
mit Radwegen
Pufferzone für die Regeneration
der Biodiversität, als Grünraum
für Berlstedt und Grenze
zwischen Wohnen und
landwirtschaftlicher Nutzung
Kulturhaus als Ausgabeort der
gemeinsam erwirtschafteten
Lebensmittel und zum
Zelebrieren der gemeinsamen
Produktion
59 – Sozial-ökologische Transformation der industriellen Landwirtschaft 2 – Identitäten in Berlstedt
Natürliche Barrieren auf den Feldern der EG Neumark könnten sowohl
die Biodiversität erhöhen, als auch Bodenerosion reduzieren. Auch ein
»Grüngürtel« könnte um das Dorf gelegt werden, um eine räumliche
Trennung und Entschärfung von Lärmkonflikten herbeizuführen Die-
ser würde eine räumliche Trennung des Ortes von der landwirtschaft-
lichen Produktion, eine ästhetische und ökologische Aufwertung des
Grünraumes und eine Entschärfung von Lärmkonflikten herbeiführen.
Des Weiteren wird vorgeschlagen, die von der EG Neumark durch
Solar- und Biogasanlagen produzierte Energie direkt in das örtliche
Netz einer noch zu gründenden Energiegenossenschaft einzuspeisen,
um die Bevölkerung an lokaler Energieproduktion teilhaben zu lassen.
Berlstedt könnte als Modelldorf Möglichkeiten aufzeigen, die industria-
lisierte Landwirtschaft in ihrem Beitrag zur Ernährungssicherheit wert-
zuschätzen und dennoch eine notwendige soziale und ökologische
Transformation der Produktionsweise zu vollziehen. Dies könnte einen
wichtigen Beitrag zur Stärkung regionaler Identitäten leisten, indem die
industrielle Landwirtschaft als regionales Erbe anerkannt sowie stärker
mit dem Alltagsleben der lokalen Bevölkerung verknüpft wird.
EINE GEDENKSTÄTTE FÜR DAS KZ-AUSSENLAGER IN BERLSTEDT
Eine raumplanerische Auseinandersetzung mit unbequemem Erbe in
Regionen kann Grundlage für inklusive Regionalentwicklung bieten.
In Berlstedt sind einige bauliche Überreste eines ehemaligen Außen-
lagers des Konzentrationslagers Buchenwald erhalten. Dazu zählen
ein mit Wasser gefüllter Tonstich, eine Ziegelbrennerei und mehrere
umliegende Wirtschaftsgebäude sowie Überreste von Baracken und
Zaunanlagen. Zwischen 1938 und 1945 mussten täglich zwischen
150–240 Inhaftierte schwerste Zwangsarbeit in der Ziegelprodukti-
on in Berlstedt verrichten. Vor Errichtung der Lagerbaracken wurden
die Häftlinge gezwungen, täglich aus dem Stammlager Buchenwald
fünf Kilometer nach Berlstedt zu marschieren. Als Erinnerung an die
dort geschehenen Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert heu-
te lediglich ein unscheinbarer und wenig gepflegter Gedenkstein vor
der Grundschule mit den Worten »nie vergessen«. Eine Aufarbeitung
erfolgt ehrenamtlich durch die Aktiven der Heimatfreunde, denen
zufolge es in Berl stedt kaum Erinnerungskultur gibt viele Einwoh-
ner:innen haben wenig oder keine Kenntnis über das Außenlager. Dies
bildet den Anlass für ein Konzept, welches für die NS-Vergangenheit
des Ortes sensibilisiert. Ziel ist die Wissensvermittlung über die Ge-
schichte des Außenlagers, eine angemessene Würdigung der Opfer
des Nationalsozialismus und die Herstellung einer Wegeverbindung
zur Gedenkstätte Buchenwald.
Das vorgeschlagene raumplanerische Konzept sieht vor, mit Klinker-
steinen auf Orte aufmerksam zu machen, die in direktem Bezug zum
Außenlager stehen. Die Klinkersteine könnten vor diesen Orten in den
Boden eingelassen werden, um auf die Geschichte der Zwangsarbeit
in der Ziegelfabrik aufmerksam zu machen. Geeignete Orte wären die
baulichen Überreste des Außenlagers oder die für Mitglieder der SS
errichteten Wohnhäuser. Als weitere Maßnahme wird die Einrichtung
einer Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Außenlagers
60 – Raumplanerischer Umgang mit unbequemem Erbe in Regionen 2 – Identitäten in Berlstedt
Alte Ziegelfabrik des Außenlagers in Berlstedt
Modellskizze einer möglichen Gedenkstätte
vorgeschlagen. Zentrales Element ist der Tonstich, an dem sich ein
Steg mit einer Sitzpromenade anschließt und in dem eine Brücke als
Kunstwerk aus mehreren Stahlsäulen entstehen soll. Zudem soll ein
Weg aus Ziegelsteinen vom südlichen Teil des Geländes zum Teich
errichtet werden. Durch die Verbindung zur Straße des Friedens wird
sowohl eine symbolische Verbindung als auch eine Wegebeziehung
zur Gedenkstätte Buchenwald geschaffen. Die Einrichtung einer Ge-
denkstätte in Berlstedt sollte in enger Abstimmung mit der Gedenk-
stätte in Buchenwald wie auch den Einwohner:innen erfolgen. Das
ehemalige KZ-Außenlager Berlstedt soll hierdurch als Teil eines regi-
onalen Identifikationsangebots anerkannt werden, welches besonde-
rer Vermittlung und Sichtbarmachung bedarf. Die bestenfalls gemein-
schaftliche Konzeption des Gedenkens wie auch die Spurensuche vor
Ort bieten das Potential für eine kritische Auseinandersetzung, die
eine inklusive gemeinsame Diskussion anstoßen kann und so einen
Austausch über gemeinsames Erbe in der Region fördert.
61 – Raumplanerischer Umgang mit unbequemem Erbe in Regionen 2 – Identitäten in Berlstedt
LEGENDE
Freizeitbad
Kindertagesstätte
Supermarkt
Apotheke
Schule
Tankstelle
Arztpraxis
Gemeindegrenze
Bahnlinie
Landstraße
STÄRKUNG VON VERBINDUNGEN INNERHALB DER LANDGEMEINDE
FÜR IHRE SOZIAL-ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION
Partizipativ erarbeitete Raumbilder dienen der besseren Verbindung
von Orten und bieten Raum für Versorgung, Erholung und Aneignung.
Anlässlich der Thüringer Gebietsreform schlossen sich 2019 elf
Gemeinden aus primär wirtschaftlicher Notwendigkeit zur Landge-
meinde Am Ettersberg zusammen. Wie vielerorts bei kommunalen
Neuzusammenschlüssen, mangelt es hier nicht nur an gewachsenen
räumlichen und infrastrukturellen Verbindungen, sondern es fehlt
auch ein Selbstverständnis als gemeinsame Region. Ebenso gibt es
wenig Bewusstsein hinsichtlich der eigenen Verantwortung für die
Entwicklung des landschaftlichen Umfelds. Generell bedarf es einer
Transformation von Landschaft und Landwirtschaft hin zu mehr öko-
logischer Nachhaltigkeit.
Hierfür wurde untersucht, wie vorhan dene Strukturen genutzt und
neue Verbindungen geschaffen werden können, damit ländliche Re-
gionen nachhaltig, resilient und zukunftsfähig werden und inwiefern
eine Identifikation der Bewohner:innen mit dem Raum dazu beitragen
kann. Konzeptionell soll mittels des Instruments der landschaftlichen
Raumbilder partizipativ ein dorfübergreifendes Verständnis für einen
gemeinsamen Verantwortungsraum geschaffen werden. Räumliche
Betrachtungsebenen sind dabei sowohl das einzelne Dorf als auch
die Gemeinde und darüber hinaus der Landschaftsraum Thüringer
Becken. Es sollen dadurch gemeinsame Projekte zur Landschafts-
gestaltung initiiert und darauf aufbauend zivilgesellschaftliches
Engagement etabliert werden. Für die Gestaltung der Raumbilder
wurde ein Baukastensystem entwickelt, welches verschiedene Typen
und Funktionen miteinander verbindet. Für die Umgestaltung des
Landschaftsraums relevante Raumtypenbilder sind dabei Pufferzo-
nen, Grünverbindungen und Grüne Inseln, welche jeweils allein und
in Verbindung Funktionen wie Versorgung, Erholung, Naturschutz und
Experimentier- bzw. Aneignungsfläche erfüllen sollen.
62 – Sozial-ökologische Transformation der Kulturlandschaft 2 – Identitäten in Berlstedt
PUFFERZONE
VERBINDUNG
GRÜNE INSEL
PUFFERZONE
VERBINDUNG
GRÜNE INSEL
PUFFERZONE
VERBINDUNG
GRÜNE INSEL
PUFFERZONE
VERBINDUNG
GRÜNE INSEL
Raumtypenbilder für die Gestaltung des
Landschaftsraums
Analyse der bestehenden Infrastrukturen
in der Landgemeinde am Ettersberg
63 – Sozial-ökologische Transformation der Kulturlandschaft 2 – Identitäten in Berlstedt
64 – Demografische Veränderung und Potenziale neuer Ländlichkeit 2 – Identitäten in Berlstedt
NEUE IMPULSE FÜR EIN RESILIENTES BERLSTEDT
Ein partizipatives Werkstattverfahren bietet eine Plattform für konti-
nuierlichen Austausch, um eine resiliente Entwicklung von Berlstedt
zu ermöglichen.
Der Landkreis Weimarer Land wird durch einen prognostizierten Be-
völkerungsrückgang vor grundlegende zukünftige Herausforderungen
gestellt. Für den Ort Berlstedt in der Landgemeinde Am Ettersberg
wird jedoch eine leichte Zunahme der Bevölkerungszahlen erwartet.
Aufgrund seiner Funktion als Musterdorf landwirtschaftlicher Pro-
duktion in der DDR sind dort eine Vielzahl an infrastrukturellen Ein-
richtungen vorhanden, durch die der Ort noch heute eine besondere
Funktion in der Landgemeinde aufweist. Vor dem Hintergrund demo-
grafischer Veränderungen stellt sich hier die Frage, wie eine regionale
Entwicklung resilient gestaltet werden kann.
