WISSENSMANAGEMENT IN BERATUNGSPROJEKTEN AUF BASIS
INNOVATIVER INFORMATIONS- UND
KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN: DAS SYSTEM K3
Konzeption, Entwicklung und Implementierung eines Wissensmanagement-
systems für Beratungsunternehmen sowie empirische Einsatzerfahrungen im
Inhouse Consulting der BMW AG
DISSERTATION
der Universität-Gesamthochschule-Paderborn zur Erlangung der Würde eines
Doktors der Wirtschaftswissenschaften
vorgelegt von
CHRISTOPH STEIGER
bei
1. Referent: Prof. Dr. Ludwig Nastansky
2. Referent: Prof. Dr. Leena Suhl
V O R W O R T
Knowledge Management – ein Thema, das zur Drucklegung der vorliegenden Dis-
sertation in Forschung und Praxis intensiv diskutiert wird, war in der Entstehungs-
phase dieser Arbeit von noch vergleichsweise geringer Bedeutung. In dieser Entste-
hungsphase nahm der Verfasser vielfältige Gelegenheiten wahr, begleitend zum
Studium in Beratungsunternehmen in Projekten mitzuwirken und dabei den selbst-
verständlichen Bedarf für systematische Analyse, Aufbereitung und Bereitstellung
von Unternehmeswissen kennenzulernen. Nach dem Studium, nunmehr als Ange-
stellter einer Unternehmensberatung, konkretisierten und verdichteten sich die Er-
fahrungen nach dem immensen Bedarf in einer Organisation, schnelle Zugriffe auf
die Erkenntnisse und Erfahrungen der Kollegen zu erhalten. In diesem berufsprakti-
schen Erfahrungsschatz ist einer der motivierenden Gründe zu sehen, der zu der
vorliegenden Dissertation geführt hat. Hinzu kam der Wunsch, die akademische
Ausbildung durch eine vom Berufalltag losgelöste Forschungsarbeit und Promotion
abzurunden.
Vor diesem Hintergrund bot sich dem Verfasser die Möglichkeit, bei der BMW AG
eine Doktorandenstelle in der unternehmensinternen Beratung (Inhouse Consulting)
anzunehmen. Dabei handelte sich um eine neu eingerichtete Abteilung mit etwa 100
Mitarbeitern, die an verteilten Standorten und in unterschiedlichen Funktionsberei-
chen tätig sind und den Bedarf haben, sich zu vernetzen – ein offensichtlich ideales
Versuchsfeld für das Thema „Knowledge Management in Consulting-Projekten“.
Als Projektleiter mit der Durchführung eines gleichnamigen Projektes beauftragt,
konnte der Verfasser seine bisherigen Erfahrungen und die akademische Forschung
mit den konkreten Anforderungen der aktuellen beruflichen Praxis verbinden. In
diesem Projektumfeld wurde ein Konzept für die systematische Erfassung, Aufbe-
reitung und Bereitstellung relevanter Wissenselemente einer Unternehmensberatung
entwickelt, das sich an dem Kern der Beratungstätigkeit orientiert - der Projektar-
beit. Ziel und Zweck der vorliegenden Disseration ist es, neben dem Entwurf eines
neuartigen Wissensmanagementkonzepts auf wissenschaftlicher Grundlage, insbe-
sondere auch dessen systemhafte Umsetzung sowie die Validierung in der berufli-
chen Praxis aufzuzeigen.
Dank gilt den Leitern des BMW Inhouse Consulting, Dr. Herbert Diess und Bodo
Donauer, die mit der Beauftragung des o.g. Projekts die Basis für die vorliegende
Dissertation geschaffen haben, sowie weiterhin dem Betreuer und Mentor der Pro-
jektarbeit im BMW Konzern, Dr. Rudolf Scheiber. Dank möchte der Verfasser ins-
besondere auch den Projektmitarbeitern Katrin Ley, Wolfgang Obermeier, Mathias
von Alten und Hubert Ströbel sowie allen Kollegen des Inhouse Consulting und den
sonstigen „Betroffenen“ im Konzern aussprechen, ohne deren Verständnis und Un-
terstützung das o.g. Projekt nicht durchführbar gewesen wäre.
Ein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Ludwig Nastansky, der den Verfasser als Dok-
torvater zur Promotion ermutigte, während der letzten Jahre betreute und dabei in
intensiven Diskussionen als wertvoller „Sparringspartner“ zur Seite stand.
Nicht zuletzt dankt der Verfasser seinen Eltern und seiner Lebenspartnerin Alexand-
ra Rauh, ohne deren Unterstützung und Verständnis die vorliegende Dissertation
niemals entstanden wäre.
München, im August 2000 Christoph Steiger
INHALTSVERZEICHNIS
1EINLEITUNG....................................................................................................................1
1.1 Szenario......................................................................................................................... 2
1.2 Motivation..................................................................................................................... 4
1.2.1 Ziele der Arbeit.......................................................................................................4
1.2.2 Umfeld der Arbeit...................................................................................................5
1.2.3 Wissenschaftstheoretische und methodische Positionierung der Arbeit................6
1.3 Aufbau der Arbeit ........................................................................................................ 7
2PROBLEMBESCHREIBUNG .....................................................................................12
2.1 Identifikation der Informationsflut als unternehmerische Problemstellung........ 12
2.1.1 Entstehung und Ursachen der Informationsflut....................................................12
2.1.2 Auswirkungen der Informationsflut.....................................................................14
2.2 Wandel der gesellschaftlichen und betrieblichen Werte ........................................ 15
2.2.1 Entstehung der Wissensgesellschaft.....................................................................15
2.2.2 Bedeutung des intellektuellen Kapitals................................................................19
2.2.3 Mangelnde Fähigkeiten zur Bewirtschaftung des Produktionsfaktors Wissen....21
2.3 Unternehmensberatungen als Treiber der Wissensgesellschaft ............................ 23
2.3.1 Bedeutung von Beratungsunternehmen für die Wissensgesellschaft...................23
2.3.2 Projekte als typische Organisationsform der Beratung........................................24
3WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN ......25
3.1 Projektmanagement................................................................................................... 25
3.1.1 Projekt und Projektmanagement...........................................................................25
3.1.1.1 Grundgedanke und Charakteristika von Projekten...........................................25
3.1.1.2 Ziele und Inhalte des Projektmanagement.......................................................27
3.1.2 Projektmanagement als iterativer Prozeß.............................................................29
3.1.2.1 Bedeutung des Projektlebenszyklus.................................................................29
3.1.2.2 Kontrollierter Projektverlauf durch Phasenkonzepte.......................................30
3.1.2.3 Projekt- vs. Prozeßmanagement.......................................................................32
3.2 Wissensmanagement .................................................................................................. 34
3.2.1 Daten – Informationen – Wissen..........................................................................34
3.2.2 Wissen aus der Sicht der Neurobiologie..............................................................38
3.2.2.1 Wissenszentrum Gehirn....................................................................................38
3.2.2.2 Prozesse des Wissenserwerbs...........................................................................40
3.2.2.3 Prozesse der Wissensspeicherung....................................................................41
3.2.3 Repräsentationsformen von Wissen.....................................................................43
3.2.3.1 Klassische Repräsentation durch Text..............................................................44
3.2.3.2 Multiple Repräsentation durch Multimedia......................................................45
3.2.3.3 Nichtlineare Repräsentation durch Hypertext..................................................48
3.2.3.4 Nichtlineare, multiple Repräsentation durch Hypermedia...............................50
3.2.3.5 Realitätsnahe Repräsentation durch Virtual Reality.........................................51
3.2.4 Management des Produktionsfaktors Wissen.......................................................52
3.2.4.1 Abgrenzung des Begriffs Management............................................................52
3.2.4.2 Informationsmanagement vs. Wissensmanagement.........................................55
3.2.4.3 Barrieren des Wissensmanagements................................................................58
3.2.4.4 Wissensunternehmen........................................................................................60
3.2.4.5 Messung und Controlling von Wissen.............................................................64
3.2.5 Ausgewählte Konzepte des Wissensmanagements..............................................67
3.2.5.1 Die Bausteine des Wissensmanagements von Probst.......................................67
3.2.5.2 Die Spirale des Wissens von Nonaka/Takeuchi...............................................71
3.2.5.3 Modell der Nutzung immaterieller Vermögenswerte von Sveiby....................75
3.2.5.4 Das Wissensmarkt-Konzept von North............................................................78
3.2.5.5 Bewertung.........................................................................................................81
3.2.6 Technologien im Umfeld des Wissensmanagements...........................................83
3.2.6.1 Weltweite Vernetzung über das Internet..........................................................83
3.2.6.2 Kommunikation, Kooperation und Koordination durch CSCW......................85
3.2.6.3 Hardware-Technologien zur Überwindung von Medienbrüchen.....................91
3.3 Unternehmensberatung ............................................................................................. 95
3.3.1 Konzeptionelle Abgrenzung des Beratungsbegriffs.............................................95
3.3.2 Differenzierung der Beratungsleistung.................................................................96
3.3.3 Übersicht der Beratungsbranche...........................................................................98
3.3.4 Umgang der Unternehmensberatungen mit der Ressource Wissen...................101
3.3.5 Wissensmanagement in Unternehmensberatungen anhand ausgewählter
Fallstudien..........................................................................................................................102
3.3.5.1 Arthur D. Little...............................................................................................103
3.3.5.2 Booz • Allen & Hamilton...............................................................................107
3.3.5.3 McKinsey & Company...................................................................................109
3.3.5.4 Andersen Consulting......................................................................................112
3.3.5.5 Arthur Andersen Managementberatung.........................................................115
3.3.5.6 Ernst&Young..................................................................................................118
3.3.5.7 Gemini Consulting..........................................................................................121
3.4 Fazit........................................................................................................................... 125
4ABLEITUNG DER KONZEPTIONELLEN ANFORDERUNGEN ........................128
5K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS
FÜR BERATUNGSUNTERNEHMEN..............................................................................132
5.1 Basiskonzepte eines innovativen Wissensmanagements....................................... 132
5.1.1 Modell der Wissensentstehung...........................................................................132
5.1.2 Wissensarten und Wissenszustände...................................................................134
5.1.3 Lebenszyklus des Wissens.................................................................................137
5.1.3.1 Wissensmehrung.............................................................................................138
5.1.3.2 Wissensvermittlung........................................................................................140
5.1.3.3 Wissensverwaltung.........................................................................................143
5.1.3.4 Wissensnutzung..............................................................................................146
5.1.4 Kompetenz-Netzwerke: Macht des Indirekten Wissens.....................................148
5.1.5 Kontinuierliche Steigerung der Projekteffizienz durch Wissensmanagement...151
5.1.6 Kommerzielle Vermarktung des eigenen Wissens durch K-Commerce............153
5.2 Aufbaukonzept Knowledge City.............................................................................. 156
5.2.1 Metamodell der Wissensstadt.............................................................................156
5.2.2 Vom Geschäftsobjekt zur Knowledge City........................................................158
5.2.3 Architektur der Knowledge City........................................................................159
5.3 Ablaufkonzept Project Knowledge Framework...................................................... 168
5.3.1 Grundkonzeption................................................................................................169
5.3.1.1 Erweiterung exisitierender Phasenkonzepte...................................................169
5.3.1.2 Prozeßorientierung im Projektverlauf............................................................170
5.3.1.3 Kontrollierter Projektverlauf und Wissenssicherung durch Gateways ..........171
5.3.2 Umsetzung des Gateway-Konzepts....................................................................172
5.3.2.1 Phase Projektakquisition................................................................................172
5.3.2.2 Phase Projektvorbereitung..............................................................................174
5.3.2.3 Phase Projektinstallation................................................................................176
5.3.2.4 Phase Projektdurchführung............................................................................177
5.3.2.5 Phase Erfahrungssicherung............................................................................178
5.3.2.6 Phase Umsetzungskontrolle............................................................................180
5.3.3 Zusammenfassung..............................................................................................181
6PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN ........................183
6.1 Knowledge Management auf Basis des System K3................................................ 183
6.1.1 Architektur des System-K3.................................................................................183
6.1.2 Wissensbank Knowledge City............................................................................187
6.1.2.1 Zugangsfunktion der Knowledge City...........................................................187
6.1.2.2 Verwaltungsfunktion der Knowledge City.....................................................190
6.1.2.3 Integrationsfunktion der Knowledge City......................................................193
6.1.3 Web Connector...................................................................................................194
6.1.4 Workflow Environment......................................................................................197
6.2 Umsetzung des Project Knowledge Framework...................................................... 198
6.2.1 Zentraler Zugang zum Projektwissen durch den Projekt-Master.......................198
6.2.2 Workflowunterstützung des Projekt-Masters.....................................................201
6.2.3 Phasenbezogene Nutzung von Erfahrungswissen..............................................202
6.3 Anwendung in der Praxis des BMW Inhouse Consulting .................................... 204
6.3.1 Beschreibung des Anwendungsszenarios...........................................................204
6.3.2 Entwicklung und Einführung des System-K3 im BMW Inhouse Consulting....205
6.3.3 Praktische Einsatzerfahrungen...........................................................................206
7ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION .........................................................209
8ANHANG......................................................................................................................212
8.1 ANHANG A: Die langen Wellen der Konjunktur und ihre Basisinnovationen. 212
8.2 ANHANG B: Checklisten des Project Knowledge Framework............................. 215
8.3 ANHANG C: Kurzdokumentation der Entwicklung und der Architektur des
Systems K3 (Referenz zur beigelegten CD-ROM)............................................................. 221
Datenbank “Knowledge City”............................................................................................223
Datenbanken “Web Connector”.........................................................................................225
9LITERATURVERZEICHNIS ......................................................................................229
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abbildung 1: Umfeld und Positionierung der Arbeit.................................................................6
Abbildung 2: Struktureller Aufbau der Arbeit...........................................................................8
Abbildung 3: Vermehrung des Wissens seit 1800...................................................................12
Abbildung 4: Grenznutzen der Information.............................................................................15
Abbildung 5: Die langen Wellen der Konjunktur nach Nefiodow...........................................16
Abbildung 6: Entwicklungsstufen der gesellschaftlichen Evolution........................................18
Abbildung 7: Börsenkurs- bzw. Marktwert von Sun Microsystems........................................20
Abbildung 8: Erfahrungen mit komplexen Projekten stammen im wesentlichen aus der Luft-
und Raumfahrt..................................................................................................................25
Abbildung 9: Aufgaben der Projektplanung.............................................................................27
Abbildung 10: Projektmanagement als Regelkreis ..................................................................28
Abbildung 11: Vergleich verschiedener Phasenkonzepte........................................................31
Abbildung 12: Dach und Säulen des Prozeßmanagements......................................................33
Abbildung 13: Abgrenzung von Daten, Informationen und Wissen........................................35
Abbildung 14: Funktionen der Hirnhälften..............................................................................38
Abbildung 15: Formen des Lernens.........................................................................................40
Abbildung 16: Baddeleys Theorie des Arbeitsgedächtnisses...................................................42
Abbildung 17: Repräsentationsformen des Wissens................................................................44
Abbildung 18: Multidimensionale Repräsentation nach Marmolin.........................................48
Abbildung 19: Funktionen des Managements nach Bleicher...................................................55
Abbildung 20: Barrieren für das Wissensmanagement............................................................58
Abbildung 21: Wachstumsfirmen in den USA.........................................................................61
Abbildung 22: Der Unternehmensnavigator von SKANDIA AFS..........................................65
Abbildung 23: Monitor für immaterielle Vermögenswerte......................................................66
Abbildung 24: Bausteine des Wissensmanagements...............................................................68
Abbildung 25: Dimensionen der Wissensschaffung und Wissensspirale ................................72
Abbildung 26: Vier Formen der Wissensumwandlung............................................................73
Abbildung 27: Arten immaterieller Vermögenswerte im Unternehmen..................................75
Abbildung 28: Das Wissensmarkt-Konzept.............................................................................80
Abbildung 29: Die Abgrenzung von Intranet zu Internet.........................................................84
Abbildung 30: Vorteile von Intranets.......................................................................................85
Abbildung 31: CSCW-Forschung im Überblick......................................................................86
Abbildung 32: Klassifikation von Groupware nach Einsatzbedingungen...............................87
Abbildung 33: Klassifikation von Groupware nach Einsatzzweck..........................................87
Abbildung 34: Klassifikation von Workflow Management Systemen.....................................90
Abbildung 35: Unterschiedliche Konzepte innovativer Digitalisiergeräte..............................93
Abbildung 36: Strategische Ausrichtung ausgewählter Unternehmensberatungen.................98
Abbildung 37: Umsatzentwicklung in der Unternehmensberatung.......................................100
Abbildung 38:Kompetenzen internationaler Unternehmensberatungen...............................102
Abbildung 39: Matrix-Organisation bei ADL........................................................................104
Abbildung 40: Homepage des ADL Link..............................................................................105
Abbildung 41: Matrix-Organisation bei Booz • Allen & Hamilton.......................................108
Abbildung 42: Matrix-Organisation bei McKinsey...............................................................110
Abbildung 43: Wissenskategorien des KX-Systems..............................................................113
Abbildung 44: Bausteine des Wissensmanagement nach Arthur Anderson..........................115
Abbildung 45: Beispiel einer KMAT Auswertung für ein Unternehmen..............................116
Abbildung 46: Unternehmenswissensmanagement-Modell von Arthur Andersen................117
Abbildung 47: Struktur des CBK...........................................................................................119
Abbildung 48: Beispiel der Struktur eines Powerpacks.........................................................121
Abbildung 49: Die Erfahrungsmatrix von Gemini Consulting..............................................122
Abbildung 50: Institutionen des Gemini-KM........................................................................124
Abbildung 51: Dimensionen des Wissensmanagements........................................................132
Abbildung 52: Prozeß der Wissensentstehung.......................................................................133
Abbildung 53: Unterscheidung von Wissensarten.................................................................135
Abbildung 54: Unterscheidung von Wissenszuständen.........................................................136
Abbildung 55: Wissenszyklus................................................................................................138
Abbildung 56: Transformationspfade des Wissens................................................................140
Abbildung 57: Prozeß des organisationalen Vergessens........................................................146
Abbildung 58: Generalisten koordinieren Spezialisten..........................................................149
Abbildung 59: Evolutionsstufen eines Kompetenz-Netzwerks..............................................151
Abbildung 60: Lebenszyklus von Beratungsprojekten...........................................................152
Abbildung 61: Modell der Projekt-Helix................................................................................153
Abbildung 62: Die Stadt als Basismodell einer kollektiven, kognitiven Struktur .................157
Abbildung 63: Vom Geschäftsobjekt zur Knowledge City....................................................159
Abbildung 64: Verwaltung von Beratungswissen in der Knowledge-City............................160
Abbildung 65: Erweitertes Phasenkonzept.............................................................................169
Abbildung 66: Prozeßorientierter Projektverlauf...................................................................170
Abbildung 67: Knowledge-Gateways ....................................................................................171
Abbildung 68: Teilprozeß Projektakquisition........................................................................172
Abbildung 69: Teilprozeß Projektvorbereitung.....................................................................175
Abbildung 70: Teilprozeß Projektinstallation .......................................................................176
Abbildung 71: Teilprozeß Projektdurchführung ...................................................................177
Abbildung 72: Teilprozeß Erfahrungssicherung....................................................................179
Abbildung 73: Teilprozeß Umsetzungskontrolle....................................................................181
Abbildung 74: Project Knowledge Framework......................................................................182
Abbildung 75: Architektur des System-K3.............................................................................185
Abbildung 76: Funktionen der Knowledge City....................................................................187
Abbildung 77: Navigation in der Wissensbank Knowledge City...........................................188
Abbildung 78: Volltextsuche in der Knowledge City............................................................190
Abbildung 79: Steuerung der Wissensobjekte.......................................................................191
Abbildung 80: Multidimensionale, dynamische Ansichten...................................................193
Abbildung 81: Logischer Aufbau des Web Connectors.........................................................195
Abbildung 82: Aufbaustruktur des Navigationsbereichs .......................................................196
Abbildung 83: Einsatz des Web Connectors am Beispiel des BMW Intranets......................197
Abbildung 84: Struktur des Workflow-Management-Environments Expresso.....................198
Abbildung 85: Zentraler Zugang zum Projektwissen über den Projekt-Master....................199
Abbildung 86: Struktureller Aufbau des Projekt-Master.......................................................200
Abbildung 87: Workflowsteuerung des Projekt-Masters.......................................................201
Abbildung 88: Umfänge der Funktion Toolbox .....................................................................202
Abbildung 89: Zugriff auf bestehende Lessons Learned.......................................................203
Abbildung 90: Weltweite Produktionsstandorte des BMW Konzerns...................................204
Abbildung 91: Definition eines Kondratieffzyklus (am Beispiel des 5. Kondratieff *)........213
TABELLENVERZEICHNIS
Tabelle 1: Verschiedene spezifische Leistungen der Hirnhälften............................................39
Tabelle 2: Absichtlich vs. beiläufig gelernte Begriffe und Bilder............................................45
Tabelle 3: Gründe für den Ankauf von Beratungsleistungen...................................................96
Tabelle 4: Umsatz und Mitarbeiter ausgewählter Unternehmensberatungen...........................99
Tabelle 5: Die 26 weltweit größten Beratungsunternehmen 1996.........................................101
Tabelle 6 : Rollen der KM-Organisation bei Andersen Consulting.......................................114
Tabelle 7: Geschäftsfelder der Ernst&Young Unternehmensberatung..................................119
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS
ARPANET Advanced Research Project Agency Network
ASCII American Standard Code of Information Interchange
BPR Business Process Reengingeering
CBT Computer Based Training
CECMG Central Europe Computer Measurement Group
CERN Centre Europeen de la Recherche Nuclaire
CSCW Computer Supported Cooperative Work
DNS Domain Name System
DNUG Deutsche Notes User Group
FTP File Transfer Protocol
HTML HyperText Markup Language
HTTP HyperText Transfer Protocol
IC Inhouse Consulting
i.d.R. in der Regel
IP Internet Protocol
IT Informationstechnologie(n)
JPEG Joint Photographic Experts Group
KM Knowledge Management
KMU Kleine und Mittelständische Unternehmen
KVP Kontinuierlicher Verbesserungsprozeß
LAN Local Area Network
LDAP Lightweight Directory Access Protocol
MAN Metropolitan Area Network
MIME Multipurpose Internet Mail Extensions
MIS Management Information System
MPEG Motion Picture Expert Group
NSFNET National Science Foundation Network
OCR Object Character Recognition
PC Personal Computer
POO Point of Origin
POP3 Post Office Protocol, Version 3
QMS Quality Management System
RDBMS Relational Database Management System
ROI Return on Investment
SMTP Simple Mail Transport Protocol
TCP/IP Transmission Control Protocol / Internet Protocol
TQM Total Quality Management
VR Virual Reality
WAN Wide Area Network
WM Wissensmanagement
WFM Workflow Management
WFMC Workflow Management Coalition
WFMS Workflow Management System
EINLEITUNG Seite 1
1 Einleitung
„Die Welt von heute ist nicht mehr arbeitsintensiv, sie ist nicht mehr
werkstoffintensiv oder energieintensiv, sondern wissensintensiv.“
Peter Drucker in:[Drucker 1992, S. 241]
Die globale Gesellschaft befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Bürgel stellte 1993 fest:
„Nach Humanismus, Aufklärung, Romantik ist es jetzt die Technik und in Zukunft die Infor-
mation, welche das Weltbild prägen.“ [Blum/Bürgel/Horvath 1993]. Die Zukunft im Sinne
von Bürgel hat längst begonnen, Information ist zumindest in den Industrieländern zu einem
wesentlichen Wirtschaftsfaktor geworden. Ganze Industriezweige, wie Fernsehsender, Nach-
richtendienste, Zeitungen/Zeitschriften, Wertpapierbörsen u.a. stützen ihre unternehmerische
Tätigkeit auf die Beschaffung, Erzeugung und Verbreitung des virtuellen Wirtschaftsgutes
Information. Diese zunehmende Fokussierung auf die Erzeugung und Verbreitung von Infor-
mationen läßt die weltweiten Informationsbestände der Menschheit exponentiell anwachsen.
Die Verfügbarkeit dieser Informationsbestände stellt allerdings keinen Wert an sich dar, erst
die Fähigkeit, diese Informationen zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Anwendungskontext
einsetzen zu können, erzeugt einen meßbaren Nutzen. Probst verwendet diese Argumentation
zur Unterscheidung der Begriffe Information und Wissen: „Die Vernetzung von Informatio-
nen ermöglicht deren Nutzung in einem bestimmten Handlungsfeld, welches als Wissen
bezeichnet werden kann.“ [Probst 1998, S. 35].
Die Fähigkeit von Unternehmen, die Ressource Wissen nutzbar zu machen, wird in der zu-
künftigen Gesellschaft ein wesentliches Differenzierungspotential darstellen und zur
Erlangung komparativer Wettbewerbsvorteile beitragen. Drucker legt dar, daß wir auf eine
„Wissensgesellschaft“ zusteuern, in der nicht mehr Kapital, Bodenschätze oder Arbeitskraft
die grundlegende ökonomische Ressource sind, sondern das Wissen [vgl. Drucker 1992, S. 15
ff.]. „Die größte Aufgabe für Manager in den entwickelten Ländern ist die Steigerung der
Produktivität von Wissens- und Servicearbeitern. Diese Herausforderung wird nicht nur die
Managementtätigkeit in den kommenden Jahrzehnten beherrschen, sondern letztlich auch
über die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen entscheiden. Sie wird zum bestimmenden
Faktor schlechthin für die Gesellschaftsstruktur und Lebensqualität jeder industrialisierten
Nation werden.“ [Drucker 1993]. Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung eines gesell-
schaftlichen und wirtschaftlichen Knappheitsfelds Wissen zu erwarten. Toffler zieht den
Schluß, daß Wissen die Quelle für weitreichende Macht ist und den Schlüssel für einen be-
EINLEITUNG Seite 2
vorstehenen Machtwechsel in sich birgt [vgl. Toffler 1990].
Unternehmensberatungen machen sich den Wissensbedarf von Unternehmen zunutze und
bieten eine Dienstleistung an, die im wesentlichen der situationsgerechten Nutzung der richti-
gen Informationen im richtigen Anwendungskontext entspricht. Im Gegensatz zu den
Produktionsbetrieben der Industriegesellschaft, deren wesentlicher Arbeitsinhalt in der Pro-
duktion materieller Güter besteht, konzentriert sich die Geschäftstätigkeit von
Unternehmensberatungen auf den Umgang mit dem immateriellen Gut Wissen. Sie können
damit als typische Potentialkandidaten der Wissensgesellschaft im Sinne von Drucker ange-
sehen werden [vgl. Drucker 1996, S. 209; Drucker 1992, S. 15 ff.]. Für
Beratungsunternehmen bildet der effiziente Umgang mit Wissen die Grundlage ihres wirt-
schaftlichen Erfolgs. Umgang bedeutet in diesem Zusammenhang nicht allein die
Speicherung umfangreicher Datenbestände z.B. in Form eines Data Warehouse, auch nicht
den technologie-getriebenen Aufbau eines unternehmensweiten Intranets sondern vielmehr
einen ganzheitlichen Systemansatz bestehend aus Konzepten, Methoden und Werkzeugen
zum Zweck der Bewirtschaftung der Ressource Wissen.
In der Regel werden Beratungsaufträge in Form von Projekten abgewickelt. Im Kontext von
Großprojekten, unter Beteiligung vieler, auch örtlich getrennter Arbeitsgruppen entsteht eine
besondere Anforderung an die Verfügbarmachung und Nutzung des vorhandenen Wissens. In
diesem Zusammenhang entsteht das Problem, daß Wissen aus früheren Projekten entweder
nicht dokumentiert wurde, es nicht auffindbar ist oder nicht in angemessener Zeit verwertet
werden kann. Daher können häufig bereits erworbene Erfahrungen nicht wiederverwendet
werden. Andererseits sind vielfach die Abläufe im Rahmen des Projektmanagements unklar
und führen zu Unsicherheit, wie Projekte initiiert, geplant und durchgeführt werden. Daraus
resultieren unnötige Kosten, Verzögerungen im Projekt sowie Imageschädigung durch unpro-
fessionelles Auftreten beim Kunden.
1.1 Szenario
Mr. Climber arbeitet seit zwei Jahren als Berater im Bereich der Informationstechnologie in
der bekannten und weltweit vertretenen Unternehmensberatung WorstConsult. Sein heutiger
Arbeitstag beginnt um 06:00 Uhr am Flughafen in München, er ist auf dem Weg zu einem
neuen Kunden, der Firma HighTech SA in Paris. Sein erster Einsatz als Projektleiter. Wäh-
rend des Fluges versucht er sich an all die Dinge zu erinnern, die er während seiner Zeit als
EINLEITUNG Seite 3
Juniorberater von den Projektleitern abgeguckt und die er im Rahmen der Projektmanage-
mentseminare bei WorstConsult gelernt hat. Den befreundeten Kollegen Mr. Diver, von dem
er weiß, daß er bereits zwei ähnliche Projekte geleitet hat, konnte er vor dem Abflug leider
nicht mehr erreichen. Ein paar wertvolle Tips von einem erfahrenen Berater wären in seiner
Situation sehr hilfreich, aber außer Mr. Diver, ist ihm kein anderer Ansprechpartner bekannt.
Auf dem Rückflug drei Tage später zieht Mr. Climber kurz Bilanz seiner Arbeit. Der Beginn
des Paris-Projekts war etwas „holprig“, aber da WorstConsult einen sehr guten Ruf genießt,
konnte Climber den Kunden schnell davon überzeugen, daß es um dessen Kommunikations-
kultur nicht zu Besten bestellt ist und anfängliche Verständigungsprobleme für solch ein
komplexes Projekt ohnehin ganz normal sind. Als er am nächsten Tag wieder im Büro ist,
berichtet er dies in einer E-Mail seinem Chef und da er schon mal im Büro ist (Climber ist ein
vielbeschäftigter Berater und daher meistens bei seinen Kunden) bereitet er gleich seine Pro-
jektdokumentation vor. WorstConsult hat natürlich eine umfangreiche Datenbasis, noch nicht
auf Intranet-Basis, daran wird noch gearbeitet, aber dafür über 30 Gigabyte wichtiger Dateien,
in der Regel Microsoft Office 95 oder 97 (einige technisch versierte Kollegen setzen auch
schon Office 2000 ein). Mr. Climber hat nach kurzem Suchen drei schöne Vorlagen für seine
Projektdokumentation gefunden, eine davon wird sich bestimmt gut im Projekt verwenden
lassen.
Drei Monate später, die anfänglichen Schwierigkeiten in Paris sind überwunden, im Projekt
wird engagiert gearbeitet und die Arbeitsergebnisse werden regelmäßig und detailliert proto-
kolliert. Eigentlich läuft das Projekt ganz gut, aber gerade letzte Woche hat der Vorstand der
HighTech SA gefragt, wie sich das Projekt in Mailand, das ebenfalls von WorstConsult ge-
leitet wird, entwickelt und ob man nicht Synergien nutzen könne. Leider wußte Mr. Climber
nichts von diesem Projekt, er ist ja auch nicht für Italien zuständig. Er versicherte dem Vor-
stand aber, daß er sich umgehend informieren werde. Nach einer Woche hat er den
Projektleiter in Mailand ausfindig gemacht, sich über den Projektfortschritt und mögliche
Synergien informiert und den Vorstand der HighTech SA davon in Kenntnis gesetzt.
Ein Jahr später ist das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Für Mr. Climber beginnt die müh-
same Arbeit der Projektdokumentation, er veranschlagt auf Anraten eines Kollegen etwa eine
Woche Aufwand, die dem Kunden natürlich nicht in Rechnung gestellt werden kann. Teilwei-
se ist es für ihn nicht mehr so leicht, die Geschehnisse der letzten 12 Monate zu
rekonstruieren, aber glücklicherweise wurde ja faßt alles dokumentiert und auf Papier fest-
EINLEITUNG Seite 4
gehalten, so daß Climber nach nur fünf Tagen in zwei Ordnern eine umfangreiche und aus-
führliche Projektdokumentation zusammenstellen kann. Während er die letzten Seiten des
Projektberichtes schreibt, klingelt das Telefon. Der Anrufer, ein Mitarbeiter eines großen
Automobilkonzerns, hat in einer Fachzeitschrift von WorstConsults interessanten Projekter-
fahrungen im Rahmen des Supply Chain Management erfahren und ist an einer
Zusammenarbeit interessiert. Mr. Climber versichert ihm freundlich, einen geeigneten An-
sprechpartner bei WorstConsult ausfindig zu machen und bereits innerhalb der nächsten
Woche zurückzurufen.
Noch während des Telefonats erhält er eine E-Mail von seinem Chef, er solle sich mal über
das Thema Wissensmanagement informieren und abschätzen in welchen Bereichen und An-
wendungsszenarien WorstConsult davon profitieren könnte.
1.2 Motivation
1.2.1 Ziele der Arbeit
Das Ziel der vorliegenden Dissertation ist die Konzeption und Entwicklung eines groupware-
basierten Anwendungssystems zur systematischen Unterstützung eines organisationsweiten
projekt-orientierten Wissensmanagements in Beratungsunternehmen. Das hier entwickelte
System basiert auf einem generischen methodischen Ansatz und umfaßt neben leistungsfähi-
gen Konzepten auch konkrete innovative Werkzeuge für das Wissensmanagement. Das zu
entwickelnde Wissensmanagementsystem soll ein kontinuierliches Lernen im Laufe von Be-
ratungsprojekten unterstützen und das im Projektprozeß entstehende Wissen umsetzen in den
Auf- und Ausbau umfassender organisationsweiter Kompetenz. Dabei gilt es, die beiden di-
vergenten Anforderungen nach maximaler Wissenssicherung einerseits und minimalem
Erfassungs- und Pflegeaufwand andererseits zu beherrschen.
Im Gegensatz zu Wissensmanagement im allgemeinen Sinne, bei dem es um allgemeingültig
vorhandenes Wissen geht, welches zum Beispiel in Bibliotheken abgelegt ist, soll hier von
Wissen in dem speziellen Umfeld von Beratungsprojekten die Rede sein. In diesem Umfeld
entsteht das Problem, daß Wissen aus früheren Projekten entweder nicht dokumentiert wurde,
es nicht auffindbar oder nicht verwertbar ist. Daher können häufig bereits erworbene Erfah-
rungen nicht wiederverwendet werden. Andererseits sind vielfach die Abläufe im Rahmen des
Projektmanagements unklar und führen zu Unsicherheit, wie Projekte initiiert, geplant und
EINLEITUNG Seite 5
durchgeführt werden. Daraus resultieren unnötige Kosten, Verzögerungen im Projekt sowie
Imageschädigung durch unprofessionelles Auftreten beim Kunden.
Neben dem kontinuierlichen Sammeln, Organisieren und Speichern von Wissen im Rahmen
von Projekten, wird daher insbesondere auch das Wissen zum Zweck der Arbeitsvorbereitung
und -planung untersucht mit dem Ziel, eine Plattform zu schaffen, auf der man ohne großen
Zeitaufwand Informationen über Entwicklungen im eigenen Projekt untereinander austau-
schen kann. Ferner sollten die Informationen so aufbereitet sein, daß einzelne
Wissenseinheiten daraus bei zukünftigen Projekten wiederverwendbar sind.
1.2.2 Umfeld der Arbeit
Die ersten Ideen für die vorliegende Arbeit entstanden im Rahmen der Tätigkeit als Berater in
der Frankfurter Unternehmensberatung BCC. Die dortige Aufgabe als Leiter der Abteilung
Groupwaresysteme führte zu ersten eigenen Erfahrungen mit der Problematik, das im Rahmen
von Beratungsprojekten generierte Wissen zu sichern und effizient wiederzuverwenden.
Die Entstehung des Themengebietes Wissensmanagement als eigenständige Disziplin, er-
möglichte die Positionierung des Vorhabens am Groupware Competence Center (GCC) an
der Universität Paderborn. Die BMW AG in München unterstützte dieses Vorhaben durch
eine dauerhafte Anstellung als Doktorand und Berater für innovative Technologien in der
internen Unternehmensberatung, dem BMW Inhouse Consulting. In diesem Umfeld bestand
die Aufgabe in der Leitung des Projekts Wissensmanagement in Beratungsprojekten und der
daraus resultierenden Konzeption und Entwicklung des im folgenden beschriebenen Wis-
sensmanagementsystems K3.
Die Tätigkeit im BMW Inhouse Consulting ermöglichte tiefe Einblicke in die Arbeit großer
Unternehmensberatungen. Ein Großteil der im Inhouse Consulting angestellten Mitarbeiter
kann auf umfangreiche Erfahrungen in externen Beratungsunternehmen zurückblicken. Viele
dieser Erfahrungen wurden in das entwickelte System eingebracht. Außerdem konnten gute
Kontakte zu externen Unternehmensberatungen, wie Ernst&Young, Gemini Consulting, Ar-
thur Andersen Managementberatung und Arthur D. Little aufgebaut und aus deren
Erfahrungen im Umgang mit Wissen Implikationen und Anforderungen für das eigene Sys-
tem abgeleitet werden.
EINLEITUNG Seite 6
Sowohl der theoretische Rahmen als auch das produktive System konnten in der BMW Orga-
nisation verankert werden, was die Umsetzbarkeit und praktische Relevanz verdeutlicht. So
basiert der Auftritt des BMW Inhouse Consulting im BMW-Intranet auf dem entwickelten
System K3. Zudem wird es von allen Inhouse Berater für ihre tägliche Arbeit produktiv einge-
setzt. Sowohl die Administration als auch die Wartung wird durch die zentrale
Informationsverarbeitung bei BMW vorgenommen. Die entwickelten Ergebnisse haben die
Arbeitweise der Inhouse Berater grundlegend verändert. Neben der Konzeption und Ent-
wicklung eines innovativen Wissensmanagementsystems liegen daher insbesondere konkrete
Einsatzerfahrungen vor, was eine sinnvolle und kritische Beurteilung des Systems K3 ermög-
licht.
1.2.3 Wissenschaftstheoretische und methodische Positionierung der Arbeit
Die vorliegende Arbeit ist im Umfeld der Wirtschaftsinformatik positioniert und bewegt sich
daher in dem Gefüge zwischen Betriebswirtschaft und Informatik. Hier werden insbesondere
die Themenfelder Projektmanagement, Wissensmanagement und Workgroup Computing dis-
kutiert. Der Themenkomplex des Wissensmanagements kann allerdings nicht einer einzigen
Fakultät eindeutig zugeordnet werden, sondern wird von unterschiedlichen Forschungsberei-
chen und Disziplinen thematisiert. So finden sich in der Literatur auch Beiträge aus der
Philosophie, der Psychologie und der Pädagogik. Diese Strömungen können in einer wissen-
schaftlichen Arbeit nicht unberücksichtigt bleiben und fließen daher ebenfalls in die
Diskussion ein. Der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt jedoch klar auf Seiten der Wirt-
schaftsinformatik, so daß im wesentlichen systemtechnische Resultate angestrebt und erzielt
werden.
Abbildung 1: Umfeld und Positionierung der Arbeit
EINLEITUNG Seite 7
Mit der vorliegenden Arbeit wird das Ziel verfolgt, ein groupware-basiertes, internet-
kompatibles Wissensmanagementsystem für Beratungsprojekte zu entwickeln. Der Begriff
Wissensmanagementsystem setzt sich dabei zusammen aus der Disziplin des Wissensmana-
gements als einer grundsätzlich technologieungebundenen Betrachtungsweise, sowie dem
eher technologielastigen Ansatz der Informationssysteme. Heinrich versteht „...unter System
den ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, Einzelheiten, Dingen oder Vorgängen, die
voneinander abhängig sind, ineinander greifen oder zusammenwirken.“ [vgl. Heinrich 1994,
S. 12]. Im Folgenden wird ein System als ein homogenes, synergetisches Konstrukt aus Per-
sonen, Prozessen und Technologien verstanden. Die bloße Existenz eines Softwarepaketes
macht in diesem Sinne noch kein System aus. Die Entwicklung eines Systems im o.g. Sinne
kann systematisiert werden und wird in den Fachrichtungen Informatik und Wirtschaftsinfor-
matik wissenschaftlich behandelt [vgl. Heinrich 1994;Booch 1994]. Das generelle Ziel der
Systemplanung ist die Erstellung eines produktiven Informationssystems. Ein System ist dann
produktiv, wenn es nach Durchführung aller Tests im Echtbetrieb eingesetzt werden kann.
1.3 Aufbau der Arbeit
Die vorliegende Arbeit erstreckt sich über insgesamt sieben Kapitel. Im Rahmen dieser Arbeit
wird eine aktuelle Problemstellung aus dem Umfeld des Wissensmanagements vorgestellt und
detailliert mit dem aktuellen Erkenntnisstand in Wissenschaft und Praxis verglichen. Die sich
daraus ergebenden Anforderungen an ein leistungsfähiges Wissensmanagement-Konzept
werden durch die Entwicklung eines innovativen Modells theoretisch umgesetzt und in Form
eines Softwaresystems implementiert. Die Funktionsfähigkeit des theoretischen Modells wie
auch des daraus resultierenden Softwaresystems wird durch ihre Anwendung in der betriebli-
chen Praxis verifiziert. Im Rahmen einer abschließenden Diskussion wird der Erfolg der
entwickelten Modelle und Systemkompenenten bewertet und ein Ausblick auf potentielle
Aufgabenstellungen zur Weiterführung der behandelten Thematik vorgestellt.
EINLEITUNG Seite 8
7. Diskussion und
Ausblick
5. K3: Modell eines projekt-orientierten Wissens-
managements für Beratungsunternehmen
6. Praktische Umsetzung und Einsatzerfahrungen
4. Ableitung der konzeptionellen Anforderungen
2. Problembeschreibung
3. Wissensmanagement im Umfeld von
Beratungsprojekten
1. Einleitung
Abbildung 2: Struktureller Aufbau der Arbeit
1. Einleitung
Im Rahmen der Einleitung wird dem Leser ein grober Überblick über die Umfänge und In-
halte des Wissensmanagements vermittelt und der Bezug zur Branche der
Unternehmensberatungen hergestellt. Im Rahmen eines Szenarios wird dieser Zusammenhang
aufgegriffen und in Form einer beispielhaften aber fiktiven Schilderung aus der Praxis eines
Unternehmensberaters einige grundlegende Probleme des Wissensmanagements in Bera-
tungsprojekten pointiert herausgearbeitet. Die Einleitung und das Szenario münden in eine
Beschreibung der Motivation für die Durchführung der vorliegenden Forschungsarbeit. Die
Motivation setzt sich zusammen aus der Festlegung der zu erreichenden Ziele sowie einer
Schilderung des Umfelds, in dem die Arbeit entstanden ist. Neben diesem Einblick in die eher
praxisorientierte Einordnung wird im Anschluß eine wissensschaftstheoretische und methodi-
sche Positionierung der Arbeit vorgenommen. Das erste Kapitel schließt mit einer Erläuterung
des methodischen Aufbaus der Arbeit ab.
EINLEITUNG Seite 9
2. Problembeschreibung
Das Themengebiet Wissensmanagement reicht in die Verantwortlichkeiten mehrerer unter-
schiedlicher Fakultäten hinein und ist derart umfassend, daß es notwendig ist, die hier
diskutierte Aufgabenstellung genau abzugrenzen. Im zweiten Kapitel werden daher die Kern-
probleme der zu betrachtenden Thematik des Wissensmanagements in Beratungsprojekten
genauer spezifiziert. Hierbei werden insbesondere die drei Dimensionen Technik, Gesell-
schaft und Unternehmen beleuchtet und die identifizierten Problemstellung auf ein sinnvoll
bearbeitbares Maß eingegrenzt.
3. Wissensmanagement im Umfeld von Beratungsprojekten
Im Rahmen des dritten Kapitels werden die theoretischen Grundlagen der Hauptthemenblöcke
Projektmanagement, Wissensmanagement und Unternehmensberatung erarbeitet und der je-
weils aktuelle Kenntnisstand von akademischer Forschung sowie industrieller Praxis
dargestellt. Das Themengebiet des Projektmanagement wird dabei nur kurz behandelt, da in
diesem Bereiche bereits umfangreiche Literatur vorhanden ist und hier wenig wertschöpfende
Wiederholungen vermieden werden sollen. Lediglich auf Phasenkonzepte und die Zusam-
menhänge von Prozeß- und Projektmanagement wird detaillierter eingegangen, da diese
Themen einen wesentlichen Bestandteil der folgenden konzeptionellen Arbeit in Kapitel fünf
ausmachen. Ein deutlicher Schwerpunkt wird auf das Themengebiet des Wissensmanagement
gelegt, da diese Thematik relativ neu ist und in der Literatur noch nicht umfassend behandelt
wurde. Daher werden in einem ersten Schritt unter Einbeziehung unterschiedlicher Betrach-
tungsdimensionen, wie z.B. der Neurobiologie, der Wirtschaftswissensschaften und der
Informatik, die begrifflichen Grundlagen für die weitere Argumentation erarbeitet. Anhand
ausgewählter Konzepte des Wissensmanagements wird der aktuelle Kenntnisstand in For-
schung und Praxis komprimiert dargestellt und bewertet. Eine Diskussion aktueller
Technologien im Umfeld des Wissensmanagements schafft die Grundlage für die Entwick-
lung eines innovativen Wissensmanagementsystems, wie es in Kapitel fünf und sechs
dargestellt wird. Der dritte Teil des Kapitels behandelt die Thematik der Unternehmensbera-
tung und beschreibt die prinzipiellen Funktionen und Aufgaben von Beratungsunternehmen
sowie deren Umgang mit der Ressource Wissen. Anhand von Fallstudien wird dabei be-
schrieben, wie die Unternehmensberatungen Arthur D. Little, Booz Allen & Hamilton,
McKinsey, Andersen Consulting, Arthur Andersen Managementberatung, Ernst & Young und
Gemini Consulting intern Wissensmanagement betreiben. Das Kapitel drei schließt mit einer
EINLEITUNG Seite10
gesamthaften Bewertung des diskutierten Themenblöcke und bildet damit die argumentative
Grundlage für die Ableitung der konzeptionellen Anforderungen an das zu entwickelnde Wis-
sensmanagementsystem.
4. Ableitung der konzeptionellen Anforderungen
Aus den Ergebnissen in Kapitel zwei und drei werden in diesem Kapitel die Kernanforderun-
gen für das zu konzipierende Wissensmanagementsystem formuliert. Daraus leiten sich
direkte Implikationen für die weitere Vorgehensweise ab.
5. K3: Modell eines projekt-orientierten Wissensmanagements für Beratungsunternehmen
Auf Basis der in den vorhergehenden Kapiteln erarbeiteten und diskutierten Erkenntnisse aus
Forschung und Praxis wird in diesem Kapitel ein neues Modell für ein integriertes Wissens-
managementsystem für Beratungsunternehmen konzipiert. Der Name des Systems leitet sich
dabei aus den drei im Rahmen des Wissensmanagements betrachteten Dimensionen ab: Per-
sonen, Prozesse und Technologien. Insbesondere die Berücksichtigung der menschlichen
Komponente eines Wissensmanagementsystems führt zu der Notwendigkeit, neue Modelle
und Konzepte für ein innovatives Management des Produktionsfaktors Wisssen zu entwi-
ckeln. Diese Modelle werden im ersten Teil von Kapitel fünf vorgestellt und liefern die
konzeptionelle Basis für die folgende Systemkonzeption.
Unter Berücksichtigung der aktuellen Erkenntnisse von Psychologie und Neurobiologie wird
dabei eine intuitive Metapher für eine neue Benutzerschnittstelle entwickelt: die Stadt des
Wissens. Mit diesem Modell wird das Ziel verfolgt, ein kollektives Verständnis für eine ge-
meinsame Wissensbasis zu generieren. Zudem soll auf diese Weise der Zugang zum
kollektiven Wissen erleichtert und dadurch die Hemmschwelle zur Teilung des persönlichen
Wissens signifikant gesenkt werden. Das Konzept der Wissensstadt wird ergänzt durch ein
auf das Erfassen und Wiederverwenden von Wissen ausgerichtetes generisches Prozeßmodell
für Beratungsprojekte. Das Project Knowledge Framework hat das Ziel, durch eine antizipati-
ve Analyse das im Laufe von Beratungsprojekten relevante Wissen zu identifizieren, zu
erfassen und nachfolgenden Projektleitern im jeweils richtigen Kontext als Erfahrungswerte
zur Verfügung zu stellen.
6. Praktische Umsetzung und Einsatzerfahrungen
Die in Kapitel fünf entwickelten Konzepte für das Wissensmanagement in Beratungsprojek-
ten wurden im Rahmen der vorliegenden Arbeit programmtechnisch umgesetzt. Im ersten Teil
EINLEITUNG Seite11
von Kapitel sechs wird die Architektur des daraus resultierenden Wissensmanagementsystems
K3 beschrieben. Das System wurde unter realen Einsatzbedingungen im Inhouse Consulting
der BMW AG getestet und operativ betrieben. Die dabei generierten Einsatzerfahrungen wer-
den im letzten Teil von Kapitel sechs diskutiert.
7. Zusammenfassung und Diskussion
Im siebten Kapitel werden die Ergebnisse des vorliegenden Dissertationsvorhabens zusam-
mengefaßt und kritisch diskutiert. Aus der Diskussion werden Ansätze für eine mögliche
Weiterführung des Themas sowie für etwaige Folgeprojekte abgeleitet.
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite12
2 Problembeschreibung
2.1 Identifikation der Informationsflut als unternehmerische Problemstellung
2.1.1 Entstehung und Ursachen der Informationsflut
„Eine einzige Ausgabe der New York Times enthält mehr Informationen,
als einem Durchschnittseuropäer des 17. Jahrhunderts in seinem ganzen
Leben zugetragen wurden,“
Richard Saul Wurmann [in: Götte 1997, S. 40]
Die Menge der weltweit verfügbaren Informationen nimmt kontinuierlich zu. Nach Erfindung
der Druckerpresse durch Johannes Gutenberg etwa im Jahre 1445 dauerte es mehr als 300
Jahre, bis sich das weltweite Volumen der verfügbaren Informationen zum erstenmal verdop-
pelte. Inzwischen erfolgt eine Verdopplung alle 5 Jahre. Edward Teller hat die
Informationszuwachs der Menschheit seit 1650 untersucht und einen progressiven Verlauf der
Entwicklung festgestellt [vgl. Bleicher 1992, S. 24 f.]. Nach einer Studie der Stanford Univer-
sität ist der Wissensbestand in der Zeit von 1800 bis 1966 um das 16-fache gestiegen (vgl.
Abb.3).
1800 1900 1966
1
2
4
16
8
Menge des
Wissens
Jahr
Abbildung 3: Vermehrung des Wissens seit 1800 [Pfiffner 1995, S.41]
In den letzten 30 Jahren verdoppelte sich der prozentuale Anteil von Forschungs- und Ent-
wicklungsmitarbeitern der gesamten Belegschaft westlicher Industrieunternehmen. Getrieben
wird dieser Prozeß von einer zunehmenden Anzahl sogenannter „Wissensarbeiter“ [vgl. Dru-
cker 1993], die keine materiellen Güter herstellen, sondern das virtuelle Produkt Information.
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite13
Beispielsweise stieg in der Automobilbranche der Anteil der wissensintensiven Arbeiten,
wie z.B Design, Engineering und Computersteuerung, auf ca. 70% des Kaufwertes eines Au-
tomobils an und wächst beständig weiter [vgl. Ground Work VI 1996, S. 6].
Diese Entwicklung ist begleitet von einem zunehmenden Umfang von Medien, auf deren Ba-
sis sich Informationen darstellen lassen. Im Jahre 1650 hatte der frühe Wissensarbeiter
lediglich die Möglichkeit Informationen in Form von Handschrift, Buchdruck oder im per-
sönlichen Gespräch zu vermitteln. Für die Medien Schrift, Ton, statisches und bewegtes Bild
etc. wurden im Laufe der Zeit umfangreiche Speicherungsformen entwickelt, wie z.B. Bü-
cher, Zeitschriften, Zeitungen, Photographie, Film, Tonband, CD-ROM etc.. Weiterhin wuchs
in dem von Teller betrachteten Zeitraum die Zahl der Verteilungskanäle stetig an. Technolo-
gien wie Telefon, Radio, Fernsehen, elektronische Netzwerke und insbesondere das Internet
ermöglichen eine kontinuierliche Verteilung von Informationen in globalen Dimensionen.
Durch Techniken des Kopierens und Zitierens werden diese Informationen regelmäßig wie-
derverwendet und erzeugen dabei neue Informationen. So werden in Betrieben
unternehmensrelevante Pressemeldungen vervielfältigt und verteilt, Studenten kopieren Bei-
träge aus Lehrbüchern und erstellen auf dieser Basis neue Informationen in Form von
Studien-, Diplom- oder Doktorarbeiten, Wissenschaftler zitieren sich untereinander im Rah-
men ihrer Veröffentlichungen und Rundfunk und Fernsehen strahlen mehrmals täglich auf
unterschiedlichen Kanälen identische bzw. ähnliche Beiträge aus.
Diese Form der iterativen Verwendung und Reproduktion führt zu einem exponentiellen
Wachstum der weltweit verfügbaren Informationen. Laut Donella und Dennis Meadows stellt
sich exponentielles Wachstum stets dann ein, „wenn entweder eine wachsende Größe sich
selbst reproduziert – oder aber, wenn eine Größe durch eine andere, sich selbst reproduzieren-
de Größe zum Wachstum getrieben wird.“ [Meadows 1992, S.42]. Der Gebrauch des
Produktionsfaktors Information bewirkt einen Ressourcenzuwachs und unterscheidet sich
somit signifikant von den klassischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital, deren
Verwendung einen Ressourcenverbrauch darstellt [vgl. Probst 1998, S.15].
Im Umfeld heutiger Unternehmen können weitere Ursachen der betrieblichen Informations-
flut festgestellt werden:
• Aus Gründen der Forensik und Nachvollziehbarkeit werden viele Arbeitsschritte und –
ergebnisse dokumentiert und verwahrt.
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite14
• Die intensive Nutzung neuer Kommunikations- und Austauschmöglichkeiten wie E-
Mail und Inter-/Intranetnet sowie steigende Speicherkapazitäten bei gleichzeitig sinken-
den Speicherkosten führen zu kontinuierlich wachsenden digitalen Informationsbeständen
im Unternehmen.
• Im Rahmen von Business Reengineering und Change Management wurden ganze Hierar-
chieebenen in Unternehmen abgebaut. Diese hatten, wie man heute feststellt, auch eine
positive Funktion: sie wirkten als Informationsfilter und schützten Entscheidungsträger
vor der ungefilterten Flut von Informationen, mit der sie heutzutage konfrontiert werden.
Welche Auswirkungen hat die Informationsflut auf heutige Unternehmen?
2.1.2 Auswirkungen der Informationsflut
„Wir ertrinken in Informationen, aber uns dürstet nach Wissen.“
John Naisbitt [in: Götte 1997, S. 41]
Im betrieblichen Umfeld hat die o.g. Entwicklung folgenschwere Auswirkungen. Die be-
schriebene Informationsflut bewirkt paradoxerweise einen Wissensmangel. Informationen
bilden die Grundlage für unternehmerische Entscheidungen. Daher werden vor dem Fällen
einer Entscheidung, Informationen eingeholt, welche die Entscheidungskorrektheit soweit wie
möglich absichern. Dabei gilt es den Umfang der verwendeten Informationen sowie den
Aufwand für deren Beschaffung gegeneinander abzuwägen. Schnelle Entscheidung sind i.d.R.
mit Unsicherheit behaftet, sichere Entscheidungen sind i.d.R. nicht schnell zu treffen. Nicht
nur zuwenig sondern auch zuviele Informationen verschlechtern demnach die Qualität von
Entscheidungen im Unternehmen. Sind zuwenig Informationen vorhanden, müssen diese in
entsprechendem Umfang beschafft werden. Sind dagegen zuviele Informationen vorhanden,
müssen diese in einem für die Verwendung hinreichenden Maß aufbereitet und verdichtet
werden (siehe Abb.4).
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite15
Informationsnutzen
Informationsmenge
Grenznutzen
Informationen
verdichten
Informationen
bereitstellen
Abbildung 4: Grenznutzen der Information
Aufgrund der Informationsflut steigen bei konstanter Entscheidungsqualität die Kosten der
Informationsbeschaffung. Diese Entwicklung lähmt zunehmend die Entscheidungsfähigkeit
der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter. Heinrich von Pierer hat den Satz ausgesprochen
„Siemens weiß nicht was Siemens weiß“ und damit das Kernproblem treffend beschrieben. In
den Unternehmen sind mehr Informationen vorhanden als jemals zuvor, es mangelt allerdings
an Methoden und Werkzeugen, diese Informationen sinnvoll einzusetzen. Damit wird die In-
formationsflut zu einer unternehmerischen Problemstellung. Das Sammeln, Speichern und
Verwalten von Informationen verursacht zunehmend mehr Personal- und Materialkosten, de-
nen kein angemessener Nutzen gegenüber steht. Informationen stellen keinen Wert an sich
dar, vielmehr gilt es, Informationen im Aufgabenkontext gezielt verfügbar zu machen und
einzusetzen. Die geschilderte Informationsflut induziert einen Wissensmangel im Unterneh-
men und wirft folgende Fragestellung auf:
Wie läßt sich die Informationsflut beherrschen und wie können vorhandene
Informationen rationell und nutzbringend eingesetzt werden?
2.2 Wandel der gesellschaftlichen und betrieblichen Werte
2.2.1 Entstehung der Wissensgesellschaft
Die Gesellschaft befindet sich seit ca. Mitte der 70er Jahr in einem signifikanten soziokultu-
rellen Umbruch. Die zunehmende Bedeutung von Informationen und Wissen scheint damit in
Zusammenhang zu stehen. Ökonomische Modelle können die Ursachen für gesellschaftlichen
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite16
Wandel und dessen Implikationen auf die Wirtschaft und Unternehmen erklären. Die Theo-
rie der langen Wellen bzw. der sogenannten Kondratieffzyklen [vgl. Nefiodow 1996], geht
davon aus, daß die wirtschaftliche Entwicklung Westeuropas und der USA nicht nur durch
das Auftreten kurzer und mittlerer Konjunkturschwankungen gekennzeichnet ist, sondern daß
in den kapitalistischen Ländern auch lange Phasen von Prosperität und Rezession periodisch
mit einer Periodendauer von etwa 45-60 Jahren auftreten. Diese Theorie gewinnt ihre Stärke
aus ihrem ganzheitlichen Ansatz und ihrem umfassenden Prognosepotential. „Im Grunde ist
sie die einzige wissenschaftliche Theorie, mit der die Wechselwirkungen zwischen der tech-
nologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung überzeugend erklärt
werden können.“ [Nefiodow 1996, S. 3]. Laut Nefiodow stellt ein Kondratieffzyklus einen
Reorganisationsprozeß der gesamten Gesellschaft dar, der mit dem Ziel stattfindet, ein oder
mehrere große Knappheitsfelder zu erschließen. Kondratieffzyklen werden seit der Entste-
hung der Marktwirtschaft im 18. Jahrhundert beobachtet, seitdem konnten fünf Zyklen sowie
die zugehörigen Basisinnovationen empirisch nachgewiesen werden (siehe Abb.5 und An-
hang A).
1. Kondratieff 2. Kondratieff 3. Kondratieff 4. Kondratieff 5. Kondratieff
1800 1850 1900 1950 1990 20XX
Dampfmaschine
Baumwolle Stahl
Eisenbahn Elektrotechnik
Chemie Petrochemie
Automobil Informations-
technik
Abbildung 5: Die langen Wellen der Konjunktur nach Nefiodow
Der erste Kondratieffzyklus wurde durch das Ende der Agrargesellschaft eingeleitet und kann
etwa auf das Ende des 18. Jahrhunderts datiert werden. Er markiert den Übergang von der
Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft und wurde durch die Basisinnovation der Dampf-
maschine sowie grundlegender Neuerungen in der Textilindustrie getrieben. Diese
Innovationen ermöglichten die maschinelle Produktion von Garnen, Stoffen und Bekleidung.
Was bisher in Handarbeit und Manufakturen hergestellt wurde konnte nun in industrieller
Massenproduktion zu geringen Stückkosten und mit relativ konstanter Qualität gefertigt wer-
den. Durch den damit verbundenen Aufschwung des Textilgewerbes fand neben dem
ökonomischen Strukturwandel ein sozialer Wandel statt. Es entstand eine neue Gesellschafts-
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite17
schicht: die Arbeiterklasse. Im Zuge dieses sozialen Wandels kam es zur Konzentration der
Arbeit in Fabriken und zum Wachstum der Städte und der städtischen Infrastruktur.
Der zweite Kondratieff wurde getragen durch die Entdeckung und wirtschaftliche Nutzbarma-
chung des Stahls. Die Basisinnovation Stahl und die damit verbundene Entwicklung der
Eisenbahn und der bahngetriebenen Infrastruktur, führten zu starken Verbesserungen der Pro-
duktivität im Transport von Waren und Menschen. Der bis dahin relativ unbedeutende
Wirtschaftszweig Transport und Verkehr wurde zu einem Treiber der Industriegesellschaft.
Bisher nicht existente weil unerreichbare Absatzmärkte konnten erschlossen werden, was
wiederum zu einer Intensivierung der industriellen Produktion führte. Das Zeitalter der in-
dustriellen Massenproduktion von Werkzeugen, Waffen und Verbrauchsgütern setzte ein.
Im dritten Kondratieff wurden Elektrizität und Chemie zu Trägern des ökonomischen und
gesellschaftlichen Wandels. Die industrielle Produktion wurde fast vollständig auf elektrische
Energie umgestellt, was zu einer weiteren Steigerung des Automatisierungsgrades führte.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und Errungenschaften der chemischen und physikalischen
Forschung wurden direkt in wirtschaftliche Produkte umgesetzt. Steigende Realeinkommen
getrieben durch neue Arbeitsplätze in Industrie, Handel und Verkehr führten zu einem Mas-
senkonsum von elektrischen und chemischen Erzeugnissen, die primär der Erhöhung des
Lebensstandards dienten (elektrische Haushaltsgeräte, Kosmetika usw.). Deutschland und die
USA wurden durch die führende Stellung in Elektrotechnik und Chemie zu Großmächten.
Der vierte Kondratieff ist gekennzeichnet durch die Basisinnovationen der petrochemischen
Energie und des Automobils und dem damit verdundenen individuellen Massenverkehr. Mi-
neralölgesellschaften und Automobilhersteller bildeten den industriellen Kern des vierten
Kondratieff. Um sie herum wuchs ein umfangreiches Netz von Zulieferern, Kunden und An-
wendern. Im Rahmen dieses Langzyklus wurden Technologien zur Energieerzeugung, wie
Erdöl, Erdgas und Kernspaltung zu Treibern des weltweiten Wirtschaftswachstum. Etwa in
der Mitte des vierten Kondratieff tauchten dann erstmals Umweltprobleme auf, die z.B. der
Club of Rome in seinem Bericht „On the Limits of Growth“ im Jahre 1972 öffentlich zur Dis-
kussion stellte. Umweltprobleme sowie die erste Feststellung der Knappheit von
Energieressourcen, z.B. durch die Ölkrise 1973, führten noch während des vierten Kondratieff
zu einer Aufhebung der direktproportionalen Wechselwirkung zwischen Wirtschaftswachs-
tum und Energieverbrauch. Da die Grenze des durch Rohstoff- und Energieverbrauch
getriebenen Wirtschaftswachstums erreicht war, andererseits eine Markwirtschaft aber auf
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite18
Wachstum angewiesen ist, mußten neue Wege der ökonomischen Entwicklung gefunden
werden.
Der fünfte Kondratieff ist der erste Langzyklus, der nicht mehr primär von der Verwertung
von Bodenschätzen, Stoffumwandlungsprozessen und Energien getragen wird, sondern von
der Verwertung einer geistigen Größe, der Information. Statt des bisherigen energie-
getriebenen erlebt die Menschheit einen informations-getriebenen Strukturwandel. Informati-
onen bilden den Rohstoff für die Entwicklung und unternehmerische Nutzung des
Produktionsfaktors Wissen. In der ersten und zweiten Welt ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts
eine Zunahme der wissensintensiven Branchen und Aufgaben zu beobachten. Immer mehr
Unternehmen entstehen, die nicht mehr reale, sondern virtuelle Güter erstellen und handeln.
Typische Vertreter sind Firmen der Software-, Dienstleistungs- oder Beratungsbranche sowie
Banken und Versicherungen.
Jäger und
Sammler Agrar-
Gesellschaft Industrie-
Gesellschaft Informations-
technische
Gesellschaft
1.-4. Kondratieff 5. Kondratieff 6. Kondratieff
INFORMATIONSGESELLSCHAFT
Wachstums-
grundlage
Haupt-
bestreben Überleben Satt werden materielle,
körperliche
Vollversorgung
Haupt-
erzeugnis Nahrung,
Werkzeuge Nahrung,
Waren Waren und
Dienstleistungen
materiell-vital orientierte Epoche geistig-psychisch orientierte Epoche
ENERGIE INFORMATION
gut informiert
sein
Produktive Informations-
ströme innerhalb und
zwischen Organisationen
?
?
Abbildung 6: Entwicklungsstufen der gesellschaftlichen Evolution
[Nefiodow 1997, S. 21]
Dieser Wandel der Gesellschaft induziert veränderte Formen der Zusammenarbeit. In
welcher Weise können heutige und zukünftig Organisationformen frühzeitig in eine ef-
fektive wie effiziente Richtung gelenkt werden?
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite19
2.2.2 Bedeutung des intellektuellen Kapitals
Die heutige Gesellschaftsform wird durch die virtuellen Güter Information und Wissen maß-
geblich geprägt. Wertesysteme verändern sich und damit auch die Ziele und Handlungsweisen
der in diesen Prozeß involvierten Parteien. Wissen beeinflußt sowohl das Sozialverhalten von
Individuen als auch die Entwicklung von Kollektiven insbesondere das der gewinnorientierten
Kollektive, der Unternehmen. „Überall auf der Welt erkennen Organisationen und Privatper-
sonen, daß ihnen eher geistige Fähigkeiten, nicht aber Grundbesitz oder Immobilien
Sicherheit geben können.“ [Handy 1994, S. 32]. Peter Drucker weist darauf hin, daß die Pro-
duktionsmittel, die traditionelle Grundlage des Kapitalismus, heute im Besitz der Arbeiter
sind, weil sie sie geistig beherrschen und Bedienungsgewalt über sie haben [vgl. Drucker
1993]. Damit wird Wissen zur neuen Form des Eigentums. Heutige Unternehmen reagieren
auf diese Entwicklung und versuchen durch Konzepte und Methoden des Wissensmanage-
ment den Besitz des neuen Produktionsmittels zu sichern und damit einer schleichenden
Enteignung entgegenzuwirken. Die Fähigkeit, Wissen und Know-how zu erwerben und an-
zuwenden, ist die neue Quelle des Wohlstands [Handy 1994, S. 35] und wird daher von vielen
Autoren auch als „Intellektuelles Kapital“ bzw. als „Vierter Produktionsfaktor“ [Stewart
1998; Hopfenbeck 1993, S. 81] oder auch als "immaterielles Vermögen" [Sveiby 1998, S. 39]
bezeichnet. Während im Jahr 1950 in den entwickelten Ländern die Zahl der manuell tätigen
Arbeiter noch über 40% des Arbeitspotentiales ausmachte, wird prognostiziert, daß dieser
Anteil bis zum Jahr 2000 auf etwa 15 % sinken wird. Dem steht ein wachsender Anteil wis-
sensbasierter Arbeitsplätze gegenüber. So verdienen 20% der Wissensarbeiter heute schon
mehr als die restlichen 80% der arbeitenden Bevölkerung [vgl. Ground Work VI 1996, S. 8;
Palass 1997, S. 114; IAO 1997, S. 3].
Ein Vergleich der beiden amerikanischen Firmen General Motors und Microsoft veranschau-
licht die Bedeutung des intellektuellen Kapitals. Die Börsenkapitalisierung des
Automobilherstellers GM, ein Unternehmen, das über bedeutende Güter- und Sachwerte ver-
fügt, wird auf ungefähr 40 Milliarden Dollar geschätzt. Microsoft, das mit Ausnahme des
Firmensitzes in Redmont kaum Güter- oder Sachwerte besitzt, wird vom Markt heute mit
rund 70 Milliarden Dollar bewertet. Die Differenz zwischen dem Marktwert eines börsenno-
tierten Unternehmens und seinem offiziellen Eigenkapitalwert kann als immaterielles
Vermögen angesehen werden, das im wesentlichen aus dem Potential und der Kreativität der
Mitarbeiter aber auch dem Image und den Markenwerten des Unternehmens besteht (siehe
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite20
Abb.7). In einigen Unternehmen ist der Wert des immateriellen Vermögens höher als der
des materiellen Vermögens. Sveiby bezeichnet diese Unternehmen als Wissensunternehmen
bzw. Wissensorganisationen [vgl. Sveiby 1998, S. 41].
