scieee Science in your language
[en] (orig)
Effiziente Verifikation der Robustheit
komplexer integrierter Schaltungen
von Diplom-Ingenieur
Haiko Morgenstern
aus Berlin
Fakultät IV
Elektrotechnik und Informatik der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades eines
Doktor der Ingenieurwissenschaften
- Dr.-Ing. -
genehmigte Dissertation.
Promotionsausschuss:
Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. B. Juurlink
1. Berichter: Prof. Dr.-Ing., Dr. E.h. H. Reichl
2. Berichter: Prof. Dr.-Ing. E. Engin
3. Berichter: Prof. Dr. rer. nat. G. Groos
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 01.04. 2011
Berlin 2011
D 83
Danksagung
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration in
der Abteilung System Design and Integration und dem Forschungsschwerpunkt
Technologien der Mikroperipherik der Technischen Universität Berlin.
Zuerst chte ich meinem Doktorvater und Erstgutachter Prof. Dr.-Ing. Dr. E.h.
Herbert Reichl für die Betreuung meiner Arbeit, das Feedback und den wertvollen
Ratschlägen danken. Meinem Zweitgutachter Prof. Dr.-Ing. Ege Engin chte ich
für die wissenschaftlichen Diskussionen und Hinweise danken. Bei meinem dritten
Gutachter Prof. Dr. rer. nat. Gerhard Groos bedanke ich mich besonders, da er
durch seine Vision zur effizienten ESD-Schaltungsverifikation wesentliche Randbedin-
gungen für diese Forschungsarbeit geschaffen hat. Ich danke ihm nicht nur für seine
hervorragende und sehr engagierte Betreuung sowie für die vielen, sehr wertvollen
wissenschaftlichen Anregungen, sondern auch für seine stete Hilfsbereitschaft und
sehr freundschaftliche Zusammenarbeit. Weiterhin danke ich Prof. Dr.-Ing. Ben
Juurlink für die Übernahme des Vorsitzes des Promotionsausschusses.
Den Kollegen der Infineon Technologies AG Herrn Michael Mayerhofer, Dr.-Ing.
Eckhard Hennig, Jörg Köllermayer und Klaus-Willi Pieper, die mir mit Ihrem
Expertenwissen stets für anregende Diskussionen zur Verfügung standen, spreche ich
meinen besonderen Dank aus.
Dr.-Ing. Stephan Guttowski danke ich für die Unterstützung und Schaffung eines
produktiven Arbeitsklimas. Des Weiteren chte ich mich bei allen Kolleginnen und
Kollegen bedanken, die direkt und indirekt zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen
haben, für die gute Zusammenarbeit und den großen Teamgeist. Besonders danke
ich Daniel Triebs, Dr.-Ing. Michael Niedermayer, Uwe Stürmer, Holger Schmalle,
Florian Ohnimus und Carsten Hoherz.
Mein herzlicher Dank gilt auch meiner langjährigen Freundin Anja Weber und
meinen Eltern, Margit und Peter Morgenstern, die mich in meiner Arbeit in Form
von Korrekturlesen und wo immer es möglich war, tatkräftig unterstützt haben.
ii
Zusammenfassung
Elektrostatische Entladungen (Electrostatic Discharge, kurz ESD) treten im Alltag
häufig auf und können integrierte Schaltkreise irreversibel schädigen. Die Verifikation
integrierter Schaltkreise zur Sicherung der Robustheit gegenüber elektrostatischen
Entladungen ist ein komplexer Prozess, bei dem Expertenwissen sowohl im Bereich
der Technologie als auch der Schaltungstechnik vorhanden sein muss. Häufig wird das
Verhalten der Bauelemente außerhalb normaler Betriebsparameter in der Simulation
nicht korrekt wiedergegeben, so dass Schaltungsentwickler das mächtige Werkzeug
der Schaltungssimulation hier nicht verwenden können. In der vorliegenden Arbeit
wurde eine Methodik entwickelt, welche die Schaltungssimulation von integrierten
Mixed-Signal-Schaltkreisen beim Auftreten von elektrostatischen Entladungen durch
entsprechende Simulationsmodelle ermöglicht. Weiterhin wurde durch eine Analyse
der Simulationsergebnisse und deren Visualisierung die Verifikation und Optimierung
hinsichtlich der ESD-Robustheit zum Teil automatisiert und dadurch wesentlich
schneller und sicherer. Um die Ausfallmechanismen von Halbleiterbauelementen beim
Auftreten elektrostatischer Entladungen zu modellieren, wurden Vor- und Nachteile
der in Frage kommenden Beschreibungssprachen herausgearbeitet. Anschließend
wurde detailliert auf die Möglichkeiten effizienter Schaltungssimulationen mittels
verschiedener Analysearten eingegangen. Hierbei lag der Fokus auf der Reduktion
der Simulationsdauer, der Konvergenz sowie der Genauigkeit der Simulationsergeb-
nisse. Die vorgeschlagene Methodik zur Verifikation von integrierten Schaltkreisen
gegenüber elektrostatischen Entladungen wurde bereits bestehenden Ansätzen ge-
genübergestellt.
Die erarbeitete Methodik wurde in dem ESD-Analysewerkzeug CLEX umgesetzt.
Dieses Werkzeug ist vollständig in die Entwicklungsumgebung Cadence
®
Design
Framework II integriert und unterstützt den Schaltungsentwickler während des
gesamten Entwicklungsablaufes bei der ESD-Schaltungsverifikation. Am Beispiel von
Smart-Power-Schaltkreisen wurde die Funktionalität der in dieser Arbeit entwickelten
Verifikationsmethodik überprüft. Es hat sich dabei gezeigt, dass bei Anwendung
dieser Verifikationsmethodik kostenintensive Überarbeitungen von Schaltungen im
Fall von negativen ESD-Tests nach der Herstellung vermieden werden können und
der Prozess der Fehleridentifikation und -korrektur wesentlich beschleunigt wird. Im
Fall eines durch den Einsatz von CLEX vermiedenen Full-Mask-Redesign wird somit
der Entwicklungsablauf eines Schaltkreises um mehrere Wochen verkürzt.
iii
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
1.1 Entwurfsablauf zuverlässiger integrierter Mixed-Signal-Schaltungen . 6
1.2 Kostenaspekte des Entwurfes integrierter Schaltkreise . . . . . . . . . 7
1.3 Datenstrukturen moderner EDA-Werkzeuge . . . . . . . . . . . . . . 9
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen 14
2.1 Hochstromverhalten von Halbleiterbauelementen . . . . . . . . . . . . 15
2.1.1 Diffusions-Widerstände . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.1.2 Dioden............................... 17
2.1.3 Bipolar-Transistoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2.1.4 MOS-Transitoren......................... 19
2.2 ESD-Belastungsmodelle und Systemtest . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2.2.1 Human-Body-Model . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.2.2 Machine-Model .......................... 23
2.2.3 Transmission Line Pulsing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.3
Ansätze zur Verifikation integrierter Schaltungen bei ESD-Belastungen
24
2.3.1 Manuelle Strompfadextraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2.3.2 Transiente Schaltungssimulationen mit Hochstrommodellen . . 26
2.3.3 Statische Verifikation elektrostatischer Entladungen . . . . . . 26
2.3.4 Dynamische ESD-Verifikation mittels Makromodellen . . . . 30
2.3.5 Ansatz dieser Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
2.4
Anforderungen einer Verifikationsmethodik für Smart-Power-Schaltkreise
31
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen ge-
genüber ESD-Impulsen 34
3.1 Effiziente Schaltungsverifikation hinsichtlich ESD . . . . . . . . . . . 34
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . 39
3.2.1 Ursachen von Konvergenzproblemen . . . . . . . . . . . . . . . 42
iv
3.2.2 Gleichstromanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
3.2.2.1 Konvergenzeigenschaften einer Gleichstromanalyse . 44
3.2.2.2
Zeitbedarf einer transienten Simulation gegenüber
Gleichstromanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
3.2.3 Transiente Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
3.2.4 Kleinsignalanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen 53
4.1 Klassifikation der Fehlermodi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
4.1.1 Fehlen oder fehlerhafter Einsatz von ESD-Schutzelementen . . 56
4.1.2 Verwenden von Bauelementen falscher Spannungsklassen . . . 57
4.1.3 Fehlerhafte Ansteuerung von ESD-Schutzelementen . . . . . . 58
4.1.4 Falsche Dimensionierung von Bauelementen . . . . . . . . . . 59
4.1.5
Übersehene oder falsch bewertete Strompfade und transiente
Kopplungen............................ 59
4.2 Modellierungsansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
4.2.1 Identifikation aller möglichen Bauelementausfälle . . . . . . . 60
4.2.2
Beschreibung der Strom-Spannungscharakteristik außerhalb
des sicheren Arbeitsbereiches . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
4.2.3 Analyse-spezifische Modellierung . . . . . . . . . . . . . . . . 63
4.2.4
Recheneffiziente Implementierung der erweiterten Simulations-
modelle .............................. 66
4.2.5 Automatisierte Erstellung der Simulationsmodelle . . . . . . . 70
4.3 Bauelement-spezifische Modellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
4.3.1
Abhängigkeit der Kollektor-Emitter-Spannung vom Basisstrom
bei bipolar-Transistoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
4.3.2 Stromtragfähigkeit von Widerständen und Dioden . . . . . . . 77
4.3.3 Verhalten von ESD-Schutzelementen . . . . . . . . . . . . . . 78
4.4 Bestimmen des Schaltungszustandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
4.5 Analyse des Schaltungszustandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
4.5.1 Gefährdete Bauelemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
4.5.2 Extraktion kritischer Strompfade . . . . . . . . . . . . . . . . 82
4.5.3 Reduzierter Schaltplan: relevante / beteiligte Schaltungsteile . 84
4.6 Visualisierung der Strompfade und Bauelementschädigungen . . . . . 86
v
4.7 Integration in den Entwurfsablauf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
4.7.1 Möglichkeiten der Implementierung . . . . . . . . . . . . . . . 90
4.7.2 SKILL Implementierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises100
5.1 Analyse der Testschaltung 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
5.2 Analyse der Testschaltung 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
5.3 Analyse der Testschaltung 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
5.4 Analyse der Testschaltung 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
5.5 Anwendbarkeit der entwickelten ESD-Verifikationsmethodik . . . . . 110
6 Ausblick 113
vi
Symbolverzeichnis
API Application Programming Interface
BCD Bipolar-, CMOS-, DMOS-Technologie
CDF Component Description Format
CMOS Complementary Metal Oxide Semiconductor
CAD Computer Aided Design
DMOS double-diffused metal-oxide semiconductor field effect transistor
EDA Electronic Design Automation
EOS Electrical Overstress
ESD Electro-Static Discharge
FEM Finite Elemente Methode
gcNMOS Gate-coupled NMOS
GUI Graphical user interface
HDL engl. Hardware Description Language, dt. Hardwarebeschreibungssprache
IC Integrated Circuit
IPC Inter-Process-Communication
SIP System-In-Package
SPT Smart-Power Technologie
SOA Safe operating area
SPICE Simulation Program with Integrated Circuit Emphasis
UML Unified Modelling Language
1
1 Einleitung
Elektrostatische Entladungen (engl. Electro-Static Discharge, kurz ESD) treten
im Alltag häufig auf. Beispiele hierfür sind Blitze oder Entladungen von Personen
gegenüber geerdeten Gegenständen. Nicht nur beim Gebrauch von elektronischen
Geräten können sich Strompfade über das Gehäuse und die Leiterplatte bis zu den
darauf befindlichen integrierten Schaltkreisen (Integrated Circuits, ICs) ausbreiten
und dort Schädigungen hervorrufen, sondern auch während der Herstellung von
integrierten Schaltungen sind diese empfindlichen Bauelemente der Gefahr einer
Schädigung während eines Entladungsvorgangs ausgesetzt. Der Mensch nimmt diese
sehr schnellen Entladungen erst ab einer Potentialdifferenz von ungefähr drei Kilovolt
wahr. Untersuchungen zeigen, dass ca. 90 Prozent aller ESD-Ereignisse im Alltag
unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Menschen liegen und somit gar nicht
registriert werden [
BG97
]. Jedoch resultieren aus Entladungsvorgängen eines auf
drei Kilovolt geladenen Menschen über ein elektrisches Gerät Maximalströme von
zwei Ampere innerhalb eines Zeitraums von ca. 150 ns. Für integrierte Schaltkreise
ergeben sich aus diesen Strömen und der daraus resultierenden abgeleiteten Ener-
gie hohe Anforderungen an das ESD-Schutzkonzept, denn die Halbleiterstrukturen
im sub-Mikrometer-Bereich können irreversible Schäden (z.B. Oxid-Durchbrüche,
Aufschmelzungen) durch elektrostatische oder thermische Überlast erfahren. In Ab-
bildung 1.1 sind typische Schadensbilder eines integrierten Schaltkreises, verursacht
durch eine elektrostatische Überlast, dargestellt. Es ist offensichtlich, dass abgehobe-
ne Bonddrähte, aufgeschmolzene Leiterbahnen und Gate-Oxid-Durchbrüche einen
funktionalen Ausfall des Bauelements bedeuten. In der Regel sind die Schädigungen
der Bauelemente im Gegensatz zum abgebildeten Beispiel nicht durch eine einfa-
che optische Inspektion sichtbar, sondern müssen durch zeitaufwendige Verfahren
lokalisiert werden. Ist das geschädigte Bauelement identifiziert, wird versucht, die
Vorgänge während der elektrostatischen Entladung zu rekonstruieren, um die Ursache
des Fehlverhaltens in Erfahrung zu bringen und Gegenmaßnahmen vorzusehen.
2
Abb. 1.1:
Schäden eines TTL-Inverters nach Beaufschlagung mit einem elektroma-
gnetischem Puls (EMP) [KG06]
Um die Anzahl der Schäden elektronischer Bauelemente durch elektrostatische
Entladungen zu reduzieren, können externe Maßnahmen, wie z.B. konsequente
Ausstattung von Laboren und Entwicklungs- bzw. Produktionsräumen [
Ber09
] mit
geerdeten Geräten vorgesehen werden. Weiterhin nutzt man interne Maßnahmen,
wie z.B. die Integration von ESD-Schutzschaltungen, direkt auf der Ebene der
Halbleiterbauelemente. Externe Schutzmaßnahmen sollen die Anzahl und Stärke der
elektrostatischen Aufladungen integrierter Schaltkreise während der Produktion und
Verarbeitung reduzieren und sind mit entsprechendem logistischem und finanziellem
Aufwand verbunden, so dass diese nur in Labor- und Fertigungsanlagen installiert
werden [
DIN01
]. Interne ESD-Schutzmaßnahmen werden eingesetzt, um im Fall einer
elektrostatischen Entladung den Hauptteil der Energie über einen niederohmigen
Pfad gegen das Bezugspotential abzuleiten. Dazu werden zusätzliche Schaltungsteile
entweder innerhalb des Schaltkreises integriert oder als diskrete Bauelemente auf
Leiterplatten- bzw. Systemebene realisiert.
Aufgrund der fortschreitenden Entwicklung der Halbleitertechnologien hin zu kleine-
ren Strukturbreiten steigen auch die Anforderungen an die ESD-Schutzschaltungen
[
Drü07
,
LLL+08
]. Ein Beispiel hierfür ist die Abnahme der Dicke der Isolationsschicht
des Gates in MOS-Transistoren. In einer drei Mikrometer-Technologie wurden die
Oxid-Isolationsschichten einer Dicke von 50 nm implementiert. Dieser Wert reduzierte
3
1 Einleitung
Abbildung 1.2:
Transiente Durchbruchspannung und maximale Betriebsspannungen
in Abhängigkeit der Gate-Oxid Dicke [SSS08]
sich auf 3,5 nm bei einer 0,18 m-Technologie [
Rus99
]. In [
ITR07
] wird prognostiziert,
dass die Dicken der Isolationsschichten bei 22 nm-Prozessen auf 0,8 nm sinken. Die
Gewährleistung der Zuverlässigkeit wird dabei als “große Herausforderung” angesehen.
Diese Tatsache verdeutlicht Abbildung 1.2. Lag die Oxid-Durchbruchspannung für
kurzzeitige Belastungen (t=100 ns) bei einer 0,35 m-Technologie noch bei ungefähr
15 V, so reduziert sich diese auf zirka fünf Volt bei einer 0,13 m-Technologie.
Die Verifikation integrierter Schaltungen gegenüber elektrostatischen Entladungen
ist ein wichtiger Prozess innerhalb des Entwurfsablaufes von ICs. Momentan wer-
den dazu Bauelementsimulationen mittels räumlich ausgedehnter Modelle genutzt,
Teilbereiche der Schaltung mit vereinfachten Modellen simuliert oder regelbasierte,
statische Werkzeuge eingesetzt. Ein Simulations- bzw. Analysewerkzeug, welches
die Wechselwirkung zwischen ESD-Schutzschaltung und der funktionalen Elemente
ganzheitlich betrachtet, existiert derzeit nicht.
In dieser Arbeit wurde ein Verfahren entwickelt, welches die Verifikation integrierter
Mixed-Signal-Schaltkreise zur Sicherung der Robustheit gegenüber elektrostatischen
Entladungen in einer frühen Entwicklungsphase ermöglicht. Dazu werden verschiede-
ne Analyseverfahren konzentrierter Elemente auf ihre Anwendbarkeit überprüft. Die
Modellierung physikalischer Effekte beim Auftreten elektrostatischer Entladungen ist
dabei ebenso Bestandteil der Arbeit wie die Umsetzung des vorgestellten Verfahrens
in ein Simulationswerkzeug für den produktiven Einsatz. In Abbildung 1.3 ist der in
dieser Arbeit entwickelte Verifikationsablauf vereinfacht dargestellt. Um eine Schal-
4
Abb. 1.3: Vereinfachte Darstellung des Verifikationsablaufes
tungssimulation des gesamten ICs mit einer ausreichenden numerischen Stabilität
zu ermöglichen, wird das Hochstromverhalten in den Standard-Simulationsmodellen
vereinfacht modelliert. Im Anschluss an die Simulation werden die defekten Bau-
elemente im Schaltplan grafisch dargestellt. Um die Ursache der Überlastung zu
finden, werden die Strompfade der defekten Instanz extrahiert und ebenfalls farbig
hervorgehoben.
Zusammenfassend ergeben sich für eine ESD-Verifikationssoftware folgende Anforde-
rungen:
Entwicklung von Simulationsmodellen, welche das Hochstromverhalten von
integrierten Bauelementen effizient abbilden und Überlastungen detektieren
können
Auswahl eines geeigneten Analyseverfahrens zur Durchführung von Schaltungs-
simulationen komplexer Mixed-Signal-Schaltkreise
Extraktion und Visualisierung gefährdeter Bauelemente sowie deren Strompfade
zur Analyse der Ursachen von Bauelementüberlastungen
5
1 Einleitung
1.1 Entwurfsablauf zuverlässiger integrierter
Mixed-Signal-Schaltungen
Die Entwicklung integrierter Schaltkreise ist einerseits von dem Bestreben zu höherer
Komplexität und höheren Taktfrequenzen sowie zu niedrigerem Energieverbrauch
geprägt, andererseits existiert das Bedürfnis, Funktionalitäten, wie z.B. digitale Logik,
analoge Signalverarbeitung und Ansteuerung von Aktoren auf einem integriertem
Schaltkreis zu vereinen [
TM02
]. Daraus resultieren verschiedene Technologien und
ebenso unterschiedliche Entwicklungsabläufe. Allgemein kann man jedoch sagen,
dass der Entwicklungs- und Fertigungsprozess von integrierten Schaltkreisen ein zeit-
und kostenintensiver Vorgang ist, welcher sich bei sehr komplexen Schaltkreisen über
einige Jahre erstrecken kann.
Aufgrund der Komplexität heutiger integrierter Schaltkreise ist der Entwurfsablauf
weitestgehend computergestützt und automatisiert. In Abhängigkeit der Funktionali-
tät der Schaltung wird zwischen digitalen, analogen und Mixed-Signal-Entwurfsab-
läufen unterschieden. Die Entwurfswerkzeuge sind auf den jeweiligen Entwurfsablauf
optimiert, da z.B. die Erstellung des Schaltplans eines digitalen ICs zum großen
Teil automatisiert aus einer Hardwarebeschreibungssprache abgeleitet werden kann.
Beim analogen Entwurf ist der Prozess der Schaltplanerstellung, der Definition der
Konnektivität und Bauelementparameter ein weitestgehend manueller Prozess. Der
Mixed-Signal-Entwurf stellt dabei eine Mischform dar, die sowohl digitale als auch
analoge Schaltungsblöcke beinhaltet.
Ein vereinfachter Entwicklungsablauf eines integrierten Mixed-Signal Schaltkreises ist
in Abbildung 1.4 dargestellt. Es handelt sich dabei um einen so genannten Top-Down
Entwicklungsablauf, welcher aus den Phasen Systemspezifikation, Architekturdefini-
tion, Entwurf der Zellen und Blöcke, Layout der Zellen und Blöcke sowie Layout des
Gesamtsystems besteht. Nach jeder Phase des Entwurfsablaufs werden Evaluierungs-
bzw. Verifikationsmaßnahmen durchgeführt, um die Funktionalität der Schaltung
über den gesamten Entwurfsablauf sicherzustellen und Fehler möglichst in frühen
Phasen des Entwurfszyklus erkennen zu können.
Wird bei den Tests nach der Fertigung (engl. Post-silicon Verification) des Schaltkrei-
ses eine Fehlfunktion festgestellt, muss anschließend eine meist sehr zeitaufwendige
Fehleranalyse erfolgen und danach nahezu der komplette Entwicklungszyklus wieder-
holt abgearbeitet werden, um den Fehler zu beseitigen. Dies kann zu einer verzögerten
6
1.2 Kostenaspekte des Entwurfes integrierter Schaltkreise
Abbildung 1.4:
Allgemeiner Entwicklungsablauf von integrierten Mixed-Signal
Schaltkreisen [SLM06]
Markteinführung eines Produktes bzw. dem Verlust der Lieferrechte im Fall eines
Zulieferers integrierter Schaltkreise führen.
Die Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes muss somit frühzeitig im Entwicklungsab-
lauf integrierter Schaltkreise durchgeführt werden, da der Aufwand für Modifikationen
der Schaltung mit fortschreitendem Entwicklungsablauf enorm ansteigt. So können
in der Phase der Definition des Schaltplans erste Analysen durchgeführt werden, da
dann die grundlegenden Entscheidungen über die Topologie der Schaltung bereits
getroffen wurden. Die Komplexität und Detailtiefe der verwendeten Simulations-
modelle nimmt dabei mit fortschreitendem Entwurfsablauf zu, weil immer mehr
Informationen der endgültigen Implementierung vorhanden sind.
1.2 Kostenaspekte des Entwurfes integrierter
Schaltkreise
Die wirtschaftlichen Schäden, die auf Ausfälle durch elektrostatische Entladungen
zurückgeführt werden können, sind beträchtlich. In [
Rus99
] ist der prozentuale Anteil
der Feldausfälle im Zeitraum von 1988 bis 1997 analysiert worden, welcher ESD-
7
1 Einleitung
Abbildung 1.5:
Auswirkung einer verzögerten Markteinführung auf den Umsatz
[Sch01]
bzw. EOS-Ereignissen (Electrical Overstress) zugeordnet wurde [
GD88
,
McA88
,
EMI91
,
MI93
,
WSH88
,
Shu95
,
Bro97
]. Der Durchschnitt liegt über den betrachteten
Zeitraum bei ca. 40 Prozent und stellt somit einen nicht zu vernachlässigenden Anteil
dar. Eine Unterscheidung zwischen ESD oder EOS als Ausfallursache ist dabei nicht
immer möglich, da die Schadensbilder beider Ereignisse nur sehr schwer voneinander
zu unterscheiden sind [BG97].
In Abbildung 1.5 ist ein einfaches Ertragsmodell dargestellt [
Sch01
]. Angenommen
wird ein Produkt-Lebenszyklus von 18 Monaten. Während der Markteinführung steigt
der Umsatz bzw. die verkaufte Stückzahl linear mit 10 Millionen Dollar/Quartal bis
zu einem maximalen Wert nach sechs Monaten an. Anschließend sinkt der Umsatz
aufgrund nachlassender Nachfrage durch Sättigung des Marktes und dem Erscheinen
von Produkten anderer Hersteller [
BR00
] bis hin zum Ende der Produktlebensdauer
linear. Wird das Produkt fristgerecht eingeführt, beträgt der Umsatz in diesem
Beispiel 60 Millionen Dollar. Verzögert sich der Zeitpunkt der Produkteinführung
nur um drei Monate, wird ein Umsatz von nur 25 Millionen Dollar erreicht. Somit
reduziert sich der Umsatz aufgrund der verzögerten Markteinführung um fast zwei
Drittel.
Im Falle eines Zulieferers von integrierten Schaltkreisen kann eine verzögerte Pro-
duktreife bedeuten, dass der Kunde einen anderen Zulieferer wählt. Das eigene
Produkt wird dann nur als Rückfalllösung (engl. Second Source) eingestuft. In dieser
Konstellation kann der Umsatz ebenfalls erheblich geringer als geplant ausfallen.
8
1.3 Datenstrukturen moderner EDA-Werkzeuge
Abb. 1.6: Umsatzverlust durch verspäteten Markteintritt [Gro05]
Diesen Tatbestand verdeutlicht auch eine Analyse des Halbleiterherstellers Infineon
Technologies AG, bei der die Umsatzverluste bei einer Einstufung als Second Source
für einen Smart-Power-IC (kurz SPT) abgeschätzt wurden. Dabei wurde eine Verzö-
gerung des Liefertermins um acht Monate, verursacht durch Störfestigkeitsprobleme,
angenommen, welche einen Umsatzverlust von 46 Prozent zur Folge hätte (roter
Bereich in Abbildung 1.6).
Ziel ist es somit, einen Großteil der Fehler in der frühen Phase des Produkt-
Entwicklungszyklus zu erkennen und zu beseitigen, um Verzögerungen in der Pro-
duktentwicklung zu vermeiden.
1.3 Datenstrukturen moderner EDA-Werkzeuge
Der Entwurf moderner, komplexer Produkte, wie z.B. ein Automobil, wäre ohne
einen computergestüzten Entwicklungsprozess nicht denkbar. Die dazu genutzten
Entwicklungswerkzeuge werden unter dem Begriff CAD-Software (engl. Compu-
ter Aided Design) zusammengefasst. Eine Untermenge der CAD-Software stellen
EDA-Werkzeuge (engl. Electronic Design Automation) dar. In EDA-Werkzeugen
zum Entwurf integrierter Schaltungen werden verschiedene Werkzeuge in einem so
genannten Framework zusammengefasst. So existieren in der Regel Werkzeuge zur
Erstellung des Schaltplans und des Layouts sowie Schaltungssimulatoren. Damit
diese verschiedenen Softwarekomponenten untereinander die nötigen Informationen
9
1 Einleitung
austauschen können, werden alle Daten in Form einer Datenbank strukturiert oder
in Textform gespeichert.
Um einen Top-Down Entwicklungsablauf nach Abbildung 1.4 zu unterstützen, sind
heutige Werkzeuge zum Entwurf integrierter Schaltungen so implementiert, dass
mehrere Gruppen von Schaltungsentwicklern parallel arbeiten können. Innerhalb
eines hierarchisch strukturierten Schaltplans wird die Konnektivität in mehreren
Ebenen, angefangen von den Anschlusskontaktflächen (kurz Pads) des integrierten
Schaltkreises bis hin zu den Grundbauelementen der verwendeten Technologie, spezi-
fiziert (siehe Abbildung 1.7). Für die dabei entstehenden Schaltungsblöcke werden
Spezifikationen definiert, welche die Schaltungsentwickler einhalten müssen, damit
die Gesamtschaltung ebenfalls innerhalb der spezifizierten Parameter arbeitet. Die
grundlegenden Bauelemente stellen die in einer Technologie verfügbaren funktionalen
Halbleiterbauelemente dar und sind in einer oder mehreren Bibliotheken strukturiert
abgelegt.
In Abbildung 1.7 ist die Struktur der Hierarchie eines integrierten Schaltkreises nach
der Erstellung des Schaltplans dargestellt. Die Definition der Schaltungstopologie
erfolgt innerhalb eines Mixed-Signal-Entwurfsablaufes in der Regel innerhalb eines
grafischen Werkzeuges zur Definition der Schaltungstopologie und weiterer Implemen-
tierungsdetails, dem Schaltplaneditor. In den Hierarchieebenen des Schaltplaneditors
(Abbildung 1.7) werden die Verbindungen und Parameter der Halbleiterbauelemente
definiert, welche zur Implementierung der zu realisierenden Funktionalität notwendig
sind. Auf der untersten Ebene des Schaltplans sind dabei nur Symbole der grund-
legenden Bauelemente vorhanden. Die oberen Ebenen des Schaltplans können aus
logischen Instanzen und grundlegenden Bauelementen bestehen. Logische Instanzen
repräsentieren in der Regel Funktionsblöcke und dienen der Partitionierung der gesam-
ten Schaltung in übersichtliche Teilschaltungen. Grundlegende Bauelemente können
auf allen Ebenen des Schaltplans vorkommen. So werden z.B. ESD-Schutzelemente
aus Gründen der Übersichtlichkeit in den ersten beiden Hierarchieebenen platziert,
da diese in der Regel eine direkte Verbindung zu den Anschlusskontakten haben.
Die Konnektivität kann dabei über verschiedene Mechanismen definiert werden. In
heutigen EDA-Werkzeugen sind folgende Mechanismen üblich:
Repräsentation der Verbindungen durch grafische Symbole (Linien oder Pfade)
Verbindungen mit gleichem Signalnamen
Verbindungen durch Definition von Parametern logischer Blöcke
10
1.3 Datenstrukturen moderner EDA-Werkzeuge
Abb. 1.7: Vererbung von Parametern in Schaltplan- und SPICE-Hierarchieebenen
Werden identische Verbindungen oder Parameter in logischen Blöcken auf unter-
schiedlichen Hierarchieebenen definiert, so werden die entsprechenden Werte von den
höheren Ebenen auf die unteren Ebenen vererbt. Bauelementparameter, wie z.B. die
Weite oder Länge eines Transistors oder auch Potentialwerte (siehe Abbildung 1.7,
Param1), werden durch ein Parameter-Mapping von den Symbolen des Schaltplans an
die Simulationsmodelle übergeben. Dies ist notwendig, um die bauelementspezifischen
Parameter in der Schaltungssimulation zu berücksichtigen.
Um die Funktionalität der im Schaltplaneditor definierten Schaltung insgesamt oder
auf Blockebene zu prüfen, werden Schaltungssimulationen in jeder Phase des Ent-
wurfsablaufs durchgeführt (siehe Abbildung 1.4). Dabei wird das Verhalten von
Bauelementen oder Schaltungsblöcken durch Hardwarebeschreibungssprachen, wie
z.B. VHDL [
VHD04
], VerilogA [
IEE09
], SpectreHDL, definiert. Je nach Entwicklungs-
phase werden abstrakte Simulationsmodelle ganzer Schaltungsteile oder detaillierte
Beschreibungen einzelner Bauelemente verwendet. Die heute verwendeten Hardware-
beschreibungssprachen unterstützen ebenfalls einen hierarchischen Entwurfsablauf.
Somit entstehen neben den Hierarchieebenen des Schaltplans noch mindestens eine
oder auch mehrere zusätzliche Hierarchieebenen (siehe Abbildung 1.7 unten).