Aktuell ist in Berlstedt vorhandenes soziales Engagement wenig
sichtbar, auch besteht nur geringer Austausch mit Zugezogenen und
die Gestaltungsmacht liegt bei wenigen Personen. Die bestehende
Infrastruktur, einige ehrenamtlich engagierte Bürger:innen sowie eine
stabile Bevölkerungsentwicklung stellen jedoch Chancen für Berlstedt
dar. Daraus ergeben sich Handlungsschwerpunkte, die Impulse für
eine resiliente räumliche Entwicklung in der Region auf unterschied-
lichen Maßstabsebenen geben sollen. Auf regionaler Ebene sollen
gemeinsame technische Infrastrukturen weiterentwickelt und auf
lokaler Ebene das soziokulturelle Potenzial des vorhandenen Leer-
stands besser genutzt werden, unter anderem um innovative Wohnfor-
men zu erproben. Um eine angenommene Konjunktur des Ländlichen
zu nutzen, sollte das Wohnangebot an veränderte Bedarfe sowohl
lokaler als auch möglicher zugezogener Akteur:innen angepasst und
hierüber Austausch zwischen Bewohner:innen gefördert werden.
Zur Umsetzung dieser Handlungsschwerpunkte wurde ein modellhaf-
tes Werkstattverfahren entwickelt, das den Bewohner:innen die Mög-
lichkeit geben soll, den Ort gemeinsam und partizipativ zu gestalten.
Durch generationenübergreifende Angebote soll der Fokus auf gemein-
same Themen der Ortsentwicklung gelegt und Eigeninitiative gefördert
werden. Die Werkstatt stellt dabei einen neutralen Raum dar, in dem die
Bewohner:innen Personenrollen unabhängig von bestehenden Macht-
verhältnissen annehmen, sich in andere Menschen hineinversetzen
und darüber die eigene Perspektive wechseln können. Der Austausch
in der Werkstatt soll dazu beitragen, die Gemeinschaft in Berlstedt und
in der Region zu stärken. Eine starke regionale Identifikation gilt als
begünstigender Faktor für Partizipation, während eine Beteiligung an
räumlicher Entwicklung ein identitätsstiftender Faktor sein kann. Das
Werkstattverfahren kann die Formung regionaler Identitäten unterstüt-
zen sowie zivilgesellschaftliches Engagement stärken und damit zu
einer resilienten Entwicklung von Berlstedt und der Region beitragen.
PROBLEMSTELLUNG
Demografische Veränderungen und Prognosen
Herausforderungen und Chancen
1 2 3 4
Ziel: Resiliente Dorfentwicklung
2 – Identitäten in Berlstedt
Herausforderungen und Chancen der räumlichen Entwicklung bieten
Anlass für ein Werkstattverfahren – dieses soll verschiedene Ein-
wohner:innen einladen, sich vor Ort über die zukünftige Entwicklung
von Berlstedt und der Region auszutauschen
66
ERGEBNIS DER WINTERSCHULE: RÄUMLICHE IDENTITÄTEN
ALS TRANSFORMATIVE KRAFT IN REGIONEN
Die hier mit Beispielen aus den studentischen Arbeiten der Winter-
schule dargestellten Kategorien können als Inspiration für raumpla-
nerisches Handeln in regionalen Räumen dienen. Die Studierenden
haben sich anhand des Fallbeispiels Berlstedt/Landgemeinde Am
Ettersberg intensiv damit auseinandergesetzt, wie lokale Strukturen
und Bedürfnisse einerseits behutsam in Konzepte aufgenommen und
gleichzeitig übergeordnete Zielstellungen mit Narrativen von regi-
onalen Identitäten umgesetzt werden können. Dazu zählen unter
anderem der Erhalt von Identitätsangeboten, die notwendige sozial-
ökologischen Transformation der Landwirtschaft, aber auch eine öko-
logisch resiliente Landschaftsgestaltung, ein adäquater Umgang mit
demografischem Wandel und der Gewährleistung von Daseinsvorsorge
in ländlichen Räumen, die jeweils spezifische Anforderungen an re-
gionale Räume stellen. Eine Stärkung der räumlichen Identifikation
wurde in den studentischen Arbeiten der Winterschule als Zielstel-
lung definiert, jedoch nicht als Selbstzweck, sondern um zivilgesell-
schaftliches Engagement zu fördern, stärkeren Austausch zwischen
fragmentierten Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen und Klima-
schutz- und Klimaanpassungsmaßnahmen in der Region umsetzen zu
können. Damit setzen sich die studentischen Arbeiten mit aktuellen
Fragen regionaler Entwicklung auseinander und nutzen das Thema
regionaler Identitäten, um aktuelle und zukünftige Herausforderungen
in der Region bewältigen zu können.
Ebenso wie Regionen sind auch Identitäten Konstrukte, die sich in
kontinuierlichen, stets vorläufigen und ergebnisoffenen Prozessen
angeeignet oder zugeschrieben werden können. Raum- und Identi-
tätskonstruktionen lassen sich dabei in alltagskulturelle, mediale und
institutionelle Praktiken unterscheiden, gemein ist ihnen die Formung
66 3 – Ergebnis der Winterschule
67
in sozialen (Inter-)Aktionen und die Vermittlung über Diskurs und
Wissen. Dies bietet auch für die Raumplanung vielfältige Anknüp-
fungspunkte, um mithilfe regionaler Identitäten in Regionen passge-
naue und im besten Fall zukunftsgewandte Transformationsprozesse
anstoßen zu können. Das kontinuierliche und gemeinschaftliche Aus-
handeln regionaler Identitäten ist dabei sowohl Grundlage als auch
prägendes Narrativ für die Transformation von Regionen zu inklusiven
Räumen (Regionen für alle). Im Zuge unserer Untersuchungen zur
identitätsstiftenden Region, die wir in der Winterschule am Beispiel
des Ortes Berlstedt, in den vorangegangenen Lehrveranstaltungen
an diversen weiteren Orten vollzogen haben, waren die Sichtbar-
machung von regionalem Erbe, das Stärken (oder Herstellen) von
regionalen Verknüpfungen und das Ermöglichen von Partizipation
zentrale Strategien für einen raumplanerischen Umgang mit regi-
onalen Identitäten. Im Rahmen der Winterschule haben wir den Ort
Berlstedt und die umliegende Region auf bestehende und potenzielle
identitätsstiftende Angebote untersucht und uns in fünf Arbeitsgrup-
pen unterschiedlichen Themen gewidmet.
Entlang dieser drei Kategorien abstrahieren wir folgend die Erkennt-
nisse der Winterschule quer zu den Arbeitsgruppen, um eine Über-
tragbarkeit der Ergebnisse unserer Betrachtung von Berlstedt und der
Region des Thüringer Beckens auf andere Regionen in Deutschland
zu ermöglichen. Die studentischen Arbeiten widmen sich zwar
Distinktions- und Alleinstellungsmerkmalen von Berlstedt und der Re-
gion, dennoch ermöglichen die dafür entwickelten Vorschläge mithilfe
der gewählten Kategorien eine Vorlage für zukünftige regionale Ent-
wicklung. Als Synthese der Ergebnisse der studentischen Beiträge der
Winterschule können die folgend dargestellten Kategorien praktische
Ideen für den schwierigen raumplanerischen Umgang mit regionalen
Identitäten über die Region des Thüringer Beckens hinaus bieten.
67 3 – Ergebnis der Winterschule
68 – Sichtbarmachung
Erste Strategie:
Sichtbarmachung von Erbe
3 – Ergebnis der Winterschule
69 – Sichtbarmachung 3 – Ergebnis der Winterschule
Während unseren Recherchen und den Gesprächen mit Akteur:innen
vor Ort sind wir in Berlstedt auf ein vielseitiges historisches, kulturel-
les und industrielles Erbe gestoßen, das teilweise nicht sichtbar bzw.
präsent ist. Die Heimatfreunde Berlstedt haben eine aufwändig ge-
staltete Ausstellung in der Heimatstube zusammengestellt, die neben
Alltagsgegenständen aus Berlstedt der letzten Jahrhunderte sowie
einer Ortschronik auch über die Geschichte des Außenlagers des Kon-
zentrationslager Buchenwald aufklärt. Dazu haben sie eigenständige
Recherchen zur Aufarbeitung dieser Geschichte betrieben, um diesen
unbequemen Teil des lokalen Erbes sichtbar zu machen und über die
dort begangenen Verbrechen aufzuklären.
In Berlstedt scheint ein Gedenken an das Außenlager sonst nicht
präsent. Dies zeigt sich unter anderem an dem unscheinbaren und
ungepflegten Gedenkstein auf dem Gelände der Schule. Auch die
Heimatfreunde haben nicht den Eindruck, dass ihre Arbeit von vielen
im Ort wahrgenommen wird, daher ist das bereits bestehende En-
gagement der geschichtlichen Aufarbeitung und Wissensvermittlung
sichtbar zu machen, einzubeziehen und zu fördern eine zentrale auch
raumplanerische Aufgabe.
Vom ehemaligen Außenlager sind mit dem Tonstich, der alten Ziegelei
und weiteren Wirtschaftsgebäuden noch heute wesentliche bauliche
Überreste vorhanden. Diesen Teil des lokalen Erbes sichtbar zu ma-
chen und darüber eine Würdigung der in Berlstedt Inhaftierten und
eine Vermittlung von Wissen zu fördern, war eine Herausforderung,
der sich studentische Arbeiten während der Winterschule ange-
nommen haben. Unter anderem wurde ein Kunstwerk aus Säulen im
Ziegeleiteich vorgeschlagen, das an die Zwangsarbeiter des KZ-Außen-
lagers erinnert. Auch eine Umnutzung der verbliebenen baulichen
Strukturen des Außenlagers wurde thematisiert und dafür ein einer-
seits sensibler Umgang mit der Geschichte und eine gleichzeitige
Nutzbarmachung für die Berlstedter Einwohner:innen als Zielstellung
vorgeschlagen.
Die frühe Industrialisierung der Landwirtschaft als Musterdorf land-
wirtschaftlicher Produktion ist als Industriekultur prägender Teil des
regionalen Erbes und wurde in studentischen Arbeiten aufgegriffen.
Um auch dieses Erbe in seiner Besonderheit erfahrbar und nachvoll-
ziehbar zu machen, wurde vorgeschlagen die bestehenden Gebäude
der ehemaligen LPG zu nutzen, um über die Geschichte der Industri-
alisierung der Landwirtschaft in der Region aufmerksam zu machen
und zu informieren, sowie dabei auch über problematische Folgen
dieser aufzuklären.