0
10
20
30
40
50
60
70
Q1
1994 Q2 Q3 Q4 Q1
1995 Q2 Q3 Q4 Q1
1996 Q2
Aktienkurs (US-$)
Immaterielle Vermögenswerte
Eigenkapitalwert je Aktie
Abbildung 7: Börsenkurs- bzw. Marktwert von Sun Microsystems [Sveiby 1998, S. 22]
Auch in den klassischen Industrien stellt Wissen einen bedeutenden Wettbewerbsfaktor dar.
Die Wertschöpfungskette der Produktionsunternehmen verlagert sich zunehmend hin zu
nicht-fertigungsbezogenen Aufgaben, wie Servicegeschäft und Zusatzdienstleistungen [vgl.
Müller-Stewens 1995]. Daimler-Benz zeigt mit dem Smart-Konzept eine Tendenz in der Au-
tomobilbranche auf, die diesen Trend untermauert. Im Konzept der Smart-Entwicklung bringt
Daimler-Benz nicht seine technischen Fertigkeiten ein, sondern vielmehr die Fähigkeit, Sys-
temlieferanten zu koordinieren. Nicht die Fähigkeit materielle Produkte unter Einsatz von
Maschinen und Menschen zu fertigen sondern vielmehr die Integrationskompetenz des Auto-
mobilherstellers, sowie Vertriebs- und Absatzkanäle, also durchweg wissensbasierte Werte
sind gefragt. Das Prinzip: „Weniger machen, mehr wissen“, findet sich zunehmend in den
Strategien der Produktionsbranche wieder. Konzepte wie Reverse Engineering oder Liefe-
rantenintegration stützen diesen Trend.
Wie gehen Unternehmen mit dem scheinbar wertvollen intellektuellen Kapital um?
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite21
2.2.3 Mangelnde Fähigkeiten zur Bewirtschaftung des Produktionsfaktors
Wissen
„Die Fähigkeit, mit Informationen umzugehen, sie zu strukturieren, durch
richtige Fragestellungen erst fruchtbar werden zu lassen und auf diese
Weise kreativ einzusetzen, gehört zu den knappsten Ressourcen in unserer
Gesellschaft, die letzten Endes für unseren Wohlstand, unsere weitere
Entwicklung und unsere Position auf dem Weltmarkt ausschlaggebend
ist.“
Kurt Biedenkopf, Politiker und Wissenschaftler [in: Gazdar 1989, S.87]
Intellektuelles Kaptital wird als bedeutendes und wertvolles Gut in der heutigen Gesellschaft
angesehen; allein es mangelt an Konzepten, Methoden und Werkzeugen für die Bewirtschaf-
tung des Produktionsfaktor Wissen. Thomas W. Malone, Professor an der Sloan School of
Management am MIT: „In the old world, information was very expensive, so we managed
with relatively small amounts of it; we developed organizations that could work in an infor-
mation desert.“ [in: Stewart 1995]. Der Umgang mit Wissen ist eigentlich nicht neu, seit jeher
gehen Menschen mit Wissen um. Besonders alte und bekannte Manifestationen von Wissen
finden sich z.B. in der Bibel, in den Qumran-Rollen und in den Schriften der im Jahre 47 v.
Chr. zerstörten Bibliothek von Alexandria. Die Auffassung allerdings, Wissen als Produkti-
onsfaktor anzusehen ist neu. Der Vergleich mit den Erkenntnissen über die klassischen
Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital macht den Mangel an leistungsfähigen Me-
chanismen und Werkzeugen zur Bewirtschaftung von Wissen offensichtlich. „Während die
Techniken und Instrumente zur Steuerung der klassischen Produktionsfaktoren (Arbeit, Ka-
pital, Boden) kontinuierlich verbessert werden, hat eine Professionalisierung der
Managementinstrumente im Bereich der Wissensressourcen bis heute so gut wie nicht stattge-
funden." [Probst 1998, S. 20].
Die Landwirtschaft hat im Laufe von Jahrtausenden gelernt, die Ressource Boden zu nutzen
und zu bewirtschaften. Seit Beginn der Industrialisierung haben Unternehmen gelernt mit der
Ressource Arbeit produktiv umzugehen und Banken und Versicherungen entwickelten In-
strumente für den effektiven wie effizienten Umgang mit dem Produktionsfaktor Kapital. Für
den produktiven Umgang mit dem "vierten Produktionsfaktor", wie Stewart die Ressource
Wissen bezeichnet [vgl. Stewart 1995], fehlen allerdings bisher leistungsfähige Konzepte,
Methoden und Werkzeuge.
Intellektuelles Kapital weist grundlegend andere Verhaltensweise auf, als die o.g. klassischen
Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital. Wissen läßt sich nicht per Dekret verteilen
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite22
bzw entziehen, es läßt sich auch nicht vererben. Selbst wenn es einer Person gelingt, Wis-
sen mit anderen zu teilen, geht es ihr nicht verloren. Dieses persönliche Wissen hat damit ein
großes Beharrungsvermögung, was in der Regel als Gedächtnis bezeichnet wird. Vom Stand-
punkt eines Unternehmers gesehen ist Wissen allerdings eine flüchtige Form des Eigentums,
er kann nur schwer verhindern, daß Mitarbeiter das Unternehmen verlassen und dabei ihr
Wissen mitnehmen. Im Gegensatz zu den klassischen Produktionsfaktoren, deren Wert sich
aufgrund anerkannter Meßkriterien in Geldeinheiten ausdrücken läßt, stellt die fehlende Meß-
barkeit des Wertes von Wissen ein signifikantes unternehmerisches Problem dar. Gemäß der
stark naturwissenschaftlich geprägten Grundhaltung der heutigen, westlichen Gesellschaft
gilt: „Was nicht gemessen werden kann, existiert nicht“. Diese Auffassung findet ihren Höhe-
punkt in dem sogenannten MacNamaraschen Trugschluß: „Als erster Schritt wird immer das
gemessen, was sich leicht messen läßt. Daran ist nichts weiter auszusetzen. Der zweite Schritt
besteht darin, das zu ignorieren, was sich nicht leicht messen läßt, oder ihm einen willkürli-
chen quantitativen Wert zuzuweisen. Das ist eine künstliche und irreführende
Vorgehensweise. Der dritte Schritt besteht darin anzunehmen, daß das, was sich nicht leicht
messen läßt, nicht wichtig sei. Und der vierte Schritt besteht schließlich darin zu sagen, daß
das was sich nicht leicht messen läßt, eigentlich gar nicht existiert.“ [nach Handy 1994, S.
281].
Der Mangel an leistungsfähigen Konzepten, Methoden und Werkzeugen für die Bewirtschaf-
tung des Produktionsfaktors Wissen scheint offensichtlich zu sein. Es stellt sich die Frage,
wer diesen Mangel bezeitigen kann, bzw:
Wer ist der Treiber der Wissensgesellschaft?
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite23
2.3 Unternehmensberatungen als Treiber der Wissensgesellschaft
2.3.1 Bedeutung von Beratungsunternehmen für die Wissensgesellschaft
„Ich las voller Neid eine Geschichte über einen Mann, der in einem Lon-
doner Nachtclub einen anderen Mann traf. Sie kamen ins Gespräch. Der
zweite Mann kam aus dem Nahen Osten und suchte nach einer Lösung für
ein umfangreiches und schwieriges Bewässerungsproblem in seiner Regi-
on. Zufälligerweise stellte sich heraus, daß sein Gesprächspartner eine
Frau kannte, die eine Firma mit genau dem benötigten Produkt betrieb.
Dieser Mann erhielt eine Provision von fünf Millionen Pfund für diese
Vermittlung. Er wurde nicht für seine Zeit, sondern für sein wertvolles
Wissen bezahlt.“
Charles Handy [Handy 1994, S. 224]
Unternehmensberatungen arbeiten ähnlich, wie der von Handy erwähnte Mann. Sie erwerben
oder generieren Wissen und verkaufen dieses an entsprechend interessierte bzw. bedürftige
Kunden. Da Beratungsunternehmen i.d.R. keine realen Güter produzieren, sondern im Rah-
men einer Dienstleistung ausschließlich virtuelle Produkte erzeugen und verkaufen,
bezeichnet Sveiby Unternehmensberatungen als "Urform des Wissensunternehmens" [Sveiby
1998, S. 84]. Der produktive Umgang mit Wissen bildet für diese Unternehmen die Grundla-
ge ihrer Geschäftstätigkeit. Sie produzieren Wissen, indem sie Nachforschungen in intern
oder öffentlich verfügbaren Informationsquellen anstellen, eigene Erfahrungen oder die Er-
fahrungen anderer verwerten, regelmäßig junge, hochqualifizierte Hochschulabgänger
einstellen bzw. die Kenntnisse und Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter durch intensive Ausbildung
und Training kontinuierlich weiterentwickeln. Die Gesamtheit der möglichen Wissensträger
und -quellen im Unternehmen werden durch Wissensmanagement nutzbar gemacht und in
Produkte eingebracht, die sich am Markt verkaufen lassen. Unternehmensberatungen entwi-
ckeln zu diesem Zweck kontinuierlich neue, effektivere und effizentere Methoden und
Werkzeuge für das interne Wissensmanagement. Die eigenen Erfahrungen im produktiven
Umgang mit der Ressource Wissen ermöglichen es ihnen, dem entstandenen Bedarf an Wis-
sensmanagement in Unternehmen und Behörden ein entsprechendes Angebot
gegenüberzustellen.
Vor diesem Hintergrund können Unternehmensberatungen als Treiber der Wissensgesell-
schaft angesehen werden. Sie bewirtschaften die Ressource Wissen und entwickeln neue
Methoden und Werkzeuge für den effektiven wie effizienten Umgang mit dem neuen Pro-
duktionsfaktor.
PROBLEMBESCHREIBUNG Seite24
Welche Ansätze gibt es in Unternehmensberatungen den Produktionsfaktor Wissen zu
generieren und produktiv zu nutzen?
2.3.2 Projekte als typische Organisationsform der Beratung
In der Regel wird eine Unternehmensberatung beauftragt, ein Problem zu lösen, das der Kun-
den nicht lösen kann oder nicht lösen will. Typischerweise werden solche Beratungsaufträge
in Form von Projekten abgewickelt. Der Auftraggeber formuliert einen klaren Projektauftrag
und stimmt mit dem Beratungsunternehmen Beginn, Ende und Kosten des Projekts sowie das
erwartete Ergebnis ab. „Beratungsvorhaben sind als Projekte anzusehen, da sie einen genau
bestimmten Anfang und ein klares Ende haben sollen und in dieser Zeit eine Aufgabenstel-
lung zu bearbeiten ist, die von der Klientenorganisation (in dieser Form und in dieser Zeit)
nicht zu bewältigen wäre.“ [Titscher 1997, S. 74]. Auch Probst weist auf die projekthafte Ar-
beit der Unternehmensberatungen und die besondere Bedeutung der systematischen Nutzung
von Projekterfahrungen hin: "Beratungsunternehmen, deren Arbeit immer projektorientiert ist
und für die der Zugriff auf Erfahrungen abgeschlossener Projekte ein zentraler Erfolgsfaktor
ist, sind Vorreiter im Management von Projekterfahrungen." [Probst 1998, S. 118]. I.d.R. ar-
beiten die Berater vor Ort beim Kunden in einem Projektteam, das sich aus Beratern und
Mitarbeitern der Kundenorganisation zusammensetzt. Die starke Interaktion mit dem Kunden
und die physische Anwesenheit im Unternehmen ermöglicht es den teilnehmenden Beratern,
im Rahmen des Projektes vieles über das Unternehmen des Kunden, die Branche und das je-
weilige Fachgebiet zu erfahren. Zudem erweitern die Berater ihre eigenen Fähigkeiten und
haben die Möglichkeit ausgewählte Methoden und Werkzeuge in der Praxis zu testen.
Dies wirft die zentrale Frage der vorliegenden Arbeit auf:
Wenn der größte und wichtigste Teil des Wissens von Unternehmensberatungen in Be-
ratungsprojekten generiert wird, wie kann dieses Wissen dann effektiv genutzt werden?
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 25
3 Wissensmanagement im Umfeld von Beratungsprojekten
3.1 Projektmanagement
3.1.1 Projekt und Projektmanagement
3.1.1.1 Grundgedanke und Charakteristika von Projekten
Die Durchführung großer Vorhaben ist nicht neu. Bereits der Bau der ägyptischen Pyramiden,
die Errichtung der chinesischen Mauer und des Suez- oder des Panamakanals stellen große
Vorhaben dar, zu deren erfolgreichen Abwicklung Methoden der Planung, Kontrolle und
Steuerung notwendig waren. Neben umfangreichen Bauvorhaben stellt die Kriegsführung
eine weiteres Beispiel für die frühe Entwicklung und Anwendung von planenden und steuern-
den Managementmethoden dar. Mit zunehmender Technisierung und Veränderung der
Gesellschaftsstruktur (vgl. Kap.2.2.1) entwickelten sich neben Bau- und Kriegsvorhaben
weitere komplexe Aufgabenstellungen, wie z.B. im Rahmen der Luft- und Raumfahrt, die
wohlgeplant und bei Zielabweichung erfolgreich gesteuert werden mußten (siehe Abb.8).
1940
1950
1960
1970
1980
1990
Apollo-Programm (NASA)
Polaris-Programm (US-Navy)
Farb-Fernsehen (USA)
Manhattan Engineering District Project (A-Bombe)
Kampfflugzeug Tornado
Ariane-Trägerraktenprogramm
Reaktor SNR „Schneller Brüter Kalkar“
IBM Personal Computer
Airbus A320
Spacelab
Jäger 90
Abbildung 8: Erfahrungen mit komplexen Projekten stammen im wesentlichen aus der
Luft- und Raumfahrt
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 26
Vorhaben dieser Art werden als Projekt bezeichnet. Das Wort Projekt entstand im 17. Jahr-
hundert aus dem lateinischen Ausdruck Projectum, „das nach vorne Geworfene“, und bedeu-
tet Entwurf. Der Entwurf hat seinen praktischen Ursprung im Bauprozeß und bezeichnet dort
den abstrakten Grundriß oder Aufriß des zu bauenden Objektes. Die Aufgabe des Bauleiters
besteht dann darin, aus den strukturorientierten Aussagen des Entwurfs prozeßorientierte
Aussagen hinsichtlich der notwendigen handwerklichen Methoden und Verfahren zu generie-
ren.
Aus diesem Verständnis heraus hat sich der heutige Projektbegriff entwickelt, wie er sich z.B.
bei Litke findet: „Als Projekt kann jede Aufgabe bezeichnet werden, die einen definierbaren
Anfang und ein definierbares Ende besitzt, die den Einsatz mehrerer Produktionsfaktoren für
jeden der einzelnen, miteinander verbundenen und wechselseitig voneinander abhängigen
Teilvorgänge erfordert, die ausgeführt werden müssen, um das dieser Aufgabe vorgegebene
Ziel zu erreichen.“ [Litke 1995, S.17]. Nach DIN 69901 ist ein Projekt „ein Vorhaben, das im
wesentlichen durch Einmaligkeit der Bedingungen in ihrer Gesamtheit gekennzeichnet ist,
wie z.B.
• Zielvorgabe
• zeitliche, finanzielle, personelle oder andere Begrenzungen,
• Abgrenzung gegenüber anderen Vorhaben und
• Projektspezifische Organisationen.“
Im Folgenden soll der Begriff "Projekt" in einem Sinn verwendet werden, wie er sich z.B. bei
Madauss findet: „Projekte sind Vorhaben mit definiertem Anfang und Abschluß, die durch
die Merkmale zeitliche Befristung, Komplexität und relative Neuartigkeit gekennzeichnet
sind. Sie setzen wegen ihres interdisziplinären Charakters eine vorübergehende organisatori-
sche Änderung und damit verbunden auch eine Neufestlegung der Machtverhältnisse im
Unternehmen voraus.“ [Madauss 1984, S.8].
Projekte stellen ein effizientes Mittel zur Komplexitätsbeherrschung interdisziplinärer Aufga-
benstellungen dar und haben daher eine zunehmende Bedeutung für unternehmerische
Problemlösungsprozesse. Die zeitliche und inhaltliche Überschaubarkeit der Aufgabenstel-
lung und die daraus resultierende Abschätz- und Steuerbarkeit des unternehmerischen Risikos
führte in Unternehmen zu einem Wandel von der reinen Abteilungsaufgaben- hin zu einer
stärker Projekt-getriebenen Organisationsform. Im Rahmen einer projekthaften Problemlö-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 27
sung werden i.d.R. Stellen eingerichtet, denen zeitlich begrenzte Weisungsrechte und Ver-
antwortlichkeiten für bestimmte Entscheidungen übertragen werden [vgl. Kieser/Kubicek
1992, S.138]. Die Inhaber dieser Stellen werden Projektmanager genannt und ihre Hauptauf-
gabe besteht in der Koordination von Aktivitäten zur Erreichung der Projektziele.
3.1.1.2 Ziele und Inhalte des Projektmanagement
Die Grundgedanken des modernen Projektmanagements gehen zurück auf die großen Vorha-
ben der USA während des 2. Weltkriegs. Im Rahmen dieser Projekte wurden besondere
Anforderungen an die Projektleitung gestellt, die weniger inhaltlich-fachlicher als vielmehr
organisatorischer Natur waren. Damit wird Projektmanagement zu einer Führungsaufgabe,
vergleichbar mit den Leitungsaufgaben eines Geschäftsführers. Die Funktionen Planung, Ü-
berwachung und Kostenschätzung gehören ebenso dazu wie Systemtechnik,
Vertragsmanagement und Angebotserstellung. Nach Litke umfaßt Management einen Prozeß,
„bestehend aus den Phasen Planung, Organisation, Durchführung, Kontrolle, der über den
Einsatz von Menschen zur Formulierung und Erreichung von Zielen führt.“ [Litke 1995,
S.18]. Das Management von Projekten stellt eine spezielle Form des Managements dar und
beinhaltet demnach spezielle an die Projektcharakteristika angepaßte Methoden zur Bearbei-
tung der Projektaufgaben. Hier ist zum einen die Projektplanung zu nennen, die sich im
wesentlichen aus den Aufgaben Aufgabenstrukturierung, Ablaufplanung, Kapazitätenplanung
und Mitarbeitereinlastung zusammensetzt (siehe Abb.9).
Projekt
Projekt
Strukturierung
der Aufgaben
Strukturierung
des Ablaufs
Kapazitäten
Mitarbeiter
Qualität
Termine
Information
Hilfsmittel
Abbildung 9: Aufgaben der Projektplanung [Litke 1995, S.95]
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 28
Zum anderen werden während der Projektdurchführung Methoden der Projektkontrolle und
–steuerung eingesetzt, um die Projektziele hinsichtlich der Dimensionen Kosten, Termine und
Qualität zu erreichen. Im Projektverlauf werden die aus der Projektplanung resultierenden
Sollwerte kontinuierlich mit den in der Projektdurchführung festgestellten Ist-Werten vergli-
chen (Kontrolle) und bei siginifikanten Abweichungen von Soll- und Ist-Werten
entsprechende Maßnahmen zur Behebung der Abweichung eingeleitet (Steuerung). In diesem
Sinne kann Projektmanagement als Regelkreis aufgefaßt bzw. unter einem systemischen
Blickwinkel betrachtet werden. Daenzer z.B. betrachtet das Projektmanagement als einen Be-
standteil des Systems Engineering [vgl. Daenzer 1982].
Planung Steuerung
Kontrolle Durchführung
Soll-Werte (gemäß Projektauftrag)
- sachliches Ergebnis
- Zwischen- und Endtermine
- zur Verfügung stehende Mitarbeiter
- freigegebenes Budget
Störungen (aus Projektverlauf):
- sachliche Änderungen
- Terminüberschreitungen
- Kapazitätsprobleme
- Mitarbeiterprobleme
- sonstige
Soll-
werte
Soll-Werte
Entscheidungen Entscheidungen
Ist-Werte
Ist-Werte Maßnahmen
Abbildung 10: Projektmanagement als Regelkreis [Litke 1995, S.168]
Der Begriff Projektmanagement besitzt neben der beschriebenen Leitungsfunktion eine
zweite Bedeutung. Unter Projektmanagement wird auch die Institution verstanden, von der
die Aufgaben des Projektmanagements durchgeführt werden. [vgl. Rinza 1985, S.5] Die
Durchführung eines Projektes ist demnach regelmäßig mit der Einrichtung einer temporären
Projektorganisation verbunden, die orthogonal zu der bestehenden Linienorganisation aufge-
stellt ist. „Projekte werden immer dann ins Leben gerufen, wenn ein größeres Vorhaben den
normalen betrieblichen Ablauf sprengt. Fast immer sind in solchen Fällen mehrere Abteilun-
gen einer Unternehmens betroffen, die innerhalb einer Projektorganisation interdisziplinär
zusammenarbeiten.“ [Vollrath 1981].
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 29
Der in Kapitel 2.2.1. beschriebene Strukturwandel der Gesellschaft und der zunehmende
Erkenntnisstand in Forschung und Technik induzieren zunehmend komplexere Aufgaben-
stellungen. Hierdurch entsteht ein Bedarf an verstärkter interdisziplinärer Zusammenarbeit
und dem Einsatz leistungsfähiger Projektmanagementmethoden, um diese Form der Zusam-
menarbeit erfolgreich koordinieren zu können. „Die Stärke des Projektmanagements liegt in
der ausgeprägten produkt- und zielorientierten Arbeitsweise, die zu systemtechnischer Denk-
weise und interdisziplinärer Zusammenarbeit führt.“ [Madauss 1984, S. 2]. Das Neue beim
Projektmanagement liegt in der integralen Denkweise. Projektmanagement stellt eine Interak-
tions- und Integrationsform dar, in der zum Beispiel die Denkrichtungen des Ingenieurs
(Systemtechnik), des Betriebswirts (Controlling) und des Juristen (Vertragsabwicklung) im
Interesse eines gemeinsamen Zieles, nämlich dem Projektziel, zu einer einheitlichen Denk-
richtung vereinigt werden.
3.1.2 Projektmanagement als iterativer Prozeß
3.1.2.1 Bedeutung des Projektlebenszyklus
Ein wesentliches Ziel des Projektmanagements ist es, ein kontinuierliches Gleichgewicht von
Projektanforderungen und eingesetzten Investitionsmitteln zu erhalten. Dazu sind effiziente
Kontroll- und Steuerungsmechanismen notwendig, die es der Projektleitung ermöglichen,
Abweichungen der Ist-Werte von den Soll-Werten hinsichtlich der Dimensionen Zeit, Kosten
und Qualität frühzeitig zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen zu treffen. Die
Balance zwischen dem was erreicht werden soll und dem was investiert werden kann, ist zum
Beginn eines Projektes i.d.R. sehr schwer zu bestimmen. „Da die Planung ein in die Zukunft
gerichteter Vorgang ist, kann sie den Projektablauf nur theoretisch vorwegnehmen und wird
immer mit Fehlern behaftet sein.“ [Litke 1995, S.167]. Die Durchführung eines Projektes ist
also von vornherein mit großen Risiken behaftet, da niemand in der Lage ist, das gewünschte
Ergebnis im Rahmen der festgesetzten finanziellen und terminlichen Grenzen zu garantieren.
Eine gründliche und realistische Planung sowie die Fähigkeit, die verschiedenen Projektma-
nagementmethoden zum richtigen Zeitpunkt im Projektverlauf einsetzen zu können, sind
daher wichtige Werkzeuge zur Reduzierung der Projektrisiken.
Madauss weist darauf hin, "daß der Ablauf eines Projektes nach einem ganz bestimmten
Zyklus abläuft und daß sich die Aufgaben, und damit auch die Personalqualifikation, ständig
verändern" [Madauss 1984, S. 59]. Die einzelnen Schritte in denen ein Projekt abläuft, die
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 30
sogenannten Projektphasen, sind die Grundbausteine des Projektlebenszyklus. Die von
Madauss angesprochene kontinuierliche Veränderung im Verlauf des Projektlebenszyklus'
erfordert in den einzelnen Phasen unterschiedliche Mitarbeiterstrukturen und einen differen-
zierten Einsatz von Methoden und Verfahren. Die Einteilung eines Projektes in Phasen hilft,
die Komplexität des Problems zu reduzieren und die Unsicherheit des Vorhabens einzugren-
zen. In der Literatur werden unterschiedliche Ansätze diskutiert, wie ein Projekt in Phasen
eingeteilt werden kann und welche Phasen sinnvoll sind.
3.1.2.2 Kontrollierter Projektverlauf durch Phasenkonzepte
Jedes Projekt durchläuft einen ganz bestimmten Weg, der in einzelne Phasen unterteilbar ist.
Eine solche Einteilung ermöglicht es, ein i.d.R. komplexes Problem, das im Rahmen eines
Projektes gelöst werden soll, auf einer Projektmetaebene grob zu strukturieren und damit ei-
nen Überblick über die jeweils sinnvoll zu lösenden Teilprobleme zu erlangen. Über diesen
Weg der hierarchischen Dekomposition können über den gesamten Projektverlauf Zwischen-
ergebnisse definiert werden, die einen Orientierungsrahmen für die Termin- und
Ablaufplanung bieten und damit die Kontrolle des Projektfortschritts erleichtern. Zudem ist
ein situationsgerechter Einsatz der passenden Managementmethoden im Projektverlauf steu-
erbar. Die Unterteilung eines Projektablaufs in einzelne Phasen hat den Sinn, ganz bewußt
Zäsuren (Meilensteine) in diesen Ablauf einzubauen. An vorab definierten Entwicklungssta-
dien eines Projektes wird das Vorliegen bestimmter Arbeitsergebnisse verlangt und der
Projektfortschritt in einer Weise kontrolliert, die Aussagen über den Abbruch oder die Fort-
führung des Projektes liefert. „Der phasenweise Projektablauf ist eine wesentliche
Voraussetzung zur wirtschaftlichen Durchführung von Projekten“. [Litke 1995, S.26]. Pro-
jektphasen und -meilensteine grenzen die Unsicherheiten im Projekt sukzessive ein und
machen damit das Risiko beherrschbar.
Es gibt mehrere Ansätze ein Projekt in Phasen zu unterteilen, da unterschiedliche Projektarten
unterschiedliche Vorgehensweise bzw. Phasenschemata erfordern. So orientiert sich ein
Softwareprojekt an einem anderen Phasenkonzept als ein Bauprojekt und ein Rüstungsvorha-
ben benötigt andere Phasen als die Entwicklung eines Automobils (siehe Abb.11).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 31
ZAGG
DAUNZER
1974/76
BMVG
(Wehrtechnik)
1971
US
Air Force
1964
ESRO
(Satelliten)
1973
NASA
(alt)
1968
NASA
(neu)
1971
GFW
(DEFVLR)
1971
WIM
1973 AKM
1969 Philips
1973
Vorstudie
Hauptstudie
Detailstudie
Systembau
System-
einführung
System-
außerdienst-
stellung
Phasenvorlauf (Pre-Phase
Effort) Missions- und
Konzeptdef.
Problem-
phase Projekt-
vorbereitung (Pre-
Development)
Konzeptphase
Definitions-
phase
Entwicklungs-
phase
Beschaffungs-
phase
Nutzungs-
phase
---- ---- ---- ---- ---- ---- ---- ---- ----
Conceptual
Phase
Definition
Phase
Acquisition
Phase
Operational
Phase
Conceptual
Development
Feasibility
Assessment
Definition
Preparatory
System
Definition
Development
Design
Development
Acquisition
Operation
Preliminary
Analysis
(A)
Definition
(B)
Design
(C)
Development
Operation
(D)
Study
(A)
Feasibility
and System
Definition
(B)
Execution
(C/D)
Projekt-
definition
Entwurfs-
definition
Entwicklung
und
Operation
Konzept-
phase
Definitions-
phase
Entwicklungs-
phase
Fertigungs-
phase
Nutzung
Konzeption
Durchführungs-
planung
Auswahl
Haupt-
auftragnehmer
Definition
Entwicklung
u. Detailkonstr.
Prototypen
Serien-
reifmachung
Null Serie
Vorbereitung
Vorserie
1
2
3
Einsatz
und
Betrieb
System
Concept
Definition
Development
Preparation
Detailed
Design
Prototopyp
Serial
Production
Installation
Operation
Abbildung 11: Vergleich verschiedener Phasenkonzepte [Madaus 1984]
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 32
Unabhängig von ihrer jeweiligen Ausprägung liegt allen Phasenkonzepten das Bestreben
zugrunde, die Gesamtaufgabe der Projektplanung und -abwicklung in Teilaufgaben (Phasen)
zu zerlegen und für diese jeweils geeignete Schritte zu bestimmen, die ein zeit-, kosten- und
qualitätsoptimales Vorgehen im Projektverlauf ermöglicht.
3.1.2.3 Projekt- vs. Prozeßmanagement
Der berufliche Alltag heutiger Unternehmen ist geprägt von Wiederholungstätigkeiten. Die
gesellschaftliche Entwicklungsphase der Massenproduktion hat die heute vorherrschenden
Großorganisationen in der Industrie, Dienstleistungswirtschaft und den öffentlichen Berei-
chen der sozialen und technischen Infrastruktur hervorgebracht. Diese Großorganisationen
sind typischerweise geprägt durch Zentralismus in Verbindung mit einer tiefgestaffelten Füh-
rungs- und Verwaltungshierarchie und einer damit einhergehenden Arbeitsteilung. Die darin
organisierten Arbeitsabläufe sind zerstückelt und haben den Charakter anonymer und verant-
wortungsarmer Wiederholungstätigkeiten. Vielfach werden in solchermaßen funktional
organisierten Unternehmen trotz Erreichung der angestrebten Umsatzziele die Gewinnerwar-
tungen regelmäßig nicht erfüllt und zudem geht mit zunehmender Unternehmensgröße die
Kundenorientierung verloren [vgl. Gaitanides 1994, S.2].
Gaitanides sieht das Konzept des Prozeßmanagement als „Weg aus der Krise funktionaler
Strukturen“ an [Gaitanides 1994, S.9]. Im Rahmen des Prozeßmanagements wird ein Unter-
nehmen nicht aus der Sicht der organisatorischen Aufbaustruktur betrachten, sondern aus der
Sicht der internen Abläufe (Prozesse), die für die Erstellung der jeweiligen Produkte oder
Dienstleistungen notwendig sind. Hiarchische und starre Organisationstrukturen werden auf-
gebrochen und Arbeitsplätze an den Prozeßketten des Unternehmens ausgerichtet.
Prozeßmanagement verfolgt das Ziel, mit Hilfe tiefgreifender Veränderungen der betriebli-
chen Ablaufstrukturen Verbesserungen hinsichtlich der Dimensionen Qualität, Zeit und
Kosten zu erreichen und damit die Produkte oder Dienstleistungen eines Unternehmens feh-
lerfrei zu produzieren, rechtzeitig auf den Markt zu bringen und kostengünstig anbieten zu
können, um auf diese Weise nachhaltige Kundenzufriedenheit zu erreichen (siehe Abb.12).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 33
Abbildung 12: Dach und Säulen des Prozeßmanagements [Gaitanides 1994, S. 16]
In einer prozeßorientierten Unternehmensstruktur wird der einzelne als Teil einer Gruppe ge-
sehen. Er verfolgt seinen Teilprozeß innerhalb einer kundenorientierten Prozeßkette und
bewertet seinen Erfolg nach dem Kundennutzen. Nach Gaitanides existiert kein allgemein-
gültiges Unternehmensprozessmodell, statt dessen besitzt jedes Unternehmen spezifische,
eigenartige Prozesse, die nicht mit anderen Unternehmen vergleichbar sind [vgl. Gaitanides
1994, S.6].
Auf den ersten Blick scheinen Projekt- und Prozeßmanagement wenig miteinander zu tun zu
haben. Ein Projekt definiert sich insbesondere durch das Merkmal der Einmaligkeit, während
sich ein Prozeß durch regelmäßige Iterationen auszeichnet. Auch hinsichtlich der subjektiven
Wahrnehmung der beteiligten Mitarbeiter unterscheiden sich Projekte und Prozesse signifi-
kant. Projekte werden heutzutage von den Projektbeteiligten als Ausnahmesituation erfahren
und als temporäre Unterbrechung ihrer normalen Arbeit angesehen, während Prozesse durch
ihre Regelmäßigkeit eine gewisse Stabilität hinsichtlich Arbeitsplatzsicherheit und Be-
herrschbarkeit der zu erfüllenden Aufgaben bieten. In seinem 1993 erschienenen Buch
„Jenseits der Hierarchien“ prognostiziert Peters allerdings, daß die höchste Entwicklungsstufe
kundenorientierter Prozesse Projekte sind [vgl. Peters 1993]. Er verdeutlicht am Beispiel von
Unternehmensberatungsgesellschaften seine Vision zukünftiger Unternehmen. Kundenbezo-
gene Aufträge werden dann in Form von Projekten definiert und durch kundenspezifisch
ausgewählte Mitarbeiter in temporären Teams abgewickelt. Ähnlich wie heute in Unterneh-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 34
mensberatungen würde dadurch die strenge Hierarchie aufgelöst und durch eine sich stän-
dig im Wandel befindliche Organiationsstruktur abgelöst [vgl. Gareis 1990].
3.2 Wissensmanagement
Nach den technologielastigen Phasen der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) und des
Informationsmanagements (IM), scheint mit dem Ansatz des Wissensmanagements die Be-
deutung der menschlichen Fähigkeiten wieder in der Vordergrund der Betrachtung zu rücken.
Die im Rahmen von Ausbildung, Beruf und natürlich auch privater Aktivitäten und Hobbies
erworbenen Erfahrungen sollen genutzt und verfügbar gemacht werden. Die stark technolo-
gie-getriebenen Ansätze der EDV bzw. des IM werden im Rahmen des Wissensmanagements
um eine humane Komponente erweitert. Wissensmanagement ist daher eine Disziplin, die
nicht nur aus der Sicht der Informatik, sondern insbesondere auch aus der Sicht der Geistes-
und Humanwissenschaften, wie Neurobiologie, Psychologie und Soziologie betrachtet werden
muß. Die Neurobiologie liefert z.B. einen Erklärungsansatz, was aus medizinischer Sicht
Wissen bedeutet und welche biologischen Potentiale bzw. Grenzen für die menschliche Wis-
senverarbeitung bestehen. Die Kognitionspsychologie erklärt die Prozesse des Erwerbs von
Wissen (Lernen) und der Speicherung von Wissen (Gedächtnis).
3.2.1 Daten – Informationen – Wissen
Die Begriffe Daten, Information und Wissen werden in der Literatur häufig fälschlicherweise
synonym verwendet. So formuliert z.B. Bleicher 1992 im Rahmen seines Konzeptes „Integ-
riertes Management“ eine wenig zielführende Definition von Daten und Informationen, wobei
er bereits den Begriff Wissen verwendet, allerdings relativ undifferenziert. „Unter dem Begriff
Informationen werden Nachrichten bzw. Auskünfte verstanden, wohingegen Daten unbear-
beitete Tatsachenabbildungen sind. Informationen sind zweckbezogenes Wissen, Daten deren
nicht zweckgerichteter Rohstoff.“ [Bleicher 1992, S.251]. Für einen effektiven Einsatz des
„vierten Produktionsfaktors“, wie Stewart das virtuelle Gut Wissen in seinem Buch „Der
vierte Produktionsfaktor: Wachstum und Wettbewerbsvorteile durch Wissensmanagement“
[Stewart 1998] bezeichnet, ist eine klare begriffliche Abgrenzung der o.g. Betrachtungsge-
genstände von fundamentaler Bedeutung. Probst betont in diesem Zusammenhang
insbesondere die Verantwortung des Managements: „Für das integrierte Verständnis eines
Managements der eigenen Wissensbasis ist es unerläßlich, daß verantwortliche Führungs-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 35
kräfte einerseits zwischen Daten, Information und Wissen zu unterscheiden lernen, ande-
rerseits aber auch in der Lage sind, deren Zusammenhänge zu erkennen.“ [Probst 1998, S.
35].
Krcmar unterscheidet zwischen Zeichen, Daten, Informationen und Wissen. Zeichen werden
danach durch Syntaxregeln zu Daten, welche in einem gewissen Kontext interpretierbar sind
und damit für den Empfänger Information darstellen. Durch den Prozeß der Vernetzung von
Informationen wird deren Nutzung in einem spezifischen Handlungsfeld ermöglicht, was im
Sinne von Krcmar [vgl. Krcmar 1998] und Glazer [vgl. Glazer 1991] als Wissen bezeichnet
wird. Probst liefert eine ähnliche, aber umfassendere Abgrenzung, wobei er die drei Begriffe
Daten, Information und Wissen in hierarchischer Form betrachtet und sie als unterschiedliche
Detaillierungsstufen derselben Grundelemente ansieht (siehe Abb.13).
Rohmaterial
Wissen Informationen
mit Wert
Informationen
Daten
Strukturierte Daten
grün 134,34 W101
E65 hoch
17,453
223.432
1001101 17.09.1998 mittel EW-3
Code/Regeln
Interpretation/Bewertung
Abbildung 13: Abgrenzung von Daten, Informationen und Wissen
[Gemmerich/Stratmann 1998, S.24]
Demnach stellen Daten das reine, bedeutungsneutrale Rohmaterial an Zahlen, Buchstaben,
Worten etc. dar. Informationen dagegen können als eine durch Regeln strukturierte An-
sammlung von Daten aufgefaßt werden. Informationen stellen damit laut Handy eine
Ressource dar, die, ähnlich wie materielle Rohstoffe, industriell verwertbar und einsetzbar ist.
„Information läßt sich verpacken, verbreiten, lagern und abrufen; sie eignet sich für die Mas-
senproduktion, kann konsumentenfreundlich gestaltet, durch Multimedia-Instrumente verteilt
und auf eine gute Aufnahme hin überprüft werden.“ [Handy 1994, S. 262]. Information hat
allerdings keine Bedeutung und damit keinen Wert an sich, dies ergibt sich erst aus dem je-
weiligen Handlungskontext, in dem die Information Anwendung findet. Wissen wird
demgegenüber nach Meinung von Probst, durch Interpretation und Bewertung von Informati-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 36
onen generiert und stellt folglich Informationen mit Wert dar. „Wissen bezeichnet die Ge-
samtheit der Kenntnisse und Fähigkeiten, die Individuen zur Lösung von Problemen einset-
zen. Dies umfaßt sowohl theoretische Erkenntnisse als auch praktische Alltagsregeln und
Handlungsanweisungen. Wissen stützt sich auf Daten und Informationen, ist im Gegensatz zu
diesen jedoch immer an Personen gebunden. Es wird von Individuen konstruiert und reprä-
sentiert deren Erwartungen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge.“ [Probst 1998, S. 44].
Einige Autoren versuchen, Wissen anhand von Begrifflichkeiten, wie Patente, Prozesse,
Technologien, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Erfahrungen der Mitarbeiter sowie Informatio-
nen über Kunden, Märkte und Lieferanten zu verdeutlichen [vgl. North 1998, S. 2] während
andere einen generischen Ansatz wählen und Wissen z.B. als "Fähigkeit zu handeln" [Sveiby
1998, S. 65] bzw. als "dynamischen menschlichen Prozeß der Erklärung persönlicher Vor-
stellungen über die Wahrheit" [Nonaka 1997, S. 70] bezeichnen. Gemein ist allen, daß sie
nicht Informationen sondern Wissen als einen wichtigen Produktionsfaktor ansehen. Aus die-
sem Wertverständnis leiten sich weitere Bezeichnungen ab, wie "Intellektuelles Kapital"
[Stewart 1998] oder "Wissenskapital" [Sveiby 1998]. Der Produktionsfaktor Wissen unter-
scheidet sich signifikant von den klassischen Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital.
Er weist ein paradoxes Verhalten auf, das einen Paradigmenwechsel in der industriellen Nut-
zung von Produktionsfaktoren erfordert.
1. Wertparadox
Wissen hat keinen Wert ansich, statt dessen ist der Wert von Wissen fundamental von der
jeweiligen Situation und den beteiligten Personen abhängig. Ändert sich eines von beiden, so
kann dies unkalkulierbare Auswirkungen auf den Wert einer sonst unveränderten Wissensein-
heit haben. Das Wissen um einen zu erwartenden Anstieg einer bestimmten Aktie, bietet
einem wohlhabenden Menschen große Gewinnchancen, während ein armer Mensch mit dem
gleichen Wissen wenig anfangen kann. Er besitzt nicht das nötige Kapital, um die entspre-
chenden Wertpapiere zu erwerben und wird wohl auch von keiner Bank einen Kredit erhalten,
mit dem er spekulieren könnte. Neben den beteiligten Personen hat auch die jeweilige Situati-
on einen wesentlichen Einfluß auf den Wert von Wissen. Laut Drucker stellen die
Erkenntnisse von heute die Unwissenheit von morgen dar. Kenntnisse und Erkenntnisse, die
heute einen komparativen Wettbewerbsvorteil ausmachen unterliegen schnellen, oft sogar
abrupten Veränderungen [Drucker 1998, S.10]. Beispielsweise war der amerikanische Phar-
makonzern Pfizer 1998 als erstes Unternehmen in der Lage, mit Viagra ein
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 37
nachgewiesenermaßen potenzförderndes Medikament auf den Markt zu bringen, was zu
einem rapiden Anstieg des Börsenkurses von Pfizer führte. Als sich Ende 1998 herausstellte,
daß die Einahme von Viagra insbesondere bei älteren Männern zu einem erhöhten Morbitäts-
risiko führt, brach der Aktienkurs des Unternehmens ein. Der Wert des Wissensvorsprungs
von Pfizer nahm damit abrupt ab, obwohl das Wissen unverändert vorhanden war.
2. Konsumparadox
Wissen nutzt sich durch Gebrauch nicht ab, sondern nimmt, im Gegensatz zu konventionel-
lem Anlagevermögen, zu, wenn man es mit anderen teilt. Im Gegensatz zu Gütern und
Dienstleistungen verschwindet Wissen auch nicht, wenn es verkauft wird. Im Gegenteil ler-
nen Unternehmen, die ihr Wissen an andere Unternehmen z.B. im Rahmen von
Beratungsprojekten verkaufen, noch von ihren Kunden [vgl. Sveiby 1998, S.16 u. S.45].
3. Eigentums-Paradoxon
Einer der größten komparativen Wettbewerbsvorteil, den entwickelte Länder heute besitzen,
besteht in ihrem großen Aufgebot an Wissensarbeitern. Das spezifische Wissen eines Unter-
nehmens ist allerdings zu einem bedeutenden Anteil in den Köpfen seiner Mitarbeiter
gespeichert. Damit gehören die Produktionsmittel den Wissensarbeitern selbst. Anders als bei
den Arbeitern, die in der industriellen Fertigung tätig sind, tragen Wissensarbeiter ihre Pro-
duktionsmittel in ihren Köpfen. Handy spricht daher auch von einem "Intelligenzbonus"
[Handy 1998, S.39]. Verläßt ein Mitarbeiter das Unternehmen, sei es aufgrund von Kündi-
gung, Ruhestand oder gar Krankheits- oder Todesfall, so nimmt er dieses Wissen mit. Es steht
dem Unternehmen nicht länger zur Verfügung. Peter Drucker weist darauf hin, daß die Pro-
duktionsmittel, die traditionelle Grundlage des Kapitalismus, heute im Besitz der Arbeiter
sind, weil sie sie geistig beherrschen und Bedienungsgewalt über sie haben [Drucker 1993, S.
35]. Heutige Unternehmen versuchen durch Wissensmanagement den Besitz dieses Produkti-
onsmittels zu sichern und damit einer schleichenden Enteignung entgegenzuwirken. Einen
aktuellen und in der Öffentlichkeit hoch beachteten Fall des Wissensverlustes stellt der Wech-
sel von Jose Ignacio Lopez von General Motors zu Volkswagen im Jahre 1994 dar. Die
massiven Schadenersatzforderungen, welche der General Motors-Konzern an VW stellte, ver-
deutlichen, in welchen Wertekategorien dieses implizite Wissen gehandelt werden kann.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 38
3.2.2 Wissen aus der Sicht der Neurobiologie
3.2.2.1 Wissenszentrum Gehirn
In der Neurobiologie wird weniger die Bedeutung des Wissens untersucht als vielmehr, wel-
che Prozesse bei der Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Nutzung von Wissen im
menschlichen Gehirn ablaufen. Die Kenntnis und das Verstehen dieser Vorgänge ist von fun-
damentaler Bedeutung für den Umgang mit Wissensmanagementkonzepten und die
Konzeption entsprechender Systeme. Ausgangspunkt der neurobiologischen Untersuchungen
sind der Aufbau und die Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Nach heutigem Erkennt-
nisstand besteht das Großhirn aus zwei Hälften (Hemisphären), die unterschiedliche
Funktionen übernehmen. Die äußere Schicht der beiden Hemisphären, die sogenannte Groß-
hirnrinde (Cortex) ist dabei zuständig für die Verarbeitung komplexer sensorischer
Nachrichten, für kognitive Leistungen wie Sprechen und Denken, für Lernen und Gedächtnis
sowie für die Entwicklung von Handlungskonzepten.
Abbildung 14: Funktionen der Hirnhälften [Popper&Eccles, 1982, S. 385]
Bekannt wurden in diesem Zusammenhang die Untersuchungen des späteren Nobelpreisträ-
gers Sperry an sogenannten Split-Brain-Patienten. Durch eine Operation war bei diesem
Personenkreis der Nervenbalken (Corpus Callosum), der die beiden Gehirnhälften verbindet,
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 39
durchtrennt worden. Dadurch wurde es möglich, die Leistungen der beiden Hemisphären
genauer zu differenzieren. Neben dem Sprechen und abstrakten Denken sind Schreiben und
Rechnen herausragende Leistungen der linken Hemisphäre. Bei den meisten Menschen akti-
viert und kontrolliert sie in besonderer Weise das motorische System (Rechtshänder). Auch
die rechte Hemisphäre stellt einen hochentwickelten Teil des menschlichen Gehirns dar. Ihr
fehlt zwar die klar bewußte sprachlich-begriffliche Ausdrucksfähigkeit, sie ist jedoch nicht
grundsätzlich defizitär. Die bildhafte Vorstellung, der Umgang mit Flächen und Körpern, die
umfassende Orientierung auf anschaulicher Grundlage sind ganz wesentliche kognitive Leis-
tungen der rechten Gehirnhälfte (siehe Abb.14 und Tab.1).
Linke Hemisphäre Rechte Hemisphäre
Verbindung zum Bewußtsein
Sprachlich
Begrifflich
Arithmetisch
analytisch und abstrakt
keine derartige Verbindung
musikalisch
Bild- und Mustererkennung
geometrisch und räumlich
einheitlich und konkret
Tabelle 1: Verschiedene spezifische Leistungen der Hirnhälften
Statt von einer dominanten (der linken) und einer untergeordneten (der rechten) Hemisphäre
zu sprechen, ergibt sich das Bild, daß der Mensch über ein Gehirn mit zwei hochspezialisier-
ten Hälften verfügt. Die beiden Hemisphären stehen in einem komplementären Verhältnis
zueinander, d.h. sie ergänzen sich mit ihren spezifischen Leistungsfähigkeiten.
„Wenn jemand eine Geschichte liest, dürfte die rechte Hemisphäre eine besondere Rolle
dabei spielen, die visuelle Information zu entschlüsseln, eine zusammenhängende
Struktur der Erzählung zu gewinnen und zu behalten, Humor und Gefühlsinhalt aufzu-
nehmen, Bedeutungen aus Assoziationen zur Vergangenheit herzuleiten und bildhafte
Wendungen zu verstehen. Gleichzeitig hat die linke Hemisphäre besonderen Anteil dar-
an, Satzstrukturen zu durchdringen, geschriebene Worte in die entsprechenden Laute zu
übersetzen und Bedeutungen aus komplexen Beziehungen zwischen Einzelbegriffen
und Satzbau zu erschließen.“
[Levy 1986, S.35].
Für das Management von Wissen leitet sich aus dieser Erkenntnis die Anforderung ab, geeig-
nete multiple Repräsentationsformen von Wissen zu entwickeln, die unter Ausnutzung der
spezifischen Fähigkeiten der beiden Hemissphären sowohl den Erwerb als auch die Nutzung
des Wissens optimal unterstützen.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 40
3.2.2.2 Prozesse des Wissenserwerbs
In der Psychologie werden die Prozesse der Aneignung von Wissen als Lernen bezeichnet.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Thematik im Rahmen der sogenannten Lern-
theorien bezeichnet den Versuch, die Kenntnisse über das Lernen zu systematisieren und
zusammenzufassen. Im Laufe von fast 100 Jahren moderner psychologischer Lernforschung
haben sich in zeitlicher Reihenfolge die folgenden drei Erklärungsversuche herausgebildet.
Abbildung 15: Formen des Lernens [Edelmann 1996, S.14]
Die Theorie des Reiz-Reaktions-Lernens ist im wesentlichen begründet durch die Ansätze von
Pawlow und Watson. Pawlow wies im Rahmen von Verhaltensstudien mit Mäusen und Hun-
den nach, daß es möglich ist, durch einen definierten Reiz eine bedingte Reaktion
hervorzurufen, man spricht hier auch von klassischem Bedingen oder Konditionieren. Die
Theorie des Instrumentellen Lernens dagegen sieht Verhalten als das Instrument an, das be-
stimmte Konsequenzen herbeiführt, die einen Lerneffekt bewirken. Skinner wies 1930 nach,
daß entscheidend für das Lernen nicht die Bedingungen sind, unter denen Reize bestimmte
Reaktionen auslösen, sondern die belohnenden bzw. bestrafenden Konsequenzen und be-
zeichnete dies als operante Konditionierung [vgl. Skinner 1938]. Die Instrumente dieser
Lernform sind die positive Verstärkung (z.B. Lob), die negative Verstärkung (z.B. Androhung
einer Strafe), die tatsächlich durchgeführte Bestrafung sowie die Möglichkeit keine Konse-
quenz auszulösen, was als Löschung bezeichnet wird. Gemeinsam ist beiden Theorien, daß
das Lernen mit dem relativ mechanischen Prinzip der assoziativen Verknüpfung von Bewußt-
seinsinhalten erklärt wird. Begriffe wie Absicht, Einsicht u.a. kommen dabei nicht vor. Man
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 41
kann diese Form des Lernens daher auch als mechanisches Lernen oder Auswendiglernen
bezeichnen. Diese als Behaviorismus bezeichnete Art der psychologischen Forschung redu-
ziert die Psychologie auf das mit experimentellen Methoden erfaßbare äußere Verhalten von
Organismen. Da die Methode der Selbstbeobachtung nicht zugelassen wird, sind Erleben und
Bewußtsein der Forschung nicht zugänglich. Das Menschenbild dieser objektiven Naturwis-
senschaft, kann als mechanistisch und deterministisch bezeichnet werden.
Im Rahmen der Theorie des Kognitiven Lernens steht die Betrachtung der inneren Repräsen-
tation der externen Umwelt im Mittelpunkt. Unter Kognition werden dabei jene Vorgänge
verstanden, durch die ein Organismus Kenntnisse von seiner Umwelt erlangt, wie Wahrneh-
mung, Vorstellung, Denken, Urteilen und Sprache. Kognitives Lernen bezeichnet in diesem
Sinne einen Prozeß, an dem die Person aktiv beteiligt ist und dessen Ergebnis Strukturen sind
und nicht relativ isolierte Verbindungen zwischen Reiz und Reaktion oder zwischen Verhal-
ten und Konsequenz. Wissenserwerb ist demnach gekennzeichnet durch aktive, subjektive
Strukturierungsprozesse. Kognitiven Strukturen, als Ergebnis dieses Prozesses, sind kein Ab-
bild der Umwelt, sondern individuelle mentale Konstruktionen, die einer kontinuierlichen
Anpassung unterliegen. Der Begriff der Anpassung meint die Aktivität eines Subjektes in der
Auseinandersetzung mit seiner Umwelt und kommt in zwei Formen vor: Assimilation und
Akkomodation. Assimilation bedeutet die Einordnung von Dingen der Umwelt in bereits vor-
handene Kategorien und damit die Interaktion von neuem Wissen mit bereits vorhandenen
kognitiven Strukturen, man kann hier auch von einer Verankerung des neuen Wissens im
Vorwissen sprechen. Die Alternative wäre ein mechanisches Lernen (Auswendiglernen),
durch das in diesem Sinne kein Wissen erworben würde. Akkomodation bedeutet die Verän-
derung der eigenen Strukturen als Angleichung an die Umwelt. Das Ergebnis der dauernden
Assimilation und Akkomodation sind immer höher organisierte kognitive Strukturen.
Im Unterschied zum mechanischen Lernen, dem Vorgang des wörtlichen Speicherns des zu
lernenden Informationsumfangs, wird mit dem Konzept des Kognitiven Lernens ein Ansatz
des sinnvollen rezeptiven Lernens vertreten.
3.2.2.3 Prozesse der Wissensspeicherung
Während unter Lernen die Prozesse der Aneignung von Wissen aufgefaßt werden, umfaßt das
Gedächtnis die Prozesse der Speicherung und des Abrufs von Wissen. Der größte Teil der
Informationen, die aus der Umgebung eintreffen werden in flüchtigen visuell- bzw. audio-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 42
sensorischen Gedächtnissystemen behalten und gehen schnell verloren, wenn ihnen keine
Aufmerksamkeit zuteil wird. Die inzwischen überholte Theorie des Kurzzeitgedächtnisses
ging davon aus, daß zwischen den sensorischen Gedächtnissystemen und dem Langzeitge-
dächtnis ein Zwischenspeicher mit beschränkter Kapazität existiert. In diesem
Kurzzeitgedächtnis müssen demnach Informationen aktiv memoriert werden, um in das
Langzeitgedächtnis überführt und damit dauerhaft gespeichert werden zu können.
Neuere Untersuchungen zeigen allerdings, daß das bestimmende Moment für den Umfang der
Gedächtnisspanne die Geschwindigkeit ist, mit der ein Mensch das Material memorieren
kann. In seiner Theorie des Arbeitsgedächtnisses schlägt Baddeley im Hinblick auf verbales
Material eine artikulatorische Schleife vor, in der Menschen so viel Information halten kön-
nen, wie sie in einer bestimmten Zeitdauer memorieren können [Baddeley 1986]. Für
visuelles Material nimmt er einen räumlich-visuellen Notizblock zum Memorieren von Bil-
dern an und argumentiert, daß es sich bei beiden um verschiedene Hilfssysteme zur
Aufrechterhaltung von Informationen im Arbeitsgedächtnis handelt. Eine zentrale Exekutive
kontrolliert den Einsatz der Hilfssysteme und kann Informationen in sie einspeisen, aus ihnen
abrufen und von einem in das andere übertragen. Der entscheidende Unterschied zum Kurz-
zeitgedächtnis besteht darin, daß Informationen keine Verweildauer in den Hilfssystemen
haben müssen, um in das Langzeitgedächtnis zu gelangen. Sie werden lediglich benötigt, um
Informationen für das Arbeitsgedächtnis verfügbar zu halten.
Zentrale Exekutive
Räumlich-visueller Notizblock
Artikulatorische Schleife
Abbildung 16: Baddeleys Theorie des Arbeitsgedächtnisses [Baddeley 1986]
Die Verfügbarkeit von Informationen im Langzeitgedächtnis wird durch unterschiedliche
Faktoren beeinflußt. Kurz nach der Verwendung einer Information ist diese i.d.R. sehr gut
verfügbar, die Verfügbarkeit nimmt jedoch sehr schnell ab, wenn die Information nicht be-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 43
nutzt oder memoriert wird. Anderson geht im Rahmen seiner ACT-Theorie davon aus, daß
Gedächtnisinhalte (Gedächtnisspuren) durch die Darbietung assoziativer Konzepte aktiviert
werden [vgl. Anderson 1983, Anderson 1993]. Der Grad der Verfügbarkeit wird dabei als
Aktivationshöhe bezeichnet und hängt im wesentlichen von der Häufigkeit und dem Zeit-
punkt des letzten Abrufs dieses Gedächtnisinhalts ab. Aufgrund der Einbettung einer
Informationseinheit in ein Netzwerk aus Assoziationen breitet sich die Aktivation einer Ge-
dächtnisspur zu damit assoziiertem Material aus und erhöht auch dessen Aktivationshöhe. Je
stärker die Aktivationsausbreitung zu einem bestimmten Material ist, desto schneller kann
dieses abgerufen werden. Die Menge an Aktivation, die sich zu einem Gedächtnisinhalt aus-
breitet, ist abhängig von der Stärke dieses Gedächtnisinhalts. Die Stärke kann durch Übung
gesteigert werden. Neben der Übung wird die Merkleistung auch durch die Verarbeitungstiefe
beeinflußt, die sich durch elaborative Verarbeitung steigern läßt. Wenn die Gedächtnisspuren
stärker werden, können sie mehr Aktivation erhalten und dadurch leichter abgerufen werden.
Anderson drückt dies folgendermaßen aus: "Wir können unsere Gedächtnisleistung verbes-
sern, indem wir im Gedächtnis etwas anstoßen, was eng mit dem zu lernenden Material
assoziiert ist." [Anderson 1996, S.216].
Neben der inhaltlichen Assoziation einzelner Gedächtnisinhalte beeinflußt insbesondere die
Organisation der assoziativen Strukturen die Gedächtnisleistung. Bower et al. haben experi-
mentell nachgewiesen, daß der Abruf von Gedächtnisinhalten erleichtert wird, wenn das
zugrundeliegende Material hierarchisch geordnet ist [vgl. Bower, Clark, Lesgold, Winzenz
1969]. Die hierarchisch übergeordneten Strukturelemente erzeugen dabei Schlüsselreize für
den Abruf der untergeordneten Strukturelementen. Diesen Effekt nutzt eine klassische Mne-
motechnik, die Methode der Orte, bei der eine feste Abfolge von Orten die Schlüsselreize für
den Abruf des einzuprägenden Materials aus dem Gedächtnis liefert. Das menschliche Ge-
dächtnis ist allerdings kein passiver Informationsspeicher, vielmehr ist die Behaltensleistung
abhängig von der Aktivität des Lerners bei der Aneignung. Je ähnlicher Lern- und Wiederga-
besituationen sind, desto leichter ist das Wiedererkennen bzw. die Reproduktion. Anderson
bezeichnet dies als „Einfluß des Enkodierkontextes“ [Anderson 1996. S.220 ff.].
3.2.3 Repräsentationsformen von Wissen
Die Betrachtung des aktuellen Stands der Neurobiologie verschafft einen Überblick über die
internen Prozesse der Wissenverarbeitung des Menschen. Im Rahmen des Wissensmanage-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 44
ments gilt es weiterhin zu erforschen, wie dieses implizite Wissen in den Köpfen der Mit-
arbeiter für eine unternehmensweite Nutzung verfügbar gemacht werden kann. Eine wesentli-
che Vorrausetzung hierfür ist die Fähigkeit, implizites Wissen zu explizieren, d.h. es in einen
sichtbaren und austauschbaren Zustand zu transformieren. Es gilt, die unterschiedlichen For-
men der Wissensrepräsentation darzustellen und deren Einsatzpotentiale abzuwägen.
Abbildung 17 zeigt unterschiedliche Repräsentationsformen des Wissens und stellt den Er-
stellungsaufwand und die Informationsdichte gegenüber.
Abbildung 17: Repräsentationsformen des Wissens
Wissen läßt sich prinzipiell nur dann sinnvoll präsentieren, wenn dabei mindestens einer der
fünf menschlichen Sinne angesprochen wird. In der heutigen westlichen Kultur wird traditio-
nell die Repräsentation in Form von Text bevorzugt eingesetzt, was aber nicht bedeutet, daß
dies auch die geeignetste Variante ist. Im Gegenteil ist die rein textuelle Repräsentation neben
vieler zweifellos vorhandener Vorteile auch mit etlichen Nachteilen verbunden. In den letzten
Jahren wird in der wissenschaftlichen Forschung verstärkt der Einsatz grafischer und audio-
visueller Darstellungsformen untersucht und soll auch an dieser Stelle im Mittelpunkt der
Betrachtung stehen. Die Wissensrepräsentation durch Geruch, Geschmack oder Gefühl (sen-
sorisch, olfaktorisch) ist nur in Ausnahmefällen und Spezialgebieten sinnvoll und wird hier
nicht weiter betrachtet.
3.2.3.1 Klassische Repräsentation durch Text
Die heutige westliche Kultur ist im wesentlichen durch die philosophischen Errungenschaften
der antiken griechischen Kultur geprägt. Diese hat, im Gegensatz zu den Zeichen (Hy-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 45
roglyphen) verwendenden Ägyptern, die Wissensrepräsentation auf die 24 Buchstaben des
Alphabets und damit auf textuelle Beschreibungen reduziert. Daher wird und wurde in den
letzten 2000 - 3000 Jahre Wissen bevorzugt in Form von Text repräsentiert. Der Nutzen die-
ser Fokussierung auf das Werkzeug Text ist kritisch zu hinterfragen. Kurze Mitteilungen, die
einen geringen Komplexitätsgrad aufweisen, lassen sich in schriftlicher Form sehr schnell
erfassen. Mit steigender Komplexität des zu beschreibenden Sachverhaltes nehmen jedoch
sowohl der Erstellungsaufwand für den Autor wie auch der Interpretationsaufwand des späte-
ren Lesers kontinuierlich zu, was den Informationsnutzen überproportional sinken läßt.
Zudem sind in Zeiten zunehmender Globalisierung und Internationalisierung die Einsatzmög-
lichkeiten von Text durch sprachliche Barrieren begrenzt bzw. mit einem hohen Aufwand
z.B. für Übersetzungen verbunden. Das Potential der textuellen Repräsentation von Wissen ist
beschränkt und aufgrund des langen Adaptionszeitraums nur bedingt als Instrument des Wis-
sensmanagements geeignet.
3.2.3.2 Multiple Repräsentation durch Multimedia
Einen höheren Adaptions- und Rezeptionsgrad als die textuelle Wissensrepräsentation weisen
visuelle Repräsentationsformen auf. In zahlreichen Fällen scheint unser Gedächtnis für visu-
elle Inhalte eine weitaus größere Kapazität aufzuweisen als für verbale. Das menschliche
Bildgedächtnis ist nachgewiesenermaßen außerordentlich leistungsfähig. Ein Experiment von
Standing, bei dem sich die Versuchsperson an 73% von 10.000 Bildern erinnern konnte, ver-
deutlicht die Kapazität des visuellen Gedächtnisses [vgl. Standing 1973, S.207ff.]. Eine
Untersuchung von Paivio zeigte, daß die Gedächtnisleistung in bezug auf Bilder wesentlich
ausgeprägter ist als für konkrete oder abstrakte Begriffe [vgl. Paivio 1971]. Beiläufig gelernte
Bilder konnten nach einer Woche besser erinnert werden als absichtlich eingeprägte abstrakte
Substantive nach fünf Minuten (siehe Tab. 2).
Absichtlich gelernt Beiläufig gelernt
5 Min. 1 Wo. 5 Min. 1 Wo.
Bilder 33 19 36 16
Konkrete Sub-
stantive 24 10 14 8
Abstrakte Sub-
stantive 14 5 11 2
Tabelle 2: Absichtlich vs. beiläufig gelernte Begriffe und Bilder [Paivio 1971]
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 46
Werden neben der optischen Wahrnehmung weitere Sinneskanäle angesprochen, spricht
man von Multimedia. Im weitesten Sinne bedeutet Multimedia die Integration mehrerer unter-
schiedlicher Medien auf Basis einer elektronischen Technikplattform, was aber der tieferen
und sehr umfassenden Bedeutung des Wortes nur unzureichend gerecht wird. Im Sinne von
Duce [vgl. Duce et al 1991, S.57] bedeutet Multimedia:
1. Interaktion zwischen Input und Output (Interaktivität)
2. Parallele Ausgabe mehrerer Medien (Grafik, Pixelbilder, Text, Video, Audio, usw.)
3. Simultane Eingabe von Daten über mehrere Geräte (Tastatur, Maus, Datenhandschuh,
Touch-Screen, Instrumente, usw.)
Neben dem Medienaspekt, also der eigentlichen Multimedialität, spielen demnach auch Inter-
aktivität, Multitasking (gleichzeitige Ausführung mehrerer Prozesse) und Parallelität
(bezogen auf die parallele Medienpräsentation) eine wichtige Rolle. Während sich Multime-
dialität, auf die Ausstrahlung von mit unterschiedlichen Sinnen wahrnehmenbaren
Botschaften bezieht, wird als Multimodalität die Informationsaufnahme über mehrere Sinnes-
kanäle bezeichnet. Erst die Ausstrahlung adaptierbarer Informationen macht Multimedia zu
einem wirkungsvollen Konzept. Beispielsweise macht es wenig Sinn Rundfunkwellen in ei-
nem Frequenzbereich auszusenden, für die es auf der Empfängerseite keine passenden
Rezeptoren gibt. Die Multimedia and Hypermedia Experts Group hat in diesem Zusammen-
hang ein differenziertes Raster zur Beschreibung von Medien entwickelt [vgl. MHEG 1993;
Steinmetz 1993]. Danach können Medien durch folgende Aspekte charakterisiert werden:
• Perzeptionsmedium:Welche menschlichen Wahrnehmungskanäle spricht
die Information an?
• Repräsentationsmedium:Wie ist die Information codiert?
• Präsentationsmedium:Welche Hilfsmittel werden zur Ein- und Ausgabe der
Information benutzt?
• Speichermedium:Auf welchem Medium wird die Information gespei-
chert?
• Übertragungsmedium:Über welches Medium werden die Informationen über-
tragen?
• Informationsaustauschmedium:Welcher Informationsträger wird zum Austausch der
Information zwischen Orten eingesetzt?
Das besondere an der aktuellen Entwicklung ist die zunehmende Verfügbarkeit integrierter
Multimedia-Systeme, bei denen alle Informationen digital codiert sind und deren Präsentation
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 47
auf einem einzigen System erfolgen kann. Neben der Entwicklung solcher Systeme unter
den o.g. Implikationen ist es notwendig, die Auswirkungen auf die menschliche Arbeitsweise
zu überprüfen und ggf. neue Modelle der Mensch-Maschine-Interaktion zu entwickeln. Aus
Untersuchungen zu diesem Thema leiten sich die folgenden Anforderungen an die kognitive
Gestaltung multimedialer Systeme ab:
1. Orientierung und Kontrolle in einem Multimediasystem
Der subjektive Verlust der Orientierung in einem System macht die Kontrolle durch den
Nutzer und in Folge einen aktiven Umgang mit dem System unmöglich [vgl. Frese 1987].
Abhilfe kann durch eine zweckmäßige Gestaltung der Benutzeroberfläche geschaffen wer-
den, die den Orientierungsverlust verhindert.
2. Explorationsmöglichkeiten und konkrete Arbeitshandlungen
Die Exploration des Systems durch den Nutzer erleichtert nach Kamouri die Transferleis-
tungen [vgl. Kamouri/Kamouri/Smith 1986]. Die Nutzer müssen stets die Möglichkeit
haben, das System auf solche Art und Weise zu explorieren und konkrete Arbeitsaufgaben
zu erledigen, daß die Befürchtung, man können das System beschädigen, ausgeschlossen
bleibt.
3. Hilfe bei der Multimedianutzung
Die Untersuchungen von Carroll bestätigen die Effizienz von minimalen Handbüchern, die
nur die notwendigsten Erklärungen enthalten, aufgabenorientiert verfaßt sind, Bedienungs-
fehlern mit Lösungsvorschlägen begegnen und die Nutzer zum aktiven Umgang mit dem
System auffordern und anleiten [vgl. Caroll 1984].
Nach Marmolin ist es für eine Verbesserung der Wahrnehmung zudem hilfreich, Sinnbezüge
und Assoziationen hervorzurufen. Bei der Präsentation des neuen Wissens sollte demnach
stets das vorhandene Wissen aktiviert und als Hilfe herangezogen werden. Marmolin plädiert
daher für eine multidimensionale Repräsentationen der gleichen Inhalte auf verschiedenen
Stufen der Abstraktion (siehe Abb.18).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 48
Niedrig
Hoch
Niedrig Hoch
Ausmaß der Kenntnisse und Erfahrungen
Verwendbarkeit
Textuelle
Repräsentation Visuelle
Repräsentation Konkrete
Repräsentation
Analyse Synthese Exploration
Abbildung 18: Multidimensionale Repräsentation nach Marmolin
[Marmolin 1992, S. 46]
3.2.3.3 Nichtlineare Repräsentation durch Hypertext
Die Idee der Hypertextualität in einem weiten Sinn geht zurück auf Vannevar Bush. Der frühe
Pionier des assoziativen information retrieval hat bereits in seinem im Juli 1945 erschienen
Artikel „As we may think“ eine neue, technisch avancierte Architektur des wissenschaftlichen
Denkens und Forschens projektiert. Das von ihm entworfene System Memex war als eine me-
chanische Zukunftsapparatur gedacht, die es durch assoziative Indexierung ermöglichen
sollte, Mikrofich-basierte Inhalte miteinander zu verknüpfen oder wie Bush es ausdrückte:
„...any item may be caused at will to select immediately and automatically another“ [Bush
1945]. In diesem originären Sinne ist Hypertext eher ein Prinzip des Umgangs mit Wissen
und Information als eine festgelegte Bezeichnung für einen wohldefinierten Typ eines Infor-
mationssystems [vgl. Kuhlen 1991]. Das Prinzip beruht darauf, daß heterogene Objekte, die
Wissen repräsentieren, auf vielfältige Weise so verknüpft werden, daß ein hochgradig ver-
netztes Geflecht entsteht, das vielfältige Abarbeitungsmechanismen gestattet. Der Begriff
Hypertext wurde in den sechziger Jahren von Ted Nelson maßgeblich geprägt. Mit seinem bis
heute noch in Entwicklung befindlichen Xanadu Hypertext System hat er versucht, das Hy-
pertextkonzept technisch umzusetzen [vgl. Nelson 1967; Nelson 1974 und Nelson 1981].