Im Gegensatz zu den Simulationsmodellen werden die Elemente des Schaltplan-
11
1 Einleitung
Abbildung 1.8: Aufbau eines Frameworks für den IC-Entwurf [SLM06]
und Layouteditors aus Gründen der Zugriffsgeschwindigkeit in Datenbanken ge-
speichert. Die Datenbank eines EDA-Werkzeuges zum Entwurf integrierter Schal-
tungen ist ein entscheidendes und grundlegendes Merkmal einer solchen Software
[
SLM06
]. Die Effizienz und Fehleranfälligkeit entscheidet häufig über den Erfolg
oder Misserfolg eines EDA-Werkzeuges. In der Vergangenheit hatte jeder Hersteller
von EDA-Werkzeugen proprietäre Datenbanksysteme verwendet (Fa. Synopsys -
Milkyway DB, Fa. Mentor Graphics - Falcon DB, Fa. Cadence - CDB), welche
über Jahre hinweg historisch gewachsen sind und entwickelt wurden. Ein großer
Nachteil aller Datenbanksysteme war, dass aufgrund der unterschiedlichen Ansätze
Daten zwischen Entwurfswerkzeugen unterschiedlicher Hersteller nicht ohne Weiteres
ausgetauscht werden konnten. Ein neuer Ansatz in Bezug auf Datenbank-Systeme in
EDA-Werkzeugen ist durch die OpenAccess-Koalition initiiert worden. Ziel dabei ist
es, eine offene Datenbank für Entwurfswerkzeuge zu entwickeln. Aufgrund des für
Mitglieder der OpenAccess-Koalition freien Zugriffs auf die Programmierschnittstel-
len soll eine deutlich verbesserte Interoperabilität zwischen Software verschiedener
Hersteller erreicht werden. Mittlerweile existieren erste EDA-Werkzeuge, welche die
OpenAccess-Datenbank verwenden (z.B. Cadence DF II 6.X.X). In Abbildung 1.8
ist ein typischer Aufbau eines Frameworks zum Entwurf integrierter Schaltungen
dargestellt. Innerhalb eines Frameworks werden verschiedene Software-Werkzeuge zu-
sammengefasst, um über definierte Schnittstellen einen reibungslosen Datenaustausch
innerhalb des Entwurfsablaufs zu gewährleisten. Die Basis eines Frameworks bildet
12
1.3 Datenstrukturen moderner EDA-Werkzeuge
Abbildung 1.9:
Struktur einer Design-Datenbank zum Entwurf integrierter Schal-
tungen [SLM06]
das Datenbanksystem (innerhalb der gestrichelten Markierung in Abbildung 1.8).
Dieses ist in Module unterteilt, welche technologie-spezifische Daten (Tech DB) und
Entwurfsdaten (Lib DB) enthalten. Ein weiteres Modul (I/O) stellt die Funktionalität
zu Import und Export von Daten in verschiedenen Dateiformaten zur Verfügung.
Die verschiedenen Anwendungen (z.B. Schaltplan-Editor) können über so genannte
Engines Informationen von der Datenbank lesen oder in die Datenbank schreiben.
Über Skriptsprachen ist es möglich, auf Anwendungs- bzw. Datenbankinformationen
zuzugreifen, Anwendungen zu steuern oder eigene Anwendungen in das Framework
zu integrieren.
Die Grundelemente, aus denen ein Schaltplan und ein Layout aufgebaut sind, sowie
deren Abhängigkeiten innerhalb einer Entwurfsdatenbank, sind in Abbildung 1.9
dargestellt. Es existieren einerseits Elemente, welche die geometrischen Strukturen
eines Schaltplans bzw. Layouts abbilden [
She02
] (Dot - Punkt, Path - Pfad, Rect -
Rechteck, Polygon, Ellipse, Text) und andererseits Elemente, welche die Konnektivität
zwischen den geometrischen Elementen abbilden (Net, Term, Pin, InstTerm, VIA,
Route).
Für die in dieser Arbeit entwickelte Verifikationsmethodik ist der Zugriff auf die
Datenbankelemente von EDA-Werkzeugen nötig, um z.B. Simulationsdaten auszu-
werten oder die Konnektvität des Schaltplans zu verfolgen. Im Vordergrund steht
dabei die automatisierte und recheneffiziente Bearbeitung großer Datenmengen.
13
2 ESD-Schaltungsverifikation von
Mixed-Signal-Schaltkreisen
Aus Gründen der Übersichtlichkeit und Arbeitsteilung werden komplexe Schaltun-
gen in Blöcke aufgeteilt und innerhalb eines hierarchischen Entwicklungsprozesses
bearbeitet. Die Funktionalität jedes Blocks wird zunächst einzeln geprüft. Somit be-
steht die Simulation des gesamten Schaltkreises aus einer Kombination von Analog-,
Digital- und Verhaltensmodellen. Allerdings ist die transiente analoge Simulation
des gesamten integrierten Schaltkreises aufgrund der Komplexität heutiger Schal-
tungen oft nicht mehr mit vertretbarem zeitlichem Aufwand möglich [
BI00
]. Die
übliche manuelle Verifikation und Vereinfachung des Schaltplans ist extrem zeit-
aufwendig und fehleranfällig. Außerdem setzt sie ein hohes Expertenwissen voraus,
sowohl über die Schaltung in allen Details als auch über mögliche parasitäre Ef-
fekte der verwendeten Technologie. Im Fall von elektrostatischen Entladungen ist
die Verifikation der Gesamtschaltung besonders wichtig, da aufgrund von komple-
xen Versorgungsnetzen, Schaltungsblöcken verschiedener Spannungsklassen sowie
anwendungsspezifischen Ein- und Ausgangstreibern bzw. ESD-Strukturen Kopplun-
gen und transiente Strompfade entstehen können, die über Simulationen separater
Schaltungsteile nach dem Prinzip eines Top-Down Entwurfablaufs nicht erfasst wer-
den [
LKK02
]. Ein weiteres Problem bei der Verifikation einer Schaltung gegenüber
elektrostatischen Entladungen ist die Notwendigkeit spezieller Simulationsmodelle
(Hochstrommodelle), welche die Modellierung des physikalischen Verhaltens beim
Auftreten eines solchen Ereignisses ermöglichen. Hochstrommodelle sind wesentlich
komplexer als Standardmodelle und erhöhen somit die Simulationszeit sowie die
Wahrscheinlichkeit von Konvergenzproblemen (siehe Abschnitt 3.2.1). Um dennoch
das Verhalten der gesamten Schaltung beim Auftreten eines ESD-Impulses bereits in
der Designphase vorhersagen zu können, existieren verschiedene Ansätze, welche im
Kapitel 2.3 beschrieben werden.
14
2.1 Hochstromverhalten von Halbleiterbauelementen
In Abbildung 2.1 ist ein ESD-Schutzkonzept eines integrierten Schaltkreises mit
einer Versorgungsspannung dargestellt. Solche Konzepte mit regelmäßigen Ein-
/Ausgangsstrukturen werden in der Regel bei digitalen Schaltungen angewendet. Die
bipolar-Transistoren an den Ein-/Ausgangsstrukturen schützen dabei die internen
Schaltungsblöcke beim Auftreten von elektrostatischen Entladungen an den An-
schlusskontakten, wohingegen die als Power-clamps bezeichneten Schutzstrukturen
dazu dienen, ESD-Impulse auf dem Versorgungsnetz
VDD
gegen das Bezugspotential
VSS abzuleiten.
Die in dieser Arbeit untersuchten integrierten Schaltkreise werden in einer Smart-
Power-Technologie (auch BCD-Technologie genannt) entwickelt und hergestellt.
Durch die Nutzung dieser Technologie können analoge, digitale und Hochvolt-Bauele-
mente auf einem Halbleiterbauelement monolithisch integriert werden. Durch diese
Integration von Bauelementen verschiedener Spannungsklassen zeichnen sich Smart-
Power-Schaltkreise durch komplexe Versorgungsstrukturen aus. In heutigen Tech-
nologien werden lokale Versorgungsspannungen von 1,8 V bis 60 V bereitgestellt.
Da es keine universellen ESD-Schutzstrukturen gibt, welche den gesamten Span-
nungsbereich optimal abdecken, muss für jeden Schaltungsblock ein angepasstes
ESD-Schutzkonzept entwickelt werden [
WF01
]. Bei Untersuchungen zu elektrostati-
schen Entladungen in solchen Schaltungen beeinflussen Kopplungen zwischen Ver-
sorgungsdomänen verschiedener Schaltungsblöcke sowie Verschiebungsströme durch
Kapazitäten innerhalb von Bauelementen das Verhalten des gesamten integrierten
Schaltkreises maßgeblich. Aus diesem Grund ist zusätzlich zur Verifiaktion einzel-
ner Schaltungsblöcke in frühen Entwicklungsstadien eine Simulation der gesamten
Schaltung nötig, um die Wechselwirkungen der Blöcke untereinander analysieren
und bewerten zu können [LKK02].
2.1 Hochstromverhalten von Halbleiterbauelementen
Ausfälle von Halbleiterbauelementen durch ESD-Impulse können durch elektrosta-
tische oder elektrothermische Überlast verursacht werden. Dabei lassen sich die
resultierenden Fehler in drei Gruppen einteilen [Dab98, PC01, SSS08]:
Schädigung von Halbleiterübergängen
Schädigung von Isolationsschichten
Schädigung von Metall-/Via-Verbindungen
15
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
Abb. 2.1:
Vereinfachte Darstellung eines ESD-Schutzkonzeptes für einen integrierten
Schaltkreis mit einer Versorgungsdomäne [AD02]
In integrierten Schaltkreisen werden vor allem MOS-, bipolar-Transistoren und Dioden
eingesetzt, um den auftretenden Impuls über einen niederohmigen Pfad gegen das
Bezugspotential abzuleiten und somit empfindliche Schaltungsteile zu schützen. Aber
auch Silizium-Widerstände weisen eine Snapback- bzw. Durchbruchcharakteristik
auf und müssen im Hochstrombereich korrekt modelliert werden.
2.1.1 Diffusions-Widerstände
Im Gegensatz zu Metall- oder Poly-Widerständen weisen Diffusions-Widerstände
eine Snapback- bzw. Durchbruchcharakteristik auf, da diese in Abhängigkeit des
verwendeten Substrates durch eine p- oder n-Dotierung realisiert werden. Der Leitwert
läßt sich durch die Geometrie und die Dotierung beeinflussen und ergibt sich im Fall
einer p-Dotierung für den linearen Bereich (siehe Abbildung 2.2) durch Gleichung
2.1 [
Sze01
]. Dabei ist q die Elementarladung,
µp
die Beweglichkeit der cher,
p
(
x
)
16
2.1 Hochstromverhalten von Halbleiterbauelementen
Abb. 2.2: Kennlinie eines Diffusions-Widerstand [AD02]
die Dotierungsdichte, L die Länge, W die Weite und x die Tiefe der Dotierung.
G=qW
L·
xj
Z
0
µp·p(x)dx (2.1)
In Abbildung 2.2 ist die Strom-Spannungs-Charakteristik eines Diffusions-Wider-
standes qualitativ dargestellt. Wird der Sättigungsstrom
Isat
erreicht, steigt der
Widerstand an, so dass das näherungsweise lineare Verhältnis von Strom und Span-
nung nach Gleichung 2.1 nicht mehr gegeben ist. Überschreitet die Feldstärke den
Wert, ab dem es zur Stoßionisation kommt, sinkt die Spannung bei steigendem
Stromfluss, so dass sich ein negativer differentieller Widerstand einstellt. Steigt der
Stromfluss weiter an, wird der Schmelzpunkt von Silizium erreicht und es kommt zu
irreversiblen Schäden.
2.1.2 Dioden
In Mixed-Signal Schalkreisen werden häufig Dioden als ESD-Schutzelement verwendet,
da die Dimensionierung und Implementierung weniger komplex ist als z.B. ein MOS-
Transistor mit aufwendiger Ansteuerung des Gate-Anschlusses. Dioden können
in Durchlass- oder Sperrrichtung betrieben werden, um z.B. das Potential eines
MOS-Transistors unterhalb der Zerstörungsschwelle zu halten. In Durchlassrichtung
weisen diese Bauelemente ab einer Spannung von ca. 0,8 V (bei Verwendung von
Siliziumsubstrat) eine niederige Impedanz auf und bieten somit die Möglichkeit, die
Energie einer elektrostatischen Entladung gegen Masse abzuleiten.
17
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
Dioden, welche im Rückwärtsbetrieb arbeiten, können so dimensioniert werden, dass
entweder ein Lawinen- oder ein Zener-Durchbruch eingeleitet wird. Dadurch wird die
Spannung über dem Bauelement begrenzt und der Strom definiert abgeleitet. Die
Durchbruchspannung
VB
ist dabei von Materialparametern abhängig und berechnet
sich nach Gleichung 2.2 [GHLM01]:
VB=(NA+ND)
2qNAND·E2
crit (2.2)
Dabei ist
NA
die Dotierungsdichte der Akzeptoren,
ND
die Dotierungsdichte der
Donatoren, q die Elementarladung,
die Dielektrische Konstante und
Ecrit
die
kritische Feldstärke von Silizium.
2.1.3 Bipolar-Transistoren
Unter normalen Arbeitsbedingungen wird der Stromfluss innerhalb eines bipolar-
Transistors von der Elektronenstromdichte
Jn
dominiert (siehe Gleichung 2.3[
AD02
]).
Jn=JSeqVbc
kT eqVbe
kT (2.3)
Vbc
und
Vbe
sind dabei die Basis-Kollektor- bzw. die Basis-Emitter-Spannungen,
k die Boltzmann Konstante, T die Temperatur und q die Elementarladung eines
Elektrons.
JS
repräsentiert die Sättigungsstromdichte, welche im Wesentlichen von
Technologieparametern abhängt. Unter normalen Arbeitsbedingungen wird der Term
eqVbc
kT
sehr viel kleiner als der Stromanteil
eqVbe
kT
, so dass sich der Kollektorstrom nach
Gleichung 2.4[AD02] zusammensetzt (VCE ist dabei konstant).
IC=IS·eqVbe
kT (2.4)
In Abbildung 2.3 ist der Verlauf des Kollektorstroms gegenüber der Kollektor-Emitter
Spannung dargestellt. Für
IB
gleich Null Ampere ergibt sich der Stromfluss durch
den in Rückwärtsrichtung betriebenen Kollektor-Basis-pn-Übergang. Die sich somit
ergebende Kollektor-Emitter-Durchbruchspannung wird als
BUCB0
bezeichnet. Wenn
IB
größer als Null Ampere ist, ist die Kollektor-Emitter-Durchbruchspannung gleich
BUCE0
, welche geringer ist als
BUCB0
. Dieser Effekt muss durch die Simulationsmo-
delle, welche für Schaltungssimulationen von elektrostatischen Entladungen verwendet
18
2.1 Hochstromverhalten von Halbleiterbauelementen
Abbildung 2.3:
Kollektorstrom als Funktion der Kollektor-Emitter-Spannung
UCE
in Abhängigkeit des Basisstroms IB[AD02]
werden, wiedergegeben werden, ohne die numerische Stabilität der Simulation negativ
zu beeinträchtigen.
2.1.4 MOS-Transitoren
Das Hochstromverhalten eines MOS-Transistors wird maßgeblich durch den para-
sitären bipolar-Transistor zwischen den Anschlüssen Drain, Source und Substrat
bestimmt.
In Abbildung 2.4 ist der Querschnitt eines MOS-Transistors mit parasitärem bipolar-
Transistor sowie die entsprechende Strom-Spannungs-Charakteristik dargestellt. Tritt
am Drain-Anschluss des NMOS-Transistors ein positiver, hoher Spannungsimpuls
auf und sind Gate und Source des Transistors mit dem Bezugspotential kurzge-
schlossen, so befindet sich der p-n Übergang (Kollektor - Basis) des parasitären
bipolar-Transistors in Sperrrichtung. Übersteigt die Spannung am Kollektor einen
bestimmten Wert, kommt es zur Stoßionisation im Kollektor-Basis-Übergang und
somit zum Lawinendurchbruch (Avalanche breakdown). Der daraus resultierende
Strom wird über die Basis gegen das Bezugspotential abgeleitet und ruft einen Span-
nungsabfall über dem Substratwiderstand R
sub
hervor. Erreicht die Potentialdifferenz
über dem Substratwiderstand die Einschaltschwelle des parasitären lateralen bipolar-
Transistors (LNPN), wird ein niederohmiger Pfad zwischen dem Drain- und Source-
19
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
Abbildung 2.4:
Querschnitt eines NMOS-Transistors (links); Snapback-Kennlinie
eines NMOS-Transistors (rechts) [AD02]
Anschluss hergestellt. Dieser Punkt wird in der Strom-Spannungscharakteristik durch
die Koordinaten (I
t1
,V
t1
) dargestellt. Durch den Einschaltvorgang des LNPN stellt
sich am Drain-Anschluss die Haltespannung V
h
ein. Dieser Vorgang wird auch als
Snapback bezeichnet. Die Haltespannung V
h
sollte dabei geringer sein als die Zer-
störungsschwelle benachbarter Bauelemente. Somit stellt der NMOS-Transistor ein
Schutzelement für empfindlichere Schaltungsteile dar. Sobald die Haltespannung V
h
erreicht ist, bildet die Kollektor-Emitter-Strecke des bipolar-Transistors einen nieder-
ohmigen Pfad, über den der Strom zum Bezugspotential abgeleitet werden kann.
Dieser Vorgang kann allerdings nur begrenzt fortgesetzt werden. Wird die Spannung
V
t2
und der Strom I
t2
erreicht, kommt es zum thermischen Ausfall des Bauelementes
durch Aufschmelzen des Halbleitermaterials. Dieser nicht reversible Prozess wird
auch als Second bzw. Thermal Breakdown bezeichnet [
AD02
,
Rus99
,
Dab98
]. Ähnlich
wie beim bipolar-Transistor wird bei MOS-Transistoren die Anschaltspannung V
t1
bzw. der Anschaltstrom I
t1
durch die Ansteuerung des Gate-Anschlusses beeinflusst.
In Abbildung 2.5 sind TLP-Kurven eines DMOS-Transistors mit einer Gate-Source-
Spannung von 0 V bis 20 V dargestellt. Der sichere Arbeitsbereich (SOA) hängt somit
nicht nur von technologischen Parametern oder der Dimensionierung des Bauelements
ab, sondern auch von der Schaltungstopologie.
Zwischen den Anschlüssen Drain, Source, Bulk und Substrat müssen somit die
möglichen Ausfälle der entsprechenden pn-Übergänge modelliert werden. Zusätz-
lich dazu müssen Gate-Oxid-Schädigungen ebenfalls durch die Simulationsmodelle
abgebildet werden. In heutigen Bauelementmodellen wird üblicherweise nur das
funktionale Verhalten berücksichtigt. In der Regel wird beim Überschreiten zulässiger
20
2.2 ESD-Belastungsmodelle und Systemtest
Abb. 2.5:
Abhängigkeit der Anschalt-Spannung von der Gate-Ansteuerung [
CGFS10
]
Parameter eine Warnung während der Simulation ausgegeben. Die Ergebnisse der
folgenden Simulationsschritte entsprechen dann nicht mehr dem realen Verhalten
der Bauelemente.
2.2 ESD-Belastungsmodelle und Systemtest
Um ESD-Tests an integrierten Schaltkreisen durchführen zu können, muss der
Entladevorgang im Labor nachgebildet werden können. Dabei unterscheidet man
grundsätzlich zwischen zwei Szenarien:
Entladungen einer Person bzw. einer Maschine über einen Anschlusskontakt
des integrierten Schaltkreises zum Bezugspotential
Ausgleichsvorgänge aufgeladener integrierter Schaltkreise zum Bezugspotential
Das Human Body Model (HBM) beschreibt Personenentladung, wohingegen das
Machine Model (MM) Entladung von Objekten, wie z.B. Maschinen, nachbildet.
Das Charged Device Model (CDM) geht von einem geladenen Schaltkreis aus,
der sich über einen Anschlusskontakt entlädt. Aus diesen Modellen wurden für
21
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
Abbildung 2.6:
Ersatzschaltbild des Human-Body-Model (links) und der sich erge-
bende Stromverlauf (rechts) [Rus99]
die unterschiedlichen Entladungsarten eigene Testmodelle entwickelt. Man spricht
deshalb auch von ESD-Test- oder ESD-Stressmodellen. Bei ESD-Tests, die nach
diesen Modellen durchgeführt werden, befindet sich der integrierte Schaltkreis im
ausgeschalteten Zustand. Dabei wird immer ein Pin gegen Masse belastet. Alle
anderen Anschlüsse des Schaltkreises sind auf das Massepotential gelegt.
Um durch eine Schaltungssimulation realistische Ergebnisse und belastbare Aus-
sagen über die Robustheit eines Schaltkreises zu erzielen, ist die Nachbildung der
Impulsquelle von enormer Bedeutung. Im Rahmen dieser Arbeit sollen die in den
Abschnitten 2.2.1 und 2.2.2 dargestellten Belastungsmodelle unterstützt werden.
2.2.1 Human-Body-Model
Berührt eine geladene Person einen Anschlusskontakt eines geerdeten integrierten
Schaltkreises, wird die Ladung der Person über das Bauelement gegen das Bezugspo-
tential abgeführt. Dieser Vorgang wird durch ein einfaches Ersatzschaltbild, bestehend
aus einer Kapazität und einem Widerstand, modelliert (siehe Abbildung 2.6). Die auf
die Spannung V
HBM
geladene Kapazität C
HBM
von 100 pF stellt dabei die Kapazität
des menschlichen Körpers gegenüber der Umgebung dar. Der Widerstand R
HBM
von 1,5 k repräsentiert den elektrischen Widerstand des Entladepfades bei der
Berührung des Anschlusskontaktes eines integrierten Schaltkreises mit einem Finger.
Da die Impedanz der HBM-Pulsquelle verglichen mit der Impedanz des Entladepfades
um mehrere Größenordnungen höher ist, stellt das Modell des HBM-Pulses eine
Stromquelle dar. Die maximale Amplitude des Stroms kann nach [
Rus99
] approximiert
22
2.2 ESD-Belastungsmodelle und Systemtest
Abb. 2.7: Stromverlauf eines Impulses nach dem Machine-Model [Rus99]
werden:
Imax VHBM
RHBM
(2.5)
Typische Anstiegszeiten von HBM-Impulsen liegen im Bereich von zwei bis hin zu
10 ns [AD02].
2.2.2 Machine-Model
Das besonders in Japan und USA verbreitete Machine-Model bildet die Entladung
einer Maschine oder eines Menschen, welcher ein elektrisch gut leitendes Werkzeug
in der Hand hält, über einen Anschlusskontakt des integrierten Schaltkreises hin
zum Bezugspotential nach. Dazu ist das Ersatzschaltbild des HBM mit anderem
Parametersatz verwendet worden. Das Element C
MM
hat dabei eine Kapazität von
200 pF und der Entladewiderstand wird kurzgeschlossen, da hier eine Entladung
über einen Pfad niedriger Impedanz modelliert werden soll.
Die serielle Induktivität des Entladepfades sowie der Lastwiderstand bilden zusammen
mit der Impulsquelle einen Schwingkreis. Der oszillierende Verlauf des Stromes (2.7)
resultiert aus der geringen Dämpfung des Gesamtsystems [Rus99].
2.2.3 Transmission Line Pulsing
Transmission Line Pulsing wurde entwickelt, um sowohl das statische als auch das
dynamische Verhalten von Bauelementen und Schaltungsblöcken zu analysieren. Ur-
sprünglich wurde dieses Verfahren zur Charakterisierung von ESD-Schutzelementen
sowie Ein- und Ausgangsstrukturen entwickelt[
MK85
,
ARBK91
]. In Kombination
23
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
mit Messtechnik zur Bestimmung von Leckströmen wird Transmission Line Pulsing
auch für Belastungstests gesamter integrierter Schaltkreise angewendet. In Abbildung
2.8 ist die Anregung der Schaltung (links), eine sich typischerweise ergebende Strom-
Spannungs-Charakteristik (Mitte), sowie das Erreichen des Fehlerkriteriums (rechts)
dargestellt. Die Anregung erfolgt dabei mit Rechteck-Impulsen einer Pulsdauer im
Bereich von einigen Nanosekunden. Der Abstand zwischen den Impulsen bewegt
sich in der Größenordnung von Sekunden. Zu jedem gesendetem Impuls werden die
entsprechenden Strom- und Spannungswerte ermittelt und in einem Diagramm aufge-
tragen (siehe Diagramm in der Mitte von Abbildung 2.8). Durch diese quasi-statische
Anregung wird das transiente Verhalten der Schaltung gut abgebildet, so dass sich
dieses Verfahren mittlerweile als Standard zur Bestimmung der Ausfallschwelle von
integrierten Schaltungen etabliert hat. Um einen Defekt der Schaltung zu detektieren,
wird vor und nach jedem Impuls eine Messung des Leckstromes durchgeführt. Über-
schreitet der Leckstrom einen bestimmten Schwellwert (Fehlerkriterium), deutet dies
auf einen Defekt innerhalb des zu untersuchenden Schaltkreises hin (siehe Diagramm
in Abbildung 2.8 rechts).
Die Ergebnisse von Untersuchungen mittels Transmission Line Pulsing werden in die-
ser Arbeit genutzt, um den sicheren Arbeitsbereich von Bauelementen zu bestimmen
und daraus parametrisierbare Simulationsmodelle zu generieren, welche das Hoch-
stromverhalten geeignet abbilden können. Zum Vergleich der Simulationsergebnisse
mit realen ESD-Tests wird ebenfalls TLP eingesetzt, um die Ausfallschwelle von
Schaltkreisen zu untersuchen und in Verbindung mit Light-Emmission Mikroskopie
die defekten Bauelemente zu lokalisieren.
2.3 Ansätze zur Verifikation integrierter Schaltungen
bei ESD-Belastungen
Der heutige Markt der EDA-Software bietet kein Werkzeug zur effizienten Schal-
tungsverifikation integrierter Schaltungen gegenüber elektrostatischen Entladungen.
Dies liegt einerseits am Fehlen der Simulationsmodelle, welche das Verhalten bei
hohen Strömen beschreiben, als auch an der Komplexität der Schaltungen und den
damit zusammenhängenden Konvergenzproblemen.
Zur ESD-Verifikation von integrierten Schaltungen existieren die folgenden Abschnit-
ten beschriebenen Ansätze.
24
2.3 Ansätze zur Verifikation integrierter Schaltungen bei ESD-Belastungen
Abb. 2.8:
Anregung einer Transmission Line Pulsing (links), Strom-Spannungs-
Charakteristik (Mitte), Auswertung von Leckströmen (rechts)[AD02]
2.3.1 Manuelle Strompfadextraktion
Innerhalb heutiger Entwicklungsabläufe integrierter Mixed-Signal-Schaltkreise ver-
suchen Schaltungsentwickler in der Phase der Schaltungsverifikation manuell die
Komplexität der Schaltung auf die Blöcke und Bauelemente zu reduzieren, welche
wahrscheinlich aktiv an der Ableitung des Impulses gegen das Bezugspotential be-
teiligt sind. Meist werden dabei Simulationsmodelle verwendet, die auf Basis von
Erfahrungswerten erstellt wurden. Bei diesem Prozess muss der Schaltungsentwickler
detaillierte Kenntnisse der verwendeten Technologie besitzen, um parasitäre Effekte,
z.B. durch kapazitive Kopplungen, berücksichtigen zu können. Außerdem ist es
notwendig, dass dabei die gesamte Topologie und Funktionalität des integrierten
Schaltkreises betrachtet wird, um z.B. Schaltungsteile durch vereinfachte Simulati-
onsmodelle ersetzen zu können. Weiterhin können sich die Ausbreitungspfade über
mehrere Hierarchieebenen eines komplexen integrierten Schaltkreises erstrecken, so
dass die manuelle Extraktion ein sehr zeitaufwendiger und auch fehleranfälliger
Prozess sein kann [
DSZG04
,
MGS+05
,
MGK+05
]. Darum besteht die Notwendigkeit
den Automatisierungsgrad dieses Prozesses zu erhöhen.
25
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
2.3.2 Transiente Schaltungssimulationen mit
Hochstrommodellen
Hochstrom-Simulationsmodelle beschreiben das Verhalten von Bauelementen in
Strom- bzw. Spannungsbereichen nahe der Zerstörungsgrenze. Bei funktionalen
Simulationen können diese Modelle in der Regel nicht eingesetzt werden, da die
Modellierung des Hochstromverhaltens die Komplexität des Simulationsmodells und
die numerische Instabilität von Schaltungssimulationen erheblich steigert [
BKF08
].
Doch um den Einfluss von Technologieparametern auf das Verhalten einzelner ESD-
Schutzelemente zu testen oder kleinere Schaltungsteile, wie z.B. Ein- und Aus-
gangsblöcke zu simulieren, sind ESD-Hochstrommodelle eine Möglichkeit, bereits in
der frühen Phase des Entwicklungszyklus Verifikationsmaßnahmen durchzuführen
[LJBR06, MWM+99, ZWHL07].
Da jedoch bei Mixed-Signal-Schaltkreisen komplexe Wechselwirkungen zwischen
Schutzschaltungen und den eigentlichen funktionalen Schaltungsblöcken bestehen, ist
es notwendig alle Schaltungsblöcke in den Verifikationsprozess einzubeziehen [
LKK02
].
Um dabei die numerische Stabilität der Simulation zu erhöhen ist die Entwicklung
angepasster Modelle nötig. Diese stellen einen Kompromiss zwischen der Genauigkeit
außerhalb des sicheren Arbeitsbereiches und Konvergenz beim Simulationsprozess
dar.
2.3.3 Statische Verifikation elektrostatischer Entladungen
In [
BI00
] wird ein zweistufiger Ansatz einer Analyse kompetter integrierter Schalt-
kreise vorgestellt, bei dem die gesamte Netzliste im ersten Schritt reduziert und
anschließend eine Simulation der verkleinerten Netzliste durchgeführt wird. Der Re-
duktionsalgorithmus analysiert die kritische Durchbruchspannungen in jeder Schleife
zwischen dem gestressten Anschlusskontakt und dem Anschlusskontakt des Bezugs-
potentials. Wenn gilt:
N
X
j=1
VBDj < Vmax
wird die Schleife im weiteren Verlauf der Analyse berücksichtigt, ansonsten redu-
ziert sich die Netzliste um die Bauelemente der betrachteten Schleife. Dabei ist
Vmax
eine vom Benutzer definierte Maximalspannung für den Analysevorgang,
VBDj
die kritische Durchbruchspannung des betrachteten Elements und
N
die Anzahl
26
2.3 Ansätze zur Verifikation integrierter Schaltungen bei ESD-Belastungen
Abb. 2.9: Kriterium zur Erstellung der reduzierten Netzliste [BI00]
der Bauelemente in der betrachteten Schleife. Passiven Bauelementen wird eine
kritische Durchbruchspannung von Null Volt zugewiesen. Nachdem die Größe der
Netzliste reduziert wurde, wird eine SPICE-Simulation durchgeführt. Dabei werden
Simulationsmodelle verwendet, die das Durchbruchverhalten im ESD-Fall vereinfacht
wiedergeben. Hierzu verwendet man zwei Zener-Dioden, welche mit entgegengesetzter
Polarität seriell verschaltet werden (anti-serielle Dioden). Die Durchbruchspannungen,
z.B. eines p-n Übergangs, entsprechen somit den Zenerspannungen der Zener-Dioden.