Unsere Auseinandersetzung mit Berlstedt und dem Thema von regi-
onalem Erbe kam zu dem Ergebnis, dass für einen raumplanerischen
Umgang mit regionalen Identitäten bestehendes zivilgesellschaft-
liches Engagement aufgegriffen und in lokale Aufarbeitung sowie
70 – Sichtbarmachung
Wissensvermittlung eingebunden werden sollte. Bestehendes bauli-
ches Erbe bietet sich dabei an, um über die jeweilige Objektgeschichte,
über den Kontext ihrer Entstehung sowie vergangene Nutzungen zu
informieren und darüber lokales Erbe nachvollziehbar und sichtbar zu
gestalten (Vermittlung auf Augenhöhe) und um darüber als mög-
liche Identitätsträger zu fungieren. Lokale Erinnerungstopographien
sind dabei auf ihren historischen Wahrheitsgehalt hin abzugleichen
(und gegebenenfalls mithilfe von Expert:innen zu kontextualisieren
bzw. zu berichtigen (Wissenschaftskommunikation). Besonderes Au-
genmerk muss hierbei auch auf die Sichtbarmachung des sogenannten
unbequemen Erbes gelegt werden, welches andernfalls bewusst
vergessen oder verdrängt werden könnte, für eine inklusive Region
aber unverzichtbar ist. Gleiches gilt für eine eingehende Analyse von
Sichtbarkeit und Repräsentation von (ggf. anderweitig marginalisier-
ten) Gruppen und Zeitschichten im öffentlichen Raum.
3 – Ergebnis der Winterschule
3 – Ergebnis der Winterschule71 – Sichtbarmachung71 – Sichtbarmachung
Milchviehbetrieb in Berlstedt
Zweite Strategie:
Regionale Verknüpfungen
72 – Verknüpfungen 3 – Ergebnis der Winterschule
Fehlende, verloren gegangene und schwach ausgeprägte Verknüp-
fungen zwischen Bewohner:innen, verschiedenen Orten und Akteur:in-
nen sowie regionalem Erbe in Berlstedt und Umgebung stellten für die
Studierenden ein zentrales raumplanerisches Handlungsfeld dar, um
eine gemeinsame regionale Identität zu stärken. Die frühe Industria-
lisierung der Landwirtschaft im Zuge der Entwicklung als Musterdorf
landwirtschaftlicher Produktion während der DDR stellt eine Beson-
derheit dar und hat den Ort und die umgebende Landschaft maß-
geblich geprägt. Viele Menschen sind zu DDR-Zeiten nach Berl stedt
gezogen, um in der dortigen LPG zu arbeiten. Für die Arbeiter:innen
der LPG wurden u.a. moderne Wohnhäuser in Zeilenbauweise und das
große Kulturhaus errichtet sowie ein breites Angebot an lokaler
Daseinsvorsorge und sozialer Infrastruktur eingerichtet. Früher arbei-
teten in der LPG weit über 200 Menschen während heute noch ca. 60
Menschen in der nachfolgenden Agrargenossenschaft EG Neumark
beschäftigt sind. Für viele Menschen ist daher ein unmittelbarer Kon-
takt verloren gegangen; auch sind die Produkte der EG Neumark vor
Ort nicht zu erwerben, da diese vollständig an weiterverarbeitende
Betriebe verkauft werden. Mit der Errichtung der modernen Pro-
duktionsanlagen ist der Betrieb weiter an den Ortsrand gerückt. Die
frühere LPG finanzierte zahlreiche Kulturveranstaltungen für die
Arbeiter:innen und deren Angehörige im lokalen Kulturhaus; eine sol-
che Verflechtung zwischen Großbetrieb und öffentlichem Leben ist
heute nicht mehr vorgesehen.
Ein studentischer Beitrag der Winterschule widmete sich diesen
schwindenden Verknüpfungen zwischen industrialisierter Landwirt-
schaft der EG Neumark und der lokalen Bevölkerung und entwickelt
Ideen, um aus einem »Nebeneinander von Bewohner:innen, der
Landgemeinde und der EG Neumark […] wieder ein Miteinander« zu
ermöglichen (siehe Seite 58). Dabei wurde sich die Frage gestellt, wie
Berlstedt vom Musterdorf der industriellen landwirtschaftlichen Pro-
duktion, deren problematische ökologische und soziale Folgen heute
stärker thematisiert werden, zu einem Modelldorf des sozial-ökolo-
gischen Wandels der Landwirtschaft entwickelt werden könne. Als
Projektidee wird das Konzept Solidarische Landwirtschaft aufgegriffen
und für ortsnahe Ackerflächen der EG Neumark vorgeschlagen. Zudem
könnte die von der EG Neumark durch Solar- und Biogasanlagen pro-
duzierte Energie direkt in das lokale Netz einer noch zu gründenden
Energiegenossenschaft eingespeist werden. Dies soll einerseits Teil-
habe der lokalen Bevölkerung an den fruchtbaren Böden des Thüringer
Beckens, aber auch an lokaler Energieproduktion ermöglichen und
eine Kooperation zwischen Bevölkerung, EG Neumark und der Land-
gemeinde fördern, die anschließend Vorlage für eine weitere intensi-
vierte Zusammenarbeit darstellen kann. Dies hat auch zum Ziel, die
Verantwortungsübernahme des genossenschaftlichen Großbetriebs
für die Gemeinschaft wieder zu stärken.
73 – Verknüpfungen 3 – Ergebnis der Winterschule
Im Gespräch mit den Heimatfreunden Berlstedt stellten wir fest, dass
kaum noch Beziehungen zwischen den ehrenamtlich Aktiven sowie
der Gedenkstätte Buchenwald vorhanden sind. Zudem wurde eine
Kooperation mit der lokalen Schule für die Erinnerungs- und Bildungs-
arbeit nicht weiter fortgeführt. Eine stärkere Einbindung der lokalen
ehrenamtlich Aktiven mit den Strukturen und der Arbeit der Gedenk-
stätte könnte nicht nur die Vermittlung dieses Wissens, sondern auch
Information und Bewusstsein für dieses lokale Erbe stärken. Als erstes
gemeinsames Projekt wurde von Studierenden die Wiederherstel-
lung einer Wegebeziehung als Gedenkort zwischen den verbliebenen
Strukturen des Außenlagers in Berlstedt sowie der Gedenkstätte des
Konzentrationslager Buchenwald vorgeschlagen. Dieser Weg wurde
vor der Errichtung der Lagerbaracken täglich von den Inhaftierten zu-
rückgelegt, um in der Ziegelei in Berlstedt Zwangsarbeit zu verrichten.
Zwischen den einzelnen Ortsteilen der Landgemeinde könnten neue
Wegebeziehungen das alltägliche Zusammenleben stärker miteinan-
der verknüpfen. Berlstedt ist im Zuge der Gebietsreformen 2019 mit
anderen Ortsteilen zur Landgemeinde Am Ettersberg administrativ
zusammengefasst worden. Das Herstellen von weiteren alltäglichen
Verknüpfungen zwischen den einzelnen Ortsteilen wurde von den Ar-
beitsgruppen als weitere raumplanerische Aufgabe identifiziert, die
eng in Verbindung mit regionalen Identitäten steht. Dies setzt Voraus
nicht nur den Ortsteil, sondern die gesamte Landgemeinde und die
umgebende Landschaft als geteilten Verantwortungsraum zu begrei-
fen, der von den Bewohner:innen gestaltet werden kann.
Regionale Verbindungen, sowohl ganz wörtlich im Sinne von guten
Wegenetzen, Anbindungen und regionalen Ressourcen, als auch im
übertragenen Sinne in Bezugnahme auf ein (sichtbar gemachtes,
s. o.) gemeinsames lokales Erbe sind dabei Grundvoraussetzung
dafür, dass in Regionen aus einem Nebeneinander ein Miteinander er-
wachsen kann.
74 – Verknüpfungen 3 – Ergebnis der Winterschule
3 – Ergebnis der Winterschule
Berlstedter Kulturhaus
75 – Verknüpfungen
Dritte Strategie:
Partizipation ermöglichen
76 – Partizipation 3 – Ergebnis der Winterschule
Die Raumplanung kann es sich zur Aufgabe machen zwischen Räumen
und Menschen zu vermitteln, indem Identitätsangebote geschaffen
und auf mögliche identitätsstiftende Merkmale aufmerksam gemacht
wird. Dieser Ansatz kann durch partizipative Elemente erweitert
werden, denn echte und möglichst offene Angebote zur Mitbestim-
mung und -gestaltung können regionale Zugehörigkeiten und damit
zivilgesellschaftliches Engagement fördern. In allen studentischen
Arbeiten als auch bei den gemeinsamen Diskussionen während der
Winterschule stellte das Ermöglichen von Partizipation eine zentrale
Aufgabe der Raumplanung für das Thema regionaler Identitäten dar.
Die in den studentischen Arbeiten vorgeschlagenen Nachnutzungs-
konzepte für bauliche Strukturen, beispielsweise für das ehemalige
Außenlager, aber auch die frühere LPG, sehen als integralen Bestand-
teil den Einbezug der lokalen Bevölkerung vor und wahren daher eine
Ergebnisoffenheit. Die möglicherweise noch fremden Orte können
sich so von den Bewohner:innen angeeignet werden und stellen da-
mit ein Angebot für zivilgesellschaftliches Engagement aber auch zur
Identifikation dar.
Eine studentische Gruppe stellt das Thema der Bürger:innenpartizipa-
tion in den Mittelpunkt ihres Konzeptes und überlegte, wie angesichts
des demografischen Wandels in ländlichen Regionen gemeinsam mit
Bewohner:innen eine resiliente Entwicklung von Berlstedt gestaltet
werden könnte. Hierbei wurde das Gebäude des Kulturhauses für ein
Werkstattverfahren vorgesehen, das als Plattform für Partizipation
den Zusammenhalt der Bürger:innen stärken soll. Identitätsstiftung
wird dabei als kontinuierlicher Aushandlungsprozess zwischen den
Bewohner:innen und den Akteur:innen vor Ort begriffen.