Douglas Engelbart war demgegenüber der erste, dem es 1968 mit dem von ihm entwickelten
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 49
oN Line System (NLS) gelang, dieses Ziel der technischen Implementierung zu erreichen.
Das System NLS basiert auf dem von Engelbart 1963 beschriebenen Rahmenkonzept eines
interaktiven Hypermedia-Systems „ A Conceptual Framework for the Augmentation of Man's
Intellect.“ [vgl. Engelbart 1963].
In einem Hypertextsystem werden Informationen in Form von Knoten und Verknüpfungen
zwischen Knoten repräsentiert. Knoten sind dabei die elementaren Einheiten, deren inhaltli-
cher Umfang stark variiert und aus einem Zeichen, einem Wort oder aus ganzen Sätzen,
Abschnitten oder Seiten bestehen kann. Verknüpfungen stellen Beziehungen zwischen den
Knoten dar. Entsprechend der Art der Beziehung zwischen den verknüpften Informationen
werden syntaktische, semantische und pragmatische Verknüpfungen unterschieden. Semanti-
sche Verknüpfungen stellen Verbindungen zwischen inhaltlich ähnlichen Knoten her, wirken
also auf der Bedeutungsebene. Syntaktische Verknüpfungen kombinieren dagegen Informati-
onsknoten, die in ihrer äußeren Repräsentationsform Affinitäten aufweisen, wogegen
pragmatische Verknüpfungen Verbindungen zwischen Knoten herstellen, die in einem spezi-
fischen funktionalen Zusammenhang stehen. Weiterhin wird zwischen uni- und
bidirektionalen Verweisen unterschieden, erstere stellen nur eine Verbindung von Knoten A
zu Knoten B her, wohingegen letztere Knoten A und Knoten B wechselseitig verbinden [vgl.
Tergan 1995].
Die Hypertexttechnologie hat durch die weltweite Nutzung des Internet einen starken Ent-
wicklungsschub erfahren. Die den Kern des World Wide Web ausmachenden
Hypertextdokumente können mittels der einfachen Seitenbeschreibungssprache HTML (Hy-
perText Markup Language) so strukturiert werden, daß der Text nicht eine fixe lineare
Sequenz darstellt, sondern als ein aktiv zu gestaltendes Geflecht von Textbausteinen funktio-
niert. Jeder Textbaustein enthält eine Vielzahl aktivierbarer Elemente, wie Stichworte,
Piktogramme und Bilder, die auf weitere Seiten verweisen. Diese i.d.R. flexibel veränderba-
ren Schnittstellen verbinden die Textbausteine zu einem komplexen, nicht-sequentiellen
Netzwerk. Die Hypertexttechnologie hat dadurch tiefgreifende Auswirkungen auf das Schrei-
ben und Lesen von Texten. Jeder Leser eines Hypertextes erzeugt während des Lesevorgangs
den Gegenstand seiner Lektüre durch aktive Selektion der vorgegebenen Verweise, d.h. die
individuelle Rezeptionsperspektive bestimmt die Abfolge der Textbausteine. Lesen ist nicht
länger ein passiver Vorgang der Rezeption, sondern wird zu einem Prozeß der kreativen In-
teraktion zwischen Leser und Text. Auch das Schreiben verändert sich, der Autor hält die
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 50
vielfältigen Beziehungen, die zwischen seinen Gedankengängen bestehen, durch Hyper-
links fest und fügt sie zu einem assoziativen Komplex zusammen. Die Inhalte müssen nicht
zwangsläufig seiner eigenen Feder entsprungen sein, das Einbeziehen interessanter, kontext-
bezogener Inhalte mittels Hyperlinks, gestattet die nahtlose Integration des eigenen Textes in
ein weltweites Wissensgefüge. Während der lineare Buch- oder Aufsatztext die komplexen
Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren Gedanken bestehen, künstlich linearisiert
und in eine hierarchische Ordnung zwingt, erlaubt der Hypertext eine direkte Darstellung
derjenigen Strukturen und Zusammenhänge, die im Buch nachträglich und unzulänglich
durch Fußnotenverweise und Indices rekonstruiert werden. Der Schreibende entwickelt ein
netzartiges Gefüge, ein rhizomatisches Bild seiner Gedanken.
Gegenüber der klassischen über Verlagsinstitutionen publizierten Buchform, bei der der zeit-
liche Abstand zwischen der Niederschrift eines Textes und seiner Publikation in der Regel
mehrere Monate beträgt, wird die sofortige Verfügbarkeit des elektronischen Mediums der
Dynamik des globalen Wissenszuwachses gerecht.
3.2.3.4 Nichtlineare, multiple Repräsentation durch Hypermedia
Nicht nur Texte, sondern auch multimediale Mittel wie Piktogramme, Bilder oder Videose-
quenzen können als Anker von Verweisen dienen. Aus dem reinen Hypertext wird dann
Hypermedia, ein Kunstwort aus Hypertext und Mulimedia [vgl. Glowalla 1995, S. 418]. Das
Bild erscheint nicht länger als Referenz und Schlußpunkt eines Menüs, sondern wird selbst zu
einem Zeichen, das auf andere Inhalte verweist. Ebenso wie die schriftlichen Hypertexte dient
das hypertextuelle Bild als semiotische Schnittstelle im unendlichen Verweisungsgefüge des
Cyberspace. Bei der Rezeption eines Mediums entwickelt der Benutzer ein kognitives Sche-
ma insbesondere über die logisch-temporale Struktur der präsentierten Information. Bei einem
linearen Medium (Buch, Video) deckt sich dieses kognitive Schema in weiten Teilen mit der
physikalischen Organisation dieser Informationen auf dem Speichermedium, daher findet
keine grundsätzliche Entkopplung zwischen physikalischer Speicherorganisation und logisch-
temporaler Strukturierung des Benutzers statt. Bei einem interaktiven, hypermedialen Medi-
um wird dieser Zusammenhang von physikalischer Speicherorganisation im Medium
einerseits und mentaler Repräsentation beim Benutzer andererseits aufgebrochen. Hypermedia
hat kein Beginn und Ende wie ein Buch, daher besteht die Gefahr den Bezug zum ursprüngli-
chen Kontext zu verlieren, man spricht in diesem Zusammenhang auch von „lost in
hyperspace“ [vgl. Haack 1995, S. 155]. Das Auftreten dieser Navigationsprobleme ist darauf
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 51
zurückzuführen, daß es Benutzern oft nur schwer gelingt, sich eine Vorstellung von der
Organisationstruktur der Hypermedia-Basis zu verschaffen. In einer Hypermedia-Umgebung
benötigt ein Leser demzufolge geeignete Werkzeuge, mit deren Hilfe sich der o.g. Effekt
vermeiden läßt. Die folgenden Navigationswerkzeuge wurden eigens für Hypertext- und Hy-
permedia-Systeme konzipiert [vgl. Haack 1995, S. 156 f.]:
Graphische Browser geben in Form von Netz- oder Baumstrukturen einen globalen oder
ausschnittweisen Überblick über die Organisationsstruktur des Hy-
permediagefüges.
Leseprotokolle enthalten Aufzeichnungen der bisher angesteuerten oder bearbeiteten
Knoten. Sie ermöglichen einen direkten Zugriff auf diese Knoten oder
ein schrittweises Zurückverfolgen des eigenen Navigationspfades.
Breadcrumbs kennzeichnen automatisch die bereits bearbeiteten Teile einer Hyper-
media-Basis, um ein unfreiwilliges erneutes Bearbeiten zu vermeiden.
Lesezeichen kennzeichnen subjektiv wichtige Bereiche der Hypermedia-Basis und
ermöglichen dem Benutzer die Strukturierung der Inhalte nach per-
sönlichen Bedürfnissen.
Pfade können das völlig freie Navigieren einschränken und eine logische
Sequenz durch die Hypermedia-Basis vorgeben.
Hypermedia wird erfolgreich in der Informationsvermittlung, z.B. im Rahmen von Bedie-
nungsanleitungen, sowie in der Weiterbildung eingesetzt. Insbesondere im Umfeld von
Schulungen steht die zielgerichtete Entwicklung von intrinsischer Motivation im Vorder-
grund, die als typisch für interessegeleitetes Handeln und die Bereitschaft gilt, erworbene
Kenntnisse und Fertigkeiten auf neue Situationen anzuwenden und sich fehlendes Wissen und
Können selbständig anzueignen.
3.2.3.5 Realitätsnahe Repräsentation durch Virtual Reality
Grundlage aller Computergrafiken, Animationsfilme und Klangräume sind digitale Daten, die
über Visualisierungsprogramme darstellbar werden. Beschreiben diese Daten einen dreidi-
mensionalen Zustand, d.h. einen Gegenstand oder einen Raum, entspricht der Datensatz
einem virtuellen Modell. Der Form und den Inhalten der Umgebung sind dabei keine Grenzen
gesetzt. Aus der Realität abgeleitete Bilder sind ebenso einsetzbar wie Simulationen aus den
Bereichen der Architektur, der Medizin, der Physik etc.. Im Gegensatz zu Simulationen setzt
die Virtuelle Realität (VR) dort an, wo ein virtuelles Modell durch die unmittelbare Reakti-
onszeit des Rechners auf die Manipulation des Benutzers hin interaktiv veränderbar wird. Der
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 52
Grad der Interaktivität wird dabei bestimmt durch die Reaktion des VR-Systems auf die
Eingaben des Nutzers hinsichtlich:
a) der Reaktionsgeschwindigkeit des Systems auf die Eingaben des Nutzers,
b) der Spannbreite an Interaktionsmöglichkeiten auf Seiten des Nutzers und
c) des Ausmaßes an Rückmeldungen des Systems an den Nutzer.
Neben der Interaktivität zeichnen sich VR-Systeme durch den Aspekt der Immersion aus. Als
Immersion wird die Möglichkeit des Eintauchens in die in Echtzeit berechnete virtuelle Sys-
temwelt bezeichnet. Mit Hilfe spezieller Schnittstellen (z.B. Head-Mounted-Display) wird
dem Benutzer der Eindruck vermittelt, als würde er von dem jeweiligen dreidimensionalen
Computermodell umgeben. Die Navigation und Manipulation von Daten und Informationen
in diesen virtuellen Welten ermöglichen spezielle Handschuhe (Data-Gloves). Die Bewegung
der Finger wird über lichtleitende Glasfasern mittels Brechungswinkel gemessen. Durch spe-
zifische Gesten mit dem Dataglove lassen sich Richtungen, Ortsveränderungen und
Bewegungsgeschwindigkeit ausdrücken. Neuere Entwicklungen im Bereich der Interface-
Gestaltung streben immer mehr danach, zukünftig auf solche Hilfsmittel wie Handschuh und
Helm ganz zu verzichten. So werden Programme entwickelt, die in der Lage sind die Mimik,
Gestik, Augen- und Körperbewegung des Nutzers direkt an den Computer weiterzugeben.
Ziel dieser Bemühungen ist das Verschwinden der Schnittstelle zwischen Mensch und Ma-
schine, d.h. der Mensch kann zukünftig intuitiv seine Sinne einsetzen, um in komplexen,
dreidimensionalen Datenwelten zu handeln. „Zukünftige Wissensräume sind so zu gestalten,
wie Menschen ganz allgemein ihre Umwelt strukturieren und intern repräsentieren, so daß
ihnen die Informationen, die sie benötigen, schnell und vollständig zur Verfügung stehen.“
[Bannwart/Alsdorf 1995, S. 443].
3.2.4 Management des Produktionsfaktors Wissen
3.2.4.1 Abgrenzung des Begriffs Management
Über den Ursprung des Begriffs to manage bzw. Management gibt es unterschiedliche Erklä-
rungsansätze. Die Grundlage der heutigen romanischen Sprachen bildet das Lateinische,
daher ist eine Ableitung aus einem lateinischen Wortstamm wahrscheinlich. In Frage kommt
z.B. „manu agere“, was soviel wie „mit der Hand arbeiten“ bedeutet, allerdings heute nicht als
sinnvolle Erklärung angesehen wird [vgl. Staehle 1994, S.69]. Bravermann sieht den Ur-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 53
sprung eher in „manus agere“, was frei übersetzt „an der Hand führen“ bedeutet. Eine wei-
tere einleuchtende Erklärung stammt von Boettcher, der die Ansicht vertritt, „to manage“
stamme von „mansionem agere“ ab, was bedeute, daß der Manager derjenige sei, der „das
Haus für einen Eigentümer bestelle“ [vgl. Güldenberg 1998, S. 220].
Ein Vergleich mit den Zielen des Managements, wie sie z.B. von Hopfenbeck gesehen wer-
den, verdeutlicht die Sinnhaftigkeit dieses Herleitung [vgl. Hopfenbeck 1993]. Nach
Hopfenbeck hat sich das Management im wesentlichen auf die Aufrechterhaltung von vier
Gleichgewichten zu konzentrieren:
• Finanzwirtschaftliches Gleichgewicht
Kontinuierlicher Abgleich der Erwartungen der Eigenkapital- und Fremdkapitalgeber
• Güterwirtschaftliches Gleichgewicht
Kontinuierlicher Abgleich der Erwartungen der Lieferanten und Kunden
• Personalwirtschaftliches Gleichgewicht
Kontinuierlicher Abgleich der Erwartungen der Unternehmung und der Mitarbeiter
• Informationswirtschaftliches Gleichgewicht
Kontinuierlicher Abgleich von Informationsbedarf und Informationsangebot
Die Aufrechterhaltung dieser Gleichgewichte erfordert eine aufbauorganisatorische Veranke-
rung von Personen sowie deren Ausstattung mit Kompetenzen und Werkzeugen zur
Durchführung ihrer Aufgaben. Heute wird der Begriff Management daher in einem dualisti-
schen Sinne verwendet. Management im institutionalen Sinn beschreibt die Personen und ihre
Rollen, während Management im funktionalen Sinne die Aufgaben und Funktionen, die zur
Erreichung der Managementziele eingesetzt werden, beschreibt.
Management im institutionalen Sinne wird durch Personen, sogenannte Manager, betrieben,
die auf Grund ihrer Aufgaben und Kompetenzen als Führungskräfte bezeichnet werden. Füh-
rungskräfte erhalten auf Grund rechtlicher und organisatorischer Regelungen die Befugnis,
einzeln oder als Gruppe anderen Personen Weisungen zu erteilen, denen diese Personen zu
folgen verpflichtet sind [vgl. Hahn 1974]. Koreimann definiert die Institution Management
über den Begriff des Managers: "Manager sind - allgemein - die Führungskräfte eines Unter-
nehmens, die in arbeitsteiliger Weise an der Zielerreichung mitwirken und die mit jeweils
unterschiedlichen Kompetenzen (Machtbefugnissen) ausgestattet sind. Führung bezieht sich
auf die Gesamtheit der Entscheidungen, die zur Erreichung der Ziele einer soziotechnischen
Organisation notwendig sind." [Koreimann 1986, S. 12].
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 54
Management im funktionalen Sinne beschreibt die Bedeutung von Führung. Führung kann
dabei sowohl als personalbezogene Funktion, im Sinne einer zielorientierten Beeinflussung
der Mitarbeiter, als auch als sachbezogene Funktion, im Sinne einer zielorientierten Gestal-
tung und Steuerung von Teilsystemen und Prozessen, angesehen werden [vgl. Schanz 1985,
S. 612]. Die Personalaufgaben einer Führungskraft umfassen nach Koreimann im wesentli-
chen [vgl. Koreimann 1982, S. 30 ]:
• Arbeitseinsatz der unterstellten Mitarbeiter
• Humane Arbeitsplatzgestaltung
• Zumutbare Arbeitszuweisung entsprechend den Fähigkeiten der Mitarbeiter
• Ausbildung und Schulung der Mitarbeiter
• Personalförderung und Beförderung
• Entlohnung und Belohnung
Die Sachaufgaben der Führungskraft beziehen sich auf:
• Zielsetzung und Zielvorgabe
• Planung
• Koordination
• Entscheidungsvollzug
• Kontrolle
Damit kann Management als eine zielorientierte Gestaltung, Steuerung und Entwicklung des
sozio-technischen Systems Unternehmung in sach- und personenbezogener Dimension ange-
sehen werden [vgl. Hopfenbeck 1993, S. 451]. Bleicher unterscheidet ebenfalls mit der
Gestaltung, Lenkung und Entwicklung von Systemen diese drei Funktionen des Managements
[vgl. Bleicher 1992, S. 41]. Er hebt dabei die Bedeutung von Gestaltung und Entwicklung als
Mittel der Partizipation und Anpassung gegenüber der Lenkungsfunktion hervor (siehe Abb.
19).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 55
MANAGEMENT
GESTALTUNG
LENKUNG
ENTWICKLUNG
eines institutionellen
Rahmens, der es
ermöglicht, eine
handlungsfähige Ganzheit
über ihre Zweckerfüllung
überlebens- und
entwicklungsfähig zu
erhalten.
durch das Bestimmen von
Zielen und das Festlegen,
Auslösen und Kontrollieren
von zielgerichteten
Aktivitäten des Systems
und seiner Elemente
ist teils das Ergebnis von
Gestaltungs- und
Lenkungsprozessen im
Zeitablauf, teils erfolgt sie
in sozialen Systemen
eigenständig evolutorisch
durch intergeneratives
Erinnern von Wissen,
Können und Einstellungen
Abbildung 19: Funktionen des Managements nach Bleicher [Bleicher 1992, S. 40]
Heute tritt der Begriff Management häufig in Zusammenhang mit einzelnen Fachgebieten auf,
um auszudrücken, daß dort die oben beschriebenen Gestaltungs-, Lenkungs- und Entwick-
lungsfunktionen benötigt und im jeweiligen Handlungskontext eingesetzt werden. So finden
sich Ausprägungen wie:
• Umweltmanagement
• Projektmanagement
• Produktmanagement
• Informationsmanagement
• Wissensmanagement
Insbesondere die letzten beiden Ausprägungen des Managementbegriffs sind Gegenstand der
weiteren Betrachtung.
3.2.4.2 Informationsmanagement vs. Wissensmanagement
Informationsmanagement ist nicht Wissensmanagement, aber wo liegen die Unterschiede?
Der deutsche Begriff „Informationsmanagement“ leitet sich aus dem amerikanischen „Infor-
mation Resource Management“ [Horton 1985] ab, wonach Information als Produktionsfaktor
angesehen werden kann, der beplant, beschafft und dessen Einsatz unter wirtschaftlichen Ge-
sichtspunkten gesteuert werden muß. Informationsmanagement hat die Aufgabe das
informationswirtschaftliche Gleichgewicht aufrecht zuerhalten (vgl. Kap.3.2.4.1). Bleicher
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 56
interpretiert daher die Kernprozesse des Informationsmanagements als die "Gewinnung und
Verarbeitung von Informationen" sowie die "Verfügbarkeit der Informationen" [Bleicher
1994, S. 251]. Wollnik und Scheer beschreiben noch detaillierter die Aufgaben und Inhalte
des Informationsmanagements und sehen darin die Planung, Steuerung und Kontrolle der In-
formationsinfrastruktur, der einzelnen Informationssysteme und des Informationseinsatzes.
[vgl. Scheer 1996, S. 690; Wollnik 1988, S. 39; Hopfenbeck 1993, S.470].
Das Management der Informationsinfrastruktur umfaßt demnach die strategische Planung der
Infrastruktur sowie den operativen Infrastrukturbetrieb. Im Rahmen der strategischen Infra-
strukturplanung wird ein unternehmensspezifisches Informationsmodell (Repository)
beschrieben, die einzusetzenden Programmiersprachen festgelegt und die gesamte Hardware-
und Netzwerkarchitektur sowie die einzusetzenden Datenbank- und Sicherheitssysteme defi-
niert. Der operative Infrastrukturbetrieb umfaßt die Aufgaben des Repositorymanagements,
den Betrieb des Rechenzentrums, sowie Datenbankadministration und die Zulassungs- und
Zugriffsrechteverwaltung. Das Management der Anwendungssysteme umfaßt die Entwick-
lung von Vorgehensmodellen für die Anwendungsentwicklung, die Betreuung von
Standardsoftware und Eigenentwicklungen, die Entwicklung und Einführung neuer Anwen-
dungssysteme (Fachkonzept, DV-Konzept, Implementierung), sowie das
Schnittstellenmanagement. Das Management des Informationseinsatz und der Informations-
verwendung beinhaltet das Erkennen strategischer Potentiale der Nutzung von
Informationssystemen, die Informationsbedarfsanalyse, die Anwenderschulung und die Orga-
nisationsentwicklung.
Ohne es konkret zu formulieren beschreibt Scheer damit die Institution Informationsmanage-
ment und ihre Aufgaben im Unternehmen. Gazdar dagegen beschreibt die Funktion des
Informationsmanagements in Form dreier Hauptaufgaben [vgl. Gazdar 1989, S. 20]:
• Beschaffung von Daten aus internen und externen Quellen
• Auswertungen der Daten zwecks Unterstützung von Entscheidungsprozessen
• Weiterleitung der Daten und Informationen mit den Mitteln der modernen Telekommu-
nikation.
Damit weist er auf eine Schwäche des Referenzmodells von Wollnik hin, der Informations-
management in einem technischen Sinne analog einem Produktionsbetrieb interpretiert. In
diesem mechanistischen Ansatz fehlen scheinbar die Prozesse bzw. Aufgaben der Beschaf-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 57
fung und Bereitstellung von Informationen im Anwendungskontext. Krcmar bezeichnet die
Diskrepanz zwischen der zur Verfügung stehenden Technik der Informationsbeschaffung und
–verteilung und der Fähigkeit, diese Mittel produktiv im Unternehmen einzusetzen als das
"Dilemma der Informationswirtschaft" [Krcmar 1998, S.6].
An dieser Stelle wird der Unterschied von Informations- und Wissensmanagement deutlich
(vgl. Kap.3.2.1). Während sich Informationsmanagement an der Bereitstellung und Entwick-
lung der technischen Infrastruktur orientiert und versucht, daraus den Wissenbedarf zu
befriedigen, wird im Rahmen des Wissensmanagements versucht, "Wissen optimal zu nutzen,
weiterzuentwickeln und in neue Produkte, Prozesse und Geschäftsfelder umzusetzen.“ [North
1998, S. 3]. Die Verfügbarkeit der technischen Grundlagen wird implizit vorausgesetzt. Wis-
sensmanagement umfaßt vielmehr die Entwicklung von Prozessen und Strukturen durch deren
Einsatz Wissen geschaffen, festgehalten und genutzt werden kann, um die Unternehmens-
leistung zu fördern [vgl. Sunter 1997, S.57]. In diesem Sinne berührt Wissensmanagement die
Ebene des strategischen Managements dort, wo es um die langfristige Sicherung von Wett-
bewerbsvorteilen durch Entwicklung organisationaler Fähigkeiten geht [vgl. Probst 1998, S.
58].
Das Ziel des Wissensmanagements ist es, aus Informationen Wissen zu generieren und auf
Basis eines schnellen und kollektiven Wissenserwerbs eine Verkürzung von Vorlaufzeiten,
eine Steigerung der Produktivität der Mitarbeiter und damit die Befriedigung der Kunden-
wünsche zu erreichen. Das aktuelle und umfassende Wissen über Kunden, Wettbewerber und
über die unternehmenseigenen Leistungen und Prozesse ermöglicht es Unternehmen, schnel-
ler besser zu werden (Effizienz) und einzigartige, schwer imitierbare Produkte am Markt zu
plazieren (Effektivität). "Die organisierte, im Unternehmen verankerte Fähigkeit, Wissen auf-
zubauen, neu zu kombinieren, zu transferieren, zu sichern, um daraus Lösungen für heutige
und zukünftige Kundenbedürfnisse zu generieren, ist nur schwer imitierbar und daher Quelle
nachhaltiger Wettbewerbsvorteile." [North 1998, S.10]. Dazu ist es notwendig, Wissen mit
Hilfe von Technologien, Prozeßbeschreibungen und Netzwerken zu strukturieren und zu bün-
deln, um unabhängig von der physischen Anwesenheit des ursprünglichen Wissensträgers zu
werden.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 58
3.2.4.3 Barrieren des Wissensmanagements
So wie es für das Management eines Unternehmens von fundamentaler Bedeutung ist, die
Markt- und die Konkurrenzsituation zu kennen, so ist es für ein effektives Wissensmanage-
ment unerläßlich, die Hindernisse zu kennen, die es blockieren können. Im Rahmen einer
Studie des Instituts für Arbeitsorganisation (IAO) im Stuttgart wurden u.a. auch die Barrieren
für den erfolgreichen Einsatz von Wissensmanagement in den befragten Unternehmen unter-
sucht. Die mit Abstand größten Barrieren waren dabei Zeitknappheit und fehlendes
Bewußtsein, aber auch die Unkenntnis über Wissensbedarf und die Einstellung Wissen ist
Macht wurden häufig genannt (siehe Abb. 20).
0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80%
Zeitknappheit
Fehlendes Bewußtsein
Unkenntnis über Wissensbedarf
Einstellung "Wissen ist Macht"
Fehlende Anreizsysteme
Fehlende Transparenz
Mitarbeiterspezialisierung
Ungeeignete IT-Strukturen
Kein organisierter Wissensaustausch
Keine fördernde Unternehmenskultur
Hierarchische Strukturen
Konkurrenz der Organisationseinheiten
Abbildung 20: Barrieren für das Wissensmanagement [IAO-Studie 1997, S.31]
Die tradierten Organisationsstrukturen und die sich daraus ergebende Identifikation mit der
jeweiligen Abteilung bzw. dem Fachbereich erzeugen umgebungsspezifische Wertvorstellun-
gen. Daraus resultieren Grenzen, die gegenüber fachfremden Mitarbeitern oft noch größer
sind, als gegenüber unternehmensfremden fachnahen Personen. Innerhalb dieser Grenzen, den
sogenannten communities of practice, wird Wissen i.d.R. schnell und leicht kommuniziert
sogar über Unternehmensgrenzen hinweg [vgl. Stewart 1998, S.102]. So treffen sich Fach-
vertreter regelmäßig auf Kongressen und Seminaren, um ihr Wissen auszutauschen. Hier gilt
ein stillschweigendes Gesetz des Geben und Nehmen, wer nichts gibt erhält auch nichts. Au-
ßerhalb der community of practice gilt das Gesetz Wissen ist Macht. Die Mitarbeiter eines
Unternehmens vom einfachen Arbeiter bis hin zum Vorstand sehen ihre Position i.d.R. durch
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 59
einen Wissensvorsprung gesichert. Das Mitteilen ihres Wissens bedeutet für sie einen
Machtverlust, der existenzielle Ausmaße annehmen kann. Führungskräfte argumentieren viel-
fach ihre Machtposition durch ein Mehrwissen gegenüber ihren Angestellten und diese
wiederum sichern ihren Arbeitplatz durch eine bewußt aufgebaute Insel des Wissens, die es
gegenüber Eindringlingen zu verteidigen gilt. Zudem verhindert die Tendenz, die Arbeitser-
gebnisse anderer anzuzweifeln und die eigenen Ergebnisse höher zu schätzen, das sogenannte
Not invented here-Syndrom, den innerbetrieblichen Wissenstransfer.
Laut Sunter ist es für ein effektives Wissensmanagement notwendig, daß sich die Mitarbeiter
damit einverstanden erklären, fünf „unnatürliche Handlungsweisen“ für ihren Arbeitsalltag zu
akzeptieren [Sunter 1997, S. 57]:
Teilen: Das beste eigene Denken für andere verfügbar machen, nicht nur die
eigene Meinung.
Anwenden: Eingestehen, daß das Denken eines anderen vielleicht besser ist, als
das eigene.
Zusammenarbeiten: Auf Ideen anderer aufbauen.
Verbessern: Kontinuierlich neue Ideen generieren und gleichzeitig gestrige Ge-
danken weiterverfolgen.
Investieren: Die Infrastrukur (Menschen und Technik) bereitstellen, die Wissens-
management ermöglichen.
Dr. Rolf Habbel, Vice President bei der Unternehmensberatung Booz Allen & Hamilton in
München, kommentiert diese Aufstellung mit dem Satz: „Die Verhaltensweisen widerspre-
chen aber häufig den menschlichen Instinkten, nicht zuletzt deshalb, weil bisherige Incentive-
und Bewertungsmechanismen genau gegenläufige Handlungen belohnen“ [in: Sunter 1997,
S.57]. Die aktuellen Vergütungs- und Beurteilungssysteme bieten nur geringe Anreize, die
o.g. Hürden zu überwinden und Wissen mit anderen zu teilen. Sie sind auf die Belohnung
herausragender Einzelleistung ausgerichtet und bieten daher wenig Motivation mit anderen
Kollegen kooperativ zusammenzuarbeiten und das eigene Wissen zu teilen. North sieht in
einem auf Zusammenarbeit und Wissensteilung ausgelegten Beurteilungssystem unterstützt
durch weitere Anreizmechanismen, sogenannter Incentives, die Möglichkeit eine Kultur der
Zusammenarbeit zu entwickeln [vgl. North 1998, S.228]. Stewart vertritt dagegen die Mei-
nung, daß der Erfolg im Wissensmanagement hauptsächlich von der Leitung abhängt. "Es gibt
keinen größeren Anreiz als einen Vorgesetzten, der Wissensmanagement vorlebt. ... . Wenn
diejenigen, die ihr Wissen gern und freiwillig der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, beför-
dert werden, dann ist kein weiterer Ansporn nötig." [Stewart 1998, S. 129].
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 60
Die in der o.g. IAO-Studie genannten Barrieren Zeitknappheit, fehlendes Bewußtsein und
kein organisierter Wissensaustausch weisen auf fehlende oder ineffiziente Prozesse und
Strukturen zum Wissensaufbau und Wissenstransfer hin. Ein Betroffener schildert: „In unse-
rem Unternehmen wird in letzter Zeit viel von organisationalem Lernen und intelligenten
Organisationen gesprochen. Wenn ich unsere Strategiedokumente betrachte, dann ist aber nur
von Kosten, Qualität und Kundennutzen die Rede. Wie sollen wir wissen, in welche Richtung
gelernt werden muß, wenn es keine Zielsetzung für Wissen in unserer strategischen Planung
gibt?“ [zitiert nach: Probst 1998, S.63]. Stewart greift diese Problemstellung auf und disku-
tiert die Bedeutung des sogenannten Intellektuellen Kapitals. Er unterteilt Intellektuelles
Kapital in zwei Klassen und unterscheidet Strukturelles Kapital und Humankapital, wobei
ersteres den notwendigen Rahmen schafft um letzteres erst sinnvoll erfassen und nutzen zu
können. "Sogar die klügsten der Welt benötigen ein System, das die Früchte ihres Gedanken-
guts vereint, anhäuft, weiterentwickelt oder weiterverbreitet." [Stewart 1998, S.114].
Strukturelles Kapital demnach besteht aus organisatorischen Rahmenbedingungen, Spielre-
geln sowie Prozessen und Verfahren, die für ein effizentes Management der Ressource
Wissen notwendig sind.
Neben Strukturen und Prozessen trägt auch eine lückenhafte und nicht benutzerfreundliche
informationstechnische Unterstützung implizit zu den o.g. Barrieren Zeitknappheit und feh-
lende Transparenz bei. In der IAO-Studie wird außerdem der Punkt ungeeignete IT-
Strukturen explizit genannt. Im Hinblick auf die traditionelle Entwicklung der Informations-
technologie ist dies verständlich (vgl. Kap.3.2.4.2). Die bestehende Informationsinfrastruktur
ist auf die bisherigen Konzepte des Informationsmanagements ausgerichtet und wird nun auch
für das Wissensmanagement eingesetzt. Dahinter steht sowohl ein Mangel alternativer Tech-
nologien als auch fehlendes Verständnis für die durchaus signifikanten Unterschiede
zwischen Informationsmanagement und Wissensmanagement.
3.2.4.4 Wissensunternehmen
Der Wandel hin zu einer neuen Gesellschaftstruktur, die "Informationsgesellschaft" [Masuda
1980], "Wissensgesellschaft" [Naisbitt 1982] oder auch "postkapitalistische Gesellschaft"
[Drucker 1993] genannt wird, bewirkt das Entstehen neuer Bedürfnisse und damit neuer
Märkte, Aufgabenfelder und Berufsgruppen. Etwa die Hälfte der in jüngerer Zeit entstande-
nen Wachstumsfirmen ist nicht im Bereich der Industrie oder des Einzelhandels tätig, sondern
fällt unter die Kategorie der sogenannten Wissensunternehmen (siehe Abb.21). Ein großer
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 61
Teil dieser Unternehmen ist entstanden, da sie entdeckt haben, daß durch den gesellschaft-
lichen Wandel ein noch ungedeckter Bedarf besteht, der durch ihr Angebot befriedigt werden
kann und eine Unternehmensneugründung rechtfertigt. Hierunter fallen z.B. Informations-
dienstanbieter, Internet-Provider und Unternehmensberatungen. Einen großen Anteil bilden
auch Firmen, die aus Industrieunternehmen im Rahmen eines Outsourcing-Prozesses hervor-
gegangen sind. I.d.R. lösen Unternehmen die Teilbereiche aus ihrer Organisation heraus, die
sie nicht als ihre Kernkompetenz ansehen. Sie befreien sich damit von Personal- und Sach-
kosten und verlagern zudem das unternehmerische Risiko für den jeweiligen Geschäftszweig
an ein Subunternehmen, dessen Leistung sie nur noch bei Bedarf einkaufen. Das Outsourcing
bewahrt Unternehmen davor, in Fachkenntnisse zu investieren, die für das Kerngeschäft nicht
relevant sind. Da die meisten Industrieunternehmen vorrangig ihre Fertigung als Kernkom-
petenz ansehen, werden andere wissensintensive Bereiche, wie z.B. die Softwareentwicklung
oder die Mitarbeiterschulung, ausgelagert. Das auf diese Weise neu entstandene Unternehmen
weist aber gerade die vorher gering-geachtete Aufgabe als ihre Kernkompetenz aus. Aus ge-
ring-geschätzten Mitarbeiter des Mutterunternehmens werden damit angesehene Spezialisten
im ausgegliederten Unternehmen, die daher besser motiviert sind, mehr Spaß an ihrer Arbeit
haben und durch neue Ideen und Vorschläge die Produktivität des neuen Unternehmens we-
sentlich besser steigern können, als dies im Mutterunternehmen möglich wäre [vgl. Sveiby
1998, S.41].
Industrie
Einzelhandel
Andere Dienstleistungen
Investment-,
Hypothekenbanken
Telemarketing
Werbeagenturen, PR-
Agenturen
Andere Wissensintensive
Unternehmen
Rechtsanwaltskanzleien
Gesundheitsvorsorge
Unternehmensberatung
Zeitarbeitsfirmen
Softwareanbieter
Biotechnik, Pharmazie
Finanzdienstleistungen
Energie-,
Umweltmanagement
Berufliche Weiterbildung
Ingenieurbüros
Abbildung 21: Wachstumsfirmen in den USA [INC 500, 1995]
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 62
In Wissensunternehmen tritt der Besitz traditioneller Vermögenswerte in den Hintergrund.
Nike, einer der weltweit umsatzstärksten Sportschuhhersteller, besitzt keine eigene Fertigung.
Die Kernkompetenz von Nike liegt in den wissensintensiven Bereichen Forschung und Ent-
wicklung, Konstruktion, Marketing und Vertrieb. Die kosten- und insbesondere
arbeitsintensive Fertigung wurde komplett an Subunternehmer vergeben. Das Kreditkarten-
unternehmen VISA International wickelt im Jahr Finanztransaktionen im Wert von etwa 300
Mrd.$ ab, besitzt allerdings keine Werte im traditionellen Sinne. VISA ist eine Mitgliederor-
ganisation, eine Gemeinschaft von Banken und anderen Geldinstituten, die jeweils genau den
Geschäftsbereich besitzen und abdecken, den sie verantworten. VISA hat daher keine Ange-
stellten und kein Anlagevermögen, ist aber wirtschaftlich überaus erfolgreich. Im Jahr 1996
belief sich die Börsenkapitalisierung von IBM auf 70,7 Mrd.$, der Softwarehersteller Micro-
soft wurde im gleichen Jahr mit 85,5 Mrd. $ bewertet. Allerdings verfügte IBM zu diesem
Zeitpunkt über ein Anlagevermögen von 16,6 Mrd. $ während das von Microsoft lediglich
0,93 Mrd. $ ausmachte. Die übrigen Werte von Microsoft sind immaterieller Natur und beste-
hen im wesentlichen aus den Fähigkeiten der Mitarbeiter, der Effizienz des Managements und
dem Wert der Kundenbeziehungen.
Der Schlüsselfaktor eines Wissensunternehmens sind die Menschen, die es beschäftigt. Cha-
rakteristisch für Wissensunternehmen ist der große Anteil hochqualifizierter "Kopfarbeiter"
oder "Knowledge Worker", wie Drucker [Drucker 1996] sie bezeichnet, die es im Rahmen
von Studium und Ausbildung gelernt haben Informationen in Wissen umzuwandeln und die in
der Lage sind, sich selbst durch kontinuierliches Lernen ständig zu verbessern. Solchermaßen
qualifizierte Personen sind teuer. Die Einstellung neuer Mitarbeiter kann daher mit der Inves-
tition eines Industrieunternehmens in neue Maschinen verglichen werden und muß ebenso
konsequent an den Unternehmenszielen ausgerichtet sein. Für Wissensunternehmen ist wegen
der hohen Personalkosten eine hohe Kapazitätsauslastung überlebenswichtig. Wissensunter-
nehmen können Problemlösungen nicht auf Vorrat produzieren und zu einem späteren
Zeitpunkt verkaufen. "Wenn der Softwareanbieter WM-data die Anzahl der berechneten
Stunden um 2,5 Prozent verändert, ändert sich das Betriebsergebnis um 20 Prozent. Wenn die
Auslastung um mehr als 10 Prozent sinkt, dann macht WM-data Verlust." [Sveiby 1998,
S.126].
Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Wissensunternehmen unterscheiden. Die einen
verwenden das Wissen ihrer Mitarbeiter, um daraus aggregiertes Wissen in Form eines mehr-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 63
fach verwendbaren Produkts zu generieren. Diese sogenannten Wissensderivate weisen
einen sehr hohen und wissensintensiven Einmalaufwand der Entwicklung auf. Ihre Herstel-
lung dagegen ist i.d.R. sehr günstig und von geringer Wissensintensität. Typische Vertreter
dieser Art von Wissensunternehmen sind Softwarehersteller wie z.B. Microsoft, Oracle oder
Netscape. Sie arbeiten nicht im Kundenauftrag, sondern entwickeln Standard-Software, die
auf einem breiten Markt plaziert wird. Auch Verlage gehören zu dieser Klasse. Sie erzeugen
mit Zeitungen und Zeitschriften ein wissensintensives Produkt, das leicht reproduziertbar ist
und als Massenartikel verkauft wird. Komparative Wettbewerbsvorteile ergeben sich im we-
sentlichen aus einem Zeitvorsprung. Da diese Wissensprodukte von der Konkurrenz leicht
kopiert werden können, weisen sie kurze Produktlebenszyklen auf. Das Unternehmen ist da-
mit zu ständiger Innovation gezwungen.
Im Gegensatz zu dieser informationsorientierten Geschäftsstrategie, setzen wissensorientierte
Unternehmen das Wissen ihrer Mitarbeiter ein, um daraus kundenspezifische Individualpro-
dukte zu erzeugen. Sie verkaufen eigentlich nicht das Endprodukt als solches, sondern
vielmehr die Fähigkeiten und Kenntnisse ihrer Mitarbeiter. Typische Vertreter sind die Unter-
nehmensberatungen und Werbeagenturen. Sie profitieren stark von immateriellen Einahmen,
die sie von ihren Kunden z.T. unbewußt erhalten. Dazu gehören:
• Verbesserung der Kundenbeziehungen,
• Verbesserung interner Abläufe aufgrund der bei Kunden gemachten Erfahrungen
• Steigerung der Kompetenz der Mitarbeiter
Das Wissen, das sie im Rahmen von Kundenaufträgen gewinnen ist nicht oder nur schwer
imitierbar. Daher können sie dauerhafte komparative Wettbewerbsvorteile erlangen. Wissens-
organisationen verhalten sich, nicht zuletzt wegen des paradoxen Verhaltens ihres
Kernprodukts (vgl. Kap.3.2.1), anders als traditionelle Industrieunternehmen. Da Wissen teil-
bar ist, ohne sich zu verbrauchen können Wissensunternehmen ihre Attraktivität dadurch
erhöhen, daß sie einen Teil ihres Wissens anbieten. Damit können sie auf sich und ihre Pro-
dukte aufmerksam machen und Kundeninteresse wecken. Über Kommunkationstechnologien
wie z.B. das Internet lassen sich auf diese Weise schnell Kundenkontakte herstellen und
Rückmeldungen einholen, die genutzt werden können, um die eigenen Prozesse und Produkte
zu verbessern.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 64
3.2.4.5 Messung und Controlling von Wissen
Der Aufbau eines Wissensbewertungssystems für eine ganze Organisation
ist ein bisher weitgehend ungelöstes Problem des Wissensmanagements,...
[Probst 1998, S. 318]
Für Unternehmen gibt es zwei maßgebliche Gründe, ihre immateriellen Vermögenswerte zu
messen.
In der externen Darstellung beschreibt sich das Unternehmen selbst gegenüber Kunden,
Gläubigern und Aktionären, um diesen eine Einschätzung der Qualität des Managements zu
ermöglichen. Eine faire Bewertung von Wissensunternehmen ist allerdings mit Hilfe der klas-
sischen Bewertungsmechanismen nicht mehr möglich, da hierbei das immaterielle Vermögen
regelmäßig nicht erfaßt wird. Dies führt zu starken Schwankungen der Börsennotierungen,
bzw. bei jungen Wissenunternehmen zu Problemen bei der Kapitalbeschaffung. Auch für die
Kapitalgeber ist es wichtig, den realen Wert seiner Investition und deren Wertentwicklung
genauer abschätzen zu können.
Die interne Darstellung liefert dem Management verläßliche Aussagen über Fortschritt und
notwendige Korrekturmaßnahmen und dient damit als Steuerungsinstrument. Beispielsweise
steuert WM-data den Anteil der Nicht-Umsatzträger (d.h. Mitarbeiter, die keine Umsätze er-
zielen) so, daß er nicht über 10 Prozent liegt. Außerdem versucht WM-data die
Mitarbeiterfluktuation in einem kontrollierten Zielkorridor zu halten und stellt verstärkt Uni-
versitätsabsolventen ein, um zu vermeiden, daß sich das Durchschnittsalter der Mitarbeiter
erhöht [vgl. Sveiby 1998, S.217 ff.]. Wenn eine wissensorientierte Verhaltenweise der Mitar-
beiter verlangt wird und die Mitarbeiterbeurteilung danach ausgerichtet wird, benötigt das
Management hierzu transparente und verläßliche Kennzahlen. Auch die Wissensmanager be-
nötigen Kennzahlen, um den Umfang ihres Budgets zu argumentieren und den Erfolg ihrer
Maßnahmen zu belegen.
Zur Messung immaterieller Vermögenswerte lassen sich sowohl finanzielle als auch nicht-
finanzielle Größen verwenden. Durch klassische finanzielle Kennzahlen wie Gewinnspanne
oder Gesamtkapitalrendite (ROI) werden die immateriellen Vermögenswerte i.d.R. nicht er-
faßt. So wird z.B. durch eine Weiterbildung der Mitarbeiter das immaterielle Vermögen des
Unternehmens erhöht, in der Buchhaltung wird die Schulung allerdings auf der Kostenseite
geführt. Kaplan und Norton haben mit ihrem Konzept der Balanced Scorecard einen Ansatz
zur Integration der Wissensperspektive in bestehende organisatorische Ziel- und Bewertungs-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 65
systeme vorgestellt [vgl. Kaplan/Norton 1992 und Kaplan/Norton 1993]. Mit Hilfe dieser
Bewertungskarten wird die traditionelle finanzielle Betrachtung um drei nichtfinanzielle Be-
trachtungsdimensionen ergänzt: die Kundenperspektive, die Perspektive der internen
Geschäftsprozesse und die Lern- und Wachstumsperspektive. Probst meint allerdings, daß "...
eine konkrete Operationalisierung der Wissensperspektive mit entsprechenden Wissensindi-
katoren... " innerhalb des Konzeptes der Balanced Scorecard nicht zu finden ist [Probst 1998,
S. 327]. Das schwedische Versicherungsunternehmen SKANDIA AFS hat diesen Ansatz auf-
gegriffen und darauf aufbauend den Unternehmensnavigator entwickelt. Mit Hilfe des
Navigators werden ca. 30 Kennzahlen zur Bewertung des immateriellen Vermögens erhoben.
Diese sind in fünf Kategorien, oder Brennpunkte wie sie bei SKANDIA genannt werden, un-
terteilt: Finanzen, Kunden, Mitarbeiter, Betriebsprozesse und Erneuerung (siehe Abb. 22).
Diese Wissensbilanz wird halbjährlich als "Balanced Report on Intellectual Capital" publi-
ziert.
Brennpunkt Finanzen
- Betriebsergebnis
Brennpunkt
Kunden
-Telefonische
Erreichbarkeit
-Grundsatz: „Geht
nicht gibt‘s nicht!“
Brennpunkt
Betriebsprozesse
-Bearbeitungszeit
-Anwendungen
ohne Fehler
Brennpunkt
Mitarbeiter
Empowerment-
Index
Brennpunkt Erneuerung
-F&E-Kosten/Verwaltungskosten
-IT-Kosten/Verwaltungskosten
-Kompetenzentwicklung/Mitarbeiter
Abbildung 22:Der Unternehmensnavigator von SKANDIA AFS
[SKANDIA Jahresbericht 1995]
Sveiby hat zusammen mit dem schwedischen Unternehmen CELEMI den Intangible Assets
Monitor entwickelt. Dieses Instrument ist ähnlich wie der Navigator von SKANDIA aufge-
baut, in seiner Ausprägung allerdings differenzierter. Sveiby unterteilt das
Unternehmenswissen in die drei Betrachtungsdimensionen Externe Struktur, Interne Struktur
und Mitarbeiterkompetenz und bewertet für diese jeweils den Grad des Wachstums, die Effi-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 66
zienz und die Stabilität (siehe Abb. 23). Sveiby hat damit einen wesentlichen Beitrag zur
Entwicklung des Wissenscontrollings geleistet.
Unsere Kunden
(Externe Struktur) Unsere Organisation
(Interne Struktur) Unsere Mitarbeiter
(Kompetenz)
Wachstum/Erneuerung
Umsatzsteigerung 44%
Imageverbesserung 40%
Effizienz
Veränderung des
Durchschnittsumsatzes pro
Kunde 4%
Stabilität
Wiederholungsaufträge 66%
Umsatzanteil der fünf größten
Kunden 41%
Wachstum/Erneuerung
Ø Berufserfahrung
7,8 Jahre -25%
Kompetenzverbessernde
Kunden 43%
Gesamtkompetenz der
Experten: 298 Jahre 43%
Øausbildungsstand: 2,3 0%
Effizienz
Wertschöpfung pro Experte:
867000 Skr -13%
Wertschöpfung pro Mitarbeiter:
665000 Skr -13%
Stabilität
Fluktuation der Experten10%
Betriebszugehörigkeit der
Experten: 2,3 Jahre 79%
Ø Alter aller Mitarbeiter:
34,0 Jahre -12%
Wachstum/Erneuerung
IT-Investitionen in % der
Wertschöpfung 11%
Organisationsverbessernde
Kunden 44%
F&E in % der Wert-
schöpfung 18%
Gesamtinvestitionen in % der
Wertschöpfung 33%
Effizienz
Veränderung des Anteils der
Verwaltungsmitarbeiter 4%
Veränderung des Pro-Kopf-
Umsatzes pro Verwaltungs-
mitarbeiter -20%
Stabilität
Fluktuation der Verwaltungs-
mitarbeiter 0%
Betriebszugehörigkeit der
Verwaltungsmitarbeiter 3
Anteil neuer Mitarbeiter 64%
Abbildung 23: Monitor für immaterielle Vermögenswerte
[Celemi, Geschäftsbericht 1995]
Die Anzahl der Berufsjahre und der Ausbildungsstand sind Kennzahlen für Fähigkeiten und
Erfahrungen eines Spezialisten. Mit Hilfe der Trainings- und Weiterbildungskosten können
Rückschlüsse auf die Bereitschaft der Unternehmensleitung zur Entwicklung des intellektu-
ellen Kapitals gezogen werden. Die Investitionen in IT-Systeme bzw auch die Anzahl der
Computer pro Mitarbeiter liefern Aussagen über die Effizienz des Unternehmens. Der Anteil
von Spezialisten im Unternehmen ist eine Kennzahl für die Wissensorientierung und die Effi-
zienz eines Unternehmens, das Komplement ist der Anteil von Sachbearbeitern. Der Anteil
neuer Mitarbeiter weist auf die Effizienz der Organisation hin. Neue Mitarbeiter sind i.d.R.
weniger effizient als andere, da sie sich noch nicht an die Tradition und Besonderheiten des
Unternehmens gewöhnt haben und noch kein Netzwerk aufgebaut haben. Das Durchschnitts-
alter ist eine Kennzahl für die Stabilität eines Unternehmens, da die Fluktuation bei älteren
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 67
Mitarbeitern wesentlich geringer als bei jüngeren Mitarbeitern ist. Auf der anderen Seite
muß ein Unternehmen bestrebt sein, kontinuierlich neues Wissen einzugliedern. Die Dauer
der Betriebszugehörigkeit ist eine Kennzahl für die Stabilität und liefert Aussagen über den
Umfang des Wissensverlustet bzw. die Kosten, die für den Neuerwerb notwendig sind. Die
Kundenzufriedenheit ist ein Indikator für die Qualität der Produkte und Diensleistungen, auch
die Erfolgsquote bei Ausschreibungen mißt das Image des Unternehmens bzw. das Auftreten
der Unternehmensrepräsentanten beim Kunden. Der Umsatz pro Kunde mißt die Effizienz der
Kundenbeziehungen, da es leichter und billiger ist, an einen bestehenden Kunden als an einen
Neukunden zu verkaufen. Ebenso weist der Anteil von Stammkunden auf die Qualität der
Produkte und Dienstleistungen hin.
3.2.5 Ausgewählte Konzepte des Wissensmanagements
Nachdem der gesellschaftliche Wandel und die daraus resultierende Bedeutung der Ressource
Wissen sowie die Barrieren, die der produktiven Nutzung entgegenstehen, verdeutlicht wurde,
soll im folgenden anhand ausgewählter Konzepte aufgezeigt werden, welche Methoden und
Werkzeuge für das Management von Wissen bekannt sind bzw. zur Verfügung stehen. Dabei
werden bewußt unterschiedliche und z.T. konträre Ansichten ausgewählter Autoren gegen-
übergestellt.
3.2.5.1 Die Bausteine des Wissensmanagements von Probst
Probst hat Unternehmen unterschiedlicher Branchen untersucht, deren Problemstellungen im
Umgang mit Wissen erfaßt, analysiert und daraus Problemgruppen abgeleitet, die er die
"Kernprozesse des Wissensmanagements" [Probst 1998, S. 51] nennt. Probst leitet daraus ein
generisches Konzept ab, wie Wissen im Unternehmen optimal genutzt werden kann. Er baut
sein Konzept aus acht Elementen auf, die er die "Bausteine des Wissensmanagements"
[Probst 1998, S. 56] nennt (siehe Abb.24). Die Bausteine umfassen die sechs von ihm identi-
fizierten Kernprozesse des Wissensmanagements: Wissensidentifikation, Wissenserwerb,
Wissensentwicklung, Wissens(ver)teilung, Wissensnutzung und Wissensbewahrung, sowie
zusätzlich Wissenziele und Wissensbewertung. Die Kernprozesse greifen in der o.g. Reihen-
folge ineinander und bilden damit einen Metaprozeß, der durch Wissensziele getriggert wird
und durch den Baustein Wissensbewertung einen Abschluß findet.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 68
Wissens-
identifikation Wissens-
bewahrung
Wissens-
erwerb Wissens-
nutzung
Wissens-
(ver)teilung
Wissens-
entwicklung
Wissens-
ziele Wissens-
bewertung
Feedback
Abbildung 24: Bausteine des Wissensmanagements [Probst 1998, S.56]
Wissensziele legen fest, in welchen Bereichen welche Fähigkeiten aufgebaut werden sollen.
Probst unterscheidet dabei in normative, strategische und operative Wissensziele. Das domi-
nierende Wissensziel auf normativer Ebene ist die Schaffung einer wissensbewußten bzw.
wissensfreundlichen Unternehmenskultur. Daher schaffen normative Wissensziele erst die
Voraussetzungen für wissensorientierte Ziele im strategischen und operativen Bereich. Strate-
gische Wissensziele geben Antwort auf die Frage, welche Fähigkeiten bewahrt, neu
entwickelt oder auch wieder abgebaut werden sollen. Sie definieren damit ein für die Zukunft
angestrebtes Fähigkeitenportfolio und erlauben damit eine strategische Orientierung von Or-
ganisationstrukturen und Managementsystemen. Mit Hilfe operativer Wissensziele werden
die normativen und strategischen Wissensziele in konkrete, operationalisierbare Teilziele ü-
bersetzt. Damit soll verhindert werden, daß es zu einem Verkümmern des
Wissensmanagements auf der Stabs- oder Strategieebene kommt.
Der o.g. Metaprozeß des Wissensmanagements beginnt mit dem Kernprozeß Wissensidentifi-
kation, der alle Maßnahmen umfaßt, die sich auf die Schaffung von Transparenz über intern
und extern vorhandenes Wissen beziehen. Das stellt die Vorraussetzung für den erfolgreichen
Abbau von Fähigkeitsdefiziten und die Schließung von Wissenslücken dar. Expertenverzeich-
nisse und Gelbe Seiten sind textbasierte Werkzeuge der Wissensidentifikation und
Transparenzschaffung. Sie sind relativ schnell zu erstellen und erzeugen rasch Nutzen. We-
sentlich komplexer und daher aufwendiger zu erstellen, aber in der Aussagekraft auch
mächtiger sind grafische Wissenskarten. Probst unterscheidet hierbei Wissensträger-, Wis-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 69
sensbestands- und Wissensstrukturkarten. Wissensträgerkarten veranschaulichen, welche
Wissensarten in welcher Ausprägung bei welchen Wissensträgern vorhanden sind, Wissens-
bestandskarten zeigen an, wo und wie bestimmte Wissensbestände gespeichert sind und
Wissensstrukturkarten geben einen Überblick über Cluster, Schemata und Relationen der
Wissenslandschaft. Mit Hilfe von Wissenskarten lassen sich interne wie auch externe Netz-
werke, z.B. zu Experten eines Fachgebiets oder ehemaligen Mitarbeitern transparent
darstellen.
Unternehmen importieren einen erheblichen Teil ihres Wissensbedarfs aus Quellen, die au-
ßerhalb des Unternehmens liegen. Der Kernprozeß Wissenserwerb behandelt daher die
Fragestellung "Wie erwerbe ich Wissen von außen?". Eine Möglichkeit bildet der Einkauf
externer Experten. Zu diesem Zweck ist es notwendig, eine an den Wissenszielen ausgerich-
tete Rekrutierungsstrategie zu entwickeln, um gezielt die identifizierten Wissenslücken im
Unternehmen schließen zu können. Weitere Methoden sind das gezielte Abwerben (Head-
hunting), die befristete Beschäftigung bei kurzfristigen Wissenslücken sowie der temporäre
Einsatz von Unternehmensberatungen. Neben dem Einkauf einzelner Personen kann auch eine
Kooperation mit einem anderen Unternehmen zu einem Wissenserwerb führen. Je nach An-
forderungen ist die Intensität der Kooperation zu prüfen (z.B. Fusion, Kauf, Beteiligung, Joint
Venture, Strategisches Netzwerk, Fallweise Kooperation u.a.). Ein weiterer umfangreicher
Pool externen Wissens, der häufig ungenutzt bleibt, ist das Wissen der Stakeholder, also der-
jenigen Gruppen im Umfeld einer Organisation, die ein besonderes Interesse an der Tätigkeit
des Unternehmens haben. Darunter fallen die Eigentümer der Unternehmens, die Finanzwelt,
die Öffentlichkeit, die Medien, die Politik und natürlich auch die Mitarbeiter, die Kunden und
die Lieferanten. Der vierte von Probst diskutierte Weg beschreibt den Erwerb von Wissens-
produkten, wie z.B. das Abonement von Wirtschafts- oder Technologiedatenbanken, den
Kauf von CD-ROMs oder auch den Einsatz struktureller Hilfsmittel wie z.B. der Groupware
Lotus Notes.
Im Gegensatz zum Wissenserwerb von außen umfaßt der Kernprozeß Wissensentwicklung die
Produktion neuer Fähigkeiten, besserer Ideen und leistungsfähigerer Prozesse. Dahinter steht
die Fragestellung "Wie baue ich neues Wissen auf?". Wissensentwicklung umfaßt alle Mana-
gementanstrengungen, mit denen die Organisation sich bewußt um die Produktion bisher
intern oder generell noch nicht existenter Fähigkeiten bemüht. Im Umfeld der Forschung und
Entwicklung wird in einer eigens dafür eingerichteten Abteilung systematisch Wissen in
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 70
Form neuer Produkte oder Prozesse generiert. Darüberhinaus existieren Methoden wie z.B.
Kreativitätstechniken, Betriebliches Vorschlagswesen, Szenariotechnik oder Kontinuierlicher
Verbesserungsprozeß (KVP), die in allen Bereichen des Gesamtunternehmens zur systemati-
schen Wissensentwicklung eingesetzt werden.
Der Kernprozeß Wissensverteilung behandelt die Fragestellung "Wer sollte was in welchem
Umfang wissen oder können und wie können die Prozesse der Wissens(ver)teilung erleichtert
werden?". Das umfaßt sowohl das mechanische Verteilen von Wissenspaketen, z.B. über
weltweit verfügbare elektronische Netzwerke (Fax, E-Mail, Internet) als auch den Austausch
von Wissen auf der persönlichen Ebene z.B. im Rahmen von Teamarbeit oder Schulungen,
wobei insbesondere die Barriere Wissen ist Macht zu überwinden ist (vgl. Kap.3.2.4.3).
Die Kombination beider Ansätze führt zu den Konzepten virtueller Teams bzw. virtueller Bü-
ros. Bei der Verteilung von Wissen sind allerdings ökonomische Grenzen zu berücksichtigen.
So würde eine totale Wissensverteilung über das gesamte Unternehmen hinweg alle Vorteile
effizienter Arbeitsteilung aufheben. Auch der Aspekt der Vertraulichkeit, begründet durch
juristische Geheimhaltungspflicht, offensichtliches Kundeninteresse oder Wettbewerbsas-
pekte, schränkt den Umfang des zu verteilenden Wissens bzw. den Empfängerkreis ein.
Organisatorische Maßnahmen wie Erfahrungsgruppen, gezielte Job-Rotation und Teambil-
dung helfen, die Wissens(ver)teilung zu unterstützen. Aber auch innovative Technologien,
wie z.B. das Internet/Intranet, Groupware und Workflow-Management können insbesondere
diesen Kernprozeß effektiv unterstützten.
Das zentrale Ziel des Wissensmanagements ist der produktive Einsatz von Wissen im An-
wendungskontext zum Nutzen des Unternehmens. Daher ist der Kernprozeß Wissensnutzung
von zentraler Bedeutung. In diesem Zusammenhang werden Methoden und Mechanismen
behandelt, die z.B. helfen, die Barrieren des Wissensmanagements zu überwinden. Hierzu
gehört die nutzergerechte Darstellung von Wissen durch Visualisierung, Kurzzusammenfas-
sungen und ähnliche Bearbeitungsschritte. Dadurch kann der Nutzwert von Dokumenten
deutlich gesteigert werden. Auch eine nutzerfreundliche Arbeitsplatzgestaltung erhöht den
Austausch und damit auch die Nutzung von Wissen.
Letztendlich gilt es, das identifizierte und erworbene oder entwickelte Wissen dauerhaft nutz-
bar zu machen. Der Kernprozeß Wissensbewahrung behandelt daher den Schutz vor
Wissensverlusten. Dabei ist nicht nur dokumentiertes Wissen sondern insbesondere auch die
Erfahrungen der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Ersteres kann durch leistungsfähige Daten-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 71
banken und Dokumentenmanagementsysteme erreicht werden. Um sich vor einer Informa-
tionsüberflutung zu schützen, gilt es, das gespeicherte Wissen aktuell zu halten und zudem
einen Prozeß aufzusetzen, durch den veraltetes Wissen gezielt vergessen bzw. gelöscht wird.
Auf der zwischenmenschlichen Ebene sollte nach Probst eine systematische Übergabe von
Fähigkeiten und Kenntnissen stattfinden. Diese kann kontinuierlich erfolgen z.B. durch das
japanische Sempai-kohai, wobei ein älterer, unterweisender Mitarbeiter (sempai) sein Wissen
an einen jüngeren, anzulernenden Mitarbeiter (kohai) weitergibt. Auch eine diskrete Variante
ist möglich, wobei am Ende eines Beschäftigungsverhältnisses das Wissen des Mitarbeiters
durch gezielte Befragung gesichert wird. Auch nach Ende des Beschäftigungsverhältnisses
kann durch Aufrechterhaltung des Kontakts zu ihm das Wissen des Mitarbeiters genutzt wer-
den.
Die beschriebenen acht Bausteine des Wissensmanagement umreißen weitgehend die mögli-
chen Interventionsfelder für Wissensmanagementmaßnahmen in einem Unternehmen. Probst
beschreibt damit ein sehr umfassendes und generisches Konzept des Wissensmanagements
aus der Sicht des westlichen Rationalismus.
3.2.5.2 Die Spirale des Wissens von Nonaka/Takeuchi
Die beiden japanischen Wissenschaftler Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi haben ein
Konzept des Wissensmanagements entwickelt, das beschreibt, wie japanische Unternehmen
die brachliegende Ressource Wissen nutzbar machen. Das Ziel ihrer Untersuchung "... ist die
Etablierung eines allgemeinen Modells der Wissensschaffung im Unternehmen." [Nonaka
1997, S.9]. Sie unterscheiden dabei zwei Arten des Wissens. Zum einen explizites Wissen, das
sich formal artikulieren läßt, z.B. in Form grammatikalischer Sätze, mathematischer Ausdrü-
cke, technischer Daten und Handbüchern. Explizites Wissen kann problemlos von einem
Menschen zum anderen weitergegeben werden und nimmt in der westlichen Philosophietra-
dition eine beherrschende Stellung ein. Wichtiger ist laut Nonaka/Takeuchi allerdings das
sogenannte implizite Wissen, das sich dem formalen sprachlichen Ausdruck entzieht. Implizi-
tes Wissen umfaßt die Erfahrungen des Einzelnen sowie seine persönlichen Überzeugungen,
Perspektiven und Wertesysteme. "Das dynamische Wechselspiel zwischen diesen beiden
Wissensformen bildet den Schlüssel zur Wissensschaffung im Unternehmen und vollzieht
sich in einem spiralförmigen Prozeß immer wieder aufs neue." [Nonaka 1997, S.9]. Während
die westliche Philosophie den einzelnen Menschen als maßgeblichen Inhaber und Verwalter
von Wissen ansieht, betrachtet die östliche Philosophie die Wissensschaffung als kollektiven
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 72
Prozeß, der auf den drei Ebenen Individuum, Gruppe und Organisation stattfindet. Gemäß
dieser Annahmen entwickeln Nonaka/Takeuchi ihr Modell auf Basis zweier Hauptelemente:
den Interaktionsformen von Wissen (Epistemologische Dimension) und den Ebenen der Wis-
sensschaffung (Ontologische Dimension) (siehe Abb.25).
Epistemologische
Dimension
Ontologische
Dimension
Explizites
Wissen
Implizites
Wissen
Individuum Gruppe Unternehmen Unternehmens-
interaktion
Wissensebene
Abbildung 25: Dimensionen der Wissensschaffung und Wissensspirale
[Nonaka 1997, S. 69]
Sie führen den Erfolg japanischer Unternehmen auf deren Fähigkeit zurück, Wissen zu erzeu-
gen, es in der gesamten Organisation zu verbreiten und ihm in Produkten, Dienstleistungen
und Systemen Ausdruck zu verleihen. Wissen wird in Japan als Wettbewerbsvorteil angese-
hen und demzufolge wird gerne und leicht externes Wissen von Zulieferern, Kunden,
Händlern, Behörden und Wettbewerbern internalisiert. Die Trennung zwischen explizitem
und implizitem Wissen bildet den Schlüssel für die Unterscheidung zwischen westlichem und
japanischem Wissensverständnis. Im Gegensatz zum rationalen, westlichen Denkansatz [vgl.
Senge 1990; Vester 1986] vollzieht sich der Lernprozeß und damit die Aneignung von impli-
zitem Wissen nach Ansicht japanischer Manager im Kopf und im Körper (Einheit von Körper
und Geist). Um im Unternehmen das implizite Wissen der Mitarbeiter verfügbar zu machen,
muß dieses in allgemein verständliche Worte, Zahlen oder Bilder umgewandelt werden. Die-
sen Prozeß der Umwandlung von implizitem in explizites Wissen bezeichnen Nonaka und
Takeuchi als Wissensschaffung.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 73
Wissensschaffung geschieht immer auf der Ebene des Individuums. Eine Organisation
kann laut Nonaka/Takeuchi ohne einzelne Individuen kein Wissen erzeugen, sie unterstützt
vielmehr kreative Personen und bietet Kontexte, die der Wissensschaffung förderlich sind.
Auf der Gruppenebene kann sich Wissen durch Dialog, Diskussion, Erfahrungsaustausch und
Beobachtung verstärken oder herauskristallisieren. Die japanische Sprache ist gekennzeichnet
von visuellen Konzepten, daher artikulieren japanische Manager ihre Ahnungen und Einsich-
ten verstärkt in Bildern, Metaphern und Analogien und haben damit einen sehr effizienten
Weg der Umwandlung von implizitem zu explizitem Wissen gefunden. Insgesamt postulieren
Nonaka und Takeuchi vier verschiedene Formen der Wissensumwandlung (siehe Abb.26).
Sozialisation Externalisierung
Internalisierung Kombination
Implizites
Wissen
Explizites
Wissen
Implizites Wissen Explizites Wissen
Ausgangs-
punkt
Ziel-
punkt
Abbildung 26: Vier Formen der Wissensumwandlung [Nonaka 1997, S.75]
Die Sozialisation ist eine Form des Erfahrungsaustauschs ohne den Umweg über eine aus-
drückliche Explizierung des Wissens, etwa im Sinne eines Meisters, der sein Wissen an
seinen Lehrling weitergibt. Der Lehrling lernt dabei weniger durch sprachliche Übermittlung
sondern vielmehr durch Beobachtung, Nachahmung und Anwendung des Beobachteten in der
Praxis. Im Büroumfeld wird durch Großraumbüros, Teamarbeit und auch durch Mentoren-
schaften der Sozialisiationsprozeß unterstützt.
Externalisierung dagegen ist ein Prozeß der Artikulation von implizitem Wissen in expliziten
Konzepten. Mit Hilfe von Metaphern, Analogien, Beschreibungen, Modellen, Konzepten,
Gleichungen etc. wird versucht das komplexe Gefüge des impliziten Wissens in eine aus-
tauschbare und kommunizierbare Form zu bringen. Dieser Prozeß ist immer mit einer
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 74
gewissen Unsicherheit behaftet, da Metaphern, Analogien und Modelle nur eine Aproxi-
mation des Originals darstellen und dieses nur selten in seiner Gesamtheit beschreiben. Trotz-
dem sehen Nonaka und Takeuchi hierin ein mächtiges Konzept des Wissensmanagements.
Als Kombination bezeichnen sie die Systematisierung von explizierten Wissenseinheiten, wie
z.B. Dokumenten und Informationsquellen, durch Prozesse des Sortierens, Hinzufügens,
Kombinierens oder Klassifizierens. Der Einsatz von Computernetzwerken und Datenbanken
erleichtert diese Form der Wissensumwandlung wesentlich.