In Abbildung 2.9 ist der Algorithmus zur Netzlistenreduktion an einem einfachen
Beispiel dargestellt. Zwischen dem Anschluss I/O1 und GND bilden sich die beiden
Schleifen S1 und S2 aus. Die Summe der Durchbruchspannungen in Schleife S1 beträgt
somit 64,8 V, wohingegen die Summe der Spannungen in Schleife S2 einen Wert von 72
V aufweist. Wählt der Nutzer eine Belastung mit
Vmax >
72
V
, werden beide Schleifen
in die Netzliste aufgenommen. Bei
Vmax <
64
,
8
V
wird keine Schleife und bei 64
,
8
V<
Vmax <
72
V
nur Schleife S1 in die reduzierte Netzliste eingebunden. Dieses einfache
Beispiel zeigt, dass der in [
BI00
] vorgestellte Algorithmus zur Netzlistenreduktion
sehr stark von der Wahl der Belastungsspannung abhängt und somit auch von der
Erfahrung des Nutzers.
Würde die Schleife S2 nicht in der weiteren Analyse betrachtet werden, könnten
potentielle Bauelementdefekte bei einer kapazitiven Kopplung des Impulses über die
Gate-Drain-Kapazität des Transistors M1 auf das Netz net17 übersehen werden. Dies
verdeutlichen die Simulationsergebnisse in Abbildung 4.4. Bei beiden Simulationen
wurde der Anschluss I/O1 mit einem 2kV-HBM-Puls gegen GND belastet. Der
einzige Unterschied der Schaltungen ist die Dimensionierung des Widerstandes R1.
27
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
Abb. 2.10:
Simulation der transiente Kopplung eines Hochvolt-Transistors; Fall 1
mit R=50 links und Fall 2 mit R=500 rechts (siehe Abbildung 2.9;
Vnet14 bezieht sich auf die rechte Skala der Diagramme)
Im Fall 1 ist R1 auf 50 und im Fall 2 auf 500 ausgelegt. Allein durch die
unterschiedliche Dimensionierung des Widerstandes im Drain-Source-Strompfad
des Transistors M1 wird die kapazitive Kopplung des Impulses auf das Netz net17
dahingehend beeinflusst, dass im Fall 2 die maximale Drain-Source-Spannung von 8
V des Transistors M2 überschritten wird und im Fall 1 nicht.
Nach eigener Aussage [
BI00
] ist durch die Vielzahl möglicher Pfade die Anwend-
barkeit dieses Verfahrens für Fälle, in denen ein Versorgungsnetz beteiligt ist, stark
eingeschränkt. Parasitäre Kapazitäten, Widerstände und Induktivitäten müssen in
der beschriebenen Ausbaustufe dieses Verfahrens manuell in die Netzliste eingefügt
werden, um den Einfluss z.B. großer Versorgungsnetze wiedergeben zu können.
Da die Versorgungsnetze integrierter Schaltkreise gegenüber Signalleitungen beson-
ders niederohmig ausgelegt werden, spielen diese bei der Ausbreitung und Ableitung
von elektrostatsichen Entladungen ein große Rolle. Um die Extraktion von Entla-
dungspfaden über komplexe Versorgungsnetze zu ermöglichen ist eine recheneffiziente
Implementierung der entsprechenden Algorithmen nötig.
Der in [
Str03
] vorgestellte Verifikationsansatz modelliert das Verhalten aller Bau-
elemente (außer Widerstände) durch stückweise lineare Kennlinien. Dabei existiert
ein Parametersatz für den Fall des Durchbruchs und ein anderer für den Fall des
Snapbacks (Abbildung 2.11). Anschließend werden Gleichstromsimulationen von allen
28
2.3 Ansätze zur Verifikation integrierter Schaltungen bei ESD-Belastungen
möglichen Kombinationen dieser Kennlinien durchgeführt und die physikalisch nicht
sinnvollen Ergebnisse verworfen. Durch das Vermeiden der Modellierung des negati-
ven Widerstandes im Fall des Snapbacks reduziert sich die Anzahl der Gleichungen
zur Lösung der Gleichstromsimulation erheblich und eine stabile und schnelle Analyse
wird möglich [
LZ97
]. Die Anzahl der nötigen Gleichstromsimulationen beläuft sich bei
N ESD-Schutzelementen auf 2
N
. Durch die Annahme, dass der ungünstigste Fall der
Zustand ist, wenn sich eine geringe Anzahl von ESD-Schutzelementen im Snapback
befinden, kann die Anzahl der Simulationen auf
N
km
k=1
reduziert werden. Hierbei ist
m die Anzahl der ESD-Schutzelemente, welche gleichzeitig aktiviert werden. Kapazi-
tive Verschiebungsströme werden durch Nutzung der Gleichstromsimulation nicht
betrachtet. Dynamische Vorgänge können bei elektrostatischen Entladungen, wie
z.B. das Anschalten eines MOS-Transistors, durch diesen Simulationsansatz nicht
erfasst werden.
Der in [
Str03
] vorgestellte Ansatz konzentriert sich nur auf die Extraktion von
Strompfaden der Versorgungsnetze sowie Ein- und Ausgangsstrukturen. Durch eine
einfache Prüfung der maximalen Spannungswerte an den Schnittstellen zwischen
internen Schaltungsblöcken und den Versorgungsnetzen bzw. Ein- und Ausgangs-
strukturen, wird eine Schädigung der funktionalen Bauelemente ermittelt. Verschie-
bungsströme durch parasitätres Verhalten der funktionalen Schaltungsblöcke werden
hierbei nicht berücksichtigt. Außerdem wird in diesem Ansatz nur eine mögliche
Schädigung der Schaltung angezeigt. Die Ursache des Fehlverhaltens kann dabei
aber nicht aufgezeigt werden. Darum ist es notwendig die internen Schaltungsblöcke
in die Simulation mit einzubeziehen und somit eine Extraktion von Strompfaden
über den gesamten Schaltkreis hinweg zu ermöglichen.
Abbildung 2.11:
Vereinfachung der Kennlinie von Halbleiterbauelementen durch
eine Durchbruch- und eine Snapback-Charakteristik [Str03]
29
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
2.3.4 Dynamische ESD-Verifikation mittels Makromodellen
In [
LKK02
] wird ein Algorithmus zur Verifikation integrierter Schaltungen gegenüber
Belastungen nach dem Charged Device Model vorgestellt. Dabei ist der integrierte
Schaltkreis z.B. während des Transports elektrostatisch aufgeladen worden und bei
Kontakt mit einem geerdeten elektrisch leitenden Gegenstand wird die Ladung gegen
das Bezugspotential abgeleitet. Die Ausgangsbasis dieses Algorithmus bildet ein
Layout. Daraus werden die parasitären Widerstände und Kapazitäten extrahiert.
Im nächsten Schritt wird die Schaltung in Blöcke unterteilt und für jeden Block ein
Makromodell erstellt. Da die Ladung beim Charged Device Model in der Regel den
Weg des geringsten Widerstandes über die Versorgungsnetze wählt, beinhalten die
Makromodelle ESD-Schutzelemente, parasitäre Widerstände und Kapazitäten der
Versorgungsnetze sowie Eingangs- und Ausgangstreiberstufen. Die Blöcke werden
anhand von Funktionalität und Zugehörigkeit zu Versorgungsnetzen gebildet. In Ab-
bildung 2.12 ist das Makromodell eines Eingangstreibers dargestellt. Die Widerstände
RI1 und RI2 stellen die parasitären Widerstände des Versorgungsnetzes dar. In der
Kapazität
CDSI
sind die Kapazitäten der Schaltung zusammengefasst, welche die
Eingangsstufe treibt. Durch die Kapazitäten
CDD
und
CSS
werden die parasitären
Elemente des Packages modelliert.
Ebenso wie [
Str03
] konzentriert sich dieses Verfahren auf die Versorgungsnetze sowie
die Ein- und Ausgangsstrukturen des Schaltkreises. Die funktionalen Schaltungsblöcke
werden als Makromodelle aus Widerständen und Kapazitäten modelliert. Dadurch
kann zwar eine Überlastung von Funktionsblöcken detektiert, die Ursache aber nicht
aufgezeigt werden. Auch die Beschränkung auf das Belastungsmodell Charged-Device-
Modell stellt eine Einschränkung dieses Verfahrens dar. Darum werden einfache
Simulationsmodelle bis auf Bauelementebene benötigt, welche die Modellierung
das Verhalten außerhalb des sicheren Arbeitsbereiches erlauben und somit eine
Strompfadextraktion bis zur Ebene der funktionalen Bauelemente ermöglichen.
2.3.5 Ansatz dieser Arbeit
In [
Gro04
] wird vorgeschlagen, die Schaltung zwar transient (oder anderweitig ge-
eignet) zu simulieren, aber durch eine vereinfachte Durchbruchmodellierung die
numerische Stabilität der Analyse zu gewährleisten (siehe 2.3.2), in der Hoffnung,
damit auch vollständige Schaltungen untersuchen zu können. Auf diese Weise sollen
einerseits die bei einer statischen Verifikation (siehe 2.3.3) nicht beschreibbaren
30
2.4 Anforderungen einer Verifikationsmethodik für Smart-Power-Schaltkreise
Abb. 2.12:
Makromodell eines Schaltungsblockes bestehend aus parasitären Wider-
ständen und Kapazitäten sowie Ein- und Ausgangstreibern [LKK02]
transienten und nichtlinearen Effekte berücksichtigt, andererseits aber auch die Bau-
elementschädigungen im Rahmen der vereinfachten Durchbruchmodellierungen im
Sinne eines worst-case gekennzeichnet werden.
Eine anschließende Strompfadextraktion soll die Ursache von möglichen Schädigun-
gen für den Entwickler sichtbar und die Funktionalität des ESD-Schutzkonzeptes
überprüfbar machen. Diese Analyseschritt wird dadurch möglich, dass bei einer poten-
tiellen Bauelementschädigung innerhalb der Durchbruchmodellierung ein zusätzlicher
Stromfluß entsteht.
In dieser Arbeit soll die Umsetzbarkeit und das Potential dieses Ansatzes untersucht,
sowie eine geeignete Software-Implementierung innerhalb einer produktiven Entwick-
lungsumgebung realsiert werden. Dabei wird die Anwendbarkeit des entwickelten
Verfahrens auf Analysen von gesamten ICs geprüft und Vor-und Nachteile verschie-
dener Implementierungsvarianten herausgearbeitet. Die für eine solche Umsetzung
zu stellenden Anforderungen an das Werkzeug werden im Abschnitt 2.4 beschrieben,
bevor in den folgenden Kapiteln mögliche Methoden für die Analyse der Schaltungen
untersucht und das entwickelte Werkzeug im Detail beschrieben und verifiziert wird.
2.4 Anforderungen einer Verifikationsmethodik für
Smart-Power-Schaltkreise
Die in den Abschnitten 2.3.1 bis 2.3.4 beschriebenen ESD-Verifikationsansätze sind
für Smart-Power-Technologien nicht anwendbar, da entweder die Fehleranfälligkeit
31
2 ESD-Schaltungsverifikation von Mixed-Signal-Schaltkreisen
aufgrund der hohen Schaltungskomplexität nicht akzeptabel ist oder die defekten
Bauelemente durch den gewählten Modellierungsansatz nicht bis auf die Ebene
einzelner Instanzen aufgelöst werden können.
Um nach dem in dieser Arbeit gewählten Ansatz das Verhalten von integrierten
Schaltungen während einer elektrostatischen Entladung durch Schaltungssimulationen
bewerten zu können und die Ursache möglicher Überlastungen effizient zu ermitteln,
müssen folgende Voraussetzungen gegeben sein:
Effiziente Hochstrommodellierung
Recheneffiziente Analyse und Darstellung der Simulationsdaten
Optimiertes Simulations- und Analyseverfahren
Effiziente Hochstrommodellierung
Neben der Konfiguration des Analyseverfahrens hat der Aufbau und die Dimensionie-
rung der Simulationsmodelle entscheidenden Einfluss auf die numerische Stabilität
der Schaltungssimulation. Eine Beschreibung des Bauelementverhaltens außerhalb
des sicheren Arbeitsbereiches geht dabei immer mit einer Steigerung der Komplexität
der Simulationsmodelle einher. Es muss dabei ein Kompromiss zwischen Genauigkeit
und Komplexität der Simulationsmodelle eingegangen werden, um einerseits verwert-
bare Simulationsergebnisse zu erzielen und andererseits überhaupt eine numerisch
stabile Simulation zu ermöglichen.
Recheneffiziente Analyse und Darstellung der Simulationsdaten
Da bei Schaltungssimulation komplexer integrierter Schaltkreise große Datenmengen
im Bereich mehrerer Gigabyte anfallen ist es notwendig, eine automatisierte Analyse
der Daten durchzuführen und die Daten dem Entwickler grafisch aufbereitet darzu-
stellen. Dabei müssen mögliche Schädigungen von Bauelementen und idealerweise
deren Ursachen durch den Visualisierungsprozess wiedergegeben werden.
Optimiertes Simulations- und Analyseverfahren
Da die Simulation von elektrostatischen Enladungen einen Sonderfall der Schaltungs-
simulationen darstellt, müssen die verwendeten Analysearten und die Simulationsein-
stellungen speziell auf diesen Fall abgestimmt sein. Das Lösungsverfahren muss auch
32
2.4 Anforderungen einer Verifikationsmethodik für Smart-Power-Schaltkreise
bei sehr schnell veränderlichen Signalen eine aussreichende numerische Stabilität
aufweisen, um eine Lösung des Gleichungssystems finden zu können.
33
3 Untersuchung von Methoden zur
Analyse integrierter Schaltungen
gegenüber ESD-Impulsen
Die Verifikation integrierter Schaltungen kann, je nach Anwendungsfall, mit verschie-
denen mathematischen Methoden in unterschiedlichen Genauigkeitsstufen durchge-
führt werden. Dabei wird immer ein Optimum aus Rechenzeitbedarf, Genauigkeit
der Ergebnisse und Modellierungsaufwand angestrebt. In den folgenden Abschnitten
werden Methoden und Analyseverfahren zur Verifikation integrierter Schaltungen
hinsichtlich ihrer Eignung zur Simulation von elektrostatischen Entladungen bewertet.
3.1 Effiziente Schaltungsverifikation hinsichtlich ESD
Um die Entwicklung integrierter Schaltkreise zeit- und kosteneffizient gestalten zu
können, sind parallel zu den Entwicklungsarbeiten ständig Verifikationsprozesse nötig.
Dazu werden möglichst früh im Designzyklus erste Verhaltenssimulationen z.B. durch
Hardwarebeschreibungssprachen (engl. Hardware Description Language, kurz HDL)
wie VHDL, VHDL-AMS und SystemC durchgeführt, um die Funktionalität einzelner
Systemkomponenten mit hohem Abstraktionsgrad überprüfen zu können [
RP00
].
Hardwarebeschreibungssprachen ermöglichen es, die Architektur und Funktion von
Systemen durch eine festgelegte Syntax zu beschreiben. Dadurch wird einerseits
der Entwicklungsablauf dokumentiert und andererseits wird es möglich, die Funk-
tionalität des Gesamtsystems oder Teilbereiche durch Simulationen zu prüfen. Der
Abstraktionsgrad bzw. die Detailtiefe der verwendeten Simulationsmodelle nimmt
dabei in der Regel mit fortschreitendem Entwicklungsablauf zu, da die Umsetzung
der Systemspezifikationen konkretere Formen annimmt. Somit werden unterschiedli-
che Anforderungen an Simulationsmodelle für unterschiedliche Entwicklungsphasen
34
3.1 Effiziente Schaltungsverifikation hinsichtlich ESD
gestellt. In [Klu04] werden Simulationsmodelle in folgende Klassen unterteilt:
Räumlich ausgedehnte Modelle:
Diese Klasse von Simulationsmodellen
ermöglicht es durch Lösen partieller Differentialgleichungen das Verhalten von
ortsabhängigen Zustandsgrößen zu analysieren. Eine Methode, um diese kom-
plexen Vorgänge mathematisch erfassen zu können, ist z.B. die Finite Elemente
Methode (FEM). Diese Klasse von Modellen bzw. Simulationen ziehen einen
großen Rechenaufwand nach sich und können aufgrund begrenzter Rechenka-
pazitäten nur auf Teilbereiche von Systemen angewendet werden. Typische
Anwendungsfälle hierfür sind die Technologieentwicklung und Bauelementsi-
mulation.
Zeitkontinuierliche Modelle konzentrierter Elemente:
Durch die Nut-
zung von konzentrierten Elementen weisen die Zustandsgrößen keine Orts-
abhängigkeit auf. Der Rechenaufwand wird somit auf Kosten der Detailtiefe
reduziert. Durch Linearisieren von zeitabhängigen Parametern werden durch
numerische Verfahren lineare Gleichungssysteme gelöst und somit die gesuchten
Zustandsgrößen bestimmt. Ein Simulationswerkzeug, welches dieses Verfahren
anwendet, ist SPICE (Simulation Program with Integrated Circuits Empha-
sis). Mittlerweile existieren weitere Beschreibungssprachen und Simulatoren
wie z.B. VHDL-AMS, Verilog-A/AMS und SystemC-AMS, welche nach ähn-
lichem Prinzip arbeiten. Moderne Simulationswerkzeuge unterstützen in der
Regel mehrere Hardware-Beschreibungssprachen, so dass komplexe Simulatio-
nen mit verschiedenen Sprachen, so genannte Mixed-Language-Simulationen,
möglich sind. Anwendungsgebiete sind Top-Level Simulationen integrierter
Mixed-Signal Schaltkreise sowie Simulationen von Blöcken großer digitaler
Schaltungen. Zeitkontinuierliche Simulationen konzentrierter Elemente werden
im weiteren Verlauf dieser Arbeit der Einfachheit halber SPICE-Simulationen
bzw. SPICE-Modelle genannt. Auf die Funktionsweise von SPICE wird in
Abschnitt 3.2 näher eingegangen.
Ereignisdiskrete Modelle:
Diese Simulationsmodelle werden vor allem bei
zeitsynchronen digitalen Schaltungskonzepten verwendet. Aufgrund der wert-
und zeitdiskreten Änderungen von Zustandsgrößen können die Simulations-
modelle und die Analyseverfahren gegenüber zeitkontinuierlichen Verfahren
deutlich vereinfacht werden. Daraus resultiert ein wesentlich reduzierter Re-
chenaufwand gegenüber räumlich ausgedehnten und zeitkontinuierlichen Simu-
lationsmodellen. Diese Klasse von Modellen ermöglicht es, die Funktionalität
35
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
komplexer digitaler Schaltungen, wie z.B. Signalprozessoren oder Systems-on-
Chip (SoC), zu verifizieren. Weit verbreitete Beschreibungssprachen für diese
Modellklasse sind VHDL, Verilog und SystemC. Moderne Simulationswerk-
zeuge ermöglichen es, zeitkontinuierliche und ereignisdiskrete Simulationen
zu koppeln und somit die Funktionalität digitaler und analoger Schaltungen
gemeinsam zu verifizieren.
Zeitkausale Modelle:
Diese Klasse von Simulationsmodellen beschreibt den
Zusammenhang zwischen Eingangs- und Ausgangsgröße auf einem hohen Ab-
straktionsgrad. Die Dauer von Zustandsänderungen wird dabei nicht berück-
sichtigt. Dadurch wird es möglich, komplette Systeme zu beschreiben, ohne
konkrete Implementierungsdetails der einzelnen Komponenten zu kennen. Eine
weit verbreitete Beschreibungssprache für zeitkausale Modelle ist die Unified
Modelling Language (UML). Mit dieser Sprache lassen sich z.B. Algorithmen,
Benutzeraktionen, Zustandsautomaten und Hardwarekomponenten beschreiben.
Diese Art von Modellen wird vorwiegend zur Umsetzung der Spezifikationen
in Ablauf- oder Klassendiagramme zu Dokumentationszwecken genutzt.
Zeitkausale und ereignisdiskrete Simulationsmodelle eignen sich für Schaltungssimula-
tionen elektrostatischer Entladungen nicht, da beim Auftreten solcher Vorgänge
in integrierten Schaltkreisen zeitkontinuierliche Analyseverfahren genutzt werden
müssen, um z.B. Auf- oder Entladevorgänge von parasitären Kapazitäten erfassen
zu können. Räumlich ausgedehnte Simulationsmodelle besitzen die größte Detailtiefe
und benötigen darum erheblich mehr Rechenzeit als Schaltungssimulationen mit
zeitkontinuierlichen Modellen konzentrierter Elemente. Nach [Ung91, KG06] ist die
Näherung des Verhaltens bei der Ausbreitung von elektrischen Signalen in Leitungen
durch konzentrierte Elemente legitim, wenn es sich um elektrisch kurze Leitungen
handelt. Diese Bedingung ist erfüllt, wenn gilt:
|γ·l|<1(3.1)
Wobei
γ
die komplexe Ausbreitungskonstante und
l
die Länge der Leitung darstellt.
Ob diese Bedingung für die in dieser Arbeit untersuchten integrierten Schaltkreise
gilt, wird im Folgenden am Beispiel einer Mikrostreifen-Leitung analytisch grob
abgeschätzt. Im Anschluss daran wird eine quasistatische Feldsimulation (Ansoft
Q3D Version 9) des Leitungsquerschnittes durchgeführt, um die Genauigkeit der
analytischen Abschätzung zu überprüfen, und um die Leiterverluste mit zu berück-
36
3.1 Effiziente Schaltungsverifikation hinsichtlich ESD
Abb. 3.1: Ersatzschaltbild einer Mikrostreifenleitung
sichtigen. In Abbildung 3.1 ist das Ersatzschaltbild einer Mikrostreifenleitung mit den
konzentrierten Elementen der Induktivität L’, der Kapazität C’, des Widerstandes R’
und des Leitwertes G’ pro Längeneinheit. Die Ausbreitungskonstante
γ
ergibt sich
dabei nach [Wad91] durch:
γ=q(R0+jωL0)(G0+jωC0)
Der Realteil der Ausbreitungskonstante
γ
stellt die ohmschen (dargestellt durch R’)
und dielektrischen Verluste (dargestellt durch G’) der Leitung dar. Für eine verlust-
arme Leitung mit R << L und G << C sind die ohmschen und dielektrischen
Verluste vernachlässigbar und es gilt die Näherung:
γ=α+ (3.2)
Diese Vereinfachung wird zunächst getroffen, um eine einfache analytische Abschät-
zung vorzunehmen. Der Imaginärteil der Ausbreitungskonstante
γ
, die Phasenkon-
stante
β
, ist über die Beziehung
β
=
ωL0·C0
abhängig von den Leitungsbelägen L’
und C’ sowie der Kreisfrequenz
ω
. Diese Leitungsbeläge berechnen sich unter Annah-
me eines idealen Parallelplattenleiters durch (u.a. Vernachlässigung der Streufelder
der Mikrostreifenleitung):
C0=w
h·ε0·εr(3.3)
L0=h
w·µ0·µr(3.4)
Die geometrischen Parameter
w
stellen die Weite,
l
die Länge der Leitung und
h
die Höhe des Substrates bzw. Isolators dar (Abbildung 3.2). Die Materialparameter
37
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
Abbildung 3.2: Schematische Darstellung einer Mikrostreifen-Leitung
ε0
und
εr
sind dabei die Permittivität des Vakuums bzw. des Substratmaterials.
Die in Gleichung 3.4 verwendeten Materialparameter
µ0
und
µr
bezeichnen die
Permeabilität des Vakuums bzw. des Substratmaterials. Für einen CMOS-Prozess
(Complementary Metal Oxide Semiconductor) einer Strukturbreite von 0,35 m
werden folgende Geometrie- und Materialparameter angenommen:
h
= 700
nm
,
w
= 500
nm
,
l
= 2500
µm
,
ε0
=8
,
85419
·
10
12 F
m
,
εr
=3
,
7,
µ0
=
1,2566 ·106H
m,µr=1
Die Parameter
h
,
ε0
,
εr
,
µ0
und
µr
sind dabei technologieabhängige Werte, die
nicht vom Entwurf der Schaltung abhängig sind. Die Parameter
w
und
l
dagegen
können während der Entflechtung der Schaltung in definierten Grenzen vom Schal-
tungsentwickler bestimmt werden. Damit ergeben sich kapazitive und induktive
Leitungsbeläge von:
C0
=2
,
34
·
10
11 F
m
und
L0
=1
,
759
·
10
6H
m
. Für dieses Beispiel wurde die Länge der
Leitung mit 2,5 mm sehr hoch angesetzt, um einen möglichst ungünstigen Fall zu
betrachten. Dieser Wert entspricht der Länge eines Netzes zur Taktverteilung eines
Mikrocontrollers, welcher in einer 0,35 m-CMOS-Technologie implementiert wurde.
Typische Leitungslängen in den untersuchten Schaltungen weisen Leitungslängen im
Bereich von einem Millimeter auf. Die maximalen Frequenzanteile einer elektrostati-
schen Entladung werden bei einer Anstiegszeit von einer Nanosekunde mit einem
Gigahertz angenommen. Das Produkt des Imaginärteils der Phasenkonstante und
der Leitungslänge vereinfacht sich durch die getroffenen Annahmen sich somit zu:
β·l=l·ω·L0·C0(3.5)
38
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
L’ [ nH
mm ] C’ [ fF
mm ] R’ [
mm ] G’ [ S
mm ]
b
[1
mm ]
analytisches Modell 1,76 23,4 0 0 40,3·103
quasistatische Simulation 0,49 78 58 0 38,8·103
Tab. 3.1: Vergleich des analytischen Modell und der quasistatischen Simulation
Daraus ergibt sich
β·l
1
·
10
1<
1. Damit ist die Bedingung aus Gleichung 3.1 für
schwach gedämpfte Leitungen mit den oben genannten Parametern erfüllt. Um die
Genauigkeit des analytischen Modells des Parallelplattenleiters zu überprüfen und
die ohmschen Verluste zu berücksichtigen, wurde eine quasistatische Feldsimulation
durchgeführt. Dabei wurde eine Dicke der Mikrostreifenleitung von 700 nm angenom-
men sowie eine elektrische Leitfähigkeit des Leiters von 38
·
10
6S
m
. In der Tabelle
3.1 sind die Leitungsbeläge der analytischen Abschätzung und der quasistatischen
Simulation einander gegenübergestellt. Der Kapazitätsbelag fällt im analystischen
Modell gegenüber der quasistatischen Simulation um den Faktor 3,3 geringer aus, da
die Streufelder beim Modell des Parallelplattenkondensators vernachlässigt wurden.
Der Induktivitätsbelag dagegen wird beim analytischen Modell überschätzt, da der
Leiter selbst als infinitesimal dünner Streifen angesetzt wird. Zur Leitungssynthese
existieren empirische Formeln, um die Streufelder durch eine effektive Weite
weff
der Mikrostreifenleitung zu berücksichtigen [
Wad91
]. Die quasistatische, numerische
Simulation dieser Anordnung ergab ein
β·l
= 38
,
8
·
10
31
mm ·
2500
·
10
6m
= 0
,
97
·
10
1
und bestätigt somit das Ergebnis der analytischen Abschätzung. Hiermit wurde
gezeigt, dass Leitungen, welche die größte räumliche Ausdehnung in integrierten
Schaltkreisen besitzen, als konzentrierte Elemente modelliert werden können, da
die Bedingung 3.1 erfüllt wurde. In Folge dessen gilt diese Bedingung auch für
das Verhalten analoger Schaltungsteile oder den Einfluss parasitärer Widerstände,
Kapazitäten oder Induktivitäten. Es ist es somit legitim, analoge, zeitkontinuierliche
Simulationen konzentrierter Elemente in den Entwicklungsprozess einzubinden.
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
SPICE ist ein analoger Schaltungssimulator zur Verifiaktion der Funktionalität vor-
wiegend analoger und Mixed-Signal Schaltungen. Für die Nutzung von SPICE in den
verschiedenen Phasen des Designablaufs existieren verschiedene Arten von Simulati-
onsmodellen mit unterschiedlicher Detailtiefe. In heutigen SPICE-Implementierungen
wird zwischen folgenden Arten von Simulationsmodellen unterschieden [Kie98]:
39
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
Verhaltensmodelle:
Beschreiben das Verhalten der Ein- und Ausgänge von
Bauelementen oder Schaltungsblöcken durch einfache mathematische Zusam-
menhänge. Dabei wird die Anzahl und Komplexität der modellierten physikali-
schen Effekte in der Regel stark reduziert, um die Rechenzeit gegenüber den
anderen Modellarten zu minimieren.
Makromodelle:
Stellen einen Kompromiss zwischen Verhaltens- und Transistor-
Level-Modellen hinsichtlich Detaillierungsgrad und Rechenzeit dar. Dazu wird
die Funktion von Bauelementen oder Schaltungsblöcken durch vereinfachte
bzw. idealisierte Ersatzschaltbilder beschrieben.
Transistor-Level-Modelle:
Bei dieser Art der Modellierung werden die wich-
tigsten physikalischen Effekte, soweit möglich, berücksichtigt. In der Regel
sind dies skalierbare Simulationsmodelle, welche in der Lage sind, auch das
Verhalten parasitärer Elemente wiederzugeben.
Werkzeuge zum Entwurf integrierter Schaltungen speichern die benötigten Datensätze
in der Regel in Form einer Datenbank. Die Einträge der Datenbank können entweder
über manuelle grafische Schaltplaneingabe oder über voll- bzw. halbautomatisch
generierte Schaltpläne erzeugt werden. Durch die Organisation einer Schaltung in
einer Datenbankstruktur können verschiedene Entwurfswerkzeuge effizient auf die
benötigten Informationen zugreifen und diese gegebenenfalls modifizieren. SPICE-
Simulatoren verarbeiten die zu simulierende Schaltung in Form einer Netzliste. Dabei
repräsentiert die Netzliste die Schaltungselemente, Parameter, die Verbindungen der
Schaltungselemente untereinander und Simulationseinstellungen in Textform. Um die
Simulation computergestützt durchführen zu können ist es notwendig, die Informa-
tionen der Netzliste in eine Form zu bringen, in der die Lösung der Simulation durch
mathematische Algorithmen ermittelt werden kann. Dazu wird ein Gleichungssystem
aufgestellt, welches auch als System-Matrix (siehe Gleichung 3.6) bezeichnet wird.
Diese besteht aus einer Matrix von Leitwerten, einem Spannungsvektor und einem
Stromvektor [Att99].
Da über numerische Verfahren nur rein lineare Gleichungssysteme lösbar sind,
müssen alle Elemente der System-Matrix einen linearen Zusammenhang zwischen
Strom und Spannung darstellen. Sobald Bauelemente mit nichtlinearen Kennlinien
oder ladungsspeichernde Bauelemente vorkommen, müssen diese Strom-Spannungs-
40
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
Template -
Widerstand
Knoten A
Knoten B
Spannungs -
vektor Stromvektor Symbol
Knoten A
Knoten B "+GRGR
GR+GR#?"...
... #="...
... #
Template -
Diode
Knoten A
Knoten B "+GdGd
Gd+Gd#?"...
... #="Ieq
+Ieq #
Tabelle 3.2:
Matrix-Vorlagen für einen Widerstand (oben) und eine Diode (unten)
Charakteristiken zuvor durch lineare Ersatzschaltbilder vereinfacht werden.
G11 G12 G13 .... G1y
G21 G22 ... ...