Eine weitere Idee war es, die Landschaft als Gegenstand für zivilge-
sellschaftliches Engagement zu fördern, indem partizipative Projekte
der Landschaftsgestaltung umgesetzt werden. Diese könnten die
aktuell vorrangig durch industrialisierte Landwirtschaft geprägte Land-
schaft ästhetisch und ökologisch aufwerten, da durch Pflanzungen
die visuelle Vielfalt und Biodiversität erhöht wird. Derzeit scheint die
Landschaft oftmals der industrialisierten Landwirtschaft zur Nutzung
vorbehalten, über derartige Projekte erhält diese stärker den Charakter
einer geteilten Ressource. Eine gründliche Kommunikation und Par-
tizipation wird bei regionalen Entscheidungsprozessen zunehmend
eingefordert und ist ein zentrales Kriterium für das Gelingen einer
inklusiven räumlichen Entwicklung. Eine starke räumliche Identität
gilt dabei als begünstigender Faktor für Partizipation, während diese
wiederum zu einer stärkeren Identifikation beitragen kann. Regionale
Partizipation kann dabei auch gewohnte Pfade verlassen und sich mit
Interventionen in Kulturlandschaft oder geteiltem unbequemen Erbe
auseinandersetzen. Zivilgesellschaftliche Projekte, die sich der par-
tizipativen Gestaltung regionaler Entwicklung widmen, können dazu
beitragen, auch die Region stärker als einen geteilten Verantwor-
tungsbereich wahrzunehmen.
77 – Partizipation 3 – Ergebnis der Winterschule
4 – Handlungsempfehlungen78
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN
Die elf beteiligten Hochschulen über Herausforderungen und Chancen
der identitätsstiftenden Region
Infolge zunehmender Entgrenzung und globaler Vernetzung bei
gleichzeitigen Tendenzen der Abgrenzung und nationaler Ab-
schottung ist die Region nicht nur eine etablierte Planungseinheit,
sondern auch ein für die Bevölkerung überschaubarer Raumbezug,
der als Identitätsträger an Bedeutung gewinnt. Mit der COVID-19-
Pandemie veränderte sich das Mobilitätsverhalten und regionale
Bezüge traten stärker in den Vordergrund. Aus Politik, Öffentlichkeit
sowie den Stadt- und Raumdisziplinen erfuhr die Region ebenso neue
Aufmerksamkeit. Identitäten prägen das alltägliche Zusammenleben
in Regionen und bieten zugleich die Möglichkeit, einen transformati-
ven Wandel anzustoßen, daher stellen diese ein aktuelles Thema der
Stadt- und Regionalplanung dar.
WER UND WAS BESTIMMT »REGIONALE IDENTITÄT« IN DER PLANUNG?
Regionale Identitäten beschreiben strategische Zugehörigkeits- und
Homogenitätsbehauptungen, welche das Identifizieren (und Identifi-
ziert werden) von Menschen mit einem bestimmten Raum aufgreifen.
Wir verwenden den Begriff hier nur im Plural, um zu verdeutlichen,
dass Räumen eine Vielzahl an Identitäten zugeschrieben werden
kann und Identitätsangebote sich möglicherweise ergänzen, überla-
gern oder auch miteinander konkurrieren. Der Begriff der raumbezo-
genen Identitäten ist schwer zu fassen, denn weder »Region« noch
»Identität« sind gesetzte Entitäten. Identitäten haften Räumen nicht
einfach an, sondern werden in permanenten Aushandlungs- und Pla-
nungsprozessen aktiv gebildet, erneuert oder ggf. auch vergessen
oder bewusst abgelegt. Das Erleben einer gemeinsamen Zugehörig-
keit innerhalb eines Raums kann Verbindendes zwischen Menschen
herstellen und Grundlage für kollektives Handeln bilden. Zugleich
formieren sich raumbezogene Identitäten auch durch Abgrenzung
von einem konstruierten Anderen, dem Nicht-Dazugehörenden, und
bergen daher die Gefahr der Ausgrenzung. In der Geschichte führten
raumbezogene Identitätsdefinitionen zu Ausschlüssen und Vertrei-
bungen von Menschen aus bestimmten Räumen. Auch heute werden
sie missbräuchlich als Anlass für diskriminierendes und ausgrenzen-
des Handeln verwendet der Gefahr populistischer Aneignung und
missbräuchlicher Verwendung eines verengten, beispielsweise eth-
nisch verstandenen Heimat- und Identitätsbegriffes ist also immer
offensiv zu begegnen.
Regionen sind keine feststehenden räumlichen Planungseinheiten,
sondern werden kontinuierlich über soziale, politische und adminis-
trative Prozesse hergestellt oder durch historische Ereignisse und
geografische Rahmenbedingungen definiert. Dabei sind Regionen
79 4 – Handlungsempfehlungen
über Infrastrukturen, Netzwerke sowie Personen- und Warenströme
auch immer in lokale und globale Zusammenhänge eingebunden. Die
gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat dichotome
Vorstellungen von Stadt und Land, Peripherie und Zentrum oder Natur
und Kultur in Teilen aufgelöst, beziehungsweise mit neuen Bedeu-
tungen versehen. Regionen setzen sich sowohl aus ländlichen als
auch urbanen Räumen zusammen, daher sind mit diesen Begriffen
verbundenen Phänomene in Regionen immer gleichzeitig zu finden.
Für tradierte Beschreibung von regionaler Ländlichkeit oder auch
Urbanität, die sich in entsprechenden stereotypen Raumbilden aus-
drücken, lässt sich dabei eine enorme Beharrlichkeit feststellen. Aus
der Perspektive der Planungsdisziplinen und Stadtentwicklungspolitik
wird die Identifikation der Bevölkerung mit einer Region vor allem po-
sitiv bewertet. Sie gilt als ein begünstigender Faktor für Engagement,
während ebendieses Engagement zu einer stärkeren räumlichen
Identifikation beitragen soll: Die Förderung von Partizipation und En-
gagement stellt damit eine inklusive Stärkung regionaler Identitäten dar.
HERAUSFORDERUNGEN UND CHANCEN FÜR REGIONALE IDENTITÄTEN
Viele Regionen befinden sich nach umgreifenden Strukturwandel-
prozessen im Umbruch und sind auf der Suche nach neuen Identi-
tätsankern. Zusätzlich muss regionale Entwicklung Antworten finden,
um aktuellen Unsicherheiten wie der Klimakrise oder dem demogra-
fischen Wandel zu begegnen. Dabei ist zu erwarten, dass der derzeit
geforderte und geplante Umbau der Regionen in Konflikten mündet,
welche moderiert und mit gestalterischer Kreativität begleitet werden
müssen. Räumliche Identitäten können dabei Orientierung bieten und
zu politischer und persönlicher Stabilität auf lokaler Ebene beitragen
und bestenfalls Impulse für gegenwärtige und zukünftige Heraus-
forderungen der Regionalentwicklung geben. Eine Profilierung und
Betonung regionaler Spezifika und die gezielte Konstruktion regionaler
Identitäten kann längerfristig auch der wirtschaftlichen Entwicklung
von Regionen dienen. So bietet regionales Marketing erhebliche Po-
tentiale, um beispielsweise in der global orientierten Marktwirtschaft
weniger konkurrenzfähigen Akteur:innen eine Entfaltung zu ermögli-
chen und eine Stärkung von regionaler Produktion und Konsumption
zu fördern. Eine Ökonomisierung des Identitätsangebots ist dabei
unbedingt zu vermeiden. Regionen lassen sich nicht unbedingt an
Landes- oder Nationalstaatsgrenzen festmachen und die räumliche
Planung ist gefordert, einen Umgang mit diesen administrativen Barrie-
ren zu finden. Eine grenzübergreifende Planung kann dabei wesentlich
zu einem Abbau (national-)staatlicher Barrieren und einer weiteren
Integration des europäischen Raums beitragen.
Auch die Bevölkerungszusammensetzung von Regionen ist konstanten
Veränderungen unterworfen: So geht beispielsweise demografischer
Wandel neben einer alternden Bevölkerung meist auch mit veränder-
ten Familienstrukturen sowie gegebenenfalls Migrationsbewegungen
4 – Handlungsempfehlungen80
einher; Strukturwandelprozesse tun ihr Übriges. Dies kann sich ne-
gativ auf die Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen in Regionen
auswirken und erfordert daher regionalspezifisches Handeln. Wegzug
und Zuzug beeinflussen sowohl die Identitäten der Gebliebenen als
auch die der Zugezogenen, wobei sich die Wahrnehmung von Orten
verändern kann. Die Gründe für Zu- und Wegzüge sind vielfältig und
oftmals mit Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten verbunden. Dennoch
sind Menschen, die sich einer Region zugehörig fühlen, weniger
geneigt, diese zu verlassen. Inklusive und unterschiedliche Identi-
tätsangebote können durch die Stadt- und Regionalplanung gefördert
werden und es den Bewohner:innen in ihrer Vielfältigkeit erleichtern,
eine Bindung zu einer Region aufzubauen. Dies kann u. a. Ver-
netzungspotentiale und Bereitschaft zur Partizipation stärken und
Grundlage für eine endogene Regionalentwicklung nach der Maxime
»Einheit in Vielfalt« bilden.
Die kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung zeigt eindrücklich,
dass das Leben in spätmodernen Gesellschaften generell und keines-
wegs nur bei Zugewanderten multiple Orientierungen und Mehr-
fachidentitäten in zunehmend transnationalen Dimensionen mit sich
bringt. Zu dieser umfassenden Heterogenität zählen unterschiedliche
ethnische Zugehörigkeiten, Sprachen, religiöse Traditionen, regionale
und lokale Identitäten, kulturelle Werte und Praktiken, die zu multiplen
Identitätskonstruktionen führen. Dabei werden zunehmend Forderun-
gen nach sozio-räumlicher Anerkennung und deren Repräsentation
in der öffentlichen Sphäre laut. Multiple Identitäten sind dabei ein
bedeutender Faktor für die räumliche Planung und es bedarf einer
stärkeren Berücksichtigung durch strategische Planungsinstrumente,
um nachhaltige Entwicklung von Regionen zu gewährleisten. Dies
beinhaltet die Chance, zusätzliche Perspektiven in die räumliche
Planung einfließen zu lassen und darüber über vielfältige Identitäts-
angebote zu einer gerechteren und inklusiveren Raumplanung bei-
zutragen.