Die Internalisierung ist ein Prozeß der Eingliederung expliziten Wissens in das implizite Wis-
sen und entspricht damit eigentlich dem Lernen. Allerdings ist hier das Lernen anhand von
praktischen Erfahrungen bzw. unter Ausnutzung des im Unternehmen verfügbaren expliziten
Wissens gemeint. Konzepte wie Learning-by-doing oder Learning-on-the-job fallen unter
diese Kategorie, aber auch das Training von Piloten am Simulator oder das Üben von Szena-
rien im Rahmen von Rollenspielen.
Für sich genommen führen die o.g. Prozesse allerdings nicht zum Erwerb von neuem Wissen.
Erst das dynamische Zusammenspiel der einzelnen Prozesse der Wissensumwandlung, die
sogenannte "Wissensspirale" [Nonaka 1997, S.84ff.], und das Vorhandensein spezifischer
Voraussetzungen führt zur Generierung neuen Wissens. Als Voraussetzungen für die Wis-
sensschaffung im Unternehmen bezeichnen Nonaka/Takeuchi das Vorhandensein einer
Wissensstrategie (Intention), die Möglichkeit zu eigenständigem Handeln (Autonomie), das
kontinuierliche Aufbrechen verkrusteter Strukturen und Prozesse (Fluktuation und kreatives
Chaos), die bewußte Verteilung gleicher Informationen und Aufgaben an unterschiedliche
Stellen (Redundanz) und der gezielte Aufbau gleichartiger Kompetenzen z.B. durch Job-
Rotation (notwendige Vielfalt).
Ausgehend von den beschriebenen vier Formen der Wissensumwandlung, den fünf Voraus-
setzungen für die Entstehung einer Wissensspirale und unter Einbeziehung des Zeitfaktors
formulieren Nonaka/Takeuchi ein Fünf-Phasen-Modell der Wissensschaffung im Unterneh-
men. In der ersten Phase der Entwicklung wird lediglich implizites Wissens ausgetauscht
(Sozialisierung). In der zweite Phase wird das implizite Wissen, beispielsweise eines auto-
momen Teams, in Form eines neuen Konzepts in explizites Wissen umgewandelt
(Externalisierung). Das so geschaffene Wissen wird in der dritten Phase erklärt und es wird
vom Unternehmen entschieden, ob das Konzept weiterverfolgt werden soll. Im Falle einer
positiven Entscheidung wird in der vierten Phase ein Archetyp gebildet, z.B. in Form eines
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 75
Prototypen. In letzten Phase wird das neu geschaffene und validierte Wissen an die übrigen
betroffenen Mitglieder der Organisation übertragen.
3.2.5.3 Modell der Nutzung immaterieller Vermögenswerte von Sveiby
Sveiby weist auf die große Diskrepanz zwischen dem Eigenkapitalwert eines Unternehmens
und dessen Börsenkurs hin und bezeichnet die Differenz als "Unsichtbares Kapital" bzw. als
"Immaterielles Vermögen" [vgl. Sveiby 1998]. Wenn der Marktpreis über dem Buchwert
liegt, dann interpretiert die konventionelle Börsentheorie diesen Aufschlag als Maßstab zur
Beurteilung der zukünftigen Ertragskraft des Unternehmens durch den Markt. Es muß daher
unter den Vermögenswerten des Unternehmens etwas geben, das in Zukunft eine höhere Ren-
dite als die üblichen Bankzinsen erwarten läßt. Diese Vermögenswerte werden nicht im
Jahresabschluß ausgewiesen und sind daher unsichtbar. Zudem sind sie immateriell, weil sie
weder konkrete Gegenstände noch Geld sind. Laut Sveiby repräsentieren diese unsichtbaren,
immateriellen Vermögenswerte das Potential der Menschen in einem Unternehmen. Er unter-
scheidet drei Arten immaterieller Vermögenswerte: die Kompetenz der Mitarbeiter, die
Interne Struktur und die Externe Struktur (siehe Abb. 27).
Kompetenz
der Mitarbeiter
Interne Struktur
Externe Struktur
Abbildung 27: Arten immaterieller Vermögenswerte im Unternehmen
Die Kompetenz der Mitarbeiter beinhaltet ihre Fähigkeiten und Kenntnisse, die es ihnen er-
lauben in unterschiedlichen Situationen angemessen zum Nutzen des Unternehmens reagieren
bzw. auch agieren zu können und dabei sowohl materielle als auch immaterielle Vermögens-
werte zu schaffen. Die interne Struktur umfaßt die Organisation und das Management aber
auch Patente, Konzepte, Modelle, Computer- und Verwaltungssysteme und die Unterneh-
menskultur. Die externe Struktur umfaßt die Beziehungen zu Kunden und Lieferanten sowie
Markennamen, Warenzeichen und das Image der Unternehmens.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 76
Sveiby entwickelt sein Modell am Beispiel eines Idealtyps sogenannter "Wissensorganisa-
tionen" bzw. "Wissensunternehmen", die sich durch einen hohen Anteil hochqualifizierter
Spezialisten, sogenannter "Knowledge Worker" auszeichnen, deren Arbeit im wesentlichen
darin besteht, Informationen in Wissen umzuwandeln. Außerdem verfügen Wissensunter-
nehmen i.d.R. nur über geringe Sachanlagen und sind hochgradig mit ihren Zulieferern und
Kunden vernetzt. Laut Sveiby werden Wissensunternehmen daher von vier Machtfaktoren
beherrscht:
• Spezialisten/Experten sind die Fachleute im Unternehmen, die durch eine starke Konzent-
ration auf ihre Arbeit, einen gewissen Berufsstolz und eine hohe Abneigung gegen
Routine charakterisiert werden können. Sie lieben das Lösen komplexer Probleme, haben
eine Abneigung gegen Vorschriften, die ihre individuelle Freiheit einschränken und
kümmern sich wenig um Dinge wie Bezahlung, Freizeit und das Unternehmen, in dem sie
beschäftigt sind. Sie können selten Mitarbeiter oder ein Unternehmen führen.
• Manager sind Personen, die von Vorgesetzten ernannt wurden, um ein Unternehmen in
einem vorgegebenen Rahmen und mit festgelegten Ressourcen zu einem festgelegten Ziel
zu führen. Sie können organisieren und führen und haben gelernt mit unterschiedlichen
Menschen zu arbeiten.
• Zuarbeiter unterstützen Spezialisten und Manager bei deren Aufgaben. Sie haben i.d.R.
keine besondere Qualifikation, tragen aber wesentlich zur Unternehmenskultur bei.
• Führungspersönlichkeiten sind i.d.R. frühere Experten und haben daher sowohl eine hohe
Fach- als auch eine hohe Unternehmenskompetenz. Als Führungspersönlichkeiten werden
sie dann angesehen, wenn sie auch im Management und in der Organisation gut sind. Ihr
Engagement färbt auf ihre Mitarbeiter ab, deren größter Wunsch es häufig ist, die Be-
geisterung des Vorgesetzten zu teilen.
Auf Basis dieser vier Machtfaktoren konzipiert Sveiby geeignete Werkzeuge und Mechanis-
men zur Entwicklung und Nutzung der drei o.g. immateriellen Vermögenswerte. Im Rahmen
der Entwicklung und Nutzung von Fachkompetenz gilt es, das Unternehmen unabhängiger
von den Experten zu machen, die das Kernwissen des Unternehmens in sich tragen. Dazu
kann eine gezielte Personalbeschaffung sowie eine geschickte Führung und Entwicklung der
Schlüsselmitarbeiter beitragen. Durch strategisch wohlüberlegte Personalentscheidungen kann
die Unternehmensleitung gezielt die Kompetenz des Unternehmens steuern und Lücken im
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 77
Wissensportfolio schliessen. Die Personalbeschaffung stellt in Wissensunternehmen i.d.R.
ein Werben um Spezialisten auf einem wettbewerbsintensiven Personalmarkt dar und ist da-
her eine wichtige Investitionsentscheidung, vergleichbar mit der Anschaffung neuer
Maschinen in Industrieunternehmen. Der Wert eines Wissensunternehmens bestimmt sich laut
Sveiby durch den Wert seiner Experten. Um ein Wissensunternehmen führen zu können,
müssen Manager lernen, diese Werte zu erkennen. Die Schaffung einer gewissen Arbeits-
platzsicherheit ermöglicht es dem Experten, sich auf seine eigentlichen Arbeitsinhalte zu
konzentrieren und sich weniger durch firmenpolitischen Überlegungen beeinflußen zu lassen.
Weitere Führungsinstrumente sind die vertikale Arbeitsteilung, wodurch Spezialisten von
einfachen und für sie niederen Tätigkeiten befreit werden und diese an Assistenten oder jün-
gere Mitarbeiter übertragen werden, sowie eine angemessene Entlohnung ergänzt durch
immaterielle Belohnungen. Dank seiner Fähigkeiten und Erfahrungen erreicht die natürliche
Laufbahn eines Experten laut Sveiby ihren Höhepunkt in der Rolle des Lehrers und Mentors.
Er empfiehlt daher dies bei der Karriereentwicklung in Wissensunternehmen entsprechend zu
berücksichtigen.
Neben der Entwicklung und Nutzung von Fachkompetenz stellt die Entwicklung einer inter-
nen Struktur den zweiten Baustein von Sveiby's Wissensmanagementmodell dar. In einem
wissensorientierten Unternehmen treten unweigerlich Spannungen auf zwischen Spezialisten,
deren Wertessystem enger mit ihrer Berufstradition und -ethik verbunden ist als mit ihrem
Unternehmen, und dem Management, dessen Wertesystem sich aus den Unternehmenszielen
ableitet. Ein Instrument zum Umgang mit Spannungen ist das Konzept der "Tandem-
Führung" [Sveiby 1998, S. 118]. Dabei wird die Führungsverantwortung auf Spezialisten und
Manager verteilt, um Kreativität und Koordination in der Balance zu halten. Weiterhin gehört
zur internen Struktur eines Wissensunternehmens der Prozeß der Leistungserstellung. Dieser
besteht im wesentlichen aus der Umwandlung von Informationen in Wissen, daher benötigt
ein Unternehmen hierfür gewisse Vorgehensweisen und Regeln, wie z.B. Layoutvorgaben für
Präsentationen und Berichte etc., um auf möglichst effizientem Weg zu verwertbaren Ergeb-
nissen zu gelangen. Sveiby zeigt drei Strukturen auf, die den Transfer impliziten Wissens
unterstützen. In Großraumbüros wird kontinuierlich implizites Wissen verteilt und durch
Mentorenschaften kann implizites Wissen auf Basis von Erfahrung weitergegeben werden.
Praktisches Wissen wird am besten übertragen, wenn der gesamte Körper im Einsatz ist, da-
her weist Sveiby auf die Bedeutung von Rollenspielen und Simulationen hin.
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Zur internen Struktur gehört auch die Fähigkeit die richtigen Spezialisten zu einem leis-
tungsfähigen Projektteam zusammenstellen zu können. Die Mitarbeiter müssen sowohl zu-
sammen als auch zum jeweiligen Kunden passen. Denn zum einen bestimmt die persönliche
Chemie des Projektteams dessen Flexibilität und entscheidet darüber, wie kreativ dieses nach
Lösungen für unerwartete Probleme sucht, zum anderen spielt sie eine wichtige Rolle bei der
Feststellung, wie der Kunde die Projektergebnisse beurteilt. Weiterhin spielt in Wissensunter-
nehmen, die ja hauptsächlich über immaterielle Vermögenswerte verfügen, die
Kapaziätsauslastung eine Schlüsselrolle. Den kontinuierlichen hohen Personalkosten muß ein
entsprechender Umsatz gegenüberstehen. Da laut Sveiby Wissensunternehmen im Gegensatz
zu Industrieunternehmen bei steigender Betriebsgröße nicht erfolgreicher arbeiten, empfiehlt
er eine strenge Fokussierung auf die Kernkompetenzen des Unternehmens und eine konse-
quente Reduzierung der Personalkosten durch Outsourcing.
3.2.5.4 Das Wissensmarkt-Konzept von North
Im Gegensatz zu Probst vertritt North die Auffassung, daß eine wissensorientierte Unter-
nehmsführung nicht auf einzelnen Bausteinen des Wissensmanagements begründet werden
kann, sondern eine Gesamtkonzeption erfordert, die sich in der Gestaltung der organisatori-
schen Rahmenbedingungen und dem operativen Management des Unternehmens
konkretisieren muß. Er verdeutlicht dies anhand der komplementären Ansätze "Technokrati-
sches Wissensmanagement" und "Wissensökologie" [North 1998, S. 150 ff]. Im Rahmen des
technokratischen Wissensmanagements wird angenommen, daß sich Wissensziele deduktiv
aus den Unternehmenszielen ableitet lassen, daß Wissensaufbau und -nutzung geplant, ge-
steuert und gemessen werden kann ähnlich wie Kapital, Material und Betriebsmittel und daß
ein Unternehmen durch einen sequentiellen Managementprozeß, der durch eine rationale Ent-
scheidungsfindung begründet ist, gesteuert werden kann. Die Sichtweise der Wissensökologie
geht davon aus, daß Rahmenbedingungen und Kontexte zu gestalten sind, in denen Wissen
sich entwickeln kann und in denen Mitarbeiter motiviert werden, abteilungs- und unterneh-
mensübergreifend Wissen zu erwerben und zu nutzen. Unternehmen werden dabei als
dynamisch lernende Systeme aufgefaßt, die sich einer zentralen, mechanistischen Steuerung
entziehen und statt dessen einem Prozeß der Selbstorganisation unterliegen. In einem solchen
Unternehmen ist die Wissensentwicklung und -nutzung nicht immer planbar, sondern ist z.T.
dem Zufall überlassen und intuitiv. Die Wissensökologie unterscheidet sich von dem Konzept
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des Lernenden Unternehmens dahingehend, daß sie einen ökonomischen Bezug, wie
Meßgrößen und Gewinnstreben, beinhaltet.
Das Wissensmarkt-Konzept von North (siehe Abb. 28) basiert auf der Annahme, daß Wissen
als knappe Ressource nur unter Betrachtung von marktorientierten Mechanismen innerhalb
von Unternehmen wie auch unternehmensübergreifend wettbewerbswirksam entwickelt und
genutzt werden kann. In Analogie zum Gedanken des Total Quality Management (TQM):
"Qualität ist in allem was wir tun" [North 1998, S. 219] weist North auf die Verantwortung
jedes einzelnen Mitarbeiters für das Wissensmanagement hin und warnt davor, eine Schatten-
organisation aufzubauen, die den Mitarbeitern Aufgaben, wie z.B. das Einspeisen von
Informationen in Wissensmanagementsysteme, abnimmt. Statt dessen plädiert er für eine In-
tegration des Wissensmanagements in alle Geschäftsprozesse (Total Knowledge
Management). Er spricht Wissen einen Marktwert zu, der sich ähnlich wie der Wert von Ma-
terialien und Dienstleistungen sowohl unternehmensintern als auch
unternehmensübergreifend entwickeln kann, wenn es gelingt geeignete Rahmenbedingungen
zu schaffen, die Kooperation und Konkurrenz sowie Stabilität und Erneuerung fördern. In
diesem Zusammenhang gilt es, Anreizsysteme zu entwickeln, welche die Zusammenarbeit
fördern und den Gesamterfolg des Unternehmens sowie den Erfolg des Einzelnen honorieren.
Weiterhin werden Spielregeln benötigt, die klären, in welcher Art und Weise Wissensangebot
und -nachfrage artikuliert werden, wie Anbieter und Nachfrager in Kontakt gebracht werden,
wie Wissen ausgetauscht wird und welche Ausstauschbedingungen dabei gelten. Getragen
wird der Wissensmarkt durch Prozesse und Strukturen, die eine Umsetzung der Rahmenbe-
dingungen und Spielregeln ermöglichen.
Zu den notwendigen Rahmenbedingungen gehört u.a. die Verankerung der Werte und der
Bedeutung des Wissens im Unternehmen. Dazu ist es notwendig, daß diese Werte nicht nur
beschrieben sondern auch wirklich gelebt werden, von der Führungsspitze, von allen Füh-
rungskräften und allen Mitarbeitern. Dies kann dadurch unterstützt werden, daß das
erwünschte Führungskräfte- und Mitarbeiterverhalten beschrieben, das Ist-Verhalten daran
gemessen und im Rahmen des Beurteilungs- und Vergütungssystems entsprechend berück-
sichtigt wird.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 80
Rahmenbedingungen
gestalten und steuern
Spielregeln des
Wissensmarktes
anwenden
Prozesse, Strukturen
des operativen
Wissensmanagements
gestalten und steuern
„Unternehmensleitbild,
Führungsgrundsätze und
Anreizsysteme“
1.1 Verankerung des Wissens-
managements im
Unternehmensleitbild
1.2 Erwünschtes
Führungskräfteverhalten
beschreiben, Ist-Verhalten
daran messen, Auswahl und
Förderung gemäß erwünschtem
Verhalten
1.3 Im Beurteilungs- und
Vergütungssystem Kooperation
und Gesamterfolg des
Unternehmens honorieren
„Träger und Medien“
3.1 Konzeption von Wissens-
integrationsprozessen
3.2 Umsetzen der Prozesse durch
•Akteure des Wissens-
managements
•Medien und Organisations-
strukturen (insbesondere
Netzwerke)
•Informationstechnische
Infrastruktur
„Marktwert für Wissen“
2.1 Wissensmarkt schaffen:
anspruchsvolle Ziele setzen und
Erfüllung messen
2.2 Marktausgleichsmechanismen
wirksam werden lassen
•Interessencluster-Prinzip
•Leuchttum-Prinzip
•Push- und Pull-Prinzip
Abbildung 28: Das Wissensmarkt-Konzept [North 1998, S.223]
Durch Spielregeln wird der Wissensmarkt reguliert, der durch das Zusammenwirken von
Wissensnachfragern und Wissensanbietern entsteht, die i.d.R. durch Wissensmittler in Kon-
takt gebracht werden müssen. Spielregeln legen fest, wie diese Akteure unter den gegebenen
Rahmenbedingungen zusammenarbeiten. North beschreibt in seinem Konzept drei Arten von
Spielregeln. Nach dem Interessen-Cluster-Prinzip kann kollektiver Wissensaufbau und Wis-
senstransfer nur dann erfolgreich sein, wenn die Beteiligten gemeinsame Interessen verfolgen.
Angewendet wird dieses Prinzip z.B. bei der Einrichtung von Diskussionsforen oder bei der
Konzeption von Aus- und Weiterbildungsangeboten. Gemäß dem Leuchtturm-Prinzip werden
Zentren führender Kompetenz, die eine Vorbildfunktion haben und wesentlich zum Ge-
schäftserfolg beitragen, hervorgehoben, z.B. in Form gelber Seiten oder auf
Wissenslandkarten. Leuchttürme können einzelne Experten oder ganze Netzwerke sein, die
als Wissensquellen allen Mitarbeitern des Unternehmens zur Verfügung stehen. So hat z.B.
McKinsey im Rahmen seiner Practice Center ein Rapid Response Network eingerichtet, in
dem sogenannte On-Call-Consultants eine qualifizierte Antwort innerhalb von 24 Stunden auf
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 81
die fachspezifischen Fragen von einem der ca. 60 Büros in 28 Ländern garantieren (vgl.
Kap.3.3.5.3). Mit Hilfe einer geschickten Kombination von Wissensverteilung und Wissens-
abruf (Push- und Pull-Prinzip) können laut North Informationen und Wissen nutzerspezifisch
verfügbar gemacht und Angebots- wie auch Nachfrageseite befriedigt werden.
Die Geschäftsprozesse eines Unternehmens, die i.d.R. Produktentstehungsprozesse, Auftrags-
prozesse und Beschaffungsprozesse umfassen, finden weitgehend unabhängig voneinander in
unterschiedlichen Geschäftsbereichen des Unternehmens statt. Durch die Konzeption von
Wissensintegrationsprozessen, welche die einzelnen Geschäftsprozesse überlagern, können
diese durch Wissenstransfer miteinander verwoben und aufeinander abgestimmt werden. Oh-
ne Anleitung (Coaching) können diese Prozesse laut North allerdings nicht erfolgreich sein.
Wissensanbieter und Wissensnachfrager müssen motiviert werden, zusammenzuarbeiten und
die Spielregeln des Wissensmarktes müssen gelebt und beachtet werden. Wissensmanager
übernehmen die Aufgabe, den Wissensmarkt zu initiieren, am Leben zu halten und zu kon-
trollieren.
Für den Wissensaufbau und -transfer stehen den Unternehmen formelle und informelle Me-
dien zur Verfügung. Als formelle Medien bezeichnet North Kompetenz-Netzwerke,
fachübergreifende Teams, Fachtagungen und Informationsbörsen, Zeitschriften, Fallstudien,
Diskussionforen sowie Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen. Als informelle Medien bezeich-
net er zufällige Treffen und persönliche Netzwerke. Sowohl formelle als auch informelle
Medien können durch eine informationstechnische Infrastruktur unterstützt werden, die North
in drei Schichten strukturiert. Die gelben Seiten des Wissens helfen herauszufinden, wer in-
ner- und außerhalb des Unternehmens welche Kenntnisse besitzt. Mit Hilfe von Intranet-
basierten Diskussionforen, E-Mail und Groupware kann Wissen im Unternehmen ausge-
tauscht werden und in Datenbanken kann konsolidiertes Wissen gespeichert und gepflegt
werden.
3.2.5.5 Bewertung
Probst hat ein möglichst allgemeingültiges, generisches Modell für das Management von
Wissen entworfen, das sich im wesentlichen an einer tayloristischen Verarbeitung von expli-
zitem Wissen orientiert. Sveiby dagegen fokussiert in seinem Modell auf die bisher wenig
oder gar nicht berücksichtigten immateriellen Vermögenswerte eines Unternehmens und zeigt
Wege auf, wie dieses Wissenskapital genutzt werden kann. Er weist insbesondere auf die Be-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 82
deutung von Wissensbewertung und -controlling hin, ohne das ein effektives Wissensma-
nagement seiner Meinung nach nicht möglich ist. Gleichzeitig betont er allerdings auch den
Mangel an Konzepten und Methoden für eine Wissensbewertung in der Praxis. North be-
schreibt mit seinem Wissensmarktkonzept ein Modell der wissensorientierten
Unternehmensführung. Er versucht dabei, die selbstregulierenden Kräfte eines Marktes unter-
nehmensintern auf den Produktionsfaktor Wissen anzuwenden.
Die drei genannten Autoren repräsentieren den westlichen Ansatz des Wissensmanagements,
der durch eine starke Betonung expliziten Wissens und den intensiven Einsatz elektronischer
Werkzeuge geprägt ist und das Ziel verfolgt, die Problemlösungskompetenz Einzelner für alle
anwendbar zu machen. Nonaka/Takeuchi stellen dagegen ein durch asiatische Denkweise
geprägtes Modell der Umwandlung von impliziten in explizites Wissen vor. Ihr Modell weist
demzufolge nicht den deterministischen Charakter des Probst-Modells auf, sondern zeichnet
sich durch Gestaltung von Kontexten aus, die der Erzeugung und dem Transfer von Wissen
förderlich sind. Hier steht die Frage der Unternehmenskultur und des Umgangs miteinander
mit dem Ziel, Wissen zu schaffen und zu nutzen, im Vordergrund.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 83
3.2.6 Technologien im Umfeld des Wissensmanagements
3.2.6.1 Weltweite Vernetzung über das Internet
Das Intranet wird die Art verändern, wie Menschen in einem Unterneh-
men miteinander kommunizieren.
Scott Mc. Neal, CEO SUN Mircosystems
Ursprünglich wurde das Internet, bzw. damals das ARPANET (Advanced Research Project
Agency Network) , 1969 im Auftrag des amerikanischen Militärs als Kommunikations- und
Computernetz entwickelt, um im Falle eines Atomkrieges einen sicheren Austausch von In-
formationen zwischen strategischen Punkten zu garantieren. Parallel zum ARPANET wurde
in den 80er Jahren in den USA für Wissenschafts- und Bildungszwecke das NSFNET (Natio-
nal Science Foundation Network) aufgebaut, das einen wichtigen Teil des Internet bildet [vgl.
Döring 1995, S.306]. Der Internet-Dienst World Wide Web (WWW oder kurz Web) wurde
1989 am CERN (Centre Europeen de la Recherche Nuclaire), dem Europäischen Kernfor-
schungszentrum in Genf entwickelt. Das Web erlaubt durch eine graphische
Benutzerschnittstelle und ein intuitives, seitenbasiertes Navigations-Konzept auch informati-
onstechnisch Ungeübten ein bequemes Navigieren per Maussteuerung durch das gesamte
Internet. Die konsequente Einsatz von Hypermedia-Technologien ermöglicht eine Navigation
in Informationsbeständen, die sowohl von der physischen Lokation der Informationen als
auch von der Kenntnis des entsprechenden Dateinamens unabhängig ist. Statt dessen kann der
Entwickler einer Web-Seite kontextsensitive Verweise auf andere Web-Seiten erzeugen, die
den Nutzer durch einfaches Mausklicken auf die entsprechende Seite leiten. Die Seitenbe-
schreibungssprache Hypertext Markup Language (HTML) stellt die formale Syntax dieser
Verweistechnik bereit. Dabei handelt es sich um ASCII-Text, der neben dem eigentlichen
Text zusätzliche Steueranweisungen, wie eingebundene Grafiken, Verweise (Hyperlinks) etc.
enthält. Web-Browser, wie der Netscape Navigator interpretieren die Steuersymbole und prä-
sentieren das Ergebnis am Bildschirm. HTML-Seiten werden im Internet auf Basis des
Protokolls HTTP (HyperText Transfer Protocol) übertragen, Web-Server werden deshalb
auch als HTTP-Server bezeichnet. Inzwischen ist das Internet ist ein weltumfassendes Netz-
werk von Computern. Hier kann man von einem beliebigen Standort aus elektronische Post in
die ganze Welt schicken, Programme oder Dateien auf seinen eigenen Computer laden, große
Datenbanken nach einzelnen Stichworten durchsuchen, Antworten auf komplizierte Fragen
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 84
erhalten oder neueste Nachrichten finden. Das Internet gehört niemandem, sondern es setzt
sich aus vielen einzelnen Netzwerken zusammen, die auf Basis des Übertragungsprotokolls
TCP/IP miteinander kommunizieren.
Die Protokolle des Internet ermöglichen auf logischer Ebene sowohl inter- als auch intraorga-
nisational eine standardisierte Kommunikation zwischen beliebigen Arbeitsplätzen. Da IP-
Protokoll und Browser-Software für alle gängigen Betriebssysteme und Hardwareplattformen
zur Verfügung stehen, läßt sich durch den Einsatz der Internet-Technologie im lokalen Netz-
werk (LAN) sowohl Internet-Zugriffe als auch die Verwaltung des lokalen Netzwerks
vereinfachen. Ein Intranet stellt ein unternehmensinternes Informations- und Kommunikati-
onsnetz auf Basis der Standard-Internetprotokolle dar, das i.d.R. auch eine Schnittstelle zum
Internet besitzt. Ein spezieller Server (Firewall), der die Schnittstelle zwischen einem Unter-
nehmensnetzwerk und der Außenwelt bildet, schützt dabei das Unternehmen vor
unberechtigtem Zugriff aus dem Internet. Er dient ausschließlich der Kontrolle bzw. Eingren-
zung des Datendurchlasses in das Unternehmen bzw. aus dem Unternehmen heraus. Das
Internet läßt sich somit als Server-Verbund außerhalb des Firewall beschreiben, und das Int-
ranet als Server-Verbund innerhalb des Firewall (siehe Abb.29). Ein Extranet stellt eine
Erweiterung der Intranetfunktionen dar. Das gesamte Netz oder Teile davon können dabei
auch von unternehmensexternen Anwendern, z.B. Kunden, Lieferanten, Kooperationspartnern
etc. genutzt werden
Abbildung 29: Die Abgrenzung von Intranet zu Internet
Sowohl die Erstinstallation als auch der laufende Betrieb von Netzwerken auf Basis der Inter-
nettechnologie ist aufgrund der weltweit standardisierten Protokolle und der großen
Anwendungsbreite relativ kostengünstig. Die benötigte Software kann zum Teil frei oder ge-
gen geringe Lizenzgebühren bezogen werden. Die Einhaltung offener Standards und die
ständige Weiterentwicklung von Server- und Browsersoftware garantieren die Sicherheit der
Investitionen. Das Intranet bildet eine plattformunabhängige Basis für den unternehmenswei-
ten Informationsaustausch, zwischen UNIX-Workstations, Mainframes und PCs. Für den
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 85
Anwender besteht kein Unterschied mehr zwischen dem Zugriff auf Informationen im In-
ternet und im LAN. Er muß in Zukunft nur noch den Umgang mit einem Internet-Browser,
einem Mail-Programm und seinen spezifischen Anwendungen erlernen. Das bedeutet laut
Rensmann geringeren Schulungsaufwand, schnellere Erfolge im Umgang mit der Technologie
und eine höhere Akzeptanz derselben [vgl. Rensmann 1998]. Das Hypermedia-Konzept er-
möglicht die leichte Integration unterschiedlicher Medien und bietet damit immer die
geeignete Repräsentationsform für die zu vermittelnden Informationen.
Abbildung 30: Vorteile von Intranets [Warnecke/Stammwitz/Hallfell 1997]
3.2.6.2 Kommunikation, Kooperation und Koordination durch CSCW
Das Forschungsgebiet Computer Supported Cooperative Work (CSCW) beschäftigt sich mit
der Gestaltung der Rechnerunterstützung für Arbeitsgruppen. Ziel der CSCW-Forschung ist
die effiziente und effektive Unterstützung von Teamarbeitsprozessen durch die Bereitstellung
und Verwendung geeigneter Informations- und Kommunikationsysteme. Die CSCW-
Forschung ist in ein interdisziplinäres Umfeld aus Informatik-, Ingenieur-, Wirtschafts- und
Sozialwissensschaften eingebettet (siehe Abb. 31) [vgl. Hasenkamp/Syring 1994, S.15 und
Warnecke/Stammwitz/Hallfell 1997].
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 86
Verständnis und
Methodik der Teamarbeit
Entwicklung
von
Werkzeugen
Einsatz und
Bewertung
von
Werkzeugen
CSCW
Ingenieur-
wissenschaften
Arbeits-
wissenschaften
Psychologie
Organisations-
lehre
Informatik und
Software-
Ergonomie
Wirtschafts-
wissenschaften
Soziologie
Abbildung 31: CSCW-Forschung im Überblick [Warnecke/Stammwitz/Hallfell 1997]
Die Umsetzung der CSCW-Forschungsergebnisse im Form innovativer Soft- und Hardware-
Werkzeuge wird als „Groupware“ bezeichnet [vgl. Nastansky 1992, S.6 und Coleman/Kutner
1997, S.2]. Technische Basis sind vernetzte Computersysteme, die lokal (LAN), regional
(MAN) oder überregional (WAN) miteinander verknüpft sind [vgl. Zenk 1993, S.238]. David
Colemann bezeichnet Groupware als einen Sammelbegriff für elektronische Technologien,
die die Zusammenarbeit zwischen Menschen unterstützen [Coleman 1997, S.1 f.]. Aufgrund
der Vielzahl und der Unterschiedlichkeit der im Rahmen der CSCW-Forschung entwickelten
Groupware ist es zweckmäßig, eine Klassifizierung zur Bestimmung der Einsatzmöglichkei-
ten von Groupwaresystemen vorzunehmen. Hierzu wurden bereits mehrere
Ordnungsschemata vorgeschlagen, die sich in zwei Kategorien einteilen lassen:
a) Klassifikation nach Einsatzbedingungen
b) Klassifikation nach Einsatzzweck
Johansen ordnet unterschiedliche Groupwaresysteme gemäß ihrer Einsatzbedingungen in eine
Ort/Zeit-Taxonomie ein, wobei die beiden Dimensionen Ort und Zeit jeweils eine Achse eines
Portfolios bilden [vgl. Johansen 1988]. Auf der Zeitachse wird zwischen synchronen und a-
synchronen Eigenschaften unterschieden und auf der Raumachse zwischen benachbarten und
entfernten Einsatzorten (siehe Abb. 32).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 87
Workflow
Managementsysteme
Elektronische
Post-Systeme
spez.
Datenbanken
spez.
Planungssysteme
Verteilte
Hypertext-
systeme
Bulletin Board
Systeme
Gruppeneditoren
Video- bzw.
Desktop-
Konferenzen
Sitzungs- und
Entscheidungsunter-
stützungssysteme
Zeit
Raum
asynchron
synchron
benachbart entfernt
Abbildung 32: Klassifikation von Groupware nach Einsatzbedingungen
Im Gegensatz zu diesem Klassifikationsschema von Johnson schlagen Sauter et al. eine Ein-
teilung von Groupware nach dem Einsatzzweck vor [vgl. Sauter et al. 1994]. Durch die
disjunkten Interaktionsmöglichkeiten Kommunikation, Koordination und Kooperation wird
ein Klassifikationsraum aufgespannt, in den sich Groupware-Anwendungen hinsichtlich ihres
Einsatzzweckes plazieren lassen. Warnecke greift das Klassifikationsschema von Sauter auf
und faßt einzelne Groupwaretypen zu den folgenden Systemklassen als Kategorien von An-
wendungssystemen zusammen [vgl. Warnecke/Stammwitz/Hallfell 1997] (siehe Abb. 33).
Abbildung 33: Klassifikation von Groupware nach Einsatzzweck
[Warnecke/Stammwitz/Hallfell 1997]
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 88
Kommunikation
Die Kommunikation an verteilten Standorten kann durch zwei Arten von Kommunikations-
systemen unterstützt werden. Synchrone Groupwaresysteme, wie z.B. Desktop
Videoconferencing, Online Chat u.a. ermöglichen es zwei oder mehr Kommunikationspart-
nern, in direkten Kontakt miteinander zu treten und gleichzeitig Diskussionbeiträge zu leisten.
Durch diese Form der Kommunikation können gerade in weitverteilten Umgebungen Reise-
zeiten und -kosten signifikant reduziert werden [vgl. Perey 1997, S.321]. Es setzt allerdings
die zeitgleiche Präsenz in dem jeweiligen System sowie eine kostenspielige technische Infra-
struktur voraus. In einem internationalen Umfeld, das gekennzeichnet ist durch
unterschiedliche Zeitzonen und wechselnde Projektteams, bei denen nicht von einer zeitglei-
chen Systempräsenz vorausgegangen werden kann, kommen asynchrone
Kommunikationssyteme zum Einsatz. Diese können in die zwei Kategorien Push-System und
Pull-System unterteilt werden. Im ersteren Fall obliegt dem Anbieter eines Beitrags eine
Bringschuld, d.h. er hat dafür Sorge zu tragen, daß sein Beitrag einen oder mehrere vom ihm
gezielt ausgewählte Empfänger erreicht. E-Mail ist ein typischer Vertreter dieser Kategorie.
Im zweiten Fall obliegt den potentiellen Empfängern, die i.d.R. vom Beitragsbereitsteller
nicht explizit angegeben werden, eine Holschuld. Bulletin-Board-Systeme und Diskussionsfo-
ren sind typische Vertreter dieser Kategorie.
Informationsräume
Informationsräume unterstützen ebenfalls die Kommunikation, zielen aber stärker auf die As-
pekte der Koordination und Kooperation. In Informationsräumen wird unterschiedlichen
Nutzern ein gemeinsamer Zugriff auf Informationen und Dokumente gewährt. Während Bul-
letin-Boards und Diskussionsforen einfache, mit wenig Funktionalitäten ausgestattete
Basissysteme für den Informationaustausch darstellen, werden professionelle Informations-
räume i.d.R. auf Basis fachspezifischer Datenbanken etabliert [vgl. Nastansky/Ott 1996 und
Nastansky/Ott 1997]. Verteilte Multiuser-Datenbanksysteme ermöglichen dabei den standor-
tunabhängigen, zeitgleichen Zugriff auf gemeinsame Informationsbestände sowie die
gemeinsame Bearbeitung derselben. Differenzierte Zugriffsrechte und Sicherheitsmechanis-
men schützen vor Mißbrauch der Informationen und erzeugen dadurch Vertrauen in die
Zuverlässigkeit der Systemwelt. Obwohl der Begriff Informationsraum eine Anordnung un-
terschiedlicher Themenkomplexe in räumlichen Strukturen impliziert, weisen
datenbankbasierte Informationsräume i.d.R. eine flache, listenartige Struktur auf.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 89
Workflow Management
Während Informationsräume Anwender durch einen einfachen Zugriff auf Informationen un-
terstützen, verfolgt Workflow-Management das Ziel, regelmäßig wiederkehrende Abläufe
automatisiert zu verwalten, die Arbeitsweise zu reglementieren und dem jeweiligen Bearbeiter
die benötigten Informationen automatisch bereitzustellen. Workflow Management Systeme
(WFMS) automatisieren strukturierte Prozesse, indem sie einzelne Arbeitsschritte miteinander
verknüpfen mit dem Ziel, Transport-, Liege- und Suchzeiten von Geschäftsabläufen signifi-
kant zu beschleunigen [vgl. Hansen 1992, S.858 ff.; Rathgeb 1994, S.45; Nastansky/Hilpert
1994]. Es existiert noch kein Standard für Workflow-Systeme, lediglich eine Empfehlung der
Workflow Management Coalition (WFMC), die 1993 als Non-Profit-Organisation gegründet
wurde und heute über 200 Mitglieder zählt. Die WFMC hat das Workflow-Referenzmodell
entwickelt, um eine Interoperabilität zwischen Systemen und Modulen verschiedener Her-
steller zu ermöglichen. Dieses Modell legt eine genaue Definition der Schnittstellen zwischen
den einzelnen Modulen sowie eine klare Trennung von Build-Time (Abbildung eines realen
Prozesses in die Systemumgebung) und Run-Time (Ablaufunterstützung im normalen Be-
trieb) fest. Dadurch erfolgt eine strikte Trennung der Geschäftsprozeßlogik von der
Anwendungslogik. Ein WFMS besteht i.d.R. aus drei Modulen [vgl. Hilpert 1992, S.133 ff.;
Nastansky/Hilpert 1995; Nastansky/Hilpert 1996]:
• einer grafischen Modellierungskomponente, mit deren Hilfe der reale Prozeß in einem
logischen Modell abgebildet und die Ablauflogik kontrolliert wird sowie auf Basis von
Prozeßsimulationen eventuelle Ressourcenüberlastungen im Vorfeld identifizert werden
können.
• einer Steuerungskomponente (Workflow-Engine), welche die die operative Abwicklung
und Steuerung der modellierten Vorgänge in der Praxis übernimmt.
• einer Analysekomponente, welche alle von den Anwendern abgewickelten Prozesse pro-
tokolliert und Hinweise auf Verbesserungspotentiale der modellierten Vorgänge geben
kann.
Die Giga Information Group (GIG) beschäftigt sich mit der Klassifikation unterschiedlicher
Workflowmanagementsysteme und definiert vier Produktgruppen (siehe Abb. 34).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 90
hoch
hoch
niedrig
gering
Prozeßwertigkeit
Prozeßwiederholungsrate
Production
Workflow
Ad-hoc-
Workflow
Administrative
Workflow
Collaborative
Workflow
Finanzdienstleister,
Kreditanträge etc.
Finanzdienstleister,
Kreditanträge etc. Produkt-
entwicklung etc..
Produkt-
entwicklung etc..
Jahresberichte,
Budgetabsprachen
etc.
Jahresberichte,
Budgetabsprachen
etc.
Wiedervorlage,
Dokumenten-
Routing
etc.
Wiedervorlage,
Dokumenten-
Routing
etc.
Abbildung 34: Klassifikation von Workflow Management Systemen
[Marshak 1997, S.148-151]
Ein Production Workflow zeichnet sich durch die Verwendung besonders hochwertiger In-
formationen im Rahmen einer monotonen, wiederholungsreichen Aufgabenbearbeitung aus,
die sich durch streng vorstrukturierte Abläufe beschreiben läßt. Die Systeme sind i.d.R. relativ
starr und unflexibel. Beim Administrative Workflow sind die Vorgänge ähnlich streng defi-
niert wie beim Production Workflow, allerdings werden i.d.R. Informationen mit geringerer
Wertigkeit eingesetzt. Im Rahmen des Collaborative Workflow werden komplexe und nur
wenig vordefinierte Prozesse behandelt, die mit hochwertigen Informationen umgehen. Ad-
hoc-Workflow ist dagegen geeignet, unstrukturierte, nur einmal auftretende Vorgänge zu au-
tomatisieren. Die beschriebenen Prozesse werden i.d.R. nicht wiederverwendet.
Die Vorteile des Einsatzes von WFMS wie z.B. Verbesserung der Kundennähe, erhöhte Re-
aktionsfähigkeit, höhere Wettbewerbsfähigkeit durch Kostenreduktion etc. werden i.d.R.
durch nicht unerhebliche Investitionen in Software sowie Prozeßmodellierung und -
implementierung erkauft. Die Wiederholungsrate und der Gesamtumfang von Abläufen und
Prozessen sollte daher genügend hoch sein, daß sie den Investitionsaufwand für ein
Workflowmanagementsystem rechtfertigt.
Workgroup Computing
Während Workflow Management Systeme für die Bearbeitung strukturierter Aufgaben geeig-
net sind, unterstützen Systeme des Workgroup Computing vorrangig Aufgaben mit
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 91
geringerem Strukturierungsgrad [vgl. Hansen 1992, S.860]. Bei diesen Systemen steht die
Kooperation der Teammitglieder im Vordergrund, die Unterstützung der Koordination ist
schwächer ausgeprägt. So sind z.B. mehrere Mitglieder einer Gruppe durch den Einsatz von
Gruppeneditoren und Co-Autorensysteme in der Lage, von unterschiedlichen Arbeitplätzen
aus gleichzeitig dasselbe Dokument zu bearbeiten und sich dabei über geplante Veränderun-
gen abzustimmen. Auch komplexe dynamische Gruppenprozesse, die bisher eine
gleichzeitige physische Anwesenheit und insbesondere eine gemeinsame Sprache der Teil-
nehmer voraussetzen, finden eine Unterstützung durch Workgroup Computing. Mit Hilfe von
Group Decision Systems, Electronic Meeting Systems [Coleman 1997b, S.183] und Electro-
nic Whiteboards [Blundell 1997, S.278 ff.] können die o.g. Abstimmungsprozesse über
räumliche Distanzen, unterschiedliche Zeitzonen und Sprachräume hinweg ablaufen. Group
Decision Systems unterstützen Entscheidungsprozesse durch die elektronische Abbildung von
Problemlösungs- und Moderationsmethoden (Brainstorming, Delphi-Methode, etc.). Electro-
nic Meeting Systems unterstützen dagegen eher Sitzungen geographisch verteilter
Teilnehmer, indem sie durch Sprach- und Bildübertragung sowie ggf. automatische Überset-
zung den Eindruck vermitteln, die Teilnehmer säßen nahe beieinander und könnten direkt
miteinander kommunizieren. Electronic Whiteboards kombinieren die Potentiale des Schrei-
ben, Zeichnen und Auswischen im Rahmen von Gruppendiskussionen auf klassischen Tafeln
mit der Möglichkeit, diese Informationen zu digitalisieren und dadurch einer elektronischen
Weiterverarbeitung, Speicherung oder Weiterleitung zugänglich zu machen. Die automatische
Digitalisierung der geschriebenen oder gezeichneten Informationen entbindet die Diskussi-
onsteilnehmer von einer physischen Anwesenheitspflicht und ermöglicht dynamische,
medienunterstützte Gruppendiskussionen auch über große geographische Entfernungen hin-
weg.
3.2.6.3 Hardware-Technologien zur Überwindung von Medienbrüchen
Aktuelle Wissensmanagementkonzepte (vgl. Kap.3.2.5) basieren zu einem großen Teil auf der
Verfügbarkeit von Wissen in digitaler Form. Weder das Internet noch Groupware können
allerdings die Medienbrüche überwinden, die zwangsläufig bei der Transformation von impli-
zitem in explizites, digitales Wissen entstehen [vgl. Schmoll 1994, S.16, S.65 und Gora 1991,
S.228]. Sowohl bei der Erfassung neuer expliziter Wissenseinheiten als auch bei der späteren
Nutzung verfügbaren Wissens treten Schnittstellenprobleme in Form der o.g. Medienbrüchen
auf. Die klassischen Computer-Eingabemedien, wie Tastatur, Maus und Scanner werden den
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 92
Anforderungen an Erfassungsaufwand und Abbildungsqualität nur ungenügend gerecht.
Neue Hardware-Technologien bieten effiziente Lösungen zur Überwindung von Medienbrü-
chen. Digitale Sprachaufzeichnungsgeräte in Verbindung mit Spracherkennungssystemen
ermöglichen die Transformation gesprochener Worte in computerlesbare Schrift und die di-
rekte Weiterverarbeitung derselben. Scanner unterschiedlicher Größe, vom stiftgroßen
Taschenscanner bis hin zum A1-Flachbettscanner können papierbasierte Texte und Grafiken
in digitale Grafiken transformieren und in Verbindung mit einer Texterkennungssoftware
(OCR) auch in computerlesbare Schrift umwandeln. Digitale Kameras ermöglichen die Auf-
zeichnung digitaler Stand- oder Bewegtbilder und über standardisierte Schnittstellen und
Austauschformate (JPEG, MPEG3) deren elektronische Weiterverarbeitung und Nutzung.
Firmen wie IBM, Philips, A.T. Cross, British Telekom u.a. arbeiten an der Entwicklung mo-
biler Digitalisiergeräte, die sich in die klassische Bürometapher nahtlos einfügen und ohne
Spezialkenntnisse zu bedienen sind. Anstatt über eine Tastatur oder eine Computer-Maus
werden Informationen per Sprache oder mit Hilfe digitaler Stifte erfaßt (siehe Abb.35).
A.T. Cross, der amerikanische Hersteller klassischer Stifte, wie Füllfederhalter und Kugel-
schreiber, hat in Kooperation mit der Firma IBM den digitalen Notizblock CrossPad
entwickelt, der automatisch ein digitales Abbild des auf ihm geschriebenen Textes bzw. ge-
zeichneter Skizzen, Grafiken und Diagrammen erzeugt. Wer das CrossPad zur Hand nimmt,
kann auf dem Papier malen, zeichnen und schreiben, wie auf einem normalen Schreibblock,
das Gerät fertigt zeitgleich eine digitale Kopie an und bewahrt sie in seinem Datenspeicher
auf. Geschrieben wird mit einem Stift, in den hinter der Tintenpatrone ein kleiner Radiosen-
der eingebaut ist, der kontinuierlich Radiosignale aussendet, wenn er die Unterlage berührt.
Dort werden alle Bewegungen digital aufgezeichnet und bis zu 80 DIN A 4 Seiten voll Text,
Skizzen und Diagrammen gespeichert. Die gespeicherten Seiten können über ein Kabel an
einen Computer übertragen und dort mit Hilfe der von IBM entwickelten Software InkMana-
ger TM bearbeitet, sortiert, verwaltet und durchsucht werden.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 93
Abbildung 35: Unterschiedliche Konzepte innovativer Digitalisiergeräte
Während A.T. Cross versucht, die Welt des Papiers mit der des Computers zu verbinden, be-
schreitet die Firma Philips einen grundsätzlich anderen Ansatz. Anstatt eine möglichst
intelligente Unterlage und einen relativ einfaches Schreibgerät zu verwenden, verlagert die
Firma Philips mit dem Produkt Magic Pen die Intelligenz in den Stift selbst. Der Magic Pen
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 94
ist ein Stift, der die Bewegungen des Schreibenden mit Hilfe eines Gyrosensors registriert,
erkennt und in einem internen Speicher ablegt. Zu einem späteren Zeitpunkt können die ge-
speicherten Texte, Skizzen und Grafiken an einen Computer übertragen und dort
weiterverarbeitet werden. Neben der beschriebenen mechanischen Befüllung des internen
Speichers, kann dieser auch mit gesprochenem Text via Texterkennung angereichert werden.
Die British Telekom entwickelt, basierend auf dem gleichen Prinzip der Gyrosensoren, das
Produkt SmartQuill. Die Firma bezeichnet den SmartQuill als Handheld Computer, der im
Gegensatz zu anderen Produkten dieser Kategorie keine Tastatur als Eingabemedien besitzt.
Der SmartQuill hat die Größe eines dicken Füllfederhalters und ist in der Lage, handgeschrie-
benen Text automatisch in digitale Schrift umzusetzen.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 95
3.3 Unternehmensberatung
3.3.1 Konzeptionelle Abgrenzung des Beratungsbegriffs
Der Begriff der Beratung oder des Consulting findet in der Praxis in unterschiedlicher Weise
Verwendung. So gibt es z.B. Kundenberater, die im Rahmen eines Unternehmens ein spe-
zielles Aufgabenfeld haben, freiberufliche Steuer- Finanz- oder Regionalberater, Eheberater
und Mütter-Beratungsstellen und die Liste ließe sich noch lange weiterführen. Eine genauere
Abgrenzung der hier diskutierten Beratungsform, nämlich der Unternehmens- oder Manage-
mentberatung ist daher notwendig.
Nach Auffassung von Bamberger besteht der Kern einer Beratungsleistung "...in der Unter-
stützung der Unternehmensführung durch die Einbringung von Wissen." [Bamberger 1998,
S.7]. Auch Titscher orientiert sich an diesem Aspekt und charakterisiert Beratung durch die
Weitergabe von Wissen durch einen Berater, der dazu die entsprechenden Kenntnisse und
Erfahrungen besitzen muß, sowie jemanden (Kunde), der diese nicht hat, aber braucht, und
glaubt, daß der Berater sie hat [vgl. Titscher 1997, S.15]. Unternehmensberatung bedeutet
demnach die methodisch gesicherte Weitergabe von Wissen durch einen Berater an ein Un-
ternehmen, das glaubt dieses Wissen nicht zu haben, aber besitzen zu müssen. Daraus leitet
sich eine Besonderheit des Consulting ab: es ist ein Kontraktgut, das erst in Kooperation zwi-
schen Beratern und Klienten erstellt wird. Es ist also demnach kein fertiges Produkt, sondern
eine Aufgabe, die i.d.R. projekthaft abgewickelt wird. Ein solcher Kontrakt kann auf Basis
unterschiedlicher Intentionen zustandekommen. Nach Titscher werden Beratungsleistungen in
Anspruch genommen, um:
1. Fakten und Informationen vermittelt zu bekommen
2. über den neuesten Stand von Managementpraktiken informiert zu werden
3. eine Diagnose des Unternehmens oder von Unternehmensbereichen zu erhalten
4. zu kontroversen Ansichten im Unternehmen eine neutrale Meinung zu hören
5. einschneidendere Maßnahmen vorgeschlagen zu bekommen, als das Top-
Management selbst vorhat
6. Empfehlungen zu bekommen, was in der problematischen Situation konkret zu tun ist
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 96
7. Veränderungen in Gang setzen, die ohne Beratung nicht zu schaffen wären
8. Kompetenzdefizite im Unternehmen zeitweilig auszugleichen
9. Veränderungswillen dokumentieren zu können, ohne etwas zu verändern
10. eine andere Sicht der Entscheidungspraxis vorgehalten zu bekommen
Tabelle 3: Gründe für den Ankauf von Beratungsleistungen [Titscher 1997, S.21]
Ist es aus einem der o.g. Gründe zu einem Kontrakt zwischen Berater und Kunde gekommen,
kann insbesondere die dann folgende Art der Zusammenarbeit als charakteristisch für die Be-
ratungstätigkeit angesehen werden. In der Regel findet der Beratungsprozeß in einem eigens
dafür geschaffenen System statt, das sich sowohl in der äußeren Form als auch im Ablauf
durch einige charakteristische Merkmale auszeichnet:
• Koordination und physische Konzentration der Arbeit in einem dedizierten Projektbüro
• Interview-ähnliche Gespräche, Workshops, Projektsitzungen, und Trainings
• Termin und Zeitdauer sind festgelegt
• die Anwesenden reden in anderer Form als üblich miteinander
• die zu erörternden Themen sind klar definiert
• die Struktur des Gesprächs wird wesentlich durch den Berater, zum Beispiel durch seine
Fragen, bestimmt.
3.3.2 Differenzierung der Beratungsleistung
Art, Inhalt und Umfang unterschiedlicher Beratungsprojekte können stark differieren, so daß
es notwendig ist, eine Differenzierung des Beratungsangebotes vorzunehmen. Beratungspro-
jekte können hinsichtlich des Anbieters der Beratungsleistung, der Art der angebotenen
Leistung sowie der Beratungsphilosophie unterschieden werden. Anbieter einer Beratungs-
leistung sind i.d.R. professionelle, externe Unternehmensberatungen. Eine alternative Form
der externen Beratung bildet die wissenschaftliche Beratung, die von Universitäten oder ande-
ren wissenschaftlichen Institutionen angeboten wird. Weiterhin können auch interne
organisatorische Einheiten eine Beratungsleistung anbieten, sogenanntes Inhouse Consulting.
Bamberger unterscheidet die Anbieter von Beratungsleistungen hinsichtlich ihrer Beratungs-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 97
philosophien, also der Auffassung wie der Prozeß einer Beratung auszusehen hat, welche
Akteure in welcher Art und Weise involviert werden und welche Dienstleistungen angeboten
werden [vgl. Bamberger 1998, S.16]. Die angebotene Beratungsleistung kann demnach eine
inhaltsorientierte Beratung (Fachberatung) oder eine Prozeßberatung sein. Im Sinne einer in-
haltsorientierten Unternehmensberatung erstellt der Berater eine inhaltliche Lösung eines
Problems, die er selbst entwickelt und dem Kunden zur Implementierung übergibt. Er erfüllt
damit eine Rolle des „Lösungsfinders“ [Bamberger 1998, S.19]. In Rahmen einer Prozeßbe-
ratung wird die inhaltliche Lösung von der Klientenorganisation selbst entwickelt und
implementiert. Der Berater unterstützt diesen Prozeß durch Methoden und Denkweisen und
übernimmt die Rolle eines Moderators. Eine weitere Differenzierung der Beratungsleistung
unterscheidet die reine Stragieberatung von der generalistischen Beratung, die i.d.R. auch eine
Implementierung umfaßt (siehe Abb.36). Die Leistungen der Strategieberatung beziehen sich
überwiegend auf die Managementebene des Gesamtunternehmens, während die generalisti-
sche Beratung in das operative Tagesgeschäft eingebunden wird [vgl. Fritz/Effenberger 1998,
S.237].
Von einem philosophischen Standpunkt aus gesehen, kann in Anlehnung an Habermas zwi-
schen einer dezisionistischen, einer technokratischen und einer pragmatischen Philosophie der
Beratung unterschieden werden [vgl. Habermas 1981]. Im Sinne der dezisionistischen Bera-
tungsphilosophie beschränkt sich die Rolle des Beraters auf die Bereitstellung von Wissen in
Form von Informationen, welche es den Entscheidungsträgern erlauben, Handlungsalternati-
ven zu erkennen und auszuwählen. Im Sinne der technokratischen Beratung werden in einem
von technologischen Sachzwängen geprägten Umfeld Entscheidungen von den Beratern ge-
troffen, z.B. die Auswahl geeigneter Hardwareausstattung im Rahmen der IT-Beratung. Die
pragmatische Beratungsphilosophie postuliert den kritischen Dialog von Unternehmen und
Beratern, in dem das eingebrachte Wissen einer kritischen Prüfung unterliegt.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 98
Spezialisierung
Beratungsansatz
generalistisch
strategiebezogen
Inhalt Prozeß
Booz, Allen
& Hamilton A.D. Little
McKinsey & Co.
Boston Consulting Group
Strategic Planning Associates
Braxton Associates
Bain & Co.
Abbildung 36: Strategische Ausrichtung ausgewählter Unternehmensberatungen
[Bamberger 1998, S.24]
Für den Berater ist es in jedem Falle notwendig, unterschiedliche Methoden der Beratung zu
kennen und anwenden zu können, um dem Kunden eine methodisch gesicherte und finanziell
kalkulierbare Dienstleistung anbieten zu können. Zu diesem Zweck haben Consulting-Firmen
eigene Methoden entwickelt, wie z.B. Boston Consulting Group die Portfolio-Analyse oder
McKinsey die Gemeinkostenwertanalyse um nur zwei Beispiele zu nennen.
3.3.3 Übersicht der Beratungsbranche
Die Beratungsbranche ist eine sehr junge Branche, mehr als 50% der Consulting-Firmen sind
jünger als 15 Jahre, lediglich 1% sind älter als 50 Jahre [vgl. Titscher 1997, S.1]. Die bran-
chenspezifischen Charakeristika sind:
• Fragmentierter Anbietermarkt
• Konzentration in der Spitze
• Schnelles Wachstum
Der Markt der Unternehmensberatung zeichnet sich neben einer hohen Dynamik insbesondere
durch ein weit diversifiziertes Dienstleistungsangebot aus. Weltweit wird der Markt der Un-
ternehmensberatung vor allem durch die großen US-amerikanischen Beratungsunternehmen
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 99
dominiert. Neben den wenigen Großunternehmen im Beratungsbereich existiert jedoch eine
Vielzahl von kleinen bis mittelgroßen Unternehmen (KMU), so daß der Markt auf der An-
bieterseite insgesamt sehr fragmentiert ist. Insbesondere die Zahl der kleineren
Beratungsunternehmen hat in den letzen Jahren stark zugenommen. In der Spitzengruppe der
größten Beratungsunternehmen findet derzeit ein Konzentrations- und Abrundungsprozeß
statt. Kleinere zumeist sehr spezialisierte Beratungsfirmen werden durch ihre großen Konkur-
renten übernommen, um deren eigene Leistungspalette abzurunden (z.B. Übernahme der
mittelständischen BIW durch Schitag, Ernst&Young). Auch durch Fusionen versuchen Bera-
tungen, wie z.B. Price Waterhouse und Coopers & Lybrand, ihren Marktanteil zu verbessern.
Die Unternehmensgröße ist notwendig, um den Anforderungen der global operierenden
Großkunden gerecht zu werden. Die großen Beratungsfirmen sind daher i.d.R. mit internatio-
nalem Mitarbeiterstamm in mehreren Büros weltweit vertreten (siehe Tab.4).
Firma Umsatz 1Zahl der Berater Büros weltweit
Andersen Consulting 6.600 44.000 137
McKinsey & Company 2.100 4.500 75
Booz, Allen & Hamilton 1.400 5.500 90
A.T. Kearney 1.100 2.700 60
Gemini Consulting 3.20021.800 33
Boston Consulting Group 655 1.720 45
Arthur D. Little 610 3.380 50
Bain & Company 480 1.500 25
Roland Berger & Partner 5033765 35
1: in Mio. US$, 2: in Mio. Franc, 3: in Mio. DM
Tabelle 4: Umsatz und Mitarbeiter ausgewählter Unternehmensberatungen
[managermagazin Oktober 1998]
Der steigende Wissensbedarf sowie die Tendenz der Unternehmen sich auf ihre Kernkompe-
tenzen zu konzentrieren und andere nicht zum Kerngeschäft gehörende Bereiche auszulagern
(Outsourcing) hat zu einem starken Wachstum in der Beratungsbranche geführt, wie sich an
dem Anstieg des weltweiten Umsatzes im Beratungsgeschäft erkennen läßt (siehe Abb.37).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 100
3
22
45
0
10
20
30
40
50Umsatz/
Mrd.US$
Umsatz der Beratungsbranche (weltweit)
1980 1990 1998
Abbildung 37: Umsatzentwicklung in der Unternehmensberatung
[The Economist 1991 und Kennedy Research Group 1998]
Die US-amerikanische Kennedy Research Group schätzt, daß sich der weltweite Umsatz der
Unternehmensberatung 1998 auf 45 Mrd. US $ beläuft. Die jährlichen Wachstumsraten lagen
bisher je nach Land zwischen 10% und 30%. Auch für die nächsten Jahre werden für die in-
dustrialisierten Länder Wachstumsraten von 10% bis 15% und für schnellwachsende
Regionen wie z.B. Asien und Osteuropa Wachstumsraten von bis zu 30% prognostiziert. Der
größte Teil des Umsatzes am Beratungsmarkt wird durch wenige große Unternehmen erzielt.
Allein die drei umsatzstärksten Beratungsunternehmen haben 1996 jeweils mehr als 2,5 Mrd
US$ umgesetzt, zusammen insgesamt über 11 Mrd. US$. Auf den Rängen vier bis zehn dieser
Skala folgen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 1 - 2,5 Mrd. US$, die zusammen über
9 Mrd. US$ umsetzen. Zwölf Unternehmen erreichten in diesem Geschäftsjahr einen Umsatz
von jeweils 0,4 - 1 Mrd. US$, der Rest liegt unter 400 Mio US$ Umsatz pro Jahr (siehe
Tab.5).
Die genannten Umsätze werden mit unterschiedlichen Strategien erzielt. Die umsatzstärksten
Unternehmensberatungen CSC und Andersen Consulting erreichen dies durch Spezialisierung
auf den nachfragestarken Bereich der IT-Beratung, Coopers&Lybrand und Price Waterhouse
erreichen ihre Größe durch Fusion, die Firmen Ernst&Young, KMPG und Arthur Andersen
bieten nicht nur Beratungsleistungen, sondern auch Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung an
und McKinnsey kann durch eine klare Fokusierung auf Managementberatung und den Ruf, in
diesem Bereich die beste Leistung anzubieten, sehr hohe Beratersätze von bis zu 6.000.-DM
pro Tag verlangen.
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 101
Unternehmen Umsatz/Mio US$
1CSC 5.620
2Andersen Consulting 3.115
3C&L/Price Waterhouse 2.758
4McKinsey 2.100
5Ernst&Young 2.100
6KPMG Peat Marwick 1.380
7Arthur Andersen 1.379
8Deloitte Touche Tohmatsu International 1.303
9Mercer Consulting Group 1.159
10 Towers Perrin 903
11 A.T. Kearney 870
12 IBM Consulting Group 730
13 Booz Allen&Hamilton 720
14 Watson Wyatt 656
15 Boston Consulting Group 600
16 Gemini Consulting 600
17 Arthur D. Little 574
18 Hewitt Associates 568
19 Aon Consulting 472
20 Bain&Company 450
21 American Management Systems 440
22 Woodrow Milliman 350
23 Grant Thornton 306
24 Sedgwick Noble Lowndes 261
25 The Hay Group 259
26
Roland Berger & Partner
242
Tabelle 5: Die 26 weltweit größten Beratungsunternehmen 1996
[Schmid/Schumann 1998, S.20]
3.3.4 Umgang der Unternehmensberatungen mit der Ressource Wissen
Unternehmensberatungen arbeiten bereits seit einigen Jahren an der Konzeption und Ent-
wicklung von Methoden und Werkzeugen für das Wissensmanagement. Vor dem Hintergrund
der besonderen Anforderungen an Unternehmensberatungen und deren projekthaften Einsatz
bei ihren Kunden, gehört Wissensmanagement zu den Kernprozessen des Beratungsgeschäf-
tes. Der Produktionsfaktor Wissen ist ein entscheidender Wettbewerbsfaktor von
Unternehmensberatungen, da deren Kerngeschäft darin besteht, durch die Anwendung des
eigenen kollektiven Wissens für Probleme und Chancen ihrer Kunden verschiedenartigster
Branchen Lösungen anzubieten [vgl. Ryan 1995, S.481]. Beratungsunternehmen erzeugen,
pflegen und vertreiben i.d.R. keine realen Produkte, sondern virtuelle Produkte, wie Studien,
Konzepte, Methoden etc., so daß ein Großteil der wettbewerbsrelevanten Aktiva einer Unter-
nehmensberatung aus dem Wissen, den Erfahrungspotentialen und den Fähigkeiten seiner
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 102
Mitarbeiter besteht. Die Beratungsbranche kann daher als eine der wissensintensivsten
Branchen angesehen werden.
Die zunehmende Konkurrenzsituation in diesem Sektor, die zunehmende Internationalisie-
rung der Kunden und damit der Druck, ebenfalls vor Ort vertreten zu sein, sowie der Bedarf,
ein möglichst umfassendes Wissengebiet verschiedenster Branchen in Produktion und
Dienstleistung abdecken zu können, macht die Notwendigkeit eines effektiven wie effizienten
Umgangs mit dem Faktor Wissen deutlich. „Unternehmensberatungen, die im weltweit inten-
siv umkämpften Markt für Beratungsleistungen dauerhaft erfolgreich sein wollen, sind in
hohem Maße darauf angewiesen, die kritische Ressource 'Knowledge and Organizational
Learning' möglichst optimal zu managen.“ [Baubin et al. 1996, S.135].
3.3.5 Wissensmanagement in Unternehmensberatungen anhand ausgewählter
Fallstudien
Die Gartner Group hat 1997 in einer Studie Unternehmensberatungen hinsichtlich ihrer Kom-
petenz im Bereich des Wissensmanagements sowie ihrer Fähigkeiten diese Kompetenzen zum
Kundennutzen einzusetzen untersucht. Dabei wurden relativ große Unterschiede festgestellt
(siehe Abb.38).
Abbildung 38:Kompetenzen internationaler Unternehmensberatungen
hinsichtlich Knowledge Management
[Bair/Digrius 1997, Figure 2]
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 103
Im Folgenden werden die internen Prozesse, die eingesetzten IT-Architekturen sowie die
jeweils etablierten aufbauorganisatorischen Institutionen ausgewählter Beratungsunternehmen
dargestellt. Die Erkenntnisse basieren zum größten Teil auf öffentlich verfügbaren Informati-
onen, z.B. aus Veröffentlichungen, Artikeln in Zeitschriften sowie
Unternehmenspräsentationen im Internet. Weitere Inhalte wurden im Rahmen von persönli-
chen Interviews und Befragungen erhoben.
3.3.5.1 Arthur D. Little
Arthur D. Little (ADL) wurde 1886 von Arthur Dehon Little, einem Chemieprofessor am
MIT, gegründet und gilt damit als die älteste Unternehmensberatung der Welt. Der Hauptsitz
liegt in Cambridge (USA). Das Unternehmen beschäftigte 1997 in 51 Büros weltweit über
2000 Berater und erwirtschaftete einen Umsatz von 589 Mio. US$ [vgl. Risch/Sommer,
1998]. ADL rekrutiert traditionell eher Manager mit Berufserfahrung und konzentriert sich
dabei auf die Bereiche Wirtschafts- und Naturwissensschaften, wobei Naturwissenschaftler
ein wirtschaftswissenschaftliches Aufbaustudium oder einen MBA erworben haben sollten.
Im Gegensatz z.B. zu McKinsey lehnt ADL eine Standardisierung ihrer Beratungsleistungen
ab und versucht, immer neue, individuelle Problemlösungen zu finden. "Zukunft fordert kon-
tinuierliche Neuausrichtung. Anforderungen an Produkte und Organisationen verändern sich
laufend. Denn: Nur der Wandel hat Bestand." [Firmenbroschüre "Zukunft als Disziplin",
1999].
ADL ist organisatorisch nach branchenorientierten Practices (Industry Practices) und funktio-
nalen Practices (Functional Practices) aufgestellt (siehe Abb.39). (Anm.:
Unternehmensberatungen bezeichnen ihre organisatorischen Einheiten als Practices. Wörtlich
übersetzt bedeutet dies im Deutschen Praxis, sinngemäß kommt diesem Begriff allerdings die
Bezeichnung Abteilung am nächsten, trifft aber nicht den Kern der Sache. Die betrachteten
Beratungsunternehmen verwenden durchweg den Begriff Practice, daher wird im weiteren
Verlauf der Arbeit ebenfalls dieser Anglizismus beibehalten.)
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 104
Automotive, Transportation
Chemicals
Public Sector
Health Care
Energy
Consumer Industriies
TIME
Resources
Utilities
Design & Development
EHS Management
Environment, Science & Technic
Information Management
Operations Management
Organization
Program Management
Safety & Risk
Strategy
Tech. & Innovation Management
Tech. Creation/Exploitation
Functional
Practices
Industry Practices
Abbildung 39: Matrix-Organisation bei ADL
An dieser Matrix-Struktur orientiert sich auch das interne Wissensmanagement. ADL hat auf
Basis von Lotus Notes das Wissensmanagementsystem The ADL Link entwickelt, auf das
sowohl über einen Notes Client als auch über einen Standard-Web-Browser zugegriffen wer-
den kann (Anm.: Die folgenden Ausführungen basieren auf Interviewaufzeichnungen mit Hr.
Scholl / Knowledge Manager OM Europe bei ADL. Die Grafiken wurden freundlicherweise
von ADL zur Verfügung gestellt). Das ADL Link besteht aus den sechs Bereichen ADL Link
Home, ADL Knowledge, Inside ADL, Tools, Communications und Help, die jeweils über eine
ständig verfügbare Navigationsstruktur angesteuert werden können (siehe Abb. 40).