G31 G32 ...
... ...
Gxy
?
V1
V2
...
...
Vy
=
I1
I2
...
...
Iy
(3.6)
Die verschiedenen SPICE-Derivate nutzen zwei Algorithmen für die Lösung der
System-Matrix. Falls sich die Schaltung aus rein linearen Bauelementen zusam-
mensetzt, wird ein einfaches und somit effizientes Verfahren namens Gaußsche
Eliminierung [
Gen98
] verwendet. Befinden sich jedoch ein oder mehrere nichtlineare
Bauelemente in der zu simulierenden Schaltung, müssen iterative Lösungsverfahren
angewendet werden. In heutigen SPICE-Simulatoren ist dafür der Newton-Raphson
Algorithmus implementiert [Kun95, LZ97].
Um die System-Matrix computergestützt und automatisiert zu generieren, existiert
für jedes Grundelement eine Vorlage, auch Template genannt, die für den Aufbau des
Gleichungssystems verwendet wird. Diese Methode ist auch unter dem Begriff “Matrix
construction by inspection” bekannt. So wird beim Auftreten eines Widerstandes
in der Schaltung die System-Matrix um folgende Elemente an den entsprechenden
Stellen erweitert (siehe Tabelle 3.2 oben). Die Einträge der Spannungs- bzw.
Stromvektoren bleiben im Falle von passiven Bauelementen, wie z.B. Widerstände
41
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
und Kapazitäten, leer. Befindet sich in der Schaltung eine Diode, wird die Vorlage
nach Tabelle 3.2 (unten) verwendet. Im Gegensatz zur Vorlage eines Widerstandes
bleibt hierbei nur der Spannungsvektor leer. Dabei ist zu beachten, dass die Werte in
der Matrix der Leitwerte und die Werte des Stromvektors nur für den Arbeitspunkt
gültig sind, der in der aktuellen Iteration des Newton-Raphson Algorithmus gerade
bearbeitet wird.
Bevor die eigentliche Schaltungssimulation ausgeführt werden kann, werden analyses-
pezifische Einstellungen bzw. Modifikationen vorgenommen. Dieser Topologie-Check
kann, besonders bei komplexen hierarchischen Schaltungen, einen großen Anteil der
Rechenzeit der gesamten Analyse beanspruchen.
3.2.1 Ursachen von Konvergenzproblemen
Es ist nicht in jedem Fall sichergestellt, dass die in SPICE implementierten numeri-
schen Algorithmen eine Lösung für die System-Matrix finden. Ursachen dafür sind
vielfältig und lassen sich in folgende Kategorien einteilen:
Probleme während des Newton-Raphson Algorithmus:
Falls die To-
leranzparameter zu restriktiv definiert wurden, muss eine höhere Anzahl an
Iterationen durchgeführt werden, bis die Konvergenzkriterien erfüllt sind. So-
mit kann es vorkommen, dass die maximale Anzahl der zulässigen Iterationen
erreicht wird und SPICE dadurch mit einer Fehlermeldung abbricht. Darum
sollten die Toleranzwerte immer an die Simulationsparameter (z.B. Stimuli,
Analyseart) angepasst werden. Außerdem führen Bauelementcharakteristiken
zu Konvergenzproblemen, welche extrem geringe oder negative differentielle
Widerstände aufweisen, wie es z.B. beim Auftreten eines Snapback der Fall ist.
Dadurch kann es bei der Berechnung des Potentials eines Knotens zur Division
durch Null und somit zum Simulationsabbruch kommen. Um diesem Problem
entgegen zu wirken, existiert der Parameter GMIN. Der Wert von GMIN
definiert den Widerstand, der parallel zu jedem im Schaltplan vorkommenden
Halbleiterübergang geschaltet wird. Somit wird ein Widerstand von Null Ohm
vermieden. Damit der zusätzliche Widerstand das Simulationsergebnis nicht
verfälscht, sollte der Wert mindestens so klein sein wie der kleinste Widerstand
der zu simulierenden Schaltung.
Wird die Steigung einer Strom-Spannungs-Charakteristik eines Bauelements
zu groß, ergibt die Berechnung des nächsten Potentialschrittes einen zu gerin-
42
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
gen Wert. Somit steigt die Anzahl der benötigten Iterationen und ebenfalls
die Möglichkeit eines Simulationsabbruchs. Um dies zu vermeiden, sollte in
der Modelldefinition jeder Diode ein Serienwiderstand definiert sein, der die
Steigung der Strom-Spannungs-Kennlinie auf einen sinnvollen Wert begrenzt
[Kie98].
Analyse-spezifische Probleme:
Aufgrund der verwendeten Lösungsalgo-
rithmen kann Nicht-Konvergenz nur während einer Gleichstromanalyse oder
transienten Analyse auftreten [
Sha93
]. Die wichtigsten SPICE-Analysearten
werden in den folgenden Abschnitten näher beschrieben. An diesen Stellen
wird auch auf das Auftreten von Nicht-Konvergenz eingegangen.
Fehlerhafte Definition von Simulationsmodellen:
Neben Unstetigkeiten
bei der Definition von Bauelementmodellen können auch Modell-Charateristiken
mit negativem differentiellen Widerstand zu Konvergenzproblemen und somit
zum Simulationsabbruch führen [Sha93].
Schaltungssimulationen von elektrostatischen Entladungen stellen besondere An-
forderungen an Simulationseinstellungen und Simulationsmodelle. Durch die sehr
kurzen Anstiegszeiten im Bereich von einigen Nanosekunden, negative differentielle
Widerstände der Simulationsmodelle und die hohen Spannungshübe müssen je nach
verwendeter Analyseart die entsprechenden Einstellungen im Vorfeld der Simulation
gewählt werden, um die Wahrscheinlichkeit einer numerisch stabilen Analyse zu
erhöhen. In dem Simulationswerkzeug CLEX werden vor Beginn einer Analyse die
Einstellungen automatisch geprüft und falls nötig geändert, welche die numerische
Stabilität der Simulation im ESD-Fall beeinflussen. In den folgenden Abschnitten
werden die Faktoren für eine numerisch stabile Simulation bei Nutzung verschie-
dener Analysearten bewertet. Dabei wird besonderer Fokus auf die automatisierte
Bearbeitung und Steuerung der Simulation gelegt.
3.2.2 Gleichstromanalyse
In diesem Abschnitt wird geprüft, ob die Verifikation integrierter Schaltungen bei
Beaufschlagung mit elektrostatischen Entladungen durch eine Gleichstromanaly-
se effizient im Vergleich zu einer transienten Analyse durchgeführt werden kann.
Dabei wird einerseits die benötigte Rechenzeit und andererseits die Komplexität
der benötigten Simulationsmodelle betrachtet. Im Abschnitt 4.2.3 wird der erhöhte
43
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
Modellierungsaufwand bei Nutzung einer Gleichstromanalyse dargestellt, da das
kapazitive Verhalten durch äquivalente Widerstände nachgebildet wird.
Eine Gleichstromanalyse berechnet Ströme, Spannungen und Parameter unter Annah-
me des eingeschwungenen Zustands einer Schaltung. Im eingeschwungenen Zustand
gibt es keine zeitlichen Änderungen von Signalpegeln. Folglich kann es keinen einge-
schwungenen Zustand geben, wenn eine Schaltung mit einer Quelle nicht konstanter
Anregung stimuliert wird. Somit werden im ersten Schritt einer Gleichstromanalyse
alle Signalquellen als konstant angenommen. Für Bauelement mit zeitlich abhängi-
gem Verhalten, wie Kapazitäten und Induktivitäten, werden die Randbedingungen
dv(t)
dt
= 0 bzw.
di(t)
dt
= 0 angenommen. Dadurch stellen Kapazitäten offene Schaltkreise
und Induktivitäten kurzgeschlossene Schaltkreise dar [Kun95].
3.2.2.1 Konvergenzeigenschaften einer Gleichstromanalyse
Nicht in jedem Fall kann durch eine Gleichstromanalyse eine Lösung gefunden
werden, welche den Kirchhoffschen Regeln entspricht. Das Konvergenzverhalten
einer Gleichstromanalyse wird im Wesentlichen durch folgende Faktoren beeinflusst
[MK05]:
Maximale Anzahl der Iterationen des Newton-Raphson-Algorithmus
Definieren von initialen Spannungs- und Stromwerten
Source Stepping
Deaktivieren aktiver Bauelemente
Unstetigkeiten der Simulationsmodelle
Maximale Anzahl der Iterationen des Newton-Raphson-Algorithmus
Wird die Anzahl der zur Lösung der System-Matrix benötigten Iterationen wäh-
rend des Newton-Raphson-Verfahrens überschritten, bricht die Simulation mit ei-
ner Fehlermeldung bezüglich Nicht-Konvergenz ab. Der Standardwert bei heutigen
SPICE-Simulatoren beträgt 100 Iterationen. Dieser Wert ist für einfache lineare sowie
nichtlineare Schaltungen geringer Komplexität ausreichend. Zum Beispiel werden in
[
GR02
] mittels des SPICE-Simulators HSPICE 10 Iterationen für eine Gleichstro-
manalyse einer einzelnen Diode und 40 Iterationen für eine Gleichstromanalyse des
Operationsverstärkers U741 benötigt. Eine Analyse verschiedenster Schaltungen hat
ergeben, dass eine Erhöhung des Parameters zur Definition der maximal zulässigen
44
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
Anzahl der nötigen
Iterationen
Anteil der
Schaltungen mit
Konvergenz in
Prozent
100 60
200 75
500 92
1000 92
Tabelle 3.3:
Einfluss des Parameters zur Definition der maximal zulässigen Itera-
tionen (ITL1) des Newton-Raphson-Algorithmus auf das Konvergenz-
verhalten einer Gleichstromanalyse [Kie98]
Iterationen von 100 auf 500 eine deutliche Verbesserung des Konvergenzverhaltens
zur Folge hat (siehe Tabelle 3.3).
Der Parameter zur Definition der maximal zulässigen Anzahl an Iterationsschrit-
ten hängt stark von der Schaltungstopologie und der Qualität der verwendeten
Simulationsmodelle ab. Eine Erhöhung des Standardwertes beeinflusst das Konver-
genzverhalten in der Regel positiv (siehe 3.3), so dass eine automatisierte Definition
des Parameters ITL1 sinnvoll und realisierbar ist.
Definieren von initialen Spannungs- und Stromwerten
Sind zum Start der
Gleichstromanalyse keine initialen Spannungs- und Stromwerte definiert, wird für
alle Netze eine Spannung von Null Volt und für alle Knoten ein Storm von Null
Ampere als Startwert des Newton-Raphson-Algorithmus angenommen. Werden als
Startwerte des Newton-Raphson-Algorithmus allerdings Spannungs- und Stromvor-
gaben (Nodesets) gemacht, die nahe an der Lösung der System-Matrix liegen, kann
die Anzahl der nötigen Iterationen und somit auch die benötigte Rechenzeit der
Gleichstromanalyse erheblich verringert werden [
Kie98
,
MK05
]. Diese Vorgehensweise
ist besonders effektiv bei großen Schaltungen und Schaltungen mit mehreren stabilen
Arbeitspunkten (z.B. Flip-Flops und Latches).
Moderne SPICE-Simulatoren unterstützen das Laden von Simulationsergebnissen
als Ausgangspunkt weiterer Analysen. Wie Untersuchungen innerhalb dieser Arbeit
zeigen, ist das Laden von initialen Spannungs- und Stromwerten bei dem in 3.2.2.2
untersuchten Schaltungsbeispiel zwingend notwendig, um Gleichstromanalysen von
ESD-Ereignissen erfolgreich zu beenden.
45
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
Source-Stepping
Bei dieser Technik werden alle in der Schaltung befindlichen
Strom- und Spannungsquellen schrittweise von Null bis zu dem definierten Strom-
bzw. Spannungswert erhöht. Dabei wird die Lösung des vorangegangenen Simulati-
onsschrittes als Startwert genutzt und somit in der Regel die Anzahl der benötigten
Iterationen des Newton-Raphson-Algorithmus reduziert.
Source-Stepping ist eine automatisierte Methode, um das Laden von initialen
Spannungs- und Stromwerten zu vereinfachen. Diese Methode wurde beim Schal-
tungsbeispiel im Abschnitt 3.2.2.2 genutzt, um eine Gleichstromanaylse von 0 V bis
60 V in drei Teilschritten erfolgreich durchführen zu können.
Deaktivieren aktiver Bauelemente
Bei diesem zweistufigen Ansatz werden zuerst
alle nichtlinearen Bauelemente aus der System-Matrix entfernt und anschließend
eine Gleichstromanalyse durchgeführt. Diese Lösung wird nun als Startwert für eine
Gleichstromanalyse der kompletten System-Matrix genutzt. Allerdings kann sich der
Arbeitspunkt der reduzierten Schaltung deutlich von dem der kompletten Schaltung
unterscheiden, so dass diese Maßnahme nicht in jedem Fall eine Verkürzung der
Rechenzeit mit sich bringt [Kie98].
Das Deaktivieren aktiver Bauelemente setzt Detailwissen der Schaltungstopologie und
-funktion voraus. Sowohl eine automatisierte als auch eine manuelle Anwendung dieser
Methode zur Verbesserung der Konvergenzeigenschaften ist bei großen Schaltungen
nicht anwendbar.
3.2.2.2 Zeitbedarf einer transienten Simulation gegenüber
Gleichstromanalyse
Da bei einer Gleichstromanalyse der eingeschwungene Zustand der Schaltung in
einem Arbeitspunkt ermittelt wird, könnte sich durch die Nutzung dieser Analyse-
art ein Rechenzeitvorteil gegenüber einer transienten Schaltungssimulation ergeben.
Aus algorithmischer Sicht wird bei der Gleichstromanalyse das Newton-Raphson-
Lösungsverfahren ein einziges Mal durchlaufen, wohingegen bei einer transienten
Analyse zu jedem Zeitschritt eine Lösung durch den Newton-Raphson-Algorithmus
gefunden werden muss. Um diese Annahme zu prüfen werden Vergleichssimulatio-
nen durchgeführt. Dazu wird ein typischer Schaltungsblock geringer Komplexität
(130 Bauelemente) mittels transienter und Gleichstromanalyse untersucht. Um den
Modellierungsansatz aus Abschnitt 4.2.3 bei den Vergleichssimulationen abzubilden,
46
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
wird die Schaltung bei der transienten Analyse durch eine Spannungsrampe mit typi-
schen Anstiegszeiten und Maximalspannungen angeregt. Bei der Gleichstromanalyse
wird der Arbeitspunkt der zu untersuchenden Schaltung bei der Maximalspannung
der Rampenfunktion ausgewertet. Die Anstiegszeit der Rampenfunktion beträgt
eine Nanosekunde. Um die Abhängigkeit der Simulationsdauer von der Anzahl der
Bauelemente zu analysierten, würde dieser Schaltungsblock vervielfältigt, um so den
Rechenzeitbedarf von Schaltungen einer Größe von 130 bis hin zu 26000 Bauele-
menten bestimmen zu können. Die Anzahl von ca. 30000 Bauelementen entspricht
der Schaltungskomplexität, für die die in dieser Arbeit entwickelte Verifikations-
methodik ausgelegt ist. Um die Bedingungen für das Erreichen einer Lösung bei
allen Vergleichssimulationen identisch zu halten, werden die mehrfach vorhandenen
Schaltungsblöcke über die Versorgungsnetzte parallel zueinander verbunden. Die
Quelle, welche den Impuls nachbildet, ist dabei ebenfalls mit dem Versorgungsnetz
und dem Bezugspotential verbunden.
In Abbildung 3.3 ist die Simulationsdauer der transienten und Gleichstromanaly-
sen in Abhängigkeit der Bauelementeanzahl doppelt logarithmisch dargestellt. Die
Zeitersparnis der Gleichstromanalyse gegenüber der transienten Simulation ist durch
die grüne Kurve abgebildet und bezieht sich auf die rechte Ordinate des Koordina-
tensystems. Dabei zeigt sich, dass die Gleichstromanalyse eine um 43 bis 64 Prozent
reduzierte Simulationszeit gegenüber der entsprechenden transienten Simulation auf-
weist. Die Zeitersparnis der Gleichstromanalyse nimmt tendentiell mit zunehmender
Schaltungskomplexität ab. Allerdings traten während der Gleichstromanalyse ab
einer Schaltungskomplexität von 6500 Bauelementen und einer Spannung von 60 V
Konvergenzprobleme auf, so dass keine Lösung der System-Matrix gefunden werden
konnte. Durch die Anwendung des Source-Stepping-Verfahrens konnte die Simula-
tionsdauer der Gleichstromanalyse auf die in Abbildung 3.3 dargestellten Werte
reduziert und auch Konvergenz bei höherer Schaltungskomplexität erreicht werden.
Dazu wurde die Gleichstromanalyse in drei Schritte (vier Volt, 33 V und 60 V)
unterteilt und die Lösung des vorhergehenden Schrittes als initialer Lösungsvorschlag
für die darauffolgende Analyse verwendet.
Zur Implementierung einer effizienten ESD-Verifikationsmethodik weist die Gleich-
stromanalyse gegenüber einer transienten Analyse eine Reduktion der benötigten
Simulationszeit auf. Bedingt durch die hohen Ströme und Spannung bei solchen Schal-
tungssimulationen und der damit verbundenen hohen Anzahl an Iterationsschritten
der Gleichstromanalyse, fällt dieser Vorteil allerdings moderat aus.
47
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
Abbildung 3.3:
Vergleich des Rechenzeitbedarfs einer transienten und einer
Gleichstromanalyse mit steigender Schaltungskomplexität
Fehlerabschätzung der Gleichstromanalyse
Werden, wie im Abschnitt 4.2.3 beschrieben, die internen Kapazitäten der Simulati-
onsmodelle durch äquivalente Widerstände ersetzt und eine Gleichstromanalyse im
Arbeitspunkt
Umax
durchgeführt, entspricht der resultierende Stromfluss dem Strom
einer Kapazität einer transienten Analyse bei Anregung mit einer Rampenfunktion
zum Zeitpunkt tr.
Diese Äquivalenz gilt allerdings nur für eine einzelne Kapazität bzw. einen einzelnen
Widerstand. Betrachtet man eine R-C Serienschaltung, dann wird das Verhalten bei
Anregung mit einer Rampenfunktion durch Gleichung 3.7 beschrieben.
di(t)
dt =i(t)
R·C+Umax
R·tr
(3.7)
Die Lösung der Differentialgleichung 3.7 ist in Gleichung 3.8 dargestellt. Der zeitliche
Verlauf des Stromes wird maßgeblich durch die Zeitkonstante τ=R·Cbestimmt.
i(t)=Umax ·C
tr1et
R·C(3.8)
Somit ist der Stromfluss beim Ersetzen einer Kapazität durch den äquivalenten
48
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
Abb. 3.4:
Fehlerdiagramm einer RC-Serienschaltung bei transienter und Gleichstro-
manalyse
Widerstand vom Verhältnis des Widerstandes sowie der Kapazität abhängig. Um
diese Abhängigkeit zu untersuchen, ist in Gleichung 3.9 der Stromfluss durch eine
Serienschaltung zweier Widerstände (Rund Req) dargestellt.
i(t)= u(t)
(R+Req)(3.9)
In Abbildung 3.4 sind die Stromverläufe aus den Gleichungen 3.8 und 3.9 in
Abhängigkeit von dem Verhältnis
Req
zu
R
aufgetragen. Auf der rechten Ordinate
des Diagramms ist die relative Differenz bezogen auf 3.8 dargestellt. Das Maximum
des Fehlers tritt auf, wenn Req ungefähr doppelt so groß wie Rist.
Die bei komplexeren Schaltungen entstehenden Gleichungssysteme sind analytisch
nicht lösbar [
LZ97
]. Um eine Fehlerbetrachtung zwischen transienter und Gleich-
stromanalyse durchzuführen, wird die Korrelation der Ströme eines komplexeren
Schaltungsbeispiels betrachtet, um die Anwendbarkeit von Gleichstromanalysen zu
bewerten. Die Lösung der System-Matrix ist dabei numerisch durch den Schaltungs-
simulator Cadence Spectre
®
ermittelt worden. In Abbildung 3.5 ist die Korrelation
der Ströme bei einer transienten und einer Gleichstromanalyse doppelt logarithmisch
und auf den maximalen Stromwert der transienten Analyse normiert dargestellt.
49
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
Abbildung 3.5: Korrelationsdiagramm einer Treiberstufe innerhalb der SOA
Ebenso wie bei den Untersuchungen zur Simulationsdauer wurde die transiente
Simulation mit einer Spannungsrampe (Anstiegszeit von einer Nanosekunde und
Maximalspannung von 5,5 V) angeregt. Die Gleichstromanalyse wurde bei der
Maximalspannung der Rampenfunktion durchgeführt.
Der Maximalstrom der Gleichstromanalyse (564 mA) weist einen Fehler von ca. 15
Prozent gegenüber dem entsprechenden Stromwert der transienten Analyse (663 Mil-
liampere) auf. Insgesamt korrelieren die Stromwerte bis ca. ein Milliampere sehr gut.
In dem Intervall von 663 mA bis 0,82 mA befinden sich 35 Stromwerte, deren Abwei-
chung im Bereich von 1,6 bis 36,8 Prozent liegt. Zwei Werte dieses Intervalls weisen
allerdings eine Abweichung von 164,4 und 60,4 Prozent auf. Damit weisen die Ströme
im Intervall von 663 mA bis 0,82 mA Toleranzen auf, die bei SPICE-Simulationen
bedingt durch die eingesetzten mathematischen Lösungsverfahren entstehen und
somit unvermeidlich sind. Im Abschnitt 4.2.3 wird der Modellierungsaufwand zur
Erzeugung der verwendeten Simulationsmodelle dargestellt und bewertet.
50
3.2 Analyseverfahren konzentrierter Modelle
3.2.3 Transiente Analyse
Die transiente SPICE-Analyse ist durch den Aufbau des Lösungsalgorithmus (siehe
Abschnitt 3.2.3) in der Lage, die Strom-Spannungs-Beziehung von zeitabhängigen
und von nichtlinearen Bauelementen sehr gut abzubilden. Durch die Diskretisierung
der Zeitschritte wird es möglich, nichtlineare Modelle in lineare Ersatzschaltbilder
zu überführen und gleichzeitig den dabei entstehenden Fehler in einem definierten
Toleranzbereich zu halten. Zur Anregung der Schaltungen stehen eine Vielzahl von
Strom- und Spannungsquellen zur Verfügung, so dass durch, z.B. Überlagerung von
Quellen, nahezu beliebige Pulsformen erzeugt werden können. Für die Erzeugung
von Pulsformen für Analysen elektrostatischer Entladungen ist die Möglichkeit, den
Ausgangszustand von ladungsspeichernden Elementen zu Beginn der Simulation zu
definieren, von großer Bedeutung. Dadurch können Belastungsmodelle (siehe 2.2)
zur Nachbildung von ESD-Impulsen einfach implementiert und angewendet werden.
Von den in 3.2 vorgestellten Analysearten ist die transiente Analyse aus Sicht des
Rechenalgorithmus die Analyseart mit der chsten Komplexität. Und auch das
Konvergenzverhalten dieser Analyseart wird bei großen Schaltungen unter Verwen-
dung komplexer Simulationsmodelle (z.B. Modellierung des Snapback-Verhaltens)
als kritisch eingestuft [Kun95].
Trotz der oben genannten Herausforderungen besteht die Möglichkeit, transien-
te Simulationen von kompletten Schaltkreisen durchzuführen. Dazu müssen die
Simulationsmodelle (siehe Abschnitt 4.2), die anregenden Quellen und die Simulati-
onseinstellungen aufeinander abgestimmt sein.
Konvergenzeigenschaften einer transienten Analyse
Die Konvergenzeigenschaften einer transienten Analyse sind denen eines DC-Transfer-
Analyse sehr ähnlich, denn ebenso wie bei einer Gleichstromanalyse innerhalb ei-
nes DC-Transfer-Analyse wird für jeden Zeitschritt einer transienten Analyse die
System-Matrix mittels des Newton-Raphson-Algorithmus gelöst. Somit können Kon-
vergenzprobleme auftreten, wenn Signale mit großen Ableitungen vorkommen oder
die Simulationsmodelle stückweise definiert sind und an den Übergangsstellen Unste-
tigkeiten auftreten. Weiterführende Informationen zu diesem Thema sind in [
Kie98
]
zu finden.
51
3 Untersuchung von Methoden zur Analyse integrierter Schaltungen gegenüber
ESD-Impulsen
3.2.4 Kleinsignalanalyse
Mittels einer Kleinsignalanalyse können Schaltungen im eingeschwungenen Zustand
bei Anregung mit sinusförmigen Signalen untersucht werden (siehe Abschnitt 3.2.4).
Dazu werden für alle Elemente der Schaltung lineare Simulationsmodelle für den
zu simulierenden Arbeitspunkt erstellt. Nichtlineares oder arbeitspunktabhängiges
Verhalten von Schaltungselementen kann durch eine Kleinsignalanalyse somit nicht
berücksichtigt werden. In [
QSJ06
] wurde das Frequenzspektrum von elektrostatischen
Entladungen über einen Luftspalt verschiedener Spannungsklassen analysiert. Das
Frequenzspektrum einer elektrostatischen Entladung beinhaltete dabei Frequenzan-
teile von Null bis zwei Gigahertz. Auch in [
KG06
] wurde das Frequenzspektrum von
elektromagnetischen Feldimpulsen untersucht. Dabei wiesen die Frequenzspektren in
Abhängigkeit der Anstiegszeiten signifikante Anteile in den Frequenzbereichen von
1
·
10
4
bis 1
·
10
9
Hz auf und sind somit als breitbandige Signale einzustufen. Da die
Anregung der Schaltung bei einer Kleinsignalanalyse mit sinusförmigen Signalen nur
einer Frequenz möglich ist, wird diese Art der Analyse zur Verifikation integrierter
Schaltungen bei Beaufschlagung mit elektrostatischen Entladungen nicht weiter
berücksichtigt.
52
4 Entwicklung einer neuen
Verifikationsstrategie zur Analyse
integrierter Schaltungen
gegenüber ESD-Impulsen
Die bereits bestehenden Ansätze zur Verifikation integrierter Schaltungen (siehe
Abschnitt 2.3) berücksichtigen entweder nicht das dynamische Verhalten von Bau-
elementen [
Str03
,
BI00
] oder ermöglichen es, die Schädigung nur auf Blockebene
einzugrenzen [
LKK02
,
Str03
]. Keiner dieser Ansätze ermöglicht es dem Schaltungs-
entwickler, die Ursache der Bauelementschädigung näher zu untersuchen.
Die während der elektrostatischen Aufladung gebildeten Ladungen werden durch einen
Stromfluss im Verlauf der Entladungsphase abgeführt. Im Fall eines ESD-Problems
versuchen Experten innerhalb eines ESD-Reviews anhand des Schaltplans, des Lay-
outs, der Simulationsergebnisse und persönlicher Erfahrung diese Strompfade zu
finden und das Verhalten der Schaltung während der Entladung zu verstehen. Dieser
Vorgang kann mehrere Stunden oder Tage in Anspruch nehmen. Die automatisierte
Strompfadextraktion in Kombination mit erweiterten ESD-Simulationsmodellen stellt
den ESD-Experten den Schaltungszustand und die Strompfade grafisch aufberei-
tet dar und erleichtert somit das Verständnis des Verhaltens der Schaltung beim
Auftreten von elektrostatischen Entladungen.
Durch die hier entwickelte Verifikationsstrategie soll der Schaltungsentwickler bei
der Verifikation integrierter Schaltkreise beim Auftreten von elektrostatischen Ent-
ladungen während des gesamten Entwicklungsablaufes unterstützt werden. Dazu
werden einerseits Modellierungsaspekte sowie effiziente Simulationsmethoden und
andererseits automatisierte, computergestützte Verarbeitung der Simulationsdaten
berücksichtigt bzw. entwickelt. Der in dieser Arbeit entwickelten Verifikationsstrategie
liegen folgende Schwerpunkte zu Grunde:
53
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Effiziente Modellierung der Ausfallmechanismen
Innerhalb von Halbleiterbauelementen gibt es verschiedene Ausfallmechanismen,
wie zum Beispiel der Gate-Oxid-Durchbruch oder das Aufschmelzen eines
pn-Übergangs. Diese müssen so modelliert werden, dass sich eine belastbare
Aussage über die Gefährdung von Bauelementen ergibt, aber die numerische
Stabilität der Simulation nicht negativ beeinflusst wird.
Automatisierte Analyse der Simulationsdaten zur Fehlersuche und -korrektur
Durch die bisher vom Schaltungsentwickler manuell durchgeführte Analyse der
Simulationsergebnisse gestaltet sich dieser Prozess extrem zeitaufwendig und
weist eine hohe Fehleranfälligkeit auf. Durch eine experimentelle Fehleranalyse
werden nur die ausgefallenen Bauelemente ermittelt. Um dem Entwickler auto-
matisch Informationen sowohl über die möglichen Ausfälle als auch Hinweise
auf entsprechende Abhilfemaßnahmen zu liefern, soll das in dieser Arbeit ent-
wickelte Werkzeug nicht nur die potentiell gefährdeten Bauelemente ausgeben,
sondern auch die Hauptstrompfade durch die geschädigten Bauelemente auto-
matisiert extrahieren. Dadurch wird dem Schaltungsdesigner die Möglichkeit
gegeben, die Ursachen der Überlastung schnell und effizient zu analysieren.
Zusätzlich können, ausgehend vom Hauptstrompfad, die Schaltungsbereiche
ermittelt werden, welche das Schaltungsverhalten in diesem Arbeitspunkt
wesentlich beeinflussen.
Einbettung in den Entwicklungsablauf
Um die Fehleridentifikation zu ermöglichen, werden die gefährdeten Bauelemen-
te und die entsprechenden Strompfade in der Entwicklungsumgebung grafisch
dargestellt. Durch die Abfrage von Strom- und Spannungswerten, wird der
Arbeitspunkt der gefährdeten Instanz übersichtlich und schnell zur Verfü-
gung gestellt. Der Entwicklungsablauf integrierter Schaltkreise besteht aus
mehreren Teilschritten, zwischen denen die Funktionalität der entsprechen-
den Entwicklungsstufe geprüft wird. In der Regel werden für unterschiedliche
Entwicklungsstufen der Schaltung verschiedene Entwurfswerkzeuge verwendet,
welche eigene Ein- und Ausgangsdaten benötigen bzw. erzeugen. Ziel der hier
zu entwickelnden Verifikationsmethodik ist es, während des gesamten Entwick-
lungsablaufes einsetzbar zu sein und mit fortschreitendem Entwicklungsprozess
genauere Simulationsmodelle zu nutzen, um das reale Verhalten der Schaltung
besser wiedergeben zu können.
54
Abb. 4.1: Allgemeiner Ablauf der entwickelten ESD-Verifikationstrategie
Effiziente Implementierung der Verifikationsmethodik
Die Nutzung von Programmierschnittstellen moderner EDA-Software ermög-
licht die Steuerung von Simulatoren, Zugriff auf Schaltplan- und Layoutdaten,
Auswertung und effiziente Verarbeitung der Simulationsdaten sowie Imple-
mentierung grafischer Benutzerschnittstellen. Durch diesen Punkt wird die
Nutzbarkeit und die Akzeptanz der Software durch die Nutzer erfahrungs-
gemäß zu einem nicht unwesentlichen Teil beeinflusst. Um die beschriebene
Funktionalität zu realisieren wurden im Rahmen der Arbeit die vorhandenen
Datenstrukturen des Schaltplans ergänzt und der Funktionsumfang der verwen-
deten Programmierschnittstelle erweitert, um z.B. eine Strompfadextraktion
recheneffizient durchzuführen.