DIE REGION ALS AUSBILDUNGSGEGENSTAND STÄRKER ETABLIEREN
Viele Planungsstudiengänge und Lehrstühle tragen sowohl Stadt als
auch Region gleichberechtigt im Namen, dennoch widmet sich die
Ausbildung in unserer Disziplin vorrangig großstädtischen Räumen
und Metropolregionen. Nicht erst seit der COVID-19-Pandemie, doch
durch diese verstärkt, haben ländliche Räume zusätzliche Aufmerk-
samkeit erfahren. Die Regionalplanung ist bereits wichtiger Gegen-
stand von Fachdiskussionen, wie sich unter anderem an der Ausrich-
tung der IBA Thüringen zeigt. Daher ist eine stärkere Berücksichtigung
der Region und von ländlichen Räumen in der Ausbildung von Studie-
renden der Architektur, Stadt- und Regionalplanung notwendig. Die
Region als Gegenstand der raumplanerischen Ausbildung muss von
den Hochschulen gestärkt werden. Die Absolvent:innen der raumge-
staltenden und planenden Disziplinen werden in Zukunft wesentlich
81 4 – Handlungsempfehlungen
zur Bewältigung gesellschaftlicher und ökologischer Umbrüche bei-
tragen. Denkbar sind beispielsweise neue Formate der Lehre in enger
Kooperation zwischen kommunalen Verwaltungen und Hochschulen
anhand konkreter realer Problemstellungen.
IDENTITÄTSTRÄGER SICHERN UND WANDEL GESTALTEN ALS
ÖFFENTLICHE AUFGABE
Unsere Disziplin benötigt eine kontinuierliche Auseinandersetzung da-
rüber, welche Orte, Landschaften und kulturellen Handlungspraktiken
relevant für regionale Identitäten sind und inwiefern Identitätskon-
struktionen sich verändert. Gerade, weil Identitätsträger bedeutsam für
Regionen im Wandel sind, sollten diese als eine öffentliche Aufgabe
begriffen werden. In vielen Regionen sind tiefgreifende Strukturwan-
del zu beobachten, die mit einem Wegfall großer Teile eines Identi-
tätsangebots einhergehen. Diese können sowohl bei den Menschen
als auch räumlich Frakturen erzeugen, deren Befindlichkeiten auch in
den kommenden Jahrzehnten die Stadtentwicklungspolitik lokal und
regional beeinflussen werden. Wenn wichtige Identitätsanker einer
Region wegbrechen, wie beispielsweise die Automobilindustrie oder
die Braunkohleförderung, wirkt sich das nicht nur unmittelbar auf die
materiellen Lebensgrundlagen aus, sondern verändert auch Möglich-
keiten zur Identifikation in einer Region.
In der Diskussion um Klima- und Strukturwandel lässt sich eine Po-
larisierung zwischen städtischen und ländlichen Räumen feststellen,
beispielsweise in der Behauptung, dass ländliche Räume die Haupt-
last der Energiewende zu tragen haben, während die Energie mehr-
heitlich in Städten verbraucht wird. Die Regionalplanung ist daher
gefordert nicht nur, aber insbesondere in Regionen, die besonders
von Strukturwandel betroffen sind und im Zuge der Energiewende
weiterentwickelt werden Narrative zu entwickeln, um sozial-öko-
logische Transformationen selbst als identitätsstiftenden Faktor in
einer Region zu etablieren. Es muss zudem nach Wegen gesucht wer-
den, neue Technologien und räumliche Lösungsansätze in Umsetzung
zu bringen, welche vorhandene Landschafts- und Siedlungseinheiten
behutsam oder schrittweise weiterentwickeln.
Die Analyse raumbezogener Identitäten, unter Einbeziehung spezi-
fisch lokaler Eigenschaften oder Interessen der Bevölkerung, können
als Ausgangspunkt für passgenaue raumplanerische Konzepte in ei-
ner Region dienen. Unterstützen können dabei wissenschaftliche
Untersuchungen, wer Identitätskonstruktion steuern kann, wer da-
für gehört oder beteiligt werden sollte und wie kleine oder ländliche
Kommunen dabei unterstützt werden können. In vielen Fällen setz-
ten sich kommunale Praxis und auch zivilgesellschaftliche Gruppen
bereits mit raumbezogenen Identitäten auseinander, dafür braucht
es eine wertschätzende und produktive Zusammenarbeit dieser Ak-
teur:innen. Diese sollte bestenfalls moderiert und evaluiert werden,
um möglichen einseitigen Vereinnahmungen oder Partikularinteres-
sen entgegenzuwirken und multiple Perspektiven einzubeziehen.
Daher sollte bei allem Wandel auch um räumliche Konstanten und
strukturelle Kontinuitäten in der öffentlichen Planung und Politik ge-
rungen werden. In diesen Fällen neue Angebote zu schaffen oder im
Rahmen von Co-Produktionsprozessen Räume neu zu gestalten, zu
bauen und anzulegen, um daraus neue Identitäten zu entwickeln,
kann durch öffentliches Handeln angestoßen und unterstützt werden.
DIE ERHALTUNG DES KULTURELLEN ERBES ALS WESENTLICHEN BEI-
TRAG ZU EINER NACHHALTIGEN REGIONALENTWICKLUNG VERSTEHEN
Bauliches Erbe in Form von Architektur, Kulturlandschaft, Infrastruk-
turen oder auch Baukultur ist eine kulturelle Ressource und damit
zunächst erhaltenswert und potenziell identitätsstiftend. Gleichzei-
tig könnte die Erhaltung und Umnutzung historischer Bausubstanz in
vielen Fällen Neubau verhindern. Dies ist aus ökologischen Gründen
aufgrund des enormen Ressourcenverbrauchs, des hohen CO2-Aus-
stoßes sowie der zunehmenden Versiegelung und Flächenknappheit
dringend gefordert. Erhaltung, Reparatur und Weiterentwicklung des
gebauten Bestandes sollte Paradigma baulicher und räumlicher Ent-
wicklung werden. Das gebaute Erbe beinhaltet Potential, um positiv
besetzte Zukunftsnarrative und -impulse zu entwickeln und darüber
eine nachhaltige Regionalentwicklung fördern. Aufgrund des Klima-
wandels sollte einer Reduktion des allgemeinen Ressourcenver-
brauchs und einer Verwendung lokaler Ressourcen in der Regional-
entwicklung Priorität eingeräumt werden. Die Stadt- und Regional-
planung sollte gleichermaßen Abrissen von Bestandsgebäuden
entgegenwirken und stattdessen eine behutsame räumliche Weiterent-
wicklung unserer Städte und Landschaften einfordern und umsetzen.
Eines besonderen Augenmerks bedarf dabei auch das sogenannte
unbequeme Erbe: Wenn wir von regionalen Identitäten sprechen,
ist Walter Benjamins Diktum zu bedenken, dass niemals etwas ein
Dokument der Kultur ist, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu
sein. Das gilt für Deutschland in besonderer Weise und so sind auch
die Regionen mitgeprägt von den Brüchen, Verwerfungen und Ver-
wüstungen unserer jüngeren Geschichte. Damit ist umzugehen und
die Hinterlassenschaften und Narrative als Erbe anzunehmen. Der
Versuch, scham- oder schuldbehaftete Aspekte des regionalen, his-
torischen oder kulturellen Erbes (gezielt) zu vergessen, bewusst zu
ignorieren oder auszugrenzen, müssen früher oder später scheitern,
bricht Verdrängtes doch irgendwann auf. Die Stadt- und Raumpla-
nung ist gefordert, einen Umgang mit diesem scheinbar unbequemen
und dissonanten Erbe zu finden und es als Teil regionaler Identitäten
anzuerkennen. Das bedarf besonderer Vermittlung und Sichtbarma-
chung. Es kann sich beispielsweise um Erbe aus NS- oder DDR-Zeiten,
um industrielles Erbe oder das Andenken an rechte Anschläge wie in
Solingen, Hanau oder Halle handeln. Dabei können die Spurensuche
4 – Handlungsempfehlungen82
83
und die kritische Auseinandersetzung mit unbequemem Erbe auch
den öffentlichen Diskurs anstoßen.
Einen angemessenen Umgang mit lokalem und regionalem Erbe zu
finden, ist eine öffentliche Aufgabe. Sofern zivilgesellschaftliche Ak-
teur:innen in diesem Bereich tätig sind, sollten diese aktiv in Aufar-
beitung, Sichtbarmachung und Vermittlung eingebunden werden.
Um diese Aufgabe angemessen erfüllen zu können, benötigen viele
Kommunen zusätzliche Ressourcen und Personal. Hier böte sich die
Entwicklung eines inter- und transdisziplinär ausgerichtetes Bundes-
programms zum Umgang mit unbequemem regionalem Erbe an, auch
um einen Austausch zwischen und Unterstützung von Kommunen zu
fördern, die selbst noch nach einem angemessenen Umgang mit die-
sem Erbe suchen – oder ihren Umgang damit umsetzen möchten.
KEINE REGIONALPLANUNG OHNE ECHTE UND INKLUSIVE
PARTIZIPATION UND KOMMUNIKATION
Kommunikation und Partizipation sind zentrale Faktoren für regiona-
le Entwicklung und werden zunehmend eingefordert. Der räumlichen
Planung wird dabei eine vermittelnde Funktion in der Aushandlung
verschiedener Interessenlagen zugewiesen. Diese sollte jedoch nicht
ausschließlich Beteiligte der Zivilgesellschaft beinhalten, sondern
ebenfalls die Zusammenarbeit unterschiedlicher Gemeinden, Verwal-
tungen und die Planung umfassen. Im Handeln der Kommunen ist eine
verstärkte Berücksichtigung der Regionen gefordert, um regionale
Entwicklung kooperativ und nicht kompetitiv zu gestalten.