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 105
Abbildung 40: Homepage des ADL Link
Auf der Startseite ist die Struktur von LINK dargestellt, mit der Möglichkeit die jeweiligen
Bereiche direkt anzusteuern, es werden kontinuierlich aktuelle Meldungen eingeblendet und
es steht permanent eine Volltextsuchfunktion zur Verfügung. ADL Knowledge bietet eine Ü-
bersicht über alle Mitarbeiter und ihre Beraterprofile, alle aktuellen und abgeschlossenen
Projekte, angebotene Weiterbildungsmöglichkeiten, die von Beratern eingesetzten Methoden
und Werkzeuge, Marketingunterlagen sowie Informationen zu ausgewählten Industrien. Über
den Bereich Inside ADL werden alle firmenspezifischen Informationen bereitgestellt. Hier
findet sich eine Übersicht über die einzelnen Practices, alle personalbezogenen Informationen,
aktuelle Stellenangebote und -anforderungen, eine Beschreibung des Information Technology
Centers in Palo Alto, eine Übersicht über alle Büros weltweit sowie aktuelle Initiativen der
ADL-Mitarbeiter. Der Bereich Tools ermöglicht den Zugriff auf Softwaresysteme zur Unter-
stützung von Gruppenarbeit, auf Suchwerkzeuge und auf weltweit verfügbare Diskussions-
Datenbanken. Der Bereich Communications informiert laufend über neueste Nachrichten,
unternehmensinterne Meldungen und Firmenveranstaltungen. Im Bereich Help werden neben
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 106
einer ausführlichen Dokumentation des Link-System auch Vorlagen und Beispiele zur
direkten Verwendung angeboten (siehe Abb.40).
Während das ADL Link ein Werkzeug darstellt, mit dem die Berater eigenständig umgehen
und auch eigene Informationen einstellen, hat ADL hat mit KRIS (Knowledge Research and
Information Services) zusätzlich eine auf Analysen und Informationsbeschaffungen speziali-
sierte Abteilung eingerichtet. Zu jeder Industry Practice und jeder Functional Practice steht
hier jederzeit ein Experte als Ansprechpartner zur Verfügung, der von allen Beratern weltweit
entweder telefonisch, per Fax, über E-Mail oder direkt über das ADL Link kontaktiert werden
kann und innerhalb kürzester Zeit die benötigten Informationen bereitstellt. Zu den angebote-
nen Diensten gehören die Beschaffung und Fall-spezifische Aufbereitung angeforderter
Informationen, die Beschaffung von Geschäftsberichten, Tagungsbänden, Büchern, Zeit-
schriften und ähnlicher von Unternehmen, Organisationen und Autoren veröffentlicher
Dokumente. Außerdem bietet KRIS Trainingskurse bezüglich Suchtechniken im Internet und
anderen Informationsdiensten, Patentsuche und dem Umgang mit The ADL LINK an. Über
KRIS können Unternehmensprofile von Kunden oder Wettbewerbern angefordert und über
einen Push-Dienst individuell regelmäßige Informationen über ausgewählte Firmen, Themen
oder Trends im Sinne einer Beobachtungsfunktion, z.B. Aktuelle Neuigkeiten über die Wett-
bewerber, neue Entwicklungen in der Telekommunikation etc. bereitgestellt werden. KRIS
bietet allen Beratern direkte Zugriffsmöglichkeiten auf eigene Datenbanken, die kontinuier-
lich gepflegt und erweitert werden sowie auf über 24 kommerzielle Informationsdienste, wie
LEXIS/NEXIS, Dow Jones, DIALOG, Dun&Bradstreet, Reuters etc. an.
Die Wissensmanagementaktivitäten werden weltweit von einer Gruppe der Global Knowled-
ge Coordinators gesteuert, wobei für jeden Kontinent 1-2 Personen mit dieser Aufgabe betraut
sind. Ein Global Knowledge Coordinator kontrolliert die Qualität der Inhalte und weist gege-
benenfalls inhaltliche Anpassungen an. Er identifiziert Schwächen oder Lücken
systemtechnischer, aufbau- und ablauforganisatorischer Art und generiert entsprechende Ver-
besserungsvorschläge. Er übernimmt eine Führungsrolle in globalen
Wissensmanagementveranstaltungen und definiert, kommuniziert und koordiniert alle globa-
len wissensbezogenen Aktivitäten der Practice Knowledge Teams. Jede Practice setzt ein
Team bestehend aus Knowledge Advocates und Knowledge Stewarts ein, die insgesamt ein
weltweites Netzwerk der internen Wissensmanagement-Organisation bilden. Der Practice
Knowledge Advocate ist ein Berater einer Practice, der als Hauptansprechpartner für Wis-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 107
sensmanagement dient und i.d.R. eine Gruppe von ca. 50 Personen unterstützt. Er vertritt
diese Gruppe in allen wissensbezogenen Belangen und gibt Unterstützung und Anleitungen
im Umgang mit den verfügbaren Wissensmanagementwerkzeugen und -prozessen. Für diese
Aufgaben wendet er ca. 5% seiner Arbeitszeit auf. Der Practice Knowledge Steward ist eben-
falls ein dauerhaftes Mitglied einer Practice, übernimmt im Gegensatz zum Knowledge
Advocate aber operative Wissensmanagementaufgaben. Dazu gehört das Aufnehmen der
Projekterfahrungen (Case Debriefing), das Identifizieren und Bereitstellen von besonders gu-
ten Erfahrungen (Best Practices) und die Sicherstellung einer guten Qualität der Wissensbasis.
Er wendet ca. 50% seiner Arbeitszeit für diese Aufgabe auf. Die Mitarbeiter der Wissensma-
nagement-Organisation pflegen einen intensiven, weltweiten Kontakt untereinander. Im
Rahmen monatlicher Sitzungen diskutiert das KM-Team aktuelle Probleme und Vorschläge
und entwickelt gemeinsame Lösungen. Zweimal im Jahr werden die Systeme, Prozesse und
auch die Organisation im Rahmen eines Reviews kritisch analysiert und Verbesserungsvor-
schläge erarbeitet.
Der zentrale Prozeß der Wissenssicherung im Projekt ist das sogenannte Case Debriefing.
Zum Abschluß jedes Projektes wird mit Hilfe eines weltweit einheitlichen Fragebogens, das
Kernwissen des jeweiligen Projektes erfaßt. Dies umfaßt eine Kurzbeschreibung der Problem-
stellung, des ursprünglichen Projektauftrags sowie der gewählten Vorgehensweise. Weiterhin
werden wichtige Dokumente, die im Laufe des Projektes erzeugt wurden, angefügt und die im
Projekt eingesetzten Methoden, Produkte und Werkzeuge jeweils mit einem Kommentar er-
faßt. Das Case Debriefing wird durch positive wie negative Lerneffekte und die wichtigsten
Kontakte, die im Projektverlauf zustande kamen, abgeschlossen.
3.3.5.2 Booz • Allen & Hamilton
Booz • Allen & Hamilton wurde im Jahre 1914 von Ed Booz, einem Psychologen und Volks-
wirt gegründet. Die beiden Partner Jim Allen und Carl Hamilton stießen erst später hinzu. Der
Firmensitz liegt in McLean/Virgina (USA). Das Unternehmen beschäftigte 1997 in über 90
Büros weltweit mehr als 5.500 Berater und erwirtschaftete einen Umsatz von 1,4 Mrd. US$
[vgl. Risch/Sommer, 1998]. Booz • Allen & Hamilton gliedert sich in einen kommerziellen
Geschäftszweig (Worldwide Commercial Business) und einen Technologie-Geschäftszweig
(Worldwide Technology Business), die beide mit starkem internationalem Kontext betrieben
werden. Daher gibt es keine lokalen Profitcenter, sondern global operierende Practices, die
projektspezifisch internationale Projektteams zusammenstellen. "Zentrales Beratungsziel der
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 108
Partner und Mitarbeiter von Booz • Allen & Hamilton ist es, die Fahigkeiten der Klienten
gezielt auszubauen und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu steigern."
[Firmenbroschüre Booz • Allen & Hamilton, 1999]. Rekrutiert werden vorwiegend erfahrene
Praktiker aus der Industrie.
Booz • Allen & Hamilton ist organisatorisch in branchenorientierte und funktionale Practices
aufgeteilt. Fünf branchenorientierte Gruppen sind weltweit in Schlüsselindustrien tätig. Hier
arbeiten Spezialisten, welche die aktuellen Themen und Trends ihrer Branche weltweit über-
blicken und in der Lage sind branchenspezifische Entwicklungen früh zu erfassen und
weiterzuentwickeln. Drei funktional ausgerichtete Gruppen stellen als Kompetenzzentren ihr
verfahrens- und prozeßorientiertes Wissen branchenübergreifend zur Verfügung. In den funk-
tionalen Practices geben führende Experten Antworten auf zentrale Fragen des Top-
Managements (siehe Abb.41).
Information Technology Group
Operations Management Group
Strategic Leadership Group
Communications, Computing
and Electronics Group
Energie Chemicals Group
Marketing Intensive Group
Financial Services Group
Engineering and Manufacturing Group
Funktionale
Practices
Industrie-Practices
Abbildung 41: Matrix-Organisation bei Booz • Allen & Hamilton
Auf Basis dieser Matrix-Struktur wird bei Booz • Allen & Hamilton gezielt das aktuell not-
wendige Wissen auf - und ausgebaut. Eine systemhafte Unterstützung wurde im Vergleich
zum Wettbewerb erst relativ spät etabliert. Das erste Knowledge Management System, das
1994 entwickelt wurde, bestand lediglich aus einem einfachen, proprietären Bulletin Board,
das 1995 auf eine Intranet-Plattform portiert wurde. Booz • Allen & Hamilton hat gezielt er-
fahrene Knowledgemanager anderer Unternehmensberatungen abgeworben und damit das
notwendige Know-how eingekauft. Heute setzt das Unternehmen ein Intranet-basiertes Pro-
dukt namens Knowledge On-Line (KOL) ein, in das sich alle Berater weltweit via LAN oder
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 109
Modem über die New Yorker Zentrale einloggen können [vgl. Tristram 1998 und Stewart
1995]. Im KOL läßt sich nach Branchen sortiertes Praxiswissen in Form von Fallstudien und
Erfahrungsberichten abrufen. Interaktive Weiterbildungskurse (CBT) und hochwertig aufbe-
reitete Marketing-Unterlagen können von allen Beratern heruntergeladen und im
Projektumfeld eingesetzt werden. In Diskussionsforen könne aktuelle Themenstellungen
weltweit diskutiert und ausgetauscht werden. Die starke internationale Ausrichtung des Un-
ternehmens erfordert eine weltweite Verfügbarkeit des Systems auch über langsame
Modemverbindungen, daher wird für die Repräsentation des Wissens ausschließlich Text
verwendet. Daraus resultiert KOLs geringe Datenbankgröße von lediglich 1,5 GigaByte.
Booz • Allen & Hamilton-Berater müssen sich daran messen lassen, was sie zum allgemeinen
Wissensfonds beigetragen haben und inwieweit sie das KOL-System nutzen, auf das alle Bü-
ros weltweit Zugriff haben. Daher wird z.B. eine Ladestatistik geführt, aus der abzulesen ist,
wie häufig ein Dokument abgefragt wurde. Diese Aufgabe und auch das Beschaffen von In-
formationen aus externen Quellen wird von der Information Professional Community (IPC)
übernommen, einer eigenen Organisation innerhalb von Booz • Allen & Hamilton. Jedes Büro
hat einen eigenen IPC-Ansprechpartner, der unter anderem zusammen mit dem jeweiligen
Projektverantwortlichen dafür sorgt, daß die relevanten Projektergebnisse in das KOL-System
eingestellt werden. Die dazu notwendige Motivation wird bei Booz • Allen & Hamilton u.a.
durch eine regelmäßige 360º-Beurteilung erreicht, bei der nicht nur die Vorgesetzten, sondern
auch die Nachgeordneten und die Kollegen des Betreffenden befragt werden. Die Bereitschaft
Wissen zu teilen gehört dabei zu den Beurteilungskriterien [vgl. Tödtmann 1998, S.152].
3.3.5.3 McKinsey & Company
Die Unternehmensberatung McKinsey & Company wurde 1926 von dem Juristen Oscar Mc-
Kinsey in Chicago gegründet. Heute befindet sich der Firmensitz in New York (USA). Das
Unternehmen beschäftigte 1997 in 75 Büros weltweit über 4.500 Berater und erwirtschaftete
einen Umsatz von 2,1 Mrd. US$ [vgl. Risch/Sommer, 1998]. McKinsey hat sich darauf kon-
zentriert, Analysewerkzeuge für spezifische Aufgaben des Managements zu entwickeln und
diese konsequent im Rahmen von Beratungsprojekten einzusetzen. Dieser Ansatz und die
Fokussierung auf das Top-Management führender Industrieunternehmen, hat McKinsey den
Ruf der besten Unternehmensberatung eingebracht. Das Unternehmen verfolgte lange Zeit das
Ziel, auf Basis der McKinsey-Methoden weltweit identische Beratungsleistung anzubieten
und die Qualität ihrer Beratung an jedem Ort zu garantieren. Zu diesem Anspruch paßt die
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 110
Strategie, hauptsächlich junge Berufseinsteiger, die zu den besten ihrer Jahrgänge zählen,
zu rekrutieren und im Umgang mit den McKinsey-Methoden zu schulen. Manager mit Praxis-
erfahrungen aus der Industrie werden id.R. selten eingestellt.
Die Organisation ist in Sektoren gegliedert, eine relativ detaillierte Kompetenzmatrix aus
funktionaler und Branchenexpertise, ergänzt um Expertenteams für aktuelle Spezialthemen,
wie Osteuropa u.ä. (siehe Abb 42).
Industry Practices
Aerospace and Defense
Automotive and Assembly
Banking and Securities
Chemicals
Consumer Industries/Packaged Goods
Electric Power/Natural Gas
Electronics
Insurance
Media and Entertainment
Metals & Mining
Payors and Providers
Petroleum
Pharmaceuticals and Medical Products
Pulp and Paper
Retail
Telecommunications
Transportation
Alliances
Branding
Business Dynamics
Business Technology
Business-to-Business Marketing
Corporate Finance
Corporate Strategy
Continuos Releationship Marketing
Fixed Capital Productivity
Digital Marketing
Customer Loyalty and Service
Global Interest Group
Functional Practices
Growth
Information Technology/Systems
Manufacturing
Marketing
Maintenance
Innovation and Technology Management
Innovation and Technology-Based Growth
Marketing Organization/Capability Building
Marketing Science
Microeconomics
Mergers and Acquisitions
New Product Development
Operational Effectiveness
Organization
Pricing
Post-Merger Management
R&D Strategy and Management
Purchasing and Supply Management
Principal Investing
Service Operations
Sales Force and Channel Management
Supply Chain Management
Total Redesign to World Class
Strategy
Abbildung 42: Matrix-Organisation bei McKinsey
Bei McKinsey kollidiert die Anforderung, einmal generierte Projekterfahrungen weltweit zu
nutzen mit dem Anspruch, die Interessen der Kunden zu schützen und keine kundenbezoge-
nen Informationen verfügbar zu machen. Im Projektverlauf werden zwar sogenannte Blue
Books erstellt, in denen das Kernwissen des Projekts beschrieben wird. Diese werden aller-
dings in einem gesicherten Raum aufbewahrt und stehen dort dem Research Office, nicht aber
jedem Mitarbeiter zur Verfügung. Auch der Zugriff auf die sogenannten Practice Develop-
ment Papers (PDs), die in Form von Präsentationen Kenntnisse zu Methoden oder Branchen,
nicht aber zu Kunden enthalten, ist relativ restriktiv. Über das PD-Net, eine Research-
Abteilung (ca. 12 Personen in Deutschland), werden auf telefonische Anfrage eines Beraters
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hin, Informationen und PDs beschafft. Bei McKinsey wird der Austausch impliziten Wis-
sens in Form von direkter Kommunikation als wichtiger angesehen als die Explizierung von
Wissen. Die Etablierung eines weltweiten Expertennetzwerks wird durch die regelmäßige
Erstellung und Verteilung eines papierbasierten Verzeichnisses aller Ansprechpartner und
ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten, dem Knowledge Resource Directory, unterstützt. Ein A-
lumni-Verzeichnis ermöglicht den Zugriff auf ehemalige McKinsey-Berater und erweitert das
Expertennetzwerk um externe Kontakte.
McKinsey setzt einen Direktor Wissensmanagement ein, der für die internen Prozesse der
Wissensschaffung verantwortlich und auch als Mr. Inside des Wissensgeschäftes bezeichnet
wird [Probst 1998, S.75]. Er koordiniert die Aktivitäten der Wissensmanagement-
Institutionen, wie z.B. des Rapid Response Networks, des McKinsey Global Institute und des
PD-Nets. Das Rapid Response Network (RNN) ist eine Organisationseinheit, in der soge-
nannte On-Call-Consultants eine qualifizierte Antwort innerhalb von 24 Stunden auf die
fachspezifischen Fragen von einem der ca. 60 Büros in 28 Ländern garantieren. Das RNN
fordert am Ende jedes Projektes vom Projektleiter eine Schilderung der Projekterfahrungen
ein und ist damit in der Lage, Anfragern Erfahrungsberichte sowie die jeweiligen Ansprech-
partner zu spezifischen Fragestellungen, die in einem Projekt auftreten können, zu vermitteln.
Außerdem erzeugt das RNN eine kontinuierliche Transparenz über die aktuellen Projekte und
trägt damit zur Vermeidung von Doppelarbeit und zur Auslösung von Kooperationen bei.
Das McKinsey Global Institute (MGI) wurde 1990 als unabhängige Forschungseinrichtung
von McKinsey & Company gegründet. Das MGI führt Studien zu aktuellen ökonomischen
und sozialen Fragestellungen durch und verknüpft dabei die wissenschaftliche Analyse mit
den Erkenntnissen aus der weltweiten Beratungstätigkeit von McKinsey. Die Standpunkte
und Empfehlungen des Global Institute dienen als Orientierungshilfe für die Entscheider in
Wirtschaft und Politik und sollen zur Versachlichung der öffentlichen Diskussion beitragen.
Sitz des MGI ist Washington (USA), doch für jede seiner Studien findet sich innerhalb des
weltweiten McKinsey Netzwerkes ein neues, internationales Projektteam zusammen. Dieses
Team diskutiert sein Vorgehen und seine Arbeitsergebnisse mit einem Gremium von hoch-
rangigen externen Wissenschaftlern, das eigens für jede Studie neu berufen wird.
McKinsey Quarterly - das vierteljährlich erscheinende McKinsey Wissenschaftsmagazin -
findet weltweit Beachtung. Die Beiträge decken neueste Erkenntnisse aus den verschiedenen
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Sektoren und funktionalen Practices ab, beispielsweise Strategie, Nahrungsmittel, Versi-
cherungen und Forschung oder auch Multimedia.
3.3.5.4 Andersen Consulting
Andersen Consulting ist eine ausgegliederte Einheit der 1913 gegründeten Wirtschaftsprü-
fungs- und Steuerberatungsgesellschaft Arthur Andersen. Seit 1989 firmiert Andersen
Consulting unter eigenem Namen und hat sich seitdem zu der größten Unternehmensberatung
der Welt entwickelt. Der Firmensitz liegt in Chicago (USA). Das Unternehmen beschäftigte
1997 in 137 Büros weltweit über 44.000 Berater und erwirtschaftete einen Umsatz von 6,6
Mrd. US$. Andersen Consulting ist in die vier Kompetenzbereiche Strategie, Change Mana-
gement, Technologie und Prozeß unterteilt und rekrutiert für diese Bereich im wesentlichen
junge Mitarbeiter. Das Durchschnittsalter liegt daher weltweit bei 27 Jahren [vgl.
Risch/Sommer, 1998].
Die Erkenntnis, daß der Austausch und die Pflege des unternehmensweiten Wissens mit her-
kömmlichen Methoden wie Schulungen, Konferenzen und Meetings aufgrund der Kosten und
des individuellen Zeitaufwands nur ungenügend realisiert werden kann, war der Anlaß für
Andersen Consulting, sich in ein virtuelles Unternehmen zu wandeln - eine weltweite Elect-
ronic Community, die zeitliche, räumliche und organisatorische Grenzen überwindet (Anm.:
Die folgenden Ausführungen zum Wissensmanagement bei Andersen Consulting beziehen
sich auf die Ergebnisse der Diplomarbeit von Jan Geißler [Geißler 1998]). Die technologische
Plattform dieser Vision stellt dabei die Groupware Lotus Notes dar, auf deren Basis das Wis-
sensmanagementsystem Knowledge Xchange entwickelt wurde, das allen Mitarbeitern
jederzeit den Zugriff auf weltweite Erfahrungen in unterschiedlichen Kompetenzfeldern er-
möglichen soll. Die erste Generation des Systems Knowledge Xchange (KX) war sehr
technisch ausgerichtet und krankte an fehlender Organisation und Koordination, die Lotus-
Notes-Datenbanken waren rasch gefüllt, die Inhalte aber aufgrund der Fülle und unzureichen-
den Strukturierung nur schwer zu nutzen. Ein interne Analyse ergab die folgenden
Kernprobleme:
Einbahnstraße: Es hat sich herausgestellt, daß ein Großteil der Berater das KX-System auf-
grund des Projektdrucks nur dazu verwendet, einerseits Erfahrungen früherer Projekte
abzurufen oder andererseits Experten für eine sehr spezifische Fragestellung ausfindig zu ma-
chen.
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Regionale informelle Kommunikation: Aufgrund der Annahme, ein Berater sei in laufend
wechselnden geografischen Projektstandorten tätig und benötige daher ein elektronisches
Kommunikationsmedium, wurde die real existierende Entwicklung regionaler Kontakte und
informeller, persönlicher Kommunikation unterschätzt, was dazu führte, daß KX nur wenig
genutzt wurde.
Mitarbeiterverhalten und Disziplin: Während technlogische Schwierigkeiten lösbar waren,
bestand die große Herausforderung in der anhaltenden Veränderung des Mitarbeiterverhal-
tens. Ziel war es, daß Mitarbeiter trotz des Zeitdrucks nutzbare Erfahrungen und
Informationen verfügbar machen und dafür die richtige Stelle im KX-System wählen.
Technik- und Design-Schwächen: Neben rein technischen Problemen wie dem mobilen
Zugriff auf zentrale Notes-Server zeigten sich auch Design-Schwächen in Bezug auf Benut-
zerfreundlichkeit und intuitive Gestaltung der Benutzerschnittstelle.
Die aktuelle Version des Knowledgemanagement-Systems Knowledge Xchange umfaßt welt-
weit etwa 2.500 Datenbanken auf über 600 Servern und wird von etwa 48.000 Mitarbeitern
des Unternehmens genutzt. Rund 80 Chief Information Officer (CIO) sowie ein umfangrei-
ches Team von Administratoren und Ansprechpartnern stellen die Verfügbarkeit und
Weiterentwicklung des Systems sicher. Die einzelnen Datenbanken sind nach einem konsi-
stenten Konzept aufgebaut, das folgende Kategorien umfaßt:
Kernwissen
Kernwissen Schlüsselelemente
Schlüsselelemente Anwendergruppen
Anwendergruppen
•Best Practices und
Methoden
•Technologie-Informationen
•Industrie-Informationen
•Best Practices und
Methoden
•Technologie-Informationen
•Industrie-Informationen
•Geschäftsbeziehungen
•Projekterfahrungen
•Human Resources /
Fähigkeiten
•Gruppenspezifische
Information/Kommunikation
•Gruppenspezifische
Information/Kommunikation
Halbwertszeit des Wissens
groß klein
Abbildung 43: Wissenskategorien des KX-Systems
Das Kernwissen umfaßt dabei wenig volatile Informationen, beispielsweise Beratungsmetho-
den und -instrumente, industrie- und branchenspezifische Daten sowie technologie-bezogenes
Wissen, mit relativ großer Halbwertszeit. Schlüsselelemente stellen dagegen aktuelle Anga-
ben über Geschäftsbeziehungen, Projekterfahrungen sowie Fahigkeiten der eigenen
Mitarbeiter dar. Die Kategorie der Anwendergruppen wird im Gegensatz zu den beiden vor-
genannten Typen nicht weltweit standardisiert, sondern regional und teambezogen erfaßt und
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 114
bereitgestellt und unterliegt keiner einheitlich Strukturierung. Das in ihnen enthaltene
Wissen ist tagesaktuell und veraltet zum Teil rasch.
Die Konzeption der ersten Systemgeneration machte deutlich, daß eine erfolgreiche organisa-
tionsweite Nutzung des Systems eine klare Definition von funktionalen und inhaltlichen
Zuständigkeiten erfordert, um die Entwicklung konsistenter Wissensbasen voranzutreiben.
Dementsprechend wurden sowohl zentrale Verantwortungsbereiche struktureller und inhaltli-
cher Art geschaffen, als auch jeweils einem Teammitglied die Verantwortung für Knowledge-
Management-Aktivitäten der Projektteams übertragen (siehe Tab.6).
Rollen Aufgaben
Chief Knowledge Officer • KM-Koordinationsaufgaben
• Verantwortung für gesamten Umfang und Struktur des KX-Systems
• Analyse des Unterstützungsbedarfs
Knowledge Base Integrator • Design und Entwicklung von Struktur, Format und Organisation der
Wissensbasen
• System-Administration und Datenbank-Betreuung
Knowledge Sponsor • Aktive Hilfe bei der Wissensidentifikation in der kollektiven Wis-
sensbasis
• Vermeidung von Datenredundanz durch zentrale Koordination unter-
schiedlicher Wissensbasen.
• Einordnung und Klassifikation neuen Wissens
Knowledge Developer • Entwicklung und Verfeinerung bestimmter Wissensinhalte, Aktuali-
sierung der Wissensbasis
• Verbreiterung der Wissensbasis in Schlüssel-Technologien
Knowledge Champion • Verantwortliche Kontaktperson für alle Knowledge-Management-
Aktivitäten eines Projektteams
• Unterstützung des Teams bei der KX-Nutzung
• Koordinierung, Konsistenzsicherung und Speicherung von Teambei-
trägen im KX-System
• Ansprechpartner im Projektteam für das Knowledge-Management-
Team
Tabelle 6 : Rollen der KM-Organisation bei Andersen Consulting
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3.3.5.5 Arthur Andersen Managementberatung
Die Arthur Andersen Managementberatung (AAM) ist ein Teil der weltweit tätigen Andersen
Gruppe, die sich aus der Unternehmensberatung Andersen Consulting, der Wirtschaftsprü-
fungsgesellschaft Arthur Andersen und deren Ableger Arthur Andersen Managementberatung
zusammensetzt. In der gesamten Organisation sind 82.000 Mitarbeiter tätig, die auf 382 Büros
in 81 Ländern verteilt sind.
AAM hat relativ früh die Bedeutung des Faktors Wissen für das Beratungsgeschäft im allge-
meinen und insbesondere für ihre eigene Unternehmensphilosophie „to be the worlds premier
professional services organization“ erkannt [Gemmerich/Stratmann 1998, S.24]. Das Unter-
nehmen sieht sich selber in der Rolle des Lieferanten von Wissen und betrachtet daher
Wissensmanagement als eine der wesentlichen Managementaufgaben. Für AAM stellt Wis-
sensmanagement die strategischen und operativen sowie planenden steuernden und
kontrollierenden organisatorischen und technologischen Maßnahmen zur Generierung von
Wissen mit Wert dar [vgl. Gemmerich 1997, S. 9].
Unternehmens-
Wissen
Verteilen
Identifizieren
Sammeln
Anpassen
Organisieren
Anwenden
Persönliches-
Wissen
Teilen Generieren
Lernen
Erfahrung
Innovation
Abbildung 44: Bausteine des Wissensmanagement nach Arthur Anderson
Das AAM-Verständnis für die Ressource Wissen drückt sich in hochaggregierter Form in der
Formel K=(P+I)s aus. Demnach ergibt sich Wissen K (Knowledge) als Resultat aus Mitarbei-
tern P (People) und Informationen I (Information), die durch Technologie, symbolisiert durch
das Pluszeichen, verbunden werden. Potenziert wird diese Formel durch das Teilen S (Sha-
ring) von Wissen. Zur strukturierten Analyse des Wissensbestandes im Unternehmen dient
KMAT (Knowledge Management Assesment Tool). KMAT ist ein Wissensbenchmarktool,
welches 1995 in Zusammenarbeit mit dem American Productivity and Quality Center
(APQC) auf Basis von ca. 100 repräsentativen Fallstudien zum Wissenmanagement konzi-
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piert wurde. Dabei wurden 24 essentielle Unternehmensmerkmale zum Wissensmanage-
ment festgestellt. Anhand dieser Merkmale wird ein Unternehmen auf einer fünfstufigen
Skala mit den Einteilungen Leistung und Wichtigkeit bewertet. Die Ergebnisse des KMAT
dienen dabei nicht als festgesetzte absolute Tatsachen, sondern sind vielmehr als Ausgangsba-
sis für einen konstruktiven Dialog über die Potentiale der Unternehmung bezüglich ihres
Wissensmanagements zu betrachten (siehe Abb. 45).
1
2
3
4
5
1 2 3 4 5
Leistung
Erfolgskontrolle
Prozesse
Technologie
Unternehmenskultur
Führung
Wichtigkeit
Abbildung 45: Beispiel einer KMAT Auswertung für ein Unternehmen
[Gemmerich 1997, S. 45]
Der Leiter der deutschen Kompetenzzentren für Innovations- und Knowledgemanagement Dr.
M. Gemmerich sieht die beiden fundamentalen Ziele des Wissensmanagements in der Ver-
fügbarmachung des weltweit besten Wissens zur richtigen Zeit für den richtigen Mitarbeiter
sowie in der Vermeidung von Doppelarbeit. Dabei ist zwischen allgemein zugänglichem ob-
jektivem Wissen, das über Brancheninformationsdienste, Handelskammern, etc. bezogen
werden kann sowie subjektivem Wissen, welches die Erfahrungen aus Aufgaben und Projek-
ten des Unternehmen darstellt, zu unterscheiden. „Für professionelle
Unternehmensberatungen sind neben Klientenstruktur, Industriekontakten, Referenzen und
Brancheninformationen vor allen Dingen Lösungsansätze, Methoden und Projektbeispiele
von hohem Interesse.“ [Gemmerich/Stratmann 1997, S.25].
Die professionelle Nutzung dieses Wissens bedarf eines einwandfrei funktionierenden Wis-
sensmanagementprozesses sowie geeigneter Katalysatoren, welche die Funktionsfähigkeit
dieses Prozesses sicherstellen.
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Unternehmenswissen
Austauschen
Generieren
Identifizieren
Sammeln
Anpassen
Organisieren
Anwenden
Führung
Leistungs-
messung
Kultur
Technologie
Prozeß des
Wissensmanagements Katalysatoren des
Wissensmanagements
Abbildung 46: Unternehmenswissensmanagement-Modell von Arthur Andersen
[Gemmerich/Stratmann 1998, S. 25]
Die Umsetzung dieses Prozesses ist eng mit der aufbauorganisatorischen Gestaltung der Un-
ternehmensorganisation verbunden. Bei AAM wird weltweit in mehr als 20
Kompetenzzentren, mit den fachspezifischen Themen Innovation Management, Revenue En-
hancement, Supply Chain Management oder Organizational Design, systematisch Wissen
gemäß dem o.g. Prozeß verfügbar gemacht. Auf nationaler Ebene wird das Wissensmanage-
ment durch eine 3-Ebenen Hierarchie gesteuert. Der Knowledge Manager (KM) ist
Koordinator und Helfer in allen Fragen des Wissensmanagements, übernimmt diese Funktion
für etwa drei Monate und ist während dieser Zeit für seine Aufgaben freigestellt. Er koordi-
niert und leitet die Group Information Manager (GIM) und die Project Information Manager
(PIM), die diese Funktion zusätzlich zu ihren sonstigen Tätigkeiten ausführen. Die GIM ar-
beiten neues in Kompetenzzentren generiertes Wissen in das KM-System ein während die
PIM in Beratungsprojekten neues Wissen identifizieren, sammeln und im KM-System ver-
fügbar machen.
Die technologische Plattform stellt eine Kombination aus Intra/Internet sowie Lotus Notes-
Anwendungen dar. So wurde auf Basis der Groupware-Plattform Lotus Notes die weltweit für
alle AA-Mitarbeiter verfügbare Anwendung AA Online entwickelt, die den Austausch von
Präsentationen, Angeboten etc. sowie Diskussionen in über 30 internen Foren ermöglicht.
Zudem hat die Arthur Andersen Managementberatung eine Intranet-Anwendung entwickelt,
mit der aktuelles Wissen und Erfahrungen zu Märkten, Branchen, Unternehmen und Personen
verfügbar gemacht bzw. ausgetauscht werden können. AAM bezeichnet ihr Produkt Know-
ledgeSpace als einen Web-basierten Wissensdienst, der sowohl den AAM-Beratern als auch
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in eingeschränktem Umfang Kunden und Interessenten zur Verfügung steht. In diesem
Wissensraum sind sowohl weltweite Erfahrungen der Arthur Andersen Unternehmensbera-
tung als auch tagesaktuelle Neuigkeiten und Einblicke integriert. Der KnowledgeSpace
unterstützt die Bildung von Interessengemeinschaften aus Wirtschaft und Forschung, soge-
nannten virtual communities, die über das Medium Internet Informationen zu gemeinsamen
Interessengebieten austauschen können. Es existieren Gemeinschaften (communities) zu
Themengebieten wie Finanzen, Energie, Kommunikation etc. Neben dem Betrieb dieser vir-
tuellen Gemeinschaften, bietet der KnowledgeSpace erweiterte Informationsdienste an.
Jeder Teilnehmer des KnowledgeSpace kann ein Interessenprofil erstellen, in dem er Angaben
zu seinem Beruf, seiner Branche und dem geografischen Standort hinterlegt. Auf Basis dieser
Informationen wird automatisch eine dynamische, persönliche Homepage generiert, auf der
laufend aktuelle Informationen entsprechend des persönlichen Interessenprofils dargestellt
werden. Zusätzlich zu dieser individuellen Homepage, beinhaltet der KnowledgeSpace mit
dem Instrument des Business Radar eine Anwendung, die eine kontinuierliche Beobachtung
und Verfolgung spezifischer individuell konfigurierter Themengebiete aus Wirtschaft und
Politik ermöglicht. Der Business Radar durchsucht laufend die wichtigsten Geschäftsinfor-
mationsdienste, wie Wall Street Journal, Dow Jones Online News, Barron’s, Forbes und
andere qualitativ hochwertige Informationsdienstanbieter. Damit stellt der KnowledgeSpace
zwei Instrumente zur Beobachtung und Verfolgung von Trends, Märkten oder Neuigkeiten zu
bestimmten Themengebieten, Unternehmen oder Branchen in der ganzen Welt bereit. Zusätz-
lich zu dieser automatischen Suche und individuellen Zustellung von Informationen, was im
Internet als Push-Dienst bekannt ist, stellt ein Redaktionsteam aufbereitete und bewertete In-
formationen zu ausgewählten Themengebieten bereit, die sogenannten Hot Issues.
3.3.5.6 Ernst&Young
Ernst & Young International ist ein international tätiges Unternehmen, das mit mehr als
80.000 Mitarbeitern in 130 Ländern vertreten ist und im Jahr 1997 einen Umsatz von 9,1 Mrd.
US-$ erzielte. Die Hauptgeschäftsfelder des Unternehmens bestehen aus Wirtschaftsprüfung,
Steuerberatung und Unternehmensberatung. Die Ernst&Young Unternehmensberatung be-
schäftigt weltweit mehr als 12.100 Berater, mit denen im Jahre 1997 eine Umsatz von 2,7
Mrd. US-$ in den u.g. Geschäftsbereichen erwirtschaftet wurde (alle Angaben sind der Ho-
mepage von Ernst&Young entnommen: http://www.ey.com).
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Geschäftsprozeßoptimierung
Change Management
Strategieberatung
Produktions- und Logistikberatung
Supply Chain Management
Qualitätsmanagement
Softwaregestütztes Reengineering
System Integration
Individuelle Softwareentwicklung
Entrepreneurial Services
Konsolidierungs- und Managementinformati-
onssystemen
Mergers & Acquisitions
Umweltmanagement
Sanierungsberatung
Versichertenberatung
Versicherungsmathematik und Altersversor-
gung
Tabelle 7: Geschäftsfelder der Ernst&Young Unternehmensberatung
Im Jahre 1993 wurde das Center for Business Knowledge (CBK ) gegründet mit dem Ziel, das
im Rahmen von Projekten und Studien erarbeitete Wissen zu kanalisieren, aufzubereiten und
jedem Berater weltweit verfügbar zu machen. (Anm.: Die folgenden Ausführungen basieren
auf Interviewaufzeichnungen mit Dr. Zimmerl / Knowledge Manager bei Ernst & Young. Die
Grafiken wurden freundlicherweise von Ernst & Young zur Verfügung gestellt.) Zu diesem
Zweck hat das CBK eine Organisation aus Research-Centern aufgebaut, die ca. 500 Anfragen
am Tag beantworten, wobei i.d.R. zwischen Anfrage und Lieferung nicht mehr als zwei Stun-
den vergehen. Ein Research-Center bietet mit den Umfängen Navigation, Research und
Analyse im wesentlichen drei wissensbezogene Dienstleistungsklassen an (siehe Abb.47).
Analyse
Research
Navigation
Abbildung 47: Struktur des CBK
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Sogenannte Navigatoren bieten sowohl telefonisch als auch auf elektronischem Wege
Hilfe an, um EY-Mitarbeiter bei der Navigation in den Informationsbeständen des Unterneh-
mens zu unterstützen bzw. die gesuchten Informationen zu beschaffen. Zu diesem Zweck
stehen ihnen umfangreiche interne Datenbanken sowie externe Informationsquellen zur Ver-
fügung. Wenn eine Anfrage weitergehender Nachforschungen bedarf, wird diese an einen
Business Researcher weitergeleitet. Ein Researcher führt detaillierte Suchen durch, die auch
Informationsquellen umfassen können, die nicht allgemein zugänglich bzw. schwer zu finden
sind. Neben dem Suchen und Verfügbarmachen bereits existierender Informationen, bietet das
CBK Analysedienste an, d.h. aus allen verfügbaren Informationsquellen wird durch Filterung,
Synthese und Strukturierung Wissen generiert und in Form von Studien und Berichten an den
Auftraggeber transferiert. Das CBK unterstützt mit seiner Arbeit die E&Y-Berater weltweit
mit dem besten verfügbaren Wissen aus internen wie externen Quellen. Das Ernst&Young
Center for Business Knowledge verwendet für die Aufgaben des Knowledge-Management
eigens entwickelte Werkzeuge und Prozesse. Die Kernelemente stellen das
EY/KnowledgeWeb, EY/InfoLink, PowerPacks sowie die Knowledge Bases dar. Mit diesen
Knowledge-Management Tools stehen leistungsfähige Werkzeuge zur effizienten Nutzung
externer und interner Wissensquellen zur Verfügung.
Das EY/KnowledgeWeb stellt eine interne Wissensbasis dar, die über Internet-Technologien
weltweit von EY-Mitarbeitern genutzt werden kann. Das CBK pflegt hier u.a. einen Katalog
aus internen Wissensdatenbanken (Powerpacks), die das Rückgrat der unternehmensweiten
Wissen-Ressourcen bilden. Hinzu kommt die Datenbank Company Research Database, die
vom CBK bestens aufbereitetes Kernwissen über das eigene Unternehmen Ernst&Young (Ge-
schäftsbericht, Geschäftsfelder, Wettbewerbsanalysen, Marketing-Unterlagen, Strategie etc.)
enthält. Weiterhin enthält das EY/KnowledgeWeb interne und externe Weiterbildungsange-
bote, Computer-Based-Trainings (CBT), Bücher, Artikel, Videos etc. die jedem Mitarbeiter
zur Verfügung stehen, um seinen eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten zu erweitern.
Über den EY/InfoLink erhalten alle EY-Mitarbeiter elektronischen Zugang zu einer Auswahl
der besten externen Informationsdienste. Es stehen prinzipiell drei Zugangsarten zur Verfü-
gung: Browsen, Profiling und Suchen. So kann in elektronischen Zeitungsregalen navigiert
werden (Browsen), Berater können auf Basis ihres persönlichen Profils täglich automatische
Mail-Benachrichtigungen via Lotus Notes erhalten (Profiling) oder sie starten gezielte Such-
abfragen (Suchen).
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Mit dem Konzept der PowerPacks verfolgt E&Y das Ziel, bessere Entscheidungen
schneller treffen zu können. Powerpacks stellen themenbezogene Lotus Notes-Datenbanken
dar, die selbstähnlich aufgebaut sind und komprimiertes Wissen für den Berater bereitstellen.
Die Reduzierung auf ca. 50-100 MB Speichervolumen sichert die Mobilität der Module (siehe
Abb.48). Die Powerpacks sind redaktions-getrieben und werden von explizit ausgewiesenen
und autorisierten Wissensredakteuren erstellt. Powerpacks stellen somit kondensiertes und
qualitativ gut aufbereitetes Wissen zur Verfügung, erlauben allerdings keine direkten Rück-
kopplungen durch die Berater.
Abbildung 48: Beispiel der Struktur eines Powerpacks
Jeder Mitarbeiter erhält ein fertig konfiguriertes Notebook mit den E&Y-Standard-
Applikationen Lotus Notes, Microsoft Office und MS Internet Explorer. Dabei wird eine Ein-
Plattform-Strategie verfolgt, die durch Vermeidung nicht-kompatibler Technologien den un-
ternehmensweiten Austausch von Informationen sicherstellen soll. Eine solche Ausstattung
ermöglicht jedem Mitarbeiter sowohl die Nutzung der weltweit verfügbaren Wissensressour-
cen von E&Y als die Einbringung eigener Beiträge in dieses Wissensgefüge. Auf diese Weise
stehen mittlerweile mehr als 5 TerraByte an Daten in unternehmenseigenen Datenbanken zur
Verfügung. „We have created one of the largest business information research centers in the
U.S.“ John Peetz (Chief Knowledge Officer bei E&Y).
3.3.5.7 Gemini Consulting
Die Cap Gemini Gruppe wurde 1967 in Grenoble gegründet und gliedert sich in die Top-
Management-Beratung Gemini Consulting, mit ca. 2.000 Mitarbeitern sowie in die im Be-
reich IT-Services angesiedelte Cap Gemini mit ca. 29.000 Mitarbeitern. Gemini Consulting ist
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eine relativ junge Unternehmensberatung. Sie wurde erst 1991 gegründet und ist seitdem
durch Fusionen mit mehr als zwölf Wettbewerbern zu ihrer heutigen Größe herangewachsen.
Der Hauptsitz liegt in Paris (Frankreich). Das Unternehmen beschäftigte 1997 in 33 Büros
weltweit über 1.800 Berater und erwirtschaftete einen Umsatz von 3,2 Mrd. Franc [vgl.
Risch/Sommer, 1998].
Gemini Consulting weist die unternehmenseigene Kernkompetenz insbesondere als die Fä-
higkeit zu kontinuierlichem Lernen und Weitergabe dieser weltweit erlangten Erfahrungen an
ihre Kunden aus. „Was können die Kunden von Gemini Consulting erwarten? Es ist vor allem
ein Zuwachs an Erfahrung. ... Täglich sammeln mehr als 1.800 Berater überall in der Welt
professionelle Erfahrungen, die permanent in den Know-how-Pool von Gemini Consulting
einfließen.“ [Firmenbroschüre 1998]. Das weltweite Know-how der Gemini Consulting wird
anhand einer Matrixstruktur gezielt auf den Beratungsbedarf der Kunden ausgerichtet.
Computer,
Kommunikation,
Unterhaltungs-
elektronik
Entertainment
Konsumgüter,
Handel,
Distribution
Investitions-
güter,
Automobile
öffentliche und
private Dienst-
leistungen
Chemie,
Umwelt Energie
Gesundheits-
wesen
Strategie
Wertschöpfungs-
management
Informations-
management
Management-
entwicklung,
Organisations-
erneuerung
Finanz-
dienst-
leistungen
Transport,
Reisen
Disziplinen
branchenübergreifende Erfahrungen
Abbildung 49: Die Erfahrungsmatrix von Gemini Consulting
Aus einem Spektrum von neun Branchen werden branchenübergreifende Erfahrungen in den
vier Hauptdisziplinen Strategie, Wertschöpfungsmanagement, Informationsmanagement und
Managemententwicklung/Organisationserneuerung kanalisiert (siehe Abb.49). Das spezifi-
sche Wissen der einzelnen Industrien sowie der Disziplinen wird in jeweils einer weltweit
verfügbaren Lotus Notes Datenbank festgehalten. Der Aufrechterhaltung und kontinuierliche
Weiterentwicklung der Wissensbasis wird durch eine weltweite Wissensmanagement-
Organisation sichergestellt. (Anm.: Die folgenden Ausführungen basieren auf Interviewauf-
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zeichnungen mit Fr. Bort / Consultant bei Gemini Consulting. Die abgebildete Grafik
wurden während des Interviews entwickelt.) Der höchste Verantwortliche des Wissensmana-
gements bei Gemini Consulting ist der Knowledge-Management-Sponsor, der organisatorisch
die Position eines Vice Presidents innehält. Er ist verantwortlich für die globale Wissensma-
nagementstrategie und tritt als Mentor aller weiteren wissensbezogenen Rollen im
Unternehmen auf. Ihm unterstehen die Knowledge Champions und Knowledge Specialists der
Länder, sowie die Leiter der Research Center. Der Knowledge Champion ist i.d.R. ein Bera-
ter, der etwa 20% seiner Arbeitszeit für Wissensmanagementaufgaben aufwendet und diesem
Zusammenhang überwiegend motivierende und koordinierende Aufgaben übernimmt. Die
Knowledge Specialists sind dagegen keine Berater, sondern sie üben ihre Funktion hauptbe-
ruflich aus und sind in erster Linie verantwortlich für die Organisation des Wissens. Dies
umfaßt die Generierung und Bereitstellung neuer Beiträge auf Basis aktueller Projektinfor-
mationen und die Filterung neuer Beiträge hinsichtlich der verwendeten Begriffe. Weiterhin
geben die Knowledge Specialists den Beratern Hilfestellung im Umgang mit den eingesetzten
Wissensmanagementwerkzeugen. Auch die Informationsbeschaffung gehört zu ihren Aufga-
ben, sie werden dabei unterstützt von lokalen Research Centern, die zusammen das Global
Research Network aufspannen sowie den Einrichtungen The Institute und den sogenannten
Labs.
Das Global Research Network (GRN) hat die Aufgabe, weltweit Grundlagenwissen zu sam-
meln, aufzubereiten und unternehmensweit bereitzustellen. Die Mitarbeiter des GRN sind
Datenanalysten, die sowohl interne als auch externe Informationsquellen, wie z.B. CNN,
Reuters, Statistisches Bundesamt etc. für Recherchen nutzen, die von Beratern in Auftrag ge-
geben werden. Sie üben damit eine Funktion ähnlich der eines Bibliothekars aus und sind
i.d.R. entweder auf eine Industrie oder eine Disziplin spezialisiert. Das GRN besteht aus acht
Research Centern, fünf in Europa, zwei in den USA und eines in Südafrika, und beschäftigt
insgesamt etwa 25-30 Wissensspezalisten.
Die Organisationseinheit The Institute beschäftigt weltweit etwa 50 Mitarbeiter in den Stand-
orten Cambridge (USA), Paris, London, Bad Homburg und Süd Afrika. Jedes Büro hat einen
ständigen Leiter, der Mitarbeiterstamm ist durch eine hohe Fluktuationsrate gekennzeichnet,
da i.d.R. jeder neue Berater die ersten 3-4 Monate seiner Unternehmenszugehörigkeit mit
wissensbezogenen Aufgaben im Institute verbringt. Dort werden alle Analysetätigkeiten und
Konzeptentwicklungen durchgeführt, die nicht notwendigerweise vor Ort beim Kunden reali-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 124
siert werden müssen. Auf diese Weise können sich die in Projekten eingesetzten Berater
auf ihren direkten Kundenkontakt konzentrieren und zeitaufwendige Analyseaufgaben an das
Institute delegieren.
Während im GRN bestehende Informationen zusammengetragen und verwaltet werden und
das Institute projektspezifische Arbeiten durchführt, wird in Laboratorien (Labs) gezielte
Wissensgenerierung betrieben. I.d.R. wird ein Lab von einem Mitarbeiter mit Forscherquali-
täten geleitet, der auf einem Themengebiet ausgewiesene Spezialkenntnisse besitzt, diese im
Rahmen seiner Tätigkeit weiterentwickelt und dem Unternehmen zur Verfügung stellt. Im
Lab kommen ehemalige Berater oder Wissenschaftler mit Fähigkeiten im jeweiligen The-
mengebiet zum Einsatz, die durch Praktikanten und Hilfskräfte unterstützt werden. Im Jahr
1998 betrieb Gemini Consulting weltweit 4 Laboratorien, in denen etwa 10-15 Mitarbeiter
tätig waren.
9 Knowledge-DBs
(Industrien)
4xn Knowledge-DBs
(Disziplinen)
Knowledge
Manager
Global Research
Network
Labs
The
Institute
extern extern extern
?
?
Abbildung 50: Institutionen des Gemini-KM
Die beschriebenen Wissensmanagement-Institutionen bei Gemini Consulting werden mit kla-
ren Kompetenzen und Verantwortlichkeiten eingesetzt, um vor, während und nach einem
Projekt das jeweils notwendige Wissen zu beschaffen und entstandenes Wissen zu sichern. Zu
Beginn eines Projektes wird vom Projektleiter ein Berater (Project Knowledge Champion) mit
Wissensmanagementaufgaben beauftragt, die er neben seiner Beraterrolle zu erfüllen hat. Für
die Abwicklung von Projekten und die gezielte Dokumentation des Projektwissen setzt Ge-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 125
mini Handbücher (How-To-Guides) ein, die wesentliche Vorgehensweisen sowie Emp-
fehlungen für die Know-how Sicherung enthalten. Eine gezielte projektbegleitende Erfah-
rungssicherung wird nicht betrieben, statt dessen wird am Ende eines Projektes ein etwa 1-5
tägiger Workshop zum Zweck der Projektdokumentation durchgeführt. Das Ergebnis dieses
Workshops ist eine CD-ROM, die auf Basis einer unternehmensweit gültigen Vorlage erstellt
wird.
Durch Einbeziehung der KM-Aktivitäten der Berater in die Mitarbeiterbeurteilung wird ver-
sucht, eine entsprechende extrinsische Motivation für wissensbezogene Aufgaben zu
schaffen. So fließt z.B. die Qualität der o.g. Projektdokumentation in die Mitarbeiterbeurtei-
lung eines Projektleiters ein und die Berater werden sowohl im Anschluß an ein Projekt als
auch im Rahmen einer jährlichen 360º-Beurteilung bezüglich ihres Beitrags zum Wissensauf-
bau des Unternehmens beurteilt. Ein weiterer Anreiz, sich an der Wissensbildung im
Unternehmen zu engagieren, besteht in der Möglichkeit, einen Preis zu gewinnen. Seit 1999
werden firmenintern Knowledge-Management-Awards verliehen, für die beste Wissenssiche-
rung eines ganzen Projektteams, für das innovativste Dokument sowie für die innovativste
neu entwickelte und intern veröffentlichte Methode.
3.4 Fazit
Die in Kapitel 3.1 diskutierten Projektmanagementkonzepte sehen Projektmanagement im
wesentlichen als Koordinations- und Planungsaufgabe bzgl. einer neuen und einzigartigen
Themenstellung an. Die Vorteile der Untergliederung eines Projektes in einzelne Phasen wird
von allen betrachteten Autoren als wichtig und sinnvoll für eine effizientes Projektmanage-
ment erachtet. Zu den dargestellten Phasenkonzepten liegen bereits umfangreiche praktische
Erfahrungen vor, so daß diese als empirisch abgesichert gelten. In sämtlichen betrachteten
Projektmanagementkonzepten ist allerdings, abgesehen von einfachen Dokumentationstech-
niken zum Ende eines Projektes, ein aktives, projektbegleitendes Wissensmanagement i.d.R.
nicht Gegenstand der Betrachtung.
Im Gegensatz zum Projektmanagement ist das Thema Wissensmanagement relativ neu und
unerforscht. Sowohl im Rahmen der akademischen Forschung als auch in der industriellen
Praxis wird intensiv daran gearbeitet, die Ressource Wissen systematisch nutzbar zu machen.
Die heute bekannten Theorien des Wissensmanagements decken eine große thematische
Bandbreite ab, von einem eher antropozentrischen Ansatz, der den Menschen in den Mittel-
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 126
punkt stellt, bis hin zu reinen Technikansätzen, die versuchen die Informationsflut durch
intensiven Einsatz leistungsfähiger Hard- und Softwaresysteme zu beherrschen. Ein Bezug
zum Projektmanagement wird allerdings auch von Seiten der Wissensforscher regelmäßig
nicht hergestellt.
Die in Kapitel 3.3. betrachtete Branche der Unternehmensberatung hat die Bedeutung von
Wissen für ihre Geschäftstätigkeit erkannt und treibt die Erprobung bestehender Konzepte
und Theorien sowie die Weiterentwicklung bestehender Systeme voran. Die meisten dieser
Unternehmen haben bereits große Wissensbestände aufgebaut, wobei Ernst&Young mit einer
Datenbasis von über 5 TB besonders hervorsticht. Es ist allerdings fraglich, ob dies noch als
Wissenspool bezeichnet werden kann oder doch eher einen reinen Datenpool darstellt. Einen
großen Teil ihres Wissens erwerben Unternehmensberatungen bei ihren Kunden im Rahmen
von Beratungsprojekten. Vieles davon geht allerdings verloren, da i.d.R. kein durchgängiger,
systematischer Ansatz zur Sicherung und Wiederverwendung des Projektwissens existiert.
Der Prozeß des Transfers von implizitem Projektwissen in explizites Beratungswissen ist
i.d.R. durch Übergaben und einen damit zusammenhängenden Wissensverlust gekennzeich-
net. Von dem gesamten prinzipiell vorhandenen impliziten Projektwissen steht daher im
Endeffekt nur ein geringer Teil in explizierter Form kollektiv zur Verfügung. Zudem erfolgt
die Erfassung des Projektwissens i.d.R. erst nach Abschluß eines Projektes. Zu diesem Zeit-
punkt ist zum einen das erfaßte und bereitgestellte Wissen oft längst nicht mehr aktuell und
zum anderen entsteht in dieser Phase ein hoher Erfassungs- und Bereitstellungsaufwand. Das
Ergebnis sind wenig attraktive Wissensbasen, die allerdings mit hohem Personalaufwand be-
füllt werden, sowie eine geringe Neigung der Berater, sich an dem kollektiven
Wissensmanagement zu beteiligen.
Die betrachteten Beratungsunternehmen in Kapitel 3.3.5. setzen durchweg das Groupwa-
reprodukt Lotus Notes als technologische Basis ihres Wissensmanagements ein. Sie sind
dabei mit technischen Unzulänglichkeiten konfrontiert, die das Potential ihrer Lösungen
deutlich einschränken. Dazu gehören geringe Speicherkapazitäten der mobilen Computer so-
wie zu geringe Ubertragungsleistungen der eingesetzten Netzwerke. So verwendet z.B. Booz,
Allen & Hamilton in ihrem Wissensmanagementsystem KOL aus diesen Gründen ausschließ-
lich Text zur Repräsentation von Wissen. Die Knowledge Manager von Ernst & Young
bewältigen dieses Problem, indem sie sogenannte Powerpacks ausliefern, Datenbanken, deren
WISSENSMANAGEMENT IM UMFELD VON BERATUNGSPROJEKTEN Seite 127
Volumen mittels zentraler Kontrolle auf eine maximale Größe von etwa 100-150 MB be-
schränkt wird.
ABLEITUNG DER KONZEPTIONELLEN ANFORDERUNGEN Seite 128
4 Ableitung der konzeptionellen Anforderungen
In dieser Arbeit geht es nicht darum, eine Methode vorzustellen, die beschreibt wie sich gene-
rell Wissensmanagementsysteme in Unternehmen entwickeln und implementieren lassen.
Vielmehr wird ein generisches Wissensmanagementsystem zur Unterstützung von Beratungs-
projekten konzipiert. Dabei wird explizit kein Ansatz gewählt, der ein möglichst
umfangreiches Sammeln von Informationen sowie die Entwicklung leistungsfähiger Suchma-
schinen im Sinne eines Datawarehouse bedeutet. Der Fokus dieses Konzeptes liegt klar auf
der Vermeidung einer Informationsflut durch gezielte Erfassung, Generierung und Bereit-
stellung von ausgewähltem und qualitativ hochwertig aufbereitetem Wissen aus
Beratungsprojekten. In diesem Sinne wird im Folgenden die Entwicklung eines organisatori-
schen und technologischen Wissensmanagementsystems für Beratungsunternehmen
vorgestellt, mit dessen Hilfe sowohl die Effizienz als auch die Effektivität von Beratungspro-
jekten signifikant gesteigert werden kann. Das Modell soll Anworten auf die folgenden
Fragestellungen liefern:
• Wie kann möglichst viel Wissen möglichst früh systematisch in den Projektprozeß einge-
bunden werden?
• Wie kann dieses Wissen in der Organisation repräsentiert, verteilt und anwenderfreundlich
genutzt werden?
• Gibt es Möglichkeiten, die Pflege der Wissensbestände sowie ein betriebliches Wissens-
controlling durch intelligente Informationssysteme zu unterstützen?
• Wie kann sichergestellt werden, daß jedem Berater der Zugang zum Unternehmenswissen
möglich ist und er die aktuell besten Erkenntnisse, Methoden und Abläufe zum optimalen
Nutzen des Kunden einsetzt?
Ausgehend von dem in den Kapiteln zwei und drei dargestellten aktuellen Stand von For-
schung und Technik wird daher ein neues Konzept zum projekt-orientierten
Wissensmanagement in Beratungsunternehmen unter besonderer Berücksichtigung der asso-
ziativen Fähigkeiten des Menschen entwickelt. Die in diesem Kapitel vorgestellte Konzeption
orientiert sich dabei im wesentlichen an den im Rahmen der Forschungen des Autors eruier-
ten Kernproblemen im Umfeld von Beratungsprojekten, die sich auf die im folgenden
dargelegten Ursachen zurückführen lassen:
ABLEITUNG DER KONZEPTIONELLEN ANFORDERUNGEN Seite 129
1. Mangelndes Verständnis von Wissen und Wissensmanagement
Der erfolgreiche Einsatz von Wissensmanagement setzt die Bereitschaft der Mitarbeiter vor-
aus, sich zu beteiligen und ihr Wissen zu teilen. In der Regel ist allerdings eine Kultur der
Teilung und Nutzung von Wissen nicht vorhanden. Der Wissenstranfer ist zudem erschwert
durch dynamische Formen wechselnder Zusammenarbeit. Um die Bereitschaft der Mitarbeiter
zu erlangen, ist ein klares Verständnis von Wissen und Wissensmanagement notwendig sowie
die Fähigkeit, den Mitarbeitern dieses Verständnis zu vermitteln. Ein generisches Modell des
Wissensmanagements muß Handlungs- und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen können und
Transparenz bzgl. der Aufgaben und Potentiale von Wissensmanagement erzeugen.
These: Die Entwicklung und erfolgreiche Implementierung eines Wissensmanagement-
systems setzt ein durchgängiges Verständnis von Wissen und
Wissensmanagement voraus.
2. Fehlende kollektive, kognitive Struktur
Sowohl im Gespräch zwischen Berater und Kunde als auch zwischen Beratern untereinander
ist eine signifikante Verständnisproblematik festzustellen. Ludwig Bölkow beklagt: „Ingeni-
eure, Juristen und Betriebswirte können nach Erhalt ihres Diploms oftmals kaum noch
allgemeinverständlich miteinander kommunizieren. ... Selbst Fachleute einer Sparte, zum Bei-
spiel Ingenieure untereinander, haben oft Verständigungsschwierigkeiten.“ [vgl. Madauss
1984]. Dieses Phänomen, umgangssprachlich als „nicht die gleiche Sprache sprechen“ be-
kannt, kann auf das Fehlen einer gemeinsamen kognitiven Struktur zurückgeführt werden
(vgl. Kap. 3.2.2). Der Aufbau einer solchen kollektiven, kognitiven Struktur kann neben einer
Erhöhung des gegenseitigen Verständnisses insbesondere durch eine systemhafte Umsetzung
auch das schnelle Einordnen und Ablegen einer neuen Wissenseinheit sowie ein rasches Wie-
derfinden derselben sicherstellen. Eine Anwendung für das Wissensmanagement im Umfeld
der Unternehmensberatung kann auf diesem Wege Menschen verbinden, die sonst nicht mit-
einander in Kontakt kämen.
These: Der Aufbau eine kollektiven, kognitiven Struktur sowie deren systemhafte Um-
setzung kann eine signifikante Erhöhung der Projekteffizienz bewirken.
ABLEITUNG DER KONZEPTIONELLEN ANFORDERUNGEN Seite 130
3. Unzureichende Meta-Projektmodelle
Klassische Konzepte des Projektmanagements (vgl. Kap.3.1.2.2) gehen von methodischen
Ansätzen aus, die nicht darauf ausgelegt sind, Wissen, das im Projektverlauf erworben wird,
gezielt zu erfassen, zu assimilieren und wiederzuverwenden. Im klassischen Sinne hat ein
Projekt ein definiertes Start- und ein entsprechendes Endedatum, darüberhinaus greifen die
existierenden Phasenmodelle nicht. Die Betonung des Einmal-Charakters eines Projektes ver-
hindert eine methodische Vernetzung von Projekten und die Nutzung bereits erworbener
Projekterfahrungen. Wertvolle Lerneffekte aus abgeschlossenen Projekten gehen regelmäßig
verloren, da sie entweder erst gar nicht erfaßt werden oder in einer unstrukturierten und
schwer wiederverwendbaren Form dokumentiert werden. Das führt dazu, daß methodische
wie auch inhaltliche Projektelemente regelmäßig neu erfunden und Fehler wiederholt werden.
Zudem ist die Grenze der Beratungsleistung schnell erreicht, da lediglich das individuelle,
implizite Wissen der jeweiligen Projektmitglieder eingesetzt wird. Bereits erworbenes Pro-
jektwissen anderer Mitarbeiter kann nicht optimal genutzt werden, da eine einheitliche
Vorgehensweise für ein an Wissenswiederverwendung orientiertem Projektmanagement nicht
vorhanden ist.
These: Existierende Metamodelle des Ablaufs von Projekten sind nicht geeignet, eine
Wiederverwendung von Projektwissen ausreichend zu unterstützen.
4. Wachsende Flut an Projektinformationen
Die weltweite Vernetzung sowie die Verfügbarkeit moderner Informations- und Kommuni-
kationstechnologien ermöglichen die Generierung und Verteilung beliebig großer
Informationsmengen (vgl. Kap.3.2.6.1). Für die Dokumentation von Projektergebnissen feh-
len in der Regel leistungsfähige Konzepte zur Strukturierung und Verdichtung, was zu einer
unstrukturierten, schwer überschaubaren Ansammlung umfangreicher Dokumente führt. Sol-
chermaßen dokumentierte Projektergebnisse sind meist nur für den Ersteller lesbar, die
wichtigen Informationen gehen in einer Fülle von unwichtigen oder nicht-interpretierbaren
Informationen unter. Der Ansatz, Projektergebnisse elektronisch zu dokumentieren und zu
verwalten, verlagert den Umfang der Informationsflut lediglich von Papier auf ein elektroni-
sches Medium, löst aber das eigentliche Problem nicht. Der Versuch der o.g. Informationsflut
mittels Data Warehouse-Konzepten Herr zu werden und bei Bedarf mit leistungsfähigen
ABLEITUNG DER KONZEPTIONELLEN ANFORDERUNGEN Seite 131
Such-Algorithmen nach den gefragten Projektergebnissen zu suchen, scheint nicht die
richtige Lösung. Hier sind innovative Konzepte gefragt, eine Informationsflut bereits im Pro-
jektverlauf zu vermeiden.
These: Der Informationsflut kann antizipativ durch gezielte Informationsselektion sowie
umsetzungsbegleitend durch Informationsverdichtung und hierarchische Ver-
weistechniken begegnet werden.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 132
5 K3: Modell eines projekt-orientierten Wissensmanagements
für Beratungsunternehmen
In Kapitel fünf wird das Modell eines projekt-orientierten Wissensmanagements für Bera-
tungsunternehmen dargestellt. Das Modell basiert entsprechend der Annahmen von Ulich und
Heinrich [vgl. Heinrich 1994, S.14] auf einem Ansatz, der Technologien, Prozesse und betei-
ligte Menschen vereint.
Menschen
Prozesse Technologien
Abbildung 51: Dimensionen des Wissensmanagements
K3, der Name des im folgenden beschriebenen Modells, verdeutlicht die Orientierung an den
drei o.g. Betrachtungsdimensionen des Wissensmanagements.
5.1 Basiskonzepte eines innovativen Wissensmanagements
5.1.1 Modell der Wissensentstehung
Eine grundlegende Vorraussetzung für die erfolgreiche Implementierung von Wissensmana-
gementsystemen ist ein korrektes Verständnis der Entität Wissen und eine klare Abgrenzung
gegenüber den Begriffen Daten und Informationen. Im Folgenden werden Daten aufgefaßt als
Zahlen, Zeichen, Wörter und Buchstaben, die allerdings noch nicht in einem sinnvollen Zu-
sammenhang stehen. Als Informationen werden demgegenüber sinnvoll wahrnehmbare Daten
verstanden, die z.B. im Rahmen eines Fachbeitrags sinnvoll und logisch nachvollziehbar zu
einem Artikel zusammenstellt sind. Aus Daten werden durch den Prozeß des Wahrnehmens
und Erkennens Informationen. Erst durch den Prozeß der Verarbeitung kann aus Informatio-
nen Wissen generiert werden (siehe Abb.52). Verarbeitung bedeutet dabei, die Segmentierung
des Beitrags in logisch zusammengehörige Teile, eine Bewertung dieser Module sowie die
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 133
Selektion, der als besonders wichtig erachteten Teile und deren Verknüpfung mit beste-
hendem Vorwissen. Im Laufe dieses Prozesses entsteht aus einzelnen Informationseinheiten
ein Netzwerk aus kognitiven Assoziationen. Dabei kann es zu einer inhaltlichen wie auch zu
einer strukturellen Anpassung des Vorwissens kommen. Wird dabei die Struktur des Vorwis-
sens nicht grundlegend verändert, sondern lediglich um neue Einheiten ergänzt, so wird dies
als Assimilation bezeichnet. Tritt dagegen eine signifikante Änderung der Struktur des Vor-
wissens auf, z.B. weil sich aufgrund neuer Erkenntnisse alte Teilstrukturen und Assoziationen
als falsch erweisen, wird dies Akkomodation genannt (vgl. Kap.3.2.2.2). Erst wenn der Roh-
stoff Information durch Verarbeitung im Sinne von Assimilation und Akkomodation zu
Wissen wird, kann er produktiv genutzt werden.
Daten sind Zahlen, Zeichen,
Wörter, Buchstaben, Bilder
u.ä. Nachrichten, die sich
über ein Medium
transportieren lassen.
Informationen sind sinnvoll
wahrnehmbare Daten Wissen ist verarbeitete und damit
nutzbare Information. Verarbeitung
beinhaltet:
• Segmentierung
• Bewertung
• Selektion und
• Verknüpfung von Information.
Daten Information Wissen
Wahrnehmen
Erkennen
Verarbeiten
Abbildung 52: Prozeß der Wissensentstehung
Der Mechanismus der Vernetzung geschieht auf Basis assoziativer Verknüpfungen, die in drei
Ausprägungen auftreten:
a) Logik
b) Regeln
c) Intuition
Eine auf Logik basierende Verknüpfung repräsentiert einen auf objektiven Tatsachen beru-
henden Zusammenhang. Diese Art der Verknüpfung ist i.d.R. leicht zu automatisieren und
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 134
kann daher von elektronischen Systemen übernommen werden. Relationale Datenbank-
systeme (RDBMS) basieren auf diesem Zusammenhang. Im Gegensatz dazu repräsentiert
eine auf Regeln basierte Verknüpfung einen auf vereinbarten Regeln beruhenden und daher
artifiziellen Zusammenhang. Diese Art der Verknüpfung ist länder-, kultur- bzw. unterneh-
mensspezifisch und kann nur unter Zuhilfenahme explizit formulierter Spielregeln erstellt
werden. Das Konzept der Expertensyteme versucht auf Basis dieses Ansatzes eine automati-
sierte Verknüpfung von Wissenseinheiten zu erreichen. Den geringsten Formalisierungsgrad
weist die intuitive Verknüpfung auf, bei der aufgrund einer intuitiven Eingebung ein Zusam-
menhang hergestellt wird. Ein leistungsfähiges Wissensmanagementsystem sollte den
gesamten Prozeß der Wissensentstehung unterstützen und dabei alle drei Verknüpfungsarten
berücksichtigen.
5.1.2 Wissensarten und Wissenszustände
Neben einem klaren Verständnis des Terminus Wissen, erfordert der systematische Umgang
mit dem Produktionsfaktor Wissen eine detaillierte Betrachtung seiner Ausprägungen und
deren Eigenschaften. In der aktuellen Literatur (vgl. Kap.3.2.5) wird versucht, dies durch eine
Betrachtung unterschiedlicher Wissensarten zu erreichen. Der im Folgenden zusätzlich einge-
führte Begriff der Wissenszustände ermöglicht eine differenziertere Betrachtung der
Thematik. Wissenszustände unterscheiden sich von Wissensarten dadurch, daß es möglich ist,
eine Wissenseinheit von einem Wissenszustand in einen anderen zu transformieren, die Zu-
ordnung zu einer Wissensart ist dagegen fix.