In Abbildung 4.1 ist der Ablauf der zu entwickelnden Verifikationsmethodik ver-
einfacht dargestellt. Als Ausgangspunkt dienen der Schaltplan und die erweiterte
Modellbibliothek, welche das Verhalten im Bereich normaler Betriebsparameter als
auch das Verhalten im Hochstrombereich wiedergibt sowie die Stimuli, mit denen
das zu prüfende Belastungsmodell nachbildet wird.
Der Aufbau der erweiterten Simulationsmodelle hängt dabei von der verwendeten
55
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Analyseart ab. Diese Abhängigkeiten sowie die interne Struktur der Modelle werden
im Abschnitt 4.2 und 4.3 dargestellt. Der Stimulus bildet die elektrostatische Entla-
dung in der Simulation nach. Je nachdem, welches Belastungsmodell nachgebildet
werden soll, werden die entsprechenden Ersatzschaltbilder verwendet. Die Definition
des Stimulus hängt dabei auch von der verwendeten Analyseart der Simulation ab.
Wird beispielsweise eine Gleichstromanalyse verwendet, so kann der ESD-Impuls nur
durch einen statischen Spannungs- oder Stromwert dargestellt werden. Die Auswahl
der zu verwendenden Simulationsart wird im Abschnitt 4.4 behandelt. Im Anschluss
an die Simulation werden die sich ergebenden Strompfade extrahiert und können vom
Anwender in der Entwicklungsumgebung grafisch dargestellt werden (siehe Kapitel
4.6). Weitere Details zur Integration in den Entwurfsablauf werden in Kapitel 4.7 be-
handelt. Mit diesen Informationen kann der Schaltungsentwickler die Funktionalität
des ESD-Schutzkonzeptes bewerten, die Ursachen eventueller Fehler erkennen und
Korrekturmaßnahmen ableiten.
4.1 Klassifikation der Fehlermodi
Durch die in dieser Arbeit entwickelte ESD-Verifikationsstrategie können beispiels-
weise folgende Fehlermodi detektiert werden:
Verwenden von Bauelementen falscher Spannungsklassen
Fehlen oder fehlerhafter Einsatz von ESD-Schutzelementen
Fehlerhafte Ansteuerung von ESD-Schutzelementen
Falsche Dimensionierung von Bauelementen
Übersehene oder falsch bewertete Strompfade, transiente Kopplungen
4.1.1 Fehlen oder fehlerhafter Einsatz von
ESD-Schutzelementen
Die Verwendung von so genannten Smart-Power- oder BCD (Bipolar, CMOS, DMOS)-
Technologien ist für Anwendungen von Vorteil, bei denen analoge, digitale und Schal-
tungsteile mit Hochvolt-Eigenschaften integriert werden müssen [
Che00
]. Um diese
Anforderung zu erfüllen, existieren in diesen Technologien Bauelemente unterschied-
licher Spannungsklassen. Heutige Bauelementbibliotheken beinhalten üblicherweise
56
4.1 Klassifikation der Fehlermodi
Abb. 4.2:
Falsche Spannungsklasse (links), Fehlen von ESD-Schutzelementen (rechts)
Elemente mit Maximalspannungen von 5 V bis hin zu 60 V. Der Entwurfsablauf
einer Smart-Power-Technologie zählt zu den Mixed-Signal Entwurfsabläufen. Der
Schaltplan sowie das Layout werden somit weitestgehend manuell erzeugt.
Dabei können Hochvolt-Transistoren in Smart-Power-Technologien selbstschützend
ausgelegt sein (siehe Abbildung 4.2 rechts), so dass über eine transiente Kopplung
zwischen Drain und Gate der Transistor M1 in den angeschalteten Zustand versetzt
und der Impuls zwischen I/O1 und GND abgeleitet werden kann. Dazu muss der
Transistor M1 allerdings entsprechend dimensioniert und die angeschlossenen Schal-
tungsteile ebenfalls dafür ausgelegt sein. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, da sich
die Schaltungstopologie durch eine neue Spezifikation nachträglich ändert, darf das
ESD-Schutzelement ESD1 zwischen I/O1 und dem GND-Anschluss nicht fehlen.
Eine weitere Fehlerquelle im Entwurf von Smart-Power-Schaltungen ist die Tatsache,
dass Bauelemente niedrigerer Spannungsklassen in Pfaden von Bauelementen höhe-
rer Spannungsklassen instantiiert werden können, wenn diese mit entsprechenden
Schutzmaßnahmen versehen sind.
4.1.2 Verwenden von Bauelementen falscher Spannungsklassen
Wird, wie in Abbildung 4.2 (links) dargestellt, ein Bauelement mit einer zu niedrigen
Spannungsklasse (M1) platziert, so dass das ESD-Schutzelement ESD1 und die
nachfolgende Schaltung nicht aufeinander abgestimmt sind, wird der Transitor M1
beim Auftreten einer elektrostatischen Entladung am Anschluss I/O1 gegen GND
oder auch im Normalbetrieb eine Schädigung zwischen Drain-Source oder auch
Drain-Gate erfahren.
57
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.3:
Dimensionierung der ESD-Schutzstruktur innerhalb des ESD-Design-
Fensters [
Rus99
] (links); Ansteuerung eines Gate-Coupled NMOS (kurz
gcNMOS) (rechts)
Der dargestellte, triviale Fall ist in der Realität allerdings wesentlich komplexer, da
sich z.B. bei der Wiederverwendung von Schaltungsblöcken aus bereits gefertigten
Schaltkreisen durch minimale Abweichungen der ESD-Spezifikationen unerwartetes
Verhalten im ESD-Fall einstellen kann.
4.1.3 Fehlerhafte Ansteuerung von ESD-Schutzelementen
ESD-Schutzschaltungen dürfen idealerweise das Verhalten der Schaltung im nor-
malen Betriebsfall nicht beeinflussen. Die Dimensionierung der Schutzschaltung
muss so vorgenommen werden, dass die Triggerspannung oberhalb der Betriebs-
spannung inklusive einer gewissen Toleranz und unterhalb der maximal zulässigen
Spannung (z.B. Oxid-Durchbruchspannung) liegt. Dieser Bereich wird als ESD-
Design-Fenster bezeichnet (siehe Abbildung 4.3 links). In Abbildung 4.3 (rechts)
ist eine ESD-Schutzschaltung namens Gate-Coupled NMOS dargestellt, bei der das
Anschaltverhalten im Wesentlichen durch das RC-Glied aus
RC
und
CC
bestimmt
wird [
GLB+02
]. Wird die Zeitkonstante des RC-Gliedes nicht korrekt gewählt, ist
es möglich, dass die eigentliche ESD-Schutzstruktur M1 entweder bei zu niedri-
gen Spannungen anfängt, leitend zu werden oder erst zu spät, d.h. oberhalb der
Oxid-Durchbruchspannung aktiviert wird. Somit würde entweder das Verhalten der
Schaltung im Normalbetrieb gestört oder es würden die zu schützenden Bauelemente
beim Auftreten einer elektrostatischen Entladung beschädigt werden.
58
4.2 Modellierungsansatz
4.1.4 Falsche Dimensionierung von Bauelementen
Bereits bei der Erstellung des Schaltplans werden Layout-spezifische Parameter der
Bauelemente, wie z.B. Längen und Weiten von Transistoren und Widerständen, defi-
niert. Für die Verifikation hinsichtlich elektrostatischer Entladungen sind besonders
die Instanzparameter von Bedeutung, welche direkten Einfluss auf die Stromtrag-
fähigkeit bzw. Spannungsfestigkeit des Bauelementes haben. So kann eine falsche
Anzahl von Kontakten, z.B. bei einem Widerstand, zu einem Ausfall führen, da jeder
Kontakt nur eine bestimmte technologieabhängige Stromtragfähigkeit besitzt.
4.1.5 Übersehene oder falsch bewertete Strompfade und
transiente Kopplungen
Durch die weitestgehend manuelle Eingabe des Schaltplans und der Komplexi-
tät von modernen Smart-Power-Schaltkreisen setzt die Implementierung des ESD-
Schutzkonzeptes ein hohes Maß an Expertenwissen der zu entwerfenden Schaltung
und der verwendeten Technologie voraus. Hierbei müssen auch die Außenbeschal-
tung einer Ein-/Ausgangsstruktur und die internen ESD-Schutzmaßnahmen der
Schaltung aufeinander abgestimmt sein, so dass eine Wiederverwendung bereits
funktionierender und getesteter ESD-Schutzkonzepte häufig nicht möglich ist. Auch
durch Kopplungen parasitärer Elemente, z.B. über Substrat-Kapazitäten, können
sich Strompfade ergeben, die bei der Erstellung des Schaltplans leicht übersehen
werden.
In Abbildung 4.4 ist die transiente Kopplung der elektrostatischen Entladung am
Anschluss I/O1 über die intrinsische Gate-Drain-Kapazität des Hochvolt-Transistors
M1 symbolisch dargestellt. In einem solchen Fall ist es trotz eines primären ESD-
Schutzes ESD1 möglich, dass dahinterliegende Niedervolt-Bauelemente geschädigt
werden können.
4.2 Modellierungsansatz
Die heute im industriellen Umfeld verwendeten Simulationsmodelle geben in der Re-
gel das Verhalten der Schaltungskomponenten innerhalb normaler Betriebsparameter
wieder. Beim Auftreten einer elektrostatischen Entladung können Schaltungstei-
le und Bauelemente jedoch kurzzeitig mit Strom- bzw. Spannungswerten belastet
59
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.4:
Transiente Kopplung zwischen Gate-Drain-Terminal des Hochvolt-
Bauelementes M1 verursacht eine Drain-Source Schädigung des Transistors
niedriger Spannungklasse M2
werden, die weit außerhalb des sicheren Arbeitsbereiches für längere Signale (engl.
Safe Operating Area, kurz SOA) liegen. Die Strom-Spannungscharakteristik der
Standard-Simulationsmodelle gibt das Bauelementverhalten außerhalb des sicheren
Arbeitsbereiches nicht, oder nur in schlechter Näherung wieder. Eine Erweiterung
der Simulationsmodelle zur Nutzung innerhalb der hier entwickelten Verifikations-
methodik ist daher notwendig. Folgende Anforderungen müssen diese erweiterten
Simulationsmodelle erfüllen:
Identifikation aller möglichen Bauelementausfälle
Angemessene Beschreibung der Strom-Spannungscharakteristik außerhalb des
sicheren Arbeitsbereiches im Sinne eines worst-case Szenarios
Anpassung an die verwendete Analyseart
Optimierte Konvergenzeigenschaften bei hohen Strom- und Spannungswerten
sowie geringen Anstiegszeiten
Recheneffiziente Implementierung
Automatisierte Erstellung der Modelle und gute Wartbarkeit
4.2.1 Identifikation aller möglichen Bauelementausfälle
Das Hauptziel der hier entwickelten ESD-Verifikationsmethodik ist die Identifika-
tion gefährdeter Bauelemente beim Auftreten elektrostatischer Entladungen. Dazu
müssen die relevanten physikalischen Vorgänge innerhalb der Bauelemente durch
60
4.2 Modellierungsansatz
die Simulationsmodelle wiedergegeben und im Fall einer Überlastung automatisiert
ausgewertet und signalisiert werden. Diese Bauelement-spezifische Modellierung wird
im Abschnitt 4.3 behandelt.
4.2.2 Beschreibung der Strom-Spannungscharakteristik
außerhalb des sicheren Arbeitsbereiches
Die üblicherweise genutzten Standard-Simulationsmodelle geben das Verhalten der
Bauelemente außerhalb des sicheren Arbeitsbereiches (engl. Safe Operation Area,
kurzSOA) nicht korrekt wieder. Sie werden zu Schaltungssimulationen innerhalb
normaler Betriebsparameter verwendet. Überlastungen werden meist nur sporadisch
in Simulationsmodellen ausgewertet und als Textmeldung in der Protokolldatei
der Simulation ausgegeben. In Abbildung 4.5 ist der Auszug der Protokolldatei
dargestellt, welcher die Überlastung des Gate-Anschlusses der Instanz M0 während
einer Gleichstromanalyse signalisiert. Innerhalb des Simulationsmodells
mn
00
p
ist
eine maximale Gate-Spannung von ±5,51 V definiert worden.
Die Strom-Spannungs-Charakteristik der Instanz M0 in Abbildung 4.5 entspricht im
Hochstrombereich trotz der ausgegebenen Spannungswarnung nicht der Realität. Die
Ergebnisse der gesamten Simulation werden im weiteren Verlauf der Analyse somit
verfälscht. Somit ist die grundlegende Idee in der hier entwickelten Verifikationsmetho-
dik die Strom-Spannungscharakteristik aller Bauelemente der Technologiebibliothek
auch außerhalb des sicheren Arbeitsbereiches dahingehend zu erweitern, dass das
Hochstromverhalten näherungsweise im Sinne einer worst-case Analyse wiederge-
geben wird. Die parametrisierten Elemente zur Überlastdetektion sind dabei so
ausgelegt, dass eher eine Warnung zu viel erzeugt wird, als zu wenig, da das Überse-
hen eines Bauelementdefektes einen erheblichen Zeit- und Kostenaufwand im weiteren
Entwicklungs- und Fertigungsprozess bedeutet (siehe Abschnitt 1.2). Da während
einer Simulation von kompletten integrierten Schaltkreisen mehrere hundert solcher
Meldungen in der Protokolldatei ausgegeben werden, ist eine manuelle Auswertung
unpraktisch und nicht fehlerfrei durchzuführen. Es existieren zwar herstellereigene
Skripte, um spezifische Meldungen der Protokolldatei zu filtern, aber die Ursache
der Überlast ist über diese Meldungen nicht ersichtlich. Aus diesem Grund werden
die sich bei einem Gate-Oxid- und pn-Durchbruch ergebenden Ströme durch Erwei-
terungen der Standard-Simulationsmodelle modelliert, damit die Ausbreitung eines
Strompfades und die Abbildung von so genannten Sekundärfehlern möglich wird.
61
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
1Warning from sp e ct re at dc = 5 .6 V during DC a n a l y s i s dc .
2M0: mn00p Gate Drain Voltage l e f t upper range l i m i t
[5. 51 , 5. 51 ]: 5.6 V.
3M0: mn00p Gate Source Voltage l e f t upper range l i m i t
[5. 51 ,5 .5 1] : 5.6 V. M0: mn00p Gate Bulk Voltage l e f t upper
range l i m i t [ 5.5 1 ,5 . 51 ]: 5.6 V.
Abb. 4.5:
Spannungswarnungen der Standard-Simulationsmodelle: Auszug der Pro-
tokolldatei spectre.out bei Überlast des Gate-Anschlusses eines MOS-
Transistors
Ein solcher Fall kann eintreten, wenn eine Überlast-Warnung eines sich im Snapback
befindlichen Hochvolt-Transistors zwar kritisch ist, aber nicht zur Zerstörung führt.
Als Folge des dadurch entstehenden hohen Stromflusses kann sich eine sekundäre
Überlastung, z.B. eines zu klein dimensionierten Widerstandes im Pfad des Hochvolt-
Transistors, ergeben. Solche Fehlerketten sind sehr schwer zu durchdringen, da in
bestimmten Fällen mit den Methoden der Fehleranalyse, wie z.B. der Light-Emission
Mikroskopie, nur der Snapback des Hochvolt-Transistors durch einen so genannten
Hot-Spot sichtbar wird, der überlastete Widerstand aber durch obere Metalllagen
unentdeckt bleibt.
Wie in [
LSY05
] beschrieben, kann die Schädigung eines Gate-Oxides mit einem Leit-
wert bzw. einem entsprechenden Widerstand von einigen Kiloohm modelliert werden.
Um das Verhalten des Simulationsmodells innerhalb normaler Betriebsparameter
nicht zu verändern, wurde der Widerstand durch anti-serielle Dioden implementiert.
Übersteigt die Spannung, z.B. des Gate-Source Anschlusses, einen kritischen Wert,
wird das Diodenpaar elektrisch leitend und hat einen Serienwiderstand, welcher sich
aus Bauelementparametern ergibt.
Die Schädigung eines pn-Übergangs wird durch eine einfache Durchbruchcharakte-
ristik modelliert [
Gro04
]. Dabei wird aus Gründen der Simulationsstabilität nicht
zwischen einer Durchbruchkennlinie und einer Snapback-Kennlinie unterschieden. Die
Durchbruchcharakteristik wird auch hier durch zwei anti-serielle Dioden realisiert,
um das Verhalten des Bauelements innerhalb des sicheren Arbeitsbereiches nicht zu
beeinflussen. Das sich somit ergebende Simulationsmodell eines MOS-Transistors
für die Nutzung in Kombination mit einer Gleichstromanalyse ist in Abbildung 4.6
(links) dargestellt. Wird eine transiente Analyse genutzt, entfallen die äquivalenten
Widerstände
RGD
,
RGS
,
RGB
,
RDB
und
RSB
, welche bei der Gleichstromanalyse
zur Modellierung kapazitiver Verschiebungsströme dienen. Somit ergibt sich das
62
4.2 Modellierungsansatz
Abb. 4.6:
Erweitertes Simulationsmodell eines DMOS-Transistors zur Durchbruch-
modellierung bei Nutzung einer Gleichstromanalyse (die Widerstände
RGD
,
RGS
,
RGB
,
RDB
und
RSB
modellieren die internen Kapazitäten des
Transistors) (links) und einer transienten Analyse (rechts)
Simulationsmodell nach Abbildung 4.6 (rechts). Die durch den Bezeichner iw ge-
kennzeichneten Elemente zwischen den Zener-Dioden dienen der Überlastdetektion.
Der SPICE-Subcircuit, bestehend aus dem iw-Element und den anti-seriellen Zener-
Dioden, wird im weiteren Verlauf der Arbeit als clexiw (clex i-warning) bezeichnet
und dient der parametrisierbaren Überlastdetektion. Im Abschnitt 4.2.4 wird auf
den Aufbau und die Implementierung dieses Elementes näher eingegangen.
4.2.3 Analyse-spezifische Modellierung
Die in SPICE implementierten Analysearten (siehe 3.2) sind für verschiedene Anwen-
dungen ausgelegt und stellen somit auch unterschiedliche Anforderungen an die dabei
genutzten Simulationsmodelle. Für den hier vorgestellten Verifikationsansatz kann
die transiente Analyse oder die Gleichstromanalyse genutzt werden. Bei Nutzung
der Gleichstromanalyse werden kapazitive Verschiebungsströme nicht berücksichtigt,
da Kapazitäten in dieser Analyseart als offene Schaltkreise betrachtet werden.
In Abbildung 4.7 ist eine typische ESD-Schutzschaltung dargestellt. Hierbei handelt
es sich um einen NMOS-Transistor, welcher als gate-coupled NMOS (gcNMOS)
verwendet wird. Tritt am I/O-Pin ein ESD-Impuls auf, wird das Gate des gcN-
MOS kapazitiv angesteuert und der NMOS-Transistor dadurch eingeschaltet. Dabei
entsteht ein niederohmiger Pfad, über den der Impuls abgeleitet werden kann. In
einer Gleichstromanalyse wird ein solches Verhalten nicht abgebildet, da dort ein
eingeschwungener Zustand angenommen wird und somit keine kapazitiven Verschie-
bungsströme das Anschalten des gcNMOS zur Folge hätten.
63
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abbildung 4.7:
Gate-coupled-NMOS (gcNMOS) zum Schutz eines Eingangstreibers
[WF01]
Um diese Verschiebungsströme innerhalb einer Gleichstromanalyse zu modellieren
ist es notwendig, die Simulationsmodelle zu modifizieren [
Gro04
]. Hierzu werden
folgende Vereinfachungen getroffen:
Der komplexe Strom-/Spannungsverlauf eines ESD-Impulses wird durch ei-
ne Rampenfunktion mit identischer Anstiegszeit und Maximalstrom bzw. -
spannung angenähert.
Die Gleichstromanalyse wird am Ende der Strom-/Spannungsrampe durchge-
führt.
Der Stromfluss durch eine Kapazität ist durch Gleichung 4.1 bestimmt, wobei
C
die
Kapazität und
du(t)
dt
die zeitliche Änderung der Spannung über der Kapazität darstellt.
Diese Gleichung vereinfacht sich im Fall einer Rampenfunktion (
t
: [0
..tr
];
u
(
t
):
[0..Umax]) mit der Maximalspannung Umax und der Anstiegszeit tr(4.2).
i(t)=C·du(t)
dt (4.1)
I=C·Umax
tr
(4.2)
Dadurch ergibt sich für eine Kapazität
C
bei einer transienten Analyse mit einer
Rampenfunktion als Anregung ein äquivalenter Widerstand
Req
für die Gleichstrom-
analyse nach Gleichung 4.3.
Req =Umax
I=tr
C(4.3)
Die in Halbleiterbauelementen auftretenden Kapazitäten sind stark vom Arbeitspunkt
abhängig [
Dem03
]. In Abbildung 4.8 sind die Kapazitäten Gate-Bulk (GB), Gate-
64
4.2 Modellierungsansatz
Abb. 4.8: Arbeitspunktabhängige Kapazitäten eines MOS-Transistors [Mal01]
Source (GS) und Gate-Drain (GD) in Abhängigkeit des Arbeitspunktes nach dem
Meyer-Modell eines MOS-Transistors dargestellt.
Die äquivalenten Widerstände zur Erweiterung der Simulationsmodelle für eine Gleich-
stromanalyse müssten somit ebenfalls vom Arbeitspunkt des Bauelements abhängig
sein können. Dies würde allerdings einen erhöhten Aufwand in der Implementierung
der Modelle nach sich ziehen. Bei dem in dieser Arbeit entwickelten Verifikations-
ansatz wurden die äquivalenten Widerstände als konstanter Wert definiert. Das
Standard-Simulationsmodell wurde parallel zu jeder Kapazität um den entsprechen-
den Widerstand erweitert (siehe Abbildung 4.6 (links)). Da die internen Kapazitäten
bei einer Gleichstromsimulation durch offene Schaltkreise ersetzt werden, muss der
interne Aufbau der Standard-Simulationsmodelle nicht verändert werden. Dadurch
wird eine automatisierte Erstellung der erweiterten Gleichstrom-Simulationsmodelle
möglich.
Bei Nutzung einer transienten Analyse müssen keine Erweiterungen der Simulations-
modelle aufgrund der verwendeten Analyseart durchgeführt werden (siehe Abbildung
4.6 (rechts)). Durch den erhöhten Modellierungsaufwand bei Nutzung einer Gleich-
stromanalyse und der moderaten Reduktion der Simulationszeit im Vergleich zu
einer transienten Analyse (siehe Abschnitt 3.2.2) wird in dieser Arbeit eine transiente
Simulation der Schaltung genutzt, um in Verbindung mit den erweiterten Simulati-
onsmodellen elektrostatische Entladungen simulieren und die Ergebnisse auswerten
zu können.
65
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
4.2.4 Recheneffiziente Implementierung der erweiterten
Simulationsmodelle
Zur Überlastdetektion innerhalb von Bauelementen während einer elektrostatischen
Entladung wurde innerhalb dieser Arbeit ein Element (subcircuit) mit der Bezeich-
nung clexiw entwickelt. In diesem Element wurden im Fall einer Gleichstromanalyse
die äquivalenten Widerstände (siehe Abbildung 4.6) und anti-seriellen Dioden zusam-
mengefasst. Durch die Übergabe von Parametern an den subcircuit clexiw werden
die Werte zur Überlastdetektion in Abhängigkeit der Bauelementgröße skaliert. Für
die Implementierung dieser Funktion wurden folgende Realisierungsmöglichkeiten
näher betrachtet:
Vorkompilierte SPICE-Modelle mit nativen SPICE-Elementen
Vorkompilierte SPICE-Modelle mit Assertions
Verilog-A Modell
Die beiden Implementierungsvarianten, welche vorkompilierte SPICE-Modelle nutzen,
können durch einen Subcircuit realisiert werden und unterscheiden sich nur durch
den internen Aufbau. Das Verilog-A Modell wird direkt durch die Hardwarebeschrei-
bungssprache definiert und dann einem Symbol der Bauteilbibliothek zugewiesen.
Die zu übergebenden Parameter sind bei allen Implementierungsvarianten identisch.
Vorkompiliertes SPICE-Modell mit nativen SPICE-Elementen
Diese Implementierungsvariante besteht ausschließlich aus Elementen, die als kompi-
lierte Modelle (native SPICE-Elemente) in dem Schaltungssimulator Spectre
®
der
Firma Cadence vorliegen. Zur Detektion von Überlastungen wird ein iwarn-Element
an zwei Dioden (Instanzen D1 und D2 Abbildung in 4.9) angeschlossen, so dass die
beiden Terminals des iwarn-Elements (Instanz clexiw in Abbildung 4.9) mit den Ka-
thoden beider Dioden verbunden sind. Das iwarn-Element führt an beiden Terminals
den gleichen Strom, allerdings mit anderem Vorzeichen. Über einen Parameter kann
der Nutzer einen Schwellwert definieren, ab dem eine Textmeldung in der Protokoll-
datei des Simulators erscheint. Dabei ist zu beachten, dass das iwarn-Element kein
Standardmodell des Schaltungssimulator Spectre
®
ist. Dieses Modell wurde über das
Compiled-Model-Interface (CMI) von Spectre implementiert und innerhalb dieser
Arbeit verwendet.
66
4.2 Modellierungsansatz
5i n l i n e subckt clexiw ( term1 term2 )
6parameters
7. . . .
8model dio1 diode l e v e l=1 i s =1e20 isw=0 t t=0 cd=0 cjo=0 vj=1
cjsw=0 vjsw=1 bv=vbr1 bvj=10vbr1 r s=rs1 ibv=min (1 e06 , 0.1
ilimit)
9model dio2 diode l e v e l=1 i s =1e20 isw=0 t t=0 cd=0 cjo=0 vj=1
cjsw=0 vjsw=1 bv=vbr2 bvj=10vbr2 r s=rs2 ibv=min (1 e06 , 0.1
ilimit)
10 clexiw ( int1 int2 ) iwarn i1=i l i m i t i2=i l i m i t name=message
s e v e r i t y=n ot ic e type=subckt
11 D1 ( term1 int1 ) dio1
12 D2 ( term2 int2 ) dio2
13 ends clexiw
Abb. 4.9: SPICE-Modell zur Überlastdetektion mit nativen SPICE-Elementen
Vorkompiliertes SPICE-Modell mit Assertions
Der grundlegende Aufbau dieser Implementierungsvariante gleicht der oben erwähnten
(SPICE-Modell mit nativen SPICE-Elementen), allerdings wurde das iwarn-Element
durch eine Assert-Anweisung (Anweisung clexiw assert in Abbildung 4.9) ersetzt.
Durch eine Assert-Anweisung können Strom- oder Spannungswerte sowie Modell-
parameter überwacht und bedingte Aktionen ausgeführt werden. In diesem Modell
wird, ähnlich dem iwarn-Element, der Diodenstrom in jedem Simulationsschritt
überwacht und bei Überschreiten eines Grenzwertes ebenfalls eine Textmeldung in
die Protokolldatei des Simulators erzeugt. Im Gegensatz zum iwarn-Element ist die
Assert-Anweisung nativer Bestandteil des Cadence Spectre
®
Funktionsumfangs und
ist somit universeller nutzbar.
Verilog-A Modell
Verilog-A ist eine Erweiterung der Hardwarebeschreibungssprache Verilog, um auch
wertkontinuierliche Beziehungen zwischen elektrischen oder physikalischen Größen
beschreiben zu können. In der Vergangenheit waren Simulationen mit Netzlisten
mehrerer Hardwarebeschreibungssprachen nur durch die Kopplung von Schaltungs-
simulatoren der entsprechenden HDLs möglich. Problematisch hierbei ist das Zu-
weisen von Teilen der Netzliste an die verschiedenen Simulatoren, das Einfügen von
Schnittstellenelementen und die Synchronisation der Ergebnisse nach jedem Simu-
67
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
17 i n l i n e subckt clexiw ( term1 term2 )
18 parameters
19 . . . .
20 model dio1 diode l e v e l =1 i s =1e20 isw=0 tt=0 cd=0 cjo=0 vj=1
cjsw=0 vjsw=1 bv=vbr1 bvj=10vbr1 r s=r s s1 ibv=min (1 e06 ,
0.1ilimit)
21 model dio2 diode l e v e l =1 i s =1e20 isw=0 tt=0 cd=0 cjo=0 vj=1
cjsw=0 vjsw=1 bv=vbr2 bvj=10vbr2 r s=r s s2 ibv=min (1 e06 ,
0.1ilimit)
22 ifwd ( term1 i nt ) dio1
23 i r e v ( term2 i n t ) dio2
24 cl exi w a s s e r t dev=ifwd min=i l i m i t max=i l i m i t param=i l e v e l=
warning message=message
25 ends clexiw
Abb. 4.10: SPICE-Modell zur Überlastdetektion mit Assert-Anweisung
lationsschritt [
KZ04
]. Moderne Schaltungssimulatoren, wie z.B. Cadence Spectre
®
,
sind in der Lage, mehrere Hardwarebeschreibungssprachen zu interpretieren und
durch einen zentralen Rechenkern zu lösen.
In Abbildung 4.11 ist der Quellcode der Verilog-A Implementierung des clexiw-
Elements dargestellt. Die Strom-Spannungs-Charakteristik wird dabei über mathe-
matische Verknüpfung von Spannungen und Variablen stückweise innerhalb einer
if -Anweisung definiert. Die Textmeldung zur Ausgabe von Instanznamen, Durch-
bruchspannungen und Bauelementschädigung ist über die strobe-Anweisung realisiert
worden.
Gegenüberstellung der Größe der System-Matrix und Rechenzeit
der verschiedenen Implementierungsvarianten
Um die Effizienz der Implementierungsvarianten hinsichtlich der Rechenzeit bewerten
zu können, wurden die Größe der System-Matrix und die Konvergenzeigenschaften
betrachtet. Diese Information wird beim Start der Simulation vom Schaltungssimu-
lator erzeugt und ausgegeben. In Abbildung 4.12 ist die Anzahl der Gleichungen der
System-Matrix gegenüber der Anzahl der instantiierten clexiw-Elemente aufgetragen.
Dabei sind die einzelnen Bauelemente parallel an eine Spannungsquelle angeschlossen
worden. Anschließend wurde ein DC-Transfer-Analyse von -10 V bis 10 V durchge-
führt. Die verschiedenen Implementierungsvarianten waren dabei gleich konfiguriert,
68
4.2 Modellierungsansatz
29 include . . . .
30 module bdwarn ( port1 , port2 ) ;
31 . . . .
32 parameter . . . .
33 i n t e g e r . . . .
34 analog begin
35 @( i n i t i a l _ s t e p ) wout=0;
36 vbr1t=vbr2 ; vbr2t=vbr1 ;
37 if (V( port1 , port2 )>vbr2t )
38 i = slope1 V( port1 , port2 )vbr2tslope1 ;
39 else if (V( port2 , port1 )>vbr1t )
40 i = slope2 V( port2 , port1 )+vbr1t slope2 ;
41 else i = 1e 8;
42 . . . .