Ein Umgang mit regionalen Identitäten erfordert breiten Dialog. Mehr
Partizipation ist jedoch kein Garant für mehr Demokratie, da in vielen
Beteiligungsprozessen keine repräsentativen Ergebnisse produziert
werden und stattdessen bestehende ungleiche Machtverhältnisse
reproduziert werden. Auch wurden in der Vergangenheit vereinzelt
Veranstaltungen gezielt von Gruppen mit politischen Agenden verein-
nahmt. Daher sind wir gefordert, bei der Konzeption von Beteiligungs-
prozessen eine Demokratisierung und Pluralisierung des Diskurses
zu stärken, indem beispielsweise unterrepräsentierte Perspektiven
gezielt gefördert werden. In Regionen gibt es oft starke zivilgesell-
schaftliche Akteur:innen, die prägend für regionale Identitäten sind
und wertvolle Arbeit für die Entwicklung von Regionen leisten. Diese
zivilgesellschaftlichen Akteur:innen sind ein machtvoller Organisa-
tionsraum, dabei aber mitunter nur wenig zugänglich. Die räumliche
Planung ist daher gefordert, sowohl diese Akteur:innen in regionale
Planungen miteinzubeziehen, als auch niedrigschwellige Dialogplatt-
formen zu ermöglichen.
Diese Austausch- und Diskussionsräume sind zunehmend fragmen-
tiert und finden beispielsweise in »digitalen Blasen« statt. Diese sind
auch für die Mitsprache und die Bildung regionaler Identitäten von
4 – Handlungsempfehlungen
Bedeutung, daher stellt sich die Frage, wie diese Räume stärker für
die Regionalplanung berücksichtigt und genutzt werden können.
Aufgrund der Möglichkeiten der Digitalisierung nehmen zunehmend
ehemalige Bewohner:innen aus der Ferne an Diskussion und Aushand-
lung in Regionen teil. Die räumliche Planung muss sich daher verstärkt
der Aufgabe stellen, hybride Dialoge (online/offline) zwischen frag-
mentierten Beteiligten zu organisieren und dabei möglichst Chancen-
gleichheit bei der Mitbestimmung herzustellen. Beteiligungsformate
sollten daher nach Möglichkeit sowohl in Präsenz- als auch in digitalen
Formaten durchgeführt werden. Kommunen und Regionen müssen
befähigt werden, diese Prozesse anzustoßen und sie in ihrem Verlauf
zu organisieren und zu moderieren. Dazu benötigt es eine personelle,
fachliche und technologische Stärkung und eine Förderung einer
selbstbewussten öffentlichen Verwaltung. Die Verwaltungen sollten
ermutigt werden, sich als Strukturen zu verstehen, die innovative und
inklusive Prozesse anstoßen und umsetzen können.
NEUE KONZEPTE FÜR EINE REGIONALE UND INTERKOMMUNALE
ZUSAMMENARBEIT UND ANGEMESSENE FINANZIERUNG SIND
NOTWENDIG
Konzepte regionaler Zusammenarbeit und interkommunaler Koope-
rationen erhalten wieder zunehmende Bedeutung und basieren auf
und/oder verändern regionale Identitäten. Das Zentrale-Orte-Sys-
tem erscheint angesichts der polyzentrischen Realität von Regionen
immer weniger zeitgemäß. Auch ein aktueller Trend der De-Lokali-
sierung von beispielsweise Einzelhandel, Bildung und Arbeit hebelt
das hierarchische Prinzip der Zentralen Orte aus. Die zunehmende
Aufmerksamkeit für regionale Entwicklung läuft dem zentrenfixierten
Raumordnungssystem zuwider. Um der polyzentrischen Realität vieler
Regionen gerecht zu werden und Flächenverbrauch zu reduzieren, ist
eine Überprüfung und Neukonzeptionierung des Zentrale-Orte-Sys-
tems erforderlich. Dabei sollte Chancengerechtigkeit für Kleinstädte
und ländliche Raume hergestellt werden.
Viele Kommunen bleiben chronisch unterfinanziert, daher konkurrie-
ren diese trotz zunehmender regionaler Zusammenarbeit weiterhin
um knappe Ressourcen. Eine den Aufgaben angemessene finanzielle
Ausstattung der Kommunen ist daher dringend gefordert. Es sollte
überprüft werden, inwiefern die vorhandenen Instrumente der inter-
kommunalen und Regionalplanung noch ihren Zweck erfüllen und ob
sie gegebenenfalls ergänzt oder ausgebaut werden müssen. Gerade
die Zusammenarbeit über die Grenzen verschiedener Bundesländer,
aber auch Nationalstaaten hinweg, beinhaltet derzeit noch zahlreiche
Hürden und Hindernisse, die für eine integrierte Raumentwicklung
vereinfacht werden müsste.
4 – Handlungsempfehlungen84
85
OFFENE FRAGEN IM UMGANG MIT RAUMBEZOGENEN IDENTITÄTEN
In der Auseinandersetzung mit dem Themenfeld der regionalen Iden-
titäten können viele Fragen nicht abschließend beantwortet werden,
sondern bedürfen einer weitergehenden Reflexion; so nicht zuletzt
auch die Frage, was regionale Identitäten überhaupt leisten können.
Können regionale Identitäten dazu beitragen, unsere Zukunft demo-
kratischer, lebenswerter, universalistischer zu gestalten? Wir haben
regionale Identitäten als wichtigen Faktor der Regionalentwicklung
bezeichnet, offen bleibt jedoch, ob mit regionalen Identitäten eine
transformative Kraft in der Region planerisch und räumlich umgesetzt
werden kann. Wichtig ist hier auch eine Diskussion darüber, inwiefern
und wie regionale Identitäten gestiftet werden können und ob die
Gestaltung neuer regionaler Identitäten tatsächlich gelingt. Wenn
räumliche Identitäten durch die Planung betont werden, sollte konti-
nuierlich evaluiert werden, ob unbeabsichtigt auch ausschließende
oder einengende Momente befördert werden. Unter stetiger Beobach-
tung sollte dabei auch die Frage sein, wer an der Gestaltung regionaler
Identitäten beteiligt und wer davon ausgeschlossen ist. Dabei stellt
sich für die Raumdisziplinen die Frage, welche Position die Planung
einnehmen kann und welche Aufgabe Hochschulen dabei zuteil wird.
REGIONALE IDENTITÄTSPROZESSE ALS AUFGABENFELD DER
AUSBILDUNG UND BEITRAG ZUR SOZIAL-ÖKOLOGISCHEN
TRANSFORMATION
Raumbezogene Identitäten bilden ein Querschnittsthema (siehe Seite
64), das viele gegenwärtige Fragen räumlicher Entwicklung beinhaltet
und miteinander verknüpfen kann. Die Auseinandersetzung mit re-
gionalen Identitäten bietet daher die Chance, den Menschen einer
Region in ihrer Vielfalt ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu vermitteln
und darauf aufbauend auch ein positives Narrativ für die gemeinsa-
me Gestaltung von Zukunft und gegenwärtigen Herausforderungen
zu entwickeln. Möglichkeiten und Risiken im Umgang mit regionalen
Identitäten in der räumlichen Planung können hier nicht abschließend
bewertet werden. Mit der vorliegenden Publikation hoffen wir jedoch
einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten zu können, wie regi-
onale Identitäten in der räumlichen Planung zur Anwendung kommen
können, um inklusive, ökologische, soziale und ökonomisch stabile
Regionen zu schaffen.
4 – Handlungsempfehlungen
4 – Recommendations for Action86
RECOMMENDATIONS FOR ACTION
ELEVEN PARTICIPATING UNIVERSITIES DISCUSS THE CHALLENGES
AND OPPORTUNITIES POSED BY THE IDENTITY-FORMING REGION
In the wake of increased internationalization and global networking
despite concurrent isolationist and nationalist tendencies, regions
are considered both an established planning unit and a clear spatial
reference for the population, gaining in significance as a source of
identity. The COVID-19 pandemic has changed mobility behavior, with
regional references coming to the fore more than ever before. Regions
have also attracted renewed attention from politicians, the general
public, and urban and land-use planners. Identities shape everyday
social life in regions, while at the same time presenting the opportunity
to effect radical change, which is why they are a hot topic in urban and
regional planning.
WHO AND WHAT DETERMINE »REGIONAL IDENTITY« IN PLANNING?
Regional identities describe strategic statements of affiliation and
homogeneity, which refer to people identifying themselves (and being
identified) with a certain space. For our purposes, we use the term
only in plural to illustrate that spaces can be associated with a range
of different identities and that concepts of identity likely complement
each other, overlap, or even compete with one another. It is difficult
to describe the nature of regional identities as neither »regions« nor
»identities« are defined entities. Identities are not simply intrinsic to
spaces, but rather they are actively shaped, renewed, or even forgot-
ten or intentionally discarded within continuous processes of nego-
tiation and planning. Sharing a feeling of belonging within a space
can unify individuals and serve as a basis for collective action. At the
same time, spatial identities are also formed by differentiating from
a constructed other—someone who does not belong—and therefore
pose a danger of exclusion. Throughout history, spatial definitions of
identity have led to people being ostracized or expelled from certain
spaces. Even today they are misused as a grounds for discriminatory
and exclusionary actions—thus, the danger of a populist appropriation
and abusive use of a narrow definition of country and identity, based
on ethnicity for example, must always be challenged aggressively.
Regions are not fixed spatial planning units. Rather, they are estab-
lished continuously by means of social, political, and administrative
processes or defined by historical events and underlying geographic
conditions. Furthermore, regions are always embedded in local and
global contexts as a result of infrastructures, networks, and flows of
people and goods. The development of society over the last several
decades has broken down dichotomous concepts of urban and rural,
periphery and center, or nature and culture, at the same time ascribing
new meaning to those concepts. Regions are made up of both rural
87 4 – Recommendations for Action
and urban spaces, which is why related phenomena can always be
found in regions alongside these terms. A great deal of perseverance
can be established in the traditional description of regional rurality
and urbanity, which is expressed in corresponding stereotypical spa-
tial imagery.
From the perspective of the planning disciplines and urban develop-
ment policy, the identification of the population with a region is valued
by and large. It is regarded as a favorable factor in terms of participa-
tion, while this participation in turn contributes to a stronger sense
of spatial identity: Promoting participation and involvement serves to
strengthen regional identities in an inclusive manner.
CHALLENGES AND OPPORTUNITIES FOR REGIONAL IDENTITIES
Many regions are undergoing a radical transformation following wide-
ranging processes of structural change and are searching for new
ways to anchor their identities. In addition, regional developers must
find answers to confront current uncertainties such as the climate
crisis or shifting demographics. The restructuring of the regions that
is currently being demanded and planned is expected to result in
conflicts, which will have to be moderated and solved with artistic
creativity. Spatial identities can offer guidance in this case and cont-
ribute to political and personal stability at the local level. Ideally, they
can provide impetus for present-day and future challenges related
to regional development. In the long term, profiling and emphasizing
regional particularities and constructing specific regional identities
can also improve the economic development of regions. For example,
regional marketing offers considerable potential for less competitive
actors to expand in the globalized market economy, while also pro-
moting more regional production and consumption. In this case, the
economization of the concept of identity must be avoided at all costs.