Das vorliegende Modell unterscheidet drei unterschiedlichen Wissensarten (siehe Abb.53):
• Faktenwissen,
• Prozeßwissen und
• Heuristisches Wissen
Unter Faktenwissen wird die Kenntnis über Personen, Tatsachen, Produkte etc. verstanden,
allgemein Inhalte, die eine Antwort auf die Frage WAS? liefern. Vielfach wird bereits die
Bereitstellung von Telefonbüchern und Ansprechpartnern in Form sogenannter Yellow Pages
oder auch die Verwaltung umfangreicher Dokumentenbestände als Wissensmanagement be-
zeichnet. Im o.g. Sinne bedeutet dies allerdings lediglich die Verwaltung von Faktenwissen
und macht somit nur einen Teilbereich des Wissensmanagements aus. Hinzu kommt das Pro-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 135
zeßwissen, welches als Kenntnis über zeitlich-logische Zusammenhänge und Anordnun-
gen von Faktenwissen angesehen wird. Unter diese Kategorie fallen Prozesse, Abläufe und
Vorgänge, aber auch Verfahren und Methoden. Prozeßwissen liefert Antworten auf die Frage-
stellung nach dem WIE? und wird z.B. im Rahmen von Qualitätsmanagementsystemen
(QMS) und Workflowmanagementsystemen (WFMS) auf einer technologische Ebene bereit-
gestellt oder im Rahmen von Szenario-bezogenen Schulungen auf der zwischenmenschlichen
Ebene vermittelt. Neben Fakten- und Prozeßwissen wird eine weitere Komponente für die
systematische Nutzung des Unternehmenswissen benötigt: die Erfahrung, hier auch als Heu-
ristisches Wissen bezeichnet. Das Heuristische Wissen umfaßt die Erfahrungen über den
erfolgreichen bzw. auch den erfolglosen Einsatz von Fakten- und Prozeßwissen, und stellt
damit sicher, daß verfügbares Wissen im jeweiligen Anwendungskontext sinnvoll anwendbar
ist. Allgemein liefert Heuristisches Wissen Antworten auf die Frage „Wann setze ich welches
Wissen sinnvollerweise ein?“.
Faktenwissen
Prozeß-
wissen
Heuristisches
Wissen
Abbildung 53: Unterscheidung von Wissensarten
Neben den beschriebenen Wissensarten kann Wissen durch die unterschiedlichen Zustände
beschrieben werden, in denen es auftritt. An dieser Stelle werden zwei Zustandsebenen be-
schrieben, die für die Beratungstätigkeit die größte Bedeutung aufweisen. Weitere Zustände
sind denkbar, werden an dieser Stelle allerdings nicht betrachtet, da sie keinen Mehrwert für
das Modell bedeuten würden.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 136
implizit
implizit explizit
explizit
individuell
individuell kollektiv
kollektiv
Abbildung 54: Unterscheidung von Wissenszuständen
Wissen wird i.d.R. in den Köpfen der Mitarbeiter generiert und liegt damit in impliziter Form
vor. Die große Herausforderung des Wissensmanagements besteht darin, implizites Wissen,
das in dieser Form nicht kollektiv verfügbar und nutzbar ist, in einen expliziten Zustand zu
transformieren. Ein möglicher Transformationspfad von implizitem in explizites Wissen ist
die Dokumentation, aber auch die Diskussion und die Schilderung. Dabei gilt es, den Zielkon-
flikt zwischen umfangreicher Dokumentation einerseits und Erstellungsaufwand andererseits
zu beherrschen. Hypermedia-Systeme und neue Technologien, mit deren Hilfe Medienbrüche
vermieden werden, wie z.B. digitale Kameras, digitale Tafeln, digitale Stifte etc. vereinfachen
und Beschleunigen den Prozeß der Dokumentation wesentlich (vgl. Kap.3.2.6.3). Beispiels-
weise lassen sich Workshopinhalte auf herkömmlichen Flipcharts erarbeiten und die
Ergebnisse mit Hilfe einer digitalen Kamera dokumentieren, was eine deutliche Erleichterung
gegenüber der klassischen Methode des Abschreibens darstellt. Darüberhinaus werden Tech-
nologien angeboten, die das direkte Erfassen der erarbeiteten Ergebnisse ermöglicht. Das
sogenannte Magic-Board setzt die auf eine elektronische Tafel geschriebenen bzw. gezeich-
neten Ergebnisse mittels eines Scanverfahrens direkt in eine digitale Form um.
Die o.g. Wissensexplizierung stellt eine notwendige Voraussetzung, aber noch keine hinrei-
chende Bedingung für die unternehmensweite Verfügbarkeit von Wissen dar. Durch den
Prozeß der Explizierung wird Wissen lediglich in einen austauschbaren Zustand transformiert.
Darüberhinaus gilt es, Konzepte und Methoden zu finden, dieses Wissen zum richtigen Zeit-
punkt an der richtigen Stelle verfügbar zu machen. Konkret muß das explizite, aber noch
immer individuelle Wissen in eine kollektive Form überführt werden. Sonst einstehen die
sogenannten Schubladenlösungen, also Konzepte, die zwar niedergeschrieben wurden, deren
Existenz im Unternehmen allerdings nicht bekannt ist. Verteilte Datenbanken stellen eine
leistungsfähige Basistechnologie dar, auf deren Grundlage eine kollektive Wissensbasis auf-
gebaut werden kann. Auch Workflow-Management-Systeme können eine gezielte
Kollektivierung von Wissen unterstützen (vgl. Kap.3.2.6.2). Die Groupware Lotus Notes bzw.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 137
Domino stellt ebendiese Mechanismen bereit und hat sich wahrscheinlich aus diesem
Grund zu einem der meistgenutzten Werkzeuge für das Wissensmanagement entwickelt
(Anm.: Wie in Kapitel 3.3.5. dargestellt, setzen alle der beschriebenen Unternehmensberatun-
gen Lotus Notes für ihr internes Wissensmanagement ein.).
5.1.3 Lebenszyklus des Wissens
Ein grundlegendes Verständnis für und von Wissen und Wissensmanagement stellt die Basis
für die Entwicklung und den erfolgreichen Einsatz produktiver Wissensmanagementsysteme
dar. Häufig wird dabei besonderes Gewicht auf die technologische Umsetzung gelegt und
darüber die Bedeutung der Menschen an diesem Prozeß unterschätzt bzw. mißachtet. Wis-
sensmanagement unterscheidet sich aber gerade durch die Berücksichtigung und Integration
der Mitarbeiter von dem klassischen technologie-getriebenen Ansatz des Informationsmana-
gements. Ähnlich wie ein reales Produkt unterliegt auch das virtuelle Produkt Wissen einem
Lebenszyklus [vgl. Mahefa 1994, S. 479]. Die Kenntnis über den Verlauf dieses Lebenszyk-
lus' bildet die Grundlage für ein effizientes Wissensmanagement und hilft, bei den
Mitarbeitern ein Verständnis für den Prozeß der Wissenbewirtschaftung zu erzeugen.
Nach dem hier postulierten Grundverständnis entsteht Wissen immer im Menschen, also als
individuelles, implizites Wissen (vgl. Kap.3.2.5.2). Durch den Prozeß der Wissensvermittlung
wird dieses in kollektives, explizites Wissen transformiert und kann in einem kollektiven
Wissenspool zur Verfügung gestellt werden. Solchermaßen expliziertes Wissen läßt sich mit
Hilfe elektronischer Medien effizient verwalten. Der Prozeß der Wissensverwaltung stellt die
Aktualität, Validität und Verfügbarkeit des Wissens sicher und bildet die Grundlage für eine
effiziente Nutzung des verfügbaren Wissens. Der Prozeß der Wissensnutzung, der aus Tätig-
keiten wie Suche, Navigation, Beschaffung und Bereitstellung besteht, führt in der Regel
wiederum zu einer Wissensmehrung. Die Ergebnisse der Wissensnutzung werden entspre-
chend als neues Wissen erneut in den Zyklus eingebracht (siehe Abb. 55). Die einzelnen
Phasen des Wissenslebenszyklus zeichnen sich durch spezifische Anforderungen an Mensch
und Technik aus. Es gilt, für jede Phase geeignete Verfahren und Werkzeuge zu entwickeln,
um den Gesamtprozeß durchgängig zu gestalten.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 138
Abbildung 55: Wissenszyklus
5.1.3.1 Wissensmehrung
Eine Mehrung des bestehenden Wissens kann auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen.
Die kreative Entwicklung von vollständig neuem Wissen (Generierung) sowie die Weiterent-
wicklung von im Wissenspool vorhandenem Wissen (Wissensanpassung) basieren auf
internem Wissen. Die Aneignung neuen Wissens aus unternehmensfremden Quellen (Wissen-
saquirierung) basiert auf externem Wissen.
A. Internes Wissen
Die Mehrung des internen Wissens setzt entsprechende Rahmenbedingungen voraus, die eine
Wissensmehrung fördern. Ohne die notwendigen zeitlichen Freiräume werden die Mitarbeiter
nicht in der Lage sein, das Unternehmenswissen zu mehren. Statt dessen arbeiten sie konti-
nuierlich und unter hohem Zeitdruck an operativen Themen, ohne die dabei möglichen
Lerneffekte zu realisieren. In Unternehmensberatungen ist es z.B. üblich, vier Tage pro Wo-
che bei den Kunden zu verbringen und einen Tag pro Woche im Büro anwesend zu sein.
Diese Zeit ist notwendig, um das in Projekten erworbene Wissen zu explizieren und zu kol-
lektivieren sowie intern implizites Wissen auszutauschen. Hierzu sind vom Unternehmen
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 139
passende organisatorische Freiräume zu schaffen, die den Know how-Transfer ermögli-
chen. Großraumbüros, die durch arbeitsfreundliche Licht- und Farbgestaltung, Büroausstat-
tung und Bepflanzung die Zusammenarbeit unterstützen, sind dabei Einzelbüros, die eine
Kommunikation der Mitarbeiter erschweren, vorzuziehen. Statt dessen können die notwendi-
gen Inseln der kreativen Ruhe durch temporär belegbare Besprechungs- und Konferenzräume
sowie reine Ruheräume (Silent Rooms) geschaffen werden. Damit in diesem Umfeld auch
wirklich Wissen generiert werden kann, sind vom Management Verantwortungsfreiräume zu
schaffen, die es den Mitarbeitern ermöglichen, von Routineabläufen abzuweichen, Neues aus-
zuprobieren und mit den erworbenen Erfahrungen den kollektiven Erfahrungsschatz des
Unternehmens anzureichern. Die Kenntnis moderner Kreativätstechniken, wie z.B. Brain-
storming, Mind Mapping etc., sowie die organisationsweite Bereitschaft, diese Techniken in
der Praxis anzuwenden, unterstützen den Prozeß der Wissensmehrung nachhaltig.
B. Externes Wissen
Gerade Beratungsunternehmen sind auf die kontinuierliche Anreicherung ihrer Wissensbasis
mit externem Wissen angewiesen. Durch den ständigen Kundenkontakt und die Anwesenheit
vor Ort beim Kunden, haben sie die Möglichkeit, umfangreiches externes Wissen zu akquirie-
ren. Die Aufgabe der Berater ist es, dieses i.d.R. durch Beobachtung und Gespräch erworbene
implizite Wissen zu explizieren und in die kollektive Wissensbasis des eigenen Unternehmens
einzubringen. Beobachtungsgabe und Aufmerksamkeit sind hierzu notwendige, aber nicht
hinreichende Bedingungen. Erst die Kenntnis der eigenen Wissensstruktur ermöglicht es dem
Berater, wichtiges von unwichtigem Wissen zu differenzieren und entsprechend mit dem
Vorwissen im kollektiven Wissenspool zu verknüpfen. Neben den Kundenkontakten im
Rahmen von Beratungsprojekten sind Kongresse und ähnliche Veranstaltungen ein geeigneter
Ort des Wissenserwerbs. Hier wird, motiviert durch eine Art Verbrüderung unter Gleichge-
sinnten, z.T. sehr bereitwillig Auskunft über sensitives Unternehmswissen gegeben. Die
Dokumentation des im Rahmen solcher Veranstaltungen erworbenen Wissens sollte für einen
Berater daher obligatorisch sein. Eine weitere Möglichkeit der Wissensmehrung durch exter-
nes Wissen besteht in der Durchführung regelmäßiger Benchmarks und der Umsetzung der
dabei erworbenen Lerneffekte (Lernen von anderen). Eine weitere wichtige Erkenntnis aus
Benchmarkingstudien ist das Erkennen strategischer Wissenslücken, also prinzipiell wichti-
gen Wissens, das im Unternehmen allerdings nicht vorhanden ist. Die Akquise neuer
Mitarbeiter kann diese Lücke schließen. Träger dieses Wissens können junge, hochqualifi-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 140
zierte Hochschulabgänger sein, aber auch erfahrene Mitarbeiter der gleichen oder auch
anderer Branchen. Eine kontinuierliche Kommunikation des Wissensbedarfs an die Personal-
abteilung oder an Personalberater (Headhunter) ist notwendig, um einen durchgängigen
Wissensbestand zu sichern. Neben der Akquise impliziten Wissens spielt auch die Beschaf-
fung externen Wissens eine wichtige Rolle. Insbesondere die Inhalte des Internet, aber auch
klassische Wissensprodukte wie Zeitungen, Zeitschriften, Videos, bieten eine umfangreiche
externe Wissensquelle, aus der systematisch und regelmäßig wichtige Beiträge durch Miete,
Kauf oder, wenn rechtlich möglich, durch Kopieren in die eigene Wissensbasis übernommen
werden sollten. Die extremste Form der Akquise externen, expliziten Wissens, die Industrie-
spionage, soll hier nicht weiter betrachtet werden.
5.1.3.2 Wissensvermittlung
In der Regel entsteht Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter, liegt also vorerst als individuel-
les, implizites Wissen vor. Die Aufgabe des Prozesses der Wissensvermittlung liegt in der
Transformation des individuellen und ökonomisch relevanten Wissens einer Person in das
kollektiv verfügbare Wissen des Unternehmens. Erst durch diesen Vermittlungsprozeß wird
es anderen Mitarbeitern ermöglicht, auf dieses Wissen zuzugreifen und es in ihrem Sinne zu
nutzen. Die Transformation kann auf zwei Wegen vollzogen werden: durch explizite oder
durch implizite Kollektivierung (siehe Abb.56).
Abbildung 56: Transformationspfade des Wissens
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 141
A. Explizite Kollektivierung
Im Rahmen der expliziten Kollektivierung wird zuerst durch den Prozeß der Dokumentation
das implizite, individuelle Wissen einer Person in explizites, individuelles Wissen transfor-
miert und anschließend durch den Prozeß der Veröffentlichung in explizites, kollektives
Wissen umgewandelt (siehe Abb. 56). Beim ersten Schritt, der Explizierung, gilt es abzuwä-
gen, was expliziert werden soll, wann dies sinnvollerweise zu geschehen hat, welche
Darstellungsform passend ist und welches Werkzeug geeignet ist. I.d.R. ist es weder notwen-
dig noch sinnvoll, das gesamte implizite Wissen einer Person zu explizieren. Die Kunst eines
effizenten Wissensmanagements besteht darin, herauszufinden, was wichtig für das Unter-
nehmen ist und wie dies sinnvoll mit dem Vorwissen vernetzt werden kann. Diese Aufgabe
sollte nicht an Hilfskräfte übertragen werden, sondern von jedem Mitarbeiter des Unterneh-
mens ausgeführt werden können. Hierzu ist es notwendig, daß die Mitarbeiter eine
Vorstellung von dem Aufbau der Wissensbasis des Unternehmens haben. Sie spannen damit
ein logisches Netzwerk über das Unternehmen und bilden eine kollektive, kognitive Struktur
(vgl. Kap.3.2.2.2). Jeder Mitarbeiter ist Teil des gesamten Netzwerks, er muß nicht die Details
der Beiträge kennen, sollte aber einen Überblick über die Gesamtstruktur haben, denn dann ist
er in der Lage zu entscheiden, welcher Teil seines impliziten Wissens sinnvollerweise zu
explizieren ist.
Der Zeitpunkt kann i.d.R. nicht zu früh gewählt werden, sondern am besten, wenn das Wissen
noch frisch ist, d.h. es sowohl prinzipiell aktuell ist als auch korrekt wiedergegeben werden
kann. So reicht es z.B. nicht aus, erst zum Ende eines Projektes das generierte Wissen zu do-
kumentieren, bis dahin ist ein großer Teil dieses Wissens nicht mehr aktuell, wurde bereits
früher benötigt oder kann nicht mehr korrekt wiedergegeben werden. Der Aufwand, der durch
die Dokumentation entsteht, kann durch geeignete Methoden und Werkzeuge deutlich redu-
ziert werden. So ist das Medium Text geeignet, kurze, wenig komplexe Botschaften zu
vermitteln. Sie können schnell produziert und ebenso schnell adaptiert werden. Sobald die
Inhalte einen gewissen Komplexitätsgrad überschreiten, wird eine rein verbale Beschreibung
des Zusammenhangs zu aufwendig. Durch eine ausgewogene Kombination von Text und Gra-
fik werden Inhalte schnell erfaß- und vermittelbar. Die Endversion eines Beitrags kann auf
Basis einer Skizze durch Hilfskräfte erstellt werden. Die Vernetzung mit dem Vorwissen
sollte dagegen von dem Initiator selbst durchgeführt werden.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 142
Dieser Vorgang stellt den zweiten Schritt der expliziten Kollektivierung dar, die Veröf-
fentlichung. Hier hat der Autor zu entscheiden, an welcher Stelle er seinen neuen Beitrag in
die kognitive Struktur einbringt, wie er ihn mit bestehenden Inhalten verknüpft und welchem
Personenkreis er die Inhalte zur Verfügung stellt. Die ersten beiden Aufgaben setzen eine gute
Kenntnis der kollektiven, kognitiven Struktur sowie das Vorhandensein eines leicht bedienba-
ren Multimedia-Autorenwerkzeugs voraus. Die Entscheidung über den Grad der
Veröffentlichung setzt die prinzipelle Möglichkeit voraus, die Sichtbarkeit von Inhalten ge-
zielt zu steuern. So kann die Verfügbarkeit eines Beitrags auf eine Arbeitsgruppe beschränkt
werden oder aber auf einen Unternehmensteil (Abteilung, Bereich etc.), das Gesamtunter-
nehmen, eine Gruppe externer Kontaktpersonen oder weltweit auf alle Personen ausgeweitet
werden. Voraussetzung sind geeignete Werkzeuge zur Steuerung der Sichtbarkeit sowie eine
technische Infrastruktur, die den physischen Zugang der o.g. Personenkreise ermöglicht. Für
den potentiellen Empfängerkreis ist es wichtig, zu erkennen,
• wer der Autor des Beitrag ist, um ihn im Falle weitergehenden Interesses kontaktieren zu
können,
• wann der Beitrag erstellt wurde, um dessen Aktualität einschätzen zu können,
• wann der Beitrag verfällt, um rechtzeitig intervenieren zu können, damit der Beitrag wei-
terhin vorhanden bleibt.
B. Implizite Kollektivierung
Wissen kann nicht nur in expliziter, sondern auch in impliziter Form weitergegeben werden.
Dieser Transformationspfad ist ebenso wichtig, wie der oben genannte (A.). Die Vermittlung
impliziten Wissen geschieht im wesentlichen auf Basis verbaler Kommunikation, z.B. in
Form von Vorträgen, Schulungen, Arbeitskreisen oder persönlichen Gesprächen. Der Einsatz
von Medien ist dabei auf die Sprache beschränkt, denn Präsentationen über Flipchart, Folien
oder Videobeamer stellen eine Form expliziten Wissens dar. Die implizite Kollektivierung ist
auf den anwesenden Personkreis beschränkt und i.d.R. weniger pointiert als die explizite Va-
riante. Die Effizienz dieses Prozesses kann durch die Entwicklung einer Gesprächskultur
signifikant gesteigert werden. So wird durch die Verwendung einer einheitlichen Begriffswelt
sowie durch Verweise auf die kollektive, kognitive Struktur die Verständigung verbessert und
das Verständnis vertieft. Auch im Rahmen der verbalen Kommunikation ist der Einsatz von
Grafik möglich: die Verwendung von Metaphern und Bildsprache steigert den Informations-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 143
durchsatz und das Verständnis auf Seiten der Empfänger. Physische Orte des Kontakts,
wie Großraumbüros, Kaffeeküchen und Besprechungsräume unterstützen die implizite Form
der Wissensweitergabe. Implizites Wissen wird aber auch durch Beobachtung übertragen, so
lernen z.B. junge Berater durch die Zusammenarbeit mit erfahrenen Kollegen, ähnlich dem
Prinzip des Sempai-kohai (siehe Kap.3.2.5.1), methodische Vorgehensweisen, den Umgang
mit Kunden, fachliche Inhalte u.a. kennen.
5.1.3.3 Wissensverwaltung
Der Prozeß der Wissensverwaltung wird von der Maxime getrieben, eine kontinuierliche
Nutzbarkeit des kollektiven Wissens sowie dessen Effektivität sicherzustellen. Dazu ist es
notwendig, laufend die Verfügbarkeit, Validität, Reliabilität sowie die Aktualität des vorhan-
denen Wissenspools zu kontrollieren und gegebenenfalls steuernd einzugreifen, wenn einer
der genannten Parameter nicht erfüllt ist. Die Wissensverwaltung in diesem Sinne behandelt
ausschließlich explizites Wissen.
A. Verfügbarkeit
Im Rahmen der Verfügbarkeit ist sicherzustellen, daß Wissen sowohl vorhanden als auch zu-
greifbar ist. Die Sicherstellung der Verfügbarkeit ist unabhängig von der jeweiligen
Wissensart und kann sehr effizient durch elektronische Systeme übernommen werden. Das
Vorhandensein wird zum einen durch den vorhergehenden Prozeß der Wissensvermittlung
und zum anderen durch den Schutz vor ungewolltem Verlust sichergestellt. Verteilte Daten-
banken ermöglichen die Ablage expliziten Wissen in einem kollektiven Wissenspool, dessen
Vorhandensein durch regelmäßige Backup- und leistungsfähige Restore-Verfahren sicherge-
stellt werden kann. Der Zugriff auf vorhandenes Wissen sollte ortsunabhängig sein, was eine
leistungsfähige technische Infrastruktur voraussetzt. Innerhalb des eigenen Unternehmens
kann an stationären Arbeitsplätze über ein lokales Netzwerk (LAN) bzw. an mobilen Arbeits-
plätzen über ein kabelloses, lokales Netzwerk (Wireless LAN) auf den Wissenspool
zugegriffen werden. Außerhalb des Unternehmens ermöglichen an stationären Einwählknoten
Wide Area Networks (WAN) oder Metropolitan Networks (MAN) sowie das Internet physi-
sche Zugriffspfade zum Wissenspool. Im mobilen Einsatz außerhalb des eigenen
Unternehmens kann über ein Modem und das Telefon-Festnetz bzw. über ein GSM-Modem
und das Mobilfunknetz ein Zugang zum Wissenspool hergestellt werden. Die genannten tech-
nischen Übertragungstechniken zeichnen sich regelmäßig durch hohe Investitions- und
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 144
Betriebskosten sowie niedrige Zugriffsgeschwindigkeit aufgrund geringer Bandbreite der
Netze aus. Eine günstige Alternative stellt die Replikation der Wissensbestände auf lokale
Speichereinheiten (Festplatte, CD-ROM, etc.) dar. Beschränkt ist dieser Mechnismus allein
durch die lokal verfügbaren Speicherkapazitäten. Ernst&Yong komprimiert aus diesem Grund
besonders wichtiges Wissen in sogenannten Powerpacks (vgl. Kap.3.3.5.6), ca. 100-150 MB
großen Lotus Notes Datenbanken. Booz, Allen & Hamilton vermeidet dagegen die Verwen-
dung von Grafik und codiert den größten Teil des Wissens in Form von Text (vgl.
Kap.3.3.5.2). Ausreichend dimensionierte Festplatten (10-30 GB) in Kombination mit wie-
derbeschreibbaren CD-ROMs können einen großen Teil dieser Probleme umgehen und die
ständige Verfügbarkeit des notwendigsten Wissens sicherstellen. Im Bedarfsfall ermöglicht
der Einsatz der o.g. Zugangsmechanismen zum kollektiven Wissenspool das Nachladen wei-
teren Wissens.
B. Validität
Die Überprüfung der Wissensvalidität soll sicherstellen, daß das verfügbare Wissen korrekt
ist. Die Validitätsprüfung ist ein hochgradig intellektueller Vorgang, der nach dem heutigen
Stand der Technik und Wissenschaft nicht von Systemen übernommen werden kann. Die ein-
setzbaren Methoden der Validitätsprüfung hängen von der jeweilig betrachteten Wissensart
ab, so daß hier eine differenzierte Betrachtung notwendig ist. Faktenwissen umfaßt Angaben
über Personen, Dinge oder Sachverhalte, ist demzufolge objektiv überprüfbar und liegt i.d.R.
redundant vor, d.h. es ist häufig möglich, auch ohne vertiefte Detailkenntnisse durch Ver-
gleich mit anderen Quellen die Validität von Faktenwissen zu überprüfen. Faktenwissen ist
relativ gering mit Einzelpersonen korreliert und kann daher auch von anderen Personen als
dem Wissenserzeuger (z.B. von Mitarbeitern des Back Office) überprüft und verwaltet wer-
den. Prozeßwissen ist dagegen weniger objektiv und beruht eher auf extern getriggerten
Vereinbarungen und Regeln. Die Validität von Prozeßwissen ist daher nicht per se überprüf-
bar, sondern setzt einen Abstimm- oder Entscheidungsprozeß voraus. Benannte Gremien oder
Einzelpersonen stellen dabei die Korrektheit der erfaßten Prozesse, Methoden und Verfahren
sicher. Das Heuristische Wissen beruht allein auf Erfahrungen, deren korrekte Wiedergabe
und Gültigkeit i.d.R. schwer überprüfbar ist. Die Validitätsprüfung dieser Wissenart kann
weder an Hilfskräfte noch an Gremien übertragen werden, sondern obliegt ausschließlich dem
Wissenserzeuger (Wissensowner-Prinzip).
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 145
C. Reliabilität
Die Reliabilitätsprüfung stellt sicher, daß verfügbares, valides Wissen auch verständlich,
nachvollziehbar und damit nutzbar ist. Die Sicherstellung der Wissensreliabilität beginnt be-
reits während der Wissensvermittlung, muß sich aber auch im Rahmen der
Wissensverwaltung fortsetzen. In jedem Unternehmen existiert eine gewisse Anzahl regelmä-
ßig verwendeter Geschäftsobjekte, die sich durch ihre charakteristischen Eigenschaften
sinnvoll beschreiben lassen. Ein Wissensbeitrag stellt eine Instanz eines Geschäftsobjekts dar
und besteht aus dem eigentlichen Inhalt sowie einer strukturgebenden Form, in die der Inhalt
eingefügt ist. Es gilt, sowohl für den Inhalt als auch für die Struktur der Beiträge, geeignete
Konzepte und Werkzeuge zu deren optimaler Ausgestaltung zu finden.
Durch die Abbildung der Geschäftsobjekte mit Hilfe strukturgebender Werkzeuge, wie vorge-
fertigte Formulare, Vorlagen und Datenbankmasken werden zwei Effekte erzielt. Zum einen
unterstützt eine vorgefertige Struktur die inhaltliche Aufbereitung des Wissens und zum ande-
ren wird der Inhalt in eine kollektiv verwendete Form gebracht. Ein späterer Nutzer muß dann
lediglich den eigentlichen Inhalt verarbeiten, die Struktur wird durch mehrfachen Gebrauch
rasch in sein implizites Wissen übergehen (Wiedererkennungseffekt). Die Inhalte können
durch eine geschickte Kombination unterschiedlicher Darstellungsmedien, wie Skizzen, Gra-
fiken, bewegten Bildern oder Ton effizient vermittelt werden, was allerdings die
Verfügbarkeit geeigneter Werkzeuge sowie die Fähigkeit, diese einzusetzen, voraussetzt. Die
Entwicklung und Pflege einer einheitlichen Begriffswelt ermöglicht eine komprimierte Dar-
stellung, welche den mit bekannten Begriffen assoziierten Kontext implizit nutzt. Dieser
Effekt wird durch explizite Assoziationen, wie Hyperlinks und Verweise, noch verstärkt.
D. Aktualität
Eine kontinuierliche Überprüfung der Aktualität des kollektiven Wissenspools soll sicher-
stellen, daß verfügbares, valides und reliables Wissen zum gegebenen Zeitpunkt noch sinnvoll
verwendbar ist. Veraltetes Wissen muß aussortiert oder wenn möglich aktualisiert werden,
damit die Nutzbarkeit des Wissenspools gewahrt bleibt. Dieser Prozeß entspricht der Funktion
des menschlichen Gedächtnis', ist allerdings aufgrund der Beteiligung vieler Personen und
deren Gedächtnisinhalte wesentlich komplexer. Wer soll in einem Kollektiv entscheiden, wel-
cher Beitrag, wann entfernt (vergessen) wird? Diese Entscheidung kann i.d.R. nicht von
Einzelpersonen getroffen werden, selbst der Autor eines Beitrags kann diese Entscheidung
nicht treffen, da möglicherweise andere Autoren bereits auf seinen Beitrag verweisen. Der
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 146
Prozeß des organisationalen Vergessen beschreibt eine Möglichkeit diesen Zielkonflikt zu
lösen (siehe Abb.57).
Verfallsdatum
abgelaufen?
Kurzzeit-
gedächtnis
Verfallsdatum
Ja
Nein
Vergessens-
puffer Langzeit-
gedächtnis
Erinnerung?
Ja
Nein
Abbildung 57: Prozeß des organisationalen Vergessens
Jedes Dokument erhält bei seiner Erstellung eine Gültigkeitsdauer (Verfallsdatum), die vom
Autor frei verändert werden kann. Er kann frei entscheiden, ob sein Beitrag nur einen Tag
oder aber mehrere Jahre bestehen soll. Ist das Verfallsdatum erreicht, beginnt der Prozeß des
Vergessens, d.h. der Beitrag wird als Kandidat für das Archivieren ausgewiesen und in einem
Vergessenspuffer entsprechend kenntlich gemacht. Nach einem definierten Zeitraum wird das
Dokument automatisch aus diesem Puffer entfernt und archiviert. Während dieses Zeitraums
kann jeder Mitarbeiter den Beitrag in das kollektive Kurzzeitgedächtnis zurückholen (Erin-
nern). Das Löschen eines Beitrags ist grundsätzlich weder für den Autor noch für andere
Mitarbeiter möglich. Auf diese Weise kann sichergestellt werden, daß das kollektive Kurz-
zeitgedächtnis stets aktuelles Wissen enthält, daß aber altes Wissen nicht endgültig verloren
geht, sondern im Langzeitgedächtnis weiterhin verfügbar ist.
5.1.3.4 Wissensnutzung
Die bisher beschriebenen Prozesse des Wissensmanagements haben die Aufgabe, sicherzu-
stellen, daß Wissen vorhanden, verwendbar, korrekt und aktuell ist. Im Rahmen der
Wissensnutzung gilt es, einen einfachen und schnellen Zugang zum kollektiven Wissenspool
zu ermöglichen. Wie kann sichergestellt werden, daß alle Mitarbeiter in einem sich kontinu-
ierlich verändernden Wissenspool in angemessener Zeit genau das Wissen finden, das sie
gerade benötigen? Prinzipiell stehen hierzu zwei unterschiedliche, komplementäre Zugangs-
mechanismen zur Verfügung:
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 147
a) Suche
Der Zugangsmechanismus der Suche ermöglicht eine schnelle ad hoc-Abfrage bestehender
Inhalte zu einem bestimmten Stichwort bzw. zu einer boolschen Verknüpfung mehrerer
Stichworte. Die Qualität der Suchergebnisse hängt dabei hochgradig von der Fähigkeit des
Suchenden ab, seine implizite Vorstellung mit Hilfe der verfügbaren syntaktischen Funktio-
nen auszudrücken. Während die syntaktische Funktionalität einer reinen Volltextsuche auf die
Verknüpfung eigener Suchbegriffe mit den boolschen Operatoren AND, OR, NOT reduziert
ist, lassen sich mit einer Kontextsuche qualitätiv hochwertigere Ergebnisse erzielen. Dazu ist
ist es allerdings notwendig, die Inhalte einer Wissensbank mit Metawissen anzureichern, was
i.d.R. eine redaktionelle Tätigkeit darstellt. Dabei werden die einzelnen Dokumente mit Hilfe
mehrdimensionaler Kontextstrukturen (Thesauri) verschlagwortet. Notwendige Vorausset-
zung für eine effektive Kontextsuche ist daher die Erstellung geeigneter Thesauri, die das
Unternehmensgeschäft abbilden und dabei die unternehmenseigene Sprache verwenden.
Bei beiden Suchmethoden besteht allerdings immer eine gewisse Ungewißheit über den Ab-
deckungsgrad der jeweiligen Suche, da ein Suchergebnis lediglich einen temporären
Ausschnitt des aktuellen Wissensbestands darstellt. Es bleibt unklar, ob weitere im jeweiligen
Kontext interessante Beiträge vorhanden sind. Daher stellt die Suche allein keinen ausrei-
chenden Zugangsmechanismus zum kollektiven Wissenspool dar. Auch die ausgefeiltesten
Suchmaschinen können diesen Mißstand nicht beheben, da sie regelmäßig einen sehr leis-
tungsfähigen Mechanismus aus acht lassen: die Assoziationsfähigkeit des Menschen (vgl.
Kap.3.2.2.3).
b) Navigation
Neben der Suche stellt die Navigation den zweiten Zugangsmechanismus zum Unterneh-
menswissen dar. Hierbei wird davon ausgegangen, daß der Mensch in der Lage ist, sehr
schnell die Relevanz eines Beitrags für seinen spezifischen Anwendungskontext zu erfassen
und zu beurteilen. Er verwendet dazu, im Gegensatz zu Suchmaschinen, sein implizites Vor-
wissen. Der Zugangsmechanismus der Navigation nutzt dieses Potential und integriert die
menschliche Assoziationsfähigkeit mit den Möglichkeiten der computergestützten Aufberei-
tung von Beiträgen. Die Navigation setzt das Vorhandensein von Strukturen voraus, in denen
sich der Navigierende bewegen kann. In einem unternehmensweiten Wissenspool handelt es
sich dabei sinnvollerweise um eine Abbildung der kollektiv verwendeten Geschäftsobjekte in
eine kollektive, kognitive Struktur. Ein optimales Navigationskonzept umfaßt eine Kombina-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 148
tion aus dauerhaften Strukturen, die dem Nutzer auf Basis eines Wiedererkennungseffekts
eine schnelle Orientierung in den Wissensbeständen ermöglichen, sowie aus dynamischen
Strukturen, die eine nahtlose Integration der sich kontinuierlich ändernden Inhalte sicherstel-
len. Eine effiziente Kombination dieser Strukturen stellt eine hierarchische Gliederung (vgl.
Kap.3.2.2.3) dar, bei der die oberen Ebenen der Navigationsstruktur eine große Stabilität und
damit einen hohen Wiedererkennungseffekt aufweisen, während die unteren Ebenen aufgrund
der kontinuierlichen Anpassung an die wechselnden Inhalte einem dynamischen Wandel un-
terliegen. Die aktive Zusammenstellung bestehender Inhalte zu einer Wissenskarte
(Roadmap) durch den Anwender bietet eine effiziente Möglichkeit, in dynamischen Struktu-
ren Inseln der Stabilität einzurichten. Die Roadmap bildet den Ausgangspunkt für eine
Navigation in kontextspezifischen Anordnungen innerhalb der kollektiven, kognitiven Struk-
tur. Von dort aus wird auf weitere zum jeweiligen Themenkomplex gehörende Inhalte
verzweigt.
5.1.4 Kompetenz-Netzwerke: Macht des Indirekten Wissens
"Gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß“
Soziologe und Philosoph Georg Simmel
In einer Gesellschaft, die sich durch ein exponentielles Wachstum des Informationsbestandes
auszeichnet (vgl. Kap.2.1), ist es für den einzelnen nicht mehr möglich, alles zu wissen. Die
Entwicklung des universitären Lehrangebots verdeutlicht diese Situation. Während im 18.
Jahrhundert ein Studium die wesentlichen Gebiete der Wissenschaften umfaßte, bildeten sich
im Laufe der Zeit einzelne Studienrichtungen heraus. Im 19. Jahrhundert studierte man bereits
explizit ein einzelnes Studienfach und wurde entweder Arzt, Jurist, Literat o.ä.. Im ausgehen-
den 20. Jahrhundert gibt es über 1000 unterschiedliche Studienabschlüsse. Das universitäre
Lehrangebot, das als Spiegel des exisiterenden Wissens angesehen werden kann, repräsentiert
damit die strukturelle Entwicklung der Wissensumfänge. Ausgehend von einem Basiswissen,
einer überschaubaren Menge einzelner Wissensinseln, die sich einerseits durch einen geringen
Detaillierungsgrad (Wissenstiefe) und andererseit durch einen hohen Generalisierungsgrad
(Wissensbreite) auszeichnen, entwickelte sich eine Vielzahl isolierter Wissensinseln mit gro-
ßer Wissenstiefe und geringer Wissensbreite (siehe Abb. 58). Damit entsteht eine Situation, in
der der Einzelne, nicht mehr in der Lage ist, das verfügbare Wissen aufzunehmen und zu
speichern und zusätzlich mit einem kontinuierlich wachsenden Wissensumfang konfrontiert
wird. Wie begegnet man diesem Phänomen der Wissensflut?
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 149
Ein exponentiell wachsender Wissensumfang zwingt zu einer stetig steigenden Speziali-
sierung und zu einer deutlichen Differenzierung der Arbeitsanforderungen. Das Wissen von
Spezialisten ist durch eine geringe Wissensbreite und eine umso größere Wissenstiefe ge-
kennzeichnet. Neben hervorragend ausgebildeten und kontinuierlich in ihrem Spezialgebiet
lernenden Spezialisten werden daher zunehmend Generalisten benötigt, die in der Lage sind,
Spezialisten zu koordinieren. Es geht für sie nicht mehr darum, zu wissen wie man etwas
macht (direktes Wissen), sondern vielmehr darum, zu wissen, wer weiß wie es gemacht wird
(indirektes Wissen). Der Aufbau von Netzwerken aus Wissensträgern, hier als Kompetenz-
Netzwerke bezeichnet, stellt dabei eine zentrale Herausfordung für zukünftige Wissensarbeiter
dar. In globalen Dimensionen betrachtet scheint sie auf den ersten Blick allerdings als unlös-
bar.
Abbildung 58: Generalisten koordinieren Spezialisten
Bei genauerer Betrachtung ist die Welt nicht so groß, wie es bei einer Gesamtpopulation von
6 Milliarden Menschen und damit ebensovielen potentiellen Kandidaten für ein Kompetenz-
Netzwerk auf den ersten Blick erscheint. In einer durch Verkehrs- und Kommunikationstech-
nik weltweit vernetzten Welt, lassen sich Kontakte zu gesuchten Wissensträgern relativ
schnell herstellen. So hat der Mathematiker Milgram bereits 1967 errechnet, daß bei einer
Populationsrate von einer Milliarde Menschen unter der Annahme, daß jeder Mensch hundert
weitere Menschen kennt, es möglich ist, über maximal sieben Kontaktpersonen eine Verbin-
dung zu jeder beliebigen anderen Person auf dieser Welt herzustellen [vgl. Milgram 1967]. J.
Guare hat diesen Ansatz aufgegriffen und 1990 in seinem Beitrag „A Play“ das Konzept der
„Six Degrees of Seperation“ beschrieben [vgl. Guare 1990]. Zwei Personen die einander ken-
nen, haben demnach einen Trennungsgrad von eins, kennen sie sich nur über einen
Bekannten, so haben sie einen Trennungsgrad von zwei usw. Guare kommt zu dem Ergebnis,
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 150
daß die Menschen dieser Welt einen durchschnittlichen Trennungsgrad von sechs besit-
zen. 1998 formalisierten Watts und Strogatz diesen Ansatz zu einem Konzept, welches sie
small-world networks nennen [vgl. Watts/Strogatz 1998]. Darin betrachten sie im wesentli-
chen die Gefahren der Verbreitung von Infektionskrankheiten bzw. deren
Vermeidungsmöglichkeiten und kommen zu dem Resultat, daß eine kleine Anzahl gut-
vernetzter Menschen ausreicht, um die Welt klein werden zu lassen.
Für Unternehmensberatungen bedeutet diese Erkenntnis, daß der Aufbau eines small-world-
networks bzw. eines Kompetenz-Netzwerks die Möglichkeit bietet, eine weltweite Schlüssel-
position einzunehmen (siehe Abb 59). Aufgrund ihrer häufig wechselnden Auftraggeber und
Einsatzgebiete sowie den damit verbundenen umfangreichen Kontakten, haben sie die Chan-
ce, eine große Welt signifikant zu verkleinern. Dazu ist es notwendig, das gesammelte
indirekte Wissen systematisch zu bewirtschaften. Allein mit den klassischen Software- und
Bürokonzepten ist diese Aufgabe nur schwer zu bewältigen, innovative Wissensmanagement-
Systeme können hier einen wesentlichen Beitrag leisten. Anstatt alles prinzipiell verfügbare
Wissen mit großem Aufwand in einem großen Data Warehouse einzusammeln und bei Bedarf
mit aufwendigen Suchalgorithmen zu suchen (Data Mining), werden stattdessen neben hoch-
verdichteten und vernetzten Informationen insbesondere die jeweiligen Know how-Träger
systematisch verwaltet. Bei Bedarf ist es dann möglich, die jeweils relevanten Wissensträger
und ihr implizites Wissen gezielt in die betrieblichen Entscheidungsprozesse einzubinden.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 151
Abbildung 59: Evolutionsstufen der Wissensbewirtschaftung
5.1.5 Kontinuierliche Steigerung der Projekteffizienz durch Wissensmanage-
ment
„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, der ist dazu ver-
dammt, sie zu wiederholen.“
George Santayan, The Life of Reason (1905)
Die typische Auftragsform einer Unternehmensberatung ist das Projekt, daher ist der Ge-
schäftserfolg und der Ruf der Beratung hoch mit dem Projekterfolg korreliert. Zudem
beauftragen Firmen eine Unternehmensberatung i.d.R. wegen des Wissensvorsprungs, den
ihre Mitarbeiter im Rahmen ähnlicher Projekte erworben haben (vgl. Kap.3.3.1). Beratungs-
unternehmen sollten daher nicht nur auf die erfolgreiche Durchführung des jeweiligen
Projektes bedacht sein, sondern auch an die Generierung umfangreicher Lerneffekten und
deren Nutzung für Folgeprojekte denken. Bisherige Theorien und Konzepte des Projektmana-
gement betrachten ein Projekt in der Regel als einen Prozeß mit definiertem Anfang und Ende
(vgl. Kap.3.1.1). Diese Sichtweise ist auf die Anforderungen von Industrieunternehmen und
Forschungseinrichtungen ausgerichtet, die komplexe Themengebiete als projekthaftes Vorha-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 152
ben abwickeln und damit tunlichst auch abschliessen wollen. Die Durchführung mehrerer
ähnlich- oder gleichgearteter Projekte zu einem Themengebiet und die Wiederverwendung
der einmal erarbeiteten Projektergebnisse, wie es für Unternehmensberatungen relevant ist, ist
in diesem Szenario nicht Gegenstand der Betrachtung. Daher besteht in klassischen Projekt-
managementansätzen eine konzeptionelle Lücke zwischen dem Abschluß eines Projekts und
dem Übergang in ein neues Projekt. Das im Folgenden vorgestellte Konzept der Projekt-Helix
liefert die theoretische Grundlage für ein effizientes Wissensmanagement im Projektverlauf.
Beratungsprojekte lassen sich durch charakteristische Stati oder Lebensabschnitte beschrei-
ben, die ein solches Projekt typischerweise durchläuft. Ein generisches Konzept, das
Möglichkeiten zur individuellen Verfeinerung zuläßt, umfaßt die folgenden Projektstati:
Projektidee
Projektidee
Nachbereitung
Nachbereitung
Durchführung
Durchführung
Vorbereitung
Vorbereitung
Auftrag
Auftrag
Angebot
Angebot
Abschluß
Abschluß
Abbildung 60: Lebenszyklus von Beratungsprojekten
Jeder der beschriebenen Projektlebensabschnitte wird durch eine spezifische Abfolge von
Aktivitäten erreicht und verursacht demzufolge einen gewissen Zeit- und Kostenaufwand.
Eine Steigerung der Projekteffizienz kann demnach durch Reduktion der Einzelaufwände je
Projektstatus erreicht werden. Durch die Nutzung von Lerneffekten aus bereits durchgeführ-
ten Projekten, lassen sich diese Einzelaufwände reduzieren und somit eine kontinuierliche
Verbesserung der Projekteffizienz erreichen. Die entsprechende geometrische Metapher ist
die einer Spirale, deren Radius den jeweiligen Aufwand repräsentiert. Die Effekte des Wis-
sensmanagements im Projekt entsprechen demnach einer kontinuierlichen Verringerung der
Radien der Projektaufwandskreise (siehe Abb. 61). Dabei ist insbesondere die zeitliche Ent-
wicklung zu berücksichtigen, da die kontinuierliche Veränderung der Umfeldparameter eine
Umfeldanalyse notwendig macht. „Alles fließt und nichts bleibt bestehen; alles vergeht und
nichts bleibt an seinem Ort. ...Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen, denn immer
neue Wasser führt er herbei. ... Im Wandel finden die Dinge zur Ruhe.“ [Heraklit, Fragmente].
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 153
Die Betrachtung der Zeit als dritte Dimension des Modells führt zum Konzept der Pro-
jekt-Helix (siehe Abb. 61):
Aufwand
Zeit
Abbildung 61: Modell der Projekt-Helix
5.1.6 Kommerzielle Vermarktung des eigenen Wissens durch K-Commerce
Unternehmensberatungen bieten i.d.R. keine realen Güter an, sondern die Fähigkeiten und
Erfahrungen ihrer Berater, sowie deren Möglichkeit, bei Bedarf auf weiteres Wissen im Un-
ternehmen zuzugreifen (indirektes Wissen). Die Berater erwerben den größten Teil ihres
Wissens durch eigene Erfahrungen, die sie im Rahmen von Kundenprojekten generieren. Mit
Hilfe eines innovativen Wissensmanagementsystems, wie z.B. dem im Rahmen dieser Arbeit
entwickelten System K3, läßt sich dieses Wissen effizient bewirtschaften und verfügbar ma-
chen. Der Wert eines Beratungsunternehmens liegt allerdings nicht nur in der prinzipiellen
Verfügbarkeit angesammelten Wissens, sondern insbesondere auch in der Fähigkeit, dieses
Wissen zum Nutzen des Kunden einzusetzen. Das setzt zum einen die Existenz einer Nach-
frage nach dem Wissensangebot und zum anderen die Identifikation des Nachfragers und die
Herstellung eines Kontaktes voraus. In diesem Sinne tritt ein Beratungsunternehmen mit sei-
nem Wissensumfang auf einem Wissensmarkt als Anbieter auf, der über ein attraktives
Angebot Kunden gewinnen möchte. Verfügbares Wissen kann dazu genutzt werden, Interesse
auf Seiten bestehender oder potentieller Kunden zu wecken (vgl. Kap.3.2.4.4). Zum Teil set-
zen Unternehmensberatungen zu diesem Zweck bereits regelmäßig veröffentlichte
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 154
Zeitschriften ein, mit denen Sie sowohl Wissen anbieten als auch gleichzeitig ihre eigene
Kompetenz in den beschriebenen Anwendungsszenarien und Themengebieten dokumentieren.
So werden vierteljährlich und kostenlos von Arthur D. Little das Magazin Prism, von Diebold
das Diebold Management Journal und von AT Kearney die Executive Agenda an Kunden
bzw. Wunschkunden verteilt. Die Dynamik und die kurze Halbwertszeit des Produktes Wis-
sen erschweren allerdings die Gestaltung des Angebot-Portfolios sowie die Prozesse der
Geschäftsanbahnung. Traditionelle Mittel des Marketing, wie z.B. Media-Werbung, Ver-
kaufsförderung, Direktwerbung und Öffentlichkeitsarbeit werden dieser Dynamik i.d.R. nur
schwerlich gerecht [vgl. Schmalen 1990, S. 323].
Electronic-Commerce (E-Commerce) stellt einen neuen Kommunikations- und Distributions-
kanal dar, der auf die weltweite Verfügbarkeit des Internet aufsetzt und dieses als Vertriebs-
bzw. Marketinginstrument einsetzt [vgl. Evans/Harrison 1998]. Neben einer preisgünstigen
Informationspolitik erlaubt E-Commerce insbesondere Unternehmen, die mit realen Gütern
handeln durch die Umgehung von Zwischenhändlern und die Veringerung der dauernden La-
gerbestände, der sogenannten „eisernen Bestände" [Schmalen 1990, S.235 f.], eine
signifikante Reduzierung der Bereitstellungskosten. Für Unternehmen der Dienstleistungs-
branche, zu der auch die Unternehmensberatungen gerechnet werden, steht der Vorteil eines
schnellen und birektionalen Kommunikationskanals zwischen Anbieter und Nachfrager im
Vordergrund. Laut der Studie Digitale Kommunikation der Diebold Deutschland GmbH und
der Yukom New Media GmbH wird das Medium E-Commerce allerdings durchweg noch
unzureichend genutzt: "Die Qualität der bisherigen Online-Auftritte und die dort präsentierten
Inhalte lassen in vielen Fällen allerdings zu wünschen übrig." [Glanz et. al., 1998].
Für Unternehmensberatungen bietet das Internet eine effektive Möglichkeit, ihr Wissen dar-
zustellen, ihre Fähigkeiten zu dokumentieren und sich auf diesem Weg als qualifizierter
Anbieter für überdurchschnittliche Beratungsleistung zu präsentieren. In Analogie zu E-
Commerce wird ein internet-basierter Handel mit dem Produkt Wissen hier als Knowledge-
Commerce (K-Commerce) bezeichnet. Es bietet potentiellen Kunden die Möglichkeit, sich
einen Überblick über die Kompetenzfelder und die aktuellen Wissensangebote der anbieten-
den Unternehmensberatung zu verschaffen und über das Medium Internet mit dem
Beratungsunternehmen gezielt zu einem spezifischen Themengebiet in Kontakt zu treten. Ein
dynamisches und attraktives Wissensangebot in Verbindung mit bidirektionalen Kommuni-
kationsmöglichkeiten kann Interessenten und Kunden dauerhaft, z.B. in Form von
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 155
Expertendiskussionen, an das Beratungsunternehmen binden und zu neuen Geschäftsbe-
ziehungen führen. K-Commerce setzt innovative, internet-basierte Technologien für die kon-
tinuierliche, dynamische Distribution von aktuellem Wissen voraus sowie die Bereitschaft des
anbietenden Unternehmens, das vorhande, unternehmenseigene Wissen zu teilen. Der eigent-
liche Wert liegt dabei nicht in der reinen Existenz des Wissens, sondern in der Fähigkeit,
dieses zum Kundennutzen einzusetzen.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 156
5.2 Aufbaukonzept Knowledge City
5.2.1 Metamodell der Wissensstadt
„When I was a child in Philadelphia, my father told me that I didn’t need
to memorise the contents of the Encyclopedia Britannica; I just needed to
know how to find what is in it.“
Richard Saul Wurmann [in: Frappaolo 1997]
Im Rahmen des Wissensmanagements gilt es, die Komplexität des Betrachtungsgegenstandes,
in diesem Fall das Wissen in der Unternehmensberatung, zu beherrschen. Simon legt dar, daß
die Tatsache, daß viele komplexe Systeme eine zerlegbare hierarchische Struktur besitzen,
eine der wesentlichen Grundlagen dafür ist, daß wir solche Systeme und ihre Bestandteile
verstehen, beschreiben oder einfach erkennen können [vgl. Simon 1982, S.218]. Und auch
Booch vertritt diese Ansicht: „Und tatsächlich hat es den Anschein, als ob wir nur Systeme
verstehen, die eine hierarchische Struktur besitzen." [Booch 1994, S.27]. Minto baut auf die-
ser Annahme mit dem Pyramid Principle eine eigene Logik des Schreibens und Denkens auf
[vgl. Minto 1991]. Nach den heutigen Erkenntnissen der Psychologie benötigt ein Mensch
eine Modellvorstellung von der logischen Struktur und dem ungefähren Umfang des von ihm
verwendeten Wissens (vgl. Kap.3.2.2.2). Tauschen Menschen ihr Wissen aus bzw. teilen es in
einem kollektiven Wissenspool, so kann es nicht zielführend sein, daß jeder Teilnehmer seine
eigene kognitive Struktur bewahrt. Wenn ich eine Sprache nicht spreche, kann ich zwar die
gesprochenen Worte registrieren, sie entsprechen aber keinem Begriff meiner Sprachwelt,
was dazu führt, daß ich meinen Kommunikationspartner nicht verstehe. Ähnlich wie eine ge-
meinsame Sprache stellt eine gemeinsame sogenannte Kognitive Struktur die Voraussetzung
für eine erfolgreiche Verständigung zwischen Personen dar. Dieses Phänomen ist im allge-
meinen Sprachgebrauch unter der Formulierung „die gleiche Sprache sprechen“ bekannt. Der
Austausch expliziten Wissens und die kollektive Nutzung desselben sollte demnach durch
eine kollektiv verwendete Struktur des Wissens deutlich verbessert werden.
Im Rahmen dieses Kapitels wird zu diesem Zweck das Modell eines kollektiven Wissens-
raums entwickelt. Ein Wissensraum setzt sich aus der Gesamtheit aller in dem jeweiligen
Umfeld verwendeten Geschäftsobjekte, wie z.B. Projekte, Ansprechpartner, Protokolle etc.
zusammen. Der Wissensraum zeichnet sich weiterhin durch eine syntaktische Struktur, wel-
che die Geschäftsobjekte in einer hierarchischen Form anordnet sowie eine semantische
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 157
Struktur, welche im Sinne eines Netzwerks die Inhalte logisch verknüpft, aus. Ein ge-
meinsamer Wissensraum entspricht einer Einigung über die gemeinsam zu verwendende
Sprache. Im Umfeld der Unternehmensberatung gilt es, eine geeignete Metapher zu finden,
die den spezifischen Anforderungen der Branche gerecht wird.
Der z.B. von Gemini Consulting verwendete Begriff „Knowledge-Space“ (vgl. Kap.3.3.5.7)
ist eher ungeeignet, da er weder eine dauerhafte Struktur noch eine Abgrenzung impliziert
und damit die Orientierung erschwert. Letztendlich droht ein Zustand der Orientierungslosig-
keit, der auch als "lost in hyperspace" bezeichnet wird (vgl. Kap.3.2.3.4). Der Begriff des
Knowledge-House dagegen bietet über Räume klare und regelmäßig nachvollziehbare Navi-
gationsmöglichkeiten an. Allerdings impliziert ein Haus eine gewisse Abgeschlossenheit und
ist damit nicht ausreichend flexibel für Anpassungen. Als ideale Metapher wird hier daher das
Modell einer Stadt angesehen, die aus klar definierten Einzelobjekten (Häuser) aufgebaut ist,
welche sich in Unterstrukturen (Räume) aufgliedern. Die einzelnen Räume bieten multidi-
mensionale Sichtweisen auf ihre Inhalte (siehe Abb.62). Eine Stadt ist flexibel um weitere
Häuser erweiterbar, behält dabei aber ihre Grundstruktur bei. Zudem sind i.d.R. allen Men-
schen die Navigationsmechanismen in einer Stadt aus ihren täglichen Lebenserfahrungen
bekannt.
Stadt
Haus
Wann?
Wer?
Was?
Wo?
Raum
Inhalt
Abbildung 62: Die Stadt als Basismodell einer kollektiven, kognitiven Struktur
Die Inhalte der Häuser und Räume sind untereinander hochgradig vernetzt bzw. vernetzbar,
wodurch ein hoher Wiederverwendungsgrad des existierenden Wissens erreicht wird. Eine
solchermaßen konzipierte Wissensstadt ermöglicht durch endliche, hierarchische Dekomposi-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 158
tion eine transparente und nachvollziehbare Repräsentation des im Beratungsumfeld rele-
vanten Wissens und trägt damit zur Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses sowie
einer gemeinsamen Begriffswelt bei.
5.2.2 Vom Geschäftsobjekt zur Knowledge City
"Bevor ich beginne, Grenzen zu errichten, hätte ich gern gewußt, was ich
eingrenze oder ausgrenze."
Robert Frost
Die Ablage, Verwaltung und Nutzung von Wissen in einem kollektiven Wissenspool erfordert
einen Einigungsprozeß und ein daraus abgeleitetes gemeinsames Grundverständnis über die
unternehmensspezifische Wissensstruktur. Es gilt, einen Überblick über die vorhandenen Ge-
schäftsobjekte (z.B. Beraterprofile, Projektaufträge, Besprechungsprotokolle etc.) und deren
logische Zusammenhänge zu gewinnen, sowie über die Mechanismen und Methoden mit de-
nen die jeweiligen Geschäftsobjektstrukturen generiert, verwaltet und genutzt werden können.
Mit Hilfe von Wissenskarten kann auf grafischem Wege die Struktur des verwendeteten Wis-
sens dargestellt werden (vgl. Kap.3.2.5.1). Wissenskarten stellen Wissen aus
unterschiedlichen Betrachtungsebenen dar und bieten gegenüber textuellen Repräsentations-
formen folgende Vorteile:
• Sie erhöhen die Transparenz von Wissensbeständen
• Sie erleichtern das Auffinden von Wissensträgern oder Wissensquellen
• Sie erleichtern das Einordnen von neuem Wissen in den existierenden Wissensbestand
• Sie können Geschäftsprozesse mit Wissensbeständen bzw. -trägern verbinden.
Zur Generierung und Strukturierung der Wissenskarten ist eine Analyseprozeß notwendig, der
hier in Anlehnung an die objektorientierte Analyse nach Grady Booch [vgl. Booch 1994]
durchgeführt wird.
Dementsprechend werden die relevanten Geschäftsobjekte im Beratungsumfeld identifiziert,
auf syntaktische und semantische Ähnlichkeiten geprüft und in logisch sinnvolle Cluster
gruppiert. Aus den Clustern werden aussagekräftige Wissenskarten abgeleitet, wobei jeweils
die im entsprechenden Zusammenhang sinnvollste Wissenskartenart eingesetzt wird. Die Zu-
sammenfassung der unterschiedlichen Wissenskarten zu einem stimmigen Konzept stellt
einen hochgradig kreativen Prozeß dar, der an das Unternehmensumfeld angepaßt sein sollte.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 159
Als grundlegendes Strukturkonzept wird die Metapher der Wissensstadt eingesetzt. Häu-
ser entsprechen dabei den o.g. Clustern, während die entwickelten Wissenskarten in Räumen
abgebildet werden. In einem abschließenden Schritt werden die Häuser und Räume mit den
jeweils zur Generierung, Verwaltung, Nutzung und Bearbeitung der enthaltenen Geschäfts-
objekte notwendigen Funktionen und Methoden ausgestattet. Durch die konzeptionelle
Vorgehensweise der geschilderten Methodik kann in endlicher und überschaubarer Zeit eine
stimmige und vollständige Wissensstruktur entwickelt werden (siehe Abb.63).
1. Identifikation
Geschäftsobjekte
2. Gruppierung
Cluster
3. Strukturierung
Räume
4. Funktionalität
Häuser
Abbildung 63: Vom Geschäftsobjekt zur Knowledge City
5.2.3 Architektur der Knowledge City
Die Knowledge City ist ein generisches Modell einer Wissensstadt für Beratungsunterneh-
men. In diesem Modell sind alle Geschäftsobjekte integriert bzw. integrierbar, die im Umfeld
einer Unternehmensberatung benötigt werden. Die Knowledge City bietet damit eine kollek-
tive, kognitive Struktur, über die Wissen in der Organisation repräsentiert, verteilt und
anwenderfreundlich genutzt werden kann. Die Verwendung einer endlichen Struktur, unter-
stützt durch grafische Elemente ermöglicht durch den Wiedererkennungseffekt, der sich bei
jedem Anwender schon nach kurzem Gebrauch einstellt, jederzeit eine leichte Orientierung in
der Struktur des Unternehmenswissens. Damit dieser Effekt dauerhafte Vorteile bietet, weist
die erste Ebene eine hohe Änderungsstabilität auf, während sich auf den tieferliegenden Ebe-
nen die Dynamik der Inhalte stetig erhöht. Auf diese Weise kann sowohl eine kollektive,
kognitive Struktur etabliert als auch die kontinuierliche Assimilation und Akkomodation des
Unternehmenswissens sichergestellt werden (vgl. Kap.3.2.2.2 und Kap.5.1.1). Der Nutzer
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 160
bestehenden Wissens kann durch Navigation in einer bekannten Struktur rasch das von
ihm gesuchte finden oder ggf. auch feststellen, daß das von ihm gesuchte Wissen nicht in der
Knowledge City vorhanden ist. Damit vergeudet er nicht unnötig Zeit mit der Suche nach
nicht vorhandenem Wissen, sondern kann gleich dazu übergeben, alternative Wissensquellen
zu nutzen. Auch für den Bereitsteller neuen Wissens bietet die Knowledge City eine wesentli-
che Erleichterung. Er findet schnell den passenden Platz innerhalb der Struktur, an dem er
sein Wissen ablegen kann, so daß es allen anderen Nutzern zugänglich ist. Der zentrale Zu-
gangsmechanismus zur Stadt des Wissens ist damit die Navigation, die durch den Einsatz von
Roadmaps und Suchfunktionen unterstützt wird (vgl. Kap.5.1.3.4). Auf diese Weise ist jedem
Berater der Zugang zum Unternehmenswissen möglich, so daß er die aktuell besten Erkennt-
nisse, Methoden und Abläufe zum optimalen Nutzen des Kunden einsetzen kann.
Abbildung 64: Verwaltung von Beratungswissen in der Knowledge-City
Die Module (Häuser) besitzen die folgenden Inhalte und Funktionen:
A. Das Haus Headquarter
Im Haus Headquarter wird strategisches Wissen verwaltet. Hier findet der Berater die Vision
des Unternehmens, sowie das Zielsystem und die Unternehmensstrategie. Eine klare Formu-
lierung und Bereitstellung dieser strategischen Eckdaten macht diese für alle Mitarbeiter
transparent. Weiterhin findet sich hier das gesamte Dienstleistungsangebot des Unternehmens
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 161
sowie die organisatorische Aufstellung nach Branchen und Funktionen. Diese Inhalte ent-
sprechen einem Prospekt, in dem sich das Beratungsunternehmen z.B. einem Kunden gegen-
über präsentiert.
B. Das Haus Kompetenz-Netzwerk
Im Haus Kompetenz-Netzwerk werden alle bekannten Wissensträger zusammengefaßt, mit
dem Ziel ein small-world-network aufzuspannen (vgl. Kap.5.1.4). Die Wissensträger werden
in die folgenden Typen unterschieden, für die jeweils ein Raum reserviert ist:
• Mitarbeiter des eigenen Unternehmens
• Gremien, die relevante Gruppierungen innerhalb des Unternehmens zu spezifischen The-
mengebieten darstellen
• Externe Kontakte, die zu einer Firma, einer Universität oder einer einzelnen Person (Ex-
perte) bestehen können
• Kunden, bei denen Projekte durchgeführt wurden bzw. durchgeführt werden
Jeder dieser Typen läßt sich durch spezifische Eigenschaften beschreiben. Wichtig ist dabei
die Angabe der Kontakteigenschaften, wie Name, Telefon, Fax, E-Mail und postalische Ad-
resse, um einen Kontakt zu dem Wissensträger herstellen zu können, sowie die Angabe seiner
speziellen Kompetenzen. Das können zum einen Kenntnisse auf bestimmten Themengebieten
und zum anderen Erfahrungen aus durchgeführten Projekten sein. Die einfachste Funktion ist
die einer alphabetischen Liste, anhand der sich die Kontakteigenschaften einer Person oder
einer Firma herausfinden lassen, eine sogenannte Yellow Page. Während Yellow Pages i.d.R.
keine weiteren Funktionen bieten, stellt das Kompetenz-Netzwerk zusätzliche Funktionen zur
Verfügung. Es liefert Aussagen darüber, welche Kontakte zur einer bestimmten Firma beste-
hen, welche Wissensträger zu einem bestimmten Themengebiet bekannt sind und welche
Personen an einem Projekt gearbeitet hat, bzw. weitergehende Kenntnisse bzgl. dieses Pro-
jekts besitzt. Wenn es sich dabei um einen externen Wissensträger handelt, bietet das
Kompetenz-Netzwerk zudem einen Hinweis auf den internen Ansprechpartner, über den ein
Kontakt herstellen werden kann.
C. Das Haus Toolbox
Im Haus Toolbox findet der Berater ein Angebot der Werkzeuge, die im täglichen Beratungs-
geschäft benötigt werden und die in der vorliegenden abgestimmten Form eingesetzt werden
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 162
sollten, um eine konsistente Qualität der Beratungsleistung zu erreichen. Dazu gehören
die folgenden Elemente, die jeweils in einem Raum des Hauses untergebracht sind:
• Vorlagen
• Methoden
• Vorgänge
• Begriffe
Die Verwendung einheitlicher Dokumentenvorlagen, wie Einladungen, Besprechungsproto-
kolle, Angebote, Briefe, Faxe etc. stellt zum einen eine konsistente Außenwirkung der Berater
sicher (Corporate Identity) und verhindert zum anderen, daß unnötiger Aufwand für die Er-
stellung bzw. Formatierung eigener Vorlagen betrieben wird. Die Beschreibung abgestimmter
und in der Beratungspraxis bewährter Methoden, wie z.B. Gemeinkostenwertanalyse, Prozeß-
kostenrechnung, Brainstorming, Workshop-Moderation etc., bildet die Grundlage einer
einheitlichen, qualitätsgesicherten Vorgehensweise der Berater. Für neue Mitarbeiter bieten
die Methodenbeschreibungen eine Möglichkeit, sich in die unternehmensspezifischen Vorge-
hensweisen einzuarbeiten und sich diese anzueignen. Aber auch allen anderen Beratern bietet
ein ständig verfügbarer Methoden-Baukasten die Möglichkeit, schnell und unkompliziert neu-
es Wissen zu erwerben oder bestehendes Wissen aufzufrischen.
Während Methoden eher komplexe Abläufe und Verfahren beschreiben, lassen sich durch
Vorgänge auch einfache und i.d.R. interne Zusammenhänge darstellen. Vorgänge stellen da-
mit verifiziertes Prozeßwissen dar, d.h. Abläufe, die wiederholt im Arbeitsalltag Anwendung
finden. Ein klare, eindeutige Beschreibung solcher Abläufe, wie z.B. die Einstellung neuer
Mitarbeiter, Buchung von Flügen und Reisen, Abrechnungsmodalitäten, Konfiguration der
IT-Austattung der Berater etc. ermöglicht einen reibungslosen und zügigen Ablauf des Ar-
beitsalltags.
Ein Glossar, in dem sowohl unternehmenseigene als auch im Kundenkontakt erworbene Beg-
riffe und Abkürzungen aufgelistet, erläutert und miteinander in Beziehung gesetzt werden,
ermöglicht das schnelle Einarbeiten in ein Themengebiet und dessen spezifische Fachtermini.
Damit kann ein Berater rasch lernen, die Sprache des Kunden bzw. des Fachgebiets zu spre-
chen. Häufig reicht die Kenntnis von 10-15 Fachtermini eines Themengebietes aus, um in
diesem Bereich zumindest mitreden zu können und als Diskussionspartner akzeptiert zu wer-
den.
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D. Das Haus Projekte & Themen
Im Haus Projekt & Themen pflegt der Berater seine eigenen Projekte und findet das Projekt-
wissen anderer Berater. Die in diesem Umfeld eingesetzten Geschäftsobjekte, die jeweils
einen Raum des Hauses belegen, sind:
• Themen
• Projekte
• Lessons Learned
Themen stellen dauerhafte Aufgabenstellungen dar, die nicht projekthaft abgewickelt werden.
Sie werden durch spezifische Eigenschaften, wie z.B. Ansprechpartner, Schnittstellen, Pro-
jekte etc., beschrieben und bilden damit eine Bündelung themenspezifischen Wissens, ein
sogenanntes Center of Competence. Hier kann sich jeder Berater schnell einen Überblick über
die jeweilige Themenstellung, wichtige interne und externe Ansprechpartner sowie tangierte
Projekte verschaffen.