43 end
44 @(final_step)
45 $strobe (" %m Breakdown : bdwarn %g %g %g %g " , vbr1 , vbr2 , bdv , bdvi ) ;
46 end endmodule
Abb. 4.11: Verilog-A-Modell zur Überlastdetektion
d.h. die Durchbruchspannungen und Serienwiderstände waren identisch. Durch dieses
Simulations-Setup ist sichergestellt, dass die Konvergenzeigenschaften, bezogen auf
die Schaltungstopologie und Analyseart, für alle drei Implementierungsvarianten
identisch sind. Unterschiedliches Verhalten hinsichtlich der Konvergenz kann somit
nur aufgrund des internen Aufbaus des clexiw-Elements hervorgerufen werden.
Die Implementierung unter Nutzung vorkompilierter SPICE-Elemente weisen einen
linearen Zusammenhang zwischen Instanzanzahl und Anzahl der Gleichungen der
System-Matrix auf, wobei bei dem clexiw-Element mit Assertions ein geringerer
Anstieg zu verzeichnen ist. Da bei dieser Implementierung statt eines iwarn-Elementes
eine Assert-Anweisung verwendet wird, reduziert sich somit auch die Größe der
System-Matrix. Die Anzahl der Gleichungen bei der Verilog-A-Implementierung wird
konstant mit zwei angegeben, da das Modul bdwarn in ein kompiliertes Element vor
Beginn der Simulation über das Compiled-Model-Interface des Schaltungsimulators
Spectre®überführt wurde.
In Abbildung 4.13 ist die Simulationsdauer in Abhängigkeit der instantiierten clexiw-
Elemente dargestellt. Die Simulationszeit ist hierbei der Mittelwert aus 20 Einzelsi-
mulationen, um Schwankungen der Rechendauer, verursacht durch unterschiedliche
Auslastung der ausführenden Rechner, zu minimieren. Die Implementierungen der
69
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.12:
Anzahl der Gleichungen der System-Matrix in Abhängigkeit der Instanzen
zur Überlastdetektion bei verschiedenen Implementierungsvarianten
vorkompilierten SPICE-Elemente weisen im Bereich von ein bis 100 Instanzen nur
geringe Abweichungen im Bereich von Null Prozent bis 25 % auf. Bei einer clexiw-
Anzahl von 1000 Elementen weist die Implementierungsvariante der vorkompilierten
SPICE-Modelle unter Nutzung von Assertions einen signifikanten Rechenzeitgewinn
von 43 % auf.
Die Verilog-A-Implementierung des clexiw-Elements benötigt insgesamt die geringste
Rechenzeit und weist durchschnittlich einen Rechenzeitgewinn von 67 % gegenüber
der clexiw-Implementierung mit Assertions auf. Dies ist darauf zurückzuführen, dass
der Schaltungssimulator Spectre
®
Verilog-A Modelle vor Beginn der Simulation
in eine C-Repräsentation übersetzt und anschließend kompiliert. Außerdem ist die
Komplexität des Modells wesentlich geringer, da hier im Gegensatz zu den beiden
Implementierungsvarianten mit vorkompilierten SPICE-Elementen keine zusätzlichen
physikalischen Effekte modelliert werden (wie z.B. das Verhalten der Dioden im
Sperr- und Durchlassbereich der anti-seriellen Diodenmodelle).
4.2.5 Automatisierte Erstellung der Simulationsmodelle
Standardsimulationsmodelle einer Halbleitertechnologie werden im industriellen
Einsatz ständig weiterentwickelt und modifiziert. Die in dieser Arbeit entwickelte
Verifikationsmethodik ist so konzipiert, dass die erweiterten Simulationsmodelle für
ESD-Analysen aus den Standardsimulationsmodellen automatisiert erzeugt werden
können. Diese Eigenschaft ist eine wichtige Voraussetzung zur Akzeptanz des Veri-
fikationsablaufs im industriellen Umfeld. Aus diesem Grund wurde ein Werkzeug
70
4.2 Modellierungsansatz
Abb. 4.13:
Simulationsdauer in Abhängigkeit der Anzahl der Instanzen zur Überlast-
detektion bei verschiedenen Implementierungsvarianten
mit der Bezeichnung modelGen (siehe Abbildung 4.15) entwickelt, welches die Stan-
dardsimulationsmodelle in erweiterte Modelle konvertiert. Die erweiterten Modelle
können dann zur Simulation von ESD-Ereignissen genutzt werden.
Wie im Abschnitt 1.3 bereits dargestellt, werden Simulationsmodelle in Form von
Textdateien abgelegt. Durch die Komplexität heutiger Technologien und der daraus
resultierenden Vielzahl an Halbleiterbauelementen ist es üblich, die Simulationsmo-
delle ähnlich wie einen Schaltungsblock eines Schaltplans hierarchisch aufzubauen. In
Abbildung 4.14 ist der Aufbau einer Bibliothek von Simulationsmodellen beispielhaft
dargestellt. Diese Bibliothek gliedert sich in vier Hierarchieebenen.
Die erste Ebene bildet die zentrale Simulationsbibliothek einer Technologie. In dieser
Datei werden alle weiteren Unterkategorien eingebunden. In der Regel existieren auf
dieser Ebene Sektionen, in denen Simulationsmodelle mit unterschiedlichen Parame-
tersätzen aufgerufen werden. Durch das Wechseln der Sektion im Schaltungssimulator
ist es somit möglich, z.B. Fertigungstoleranzen in verschiedenen Abstufungen zu be-
rücksichtigen. In der zweiten Hierarchieebene werden die grundlegenden Bauelemente
in Kategorien zusammengefasst und ihrer Funktionalität nach strukturiert. Außerdem
existiert eine Datei, in der Parameter definiert sind, welche für alle Bauelemente
dieser Technologie gelten. Auf dieser Ebene wird das Element zur Erweiterung der
Simulationsmodelle (siehe Abschnitt 4.2.4) abgelegt, um Simulationen von elektro-
statischen Entladungen zu ermöglichen. In der dritten Hierarchieebene befinden sich
die Simulationsmodelle der Bauelemente in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. In
Abhängigkeit der verwendeten Technologie existieren z.B. MOS-Transistoren unter-
schiedlicher Spannungsklassen, rein bipolare- oder rein MOS-basierte Bauelemente.
71
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.14: Beispielhafte Darstellung der Hierarchie von Simulationsmodellen
Die vierte Ebene bilden die in SPICE vorkompilierten Modelle, wie z.B. Dioden,
Widerstände, Kondensatoren, bipolare- oder MOS-Transistoren. Aus diesen Grundele-
menten werden die Elemente höherer Hierarchieebenen durch subcircuit-Anweisungen
aufgebaut.
In den Simulationsmodellen jeder Hierarchieebene können Parameter definiert werden,
um skalierbare Abhängigkeiten zu implementieren. In einer subcircuit-Anweisung
kann ein Standardwert eines Parameters definiert werden. Ähnlich wie bei der
Vererbung von Parameterwerten in der Hierarchie des Schaltplans werden die Werte
der Parameter von der oberen zur darunter liegenden Hierarchieebene vererbt. Wird
auf der oberen Ebene kein Parameter an eine Instanz übergeben, ist der Standardwert
in der Modelldefinition der unteren Ebene gültig.
Um die Standardsimulationsmodelle automatisiert zu erzeugen, wurde ein Werkzeug
namens modelGen entwickelt und implementiert. Da zu diesem Zweck Textdateien
durchsucht und modifiziert werden müssen, wurden die Skript-Sprachen awk bzw. sed
verwendet. Weiterführende Information zu diesen Skript-Sprachen ist in [
SSFH00
]
zu finden. Die Interpreter dieser beiden Skriptsprachen sind heute fester Bestandteil
vieler UNIX- und Linux-Betriebssysteme und somit ideal im Umfeld der EDA-
Softwareentwicklung einsetzbar.
Die Ausgangsbasis zur Erstellung der erweiterten Simulationsmodelle sind einerseits
die Standardsimulationsmodelle einer bestimmten Technologie und andererseits die
entsprechenden Parameter (Durchbruchspannung bv und Serienwiderstand rs in
Abbildung 4.9) zur Modellierung des Bauelementverhaltens beim Auftreten elek-
trostatischer Entladungen. Voraussetzung für die automatisierte Bearbeitung der
72
4.2 Modellierungsansatz
Abb. 4.15:
Automatisierte Erstellung der erweiterten Simulationsmodelle aus den
Standard-Simulationsmodellen und der ESD-Parameter Datenbasis
Modelldateien ist eine Strukturierung der Simulationsmodelle durch Spectre
®
subcir-
cuits nach Abbildung 4.14 sowie eine strukturierte Datenbasis der ESD-Parameter.
Dabei soll die Parameter-Datenbasis übersichtlich sein, um die Wartbarkeit im Fall
von Ergänzungen und Überarbeitung der Werte zu erhöhen. Zusätzlich muss die
Formatierung so gewählt werden, dass es effizient rechnergestützt verarbeitet werden
kann. Aus diesen Gründen wurden die Parameter in einer Textdatei abgelegt, welche
in Form einer Tabelle strukturiert ist (siehe 4.16).
Die automatisierte Erstellung der Simulationsmodelle ist in Abbildung 4.15 dargestellt.
Zu Beginn dieses Prozesses wird die Parameter-Datenbasis komplett zeilenweise
eingelesen und in einem Array zwischengespeichert (siehe Punkt 1). Zeilen, die mit
einem Sternsymbol (*) beginnen, stellen einen Kommentar dar, um die Lesbarkeit der
Tabelle zu erhöhen. Der Aufbau einer Zeile ist immer identisch. Die einzelnen Spalten
der Tabelle werden dabei durch das Symbol Pipe (|) voneinander getrennt. Die erste
Spalte beinhaltet den Namen des Simulationsmodells, für das die nachfolgenden
Parameter gelten. Die nachfolgenden Parameter definieren:
Terminalpaare (Spalten term1 und term2), an denen das Element zur Model-
lierung des Durchbruchverhaltens angeschlossen wird
Durchbruchspannungen in positive und negative Belastungsrichtung (Spalten
bv1 und bv2)
Serienwiderstände der anti-seriellen Diodenpaare (Spalten rs1 und rs2)
Stromgrenze (Spalte iwlimit) sowie die Textmeldung des Simulators im Fall
einer Überschreitung der Stromgrenze (Spalte message)
73
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
48 dtype | term1 | term2 | bv1 | bv2 | rs1 | rs2 | i l i m i t |
message
49 ∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗LVNMOS∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗∗
50 mn00p | d | s | nvds | nvds | 1 . 0 | 1 . 0 | (wmultiwLimit ) | Breakdown : ds LV
NMOS
51 mn00p | g | b | vcox | vcox | 1 . 5 | 1 . 5 | (wmultiwLimit ) | Breakdown : gb LV
NMOS
52 . . . . .
Abb. 4.16:
Auszug der Parameter-Datenbasis zur Definition ESD-relevanter Bauele-
mentparameter
Die Bezeichner des Simulationsmodells und der Terminals müssen mit den Bezeich-
nern im Simulationsmodell übereinstimmen. Die Werte für die Durchbruchspannun-
gen, die Serienwiderstände sowie die Stromgrenze können durch Zahlenwerte oder
Parameter definiert werden. Üblicherweise werden zur Erhöhung der Wartbarkeit
Parameter verwendet, welche, wie in Abbildung 4.14, z.B. als Technologieparameter
abgelegt werden können.
Nach dem Einlesen der Parameter-Datenbasis werden die Standard-Simulationsmodelle
ebenfalls zeilenweise eingelesen (siehe Punkt 2). Dabei wird in der aktuellen Zeile das
Schlüsselwort für eine Subcircuit-Definition gesucht (inline subckt im Fall des Cadence
Spectre
®
Schaltungssimulators). Wenn diese Bedingung erfüllt ist, wird in der ersten
Spalte des Arrays, in dem die ESD-Parameter gespeichert sind, nach dem aktuellen
Simulationsmodell gesucht und alle Einträge am Ende der Subcircuit-Definition
eingefügt und zeilenweise in die Zieldatei der erweiterten Simulationsmodelle ge-
schrieben (siehe Punkt 3). Somit sind die eingefügten clexiw-Elemente parallel zu den
Terminals geschaltet, welche in den Spalten term1 und term2 definiert sind (Instanz
clexiwgs in Abbildung 4.17). Die Parameter wund mult werden dabei vom Symbol
im Schaltplaneditor während der Erzeugung der Netzliste an die entsprechende
Instanz übergeben. Sind die Parameter im Symbol nicht definiert worden, gelten die
Standardwerte in der Definition des Simulationsmodells.
Ist kein Eintrag für das aktuelle Simulationsmodell im Parameter-Array vorhanden,
wird in einer Protokolldatei ein Eintrag erzeugt, welcher anzeigt, dass das aktuel-
le Simulationsmodell nicht um clexiw-Elemente erweitert wurde (siehe Punkt 4).
Wenn die eingelesene Zeile kein Schlüsselwort enthält, wird diese unverändert in
die Zieldatei der erweiterten Simulationsmodelle geschrieben (siehe Punkt 3). Die
erfolgreich erweiterten Simulationsmodelle, welche in den Standard-Modellen und im
74
4.3 Bauelement-spezifische Modellierung
54 i n l i n e subckt lvnmos ( d g s b sub )
55 parameters w = 1.000 e05 l = 1.000 e05 mult = 1.000 e+00 t r i s e =
0.000 e+00 gates = 1
56 lvnmos (d g s b sub ) mos1 w = w l = l mult = mult t r i s e = t r i s e
57 . . . . .
58 . . . . .
59 clexiwgs ( g s ) clexiw vbr1=vcox vbr2=vcox rs1 =0.0 rs2 =0.0
ilimit=(wmultiwLimit ) /2.000 e06 message="Breakdown : gs HV
PMOS"
60 . . . . .
61 . . . . .
62 ends lvnmos
Abb. 4.17:
Auszug aus einem erweiterten Simulationsmodell mit Elementen zur
Überlastdetektion
Parameter-Array gefunden wurden, werden mit einem Status-Flag im Parameter-
Array gekennzeichnet. Zum Schluss des Skriptes werden im Parameter-Array die
Modelle herausgefiltert, welche nicht durch clexiw-Elemente erweitert wurden und
die entsprechenden Einträge in der Protokolldatei erzeugt.
4.3 Bauelement-spezifische Modellierung
Ein Vorteil der Smart-Power Technologien ist die Vielzahl der verfügbaren Bauele-
mente. So können CMOS, DMOS und bipolar-Bauelemente auf einem integrierten
Schaltkreis verwendet werden. Die unterschiedliche Funktion und die vielfältigen
Implementierungsvarianten der Schaltungselemente bedingt teilweise auch eine geson-
derte Modellierung des Verhaltens beim Auftreten elektrostatischer Entladungen. In
dem hier vorgestellten Verifikationsansatz werden folgende Effekte nur in bestimmten
Bauelementen modelliert.
Abhängigkeit der Kollektor-Emitter Spannung vom Basisstrom bei bipolar-
Transistoren
Stromtragfähigkeit von Widerständen und Dioden
Verhalten von ESD-Schutzdioden
75
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.18:
Kollektorstrom als Funktion der Kollektor-Emitter-Spannung
UCE
in
Abhängigkeit des Basisstroms IB[AD02]
4.3.1 Abhängigkeit der Kollektor-Emitter-Spannung vom
Basisstrom bei bipolar-Transistoren
Um die Abhängigkeit der Durchbruchspannungen des bipolar-Transistors vom Ba-
sisstrom zu modellieren (siehe Abschnitt 2.1.3), ohne die numerische Stabilität der
Simulation negativ zu beeinflussen, wurden zwei clexiw-Elemente parallel zu den
Kollektor-Emitter-Anschlüssen geschaltet (siehe Abbildung 4.19). Dabei weist das
Element mit der Bezeichnung
iwarnUBE0
eine gegenüber dem Element
iwarnUCE0
reduzierte Durchbruchspannung auf. Dadurch wird die Textmeldung in der Proto-
kolldatei des Simulators bereits bei niedrigeren Spannungen ausgelöst (1. Warnung
in Abbildung 4.18).
Der Serienwiderstand des
iwarnUBE0
-Elements ist dabei so hoch, dass nur ein
geringer Strom im Bereich von einigen Nanoampere während einer Pulsbelastung
fließt und somit das Verhalten des bipolar-Transistors im Bereich zwischen
BUCE0
und
BUCB0
nicht oder nur unwesentlich beeinflusst. Die Textmeldung des Elements
iwarnUCE0
wird erst bei höheren Spannungen ausgelöst, allerdings dann mit einem
niederohmigen Pfad zum Bezugspotential (2. Warnung in Abbildung 4.18). Ist in der
Protokolldatei des Schaltungssimulators die Textmeldung des iwarnUBE0-Elements
vorhanden, muss der Schaltungsentwickler den Stromfluss in die Basis überprüfen
und entscheiden, ob diese Meldung als kritisch zu bewerten ist.
76
4.3 Bauelement-spezifische Modellierung
Abb. 4.19:
Vereinfachte Modellierung der von der Basisbeschaltung abhängigen
Kollektor-Emitter-Durchbruchspannung
Abb. 4.20:
Ungünstige Drain-Source-Stromverteilung (links), Gleichmäßige Drain-
Source-Stromverteilung eines MOS-Transistors (rechts) [SB07]
4.3.2 Stromtragfähigkeit von Widerständen und Dioden
Um die Stromtragfähigkeit von Widerständen und Dioden anzupassen, hat der Schal-
tungsentwickler die Möglichkeit, die geometrischen Abmessungen des Bauelements
zu variieren. Eine weitere Einflussgröße hinsichtlich der Stromtragfähigkeit des Bau-
elements ist die Anzahl der Kontakte, mit denen z.B. ein Widerstand elektrisch
kontaktiert wird. Durch Elektromigration oder Aufschmelzen von Kontakten/Vias
kann eine ungünstige Dimensionierung eines Bauelements zum Ausfall führen. In
Abbildung 4.20 ist die Stromverteilung eines MOS-Transistors vom Source- zum
Drain-Kontakt dargestellt. Bei der Auslegung des Transistors mit nur einem Kontakt
ist der Strom durch den Kontakt im Fall einer elektrostatischen Entladung um
den Faktor drei höher als in der Auslegung der Transistors, bei dem drei Kontakte
verwendet wurden [SB07].
77
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Da jeder Kontakt nur einen technologie-abhängigen Maximalstrom führen kann,
werden in der Regel Arrays von Kontakten definiert. Diese werden vom Schaltungsent-
wickler manuell auf Basis der Spezifikationen während der Erstellung des Schaltplans
definiert. Um eine Überlastung eines Kontaktes feststellen zu können, müssen die
maximal zulässigen Stromgrenzen mit der Anzahl der Kontakte skalieren.
Imax =(n·iwLimit)
n0
(4.4)
Für eine Diode ist der Maximalstrom von der Anzahl der Kontakte
n
, einer techno-
logieabhängigen Stromgrenze
iwLimit
und dem Standardwert der Kontaktanzahl
n0
abhängig und wird nach Gleichung 4.4 ermittelt.
4.3.3 Verhalten von ESD-Schutzelementen
ESD-Schutzelemente sind wichtige Komponenten im ESD-Schutzkonzept eines in-
tegrierten Schaltkreises. Diese Bauelemente werden zum Schutz von Ein- und Aus-
gangsstrukturen, zum Ableiten von Strom- und Spannungsspitzen an empfindlichen
Schaltungselementen und zum Ausgleich von Potentialunterschieden zwischen Domä-
nen unterschiedlicher Versorgungsspannungen verwendet.
In Abbildung 4.21 sind Strom-Spannungs-Verläufe eines Bauelements mit Snapback-
Charakteristik (bipolar-Transistor) abgebildet. Die Kurvenschar ist durch Transmis-
sion-Line-Pulsing mit unterschiedlichen Pulsdauern aufgenommen worden. Dabei ist
die Abhängigkeit des Snapback-Verhaltens von der Pulsdauer deutlich zu erkennen.
Ferner sind beim ESD-Schutz auch die Streuungen der Durchbruchspannungen zu
berücksichtigen. Aus beiden Gründen kann man nicht von einer einzigen, wohl-
bekannten Kennlinie ausgehen. Da die Modellierung des Snapback-Verhaltens für
einen Full-Chip-Verifikationsansatz mittels SPICE-Simulator aus Konvergenzgründen
(siehe Abschnitt 3.2.1) nicht praktikabel ist, wird das Snapback-Verhalten nicht nach-
gebildet, vielmehr werden ESD-Schutzelemente durch eine zweistufige Durchbruch-
charakteristik modelliert (siehe Abbildung 4.21), um das physikalische Verhalten
vereinfacht abzubilden. Dabei soll durch die Strom-Spannungs-Charakteristik der
ungünstigste Fall, das heißt die größte Belastung für den internen, zu schützenden
Schaltungsteil wiedergegeben werden. Welche der möglichen Kennlinien der ESD-
Struktur für ein Schaltungselement allerdings den ungünstigsten Fall darstellt, hängt
stark von der Schaltungstopologie ab.
78
4.3 Bauelement-spezifische Modellierung
Abb. 4.21:
Strom-Spannungsverlauf einer ESD-Diode mit den Schwellspannungen
bv_x und bv_xx [Vol04]
Ist die ESD-Struktur parallel zum zu schützenden Schaltungsteil geschaltet, so sind
die höheren Spannungswerte der ungünstigste Fall. Ist die ESD-Struktur hinge-
gen Teil des Strompfades durch ein gefährdetes Bauelement, so ist eine niedrigere
Durchbruchspannung der ungünstigste Fall, auch wenn die Ströme noch klein sind.
Um den zweiten Fall abzudecken, wurde für die ESD-Schutzstrukturen ein erster
Durchbruch bei der unteren Spezifikationsgrenze der Durchbruchspannung definiert,
was den ungünstigsten Fall bei einer Serienschaltung darstellt. Um auch die hohen
Spannungen für den üblichen Fall der Parallelschaltung wiederzugeben, steigt die
Kennlinie von dort zunächst bis zu einem Strom, der für empfindliche Bauelemente
eine Überlastung darstellt, aber für die ESD-Struktur nicht (z.B. 200 mA), steil an
und knickt dann so ab, dass die möglichen hohen Spannungen erreicht werden (siehe
Abbildung 4.21). Das Zurückschnappen der ESD-Struktur wird aus den erwähnten
Gründen nicht modelliert.
Das parametrisierte Simulationsmodell eines ESD-Schutzelements ist in Abbildung
4.22 dargestellt. Die Diode
diode_x
stellt dabei die untere Spezifikationsgrenze der
Durchbruchspannung
bv_x
dar. Die zweite Diode, diode_xx mit Durchbruchspan-
nung bv_xx, bildet die Hochstromcharakteristik ohne Snapback ab.
Der Widerstand im Bereich von
bv_xx
und
bv_x
ist von der Differenz der beiden
79
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.22: Erweitertes Simulationsmodell eines ESD-Schutzelementes
Durchbruchspannungen abhängig und ist so dimensioniert, dass bei 200 mA die Span-
nung bv_xx erreicht wird. Bei Spannungen größer
bv_xx
ergibt sich der Widerstand
nach Gleichung 4.5.
rs_xx =rs_x
10 (4.5)
Ergibt sich nach Gleichung 4.5 ein Widerstand
rs_xx
3Ω, wird der Widerstand
rs_xx
für
U > bv_xx
auf den Wert drei Ohm gesetzt, um die Konvergenz nicht zu
gefährden. Die so gewählten Widerstandswerte haben sich im Rahmen dieses worst-
case-Ansatzes als praktikabel erwiesen, können aber über die subcircuit-Parameter
genauer an die einzelnen ESD-Schutzstrukturen angepasst werden.
4.4 Bestimmen des Schaltungszustandes
Bevor der Schaltungszustand analysiert und die Fehlerursachen detektiert werden
können, wird eine Schaltungssimulation durchgeführt. Wie in Kapitel 3 beschrie-
ben, stellen Lösungsverfahren unter Nutzung von zeitkontinuierlichen Modellen
konzentrierter Elemente einen guten Kompromiss zwischen Genauigkeit und Rechen-
zeitbedarf dar.
Prinzipiell ist eine Verifikation von Mixed-Signal Schaltungen beim Auftreten elek-
trostatischer Entladungen mittels einer Gleichstromanalyse möglich. Dazu ist es
allerdings notwendig, das dynamische Verhalten der Halbleiterbauelemente, wie in
Abschnitt 4.2.3 beschrieben, anzunähern. Dabei können Fehler einerseits durch die
Natur des Algorithmus einer Gleichstromanalyse und andererseits durch die Appro-
ximation arbeitspunktabhängiger Parameter bei Nutzung einer Gleichstromanalyse
entstehen. Die Beispielsimulationen aus Abbildung 3.5 zeigen, dass die Ergebnisse
der transienten und der Gleichstromanalyse eine gute Korrelation bis zu einem Strom
80
4.5 Analyse des Schaltungszustandes
von ca. einem Milliampere aufweisen. Aufgrund des relativ geringen Zeitvorteils der
Gleichstromanalyse gegenüber einer transienten Simulation und des erhöhten Model-
lierungsaufwandes bei Nutzung einer Gleichstromanalyse wird im weiteren Verlauf
dieser Arbeit die transiente Analyse für die Verifikation integrierter Mixed-Signal
Schaltkreise beim Auftreten von elektrostatischen Entladungen genutzt.
Mittlerweile existiert eine Vielzahl von SPICE-Derivaten verschiedener Hersteller,
welche häufig in Design-Frameworks integriert sind. Durch diese Integration wird
es möglich, häufig wiederkehrende Vorgänge unter Nutzung von Skriptsprachen zu
automatisieren. In dieser Arbeit wurde der Schaltungssimulator Spectre
®
der Firma
Cadence eingesetzt. Dieser Simulator ist sehr gut in das Cadence Design Framework
II eingebettet. Dadurch besteht die Möglichkeit, über die Skriptsprache SKILL
®
Simulationen zu konfigurieren, zu starten und nach Beendigung des Vorgangs die
Simulationsergebnisse auszulesen und zu analysieren.
4.5 Analyse des Schaltungszustandes
Nachdem die Schaltungssimulation (siehe Abbildung 4.1) mit den erweiterten Simu-
lationsmodellen beendet wurde, liegen die Simulationsdaten in der Regel in Form
einer Binärdatei vor. Bei transienten Analysen von kompletten Schaltkreisen aus
Smart-Power-Technologien nehmen diese Ergebnisdateien Speicherplatz bis zu zwei
Gigabyte in Anspruch. Eine manuelle und fehlerfreie Kontrolle der Daten ist so-
mit nahezu unmöglich. Um eventuelle Überlastung von Bauelementen und deren
Ursache bewerten zu können, werden in diesem Verifikationsansatz die gefährdeten
Bauelemente als Ausgangspunkt für eine Strompfadextraktion (kritische Strompfade)
verwendet. Die Daten wiederum werden genutzt, um weitere Strompfade zu ermitteln,
welche als reduzierter Schaltplan bezeichnet werden. Durch die grafische Darstellung
der sich ergebenden Strompfade und der gefährdeten Bauelemente wird die Analyse
des Schaltungszustandes innerhalb komplexer, hierarchischer Schaltpläne erleichtert
und die Beseitigung von Schaltungsfehlern ermöglicht.
4.5.1 Gefährdete Bauelemente
Die Überlastung eines Bauelementes durch eine elektrostatische Entladung wird
in der vorliegenden Implementierung der Simulationsmodelle (siehe Abschnitt 4.2)
81
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
65 . . . . .
66 Warning from s p ec t r e at time = 14.6805 ns during t r a n s i e n t
a n a l y s i s tran .
67 I73 . B_s1264 . B0 . B3 . B3_1 .M5_1. clexiwgb : CLEXoverstress : gb HV
PMOS. Instance I73 . B_s1264 . B0 . B3 . B3_1 .M5_1. clexiwgb . bdrev ,
Parameter v having value 15.0013 V has exceeded i t s upper
bound 15 .
68 . . . .
Abb. 4.23:
Auszug aus der Protokolldatei des Schaltungssimulators Spectre
®
mit
einer CLEX-Assert-Anweisung
während der Schaltungssimulation durch eine in den erweiterten Modellen integrierten
Assert-Anweisung detektiert. Die Assert-Anweisung ruft eine Textmeldung in der
Protokolldatei des Schaltungssimulators hervor. Das Format dieser Meldung ist in
Abbildung 4.23 dargestellt. Für die weitere automatisierte Verarbeitung der Daten
sind folgende Angaben nötig:
hierarchischer Instanzname und Simulationsmodell
Zeitpunkt, zu dem die Assert-Meldung ausgegeben wurde
Bezeichnung der Anschlüsse, an denen die Überlastung aufgetreten ist
Diese Informationen werden aus der Protokolldatei des Schaltungssimulators ex-
trahiert, indem die Textdatei nach festgelegten Schlüsselwörtern durchsucht und
anschließend in internen Datenbankstrukturen gespeichert wird.
4.5.2 Extraktion kritischer Strompfade
Kritische Strompfade sind Pfade des maximalen Stroms, welche durch das entspre-
chende clexiw-Element innerhalb einer gefährdeten Instanz bis hin zur Stromquelle
einerseits und zum Bezugspotential andererseits führen. Für jedes gefährdete Bau-
element existiert somit ein separater kritischer Pfad. Dabei beginnt die Suche des
Strompfades nicht an der Impulsquelle, sondern an den beiden Anschlussterminals,
welche durch die Assert-Anweisung als defekt markiert wurden. Um Kopplungen
innerhalb der SPICE-Hierarchie bei der Pfadsuche zu betrachten, beginnt der Suchal-
gorithmus nicht auf der Schaltplanebene, sondern innerhalb der SPICE-Hierarchie
auf der Ebene, auf der die clexiw-Elemente instantiiert wurden (Ebene zwei oder drei
in Abbildung 4.14). Da die Simulationsmodelle in Textdateien definiert sind, wurde
82
4.5 Analyse des Schaltungszustandes
Abb. 4.24:
Beispiel einer Strompfadanalyse mit einem kritischen Strompfad (rot)
und einem reduziertem Schaltplan (blau)
aus Gründen der Recheneffizienz eine Datenbank aufgebaut, in der die Struktur der
Simulationsmodelle abgelegt ist.
In Abbildung 4.24 sind die gefährdeten Instanzen, der kritische Pfad und der redu-
zierte Schaltplan an einem Beispielschaltplan dargestellt. Der rot markierte Pfad
symbolisiert den kritischen Strompfad und die blauen Markierungen stellen den re-
duzierten Schaltplan dar. Die Instanz D9 und deren Anschlüsse term16 und term17
wurden durch die Assert-Anweisungen in den erweiterten Simulationsmodellen als
defekt markiert. Diese sind somit die Startpunkte der Pfadextraktion bis hin zur
Impulsquelle. Aufgrund der unterschiedlichen Vorzeichen der Ströme in term17
und term16 wird entschieden, ob in Richtung Impulsquelle oder in Richtung Be-
zugspotential gesucht wird. Dementsprechend wird das Abbruchkriterium für den
Suchalgorithmus definiert. Wenn am Anschluss term16 ein negativer Stromwert
ausgelesen wird und der Strom
icrit1
somit aus der Instanz D9 herausfließt, wird
als Abbruchkriterium des Suchalgorithmus das Erreichen des Netzes GND definiert.