Regions cannot necessarily be defined by national and state borders,
and spatial planning is required in order to find a strategy for dealing
with these administrative hurdles. Cross-border planning can contri-
bute significantly to tearing down (national) state barriers and furthe-
ring the integration of the European area.
Even the composition of the populations in regions is subject to cons-
tant change: For example, shifting demographics amidst an aging
population are often accompanied by new family structures and some-
times migration flows, while processes of structural change continue
unabated. This can have a negative impact on the equality of living
conditions in regions and thus calls for region-specific action. Depar-
tures and arrivals influence the identities of both those who remain
and the new arrivals, which can change the perception of places in
turn. The reasons behind departures and arrivals are manifold and are
often related to educational and employment opportunities.
4 – Recommendations for Action88
However, people who feel that they belong to a region are less likely
to leave that region. Inclusive and diverse concepts of identity can be
promoted by urban and regional planners and can make it easier for
the inhabitants to establish an emotional bond with a region. This can
strengthen the potential for networking and the willingness to parti-
cipate, serving as the basis for endogenous regional development in
line with the motto »unity in diversity«.
Research in the fields of cultural studies and social sciences clear-
ly demonstrates that life in late modern societies generally involves
multiple orientations and multiple identities in increasingly transnati-
onal dimensions, and by no means just for new arrivals. This compre-
hensive heterogeneity includes various ethnic affiliations, languages,
religious traditions, regional and local identities, cultural values and
practices, which all result in multiple constructions of identity. At the
same time, there are growing demands for socio-spatial recognition
and representation in the public realm. Multiple identities are an im-
portant factor when it comes to spatial planning, requiring greater con-
sideration by means of strategic planning tools in order to ensure that
regions develop sustainably. This offers the potential to include addi-
tional perspectives in spatial planning and, by extension, to promote
more fair and inclusive spatial planning through diverse concepts of
identity.
ESTABLISHING THE REGION AS A KEY SUBJECT OF STUDY
The names of many planning degree programs and institutes include
both »urban« and »region« equally, but education in our discipline is
primarily devoted to large urban spaces and metropolitan areas. As a
result of the COVID-19 pandemic, rural spaces have started to enjoy
increased attention. Regional planning is already a key topic in ex-
pert discussions, which is illustrated by the focus of the International
Building Exhibition Thüringen. Therefore, it is necessary to concen-
trate more on regions and rural spaces in the education for students
of architecture and urban and regional planning. The region must be
increasingly included as a subject in spatial planning education at
universities. In the future, graduates of the spatial design and plan-
ning disciplines will contribute significantly to overcoming social and
ecological upheavals. For example, new teaching methods are con-
ceivable involving close cooperation between local authorities and
universities based on real concrete problems.
SAFEGUARDING SOURCES OF IDENTITY AND SHAPING CHANGE
AS A PUBLIC DUTY
Our discipline calls for the continuous analysis of which places,
landscapes, and cultural practices are relevant for regional identities
and how concepts of identity change. Especially because sources
of identity are significant for regions in transformation, they should
89 4 – Recommendations for Action
be understood as a public duty. Profound structural changes can be
observed in many regions, accompanied by the elimination of ma-
jor parts of an identity concept. These changes can cause fractures
among people and spaces, which influence both local and regional
urban development policies for decades thereafter. If important iden-
tity anchors of a region collapse, such as the automobile industry or
the coal mining sector, this not only impacts the material livelihoods
directly, but also changes the possibilities to identify with that region.
A division between urban and rural spaces can be observed in the
debate surrounding climate change and structural transformation: for
example, in the claim that rural spaces should bear the brunt of the
energy transition since the majority of energy is consumed in cities.
Therefore, regional planners are called upon to develop narratives to
establish socio-ecological transformations themselves as identity-
forming factors in a region—particularly in regions that have been im-
pacted significantly by structural changes and that are continuing to
grow in the wake of the energy transition. In addition, we must find
ways to implement new technologies and potential spatial solutions
capable of enhancing existing agricultural regions and localities care-
fully or gradually.
The analysis of spatial identities taking into account the specific local
characteristics or interests of the population could serve as a starting
point for customized spatial planning concepts in a region. This can
be based on scientific studies on who controls the formation of iden-
tities, who should be involved or participate in such a process, and
how small or rural communities can be supported. In many cases, local
authorities and civil society organizations are already addressing the
issue of spatial identities, which requires respectful and productive
cooperation between these stakeholders. Ideally, this should be mo-
derated and evaluated in order to counteract potential one-sided inter-
pretations or individual interests and to include multiple perspectives.
Therefore, in spite of any changes, efforts should be made to ensure
spatial constants and structural continuity in public planning and po-
licy. In these cases, public action can help initiate and support the
introduction of new opportunities or the restructuring, construction,
and creation of spaces within processes of co-production in order to
develop new identities.
UNDERSTANDING THE CONSERVATION OF CULTURAL HERITAGE
AS A FUNDAMENTAL CONTRIBUTION TO SUSTAINABLE REGIONAL
DEVELOPMENT
Built heritage in the form of architecture, cultural landscape, infra-
structure, and Baukultur is a cultural asset worthy of preservation and
potentially relevant in identity formation. At the same time, the pre-
servation and repurposing of historical buildings could prevent new
4 – Recommendations for Action90
buildings from being constructed in many instances. From an ecolo-
gical standpoint, this is urgently needed due to the enormous use of
resources, high CO2 emissions, increased soil sealing, and growing
lack of space. Preserving, repairing, and renovating existing buildings
should be paradigms in urban and spatial development. Built heritage
has the potential to develop future narratives and impulses with posi-
tive connotations, while promoting sustainable regional development.
In light of climate change, reducing the consumption of resources in
general and using local resources should be prioritized in regional de-
velopment. Both urban and regional planners should work to impede
the demolition of existing buildings and instead demand and imple-
ment models for the conscientious spatial development of our cities
and landscapes.
What is referred to as uncomfortable heritage requires special atten-
tion in this regard: When we talk about regional identities, we must
keep in mind Walter Benjamin’s dictum stating that there is no do-
cument of civilization which is not at the same time a document of
barbarism. This applies to Germany in particular as the regions have
also been shaped in part by the fractures, upheavals, and devasta-
tions of our recent history. This must be addressed, and the legacies
and narratives must be accepted as our heritage. Attempts to forget,
deliberately ignore, or exclude (specific) shameful or guilty aspects of
regional, historical, or cultural heritage are sure to fail sooner or later
as these skeletons in the closet are always brought out into the open
in the end. Urban and regional planners are tasked with finding a way
to deal with this seemingly uncomfortable and dissonant heritage and
to recognize it as part of our regional identities. This requires special
mediation and communication. This could relate to heritage from the
Nazi or GDR era, industrial heritage, or the remembrance of right-wing
attacks such as those in Solingen, Hanau, or Halle. In these cases, the
quest for truth and the critical analysis of uncomfortable heritage can
spark a public debate.
Finding an appropriate means of dealing with local and regional
heritage is a public duty. If civil society is active in this area, these
stakeholders should be actively involved in the process of reclamation,
mediation, and communication. In order to fulfill this duty properly,
many communities need additional resources and personnel. It this
case, the development of an inter- and transdisciplinary federal pro-
gram for dealing with uncomfortable regional heritage would be be-
neficial, even to encourage an exchange of ideas and mutual support
between communities that are still searching for an adequate solution
themselves—or that would like to put their solution into practice.
91 4 – Recommendations for Action
NO REGIONAL PLANNING WITHOUT REAL AND INCLUSIVE
PARTICIPATION AND COMMUNICATION
Communication and participation are fundamental factors for regio-
nal development, and they are being demanded more and more often.
Spatial planning is afforded an intermediary role in negotiating diffe-
rent interests. However, this should not be limited to just participants
from civil society, but rather it should also include cooperation with
various communities, administrations, and planning departments.
Dealing with communities requires a greater emphasis on regions
in order to ensure that regional development is cooperative and not
competitive.
Addressing regional identities involves extensive dialog. Neverthe-
less, increased participation is no guarantee for increased democracy
as no representative results are produced in many participatory
processes and existing unequal power structures are reproduced
instead. In the past, events have even been misused by certain groups
to promote their own political agendas. Therefore, it is our job to rein-
force the democratization and pluralization of the discourse when
designing participatory processes—for example, by specifically pro-
moting underrepresented perspectives. Regions are often home to
strong civil society actors that shape regional identities and carry
out valuable work for the development of those regions. These civil
society actors constitute a powerful organizational framework, which
is sometimes very difficult to access. Therefore, spatial planners are
called upon both to include these actors in regional planning projects
and to facilitate easily accessible platforms for dialog.
These spaces of interaction and discussion are becoming more and
more fragmented and can be found in »digital bubbles«, for instance.
They are also important for the co-determination and formation of re-
gional identities, which raises the question of how these spaces can
be taken into account and used more for regional planning. Due to
the possibilities offered by digitalization, former residents are increa-
singly participating in discussions and negotiations in regions from a
distance. Therefore, spatial planners are tasked with organizing more
hybrid dialogs (online/offline) between fragmented stakeholders and
ensuring equal opportunities in the decision-making process as much
as possible. Thus, methods of participation should be available both in
person and in digital formats whenever possible. Communities and re-
gions must be capable of initiating these processes and of organizing
and moderating them as they progress. This requires increasing per-
sonnel, strengthening technical skills, improving technology, and pro-
moting a self-confident public administration. Administrations should
be encouraged to see themselves as structures that can initiate and
implement innovative and inclusive processes.
4 – Recommendations for Action92
NEW CONCEPTS FOR REGIONAL AND INTERCOMMUNITY
COOPERATION AND ADEQUATE FUNDING ARE NECESSARY
Concepts of regional cooperation and intercommunity partnerships
are becoming increasingly important and are based on and/or alter
regional identities. Central place theory appears less and less rele-
vant in light of the polycentric reality of regions. The current trend of
delocalizing the retail sector, education, and work, for example, also
abandons the hierarchical principle of central places. The increased
focus on regional development runs contrary to the planning system
concentrated around central spaces. Central place theory must be
reassessed and redesigned in order to accommodate the polycentric
reality of many regions and reduce land use. At the same time, equal
opportunities should be created for small cities and rural areas.