Wie in Kapitel 2.3.2 dargelegt, wird der größte Teil des Wissens einer Unternehmensberatung
im Rahmen von Projekten generiert. Daher wird das Geschäftsobjekt Projekt durch einen
großen Umfang von Eigenschaften beschrieben, die sich in folgende Kategorien gliedern las-
sen:
• Projektstammdaten
• Executive Summary
• Statusberichte
• Projekt Management
• Meilensteine
• Lessons Learned
Die Stammdaten eines Projektes beschreiben den Projekttitel, das beteiligte Beraterteam, das
Büro, von dem das Projekt koordiniert wird, den Kunden des Projekts sowie dessen Branche
und vermitteln damit einen raschen Überblick über die Art und die Positionierung eines Pro-
jektes. Mit Hilfe einer kurzen Executive Summary werden die Umfeldparameter, wie die
Ausgangslage, die Zielsetzung des Projekts sowie die Schnittstellen zu anderen Projekten
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 164
übersichtlich zusammengefaßt und bieten jedem Interessenten einen schnellen Einblick in
die Rahmenbedingungen des Projektes.
Statusberichte ermöglichen es dem Projektteam, im Laufe ihrer Arbeit den Projektleiter re-
gelmäßig über den Projektverlauf zu informieren und frühzeitig auftretende
Problemsituationen aufzuzeigen. Diese inhaltlichen Beschreibung wird ergänzt durch eine
Ampelsteuerung der Bereiche Termine, Kosten, Qualität, mit deren Hilfe etwaige Mißstände
im Projekt rasch vermittelt und dadurch frühzeitig Gegenmaßnahmen eingeleitet werden kön-
nen. Der Projektmanagementteil umfaßt detailliertere Informationen zu Projektorganisation,
Projektplan, Ressourcenplan, Projekthandbuch und wesentlichen Projektänderungen (Change
Requests). Meilensteine beschreiben die wichtigsten Abschnitte eines Projektes und machen
es späteren Betrachtern möglich, den Projektverlauf nachzuvollziehen.
Das in o.g. Form dokumentierte Projektwissen bietet die Möglichkeit, das jeweilige Projekt
zu beurteilen und Teilergebnisse zu nutzen bzw. wiederzuverwenden. Lessons Learned bein-
halten zusätzlich die Erfahrungen, die im Laufe eines Projektes generiert wurden. Eine
Kategorisierung in Themengebiete wie z.B. Teamzusammensetzung, methodisches Vorgehen,
Politik, externe Kontakte etc. ermöglicht es, diese Lessons Learned systematisch auszuwerten
und im Rahmen nachfolgender Projekt effektiv einzusetzen. Dadurch können sowohl positive
Erfahrungen genutzt als auch erkannte Fehler vermieden werden. Projekt-, kunden- und the-
menbezogene Darstellungen der Lessons Learned erleichtern deren Verwendung für
nachfolgende Projekte.
Unter strategischen Gesichtspunkten bietet das Projekt-Haus eine Übersicht über die Projekt-
landschaft und ermöglicht es, darin weiße Flecken zu identifizieren, d.h. potentielle
Projektthemen oder Kunden. Im Sinne eines Management Informationssystems (MIS) infor-
miert es über den Fortschritt einzelner Projekte sowie über die Auslastung der Mitarbeiter und
bietet damit wertvolles Wissen zur effizienten Steuerung der Ressourcen. Im informativen
Sinne können sich Berater Transparenz über geplante, laufende oder bereits abgeschlossene
Projekte bei einem speziellen Kunden oder einer Branche verschaffen und damit die Potenti-
ale und Risiken des eigenen Projektes abschätzen. Mit Hilfe einer branchen- bzw.
funktionsorientierten Übersicht über die Projektlandschaft ist es möglich, Synergien frühzeitig
zu erkennen und die Erfahrungen aus anderen ähnlichen Projekten zu nutzen.
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E. Das Haus Online
Das Haus Online bietet allen Mitarbeitern die Möglichkeit, schnell und unkompliziert Wissen
in Form eines asynchronen Dialoges auszutauschen. Es besitzt zwei Räume:
• Wissens-Börse
• Kalender
Auf der Wissens-Börse können alle Mitarbeiter ihr Wissens anbieten, Fragen stellen und Dis-
kussionen führen. Sie können ihre Beiträge gleichzeitig in mehreren, unterschiedlichen Foren
anbieten, was die Anzahl der potentiellen Empfänger erhöht und Diskussionen anregt. Eine
multidimensionale Darstellung der Inhalte erleichtert den Umgang sowohl mit den eigenen
Beiträgen als auch mit den Beiträgen anderer Mitarbeiter. Eine autorenbezogene Darstellung
ermöglicht allen Autoren, eigene Beiträge rasch wiederzufinden und eingegangene Antworten
zu überblicken. In einer Kalenderdarstellung finden sich die Beiträge nach Aktualität sortiert
und in einer themenbezogenen Darstellung finden sich alle Beiträge und Antworten zu spe-
ziellen Themengebieten.
Ein kollektiver Kalender ermöglicht es allen Mitarbeitern, Termine bekanntzugeben, die ent-
weder das gesamte Unternehmen oder zumindest eine größere Gruppe betreffen. Das können
Vorträge, Versammlungen, Seminare aber auch Feste und andere Anlässe sein. Durch die
Verwendung eines kollektiven Kalenders kann jeder Mitarbeiter leicht von diesen Terminen
in Kenntnis gesetzt werden, ohne daß jeweils einzelne Benachrichtigungen geschrieben wer-
den müssen. Das Prinzip des Pull-Service reduziert im Vergleich zu einem Push-Service die
Informationsflut bei den Mitarbeitern sowie die Belastung des Netzwerks deutlich (vgl.
Kap.3.2.6.2). Es setzt allerdings eine kontinuierliche Nutzung des Systems voraus, was auf
der anderen Seite wiederum die Systemattraktivität erhöht.
F. Das Haus Qualifizierung
Im Haus Qualifizierung wird ein wesentliches Mittel des Wissenstransfers angeboten: die
Weiterbildung. Dabei werden unterschiedliche Arten der Weiterbildung unterschieden, die
sich in jeweils einem Raum wiederfinden:
• Beratungsspezifische Schulungen
• Allgemeine Schulungen
• Computer Based Training (CBT)
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Beratungsspezifische wie auch allgemeine Schulungen werden in Form von Seminaren
abgehalten. Dabei wird bestes Wissen konsolidiert aufbereitet und im bidirektionalen Unter-
richt von einem Lehrer an Schüler vermittelt. Mit Hilfe der Knowledge City wird Transparenz
über die Ziele und die Inhalte dieser Schulungen sowie die jeweiligen Termine und Veran-
staltungsorte erzeugt. Ein Online-Buchungssystem ermöglicht die einfache Belegung der
Seminare sowie eine übersichtliche Darstellung der jeweiligen Kursauslastung.
Computer Based Training ergänzt das Schulungsprogramm und ermöglicht es den Interes-
senten, ort- und zeitunabhängig Wissen zu erwerben. Damit können zeit- und kostenintensive
Reisen vermieden werden und der Lernende kann seine Lernzeit frei einteilen. Klassische
CBT's transferieren Wissen unidirektional, d.h. der Lernende hat keine Möglichkeit, Fragen
zu stellen oder ein Feedback zum Lerninhalt zu geben. Bidirektionale CBT's bieten einen On-
line-Kommunikationsweg zwischen Lernendem und Lehrer an und kombinieren damit die
Vorteile der Ort- und Zeitunabhängigkeit mit dem Angebot der Lehrer-Schüler-
Kommunikation. Das Haus Qualifizierung ist eng mit dem Haus Projekte&Themen verbun-
den, da sich die Inhalte und Umfänge der Qualifizierungsmöglichkeiten an den Erfahrungen
im Projektgeschäft orientieren.
G. Das Haus News
Es ist relativ aufwendig, regelmäßig in allen Häusern nachzusehen, ob sich ein Beitrag verän-
dert hat oder ob neue Beiträge hinzugekommen sind. Sowohl die Erstellung neuer Beiträge als
auch Veränderungen bestehender Beiträge werden daher automatisch protokolliert und im
Haus News vergleichbar einer Nachrichtenagentur komprimiert dargestellt. Eine zeitliche
Unterteilung dieser Auswertung in die Neuigkeiten des aktuellen Tages, der aktuellen Woche,
sowie des aktuellen Monats erleichtert die Übersicht. Ältere Beiträge müssen auf anderem
Wege, z.B. durch Navigation in der Knowledge City oder Verwendung der Suchfunktion,
beschafft werden.
H. Das Haus Cockpit
Das Haus Cockpit bietet eine Übersicht der Inhalte der Knowledge City aus der Vogelper-
spektive. Die Überlagerung der hausbezogenen Betrachtung durch eine Querschnittsicht wird
hier als orthogonaler Zugang zum Wissen des Unternehmens bezeichnet. Das Cockpit liefert
Aussagen zu Fragestellungen wie: Wer arbeitet an welchen Beiträgen und welchen Anteil an
der Gesamtzahl der verfügbaren Beiträge machen diese aus? Hieraus lassen sich Aussagen
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 167
über die Beteiligung des Mitarbeiters am Wissensmanagement ableitet, was eine Grundla-
ge für wissensorientierte Personalgespräche bietet. Eine automatisch generierte Übersicht
darüber, welche Dokumentenarten besonders intensiv genutzt werden und welche weniger
intensiv bietet einen Überblick über die Akzeptanz und Effektivität der unterschiedlichen Do-
kumentenarten. Eine auf Jahre, Monate und Tage ausgelegte Nutzungsübersicht gibt Hinweise
über die Nutzungsintensität sowie über deren zeitliche Entwicklung. Einer geringen Nutzung
kann durch Anreizsysteme, wie Belohnungen oder Anweisungen, entgegengewirkt werden.
An dem Nutzungsverlauf läßt sich dann der Erfolg dieser Maßnahmen ablesen.
I. Das Haus Suche
Neben dem beschriebenen Navigationsmechanismus in den Strukturen der Knowledge City
bietet eine Volltextsuche über alle Häuser der Knowledge-City einen weiteren Zugangsme-
chanismus zum Wissen der Beratung. Die Suchergebnisse können gespeichert werden und
stehen damit entweder dem Ersteller selbst oder anderen Mitarbeitern zu einem späteren Zeit-
punkt zur Verfügung.
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5.3 Ablaufkonzept Project Knowledge Framework
„Es wird sehr teuer, wenn jeder Mitarbeiter bei jedem Projekt wieder bei
Null anfängt.“
Marc Demarest, Chief Knowledge Officer bei Sequent Computer Systems
Das Kerngeschäft eines Beratungsunternehmens wird projekthaft abgewickelt, so daß regel-
mäßig davon ausgegangen werden kann, daß in dieser Zeit der größte Teil der
Wissensgenerierung stattfindet (vgl. Kap.2.3.2, Kap.3.3.1, Kap.3.3.4). Bisherige Konzepte
des Wissensmanagements im Projekt sehen, abgesehen von einer Dokumentation zum Ende
eines Projektes, keine gezielten Methoden der Wissenssicherung vor. Die Nutzung der be-
schriebenen Potentiale des Wissensmanagements für das Projektgeschäft im Beratungsumfeld
setzt ein im Hinblick auf Wissenssicherung und Wiederverwendbarkeit sinnvolles und leis-
tungsfähiges Konzept zur Dokumentation von Projektwissen voraus. Bisher enthalten
Projektdokumentationen unabhängig von ihrer physischen Realisierungsform eine Unmenge
an oft wenig strukturierten Dokumenten und Informationen, was sich regelmäßig in umfang-
reichen Projektordnern oder etwas subtiler in großen Projektdatenbanken manifestiert. Im
Sinne des hier entwickelten Verständnisses von Wissen handelt es sich hierbei allerdings le-
diglich um Daten und Informationen oder allenfalls um individuelles, explizites Wissen (vgl.
Kap.3.2.1, Kap.5.1.1, Kap.5.1.2). Mangels einer konsistenten, kognitiven Struktur ist es für
nachfolgende Projektleiter und -mitarbeiter regelmäßig nicht möglich, die vorliegenden In-
formationen in angemessener Zeit zu interpretieren. Es gilt einen Weg zu finden, im Projekt
entstandenes Wissen möglichst bereits zum Zeitpunkt seiner Entstehung in geeigneter Weise
in eine kollektive und explizite kognitive Struktur einzubringen.
An dieser Stelle wird ein neu konzipierter Projektablauf vorgestellt, der die Sicherung und
Wiederverwendung von Projektwissen optimal unterstützt und damit nicht nur die Effizienz
eines einzelnen Projektes steigert, sondern insbesondere die kontinuierliche Verbesserung des
Projektmanagements im Sinne der Projekthelix unterstützt (vgl. Kap.5.1.5).
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 169
5.3.1 Grundkonzeption
5.3.1.1 Erweiterung exisitierender Phasenkonzepte
Das Ziel, auf einfache Weise das wesentliche Projektwissen zu erfassen und nutzbar zu ma-
chen, erfordert eine strukturierte, methodische Vorgehensweise entlang des gesamten
Projektlebenszyklus'. Das hier vorgestellte Konzept basiert auf klassischen phasen-
orientierten Ansätzen (vgl. Kap.3.1.2.2), erweitert diese aber um weitere für das Wissensma-
nagement wichtige Projektphasen. Jeder Phasenübergang entspricht dabei einem Wechsel des
jeweiligen Projektstatus' (siehe Abb.65).
Vorschlag Projekt-
auftrag Interne
Abnahme
Kick-off Abschluß Umsetzungs-
Review
Kunden-
kontakt
Projekt-
vorbereitung
Projekt-
installation
Erfahrungs-
sicherung
Projekt -
durchführung
Umsetzungs-
kontrolle
Projekt-
akquisition
Abbildung 65: Erweitertes Phasenkonzept
In diesem Sinne beginnt der Lebenszyklus eines Projekts bereits mit der Herstellung eines
Kontaktes zu dem späteren Kunden. Im Rahmen der Projektakqusition gilt es, zusammen mit
dem Kunden mögliche Projektideen zu identifizieren, diese weiter zu konkretisieren und das
eigene Unternehmen als qualifizierten Projektpartner zu positionieren. Erst dann ist es sinn-
voll, weitere Ressourcen in die Projektvorbereitung zu investieren mit dem Ziel, einen
Projektauftrag zu erhalten. Erst der vom Kunden unterschriebene Projektauftrag führt zu
weiteren Aktivitäten des Projektleiters, dem vor dem eigentlichen Projektstart (Kick-Off) die
zur Bereitstellung der im Projekt erforderlichen Human- und Sachressourcen dringend erfor-
derliche Zeit eingeräumt wird. Die Phase Projektdurchführung nimmt den wohl längsten
Zeitraum in Anspruch, ist im Sinne der Wissenssicherung aber den anderen Phasen gleichge-
stellt. Diese Phase endet mit dem Projektabschluß, also dem Zeitpunkt, an dem keine weiteren
Projektarbeiten durchgeführt werden. Damit ist ein Projekt aber keinesfalls beendet, vielmehr
beginnt nun die unter Wissensmanagement-Aspekten wichtige Phase der Erfahrungssiche-
rung, an deren Ende eine interne Abnahme die korrekte Sicherung des im Projektverlauf
erworbenen Wissens bestätigt. Durch die Phase der Umsetzungskontrolle und ein abschlie-
ßendes Projekt-Review soll ein langfristiger Projekterfolg sowie ein entsprechender
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Lerneffekt sichergestellt werden. Darüberhinaus werden mögliche Folgeprojekte aufge-
zeigt und im Sinne der Projekthelix als neue Ideen in den Projektlebenszyklus eingebracht.
5.3.1.2 Prozeßorientierung im Projektverlauf
Die beschriebenen Projektphasen können sowohl ex ante als auch ex post durch systemati-
sches Wissensmanagement unterstützt werden. So ist es möglich, antizipativ (ex ante) die
erforderlichen Aktivitäten, das jeweils benötigte Wissen und die entsprechenden Wissens-
quellen und -werkzeuge jeder Projektphase zu beschreiben, aufeinander abstimmen und einen
durchgängigen Informationsfluß zu erzielen. Zum anderen lassen sich bereits erworbene und
explizierte Erfahrungen (ex post) nur dann effizient einsetzen, wenn bekannt ist, an welcher
Stelle sich diese sinnvoll verwenden lassen. Die Existenz einer konsistenten Vorgehensweise
im Projektverlauf sowie deren transparente Darstellung als Prozeß bildet die Grundlage für
ein leistungsfähiges projekt-bezogenes Wissensmanagement. Dazu werden die spezifischen
Aktivitäten jeder Phase prozeßhaft beschrieben, so daß der resultierende Metaprozeß als Leit-
faden für Beratungsprojekte dient und eine strukturierte Vorgehensweise sicherstellt (siehe
Abb. 66).
Projektvorbereitung
Projektakquisition
Vorschlag
Kunden-
kontakt Projekt-
auftrag
. . .
Abbildung 66: Prozeßorientierter Projektverlauf
Eine prozeßorientierte Vorgehensweise entlang der o.g. Projektphasen bildet weiterhin die
Grundlage für die Wiederverwendbarkeit von Projektwissen und auch für die Vergleichbar-
keit von Projekten. Auf diese Weise wird es möglich, die Ergebnisse anderer Projekte
sinnvoll zu bewerten, Best-Practice-Beispiele aufzuzeigen und das beste Projektwissen für die
kontinuierliche Steigerung der Projekteffizienz kollektiv zu verwenden. Zudem zeigt eine
konsistente, methodische Vorgehensweise im Projektverlauf ein hohes Maß an Professionali-
tät und ermöglicht es damit, bereits zu Projektbeginn die Akzeptanz des Kunden zu erlangen.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 171
Mit Hilfe von phasenbezogenen Formularen werden gezielt Projektkenngrößen, invol-
vierte Wissensträger und somit das jeweils projektkritische Wissen von unkritischen Projekt-
informationen getrennt und in komprimierter Form erfaßt. Diese gezielte, projektbegleitende
Erfahrungssicherung direkt am Punkt der Wissensentstehung (POO = Point of Origin) und
nicht erst zum Projektabschluß führt zu einer wesentlichen Erleichterung der Projektdoku-
mentation. Die Antizipation des Ablaufs und der im Projektverlauf benötigten Formulare
sowie eine zeitnahe Erfassung können zu einer signifikanten Verringerung des Dokumentati-
onsaufwands führen.
5.3.1.3 Kontrollierter Projektverlauf und Wissenssicherung durch Gateways
Komplexe Prozesse mit hoher Durchlaufzeit erfordern eine systematische Kontrolle des Fort-
schritts und eine regelmäßige Synchronisation der Teilprozesse. Aus diesem Grund werden in
den Prozeßverlauf in regelmäßigen Abständen Zäsuren, sogenannte Gateways, eingezogen,
die jeweils die einzelnen Projektphasen abschließen (siehe Abb. 67). An jedem Gateway wird
der Projektprozeß konsolidiert und sowohl der zeitliche und inhaltliche Fortschritt als auch
die Dokumentation des in der jeweiligen Phase erworbenen Wissens kontrolliert. Anhand
einer Gateway-spezifischen Checkliste wird von einem Entscheidungsträger oder einem Gre-
mium entschieden, ob das Projekt in der vorangegangenen Phase den nötigen Reifegrad
erreicht hat und das jeweils projektkritische Wissen derart sachgerecht und damit wiederver-
wertbar erfaßt wurde, daß die Überwindung des Gateways möglich ist und das Projekt in die
nächste Phase eintreten kann.
Gateway 5
Gateway 1 Gateway 2 Gateway 3 Gateway 4
Projekt-
vorbereitung Projekt-
installation
Projekt-
akquisition Erfahrungs-
sicherung
Projekt
durchführung Umsetzungs-
kontrolle
Gateway 6
Abbildung 67: Knowledge-Gateways
Auf diese Weise wird eine kontinuierliche und gezielte Erfassung des relevanten Wissens
über den gesamten Projektverlauf sichergestellt, was zu einer signifikanten Erleichterung der
abschließenden Dokumentation und Erfahrungssicherung führt. Dabei ist die Dokumentation
konzeptionell derart zu gestalten, daß sie stark konsolidiertes Wissen in einheitlich struktu-
rierter Form enthält. Auf diese Weise entsteht ein Projekthandbuch, das relativ wenige Seiten
umfaßt, welche allerdings das relevante Projektwissen beinhalten. Für Detailinformationen
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wird gemäß dem Konzept des Indirekten Wissens (vgl. Kap.5.1.4) auf entsprechende
Stellen und Personen verwiesen. Für nachfolgende Projektleiter sind Projekthandbücher die-
ser Art leicht lesbar, da sie bereits deren Struktur kennen und lediglich den Inhalt verstehen
müssen und dieser zudem hochgradig konsolidiert ist. Neben der schnellen Lesbarkeit bietet
ihnen die Vergleichbarkeit der standardisierten Projekthandbücher regelmäßig die Möglich-
keit, das im jeweiligen Fall beste Wissen zu erkennen und für ihre eigenen Zwecke
einzusetzen.
5.3.2 Umsetzung des Gateway-Konzepts
5.3.2.1 Phase Projektakquisition
Der Lebenszyklus eines Projektes beginnt lange vor dem eigentlichen Projektstart mit der
Projektakquisition. Im Rahmen der Akquisition gilt es, einen Kontakt zu dem späteren Kun-
den herzustellen und im Dialog eine oder mehrere Projektideen zu identifizieren, diese
anschließend vor dem Hintergrund der eigenen Kompetenzen zu bewerten und das eigene
Unternehmen als qualifizierten Projektpartner zu positionieren.
Gateway 1
Vorschlag
Kunden-
kontakt
Projektakquisition
Kontaktaufnahme
Kontextanalyse
Projektbewertung
Qualifikation
Abbildung 68: Teilprozeß Projektakquisition
Die Kontaktaufnahme kann über unterschiedliche Marktzugangswege erfolgen, wie z.B. Di-
rektansprache von Wunschklienten oder bestehenden Kunden, Reaktion auf entsprechende
Anfragen, Vorträge und Referate vor Zielkunden, Artikel in Fachzeitschriften sowie durch
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 173
Präsenz auf Messen, Ausstellungen und Kongressen. In jedem Fall wird für die Kontakt-
aufnahme aktuelles und konsolidiertes Wissen über das eigene Unternehmen, die angebotenen
Produkte, die jeweils kompetenten Ansprechpartner, etwaige Referenzprojekte sowie detail-
liertes Wissen über den angesprochenen Zielkunden und seine Branche benötigt. Das Ziel der
Kontaktaufnahme liegt darin, durch möglichst viele potentielle Projektoptionen und daraus
abgeleiteten Folgekontakten für das Beratungsunternehmen eine breite Angebotsbasis zu
schaffen. Ist der Kontakt hergestellt und kristallisieren sich im Dialog erste Projektideen her-
aus, so gilt es, für diese den jeweiligen Beratungskontext zu analysieren. Unter Zuhilfenahme
möglichst detaillierter Kenntnisse über die Kundenorganisation und deren Besonderheiten
werden dabei die Projektrisiken evaluiert. Hier ist zu prüfen, ob der gewählte Ansprechpartner
auch wirklich in der Lage ist, das Projekt im Unternehmen geeignet zu positionieren und ob
bereits konkurrierende Projekte existieren, welche den Erfolg des eigenen Projektes gefährden
könnten. Weiterhin ist zu prüfen, ob starke oppositionelle Kräfte bestehen und ob auf höchster
Ebene ein Nutznießer des Projektes existiert, der sich als Mentor gewinne ließe. Die Beant-
wortung dieser Fragen wird signifikant erleichtert, wenn im eigenen Unternehmen intime
Kenntnisse über den Kunden und seine Branche vorhanden sind.
Erscheint nach der Kontextanalyse die Projektidee aussichtsreich, so ist im nächsten Schritt
das Projekt aus Sicht der Unternehmensberatung zu bewerten. Die Beurteilung orientiert sich
dabei nicht nur an monetären Größen wie Umsatz und Gewinnerwartung, sondern berück-
sichtigt insbesondere wissensbezogene Einflußgrößen. Ein Projekt muß zur Erreichung der
Unternehmensziele beitragen, darf die Reputation des Unternehmens nicht gefährden und
sollte dem Aufbau des eigenen Wissens dienen. Gerade Unternehmensberatungen sind auf ein
kontinuierliches Lernen angewiesen und müssen ihre Projekte sorgfältig danach auswählen,
welches Wissen intern bereits verfügbar ist und wie sich dieses sinnvollerweise ausbauen läßt.
Es gilt zu prüfen, ob das Projekt mit den verfügbaren Kompetenzen durchgeführt werden
kann, ohne den eigenen Ruf signifikant zu schädigen, und ob ggf. weitere Projektpartner ein-
gebunden werden können. Weiterhin ist zu berücksichtigen, ob der Wissenserwerb im
Rahmen des Projektes es ermöglicht, weitere Projektaufträge zu erhalten, die auf Basis der
heutigen Kompetenz noch nicht erzielbar wären. Diese setzt sowohl einen den Überblick über
die unternehmenseigenen Fähigkeiten und Erfahrungen voraus, als auch die Existenz eines
gut funktionierenden Netzwerks zu Kooperationspartnern. Wird die Projektbewertung positiv
beschieden so gilt es, den Kunden von der Kompetenz des Beratungsunternehmens zu über-
zeugen. Dies erfolgt im Rahmen der Qualifikation i.d.R. durch eine Präsentation des
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 174
Beratungsunternehmens vor Repräsentanten der Kundenorganisation. Dazu ist es notwen-
dig, durch den Nachweis von Sachkompetenz und Zugehörigkeit zu einem Expertennetzwerk,
glaubwürdig zu erscheinen und eine gemeinsame Basis für die zukünftige Projektarbeit zu
schaffen.
Die Phase Projektakquisition wird durch das Gateway 1 abgeschlossen (siehe Checkliste Ga-
teway 1 in ANHANG B). Ein Projekt, das dieses Gateway überwindet erhält den Status
Vorschlag. Aus einer anfangs vagen Projektidee wird somit ein konkret begründeter Projekt-
vorschlag.
5.3.2.2 Phase Projektvorbereitung
In der Phase Projektvorbereitung wird der Projektvorschlag weiter ausgearbeitet und soweit
konkretisiert, daß es möglich ist, ein qualifiziertes Angebot zu erstellen. Vor dem Hintergrund
eines schonenden Einsatzes der verfügbaren Ressourcen, ist es erst in dieser Phase sinnvoll,
weiteren Aufwand in die Planung des Projektes zu investieren. Die Bereitstellung geeigneter
Werkzeuge, wie Software-Module und abgestimmte Layout-Vorlagen, unterstützt die in die-
ser Phase durchzuführenden Aktivitäten. Kollektiv bereitgestellte Anleitungen und
Beschreibungen der einzelnen Aktivitäten sowie die Möglichkeit, zusätzlich auf Erfahrungen
und Beispiele vorangegangener Projekte zuzugreifen, beschleunigt die Durchlaufzeit dieses
Teilprozesses siginifikant. Während Anleitungen beschreiben, wie prinzipiell eine Projektpla-
nung durchgeführt wird, vermitteln Erfahrungen aus realen Projekten ein Gefühl für ein
ausgeglichenes Verhältnis zwischen realisierbarem und notwendigem Detailierungsgrad der
Planung. Zudem können Fragen beantwortet werden, wie "Wie wird in unserem Unternehmen
ein Angebot geschrieben?" oder "Was ist erfahrungsgemäß notwendig, um einen Projektauf-
trag zu erhalten?".
Eine detaillierte Ist-Analyse liefert Erkenntnisse über die Basisparameter des vorliegenden
Projektes, wie z.B. Branche, Themengebiet, Land, Kulturkreis usw. und bildet die Vorraus-
setzung für eine sinnvolle Projektplanung. Anhand der Basisparameter läßt sich einschätzen,
mit welchen anderen bereits durchgeführten Projekten das vorliegende Projekt vergleichbar
ist und welche vorhandenen Ergebnisse sich wiederverwenden lassen. Im Rahmen der Pro-
jektstrukturplanung wird das Gesamtprojekt in Teilprojekte und Aufgabenpakete
untergliedert. Bei dieser Aufgabe können vorhandene Projektstrukturpläne ähnlicher Projekte
wiederverwendet und gemäß der projektspezifischen Anforderungen angepaßt werden. Auch
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 175
bei der anschließenden Projektablaufplanung liefern Erfahrungswerte aus früheren Pro-
jekten hilfreiche Anhaltspunkte für die Einschätzung der benötigten zeitlichen und personel-
len Kapazitäten. Die Ergebnisse der Projektplanung werden monetär bewertet, in einem
Angebot zusammengefaßt und dem Kunden zur Entscheidung vorgelegt. Ein gut formuliertes
Angebot, das klar den Projektumfang, die notwendigen Aufgabenpakete, sowie die entstehen-
den Kosten aufzeigt, ist die „Eintrittskarte“ zum Kunden. Eine professionell gestaltete
Layout-Vorlage bildet dabei die strukturelle Grundlage eines guten Angebots, die Formulie-
rung und Anordnung der Inhalte runden das Gesamtbild ab.
ProjektauftragVorschlag
Gateway 2
Ist-Analyse
Projektvorbereitung
Projektstrukturplanung
Angebot
Ressourcenplanung
Projektablaufplanung
Gateway 1
Abbildung 69: Teilprozeß Projektvorbereitung
Das kollektive Erlernen, wie erfolgreiche Angebote erstellt werden, stellt einen erfolgskriti-
schen Teil des Wissensmanagements in Beratungsprojekten dar. Daher wird am Gateway 2
als Abschluß der Phase Projektvorbereitung sowohl die äußere Form des Angebots als auch
die inhaltliche Aufbereitung der Projektplanung hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit den
Unternehmensgrundsätzen überprüft (siehe Checkliste Gateway 2 in ANHANG B). Das End-
ergebnis dieser Phase sollte ein vom Kunden erteilter Projektauftrag sein.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 176
5.3.2.3 Phase Projektinstallation
Nachdem ein unterschriebener Projektauftrag vorliegt, beginnt die Phase Projektinstallation,
in deren Rahmen das Ziel verfolgt wird, vor dem eigentlichen Projektbeginn die notwendige
Projektinfrastruktur vorzubereiten und sicherzustellen. Damit werden die organisatorischen
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Projektdurchführung geschaffen. Wird diese Phase
nicht erfolgreich abgeschlossen, führt dies regelmäßig zu Verzögerungen und Reibungsver-
lusten im Projektverlauf, was letztendlich den Projekterfolg gefährdet. Die im Rahmen der
Ist-Analyse identifizierten Projektparameter ermöglichen auch hier die Nutzung bereits er-
worbener, kollektiver Erfahrungen. Hier werden Fragen beantwortet wie, "Welche
Infrastruktur ist notwendig, um ein Projekt erfolgreich durchführen zu können?", "Welche
Infrastruktur kann gemäß der jeweiligen Firmenkultur des Kunden erwartet werden?", u.ä..
Kick-OffProjektauftrag
Gateway 3
Infrastruktur
Projektinstallation
Ressourcen
Gateway 2
Abbildung 70: Teilprozeß Projektinstallation
Da i.d.R. der oder die Berater vor Ort beim Kunden tätig sind und mit einem Projektteam des
Kunden zusammenarbeiten, werden dort entsprechende technische Einrichtungen benötigt.
Dazu gehört die Einrichtung eines dem Projektumfang entsprechenden Projektbüros, mit Te-
lefon, Fax und der jeweils benötigten IT-Austattung. Die gesamte Ausstattung ist zu
beschaffen und in Betrieb zu nehmen, bevor die inhaltliche Projektarbeit beginnt. Weiterhin
ist sicherzustellen, daß sowohl seitens der Unternehmensberatung als auch auf Kundenseite
die geplanten Kapazitäten verfügbar sind. Eine schriftliche Zielvereinbarung mit dem ge-
planten Projektteam garantiert die Bereitstellung der eingeplanten Kapazitäten und dient im
Konfliktfall als rechtliche und argumentative Absicherung.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 177
Am Gateway 3 wird überprüft, ob die notwendige Projektinfrastruktur bereitsteht und das
Projekt durch eine Kick-Off-Veranstaltung offiziell gestartet werden kann (siehe Checkliste
Gateway 3 in ANHANG B).
5.3.2.4 Phase Projektdurchführung
Die Phase Projektdurchführung stellt die längste aller Phasen dar und umfaßt die inhaltliche
Projektarbeit. Im Rahmen dieser Phase wird durch Umsetzung der geplanten Teilprojekte und
Arbeitspakete versucht, in der gegebenen Zeit die Projektziele zu erreichen. Je nach Projekt-
auftrag kann der Berater eine eher moderierende und koordinierende Funktion oder eine
inhaltlich-fachliche Funktion übernehmen (vgl. Kap.3.3.2). Im ersten Fall benötigt er Wissen
über methodische Vorgehensweisen und Managementaufgaben, wie z.B. "Wie werden Mee-
tings erfolgreich durchgeführt?", "Welche Methoden gibt es, um die Kreativität des
Projektteams anzuregen?", "Welche Hilfsmittel stehen zur Verfügung, um Besprechungen
zielführend und termingerecht zu gestalten?" etc.. Übernimmt er mehr inhaltlich-fachliche
Funktionen, so benötigt er das entsprechend notwendige Fachwissen. Hierzu kann er seine
eigenes implizites Wissen um fachbezogene Beiträge und Erfahrungsberichte aus der kollek-
tiven Wissensbasis ergänzen sowie über ein Kompetenz-Netzwerk Kontakt mit geeigneten
Spezialisten aufnehmen.
Projekt
Mgt.
Beratung
Berichts-
wesen
Dokumen-
tation
AbschlußKick-Off
Gateway 4
Projektdurchführung
Gateway 3
Abbildung 71: Teilprozeß Projektdurchführung
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 178
Die Tätigkeit des Beraters im Rahmen der Projektdurchführung kann als Regelkreis be-
schrieben werden, mit dessen Elementen das Projekt auf seine spezifischen Ziele hingesteuert
wird. Neben der eigentlichen Beratung, welche die o.g. Ausprägungen haben kann und für die
der Zugriff auf entsprechendes Methoden- und Fachwissen hilfreich ist, übernimmt er Doku-
mentations- und Projektmanagementaufgaben und steuert den Berichtsfluß sowohl zum
Management des Kunden als auch zum Management der Beratung. Gemäß dem Prinzip Wer
schreibt, der führt, stellen beide Funktionen ein mächtiges Werkzeug der Projektsteuerung
dar, die allerdings einen erheblichen Aufwand bedeuten. Die Wiederverwendung von Inhalten
aus früheren Projekten macht hier wenig Sinn, - außer einigen vorgefertigten Layout-
Vorlagen läßt sich kaum existierendes Wissen einsetzen. Der entstehende Aufwand kann
durch Unterstützungskräfte, das sogenannte Back Office, abgefangen werden. Hierbei spielt
weniger die Wiederverwendung von Wissen eine Rolle als vielmehr der reibungslose Wis-
senstransfer zwischen Berater und Back Office. Eine schnelle und effiziente Kommunikation
des Projektwissens läßt sich sowohl durch den Einsatz von unternehmensweit bekannten
Standard-Grafiken sowie die textuelle Beschreibung auf Basis einer unternehmensweit be-
kannten Begriffswelt als auch durch den Einsatz leistungsfähiger technischer
Kommunikationsmedien, wie Internet, E-Mail, Groupware etc. erreichen (vgl. Kap.3.2.6).
Die Phase Projektdurchführung endet mit dem Abschluß des Projektes. Am Gateway 4 wird
überprüft, ob alle Arbeitsergebnisse in ausreichender Qualität vorliegen und die Projektziele
erreicht wurden (siehe Checkliste Gateway 4 in ANHANG B). Wenn dies der Fall ist, wird
das Projektteam entlastet. Es werden keine weiteren Arbeiten am Projekt durchgeführt. Der
Projektleiter ist weiterhin in der Pflicht, die nächsten Phasen erfolgreich abzuwickeln.
5.3.2.5 Phase Erfahrungssicherung
Im Rahmen der Phase Erfahrungssicherung wird das im Projekt erworbene Wissen konsoli-
diert. Die oben beschriebene Methodik der Wissenssicherung im Projektverlauf erleichtert
und beschleunigt diese Phase signifikant (vgl. Kap.5.3.1.2). Der größte Teil der Projektdoku-
mentation liegt bereits vor, da die Inhalte ja an jedem Gateway in strukturierter Form
eingefordert wurden. Ein aufwendiges Zusammenstellen und Aufbereiten alter Unterlagen
und ein Erinnern an Projektinhalte, die z.T. mehrere Jahre zurückliegen, entfällt. Das Gate-
way-Konzept stellt sicher, daß all das für die jeweilige Phase benötigte Wissen bereits
dokumentiert ist und lediglich durch einen zusammenfassenden Abschlußbericht ergänzt
wird.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 179
Interne Abnahme
Abschluß
Gateway 5
Knowledge
Dokumentation
Erfahrungssicherung
Performance Review
Gateway 4
Kundenzufriedenheit
Abbildung 72: Teilprozeß Erfahrungssicherung
Neben der Dokumentation des im Projekt erworbenen Wissens, gemäß der oben geschilderten
Vorgehensweise, wird im Rahmen eines Performance Reviews vom Projektleiter eine Beur-
teilung des Projekts und der beteiligten Berater durchgeführt. Gegebenenfalls kann dies dazu
führen, daß bei einem Berater Wissenslücken in fachlicher oder methodischer Hinsicht festge-
stellt werden, die umgehend durch Schulungen beseitigt werden sollten. Die erworbenen
Erfahrungen werden in Form sogenannter Lessons Learned beschrieben, wobei diese nicht
erst im Rahmen der Erfahrungssicherung, sondern während des gesamten Projektverlaufs an-
gelegt und dem Projekthandbuch beigefügt werden können. Lessons Learned werden in drei
Kategorien unterteilt:
• Informative Erfahrungen
• Positive Erfahrungen
• Negative Erfahrungen
Informative Erfahrungen sind erfolgsneutrale aber wichtige Erfahrungen, wie z.B. Telefon-
listen oder Gebäudepläne. Positive Erfahrungen beschreiben, wie kritische Situationen im
Rahmen des Projekts bewältigt wurden und geben damit dem nachfolgenden Projektleiter
eine Entscheidungshilfe an die Hand, wie er in einer ähnlichen Situation verfahren kann. Ne-
gative Erfahrungen beschreiben Dinge, die im Projekt schiefgelaufen sind und mögliche
Wege, wie solche Situationen in Zukunft vermieden oder erfolgreich gemeistert werden
könnten.
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 180
Neben den Erfahrungen und Einschätzungen des Projektleiters ist die Einschätzung des
Projekterfolgs durch den Kunden von großer Bedeutung. Zur Messung der Kundenzufrieden-
heit wird dem Kunden ein Formular mit geeigneten Fragestellungen ausgehändigt und die
Ergebnisse in einem persönlichen Gespräch zwischen dem Vorgesetzten des Projektleiters
und dem Kunden diskutiert. Auch auf diesem Weg können entsprechende Weiterbildungs-
maßnahmen eingeleitet werden. Die Ergebnisse der o.g. Aufgaben werden zu dem im
Rahmen der Gateway-Konzepts entstandenen, strukturierten Projekthandbuch hinzugefügt
und den Mitarbeitern des Beratungsunternehmens verfügbar gemacht. Auf diese Weise kann
das gesamte erworbene und dokumentierte Wissen weiterverwendet werden.
Am Gateway 5 wird geprüft, ob der Projektleiter ein vollständiges und für andere verwendba-
res Projekthandbuch abgeliefert hat (siehe Checkliste Gateway 5 in ANHANG B). Die
Entlastung des Projektleiters wird von dem Knowledge Manager des Beratungsunternehmens
vorgenommen. Erst ab diesem Zeitpunkt kann er in weiteren Projekten eingesetzt werden.
5.3.2.6 Phase Umsetzungskontrolle
Im Rahmen der Phase Umsetzungkontrolle wird der langfristige Erfolg des Projektes kontrol-
liert. Die erarbeiteten Projektergebnisse müssen i.d.R. erst Wirkung in der
Kundenorganisation zeigen, bevor weiterer Handlungsbedarf erkannt wird. Zu diesem Zeit-
punkt darf der Kontakt zum Kunden nicht abgerissen sein, sonst besteht die Gefahr, daß dem
Beratungsunternehmen die Folgeprojekte entgehen. Diese Projekte sind die eigentlich erfolg-
versprechenden, da die Berater bereits wertvolles Wissen über den Kunden und dessen
Firmenkultur, die wichtigen Ansprechpartner und Entscheidungsträger, Fachwissen über die
inhaltliche Thematik sowie Kenntnis der Infrastruktur und der Rahmenbedingungen erworben
haben. Im Rahmen der Umsetzungskontrolle läßt sich der gute Ruf des Beratungsunterneh-
mens festigen und der Kontakt zum Kunden halten. Die Aufrechterhaltung dieses
Kommunikationskanals in die Kundenorganisation bietet zudem die Möglichkeit, weitere
Projekte zu initiieren.
In Form von regelmäßigen Kontaktgesprächen, können mögliche Problembereiche bei der
Umsetzung der Projektergebnisse identifiziert und gegebenenfalls Interventionen eingeleitet
werden. Die Ergebnisse der i.d.R. telefonischen aber auch gelegentlichen physischen Kon-
takte sind ebenfalls Bestandteil des Projekthandbuchs und helfen anderen Mitarbeitern den
wesentlichen Kommunikationsfluß zum Kunden nachzuvollziehen. Die Phase Umsetzungs-
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 181
kontrolle wird durch ein Umsetzungs-Review abgeschlossen. Dieses kann aus einem Tele-
fonat oder persönlichen Gespräch zwischen Projektleiter und Kunde bestehen, kann aber auch
im Rahmen eines Workshops in der Kundenorganisation durchgeführt werden.
Umsetzungs-
Review
Gateway 6
Kontraktgespräche
Umsetzungskontrolle
Intervention
Gateway 5
Interne Abnahme
Abbildung 73: Teilprozeß Umsetzungskontrolle
Am Gateway 6 wird überprüft, ob der dauerhafte Erfolg des Projektes und damit der gute Ruf
des Beratungsunternehmens gesichert werden konnte und ob alle gegebenenfalls notwendigen
Interventionen eingeleitet wurden (siehe Checkliste Gateway 6 in ANHANG B).
5.3.3 Zusammenfassung
Das gesamte Project Knowledge Framework setzt sich aus den einzelnen Projektphasen, den
jeweiligen Teilprozessen und den Knowledge-Gateways zusammen (siehe Abb.74). Neben
der kollektiven Generierung von Transparenz über den Meta-Projektablauf bietet das Pha-
senmodell die Möglichkeit, relevantes Wissen direkt bei der Erfassung einem Zeitpunkt im
Projektlebenszyklus zuzuordnen. Damit ist die Grundvoraussetzung für die spätere zielge-
richtete Wiederverwendung dieses Wissens geschaffen. Im Folgenden können in jeder Phase
die passenden Vorlagen, Methoden, Werkzeuge, Erfahrungsberichte (Lessons Learned) und
Teilergebnisse aus früheren Projekten zur Wieder- und Weiterverwendung angeboten werden.
An jedem Knowledge-Gateway wird mit Hilfe von Checklisten die korrekte Wissenssiche-
rung im Projektverlauf überprüft. In diesem Sinne haben Checklisten neben ihrer
kontrollierenden auch eine forensische Funktion. Anhand der Checkliste, kann sich der An-
wender jederzeit über den notwendigen Umfang des in der jeweiligen Phase sinnvollerweise
zu sichernden Wissens informieren. Die Ergebnisse der Wissenssicherung im Projektverlauf
fließen in ein strukturiertes und automatisch generiertes Projekthandbuch ein, daß aufgrund
K3: MODELL EINES PROJEKT-ORIENTIERTEN WISSENSMANAGEMENTS Seite 182
der einheitlichen Struktur für jeden Mitarbeiter leicht lesbar ist - eine Grundvoraussetzung
für die Wiederverwendung von Wissen.
Gateway 5
Gateway 1 Gateway 2 Gateway 3 Gateway 4
Vorschlag
Infrastruktur
Ressourcen
Projekt-
auftrag
Kontakt-
aufnahme
Kontext-
analyse
Projekt-
bewertung
Interne
Abnahme
Kunden-
zufriedenheit
Performance
Review
Knowledge
Dokumentation
Kick-off Abschluß
Projektablauf-
plan
Projektstruktur-
plan
Ist-Analyse
Ressourcen-
plan
Angebot
Kontakt-
gespräche
Intervention
Gateway 6
Umsetzungs-
Review
Projekt
Mgt.
Beratung
Berichts-
wesen
Dokumen-
tation
Kunden-
kontakt
Projekt-
vorbereitung
Projekt-
installation
Erfahrungs-
sicherung
Projekt -
durchführung
Umsetzungs-
kontrolle
Projekt-
akquisition
Qualifikation
Abbildung 74: Project Knowledge Framework
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 183
6 Praktische Umsetzung und Einsatzerfahrungen
6.1 Knowledge Management auf Basis des System K3
„Während Informationen einmal eine wichtige Ressource waren, mit de-
ren Hilfe wir unsere gegenständliche und symbolische Welt kontrollieren
konnten, haben wir mit unserem technischen Erfindungsgeist die Infor-
mation in ene Art Abfallprodukt und uns selbst in einen Mülleimer
verwandelt. Wir ersticken beinahe in der Informationsschwemme, besit-
zen aber kein Mittel, das uns davon befreien könnte.“
Neil Postmann
Das System K3 ist ein Werkzeug, mit dem zumindest Firmen in der Branche der Unterneh-
mensberatung das von Postmann angesprochene Ersticken in der Informationsschwemme
vermeiden können und dennoch jederzeit über bestes Wissen verfügen. Im Folgenden werden
sowohl der konzeptionelle Aufbau des Systems als auch ausgewählte, im Hinblick auf das
Wissensmanagement besonders zielführende Funktionalitäten vorgestellt.
6.1.1 Architektur des System-K3
Das System-K3 stellt eine integriertes Wissensmanagementsystem für Beratungsunternehmen
dar. Das System basiert auf der Groupwareumgebung Lotus Domino 5.0, die es ermöglicht,
auf folgende für das Management von Wissen benötigte Basismodule zurückzugreifen und
diese in einen wissensorientierten Gesamtkontext zu integrieren [vgl. Papows 1997]:
• Verteilte Dokumentendatenbanken
• Replikation
• Sicherheitsmechanismen
• Internetanbindung
Multimediafähige Dokumentendatenbanken ermöglichen eine flexible Repräsentation von
Wissen auf Basis der an klassischen Büroumgebungen orientierten Desktop-Metapher. In ei-
ner solchen Datenbank verwaltete Verbunddokumente (Compound Documents) sind in der
Lage, auch gering-strukturiertes Wissen in unterschiedlichen multimedialen Repräsentations-
formen aufzunehmen und unterstützen damit die menschlichen Mechanismen der
Wissensverarbeitung (vgl. Kap.3.2.2). Die ortsungebundene und auf internationale Kontexte
ausgerichtete Arbeitsweise von Beratungsunternehmen erfährt eine informationstechnische
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 184
Unterstützung durch lokal verteilte Dokumentendatenbanken, die den Beratern an jedem
Standort aktuelles Wissen verfügbar machen. Domino stellt mit Hilfe eines stabilen Replikati-
onsmechanismus die Konsistenz der verteilten Datenbanken sicher und bildet damit die
Voraussetzung für mobiles Arbeiten in einem kollektiven Wissenspool. Differenzierte Sicher-
heitsmechanismen stellen dabei den Schutz des Wissens vor unberechtigtem Zugriff
Außenstehender sicher. Auch unternehmensintern bedeutet der gemeinsame Zugriff auf einen
kollektiven Wissenspool nicht, daß jeder dort die gleichen Rechte besitzt. Diese werden viel-
mehr durch anwenderbezogene Zugriffsrechte flexibel konfiguriert. Da ein Domino-Server
prinzipiell auch als HTTP-Server fungiert und die Inhalte der von ihm verwalteten Datenban-
ken automatisch in das Format HTML konvertiert, können die Berater sowohl über einen
Notes-Client als auch über einen Standard-Web-Browser auf die Inhalte des Wissenspools
zugreifen. Der Einsatz eines Web-Browsers setzt allerdings einen physischen Zugang zu ei-
nem Domino-Server voraus, während der Notes-Client auch im mobilen Einsatz (Offline)
eingesetzt werden kann. Weiterhin bildet die beschriebene Internetfähigkeit die Ausgangsba-
sis für eine kontrollierte Öffnung des Wissenspools im Sinne eines Knowledge-Commerce
(vgl. Kap.5.1.6).
Das Wissensmanagementsystem K3 besteht im Kern aus vier Modulen:
• der Wissensbank Knowledge City,
• dem Redaktionssystem Web Connector,
• dem Workflow Environment Espresso und
• den Archiv-Datenbanken.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 185
Knowledge City
Archiv 2000
Archiv 1999
Archiv 1998
...
Web Connector
Workflow Environment
Abbildung 75: Architektur des System-K3
Das zentrale Element des System-K3 ist die auf Lotus Domino 5.0 basierende Wissensbank
Knowledge City, in der die in Kapitel fünf beschriebenen Konzepte und Funktionalitäten des
Wissensmanagements systemhaft umgesetzt sind und entsprechend das beste Wissen eines
Beratungsunternehmens verwaltet wird. Die bis zur Version Domino 4.61 bestehende Be-
schränkung der maximalen Datenbankgröße auf vier Gigabyte, hat dazu geführt, daß Domino-
basierte Anwendungen i.d.R. aus mehreren einzelnen Datenbanken bestehen, die durch eine
zentrale Konfigurationseinheit miteinander verknüpft werden. In der hier eingesetzten Versi-
on Domino 5.0 besteht diese Größenbeschränkung nicht mehr. Die Wissensbank Knowledge
City faßt daher alle benötigten Gestaltungselemente in einer einzigen Datenbank zusammen.
Dadurch ist es möglich, Querbezüge zwischen unterschiedlichen Dokumentenarten automa-
tisch zu generieren. Ein aufwendiges, händisches und damit statisches Verknüpfen einzelner
im Kontext zusammengehöriger Beiträge kann entfallen. Zudem erleichtert die Verwendung
einer einzigen Datenbank den Umgang mit der Anwendung signifikant. Der Benutzer muß
z.B. beim Replizieren nur noch auf den korrekten Abgleich dieser einen Datenbank achten.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 186
Während die Wissensbank Knowledge City die gesamte Anwendungsfunktionalität des
Systems sowie alle Daten enthält, wird der in Kapitel 5.3. beschriebene Prozeß des Project
Knowledge Framework mit Hilfe eines Workflow Management Environments abgebildet und
dynamisch in die Knowledge City eingebunden. Der Einsatz eines Workflow Management
Environments bietet die Möglichkeit, die Ablauflogik ohne Programmieraufwand flexibel an
veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Damit können Lerneffekte, die im Laufe mehre-
rer Projekte hinsichtlich des Projektablaufs generiert werden, schnell und unkompliziert in
einen angepaßten Project Knowledge Framework umgesetzt werden.
Das System-K3 ist als Hybridsystem entworfen, d.h. auf die Inhalte der Knowledge City kann
sowohl über einen Notes-Client als auch über einen Internet-Browser (z.B. Netscape Naviga-
tor oder Microsoft Internet Explorer) zugegriffen werden. Während der Notes-Client die
mobile und interaktive Nutzung des Systems ermöglicht und damit die hohen Mobilitätsan-
forderungen von Unternehmensberatern abdeckt, bietet eine Browser-Schnittstelle die
Möglichkeit, an stationären Arbeitsplätzen über die weltweit standardisierten Protokolle des
Internet HTTP, TCP/IP und HTML auf die Knowledge City zuzugreifen. Mit Hilfe des Re-
daktionssystems Web Connector ist es möglich, die Struktur eines Inter- bzw. Extra- oder
Intranetauftritts flexibel zu gestalten und mit Inhalten aus der Wissensbank Knowledge City
anzureichern. Auf diesem Wege lassen sich nicht nur Berater, sondern insbesondere auch
Kunden mit aktuellem Wissen versorgen (vgl. Kap.5.1.6).
Um sicherzustellen, daß die Knowledge City stets bestes und aktuelles Wissen enthält, wer-
den die Inhalte der Wissensbank kontinuierlich überwacht und gegebenenfalls archiviert (vgl
Kap.5.1.3.3). Veraltete Inhalte, die nicht mehr in der Knowledge City existieren, aber auch
nicht gelöscht werden sollen, werden in Archiv-Datenbanken abgelegt. Diese werden jährlich
ausgewechselt und auf CD-ROM gesichert. Auf diese Weise geht altes Wissen nicht verloren
und belastet nicht die Produktivumgebung.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 187
6.1.2 Wissensbank Knowledge City
"Jeden Tag muß man von dem Naturrecht, Millionen Dinge nicht zu er-
fahren, Gebrauch machen."
P. Sloterdijk: "Kritik der zynischen Vernunft"
Das Kernelement des K3-Systems, die Wissensbank Knowledge City, erfüllt mit den Berei-
chen Zugang, Verwaltung und Integration, drei zentrale Funktionen des Wissensmanagements
(siehe Abb.76).
Knowledge City
Navigation Road-Map Suche
N&ASecurity Inter-/Intranet MailWorkflow
LDAP
TCP/IP
HTTP WFMC POP3
MIME
SSL
•Statische Knowledge-Maps
•Stadt
•Haus
•Raum
•Views
•Dynamische Road-Maps
•Projekt-Master
•Personal Desktop
•Hypertext-Netzwerke
•Adhoc Volltextsuche
•hinterlegte Suchstrings
•Kontextsuche
•Organisationales Vergessen
•Archivierung
•Versionsmanagement
•Hypertext
Integration Verwaltung Zugang
Abbildung 76: Funktionen der Knowledge City
6.1.2.1 Zugangsfunktion der Knowledge City
Im Sinne des Wissenszyklus bildet die Zugangsfunktion die Interaktionsebene zwischen
Mensch und elektronischem Medium ab und unterstützt damit die beiden Phasen Wissens-
vermittlung und Wissensnutzung (vgl. Kap.5.1.3). Der Zugang zum Wissen des Unternehmen
kann je nach der jeweiligen spezifischen Anforderung über unterschiedliche Mechanismen
erfolgen. Der Hauptzugangsmechanismus ist dabei die Navigation in einer kollektiven, kog-
nitiven Struktur, die auf dem Ansatz der Wissensstadt basiert und demzufolge die Ebenen
Stadt, Haus und Raum in Form von grafischen Wissenskarten abbildet (siehe Abb.77). Die
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 188
Ebene der Stadt bietet einen Überblick über die Struktur des Wissens. Innerhalb eines
Hauses findet sich eine Anordnung von Räumen, in denen sich das Wissen des Unterneh-
mens, abgebildet in Form von multimedialen, hochgradig vernetzten Dokumenten, befindet.
Der Anwender kann innerhalb der Knowledge City wie in einer Stadt navigieren, Häuser und
Räume betreten und sich darin umsehen, bestehende Inhalte betrachten, verwenden oder neue
Beiträge erstellen. Innerhalb der Räume wird die Orientierung durch die Angabe des aktuellen
Standorts erleichtert und dadurch das in Hypertextsystemen bekannte Phänomen des Lost in
Hyperspace vermieden (vgl. Kap.3.2.3.4). Ein stets präsenter Navigator ermöglicht den di-
rekten Sprung auf die Ebene der Stadt oder in ein anderes Haus und hilft damit ebenfalls eine
Orientierunglosigkeit zu vermeiden und den Zugriff auf die einzelnen Ebenen zu beschleuni-
gen. Die Inhalte eines Raumes werden in dynamischen, multidimensionalen Ansichten
dargestellt und können somit aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Jeder
Raum enthält eine spezifische Menge der insgesamt verfügbaren Geschäftsobjekte der
Knowledge City und bietet die Möglichkeit, neue Objekte dieses Typs zu erzeugen und in
dem jeweiligen Raum zu hinterlegen.
Stadt Haus
Raum
Neuer Beitrag
Aktueller Standort
Auswahl der
Ansichten
Navigator
Dynamische
Ansichten
Dokument
Abbildung 77: Navigation in der Wissensbank Knowledge City
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 189
Dieses Konzept ermöglicht es dem Anwender, sich in einer interaktiven Raumstruktur mit
hohem Wiedererkennungseffekt zu bewegen und auf diesem Wege seine assoziativen Fähig-
keiten sowie sein Vorwissen zu nutzen, um das Gesuchte zu finden bzw einen neuen Beitrag
an der richtigen Stelle abzulegen. Die Raumstruktur weist einen geringen Akkomodationsgrad
auf und bietet damit die Änderungsstabilität, die für das sichere Navigieren in bekannten
Strukturen notwendig ist. Ergänzt wird dieser Ansatz durch den Zugangsmechanismus der
dynamischen Roadmaps. Dynamische Roadmaps werden vom Anwender selbstständig erstellt
und bilden Agglomerate von im Anwendungskontext sinnvollen Anordnungen bestehender
Wissensbeiträge. Der intensive Einsatz flexibler Hypertextfunktionalitäten, die nicht auf stati-
schen Verknüpfungen (DocLinks) basieren, sondern sich flexibel an Veränderungen der
Wissensbasis anpassen, unterstützen die einfache Erstellung und Verwaltung dieser dynami-
schen Roadmaps und bilden damit eine Grundvoraussetzung für die Wiederverwendung
bestehenden Wissens. Auf diese Weise können Mitarbeiter ihre implizit vorhandenen Assozi-
ationen explizieren, dabei bestehendes Vorwissen flexibel einbinden und somit in der
Knowledge City ein dichtes Wissensnetzwerk knüpfen.
Neben der Navigation in Raumstrukturen und Roadmaps bietet die Knowledge City die Mög-
lichkeit einer Kontextsuche (vgl. Kap. 5.1.3.4.). Auf Basis der verfügbaren und redaktionell
gepflegten Thesauri lassen sich mit Hilfe der angebotenen Suchfelder flexibel Suchkonstella-
tionen zusammenstellen. Innerhalb eines Suchfeldes werden die ausgewählten Begriffe durch
ein logisches OR verbunden, die einzelnen Suchfelder untereinander mit einem logischen
AND. Die Logik der Kontextsuche gewährleistet, daß zu den ausgewählten Begriffen auch
die Dokumente gefunden werden, die mit Begriffen verschlagwortet wurden, die hierarchisch
unterhalb des ausgewählten Suchbegriffs angeordnet sind. Auf diese Weise kann die
Verschlagwortung mit hoher Genauigkeit erfolgen und gleichzeitig ein hoher Freiheitsgrad
bei der Auswahl der geeigneten Suchbegriffe sichergestellt werden. Die Suchabfragen können
gespeichert werden, was eine Wiederverwendung erfolgreicher eigener wie auch fremder
Suchergebnisse ermöglicht.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 190
Abbildung 78: Kontextsuche in der Knowledge City
6.1.2.2 Verwaltungsfunktion der Knowledge City
Die Verwaltungsfunktion der Knowledge City deckt die Anforderungen der Phase Wissens-
verwaltung im Wissenszyklus ab (vgl. Kap.5.1.3). Die Wissensbank enthält das konsolidierte
Wissen des Unternehmens in hochgradig vernetzter Form. Die Inhalte umfassen damit nicht
alle prinzipiell im Unternehmen existierenden Informationen, sondern lediglich das beste ver-
fügbare Wissen, das zudem kontinuierlich auf Aktualität und Konsistenz überprüft wird.
Hierzu werden speziell geschulte Wissensbroker eingesetzt, die bei ihrer Arbeit durch elekt-
ronische Agenten, wie z.B. durch den Agent Organisationales Vergessen (siehe Kap.5.1.3.3),
unterstützt werden. Jeder Beitrag besitzt die drei Grundfunktionen (siehe Abb.79):
• Rücksprung,
• Bearbeitungmodus und
• Information und Steuerung
Die Rücksprung-Funktion ermöglicht jederzeit die Navigation zu der nächsthöheren Ebene
der Knowledge City. Die Bearbeitungs-Funktion schaltet das aktuelle Dokumente in den Be-
arbeitungsmodus, wenn der Anwender die entsprechenden Zugriffsrechte besitzt. Die
Informations- und Steuerungsfunktion informiert jeden leseberechtigen Interessenten über das
Metawissen der Beitrags und bieten jedem bearbeitungsberechtigen Mitarbeiter die Möglich-
keit, das Metawissen an veränderte Gegebenheiten anzupassen.
Der Ersteller eines Beitrags, sowie das Erstelldatum und das Datum der letzten Änderung
werden automatisch protokolliert und sind nicht veränderbar. Die Angabe des Erstellers er-
möglicht es dem Interessenten, den Autor zu kontaktieren, um gemäß des Konzepts des
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 191
indirekten Wissens detaillierte Informationen zu erhalten (vgl. Kap.5.1.4). Anhand der
beiden Datumsangaben läßt sich die Aktualität des Beitrags abschätzen und die Anzahl der
Zugriffe verschafft einen Überblick über die Attraktivität des Beitrags. Der Autor eines Bei-
trags ist i.d.R. der einzige Bearbeitungsberechtigte, sofern er nicht die Schreibrechte auf einen
größeren Personenkreis erweitert, dagegen sind alle Mitarbeiter leseberechtigt, sofern die Be-
arbeitungsberechtigten des Beitrags die Leserechte nicht auf einen kleineren Personenkreis
einschränken. Die Bearbeitungsberechtigten (Knowledge-Owner) können neben den Lese-
und Schreibrechten auch den Grad der Öffentlichkeit steuern und das Verfallsdatum einstel-
len. Öffentliche Beiträge werden im Internet sichtbar, nicht-öffentliche Beiträge sind
ausschließlich für die Mitarbeiter des Unternehmens verfügbar. Mit Hilfe des Verfallsdatums
können die Autoren über den Zeitpunkt entscheiden, an dem der Agent Organisationales
Vergessen den Prozeß der Archivierung einleitet.
Abbildung 79: Steuerung der Wissensobjekte
Der Agent Organisationales Vergessen bildet den Prozeß des organisationales Vergessens ab,
indem er kontinuierlich das Verfallsdatum der Dokumente in der Knowledge City überprüft
und abgelaufene Beiträge entsprechend archiviert. Zu diesem Zweck ist jedes Dokument mit
einem Verfallsdatum ausgestattet, das beim Erstellen eines Beitrags automatisch gesetzt wird
und vom Autor des Beitrags jederzeit frei verändert werden kann. Das aktive Löschen von
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 192
Beiträgen ist nicht möglich, da der jeweilige Beitrag möglicherweise bereits von anderen
Mitarbeitern in ihr Wissensnetzwerk eingebunden wurde und damit zu einem kollektiven Gut
wird. Statt dessen kann der Autor das Verfallsdatum reduzieren und somit dafür sorgen, daß
der o.g. Agent das Dokument zum Löschen vormerkt und dies in einer speziellen Ansicht
Löschpuffer für einen Zeitraum von vier Wochen kenntlich macht. Alle Mitarbeiter haben in
dieser Zeit die Möglichkeit, das Verfallsdatum heraufzusetzen und somit den Beitrag wieder
aus dem Löschpuffer zu entfernen und weiterhin in der Knowledge City zu behalten. Erfolgt
in diesem Zeitraum kein Zugriff, wird das Dokument automatisch von dem Agenten in das
jeweils aktuelle Archiv ausgelagert.
Die Beiträge in der Knowledge City werden in dynamischen Ansichten flexibel verwaltet und
können aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. So ist es z.B. möglich festzu-
stellen, bei welchen Kunden und in welchen Branchen aktuell Projekte laufen, wieviele
Projekte sich jeweils in den einzelnen Phasen des Projektlebenszyklus befinden und für wel-
che Projekte die einzelnen Büros jeweils die Projektführerschaft übernommen haben. Die
Einordnung eines neuen Beitrags in die jeweiligen Kategorien stellt keinen administrativen
Prozeß dar, sondern erfolgt selbstständig durch den Autor des Beitrags. Zu diesem Zweck
stehen ihm vorgefertigte, kontinuierlich überarbeitete Schlüsselwortlisten zur Verfügung, die
eine konsistente Ablagestruktur sicherstellen. Das Konzept, alle benötigten Gestaltungsele-
mente in einer einzigen Datenbank anzuordnen, ermöglicht es, mehrere unterschiedliche
Dokumentenarten in einer Ansicht zu verwalten und somit Querbezüge und semantische Nähe
unterschiedlicher Geschäftsobjekte transparent und wiederum ohne administrativen Aufwand
sondern vielmehr automatisch darzustellen. Die Knowledge City bietet damit ein interaktives
Medium für die Bereitstellung und den Austausch von Wissen.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 193
Abbildung 80: Multidimensionale, dynamische Ansichten
6.1.2.3 Integrationsfunktion der Knowledge City
Neben der Zugangs- und Verwaltungsfunktion erfüllt die Knowledge City zudem eine Integ-
rationsfunktion. Sie ermöglicht über standardisierte Schnittstellen die Integration
unterschiedlicher Technologien, wie Internet, E-Mail, Workflow-Management und Unter-
nehmensverzeichnisse und stellt damit die technologische Plattform zum unternehmensweiten
Austausch von Wissen bereit. Die Unterstützung der Internetprotokolle TCP/IP, HTTP und
HTML stellt die technologische Basis für einen weltweiten Zugriff über das Internet sowie
über Extra- oder Intranet auf das in der Knowledge-City verwaltete Wissen dar. Umgekehrt
führt die Verwendung von Hyperlinks auf Intra-, Extra- und Internetseiten zu einer nahtlosen
Integration der entsprechenden Inhalte im Anwendungskontext. Der Zugriff auf ein unter-
nehmensweites Adreßbuch über das Protokoll LDAP ermöglicht eine anwenderspezifische
Steuerung der Wissensbereitstellung und eine benutzergesteuerte Vergabe differenzierter
Zugriffsrechte. Die Unterstützung der Mail-Protokolle POP3 und MIME ermöglicht einen E-
Mail-basierten Austausch von Wissen über das Medium Knowledge City. So werden z.B.
Anwender automatisch mit einer E-Mail benachrichtigt, wenn ihr Beitrag im Rahmen des
Prozesses Organisationales Vergessen in den Löschpuffer verlagert wird. Umgekehrt ist es
den Anwendern möglich, neue Projektideen als E-Mail direkt an die Knowledge City zu sen-
den. Die Wissensbank empfängt die Nachricht und stellt sie als neue Projektidee im Haus
Projekte & Themen dar.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 194
Die Anbindung an das Workflow Management System Expresso ist derart offen gestaltet,
daß es leicht möglich ist, die Ablauflogik zu ändern, ohne in die Anwendungslogik einzugrei-
fen. Die Schnittstelle basiert auf einer Empfehlung der Workflow Management Coalition
(WFMC), die allerdings noch nicht zu einem weltweiten Standard erhoben wurde (vgl.
Kap.3.2.6.2).
6.1.3 Web Connector
Der Web Connector stellt ein Redaktionssystem für Internetauftritte dar, das eine dynamische
Datenbankschnittstelle zur Knowledge City besitzt und die Erstellung und Administration
eines kompletten Interauftritts mit Datenbankanbindung ermöglicht. Er bildet damit die
Schnittstelle zwischen einem Standard-Web-Browser und der Wissensbank Knowledge City.
Mit Hilfe des Web Connectors ist es möglich, den Inter- bzw. Intranetauftritts eines Bera-
tungsunternehmens flexibel und frei zu gestalten und zu verändern, ohne Kenntnisse der sonst
zu diesem Zweck üblicherweise eingesetzten Programmiersprachen (HTML, Javascript, Java
etc.) zu besitzen. Dabei wird lediglich die Navigationsstruktur modelliert und die jeweils be-
nötigten Inhalte aus der Knowledge City dynamisch eingebunden. Zudem können die
Zugriffsrechte auf unterschiedliche Bereiche der Inter-/Intranetseiten gezielt gesteuert werden.
Der Web Connector basiert auf einem datenbankgestützten Frameset bestehend aus vier Fra-
mes (siehe Abb.81), die jeweils spezielle Funktionen übernehmen und gezielt einzeln geladen
werden können, was die Zugriffsgeschwindigkeit signifikant erhöht und damit die Verwend-
barkeit erleichtert.
Der Frame Logo kann eine repräsentative Grafik des Unternehmens bzw. der Organisations-
einheit aufnehmen, sowie weitere grafische Schaltflächen, die zu statisch verbundenen
Internetseiten führen. Er stellt einen statischen Bereich dar und wird nicht bei jeder Navigati-
onsaktion des Anwenders neu geladen. Der Frame Navigation ermöglicht die Navigation in
den verfügbaren Seiten des Inter-/Intranetauftritts und wird dynamisch auf Basis der im Web
Connector erstellten Dokumente erzeugt. Die Navigationsstruktur läßt sich somit jederzeit
erweitern oder umordnen und kann beliebig viele Unterstrukturen aufweisen. Der im Browser
darzustellende Text (a) sowie ein dazugehöriger Hilfetext (b), der in der Statuszeile angezeigt
wird, ist im Web Connector frei editierbar. Aus einem Pulldown-Menü kann ausgewählt wer-
den, in welchem Navigationsbereich (c) dieser Beitrag erscheint und welche Lokation (d)
sowie welcher Inhalt (e) dargestellt werden soll, wenn der Anwender diesen Navigationsein-
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 195
trag wählt. Eine Vorschaufunktion (f) bietet einen schnellen Überblick über die entwi-
ckelte Navigationsstruktur.