Somit wird im Netz net1, welches an den Anschluss term16 angeschlossenen ist,
nach dem größten positiven Strom gesucht und somit der Anschluss term1 der
83
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Instanz D1 gefunden. In der Instanz D1 wird anschließend der Terminal mit dem
größten herausfließenden Strom (term2) gesucht. Die bei dieser Suche gesammel-
ten Informationen werden in internen Datenstrukturen zur weiteren Verarbeitung
abgelegt. Dabei werden die Anschlüsse des kritischen Pfades in der Liste
{LKP T }
und der kritische Pfad in der Liste
{LKP }
gespeichert. Die Suche von maximalen
Strömen in Instanzen und Netzen wird solange wiederholt, bis das Abbruchkriterium
erfüllt ist. Im Beispiel aus Abbildung 4.24 umfasst die Liste
{LKP T }
die Elemente
term1, term2, term16, term17, term18 und term19. Der kritische Pfad wird in dem
Format
{Startterminal Netz Zielterminal}
gespeichert. Somit ergibt sich die
Liste {LKP }zu {{term16 net1term1}{term2net4term18}}.
4.5.3 Reduzierter Schaltplan: relevante / beteiligte
Schaltungsteile
Die Extraktion der kritischen Strompfade liefert, wie in Abschnitt 4.5.2 beschrieben,
nicht in jedem Fall die Pfade des maximalen Stromes zurück. Zum Beispiel kann ein
zu einem Niedervolt-Transistor parallel geschalteter Hochvolt-Transistor bzw. ESD-
Schutzstruktur einen wesentlich höheren Strom führen als der Niedervolt-Transistor,
welcher bereits durch geringen Stromfluss eine Überlast erfährt. Um den Schaltungs-
zustand und insbesondere den Soll- und Ist-Zustand von ESD-Schutzelementen zu
bewerten, wird im Anschluss an die Extraktion der kritischen Strompfade ein redu-
zierter Schaltplan erstellt. Dieser enthält alle Schaltungsteile, welche einen gewissen
Prozentsatz des Stromes der kritischen Pfade führen. Der reduzierte Schaltplan setzt
sich aus den Elementen des kritischen Pfades und den zusätzlichen Elementen (blaue
Elemente in Abbildung 4.24) zusammen, welche im Anschluss an die Extraktion der
kritischen Pfade ermittelt werden. Am Beispiel der Instanz D1 aus Abbildung 4.24
wird der Ablauf der Erstellung des reduzierten Schaltplans dargestellt:
Analyse der kritischen Instanzen
In allen Instanzen des kritischen Pfades (D1, D9 und D10) werden Anschlüsse
ermittelt, welche die Prozentkriterien IPkrit (Gleichung 4.6) und IPmax (Gleichung
4.7) erfüllen. Dabei ist der Strom
ikrit
(
t
)der Stromwert an dem als defekt markierten
Anschluss und
imax
(
t
)der maximale Strom eines Anschlusses der untersuchten
kritischen Instanz zum Zeitpunkt der Überlastung. Die mit IPkrit und IPmax
84
4.5 Analyse des Schaltungszustandes
gefundenen Anschlüsse werden in einer Liste
{LKT }
gespeichert, welche anschließend
weiterverarbeitet wird. Somit werden in
{LKT }
zusätzlich zu term1 und term2 die
Anschlüsse term3 und term4 abgelegt.
i(t)ikrit(t)·pkrit (4.6)
i(t)imax(t)·pmax (4.7)
Analyse der kritischen Anschlüsse
In diesem Schritt der Extraktion des reduzierten Schaltplans werden die Netze
analysiert, welche an die Anschlüsse der Liste
{LKP T }
angeschlossen sind. In dieser
Liste sind die Anschlüsse gespeichert, durch die ein kritischer Pfad führt. Im Beispiel
aus Abbildung 4.24 beinhaltet
{LKP T }
die Terminals (term1 term2 term16 term17
term18 term19). Es werden nun alle Anschlüsse von Bauelementen gesucht und
gespeichert, welche das folgende kritische Betragskriterium IPmax erfüllen:
i(t)≥| imax(t)·pmax |(4.8)
Im Beispiel aus Abbildung 4.24 werden dadurch die Anschlüsse term7 und term8
der Instanzen D2 und D3 als Bestandteil des reduzierten Schaltplans identifiziert.
Die entsprechende Liste
{LRS}
beinhaltet neben den Elementen des kritischen
Pfades die Elemente ((term16 net1 term1) (term2 net4 term18) (term1 net1 term7)
(term2 net4 term8)). Der exakte Aufbau der Datenstrukturen ist hier aus Gründen
der Übersichtlichkeit vereinfacht dargestellt. In Kapitel 4.7 wird auf diesen Punkt
näher eingegangen. Während der Erzeugung des reduzierten Schaltplans werden
die Instanzen, welche am reduzierten Schaltplan beteiligt sind, in der Liste
{LIRS}
abgelegt. In Verbindung mit der Liste der bereits bearbeiteten Instanzen
{LBI }
lässt sich der Algorithmus zum Erstellen des reduzierten Schaltplans recheneffizient
gestalten. Die Liste
{LIRS}
besteht in dem hier beschriebenen Beispiel aus den
Elementen (D2 D3).
Analyse der beteiligten Instanzen
Zusätzlich zu den Netzen, welche an Anschlüsse des kritischen Pfades angeschlossen
sind, wird nun das Prozentkriterium des Maximalstromes (Gleichung 4.7) auf die
85
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Anschlüsse der Netze angewendet, welche zuvor in der Liste
{LKT }
gespeichert
wurden. Im Beispiel aus Abbildung 4.24 wird die Liste
{LRS}
erweitert, so dass
folgende Elemente enthalten sind ((term16 net1 term1) (term2 net4 term18) (term1
net1 term7) (term2 net4 term8)
(term2 net4 term9) (term3 net2 term11)
(term4 net3 term10)
). Die Liste der Instanzen
{LIRS}
des reduzierten Schaltplans
erweitert sich um folgende, dick markierte Elemente (D2 D3 D4 D5 D6).
Strompfadextraktion zur Impulsquelle
Im letzten Schritt der Erzeugung des reduzierten Schaltplans wird auf die Instanzen,
welche sich in der Liste
{LIRS}
, aber nicht in
{LBI }
befinden, wiederum das Prozent-
kriterium des Maximalstroms (Gleichung 4.7) angewendet. Die Liste der Instanzen
{LIRS}
des reduzierten Schaltplans erweitert sich um folgende, farbig markierte
Elemente (D2 D3 D4 D5 D6
D7 D8
) und der reduzierte Schaltplan
{LRS}
wird
durch folgende Elemente abgebildet ((term16 net1 term1) (term2 net4 term18) (term1
net1 term7) (term2 net4 term8) (term2 net4 term9) (term3 net2 term11) (term4 net3
term10)
(term12 net5 term14) (term13 net6 term15)
). Im Anschluss daran
werden nur noch die Maximalströme in der Pfadsuche zur Impulsquelle und dem
Bezugspotential berücksichtigt.
4.6 Visualisierung der Strompfade und
Bauelementschädigungen
Durch die grafische Darstellung der sich ergebenden Strompfade sowie der gefährdeten
Bauelemente wird der Schaltungsentwickler in die Lage versetzt, die Strompfade
im Schaltplan-Editor auch über mehrere Hierarchieebenen hinweg zu verfolgen
und die Ursache des Fehlverhaltens zu ermitteln. Informationen über die Art des
Defektes sowie die Strom- und Spannungswerte werden dabei in einem separaten
Menü in Textform dargestellt. Dadurch kann der Arbeitspunkt, z.B. eines ESD-
Schutzelementes, und somit auch die korrekte Funktionalität bzw. Ansteuerung des
Bauelementes überprüft werden, ohne die einzelnen Daten aus der Ergebnisdatei in
einem zeitaufwändigen Prozess herauszusuchen.
Die defekten Instanzen werden dabei in den Datenstrukturen so gespeichert, dass die
Hierarchieinformation ebenfalls enthalten ist. Der Aufbau der internen Datenstruktur
86
4.6 Visualisierung der Strompfade und Bauelementschädigungen
sieht somit wie folgt aus:
(hier1Id hier2Id hier3Id.....hierXId instId)
Die Datenbank-Id hier1Id stellt dabei das Datenbank-Symbol der obersten Schalt-
planebene dar und hier2Id bis hierXId repräsentieren die Hierarchieebenen des
Schaltplans bis hin zur Datenbank-Id der defekten Instanz instId. Beim Öffnen
von Hierarchieebenen während der Analyse der Simulationsergebnisse liegen die
Datenstrukturen der defekten Instanzen wie oben beschrieben vor. Es wird parallel
dazu eine Liste mit Instanz-Ids aufgebaut, die bei dem Analysevorgang geöffnet
wurden. Durch einen Vergleich der hierarchischen Instanz-Ids wird entschieden, ob
in dem geöffneten Schaltplan eine Instanz existiert, welche markiert werden muss.
Heutige Entwurfswerkzeuge bieten aus Gründen der Übersichtlichkeit die Möglichkeit,
gleiche Instanzen, welche in einem Schaltplan mehrfach vorkommen, in einem Symbol
zusammenzufassen. Diese Art von Instanzen werden als iterierte Instanzen bezeichnet.
Um diese Instanzen eindeutig identifizieren zu können, werden die Datenbankstruk-
turen durch einen Index erweitert. Um in dem ESD-Verifikationsablauf iterierte
Instanzen unterstützen zu können, wurde der Aufbau der internen Datenstruktur für
defekte Instanzen um den entsprechenden Index erweitert:
((hier1Id index1) (hier2Id index2).....(hierXId indexX) (instId index))
Jedes Element dieser Datenstruktur stellt somit eine Liste, bestehend aus der
Datenbank-Id und dem entsprechenden Index, dar. In Abbildung 4.25 sind zwei ite-
rierte Instanzen I8 und IV1 dargestellt. Der nullbasierte Index ist hierbei in eckigen
Klammern hinter dem Instanznamen angegeben. Beide Symbole der Instanzen I8
und IV1 stellen jeweils vier einzelne Instanzen der Zelle Inverter dar. Ob der Index
aufsteigend <0:3> oder absteigend <3:0> definiert ist, legt dabei die Konnektivität
mit den angeschlossenen Netzen fest.
Ähnlich den iterierten Instanzen bei den Schaltungselementen werden Netze aus
Gründen der Übersichtlichkeit zu Bussen zusammengefasst. Auch hier können die
einzelnen Signale eines Busses durch einen Index eindeutig identifiziert werden. Ein
Element des kritischen Pfades, welches Busse und iterierte Instanzen unterstüzt,
wurde in folgender Datenstruktur abgelegt:
((hier1Id index1)...(hierXId indexX)signalId ...
87
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.25: Grafische Darstellung von iterierten Instanzen im Schaltplan-Editor
... (hier1Id index1)...(hierY Id indexY ))
Die allgemeine Datenstruktur zur Definition eines Teilelementes des kritischen Pfades,
wie in Abschnitt 4.5.2 beschrieben, wurde dabei um die Hierararchieinformation
erweitert. Statt der netId wurde hier die signalId verwendet. Würde dabei statt der
signalId die netId des Busses verwendet werden, würde keine eindeutige Zuordnung
zwischen den Signalen des Busses und den angeschlossenen Instanzen möglich sein.
Neben den Verbindungen, welche durch Linien und Pfade hergestellt werden, existiert
auch die Möglichkeit, Verbindungen von Netzen durch den Bezeichner (Connection
by Name) oder durch das Generieren von Parametern (Inherited Connections) zu
definieren. Diese Möglichkeiten werden häufig bei komplexen Versorgungsnetzen
genutzt, um die Übersichtlichkeit des Schaltplans zu erhöhen. Soll also ein Strompfad
nach der Analyse des Schaltungszustandes grafisch dargestellt werden, müssen alle
Verbindungstypen dabei berücksichtigt werden. Bei der Nutzung des Verbindungstyps
Connection by Name wird zwei oder mehreren Verbingungselementen (Linien oder
Pfade) der gleiche Netzname zugewiesen. Die Sichtbarkeit dieses Verbindungstyps
beschränkt sich auf eine Hierarchieebene eines Schaltplans. In Abbildung 4.26 ist
der Strompfad beginnend bei der Stromquelle zum Terminal Ader Instanz I8<0:3>
über das Netz N0<2> mittels Linien und Pfade sowie durch den Verbindungstyp
Connection by Name hergestellt worden. Im Fall einer Verbindung mittels Linien
oder Pfade werden die Datenbank-Ids der zugehörigen Linien und Pfade ermittelt
und in einer Datenstruktur temporär abgelegt. Dabei ist zu beachten, dass sich der
Netzname bei der Eingliederung des Netzes N0<2> in den Bus zu N0<3:0> ändert.
Zur Verfolgung des Strompfades zum Terminal Ader Instanz I8<0:3> muss die
88
4.6 Visualisierung der Strompfade und Bauelementschädigungen
Abb. 4.26:
Beispiel für eine Verbindung über Linien und Pfade (links) und Connection
by Name (rechts)
zugehörige Signal-Id verwendet werden. Da der Bus N0<3:0> in diesem Beispiel an
eine iterierte Instanz angeschlossen ist, ist es notwendig, die Zuordnung der Netze
des Busses zu den Terminals der iterierten Instanz zu bestimmen. Da die Indizes
des Busses N0<3:0> und der iterierten Instanz I8<0:3> gegenläufig definiert sind,
werden die Netze des Busses gekreuzt an die Instanz angeschlossen.
Im Beispiel der Verbindungsdefinition durch Connection by Name in Abbildung
4.26 (rechts) wurde durch den Suchalgorithmus keine durchgehende Verbindung
der beiden Terminals mittels Linien und Pfade gefunden. Darum werden alle Ver-
bindungselemente gesucht, die den Netznamen N0<2> und eine Verbindung zum
Terminal Ader Instanz I8<0:3> besitzen. Im Fall einer Connection by Name wird
nur das erste Verbindungselement am Start- und Zielterminal grafisch hervorgehoben
und zusätzlich eine Textmeldung in der Ausgabekonsole generiert.
Inherited Connections werden vorwiegend bei großen hierarchischen Schaltungen
eingesetzt, um die Konnektiviät der Versorgungsnetze zu definieren. Dazu wird einer
hierarchischen Instanz ein sogenanner Property-Name und Property-Value zugewiesen.
Der Property-Name ist dabei ein frei gewählter Bezeichner, wohingegen der Property-
Value ein globales Netz, wie z.B. das Substrat- oder Versorgungsnetz, darstellt. Wird
eine inherited Connection über ein Paar aus Property-Name und -Value definiert,
so erstreckt sich die Gültigkeit der Zuweisung bis zu allen Hierarchieebenen, auf
denen der Property-Name nicht überschrieben wurde. Das Prinzip der Vererbung
von Property-Name und -Value ist in Abbildung 1.7 dargestellt. Für die Instanz
DUT wird dabei auf der obersten Hierarchieebene der Property-Name Param1 auf
den Property-Value VDD gesetzt. Auf der darunterliegenden Hierarchieebene wird
89
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
diese Zuweisung nur für eine Instanz auf den Property-Value VDDA geändert. Wird
auf dieser Ebene einem Terminal die inherited Connection mit dem Property-Name
Parma1 zugewiesen, ist dieser Terminal mit dem globalen Netz VDDA verbunden.
Da inherited Connection Terminals auf allen Hierarchieebenen miteinander verbinden
können, ist die Extraktion dieser Verbindungen zur Laufzeit der Strompfadsuche
aus Effizienzgründen nicht realisierbar. Aus diesem Grund wurden für die hier
erarbeitete Verifiaktionsmethodik die Verbindungen des gesamten Schaltplans über
inherited Connections in einem vorgelagerten Schritt ermittelt und in internen
Datenstrukturen gespeichert. Verläuft ein Strompfad über eine inherited Connection,
wird der entsprechende Terminal durch eine farbige Textmeldung markiert (siehe
Abbildung 4.29). In der Ausgabekonsole wird der Strompfad in Textform ausgegeben.
4.7 Integration in den Entwurfsablauf
Die Integration der hier entwickelten Verifikationsmethodik in eine Entwurfsumge-
bung von integrierten Schaltkreisen spielt eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz
und Nutzbarkeit des Simulations- und Analysewerkzeuges. Mit steigender Komplexi-
tät von Mixed-Signal Schaltkreisen wurde die Integration der Entwurfswerkzeuge ein
wichtiger Faktor auch für den kommerziellen Erfolg einer solchen Werkzeugsammlung
(engl. Design-Framework). Durch einheitlich definierte Schnittstellen und Datenstruk-
turen können die verschiedenen Entwurfswerkzeuge effizient auf die notwendigen
Daten zugreifen. Eine zeitaufwändige und fehleranfällige Konvertierung großer Da-
tenmengen, wie z.B. Information über parasitäre Widerstände und Kapazitäten eines
extrahierten Layouts, entfällt somit.
4.7.1 Möglichkeiten der Implementierung
Heutige kommerzielle Design-Frameworks unterstützen in der Regel den Zugriff
auf interne Datenstrukturen bzw. die Steuerung der im Framework enthaltenen
Werkzeuge. Dabei variiert der Funktionsumfang der Programmierschnittstelle (engl.
API - Application Programming Interface) erheblich. Die Programmierschnittstelle
ist dabei in unterschiedlichen Programmier- bzw. Skriptsprachen implementiert. Weit
verbreitet sind dabei die Sprachen Tlk/TK, SKILL
®
, C/C++ und Ample. Die in
dieser Arbeit entwickelte Verifikationsmethodik wird als Werkzeug innerhalb des
90
4.7 Integration in den Entwurfsablauf
Cadence Design-Framework II (kurz DFII) implementiert. Somit stehen folgende
Implementierungsvarianten zur Verfügung:
OpenAccess
SKILL®
Unix/Linux Inter-Process-Communication (kurz IPC)
Die OpenAccess Programmierschnittstelle wird seit der DFII-Version 5.1.41 unter-
stützt. Allerdings ist der volle Funktionsempfang erst in den DFII-Versionen 6.X.X
und folgende verfügbar. Vorteil dieser Implementierungsvariante ist die Nutzung
von C/C++ als weit verbreitete und etablierte Programmiersprache. Da diese Pro-
grammierschnittstelle herstellerübergreifend in verschiedenen Design-Frameworks
implementiert ist bzw. wird, werden nicht alle Features der Cadence DFII her-
stellerinternen SKILL
®
-Programmierschnittstelle unterstützt, wie beispielsweise die
Steuerung des Simulationsablaufes oder der Cadence-eigenen CDF-Parameter (engl.
Component Description Format).
Mittels Inter-Process-Communication ist es möglich, ähnlich einer Client-Server-Archi-
tektur, Informationen von einer Server-Anwendung innerhalb des Design-Frameworks
mit Client-Anwendungen außerhalb des Design-Frameworks zu kommunizieren. Dazu
ist es notwendig ein eigenes Protokoll zu implementieren, mit dem Steuerinformatio-
nen und Nutzdaten zwischen den Anwendungen ausgetauscht werden können. Die
externe Client-Anwendung kann dabei in einer Programmiersprache implementiert
werden, die einerseits vom Betriebssystem unterstützt wird und andererseits eine
IPC zur Verfügung stellt.
SKILL
®
ist eine auf LISP basierende Skriptsprache, welche eine Programmierschnitt-
stelle z.B. zur DFII Datenbank und zur Simulationssteuerung besitzt. Die Skript-
sprache LISP und somit auch SKILL
®
zeichnen sich durch eine recheneffiziente
Implementierung der Listenoperationen aus und werden seitens Cadence gewartet
und weiterentwickelt.
Zum Zeitpunkt der Implementierung der hier entwickelten Verifikationsstrategie war
die Version 6.X.X des Cadence DFII noch nicht für den produktiven Einsatz verfüg-
bar. Abgesehen von der Verfügbarkeit der OpenAccess-Programmierschnittstelle hat
die SKILL
®
-Programmierschnittstelle den Vorteil des größeren Funktionsumfangs
gerade im Bereich Simulatorsteuerung. In Tabelle 4.1 sind die für die Entscheidung
der Implementierung relevanten Eigenschaften dargestellt und bewertet, wobei eine
höhere Anzahl an ’+’-Symbolen eine positivere Bewertung darstellt. Aufgrund des
91
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Eigenschaften OpenAccess SKILL®IPC
Verfügbarkeit + +++ +++
Portierbarkeit ++ + +
Komplexität + ++ +
Funktionsumfang + +++ ++
Tab. 4.1:
Vergleich der Implementierungsmöglichkeiten nach den entscheidenden
Eigenschaften
höheren Funktionsumfangs und der besseren Verfügbarkeit wurde die Implemen-
tierung des Werkzeuges in SKILL
®
den anderen beiden Möglichkeiten vorgezogen.
4.7.2 SKILL Implementierung
Das Simulationswerkzeug CLEX (Chip Level ESD eXtraction) wurde mittels der
Skript-Sprache SKILL
®
implementiert. Diese Skript-Sprache basiert auf LISP und
wurde an das Cadence
®
Design Framework II (DFII) angepasst. Somit ist es möglich
auf Datenbankstrukturen beispielsweise von Schaltplänen oder Layouts zuzugreifen.
Auch das Steuern von Simulatoren und Auswerten von Simulationsergebnissen ist
mittels SKILL
®
möglich. Das in dieser Arbeit implementierte Simulationswerkzeug
basiert auf dem DFII der Version 5.1.41 sowie dem Smart-Power-Entwurfsablauf
6.3.0 der Infineon Technologies AG. Es werden dabei Prozeduren aus [
Tri06
] verwen-
det, welche grundlegende Funktionalitäten, wie z.B. das Finden eines Strompfades
zwischen zwei Anschlüssen oder das farbige Hervorheben eines Strompfades innerhalb
des Schaltplan-Editors bereitstellen.
Allgemeiner Verifikationsablauf
In Abbildung 4.27 ist der Ablauf von CLEX dargestellt. Als Eingangsdaten dienen
die erweiterte Simulationsbibliothek (siehe Abschnitt 4.2.5) in der Syntax des Schal-
tungssimulators SPECTRE
®
und ein Schaltplan, welcher mit dem Cadence Virtuoso
®
Schematic Editor erzeugt wurde. CLEX wird über eine grafische Benutzerschnittstelle
(engl. Graphical User Interface, kurz GUI) namens ClexAnalysisMenu gesteuert. Die-
se grafische Benutzerschnittstelle ist über das Cadence
®
Analog Design Environment
(ADE) unter dem Menüpunkt Tools zu erreichen. Die braun markierten Elemente
(wie z.B. ASI-Session-ID) stellen dabei interne Datenstrukturen dar, welche nur zur
92
4.7 Integration in den Entwurfsablauf
Abb. 4.27:
CLEX-Struktogramm und Relationen zu externen Werkzeugen und Daten
93
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.28:
Slot der ADE-Session ID IfxClxGvSId mit temporären CLEX-
Datenstrukturen
Laufzeit der Software existieren. Externe Daten, wie z.B. die erweiterte Modellbi-
bliothek, sind hellbraun markiert und liegen auch nach Beendigung von CLEX in
Form von Text- oder Binärdateien vor. Die rot markierten Elemente symbolisieren
externe Werkzeuge des Cadence Design Frameworks II und des Model-Generators
(siehe Abschnitt 4.2.5). Die in SKILL realisierten Prozeduren sind innerhalb des
grauen Bereichs blau hervorgehoben.
Nach dem Start von CLEX über den Menüeintrag im ADE werden interne Daten-
strukturen initialisiert, um während des Programmablaufs Informationen temporär
abzulegen. Diese Datenstrukturen werden als Slot in die ADE-Session-ID eingefügt,
aus der heraus CLEX gestartet wurde. Somit ist immer eine eindeutige Zuordnung
zwischen CLEX-Datenstrukturen und der entsprechenden ADE-Session gewährleis-
tet. Folgende Daten werden unter dem Slot der ADE-Session ID zur Laufzeit von
CLEX angelegt und genutzt (Abbildung 4.28).
Nach der Initialisierung der internen Datenstrukturen, dem Ermitteln der ESD-
Quelle und dem Setzen bzw. dem Prüfen der Simulationseinstellungen erscheint die
grafische Oberfläche des ClexAnalysisMenu (siehe Abbildung 4.29). In den Feldern
Design und Input werden Library-, Cell und View-Name (vergl. Abbildung 4.30)
der zu simulierenden Schaltung angezeigt. Wenn auf der obersten Hierarchieebene
des Schaltplans eine Instanz mit der Bezeichnung ESDsource gefunden wird, wird
der Name im Feld ESD Source als Quelle des Impulses eingetragen und intern die
Datenbank-ID (IfxClxGvSId->data->IfxClxClex->ESDId) der Instanz gespeichert.
94
4.7 Integration in den Entwurfsablauf
Über diese Datenbank-ID sind Informationen, wie z.B. die Namen der Terminals oder
die an die Impulsquelle angeschlossenen Netze, erreichbar. Falls keine Instanz mit
dem gesuchten Namen gefunden wird, muss der Nutzer eine Instanz im Schaltplan
auswählen, welche den ESD-Impuls erzeugt. Im Feld Simulation Settings werden
grundlegende Simulationseinstellungen angezeigt. Wichtig dabei ist, dass in der ein-
gestellten Modellbibliothek eine Sektion mit der Bezeichnung clex existiert, da dort
die erweiterten Simulationsmodelle eingebunden werden. Die Existenz der Sektion
clex wird beim Aufbau des ClexAnalysisMenus geprüft. Falls diese Prüfung negativ
ausfallen sollte, wird eine entsprechende Meldung ausgegeben, welche den Nutzer zur
Prüfung der Einstellungen auffordert. Um während der Strompfadextraktion auf alle
Stromdaten zugreifen zu können, müssen diese während der Simulation gespeichert
werden. Diese Tatsache wird mit der Option Save current = all sichergestellt. Gleich-
zeitig muss allerdings der Wert des Subcircuit probe level auf den korrekten Wert
gesetzt sein. Dieser Wert definiert die Hierarchietiefe, angefangen von der obersten
Ebene, bis zu der Stromwerte gespeichert werden sollen. Da, wie bereits erwähnt, für
die anschließende Strompfadextraktion Daten über alle Hierarchieebenen hinweg bis
hin zu den Ebenen der SPICE-Simulationsmodelle benötigt werden, wird beim Auf-
bau der grafischen Oberfläche des ClexAnalysisMenus automatisch die Hierarchietiefe
des Schaltplans bestimmt und noch ein fester, technologieabhängiger Wert addiert.
Dieser Wert hängt vom Aufbau der Simulationsbibliothek ab und definiert, auf wel-
cher Hierarchieebene innerhalb der SPICE-Modelle die Elemente zur Detektion von
Überlasten instantiiert wurden (siehe Abschnitt 4.2.5). Da in der Version 5.1.41 des
Cadence Design Frameworks die SKILL-Programmierschnittstelle zur Abfrage des
Verzeichnisses, in dem die Simulationsergebnisse gespeichert werden, einen falschen
Wert zurück lieferte, wenn der Host mode den Wert distributed hatte, wurde der
Host mode in dieser Version von CLEX auf local gesetzt. Wenn das Cadence Design
Framework in einer Umgebung installiert wurde, in der ein Lastverteilungssystem
existiert, entsteht durch diese Einstellung kein Nachteil hinsichtlich der Simulati-
onsdauer. In dem Feld Options kann über Radio-Buttons definiert werden, ob die
Simulation erneut durchgeführt bzw. vorhandene Simulationsergebnisse geladen wer-
den sollen, Inherited Connections bestimmt bzw. geladen werden oder der kritische
Pfad bestimmt bzw. geladen werden soll.
95
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.29:
Grafische Benutzerschnittstelle CLEXAnalysisMenu zur Definition der
Analyseeinstellungen und grafische Darstellung von Strompfaden
Unterstützung eines hierarchischen Entwurfsablaufs
Um den Anforderungen während des Designs komplexer integrierter Mixed-Signal
Schaltkreise gewachsen zu sein, arbeiten mehrere Gruppen von Schaltungsentwicklern
parallel an verschiedenen Schaltungsblöcken innerhalb eines Top-Down Entwufsab-
laufs. Dieser Entwufsablauf beginnt mit der Definition des integrierten Schaltkreises
auf Blockschaltbildebene gefolgt von Simulations- und Optimierungsschritten mittels
Mixed-Signal-Hardwarebeschreibungssprachen. Von diesen Simulationen mit hohem
Abstraktionsgrad werden die Anforderungen an einzelne Schaltungsblöcke verfei-
nert. Danach werden die Schaltpläne der verschiedenen Blöcke entworfen, so dass
die abgeleiteten Spezifikationen erfüllt werden. Dazu werden wiederum Verifikati-
onsmaßnahmen durchgeführt. Im Anschluss daran wird der integrierte Schaltkreis
entflochten und die Einhaltung der anfangs definierten Spezifikationen wiederum
durch Schaltungssimulationen überprüft.
Das Cadence
®
Design Framework II unterstützt einen Top-Down Entwurfsablauf
durch die Bereitstellung bestimmter Entwurfswerkzeuge und Datenstrukturen. Eine
wichtige Rolle spielt dabei die Steuerung des Prozesses zur Erstellung der Netzlis-
te über switch- und stop-Listen. Die Cadence
®
Bibliotheksstruktur innerhalb des
96
4.7 Integration in den Entwurfsablauf
Abb. 4.30:
Cadence Bibliotheksstruktur (links) und Abbildung im UNIX Dateisystem
(rechts) [Cad08]
Design Frameworks orientiert sich am UNIX-Dateisystem. Eine Bibliothek kann
sowohl Dateien als auch Verzeichnisse beinhalten. Die Unterverzeichnisse werden als
Cells bezeichnet. Cells können wiederum Dateien oder Verzeichnisse beinhalten. Die
Unterverzeichnisse einer Cell werden als Views bezeichnet. In Abbildung 4.30 ist die
Cadence
®
Bibliotheksstruktur (links) dem Unix Dateisystem (rechts) gegenüberge-
stellt. Jeder Bibliothek sind dabei verschiedene Cells zugeordnet und jede Cell kann
verschiedene Views beinhalten. Cells beschreiben einzelne Blöcke eines integrierten
Schaltkreises oder sogar den kompletten integrierten Schaltkreis. In den einzelnen
Views einer Cell können verschiedene Beschreibungen der Cell abgelegt werden (z.B.
vhdl, verilog, spectre). Durch einfaches Definieren der zu verwendenden Views kann
somit der Abstraktionsgrad einer Simulation während der unterschiedlichen Phasen
im Entwicklungsablauf ausgewählt werden.
Innerhalb des Cadence
®
Design Frameworks werden die Mixed-Signal-Simulationen
durch das Analog Design Environment gesteuert. In diesem Werkzeug werden die
oben erwähnten switch- und stop-Listen definiert. In der switch-Liste werden alle
View-Namen definiert, die während des Prozesses der Netzlistenerzeugung genutzt
werden sollen. Die switch-Liste wird dabei von links aus abgearbeitet. Wenn sich ein
View-Name einer Instanz in der switch-Liste befindet, aber nicht in der stop-Liste
vorhanden ist, handelt es sich um eine hierarchische Instanz, welche anschließend
geöffnet wird. Ist der View-Name einer Instanz in der switch-Liste und in der stop-
Liste enthalten, wird diese Instanz in die Netzliste aufgenommen. Dies ist eine
effiziente Art und Weise, den Prozess des Netlisting innerhalb eines hierarchischen
Top-Down Entwurfsablaufs zu steuern.