Many communities are chronically underfinanced, which forces them
to continue competing with one another for scarce resources despite
growing regional cooperation. Therefore, the communities urgently
need sufficient financial resources to fulfill their duties. We need to
determine to what extent the existing tools for intercommunity and
regional planning still serve their intended purpose or whether they
might need to be enhanced or replaced. In particular, cooperation
across the borders of different federal states and across nations cur-
rently entails numerous obstacles and barriers that must be simplified
for the purpose of integrated spatial planning.
UNRESOLVED ISSUES IN DEALING WITH SPATIAL IDENTITIES
In the debate surrounding regional identities, many questions cannot
be answered definitively, but rather require deeper reflection: for ex-
ample, the question of what regional identities have to contribute in
the first place. Could regional identities help make our future more
democratic, more meaningful, and more universalistic? We have de-
scribed regional identities as a key factor in regional development,
but it remains to be seen whether regional identities can be used as
a driving force in the region for planning and spatial transformation.
Here it is important to have a discussion about how and to what extent
regional identities can be shaped and whether new regional identities
can actually be formed. When regional identities are emphasized in
planning, it is necessary to continuously evaluate whether exclusive
or restrictive moments are being promoted unintentionally. In addition,
the question of who is involved in shaping regional identities and who
is excluded should be examined regularly. For the spatial disciplines,
this raises the question of what part planners can play and what role
universities will be assigned.
93 4 – Recommendations for Action
REGIONAL IDENTITY PROCESSES AS A SPECIALIZATION IN EDUCATION
AND AS A CONTRIBUTION TO SOCIO-ECOLOGICAL TRANSFORMATION
Spatial identities represent a crosscutting issue (see Page 64) that
can address and combine many questions regarding modern spatial
development. Therefore, examining regional identities presents the
opportunity to impart a sense of belonging to the diverse inhabitants
of a region and to develop a positive narrative for shaping the future
and tackling modern challenges collectively. It is not possible to as-
sess the risks and opportunities associated with regional identities in
spatial planning conclusively here. However, we hope this publication
will help answer the question of how regional identities can be inte-
grated into spatial planning in order to create inclusive, ecological,
social, and economically stable regions.
PARTNER:INNEN
Rheinisch-Westfälische
Technische Hochschule
Aachen
Lehrstuhl für Städtebau
und Entwerfen und Institut für
Städtebau und europäische
Urbanistik
Prof. Christa Reicher
Canan Çelik
Lehrstuhl für Planungstheorie
und Stadtentwicklung
Prof. Dr. Agnes Förster
Christina Jiménez Mattsson
Technische Universität Berlin
Fachgebiet für Städtebau
und Siedlungswesen
Prof. Dr. Angela Million
Dr. Agnes Müller
Seul Lee
Hochschule Coburg
Lehrstuhl für Städtebau
und Entwerfen
Prof. Mario Tvrtkovic
Brandenburgische
Technische Universität
Cottbus-Senftenberg
Fachgebiet Stadtmanagement
Prof. Dr. Silke Weidner
Tihomir Viderman
Technische Universität
Dresden
Lehrstuhl für Urbanismus
und Entwerfen
Prof. Melanie Humann
Gudrun Deppe
Louisa Scherer
Technische Universität
Dortmund
Fachgebiet für Städtebau,
Bauleitplaung und Stadt-
gestaltungsprozesse
Prof. Dr. Renée Tribble
José M. Velazco-Londoño
Päivi Kataikko-Grigoleit
Fachhochschule Erfurt
Fachgebiet für Planungs-
kommunikation und
Fachgebiet Bau- und
Stadtplanungsrecht
Prof. Dr. Reinhold Zemke
Stefan Andres
Technische Universität
Kaiserslautern
Lehrstuhl Stadtplanung
Prof. Dr. Detlef Kurth
Marie Turgetto
Universität Kassel
Fachgebiet Stadterneuerung
und Planungstheorie
Prof. Dr. Uwe Altrock
Dr. Henriette Bertram
Dr. Wiebke Reinert
Universität Stuttgart
Lehrstuhl Theorien und
Methoden der Stadtplanung
Prof. Dr. Laura Calbet i Elias
Isabelle Willnauer
Bauhaus-Universität Weimar
Professur Raumplanung
und Raumforschung
Prof. Dr. Max Welch Guerra
Dr. Julia Gamberini
Felix Lackus
Professur Denkmalpflege
und Baugeschichte
Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier
Kirsten Angermann
Christine Dörner
FÖRDERUNG
Bundesinstitut für Bau-,
Stadt- und Raumforschung
(BBSR)
im Bundesamt für Bauwesen
und Raumordnung (BBR)
Deichmanns Aue 31–37
53179 Bonn
www.bbsr.bund.de
Bundesministerium für
Wohnen, Stadtentwicklung
und Bauwesen (BMWSB)
Krausenstr. 17–18
10117 Berlin
www.nationale-stadt-
entwicklungspolitik.de
Das Projekt und die Publika-
tion wurden aus Mitteln der
Nationalen Stadtentwicklungs-
politik finanziert.
Übersetzung
Zachary Mühlenweg (S.84–91)
Fotos und Illustrationen
Bundesregierung/Jesco
Denzel (S.5), Hochschule
Coburg/Liliana Frevel
(S.13–14), Elisa Wrobel
(S.16), Maria Garcia Perez
raumlabor (S.17), Pasel-K
Architects (S.19), Thomas
Müller – IBA Thüringen (S.22),
Green4Cities GmbH (S.23),
Andreas Röhring (S.27),
Annika Lesem/everettovrk
(S.30), Thomas Rustemeyer
(S.9, 48–49, 68, 72, 76).
Alle weiteren Fotos und
Grafiken wurden von den
beteiligten Universitäten
zur Verfügung gestellt
und vom Forschungsteam
der TU Berlin und der
Bauhaus-Universität Weimar
bearbeitet.
Geschlechtsspezifische
Formulierung
Im Sinne der besseren Les-
barkeit wurde für geschlechts-
spezifische Formulierungen
der Doppelpunkt [:] verwendet.
Selbstverständlich beziehen
sich alle gewählten personen-
bezogenen Bezeichnungen
auf alle Geschlechtsformen.
VERLAG
Universitätsverlag der
TU Berlin, 2022
https://verlag.tu-berlin.de
Fasanenstr. 88, 10623 Berlin
Tel.: +49 (0)30 314 76131
E-Mail: publikationen@ub.
tu-berlin.de
Diese Veröffentlichung –
ausgenommen anderweitig
gekennzeichnete Teile –
ist unter der CC-Lizenz CC BY
lizenziert.
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2512-8914
Zugleich online veröffentlicht
auf dem institutionellen
Repositorium der Techni-
schen Universität Berlin:
DOI 10.14279/
depositonce-15539
http://dx.doi.org/10.14279/
depositonce-15539
IMPRESSUM
Diese Veröffentlichung gibt
die wichtigsten Ergebnisse
der Winterschule 2022
»Die identitätsstiftende Re-
gion« wieder, die im Rahmen
des Projektes »Fachlicher
Nachwuchs entwirft Zukunft«
der Nationalen Stadtentwick-
lungspolitik (BMWSB, BBSR)
von der Technischen Univer-
sität Berlin in Zusammenarbeit
mit der Bauhaus-Universität
Weimar durchgeführt wurde.
Herausgeber:innen
Felix Bentlin
Christine Dörner
Felix Lackus
Angela Million
Projekt, Konzeption und
Redaktion
Christine Dörner
Felix Lackus
Mitarbeit: Natalie Gräbner
Bastian Kniza
Institut für Europäische
Urbanistik (IfEU)
Professuren Denkmalpflege
und Baugeschichte & Raum-
planung und Raumforschung,
Bauhaus-Universität Weimar
Belvederer Allee 5
99425 Weimar
www.uni-weimar.de
Prof. Dr. Angela Million
Dr. Felix Bentlin
Fachgebiet Städtebau
und Siedlungswesen
ISR – TU Berlin
Hardenbergstr. 40A
10623 Berlin
www.tu-berlin.de
Editor-in-chief: Felix Bentlin
Mitarbeit: Annika Lesem
Bibliografische Information
der Deutschen
Nationalbibliothek
Die Deutsche National-
bibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über
http://dnb.dnb.de abrufbar.
2022 Bentlin, Dörner,
Lackus, Million
Fachgebiet Städtebau
und Siedlungswesen,
ISR – TU Berlin
Professuren Denkmalpflege
und Baugeschichte & Raum-
planung und Raumforschung,
IfEU – Bauhaus-Universität
Weimar
Stärker als bisher werden in Planungs- und Gestaltungsprozessen
Identitätszuschreibungen wahrgenommen und gerade in Bezug auf
Regionen definiert und hochgehalten. Angehende Planer:innen,
Architekt:innen und Gestalter:innen aus 11 Hochschulen haben sich,
in der Hochschullehre und in einer nationalen Winterschule an der
Bauhaus-Universität Weimar, kritisch mit regionalen Identitäten und
deren treibender Kraft für (regionale) Transformationsprozesse be-
schäftigt. Das Themenspektrum umfasste unter anderem Entwicklun-
gen in der industriellen Landwirtschaft, ökologische und ästhetische
Weiterentwicklung von Kulturlandschaften und baulich-kulturellem
Erbe, raumplanerische Strategien für den demografischen Wandel
sowie politische und ökonomische Teilhabe an Regionalentwicklung.
Ein besonderer Fokus war auch der Umgang mit unbequemem Erbe,
welches in den studentischen Arbeiten erfahrbar und sichtbar für
lokale Identitätsdiskurse ist.
Die vorliegende Publikation wendet sich an Akteur:innen aus Poli-
tik und Verwaltung, wie auch an weitere Interessierte. Sie zeigt eine
Bandbreite an kreativen Beiträgen zur Regional- und Stadtentwick-
lungspolitik im Umgang mit raumbezogenen Identitäten.
Universitätsverlag der TU Berlin
ISBN (print) 978-3-7983-3275-1
ISBN (online) 978-3-7983-3276-8