Abbildung 81: Logischer Aufbau des Web Connectors
Der Frame Lokation stellt zu jeder Zeit den aktuellen Standort innerhalb des Webauftritts dar
und bietet die Möglichkeit, innerhalb eines Themengebietes zwischen unterschiedlichen An-
sichten auf die Inhalte zu wählen. Analog zum Frame Navigation kann hier ebenfalls ein Titel
angegeben werden, sowie ein Hilfetext, der in der Statuszeile angezeigt wird. Zusätzlich ist es
möglich, den Titel zu formatieren oder eine Grafik anstatt eines Textes zu verwenden. Aus
einem Pulldown-Menü kann ausgewählt werden, welcher Inhalt dargestellt werden soll, wenn
der Anwender diesen Lokationseintrag wählt. Auch hier bietet eine Vorschau-Funktion einen
schnellen Überblick über die aktuelle Lokationsstruktur.
Der Frame Inhalt enthält die eigentlichen Inhalte der Seiten. In der Regel werden dies An-
sichten oder Dokumente der Knowledge City sein, die dynamisch eingebunden werden. Es ist
allerdings auch möglich, direkt im Web Connector einzelne Beiträge zu erstellen, die leicht
mit Text, Grafik, Tabellen und Verweisen auf andere Internetseiten befüllt werden können.
Um die Anwendungsbreite nicht einzuschränken, ist es ebenfalls möglich, reinen HTML-
oder JavaScript-Code zu hinterlegen und alle Funktionalitäten dieser Programmiersprachen
einzusetzen.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 196
a
c
d
b
e
f
Abbildung 82: Aufbaustruktur des Navigationsbereichs
Aufgrund der direkten Kopplung von Internetauftritt und Wissensbank stellt jedes Dokument
in der Knowledge City einen potentiellen Internetbeitrag dar. Über die Option Öffentlich (sie-
he Abb.79) kann jeder Beitrag im öffentlichen Bereich sichtbar gemacht werden. Da hierbei
lediglich die Zugriffsrechte des Beitrags verändert werden, entsteht weder ein administrativer
Aufwand noch werden Inhalte kopiert oder redundant gehalten. Über diesen Mechanismus
lassen sich die Inhalte des Internetauftritts mit geringem Aufwand hochgradig dynamisch
gestalten und auf diese Weise eine hohe Attraktivität erzielen. Die beschriebene Kombination
aus Web Connector und Wissensbank ermöglicht es einer Unternehmensberatung, ihr verfüg-
bares Wissen gezielt zu Marketing- und Akquisitionszwecken im Sinne eines Knowledge-
Commerce einzusetzen (siehe Abb.83).
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 197
Abbildung 83: Einsatz des Web Connectors am Beispiel des BMW Intranets
6.1.4 Workflow Environment
Die Wissensbank Knowledge City enthält den größten Teil der in Kapitel fünf beschriebenen
Funktionalitäten des Wissensmanagement. Die Ablauflogik des Project Knowledge Frame-
work ist dabei nicht fix programmiert, sondern sie wird in einem Workflow-Management-
System abgebildet. Hier kommt das Produkt Expresso von der Firma PAVONE zum Einsatz,
ein auf Lotus Notes basierendes System das im wesentlichen aus drei Komponenten besteht
(siehe Abb.84).
Mit Hilfe einer grafischen Modellierungskomponente wird die Ablauflogik, die einzelnen
Teilaufgaben, sowie die jeweils verantwortlichen Personen, Gruppen oder Rollen abgebildet.
Die Ergebnisse diese Modellierungsarbeit werden in zwei Datenbanken hinterlegt. Die Ab-
lauflogik wird dabei in eine Workflow-Metasprache übersetzt, in die Workflow-Datenbank
übertragen und steht sofort zur operativen Steuerung von Projekten in der Knowledge City
bereit. Die modellierten Verantwortlichkeiten, deren jeweiligen Aufgaben und Zugriffsrechte
werden in einer Organisations-Datenbank hinterlegt und stellen die korrekte Verwendung des
modellierten Prozesses sicher.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 198
Auf diese Weise ist die Ablauflogik sowohl von der Anwendung als auch von den Daten
getrennt, wodurch eine hohe Änderungsflexibilität bzgl. der Abläufe besteht. Im Falle von
Anpassungen des Prozeßverlaufs sowie den jeweiligen Berechtigungsstufen und Verantwort-
lichkeiten der einzelnen Arbeitsschritte, ist es nicht notwendig, in das Anwendungsprogramm
einzugreifen. Der Prozeß-Änderungsdienst kann damit an einen verantwortlichen Prozeßinge-
nieur übertragen werden, der für seine Aufgabe keinerlei Programmierkenntnisse benötigt.
Ablauf-
Logik
Personen,
Gruppen,
Rollen
Abbildung 84: Struktur des Workflow-Management-Environments Expresso
6.2 Umsetzung des Project Knowledge Framework
6.2.1 Zentraler Zugang zum Projektwissen durch den Projekt-Master
Das zentrale Element eines Projektes ist der sogenannte Projekt-Master, der einen zentralen
Zugangsmechanismus zu allen projektbezogenen Informationen im Sinne einer Projekt-
Homepage bietet. Er kann dabei jederzeit um ihm untergeordnete Dokumentationseinheiten
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 199
ergänzt werden. Ein teilautomatisierter Verknüpfungsmechanismus zu anderen Inhalten
der Knowledge City ermöglicht die einfache Wiederverwendung bestehenden Wissens und
den Aufbau eines dynamischen Wissensnetzwerks im Kontext eines Projektes. Der Projekt-
Master bildet damit eine generische Projekt-Roadmap, die das gesamte existierende Wissen
zu einem Projekt schnell und einfach verfügbar macht (siehe Abb.85).
Projekt-Master
• Projektziele
• Projektorganisation
• Projektplanung
• . . .
Abbildung 85: Zentraler Zugang zum Projektwissen über den Projekt-Master
Die Struktur des Projekt-Masters umfaßt sieben vordefinierte Abschnitte (siehe Abb.86). Der
Abschnitt Project Life Cycle hilft, den Projektablauf zu steuern. Eine detaillierte Beschrei-
bung findet sich im folgenden Kapitel. Im Abschnitt Projektstammdaten werden zu Beginn
des Projektes dessen fundamentale Eckdaten aufgenommen, wie z.B. der Projektleiter, das
Projektteam, der Auftraggeber, Beginn und Ende sowie die thematische Positionierung des
Projektes. Alle bereits in der Knowledge City vorliegenden Informationen können mit Hilfe
eines Auswahldialogs dynamisch mit dem Projekt-Master verknüpft werden, so daß z.B. der
Name des verantwortlichen Beraters einen automatisch generierten Hyperlink auf das ent-
sprechende Beraterprofil im Haus Kompetenz-Netzwerk enthält. Der Abschnitt Executive
Summary bietet einen schnellen Einblick in die Ausgangssituation vor Beginn des Projektes,
die definierten Projektziele sowie die Art der gewählten Vorgehensweise zur Erreichung der
Projektziele. Eine Kosten-Nutzen-Analyse vermittelt ein Gefühl für das Projektvolumen und
die angestrebten Effizienzsteigerungen. Durch geschickte Kombination von Text und Grafik
sowie die Einbindung bestehender Objekte, wie Präsentationen oder digitaler Videos, kann
somit in kurzer komprimierter Form die Ausgangslage geschildert werden. Während in der
Executive Summary eine statische Information bereitgestellt wird, die sich im Projektverlauf
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 200
i.d.R. nicht mehr ändert, liefert der Abschnitt Projektstatus einen kontinuierlichen Über-
blick über den Verlauf des Projektes. Hier wird zum einen mit Hilfe einer grafischen Ampel-
steuerung die jeweilige Projektsituation hinsichtlich der Dimensionen Zeit, Kosten und
Qualität dargestellt. Zum anderen werden diese Aussagen untermauert durch einen regelmä-
ßigen Statusbericht, der auf kritische Projektumstände hinweist. Der Abschnitt
Projektmanagement beinhaltet alle zur Planung und Steuerung eines Projektes notwendigen
Elemente, wie z.B. die Projektorganisation, die Projektplanung, den Projektauftrag sowie das
Active Change Book, in dem signifikante Änderungen am Projekt dokumentiert werden. Der
Abschnitt Meilenstein-Dokumente ermöglicht es dem Projektteam, die Kerndokumente eines
Projektes in konsolidierter und qualitativ hochwertiger Form unter Angabe des Datums und
des Verwendungszweckes in tabellarischer Form zusammenzufassen. Auf diese Weise ist es
sowohl während des Projektes als auch nach dessen Abschluß leicht möglich, sich einen Ü-
berblick über den Projektverlauf und die wesentlichen Arbeitsergebnisse zu verschaffen. Im
Abschnitt Lessons Learned können im Projektverlauf die wesentlichen Erkenntnisse und
Lerneffekte dokumentiert und damit nachfolgenden Projektleitern zur Verfügung gestellt
werden.
Abbildung 86: Struktureller Aufbau des Projekt-Master
Die generische Struktur des Projekt-Masters sowie die Möglichkeit, bestehende Inhalte der
Knowledge City einzubinden, Erfahrungen zu nutzen und Beispiele wiederzuverwenden, er-
lauben eine einfache und schnelle Konfiguration eines neuen Projektes.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 201
6.2.2 Workflowunterstützung des Projekt-Masters
Der Projekt-Master stellt alle zur Erfassung des im Laufe eines Projektes generierten Wissens
benötigten Felder und Formulare in strukturierter Form bereit sowie Funktionalitäten, welche
die Erfassung des Wissens erleichtern und dort wo es möglich ist, eine Verknüpfung zum
Vorwissen der Wissensbank herstellen. Die gezielte und kontinuierliche Erfassung des Pro-
jektwissens wird durch die Verknüpfung des Projekt-Masters mit der Workflow Umgebung
Expresso erreicht. Dazu wird der in Kapitel 5.3 entwickelte Prozeß der Projektabwicklung mit
Hilfe des Workflow Modellers modelliert, die Ablauflogik auf diese Weise in eine Ab-
laufsteuerungssprache transformiert und in der Workflow-Datenbank hinterlegt. Der Projekt-
Master ist mit dieser Workflow-Datenbank verbunden und wird durch die modellierte Ab-
lauflogik gesteuert (siehe Abb. 87).
Projekt-
Master
• ----------
Gateway 5
Gateway 1 Gateway 2 Gateway 3 Gateway 4
Projekt-
vorbereitung Projekt-
installation
Projekt-
akquisition Erfahrungs-
sicherung
Projekt
durchführung Umsetzungs-
kontrolle
Gateway 6
Abbildung 87: Workflowsteuerung des Projekt-Masters
Auf diese Weise wird der Anwender vom System entlang des Projekt-Prozesses geführt und
bekommt zu jedem Zeitpunkt die passenden Formulare, Hilfestellungen und Funktionen be-
reitgestellt und an den Gateways wird mit Hilfe von Checklisten der Projektstatus kontrolliert.
Alle erstellten Dokumente werden automatisch im Haus Projekte & Themen in die passenden
Ansichten einsortiert und im Projekt-Master werden Verweise auf diese Projektdokumente
geführt, so daß ein automatisch generiertes Inhaltsverzeichnis entsteht, über das auf die ge-
samte Projektdokumentation zugegriffen werden kann. Im Projekt-Master wird zu jedem
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 202
Zeitpunkt die aktuelle Projektphase sowie der entsprechende Arbeitsfortschritt innerhalb
dieser Phase dargestellt (siehe Abb.86 Grafik rechts oben).
6.2.3 Phasenbezogene Nutzung von Erfahrungswissen
Dem Anwender stehen im Laufe des Projektes unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfü-
gung, vom Vorwissen seiner Mitarbeiter zu profitieren. In dem Haus Toolbox werden an
zentraler Stelle unternehmensweit gültige und CI-gerechte Vorlagen für Einladungen, Bespre-
chungsprotokolle, Angebote, Projektaufträge etc. sowie Beschreibungen von
Beratungsmethoden und Techniksystemen verwaltet und jeweils den Projektphasen zugeord-
net, in denen sie erfahrungsgemäß sinnvoll einsetzbar sind. Die Funktion Toolbox im Projekt-
Master greift auf diese Informationen zu und bietet dem Anwender, die im aktuellen Kontext
einsetzbaren Vorlagen, Methoden und Werkzeuge zur Auswahl an. Damit wird Fakten- und
Prozeßwissen, das z.B. in einer Methodenbeschreibung manifestiert ist, um das Heuristische
Wissen ergänzt, in welcher Projektphase diese Methode erfahrungsgemäß erfolgreich einsetz-
bar ist (vgl Kap.5.1.2). Es macht z.B. keinen Sinn, eine Layoutvorlage für einen
Projektauftrag in der Phase Erfahrungssicherung anzubieten. Die Inhalte der Toolbox unter-
liegen einem Erstellungs-, Abstimmungs- und Bereitstellungsprozeß, der i.d.R. von
Unterstützungsstellen (Back Office) betrieben wird. Die Inhalte haben dementsprechend einen
dauerhaften Charakter.
Abbildung 88: Umfänge der Funktion Toolbox
Die Funktion Beispiele ermöglicht es dem Anwender, zu dem aktuell von ihm zur Verwen-
dung gewählten Werkzeug (Vorlage, Methode, Tool) eine Liste von Beispielen zu erhalten,
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 203
wie andere Mitarbeiter dieses Werkzeug in ihrem jeweiligen Projektkontext real einge-
setzt haben. Damit wird dem Ratsuchenden nicht nur das passende Werkzeug für seine aktu-
elle Aufgabe geliefert, sondern zusätzlich auch Anschauungsmaterial, wie er dieses am
günstigsten einsetzt und verwendet. Beispiele sind dabei nicht künstlich erzeugt, vielmehr
stehen hier phasenbezogen alle Geschäftsobjekte, wie Projektaufträge, Projektorganisationen,
Workshopplanungen etc. zu Verfügung, die im Rahmen von Projekten angelegt und in der
Knowledge City hinterlegt wurden. Beispiele stellen damit aktuelle Erfahrungswerte (Heuris-
tisches Wissen) aus der Praxis dar.
Die Funktion Lessons Learned bietet allen Projektmitgliedern die Möglichkeit, Erfahrungen,
die während eines Projektes generiert werden, zu dokumentieren und in den passenden Kon-
text einzuordnen. Lessons Learned werden nicht erst am Ende eines Projektes dokumentiert,
sondern bereits bei ihrer Entstehung. Sie werden einem Projekt, der Projektphase und einer
Erfahrungskategorie zugeordnet, so daß sich nachfolgende Projektleiter einen schnellen Ü-
berblick über die kollektiven Projekterfahrungen des Unternehmens verschaffen können.
Auch die Lessons Learned stehen früh und kontextbezogen zur Verfügung ohne vorher von
zentralen Stellen überprüft zu werden. Erfahrungen lassen sich i.d.R. in kurzen Sätzen ohne
aufwendige Grafiken beschreiben, eine Vernetzung mit bestehenden Inhalten der Knowledge
City vereinfachen dagegen die Erstellung wesentlich und Verbessern den Vernetzungsgrad
der Wissensbasis.
Abbildung 89: Zugriff auf bestehende Lessons Learned
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 204
6.3 Anwendung in der Praxis des BMW Inhouse Consulting
6.3.1 Beschreibung des Anwendungsszenarios
Der heutige Automobilmarkt ist durch Konzentrationstendenzen und Globalisierungsbestre-
bungen sowie einen zunehmenden Verdrängungswettbewerb gekennzeichnet [vgl. Müller-
Stewens 1995]. Die Fusion der deutschen Daimler-Benz AG mit dem amerikanischen Chrys-
ler-Konzern und auch die Übernahme der britischen ROVER SA durch die BMW AG
verdeutlichen die Bemühungen der Automobilhersteller Skaleneffekte zu realisieren,
Markteintrittsbarrieren zu umgehen und in den Triademärkten präsent zu sein. Vor diesem
Hintergrund hat sich der deutsche Automobilhersteller BMW zu einem international operie-
renden Unternehmen mit Produktionstätten und Vertriebsgesellschaften auf der ganzen Welt
etabliert (siehe Abb.90).
Abbildung 90: Weltweite Produktionsstandorte des BMW Konzerns
Das Streben nach Produktivitätssteigerungen durch kontinuierliche Prozeßverbesserungen
sowie die Eröffnung neuer Absatzmöglichkeiten und Märkte durch Innovationen und Pro-
duktverbesserungen führt bei BMW zu einem verstärkten Beratungsbedarf der Fachstellen.
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 205
Die BMW AG setzt zu diesem Zweck eine interne Unternehmensberatung (Inhouse Con-
sulting) ein. Neben komparativen Kostenvorteilen bietet der Aufbau interner Beratungskom-
petenz den Vorteil, unternehmenskritisches Wissen im Unternehmen halten zu können und
nicht nach außen dringen zu lassen. Zudem kommen die im Rahmen von Projekten realisier-
ten Lerneffekte der internen Berater dem eigenen Unternehmen zugute und nicht der
beauftragten Beratungsgesellschaft. Die Berater des BMW Inhouse Consulting arbeiten in
unterschiedlichen Fachbereichen an komplexen Themenstellungen und in wechselnden kultu-
rellen Umgebungen. Hier sind insbesondere Einsätze in den Werken Spartanburg/South
Carolina und Rosslyn/Süd Afrika oder bei ROVER in England zu nennen, aber auch Aufga-
ben in den weltweit vertretenen Vertriebsgesellschaften. Das Inhouse Consulting wird mit
dem Ziel eingesetzt, konzernweit einen dauerhaften Erfolg von strategisch bedeutsamen Pro-
jekten zu realisieren. Als besonderer Vorteil einer internen Beratung gegenüber externen
Beratungsunternehmen werden die Internalisierungspotentiale des im Rahmen von Bera-
tungsprojekten generierten Wissens angesehen. Ein effizientes Wissensmanagement-Konzept
ist notwendig, um diesen Vorteil systematisch und dauerhaft nutzen zu können.
6.3.2 Entwicklung und Einführung des System-K3 im BMW Inhouse Consulting
Nach einem Jahr konzeptioneller Vorarbeit wurde der Autor im Januar 1998 von dem Füh-
rungskreis des BMW Inhouse Consulting offiziell mit der Leitung des Projektes
Wissensmanagement in Beratungsprojekten beauftragt. Im diesem Zusammenhang wurde das
System K3 konzipiert und entwickelt. Als Entwicklungsumgebung wurde nach einem internen
Benchmarking potentiell geeigneter Werkzeuge für dieses Vorhaben und der Einholung ex-
terner Expertisen durch die Unternehmensberatungen KPMG, Ernst&Young und Arthur
Andersen Managementberatung die Groupware Lotus Notes 4.6 ausgewählt. Als Hauptgründe
für diese Wahl sind die gute Unterstützung mobiler Anwender auf Basis des Replikationsme-
chanismus sowie die einfache Internet-Anbindung zu nennen. Parallel zur eigentlichen
Entwicklungsarbeit war es notwendig, dafür zu sorgen, daß eine adäquate technische Infra-
struktur geschaffen wird und eine Organisationseinheit im Unternehmen die Administration
der Domino-Server übernimmt. In einer zentralen IT-Abteilung bei BMW wurde daraufhin
ein Cluster aus vier Domino 4.61-Servern installiert, die auf einer IBM SP/2-Maschine mit 1
GB Arbeitsspeicher und mehr als 200 GB Festplattenspeicher laufen. Als Entwicklungsme-
thodik wurde ein evolutionäres Prototyping gewählt, um durch frühzeitige Einbeziehung der
späteren Anwender deren Akzeptanz zu gewinnen und deren Erfahrungen in die Entwicklung
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 206
einfließen zu lassen. Im Sommer 1998 konnte ein erster Prototyp präsentiert und von ei-
nem ausgewählten Anwenderkreis getestet werden. Der Ansatz der Wissensstadt wurde deut-
lich begrüßt, die damals noch unzureichenden Möglichkeiten des Intranetzugriffs auf die
Inhalte der Knowledge City allerdings bemängelt, was zu der Entwicklung des Web Connec-
tors und der Integration des Systems in das BMW Intranet führte.
Vor der Einführung des Systems wurden die Anwender durch mehrere aufeinander abge-
stimmte Informationsveranstaltungen und Schulungen mit der Verwendung des Systems und
insbesondere auch mit den Ansätzen des Wissensmanagements vertraut gemacht, um hier-
durch die Bereitschaft zum Wissenstransfer zu fördern. Die Möglichkeit, alle Schulungen im
Multimediaraum des Produktionsvorstandes und jetzigen Vorstandsvorsitzenden Prof. J. Mil-
berg durchzuführen, verdeutlichte dabei die Unterstützung durch das Top Management.
Auf Seiten der Anwender war es notwendig, die technischen Voraussetzungen für die Nut-
zung des Systems zu schaffen. Anstatt der bis dahin verwendeten, teilweise veralteten
Desktop-Computer wurde jeder Berater mit einem leichten Notebook der Marke IBM Think-
pad 560, kombinierter Modem- und Netzwerkkarte sowie vorinstalliertem Lotus Notes Client
ausgestattet und in der Verwendung von Hard- und Software geschult. Das System K3 wird
im Inhouse Consulting der BMW AG seit dem Winter 1998 produktiv eingesetzt. Hierüber
sind die global agierenden Berater vernetzt und tauschen Wissen über Ländergrenzen und
Zeitzonen hinweg miteinander aus. Sie werden dabei von einem zentralen Project Support
Center, das für inhaltliche Belange verantwortlich ist, sowie von einem technischen Support
unterstützt.
6.3.3 Praktische Einsatzerfahrungen
Durch das System-K3 werden die Kommunikations- und Wissensströme zwischen den drei
Parteien des Inhouse Consulting: Management, Berater und Back Office unterstützt. Der Ein-
satz der Knowledge City konsolidiert die bisher bestehenden unterschiedlichen
Wissensspeicher, wie Dateiserver, Aktenschränke, Telefonlisten, etc. und macht den Umfang
der eingesetzten Geschäftsobjekte transparent.
Im Management des Inhouse Consulting herrschte bisher relativ wenig Transparenz über Art,
Anzahl und Umfang der laufenden Projekte. Eine Konsolidierung der Projektfortschritte wur-
de nur unregelmäßig und mit papierbasierten Übersichtsplänen vorgenommen, was die
physische Anwesenheit der jeweils verantwortlichen Projektleiter vorraussetzte. Ein Aus-
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 207
tausch und Abgleich der Projektinformationen zwischen den unterschiedlichen Büros fand
lediglich auf Basis etwaig bestehender persönlicher Beziehungen statt. Mit dem System K3
erhält das Management ein Kontroll- und Steuerungsinstrument, mit dem es jederzeit die ak-
tuellen Projektfortschritte überblicken und über die Ampelsteuerung ggf. Mißstände frühzeitig
erkennen und entsprechend intervenieren kann. Die einheitliche Struktur des Projekt-Master
erleichtert es dem Management, das dokumentierte Projektwissen mehrerer unterschiedlicher
Projekte zu interpretieren. Mit Hilfe des Kompetenz-Netzwerks kann das Management auf
Anfragen von potentiellen Kunden hinsichtlich spezifischer Kompetenzen umgehend reagie-
ren und gegebenfalls den oder die entsprechenden Berater direkt in den Akquisitionsprozeß
einbinden. Ist die benötigte Kompetenz nicht im eigenen Büro vorhanden, so ermöglicht das
Kompetenz-Netzwerk den Zugriff auf Berater anderer Büros oder ggf. auf ehemalige Mitar-
beiter.
Die Berater haben bisher die Projektdokumentationen auf Basis ihrer individuellen Einzeler-
fahrungen und Ansichten aufgebaut, was dazu führte, daß diese z.T. sehr umfangreich, von
anderen nur schwer lesbar und interpretierbar und ausschließlich an einem physischen Stand-
ort, i.d.R. dem jeweiligen Schrank des Beraters, vorhanden waren. Zudem wurden die
Projektdokumentationen erst am Ende eines Projektes angefertigt. Aufgrund dieser Umstände
konnten die im Projekt generierten Lerneffekte von anderen Beratern erst sehr spät eingese-
hen und im eigenen Projekt eingesetzt werden. Wertvolle Erfahrungen konnten regelmäßig
nicht wiederverwendet werden. Die einheitliche Struktur des Projekt-Masters und das phasen-
bezogene Angebot an Vorlagen und Beispielen durch das Project Knowledge Framework er-
leichtert es den Beratern, das im Projekt generierte Wissen zu dokumentieren. Durch ein
gemeinsames Verständnis über den Verlauf von Beratungsprojekten sowie eine standardi-
sierte Dokumentation werden die Projektergebnisse für Dritte lesbar, was eine unabdingbare
Voraussetzung für die Wiederverwendbarkeit des erfaßten Wissens darstellt. Der prozeß-
orientierte Ansatz ermöglicht zudem eine frühe systematische Einbindung von existierendem
Wissen in den betrieblichen Prozeß der Projektabwicklung. Im Projekt generierte Erfahrungen
und Ergebnisse werden umgehend dokumentiert, was zu einer schnellen Kommunikation der
aktuellen Projektergebnisse und -fortschritte an das Management sowie an die übrigen Berater
führt.
Den einzelnen Beratern waren zum Teil die Kollegen und deren spezifische Kenntnisse nicht
bekannt, da die Organisationseinheit Inhouse Consulting nach funktionalen Kriterien geglie-
PRAKTISCHE UMSETZUNG UND EINSATZERFAHRUNGEN Seite 208
dert ist und die Büros daher lokal verteilt sind. Die gegenseitige Unterstützung und der
Austausch von Fachwissen war dementsprechend schwach ausgeprägt, was zu einem erhöh-
ten Arbeitsaufwand für den Einzelnen führte. Die im Kompetenz-Netzwerk verwalteten
Beraterprofile schaffen Transparenz über das intern verfügbare Wissen, verbessern die Ver-
netzung der Berater untereinander auch über Abteilungs- und Ländergrenzen hinweg und
regen den Wissenstransfer und die Nutzung indirekten Wissens an. Ein weiteres Problem war
die mangelnde Verfügbarkeit von Informationen und Wissen während des Einsatzes vor Ort
beim Kunden. Die auf das mobile Equipement replizierbare Knowledge City ermöglicht es
den Beratern jederzeit, das aktuelle kollektive Beratungswissen mit sich zu führen, darauf
zuzugreifen und es um eigene Erfahrungen zu erweitern. Die ständige Verfügbarkeit aktuellen
Wissens vor Ort beim Kunden, in Besprechungen, in Akquisitionsgesprächen etc. verschafft
dem Berater eine wichtige Grundlage für ein souveränes und überzeugendes Auftreten.
Neben dem Management und den Beratern profitiert auch das Back Office von dem Einsatz
des Systems K3. Das Back Office war bisher nicht in der Lage, eine durchgängige Standardi-
sierung der einzusetzenden Formulare und Vorlagen durchzusetzen, was regelmäßig zu
zeitaufwendigen Suchen nach den passenden und gerade aktuellen Vorlagen, zu Rückfragen
der Berater beim Back Office und einem uneinheitlichen Auftritt dem Kunden gegenüber
führte. Die zentrale Verwaltung abgestimmter Vorlagen in der Toolbox und das automatische
Angebot derselben im Projekt-Master hilft, ein einheitliches CI (Corporate Identity) und da-
mit einen profesionellen Auftritt dem Kunden gegenüber zu erreichen. Das Back Office setzt
das System K3 als Werkzeug zur Unterstützung der Berater mit tagesaktuellen Informationen
ein. Telefonlisten werden nun nicht mehr monatlich neu erstellt und per E-Mail an alle Mitar-
beiter versendet. Statt dessen sorgt das Back Office dafür, daß die Berater ihr Beraterprofil
regelmäßig aktualisieren. Anstatt eines Push-Mechanismus zur Wissensdissemination wird
nun ein Pull-Mechanismus eingesetzt und zudem der Besitzer des Wissens aufgefordert, die-
ses bereitzustellen und aktuell zu halten. Nach einem ähnlichen Prinzip werden Texte und
Präsentationen ausgetauscht. Berater fordern beim Back Office über das Haus Online die
Aufbereitung von vorskizzierten Dokumenten an und die fertiggestellten Unterlagen werden
vom Back Office auf dem gleichen Weg bereitgestellt. Die Berater holen sich die fertigen
Unterlagen aus dem System, sobald sie durch E-Mail von deren Fertigstellung informiert
wurden. Dieser Prozeß vermeidet die Notwendigkeit zeitgleicher, physischer Anwesenheit der
Beteiligten und reduziert zudem den kosten- und zeitintensiven E-Mail-Verkehr.
ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION Seite 209
7 Zusammenfassung und Diskussion
Das zentrale Thema des vorliegenden Dissertationsvorhabens ist das Management von Wis-
sen im betrieblichen Umfeld der Unternehmensberatung. Die in Kapitel zwei begründete
Annahme, daß Unternehmensberatungen den größten Teil ihres Wissens im Rahmen von Be-
ratungsprojekten generieren, erforderte eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem
Begriff des Projektmanagement. Insbesondere die Verbindung von Projekt- und Prozeßmana-
gement war dabei von Interesse, da Wissensmanagement sich im wesentlichen mit dem
effektiven Einsatz bestehenden Wissens auseinandersetzt und damit ein zyklische Betrach-
tungsweise impliziert. Der thematisch am stärksten gewichtete Teil der Arbeit ist das
Management des Produktionsfaktors Wissen. Im Gegensatz zur Datenverarbeitung und zum
Informationsmanagement, die als historische Vorläufertechnologien des Wissensmanage-
ments angesehen werden, weist das Themengebiet Wissensmanagement einen hochgradig
interdisziplinären Quarakter auf. Die dadurch bedingte Komplexität des Themas wurde durch
eine differenzierte Darstellung unterschiedlicher Betrachtungsdimensionen, wie der Psycho-
logie, der Neurobiologie, der Informatik und der Wirtschaftswissenschaften eingegrenzt.
Neben den auf diese Weise erarbeiteten Grundlagen des Themas wurden die Werke bekannter
und renommierter Autoren des Wissensmanagements analysiert und deren Ansichten und
Modelle einander gegenübergestellt, um einen klaren Eindruck vom aktuellen Stand der For-
schung und Praxis zu erhalten.
Das zweite gewichtige Themengebiet dieser Arbeit, die Unternehmensberatung, wurde durch
eine klare Abgrenzung des Beratungsbegriffs sowie die Diskussion unterschiedlicher Bera-
tungsleistungen und -philosophien aufbereitet und transparent dargestellt. Eine Analyse der
Gründe, die zu der Inanspruchnahme einer Beratungsleistung führen, verdeutlichte die Er-
wartungen, die von Seiten der Auftraggeber an ein Beratungsunternehmen gestellt werden,
woraus sich die Bedeutung des neuen Produktionsfaktors Wissen für die Beratungsbranche
ableiten ließ. Untermauert wurden diesen theoretisch abgeleiteten Ausführungen durch eine
Untersuchung ausgewählter, international tätiger Unternehmensberatungen bezüglich ihres
Umgangs mit dem Produktionsfaktor Wissen. Aufgrund der Sensibilität dieser für Unterneh-
mensberatungen unternehmenskritischen Informationen konnte die Ergebnisse nur zum Teil
durch direkte Erhebungen auf Basis von Interviews gewonnen werden. Zusätzlich wurden
indirekte Erhebungsmethoden, wie die Auswertung veröffentlichter Artikel in Büchern, Zeit-
schriften und im Internet sowie die Befragung ehemaliger Mitarbeiter der betroffenen
ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION Seite 210
Unternehmen eingesetzt. Die in Kapitel drei vorgestellte Aufbereitung des aktuellen Wis-
sensstandes in Forschung und Praxis zu den Themengebieten Projektmanagement, Wissens-
management und Unternehmensberatung sowie deren Analyse und kritische Diskussion
offenbarte die Mängel existierender Konzepte und Systeme. Diese Mängel implizierten die
möglichen Verbesserungspotentiale und bildeten damit die Grundlage für eine Ableitung der
konzeptionellen Anforderungen an das neu zu konzipierende Modell eines innovativen Wis-
sensmanagementsystems.
Anläßlich von Diskussionen, Vorträgen sowie den ersten Einsatzversuchen in der betriebli-
chen Praxis stellte sich heraus, daß die Ziele, Aufgaben und Inhalte des Wissensmanagement
anhand der verfügbaren Modelle nur schwer zu kommunizieren waren. Die daraufhin neu
konzipierten Basiskonzepte eines innovativen Wissensmanagements, wozu u.a. das Modell
der Entstehung von Wissen, die Unterscheidung von Wissensarten und Wissenszustände und
insbesondere der Lebenszyklus des Wissens gehören, wurden zuerst in unternehmensinternen
später auch in unternehmensübergreifenden und akademischen Arbeitskreisen sowie im Rah-
men von Referaten und Kongreßvorträgen getestet und haben sich dort bewährt.
Anm.: Der Autor hat die genannten Konzepte in Arbeitskreisen des Fraunhofer Institut für
Arbeitsorganisation (IAO) in Stuttgart sowie des Groupware Competence Center
(GCC) an der Universität Paderborn vorgestellt und diskutiert. Der Autor ist zudem
Vorsitzender des Arbeitskreises Knowledge Management der Deutschen Notes U-
sergroup (DNUG) und hat in diesem Umfeld die o.g. Themen ebenfalls vorgestellt und
diskutiert. Weiterhin hat der Autor hat die genannten Konzepte im Rahmen von Vor-
trägen bei Euroforum sowie der Central Europe Computer Measurement Group
(CECMG) zur Diskussion gestellt.
Die Frage, wie ein kollektiver Wissenspool zu gestalten ist, damit sich jeder Mitarbeiter dort
zurechtfindet, wurde durch die Erkenntnis geprägt, daß Menschen eine gemeinsame Beg-
riffswelt benötigen, um sich verständigen zu können. Die von Psychologen und
Neurobiologen festgestellte Bedeutung von Grafiken und Symbolen für die Merkleistung des
Menschen sowie das besondere assoziative Leistungsvermögen des menschlichen Gehirns
führten zu der Erkenntnis, daß nicht leistungsfähige Suchmechanismen, sondern vielmehr die
Navigation in einer gering-komplexen grafischen Struktur der zentrale Zugangsmechnismus
zum kollektiven Wissen sein muß. Die Metapher einer Stadt als grundlegendes Navigations-
ZUSAMMENFASSUNG UND DISKUSSION Seite 211
konzept bildete daher die Grundlage einer kollektiven, kognitiven Struktur des gemeinsa-
men Wissenpools einer Unternehmensberatung, der Knowledge City.
Neben der Verwaltung und Bereitstellung verfügbaren Wissens über das Werkzeug Knowled-
ge City, stellte sich die Frage der inhaltlichen Befüllung sowie der kontextgetriebenen
Vernetzung der Inhalte. Ohne eine Einordnung in den Kontext des dokumentierten Wissens
ist dessen Wiederverwendung kaum möglich. Das zu diesem Zweck entwickelte Konzept des
Project Knowledge Framework bildet den Referenzrahmen eines projekt-orientierten Wis-
sensmanagements im Beratungsumfeld. Im Sinne eines intelligenten Agenten unterstützt es
auf der einen Seite die gezielte Generierung und Dokumentation von relevantem Projektwis-
sen und bietet auf der anderen Seite zu jedem Zeitpunkt im Projekt die verfügbaren
Wissensumfänge an, die im jeweiligen Kontext sinnvoll einsetzbar sind.
Die konzipierten Modelle wurden sukzessive im Rahmen eines zyklischen Regelkreises aus
theoretischer Methodenentwicklung und praktischer Machbarkeitsprüfung in ein produktives
Wissensmanagementsystem umgesetzt, das im realen Anwendungsbereich der internen Un-
ternehmensberatung der BMW AG zum Einsatz kam.
Das Konzept der Wissensstadt wurde mit den verfügbaren Mitteln in zweidimensionale Sze-
narien umgesetzt. Anstatt zweidimensionaler Abbildungen von Raumstrukturen könnten
durch den Einsatz neuer Soft- und Hardware-Technologien dreidimensionale Erlebniswelten
geschaffen werden, in denen der Teilnehmende das Teilen und Nutzen von Wissen räumlich
erleben kann, wie es z.T. bereits bei hochgradig animierten Multimedia-Videospiele der Fall
ist. An Stelle von Tastatur und Maus könnten neue Eingabemedien zum Einsatz kommen,
welche den Umgang mit dem System natürlicher gestalten und damit helfen, die jetzt noch
vorhandene Schnittstellenproblematik weiter abzubauen. Weiterhin ließe sich der betriebs-
wirtschaftliche Ansatz der Wissensstadt auf ökonomische Länder- und Kontinente-Modell
ausweiten und auf diese Weise der zunehmenden Globalisierung und dem Bedarf der Integra-
tion externer Wissensträger und Dienstleister Rechnung tragen.
ANHANG Seite 212
8 Anhang
8.1 ANHANG A: Die langen Wellen der Konjunktur und ihre Basisinnovationen
Im Jahre 1926 publizierte der russische Wissenschaftler Nikolai Kondratieff einen Artikel mit
dem Titel: „Die langen Wellen der Konjunktur“. Darin behauptet er, daß die wirtschaftliche
Entwicklung Westeuropas und der USA nicht nur durch das Auftreten kurzer und mittlerer
Konjunkturschwankungen gekennzeichnet ist, sondern daß in den kapitalistischen Ländern
auch lange Phasen von Prosperität und Rezession periodisch mit einer Periodendauer von
etwa 45-60 Jahren auftreten. Diese Perioden werden seitdem im Rahmen der ökonomischen
Forschungsrichtung der Theorie der langen Wellen untersucht und ihm zu Ehren als Kondra-
tieffzyklen bezeichnet. Diese Theorie gewinnt ihre Stärke aus ihrem ganzheitlichen Ansatz
und ihrem umfassenden Prognosepotential. „Im Grunde ist sie die einzige wissenschaftliche
Theorie, mit der die Wechselwirkungen zwischen der technologischen, wirtschaftlichen, sozi-
alen und kulturellen Entwicklung überzeugend erklärt werden können.“ [Nefiodow 1997,
S.3].
Ein zentrales Element dieser Theorie ist der Begriff der Basisinnovationen, womit ganz be-
stimmte technisch-wirtschaftliche Innovationen gemeint sind, die als Auslöser der
Kondratieffzyklen gelten. Ein Naturgesetz ist i.d.R. die Vorraussetzung für die Entstehung
eines Kondratieffzyklus. Aus diesem Gesetz leitet sich das gesamte weitere Konstrukt beste-
hend aus Technologischem Kern, Neuen und Älteren Technologien ab, das
zusammengenommen die Basisinnovation darstellt. Dabei wird der Technologische Kern von
einer Maschine, einem Werkstoff oder einer Technologie gebildet und kann als praktische
Anwendung eines allgemeingültigen Naturgesetzes angesehen werden. Die Dampfmaschine
z.B. als Kern des ersten Kondratieffzyklus hat die Gesetze der Thermodynamik verwirklicht;
das Elektrodynamische-Prinzip war und ist die Grundlage der gesamten Elektrotechnik. Aus
diesem Technologischen Kern geht ein Bündel Neuer Technologien hervor, die entweder di-
rekte Ableitungen oder Weiterentwicklungen darstellen oder aber um den Kern herum
entstehen. So sind Speichertechnologien direkte Weiterentwicklungen des Kerns Digital-
Computer wohingegen Drucker, Monitore etc. als periphere Technologien angesehen weren
können. Durch den Kern und die Neuen Technologien wird ein Bündel Älterer Technologien
so beeinflußt, das alle drei zusammen ein eng gekoppeltes Technologiesystem, die Basisinno-
vation bilden.
ANHANG Seite 213
Natur-Gesetz
Russel-Whitehead
Technologischer Kern
Digital-Computer
Neue Technologien
Mikroelektronik, Software, Speichertechnologien
usw.
Ältere Technologien
Bürotechnik, Telefontechnik, Unterhaltungselektronik
usw.
Basisinnovation
Informationstechnik
Kondratieffzyklus
Reorganisationsprozeß der Gesellschaft
Abbildung 91: Definition eines Kondratieffzyklus (am Beispiel des 5. Kondratieff *)
[Nefiodow 1997]
Nach Nefiodow muß eine Neuerung, um als Basisinnovation eingestuft zu werden, drei Krite-
rien erfüllen:
1. Sie muß aus einem Bündel eng vernetzter Technologien bestehen, das in der Lage ist, das
Tempo und die Richtung des Innovationsgeschens für mehrere Jahrzehnte zu bestimmen.
2. Sie muß die Rolle einer Lokomotive für die gesamte Wirtschaft übernehmen und das
Wachstum der Weltwirtschaft über mehrere Jahrzehnte bestimmen.
3. Sie muß zu einer weitreichenden Reorganisation der Gesellschaft führen.
„Die Bedeutung einer Basisinnovation erschöpft sich somit nicht darin, einen großen neuen
Markt zu schaffen. Das Gewicht dieses neuen Marktes und das Gewicht der von der Basisin-
novation ausgehenden Modernisierungsimpulse bewirken eine weitgehende Reorganisation
der Gesellschaft, und dieser gesamte Prozeß – von der Entstehung des technologischen Kerns
bis zur Reorganisation der Gesellschaft – stellt den Kondratieffzyklus dar.“ [Nefiodow 1997].
Ein Kondratieff-Zyklus ist somit mehr als bloß ein Konjunkturzyklus, er stellt vielmehr einen
Reorganisationsprozeß der gesamten Gesellschaft dar, der mit dem Ziel stattfindet, ein oder
mehrere große Knappheitsfelder zu erschließen.
ANHANG Seite 214
• Zum 5. Kondratieff existiert genaugenommen (noch) kein Naturgesetz. Die zwei eng-
lischen Mathematiker und Philosophen Bertrand Russell und Alfred Whitehead haben An-
fang des 20. Jahrhunderts in ihrem Buch Principia Mathematica bewiesen, das die
gesamte Mahematik auf Logik zurückgeführt werden kann – nämlich auf die drei logi-
schen Operatoren: logische UND, logisches ODER und Negation. Der Digital-Computer
ist somit die somit die technische Verwirklichung des Russel-Whitehead-Gesetzes.
ANHANG Seite 215
8.2 ANHANG B: Checklisten des Project Knowledge Framework
CHECKLISTE GATEWAY 1
Projekt:
Datum:
Verfasser:
Nr. FRAGEN JA NEIN BEMERKUNG
Kontextanalyse
1. Ist der Auftraggeber bekannt?
2. Sind Gegner des Projektes bekannt?
3. Hat das Projekt einen Mentor?
4. Existieren konkurrierende Projekte?
5. Ist die Problemstellung des Projekts klar?
6. Sind alle Rahmenbedingungen und Voraussetzungen für das
Projekt aufgezeigt?
7. Ist klar, welche Konsequenzen das Nichterfüllen der
Rahmenbedingungen für das Projekt hätte?
Projektbewertung
8. Bietet das Projekt neue Lernpotentiale für die Berater?
9. Ist das Projektbudget ausreichend und angemessen?
10. Existiert Handlungsbedarf beim Kunden?
11. Können wir uns durch dieses Projekt in der Branche profilieren?
Qualifikation
9. Ist das notwendige Know how intern vorhanden?
10. Sind die Know how-Träger verfügbar?
ANHANG Seite 216
CHECKLISTE GATEWAY 2
Projekt:
Datum:
Verfasser:
Nr. FRAGEN JA NEIN BEMERKUNG
Ist-Analyse
1. Ist der Ist-Zustand grob analysiert und beschrieben?
Projektstrukturplanung
2. Wurde das Gesamtprojekt in Teilprojekte und Arbeitspakete
strukturiert?
Projektablaufplanung
3. Ist ein Projektablaufplan vorhanden?
4. Ist die Reihenfolge der Abläufe klar, vollständig und durchgängig
beschrieben?
5. Sind die Teilprojekte/Arbeitspakete geplant hinsichtlich:
- Aufwand
- Kosten
- Dauer (Beginn/Ende)
6. Sind terminliche Abhängigkeiten zwischen Teilprojekten bzw.
Arbeitspakten erfaßt?
7. Sind Meilensteine terminiert?
Ressourcenplanung
8. Ist die Projektorganisation festgelegt?
- Auftraggeber
- Mentor
- Steuerkreis
- Projektleiter Kunde
· Projektleiter Beratung
- Projektteam
9. Ist genügend Personal vorhanden und sind eventuell
Fremdleistungen eingeplant und genehmigt?
10. Sind die Rollen, Zuständigkeiten und Kompetenzen von Kunde
und Beratung schriftlich geregelt?
11. Ist die Qualifikation der Projektbeteiligten ausreichend?
Projektauftrag
12. Liegt ein unterschriebener Projektauftrag vor?
ANHANG Seite 217
CHECKLISTE GATEWAY 3
Projekt:
Datum:
Verfasser:
Nr. FRAGEN JA NEIN BEMERKUNG
Infrastruktur
1. Stehen die Betriebsmittel bereit?
- IV-Infrastruktur
- Räume, Projektbüro
2. Sind die für das Projekt in Frage kommenden Standards
(Formulare, Tools, Methoden) festgelegt, angepaßt und
anwendbar?
3. Sind Veränderungen im Vergleich zur Auftragssituation
aufgetreten?
4.
Sind Meßgrößen für den Projekterfolg (Projektcontrolling) definiert
worden?
5. Ist in der Knowledge City ein Projekt-Master angelegt?
Ressourcen
6. Ist das Budget für geplante Fremdleistungen verfügbar?
7. Ist das geplante Personal vorhanden und verfügbar?
8. Bringen die zum Projektteam gehörenden Mitarbeiter
- ausreichendes Wissen mit?
- ausreichende Kapazitäten mit?
9. Wurde ein Kick-off-Meeting mit allen Projektteilnehmern
durchgeführt?
ANHANG Seite 218
CHECKLISTE GATEWAY 4
Projekt:
Datum:
Verfasser:
Nr. FRAGEN JA NEIN BEMERKUNG
Projektabschluß
1. Sind alle offenen Punkte bearbeitet und gelöst?
2. Ist der Projekterfolg meßbar hinsichtlich der Meßgrößen:
- Zielerreichung
- Wirtschaftlichkeit (Kosten / Nutzen)
- Terminabweichungen
3. Hat der Kunde das Projekt abgenommen?
Projektdokumentation
4. Liegen alle relevanten Dokumente vor bzgl.:
- Workshopergebnisse
- Beschlüsse des Steuerkreises
- Meilenstein-Präsentationen
ANHANG Seite 219
CHECKLISTE GATEWAY 5
Projekt:
Datum:
Verfasser:
Nr. FRAGEN JA NEIN BEMERKUNG
Knowledge Dokumentation
1. Wurden folgende Unterlagen erstellt und in die Knowledge-City
eingestellt?
- kritische Protokolle
- Projektabschlußbericht
- Meilenstein-Präsentationen
- Workshopergebnisse
2. Liegen Erfahrungsberichte (lessons learned) vor hinsichtlich:
- Informative Erfahrungen
- Erfolgserfahrungen
- Problemerfahrungen
3. Wurde der Einsatz von Methoden und Tools dokumentiert und
bewertet?
Performance Review
4. Ist der Projekterfolg meßbar hinsichtlich der Meßgrößen:
· Zielerreichung
· Wirtschaftlichkeit (Kosten / Nutzen)
· Terminabweichungen
5. Liegt ein Soll-Ist-Vergleich von Projektabschluß mit dem
Projektauftrag vor ?
Kundenzufriedenheit
6. Ist der Fragebogen “Kundenzufriedenheit” ausgefüllt worden?
ANHANG Seite 220
CHECKLISTE GATEWAY 6
Projekt:
Datum:
Verfasser:
Nr. FRAGEN JA NEIN BEMERKUNG
Kontaktgespräche
1. Wurde der Kontakt mit dem Kunden aufrechterhalten?
2. Wurden Informationen bezüglich Umsetzungsstatus regelmäßig
eingeholt und dokumentiert?
3. Ist der Kunde offen für weitere Kontakte?
Interventionen
4. Mußten aufgrund von eingetretenen Problemen gegensteuernde
Maßnahmen eingeleitet werden?
5. Haben die Maßnahmen zum beabsichtigten Erfolgs geführt?
Umsetzungs-Review
6. Ist ein Umsetzungs-Review mit dem Kunden (Zeitraum 3-6
Monate nach Projektabschluß) durchgeführt worden?
7. Wird es ein Folgeprojekte geben?
ANHANG Seite 221
8.3 ANHANG C: Kurzdokumentation der Entwicklung und der Architektur
des Systems K3 (Referenz zur beigelegten CD-ROM)
Ausgehend von einer detaillierten Analyse des aktuellen Standes der Forschung und Technik
(vgl. Kap. 2 und Kap. 3) wurde im Rahmen der vorliegenden Arbeit ein neuartiges Konzept
entwickelt, wie sich ein prozeßorientiertes Projektmodell mit Hilfe innovativer Informations-
technologien in eine praktische Anwendung umsetzen läßt. Diese Anwendung, das in Kapitel
5 und 6 beschriebene System K3, wurde vom Autor nicht nur konzipiert, sondern auch sys-
temhaft umgesetzt. Als Vorgehensmodell wurde dabei eine Strategie des evolutionären
Prototyping gewählt. Der erste Prototyp deckte die leicht erkennbaren Anforderungen ab und
diente der Klärung der weiteren Vorgehensweise, alle weiteren Prototypen bildeten ihrerseits
die Spezifikationsgrundlage ihrer Nachfolger bis hin zu dem hier vorgestellten Endsystem.
Insgesamt gab es fünf Prototypenversionen (Release 1 bis Release 5), die ihrerseits jeweils
zwischen zwei und fünf Entwicklungsstadien aufwiesen (z.B. Release 2.0 bis Release 2.5).
Die Validierung erfolgte in der betrieblichen Praxis des BMW Inhouse Consulting, d.h. die
Benutzer wurden als Tester in die Anwendungsentwicklung einbezogen. Aus dieser
Entwicklungsarbeit resultiert das System K3, das sich aus insgesamt fünf Lotus Notes Daten-
banken zusammensetzt (siehe Abb. 92).
Abbildung 92: Datenbanken des Systems K3
Von diesen fünf Komponenten wurden die drei Datenbanken “Knowledge City”, “Web Con-
nector Internal” und “Web Connector Public” vom Autor selbstständig konzipiert und
programmiert. Im Laufe der Entwicklungsarbeit wurden insgesamt 349 Datenbankobjekte
entwickelt, hierzu gehören Eingabemasken, Dialogmasken, Ansichten, grafische Navigatoren
ANHANG Seite 222
und Agenten (siehe Abb. 93). Die Datenbankobjekte enthalten jeweils zwischen 100 und
1000 Zeilen LotusScript-Code (siehe Abb 94). Um die Internetfähigkeit der Datenbanken
sicherzustellen, wurden vom Autor zusätzlich über 4000 Zeilen HTML- und Javascript-Code
programmiert (siehe Abb. 95).
Die beiden Datenbanken “Organisation” und “Workflow” sind kommerziell verfügbare Sys-
teme der Firma PAVONE und wurden im Rahmen der Entwicklungsarbeit in das System K3
integriert. Die Leistung des Autors bestand in der nahtlosen Integration dieser Datenbanken in
das Gesamtsystem. Hierzu mußten Schnittstellen entwickelt, getestet und valdiert werden.
Das Ergebnis dieser Arbeit ist eine mit Workflowfunktionalitäten ausgestattete Datenbank
“Knowledge City”.
0
20
40
60
80
100
120
140
Workflow 0500422 2
Organisation 2 6 4 3 10 34 5
Redaktionssystem 210 11872
Knowledge City 35 40 45 21 108 49 20
Navigatoren Formulare Dialog- masken Teilmasken sichtbare
Ansichten versteckte
Ansichten Agenten
Abbildung 93: Anzahl der programmierten Datenbankobjekte
ANHANG Seite 223
Datenbank “Knowledge City”
Die Datenbank “Knowledge City” stellt das zentrale Element der Anwendung dar. Die reine
Datenbankarchitektur (exklusive Datenbankinhalte) umfaßt allein 11 MB und stellt damit eine
für Notes-Verhältnisse große Anwendung dar. Zum Vergleich seien die folgenden Daten-
bankvorlagen, die im Lieferumfang des Softwarepakets Lotus Notes 5.0 enthalten sind und
jeweils vollwertige Anwendungen darstellen (siehe Tab. 8), aufgezeigt.
Anwendung Größe
Diskussionsdatenbank 1,1,MB
Library für MS Office Dokumente 0,9 MB
Lotus Notes Mail (inklusive Gruppenkalender und Aktivitätenverwaltung) 5,6 MB
Tabelle 8: Exemplarische Übersicht typischer Größen von Lotus Notes Anwendungen
Die Datenbank “Knowledge City” enthält alle Datenbankmasken und die darin angebotenen
Datenbankfelder, die notwendig sind, um das gesamte im Rahmen der Geschäftsprozesse der
Beratung entstehende Wissen erfassen und speichern zu können. Hierzu wurde der Wissens-
bedarf einer Unternehmensberatung detailliert analysiert (vgl. Kap. 5.2.2.) und in Form
digitaler Objekte (Datenbankmasken und -ansichten) umgesetzt. Im Gegensatz zu ihrem
papierbasierten Gegenstück, dem klassischen Formular, wurden diese Objekte mit eigenen
Funktionen, z.B. zur Erzeugung, Veränderung, Verknüpfung etc., ausgestattet.
Durch die Integration der Workflow-Engine von PAVONE ist es möglich, dem Anwender
diese Objekte entlang des Prozesses “Beratungsprojekt” (vgl. Kapitel 5.3.) an der jeweils
geeigneten Stelle zur Verwendung anzubieten. Die dabei erzeugten Dokumente werden auto-
matisch an der passenden Stelle in der Datenbank “Knowledge City” abgelegt. Der Zugriff
auf gespeichertes Wissen erfolgt entweder durch die o.g. Workflow-Engine, die dem An-
wender das im jeweiligen Kontext geeignete und verfügbare Wissen automatisch anbietet
oder über eine grafische Navigationsstruktur. Das in Kapitel 5 beschriebene Navigationskon-
zept (vgl. Kapitel 5.2.) wurde technisch umgesetzt, indem digitale Photos aufgenommen, mit
dem Grafikprogramm “Photoshop” nachbearbeitet und ineinandergefügt wurden. Die Gra-
fiken wurden in die Anwendung als Datenbankobjekte vom Typ “Navigator” integriert und
mit Hilfe der Programmiersprache LotusScript miteinander sowie mit den übrigen Daten-
bankobjekten wie Ansichten, Masken und Dokumenten dynamisch verknüpft (siehe Abb. 94).
Sub Click(Source As Button)
ANHANG Seite 224
Dim dlgdoc As NotesDocument
Dim consulting() As String, i As Integer
Dim tmpdoc As NotesDocument
Set dlgdoc = db.CreateDocument( )
dlgdoc.ConsultingUNID = doc.ConsultingUNID
If Not ws.dialogbox ("$DialogConsultingSelect",True,True,False,False,False,False, "Berater-
Team", dlgdoc)
Then
Exit Sub
End If
doc.ConsultingUNID = dlgdoc.tmpUNIDSelect1
If Trim$( doc.ConsultingUNID( 0 ) ) <> "" Then
Redim consulting( Ubound( doc.ConsultingUNID ) )
For i = 0 To Ubound( doc.ConsultingUNID )
Set tmpdoc = db.GetDocumentByUNID( doc.ConsultingUNID( i ) )
consulting( i ) = tmpdoc.Fullname( 0 ) +" / "+ tmpdoc.practice(0)
Next
doc.Consulting = consulting
Else
doc.Consulting = ""
End If
Exit Sub
Dim tDoc As NotesDocument
Dim NoOfLinks As Integer
Dim UNIDItem As NotesItem, UNIDList As Variant
Set UNIDItem = Doc.getFirstItem ("tmpUNIDSelect1")
UNIDList = UNIDItem.values
Dim LinkItem As NotesRichtextItem
Set LinkItem = Doc.getFirstItem ("D1")
If Not LinkItem Is Nothing Then Call LinkItem.remove ()
If UNIDList (0) = "" Then
Call UIDoc.refresh
Exit Sub
End If
Set LinkItem = New NotesRichtextItem (doc,"D1")
NoOfLinks = 0
Forall UNID In UNIDList
If UNID <>"" Then
Set tDoc = db.GetDocumentbyUNID (UNID)
If Not tdoc Is Nothing Then
NoOfLinks = NoOfLinks +1
If NoOfLinks > 1 Then Call LinkItem.AddNewLine (1)
Call LinkItem.AppendDocLink (tDoc,"")
End If
End If
End Forall
Call LinkItem.GetFormattedtext (False,0)
Call doc.save (True,False)
noteid = doc.NoteID
doc.ReplaceItemValue ("SaveOptions","0").SaveToDisk = False
Call UIDoc.close
Delete UIDoc
Set doc = db.GetDocumentByID (noteid)
Set UIDoc = ws.EditDocument (True,doc)
Call UIDoc.refresh
Call UIDoc.save ()
Call UIDoc.document.save (True,False)
ANHANG Seite 225
End Sub
Abbildung 94: Beispiel eines LotusScript-Codes aus der Knowledge City
Datenbanken “Web Connector”
Die beiden Datenbanken vom Typ “Web Connector” wurden entwickelt, um die Datenbank
“Knowledge City “ auch über das Internet verfügbar zu machen, dabei aber die Repräsenta-
tion von den Inhalten zu trennen (vgl. Kap. 6.1.3.). Die beiden Anwendungen sind vom
Datenbanklayout her identisch, sie unterscheiden sich jedoch signifikant durch den in ihnen
abgelegten HTML- und JavaScript-Code. Dieser Code ist zum Teil als Dokument in der
Datenbank abgelegt, zum Teil aber auch fest in der Datenbankstruktur verankert. Die Integra-
tion von HTML- und Javascript-Code in Datenbankmasken (siehe Abb. 95) ermöglicht es
z.B. dem Anwender, durch einfaches Ausfüllen der angebotenen Datenbankfelder automa-
tisch fertige HTML-Seiten zu generieren. Hierzu stehen ihm intuitive Eingabemasken zur
Verfügung, die Erzeugung des HTML-Codes erfolgt automatisch beim Abspeichern der Do-
kumente.
ANHANG Seite 226
ANHANG Seite 227
ANHANG Seite 228
Abbildung 95:Beispiel eines Stücks HTML- und Javascript-Code, der in eine
Datenbankmaske eingebettet ist und daher Datenbankfelder enthält.
Die Datenbankfelder werden mit Hilfe einer intuitiven Dialogmaske
(hier nicht dargestellt) vom Anwender befüllt.
LITERATURVERZEICHNIS Seite 229
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INDEX Seite 245
INDEX
3
360º-Beurteilung ..........................................................125
A
A.T. Cross......................................................................92
AA Online....................................................................117
ACT-Theorie ..................................................................43
Ad-hoc-Workflow..........................................................90
Administrative Workflow ..............................................90
Akkomodation..............................................................133
Aktivation.......................................................................43
Aktivationsausbreitung ..................................................43
Aktivationshöhe .............................................................43
Aktualität......................................................................145
Andersen Consulting....................................................112
Arbeitsgedächtnis ...........................................................42
ARPANET .....................................................................83
Arthur Andersen Managementberatung.......................115
Arthur D. Little ............................................................103
Assimilation .................................................................133
B
Balanced Scorecard ........................................................64
Bausteine des Wissensmanagements .............................67
Beratung, dezisionistische..............................................97
Beratung, inhaltsorientierte............................................97
Beratung, pragmatische..................................................97
Beratung, technokratische ..............................................97
Beratungsphilosophien...................................................97
Betriebliches Vorschlagswesen......................................70
Blue Books...................................................................110
Booz • Allen & Hamilton.............................................107
Bulletin-Board-Systeme.................................................88
Business Reengineering.................................................14
C
Case Debriefing............................................................107
CELEMI.........................................................................65
Center for Business Knowledge (CBK )......................119
Center of Competence..................................................163
Change Management ......................................................14
Collaborative Workflow.................................................90
communities of practice .................................................58
Computer Based Training ............................................166
Consulting ......................................................................95
CrossPad.........................................................................92
CSCW .............................................................................85
D
Data-Gloves....................................................................52
Daten ......................................................................34, 132
Desktop Videoconferencing...........................................88
Desktop-Metapher........................................................183
Digitale Sprachaufzeichnung .........................................92
E
Electronic Community .................................................112
Electronic Meeting System.............................................91
Electronic Whiteboard ....................................................91
Electronic-Commerce...................................................154
Enkodierkontext .............................................................43
Entscheidungsfähigkeit ..................................................15
Epistemologische Dimension.........................................72
Erfahrungen
Informative Erfahrungen.........................................179
Negative Erfahrungen .............................................179
Positive Erfahrungen...............................................179
Ernst&Young................................................................118
Explizierung .................................................................136
Expresso .......................................................................197
Externalisierung..............................................................73
INDEX Seite 246
F
Faktenwissen................................................................134
Firewall...........................................................................84
Forensik..........................................................................13
Führungspersönlichkeiten..............................................76
G
Gedächtnis ......................................................................41
Gedächtnisspuren...........................................................43
Gemini Consulting.......................................................121
Gesetz "Wissen ist Macht".............................................58
Gesetz des Geben und Nehmen .....................................58
Giga Information Group.................................................89
Gleichgewicht
Finanzwirtschaftliches Gleichgewicht......................53
Güterwirtschaftliches Gleichgewicht........................53
Informationswirtschaftliches Gleichgewicht............53
Personalwirtschaftliches Gleichgewicht...................53
Global Research Network (GRN)................................123
Großraumbüro ................................................................77
Group Decision System..................................................91
Groupware......................................................................86
H
Haus Cockpit................................................................166
Haus Headquarter.........................................................160
Haus Kompetenz-Netzwerk.........................................161
Haus Online..................................................................165
Haus Projekt und Themen............................................163
Haus Qualifizierung .....................................................165
Haus Suche...................................................................167
Haus Toolbox...............................................................161
Haus News ...................................................................166
Head-Mounted-Display..................................................52
Heuristisches Wissen ...................................................135
How-To-Guides ...........................................................125
Humanismus ....................................................................1
Humankapital.................................................................60
Hybridsystem...............................................................186
Hypermedia ....................................................................51
Hypertexttechnologie .....................................................49
I
Immersion.......................................................................52
InfoLink........................................................................120
Informationen.........................................................34, 132
Informationsaustauschmedium.......................................46
Informationsflut................................................12, 14, 183
Informationsgesellschaft ................................................60
Informationsmanagement...................55, 56, 60, 225, 228
Informationsräume .........................................................88
Intangible Assets Monitor..............................................65
intellektuelles Kapital.....................................................19
Interaktivität .............................................................46, 52
Interessen-Cluster-Prinzip..............................................80
Internalisierung...............................................................74
Internet............................................................................83
Internetfähigkeit ...........................................................184
J
Java...............................................................................194
Javascript......................................................................194
K
K-Commerce ................................................................153
Kernprozesse des Wissensmanagements .......................67
KMAT..........................................................................115
Knowledge City....................................................156, 187
Knowledge On-Line (KOL).........................................108
Knowledge Worker..................................................62, 76
Knowledge Xchange ....................................................112
KnowledgeSpace..........................................................117
KnowledgeWeb............................................................120
Kollektivierung, explizite.............................................141
Kollektivierung, implizite............................................142
Kombination...................................................................74
Kontinuierlicher Verbesserungsprozeß (KVP)...............70
Kopfarbeiter....................................................................62
Kreativitätstechniken......................................................70
INDEX Seite 247
Kurzzeitgedächtnis .........................................................42
L
LAN...............................................................................86
Langzeitgedächtnis .........................................................42
Learning-by-doing .........................................................74
Learning-on-the-job .......................................................74
Lernendes Unternehmen ................................................79
Lerntheorien...................................................................40
Leuchtturm-Prinzip........................................................80
lost in hyperspace...........................................................50
Lost in Hyperspace.......................................................188
M
Magic Pen ......................................................................93
MAN..............................................................................86
Management...................................................................52
Management, funktional................................................54
Management, institutional..............................................53
Manager...................................................................53, 76
McKinsey & Company ................................................109
McKinsey Global Institute...........................................111
McKinsey Quarterly.....................................................111
Medien, formelle............................................................81
Medien, informelle.........................................................81
Medienbrüche.................................................................91
Memex............................................................................48
Mentorenschaft...............................................................77
Methode der Orte ...........................................................43
motorisches System........................................................39
Multimedia and Hypermedia Experts Group.................46
Multimodalität................................................................46
Multitasking ...................................................................46
N
Navigation................................................................52, 83
Neurobiologie.................................................................38
Not invented here-Syndrom...........................................59
NSFNET.........................................................................83
O
oN Line System..............................................................49
On-Call-Consultant........................................................80
Online Chat.....................................................................88
Ontologische Dimension................................................72
orthogonaler Zugang ....................................................166
Outsourcing ..............................................................61, 99
P
PAVONE......................................................................197
Perzeptionsmedium........................................................46
Phasenkonzepte ..............................................................30
Point of Origin..............................................................171
postkapitalistische Gesellschaft......................................60
Powerpack....................................................................120
Präsentationsmedium......................................................46
Production Workflow.....................................................90
Project Knowledge Framework..............................10, 168
Projekt-Helix.................................................................152
Projektlebenszyklus........................................................29
Projektmanagement........................................................25
Projekt-Master..............................................................198
Projekt-Roadmap..........................................................199
Prozeßwissen................................................................135
R
Rapid Response Network.......................................80, 111
Redaktionssystem.........................................................194
Reliabilität ....................................................................145
Replikationsmechanismus............................................184
Repräsentationsmedium.................................................46
Roadmap
Roadmap, dynamische ............................................189
Rollenspiel......................................................................77
S
Sempai-kohai..................................................................71
Sicherheitsmechanismen ..............................................184
INDEX Seite 248
Simulation......................................................................77
Simulationen ..................................................................51
SKANDIA AFS .............................................................65
small-world networks ...................................................150
SmartQuill......................................................................94
Sozialisation...................................................................73
Speichermedium.............................................................46
Sperry .............................................................................38
Spezialisten ....................................................................76
Spirale des Wissens .......................................................71
Split-Brain-Patienten......................................................38
Spracherkennungssystem...............................................92
Strukturelles Kapital.......................................................60
Szenariotechnik..............................................................70
T
Tandem-Führung............................................................77
The ADL Link..............................................................104
The Institute .................................................................123
Total Knowledge Management......................................79
Total Quality Management (TQM)................................79
Ü
Übertragungsmedium.....................................................46
Unternehmensberatung ..................................................95
Unternehmensnavigator.................................................65
V
Validität........................................................................144
Verarbeitung, elaborative...............................................43
Verfügbarkeit ...............................................................143
Vermögenswerte, immaterielle................................64, 75
Virtuelle Realität............................................................51
VR-Systeme ...................................................................52
W
WAN..............................................................................86
Web Connector............................................................194
Wiedererkennungseffekt ..............................................145
Wissen....................................................................34, 132
Wissen, direktes ...........................................................149
Wissen, explizites...........................................................71
Wissen, externes...........................................................139
Wissen, implizites ..........................................................71
Wissen, indirektes ................................................148, 149
Wissen, internes ...........................................................138
Wissen, kollektives.......................................................140
Wissensarten.................................................................134
Wissensbewahrung.........................................................70
Wissensbroker..............................................................190
Wissensderivate..............................................................63
Wissensentwicklung.......................................................69
Wissenserwerb..........................................................40, 69
Wissensgesellschaft............................1, 2, 15, 23, 60, 232
Wissensidentifikation.....................................................68
Wissenskarten.................................................................68
Wissensmanagement ........................................34, 55, 115
Wissensmanagement, technokratisches .........................78
Wissensmanagements, Barrieren des .............................58
Wissensmanagements, Ziel des ......................................57
Wissensmanagementsystem...................................4, 7, 10
Wissensmangel...............................................................14
Wissensmarkt-Konzept..................................................78
Wissensmehrung ..........................................................138
Wissensnutzung......................................................70, 146
Wissensökologie.............................................................78
Wissensowner-Prinzip..................................................144
Wissensräume.................................................................52
Wissensrepräsentation....................................................44
Wissensspeicherung .......................................................41
Wissensunternehmen......................................................60
Wissensvermittlung......................................................140
Wissensverteilung ..........................................................70
Wissensverwaltung.......................................................143
Wissensziele, normative .................................................68
Wissensziele, operative ..................................................68
Wissensziele, strategische ..............................................68
Wissenszustände...........................................................134
Workflow Management..................................................89
Workflow Management Coalition..................................89
Workflow-Referenzmodell.............................................89
Workgroup Computing...................................................90
INDEX Seite 249
World Wide Web ...........................................................83
X
Xanadu Hypertext System..............................................48
Z
Zuarbeiter.......................................................................76