97
4 Entwicklung einer neuen Verifikationsstrategie zur Analyse integrierter
Schaltungen gegenüber ESD-Impulsen
Abb. 4.31:
Entwicklung des Rechenzeitbedarfs der Strompfadexktraktion in verschie-
denen Implementierungsstufen von CLEX
Das hier entwickelte Analysewerkzeug CLEX ist aufgrund der oben beschriebe-
nen Eigenschaften geeignet, um in einem modernen Top-Down Entwurfsablauf zur
Verifikation integrierter Schaltkreise eingesetzt zu werden.
Optimierung der Implementierung der Rechenzeit
Nach der Implementierung funktionsfähiger Software-Prototypen wurde der Quell-
text in Bezug auf die benötigte Rechenzeit optimiert. Dazu sind Makros in den
Quelltext integriert worden, um bei einem Testlauf den Zeitbedarf zu protokollieren
und auszugeben. Die Prozeduren zur Strompfadextraktion wiesen dabei das größ-
te Optimierungspotential auf. Da während der Extraktion von Strompfaden eine
Vielzahl von Listenoperationen durchgeführt werden (Erweitern von Listen durch
Elemente, Suchen von Elementen in Listen, Erzeugen von verschachtelten Listen),
ist an dieser Stelle eine recheneffiziente Implementierung besonders wichtig. Die
Ausführung eines Befehls zum Erweitern einer Liste kann dabei, je nachdem, ob
das Element am Anfang oder Ende der Liste platziert wird, einen um den Faktor
1000 höheren Rechenzeitbedarf aufweisen. In Abbildung 4.31 ist die Entwicklung des
Rechenzeitbedarfs für die Strompfadextraktion einer Testschaltung in verschiedenen
Implementierungsstufen von CLEX dargestellt. Dabei wurden von Version zu Version
konsequent zeitkritische Prozeduren identifiziert und optimiert.
98
4.7 Integration in den Entwurfsablauf
Nachbildung eines automatisierten ESD-Tests
Zusätzlich zur Optimierung des entwickelten Quelltextes wurde die Ansteuerung
der Schaltungssimulation mittels Cadence Spectre
®
hinsichtlich der benötigten Re-
chenzeit überprüft. Wie in Absatz 3.2 beschrieben, besteht eine SPICE-Simulation
aus mehreren Teilschritten. Bei Simulationen komplexer Schaltkreise kann das Ge-
nerieren der System-Matrix und Vorbereiten der Analyse bis zu 50 Prozent der
gesamten Rechenzeit in Anspruch nehmen. Werden mehrere Kombinationen von
Anschlusskontakten hinsichtlich ihrer Störfestigkeit beim Auftreten elektrostatischer
Entladungen geprüft, ändert sich die System-Matrix nur durch die Definition einer
Verbindung und das erneute Vorbereiten der Analyse ist dabei nicht mehr notwendig.
Zum Umschalten der ESD-Quelle an die zu testenden Anschlusskontakte kann ein
Multiplexer verwendet werden, der wiederum über eine Spannungsquelle angesteu-
ert wird. In Abhängigkeit der Anzahl der zu testenden Anschlusskombinationen
kann der Analyseaufwand durch die Nutzung eines Multiplexers gegenüber den
Einzelsimulationen beträchtlich reduziert werden.
99
5 Verifikation des
ESD-Schutzkonzeptes eines
Smart-Power-Schaltkreises
Moderne Smart-Power-Technologien bieten die Möglichkeit, analoge und digitale
Signalverarbeitung sowie Schaltungsteile mit Hochvolt- bzw. Hochstromeigenschaften
auf einem Schaltkreis zu integrieren. Durch die Kombination aus einem zum Großteil
Full-Custom Entwurfsablauf und Bauelementen unterschiedlicher Spannungsklassen
müssen Schaltungsentwickler viel Erfahrung und technologisches Hintergrundwissen
besitzen, damit die Gesamtschaltung innerhalb der Spezifikationen arbeitet. Das in
dieser Arbeit entwickelte Simulations- und Analysewerkzeug unterstützt den Schal-
tungsentwickler bereits ab der frühen Entwicklungsphase der Schaltplanerstellung.
Dabei kann CLEX im Sinne eines Top-Down-Entwicklungsablaufes auf Block-Ebene
oder für Simulationen des gesamten integrierten Schaltkreises verwendet werden.
In den folgenden Absätzen wird die Funktionsweise von CLEX an Beispielen mit
steigender Komplexität demonstriert.
5.1 Analyse der Testschaltung 1
In Abbildung 5.1 sind zwei Logik-Transistoren (M1, M2) in Serie mit einem Hochvolt-
Transistor (M0) geschaltet und entsprechen somit dem Fehlerschema, welches in
Abbildung 4.2 dargestellt wurde. Der ESD-Impuls wir durch die Instanz I7 durch ein
Human-Body-Modell (siehe Abschnitt 2.2.1) nachgebildet. Die ESD-Schutzstruktur
(I5) ist dabei so dimensioniert, dass der Transistor M0 bei einem HBM-Impuls
nicht geschädigt wird. Die beiden Logik-Transistoren M1 und M2 hingegen sind
Bauelemente der Spannungsklasse 5,5 V und somit beim Auftreten eines HBM-
Impulses als potentiell gefährdet einzustufen.
100
5.1 Analyse der Testschaltung 1
Abb. 5.1:
Testschaltung 1 - Bauelemente der Spannungsklasse 5,5V im Hochvolt-
Zweig
Die Simulation und Analyse der Ergebnisse mittels CLEX geben die erwarteten
Fehlerbilder der Testschaltung wieder. Wie in Abbildung 5.1 zu sehen ist, werden
die Instanzen M1 und M2 durch farbige Kreise als gefährdet markiert. Die sich
ergebenden kritischen Strompfade sind ebenfalls farbig markiert und in diesem
Fall identisch. Durch die Nutzung einer transienten Analyse wird das dynamische
Verhalten der Schaltung sehr gut wiedergegeben. In Abbildung 5.2 ist ein Auszug
der Protokolldatei des Schaltungssimulators dargestellt, in dem auch der zeitliche
Verlauf der Schädigungen sichtbar wird. Die CLEX-spezifischen Textmeldungen,
welche eine Überlastung eines Bauelementes anzeigen, beinhalten das Schlüsselwort
CLEX-overstress. Der Bezeichner vor diesem Schlüsselwort gibt den vollen hierar-
chischen Instanznamen wieder. Im ersten Fall (M1.clexiwdb) wird angezeigt, dass
das clexiw-Element clexiwdb der Instanz M1 eine Überlast erfahren hat. Die Instanz-
namen der clexiw-Elemente sind dabei so gewählt worden, dass die letzten beiden
Buchstaben das Terminalpaar wiedergeben, an dem die Überlast detektiert wurde.
Die Bezeichner der Terminalnamen entsprechen den Namen der Terminals in der
Definition der Simulationsmodelle. Das Terminalmapping zwischen den Bezeichnern
der Terminals im Symbol des Schaltplans wird dabei vom Cadence Design Framework
II übernommen.
In der Simulation der Testschaltung 1 wird als erstes eine Überlastung der Terminal-
paare Drain - Bulk und Drain - Source ausgegeben. Da bei dem Transistor M1 und
auch bei dem Transistor M2 Bulk und Source kurzgeschlossen sind, werden jeweils die
101
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises
72 . . . .
73 Warning from s p ec t r e at time = 1. 96 ns during t r a n s i e n t a n a l y s i s
tran .
74 . . . M1. clexiwdb : CLEXoverstress : db LVPMOS. Parameter v
having value 9.51191 V has exceeded i t s lower bound 9.51 .
75 . . . M1. clexiwds : CLEXoverstress : ds LVPMOS. Parameter v
having value 9.51191 V has exceeded i t s lower bound 9.51 .
76 Warning from s p ec t r e at time = 3. 29 ns during t r a n s i e n t a n a l y s i s
tran .
77 . . . M2. clexiwdb : CLEXoverstress : db LVNMOS. Parameter v
having value 9.54704 V has exceeded i t s upper bound 9 . 5 1 .
78 . . . M2. clexiwds : CLEXoverstress : ds LVNMOS. Parameter v
having value 9.54704 V has exceeded i t s upper bound 9 . 5 1 .
79 . . . .
Abb. 5.2:
Auszug der Protokolldatei des Simulators Spectre bei Überlast von
MOS-Transitoren M1 und M2 der Testschaltung 1
beiden Elemente clexiwdb und clexiwds ausgelöst. Der Zeitpunkt der Überlast wird
ebenfalls in der Protokolldatei ausgegeben. Die Schädigung des Transistors M1 tritt
bei 1,96 ns auf. Durch die kapazitive Kopplung des Drain-Anschlusses von Instanz
M0 zum Gate-Anschluss von M0 wird das Potential des Drain-Anschlusses von
Instanz M1 kurzzeitig auf einen Wert nahe dem Bezugspotential gezogen. Dadurch
fällt der Hauptteil der Spannung über der Drain - Source Strecke der Instanz M1 ab,
so dass diese überlastet wird und es somit zu einem Stromfluss im Source-Terminal
kommt (siehe rote Kurve in Abbildung 5.3 bei ca. 1 ns). Im Anschluss daran wird der
Transistor M0 durch den Spannungsabfall über dem Widerstand R8 leitend und es
fließt ein Strom vom Drain- zum Source-Anschluss. Dadurch liegt ein hohes Potential
am Drain-Anschluss der Instanz M2 an, so dass es bei 3,29 ns (siehe Abbildung 5.2)
zu einem Stromfluss durch den Drain-Anschluss des Bauelementes kommt (siehe
grüne Kurve in Abbildung 5.3).
5.2 Analyse der Testschaltung 2
Um die in dieser Arbeit entwickelte Verifikationsstrategie unter Nutzung von CLEX
und den erweiterten Simulationsmodellen zu testen, wurden in [
Ale06
] weitere Mes-
sungen mit Simulationsergebnissen einander gegenübergestellt. Dazu wurden TLP-
Messungen durchgeführt, um die Ausfallschwelle zu bestimmen und parallel dazu
102
5.2 Analyse der Testschaltung 2
Abb. 5.3: Stromverläufe der Transistoren M0, M1 und M2 der Testschaltung 1
lokale Erhitzungen mittels Light-Emission Mikroskopie detektiert. Durch die An-
fertigung von Schliffen wurden Rückschlüsse auf die Ausfallmechanismen gezogen.
Detaillierte Informationen über die Techniken zur Fehlerlokalisierung in Halbleiter-
schaltkreisen sind in [Wag99] bzw. [PL04] zu finden.
Die in Abbildung 5.4 dargestellte Schaltung eines Stromspiegels ist hinsichtlich der
Robustheit gegenüber elektrostatischen Entladungen vergleichbar mit der Beispiel-
schaltung 1 aus Abbildung 5.1, da sich auch hier Bauelemente einer niedrigeren
Spannungsklasse (PMOS und NMOS) in dem gleichen Zweig befinden, in dem auch
ein Bauelement höherer Spannungsklasse (DMOS-Transistor, engl. double-diffused
metal-oxide semiconductor field effect transistor) integriert wurde. Zur Nachbil-
dung des ESD-Impulses wurde eine Stromrampe von 0,6 A bis drei Ampere mit
Anstiegszeiten von 500 ps bis 20 ns verwendet, um die Bedingungen während einer
elektrostatischen Entladung von einem Kilovolt, zwei Kilovolt, drei Kilovolt und vier
Kilovolt nach HBM-Standard JEDEC22-A114 zwischen I/O1 und I/O2 zu simulieren.
Die Simulationen dieser Schaltung zeigen, dass das dynamische Verhalten während
einer elektrostatischen Entladung einen großen Einfluss auf die Ausfallursachen
und Schädigungsmechanismen hat. Durch die parasitären Kapazitäten zwischen
den Anschlüssen Drain-Substrat und Drain-Gate des DMOS-Transistors werden
die Gate-Anschlüsse der PMOS-Transistoren am Anfang der Aufladungsphase der
Kapazitäten auf das Bezugspotential gezogen. Durch die hohen Potentialdifferenzen
zwischen Source- und Gate-Anschluss werden beide PMOS-Transistoren in der
103
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises
Abb. 5.4: Testschaltung 2 - Stromspiegel [Ale06]
Simulation als defekt markiert. Dieser Defekt ist allerdings abhängig von der Größe
des DMOS-Transistors, da die Schädigungen der PMOS-Transistoren erst auftreten,
wenn die Größe des DMOS-Transistors von 1x1 Zelle auf 10x10 Zellen erhöht wird.
Dieses Verhalten ist in Tabelle 5.1 dargestellt. In der Spalte CLEX Ergebnisse
(tp2) sind die defekten Bauelemente für verschiedene ESD-Belastungen und für
die beiden Dimensionierungsvarianten des DMOS-Transistors dargestellt. Ein N
symbolisiert die Schädigung der NMOS-Transistoren und ein Pstellt die Schädigung
der PMOS-Transistoren des Stromspiegels dar. Die kapazitive Kopplung des DMOS-
Transistors erreicht erst bei einer Dimensionierung von 10x10 Zellen einen kritischen
Wert, so dass die PMOS-Transistoren geschädigt werden. Die Ausfälle der PMOS-
Transistoren können durch das Einfügen der Zener-Diode zd zwischen Source- und
Gate-Anschluss der PMOS-Transistoren verhindert werden (siehe Abbildung 5.4,
mittlere Schaltungsvariante). Zusätzlich muss der Widerstand R1 eingefügt werden,
damit im Fall des Überschreitens der Schwellspannung der Zener-Diode der Strom in
Richtung Bezugspotential abgeleitet werden kann.
Wenn, ähnlich dem Verhalten der Testschaltung 1, der DMOS-Transistor durch die
kapazitive Kopplung von Drain- zum Gate-Anschluss aufgesteuert wird, tritt eine
Überlastung des NMOS-Transistors auf, welcher direkt mit dem DMOS-Transistor
verbunden ist. Um diesen Ausfall zu vermeiden, wird der Widerstand R1 nicht
zwischen den Gate- und Drain-Anschluss des PMOS-Transistors geschaltet, sondern
zwischen den Drain-Anschluss des PMOS-Transistors und dem Drain-Anschluss
des DMOS-Transistors eingefügt. Somit wird die definierte Ableitung des Stromes
der Z-Diode zd weiterhin gewährleistet und zusätzlich wird ein Spannungsabfall
erzeugt, der im Fall des angeschalteten DMOS-Transistors die Spannung über dem
gefährdeten NMOS-Transistor begrenzt (siehe 5.4, rechte Schaltungsvariante).
104
5.3 Analyse der Testschaltung 3
Bauelement Messergebnisse CLEX Ergebnisse (tp2)
1kV 2kV 3kV 4kV 1kV 2kV 3kV 4kV
e2v1_1_1 N N N N N N
e2v1_10_10 P P P N, P N, P N, P N, P N, P
Tab. 5.1:
Defekte Bauelemente des Stromspiegels (5.4) nach einer elektrostatischen
Entladung bei unterschiedlichen Belastungen und Schaltungsauslegungen
[Ale06]
Die im Experiment beobachteten Ausfälle sind in der Spalte Messergebnisse der
Tabelle 5.1 dargestellt. Dazu wurden TLP-Messungen durchgeführt und anhand
von Messungen der Leckströme die Ausfallschwellen detektiert. Die Positionen von
lokalen Wärmequellen wurden durch Light-Emission Mikroskopie bestimmt und somit
Rückschlüsse auf die defekten Bauelemente gezogen. Zusammenfassend kann man
sagen, dass alle Ausfälle durch Simulationen mit CLEX vorhergesagt werden konnten.
Die zusätzlich als defekt markierten Bauelemente (NMOS-Transistoren bei ein und
zwei Kilovolt mit e2v1_1_1 und bei ein, zwei und drei Kilovolt mit e2v1_10_10)
sind im Sinne einer Analyse des ungünstigsten Falles während der Simulation auch
als gefährdet markiert worden, da diese ebenfalls einer hohen Belastung ausgesetzt
wurden. In einem solchen Fall kann der Schaltungsentwickler oder ESD-Experte
durch den manuellen Review der Simulationsdaten entscheiden, ob die Belastung als
unkritisch zu bewerten ist.
5.3 Analyse der Testschaltung 3
Nach dem Vergleich von Mess- und Simulationsergebnissen kleinerer Teilschaltungen
wurde CLEX an Vorserienmustern kompletter integrierter Schaltkreise angewendet.
Die Testschaltung 3 ist ein Schaltkreis geringer Komplexität, bei dem während TLP-
Messungen am Pad mit der Bezeichnung RO gegen Masse eine Bauelementschädigung
festgestellt werden konnte. Mittels Light-Emission Mikroskopie wurde der betroffene
Bereich lokalisiert und somit konnte mit Hilfe des Layouts die defekte Instanz
identifiziert werden (siehe Hot-Spot Abbildung 5.6).
Simulationen mittels CLEX in Verbindung eines HBM-Pulses ergaben eine Überlas-
tung eines NMOS-Transistors (Instanz M12 in Abbildung 5.5) der Spannungsklasse
5,5 V zwischen Drain- und Source-Anschluss. Zwischen diesen beiden Anschlüssen
besteht laut Simulationsergebnissen eine Potentialdifferenz von ca. 7,5 V, was für
105
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises
Abb. 5.5: Strompfad durch den gefährdete NMOS-Transistor M12
dieses Bauelement eine Überlastung darstellt. In Schliffbildern wurde bei diesem
NMOS-Transistor mittels Scanning-Electron Mikroskopie aufgeschmolzenes Silizium
nachgewiesen. Die Position des Hot-Spots stimmt dabei mit dem in der CLEX-
Simulation als defekt markierten NMOS-Transistors überein.
Die Analyse der Simulationsergebnisse ergab, dass die an der ESD-Schutzdiode
(Instanz I12) am Eingang RO entstehenden Überspannungen durch den Serienwider-
stand von 60 Ohm nicht ausreichend abgeschwächt werden, um den NMOS-Transistor
M12 zu schützen. Dadurch wurde der Impuls teilweise über den Niedervolt-Transistor
abgeleitet und führte dort zum Aufschmelzen von Silizium zwischen Drain- und
Source-Anschluss. Der dabei entstehende Strompfad ist in Abbildung 5.5 dargestellt
(orange Markierung). Der gefährdete NMOS-Transistor M12 ist durch CLEX mit
einem orangen Kreis markiert worden. Zur Lösung des Problems wurde eine Zener-
Diode als sekundäres ESD-Schutzelement zur Spannungsbegrenzung parallel zu dem
NMOS-Transistor geschaltet und ein weiterer Serienwiderstand zur Strombegrenzung
hinzugefügt.
In Abbildung 5.7 sind die sich ergebenden Pulsformen des Stromes bei der Belastung
der Testschaltung 3 mit einem Human-Body-Model- und mit einem Machine-Model-
Puls dargestellt. Diese entsprechen im Wesentlichen den typischen Verläufen der
in den Abschnitten 2.2.1 und 2.2.2 beschriebenen Beslastungsmodellen. Die 2 kV
HBM-Belastung hat einen Stromimpuls mit einer Anstiegszeit von 9 ns und einem
Maximalstrom von 1,2 A zur Folge. Die Anstiegszeit der 200 V Machine-Model-
106
5.3 Analyse der Testschaltung 3
Abb. 5.6:
Layout der Testschaltung 3 (links) und Darstellung des Hotspots (rechts)
[Ale06]
Abb. 5.7:
Stromverläufe bei Belastung durch einen Impuls nach dem HBM-Model
(links) und dem MM-Model (rechts)
Belastung weist eine minimal längere Dauer von 11 ns auf. Der Maximalstrom von
2,4 A ist dabei deutlich höher als bei der Belastung der Schaltung durch einen
HBM-Impuls.
Auch bei der Schaltungssimulation mit dem MM-Puls wird die Drain-Source-Strecke
des Transistors M12 als gefährdet markiert. Allerdings benötigt die Simulation nach
dem Machine-Model wesentlich mehr Zeit (siehe Tabelle 5.2). Die transiente Analyse
erstreckte sich bei beiden Simulationen über einen Zeitraum von einer Mikrosekunde.
Der Zeitbedarf der initialen Gleichstromanalyse zu Beginn der transienten Simulation
war in beiden Fällen mit ca. 1,4 s nahezu identisch. Allerdings ist der Zeitbedarf für
die eigentliche transiente Analyse bei der MM-Simulation um den Faktor 200 höher
als bei dem HBM-Fall. Dieses Verhalten ist auf die deutlich größeren Anstiege von
Strom und Spannung beim MM-Puls als auch auf die oszillierende Anregung des
107
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises
HBM-Simulation MM-Simulation
Simulationsdauer 1us 1us
Zeitbedarf für initiale DC-Analyse 1,43s 1,47s
Zeitbedarf für die transiente Analyse 940ms 192,56s
Anzahl der transienten Simulationsschritte 274 68947
Gesamter Zeitbedarf 2,37s 194,03s
Tab. 5.2:
Vergleich des Zeitbedarfs der Simulationen nach dem Human-Body-Model
und dem Machine-Model der Testschaltung 3
MM-Pulses zurückzuführen. Dadurch wird die Schrittweite bei der Machine-Model-
Simulation für einen Großteil der Analyse auf 100 fs bis 150 fs reduziert, wohingegen
die durchschnittliche Schrittweite bei der Simulation nach dem Human-Body-Model
bei ca. 40 ns liegt.
5.4 Analyse der Testschaltung 4
Die Komplexität der Testobjekte wurde mit der Testschaltung 4 nochmals gesteigert.
Das Vorserienmuster der Testschaltung 4 ist ein System-In-Package (kurz SIP),
bestehend aus einem integrierten Schaltkreis, welcher Leistungshalbleiter enthält
und einem zweiten integrierten Schaltkreis, welcher analoge und digitale Ansteuer-
und Auswerteschaltung beinhaltet. Das Gesamtsystem besteht aus ca. 3000 Bau-
elementen und stellt somit eine Schaltung mittlerer Komplexität für integrierte
Schaltungen in Smart-Power-Technologien dar. Der Impuls wird durch ein Human-
Body-Belastungsmodell der Spannungsklasse drei Kilovolt an den Pins VBAT gegen
GND nachgebildet (siehe Abbildung 5.8, links). In Abbildung 5.8 (rechts) ist die
kapazitive Kopplung des Ausbreitungspfades über die Gate-Drain Kapazität eines
Leistungstransistors durch die orange Markierung der Netze dargestellt. Eine Überlas-
tung von Bauelementen in diesem Teil des System-In-Package wurde in der Simulation
und im Experiment nicht beobachtet. Über eine Chip-to-Chip-Drahtbondverbindung
breitet sich der Strompfad über das Netz Gate in den Schaltkreis aus, welcher die
Ansteuer- und Auswerteschaltung enthält. Innerhalb der Auswerteschaltung wurde
der Ausfall der Instanz D9 detektiert (siehe Abbildung 5.9, orangefarbener Kreis).
Bei der Instanz handelt es sich um eine in Sperrrichtung geschaltete Diode, welche
eine Snapback-Charakteristik enthält.
Der kritische Strompfad verläuft vom Pin GATE über einen Widerstand, den pn-
108
5.4 Analyse der Testschaltung 4
Abb. 5.8:
Top-Level der Teilschaltung der Testschaltung 4 mit ESD-Quelle an VBAT-
GND (links), Kapazitive Kopplung des ESD-Impulses im Block der Leis-
tungshalbleiter (rechts)
Übergang eines bipolar-Transistors und der Kollektor-Emitter-Strecke des bipolar-
Transistors T0 bis hin zur Kathode der Diode D9. Das Potential des Netzes net32
zur Simulationszeit 18 ns liegt auf 35 V, wohingegen das Potential des Netzes
PGCLAMP_OFF2 zum gleichen Zeitpunkt 33 V beträgt. Durch diese Potential-
differenz befindet sich der bipolar-Transistor T0 im offenen Zustand, so dass sich
der Strompfad über die Kollektor-Emitter-Strecke von T0 bis hin zur Diode D9
ausbreiten kann.
Die Potentialdifferenz, welche zur Aktivierung von T0 führt, entsteht durch die
Kopplung vom Netz GATE auf das Netz PGCLAMP_OFF2 in einem anderen
hierarchischen Block. Dieser Hierarchieblock kann während des Entwicklungsab-
laufes von einer anderen Entwicklungsgruppe implementiert worden sein, so dass
der Entwickler des Schaltungsblockes aus Abbildung 5.9 die kapazitive Kopplung
der beiden betroffenen Netze nicht berücksichtigen konnte. Der Ausbreitungspfad
erstreckt sich insgesamt über 16 Hierarchieebenen und ist bei der Komplexität der
Schaltung manuell nur mit sehr großem Aufwand zu extrahieren.
Der Ausfall der Diode D9 konnte durch TLP-Messungen in Kombination mit Light-
Emission Mikroskopie im Experiment nachgewiesen werden. Die Ergebnisse dieser
Untersuchungen wurden in [
May
] zusammengefasst. In Abbildung 5.10 sind die Mess-
ergebnisse von Strom über der Spannung (schwarze Kurve) der Anschlusskontakte
VBAT-GND sowie der Leckstrom (rote Markierungen) abgebildet. Bei einer TLP-
Spannung von ca. 62 V und einem TLP-Strom von 1,4 A ist ein deutlich erhöhter
Leckstrom zu beobachten. Dies deutet auf eine Schädigung hin. Die Simulation
mittels der erweiterten Simulationsmodelle unter Nutzung von CLEX ergab einen
109
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises
Abb. 5.9: Überlastung einer Diode mit Snapback-Verhalten
Stromfluss von 1,6 A im Anschlusskontakt VBAT. Die Differenz von 0,2 A gegenüber
der TLP-Messung entspricht einer Abweichung von 14,3 Prozent.
Als Schutzmaßnahme wurde eine Diode höherer Spannungsklasse verwendet, welche
außerdem keine Snapback-Charakteristik aufweist. In einem realen Entwicklungssze-
nario, bei dem CLEX-Simulationen bereits fest in den Entwurfsablauf integriert sind,
würde das oben beschriebene Problem bereits in der Phase der Schaltplanerstellung
identifiziert und gelöst werden können. Die Erstellung eines verbesserten Entwurfs
nach einem negativen ESD-Test der fabrizierten Schaltkreise und aufwendiger Feh-
lersuche würde dadurch entfallen und den Entwicklungsablauf um mehrere Tage bis
Wochen beschleunigen.
5.5 Anwendbarkeit der entwickelten
ESD-Verifikationsmethodik
Im derzeitigen Entwicklungsstand des Simulations- und Analysewerkzeuges CLEX
werden die beim Auftreten von elektrostatischen Entladungen geschädigten Bau-
elemente als defekt markiert, die zugehörigen Strompfade extrahiert und grafisch
110
5.5 Anwendbarkeit der entwickelten ESD-Verifikationsmethodik
Abb. 5.10:
Transmission Line Pulsing-Messergebnisse der Testschaltung 4 an den
Anschlusskontakten VBAT-GND
dargestellt. Damit ist es möglich, die im Kapitel 4 dargestellten Fehlermodi zu detek-
tieren und Fehlerquellen aufzuzeigen. Dabei werden transiente Schaltvorgänge und
Kopplungen bis auf die Ebene der grundlegenden Bauelemente berücksichtigt. Dazu
muss der Schaltplan des Schaltkreises vorhanden und eine transiente Schaltungssimu-
lation möglich sein. Die verwendeten Simulationsmodelle müssen das Verhalten der
Bauelemente im Hochstrombereich näherungsweise wiedergeben. Die hier entwickelte
ESD-Verifikationsmethodik ist somit auf eine Vielzahl analoger und Mixed-Signal
Schaltungen anwendbar. Die Komplexität der zu untersuchenden Schaltung wird
momentan durch den Schaltungssimulator begrenzt. Moderne Simulatoren sind in
der Lage, Schaltungen einer Komplexität bis zu 50000 Bauelemente zu analysieren
[APS10].
Durch die Nutzung einer transienten Analyse erweitert sich Nutzbarkeit der entwi-
ckelten Verifikationsmethodik. Im Gegensatz zu statischen Verifikationsansätzen,
wie z.B. [
BI00
] und [
Str03
], sind dadurch auch Simulationen und Analysen von
integrierten Schaltkreisen in verschiedenen Betriebszuständen (z.B. mit Versorgungs-
spannung) und mit verschiedenen Pulsformen möglich. Auch Störfestigkeitsanalysen
von Pulsfolgen, wie z.B. nach [
ISO07
], sind möglich, wenn die numerische Stabilität
111
5 Verifikation des ESD-Schutzkonzeptes eines Smart-Power-Schaltkreises
der Simulation gegeben und die Simulationsdauer akzeptabel ist.
Die Integration von CLEX innerhalb des Cadence Design Frameworks II bedingt die
Nutzung von Cadence-spezifischen Werkzeugen, wie z.B. den Schaltungssimulator
Cadence Spectre oder die Simulationsumgebung Virtuoso Analog Desing Environ-
ment. Die ESD-Verifikationsmethodik an sich lässt sich allerdings auf Werkzeuge
anderer Hersteller portieren.
112
6 Ausblick
Der Trend zu immer geringeren Strukturbreiten bei zukünftigen integrierten Schaltun-
gen ist weiterhin ungebrochen. Die dadurch steigende Integrationsdichte ermöglicht
die Realisierung von Schaltungen höherer Leistungsfähigkeit und Energieeffizienz.
Da sich die Umgebungsbedingungen der integrierten Schaltkreise nicht verändern,
bleiben die Anforderungen an zukünftige integrierte Schaltkreise hinsichtlich der
Störfestigkeit gegenüber elektrostatischen Entladungen konstant. Zusätzlich wird der
Verifikationsaufwand durch die steigende Komplexität und Skalierungseffekte erhöht.
Durch die Nutzung von CLEX wurde der Automatisierungsgrad der Verifikati-
on integrierter Schaltungen bezüglich elektrostatischer Entladungen stark erhöht
und somit der gesamte Entwicklungsablauf beschleunigt und zuverlässiger. Um
die Konvergenz der Simulation von großen Schaltungen zu gewährleisten, ist die
Entwicklung spezieller Simulationsmodelle für die ESD-Verifikation denkbar. Für
besonders sensitive Bauelemente ist die Modellierung elektrothermischer Effekte oder
Snapback-Charakteristik zu untersuchen. Dabei muss allerdings immer ein Kompro-
miss zwischen Simulationsdauer bzw. Konvergenz und Genauigkeit der Modellierung
gefunden werden. Da in zukünftigen Smart-Power-Technologien große digitale Blöcke
integriert werden, sind Schaltungssimulationen einer solchen Komplexität nur mit
Makromodellen auf hohen Abstraktionsebenen handhabbar. Durch die Integration
parasitärer Elemente in die Simulation kann der Einfluss des Schaltungslayouts auf
die Ausbreitung von elektrostatischen Entladungen besser abgebildet werden. Dazu
sind Extraktionsstrategien zu entwickeln, welche die technologieabhängigen Regeln
für diesen Vorgang definieren.
Durch die steigende Verbreitung der OpenAccess-Datenbank als Grundbaustein von
Entwurfswerkzeugen wird auch die zugehörige Programmierschnittstelle an Bedeu-
tung für die Integration von anwendungsspezifischen EDA-Werkzeugen gewinnen.
Dadurch wird es möglich, Teilaufgaben, wie z.B. die Extraktion der Konnektivität
des Schaltplans oder die Steuerung des Simulators, effizienter zu gestalten und den
Bedarf der Rechenzeit zu reduzieren.
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